Ernst Freiherr von Feuchtersleben Der Geist der deutschen Klassiker Vorwort Wir haben an Klassiker-Ausgaben keinen Mangel. Wohl aber verwehrt die Hast des Alltags vielzuvielen jene Stunden der Sammlung, wo Geist und Gemüt sich an den Werken der Großen unserer Literatur in beschaulicher Ruhe erheben und stärken möchten. Das ist, wenngleich in geringerm Maße, früher wohl kaum anders gewesen. Und so holte vor sechzig Jahren der feinsinnige Freiherr Ernst von Feuchtersleben, dem wir ein unvergängliches Büchlein über die Diätetik der Seele verdanken, aus den reichen Bergwerken unserer Nationalliteratur die Goldkörner und vereinigte sie zur Bereicherung der Innenkultur seiner Zeitgenossen als Geist deutscher Klassiker in einer Sammlung. Das gehaltvolle Werk, auf das wir stolz sein sollten, ist im Buchhandel längst vergriffen, doch darum noch immer lesenswert. In der Unrast unseres Erwerbslebens, da eine um sich greifende seelische Verflachung unverkennbar das deutsche Wesen bedroht, sollten wir uns häufiger der bedeutenden Männer der Vergangenheit erinnern, deren unerschütterlicher Glaube an die Höherbildung unserer Nation ebenso von einer tiefen Liebe zu allem Menschlichen wie von Ehrfurcht vor dem Sittlichen und Göttlichen beseelt war. Mochte die Größe ihrer Persönlichkeit der Vergänglichkeit unterliegen, sie haben unsere Denk- und Gefühlswelt mit Wahrheiten bereichert, die für alle Zeiten gültig sind. Allerdings ist das heutige Geschlecht geneigt, jene mit höchstens zwei Ausnahmen als entthronte Geistesfürsten zu betrachten, deren Schriften wieder vorzunehmen weder Genuß noch Gewinn verspricht. Sehr mit Unrecht. Immerhin war ohne gewisse Kürzungen eine Neuausgabe des umfangreichen Werkes nicht ratsam. Zunächst mußte, ohne Wert und Wesen der Sammlung zu beeinträchtigen, auf einzelne Geister von minderm parnassischen Adel verzichtet werden. Bei den verbleibenden waltete sodann dort, wo die Gedanken weniger in die Tiefe als in die Breite gingen, der Redaktionsstift emsig seines Amtes. Gewissenhaft ließ ich es mir angelegen sein, daß dieses Schatzkästlein in seiner verjüngten Gestalt nur echtes Gold biete, das als edles Metall nie seinen Wert verliert. Es bleibt auch nach den erheblichen Streichungen immer noch ein Werk von stärkster Gedankenfülle. So darf diese Neuausgabe wohl den Büchern beigezahlt werden, zu denen man immer wieder greift. Namentlich jene Hungrigen im Geist, denen nur knapp bemessene Feierstunden zugewiesen sind, werden seinen bleibenden Wert empfinden. Ihnen und allen, die eine Tiefe des Lebens anerkennen, vermag sie die Seele mit schöpferischen Kräften zu speisen. Möge daher der lebendige, weitblickende Geist unserer Klassiker, auch dort, wo er uns altväterlich anmutet, mit seinem kräftigen Optimismus die Jugend wie das Alter zu gleicher Lebensauffassung erziehen und umwandeln, damit sie in den geistigen Nöten der Gegenwart sich auf die Kräfte unseres Volkes besinnen und den Glauben an dieses bewahren. Seitdem diese Zeilen geschrieben wurden, ist der unabwendbare Weltkrieg über uns hereingebrochen. Was ist das beispiellose Völkerringen anders als der Daseinskampf des deutschen Geistes gegen die Geister des Neides und des Hasses, die Deutschlands Zerstückelung und wirtschaftliche Verarmung als ausgesprochenes Endziel zusammengeführt hat! Fragt man uns aber, was deutscher Geist sei, so antworten wir: Alles, was deutsche Kraft geschaffen und deutscher Wille geleistet hat, die eiserne Heldenkraft unserer Heere gegen die ungeheure Übermacht und die heldenhafte Ausdauer unseres Volkes unter schweren Entbehrungen – das ist uns zum Ausdruck des deutschen Geistes geworden, der sich zum Staunen der Welt in ungebeugter Kraft bewährt. Aber deutscher Geist, das sind auch jene, die diese gewaltige Gegenwart mit der Vergangenheit in Verbindung bringen. Der feste Glaube, daß wir dem Ansturm übermächtiger Gegner nicht erliegen können und dürfen, das sind die geistigen Waffen unserer unvergleichlichen Krieger geworden. Unsere Dichter und Denker wurden eine stattliche Armee der Geister, die vor ihnen einhergeschritten sind. Unsere Klassiker des Denkens, die uns zur Höhe unserer Kultur emporgeführt haben, waren nie so lebendig wie heute. Und die Stimmen aus deutscher Vergangenheit – uns zur Ehre, den andern zur Lehre – haben nie ein höheres Anrecht besessen, gehört zu werden als in diesen schicksalsschweren Tagen. Wilhelm Ruland Glückselige Zeiten, als der Tugendhafteste der Gelehrteste war, als alle Weisheit in kurzen Lebensregeln bestand. Lessing Goethe Er war die Seele seines Jahrhunderts. Emerson Der würdigste Kenner, dem die Götter die Natur samt der Kunst zum Königreich gegeben. Schelling Die Natur wollte wissen, wie sie aussähe, da erschuf sie Goethe. Heine Goethe, jetzt der wahre Statthalter des poetischen Geistes auf Erden. Novalis Die Geleitworte, den Denkern dieser Sammlung gewidmet, sind Zusatz der Neuausgabe. Die Welt ist nur ein einfaches Rad, in dem ganzen Umkreise sich gleich und gleich, das uns aber so wunderlich vorkommt, weil wir selbst mit herumgetrieben werden. Die Welt ist eine Glocke, die einen Riß hat; sie klappert, aber sie klingt nicht. Wenn die Menschen recht schlecht werden, haben sie keinen Anteil mehr als die Schadenfreude. Mißgunst und Haß beschränken den Beobachter auf die Oberfläche, selbst wenn Scharfsinn sich zu ihnen gesellt; verschwistert sich dieser hingegen mit Wohlwollen und Liebe, so durchdringt er die Welt und den Menschen, ja er kann hoffen, zum Allerhöchsten zu gelangen. Wie in Rom außer den Römern noch ein Volk von Statuen war, so ist außer dieser realen Welt noch eine Welt des Wahns, viel mächtiger beinahe, in der die meisten leben. In der Welt ist im Grunde des Guten so viel als des Bösen; weil aber niemand leicht was Gutes erdenkt, dagegen jedermann sich einen großen Spaß macht, was Böses zu erfinden und zu glauben, so gibt's der favorablen Neuigkeiten so viel. Man verdient wenig Dank von den Menschen, wenn man ihr inneres Bedürfnis erhöhen, ihnen eine große Idee von ihnen selbst geben, ihnen das Herrliche eines wahren, edlen Daseins zum Gefühl bringen will. Aber wenn man die Vögel belügt, Märchen erzählt, von Tag zu Tag ihnen forthelfend, sie verschlechtert, da ist man ihr Mann, und darum gefällt sich die neuere Zeit in so viel Abgeschmacktem. In der Welt kommt's nicht darauf an, daß man die Menschen kenne, sondern daß man im Augenblick klüger sei als der vor uns Stehende. Alle Jahrmärkte und Marktschreier geben davon Zeugnis. In der Welt ist es sehr selten mit dem Entweder-Oder getan; die Empfindungen und Handlungsweisen schattieren sich so mannigfaltig, als Abfälle zwischen einer Habichts- und Stumpfnase sind. Wenn man der Welt was zuliebe gemacht, so wird sie dafür sorgen, daß man es nicht zum zweiten Male tut. Es ist gut, daß der Mensch, der erst in die Welt tritt, viel von sich halte, daß er sich viele Vorzüge zu erwerben denke, daß er alles möglich zu machen suche; aber wenn seine Bildung auf einem gewissen Grade steht, dann ist es vorteilhaft, wenn er sich in einer größeren Masse verlieren lernt, wenn er lernt, um anderer willen zu leben und seiner selbst in einer pflichtmäßigen Tätigkeit zu vergessen. Da lernt er erst sich selbst kennen, denn das Handeln eigentlich vergleicht uns mit andern. Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man in der Welt ist. Welche wichtige Personen glauben wir zu sein! Wir denken allein den Kreis zu beleben, in welchem wir wirken; in unserer Abwesenheit muß – bilden wir uns ein – Leben, Nahrung und Atem stocken; und die Lücke, die entsteht, wird kaum bemerkt; sie füllt sich so geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht für etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres. Was das für Menschen sind, deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht, deren Dichten und Trachten jahrelang dahingeht, wie sie um einen Stuhl weiter hinauf bei Tische sich einschieben wollen! Und nicht, daß sie sonst keine Angelegenheit hätten: nein, vielmehr häufen sich die Arbeiten, eben weil man über den kleinen Verdrießlichkeiten von Beförderung der wichtigen Sachen abgehalten wird. Mit einem klaren Geist wird man leicht bekannt, und mit dem Weltmann findet ihr's leicht bequem, weil er durchaus offen erscheint, ohne eben gerade aufrichtig zu sein. Es ist besser, das geringste Ding von der Welt zu tun, als eine halbe Stunde für gering halten. Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn sie sind von der Art, daß Heuchelei sie nicht nachahmen kann; auch haben sie die Eigenschaft gemein, sich beide durch dieselbe Farbe auszudrücken. Unter allem Diebesgesindel sind die Narren die schlimmsten; sie rauben euch beides: Zeit und Stimmung. Uns selbst zu achten, leitet unsere Sittlichkeit, andere zu schätzen, regiert unser Betragen. Das Gemeine muß man nicht rügen; denn das bleibt sich ewig gleich. Wenn ihr das Leben gar zu ernsthaft nehmt, was ist denn daran? Wenn uns der Morgen nicht zu neuen Freuden weckt, am Abend uns keine Lust zu hoffen übrig bleibt; ist's wohl des An- und Ausziehens wert? Scheint mir die Sonne heute, um das zu überlegen, was gestern war? Und um zu raten, zu verbinden, was nicht zu erraten, nicht zu verbinden ist, das Schicksal eines kommenden Tages? Alles, was wir treiben und tun, ist ein Abmühen; wohl dem, der nicht müde wird. Seelenleiden, in die wir durch Unglück oder eigene Fehler geraten, zu heilen, vermag der Verstand nichts, die Vernunft wenig, die Zeit viel, entschlossene Tätigkeit hingegen alles. Trenne alles, was eigentlich Geschäft ist, vom Leben. Das Geschäft verlangt Ernst und Strenge, das Leben Willkür, das Geschäft die reinste Folge; dem Leben tut eine Inkonsequenz oft not, ja sie ist liebenswürdig und erheiternd. Bist du bei dem einen sicher, so kannst du bei dem andern desto freier sein; anstatt daß bei einer Vermischung das Sichere durch das Freie weggerissen und aufgehoben wird. Ein Faktum unseres Lebens gilt nicht, insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hatte. Der Aberglaube, sowie manches andere Wähnen, verliert sehr leicht an seiner Gewalt, wenn er, statt unserer Eitelkeit zu schmeicheln, ihr in den Weg tritt und diesem zarten Wesen eine böse Stunde machen will; wir sehen alsdann recht gut, daß wir ihn loswerden können, sobald wir wollen; wir entsagen ihm um so leichter, je mehr alles, was wir ihm entziehen, zu unserem Vorteil gereicht. Wir spielen mit Voraussagungen, Ahnungen und Träumen und machen dadurch das alltägliche Leben bedeutend. Aber wenn das Leben nun selbst bedeutend wird, wenn alles um uns sich bewegt und braust, dann wird das Gewitter durch jene Gespenster nur noch fürchterlicher. Einen sehr tiefen Sinn hat jener Wahn, daß man, um einen Schatz wirklich zu heben und zu ergreifen, stillschweigend verfahren müsse, kein Wort sprechen dürfe, wieviel Schreckliches und Ergötzendes auch von allen Seiten erscheinen möge. Ebenso bedeutsam ist das Märchen, man müsse bei wunderbarer Wagefahrt nach einem kostbaren Talisman in entlegensten Bergwildnissen unaufhaltsam fortschreiten, sich ja nicht umsehen, wenn auf schroffem Pfade fürchterlich dräuende oder lieblich lockende Stimmen ganz nahe hinter uns vernommen werden. Ordnung und Klarheit vermehrt die Lust zu sparen und zu erwerben. Ein Mensch, der übel haushält, befindet sich in der Dunkelheit sehr wohl; er mag die Posten nicht gern zusammenrechnen, die er schuldig ist. Dagegen kann einem guten Wirt nichts angenehmer sein, als sich alle Tage die Summe seines wachsenden Glückes zu ziehen. Selbst ein Unfall, wenn er ihn verdrießlich überrascht, erschreckt ihn nicht; denn er weiß sogleich, was für erworbene Vorteile er auf die andere Wagschale zu legen hat. Klarheit nötigt zur Einsicht, Einsicht erschafft Duldung, Duldung ist die einzige Vermittlerin eines in allen Kräften und Anlagen tätigen Friedens. Auch die Sorge ist eine Klugheit, wiewohl nur eine passive. Das Gedächtnis mag immer schwinden, wenn das Urteil im Augenblick nicht fehlt. Ein Zustand, der alle Tage neuen Verdruß zuzieht, ist nicht der rechte. Die Menschen sind wie das Rote Meer; der Stab hat sie kaum auseinander gehalten, gleich hinterdrein fließen sie wieder zusammen. Was ist der Mensch, der gepriesene Halbgott? Ermangeln ihm nicht eben da die Kräfte, wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt oder in Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da zu dem stumpfen, kalten Bewußtsein wieder zurückgebracht, da er sich in der Fülle des Unendlichen zu verlieren sehnte? Was der Mensch an sich bemerkt und fühlt, scheint mir der geringste Teil seines Daseins. Es fällt ihm mehr auf, was ihm fehlt, als was er hat, was ihn ängstigt, als was ihn ergötzt und erheitert; denn in allen angenehmen und guten Zuständen verliert die Seele das Bewußtsein ihrer selbst wie der Körper auch. Niemanden kann seine eigene Gestalt zuwider sein; der Häßlichste wie der Schönste hat das Recht, sich seiner Gegenwart zu freuen, und da das Wohlwollen verschönt und sich jedermann mit Wohlwollen im Spiegel besieht, so kann man behaupten, daß jeder sich auch mit Wohlgefallen erblicken müsse, selbst wenn er sich dagegen sträuben wollte. Wir blicken so gern in die Zukunft, weil wir das Ungefähre, was sich in ihr hin und her bewegt, durch stille Wünsche so gern zu unsern Gunsten heranleiten möchten. Wir befinden uns nicht leicht in großer Gesellschaft, ohne zu denken; der Zufall, der so viele zusammenbringt, soll uns auch unsere Freunde herbeiführen. Man mag noch so eingezogen leben, man wird, ehe man sich's versieht, ein Schuldner oder ein Gläubiger. Begegnet uns jemand, der uns Dank schuldig ist, gleich fällt es uns ein. Wie oft können wir jemand begegnen, dem wir Dank schuldig sind, ohne daran zu denken. Sich mitzuteilen ist Natur; Mitgeteiltes aufzunehmen, wie es gegeben wird, ist Bildung. Man läßt sich seine Mängel vorhalten, man läßt sich strafen, man leidet manches um ihrer willen mit Geduld; aber ungeduldig wird man, wenn man sie ablegen soll. Gewisse Mängel sind notwendig zum Dasein des einzelnen. Es würde uns unangenehm sein, wenn alte Freunde gewisse Eigenheiten ablegten. Man sagt: er stirbt bald, wenn einer etwas gegen seine Art und Weise tut. Was für Mängel dürfen wir behalten, ja an uns kultivieren? Solche, die den andern eher schmeicheln als verletzen. Die Leidenschaft erhöht und mildert sich durchs Bekennen. In nichts wäre die Mittelstraße vielleicht wünschenswerter als im Vertrauen und Verschweigen gegen die, die wir lieben. Unsere Leidenschaften sind wahre Phönixe. Wie der alte verbrennt, steigt der neue sogleich wieder aus der Asche hervor. Große Leidenschaften sind Krankheiten ohne Hoffnung. Was sie heilen könnte, macht sie erst recht gefährlich. Die Leidenschaften sind Mängel oder Tugenden, nur gesteigerte. Der Mensch mag sich wenden, wohin er will, mag unternehmen, was es auch sei, stets wird er auf jenen Weg wieder zurückkehren, den ihm die Natur einmal vorgezeichnet hat. Für alle Vögel gibt es Lockspeisen, und jeder Mensch wird auf seine eigene Art geleitet und verleitet. Niemand würde in Gesellschaften sprechen, wenn er sich bewußt wäre, wie oft er die andern mißversteht. Man verändert fremde Reden beim Wiederholen wohl nur darum so sehr, weil man sie nicht verstanden hat. Wer vor andern lange allein spricht, ohne den Zuhörern zu schmeicheln, erregt Widerwillen. Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn. Widerspruch und Schmeichelei machen beide ein schlechtes Gespräch. Die angenehmsten Gesellschaften sind die, in welchen eine heitere Ehrerbietung der Glieder gegeneinander obwaltet. Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lächerlich finden. Das Lächerliche entspringt aus einem sittlichen Kontrast, der auf eine unschädliche Weise für die Sinne in Verbindung gebracht wird. Der sinnliche Mensch lacht oft, wo nichts zu lachen ist. Was ihn auch anregt, sein inneres Behagen kommt zum Vorschein. Der Verständige findet alles lächerlich, der Vernünftige fast nichts. Einem bejahrten Manne verdachte man, daß er sich noch um junge Frauenzimmer bemühte. Es ist das einzige Mittel, versetzte er, sich zu verjüngen, und das will doch jedermann. Man nimmt in der Welt jeden, wofür er sich gibt; aber er muß sich auch für etwas geben. Man erträgt die Unbequemen lieber, als man die Unbedeutenden duldet. Man kann der Gesellschaft alles aufdrängen, nur nicht, was eine Folge hat. Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen; wir müssen zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht. Ich finde es beinahe natürlich, daß wir an Besuchenden mancherlei auszusetzen haben, daß wir sogleich, wenn sie weg sind, über sie nicht zum liebevollsten urteilen; denn wir haben sozusagen ein Recht, sie nach unserem Maßstabe zu messen. Selbst verständige und billige Menschen enthalten sich in solchen Fallen kaum einer scharfen Zensur. Wenn man dagegen bei anderen gewesen ist und hat sie mit ihren Umgebungen, Gewohnheiten, in ihren notwendigen, unausweichlichen Zuständen gesehen, wie sie um sich wirken oder wie sie sich fügen, so gehört schon Unverstand und böser Wille dazu, um das lächerlich zu finden, was uns in mehr als einem Sinne ehrwürdig scheinen müßte. Durch das, was wir Betragen und gute Sitten nennen, soll das erreicht werden, was außerdem nur durch Gewalt oder auch nicht einmal durch Gewalt zu erreichen ist. Der Umgang mit Frauen ist das Element guter Sitten. Wie kann der Charakter, die Eigentümlichkeit des Menschen mit der Lebensart bestehen? Das Eigentümliche müßte durch die Lebensart erst recht hervorgehoben werden. Das Bedeutende will jedermann, nur soll es nicht unbequem sein. Die größten Vorteile im Leben überhaupt wie in der Gesellschaft hat ein gebildeter Soldat. Rohe Kriegsleute gehen wenigstens nicht aus ihrem Charakter, und weil doch meist hinter der Stärke eine Gutmütigkeit verborgen liegt, so ist im Notfalle auch mit ihnen auszukommen. Niemand ist lästiger als ein täppischer Mensch vom Zivilstande. Von ihm könnte man die Feinheit fordern, da er sich mit nichts Rohem zu beschäftigen hat. Zutraulichkeit an der Stelle der Ehrfurcht ist immer lächerlich. Es würde niemand den Hut ablegen, nachdem er kaum das Kompliment gemacht hat, wenn er wüßte, wie komisch das aussieht. Es gibt kein äußeres Zeichen der Höflichkeit, das nicht einen tiefen sittlichen Grund hätte. Die rechte Erziehung wäre, welche dieses Zeichen und den Grund zugleich überlieferte. Das Betragen ist ein Spiegel, in welchem jeder sein Bild zeigt. Es gibt eine Höflichkeit des Herzens; sie ist der Liebe verwandt. Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des äußeren Betragens. Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand, und wie wäre der möglich ohne Liebe. Wir sind nie entfernter von unseren Wünschen, als wenn wir uns einbilden, das Gewünschte zu besitzen. Gegen große Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe. Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein. Es darf sich einer nur für frei erklären, so fühlt er sich den Augenblick als bedingt. Wagt er es, sich für bedingt zu erklären, so fühlt er sich frei. Es ist was Schreckliches um einen vorzüglichen Mann, auf den sich die Dummen was zugute tun. Es gibt, sagt man, für den Kammerdiener keinen Helden. Das aber bloß daher, weil der Held nur vom Helden anerkannt werden kann. Der Kammerdiener wird aber wahrscheinlich seinesgleichen zu schätzen wissen. Es gibt keinen größeren Trost für die Mittelmäßigkeit, als daß das Genie nicht unsterblich sei. Die größten Menschen hängen immer mit ihrem Jahrhundert durch eine Schwachheit zusammen. Man hält die Menschen gewöhnlich für gefährlicher als sie sind. Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich. Nur die Halbnarren und Halbweisen, das sind die gefährlichsten. Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst, und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst. Selbst im Augenblick des höchsten Glücks und der höchsten Not bedürfen wir des Künstlers. Die Kunst beschäftigt sich mit dem Schweren und Guten. Die Schwierigkeiten wachsen, je näher man dem Ziele kommt. Säen ist nicht so beschwerlich als Ernten. Das Schwierige leicht behandelt zu sehen, gibt uns das Anschauen des Unmöglichen. Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so würden Eifersucht und Haß wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden; und setzten wir andere an unsere Stelle, so würde Stolz und Einbildung gar sehr abnehmen. Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea; die eine war anmutiger, die andere fruchtbarer. Nichts im Leben außer Gesundheit und Tugend ist schätzenswerter als Kenntnis und Wissen; auch ist nichts so leicht zu erreichen und so wohlfeil zu erhandeln; die ganze Arbeit ist ruhig sein, und die Ausgabe Zeit, die wir nicht retten, ohne sie auszugeben. Jeder Mensch findet sich von den frühesten Momenten seines Lebens an, erst unbewußt, dann halb, endlich ganz bewußt, immerfort findet er sich bedingt, begrenzt in seiner Stellung; weil aber niemand Zweck und Ziel seines Daseins lernt, vielmehr das Geheimnis desselben von höchster Hand verborgen wird, so tastet er nur, greift zu, läßt fahren, steht stille, bewegt sich, zaudert und übereilt sich, und auf wie mancherlei Weise denn alle Irrtümer entstehen, die uns verwirren. Sogar der Besonnenste ist im täglichen Weltleben genötigt, klug für den Augenblick zu sein und gelangt deswegen im allgemeinen zu keiner Klarheit. Selten weiß er sicher, wohin er sich in der Folge wenden und was er eigentlich zu tun und zu lassen habe. Von der besten Gesellschaft sagt man, ihr Gespräch ist unterrichtend, ihr Schweigen bildend. Nicht insofern der Mensch etwas zurückläßt, sondern insofern er wirkt und genießt und andere zu wirken und zu genießen anregt, bleibt er von Bedeutung. Wer sich dem Notwendigsten widmet, geht überall am sichersten zum Ziel; andere hingegen, das Höhere, Zartere suchend, haben schon in der Wahl des Weges vorsichtiger zu sein. Doch was der Mensch auch ergreife und handhabe, der einzelne ist sich nicht hinreichend. Gesellschaft bleibt eines wackeren Mannes höchstes Bedürfnis. Alle brauchbaren Menschen sollen in Bezug untereinander stehen, wie sich der Bauherr nach dem Architekten und dieser nach Maurer und Zimmermann umsieht. Nie sollten die Menschen unsere Handlungen beurteilen, die ihnen nur einzeln und abgerissen erscheinen, wovon sie das wenigste sehen, weil Gutes und Böses im verborgenen geschieht und eine gleichgültige Erscheinung meistens nur an den Tag kommt! Bringt man ihnen doch Schauspieler und Schauspielerinnen auf erhöhte Bretter, zündet von allen Seiten Licht an, das ganze Werk ist in wenig Stunden abgeschlossen, und doch weiß selten jemand eigentlich, was er daraus machen soll. Was unterscheidet den Dummkopf vom geistreichen Menschen, als daß dieser das Zarte, Gehörige der Gegenwart schnell, lebhaft und eigentümlich ergreift und mit Leichtigkeit ausdrückt, als daß jene, gerade wie wir es in einer fremden Sprache tun, sich mit schon gestempelten, hergebrachten Phrasen bei jeder Gelegenheit behelfen müssen. Daß die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle hochgelehrten Schul- und Hofmeister einig; daß aber auch Erwachsene gleich Kindern auf diesem Erdboden herumtaumeln und wie jene nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, ebensowenig nach wahren Zwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen und Birkenreiser regiert werden, das will niemand gern glauben, und mich dünkt, man kann es mit Händen greifen. Die Toren, die nicht sehen, daß es eigentlich auf den Platz gar nicht ankommt und daß der, der den ersten hat, so selten die erste Rolle spielt. Wie mancher König wird durch seinen Minister, wie mancher Minister durch seinen Sekretär regiert! Und wer ist denn der Erste? Der, dünkt mich, der die andern übersieht und so viel Gewalt oder List hat, ihre Kräfte und Leidenschaften zur Ausführung seiner Pläne anzuspannen. Feindselige Naturen, die nur wider Willen entschiedene Vorzüge anerkennen, möchten gern jeden trefflichen Mann in sein Verdienst ganz eigentlich einsperren und ihm eine vielseitige Bildung, die allein Genuß gewährt, verkümmern. Sie sagen gewöhnlich, zu seinem Ruhme habe er dieses oder jenes nicht unternehmen sollen. Als wenn man alles um des Ruhmes willen täte, als wenn die Lebensvereinigung mit ähnlich Gesinnten durch ernste Teilnahme an dem, was sie treiben und leisten, nicht den höchsten Wert hätte. Jeder, der mit lebhaften Kräften vor unseren Augen eine Absicht zu erreichen strebt, kann, wir mögen seinen Zweck loben oder tadeln, sich unsere Teilnahme versprechen; sobald aber die Sache entschieden ist, wenden wir unser Auge sogleich von ihm weg. Alles, was geendet, was abgetan daliegt, kann unsere Aufmerksamkeit keineswegs fesseln, besonders, wenn wir schon früh der Unternehmung einen üblen Ausgang prophezeit haben. Es ist nicht gut, kaum geknüpfte Verhältnisse zu zerreißen. Alles im Leben, wenn es gedeihen soll, muß eine Folge haben. Wer Hilfe begehrt, muß nicht auf seinem Sinne bleiben. Immer zu mißtrauen, ist ein Irrtum, wie immer zu trauen. Jedem ist und bleibt das wahr, was ihm fruchtbar ist. Wer bei seiner Meinung beharrt, zeigt uns nur, daß er sie nicht entbehren könne. Wer das versteht, wird nie kontrovertieren. So angenehm uns der Anblick eines wohlgestalteten Menschen ist, so angenehm ist uns eine ganze Einrichtung, aus der uns die Gegenwart eines verständigen, vernünftigen Wesens fühlbar wird. Schon in ein reinliches Haus zu kommen, ist eine Freude, wenn es auch sonst geschmacklos gebaut und verziert ist; denn es zeigt uns die Gegenwart wenigstens von einer Seite gebildeter Menschen. Wie doppelt angenehm ist es uns also, wenn aus einer menschlichen Wohnung uns der Geist einer höheren, obgleich auch nur sinnlichen Kultur entgegenspricht. Wenn gewöhnliche Menschen, durch gemeine Verlegenheiten des Tages zu einem leidenschaftlich ängstlichen Betragen aufgeregt, uns ein mitleidiges Lächeln abnötigen, so betrachten wir dagegen mit Ehrfurcht ein Gemüt, in welchem die Saat eines großen Schicksals ausgesät worden, das die Entwicklung dieser Empfängnis abwarten muß und weder das Gute noch das Böse, weder das Glückliche noch das Unglückliche, was daraus entspringen soll, beschleunigen darf und kann. Es ist immer ein Unglück, in neue Verhältnisse zu treten, aus denen man nicht hergekommen ist; wir werden oft wider unsern Willen zu einer falschen Teilnahme gelockt, uns peinigt die Halbheit solcher Zustände, und doch sehen wir weder die Mittel, sie zu ergänzen noch ihnen zu entsagen. Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden und denen keine genug tut. Daraus entsteht der ungeheuere Widerstreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt. Es ist das Seltenste und daher auch das Köstlichste zu nennen, wenn eine gegenseitige Auffassung und Hingebung immer die rechte Wirkung tut; immer etwas bildet, was dem nächsten Schritt im Leben zugute kommt, wie denn durch eine glückliche Übereinstimmung des Augenblicks gewiß am lebendigsten auf die Zukunft gewirkt ist. Das, was man gedacht, die Bilder, die man gesehen, lassen sich in dem Verstand und in der Einbildungskraft wieder hervorrufen; aber das Herz ist nicht so gefällig; es wiederholt uns nicht die schönsten Gefühle, und am wenigsten sind wir vermögend, uns enthusiastische Momente wieder zu vergegenwärtigen; man wird unvorbereitet davon überfallen und überläßt sich ihnen unbewußt. Andere, die uns in solchen Augenblicken beobachten, haben deshalb davon eine klarere und reinere Ansicht als wir selbst. Es gibt Menschen, die auf die Mängel ihrer Freunde sinnen. Es kommt nichts dabei heraus. Ich habe immer auf die Verdienste meiner Widersacher acht gehabt und davon Vorteil gezogen. Den Menschen ist nicht zu helfen, und sie hindern uns, daß man sich selbst hilft. Sind sie glücklich, so soll man sie in ihren Albernheiten gewähren lassen; sind sie unglücklich, so soll man sie retten, ohne diese Albernheiten anzutasten; und niemand fragt jemals, ob du glücklich oder unglücklich bist. Jeder hat etwas in seiner Natur, das, wenn er es öffentlich ausspräche, Mißfallen erregen müßte. Das eigentlich Unverständige sonst verständiger Menschen ist, daß sie nicht zurecht zu legen wissen, was ein anderer sagt, aber nicht gerade trifft, wie er's hätte sagen sollen. Dem tätigen Menschen kommt es darauf an, daß er das Rechte tue; ob das Rechte geschehe, soll ihn nicht kümmern. Der Eigenname eines Menschen ist nicht etwa wie ein Mantel, der bloß um ihn herhängt und an dem man allenfalls noch zupfen und zerren kann, sondern ein vollkommen passendes Kleid, ja wie die Haut selbst ihm über und über angewachsen, an der man nicht schaben und schinden darf, ohne ihn selbst zu verletzen. Vielleicht hätte man viel mehr Dank und Vorteil vom Leben, wenn man sich wechselweise gerade herausspräche, was man voneinander erwartet. Ist das geleistet, so sind beide Teile zufrieden, und das Gemütliche, was das erste und letzte von allem ist, erscheint als reine Zugabe. Es bringt uns nichts näher dem Wahnsinn, als wenn wir uns vor anderen auszeichnen, und nichts erhält so sehr den gemeinen Verstand, als im allgemeinen Sinne mit vielen Menschen zu leben. Wie vieles ist leider nicht in unserer Erziehung und in unseren bürgerlichen Einrichtungen, wodurch wir uns und unsere Kinder zur Tollheit vorbereiten. Wer seine Bequemlichkeit aufopfert, verachtet gern diejenigen, die sich darin behagen. Jäger, Soldaten, mühsam Reisende bedürfen gutes Mutes, der sich leicht zu Übermut steigert. Der Alte verliert eins der größten Menschenrechte, er wird nicht mehr von seinesgleichen beurteilt. Man schont die Alten, wie man die Kinder schont. Es gibt wenig Menschen, die sich mit dem Nächstvergangenen zu beschäftigen wissen. Entweder das Gegenwärtige hält uns mit Gewalt an sich, oder wir verlieren uns in die Vergangenheit und suchen das völlig Verlorene, wie es nur möglich sein will, wieder hervorzurufen und herzustellen. Selbst in großen und reichen Familien, die ihren Vorfahren vieles schuldig sind, pflegt es so zu gehen, daß man des Großvaters mehr als des Vaters gedenkt. Man darf nur alt werden, um milder zu sein; ich sehe keinen Fehler begehen, den ich nicht auch begangen hätte. Es ziemt sich dem Bejahrten, weder in der Denkweise noch in der Art sich zu kleiden, der Mode nachzugehen. Aber er muß wissen, wo er steht und wohin die anderen wollen. Man hat in jedem Alter gewisse Vorteile und Nachteile im Vergleich zu früheren oder späteren Jahren. Ich war in meinem 40. Lebensjahre über manches so gescheit als jetzt, aber ich besitze in meinem 80. Vorteile, die ich mit früheren nicht vertauschen möchte. Wenn man älter wird, muß man mit Bewußtsein auf einer gewissen Stufe stehenbleiben. Loben tue ich ohne Bedenken; denn warum soll ich verschweigen, wenn mir etwas zusagt? Sollte es auch meine Beschränktheit ausdrücken, so habe ich mich deren nicht zu schämen; tadle ich aber, so kann mir begegnen, daß ich etwas Vortreffliches abweise, und dadurch ziehe ich mir die Mißbilligung anderer zu, die es besser verstehen. Ich muß mich zurücknehmen, wenn ich aufgeklärt werde. Welchen Weg mußte nicht die Menschheit machen, bis sie dahin gelangte, auch gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen Unmenschliche menschlich zu sein! Gewiß waren die Männer göttlicher Natur, die dies zuerst lehrten, die ihr Leben damit zubrachten, die Ausübung möglich zu machen und zu beschleunigen. Des Schönen sind Menschen selten fähig, öfter des Guten; und wie hoch müssen wir daher diejenigen halten, die dies mit großen Aufopferungen zu befördern suchen. Jede Natur, die sich aus einem gesunkenen Zustande erheben will, muß oft wieder nachlassen, um sich von der neuen, ungewohnten Anstrengung zu erholen. Ich fürchte mich vor niemanden mehr als vor einem Toren, der einen Anlauf nimmt, klug zu werden. Bescheidenheit gehört eigentlich nur für persönliche Gegenwart. In guter Gesellschaft ist es billig, daß niemand vorlaut werde, ist es notwendig, daß der Gemeinste mit dem Vortrefflichen in einen gewissen Zustand der Gleichheit gerate. In alle freien schriftlichen Darstellungen gehört Wahrheit, entweder in bezug auf den Gegenstand oder in bezug auf das Gefühl des Darstellenden und, so Gott will, auf beides. Wer einen Schriftsteller, der sich und die Sache fühlt, nicht lesen mag, der darf überhaupt das beste ungelesen lassen. Wenn ein guter Mensch mit Talent begabt ist, so wird er immer zum Heil der Welt sittlich wirken, sei es als Künstler, Naturforscher, Dichter oder was alles sonst. Erziehung heißt: die Jugend an die Bedingungen gewöhnen, zu den Bedingungen bilden, unter denen man in der Welt überhaupt, sodann aber in besonderen Kreisen existieren kann. Was der Feuerfunke auf ein geladenes Gewehr, das ist die Gelegenheit zur Neigung, und jede Neigung, die wir gegen unser Gewissen befriedigen, zwingt uns, ein Übermaß von physischer Stärke anzuwenden; wir handeln wieder als wilde Menschen, und es wird schwer, äußerlich diese Anstrengung zu verbergen. Das ist das Eigentümliche des Lasters, daß es sein Unheil über die Unschuld verbreitet, wie die Tugend ihren Segen über viele, die ihn nicht verdienen, indem doch häufig die Urheber beider, so weit wir sehen können, weder bestraft noch belohnt werden. Das ist unser schönster und süßester Wahn, den wir nicht aufgeben dürfen, ob er uns gleich viel Pein im Leben verursacht, daß wir das, was wir schätzen und verehren, uns auch womöglich zueignen, ja aus uns selbst hervorbringen und darstellen möchten. Welche Erziehungsart ist für die beste zuhalten? Antwort: die der Hydrioten. Als Insulaner und Seefahrer nehmen sie ihre Knaben gleich mit zu Schiffe und lassen sie im Dienste herankrabbeln. Wie sie etwas leisten, haben sie Teil am Gewinn, und so kümmern sie sich schon um Handel, Tausch und Beute, und es bilden sich die tüchtigsten Küsten- und Seefahrer, die klügsten Handelsleute und verwegensten Piraten. Aus einer solchen Masse können dann freilich Helden hervortreten, die den verderblichen Brander mit eigener Hand an das Admiralschiff der feindlichen Flotte festklammern. Den Timon fragte jemand wegen des Unterrichts seiner Kinder. Laßt sie, sagte der, unterrichten in dem, was sie niemals begreifen werden. Was bildet man nicht immer an unserer Jugend? Da sollen wir bald diese, bald jene Unart ablegen, und doch sind die Unarten meist ebensoviel Organe, die dem Menschen durch das Leben helfen. Was ist man nicht hinter dem Knaben her, dem man einen Funken Eitelkeit abmerkt! Was ist der Mensch für eine elende Kreatur, wenn er alle Eitelkeit abgelegt hat! Wenn ältere Personen recht pädagogisch verfahren wollten, so sollten sie einem jungen Manne etwas, was ihm Freude macht, es sei von welcher Art es wolle, weder verbieten noch verleiden, wenn sie nicht zu gleicher Zeit ihm etwas anderes dafür einzusetzen hätten oder unterzuschieben wüßten. Der Mensch kommt manchmal, indem er sich einer Entwicklung seiner Kräfte, Fähigkeiten und Begriffe nähert, in eine Verlegenheit, aus der ihm ein guter Freund leicht helfen könnte. Er gleicht einem Wanderer, der nicht weit von der Herberge ins Wasser fällt: griffe jemand sogleich zu, risse ihn ans Land, so wäre es um einmal naß werden getan, anstatt daß er sich auch wohl selbst, aber am jenseitigen Ufer, heraushilft und einen beschwerlichen, weiten Umweg nach reinem bestimmten Ziele zu machen hat. Wem es lebhaft und gegenwärtig ist, welche unendliche Operationen Natur und Kunst machen müssen, bis ein gebildeter Mensch dasteht, wer selbst so viel als möglich an der Bildung seiner Mitbrüder teilnimmt, der möchte verzweifeln, wenn er sieht, wie freventlich sich oft der Mensch zerstört und so oft in den Fall kommt, mit oder ohne Schuld zerstört zu werden. Wenn ich das bedenke, so scheint mir das Leben selbst eine so zufällige Gabe, daß ich jeden loben möchte, der sie nicht höher als billig schätzt. Es ist eine schauderhafte Empfindung, wenn ein edler Mensch mit Bewußtsein auf dem Punkte steht, wo er über sich selbst aufgeklärt werden soll. Alle Übergänge sind Krisen, und ist eine Krise nicht Krankheit? Wie ungern tritt man nach einer Krankheit vor den Spiegel! Die Besserung fühlt man, und man sieht nur die Wirkung des vergangenen Übels. Derjenige, an dem viel zu entwickeln ist, wird später über sich und die Welt aufgeklärt. Es sind nur wenige, die den Sinn haben und zugleich zur Tat fähig sind. Der Sinn erweitert, aber lähmt, die Tat belebt, aber beschränkt. Man soll sich vor einem Talent hüten, das man in Vollkommenheit auszuüben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin so weit bringen als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns einmal der Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kräften, die man auf eine solche Pfuscherei verwendet hat, schmerzlich bedauern. Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, still für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede. Der Mensch wirkt alles, was er vermag, durch seine Persönlichkeit auf den Menschen, die Jugend am stärksten auf die Jugend, und hier entspringen auch die reinsten Wirkungen. Diese sind es, welche die Welt beleben und weder moralisch noch physisch aussterben lassen. Was nützt, ist nur ein Teil des Bedeutenden; um einen Gegenstand ganz zu besitzen, zu beherrschen, muß man ihn um seiner selbst willen studieren. Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der wird übel daran sein. Das Wissen fördert nicht mehr bei dem schnellsten Umtriebe der Welt; bis man von allem Notiz genommen hat, verliert man sich selbst. Vielseitigkeit bereitet eigentlich nur das Element vor, worin der Einseitige wirken kann, dem eben jetzt genug Raum gegeben ist. Ja, es ist jetzt die Zeit der Einseitigkeiten. Wohl dem, der es begreift, für sich und andere in diesem Sinne wirkt. Bei gewissen Dingen versteht sich's durchaus und sogleich. Übe dich zum tüchtigen Violinisten und sei versichert, der Kapellmeister wird dir einen Platz im Orchester mit Gunst anweisen. Mache ein Organ aus dir und erwarte, was für eine Stelle dir die Menschheit im allgemeinen Leben wohlmeinend zugestehen werde. Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin auf; wir brauchen uns deshalb darum nicht weiter zu bemühen, das Besondere müssen wir uns zueignen. Auf zweierlei Weise kann der Geist hoch erfreut werden, durch Anschauung und Begriff. Aber jenes erfordert einen würdigen Gegenstand, der nicht immer bereit und eine verhältnismäßige Bildung, zu der man nicht gerade gelangt ist. Der Begriff hingegen will nur Empfänglichkeit, er bringt den Inhalt mit und ist selbst das Werkzeug der Bildung. Die Liebe, deren Gewalt die Jugend empfindet, ziemt nicht dem Alter, so wie alles, was Produktivität voraussetzt. Daß diese sich mit den Jahren erhält, ist ein seltener Fall. Es ist keine Frage, daß bei allen gebildeten Nationen die Frauen im ganzen das Übergewicht gewinnen müssen; denn bei einem wechselseitigen Einfluß muß der Mann weiblicher werden, und dann verliert er; denn sein Vorzug besteht nicht in gemäßigter, sondern in gebändigter Kraft; nimmt dagegen die Frau von dem Manne etwas an, so gewinnt sie, denn wenn sie ihre übrigen Vorzüge durch Energie erheben kann, so entsteht ein Wesen, das sich nicht vollkommener denken läßt. Die Überzeugung, durch eigentümliche Kraft, durch festen Willen, aus beengenden Umständen sich hervorgehoben, sich aus sich selbst ausgebildet zu haben, sein Verdienst sich selbst schuldig zu sein, solche Vorteile nur durch ein ungefesseltes Emporstreben des Geistes erhalten und vermehren zu können, erhöht das natürliche Unabhängigkeitsgefühl, das, durch Absonderung von der Welt immer mehr gesteigert, in den unausweichlichen Lebensverhältnissen manchen Druck, manche Unbequemlichkeit erfahren muß. Nichts gibt uns mehr Aufschluß über uns selbst, als wenn wir das, was vor einigen Jahren von uns ausgegangen ist, wieder vor uns sehen, so daß wir uns selbst nunmehr als Gegenstand betrachten können. Ein wenig Geiz schadet der Frau nichts, so übel sie die Verschwendung kleidet. Freigebigkeit ist eine Tugend, die dem Manne ziemt, und Festhalten ist die Tugend einer Frau. So hat es die Natur gewollt, und dieses Urteil wird im ganzen immer naturgemäß ausfallen. Man betrachte ein Frauenzimmer als Liebende, als Braut, als Frau, Hausfrau und Mutter, immer steht sie isoliert, immer ist sie allein und will allein sein. Ja, die Eitle selbst ist in dem Falle. Jede Frau schließt die andere aus, ihrer Natur nach; denn von jeder wird alles gefordert, was dem ganzen Geschlechte zu leisten obliegt. Nicht so verhält es sich mit den Männern. Der Mann verlangt den Mann, er würde sich einen zweiten erschaffen, wenn es keinen gäbe, eine Frau könnte eine Ewigkeit leben, ohne daran zu denken, sich ihresgleichen hervorzubringen. Glückliche Jugend, glückliche Zeiten des ersten Liebesbedürfnisses! Der Mensch ist dann wie ein Kind, das sich am Echo stundenlang ergötzt, die Unkosten des Gespräches allein trägt und mit der Unterhaltung wohl zufrieden ist, wenn der unsichtbare Gegenpart auch nur die letzten Silben der ausgerufenen Worte wiederholt. Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte darin denkt; aber hier und da jemand zu wissen, der mit uns übereinstimmt, mit dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht uns dieses Erdenrund erst zu einem bewohnten Garten. Zwei liebende Herzen sind wie zwei Magnetuhren; was in der einen sich regt, muß auch die andere mitbewegen; denn es ist nur eins, was in beiden wirkt, eine Kraft, die sie durchzieht. Alle Ganz- und Halbpoeten machen uns mit der Liebe dergestalt bekannt, daß sie müßte trivial geworden sein, wenn sie sich nicht naturgemäß in voller Kraft und vollem Glanz immer wieder erneute. Der Mensch, abgesehen von der Herrschaft, in welcher die Passion ihn fesselt, ist noch von manchen notwendigen Verhältnissen gebunden. Wer diese nicht kennt oder in Liebe umwandeln will, der muß unglücklich werden. Die ersten Liebesneigungen einer unverdorbenen Jugend nehmen durchaus eine geistige Wendung. Die Natur scheint zu wollen, daß ein Geschlecht in dem andern das Gute und Schöne sinnlich gewahr werde. Wahrhaft Liebende betrachten alles, was sie bisher empfunden, nur als Vorbereitung zu ihrem gegenwärtigen Glück, nur als Basis, worauf sich erst ihr Lebensgebäude erheben soll. Vergangene Neigungen erscheinen wie Nachtgespenster, die sich vor dem anbrechenden Tag wegschleichen. Die ersten Schritte, die uns in den Irrgarten der Liebe bringen, sind so angenehm, die ersten Aussichten so reizende daß man sie gar zu gern in sein Gedächtnis zurückruft. Jeder Teil sucht einen Vorzug vor dem andern zu behalten, er habe früher uneigennütziger geliebt, und jedes wünscht in diesem Wettstreit lieber überwunden zu werden als zu überwinden. Freundschaft kann sich bloß praktisch erzeugen, praktisch Dauer gewinnen. Neigung, ja sogar Liebe, hilft alles nichts zur Freundschaft. Die wahre, die tätige, produktive besteht darin, daß wir gleichen Schritt im Leben halten, daß der Freund meine Zwecke billigt, ich die seinigen, und daß wir so unverrückt zusammen fortgehen, wie auch sonst die Differenz unserer Denk- und Lebensweise sein möge. Wie ganz füllt das unser Herz, wenn wir, beleidigt, den Gegenstand unserer Liebe zu verlassen bei uns sehr eifrig festsetzen, mit welchen Verzerrungen von Seelenstärke treten wir wieder in seine Gegenwart, wie übt sich das in unserem Busen auf und ab, und wie platzt es zuletzt wieder auf einen Blick, einen Händedruck zusammen! Die reinste Freude, die man an einer geliebten Person finden kann, ist die, zu sehen, daß sie andere erfreut. Wenn es gefährlich ist, einen Freund mit den Vorzügen seiner Geliebten bekannt zu machen, weil er sie wohl auch reizend und begehrenswürdig finden möchte, so ist die umgekehrte Gefahr nicht geringer, daß er uns durch seine Abstimmung irre machen kann. Wie man aus Gewohnheit nach einer abgelaufenen Uhr hinsieht, als wenn sie noch ginge, so blickt man auch wohl einer Schönen ins Gesicht, als wenn sie noch liebte. In jeder großen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn; man muß sich hüten, ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen. Der sittliche Mensch erregt Neigung und Liebe nur insofern, als man Sehnsucht in ihm gewahr wird; sie drückt Besitz und Wunsch zugleich aus; den Besitz eines zärtlichen Herzens und den Wunsch, ein gleiches in anderen zu finden; durch jenes ziehen wir an, durch dieses geben wir uns hin. Man feiere nur, was glücklich vollendet ist; alle Zeremonien zum Anfang erschöpfen Lust und Kräfte, die das Streben hervorbringen und uns bei einer fortgesetzten Mühe beistehen sollen. Unter allen Festen ist das Hochzeitsfest das unschicklichste; keines sollte mehr in Stille, Demut und Hoffnung begangen werden als dieses. Glücklicherweise kann der Mensch nur einen gewissen Grad des Unglücks fassen; was darüber hinausgeht, vernichtet ihn oder läßt ihn gleichgültig. Es gibt Lagen, in denen Furcht und Hoffnung eins werden, sich einander wechselseitig aufheben und in eine dunkle Fühllosigkeit verlieren. Wie könnten wir sonst die entfernten Geliebtesten in stündlicher Gefahr wissen und dennoch unser gewöhnliches, tägliches Leben immer so fort treiben. Eine liebevolle Aufmerksamkeit auf das, was der Mensch besitzt, macht ihn reich, indem er sich einen Schatz der Erinnerung an gleichgültige Dinge dadurch anhäuft. Die Gegenwart des Elenden ist dem Glücklichen zur Last, und ach, der Glückliche dem Elenden noch mehr. Der allein ist glücklich und groß, der weder zu herrschen noch zu gehorchen braucht, um etwas zu sein. Wir bemerken, daß die lebhaftesten und höchsten Vergnügen, wie die vorbeifliegenden Pferde, nur einen Augenblick uns erscheinen, uns rühren und kaum eine Spur in der Seele zurücklassen, daß Freiheit und Gleichheit nur in dem Taumel des Wahnsinns genossen werden können und daß die größte Lust nur dann am höchsten reizt, wenn sie sich ganz nahe an die Gefahr drängt und lüstern ängstlich süße Empfindungen in ihrer Nähe genießt. Wie man zu sagen pflegt, daß kein Unglück allein komme, so läßt sich auch wohl bemerken, daß es mit dem Glück ähnlicherweise beschaffen sei; ja auch mit andern Umständen, die sich auf eine harmonische Weise um uns versammeln, es sei nun, daß ein Schicksal dergleichen auf uns lege oder daß der Mensch die Kraft habe, das, was zusammengehört, an sich heranzuziehen. Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefaßt die Zügel festzuhalten und bald rechts, bald links vom Steine hier, vom Sturze da die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es! Erinnert er sich doch kaum, woher er kam. Der Mensch kann in keine gefährlichere Lage versetzt werden, als wenn durch äußere Umstände eine große Veränderung seines Zustandes bewirkt wird, ohne daß seine Art zu empfinden und zu denken darauf vorbereitet ist. Es gibt alsdann eine Epoche ohne Epoche, und es entsteht nur ein desto größerer Widerspruch, je weniger der Mensch bemerkt, daß er zu dem neuen Zustand noch nicht ausgebildet sei. Unter allen Besitzungen auf Erden ist ein eigen Herz die kostbarste, und unter Tausenden haben sie kaum zwei. Es ist nichts erbärmlicher in der Welt als ein unentschlossener Mensch, der zwischen zwei Empfindungen schwebt, gern beide vereinigen möchte und nicht begreift, daß nichts sie vereinigen kann als eben der Zweifel, die Unruhe, die ihn peinigen. Tiefe Wunden schlägt das Schicksal, aber oft heilbare. Wunden, die das Herz dem Herzen schlägt, das Herz sich selber, die sind unheilbar. Der Glückliche ist nicht geeignet. Glücklichen vorzustehen; es liegt in der menschlichen Natur, immer mehr von sich und von anderen zu fordern, je mehr man empfangen hat. Nur der Unglückliche, der sich erholt, weiß für sich und andere das Gefühl zu nähren, daß auch ein mäßiges Gutes mit Entzücken genossen werden soll. Ob denn die Glücklichen glauben, daß der Unglückliche wie ein Gladiator mit Anstand vor ihnen umkommen solle, wie der römische Pöbel zu fordern pflegte? Nicht die Talente, nicht das Geschick zu diesem oder jenem machen eigentlich den Mann der Tat, die Persönlichkeit ist's, von der in solchen Fällen alles abhängt. Der Charakter ruht auf der Persönlichkeit, nicht auf den Talenten. Talente können sich zum Charakter gesellen, er gesellt sich nicht zu ihnen; denn ihm ist alles entbehrlich, außer er selbst. Ich kann mich nur über den Menschen freuen, der weiß, was ihm und andern nütze ist und seine Willkür zu beschränken arbeitet. Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen, wie der Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will. Aber es ist mit dieser Kunst wie mit allen, nur die Fähigkeit dazu wird uns angeboren, sie will gelernt und sorgfältig ausgeübt sein. Manchmal sieht unser Schicksal aus wie ein Fruchtbaum im Winter. Wer sollte bei dem traurigen Ansehen desselben wohl denken, daß diese starren Aste, diese zackigen Zweige im nächsten Frühjahr wieder grünen, blühen, sodann Früchte tragen könnten; doch wir hoffen's, wir wissen's. Ein zu zartes Gewissen, das eigene Selbst überschätzend, macht hypochondrisch, wenn es nicht durch große Tätigkeit balanciert wird. Kühn handelt jedesmal der Gottberufene; ich hab's gewagt, ist sein Wahlspruch; nicht: darf ich? kann ich? wer steht mir bei? wird's auch werden? Sonst geschähe in der Welt nichts. Man bedenkt nicht immer, daß ein kühn Unternommenes in der Ausführung gleichfalls Kühnheit erfordert, weil bei dem Ungemeinen durch gemeine Mittel nicht wohl auszulangen sein möchte. Wir sind nicht klein, wenn Umstände uns zu schaffen machen, nur wenn sie uns überwältigen. Das ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen segnend wirkt wie ihr Verweilen auf der Erde, daß sie uns von dorther gleich Sternen entgegenleuchten als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu richten haben, daß diejenigen, zu denen wir uns als zu Wohlwollenden und Hilfreichen im Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen als Vollendete, Selige. Natur: wir sind von ihr umgeben und umschlungen, unvermögend, aus ihr herauszutreten und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen. Sie schafft ewig neue Gestalten, was da ist, war noch nie, was war, kommt nicht wieder. Alles ist neu und doch immer das Alte. Wir leben mitten in ihr und sind ihr Fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht. Wir wirken beständig auf sie und haben doch keine Gewalt über sie. Von Natur besitzen wir keinen Fehler, der nicht zur Tugend, keine Tugend, die nicht zum Fehler werden könnte. Diese letzten sind gerade die bedenklichsten. So wiederholt sich dann abermals das Jahresmärchen von vorn. Wir sind nun wieder, Gott sei Dank, an seinem artigsten Kapitel. Veilchen und Maiblumen sind wie Überschriften und Vignetten dazu. Es macht uns immer einen angenehmen Eindruck, wenn wir sie in dem Buche des Lebens wieder aufschlagen. Wir schelten die Armen, besonders die Unmündigen, wenn sie sich an den Straßen herumlegen und betteln. Bemerken wir nicht, daß sie gleich tätig sind, sobald es was zu tun gibt? Kaum entfaltet die Natur ihre freundlichen Schätze, so sind die Kinder dahinter her, um ein Gewerbe zu eröffnen; keines bettelt mehr, jedes reicht dir einen Strauß; es hat ihn gepflückt, ehe du vom Schlaf erwachtest, und das Bittende sieht dich so freundlich an wie die Gabe. Niemand sieht erbärmlich aus, der bei sich einiges Recht fühlt, fordern zu dürfen. Warum nur das Jahr manchmal so kurz, manchmal so lang ist, warum es so kurz scheint und so lang in der Erinnerung. Mir ist es mit dem Vergangenen so und nirgends auffallender als im Garten, wie Vergängliches und Dauerndes ineinander greift. Und doch ist nichts so flüchtig, das nicht eine Spur, das nicht seinesgleichen zurücklasse. Man läßt sich den Winter auch gefallen. Man glaubt sich freier auszubreiten, wenn die Bäume so geisterhaft, so durchsichtig vor uns stehen. Sie sind nichts, aber sie decken auch nichts zu. Wie aber einmal Knospen und Blüten kommen, dann wird man ungeduldig, bis das volle Laub hervortritt, bis die Landschaft sich verkörpert und der Baum sich als eine Gestalt uns entgegendrängt. Alles Vollkommene in seiner Art muß über seine Art hinausgehen, es muß etwas anderes, Unvergleichbares werden. In manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel, dann steigt sie über ihre Klasse hinüber und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen, was eigentlich singen heiße. Ein Leben ohne Liebe, ohne die Nähe des Geliebten, ist nur eine comédie à tiroir , ein schlechtes Schubladenstück. Man schiebt eine nach der andern heraus und wieder hinein und eilt zur folgenden. Alles, was auch Gutes und Bedeutendes vorkommt, hängt nur kümmerlich zusammen. Man muß überall von vorn anfangen und möchte überall enden. Was auch den Geist gewaltsam beschäftigt, die Natur fordert zuletzt doch unwiderstehlich ihre Rechte, und wie ein Kind, umwunden von der Schlange, des erquickenden Schlafes genießt, so legt der Müde sich noch einmal vor der Pforte des Todes nieder und ruht tief aus, als ob er einen weiten Weg zu wandern Hütte. Süßer Schlaf, du kommst wie ein reines Glück ungebeten, unerfleht am willigsten. Du lösest die Knoten der strengen Gedanken, vermischest alle Bilder der Freude und des Schmerzes, ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien, und, eingehüllt in gefälligen Wahnsinn, versinken wir und hören auf zu sein. Das Studium der Kunst wie das der alten Schriftsteller gibt uns einen gewissen Halt, eine Befriedigung in uns selbst; indem sie unser Inneres mit großen Gegenständen und Gesinnungen füllt, bemächtigt sie sich aller Wünsche, die nach außen streben und hegt jedes würdige Verlangen in unserem stillen Busen. Die höchste Aufgabe einer jeden Kunst ist, durch den Schein die Täuschung einer höheren Wirklichkeit zu geben. Ein falsches Bestreben aber ist, den Schein so lange zu verwirklichen, bis endlich nur ein gemeines Wirkliches übrig bleibt. Der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst. Man wird zwar nicht leugnen, daß das Genie, das ausgebildete Kunsttalent, durch Behandlung aus allem alles machen und den widerspenstigsten Stoff bezwingen könne. Genau besehen entsteht aber alsdann immer mehr ein Kunststück als ein Kunstwerk, welches auf einem würdigen Gegenstand ruhen soll, damit uns zuletzt die Behandlung durch Geschick, Mühe und Fleiß die Würde des Stoffes nur desto glücklicher und herrlicher entgegenbringe. Vollendung des Kunstwerks in sich selbst ist die ewige, unerläßliche Forderung. Aristoteles, der das Vollkommene vor sich hatte, sollte an Effekt gedacht haben – welch ein Jammer! Natur und Kunst sind zu groß, um auf Zwecke loszugehen; Bezüge gibt's überall, und Bezüge sind das Leben. Jedes künstlerisch Hervorgebrachte versetzt uns in die Stimmung, in welcher sich der Verfasser befand. War sie heiter und leicht, so werden wir uns frei fühlen, war sie beschränkt, sorglich und bedenklich, so zieht sie uns gleichmäßig in die Enge. Auffassung und Darstellung des Besonderen ist das eigentliche Leben der Kunst. Solange man sich im Allgemeinen hält, kann es uns jeder nachmachen, aber das Besondere macht uns niemand nach. Warum? Weil es die anderen nicht erlebt haben. Die Kunst ruht auf einer Art religiösem Sinn, auf einem tiefen, unerschütterlichen Ernst, deswegen sie sich auch so gern mit der Religion vereinigt. Die Religion bedarf keines Kunstsinnes. Sie ruht auf ihrem eigenen Ernst, sie verleiht aber auch keinen, sowenig sie Geschmack gibt. Der Glaube hat die Künste wieder hervorgehoben, der Aberglaube hingegen ist Herr über sie geworden und hat sie abermals zugrunde gerichtet. Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide gehören wie alles Hohe, Gute der ganzen Welt an und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden in steter Rücksicht auf das, was uns vom Vergangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden. Man muß etwas sein, um etwas zu machen. Man muß gleich den Griechen mit persönlicher Großheit sich an die Natur wenden. Allen andern Künsten muß man etwas vorgeben, der griechischen allein bleibt man ewig Schuldner. Das schlechteste Bild kann zur Empfindung und zur Einbildungskraft sprechen, indem es sie in Bewegung setzt, los und frei macht und sich selbst überläßt; das beste Kunstwerk spricht auch zur Empfindung, aber eine höhere Sprache, die man freilich verstehen muß; es fesselt die Gefühle und die Einbildungskraft, es nimmt uns unsere Willkür, wir können mit dem Vollkommenen nicht schalten und walten, wie wir wollen, wir sind genötigt, uns ihm hinzugeben, um uns selbst, von ihm erhöht und verbessert, wieder zu erhalten. Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr, je älter sie ist, je gewöhnter man sie ist, desto mehr wirkt sie. Die unwiderstehliche Begierde nach unmittelbarem Anschauen, die in dem Menschen durch Nachrichten von entfernten Gegenständen erregt wird, das Bedürfnis, allem demjenigen, was wir geistigerweise gewahr werden, auch ein sinnliches Bild unterzulegen, sind ein Beweis der Tüchtigkeit unserer Natur, die das Einseitige flieht und immerfort das Innere durchs Äußere, das Äußere durchs Innere zu ergänzen strebt. Das Erhabene gibt der Seele die schöne Ruhe, sie wird ganz dadurch ausgefüllt, fühlt sich so groß als sie sein kann. Wie herrlich ist ein solches reines Gefühl, wenn es bis gegen den Rand steigt, ohne überzulaufen. Wenn wir einen solchen Gegenstand zum erstenmal erblicken, so weitet sich die ungewohnte Seele erst aus, und es macht dies ein schmerzlich Vergnügen, eine Überfülle, die die Seele bewegt und uns wollüstige Tränen ablockt. Durch diese Operation wird die Seele in sich größer, ohne es zu wissen und ist jener ersten Empfindung nicht mehr fähig. Der Mensch glaubt verloren zu haben, er hat aber gewonnen. Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muß das Handwerk vorausgehen, welches nur in der Beschränkung erworben wird. Eines recht wissen und ausüben, gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen. Wer aufhört, mit den Meistern seiner Kunst zu konversieren, der kommt nicht vorwärts und ist immer in Gefahr zurückzuschwanken. Wie oft sehe ich Talente, die sich gebärden wie die Wespe an der Fensterscheibe; sie möchten das Undurchdringliche mit dem Kopfe durchbohren. Das ginge, denken sie, weil es durchsichtig ist. Soll das Ungeheuere, wenn es uns als Masse entgegentritt, nicht erschrecken, soll es nicht verwirren, wenn wir sein Einzelnes zu erforschen suchen, so muß es eine natürliche, scheinbar unmögliche Verbindung eingehen, es muß sich das Angenehme zugesellen. Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden müßte; sie ist ganz Form und Gehalt und erhöht und veredelt alles, was sie ausdrückt. Die Musik ist heilig oder profan. Das Heilige ist ihrer Würde ganz gemäß, und hier hat sie die größte Wirkung aufs Leben, welche sich durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt. Die profane sollte durchaus heiter sein. Die Heiligkeit der Kirchenmusik, das Heitere und Neckische der Volksmelodien sind die beiden Angeln, um die sich die wahre Musik dreht. Auf diesen beiden Punkten beweist sie jederzeit eine unausbleibliche Wirkung: Andacht oder Tanz. Die Vermischung macht irre, die Verschwächung wird fade, und will die Musik sich an Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden, so wird sie kalt. Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer höchsten Stufe, alles Mittlere kann wohl aus mehr denn einer Ursache imponieren, aber alle mittleren Kunstwerke dieser Art machen mehr irre, als daß sie erfreuen. Die Bildhauerkunst muß sich daher noch ein stoffartiges Interesse suchen, und das findet sie in den Bildnissen bedeutender Menschen. Aber auch hier muß sie schon einen hohen Grad erreichen, wenn sie zugleich wahr und würdig sein will. Wenn der Smaragd durch seine herrliche Farbe dem Gesicht wohltut, ja sogar einige Heilkraft an diesem edlen Sinn ausübt, so wirkt die menschliche Schönheit noch mit weit größerer Gewalt auf den äußeren und inneren Sinn. Wer sie erblickt, den kann nichts übles anwehen, er fühlt sich mit sich selbst und mit der Welt in Übereinstimmung. Die wahre Poesie kündet sich dadurch an, daß sie, als ein weltliches Evangelium, durch innere Heiterkeit, durch äußeres Behagen uns von den irdischen Lasten zu befreien weiß, die auf uns drücken. Wie ein Luftballon hebt sie uns mit dem Ballast, der uns anhängt, in höhere Regionen und läßt die Verwirrten Irrgänge der Erde in Vogelperspektive vor uns entwickelt daliegen. Die heitersten wie die ernstesten Werke haben den gleichen Zweck, durch eine glückliche, geistreiche Darstellung sowohl Lust als Schmerz zu mäßigen. Die Besonnenheit des Dichters bezieht sich eigentlich auf die Form, den Stoff gibt ihm die Welt nur allzu freigebig, der Gehalt entspringt freiwillig aus der Fülle seines Innern, bewußtlos begegnen beide einander, und zuletzt weiß man nicht, wem eigentlich der Reichtum angehört. Aber die Form, ob sie schon vorzüglich im Genie liegt, will erkannt, will bedacht sein, und hier wird Besonnenheit gefordert, daß Form, Stoff und Gehalt sich zueinander schicken, sich einander durchdringen. Der Humor ist eins der Elemente des Genies, aber sobald er vorwaltet, nur ein Surrogat desselben; er begleitet die abnehmende Kunst, zerstört, vernichtet sie zuletzt. Der Dichter steht viel zu hoch, als daß er Partei machen sollte. Heiterkeit und Bewußtsein sind die schönen Gaben, für die er dem Schöpfer dankt. Bewußtsein, daß er vor dem Furchtbaren nicht erschrecke, Heiterkeit, daß er alles erfreulich darzustellen wisse. Die Einbildungskraft in ihrer ausgedehnten Beweglichkeit scheint zwar kein Gesetz zu haben, vielmehr wie ein wacher Traum hin und her zu schwanken, aber genau besehen, wird sie auf mannigfache Weise geregelt, durch Gefühl, durch sittliche Forderungen, durch Bedürfnis des Hörers, am glücklichsten aber durch den Geschmack, wobei die Vernunft ihre edlen Gerechtsame leitend ausübt. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlichsten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für einen Mann stehen. Könige sind darzustellen im Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und teilen und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Teilnahme derselben entziehen. In diesem Sinne muß jede Nation, wenn sie für irgend etwas gelten will, eine Epopäe besitzen, wozu nicht gerade die epische Form nötig ist. Übersetzer sind als geschäftige Kuppler anzusehen, die uns eine halbverschleierte Schöne als höchst liebenswürdig anpreisen; sie erregen eine unwiderstehliche Neigung nach dem Original. Der rohe Mensch ist zufrieden, wenn er nur etwas vorgehen sieht, der gebildete will empfinden, und Nachdenken ist nur dem ganz ausgebildeten angenehm. Nur diejenige Erzählung verdient moralisch genannt zu werden, die uns zeigt, daß der Mensch in sich eine Kraft habe, aus Überzeugung eines Besseren selbst gegen seine Neigung zu handeln. Der große Reiz, den das Theater für jeden Zuschauer hat, zeigt sich auch darin, daß es so manchen produktiv zu machen scheint, der eigentlich dafür gar kein Talent hat. In jeder Nation strebt eine unverhältnismäßige Anzahl Menschen nach dem Glück, sich selbst von dem Theater herunter wieder zu hören, und es ist niemand zu verargen, wenn man zu dieser inneren Behaglichkeit noch die äußeren Vorteile eines schnellen, allgemeinen, günstigen Bekanntwerdens hinzurechnet. Lebendiges Gefühl der Zustände und Fähigkeit, es auszudrücken, macht den Poeten. Historische Stoffe sind mit der Wahrheit ihres Details dem dramatischen Dichter das größte Hindernis. Das einzelne Schöne, historisch Wahre macht einen Teil eines ungeheuren Ganzen, zu dem es völlig proportioniert ist. Das historisch Wahre in einem beschränkten Gedicht läßt sich nur durch große Kraft des Genies und Talents dergestalt beherrschen und bearbeiten, daß es nicht dem engeren Ganzen, das in seiner Sphäre eine ganz andere Art von Unähnlichung verlangt, als störend erscheine. Es gibt in der Literatur wie in der Gesellschaft solche kleine, wunderliche, purzliche Figuren, die mit einem gewissen Talent begabt, sehr zu- und vordringlich sind und, indem sie leicht von jedem übersehen werden, Gelegenheit zu allerlei Unterhaltung gewähren. Indessen gewinnen diese Personen noch immer genug dabei, sie leben, wirken, werden genannt, und es fehlt ihnen nicht an guter Aufnahme. Was ihnen mißglückt, bringt sie nicht aus der Fassung, sie sehen es als einen einzelnen Fall an und hoffen von der Zukunft die besten Erfolge. Ein ausgesprochenes Wort tritt in den Kreis der übrigen, notwendig wirkenden Naturkräfte mit ein. Es wirkt um so lebhafter, als in dem engen Räume, in welchem die Menschheit sich ergeht, die nämlichen Bedürfnisse, die nämlichen Forderungen immer wiederkehren. Gewisse Bücher scheinen geschrieben zu sein, nicht, damit man daraus lerne, sondern damit man wisse, daß der Verfasser etwas gewußt hat. Derjenige, der aus Mangel von Sinn oder Gewissen das Vortreffliche herunterzieht, ist nur allzu geneigt, das Gemeine, das ihm selbst am nächsten liegt, heraufzuheben und sich dadurch ein schönes mittleres Element zu bereiten, auf welchem er als Herrscher behaglich walten könne. Dergleichen Niveleurs befinden sich besonders in Literaturen, die in Gärung sind, und bei gutmütigen, auf Mäßigkeit und Billigkeit durchaus mehr als auf das Vortreffliche in Künsten und Wissenschaften gerichteten Nationen haben sie starken Einfluß. Es ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge, wenn man ihnen die Empfindungen erregt, die sie haben wollen und nicht, die sie haben sollen. Das Publikum lernt niemals begreifen, daß der wahre Poet doch nur als verkappter Bußprediger das Verderbliche der Tat, das Gefährliche der Gesinnung an den Folgen nachzuweisen trachtet. Doch dieses zu gewahren, wird eine höhere Kultur erfordert, als sie gewöhnlich zu erwarten steht. Wer nicht seinen eigenen Beichtvater macht, kann diese Art Bußpredigt nicht vernehmen. Wer einem Autor Dunkelheit vorwerfen will, sollte erst sein eigenes Innere beschauen, ob es denn da auch recht hell ist. In der Dämmerung wird eine sehr deutliche Schrift unlesbar. Ein großes Publikum verdient, daß man es achte, daß man es nicht wie Kinder, denen man das Geld abnehmen will, behandle. Man bringe ihm nach und nach durch das Gute Gefühl und Geschmack für das Gute bei, und es wird sein Geld mit doppeltem Vergnügen einlegen, weil ihm der Verstand, ja die Vernunft selbst, bei dieser Ausgabe nichts vorzuwerfen hat. Man kann ihm schmeicheln wie einem geliebten Kinde, schmeicheln, um es zu bessern, um es künftig aufzuklären; nicht wie einem Vornehmen und Reichen, um den Irrtum, den man nutzt, zu verewigen. Man kann dem Publikum keine größere Achtung bezeigen, als indem man es nicht wie Pöbel behandelt. Der Pöbel drängt sich unvorbereitet zum Schauspielhause, er verlangt, was ihm unmittelbar genießbar ist, er will schauen, staunen, lachen, weinen und nötigt daher die Direktionen, welche von ihm abhängen, sich mehr oder weniger zu ihm herabzulassen und von einer Seite das Theater zu überspannen, von der anderen aufzulösen. Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann, ist, daß er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst auf der jedesmaligen Stufe eigner und fremder Bildung für recht und nützlich hält. Wer das Allgemeine zugrunde legt, wird sich nicht leicht einer Anzahl wünschenswerter Schüler zu freuen haben, das Besondere zieht die Menschen hingegen an und mit Recht, denn das Leben ist aufs Besondere angewiesen, und gar viele Menschen können im einzelnen ihr Leben fortsetzen. ohne daß sie nötig hätten, weiter zu gehen als bis dahin, wo der Menschenverstand ihren fünf Sinnen zu Hilfe kommt. Ein geistreicher Franzose hat schon gesagt, wenn irgendein guter Kopf die Aufmerksamkeit des Publikums durch ein verdienstliches Werk auf sich gezogen hat, so tut man das Möglichste, um zu verhindern, daß er jemals dergleichen wieder hervorbringt. Es ist so wahr, irgend etwas Gutes, Geistreiches wird in stiller, abgesonderter Jugend hervorgebracht, der Beifall wird erworben, aber die Unabhängigkeit verloren, man zerrt das konzentrierte Talent in die Zerstreuung, weil man denkt, man könne von seiner Persönlichkeit etwas abzupfen und sich zueignen. Wie ein Schriftsteller sich ankündigt, fährt er meistenteils fort, und bei mittleren Talenten sind oft im ersten Werke alle die übrigen enthalten. Denn der Mensch, der in sich selbst eins und rund ist, kann auch in seinen Werken nur einen gewissen Kreis durchlaufen. Das Publikum hat eine eigene Art, gegen öffentliche Menschen von anerkanntem Verdienste zu verfahren, es fängt noch und nach an, gleichgültig gegen sie zu werden, begünstigt viel geringere, aber neu erscheinende Talente, es macht an jene übertriebene Forderungen und laßt sich von diesen alles gefallen. Wenn durch die Gunst der Menge oder der Großen ein mittelmäßiges Talent zu Glück und Ehren gelangt, so entsteht eine wunderbare Bewegung unter seinesgleichen. Alles, was sich ihm ähnlich fühlt, wird durch die Hoffnung belebt, daß nun gleichfalls die Reihe an andere ehrliche Leute, die doch eben auch nicht für ganz verdienstlos zu halten seien, endlich kommen müsse und solle. Doch auch hier wie überall behauptet das Glück sein Majestätsrecht und nimmt sich der Mittelmäßigen so wenig als der Trefflichen an, als wenn es ihm nun gerade einmal beliebt. Das Genie übt eine Art Ubiquität aus, ins Allgemeine vor, ins Besondere nach der Erfahrung. Alles Vortreffliche beschränkt für uns einen Augenblick, in dem wir uns demselben nicht gewachsen fühlen; nur insofern wir es nachher in unsere Kultur aufnehmen, es unseren Geist- und Gemütskräften aneignen, wird es uns lieb und wert. Lebhaft vordringende Geister begnügen sich nicht mit dem Genüsse, sie verlangen Kenntnis. Diese treibt sie zur Selbsttätigkeit, und wie es ihr nun auch gelingen möge, so fühlt man zuletzt, daß man nichts richtig beurteilt, als was man selbst hervorbringen kann. Doch hierüber kommt der Mensch nicht leicht ins klare, und daraus entstehen gewisse falsche Bestrebungen, welche um so ängstlicher werden, je redlicher und reiner die Absicht ist. Es ist so schwer, ein großes Talent zu fassen, geschweige denn zwei zugleich. Wir erleichtern uns dies durch Parteilichkeit, weshalb dann die Schätzung von Künstlern und Schriftstellern immer schwankt und einer oder der andere immer ausschließlich den Tag beherrscht. Eigentlich lernen wir nur von Büchern, die wir nicht beurteilen können. Der Autor eines Buches, das wir beurteilen könnten, müßte von uns lernen. Gehalt ohne Methode führt zur Schwärmerei, Methode ohne Gehalt zum leeren Klügeln; Stoff ohne Form zum beschwerlichen Wissen, Form ohne Stoff zu einem hohlen Wähnen. Man mag zugunsten einer schriftlichen und mündlichen Überlieferung sagen, was man will, in den wenigsten Fällen ist sie hinreichend; denn den eigentlichen Charakter irgendeines Wesens kann sie doch nicht mitteilen, selbst nicht in geistigen Dingen. Hat man aber erst einen sicheren Blick getan, dann mag man gern lesen und hören, denn das schließt sich an den lebendigen Eindruck, nun kann man denken und beurteilen. Philosophie, wenn sie fürs Leben Bedeutsamkeit gewinnen will, muß geliebt und gelebt werden. Jedes Wissen fordert ein zweites, ein drittes und immer so fort, wir mögen den Baum in seinen Wurzeln oder in seinen Ästen und Zweigen verfolgen, eins ergibt sich immer aus dem andern, und je lebendiger irgendein Wissen in uns wird, desto mehr sehen wir uns getrieben, es in seinem Zusammenhang auf- und abwärts zu verfolgen. Man sagt von dem menschlichen Herzen, es sei ein trotziges und verzagtes Wesen. Von dem menschlichen Geiste darf man wohl Ähnliches prädizieren. Er ist ungeduldig und anmaßlich und zugleich unsicher und zaghaft. Er strebt nach Erfahrung und in ihr nach einer erweiterten reineren Tätigkeit, und dann bebt er wieder davor zurück, und zwar nicht mit Unrecht. Wie er vorschreitet, fühlt er immer mehr, wie er bedingt sei, daß er verlieren müsse, indem er gewinnt, denn ans Wahre wie ans Falsche sind notwendige Bedingungen des Daseins gebunden. Wer sich in ein Wissen einlassen soll, muß betrogen werden oder sich selbst betrügen, wenn nicht äußere Nötigung ihn bestimmt. Wer würde Arzt werden, wenn er alle Unbilden auf einmal vor sich sähe, die seiner warten? Eine Wissenschaft ist, wie jede menschliche Anstalt und Einrichtung, eine ungeheuere Kontignation von Wahrem und Falschem, von Freiwilligem und Notwendigem, von Gesundem und Krankhaftem; alles, was wir tagtäglich gewahr werden, dürfen wir am Ende doch nur als Symptome ansehen, die, wenn wir uns wahrhaft ausbilden wollen, auf ihre physiologischen und pathologischen Prinzipe zurückzuführen sind. Des Denkers einziges Besitztum sind die Gedanken, die aus ihm selbst entspringen, und wie ein jedes Aperçu, das uns angehört, in unserer Natur ein besonderes Wohlbefinden verbreitet, so ist auch der Wunsch ganz natürlich, daß es andere als das unserige anerkennen, indem wir dadurch erst etwas zu werden scheinen. Daher werden die Streitigkeiten über die Priorität einer Entdeckung so lebhaft; recht genau besehen, sind es Streitigkeiten um die Existenz selbst. Jeder Mensch muß nach seiner Weise denken, denn er findet auf seinem Weg immer ein Wahres oder eine Art von Wahrem, die ihm durchs Leben hilft; nur darf er sich nicht gehen lassen, er muß sich kontrollieren; der bloße nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen. Die Natur hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen. Der Verstand reicht zu ihr nicht hinauf, der Mensch muß fähig sein, sich zur höchsten Vernunft zu erheben, um an die Gottheit zu rühren, die sich in Urphänomenen, physischen wie sittlichen, offenbart. Die Gottheit aber ist wirksam im Lebendigen, aber nicht im Toten, im Werdenden, aber nicht im Gewordenen. Der Verstand nutze das Erstarrte. Eine jede Theorie, sie sei von welcher Art sie wolle, setzt eine Unterlage voraus, irgend etwas in der Erfahrung Gegebenes, welches man sich so gut als möglich zurechtlegen möchte. Von Aristoteles bis auf Kant muß man erst wissen, was diesen außerordentlichen Menschen zu schaffen machte, ehe man nur einigermaßen begreift, warum sie sich so viel Mühe gegeben. Es bleibt entschieden wahr, was ich recht weiß, weiß ich eigentlich nur mir selbst; wie ich damit hervortrete, rückt mir sogleich Bedingung, Widerspruch, Verwirrung auf den Hals. Das Sicherste bleibt, daß wir alles, was in und an uns ist, in Tat zu verwandeln suchen, darüber mögen dann die anderen, wie sie wollen und können, reden und verhandeln. Alles Opponieren geht aufs Negative hinaus, und das Negative ist nichts. Wenn ich das Schlechte schlecht nenne, was ist da viel gewonnen? Nenne ich aber das Gute schlecht, so ist viel geschadet. Wer recht wirken will, muß nie schelten, sich ums Verkehrte gar nicht bekümmern, sondern nur immer das Gute tun. Denn es kommt nicht darauf an, daß eingerissen, sondern daß etwas aufgebaut werde, woran die Menschheit reine Freude empfindet. Jeder Forscher muß sich durchaus ansehen als einer, der zu einer Jury berufen ist. Er hat nur darauf zu achten, inwiefern der Vortrag vollständig sei und durch klare Belege auseinandergesetzt. Er faßt hiernach seine Überzeugung zusammen und gibt seine Stimme, es sei nun, daß seine Meinung mit der des Referenten übereintreffe oder nicht. Dabei bleibt er ebenso beruhigt, wenn ihm die Majorität beistimmt, als wenn er sich in der Minorität befindet; denn er hat das Seinige getan, er hat seine Überzeugung ausgesprochen, er ist nicht Herr über die Geister noch über die Gemüter. Die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der Religion, alles zeigt, daß die Meinungen massenweise sich verbreiten, immer aber diejenige den Vorrang gewinnt, welche faßlicher, d. h. dem menschlichen Geiste in seinem gemeinen Zustand gemäß und bequem ist. Ja derjenige, der sich in höherem Sinne ausgebildet, kann immer voraussetzen, daß er die Majorität gegen sich habe. Wer streiten will, muß sich hüten, bei dieser Gelegenheit Sachen zu sagen, die ihm niemand streitig macht. Wer Maximen bestreiten will, sollte fähig sein, sie recht klar aufzustellen und innerhalb dieser Klarheit zu kämpfen, damit er nicht in den Fall gerate, mit selbstgeschaffenen Luftbildern zu fechten. Die Dunkelheit gewisser Maximen ist nur relativ. Nicht alles ist dem Hörenden deutlich zu machen, was dem Ausübenden einleuchtet. Nichts ist widerwärtiger als die Majorität, denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkomodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will. Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheuere, deswegen suchen wir alle nur blinzelnd so daran vorbeizukommen, in Furcht sogar, uns zu verbrennen. Es ist so gewiß als wunderbar, daß Wahrheit und Irrtum aus einer Quelle entstehen; deswegen man oft dem Irrtum nicht schaden darf, weil man zugleich der Wahrheit schadet. Der Irrtum verhält sich gegen das Wahre wie der Schlaf gegen das Wachen; ich habe bemerkt, daß man aus dem Irren sich wie erquickt wieder zu dem Wahren hinwendet. Die Wahrheit widerspricht unserer Natur, der Irrtum nicht, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde: die Wahrheit fordert, daß wir uns für beschränkt erkennen sollen, der Irrtum schmeichelt uns, wir seien auf eine oder die andere Weise unbegrenzt. Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muß nur versuchen, es noch einmal zu denken. Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir ist. Großen Dank verdient die Natur, daß sie in die Existenz jedes lebenden Wesens auch so viel Heilungskraft gelegt hat, daß es sich, an einem oder dem andern Ende zerrissen, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind die tausendfältigen Religionen als tausendfaltige Äußerungen dieser Heilungskraft? Mein Pflaster schlägt bei dir nicht an, deines nicht bei mir, in unseres Vaters Apotheke sind viel Rezepte. Keine Umgebung, selbst die gemeinste nicht, soll in uns das Gefühl des Göttlichen stören, das uns überall hin begleiten und jede Stätte zu einem Tempel einweihen kann. Ich mag gern einen Hausgottesdienst in dem Saale gehalten sehen, wo man zu speisen, sich gesellig zu versammeln, mit Spiel und Tanz zu ergötzen pflegt. Das Höchste, das Vorzüglichste am Menschen ist gestaltlos, und man soll sich hüten, es anders als in edler Tat zu gestalten. Von drückenden Pflichten kann uns nur die gewissenhafteste Ausübung befreien, und was gar nicht aufzulösen ist, überlassen wir zuletzt Gott als dem allbedingenden und allbefreienden Wesen. Jedes Bedürfnis, dessen wirkliche Befriedigung versagt ist, nötigt zum Glauben. Der Mensch wäre nicht der Vornehmste auf der Erde, wenn er nicht zu vornehm für sie wäre. Müsse der trostlos umkommen, der eines Kranken spottet, der nach der entferntesten Quelle reist, die seine Krankheit vermehren, sein Aussehen schmerzhafter machen wird, der sich über das bedrängte Herz erhebt, das, um seine Gewissensbisse loszuwerden und die Leiden seiner Seele abzutun, eine Pilgrimfahrt nach dem Heiligen Grabe tut. Jeder Fußtritt, der seine Sohlen auf ungebahntem Wege durchschneidet, ist ein Linderungstropfen der geängsteten Seele, und mit jeder ausgedauerten Tagereise legt sich das Herz um viele Bedrängnisse leichter nieder. In der Reihe so mannigfacher Produkte ist der Mensch gleichsam das erste Gespräch, das die Natur mit Gott hatte. Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der Tätigkeit; denn wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinem Geiste nicht ferner auszuhalten vermag. Wir wollen der Hausfrömmigkeit das gebührende Lob nicht entziehen; auf ihr gründet sich die Sicherheit des einzelnen, worauf zuletzt auch die Festigkeit und Würde beruhen mag; aber sie reicht nicht mehr hin; wir müssen den Begriff einer Weltfrömmigkeit fassen, unsere redlich menschlichen Gesinnungen in einem praktischen Bezug ins Weite setzen und nicht nur unsere Nächsten fördern, sondern zugleich die ganze Menschheit mitnehmen. Daß der Mensch ins Unvermeidliche sich füge, darauf dringen alle Religionen, jede sucht auf ihre Weise mit dieser Aufgabe fertig zu werden. Die christliche hilft durch Glaube, Liebe, Hoffnung gar anmutig nach; daraus entsteht dann die Geduld, ein süßes Gefühl, welch eine schätzbare Gabe das Dasein bleibe, auch wenn ihm anstatt des gewünschten Genusses das widerwärtigste Leiden aufgebürdet wird. Toleranz sollte eigentlich nur die vorübergehende Gesinnung sein; sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen. So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischt, so erfrischt das Gebet die Hoffnungen des Herzens. Ein reines Herz und große Gedanken, das ist es, was wir uns von den Göttern erbitten sollten. Sei beständig, und was einmal göttlicher Beschluß in dir bedungen, daran setze alle Kräfte, daß du es zur Reife bringst. Wenn die Früchte auch nicht derart ausfallen, wie du sie erwartest, so sind es doch immer Früchte höherer Empfindung, und die allseitig erzeugende, lebennährende Natur kann und soll von der ewigen, göttlichen Kraft der Liebe noch übertroffen werden. Vollkommenheit ist die Norm des Himmels, vollkommenes Wollen die Norm des Menschen Schiller Ein Held und Heiliger starb, Uns im Leben und Tod ein Beispiel trefflichen Mutes. Goethe Ein Werk von Ihnen wirkte mehr auf mich als die wiederholten Ermahnungen und Belehrungen anderer. Es zündete tausend andere Funken in mir und ward mir nützlicher und hilfreicher zu meiner Bildung und Denkungsart als die gründlichsten Deduktionen und Beweisgründe. Novalis (an Schiller) Dieser heilige Mann! Immer hat das Schicksal ihm geflucht, und immer hat Schiller gesegnet. Hebbel Der Zug nach Größe hat ihn gehoben und ist in jedem seiner Worte lebendig geworden; denn jedes trägt den unnachahmlichen Stempel der Größe. Kuno Fischer Der Schlaf versiegelt gleichsam das Auge des Kummers, nimmt dem Fürsten und Staatsmann die schwere Bürde der Regierung ab, gießt Lebenskraft in die Adern des Kranken und Ruhe in seine zerrissene Seele. Auch der Tagelöhner hört die Stimme des Drängers nicht mehr, und das mißhandelte Vieh entflieht den Tyranneien der Menschen. Alle Sorgen und Lasten der Geschöpfe begräbt der Schlaf, setzt alles ins Gleichgewicht, rüstet jeden mit neugeborenen Kräften aus, die Freuden und Leiden des kommenden Tages zu ertragen. Alle Anstalten, die wir in der sittlichen und körperlichen Welt zur Vollkommenheit des Menschen wahrnehmen, scheinen sich zuletzt in dem Elementarsatz zu vereinigen: Vollkommenheit des Menschen liegt in der Übung seiner Kräfte durch Betrachtung des Weltplans, und da zwischen dem Maße der Kraft und dem Zweck, auf den sie wirkt, die genaueste Harmonie sein muß, so wird Vollkommenheit in der höchstmöglichen Tätigkeit seiner Kräfte und ihrer wechselseitigen Unterordnung bestehen. Es ist dem Menschen einmal eigen, das Höchste und das Niedrigste in seiner Natur zu vereinigen, und wenn seine Würde auf einer strengen Unterscheidung des einen von dem anderen beruht, so beruht auf einer geschickten Aufhebung dieses Unterschiedes seine Glückseligkeit. Mögen noch so viele Eiferer und ungedungene Prediger der Wahrheit von ihren Wolken herunterrufen: Der Mensch neigt sich ursprünglich zum Verderblichen, ich glaube es nicht; ich denke vielmehr überzeugt zu sein, daß der Zustand des moralischen Übels im Gemüt eines Menschen ein schlechterdings gewaltsamer Zustand sei, welchen zu erreichen zuvörderst das Gleichgewicht der ganzen Organisation, wenn ich so sagen darf, aufgehoben sein muß, ehe die Natur einem Fieber oder Konvulsionen Raum gibt. Das moralische Wesen ist in sich selbst vollendet und beschlossen wie das, welches wir zum Unterschiede davon das organische nennen, beschlossen durch seine Moralität wie dieses durch seinen Bau, und diese Moralität ist eine Beziehung, die von dem, was außer ihm vorgeht, durchaus unabhängig ist. Ein reger Geist verschafft sich auf alle körperlichen Bewegungen Einfluß und kommt zuletzt mittelbar dahin, auch selbst die festen Formen der Natur, die dem Willen unerreichbar sind, durch die Macht des sympathetischen Spiels zu verändern. An einem solchen Menschen wird endlich alles Charakterzug, wie wir auch an manchen Köpfen finden, die ein langes Leben, außerordentliche Schicksale und ein tätiger Geist völlig durchgearbeitet haben. Der plastischen Natur gehört an solchen Formen nur das Generische, die ganze Individualität der Ausführung aber der Person an; daher sagt man sehr richtig, daß an einer solchen Gestalt alles Seele sei. Jeder individuelle Mensch, kann man sagen, trägt der Anlage und Bestimmung nach einen rein idealischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechslungen übereinzustimmen die große Aufgabe seines Daseins ist. Nur einem Herzen, welches alle Künstelei überhaupt und mithin auch da, wo sie nützt, verabscheut, erlauben wir, sich da, wo sie drückt und einschränkt, davon loszusprechen; nur einem Herzen, welches sich allen Fesseln der Natur unterwirft, erlauben wir, von den Freiheiten derselben Gebrauch zu machen. Nur dem schönen Herzen ist es verliehen, unabhängig von dem schönen Gegenstand seines Wirkens in jeder seiner Äußerung ein vollendetes Bild von sich selbst abzuprägen. Der erhabene Charakter kann sich nur in einzelnen Siegen über den Widerstand der Sinne, nur in gewissen Momenten des Schwunges und einer augenblicklichen Anstrengung kundtun; in der schönen Seele hingegen wirkt das Ideale der Natur, also gleichförmig und kann mithin auch in einem Zustand der Ruhe sich zeigen. Das tiefe Meer scheint am erhabensten in seiner Bewegung, der klare Bach am schönsten in seinem ruhigen Lauf. Alle Geister werden angezogen von Vollkommenheit, alle; es gibt hier Verirrungen, aber keine einzige Ausnahme; alle streben nach dem Zustande der höchsten freien Äußerung ihrer Kräfte; alle besitzen den gemeinschaftlichen Trieb, ihre Tätigkeit auszudehnen, alles an sich zu ziehen, in sich zu versammeln, sich eigen zu machen, was sie als gut, als vortrefflich, als reizend erkennen. Anschauung des Schönen, des Wahren, des Vortrefflichen ist augenblickliche Besitznahme dieser Eigenschaften. Welchen Zustand wir wahrnehmen, in diesen treten wir selbst. In dem Augenblick, wo wir sie uns denken, sind wir Eigentümer einer Tugend, Urheber einer Handlung, Erfindung einer Wahrheit, Inhaber einer Glückseligkeit, wir selber werden das empfundene Objekt. Der weltregierenden Macht ist kein einzelner Mann unersetzlich. Ein Gemüt, welches sich soweit veredelt hat, um mehr von den Formen als von dem Stoff der Dinge gerührt zu werden und ohne alle Rücksicht auf Besitz, aus der bloßen Reflexion über die Erscheinungsweise ein freies Wohlgefallen zu schöpfen, ein solches Gemüt trägt in sich selbst eine innere, unverlierbare Fülle des Lebens, und weil es nicht nötig hat, sich die Gegenstände zuzueignen, in denen es lebt, so ist es auch nicht in Gefahr, derselben beraubt zu werden. Unser Gefühl für Natur gleicht der Empfindung des Kranken für die Gesundheit. Unsere Kindheit ist die einzige unverstümmelte Natur, die wir in der kultivierten Menschheit noch antreffen, daher es kein Wunder ist, wenn uns jede Fußtapfe der Natur außer uns auf unsere Kindheit zurückführt. Unter einem glücklichen Himmel in den einfachen Verhältnissen des ersten Standes, bei einem beschränkten Wissen wird die Natur leicht befriedigt, und der Mensch verwildert nicht eher, als bis das Bedürfnis ihn ängstigt. Alle Völker, die eine Geschichte haben, haben ein Paradies, einen Stand der Unschuld, ein goldenes Alter, ja jeder einzelne Mensch hat sein Paradies, dessen er sich, je nachdem er mehr oder weniger Poetisches in seiner Natur hat, mit mehr oder weniger Begeisterung erinnert. Im Gewebe unseres Lebens spielen Zufall und Plan eine gleichgroße Rolle; den letzten lenken wir, dem ersteren müssen wir uns blind unterwerfen. Gewinn genug, wenn unausbleibliche Verhängnisse uns nicht ganz ohne Fassung finden, wenn unser Mut, unsere Klugheit sich einst schon in Ähnlichem übte und unser Herz zu dem Schlage sich gehärtet hat. Soll ich darum das Veilchen unter die Füße treten, weil ich die Rose nicht erlangen kann? Oder soll ich diesen Maientag verlieren, weil ein Gewitter ihn verfinstern kann? Ich schöpfe Heiterkeit unter der wolkenlosen Bläue, die mir hernach seine stürmische Langeweile verkürzt. Soll ich die Blume nicht brechen, weil sie morgen nicht mehr riechen wird? Ich werfe sie weg, wenn sie welk ist und pflücke ihre junge Schwester, die schon reizend aus der Knospe bricht. Es gibt Augenblicke im Leben, wo wir aufgelegt sind, jede Blume und jedes entlegene Gestirn, jeden Wurm und jeden geahnten höheren Geist an den Busen zu drücken – ein Umarmen der ganzen Natur gleich unserer Geliebten. Der Mensch, der es so weit gebracht hat, alle Schönheit, Größe, Vortrefflichkeit im kleinen und großen der Natur aufzulesen und zu dieser Mannigfaltigkeit die große Einheit zu finden, ist der Gottheit schon sehr viel näher gerückt. Die ganze Schöpfung zerfließt in seine Persönlichkeit. Wenn jeder Mensch alle Menschen liebte, so besäße jeder einzelne die Welt. Es ist tragisch, wie ein schönes Gemüt oft durch die menschlichste Empfindung in ein unglückliches Verhältnis verwickelt wird, erhebend, wie sich da, wo man nur Verderbliches säte, ein schönes Leben bildet. Wie oft tut die Mäßigkeit eines Vaters, der längst nicht mehr ist, an einem genievollen Sohne Wunder, wie oft ward ein ganzes Leben vielleicht nur gelebt, um eine Grabschrift zu verdienen, die in die Seele eines späten Nachkömmlings einen Feuerstrahl werfen soll. Weil vor Jahrhunderten ein verscheuchter Vogel auf seinem Fluge einige Samenkörner da niederfallen ließ, blüht für ein landendes Volk auf einem Eilande eine Ernte, und ein moralischer Keim ging in einem so fruchtbaren Erdreich verloren. Hunderttausend arbeitsame Hände trugen die Steine zu den Pyramiden zusammen, aber nicht die Pyramide war ihr Lohn. Die Pyramide ergötzte das Auge der Könige, und die fleißigen Sklaven fand man mit dem Lebensunterhalt ab. Was ist man dem Arbeiter schuldig, wenn er nicht mehr arbeiten kann oder nichts mehr für ihn zu arbeiten sein wird? Was dem Menschen, wenn er nicht mehr zu brauchen ist? Es ist gar nichts Ungewöhnliches, daß man mit der Ausführung einer Sache anfängt und mit der Frage, ob sie denn auch wohl möglich sei, endigt. Es ist ja unser eigener Zustand, wenn wir einen fremden empfinden. Liebe, das schönste Phänomen in der beseelten Schöpfung, der allmächtige Magnet in der Geisterwelt, die Quelle der Andacht und der erhabensten Tugend, Liebe ist nur der Widerschein einer einzigen Kraft, eine Anziehung des Vortrefflichen, gegründet auf einem augenblicklichen Tausch der Persönlichkeit, eine Verwechslung der Wesen. Wenn ich hasse, so nehme ich mir etwas, wenn ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe. Verzeihung ist das Wiederfinden eines veräußerten Eigentums, Menschenhaß ein verlängerter Selbstmord, Egoismus die höchste Armut eines erschaffenen Wesens. Die Liebe allein ist eine freie Empfindung, denn ihre reine Quelle strömt hervor aus dem Sitz der Freiheit und unserer göttlichen Natur. Es ist hier nicht das Kleine und Niedrige, was sich mit dem Großen und Hohen mißt, nicht der Sinn, der an dem Vernunftgesetz schwindelnd hinaufsieht; es ist das absolut Große selbst, was in der Armut und Schönheit sich nachgeahmt und in der Sittlichkeit sich befriedigt findet; es ist der Gesetzgeber selbst, der Gott in uns, der mit seinem eigenen Bilde in der Sinnenwelt spielt. Ein Mädchen hat immer zwei Spiegel zugleich, den wahren und ihren Bewunderer. Die gefällige Geschmeidigkeit des letzteren macht die rauhe Offenherzigkeit des ersteren wieder gut. Der eine rügt die häßliche Blatternarbe. Weit gefehlt, sagt der andere, es ist ein Grübchen der Grazien. Ihr guten Kinder, glaubt jenem nur; was euch dieser gesagt hat, hüpft von einem zum andern, bis ihr zuletzt die Aussagen verwechselt. Nach nichts ringt die weibliche Gefallsucht so sehr als nach dem Schein des Naiven, Beweis genug, wenn man auch sonst keinen hätte, daß die größte Macht des Geschlechts auf dieser Eigenschaft beruht. Weil aber die herrschenden Grundsätze bei der weiblichen Erziehung mit diesem Charakter im ewigen Streit liegen, so ist es der Frau im Moralischen ebenso schwer als dem Mann im Intellektuellen, mit den Vorteilen der guten Erziehung jenes herrliche Geschenk der Natur unverloren zu behalten, und die Frau, die mit einem geschickten Betragen für die große Welt dieses Naive der Sitten verknüpft, ist ebenso hochachtungswürdig als der Gelehrte, der mit der ganzen Strenge der Schule genialische Freiheit des Denkens verbindet. Wir gelangen nur selten anders als durch Extreme zur Wahrheit; wir müssen den Irrtum und oft den Unsinn zuvor erschöpfen, ehe wir uns zu dem schönen Ziele der ruhigen Weisheit hinaufarbeiten. Noch so viele Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu sein, und wenn Sonne und Mond sich wandeln und Himmel und Erde veralten wie ein Kleid. Jede Fertigkeit der Vernunft, auch im Irrtum, vermehrt ihre Fertigkeit zur Empfängnis der Wahrheit. Wenn die Geschichte reich an Beispielen ist, daß man für Meinungen alles Irdische hintansetzen kann, wenn man dem grundlosesten Wahne die Kraft beilegt, die Gemüter der Menschen auf einen solchen Grad einzunehmen, daß sie allen Aufopferungen fähig gemacht werden, so wäre es sonderbar, der Wahrheit diese Kraft abzustreiten. Wer sich über die Wirklichkeit nicht hinauswagt, der wird nie die Wahrheit erobern. Die Vernunft hat geleistet, was sie leisten kann, wenn sie das Gesetz findet und aufstellt; vollstrecken muß es der mutige Wille und das lebendige Gefühl. Wenn die Wahrheit im Streite mit Kräften den Sieg erhalten soll, so muß sie selbst erst zur Kraft werden und zu ihrem Sachführer im Reich der Erscheinungen einen Trieb aufstellen; denn Triebe sind die einzigen bewegenden Kräfte in der empfindenden Welt. Hat sie bis jetzt ihre siegende Kraft noch so wenig erwiesen, so liegt dies nicht an dem Verstande, der sie nicht zu entschleiern wußte, sondern an dem Herzen, das sich ihr verschloß und an dem Triebe, der nicht für sie handelte. Der Geist besitzt nichts, als was er tut. Wie der Scheidekünstler. so findet auch der Philosoph nur durch Auflösung der Verbindung und nur durch die Marter der Kunst das Werk der freiwilligen Natur. Um die flüchtige Erscheinung zu haschen, muß er sie in die Fessel der Regel schlagen, ihren schönen Körper in Begriffe zerfleischen und in einem dürftigen Wortgerippe ihren lebendigen Geist aufbewahren. Ist es ein Wunder, wenn sich das natürliche Gefühl in einem solchen Abbild nicht wiederfindet und die Wahrheit in dem Berichte des Analysten als ein Paradoxon erscheint? Sobald es Licht wird in dem Menschen, ist auch außer ihm keine Nacht mehr; sobald es stille wird in ihm, legt sich auch der Sturm in dem Weltall, und die streitenden Kräfte der Natur finden Ruhe zwischen bleibenden Grenzen. Größe für sich allein kann wohl Bewunderung und Schrecken, aber nur die legale Größe Ehrfurcht und Unterwerfung erzwingen. Es ist ein gewöhnliches Vorurteil, die Größe des Menschen nach dem Stoffe zu schätzen, womit er sich beschäftigt, nicht nach der Art, wie er ihn bearbeitet. Aber ein höheres Wesen ehrt gewiß das Gepräge der Vollendung auch in der kleinsten Sphäre, wenn es dagegen auf die eitlen Versuche, mit Insektenblicken das Weltall zu überschauen, mitleidig herabsieht. Wer etwas Großes leisten will, muß tief eindringen, scharf unterscheiden, vielseitig verbinden und standhaft beharren. Selbst der Künstler und Dichter, obgleich beide nur für das Wohlgefallen bei der Betrachtung arbeiten, können nur durch ein anstrengendes und nichts weniger als reizendes Studium dahin gelangen, daß ihre Werke uns spielend ergötzen. Jeden, ohne Unterschied, reizt der nahe Gewinn, aber nur große Seelen wird das entfernte Gut bewegen. Es gilt die Maxime, da, wo der natürliche Lauf der Dinge zu einem vollkommenen Erklärungsgrunde hinreicht, die Würde der menschlichen Natur durch keine moralische Beschuldigung zu entehren. Ein Mensch, dessen Verstandeskräfte in einem hohen Grade tätig sind, wird ebenso gewiß auch ein vortreffliches Herz besitzen, als er das, was er an sich selbst liebt, an einem anderen nicht hassen kann. Wenn die Erfahrung dagegen zu streiten scheint, so hat man entweder zu freigebig von seinem Verstande oder von moralischer Güte zu eingeschränkt geurteilt. Ein großer Geist mit einem empfindenden Herzen steht in der Ordnung der Wesen ebenso hoch über dem geistreichen Bösewicht, als der Dummkopf mit einem weichen, man sagt besser, weichlichen Herzen unter diesem steht. Gemein ist alles, was nicht zu dem Geiste spricht und kein anderes als ein sinnliches Interesse erregt. Es gibt zwar tausend Dinge, die schon durch ihren Stoff oder Inhalt gemein sind, aber weil das Gemeine des Stoffes durch die Behandlung veredelt werden kann, so ist in der Kunst nur vom Gemeinen in der Form die Rede. Ein gemeiner Kopf wird den edelsten Stoff durch eine gemeine Behandlung verunehren, ein großer Kopf und ein edler Geist hingegen werden selbst das Gemeine zu adeln wissen, und zwar dadurch, daß er es an etwas Geistiges anknüpft und eine große Seite daran entdeckt. Naiv muß jedes wahre Genie sein, oder es ist keines. Seine Naivetät allein macht es zum Genie, und was es im Intellektuellen und Ästhetischen ist, kann es im Moralischen nicht verleugnen. Unbekannt wie den Regeln, den Krücken der Schwachheit und den Zuchtmeistern der Verkehrtheit, bloß von der Natur oder dem Instinkt, seinem schützenden Engel geleitet, geht es ruhig und sicher durch alle Schlingen des falschen Geschmacks, in welchem, wenn es nicht so klug ist, sie schon von weitem zu vermeiden, das Nichtgenie unausbleiblich verstrickt wird. Nur dem Genie ist es gegeben, außerhalb des Bekannten noch immer zu Hause zu sein und die Natur zu erweitern, ohne über sie hinauszugehen. Zwar begegnet letzteres zuweilen auch den größten Genies, aber nur weil auch diese ihre phantastischen Augenblicke haben, wo die schützende Natur sie verläßt, weil die Macht des Beispiels sie hinreißt oder der verdorbene Geschmack ihrer Zeit sie verleitet. Der Mensch ist nicht dazu bestimmt, einzelne sittliche Handlungen zu verrichten, sondern ein sittliches Wesen zu sein. Nicht Tugenden, sondern die Tugend ist seine Vorschrift, und Tugend ist nichts anderes als eine Neigung zu der Pflicht. Der Widerstand allein kann die Kraft sichtbar machen. Aus diesem folgt, daß das höchste Bewußtsein unserer moralischen Natur nur in einem gewaltsamen Zustande, im Kampfe erhalten werden kann und daß das höchste moralische Vergnügen jederzeit von Schmerz begleitet sein wird. Die Tugend handelt groß um des Gesetzes willen, die Schwärmerei um ihres Ideales willen, die Liebe um des Gegenstandes willen. Aus der ersten Klasse wollen wir uns Gesetzgeber, Richter, Könige, aus der zweiten Helden, aber nur aus der dritten unseren Freund erwählen. Diese erste verehren, die zweite bewundern, die dritte lieben wir. Es ist was Gemeines, daß Menschen fallen und Paradiese verloren werden; aber wenn die Pest unter Engeln wütet, so rufe man Trauer aus durch die ganze Natur. Unterliegt nicht der bessere Mann, wenn man sich gegen ihn alles, selbst Treulosigkeiten erlaubt, welche sich zu denken er unfähig ist, mit größerem Ruhm, als wenn er solchen Schlingen entgangen wäre? Laßt uns Vortrefflichkeit einsehen, so wird sie unser. Laßt uns vertraut werden mit der hohen idealischen Einheit, so werden wir uns mit Bruderliebe anschließen aneinander. Laßt uns Schönheit und Freude pflanzen, so ernten wir Schönheit und Freude. Laßt uns hell denken, so werden wir feurig lieben. Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist, sagt der Stifter unseres Glaubens. Die schwache Menschheit erblaßte bei diesem Gebote; darum erklärte er sich deutlicher: Liebet euch untereinander. Jedem Verdienst ist eine Bahn zur Unsterblichkeit aufgetan, zu der wahren Unsterblichkeit meine ich, wo die Tat lebt und weiter eilt, wenn der Name ihres Urhebers hinter ihr zurückbleiben sollte. Erhabene Gesinnung ist das Los starker und philosophischer Gemüter, die durch fortgesetzte Arbeit an sich selbst den eigennützigen Trieb unterjochen gelernt haben. Auch der schmerzhafteste Verlust führt sie nicht über eine Wehmut hinaus, mit der sich noch immer ein merklicher Grad des Vergnügens gatten kann. Sie, die allein fähig sind, sich von sich selbst zu trennen, genießen allein das Vorrecht, an sich selbst teilzunehmen und eigenes Leiden in dem milden Widerschein der Sympathie zu empfinden. Was kümmert uns die Natur mit allen ihren Zwecken und Gesetzen, wenn sie durch ihre Zweckwidrigkeit eine Veranlassung wird, uns die moralische Zweckmäßigkeit in uns in ihrem vollsten Lichte zu zeigen? Die Erfahrung von der siegenden Macht des sittlichen Gesetzes, die wir bei diesem Anblick machen, ist ein so hohes, so wesentliches Gut, daß wir sogar versucht werden, uns mit dem Übel auszusöhnen, dem wir es zu verdanken haben. Übereinstimmung im Reich der Freiheit ergötzt uns unendlich mehr, als alle Widersprüche in der natürlichen Welt uns zu betrüben vermögen. Es ist keine Kunst, über Gefühle Meister zu werden, die nur die Oberfläche der Seele leicht und flüchtig bestreichen; aber in einem Sturme, der die ganze sinnliche Natur aufregt, seine Gemütsfreiheit zu erhalten, dazu gehört ein Vermögen des Widerstandes, das über alle Naturmacht unendlich erhaben ist. Nirgends, lehrt eine traurige Erfahrung, findet man die Leidenschaften und Laster der Menschen ausgelassener toben, nirgends mehr Elend wohnen als in den glücklichen Gegenden, welche die Natur zu Paradiesen bestimmte. Jedem, auch dem Lasterhaften, ist gewissermaßen der Stempel des göttlichen Ebenbildes aufgedrückt, und vielleicht hat der große Bösewicht keinen so weiten Weg zum großen Rechtschaffenen als der kleine; denn die Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die Fähigkeit, desto weiter und ungeheurer ihre Verwirrung, desto imputabler ihre Verfälschung. Es ist eine wahre Genugtuung in der historischen Beobachtung, daß gerade die entschiedensten Wegstücke des Lasters, wenngleich alle Verschlagenheit an ihnen sich müde gesonnen, die gereizteste Wildheit sie vollbracht und das furchtbarste Bollwerk gegen Verantwortlichkeit, der Thron selbst sie geschützt hatte, dennoch ihres Ziels verfehlt, oft die entgegengesetztesten Folgen herbeigezogen und den Tätern nichts als eine verdoppelte Verzweiflung des leeren Bestrebens und der nagenden Vorwürfe ihres inneren Richters bereitet haben. Gesetze drehen sich nur um verneinende Pflichten; Religion dehnt ihre Forderungen auf wirkliches Handeln aus. Gesetze hemmen nur Wirkungen, die den Zusammenhang der Gesellschaft auflösen, Religion befiehlt solche, die ihn inniger machen. Jene herrschen nur über die offenbaren Äußerungen des Willens, nur Taten sind ihnen Untertan; diese setzt ihre Gerichtsbarkeit bis in die verborgensten Winkel des Herzens fort und verfolgt den Gedanken bis an die innerste Quelle. Gesetze sind glatt und geschmeidig, wandelbar wie Laune und Leidenschaft, Religion bindet streng und ewig. Nur die unverletzbare Heiligkeit der Gesetze kann dem Bürger die Früchte seines Fleißes versichern und ihm jene Zuversicht einflößen, welche die Seele jeder Tätigkeit ist. Es ist ein charakteristischer Zug der vernünftigen Freiheitsliebe, daß sie Geist und Herz weiter macht und im Denken wie im Handeln ihre Sphäre ausbreitet. Gegründet auf ein lebhaftes Gefühl der menschlichen Würde, kann sie Rechte, die sie an sich selbst respektiert, an anderen nicht gleichgültig zu Boden treten sehen. Wenn die schimmernden Taten der Ruhmsucht und einer verderblichen Herrschbegierde auf unsere Bewunderung Anspruch machen, wieviel mehr eine Begebenheit, wo die bedrängte Menschheit um ihre edelsten Rechte ringt, wo mit der guten Sache ungewöhnliche Kräfte sich paaren und die Hilfsmittel entschlossener Verzweiflung über die furchtbaren Künste der Tyrannei im ungleichen Wettkampfe siegen. Bescheidenes Mißtrauen zu sich selbst ist zwar immer das Kennzeichen des wahren Talents, aber auch der Mut steht ihm gut an, und so schön es ist, wenn der Besieger des Python den furchtbaren Bogen mit der Leier vertauscht, so einen großen Anblick gibt es, wenn Achill im Kreise thessalischer Jungfrauen sich zum Helden aufrichtet. Zuversicht ist die Mutter großer Taten. Hätte Alexanders Ungestüm nicht am Granikus gesiegt, nimmer hatte dieser Eroberer das persische Reich zertrümmert. Kein Mensch muß müssen, sagte der Jude Nathan zum Derwisch, und dieses Wort ist in einem weiteren Umfange wahr, als man demselben vielleicht einräumen möchte. Der Wille ist der Geschlechtscharakter des Menschen, und die Vernunft selbst ist nur die ewige Regel desselben. Vernünftig handelt die ganze Natur; sein Prärogativ ist bloß, daß er mit Bewußtsein und Willen vernünftig handelt. Alle anderen Dinge müssen; der Mensch ist das Wesen, welches will. Die Kultur soll den Menschen in Freiheit setzen und ihm dazu behilflich sein, seinen ganzen Begriff zu erfüllen. Sie soll ihn also fähig machen, seinen Willen zu behaupten; denn der Mensch ist das Wesen, welches will. Der Wille des Menschen ist ein erhabener Begriff, auch dann, wenn man auf seinen moralischen Gebrauch nicht achtet. Schon der bloße Wille erhebt den Menschen über die Tierheit, der moralische erhebt ihn zur Gottheit. Er muß aber jene zuvor verlassen, ehe er sich dieser nähern kann; daher ist es kein geringer Schritt zur moralischen Freiheit des Willens, durch Brechung der Naturnotwendigkeit in sich auch in gleichgültigen Dingen den bloßen Willen zu üben. Nichts ist einem sittlichen Gemüt willkommener als nach einem langanhaltenden Zustand des bloßen Leidens aus der Dienstbarkeit der Sinne zur Selbsttätigkeit geweckt und in seine Freiheit wieder eingesetzt zu werden. Wir halten jeder Leidenschaft ihren eigenen Henker und haben täglich irgendein unglückliches Opfer derselben zu beweinen. Jede Tugend findet bei uns ihren Lobredner, und wir scheinen sie über ihrer Bewunderung zu vergessen. Mich deucht, es verhalte sich damit wie mit den unterirdischen Schätzen in den Gespenstermärchen. Beschreit den Geist nicht, ist die ewige Bedingung des Beschwörers. Mit Stillschweigen erhebt man das Gold; ein Laut über die Zunge, und hinunter sinkt zehntausend Klafter die Kiste. Solange die Weisheit bei ihrem Vorhaben auf Weisheit rechnet oder sich auf ihre eigenen Kräfte verläßt, entwirft sie keine andere als chimärische Pläne, und die Weisheit läuft Gefahr, sich zum Gelächter der Welt zu machen; aber ein glücklicher Erfolg ist ihr gewiß, und sie kann auf Beifall und Bewunderung zahlen, wenn sie in ihren geistreichen Plänen eine Rolle für Barbarei und Aberglaube hat und die Umstände ihr vergönnen, eigennützige Leidenschaften zu Vollstreckern ihrer schönsten Zwecke zu machen. Es ist ein Kennzeichen guter und schöner, aber jederzeit schwacher Seelen, immer ungeduldig auf Existenz ihrer moralischen Ideale zu dringen und von den Hindernissen derselben schmerzlich gerührt zu werden. Solche Menschen setzen sich in eine traurige Abhängigkeit von dem Zufall, und es ist immer mit Sicherheit vorherzusagen, daß sie der Materie in moralischen und ästhetischen Dingen zu viel einräumen und die höchste Charakter- und Geschmacksprobe nicht bestehen werden. Das moralisch Fehlerhafte soll uns nicht Leiden und Schmerz einflößen, welches immer mehr von einem unbefriedigten Bedürfnis als von einer unerfüllten Forderung zeugt. Diese muß einen rüstigeren Affekt zum Begleiter haben und das Gemüt eher starken und in seiner Kraft befestigen als kleinmütig und unglücklich machen. Arglist und Klugheit, welch ein ungleiches Schwesternpaar! Indem diese dem erlaubten Zweck auf Pfaden sich nähert, die von der Rechtschaffenheit gesichert werden, krümmt sich jene auf tauschenden Irrwegen zu Zielen fort, welche sie nie oder nur zu eigener Schande erreicht. Das schwache Insekt streckt seine regen Fühlhörner immer nach allen Ecken, und die Furcht rettet es vor tausend Gefahren. So wird Klugheit durch Furchtsamkeit zur Schlauheit, die selten berückt worden zu sein sich rühmen kann, aber auch nie mit Größe gehandelt zu haben bekennen muß, weil sie alles für eine Schlinge anzusehen pflegte. Es ist ein anziehendes Schauspiel, den menschlichen Erfindungsgeist mit einem mächtigen Element im Kampfe zu erblicken und Schwierigkeiten, welche gemeinen Fähigkeiten unübersteiglich sind, durch Klugheit, Entschlossenheit und einen standhaften Willen besiegt zu sehen. Weniger anziehend, aber desto belehrender ist das Schauspiel des Gegenteils, wo der Mangel jener Eigenschaften alle Anstrengungen des Genies vereitelt, alle Gunst der Zufälle fruchtlos macht und, weil er ihn nicht zu benutzen weiß, einen schon entschiedenen Erfolg vernichtet. Menschen, die das Glück mit einem Lohn überraschte, zu welchem sie keinen natürlichen Grund in ihren Handlungen finden, werden leicht versucht, den notwendigen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung überhaupt zu verlernen und in die natürliche Folge der Dinge jene höhere Wunderkraft einzuschalten, der sie endlich tolldreist, wie Cäsar seinem Glück, vertrauen. Durch die Schönheit wird der sinnliche Mensch zur Form und zum Denken geleitet; durch die Schönheit wird der geistige Mensch zur Materie zurückgeführt und der Sinnenwelt wiedergegeben. Das Erhabene wird durch poetische Verblümung nie erhabener, aber die Empfindung wird dadurch verdächtiger. Nach der verkehrten Denkart der Menschen, die, was nach keiner Vorschrift nachzuahmen und durch kein Verdienst zu erringen ist, gerade am höchsten schätzen, wird die Schönheit mehr als der Reiz, das Genie mehr als erworbene Kraft des Geistes bewundert. Beide Günstlinge der Natur werden bei allen ihren Unarten, wodurch sie nicht selten ein Gegenstand verdienter Verachtung sind, als ein gewisser Geburtsadel, als eine höhere Kaste betrachtet, weil ihre Vorzüge von Naturbedingungen abhängig sind und daher über alle Wahl hinaus liegen. Anmut und Würde stehen in einem so hohen Wert, um die Eitelkeit und Torheit nicht zur Nachahmung zu reizen. Aber es gibt dazu nur einen Weg, nämlich Nachahmung der Gesinnung, deren Ausdruck sie sind. Alles andere ist Nachäffung und wird sich als solche durch Übertreibung bald bemerklich machen. So wie aus der Affektion des Erhabenen Schwulst, aus der Affektion des Edlen das Kostbare entsteht, so wird aus der affektierten Anmut Ziererei und aus der affektierten Würde steife Feierlichkeit und Gravität. Man muß einen Fehler mit Anmut rügen und mit Würde bekennen. Kehrt man es um, so wird es das Ansehen haben, als ob der eine Teil seinen Vorteil zu sehr, der andere seinen Nachteil zu wenig empfände. Man lacht über den Komödianten, wessen Standes und Würden er auch sei, der auch bei gleichgültigen Verrichtungen eine gewisse Dignität affektiert. Man verachtet die kleine Seele, die sich für die Ausübung einer gemeinen Pflicht, die oft nur Unterlassung von Niederträchtigkeit ist, mit Würde bezahlt macht. Anmut ist eine Schönheit, die nicht von der Natur gegeben, sondern von dem Subjekte selbst hervorgebracht wird. Anmut liegt in der Freiheit der willkürlichen Bewegungen, Würde in der Beherrschung der unwillkürlichen. Die Anmut läßt der Natur da, wo sie die Befehle des Geistes ausrichtet, einen Schein von Freiwilligkeit; die Würde hingegen unterwirft sie da, wo sie herrschen will, dem Geist. Sobald wir merken, daß Anmut erkünstelt ist, schließt sich plötzlich unser Herz, und zurück flieht die ihr entgegenwallende Seele. Aus Geist sehen wir plötzlich Materie geworden und ein Wolkenbild aus einer himmlischen Juno. Die Schönheit hat Anbeter, Liebhaber hat nur die Grazie; denn wir huldigen dem Schöpfer und lieben den Menschen. Die Würde hindert, daß die Liebe nicht zur Begierde wird. Die Anmut verhütet, daß die Achtung nicht Furcht wird. Wahre Schönheit, wahre Anmut soll niemals Begierde erregen. Wo diese sich einmischt, da muß es entweder dem Gegenstand an Würde oder dem Betrachter an Sittlichkeit der Empfindungen mangeln. Wahre Größe soll niemals Furcht erregen. Wo diese eintritt, da kann man gewiß sein, daß es entweder dem Gegenstand an Geschmack und an Grazie oder dem Betrachter an einem günstigen Zeugnisse seines Gewissens fehlt. Nur ein barbarischer Geschmack braucht den Stachel des Privatinteresses, um zu der Schönheit hingelockt zu werden, und nur der Stümper borgt von dem Stoffe eine Kraft, die er in die Form zu legen verzweifelt. Die Poesie soll ihren Weg nicht durch die kalte Region des Gedächtnisses nehmen, soll nie die Gelehrsamkeit zu ihrer Auslegerin, nie den Eigennutz zu ihrem Fürsprecher machen. Sie soll das Herz treffen, weil sie aus dem Herzen floß, und nicht auf den Staatsbürger in dem Menschen, sondern auf den Menschen in dem Staatsbürger zielen. Das Interesse der Einbildungskraft ist, ihre Gegenstände nach Willkür zu wechseln; das Interesse des Verstandes ist, die seinigen mit strenger Notwendigkeit zu verknüpfen. So sehr diese beiden Interessen miteinander zu streiten scheinen, so gibt es doch zwischen beiden einen Punkt der Vereinigung, und diesen aufzufinden, ist das eigentliche Verdienst der schönen Schreibart. Obgleich die Kunst unzertrennlich und eins ist und beide, Phantasie und Empfindung zu ihrer Hervorbringung tätig sein müssen, so gibt es doch Kunstwerke der Phantasie und Kunstwerke der Empfindung, je nachdem sie sich einem dieser beiden ästhetischen Pole vorzugsweise nähern; zu einer von beiden Klassen aber muß jedes künstliche und poetische Werk sich bekennen oder es hat gar keinen Kunstgehalt. Die Menschheit hat ihre Würde verloren, aber die Kunst hat sie gerettet und aufbewahrt in bedeutenden Steinen; die Wahrheit lebt in der Täuschung fort, und aus dem Nachbild wird das Urbild wieder hergestellt werden. So wie die edle Kunst die edle Natur überlebte, so schreitet sie derselben auch in der Begeisterung bildend und erweckend voran. Ehe noch die Wahrheit ihr siegendes Licht in die Tiefen des Herzens sendet, fängt die Dichtungskraft ihre Strahlen auf, und die Gipfel der Menschheit werden glänzen, wenn noch feuchte Nacht in den Talern liegt. Mit anspannendem Fleiße müssen wir die Vergnügungen des Verstandes, mit schmerzhaften Opfern die Billigkeit der Vernunft, die Freuden der Sinne durch harte Entbehrungen erkaufen oder das Übermaß derselben durch eine Kette von Leiden büßen; die Kunst allein gewahrt uns Genüsse, die nicht erst abverdient werden dürfen, die kein Opfer kosten, die durch keine Reue erkauft werden. Es ist niemals der Stoff, sondern bloß die Behandlungsweise, was den Künstler und Dichter macht; ein Hausgeräte und eine moralische Abhandlung können beide durch eine geschmackvolle Ausführung zu einem freien Kunstwerk gesteigert werden, und das Porträt eines Menschen wird in ungeschickten Händen zu einer gemeinen Manufaktur herabsinken. Der Künstler ist der Sohn seiner Zeit; aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist. Will uns der Dichter aus dem Gedränge der Welt in seine Einsamkeit nachziehen, so muß es nicht Bedürfnis der Abspannung, sondern der Anspannung, nicht Verlangen nach Ruhe, sondern nach Harmonie sein, was ihm die Kunst verleidet und die Natur liebenswürdig macht. Nicht weil die moralische Welt seinem theoretischen, sondern weil sie seinem praktischen Vermögen widerstreitet, muß er sich nach einem Tibur umsehen und zu der leblosen Schöpfung flüchten. In Sachen der schönen Kunst wird die Möglichkeit nur durch die Tat bewiesen; aus Begriffen kann man höchstens voraus wissen, daß ein gegebenes Thema der künstlerischen Darstellung nicht widerstreitet. Werke der Einbildungskraft haben das Eigentümliche, daß sie keinen müßigen Genuß zulassen, sondern den Geist des Beschauers zur Tätigkeit aufreizen. Das Kunstwerk führt auf die Kunst zurück, ja es bringt erst die Kunst in uns hervor. Die Poesie kann dem Menschen werden, was dem Helden die Liebe ist. Sie kann ihm weder raten noch mit ihm schlagen, noch sonst eine Arbeit für ihn tun; aber zum Helden kann sie ihn rufen und zu allem, was er sein soll, ihn mit Stärke ausrüsten. Der Dichter, auch wenn er die vollkommensten sittlichen Muster vor unsere Augen stellt, hat keinen anderen Zweck und darf keinen anderen haben, als uns durch Betrachtung derselben zu ergötzen. Nun kann uns aber nichts ergötzen, als was unser Subjekt verbessert, und nichts kann uns geistig ergötzen, als was unser geistiges Vermögen erhöht. Kein geringer Gewinn wäre es für die Wahrheit, wenn bessere Schriftsteller sich herablassen möchten, den schlechten die Kunstgriffe abzusehen, wodurch sie sich den Leser erwerben und zum Vorteil der guten Sache davon Gebrauch zu machen. Nur die heitere, die ruhige Seele gebiert das Vollkommene. Kampf mit äußeren Lagen und Hypochondrie, welche überhaupt jede Geisteskraft lähmen, dürfen am allerwenigsten das Gemüt des Dichters belasten, der sich von der Gegenwart loswickeln und frei und kühn in die Welt der Ideale emporstreben soll. Wenn es auch noch so sehr in seinem Busen stürmt, so müßte Sonnenklarheit seine Stirn umfließen. So lange das Schauspielhaus weniger Schule als Zeitvertreib ist und mehr dazu gebraucht wird, die gähnende Langeweile zu beleben, unfreundliche Winternächte zu betrügen und das große Heer unserer süßen Müßiggänger mit dem Schauer der Weisheit, dem Papiergeld der Empfindung und galanten Zoten zu bereichern, so lange es mehr für die Toilette und die Schenke arbeitet, so lange mögen immer unsere Theaterschriftsteller der patriotischen Eitelkeit entsagen, Lehrer des Volkes zu sein. Bevor das Publikum für seine Bühne gebildet ist, dürfte wohl schwerlich die Bühne ihr Publikum bilden. Die Geschichte, so oft nur auf das freudenlose Geschäft eingeschränkt, das einförmige Spiel der menschlichen Leidenschaft auseinander zu legen, sieht sich zuweilen durch Erscheinungen belohnt, die gleich einem kühnen Griff aus den Wolken in das berechnete Uhrwerk der menschlichen Unternehmungen fallen und den nachdenkenden Geist auf eine höhere Ordnung der Dinge verweisen. Selbst in den alltäglichsten Verrichtungen des bürgerlichen Lebens können wir es nicht vermeiden, die Schuldner vergangener Jahrhunderte zu werden; die ungleichartigsten Perioden der Menschheit steuern zu unserer Kultur, wie die entlegensten Weltteile zu unserem Luxus. Die Kleider, die wir tragen, die Würze an unseren Speisen und der Preis, um den wir sie kaufen, viele unserer kräftigsten Heilmittel und ebensoviele neue Werkzeuge unseres Verderbens, setzen sie nicht einen Kolumbus voraus, der Amerika entdeckte, einen Vasco de Gama, der die Spitze von Afrika umschiffte? Die Geschichte der Welt ist sich selbst gleich, wie die Gesetze der Natur, und einfach, wie die Seele des Menschen. Dieselben Bedingungen bringen dieselben Erscheinungen zurück. Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf; leiste deinen Zeitgenossen, aber was sie bedürfen, nicht was sie loben, ohne ihre Schuld geteilt zu haben; teile mit edler Resignation ihre Strafen und beuge dich mit Freiheit unter das Joch, das sie gleich schlecht entbehren und tragen. Durch den standhaften Mut, mit dem du ihr Glück verschmähst, wirst du ihnen beweisen, daß nicht deine Feigheit sie ihren Leiden unterwirft. Denke sie dir, wie sie sein sollten, wenn du auf sie zu wirken hast; aber denke sie dir, wie sie sind, wenn du für sie zu handeln versucht wirst. Die Genügsamkeit des Publikums ist nur ermunternd für die Mittelmäßigkeit, aber beschimpfend und abschreckend für das Genie. Herder Herder stand im Umfang des Geistes und des Dichtungsvermögens gewiß Goethe und Schiller nach, allein es war in ihm eine Verschmelzung des Geistes mit der Phantasie, durch die er hervorbrachte, was beiden nie gelungen sein würde. Wilhelm v. Humboldt Wenige Geister waren auf die große Weise gelehrt wie er. Die meisten verfolgen nur das Seltenste, Unbekannteste einer Wissenschaft; er hingegen nahm nur die großen Ströme, aber aller Wissenschaften, in sein himmelspiegelndes Meer auf, das ihnen aufgelöst seine Bewegung von Abend gegen Osten aufdrang. Viele werden von der Gelehrsamkeit umschlungen wie von einem austrocknenden Efeu, er aber wie von einer Traubenrebe. Jean Paul Die Natur scheint bei der unendlichen Varietät, die sie liebt, alle Lebendigen unserer Erde nach einem Hauptplasma der Organisation gebildet zu haben. Ein Geschöpf erklärt das andere. Der Mensch ist die ausgearbeitete Form, in der sich die Züge aller Gattungen sammeln. Die Fiber, den Muskel, den Nerv bewegt eine Kraft. Es mögen viele Medien in der Natur sein, von denen wir nichts wissen, weil wir kein Organ dazu haben. Jedes Geschöpf hat seine Welt. Wer ein Maß von Wichtigkeit, wer ein Weltall in der Seele trägt, dem wird unmöglich jedes Kümmel- und Staubkorn ewige Welt der Beschäftigung sein können. Siehe das ganze Weltall von Himmel zu Erde, was ist Mittel? Was ist Zweck? Ist nicht alles Mittel zu Millionen Zwecken? nicht alles Zweck von Millionen Mitteln? Tausendfach die Kette der allmächtigen, allweisen Güte, in- und durcheinander geschlungen; aber jedes Glied in der Kette ist an seinem Orte; Glied hängt an der Kette und sieht nicht, wo endlich die Kette hängt. Jedes fühlt sich im Wahne als Mittelpunkt, fühlt alles im Wahne um sich nur sofern, als es Strahlen auf diesen Punkt oder Wellen gießt – schöner Wahn. Die große Kreislinie aber aller dieser Wellen, Strahlen und scheinbaren Mittelpunkte: wo? wer? wozu? Das Reich der geistigen Anlagen und ihrer Ausbildung ist die eigentliche Stadt Gottes auf der Erde, in welcher alle Menschen Bürger sind, nur nach sehr verschiedenen Klassen und Stufen. Glücklich ist, wer zur Ausbreitung dieses Reiches der wahren inneren Menschenschöpfung beitragen kann; er beneidet keinem Erfinder seine Wissenschaft und keinem König seine Krone. Die Morgenröte des Lebens, Jugendeindrücke, frühe Freunde, Situationen von Jugendliebe, sie machen meistens den Anklang unserer Bestimmung. Sie weben das Grundgewebe, in welches spätere Schicksale und eine reifere Vernunft nur den Einschlag geben. Niemand verzweifle an der Wirkung seines Daseins; je mehr Ordnung in demselben ist, je gleichförmiger in den Gesetzen der Natur er handelt, desto unfehlbarer ist seine Wirkung. Er wirkt wie Gott, in Gott; er kann nicht anders als ein Chaos um sich her ordnen, Finsternis vertreiben, damit Licht werde; seiner schönen Gestalt verähnlicht er alles, was mit ihm ist, selbst mehr oder minder, was streitend ihm entgegenfährt, sobald er durch Güte und Wahrheit überwindet. Es liegt eine unnennbare Kraft im Dasein eines Menschen, ich meine, wie sein handelndes Beispiel wirkt. Das innigste, stillste Gute in mir ist auf diese Weise mein geworden; ohne Geräusch der Worte ging es in mich über. Je enger der Kreis des Lebens und je bestimmter das Werk ist, in dem man Vollkommenheit sucht, desto eher wird diese erhalten. Alles, was geschah, hatte seinen Grund, auch jede Verirrung des menschlichen Verstandes, jede falsche Anhänglichkeit des menschlichen Herzens. Naturbegebenheiten erklärt man, vor gefährlichen Naturbegebenheiten sucht man sich und andere zu sichern, tadelnder Spott bewirkt keins von beiden. Ein bescheidenes Gemüt wünscht wenig; es beschneidet der fernerhin flatternden Phantasie die Flügel; die Wünsche aber, die es in seiner stillen Einsamkeit ausbrütet, sind um so gewisser erfreuliche Boten einer schönen Zukunft. Grenzen- und gesetzlose Gewalt ist die furchtbarste Schwäche. Mäßigkeit des sinnlichen Genusses ist ohne Zweifel eine kräftigere Methode zur Philosophie der Humanität als tausend gelernte künstliche Abstraktionen. Mißlingt das Werk der Vernunft und Tugend von außen, so hat nicht sie, sondern das Zeitalter davon den Schaden. Es wird gelingen, wenn seine Zeit kommt. Ist die Menschheit überhaupt in einem jetzigen Zustande reiner Vollkommenheit fähig? Gipfel grenzt an Tal. Um edle Spartaner wohnen unmenschlich behandelte Heloten. Der römische Triumphator, mit Götterröte gefärbt, ist unsichtbar auch mit Blut getüncht; Raub, Frevel und Wollüste sind um seinen Wagen, vor ihm her Unterdrückung, Elend und Armut zieht ihm nach. Mangel und Tugend wohnen also auch in diesem Verstande in einer menschlichen Hütte immer beisammen. Nicht nur was ausgerichtet ward, sondern auch wie es ausgerichtet wurde, die Erweckung des Geistes, es auszurichten, ist der Zweck lebendiger Institute. Mit jedem Jahr des Lebens fällt uns ein beträchtlicher Teil des Flitterstaates nieder, mit dem uns von Kindheit auf, so wie in Handlungen, so auch in Wissenschaften, in Zeitvertreib und Künsten die Phantasie schmückte. Unglücklich ist, wer lauter falsche Federn und falsche Edelsteine an sich trug; glücklich und dreimal glücklich, wem nur die Wahrheit Schmuck ist und der Quell einer teilnehmenden Empfindung im Herzen quillt. Er fühlt sich erquickt, wenn andere, bloß Menschen von außen, rings um ihn winseln und darben; im allgemeinen Gut, im Fortgange der Menschheit findet er sich gestärkt, seine Brust breiter, sein Dasein größer und freier. Wo Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Je tiefer, reiner, göttlicher unser Erkennen ist, desto reiner, göttlicher und allgemeiner ist auch unser Wirken, mithin desto freier unsere Freiheit. Leuchtet uns aus allem nur Licht Gottes an, umwallt uns allenthalben nur Flamme des Schöpfers, so werden wir in seinem Bilde Könige und Sklaven und bekommen, was jener Philosoph suchte, in uns einen Punkt, sie mit allem, was sie hat, zu bewegen. Wir stehen auf höherem Grunde und mit jedem Dinge auf seinem Grunde, wandeln im großen Sensorium der Schöpfung Gottes, der Flamme alles Denkens und Empfindens, der Liebe. Wie unser Gang ein beständiges Fallen ist zur Rechten und zur Linken, so der Fortschritt der Völker zur Kultur. Wenn Leibniz den menschlichen Witz und Scharfsinn nie wirksamer erklärt als in Spielen, wahrlich, so ist das menschliche Herz und die volle Einbildungskraft nie wirksamer als in den