Ludwig Ganghofer Das Gotteslehen 1 Mit rotem Laub, in der klaren Sonne standen die herbstlichen Ulmen und Buchen rings um das kleine Blockhaus her und sperrten mit dem Netzwerk ihrer tausend Äste und dem Flammengewirr der farbigen Blätter alle Fernsicht. Man sah nur den blauen Himmel in der Höhe, in weiter Runde nur die weißen Spitzen der Berge. Über jene steilen Zinnen war, ein Vorbote des nahenden Winters, schon der erste Schnee gefallen, während auf den tieferen Gehängen noch die letzten Blumen des Herbstes blühten. Der kalte Nachtreif hatte die zarten Spitzen ihrer Blätter schon versengt, doch in ihren Kelchen war noch Honig. Die Bienen, deren Stöcke unter dem vorspringenden Moosdach des Blockhauses geborgen standen, flogen emsig ab und zu. Dieser stete Immensang, gepaart mit dem Murmeln eines dünn laufenden Brunnens, umschwebte wie leise Musik das niedere Dach und alle Balkenmauern des kleinen, grau verwitterten Hauses, welches einsam stand, menschenferne, versunken im Bergwald. Das Haus eines Jägers. Neben dem Brunnen waren Wildfelle zum Trocknen über Stangen gespreitet und über der Tür, zu beiden Seiten eines hölzernen Kreuzes, waren gebleichte Luchsköpfe und Bärenhäupter an die Balken genagelt. Vor der steinernen Schwelle lag ein weiß und braun gefleckter Jagdhund in der Sonne; blinzelnd und mit den Ohrlappen zuckend hielt er in Wohlbehagen den Hals auf die vorgestreckten Pfoten geschmiegt; manchmal hob er den Kopf, spähte funkelnden Blickes in den Wald, als hätte er den Tritt eines ziehenden Wildes vernommen, und blickte zu der alten Frau empor, die spinnend auf der Hausbank saß. Die Greisin achtete des Hundes nicht. Sie spann und spann, mit vorgebeugtem Haupt, so daß ihr die grauen Zöpfe über die Brust hingen. Faltig umschloß eine Kutte aus blauem Hanftuch den von Alter gebeugten Leib. Das Gewand ließ die hageren Arme nackt, und während die eine Hand den halb schon abgesponnenen Rocken hielt, zog die andere ohne Rast den Faden und ließ in der Luft die schwere Spindel tanzen. Da klang über dem Moosdach ein ächzender Vogelschrei und lautes Flattern. Langsam blickte die Greisin auf und sah einen Habicht mit der weißen Taube, die er geschlagen, im Wald verschwinden. »So fliegt der Tod um und frißt uns auf!« Als wollte das atmende Leben diesem trübseligen Worte widersprechen, tönte in diesem Augenblick, vom spielenden Windhauch halb verweht und doch getragen, der klare Hall einer singenden Mädchenstimme vom höheren Wald herunter, jeder Laut das Zeugnis einer Herzensfreude, die sich äußern muß, weil ihr die Brust zu eng geworden. Die Greisin hob lauschend das Gesicht. »Daß die noch singen kann?« Da ließ sich Geräusch im Haus vernehmen, »So, Herr! Und jetzt das Schießzeug noch!« sagte eine Männerstimme. »Die Bolzen sind geschärft und neu gefiedert, sie fliegen über hundert Gang. Nur gut hinhalten! Und denk, daß der Hirsch im Zwielicht allweil näher steht, als wie's den Anschein hat. Wenn du gut achthast auf alles, mag's wohl gelingen, daß du einen weidgerechtem Schuß tust.« »Den Schuß ins Herz oder keinen!« erwiderte eine jugendliche Stimme von so versunkenem Klang, wie eine Glocke tönt, an die man sacht mit der Hand geschlagen. Schwere Schritte kamen zur Tür, und Hilpot, der alte Jäger, trat über die Schwelle. Sein furchiges Gesicht versank in dem grauen Bart, der mit struppigem Haar in eins verwuchs und gleich einer gestutzten Mähne den Kopf umstarrte. Vom Fuchsfell, mit dem die stämmigen Beine umschnürt waren, hingen zerrissene Lappen nieder, und das ärmellose Lederwams war schwarz und brüchig. Eine klobige, schwer gebeugte Gestalt, verwittert vom Winter, vom Sturm der Berge, verwildert in der Einsamkeit. Vor dreißig Jahren hatte Hilpot mit Hanna, seinem Weib, dieses im Wald verlorene Haus bezogen. Weil das Waldgeräumte, auf dem es stand, sich von allen Gehängen des Göhl am weitesten hervorschob, nannten es die Leute das »Vorder Eck«. Und seit dreißig Jahren hütete Hilpot die Gemsen und Hirsche, die in reicher Zahl die Felsen und Wälder des hohen Göhl bewohnten, dessen Wildbann einst der Kaiser Rotbart dem ungetreuen Bischof von Salzburg abgenommen und dem kaisertreuen Kloster zu Berchtesgaden verliehen hatte. In diesen dreißig Jahren war Hilpot nur ins Tal hinuntergestiegen, wenn er an hohen Kirchentagen die Messe hören mußte oder wenn es einen Hirsch, der für Hilpots Söhne zu gewichtig war, in die Klosterküche zu liefern galt – oder wenn er von seinen Buben einen auf dem Totenbrett hinuntertragen mußte zur geweihten Erde. Sechsmal in diesen dreißig Jahren hatte Hilpot solche Last getragen. Das hatte mitgeholfen, um seinen Rücken so tief zu krümmen. Eine Weile stand er auf der Schwelle und spähte nach allen Seiten. Dann trat er ein paar Schritte in das Gehöft hinaus. Hanna blickte zu ihm auf und sagte: »Der Stößer hat uns das letzte Täubl davon. Du, Jäger, du! Hütest für ander Leut das Gewild und kannst deine eigene Taub nit hüten.« Sie nickte. »Solche Jägersleut sind wir Menschen all miteinand!« Hilpot schien nicht zu hören. Lauschend spähte er über den Waldsaum hin und rief dann gegen die Tür: »Komm nur, Herr! Nur die Mutter, sonst ist keine Menschenseel in der Näh. Der Forst ist völlig still, nur droben in der Waldhut, neben dem Gotteslehen hört man das arme Mädel singen.« Im Rahmen der Tür erschien eine hohe Gestalt, ein junger Jäger, der eben die Armbrust hinter die Schulter nahm. Er war gekleidet wie der Alte, nur daß das Gewand nicht so verwittert und verbraucht war; dazu die Marderkappe mit der Adlerfeder. Das Wams zog Falten, als wär es nicht für diesen schlanken Körper geschnitten worden. Und die schmalen Hände wie auch die nackten Knie waren weiß, als hätten sie die Sonne nicht oft gesehen. Nur wenig lugte das kurz geschnittene Schwarzhaar unter dem Pelz der Mütze hervor. Auf den bleichen Wangen lag ein bläulicher Schimmer. Wie fein und scharf waren in diesem Gesicht alle Züge! Die streng geschwungenen Lippen geschlossen wie in trotzigem Schweigen, das die Rede haßt. Doch ungestüme Sprache leuchtete aus der Nacht dieser großen Augen, über denen die schwarzen Brauen wie mit Kohle gezeichnet waren. Der Jagdhund erhob sich beim Anblick des jungen Weidmanns und knurrte, als stünde ein Fremder vor ihm. Mit zischendem Laut wies Hilpot das mürrische Tier unter die Hausbank und näherte sich mit ehrfürchtiger Scheu. »Die Weg verlieren sich im Wald. Soll ich dich nit geleiten, Herr?« Der andere schüttelte den Kopf. »Ich will nicht, daß du Mühe hast um meinetwegen.« Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund. »Man könnte sie dir übel lohnen. Ich danke dir schon den einen Dienst, den du mir bietest gegen deine Pflicht.« Den Bergstock fassend, den Hilpot ihm reichte, trat er aus dem Schatten der Tür in die leuchtende Abendsonne. Bei den letzten Worten, die er gesprochen, hatte die alte Frau einen ernsten Blick auf ihren Mann geworfen. Nun wollte sie den Rocken niederlegen und sich aufrichten. Der junge Jäger winkte mit der Hand. »Bleib, Mutter Hanna! Deine Jahre wollen rasten.« Die alte Frau nickte wortlos vor sich hin und brachte die Spindel wieder in Schwung. Der andere stand vor ihr und betrachtete eine Weile sinnend ihre Züge. Dann sagte er: »Deine Spindel ist heute schwer geworden. Gibt das ein Kleid zur Weihnacht?« »Nein, Herr! Ein Hemd für meinen Buben. Für den letzten, den ich hab. Derweil ich spinn, muß ich allweil sinnen, ob er das neue Hemd wohl tragen wird zur warmen Hochzeit oder zur kalten Freit? Ja, Herr, ich hab gesponnen, derzeit ich leb. Für sieben Buben. Sechs von ihnen haben mein schönes Leinen hinuntergetragen, mannstief unter den Wasen.« Hanna zog den Faden, während Hilpot seufzend das graue Haar mit beiden Händen in die Stirn strich. »Klag nicht um die Toten, Mutter! Denen ist wohl!« sagte der junge Jäger. »Freu dich an dem einen, der euch geblieben ist.« Hanna netzte die Finger. »Was ist Freud, Herr? Was ist Weh? Schier weiß ich's nimmer. Es ist mir so gekommen mit der Zeit, daß ich Weh und Freuden allweil spür, als wär's ein gleiches.« »Dann bist du eine weise Frau.« Der junge Jäger atmete tief. »Das Leben halten auf ruhiger Hand? Schmerz und Wonne wie ein gleiches wägen? Seit ich denke, quäl ich mich um diese Kunst.« Ein halbes Lächeln glitt um die welken Lippen der alten Frau. »Hab nur Geduld, Herr! Du stehst noch in der unrechten Lehr. Wieviel Jährlein hast du über die zwanzig? Schau nur, schau! Der warme, grüne Mai will es dem Winter neiden, daß er weiß und kalt ist.« Nickend sah sie an der hohen Gestalt des jungen Mannes hinauf. Ihre Augen blieben an seinem ledernen Wamse haften. »Das hat mein ältester Bub getragen am selbigen Tag, an dem der Baum ihn erschlagen hat.« Hilpot winkte seinem Weib, als wär es ihm unlieb, daß Hanna solche Dinge schwatzte; und ein Blick seiner scheuen Augen streifte das bleiche Gesicht des jungen Jägers. Der lächelte. »Ich danke dir, Hanna, für dieses Wort! Es gibt mir für meinen einsamen Weg einen stillen Gesellen, mit dem sich's plaudern läßt, ohne daß ich reden muß.« Er nickte grüßend, und seine Stimme klang freundlicher. »Gehab dich wohl, gute Mutter! Dir zuliebe möcht ich wünschen, du hättest deinen Buben noch und ein anderer läge, wo der Baum gefallen ist. Dann wäre zweien geholfen.« Er wandte sich ab und schritt den Bäumen zu. Da trug der Abendwind den lieblichen Hall jener singenden Mädchenstimme über den goldleuchtenden Wald herunter, deutlicher als zuvor. Man konnte die Worte verstehen: »Es lachet um und um der Wald, Es blumet auf der grünen Hald, Und nieder zu den Auen Steigen die Maiden und Frauen.« Der junge Jäger verhielt den Schritt und lauschte, während Hilpot zur Hausbank trat und seinem Weibe zuflüsterte: »Weswegen hast du's ihm sagen müssen? Jetzt wird er über die schiechen Wänd ein ungutes Steigen haben, weil er allweil denken muß, er tragt einen Kittel, in dem schon einer verbluten hat müssen. Es hat ihm kein anderes Wamset passen mögen. So schlachtig und hoch ist er gewachsen. Und mein altes Schmierzeug kann ich doch so einem Herren nit umhängen. Schau, Mutter, hättst es ihm doch verschweigen sollen!« Hanna erwiderte kein Wort; sie netzte die Finger und spann. »Was hat er denn sagen wollen mit dem stillen Gesellen?« flüsterte Hilpot. »Wen hat er gemeint?« »Den Tod.« Der Alte schüttelte den grauen Kopf. »Geh, Mutter! So ein junges Blut? Und soll einen Gesellen suchen, vor dem alles ein Grausen hat, was lebt?« »Du bist mir einer!« Hanna zog den Faden lang und lächelte. »Sechsmal hast du den Tod schon getragen auf deinem Buckel. Und noch allweil hast du ein Grausen vor ihm?« Ein matter Seufzer schwellte die Brust der Greisin. »Mir grauset nimmer. Sooft ich denk an ihn, seh ich allweil nur ein Gesichtl, das mir lieb ist.« Mit dem müden Geflüster der alten Frau vermischte sich der helle, jugendfrohe Klang des Liedes, das über die leis bewegten, leuchtenden Wipfel heruntertönte: »Gegangen kommet Paar um Paar, Und Blumen tragen all im Haar. Sie heben an zu singen Und schlingen Den liebelichen Reien, Und preisen all den Maien: Huliadei! Sei willkommen, süßer Mai!« Der jubelnde Laut verschwamm im wachsenden Wehen des Abendwindes und ging unter im Rauschen des Waldes, wie eine Kinderstimme versinkt, wenn rauhe Männer zu reden beginnen. Aus seinem Lauschen erwachend, blickte der junge Jäger auf. Sein Gesicht hatte sich warm gerötet. Oder war es nur die Glut des Abends, deren Widerschein auf seinen bleichen Wangen lag? Er deutete auf einen Pfad, der emporführte gegen die Waldhöhe, von der das Lied geklungen, und über die Schulter blickend, fragte er: »Geht hier mein Weg?« »Nein, Herr!« erwiderte Hilpot. »Das Steigl führet hinauf zum Gotteslehen. Den Weg zur Linken mußt du nehmen.« Der Jäger folgte dem schmalen Pfad, auf den der Alte ihn gewiesen hatte, und verschwand im farbigen Schatten des Waldes. Da klang aus der Schlucht, zu der die talwärts sinkenden Waldgehänge sich verengten, ein heller Jauchzer. Betroffen blickte Hilpot auf, und halb in Freude und halb verwundert wandte er sich zu seinem Weib. »Hörst du ihn, Mutter?« Hanna nickte. »Unser Bub!« »Was kann ihn heraufführen, jetzt, wo er Falkendienst haben muß einen Tag um den andern? Was meinst du, daß er bringt?« »Eine Sorg! Was sonst? Mit der Freud werden die Kinder allweil selber fertig. Da brauchen sie nit zu Vater und Mutter laufen.« Eine kurze Weile, und unter den Bäumen trat ein junger Bursch hervor, stämmig und gesund, ohne viel Gedanken im harmlosen Blick der blauen Augen, doch mit der Farbe lachender Jugend auf den Wangen, um die sich das Blondhaar ringelte. Er trug das bunte Falknerkleid, das über die Brust herunter in die Farbe geteilt war, zur Hälfte rot und zur Hälfte grün. Der spielende Wind rollte ihm das gezaddelte Tuch der langen Schlitzärmel um die Hüften und machte die Strähnen seines Haares wehen. Auf der linken Faust, die in grobem Handschuh steckte, trug er einen isländischen Weißfalken, dem der Kopf mit der Falkenhaube bedeckt und die Schwingen mit der hirschledernen Kreuzfessel gebunden waren, so daß er keine Feder bewegen konnte. Als Hilpot den Falken sah, wußte er gleich, weshalb der Bub aus dem Tal heraufgestiegen war. »Tu dich nimmer sorgen, Mutter«, sagte er, »ich denk, der Falk hat eine Wann Schwungfeder gebrochen, die ich spulen muß.« Mutter Hanna atmete auf, während Hilpot seinem Buben entgegenging, den der Hund mit freudigem Gebell umsprang. »Gottes Gruß, Reinold!« sagte der Alte und bot seinem Buben die Hand. »Tust du dich auch wieder einmal anschauen lassen bei uns daheim?« Reinold konnte den Gruß nicht erwidern, denn der Falke, den das Gebell des Hundes unruhig machte, zerrte mit den gebundenen Schwingen an der Fessel. Scheltend jagte Reinold den Hund zurück, nahm die Schwanenfeder vom Käppl und strich sie dem Falken ein paarmal schmeichelnd über den Rücken; das schien dem Vogel wohlzutun; er wurde ruhig. Verschnaufend nickte Reinold dem Vater zu. »Da schau, was ich bring! Mit dem hat mich der Herr heraufgeschickt, weil keiner das Spulen so gut versteht wie du.« »Hat er eine Wann gebrochen?« Hilpot nahm seinem Buben den Falken von der Faust. »Wenn's nur eine wär! Zwei Wannen sind wurzab, und die dritte hat einen Letz gekriegt. Wie der Herr den Falken so gefunden hat, ist ihm das Weinen nah gewesen.« Reinold wischte mit dem Ärmel über die Stirn. Der rasche und steile Aufstieg hatte ihm warm gemacht. »Ich sag dir's, Vater, wenn du die Wann nimmer spulen kannst, so kriegen wir Trauerzeit im Kloster und sehen bei unserem Herren kein Lachen nimmer, wer weiß wie lang!« Reinold zog die beiden Daumen ein und spuckte über die Schulter, um das gefürchtete Unheil zu beschwören. Dann ging er auf die Mutter zu. »Grüß dich! Hast du allweil gute Zeiten?« »Wie's der Tag bringt und nimmt.« Hanna legte die Spindel in den Schoß und faßte Reinolds Hand. Matte Röte stieg ihr in die verhärmten Wangen, als sie ihren Buben, den letzten von sieben, so vor sich stehen sah in lachender Jugend, strotzend von Gesundheit. »Und du? Wie geht's dir?« »Allweil gut! Bei einem Herren, der die Falken lieb hat, haben die Falkner sieben Feiertag in jeder Woch. Und Wein und Met und Mahlzeiten, daß man auseinand geht wie Hefenteig in der Wärm.« Er schlug sich lachend mit den Fäusten auf die Rippen und wandte sich an den Vater, der den Falken zur Hausbank trug. »Was sagst du?« »Ein Falk, wie ich meiner Lebtag keinen zweiten gesehen hab, so schön und stark und stolz! Ich kann's deinem Herrn nachspüren, daß ihm der Vogel wie sein Leben gilt. Schau her, Mutter«, auf der Faust hielt der Alte seinem Weib den Falken hin, »hätten wir den Haufen Gold, den der da gekostet hat, wir wären reiche Leut. Hundert Heimwesen wie das unsrige könntest du kaufen dafür, und es tat dir noch allweil ein Herrengut übrigbleiben.« Hilpot ließ sich auf die Hausbank nieder, nahm den Falken auf den Schoß, löste ihm die Kreuzfessel und begann die gebrochenen Schwungfedern zu untersuchen. Um den Falken bei Ruhe zu erhalten, streichelte ihm Reinold mit der Schwanenfeder den Rücken und plauderte dazu. Den Falken, erzählte er, hätte Herr Friedrich, der Propst zu Berchtesgaden, auf billige Weis erworben. »Wie unser Kloster in alter Kaisertreu nach dem Fall des Welfenfürsten Otto dem jungen Herren im Deutschen Reich die Huldigung schickte, hat der neue Kaiser unsere Stiftsherren gefragt: ›Wie heißt euer Propst?‹ Und wie sie ihm gesagt haben: ›Friedrich, wie du!‹, da hat der junge Kaiser gemeint: ›Wer Friedrich heißt, dem müssen die Falken lieb sein, so wie mir!‹ Und gut getroffen hat er's.« Reinold lachte. »Die Stiftsherren haben ihm sagen können, daß es für unseren Fürsten liebere Kurzweil nimmer gab als Beiz und Federspiel. Und da hat der Kaiser, um dem Kloster alle Treu zu lohnen, unserem Propst den schönsten Eisländer aus seinem Falkenhof geschickt.« »Den hat der Kaiser schon auf der Hand getragen?« fragte Mutter Hanna. »Der Kaiser?« Seltsam hörte das Wort sich an auf diesen, welken Lippen, und hier in der Öde des Waldes, in diesem verlorenen Winkel der Berge. Weit draußen in der Ferne ging das wirre Leben einer stürmischen Zeit seinen eisernen Schritt, und nur selten brandete eine schon halb verrauschte Welle seines Lärmes in die verborgenen, von himmelhohen Felsen umschützten Täler. Ein Wort aber hat zu allen Zeiten seinen Weg auch zur entlegensten Hütte gefunden, wenn deutsche Herzen unter ihrem Dache schlugen. »Der Kaiser!« »Ja, Mutter!« »Der mit dem roten Bart?« »Aber Mutter! Der Rotbart ist doch lang schon tot.« »Tot?« Sinnend schwieg Mutter Hanna. Da sagte Hilpot: »Droben der Gotteslechner meint, das wär eine Lug. Der Kaiser Rotbart tät noch allweil leben. Daß er gestorben wär und im Judenland versunken in einem reißenden Wasser, das täten nur die anderen sagen, die Schiechen, die den Unfried machen in der Welt. Die sollten nur achthaben, meint der Gotteslechner. Eh die schiechen Unfrieder sich umschauen, war der alte Kaiser wieder im Land und tät die guten Zeiten wieder aufrichten und jedem geben, was sein Recht ist.« »Geh, Vater, das ist unsinniges Gered. So was müssen doch wir im Kloster wissen. Seit der alte Rotbart tot ist, haben wir schon den dritten Kaiser im Land. Aber ich weiß schon, wie die Leut reden. Droben der Gotteslechner sagt: ›Der Rotbart.‹ Und drunten im Tal die bäurischen Dickschädel, die das rechte Frommsein noch allweil nit lernen wollen, die sagen: ›Der König Wute im Untersberg.‹ Jeder möcht, daß einer käm und tät ihm helfen wider den Klosterzins. Und der Gotteslechner?« Mit einem Seufzer spähte Reinold gegen den höheren Wald empor. »Wenn der auf einen Helfer denkt, ich mein, der wird seine guten Gründ haben.« Hilpot, der auf das Geplauder seines Buben nur halb geachtet hatte, erhob sich und setzte den Falken auf Reinolds Arm. »Ich spul ihm die Wannen wieder und mach ihn wieder heil zum hohen Flug, daß unser Herr seine Freud dran haben soll.« Er trat in die Hütte. Freudenröte schlug über Reinolds Wangen; er wußte, daß ihm klingender Dank bevorstand, wenn er den verletzten Falken wieder flugfähig hinunterbrachte ins Kloster. Da fragte Mutter Hanna in Unruh: »Was hast du sagen wollen vom Gotteslechner?« Reinold zögerte mit der Antwort, »Ich fürcht, der Gotteslechner ist Freibauer gewesen die längste Zeit. Morgen kommen sie und büßen ihn um den Albenzins, als ob er ein höriger Bauer wär.« »Der wird sich wehren.« »Wie lang? Er sollt ein Einsehen haben.« Mit scheuem Ernst, als ginge ihm das Schicksal nahe, das dem Gotteslechner bevorstand, blickte Reinold wieder zur Höhe hinauf, um deren Wipfel das Gold des Abends in leuchtenden Wogen brandete. »Mutter? Wenn ich hinaufspringen tät und gäb ihm heimlich eine gute Rede, daß er sich fürsehen möcht?« Erschrocken umklammerte sie Reinolds Arm. »Bub! Bist du gescheit? Willst du reden gegen deine Herrenleut? Tu deiner alten Mutter die Lieb und laß deine Händ von aller fremden Sorg! Schau lieber, daß dir selber kein widriges Steinl auf deinen jungen Weg fallt.« Sie erhob sich, und leise Worte murmelnd, bekreuzte sie ihm die Stirn und den Mund. »Der Gotteslechner möcht wohl den Schnabel halten, wenn ich ihn warnen tät. Ich steh in linder Gunst bei meinem Herrn. Was könnt denn Übles kommen über mich?« »Was über den lieben Tag kommt, wenn die Sonn versinkt. Und was ich fürchten muß bei Licht und Finsternis, wenn ich denk, daß ich sechs verloren hab und du der letzte bist.« »Geh doch, Mutter!« Ein Schauer rann über Reinolds Schultern. Dann reckte er lächelnd die jungen Glieder, hob den Falken hoch und schüttelte das Blondhaar. »Was tust du dich allweil sorgen? Ich leb doch und lach.« Kalter Schatten fiel über Gehöft und Hütte; die Sonne war über die Wälder niedergetaucht, und nur um die Höhe, auf der das Gotteslehen stand, und um die beschneiten Berggipfel schimmerte noch der rote Glanz. Verschwommen hörte man die singende Mädchenstimme. Lauschend blickte Reinold auf. »Hörst du, Mutter? Sie singt.« Sein Blick begegnete dem ihren, und da wurde er verlegen. »Warum soll ich's hehlen? Was tät mich der Gotteslechner kümmern! Aber mir bangt um das liebe Mädel!« »Lieb und gut, ja, Bub, das ist sie. Aber kannst du ihr helfen?« Hanna legte den Arm um Reinolds Schulter. »Sei gescheit, Bub! Du hast lichte Augen, such dir eine lichte Freud!« Reinold schwieg. Zärtlich rüttelte ihn die Mutter. »Bleib daheim und schau dem Vater zu, wie er dem Falk die Wannen spult. Da lernst du was! Und essen und trinken mußt du auch. Hast du Hunger, Büebli?« Reinold lachte schon wieder. »Allweil, Mutter!« »Sollst was haben!« nickte sie ihm zu. Als sie zur Tür gehen wollte, hörte man von der steilen Waldhöhe den polternden Fall von Steinen. Im gleichen Augenblick trat Hilpot aus der Hütte. »Sell droben steigt einer umeinand«, meinte Reinold, »da kriegen wir noch einen Haingart auf den Abend.« Der Alte schüttelte den Kopf, nahm den Falken und setzte sich auf die Hausbank. »Der kommt nit, Bub», sagte Mutter Hanna auf der Schwelle, »heut nimmer, aber morgen wieder, wenn er müd ist von der heimlichen Pirsch, zu der ihn der Vater gewandet hat.« Reinold schien zu erraten, von wem die Rede war. Erschrocken stammelte er: »Vater! Wenn sie's merken drunten? Sie büßen dich, weil du ihm hilfst.« Der Alte schwieg. Mutter Hanna trat mit einem schweren Seufzer in die Hütte. »Sie suchen ihn drunten schon seit dem Morgen«, flüsterte Reinold dem Alten hastig zu, »und wenn sie's ausspüren, daß du ihm wieder geholfen hast, das könnt schief ausfallen. Keiner im Kloster mag ihn leiden, alle Herren stehen im Zorn wider ihn.« Hilpot nickte. »Mir ist er lieb. Er hat Jägerblut. Und geh's, wie's mag, ich muß ihm zu Willen sein. Er hat mir's angetan mit seinen Glutaugen. Dem seine Seel ist kerzengerad gewachsen. Wenn ihn die anderen schelten, tun sie's bloß, weil er besser ist als sie. Aber komm, Bub, tu mir helfen und leg den Falken in Zwang.« Scheu blickte Reinold noch einmal über den Waldhang hinauf. Dann trat er zum Vater, faßte mit kundigem Griff den Falken an beiden Fängen und schwang ihn, daß der Vogel mit dem Rücken auf Hilpots Schoß zu liegen kam; der Falke flatterte und wollte sich wehren. Reinold gab ihm den Daumen und den kleinen Finger zwischen die greifenden Fänge und preßte ihm die drei Mittelfinger auf die Brust; nun lag der Vogel, ohne sich zu regen, nur die Spitzen der gespreizten Schwingen zitterten leise. Hilpot lächelte. »Recht so, Bub! Das Zwingen hast du mir gut abgeschaut. Und jetzt paß auf, das richtige Spulen mußt du noch lernen!« Mit bedächtiger Ruhe begann er an den gebrochenen Schwungfedern das Heilwerk, das in der ganzen Falknerei des Klosters keiner so sicher zu üben wußte wie der alte Hilpot. Den Falken mit pressender Hand im Zwang haltend, kauerte sich Reinold auf die Erde nieder. In stummer Achtsamkeit verfolgte er jeden Handgriff des Vaters, der mit scharfem Messer eine der geknickten Schwungfedern an der Bruchstelle entzweischnitt und die beiden Teile der Federspule mit schief geschnittenen Rändern wieder aneinanderfügte, indem er eine leichte, mit Wachs überzogene Stahlnadel als Halt in das Innere der Spule schob. »Gleich drei Wannen auf einmal!« sagte Hilpot, während er einen haarfeinen Leinenzwirn in eine dünne Nähnadel faßte und den Faden, um ihn zäher zu machen, mehrmals durch einen geschmeidigen Harzbrocken zog. »Das ist viel, Bub! Wie ist denn das Unglück geschehen?« »Wie's geschehen ist, weiß ich nit. Ich bin erst dazu gekommen, wie Herr Friedrich den Falken schon wieder auf der Faust gehabt hat. Und du kannst mir's glauben, vor Kummer über seinen Liebling sind dem Herrn die Zähren im Aug gestanden. Wer hätt auch denken mögen, daß die heutige Freud ein so trauriges End nimmt? Die ganzen Wochen her, derweil der Falk in der Mauser war, ist der Herr alltag ein paarmal in die Falkenstub gekommen und ist vor der Stang gestanden, als hätt er darauf warten können, daß dem Falk ein Federl wachst. Ehgestern hat unser Meister ihm melden können, daß der Eisländer ausgemausert hat und wieder fertig ist zum Flug. In der ersten Freud hat der Herr für heut im Untersteiner Moor auf Reiher und wilde Schwäne ein großes Beizen angesagt. In der Nacht noch haben wir hinausreiten müssen zu den Grenzburgen und die Burgherren und Frauen laden. Die frommen Schwestern im neuen Klösterl haben Verlaub erhalten, daß sie mitreiten dürfen. Gestern auf den Abend sind von Salzburg die fahrenden Leut gekommen, ein ganzer Haufen, und drei ritterliche Singer sind im Kloster abstiegen, jeder mit seinem Falken und seinem Spielmann. Da hat's im Refektori ein Liedersingen und eine Kurzweil abgesetzt, daß der Bruder Glöckner aufs Mettenläuten vergessen. Und draußen auf dem Untersteiner Anger haben die Küchenbrüder schaffen müssen die ganze Nacht, haben die Zelte aufgeschlagen und den Herd gemauert, und einen Karren um den anderen haben sie hinausgefahren mit Freßwerk und Wein und Gutigkeiten zum Beizmahl. Heut in aller Gottesfrüh sind drunten im Kloster schon alle Leut auf den Füßen gewesen, Herr Friedrich selber hat das große Hochamt abgehalten, und weil er seinem Lieblingsfalken eine reche Ehr hat antun wollen, hat er ihn vom Kredo bis über das Sanktus sitzen lassen zwischen Kelch und Meßbuch.« Hilpot brummte ein paar unwillige Worte in seinen Bart. »Was meinst du?« Reinold sah verwundert auf. »Ich mein, du solltest lieber schweigen und achthaben, wie man die Spul bindet.« Reinold schien den Ärger des Vaters nicht zu begreifen. Wenn seine Aufmerksamkeit nicht durch den Duft des schmorenden Wildbrets abgezogen wurde, der aus Mutter Hannas Herdstube quoll, war er mit achtsamen Augen bei der Sache. Er sah es wohl nicht zum erstenmal, wie eine gebrochene Wanne »gespult« und »gebunden« wird, aber ihm fehlte die Ruhe und die geschickte Hand, um dem Vater dieses Falknerkunststück nachzumachen: die Bindnadel so sacht durch die Feder zu stechen, daß der Schaft nicht zersprengt wurde und jeder Stich eine Öse der in das Innere des Kiels geschobenen Spulnadel traf, und eine bindende Fadenschlinge so fest und gleichmäßig neben die andere zu legen, daß die zerschnittenen Teile der Feder unverrückbar wieder aneinander hafteten, und das klebende Harz so kundig zu mischen, daß es den Bart der Feder nicht verpichte, sondern an der Luft eintrocknete, sobald die Fadenschlinge gelegt war. Jedes kleinste Versehen machte die ganze Arbeit unnütz, und saßen die gebundenen Federn nicht wie angewachsen, so steuerte der Falke schlecht im Flug und war unbrauchbar für die Jagd. Auf dem beschneiten Grat der Berge war der letzte Sonnenschein erloschen, und es fiel schon die Dämmerung über den Wald, als Hilpot die Arbeit vollendet hatte. Sich aufrichtend, hob er auf der Faust den Falken empor, der mit ausgespannten Schwingen schlug, als möchte er das Heilwerk seines Arztes erproben. »Der Schlag ist gut und sicher«, sagte der Alte, »ich mein, daß ich nichts versehen hab.« Während die beiden mit prüfenden Augen den flatternden Falken musterten, ließ sich klirrender Hufschlag von einem steinigen Pfad des Waldes vernehmen. Sie blickten auf, und erschrocken stotterte Reinold: »Um Gottes Lieb, Vater, da kommt der Herr!«   Auf bunt geschirrtem Maultier, das von einem Knecht am Zügel geführt wurde und von der Mühsal des steilen Weges keuchte, kam Propst Friedrich unter den Bäumen hervorgeritten. Sein braunes Samtgewand, dessen Säume mit dem zarten, goldgelben Pelzwerk von der Kehle des Edelmarders verbrämt waren, glich einem ritterlichen Kleid, nicht der Tracht eines Priesters, den nur das goldene Kreuz verriet, das an breitem Seidenbande um den Hals geknüpft war. Der Abendwind, der dem Reiter entgegenwehte, lüftete das gestickte, von der Pelzkappe über die Ohren niederhängende Nackentuch und zeigte am Hinterhaupt den Halbmond einer spiegelglatten Glatze. Auch unter dem Rand der Kappe stahl sich kein Härlein hervor, die breite Stirn und die glatt rasierten Wangen des runden, lebensfreudigen Gesichtes glänzten wie poliert, und die kleinen flinken Augen blitzten in hellem Glanz. Klugheit und Erfahrung redeten aus dem Blick dieses Fünfzigjährigen, der dem Heil seiner Seele mit allen Mitteln gedient haben mochte, nur nicht mit Fasten und Pönitenz. Um die leicht aufgeworfenen Lippen lag der spöttische Zug des Mannes, welcher Welt und Menschen kennt und nicht sonderlich viel von ihnen hält. Dennoch sah man es diesem Gesichte an, daß es freundlich und in Nachsicht lächeln konnte. Jetzt freilich war es gerötet von der Mühe des Rittes, jeder Zug war in Erregung um das Schicksal des geliebten Falken. Diese ungeduldige Sorge hatte etwas von der Unruhe eines Kindes, das sich um ein zerbrochenes Spielzeug kümmert, weil es ihm lieb gewesen. Noch ehe das Maultier hielt, ließ sich Propst Friedrich schon aus dem Sattel gleiten. Ohne auf Reinold zu achten, der seinem Herrn mit scheuem Gruß den Saum des Ärmels küßte, rief er dem alten Jäger zu: »Wie steht es, Hilpot? Wirst du ihn heilen können? Oder ist er verloren für die Jagd?« Dabei streckte er nach dem Falken schon die Hände, die mit blitzenden Ringen besteckt und so schlank waren, so weiß und wohlgepflegt wie Frauenhände. »Gottes Gruß, mein guter Herr!« Hilpot schwang den Falken. »Ich mein, er ist wieder heil zum hohen Flug.« »Reinold!« rief der Propst in heißem Eifer, während er den Falken von der Faust des Jägers nahm. »Gib ihm das Spiel!« Der Falke drückte ihm die Fänge tief in das Fleisch der ungeschützten Hand, doch Herr Friedrich achtete des Schmerzes nicht. »Das Spiel! Und wirf, was du werfen kannst!« In Erregung hatte Reinold aus seiner Falknertasche das Federspiel hervorgerissen – einen weißen Ball mit kleinen bunten Flügeln – und seine junge Kraft zusammennehmend, schleuderte er das Spiel hinauf in die dämmerige Luft. Der wehende Abendwind erfaßte das bunte Ding und trieb es den Bäumen zu. »Falko! Huliiih!« Mit diesem jauchzenden Rufe nahm der Propst dem Falken die Haube ab und schwang ihn. Gellend tönte der Schrei des Falken durch die Stille, mit hastig flatternden Schwingen stieg er senkrecht empor, ein sausender Stoß, und ehe das Federspiel noch zwischen die Wipfel der Bäume gaukelte, hatte der Falk schon seine Fänge in den Ball geschlagen. »Hilpot, das will ich dir danken!« rief Herr Friedrich. Er wollte einen der blitzenden Ringe lösen, doch vom Griff des Falken waren ihm die Finger aufgeschwollen, daß die Ringe wie angewachsen saßen. Da faßte er das goldene Kreuz auf seiner Brust, riß es vom Hals, daß das breite Seidenband in Fetzen ging, und warf das Kleinod dem Jäger zu. »Nimm!« »Herr Jesus!« stammelte Hilpot erschrocken und streckte die Hände, denn er fürchtete, daß das Kreuz zur Erde fallen könnte. Er haschte es noch, bevor es den Boden berührte. Mit hellem Lockruf war Herr Friedrich auf den Waldsaum zugesprungen und hob dem niederschwebenden Falken die Hand entgegen. Reinold kam gelaufen und wollte ihm helfen. Mit eigener Hand löste der Propst das Spiel aus den Fängen, stülpte ihm die Haube über den Kopf und nickte gnädig dem jungen Falkner zu. »Bleibe bei deinem Vater! Ich gebe dir freien Tag für morgen.« Den Falken streichelnd und zärtlich mit ihm plaudernd, wandte er sich seinem Maultier zu und ließ sich von dem Knecht in den Sattel heben. Ohne Gruß ritt er davon. Hilpot blickte ihm nach, und als er den Herrn im Wald verschwinden sah, hob er scheu das Kreuz an seine Lippen und sagte leis: »Komm, Bub, wir wollen's der Mutter zum Kuß hineintragen. Die hat vor lauter Sieden und Braten gar nit gemerkt, daß der Herr gekommen ist.« »Du!« Reinold hatte den Arm des Vaters umklammert und flüsterte: »Wenn sie hören drunten, daß du demselbigen da droben Gewand und Wehr gegeben hast, und sie wollen dich büßen, so sag dem Herren: ›Ich hab dir den Eisländer heil gemacht!‹ Und er bietet dir eine Gnad, statt daß er dich büßt.« Der Wind, der über die Wipfel der Bäume strich, drückte den blauen Rauch zu Boden, der aus allen Lücken des Schindeldaches quoll, und spannte ihn gleich einem dünnen Schleier über das ganze Gehöft. Stärker hörte man die Bäche der höheren Berge rauschen, und von den Almen tönte ein langgezogener, dumpf murrender Laut – der ferne Schrei eines brünstigen Hirsches. 2 Im sinkenden Dunkel stieg der junge Jäger, der das Wams eines Toten trug, durch den Wald empor. In treibender Unruh klomm er aufwärts, wie einer, dem irrende Gedanken den Schritt beflügeln. Nur einmal hielt er inne. Der verwehte Laut einer Stimme hatte ihn aus seinem Sinnen geweckt. Tief unter ihm, wo in der Dämmerung noch matt erkennbar eine Lichtung zwischen den Bäumen schimmerte, dort mußte das Gotteslehen liegen. Er hörte das Poltern des Balkens, mit dem das Hoftor geschlossen wurde, hörte das an Wolfsgeheul erinnernde Gebell eines Hundes, das heitere Lachen einer Magd. Nun kurze Stille. Dann wieder jenes jauchzende Lied: »Huliadei! Sei willkommen, süßer Mai!« Die Stimme dämpfte sich und erlosch, als wäre die junge Sängerin ins Haus getreten. Eine Weile stand er noch und lauschte. Als er zögernd weiterschritt, summte er die Weise vor sich hin. Er kannte das Lied. Wie lange war es her, seit er den süßen Klang zum erstenmal gehört hatte? Zehn Jahre? Oder länger noch? Er sann. Und jählings tauchte die Erinnerung in ihm auf. Eine weite, weiße Halle, an deren Mauern Waffen und Geweihe hingen, erhellt vom zuckenden Lichtschein der Wachspfannen. Draußen vor den Säulenbogen die flüsternden Linden und die stahlblaue Frühlingsnacht mit ihren Sternen. An langem Tische saßen die zechenden Lehensleute, jeder mit dem blanken Zinnkrug zwischen den Armen. Und gesondert von ihnen, neben dem Herdfeuer saß die Mutter in ihrem Stuhl. Und er, ein zwölfjähriger Knabe, an ihren Schoß gelehnt. Der Bruder betrunken unter den Zechenden; lauter klang seine Stimme als die Stimmen der anderen, und seine Faust machte auf dem Tisch die Krüge tanzen. Bei jedem Fluch und Schlag ging ein schmerzliches Zucken über die Stirn der stillen Frau. Dann blickte der Knabe in scheuer Sorge zu ihr auf und schmiegte zärtlich seine Wange an ihre zitternde Hand. Und als die Zechenden der Jagdgeschichten und des Trinkens müde wurden, schrien sie nach dem Spielmann und schwiegen. Da klang die Fiedel. Und dann das Lied: »Huliadei! Sei willkommen, süßer Mai!« Schwer atmend verhielt der Einsame den Schritt und preßte den Arm über die Augen, als möchte er das Bild der vergangenen Zeit verscheuchen. Hastiger stieg er durch den Wald empor; doch immer wieder summte und sang ihm die Weise durch Herz und Sinne. Wie ein Lied doch wandern kann! Vom sonnigen, rebengrünen Frankenland bis zu den kalten, blauen Bergen. Und wie ein Lied doch Wunder wirkt! Wie es trösten kann! Und freundlich lügen! Ist ein Lied nicht wie ein Sonnenstrahl, der aus lichten Höhen seinen Weg auch in den kalten Schatten versunkener Wälder findet? Geschehenes wird ungeschehen, Vergangenes wird lebendig, und alles Kommende, das du fürchten solltest, siehst du verwandelt in frohem Bild. Hatte nicht der nahende Winter mit seinem weißen Mantel schon die Berge gestreift, lag nicht das Sterben über den Blumen und die kalte Herbstnacht über dem Wald? Dennoch hatte jene holde Stimme dort unten sonnenfroh und frühlingsfreudig aufgejubelt: »Sei willkommen, süßer Mai!« Aus seinen Gedanken erwachend, blickte der junge Jäger im Dunkeln um sich her. Er hatte den Pfad verloren. Und suchte ihn nicht wieder. Geraden Weges begann er über den Waldhang emporzuklimmen. Immer wieder sperrte eine kleine Felswand, eine Kluft oder ein Wirrsal gefallener Bäume seinen Weg. Häufig strauchelte er bei der Hast, mit der es ihn aufwärts trieb. Oft rettete ihn nur ein kühner Sprung vor bedenklichem Sturze. Diese Mühsal erschöpfte ihn nicht, sie schien die Kraft seiner jungen Glieder zu steigern. Manchmal hielt er inne, spähte im Dunkeln umher, atmete tief und lachte vor sich hin, um sich im nächsten Augenblick über ein neues Hindernis zu schwingen, als wäre ihm dieser Kampf gegen die Finsternis, die ihn umdrohte, zu einer Freude geworden. Endlich erreichte er das offene Weideland einer Hochalm. Auf vorgestütztem Bergstock, das Kinn über die Hände gelegt, schöpfte er Atem und blickte in die dunkle Runde. »Wie still und schön!« Es war in schweigender Nacht kein Windhauch mehr zu spüren. Gleich einem schwarzen Riesenhügel, durchwürfelt von den grauen Tönen kahler Blöcke, erhob sich das weite Almfeld, über dem sich der stahlblaue Himmel mit strahlenden Sternen wölbte. Ein Widerschein ihres Zitterlichtes blitzte hier und dort in den Eiskristallen, mit denen der Nachtreif die welken Gräser umspann. Von der Höhe des Feldes klang das Rollen gelöster Steine, und der Schrei eines starken Hirsches dröhnte durch die Nacht. Ein zweiter Hirsch gab zornige Antwort, nun schwiegen die Stimmen, und da klirrten die kämpfenden Geweihe. Zwischen prasselnden Steinen kam's über den finsteren Hang heruntergesaust. Zwei schwarze Schatten flogen an dem Jäger vorüber und verschwanden im Wald. Der Starke hatten den Schwächeren in die Flucht geschlagen, und mit stolzer Wildheit seinen Sieg hinausschreiend in die stille Nacht, stieg er wieder über den Hang empor. Noch eine Weile stand der Jäger und lauschte. Dann richtete er sich auf. »Haß und Liebe, Streit und Ringen bei allem, was Leben fühlt! Und dem klügsten aller Tiere, dem Menschen, predigen sie wider die Natur den feigen Frieden. Weil die Schwachen den Starken jagen wollen, soll er die Waffe seiner Kraft aus der Hand legen, soll lieben lernen, was er haßt, ehren, was er verachtet, meiden, was er begehrt. Wie mir ekelt vor ihnen!« Er schüttelte die jungen Arme. »Kampf! Wie schön bist du! Wie lieb ich dich!« In dunkler Ferne dröhnte der Schrei des Hirsches, daß es widerhallte im finsteren Wald. »Du und ich! Auf morgen!« Treibenden Schrittes stieg der Jäger über den Hang empor. Nach kurzer Wanderung kam er zu einer Almhütte, die schwarz im Dunkel lag. Die Tür stand offen, und man spürte noch den Dunst der Herde, welche die Alm vor wenigen Tagen verlassen hatte. Zögernd trat der Jäger in den finsteren Raum. Bei dem bläulichen Schein des Schwefelfadens, den er mit Feuerstein und Zunder in Brand versetzte, gewahrte er einen Haufen dürrer Äste. Als aus der Asche des Herdraumes die Flammen aufzüngelten, blickte er umher. Kahle, rußgeschwärzte Balken, ein zerklüftetes Dach und in der Ecke eine Stangenpritsche, mit zerlegenem Reisig bedeckt. Dieses Lager schien den Müden nicht zu locken. Oder fühlte er keine Müdigkeit? Er legte die Armbrust und den Bolzenköcher ab, warf ein paar klotzige Äste in die Flammen und trat ins Freie. Neben der Tür ließ er sich auf einen Holzblock nieder. So saß er, die Arme um das Knie geschlungen, und blickte sinnend in die Nacht hinaus. »Einsame Stille! Wie bist du schön! Und wie süß das wäre, solch ein Schweigen ewig zu genießen, im Tod seiner Ruhe bewußt! Ob der Tod die Ruhe bringt? Sie sagen: nein!« Der Jäger lächelte vor sich hin. »Himmelsfreude dem Guten, Höllenqual dem Bösen? Wie klein und menschlich wäre Gott, wenn er lohnen und strafen würde gleich einer Kindermagd. Dem guten Kind den Honigkuchen, dem schlimmen die Rute. Wie sie erbärmlich von ihm denken!« Wieder lächelte er. »Und wer ist gut? Der denen dort unten wohlgefällt und zu ihrem Nutzen handelt? Wer böse? Der seine eigenen Wege geht und seine Kraft gebraucht, um sich der anderen zu erwehren? Sieht Gott nicht heller als diese Blinden in ihrem Eigennutz? Und wenn er auch die Starken haßt, weshalb erschuf er sie?« Fern und verschwommen klang ein Jauchzer durch die Nacht, und in der Tiefe, wo zwischen den Buchenwäldern die Niederalmen lagen, glomm ein winziger Lichtschein auf. Die Almendirn, die den Gruß ihres Liebsten vernommen hatte, mußte die Tür der Hütte geöffnet haben, damit das Herdfeuer dem Kommenden leuchten und ihm sagen möchte: »Sieh, wie ich brenne für dich!« Hell und weich, wie eine schwingende Saite, klang der freudige Jodelruf der Sennerin, ihr Bub gab jauchzende Antwort, und die beiden Stimmen umschlangen sich in der schweigsamen Nacht und flossen ineinander zu einem einzigen Laut. Sie verstummten. Und der Lichtschein dort unten erlosch. »Zwei Herzen, die sich suchen mußten und die sich fanden, damit aus ihrem Glück eine neue Not des Lebens wachse!« Lange blickte der Einsame zur Tiefe nieder, wo der Lichtschein aufgeglommen und erloschen war. »Wieder eines von den tausend Rätseln, die ich nicht fasse und nicht löse! Daß es den Mann zum Weibe zieht, das Weib zum Manne? Sie sagen, das wäre das Tier im Menschen. Ob es nicht das einzig Göttliche in ihm ist, dieses jauchzende Sorgen für die Ewigkeit des Lebens? Wenn aber Gott das in die Menschen legte, weshalb soll es mir ein Fremdes bleiben? Weil ich geschieden bin von den anderen? Gelöst von allem Lachen des Lebens? Weil sie mir sagen: Wider die Natur zu leben, ist wohlgefällig vor Gottes Augen? Das Wort ist Torheit oder Lästerung. Kann ein Menschenwort die Zwecke Gottes hindern und die Natur verkehren? Wenn aber Gott das in die Menschen legte als einen Trieb, den das Lächeln eines Weibes weckt, wie in der Blume ein Sonnenstrahl den Willen zu blühen? Weshalb erwacht es nicht in mir? Mein Herz ist stumm und ohne Sehnsucht. Mich sehnt nach Ruhe.« Tief atmend erhob er sich und wollte in die Hütte treten, vor der Schwelle blieb er stehen. »Ob wohl auch meine Mutter sang, als sie jenen liebte, den ich nie gekannt? Ich habe sie nur schweigsam und weinend gesehen. Nein! Mir hat sie gesungen.« Überwältigte ihn die Erinnerung an jene Zeit, da ihn das Lied der Mutter in Schlummer wiegte? Oder erwachte jäh in ihm die Sehnsucht der Einsamkeit? Er streckte die Arme in die Nacht hinaus: »Mutter! Mutter! Steh auf und komm und streichle mich! Mich dürstet nach deiner linden Hand. Sieh, Mutter, ich kenne nur Fäuste, die mich schlagen.« Mit den Händen das Gesicht bedeckend, lehnte er sich an den Türpfosten. »Und wenn sie mich quälen bis aufs Blut, nur alles Schöne, an das ich noch glaube, Stück um Stück aus der Seele reißen? Das nennen sie Himmelsdienst und Liebe Gottes.« Er ließ die Arme fallen. »Mutter, wo bist du? Nirgends? Oder dort, wo sie sagen, daß die Guten sind? Über den Sternen? Sterne? Ein Wort, so leer, wie alle Worte sind! Leer? Nein! Sterne! Dieses Wort hat Glanz, weil das Rätsel leuchtet, das wir nennen mit ihm.« Da fiel's in der Nacht wie ein sprühender Funke vom Himmel herunter, einen langen Feuerstreif hinter sich herziehend, und erlosch in der Finsternis wie ein Stück glühender Kohle, das zerschlagen wird. Der Einsame lachte vor sich hin. »Wenn auch die Sterne fallen? Was ist noch ewig in der Welt? Was hat noch Kraft, die alles überdauert? Nur die Asche, zu der alles Leben zerfällt? Und aus der das Leben wieder aufersteht, wie im Frühling die Blume aus dem Kot?« Er stand eine Zeitlang regungslos. Dann schauerte ihn, als wäre ihm die Kälte der Nacht bis ans Herz gedrungen. Er kehrte in die Hütte zurück, schürte die Flamme und ließ sich am Feuer nieder. In der Wärme, die den züngelnden Flammen entströmte, schien eine matte Wohligkeit durch seine Glieder zu fließen. So saß er, still, bis ihm die Lider fielen. In der Herdgrube sank das Feuer, und dann glosteten die Kohlen mit dunkler Glut. Als die Nacht schon auf den Morgen zuging, tönte durch die Bergwaldstille fern aus dem Tal herauf ein sanft verschwommener Hall, das Geläut einer Kirchenglocke. Leise klang es über alle Ferne her, kaum noch zu hören. Dennoch erwachte der Schläfer, wie einer, der gewohnt ist, um diese Stunde die Augen aufzutun. Verwundert sah er in der Hütte umher, die vom rötlichen Glutschein matt erleuchtet war. Dann lachte er vor sich hin und warf ein paar dürre Äste über die glühenden Kohlen. Mit Geprassel belebte sich das Feuer, und brütend starrte der Einsame in die züngelnden Flammen. Aus diesem Sinnen weckte ihn der dröhnende Kampfschrei eines Hirsches. Mit hastigem Griff die Armbrust und den Köcher fassend, erhob er sich und trat ins Freie. Wie Asche war das erste Zwielicht des Morgens über das Almfeld ausgestreut. Dort, wo die Sonne kommen sollte, waren die Sterne im fahlen Blau schon erloschen, gegen Westen flimmerten sie noch über den Bergen, deren gezahnte Grate mit grauen Linien das Dunkel durchschnitten. Scharf zog der Morgenwind von den Felsen nieder, die dürren Stauden raschelten, zu Füßen der Almgehänge rauschten die schwarzen Wälder, und das Murmeln der Bäche war wie ein müdes Lied. Lautlos stieg der Jäger über das Almfeld empor und erklomm einen hohen Fels, der sich, von Krüppelföhren umwuchert, einsam aus dem kahlen Weideland emporhob. Auf der Zinne des Steines ließ er sich nieder, von Büschen gedeckt, spannte die Armbrust und legte den gefiederten Bolz in die Rinne. Die schußbereite Waffe fest auf den Knien haltend, lauschte er hinaus in das Zwielicht. Er konnte hören, wie äsendes Wild sich näherte und vernahm den Lockton eines Muttertieres. Der Morgen dämmerte noch so grau, daß der Jäger kaum einen unbestimmten Schatten zu unterscheiden vermochte. Nur wenn von den Tieren eines den Grat des Almenhangs überstieg, war es mit schwarzem Umriß deutlich in den fahlen Himmel gezeichnet. Da röhrte mit zornigem Schrei ein Hirsch, drei andere gaben Antwort zu gleicher Zeit. Dann wieder Stille. Jetzt ein Rennen und Flüchten im Grau, ein Schnauben und Keuchen, das sich entfernte und wieder näher kam. Ein junges Tier begann zu klagen. Den ängstlichen Laut übertönte der mächtig hallende Schrei des Hirsches. Welche Kraft und Leidenschaft in diesem wilden Liebesliede der Natur! Es widerhallte an den Felsen und im Wald, und von allen Seiten klang die Antwort, als wäre eine riesige Orgel in den Bergen aufgestellt. Schon hatten die Augen des Jägers sich an das Zwielicht gewöhnt. Rings auf allen Gehängen des Weidelandes konnte er die huschenden Gestalten unterscheiden. Dieses Schattenbild der Leidenschaft, die zu ihm redete mit dröhnenden Stimmen, erregte ihn so heiß, daß ihm das Herz wie ein Hammer schlug. »Nicht Menschen um mich her! Nur Tiere! Wie mir wohl ist!« Die Helle des Morgens wuchs, ein rötlicher Schein flog über den Himmel hin, und matt begann der Reif zu flimmern, der die welken Gräser umsponnen hatte. Dann war's, als flösse eine rosige Welle von Licht auf alle Felsen und Wälder nieder. Inmitten des Almfeldes stand ein Rudel Hochwild, dicht zusammengedrängt. Wenn von den Hirschen einer röhrte, wandten alle Tiere die Köpfe der Richtung zu, aus welcher der Schrei gekommen war. Das Rudel in weitem Bogen scheu umkreisend, irrten die schwächeren Hirsche am Waldsaum hin. Zwischen ihnen und dem Trupp der Tiere zog – ein Starker, der seinen Besitz verteidigt – der mächtige Platzhirsch über das Feld, dumpf röhrend, das stolze, reich verästelte Geweih zurückgelegt in den Nacken. Jedes Tier, das sich vom Rudel entfernen wollte, trieb er mit zornigem Sprung zurück. Jedem Hirsch, der Miene machte, sich zu nähern, zog er mit dröhnendem Schrei entgegen. Nur ein einziger wagte ihm standzuhalten. Als die beiden Kämpfer röhrend einander entgegenschritten, erkannte der Jäger die zwei Stimmen, die er am Abend vernommen hatte. Nach dem Probekampf in der Dämmerung des sinkenden Tages sollte der Kampf im Morgengrauen die Entscheidung bringen. Das schienen die Tiere im Rudel zu fühlen; erregt, mit langen Hälsen die Köpfe streckend, zogen sie Schritt um Schritt den beiden Streitern entgegen. Die lagen schon mit verflochtenen Geweihen aneinander. Fast schien es im Anfang nur ein Spiel zu sein, dieses Drängen und Schieben, Stirn an Stirn. Immer straffer spannten sich die Glieder der Kämpfenden, Steine und Rasenstücke flogen unter ihren Hufschalen auf, immer tiefer gerieten sie mit der Brust zur Erde, und in der Kühle des Morgens qualmte der weiße Dampf von ihren Leibern. Da holte der Platzhirsch keuchend aus zu einem gewaltigen Stoß. Der Gegner brach zu Boden und überschlug sich. Ein röchelnder Laut, und der Kampf war zu Ende. Taumelnd erhob sich der Besiegte und schlich dem Walde zu, den Kopf gesenkt und stumm in seinen Schmerzen. Der Sieger, mit stolz erhobenem Haupt und heiserem Schrei, sprengte auf das Rudel zu und trieb von den jungen Tieren eines gegen den Fels, der sich mitten im Almfeld erhob. Da schwirrte die Sehne der Armbrust. Jäh den Sprung verhaltend, wankte der Hirsch. Er hatte den Schuß empfangen. Über seine Glieder rann das Zittern des Geschöpfes, das der Tod berührte. Dann, als wäre nichts geschehen, als hätte sein Leben noch die ungebrochene Kraft und alle Leidenschaft der letzten Stunde, reckte er mit dumpfem Röhren das Haupt, und während das Rudel in jagender Flucht dem Wald entgegenstürzte, stand er furchtlos und starrte in wildem Trotz den Jäger an, der sich mit jauchzendem Ruf aus den Büschen erhob und über den Fels heruntersprang. Das Tier schien seinen Feind zu erkennen und senkte das Geweih zum Angriff. Ein Sprung. Da wankte der mächtige Körper und stürzte zu Boden. Keuchend raffte der Hirsch sich auf und straffte gewaltsam die Glieder, die ihm nicht mehr gehorchen wollten. Zornig stampfte er mit den Läufen, taumelte wieder, und die schwindenden Kräfte zwingend, stürmte er dem Jäger entgegen. Der hielt den blitzenden Fänger bereit, trat beim Ansturm des Tieres ruhig einen Schritt zur Seite und stieß ihm das scharfe Eisen ins Herz. Röchelnd brach der Hirsch zu Boden, übersprudelt vom roten Quell seines Lebens. Trotz und Drohung funkelten noch in seinen brechenden Lichtern. Ein letzter Krampf durchzuckte die Glieder, die sich streckten. Und alles war vorüber. Mit gesenktem Eisen, von dem die roten Tropfen niederfielen, stand der Jäger vor dem gefällten Tier, erregt und ernst, noch ganz unter dem Eindruck der wilden Schönheit, mit welcher der Todeskampf dieses Geschöpfes auf ihn gewirkt hatte, das im freien Bergwald ein König gewesen. »Kommt meine Stunde – wer weiß, wie bald –, dann möcht ich sterben, wie dieses Tier gestorben ist, im Hochgenuß eines Sieges, in aller Kraft des Lebens, noch kämpfend um den letzten Atemzug, noch im letzten Blick den Trotz gegen die dunkle Macht, die mich mordet!« Er ließ sich auf die Erde nieder und streichelt den starren Nacken des toten Geschöpfes. Der wachsende Morgen leuchtete. Wie brennendes Blut lag es ausgegossen über die beschneiten Zinnen der Berge und über das steile Felsgewänd. Der klare Himmel flimmerte vom Licht, und ein gleißendes Strahlenbündel fiel durch eine Scharte der Berge über das Almfeld her, auf dem es still geworden. Der glitzernde Reif begann zu schmelzen, und der welke Rasen fing zu dampfen an. Mit goldig umglänzten Wipfeln stand der Wald, irgendwo in den Büschen flötete eine Ringdrossel, die ihre Sommerheimat noch nicht verlassen hatte, und die feuchte Erde duftete, als ob es keimen wollte in ihrem Schoß. Nicht ein Morgen im Herbste schien das zu sein, vielmehr ein Morgen, wie ihn der Frühling bringt, der süße Mai. Drunten im Tal der ziehende Nebel. Er war anzusehen wie ein Meer mit silbernem Gewoge, aus dem die sonnbeglänzten Berge aufstiegen gleich schimmernden Inseln. Hier und dort begannen die ziehenden Schleier sich zu klüften und ließen ein Stück des Tales gewahren mit winzigen Hütten und geteilten Feldern. Da klang es herauf aus der Tiefe, vom bergwärtsziehenden Sonnenwind getragen, wie ein ungeduldiger Ruf: das Geläut der Glocken. Den strengen Mund umspielt von einem Lächeln, erhob sich der Jäger und blickte ins Tal hinunter. »Ich komme. Soll mir geschehen, was mag! Das war ein Morgen, so schön und frei, daß ich gerne für ihn büßen will ein langes Jahr.« Er wandte sich, schlug mit dem Fänger von den Krüppelföhren einen Haufen Zweige ab und bedeckte mit ihnen den gefällten Hirsch. Dann stieg er durch den Bergwald hinunter. Noch war er nicht lange unter den Bäumen gegangen, da sah er zwischen den welken Ahornblättern, die wie Blutflocken an den Ästen hingen, ein Geweih aus den wirren Büschen ragen. Dort ruhte ein Hirsch. Der Schritt des Jägers störte den Schläfer nicht auf. Es war der Besiegte, der nach dem Kampf das Almfeld verlassen hatte, nun verendet, im Tod noch blutend aus seinen Wunden. Mit einer Regung des Erbarmens blickte der Jäger auf das erloschene Geschöpf. »Unterliegen oder Sieger werden, der Schwache sein oder der Starke, hinter allem bleibt der gleiche Rest, das kalte Rätsel, das keiner löst. Wozu dann die Kraft? Wozu das Leben? Nur um die Erde zu düngen für ein Kraut, das nach uns wächst?» Er wandte sich ab, und während er hinunterstieg durch den Wald, achtete er nicht mehr des leuchtenden Morgens. Oft stand er lange wie einer, der den Weg verloren hat und nicht mehr weiß, wohin. Aus seinem Brüten weckte ihn ein Gruß. Der alte Hilpot war es. »Ich hab gedacht, Herr, ich müßt dich suchen.« »Zwei Hirsche liegen, der eine auf der Hochalm, und wenn du auf dem Weidefeld meiner Fährte nachgehst in den Wald, so findest du den anderen.« »Sell drüben im Wald, da schaffen Leut, die fürs Kloster das Winterholz niederschlagen. Die können mir helfen. Der Tag wird lind, und die Hirsch müssen unter Dach vor Mittag. Und du, Herr, schau, daß du heimkommst! Sie suchen dich schon.« »Mich? Nein, Hilpot! So wichtig bin ich ihnen nicht. Sie können's erwarten, bis ich komme.« »Ich hab sie aber doch gesehen«, flüsterte Hilpot, »von den Brüdern einen und zwei Fronboten mit ihm. Ich sorg, die suchen dich.« »So will ich mich finden lassen!« Der junge Jäger lachte. Dann leuchtete ihm ein herzlicher Blick aus den dunklen Augen. »Hab keine Sorge! Wenn sie erfahren, daß du mir geholfen hast, so sag ich ihnen, daß ich es dir gebot mit meinem Herrenwort.« Der Alte schüttelte den grauen Kopf. »Sag's nur, wie's wahr ist, Herr, daß ich es gern getan hab! Ich fürcht mich nit. Mein Buckel hat schon viel getragen. Auf ein Pfündl mehr oder minder kommt's nimmer an.« Mit festem Druck umspannte seine braune Faust die schlanke, weiße des anderen. Er hielt sie lange fest, als wäre die Sorge in ihm, daß er diese Hand so bald nicht wieder drücken würde. »Wenn's geschehen kann, so laß dich wieder anschauen bei uns. Ich seh dich gern. Bist mir ein Bäuml, ein jungs, von dem ich weiß, das wird von den großen einer! Und was aus dir herausschaut, tut mir wohl, wie die Sonn einem tut, dem das Frieren im Blut steckt.« Der Alte wurde verlegen. »Lachst du, weil ich so daherred, gelt? Von sechs Buben hab ich die Lieb noch aufgespart. Der siebent ist mir halb genommen. Wo soll ich hin mit der Lieb, die ich übrig hab? Nimm's nit übel, Herr! Wenn ich dich so anschau in deiner lichten Jugnet, lauft mir die Seel über.« »Ich danke dir, Hilpot! Du hast mir viel gegeben mit diesem freundlichen Vaterwort.« »Ein Wörtl bloß. Brauchst du einmal das ganze Mannsbild, so hast du mich auch. Jetzt laß dich nimmer verhalten! Drunten in meiner Stub, da liegt dein Zeug. Ich muß zu den Hirschen.« Während Hilpot durch den Wald emporstieg, sah ihm der andere mit glänzenden Augen nach. »Ein Mensch. Gut und treu.« Das sprach er wie staunend vor sich hin, und alle Schwermut schien von ihm gewichen. Der Ausdruck heiteren Spottes malte sich in seinen Zügen, als er hinunterblickte gegen das Tal. »Den nehmen sie mir nimmer.« Auflachend begann er talwärts durch den Wald zu eilen. Der Grund leuchtete vom welken Laub, wie Myriaden winziger Flammen hingen die gelben und roten Blätter im Gezweig, umzittert vom Sonnenlicht; glitzernde Fäden schwammen in der flimmernden Luft, und wo die Bäume ein wenig auseinandertraten, glänzte zwischen dem Feuerlaub ein Stück des wolkenlosen Himmels neben dem andern, als wäre das gleißende Herbstgeschmeid des Waldes besetzt mit tausend Türkisen vom reinsten Blau. Jetzt ging der Wald zu Ende, und der junge Jäger trat in die freie Sonne. Ziehender Nebel verhüllte noch immer das tiefere Tal. Doch strahlende Morgenschöne war ausgegossen über den Wiesenhang, der inmitten des sinkenden Waldes lag. Zwischen schattigen Schluchten baute sich aus dem Gehäng ein geräumiger Hügel hinaus, der zwei Gehöfte trug, ein kleines und ein großes, beide umschlossen von einem mannshohen, einer Mauer gleichenden Flechtzaun mit nur einem einzigen Tor. Im Hof des kleineren Gütls erhob sich nur ein niederer Bau, plump aus Steinen gemauert, Wohnraum und Stall unter gemeinsamem Strohdach. Wie der Schwache den Schutz des Starken sucht, so hatte sich dieses bescheidene Heimwesen in den festen Zaun des reichen Nachbars hineingeschmiegt, dessen Besitz mit dem alten, aus mächtigen Stämmen gefügten Wohnhaus und mit den Ställen und Scheunen sich ansah wie ein achtbares Herrengut. Die Schuppen und Ställe waren mit Stroh gedeckt, das Wohnhaus hatte ein schlank aufgegiebeltes Schindeldach, und der altersgrauen Balkenmauer war ein neuer schmucker Erker angebaut, dessen Holz noch weiß erschien und dessen Fenster mit eckig in Blei gefaßten Scheiben verglast waren. Birnbäume, an denen noch die Früchte hingen, überragten mit ihrem knorrigen Gezweig die Strohdächer, und hoch über den First des Wohnhauses stieg eine vielhundertjährige Ulme hinaus, mit weitgebreiteten Ästen, von denen jeder sich ansah wie ein Baum für sich. Eine hölzerne Wendeltreppe kletterte an dem riesigen Stamm hinauf und führte zu einem Lugaus, hoch droben im Gezweig. Mit träumender Stille lag der milde Herbstmorgen über dem Gehöft und seinen Dächern. Kein Laut war hinter dem Flechtzaun zu vernehmen. Alles so schweigsam, als wär's eine verzauberte Stätte. Nun ein Schritt über Steine, schwer und langsam. Dann eine Männerstimme: »Sonnscheinige Zeit, Juttla, gelt? Spürst du, wie lind der Morgen ist?« »Ja, lieber Nachbar!« gab bei der Ulme eine helle Stimme zur Antwort. Der Jäger am Waldsaum blickte lauschend auf. War's nicht die Mädchenstimme, die am verwichenen Abend das Maienlied gesungen hatte? »Ja, ich spür's! Und völlig sehen tu ich's. Alles seh ich. Dich auch. Du stehst in der blumigen Wies, und um dich her ist alles ein Glanz.« »Ja, Juttla, 's ist ein Morgen, heilig wie in der Frühlingszeit. Gib acht, heut bringt der Vater wieder ein Körbl voll heim von der Waldhut.« »Steigst du hinunter zu ihm?« »Heut nimmer, Juttla. Ich muß die Mutter Hanna was fragen. Meinem Weib ist ein lützel ungut worden.« »Das sagst du, und ich hör ein Lachen aus deiner Stimm. Und sehen tu ich, wie glanzig deine Augen schauen.« »Geh, was weißt denn du!« »Was mir die Helgard verraten hat. Gott soll dir's geben, Nachbar!« »Was?« »Daß nach der Eisblumenzeit der Jacho weinen muß vor deiner Haustür.« »Ja, Juttla, Gott soll mir's geben! Lang tu ich schon passen drauf.« Was der Mann noch weiter sagte, blieb unverständlich bei dem Lärm, den das schwere Zauntor machte, als es geöffnet wurde und wieder zufiel. Aus der Umfriedung trat ein Bauer; er war nicht alt, kaum dreißig; das Gesicht schon hart und verwittert, der Rücken gekrümmt von mühsamer Arbeit; er trug einen grauen Kittel bis zu den Knien, dazu eine ärmellose Jacke aus Fell. Die schweren Holzschuhe klapperten auf dem steinigen Weg. Der junge Jäger spähte nach der Ulme hinüber und stieg am Waldsaum ein wenig höher, um über den Flechtzaun hinweg das Mädchen sehen zu können, dem diese helle klingende Stimme gehörte und das so wunderliche Dinge redete. Der stille Friede dieses Ortes und das Gespräch, das er vernommen, hatten ihn seltsam berührt. Er hatte Worte gehört, doch keinen Sinn verstanden. Ein Herbsttag, an dem viel hundert Blumen ihre Kelche erschließen? Freude, über die man weint? Die Eisblumenzeit? Es war, als hätten Kinder miteinander gesprochen, die ihr Geheimnis haben und ihre selbsterfundenen Namen für Dinge, von denen kein anderer weiß. Aus diesen Gedanken weckte ihn die Stimme des Bauern. »He, Du!