Naturgesängen wilder Völker. Sie öffnen das Herz, wenn man sie hört, und wieviele Dinge in unserer künstlichen Welt schließen und mauern es zu! Jede vermehrte sittliche Aufklärung erleichtert den bürgerlichen Regierungen die Sorge für die öffentliche Glückseligkeit. Das menschliche Geschlecht ist zu einem Fortgange von Szenen, von Bildung, von Sitten bestimmt. Wehe dem Menschen, dem die Szene mißfällt, in der er auftreten, handeln und sich verleben soll. Wehe aber auch dem Philosophen über Menschheit und Sitten, dem seine Szene die einzige ist und der die erste immer auch als die schlechteste verkennt. Wenn alle mit zum ganzen fortgehenden Schauspiele gehören, so zeigt sich in jeder eine neue, sehr merkwürdige Seite der Menschheit. Heute und hierin hat dieses, gestern und darin hat jenes Volk, jene Sprache triumphiert. Wer sich an eine Zeit, gehöre sie Frankreich oder Griechenland zu, sklavisch schließt, das Zeitgemäße ihrer Formen für ewig hält und sich aus seiner lebendigen Natur in jene Scherbengestalt hineinwähnt, dem bleibt jene unerreichbare lebendige Idee fern und fremd das Ideal, das über alle Völker und Zeiten reicht. Die Vorsehung selbst ist die beste Bekehrerin der Völker; sie ändert Zeiten, Denkarten, Sitten, wie sie Himmel und Erde, Kreise von Empfindungen und Umständen ändert. Man vergleiche Deutschland mit dem, was es zu Karls des Großen oder Hermanns Zeiten war. Würden diese es erkennen, wenn sie wieder erschienen? Die größte Veränderung in der Welt ist dieser Fort- und Umlauf im Reiche der Geister nach veränderten Empfindungen, Bedürfnissen und Situationen. Die Geschichte der Völker forscht ihm nach; wer weiß aber bei den verwickelten Gängen des Schicksals Zweck und Ziel? Es gibt Zeiten des Schlafes, Zeiten des Aufwachens der Nationen; beide wechseln miteinander wie Tag und Nacht, beide sind aufhaltbar, doch am Ende kaum hintertreiblich. Es ist kein Bösewicht auf der Erde, dem nicht, wenn sein schuldloser oder gar edler Gegner mit hingestreckten Armen daliegt und die Totenglocke über ihm ertönte, das, wodurch er ihm im Leben wehe tat, jetzt im Herzen steht und nage. Die Schlangen der Rache, des Neides, des Undankes entschlafen am Grabe des Toten und wenden sich gegen den lebenden Verbrecher. Aus Leidenschaft wird die Tugend geboren, sagt Archytas; wiederum besteht sie auch mit ihnen, wie eine wohlklingende Modulation aus scharfen und tiefen Tönen, wie ein gesundes Temperament aus Hitze und Kälte, wie das Gleichgewicht aus dem Schweren und Leichten. Man muß also nicht Leidenschaften aus der Seele ausrotten wollen. Dies wäre auch nicht nützlich; harmonisch zuordnen muß man sie dem Verhältnis dessen, was sich gebührt, dem Mittelmaße. Bei mancher Gedankenreihe, die auch unser ganzes Leben durchläuft, können wir uns kaum selbst vom ersten Moment oder der Wurzel ihres Daseins Rechenschaft geben. Viel zu unbeachtet ist die Wirkung der Mitlebenden auf zarte Gemüter. Wir finden Beispiele, daß Menschen lebenslang in der Weise und Art, ja Kraft einer fremden Person handelten, ohne daß sie es wußten, welche sonderbare Besitzung nur in Krankheiten, in unvorhergesehenen Zufällen, am meisten im Alter an den Tag kommt; denn das Alter ist eine zweite schwächere Kindheit. Alles Gute teilt sich mit; es hat die Natur Gottes, die nicht anders als sich mitteilen konnte, es hat auch seine unfehlbare Wirkung. Je reiner die Gedanken der Menschen sind, desto mehr stimmen sie zusammen. Ich glaube und bin's gewiß, daß Tugend die Menschen aufs innigste gleich macht; denn wir leben weniger im Geist als im Charakter. Gleich brave Charakter schätzen und achten sich als Brüder; sie finden sich nicht nur auf einer Stufe, sondern in einem Mittelpunkt, der inneren Quelle des Lebens, dem Gemüt miteinander. Da verschwindet alle Rücksicht auf Unterschiede der Meinungen, des Ranges, Standes, der Nation und Kleidung. Tugend macht gleich und vereint zum friedlichsten Wetteifer. Wahrheit und Gerechtigkeit, die Ordnerinnen der Welt, als sie sich ein inneres Heiligtum suchten, fanden sie es auf Erden nirgends als im Geiste, in der Brust des Menschen. Da wohnen sie noch, da tönt ihre Stimme wider. In tausend Farben bricht sich der Strahl und hängt an jedem Gegenstande anders; alle Farben aber gehören einem Licht der Wahrheit. In vielen melodischen Gängen wandelt der Ton auf und nieder und doch ist nur eine Harmonie auf einer Tonleiter der Weltbegebenheiten und des Verhältnisses der Dinge möglich. Was jetzt mißklingt, löst sich auf in einem anderen Zeitalter. Hypothesen sind Träume, und bei jedem Traum, sei er himmlisch oder irdisch, sei er durch die schwarze oder weiße Pforte zu uns geschlüpft, bleibt's für den Menschensinn die bildendste Kenntnis, zu wissen, wie der ward, wie sein Finder oder Dichter dazu gekommen. Auch bei dem Irrtum ist Eifer für die Wahrheit schätzbar; die Leidenschaft, die daher entsteht, daß man keiner Leidenschaft, keinem Truge unterworfen sein will, ist hochachtungswürdig. Nicht jeder gelangt zu dieser warmen Kälte, zu dieser leidenschaftlichen Leidenschaft für Wahrheit und für alles, was zu ihr führt. Nicht alles ist Wahn und Traum im Gebiet der Menschheit; es gibt für uns insonderheit im Praktischen wie im Moralischen eine gewisse sichere Wahrheit. Ihre Stimme spricht auch mitten im politischen Geräusch; sie spricht für jeden, der sie hören will, in seinem innersten Herzen und straft jede Sirenenstimme gefälliger Meinung Lüge. Auch in den dunkelsten Zeiten schien ihr Licht in reinere Seelen, auch in der größten Verwirrung der Welthändel war sie dem Unbefangenen ein sicheres Richtmaß. Der Mensch ist nie so vergnügt, als wenn er nach Wahn handeln kann, zumal nach einem von andern verdammten, von ihm selbst geformten Lieblingswahn. Da lebt er recht in seinem Elemente und ist seiner Kunst Meister. Menschen, die sich einander nicht mitteilen dürfen, denen die Sprache selbst einen Zwang, ein Zeremoniell auflegt, daß die freie Wahrheit, sie, die nicht anders als unmittelbar von Seele zu Seele, vom Herz zum Herzen sprechen will und kann, immer Umwege nehmen und unter niedrigen Schlagbäumen durchkriechen muß, Menschen, denen berufs- und standesmäßig ein Schloß am Munde hängt oder gar die Zunge am Gaumen klebt, sie kennen keine andere als chinesische Etikettwahrheit. Das Beste kann zuerst mißbraucht werden, eben weil an ihm etwas zu mißbrauchen ist; ja die Wahrheit, die nicht auf der Gasse liegt, muß sich eben vom Sprachgebrauch manchmal entfernen. Nur ist's noch keinem Astronomen eingefallen, seine Theorie vom Weltsystem deshalb zu ändern, weil der Sprachgebrauch anders redet. Kann er es erklären, warum der so reden mußte? So ist alles getan, und seine Gründe gelten. Wenn das Bessere dasteht, schämt sich das Schlechtere, und so sehr es der falsche Geschmack festhalten will, es verschwindet. Verzweifle niemand an der Macht des Wahren und Schönen; so wie die Sonne hinter Wolken, schafft es sich Raum und leuchtet. Verzweifle niemand an der Macht der Natur im Winter, der Frühling kommt, und das alte, dürre Laub fällt. Das einzige Mittel, wie man dem Wahn beikommen kann, ist, daß man ihm nicht beizukommen scheine. Man schütze sich vor ihm und lasse ihn seines Weges wandern, oder man zerstreue ihn und bringe ihn ohne gewaltsame Überredung unvermerkt auf andere Gedanken. Die Zeit allein kann ihn heilen. Man hat mehrere Beispiele, daß mitleidige Krankenwärter von der Krankheit selbst angesteckt wurden; nichts aber teilt sich leichter mit als Krankheiten der Seele. Wer gesund ist, suche gesund zu bleiben. Alle Ansteckungen werden nur dadurch eingeschränkt, daß man sie isoliert. Das Vermögen zu fehlen, konnte oder wollte die Gottheit uns nicht nehmen; sie legte es aber in die Natur des menschlichen Fehlers, daß er früher oder später sich als solchen zeigen und dem rechnenden Geschöpfe offenbar werden mußte. Wir haben daher die Gottheit zu preisen, daß sie uns bei unserer fehlbaren, schwachen Natur Vernunft gab, einen ewigen Lichtstrahl aus ihrer Sonne, dessen Wesen es ist, die Nacht zu vertreiben und die Gestalten der Dinge, wie sie sind, zu zeigen. Die Schönheit der Welt ist nur für den ruhigen Genuß geschaffen. Mittels seiner allein teilt sie sich dem Menschen mit und verkörpert sich in ihm. Schönheit hat von Schauen, von Schein den Namen, und am leichtesten wird sie auch durchs Schauen, durch schönen Schein erkannt und geschätzt. Nichts ist schneller, klarer, überleuchtender als Sonnenstrahl, und unser Auge auf seinen Flügeln, eine Welt außer und nebeneinander wird ihm auf einen Blick offenbar. Und da diese Welt nicht wie Schall vorübergeht, sondern bleibt und gleichsam selbst zur Beschauung einladet, da der seine Sonnenstrahl so schön färbt und so deutlich zeigt: was Wunder, daß unsere Seelenlehre am liebsten von diesem Sinne Namen borgt? Ihr Erkennen ist Sehen, ihr bestes Angenehmes Schönheit. Die Wohlgestalt des Menschen ist kein Abstraktum aus den Wolken, keine Komposition gelehrter Regeln oder willkürlicher Einverständnisse; sie kann von jedem erfaßt und gefühlt werden, der, was Form des Lebens, Ausdruck der Kraft im Gefäße der Menschheit ist, in sich oder in anderen fühlt. Nur die Bedeutung innerer Vollkommenheit ist Schönheit. Stärke und Schwäche unserer Augen ist eine Gabe der Natur, aber zu welchen Aussichten, zu welcher Nähe, zu welchem Sehwinkel wir uns gewöhnen, von welcher Seite und sogar oft in welcher Farbe wir die Gegenstände erblicken wollen, dies kommt auf die frühe Bildung an. Sage jemand, daß Erziehung, wenn sie rechter Art ist, nichts fruchte, der Mensch ist ja alles durch Erziehung oder vielmehr er wird's bis ans Ende seines Lebens. Nur kommt es darauf an, wie er erzogen werde. Bildung der Denkart, der Gesinnungen und Sitten ist die einzige Erziehung, die diesen Namen verdient, nicht Unterricht, nicht Lehre. Wer der Vernunft dient, kommt der Notwendigkeit zuvor. Jeder einzelne Mensch trägt, wie in der Gestalt seines Körpers, so auch in der Anlage seiner Seele das Ebenmaß, zu welchem er gebildet ist und sich selbst ausbilden soll, in sich. Es geht durch alle Arten und Formen menschlicher Existenz von der kränklichsten Unförmlichkeit, die sich kaum lebend erhalten konnte, bis zur schönsten Gestalt eines griechischen Gottmenschen. Durch Fehler und Verirrungen, durch Erziehung, Not und Übung sucht jeder Sterbliche dies Ebenmaß seiner Kräfte, weil darin allein der vollste Genuß seines Daseins liegt. Nur wenige Glückliche aber erreichen es auf die reinste, schönste Weise. Der kommt am weitesten, der anfangs selbst nicht weiß, wie weit er kommen werde, dafür aber jeden Umstand, den ihm die Zeit gewährt, nach festen Maßregeln gebraucht. Alles zieht dich, du kannst der allgewaltigen Kette nicht entweichen. Wohl dem, der willig folgt; er hat den süßen, täuschenden Lohn in sich, daß er sich selbst bildete, obwohl ihn unablässig Gott bildet. Unter Gelehrsamkeit und Büchern wäre sie längst erlegen, die menschliche Seele, wenn nicht durch mancherlei zerstörende Revolutionen die Vorsehung unserem Geist wiederum Luft verschaffte. Der Weltweise Europas kann keine einzige Seelenkraft nennen, die ihm eigen sei. Bei manchen Wilden ist Gedächtnis, Einbildungskraft, praktische Klugheit, schneller Entschluß, richtiges Urteil, lebhafter Ausdruck in einer Blüte, die bei der künstlichen Vernunft europäischer Gelehrten selten gedeiht. Eine sitzende Rechenmaschine, wäre sie das Urbild menschlicher Vollkommenheit? Der Wilde, wenn er sich in Wortziffern keine unsterbliche Seele erweitern kann und glaubt dieselbe, so geht er mit glücklicherem Mut als mancher zweifelnde Wortweise ins Land der Väter. Wo bist du hin, Kindheit der alten Welt, geliebte, süße Knabeneinfalt, in Bildern, Werken und Gestalten? Du bist hinweg mit deinem Traum voll angenehmer Wahrheit; und keine Stimme, kein heißer Wunsch des Liebhabers kann dich erwecken aus deinem Staube. Aufs Rad der Zeiten geflochten, rollen wir unaufhörlich weiter – wohin? und kommen nie auf die vorige Stelle wieder. Die Geschichte ist Naturlehre der Sukzession; in der Naturlehre moralisiert man aber nicht, wie das Tier nach unserem Kopfe sein sollte, sondern wie, woher und wozu es da ist. Und dann sieht man hintennach, daß kein absolutes Gift in der Natur existiere, das nicht im Ganzen auch Arznei und Balsam sein müsse. Ein politischer Weissager steht auf dem unsichersten Grunde, er möge aus Weltklugheit oder Eingebung Prophet sein; je mehr er Eingebung auch nur im lindesten moralischen oder politischen Verstande hineinmischt, desto mehr hat er Klugheit nötig, und gerade auf der Stufe hört meistens alle Klugheit auf. Im Schimmer der Morgenröte und bei jedem Schritte der steigenden Sonne gibt es Regungen und Schönheiten in der Natur, die bei der höchsten Mittagshöhe nicht sind; durch jene muß das Auge auf diese vorbereitet und fortgeführt werden. Warum ließ uns Gott diesen ganzen Gang einer lebendigen Geschichte? Etwa weil sie unnütz war? Und sollte sie unnütz sein, weil dieser und jener sie nicht benützen kann und dessen für wert findet ? Bezieht sich nicht alle Folge auf die Vorzeit, so wie die Vorzeit auf die Folge und alle Teile eines Gebäudes auf einander? Nur durch den Geist, den wir in die Geschichte bringen und aus ihr ziehen, wird uns Menschen- und Völkergeschichte nützlich. Geistlos zusammengestellte Fakta stehen unfruchtbar da; auch die Entwicklung historischer Umstände kann keinen anderen Zweck haben als Evidenz, Wahrheit. Was uns in der Geschichte zunächst anspricht, sind Sitten und Charakter, sowohl der Völker als einzelner Menschen. Diese ins Licht zu stellen, sie durch Erweise und Vergleichungen sprechend zu machen, ist der edle Zweck einer psychologischen Geschichte. Welche Nation dies am besten tat, die bearbeitete das Feld der Begebenheit aufs nutzbarste, aufs angenehmste. Aus Geschichte wird unsere Erfahrung, aus Erfahrung bildet sich der lebendigste Teil unserer praktischen Vernunft. Wer nicht zu hören versteht, versteht auch nicht zu bemerken, und aus dem Erzählen zeigt sich, ob jemand zu hören gewußt habe. Sprache ist das Band der Seelen, das Werkzeug der Erziehung, das Medium unserer besten Vergnügungen, ja aller gesellschaftlichen Unterhaltung. Sie verknüpft Eltern mit Kindern, Stände mit Ständen, den Lehrer mit seinen Schülern, Freunde, Bürger, Genossen, Menschen. In allen diesen Fugen und Gelenken sie auszubilden, sie richtig anzuwenden, diese Aufgabe schließt viel in sich. Hängen nicht unsere abstraktesten Gedanken an Worten? Sind diese schlecht erfunden, bezeichnen sie halb oder gar nicht, was man durch sie bezeichnen wollte oder versteht man sie unrecht und glaubt an Worten Sachen zu haben, da sie doch nur Zeichen der Sachen oder unserer Gedanken von ihnen sind, in welcher Öde irrt der Verstand umher! Bald ein Verführter, bald ein Verführer. Ist die Sprache eines Menschen, einer menschlichen Gesellschaft schleppend, hart, verworren, kraftlos, unbestimmt, ungebildet, so ist es gewiß auch der Geist dieser Menschen; denn sie denken ja nur in und mit der Sprache. Das Wesen des Liedes ist Gesang, nicht Gemälde; seine Vollkommenheit liegt im melodischen Gange der Leidenschaft oder Empfindung, den man mit dem alten treffenden Ausdruck »Weise« nennen könnte. Fehlt diese einem Liede, hat es keinen Ton, keine poetische Modulation, keinen gehaltenen Gang und Fortgang derselben, habe es Bild und Bilder und Zusammensetzung und Niedlichkeit der Farben, so viel es wolle, es ist kein Lied mehr. Oder wird jene Modulation durch irgend etwas zerstört, bringt ein fremder Verbesserer hier eine Parenthese von malerischer Komposition, dort eine niedliche Farbe von Beiwort u. a. hinein, bei der wir den Augenblick aus dem Ton des Sängers, aus der Melodie des Gesanges hinaus sind und ein schönes, aber hartes und nahrungsloses Farbenkorn kauen, hinweg Gesang, hinweg Lied und Freude. Ist im Gegenteil in einem Liede Weise da, wohlangeklungene und wohlgehaltene lyrische Weise, wäre der Inhalt selbst auch nicht von Belang, das Lied bleibt und wird gesungen, über kurz oder lang wird statt des schlechteren ein besserer Inhalt genommen und darauf werden, nur die Seele des Liedes, poetische Tonart, Melodie ist geblieben. Hätte ein Lied von guter Weise einzelne merkliche Fehler, die Fehler verlieren sich, die schlechten Strophen werden nicht mitgesungen, aber der Geist des Liedes, der allein in die Seele wirkt und Gemüter zum Chor regt, dieser Geist ist unsterblich und wirkt weiter. Lied muß gehört werden, nicht gesehen, gehört mit dem Ohr der Seele, das nicht einzelne Silben allein zählt und mißt und wägt, sondern auf Fortklang horcht und in ihm fortschwimmt. Musik auch in wortlosen Tönen hat ein Erhabenes, das keine andere Kunst hat, als ob sie eine Sprache der Genien sei, nur unmittelbar an unser Innerstes als einen Mitgeist der Schöpfung spräche. Wie weit ist's mit der Kunst gekommen, wenn sie keine leibhafte Wahrheit mehr hat, wenn sie statt des großen, einen, seeledurchwebten Ganzen nach einem Schmetterling von Witz, von Bedeutung hascht, der um oder neben oder über ihm schwebe. Und den sie doch auch, so klein der Preis wäre, nicht einmal zu erreichen, nicht auszudrücken vermag. Trauriges Schicksal der schönen Künste, wenn sie am Willen oder an der Lust eines einzigen haften. In seiner Jugend spielen sie um ihn her, aus dem Frühlinge begleiten sie ihn etwa bis in den Sommer des Lebens, im Herbst, im Winter, wo sind sie? Der Nachfolger führt eine andere Jugend herbei. Es ist wunderbar, welchen Blick in allem die beiden Geschlechter gegeneinander haben, wie tief der Mann die Frau und die Frau den Mann kennt. Jedes kann seinem Geschlechte Unrecht tun und tut ihm oft, nicht eben aus Neid, Unrecht; aber sein Urteil über das andere ist, wo es nicht Leidenschaft verblendet, sondern Leidenschaft wappnet, furchtbar streng. Die Liebe holt das wahre Ideal, den Engel, Haß den Teufel aus uns hervor, der in uns liegt und den wir oft selbst nicht zu sehen oder zu finden vermögen. Die Ursache ist klar. Zum allgemeinen menschlichen Gefühl kam noch ein Geschlechtsgefühl hinzu, das wir ja auch bei den erhabensten Urteilen über das, was Mensch ist, nicht ganz verleugnen. Der Mann muß immer, er mag dichten oder regieren, Menschen oder Statuen schaffen, als Mann, die Frau immer als Frau fühlen. Einzeln ist der Mensch ein schwaches Wesen, aber stark in Verbindung mit anderen. Einsam müht er sich oft umsonst. Ein Blick des Freundes in sein Herz, ein Wort seines Trostes weitet und hebt ihm den niedrigen Himmel, rückt ihm die Decke des Trauerns weg. Die Natur hat schmale Grenzen um jeden einzelnen gezogen; und es ist der gefährlichste Traum, sich unumschränkt zu denken, wenn man eingeschränkt ist, sich Despot des Weltalls zu glauben, wenn man von nichts als einzelnen Almosen lebt. Die ganze Schöpfung mit Liebe zu umfassen, klingt schön, aber vom einzelnen, dem Nächsten, fängt man an, und wer dies nicht tief, innig, ganz liebt, wie sollte er, was entfernt ist, was aus einem fremden Gestirn nur schwache Strahlen auf ihn herabwirft, lieben können, so, daß es auch nur den Namen der Liebe verdient. Die allgemeinsten Kosmopoliten sind meistens die dürftigsten Bettler, sie, die das ganze Weltall mit Liebe umfassen, lieben meistens nichts als ihr eigenes Selbst. Treue und Glaube ist der Eckstein aller menschlichen Gesellschaft. Auf Treue und Glauben sind Freundschaft, Ehe, Handel und Wandel, Regierung und alle andere Verhältnisse zwischen Menschen und Menschen gegründet. Man untergrabe diesen Grund, alles wankt und stürzt, alles fällt auseinander. Es gibt keine einseitigen Pflichten und einseitige Rechte. Pflichten und Rechte gehören zusammen, wie die obere und untere, wie die rechte und die linke Seite. Was hier konvex ist, ist dort konkav und bleibt dieselbe Sache, derselbe Körper. Lasset Staaten, lasset Stände gegeneinander Treue und Glaube verlieren, wer seinen Pflichten entsagt, verliert seine Rechte, die der Pflicht anklebten; er täuscht und wird getäuscht, er handelt einseitig, so wird man auch gegen ihn handeln. Was Geist ist, läßt sich nicht beschreiben, nicht zeichnen, nicht malen, aber empfinden läßt es sich; es äußert sich durch Worte, Bewegungen, durch Anstreben, Kraft und Wirkung. In der sinnlichen Welt unterscheiden wir Geist vom Körper und eignen jenem alles das zu, was Leben in sich hält und Leben erweckt, Kräfte an sich zieht und Kräfte fortpflanzt. In den ältesten Sprachen ist Geist der Ausdruck unsichtbarer, strebender Gewalt, dagegen Leib, Fleisch, Körper, Leichnam entweder die Bezeichnung toter Trägheit oder einer organischen Wohnung eines Werkzeugs, das der inwohnende Geist als ein mächtiger Künstler gebraucht. Eine große Lebhaftigkeit, die immer neue Gedanken hervorbringt, ist selten mit der Stetigkeit verknüpft, die einen einzigen Gedanken bis in seine Tiefe verfolgt. Eine fruchtbare Seele gebärt Ideen, diese aber zu erziehen und auszubilden, wird andern überlassen. Eine starke sinnliche Aufmerksamkeit paart sich selten mit der Abstraktion, die sich wie Demikritus die Augen blenden muß, um nicht von außen gehört zu werden, sondern ein einziges zu zergliedern. Der philosophische Scharfsinn scheint oft gegen den ästhetischen Witz ein entgegengesetzter Pol zu sein. Über Grundsätze können sich nur Geister einander erklären. Die Zusammenkunft ist sehr entbehrlich, wenn sie nicht zugleich auch meistens sehr zerstreuend und verführerisch wäre. Im Umgange mit Geistern auf Fausts Mantel bleibt meine Seele frei; sie kann jedes Wort, jedes Bild prüfen. Wir hoffen auf Zeichen und Zahlen, wir knüpfen Wünsche an ein Phantom, ein kommendes Jahrhundert. Kinder des vorigen, nehmen wir es nicht in uns mit? in unserem Gemüt, in unserer Gewohnheit? In uns ist Zepter und Maß, am vorigen lasset uns lernen. Das neue Jahrhundert schaffen wir; denn Menschen bildet die Zeit, und Menschen schaffen Zeiten. Was geboren ward, muß sterben, sagt der Brahmane, und was etwa durch Kunstmittel seinen Hingang aufhält, hat sich, indem es hierzu greift, schon selbst überlebt. Im Anfang des Frühlings sieht man das erstorbene Land und Gras des vorigen Jahres noch häufig; manches davon hält sich fest an, in kurzem aber ist alles verschwunden, und ein neues Gewand deckt Bäume sowohl als den Schoß der Erde. Über Witz und Frohsinn sollte niemand urteilen, als wer selbst Witz und Frohsinn hat. In einem fremden Lande, über eine unbekannte Sache, in einer unbekannten Sprache, wie will er richten? Die Sokratische Ironie, das attische Salz, Horazischer Scherz, Cervantes' ehrbare Lustigkeit, von der er am Ende des Lebens als seiner besten Freundin schied, diese Genien, Sylphen und Sylphiden sind nicht gemeine Gäste. Wen sie besuchen, wem sie gefällig folgen, er wird sie nicht verschwärzen, sondern mit ihnen andere erfreuen und seinen Umgang durch sie beleben. Denn wie sollen wir miteinander umgehen? Unverständig, geistlos, schwerfällig, sklavisch oder verständig, frohsinnig, geistig, artig? Der Enthusiasmus, andere in Enthusiasmus zu setzen, so blendend er hervorsticht, so große Behutsamkeit hat er nötig. Zu bald verlockt er und gewöhnt an eine usurpierte Herrschaft über die Gemüter und Passionen anderer, schwächerer Menschen. Diese reißt der Taumel mit sich; in einer großen Versammlung wird die Begeisterung ansteckend; sie fliegt von Gesicht zu Gesicht, sie haftet an Stimmen, an Worten und Gebärden. Frage der Verständige sich selbst, was durch Erhitzungen und Abkühlungen solcher Art dauernd in ihm bewirkt werde. Wenn das bloße Gefühl von der Schönheit den Virtuosen, das bloße Gefühl für Menschheit und Tugend den Verdienstvollen bis zur Begeisterung erheben kann, so wird, wo sich diese drei Göttinnen vereinigen, die Begeisterung eine Art von Enthusiasmus für die Wahrheit werden können. Begeisterung, Enthusiasmus für alles Große, Wahre, Schöne und Edle ist ein so treffliches Vermögen, eine so unentbehrliche Disposition der menschlichen Seelenkräfte, daß sie sich nicht etwa durch ihre Wirkungen, sondern ihrer Natur nach selbst rechtfertigt oder verteidigt. Unwillkürlich zieht die Begeisterung an und teilt sich mit und reißt mit unwiderstehlichen Reizen; Mitbegeisterung, Verwunderung, Liebe, Nacheiferung folgen ihr. Den kalten Spott stößt sie hinweg, die schärfsten Pfeile des Witzes fallen vor ihr nieder. Alles Übertreibende und Übertriebene geht vorüber. Jede Bewegung sucht den Schwerpunkt, auf welchem sie ruhen möge. Die größten Wahrheiten wie die ärgsten Lügen, die erhabensten Kenntnisse und die scheußlichsten Irrtümer eines Volkes wachsen meistens aus Samenkörnern, die nicht dafür erkannt werden. Sie werden von Einflüssen belebt, die oft gerade fürs Gegenteil dessen, was sie sind, gelten. Der Arzt also, der Übel heilen will, suche sie im Grunde; aber eben, wenn er da sucht, wird das Kind oder das kranke Jahrhundert ihm schlecht danken. Läßt er sich zu seinem lieben Siechtum herab und sucht es mit Gesundheit zu überweben, wer ist größer und willkommener als er: die Säule aller Wissenschaft und alles Ruhmes! Nun aber greift er nach unserem Herzen, nach unseren Lieblingsempfindungen und Schwächen, mit denen uns so wohl war; hinweg mit ihm, dem Verräter der Menschheit, dem Mörder unserer besten Kenntnisse und Freuden! Wir wollten einen Bund mit ihm machen, droben am Baum zu bleiben und wollten ihm darum dienen, nun gräbt er zur Wurzel und schlitzt die glatte Rinde auf, der Undankbare! Lessing Vormals im Leben ehrten wir dich wie einen der Götter, Nun du tot bist, so herrscht über die Geister dein Geist. Schiller Deutschland kann stolz sein, daß Lessing sein Bürger. Johannes v. Müller Tapferer Winkelried, du bahntest den Deinen die Gasse; Dein ist, Starker, der Sieg! hast du ihn gleich nicht gesehn. Grillparzer Die Wahrheit, die man auf einem Bogen nicht sagen und erweisen kann, ist wohl nicht weit her oder ist vielmehr zu weit her. Nichts ist groß, was nicht wahr ist. Es sei, daß noch durch keinen Streit die Wahrheit ausgemacht worden, so hat dennoch die Wahrheit bei jedem Streite gewonnen. Der Streit hat den Geist der Prüfung genährt, hat Vorurteile und Ansehen in einer beständigen Erschütterung erhalten, kurz, hat die geschminkte Unwahrheit verhindert, sich an der Stelle der Wahrheit festzusetzen. Auch kann ich nicht der Meinung sein, daß wenigstens das Streiten nur für die wichtigeren Wahrheiten gehöre. Die Wichtigkeit ist ein relativer Begriff, und was in einem Betracht sehr unwichtig ist, kann in einem andern sehr wichtig werden. Als Beschaffenheit unserer Erkenntnis ist dazu eine Wahrheit so wichtig als die andere, und wer in dem allergeringsten Dinge für Wahrheit und Unwahrheit gleichgültig ist, wird mich nimmermehr überreden, daß er die Wahrheit bloß der Wahrheit wegen liebt. Wie lächerlich, die Tiefe einer Wunde nicht dem scharfen, sondern dem blanken Schwert zuschreiben. Wie lächerlich also auch, die Überlegenheit, welche die Wahrheit einem Gegner über uns gibt, einem blendenden Stil desselben zuschreiben. Ich kenne keinen blendenden Stil, der seinen Glanz nicht von der Wahrheit mehr oder weniger entlehnt. Wahrheit allein gibt echten Glanz und muß auch bei Spötterei und Posse wenigstens als Folie unterliegen. Erst wollen wir den Standort gehörig erwägen, auf dem jeder von uns hält, damit wir um so redlicher Licht und Wetter teilen können. Denn nicht genug, daß wir alle mit gleichen Waffen fechten. Ein Sonnenstrahl, der des einen Auge mehr trifft als des andern, ein strenger Luftzug, dem dieser mehr ausgesetzt ist als jener, sind Vorteile, deren sich kein ehrlicher Fechter wissentlich bedient. Besonders bewahre uns Gott alle vor der tödlichen Zugluft heimlicher Verleumdung. Der Begriff ist der Mann, das sinnliche Bild des Begriffes ist die Frau, und die Worte sind die Kinder, welche beide hervorbringen. Ein schöner Held, der sich mit Bildern und Worten herumschlägt und immer tut, als ob er den Begriff nicht sehe oder immer sich einen Schatten von Mißgriff schafft, an welchem er zum Ritter werde! Der Mann, der bei drohenden Gefahren der Wahrheit untreu wird, kann die Wahrheit doch sehr lieben, und die Wahrheit vergibt ihm seine Untreue um seiner Liebe willen. Aber wer nur darauf denkt, die Wahrheit unter allerlei Larven und Schminke an den Mann zu bringen, der möchte wohl gern ihr Kuppler sein, nur ihr Liebhaber ist er nie gewesen. Man kann studieren und sich tief in den Irrtum hineinstudieren. Wenn ein großer Mann eine Sophisterei begeht und wenn ich sage, daß er eine begangen habe, so habe ich das Kind bei seinem Namen genannt. Ein anderes wäre es, wenn ich ihn dagegen einen Sophisten nennte. Man kann sich einer Sophisterei schuldig machen, ohne ein Sophist zu sein; so wie man eine Unwahrheit kann gesagt haben, ohne darum ein Lügner zu sein, so wie man sich betrinken kann, ohne darum ein Trunkenbold zu sein. Das große Geheimnis, die menschliche Seele durch Übung vollkommen zu machen, besteht einzig darin, daß man sie in steter Bemühung erhalte, durch eigenes Nachdenken auf die Wahrheit zu kommen. Die Triebfedern dazu sind Ehrgeiz und Neugierde, und die Belohnung ist das Vergnügen an der Erkenntnis der Wahrheit. Eine jede Wissenschaft, in ihrem engeren Bezirk eingeschränkt, kann weder die Seele bessern noch den Menschen vollkommener machen. Nur die Fertigkeit, sich bei einem jeden Vorfall schnell bis zu allgemeinen Grundwahrheiten zu erheben, nur diese bildet den großen Geist, den wahren Helden in der Tugend und den Erfinder in Wissenschaften und Künsten. Alle Wissenschaften reichen sich einander Grundsätze dar und müssen entweder zugleich oder eine jede mehr als einmal getrieben werden. Die Logik oder die Kunst zu denken, sollte man glauben, müsse billig allen anderen Wissenschaften vorangehen; allein sie supponiert die Psychologie, diese die Physik und Mathematik und alle die Ontologie. Nicht der Irrtum, sondern sektirischer Irrtum, ja sogar die sektirische Wahrheit machen das Unglück der Menschen oder würden es machen, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte. Nicht das, was man nimmt, sondern das, was man an dessen Stelle setzen will, bringt auf, und das mit Recht. Denn wenn die Welt mit Unwahrheiten soll hingehalten werden, so sind die alten bereits gangbaren ebenso gut dazu als neue. Die Weisheit selbst hat durch die Neugierde ihre meisten Verehrer erhalten. Ist es die Eiche oder ist es der Boden, worin die Eiche steht, welcher das Moos und die Schwämme um und an der Eiche hervorbringt? Ist es der Böden, was kann die Eiche dafür, wenn endlich des Mooses und der Schwämme so viel wird, daß sie alle Nahrung an sich ziehen und der Gipfel der Eiche darüber verdorrt? Doch er verdorre immerhin, die Eiche, solange sie lebt, lebt nicht durch ihren Gipfel, sondern durch ihre Wurzeln. Durch Erwägung der allgemeinen Natur des Menschen lernt der Philosoph, wie die Handlung beschaffen sein muß, die aus dem Übergewichte gewisser Neigung und Leidenschaften entspringt; das ist, er lernt das Betragen überhaupt, welches der beigelegte Charakter erfordert. Aber deutlich und zuverlässig zu wissen, wie weit und in welchem Grad von Stärke sich dieser oder jener Charakter bei besonderen Gelegenheiten wahrscheinlicherweise äußern würde, das ist einzig und allein eine Frucht von unserer Kenntnis der Welt. Besser ist es, unter noch so bösen Menschen leben als fern von allen Menschen. Besser ist es, sich vom Sturm in den ersten besten Hafen werfen lassen als in einer Meeresstille mitten auf der See verschmachten. So ist es nun einmal in der Welt, das zahme Pferd wird im Stall gefüttert und muß dienen, das wilde in seiner Wüste ist frei, verkommt aber vor Hunger und Elend. Wer wird durch Mitteilung und Freundschaft die Sphäre seines Lebens zu erweitern suchen, wenn ihn beinahe des ganzen Lebens ekelt? Oder wer hat auch Lust, nach vergnügten Empfindungen in der Ferne umherzujagen, wenn er in der Nähe nichts um sich sieht, was ihm deren auch nur eine gewähren könnte? Die Natur weiß nichts von dem verhaßten Unterschiede, den die Menschen unter sich selbst gesetzt haben. Sie teilt die Eigenschaften des Herzens aus, ohne den Edeln und den Reichen vorzuziehen, und es scheint sogar, als ob die natürlichen Empfindungen bei gemeinen Leuten stärker als bei anderen wären. Gütige Natur, wie beneidenswürdig schadlos hältst du sie wegen der nichtigen Scheingüter, womit du die Kinder des Glücks abspeisest! Ein fühlbares Herz, wie unschätzbar ist es! Es macht unser Glück auch alsdann, wenn es unser Unglück zu machen scheint. Unser Urteil schlägt sich allezeit auf die Seite unseres Wunsches. Wenn dieser die Einbildungskraft beschäftigt, so läßt er ihr keine Zeit, auf spitzige Zweifel zu fallen, und alsdann wird den meisten ein unbestrittener Beweis eben das sein, was einem Weltweisen ein unzubestreitender ist. Ein Fechter faßt die Schwäche der feindlichen Klinge. Wenn die Arznei heilsam ist, so ist es gleichviel, wie man sie dem Kinde beibringt. Der Zuschauer, der auf die Finger zu gut acht gab, tut am besten, er schweigt. Schweigt? Aber wenn er nun auf die Hand des betrogenen Spielers gewettet hat? So kann er freilich nicht schweigen, wenn er sein Geld nicht mutwillig verlieren will. Dann ist der Fall kitzlig. Er gehe mit seinem Mute zu Rat und wette wenigstens nicht weiter. Die Konsequenz, vermöge welcher man voraussagen kann, wie ein Mensch in einem gegebenen Falle reden und handeln kann, ist es, was den Mann zum Manne macht, ihm Charakter und Stetigkeit gibt. Diese großen Vorzüge eines denkenden Menschen, Charakter und Stetigkeit, berichtigen sogar mit der Zeit die Grundsatze, denn es ist unmöglich, daß ein Mensch lange nach Grundsätzen handeln kann, ohne es wahrzunehmen, wenn sie falsch sind. Wer viel rechnet, wird es bald merken, ob ihm ein richtiges Einmaleins beiwohne oder nicht. Der rechtschaffene Mann braucht nicht immer die Entschuldigung, die er brauchen könnte. Besonders läßt er gern von den eigenen Vorrechten nach, die ihm als Glied irgendeiner Gesellschaft zustehen, wenn er durch diese Entäußerung Wahrheit und Tugend fördern kann. In solchen Angelegenheiten ist ihm jeder Richter sein Richter, sobald er sich ohne Vorurteil von ihm gehört zu werden versprechen darf. Den wahren Weg einschlagen, ist oft bloßes Glück; um den rechten Weg bekümmert zu sein, gibt allein Verdienst. Der Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Augen verliert, geht noch immer geschwinder als wer ohne Ziel herumirrt. Die sich am leichtesten übereilen, sind nicht die schlechtesten Menschen; denn sie sind größtenteils ebenso fertig, ihre Übereilung zu bekennen, und eingestandene Übereilung ist oft lehrreicher als kalte Unfehlbarkeit. Die Bescheidenheit richtet sich genau nach dem Verdienste, das sie vor sich hat; sie gibt jedem, was jedem gebührt. Aber die schlaue Höflichkeit gibt allen alles, um von allen alles wieder zu erhalten. Die Alten kannten das Ding nicht, was wir Höflichkeit nennen. Ihre Urbanität war von ihr ebensoweit als von der Grobheit entfernt. Der Neidische, der Hämische, der Rangsüchtige, der Verhetzer ist der wahre Grobe; er mag sich noch so höflich ausdrücken. Es ist dem Stolze wesentlich, daß er sich weniger durch Worte als durch das übrige Betragen äußert. Seine Worte sind öfters bescheiden, und es läßt sich nur sehen, nicht hören, daß es eine stolze Bescheidenheit ist. Der Lebhafte wird Feuer und Flammen gegen den, der ihm zu lau sich zu betragen scheint, und der Laue wird kalt wie Eis, um jenen so viele Übereilungen begehen zu lassen, als ihm nur immer nützlich sein können. Das Vergnügen, einem Unbekannten ohne Absicht beigestanden zu haben, ist schon für sich groß. Und er selbst würde uns mehr Segen nachgewünscht haben, als er uns jetzt übertriebene Danksagung hält. Wen man in die Verbindlichkeit setzt, sich weitläufig für die dabei verknüpften Kosten zu bedanken, der erweist uns einen Gegendienst, der ihm vielleicht saurer wird als uns unsere Wohltat geworden. Die meisten Menschen sind zu verdorben, als daß ihnen die Anwesenheit eines Wohltäters nicht höchst beschwerlich sein sollte. Sie scheint ihren Stolz zu erniedrigen. Wenn der Rat eines Toren einmal gut ist, so muß ihn ein gescheiter Mann ausführen. Ich finde, daß das Glück zu einem kleinen Schlag, den es uns versetzen will, oft schrecklich weit ausholt. Man sollte glauben, es wolle uns zerschmettern und hat uns am Ende nichts als eine Mücke auf der Stirn totgeschlagen. Glaube man ja nicht, daß man zerstreut ist, wenn man allzuviel in seinen Gedanken hat; man ist niemals zerstreuter, als wenn man an gar nichts denkt. So wie es selten Komplimente gibt ohne alle Lügen, so finden sich auch selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Ein Bund Stroh aufzuheben, muß man keine Maschinen in Bewegung setzen; was ich mit dem Fuße umstoßen kann, muß ich nicht mit einer Mine sprengen wollen; ich muß keine Scheiterhaufen anzünden, um eine Mücke zu verbrennen. Zug um Zug ist eine Regel in der Handlung, aber nicht in der Freundschaft. Handel und Wandel leidet keine Freundschaft, aber Freundschaft leidet auch keinen Handel und Wandel. Ein Mann von Ehrgeiz setzt die Wahrheit nur alsdann mit aller Macht durch, wenn er sein Ansehen und seine Gewalt mit ihr zugleich befestigen kann. Laufen diese hingegen die geringste Gefahr, so gibt er sie auf; er herrscht gern über erleuchtete Menschen, aber ehe er dann lieber nicht herrscht, mögen sie so unerleuchtet bleiben als sie wollen. Wie dem, der in einer schnellen Kreisbewegung drehend geworden, auch da noch, wenn er schon wieder still sitzt, die äußeren Gegenstände mit ihm herumzugehen scheinen, so wird auch das Herz, das zu heftig erschüttert worden, nicht auf einmal wieder ruhig. Es bleibt eine zitternde Bebung oft noch lange zurück, die wir ihrer eigenen Abschwächung überlassen müssen. Nichts zieht den Undank so unausbleiblich nach sich als Gefälligkeiten, für die kein Dank zu groß wäre. Die Frau wollte die Natur in ihrem Meisterstück machen; aber sie vergriff sich im Ton, sie nahm ihn zu fein. Wir trauen einer stolzen Frau nicht viel Zärtlichkeit und einer zärtlichen nicht viel Stolz zu. Wir trauen es ihr nicht zu, sage ich, denn die Kennzeichen des einen widersprechen den Kennzeichen des anderen. Es ist ein Wunder, wenn ihr beide gleich geläufig sind; hat sie aber nur die einen vorzüglich in ihrer Gewalt, so kann sie die Leidenschaft, die sich durch die anderen ausdrückt, zwar empfinden, aber schwerlich werden wir ihr glauben, daß sie dieselbe so lebhaft empfindet, als sie sagt. Die Natur rüstet das weibliche Geschlecht zur Liebe, nicht zu Gewaltsamkeiten aus; es soll Zärtlichkeit, nicht Furcht erwecken, nur seine Reize sollen es mächtig machen, nur durch Liebkosungen soll es herrschen und soll nicht mehr beherrschen wollen, als es genießen kann. Es ist leichter, zum Mitleiden zu bewegen, als lachen zu machen. Man lernt eher, was Glück und Unglück, als was sittlich und unsittlich, anständig und lächerlich ist. Den Verstand nur allein an dem üben wollen, was unsere körperlichen Bedürfnisse betrifft, würde ihn mehr stumpfen als wetzen heißen. Er will schlechterdings an geistigen Gegenständen geübt sein, wenn er zu seiner völligen Aufklärung gelangen und diejenige Reinigkeit des Herzens hervorbringen soll, die uns die Tugend um ihrer selbst willen zu lieben fähig macht. Warum sind wir zu gewissen Tugenden bei einem gesunden und seine Kräfte fühlenden Körper weniger als bei siechen und abgematteten aufgelegt? Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter. Der Himmel hat die Einbildung in unserer Gewalt gelassen. Sie richtet sich nach unseren Taten, und wenn diese unseren Pflichten und der Tugend gemäß sind, so dienen die sie begleitenden Einbildungen zur Vermehrung unserer Ruhe und unseres Vergnügens. Ein Präservativ ist auch eine schätzbare Arznei, und die ganze Moral hat kein kräftigeres, wirksameres als das Lächerliche. Die Leidenschaften sind nicht hinlänglich, einen Charakter zu machen; denn sonst müßten alle Menschen ihren Charakter haben, weil alle Menschen ihre Leidenschaften haben. Wie schlau weiß sich der Mensch zu trennen und aus seinen Leidenschaften ein von sich unterschiedenes Wesen zu machen, dem er alles zur Last legen könnte, was er bei kaltem Blute selbst nicht billigt. Es ist gewiß, daß ein Herz, dem die Dankbarkeit mangelt, überhaupt der allergrößten Niederträchtigkeit fähig ist; wie im Gegenteil, wenn diese großmütige Tugend in der Seele vorwirkt, gewiß nicht die anderen liebenswürdigen Eigenschaften fehlen werden, welche eine gute Gemütsart ausmachen. Es ist schwer, daß auch die gleichsten Fußgänger einen langen Weg immer Hand in Hand zurücklegen können. Aber wenn die Rauhigkeit des Weges sie zwingt, ihre Hände fahren zu lassen, so können sie doch immer einander mit Achtung und Freundschaft in den Augen behalten und immer bereit sein, wenn ein bedenkliches Straucheln einen gefährlichen Fall droht, einander zu Hilfe zu eilen. Wer seine Laster nur beständig beweint und sie niemals verlacht, von dessen Abscheu dagegen kann ich mir in der Tat keinen guten Begriff machen. Er beweint sie nur vielleicht aus Furcht, es möchte ihm übel dabei gehen, er möchte die Strafe nicht vermeiden können. Wer aber das Laster verlacht, der verachtet es zugleich und beweist, daß er lebendig überzeugt ist, Gott habe es nicht etwa aus einem despotischen Willen zu vermeiden befohlen, sondern daß uns unser eigenes Wohl, unsere eigene Ehre es zu fliehen gebiete. Der Mensch ward zum Tun und nicht zum Vernünfteln erschaffen. Eben aber deswegen, weil er nicht dazu erschaffen ward, hängt er diesem mehr als jenem nach. Seine Bosheit unternimmt allezeit das, was er nicht soll, und seine Verwegenheit allezeit das, was er nicht kann. Er, der Mensch, sollte sich einschränken lassen? Glückselige Zeiten, als der Tugendhafteste der Gelehrteste war, als alle Weisheit in kurzen Lebensregeln bestand. Der größte Bösewicht weiß sich vor sich selber zu entschuldigen, sucht sich selbst zu bereden, daß das Laster, welches er begeht, kein so großes Laster sei oder daß ihn die unvermeidliche Notwendigkeit es zu begehen zwinge. Es ist wider alle Natur, daß er sich des Lasters als Lasters rühme. Erziehung gibt dem Menschen nichts, was er nicht auch aus sich selbst haben könnte; sie gibt ihm das, was er aus sich selber haben könnte, nur geschwinder und leichter. Das Kind der Erziehung fängt mit langsamen, aber sicheren Schritten an; es holt manches glücklicher organisierte Kind der Natur spät ein und ist alsdann nie wieder von ihm einzuholen. Der größte Fehler, den man bei der Erziehung zu begehen pflegt, ist dieser, daß man die Jugend nicht zum eigenen Nachdenken gewöhnt. Gesunde Ordnung im Denken, lebhafter Witz, Kenntnis der Welt, ein empfindliches Herz, Leichtigkeit des Ausdrucks sind Dinge, die den Deutschen weniger fehlen würden, wenn man sie in Schulen lernen könnte. Die meisten Lehrer haben sie selbst nicht; was Wunder also, daß sie ihre Schüler anführen, sich mit methodischen Leitfäden, studierten Empfindungen, staubigen Realien und künstlichen Perioden zu behelfen. Ich glaube, der Schöpfer mußte alles, was er erschuf, fähig machen, vollkommener zu werden, wenn es in der Vollkommenheit, in welcher er es erschuf, bleiben sollte. Der Wilde zum Exempel würde ohne die Perfektibilität nicht lange ein Wilder bleiben, sondern gar bald nichts Besseres als irgendein unvernünftiges Tier werden; er erhielt also die Perfektibilität nicht deswegen, um etwas Besseres als ein Wilder zu werden, sondern, um nichts Geringeres zu werden. Vieles muß das Genie erst wirklich machen, wenn wir es für möglich erkennen sollen. Wenn ein kühner Geist voller Vertrauen auf eigene Stärke in den Tempel des Geschmacks durch einen neuen Eingang dringt, so sind hundert nachahmende Geister hinter ihm her, die sich durch diese Öffnung mit einzustehlen hoffen. Doch umsonst; mit eben der Stärke, mit welcher er das Tor gesprengt, schlägt er es hinter sich zu. Sein erstauntes Gefolge sieht sich ausgeschlossen, und plötzlich verwandelt sich die Ewigkeit, die es sich träumte, in ein spöttisches Gelächter. Mit Absicht handeln ist das, was den Menschen über geringere Geschöpfe erhebt; mit Absicht dichten, mit Absicht nachahmen ist das, was das Genie von den kleinen Künstlern unterscheidet, die nur dichten, um zu dichten, die nur nachahmen, um nachzuahmen, die sich mit dem geringen Vergnügen befriedigen, das mit dem Gebrauch ihrer Mittel verbunden ist, die diese Mittel zu ihrer ganzen Absicht machen und verlangen, daß auch wir uns mit ebenso geringem Vergnügen befriedigen sollen, welches aus dem Anschauen ihres kunstreichen, aber absichtslosen Gebrauches ihrer Mittel entspringt. Wer nichts hat, der kann nichts geben. Ein junger Mensch, der erst selbst in die Welt tritt, kann unmöglich die Welt kennen und sie schildern. Das größte komische Genie zeigt sich in seinen jugendlichen Werken hohl und leer. Wer richtig räsoniert, erfindet auch, und wer erfinden will, muß räsonieren können. Nur die glauben, daß sich das eine von dem andern trennen lasse, die zu keinem von beiden aufgelegt sind. Man hintergeht oder ward selbst hintergangen, wenn man die Regeln sich als Gesetze denkt, die unumgänglich befolgt sein wollen, da sie weiter nichts als guter Rat sind, den man ja wohl anhören kann. Wer leugnet, daß auch ohne sie das Genie gut arbeitet? Aber ob es mit ihnen nicht besser gearbeitet hätte? Es schöpfe immer nur aus sich selbst, aber es wisse doch wenigstens, was es schöpft. Das Studium des menschlichen Gerippes macht freilich nicht den Maler, aber die Versäumung desselben wird sich an den Koloristen rächen. Der Schwärmer tut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft, er aber kann diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft beschleunigt und wünscht, daß sie durch ihn beschleunigt werde. Wozu sich die Zeit Jahrtausende nimmt, soll in dem Augenblick seines Daseins reifen. Denn, was hat er davon, wenn das, was er für das Bessere erkennt, nicht noch bei seinen Lebzeiten das Bessere wird? Kommt er wieder? Glaubt er wieder zu kommen? Sonderbar, daß diese Schwärmerei allein unter den Schwärmern nicht mehr Mode werden will. Jean Paul O, wie so gerne, Jean Paul, pflück' ich deine herrlichen Früchte, Hab' ich glücklich den Zaun blühender Hecken passiert. Grillparzer Ich kann von ihm nichts sagen, als er ist ganz Herz und Geist; ein feinklingender Ton auf der Harfe der großen Goldharfe der Menschheit, auf der es so viel zersprungene Saiten und verstimmte Töne gibt. Herder Ein Stern ist untergegangen, und das Auge dieses Jahrhunderts wird sich schließen, bevor er wieder erscheint; denn in weiten Bahnen zieht der leuchtende Genius, und erst späte Enkel heißen freudig willkommen, von dem trauernde Väter einst weinend geschieden. Und eine Krone ist gefallen von dem Haupte eines Königs! Und ein Schwert ist gebrochen in der Hand eines Feldherrn; und ein Hoherpriester ist gestorben. Börne auf den Tod Jean Pauls Es ist die gewöhnlichste und schädlichste Täuschung, daß man sich allezeit für den einzigen hält, der gewisse Dinge bemerkt. Ein Plan macht ein Leben unterhaltend, man mag es lesen oder führen. Man kann an derselben Person die Koketterie gegen jeden bemerken und doch ihre gegen sich übersehen, wie die Schöne dem Schmeichler glaubt, den sie für den ausgemachten Schmeichler aller anderen hält. Die Besorgnis, falsch zu scheinen, macht, daß man es scheint. Daher sieht bei einem Argwöhnischen ein Aufrichtiger halb wie ein falscher aus. Es ist leichter, eine übertriebene Achtung vorzuspiegeln, als eine wahre auszudrücken. Verschweigen und Verstellen fließen leicht zusammen, und müssen nicht Tropfen in den festesten Charakter, sobald er immer unter der Traufe steht, endlich Narben graben? Beim Abreisen hat kein Mensch Zeit, sich zu erbosen. Der Furchtsame erschrickt vor der Gefahr, der Feige in ihr, der Mutige nach ihr. Unter allen Dingen ist menschliche Bescheidenheit am leichtesten totgeräuchert oder totgeschwefelt, und manches Lob ist so schädlich als eine Verleumdung. Manche Kühnheit des öffentlichen Handelns kommt den Zuschauern schwer und glänzend vor, bloß weil sie in der Ruhe sind, wie ein wildes Wetter dem unbeweglich, der aus der warmen, stillen Stube hinaussieht. Reist er selber draußen durch den Sturm, so fragt er, gerüstet und kämpfend, wenig danach. Man lernt Verschwiegenheit am meisten unter Menschen, die keine haben, und Plauderhaftigkeit unter Verschwiegenen. Einer, der viele Wohltaten empfangen, hört auf, sie zu zählen, und fängt an, sie zu wägen. Jeder Schmeichler hat wieder seine Schmeichler; den Bandwurm halten wieder nadelförmige Würmchen besetzt. Wenn jemand bescheiden bleibt, nicht beim Lob, sondern beim Tadel, dann ist er's. An einer Versuchung ist nichts so gefährlich als die Neuheit; die Menschen und die Pendeluhren gehen durchaus bloß in einerlei Temperatur am ruhigsten. So verschieden die Fürsten sind, so sind doch die Höfe einander ähnlich und die Hofleute einander gleich. Die Menschen erscheinen nie schlaffer, als wenn sie andere mit Worten trösten wollen; alles, was nur Gemeinheit, Widersprüche, Weichlichkeit und Schmeichelei eingeben, sprechen sie vor. Nicht das Geschrei, sagt ein chinesischer Autor, sondern der Aufflug einer wilden Ente treibt die Herde zur Folge und zum Nachfliegen. Unmoralische Verdienste werden an hohen Orten vor ihrer Geburt bezahlt, moralische nach derselben, das Umgekehrte geschieht gleich schwer. Vor Großen muß man sich niemals tadeln; sie glauben zu leicht, man sage des Bösen zu wenig. Tacitus sagt, man haßt den anderen, wenn man ihn beleidigt hat, aber gute Menschen lieben den andern oft bloß deswegen. Man haßt am anderen nichts so sehr als einen neuen Fehler, den er erst nach Jahren zeigt. Die meisten Narrheiten verübt man unter Leuten, nach denen man am wenigsten fragt. Traue keinem, der in der geringsten Kleinigkeit seine Ehre im Stich läßt, und einer solchen Frau noch weniger. Verzage nur nicht, wenn du einmal fehlst, und deine ganze Reue sei eine schöne Tat. Man fragt den andern meistens um Rat, nicht weil man nicht weiß, was man tun soll, sondern weil man es eben weiß, aber ungern tut und vom Ratgeber eine Hilfe für die leidende Neigung erwartet. Die moralische Verschlimmerung entspinnt sich zwar aus Geringfügigkeiten, aber nicht die Besserung. Etwas erwarten ist oft ärger als etwas verlieren, zumal da diese Bewegung der Seele ungleich anderen geistigen und körperlichen Oszillationen, welche durch die Zeit zur Ruhe kommen, gerade durch diese in Schwung gerät. Die Not ist die Mutter der Künste, aber auch die Großmutter der Laster. Der Schlimme verachtet den Schlimmen noch mehr, als er den Guten haßt. Man schiebt oft das Vergeben auf, weil man das Keifen aufzugeben gezwungen ist. Der Entschluß drängt alle Schwierigkeiten und Entbehrungen auf einmal vor die Seele, die Ausführung aber stellt sie wieder auseinander und gibt uns erst das Interesse davon durch die sonderbare Freude, ohne die man's bei tausend Dingen nicht ausdauerte, etwas unter seinen Händen täglich wachsen zu sehen. Keine Entschlüsse sind so groß als die, die man mehr als einmal auszuführen hat. Daher ist Unterlassen schwerer als Unternehmen, denn jenes muß länger fortgesetzt werden, und dieses ist noch mit dem Gefühl einer doppelten Kraftäußerung verknüpft, einer psychologischen und einer moralischen. Handlungen galten von jeher für die besten Fähren zum Herzen, für die echten Kernschüsse zur Brust, da Worte nur Bogenschüsse sind oder was man will. Einem einen Uhrschlüssel abkaufen oder sonst ein Kauf, das sperrt mehr am bedeckten Gehäuse eines Menschen auf als dreißig Dejeuneurs in einem Monate von einunddreißig Tagen. Jede kühne Tat macht eine zweite nötig, sonst bringt sie Untergang, und eben das Ahnen und Ahnden dieser Notwendigkeit entkräftet die Menge, welche sonst wohl den größten Mut verspürte, ganz so zu handeln wie Cäsar oder wie Sokrates oder wie Friedrich II., aber nur einmal im Jahre oder im Leben. Gesellschaft treibt das Alltagskind, das seine Funken nur an fremden Stößen gibt. Aber Einsamkeit zieht sich am besten über die erhabene Seele, wie ein öder Platz einen Palast erhebt; hier erzieht sie sich unter befreundeten Bildern und Träumen symmetrischer als unter ungleichartigen Nutzanwendungen. Fern von Menschen wachsen Grundsätze, unter ihnen Handlungen. Einsame Untätigkeit reift außer der Glasglocke des Museums zur geselligen Tätigkeit, und unter den Menschen wird man nicht besser, wenn man nicht schon gut unter sie kommt. Jeder ist den andern zugleich Sonne und Sonnenblume; er wird gewendet und wendet. Die Menschen assoziieren sich wie die Ideen ebensooft nach der Gleichzeitigkeit als Ähnlichkeit, und aus der Wahl der Bekannten ist ebensowenig etwas auf den Charakter des Mannes zu schließen als auf einer Frau ihren aus der Wahl des Gatten. Die Tugend der meisten Menschen ist nur ein Extrablatt und Gelegenheitsgedicht in ihrem Alltagleben. Empfindlichkeit bessert sich mit den Jahren, Koketterie verschlimmert sich mit den Jahren. Man schätzt Menschen von einer gewissen zu großen Feinheit erst dann am meisten, wenn man von ihnen weg ist, unter Menschen von einer gewissen Grobheit. Das Weltleben schleift alles Große am Menschen weg, wie das Wetter an Statuen und Leichensteinen gerade die erhabenen Teile wegnagt. Im Weltleben sehen zwei Menschen ein, daß jeder das Mittel des anderen ist; aber jeder, und dies erwärmt beide etwas. Feinheit der Denkungsart ist Anlage. Feinheit des Ausdrucks ist eine Frucht, wozu nicht gerade Hofgärtner nötig sind; aber Feinheit des äußeren Anstandes ist nirgends zu holen als da, wo sie alles gilt in der großen Welt voll Mikrokosmen. Die feinen Leute geben ihren inneren Menschen wie ihren äußeren durch Mandelkleien und Nachthandschuhe weiche Hände, bloß um das Untere der Karten besser zu fühlen und niedliche halbe Daunenohrfeigen zu geben, aber nicht wie die Wundärzte, um damit Wunden zu handhaben. Menschen von feinem Gefühl bezaubern durch eine gewisse zärtliche Aufmerksamkeit auf kleine Bedürfnisse des andern, durch ein Erraten seiner leisesten Wünsche, durch eine stete Aufopferung ihres Eigenen, durch Gefälligkeiten, deren seidenes Geflecht sich immer fester und sanfter um unser Herz herumlegt als das schneidende Lebensseil einer großen Wohltat. Es gibt Menschen, die nur Nachrichten, ohne Interesse für den Inhalt erhetzen wollen, und Personalien ohne Realien, die alle großen Gelehrten, aber keine Gelehrsamkeit, alle großen Staatsmänner, aber keine Politik, alle Generale, ohne Liebe zum Kriege, zu kennen suchen, persönlich und schriftlich. Nichts erkaltet mehr die edelsten Teile des inneren Menschen als Umgang mit Personen, an denen man keinen Anteil nehmen kann. Die Weltleute behaupten ein gleiches Betragen, weil sie es nie nach fremden Verdiensten, sondern nach eigenen Absichten abformen. Eine Verleumdung macht, daß man wenigstens jede Handlung um ihren Paß befragt, man tut's bloß, um die Verleumdung recht augenscheinlich zu widerlegen, und da oft die unschuldigste keinen Gesundheitspaß hat, so schüttelt man den Kopf und sagt: Es ist wahre Verleumdung, aber aufpassen will ich doch. Unter den Menschen und Borsdorfer Äpfeln sind nicht die glatten die besten, sondern die rauhen mit einigen Warzen. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er, wo nicht Verstand, doch eine Frau. Jeder hat zwei Masken, die allgemeine und die persönliche. Übrigens werden die Farben, die auf den wissenschaftlichen, feinen und menschenliebenden Anstrich des Äußern verbraucht werden, notwendig von innen abgekratzt, aber zum Vorteil, da am Innern nicht viel ist, und das Studium des Scheins verringert das Sein; so sah ich oft im Walde Hasen liegen, an denen kein Lot Fleisch war und kein Tropfen Fett, weil alles von dem ungeheuren Hasenpelz weggesogen war, der nach dem Tod fortgewachsen. Ein Künstling ist ein Shakespeare und Dichter, der hinter den Personen, die er agieren und reden läßt, nicht selber vorguckt und vorhustet, sondern der ein Bauchredner ist, welcher seiner Stimme den Klang einer fremden gibt. Über Veränderliche regiert am besten der Unveränderliche. Recht gewöhnliche und doch befriedigende Unterhaltung ist allgemein unter den Menschen die, daß einer das sagt, was der andere schon weiß, worauf dieser aber etwas versetzt, was jener auch weiß, so daß er sich zweimal hört, gleichsam ein geistiger Doppelgänger. Ein Arzt sei noch so delikat im Ausdruck, er ist's doch nur für Ärzte. Unter Personen von einer gewissen Feinheit wird leicht alles zur Anspielung. Wohlwollen ist ihnen daher unentbehrlich, damit sie an keine andere Anspielung als an gute glauben. Wenn sich jemand versteckt erklärt, so ist nichts unhöflicher als eine neue Frage. Die Großen verwechseln oft die Wirkung ihrer Zimmer und Möbel mit ihrer eigenen. Wenn sie der Gelehrte auf einem Rain, in einem Walde, an einem Krautfelde überfallen könnte, er wüßte sich zu benehmen. Viele Witzköpfe an einer Tafel, heißt das nicht mehrere herrliche Weine in ein Glas zusammengießen? Die weiblichen Verdienste werden verächtlicher als die männlichen, weil jene öfters aus Schwäche, diese öfters aus Stärke kommen. Frauen, was soll ich weiter sagen, als daß ihr, sobald ihr gut seid, es im höchsten Grad seid und daß ihr und das englische Zinn einerlei Stempel habt, nämlich die Figur eines Engels. Die Frauen haben weniger Wallungen und weniger Überwallungen als wir Männer. Die Frauen und sanfte Leute sind nur zaghaft in eigenen Gefahren und herzhaft in fremden, wenn sie retten sollen. Die Frauen erraten so leicht, weil sie sich immer nur erraten lassen, und ergänzen und verbergen jede Hälfte mit gleichem Glück. Die Frauen sind gut und Anhänger des Linné, und ihre Augen ordnen die Männer botanisch nach einem schönen, einfachen Sexualsystem; sie machen unter tugendhafter und lasterhafter Liebe einen großen Unterschied; nämlich den des Grades oder auch der Zeit, und die Beste spricht oft darüber wie die Schlimmste, und die Schlimmste wie die Beste. Die Frauen sehen nur darauf, daß man sich bei ihnen entschuldigt, nicht wie. Die Frauen lieben die Stärke, ohne sie nachzuahmen, die Männer die Zartheit, ohne sie zu erwidern. Die Frauen spielen auf der Bühne die Rolle der An- und Verstellung viel besser als die der Aufrichtigkeit, denn jene ist die Rolle in der Rolle, diese nur Rolle. Doch oft scheinen sie sich uns vorher verstellt zu haben, bloß weil sie sich nachher zu schnell veränderten, ja meistens wird selber das Verstellen Verändern und Schein sein. Es gibt weibliche Wesen, die nichts so gern haben als Mitleid mit fremden Leuten, besonders mit weiblichen. Sie wünschen ordentlich recht viel mitzuleiden und suchen Freundinnen gerade in der Not am liebsten, ja sie wecken durch Mitteilen fremde Seelen zu gleicher Teilnahme und finden wahren Genuß in fremden Tränen; denn so viel vermag die Tugend durch Übung, so wie etwa der Zaunkönig nie lustiger singt und springt als vor Regenwetter. Die männliche Blödigkeit liegt bloß in der Erziehung und in Verhältnissen; die weibliche tief in der Natur; der Mann hat innerlichen Mut und bloß oft äußerliche Unbehilflichkeit, die Frau hat diese nicht und ist dennoch scheu. Jener drückt seine Ehrfurcht durch Hinzutreten, diese durch Zurückweichen aus. Jede Frau ist feiner als ihr Stand. Sie gewinnt mehr durch die Kultur als ihr Mann. Die weiblichen Engel, aber auch die weiblichen Teufel halten sich nur in den höchsten, feinsten Menschenschubfächern auf; es sind Schmetterlinge, an denen der Samtfittich zwischen zwei rohen Mannsfingern zum nackten, häutigen Lappen wird; es sind Tulpen, deren Farbenblätter ein einziger Griff des Schicksals zu einem schmutzigen Leder ausdrückt. Egoisten wissen ziemlich, daß sie es sind, aber Egoistinnen nicht, so wie weibliche Seelen, deren Leben sich um die Himmelsachse der höchsten uneigennützigen Liebe bewegt, wenig von dieser wissen. Der männliche Egoismus will mehr verachten, der weibliche mehr hassen, denn da der letztere seine Liebe bloß nach seinem Fordern fremder abmißt, so glaubt er sogleich desto mehr zu lieben, je mehr er haßt, nämlich entbehrt. Die schöne weibliche Blüte sucht wie die Biene nichts als Blüte und Blume, aber die rohe sucht wie die Wespe nur Früchte. Willst du die Mängel deiner guten künftigen Frau leicht voraus wissen, so gib nur auf diejenigen acht, welche der Braut von den Eltern oder Geschwistern oft nur leise und lächelnd vorgeworfen werden. Diese folgen ihr als die gewisseste Mitgabe, nur werden sich die grünen Spitzen der Rosenknospe, welche dich jetzt angenehm reizen und ritzen, in der Ehe zu einer Dornenkrone und einem Distelköpfchen härten und runden. Die Wölkchen, die am Morgen die Sonne rot schmückten, hüllen sie am Tage in Grau zu. Nichts ist charakteristischer als der weibliche Gang, zumal wenn er beschleunigt werden soll. Das männliche Geschlecht ist glücklicher und neidloser als das weibliche, weil jenes imstande ist, zweierlei Schönheit mit ganzer Seele zu fassen, männliche und weibliche, hingegen die Frauen lieben nur die eines fremden Geschlechtes. Tanzen ist der weiblichen Welt das, was Spielen der großen ist, eine schöne Vakanzzeit der Zungen, die oft unbeholfen, oft gefährlich sind. Gewiß bleibt's, daß nicht die weiblichen Laster, sondern die weiblichen Launen so viel Pferdestaub und Dornen in das Ehelager säen, daß oft der Satan darauf liegen möchte. Vor wem das liebevolle, zugedrückte Herz einer guten Frau aufginge, wieviel bekämpfte Zärtlichkeit, verhüllte Aufopferungen und stumme Tugenden würde er darin ruhen sehen! Wenn ein Mädchen anfängt: eine schöne, weibliche Seele, so laufe ich gern davon; denn sie besieht sich mit. Herzen hat jedes ohnehin so viel aufzumachen und zu verschenken als ein Fürst Dosen, und beide enthalten das Bildnis des Gebers, nicht des Empfängers. Es wird einem Mann überhaupt bei einer vernünftigen Frau nie recht wohl, sondern bei einer bloß feinen, phantasierenden, heißen, launenhaften ist er erst zu Hause. Zwei Dinge vergißt ein Mädchen am leichtesten: erstens wie sie aussieht, daher die Spiegel erfunden wurden, und zweitens, worin sich »das« von »daß« unterscheidet. Mädchen voll Liebe werden oft scheintot wie die Pferde englischer Bereiter oder wie belastete Raupen, die sogleich erhärten. Die Tugend mancher Damen ist ein Donnerhaus, das der elektrische Funke der Liebe zerschlägt und das man wieder zusammenstellt für neue Experimente. Die Mädchen wissen nicht, wie sehr sie Geschäftigkeit verschönert, wie sehr an ihnen und den Taubenhälsen das Gefieder nur schillert und spielet, wenn sie sich bewegen, und wie sehr wir Männer den Raubtieren gleichen, die keine Beute haben wollen; die still ruht. Die weiblichen Fehler, besonders Launen und Empfindelei, sind Astlöcher, die am grünen Holze bis in die Flitterwochen als schöne, marmorierte Kreise gefallen; die aber am dürren, am ehelichen Hausrat, wenn der Zapfen ausgedörrt, als fatale Löcher aufklaffen. Die Liebe ist das einzige, was das Herz des Menschen bis an den Rand vollgießt, wiewohl mit einem bald einsinkenden Nektarschaum. Sie ist wie die Krebse in den Monaten ohne r am schönsten. Der Liebe ist eine Hand mehr als ein Arm, wie ein Blick mehr als ein Auge. Freilich ist Achtung die Mutter der Liebe, aber die Tochter wird oft einige Jahre älter als die Mutter. Wie die Römer ihre Monarchen lieber für Götter als für Herren erkannten, so wollen die Männer die Direktrice ihres Herzens lieber ihre Göttin als ihre Herrin nennen, weil es leichter ist anzubeten als zu gehorchen. Man schweigt zweimal in der Liebe, das erstemal aus Furcht, das zweitemal aus Vertrauen, das eine Mal im stummen Vorfrühling des Herzens, wo die Blicke noch zu laute Worte sind und wo jede Seele in ihrem dunklen Laub für die andere reift; das andere Mal im Nachsommer des Herzens, wo zwei vertrauende Menschen schweigend, erinnernd und genießend auf der erreichten stillen Höhe nebeneinander stehen, wie man im Frühling auf einem hohen Gebirge die Sonne über die glänzende Ebene aufgehen sieht, aber das Morgengeschrei der Vögel, die darin und darüber schweben, oben nicht vernimmt. Die Universalliebe ist ein ungegliederter Fausthandschuh, in den, weil keine Verschläge die vier Finger trennen, jede Hand leicht hineinfährt, in die Partialliebe oder in den Fingerhandschuh drängt sich nur eine einzige Hand. Eine Bitte tun, heißt in der Liebe mehr geben als eine erhören. Wer kann es sagen, warum der Druck einer geliebten Hand mehr innige Zaubereien in die Seele sendet als dieser ein Kuß, wenn nicht etwa die Einfachheit, Unschuld, Festigkeit des Zeichens es tut? Kenner sagen, jedes Geheimnis, das man einer Schönen sage, sei ein Heftpflaster, das mit ihr zusammenleime und das oft ein zartes Geheimnis gebäre. Frauen sprechen lieber von als in der Liebe; Männer umgekehrt. Das Bedürfnis zu lieben, zwingt zu größeren Torheiten als die Liebe selbst. Die Entbehrungen und Schmerzen der Liebe sind eben selbst Erfüllungen und Freuden und geben Trost und brauchen keinen, so wie die Sonnenwolken eben das Leuchten der Sonne erzeugen und die Erdenwolken vertreiben. Ach, welche warme Seele sprach nicht einmal die Bitte der Liebe vergeblich aus und konnte dann, gelähmt von erkaltendem Gifte, gleich andern Vergifteten, die schwere Zunge und das schwere Herz nicht mehr bewegen? Aber lieber fort, du warme Seele, gleich Frühlingsblumen, gleich Nachtschmetterlingen durchbricht die zarte Liebe doch zuletzt den hochgefrorenen Boden, und jedes Herz, das nicht anderes verlangt als ein Herz, findet endlich seine Brust. In der höheren Liebe ist der Zorn nur Trauer über den Gegenstand. Nur in den Minuten des Wiedersehens und der Trennung wissen es die Menschen, welche Fülle der Liebe ihr Busen verberge, und nur darin wagen sie es, der Liebe eine zitternde Zunge und ein überfließendes Auge zu geben, wie Memnons Statue nur tönte und bebte, wenn die Sonne kam und wenn sie unterging, am Tag aber bloß warm von ihren Strahlen wurde. Ein Herz voll Liebe kann alles verzeihen, sogar Härte gegen sich, aber nicht Härte gegen andere; denn jene zu verzeihen ist Verdienst, diese Mitschuld. Nichts befriedigt die liebende Seele, als was sie mit der geliebten teilt. Die höchste Liebe kennt nur ja und nein, keinen Mittelstand, kein Fegfeuer, nur Himmel und Hölle, und doch hat sie das Unglück, daß sie Geburten der Stimmung und des Zufalls, die nur zu Vorhimmel und Vorhölle führen sollten, zu Pförtnerinnen von Himmels- und Höllentoren macht. O ihr armen, egoistischen Menschen, dieses Polarleben ist ohnehin so kalt und kahl, wir stehen ohnehin Wochen und Jahre nebeneinander, ohne mit dem Herzen etwas Besseres zu bewegen als unser Blut; bloß ein paar glühende Augenblicke zischen und erlöschen auf dem Eisfelde des Lebens; warum meidet ihr doch alles, was euch aus der Alltäglichkeit zieht und was euch erinnert, wie man liebt. Der edelste Mensch hängt am meisten von liebenden Seelen ab oder von seinen Idealen derselben, mit denen er aber nur insofern ausreicht, als er sie für Pfänder künftiger Originale ansieht. Wenn der Mensch nichts mehr zu lieben hat, so umfaßt er das Grabmal seiner Liebe, und der Schmerz wird seine Geliebte. Vergebt einander den kurzen Wahnsinn der Klage; denn unter allen Schwächen des Menschen ist das die unschuldigste, wenn er, anstatt gleich dem Zugvogel sich über den Winter zu erheben und in heitere Zonen zu fliegen, gleich andern Vögeln vor diesem Winter niedersinkt und dumpf in seinem kalten Grabe erstarrt. In zwei Körpern stehen, wie auf zwei Hügel getrennt, alle liebenden Seelen der Erde; eine Wüste liegt zwischen ihnen, wie zwischen Sonnensystemen; sie sehen einander hinübersprechen durch ferne Zeichen, sie hören endlich die Stimmen über die Hügel herüber, aber sie berühren sich nie, und jede umschlingt nur ihren Gedanken, und doch zerstäubt diese arme Liebe wie ein alter Leichnam, wenn sie gezeigt wird; und ihre Flamme zerflattert wie eine Begräbnislampe, wenn sie aufgeschlossen wird. Die Freundschaft kann Vorzüge begehren, aber die Menschen lieben bloß Menschengestalt. Daher haben wir eben alle so eine kalte, eine so wechselnde Menschenliebe, weil wir den Wert der Menschen mit ihrem Rechte vermengen und nichts an ihnen lieben wollen als Tugend. In der Freundschaft sind große Opfer leichter als kleine; man opfert ihr lieber das Leben als eine Stunde auf, lieber das Immobiliarvermögen als eine kleine, unangenehme Unart. Die Ursache ist: große Aufopferungen macht der Enthusiasmus, kleine die Vernunft. Weibliche Freundschaft ist zwar seltener als unsere, aber dann auch zarter. Unsere grenzt nicht so nahe an Liebe – da wir einander im Widerschein der Taten lieben – als die weibliche, da die Freundin von der Freundin wie vom Liebhaber weniger die Beweise als die Äußerungen der Liebe begehrt und die Liebe fast nur fordert, um eine zu fühlen und zu erwidern. Nichts ist komischer als ein paar Paare Verliebter; noch mehr wäre es ein ganzer rechter und linker Flügel, der seufzend einander gegenüberstände; hingegen eine ganze Landsmannschaft von Freunden sähe nur desto edler aus. Wenn mancher von kleinen Beleidigungen der Freundschaft zu tief getroffen wird, so ist daran bloß eine hassende Denkungsart über alle Menschen schuld, die ihn damit in jedem einzelnen Fall ergreift und diesen zum Spiegel des Ganzen macht. Zürnt dein Freund mit dir, so verschaffe ihm eine Gelegenheit, dir einen großen Gefallen zu erweisen; darüber muß sein Herz zerfließen, und er wird dich wieder lieben. Wenn es bitter ist, neben dem Bette zu stehen, in dem ein geliebtes erlöschendes Angesicht mit den Farben des Todes liegt, so ist es noch viel bitterer, mitten in den Szenen der Gesundheit hinter der aufgerichteten teuren Gestalt den arbeitenden Tod zu hören und so oft zu denken, als die Gestalt fröhlich ist, sei noch fröhlicher; in kurzem hat er dich umgenagt, und du bist vergangen mit seinen Freuden und meinen. Ach, es gibt ja keinen Freund und keine Freundin, bei denen wir das nicht denken müßten. Die Freude ist der Sommer, der die inneren Früchte färbt und schmilzt. Die Blüte trägt und gibt nicht nur künftige Früchte, sondern auch gegenwärtigen Honigsaft; man darf ihr diesen nehmen und schadet jenen nicht. Die Blumen der Freude werden leider meistens aus Samt, Eisendraht und dem Formeisen gemacht. Der Mensch dürstet am größten Freudenbecher nach einem größern und zuletzt nach Fässern. Bettet doch alte Menschen weich und warm und lasset sie recht genießen; denn weiter vermögen sie nichts mehr; und beschert ihnen gerade im Lebensdezember und in ihren längsten Nächten Weihnachtsfeiertage und Christbäume; sie sind ja auch Kinder, ja zurückwachsende. Eine neue Lage ist eine Frühlingskur für unser Herz und nimmt das ängstliche Gefühl unserer Vergänglichkeit aus ihm. Wahrhaftig, der Mensch hat sich fast ebensoviel vorzuwerfen, wenn er mißvergnügt als wenn er lasterhaft ist; und da es auf seinen Gedankenozean ankommt, ob er aus ihm die unterste Hölle oder den dritten Himmel als Insel haben will, so verdient er alles, was er erschafft. Die höchste Entrückung macht ernst wie ein Schmerz, und der Mensch ist in ihr eine stille Scheinleiche mit blassem Gesicht, aber immer voll überirdischer Träume. Wenn dumpfe, namenlose Schmerzen sich ans Herz legen, so gib ihnen größere Stacheln, damit sie es tiefer ritzen; denn das wegfließende Blut macht den Busen leichter, so wie ein kleiner Riß einer Glocke einen dumpfen Ton nachläßt, bis ihr ein weiter den hellen wieder verschafft. Die Leiden sind wie die Gewitterwolken, in der Ferne sehen sie schwarz aus, über uns kaum grau. Dichterische Menschen, die immer die Flügel der Phantasie aufspannen, werden wie die Lerchen wegen ihrer ausgespreizten Flügel in Netzen festgehalten, die die weitesten Maschen haben, wodurch sonst ein glatter Vogelkörper glitte. Wenn man beim Stich der Biene oder des Schicksals nicht stillhält, so reißt der Stachel ab und bleibt zurück. Wenn das, was du liebtest, lange verschwunden ist aus der Erde oder deiner Phantasie, so wird dir in Trauerstunden die geliebte Stimme wiederkommen und alle deine alten Tränen mitbringen und das trostlose Herz, das sie vergossen hat. Das ist die höchste Totentrauer in einem Menschen, und sein Leben ist ein ewiges Leichenbegängnis, wenn er sich nach einem gekränkten, verwundeten Wesen trostlos sehnen muß, womit der geflügelte Tod in die Erde entfloh, ehe er bitten konnte: Vergib mir, und ehe er sagen konnte: Ich habe dir wehe getan, aber ich habe dich doch geliebt. Für welche schöne Seele war nicht die Zukunft ein Eisberg, auf dem sie in der Ferne warmes Abendrot und spielende Tulpenfarben liegen sah und an dem sie in der bleichen Nähe erstarrte. Das Schicksal gibt den Menschen oft den Wundbalsam früher als die Wunde. Niemand wird tiefer traurig, als wer immer lächelt, denn hört einmal dieses Lächeln auf, so hat alles über die zergangene Seele Gewalt, und ein sinnloser Wiegengesang, ein Flötenkonzert, dessen Dis- und Fisklappen und Ansätze bloß zwei Lippen sind, reißt die alten Tränen los, wie ein geringer Laut die wankende Lawine. Gedanken, die der Tag zu einem dunklen Rauch und Nebel macht, stehen in der Nacht als Flammen und Lichter um uns, wie die Säule, die über dem Vesuv schwebt, am Tag eine Wolkensäule scheint und zu Nacht eine Feuersäule ist. Ruhe, du sanftes Wort, Herbstflor aus Eden, Mondschein des Geistes! Ruhe der Seele, warum hältst du unser Haupt, daß es stilliegt, und unser Herz, daß es nicht klopfe? Ach, ehe jenes bleich und dieses starr ist, kommst du oft und gehst du oft, und nur unten bei dem Schlafe und bei dem Tode bleibst du, indes die Stürme die Menschen mit den größten Flügeln gleich Paradiesvögeln am meisten herumwerfen. Wenn der Mensch von der Vernunft keine balsamischen Mittel erlangen kann, so fleht er die Hoffnung und die Täuschung darum an, und beide zerteilen dann gern den Schmerz. Die Leidenschaften sind doch wenigstens kecke, großmütige, obwohl zerreißende Löwen; der Egoismus aber ist eine stille, sich einbeißende, fortzeugende Wanze. Der Mensch hat zwei Herzkammern, in der einen sein Ich, in der andern das fremde, die er lieber aber leer stehen läßt als falsch besetzt. Der Egoist hat, wie Würmer und Insekten, nur eine. Die Leidenschaft macht die besten Beobachtungen und die elendesten Schlüsse. Sie ist ein Fernrohr, dessen Feld desto heller ist, je enger es ist. Ein Mensch ohne Leidenschaft wäre noch ein größerer Egoist als einer mit heftigen. Der Dichter wird, wo er gleich Leidenschaft malt, doch diese am besten in dem Alter treffen, wo sie kleiner sind, so wie Brennspiegel gerade in den Sommern, wo die Sonne am wenigsten brannte, am stärksten wirkten und in den heißen am wenigsten. Die Blumen der Poesie gleichen anderen Blumen, die im gedämpften, benebelten Sonnenlicht am besten wachsen. Die Stärke der Gefühle wird leicht mit der Rechtmäßigkeit derselben verwechselt. Wer nicht zuweilen zu viel und zu weich empfindet, der empfindet gewiß immer zu wenig. Ich möchte doch wissen, ob Glücklichsein durch Leidenschaften etwas anderes heiße als sich wärmen durch ein Brennglas. Das Bitterste, womit uns Beleidigungen ergreifen, ist, daß sie uns zu hassen nötigen. Was wir aus Menschenliebe vorhaben, würden wir allemal erreichen, wenn wir keinen Eigennutz einmischten. Der größte Haß ist wie die größte Tugend und die schlimmsten Hunde still. Wenn wir uns recht fragen, so erzürnt uns nie der Stolz selber, sondern nur sein Mangel an Grund; daher kann uns oft Demut ebensowohl quälen; daher ist unser Haß des Stolzes kein Neid der Vorzüge; denn indem wir allezeit größere über uns anerkennen und nur gestohlene, vorgespiegelte hassen, ist unser Haß nicht Liebe gegen uns, sondern eine gegen die Gerechtigkeit. Die Gesundheit des Herzens entfernt sich gleichweit von den hysterischen Zuckungen und von phlegmatischer Agonie, und die Entzückung grenzt näher an den Schmerz als die Ruhe. Aber keine Ruhe und Kälte ist etwas wert als die erworbene; der Mensch muß der Leidenschaft zugleich fähig und mächtig sein; die Überströmungen des Willens gleichen jenen der Flüsse, die alle Brunnen eine Zeitlang verunreinigen; nehmt ihr aber die Flüsse weg, so sind die Brunnen auch fort. Die meisten verwechseln ihre Eitelkeit mit ihrer Ehrliebe und geben Wunder der einen für Wunder der andern aus und umgekehrt. Der blödsinnigste Mensch ist, wenn viel Phantasie unter seinen Taten glimmt, der herzhafteste, wenn sie emporlodert. Wenn Selbstkenntnis der Weg zur Tugend ist, so ist Tugend noch mehr der Weg zur Selbstkenntnis. Eine gebesserte, gereinigte Seele wird von der kleinsten moralischen Giftart wie gewisse Edelsteine von jeder andern trübe, und jetzt nach der Besserung merkt sie erst, wieviel Unreinigkeiten sich noch in allen Winkeln aufhalten. Das tugendhafte Herz wird, wie der Körper, mehr durch die Arbeit als durch gute Nahrung gesund und stark. Wenn man sich einmal vorgesetzt hat, sich kalt zu stellen, so wird man es noch mehr, wenn man Ursachen findet, es nicht zu werden. Man ist nie kälter als nach großer Wärme, so wie Wasser nach dem Kochen eine größere Kälte annimmt, als es vorher hatte. Liebe, Rausch und zuweilen die aus dem Anblick der Natur getrunkene Begeisterung machen uns gegen unsere Lieblinge zu gut und gegen unsere Antipoden zu hart. Male dir an jedem Morgen die ungefähren Leidenschaften vor, worein du am Tage kommen kannst; du beträgst dich dann besser; denn man ist selten in einer wiederholten Situation zum zweiten Male schlecht. Stelle keinem, sobald deine Brust den Seitenstich des Zornes befürchten muß, beredt seinen Fehler vor; denn indem du ihn von seiner Sträflichkeit überreden willst, überredest du dich selber davon und wirst erbost. Fange deine Herzenskultur nicht mit dem Anbau der edlen Triebe, sondern mit dem Ausschneiden der schlechten an. Ist einmal das Unkraut verwelkt oder ausgezogen, dann richtet sich der edlere Blumenflor von selbst kräftig in die Höhe. Mache dich durch Stoizismus (oder wodurch du kannst) nur ruhig; dann hast du wenig Mühe, dich auch tugendhaft zu machen. Der Mensch ist nie so schön, als wenn er Verzeihung erbittet oder selbst verzeiht. Schönheit und Tugend zanken und lieben sich wie ein paar Schwestern, und doch geben sie einander ihren Putz. Jeder begehrt von andern Gerechtigkeit und dann noch ein wenig Nachsicht dazu; ei gut, so geb er andern auch beides. Nichts bewegt den Menschen mehr als der Anblick einer Versöhnung. Unsere Schwachen werden nicht zu kostbar in den Stunden ihrer Vergebung erkauft, und der Engel, der keinen Zorn empfände, müßte den Menschen beneiden, der ihn überwindet. Wenn du vergibst, so ist der Mensch, der in dein Herz Wunden macht, der Seewurm, der die Muschelschale zerlöchert, welche die Öffnungen mit Perlen verschließt. Kein Mensch hat ganz unrecht und keiner ganz recht, und wer vergibt, dem wird zugleich vergeben, und umgekehrt. So teilen zwei Menschen, die sich versöhnen, immer die Freude der Verzeihung und die Freude der reinen und größeren Liebe miteinander. Der Mensch schiebt oft darum die Schuld lieber auf sich als auf andere, weil es ihm leichter ist, sich zu vergeben als andern. Ein einziger guter Vorsatz bettet und lüftet das scharfe Siechbett und Krankensofa eines zerrissenen Lebens. Das Laster behauptet das Schlachtfeld, aber die Tugend die elysischen Felder. Zuversicht auf Menschen und auf Gott ist die letzte und schwerste Tugend. Die größten Bösewichter sind einander am unkenntlichsten, hohe Menschen einander in der ersten Stunde kenntlich. Ein Mensch, den die Sonnennähe eines großen Menschen nicht in Flammen und außer sich bringt, ist nichts wert. Die Erde wird bloß von Menschen verändert, die nicht von ihr verändert werden. Nur die Lerchen steigen, wie der Mensch, schmetternd in die Höhe, um dann, wie er, schweigend in die Furche zurückzufallen, anstatt daß die große Seele und das Meer sich ungehört und ungesehen in den Himmel erheben und rauschend und erhaben und befruchtend in Wasserfallen und Gebirgsgüssen auf die Erde niederstürzen. Entweder große Menschen oder große Zwecke muß der Mensch haben; sonst vergehen seine Kräfte wie dem Magnet die seinigen, wenn er lange nicht nach den rechten Weltecken gelegen hat. Im Räume wirken große Männer selten einträchtig und gemeinschaftlich, aber in den Zeiten reichen sich alle die Hände aus der hohen Geisterwelt herunter zu einem Bau. Von großen Menschen sollte eine gewisse Milde, Bescheidenheit und eine auf Geringfügigkeiten merkende Menschenliebe – und dieses ist eigentlich die Höflichkeit – noch seltener geschieden sein als von mittelmäßigen, wie Leuten von langer Statur durch ihre abgebrochenen, eckigen und mißfälligen Bewegungen das Tanzen nötiger wird als Zwergen. Jene Menschenfreundlichkeit ist die Mosesdecke über dem strahlenden Angesicht; eine Art Menschenwerdung, die uns an ihnen so erquickend tut wie mir in meiner Jugend an der Sonne das ihr eingemalte Menschengesicht im Kalender. Es gibt Wahrheiten, von denen man hofft, große Menschen werden von ihnen stärker überzeugt sein, als man es selber sein kann; und man will daher durch ihre Überzeugung die seinige ergänzen. Wer der Weisheit die Gesundheit opfert, hat meistens auch die Weisheit mitgeopfert. Nicht Kälte, sondern Abkühlung ist die beste Weisheit; und unser innerer Mensch soll, wie ein heißer Metallguß in seiner Form, nur langsam erkalten, damit er sich zu einer glatteren Gestalt abrunde; eben darum hat ihn die Natur, wie man bei Metallen die Form erwärmt, in einen heißen Körper gegossen. Die Philosophie wäre jämmerlich, die von den Menschen nichts forderte, als was diese bisher ohne Philosophie leisteten. Wir müssen die Wirklichkeit dem Ideal, aber nicht dieses jener anpassen. Jede physische Unordnung ist nur die Hilfe einer Ordnung, jeder trübe Frühling die Hilfe eines heiteren Herbstes. Der Skeptizismus, der uns statt hartgläubig ungläubig macht, und statt der Augen das Licht reinigen will, wird zum Unsinn und zur fürchterlichsten philosophischen Lethargie. Nichts verlängert den Tanzplatz des Witzes so sehr, als wenn eigene Meinungen und Wahrheitsliebe darin als feste, dicke Säulen stehen. Gewisse Schönheiten wie gewisse Wahrheiten – wir Sterbliche halten beide noch für zweierlei – zu erblicken, muß man das Herz ebenso ausgeweitet haben als den Kopf. Es gibt keine großen Begebenheiten aus kleinen Ursachen, sondern nur große aus einer Million kleiner Ursachen, wovon man immer die letzte für die Mutter der großen Geburt ausgibt. Ist denn das Zündpulver die Ladung des Geschosses? Eine Satire über alles ist gar keine, sondern Unsinn, weil jede Verachtung etwas Geachtetes als Maßstab, jedes Tal einen Berg voraussetzt. Die wilden Eingriffe in das Zifferrad der Zeit, das tausend kleine Räder drehen, verrücken es mehr, als sie es beschleunigen; oft brechen sie ihm Zähne ab. Hänge dich ans Gewicht des Uhrwerkes, das alle Räder treibt, d. h. sei weise und tugendhaft, dann bist du groß und unschuldig zugleich, und du baust an der Stadt Gottes ohne den Mörtel des Blutes, ohne die Quadern der Totenköpfe. Aufklärung in einem leeren Herzen ist bloß Gedächtniswerk, sie strenge übrigens den Scharfsinn noch so sehr an; die meisten Menschen unserer Tage gleichen den neuen Häusern in Potsdam, in die nach Reichard Friedrich II. zu Nacht Lichter setzen ließ, damit jeder und selbst Reichard denken solle, sie seien bewohnt. Gewisse Wahrheiten können nicht wie die Gemälde samt den Mauern in Italien aus einem Kopfe in den andern transportiert werden; das Licht, das dir der andere geben kann, zeigt aber nicht das Ameublement deines Innern, und das, was das Licht bei einigen wirklich erschafft, ist Lufterscheinung, optischer Betrug, aber kein Körper. Daher kommt es nicht auf das Zeigen und Ersehen einer Wahrheit, d. h. eines Gegenstandes an, sondern auf die Wirkungen, die er auf dein ganzes Innere macht. Ein wohltätiger Kopf leuchtet für die Nachwelt sanfter und wohltätiger als für seine Mitwelt, Menschen, die an dem Vesuv der Freiheit und des Lichts schnell an dem zurückrollenden Boden auflaufen, stoßen denen die