« Ein forschender Blick begleitete diesen Ruf. Die Stimme, die im Gehöft so freundlich mit dem Mädchen geplaudert hatte, klang rauh und grob. »Wer bist du? Was willst du?« »Nichts will ich. Von dort oben komm' ich her, von der Jagd.« »Daß du ein Jäger bist, das merk ich. Wärst du ein Bauer, so wärst du ohne Wehr und hättest zwei Fäust im Sack.« »Du redest zu mir, als war ich dein Feind. Was hab ich dir getan?« »Du? Mir? Ich seh dich zum erstenmal. Aber dein Brot wird im Kloster gebacken. Wer die Herren kennt, der weiß, was er halten muß von ihrem Knecht.« Nun lachte der Jäger. »Ach so? Haben dir die Chorherren einmal zu hart ans Fleisch gegriffen? Oder zu tief ins Butterfaß? Darum brauchst du mir nicht feind zu sein. Mir gefallen sie auch nicht.« Der Bauer machte mißtrauische Augen und schwieg, als hätte sich der Verdacht in ihm geregt, daß ihn diese Rede zu einem unvorsichtigen Wort verleiten sollte. Da fragte der Jäger: »Was ist das für ein Gehöft?« Jetzt lachte der Bauer, hart und gallig. »Geh, frag nit so! Das Haus mußt du kennen, wenn du ein guter Knecht deiner Herren sein willst. Hast du im Kloster noch nie was gehört vom Gotteslehen?« »Gotteslehen? Was bedeutet der Name?« »Frag deine Herrenleut! Die wissen's.« Der Bauer wollte gehen. »Gib Antwort! Bist du der Bauer in diesem Hof?« »Ich?« Der Mann sah über die Schulter. »Wär ich der Gotteslechner, so wären mir zwanzig gute Fäust heut lieber als mein Recht. Und um den Zaun her müßt ein Graben liegen, so tief, daß keiner drüberspringt mit Klosterschuh, für die der Bauer das Leder hat steuern müssen. So, jetzt klag's deinem Herren: Das hat der Steinhauser gesagt!« Der Bauer stieß mit dem Fuß einen dürren Ast aus seinem Weg, stieg über die Wiese hinunter und verschwand im Wald. Stärker begann der Wind über das Tal heraufzuziehen. Ein paar leichte Nebelschleier flatterten über das Gotteslehen hin. Dann wieder blaute über den stillen Dächern der sonnige Morgenhimmel, während in der Tiefe die Massen des Nebels kochten, als wüßten sie nicht, ob sie steigen oder sinken sollten. Im Walde rauschten die Bäche. Und bei der Ulme sang das Mädchen: »Ein Maidl ruht allein im Gras Und weinet. Warum tut sie das? Sie weinet, weil im Maien Kein Bub sie holt zum Reien.« Raschen Ganges schritt der Jäger über die Wiese hinunter und dem Gehöft entgegen. »Da kommt, mit Veiglen um die Stirn, Der Mai selbeigen zu der Dirn. Der tut sich lieb der Armen Erbarmen Und tut die Maid mit Singen Auf grünem Anger schwingen. Huliadei, Sei willkommen –« Das Lied brach ab, bevor es zu Ende war. Denn als der Jäger das Hoftor öffnete, fuhr eine weißzottige Wolfshündin mit Gebell auf ihn zu, so drohend, daß er nach der Waffe griff. Da verstummte der Gesang, und die Mädchenstimme rief: »Zenta! Sei gut! Und komm zu mir!« Das Tier gehorchte; es knurrte nur noch ein wenig, gab den Eingang frei und trabte zur Ulme. Zögernd betrat der Jäger das Gehöft, und hinter ihm fiel das schwere Tor ins Schloß. 3 Zu Füßen der Ulme, wo die hölzerne Treppe über den ungefügen Stamm hinaufkletterte, war mit Balken eine Diele gelegt, und hinter einem Tisch mit roh behauener Steinplatte schmiegte sich eine halbrunde, aus Buchenästen geflochtene Bank mit der Lehne an den Baum. Hier saß die Sängerin des Maienliedes, ein junges Mädchen, schlank und zierlich gewachsen wie ein Herrenkind; ein knappes Leibchen, das aus dem weißen Winterfell des Berghasen geschnitten war, umhüllte die junge Brust; die Leinenärmel waren ein wenig geschürzt, so daß sie die von der Sonne leicht gebräunten Arme zeigten; ein Rock aus blauem Hanftuch, hoch an das Leibchen angeschnürt, floß in eng gereihten Falten über die schlanke Gestalt hinunter, auch die Füße noch verhüllend. Den Scheitel bedeckte ein kleines Käppl aus rotem Tuch, unter dem das blonde Haargeringel hervorquoll, das die Stirn umzitterte und auf die Schultern fiel. Aus dem Schimmer der lockigen Haare blickte ein schmales Gesicht, halb noch das Antlitz eines Kindes, überhaucht von einem ernsten Schatten – ein Gesicht, das einer Blume glich, die der Reif einer kalten Frühlingsnacht berührte. Die roten Lippen lächelten unbeweglich wie bei erwartungsvollem Lauschen. Und die seltsamen Augen! Sie waren groß und schön, von lichtem Blau. Wie ein Schleier trüber Schwermut lag es über ihnen. Augen wie Sterne, deren Glanz verschwimmt unter ziehendem Nebel. Und so seltsam ruhig blickten sie, so ziellos und verloren! Es war ein Blick in diesen Augen wie der Blick einer Seherin. Und doch diese kindliche Heiterkeit, die emporglänzte aus der Tiefe einer reinen, glücklichen Menschenseele! Leuchtende Sonne war um das Mädchen her. Die Ulme, schon halb entlaubt, gab wenig Schatten; die gelben Blätter lagen ausgestreut in weitem Kreis, und lautlos, ohne Unterlaß, fiel das sterbende Laub von den Ästen des Baumes nieder, gaukelnd in der Sonne, gleich einem goldenen Flockenfall. Bald an Brust und Schultern des Mädchens, bald an dem Blondhaar haftete solch eine schimmernde Flocke. Der Jäger vergaß des Grußes und näherte sich schweigend, befangen von dem Liebreiz und der Seltsamkeit dieses Bildes. Die weiße Hündin, die sich zu Füßen ihrer Herrin niedergekauert hatte, richtete sich auf und knurrte wieder. Da streichelte das Mädchen dem Tier das zottige Fell und sagte lächelnd: »Zenta, sei gut! Wie magst du schelten auf einen Gast? Bloß weil er ein Fremder ist? Tu dich legen! Das ist ein guter Mann.« Gehorsam streckte sich das Tier auf die Balken nieder und folgte mit den Augen jeder Bewegung des Fremden, während das Mädchen sagte: »Gottes Gruß! Komm nur und tu rasten auf meiner Bank! Meine Zenta mußt du nit fürchten. Die murrt nur, weil du ihr neu bist.« Das Mädchen schwieg ein Weilchen. »Mir bist du auch ein Fremder. Dich hab ich noch nie gesehen, hab deinen Schritt noch nie gehört.« Das schmale Gesicht war ein wenig gehoben, ganz regungslos; nur zwischen den Brauen rührte sich der leise Schatten einer Furche wie bei angestrengtem Horchen in weite Ferne. »Ein Bauer bist du nit. Dein Gang ist leicht und frei. Du mußt nit harte Arbeit tun. Ein Handelsmann bist du auch nit. Sonst tätest du reden.« Noch immer schwieg der Gast und blickte in diese stillen Augen, sah auf diesen roten Kindermund, der ruhig plauderte und dabei eine Sprache führte, die wie ein Rätsel klang. Da ging's wie freudiges Aufleuchten über das ernste Mädchengesicht. »Jetzt weiß ich, was du bist. Ein Jäger. Gelt, ich hab recht?« »Hast du das an meiner Waffe nicht gleich gesehen?« »Nit gleich. Aber jetzt. Wahrhaftig, ich seh's. Um die Schulter hast du ein Schießzeug hängen. Das klirrt ein lützel. Und im Täschl am Gurt, da trägst du die Bolzen. Die schlagen ans Leder an, wenn du dich rührst. Grad so seh ich's allweil, wenn der alte Hilpot haingarten zum Vater kommt. Aber du? Du bist ein junger, gelt? Und hoch gewachsen bist du, deine Stimm ist über mir.« Mit gesteigertem Befremden sah der Jäger das junge Mädchen an. War es eine Irre, die zu ihm redete? Oder war es möglich, daß in der Abgeschiedenheit des Bergwaldes ein Kind zur Jungfrau reifen konnte, um mit zwanzig blühenden Jahren noch immer zu denken und zu sprechen wie in der Kinderzeit? »Haben dich die Klosterherren eingedinget zur Aushilf für den alten Hilpot?« plauderte das Mädchen weiter. »Er hat schon oft geredet davon, daß seine müden Jahr einen Gesellen brauchen. Wohnst du drüben am Vorder Eck bei ihm? Aber noch nit lang, gelt nein? Sonst hätt ich hören müssen von dir. Und machst du einen Bergweg heut? Weil der Tag so schön ist, gelt? Aber nein –« Mit hellem Kinderlachen unterbrach sie ihr Geplauder. »Heut weiß ich schier nimmer, was ich seh und sag. Du gehst nit hinauf, du kommst herunter vom Berg. Gelt, ja? Bergblumen sind in der Luft, die um dich her ist. Und mit dem Wild hast du zu tun gehabt. So seh ich's allweil, wenn der Hilpot zum Vater sagt: ›Heut hab ich einen guten Hirsch geholt.‹ Da mußt du genächtigt haben auf den Alben. Die sind jetzt nimmer befahren. Seit einer Woch ist alles Vieh schon drunten in der Waldhut. Da hast du auf der Alben bleiben müssen in der leeren Hütt. Hast du Zehrung bei dir gehabt?« »Zehrung?« wiederholte der Jäger, aus seinem stummen Schauen erwachend. »Nein!« »O Jesu mein!« sagte sie erschrocken. »Da hast du hungern und dürsten müssen über Nacht?« Der Jäger lächelte zu dieser Sorge. »Meine Nacht ist kurz gewesen. Und der schöne Morgen hat mich an Hunger nicht denken lassen. Aber jetzt –« Er sah die Hände des Mädchens an, als wäre der Wunsch in ihm erwacht, einen Trunk von diesen schlanken, feinen Händen gereicht zu erhalten. »Ja, Mädchen, mich dürstet. Willst du mir zu trinken geben?« »Freilich! Wart nur ein lützel, ich hol dir gleich einen guten Trunk.« Dem Eifer, der aus diesen Worten klang, widersprach die bedachtsame Art, mit der sich das Mädchen erhob und eine bunte Strohmatte, an der sie vor der Ankunft des Jägers geflochten hatte, von ihrem Schoße nahm und auf den Steintisch legte. Auch die weiße Hündin war aufgestanden und drängte sich dicht an das Mädchen, als wäre das so die Gewohnheit des Tieres, seine Herrin auf Schritt und Tritt zu geleiten. »Komm, Zenta!« Das Mädchen vergrub die eine Hand in das Fell der Hündin. So gingen die beiden langsam dem Hause zu. Es schien, als ließe sich das Mädchen gleich einem spielenden Kind von dem Tiere ziehen. Die beiden waren bereits im Haus verschwunden, und noch immer hingen die Augen des Jägers an der Tür. Dann sah er umher, als wäre alles, was er gewahre, für ihn ein Unverständliches. Lächelnd wie einer, den ein freundliches Mummenspiel umgaukelt, ließ er sich auf die Bank nieder und betrachtete die Strohmatte, in deren gelben Grund mit rot und blau gefärbten Halmen absonderliche, sinnlose Figuren eingeflochten waren; aber diese Zeichen mußten doch ihre Bedeutung haben, denn in jeder Farbe wiederholte sich ihre Form. Während der Jäger das wunderliche Geflecht betrachtete, begann sich die Luft zu trüben. Die Sonne erlosch, und das Blau des Himmels verschwand im Nebel, der in dichten Massen aus dem Tal heraufdrängte über den Berghang. Durch den grauen Schleier, der schon das Haus umhüllte, kam's wie farbiger Schimmer gewandelt. Das Mädchen mit seiner weißzottigen Gesellin kam zurück. »Da, Jäger, nimm und trink! Der liebe Gott soll dir's gesegnen.« Lächelnd reichte sie dem Gast eine hölzerne Schale, mit Milch bis an den Rand gefüllt. Er nahm und trank. »Ich danke dir, Mädchen! Dein Trunk hat mich erquickt.« »Gelt, Mann, das ist gute Milch! Erst heut am Morgen hat sie der Senn von der Waldhut heraufgebracht.« Sie ließ sich nieder, und Zenta lagerte sich wieder zu ihren Füßen. »Freilich, in der Albenzeit ist die Milch noch besser. Die Herbstblumen im Wald, die haben den starken Duft nit wie die Sommerblumen auf den Alben. Drum ist die Milch von der Waldhut nit so stark wie die Albenmilch. Wenn ich von der Albenmilch ein Tröpfl auf meiner Zunge hab, seh ich im Duft, den ich spür, alle Blumen, die sell droben blühen.« Sie hob das schmale, stille Gesicht und blickte durch den Nebel der Höhe zu. Dann sagte sie leise: »Sell hinauf, wo soviel Blumen sind, da möcht ich hinauf! Nur ein einzigsmal.« »Du? Ein Kind der Berge?« fragte der Jäger. »Du hast die Alben noch nie gesehen?« Sie schüttelte den Kopf. »Als Kind, in meiner Lichtzeit, hätt ich so hoch nit steigen können. Jetzt tät ich mich trauen. Aber der Vater will's nimmer erlauben, daß ich mich bis zu den Alben führen laß. Der Vater hat recht. Was tät's mir helfen?« Mit einem Seufzer, der wie ein mildes Lächeln war, nahm sie die Matte auf den Schoß, griff nach den bunten Halmen, die, in der Farbe gesondert, auf dem Tische lagen, und begann zu flechten. Die geschickten Hände schienen dieses Werkes so kundig zu sein, daß das Mädchen die Augen zur Arbeit gar nicht brauchte. Die blickten ruhig in den Nebel hinaus. Der Jäger wußte nicht mehr, was er denken sollte von diesem seltsamen Kind und dem dunklen Sinn der Worte, die der rote Mund mit diesem unversiegbaren Lächeln plauderte. Da fragte sie plötzlich: »Warum bist du so still?« Nur um zu sprechen, sagte er: »Da hast du wunderliche Zeichen in deine Matte geflochten. Was bedeuten sie?« Nun lachte sie heiter, als hätte sie einen Scherz gehört. »Aber, Jäger! Das sind doch Blumen!« »Blumen? Das?« »Freilich! Die mußt du doch kennen als Bergjäger! Die roten, das sind Albrosen, und die blauen, das sind Enzianglocken. Der Vater und alle Hausleut sagen mir allweil, daß meine Blumen ausschauen, als ob sie blühen täten, grad so wie die richtigen Blumen. Aber weißt du, Jäger – geh, sag, wie heißt du denn? Ich kann doch nit allweil Jäger sagen. Tu mir deinen Namen nennen, ich sag dir den meinigen auch.« »Ich heiße Irimbert.« Nachdenklich wiederholte das Mädchen den Namen »Irimbert?« »Deinen Namen weiß ich schon. Du bist Jutta, die Tochter im Gotteslehen.« »Hat dir Mutter Hanna oder der gute Hilpot von mir gesagt?« »Nein. Als ich kam, da hörte ich, wie ein Bauer mit dir schwatzte. Der nannte dich Juttla.« »Der Steinhauser, ja. Der ist unser Inrainer. Ein guter und treuer Mann. Sell drüben, schau, das Häusel ist sein. Der Steinhauser, ja, der ruft mich Juttla. Aber der Vater sagt Juttula. So hat mich auch die selig Mutter gerufen. Und die Helgard heißt mich Luttei. Und der traurige Jacho – mein Nam ist das einzige Wörtl, das er weiß und sagen kann –, der ruft mich Uttu.« Das Mädchen lachte. »Ein jeds, das mich lieb hat, macht ein anders Wörtl aus meinem Namen. Und die Albleut sagen Hauskind zu mir. Aber Jutta hat mich noch keiner geheißen. Du bist der erst. Freilich, du hast mich noch nie gesehen, und ich hab dir noch nie was helfen können. Die einem gut sind, machen die langen Namen kurz und die kurzen lang.« Wieder lachte sie, und dieses heitere Lachen wandelte den verträumten Ernst des schmalen Gesichtes in holden Liebreiz. »Wärst du mein Bruder und tätest Irimbert heißen, ich müßt dich Irmi rufen.« »So hat meine Mutter mich genannt.« Lauschend hob Jutta das Gesicht und wandte ihre stillen Augen dem Jäger zu. »Jetzt auf einmal hast du eine andere Stimm. Jetzt hat deine Seel geredet.« Langsam fragte sie. »Hast du auch die Mutter schon verlieren müssen?« »Ja.« »Gelt, das tut weh! Nimmer haben und halsen dürfen, was einem lieb ist? Das ist das einzig Harte am Leben. Alles andere ist gut.« Der Jäger schwieg. Da streifte das Mädchen mit beiden Händen über den Tisch hin und fand eine Hand des stillen Gastes. »Wie lieb mußt du deine Mutter gehabt haben! Ich hab's aus deiner Stimme gehört. Und spür's, weil du jetzt kein Wörtl hast. Ich mein, ich seh, wie deine Augen trauern. Aber gelt, du hast doch Heimleut, Vater und Geschwister, die dir das Harte tragen helfen?« »Nein. Den Vater hab ich nie gekannt. Mein Bruder hat mich gehaßt und hat mir die Mutter getötet. Nein, Kind, erschrick nicht! Es war kein Töten mit der Waffe in der Hand, es war ein Ermorden mit Worten, die aus steinernem Herzen kamen.« »Kann's das geben?« stammelte Jutta, als hätte sich jäh vor ihrem Blick eine grauenvolle Tiefe des Lebens aufgetan. »Einen Sohn, der seiner Mutter weh tut, kann's das geben?« Irimbert schien nicht zu hören, was sie sagte. Unter den Händen des Mädchens ballte sich seine Faust. So saß er und schwieg, ohne zu fühlen, wie sanft seine Hand gestreichelt wurde. Dann blickte er auf, versunkenes Feuer in den Augen. »Die Mutter verlieren? Das war das einzig Harte am Leben? Und alles andere wäre gut? Das ist das Wort eines Kindes, dem das Leben fremd ist. Ich sage dir: Einer Mutter Liebe ist am Leben das einzig Gute. Alles andere ist Häßlichkeit und Ekel, unwert des Erlebens. Das hab ich erkannt, seit ich im Leben einsam stehe. Meine Mutter hat mich geliebt, an ihrem Herzen hat das meine gehangen. Seit sie die schönen Augen schloß, hat mich niemand mehr geliebt, und keinem Menschen mehr bin ich gut gewesen.« Eine Weile war Stille. Nur die welken Blätter raschelten, die aus dem Gezweig der Ulme niederfielen. »Keinen Menschen wissen, der dich lieb hat? Und keinen haben, dem du gut bist?« sagte Jutta mit halb erloschener Stimme. »Dann tust du mich erbarmen, Irmi.« Ihre stillen, großen Augen schwammen in feuchtem Schimmer. Da nahm der Jäger die Hände des Mädchens, und der Ernst seiner Züge löste sich zu mildem Blick. »Ich bin dein Bruder nicht. Warum nennst du mich Irmi?« »Ich hab so sagen müssen.« Er lächelte. »Ich glaube, daß ich dir von Herzen gut sein könnte. Denn du bist gut.« Es ging über ihre Züge wie ein rosiger Hauch. »Und vieles an dir erinnert mich an meine Mutter. So wie du konnte sie manchmal lächeln, versöhnlich und geduldig. Ihre Hände waren so ruhig wie die deinen, so lind und warm. Wenn sie dachte, ich weiß nicht an was, dann hatte sie den gleichen stillen Blick wie du, mit so großen Augen, in denen der Schleier einer Sorge oder eines überwundenen Leides war.« »Ist deine Mutter auch blind gewesen?« »Blind?« Erschrocken hatte sich Irimbert erhoben, so jäh, daß Zenta zu murren begann. »Juttula? Du? Und blind!« In ratloser Erschütterung sah er das Mädchen an. Eine Frühlingsblume! An der man seine reine Freude hatte! Und da kam ein Tier und trat auf die Blume. Sie hat ihre Farben noch, ihren lieblichen Kelch, ihren Duft. Dennoch muß sie welken in langer Nacht, die keinem Morgen weicht. Soll nimmer blühen, nicht atmen und lieben wie andere Blumen. »Blind!« Es schien, als könnte er dem finsteren Worte nicht glauben. »Du? Und blind?« »Hast du das nit gleich gemerkt?« »Nein, nein!« Jutta lächelte. »Du tust, als ob das ein Jammer wär! An deiner Stimm kann ich hören, wie du erschrocken bist.« Sie tastete in die Luft, als möchte sie die Hand des Jägers suchen. »Schau mich an! Ich tu doch lachen und hab keine Klag.« »Blind? Und keine Klage? Die Menschen nicht sehen können, die dich lieben? Nicht den Himmel, die Berge, den Wald?« »Aber ich seh doch alles! Ich hab als Kind meine guten Augen gehabt. Erst wie ich ins sechste Jahr gegangen bin, hab ich das Licht verloren. Und wie ich in meiner Lichtzeit alles gesehen hab, die Leut und den Himmel, die Berg und den Wald, so seh ich heut noch alles. Was ich seh, ist alles schön. Das hat keinen Wechsel und bleibt sich allweil gleich.« Mit ihrem stillen Lächeln nickte die Blinde vor sich hin. »Ich mein, daß ich besser dran bin als die anderen Leut. Die hör ich oft reden von bösen Sachen. Als Kind in meiner Lichtzeit hab ich so was nie gesehen. Wie soll ich wissen, wie das ausschaut? Und die mir's sagen möchten, versteh ich nie. Was die Leut den Tod heißen, das kenn ich nit. Ich weiß bloß, wenn eins gestorben ist, kann's nimmer reden zu mir und kann mir die Hand nimmer geben. Aber sehen tu ich die Mutter allweil noch. Gelt, Mutter?« Lächelnd sprach die Blinde diese zärtliche Frage in den grauen Nebel. »Den Vater seh ich auch. Wie er geht und lacht, wie er schaut und die Arm auseinander tut, das seh ich alles. Der ist von allen Menschen der best. Grad so wie du, so stark und hoch ist der Vater. Braune Augen hat er. Die lachen allweil. Und ein brauner Bart ist um sein liebes Gesicht herum. Sein Haar, das hangt ihm glanzig herunter bis auf die Schulter. Jetzt lebt er schon an die fünfzig Jahr, und allweil schaut er noch aus wie ein Junger.« Bewegt und gefesselt von jedem Wort dieses stillen Geplauders, saß Irimbert vor der Blinden. »Du siehst deinen Vater mit dem Herzen, Kind! Das sieht besser als die besten Augen.« »Gelt ja!« »Siehst du auch die anderen Menschen so gut?« »Freilich! Aber nit so fest wie den Vater und die Mutter. Als Kind hab ich ein Wasser gesehen. Da hab ich lang hineingeschaut, wie's gelaufen ist, und das ist allweil anders worden und ist doch das gleiche Wasser gewesen. So geht's mir oft, wenn ich andere Leute seh.« »Siehst du auch Menschen, die alt sind?« »Freilich! Der Hilpot ist alt und die Mutter Hanna. Der traurige Jacho ist noch älter. Die sind schon alt gewesen in meiner Lichtzeit. Der traurige Jacho ist ein Manndl, das nur halb noch lebt und schon halb gestorben ist. Der kann nimmer reden. Bloß weinen und juchzen kann er noch. Und unser Fürsenn ist auch ein Alter. Aber die vier Sennbuben, die der Vater hat, sind junge Leut. Und unsere Magd, die Helgard. Die ist mit dem Leinen drunten auf der Bleich. Und die Ruglind. Das ist unsere Alberin. Und der Steinhauser und sein Weib, die sind auch noch jung. Und der Reinold. Das ist dem alten Hilpot sein letzter Bub. Den mußt du doch kennen als Jäger?« »Den Reinold kenn ich. Den siehst du auch?« »Der und ich, wir sind in meiner Lichtzeit Spielgesellen gewesen. Vier Jahr ist er älter als ich.« »Sag mir, wie du ihn siehst!« »Ich seh einen lustigen Buben mit einem runden, roten Gesicht. Sein Haar ist ein dicker Buschen um das ganze Köpfl herum. Jetzt ist er schon lang nimmer dagewesen. Früher ist er oft bei mir gesessen und hat geplauscht mit mir und mit der Helgard. Aber ein lützel unverständig ist er. Wenn ich ihm oft gesagt hab, was ich seh und wie schön das ist, dann hat er allweil gelacht. Allweil hat er was anderes gesehen. Und wenn mir nit der Vater nachher gesagt hätt: ›Kindl, du hast recht!‹ – ich weiß nit, was ich hätt denken müssen! Da ist mir oft alles durcheinandergelaufen, wie selbigsmal in meiner Lichtzeit das Wasser. Und ich hab mir müssen vom Vater alles wieder sagen lassen, daß ich alles wieder fest gesehen hab. Das kannst du mir glauben, Irmi: Alles, was um mich herum ist, seh ich so gut wie du!« Sie schien sein Schweigen für einen Zweifel zu nehmen. »Willst du eine Prob haben?« fragte sie, während leichte Röte ihre Wangen überhauchte. »Sage mir, was du siehst!« Er nahm die Hand, die nach ihm tastete, und hielt sie mit beiden Händen umschlossen. Die Blinde atmete lächelnd, schob die Matte auf den Tisch und lehnte sich zurück. Der Nebel, der sich im matten Winde kaum merklich bewegte, umhüllte die beiden jungen Menschen gleich dem Gewölb einer grauen Mauer. Die trüben Schleier waren so dicht gewoben, daß man von Wald und Sonne keinen Schimmer mehr erkannte und auch das Haus nur stehen sah wie einen Schatten. »Ich seh den Himmel. Der ist blau. Wie ein großmächtiges blaues Dach ist er hingebaut über alles, was zur Welt gehört. Ich seh die Berg herunterwachsen gegen uns. Aus den Felsbergen kommen die Alben heraus. Die seh ich rot von lauter Blumen. Wie um ein Gesicht das dunkle Haar, so hangt um die Alben der Wald herum. Ich seh viel tausend Bäum, und über die kleinen wachsen die großen hinaus wie ein Vater über sein Kindl. Oft seh ich ihn völlig schwarz, den Wald. Das ist, wenn's nachten will. Wo aber der Sonnschein drüber liegt, ist jedes Bäuml wie ein Feuer, das hinaufbrennen möcht zum lieben Himmel. Schau nur, wie schön das ist!« Juttas Wangen hatten sich warm gerötet. »Wie eine Mutter ihr Kindl herzet, so streichelt der Wind den Wald. Jedes Bäuml rührt sein Köpfl und redet. Wenn die Bäum so reden zum Wind, das tut, wie wenn der Wald ein großes Wasser war, das man rauschen hört. Wenn der Wald aber schweigt, so hörst du die Vögel singen, die im Wald ihre Nester haben. Das ist süß und schön. Wenn ich's hör, so werd ich allweil ein lützel traurig und spür in meiner Seel, was ich keinem Menschen sagen kann. Und allweil möcht ich was haben, was ich nit seh und was keinen Namen hat. Spürst du das auch so, wenn im Wald die Vögel singen?« »Ja, Mädchen! Und nicht nur du und ich. Das fühlen die Menschen alle. Die Vögel singen vom Glück, und wenn die Menschen das hören, ist Sehnsucht in ihren Herzen.« »Glück? Das ist ein Wörtl. Das hab ich die Leut oft sagen hören. Aber keiner hat's noch von ihm selber gesagt. Ein jeder sagt's bloß allweil vom andern. Was Glück ist, seh ich nit recht.« »Das Glück ist ein schönes junges Weib. Das leuchtet, als wäre sein Leib aus Sonne geschaffen. Und Augen hat es, schön wie die Sterne und tief wie ein Brunnen. Wo es wandelt, blühen die Blumen auf seinem Weg. Und lächelt das Glück einen Menschen an, dann fühlt er nimmer Kummer und Weh, und sein Herz ist voll von Freude.« Lauschend hatte Jutta sich an die Schulter des Jägers geschmiegt. »Hast du das Glück schon gesehen?« »Nein! Ich glaube, daß es keinen Menschen gibt, der es sah.« »Wie können dann die Menschen wissen von ihm? Der erste, der vom Glück erzählt hat, muß es doch gesehen haben.« »Wer dieser erste war, das weiß ich. Der hat es gesehen.« Irimbert lächelte. Und während er das in Erregung glühende Gesicht der Blinden betrachtete, schien er kaum zu wissen, was er sprach: »Wie der Mächtige, den die Menschen den Schöpfer heißen, alles Bestehende erschaffen hat, da ist die Welt entstanden, und noch ein anderes, die Unwelt, von der wir wissen, daß sie sein muß, irgendwo, hinter den letzten Bergen und über dem blauen Himmel. Und mit der Welt und der Unwelt sind zwei Geschwister entstanden, ein Bruder und eine Schwester. Diese Schwester wohnt in der Unwelt, die wir nicht kennen. Hier auf der Welt, mit uns Menschen zusammen, wohnt der Bruder. Das ist der Schmerz. Wenn er mit seinen Fäusten unsere Herzen drückt, erzählt er den Leidenden von seiner Schwester, von dem schönen Glück in der Unwelt.« Jutta bewegte die Schultern, als wäre ihr ein wehes Frösteln durch die Seele gegangen. Dann richtete sie sich auf, und wie in Angst die Hände des Jägers drückend, sagte sie: »Nein, du! Das alles muß anders sein. Ich seh viel Schönes und Liebes in der Welt. Das kann nur gewachsen sein, wo das Glück gegangen ist. Schau nur den Wald an! Sieht er nit aus, wie wenn er hangengeblieben war an der Welt, ein Stückl vom grünen Mantel, den das Glück getragen hat, wie's vorbeigegangen ist an meines Vaters Haus. Und wo der Wald ein End hat, seh ich die Wiesen kommen mit tausend Blumen. Wo ich die meisten Blumen seh, da hausen die guten Menschen, rund um uns herum. Da hat ein jeder sein Haus, der Nachbar das größte, und der am weitesten hauset, der hat das kleinste. Bei jedem Haus, da seh ich ein Feld, auf dem das gelbe Traid wachst, und seh den Wiesgarten, in dem die Birnbaum stehen. Das ganze Menschental, um das die Berg herum sind, ist wie ein großer Kreis, und da laufen die Wasser um und um. Wo ich hinhorch, hör ich ein Bächl rauschen und seh, wie das Wasser lacht in der Sonn. Und zu mittelst drin in der schönen Welt, da liegt unser Gotteslehen und unser Haus. Schau, wie's dasteht, groß und fest! Um unser Haus rum seh ich den ganzen Hof. Und zu mittelst im Hof, da steht unser Ulmenbaum. Da sitzen wir zwei. Wie das blaue Himmelsdach über der schönen Welt, so seh ich den großen Baum wie ein grünes Dach, über dir und mir!« Die Blinde atmete tief und wandte das Gesicht dem Jäger zu. »Siehst du was anderes, Irmi?« »Nein, Jutta!« Zärtlich, wie ein Bruder zu seiner Schwester, legte Irimbert seine Hand auf den Scheitel des Mädchens. »Ich sage, wie dein Vater sagt: Du hast recht gesehen. Die Welt ist so, wie deine hellen Augen sie schauen.« Er streichelte der Blinden das Haar. Da sagte sie leis: »Mein Vater hat eine linde Hand. Aber linder noch ist die deinig. Ich spür, Irmi, daß du mir gut bist.« »Das bin ich, Juttula!« Sie lächelte. »Schau, so ist's nimmer wahr, daß du keinen Menschen hast, den du leiden magst, und keinen, der dir gut ist. Auch mein Vater wird's gern haben, wenn du diemal zusprechen magst im Gotteslehen.« Während sie den Jäger mit regungslosen Augen zu betrachten schien, grub sich eine Furche zwischen ihre Brauen. »Was denkst du, Mädchen?« »Wieviel ich gab drum, wenn ich dich sehen könnt! Darf ich dich ein lützel anschauen?« Er begriff diese Frage nicht. Doch als sie mit scheuem Zögern die Hände gegen sein Gesicht erhob, verstand er und neigte sich zu ihr. »Schau mich an!« Mit sanftem Fühlen glitten ihre zarten, rührsamen Fingerchen über sein Gesicht und über die Schultern auf seine Arme. Dann schwellte ein leiser Seufzer ihre Brust. »Ich seh dich nit! Nur dein Schießzeug und das Bolzentäschl an deinem Gurt. Arg jung noch mußt du sein. Ich hab kein Fläuml auf deiner Wang gespürt. Aber dein Gesicht, das seh ich nit. Bloß deine Augen. Ich seh zwei Augen, die gut und traurig schauen. Die seh ich, weil du so traurig reden tust.« Da fuhr die weiße Hündin auf und rannte bellend gegen das Hoftor. Irimbert erhob sich. Er schien wie aus einem Traum zu erwachen, berührt von einem unwillkommenen Gedanken an die Wirklichkeit. Die Hündin hielt ihre Nase an eine Fuge des Tores gepreßt und winselte. Jutta sagte: »Draußen muß einer vorbeigegangen sein, den sie kennt.« Der Nebel begann zu steigen; hinter den wehenden Schleiern sah man Formen und Farben, es wurde licht in der Höhe, und weißlich schimmerte die Sonne durch das Grau. Stärker zog der Wind aus dem Tal herauf und trug den Klang zweier Glocken, die dort unten geläutet wurden. Irimbert hatte bei diesem Klang seine Hand aus Juttas Händen gelöst. »Was hast du, Irmi?« fragte die Blinde beklommen. »Mußt du gehen?« »Ja.« »Weil sie drunten im Kloster zu Mittag läuten?« »Weil mich die Glocken rufen.« Jutta erhob sich. »Gelt, du kommst bald wieder?« Unsicher tastete sie nach ihm. Er faßte die suchende Hand des Mädchens. »Ich komme wieder, denn ich möchte lernen von dir, die Welt so schön zu finden, wie deine Augen sie sehen. Aber ich fürchte –« Seine Stimme klang herb, und es sprühte wie Haß in seinen Augen, während er hinunterblickte in das Tal, das der steigende Nebel zu entschleiern begann. »Ich fürchte, daß es lange dauern wird, bis wir beide wieder Haingart halten unter deiner grünen Ulme.« Die Blinde lächelte. »Ich will Geduld haben. Mir wird die Zeit nit lang. Was die Leut so Tag und Nacht heißen, ist für mich nur ein einzigs. Ob's lang ist oder kurz, das weiß ich nit. Ich denk mir allweil, du kommst. Und bist du da, so wird's mir sein, als wärest du vor einem Stündl erst gegangen.« In den Augen des Jägers erwachte wieder der milde Glanz. Er hielt die Hände des Mädchens in den seinen, und so standen sie in lächelndem Schweigen. Eines der welken Blätter, die von der Ulme niedergaukelten, streifte die Wange der Blinden und haftete an ihrer Schulter. »Leb wohl, Juttula! Ich komme wieder.« »Gottes Gruß, lieber Jäger! Und guten Weg!« Durch den schwindenden Nebel schimmerte blau der Himmel nieder, während Irimbert zum Hoftor ging. Dort stand noch immer die weiße Hündin. Als der Jäger das Tor öffnete und das Gehöft verließ, fuhr die Hündin winselnd auf die Wiese hinaus, suchte mit gesenkter Nase auf der Erde hin und her, blickte gegen den Wald hinauf und begann zu bellen. Da klang die Stimme der Blinden: »Zenta! Komm!« Mit jagenden Sprüngen eilte das Tier zu seiner Herrin und schob ihr schmeichelnd den Kopf unter die Hände. »Du Böse, du!« sagte das Mädchen leise. »Den darfst du nit schelten. Den mag ich leiden.« Sie grub ihre Hand in das zottige Fell. »Komm, Weiße, und tu mich führen!« Die Hündin wollte den Weg zum Hause nehmen. »Zum Tor, Zenta, ich will zum Tor!« Der bergwärts steigende Nebel flatterte zu dünnen Schleiern auseinander, und helle Sonne flutete über das Gehöft und seine Dächer. Hinter den Scheunen ließ sich eine trällernde Mädchenstimme vernehmen, die sich näherte. Eine junge Magd erschien und ging auf das Haus zu, einen Korb mit gebleichtem Leinen auf dem Kopfe. Jutta, an der Seite ihrer weißen Gesellin, stand beim offenen Tor und lauschte gegen die Wiesen hinaus. Ohne das Gesicht zu wenden, rief sie den Namen der Magd. »Helgard!« »Ja, Luttei, ich komm!« Die Magd stellte den Korb zu Boden und eilte zum Tor. Es war ein kräftig gewachsenes Mädel, rund und gesund, mit einem schmiegsamen Körper, den das dürftige Gewand, ein Leinenhemd und ein kurzes braunes Röckl, kaum verhüllte. Das rötliche Haar, nur lose über dem Scheitel zu einem derben Schopf gedreht, umrahmte mit dickem Gezaus ein sonnverbranntes Gesicht mit üppigen, kirschroten Lippen und blitzenden Schwarzaugen, aus denen Gutmütigkeit und Trotz, nachdenkliche Schwermut und froher Leichtsinn redeten. Hätten nicht die vielen Sommersprossen, die wie ein gelbliches Schleierband um die Augen und über die Stirn gingen, das Gesicht ein wenig entstellt, so hätte die Helgard als ein schmuckes Mädel gelten dürfen. »Was willst du, Luttei?« fragte sie. Ton und Blick verrieten, wie herzlich die Magd ihrer jungen Herrin ergeben war. In freundlicher Sorge legte sie den Arm um die Blinde. »Ist wer dagewesen? Weil das Tor offen ist?« »Schau hinaus über die Wiesen, Helgard!« flüsterte Jutta. »Sag mir, ob du den Jäger noch siehst?« »Den Jäger?« Wie scheue Unruh sprach es aus der Stimme der Magd. Sie löste den Arm und trat mit hastigem Schritt vor das Tor hinaus. Auf der Wiese war niemand zu gewahren. Aber droben am Waldsaum zog sich einer flink in den Schatten der Bäume zurück, als möchte er nicht gesehen werden. Reinold war es, der Falkner. »Helgard? Siehst du ihn noch?« »Ja.« Langsam wandte die Magd das Gesicht. Ihre Brauen waren gerunzelt, und mürrisch fragte sie: »Ist er bei dir gewesen?« »Drüben beim Ulmenbaum, da bin ich gesessen und hab Blumen geflochten. Da ist er gekommen.« Jutta lächelte und hob das schmale Gesicht, daß es von warmer Sonne ganz umschimmert war. »Siehst du ihn noch allweil?« »Nimmer! Jetzt ist er im Wald.« »Hast du ihn gut gesehen?« Helgard verzog den Mund. »Ich mein schon, ja!« »Magst du mir sagen, wie er ausschaut?« »Geh, laß mich!« »Tu mir die Lieb, Gardi, und sag mir's!« Die Magd hatte gehen wollen. Der bittende Ton dieser Worte hielt sie fest. An den Pfosten des Tores gelehnt, mit hängenden Armen, starrte sie zum Wald hinauf, Groll und Sehnsucht in den Augen. »Er ist ein Bub, daß ich keinen andern weiß, der ihm gleichet«, sagte sie und schien nicht mehr zu wissen, daß sie zu Jutta redete, »hoch und stark wie ein Bäuml in seiner jungen Zeit! Und wie einem Bäuml sein Laub, so steht ihm sein farbiges Jägerkleid. Kein Herrensohn kann's schöner tragen! Ein Gesicht hat er, lieb und schmuck. Sein Flachshaar ist gekräuselt. Und goldig ist's.« Lächelnd nickte die Blinde, und ihre Hände glitten wie tastend durch die Luft, als stünde einer vor ihr, dessen Gesicht und Locken ihre Finger sacht befühlten. »Und Augen hat er –« Die Stimme der Magd versank in einem dürstenden Seufzer. »Die sind blau als wie die Blumen am Bach und schauen dich an, so glanzig und lebfrisch, daß du meinst, es fallt dir ein Sterndl ins Herz!« Die Arme hinter dem Rücken windend wie eine Gefesselte, die mit Schmerzen die Stricke fühlt, spähte die Magd gegen den Wald hinauf, alle Wünsche eines verliebten Weibes im suchenden Blick. »Seine Augen?« fragte Juttula in Freude. »Die sind licht und froh?« Die Magd fuhr auf, als hätte ein Schlag sie aus ihrem Brüten geweckt. »Und allweil hab ich sie gesehen, als täten sie dunkel und traurig schauen.« »Wenn er dich anschaut, kann's schon sein, daß er traurige Augen macht! Er wird auch wissen, warum!« Zornig auflachend, schlug Helgard das Tor zu und schleppte den schweren Korb zur Haustür. Jutta stand erschrocken. »Gardi? Warum zürnst du mir?« Die tastende Hand der Blinden zitterte. »Weiße, wo bist du? Komm!« Sie ließ sich von Zenta zur Ulme führen und begann an ihren Blumen zu flechten. Immer wieder rasteten ihre Hände. Während sie so saß, das schmale Gesicht mit den regungslosen Augen ein wenig erhoben, glättete sich allmählich die Furche zwischen ihren Brauen, und sie fand ihr stilles, träumendes Lächeln wieder. Zenta legte den Kopf in Juttas Schoß und blickte an ihr hinauf. Da streichelte die Blinde dem Tier die Stirn und flüsterte: »Ich seh ihn, Weiße!« Die letzte Spur des Nebels war im Blau zerflossen, mit reinem Gold umflimmerte die Sonne das halb entlaubte Gezweig der Ulme, und lautlos gaukelten die gelben Blätter um das blinde Mädchen her wie spielende Falter um eine Blüte. 4 Irimbert war wie ein Träumender zu Tal gestiegen und hatte im sonnigen Buchenwald den Pfad verloren. Wo lag das Heimwesen des Hilpot? Der Jäger spähte nach allen Seiten. Das feurige Herbstlaub, das ihn rings umgab, wollte seinem suchenden Blick keinen Ausweg zeigen. Er stand und lauschte. In der Nähe sprang durch den Wald ein Wildbach hinunter, und sein Rauschen war die einzige Stimme, die sich hören ließ. Eine Weile stieg der Jäger quer über das Berggehänge. Als sich hinter ihm der Lärm des Baches dämpfte, hörte er den Schellenklang einer im Wald zerstreuten Herde, kam zu einem Weg und folgte ihm. Durch die leuchtenden Buchenwipfel kräuselte sich der Rauch eines Feuers. Er drang aus dem Rindendach einer kleinen Blockhütte, die sich halb unter dem Gezweig der Bäume versteckte. Geschirr und Holzgeräte, wie sie die Sennleute zu ihrer Arbeit brauchen, standen um die Hütte her, und auf dem moosüberwachsenen Strunk einer Baumleiche saß ein grauköpfiger Mann, stark und mit breiten Schultern. Er war besser gekleidet als sonst die Leute im Tal, trug die kurze Berghose und ein Wams, das von Leder war und große Silberstücke als Knöpfe hatte. Seine Waden waren mit Fell umschnürt, und die schwerbenagelten Holzsohlen hatten lederne Bänder. Und kein Höriger des Klosters war er, sondern ein freier Mann; sein Haar war ungeschnitten und fiel ihm wie eine graue Mähne um die Schultern. Mit dem Messer schnitzte er an einem neuen Holzstiel für die Axt, deren Eisen mit der Schneide in den Baum gestoßen war; die Stücke des alten, zerbrochenen Schaftes lagen vor ihm auf der Erde. Als er vom Wege her die Schritte hörte, sah er auf. Verwundert betrachtete er den Jäger, nickte einen stummen Gruß und erhob sich. »Willst du zu mir?« »Zum Haus des Hilpot will ich.« »Da hättest du höher droben nach rechts hinüber müssen. Dich kenn ich nit. Wer bist du?« »Ein Jäger.« »Lang mußt du nit in der Gegnet sein, weil du deinen Wald nit kennst. Bist du vom Klosterland in der Ebnet draußen?« »Ja. Und du?« Der Bauer lächelte. »Meinen Namen wirst du im Kloster wohl schon gehört haben. Sie reden viel von mir.« Es zuckte wie ein leiser Spott um seinen Mund. »Ausschauen tu ich freilich, als ob ich ein Bauer war. Aber ich bin ein fürnehmer Dienstmann, der seinen gnädigen Fürsten sell droben hat, wo die Vögel fliegen. Das ist der einzig, dem ich steuern muß. Erst heut am Morgen hat er von seinen Zinsboten einen geschickt, den Bartgeier, der mir ein Geißkitz davongetragen hat. Was machst du für Augen? Verstehst mich nit? Ich bin der Greimold, der seines Vaters Haus und Eigen vom lieben Gott zu Lehen hat.« »Der Gotteslechner? Du?« Der Jäger betrachtete den Bauer. In seinen Gedanken sah er den Mann mit dem lockigen Braunhaar, mit dem lachenden Gesicht und den lebensfreudigen Augen, wie ihm Jutta den Vater geschildert hatte. Wie anders stand dieser Mann in Wirklichkeit vor ihm: Noch ungebrochen in der Kraft seiner Glieder, doch schon gebeugt, Haar und Bart ergraut, schon durchzogen von weißen Fäden. Das Gesicht war von hundert feinen Linien durchrissen, jede wie mit dem Messer geschnitten. Unter den buschigen Brauen, die wie kleine Dächer aus der Stirne hingen, blickten die graublauen Augen mit jener Ruhe, die ein starker Mensch in dauernden Schmerzen sich erkämpft. »Jäger? Warum schaust du so?« »Weil du ein anderer bist als jener Vater, den deine Tochter sieht.« Betroffen trat der Gotteslechner einen Schritt zurück. »Ein Fremder? Und du kennst mein Kind?« »Mein Weg hat mich in deinen Hof geführt. Ich will diesen Morgen nie vergessen. Dein blindes Kind hat ein sehendes Herz.« »Hast du geredet mit ihr?« fragte der Bauer in Unruh. »Hat sie noch lachen können, wie du gegangen bist?« »Ja, Greimold. Ich verstehe deine Frage. Die Stunde an der Seite deines Kindes ist mir gewesen wie ein Maigeschenk. Wir saßen im grauen Herbstnebel, und dein Kind sah den Frühling. Ich würde die Hand verwünschen, die eine Blume dieses Frühlings zerstören könnte. Wahrheit ist mir das Beste des Lebens. Aber redlicher als jede Wahrheit, die ich noch je einem Menschen ins Gesicht gesprochen, war die freundliche Lüge, die ich an der Seite deines Kindes als Wahrheit gelten ließ.« Da streckte ihm der Bauer die Hände hin. »Vergelts Gott, Jäger!« In seinem Blick glänzte die Freude. Irimbert lächelte. »Du hast doch die Augen, die das Herz deines Kindes an dir sieht.« »So, meinst du?« sagte der Bauer freundlich. »Aber komm, setz dich ein lützel her zu mir! Dein Gesicht schaut müd. Tu rasten!« Sie ließen sich auf dem Baumstamm nieder, und Greimold begann wieder an dem Schaft zu schnitzen. »Mein Mädel sieht mich allweil noch, wie's mich als Kindl in ihrer Lichtzeit gesehen hat. Mich und die Leut und alles. Aber kann's denn bleiben so? Mein Gesind und die Anrainer haben's gelernt, wie sie reden müssen mit dem Kind. Wer weiß, wie einer einmal kommt und reißt ihr die Blumen aus der Seel. Das ist meine Sorg in Tag und Nächten.« Greimold ließ das Messer ruhen. »Wie soll's denn werden mit ihr? Jetzt ist das Kindl bald neunzehn Jahr. Mir liegt schon halb der Winter auf dem Buckel. Die Mutter ist nimmer da. Einen Buben hab ich nit, der hinter mir hausen könnt im Gotteslehen und die Schwester gut halten tät. Einen Fremden suchen? Als Erbbuben in mein Haus?« Der Bauer schüttelte den Kopf. »Freilich, als Herr für mein schönes Heimwesen tät sich leicht einer finden. Aber einer, der meinem Kind ein guter Bruder wäre? Das liebe Ding ist wie ein Kräutl, das einen Gärtner braucht, der linde Hände hat. Jeder, den ich mir anschau drum, hat grobe Faust oder Augen, die was anderes sehen als mein Kind.« Irimbert legte seine Hand auf die Faust des Bauern, und es leuchtete warm in seinem Blick. Der alte Mann umschloß die Hand des Jägers. »Bub, dein Gesicht ist streng, als hättst du im Leben nit viel gute Zeiten gesehen. Freilich, Zeiten und Menschen sind allweil schlecht. Nur ein Froher und Starker kann sie gut machen. Du hast Augen, Bub, daß einem leicht wird um die Seel.« Er lächelte. »Tu mir's nit verdenken, daß ich dir in der ersten Stund gleich alles zuwirf, was in mir ist. Aber ich seh dir's an: Du weißt, was Schmerzen sind.« »Ja, Greimold.« »Von denen, die das Leben grob anpackt, hat jeder auf seiner Stirn einen Merk als Bruder. Da kennt einer den anderen gleich, und einer ist dem anderen gut. Mein Leben ist hart gewesen, und jeder Tag macht's härter. Wär in mir nit die Sorgenlieb für mein Kind und der Stolz, daß ich aus und ein im Tal der einzig bin, der noch als freier Mann den Kopf in der Höh hat – ich wüßt nimmer, für was ich noch leben möcht.« »Gotteslechner, du bist ein reicher Mann. Stolz und Liebe sind dein Besitz. Ich bin arm, denn Haß und Einsamkeit sind leere Güter.« Der Bauer lächelte ein wenig. »Geh, Bub, gar so arm wirst du nit sein. Hast ja deine Jugnet!« »Meine Jugend? Die ist wie ein Haus ohne Fenster. Durch Mauern geht die Sonne nicht.« Greimold schwieg. Und plötzlich fragte er: »Bist du ein Eigenmann des Klosters?« »Ich? Nein.« »Warum trägst du nit das Haar wie ein Freier?« »In der Klosterschule haben sie mir den Schopf geschoren.« »In der frommen Schul? Jetzt weiß ich auch, woher du das herrenmäßige Reden hast. Gelt, sie hätten gern einen Kuttenbruder aus dir gemacht? Bist ihnen ausgesprungen? Hast recht! Waldluft und Bergwind sind gesunder als Kirchendampf.« Ein Lächeln irrte um den Mund des Jägers. »Schau, Bub, ich steh mich gut mit meinem Lehensherren über dem blauen Dach da droben. Hab ich ein Anliegen, so red ich mit ihm. Das eine Mal hört er mich, das andermal ist er taub. Er ist der Starke, ich bin der Schwache, und wie ein fügsamer Dienstmann laß ich auf meinen Buckel fallen, was kommt, das Linde und das Harte. Ich weiß so viel von ihm, wie ein Ritter von seinem Fürsten, den er nie gesehen hat. Weiter frag ich nit. Aber was die da drunten predigen von ihm, von seinem Zorn und seinen Ruten, mit denen er loshaut auf die Kinder, die er am liebsten hat, das will mir nit eingehen. Das ist für Herzwunden wie Salz. Ihr Reden schwimmt wie ein trüber Abend zwischen Finsternis und Licht. Entweder sie haben ihren guten Grund, daß sie nit sagen, wie alles ist, oder sie wissen es selber nit!« Der Jäger lachte. »Da könntest du recht haben, Greimold! Du hast sie erkannt.« »Ruf den Wolf, und er kommt gelaufen.« Der Gotteslechner stand auf und spähte durch den Wald hinunter. »Da kommt der Bruder Medardus, der Zinsmeister, und zwei Fronboten mit ihm. Wo die nur hinsteigen heut? Den Michelzins von den hörigen Albleuten haben sie doch schon eingestrichen. Was suchen denn die da heroben?« Er trat, das Messer in der Hand, ein paar Schritte gegen den Weg, um besser in die Tiefe sehen zu können. Auch Irimbert hatte sich erhoben und blickte heiter durch den Wald hinunter, als sollten ihm die drei Menschen, die da kamen, eine fröhliche Stunde bringen. »Jäger?« Ein wenig verlegen wandte sich der Bauer zu ihm. »Ich mein, bis die drei da vorbei sind, solltest du hinein ins Hüttl gehen. Sie verdenken's dem Hilpot lang schon, daß er dem Gotteslechner ein guter Kamerad ist. Und dem Reinold müssen sie den Weg zu mir verboten haben. So lang ist er nimmer bei uns gewesen. Wenn sie dich finden bei mir, das nehmen deine Herrenleut dir übel.« Irimbert lächelte: »So will ich's tragen.« »Mich plagen sie drum und sagen, ich tat ihre Leut verschwatzen.« Der Jäger zögerte mit der Antwort. »Wenn es dir eine Sorge nimmt, will ich mich bergen. Fragen sie nach einem, den sie suchen, dann sollst du mich nicht verleugnen. Dann will ich dem guten Medardus einen Weg ersparen. Er ist beleibt und schwitzt nicht gerne.« Irimbert trat in die Hütte. Der Bauer sah ihm befremdet nach, als wüßte er nicht, was er zu diesen Worten denken sollte. Hatte der Jäger ein Verschulden in seinem Dienst begangen? Dann käme doch nicht der Zinsmeister, um ihn zu suchen! Langsam kamen die drei durch den Wald heraufgestiegen, Frater Medardus voran, eine derbe Gestalt, deren wohlgenährte Rundung an der weißen Kutte keine Falte mehr bestehen ließ. Der Kopf war klein, aber das Gesicht verbreiterte sich nach unten zu dick hängenden Hamsterbacken, die von der Anstrengung des steilen Weges glühten. Dieser runde Glanz um den lächelnden Mund herum hatte was Gemütliches. Dennoch sahen die hörigen Albleute, wenn Zins und Steuer fällig waren, den Bruder nicht gern erscheinen. Er pflegte als Zinsmeister des Klosters seine Geschäfte mit Behaglichkeit zu erledigen und machte harmlose Scherze. Aber hinter seinen Späßen standen mit Strick und Knittel die beiden Fronboten, die unerbittlich zugriffen, wenn ihnen Bruder Medardus einen Wink mit den kleinen Augen gab, die so wohlwollend unter den gepolsterten Lidern hervorblinzelten. Während die beiden Knechte auf dem Waldweg stehenblieben und den Bauer prüfend betrachteten, als hätten sie Ursach, seine Kraft zu schätzen, ging Bruder Medardus, mit dem Kuttenärmel den Schweiß vom Gesichte wischend, auf den Gotteslechner zu. »So? So? Seh ich dich auch wieder einmal? Der Weg zu dir da herauf ist wie der Weg zum Himmel, mühsam und steil!« Ein paar schnappende Atemzüge, und segnend machte er das Zeichen des Kreuzes. »Pax tecum Domini, mein lieber Sohn!« Alle Herzlichkeit eines guten Menschen klang aus seiner Stimme. »Und Gottes besten Gruß!« »Gottes Dank!« erwiderte Greimold, der forschend den lachenden Bruder und seine Geleitschaft musterte. Medardus schielte nach dem Messer in der Hand des Bauern. »Gott? Redest du von Gott? Und hast den Teufel in der Hand. Bin ich nit der gutherzige Medardus, den alle liebhaben, die er heimsucht? Schau, das ist der Unterschied zwischen mir und Gott, der alle heimsucht, die er liebhat.« Freundliche Heiterkeit zwinkerte in dem glänzenden Gesicht. »Im Namen Gottes, deines guten Lehensherren, komme ich zu dir, bin sein gefeiter Sendbot, und du stehst da mit dem Messer in der Hand, als hättst du Mörder und Dieb von dir abzuwehren?« Greimold stieß das Messer in einen Baum. Die Knechte schmunzelten. »Leut, ihr könnet rasten«, rief Medardus zu den beiden hinüber, »da liegt ein Baum, der ist wie eine gute Bank. Ich will derweil meinen sündigen Leib kasteien und setz mich auf harten Stein!« Dem Baum gegenüber, auf dem sich die Knechte niederließen, wählte er als Sitz einen Felsblock, der mit Moos überwachsen war. Da saß er wie in einem Lehnstuhl und spreitete die Beine, daß die weiße Kutte unter seinem runden Bauch einen tiefen Sack machte. »Soooo, da wären wir jetzt!« »Wohin denn heut noch?« fragte der Gotteslechner. »Nimmer weit! Komm, setz dich her zu mir und laß uns plauschen, derweil ich rast. Wenn verstandsame Männer miteinander reden, macht der Weltkarren ein Schübl vorwärts. Schau, da steht ein Baumstock, da können wir uns vertraulich in die Augen schauen.« Der Bauer ließ sich nieder, und Medardus, der von Wetter und Jahreszeit zu schwatzen begann, tauschte einen Blick mit den Knechten, die der Gotteslechner hinter dem Rücken hatte. Und dann wollte der Bruder wissen, wie Greimold sein Vieh von den Hochalmen heimgebracht hätte, wie es in Hof und Haus stünde, ob er mit seinem Gesind zufrieden wäre und ob er nicht etwa gegen die hörigen Almleute des Klosters eine Klage hätte. »Nein!« sagte Greimold. »Versucht haben sie's freilich und hätten ihr schlechtes Vieh auf meine guten Alben getrieben. Aber ich hab ihnen gezeigt, wo der Zaun ist.« »Freilich, du bist von den Starken einer!« Medardus schmunzelte. »Aber solltest du einmal zu kurz kommen mit deiner eigenen Kraft, so hast du eine Hilf am Kloster, das dir allweil dein Recht verschafft.« »Allweil, ja, wenn's ihm selber taugt. Mag der Imm, so tragt er Honig. Stechen kann er auch.« Scherzend drohte der Bruder mit dem Finger. »Ein Glück, daß ich ein guter Kerl bin, der keinem ein grades Wörtl übelnimmt! Aber vor den Knechten solltest du Vorsicht üben.« Wieder begann er zu plaudern und berichtete von einem Wunder, das vor dem Reliquienschrein des heiligen Martin geschehen wäre. Und zu Schellenberg hätte man einen Juden geschunden, der einen Brunnen vergiften wollte. Und dem Erzbischof von Salzburg, diesem Klosterfeind und Kirchenräuber, wäre in der Michelsnacht der Teufel erschienen und hätte ihm die grausamsten Höllenstrafen angedroht, wenn er den Berchtesgadener Salzbau nicht ungeschoren ließe. Greimold lächelte. »Daß der Salzburger Herr viel Unrecht tut an eurem Kloster, das ist wahr. Euer Gut ist aus einem Kind ein starker Mann geworden. Das macht ihn neidisch und feindselig. Aber daß für euer gutes Recht der Teufel fechten muß, das will mir nit gefallen, Bruder! Ich glaub's auch nit.« »Bauer, Bauer«, sagte Medardus im Tone freundlicher Warnung, »das ist eine unchristliche Red.« »So? Und ich mein, daß sie christlicher war als die deinig.« Medardus lachte. »Schau nur, schau, das Kindl im Glauben will klüger sein als die Mutter!« »Laß gut sein, Bruder! Daß du mir von Jud und Teufel erzählen kannst, deswegen bist du doch nit den weiten Weg bis darauf gestiegen. Sag's lieber gleich, was willst du von mir?« Lustig blinzelte der Bruder mit den kleinen Augen. »Was ich will von dir? Den Michelzins.« Dem Gotteslechner schoß das Blut in die Stirn. Ruhig sagte er: »Zinsmeister, mir scheint, du hast einen großen Krug über den Durst getrunken.« Medardus hob drei Finger wie zum Schwur. »Seit dem Morgen trank nit ein einzigs Tröpfl!« Er seufzte. »Der Kellermeister im Kloster hat sparsam gemessen. Ich bin nüchtern, lieber Greimold, nüchtern wie ein Saibling, den der Fischer zum Dörren in die Sonn gehangen.« »So mußt du vergessen haben, wer ich bin.« Dem Bauer zitterten die Fäuste, die er auf den Knien liegen hatte. »Am Michelstag und an Lichtmeß zinsen die hörigen Leut. Ich bin der freie Bauer im Gotteslehen. Weißt du das nit? Und keinem anderen muß ich steuern als nach freiem Willen meinem Lehensherren im Himmel.« »Aber schau, mein lieber Sohn, Gottvater kann doch nit selber kommen und deine Steuer holen.« Der Bruder sprach so herzlich, wie ein erfahrener Pädagog mit einem widerspenstigen Schüler redet. »Drum amtet an Gottes Stell das Kloster in seinem Land und muß für deinen himmlischen Lehensherren von dir die Steuer heben.« Der Bauer blieb ruhig, nur seine Stimme wurde rauh. »Hab ich nit am Ostertag in die Kirch getragen, was ich aus freiem Willen geb?« »Ja, das ist wahr.« »Es ist mehr gewesen, als ich früher gegeben hab. Das Kloster könnt zufrieden sein.« »Das Kloster? Was geht es das Kloster an, wenn du dem heiligen Osterlamm ein frommes Angebind ins Krippl legst? Dafür hast du reichen Ostersegen für Haus und Vieh mit heimgetragen. Was hat das mit Zins und Steuer zu tun? Ordnung muß sein im Land. Vierzig Rinder hast du auf die Alben getrieben. Die grasen im Klosterwald.« »Wie's mein Recht ist von alter Zeit her.« »Ja, lieber Sohn, und dein Recht, das bleibt. Aber dem Kloster mußt du sein Recht doch auch vergönnen. Von vierzig Stück Vieh macht der Holdenzins am Michelstag vier schlachtbare Kalben. Das ist so von alter Zeit her.« »So? Der Holdenzins?« »Ja, lieber Greimold, das ist leicht gerechnet.« »Und daß ich von heut an Zinsen sollt wie die hörigen Grundholden –« »Von heut an?« warf Medardus verwundert ein. »Von heut an, ja! Hat Herr Friedrich, der Propst, das so geboten?« »Der Propst? Nein, lieber Greimold! Der hat wichtigere Sachen im Kopf als Zins und Steuer.« Der Bauer atmete erleichtert auf. »So weiß ich, wie ich dran bin. Herr Friedrich hätt wohl lieber mein freies Lehen als Holdengut seines Klosters. Aber noch allweil ist er gerecht zu mir gewesen. Geh heim, Bruder, und sag, daß ich ihn grüßen laß mit schuldiger Ehr!« »Ja, lieber Sohn, ich will's ausrichten.« Freundlich tätschelte Medardus den Gotteslechner auf die Faust. »Aber was sag ich unserem Dekan, dem gestrengen Herrn Wernherus, der mich geschickt hat um den Michelzins?« »Dem sag, daß ich der freie Bauer im Gotteslehen bin.« »Ich sag's ihm, gut! Aber die vier schlachtbaren Kalben, gelt, die gibst du mir mit?« »Bruder, jetzt hat der Spaß ein End!« Greimold wollte sich erheben. Medardus faßte ihn am Arm und zog ihn lachend wieder auf den Baumstock nieder. »Hitzköpfl, du! Laß doch in Ruh ein Wörtl mit dir reden! Was bist du auf einmal so bockbeinig? Warum willst du grad heuer den Michelzins nit zahlen? Du hast ihn doch allweil noch bezahlt, wie's Brauch und Ordnung ist.« »Ich?« Der Bauer machte große Augen. »Wann hätt ich je im Leben dem Kloster gezinset wie ein höriger Mann?« »Wie's sonst einmal gewesen ist, das weiß ich nimmer! Aber an Lichtmeß hast du deine Kuh und dreißig süße Käs gezinset, und am Michelstag im vorigen Herbst drei jährige Rinder und ein sömmeriges Kalb.« »Zinsmeister«, fuhr Greimold auf, »das ist gelogen!« Medardus warf schnell einen Blick zu den Knechten hinüber, während er gegen den Bauer beschwichtigend die Hände erhob. »Greimold! Lieber Mann! Wie magst du so ein böses Wörtl brauchen? Wenn ich das meinem Herren sag –« »Sag's! Meinethalben!« Man sah es dem Gotteslechner an, wie schwer es ihm wurde, seine Ruhe zu bewahren. »Aber sag ihm auch, was du voraus geredet hast!« »Ich tat doch so was nie und nimmer sagen, wenn's anders wär. Such dir einen schriftkundigen Mann und laß ihn nachschauen, ob's nit klar und richtig im Holdenbuch verzeichnet steht: An Lichtmeß, Greimold der Vorderecker, hat gezinset dreißig Käslein und eine Kuh – am Michelstag, Greimold der Vorderecker, hat gezinset ein Kalb und drei jährige Rinder!« »Das steht im Holdenbuch?« »Ja, lieber Sohn, das steht!« Greimold erhob sich. »So hat der sell, der das geschrieben hat, wie ein Meineidiger getan und das Buch gefälscht.« Erschrocken schlug Bruder Medardus die Hände zusammen. »O Mensch! Du unglückseliger Mensch! Wie kannst du einen solchen Schimpf erheben gegen einen so frommen und gerechten Herren wie unser Dekan Wernherus?« Er preßte die Hände über die Ohren. »Das will ich nit gehört haben. Das tät ein Unglück geben.« Der Bauer wollte sprechen. Da stand ein Fronbot neben ihm und sagte: »Der Zinsmeister kann tun, wie er mag, kann hören oder kann sich taub stellen in seiner Gutheit. Mein Gesell und ich, wir stehen mit Eid in Pflicht und Amt. Du hast dem Kloster den Zins verweigert und hast meinem Herren gegen die Ehr geredet.« Er faßte den Bauer am Arm. »Du gehst mit uns!« Greimold stand mit erblaßtem Gesicht. »Jetzt merk ich, wo's hinaus will. Ich denk an mein liebes Mädel daheim und zwing mich zu einem letzten Wörtl in Ruh. Hab ich gegen euren Herren einen Fehl begangen, so soll er mich als freien Mann, der ich bin und bleib, am Gedingtag vor den Richter rufen. Aber du, Scherg? Tu deine Hand von meinem Arm! Oder –« »Oder was?« klang es hinter ihm mit lachender Frage. Ehe der Bauer sich wenden konnte, hatte ihn schon der zweite Fronknecht am anderen Arm gepackt. »Oder das!« keuchte Greimold und schleuderte den Knecht mit wuchtigem Armschwung von sich weg. Er wollte zu dem Baum, in dem sein Messer stak. Da traf ihn von rückwärts ein Knüppelschlag in die Kniekehlen. Er stürzte zu Boden. Bevor er sich wieder aufzurichten vermochte, war ihm schon eine Seilschlinge über den Leib geworfen, und die Fronboten lagen mit den Knien über ihm. Der eine schnürte dem Bauer die Arme zusammen, der andere preßte ihm den Knebel zwischen die Zähne. Bruder Medardus zischelte den Knechten zu: »Flink! Im Wald da drüben seh ich ein Weibsbild kommen. Fort, ehe sie zu lärmen anhebt und die Sennleut ruft!« Schon klang es im Wald mit gellender Stimme: »Leut! Leut! Mordio! Leut! Sie schlagen den Hauswirt tot! Mordio, Mordio!« Hastig rissen die Knechte den Gefesselten vom Boden auf und suchten ihn fortzuzerren. Da taumelte einer der Fronboten zur Erde, von einem Faustschlag ins Genick getroffen. Und während der andere Knecht erschrocken den Jäger anstarrte, der diesen Schlag geführt hatte und jetzt mit dem Weidmesser die Stricke zerschnitt, die dem Bauer die Arme fesselten, kam ein Mädel aus dem Wald gerannt, das bleiche vergrämte Gesicht vom offenen Schwarzhaar umflattert. Mit einem langen Buchenast, den sie aufgerafft, begann sie wie eine Wahnsinnige auf den erschrockenen Fronboten loszuschlagen, der sich im ersten Augenblick keine Hilfe wußte und die Hiebe wehrlos auf seinen Rücken fallen ließ. Greimold, als ihm die Stricke von den Händen fielen, zerrte den Knebel aus seinem Mund, sprang auf den Baum zu, in den er das Messer gestoßen, und riß die Waffe an sich. »Vergelts Gott, Jäger! Und du, Ruglind, laß ihn laufen, den Schandbuben! Jetzt hab ich ein Eisen in der Hand. Sie sollen nur kommen!« Die Magd warf den Stecken zu Boden und wischte an ihrem Rock die Hände ab, als hätte sie schmutzige Arbeit getan. »Der Lump, der gottvergessene!« sagte sie halb atemlos. »Mich hat er ins Elend gebracht, mein Kindl hat verdursten müssen, derweil ich am Schandpfahl gestanden bin, und jetzt tat er mir noch den guten Hauswirt packen!« Sie spuckte aus und ging auf die Hütte zu, als wäre die Sache für sie erledigt. »So ein Saukerl, so ein ehrloser!« Man hörte Stimmen im Wald, und Greimold rief den Fronboten zu: »Ist euch der Mut vergangen? Ja? So traget nur flink euren Buckel heim! Da kommen meine Sennbuben. Die haben grobe Faust.« Mit rauhem Lachen stieß er das Messer in die Scheide, die an seinem Gürtel hing. Die beiden Knechte standen ratlos, der eine mit bleichem Gesicht, der andere, den die Magd geprügelt hatte, mit rotem Kopf. Bald musterten sie scheu den Jäger, bald wieder schielten sie zu Bruder Medardus hinüber. Der schien die Sprache verloren zu haben. Seine Hamsterbacken schlotterten, und während er am Gurt seiner Kutte nestelte, starrte er den Jäger an, als stünde ein Gespenst vor ihm, an das er nicht glauben wollte. Blitzenden Zorn in den Augen, trat Irimbert auf ihn zu. »Medardus! Das war ein häßliches Spiel, das du mit diesem redlichen Mann getrieben hast. Geh heim, du frommer Bruder! Du siehst wohl, dein Geschäft ist aus.« Erst diese Stimme schien dem Zinsmeister zu sagen, wer vor ihm stand. Wie staunend schlug er die Hände zusammen und rief mit krächzendem Lachen: »Ja, schau nur, schau! Portento simile miraculoque! Schau, da hab ich gar einen kostbaren Fund getan! Da steht's ja vor mir, das irrende Schäflein, das dem strengen Hirten Wernherus schon mangelt einen Tag und eine Nacht. Und hat sich verwandelt in einen reißenden Wolf, der wider die eigenen Brüder beißt.« Ein Lächeln der Verachtung zuckte um den Mund des Jägers. »Meinst du mit den Brüdern die Schafe oder die Wölfe?« Fünf Männer kamen mit Geschrei gelaufen, ein alter Weißkopf und vier stämmige Burschen, der Altsenn und die Sennbuben des Gotteslechners. Als Medardus so viele Fäuste gewahrte, sprang er, sich bekreuzend, auf die Fronboten zu und kreischte: »Kommet, Leut, nur schnell! Ich weiß eine Botschaft, die will flinke Fuß zum Kloster haben!« Er eilte den Knechten voran über den Weg hinunten, daß seine Kutte flatterte wie ein Weiberrock. Ruglind war den Sennleuten entgegengelaufen, und als die Männer zur Hütte kamen, wußten sie schon, was geschehen war. Mit Stöcken und Äxten drohend, schalten sie hinter den Fronboten her, umringten ihren Hauswirt und bestürmten ihn mit Fragen. »Haltet Ruh, Leut!« sagte der Gotteslechner. »Meine Arm sind frei, und ich hab mein Leben. Aber mit der Waldhut hat's ein End. Wir treiben heim, noch vor Abend. Scharet derweil das Vieh! Ich hab noch einen Weg zum Hilpot hinüber. Ein Stündl, und ich bin wieder da. Dann treiben wir heim, der Wald ist nimmer sicher. Gotts Gruß, meine Leut!« »Gotts Dank, Hauswirt!« sagten die Männer und kehrten unter erregtem Schwatzen in den Wald zurück. Greimold ging auf den Jäger zu und streckte ihm die beiden Hände hin. »Bub! Du hast mir einen Dienst getan, den ich dir danken muß mein Leben lang. Aber du? Ich fürcht, du hast dir um meinetwillen bei deinem Herrn eine böse Schüssel eingekocht. Da wirst du ein hartes Essen haben.« Irimbert schüttelte dem Bauer die Hände. »Weil du nur heil und frei bist! Um mich hab keine Sorg! Wernherus hat große Macht im Kloster. Aber bei Herrn Friedrich steh ich in Gunst.« Forschend sah ihm Greimold ins Gesicht. »Das sagst du mit Lachen. Aber deine Augen schauen ernst. Sagst du es bloß, daß ich deinetwegen ruhig bin?« »Ich hab dir gesagt, was wahr ist. Aber es ist an der Zeit, daß ich heimkehre. Leb wohl, Greimold!« Der Jäger umschloß mit festem Druck die Hand des Bauern. »Grüß mir dein liebes Kind! Und gib mir einen Buben, der mich führen soll.« »Ist dir's recht, so geh ich selber mit dir.« »Komm!« Sie schritten in den leuchtenden Wald hinein. Ein müder Windhauch lispelte um die Bäume, die welken Blätter fielen und raschelten. Da wandte sich Greimold, der vorangegangen. »Schau, Bub, jetzt ist mein Leben ans deinig festgebunden, und ich weiß noch gar nit, wie du heißt?« Der Jäger lächelte. »Irmi heiß ich.« »Irmi! Dein Nam ist jetzt in mir wie das Mark im Baum, wie die Wurzel im Grund. Das kannst du glauben!« Sie schritten weiter. 5 Nach kurzer Wanderung durch ungebahnten Wald erreichten Greimold und Irimbert einen Weg, auf dem sie Seite an Seite gehen konnten. Da brach der Jäger das Schweigen. »Sag mir, Greimold, ich verstand wohl die Falschheit des Medardus und seinen Anschlag gegen dich, aber ich verstehe nicht, was ihr geredt habt von Steuer und Holdenzins. Was soll das bedeuten, daß du ein Dienstmann des Himmels bist? Und daß dein Heimwesen den Namen Gotteslehen trägt?« »Das weißt du nit? Und stehst doch im Dienst des Klosters?« »Nicht lange noch.« »Seit wann bist du in unserem Tal?« – »Seit dem Sommer.« »Da kannst du freilich noch nit Bescheid von allem haben. Deine Herren werden auch in der Jägerstub nit aushaspeln, was sie spinnen im Kapitelsaal.« Mit herbem Lachen betrachtete Greimold seine Handgelenke, die ihn noch schmerzten vom Druck der Stricke. »Schau, Irmi, das alles ist so: Es hat das ganze Berchtesgadener Land vor hundert Jahren und darüber den Grafen von Sulzbach zugehört. Aber bloß der Forst und Wildbann ist ihr Eigen gewesen. Die paar hundert Leut, die im Tal und auf den Alben gehaust haben, sind auf ihren Heimwesen gesessen als freie Bauern von alters her. Aber die Herren meinen, sie müssen Knechte haben. Und wie's in der Ebnet draußen angefangen hat, daß die Burgherren dem Bauer sein freies Mannsgut nimmer vergunnt haben, schau, da hat's auch der Sulzbacher Graf so gemacht und hat einen Burgmann übers Gadnische Land gesetzt, der die Bauren schinden hätt sollen und Zins und Steuer von ihnen heben, als wären die Gadener seine hörigen Leut. Aber selm, da sind die Bauren noch andere Kerle gewesen als wir heutigentags. Die haben sich wie richtige Mannsleut um ihr freies Recht gewehrt. Und wie der Graf gemerkt hat, daß er wenig ausrichtet, hat er einen Zwingvogt in unser Tal geschickt. Der hat Watzmann geheißen. Wie die Leut erzählen, ist er ein Ries gewesen, doppelt so groß wie andere Menschen, und sieben Buben hat er gehabt, jeder ein Ries wie der Vater, und die haben gehaust im Land als wie die Werwölf. Kein Weib und Mädel ist sicher gewesen vor ihnen. Jeden Mann, der sich gewehrt hat um sein Gut, haben sie niedergeschlagen. Heut noch erzählen die Leut, es wär selbigsmal oft ein Morden gewesen, daß der Seebach vor lauter Blut völlig rot gelaufen ist. Von selm her, meinen die Leut, haben die Bachferchen die blutroten Tupfen am Leib. Aber wie die gadnischen Bauern im ärgsten Jammer gelegen sind, hat sich der Himmel ihrer Not erbarmet und hat ihnen zur Hilf einen frommen Mann ins Tal geschickt.« Der Jäger lächelte. »Hieß er nicht Eberwein?« »So hat er geheißen. Und weil er das Grausen gesehen hat, das der Zwingries und seine Buben anrichten im Land, hat er mit starkem Gebet zum Himmel gerufen. Da ist ein Wunder geschehen, Jäger! Mit der Faust hat Gott herausgelangt aus dem blauen Himmelsdach und hat von allen Bergen den höchsten in Scherben geschlagen und hat den Riesen und seine Buben in Stein verwandelt für ewige Zeiten. Ob's so gewesen ist, das weiß ich nit. So erzählen sie's in der Klosterkirch am Eberweinstag von der Kanzel runter. Und das ist wahr, daß selbigmal ein Berg gefallen ist, daß heut noch die hausgroßen Steintrümmer überall im Tal umeinanderliegen und daß die endsmächtigen Felszinken auf dem gebrochenen Berg der Steinries Watzmann und die Watzmannkinder heißen! Und derselbig fromme Mann, der Eberwein, der hat das Kloster gebaut, zumittelst in einem finsteren Wald, wo ein Priesterstein aus der Heidenzeit gestanden hat, und dreißig Jahr lang hat er im Gadnischen Land als frommer und guter Herr gewaltet. Ist ein Gottesmann gewesen, ein Heilbringer fürs ganze Tal und seine Leut. Recht und Ordnung hat er aufgerichtet, überall hat er den Klosterwald roden lassen, hat urbaren Boden draus gemacht und hat ihn aufgeteilt an die Bauren, hat ihnen gewiesen, wie man den Lein baut und das Wintertraid, wie man das Holzwerk schichten und schrägen muß für gute und feste Häuser. Den ersten Salzberg hat er aufgetan, daß tief aus der Erd heraus der Wohlstand in unser Tal geronnen ist wie ein dicker Bach. Und Schnitzerleut hat er kommen lassen von weit her aus dem Partnachgau, und da hat er Schul gehalten im Winter, und so haben's die Gadnischen gelernt, wie man Hausrat macht und schönen Kram für die Stuben schnitzt. Selbigsmal ist gute Zeit im Tal gewesen, jeder Bauer hat sicher hausen können in seinem Recht und Eigen. Ist einer in Not gefallen, so hat er nur brauchen zum Kloster laufen, und da hat er Hilf und Trost gefunden. Das ist anders heut!« Der Gotteslechner sah dem Jäger ins Gesicht. Seine Stimme klang heiß erregt. »Das Kloster hat Macht gewonnen und ist reicher worden mit jedem Jahr. Wie im Traid das Unkraut, so wachsen die Neider im Glück. Drum hat das Kloster bald einen schiechen Handel mit dem Salzburger Bischof und bald mit den Brüdern zu Reichenhall. Das kostet Geld. Drum brauchen sie Bauren, die fleißig steuern. Und Händel kosten Blut. Drum brauchen sie hörige Leut, die ihre Buben fürs Kloster erschlagen lassen. Das sind nimmer Gottesleut, die da drunten im Kloster sitzen, das sind Kriegsmänner und Weltherren. Und was dem Sulzbacher Grafen vor hundert Jahr mit Burgmannen und Zwingriesen nit geraten ist, das hat das Kloster fertiggebracht. Im ganzen Tal umeinander hauset kein freier Bauer nimmer. Ich bin der letzt! Dem einen haben sie in der Sterbstunde die brennende Höll unter dem Kreister angezunden, daß er aus Todesangst seiner Kinder Gut ans Kloster gegeben hat. Dem andern haben sie das Weib über den Hals geschickt, bis er dem Hausfrieden zulieb seine Hand hat binden lassen. Den einen haben sie mit Gut und Lachen rumgebracht, den anderen mit ihrem Zorn. Der einzig von allen, bei dem kein Mittel geholfen hat, das ist mein Ahnl gewesen. Der ist zäh geblieben. Doch wie mein Vater unser freies Heimwesen übernommen hat, da ist ihnen was Neues eingefallen.« Der Bauer lachte rauh. »Mein Vater war ein guter und fester Mann. Hätt ihm einer bloß mit dem Finger an sein freies Gut gerührt, er hätt zugeschlagen mit Händ und Füß. Aber wie halt jeder Mensch seinen Fehl hat – mein Vater ist ein lützel hoffärtig gewesen, hat herrenmäßige Kleider angelegt, hat sich ein Roß zum Reiten gehalten und dazu einen Schützen mit der Armbrust und mit gewäppeltem Rock. Und mit der Hoffart hat ihn das Kloster eingefangen. Zu jeder Festlichkeit ist er geladen worden, zum Gejaid und zur Falkenbeiz, zu jedem Liebeshof und Singertag, gradso wie die Lehensherren des Klosters. Und ist er geladen worden, so hat's geheißen: der freie Herr von Mitteralben und Vordereck. Das hat er gern gehört. Aber das halbe Gut ist draufgegangen beim Herrenspielen. Selm bin ich ein Bub in die zwanzig Jahr gewesen. Es hat mich gewurmt in tiefster Seel, wenn ich merken hab müssen, wie die Klosterherren hinter meinem Vater herlachen. Und oft, bei aller Lieb, hab ich ihm ein grades Wörtl gesagt. Er hat nit hören mögen. Ein Herr heißen, ist seine ganze Freud gewesen. Und arg verdrossen hat's ihn, daß er bei jeder Festbarkeit den Lehensherren den Fürtritt hat lassen müssen. Und einmal, bei einem Singertag im Kloster, wie der wieder auf dem letzten Sessel hat sitzen müssen, ist ihm der Zorn gekommen, daß er geschrien hat: ›Ich bin so gut ein Lehensmann wie der Hallturner und der Vogt vom Hangenden Stein, ich bin ein besserer noch, mein Lehensherr ist der mächtigste von allen Fürsten, der liebe Gott, der alles in der Welt gemacht hat und von dem ich mein freies Gut und Eigen zu Lehen hab.‹ Da hat's ein Lachen gegeben als wie beim Fasnachtspiel. Herr Konrad, der Propst, hat Schweigen geboten und hat meinen Vater beim Wort genommen, wie der Falk einen Zeisig faßt. Ein Lehensmann des lieben Gottes? Wo ist der Lehensbrief? Wann hast du den Lehenseid geschworen? Und da haben sie meinen Vater niederknien lassen auf ein seidenes Kissen, und es hat der Propst an Gottes Statt den Eid von ihm genommen und im Namen Gottes haben sie den Lehensbrief gesiegelt. Für die Klosterherren ist's eine lustige Mummerei gewesen, bei der sie ihren Nutzen gesehen haben. Für meinen Vater und für mich ist's böser Ernst geworden. Mein Vater in seiner blinden Freud hat beim Festmahl zu tief in den Krug geschaut, in der Nacht auf dem Heimweg hat er mit dem Roß einen schiechen Sturz getan, und drei Tag später ist der gute Lehensgesell des lieben Gottes ein toter Mann gewesen.« »Greimold! Und du?« »Am Gedingtag haben sie mich im Namen Gottes auf Einhalt meiner Lehenspflicht geklagt. Der Viztum hat ihnen recht gegeben, denn der Lehensbrief ist geschrieben gewesen, gesiegelt und von meines Vaters Hand gekreuzet. So hab ich wählen müssen, entweder der Lehensmann im Gotteslehen zu bleiben, oder –« Mit bitterem Lachen blickte der Bauer zum Himmel auf. »Oder es hätt mir geschehen können, daß mein Lehensherr sell droben das Lehen einem anderen gibt, der dem Himmel, will sagen dem Kloster besser ansteht. Wär's um mich allein gegangen, ich hätt's drauf ankommen lassen, ob ich mein Recht als freier Bauer nimmer finden könnt und wär zum Kaiser gegangen und hätt mich gewehrt bis aufs Blut. Aber selm ist eine Magd auf unserem Hof gewesen, die Alheid. Der bin ich von Herzen gut geworden. Dem braven Mädel zulieb hab ich fünfe grad sein lassen, bloß daß ich heuern hab können. Den ›Herren von Mitteralben und Vordereck‹ hab ich zu meines Vaters schönem Gewand in die Truhen gesperrt und bin ein Bauer geblieben mit meiner Bäuerin. Dem Frieden zulieb hab ich an jedem Ostertag meinem himmlischen Lehensherrn, will sagen dem Kloster, eine Gab in die Kirch getragen. Allweil hab ich's gern getan. Ich hab gemeint, ich müßt meinem Herrn da droben dankbar sein. Hat er mir doch ein liebes Weib geschenkt und ein herzliebes Kind.« Der Wald wurde lichter. »Jetzt haben wir nimmer weit«, sagte der Bauer, »schau, sell drüben kannst du dem Hilpot seinen Hag sehen.« Irimbert legte dem Gotteslechner die Hand auf die Schulter. »Laß uns noch bleiben, Greimold! Du sollst mir alles sagen! Auch wie deine Jutta das Licht verlor.« Sie ließen sich am Wegsaum nieder. »Ein paar Jahr ist Ruh gewesen, und ich hab mich freuen können an meinem Hausglück. Und hab schon gemeint, es tät so bleiben. Da haben die da drunten wieder angefangen. Warum ich meine Gottessteuer an Ostern bring? Das wär gegen allen Brauch. Ich sollt halbjährig steuern, am Michelstag und an Lichtmeß, wie die Grundholden. Der liebe Gott möcht Ordnung sehen in der Welt. Ja, freilich, weil man auf der Welt so viel merkt davon! Hätt ich ihnen den Willen getan, ein paar Jahr später hätten sie gesagt: Der hat allweil gezinset wie die Holden, drum ist er ein Eigenmann des Klosters. Deswegen hab ich's geweigert, und vor Gericht hab ich recht behalten.« Greimold atmete schwer und drückte die Fäuste an seine Stirn. »Selbigsmal ist mein liebes Kind ins sechste Jahr gegangen. Und da ist's im Mai gewesen, an einem lindschönen Tag. Mein Weib ist mit dem Kind im Buchwald gewesen und hat Heilkräuter gesucht. Und auf einmal sagt das Kindl: ›Mutter, gelt, jetzt müssen wir heim?‹ – ›Warum denn?‹ fragt mein Weib. ›Weil's Nacht ist, Mutter, ich tu mich fürchten!‹ Da hat mein Weib noch gelacht: ›Aber Herzlieb, schau, es scheint ja die Sonn!‹ Das Kindl fangt mit den Händlen so zum suchen an und weint: ›Mutter? Wo bist du? Ich seh dich nimmer!‹ Meine Adelheid ist heimgekommen, das Kindl am Herzen, und hat ausgeschaut, daß ich gemeint hab, die Wölf sind hinter ihr. Mir ist gewesen, als tät mir das Herz keinen Schlag mehr. Ich weiß nimmer, was wir alles getan haben im ersten Schreck. Das Kind hat keine andere Red mehr gehabt als ›Mutter, ich seh dich nimmer! Vater, wo bist du?‹ In meiner Seelenangst hab ich das Kind hinuntergetragen ins Kloster. Der Pater Medikus hat lateinisch geredet, hat keinen Rat gewußt und hat mir auf deutsch gesagt: ›Schau her, so hat Gott dich gestraft für deinen Starrsinn!‹« »Ja, Greimold«, sagte der Jäger mit bebender Stimme, »das ist ihr Gott! Den predigen sie. Und dann schreien sie Zeter, wenn einer nicht glauben will.« Noch in der selbigen Nacht bin ich mit dem Kind auf Salzburg hinein, und mein ganzes Gut hätt ich drum gegeben, wenn ihm einer hätt helfen können. Da ist kein Mittel nimmer gewesen. Mein Kind hat blind sein müssen und hat auch die Mutter noch verloren.« Verstummend blickte der Bauer vor sich nieder. »Greimold?« »Ich hab mein Weh mit Schweigen verwunden. Aber mein Weib ist den Jammer nimmer losgeworden. Trübsinn hat ihr Gemüt umsponnen. Sie hat gemeint, sie könnt die Hilf herunterschreien vom Himmel. Ihr ewiger Gang ist hinunter zur Klosterkirch gewesen, derweil ich daheimgesessen bin und meinem blinden Kind erzählt hab, wie die Blumen ausschauen und wie blau der Himmel ist und wie allweil die Sonn scheinet für die guten Menschen in der lieben Welt. So lang hab ich allweil erzählt, bis mein Kindl in Freud hat lachen können: ›Ich seh's, Vater, ich seh's!‹ So ist das erste Jahr vergangen, und wieder ist's Mai gewesen. Das Kind hat langsam wieder zum Leben angefangen und hat sein finsteres Unglück nimmer verspürt. Aber die Mutter ist allweil trauriger worden, und so was Scheues hat sie allweil in den Augen gehabt, daß ich mir oft hab denken müssen, in dem Weibl ist nimmer alles richtig. Einmal in der Nacht, da wach ich auf und hör, wie sie mit sich selber redet. Da hab ich sie in den Arm genommen und hab gefragt: ›Geh, Alheid, sag mir's, was hast du allweil?‹ Ich hab kein Wörtl aus ihr herausgebracht. Und wie der Morgen gegrauet hat, seh ich, sie wachet noch allweil und betet. Wie sie aufgestanden ist, hab ich sie zum erstenmal wieder lachen sehen. Mich hat sie gehalset als wie in der ersten Liebeszeit. Den ganzen Tag ist sie mit dem Kind beisammengesessen und hat gescherzt mit ihm wie eine Mutter im Glück. Ich hab aufgeschnauft und hab gemeint, jetzt ist wieder Sonn in meinem Haus! Ja, schöne Sonn!« Mit versinkender Stimme nickte Greimold vor sich hin; seine Augen waren trocken; dennoch wischte er mit der Faust darüber, als wären sie naß von Tränen. »Am selbigen Tag, da haben meine Leut den Lein gesät, und ich bin nach der Mahlzeit einen Sprung aufs Feld gelaufen, daß ich ein lützel nachschau. Aber es hat mich heimgetrieben, daß ich mein Glück wiederseh, meine Alheid und mein Kind. Wie ich heimkomm, sitzt das Kindl beim Ulmenbaum, hat den Schoß voll Blumen und hat von Blumen ein Kränzl im Haar. ›Schau, Vater‹, sagt's, ›die Blumen hab ich von der lieben Mutter.‹ Da frag ich: ›Wo ist die Mutter?‹ Das Kindl sagt: ›Die ist zum lieben Gott gegangen, und zwei blaue Blumen tut sie ihm bringen, von allen Blumen die schönsten, hat sie gesagt, und da muß mir der liebe Gott das Licht wieder schenken.‹ Ich denk mir, sie wird halt wieder hinunter sein in die Klosterkirch. So bin ich sitzen geblieben bei meinem Kind. Mit Lachen und Plauschen haben wir auf die Mutter gewartet. Der Tag geht um, und noch allweil ist die Alheid nit daheim. Es ist Nacht worden, und mir ist eine Sorg ins Herz gesprungen, kalt wie der Tod. Ich hab mir's wieder ausgeredet. Vielleicht hat der Bruder Mesner die Kirch versperrt und hat nit gesehen, daß die Alheid noch beim Kreuzbild kniet und betet. Ich muß hinunter, denk ich, hab mein Kind zur Ruh gebracht, hab eine Fackel angezunden und bin gelaufen. Wie ich schier drunten bin im Tal, wo der Seebach geht, da hör ich im schwarzen Holz ein lustiges Jodeln. Und wie ich merk, es ist der traurige Jacho, da ist mir der eisige Schrecken in alle Glieder gefahren. Der traurige Jacho, den die Leut so heißen, ist ein Unsinniger. Der hockt mit Schluchzen die ganze Nacht vor jedem Haus, in dem ein Kindl neugeboren ist. Und in heller Narrenfreud hebt er allweil ein lustiges Jodeln an, wo ein Leut versterben muß.« »Ein Narr? Nein, Greimold!« sagte der Jäger mit einer Stimme, die vor Erregung zitterte. »Das ist ein Weiser!« Der Bauer schien nicht zu hören. »Wie ich selm in der Nacht den Jacho im finsteren Holz so lachen und juchzen hab hören, ist mir's mit Angst durch die Seel gegangen: Das gilt meiner Alheid! Ich lauf und lauf. Und wie ich zur Wolfsreut komm – das ist ein Platz im Buchwald, da haben vor dreißig Jahr zur Winterszeit die Wölf einen Pfarrherren zerrissen, der einem Kranken den letzten Trost hat bringen wollen, und zum Gedenken hat das Kloster am selbigen Platz ein Kreuzbild aufgerichtet – und wie ich zur Wolfsreut komm und hinleucht mit der Fackel, sitzt der lachende Narr beim Kreuz. Auf dem Boden vor ihm ist die Alheid gelegen. Ihren Kopf hat der Jacho auf seinem Arm gehalten und hat sie gewiegt als wie ein Kindl, das schlafen soll. Ihr Gesicht ist überronnen gewesen von Blut. Und statt der lieben blauen Augen hab ich zwei rote Höhlen gesehen.« Von einem Schauer gerüttelt, deckte der Bauer die Arme über das Gesicht. »Greimold!« stammelte Irimbert. »Welches Untier in Menschengestalt vermochte an deinem schuldlosen Weib solchen Greuel zu verüben?« Der Bauer ließ die Arme sinken. »Sie selber hat's getan. Derweil sie in meinen Armen verblutet ist, sind ihr noch ein paar Wörtlen aus der verlöschenden Seel getröpfelt, die mich alles haben verstehen lassen. Im Kloster hat ihr der Leutpfarr allweil zugeredet, sie müßt den Himmel versöhnen, der uns zürnet, müßt meinem Kindl zulieb ein Opfer bringen und mein freies Heimwesen ans Kloster geben. Sie hat mich liebgehabt, die Alheid. Eh sie verlangt hätt von mir, ich sollt mein freies Mannstum ablegen und ein Knecht sein, lieber hat sie ihr Bestes zum Opfer gegeben, von allen blauen Blumen die schönsten! Und hat gemeint, das Licht, das ihr genommen ist, müßt der Himmel ihrem Kindl wiedergeben. Fest und heilig hat sie's geglaubt. Und hat mich gebeten, ich sollt sie nimmer heimtragen, damit ihr Kindl nit sehen müßt, wie die Mutter ausschaut! Mir ist das Herz gewesen wie in tausend Fetzen gerissen. Aber ich hab's erzwungen von mir, daß ich dem armen Weib seinen Glauben nit zerschlag. ›Ja, Liebe, dein Kindl ist sehend worden, heut auf den Abend, und du hast ihm das Licht gegeben.‹ Da hat sie im Sterben noch einmal lachen können. Ich hab sie im Arm gehalten, bis ihr Gesicht so kalt gewesen ist wie Schnee. Dann hab ich die Alheid zum Kloster getragen, hab ihnen das tote Weib mit den roten Augen vor die Kirchtür gelegt, bin heim und hab meinem blinden Kind einen Gruß von der Mutter gebracht, dazu einen Arm voll Maiblumen.« »Dein Kind hat nie erfahren, wie seine Mutter starb?« Greimold schüttelte den Kopf und erhob sich. »Komm, ich verleid das Sitzen nimmer!« Sie schritten unter dem stillen Fall der welken Blätter. Um ihre Füße raschelte das tote Laub, das die Erde bedeckte. Da lachte der Bauer rauh. »Jetzt hab ich Ruh gehabt! Zehn Jahre lang. Als hätten die roten Augen meiner Alheid denen da drunten einen Zornblick in die Seel getan. Selbigsmal ist Herr Friedrich Propst geworden, ein fürnehmer Herr, die die Falken liebhat. Drum weiß er, daß der linde Griff viel weiter hilft als die grobe Faust, bei den Leuten grad so wie bei den Beizvögeln. Aber der ewige Streit mit seinen Stiftsherren hat ihn müd gemacht. Jetzt läßt er den Karren laufen, wie die anderen ihn ziehen. So sind die Scharfen unter den Stiftsherren obenauf gekommen, und Wernherus ist Dekan.« Mit Sorge sah Greimold zu dem Jäger auf. »Tu dich wahren, Bub, daß du dem nit unter die Hand kommst! Der hat einen Griff wie der Geier.« Der Jäger schwieg. »Der hat den Streit um mein freies Gut wieder angehoben. Und weil er merkt, daß er auf gradem Weg nichts ausrichtet, geht er den krummen. Im vorigen Herbst ist der Leutpfarr zu mir gekommen: Die Seel meiner Alheid war ihm erschienen und hätt geklagt, sie könnt nit eingehen zur Seligkeit und müßt zwischen Höll und Himmel brennen. Ich hab zwei Rinder an die Kirch gegeben. Ein paar Tag später sind sie gekommen, mein Vieh hätt Schaden getan an den jungen Pflanzen im Klosterwald. Um meine Sennbuben aus der Straf zu lösen, hab ich mich pfänden lassen um ein Kalb. Im Frühjahr hat der Steinhauser, der mein Inrainer ist, sein Weib genommen, und weil mir leid war um den armen Schlucker, daß er von seinem ringen Sach noch hergeben sollt, drum hab ich für ihn eine Milchkuh als Brautsteuer ans Kloster gegeben und ein paar süße Käs an den Leutpfarr. Jetzt sagen sie, ich hätt zu Lichtmeß und am Michelstag gezinset wie ein höriger Mann. Und schreiben die Lug ins Holdenbuch.« »Nein, Greimold! Dazu ist Wernherus zu klug.« Der Jäger lächelte. »Warum aber sagen sie's?« »Um das zu ergründen, sind wir beide nicht fromm genug.« »Ja, Bub! Einer mit gradem Sinn steht allweil wie ein Kind vor jedem, der krumme Gedanken hat. Der Zinsmeister wird zeugen gegen mich, daß ich heut getan und gesagt hab, ich weiß nit was. Und sie werden mich fassen wollen.« »Wenn das geschieht? Was dann?« »Wollen und Können ist zweierlei!« sagte der Bauer mit ruhigem Ernst. »Wenn sie meinen, sie zwingen's mit Gewalt, so nehm ich mein Recht in die Faust und wehr mich bis aufs Leben. Ich steh nit allein. Mein Gesind ist in Treu mit mir zusammengewachsen wie der Baum und seine Borken.« In Sorge und zugleich mit Wohlgefallen glitten die Augen des Jägers über die Gestalt des Bauern. »Du bist der Mann, der Treue verdient. Aber die dort unten, Greimold, sind die Stärkeren.« »Stärker als gutes Recht ist keiner.« »Stärker als jedes Recht ist immer das Unrecht.« »Das ist nit wahr, Bub! Sie können mein Hagtor einrennen, Feuer in mein Haus werfen und mich niederschlagen. Mein Recht bleibt.« »Und dein Kind, Greimold?« Der Bauer drückte die Fäuste auf seine Brust, als wären ihm die Rippen zu eng für die Sorge, die bei der Frage des Jägers in seinem Herzen lebendig wurde. »Was geschieht mit meinem Kind, wenn ich heut oder morgen sterb in Ruh und Fried? Sie wird's nit härter haben, wenn die Knecht des Wernherus über mich kommen.« Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund. »Ich bin doch der Lehensmann des lieben Gottes. Jeder Fürst hat diemal eine gnädige Stund. Muß ich halt denken im letzten Schnaufer: Mein Lehensfürst sell droben wird's gütig meinen mit dem Kind seines Dienstgesellen. Mach ich's halt meiner Alheid nach und geh hinüber mit einer Lug, die mich tröstet! Komm, Bub, da drüben ist dem Hilpot sein Haus!« Stumm schritten sie der blauen Lichtung zu, die zwischen den welkenden Buchen schimmerte. Der Bauer blieb stehen. »Mir ist nit um das bißl Zinsgut, das die da drunten heischen von mir. Zwiefach mehr, als sie verlangen, geb ich alljahr an Leut, die's brauchen können. Aber ein blindes Kind, wenn's nit verzagen soll in der Finsternis, muß seinen Glauben haben an Blumen, die nit sterben. Gradso geht's jedem anderen. Wer lebt, muß die Augen ein lützel blind haben und im Dunkel sein Blüml sehen. Jedem, der lebt, muß in tiefster Seel was leuchten, das er in aller Lebenskält verspürt wie Maiensonn. Oder sein Leben war den Schnaufer nit wert. Was meinem Kind seine ewigen Blumen sind, das ist mir der Halt an meinem freien Mannstum.« Irimbert faßte die Hand des Bauern. »Keiner versteht dich besser als ich. Mein Leben ist unnütz, ihm fehlt die Blume. Von dieser Stund an soll's meine Freude sein, an dein Kind zu denken und für dich zu hoffen. Vielleicht auch, daß ich dir nützen kann. Und wenn sie Gewalt gegen dich brauchen, bin ich bei dir und will mit dem Eisen bei deinem Hagtor stehen.« »Bub? Das tätest du für mich?« »Ja, Greimold. Wernherus wird so schnell nicht begreifen, als ich willens bin, mich seiner zu erwehren.« »Irmi?« stammelte der Gotteslechner. »Gelt, daß du fürchten mußt für dich? Um meinetwillen und wegen heut? Bub! Ich lauf hinunter ins Kloster und biet ihnen Büß nach ihrem Willen, ich kauf dich aus ihrem Dienst. Was sie verlangen, geb ich.« Er umklammerte die Hand des Jägers. »Du bist mir liebgeworden. Ich mag's nit denken, daß sie dich büßen. Ich schaff dir die Freiheit, Bub! Dann komm zu mir! Sollst es haben an meinem Herd, als wärst du mein eigen Blut. Und mein Kindl soll dir gut sein wie einem Bruder!« Irimbert schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein, Greimold! Zwischen deinem Wunsch und der Pflicht, die mich bindet, liegen Wasser und Berge.« »Ein Wasser kann verlaufen, ein Berg kann fallen.« »Das wird an dem Tag geschehen, der mich erlöst vom Leben. Wir müssen scheiden, Greimold!« Der Bauer wollte die Hand des Jägers nicht lassen. »Mir ist bang um dich. Not über Not seh ich kommen. Und meine Angst hat doppelten Weg: Der eine geht heim und der ander zu dir. Herr du mein, wie hart ist das Leben!« »Es muß so sein, wie es ist. Mir scheint, der Klügste von uns allen ist der traurige Jacho.« Der Bauer atmete tief. »Du hörst wohl diemal im Kloster was von der Welt sell draußen? Das mit dem König Wute, der tief im Untersberg hauset und einmal kommen soll, seinen Goldschild an den Birnbaum hängen und Frieden machen auf der Welt? Das ist heidnisches Märenzeug, an das ich nit glauben mag. Aber sag mir, ob das wahr ist, daß der Kaiser Rotbart nimmer lebt und daß er im Judenland versunken ist in einem reißenden Wasser.« »Das ist Wahrheit.« »So kann's auch der nimmer sein, der kommen und helfen soll?« »Auch der nicht!« »Bub!« Die Stimme des Bauern war wie ein Schrei der Sehnsucht. »Es muß doch einer kommen, der alle Not verjagt und im Leben steht wie ein Turm mit mächtigen Glocken, die hinaustönen ins weite Land: Bei mir ist Recht, bei mir ist Frieden! So einer muß doch wieder kommen!« »Das ist die Sehnsucht aller Zeiten und Menschen. Nie erfüllt sie sich.« »Die gute Zeit ist doch gewesen einmal!« »Hättest du gelebt in ihr, sie wäre dir schlecht erschienen.« »Warum lebt man dann?« »Das weiß ich nicht.« Der Jäger gewahrte am Wegsaum eine halb verdorrte Blume. Er brach sie und reichte sie dem Bauer hin. »Bring deinem Kind meinen Gruß und diese Blume. Sie ist welk und hat keinen Duft mehr. Das Herz deines Kindes wird sie blühen sehen.« Greimold hielt den dürren Stengel in seiner zitternden Hand. »Irmi?« Wortlos wandte sich Irimbert und schritt dem Hag des Jägerhauses entgegen. Die Sonne, die über dem Wald gelegen, war erloschen, und der Himmel begann sich zu trüben. Langgezogene Dunstwolken stiegen über die Berge herauf. In der Hofreut des Jägerhauses saßen Mutter Hanna und Reinold auf der Steinbank. Die Alte spann, und der junge Falkner aß von einem kalten Stück Wildbret, das er in der Hand hielt und mit dem Messer in Scheiben schnitt. Kauend murrte er vor sich hin: »Allweil ist die Angst in dir, mit der du mich plagst. Ging's nach dir, so dürft ich nit reden und dürft nit schweigen, sollt das eine nit tun und nit das ander. Was hab ich denn da vom Leben?« »Laß dir raten von deiner Mutter! Die hat sechs verloren und banget um ihren letzten. Sei gescheit und verhehl's im Kloster, daß du droben gewesen bist. Und schwatz nit solches Zeug! Er kennt doch die Leut sell droben nit. Wird halt im Zufall zum Gotteslehen gekommen sein und gerastet haben.« »Zufall? So? Hättest du nur gehört, wie er geredet hat mit ihr! Als ob er selber blind war, oder –« Der Falkner sprang erschrocken auf. Irimbert hatte den Hof betreten. Auch Mutter Hanna erhob sich. »Guten Tag, Herr! Mein Mann hat dich gesucht. Hat er dich nit gefunden?« »Er fand mich.« »So wird wohl alles gut sein. Dein Zeug, Herr, hab ich in der Stub zurechtgelegt.« »Ich danke dir, Hanna!« Irimbert trat ins Haus. Stimmen ließen sich im Wald vernehmen. Der alte Hilpot, mit vier Männern, brachte auf einer Schleifbahre, die aus Fichtenästen geschränkt war, die beiden Hirsche zum Jägerhaus. Mutter Hanna ging ihm entgegen. »Grad ist er gekommen. Schick die Mannsleut fort! Sie müssen nit wissen, wer im Haus ist.« Hilpot wies den Hund zur Ruhe, der mit Gebell die Hirsche umkreiste. Dann sagte er zu den Männern: »Vergelts Gott, Leut! Wenn Feierabend ist, dann kommet zu einem festen Trunk und zur Hirschleber.« Als die Männer gegangen waren, blickte Hilpot in Sorge nach der Haustür. »Ich hab ihn doch schon gefunden am frühen Morgen. Wo ist er denn gewesen die ganze Zeit?« Er zog einen Hirsch von der Bahre und begann ihn zu zerwirken. »Komm, Bub, hilf mir!« »Daß ein Falkner mit Haarwild zu tun hat, ist gegen die Regel.« »So?« brummte der Alte. »Zu meiner Zeit hat ein Jäger allweil getan, was sein hat müssen.« »Ich hab mein gutes Zeug an. Das tät ich schweißig machen.« »Drum! Die Regel ist Nebensach.« »Geh, Reini«, fiel Mutter Hanna ein, um eine gereizte Antwort des Sohnes zu verhüten, »hinter dem Haus hab ich den Lein in die Sonn gelegt. Tu ihn zu einem Bund zusammen.« Reinold ging. Und Hanna sagte zu ihrem Mann: »Allweil mußt du hacheln mit ihm.« »Und du mußt ihn päppeln! Verderben schon die da drunten genug an ihm!« Hilpot verstummte. Auf der Schwelle des Jägerhauses stand Irimbert im weißen Ordenskleid der Chorherren von Berchtesgaden. Die Pelzverbrämung an der aufgezogenen Krempe des Baretts und am Saum des kurzen Mantelkragens, der die Schultern deckte, verriet, daß der Träger dieses geistlichen Gewandes aus adeligem Hause stammte. Einer Ecke des Kragens war das Wappen seines Geschlechtes eingestickt, ein blauer Helm mit goldenem Bienenkorb als Ziemier, das Wappen der fränkischen Grafen von Immhof.« »Gottes Gruß, lieber Herr!« sagte Hilpot. »Ich kann dir die Hand nit bieten.« Seine Arme waren bis an die Ellbogen rot vom Schweiß des Hirsches. Er trat auf Irimbert zu und fragte leis: »Warum, Herr, bist du nit lang schon daheim? Hast du dich bergen müssen? Vor denen, die dich gesucht haben?« »Nein.« »Wo bist du gewesen?« »Bei Menschen, die mir liebgeworden. Ich lernte dort unten im Wald den Greimold kennen und hoffe, daß ich ihm nützen kann. Wenn er fragen sollte nach mir, so will ich für ihn nur sein, was ich heute war: Irmi der Jäger. Sage das auch der Mutter Hanna und deinem Reinold!« Irimbert wandte sich zum Heimweg. »Gottes Gruß, Herr!« nickte Mutter Hanna. Da blieb er lächelnd stehen. »Sieh nur, Hanna, wie ein Tag den Menschen wandelt! Gestern war der Wunsch in mir, daß ich liegen möchte, wo ein Baum gefallen.« »Und heut?« Es sprühte in seinen Augen. »Heut ist der Wunsch in mir, daß ich selber wäre wie ein starker Baum, der mit Brausen stürzen kann, um alles Unkraut zu zerschlagen, das auf der Erde wuchert.« Die Spinnerin sagte ruhig: »Was tät's dir helfen? Schlag hundert giftige Kräuter nieder, und tausend wachsen.« »Aber hundert wären ausgerottet. Das gäbe Raum für Blumen.« Raschen Ganges verließ er die Hofreut. Mit kurzen Windungen führte ein von Regenbächen ausgespülter Saumpfad über das steile Waldgehänge hinunter. Das farbige Laub, das in der Morgensonne wie Feuer geleuchtet hatte, schien im trüben Licht des verschleierten Himmels wie mit Staub überhaucht; keine Vogelstimme im Wald; sogar die Bäche schienen verstummt, als wäre bleischwere Luft, die jedes Geräusch verschlang, auf die Erde gesunken. Nun fiel ein kalter Windstoß über die Wipfel und wirbelte das welke Laub davon. Wieder Stille. Irimbert, in Gedanken versunken, schien nichts anderes zu sehen als den Weg, dem er folgte. Plötzlich verhielt er den Schritt, gefesselt vom Anblick eines erbarmungswürdigen und dennoch lächerlichen Menschenbildes. Neben dem Saumpfad, an den Stamm einer Buche gelehnt und bis an die Hüften eingewühlt in das welke Laub, ruhte ein Greis, nur halb noch ein lebender Körper, halb schon Gerippe. Das weiße Haar fiel in dünnen Strähnen lang herab, mit Reisigstücken und Moos behangen. Der Bart war zu ungleichen Stoppeln geschnitten, die wie ein weißer Filz das Gesicht überwucherten und nur die Augen noch übrigließen, eine graue, runzelige Nase und eine niedere Furchenstirn. Sein Gewand war nur ein hängender Fetzen, durch dessen Risse der magere, welke Leib hervorsah. Statt des Gürtels trug er eine schwere Eisenkette um die Hüfte, und in den Armen hielt er ein Kreuzbild aus rostigem Blech, wie es auf den Gräbern armer Leute zu stehen pflegt. »Mensch! Wer bist du?« Ohne zu antworten, sah der Greis an dem Mönch hinauf, mit dem Blick des Irrsinns in den trübflackernden, rotgeränderten Augen. »Bist du es, den sie den traurigen Jacho nennen?« Der Irre verstand seinen Namen und nickte. »Warum trägst du die Kette? Willst du büßen?« Jacho schwieg. »Liebst du den Guten, dessen Leidensbild du in den Armen hältst?« Jacho schwieg. »Bist du stumm?« Da nickte der Greis. Bewegt vom Anblick dieser Armut, reichte Irimbert dem Irren eine Münze. Jacho nahm sie mit einer von Schmutz überkrusteten Hand, betrachtete das Silber, warf es ins welke Laub und wischte an seinen Lumpen die Hand ab. »Ich merke, du bist reich! Und ich, der ich dir geben wollte, bin der Arme.« Je länger Jacho die schönen, strengen Züge des jungen Mönches betrachtete, desto schärfer wurde sein Blick. Nun drückte er das Kreuzbild fester an seine Brust, seine Augen füllten sich mit Tränen, und zwei große Tropfen kollerten ihm über die Stoppeln des weißen Bartes. »Weinst du, weil ich leben muß?« Der Irre bewegte den Mund. Ein sinnloses Lallen kam von seiner Zunge. »Ja, guter Freund, so lautet die Antwort immer, wenn einer eine Frage an den Tod oder an das Leben stellt. Du bist ein weiser Mann.« Mit ernstem Lächeln wandte Irimbert sich von dem Irren ab und folgte dem Weg. Jetzt wurde der Berghang flacher, der Wald begann sich zu lichten, zwischen den Bäumen schimmerte das müde Gelbgrün einer herbstlichen Wiese, und Irimbert trat aus dem Wald auf einen freien Hügel hinaus. Hier stand ein Kreuz. War das die Wolfsreut? War es das Kreuz, vor dem die Alheid das Opfer der blauen Blumen brachte? In zwei dunklen Linien durchschnitten die gekreuzten Balken das herrliche Bild des offenen Tales, das dem Hügel zu Füßen lag: mit dem blitzenden Lauf der Ache, mit dem welligen Geländ der Wälder und Wiesen, mit den zerstreuten Wohnstätten inmitten kleiner Felder und Gärten; mit dem Kranz der schönen Berge, die das Tal umhegten gleich einer ewigen Mauer – einer Mauer, über deren Zinnen wie ein Turm und Wahrzeichen der Natur der gebrochene Felskegel des Watzmanns und die Steinzacken der Watzmannkinder sich erhoben. Das schöne Bild war ohne Sonne. Unter dem trüb gewordenen Himmel waren alle Farben gedämpft, alle Heiterkeit der Landschaft war in Ernst verwandelt. Wie der Steinriese Watzmann über den kleineren Bergen, so ragte über den ärmlichen Wohnstätten der hörigen Bauern das reiche, mächtige Kloster empor mit Basteien und Mauern, mit schimmernden Fenstern und starken Toren, mit spitz gegiebelten Dächern und mit dem wuchtigen Turm des Münsters, der gleich einem steinernen Riesenarm zum Himmel wies. Irimbert betrachtete das hölzerne Kreuz und blickte hinüber zum Kloster. In seinen Augen war heller Glanz. So hatten sie gefunkelt, als er im Jägerkleid dort oben in die sternhelle Nacht hinausgerufen hatte: »Kampf! Wie bist du schön! Wie lieb ich dich!« – Um die gleiche Stunde, als der Sturm begann, erreichte der Gotteslechner sein Heimwesen. Vor dem Hagtor traf er mit dem Steinhauser zusammen, der aus der Hofreut kam, eine langstielige Axt auf der Schulter. »Wo aus, Nachbar?« Zum grauen Himmel aufblickend, sagte der Steinhauser lachend: »Ich mein, es geht auf den Winter zu. Da will ich mir heut noch eine schöne Feicht niederschlagen, daß sie dürren kann unterm Schnee und bis zum Frühjahr feinspaltige Bretter gibt zu einer Wiegen.« »Gottes Segen über dein Hausglück, Nachbar! Aber gelt, eh's Abend wird, bist wieder daheim? Ich muß reden mit dir. Auch könnt ich Ursach haben, daß ich zur Nacht mein Hagtor fest verwahr.« Erschrocken sah der Steinhauser dem Gotteslechner in die Augen. »Bauer?« Greimold spähte durch das offene Tor und dämpfte die Stimme. »Ist das Kind im Hof?« »Wohl, sie sitzt bei der Ulm, und ihr Gesichtl ist freudig, wie ich's lang nit gesehen hab.« Auch der Steinhauser sprach mit leiser Stimme. »Aber sag, Bauer –« »Wir reden's zum Abend aus. Sie könnt uns hören. Geh, Nachbar!« Der Steinhauser nahm die Axt von der Schulter und prüfte mit dem Daumen die Schneide. »Ich bleib daheim.« Laut und lustig begann er mit dem Gotteslechner zu schwatzen, und vom Hagtor rief er zur Ulme hinüber: »Juttla, tu dich freuen, der Vater ist da!« Dann ließ er sich neben dem Tor auf einen Holzblock nieder und legte die Axt übers Knie. Von der weißen Hündin geführt, kam Jutta dem Vater auf halbem Weg entgegen. Im Winde flatterte das lockige Haar um ihre Wangen. Beim Anblick seines Kindes stieg dem Gotteslechner das Wasser in die Augen. Dann grüßte er mit heiteren Worten. Und Jutta sagte: »Vater, ich muß dir was erzählen –« »Ich mein, ich weiß schon alles.« Greimold legte den Arm um das Mädchen. »Willst du mir sagen von einem Jäger, der Irmi heißt? Der ist in der Waldhut drunten zu mir gekommen.« »Bist du ihm gut geworden?« »Gut fürs Leben.« Greimold sah mit heißem Sorgenblick in das Tal hinunter. »Ich soll dich grüßen, bis er wiederkommt.« Seine Stimme schwankte. »Schau, er hat mir zum Gruß ein Blüml geboten. Für dich.« »Gib mir's!« Das Gesicht von rosigem Schein überglänzt, stand die Blinde mit suchenden Händen, während Greimold die welke Blume achtsam von seiner Kappe löste. Halb war die sterbende Blume schon zerfallen. Jetzt wehte der Wind die letzte farbige Flocke ihres Kelches davon. Als Jutta den kahlen Stengel empfing, zitterten ihre Hände, wie die Finger eines Kindes zittern, wenn es scheu eine zerbrechliche Kostbarkeit berührt. Der Sturmwind zauste ihr Haar, faßte rauschend ihr Kleid und machte den zarten Mädchenkörper wanken. Das schien die Blinde nicht zu fühlen. Sie lächelte. »Vater, ich seh das Blüml! Du hast mir noch keines gebracht, so lieb und schön.« Sacht berührte sie den Knoten des entblätterten Kelches. »Gelt, es ist noch ein Knöspl, ein junges? Weil ich um sein Gesichtl herum kein Blättl spür?« »Ja, Kind, ein Knöspl! Wie gut du das gesehen hast!« »Wenn ich's hegen tu, wird's blühen?« »Ja, Kind!« Der Bauer warf in Unruh einen Blick gegen das Hagtor. Man vernahm den Schellenklang und das Gebrüll der heimkehrenden Herde. »Komm, ich führ dich ins Haus.« Als sie zur Tür kamen, hörte Jutta den Lärm. »Vater, warum treiben die Sennen heim? Es ist doch so schöne Zeit!« »Freilich, ja! Aber rauhes Wetter ist nimmer weit. Ich mein, es blühen die Eisblumen bald.« »Warum singen die Buben nit wie sonst, wenn sie heimtreiben?« »Sie singen wie allweil. Aber der Wind ist laut. Da hört man's nit. Geh, komm ins Haus!« Während die beiden über die Schwelle traten, sprang die weiße Hündin mit Gebell der Herde entgegen. Ruglind brachte den Karren mit dem Almgerät gezogen, keuchend unter der Last, das vergrämte Gesicht von Schweiß überronnen. Ihr folgten die Junghirten mit den Ziegen und Schafen. Eine Weile später kamen die Sennen mit der großen Herde. Das war trübselige Heimkehr. Kein Lied, kein Jauchzer. Nur die Rinder brüllten. Als sie in den Hag getrieben waren, schloß der Steinhauser das Tor und schob die schweren Riegelbalken in die eisernen Klammern. Sausend jagte der wachsende Sturm über das Gotteslehen und seine Dächer hin. 6 Was war in hundertdreißig Jahren aus der kleinen Martinsklause geworden! Ihr erster Anfang hatte sich schon in Sage verwandelt, in welcher Riesen und Wunder spielten. Aus dem weltverlorenen Heim der Brüder, die das Kreuz errichtet und den Wald gerodet hatten, war ein reiches Stift geworden, in welchem regulierte Chorherren aus adligen Geschlechtern saßen, »Kriegsmänner und Weltherren«, die bei allen Händeln der deutschen Fürsten mitzureden hatten. Die kluge Politik der Pröpste, die treu zum Kaiser hielten, die Gunst der wechselvollen Zeiten, die sichere Abgeschiedenheit des von Bergen umwallten Ländleins – das alles hatte zusammengewirkt, um das junge Stift in hundert Jahren zu einer Machtblüte emporzuführen, zu welcher andere Klöster erst nach zwei und drei Jahrhunderten gelangen konnten. Die Stürme jener kriegerischen Zeit warfen nur selten eine halb verrauschte Welle in das abgelegene Tal. Von den Erschütterungen, welche die Kreuzzüge in der abendländischen Welt hervorriefen, verspürte man in diesem geschützten Kessel der Berge kaum ein leises Zittern. Die Chronik des Klosters weiß nur von einer einzigen Kreuzfahrt zu erzählen, an welcher ein Propst des Stiftes teilgenommen hatte, um in den Schlammwogen des Nils seinen Tod zu finden. Häufig aber berichtet der Chronist, daß feste Häuser in den Städten, Weinberge und Wälder, Burgen und Gehöfte eines ritterlichen Herren, der das Kreuz genommen hatte, durch fromme Stiftung als »Seelgerät« in den Besitz des Klosters kamen. Kaiser Rotbart war dem jungen Stift ein gewogener Gönner. Reiche Schenkungen wies er »den getreuen Brüdern von Berchtesgaden« zu, und als er in Würzburg Hochzeit feierte mit Beatrix von Burgund, bestätigte er dem Kloster das Jagd-, Fischerei- und Forstrecht in weiten Gebieten, bewilligte ihm das Recht, auf Salz und Erze aller Art zu bauen, und legte so den Grund zur Reichsunmittelbarkeit des Klosters. Ein goldenes Siegel, erzählt die Chronik, hing an dieser Urkund, und einer der Zeugen, die den kaiserlichen Brief beglaubigten, war der Pfalzgraf Otto von Wittelsbach. Der wurde, als er die Herzogskrone von Bayern gewann, dem Stift ein freundlicher Nachbar und schlichtete zugunsten der Berchtesgadener manchen Handel, den die Reichenhaller Brüder von St. Zeno oder die eifersüchtigen Domherren von Salzburg aufrührten. Jeder neue Kaiser mehrte den Besitz des Stiftes, und um die Wende des zwölften Jahrhunderts verlieh Kaiser Heinrich VI. dem Kloster die weltliche Gerichtsbarkeit. Nur das Richteramt über ritterliche Herren und freie Bauern blieb dem kaiserlichen Viztum vorbehalten. Von einem Jahrzehnt zum anderen erweiterten sich die Grenzen des Klosterlandes. Pongau und Pinzgau waren gewonnen; reiche Güter in Franken und Niederbayern, am Inn und an der Isar, an der Rot und Vils waren an das Stift gefallen, und in Österreich, an der Donau, hatte das Kloster gute Weinberge erworben, um den Durst seiner Chorherren und dienenden Brüder zu stillen. Von dort her kamen die Wagen mit hohen Fässerladungen angefahren, und besser als das Benediktus vom Kredo unterschieden die frommen Brüder den Frechauer vom Taillander, den Armstorfer vom Mörtaler und den Sattelsteiger vom Eisentürler. Der besonderen Obhut des Kellermeisters war der linde Goldtropfen von Stein und Rechberg anvertraut, der den Feiertagstrunk auf der Tafel der adligen Chorherren bildete. Für das süß mundende Rebenblut schickten sie das saure Salz in weite Lande. Wohl hatte der Salzburger Nachbar die erste Solquelle, die am Fuße des Tuvalberges zwischen Rif und Grafengaden gefunden wurde, mit flinkem Griff an sich gerissen. Zum Ersatz für das Verlorene wurden innerhalb des Klosterlandes noch reichere Salzlager erschlossen: Auf den nordwestlichen Gehängen des Göhl, am Goldenbach und bei Schellenberg, wo um die neugegründete Pfannstätte bald eine belebte Ortschaft heranwuchs. Der rege Handel brachte klingenden Gewinn ins Land. Aber wo die Karpfen gedeihen, stellen sich Hechte ein. Überall an seinen Grenzen erwuchsen dem Stifte eifersüchtige Gegner. So verwandelten sich die »Gottesmänner« in »Kriegsherren«, die mit bewaffneter Faust ihren Besitz verteidigten, reisige Knechte in ihre Dienste nahmen und die bedrohten Grenzgebiete an rauflustige Ritter zu Lehen gaben. Im Pongau und Pinzgau saßen Berchtesgadnische Vasallen, ein gefestetes Hällingeramt beschützte die Pfannstätte zu Schellenberg, an der Grenze beim »Hangenden Stein« war die enge Talstraße gegen Salzburg durch Turm und Tor gesperrt, und die Burg des Hallturners verteidigte die Straße gegen Reichenhall. Bei so weltlichen Sorgen konnte das Leben der Chorherren kein sonderlich beschauliches sein. Sie waren die Kinder einer Zeit, in der die staatliche Macht ihre beste Kraft am Felsen Petri zerrieb, während die heiligen Waffen der Kirche im Streit um irdischen Gewinn ihr Ansehen verbrauchten und die Bannstrahlen so reichlich wie die Blitze bei einem Hochgewitter zuckten, das man zu fürchten verlernte; einer Zeit, in der man als Lebender erraffte, was sich greifen ließ, die Vergebung seiner lachenden Sünden mit Wäldern und Höfen erkaufte und sich seines Christentums erst in der Todesstunde erinnerte, wenn die Angst vor dem ungewissen Drüben die abergläubischen Seelen schüttelte,– einer Zeit, in der sich Ritter und Priester kaum noch durch das Gewand unterschieden und das Leben zwischen klösterlichen Mauern sich in den gleichen ungezügelten Formen erging wie auf den Burgen weltlicher Herren. Es war die Zeit, in der die Blume des Rittertums zur Distel wurde und die mystisch verzückte Bewunderung für Wolframs Parzival und Titurel sich verwandelte in das derbe Vergnügen an den zotigen Liedern des Nithart und des Göli von Stamheim. Sie verhöhnten das Volk, dessen gesunde Kraft sie nicht verstanden, und spotteten des Bauern, dem sie die Haare schnitten und die Steuern aus allen Poren preßten. Da wurde allmählich auch das Volk ein anderes. Auch das Volk der Berge. Der wachsende Verkehr des Stiftes führte fremdes Blut ins Berchtesgadner Land. Bergmänner und Handwerker siedelten sich an, Kaufleute taten ihre Läden auf, und Flüchtlinge, die anderwärts einem übelgeratenen Handel entronnen waren, fanden ein offenes Asyl bei dem Kloster, das einer rascheren Besiedlung seiner menschenarmen Täler allen Vorschub leistete. So war die Bevölkerung des Gadens auf mehr als dreitausend Untertanen des Stiftes angewachsen. An den Laienhof des Klosters hatte sich eine lange Bürgergasse spitz gegiebelter Häuser angeschlossen. Und da es – wie sich das Wort der Bibel in einer Chronik jener Zeit ad usum clericorum gedeutet findet – nicht gut ist, wenn die Brüder allein sind, so war unter den Fittichen des Stiftes auch ein Klösterlein für fromme Schwestern entstanden. Wie ein Schäfer mit großem Hut und weitem Mantel inmitten der gelagerten Herde steht, so ruhte zwischen den zerstreuten Siedlungen und der enggedrängten Bürgergasse das weitläufige Gebäude des Stiftes. Thronend auf der Plattform eines gegen die Höhe des Loksteines angelehnten und gegen das Tal der Ache steil abfallenden Hügels, gestützt durch gewaltige, aus dem Felsgrund aufstrebende Pfeiler und umzogen von getürmten Mauern, schloß es mit seinen Bauten den geräumigen Klosterhof in Form eines Dreiecks ein. Gegen Osten, dem hohen Göhl gegenüber und nach dem Flußtal hin, erhob sich das Münster mit dem wuchtigen Glockenturm. Ein Kreuzgang, zwischen der alten Martinskapelle und dem neuen Trinkstübchen des Kellermeisters gelegen, umschloß mit romanischen Doppelsäulen ein gepflegtes Gärtlein, überwölbte die tief in den Fels gehauenen Weinkeller und trennte das Münster vom großen Kapitelsaal. Gegen Süden, das weite Tal bis zum Watzmann überblickend, lag das Refektorium; daneben die Küche, groß wie eine Halle, die kleine Zelle des Küchenmeisters, die Amtsstube des Dekans, das Gelaß der Schreiber und die Stube des Klostervogtes mit Tür und Treppe gegen den Laienhof. Aus einem langen Korridor, dessen schmale, mit schwerem Eisenwerk vergitterte Fenster nach dem Klosterhof blickten, führte eine steinerne Wendeltreppe hinauf in das Obergeschoß, in dem die Zimmer des Propstes und die Zellen der Chorherren lagen. Auf der Schrägseite des Hofes, gegen den steigenden Berghang, drängte sich winkelig ein Bau neben den anderen. Da stand das Haus mit den Zellen der dienenden Brüder; eine vorgebaute Säulenhalle diente zu wirtschaftlichen Hantierungen und enthielt neben dem laufenden Brunnen den gemauerten Fischtrog, in dem die Forellen der Ache, die Hechte und Saiblinge des Königssees den Freitag erwarteten. An das Brüderhaus schlössen sich die Wirtschaftsgebäude, das Käsgewölbe und der Milchkeller, die Obst- und Gemüsehalle, die Mehlkammer und das Bräugewölbe, der Zwinger für die Jagdhunde und die Falkenstube, das Schlachthaus und die Rüstkammer, die Futterscheunen und Kornböden, die Pfisterei, die Ställe für die Reitpferde, für die Saumtiere und das Milchvieh. Beim Münster, das die wehrhafte Mauer im Bogen umschloß, sperrte ein festes Tor den Klosterhof gegen die Salzburger Straße. Auf der anderen Seite, gegen die Bürgergasse, gelangte man durch ein inneres Tor in den kleineren viereckigen Laienhof. Hier rollten und polterten die kreisenden Steine der Klostermühle, und es rauschte der Mühlbach, der in einem mit Bohlen bedeckten Rinnsal den Hof durchfloß. Neben der Mühle führte eine Treppe hinunter in den Keller, in dem das dünne Leutbier verzapft wurde; darüber lag die Pilgerherberg und die Wachstube, in der die reisigen Knechte mit den Fronboten zechten und bei Würfelspiel und Riemenstechen randalierten; gegenüber befand sich die Schlafstube der Falkner und Jägerknechte, die Herberg für die Stallbuben und für fremde Troßleute; auf der einen Seite des Außentores, das den Weg zur Bürgergasse sperrte, lag unter dem hölzernen Wehrgang der Mauer ein Stall für die Pferde der Gäste und reitenden Boten, auf der anderen Seite saß der Torwart in seinem engen Stübl, das zwei winzige Fenster hatte, eins in die Torhalle, das andere, dick vergittert, gegen den Brunnenplatz der Gasse. An diesem Lugaus, durch dessen Gitter der scharfe Wind hereinpfiff, stand der alte Wärtl und rief einem Reiter, der draußen über dem Torgraben schon zum anderenmal an das kupferne Schallbecken geschlagen hatte, die rauhen Worte zu: »Nur langsam! Unser Tor ist kein Espenblatt. Hast du es so eilig? Was bringst du?« »Botschaft vom Herzog in Bayern!« Ein Knecht war in der Torhalle an den Haspel getreten und ließ die Schlagbrücke sinken. Als sie sich niederlegte über den Torgraben, fuhr der Sturmwind sausend in die Halle und jagte eine Wolke Staub herein. Der Wärtl hieß den Boten aus dem Sattel steigen. »Das ist ein kalter Wind, den du bringst. Wenn deine Botschaft nit linder blast, wirst du einen kühlen Gruß im Kloster hören!« Dem Knecht am Torhaspel rief er zu: »Laß die Schlagbruck noch drunten ein Weil. Ein Chorherr kommt. Ich mein, es ist derselbig, wegen dem die Brüder so schreien im Hof.« Er führte den Boten zum Innentor und ließ den Klöppel hallen. Immer wieder mußte er klopfen. Der Hall ging unter in dem wirren Stimmenschwall, der den Klosterhof erfüllte. »Üben die frommen Brüder einen Meßgesang?« fragte lachend der Bote. Da wurde an dem großen Tor ein Türlein aufgetan. Der Bote trat ein und sah sich einem Schwarm von Klosterbrüdern gegenüber, die schreiend dem Tor entgegendrängten, geführt von Bruder Medardus, dem Zinsmeister. Es schien, als hätten sie in ihrem Zorn die Ankunft eines anderen erwartet. Sie stellten ihr Schreien ein und betrachteten verdutzt den Boten; die einen begannen zu lachen, die anderen schalten; dann kehrten sie mit lautem Durcheinanderschwatzen unter die Säulenhalle des Brüderhauses zurück, wo Medardus mit fuchtelnden Armen in ihrer Mitte redete. Nur einer der Brüder war geblieben, um den Boten zu führen, ein Greis mit kahlem Schädel und gestutztem Weißbart, die Glieder kräftig, die Züge derb, mit Augen, die ruhig blickten. »Komm«, sagte er, »ich führ dich zum Herren.« Auf der Schwelle, die sie überschritten, blickte der Bote noch einmal hinüber zum Brüderhaus. »Die kochen einen bösen Willkomm! Was hat ihnen der Mann getan, über den sie schreien?« »Was der edle Falk den Krähen getan hat, wenn sie scharweis ausfliegen, um ihn zu rupfen.« »Dich erbarmt der Falk?« Der Bruder blieb die Antwort schuldig und stieg über eine steinerne Wendeltreppe hinauf. »Bist du der Bruder, der in den Stuben des Propstes dient?« »Ich bin Eligius, der Metzger.« »Du hast Mitleid mit den Federn, die ein Falk verlieren soll?« »Wenn's nur die Federn wären! Ich furcht, sie rupfen ihn tiefer.« »Blutscheu? Du! Ein Schlächter? Siehst du Blut nit rinnen an jedem Tag?« »Drum weiß ich auch, wie warm es ist und was davonrinnt mit ihm.« Sie hatten den Oberstock erreicht und schritten durch einen langen Korridor auf eine Tür zu, deren Fries in rotem Marmor das Wappen des Klosters trug. Durch die geschlossene Tür klang eine zornig erregte Stimme, hart und scharf. »Wart noch ein Weil!« sagte der Bruder und hielt den Boten außer Hörweite der Tür zurück. Endlich schwieg die Stimme und Eligius trat in das Gemach des Propstes. Das war ein großer Raum, der das Gebäude in seiner ganzen Breite durchquerte; zwei hohe Fenster blickten gegen das Tal und den Watzmann, ein drittes, den anderen gegenüber, ging nach dem Klosterhof. Schwere Balken trugen die Decke, und die Wände waren mit gebräuntem Holz getäfelt. Geschnitzte Truhen standen umher, mit kunstvoll geschmiedetem Eisenbeschläg. Auf Konsolen und Schränken funkelten silberne Geräte und goldene, mit edlen Steinen besetzte Kelche. Vor einem Kreuzbild stand ein Betschemel mit rotem Samtpolster, und neben dem großen Kamin verhüllte ein Vorhang mit eingewebten Engelsköpfen die Nische, in der das Ruhelager des Propstes stand. Fliesen aus grauem und rotem Marmor deckten schachbrettartig den Fußboden und waren mit Teppichen und Fellen belegt. Alles Gerät der Stube war von Zwielicht umflossen; die trüben Glasstücke der schwerverbleiten Fenster ließen nur spärliche Helle ein. Und draußen hatte das graue Sturmgewölk schon den ganzen Himmel überzogen. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch, dessen Holzplatte von plump gemeißelten Marmorfüßen getragen wurde. Darüber hing von der Decke der eiserne Kronleuchter nieder, mit Öllämpchen an Ketten, mit Wachskerzen auf hohen Dornen. Eine hölzerne Weinbitsche mit silbernem Becher stand auf dem Tisch, und daneben lag ein Weidgehäng mit kurzem Messer, eine Reitpeitsche, eine lederne Falkenfessel und eine Schwanenfeder. Schwere Stühle mit roten Kissen standen um den Tisch her, dabei ein Lehnsessel, ganz mit Fellen überhangen. Auf diesem Sessel ruhte Herr Friedrich, der Propst, in einem pelzgefütterten Hausrock über dem seidenen Talar, und auf dem Haupt ein Käppl, von dem gezahnte Tuchlappen über die Ohren und den Nacken fielen. Ein Lächeln spielte um den Mund des Propstes, doch in den kleinen Augen blitzte es wie Zorn, der sich bergen will. Noch ein anderer war im Gemach und stand am Tisch, die knöcherne Faust auf die Platte gestützt: eine hagere Gestalt, wie aus weißem Stein gemeißelt, über eckige Schultern ein starrer Kopf, den das kurzgeschnittene Grauhaar wie eine glatte Eisenhaube bedeckte, die Züge kalt und hart, mit einem Mund, der einer grauen Linie glich, mit tiefliegenden Augen, die unter der vorgebauten Stirn herausblickten wie Späheraugen aus den Luken einer Mauer. In Erwartung hingen diese Augen an dem Gesicht des Propstes, als sollte er Antwort auf eine Frage geben. Herr Friedrich schwieg und betrachtete den isländischen Falken an seiner Seite. Den Kopf mit der ledernen Haube bedeckt, saß der Falk in einem schaukelnden Ring, der von einem hölzernen Ständer getragen wurde. Dem anderen stieg das Blut in die Stirn. »Eure Antwort, Herr?« Im gleichen Augenblick öffnete Eligius die Tür. Freundlich winkte Herr Friedrich mit der Hand. »Sieh da, mein Bruder Schlächter! Kommst du auch, um Klage zu führen? Machen deine Kälber Aufruhr in ihrem Stall?« »Täten sie's, so käm ich ihnen mit Strick und Knebel. Aber meine Kälber sind geduldig, als wären sie gute Christen.« »Bruder«, fiel ihm eine scharfe Stimme ins Wort, »wahr deine Zunge!« Eligius blickte ruhig auf. »Was hab ich Unrechtes gesagt, Herr Wernher? Ist Geduld denn nit eine christliche Tugend?« »Nein, Bruder!« lachte der Propst. »Sonst wäre unser weiser Dekan Wernherus ein schlechter Christ. Geduld ist nicht seine Sache. Was bringst du?« »Einen Boten, der zu Euch begehrt.« »Laß ihn kommen!« Der Bruder öffnete dem Boten die Tür. Freude überflog das Gesicht des Propstes, als er die Farben erkannte, die der Bote trug. »Deine Farben sind blau wie die Treue, die selten ist, und weiß wie mein Falk, dem kein anderer gleicht. Du bist willkommen! Bist du nicht der Sohn des alten Rullo, der dem Herzog zu Landshut des Burgtor hütet?« »Ja, Herr!« »Wie geht es meinem fürstlichen Vetter in Bayern?« fragte Herr Friedrich. Nicht nur der Fürstenring, den er als Propst zu Berchtesgaden trug, auch Bande des Blutes gaben ihm das Recht, den Herzog in Bayern seinen Vetter zu nennen. Er stammte aus dem Hause der Grafen von Ortenburg und war ein Sohn des zweiten Rapoto, dem Pfalzgraf Otto von Wittelsbach seine jüngste Tochter Mechthild zur Gemahlin gegeben hatte. Der Bote beugte das Knie und löste von seinem Gürtel eine kupferne Hülse, die er in die Hände des Propstes gab. »Meinem Herren liegt die schwere Zeit wie Blei auf dem Herzen. Als er mir diesen Gruß an Euch befahl, war sein Auge freundlich.« »Dann wird die Botschaft sein, wie sein Auge war.« Herr Friedrich öffnete die metallene Kapsel, nahm das Pergament hervor und las. Als er das Blatt wieder faltete, nickte er lächelnd vor sich hin und sah mit spöttisch-heiterem Blick zu Wernherus auf. »Das ist Botschaft, die ihren Lohn verdient!« Er legte das Pergament auf den Tisch. »Bruder Eligius, hol mir den Becher da drüben vom Gesims! Nicht den kleinen, den anderen, der größer und schöner ist! Nimm, lieber Bote! Und du, Bruder, sorge für diesen wackeren Jüngling. Wenn er morgen ausreitet zum Klostertor, soll er sagen: ›Das war gute Herberg!