losen Steine auf den Kopf, die hinter ihnen klettern. Was für die Zeit erzogen wird, wird schlechter als die Zeit. Lustigkeit macht alle wissenschaftlichen Felder zu Zuckerfeldern. Leider ist für einen jungen Menschen das erste System, das wenigstens auf so viele dunkle Fragen seiner Brust antwortet, immer despotisch; er müßte ein zweites bei sich führen, um das erste abzuwehren. Sonderbar ist's, daß die Eltern ihre Töchter Dinge mit allem Gefühl singen lassen, die sie ihnen nicht erlaubten vorzulesen. Vom Genie zieht sich der Theorienmann die Regel ab, um sie ihm wieder zu geben; der Ausschreier des Gesetzes hält sich für den Gesetzgeber, aber das Genie wird stets besser richten als gerichtet werden; denn um andere in den Adelstand zu erheben, muß man selber darin sein. Aber in unserer Literatur hält man oft das Erhobene für das Erhabene. Schlechte Schriftsteller sollte man vor, große nach ihren Büchern kennenlernen, um jenen mehr die Bücher, diese mehr den Büchern zu vergeben. Einige kritische Philosophen haben jetzt aus der Algebra eine mathematische Methode entlehnt, ohne die man keine Minute philosophisch nicht sowohl denken als schreiben kann. Der Algebraist erhascht durch das Versetzen bloßer Buchstaben Wahrheiten, die kein Syllogismus ausgraben konnte. Das tat der kritische Philosoph nach, aber mit größerem Vorteil; da er nicht Buchstaben, sondern ganze Themen geschickt untereinander mengt, so schäumen aus der Alliteration derselben Wahrheiten hervor, die er sich kaum hätte träumen lassen. In der Philosophie ist das bloße Talent ausschließend dogmatisch, sogar mathematisch, daher intolerant; denn die wahre Philosophie wohnt nur im Menschen, der die Menschheit widerspiegelt, und er numeriert die Lehrgebäude und sagt, er wohne in Nr. 1 oder 99 oder so, indes sich der große Philosoph im Wunder der Welt, im Labyrinth voll unzähliger Zimmer, halb über, halb unter der Erde aufhält. Von Natur haßt der bloß talentvolle Philosoph, sobald er seine Philosophie hat, alles Philosophieren; denn nur der Freie liebt Freie. Philosophie ist kein Brotstudium, sondern geistiges Brot selbst und Bedürfnis; aber man kann weder sie noch Liebe lehren; beide zu früh entmannen Leib und Seele. Schlimm würdest du es haben, wenn du die ausgekernten, hohlen Wörter der jetzigen Philosophie als Samen zu Taten brauchen wolltest; es würde nichts Lebendiges aufgehen. Und gegen die vollblütigen Triebe, gegen die eindringenden Versuchungen würdest du an ihnen ungefähr eine Mauer haben, wie die bei Shakespeare ist, nämlich ein wenig Mörtel und ein Stein, von Peter Schnauz gehalten. Dichtende Genies sind in der Jugend die Renegaten und Verfolger des Geschmacks, später aber die eifrigsten Proselyten und Apostel desselben, und den verzerrenden mikroskopischen und makroskopischen Hohlspiegel schleift das Alter zu einem ebenen ab, der die Natur bloß verdoppelt, indem er sie malt. So werden die handelnden und empfindenden Genies aus Feinden der Grundsätze und aus Stürmern der Tugend größere Freunde von beiden, als fehlerlosere Menschen niemals werden. Dichter bekümmern sich wie die Heiligen wenig um die Welt und ihr Wissen; sie können den Staat besingen, aber nicht belehren. Dichter bauen, wie die afrikanischen Völker, ihre Brotfelder unter Musik und nach dem Takte an. Die Musik ist unter allen Künsten die rein menschlichste, die allgemeinste. Tonkunst, die du die Vergangenheit und die Zukunft mit ihren fliegenden Flammen so nahe an unsere Wunden bringst, bist du das Abendwehen aus diesem Leben oder die Morgenluft aus jenem? Deine Laute sind Echo, welche Engel den Freudentönen der zweiten Welt abnehmen, um in unser stummes Herz, in unsere öde Nacht das verwehte Frühlingsgetön fern von uns fliegender Himmel zu senken. Vier Priester stehen im weiten Dom der Natur und beten an Gottes Altären, den Bergen: der eisgraue Winter mit dem schneeweißen Chorhemd, der sammelnde Herbst mit den Ernten unter dem Arm, die er Gott auf den Altar legt und die der Mensch nehmen darf, der feuerige Jüngling, der Sommer, der bis zur Nacht arbeitet, um zu opfern, und endlich der kindliche Frühling mit seinem weißen Kirchenschmuck von Lilien und von Blüten, der wie ein Kind Blumen und Blumenkelche um den erhabenen Geist herumlegt und an dessen Gebet alles mitbetet, was ihn beten hört. Man genießt von der Natur nicht, was man sieht, sonst genösse der Förster und das Genie draußen einerlei, sondern was man aus Gesehenem andichtet, und das Gefühl für die Natur ist im Grunde die Phantasie für dieselbe. Sogar die physische Großheit, z. B. ein Berg, hat die Ferne als ein Fußgestell nötig. Wie lebt doch der Mensch der Pflanze gleich! Die Jugend nährt sich bis zu den Jahren der Liebe und vollends in ihnen am liebsten vom Äther der Ideale, der Dichtkunst, der Wissenschaft und heiliger Träume. Das reifere und feste Alter verlangt mehr Erdboden, um da seine Bergwerke, Kornfelder, Häuser und Ställe anzulegen und durch die Welt, wie die Jugend oft aus der Welt, zu kommen. So saugt die Pflanze bis an die Blütenzeit hinein ihre Stoffe und Kräfte oben aus der Luft und aus dem Wasser, nachher aber holt sie sich alles unten aus dem Boden herauf. Es gibt Pflanzenmenschen, Tiermenschen und Gottmenschen. Wie man mit Lichtern zu Nacht über die Alpen von Eis reist, um nicht vor den Abgründen und den langen Wegen zu erschrecken, so legt das Schicksal Nacht um uns und reicht uns nur Fackeln für den nächsten Weg, damit wir uns nicht betrüben über die Klüfte der Zukunft und über die Entfernung des Ziels. Wenn die Wünsche und die Lagen der Menschen sich miteinander umkehren, so klagt er doch wieder die Lagen, nicht die Wünsche an. Alle unsere starken Gefühle regieren wie die Gespenster nur auf eine gewisse Stunde, und wenn ein Mensch immer zu sich sagte: Diese Leidenschaft, dieser Schmerz, diese Entzückung ist in drei Tagen gewiß aus deiner Seele heraus, so würde er immer ruhiger und stiller werden. Die Entfernung des Ortes löst am Menschen, wie an Bühnendekorationen die harten Striche in Schönheitslinien und die Kleckse in Laubwerk auf; der Abwesende ist ein Toter, den unser lossprechendes Herz verklärt und der selig wird, wenn er wieder aufersteht. Was tut der Mensch? Noch weniger als er weiß und wird. Die Entwicklungen im Leben sind nur feinere Verwicklungen. Bleiche Rose, die Sonne gab dir die Farbe, die glühende nimmt sie dir wieder; du gleichst uns. Wenn der Gott, der die Menschenwange glühen läßt, näher oder heißer zu uns herunterkommt, so erblaßt sie auch, und der Mensch ist entweder gestorben oder entzückt. Ist das Leben wie eine Olive, eine bittere Frucht, so greife nur beide scharf mit der Presse an, sie liefern das süßeste Öl. Hoffnungen sind gleichsam die menschlichen Besitzungen in der neuen Welt der Glückseligkeit. Es ist auf der Erde schwer, Tugend, Freiheit und Glück zu erwerben; aber es ist noch schwerer, sie auszubreiten. Der Weise bekommt alles von sich, der Tor alles von andern; der Freie muß den Sklaven erlösen, der Weise für den Toren denken, der Glückliche für den Unglücklichen arbeiten. Soll auf der ganzen Erde der Krieg aufhören, so muß sie in zwei ungeheure Staaten sich geteilt haben, davon muß der eine den andern verschlingen, und dann bleibt im einzigen Staat auf der Kugel Friede, und die Vaterlandsliebe ist Menschenliebe geworden. Wahrlich, die Toten predigen fort; für die Wahrheit sterben, ist ein Tod, nicht für das Vaterland, sondern für die Welt. Die Wahrheit wird, wie die Mediceische Venus, in dreißig Trümmern der Nachwelt übergeben, aber diese wird sie in eine Göttin zusammenfügen, und dein Tempel, ewige Wahrheit, der jetzt halb unter der Erde steht, ausgehöhlt von den Erdbegräbnissen deiner Märtyrer, wird sich endlich über die Erde heben und eisern mit jedem Pfeiler in einem teuren Grabe stehen. Wir Niedergesenkte, da der Mensch unter den Menschen verschwindet, müssen uns vor der Menschheit erheben. Das Höchste und Edelste im Menschen verbirgt sich und ist ohne Nutzen für die tätige Welt, wie die höchsten Berge keine Gewächse tragen, und aus der Kette schöner Gedanken können sich nur einige Glieder als Taten ablösen. In jedem edlen Herzen brennt ein ewiger Durst nach einem edlern, im schönen nach einem schönern; es will sein Ideal außer sich in körperlicher Gegenwart mit verklärtem oder angenommenem Leibe erblicken, um es leichter zu erstreben, weil der hohe Mensch nur an einem hohen reift, wie man Diamanten nur an Diamanten glänzend macht. An den Menschen sind vorn und hinten wie an den Büchern zwei leere, weiße Buchbinderblätter, Kindheit und Greisenalter. Die ersten grünen Frühlingsmonate unseres Lebens liegen in einem so dunkel-zauberischen, tiefen Tempetal, in das bloß ein blauer, griechischer Himmel ohne eine Sonne hineinscheint, daß die kleine, spielende Seele in dieser Correggionacht nur Engel, Silberpappeln, Sterne auf der Erde und vergrößerte, obwohl undeutliche Gestalten erblickt. Sogar der Inhalt der ersten Lektüre nimmt daher etwas vom Tag unserer ersten Tage an. Die Wärme eines Mannes wird von nichts leichter verkannt als von der Wärme eines Jünglings. O, es ist eine lächerliche und reine Zeit im frühen Jünglingsalter, wo ein Jüngling die alte französische Ritterschaft mit ihrer heiligen Scheu erneuert und wo der Kühnste gerade der Blödeste ist, weil er seine Jungfrau, für ihn eine vom Himmel geflogene, eine nach dem Himmel fliegende Gestalt, so ehrt wie einen großen Mann, dessen Nachbarschaft ihm der heilige Kreis einer höheren Welt ist und dessen berührte Hand ihm eine heilige Gabe ist. Unselig, schuldvoll ist der Jüngling, der niemals vor der Schönheit blöde war. Es weint die Jugend, es weint das Alter; aber dort taut der Morgen, hier nur der Abend. So pries der Jüngling die schönen Tränen junger Augen. Als aber der heiße Tag den Morgentau und seine Blumen verzehrt hatte und der Jüngling ein Greis geworden war, sagte er: Wohl liegt der Abendtau trübe und kalt, eine lange Nacht durch, aber dann kommt seine Sonne, und er schimmert wieder. Man ist schon darum in der Kindheit glücklicher als im Alter weil es in ihr leichter wird, einen großen Mann zu finden und zu wähnen; ein geglaubter großer Mann ist doch der einzige Vorgeschmack des Himmels. Das Leben wird, wie Träume gegen Morgen, immer klarer und geordneter und rückt weiter auseinander, je länger es währt und je näher sein Ende ist. Im Alter kann es wohl keine Täuschung mehr geben, es müßten dann traurige sein. In unserm Zeitalter stehen Abnahme des Stoizismus und Wachstum des Egoismus hart nebeneinander; jener bedeckt seine Schätze und Keime mit Eis, dieser ist selbst Eis. So nehmen im Physischen die Berge ab und die Gletscher zu. Altes Schöne ist sanft, daher sind die schönsten Völker die ruhigsten, daher verzerrt heftige Arbeit arme Kinder und arme Völker. Der Geist erwacht und wird erwachen, wenn das Sonnenlicht auslischt, wie Schlafende erwachen, wenn das Nachtlicht auslöscht. In der Nacht tritt die zweite Welt in Gestalt der gestirnten Unermeßlichkeit näher an das einsame Herz und zeigt ihm in dem Tag der fremden Welten den künftigen, ewigen seiner Welt; von der kleinen Erde fallen alle Reize ab, aber die Edelsteine unseres Wesens werfen dann wie Lichtmagnete in der Finsternis einen vergrößerten Glanz. Wir gleichen der Wunderblume, die in der alten Welt nur nachts ihre Blüten auftut, weil es dann in der neuen tagt, die ihre Heimat ist. So wenig braucht unser Herz um sich, und es ist dann am größten, wenn es am einsamsten ist. Die andere Welt ist keine gleichgeschnittene Allee und Orangerie, sondern die Baumschule unserer hiesigen Samenschule. Wir haben die Augen mit dem Sehrohr gegen den Himmel gewaffnet, aber es ist finster und leer, und ihre Einsamkeit ist die Unermeßlichkeit. O ihr Verkehrten, wie recht habt ihr. Ihr haltet ja das Sehrohr verkehrt hinauf. Höheren Wesen erscheinen wir vielleicht höher als uns selbst, und sie legen erst unsere Instinkte wie wir die tierischen aus. Vielleicht ist der Mensch ein Taubstummer, der eine Sprache erlernt und spricht, die er selbst nicht vernimmt, sondern nur ein anderes Wesen. Viele Blumen tun sich der Sonne auf, doch nur eine folgt ihr immerfort. Herz, sei die Sonnenblume, nicht bloß offen sei dem Gott, sondern gehorche ihm auch. Wieland Geistreich schaut er und beweglich Immerfort aufs reine Ziel, Und bei ihm vernahm man täglich: Nicht zu wenig, nicht zu viel. Goethe Seine Weltkenntnis blieb, der Dichter mag sie nun halb durchs Anschauen und halb durch eigene Ahnung erhalten haben, allezeit bewundernswürdig. Goethe Wenn man einen Wieland nicht lesen wollte, weil man dieses oder jenes an ihm auszusetzen findet, welchen von unsern Schriftstellern würde man dann lesen wollen? Lessing Die nötigste und nützlichste aller Wissenschaften oder, noch genauer zu reden, diejenigen, in welcher alle übrigen eingeschlossen sind, ist die Wissenschaft des Menschen. Der Mensch, auf der einen Seite den Tieren des Feldes, auf der anderen den höheren Wesen verwandt, ist ebenso unfähig, ein bloßes Tier als ein bloßer Geist zu sein; aber nur alsdann lebt er seiner Natur gemäß, wenn er immer emporsteigt. Jede höhere Stufe der Weisheit und Tugend, die er erstiegen hat, erhöht seine Glückseligkeit; denn Weisheit und Tugend sind allezeit das richtige Maß sowohl der öffentlichen als der Privatglückseligkeit unter den Menschen gewesen. Es ist eine Pflicht, von der menschlichen Natur gut und groß zu denken; aber wer von den Menschen, die er vor und um sich sieht, immer das Beste denkt, läuft Gefahr, der Narr seiner guten Meinung zu sein. Die Natur, gleich als ob sie eifersüchtig sei, sich über ihren verborgenen Mysterien von sterblichen Augen überschleichen zu lassen, erscheint immer wundervoller, geheimnisreicher, unerforschlicher, je mehr sie gekannt, erforscht, berechnet, gemessen und gewogen wird. Die unendliche Mannigfaltigkeit und der grenzenlose Schauplatz ihrer Wirkungen verschlingt unsern Geist; er verliert sich in einem Ozean von Wundern, an welchen, wieviel wir auch erklären und begreifen zu können meinen, doch noch immer Unerklärbares und Unbegreifliches genug übrigbleibt, um die verlegene Einbildung in ihre alte Lage zurückzuwerfen. Es gibt einzelne Menschen, welche sehr weise daran tun, wenn sie wie Diogenes und Epiktet leben lernen. Es gibt Fälle, wo ein allgemeiner Geist von Sparsamkeit einem ganzen Staate eine Zeitlang nützlich ist. Jeder Mensch hat, um einen gerechten Anspruch auf Wohlwollen, Mitleiden und Hilfe von seiten eines jeden Menschen zu haben, keinen andern Titel vonnöten, als daß er ein Mensch ist. Die Menschen sind allenthalben nicht so gut, als sie sein könnten, wenn sie weiser wären; aber es ist unmöglich, daß sie besser sein können, ehe sie besser werden, und daß sie weiser werden können, bis nicht ihre Väter und Mütter, Ammen, Pädagogen, Lehrer und Priester mit allen ihren übrigen Vorgesetzten durch alle Stufen, vom Gassenvogt bis zum König, so weise geworden sind, als jedes nach dem Maße seiner Beziehung und seines Einflusses sein müßte, um der menschlichen Gesellschaft wirklich nützlich zu sein. Die Menschen sind nun einmal so geartet, daß sie zu dem, was zu ihrem Besten dient, nicht durch Vernunftschlüsse oder Reflexionen über fremde Erfahrungen, wie nahe sie ihnen auch liegen, sondern von der unerbittlichen Notwendigkeit bei den Haaren hingeschleppt werden müssen. Alles geht, wie es kann, und wiewohl es durch so seltsame Krümmungen und Schneckenlinien geht, daß wackere Leute sich dadurch haben verleiten lassen, zu glauben, die ganze Schöpfung und die arme Menschheit mit ihr drehe sich, wie ein blinder Gaul in einer Roßmühle, ewig in einem und ebendemselben Kreis herum, so fällt es doch, deucht mich, von einem Jahrhundert zum andern ziemlich stark in die Augen, daß es vorwärtsgeht, und so hoffe ich denn zu Gott, es werde sich am Ende finden, daß alles gegangen sei, wie es der Monarch und alleinige oberste Direktor der einen und unzertrennbaren Republik des Weltalls haben wollte. Man muß wenigstens gestehen, daß unser Herz besser ist als unser Kopf. In der Tat, mit all unserer angeborenen Narrheit, Hastigkeit und schafmäßigen Einfalt wären wir doch von Haus aus, wenn man uns unverhudelt ließe, ganz gute Leute, und auch so wie die Sachen jetzt mit uns stehen, ist Tugend bei weitem so selten nicht als Weisheit. Es ist ein schwaches Ding um unser Herz. Und doch, so schwach es ist und so leicht es uns irregehen macht, ist es die Quelle unserer besten Freuden, unserer besten Handlungen. Wenn unser Herz uns nicht wider Willen unserer Köpfe zu bessern Leuten machte, so wäre die Moral aller Erdenbewohner äußerst eigennützig. Wenn wir gleich eine schwache Seite haben müssen, wenn es sogar wahr ist, daß diese schwache Seite mit gewissen Empfindungen und Neigungen, die einen Teil unserer Glückseligkeit ausmachen, unmittelbar zusammenhängt, so bleibt darum nicht weniger wahr, daß unser angelegenstes Interesse erfordert, gegen die gefährlichen Täuschungen, denen sie uns bloßstellt, auf unserer Hut zu sein. Die gute Mutter Natur, die ihre Kinder nicht leicht im Stiche läßt, hat mütterlich dafür gesorgt, daß wir, um den Glauben an uns selbst – dies so unentbehrliche Triebrad in unserm Wesen – durch keine Vergehungen oder Torheiten gänzlich zu verlieren, für jede Anklage in unserem eigenen Busen eine Entschuldigung finden, welche unvermerkt die Gestalt einer Rechtfertigung gewinnt und wenigstens uns selbst beruhigt, wenn sie auch nicht immer vor einem ganz unparteiischen Richter bestehen könnte. Leidenschaften sind nicht, wie die Stoiker irrig lehren, Krankheiten der Seele, sie sind vielmehr, was die Winde einem Schiffe sind, das keine Seefahrt von einiger Bedeutung ohne sie vollbringen kann. Sie verstärken die demselben gegebene Bewegung; aber der Schiffer muß sie in seine Gewalt zu bringen wissen, wenn er nicht Gefahr laufen will, von ihnen verschlagen oder an Klippen zertrümmert zu werden. Starke Leidenschaften zu regieren, werden freilich große Kräfte des Geistes erfordert; aber sie spannen auch diese Kräfte. Launen sind eine Art von guten oder bösen Feen, die durch die bloße Magie des Kolorits und Helldunkels aus den Dingen, die vor uns stehen, machen können, was sie wollen. Es kommt bei den Leidenschaften alles auf Maß und Ziel, Ziel und Ort an. Sie können gut oder böse sein, je nachdem man sie zu behandeln weiß. Es ist mit den Leidenschaften wie mit allem in der Welt: wenig schadet wenig, zuviel ist immer ungesund, und Wasser, das gut zum Trinken ist, taugt nichts in den Schuhen. Eine Frau, deren erste Triebfeder die Herrschsucht ist, ist eines jeden Verbrechens fähig. Unterdrückung und ihre Töchter, Üppigkeit, die mit den Unterdrückern, Dürftigkeit, die mit den Unterdrückten gepaart ist, sind die wahren Ursachen des menschlichen Verderbens. Die Menschen würden besser werden, sobald man ihnen erlaubte, glücklicher zu sein; und sie würden glücklich genug sein, sobald nicht einige auf Kosten der übrigen glücklicher, als es Menschen zukommt, sein wollten. Wie hell und wohlgeordnet auch immer der Kopf eines Mannes sein mag, immer bleibt er, auch bei der größten Wachsamkeit über sich selbst, den Täuschungen der Einbildung, des Gefühls und den geheimen Triebfedern des Herzens so gut unterworfen als ein anderer, und tägliche Erfahrungen lehren uns, daß der redlichste Wille einen in die tausendfach verschlungenen Verhältnisse und Schwierigkeiten des höheren Lebens verwickelten Menschen nicht immer sicherstellen kann, daß er nicht gegen seine Absicht Unheil anrichtet, indem er vielleicht das Beste zu tun glaubt. Der Charakter in einem Menschen ist das, was unter allen Abänderungen und Modifikationen, die ihn von Augenblick zu Augenblick sich selbst ungleich machen, das Beständigste ist, das, wodurch er sich selbst gleich und von andern verschieden ist, kurz, der ihm von der Natur selbst eingeprägte Stempel der Individualität, der aber durch alle die äußeren und inneren Ursachen, die auf ihn wirken, nicht nur schärfer ausgedrückt und verschönert, sondern auch auf alle Weise verunstaltet, verwischt und verfälscht werden kann. So wie Nahrung und Bewegung zum Wachstum und zur Ausbildung eines tierischen Körpers beiträgt, ohne ihn darum zu etwas anderm machen zu können, als wozu ihm die Natur selbst die substantielle Form und innere Anlage gegeben hat, so die Erziehung in bezug auf den Charakter. Erkläre dich für eins und bleibe dabei; denn besser, du denkst und lebst nach dem Grundsatz, nach der Regel, die du ein für allemal geprüft und deiner eigenen Natur angemessen gefunden hast, als du urteilst heute so, morgen wieder anders, bewunderst heute, was du gestern verachtet, läßt dich morgen wieder reuen, was du heute getan, und kannst durch diesen ewigen Streit mit dir selbst zu keiner Ruhe, keinem Genuß des Lebens kommen. Alles Gute kündigt gleich dem Lichte sich selbst an, indem es da ist, und läßt wohltätige und glänzende Spuren hinter sich, auch wenn es nicht mehr ist. Eine innere Notwendigkeit zwingt uns immer unvermerkt, uns selbst, unsere eigene Art zu denken und zu leben, zum Maßstab anzunehmen, es sei, daß wir einem andern etwas sehr Schönes sagen oder ihm mit guter Art zu verstehen geben wollen, wie wir glauben, daß er sein sollte. Die sehr kleine Zahl der Edlen und Guten, besteht sie nicht entweder aus einer Art besonders glücklich organisierter und vom Schicksal mit ungewöhnlicher Sorgfalt erzogener Menschen, denen es kaum möglich wäre, anders zu sein, oder aus solchen, die uns selbst gestehen werden, daß ihre Tugend im Grunde nur ein gewaltsamer Zustand ist, worin sie sich nur durch eine nie einschlummernde Aufmerksamkeit auf sich selbst und einen ewigen Kampf der einen Hälfte ihrer Natur mit der andern erhalten können? Die Tugend, dies Wort umfaßt alles, was gut, schön und groß ist. Aber die Tugend gibt keinen Freibrief gegen das Urteil der gesunden Vernunft; und nicht alles ist Tugend, was ihren Stempel trägt. Die Tugend ist die Göttin der schönen Seelen; nichts ist liebenswürdiger als sie; aber ein Schwärmer, ein Mensch, der nicht Herr seiner Einbildung ist, kann die Tugend selbst nicht weislich lieben. Cato, mit allen seinen großen Eigenschaften, war gleichwohl nur ein Don Quichotte: er kämpfte sein ganzes Leben durch mit phantasierten Ungeheuern wie dieser mit Riesen und bezauberten Mohren. Es ist wahr, er liebte die Tugend über alles; er blieb ihr getreu, bis sie ihn auf eine gar zu harte Probe setzte; er unternahm das Unmögliche für sie, aber seine Tugend war eine Dulzinea. Eine innere Notwendigkeit treibt uns, in allem nach Wahrheit zu streben, auch wenn sie unseren Neigungen und Wünschen entgegensteht. Irrtum kann uns angenehm sein, aber nie befriedigen. Gewiß ist der sicherste und harmloseste Weg, uns um die Menschheit verdient zu machen, wenn wir es im stillen tun, ohne weitgreifende Anstalten und ein künstlich zusammengesetztes Maschinenwerk, dessen Wirkung wir nicht immer in unserer Gewalt behalten. Wer aus eigener Bewegung große, weitgreifende Dinge unternimmt, für deren Erfolg er nicht stehen kann, darf sich nicht von aller Schuld freisprechen, wenn die Sache so ausfällt, daß die daher entspringenden Übel das beabsichtigte Gute bei weitem überwiegen. Manche der Welt unbekannte Frau übt in dem engen Kreise ihres häuslichen Lebens unscheinbare Tugenden aus, zu welchen oft ein höherer Grad von Stärke des Gemütes erfordert wird, als derjenige ist, womit auf dem großen Schauplatze der Welt die Taten getan werden, welche die Bewunderung der Menge erregen und die Federn der Geschichtschreiber beschäftigen. Und beruht nicht größtenteils auf jenen unscheinbaren Tugenden das Wohl der Familien sowie auf diesen der Wohlstand des Staates? Güte des Herzens ohne Weisheit ist ebensowenig Tugend als Wissenschaft ohne Tugend Weisheit. Um durch die Natur glücklich zu sein, muß man die größte ihrer Wohltaten und das Werkzeug aller übrigen, die Empfindung, unverdorben erhalten haben, und zum richtigen Empfinden ist richtiges Denken eine unentbehrliche Bedingung. Der Weise hilft sich selbst, der Törichte hingegen wird den besten Rat entweder nicht hören oder, wenn er ihn befolgt, ihn töricht befolgen und sich dann gerade um unseren Rat schlimmer befinden als zuvor. Die Vernunft wirkt anfangs bloß als Instinkt in dem Menschen, ohne darum weniger Vernunft zu sein. Es ist eine Blume in der Knospe. Eltern, welche das Zutrauen und die Liebe ihrer Kinder zu gewinnen wissen, werden sie immer sicherer und besser regieren als diejenigen, die ihr häusliches Regiment auf bloße Gewalt und Furcht der Strafe gründen. Die gemeinnützigsten Wahrheiten sind alt, und eben darum, weil sie alt sind, wirken sie wenig. Es mag wohl einiges Verdienst dabei sein, wenn man sie unter irgendeiner neuen gefälligen Gestalt wieder in Umlauf zu setzen weiß; aber mich deucht, dieser Kunstgriff tut selten eine andere Wirkung, als daß man sich an der neuen Einkleidung ergötzt, wenn sie gefällig ist, ohne daß die alte Wahrheit selbst dadurch in größere Achtung kommt. Nur das, was wahrhaftig ist, verdient nach Plato die Aufmerksamkeit des Weisen, und was auch die Antiplatonen dawider einwenden, der göttliche Plato hat recht; unter der Bedingung, daß er uns erlaube, zur Erholung uns zuweilen auch mit dem, was nur so scheint, zu amüsieren, eine Ergötzlichkeit, die er uns desto weniger versagen kann, da er sie sogar den Bewohnern der überhimmlischen Gegenden zugesteht. Es ist gut und mehr als gut, denn es ist unumgänglich nötig, daß wir genau wissen, woran wir sind und worauf wir uns zu verlassen haben, damit uns weder falsche Sicherheit verblende noch unzeitige Furcht und panischer Schrecken so verwirrt mache, daß wir, um ein kleines Feuer zu löschen, nach dem Ölkrug statt der Wasserkanne greifen. Ein weiser Mann geht nicht auf die Jagd des Vergnügens aus; denn wie oft findet man gerade das Gegenteil dessen, was man sucht. Aber ein unschädliches Vergnügen, das man, wie ein Wanderer im Vorübergehen eine Blume, die an seinem Wege steht, pflücken kann, nicht zu pflücken, würde eine große Sünde gegen uns selbst sein. Eine beschäftigte Lebensart, häufige Reisen und die mannigfaltigen Verhältnisse mit allerlei Arten von alltäglichen Leuten, in welche man dadurch gesetzt wird, sind immer das sicherste Mittel, die übermäßige Lebhaftigkeit der Einbildung zu schwächen und einen Schwärmer unvermerkt zu seiner eigenen Verwunderung in einen Menschen wie andere umzugestalten. Das Schöne und Gute fließt in einer einzigen sanften Wellenlinie zwischen unzähligen Abweichungen fort; es ist seiner Natur nach einförmig; wenn man es einmal besitzt, so geht jede Veränderung ins Schlimmere, euere Philosophen mögen sagen, was sie wollen. Laßt einen jeden nach dem greifen, was ihm zunächst liegt, und nicht mehr essen, als er bedarf, seinen Hunger zu stillen; so werden wir alle von der Tafel gesättigt aufstehen, uns alle wohl befinden, und niemand wird über Unverdaulichkeit klagen oder seinen Mitgästen durch Rülpsen und – beschwerlich fallen. Wie du das Glück, das dir zu lachen scheint, ertragen wirst, so wird die Welt dich ertragen; wirst du dich bescheiden darin finden, so wird der Neid schweigen müssen, und du wirst den Beifall deiner Freunde und die Achtung der Welt davontragen; läßt du dich übermütig dadurch machen und verlierst den Kopf dabei, so wirst du jedermann gegen dich haben; deine besten Freunde werden sich zurückziehen und die übrigen an deinem Fall arbeiten. Der weise Mann wird nicht leicht von einem andern erkannt als von einem Weisen, der redliche von keinem andern als einem redlichen Mann. Wenn das Volk über die Fähigkeiten, Talente und sittlichen Eigenschaften anderer Menschen, zumal solcher, die durch Glücksumstände, Erziehung und andere Verhältnisse zu einer ihm fremden Klasse gehören, richtig sollte urteilen können, müßte es dazu nicht nur einen Maßstab haben, den es weder hat noch haben kann; es müßte auch von Vorurteilen, Leidenschaften, persönlichem Interesse und fremdem Einfluß frei sein. Der beste aller Menschen vermag, wie es scheint, nur wenig über den großen Haufen, der ihn weder zu schätzen noch zu lieben fähig ist; denn er kann nur die Guten an sich ziehen und wird aus derselben Ursache von den Bösen zurückgestoßen. Sie reden, was sie wollen; mögen sie doch reden, was kümmert's mich. Zwei Arten von Menschen leben nach dieser Maxime, die großen und kleinen Sultane und die Zyniker. Jene, weil sie glauben, die anderen Menschen wären nur Frösche; diese, entweder weil sie kein Verdienst haben und sich weder über diesen Mangel ärgern noch ungerecht genug sind, Belohnungen für etwas zu verlangen, was sie nicht haben, oder weil sie sehen, daß sie es doch niemand recht machen können. Diese handeln am klügsten. Eine gewisse Entfernung von den öffentlichen Geschäften ist gerade der Standpunkt, wo ein Mann, dem es weder an Welt- noch Menschenkenntnis fehlt, über die Geschäfte und die Personen, die darin verwickelt sind, am richtigsten urteilen kann; und ein solcher Mann schickt sich in dieser Stellung am besten zum Ratgeber und Erinnerer dessen, der in dem Gedränge und der Hitze hes aktiven Lebens nie Augen und Ohren, noch weniger innere Stille und Unbefangenheit genug hat, um keines Erinnerers zu bedürfen. Witzling und Kennerling, Dichterling und Leserling sind von jeher Korrelata gewesen, deren eines sich in dem andern spiegelt und eines des andern wert ist; und so groß auch aus mancherlei Ursachen die innerliche Zwietracht des Reiches der Dummheit ist, so ist doch immer etwas, das sie bei jeder Gelegenheit gegen den gemeinschaftlichen Feind unter eine Fahne vereinigt. Der Unverstand der Leser ist immer die Sicherheit unverständiger oder übelwollender Tadler, und es ist nichts Leichteres, als das schiefste Urteil einer Menge von Leuten einleuchtend zu machen. Alles in der Natur hat seine Zeit, alles ist veränderlich, und so sind es auch die Meinungen der Menschen. Sie ändern sich immer mit den Umständen, und wenn wir bedächten, was für einen Unterschied nur fünfzig Jahre zwischen dem Enkel und dem Großvater machen, so würde es uns wahrlich nicht befremden, daß die Welt binnen ein- oder zweitausend Jahren unvermerkt eine ganz neue Gestalt zu gewinnen scheint. Denn im Grunde ist es doch nur Schein; es bleibt, wiewohl unter anderen Masken und Namen, immer die nämliche Komödie. Was für ein näheres Interesse haben wir, als unserer Unwissenheit und Irrtümer entbunden zu werden und Götter und Menschen in ihren Werken zu sehen, wie sie sind? Man kann nur Anlagen ausbilden. Wem die Anlage zu einem vortrefflichen Menschen gegeben ward, der wird sich auch ohne Hilfe einer fremden Hand entwickeln und unter dem bestimmten Einfluß der Umstände, durch das Leben selbst am gewissesten das werden, was er werden kann und soll. Unglücklicherweise gibt es keine Menschen ohne Fehler, und was auf einem geringen Posten eine wenig bedeutende Unart ist, kann auf einem wichtigen ein großes Laster sein, und doch findet man sich nur gar zu oft genötigt, bei der Wahl eines Subjektes zu einem wichtigen Posten große Untugenden wegen irgendeiner unentbehrlichen Eigenschaft, die der Mann in einem hohen Grade besitzt, zu übersehen. Die Wissenschaften, die Literatur und die Buchdruckerkunst, die edelste und nützlichste aller Erfindungen, die seit Erfindung der alphabetischen Schreibkunst gemacht worden sind, gehören nicht diesem oder jenem Staate, sondern dem menschlichen Geschlechte zu. Wohl dem Volke, das ihren Wert zu schätzen weiß, sie aufnimmt, pflegt, aufmuntert, schützt und in der Freiheit, die ihr Element ist, ungehindert weben und leben läßt. Der Schwache und Lahme bedarf einer Stütze oder Krücke, und welcher Mensch ist in keinem Zeitpunkt seines ganzen Lebens schwach? In diesem Fall ist es gut, eine Krücke zu haben, an der man gehen kann; gleichwohl ist es unleugbar besser, ohne Krücke gehen zu können. Die Nachahmer wissen selten, wieviel Kunst und welch ein hartnäckiger Fleiß oft unter dem Anschein der äußersten Leichtigkeit versteckt ist. Aber sollte man nichts Neues wagen dürfen, damit diesen Leuten die Veranlassung benommen würde, Ausschweifungen zu begehen? Ein weiser Mann ist nichts weniger als ein Hasser der Freude. Schickt die finstern, hohläugigen, milzsüchtigen Gesellen, welche das Gegenteil sagen, dem Demokritus oder Hippokrates zu. Sie haben keine Widerlegung, Nieswurz und blutreinigende Tränke haben sie vonnöten. Der Begriff von einem ganzen Volke ist ein unendlich zusammengesetzter, unendlich verwickelter Begriff, wo man sich vor bezüglichen Abstraktionen, falschen Induktionen, Verwirrungen der Zeiten und Orte, Schlüssen vom Einzelnen und Besondern aufs Allgemeine und zwanzig anderen Wegen, die Wahrheit zu verfehlen, nicht genug hüten kann. Zwar hört es sich einem Redner sehr angenehm zu, der von der göttlichen Schönheit der Tugend und von der heroischen Größe des Mannes, der kein Opfer für sein Vaterland zu kostbar findet, bloß für andere lebt und immer für andere zu sterben bereit ist, mit Gefühl und Begeisterung spricht; aber kein verständiger Gesetzgeber wird die Verfassung eines Staates auf sein Vertrauen in die Weisheit und Tugend seiner Bürger gründen. Der Enthusiasmus, den die neuerworbene Freiheit einem lange unterdrückten, aber von Natur lebhaften und feuerigen Volke einhaucht, wirkt wie die erste Liebe; der Liebhaber glaubt in gewissen Augenblicken mehr als ein Mensch zu sein, weil ihm die Geliebte eine Gottheit ist. Er wird das Unmögliche unternehmen, wenn der Besitz oder die Erhaltung der geliebten Person auf dem Spiele steht; aber er müßte wirklich ein Gott sein, wenn ihm eine so hohe Spannung natürlich genug werden könnte, um lange zu dauern. Wehe dem Mann, der so weise wäre, um den übrigen Sterblichen in keiner Schwachheit ähnlich zu sein. Wie sollten sie ihn erträglich finden? Wie sollten sie ihm seine Vorzüge vergeben können? Er muß sich die Freiheit, sie ungestört zu genießen, durch einige wirkliche oder vermeinte Torheiten erkaufen, mit denen er gleichsam den allgemeinen Genius der Torheit dieser summarischen Welt versöhnt und den übrigen Toren das Recht gibt, sich über ihn lustig zu machen. Das Schicksal von Millionen Menschen in seiner Hand zu tragen, ist ein göttliches, aber für einen Menschen, wie edel und gut er sei, ein schweres Geschäft. Wohl ihm, wenn er dies fühlt. Wohl ihm, wenn er den seinen vulkanischen Netzen, die immer um ihn her gewebt werden, zu entgehen weiß. Und dreimal wohl ihm, wenn er am Ende seiner Laufbahn sagen kann: Ich habe alles Gute getan, was ich konnte, weil ich es ernstlich wollte, und wenn ich Böses getan habe, so geschah es nur, weil ich es für gut ansah. Warum sollten wir die Freude hassen? Was haben uns die Götter Besseres gegeben? Und warum haben sie uns überall dieses vorüberrauschende Dasein gegeben? Wenn ihre Meinung nicht war, daß wir uns dessen miteinander erfreuen sollen, so hätten sie uns, aufrichtig zu reden, ein sehr gleichgültiges Geschenk gemacht. Weisheit, Tugend, ehrwürdige Namen, die so wenig Bedeutung auf den Lippen der meisten haben, was seid ihr anders als du, der sicherste Weg zur Freude, und du, die beste Art, sie zu genießen? Der Weg des Genies ist der fünfte zu den vier Wegen, die dem König Salomon zu wunderlich vorkamen; Aristoteles und zwanzig andere konnten wohl über die Werke Homers philosophieren, aber keiner von ihnen hat uns noch ein Rezept geschrieben, wie man eine Ilias machen könne, oder uns erklärt, wie die Ilias in Homers Schädel entstanden ist. Warum sollte es mit dem Jupiter des Phidias nicht auch so sein? Wie kann ein junger Mensch, der weder, was ihn umgibt, noch sich selbst kennt und dem nur aus Unverstand alles in der Welt so klar und leicht vorkommt, wie kann er jemals gewiß sein, daß er seinen Kräften nicht zuviel zutraue und in der Wahl des Gegenstandes, den er bearbeiten will, sich nicht vergriffen habe? Was ist die ganze unermeßliche Natur anders als die ewige Harmonie der unendlich mannigfaltigen, aber unauflöslich ineinander geschlungenen und, ungeachtet so vieler wirklichen und anscheinenden Dissonanzen, aufs reinste zusammenklingenden Verhältnisse der Bewegungen und Wirkungen aller Wesen? Und ist es nicht Musik, die durchs Ohr unserm innern Sinn eine viel schärfere und selbst die Wirkung, die das Licht, die Farben und das Helldunkel auf unser Auge macht, an Deutlichkeit und Energie übertreffende Anschauung von dieser, aus unendlich vielfachen Tönen, Stimmen und Akkorden durch den Geist der Ordnung und Liebe zusammengesetzten Symphonien des Weltalls gibt? Die größten Schönheiten können in den Augen eines wahren Künstlers keinen Fehler zudecken; ohne Fehler sein, ist also die wahre Vollkommenheit. Kein Künstler, kein Dichter wird jemals etwas sehr Gutes, es müßte dann nur durch Inspiration sein, hervorbringen, ehe ihm dieses Geheimnis aufgeschlossen worden ist. Sollte dies nicht auch bei uns die Ursache sein, warum wir, anstatt immer weiter zu kommen, schon wieder im Retrogradieren sind? Die Imagination eines jeden Menschenkindes und die Imagination der Dichter und Künstler insbesondere ist eine dunkle Werkstatt geheimer Kräfte, von denen das Abcbuch, das man Psychologie nennt, gerade so viel erklären kann als die Monadologie von den Ursachen der Vegetation und Fortpflanzung. Wir sehen Erscheinungen, Veranlassungen, Mittel; aber die wahren Ursachen, die Kräfte selbst und wie sie im Verborgenen wirken, über diesem allen hängt der heilige Schleier der Natur, den kein Sterblicher je aufgedeckt hat. Ein Dichter ist vielleicht, wenigstens in manchen Fällen, glücklicher, einen andern Dichter zu erraten als Kunstrichter, die so voll Methode, Theorie und Metaphysik der Kunst sind, daß alle Konkreta des Dichters durch eine Operation, die ihnen mechanisch geworden ist, sich in ihrem Kopfe in Abstrakta verwandeln, aus jedem individuellen Zug eine allgemeine Regel wird. Ich sehe dem Tod ruhig oder vielmehr mit dem stillen Verlangen entgegen, womit man einen Freund erwartet, dessen Kommen gewiß, aber der Tag unbestimmt ist. Ich betrachte ihn als einen guten Genius, der mich im schlimmsten Fall zu einer ewigen Ruhe oder wahrscheinlich an den Ort meiner künftigen Bestimmung führen wird. Die schöne Ordnung und weise Zweckmäßigkeit, die ich im Ganzen der Natur regieren sehe, läßt mich keinen Augenblick zweifeln, daß diese Bestimmung meinen Kräften und meiner innern Verfassung angemessen sein werde. Dies ist alles, was ich davon weiß und wissen kann, und es ist zu meiner Beruhigung genug. Indessen, warum sollte es der Einbildungskraft, deren eigentümliches Gebiet das unendliche Reich der Vermutungen und vermeinten Möglichkeiten ist, nicht erlaubt sein, weiter zu gehen und mit harmlosen Träumen, aus helldunklen Aufblitzungen und Vorgefühlen der künftigen Welt gewebt, die Ungeduld der Erwartung einzuwiegen? Laß es sein, daß der müde Seefahrer, den nach einer langen Reise wieder Land zu sehen verlangt, bei heiterm Wetter ein duftiges Luftgebild am fernen Horizont für eine reizende Insel ansieht; sein Irrtum schadet niemand und gewährt ihm einige frohe Augenblicke. Es ist eine alte, unzähligemal gemachte Erfahrung, daß eine lange Zeit hingeht, bis ein Mensch, der durch irgendeinen Zufall einer Hand, eines Armes oder Fußes verlustig geworden ist, auch ein dunkles Bewußtsein, das verlorene Glied noch immer zu besitzen, verliert, wiewohl er beinahe alle Augenblicke Gelegenheit hat, den Gebrauch desselben zu vermissen. Ich halte mich gewiß, ebendasselbe müsse vermöge der inneren Ökonomie unserer Natur auch der Fall sein, wenn wir einer Person, mit welcher wir lange in sehr nahen und innigen Verhältnissen gelebt haben, durch den Tod beraubt werden. Ein Beispiel, das ich anführen könnte, überzeugt mich, daß tausend andere oder vielmehr, daß alle nicht ganz gefühllosen Menschen in diesem Falle mehr oder weniger das nämliche erfahren müssen. Die Theorie der Kunst, aus dem Äußerlichen des Menschen auf das Innerliche zu schließen, kann nur für Leute von großer Fertigkeit im Beobachten und Unterscheiden brauchbar sein, für jeden andern hingegen eine höchst Ungewisse und trügliche Sache. Das Bewußtsein, daß man nie Böses, immer nur Gutes gewollt und nach Vermögen getan hat, setzt das Gemüt, vornehmlich in den letzten Stunden des Lebens, in eine heitere Stille, die ich einen Anfang der Seligkeit, welche uns die Religion verspricht, nennen möchte. Eine solche Seele senkt sich mit voller Zuversicht in den Schoß des Unendlichen und entschlummert wie ein Kind in den Busen der Mutter unvermerkt aus einem Leben, worin sie nie wieder erwachen wird. Immerhin mögen die Bestrebungen der wärmsten Einbildungskraft, sich zum wirklichen Anschauen unerreichbarer Gegenstände zu erheben, vergeblich sein, so sind doch diese Gegenstände selbst wirklich; so besitzt doch die menschliche Seele das Vermögen, sich eine Art von Schattenbildern von ihnen zu machen; und so ist begreiflich, wie jenes bloße Bestreben in den innern Sinnen begeisterter Menschen Gefühle und Erscheinungen hervorbringen kann, die bei aller Täuschung noch immer Realität genug haben, um das Subjekt derselben, wenigstens seiner eigenen Schätzung nach, unbeschreiblich glücklich zu machen. Immer bleibt gewiß, daß wir von dem Zustand unserer Seele vor diesem Leben, von welcher Beschaffenheit es auch gewesen sein mag, nicht die mindeste Erinnerung haben; und ich sehe keinen Grund, warum wir von dem, was uns schon begegnet ist, als wir einen neuen Körper zu beleben bekamen, nicht auf das sollten schließen dürfen, was uns begegnen wird, wenn wir von diesem Leibe wieder geschieden werden. Sowie das Menschenleben, das wir mit unserer Geburt begannen, keine Fortsetzung des vorigen, uns gänzlich unbekannten Lebens ist, so wird auch das Leben, in welches wir durch den Tod geboren werden, aus gleichem Grunde keine Fortsetzung des gegenwärtigen, sondern der Anfang eines ganz neuen sein. Was hat jene liebenswürdige und glückliche Familie verbrochen, um bei einem Erdbeben von der Erde verschlungen oder von einstürzenden Gebäuden