‹« Als Eligius und der Bote die Stube verlassen hatten, streichelte Herr Friedrich mit der Schwanenfeder seinem Falken den Rücken. Wartend stand Wernherus. In seinen Augen funkelte die Ungeduld. Die Fenster klirrten im wachsenden Sturm, der an ihnen rüttelte. »Ich kenn Euch als einen Herren, der zu sparen versteht, wenn es sich nicht um Falken handelt!« brach Wernherus das Schweigen. »Der Herzog in Bayern muß dem Kloster wertvollen Gruß gesendet haben, weil Ihr dem Boten so verschwenderischen Lohn gereicht.« Er streckte die Hand nach der Rolle. Herr Friedrich deckte den Ärmel seines Pelzrockes über das Pergament und sagte lächelnd: »Geduld, Wernherus! Das ist eine Tugend, die du noch lernen mußt. Willst du der große Mann werden, den du heute schon in dir siehst, so mußt du das Warten üben. Das ist die beste Kraft der Mächtigen, daß sie den Augenblick erharren können, in dem ein Griff gelingt. Sie jagen wie der edle Falk. Der Habicht hat den Griff der hungrigen Ungeduld. Drum taugt er schlecht für den hohen Flug.« »Daß ich jede Botschaft kenne, die dem Kloster gilt, ist ein Recht meiner Würde.« »Bist du um das Recht der anderen auch so besorgt wie um das deine? In exemplum adjungo: um das Recht des Greimold im Gotteslehen?« Herr Friedrich versetzte dem Ring, in dem der Falke schaukelte, einen gelinden Stoß. »Wolltest du nicht Antwort wegen des Greimold haben?« »Gebt die Antwort!« erwiderte Wernherus mit zornbebender Stimme. »Nach der Botschaft des Herzogs, die Ihr Ursach zu verhehlen habt, will ich Euch fragen vor versammeltem Kapitel.« Wieder blitzten die Augen des Propstes in heiterem Spott. »Ja, guter Wernherus, tue das!« »Eure Antwort, Herr! Was beschließt Ihr gegen den Mann im Gotteslehen? Laßt mich die bewaffneten Knechte schicken, daß sie ihn fassen. Noch heute nacht!« »Schon wieder die Ungeduld?« »Ich kenne den Mann. Sein Trotz ist wie Eisen. Laßt Ihr ihm Zeit, so wird er seinen Hof festigen, wird Waffen schmieden gegen uns, und alle Unzufriedenen wird er sammeln unter seinem Dach.« »Der Unzufriedenen sind viele in meinem Land. Das hab ich dir zu danken.« »Nein, Herr! Schreibt die Ursach Eurer Schwäche zu!« »Freilich, ging es nach deinem Willen, so möchte den Unzufriedenen bald die Zunge fehlen, mit der sie schreien nach ihrem Recht.« Herr Friedrich lächelte wieder. »Aber hast du nicht selbst das Recht berufen? Eben jetzt? Da du so ein großer Freund des Rechtes bist, soll dem Mann im Gotteslehen geschehen nach Gesetz und Recht. Versammle das Kapitel und klage gegen den Mann!« »Das hieße Zeit verlieren. Der Bauer hat gelästert gegen mich und Euch, er hat die Landruh gestört und sein Gesind gegen unsere Leute gehetzt.« »Wenn das wahr ist, soll der Bauer seine Freiheit verlieren und sein Leben. Die Wahrheit muß erwiesen werden. Dein Zinsmeister ist ein Fisch von üblem Geruch. Er hat mehr Lügen im Sack als Haare an seiner Kutte. Hätte der Bauer getan, wie Medardus behauptet, so hätte Irimbert dem Mann nicht Hilfe geboten. Der soll der Zeuge sein, dem ich glauben will.« Wernherus lachte; es war ein Klang wie das Klirren der Fenster, an die der Sturmwind schlug. »Bis dieser Zeuge sich stellt, mögt Ihr lange warten, Herr Friedrich! Da er weiß, daß ihn sein Verschulden in meine Hand gegeben hat, wird er den Bereich meines Armes meiden. Bereitet Euch auf den Kummer vor, Euren Liebling nicht wiederzusehen. Ich will Milde üben und seine Flucht nicht hindern.« »Das ist auch von deinen Fehlern einer, du Milder, daß du die Menschen wägst nach deinem eigenen Gewicht. Vor dreißig Jahren ist ein junger Novize aus Furcht vor verdienter Strafe dem Kloster entsprungen. Der wäre nicht wiedergekommen, wenn ihn die Schergen nicht gefangen hätten. Er hieß Wernherus.« Da ließ sich im Klosterhofe wüstes Geschrei vernehmen, das den Lärm des Sturmes übertönte. »Höre, du Milder, wie deine Lämmer blöken!« Herr Friedrich schob das Pergament in eine Tasche seines Pelzrockes und ging zum Fenster. Ein kaltes Lächeln folgte ihm, ein sprühender Blick des Hasses. Der Propst hatte die Guckscheibe des Fensters in die Höhe geschoben und blickte in den von Geschrei erfüllten Hof. Unter wehendem Staub, den der sausende Sturmwind trieb, sah er im Klosterhof den Knäuel der lärmenden Brüder und sah, wie sich Irimbert den Fäusten entwand, die ihn bedrängten. Das Bild des Kampfes schien den Propst zu erheitern. Lachend rief er in den Hof hinunter: »Gib's ihnen! Jeder Schlag ist wie guter Regen auf ihre brennenden Strohköpfe! Wehre dich, Irimbert! Und zu mir! Zu mir!« Er ließ das Fenster sinken und eilte zur Tür, als möchte er dem Bedrängten Hilfe bringen. Da vertrat ihm Wernherus den Weg. »Geduld, Herr Friedrich!« sagte er mit schneidendem Hohn. »Solltet Ihr die große Kunst des Wartens so wenig verstehen, daß Ihr nicht harren könnt, bis Euer Liebling diese Tür gewinnt? Ein Asyl, das ihn der Strafe entzieht, soll ihm Eure Stube nicht werden. Er ist schuldig und soll büßen. Oder –« Mit kaltem Lächeln sah Wernherus dem Propst in die Augen. »Wollt Ihr ihn schützen?« »Vor deinem ungerechten Haß, Wernherus? Ja!« »Auch gegen Hausgesetz und Regel?« »Nein!« Herr Friedrich wandte dem Dekan den Rücken zu und öffnete die Tür. Man hörte die Brüder schon im Hause lärmen. Jetzt erschienen sie in der Tiefe des Korridors. Irimbert schritt vor ihnen her, ruhig, ohne sich umzublicken nach dem Schwarm, der sich schreiend hinter ihm drängte. »Sieh nur«, sagte der Propst mit Lachen, »wie sie her sind hinter ihm! Wie die Meute hinter dem Hirsch, den sie ankläfft und nicht zu greifen wagt!« Mit brennendem Gesicht, ohne ein Wort zu sprechen, stand Irimbert vor dem Propste. »Komm herein!« Herr Friedrich gab die Schwelle frei. Dann trat er dem lärmenden Hauf entgegen. »Geht in Frieden auseinander, ihr guten Söhne des Himmels! Eure Herzen duften von aller Tugend. Tragt diesen Wohlgeruch hinunter ins Brüderhaus! Er macht mir die Luft in meiner Stube dick.« Unbekümmert um das Murren, das sich hinter ihm erhob, trat er in sein Gemach und schloß die Tür. Da hörte er, wie Wernherus sagte: »Schien dir der Weg über die Berge zu hoch und zu gefährlich? Fehlte dir der Mut, die Flucht zu wagen, um den Aufruhr in das Haus deines Bruders zu werfen?« Mit raschen Schritten trat Herr Friedrich zwischen die beiden. »Laßt ihn, Herr!« sagte Irimbert. »Er will nur hören, daß der Eid, den ich geschworen, stärker bindet als die Stricke seiner Knechte!« »Schweig, Irimbert! Und du, Wernherus? War's nicht deine Absicht, das Kapitel zu versammeln, um gegen den bösen Bauer zu klagen?« Wernherus richtete sich auf, einen drohenden Blick in den kalten Augen. »Es könnte sein, daß ich noch andere Klage weiß als gegen den bösen Bauer und seinen rettenden Engel.« Stirn und Lippen mit der Hand berührend, neigte sich Wernherus gegen das Kreuzbild und verließ das Zimmer. Draußen hatte sich der Schwarm der Brüder schon verlaufen. Nur einige, Medardus unter ihnen, standen noch da und flüsterten mit einem Stiftsherren, der aus der Tür seiner Stube getreten war. Als der Zinsmeister den Dekan erblickte, eilte er ihm entgegen, das wohlwollende Antlitz glänzend von Schweißperlen. »Warum ließest du ihn nicht fassen, wie ich dir befohlen?« zischte Wernherus in Zorn. Medardus trocknete mit dem Kuttenärmel die glitzernden Perlen von den Hamsterbacken. »Hättet Ihr gesehen, Herr, wie er sich wehrte!« »In Euch ist der Mut des Hasen. Kraft ist nur in Eurem Wanst.« Medardus sah mit gutmütigem Leidensblick zu Wernherus auf. »Hat er geschmäht?« »Nein, Herr, nur zugeschlagen! Seine Fäuste sind wie Hämmer.« »Ist alles andere bereit?« »Ja, Herr!« Der Zinsmeister lächelte so freundlich wie an einem Michelstag, an dem kein Holde die Steuern schuldig blieb. »Der schwarze Käfig hat sein Türl aufgetan und wartet auf den Vogel.« »Bist du der Brüder sicher?« »Doppelt gemessenen Wein wird's kosten. Ein paar haben steife Augen gemacht, aber sie schreien mit. Nur ein einziger weigert sich.« »Eligius?« »Ja, Herr!« »Laß heute nacht im Schlachthaus den Tieren die Stricke lösen. Morgen lege den Bruder Schlächter in den Block. Er soll ein andermal seine Kälber besser hüten.« »Das ist seine Pflicht! Wenn er die versäumt –« »Der Bruder Kämmerer soll die Chorherren zum Kapitel rufen. Die nicht in ihrer Zelle sind, laß aus der Trinkstube holen. Sind sie versammelt, so ziehe den Strang der Kapitelglocke!« »Derweil ich den Strang zieh, will ich ein Gebet zum Himmel tun, daß ich morgen knien darf vor Euch und den Purpur küssen, den Ihr tragt.« »Schwätzer!« schalt Wernherus in Ärger. Doch eine Flamme schlug ihm über das hagere Gesicht, und seine Augen blitzten. Er kehrte dem Bruder den Rücken und trat in eine der Zellen. Medardus blies die Hamsterbacken auf und schielte nach der Tür des Propstes. An dieser Tür hatte Herr Friedrich, als Wernherus das Gemach verlassen, den schweren Eisenriegel vorgeschoben. »Jetzt sind wir allein, du Sünder, jetzt will ich deine Beichte hören!« »Herr?« unterbrach ihn Irimbert. »Habt Ihr die Drohung verstanden, mit der Euch Wernherus verließ?« »Daß von meinen Chorherren mehr als die Hälfte auf seiner Seite steht und gegen mich, das weiß ich.« Herr Friedrich ließ sich in den Lehnstuhl sinken. »Der Ehrgeiz kollert in ihm wie der Hunger in leeren Därmen. Er kann's nicht erwarten, bis dieser linde Sessel frei wird für seine harten Knochen. Manchmal ist mir die Laune so, daß ich ihm gern den Willen täte, um Ruh zu haben. Aber mir liegt die Zukunft meines Landes am Herzen. Mein Land soll wachsen wie ein junger Baum. Wernherus würde reißen an ihm wie der Pechsammler, der den Stamm verwundet, um ihn bluten zu machen. Das will ich hindern. Komm, setz dich her zu mir!« Ein Regenschauer schlug gegen die Fenster, während der Propst das Gesicht des jungen Chorherren betrachtete. Dann griff er lächelnd nach der Weinbitsche und füllte den Silberbecher. »Du bist erschöpft. Da, nimm und trink!« »Ich dank Euch, Herr!« Irimbert leerte den Becher mit dürstendem Zug. »In der Kette, mit der ich dem Wernherus die Wege zäunen will, bist du ein Glied, Immhof! Jetzt möchte er mir dieses Glied aus der Kette brechen. Du hast ihm heut einen Hammer in die Faust gegeben. Ich bin in Sorge um dich.« »Sorge um mich? Nein, Herr! Was soll ich fürchten? Ich bin wie ein Reis, das vom Baum gerissen wurde. Es taugt für keine Hoffnung mehr. Redet etwas in Euch, das mir wohlwill, so laßt mich dieses Gefühl für andere nützen, für Menschen, die Eures Schutzes bedürfen.« »Du hast Menschen, die dir lieb sind?« fragte der Propst erstaunt. »Das ist mir neu.« »Ich habe sie gefunden. Heute. Es sind Menschen, die ich ehre mit diesem Namen: Einer, der gut und treu ist, ein Starker mit redlichem Herzen und ein reines Kind mit hellen Seelenaugen.« Herr Friedrich lächelte. »Wären sie so, dann hättest du mehr gefunden an einem Tag als ich in einem halben Leben. Dein Menschenfund könnte mich neugierig machen, wenn ich nicht wüßte, was dahintersteckt, ein anderes Bild, als du gewohnt bist, vergoldet von der Sonne eines schönen Morgens, und ein wenig Erbarmen dazu. Unter den dreien, die du fandest, ist wohl der Bauer, dem du die Stricke zerschnittest? Ob ich ihm helfen kann, das weiß ich nicht. Sein Kopf ist zwischen die Mahlsteine Wernherus und Medardus geraten. Die reiben ihn klein. Ich muß es geschehen lassen, wenn wahr ist, was sie sagen, daß er das Kloster schmähte und unsere Leute prügeln ließ, die dem Bauer zufällig im Wald begegneten.« »Das ist gelogen.« In Erregung erzählte Irimbert, was sich bei der Waldhütte zugetragen hatte. »Das haben sie plump gemacht. Ich hätte sie für schlauer gehalten.« Der Propst war halb geärgert und halb erheitert. »Daß sie dem Greimold gern die langen Haare stutzen möchten, verdenk ich ihnen nicht. Hätten sie es ohne Lärm auf kluge Weise durchgesetzt, daß er ein Eigenmann des Klosters wird, so hätt ich es gutgeheißen.« Irimbert sah den Propst mit großen Augen an. »Und das freie Recht dieses Mannes?« »Sei verständig, Immhof! Ein freier Bauer taugt nicht mehr in unsere Zeit. Neben einem großen Willen, der für alle denkt, kann nicht ein kleiner bestehen, der seine eigenen Wege geht. Daß der Bauer dort oben den Kopf um eine Haarlocke höher tragen will als andere, die seinesgleichen sind, das verdrießt die Bauern, die dem Kloster hörig wurden, und bringt uns Ungelegenheiten. Aber Gewalt gegen ihn brauchen? Das halt ich für unklug. Man kann warten, bis die Sache sich von selbst erledigt. Der Bauer ist ohne Sohn. Stirbt er, so fällt sein Gotteslehen zurück in Gottes Hand. Das blinde Mädel wird bei den frommen Schwestern gut aufgehoben sein.« Die Züge des Chorherren veränderten sich. Eine schmerzvolle Bitterkeit war um den trotzigen Mund gezeichnet. »Vergeßt meine Bitte, Herr! Ich fühle, daß sie nutzlos war. Eure Klugheit steht über allem Recht. Ich erkenne, wie gnädig Ihr das Schicksal dieser Menschen lösen wollt.« »Das war ein Wort, das ich gerne hörte. Willst du ein übriges tun, so magst du für den Bauer zeugen, wenn sie klagen gegen ihn.« »Das will ich.« »Manchmal klingt deine Stimme, daß Wernherus dich um den Stahl dieses Klanges beneiden könnte. Im Kapitel mußt du sanfter für deinen Schützling reden. Hilft es ihm, so soll es mir recht sein. Aber lassen wir alles andere! Mir ist es in dieser Stunde um dich zu tun.« Jeder spottende Zug war ausgelöscht im Gesicht des Propstes, sein Blick hatte Wärme. »Deine Kindheit und Jugend war Bitternis ohne Trost. Das hat dich müde gemacht, das redet aus dir wie ein Greis, der seine Ruh ersehnt. Und doch ist Leben in dir. Starkes und junges Leben.« »Es wäre wohl möglich, daß starkes Leben in mir erwachen könnte. Dort oben im Bergwald hab ich ein heilsames Wort gefunden.« »Welch ein Wort?« »Daß wir, um Wert an unserem Dasein zu fühlen, einer nährenden Freude bedürfen, eines Seelentraumes, dessen Schönheit uns barmherzig hinwegführt über Wahrheiten des Lebens, die wir nicht ertragen.« Herr Friedrich nickte. »Das ist eins von den Goldworten menschlichen Erfahrens. Jeder braucht seinen weißen Falken. Wem der Kaiser ›Glück‹ diesen Falken nicht auf Erden schenkt, der hofft ihn drüben zu finden. Und solch eine nährende Lüge fehlt deinem Herzen?« »Lüge? Das ist Euer Wort. Ich sagte: Freude und Traum. Das fehlt mir. Ich war ohne Wunsch und Hoffnung. Mein Schicksal lehrte mich harte Dinge sehen, wie sie sind.« »Da können sie dir freilich nicht gefallen. Diese Weisheit, die das Alter ruhig trägt, ist Gift für die Jugend.« Freundlich legte der Propst seine Hand auf die zitternde Faust des jungen Chorherrn. »Wir müssen sinnen auf ein Gegengift. Könntest du solch eine nährende Lüge für dich nicht suchen?« »Das Suchen hilft nicht, Herr! Solche Freude kommt wie Sonnenschein nach einer Sturmnacht.« Irimbert atmete tief. »Und sie blüht auf Wegen, die weit von diesen Mauern liegen.« »Ach so?« In der Stimme des Propstes schien die Spottlust wieder wach zu werden. »Gerade zwischen diesen Mauern hättest du die ›schöne Lüge‹ so nah. Oder täusch ich mich? Ist nicht in deinem Herzen ein Gedanke, der sagt: Was sie predigen, ist Lüge?« »Lüge? Ja! Aber keine schöne!« Irimbert blickte auf, denn Herr Friedrich hatte seine Hand zurückgezogen. »Meint Ihr, daß ich gelästert habe, so straft mich.« »Die Tür ist verriegelt, ihre Bohlen sind zu dick, als daß einer lauschen könnte da draußen. Wir sind allein und wollen uns nicht vermummen voreinander. Ein Käferlein ist ein harmloses Tier. Aber wenn es mir an den Hals fliegt, schüttelt mich ein Grauen. So ist mir's, wenn ich einen höre, der offen leugnet. Ich mache dir keinen Vorwurf. Meinst du, Wernherus glaubt mehr als du? Wäre nur ein Funke von Gottesscheu in ihm, er könnte nicht sein, wie er ist. Er heuchelt. Du bist wahr. Darum bin ich dir gut, wie deine Wahrheit auch lauten mag. Alles, was in dir ist, dieses Suchen und Sehnen, dieses Zweifeln und Leugnen, das alles ist auch in mir gewesen, als mich der Sturm der Jugend noch erfüllte. Wie es in jedem sein muß, der Gedanken hat, redliches Gefühl und ein zuckendes Menschenherz.« Der Propst blickte vor sich hin, als gingen die Bilder einer gewesenen Zeit an ihm vorüber. »Suchend gehst du in der Irre. Du schlägst an jeden Stein, keiner will deinem Durst das sprudelnde Wasser geben. Plötzlich stehst du vor einer Schwelle, die du nicht mehr zu überschreiten wagst. Da wirst du inne, daß Glauben leichter ist als Leugnen. Da überfällt dich eine Bangigkeit wie um ein verlorenes Gut, um einen Muttertrost, der deinem Herzen nicht mehr klingt. Da ist Furcht in dir, die dich zittern macht vor dem Ungewissen.« Herr Friedrich hüllte den Pelzrock um seine Brust und blickte scheu zu dem Kreuzbild auf. »Da beginnst du den Faden wieder abzuwickeln, den du gesponnen. Hast du ein Hälmlein des Glaubens gefunden, an das du dich klammern kannst, so atmest du auf. Zu dem Hälmlein findet sich ein anderes. Bald hast du unter den Armen einen Bund, der dich über Wasser hält. Das macht dein zappelndes Leben froh, die Freuden schmecken dir wieder, und lächelnd bekennst du: Ich bin der Sünder, der ich bin, und es gibt einen Gott, der mir vergeben wird.« Rauschend prasselte der Regen, als wollte die stürzende Flut alle Mauern zerschlagen. »Du schweigst? Scheint dir mein Glaube nicht sonderlich rein und heilig? Weil die Furcht ihn erzeugte? Besser ein kleines Gut als keines.« Herr Friedrich seufzte. »Auch in mir ist noch ein leerer Winkel, der sich füllen möchte. Wie der Hungernde von gebratenen Gänsen träumt, der Dürstende von einem Meer, so hab ich in vielen Nächten immer den gleichen Traum. Mir träumt, ich bin ein Märtyrer, meine ganze Seele ist flammender Glaube, und mit Wonne fühl ich, wie mein Blut unter den Zangen fließt, jeder Tropfen ein heißes Bekenntnis. Wenn ich erwache, merk ich zu meinem Kummer, daß ich der alte Sünder bin. Aber ich schlage nach solcher Traumnacht gläubiger an meine Brust. Tu es mir nach, Immhof! Greif nach dem ersten Hälmlein! Das zweite findet sich.« »Nein, Herr Friedrich! Euer Glaubenstrost kann nicht der meine sein. Ich bin im Durst meiner Seele minder genügsam.« »Ich war es nicht immer, ich bin's geworden.« »Daß solcher Wandel mich je befallen könnte? Nein! Ich kann nicht schwimmen auf trübem Wasser, unter dem Herzen das Rohrbündel, das mich trägt. Ich will versinken in Nacht oder das reine Licht der Höhe finden. Und ich bin kein Sünder. Was ich tun muß oder lassen, ist weder gut noch böse. Das ist, wie es ist. Und ich bin kein Leugner. Nur ein Mensch, dem sie alles nahmen. So mußte ich suchen mit dürstender Seele und konnte nicht finden. Ich sehnte mich nach Erkenntnis, nach einer Antwort auf meine schreienden Fragen, nach einem Inhalt für mein Leben, nach einer Freude, nach Menschen, die mir teuer wären! Es könnte sein, Herr Friedrich, daß es von allem Glauben der beste ist, an Menschen zu glauben, von allem Glück das reinste, zu leben und zu sterben für Menschen, die man liebt. Als Kind besaß ich solches Glück. Der Glaube an meine Mutter war auch Glaube an Gott. Wenn meine Mutter mich umschlang und flüsterte: ›Dort oben, Irmi, ist Gottes Haus, und Gott ist gut‹, da ging durch meine Kinderseele ein frommer Schauer, schön und süß. Das alles nahmen sie mir. Mit ihren Raubtierhänden. Stück um Stück zerfleischten sie mir das Herz und rissen aus meiner Seele, was mir heilig war. Im Sommer, als Ihr mich fandet im Kloster zu Baumburg, war ich schon halb zum Tier geworden in meinem Zorn und Haß. Ich atmete auf, als Eure Hand mir die Erlösung bot. Wißt Ihr, wohin dieser Weg mich führte? Aus einem Käfig der Füchse in einen Zwinger der Wölfe. Jeder neue Tag eine neue Qual. Hätte Eure Gunst mir nicht zuweilen einen freien Weg in Wald und Berge vergönnt, ich hätte ersticken müssen zwischen diesen Mauern und in der Luft, die diese Diener Gottes atmen. Was Eure Gunst gewährte, versagte mir Wernherus.« »Um mich zu reizen. Ich mußte ihm die kleine Bosheit gönnen. Die Geißel des Hausgesetzes zu schwingen, ist ›ein Recht seiner Würde‹!« »So ging ich gestern wider seinen Willen. Ich mußte. Wie mit Peitschen hat es mich fortgetrieben, um reine Luft zu atmen, um mich aufzurichten unter weitem Himmel, um wieder mich selbst zu finden in der Einsamkeit der Natur. Unter den Sternen dieser Nacht und in der Sonne dieses Morgens war ich allem Ersehnten, auch dem Unbegreiflichen dort oben, näher als im Weihrauch Eures Münsters und unter den Fäusten dieser Frommen Brüder, die mich mit unflätigem Schimpf empfingen.« »Laß diese guten Schafe! Sie blöken, wenn der Hammel meckert. Sie sind Menschen wie alle anderen, der eine ein wenig besser, der andere ein wenig schlechter. Der Unterschied zwischen dem besten und dem schlechtesten ist gering. Im Grund ihres Wesens sind alle über den gleichen Leisten genäht. Da nehm ich auch dich und mich nicht aus. Nur daß wir Herz und Leib ein wenig säuberlicher zu halten pflegen und daß unsere einsamen Seitenwege reinlicher sind als die Straße der üblichen Schöpse.« »Nein, Herr! Wie Euren Glauben kann ich auch Euer Urteil über die Menschen nicht teilen. Ist einer Mensch, so begehr ich von ihm, daß er diesen Namen nicht schändet, nicht Tier ist unter Tieren.« »Ach, geh, was weißt du von Menschen! Die drei, an denen du heute vorüberliefest, zählen nicht. Wieviel andere kennst du? Deine Mutter, die du liebtest? Die Gespielen deiner Knabenzeit? Ich denke, du warst der stärkere und hast sie geprügelt. Und deinen Bruder, der an dir handelte wie ein Feind am Feinde? Und die Patres in Baumburg, die du Füchse nanntest, weil sie deinem Bruder den Willen taten und dich in kurze Zügel nahmen? Und meine Chorherren und die Schreier vom Hof dort unten? Deine Wölfe! So gefährlich sind sie nicht. Wie könnten sie besser sein, als ihr Lebensweg sie formte. Eine Zeit der Stürme hat sie zwischen diesen Mauern zusammengeweht. Die einen kamen, um nach einem zerbrochenen Leben Trost zu suchen. Daß sie diesen Trost nicht fanden, das macht sie gallig und schadenfroh. Die anderen kamen, weil sie im väterlichen Stall nicht viel zu beißen hatten. Das Wohlleben in meinem reichen Stift hat sie fett und frech gemacht. Verbitterung und Frechheit sind unter den menschlichen Tugenden nicht die schlimmsten. Der einen Sorte wirft man an guten Tagen einen süßen Bissen zu, der ihnen die Leber milder stimmt. Die anderen schlägt man in übler Stunde tüchtig auf die Köpfe. Dann ist mit ihnen schon auszukommen. Wie sie zu nehmen und zu behandeln sind, das wirst auch du noch lernen.« »Solche Menschenkunst will ich niemals üben und nie verstehen.« »Doch, lieber Immhof! Ich habe die Geduld, das abzuwarten, und will mich die Mühe nicht verdrießen lassen, dich zu lehren.« »Das ist verlorene Mühe, Herr!« »Warten wir es ab! Wenn sich die Hoffnung erfüllen soll, die ich knüpfe an dich, so mußt du gelehrig werden in meiner Schule. In deinem Herzen denke von meinen Chorherren, was du magst! Nur bind es ihnen nicht immer an die Nase! Und verlange von ihnen nicht das Unmögliche, in ihren Gesichtern das Urbild Gottes zu finden. Suchst du den, so betrachte dir lieber das unscheinbarste Ding der Schöpfung! Zergliedere ein Blatt, betrachte den Flügel einer Mücke! Und willst du von allem Guten das Köstlichste erforschen, so sieh dir meinen Falken an!« Herr Friedrich hob den schönen Vogel aus dem schaukelnden Ring und nahm ihm die lederne Haube vom Kopf. »Wie seine Augen blitzen! Wie scharf sein Zahn ist! Wie stolz er sich trägt! Wie herrlich sein silberweißes Gefieder leuchtet! Ist dieser königliche Vogel nicht ein überzeugender Beweis für den Schönheitswillen und die Allmacht Gottes?« »Glaubt das auch der wilde Schwan, wenn er unter dem Griff Eures Falken verblutet und seine letzte Klage schreit?« Verdrießlich runzelte der Propst die Stirn, lachte wieder und setzte mit zärtlicher Achtsamkeit den Vogel in den Ring. »Sophisterei! Der wilde Schwan ist geschaffen, um gejagt zu werden. Jedes Ding hat seinen Zweck. Vom wilden Schwan verlangt auch niemand, daß er an Gott glauben soll. Gib deine Rätsel dem Wernherus auf! Wir beide wollen nicht streiten um ein Gut, das ich selbst nur halb besitze.« Herr Friedrich wurde erst. »Laßt uns lieber der nächsten Stunde denken!« »Sie ist mir wie jede andere.« »Immhof, sie könnte ernster werden, als uns beiden lieb ist.« »Was sie auch bringen mag, ich fürchte sie nicht.« »Ich aber fürchte für dich. Für meine Hoffnung.« »Von welcher Hoffnung redet Ihr, Herr?« Herr Friedrich beugte sich über den Tisch und dämpfte die Stimme. »Hast du dich nie gefragt, weshalb Wernherus gerade dir mit diesem unversöhnlichen Haß gegenübersteht?« »Mir ist sein Haß keine Frage wert.« »Ich will es dir sagen, Immhof.« Mit beiden Händen umschloß der Propst die Hand des jungen Chorherren. »Als ich dich in Baumburg fand und dir das Weh deines Lebens aus den Augen las, hatte ich Erbarmen mit dir. Ich nahm dich an mich. Und als ich dich kennenlernte, bist du mir lieb geworden. Mehr noch, ich begann mit dir zu rechnen wie mit einer verheißungsvollen Zahl. Das bliebe dir besser noch verschwiegen, bis alles Trübe in dir sich klärt. Aber ich muß dich waffnen, denn Wernherus scheint zu ahnen, was ich sinne. Er fühlt die Gefahr, die ihm erwächst in dir. Deshalb möchte er dich niederdrücken, dich zerbrechen im Kern deines Lebens.« »Ich? Eine Gefahr, die Wernherus zu fürchten hätte? Der Euch nicht fürchtet, seinen Herrn?« »Weil ich müde und schwach geworden. Weil alles Halbheit ist in mir, mein Wollen immer besser als mein Können. Aber was ich halb besitze, seh ich in dir als ein Ganzes wachsen. In dir ist Erkenntnis. Du hast Gedanken, die vor keiner Schwelle scheuen. In dir ist Kraft und unbeugsamer Wille. Sonst hätten ihn die Füchse zu Baumburg und mein Wölflein Wernherus längst gebrochen. Und in dir ist Verachtung und Stolz. Das sind köstliche Herrengüter. Das ist Erz, mit dem sich ein starker Herrscher rüstet, der Geschichte macht und die Grenzen seiner Länder dehnt. Nein, Immhof, laß mir deine Hand und sieh mich mit Augen an, die freudiger blicken! Es ist stolze Zukunft, die ich dir zeige. Ich denke noch zu leben, hoffe mich noch zu ergötzen an manchem Flug meines Falken. Aber soll es mit mir zum letzten kommen, so wüßte ich keinen, dem ich das Schicksal meines Landes ruhiger in die Hände legen, dem ich Ring und Fürstenpurpur lieber gönnen möchte als dir! Ich glaube fast, dir könnte ich sogar meinen Falken lassen als Erbe!« Irimbert hatte sich erhoben und seine Hand gelöst. »Scheltet mich einen Undankbaren, Herr! Ihr streichelt mich so lind wie Euren Falken, und ich empfinde Schmerz. Ihr bauet Brücken zwischen Euch und mir, und ich seh eine Tiefe aufgerissen, die kein Steg zu überspannen vermag. Hättet Ihr nicht so ernst geredet, der Widerspruch dieser Stunde müßte mich lachen machen. Wernherus ruft die Chorherren zum Kapitel, um mir die Rute zu geben. Und Ihr, Herr Friedrich, bietet mir den Fürstenring!« »Meinst du, das wäre Traum?« fragte der Propst in keimendem Ärger. »Ich habe Macht, daß dieser Traum auch Wahrheit wird.« »So ist es von aller Wahrheit die einzige, die ich nicht zu kennen begehre. Daß ich herrschen wollte über einen Wernherus und Medardus? Und über alle, die zwischen diesen beiden die Leiter füllen? Nein, Herr Friedrich!« »Es lockt dich nicht, über jenen, die dich peinigen, als Herr zu sitzen, mit den Füßen auf ihren Köpfen?« »Das wäre der letzte meiner Wünsche.« »Immhof! Zu wissen, ich herrsche über Tausende, es gibt auf Erden nur wenige Staffeln, welche höher ragen als die meine, das wird dir Stunden bringen, die stolz und herrlich sind. Ist für solchen Ehrgeiz nicht Raum in deiner Seele?« »Jeden anderen Ehrgeiz mögt Ihr wecken in mir! Diesen einzigen nicht.« »Du Eigensinn, du blinder!« schalt der Propst in Unmut. »So will ich ein Wort für dich suchen, das dir besser gefällt. Was ich dir biete in dieser Stunde, soll deinem Leben Inhalt geben. Das soll Traum und Freude für dich sein, soll alle Kräfte wecken, welche schlummern in dir. Auf deine Schultern leg ich die Zukunft meines Landes. Ein Propst Wernherus mit seinem kurzen Blick und seiner langen Klaue würde zerstören. Ein Mann wie du wird bauen.« »Bauen?« Leise wiederholte Irimbert dieses Wort. »Das giftige Kraut zerschlagen? Raum schaffen für gute Saat? Den Leidenden ein Tröster sein? Bedrückten Menschen der starke Helfer werden, den sie ersehnen?« Die Gestalt des jungen Chorherren streckte sich. »Ja, Herr, das wäre Traum, der mich erfüllen könnte mit Kraft und Feuer.« Aller Ärger des Propstes schien verflogen. Lächelnd erhob er sich. »Ganz so, wie du das sagtest, hab ich es nicht gemeint. Aber ich muß dich nehmen, wie du bist. Es wird dich deine Aufgabe schon machen, wie sie dich braucht. Für heute will ich zufrieden sein, weil ich den Samen, den ich streute, in dir keimen sehe. Gib mir deine Hand! Jetzt bist du der meine.« »Nicht der Eure, Herr! Ich kann nicht lügen, auch nicht dem Guten zuliebe.« Immhof hielt die Hand des Propstes umschlossen. »Aber ich gebe mit diesem Handschlag mein Leben in den Dienst der Pflicht, die Euer Wort mir zeigte.« Herr Friedrich lachte. »So oder so, jetzt hab ich dich. Jetzt weiß ich, was ich mir rette in dir, und es soll meine erste Sorge sein, daß ich dich aus den Fängen des Wernherus reiße. Du mußt fort, Immhof, bevor das Kapitel zusammentritt, noch in dieser Stunde.« »Fort?« Irimbert zog seine Hand zurück. »Ich schicke dich mit Botschaft an den Hof des Herzogs. Dort sollst du warten, bis ich dich rufe. Ich gebe dir mein eigenes Roß, ich führe dich zum Tor.« »Diesen Weg mögt Ihr Euch sparen, Herr! Ich bleibe.« »Immhof!« Auf der Stirn des Propstes erschienen die Furchen wieder. »Ich befehle dir als dein Herr, und du wirst gehorchen.« »Nein!« »Du Starrkopf!« schalt Herr Friedrich in aufbrausendem Zorn. »Ist denn kein anderes Wort in dir als dieses ewige Nein? Oder bist du der Narr deines falschen Ehrgefühls? Meinst du, weil du gegen das Hausgesetz gehandelt, dürftest du der Strafe nicht entlaufen? Sei nicht kindisch, Immhof!« »Das bin ich nicht. Was mich festhält, ist die Pflicht, die Ihr geweckt in mir. Sie soll beginnen in dieser Stunde.« Ruhig hielt Irimbert den Blick des Propstes aus. »Soll ich einmal herrschen über die Kinder Eures Landes, so will ich ihre Treu verdienen durch Treue. Ich weiß einen redlichen Mann in Gefahr, es soll Unrecht an ihm und seinem Kind geschehen. Das will ich verhüten.« »Nein, Immhof, du wirst nicht herrschen! Ich habe mich getäuscht in dir. Das merk ich mit Ärger!« sagte Herr Friedrich mit Groll. Dennoch schien es, als hätte die Sprache des jungen Chorherren sein Wohlgefallen erzwungen. »In dir mag Gutes stecken, nur nicht der Stoff, aus dem sich ein starker Herrscher bildet. Sonst würdest du nicht deinen Herrenkopf aufs Spiel setzen gegen einen Bauernschädel.« »Ich unterscheide nicht zwischen Herr und Bauer. Ich weiß nur, da ist ein Mensch, den ich ehre mit diesem Namen. Und die Sorge um ihn ist mein einziges Denken in dieser Stunde.« Irimbert streckte dem Propst die beiden Hände hin. »Herr Friedrich! Nehmt mir diese Sorge ab! Dann will ich blind gehorchen, und Ihr mögt mich schicken, wohin Ihr wollt. Als Ihr sagtet: ›Ein Mann wie du wird bauen‹, seht, da zuckten tausend Hoffnungen in meinem Herzen auf. Gebt mir die Gewähr, daß von diesen Hoffnungen nur eine einzige sich erfüllen kann, und ich bin der Eure mit Leib und Seele. Zeigt mir an Euch selbst, daß ›Herr sein‹ bedeutet, das Recht schützen, den Frieden schaffen und das Glück der Menschen wahren, über die man Herr ist! Dann will ich ein gelehriger Schüler sein. Wenn ich Eurem Wort gehorche, jetzt, so verlasse ich mehr, als Ihr ahnen mögt. Ich verlasse Menschen, an die ich glaube, verlasse Sonne, die mich wärmte, verlasse Licht, das in die Nacht meiner Seele fiel. Das alles soll gelegt sein in Eure Hand, und ich gehorche. Nur gebt mir zum Abschied Euer Herrenwort, daß Ihr das ehrliche Recht des Greimold schützen und den unwürdigen Lehensbrief zerreißen wollt, der das Erbgut eines freien Mannes zum Gotteslehen machte.« Forschend betrachtete der Propst den jungen Chorherrn. »Sonne, die dich wärmt? Licht für die Nacht deiner Seele? Seltsame Dinge, die du redest!« Den tobenden Sturm und das Rauschen des Regens übertönte das Geläut der Kapitelglocke, deren scharfer Klang sich durch alle Mauern bohrte. Der Propst sah lauschend auf und hob unter müdem Seufzer die Schultern. »Immhof, du bist ein Tor! Ich fürchte, da läuten sie deine Stunde.« Er trat zum Lehnstuhl und warf den Hausrock ab. »Eure Antwort, Herr?« »Du fragst, daß ich den Wernherus zu hören glaube.« »Herr Friedrich«, stammelte Irimbert mit heißer Bitte, »gebt mir Antwort!« »Jede Antwort, die ich wüßte, käme zu spät. Die Stunde, die dich retten konnte, ist versäumt.« Es pochte an die Tür. Herr Friedrich ging und stieß den Riegel auf. Der Bruder Kämmerer, ein junger Mönch mit glattem Gesicht und lauernden Augen, trat in die Stube. »Das Kapitel ist versammelt, Herr! Nur einer fehlt noch: Irimbert von Immhof. Die anderen warten in Ehrfurcht ihres fürstlichen Herren.« »In Ehrfurcht? So?« Herr Friedrich lachte. »Dann will ich sie nicht warten lassen. Bring mir den Mantel!« Schweigend, den Ausdruck ruhiger Entschlossenheit in den strengen Zügen, war Irimbert zur Tür gegangen. »Immhof!« Während der Bruder einen der Schränke öffnete, ging der Propst auf den Chorherren zu und sagte in lateinischer Sprache: »Mir bist du verloren. Was ich dir bot, das hab ich dem Manne geboten, der du gestern warst, in der Kraft deines stolzen Hasses. Heute bist du ein anderer. In dir ist ein Neues. Das macht dich unbrauchbar für die Zukunft, die ich dir zeigte. Wie du heute fühlst, könntest du herrschen über Menschen, die es nicht gibt, an die nur die schöne Sonne eines freien Tages dich glauben machte, nicht herrschen über Füchse und Wölfe, über deren Köpfe eine unbarmherzige Faust die Peitsche schwingen muß. Solch eine zähmende Geißel für das unbotmäßige Rudel, das heulend spielt mit meiner Schwäche, wollt ich erziehen in dir. Du bist nicht mehr der Mann dazu.« »Der war ich nie, Herr Friedrich!« »Doch, Immhof! Noch gestern. Welch ein Wunder dich verwandelte, das weiß ich nicht. Und will es nicht wissen. Ich merke, du bist verloren für mich. Das ist mir leid. Ich weiß mir keinen zweiten, um ihn als Mauer gegen den Ehrgeiz des Wernherus zu stellen. Aber ich sorge mich auch um dich. Laß dich warnen, Immhof. Wernherus will dich verderben. Hüte dich, daß du ihm nicht in die Schlinge strauchelst. Mäßige deine Sprache, bezwinge deinen Zorn! Oder du bist verloren. Ich möchte dich nicht fallen sehen, ich bin dir gut, bin es nach dieser Stunde, die dich meinen Plänen nahm, vielleicht noch mehr als gestern. Warum ich dir das sagen muß? Vielleicht, weil ich etwas sehe in dir, um das ich dich beneide. Aus deinen Augen schaut es mich an wie Glück, das in Bitternis erwacht, um mit Jauchzen unterzugehen. Es steckt in dir zur Hälfte einer von jenen schönen Menschen, die wir uns in sehnsüchtigen Träumen ausmalen und die es in Wahrheit niemals gibt, weil der häßliche Widerstreit des Lebens sie auf Erden nicht duldet. Um ganz ein solcher Mensch zu sein, müßte man blinde Augen haben und das Leben nicht sehen, wie es ist.« »Herr Friedrich?« Immhofs Stimme zitterte. »Wenn Ihr auf Erden solchem Menschenkinde begegnen würdet, schön in jedem Zuge seines Wesens, mit reinen Seelenaugen, die das Leben nur sehen wie eine duftende Blume? Würdet Ihr nicht Euer Bestes opfern, um solchem Menschenkinde den Frieden seines Glückes zu erhalten?« Lächelnd nickte der Propst. »Wär ich noch jung, ich glaube fast, daß ich so schöner Torheit fähig wäre. Aber solchem Menschenkinde zu begegnen? Das Wunder geschieht nicht.« »Mir ist solches Wunder geschehen. Und weil ich noch Jugend habe, weil dieser Tag mich lehrte, sie zu fühlen in mir, so wundert Euch nicht, wenn ich handle nach Eurem eigenen Wort.« »Immhof?« Betroffen streckte der Propst die Hand. Irimbert sagte ruhig: »Euer Kämmerer wartet und will Euch den Fürstenmantel um die Schultern legen. Mir gestattet, daß ich zum Kapitel gehe. Die Kläger sind versammelt, nur der Schuldige fehlt. Und was ich gewinnen oder verlieren mag, Euch dank ich für dieses letzte Wort. Es ließ mich in Euch den Menschen hören.« Er neigte sich und ging. Schweigend ließ der Propst es geschehen, daß ihm der dienende Bruder den Mantel umlegte. Dabei streifte ihm der Kämmerer mit der Hand die Wange. Herr Friedrich schüttelte sich, wie von Ekel befallen. »Bruder, was hast du für kalte Hände! Ein andermal wärme sie am Feuer, ehe du mich bedienst!« Beide Hände in die Ärmel der Kutte hüllend, verbeugte sich der junge Mönch. Herr Friedrich sah ihm in das glatte, regungslose Gesicht. »Und Augen hast du, die mir in die Seele springen wie kalte Frösche. Geh! Schicke mir von meinen Falknern einen! Du, vermut ich, wirst heute noch schreien müssen mit den anderen, die deinesgleichen sind. Oder nicht? Es sollte mich wundern, wenn der große Wolf seinen kleinen Füchsen nicht eine lustige Hatz versprochen hätte. Geh!« Der Bruder gehorchte. In Mißmut seufzend, ließ sich der Propst auf den Sessel nieder und schmiegte sich frierend in die linden Felle. So saß er, immer zur Tür blickend. Dann rollte er den Brief des Herzogs vor sich auf, obwohl er, weil die Fenster schon grau waren von Dämmerung und Regen, nimmer lesen konnte. »Schad um die gute Botschaft! Halb ist sie entwertet jetzt. Daß soviel Rosse traben sollen um meinetwillen allein? Das lohnt sich nicht.« Reinold, der Falkner, trat in die Stube. »Gottes Gruß zum Abend, Herr!« »Du? Schon wieder im Kloster? Hab ich dir nicht freien Tag gegeben?« »Der Tag ist um, es nächtet.« Herr Friedrich nickte. Das Pergament in seinem Mantel bergend, erhob er sich. »Wenn ich gehe, sperrst du die Tür! Keinem anderen sollst du öffnen, nur mir. Bis ich komme, hütest du meinen Falken! Du haftest mir für jede Feder meines Lieblings, hörst du?« »Wohl, Herr!« Der Propst vertauschte die Hauskappe gegen den Fürstenhut mit dem Goldreif. Den Falken streichelnd, stand er noch eine Weile. Da klang das Geläut der Kapitelglocke wieder. Herr Friedrich lachte und ging. Reinold verriegelte die Tür, huschte zu Tisch, guckte in die Weinbitsche und nahm einen Trunk. Kichernd wischte er mit dem Ärmel den Mund, brachte den Ring des Falken in Schwung und streckte sich auf ein Wolfsfell nieder, das auf dem Boden lag. Behaglich dehnte er die Glieder, verschlang die Hände hinter dem Nacken und gähnte. 7 Im Zwielicht des Abends flackerten die Wachskerzen auf den drei kupfernen Kronleuchtern des Kapitelsaales, der mit seiner Säulenreihe und den hohen Spitzbogen sich ansah wie das Doppelschiff einer gotischen Kirche. An der äußeren Langwand führte eine breite Steintreppe hinauf zu den kleinen Gärten, die zwischen dem Stiftsgebäude und der Wehrmauer dem steilen Felsgehänge abgewonnen waren; unter dieser Treppe ging eine Wendelstiege hinunter zum Kreuzgang und zu den Kellern. Drei hohe, mit Schnitzereien verzierte Türen, welche die innere Langwand durchbrachen, verbanden den Kapitelsaal mit dem Refektorium und den Korridoren des Klosters. Zwischen den Türen standen große, schwer mit Eisen beschlagene Schränke, die das kostbare Kirchengerät, die Weihgeschenke fürstlicher Herren und alle wichtigen Urkunden des Stiftes unter Schloß und Riegel verwahrten. Ein mächtiges Rosettenfenster, neben der Steintreppe in die südliche Schmalwand gebrochen, erleuchtete am Tage den langgestreckten Raum, den jetzt in der Dämmerung die hundert flackernden Kerzen nur spärlich erhellten. Licht und Schatten überzitterten die weiß getünchten Wände, deren strenger Schmuck aus einem riesigen, von den Fliesen bis hinauf zum Gewölbe reichenden Kreuzbild und aus roten Marmortafeln bestand, welche die Wappen aller Pröpste zeigten, von Eberwein, dem Gründer des Klosters, bis auf Friedrich von Ortenburg, den zwölften der Pröpste von Berchtesgaden. Ein klobiges Holzgeländer, stark und hoch, als hätte so feste Schranke ihre guten Gründe, teilte der Breite nach den langen Saal und schied den Platz der dienenden Brüder vom Kapitelraum der Chorherren. Hier standen in zwei Reihen, die eine der anderen gegenüber, an die zwanzig hochlehnige Stühle, jeder mit dem Wappen des Chorherren, dessen Platz der Sessel war. Dem Kreuzbild zu Füßen, auf einer Marmorstufe, stand der Fürstenstuhl, der auf Herrn Friedrich wartete. Zunächst dem Sessel des Propstes saß Wernherus, schweigend und mit kaltem Lächeln. Immer wieder huschte sein Blick über die Türen hin, während er dem Geplauder der Chorherren zu lauschen schien, die um ihn her standen. Das waren die Würdenträger des Stiftes: Der Jägermeister Siegfried von Schneid, Ulrich von Thurn, der Kämmerer, Herr Rupert von Hohenmoos, der über die Fischweid zu wachen hatte, Pabo und Gunthar, die beiden Kapläne des Münsters, und Konrad von Bergheim, der Kellermeister, einer menschgewordenen Tonne gleichend, mit rot geränderten Backen und kleinen weinseligen Augen. Ganz zuunterst in der Reihe, gebeugt und wie in Schlaf versunken, saß ein weißhaariger Greis, Dietmar Scharsach. Der hatte einst als rauflustiger Burgherr auf unbezwinglicher Feste gehaust; als ihm aufrührerische Knechte das Weib und drei Töchter ermordet hatten, war ihm die Weltlust vergangen, und er hatte mit seinem Sohne Linhart den Trost der klösterlichen Mauern gesucht. Jetzt waren die beiden nicht mehr Sohn und Vater, sie waren Priester, gleichberechtigte Kapitularen, und nannten einander »Herr Dietmar« und »Herr Linhart«. Aus einem schwermütigen Klosterschüler, dem immer die Tränen in den Augen standen, hatte sich der junge Scharsach im Lauf der Jahre zu einem Manne mit derbem Gesicht und groben Fäusten ausgewachsen, der an das Trauerspiel seines Hauses nimmer dachte und der beste Freund des Kellermeisters war. Man hatte ihn aus der Weinstube zum Kapitel holen müssen, daß er lange dort gesessen, war aus seinem Lachen zu hören. Zwei andere Chorherren, Otto von Goldeck und Düring von Steflingen, hatten ihre nachbarlichen Plätze eingenommen. Laut schwatzend standen die drei Heinriche beisammen: der Eschelberger, der von Pühel und der Bruckberger. Einer mit buckliger Schulter, Herr Isengrimm von Niederheim, wanderte zwischen den Stühlen auf und nieder, während die beiden jüngsten Chorherren, Marquard Hausperg und Walter von Wenns, unter kicherndem Gezischel bei der Treppe standen. Eine bunte Mischung von Gestalten und Köpfen! Neben kräftigen Männern, die der Harnisch besser gekleidet hätte als das weiße Ordensgewand, sah man Gestalten von kränklicher Schwäche und wohlgenährte Herren; neben einem sonnverbrannten Gesicht ein bleiches, neben gallig verdrossenen Mienen energische Züge und runde Vollmondgesichter, denen die Freude am Leben aus den Augen glänzte. Draußen heulte der Sturm und trommelte der strömende Regen gegen Mauer und Fenster. Das machte jede Stimme laut, die gehört sein wollte. Es war ein Schwatzen und Lachen, als wäre das Kapitel nicht versammelt, um Gericht und Rat zu halten, sondern um eine Lustbarkeit zu beschließen. An einem gereizten Wort, das zum lachenden Ton nicht paßte, und an Blicken, die getauscht wurden, konnte man merken, daß eine ernste Stunde wartete und daß alle wußten, was diese Stunde bringen würde. Wenn solch ein enthüllendes Wort sich hören ließ, genügte ein Wink aus den Augen des Wernherus, um den vorlauten Schwätzer zum Schweigen zu bringen. Da öffnete sich eine der Türen. Irimbert von Immhof trat in den Kapitelsaal. Er schien die spöttischen Blicke nicht zu gewahren, mit denen man ihn musterte. Nur der bucklige Isengrimm begrüßte ihn freundlich, und der alte Dietmar Scharsach erhob sich, ging müd auf ihn zu und reichte ihm beide Hände. Grobes Lachen übertönte die Stimmen der anderen. Es war der junge Scharsach. Ein höhnendes Wort schien auf seiner Zunge zu liegen. Immer lauter wurde der Lärm. Die Ungeduld des Wartens verwandelte die erzwungene Heiterkeit in unverschleierten Ärger. Nur Irimbert saß ruhig auf seinem Platz und hörte schweigend an, was ihm der alte Dietmar zuwisperte. Draußen vor dem Rosettenfenster war es schon dunkler Abend geworden, als der Eschelberger mit rauher Stimme die anderen überschrie: »Wie lange sollen wir noch warten? Ziehet die große Münsterglock! Herr Friedrich muß Wolle in den Ohren haben, weil er nicht hören will.« »Oder er lauset seinem Falken den Bauch«, rief Linhart Scharsach, »und das kann lang dauern, bis er die letzte gefangen hat. Ein Falk hat mehr Inwohner im Federkleid als der Teufel arme Seelen im Feuer.« Lautes Gelächter füllte den Kapitelsaal, während der alte Dietmar seinem Sohn entgegentrat: »Schäm dich, Herr Linhart, daß du eine solch' Stallbubenred über deinen Fürsten tust!« »Wie ein Herr sich führt, so ist die Red über ihn. Du tätest besser auf deinem Sessel sitzen, statt daß du dreinredest in Sachen, für die dein Kopf zu alt ist.« »Mein Kopf ist alt geworden, ja! Wie er noch jung gewesen, hätt ich ihn mir lieber abschlagen lassen, als daß ich ihn tragen hätt mögen wie du den deinen.« »Heb das Kinn ein wenig höher, Herr Dietmar! Es tröpfelt dir der müde Zorn auf den seidenen Rock.« Unwillig trat Wernherus zwischen die beiden. »Haltet Ruh, ihr ewigen Zänker! Da kommt der Herr.« Propst Friedrich stand auf der Schwelle. Die breite Hutkrempe warf einen Schatten über sein Gesicht, so daß man nicht sah, wohin seine Blicke gingen. Im Saal verstummte der Lärm, die Chorherren nahmen ihre Plätze ein. Man hörte das dumpfe Rauschen des Sturmes, der um die Mauer fuhr. Herr Friedrich entblößte vor dem Kreuzbild das Haupt. Sich wieder bedeckend, stieg er auf die Marmorstaffel. »Ich sehe zwei Stühle, die leer sind. Philipp von Saaleck und Hans Pütrich? Wo sind sie?« »Sagten sie mir die Wahrheit, so sind sie zum Königssee geritten«, erwiderte Wernherus, »sie erbaten Urlaub. Den gab ich ihnen.« »Den gibst du nicht gerne sonst. Warum diesen beiden?« »Weil sie jagen wollten.« »Oder weil ich im Kapitel zählen kann auf ihre Stimmen?« Herr Friedrich ließ sich auf den Sessel nieder. Abermals entblößte er das Haupt und sprach die lateinische Formel: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Geistes, der uns erleuchten möge! Wir sind versammelt zu Rat und Tat im Dienste Gottes, dem wir hörig sind als gläubige Knechte.« Er betrachtete die Gesichter, und ein Lächeln spielte um seinen Mund. »Der Himmel gieße gerechte Milde in unsere Seelen, frommen Mut in unsere Herzen und gebe Erkenntnis unseren irdischen Sinnen. Flehet um solche Gnade und beginnet die ernste Stunde mit Gebet!« Gunthar und Pabo, die Kapläne, sprachen die Sätze des Gebetes vor. Bequem in ihren Lehnstühlen sitzend, fielen die Chorherren mit lauten Stimmen ein. Nur Immhof schwieg. Herr Friedrich lächelte noch immer. Als der Choral begann, bei welchem Heinrich von Eschelberg und der junge Scharsach die rauhen Stimmen hoben, als möchten sie den Gesang des Sturmes übersingen, nickte der Propst im Takte vor sich hin und sprach in den Choral hinein: »Cantant in choro, Sicut asellus in foro!« Die Stimmen schwiegen. Dann beugten sich alle Köpfe vor, alle Blicke waren in Spannung auf Wernherus gerichtet. Nur der alte Scharsach bewegte sich nicht; er hatte die Augen geschlossen, weil er den Sohn nicht sehen wollte, der ihm gegenüber saß. Der Propst bedeckte das Haupt. Mit Sorge ruhten seine Augen auf Immhof, bevor er zu sprechen begann. »Das Kapitel ist berufen ohne mein fürstliches Gebot. Dekan Wernherus! Das Kapitel zu versammeln, steht dir kraft deines Amtes nur zu, wenn du zu klagen hast.« Wernherus stand auf. »Ich klage.« »Gegen wen?« »Weltlicher Handel soll abgetan werden, ehe wir zu richten haben in geistlicher Sache. Ich klage gegen Hilpot, den Jäger zu Vordereck.« Man hörte murrende Stimmen: »Narretei! Ist ein Bär zu fahen, so läßt man den Hasen laufen.« Und Herr Friedrich fragte: »Was hat der Jäger verschuldet?« »Wider seine Pflicht hat er Hilfe geboten zu einer Heimlichkeit, die ein Chorherr gegen Hausgesetz und Regel beging.« Irimbert erhob sich. »Warum verschweigt Ihr den Namen des Chorherren?« »Weil ich wußte, daß er sich melden würde.« Immhof wandte sich an den Propst. »Der Jäger bot mir Gewand und Wehr, daß ich jagen konnte. Er ist ohne Schuld, er gehorchte nur meinem Herrenwort.« Wernherus lächelte. »Willst du sagen: Der Jäger wußte nicht, daß dein Weg ein heimlicher war?« Bevor Immhof erwidern konnte, fiel Herr Friedrich ein: »Der Mann war gehorsam. Das ist Tugend, der ich selten begegne. Ich will sie belohnen; nicht strafen. Laßt mir den Jäger in Ruhe!« »Ich bin dafür!« erklärte der bucklige Isengrimm mit seiner dünnen Stimme. »Ein williger Mann hat seinen Wert. Keiner von euch kann heute wissen, zu welcher Heimlichkeit er den Jäger schon morgen nötig hat.« Der Spott tat seine Wirkung und machte die Chorherren lachen. Mit diesem Gelächter war die Sache entschieden. Es schien auch, als hätte Wernherus ein anderes Urteil nicht erwartet. Keine Spur von Ärger zeigte sich in seinen Mienen. »Der Himmel hat unser Gebet erhört und hat die Herzen der Kapitularen vollgegossen –« »Mit Stein und Rechberg!« flüsterte Herr Konrad, der Kellermeister. »Vollgegossen mit kluger Milde. Das läßt mich hoffen für einen Mann, wider den ich ungern klage.« »Wen du auch meinst«, fiel Herr Friedrich ein, »ich wundere mich über deine linde Rede. In meiner Stube klang sie minder sanft.« »Eure Wohlmeinung belehrte mich. Ich will geduldig sein und die Kunst des Wartens üben.« »Wir sind versammelt, um deine Klage zu hören. Auf was wartest du noch?« »Auf Euer Schweigen!« rief Linhart Scharsach. »Wie soll er klagen, wenn Ihr allweil dazwischenredet?« »Halte dich ruhig, Linhart!« befahl Wernherus in verweisendem Ton. Herr Friedrich lachte. »Regt sich schon wieder die Strenge in dir, du Milder? Hart gegen deinen besten Freund? Mild nur gegen jene, die du vernichten möchtest? Das ist verkehrt. Laß deine Milde auch walten über dem Borstenhaupt dieses Rüpels! Der Wein hat ihm die Augen verschleiert, daß er den Kapitelsaal für die Kellerstube hält.« Die Rede des Propstes wurde mit Gelächter und Murren aufgenommen. Der junge Scharsach schwieg und blickte fragend zu Wernherus auf, während er in Ungeduld mit beiden Fäusten auf den Knien trommelte. »Zur Sache, Dekan! Verliere die Zeit, die dir kostbar schien, nicht mit leeren Worten! Klage! Mehr, als diese Stunde dir bringt, erwartest du nicht, und wenn du auch die Geduld einer Spinne hättest!« Stille war im Saal. In das Rauschen und Pfeifen des Sturmes mischte sich ein dumpfes Geräusch. Das klang, als käme es aus der Tiefe der Mauern. Waren es Stimmen? Lauschend hatte Wernherus das Gesicht erhoben. Ein spottendes Lächeln lag wie versteinert um seinen Mund: »Ich will Eure Mahnung bedenken, mein edler Fürst! Und erweise Euch den Dienst eines raschen Wortes. Ich klage wider einen Mann, für den mein Erbarmen reden möchte. Gottes Zorn hat schwer auf ihm gelastet. Weil er den Willen des Himmels nicht erkennen wollte, ist Blindheit auf die Augen seines Kindes gefallen, Wahnsinn in die Seele seines Weibes. Hätte der Mann in Demut seinen Nacken gebeugt, wir hätten ihn freundlich aufgerichtet und Gottes Vergebung für ihn erfleht. Er verharrt in Trotz und stiftet Aufruhr wider die Diener Gottes. Das macht mein Erbarmen schweigen. So klag ich gegen Greimold, den Bauer im Gotteslehen.« Diese letzten Worte gingen unter in wirrem Stimmenlärm, der sich auf der Treppe hören ließ, die hinunter zum Kreuzgang führte. »Dietmar!« rief der Propst. »Sperr die Tür dort hinten und stoße den Riegel vor! Da kommt Gesellschaft, die unserem milden Dekan die sanften Wege stören könnte.« Herr Dietmar hatte sich erhoben und das den Saal durchschneidende Geländer aufgetan. Da sprang ihm der junge Scharsach in den Weg. »Bleib sitzen, Alter!« Lachend eilte er zum Ende des Saales und riß das eiserne Türlein auf, das die Wendeltreppe verschloß. Hinter Medardus, dem Zinsmeister, drängten die dienenden Brüder in den Saal. Die Chorherren sprangen auf; die einen schwatzten heiter, andere schalten über die Ungebühr der Brüder, und diese Stimmen machten einen Tumult, daß man den Lärm des Sturmes nicht mehr hörte. Herr Friedrich war aufgesprungen, in Zorn die Fäuste ballend. Dann lachte er, ließ sich wieder auf den Sessel nieder, und als sich der Lärm ein wenig dämpfte, rief er: »Was suchen meine frommen Lämmer hier im Saal?« Zwanzig Stimmen gaben Antwort. Eine überschrie die andere, so daß kein Wort zu verstehen war. Da trat Wernherus in die Mitte des Saales und hob die Arme. »Haltet Ruh, ihr guten Brüder! Ich spreche für euch.« Wie sein Gesicht, so hatte sich auch seine Stimme verwandelt. Mit hartem Klang erfüllte sie den Raum. »Die Ihr höhnend Eure frommen Lämmer nennt, Herr Friedrich, kommen zu rechter Stunde. Unter ihnen ist einer, dessen Zeugnis das Kapitel hören soll, wenn ich klage wider den Bauer im Gotteslehen.« »Das Recht dieser Klage bestreite ich Euch, Dekan Wernherus.« Alle Augen richteten sich auf Irimbert, der diese Worte gerufen hatte. »Darf der noch reden?« schrie der Eschelberger. »Stopfet ihm das Maul!« »Rat und Gericht will nüchterne Männer. Du bist betrunken!« Immhof kehrte dem Schreier den Rücken und wandte sich an den Propst. »Solche Klage in diesem Saal ist wider das Recht des Kaisers. Der Mann im Gotteslehen ist dem Kloster nicht hörig. Als freier Bauer steht er unter dem Gericht des Reiches. Nur der kaiserliche Viztum kann richten über ihn.« Der junge Scharsach sprang auf Immhof zu. »Ein freier Bauer? Wer?« »Schweig, Linhart!« fiel Wernherus ein. »Rat und Gericht will nüchterne Männer. Da hast du wahr gesprochen, Immhof! Gericht und Rat will aber auch Männer, die ohne Schuld und Makel sind. Solch einer bist du nicht.« Mit johlendem Beifall drängten die Brüder durch die offene Schranke in den Kapitelsaal. Und Medardus, der wohlwollende Zinsmeister, dem vor Aufregung die Hamsterbacken glühten, kreischte mit der Stimme eines weinenden Kindes: »Wider das eigene Fleisch hat er gebissen. Dem Greimold, den ich festgenommen, weil er geschmäht hat wider Kloster und Himmel, hat er die Stricke zerschnitten. Hat geduldet, daß der Bauer mich bedroht hat mit dem Messer. Hat dazugeholfen, wie des Bauern Gesind mit Stecken über mich her ist.« Die kreischende Klage ging unter im Geschrei der anderen. Immhofs Stimme hob sich über allen Lärm. »Das lügst du, Medardus! So ehrlos und falsch wie deine Rede, so schuldlos und rechtlich ist der Mann, wider den du in Meineid klagst.« Da drängten alle gegen ihn und hoben die Fäuste. Herr Friedrich wollte Ruhe gebieten, niemand achtete seines Zornes. Nicht der Propst, sondern Wernherus schien der befehlende Herr im Saale zu sein. Er durfte nur die Hand erheben, und alle hörten auf ihn. »Euer Zorn ist gerecht, doch schweiget, ihr Herren und Brüder! Ich allein, kraft meines Amtes, will rechten mit diesem treulosen Sohn der Kirche, die unsere heilige Mutter ist!« Er trat auf Immhof zu. »Wer bist du? Wie kommt der Mut in dich, das Wort eines Treuen, der in Eifer unserem heiligen Hause dient, als Lüge zu schmähen? Willst du Zeugnis legen? Du? Der selber unter Klage steht. Denn ich klage, Irimbert von Immhof, ich klage wider dich. Du hast gehandelt wider den Vorteil unseres Hauses. Gesetz und Regel hast du gebrochen, als du wider mein Verbot aus dem Kloster wichest. Ein Meineidiger bist du selbst. Und meine Stimme ist die erste, die dich schuldig spricht.« »Schuldig!« rief der Eschelberger. »Doppelt schuldig!« schrie der junge Scharsach. Und alle schrien es nach: »Schuldig, schuldig!« Nur Herr Dietmar hob wehrend die Hände. Und der bucklige Isengrimm rief mit seiner hohen Stimme in den Lärm: »Das ist Narrengericht! Was der Immhof tat, hat jeder von euch schon dutzendmal getan. Und übler! Der Immhof hat nur den schreienden Hirsch gejagt im Bergwald droben. Ihr anderen pirschet in heimlichen Nächten auf feines Wildbret unter stillem Dach. Ich spreche den Immhof ledig.« Mit einem Fluch trat der junge Scharsach dem Buckligen entgegen, während der Eschelberger den Tumult der anderen überschrie: »Schuldig mit allen Stimmen gegen zwei! Das Urteil, Dekan! Das Urteil! Für den meineidigen Mann die härteste von allen Bußen!« Wernherus lächelte. »Die Buße zu bestimmen, ist meines Amtes nicht. Das steht der Würde des Propstes zu. Ich gebiete Schweigen für unseren fürstlichen Herrn!« Es wurde still im Saal. Im Gesicht des Propstes bewegte sich keine Miene. Er rückte nur, als Wernherus sich ihm näherte, tiefer in den Stuhl zurück. »Ihr seht, Herr, alle schweigen und harren auf Euer Wort. Ich hoffe, Euer Spruch wird so gerecht und klug sein, als ihn diese Stunde von Euch fordert.« Herr Friedrich sah die lauernden Blicke, die auf ihn gerichtet waren. »Ich danke deiner ehrlichen Meinung, mein lieber Wernherus! Von meinen treuen Söhnen bis du der treueste, immer bedacht, die Ehre deines fürstlichen Herrn zu wahren. So gerecht deine Klage war, so streng soll der Spruch sein, den ich fällen will. Irimbert von Immhof!« »Herr?« »Bekennst du, wider Hausgesetz und Regel gefehlt zu haben?« »Das bekenne ich.« »So strafe ich dich erbarmungslos mit der härtesten der Bußen, die das Gesetz bestimmt. Noch in dieser Stunde sollst du unser heiliges Haus verlassen, um auf frommer Bußfahrt –« Wildes Geschrei unterbrach den Propst. »Er will ihn retten, er reißt den Schuldigen aus unseren Händen!« Wernherus hob die Arme, und als der Lärm sich dämpfte, sprach er mit schneidendem Hohn: »Euer Spruch ist zu hart! Seid christlich, Herr! Laßt Euch zur Milde mahnen! Bedenket, wen Ihr so grausam straft! Euren Liebling! Dem Ihr Honig reichtet, wenn Ihr uns bitteres Salz zu schlucken gabt. Seid gnädig, Herr! Mich jammert des Schuldigen, der Eure Liebe verscherzte. Wenn Ihr ihn verbannt aus diesen heiligen Mauern, wo soll er eine Heimat finden, er, den der eigene Bruder aus dem Haus seiner Väter jagte?« »Wernherus!« flog es wie Stahlklang von Irimberts Lippen. »Immhof!« mahnte Herr Friedrich. »Bleib ruhig!« »Redet, Dekan!« schrie der junge Scharsach lachend. »Wir wollen milde sein, wie Ihr es seid!« »Hört doch diesen Schrei eines Frommen, Herr! Seid gnädig dem Schuldigen! Nicht in Bosheit hat er gesündigt, nur in Sehnsucht nach der Freiheit, die ihm der eigene Bruder nahm. Laßt die Bitternis seines Lebens für ihn sprechen! Vaterlos in der Wiege, mit den leeren Händen des jüngeren, mußte er den älteren Bruder als mächtigen Mann im reichen Erbgut des Vaters sehen. Und dieser Bruder: häßlich, Kraft nur in seinen Fäusten, den eigenen Knechten ein Herr, den sie widerwillig ertrugen! Und dieser jüngere: ein Anblick wie ein Maienmorgen, übergossen mit allen Gnaden der Natur, der Liebling aller Mannen in seines Bruders Burg, der Liebling seiner Mutter.« Bei diesem Wort war die Ruhe dahin, die sich Immhof unter den mahnenden Blicken des Propstes abgerungen hatte. »Von allem redet! Nur nicht von meiner Mutter!« rief er in Zorn. »Dies Wort auf Eurer Zunge ist Entweihung!« Wernherus lächelte. »Der Liebling einer Mutter, die für ihn sann in stillen Nächten, für den Liebling Herzen und Fäuste warb, bis der Burgherr die Gefahr erkannte. Ein übler Sturz aus allen irdischen Himmeln! Noch am Abend die stolzen Träume von Macht, von Reichtum, von aller Freude des Lebens. Und am Morgen mit geschorenem Kopf in der Klosterzelle, und hinter ihm der Fluch des Bruders: ›Bastard! Du bist nicht meines Vaters Blut! Deine Mutter gebar dich in sündiger Buhlschaft mit einem fahrenden Gaukler!‹« Das Gesicht so weiß wie Kalk, stürzte Immhof mit ersticktem Schrei auf Wernherus zu. Linhart Scharsach, der Eschelberger und andere Chorherren sprangen dazwischen. Wernherus rief: »Eures Schutzes bedarf ich nicht. Mag er sich nach aller Sünde noch vergreifen an einem geweihten Diener Gottes.« »Gott? Gott?« brach es in Empörung aus Immhof heraus. »Unmensch du! Hast du mir nach solcher Schmähung einer Frau, die aller Frauen reinste und beste war, kein anderes Wort an die Stirn zu werfen als dieses eine: Gott? Wird dieses Wort auf deiner Zunge nicht zu Gift? Ist Wahrheit in diesem Wort, so muß es dich töten. Gott! Fühlst du nicht, Wernherus, daß dieses Wort dich schlägt, härter als meine Faust dich schlagen könnte. Gott!