halb zermalmt, eines langsamen, qualvollen Todes zu sterben? Womit hat diese gute Mutter verdient, bei einer nächtlich ausgebrochenen Feuersbrunst mit ihrem Säugling, den sie retten wollte, den schrecklichsten Tod in den Flammen zu finden? Tausend Beispiele dieser Art, die den Glauben an eine wohltätige Vorsehung für die Individuen erschüttern, scheinen einen reichen Ersatz für die Leiden dieses Lebens in dem zukünftigen zu fordern und werden ihn ohne Zweifel auch erhalten. Aber wie groß diese Vergütung auch sein möchte, kann sie machen, daß ich nicht gelitten habe, was ich leiden mußte? Ein Zug aus dem Lethe ist in solchen Fällen die beste Entschädigung. Unleugbar ist etwas Dämonisches in unserer Natur; wir schweben zwischen Himmel und Erde in der Mitte, von der Vaterseite sozusagen den höheren Naturen, von unserer Mutter Erde Seite den Tieren des Feldes verwandt. Arbeitet sich der Geist nicht immer empor, so wird der tierische Teil sich bald im Schlamme der Erde verfangen, und der Mensch, der nicht ein Gott zu werden strebt, wird sich am Ende in ein Tier verwandelt finden. Lichtenberg Ich wünsche, ich wäre in meinen Bemühungen, das menschliche Herz kennenzulernen, minder glücklich gewesen. Georg Christoph Lichtenberg Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten Wünschelrute bedienen. Wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen. Goethe Lichtenberg macht Späße und neckt die Verstellungsarten der andern. Goethe Eine seltsamere Ware als Bücher gibt es wohl schwerlich in der Welt. Von Leuten gedruckt, die sie nicht verstehen, gebunden, rezensiert und gelesen von Leuten, die sie nicht verstehen, und nun gar geschrieben von Leuten, die sie nicht verstehen. Es ist sehr gut, die von andern hundertmal gelesenen Bücher immer noch einmal zu lesen; denn obgleich das Objekt einerlei bleibt, so ist doch das Subjekt verschieden. Wenn ein Volk sich einmal aus der edlen Einfalt in das mehr Schimmernde verloren hat, so geht, wie ich glaube, der Weg nach der Einfalt zurück durch das höchst Affektierte, das mit dem Ekel endigt. Es gibt wenig Gelehrte, die nicht einmal gedacht hätten, sich reich zu schreiben. Das Glück ist nur wenigen beschieden. Unter den Büchern, die geschrieben werden, machen wenige ihr Glück, wenn sie leben bleiben, und die meisten werden tot geboren. Da, wo einen die Leute nicht mehr können denken hören, da muß man sprechen; sobald man aber dahinkommt, wo man wieder Gedanken voraussetzen kann, die mit unsern einerlei sind, muß man aufhören zu sprechen. Ein solches Buch ist Sternes Reise, aber die meisten Bücher enthalten zwischen zwei Punkten nichts als den allergemeinsten Menschenverstand, eine stark ausgezogene Linie, wo eine punktierte zugereicht hätte. Alsdann ist es erlaubt, das Gedachte auszudrücken, wenn es auf eine besondere Art ausgedrückt wird; doch dies ist schon mit unter der ersten Anmerkung begriffen. Ich glaube, daß es mit dem Studieren geradeso geht wie in der Gärtnerei; es hilft weder, der da pflanzt noch der da begießt, etwas, sondern Gott, der das Gedeihen gibt. Wenn sich unsere jungen Leute gewöhnten, gegen drei Gedichtchen für das Herz nur eines für den Kopf zu machen, so hätten wir Hoffnung, einmal im Alter einen Mann zu sehen, der Kopf und Herz hätte, die seltenste Erscheinung. Die meisten haben nicht mehr Licht im Kopf, als gerade nötig ist, zu sehen, daß sie nichts darin haben. Ob nicht eine stehende Macht von Rezensenten gut wäre, die die Streitigkeiten der übrigen Gelehrten führten und die Gerechtsame und Vorzüge der Nation dartäten? Diese Leute müßten ebensoviel Gelehrsamkeit und Beredsamkeit besitzen als die Soldaten Tapferkeit. Was dem Ruhm und der Unsterblichkeit manches Schriftstellers ein größeres Hindernis in den Weg legt als der Neid und die Bosheit aller kritischen Journale und Zeitungen zusammengenommen, ist der fatale Umstand, daß sie ihre Werke auf einen Stoff müssen drucken lassen, der zugleich auch zu Gewürztüten gebraucht werden kann. Viele Priester der Minerva haben außer mancher Ähnlichkeit mit der Göttin selbst auch die mit dem berühmten Vogel derselben, daß sie zwar im Dunkeln Mäuse fangen, aber am Tageslicht den Kirchturm nicht eher sehen, als bis sie sich die Köpfe daran entzweistoßen. Der einzige Fehler, den die recht guten Schriftsteller haben, ist der, daß sie gewöhnlich die Ursache von sehr vielen schlechten oder mittelmäßigen sind. Das Populärmachen sollte immer so getrieben werden, daß man die Menschen damit heraufzöge. Wenn man sich herabläßt, so sollte man immer daran denken, auch die Menschen, zu denen man sich herabgelassen hat, ein wenig zu heben. Ich sehe die Rezensionen als eine Art von Kinderkrankheit an, die die neugebornen Bücher mehr oder weniger befällt. Man hat Exempel, daß die gesündesten daran sterben und die schwächlichsten oft durchkommen. Manche bekommen sie gar nicht. Man hat oft versucht, ihnen durch Amulette von Vorrede und Widmung vorzubeugen oder sie gar durch eigene Urteile zu inokulieren, es hilft aber nicht immer. Es ist traurig, daß die meisten Bücher von Leuten geschrieben werden, die sich zu dem Geschäfte erheben, anstatt daß sie sich herablassen sollten. Hätte z. B. Lessing ein Vademekum für lustige Leute herausgeben wollen, ich glaube, man hätte es in alle Sprachen der Welt übersetzt. Eine glückliche Situation zu einem Stück ausgefunden, macht die übrige Arbeit leicht; die, die eine Sache bloß mit Einfällen verschönern wollen, haben eine Höllenarbeit. Ich glaube, der schlechteste Gedanke kann so gesagt werden, daß er die Wirkung des besten tut, sollte auch das letzte Mittel dieses sein, ihn einem schlechten Kerl in einem Roman oder einer Komödie in den Mund zu legen. Um witzig zu schreiben, muß man sich mit den eigentlichen Kunstgegenständen aller Stände gut bekannt machen. Ein Hauptwerk, in jedem nur flüchtig gelesen, ist hinlänglich; denn was ernsthaft seicht ist, kann witzig tief sein. Vieles Lesen macht stolz und pedantisch, viel sehen macht weise, verträglich und nützlich. Der Leser baut eine einzige Idee sehr aus, der andere, der Weltseher, nimmt von allen Ständen etwas an, modelliert sich nach allen, sieht, wie wenig man sich in der Welt um den abstrakten Gelehrten bekümmert, und wird ein Weltbürger. Wenn man die Geschlechter nicht an den Kleidungen erkennen könnte, ja überhaupt die Verschiedenheit des Geschlechts erraten müßte, so würde eine neue Welt von Liebe entstehen. Dies verdient in einem Roman mit Weisheit und Kenntnis der Welt behandelt zu werden. Ein guter Ausdruck ist so viel wert wie ein guter Gedanke, weil es fast unmöglich ist, sich gut auszudrücken, ohne das Ausgedrückte von einer guten Seite zu zeigen. Es ist ein großer Rednerkunstgriff, die Leute zuweilen bloß zu überreden, wo man sie überzeugen konnte; die halten sich alsdann oft da für überzeugt, wo man sie überreden kann. Warum die Menschen so wenig behalten können, was sie lesen, davon ist der Grund, daß sie so wenig selbst denken. Wenn jemand das, was andere gesagt haben, gut zu wiederholen weiß, so hat er gewiß sehr viel nachgedacht; es sei denn, daß sein Kopf ein bloßer Schriftzähler wäre, und dergleichen sind manche Köpfe, die des Gedächtnisses wegen Aufsehen machen. Mit wenig Worten viel sagen, heißt nicht, erst einen Aufsatz machen und dann die Periode abkürzen, sondern vielmehr die Sache erst überdenken und aus dem Überdachten das Beste so sagen, daß der vernünftige Leser wohl merkt, was man weggelassen hat. Eigentlich heißt es, mit den wenigsten Worten zu erkennen geben, daß man viel gedacht habe. Die Zeiten, wo man anfängt, die Regeln zu studieren, wie es andere Zeiten gemacht haben, daß sie es so weit brachten, sind böse Zeiten. Die besten Köpfe werden entsetzlich belesene, bleiche, schwindsüchtige Stubensitzer, statt gutverdauende, frische Erfinder zu sein. Die feinste Satire ist unstreitig die, deren Spott mit so wenig Bosheit und so viel Überzeugung verbunden ist, daß er selbst diejenigen zum Lächeln nötigt, die er trifft. Lessings Geständnis, daß er für seinen gesunden Verstand fast zu viel gelesen habe, beweist, wie gesund sein Verstand war. Ein Mittel, sich Ruhm zu erwerben, ist, wenn man mit einer gewissen Zuversicht in eine dunkle, unbekannte Materie hineingeht, wohin es niemand der Mühe wert achtet, einem zu folgen, und darüber mit scheinbarem Zusammenhang räsoniert. Das Buch hat die Wirkung, das gewöhnlich gute Bücher haben: es macht die Einfältigen einfältiger, die Klugen klüger, und die übrigen Tausende bleiben ungeändert. Ihr Geschichtschreiber rückt den Helden nicht auf, daß ohne euch ihre glänzendsten Taten nach hundert Jahren vergessen sein würden; denn ohne diese glänzenden Taten hätte man nie etwas von euch erfahren. Unter die größten Entdeckungen, auf die der menschliche Verstand in den neuesten Zeiten verfallen ist, gehört meiner Meinung nach wohl die Kunst, Bücher zu beurteilen, ohne sie gelesen zu haben. Darf man Schauspiele schreiben, die nicht zum Schauen sind, so möchte ich sehen, wer mir wehren wollte, ein Buch zu schreiben, das nicht zum Lesen ist. Es ist mit den Versen der Frühlingspoeten wie mit den Krebsen; sie taugen nur in den Monaten, in deren Namen kein r ist. Jeder arme Teufel sollte wenigstens zwei ehrliche Namen haben, damit er den einen davon wagen könnte, um den andern ins Brot zu bringen. So haben Schriftsteller anonym geschrieben. Man könnte sich dann mit dem einen noch wehren, wenn der andere abgeschnitten wäre. Diejenigen unter den Gelehrten, denen es an Menschenkenntnis fehlt, lernen gewöhnlich mehr, als sie brauchen, und die vernünftigen unter ihnen können nie genug lernen. Ich habe durch mein ganzes Leben gefunden, daß sich der Charakter eines Menschen aus nichts so leicht erkennen läßt, wenn alle Mittel fehlen, als aus einem Scherz, den er übelnimmt. Es gibt Leute, die so fette Gesichter haben, daß sie unter dem Speck lachen können, daß der größte physiognomische Zauberer nichts davon gewahr wird, da wir arme, winddünne Geschöpfe, denen die Seele unmittelbar unter der Epidermis liegt, immer die Sprache sprechen, worin man nicht lügen kann. Bei Kindern läßt man Putz, weil man sie ausziert, ohne dadurch die Beschaffenheit ihres Geistes anzeigen zu wollen. Eine Livree und Uniform können noch so munter sein, sobald aber jemand an seinem eigenen Leib die Sachen aus eigener Wahl trägt, ist das Kleid nicht mehr Decke, sondern Hieroglyphe. Man wird bei allen Menschen von Geist eine Neigung finden, sich kurz auszudrücken, geschwind zu sagen, was gesagt werden soll. Manche Menschen äußern schon eine Gabe, sich dumm zu stellen, ehe sie klug sind; die Mädchen haben diese Gabe sehr oft. Man irrt sich gar sehr, wenn man aus dem, was ein Mann in Gesellschaft sagt oder auch tut, auf seinen Charakter schließen will. Man spricht und handelt ja nicht immer von Weltweisen; das Vergnügen eines Abends kann an einer Sophisterei hängen. Es ist sonderbar, daß diejenigen Leute, die das Geld am liebsten haben und am besten zu Rate halten, gern in der Verkleinerung davon sprechen. Da kann ich doch meine sechshundert Tälerchen dabei verdienen, ein hübsches Sümmchen. Wer so sagt, schenkt nicht leicht ein halbes Tälerchen weg. Die recht guten, offenherzigen Leute muß man nie unter den Phrasendrechslern suchen. Es ist wahr, alle Menschen schieben auf und bereuen den Aufschub. Ich glaube aber, auch der Tätigste findet so viel zu bereuen als der Faulste; denn wer mehr tut, sieht auch mehr und deutlicher, was längst hätte getan werden können. Woher mag wohl die entsetzliche Abneigung des Menschen herrühren, sich zu zeigen, wie er in seinen geheimsten Gedanken ist? In der Körperwelt ist alles wechselseitig; das, was er sich sein kann und zugleich sehr aufrichtig. Nach unseren Begriffen sind die Dinge gegeneinander alles Mögliche, was sie sein können, und der Mensch ist es nicht. Er scheint mehr das zu sein, was er nicht sein sollte. Die Kunst, sich zu verbergen, oder der Widerwille, sich geistlich oder moralisch nackend sehen zu lassen, geht bis zum Erstaunen weit. Der Mensch ist der größten Werke alsdann fähig, wenn seine Geistesstärke schon wieder abnimmt, so wie es im Juli um zwei Uhr nachmittags, da die Sonne schon wieder zurückweicht und sinkt, heißer ist als im Juni um zwölf Uhr. Es wäre gewiß ein verdienstliches, wenngleich nicht leichtes Unternehmen, das Leben eines Menschen doppelt oder dreifach zu beschreiben; einmal als ein zu warmer Freund, dann als ein Feind und dann so, wie es die Wahrheit selbst schreiben würde. Es gibt Leute, die alles glauben, was sie wollen; das sind unglückliche Geschöpfe. Es ist eine goldene Regel, daß man die Menschen nicht nach ihren Meinungen beurteilen müsse, sondern nach dem, was diese Meinungen aus ihnen machen. Wir leben in einer Welt, wo ein Narr viele Narren, aber ein weiser Mann nur wenig Weise macht. Im Deutschen reimt sich Geld auf Welt; es ist kaum möglich, daß es einen vernünftigeren Reim gebe; ich biete allen Sprachen Trotz. Es gibt wohl keinen Menschen in der Welt, der nicht, wenn er auch um tausend Taler willen zum Spitzbuben wird, lieber um das halbe Geld ein ehrlicher Mann geblieben wäre. Mancher hat bloß Feinheit genug, sich verhaßt zu machen, aber nicht genug, sich zu empfehlen. Andere lachen zu machen, ist keine schwere Kunst, solange es einem gleich gilt, ob es über unsern Witz ist oder über uns selbst. Es gibt Leute, die zu keinem Entschluß kommen können; sie müssen sich dann erst über die Sache beschlafen haben. Das ist ganz gut; nur kann es Fälle geben, wo man riskiert, mitsamt der Bettlade gefangen zu werden. Es gibt wirklich viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen. Seit der Erfindung der Schreibkunst haben die Bitten viel von ihrer Kraft verloren, die Befehle hingegen gewonnen. Geschriebene Bitten sind leichter abzuschlagen, und geschriebene Befehle leichter gegeben als mündliche. Zu beiden ist ein Herz erforderlich, das oft fehlt, wenn der Mund der Sprecher sein soll. Mir tut es allemal weh, wenn ein Mann von Talent stirbt; denn die Welt hat dergleichen nötiger als der Himmel. Das Bekehren der Missetäter vor ihrer Hinrichtung läßt sich mit einer Art von Mästung vergleichen; man macht sie geistlich fett und schneidet ihnen hernach die Kehle ab, damit sie nicht wieder abfallen. Es kommt nicht darauf an, ob die Sonne in eines Monarchen Staaten nicht untergeht, wie sich Spanien ehedem rühmte, sondern was sie während ihres Laufes in diesen Staaten zu sehen bekommt. Gewissen Menschen ist ein Mann von Kopf ein fataleres Geschöpf als der deklarierteste Schurke. Lerne deinen Körper kennen und was du von deiner Seele wissen kannst; gewöhne deinen Verstand zum Zweifel und dein Herz zur Verträglichkeit. Lerne den Menschen kennen und waffne dich mit Mut, zum Vorteil deines Nebenmenschen die Wahrheit zu reden. Schärfe deinen Verstand durch Mathematik, wenn du sonst keinen Gegenstand findest; hüte dich aber vor Namen, Registern und Würmern, wovon flüchtige Kenntnis nichts nützt und eine genaue ins Unendliche führt. Man kann die Fehler eines großen Mannes tadeln, aber man muß nur nicht den Mann deswegen tadeln. Wenn die Hunde, die Wespen und die Hornissen mit menschlicher Vernunft begabt wären, so könnten sie sich vielleicht der Welt bemächtigen. Je weiser man wird, desto mehr sieht man in den Werken der Natur. Warum sollte nicht auch in manchen unserer Gedanken sehr viel mehr enthalten sein als wir zuweilen bemerken? Es sind ja auch Produkte der menschlichen Natur. Jeder Gedanke ist an sich etwas, der falsche so gut als der wahre. Der falsche ist nur das Unkraut, das wir in unserer Haushaltung nicht gebrauchen können. So läßt sich manches entschuldigen, was ich dem Hogarth angedichtet habe. Er konnte alles instinktmäßig hingeworfen haben, ohne es zu wissen. Die Entschuldigungen, die man bei sich selber macht, wenn man etwas unternehmen will, sind ein vortrefflicher Stoff zu Monologen; denn sie werden selten anders gemacht, als wenn man allein ist, und sehr oft laut. Wie glücklich würde mancher leben, wenn er sich um anderer Leute Sachen so wenig bekümmerte als um die seinigen. Es ist gewiß ein sicheres Zeichen, daß man besser geworden ist, wenn man Schulden so gern bezahlt, als man Geld einnimmt. Wer ist unter uns allen, der nicht einmal im Jahr närrisch ist, d. i., wenn er sich allein befindet, sich eine andere Welt, andere Glücksumstände denkt als die wirklichen? Die Vernunft besteht nur darin, sich sogleich wieder zu finden, sobald die Szene vorüber ist, und aus der Komödie nach Hause zu gehen. Jedes Gebrechen am menschlichen Körper erweckt bei dem, der darunter leidet, ein Bemühen, zu zeigen, daß es ihn nicht drückt. Der Taube will gut hören, der Klumpfuß über rauhe Wege zu Fuß gehen, der Schwache seine Stärke zeigen usw. Wenn man nur die Kinder dahin erziehen könnte, daß ihnen alles Unendliche völlig unverständlich wäre. Nachdem die Welt schon so lange gestanden hat, scheint es fast unmöglich, an Menschen weiter zu künsteln. Man lasse die Kinder soviel als möglich tun und halte sie immer zu ältern, als sie selbst sind; man schwatze ihnen nicht viel von großen Männern vor, sondern halte sie womöglich an, andere zu übertreffen. Wer immer angehalten wird, seine Spielkameraden zu übertreffen, der wird im vierzigsten alle seine Kollegen übertreffen. Vielleicht ist noch nie ein Vater gewesen, der nicht irgendeinmal sein Kind für etwas Originelles gehalten hatte. Doch, glaube ich, sind die gelehrten Väter diesem Irrtum mehr ausgesetzt als irgendeine andere Klasse von Vätern. Verminderung der Bedürfnisse sollte wohl das sein, was man der Jugend durchaus einschärfen und wozu man sie zu stärken suchen müßte. Je weniger Bedürfnisse, desto glücklicher, ist eine alte, aber sehr verkannte Wahrheit. Die Gesundheit sieht es lieber, wenn der Körper tanzt, als wenn er schreibt. Es gibt in Rücksicht auf den Körper gewiß, wo nicht mehr, doch ebenso viele Kranke in der Einbildung als wirkliche Kranke; in Rücksicht auf den Verstand ebenso viele, wo nicht sehr viele Gesunde in der Einbildung als wirklich Gesunde. Es ist gut, wenn junge Leute in gewissen Jahren vom poetischen Übel, befallen werden; aber inokulieren muß man es ihnen um Himmels willen nicht lassen. Es gibt große Krankheiten, an denen man sterben kann; es gibt ferner welche, die sich, wenn man gleich nicht eben daran stirbt, doch ohne vieles Studium bemerken und fühlen lassen; endlich aber gibt es auch welche, die man ohne Mikroskop kaum erkennt. Dadurch nehmen sie sich aber ganz abscheulich aus, und dieses Mikroskop ist Hypochondrie. Ich glaube, wenn sich die Menschen recht darauf legen wollten, die mikroskopischen Krankheiten zu studieren, sie würden die Genugtuung haben, alle Tag krank zu sein. Wenn man einmal Nachricht von Patienten gäbe, denen gewisse Bäder und Gesundbrunnen nicht geholfen haben, und zwar mit eben der Sorgfalt, mit der man das Gegenteil tut, so würde niemand mehr hingehen, wenigstens kein Kranker. Wir leben und empfinden so gut im Traum als im Wachen, und das eine macht so gut als das andere einen Teil unserer Existenz aus. Es gehört unter die Vorzüge des Menschen, daß er träumt und es weiß. Man hat schwerlich noch den rechten Gebrauch davon gemacht. Der Traum ist ein Leben, das mit unserm übrigen zusammengesetzt das wird, was wir menschliches Leben nennen. Die Träume verlieren sich in unser Wachen allmählich herein, und man kann nicht sagen, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Philosophie ist immer Scheidekunst, man mag die Sache wenden, wie man will. Der Bauer gebraucht alle Sätze der abstraktesten Philosophie, nur eingewickelt, versteckt, gebunden, wie der Physiker und Chemiker sagt; der Philosoph gibt uns die reinen Sätze. Ich bin überzeugt, daß die Hälfte des menschlichen Geschlechtes, wenigstens des zahmen Teils desselben, den man den gesitteten nennt, über die Hälfte zu viel ißt, denn was man, zumal in den höheren Klassen, Hunger nennt, ist meistens mehr ein Appetit nach Hunger als der eigentliche Bedürfnishunger selbst. Man muß in der Welt und im Reich der Wahrheit frei untersuchen, es koste, was es wolle, und sich nicht bekümmern, ob der Satz in eine Familie gehört, worunter einige Glieder gefährlich werden könnten. Wenn man die Natur als Lehrerin und die armen Menschen als Zuhörer betrachtet, so ist man geneigt, einer ganz sonderbaren Idee vom menschlichen Geschlechte Raum zu geben. Wir sitzen alle mitsammen in einem Kolleg, haben die Prinzipien, die nötig sind, es zu verstehen und zu fassen, horchen aber immer mehr auf die Plaudereien unserer Mitschüler als auf den Vortrag der Lehrerin. Oder wenn ja einer neben uns etwas nachschreibt, so spicken wir von ihm, stehlen, was er selbst vielleicht undeutlich hörte, und vermehren es mit unseren eigenen orthographischen und Meinungsfehlern. Es gibt für jeden Grad des Wissens gangbare Sätze, von denen man nicht merkt, daß sie über dem Unbegreiflichen, ohne weitere Unterstützung, auf bloßem Glauben schweben. Man hat sie, ohne zu wissen, woher die Sicherheit kommt, mit der man ihnen traut. Der Philosoph hat dergleichen so gut wie der Mann, der da glaubt, das Wasser fließe deswegen immer bergab, weil es unmöglich wäre, daß es bergauf fließen könne. Vom Wahrsagen läßt sich wohl leben in der Welt, aber nicht von Wahrheitsagen. Eine der sonderbarsten Anwendungen, die der Mensch von der Vernunft gemacht hat, ist wohl die, es für ein Meisterstück zu halten, sie nicht zu gebrauchen und so, mit Flügeln geboren, sie abzuschneiden. Die gemeinsten Meinungen und was jedermann für ausgemacht halt, verdient oft am meisten untersucht zu werden. Seitdem man Wissenschaft zu nennen beliebt, anderer törichte Meinungen zu kennen, die man vielleicht aus einer einzigen Formel nach den Regeln einer ganz mechanischen Erfindungskunst herleiten könnte und sich überall durch Mode, Gewohnheit, Ansehen und Interesse leiten läßt, seitdem ist den Menschen die Lebenszeit zu kurz geworden. Die gar subtilen Männer sind selten große Männer, und ihre Untersuchungen sind meistens eben so unnütz als sie fein sind. Sie entfernen sich immer mehr vom praktischen Leben, dem sie doch immer näher zu kommen suchen sollten. Sowie der Tanzmeister und Fechtmeister nicht von der Anatomie der Beine und Hände anfängt, so läßt sich gesunde, brauchbare Philosophie auch viel höher als jene Grübeleien anfangen. Die Astronomie ist vielleicht diejenige Wissenschaft, worin das wenigste durch den Zufall entdeckt worden ist, wo der menschliche Verstand in seiner ganzen Größe erscheint, und wo der Mensch am besten lernen kann, wie klein er ist. Man irrt sich, wenn man glaubt, daß alles unser Neues bloß der Mode zugehört; es ist etwas Festes darunter, Fortgang der Menschheit muß nicht verkannt werden. Der Mensch lebt allein, um sein und seiner Mitmenschen Wohl so sehr zu befördern, als es seine Kräfte und seine Lage erlauben. Hierin kürzer zu seinem Endzweck zu gelangen. nützt er die Versuche seiner Vorfahren. Er studiert, ohne jene Absicht zu studieren, bloß um sagen zu können, was andere getan haben; dies heißt, die letzte der Wissenschaften treiben. Solche Leute sind so wenig eigentliche Gelehrte als Register Bücher sind. Nicht bloß wissen, sondern auch für die Nachwelt tun, was die Vorwelt für uns getan hat, heißt ein Mensch sein. Soll ich, um nicht noch einmal zu erfinden, was schon erfunden ist, mein Leben über der Gelehrten Geschichte zubringen? Sagt man doch Dinge vorsätzlich zweimal und nimmt es einem nicht übel, wenn nur die Einkleidung neu ist. Hast du selbst gedacht, so wird deine Erfindung einer schon erfundenen Sache gewiß allemal das Zeichen des Eigentümlichen an sich tragen. Hippel Ich glaube, daß ich alle meine Freunde weit mehr geliebt habe, als sie mich, und daß nur wenige in der Welt zu einem solchen Herzensopfer imstande gewesen wie ich, da ich überhaupt nicht zum Haß, sondern zur Liebe geschaffen bin. Theodor Gottlieb von Hippel Er war ein Mann, in dessen Charakter und Persönlichkeit die Extreme der Verständigkeit und des Gemütes, der Philosophie und der Phantasie, des Rationalismus und der Mystik, des sittlichen Rigorismus und des sinnlichen Behagens, der Theorie und Geschäftspraxis, des Stillebens und der Weltsitte zusammenwohnen wollten. Th. Bach Man muß beim Lesen die Seele des Buches suchen und der Idee nachspüren, welche der Autor gehabt hat, alsdann hat man das Buch ganz. Zuweilen ist freilich die Seele schwer zu finden, wie bei manchem sie auch wahrlich schwer zu finden ist. Der Verfasser selbst würde Mühe haben, die Seele aus seinem Buche herauszurechnen. Indessen hat jedes Buch eine Seele, etwas Hervorstehendes wenigstens, und gemeinhin pflegt sich hiernach das übrige zu bequemen. Bücher sind nur ein Beweis für das, was in uns ist. Ihr Geist gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir richtig wandeln. Wie leicht wird uns manches durch Umgang, was im Buch so schwerfällig war. Wer nur ein Buch liest, vergißt, daß das Jahr vier Jahreszeiten und daß jeder Tag vier Tagzeiten habe. Man lese vier Bücher auf einmal, und man wird finden, daß dieses dem Gemüte Erholung sei. Ein einziges Buch lesen, heißt im Seelenverstand den Pflug führen oder dreschen. Neue Beschäftigung ist wahrlich Erholung. Warum ist die Gesellschaft Erholung? Weil ein kluger Mann hier mehr als ein Buch liest. Der hat es weit gebracht, der Menschen lesen kann. Ein abgebrochener Gedanke bringt andere zum Denken; ein Gedanke in seiner vollen Lebensgröße ausgedrückt, ermüdet uns mitten auf dem Weg. Es gibt einen gewissen Lesegeiz, alles, was man liest, in seinen Nutzen zu verwandeln, einen Lesevielfraß, alles zu verschlingen, und da ereignen sich oft Kopfdrücken und Verschleimungen. Sich in einem Buche betrinken, heißt darüber Sehen und Hören vergessen und es so vorzüglich finden, daß nichts darüber ist. Wenig und gut lesen, ist großen Köpfen eigen. Die tiefste Wahrheit kann in eine Volksidee gekleidet werden, und eine Wahrheit, die kein Sokrates in das gemeine Leben bringen kann, ist nicht viel mehr als Sophisterei, womit man seinen Kopf nicht verderben und sein Herz nicht verfälschen sollte. Ein System, wenn es so ganz da liegt, so ganz wie Tier und Mensch, ist Arbeit eines Halbgottes. Wo ist ein System dieser Art? Wenn es so fertig werden kann, wird es das Werk eines Deutschen sein. Was man am geschwindesten vergißt, hat man am deutlichsten eingesehen. Behalten heißt seinem Gedächtnis Wunden schlagen, und auf Gedächtnis-Gelehrsamkeit stolz tun, heißt seine Narben zeigen. Inokuliere alles auf dein Lieblingsstudium, und es ist dir auch im spätesten Alter, als hättest du es von dem dreißigsten Jahre, bis zu welcher Zeit alles bei den Menschen in der Blüte steht, gelernt. Philosophie ist Festung; aber wo ist eine, die unüberwindlich wäre? Der Weise tut, als sähe er bloß sich nach dem bekannten Sprichwort: Lerne dich selbst kennen; allein er beobachtet und beabsichtigt andere und wo es nur angeht, die ganze Menschheit. Der Weltkluge dagegen tut, als sähe er bloß auf andere, und doch sieht er allein auf sich. Wer vielerlei weiß, ist biegsam; wer einerlei weiß, ist stolz. Jener sieht ein, wieviel ihm fehlt, dieser ist ein Hahn auf dem Mist. Was ist in der Welt für ein Vorzug, der nicht schon in unserer Seele läge? Nur Licht hineingebracht, und alles ist aufgedeckt. Wir lernen nichts, was eigentliche Wissenschaft, bleibende Kenntnis, himmlische Wahrheit ist. Die Seele ist ein gestimmtes Instrument, das nur gespielt werden darf, und wenn du die Kunstwörter von der Sache abnimmst, diese Rüstung, die einem kleinen Körper das Ansehen eines Riesen gibt, findest du nichts Unerwartetes. Wenn du die Tressen vom Kleide absonderst, ist's dem gemeinen Mann, als hätte er sein eigenes Kleid an. Die Gelehrten bemühen sich weislich, dieses ihr Kunststück nicht zu verraten, weil sie damit auf die Markte ziehen und große, bunte Zettel drucken lassen, um sich für Geld zu zeigen. Kopernikus schloß den Himmel auf. Es war ein Petrus, zu dem Gottes Stimme erscholl: Ich will dir des Himmelreiches Schlüssel geben. Newton war Geschäftsträger des menschlichen Geschlechtes im Himmel und auf Erden und unter der Erde. Licht war sein Blick, und was er machte, das geriet wohl. Kepler, ein Haushälter über Gottes Geheimnisse, Siegelbewahrer der Natur und Leibniz ein Kammerherr unter ihnen; ein Mann, der allen allerlei war, der erfinden konnte, ohne Bleifeder und Schreibtafel in der Hand gehabt zu haben. Den rechten Weg abzustecken und auf dessen Erhaltung zu sehen, wäre die Pflicht der Gelehrten. Sie sollten Wegkommissäre für das menschliche Geschlecht sein. Wer einmal den rechten Weg verschlägt, kommt immer weiter vom Ziel. Wer einen Brief schreibt, muß glauben, er schreibe ihn an die Welt, und wer ein Buch schreibt, er schreibe es an einen guten Freund, wenn man nicht in beiden Fällen alltäglich sein will. Jungen Gelehrten geht es wie den Kornähren: solange sie leer sind, richten sie ihre Spitzen gerade und keck empor; kommen aber ihre Körner zur Reife, so lassen sie ihr Haupt sinken. Man muß alles von sich anfangen. Selbst wenn die Schulgelehrten die Existenz Gottes beweisen wollen, fangen sie von sich an; ich bin, sagen sie, folglich ist ein Gott. Lehre und Leben müssen in die Hand arbeiten. Nie werden Handlungen schlechter erzählt als den Tag nachher, wenn sie geschehen sind; an dem Handlungstage ist jeder selbst von seiner Handlung betrunken. Der Held weiß gerade am wenigsten von seiner Tat, und in Wahrheit, nicht er, sondern die Sache muß reden. Wer kann für die Folgen stehen? Nur Tyrannen lassen sich die Folgen verbürgen. Der Hergang der Sache wird, anstatt daß er je länger, je bewährter werden sollte, je länger, je unrichtiger und unsicherer, besonders wenn er mündlich fortgewälzt wird, ob er gleich zusehends anschwillt. Der Schneeberg wird zu Wasser, sobald die Sonne der Kritik wirkt. Geschichte ist eine durch Völkerrecht und Konvention beliebte Art, den Gegenstand von einer gewissen Seite zu zeigen. Der Geschmack liebt Miniatur. Er besteht aus der Kunst, etwas aus dem Großen ins Kleine zu bringen, um es übersehbar zu machen. Er ist so etwas Menschliches, als die Natur etwas Göttliches ist. Durch die Instrumentalmusik spricht ein Stummer. Der Kranke genest, das Alter verjüngt sich. Durch die Stimmmusik zerteilen wir die Wolken und dringen zum Herrn. Nur die Engelstimmen gehen über Menschenstimmen. Die erste Schrift, die ein junger Mensch entwirft, muß der Kupferstich seiner Seele sein. Ein poetischer Kopf darf nur vieles durchbildern, von allem nimmt er den Zoll. In der ganzen Natur schreibt er Schätzung aus. Er befindet sich in den Wissenschaften auf Reisen, wo ihn oft etwas aufhält, worauf der Eingeborene, das Landeskind, der Philosoph nicht kommt. Ein denkender Kopf weiß weniger, allein seine Äcker kennt er auf ein Haar. Er tut, wenn ich so sagen darf, was der Dichter weiß. Ein großer Kopf ist eine Mischung von beiden. Selig sind, die wissen. Seliger, die tun. Soviel Köpfe, soviel Sinne; so viele Alexanders, so viele Welten; so viele Planeten, so viele Bahnen; so viele Genies, so viele Methoden. Es ist schwerer, so zu schreiben, als so zu reden, daß es einen interessiert. Das beste ist, sich selbst herauszudenken, nicht bei Hand- und Lehrbüchern, sondern bei seinem Genie in die Schule zu gehen und ihm Folge zu leisten und die Logik dem natürlichen Gange seines selbsteigenen Geistes sowie die Moral seinem Gewissen zu verdanken zu haben. Die Natur hält ein schreckliches, heimliches Gericht, das schrecklichste, das gedacht werden kann. Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie können Gott in der Natur schauen. Freude an der Natur ist das Probatum eines guten Gewissens. Eine feurige Kohlensammlerin, eine Aufhetzerin ist die Natur dem, der es mit dem Gewissen verdorben hat. Der Verstand und die Natur kommen sehr leicht in richtigen Einklang. Statt daß wir, wie irrende Schafe, ohne Plan und Regel in die Weite laufen, sei es unsere erste Sorge, heimzukehren zu der Natur und nichts außer uns selbst zu suchen. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und an sich selbst Schaden litte? Der Mensch wird später reif als alles, was auf Erden lebt; seiner Kräfte, seiner Fähigkeiten sind aber so viele und überdies sind sie so köstlich, daß die Erziehung nicht mit der Muttermilch aufhören kann, sondern daß durchaus eine vernünftige Milch, wie sich der Apostel ausdrückt, zur Erziehung erfordert wird. Die Tiere werden in kurzem das, was sie von Anbeginn gewesen sind und was sie bis ans Ende der Tage sein werden; so wie sie noch jetzt sind, gingen sie aus dem Paradiese und dem Kasten Noahs, der Mensch aber sieht sich nicht mehr ähnlich. Gott sei gelobt, daß kein Mensch sich so zeigt, wie er ist; Gott, was würden wir sehen! Selbst wenn der Mensch sich verliert, selbst wenn er sich preisgibt, ist er nicht immer noch in naturalibus , sondern unter Vorhängen von Feigenblättern; er zeigt den Schaum von seinen Leidenschaften, die Hefen werden zurückgehalten. So wie unsere Erde um die Sonne läuft und sich um sich selbst dreht, so geht es auch mit dem Menschengeschlecht und mit den einzelnen Menschen. Jeder einzelne Mensch dreht sich um sich selbst. Immerhin, wenn er nur seinen größeren Lauf dabei nicht vernachlässigt. Sooft die Menschen sich stark zeigen wollen, zeigen sie sich gewöhnlich in ihrer Schwäche, und oft sind sie stark, wenn sie schwach sind. Wie oft tat die Natur schönen Seelen das Unrecht, daß sie solche, wenn nicht mit häßlichen, doch mit schwächlichen Körpern bekleidete, und was ist die Herrschaft der Schönheit? Wahrlich, jener Weise hatte recht, sie eine kurze Tyrannei zu nennen. Man hört im Sitzen besser, man sieht im Stehen schärfer; im Gehen ist Auge und Ohr nicht zuverlässig. Jeder Mensch hat einen Hang, seine Meinungen anderen mitzuteilen, und der Gelehrteste ist nicht gleichgültig gegen das Urteil seiner Wäscherin und seines Ofenheizers. Je mehr man das Ich versteckt, je mehr Welt hat man. Wie das Wasser Feuer löscht, so überwältigt die Bescheidenheit den Stolzen. Sie ist der Ring, den man den Bären durch die Nase zieht. Bescheidenheit ist die größte Betrügerin, und durch Pausen, durch einsilbige Worte erregen wir den Affekt mehr; Strafen nützen überhaupt nicht so viel als Belohnungen, da jene nur Fron-, nicht aber Liebesdienste hervorbringen. Was uns als Menschen obliegt, darf uns nicht als Bürgern aufgegeben werden, und wer sich einbildet, Pflichten der Liebe dadurch zu befördern, daß er sie mit Bild und Überschriften von Zwangspflichten versieht, der erniedrigt, was er erhöhen wollte und macht, daß etwas unwillig geleistet wird, was man zuvor willig zu beobachten nicht ermangelte. Wer wollte nicht unendlich lieber in Gottes als in der Menschen Hände fallen? Die Gesellschaft ist die Quelle alles Glückes und alles Unglücks, das je dem menschlichen Geschlechte zufiel, und noch ist nicht erschienen, was die Menschen durch sie werden können und durch sie sein werden. Wir wissen aber, daß, wenn es erscheinen wird, wenn wir das heilige Gesetz beobachten und dasselbe sowie Gott nicht fürchten, sondern lieben, wir Gott ähnlich sein und die Krone des Lebens tragen werden. Die Pflichten gegen das Vaterland heben bei weitem nicht alle anderen Pflichten auf, und ein Bürger muß nie aufhören, ein Mensch zu bleiben. Im Kriege selbst darf man den Vorzug nicht aufgeben, ein Freund seines Freundes zu sein. Wer sich das Ansehen gibt, der göttlichen Regierung nachhelfen zu wollen, ist ein Gottesleugner in einem besonderen Sinne. Je verfeinerter ein Volk ist, desto schneller werden die Menschen reif, desto geschwinder kommen sie mit ihrem Leben zu Ende; sie können die Zeit nicht abwarten und übereilen sich im Leben, woher es auch nicht ungewöhnlich ist, daß es ihnen wie den Kindern geht, die vorauslaufen, den Weg doppelt machen und entweder gar nicht oder ermüdet an Ort und Stelle kommen. Durch vereinte Kraft eins sein, ist der Zweck der großen Staatsgesellschaften. So im großen, so im kleinen. Instinkt und Vernunft lehren uns, daß ein großer Teil unserer Glückseligkeit davon abhängt. Der Staat braucht viel Hände, aber wenig Köpfe. Ein politischer Kannegießer ist ein schlechter Kannegießer und ein schlechter Bürgermeister; die Kenntnisse des gemeinen Mannes müssen bei der Hand bleiben und nicht bis zum Kopf kommen. Man muß sich in die Zeit schicken, weil es böse Zeit ist, und in die Menschen, weil es gute Menschen gibt. Wenn Mitglieder des Staates von ihren Rechten und Pflichten richtige Begriffe haben und gern denselben gemäß handeln, so sind sie sicher aufgeklärter, als wenn sie der Wissenschaften Menge besitzen, die zur bürgerlichen Glückseligkeit nichts Wesentliches beitragen, die den Schein haben und die Kraft verleugnen. Man glaubt gleich alles im Menschen zu finden, was der andere sagt. So kann man für groß und klein, klug und unklug gehalten werden, je nachdem man im Rufe ist. Tragt die Groben, weil ihr höflich seid. Viele Sprachen sind viele Kreditbriefe; zeige du sie vor, du bist überall willkommen. Die Sprache ist eine Herzensschlinge. Man ist bestrickt, man weiß nicht wie. Solange eine Sprache lebt, wird dieses Wort adelig, dieses bürgerlich, dieses bäuerisch, nachdem es die Mode will. Es geht mit den Worten wie mit den Familien: dies kommt empor, jenes fällt. Heute ist es am königlichen Hofe in der Epopöe willkommen, morgen findet man es im Schäfergedicht unausstehlich. Gedankenwendung, Denkart, alles ist im ägyptischen Diensthause der Mode. Gewinnsucht, Eigensinn in der Nation kann Worte erhöhen und erniedrigen. Alle Münzen in einer lebendigen Sprache sind der Reduktion unterworfen. Es gibt einen olympischen Neid oder Eifersucht. Dieser Neid schadet den anderen nicht, sondern ist nur bemüht, sich nicht zuvorkommen zu lassen. Alle Kirchen haben dunkle Fenster, indes weiß jeder einen Stand. Das Spiel scheint erfunden zu sein, den menschlichen Neigungen, die man durch Lebensart zu unterdrücken verbunden ist, zu Hilfe zu kommen. Bei Leuten, die keine Bewegung haben, ersetzt das Spiel diesen Mangel. Es ist Seelenbewegung, die nötiger ist als die körperliche. Es ist eine Abwechslung aller Leidenschaften, aller Jahreszeiten, hätte ich bald gesagt, und zur Gesundheit gehört diese Abwechslung. Raten macht Schuld, und du stellst Wechsel aus, wenn du Rat gibst. Wer am Wege baut, hat viele Meister. Nicht bloß die verliebte Schäferin, sondern auch der Hofmann verbirgt sich im Gesträuch; allein beide lassen sich zuvor sehen. Mode ist in vieler Rücksicht die Lösung des menschlichen Geschlechtes; sie weiß dem Alter einen neuen Anstrich zu geben und Abwechslung, auch Vergnügen in das Leben zu bringen und, wenngleich wenig, so doch etwas zum Fortschreiten der Menschheit beizutragen. Es gibt Vornehme, die nicht wissen, was sie sagen; nach ihren Worten sollte man glauben, sie verständen alles; allein sie verstehen nichts. Wer in der Welt und ihrem kunstreichen Blendwerk unerfahren ist, glaubt in manchem dieser Großsprecher auch den Täter des Wortes zu hören und bewundert den vortrefflichen, so viel umfassenden Mann. Junger Mensch, dein Held lallt nur, hat nicht Geist und verbindet keine Kraft und Wahrheit mit seinen toten Tönen. Bei dem lieben Nein kann man weit beredter sein als bei dem lieben Ja. In der Gesellschaft zeigt jeder einzelne Mensch nur ein Pröbchen, wie Krämer von Seiden- und Wollzeug. Eine artige Gesellschaft ist eine Probekarte; wie verschieden ist das ganze Stück von diesem Pröbchen! Wer aus Gesellschaften Menschen abzieht, bekommt nicht sie, sondern ein kleines Etwas von ihnen. Wer die Menschen leicht findet, hat nicht sie, sondern sich gesucht und gefunden. Wer andere richtet, bestraft seine Unarten in anderen und glaubt sich eben dadurch weiß gebrannt zu haben wie die liebliche Unschuld. Wer hinter dem Fenster in seinem einsamen Zimmer steht, kann alles ganz deutlich wahrnehmen, was auf der Straße vorgeht, unerachtet er von den Leuten auf der Straße entweder gar nicht oder doch nicht deutlich gesehen wird. Wer kann in einer guten Gesellschaft einen Menschen ausstehen, der ohne Ende und Ziel von sich selbst spricht; es wäre denn, daß er sein überstandenes Unglück erzählt. Alle Merkzeichen, wodurch man an den Tag legt, man gebe auf sich selbst acht, geben unseren Handlungen ein linkisches, steifes, gebrechliches, buckliges Ansehen. Ein Wassertropfen macht sich in den härtesten Stein eine Höhle, wenn er oft darauffällt, und ein gutes Wort findet, wenn nicht heute, so doch morgen einen guten Platz. Frauen sind Meisterinnen in der Kunst zu hören, Originalhörerinnen, und ich weiß nicht, ob sie im Hören oder Sprechen stärker sind. Die Männer ertragen von Staats wegen so viele Ungerechtigkeiten, daß die Frauen wohl tun, sich in ihren Häusern auf kleinere Übel gefaßt zu machen. Wenn sie Frauen bleiben, vermögen sie durch Sanftmut und Duldung alles, so daß es von ihnen im Geiste und in der Wahrheit heißen kann: Wenn sie schwach sind, sind sie stark. Auf dem Wege der Duldung und der Sanftmut kommen die Männer nicht zu ihrem Ziel in ihrem Beruf; auch sollen sie es nicht. Denn eben weil sie stark sind, liegt es ihnen ob, nur durch Mut zu überwinden. Der Fluch, der die Frauen traf, gehörte er nicht auf die Rechnung der Weiblichkeit und Verzärtelung? Frauen, die sich weniger verzärteln, empfinden von dem Fluch: Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären, noch bis diesen Augenblick wenig oder gar nichts. Wer ein Mädchen kennen lernen will, frage nicht, wie es jetzt ist, da es ja sagen soll, sondern wie es als Kind war, da noch an kein Ja gedacht werden konnte. Gefälligkeiten aus Grundsätzen sind vielleicht so reizend nicht wie die, welche aus brennender Liebe kommen; sie verbreiten aber mehr Ruhe und Glückseligkeit über uns als alles, was bloß leidenschaftlich ist. Die Liebe macht gleichgültig gegen Ruhm und Glanz, allein gegen die Menschlichkeit nicht. Sie schränkt das Herz ein; allein sie erweitert es auch. Eins liebt nur eins, wie Mann und Frau, alle Menschen aber wie Schwester und Bruder. Einen