« »Ihr Herren, hört!« schrie Pabo, der Kaplan. »Hört, wie er den Namen Gottes nennt! Wie ein Heide! Wie einer, der nicht glaubt!« Und Wernherus, mit triumphierendem Blick, als hätte er den Gegner, wo er ihn haben wollte, deutete nach dem Kreuzbild an der Wand: »Solche Rede wagst du im Anblick des Gottes, der vom heiligen Kreuz auf dich niederblickt?« »Von dem ist nicht die Rede, Wernherus! Der Gott, von dem wir reden, du und ich, das ist ein anderer. Das ist der Gute nicht, der die Liebe predigt und den die Wölfe zerfleischten, weil er in seiner Brust das Herz eines Menschen hatte. Der Gott, den du auf der Zunge und im Herzen trägst, ist der Gott des Hasses, der Gott, der mich ansieht aus euren Augen, an den ich glauben lernte in eurer Mitte, der Gott, der euch und alle Welt erfüllt!« Erschrocken war Herr Friedrich aufgesprungen: »Immhof! Bist du von Sinnen?« »Von Sinnen? Ich? Nein, Herr, nie war ich klüger als in dieser Stunde.« Es war ein Geschrei im Saal, daß nur Irimbert und die zunächst dem Stuhl des Fürsten standen, das in Kummer mahnende Worte des Propstes hörten: »Unseliger, du ermordest dich!« »Dann ist Tod ein besseres Leben. Sie haben meinen Glauben angezweifelt, sie sollen mein Bekenntnis hören!« Klingend übertönte Irimberts Stimme den tobenden Lärm. »Ich glaube an den Gott, den ich gefunden auf allen Wegen. Glaube an den Gott, der den Wernherus und Medardus schuf. An den Gott, der die Redlichen knechtet und die Schlechten zu ihren fressenden Herren macht. Ich glaube an den Gott, der die Falschheit und Lüge ersann, den Raub und Totschlag und Geschöpfe dazu, die ihre Brüder morden mit solchen Waffen. Ich glaube an den Gott der Söhne, die ihre Mütter entehren, an den Gott, der das Laster beschirmet und die Unschuld würgt. Ich glaube an den Gott, der euer Gebet erhörte, wenn er die Kinder mit Blindheit schlägt und den Müttern die Augen aus den blutigen Höhlen reißt, um eure Schüssel zu füllen. Der Gott, der den Wald bevölkert mit reißenden Tieren und das Wasser mit schnappenden Hechten, das ist der Gott, der allmächtig ist in euch und dessen geweihte Diener ihr seid! Das ist der Gott, der euch in Freude seine, treuen Vasallen nennt. Und aller Ekel des Lebens, alle Gier, die Raum hat in wölfischen Seelen, ist euer Gotteslehen!« Diese letzten Worte erstickten in dem Wutgeschrei, das den Kapitelsaal erfüllte. Jene von den Brüdern, die noch außerhalb der Schranke waren, schwangen sich über das Geländer und warfen die Stühle der Chorherren aus ihrem Weg. »Er beschimpft das Heiligste! Er schmäht die Kirche!« Und die Stimme des Medardus schrillte: »Er hat Gott gelästert! In die Mauer mit ihm!« Das Wort dieses einen wurde das Wort aller anderen. »In die Mauer mit ihm! In die Mauer!« Der junge Scharsach, der hinter Immhof stand, holte aus mit der Faust. »In die Mauer mit dir! Und diesen frommen Schlag für meinen Herrgott, den du gelästert!« Irimbert taumelte, von dem heimtückischen Hieb auf die Schläfe getroffen. Da warfen sie sich über ihn, ein ganzer Hauf, zerrten ihn zu Boden, und mit dem Gürtelstrick, den sich Medardus von der Kutte gerissen, fesselten sie ihm die Hände. Niemand wehrte dem Gericht, das da gehalten wurde. Dem buckligen Isengrimm war der lachende Spott vergangen, der alte Scharsach, mit den Händen vor den Augen, stand an die Wand gelehnt, und Herr Friedrich blickte wortlos auf das schreiende Gewühl. Als sie den Gefesselten, der unter Faustschlägen und Fußtritten das Bewußtsein verloren hatte, zum Ende des Saales schleiften und gegen die Treppe, die hinunter zu den Kellern führte, streckte der Propst die Hände, als hätte er, um das Entsetzliche zu hindern, noch ein letztes Wort zu sagen. Da stand Wernherus vor ihm. »Herr Friedrich? Warum rettet Ihr Euren Liebling nicht?« Funkelnden Zorn in den Augen, blickte der Propst auf ihn nieder. »Er hat Gott gelästert, der unser Wappen ist und euer Brot. Auf solche Sünde steht die Mauer. Das ist Gesetz. Ich kann und darf ihn nicht retten. Aber komm, Wernherus, ich sage dir was ins Ohr!« Herr Friedrich beugte sich und flüsterte: »Den du vernichtet hast in Haß und Eifersucht, der war besser als du und ich, war gläubiger, als wir alle sind. Er suchte in Hunger. Wir sind satt und verdauen. Und Gott – der gute, Wernherus, nicht der deine – hätte Freude an diesem Leben gehabt, das elend in der Mauer verderben soll!« Man hörte die Stimme des Eschelbergers, der in der Ecke des Saales hinter dem Gerichteten und dem letzten der Brüder die Tür geschlossen hatte. »Sehet, Herr Friedrich, wie gehorsam ich bin! Ihr habt befohlen, das Türlein zu schließen. Ich tu's und stoße den Riegel vor!« Das Eisen klirrte. »Jetzt sind wir Herren unter uns.« Der Eschelberger kam nach vorne und schlug hinter sich das Gatter der hölzernen Schranke zu. »Richtet die Sessel wieder auf!« Keiner tat es, alle standen im Saal und blickten auf Wernherus, als wäre der Ernst dieser Stunde noch nicht zu Ende. »Oder wollet ihr ständerlings Kapitel halten? Meinethalben! Lang wird's nimmer dauern, bis wir den Spruch getan haben, der noch aussteht.« Herr Friedrich lachte heiser. »Dem Eschelberger redet der Durst aus der Kehle, die er sich trocken schrie um seinen Gott. Da müssen wir in Erbarmen trachten, daß er bald zu einer Stärkung komme.« Er wollte sich erheben. »Herr«, fiel Wernherus ein, »nur halbes Gericht ist gehalten, es soll ein ganzes werden.« »Gericht? Welches Gericht denn noch?« »Über den Greimold, gegen den ich klagte.« Zum Stuhl des Propstes sich vordrängend, schrie der Eschelberger: »So lang, bis das gehalten ist, muß sich mein Durst noch gedulden. Wir haben eine stechende Natter aus unserem Pelz geschüttelt. Jetzt wollen wir Schafschur mit dem Bauer halten.« »Dann wirst du scheren müssen ohne Schaf!« rief ihm Herr Friedrich zu. Er wandte sich an Wernherus. »Du, der du feurig streitest für alles Gesetz, du hast mich gelehrt, daß ich Gesetze achten muß, die ich als Fürst beschworen. Immhof hat wahr gesprochen, der freie Bauer steht unter dem Spruch des Kaisers. Wenn der kaiserliche Viztum übers Jahr Gedingtag hält im Gaden, dann klaget wider den Greimold. Nicht hier im Saal und nicht vor meinem Stuhl.« Unter dem Lärm, der sich erhob, flog aus den Augen des Wernherus ein Wink zum jungen Scharsach hinüber. Der sprang auf die marmorne Staffel zu, die den Stuhl des Fürsten trug. »Gedingtag und Viztum, das ist leeres Gewäsch! Der Bauer hat in Aufruhr gelästert wider uns. Das ist bezeugt, und so richten wir ihn.« Er schrie, daß die Wände hallten: »Geht Eure Meinung anderen Weg, Herr Friedrich, so seid Ihr wider unser heiliges Haus. Dann seid Ihr der Herr nicht, den wir gewählt in gutem Vertrauen, daß er unseren Nutzen wahren soll und unser Gut. Zur Schand und uns zum Possen tragt Ihr den gezobelten Mantel, den wir Euch umgetan. Wer geben kann, der kann auch nehmen. Ich bin der erste, der sagt: Herunter mit Euch! Herunter den Mantel, den einer tragen soll, der würdiger ist!« Er streckte die Hand und wollte den Mantel fassen. Der bucklige Isengrimm stieß ihn zurück und stellte sich neben den Sessel des Propstes. Herr Friedrich war bleich geworden. Lächelnd raffte er seinen Mantel über den Schoß und sagte: »Greif du nach der Weinbitsche! Um die zu heben, reicht deine Kraft noch aus! An meinen Mantel sollst du nicht greifen! Du nicht und kein anderer!« »Schmähen sollen wir uns auch noch lassen?« brüllte Linhart Scharsach. »Nicht die Weinbitsch will ich heben, meine Stimm erheb ich und ruf zum Fürstengericht. Und klag wider dich, der du über uns Herr bist wie der Stieglitz über den Falken. Fürstengericht, ihr Herren! In aller Ordnung. Dekan, gebt mir das Wort!« »Hast du zu klagen, so kann ich dir das Wort nicht weigern!« sagte Wernherus. »Sprich!« Einen Augenblick war Stille im Saal. Dann hörte man die weinerliche Stimme des alten Scharsach: »Euer Tun ist Nacht. Da geh ich lieber und leg mich schlafen.« Bevor ihn sein müder Schritt zur Schwelle brachte, wurde die Tür geöffnet. Zwei Chorherren erschienen, Philipp von Saaleck und Hans Pütrich, im Jagdgewande, mit Armbrust und Weidgehäng, die Mäntel und Kleider triefend vom Regen. Wernherus, als er die beiden gewahrte, nagte in Zorn an der Lippe und streckte die Hand, als möchte er noch hindern, daß Linhart Scharsach zu sprechen begänne. Der fing seine schreiende Klage schon an: »Friedrich von Ortenburg, ich klag wider dich! Du bist ein Herr ohne Treu und Kraft. Statt für uns zu stehen, die wir dich gewählt haben zu unserem Herrn, stehst du wider uns und wider deinen Eid. Deine Falschheit und dein Unverlaß –« Mit einem Fluch verstummte der Kläger, als er Saaleck und Pütrich sah, die mit blanker Waffe zwischen ihn und den Stuhl des Propstes traten. Ratlos blickte er auf Wernherus. »Meinen Gruß, ihr Herren! Hat's euch die Jagd verregnet?« fragte der Propst. »Wir sahen am Kapitelsaal das Fenster leuchten«, erwiderte Hans Pütrich, »und da hab ich mich fragen müssen: Wenn sie Kapitel halten, warum schickt uns der Dekan zur Hirschjagd aus?« »Er schickte euch?« Herr Friedrich lächelte. »Da sind wir geritten, was die Rosse laufen konnten. Ich merke, wir kommen zu übler Stund.« »Üble Stunde? Nein, guter Pütrich! Die ist vorbei. Ihr kommet zum lustigen Nachspiel. Herr Linhart Scharsach hat einen Rausch. Nichts weiter. Steck deinen Fänger ein! Das ist eine Stätte des Friedens hier. Blanke Waffen in geweihtem Raum und unter dem Kreuzbild? Wie häßlich, pfui!« Herr Friedrich lachte. »Wäre es ernst geworden in dieser Stunde, hätt es ein Nüchterner gewagt, an meinen fürstlichen Mantel zu rühren, ich hätte dein Eisen nicht gebraucht. Mich hätte mein treuer Dekan geschützt wider alle Ungebühr. Hab ich recht, Wernherus?« »Ich hätte getan, was dem Wohl unseres heiligen Hauses dient!« entgegnete Wernherus. Seine Stimme klang ruhig, sein Gesicht war grau wie Asche. Da faßte ihn Linhart Scharsach am Arm. »Zum Teufel mit Eurer Ruhe, Dekan! Der Karren ist angeschoben, jetzt laßt ihn laufen! Redet! Euer Wort hat besseren Hieb als das meinige. Hört, ihr Herren! Jetzt klagt der Dekan.« »Auch du, Wernherus?« Herr Friedrich erhob sich. »Auch du willst klagen wider deinen Fürsten? Freilich, ich besinne mich – wolltest du nicht fragen vor versammeltem Kapitel, mit welchem Recht ich Botschaft erhalte, die ich deiner Würde verhehle? Ich will dir Antwort geben, eh du fragst. Vor versammeltem Kapitel, wie du es verlangtest, sollst du die Botschaft hören, die mein Vetter Bayern mir und dem Kloster schickte.« Er nahm das Pergament aus dem Mantel und gab es Hans Pütrich. »Lies! Und laut! Meinen treuen Lämmern ist dickes Fell über die Ohren gewachsen.« Hans Pütrich las: »Im Namen Gottes. Wir, Otto, nach Herzog Ludwig der rechtmäßige Herr und Erbe im Herzogtum Bayern, senden Dir, unserem treulieben Vetter und Propst zu Berchtesgaden, Dir, Friedrich von Ortenburg, wohlmeinenden Gruß und Beistand Deiner gerechten Sache. Wir, nachdem wir Deine Klage wider den Ungehorsam Deiner Kapitularen vernahmen, haben erkannt, Dich gebührend in allen Rechten Deiner Würde zu schützen. Sollte Dich dieser angelobte Beistand nicht der Gefahr entheben, deren Du Dich von der Treuverweigerung Deiner Kapitularen zu versehen hast, so betrachten wir, im Falle einer Schädigung Deiner Person und Würde, das Erbgut Deines Hauses als zu Unrecht an das Stift gefallen und sind gesonnen, hundert Rosse vor die Mauer von Berchtesgaden zu legen, um allen Besitz Deines Namens an die Herzogskrone von Bayern heimzufordern. Auf daß unsere Meinung Dir und Deinen Kapitularen kund und offen würde, haben wir das vorliegende Schreiben aufzeichnen und besiegeln lassen mit unserem Insiegel. Dieser Brief ist gegeben nach unseres Herren Geburt eintausend zweihundert achtunddreißig Jahr. Im Herbstmonat. Am St. Michelstag. Amen.« Mit verdutzten Gesichtern standen die Chorherren. Der Eschelberger flüsterte: »Dekan, jetzt haben wir Fasttag!« Und Linhart Scharsach schrie: »Er hat uns an den Herzog verkauft! Das ist Verrat am Stift.« »Nenn's, wie du magst! Das Gift, das man den Ratten legt, ist auch kein Speck!« rief ihm Herr Friedrich zu. »Habt ihr mich für blind und taub gehalten? Ich hab lang gemerkt, was ihr spinnet wider mich, und hab euch den Haspel gestellt, bevor euer Garn ins Laufen kam. Hattet ihr mit Recht eine Klage wider mich, so war's die Klage wider meine Schwäche. Ihr sollt erfahren, daß ich diesen Fehler bessern kann. Nur schade, meine Reu kommt einen Tag zu spät.« Die Stimme des Propstes versank. »Das kostet mich einen, um den mir leid ist.« Er richtete sich auf. »Saaleck und Pütrich! Ihr nehmt den Linhart Scharsach fest wegen Ungebühr wider seinen fürstlichen Herrn und gebt ihn in Gewahr des Vogtes.« Murrende Stimmen wurden laut. Herr Friedrich schien sie nicht zu hören. »Heinrich von Eschelberg, du bleibst in Haft deiner Zelle, bis ich dich löse! Und du, mein getreuer Dekan! In dir ist fromme Kraft der Rede. Sprich diesen bockenden Lämmern ins Gewissen und weck in ihnen die Sanftmut, die zu ihrer weißen Wolle paßt! Sie sind auf halbe Kost gesetzt und sollen Wasser trinken, das ihnen gesünder ist als der feurige Frechauer. Der Wein ist ihnen genommen von heute bis zur Heiligen Nacht. Wollen sie schreien dagegen, so sag ihnen, was ich euch allen sage: Noch bin ich euer Herr, und ich denke es zu bleiben, solang ich Leben habe!« Herr Friedrich ging zur Tür, umrauscht von dem schleppenden Seidenmantel. Wernherus sah ihm nach. »Solang du Leben hast?« Auf der Schwelle wandte sich der Propst. »Ulrich Thurn! Trage mir den Leuchter nach, wie es als Kämmerer deines Amtes ist! Ich will keine Ehre missen, die meiner Würde zukommt.« Den Mantel raffend, schritt er in den langen Korridor hinaus, den die kleinen Wachslampen nur spärlich erhellten. Hier stand in einer Fensternische der alte Scharsach an die Mauer gelehnt. »Herr«, bettelte seine zittrige Stimme, »seid gnädig, tut dem verführten Buben nit zu weh!« »Gib dich zufrieden! Ich reiß ihm den Wolfszahn nicht aus dem Leben. Um deinetwillen.« Herr Friedrich lächelte bitter. »Nimm deinen Nachttrunk, Alter, und leg dich schlafen! Besseres hast du nimmer!« Ulrich von Thurn kam mit eisernem Leuchter, auf dem drei Kerzen flackerten. Im Saal war Schweigen geblieben. Hans Pütrich brach es mit den Worten: »Ergib dich, Linhart! Es ist der Wille des Fürsten.« »Dekan?« Der junge Scharsach trat vor Wernherus hin. »Das laßt Ihr geschehen? Ihr habt mich hineingehetzt wie den Gimpel ins Garn, jetzt löset mich!« Wernherus sagte mit kaltem Lächeln: »Es ist der Wille des Fürsten. Gehorche! Und ihr anderen, wenn ich euch raten darf, versöhnet mit einem Fußfall den strengen Herrn! Hätt er nicht so milde zu mir geredet, ich wäre der erste, der es täte. Er hat mich aufgehoben, noch eh es mir einfiel, das Knie zu beugen.« Er ging zur Tür. Vor der Schwelle blieb er lauschend stehen. Man hörte dumpfen Gesang, der aus den Tiefen der Mauern tönte. Mit steinernem Gesicht nickte Wernherus vor sich hin und verließ den Saal. Die anderen folgten ihm. Als sie den jungen Scharsach durch den Korridor hinausführten, kam ihnen der Alte mit ausgestreckten Händen entgegen. »Sei ohne Sorg, Herr Linhart! Ich hab geredt mit dem Herren.« »Du?« fuhr der junge Scharsach auf. »Der erste, der wider mich geredet hat, bist du gewesen.« Er schlug dem Greise die Faust ins Gesicht. Der Saal war leer. Die tränenden Kerzen, die vor dem Erlöschen heftig flackerten, gossen ihr Zitterlicht über die gestürzten Sessel und über das Kreuzbild an der Wand. Es war mit roher Kunst gemeißelt, der Körper weiß bemalt und mit roten Tropfen überspritzt, die Glieder hager und martervoll verrenkt. Bestrahlt von dem rötlichen Flammenglanze, schienen diese Glieder sich zu winden in Qual. Und die blauen Schmerzensaugen, starr geöffnet, blickten über den Saal hinweg wie in weite Ferne. Um die Mauern tobte der Sturm. Durch die offene Tür klang das Schluchzen des alten Scharsach; er saß im dunklen Winkel einer Fensternische, das Gesicht in die Hände vergraben; Blut und Tränen sickerten ihm durch die Finger. Undeutlich, erstickt vom Lärm des Regens, tönte durch die marmornen Fliesen herauf der Choral der Brüder, die vor der Mauergruft eines lebendig Begrabenen das Miserere sangen. 8 Das war im Gotteslehen ein banger Abend. Immer wieder löschte der Regen das Feuer, das sie beim Hagtor zu unterhalten suchten. Als sie Pech auf die Scheite gossen und über der Feuerstätte ein Balkendach errichteten, konnten sie die Flamme lebend erhalten. Dann trugen die Männer zusammen, was an Waffen zu finden war. Das taten sie in aller Stille, denn Jutta saß noch spinnend in der Herdstube und sollte die Gefahr nicht ahnen, die dem Hause drohte. Die Blinde war leicht zu täuschen. Sie war an diesem Abend nicht so achtsam wie sonst auf alle Geräusche im Haus. Nur als die Helgard kam, um Jutta in ihre Kammer zu führen, fragte sie: »Warum kommt der Vater mit den Leuten nit in die Stub? Ich hör, wie der Regen rauscht. Warum bleiben sie draußen?« »Der Sturm hat an den Ställen die Dächer aufgerissen. Das müssen die Mannsleut bessern. Das Vieh will trockene Liegestatt.« Während in Juttas dunkler Kammer ein träumendes Herz die Sonne und den Maien sah, stieg draußen in Sturm und Regen der Gotteslechner zum Lugaus in den Gipfel der Ulme hinauf. Der alte Baum erzitterte. Unter dem Druck des Sturmes stöhnten die mächtigen Äste, und der Lugaus mit seinem Holzgeländer schaukelte gleich einer Wiege. So dunkel die Nacht auch war und so dicht die Schleier des Regens den Baum umwehten, dennoch konnte Greimold tief im Tal einen roten Schimmer erkennen wie den Schein einer Feuerstätte. Es war der Lichtschein des großen Rosettenfensters am Kapitelsaal. »Du guter Bub! Ich fürcht, du wirst um meinetwillen ein hartes Stündl haben.« Er schien nicht zu fühlen, daß seine Kleider von Nässe troffen. Immer spähte er nach dem roten Schein im Tal. Dann stieg er mit schwerem Seufzer die steile Treppe hinunter. »Hast du was gesehen?« fragte der Steinhauser. »Licht im Kapitelsaal.« »Solang sie noch raiten, haben wir Ruh. Und schau den Regen an! Heut kommen sie nimmer. Die haben's gern, wenn ihnen die Gurgel naß ist. Ihren heiligen Hintern haben sie lieber trocken.« »Vorsicht, die zuviel tut, ist besser als Fürwurf, der hinter dem Schaden lauft. Von den Sennbuben der jüngste und die Ruglind sollen am Tor das Feuer hüten. Das Mädel hört wie ein Fuchs. Die Mannsleut ruf mir in die Tenn, daß wir reden. In der Herdstube geht's nit. Man tät das Kind wecken. Geh derweil! Ich möcht nur schnell hineinschauen, ob sie schlaft.« Greimold trat ins Haus und tauschte im Flur das triefende Wams gegen ein anderes. In der Stube war's dunkel. Der Schein erlöschender Kohlen, der den Herd umschimmerte, beleuchtete schwach die Kunkel, an welcher Jutta gesponnen hatte, und die Zwerggestalten der Alraunen, die an die Herdwand genagelt waren, um das Haus vor Feuersgefahr und Blitzschlag zu behüten. In die Kohlen blasend, entzündete Greimold einen dürren Span. Lautlos trat er in die Kammer seines Kindes. Das war ein kleiner Raum, erfüllt von milder Wärme, die aus der gemauerten Herdwand der großen Stube strahlte. Die anderen Wände waren braunes Gebälk; der Lehmboden mit Juttas blumigen Strohgeflechten überbreitet. Diese wunderlich geformten Blumen schienen zu duften. Oder kam dieser Wohlgeruch von den dürren Kräutern, die überall in den Fugen des Gebälkes staken? Das ganze Gerät der kleinen Kammer bestand aus einer Truhe und einer Holzbank, die neben dem sorgsam geordneten Gewand der Schlummernden einen zinnernen Becher trug und dicht bei ihrem Lager stand. Das war mit einer aus schwarzen Lammfellen genähten Decke belegt; linde Felle, in weißes Leinen eingeschlagen, verhüllten den im Schlaf ruhenden Leib. Wohlig lag das Köpfchen, ein wenig zur Seite geneigt, in die krause Wolle versunken, umringelt vom Goldgelock der Haare. Ein Lächeln umspielte den roten Kindermund, und die schmalen Wangen waren überhaucht von der Wärme des Schlafes. Leise hob sich unter dem weißen Linnen die junge Brust bei jedem Atemzug. Von den nackten Armen war der eine gestreckt, so daß die Hand auf der Holzbank ruhte – als hätte Jutta träumend nach dem Becher greifen wollen, in dem die verdorrte Blume des Jägers in frischem Wasser stand. Die weiße Zenta hatte sich erhoben. Als der Bauer zum Lager trat, stellte sich die Hündin auf und legte die Pfoten auf den Saum des Bettes. Sorge in den Augen, beugte sich Greimold zu seinem schlummernden Kind und machte über der Schlafenden das Zeichen des Kreuzes. Sie schien die Nähe eines Lebenden zu fühlen, atmete tief und bewegte leis die Lippen. »Irmi!« Greimold nickte. »Allweil, wenn ich sie gekreuzet hab im Schlaf, ist ihr Wörtl ›Vater‹ gewesen.« Seufzend löschte er den Span, und während die weiße Hündin wieder ihre Ruhstatt bei der Herdwand suchte, schlich er aus der Kammer. Als er an die Tenne kam, an deren Tor eine Pechfackel brannte, waren die anderen schon versammelt: der Steinhauser, der Altsenn und die Buben. Sie saßen auf Hafergarben und hatten auch für den Hauswirt einen Platz gerichtet. »Leut«, sagte der Gotteslechner, »jeder weiß, was geschehen ist. Was weiter kommt, weiß keiner von uns. Kann sein, daß sie ein Einsehen im Kloster haben. Und alles ist gut. Kann sein, sie wollen's mit Gewalt durchsetzen und mich hörig machen. Da wehr ich mich.« »Hast recht, Hauswirt!« fiel der Altsenn ein. »Unrecht muß keiner leiden, solang er Faust hat. Reichen die deinigen nit, so hast du die unsrigen. Wir stehen zu dir, ob Freud im Haus ist oder ob die Not ans Hagtor pumpert. Bist uns allzeit ein guter Hauswirt gewesen. Wie der Herr ist, müssen die Knecht sein.« »Vergel's Gott!« Greimold nickte dem Alten und den Buben zu. »Aber du, Steinhauser? Meine Hirten sind ledige Leut. Du hast ein junges Weib in der Stub und harrest in Freud auf junges Leben im Haus.« »In Freud! Da hast du recht! Es fehlt nimmer weit. Ich hab fleißig dazugetan, und meinem Weib ist übel bei Tag und Nacht, als hätt sie Speck auf grüne Birnen gegessen.« Der Steinhauser lachte, und die Hirten lachten mit. »Wird's ein Bub, so muß er Greimold heißen. Taufen ihn die im Kloster nit, weil Händel sind zwischen uns und ihnen, so tauf ich ihn selber. Und du? Gelt, du hebst ihn? Schlag ein!« Sie schüttelten sich die Hände. »Jetzt red, Bauer! Wie teilen wir uns ein zur Wach und zur Arbeit?« Als sie alles abgeredet hatten, sagte der Gotteslechner: »Die erste Wach bis zum Morgen nimm ich selber. Legt euch schlafen, Leut! Kommen sie, so weck ich mit dem Alphorn. Aber ich denk, solang grob Wetter ist, sind wir sicher. Geht morgen das Schaffen und Schanzen an, so laßt vor dem Kind kein Eisen klirren und redet kein unvorsichtiges Wörtl. Tut sie eine Frag, so muß halt jeder suchen nach einer freundlichen Lug. Ihr ist alles Wahrheit, weil sie das Widerspiel nit kennt. Jetzt gute Ruh, Gesindleut!« Greimold ging zum Hagtor. Der Steinhauser ging mit und sagte: »Sieben Mannsleut sind wir. Das sind vierzehn Fäust. Und du könntest noch mehr haben. Viele weiß ich, die dir dankbar sind um deiner Guttaten willen. Und viele sind unzufrieden und in Verdruß wider die Klosterleut. Die möchten wohl ihre Sach an die deinig hängen.« Der Gotteslechner schüttelte den Kopf. »Ich will dem Kloster keinen Unfried schüren. Das tat mich ins Unrecht setzen, und ich könnte nimmer zuschlagen, wenn's gilt. Meine Not soll keinem Fremden an den Kittel greifen. Wir unter uns sind Leut genug. Und einen weiß ich, auf den ich rechnen kann.« »Wen meinst du?« »Frag nit! Wenn's ernst wird, kommt er.« Greimold trat zum Feuer, das beim Hagtor brannte. Der Geißhirt ließ sich unter Dach schicken. Ruglind sagte: »Ich bleib. Du, Hauswirt, mußt sinnen. Mich laß die Scheiter tragen und das Pech schütten.« So wachten die beiden bis zum Morgen. Bei Anbruch der Dämmerung schlug der westliche Sturm in kalten Nordwind um. Über Hof und Dächer mischten sich wässerige Flocken in den Regen. Der Abend brachte scharfen Frost, und bevor es nach einer windstillen Nacht wieder Morgen wurde, waren die Berge und der Wald verschwunden, und alle Lüfte waren weiß von dicht und ruhig fallendem Schnee. Als Greimold, der am Morgen die Wache gehalten, in die Herdstube trat, die Kleider von gefrorenem Schnee bedeckt, ließ Jutta, die mit ihrem Strohgeflecht neben dem Feuer saß, die Hände ruhen. »Vater? Sind alle Gesindleut fortgegangen? Weil ich sie nimmer schreiten hör im Hof.« »Es ist Winter worden, und die Eisblumen sind gewachsen. Die decken allen Boden linder als Maiengras.« Es huschte wie sinnender Kummer über das Gesicht der Blinden. »Vater? Darf ich nit ein lützel hinaus und die Eisblumen schauen?« Er legte den Arm um die Blinde und führte sie vor das Haus. Die weiße Zenta trabte vor den beiden her. »Wie lind das unter den Füßen ist!« Jutta hob das Gesicht und streckte die Hände. Da konnte sie den Fall der Flocken spüren. »Als tat mich ein Kindl anrühren, das kühle Fingerlein hat!« Bellend tollte die Hündin in den Schnee hinaus, und mit ihrem weißen Fell verschwand sie völlig im Gestöber. Greimold winkte den Männern zu, die in der Nähe des Hages schwere Felssteine aus einem Hügel brachen. Sie ließen die Werkzeuge ruhen und standen schweigend. Jutta schmiegte sich an den Vater. »Stehen sie schon hoch, die Eisblumen?« »Spannenhoch.« »Meinst du, sie wachsen noch höher?« »Ja, Kindl, das hoff ich.« »Aber nit so hoch, daß sie den Weg versperren?« Greimold fragte lächelnd: »Was für einen Weg?« »Den vom Jägerhaus zum Gotteslehen.« »Nein, Kind, den sperren die Eisblumen nit, und täten sie haushoch wachsen!« Während er die Blinde zurückführte ins Haus, blies er die Schneeflocken aus ihrem Haargeringel. Drüben beim Steinbruch nahmen die Männer die Arbeit wieder auf. Einen Felsblock um den andern wälzten sie aus der verschneiten Erde hervor, die Bausteine für eine feste Mauer, die sie innerhalb des Hages rings um Haus und Ställe errichten wollten. Schon am folgenden Abend mußten sie wegen des starken Schneefalles die Arbeit einstellen. In dichtem Gestöber fielen die Flocken, Tag und Nacht, eine ganze Woche lang. Als sich der Himmel wieder klärte, lag der Schnee halbmannshoch, eine weite, weiße, undurchdringliche Mauer, die das Gotteslehen schützend umzog und jeden Weg verschloß, der vom Tal zu den Bergen führte. »Jetzt laßt euch die Ruhzeit schmecken!« sagte der Gotteslechner zu seinem Gesind. »Bleibt der Winter so streng, wie er anhebt, so sind wir sicher bis zum Frühjahr.« Am Abend, als Greimold nach der Mahlzeit noch mit den Hirten um den Herd saß, kam die Helgard aus Juttas Kammer gelaufen. »Hauswirt, komm! Und schau, was das Kindl hat! Ein Zährl ums ander rinnt ihr übers Gesicht. Und das weißt du doch, das Weinen tut ihren Augen weh!« Erschrocken eilte Greimold in die Kammer. Jutta stand im Lichtschein einer Wachskerze, die in eisernem Ring an der Mauer brannte. Zwischen den zitternden Fingern hielt sie einen dürr gewordenen Halm. Ihre nassen Augen waren weit geöffnet, als möchte sie das Sehen erzwingen, »Kindl? Was hast du?« »Schau nur, Vater! Sein Knöspl ist abgefallen, und das Hälml ist dürr. Jetzt kann's nimmer blühen.« Er streichelte Juttas Haar, nahm ihr den dürren Halm aus den Händen und sagte ruhig: »Sein Blüml wird blühen. Mir kannst du's glauben. Du verlangst, was wider die Natur ist. Die Sommerblumen müssen schlafen im Grund, solang die Eisblumen wachen.« Sie nickte. »Du mußt dich gedulden, bis im Land wieder Maien ist. Das Knöspl ist freilich abgefallen. Aber der Halm hat noch ein Würzl.« Sie wollte fühlen. Da sagte er hastig: »Laß mir den Halm! Ich grab ihn unter dem Eisblumenbeet in guten Boden. Im Maien blüht dein Blüml. Gelt, jetzt tu dich nimmer kümmern drum?« Sie lächelte. Das war nicht ihr stilles, ruhiges Lächeln wie sonst. Es war Glaube in diesem Lächeln, aber auch Verlangen und Sehnsucht. Greimold ging aus der Kammer. Draußen in der Stube ließ er den dürren Halm in die Flamme fallen. Schweigend saß er und hörte nicht, wenn die Sennen eine Frage an ihn richteten. Als sie die Stube verließen, um ihre Ruh zu suchen, ging er mit ihnen und trat ins Freie. Klare, kalte Winternacht war um das Haus gelagert. Heftig flimmerten die Sterne, und ein matter Widerschein ihres Lichtes funkelte in den Schneekristallen. In der Stille ein dumpfer, langgezogener Laut. Das ferne Geheul eines hungernden Wolfes. Und jetzt ein Klingen im Tal, hell und hastig: Im Stifte läuteten sie das silberne Zügenglöckl. Da mußte von den Chorherren einer im Sterben liegen.   Dem alten Dietmar Scharsach rann das Leben aus der müden Seele. In der Kapitelnacht hatten sie den Greis in einer Fensternische des Korridors gefunden, Gesicht und Hände mit vertrocknetem Blut bedeckt. In der Krankenzelle antwortete er auf keine Frage und zerfiel von einem Tag zum andern. Der Medikus sagte: »Ratio profecta a rerum natura. Er ist in einem Alter, in dem man kein Nasenbluten mehr verträgt.« So lag er eine Woche. Am ersten schönen Tag, als das Schneegestöber versiegte, ging es mit ihm zu Ende. Gegen Abend erwachte er noch einmal aus seinen Fieberträumen. Da wollten sie ihm die heilige Zehrung reichen. Er wehrte sich gegen den Trost der Kirche wie ein eigensinniges Kind sich sträubt gegen bittere Arznei. »Mich hungert nimmer. Ich will den Propst. Den Propst!« Man holte Herrn Friedrich aus dem Refektorium, wo die Chorherren bei der abendlichen Mahlzeit versammelt waren. Als der Propst die Tür der Krankenstube öffnete, klang hinter ihm der heitere Lärm der Schmausenden mit dem Geklapper der zinnernen Schüsseln und in der Zelle vor ihm die Stimme des Sterbenden, dem der Medikus die Hände festzuhalten suchte: »Laß mich, du! Ich will zu meinem Buben.« »Denke deines Gottes, Dietmar!« mahnte Herr Pabo, der Kaplan, der mit dem Ziborium neben dem Bette stand. »Bekenne deine Sünden!« »Ich bin kein Heiliger. Ich bin ein Vater und will meinen Buben haben.« Der Kranke fiel zurück auf die Kissen. Schwer atmend bewegte er noch immer die Lippen mit unverständlichem Lallen. »Hole den Linhart Scharsach!« befahl Herr Friedrich dem Medikus. »Der Vogt soll ihn aus der Haft entlassen.« Zu Pabo sagte er: »Gedulde dich mit deinem heiligen Trost! Ich will dich rufen lassen, wenn der Kranke ruhiger wird. Die Beichte kannst du ihm erlassen. Das ist kein Sünder. Der letzte Gedanke seines Lebens ist väterliche Liebe. Gott, von dem wir predigen, daß er unser aller Vater ist, wird ihm gnädig sein.« Er setzte sich zu dem Kranken auf das Lager. Der schwere Dunst des Räucherwerkes, das sie in die Glut des Kohlenbeckens geworfen hatten, erfüllte beklemmend die Zelle. Die Wachslampe beleuchtete das Lager und den sterbenden Greis. In Erbarmen betrachtete Herr Friedrich das Gesicht des Kranken. Es war abgezehrt bis auf Haut und Knochen, das Fieber hatte die welken Lippen mit weißem Schorf bedeckt, und auf Nase und Wange sah man noch die gelblichen Male des Faustschlages. Dietmars Augen blickten irr und glänzend. Fieberträume schienen um seine erlöschende Seele zu gaukeln. Er begann zu reden, in abgerissenen Worten. Manchmal wurde seine zittrige Stimme zu kreischendem Lallen, und dann schlug er mit den Armen um sich. Es schien, als stritte er im Fieberwahn gegen Feinde, die ihn hart bedrängten. Jetzt sah er ein brennendes Dach und wollte löschen, retten. Nun fing er in Schmerz ein Klagen an, als hätte er das Haupt seines erschlagenen Weibes in den Armen, als lägen die blutigen Leichen seiner Töchter vor ihm. Die Züge entstellt, mit verglasten Augen stemmte er sich von den Kissen auf und schrie: »Mein Bub? Wo ist mein Bub?« – »Dein Sohn wird kommen, Dietmar!« Der Kranke schien den Propst nicht zu erkennen, doch seine Worte mußte er verstanden haben; er ließ sich zurückfallen, lag ruhig und konnte lächeln. Wieder begann er im Fieber zu reden, flüsternd, in zusammenhängenden Worten, wie ein Gesunder spricht. Versunkenes Glück schien auferstanden in seiner Seele. Er redete wie einer, der von siegreicher Fehde heimkehrt zu den Seinen. Frühling ist's. Über den grünen Bäumen der blaue Himmel. Da ruht er mit seinem Weib im Gärtlein der Burg und plaudert, während drei schmucke Mädchen, seine Töchter, singend auf der Mauer sitzen. Sie haben rosige Wangen, tragen lichte Gewänder, und von den Blumen, die sie fanden, windet sich jede ihr Kränzl. »Wo ist der Bub? Ei, schau nur, wie er reitet auf seinem Stecken! So komm doch her zu deinem Vater! Warum bleibst du so weit von mir?« Suchend tastete der Kranke, fand die Hand des Propstes, hielt sie fest an seinem Herzen und streichelte sie. »Du kleiner Reiter, komm, ich laß dich reiten auf deines Vaters Knie. Besseres Rößl gibt's nit in der Welt. Hei, hopsa, hopsa! Müller, Müller, Säcklein, den Esel schlägt das Stecklein, das Rößl aber, hopsahei –« Schritte klangen im Korridor. Mit dem Medikus trat Linhart Scharsach in die Zelle. Sein Gewand war verwüstet, struppig standen ihm die Haare über der Stirn, und sein Gesicht war dunkel gerötet. Zögernd trat er an das Lager, sah den Sterbenden an, und so stand er wortlos, den Stiernacken gebeugt, die Hände übereinandergelegt. Der Fiebernde sah und hörte nicht. Er redete immerzu: »Schau, Mutter, wie der Bub schon reiten kann! Der reitet einmal zum Glück hinauf und wird was Rechtes im Leben. Gelt, mein Bürschl? Wenn du ein richtiges Rößl hast, ein lebendiges, wohin willst du reiten?« Immer schwieg er ein Weilchen, wie um der Antwort des Knaben zu lauschen. »So weit? Du Närrle! Kaiser werden?« Der Fiebernde kicherte vor sich hin. »Nein, Bürschl, da mußt du klüger wählen! Tätest du Kaiser werden, was hättest du? Ein Leben in kaltem Gold und heißen Sorgen. Wo er geht und steht, da schreien sie: ›Herr! Mächtiger Herr!‹ Und ducken die Köpf. Sie geben ihm Ehr nur ins Gesicht und speien ihm rücklings auf den Mantel. Jeder Kleine will größer sein, jeder möcht ihn ziehen nach seinem Willen, und die tausend, die ihren Knecht aus ihm machen, wachsen ihm über den Kopf. Tut er das Böse, so fluchen ihm die Guten, tut er das Rechte, so stehen die Bösen wider ihn auf und binden ihm Hand und Fuß. Nein, lieber Bub! So ein großer und reicher Herr ist ein armer kleiner Mann. Such dir was Besseres aus!« Es ging dem jungen Scharsach übers Gesicht, als wäre eine Erinnerung in ihm wach geworden. Näher zum Lager tretend, streckte er die Hand. »Vater?« »Fort! Laß mich in Ruh!« Der Kranke wehrte in weinerlichem Ärger mit dem Arm. »Haben sie noch Durst, meintwegen, gib ihnen noch zu trinken! Aber gieß ihnen Wasser in den Wein! Besser ein nüchterner Feind im Haus als ein rauschiger Knecht! Schon gut! Tu, was du magst! Mich laß in Ruh bei Weib und Kind!« Der Fiebernde streckte sich in Behagen. »So Bürschl, jetzt red! Was willst du werden? Ein Bischof? Hör doch, Mutter, was der Bub da werden will! Ein Bischof! O du Närrle, du! Ein Bischof ist ein trauriger Mann. Und ist er lustig, so ist er ein schlechter.« Da lachte der junge Scharsach rauh und heiser. »Das geht nicht auf Euch, Herr Friedrich, obwohl Ihr von den lustigen einer seid. Das ist nur Fieber. Das zeigt ihm vergangene Zeit. Solch Red hat er einmal getan, wie ich noch ein Bub gewesen. Das geht nicht auf Euch.« »Schweig!« In den Augen des Propstes funkelte der Zorn. »Das geht auf mich und auf uns alle.« Ohne zu hören, hatte der Fiebernde mit leiser Stimme weitergesprochen. »Schau deinen Vater an und deine Mutter, Bub! Und denk: Ein Pfaff hat weder Weib noch Kind. Dem fehlt das Beste der Welt. Drum hat er kein Herz, kein Leben. Möcht er's haben, so muß ihm nutzlos die Seel verbrennen. Und hat er's missen gelernt, so ist ihm das Herz wie mageres Heu geworden, das nimmer duftet. Wie soll so einer die Lieb des Himmels fassen, wenn ihm die Lieb auf Erden fehlt? Komm, Mutter, lehn dich an mich!« Der Kranke tastete mit den kraftlosen Händen. »Kommt, ihr Geißlen, ihr weißen! Laßt eure Lieder schweigen ein Weil! Kommt her mit euren Blumen! Das müßt ihr hören, was er werden soll, mein Bub. Ein starker Mann und ein guter Mensch! Das soll er werden. Herr und Kaiser in seinem Haus. Ein seliger Erdensohn in seines Weibes Lieb. Ein lachender Vater von guten Kindern. Das ist von allem das Beste. Und dauert über Schmerzen und Tod hinaus. In allem anderen steckt halbe Freud, die andere Hälft daran ist Menschenweh und Grausen. Hausglück und Herdfreud hat ein Gütiger uns kriechenden Würmern gegeben als ewigen Erdentrost, als heiliges Gotteslehen. Komm, Bub! Nimm Mutter und Vater um den Hals! Was tust du dich sträuben, du Närrle?« Der Kranke hob die dürren Arme; kraftlos fielen sie nieder. »Bub!« Seine Stimme war ein würgendes Stöhnen. »Was tust du mir? So komm doch zu deinem Vater!« Mühsam richtete er sich aus den Kissen auf, und den zärtlichen Wahn seiner Fieberträume zerriß die Erkenntnis der Wirklichkeit. Mit entsetzten Augen starrte er das Gesicht des Propstes an und erkannte seinen Sohn. »Linhart!« Das klang wie ein Schrei der Verzweiflung. »Mein lieber Bub! So komm doch!« Linhart Scharsach stand wie ein Klotz. »Ich tu nit zürnen. Es hat nit weh getan. So komm doch, Bub!« Der Greis wollte die Hände strecken. Da fiel er zurück, ein heftiges Zittern lief über seine Glieder, und aus dem Mundwinkel sickerte ein roter Tropfen über Kinn und Hals. Der Medikus beugte sich über den Kranken und betrachtete ihn. Dann richtete er sich schweigend auf. »Geh«, sagte Herr Friedrich mit erloschener Stimme, »hole den Kaplan!« Der Propst und Linhart Scharsach blieben mit dem Sterbenden allein. »Linhart! Dein Vater stirbt.« »Daß ich einen Vater kenne, ist wider meinen Eid. Ich weiß nur von einem Chorherren Dietmar Scharsach. Der stirbt. Ich kann's nicht ändern. Sterben muß jeder einmal.« »Hast du kein anderes Wort? Siehst du das Mal nicht, das deine Faust auf seine Wange zeichnete?« Linhart Scharsach gab keine Antwort. Nun war es still in der Zelle. Das Röcheln des Sterbenden war verstummt, seine Brust schien keinen Atem mehr zu haben. Leise knisterten die Kohlen, aus deren Glut ein dünner Rauchfaden zur Decke stieg. Dem jungen Scharsach tropften die Schweißperlen über das rot gedunsene Gesicht. Er sagte plötzlich: »Muß ich noch bleiben?« »Nein. Geh!« »Wieder in Haft?« »Geh, wohin du willst.« Linhart Scharsach ging aus der Zelle und ließ die Tür offen, weil der Medikus mit dem Kaplan erschien. Herr Pabo trat an das Sterbebett. »Der Kranke ist willig, deinen Trost zu empfangen«, sagte Herr Friedrich mit hartem Lächeln, »sieh nur, er hält schon den Mund geöffnet.« Murmelnd sprach der Kaplan das segnende Gebet und schob dem Greis die letzte Speise auf die Zunge. Die offenen Lippen schlossen sich nicht. Herr Dietmar Scharsach war eine Leiche. Den Propst mit einem Zornblick streifend, verließ der Kaplan die Zelle. Lange stand Herr Friedrich und betrachtete schweigend den Entschlafenen. Er wollte ihm die Augen zudrücken. Als er das kalte Gesicht berührte, zog er erschrocken die Hand zurück. »Schließ ihm die Lider!« befahl er dem Medikus und ging in Hast davon. Draußen schüttelte ihn das Grauen des Todes, den er gesehen und gefühlt. Wie ein Fliehender eilte er an der langen Mauer hin. Immer hörte er noch die Stimme des Fiebernden. Und hörte dazu den Klang einer anderen Stimme, die vor Tagen in verschlossener Stube zu ihm gesprochen: »Es könnte sein, Herr Friedrich, daß es von allem Glauben der beste ist, an Menschen zu glauben – von allem Glück das reinste, zu leben und zu sterben für Menschen, die man liebt.« Der Weg des Propstes ging an einer Treppe vorüber, die hinunter zu den Kellern führte. Herr Friedrich starrte in das Dunkel dort unten, spähte scheu nach allen Türen des Korridors, nahm hastig eine der kleinen Wachslampen von der Wand und stieg über die Treppe hinunter. Er kam durch finstere Gänge und durch Gewölbe, in deren Luft sich Modergeruch mit dem Duft des lagernden Weines mischte. Da leuchtete ihm ein roter Flackerschein entgegen, und als er um eine Ecke des Kellerganges bog, sah er ein Feuer brennen. Die flammenden Scheite lagen dicht bei einer Mauer, an der sich eine frisch gemörtelte Stelle erkennen ließ. In Mannshöhe, gleich einem versperrten Guckloch war an der Mauer ein eisernes Türlein zu sehen, mit schwerem Hängeschloß versichert. Bruder Eligius, der Schlächter, hockte neben dem Feuer auf der Erde. Steif erhob er sich, als er den Fürsten sah, der in zorniger Erregung fragte: »Wer befahl dir, dieses Feuer zu schüren?« »Herr Wernher.« »Um die Marter des Unglücklichen zu mehren?« »Das weiß ich nit. Daß ich es tun muß, ist die ander Hälft meiner Straf. Meine Kälber sind aus dem Stall gebrochen. Drum haben sie mich in den Block gelegt. Jetzt muß ich hier wachen die ganzen Nacht.« Eligius spähte durch den Kellergang und dämpfte die Stimme. »Ich schür nur ein lindes Feuer. Nit mehr, als daß sich die Wand ein lützel wärmet. Das muß ihm Wohltat sein. Der Winterfrost geht hart durch alle Mauern.« »Nur ein lindes Feuer? Wurde dir anderes befohlen?« »Ich weiß nit«, erwiderte der Bruder scheu, »ich mach es halt, wie ich den Auftrag verstanden hab.« Schweigend stand Herr Friedrich und starrte die Mauer an. Dann fragte er leis: »Hörst du ihn klagen?« Eligius schüttelte den Kopf. »Allweil ist's still da drinnen. Nur gestern am Abend, wie der Bruder Küchenwart durch das eiserne Türl die Schüssel hineingeschoben hat, da hab ich in der Mauer ein Lachen gehört. Das ist mir durch die Seel gegangen wie ein Messer.« »Ein Lachen?« Der Propst bewegte die Schultern, wie von Frost geschüttelt. Plötzlich raffte er eines von den Scheiten auf und schlug mit dem Holz an die Mauer. »Immhof!« Keine Antwort. »Immhof!« Wieder schlug der Propst mit dem Scheit an die Steine. »Lebst du noch?« Kein Laut in der Mauer. Herr Friedrich warf das Holz zu Boden preßte seine Wange an die Steine und schrie: »Die Angst eines Freundes ruft. Wenn du noch lebst, gib Antwort aus deiner Nacht!« Da quoll es aus der Mauer, kaum noch verständlich: »Nacht ist, wo ihr seid. Bei mir ist Licht und Sonne. Bei mir ist Mai.« Die Stimme erlosch wie das Gemurmel eines Träumenden. »Das ist Irrsinn!« stammelte Herr Friedrich; sein Gesicht war weiß. »Eligius! Guter Bruder, sei barmherzig! Zerschlage das Feuer! Ende die Qual dieses Ärmsten, laß ihn erfrieren! Sterben ist Wohltat für ihn.« Als Eligius diesem Wort gehorchen und das Feuer löschen wollte, umklammerte Herr Friedrich seinen Arm und riß ihn zurück. »Nein! Sei barmherzig und halte die Mauern warm! Erfrieren, langsam erstarren, das muß ein entsetzliches Sterben sein.« »Was soll ich tun, Herr?« »Ich weiß nicht. Tu, was dir befohlen ist!« Mit den Händen über den Ohren, eilte der Propst davon, gejagt vom Grauen dieses Ortes. Er hatte die Leuchte vergessen und verirrte sich in den finsteren Gewölben. Er wollte rufen und brachte keinen Laut aus der Kehle. Abergläubische Furcht befiel ihn. Während er sich mit der einen Hand an den feuchten Mauern hintastete, bekreuzte er mit der anderen das Gesicht. Endlich leitete ihn ein matter Schein. Er kam zur Treppe. Keuchend sprang er die Stufen hinauf. Als er den Korridor erreichte, hörte er die Stimmen der Brüder, die bei der Leiche des alten Scharsach die Gebete sprachen. Er eilte weiter und erreichte in Schweiß gebadet seine Stube. Kein Schlummer kam über seine Augen, die ganze lange Nacht. Es mußten alle Kerzen brennen. Frierend saß er in seinem Lehnstuhl und schaukelte bis zum Morgen den weißen Falken.   Der Winter blieb so streng, wie er begonnen hatte. Blauer Himmel mit glitzerndem Frost. Dann wieder Sturm. Und neuer Schnee fiel über den alten. Still vergingen im Gotteslehen die weißen Tage, einer wie der andere. War die Arbeit in den Ställen getan, dann saßen die Gesindleute beim Hauswirt in der Herdstube. Während sie in Gegenwart der Blinden fröhlich miteinander schwatzten, muntere Lieder sangen und lustige Märchen erzählten, banden sie die Speerklingen an die Schäfte, härteten am Feuer die Spannfedern für die Armbrusten, befiederten die Bolzen, machten die in der Hausschmiede gehämmerten Schwerter blank und benähten die ledernen Spenzer mit Eisenblech. Jutta, die neben dem Herde saß, flocht ihre Blumen oder spann. Sie war wunderlich still geworden. Auf das Geplauder der Gesindleute schien sie nicht zu hören, schien auf kein Geräusch zu achten. Was in der Stube auch geschah, sie stellte nie eine Frage. Oft ließ sie durch Stunden die sonst so fleißigen Hände ruhen und blickte mit großen unbeweglichen Augen ins Leere. Oder sie streichelte unter leisem Lächeln immer die Stirn der weißen Hündin, die ihren Kopf im Schoß der Blinden hatte. Zenta durfte nicht von ihrer Seite weichen. Jutta wurde unruhig, wenn sie die Nähe des Tieres nicht fühlte. Immer rief sie gleich: »Weiße, wo bist du?« Kam Zenta gesprungen und schmiegte sich an die Blinde, dann fand auch Jutta ihr ruhiges Lächeln wieder. Das Tier war mehr für sie als nur ein treu ergebenes Geschöpf, es war für sie eine Freundin, mit der sie ein Geheimnis teilte, eine träumende Erinnerung. So still sie auch geworden, die Freude am Lied war ihr geblieben. Kaum eine Stunde verging, in der sie nicht eines von ihren Liedern sang, am häufigsten das Maienlied. Die Gesindleute schwatzten oft von dem Wandel, der über das Hauskind gekommen war. Und der Altsenn sagte einmal: »Ihr Herzl ist lebig worden. Ich mein, sie hat den Reinold gern.« Die Helgard fuhr auf wie eine Natter. »Das ist gelogen!« Einer der Jungsennen lachte dazu. »Dir möcht's taugen, wenn der Klosterstieglitz nach einer anderen ausschauen tät! Der schaut halt lieber nach einem weißen Gesicht! als nach Rosmucken.« Sommersprossen Im Zorn hätte Helgard den Waschklöppel, den sie gerade in der Hand hielt, dem Spötter ins Gesicht geschlagen. Ruglind sprang dazwischen. »Wollt ihr euch die Köpf blutig schlagen? Im Streit um die Lieb? Ihr Narren! Lieb ist Elend und ist keinen Streich nit wert.« Von diesem Tag an wurde Helgard eine andere gegen Jutta. Sie ließ wohl äußerlich in der Fürsorge, die sie der Blinden zu widmen hatte, nichts vermissen; doch alles tat sie verdrossen, wie etwas Erzwungenes. Und häufig redete sie in einem Ton, daß der Gotteslechner mahnen mußte: »So darfst du nit reden mit dem Kind! So greift man einen Besen an, aber nit ein Blüml.« Mit wachsender Sorge sah Greimold den Wandel, der sich im Wesen seines Kindes vollzog. Hand in Hand mit dieser Sorge ging eine Freude. In Jutta war es immer wie ein dürstender Wunsch, dem Vater ihre Liebe zu zeigen. Sie streckte die Arme nach ihm, wenn sie seinen Schritt in der Nähe hörte. Lange hielt sie ihn oft umschlungen, hielt seine rauhe, bärtige Wange an ihr Gesicht gepreßt und streichelte ihm das Haar. Und Greimold empfand solche Zärtlichkeit wie einen Trost in seinem ruhelosen Kummer. Niemals sprach sie von dem Jäger, auch dann nicht, wenn sie mit dem Vater allein war. Plauderte Greimold von ihm, dann schwieg sie und träumte mit großen Augen vor sich hin. Nur zwei Fragen waren geblieben. Die stellte sie immer wieder. »Vater? Stehen die Eisblumen noch allweil hoch?« »Sie stehen hoch.« »Dauert's noch lang, bis es lenzet?« »Nimmer lang. Die Sonn tut bald jeden Weg wieder auf.« Und die andere Frage: »Vater? Weißt du den Ort noch, wo du sein Blüml vergraben hast?« »Freilich, den find ich wieder, wenn die Eisblumen schwinden!«   Christzeit war schon vorüber. Der harte Winter wollte nicht linder werden. Von Juttas Wangen war alle Farbe geschwunden, ihr Gesicht war schmal geworden. Ein Zug von Sehnsucht lag um den stillen Mund, und immer schimmerten die Augen, als wäre ihnen das Weinen nahe. Sie zitterte, so oft sie im Flur einen Schritt vernahm. Das konnte Greimold nicht länger mit ansehen. Eines Morgens, um die Lichtmeßzeit, machte er sich wegfertig. Beim Hagtor band er die Schneereifen unter seine Schuhe. Der Steinhauser fragte verwundert: »Wo willst du hin?« »Hinunter zum Jägerhaus.« »Da plagst du dich umsonst. Du kommst keine hundert Gäng.« »Ich muß hinunter.« Greimold begann den Weg. Über die Wiese bis zum nahen Waldsaum hinüber brauchte er länger als eine Stunde. Der Steinhauser rief ihm nach: »Kehr um, du kommst nit durch!« Greimold kämpfte sich weiter. Hätte er nicht die Reifen an den Schuhen getragen, er wäre völlig im Schnee versunken. Im Walde sah er ein Rudel Hochwild stehen, an die dreißig Stück. Die Tiere staken bis an die Köpfe im Schnee. Angst und Lebensnot in den Augen, betrachteten sie den Menschen und ließen ihn auf wenige Schritte an sich vorüberwaten, ohne zu fliehen. Das Mitleid mit den hungernden Geschöpfen hielt den Gotteslechner fest. Er schlug mit seinem Schwert ein paar junge Espen nieder, damit das Wild die zarten Zweigspitzen äsen könnte. Diese Arbeit war bei der Mühsal seines Weges für ihn ein Rasten. Und er hatte sich kaum entfernt, da wateten die Tiere schon auf die gefällten Bäume zu. Greimold mühte sich weiter durch den tiefen Schnee. Seine Kräfte versagten schon, und er hatte den Hag des Hilpot noch immer nicht erreicht. Als der Wald sich lichtete, fand er eine frisch durch den Schnee gewatete Gasse. Da mußte einer mit Reifen gegangen sein. Und Heu lag über die Schneedecke gestreut. Hatte Hilpot dem Wilde Futter in den Wald getragen? Dann konnte er nicht weit sein. Mit hallender Stimme rief Greimold den Namen des Jägers. Ganz nahe klang die Antwort. Sie trafen sich, und beide sahen aus, als trügen sie weiße Kleider; bis zu den Schultern waren sie dick mit Schnee behangen. »Gotteslechner? Du?« Hilpot war so erschöpft, daß er kaum zu sprechen vermochte. »Was hast du verloren im Schnee? Das muß ein kostbar Ding sein; das du suchen gehst. Die Zeit ist hart, da bleibt ein jeder gern in der warmen Stub.« »Du bist doch auch unterwegs.« »Tät ich daheim hocken, ich müßt kein Jäger sein. Mein Wild ist in Not. Ich sorg mich drum, daß ich Tag und Nacht nimmer Ruh hab.« »Sorg um deine Hirschen? In mir, Hilpot, ist tiefere Sorg! Die treibt mich.« »Wohin?« »Zu dir.« Scheu betrachtete Hilpot den Gotteslechner. »Was willst du?« »Nach einem Jäger fragen. Ob er nit hauset bei dir? Ein junger ist's, und Irmi heißt er.« »Ein Jäger, der Irmi heißt?« Kummer sprach aus dem wetterharten Gesicht des Alten. »Den suchst du umsonst unter meinem Dach.« »Sag mir, wo ich ihn suchen muß!« »Der hauset, ich weiß nit wo. Geh wieder heim! Und Gottes Gruß!« Hilpot wollte gehen. »Jäger, du verhehlst mir was! Dein Schweigen ist wie ein Stein auf meiner Sorg. Der Bub ist mir beigestanden in übler Not und hat mir geholfen wider die Herrenleut.« Hilpot nickte. »Haben sie ihn gebüßt?« Der Alte blickte in Unruh nach seinem Haus hinüber. »Red, Jäger! Ich bin ihm gut, und ich weiß nit, was ich tät für ihn!« »Tätest du alles, es möcht ihm nimmer helfen. Laß gut sein und frag nit weiter!« »Jäger!« Der Klang dieses Wortes schien dem Alten ins Herz zu reden. Er zögerte noch. Dann sagte er leis: »Gib mir die Hand, daß du schweigen willst! Ein paar Tage vor der Heiligen Nacht, da hab ich im Eisen einen Luchs gefangen. Selbigsmal hat der Schnee ein lützel getragen. So hab ich den Luchs hinuntergeliefert ins Stift. Ich hab den ganzen Tag gebraucht, hinunter und wieder heim. Ich hab's getan, weil ich selber in Sorg gewesen bin.« »Um den Irmi?« »Um den Jäger, der Irmi heißt. Drunten hab ich meinen Buben gefragt. Da hat er mir's zugewispert. Am letzten schönen Tag, wie auf dem Abend das Sturmwetter gekommen ist, haben sie zur Nacht Kapitel im Stift gehalten. Das hat dem Jäger gegolten, der Irmi heißt. Seit derselbigen Nacht hat ihn keiner im Kloster mehr gesehen. Das ist alles, was ich weiß. Mehr hat mir der Bub nit sagen mögen. Es ist genug. Den Jäger, der Irmi heißt, den sehen wir nimmer.« Greimold stand erschrocken. Mit schwerem Seufzer nickte Hilpot: »Mir hat er viel gegolten. Hat er mich angeschaut, so ist mir's sonnig worden ums Herz. Das ist Sonn, die nimmer scheint.« Er hob das Gesicht. »Geh heim und schweig! Und Gottes Gruß deinem lieben Kind!« Er watete durch den Schnee davon, seinem Haus entgegen. Der Gotteslechner stand an einem Baum gelehnt, bis an die Brust im Schnee. Langsam fuhr er mit dem Arm über sein Gesicht. Von dem Schnee, der den Ärmel umkrustete, blieben ihm schmelzende Stücke am Bart und an den Brauen hängen. In ratlosem Kummer blickte er durch den Wald hinauf zur Höhe, auf der sein Heimwesen lag, und wieder hinunter ins weiße Tal. Er schüttelte den Schnee von seinem Körper. »Tu dich nit härmen, Kind! Ich lös ihn. Wenn er noch lebt, so lös ich ihn.« Er begann zu waten, durch den Wald ins Tal hinunter, mit zäher Ausdauer den harten Weg erkämpfend, als wäre in seinen erschöpften Gliedern neue Kraft lebendig geworden. 9 Der Abend dämmerte im verschneiten Tal. Hier und dort an einer Hütte schimmerte Herdschein aus der offenen Tür. Droben auf dem Hügel, der das Kloster trug, leuchteten große Fenster mit strahlender Helle ins Grau hinaus. Hoch in den Lüften hingen trübe Nebelschleier, noch rötlich angeflogen von einem Nachglanz der Sonne, die im Westen freien Himmel gefunden; im Zwielicht der Tiefe war schon über den Schnee ein mattblauer Schein gegossen. Der Herdrauch, der aus den Dächern quoll, lag fein verteilt in der kalten Luft und mischte sich mit dem dünnen Nebel, der aufdampfte aus dem Bett der Ache. Im Rauschen des zwischen vereisten Ufern dahinschießenden Wassers gingen die letzten Geräusche des entschlummernden Tages unter, menschliche Stimmen und das Gebell eines Hundes. Im Tal war der Schnee nicht so schwer gefallen wie droben auf den Gehängen der Berge. Hier unten ging auch der Schneepflug, mit zwanzig und dreißig Rossen bespannt, und nach jedem neuen Schneefall mußten die Bauern Frondienste leisten, um die vom Kloster ausziehenden Wege und die Talstraße am Ufer der Ache freizuhalten für den Verkehr der Salzkarren, für den Steuerschlitten des Zinsmeisters, für die Pferde und Maultiere der zum Weidwerk reitenden Chorherren. Schon wurden die Schleier des Himmels grau, und es dunkelte im Tal. Da gaukelte auf der Achenstraße der Schein zweier Fackeln einher. Troßknechte des Klosters ritten dem Propste voran, der ihnen auf klingend geschirrtem Maultier folgte, in warme Pelze gemummt. Lässig hielt er den Zügel und war hinter den Fackelträgern zurückgeblieben. Plötzlich scheute sein Tier. Als Herr Friedrich aufblickte, sprang ein Mann, der weiß mit Schnee behangen war, aus dem Waldsaum hervor und faßte den Zaum des Maultiers. Der Propst erschrak und rief nach den Knechten. Beim Rauschen der Ache hörten sie den Ruf ihres Herren nicht und ritten weiter. »Aus dem Weg!« Herr Friedrich wühlte unter seinem Pelz. »Ohne Sorg, Herr!« sagte der Mann im Schnee. »Den Griff nach dem Eisen mögt Ihr lassen! Ich tu Euch nichts.« »Wer bist du?« – »Der Bauer im Gotteslehen.« Der Propst schien beruhigt. »Was willst du?« »Ich hab gesehen, daß Ihr ausreitet, und hab gewartet auf Euch, um eine Bitt zu tun.« »Deshalb überfällst du mich auf der Straße? Komme zu mir ins Kloster! Morgen am Tag. Dann will ich deine Bitte hören.« Herr Friedrich spornte das Maultier. Greimold hielt den Zügel fest. »Ins Kloster? Habt Ihr nit gehört, Herr Propst? Ich bin der Gotteslechner. Fangwild muß getrieben werden. Von selber lauft keines ins Garn.« »Gib den Weg frei!« befahl der Propst. »Du bist im Kloster so sicher wie jeder andere meines Landes.« »Ja, Herr«, sagte Greimold bitter, »genauso sicher bin ich auch.« Die Knechte mußten gemerkt haben, daß der Propst nicht hinter ihnen ritt. Mit erhobenen Fackeln kamen sie auf der Straße dahergesprengt. Herr Friedrich rief: »Ich komme gleich.« Er blickte auf den Bauer nieder und sah beim Schein der nahen Fackeln ein erschöpftes Gesicht mit gramvollen Augen. »Rede! Was willst du?« Greimold trat dicht an den Sattel heran. Die Erregung würgte ihm die Kehle. »Herr Propst! Ich bin ein freier Bauer und muß nit zinsen, wie man zu Unrecht verlangt von mir. Aber ich will dem Kloster geben, was es begehrt. An Lichtmeß und Michelstag will ich zahlen, was von den hörigen Bauren der beste ans Kloster zu steuern hat. Ich will's dem Kloster aus freiem Willen hinlegen, jedes Jahr, solang ich leb. Das will ich beim heiligen Brot beschwören. Ich tu's, Herr Propst, sobald Ihr den Jäger in Freiheit gebt, den Ihr um meintwillen in Buß genommen.« »Ich verstehe dich nicht. Wen meinst du?« »Den Jäger Irmi.« »Ich hab keinen Jäger dieses Namens.« Der Gotteslechner klammerte seine Hand in das Pelzgewand des Propstes. »Den Jäger, Herr, der mir geholfen hat, wie Eure Fronknecht über mich hergefallen sind.« »Den meinst du?« »Den gebt mir wieder! Ich hab nimmer Ruh, solang ich den Buben in Buß und Elend weiß. Ich kauf ihn los, Herr Propst, ich zahl an Bußgeld, was das Kloster verlangt. Und wär's mein halbes Gut. Gebt mir den Buben heraus! Der soll nit leiden müssen.« Seufzend nickte Herr Friedrich vor sich hin: Er fand einen Menschen! Sich niederbeugend, legte er seine Hand auf die Schulter des Bauern. »Du bist ein redlicher Mann. Das will ich dir gedenken.« »Herr?« stammelte der Gotteslechner, als wäre ein Schimmer von Hoffnung in ihm erwacht. »Dem Jäger, den du meinst, kann ich die Freiheit nicht geben. Der ist hartem Gesetz verfallen.« »Herr! Schauet mich an: Ich leb und sterb für mein freies Mannstum. Geht's nimmer anders, in Gottes Namen, so nehmt mir die Freiheit! Morgen komm ich und laß mich scheren. Ich will dem Kloster ein Höriger sein in Treu. Aber gebt mir den Jäger heraus! Den muß ich haben.« »Laß mich in Ruhe, Bauer!« Die Stimme des Propstes klang müd und ärgerlich. »Ich habe dir schon gesagt, den kann ich dir nimmer geben. Den hab ich selber verloren. Könnt ich ihn dem Leben zurückgewinnen –« »Herr?« Dem Gotteslechner fielen die Arme, als wären sie gelähmt. »Könnt ich das, ich gäbe mehr dafür, als der Haarschopf deiner Freiheit wert ist.« Ein erstickter Laut in der sinkenden Nacht. »Der Bub ist tot?« »Geh! Ich kann mir nicht helfen. Auch dir nicht. Gott verzeih mir meine Schwäche!« Herr Friedrich spornte das Maultier, daß es schnaubend zu traben begann. Die beiden Knechte hielten die Fackeln hoch und schlossen hinter dem Propst die Straße. Regungslos stand Greimold im Schnee und starrte der gaukelnden Helle nach. Als sie verschwunden war, reckte er sich auf. »Kloster! Den Buben sollst du mir zahlen! Der kostet Blut.« Keuchend ging sein Atem, als er sich auf der Straße niederkniete, um die Schneereifen unter seine Schuhe zu binden. Da leuchtete über der Ache drüben, auf der steil zum Kloster führenden Straße der Schein der Fackeln wieder auf. Die Knechte waren aus dem Sattel gestiegen. Der eine führte die beiden Pferde, der andere das Maultier, das Herrn Friedrich trug. Die Bürgergasse war schon menschenleer und still. Wie zwei hohe schwarze Zäune zogen sich die winkeligen Giebelwände der Häuser unter den schwer beschneiten Dächern hin. Aus dem Kloster, vor dem die Schlagbrücke über den Graben gelegt war, um den Fürsten eintreten zu lassen, fiel die flackernde Helle eines Pfannenfeuers. Stimmen und Gelächter im Laienhof, dazu das jämmerliche Wehgeschrei eines Menschen. Vor der Tür der Fronstube war ein Bauer mit entblößtem Rücken an den Bußpfahl gebunden. Knechte und Fronboten standen um den schreienden Sünder her, und der Scherg, der den Bauer die gesalzene Rute zu kosten gab, hatte just mit lauter Stimme gezählt. »Neunundzwanzig So! Und nun den letzten zu unseres Herrn Ehr! Dreißig!« Der Gezüchtigte stieß einen gellenden Schrei aus. Dann hing er ohnmächtig am Bußpfahl. Mit abgewandtem Gesicht ritt Herr Friedrich durch den Laienhof. Den Bruder Pförtner, der das Innentor öffnete, fragte er: »Was hat der Bauer verschuldet, der da gebüßt wurde?« »Ich weiß nit, Herr! Sie haben ihn gebracht vor einer Weil, und Herr Wernher hat ihm dreißig Gnädige zugesprochen.« »Recht gnädig sind sie ausgefallen!« meinte der Propst mit galligem Spott. »Da darf der Bauer von Glück sagen, daß er die Scharfen nicht zu schmecken bekam. Ja, guter Bruder, wir haben einen barmherzigen Dekan.« Die »Gnädigen«, das waren Hiebe mit der blanken Rute, während die »Scharfen« mit der Geißel verabreicht wurden, in deren Stricke kleine Bleikugeln eingeknotet waren. Im Korridor des Stiftes harrte der Bruder Kämmerer, um seinem Herrn die Leuchte voranzutragen. »Rufe mir den Dekan!« »Herr Wernher erwartet Euch.« »Mich?« Der Propst sah verwundert auf. »Er hat schon in Ungeduld nach Euch gefragt.« Herr Friedrich stieg die Treppe hinauf. Plötzlich blieb er stehen, wie von Unruh erfüllt. »Bruder?« Forschend sah er in das regungslose Gesicht des jungen Mönches. »Du siehst das Gras wachsen und hörst in der Nacht die Mäuse laufen. Sag mir, was geschehen ist?« »Ich weiß nicht, Herr!« »Ich meine, ob dort unten etwas geschah? In der stillen Mauer?« »Herr, ich verstehe nicht.« In Ärger murmelte der Propst ein Wort. Vor der Tür seines Zimmers sah er Reinold, den Falkner, stehen. Er fuhr ihn zornig an: »Warum hütest du nicht meinen Falken, wie ich dir befahl?« Reinold stotterte: »Herr Wernher hat mich aus der Stub geschickt.« Hastig betrat Herr Friedrich das Zimmer, in dem das Kaminfeuer und die Kerzen brannten. Ohne den Gruß des Dekans zu erwidern, der sich, mit einem gefalteten Pergament in der Hand, von einem Sessel am Tisch erhob, eilte er auf seinen Falken zu. Mit Fessel und Haube saß der weiße Beizvogel wie schlummernd in seinem Ring. Herr Friedrich war beruhigt. Er blickte zu Wernher hinüber. »Daß du auf mich wartest, das ist seltene Ehre, die du deinem Herren gönnst.« »Daß ich hier warte, das ist Geschäft.« »So?« Der Propst überließ sich den Händen des dienenden Bruders. Der zog ihm die hohen, mit Lammfell gefütterten Stiefel von den Beinen, schälte ihn aus den kostbaren Pelzen, brachte ihm die linden Schuhe und den warmen Hausrock. Während das geschah, fragte Herr Friedrich: »Was hat der Bauer getan, dem du die Gnädigen zugesprochen?« »Er schuldet noch den Zins vom Michelstag und hat auch die Lichtmeßsteuer nicht bezahlt. Der Zinsmeister gewährte ihm eine Frist von drei Tagen. Heute hat man den Bauer ertappt, wie er auf dem Untersberg heidnischen Unfug trieb. Er wollte den König Wute beschwören und Gold suchen.« »Wieder solch ein armer Narr! Ist das nicht der neunte seit einem Jahr? Jeden habt ihr geprügelt bis aufs Blut. Da siehst du, was eine gnädige Rute nützt. Nein, Wernherus, mit Schlägen treibst du dem geplagten Volk die alten Mären nicht aus dem Herzen. Schaff ihm gute Zeit! Wenn du das nicht kannst, so gib ihm eine Hoffnung, an der es mit träumender Seele hängen kann. Dann wird das Volk die harte Zeit ertragen, weil es an die bessere glaubt, die kommen soll.« »Das Volk soll an Gott und die Heiligen glauben. Seine Hoffnung soll der Himmel sein.« »Der Himmel liegt hinter dem Tod. Geplagtes Volk will eine Hoffnung fürs Leben.« »Wie klug Ihr seid, Herr Friedrich! Erfindet solche Hoffnung! Dann geb ich sie dem Volk.« »Die zu finden wäre nicht schwer. Man muß nur das Alte wenden für neuen Gebrauch, aus dem Rock des Urahnen einen Kittel für den kleinen Enkel schneiden. Hat mir nicht Hans Pütrich neulich von einer alten Bäuerin erzählt, die noch immer nicht glauben kann, daß Kaiser Rotbart tot ist? Laß ihn leben für unsere Bauern! Er hat es um unser Stift verdient, daß wir ihm Ehre übers Grab hinaus erweisen. Und besser, unsere Bauern hoffen auf einen Kaiser, der ein Christ war, wenn auch ein bedenklicher, als daß sie ihr armes Hoffen an den verblaßten Spuk des alten Wotan hängen. Mein treuer Wernherus, ich halte dich für einen geschickten Mann.« »Daß ich es bin«, erwiderte Wernherus lächelnd, »das will ich Euch noch in dieser Stunde beweisen.« »Du machst mich neugierig. Aber im Ernst, du bist ein geschickter Mann! Zeig es an diesem Fall. Mache, was sich ansieht wie ein Wunder! Laß ein Abenteuer geschehen, dessen Kunde wie Feuer durch alle Köpfe fliegt und alle Herzen gruseln macht. Suche dir einen klugen Menschen, der gelegentlich die unterirdischen Hallen des Berges offen sieht. Das müßte an einem hohen Kirchenfest geschehen, wenn viele Menschen beisammen sind, am Ostertag oder an Pfingsten, wenn der Heilige Geist die frommen Seelen erleuchtet.« So plauderte Herr Friedrich in Spott. Wernherus war ernst geworden. Er lauschte, und den Propst unterbrechend, sagte er zu dem dienenden Bruder: »Was du hörst, soll nicht über deine Zunge kommen. Ich befehle dir Schweigen bei deinem klösterlichen Eid.« Erheitert lachte der Propst. »Schlägt mein Gedanke schon Wurzel in deiner weitblickenden Seele? Aber du mußt dir helfen lassen vom buckligen Isengrimm. Der hat Phantasie wie alle Krüppel. Und dem Mann, der das Wunder erleben soll, muß einen schweren Kummer haben. Vielleicht konnte er die Steuer nicht bezahlen und flüchtet, gehetzt von deinem wohlwollenden Medardus, auf den Untersberg. Da begegnet ihm ein freundlicher Mönch, dem Frömmigkeit und ein gutes Herz aus den blauen Augen schauen. Solche Mönche hat es einmal gegeben. Ich hoffe, es kommt eine Zeit, in der sie wieder gedeihen. Und der gute Mönch fragt deinen Mann um seinen Kummer. Dann kann er mit dem Kreuz an den Felsen schlagen, es öffnet sich der Berg, und sie steigen hinunter in goldene Kammern, in denen Edelsteine als Mond und Sterne leuchten. An steinernem Tische sitzt der Kaiser, umgeben von tausend Fürsten und Rittern. Sein roter Bart ist um den Tisch gewachsen. Dem Kaiser gib zwei traurige Augen ins Gesicht. Der alte Wute hat nur eins, mit zweien hätte er auf Erden der bösen Dinge zu viel gesehen. Und statt des Schlapphutes gib ihm die deutsche Krone!« »Und Tauben anstatt der Raben.« »Nein! Seine Raben laß ihm! Die mag das Volk sich deuten nach seinem Geschmack. ›Noch immer fliegen die Raben!‹ Das bleibt im Ohr. Und weil sie noch fliegen, drum müssen die Augen des Kaisers traurig schauen. Er sieht, wie wir hausen im Land.« Wernherus furchte die Stirn. »Das ist übler Spott.« »Nein, du Treuer! So mußt du den Kaiser reden lassen! Wenn er redet wie deine Kapläne, glauben unsere Bauern die schöne Geschichte nicht. Laß ihn schelten auf das Kloster! Je mehr, so besser! Laß ihn reden von guter Zeit, die kommen wird, wenn er mit seinen tausend Rittern einmal hervorsteigt aus dem Berg. Dann wird er allen deutschen Christen das Glück bringen, wird alle Fronboten, Vögte, Zinsmeister und Dekane kürzer machen um einen Kopf, wird steuerfreie Lehen verteilen, wird auf dem Walserfeld seinen goldenen Friedensschild an den Birnbaum hängen und aus den Steinen der gebrochenen Klöster fromme Kirchen bauen, in denen ein Gott der Liebe wohnt!« »Ihr redet, als wäret Ihr Eurem eigenen Märlein der erste Gläubige!« »Ich wollte, es wäre so! Dann wäre ich auch der erste, der sich getröstet fühlt.« Herr Friedrich schlüpfte in den Hausrock, den ihm der Bruder Kämmerer hinhielt, schmiegte sich in den Sessel und streckte die Beine. »Machst du die Sache klug, so hast du den doppelten Gewinn: einen für dein frommes Gemüt, denn du hängst ein christliches Mäntelchen um ein altes Stück Heidentum – und einen als Dekan des Stiftes, denn die Bauern, wenn sie gute Zeit erhoffen, werden deine gnädige Rute und das Wohlwollen deines Zinsmeisters geduldiger ertragen.« »Euer Einfall könnte nützlich werden.« Die Augen des Wernherus funkelten. »Nur eine Frage noch. Wenn der gebannte Kaiser von den überflüssigen Köpfen der Dekane spricht, soll er da nicht auch von den Pröpsten reden?« »Das halte, wie du magst!« Lächelnd hüllte sich der Propst in den linden Pelz seines Hausrockes. »Weshalb die Ungeduld, mit der du mich erwartet hast? Was hältst du da in der Hand?« Wernherus wandte sich an den dienenden Bruder. »Entferne dich! Doch lege zuvor noch ein paar schwere Klötze ins Feuer! Herr Friedrich friert soviel in der letzten Zeit.« »Da hast du recht! Mir ist kalt geworden an Leib und Seele.« »In Eurem Alter ein bedenkliches Zeichen. Ihr solltet den Medikus zu Rate ziehen.« In der Kaminhöhle krachte das Holz, das der Bruder Kämmerer über die glühenden Kohlen häufte. Schweigen war in der Stube, bis der junge Mönch die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Nun? Dein Geschäft?« Wernherus, das Pergament entfaltend, trat näher zum Sessel des Propstes. »Eine Botschaft kam.« »Wer schickte sie?« »Der kaiserliche Viztum in Franken. Was er meldet, könnte für unser Stift eine kostbare Nachricht sein. Reicher Besitz, eine starke Burg mit Dörfern und Höfen, mit Forsten und Feldern, könnte an das Kloster fallen.« »Könnte? Mach daraus ein ›wird‹!« »Da ist ein Hindernis.« »Ein unüberwindliches?« »Nein.« »So räum es beiseite!« »Das will ich. Gebt Ihr zu allem Notwendigen Eure Zustimmung?« »Wenn nichts geschieht, was gegen ein Recht des Kaisers und meines Vetters in Bayern ist.« Wernherus lächelte. »Nein, Herr! Aber wollt Ihr die Botschaft nicht lesen?« Gelangweilt machte der Propst eine Bewegung mit der Hand. »Auf solche Dinge verstehst du dich besser.« »Es könnte sein, daß diese Botschaft Eurem Herzen eine Freude bringt.« Herr Friedrich sah in Zorn zu Wernherus auf. »Wenn es so wär, hättest du mir die Botschaft verschwiegen. Wir beide wollen nicht gaukeln. Ich und du, wir kennen uns. Gib her!« Kaum hatte der Propst zu lesen begonnen, da glitt ihm ein erstickter Laut des Schreckens über die Lippen. Der Inhalt des Blattes erregte ihn so sehr, daß ihm die Hände zitterten. Es war die Nachricht, daß Graf Walter von Immhof, der Herr der Immenburg, auf der Jagd von einem Bauern erschlagen wurde. Erschüttert ließ der Propst die Hände mit dem Pergament in den Schoß sinken. »Der Tod des Bruders wäre das Leben des anderen gewesen! Macht, Besitz, Tat und Freude, ein schönes, lachendes Erdenglück! Und alles begraben in schwarzer Mauer!« »Eine Mauer kann fallen.« Herr Friedrich blickte auf, als hätte er nicht verstanden. »Graf Walter war unvermählt, sein Erbe ist der jüngere Bruder.« Wernherus sprach mit trockener Ruhe. »Nach dem Erbrecht kann der Chorherr Irimbert von Immhof als Diener Gottes von seinem Erbe für sich selbst nicht Besitz ergreifen. Doch steht ihm das Recht zu, frei über sein Erbe zu verfügen. Er kann es an einen Blutsverwandten seines Hauses geben, an seinen Vetter Wolfgang von Immhof. Oder an das Kloster. Und er hätte wohl Ursach, dankbar gegen unser Stift zu sein, wenn wir ihm die Freiheit wiedergeben, die er verlor, und das Leben, das er durch schwere Sünde verwirkte. Meint Ihr nicht auch, Herr Friedrich?« Der Propst war erschrocken aufgesprungen. »Nein! Das ist übler Handel. Ich will nichts wissen davon. Er war mir lieb, ich hätte meine linke Hand dafür gegeben, um ihn zu retten. Aber jetzt? Er hat Gott gelästert, ich habe nicht den Mut, das Gesetz zu biegen. Das wag ich nicht um einen Wald und einen Acker.« »Sagt: um eine feste Burg, um Mannen und Bauern, um Höfe und Dörfer! Habt Ihr den Mut nicht, unserem Stifte solchen Besitz zu gewinnen, so will ich es wagen.« Wernherus lächelte. »Ich weiß, daß ich im Sinne Gottes handle. Was wir gewinnen, soll dem Wohl der Kirche dienen und wird ihr nützlicher sein als das Leben eines Narren.« Herr Friedrich trat mit blitzenden Augen vor Wernherus hin. »Jetzt? Da er nach vier entsetzlichen Monden in der Nacht seiner Mauer gebrochen sein muß an Geist und Körper? Jetzt, da ihn dein Ehrgeiz nimmer zu fürchten braucht? Jetzt willst du aus seinem zerstörten Leben noch einen Vorteil pressen?« »Das will ich.« Der Propst wich zurück, als ginge von dem eisigen Lächeln des Wernherus eine Kälte aus, die ihn schauern machte. »Tue, was dir gut dünkt, zur Ehre Gottes! Gelingt es dir, so will ich mich freuen, um dieses Ärmsten willen, dem das Leben wiedergegeben ist. Ich fürchte nur, deine Rechnung hat einen Fehler. Das Gesetz zu brechen und offen wider Gott zu stehen? Da wird sich mancher besinnen, dessen Stimme gehorsam in deiner Hand war, als du es versuchen wolltest, mir den Fürstenmantel von der Schulter zu reißen.« »Ja! Da war ein Fehler in meiner Rechnung. An jenem Abend wart Ihr mit Euerem Vetter in Bayern der Stärkere. Ihr seid es noch immer. Wer den Sieg hat, dem wird die Gnade leicht. Ich bin ein Reuiger. Den Frevel meiner falschen Rechnung will ich durch den Eifer sühnen, mit dem ich für das Wohl unseres heiligen Hauses handle. Der Himmel behüte, daß ich unseren Kapitularen zumuten sollte, das Gesetz zu brechen und offen wider Gott zu stehen. Doch keiner wird sich besinnen, ein Urteil umzustoßen, das mit Übereilung gefällt wurde und ungesetzlich war.« »Du findest den Mut, mir das ins Gesicht zu bekennen?« »Weil ich erkannte, daß Irimbert von Immhof an jenem Abend nicht Herr seiner Sinne war. Er sprach aus gestörtem Geist. So glaubt der Medikus und will es dem Kapitel beweisen. Auch Herr Heinrich von Eschelberg, Linhart Scharsach und die beiden Kapläne, mit denen ich sprach, sind der gleichen Meinung.« Der Propst warf sich in den Sessel und lachte. Es war kein heiteres Lachen. »Bedenke doch, du Gerechter! Wenn das Opfer deiner Übereilung gestörten Geistes war? Wie kann ein Irrsinniger über eine feste Burg verfügen, über Mannen und Bauern, über Dörfer und Höfe? Das ist doch gegen dein Erbrecht!« »Ein Kranker kann genesen.« »Ach so? Wenn das Testament gesiegelt ist, wird dein Medikus beweisen, daß sich Immhof des gesündesten Verstandes erfreut?« Wieder lachte der Propst. »Euer Lachen kostet wertvolle Zeit! Ihr müßt das Kapitel berufen und dürft keine Stunde mehr versäumen. Seit vier Tagen hat Immhof die Speisen nicht berührt, die man in die Mauer schob.« Der Propst erhob sich erschrocken. »Schnell! Berufe das Kapitel. Du hast Vollmacht. Ich lege alles in deine Hände.« Wernherus nahm das Pergament vom Tische. »Sind die Kapitularen versammelt, so schick ich den Ulrich Thurn, um Euch zu holen.« Herr Friedrich wandte sich ab. »Führe den Vorsitz! Ich will mich zu Bett legen. Mir ist übel.« »Soll ich Euch den Medikus schicken?« »Nein.« »Noch eines, Herr! Ist Immhof gelöst, so soll er vorerst nicht erfahren, was ihm die Freiheit gab. Das würde schaden. Es soll mir überlassen bleiben, ihm zu sagen, was ich für nötig halte, und dazu die rechte Stunde zu wählen. Hab ich Euer fürstliches Wort?« »Ja, ja! Was stehst du noch? Geh! Verliere nicht die kostbare Zeit!« Wernherus lächelte. »Wie besorgt Ihr um den Vorteil unseres Stiftes seid! Wenn Euch nicht allzu übel ist, so betet, Herr, daß wir den reichen Erben noch am Leben finden. Seht Ihr jetzt, wie nützlich es war, daß ich in kalten Nächten die Mauer wärmen ließ? Was Euch als Grausamkeit erschien, um die Qual des Gerichteten zu verlängern, war heilige Vorsehung. Ihr habt mich arg verkannt. Labt Ihr Euch morgen wieder am Anblick Eures Lieblings, so hoff ich, Ihr werdet meiner in Dankbarkeit gedenken.« Zorn und Sorge wühlten im Gesicht des Propstes. Mit geballten Fäusten stand er, bis sich die Tür hinter Wernherus geschlossen hatte. Dann wankte er durch die Stube, warf sich über den Betschemel, höhlte die zitternden Hände um die Füße des Gekreuzigten und küßte ihm die von roten Tropfen überronnenen Zehen. »Laß ihn leben, du Guter! Heb ihn barmherzig herauf aus der Nacht, in die ihn meine Schwäche hat fallen lassen! Maxima mea culpa! Schuldlos ist er. Ich bin der Schuldige. Auf mich wirf deinen Zorn und ihm sei gnädig! In ihm war Licht und Leben, in mir ist Tod und Nacht! Ein Sünder bin ich, ein arger Sünder! Mea culpa, mea culpa!« Mit solcher Inbrunst hatte Herr Friedrich noch nie gebetet, und noch in keiner Not seines Lebens war er so gläubig gewesen. Er lag auf den Knien, bis ihn das Geläut der Kapitelglocke aufschreckte. Ruhelos schritt er in seiner Stube auf und nieder. Immer fror ihn, obwohl das Feuer im Kamin mit großer Flamme brannte. Bald stand er bei der Tür, um zu lauschen, bald am Fenster. Und seines Falken vergaß er völlig. Es war späte Nacht geworden, als er eilige Schritte im Korridor vernahm. In Ungeduld riß er die Tür auf. Hans Pütrich kam, erregt und dennoch lachend. »Herr! Wißt Ihr, was geschehen ist im Kapitel? Den Immhof haben sie ledig gesprochen. Mit allen Stimmen gegen eine.« »Wer war es, der dagegen sprach?« »Dekan Wernherus. Schade, Herr, daß Ihr das versäumt habt! Noch nie im Leben hab ich einen lustigeren Schabernack gesehen als den heiligen Ernst, mit dem sie geredet haben.« »Und jetzt?« »Sie legen schon die Mauer nieder.« »Komm, Pütrich«, stammelte der Propst, »ich muß sehen, daß er lebt!« »Bleibet davon! Das wird ein übles Schauspiel.« »Komm!« Herr Friedrich riß den Chorherren mit sich fort. Sie vernahmen aus der Tiefe die dumpfen Klänge eines Chorals. Dann verstummte der Gesang. Als sie zur letzten Treppe kamen, hörten sie die Schläge der Spitzhacke, mit der man die Mauer brach. Trüber Schein erfüllte den Kellergang und überzitterte die Gestalten der Chorherren, die schweigend vor der sinkenden Mauer standen. Einige von ihnen trugen brennende Kerzen und hielten sie über die Köpfe. In das Wachs der Kerzen war Weihrauch eingeschmolzen, so daß es im Kellergewölbe duftete wie in einer Kirche. Bruder Eligius, der Schlächter, schlug mit aller Kraft seiner Arme auf die Steine und auf den Mörtel los, der schon so hart geworden, daß bei jedem Schlag die Funken aufsprühten. Hinter der Mauer, die schon zur Hälfte gefallen war, ließ sich kein Laut vernehmen. Und der Schein der Kerzen vermochte nicht die Finsternis zu erhellen, welche die Höhlung füllte. Aus der Luke quoll eine so grauenvolle Luft hervor, daß jene, die zunächst der Mauer standen, Mund und Nase mit dem Ärmel bedeckten. Linhart Scharsach, als er den Propst gewahrte, rief ihm entgegen: »Kehret um, Herr Friedrich! Ihr seid ein Kranker. Aus dem stillen Kämmerlein geht ein Wohlschmack aus, der Euren leidenden Magen in Aufruhr bringen könnte.« Der Scherz weckte kein Lachen. Alle standen wortlos, in erregter Spannung, in Scheu und Grauen. Da fielen die letzten Steine der Mauer. Herr Friedrich drängte sich durch den Kreis der Chorherren. Vorgebeugten Hauptes stierte er in die finstere Höhlung. »Immhof! Du bist erlöst. Wenn du noch lebst, so tritt heraus in die Freiheit!« Nichts rührte sich in der dunklen Zelle. »Barmherziger Gott!« Herr Friedrich riß einem Chorherren die Kerze aus der Hand und leuchtete in die Finsternis. Da gewahrte er in einer Ecke der Höhlung einen Klumpen, grau und weiß, eine regungslos in sich zusammengekauerte Gestalt, deren Gesicht man nicht sehen konnte, denn weißes Haar hing in dicken Zotten darüber. Auf einen flehenden Blick des Propstes sprang der Bruder Schlächter in die Mauerhöhle. »Er muß noch leben, Herr! Er ist nit starr, wie die Toten sind.« »Trag ihn heraus!« Da brachte ihn Bruder Eligius auf den Armen getragen: ein Gerippe fast, umhangen von den halbverfaulten und zerfressenen Fetzen des Chorherrenkleides, die gelbe Haut der ausgemergelten Arme von der Kälte zerrissen, die Hände mit Wunden bedeckt, das abgezehrte Gesicht von weiß gebleichten Haaren umfilzt, mit Augen, die nicht zu sehen schienen, obwohl sie groß geöffnet waren; wie in geistiger Entrückung brannten sie unter den weißen Wimpern. Dem Propste fiel die Kerze aus der Hand. Von Grauen geschüttelt, daß ihm die Zähne knirschten, bedeckte er das Gesicht. Hans Pütrich, der ihn taumeln sah, nahm ihn unter den Arm, führte ihn die Treppe hinauf, brachte ihn zu seiner Stube und wollte bei ihm bleiben. Herr Friedrich schickte ihn wieder fort. »Geh hinunter! Und komm wieder! Und sag mir, wie es ihm geht!« Zitternd saß der Propst in seinem Sessel, mit kalkweißem Gesicht und verstörten Augen. Der Bruder Kämmerer mußte ihm dampfenden Würzwein holen. Gierig schlürfte er den heißen Trank und erbrach ihn wieder. Er ließ sich zu Bett bringen. Weil ihn unter den warmen Decken noch immer fror, mußte der Bruder einen Berg von Fellen auf ihn häufen, bis ihm der Schweiß aus allen Poren brach. Als nach Mitternacht Hans Pütrich wiederkam, streckte ihm der Propst die Arme entgegen. »Lebt er?« »Ja, Herr! Aber ob sie ihm das Leben erhalten können, weiß ich nicht. Alles läßt er mit sich machen und redet kein Wort. In seinem Blut muß schwere Krankheit liegen.« »Was sagt der Medikus?« »Der weiß sich nimmer zu helfen und redet lateinisch. Er sagte: ›Ex prima fronte febrim esse videtur, quem typhon medici vocant!‹ Erst haben sie ihn gebadet, jetzt liegt er in der Krankenstube.« Der Propst fuhr erschrocken auf. »In dem Bett, in dem der alte Scharsach starb?« »Die Krankenzelle hat kein anderes. Es ist das Bett, das auf uns alle wartet.« Das Gesicht von Schweißperlen bedeckt, bis zu den Ohren unter die Felle gemummelt, lag Herr Friedrich, ohne Schlummer finden zu können. Hans Pütrich mußte bei ihm wachen, bis der Morgen graute.   Ein trüber Tag stieg auf. Der ganze Himmel war verhangen mit grauem Gewölk, und neuer Schnee schien fallen zu wollen. Um die Zinnen des Watzmanns und der Watzmannkinder begann es im ersten Frühlicht schon zu stöbern. Langsam zogen die weiß fallenden Schleier über den Königssee heraus. Als es völlig Tag geworden, fielen auch über dem Gotteslehen schon die Flocken. Beim Hagtor stand der Steinhauser mit Ruglind und dem Altsenn. In Sorge blickten sie über die weißen Wiesen gegen den Wald hinunter, auf den Hauswirt harrend, der zur Nacht nicht heimgekommen war. Und als es nun zu schneien anfing, sagte der Steinhauser: »Jetzt krieg ich Angst! Wir müssen ihn suchen.« Da kreischte Ruglind: »Er kommt! Sell drunten beim Wald!« Nun sahen auch die anderen den Heimkehrenden und schrien ihm zu mit frohen Stimmen. Langsam stieg der Gotteslechner vom Waldsaum herauf, bis an die Schultern im Schnee, mühselig jeden Ruck erkämpfend. Von der Achenstraße durch den steilen Bergwald, das hatte ihn die ganze Nacht gekostet. Sein Körper dampfte, und die grauen Haare klebten naß um sein erschöpftes Gesicht. Ruglind war ins Haus gelaufen, und man hörte sie rufen: »Juttla! Der Vater ist da!« Die beiden Männer wateten dem Hauswirt entgegen und wühlten eine Gasse in den Schnee, damit ihm das letzte Stück des Weges leichter würde. Greimold nickte ihnen zu. »Gelt, Leut, ich hab euch in Sorg gebracht? Aber ich hab einen Gang hinunter ins Tal gehabt. Den hab ich machen müssen.« Daß sich bei solchem Schnee der Weg ins Tal hinunter und wieder herauf erzwingen ließe, das wollte der Steinhauser kaum glauben. »Mein Weg ist hart gewesen. Was ich heimbring, ist noch härter. Frag nit! Nur heim! Ich mein, daß ich umfallen muß und liegenbleiben. Ist das Kind in Angst gewesen?« Der Altsenn schüttelte den Kopf. »Gestern um Mittag hat sie dich gemangelt und hat gefragt: ›Ich hör den Vater nit, wo ist er?‹ Aber wie ich ihr gesagt hab, du wärst hinunter ins Jägerhaus, da muß sie eine Freud gespürt haben. Wie Sonn ist's über ihr Gesichtl gegangen. So ist sie allweil beim Herd gesessen und hat gesponnen. Daß sie um deintwegen keine Sorg spüren sollt, haben wir dem Kindl verhehlt, wie's an der Zeit ist. Sie sitzt noch allweil in der Stub und meint, es ging erst auf den Abend zu.« Als sie zum Haus kamen, bellte in der Herdstube die weiße Hündin. Dem Gotteslechner waren die Glieder so starr, daß ihm Ruglind die Schneereifen von den Schuhen lösen mußte. Im Hausflur zog er das von Eis umfrorene Wams herunter. »Bring mir einen trockenen Kittel! So kann ich mein Kindl nit ans Herz nehmen.« Er streifte die Nässe aus seinem Haar und trocknete das Gesicht. Dann trat er in die Herdstube, in der sich das trübe Morgenlicht mit dem flackernden Schein des Feuers mischte. Geführt von ihrer weißen Gesellin, kam Jutta ihm entgegen. Ihre Hände zitterten. »Guten Heimgruß, lieber Vater!« »Gott grüß dich, Kind!« Er legte den Arm um die Blinde und streichelte ihr die brennende Wange. Juttas Augen waren groß, ihre Lippen ein wenig geöffnet wie in erwartungsvollem Lauschen. Als der Gotteslechner noch immer schwieg, fragte sie leis: »Ist's wahr, Vater? Der Fürsenn hat mir gesagt, du warst hinunter zum Jägerhaus?« »Ich bin drunten gewesen.« »Ist der Weg schon offen?« »Ich bin durch die Eisblumen gegangen. Und bring dir einen Gruß vom alten Hilpot.« Ein Lächeln zitterte um ihren Mund. »Sonst tut mich keiner grüßen?« »Den du meinst, der hauset nimmer beim alten Hilpot.« Greimold wollte sich zur Ruhe zwingen. Das machte seine Stimme rauh. Das feine Ohr der Blinden hörte den Klang, der ihr fremd war an der Stimme des Vaters. Erschrocken hob sie das Gesicht. »Warum redest du, als ob du ein anderer wärst?« »Weil mir weh tut, was ich dir sagen muß.« Da klammerte sie die Arme um seinen Hals. Und Greimold drückte ihr Haupt an seine Brust, als könnte er den suchenden Blick dieser blinden Augen nicht ertragen. »Ich hab doch allweil schon gemerkt, daß du harrest auf ihn. Drum hätt ich ihm gern einen Gruß gebracht. Von dir! Und bin hinunter ins Jägerhaus und hinunter ins Klostertal. Und hab ihn nimmer gefunden.« Greimolds Stimme klang schwer und langsam. »Es sagen die Leut, seine Herren hätten ihn fortgeschickt, bis hinter die letzten Berg hinaus, in die große Ebnet.« Jutta richtete sich auf. »Die große Ebnet? Ist die weit von uns?« »So weit, daß keiner mehr kommt, der einmal draußen ist. Jetzt darfst du nimmer harren. Aber mit liebem Sinn sollst du denken an ihn. Der Irmi ist uns von Herzen gut und treu gewesen, dir und mir.« Wortlos nickte sie, während ihr die Tränen über die Wangen fielen. »Geh, Kindl, mußt nit weinen! Das tut deinen Augen weh.« Sie lächelte traurig und tastete mit zitternden Händen ins Leere. »Weiße, wo bist du? Komm, tu mich führen!« Die Hündin kam vom Herd, und zu der Blinden aufschauend, schmiegte sie sich an ihre Knie. Greimold fragte: »Magst du nit hersitzen zum Feuer?« »Ich bin so müd, ich weiß nit wie! Das muß vom Warten sein. Komm, Weiße, ich will zur Ruh gehen! Es muß schon Nacht sein, gelt?« »Ja, Kindl, 's ist finstre Nacht worden. Hast recht, geh schlafen! Ruh haben ist von allem das Beste.« Greimold ließ sich neben dem flackernden Feuer auf den Herdrand nieder. Von der weißen Zenta geführt, ging Jutta langsam auf die Tür der Kammer zu. Bevor sie die Schwelle erreichte, blieb sie stehen, mit weit geöffneten Augen. »Kindl? Was hast du?« Ohne das Gesicht zu wenden, sagte sie leise: »Wie die Mutter von uns gegangen ist? Gelt, Vater, da hast du ihn auch gesehen?« »Wen?« »Den armen Erdenbruder vom schönen Glück in der Umwelt.« »Wen meinst du, Juttula? Ich versteh dich nit.« »So viel hab ich allweil drüber sinnen müssen. Und hab mir doch niemals denken können, wie er ausschaut. Jetzt seh ich ihn. Ist noch ein junger Mann und hat schon weißes Haar wie ein Alter. Sein Leib und sein Gesicht sind mager, als hätt er zehren müssen von seinem eigenen Fleisch. Ganz still ist er, kein Wörtl hör ich ihn reden. Tiefe, dunkle Augen hat er, die traurig sind. Wenn ich hineinschau, Vater, muß ich weinen. Und seine Hand, die mich anrührt im Herzen, ist kalt, wie die Eisblumen sind.« In Sorge hat Greimold sich erhoben. »Kind, was redest du? Wer soll das sein, den du siehst?« »Der Schmerz!« Tief atmend wandte Jutta das Gesicht. Der Schein des Herdfeuers machte auf ihren Wangen die Tränen funkeln, als wären es leuchtende Blutstropfen. »Das ist dem schönen Glück sein Bruder. Ich kann dir's nimmer sagen, wie mir's der Irmi gesagt hat. Das ist schön gewesen. Wenn der Irmi wiederkommt, so mußt du ihn fragen drum!« Sie stockte. »Schau nur, jetzt hab ich völlig vergessen. Hast du mir nit gesagt, daß er nimmer kommt?« Ihr Gesicht entstellte sich. »Hätt ich's von einem anderen hören müssen, so hätt ich gesagt: Das ist nit wahr, er hat's versprochen, und wenn es maiet und sein Blüml lebendig wird, so kommt er wieder.« In ratlosem Kummer trocknete Greimold seinem Kind die Tränen von den Wangen. Ihm war, als müßte er schreien: Glaube deiner Sehnsucht! Aber es geschah zum erstenmal, daß er den Mut nicht fand, der Blinden eine tröstende Lüge zu sagen. Er fürchtete, daß ihrem Herzen solche Lüge gefährlicher werden könnte als die Wahrheit. »Komm! Laß dich in die Kammer führen! Ich bleib bei dir und tu deine Hand in der meinen halten, bis du schlafen kannst.« Sie löste ihre Hand. »Du hast einen harten Weg gemacht um meinetwegen. Da mußt du rasten. Ich hab schon einen Gesellen. Der muß mir die ganze Nacht erzählen von seiner schönen Schwester. So tröstet er alle, denen er weh tut. Das hat mir der Irmi gesagt. Gottes Ruh zur Nacht, lieber Vater! Komm, Weiße, tu mich führen!« Greimold blieb bei der Tür stehen und lauschte, bis es still in der Kammer wurde. Die Helgard kam mit verdrossenem. Gesicht und setzte die Pfanne über das Feuer, um ein Mahl für den Hauswirt zu richten, der seit Tag und Nacht keinen Bissen genossen hatte. Neben dem prasselnden Feuer, dessen Wärme ihm die erstarrten Glieder löste, streckte sich Greimold auf die Herdbank nieder. Von Müdigkeit überwältigt, fiel er in tiefen Schlaf, noch ehe sein Mahl in der Pfanne gar geworden. Draußen hatte sich der Wind gelegt. Immer spärlicher fielen die Flocken in den wachsenden Tag, und es wurde zwischen dem treibenden Schneegewölk so licht, als hätte die Sonne Kraft gewonnen und möchte die hüllenden Schleier siegend durchbrechen. 10 Die Strenge des Winters begann sich zu mildern, als die Osterwochen näherrückten. Es kamen schöne Tage mit reinen Lüften und klarer Sonne. Da hoben sich im Schein des Morgens die weißen Berge wie flimmernde Silberstufen ins tiefe Blau, und vom Schnee der Täler ging ein farbiges Gleißen aus, das die Augen blendete. Stieg die Sonne zur Mittagshöhe, so fing das Tauen und Schmelzen an. Überall im Bergwald fiel in schweren Klumpen der Schnee von den Ästen. Auf den Almfeldern, die gegen Süden lagen, erschienen gelbgraue Flächen, die immer größer wurden, bis die stahlblaue Dämmerung aus dem Schatten der Täler hinaufschwamm in den Rotschein der Berge. So kämpfte der warme Tag für den Frühling, die kalte Nacht für den Winter. Der klammerte sich an den Felsen fest, bis der Lenz den siegenden Föhnsturm über die Berge schickte. Alle Bäche im Tal begannen zu schwellen, mit dem Sturmgeheul in den Lüften mischte sich Lawinendonner, der aus fernen Höhen ruhelos heruntertönte ins Klostertal. Um diese Zeit war schwüle Luft auch innerhalb der Mauern des Stiftes. Die Chorherren schätzten ihr Leben allzu hoch, um nicht mit Bangen an das Gespenst zu denken, das vor der Krankenzelle kauerte, in welcher Irimbert von Immhof in brennendem Fieber um sein Leben rang. »Morbus transit in alois« – die Krankheit wäre ansteckend, hatte der Medikus erklärt. Außer ihm und Bruder Eligius, den der Dekan zur Pflege des Kranken bestimmt hatte, durfte kein anderer die Zelle betreten. Vor der Krankenstube war eine Reihe von Glutpfannen aufgestellt. Der scharfe Geruch der gifttötenden Kräuter, die man über die glühenden Kohlen häufte, quoll durch alle Räume des Stiftes. Er drang sogar hinunter bis in die Kellerstube, so daß Linhart Scharsach meinte: »Bei jedem Schluck, der einem durch die Gurgel rinnt, muß man den nahen Tod schmecken. Die Luft ist verpestet und der Wein dazu. Sauberen Dank haben wir davon, daß wir den üblen Vogel aus seinem Käfig lösten. Möcht nur wissen, wieso dem Dekan das Erbarmen so jählings eingeschossen ist?« Herr Linhart Scharsach war seit einiger Zeit nicht gut auf Wernherus zu sprechen. »Er ist pröpstisch geworden! Der Baum seines Willens hat sich verwandelt in ein Rütl, das sich biegt, wenn es den Wind des Herren spürt.« Es war ein scharfer Wind, der seit Wochen aus der Stube des Propstes hinfuhr über die trotzigen Köpfe. Herr Friedrich büßte mit Strenge jede Regung des Ungehorsams, und von den regelwidrigen Freiheiten, die sich im Leben der Chorherren eingebürgert hatten, hob er eine nach der anderen auf. Es schien in ihm der zähe Wille erwacht zu sein, Zucht und Ordnung in seinem Stifte wiederherzustellen. Liefen die Chorherren zum Dekan, um gegen die Härte des Propstes zu klagen, so zuckte Wernherus die Schultern. »Sein Vetter in Bayern ist stärker als unser Zorn. Wir müssen uns beugen.« Unter dieser Strenge des Propstes hatte Linhart Scharsach am übelsten zu leiden. Die Zeit, in der die Kellerstube täglich dem Besuch der Chorherren offenstand, war auf eine Stunde nach dem abendlichen Mahl beschränkt. So fleißig Herr Linhart in dieser Stunde den Becher hob, es gelang ihm nur selten, seinen Kopf so schwer zu machen, um fest zu schlafen. Ging er mit klaren Sinnen zu Bett, so war sein Schlummer gequält durch böse Träume, die seinen Körper mit kaltem Angstschweiß badeten; immer sah er das weiße Antlitz eines Toten mit offenem Mund. Eines Abends, in der zweiten Woche nach Ostern trank sich Linhart Scharsach so toll und voll, daß er auf eigenen Füßen nicht mehr in seine Zelle kam. Heinrich von Eschelberg und Bruder Medardus mußten ihn hinaufschleppen. Am andern Morgen verbot ihm Herr Friedrich den Besuch der Kellerstube und schloß ihn für einen Monat vom Tisch der Chorherren aus. Linhart Scharsach eilte in kochendem Zorn zu Wernherus. »Weil ich der Eurige gewesen bin mit Leib und Seel, drum kühlt er jetzt seine Wut an mir und hält mich kürzer wie jeden. Helft mir! Oder ich tu's den anderen nach, die sich lieb Kind beim Herren machen.« Der Dekan schob an der Tür den Riegel vor und dämpfte die Stimme. »Kannst du schweigen?« »Wenn's meinen Vorteil gilt, bin ich stumm wie ein Kalb, dem der Schlächter das Maul verbunden.« »Die Salzburger Domherren haben mir eine Nachricht geschickt.« »Eine, die gut ist?« »Ich denke, sie soll es werden. Der Kaiser hat seinen Bastard und Liebling Enzio mit der schönen Witib des Ubaldo Visconti vermählt.« »Daß ein ander ein schönes Weib kriegt? Soll das gute Nachricht sein? Für mich?« »Jene Witib ist die Erbin von Sardinien, auf das der Papst einen Anspruch erhebt.« »Und da rauft er sich mit dem Kaiser? Das wird ihm wenig helfen. Der Kaiser hat in Italien die Macht.« »Das Glück des Kaisers hat sich gewendet. Er hat Brescia verloren. Alle lombardischen Städte erheben sich wider ihn. Der Papst hat die richtige Zeit erkannt, um Essig in die Wunde des Kaisers zu gießen. Am zwanzigsten März, am heiligen Palmsonntag, hat der Papst gegen Kaiser Friedrich den Bannfluch ausgesprochen.« »Wieder einmal?« Linhart Scharsach lachte. »Was geht das uns an? Solang wir fest in unseren Pfründen sitzen, sollen sie in Rom blitzen und donnern, wie sie mögen. Wir halten zum Kaiser.« Wernherus nickte. »Treuer als je! Es dient sich leichter einem Herrn, der weit und schwach ist, als einem, der uns mit starker Faust an die Mauer greift. Manch einem deutschen Fürsten sitzt der kaiserliche Herr zu nah und unbequem vor der Tür. Nur im Glück ist der Kaiser dieser widerwilligen Anhänger sicher. Wendet ihm das Glück den Rücken, so machen es die Fürsten wie das Glück und der Papst.« »Jeder nach seinem Vorteil!« »In Salzburg fürchten sie, daß der erste, der vom Kaiser abfällt, der Herzog von Bayern sein wird.« In Linhart Scharsach schien das Verständnis aufzudämmern. »Meint Ihr, daß wir hoffen sollen, was die Salzburger fürchten?« Wernherus lächelte. »Und meint Ihr, es könnt eine Zeit kommen, in der ein hilfreicher Vetter die hundert Rosse zur Wahrung seiner eigenen Haut zu nötig hat, als daß er sie vor unsere Mauer legen möcht, wenn unserem Propst der Mantel über den Buckel rutscht?« Wieder war ein stummes Lächeln die Antwort des Dekans. »Ich dank Euch für die Botschaft!« Linhart Scharsach richtete sich auf. »Jetzt will ich fasten und dürsten, bis ich in zahlender Stund die Faust erheben kann.« Lachend ging er aus der Stube. Wernherus sah ihm nach. »Zwei Löwen der Erde erheben die Tatzen widereinander. Das wird ein Kampf, der Kronen zertrümmert und Reiche zerstört. Und da freut sich einer, daß dieser Weltbrand die Stunde bringen wird, die ihm den Riegel der Kellertür zerschlägt! Und das ist Weltgeschichte! Mit dem Taumel einer Liebesnacht beginnt es und endet mit einem Rausch.« Wernherus machte eine Bewegung, als möchte er ein Gefühl des Unbehagens von sich abschütteln. »Ich will steigen. Da muß ein anderer fallen. Gott schuf die Schlechten, daß sie zum Guten helfen.« Da hörte er Schritte und die erregte Stimme des Propstes. Als er die Tür öffnete, sah er Herrn Friedrich durch den Korridor hinuntereilen, so hastig, daß die Pelzflügel seines Hausrockes hinter ihm flatterten – und sah den Bruder Schlächter, der hinter dem Propste zurückgeblieben war. »Eligius?« fragte Wernherus in Zorn. »Wer erlaubte dir, die Klausur der Zelle zu verlassen?« »Mich hat der Medikus geschickt, um den Herrn zu holen. Der Kranke ist fieberfrei und wird genesen.« Wernherus lächelte und trat in seine Stube zurück. In der Tiefe des Ganges hatte Herr Friedrich schon die Treppe erreicht. Er eilte hinunter. Der Qualm der Glutpfannen quoll ihm entgegen. Um den stechenden Dunst nicht atmen zu müssen, deckte er den Ärmel des Pelzrockes über Mund und Nase. Vor der Tür der Krankenstube hielt er inne. Heiß erfüllt ihn die Freude, den Genesenen wiederzusehen, dem vom Tode Erstandenen den ersten Gruß des Lebens zu bieten. Doch er konnte auch ein Gefühl der Scheu nicht überwinden. Neben der Tür hing noch das schwarze Täfelchen mit der weißen Inschrift: Cave periculum contagionis! Als Herr Friedrich hinter sich den Schritt des Bruders hörte, trat er in die Stube. Die weiße Zelle war erfüllt vom Wohlgeruch eines Blumenwassers, mit dem der Medicus die Wände und den Estrich besprengt hatte. Die milde Luft des Frühlings hauchte um das offene Fenster, durch das man in der Ferne die grünen Wiesen, den dunklen Wald und die noch weißen Berge unter blauem Himmel sah. Linde Morgensonne lag auf dem Gesims und umflimmerte die Zweige eines Apfelbaumes, der zu blühen begann. Der Medikus begrüßte den Propst. Auf das Lager des Genesenen deutend, sagte er: »Ecce recreatus, domine, ex longinquitate gravissimi morbi!« Herr Friedrich stand erschüttert. In seiner Erinnerung lebte noch immer das Bild, wie Immhof im Kapitelsaal allen Zorn seiner Seele dem Gegner ins Gesicht geschleudert hatte, hoch aufgerichtet und stolz, ein Anblick voll jugendlicher Kraft und strenger Schönheit. Und wie mußte er ihn wiedersehen! Das Bild eines Lebens, welches atmet und dennoch zerbrochen ist für immer! Ein abgezehrter und entkräfteter Körper, die Arme dürr und gelb, die Haut der abgemagerten Hände von Narben zerrissen, das lang gewordene Haupthaar weiß wie das Haar eines Greises, und zwischen diesen weißen Strähnen ein welkes und gealtertes Gesicht, in dem nur die Augen noch zu leben schienen, diese großen, stillen und dunklen Augen. Immhof war so matt, daß er die Hand nicht heben konnte, um sie dem Fürsten zu reichen. Nur mit den Augen konnte er grüßen. Keines Wortes mächtig, ließ sich Herr Friedrich auf den Rand des Lagers nieder, faßte scheu die Hand des Kranken und streichelte sie mit stummer Zärtlichkeit. Erst nach einer Weile konnte er fragen: »Immhof? Wie geht es dir?« »Gut!« Das war wie eine Stimme, die von jenseits des Lebens kam. Dann war es still in der Zelle. Vor dem offenen Fenster klang das Gezwitscher eines Finken und das feine Summen der Bienen. Da fühlte der Propst einen Druck der Hand, die er in der seinen hielt. »Was willst du?« »Sagt mir, Herr, was ist dem Greimold geschehen?« »Sei ohne Sorge! Der hauset in Frieden.« Mit staunendem Lächeln betrachtete der Propst den Kranken, dessen Körper sich streckte wie in einem Gefühl des Wohlbehagens. »Solang ich lebe, soll keiner den Greimold stören in seinem freien Heim! Aber sag mir, Immhof, ist nichts anderes in dir als die Sorge um das Wohl eines Bauern? Hast du an dein neues Leben keine bessere Frage zu stellen?« »Nein.« »Keine?« »Dank ich meine Erlösung Eurer Güte?« Seufzend schüttelte Herr Friedrich den Kopf. »So lieb du mir warst, ich hätte den Mut dieser Güte nie gefunden. Es ist Wernherus, der die Mauer fallen machte.« »Wernherus?« Ein müdes Lächeln irrte über Immhofs welken Mund. »Ein neues Rätsel zu den vielen meines Lebens! Soll es lösen, wer mag! In meiner stillen Nacht dort unten hab ich es verlernt, den Rätseln der Erde und des Himmels nachzuspüren. Ich erkannte, daß es zwecklos ist.« Tief atmend schloß er die durchsichtigen Lider, und seine Stimme wurde zu mattem Flüstern. »Die Augen schließen und träumen! Das ist von allem das Beste. Nur mit dem Herzen sehen, nur in die eigene Seele blicken. Für sich selbst der Schöpfer werden, der eine Welt von makelloser Schönheit aus dem Nichts erbaut. Diese neue Welt bevölkern mit Blumen, mit guten Menschen und mit einem liebenden Gott. Und alles Gewonnene still und tief in sich verschließen. Wer das vermag, ist unter tausend Atmenden der einzige, der lebt.« Schweigend saß der Propst. Das Bild der Gegenwart floß ihm zusammen mit einem Bilde der Erinnerung. »Das ist von allem das Beste!« Hatte nicht Dietmar Scharsach mit dem letzten Hauch seines Atems auf diesem gleichen Lager die gleichen Worte gesprochen? Wenn auch in anderem Sinn! Und wenn von diesen beiden jeder in einem anderen Ding das »Beste« des Lebens erkannte? Welcher fand das rechte? Jener sterbende Greis, der von der Schwelle des Todes noch in Sehnsucht die Arme zurückstreckte nach einem warmen Erdenglück, das ihm ein grausames Schicksal zerbrochen hatte? Oder dieser Jüngling, dem in wunschloser Abkehr von aller Wirklichkeit nur wesenlose Bilder die müde Seele füllten, jetzt, da er aus dem Grab erstanden, da sein Leib aufs neue zu atmen begann und das warme Leben nach ihm die Arme streckte? Aber war es denn noch ein Leben, dem dieser »Erlöste« entgegenging? So verwandelt! So zerstört! »Immhof!« Mit einem Blick voll Kummer drückte Herr Friedrich die magere Hand des Kranken. »Ich kam mit einer Hoffnung und sehe jetzt, sie haben nur deinen Leib aus der Mauer geholt, dein Leben ist dort unten geblieben, du bist ein toter Mann!« Da öffnete Irimbert die Augen. Sie waren klar und ruhig. »Nein, Herr, ich lebe! In meinem Herzen ist Traum und Freude. Jetzt erst leb ich! Als sie mir das Urteil sprachen, glaubten sie mich in die Nacht zu stoßen. Diese Nacht ist mein Tag geworden. In tausend sinnenden Stunden hab ich dort unten von mir abgestoßen, was tot und leer an meinem Leben und Denken war. Stück um Stück ist um mich her eine Welt zerfallen mit ihrem Unwert und ihren Götzen. Dann ist ein Neues in mir gewachsen. Licht und Frühling! Und eine Blume sah ich. Und gläubig lernte ich zu einem Schöpfer beten, aus dessen Händen so reine Schönheit kam.« Langsam beugte sich Herr Friedrich zu dem Kranken nieder und betrachtete scheu das abgezehrte Gesicht, das sich matt zu röten begann. Was Immhof sprach, erinnerte ihn an die seltsamen Worte, die er in jener Nacht durch die Mauer vernommen hatte, und an sein eigenes Wort, das er in Schreck gestammelt: »Das ist Irrsinn!« Wieder erwachte die gleiche Sorge in ihm. »Frühling? Nur Frühling in dir? Immhof? Fühlst du nicht auch den Frühling, der da draußen kam? Fühlst du die Sonne nicht?« »Ja, Herr! Die fühl ich. Doch in mir ist Sonne, die schöner leuchtet.« »Und das Lied des Finken? Hörst du das?« »Ja, Herr! Das hör ich. Doch in meiner Seele hör ich ein Lied, das noch holder klingt.« Herr Friedrich stellte keine Frage mehr. Je länger er in diese klaren Augen sah, desto ruhiger wurde seine Sorge. Was aus Immhof redete, konnte nichts anderes sein als ein Nachhall des phantastischen Trostes, mit dem der Eingekerkerte die Schauer seiner Finsternis gelindert hatte. »Immer und immer hab ich dieses Lied gehört, das meine Blume sang. Nur selten schwieg es. Dann klangen die anderen Stimmen. Das war böse Zeit.« »Andere Stimmen?« »Wenn Eure Chorherren in der Kellerstube ihre trunkenen Gesänge brüllten, klang es durch alle Mauern bis zu mir.« Die weißen Brauen des Kranken furchten sich. »Dann sah ich die Nacht, die mich umgab. Frierend kroch ich von einem Winkel in den anderen, um dem Abscheu meines Körpers und den Ratten zu entfliehen, die immer hungrig waren und scharfe Zähne hatten.« Von einem Schauer gerüttelt, schloß Irimbert die Augen. »Fragt den Wernherus, Herr, ob sein Gott auch die Ratten erschuf!« Der Medikus legte dem Propst die Hand auf die Schulter. »Ihr sollt den Kranken so viel nicht sprechen lassen.« Herr Friedrich nickte. »Erlös ihn bald von diesem Bett! Wie lange muß er noch liegen?« »Eine Woche.« »Führst du ihn zum erstenmal ins Freie, so tu es, wenn die Chorherren beim Mahl sitzen. Da klingt der Lärm, den sie machen, nicht hinunter in den Kreuzgang. Freie Luft zum erstenmal? Die soll er allein genießen, ohne Störung.« Irimbert schien dieses flüsternde Gespräch nicht zu hören. Er lag mit geschlossenen Augen und atmete ruhig.   Ein Mittag; die Sonne mild und in den linden Frühlingslüften kein Hauch. Fast senkrecht fielen die goldenen Strahlen in den kleinen Klostergarten, den der Kreuzgang mit seinen zierlichen Doppelsäulen im Viereck umgab; ein Gärtl, das sich ansah wie ein Spielzeug. Zwei schmale, weiß besandete Wege kreuzten sich zwischen vier Rasenbeeten. In der Mitte eines jeden Beetes stand ein junger Kirschbaum, noch ohne Laub, die Zweige schon übersät mit Blütenknospen. Neben den Wegen blühten die ersten Blumen des Frühlings, Veilchen, Primeln, Lilien und duftende Bergaurikeln; der Bruder Gärtner hatte diese Blumen so gepflanzt, daß sie Figuren bildeten: ein Kreuz, einen Kelch, ein brennendes Herz und die Initialen heiliger Namen. Flimmernd spielte die Sonne um den Kreuzgang, und hineinleuchtend unter die Bogen der kleinen Doppelsäulen, umschimmerte sie einen frischen Grabstein. Schon viele Steine, welche die Namen und Wappen der heimgegangenen Chorherren zeigten, waren zwischen die Fliesen des Kreuzganges eingelassen oder in die Wände gemauert. Mit einer großen, kunstvoll aus rotem Marmor gemeißelten Platte, unter welcher Eberwein, der erste Propst von Berchtesgaden, seit hundert Jahren schlummerte, begann die lange Reihe und endete mit dem jungen Stein, unter dem der alte Scharsach seine Ruhe gefunden. An diesem Stein hingen mit sinnendem Blick die Augen des Genesenden. Zwischen den Säulen saß er auf der niederen Brüstung in der Sonne, das Gesicht von Schatten überhaucht, die Schulter und das weiße Haar von Glanz umleuchtet. Still lagen ihm die welken Hände im Schoß, während sein Blick vom letzten der Steine hinglitt über die anderen. Was mochte unter diesen Steinen alles begraben liegen an Kraft und freudigem Schaffen, an Schwäche und gärendem Unzweck, an frommem Glauben und nagenden Zweifeln, an Haß und Liebe, an halber Erkenntnis und zufriedener Torheit, an Menschenfreude und Menschenweh? Und alles zur Ruhe gekommen, eines dem anderen gleich geworden, das Bittere wie das Süße! »Schauet, Herr«, sagte Bruder Eligius, der zu Immhofs Füßen saß, »da ist in der linden Sonn ein Buttervögelein ausgekrochen!« Irimbert betrachtete den gelben Falter, der eben erst aus der Puppe geschlüpft war; seine Flügel waren noch runzlig und kraftlos, während er langsam über den Stengel einer Lilie hinaufkribbelte; in der Sonne glätteten sich die Schwingen, und ihre zarten Rippen streckten sich. Immhof lächelte. »Die Raupe machte aus ihrer häßlichen Wahrheit einen schönen Traum und wurde ein Schmetterling!« Wieder saßen die beiden schweigend, bis Eligius sich erhob. »Die Sonn geht über die Dächer. Kommet, Herr, ich führ Euch hinauf!« – Nach einigen Tagen bedurfte Irimbert, wenn er in das sonnige Gärtl hinunterstieg, keines Führers mehr. Als ihm die Chorherren, die vom Refektorium kamen, zum erstenmal im Kreuzgang begegneten, gingen die einen mit ruhigem Gruß an ihm vorüber, die anderen sprachen ihn an und schwatzten von der schönen Frühlingszeit, als sprächen sie zu einem fügsam gewordenen Kind, das man an die überstandene Strafe nicht erinnern will. Immhof ließ sich ihr Gerede schweigend gefallen. Je mehr er sich verschloß vor ihnen, um so freundlicher wurden sie. Ihr Wohlwollen nahm eine Form an, die ihn reizte. Immer wieder drängte sich ihm die Frage auf: »Welche Wahrheit verbirgt sich hinter ihren Masken, welche Absicht verstecken sie vor mir?« Einmal sagte er's ihnen ins Gesicht: »Seid ihr andere Menschen geworden? Dann ist ein Wunder geschehen, und ihr habt Ursach, euren Gott zu preisen. Seid ihr die gleichen geblieben, die ihr wart, wozu die Heuchelei? Laßt mich in Ruhe!« In Nachsicht lächelten sie zu diesem schroffen Wort. Nur Herr Pabo erwiderte mit frommem Ernst: »Gott und die Kirche haben in Gnade an dir gehandelt. Du hättest Grund, dich zu erniedrigen und dankbare Demut zu zeigen.« »Erniedrigung? Die mag dir geziemen, Pabo, der du sie predigst. Mir laß meinen Stolz! Er muß eine Tugend sein, weil er dir mißfällt.« Dem Kaplan stieg das Blut zu Kopf, er wollte heftig antworten; da fiel der Eschelberger mit heiterem Lachen ein: »Den Immhof solltet ihr predigen lassen am nächsten Bußtag! Er wird den Bauern von der Kanzel zurufen: ›Hebt die gescherten Köpfe, seid stark und stolz, es gibt keine schönere Tugend!‹ Solches Evangelium möcht ihnen besser gefallen als Pabos fromme Christenlehre: ›Beuget euch und ducket in Ergebung die Köpfe, bedenkt, daß ihr schwache Menschen seid und daß die Schwäche des einen der Schwäche des anderen hilfreich sein muß in christlicher Liebe!‹ So hat Herr Pabo am Ostertag geredet. Sag, Immhof, wie hättest du gepredigt?« Irimbert richtete sich auf, als ränne durch seinen müden Körper eine Welle frischen Blutes. »Ich hätte unter den Schwachen einen Starken gesucht. Diesem einen hätt ich zugerufen: ›Fühle die Kraft deines Lebens und nütze sie, sei wie ein Baum, dann wirst du Schatten geben, in dem sich die Schwachen nach heißer Mühsal kühlen!‹ Euch aber sag ich: Der Wille eines einzigen, der stark war, hat auf Erden des Guten mehr getan als die schwache Liebe, die ihr predigt und die in euren Seelen wohnt wie die Elster in ihrem Horst.« Es wäre zu einem bösen Auftritt gekommen, hätte sich nicht Herr Konrad von Bergheim, der Kellermeister, der schon durch die Fülle seiner Erscheinung beruhigend wirkte, ins Mittel gelegt. »Haltet Frieden, ihr Herren! Ihr habt ihm Galle zu trinken gegeben. Wundert euch nicht, wenn er Essig in eure Becher gießt. Bedenket, er ist ein Kranker, noch allweil ist ihm der Wein verboten. Die Wasserschlemmerei versäuert das Gemüt. Und bedenkt, wie jung er noch ist! In einem Jüngling ist alles unreif und töricht.« »Auch Jesus von Nazareth war ein Jüngling. Willst du ihn unreif und töricht nennen? Ein Glück, daß Bruder Medardus nicht hier ist. Er würde schreien: ›Du hast Gott gelästert, in die Mauer mit dir!‹« Irimbert kehrte den Chorherren den Rücken und verließ den Kreuzgang. Herr Pabo lief zum Dekan, um gegen Immhof zu klagen. Da fand er üblen Empfang. »Der Schuldige bist du! Ich hab euch befohlen, jede seiner Launen zu dulden. Denke deines Eides, Pabo, und gehorche!« Der Kaplan gehorchte. Schon am folgenden Tage war er unter den Freundlichen gegen Irimbert der Freundlichste. Aber es fehlte ihm bald an Gelegenheit, den Eifer seines Wohlwollens zu betätigen. Immhof ging den Chorherren aus dem Weg und blieb in seiner Zelle, versunken in ein Buch, das ihm der Propst gegeben hatte. Es war der Titurel des Wolfram von Eschenbach. Täglich kam Herr Friedrich, um eine Stunde bei dem Schweigsamen zu verplaudern. Auch dem Propste gegenüber blieb Irimbert wortkarg und verschlossen. Nur wenn die Rede auf das Werk des Wolfram kam, öffnete die Begeisterung seine Lippen. »Wie konnte solch ein reines und schönes Werk entstehen in einer Zeit wie der unsrigen?« Herr Friedrich lächelte. »Die schönsten Blumen wachsen immer, wo Mist gefahren wurde. In Zeiten, die erträglich sind, schreibt man keine Bücher oder schlechte. Ein tiefes Kunstwerk ist immer steingewordenes Herzblut, das dem Künstler aus schmerzender Wunde floß.« Mit dem Propste kamen manchmal auch Saaleck und Pütrich. Der Gast, der sich am häufigsten einstellte, war der bucklige Isengrimm. Irimbert schien zu fühlen, daß es dieser boshafte Spötter gut mit ihm meinte, und so ließ er es gern geschehen, wenn ihm der Bucklige mit seinen derben Späßen den schwermütigen Ernst zu verscheuchen suchte. Die sonnigen Morgenstunden und die milden Abende verbrachte Immhof in einem der kleinen Mauergärten, die hinter den Wänden des Kapitelsaales auf engem Raum hinausgebaut waren über die steilen Felsen, mit denen der Priesterstein sich hinuntersenkte in das Tal der Ache. Da saß er oft lange Stunden regungslos an die Brüstung der Mauer gelehnt, während sein Blick emporspähte über die Gehänge des Hohen Göhl, dessen Kuppen noch bedeckt waren von tiefem Schnee. Wo dort oben der knospende Buchenwald mit den dunklen Fichtenwäldern zusammenfloß, dort sah man über den Kamm der Wipfel etwas hervorragen wie einen grauen Reisigstrauß, die noch blätterlose Ulme im Gotteslehen mit dem Sparrenwerk des Lugaus in ihrer Krone. Eines späten Nachmittags, am Vorabend des ersten Mai, saß Immhof einsam in dem kleinen Garten. Seine dürstenden Augen hingen an der grauen Stelle über den Wäldern. Nichts anderes sah er, nicht den Zauber des erwachenden Frühlings, nicht den reinen Glanz der Lüfte. Er hörte nicht die Stimmen, die aus dem Bachtal heraufklangen, nicht den Lärm, der vom Klosterhof herübertönte, wo sie den Maibaum aufrichteten, um den die dienenden Brüder, die Falkner und Troßbuben des Stiftes am kommenden Morgen beim Klang der Blätterpfeife den Reien tanzen wollten. Er hörte nicht den schwebenden Hall der Glocke, die zum Feierabend läutete, und hörte die Schritte nicht, die sich auf dem Sandweg näherten. Als sich eine Hand auf seine Schulter legte, blickte er auf wie ein Erwachender. Wernherus stand vor ihm. Seit jenem Abend, an dem sie Kapitel gehalten, hatte Irimbert den Dekan nicht mehr gesehen. Bei seinem Anblick stieg ihm das Blut in die Stirn. Freundlich grüßte Wernherus. »Ich seh dich genesen, Immhof, und seh es mit Freude.« Irimbert schwieg, im Blick die Frage: Was will er? »Bis heute hab ich die Begegnung mit dir vermieden. Ich wollte dich nicht erregen. Jetzt bist du genesen und gekräftigt. Jetzt wird diese Begegnung härter für mich sein als für dich. Aller Vorwurf, den du mir zu machen Ursach hast – ¦ »Vorwurf? Nein! Ich habe in der Nacht, in die mich Euer Urteil bannte, so viel Licht gefunden, daß ich meinen Richtern im Ernst nicht grollen darf.« »Ich fühle, du willst mir diese Stunde leichter machen. Und sehe, daß du erkanntest, weshalb ich kam.« »Euer Scharfsinn täuscht Euch über meine Schwäche im Rätsellösen.« »Ich kam, um die Versöhnung mit dir zu suchen.« Die Hand übersehend, die ihm Wernherus bot, trat Irimbert befremdet zurück. Seine Stimme klang hart. »Versöhnung? Ich verstünde diesen Wunsch, wenn mein vernichtetes Leben für Euch noch irgendwelchen Nutzen hätte. Solchen Nutzen seh ich nicht. Deshalb glaub ich Eurem Wunsche so wenig wie den wohlwollenden Masken Eurer Freunde.« »Laß dir sagen, Immhof –« »Ihr seid suchen gekommen, was zwecklos ist. Das war doch sonst nicht Eure Art. Und daß Ihr die eigene Natur vertauschen sollt? Ich bin der letzte, der das wünschen möchte. Man muß die Dinge und Menschen nehmen, wie sie sind. Ich verlange vom Winter nicht, daß er Frühling sei, und verlange vom Raubtier nicht, daß es sich verwandle in ein Lamm. Der den Winter und den Wolf erschuf, wird wissen, warum er sie nicht anders machte. So seid auch Ihr, wie Ihr sein müßt. Ich habe keinen Groll gegen Euch.« Irimbert wollte den Garten verlassen. Wernherus vertrat ihm den Weg. »Immhof! Könntest du mir ins Innere sehen, wie Gott es sieht!« »Gott?« unterbrach ihn Irimbert, mit einer Furche auf der Stirn. »Ihr wißt aus Erfahrung: Euer Gott und der meine vertragen sich nicht. Oder seid Ihr gekommen, um meinen Dank zu holen? Wie Bruder Medardus die Steuer holt? So nehmt ihn! Obwohl das Leben, das Euer Wille mir ließ, keines Dankes wert ist.« »Dank? Wofür?« »Für Eure Laune, die meine Mauer brach.« Verwundert blickte Wernherus auf. »Deine Mauer fiel, weil die Chorherren erkannten, daß schweres Unrecht an dir geschah. Als sie dich erlösen wollten, hab ich dagegen gesprochen, ich allein. Und weißt du, warum? Neben der Reue, die mich erfüllte, war die Furcht in mir, als ein Schuldiger vor dir stehen zu müssen, vor dem Opfer meines ungerechten Zornes.« Wie das ehrlich klang! Fast schien es einen Augenblick, als möchte Immhof diesen Worten glauben. Dann lächelte er. »Dekan! Ich möcht Euch einmal schlafen sehen.« »Mich schlafen sehen? Weshalb?« »Um zu erfahren, welches Gesicht Euer wahres ist, jenes, das ich kenne, oder das Gesicht, das Ihr mir heute zeigt. Oder ein drittes? Das könnte mir nur der Schlaf verraten. Der lügt nicht.« Wernherus blieb geduldig. »Ich merke mit Kummer, daß mein redliches Wort in dieser Stunde dein Ohr nicht findet.« »Zwischen Eurem Wort und meinem Ohr steht eine Mauer.« »Da hast du recht. Ich weiß auch, das ist die Mauer nicht, die dort unten fiel. Es ist der Unglimpf, den ich, falsch berichtet, wider die Ehre deiner Mutter verübte.« Wernherus sah, wie eine Flamme des Zorns über Immhofs bleiche Wangen schlug. Beschwichtigend hob er die Hände. »Laß mich sagen, wie sehr ich mein Unrecht fühle, wie tief ich es bereue! Aus diesem Vorwurf, der dich maßlos reizen mußte, ist alles hervorgewachsen wie ein Ungewitter aus schwülem Tag. Die Erkenntnis meines Unrechtes begann in mir, als ich erfahren mußte, daß ich eine häßliche Lüge nachredete, die dein Bruder ersonnen, um dich zu verderben, um die reine Seele deiner Mutter tödlich zu treffen in ihrer Liebe zu dir. Und daß es Lüge war, das kann ich heute noch beweisen.« »Die Ehre meiner Mutter bedarf keines Beweises!« unterbrach ihn Irimbert. »Ich bin ihr Sohn. Das ist mir Beweis genug.« Seine Stimme klang nicht mehr so schroff. Wernherus hatte ein feines Ohr. »Ich sehe, daß dein gerechter Zorn sich mildern will und muß zufrieden sein mit dem Gewinn dieser Stunde. In Geduld will ich den Tag erwarten, an dem wir Freunde werden.« »Freunde? Ihr und ich?« »Ja, lieber Immhof! Ich will das Unrecht sühnen, das ich an dir beging. Jeden Heiltrunk will ich dir bieten, um dein Herz einem neuen Frühling des Lebens zu öffnen.« Staunend betrachtete Immhof den Dekan. »Herr Wernher! Wenn es möglich wäre, daß sich die Nacht in Tag verwandelt, so könnt ich glauben, dieses Wunder hätte sich in Euch vollzogen.« »Dein Leiden hat dieses Wunder in mir gewirkt. Wie soll ich es dir beweisen? Kann ich dir einen Wunsch erfüllen?« »Nein.« »Immhof! Es war heute nicht zum erstenmal, daß ich dich einsam hier an der Mauer sah. Ich fühlte, wie deine Sehnsucht hinausverlangt in die Freiheit. Die geb ich dir. Steig auf die Berge! Ich gebe dir freien Tag für morgen, bis zum Abend. Wenn du willst, auch für den anderen Tag. Suche den Hilpot auf, geh jagen mit ihm! Jetzt singt der Urhahn im Bergwald droben. Willst du? Ich sehe, wie dir die Freude aus den Augen leuchtet. Heil zum Weidwerk, lieber Immhof! Ich will sorgen, daß sie dir ein Jägerkleid in die Zelle legen und eine Weidmannswehr. Und morgen freue dich deiner Freiheit!« Lächelnd, mit freundlichem Gruße ging Wernherus davon. Irimbert stand unbeweglich, wie gefesselt von einem Bann, der sein Denken verwirrte. Dann atmete er auf, als wäre in seiner Seele von allen Worten des Dekans nur das letzte zurückgeblieben: »Freiheit!« Die Arme gegen die Berge streckend, stammelte er in die Dämmerung hinaus: »Ich komme!