Verliebten, glaube ich, kann jedermann betrügen; er hält alles für ehrlich, was ihm begegnet. Die Liebe ist ein starkes Getränk für die Seele. Sie betrinkt sich in ihr, und Verliebten geht's kein Haar besser als Leuten, die ein Gläschen über den Durst getrunken haben. Es ist ihnen alles besser als zuvor. Sie sehen alles in den besten Jahreszeiten, alles im Juni. Verstärken nicht Abwesenheit und Enthaltsamkeit die Liebe? Aller Besitz schwächt das Vergnügen, der Besitz in der Liebe besonders; er ist ein Mordbrenner. Die Liebe muß Widerstand haben. Ohne Hindernis ist keine Liebe. Die Mädchen behalten wie Wechselbriefe nur Jahr und Tag nach ihrer erlangten Mannheit ihre Kraft. Ein betrübtes Herz liebt zärtlicher, und wahre Liebe ist keine frohe Leidenschaft. Sie fängt mit Seufzern an, so wie wir mit Tränen geboren werden. Was du recht liebst, ist nicht das, was du siehst, sondern das, was du nicht siehst; das Bild, das du dir vom Gegenstand deiner Liebe abziehst. Das weibliche Auge, das einen jungen Menschen zum ersten Male elektrisiert, ist sein Ideal der Schönheit, seine Venus; denn jeder hat seine. Die Liebe kommt auf einmal; sie wohnt parterre. Die Freundschaft steigt Treppen, und es gehören Jahre dazu, ehe ein Freund ein Freund wird. Ein Zorniger und ein Verliebter sind stumm; keiner kann erzählen, was ihm fehlt. Gold und Liebe haben die größten Reize, wenn man ihnen nicht zu nahe ist. Überhaupt enthält das Nahe wenig oder gar nichts, was uns befriedigen kann. In tiefe Ferne zu blicken, eine Aussicht, die, wenn ich so sagen darf, in das Unendliche geht, macht uns glücklich; sie ist ein Bild, das uns bloß vorgaukelt und verschwindet, wenn dagegen das Nahe uns so steif und so fest vorschwebt und auswendig gelernt wird, daß es uns oft beschwerlich fällt. Es ist kein unrichtiger Gedanke, daß eine Frau ohne Mann es selbst in der Tugend nicht weit bringen könne und werde; denn es entsprießen aus der häuslichen Verbindung so viele schöne Tugenden, daß, wenn das Heiraten nicht so oft vorkäme. dies Schauspiel einer sich so ganz hingebenden Liebe etwas Außerordentliches wäre. Auch gibt es Gruppen im Ehestand, auf die man geradezu Engel einladen könnte, welche sie mit Entzücken ansehen würden. Erst durch die Ehe wird die Frau in ebendem Grade durch den Mann vollendet wie der Mann durch die Frau. Mann und Frau machen einen ganzen Menschen aus. Die relativen Eigenschaften, die zwischen beiden aufeinander angelegt sind, setzen diese Behauptung außer Zweifel. Wer in Ehefällen intolerant ist, verbietet Feuer und Herd nicht bloß seinem hinfälligen Leibe, sondern auch seiner unsterblichen Seele; nur in einer Feenwelt kann man immer gewinnen und nie eine Niete ziehen. Ein hübsches Mädchen, das so glücklich ist, vom fünfzehnten bis zum neunzehnten Jahre in einem guten Hause zu sein, wo es sein Licht leuchten lassen kann, findet, ob es gleich kein Geld hat, zuverlässig einen Liebhaber, der geneigt ist, sich in einen Ehemann verwandeln zu lassen. Der Staat sollte auf nichts ein so wachsames Auge haben als auf Abstellung aller Vorurteile, welche Ehen hindern können; denn die Ehe ist ein kleiner Staat. So wie es in den meisten Häusern zugeht, so geht es in der Stadt zu. Das Thermometer der Moralität war von jeher die Ehe; so wie es mit den Ehen stand, so standen auch die Aktien der Sittlichkeit. Freundschaft ist eine wechselseitige Verbindung, nach welcher einer den anderen nicht verachtet, obgleich er dessen Schwäche mit Händen greifen kann. Die zufriedensten Eheleute spielen Liebhaberrollen am schlechtesten; desto sicherer ist von beiden Seiten ihr Eheband. Freundschaft, echte Freundschaft ist eine Schaumünze, die man nur im höchsten Notfall angreift. Umgang ist Ausgabegeld, für das wir tägliches Brot kaufen. Ein neuer Freund ist ein neuer Wein, laß ihn alt werden und dann koste ihn, und siehe da, solch ein Wein erfreut des Menschen Herz, daß er wieder jung wird wie ein Adler. Wer sich selbst nicht treu ist und seine eigenen Untaten unter die Leute zu bringen für unbedenklich hält, glaubt sich, wo nicht rechtfertigen, so doch entschuldigen zu können, wenn er seinen Herrn oder seinen Freund verrät. Wer den Armen segnet, spottet sein, wenn er diesen Segen nicht in Erfüllung zu setzen anfängt. Wer sich als abgebrannt und beraubt angibt, um Leute barmherzig zu machen und sie zum Mitleiden zu betrügen, ist ärger als ein Räuber und Brandstifter. Wehe dem, der auf diese Art Brandschatzung aufschreibt. Er bestiehlt nicht den Menschen, sondern die Menschheit. Mancher gibt mit einem Auge, und mit sieben sieht er, was er wiedererhalte. In unserem Glück liegt auch immer der Keim unseres Unglücks. Mensch, du bist glücklich, wenn du einsam bist, denn du bist von Menschen entfernt. Mensch, du bist unglücklich, wenn du einsam bist, denn du hast dich selbst. Wenn unsere Wünsche erhört werden, dünkt uns, als hätten wir ganz etwas anderes gewünscht; wir kennen das Ding in der Wirklichkeit nicht wieder, das wir in unserer Idee entworfen; unsere Frau ist ein ganz anderes Wesen als unsere Braut. Ein Kreuz ist des Sternes Fundament, und ohne Kreuz und Leiden, was wird groß, was kann groß werden? Was kann in der Natur ohne Kreuz bestehen? Was in der Kunst? Der Mensch und seine Wohnung ist kreuzweise. Reckt eure Hände auseinander, und ihr seid ein Kreuz. Jeder Schmerz hat seine Wollust, und wie schal ist nicht das Vergnügen, das nicht durch etwas Bitterkeit gewürzt wird. Vom Glück ist dem Weisen nur zu träumen erlaubt; das Unglück als das gewöhnliche Los der Menschheit, mit Fassung zu ertragen, bleibt ihm unabläßliche Pflicht, und es gibt in der Tat überall eine Mittelstraße, eine gemäßigte Fröhlichkeit und ein Lächeln, das bei warmen Tränen im Auge stattfinden kann. Alle vierundzwanzig Stunden gibt es Tag und Nacht, ein Licht, das den Tag regiert, und ein Licht, das die Nacht regiert. Aus Glück Vorteil ziehen kann jeder; sein Unglück aber benützen, ist dem Weisen vorbehalten, und wem ist es unbekannt, daß der Schall in eingeschlossener, erwärmter und in sehr kalter Luft außerordentlich verstärkt wird? Noch weiter haben es jene gebracht, die es sogar verstehen, sich über Kleinigkeiten wegzuphilosophieren. Der Mensch hat keinen Hang, sein Glück zu erzählen; wer von sich sagt, er sei glücklich, will glücklich scheinen. Der Unglückliche, der Furchtsame glaubt alles, wenn es nur Trost enthält. Je nachdem ein kluger Mensch Dinge ansieht, je nachdem sehen sie ihn wieder an. Die Vorstellung von Glück und Unglück kommt nicht von den Dingen in der Welt, sondern von der Gemütsart der Menschen. Der Standpunkt tut bei Leib und Seele viel; sehr viel; alles. Auch das größte Unglück ist nicht so groß, daß man sich nicht noch ein Stockwerk darüber denken könnte. Der Zeit kann und muß nichts vorgreifen. Sie leidet es nicht, und nur sie kann den Schmerz, den allergerechtesten Schmerz lindern. Wenn noch ja eine künstliche Störung im Schmerz angesehen wäre, würde es die sein, wenn man hohe Achtung für jemand hat und sich geradehalten muß. Der Schmerz geht krumm und sehr gebückt. Durch diesen Zwang kommt man zuweilen der Zeit vor. Es kann Linderung geben, wenn man aus Schmerz die Binde wegreißt; allein die Wunde wird gefährlicher durch diesen Aufriß. Man lasse der Natur ihren Lauf, sonst ist's Unnatur. Wenn man viele traurige Nachrichten zu verkünden hat, so muß man nicht von der kleinen zur größeren, sondern von der größeren zur kleineren übergehen, weil alsdann die minder schreckliche Nachricht vermittels des Abstandes Trostgrund wird. Ist es nicht unerhört, daß uns nur das in Sorge und Kummer setzt, was wir nicht unumgänglich nötig brauchen? Nur die Augen wollen viel; das Bedürfnis ist mäßig und mit wenigem zufrieden. Wer eine Ehrenstelle erhält, hat ein neues Kleid angezogen, und überall ist steife Leinwand. Die Künsteleien, die Bedürfnisse, welche der Mensch so mühsam suchte, haben sein Unglück gemacht. Reichtum ist nichts Wesentliches. In der im argen liegenden Welt sieht er zwar so aus, allein er ist es nicht. Gott der Herr würde ihn sonst so nicht verteilt haben. Wer hat denn den Reichtum? Gemeinhin Leute, mit denen wir nicht tauschen würden. Ruhm und Ehre in der großen, weiten und breiten Welt sind den Kapitalien gleich, die, wie die Mitgaben geiziger Schwiegerväter, nicht eher als nach ihrem Ableben bezahlt werden. Wähle nie ein Amt, das größer ist als du, damit du hervorragst, und kannst du in eine Stelle kommen, die vorher ein unbedeutenderes Männchen als du bekleidet, hast du gewonnenes Spiel. Ruhe und Ruhm sind selten gute Freunde. Eine Tugend, die einer Wache bedarf, hat entweder schon wirklich aufgehört, eine Tugend zu sein, oder wird in kurzem es zu sein aufhören. Der Gedanke hat mich am meisten erfrischt, daß es Tugenden gäbe, die es nicht geben würde, wenn nicht böse Menschen in der Welt wären. Wahrlich, die größten Tugenden werden hierdurch an das Tageslicht gebracht. Durch Schatten wird das Bild erhöht. Was herb zu Anfang ist, wird lieblich am Ende. Das gilt von der Tugend und vom Rheinwein. Die Art, Laster verachtungswert vorzustellen, ist die beste. Wer es hassenswürdig macht, tut oft der Menschheit Schaden und zieht Menschenfeinde. Man könnte sich auch in die Tugend verlieben. Man muß aber nicht aus Neigung, sondern aus Urteil des Verstandes tugendhaft sein, nicht weil die Tugend hübsch ist, sondern weil es die Tugend ist. Man muß sie lieben wie eine Frau, nicht wie ein Mädchen. Ein Tugendverliebter wird kalt wie jeder übertriebene Liebhaber. Großen Steinen geht jedermann aus dem Wege, kleinere dagegen bringen uns gewöhnlich zum Fall, und wenn du eine leichte Tugend nicht erreichen kannst, was wird es bei einer schwereren werden? Die Keuschheit des Körpers ist mit der Keuschheit der Seele und der Sprache in genauer Verbindung. Es ist leichter, seine Leidenschaften zu ändern, als sie zu bezwingen. Die Zunge ist ein kleines Glied und richtet große Dinge an. Die Zunge singt Gott Lob und Preis, und die Zunge kann von der Hölle entzündet werden. Aus einem Munde blasen wir kalt und warm. Aus einem Munde geht Loben und Fluchen. Wir loben Gott den Vater und fluchen dem Menschen, nach Gottes Ebenbild gemacht. Der Mensch hat viele, viele Torheiten; allein die größte ist, wenn er sie zu wichtigen Dingen macht. Sich in wagerechten Stand setzen und immer Gleichgewicht halten, ist unmöglich. Wer nicht Leidenschaften hat, ist kein Mensch. Unser Herr und Meister jagt Käufer und Verkäufer aus Gottes Tempel. Wer im Sitzen schelten und, wenn er sich stößt, beten kann, ist ein Mensch, mit dem ich nichts zu tun haben will. Leidenschaften sind Engel und können Teufel werden. Sie sind Beförderer, Mitwirker des Guten. Sie geben Spannkraft und Tätigkeit den Müden, Wärme und Leben den Kaltgewordenen. Wohl dem, der sich der Leidenschaften zu seinem und zum Vorteil seines Nächsten bedient, der alles zu edlen Absichten lenkt. Hat doch jemand gesagt, das Ungeziefer wäre bloß da, um die Faulen zur Arbeit zu treiben. Ein Mensch, der bloß seinem Triebe folgt, setzt sich unter das Tier; denn dieses hat kein anderes Gesetz und keinen anderen Wegweiser; wir aber, denen Gott Verstand und Freiheit gab, sollen Herren sein, nicht nur über alles, sondern auch über uns selbst herrschen; die sich selbst regieren können, sind geborene Herren. Die Tätigkeit hat drei Grazien zu Töchtern: Tugend, Wissenschaft und Reichtum. Der Mensch ist von Natur träge und negativ; durch Grundsätze wird er tätig. Die Vernunft ist unser Schutzgeist; befrage sie und denke ans Ende, so wirst du nimmermehr Übles tun. Es gibt ein Ziel, das jeder erreichen kann, das Ziel der Vernunft und der Menschheit. Der Anfang steht oft in unserem Vermögen, die Mitte selten, das Ende nie. Wenn man immer auf einerlei bleibt, wird man stehendes Wasser. In der Welt außer der Welt zu sein, das ist Weisheit. Nicht auf unsere Meinung, sondern auf das kommt es am Ende an, was diese Meinungen aus uns machten. Das Kleinste, Unbeträchtlichste ist schon heilig-hochwürdig, wenn der Zweck, zu dessen Fahne es schwört, hochwürdig und heilig ist. Wo ist denn Unkraut? Nirgends. Nur dann ist etwas Unkraut, wenn es nicht an der rechten Stelle steht, wenn es nicht gebraucht, sondern gemißbraucht wird. Dem Toren ist alles Unkraut, dem Weisen ist alles Kraut; alles ist ihm gut, was in der Welt ist. Wohl dem, der sich von allem entkleiden kann, was nicht er selbst, das letzte Hemd nicht ausgenommen, ist. Wohl dem, der seine Willkür dem Gesetz, der Wahrheit und der Tugend unterwirft. Wohl dem, der Wesen vom Schein, Schatten von Licht absondert; Menschenfurcht, Menschenehre und den ganzen unwürdigen Troß von Vorurteilen für das hält, was sie sind: Menschensatzungen und Tand. Halbe Wahrheit ist gefährlicher als eine ganze Lüge; diese ist leichter zu erkennen als jene, welche sich in Schein zu verkleiden pflegt, um doppelt zu betrügen. Die Moral lehrt, der Glückseligkeit würdig sein; ihrer teilhaftig werden, ist eine Lehre der Geschicklichkeit. Es ist nicht möglich, die Regeln der Klugheit und der Sittlichkeit zu trennen. Die Narren haben ihr Herz im Munde, die Weisen ihren Mund im Herzen. Ein Schwärmer ist ein Seelentrunkener. Wenn ich schon nüchtern unter Trunkenen sein soll, will ich lieber unter Leibes- als Seelentrunkenen sein. Betrunkene verstehen sich untereinander, so auch Schwärmer. Ein Schwärmer rechnet, ohne das Einmaleins der Seele zu wissen; er baut, ohne ein privilegierter Architekt zu sein. Die Philosophen bedenken sich zu lange, die Schwärmer oft zu kurz. Der Philosoph sieht nach der Uhr, der Schwärmer nach der Sonne. Der Schwärmer ist eher Feldherr als der Philosoph; oft zeigt der Schwärmer dem Philosophen kühne Wege. Der Philosoph pflastert sie, und dann geht sie jedermann. Der Tag gehört dem Philosophen, wie die Nacht dem Schwärmer. Das Stärkste, was Menschen besitzen, ist die Vernunft, und sie, diese Kraft der Kräfte, fürchtet sie sich nicht vor den Sinnen? Es gibt moralische Blendlinge, die das Glück oder besser das Unglück haben, da etwas füttern zu sehen, wo das gesunde Auge des Verstandes nichts wahrnimmt. Schwärmerei macht oft den Scheinphilosophen zum Scheindichter, den Scheindichter zum Scheinphilosophen, den Narren klug und den Klugen zum Narren. Begeisterung ist der Geist, wovon die Schwärmerei der Schatten ist, und eine gewisse Feierlichkeit, welche eine kalt gewordene, eine verrauschte Begeisterung heißen könnte, hilft der Schwachheit derer aus, die entweder jederzeit arm an Begeisterung sind oder die nur eben heute nicht dazu aufgelegt waren. Und wer kann seinen Geist anstrengen, ohne dabei einzubüßen? Wer immer in höchster Gala erscheinen, wenn es angesagt wird? Ist das Alltagskleid rein, was geht denen ab, die es angezogen haben? Der Blinde hat keinen Begriff von der Farbe und wir keinen von den Entkörperten. Wer es in diesem Erdenleben auf etwas Höheres anlegt, begibt sich in Gefahr, weniger zu werden und den Zweck des Schöpfers zu verrücken. Wer Aufklärung anders als das Salz braucht, kennt die Menschheit nicht. Salz ist ein gut Ding. Was ist indes unerträglicher, versalzen oder ungesalzen? Die Erziehung ist eine Schöpferin in dem Sinne, wie die Dichtkunst es ist; sie schafft nicht den Stoff, sondern die Formen; sie bringt nicht die Leinwand und die Farben hervor, sondern das Bild. Erziehen heißt aufwecken vom Schlaf, mit Schnee reiben, was erfroren ist, abkühlen, was brennt. Wer nie ein Kind unterrichtet hat, wird nie über das Mittelmäßige hervorragen. Docendo discimus ist ein großes und wahres Wort. In gewisser Art lernen wir mehr von den Kindern als die Kinder von uns. Wer ein Auge hat, lernt hier den Menschen. Wenn die Sonne aufgeht, kann sie der Blick umfassen. Wer kann in sie sehen, wenn es hoch Mittag ist? Im Menschen soll nicht nur der Mensch wachsen, sondern der Staats- und Weltbürger erzogen werden; und womöglich soll durch jeden Menschen das Geschlecht gewinnen. Kinder ziehen, heißt gerade oder ungerade spielen. Erziehen heißt ein Fundament legen, wo unter der Erde gearbeitet wird und nichts zu sehen ist. Ein gutgezogenes Kind ist eine Rechnung ohne Probe. Der Jüngling muß beweisen, wie die Zucht war. Das Wunderbare tut auf Kinder eine unfehlbare Wirkung, so wie das Tragische auf den Jüngling; der Mann liebt das Lustspiel, und im hohen Alter steigt man den Berg hinunter, den man hinaufgestiegen war, bis man wieder ein Kind wird. Kinder sollte man keinem Menschen anvertrauen, der nicht auch Kinder hat oder gehabt hat; so wie man keine Hebamme anzunehmen pflegt, die nicht weiß, wie es einer Gesegneten zumute ist. Es sind gewisse Geheimnisse, welche die Natur, obschon der Kunst viel verraten worden, doch für sich behält, und dahin gehört die Kinderzucht. Man wird in dieses Geheimnis allein durch die Vaterschaft eingeführt. Die Gabe, zu unterrichten, hat jeder Mensch. Wer durch die rechte Türe gekommen ist, wird sich auch wieder durch die rechte Türe herausfinden. Wer eine Treppe in die Höhe steigen kann, wird sie auch wieder herabsteigen. Bergab ist immer leichter. Wer eine Sache nur halb weiß, kann nur ein Vierteil beibringen. Wer nur ein Vierteil weiß, ist ein Mietling. Je länger ich studiere, je kürzer ist die Predigt. Bedenkt den Haufen Holz und Steine und Ziegel und Dachsparren und Glas und Kalk und tausenderlei, ehe es ein Haus wird. Steht das Haus, alles hat, sechzig Fuß in die Länge und dreißig in die Breite, Raum. Bleibt nicht auf der Bank mit euren Schülern, sondern zieht mit ihnen in die freie Luft der Natur, werdet Peripatetiker. Lehrt sie im Angesicht Gottes oder laßt sie nur herumgehen. Die Natur selbst wird sie besser weisen als ihr, wenn ihr Gottes Wetter nicht ertragen könnt. Man kann durch Lehren lernen und durch Gehorchen sich im Befehlen unterrichten. Das Reisen ist nicht die Art, Menschen kennenzulernen. Zu den meisten Reisenden könnte man sagen: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in sein Vaterland. Der Mensch versteckt sich so wie das Wild. Zu Hause nimmt man sich vieles so übel nicht. Man vernachlässigt sich; tun Sie doch, als wenn Sie zu Hause wären, sagt man. Auf der Reise sind wir auf uns aufmerksamer. Die Welt ist für einen klugen Reisenden höchstens eine Hauptstadt. Er läßt sich das Merkwürdige zeigen. Für einen Gelehrten eine öffentliche Bibliothek, er sieht die Titel. Ein beständiger Hunger nach Neuem ist eine Zeitungskrankheit, ein verzärtelter, verdorbener Appetit. Eine Kriegslist gilt nur einmal, eine Medaille bezeichnet nur einen Tag. Kann man aber nicht denselben Gegenstand von einer andern Seite sehen, ihn durch und durch, ganz und gar sehen, und zeigt dies nicht mehr Scharfsinn als immer einen neuen haschen? Ein Gedanke, der an sich leicht und natürlich ist, den man endlich so oft sagt, daß ihn der gemeine Mann gefaßt hat, verliert von seinem Ansehen. In der Fremde sein, heißt in Gottes Hand fallen; in seinem Vaterland ist man, wenn es hoch kommt, in der Hand der Menschen, gemeinhin in der Hand seiner Feinde. Wie soll man sich gegen ein undankbares Vaterland benehmen? Wie gegen einen Vater, der meine Mutter ohne Ursache verstößt? Wie gegen eine Mutter, die zum zweiten Male heiratet? Diese bleibt Mutter, jener Vater. Wer gesund an Leib und Seele ist, hat alles, was er braucht; wer glücklich sein und es nicht scheinen will, kommt sehr leicht ab; er darf nur wissen, was er entbehren kann. Ist es nicht leichter, manchen Krankheiten auszuweichen als sie zu heilen? Wieviel eine vernünftige Lebensordnung zur Erhaltung der Gesundheit beiträgt und welch ein bedeutendes Hauptstück hier Speise und Trank ausmachen, wie vieles dabei auf wahre Zubereitung ankommt, das sind Umstände, von denen jeder überzeugt ist; und doch wird dieser wichtigste und eigentlichste Teil der Arzneikunst ganz dem weiblichen Geschlecht überlassen, ohne ihm die geringste Kenntnis von dem zu lehren, was es zubereitet, noch wie es dasselbe zubereiten muß, wenn die tierische Maschine unterhalten und nicht zerstört werden soll. Vielleicht würde es durch Vermittlung der Frauen dahin kommen, daß Speise und Trank zu unserer Medizin würden, daß wir Medizin nicht mehr einnehmen dürften. Wer sich mit dem Schlaf überwirft, zieht immer den kürzern. Man kann sich durch Gedanken erhitzen und zu einer Röte kommen, die man eine Seelenröte nennen könnte und die sich von allen jenen unterscheidet, welche durch körperliche Erhitzungen veranlaßt werden. Wer einen Fuß aus dem Bette setzt und den andern nachholt, arbeitet auch nur mit halbem Kopf. Wer, wenn er schnell aufwacht, nicht gleich herausspringt, versteht nicht die Winke der Natur. Der zweite Schlaf ist ein Postskriptum, das keinem Mann ansteht. Mittagsschlaf ist brennendes Licht am Tag. Das eigentliche Lachen, das Lachen mit Leib und Seele, ist nur dem Menschen eigen. Ich halte viel aufs Lachen und finde es für das beste Digestiv. Der Hypochonder ist ein Mensch, der sich selbst, wie ein Geiziger seinen Kasten, bewahrt. Der sein Leben liebhat und es eben darum verliert. Ich würde, wenn der Mensch an der Seele krank ist, die Kur des Leibes und wenn der Leib hinfällig ist, die Seelenkur vorschlagen. Diese sympathetischen Mittel sind nicht zu verachten. Ein mutiger Mann ist ein vermögender Mann, und darum braucht er kein Kreditkleid, keinen Empfehlungsbrief. Er ist fest überzeugt, daß es ihm nicht fehlen könne. Mut ist ein edles Bewußtsein, von dem einige Leute sehr einfältig sagen, er sei anzusehen. Stolz ist anzusehen, allein kein edles Bewußtsein. Bekämpfe dich selbst, dann hast du Mut, auch ohne Degen in der Faust und im Schlafrock und in Pantoffeln. Mut braucht man, wie Salz, zu allem und beim Kammertod mehr als auf dem Bett der Ehren, wo Wut und Verzweiflung oft die Herzhaftigkeit einfeuern. Dies ist ein eingeheizter Mut. Ist der Ofen kalt, ist alles kalt. Wäre je in der Welt etwas Großes unternommen worden, wenn wir das Für und Wider ängstlich abgewogen hätten? Wäre der Mensch da, wo er gegenwärtig ist, hätte er je merkliche Fortschritte getan, wenn er nach der Weise des Elefanten, ehe er den Fuß weiter fortbewegt, ängstlich untersucht hätte, ob der Boden, den er betreten wolle, auch fest sei? Sei stark am inwendigen Menschen. Deine Seele sei wacker, dein Herz ohne Falsch, so wird auch der auswendige Mensch blühen und Früchte ansetzen. Die Seele ist der Gärtner, der Leib die Pflanze, die gezogen wird. Fassung ist das einzige Mittel, das erforderliche Gleichgewicht zwischen Leiden und Tun herzustellen; sie ist ein Extrakt der Geduld. Die Furchtsamkeit ist bei einer jeden Torheit das, was kein ganz verdorbenes Gemüt verrät; und jene Gerechten, die der Buße nicht bedürfen, sind uns die unerträglichsten von allen. Erschrecken ist die Goldwage für Männer. Wir können erhaben und pöbelhaft erschrecken. Die Frauen erschrecken bald, und was noch mehr ist, nach einer und zwar bekannten Melodie. Sie erschrecken schön, wenn man will. Um alles in der Welt wünschte ich mir keine Frau, die nicht leicht erschrecke. Schamröte und Erschrecken liegt bei ihnen in einem Bezirk. Eines borgt vom andern, beides kleidet das schöne Geschlecht. Es ist extrafeines Postpapier, wo alles durchschlägt. Die Furcht ist wahrlich ein ärgeres Übel als das, wofür man sich fürchtet. Die Furcht siegt öfter als Grundsätze der Herzhaftigkeit. Die Furcht schützt Königreiche. Sie ist eine Kunst, wodurch wir andere glauben machen, wir fürchten uns vor nichts. Man kann sich vor der Furcht und auch vor der Hilfe fürchten. Die Bosheit macht schwach und die Schwäche boshaft. Ein Mann, der sich bewußt ist, Mann zu sein, pflegt so wenig in Härte als in Eigendünkel auszuarten; er geht dem Kind aus dem Wege, kleine Leute dagegen sind schon böse, weil sie klein sind. Sie schlagen Wellen, um eine Fliege zu ersäufen, und brauchen einen Orkan, um ein Vergißmeinnicht zu entblättern. Niemand ist zu tadeln, weil er das ist, was er ist, sondern weil er das nicht ist, wofür er gehalten sein will. Den Feind zu weit verfolgen, heißt ihn zur Verzweiflung bringen, und dann kehrt sich auch der Feigste als Held um. Dieses Leben ist ein Geschenk; laßt uns jeden Tag als eine Zugabe ansehen, auf die zu rechnen man nicht imstande war. Betrübnis kommt gewöhnlich aus dem hohen Begriff, den sich der Mensch vom Leben macht. Beim Schmerz leidet der Leib, bei der Betrübnis die Seele, und wenn die Herrschaft trauert, trauert der Bediente mit, nicht aber umgekehrt. Alles, was Odem hat, lobe den Herrn. Die Traurigkeit macht feig. Ein Lobgesang macht lustig. Durch den Gesang redet der Leib der Seele zu: Sei gutes Mutes, kleine Närrin. Sieh die Lilien auf dem Felde; sie säen nicht, sie spinnen nicht, Gott nährt sie doch; sind sie denn mehr als du? Wenn die Weisheit verdrießlich macht, wer wird Lust und Liebe zu ihr haben? Sich etwas vorenthalten, um es hernach desto geschmackvoller zu genießen, ist ein vernünftiger Epikurismus. Die fünf Sinne zusammennehmen, heißt fein und juristisch geredet und bedeutet ein Kollegium von Fünfen, wo niemand die Präsidentenstimme haben darf. Wer Hunger hat, ißt; wer müde ist, schläft; und nur der gemeine Mann fühlt, wenn nicht allein, so doch wenigstens stärker die Glückseligkeit, daß es alle acht Tage einen Ruhetag gibt. Dagegen bedürfen gewisse Vornehme, die immer ruhen, des Sonntags nicht. Vergnügen ist ihr Schweiß des Angesichtes, und durch Genuß machen sie sich unfähig zum Genuß. In der Gesellschaft lernt man gesellig sein, und nichts läßt sich so wenig theoretisch begreifen als diese Kunst. Über Wahrheit muß man mit fröhlichem Munde, mit dem Munde der Wahrheit streiten. Gute Menschen finden, daß, wenn sie fröhlich sind, alles um sie herum froh ist. Der Mensch lacht, wenn andere lachen und oft noch lauter als der, der den Ton angab. Die Traurigkeit des andern dient, allein mit Schluchzen oder großen Platztränen können wir nicht dienen. Die Mitfreude, das Mitleid beweist, daß wir alle einen Gott und Vater haben, und alles, was Augen hat, kann sympathisieren. Vergnügen, wenn's gleich noch so viel kostet, muß so aussehen, als wenn es Geschenk wäre. Wer lacht, macht lachen, wer weint, macht weinen. Denn es gibt kein gefährlicheres Tier, den Affen selbst nicht ausgenommen, als den Menschen; allein wer darstellt, wer handelt und handeln läßt, bereitet ein Lachen voll ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften, und auch solch ein Weinen. Wer im gemeinen Leben keinen Blick hervorlacht, sondern nur durch sein Handeln mit Fleiß zum Lachen Gelegenheit gibt, ist komisch im hohen Grade. Und in Wahrheit, ein verstohlenes Ach gilt mehr, wenn man darauf vorbereitet ist, d. i., wenn man leiden gesehen und es nicht bloß gehört, als eine Sündflut von Tränen. Lustigkeit ist viel Fertigkeit, laut zu lachen. Sie ist mehr als Zufriedenheit; allein wer mehr Mittel, als nötig sind, zur Glückseligkeit anwendet, ist der glücklicher? Über seine Bedürfnisse etwas haben, macht das reich? In der Sparsamkeit liegt so viel Stoff zur Glückseligkeit, daß es unaussprechlich ist. Ein Verschwender verzählt sich alle Augenblicke, in seinem Vergnügen; er wird in seiner Lust betrogen. Die Sparsamkeit hat Vor- und Nachgeschmack und Genuß, der Verschwender höchstens Genuß, höchstens Wollust für einen gegenwärtigen Augenblick. Die Lustigkeit ist etwas Konvulsivisches, Erschöpfendes. Ein Lustigmacher ist ein Mensch, der zu tausend Gerichten ohne Hunger und bei verdorbenem Magen verdammt ist. Da will ich lieber bei Wasser und Brot sitzen. Nichts kann uns mehr verstimmen als das Geschrei kleiner Kinder. Die leiblichen Eltern finden es unerträglich; denn die Erbsünde ist's, die aus dem Kinde schreit, und sein Weinen verrät Unverstand und Eigensinn. So ist unser Weinen und Heulen dem lieben Gott Kindergeschrei. Es ist weit leichter, daß einer, der weint, lacht, als einer, der ernsthaft ist. Wenn wir einen Betrübten zum Weinen bringen, haben wir ihn bald zum Lachen. Das trifft die Frauen mehr als das andere Geschlecht. Die Natur behauptet ihre Rechte, sobald wir ruhig sind, sobald wir Zeiten haben, sie anzuhören, sobald wir uns aufs Gras, ihren Lehnstuhl, setzen. Alles verstummt und empfindet. Gott, warum fallen wir der Natur so oft unzeitig ins Wort! Vergnügen ist die Empfindung von Lebensbeförderung, Schmerz Empfindung von Lebenshindernis, und wenn es schon so weit gekommen wäre, daß man die Lebenshindernisse nicht überwinden und das Feld behalten könnte, so ist Vergnügen die Kunst, sich selbst von sich zu entfernen, die große Kunst, nicht an sich zu denken. Selbst die Art, womit man zerbrechliche Dinge behandelt, macht sie angenehm. Man denkt mehr daran, man genießt sie mehr. Man glaubt vielleicht, sich das Sorgen leichter zu machen, wenn man bei Tische sorgt; allein man macht es sich schwerer; denn man wird dadurch untätig, und statt daß man die verlorenen Kräfte ersetzen sollte, verliert man ihrer noch mehr. Es ist so wie ein unruhiger Schlaf, der mehr schadet als nützt; man ist nach ihm noch schläfriger. Wenn man einmal ins Sorgen hineinkommt, findet man sich so bald nicht heraus. Der Mensch traut sich nicht recht die Freude in dieser Welt zu. Er besinnt sich erst, ob er ihr sein Herz öffnen, ob er sich freuen könne. Er läßt sie von hinten und verstohlen ein. Seine Freude scheint eine Entfernung des Schmerzes, und wer läßt einen alten, guten Freund ohne Bewegung von sich? Sorge nicht für den anderen Morgen; es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage habe. Wenn ein Genie allein auf dem Lande geht, bleibt es nicht lang allein. Die Natur geht ihm an die Hand. Sie faßt es an, und es versteht die Blume, wenn sie sich neigt, und den liebevollen Hopfen, der sich hinaufrankt. Es bewundert den Regenbogen, das Ordensband, das Gott der Erde als ein Gnadenzeichen umhing. Da sehen dann Genies einen gewissen Zusammenhang zwischen Gott und dem Menschen und sind Seher, von Gott Angehauchte. Dies ist unendlich mehr als ein Selbstgelehrter. Dieser lernt aus Büchern, ein Seher lernt von Gott und aus seiner für ihn aufgeschlagenen Welt. Große Köpfe stiften viel Gutes; allein auch wahrlich viel Unheil; denn sie werden verehrt, und niemand untersteht sich weiterzugehen. Sie sind ein Wall, den kein Remus zu ersteigen sich unterfängt. Das Bewußtsein, fassen zu können, was man will, tut bei einem Genie oft größere Dinge, als wenn es schon ein gerüttelt, geschüttelt und überflüssiges Maß im Kopfe hätte. Ein großer Geist muß sich nur in gewöhnlichen Handlungen zeigen; ungewöhnliche bringen auch den mittelmäßigen zu einem ungewöhnlichen Schwunge. Ein jeder Originalkopf muß schnell fassen und schnell vergessen. Etwas bleibt zurück, und nur ebensoviel als nötig ist, um nicht bloß Abschreiber zu sein. Ein Großmaul hat ein behaltendes, ein Kopf ein fassendes Gedächtnis. Wer viel plaudert, kann auch viel behalten; ein guter Kopf kann auch viel erzählen, wenn er trunken oder verliebt ist. Er darf sich indes nur einbilden, beides zu sein. Nase und Augen sind Natur; Stirn und Mund und Hand und Fuß sind zur Kunst geworden. Gott hat den Menschen aufrichtig gemacht; allein er sucht viele Künste. Wir sehen einem Menschen, den wir wollen, ins Gesicht, vorzüglich in die Augen. Seine Affekte liegen auch im Naturteil und ringsherum. Wer sich verstellen kann, treibt sie nach unten und immer zugleich in Hand und Fuß. Fuß und Hand sind wie Mann und Frau ein Leib; Fuß der Mann, Hand die Frau. Das Gesicht ist das Bild und die Überschrift der Seele. Um den Mund herum liegt die Mienensprache, zu fordern und zu verneinen. Dies ist die verehrungswürdigste Sprache, die alle Welt versteht, die auch ein gut Teil Tiere faßt. Warum lernt man sie nicht besser? Ein Mensch, zu dem kleine Kinder und Hunde kommen, ohne daß er sie lockt, ist ein guter Mensch. Jeder Mensch hat seine Art, sich anzukleiden und zu erzählen, und diese beiden Arten stimmen miteinander so überein, daß, wenn ich jemanden sich ankleiden sehe, ich sagen will, wie er erzählt, und umgekehrt, wenn ich jemanden erzählen höre, will ich sagen, wie er sich ankleidet. Die Art sich auszukleiden, kann den Kenner vielerlei lehren und unter anderem auch, wie der sich Entkleidende sterben werde. Mensch, lerne dich. Welch ein großes Wort, allein welch ein schweres Wort zugleich. Niemand will in sich hinein; außer sich herumschweifen, hat der Mensch eine so eingefleischte Lust, daß er gern unstet und flüchtig ist. Sein eigenes Haus brennt dem Menschen über den Kopf; er fürchtet in sich hereinzublicken, wie Kinder, in einem Zimmer allein zu schlafen. Man muß sich absterben, um sich aus den Toten hervorgehen zu sehen, und solch ein Erstandener, das bist du, Selbstkenner. Wer Menschen kennenlernen will, muß sie nach ihren Wünschen beurteilen. Beim Wunsche zwingt man sich nicht, man glaubt keinem in seine Grenze zu fallen. Die größte Unbescheidenheit findet man verzeihlich, und das Gebot: Du sollst nicht begehren, scheint bei weitem nicht auf Wünsche anwendbar zu sein. Ein Fragment ist ein Menschenwerk. Der Mensch selbst kommt sich in dieser Welt nur als ein Fragment vor, so ganz er gleich da ist. Heil ihm, daß er eben von diesem Ganzen schließen kann, daß er selbst sich in allen Rücksichten begreifen, von allen Zipfeln einst fassen werde, in der Fortsetzung seines Lebens, in der anderen Welt. Selbstverleugnung ist Ersparung an sich selbst, um gegen den Nächsten freigebig zu sein. Solange der Mensch noch über seine Neigung reflektieren, sich und sie sondern und trennen und den auswendigen und inwendigen Menschen voneinander unterscheiden kann, wird er zwar straucheln, allein nicht fallen, und fällt er, sich nicht moralisch beschädigen. So wie der Geiz seinen eigenen Händen nicht traut, so traut auch der Kluge seiner Vernunft nicht. Jene Fehler bleiben die gefährlichsten, die in Schafskleidern zu uns kommen und inwendig reißende Wölfe sind; an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Alle Empfindungen, so hoch man auch kommt, lehren nur den Menschen, wieweit er noch vom Ziele sei. Das Böse, das man selbst an sich hat, straft man desto härter an anderen. Einer will den andern übermeistern, ohne daß er seiner selbst Meister ist. Nicht nur die Kraft, auch den Schein verleugnen wir. Durchs Ohr kommt weniger Mitleid ins Herz als durchs Auge. Man kann eher seine Stimme als sein Auge verstellen, und wen siehst du, wenn du jemandem ins Auge siehst? Dich selbst im kleinen. Du bist in gewisser Art gegen dich selbst mitleidig. Ein gutes Gewissen ist besser als zwei Zeugen. Es verzehrt deinen Kummer wie die Sonne das Eis. Es ist ein Brunnen, wenn dich dürstet, ein Stab, wenn du sinkst, ein Schirm, ein rigaischer Pastorhut, wenn dich die Sonne sticht, ein Kopfkissen im Tod. Ein böses Gewissen ist ein Ofen, der immer raucht; ein Gewitter ohne Regen. Es ist Kläger, Richter, Henker in einer Person. Die Nachtigall singt dir: Du bist ein Dieb; die Lerche: Du hast gestohlen. Es gibt zweierlei Gewissensarten: ein Lebens- und Sterbensgewissen. Zwei Dinge sind uns not: Gewissen und Ruf. Dieser des Nächsten, jenes unseretwegen. Das Gewissen aber verdient mehr Rücksicht als der Ruf. Dieser kann trügen, jenes nie. Beim Ruf fällst du in der Menschen Hände, beim Gewissen in die Hand Gottes. Auf die Frage: Was ist Freiheit? antwortete ein Weiser: Ein gutes Gewissen. Wir sterben lieber in jeder Stunde, als daß wir die Hoffnung aufgeben sollten; wir halten täglich mehr aus als den Tod um der Hoffnung willen, noch länger zu leben, und müssen doch einmal recht aus dem Grunde sterben. Nimm dir recht vor zu sterben, so stirbst du am wenigsten und hältst beinahe die Stunde. Stirb, als hättest du deinen Tod auswendig gelernt, und sieh nicht ins Konzept. Stirb von ganzem Herzen, so stirbst du den Tod der Gerechten, und deine Seele ist in Gottes Hand, und keine Qual rührt sie an. Wer so stirbt, der stirbt wohl. Sieh die, welche du liebst, zuweilen schlafen, damit du nicht trauerst um deren Tod; denke dir deinen ärgsten Feind im Himmel, damit du ihm verzeihst. Wer nach einer frohen Stunde den Tod schön finden kann, das ist ein Mann. Leben und Tod liegt in Gemengen. Was tun wir im Tode? Wir legen bloß das Kleid ab, das jenem zu eng ist. Die Hoffnung ist etwas Geistiges, Unsichtbares. Sie ist Geist vom Geist. Sie ist selbst ein Geist, der uns lehrt, weise zu leben und froh zu sterben. Siehe, wenn der Körper stirbt, fängt ihr Leben in Gott an. Man nehme dem Genuß die Vorstellung, die Weise, alles, was man gern hat, sich weit vorzüglicher zu denken, als es da ist, allem ein poetisches Kleid umzuhängen. Was ist dann der Genuß? Er ist nicht des Aufhebens wert. Die Welt ist ein Garten im Norden, wo wenig reif wird. Das Gebet ist der Spiegel, durch welchen wir im Dunkeln Gott sehen. Der Mensch geht in dieser Welt in die Schule beim lieben Gott. Der Tod befördert ihn zur Akademie. So wie du gewartet hast, ehe dir das Licht angezündet wurde, so warte auch, bis es ausbrennt oder ausgelöscht wird, und denke an die Sonne der Gerechtigkeit, die nach der Zeit über deinem Haupte aufgeht, ohne unterzugehen in Ewigkeit. Dieses Leben ist Lachen und Weinen in einem Sack. Laßt Leben und Tod aus einem Stück sein, und soll Leben und Tod als etwas Verschiedenes angesehen werden, macht, daß der Deckel zum Gefäß paßt. Das Leben ist so etwas Niedrig-Komisches, daß es jeden klugen Mann ekelt zu leben. Alle Toten haben Ernst in ihren Gesichtszügen. In der andern Welt wird vielleicht das Lachen kein solches Hauptstück des Lebens sein; da wird das Lachen teuer werden. Es ist kein natürlicher Zusammenhang zwischen dem Wohlverhalten und der Glückseligkeit, und es zu verbinden, muß man ein göttliches Wesen annehmen. Ohne dies kann ich keine Zwecke in der Welt finden, keine Einheit. Ich spiele in der Welt Blindekuh. Ohne Gott habe ich keinen Punkt, wo ich anfangen soll, nichts, was mich leitet. Wie viele haben Gottes Existenz tapfer demonstriert und durch ihr Leben diese Demonstration tapfer widerlegt. Seinen Willen tun, bleibt der beste Beweis, daß er sei. Frauen haben Gott im Herzen, und da sie wohl wissen, daß wegen der zweckmäßigen Einrichtungen der Natur die Grundursache als verständig gedacht werden muß, so kümmert es sie nicht, wie viel oder wie wenig die spekulative Vernunft zu diesem Glauben beitrage. Die Idee ist sehr natürlich, daß, wenn uns kein Mensch hört, Gott uns höre. Das Gebet selbst, was ist's ohne Handlungen, ohne gute Gesinnungen? Gehe hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bete; empfinde das innere Bewußtsein dieser guten Tat, und dieses Bewußtsein opfere Gott dafür. Dank ihm. Warum sollten wir von so einer teuren Gabe, wie die Sprache ist, Gott nicht die Erstlinge opfern? Es gibt ein gewisses, herzliches, kindliches Denken, das durchaus in Worte ausbricht. Wir sind und bleiben Menschen. Das weiß der liebe Gott, der Engel kennt und Menschen kennt. Er erlaubt uns gern, ein Wörtchen mitzureden, wenn sich unser Geist zu seinem Schöpfer, dem Geist der Geister emporschwingt. Ich habe einen Stummen gekannt, der alle Abende und alle Morgen an den lieben Gott schrieb. Da die meisten Menschen in ihren Gebeten eine gewisse Lebensart oder Bescheidenheit zu beobachten pflegen, so glauben sie in ihren Wünschen, als höre sie Gott nicht, dreister und ungezogener sein zu können. Willst du einen beständigen Gönner haben, mache, daß er dir eine Wohltat erweist, die bekannt wird im Volke. Dies bindet wie Kitt. Er läßt dich nicht, als wenn er von seinem Vorschuß Zinsen haben wollte. Auch jetzt noch ist der Mensch, wenn er will, im Paradiese. Er ist mehr darin als vorher. Er setzt sich jetzt selbst hinein, und einst kam er so dazu, mir nichts, dir nichts. Erworbenes Brot schmeckt am besten und bekommt auch so. Der Teppich der Erde ist mit den vortrefflichsten Kräutern angefüllt. Nur wir sind nicht mehr Schoßkinder. Wir müssen Hand ans Werk legen. Die vernünftige Unschuld ist was Göttliches, allein jene rotbackige gemeine Unschuld, was hat sie denn für Reiz? Es ist ein Gott, sein Bevollmächtigter ist das Gewissen. Der Christ hat zwar seinen Stern am Himmel, wie die Weisen aus dem Morgenlande; allein er muß auch seine Lampe in der Hand halten, wie die fünf klugen Jungfrauen. Der Mensch soll wegen des Glaubens an Gott und nicht aus Stolz und Gewinnsucht seinen Obliegenheiten nachkommen. Es soll kein Wasser diesen Wein verderben, und ist sie dann nicht wert, die Tugend, daß man sie liebt? Hat sie denn nicht die glücklichsten Folgen, die bis in die Ewigkeit dauern? Nichts vergeht ganz. Alles, selbst der Körper, ist ewig, und unsere Handlungen? Keine ist kinderlos. Jede pflanzt sich fort, und oft wird aus einem Adam von Handlung eine ganze Welt. Laßt uns Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir ernten ohne Aufhören. Gehe nicht um mit Übermütigen. Was soll dir der irdene Topf bei den ehernen; denn, wo sie aneinanderstoßen, zerbricht jener. Wächst wohl Schilf, wo es nicht feucht ist? Ehre im Menschen das Bild Gottes. Wenn du des Nachts reitest, nimm einen Schimmel; er dient dir zur Laterne. Wenn du den Weg nicht kennst, nimm einen Wegweiser. Gib fröhlich, was du gibst. Ein Geber, der nachdenkt über das, was er geben soll, gibt nicht vom Herzen, sondern vom Verstand. Bücke dich, allein zerbrich nicht das Bein. Sei höflich, allein nicht beschwerlich. Vergib, so wird dir vergeben; gib, so wird dir gegeben; übe dich in deinem Hause, das zu sein und zu werden, was du überall zu sein und zu werden verbunden bist. Leihe nicht einem Gewaltigeren, als du bist. Leihst du aber, so erachte es gestreut auf einen undankbaren Acker. Willst du den Frevler kennen, sieh ihn, wenn sein Feind den Arm bricht. Richte nicht, so wirst du nicht gerichtet. Vergib, so wird dir vergeben werden. Alles, was du willst, das dir die Leute tun sollen, tu ihnen auch. Wer selbst Fenster hat, schlage sie nicht dem Nachbarn ein. Sei langsam zu reden, schnell zu hören und langsam zum Zorn; denn des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist. Kaltes Blut aber hat mehr Unheil gestiftet als der Zorn. Sandkörner machen den Berg, Minuten das Jahr, flüchtige Gedanken ewige Taten. Haltet nichts für Kleinigkeiten.