«   Am andern Morgen, noch ehe das Frühlicht graute, war Irimbert wegfertig, im Jägerkleid, mit der Armbrust auf dem Rücken. Als er aus seiner Zelle hinunterstieg, fand er im Klosterhof schon reges Leben. Die Brüder lachten und schwatzten, während sie die Schaubänke für die Chorherren und die frommen Schwestern aufschlugen, die zum Tanz der Gesindleute als Zuschauer geladen waren. Scharf hob sich vom dämmerigen Himmel der hohe, schlanke Mast des Maibaumes ab, der zwischen flatternden Wimpeln geziert war mit allen Insignien des Leidens Christi. Auch draußen in der Bürgergasse war das Leben schon wach. Hier errichteten die Söhne der Handwerker und Kaufleute ihren Maibaum, den die Abzeichen des Ackerbaues und aller Gattungen des Handwerks schmückten. Auf der Spitze des Baumes, über dem mit Bändern gezierten Maikranz, war eine doppelflügelige Wetterfahne angebracht, ein Spielhahn auf der einen Seite, eine Spielhenne auf der anderen. Wenn der Wind das Fähnl drehte, rannte der Hahn wie in verliebtem Taumel der Henne nach. Das große Spiel des Lebens! Junge Leute kamen mit Lachen und Singen aus dem Tal herauf. Wenn sie dem Jäger begegneten, der wie ein Träumender seinem Wege folgte, sahen sie verwundert in dieses abgezehrte, vom weißen Haar umhangene Jünglingsgesicht. Als Irimbert im Tal die Ache überschritten hatte, begann der helle Tag. Am Kreuz der Wolfsreut war er schon vorübergestiegen. Da scholl ihm in der Stille des Morgens das Jauchzen einer heiseren Stimme entgegen. Und es war ein unheimlicher Zug, der sich hervorlöste aus dem Morgenschatten des Waldes. Wenn zur Winterszeit, während der Schnee alle Wege verschloß, dort oben unter den Dächern der Bergbauern ein leidender Mensch sein Leben endete, banden sie die Leiche auf ein Brett und versenkten sie in den Schnee. Der Frost des Winters schützte sie vor Verwesung. Zerschmolz im Frühling das weiße Grab und gab den Toten wieder frei, dann trugen sie ihn hinunter zur geweihten Erde. Und nun brachten sie solch ein »kaltes Leut« getragen. Mit Haupt und Füßen ruhte das Totenbrett auf den Schultern zweier Männer. Ein junges Mädel, ein Greis und noch zwei andere gaben dem Hingeschiedenen das Geleit. Sie zeigten trauernde Mienen, doch der erste Schmerz um den Toten war längst erkaltet in ihnen, zerschmolzen mit dem Schnee. Während sie beteten mit eintönigem Gemurmel, tanzte der »traurige Jacho« wie ein lustig gewordener Narr dem Zuge voran, mit dem Eisenkreuz in den Armen. Er schrie und jauchzte, als hätte er einen Hochzeitsreigen anzuführen. Irimbert entblößte das Haupt, als der Zug an ihm vorüberging. »Ein Kluger, der das große Rätsel löste!« Noch lange während er durch den Wald emporstieg, hörte er das gurgelnde Geschrei des Wahnsinnigen. Und übers Tal herüber, aus dem Klosterhof und von der Bürgergasse, klang der Jubel, der seine tollen Sprünge um den Maibaum machte. Die Sonne tauchte über den Berggrat herauf und streute ihre flimmernden Lichter über das junge Laub, das gleich winzigen grünen Herzen aus allem Gezweig der Buchen sproßte. Als Irimbert zum Gehöft des Jägers kam, sah er die Greisin auf der Hausbank sitzen. In Gedanken drehte sie die Spindel. Wildfelle waren zum Trocknen ausgebreitet, der Brunnen murmelte, und die Bienen summten. Nichts schien verändert an dieser Stätte, alles war wie damals im Herbst; nur daß sich der Goldglanz des welkenden Laubes verwandelt hatte in junges Grün. »Guten Morgen, Mutter Hanna!« Die Greisin hob das Gesicht. »Was willst du? Ich kenn dich nit.« »Einen Winter ist's her, da hab ich das Wams deines Buben getragen, den der Baum erschlug.« »Du bist's Herr?« Ruhig blickte Hanna an ihm hinauf. »Viel mußt du gelitten haben.« »Jetzt bin ich weise wie du. Schmerz und Freude sind mir geworden, daß ich sie nimmer scheiden kann.« Hilpot erschien in der Haustür. Erschrocken sah er den Jäger an. »Ja, Mann«, sagte Mutter Hanna, »er ist es schon, um den du getrauert hast den ganzen Winter. Getrauert wie um keinen von unseren Buben.« »Herr! Du mein lieber Herr!« Ein anderes Wort brachte der Alte nicht aus der Kehle, während er zu Irimbert aufsah und ihm die Hände drückte. Dann fand er nur die ein Frage: »Willst du jagen? Ich führ dich auf einen Urhahn.« Irimbert schüttelte den Kopf. »Jagen? Nein! Ich will zum Greimold ins Gotteslehen.« Seine Stimme bebte. »Darf ich mit? Bis zur Wies hinauf?« »Komm!« Während der Alte ins Haus lief, um seine Kappe zu holen, fragte Mutter Hanna: »Weißt du nit, Herr, wie's meinem Buben geht?« »Ich denke, daß er frohen Tag hat heut. Sie tanzen den Reien um den Maibaum.« »Der Weg zu uns herauf ist offen seit einem Mond. Noch allweil ist der Bub nit dagewesen. Seit demselbigen Herbsttag nimmer. Du bist flinker.« Seufzend netzte Mutter Hanna die Finger und drehte die Spindel. Hilpot kam über die Schwelle gesprungen. »So, Herr!« Als sie zum Waldsaum schritten, blieb Irimbert stehen und lauschte, als müßte er auch heute wieder das Lied der Blinden hören wie an jenem Abend im Herbst. Nur der Morgenwind ging flüsternd über das junge Laub der Buchen. Die Sonne war höher gestiegen, ihre Lichter flimmerten schon um die Wurzeln der Bäume. Etwas Stilles und Keusches erfüllte den Wald. Die jungen Gräser spitzten schon überall hervor und durchbrachen das verfaulte Laub. Einzelne Schneeflecke lagen noch umher, und neben ihren schmelzenden Rändern blühten schon die kleinen, blaßblauen Frühlingssterne. Ein Wildbach rauschte so gleichmäßig, daß sein Rauschen wie Stille wirkte. Sein Wasser war noch milchig vom Schnee und von den Frühlingsmuren. Zwischen den Bäumen schimmerten in der Sonne mit smaragdenem Grün die Wiesen, die das Gotteslehen umzogen. Am Hag des Lehens war das Tor geschlossen, und auf einem kleinen Turm, der aus Balken geschränkt war, saß ein Wächter, wie bei der Schanze einer Burg, die in Fehde steht. Es war der Steinhauser. »He, Fürsenn«, rief er ins Gehöft, »sell drunten seh ich zwei Mannsleut. Den einen kenn ich, das ist der Hilpot. Der kehrt wieder um. Der ander kommt. Den kenn ich nit. Und eilig muß er's haben. Ruf den Hauswirt!« Raschen Ganges kam Irimbert über die Wiesen heraufgestiegen. Sein suchender Blick eilte dem Wege voran. Er sah nur den geschlossenen Hag, dessen Flechtwerk erhöht und gefestet war. Am Hag entlang hatte man einen breiten Graben ausgeworfen, in dem sich das Wasser eines Wildbaches sammelte; alle Bäume, die in der Nähe des Hages gestanden, waren niedergeschlagen, am Graben alle Büsche ausgerottet. Das Flügeltor, das früher den Hag geschlossen, hatte sich in eine feste Schlagbrücke verwandelt, die sich vor Irimbert mit rasselnden Ketten über den Graben legte. Hinter der Brücke stand der Gotteslechner im Tor; er trug die Eisenhaube, über dem ledernen Wams das Kettenhemd, und führte das blanke Schwert wie einen Stab. Ruhig den Jäger messend, sagte er: »Dein Gewand hat Klosterfarben. Schicken mir deine Herren eine Botschaft?« Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund. »Ich bin der freie Herr von Mitteralben und Vordereck. Was will das Kloster von mir?« In Sorge betrachtete Irimbert den Gotteslechner. »Greimold? Kennst auch du mich nimmer? So führe mich zu deinem Kind! Seine blinden Augen werden mich erkennen.« Da kam es vor freudigem Schreck wie ein Wanken über den starken Mann. Der Steinhauser und der Altsenn, die mit ihren Streitäxten hinter ihm standen, sahen, daß ihm das Eisen entfiel. Keines Wortes mächtig, streckte er die Hände, riß den Jäger an sein Herz und umschloß ihn wie einen Sohn, den er wiedergefunden. Als stünde eine drohende Gefahr da draußen, zog er ihn von der Brücke in das Gehöft und rief den beiden Männern zu: »Die Schlagbruck auf! Und keiner geht ein! Jetzt hab ich den Buben, jetzt soll ihn mir keiner mehr nehmen.« Er wurde ruhiger und betrachtete dieses abgezehrte Gesicht, die gebleichten Haare. »Bub! Wie haben sie dich zugerichtete! Um meinetwillen!« »Nein, Greimold! Mir geschah, wie mir geschehen mußte.« Der Gotteslechner hatte die Faust erhoben und rief gegen das Tal hinunter: »Gottesmänner!« Wieder faßte er Irimberts Hände. »Sag, Bub, soll es Botschaft sein, daß du kommst? Sind sie schon hinter dir? Laß sie nur kommen! Bei mir bist du sicher. Acht Mannsleut sind wir. Eisen ist genug im Haus. Und schau dir die Mauer an!« Eine starke, aus klobigen Felsblöcken gefügte Ringmauer mit Scharten und Zinnen, mit einem Tor, über dem ein Fallgitter aus schweren Balken hing, umzog in engem Kreis das Haus und die Ställe. »Wir haben sie gebaut, noch eh der Schnee geschwunden ist. Die sollen mir die da drunten so leicht nit werfen!« Irimbert drückte die schwielige Hand des Bauern. »Jeder Stein dieser Mauer ist wie ein Wort, das von deiner Sorge erzählt und von hartem Winter. Es ist Frühling worden, Greimold! Ich bringe gute Botschaft, bringe deinem Haus den Frieden. Der Propst hat dein Recht erkannt und wird dich schützen. Solang er lebt, soll niemand dich stören in deinem freien Heim.« »Bub? Und das ist wahr?« »Das hab ich aus Herrn Friedrichs eigenem Munde.« Der Gotteslechner brauchte Zeit, um diese neue Freude in sich erwachen zu lassen. Lachend schrie er den beiden Männern zu: »Steinhauser! Fürsenn! Keiner braucht wachen mehr. Der Bub ist da. Mein Haus hat Fried. So schönen Maien hab ich noch nie gesehen. Vergelt's Gott deinem Herrn! Sag nur, Bub, wie muß ich deine Botschaft lohnen?« »Führ mich zu deinem Kind!« »Das Kindl! O Jesu mein! So komm doch, Bub!« Greimold zog den Jäger zum Mauertor. Da blieb er stehen. »Nein, Bub! So geht's nit. Wart noch ein Kitzel! Das muß ich ihr sänftlich beibringen. Sie könnt den Tod haben von der jähen Freud.« Er wurde ernst und sagte zögernd: »Ich mein, es ist besser, wenn du's weißt. Das Kindl ist dir gut. Sie hat gebanget um dich und hat gezittert Tag und Nacht wie ein frierendes Blüml, das unterm Schnee keine Sonn nimmer spürt. Gelt, laß ihr das bißl Freud! Und sag ihr nit, wieviel du leiden hast müssen! Sie könnt's nit hören.« Irimbert nickte schweigend; heiße Röte war ihm in die bleichen Wangen gestiegen. »Sie weiß nichts anderes, als daß deine Herren dich fortgeschickt haben, weit in die Ebnet hinaus. Und – ja, Bub, da muß ich dir noch was sagen. Du mußt ihr einmal erzählt haben vom schönen Glück und seinem Erdenbruder Schmerz. Und selbigsmal, wie ich ihr sagen hab müssen, daß du nimmer kommst, da hat sie mit ihrer hellen Seel den Bruder Schmerz gesehen. Als ein Leibhaftiger ist er vor ihr gestanden. Und sie hat ihn geschaut, völlig wie du jetzt bist, so, mit dem schneeweißen Haar!« »Greimold! Laß mich nicht warten!« »Ja, Bub! Ich bring sie heraus. Der Tag ist schön. Da müsset ihr wieder sitzen beim Ulmenbaum!« Der Gotteslechner eilte durch das Mauertor und trat ins Haus. Die weiße Zenta kam ihm entgegengesprungen und kehrte mit ihm zurück in die Stube. Regungslos, das schmale Gesicht so weiß und müd wie das Antlitz einer Kranken, ruhte Jutta beim offenen Fenster in ihrem Sessel. Ihre Hände, die im Schoße lagen, hielten einen Zweig mit weißen Blüten. Als Greimold zu ihrem Sessel trat, sah er, daß sie schlummerte. »Schau, jetzt kommt ihr das Glück wie ein schöner Traum!« Er faßte ihre Hände. Sie erwachte und hob die verschleierten Augen. »Vater?« »Hast du geschlafen, Kind?« »Ich bin so müd gewesen. Da hab ich die Augen zugetan.« »Am hellen Tag? Aber schau, die Sonn ist schön! Da hab ich dich wecken müssen.« Das feine Ohr der Blinden hörte aus dem Klang seiner Stimme die Erregung, die er verbergen wollte. »Vater?« Sie richtete sich auf. »Du redest, als wär eine Freud in dir?« »Ja, Kind! Wie gut du sehen kannst! Ich bring eine Maienfreud für dich.« Sie lächelte matt. »Mich tät nur eins noch freuen. Das wird nimmer sein!« »Seit der Schnee geschwunden, hast du mich oft gefragt nach seinem Blüml. Allweil hab ich dir sagen müssen, es ist erfroren. Und jetzt –« Da begann sie heftig zu zittern. »Sag mir's!« »Jetzt hebt das Blüml zu treiben an.« Mit heißer Welle floß ihr die Freude über das schmale Gesicht. In Sehnsucht streckte sie die Arme. »Tu mich führen! Laß mich das Blüml schauen!« »Ja, Kindl, komm! Und daß sein Blüml wieder blüht, ich mein, das ist ein gutes Zeichen.« Sie schien nicht zu hören. Während er sie führte, waren ihre Hände suchend ausgestreckt, und wie eine Träumende redete sie vor sich hin. »Es blüht! Ich hab's gewußt. Sein Blüml kann nit sterben.« Als sie hinaustrat in den schönen Morgen, fühlte sie die Sonne und atmete lachend auf: »Dir, Vater, hab ich glauben müssen. Aber allweil ist in mir eine Stimm gewesen und hat anders geredet wie du.« »Und die hat wahr geredet!« stammelte Greimold. »Ich hab gesprochen, wie ich's verstanden hab. Nie hätt ich mir denken können, daß ein totes Blüml wieder lebendig wird. Das ist geschehen wie ein Wunder. Da könnt ich jetzt alles andre auch noch glauben!« »Vater!« Sie umklammerte seinen Arm und hob in dürstendem Lauschen das heiße Gesicht. »Kind! Daß sein Blüml wieder blüht, das ist mir völlig, als wär's eine Botschaft von ihm. Ich hab gemeint, daß er nimmer kommt. Und jetzt –« Lachend führte Greimold die Blinde unter den Bogen des Mauertores und nickte dem Jäger zu. Die Augen groß geöffnet, löste sich Jutta aus Greimolds Armen. »Vater? Da muß einer sein.« Sie streckte suchend die Hände, und der Jubel einer jähen Hoffnung erstickte fast ihre Stimme. »Ich spür, es ist einer gekommen.« Da klang es ihr leis entgegen : »Juttula!« Mit erloschenem Laut seinen Namen stammelnd, eilte sie auf ihn zu, als wäre sie sehend geworden. Als sie seine Hände fühlte, wurde sie ruhig. Wortlos stand sie vor ihm, das erhobene Gesicht übergossen vom Glanz ihrer Freude, die zierliche Gestalt und das Geringel des Goldhaares umschimmert von der Frühlingssonne. Auch Irimbert wußte kein Wort zu sprechen. Er hielt ihre Hände in den seinen. Wie ein Dürstender trinkt, so sah er in ihre großen Augen, die für ihn keinen Schleier hatten. Ihm waren sie wie ein klarer Brunnen ihrer Seele. Greimold sagte lachend: »Kind? Bub? Weiß denn jetzt keines von euch ein Wörtl?« Mit sachter Hand strich Irimbert über Juttas Haar. »Sie haben lang geblüht, die Eisblumen. War das harte Zeit für dich?« Da lächelte sie. »Das ist doch alles vorbei. Wie's gewesen ist, das weiß ich nimmer. Jetzt hab ich alles vergessen. Jetzt weiß ich nur eins noch, du bist da!« Wieder schwiegen sie. Und Greimold sagte: »Geh, Bub, führ sie hinüber zum Ulmenbaum! Daß sie da drüben wieder sitzen kann mit dir, das ist allweil ihr Träumen gewesen.« Langsamen Schrittes gingen sie zur Ulme und ließen sich nieder im sonnig durchwirkten Schatten des Baumes, an dessen Zweigen das Grün noch kaum zu knospen begann. Sie saßen Hand in Hand. Greimold konnte nicht hören, ob sie sprachen; er sah nur, daß die weiße Zenta, die vor den beiden auf dem Rasen lag, verwundert und aufmerksam die Ohren spitzte und bald den Jäger betrachtete, bald wieder ihre junge Herrin. Aufatmend nahm Greimold die schwere Eisenhaube vom Kopf und strich mit dem Ärmel über die Stirn. »Soll doch keins am Leben verzweifeln! So schiech eine Not auch ist, es steigt doch allweil eine Freud wieder auf, wie Sonnschein nach einer bösen Nacht.« Noch einen Blick hinüberwerfend zur Ulme, schritt er durch den Bogen des Mauerbogens. Bei der Haustür trat ihm die Helgard erregt entgegen. »Hauswirt? Ist das der Jäger, von dem das Hauskind allweil geträumt hat?« »Ja, Gardli, der ist es.« Als Greimold in die Herdstube kam, hörte er die Magd in der Hofreut jauchzen und singen. »Schau nur, wie sich das Mädel freut für mein Kind! Und ist den ganzen langen Winter so eine ungute Raffel gewesen. Alles maiet! Alles im Haus!« Er ging in seine Kammer und öffnete den Deckel einer alten, mit Eisen beschlagenen Truhe. Sie barg das seidene Festgewand, das Greimolds Vater getragen hatte, als er sein Heim und Haus von Gott zu Lehen nahm. Greimold legte die Eisenhaube dazu, das Kettenhemd und das Wehrgehänge. »So! Jetzt hast du wieder Ruh, du freier Herr von Mitteralben und Vordereck!« 11 Das wurde nach einem schönen Tag im Gotteslehen ein fröhlicher Abend. Damit auch das Heimgesind von dem Frieden kosten sollte, der ins Haus gekommen, stellte Greimold den Leuten ein Metfäßl in die Tenne. Da hielten sie bei Sternenglanz und Fackelschein um eine Birke, die sie aus dem Wald holten, ihren Maitanz. Freilich gab's für sechs Tänzer nur eine einzige Tänzerin. Die Ruglind wollte von der »Narretei« nichts wissen, und das Weib des Steinhausers, ein schwächliches und bleiches Ding, das für einen Mettrunk in die Tenne gekommen, durfte nicht tanzen. Die Helgard aber warf sich mit ausgelassenem Frohsinn von einem Arm in den andern und sprang den Hoppeldei und den Heierleis, bis ihr der Atem verging. Auch der Met begann ihr heiß in den Kopf zu steigen. Im Übermut ihrer Laune sang sie auf das Weib des Steinhausers ein Spottlied: »Die nit hupfet und springt, Die geht mit dem Kind, Muß rüehwig sitzen Beim Hoppeldei In Ängsten und Hitzen Eiapopei!« Die Jungsennen lachten, und der Steinhauser schmunzelte stolz, während sein Weib rot wurde vor Scham und Ärger. Die Ruglind gab es dem kecken Mädel zurück: »Wirst dir mit deinem Spott das Unglück rufen! Wie lieber du springst und lachst, so leichter wird man dich trügen.« Diese Warnung schien Helgards übermütige Laune noch zu steigern. Mit hellem Jauchzer hob sie den Metbecher und sang: »Ein Vöglein muß fliegen, Und mein Herzl fliegt mit, Will mein Schätzel mich trügen, So wehr ich's ihm nit!« Lachend schwang sie den Becher. »Das bring ich meinem Buben zu!« Bei dem hastigen Trunk überschluckte sie sich, und einer der Jungsennen mußte ihr mit den Fäusten auf den Rücken trommeln, daß sie den Atem wieder fand. Das war dem Altsenn zuviel des Spaßes. »Feierabend, Leut! Jetzt wird schlafen gegangen. Der Hauswirt will Ruhe haben, es ist ein Gast unter Dach.« Er litt keine Widerrede und löschte die Fackel aus. Ruglind und Helgard hatten ihre Kammern drüben im Haus. Als sie hinüberkamen, sahen sie in einem offenen Fenster der Stube noch den roten Schein der Herdglut schimmern. Verstohlen guckte Helgard in das Fenster, und dann kicherte sie immerzu, während Ruglind sie fortzog in ihre Kammer. In der Stube, neben dem Herd, lag Irimbert auf einem aus Fellen bereiteten Lager ausgestreckt. Noch wachend, blickte er mit träumendem Lächeln in die glimmenden Kohlen. Draußen sangen die Jungsennen mit halblauten Stimmen ein Lied in die Nacht hinaus. Das klang zusammen mit seinen Träumen. Hob er die Augen, dann sah er im offenen Fenster ein Stück des tiefblauen Himmels mit funkelnden Sternen. So ruhte er, ohne sich zu regen. Als er sich einmal bewegt hatte, war in Juttas Kammer die weiße Zenta murrend aufgestanden, und er hatte eine wispernde Stimme gehört: »Weiße, sei still! Tust ihn ja wecken!« Und da rührte er sich nimmer. Stumm rannen die Stunden der Nacht dahin. Als Irimbert am Morgen erwachte, war es noch still im Haus. Vor dem Fenster, um das der erste Frühschein graute, murmelte der Brunnen. Und eine Drossel schlug. Das mußte bei der Ulme sein! Leis erhob er sich und trat ins Freie. Man konnte kaum bis zur Mauer sehen. Ruhiger Nebel füllte die Lüfte. Irimbert hörte, daß in den Ställen drüben die Sennen schon bei der Arbeit waren. Am Brunnen badete er das Gesicht und schüttelte die Tropfen aus dem weißen Haar. Dann saß er auf dem Rand des Troges und blickte in den plätschernden Wasserstrahl, bis ihn die Stimme des Hauswirtes aus seinem Sinnen weckte. »Guten Morgen, Bub! Wie hast du geschlafen?« »Wie ein Glücklicher schläft.« »So ist dir's gegangen wie mir. Nach langer Zeit die erste Nacht ohne wachsende Sorg! Aber magst du nit hereinkommen? Das Kindl deckt schon den Tisch zum Frühmahl.« Sie traten in die Stube. Jutta stand bei dem mit blauem Linnen überbreiteten Tisch und legte die hölzernen Teller. »Guten Morgen, Irmi!« Sie kam dem Jäger entgegen, frisch wie eine Blume, die ihre Sonne fand und alles Trauern der kalten Zeit vergaß. Dann saßen sie beim Frühmahl um den Tisch, so heiter plaudernd, als wäre nie der Schritt einer ernsten Stunde durch diesen Raum gegangen. Mit zärtlicher Sorge bediente Jutta ihren Gast; sie kannte in der Stube jeden Weg und jedes Gerät wie eine Sehende; und jeder kleine Dienst, den sie dem Jäger bieten durfte, war ihr wie eine Freude, die sie von ihm empfing. Draußen in der Hofreut begann es lebendig zu werden. Das Gebrüll der Rinder und das Blöken der Schafe mischte sich mit dem hellen Klang der Schellen und den lauten Stimmen der Sennen. »Vater?« fragte Jutta, als sie den Lärm vernahm. »Treiben die Heimleut zur Waldhut aus?« »Ja, Kind! Es maiet, die harte Zeit ist um, jeder Weg ist wieder offen und fahrlos. Gelt, Bub?« Greimold nickte dem Jäger zu und erhob sich. »Als Hauswirt muß ich mit hinunter. Das ist alter Brauch. Es tät meine Sennen verdrießen, wenn ich daheim blieb. Vor Abend bin ich wieder da. Bub? Kannst du bleiben so lang?« »Ja, Greimold, ich bleibe.« Jutta schmiegte sich in überglücklicher Freude an die Brust des Vaters, als er den Arm um ihre Schulter legte, um sie hinauszuführen in die Hofreut. Der Nebel hatte sich in zarten, bläulichen Duft verwandelt, der den Himmel noch verhüllte. Die Sennen, schon fertig zur Ausfahrt, hielten die lärmende Herde in gedrängter Schar zusammen. Die weiße Zenta umkreiste sie mit lautem Gebell. Greimold ging auf den Steinhauser zu. »Ich sorg schon, daß deine Rinder gut in die Waldhut kommen. Tust du mir dafür einen Weg?« »Gern. Was für einen?« »Sind wir draußen auf dem Talweg, so such ich acht jährige Kalben aus und die acht besten von meinen Schafen. Die treib hinunter ins Kloster und sag, das schickt ihnen der Gotteslechner als Vergelt's Gott! Sie haben mir den Frieden geschickt und eine Freud dazu. Da muß ich danken.« »Bauer, sei fürsichtig! Dein Dank ist wie doppelter Albenzins. Gib acht, sie schreiben das wieder ins Buch und machen ein Recht daraus.« Lachend schüttelte Greimold den Kopf. Und als wäre die Sache für ihn erledigt, fragte er: »Was ist denn, ich seh dein Weib nit?« »Die hat wieder einen schiechen Tag und muß die Bettstatt hüten!« sagte der Steinhauser, halb mit Seufzen, halb mit Lachen. »Wenn ihr der Bub im Leben einmal soviel Freuden macht wie Prast und Schmerzen, noch eh er da ist, so muß mein gutes Weibl einmal die gesegnetste von allen Müttern werden.« Mit Jauchzen zogen die Jungsennen am Mauertor das Fallgitter in die Höhe, und der Altsenn, den grauen Kopf entblößend, trat vor den Hauswirt hin und sagte den gereimten Fahrtspruch auf. »Komm, Bub«, rief Greimold dem Jäger zu, »führ uns das Kindl her! Sie muß den Segen sprechen. Das hat sie in jedem Maien getan, seit die Mutter nimmer da ist.« Durch den blauen Duft des zerfließenden Nebels begann die Sonne niederzuglänzen, als Jutta gleich einer jungen Priesterin zur Benedeiung die Hände erhob. Mit klingender Stimme sprach sie den Almsegen und den alten Bannspruch wider das Raubwild. Greimold stellte sich an die Spitze des Zuges. Sich bekreuzend, schritt er durch das Mauertor hinaus. Die Jungsennen und Helgard jauchzten um die Wette, mit seiner rauhen Kehle begann der Altsenn das Fahrtlied anzustimmen, und die Herde setzte sich unter Gebrüll und Schellengeläut in Bewegung. Ruglind mit ihrem Karren schloß den Zug. Bis sich die Herde in den Wald verlor, blieb Helgard, noch immer jauchzend, unter dem Hagtor stehen. Ein Liedl trällernd, ging sie zur Kettenwinde, um die Schlagbrücke aufzuziehen. Als sie zurückkehrte in die Hofreut, kicherte sie in übermütiger Laune vor sich hin und guckte dem Jäger nach, der die Blinde hinüberführte zur Ulme. Mit närrischen Sprüngen tollte die weiße Zenta vor den beiden her und spielte mit dürren Ästen, die der Wintersturm von der Ulme geschlagen. Jutta hörte das Gebell der Hündin und sagte: »Schau, wie munter die Weiße heute ist! Meinst du, daß sie auch den Maien spürt?« »Freilich, Juttula! Frühling ist Freude für jedes lebende Ding, ob Mensch, ob Tier oder Blume. Er ist das große Wunder der Natur, ihr ewiger Schmerzenstrost.« »Ja, Irmi, das muß wahr sein! Wie müd und traurig bin ich gewesen in der langen Eisblumenzeit! Und jetzt?« Unter träumendem Lächeln griff sie mit beiden Händen in die Luft. »Vergelt's dir Gott, du lieber Frühling, du!« Nun waren sie bei der Ulme. Jutta hob das glühende Gesicht, und ihre Hände umschlossen die Hand des Jägers. »Wie gut du führen kannst! Kein Steinl hab ich gemerkt auf meinem Weg. So möcht ich allweil gehen. Gelt, du führst mich noch ein lützel?« »Wohin?« »Zu deinem Blüml!« Eine Bergaurikel, die beim Hag auf einem sonnigen Fleck zu blühen anfing, war »sein Blüml« geworden. Greimold, als er nach einer Blüte suchte, hatte die Aurikel gefunden, und mit gläubiger Freude hatte Jutta die Täuschung des Vaters für Wahrheit genommen. Irimbert führte sie, und Jutta streckte die Hände. Vor der Blume ließ sie sich nieder. Achtsam berührte sie mit zitternden Fingern jedes Blatt und die knospende Blüte. »Schau nur, über Nacht sind die Blättlein noch gewachsen«, stammelte sie in Freude, »und die Knospen tun sich schon auf!« Sie wollte sich niederbeugen. Da rückte sie erschrocken beiseite. »Gelt, ich verdeck dem Blüml die Sonn? Lieber möcht ich selber im ganzen Leben die Sonn nimmer spüren, als daß ich deinem Blüml einen einzigen Sonnenstrahl nehmen möcht.« In tiefer Bewegung blickte Irimbert auf die Blinde nieder, und als sie sich erhob, nahm er sie in den Arm wie ein Bruder die Schwester. Er wollte sie zur Bank unter der Ulme führen. Da sagte Jutta: »Ich weiß einen Platz, der schöner ist! Tust du mir was zulieb, Irmi?« »Alles!« »Mir ist, als müßt ich heut dem blauen Himmel ein lützel näher sein. Magst du mich hinauf zum Lugaus führen?« Diese Bitte machte ihm Sorge. »Das ist hoch und steil.« Sie lachte, hell und heiter wie ein glückliches Kind. »Aber geh! Ich bin schon hundertmal droben gewesen, mit dem Vater, mit der Helgard, mit dem Reimold. Und oft schon allein. Ich seh den Weg.« Sie ging mit gestreckten Armen auf die Ulme zu und huschte über die Stufen hinauf. »Irmi, wo bist du? Fang mich!« Erschrocken sprang Irimbert auf die Treppe zu und eilte hinauf, mit jedem Sprung ein paar Stufen nehmend. Erst als sie droben in der luftigen Krone des Baumes auf dem schmalen Bänkl saßen und Jutta an seiner Seite sicher war, hatte er Augen für die wundervolle Fernsicht, die im Morgenglanz des Frühlings vor ihm offen lag. Ein Laut des Entzückens stieg ihm aus der berauschten Seele. »Irmi?« »Mädchen! Ach, Mädchen! Wenn du das sehen könntest!« Er preßte ihre Hand, und seine Stimme bebte. »Wie dieser Morgen ist! Dieser flutende Glanz der Sonne, dieses leuchtende Wunder des Frühlings, diese reine Keuschheit des jungen Tages, diese große, weit ergossene Schönheit der Erde! Wenn du das sehen könntest!« Zitternd, erregt vom trunkenen Klang seiner Stimme, schmiegte sie sich an ihn. »Sag mir's, Irmi! Sag mir, wie du es siehst! Und ich seh es auch.« »Eben jetzt, dort unten, als wir noch unter der Ulme standen, da war noch weißer Nebel über uns, der alles verhüllte und zwischen Himmel und Erde lag wie luftgewordene Milch, wie schwebender Schleier. Nun lösen sich die Schleier, nun weichen die Nebel, verwandelt in fliegendes Gold. Aus den brennenden Klüften des Himmels fällt es mit leuchtenden Bändern in den Morgen der Erde nieder, wie Flammenblicke aus blauen Gottesaugen. Wie schön ist dieses Wunder der Sonne, Juttula! Siehst du das?« »Ja, Irmi! Das seh ich alles!« lispelte die Blinde. Doch das dürstende Suchen, das aus ihren erregten Zügen sprach, verriet, daß sie mit seinen Worten mehr empfing, als die Augen ihrer Seele zu fassen vermochten. »Dieser flutende Sonnenzauber liegt ausgegossen über den sinkenden Wald. Jeder Wipfel strahlt wie von heiligem Schein umgeben. Das wirre Gezweig der Buchen ist anzusehen wie blitzendes Goldgespinst, das sich in schimmernde Luft verwandeln möchte. Und drüben über dem Tal, da gleichen die fernen Wälder im Glanz des Morgens einem Meer mit grünen und blauen Wogen. Über diesen Fluten leuchten die gezackten Wände der Berge und die schneebedeckten Zinnen wie erstarrter Wogenschaum, goldig und silberweiß, Welle hinter Welle, bis hinaus in eine Ferne, in welcher Himmel und Erde ineinanderschwimmen mit blauem Glanz. Und zwischen Wäldern und Bergen das Tal der Menschen! Die Wiesen mit ihrem reinen Grün! Dazwischen die Hütten und Häuser, jedes Dach in der Sonne wie ein funkelnder Edelstein! Jeder Bach ein blitzendes Feuer! Wie hundert leuchtende Maien wünsche, alle nach einem einzigen Ziel gerichtet, rinnen die hundert Bäche zusammen in einen glänzenden Fluß. Der windet sich durch schattige Klüfte hinaus ins ebene Land, das vor den Bergen da draußen in der Ferne liegt wie ein großer und blauer See mit stiller Flut. Umgoldet von der Morgensonne, steigt aus dem blauen Grund eine schimmernde Insel herauf, eine Stadt, die Salzburg mit ihren Mauern und Dächern, mit ihren Türmen und Kirchen. Armseliges Menschenwerk! Aber Sonne und Ferne machen daraus einen leuchtenden Märchentraum. Aus Feuer und Luft gebildet, scheint es heraufzusteigen aus blauer Tiefe, unnahbar und wundersam wie die Burg der Seligen! Ach, Mädchen, Mädchen! Wenn du das sehen könntest!« Er legte den Arm um die Blinde und drückte ihre Hand an seine Brust. Sie schwieg. Das weckte ihn aus der trunkenen Stimmung des Augenblicks. Er sah das dürstende Suchen, das aus ihren Zügen redete, und fühlte, daß der Rausch seiner schauenden Freude in ihr einen Wunsch erweckt hatte, der unerfüllbar war. Er fühlte, daß sie sehen wollte, was sie nicht sehen konnte, was das dämmerige Wissen ihrer Kinderseele nicht zu fassen vermochte. »Juttula?« fragte er beklommen. »Siehst du, was ich dir sage?« Wie einem guten, geduldigen Kinde, dem eine Freude versprochen und dann verweigert wurde, so zitterte um ihren Mund ein wehes Lächeln. Sie atmete tief und stockend. Dann sagte sie leise: »In meiner Lichtzeit einmal, da haben sie zur Sonnenwendnacht ein großes Feuer gezunden in der Hofreut. Die Mutter hat mich hinausgeführt, daß ich das Feuer schauen soll. Da ist ein Wind gekommen. Der hat das Feuer aufgehoben, viel höher noch, als unser Hausdach ist. Und da hab ich gemeint, es täten die tausend Stern vom Himmel herunterfallen. Das ist schön gewesen. Aber ich bin ein lützel erschrocken. Und grad so ist mir's jetzt gewesen. Jedes Wörtl, das du gesagt hast, ist über mich hergefallen wie ein brennender Stern. Und ich hab nichts anderes gesehen wie lauter Feuer.« Sinnend schwieg sie eine Weile. »Jetzt weiß ich, daß alles noch tausendmal schöner sein muß, als ich es seh. Das hast mir du gesagt. Wenn ich's nur sehen könnt!« Er wußte kein Wort zu finden. In Vorwurf wider sich selbst und in zärtlicher Sorge streichelte er die Hand der Blinden. Ihr feines Gefühl erriet den Grund seines Schweigens. Da wurde ihr Lächeln wieder hell und heiter. »Weil ich so viel nit sehen kann wie du, deswegen mußt du dich nit kümmern. Ich hab einmal den Vater zum Steinhauser sagen hören: Alles muß man nit haben wollen. Ich seh so vieles, was schöner ist. Und die Menschen, die mir lieb sind, seh ich alle. Dich auch!« »Mich siehst du?« Ihr Gesicht leuchtete, als wäre Maisonne in ihrem Herzen und davon ein Abglanz auf ihren Wangen. »Ich seh dich so gut, als tat ich noch lichte Augen haben. Jetzt bist du wieder da. Mehr will ich nimmer.« Nun saßen sie so still, daß eine Drossel, die in den Wipfel der Ulme geflogen kam, die zwei Menschen nicht erkannte. Immer wieder flötete sie ihren süßen Schlag. Die Stimme einer Gesellin gab ihr Antwort drüben am Waldsaum, und da flatterte sie davon. Lauschend hatte Jutta das glühende Gesicht erhoben. »Wie schön das war!« »Ich weiß ein Lied, das noch schöner klingt. Das ist mein Trost und Geleit gewesen in einer langen Nacht. Jetzt will ich es hören in heller Sonne!« Seine Stimme zitterte. »Juttula! Sing mir dein Mailied!« »Das kennst du?« Sie lehnte sich lächelnd an den Stamm der Ulme zurück und begann zu singen. »Es lachet um und um der Wald, Es blumet auf der grünen Hald –« Nicht mit fröhlichem Kinderjauchzen, wie damals im Herbste, sang sie das Lied. Sie sang es träumend, mit leise versunkener Stimme. »Ein Maidl ruht allein im Gras Und weinet. Warum tut sie das? Sie weinet, weil im Maien Kein Bub sie holet zum Reien. Da kommt mit Veiglein um die Stirn Der Mai selbeigen zu der Dirn Und tut sich lieb der Armen Erbarmen.« Das war kein Singen mehr, nur noch ein Flüstern, wie das dankbare Gebet einer glücklichen Mädchenseele. »Huliadei! Sei willkommen, süßer Mai!« Die großen Augen hinausgerichtet in das sonnige Blau des Morgens, sagte sie: »Ich seh dich, Irmi, und seh die Veiglein um deine Stirn.« »Juttula!« Wie mit sachten Fingern spielte der linde Hauch des Morgens durch das Gezweig der Ulme. Jedes von den kleinen, durchsichtigen Blättern, die über Nacht aus den Knospen gebrochen, war im Glanz der Sonne anzusehen wie ein Funke, der eine Flamme werden möchte.   Der leuchtende Maitag versank zu einem schönen Abend, als Irimbert in seinem Jägerkleid durch den Bergwald hinunterstieg, so kräftigen Schrittes, als wäre neues Leben erwacht in seinem zerbrochenen Körper. Dieses neue Leben, das er in seinem Herzen fühlte, hatte köstlichen Wert, hatte Ziel und Zweck. Als er zur Wolfsreut kam und das Kreuz gewahrte, blieb er stehen. Wie gut verstand er die Liebe und das Opfer jener Mutter, die um ihres Kindes willen das Licht ihrer Augen zerdrückt und ihr Blut vergossen hatte! Das war nicht Torheit und nicht Irrsinn. Sie glaubte an die Wunderkraft ihres Opfers. Mit Freuden hätte auch er das Licht der eigenen Augen dafür geopfert, um diesem holden Kinde den hellen Blick zu geben, nur einen einzigen sehenden Tag! Nicht das stille Träumen in grauer Dämmerung, die keinen schwarzen Schatten, aber auch keine leuchtende Helle hat, nicht das ruhige Lächeln unter Schleiern, die alles häßliche verdecken, aber auch das Schöne trüb verhüllen, nicht das geduldige Trinken aus dem barmherzigen Becher der anderen, nicht der blinde Glaube, sondern das eigene Erkennen, das helle Schauen, nur das ist Glück und Trost des Lebens! Alle Freude dieses Tages, alle strahlende Schönheit dieses Morgens hatte ihn das gelehrt. »Dunkel ist der Anfang unseres Weges, dunkel sein Ende. Doch zwischen Finsternis und Finsternis geht unser Weg durch einen Tag mit heller Sonne. Ihn müssen wir schauen mit klarem Blick, aus seiner Schönheit den Schöpfer ahnen, dessen Wesen und rätselvollen Willen kein menschlicher Verstand erfaßt und den in glücklicher Stunde nur das Gefühl ermißt, um ihn zu lieben. Er läßt geschehen, was wir häßlich nennen, und wir müssen es ertragen. Er gießt verschwenderisch seine Schönheit über die Herzen auserwählter Menschen wie über die Erde im Frühling, und wir dürfen sie genießen. Mehr von ihm wissen zu wollen, ist Torheit. Mögen die Schwachen im Geiste, wie sie zur Winterszeit ihre zitternden Glieder in Pelze hüllen, auch um die fröstelnde Seele das Mäntelein eines Glaubens hängen, der ihnen Trost verspricht nach allen Leiden. Ein Starker mit hellen Augen bedarf eines solchen Trostes nicht. Ruhig nimmt er das Unbegreifliche hin, ihm genügt die Spanne seines Lebens, und wenn es endet, wünscht er seiner erlöschenden Seele nicht, daß sie zwecklos dauern möchte. So geht er, reich in seiner Sterblichkeit, mit schauendem Blick seine kurze Straße. Sein Auge zeigt ihm das giftige Kraut am Wegrain und das ekle Gewürm, doch er sieht auch die Blume in Duft und Farben, die singende Drossel und den Adler im Blau. Über alles Niedrige sieht er hinweg mit einem Lächeln, alles Große und Schöne grüßt er mit jubelndem Laut. Kein Haß der anderen, die sich zerfleischen in der Narretei ihres unverstandenen Daseins, kann ihn berühren und stören. Ihre Freude genießt er mit, auf ihre Schmerzen legt er hilfreich seine Hand. Ihm ist jedes Leid nur die Schwelle zu erneuter Freude. Er kann nicht verlieren, nur immer gewinnen. Ihn drückt und hemmt von jenen Ketten keine, die tausend andere in ihrer furchtsamen Torheit schleppen. Sein Leben ist frei, er kennt nur jene Schranke, die ihm der eigene, redliche Wille setzt. Je schärfer sein Aug' allen Unwert sieht, um so höher gilt ihm jeder Wert, den er am Leben erforschte. Und geschieht es in einer Sonnenstunde, daß ihm von allen Wundern des Lebens das holdeste die Seele berührt, jenes süße Wunder, das sein Wesen verwandelt zu trunkenem Gefühl, ihn seiner selbst vergessen macht und jede Regung seiner Seele weiht zu einem flammenden Freudenopfer für das geliebte Geschöpf, dann ist ihm geschehen, was der Raupe geschah, die zum Falter wurde! Dann ist der Zweck seines Lebens erfüllt. Wie der Zweck der Sonne, zu leuchten! Wie der Zweck der Erde, zu blühen! Sein ganzes Leben ist Frühling worden und blühender Weg, den nicht ein müdes Erlöschen endet, nur ein letzter jubelnder Schrei. Alles Dunkle versinkt, alles ist Glanz geworden, alles ist irdische Schönheit, die sich ins Göttliche steigert. Und die schauenden Blicke trinken diese Schönheit in seligem Rausch! O Licht der Augen, du Quell des Glückes!« So sprachen aus stürmendem Gefühl heraus die Gedanken Irimberts, während er im Glanz des Abends von der Wolfsreut niederstieg ins Tal. »Nur sehen! Wenn sie nur sehen könnte! Nur ein einziges Mal allen Rausch der wissenden Freude fühlen, die Schönheit der Erde schauen, den Glanz der Sonne, den blühenden Mai!« Er wußte, daß dieser Wunsch seiner Liebe nach Unmöglichem verlangte. Auch diesen Schmerz empfand er noch wie Freude. Emporblickend über den Bergwald, der im Rotglanz der scheidenden Sonne brannte, hob er die Arme. »Mädchen! Schwester! Ich kann dir das Licht der Augen nicht geben. Aber meine Augen sollen die deinen werden. Jede Freude des Lebens, die in mir ist, soll überfließen in deine Seele.« Den Sonnenschein des vergangenen Tages nachgenießend, sah er alle kommende Zeit, wie dieser Tag ihm erschienen war. Diesem holden Geschöpf ein sorgender Bruder zu sein, ihrem Vater ein schützender Freund. Was wollte er mehr? Warum sollte das nicht werden und dauern können? Er blickte zum Kloster hinauf, dessen Fenster im Abendschein wie blutrote Lichter brannten. Warum sollten ihm die dort oben dieses reine Priestertum nicht vergönnen? Gab es keinen Preis, um sie willig zu machen? Keinen Weg, auf dem die Versöhnung zu finden wäre? Hatten sie nicht barmherzig und in Erkenntnis ihres Unrechts seine Mauer gebrochen? Hatte nicht Wernherus ihm mit freundlichem Wort die Hand zum Frieden geboten? Lebte nicht doch ein menschliches Gefühl in ihnen allen? Warum waren sie nur seine Feinde geworden, weil er sie reizte und beleidigte? Hastigen Ganges, als könnte er es nicht erwarten, auf seine Fragen die ersehnte Antwort zu finden, hatte er die Achenbrücke überschritten. Da blieb er betroffen stehen. Inmitten einer kleinen Waldwiese sah er ein weißes Zelt errichtet. Gewaffnete Knechte banden die von Staub und Schweiß bedeckten Pferde an die Pflöcke. Vor dem Eingang des Zeltes war eine hohe Lanze mit flatterndem Fähnl aufgerichtet. Die weiße Seide zeigte einen blauen Helm mit goldenem Bienenkorb als Zimier, das Wappen der fränkischen Grafen von Immhof. Und dort, der Gepanzerte, der, noch bedeckt vom Staub eines weiten Rittes, ermüdet im Grase lag und einem Schreiber flüsternd die Worte vorsagte, die der Griffel aufzeichnen sollte? Das war Herr Wieting, der alte Marschalk der Immenburg. »Eine Botschaft meines Bruders?« Erregt von dieser unerwarteten Begegnung, trat Irimbert auf den Marschalk zu. Als er das Gesicht des Alten sah, stieg das Bild seiner Knabenzeit in ihm auf. Er sah die Mutter mit ihrem stillen Lächeln, die weiße Halle, die Linden im Hof, Turm und Mauern. Und Herr Wieting, dem damals die Haare noch nicht grau waren, bot ihm lachend die Hand: »Irmi? Junkerlein? Willst du reiten auf meinem Roß?« Die Wehmut dieser Erinnerung zitterte aus Irimberts Stimme, als er den Marschalk ansprach: »Seid gegrüßt, Herr Wieting! Was führt Euch von Franken ins Berchtesgadnische Land?« Verwundert blickte der Alte auf, ohne sich zu erheben. »Du kennst mich, Jäger?« »Und mich, Herr Wieting, mich kennt Ihr nicht?« Forschend betrachtete der Marschalk den Jäger. Ein abgezehrtes Antlitz, um das die weißen Greisenhaare schwankten! In diesem gealterten Gesicht zwei Augen, die in heißer Jugend glänzten? Er schüttelte den Kopf. Doch er schien sich zu fragen: »Wo hab ich diese Augen schon gesehen?« Langsam erhob er sich. »Sei, wer du magst! Du bist wohl Jäger im Stift? Weil du mich kennst und mir freundlichen Gruß geboten, magst du mir wohl einen Gefallen tun?« »Welchen?« »Dem Chorherren Irimbert von Immhof sollst du die Botschaft bringen, die ich da schreiben lasse.« »Warum suchet Ihr diesen Chorherren nicht droben im Stift?« »Das hat seinen Grund.« Herr Wieting blickte zum Kloster hinauf. »Erst will ich ihn haben für mich allein, eh uns die anderen dazwischenreden.« Lächelnd trat Irimbert dicht vor den Marschalk hin. »Herr Wieting! Seht mich doch an! Oder haben sie so ganz einen anderen aus mir gemacht?« Befremdet trat der Alte zurück: »Wer bist du?« »Vor Jahren, als Knabe noch, da hab ich du zu dir gesagt: ›Guter Wieting!‹ Und wenn du mich reiten ließest auf deinem Roß, stand meine Mutter in der Halle der Immenburg und winkte dir dankbar zu, weil du ihrem Liebling eine Freude machtest.« »Allmächtiger Gott im Himmel!« stammelte der Marschalk. »Herr Immhof! Das seid Ihr!« Er faßte Irimberts Hände und hielt sie mit starkem Druck. »Ja! Ihr seid es! Trotz Jägerkleid und weißem Haar. An Euren Augen hätt ich es merken sollen. Ihr habt die Augen Eurer Mutter.« Eine Weile schwieg er. »Herr! Was hat die Kirchenluft aus Euch gemacht! Wenn ich des lieben Buben denk! Oder seid Ihr krank gewesen?« »Ja, Wieting! Krank! Aber jetzt?« Aus Immhofs Augen flog ein heller Blick über den Bergwald hinauf. »Jetzt bin ich genesen.« »Gott sei's gedankt!« Die Stimme des Alten schwankte. »Und so nehmt meinen Gruß, Herr Immhof! Jetzt bin ich Euer Mann. Was gehen mich die anderen da droben an! Mein Herr seid Ihr. Und Euch gehört meine Treu.« »Deine Treu?« Irimbert lächelte. »Das kann doch nicht die Botschaft sein, die mir mein Bruder sendet?« »Euer Bruder?« Befremdet sah ihn der Marschalk an. »Was will er von mir?« »Ich versteh nicht, wie Ihr redet! Euer Bruder liegt schon drei Mond lang unter dem Stein.« »Mein Bruder?« stammelte Irimbert erblassend. »Mein Bruder? Tot?« »Das wißt Ihr nicht?« Schweigend ließ sich Immhof auf einen Felsen nieder und bedeckte das Gesicht. Der Tod, der ihm kalt in die schöne Freude dieses Tages trat, erschütterte ihn in tiefster Seele. Alles Leid, das über sein Leben gekommen, hatte dieser Bruder auf ihn geworfen. Dennoch trauerte er um den Toten. Blut seines Vaters und ein Stück Leben und Herz seiner Mutter war mit diesem Heimgegangenen ins Grab gesunken. Der Tod löscht allen Vorwurf aus. »Herr? Das habt Ihr nicht gewußt?« brach Wieting das Schweigen. »Es ist mir durch den Kopf gegangen, als könnt es so sein. Drum bin ich geritten, um mir ein Wort von Euch zu holen.« Immhof schwieg noch immer. »Als harte Buß für manches Unrecht ist der Tod über Euren Bruder hergefallen. Ein Bauer, dem er die schmucke Tochter genommen, hat ihn im Wald erschlagen. Es war ein übles Sterben.« Irimbert blickte auf. Seine Züge wurden hart, als wären sie aus Stein gebildet. »Der Viztum hat die Nachricht an das Kloster gemeldet, denn bei Euch, Herr, steht die Entscheidung über das Erbgut Eures Bruders. Ein Auftrag um den anderen ist mir vom Kloster zugekommen, jeder in Eurem Namen. Ich hab denken müssen, Ihr wollet Euer schönes Erbgut an das Kloster geben. Aber klaren Entscheid hab ich nie gehört. So kann's nicht bleiben. Wir müssen wissen auf der Immenburg, wer unser Herr ist. Drum bin ich gekommen, um Euer eigen Wort zu hören.« Mit zornblitzenden Augen sah Immhof zum Kloster hinauf, um dessen Dächer ein letzter Strahl der Sonne schimmerte. Jetzt verstand er die Barmherzigkeit, die seine Mauer niedergerissen hatte. Jetzt verstand er die reuevolle Güte des Wernherus. Nicht den Leidenden hatten sie erlöst, nur den reichen Erben, dessen Hand eine Burg mit Türmen und Mauern zu vergeben hatte, Wälder und Felder, Dörfer und Höfe. Ein Lachen, hart und zornig, schüttelte von seinen Lippen. »Herr?» Irimbert hörte nicht. Während sein brennender Blick dort oben am Kloster hing, schien in seiner Seele ein Kampf zu wühlen, schmerzvoll und ernst. Nun erhob er sich mit wehem Lächeln, als hätte er in diesem stummen Kampf eine Freude des Lebens von sich abgelöst. »Ich habe mit dir zu reden, Wieting! Mit dir allein.« Sie traten ins Zelt. Der Schreiber, ein junger Bursch im Kleid der Fahrenden, hielt noch immer das Pergament mit der halb geschriebenen Botschaft auf den Knien. Er wartete geduldig. Es dämmerte schon, als Herr Wieting im Eingang des Zeltes erschien. Wie mürrischer Kummer sprach es aus seinem Gesicht. Er winkte den Schreiber zu sich. »Steck ein Wachslicht an! Dann komm herein mit deinem Schreibzeug!« Langsam wandelte sich der schöne Abend zu linder Nacht. Bevor das letzte Licht verzitterte, schlug im Wald noch eine Drossel. Dann war es still. Nur noch das Rauschen der Ache. Schon lag's mit tiefem Dunkel über dem Tal, als Irimbert und Wieting wieder ins Freie traten. »Wird er kommen? Meinst du?« fragte Irimbert erregt. »Kann ein Jude verdienen, so ist ihm kein Weg zu weit.« »Josephus heißt er?« »Josephus. Er gehört zur Regensburger Judenschaft, die der Kaiser dem Bischof Sigfried zur Nutzung verpfändet hat.« »Und die Tochter des Viztums, die er heilte, war blind seit ihrer Kindheit?« »Seit ihrem neunten Jahr. Jetzt hat das Fräulein Augen, die schärfer sehen als die meinen.« »Wieting!« Der Name klang wie ein erstickter Schrei. »Schaffe mir diesen Mann!« »Lebt er noch, so schaff ich ihn, Herr! Wie Ihr es haben wollt: Über fünf Mond, am Michelstag, zur Mittagszeit soll er warten auf Euch hier auf dem Fleck, auf dem wir stehen.« »Ich danke dir, Wieting! Leb wohl!« »Herr!« Der Marschalk faßte die Hand, die ihm Irimbert geboten hatte. »Was Ihr in dieser Stunde verbrieft und beschlossen habt, soll das fest und wahr sein?« »Fest und wahr!« »Herr! Ein Säckl mit schwerem Gold kann viel bewirken in Rom. Ich tu die Fahrt und bring Euch die Lösung von Eurem Eid. Dann kehrt heim zur Immenburg als unser Herr, zu dem wir stehen in Treu!« »Einen Eid, der geschworen ist, löst nur der eigene Wille. Solchen Willen hab ich nicht. Sieh mich an! Ich tauge nimmer unter Menschen und in die Welt. Was mich erfüllt an Leben, wurzelt unter dem Himmel dieser Berge. Anderes will ich nicht. Lebt wohl, guter Wieting! Grüß mir das Haus meines Vaters! Grüße das Grab meiner Mutter und jede Stätte, über die ihr Fuß gegangen! Und grüße meinen Vetter Wolfgang! Er wird der Immenburg und dir ein freundlicher Gebieter sein.« »Herr!« Raschen Schrittes war Irimbert schon hinausgeschritten in die dunkle Nacht. Schweigen blieb hinter ihm. Nach einer Weile, als er die Straße zum Kloster hinaufstieg, konnte er die Stimme Wietings hören, deren rauher Laut das Rauschen der Ache übertönte: »Den Sattel auf jedes Roß! Wir reiten.« Irimbert ließ sich am Wegrain nieder und lauschte, bis der Hufschlag der trabenden Rose fern verhallte. Noch lange saß er regungslos, das Gesicht in die Hände vergraben. Dann stieg er zum Kloster hinauf. Leute begegneten ihm und grüßten. Bald hier, bald dort vor einer Hütte stand mit Kichern und Geflüster ein junges Paar, das sich der Mainacht freute. Die Bürgergasse war belebt, die alten Leute saßen vor den Haustüren, die Kinder spielten noch, und beim Brunnen schwatzten die Mägde. Fröhliches Leben herrschte auch im Klosterhof. Unter der Säulenhalle des Brüderhauses saßen sie mit Lachen im Dunkeln und ließen die Kanne kreisen. Aus der Kellerstube, deren Fenster offenstanden, hörte man heiteren Lärm und den Gesang der zechenden Chorherren: »Vinum forte, vinum purum Reddit hominem securum Et depellit frigora. Sed acerbum linguas mordet, Intestina cuncta sordet, Corrumpendo corpora.« Wein, der rein, und Wein, der stark ist, / Macht, daß froh man bis ins Mark ist, / Wärmt die Seel wie Sonnenglanz. / Doch der saure beißt die Zungen, / Kränkt uns Nieren, Herz und Lungen / Und verseucht den Körper ganz. Hatte sich die Strenge des Propstes schon gemildert? War der Riegel schon gefallen, den er vor die Kellertür gelegt? Als Irimbert nach dem Fürsten fragte, wurde ihm der Bescheid, daß Herr Friedrich den schönen Tag benützt hätte, um seinem Lieblingsfalken den ersten Flug nach einem Reiher zu vergönnen. Er käme auch über Nacht nicht heim ins Kloster, sondern bliebe draußen am Königssee in einem Jägerhaus. »Und Herr Wernher?« »Der schafft noch in seiner Stub.« Irimbert betrat die von einer Wachslampe erleuchtete Stube des Dekans. Unwillig über die Störung, erhob sich Wernherus vom Holdenbuch. Beim Anblick des Gastes verwandelte sich sein mürrisches Gesicht in freundliche Miene. Lächelnd ging er ihm entgegen und stutzte, als er den harten Ernst dieser bleichen Züge und diesen flammenden Blick gewahrte. Eine unbehagliche Sorge schien sich in ihm zu regen. Doch mit heiter klingenden Worten sagte er: »Gottes Gruß, lieber Immhof! Wie ist dir die Jagd bekommen? Bringst du dem Küchenmeister einen Urhahn mit?« »Den Chorherren die Schüssel zu füllen, ist Eure Sorge, Herr!« Irimbert übersah die Hand, die ihm Wernherus bot. »Ich habe nicht gejagt, nur ein Geschäft erledigt.« »Ein Geschäft?« »Ich habe die Immenburg vergeben.« Dem Dekan stieg dunkle Röte in die Stirn. »Ihr wißt doch, meine Mauer fiel, weil ich der Erbe meines Bruders bin.« Wernherus vermochte seinen Zorn nicht zu beherrschen: »Das hat Herr Friedrich dir verraten!« »Nein! Herr Wieting, der Marschalk der Immenburg, hat mich gesucht und gefunden. Er trägt das Pergament mit fort, auf dem mein Wille gesiegelt steht. Dieser Wille hat doppelten Weg. Ob die Immenburg meinem Vetter Wolfgang als freier Besitz gehören soll oder ob sie an das Kloster fällt, von dem sie mein Vetter zu Lehen nimmt, das hängt von Euch ab.« Aller Zorn in den Augen des Dekans war plötzlich erloschen. »Das hängt von mir ab?« Er atmete auf. »Du willst einen Handel mit uns schließen? Gut!« Lächelnd schob er einen Stuhl zurecht und ließ sich nieder. »Das Erbgut deines Bruders soll an das Kloster fallen. Welche Bedingung stellst du?« »Dem Bauer im Gotteslehen sollt Ihr die Freiheit seines Besitzes nicht stören, solang er lebt oder ein Erbe nach ihm. Aus keiner Ursach soll das Kloster ein Anrecht haben, Gericht zu halten über diesen freien Mann. Nur der kaiserliche Viztum richtet über ihn, sonst keiner.« Verwundert blickte Wernherus auf. Er nickte, ohne sich zu besinnen. »Weiter?« »Von Stund an, bis dieser Sommer vergangen ist, bis zum Festtag Allerheiligen soll mir das Kloster jede Freiheit gewähren, die ich verlange: Freiheit des Wortes, Freiheit in meinem Tun und Handeln, Freiheit meiner Wege.« Wernherus zog die Brauen zusammen, als läge hinter diesem Wort ein Sinn verborgen, den er erst noch erforschen müßte. »Freiheit? Auch wider deinen Eid als Chorherr?« »Nein! Ich halte meinen Eid und bleibe, was ich bin: Chorherr zu Berchtesgaden.« »Nur Freiheit wider Hausgesetz und Regel?« Ruhig nickte Wernherus. »Gut! Welche Bedingung weiter?« »Noch eine letzte.« Um Immhofs Lippen zuckte ein bitteres Lächeln. »Ich fürchte, Herr, sie wird Euch kränken.« »Rede nur!« »Ich habe Eure Gerechtigkeit gesehen. Ihr habt mich in die Mauer geworfen, weil ich Euch gefährlich erschien. Ihr habt mich aus der Mauer gelöst, weil ich zur Biene wurde, die ihren Honig geben soll. Gab sie ihn, so ist sie wertlos und kann zertreten werden. Ich will mich schützen. Mir könnte geschehen, was Ihr ein Unglück nennen würdet. Am Festtag Allerheiligen wird mein Vetter Wolfgang von Immhof aus der Hand des Propstes die Immenburg zum Lehen nehmen, wenn er mich an diesem Tage noch als lebenden Mann an Eurer Seite findet.« Wernherus antwortete nicht gleich. Dann sagte er, als begänne ihn die Sache heiter zu stimmen: »Dein Mißtrauen geht weit. Ich wünsche dir ein langes Leben. Aber unser aller Leben steht in Gottes Hand. Wenn dir ein Unfall widerführe, gegen den wir machtlos sind?« »Dann wäre die Immenburg für das Kloster verloren. Betet zu Eurem Gott, Wernherus, daß er mein Leben schützt.« »Ich hoffe, er wird mein Gebet erhören. Und deine Entscheidung soll verbrieft werden? Noch heute?« »Ja.« Wernherus ging auf die Tür des anstoßenden Raumes zu und rief den Bruder Scriptor in die Stube. Irimbert sagte dem Schreiber die Worte vor, die er aufzuzeichnen hatte. Als die Urkunde unterschrieben war, drückte der Bruder mit vergnügtem Schmunzeln das Siegel des Stiftes auf das Pergament. Und Wernherus fragte mit lächelndem Spott: »Willst du noch, daß ich den Handel vor Zeugen beschwöre?« »Nein! Der Vorteil, den Ihr für das Kloster seht, wird diesen Handel besser schützen als Euer Eid.« Er wandte sich ab und ging aus der Stube. Schon am anderen Morgen wieder, bevor noch der Tag erwachte, verließ Irimbert im Jägerkleid und mit der Armbrust das Kloster. Spät am Abend kehrte er heim mit dem heiteren Lächeln eines Träumenden. Da sagte ihm der Bruder Kämmerer, daß Herr Friedrich ihn erwarte. Als Irimbert in die Stube des Propstes trat, saß Herr Friedrich, den Falken schaukelnd, müde und verdrossen in seinem Sessel. »Immhof? Was ist das für ein Narrenstreich mit diesem Testament? Daß du dem Greimold eine Mauer baust zu seinem Schutze, das versteh ich. Aber Freiheit für einen Sommer? Jeder andere an deiner Stelle hätte die Gelegenheit benützt, um sich volle Freiheit und Erleichterung zu sichern, die im Stifte möglich ist, nicht nur für kurze Zeit, sondern für das ganze Leben.« »Ich glaube, das tat ich. Man zählt das Leben nicht nach Nächten, die man verschläft, sondern nach Tagen mit heller Sonne, nach Stunden, in denen man fühlt und erlebt. Mit Zeiten, deren Wert ich nicht kenne, will ich nicht rechnen. Dieser Sommer soll mir gelten als mein Leben. Ich weiß, er wird so schön sein, daß er sich schöner nicht wiederholen könnte. Zeitigt seine Blüte die Frucht, die ich vom Herbst erhoffe, so schuf ich ein Menschenglück und habe mein Leben ausgenossen. Was weiter kommt, soll sein, wie es mag.« Herr Friedrich schüttelte den Kopf. »Das versteh ich nicht.« »Um es zu verstehen, müßtet Ihr in Eurer Seele haben, was in der meinen ist.« Immhof lächelte. »Und bedenket, Herr, der Händler, mit dem ich feilschen mußte, heißt Wernherus. Hätt ich zuviel gefordert, so hätt ich vielleicht die Grenzen seiner Habsucht erfahren und auch das wenige nicht gewonnen. Nun hab ich erreicht, was ich brauche, um ein sehendes Glück zu bauen. Mehr will ich nicht. Doch eine Frage, Herr! Habt auch Ihr gewußt, daß ich in der Mauer dort unten der Erbe meines Bruders wurde?« Herr Friedrich wurde ein wenig verlegen. »Mein Schweigen war ein Teil des Preises, der deine Mauer fallen machte. Um dir das Leben wiederzugeben, dafür hätt ich noch Schlimmeres auf mich genommen als dieses Schweigen. Dafür hätt ich dem Teufel sechs von seinen sieben Schwänzen weggelogen! Du lebst! Jetzt schilt mich!« Die müde Gutherzigkeit dieses Wortes löschte in Irimbert jeden Groll. »Nein, Herr! Jetzt dank ich Euch! Mein Leben ist reich geworden.« Den Propst in Sorge betrachtend, trat er näher. »Euch, Herr, seh ich verändert. Wo ist Euer Lachen? Eure Spottlust? Auf Eurer Stirn liegt ein Kummer.« Seufzend machte der Propst eine Bewegung mit der Hand. »Mein Falk ist heute schlecht geflogen. An solchem Tage fahren mir alle Widrigkeiten meines Lebens durch die Sinne wie einem Sünder nach der Beichte die vergessenen Laster. Oder fang ich zu altern an? Hab ich den Arm nimmer, um den Falken richtig zu schwingen? Es könnte sein? Du bist genesen. Immhof! Mich haben diese Wochen krank gemacht. Wie ein Licht, das vor dem tränenden Erlöschen noch einmal heißer brennt, so hab ich's versucht, mich aufzuraffen aus meiner Schwäche. Aber man heuchelt alles, nur die Kraft nicht. Meine Strenge strengt nur mich an, sonst keinen. Dazu noch das andere! Mein Wölflein Wernherus scheint schon die Witterung zu haben, daß mir die Lehne hinter dem Rücken bricht.« »Herr? Seht Ihr Gefahr für Euch?« »Für mich? Was liegt an mir? Ein schwankender Strohhalm mehr oder weniger. Vor einem halben Jahr hab ich dich fallen lassen aus Schwäche, in der Sorge um meinen eigenen unheiligen Leib und habe mich noch gerauft um Hut und Mantel. Jetzt ist Sorge in mir, die um Besseres geht. Komm, setz dich! Laß mich herausschwatzen, was mich drückt. Dein Aug hat einen Blick, der verriegelte Herzen öffnet. Das macht: Du bist ein Mensch! Bleib es, Immhof! Ob dich die anderen auch erschlagen drum. Eine Stunde Mensch sein, und wär's in Schmerzen, wiegt hundert Jahre eines käuenden Tieres in sattem Behagen auf. Mensch sein! Hätte man nur die Kraft, daß man's immer wäre! Dann könnte man alles andere missen, den ganzen Plunder, mit dem man das Leben beschwert.« Wie warme Sonne war es in Immhofs Augen. Er faßte die Hand des Propstes. »Welche Sorge bedrückt Euch?« »Ich bin in Kummer um meinen Vetter Bayern. Mit Liebe häng ich an diesem stolzen und kraftvollen Geschlecht, von dessen Blut ein Tropfen auch durch meine Adern rinnt. Tapferkeit und Kaisertreue haben den ersten Wittelsbacher auf den Herzogsstuhl gehoben. Das will der Enkel jetzt vergessen. Mein Vetter ist ein starker, guter und kluger Mann, nur zu fromm, für einen Fürsten zu fromm. Ein Fürst soll mit klaren Augen sehen, nicht mit Augen, die der Weihrauch umnebelt. Und da ist jetzt dieser Albert Behaim, dieses Passauer Pfäfflein, dieser Störenfried von ganz Bayern, der als Maulwurf des Papstes den Boden der eigenen Heimat unterwühlt. Der hat das Ohr des Herzogs, reißt ihn vom Kaiser los und führt den Betörten segnend in die Arme des Papstes. Ich hab meinen Vetter gewarnt, hab ihn beschworen, seiner Treu nicht zu vergessen. Der Behaim hat mir grobe Antwort geschickt und droht mir mit dem Bann.« »Diese Drohung fürchtet Ihr?« Herr Friedrich lächelte. »Der Bannbrief hinge mir gut am Tor meines Stiftes. Wenn nur das andere nicht wäre! Da haben sie jetzt auf des Behaim Rat einen Bund geschmiedet: der Babenberger, Wenzel von Böhmen und mein Vetter. Den Herzog Abel von Schleswig wollen sie zum Gegenkönig erheben. Das bringt üble Zeiten für das Reich. Ich bin in Sorg um meinen Vetter und sorg mich um unser schönes deutsches Land. Ach, Immhof, diese Fürsten! Diese deutschen Fürsten! Wenn sie nur Augen hätten! Wenn sie nur sehen möchten, daß jeder an seinem eigenen Haus den besten Stein zertrümmert, wenn er in Eigennutz die treulose Faust wider Reich und Kaiser hebt. Was könnten wir Deutsche sein, wenn unsere Fürsten einig wären! Die Herren der Welt! Aber wie ein Lamm, das seine Hirten im Rausch erschlugen, so liegt das Reich in seinem rinnenden Blut. Ringsum sitzen die hungrigen Aasvögel und der große Kuttengeier. Jeder will seinen Brocken haschen. Und da läßt sich mein Vetter Bayern von dem großen Geier unter die schwarzen Flügel nehmen. Ich sage dir, Immhof –« Herr Friedrich verstummte. Reinold, der Falkner, war in die Stube getreten, bleich, mit scheuen Augen. »Bub? Was bringst du?« »Nichts Gutes, Herr!« »Das seh ich dir an. Heraus damit!« »Der neue Sakerfalk –« »Was ist mit dem Vogel?« »Er weigert den Fraß, pludert die Federn auf und hat das weiße Häutl über den Augen.« Im Ärger begann der Propst zu jammern und zu schelten. Der ernste Mann, den die Sorge um Großes drückte, war plötzlich verwandelt in ein greinendes Kind, das ein Spielzeug zu verlieren fürchtet. Er nahm den Weißfalken auf den Arm, denn er wollte seinen Liebling nicht unbehütet in der Stube lassen, und ohne sich um Immhofs Gegenwart zu kümmern, ohne noch ein Wort zu sagen, eilte er mit Reinold davon, hinunter in die Falkenkammer. Der erkrankte Sakerfalk verendete noch in der Nacht, desiderio libertatis, aus Sehnsucht nach der Freiheit, wie der Medikus behauptete, den man in die Falkenkammer gerufen hatte. Dieser Verlust verdoppelte die Sorge, die Herr Friedrich seinem Liebling, dem Weißfalken, widmete. Auf jeden Schritt und Tritt im Stifte mußte ihm der Beizvogel nachgetragen werden, ins Refektorium, in den Kapitelsaal und in das Münster. Jeden schönen Tag benützte der Fürst, um zur Beizjagd auszureiten. Das wurde in ihm wie ein Fieber, wie ein Durst, den kein Trunk zu stillen vermag. Bei jedem neuen Ritt genoß er diese Freude – »wie ein verblühendes Weib«, sagte Linhart Scharsach eines Abends in der Kellerstube mit lachendem Spott, »das bei jedem Kuß des Geliebten fürchtet, es könnte der letzte sein.« Im Kloster ging das Leben wieder den alten lärmenden Gang. Während der Propst wie ein lebenslustiger Junker hinter seinem Falken ritt, schaltete Wernherus als ungestörter Herr im Stift. Nur die äußerlichen Ehren fehlten ihm, alle Macht besaß er und übte sie mit milder Hand, als hätte er Ursach, sich die Chorherren zu Freunden zu machen. Jede Freiheit, die sie verlangten von ihm, gewährte er. Und sie hatten reichliche Zeit, diese Freiheit zu nützen. Am Himmelfahrtstage war zu Berchtesgaden ein päpstlicher Diakon erschienen, um die Kirche zu versiegeln und den Bannbrief an das Tor zu nageln, weil das Stift dem Kaiser die Treue nicht kündigen wollte. Nun hatten die Chorherren ausgiebige Muße für das Weidwerk, und die Bauern nahmen es nicht übel auf, daß sie in der Heuernte durch keine Kirchenpflicht gestört waren. Die Glocken schwiegen, man las keine Messe, man spendete kein Sakrament. Damit die gläubigen Bauern ihr Tröpfl Himmelstrost, wenn sie es nötig hatten, trotz allem nicht entbehren sollten, wurde der jüngste der Münsterkapläne zum »Zwingpfaffen« ernannt. Auf einem Maultier mußte er täglich in die Dörfer reiten. Wo ein Kind zu taufen war, einem Toten das letzte Geleit zu sprechen oder ein junges Paar zu segnen, wurde der Kaplan vom Maultier gehoben und mit Gewalt gezwungen, die heilige Handlung vorzunehmen. Das war freilich ein arger Frevel. Jeder Bauer, der sich solcher Gewalttat unterstand, mußte zur Buße fünf süße Käse an das Kloster zahlen. So hätten sich die Chorherren in ungetrübter Muße dieses Sommers freuen können, wären nicht die Tage gewesen, an denen Irimbert im Kloster blieb. Von dem Testament, das in der Dekanstube verwahrt lag, wußten sie längst. Diese Nachricht hatte ihnen eine lachende Stunde geschenkt. Das Lachen verging ihnen, als sie merken mußten, welchen Sinn die Bedingung hatte: »Freiheit des Wortes!« Wie eine Geißel führte Irimbert dieses freie Wort und klatschend fielen die Peitschenhiebe seines Spottes auf ihre Köpfe nieder. Eine Zeitlang machten sie gute Miene zu dem bösen Spiel. Lachend sagte der Eschelberger: »Wir müssen denken, daß wir sind wie gefürstete Herren, die ihren Hofnarren halten. Ab und zu ein Pritschenschlag ist gesund und macht die schläfrige Haut wieder munter.« Und Herr Pabo meinte: »Wenn seine üble Weisheit zwischen unseren Mauern bliebe, möchte ich sie ertragen wie Bienenstiche, ohne die man keinen Honig schöpft. Aber ich fürchte, er trägt sie auch hinaus auf seine heimlichen Wege und macht das hörige Volk in seinem Glauben irr. Das Volk braucht den Glauben.« »Nein, frommer Pabo«, unterbrach ihn Irimbert, »das Volk braucht euren Glauben nicht. Ihr aber braucht den Glauben des Volkes, um euch zu mästen.« Der Eschelberger lachte wieder: »Er hat sich in der Mauer das Nagen abgewöhnt, und da rechtet er jetzt mit Gott, der uns hungrigen Menschlein die Zähne gab und uns gemacht hat, wie wir sind.« »Daß ihr nicht anders wurdet, kann mich nicht wundern. Weil euer Gott sich selbst nicht genug war, erschuf er eure Welt und euch. Wie hätte ein Werk gelingen können, das ein Unzufriedener schuf?« »Luzifer!« schrie Herr Pabo. »Er redet wie Luzifer!« »Der Lichtbringende?« Immhof atmete tief. »Ich wollte, der war ich! Euch würde ich das Licht nicht bringen. Aus Barmherzigkeit. Ihr seid wie das schmatzende Tier im dunklen Stall und würdet erblinden vor jedem hellen Strahl.« »Luzifer!« schrie ihm Herr Pabo nach. Und dieser Name blieb ihm: Pater Luzifer! Sie nannten ihn nicht mehr anders. Was sie dulden mußten, wurde ihnen unerträglicher von Tag zu Tag. Es sammelte sich in ihnen eine knirschende Wut gegen Immhof. Wäre nur nicht die schöne, stolze Burg mit Türmen und Mauern gewesen, mit Wäldern und Feldern, mit Höfen und Dörfern! Diese Hoffnung mußten sie um bitteren Preis erkaufen. Linhart Scharsach tröstete sie: »Die zahlende Zeit wird kommen. Geduldet euch bis zum Festtag Allerheiligen!« Und dann hatten sie auch den Trost der armen Schelme, die gemartert werden, immer nach der schlimmsten Qual war ihnen Ruhezeit vergönnt, um aufzuatmen. Das waren die Tage, an denen Irimbert das Stift verließ, um die »Freiheit seiner Wege« zu nützen. Wenn er an klarem Morgen im Jägerkleid aus dem Tor des Klosters hinaustrat, schien er beim ersten Schritt auf die Straße in einen anderen Menschen verwandelt zu sein. Er atmete auf wie einer, der aus dumpfem Kerker in strahlende Helle tritt. Die hörigen Bauern, deren Hütten auf seinem Wege standen, lernten ihn kennen, verloren die Scheu vor seinem jugendlichen Greisengesicht und wurden ihm gut. Er wußte Trost für ihre Sorge und linderte häufig einen Kummer ihres engen Lebens. Ihr Handschlag, ihr dankender Gruß war eine Freude für ihn. Und stieg er aufwärts durch die grünen, von leisem Rauschen und Geflüster erfüllten Hallen des Bergwaldes, so flogen seine Blicke dem steilen Weg voraus, in Sehnsucht und Ungeduld.   Im Gotteslehen war stille Sommerzeit. Die Ställe leer, das Vieh zu den Hochalmen aufgetrieben und Greimold mit den Sennleuten droben bei der Herde. Außer dem Geplauder des Brunnens hörte man in der Hofreut nur selten einen anderen Laut als das Gebell der weißen Zenta und den trällernden Liedersang der Helgard. War Jutta allein, so saß sie mit ihrem Flechtwerk oder mit der Spindel im Schatten der Ulme, lächelnd vor sich hin träumend, bis der laue Abend dämmerte und Helgard kam, um die Blinde ins Haus zu holen. War »Irmi der Jäger« zu Gast im Gotteslehen, dann verbrachte sie die Sonnenstunden an seiner Seite auf dem Lugaus in der Krone des Baumes, oder sie wanderte mit ihm, von seiner Hand geführt, auf die Wiesen hinaus, in den schattigen Wald oder zu den kühlen Schluchten der Bergbäche. An Tagen, für welche Irimbert sein Kommen versprochen hatte, kam manchmal auch Greimold von den Almen herunter, um mit den »Kindern« das Mahl zu teilen und ein Stündl mit ihnen zu verschwatzen. Stieg er wieder hinauf zur Herde, so blieb er alle paar hundert Schritte stehen und sah mit dem lachenden Blick eines Glücklichen auf sein Heimwesen hinunter, dessen Dächer in der Sonne leuchteten. Zwei Tage vor dem Johannisfeste kam der Steinhauser von den Almen heim und verließ das Haus nicht mehr. Das hatte seinen Grund. Und da hörte man ihn den ganzen Tag zwischen Haus und Tenne schaffen, immer mit einem lustigen Lied. Am Abend vor dem Feste, während überall auf den Almen die Sonnwendfeuer leuchteten, lief er in keuchender Hast davon, um Mutter Hanna zu holen. Als er wieder heimkehrte, allein – die alte Frau hatte minder flinke Füße und war zurückgeblieben –, sah er, daß sich neben der Schwelle seines Hauses etwas Graues bewegte. Erst erschrak er. Als er den traurigen Jacho erkannte, lachte er froh hinaus in die graue Mondnacht. »Bist du schon da? Hast du dir die Narrenaugen schon gesalzen, daß du weinen kannst zu meiner Freud?« Der Irrsinnige erwiderte keinen Laut. Er hob nur das Gesicht. Und da sah der Steinhauser im Mondlicht die Augen des armen Narren flimmern und hörte das leise Klirren der Kette. Lachend trat der Bauer ins Haus. Eine Weile später kam Mutter Hanna. Die Nacht verging, und es wurde Morgen, ohne daß die Freude, auf die der Steinhauser wartete, zum Leben erwachen wollte. Die Sonne stieg. Wie ein lebloser Klumpen hockte der traurige Jacho neben der Schwelle. Seine Arme hielten das Eisenkreuz umschlungen, und seine rot geränderten Augen starrten unbewegt hinaus in den Glanz des Tages. Wieder kam der Abend. In später Stunde, als das Mondlicht schon wie weiße Milch über alle Gehänge der Berge floß, wollte Helgard die Schlagbrücke beim Hagtor aufziehen. Da sah sie einen über die Wiesen herunterkommen. Es war der Bauer. Sein erster Wort, wie immer, war eine Frage nach Jutta. »Die ist wohl und freudig. Der Jäger ist dagewesen, und zum Abend hat sie so viel Blumen heimgetragen vom Wald, daß man ein Duften spürt im ganzen Haus.« »Und sind die Buben daheim?« »Was für Buben?« »Meine Sennbuben. Weil drunten Markt ist, hab ich ihnen Verlaub gegeben, daß sie hinuntergehen. Vor Abend hätten sie wieder droben sein müssen auf der Alben. Noch allweil ist keiner da.« »Hauswirt, ich hör die Buben. Sie steigen durch den Wald herauf.« Man hörte erregte Stimmen, die sich den mondhellen Wiesen näherten. »Was sie nur haben mögen, daß sie so röhren?« »Met im Kopf!« Helgard ging lachend ins Haus zurück. Unter dem Hagtor erwartete Greimold die Sennen. Als sie beim Mondlicht den Hauswirt erkannten, begannen sie zu laufen und schrien mit wirren Stimmen durcheinander. Greimold konnte nur verstehen, daß drunten in der Marktgasse etwas geschehen wäre, etwas Seltsames, ein Wunder. Er hieß sie schweigen, und dem Junghirten, der ihm unter den vieren der einzig Nüchterne schien, befahl er, allein zu reden. Da hörte er eine Mär, die ihn selber heiß erregte und ihm doch so unglaublich vorkam, daß er immer wieder den Kopf dazu schüttelte. Ein Salzburger Seidenkrämer, Walter Schlier mit Namen, war am Abend vor dem Johannistag zum Markt nach Berchtesgaden gekommen und hatte dem Kloster die Budensteuer geweigert, weil er vom Salzburger Bischof einen Brief besaß, der ihm das Recht zu freiem Handel gab. Da hieß es: »Zahl die Steuer! Was der Salzburger sagt, das gilt in Salzburg, nit bei uns.« Der Mann wehrte sich um sein Recht. Als ihm der Fronbot sein Täschl vom Gürtel reißen wollte, schlug ihm der Schlier die Faust ins Gesicht. Die Schergen wollten ihn fassen, der Mann wurde flüchtig und rannte gegen den Untersberg hinauf. »Und heut«, erzählte der Junghirt, »um die Mittagszeit ist der Walter Schlier auf dem Markte gestanden und hat von einem Wunder geredet, das ihm begegnet ist. In der Mondnacht hätt er den Heimweg suchen wollen über den Untersberg, und da hat er sich in seiner Angst verlaufen, daß er nimmer aus und ein gewußt hat vor lauter Gestein und Klüften. Und wie er in seiner ärgsten Not ein Stoßgebet tut, da steht ein frommer Bruder vor ihm.« »Die Leut«, fiel erregt ein anderer von den Sennen ein, »die Leut sagen, der Bruder hätt ausgeschaut wie das Steinbild auf dem Gruftdeckel, unter dem Herr Eberwein begraben liegt.« »Ja, Bauer, und in Gütigkeit hat er zum Schlier gesagt: ›Mußt dich nit fürchten, bedrängter Mann!‹ Und hat gesagt: ›Tu beten zum ewigen Helfer in allen Nöten, und wenn dein Gebet christgläubig ist, will ich dir zeigen, was kein Menschenaug noch gesehen hat!‹ Und derweil der Schlier in aller Inbrunst sein Beten anhebt, pochet der fromme Bruder mit seinem heiligen Kreuz an die Steinwand, da tun sich die Felsen auseinander wie ein Tor.« »Jetzt, Hauswirt«, rief von den Sennen einer, »jetzt mußt du lusen!« »Und da ist in den Berg hinein ein Gang gewesen, großmächtig, und der Bruder führt den Walter Schlier allweil tiefer und tiefer, durch hundert Kammern. Die Wand haben geglitzert wie von Gold und Edelstein. Und zuallerletzt, da sind sie in eine Kirch gekommen. Die ist groß gewesen wie ein Bergtal mit dem Himmel drüber. Und schön, hat der Schlier gesagt, schöner als wie von den Salzburger Kirchen die allerschönste.« »Und Sonn und Mond und Stern«, rief ein anderer, »haben droben im Kirchendach geschienen.« »Nein, du, das hat der Schlier nit erzählt, das haben die Leut dazugemacht. Der Schlier hat bloß erzählt, daß in der Höh ein Singen gewesen ist, wie wenn die Engel psalmieren täten, und beim Altar haben hundert Bischof die Meß gelesen, und tausend Rittersleut in silbrigem Harnisch haben gebetet in der Kirch. Und zumittelst drin ist ein Tisch gewesen. Und an dem Tisch ist der Kaiser gesessen.« »Der Kaiser?« Greimold schüttelte den Kopf. »Der König Wute, willst du sagen?« »Der Kaiser, Hauswirt, der Kaiser! Der Kaiser Rotbart, von dem sie lügen, daß er im Judenland versunken war in einem reißenden Wasser.« »Bub! Das ist unsinniges Zeug!« »Wahr ist's, Hauswirt! Alles ist wahr! So heilig wahr, wie daß ich leb!« Dem Buben versagte fast die Stimme. »An dem steinernen Tisch ist der Kaiser gesessen, und siebenmal ist sein roter Bart herumgewachsen um den Tisch. Den blauen, gestirnten Kaisermantel hat er um, gegürtet ist er mit seinem guten, gerechten Schwert, in Händen hat er den Kaiserstab und den goldenen Apfel. Und hat die Kaiserkron!« Die Augen des Hirten glänzten im Mondlicht. »Die Kaiserkron! Und ein lichter Schein geht aus von jedem Zinken!« »Geh, du!« fiel der andere Senn wieder ein. »Der Schlier hat's anders erzählt. Der Bart ist bloß dreimal um den Tisch gewachsen. Wie du's machst, so hat's doch der Schlier nit gesehen!« »Aber ich seh's! Ich! Und mir, Hauswirt, mir mußt du glauben! Der Kaiser ist wie schlafend gewesen. Und wie im Schlaf hat er den frommen Bruder gefragt: ›Fliegen die Raben noch allweil um den Berg?‹ Die Raben! Verstehst du das, Hauswirt? Und wie der Bruder sagt: ›Noch allweil fliegen sie!‹, da hat der Kaiser die blitzhellen Zornaugen aufgetan. Ein Schildklingen und Schwerterklirren ist dahingegangen durch die ganze Kirch. Der Schlier ist auf den Tod erschrocken. Aber der fromme Bruder hat ihn bei der Hand genommen, hat ihn fortgeführt und hat in Gütigkeit geredet zu ihm, er sollt nur fromm und christlich bleiben und geduldsam in schiecher Zeit auf die gute hoffen. Die bleibt nit aus. Ein Tag wird kommen, da steigt der Kaiser mit seinen tausend Rittern aus dem Berg herauf. Den goldnen Kaiserschild wird er aufhängen draußen im Walserfeld. Und Recht und Fried wird sein in der Welt und Glück und Freud. Kein Schlechter soll den Tag überleben, kein Unchrist, der wider Gott und die heiligen Kirchen schreit, kein Vogt, der die armen Leute geschunden hat, und kein Klosterpropst, der lieber hinter den Falken her ist, statt daß er den Christen heiligen Trost und Zuspruch bietet.« »Und solche Red«, unterbrach der Gotteslechner den Hirten, »solche Red hat der Schlier auf offenem Markt unter den Leuten tun dürfen? Und von den Fronboten hätt ihn keiner gefaßt?« »Wart nur, Hauswirt! Wirst es hören gleich. Kein Klosterpropst! So hat der Schlier erzählt. Und eine Fürsag hat der fromme Bruder getan: Es tat einen Wandel geben im Gadnischen Land, und ein neuer Herr tat kommen, der fromm ist und gerecht und der es gut meint mit den Leuten! Und der Schlier, weil ihm völlig gewesen ist, als tat er träumen, greift auf den Boden hin und hebt ein Steinl auf. Und da ist ein Donnersausen gewesen, und der Schlier ist draußen gestanden im hellen Tag und hat keine Höhl und keinen Weg in den Berg mehr gesehen. Aber das Steinl hat er in der Hand gehabt. Und wie er's anschaut, ist's ein Goldpfennig, und dem Kaiser Rotbart sein Bild ist drauf. Den Goldpfennig, Hauswirt, hab ich gesehen! Den hab ich selber gesehen!« »Ja, Hauswirt! Den hat er hergezeigt!« beteuerten die Sennen. Und einer erzählte: »Schier zerrissen haben die Leut den Schlier. Jeder hat den Goldpfennig sehen wollen. Aber da sind schon die Fronboten dagewesen, ein ganzer Hauf. Trunken tät er sein oder lügen, hat's geheißen, und dem Kloster möcht er was anhängen, weil ihm der Vogt sein Maultier und sein Seidengut gepfändet hat.« »So haben die Schergen geredet?« fragte Greimold. »Und sie haben den Mann gefaßt?« »Aus allen Leuten haben sie ihn herausgerissen. Und wie ihn der Vogt im Klosterhof hat peitschen lassen, hat man den Schlier in Schmerzen schreien hören bis über den Markt hinaus.« »So muß es wahr sein!« »Die Leut sind gewesen wie rauschig. Und viel hat nimmer gefehlt, so hätten sie das Klostertor eingeschlagen. Aber die einen sind gelaufen, daß sie's daheim erzählen können, und die andern –« Da schrie der Junghirt mit erstickter Stimme: »Hauswirt! Sell schau hinüber!« Er umklammerte den Arm des Bauern. »Auf dem Totenmann, auf dem alten Richtberg geht ein Feuer auf! Und zum Watzmann schau hinaus! Und zum Untersberg!« Überall auf den vom Mondlicht grau umflimmerten Höhen loderten die Feuer auf, als wär's eine zweite Sonnwendnacht. »Kommet, Sennen, kommet!« Der Bub war wie ein Trunkener. »Zur Alben hinauf! Wir müssen's machen wie die andern! Und müssen dem guten Kaiser ein Feuer zünden!« Jauchzend sprangen sie davon und eilten über die Wiesen hinauf. Greimold stand noch unter dem Hagtor und blickte über das Tal nach den lodernden Feuern. Immer wieder schüttelte er den Kopf, und dennoch begann der Glaube in ihm zu keimen. »Das muß der Steinhauser hören!« Als er hinüberging zum Heimwesen seines Inrainers, vernahm er in der stillen Mondnacht ein bitterliches Schluchzen. Neben der Schwelle sah er den »traurigen Jacho« sitzen. »Du?« Er lachte. »Weinst du ein neues Leben an? Da komm ich von einer Freud zur andern!« An dem schluchzenden Narren vorüber trat er in den Hausflur, um als erster dem Steinhauser und seinem neugeborenen Glück einen guten Wunsch zu bieten. Erschrocken blieb er stehen. Aus der Stube vernahm er eine erwürgte Stimme. »Ich kann's nit sehen, laß mich hinaus, Mutter Hanna, ich kann's nit sehen!« Greimold wollte die Tür öffnen. Sie wurde von innen aufgerissen, und der Steinhauser taumelte über die Schwelle heraus. Mit beiden Fäusten stieß er den Gotteslechner aus seinem Weg und stürzte hinaus in die Mondnacht. Die Tür der Herdstube war offengeblieben. Mit zitterndem Schein erleuchtete eine rußende Talglampe den Raum, und Greimold sah das Weib des Hilpot am Tische stehen und etwas Regungsloses in weißes Linnen hüllen. »Mutter Hanna! Was ist geschehen?« »Sein Kindl ist tot gekommen«, sagte die Greisin, »es wär ein Bübl gewesen.« Dem Gotteslechner waren die Augen feucht, als er hinaustrat in den Mondschein, um den betrogenen Vater in seinem Leid zu trösten. Der Steinhauser lag auf der Erde, das Gesicht in die Arme gedrückt. Unter freundlichem Zuspruch führte ihn der Gotteslechner zu einer Bank, die im Garten unter einem Birnbaum stand. Hier saßen sie, und Greimold streichelte dem Bauer das struppige Haar. Draußen in weiter Nachtferne sah er die Freudenfeuer des hoffenden Volkes leuchten. Seufzend murmelte er vor sich hin: »Das Leben hat Nöten, für die kein Kaiser hilft, und tat er auch kommen mit hunderttausend Rittern!« Er blickte hinauf zum mondhellen Himmel, an dem nur wenige Sterne wie winzige Feuerpunkte sichtbar waren. Dann begann er laut und hastig zu reden, damit der Steinhauser die Schritte der Mutter Hanna nicht hören sollte, die das Haus verließ, mit einem grauen Ding auf den Armen. Von allen Trostworten, die Greimold suchte, wollte der Steinhauser keines hören. »Für was soll ich noch leben? Sag mir's Bauer! Für was denn?« »Für eine neue Freud, auf die du hoffen mußt! Schau den Birnbaum an! Im letzten Jahr hat ihm der Reif die Blüten verbrannt. Heuer im linden Mai hat er blühen dürfen, und du wirst ernten können und Most haben. So geht's uns Menschen auch. Hinter allem Reif scheint wieder gute Sonn. Geh, komm, ich führ dich hinein in die Stub.« »Ich kann's nit sehen!« »Die Mutter Hanna hat's fortgetragen.« Da streckte der Steinhauser seine Arme in die Nacht hinaus. »Komm, laß dich hineinführen zu deinem armen Weibl! Hättest doch alle Freud mit ihr teilen mögen. So mußt du ihr auch helfen, allen Kummer tragen!« »Ja, Bauer, hast recht! Das arme Weibl!« Als sie zur Haustür kamen, saß der traurige Jacho noch immer neben der Schwelle. Er weinte nimmer. Mit aufgerissenen Augen, die im Mondlicht flimmerten, glotzte er wie ein erschrecktes Tier die beiden Männer an. Beim Anblick des Irren überfiel den Steinhauser eine sinnlose Wut. »Narr, du verfluchter! So schrei doch und lach! Bei mir ist der Tod daheim. Warum hast du weinen müssen? Und hast mich hoffen lassen auf eine Freud?« Er wäre über den Irrsinnigen hergefallen, wenn es Greimold nicht verhindert hätte: »Laß den armen Teufel in Ruh! Aller Verstand im Leben geht irr. Da darf auch die Narrheit einmal danebengreifen.« Der traurige Jacho hatte sich erhoben, stumm und scheu. Während er davontrollte wie ein Betrunkener, klirrte bei jedem Schritt die Kette an seinen Lenden. Und der Steinhauser, der sich von Greimold in die Stube führen ließ, ging einem neuen Schmerz entgegen. Zwei Tage später starb sein Weib. Als man die Tote auf dem Brett hinuntertrug ins Tal, schleppte der Steinhauser auf seinem Rücken einen schweren Pack, die fünf süßen Käse für den »Zwingpfaffen«. Das Weib sollte den Himmel nicht verschlossen finden, »weil der Papst mit dem Kaiser rauft und die Kirchen versiegelt«. Der stille Zug ging durch den leuchtenden Sommerwald. Kein Jauchzer und kein Jodelruf des traurigen Jacho. Auf Steinwurfweite kam der stumme Narr hinter dem Zuge hergeschlichen. Mit beiden Armen drückte er das Eisenkreuz an seine Brust, und aus den rot geränderten Augen tropften ihm große Tränen über den weißen Bart.   Gleich einem ahnungslosen Kind, das von einer schützenden Hand vorübergeleitet wird an gähnender Tiefe, wandelte Jutta mit dem träumenden Lächeln ihres blinden Glückes an dem schweigsamen Schmerz vorüber, der Haus an Haus mit ihrem Vater wohnte. Ihre feinen Sinne, die sonst auf jeden Laut und jeden Schritt geachtet, schienen nur noch auf ein einziges gerichtet. Die Zeit, welche »Irmi der Jäger« an ihrer Seite verbrachte, war ihr heller Tag. Die Einsamkeit, in der sie sein Kommen erwartete, war ihre dunkle, träumende Nacht. Je näher der Sommer dem Herbste rückte, desto häufiger kam Irimbert vom Tal heraufgestiegen zum Gotteslehen. Als das Grün der Buchen schon zu welken anfing, kam er jeden Tag. Wie ein wunschlos Glücklicher hatte er die blühende Schönheit dieses Sommers an Juttas Seite genossen, die Plauderstunden im Schatten der Ulme, droben im Lugaus und im Dämmerspiel des Waldes. Je näher die Tage des Herbstes kamen, desto mehr befiel ihn sorgende Unruh. Was aus seinem eigenen Leben werden sollte, danach fragte er mit keinem Gedanken. Sein Dasein erfüllte sich in der zärtlichen Sorge für dies holde Kind, dem er das Glück der sehenden Augen zu bringen hoffte. Dann mochte sein eigenes Leben versinken oder dauern, wie es wollte. Was mit verschwiegener Sehnsucht in seiner Seele zitterte Tag und Nacht, würde sich das erfüllen? Er duldete in sich keinen Zweifel an diesem Glauben. Die Kunst des Arztes durfte nicht versagen, das Wunder dieser Heilung mußte Wahrheit werden. Aber wird dann auch alles andere so kommen, wie es sein erster Gedanke ihm gezeigt hatte? Wird Jutta den Freudenrausch, der im Sehen liegt, so tief empfinden, wie er selbst ihn fühlte? Wird ihr die Flut des Lichtes, die Wahrheit des Lebens und der Erde so schön und wertvoll gelten, daß sie für den leuchtenden Gewinn das kindliche Dämmerglück ihrer Blindheit geben konnte, lächelnd, ohne zu verlieren? Wird ihr dieses neue, helle Leben so vieles bringen, daß sie ohne Schmerz vergessen konnte, was sie einst besaß? Auch jenen vergessen, der ihr Freund und Bruder war? Wenn nicht? Was dann? Diese zweifelnde Sorge wollte nicht mehr zur Ruhe kommen. Eine Enttäuschung hatte er schon erfahren müssen, und sie hatte diese Sorge in ihm geweckt. »Ich muß sie vorbereiten auf den sehenden Tag, er darf ihrem erschlossenen Auge nicht plötzlich kommen, nicht unvermittelt und erschreckend.« So hatte er begonnen, die unklaren Begriffe ihrer träumenden Blindheit den wirklichen Dingen des Lebens näherzubringen. Doch auf jedem Wege der Erkenntnis, den er sie führen wollte, begegnete er immer wieder einer Schranke ihres kindlichen Glaubens. Sie konnte den Tod nicht begreifen, nur das Leben, nicht die schreiende Not der Menschen, nur die stille Freude. Sie wollte nur die Stunde genießen, in der ihre Hand in der seinen lag, den Duft der Blumen atmen, die er brach für sie, und dem Klang seiner Stimme lauschen. Alles Schöne verstand sie. Wollte er sie über das Blumenfeld ihrer Träume hinübertragen zur Erkenntnis einer schmerzlichen Wahrheit, dann sah er auf ihrem Gesicht ein neues Erschrecken. Und da verstummte er, um ihr nicht weh zu tun. Sprach er wieder, so ließ er sie die schönen Bilder schauen, die sie sehen konnte, sehen wollte. So wurde er für ihre gläubige Seele zum Schöpfer einer Welt von makelloser Schönheit, in der kein Schatten grinste, nur die Freude lächelte. Diese Welt war bevölkert mit guten Menschen, und über dem Blau des Himmels wohnte ein freundlich waltender Gott. Sprach er so und sah er das glückliche Leuchten ihrer Augen, dann überkam es ihn oft, als könnte er selbst an die schattenlose Schönheit glauben, die seine Zärtlichkeit vor ihrer schauenden Seele erstehen ließ. Als es Herbst geworden, erkannte Irimbert mit ratloser Sorge, daß er, statt Jutta vorzubereiten für den sehenden Tag, in ihrem Herzen einen Glauben erzogen hatte, der nicht bestehen konnte, wenn ihre Augen sehend wurden für die Wahrheit des Lebens. Es kam der Michelstag. Mit einem Morgen in Glanz und Farben. Irimbert saß wartend bei der Achenbrücke, dort, wo Herrn Wietings Zelt gestanden. Mit brennenden Augen, von wühlender Sorge erfüllt, spähte er über die Salzburger Straße hinaus. Stunde um Stunde. »Wenn er nicht käme?« Diesen Gedanken empfand er wie eine Freude, die er sich selbst nicht eingestehen wollte. Mittag war schon vorüber, als er einen Reiter auf staubigem Maultier erscheinen sah. Wie in einer Gewitternacht beim zuckenden Strahl eines Blitzes inmitten der Finsternis plötzlich eine schöne Landschaft in klaren Farben aufleuchtet, so zuckte es ihm mit hellem Trost durch die Nacht seiner Sorge: Sie wird sehen! Licht ist Glück und Freude. Und der schöne, reine Glaube, der ihre Seele erfüllt, ist so unerschütterlich, daß ihn keine Wahrheit des Lebens zerstören kann! Sie wird sehen und kann nur gewinnen, nicht verlieren! Der Reiter war über die Brücke gekommen, verhielt das Maultier und blickte suchend umher. Es war ein Mann mit bleichem und ernstem Gesicht, das ein schwarzer Bart umkräuselte Seine Augen waren klar und klug, doch sie hatten einen scheuen Blick. Sein Rücken war gekrümmt, als wäre ihm die Demut in den Knochen erstarrt. Er trug eine hohe Pelzmütze und einen langen braunen Rock mit dem gelben Judenfleck. Vor seinen Knien hing ein Zwerchsack über den Sattelknauf. Irimbert war auf den Reiter zugetreten. Die Erregung erstickte ihm fast die Stimme. »Bist du Josephus, der Arzt aus Regensburg?« Der Fremde betrachtete den Jäger mißtrauisch. »Herr Irimbert von Immhof?« »Der bin ich.« Der Mann wollte aus dem Sattel steigen. Irimbert faßte den Zügel des Maultiers. »Bleib nur! Ich führe dein Tier.« Da sah er, daß das Gewand des Mannes beschmutzt und zerrissen war. »Bist du gestürzt?« Josephus schüttelte den Kopf, und ein bitteres Lächeln huschte um seinen Mund. Statt zu antworten, deutete er nur auf den gelben Fleck an seinem Rock. Dunkle Röte stieg in Immhofs Stirn, während er dem Juden die Hand reichte. »Ich dank Euch, Josephus, daß Ihr gekommen seid!« »Dank? Wozu? Bin ich doch bezahlt! Wie ein Fürst hat er gezahlt, Euer Sendmann. Besser wie ein Fürst. Ich kenn Fürsten, die schuldig bleiben.« »Hat Euch Herr Wieting alles gesagt?« »Er hat mir viel gesagt.« »Hofft Ihr, das Mädchen heilen zu können?« »Erst muß ich sehen die Augen.« Das Maultier führend, eilte Irimbert dem Bergwald zu. Immer hastiger steigend, schleppte er das träge Tier am Riemen hinter sich her, bis er selbst eine Weile rasten mußte, weil ihm der Atem versagte. Als sie die Wiesen vor dem Gotteslehen erreichten, begann sich die flutende Sonnenhelle mit abendlichem Glanz zu färben. Glitzernde Fäden, gleich schimmergewordenen Traumgedanken, schwammen in der klaren Luft. Am Hagtor war die Schlagbrücke hochgezogen. Während Josephus aus dem Sattel glitt, pochte Irimbert mit dem Kolben der Armbrust an die Bohlen. Man hörte die trällernde Stimme der Helgard, dann senkte sie die Brücke mit rasselnden Ketten. Beim Anblick des Fremden machte das Mädel verwunderte Augen. »Helgard!« Irimbert vermochte kaum zu sprechen. »Führe das Maultier in den Stall! Dann steig hinauf zu den Alben und hole den Hauswirt heim!« »Der ist drunten im Wald. Heut, am Michelstag, haben sie heruntergetrieben zur Waldhut.« »Hole den Hauswirt! Schnell!« »Was ist denn?« fragte Helgard, die zitternde Erregung des Jägers erkennend. »Wird doch kein Unglück sein?« Irimbert eilte schon mit Josephus dem Tor der Mauer zu. Da gewahrte Helgard den gelben Tuchfleck am Gewand des Fremden. Sie spuckte auf den Weg, den er gegangen. Um den Zaum des Maultieres zu fassen, hüllte sie die Hand in eine Falte ihres Rockes. Im Haus begann die weiße Zenta zu bellen. Irimbert trat in die Herdstube, während Josephus auf der Schwelle stehenblieb. Mit glücklichem Lächeln, von der Sonne umflossen, die durch das offene Fenster strahlte, kam Jutta dem Jäger entgegen. »Ich hab dein Pochen gehört. Wie lang das gedauert hat vom Hagtor bis zu mir!« Wortlos umfaßte Irimbert die Hand des Mädchens. Zenta lärmte noch immer, als wäre ein böser Störenfried ins Haus getreten. Heiter begann die Blinde zu schelten: »Weiße! Was willst nur? Das ist doch der Irmi! Geh und leg dich!« Während die Hündin knurrend zum Herd hinüberschlich, hob Jutta lauschend das Gesicht. »Irmi? Da muß noch einer sein!« »Ja.« Das Wort erstickte ihm in der Kehle. Sie erschrak. »Was hast du? Deine Hand zittert.« »Nein, Juttula, meine Hand ist ruhig.« »Aber wie du redest?« »Das ist nur, weil ich so rasch gegangen bin.« Sie nickte lächelnd, als verstünde sie das. Die großen Augen nach der Tür richtend, fragte sie: »Wer ist das?« »Ein Freund.« »Gottes Gruß, lieber Mann!« »Ich hab ihm erzählt von dir. Und neulich sah er dich im Wald. Nun will er nicht glauben, daß du blind bist.« Sie nickte gegen die Tür. »Ja, Mann, ich bin blind, schon seit ich ein Kindl gewesen.« »Darf er deine Augen sehen?« »Gern!« Sie lachte. »Komm nur, Mann, und schau!« Die weiße Zenta fing wieder zu knurren an, als Josephus von der Tür kam. In lateinischer Sprache sagte er leis zu Irimbert: »Puella veluti verna dei cogitatio!« – Ein Kind wie ein Frühlingsgedanke Gottes! Und völlig ein anderer schien er geworden. Sein Gang war aufrecht, sein Auge ruhig, und freundliche Milde hatte den herben Ernst seiner Züge gelöst. Irimbert atmete auf, als hätte der veränderte Anblick des Arztes die Hoffnung, die ihn erfüllte, noch gesteigert. Schweigend trat er zurück. Was hier geschah, erschien ihm wie eine heilige Handlung, die keine Störung duldete. Mit beiden Händen hatte Josephus sanft das Gesicht der Blinden umschlossen und gegen das Licht gewendet. Lange betrachtete er die matt verschleierten Augen. Nun machte er mit beiden Daumen eine rasche Bewegung. Die Blinde zuckte unter leisem Schmerzenslaut zusammen. Aber sie sagte gleich: »Es hat gar nit weh getan.« Josephus lächelte. »Es hat getan sehr weh. Und das ist gut.« Er nickte zu Irimbert hinüber und sagte ruhig: »Sanari potest!« – Ihr Leiden ist heilbar! Irimbert erblaßte. Immer hatte diese Hoffnung in seinem Herzen gewohnt wie fester Glaube. Dennoch stürmte dieses erlösende Wort auf ihn ein, als sollte geschehen, was ihm unmöglich erschien. Er stand einen Augenblick wie gelähmt. Dann eilte er unter jubelndem Laut auf die Blinde zu und umschloß sie mit den Armen. »Irmi?« stammelte sie erschrocken. »Um Christi Lieb! Was ist dir?« »Wie soll ich es sagen! Nicht erschrecken sollst du! Was dieser Tag dir gibt, ist namenlose Freude. Der Freund, den ich brachte, ist Josephus, ein Arzt. Er wird dich heilen, wird deine Augen dem Licht erschließen. Du wirst sehen, Juttula! Sehen! Sehen!« Ihr Gesicht war weiß wie ein Linnen. Von heftigem Zittern befallen, klammerte sie sich an seinen Arm. Nur langsam erwachte in ihr das Verständnis seiner Worte, die ihre lauschende Seele überschütteten wie mit einem Rausch der zärtlichsten Freude. Ihre Wangen färbten sich, und aus den groß geöffneten Augen drang ein Leuchten, als hätte sich der Schleier dieser verdunkelten Sterne schon jetzt gelöst und dem Licht erschlossen. »Sehen! Dich sehen! Dich!« Alle Seligkeit eines menschlichen Herzens war in diesem hauchenden Laut. »Dich sehen! Und den Vater! Die guten Menschen alle! Das blaue Himmelsdach und den grünen Wald! Die schöne, schöne Welt! Irmi, hilf mir! Ich kann's nit tragen allein. So viel Freud ist das!« Sie vergrub das Gesicht an seiner Brust. Schritte klangen in der Hofreut. »Vater!« Mit hellem Schrei fuhr Jutta auf. »Der Vater! Das ist der Vater!« Greimold, der in Schreck diesen Schrei vernommen hatte, erschien mit blassem Gesicht auf der Schwelle. Da sah er sein Kind mit lachendem Jubel die Arme nach ihm strecken. Als er die Blinde umschlungen hielt und die Botschaft des Glückes hörte, das dieser Tag dem Leben seines Kindes und seinem eigenen Herzen versprach, wußte er sich vor Freude kaum zu fassen. »Bub! Lieber Bub! Das hast mir du gebracht! Allen Sonnschein in meinem Haus hast du mir gegeben. Und meinem Kindl hast du ein neues Leben geschenkt.« Irimberts Augen leuchteten. Aller Zweifel war gelöst in ihm, alle Sorge beschwichtigt, und Ruhe war in seinem Herzen, schöne, glückliche Ruhe. Greimold gebärdete sich wie ein Berauschter. Dem Josephus zerquetschte er fast die Hände. Und die Helgard schickte er gleich wieder hinunter zur Waldhut. »Sag den Sennleuten, daß sie heim treiben morgen in aller Früh! Wenn das Hauskind den sehenden Tag erlebt, müssen die Heimleut dabei sein! Alle müssen dabei sein, die meinem Kindl gut sind.« Es galt auf diesen Tag noch ein Warten in heißer Ungeduld. Josephus brauchte eine Woche, um die kranken Augen für die Heilung vorzubereiten. Auch war ihm die Zeit zu sonnig; man mußte einen Morgen mit trübem Himmel und schwachem Licht erwarten. Dann war es Greimold selbst, der die Stunde der Heilung in abergläubischer Sorge verzögerte. »Jetzt ist der Mond im Schwinden. Es kann doch in solcher Zeit ein Heilwerk nie gelingen. Wartet, bis der Mond im Wachsen ist!« Lächelnd fügte sich Josephus. Inzwischen war es auf dem Vordereck schon von einem Gehöft zum anderen gedrungen: »Ein Jud ist da. Der will dem Kindl im Gotteslehen das Augenlicht wiedergeben.« Auch drunten im Jägerhause wußten sie es längst. Eines Tages, als Mutter Hanna mit Hilpot von der Sache schwatzte, sagte er: »Da muß ich hinauf. Wenn das gute Kindl zum Licht erwacht, muß ich dabeisein.« Mutter Hanna schüttelte den Kopf. »Bleib lieber daheim! Da tätest du nur sehen, wie ein neues Weh für das Kindl anhebt.« Das wollte der Alte nicht verstehen. »Neues Weh?« »Weil die Freud ein selten Ding ist. Und weil ich weiß, was ich weiß. Bleib lieber daheim! Und vergiß nit, daß du ein Mann des Klosters bist. Was geht dich der Gotteslechner an?« »Zwischen dem Kloster und dem Gotteslechner ist Fried.« »Wie lang?« Mutter Hanna hob die tanzende Spindel. »Sei gescheit! Und verhehl's vor unserem Buben, was droben geschieht! Er soll der unsrige bleiben.« Das hinderte den Alten nicht, auf dem Heimweg von jedem Pirschgang an das Hagtor des Greimold zu pochen. Nur das Versprechen, vor seinem Buben zu schweigen, hielt er. Dieses Schweigen wurde ihm leicht. Wenn Reinold daheim bei den Eltern war – er kam in der letzten Zeit fast jede Woche einen Tag, denn die Falken waren in der Mauser, und Herr Friedrich hielt sich wie ein Gefangener seiner selbst in die Stube eingeschlossen –, so ging Mutter Hanna ihrem ausgewachsenen Sorgenkind keinen Schritt von der Seite. Eines Tages, als der Oktober schon in die vierte Woche ging, kam Reinold atemlos aus dem Tal heraufgestiegen. Am Waldsaum traf er den Vater. »Ist es wahr, daß im Gotteslehen ein Jud ist, der dem Hauskind droben das Licht wiedergeben will?« »Woher weißt du das?« »Drunten im Kloster sagen sie's. Der Bruder Medardus hat's heimgebracht von einer Zinsfahrt.« »Der kommt hinter alles!« brummte der Alte. »Und daß hinter dem Gotteslechner ein Erbkind bleiben soll, das lichte Augen hat und für das Leben einen jungen Hausmann suchen kann, das taugt ihnen nit, denen im Kloster?« »Ist's wahr, Vater?« »Ich soll nit reden drüber. Aber weil du's eh schon weißt: Ja, es ist wahr.« Die Augen des jungen Falkners glänzten, als wäre diese Wahrheit für ihn eine Hoffnung. »Vater? Wann soll das sein?« »Von heut an in drei Tag, wenn der Mond ins Wachsen kommt.« Da klang vom Haus herüber die Stimme der alten Hanna: »Bub! Die Mutter ist auch noch da.« Als sie die Hand des Sohnes in der ihren hielt, fragte sie mißtrauisch: »Was hast du geredet mit dem Vater?« »Vom Kloster. Und daß ich harte Zeit hab. Der Herr ist übellaunig, wie er nie gewesen.« Zärtlich strich ihm die Mutter mit der welken Hand über das Blondhaar und tat ihm an diesem Tag zuliebe, was ihre Sorge nur ersinnen konnte. Als er am Abend ging, ein wenig angeheitert vom Met und satt für eine Woche, fragte sie: »Wann hast du wieder freien Tag?« »So bald nimmer!« Er lachte, als wäre eine heimliche Freude in ihm. »Der Weißfalk hat bald ausgemausert, Herr Friedrich kann's eh schon nimmer erwarten, und da geht's dann hinter den wilden Enten her, bis der Schnee fallt.« Während er hinunterstieg durch den roten Herbstwald, hörte Mutter Hanna noch lang die singende Stimme. Drei Tage später, als der Mond im Wachsen war, machte Hilpot sich schon am frühen Morgen zu einem Bergweg fertig. Mutter Hanna ließ ihn ziehen, ohne ein Wort zu sagen. Sie wußte, wohin er ging. Aber sie wußte auch, daß ihn keine Widerrede halten würde. »Soll er halt gehen! Weil nur der Bub nichts weiß und weit davon ist!« Der Morgen war trüb. Mit grauer Ruhe hing der Herbstnebel über dem Bergwald – ein Morgen, wie ihn Josephus sich gewünscht hatte. Als Hilpot zum Gotteslehen kam, stand Helgard als Pförtnerin bei der Schlagbrücke. Den Jäger ließ sie durchschlüpfen; den Männern und Weibern, die aus der Nachbarschaft zusammengelaufen waren und das »Wunder des Juden« gern gesehen hätten, verwehrte sie den Eintritt. Hilpot eilte dem Haus entgegen. Drüben bei der Ulme sah er einen sitzen, grau, vom Nebel umflossen. Die scharfen Augen des Alten vermochten noch zu unterscheiden: Der trägt das Jägerkleid und hat weißes Haar. Da lief er in Freude hinüber. »Herr! Du!« Die Stirn auf die Hand gestützt, saß Irimbert so versunken in Gedanken, daß er Schritt und Stimme des Alten nicht hörte. Verwundert betrachtete ihn der Jäger. »Lieber Herr, was ist dir?« Wie ein Erwachender blickte Irimbert auf. »Herr? Warum bist du allein? Du, der dem Greimold und seinem Kind den heutigen Tag gegeben hat? Du solltest in Freuden dabeisein, wenn's geschieht! Warum trauerst du?« Ein müdes Lächeln. »Hast du nicht auch den Frühling lieb? Und den leuchtenden Sommer?« »Freilich, wohl!« »Wird dir nicht auch die Seele bang, wenn das Schöne versinkt, und es kommt der Winter, der alles zerdrückt, was dir geblüht hat?« »Freilich! Aber der Nebel von heut, der schadet nit. Weit ist der Winter freilich nimmer. Aber sonnschöne Zeiten kommen noch allweil. Und wie magst du heut an Wetter und Winter denken?« »Ja, guter Hilpot, da hast du recht! Geh nur! Und willst du mir was zuliebe tun?« »Alles, Herr!« »So bleib im Hause, bis Josephus sagt: Es ist gelungen. Dann komm und sag es mir!« Irimberts Stimme drohte zu erlöschen. »Und gleich mußt du kommen! Noch bevor es der Greimold mir sagen will.« »Ja, Herr«, stammelte der Alte, »ich lauf, was ich laufen kann!« An den Stamm der Ulme gelehnt, blieb Irimbert allein und blickte hinaus in den grauen, unbeweglichen Nebel. Die glückliche Ruhe, die jene beiden Wörter des Arztes: »Sanari potest« ihm in die Seele gegeben, wo war sie hin? Nur schmerzvoller Sturm noch in seinem Herzen. Jetzt, da für Jutta das helle Leben gewonnen war, mußte er auch des Lebens denken, das ihn selbst erwartete, einsam, geschieden von Glück und Freude. Nicht in der Nacht seiner Mauer, nicht im Jubel des Wiedersehens, in keiner von den träumerischen Sonnenstunden dieses Sommers hatte er es so tief empfunden wie jetzt, daß jede Fiber seines Lebens an dem holden Geschöpf hing, nicht wie das Herz des Bruders an der Schwester hängt, sondern mit der dürstenden Liebe des Mannes. Jetzt war es in ihm, dieses »einzig Göttliche im Menschen«, diese Flamme, aus der die Ewigkeit des Lebens steigt! Und war Feuer, das nicht wärmen durfte, nicht Leben schaffen, nur brennen, genährt von Sehnsucht, die sich nie erfüllen konnte. Zwischen seiner Liebe und allem Glück, nach dem sie dürstet, liegen tiefe Wasser, die nie verlaufen, hohe Berge, die nicht fallen. Nur diese letzte Freude noch hören: »Ihre Augen sind sehend geworden, ihr neues Leben hat begonnen!« Fort ohne Abschied, hinunter ins Tal, von der Höhe seines Sommerglückes in den Winter seines Lebens, der atmender Unzweck sein wird, Frieren und Dürsten! Drüben am Hagtor rasselten die Ketten der Brücke. Mit grobem Schelten hatte Helgard die Neugierigen fortgeschickt. Und als sie wieder einen mit langen Sprüngen vom Wald heraufkommen sah über die nebeligen Wiesen, trat sie flink an den Kettenhaspel und zog die Brücke auf. Da rief eine atemlose Stimme: »Gardli! Tu auf und laß mich ein!« Als Helgard die Stimme erkannte, wurde sie blaß. »Warum kommt er? Heut?« Zornig lachend wollte sie schon an der Kettenwinde den Riegel schließen. »Gardli«, bettelte die Stimme draußen, »tu's mir zulieb!« Da warf sie den Riegel zurück und ließ die Kettenwinde laufen, daß die Brücke fiel. »Vergelt's Gott!« Mit diesem kurzen Dank wollte Reinold an Helgard vorüberspringen. Sie haschte seine Hand. Sprechen konnte sie nicht Ihre heißen Augen redeten deutlich. Es hätte für ihn nur eines Blickes bedurft, um zu verstehen. Aber Reinold schien es eilig zu haben. »Laß aus!« Unwillig befreite er seine Hand und rannte dem Haus entgegen. Helgard ballte die Faust; doch sie konnte dem schmucken Buben im Ernst nicht böse sein; er hatte ihr allzu gut gefallen, heute mehr als je! Wie er sich aufgeputzt hatte! Sein bestes Gewand und auf der Kappe ein Sträußl neben der Schwanenfeder! Gleich bunten Flügeln wehten die gezahnten Prunkärmel hinter ihm her, und das lockige Blondhaar flatterte um seinen Nacken. Als Reinold in den Hausflur treten wollte, kam der Gotteslechner aus der Tür gestürzt. Mit dem Ellbogen schob er den Falkner beiseite, schien ihn gar nicht zu kennen, wollte nur freien Weg haben. »Irmi! Irmi!« rief er und rannte über den Hof, hinüber zur Ulme. »Irmi! Irmi!« Irimbert sprang erschrocken auf. »Greimold? Die Heilung ist mißlungen?« »Nein, Bub! Es ist noch gar nit geschehen. Allweil fragt sie nach dir, allweil suchen ihre Hand. Der Josephus meint, sie tat ruhiger sein, wenn du bei ihr bist!« »Komm!« Sie eilten ins Haus. Dem Gotteslechner voran, trat Irimbert in die Herdstube. Bei Juttas Anblick überkam es ihn, als wollten ihm die Sinne schwinden. Am Erker waren die Läden geschlossen, die Fenster noch mit dunklen Tüchern verhängt. Nur ein einziges kleines Fenster stand offen. Und der Altsenn war schon mit einem Tuch bereit, um auf einen Wink des Arztes auch hier das Licht zu dämpfen. Umflossen von dem matten Nebelschein des Morgens, der durch das kleine Fenster in die Stube drang, saß Jutta in einem Lehnstuhl, Brust und Schultern von weißem Linnen umhüllt. Fast so weiß wie dieses Tuch war ihr Gesicht, aus dem ein zitterndes Spiel von Angst und Hoffnung redete. Beim Klang des Schrittes, der sich von der Tür näherte, schien alle Angst in ihr zu schweigen. Und als sie die Hand des Freundes gefunden, war sie ruhig und konnte lächeln. Mit Sorge sah Irimbert die vielen Menschen in der Stube. Außer Greimold und dem Altsenn waren noch die vier Junghirten und Ruglind da, der Steinhauser im Herdwinkel, die Helgard bei der Tür und neben Hilpot der junge Falkner. Ob die nicht stören würden? Josephus, der ein Stück Linnen zu einem Bausch zusammendrückte und in Wasser tauchte, schüttelte den Kopf. »Sie sollen bleiben«, sagte er, »wir schwachen Menschen werden tapfer, wenn wir wissen, man sieht uns.« Er legte das nasse Leinen auf die Lehne des Sessels, in welchem Jutta ruhte, trocknete die Hände, faltete aus schwarzem Tuch eine Binde und begann in einem Kästl zu kramen, das er aus dem Zwerchsack genommen. Irimbert meinte in der Hand des Arztes ein blitzendes Ding zu sehen, und da rann es ihm wie Eis durch Herz und Adern. Doch als Josephus mit ruhigem Lächeln zum Sessel kam, schienen seine Hände leer zu sein. »Bist ein tapferes Mägdlein, du! So tapfer ist gewesen noch keine!« sagte er scherzend. »Komm, laß mich noch einmal sehen deine Augen! Brauchst dich nit zu fürchten! Jetzt tu ich noch nichts. Ich will nur sehen –« Er beugte sich über die Stirn der Blinden, hob mit den gespreizten Fingern seiner linken Hand die Lider von ihren Augen. Und da blitzte es zweimal in seiner Rechten. Ein Seufzer – ein leiser Schrei. Und während Josephus hastig die feuchte Leinwand über Juttas Augen legte, rief er dem Mann beim Fenster zu: »Das Tuch übers Licht!« Das Fenster war verhängt. Sanftes Zwielicht in der Stube. Und Schweigen ohne Laut. Jutta atmete schwer, die Hände zitterten in ihrem Schoß. Da fragte Josephus: »Hat es getan sehr weh?« Sie wollte sprechen. Nur ihre Lippen bewegten sich. »Sag, Mägdlein! Wie ist dir?« »Mir ist gewesen, als war mir die Sonn ins Herz gefallen.« Da wandte Josephus das Gesicht über die Schulter und sagte zum Gotteslechner: »Mann! Dein Kind ist nimmer blind.« Er löste das Tuch von Juttas Augen und strich ihr mit dem Leinen sanft über die Wangen, wie um zwei Tränen fortzuwischen. Eine Weile saß sie unbeweglich wie in namenlosem Staunen. Nun ließ sie den zögernden Blick über die schweigenden Menschen gleiten. Ein Leuchten ging über ihr Gesicht. Ein erstickter Schrei. Sie streckte die Arme nach dem jungen Falkner. »Ich seh dich, Irmi, ich seh dich!« Reinold lachte ein bißchen dumm. Und bei der Tür machte Helgard eine Bewegung, als möchte sie schreien: »Der ist es nit!« Jetzt klang in Freude eine Stimme: »Kindl! Mein Kindl, mein liebes!« »Vater! Wo bist du?« Da stand ein Mann vor ihr, mit altem Gesicht und grauem Haar. Den kannte sie nicht. Sie wollte den Vater sehen. »Vater! Vater!« Ihre Augen suchten. Und plötzlich erschrak sie in tiefster Seele. Sie sah ein bleiches, abgezehrtes Gesicht, von weißem Haar umhangen, mit Augen, in denen der Gram wie Feuer brannte. Wehrend streckte sie die Hände und stammelte: »Der Schmerz!« Josephus legte ihr die schwarze Binde um die Augen. Sie atmete auf, als wäre ihr wohl in diesem Dunkel. »Irmi?« Sie fühlte seine Hand, sie hörte seine Stimme: »Ich bin bei dir!« Aber wie diese Stimme klang! Ganz erloschen! »Bist du auch erschrocken?« fragte sie. »Hast du ihn auch gesehen?« Sie hörte keine Antwort. Nur den Josephus hörte sie sagen: »Mägdlein, jetzt mußt du dich ruhig halten!« Er reichte ihr einen Trank, der ihr den Schlummer bringen sollte. Dann schickte er die Leute aus der Stube. Der Vater und Irimbert durften bleiben. An dem kleinen Fenster, das nur verhängt war mit dem Tuche, wurde der Laden geschlossen. Den Eingang verhüllte man mit dickem Loden, damit kein Schimmer von Licht, wenn die Tür geöffnet wurde, in die Stube dringen könnte. In diesem Dunkel sollte Jutta eine Woche bleiben, immer mit der Binde vor den Augen. Sollte die Heilung nicht gestört werden, so durfte kein Tageslicht zu ihr in die Stube dringen. Schon die trübe Dämmerung, in der sie sehend geworden, war schmerzende Helle für sie geworden. Ein Sonnenstrahl, der vorzeitig ihre Augen träfe, würde sie blenden für Lebenszeit. Das schärfte Josephus dem Gotteslechner ein. Dann verließ er die Stube. Drüben bei der Tenne schürte er, wie seit Wochen an jedem Tag, ein kleines Feuer an, setzte einen Dreifuß über die Flamme und kochte in irdenem Topfe sein Mahl.   Die Heimleute, der alte Jäger und Reinold, die unter erregtem Schwatzen noch beisammen in der Hofreut standen, spähten immer wieder zur Tenne hinüber. Der Altsenn meinte: »Ich glaub's nit, der ist kein Jud! So ein Heilwerk ist wie Wunder. Das bringt doch nur ein guter Christ mit Gottes Beistand fertig.« Dann wieder schwatzten sie von der »lieben sehenden Zeit«, der das Hauskind entgegenging. Sogar dem Steinhauser huschte ein Lächeln über die vergrämten Züge. »Die wird eine Zeit haben, daß sie meinen könnt, es war der Kaiser schon aufstiegen aus seinem Berg!« »Und du«, sagte der Junghirt zu dem Falkner, »du kannst dir was einbilden, weil du der erst gewesen bist, den sie sehen hat mögen.« Reinold nickte stolz. Es schien seine Freude nicht zu stören, daß ihm Helgard unter heiserem Gelächter den Rücken kehrte. Da trat der Gotteslechner aus dem Haus. Seine Sennen drückten ihm die Hand, einer nach dem andern. Er war noch bleich. Aber mit dem Lachen eines Glücklichen sagte er: »Dank schön, ihr guten Leut! Ich weiß, meine Freud ist die eurig, wie's meine Not gewesen. In meinem Haus ist's worden wie heut am Tag, aller Nebel vergeht, und liebe Sonne ist über uns. Jetzt muß ich hinüber und muß dem Josephus mein Vergelt's Gott sagen!« Er ging zur Tenne. Reinold hatte den Vater beiseite gezogen: »Ich muß mich tummeln, daß ich hinunter komm. Sag's der Mutter nit, daß ich dagewesen bin. Sie könnt sich sorgen.« »Ich lüg nit. Jetzt bist du dagewesen, jetzt soll sie's wissen. Warum denn Sorg? Du hast doch von deinem Herren Verlaub gehabt?« Reinold wurde verlegen. »Freilich, freilich!« Und lachend sprang er davon. Beim Hagtor stand die Helgard, mit dem Rücken die Kettenwinde deckend. Wie eine zehrende Flamme hing ihr Blick an dem schmucken Buben. »Tu die Schlagbruck nieder«, sagte er, »ich muß mich eilen.« Sie schwieg und rührte sich nicht. »Hörst du nit? Meinen Weg tu auf!« Da lachte sie. »Wie herrisch er redet! Weil ihn das Hauskind zwischen Licht und Nacht verwechselt hat mit einem andern?« Wieder lachte sie. Er wurde rot vor Ärger. »Red nit solchen Unsinn, du!« »Hat sie nit Irmi zu dir gesagt?« »Den sie gesehen hat in Freud, der bin ich gewesen.« »Den sie lieb hat, das ist der ander. Und ich tu ihr die Augen auf. Das tu ich. Heut noch!« »Tu, was du magst! Wenn mich die Juttla wieder sieht, wird sie schon Reini sagen. Daß mir der ander den Weg nit verlegt, da ist was gut dafür. Und du? Geh lieber ins Haus und bleib in der schwarzen Stub! Die Sonn scheint, da wachsen die Rosmucken.« Unsanft schob er das Mädel beiseite und schlug an der Kettenwinde den Riegel zurück. Laut rasselnd stürzte die Brücke nieder und fiel mit dumpfem Schlag über den Graben hin. Das machte einen Lärm, der in die dunkle Stube drang. Jutta erwachte aus ihrem unruhigen Schlummer. Als hätten böse Träume ihren Schlaf gequält, so angstvoll klang ihre Stimme. »Irmi?« »Ich bin bei dir!« Er nahm ihre suchende Hand. »Einen Berg hab ich gesehen. Der ist gefallen und hat die Alben zugedeckt und die Blumen und unser Haus und dich und mich. Das ist ein Lärm gewesen, als ob es wettern tat.« »Du hast geträumt. Was dich weckte, war der Lärm, den draußen am Tor die Brücke machte.« Da fragte sie: »Ist er fortgegangen?« »Wer?« »Der mir so weh getan hat in den Augen.« »Meinst du –« Seine Stimme versagte. »Meinst du den Josephus?« »Ich weiß nit, wen ich mein!« Sie schlug den Arm um seinen Hals, und er fühlte, daß sie zitterte an allen Gliedern. »Wo ist der Vater gestanden?« »Er stand vor dir und streckte die Arme.« »Nein, du! Der mich nehmen hat wollen, den kenn ich nit. Und wer sind die fremden Leut gewesen? Warum ist keins bei mir gestanden. Nur du! Dich hab ich gleich gesehen. Das ist Freud gewesen, ich kann's nit sagen!« Zitternd schmiegte sie sich an seine Brust. »Wie das nur sein hat können, daß ich dich gesehen hab und den anderen auch? Kann er denn sein, wo Glück ist?« »Wer?« »Der Schmerz. Du mußt ihn doch auch gesehen haben?« »Ja!« Das war ein Laut, daß Jutta erschrocken fragte: »Fürchtest du ihn auch?« Seinen Hals umklammernd, stammelte sie: »Wie hat er kommen dürfen? Hat ihn denn eins gerufen?« »Der ist immer da, wo Augen zum Licht erwachen. Er wohnt im Leben, und wir können ihn nicht verscheuchen. Das ist Wahrheit, die ich dir nimmer hehlen darf. Alle Schönheit und Freude des Lebens, die du sehen sollst, werden dich trösten. Da wirst du vergessen –« »Nein! Vor dem erschrickt die Freud. Sein weißes Gesicht ist traurig. Seine Augen haben mir weh getan. Den mag ich nimmer sehen. Lieber blind sein!« »Sei ruhig! Ich sorge dafür, daß du ihn nimmer siehst. Niemals wieder!« Er hörte in der Dunkelheit ihr leises Lachen. »Jetzt weiß ich es, Irmi! Wie der böse Lärm mich geweckt hat, ist er zum Tor hinausgegangen. Und du allein bist da! Nur du und meine Freud!« Unter dem Loden, der den Eingang verhüllte, hatte jemand die Tür geöffnet. »Greimold? Du?« »Ich bin's, die Helgard.« Irimbert hörte; wie sich die Magd zum Herdwinkel tastete. Jutta hatte das Geräusch der Tür nicht vernommen, nicht die flüsternden Stimmen. Nur einer war bei ihr! »Nur du und meine Freud! Ich seh dich allweil! Das ist, als wär's ein Trinken und doch ein Dürsten. Wie mir, so muß einem Menschen sein, der das Glück sieht. Seine Schwester, weißt du, die schöne Frau! Nein, du, die hauset nit in der Unterwelt. Die ist bei uns. Hätt ich die Augen nit verbunden, ich tät sie sehen. Alles an ihr muß sein wie Sonnenschein und Glanz. Das geht mir ins Herz. Das ist in mir so hell und süß –« Erschauernd drängte sie sich in seine Arme, an seine Brust. In Jubel und Qual empfand er es, das war nicht mehr die stille, wunschlose Liebe einer Schwester. Das war die Liebe eines Weibes, dessen Herz in Glut erwachte. Welche Stillung würde der sehende Tag dieser Sehnsucht bringen? Juttas erster Blick ist irrende Freude gewesen, der zweite sah den bleibenden Schmerz. Ein Zwiespalt ist in ihre Seele geworfen, den der sehende Tag verschärfen wird. Unselige Stunde, die ihm den Gedanken gab, ihre Augen sehend zu machen! Ihre Blindheit war treues Glück, ihr sehendes Erkennen wird Elend sein! Ruhig atmend lag sie an seiner Brust, und ihre Arme begannen sich zu lösen. War es das Übermaß der Freude, das ihre Kraft erschöpfte? Oder wirkte der Ruhetrank, den Josephus ihr gereicht hatte? Diesen Schlummer nützen? Und fort! Es erwachten Gedanken in ihm, die ihn erschrecken ließen vor sich selbst. Ob es nicht Wohltat für sie wäre, wenn die Heilung mißlänge? Ob seine Liebe nicht das Recht hätte, noch mehr, die Pflicht, ihr Leben zu wahren wider allen Schmerz, ihr die Binde von den Augen zu lösen, das Fenster aufzustoßen für die Sonne, ihr das Glück der Blindheit wiederzugeben? Da schrie es in seiner Seele: Gottesschänder! Willst du dich vergreifen am Heiligsten! Ist eines heilig an Welt und Leben, so ist es das Licht. Auch wenn es Schmerzen zeigt und Elend. Licht! Mit dem kleinsten Worte haben die Menschen das Größte genannt. Licht und Gott! Zwei Worte für die gleiche Kraft, nach deren Wesen die Menschen ewig forschen werden, ewig vergebens. Licht und Gott! Sie geben, und wir müssen nehmen: Schatten und Glanz, den Frühling und den Winter, Tod und Leben, den Schmerz und die Freude, das Grauen und die Schönheit! Wie ein Betender das Heilige küßt, mit scheuer Lippe, berührte Irimbert das Haar der Schlafenden und das schwarze Tuch. Sanft ließ er sie aus seinen Armen in den Sessel gleiten. »Helgard?« Aus dem Dunkel kam eine erloschene Stimme. »Jäger? Was willst du?« »Hüte ihren Schlummer!« Lautlos ging er aus der Stube. Als er hinaustrat ins Freie, mußte er die Augen schließen. Sie waren an die stundenlange Finsternis gewöhnt und ertrugen die Sonne nicht. »Menschenaugen!« Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es war der Gotteslechner. »Wie geht's dem Kind?« »Sie schläft, und die Helgard ist bei ihr.« Irimberts Stimme wurde rauh. »Greimold, ich habe mit dir zu reden.« Der Bauer lächelte, und stolze Freude glänzte in seinen Augen. »Ja, Bub! Ich hab mir's eh schon gedacht, daß du mir's heut noch sagen wirst. Komm, wir gehen hinüber zum Ulmenbaum! Das ist euer Lieblingsplätzl gewesen. Da sagst du es mir.« Er wollte den Arm um die Schulter des Jägers legen und sah das verstörte Gesicht, die gramvollen Augen. »Bub, was ist dir?« »Was ich dir zu sagen habe, ist anderes, als was du erwartest. Komm!« In wachsender Sorge sah Greimold zu dem Jäger auf, während sie hinaustraten durch das Mauertor und hinübergingen zur Ulme. Von den Heimleuten war niemand mehr in der Hofreut. Auch Hilpot und der Steinhauser waren gegangen. Der weite Platz vor dem Haus lag still in der Sonne, deren Glanz wie schimmerndes Gold um die Balkenwände und um die geschlossenen Fensterläden spielte. Drüben bei der Tenne saß Josephus neben dem erlöschenden Feuer auf der Erde, das Gesicht gegen Osten gewendet. Er hatte den Gebetsriemen um die Hand gewunden, und während seine Lippen sich flüsternd bewegten, glitt sein schauender Blick über das traumhaft schöne Bild der Erde hin, über den roten Buchenwald, über die Almen, die in der Sonne wie Kupfer glänzten, und über die steilen Wände und Zinnen, die eine Wetternacht der letzten Woche schon mit silberweißem Schnee überschleiert hatte. Die Mittagshöhe des Himmels, wo die Sonne stand, war klein und rein. Hinter dem Watzmann und seinen steinernen Kindern wuchsen, wie dunkle Gedanken aus einer zum Sturm erwachenden Seele, klumpige Nebel aus dem Blau heraus und sammelten sich über den Bergspitzen zu schweren Wolkenhauben. Eine Stunde mochte vergangen sein, als aus der Herdstube zwei Stimmen herausklangen in die Sonnenstille der Hofreut – eine Stimme dabei, die immer lauter wurde und sich erregte in Qual und Angst. Im Torbogen der Mauer erschienen Irimbert und der Gotteslechner, die von der Ulme kamen. Der Bauer ging gebeugt, mit dem Blick eines Menschen, dem eine Freude seines Lebens zerbrochen wurde. Unter dem Tor blieb Irimbert stehen und streckte dem Gotteslechner die Hände hin. »Greimold? Soll auf meinem bitteren Weg auch noch ein Vorwurf hinter mir gehen? Solltest du nicht verstehen können, wie alles kam? Und daß ich wider Willen zerstören mußte, während ich das Glück deines Kindes zu erschaffen hoffte?« Der Bauer hob das Gesicht. »Herr Immhof!« Er schüttelte den Kopf, suchte nach Worten, und plötzlich umklammerte er Irimberts Hände. »Nein, ich kann nit ›Herr‹ zu dir sagen! Laß mir das alte, liebe Wörtl ›Bub‹! Mein Bub, hab ich mir allweil dazu gedacht! Aber ich seh's ein, da liegen tiefe Wasser dazwischen und hohe Berg.« Er atmete, als läge ein Stein auf seiner Brust. »Daß ich dir harb sein könnt? Wie magst nur so was denken! Nur Gutes hast du in unser Leben gesät. Wie ein Samen aufgeht, das kann der Sämann nit zwingen. Ich bleib dir gut. Meinem Kindl, freilich, dem kommt ein sehender Tag, der härter sein wird wie jede Nacht. Aber gelt, wie du gehen hast wollen, so gehst du nit? Gib ihr noch einmal die Hand und laß ihr den Glauben: Morgen kommt er wieder! Ich will schon finden, was ich ihr morgen sag und übermorgen, einen Tag um den andern, bis der Josephus ihr das Tüchl von den Augen nimmt. Dann muß ich ihr freilich alles sagen. Mit Lügen muß man einem Blinden die Schmerzen trösten. Eins, das Augen hat, muß Wahrheit haben. Wenn's auch weh tut!« Erschrocken verstummte Greimold. Aus der Herdstube klang die angstvolle Stimme seines Kindes. »Bub, sie schreit deinen Namen!« stammelte er. Da hörten sie es wieder, alle beide: »Irmi! Irmi!« In Sorge eilten sie zum Haus hinüber und vernahmen die Stimme Juttas, wie in Angst und Jubel: »Er kommt! Das ist er! Sein Schritt! Er kommt, und ich will ihn sehen. Laß mich, Gardli, um Christi Lieb! Ich muß ihn sehen, ich muß, ich muß!« Man hörte Lärm, als wäre ein Sessel gefallen, und hörte das Kreischen der Helgard. An einem Fenster des Erkers wurde der Laden aufgestoßen, und Jutta, mit der schwarzen Binde um das weiße Gesicht, stand in der flutenden Sonne. »Kindl! Jesus Maria!« schrie der Gotteslechner. Und Irimbert wie ein Verzweifelter: »Barmherziger Himmel! Jutta! Zurück! In die Stube zurück!« Nicht seine Worte, nur seine Stimme schien sie zu hören und jubelte: »Irmi, Irmi!« Und riß die Binde vom Gesicht. Da war Sonne vor ihren Augen, blendende Sonne. Unter leisem Wehlaut, der noch ein Lächeln war, taumelte sie zurück, mit der Hand nach ihren Augen greifend. Der Gotteslechner und Irimbert, mit erblaßten Gesichtern, stürzten ins Haus. Als sie in die Stube kamen, sahen sie die Helgard zitternd an die Wand des Erkers gelehnt – und Jutta neben ihr, von der Sonne des offenen Fensters umgossen, in der einen Hand die Binde, die andere wie suchend ausgestreckt. Sie erkannte die Arme, die sie umschlangen und aus der Helle des Fensters zogen. Ihre Wange an Irimberts Schulter schmiegend, hauchte sie: »Ich hab dich gesehen. Alles ist Glanz an dir gewesen. So kann kein anderer sein.« Am Fenster hatte Greimold in Hast den Laden geschlossen. Jetzt rannte er aus der Stube, und draußen hörte man ihn schreien: »Josephus! Josephus!« Während Irimbert mit zitternden Händen die Binde um Juttas Augen legte, fragte er tonlos: »Fühlst du Schmerz in den Augen?« »Nein, Irmi! Nit ein lützel. Mir ist so wohl, so gut! Ich hab dich gesehen, und ich seh dich allweil noch.« Er führte sie durch die dunkle Stube zu ihrem Sessel. Da kam Josephus. Schweigend hörte er, was geschehen war. Dann verlangte er einen brennenden Span, nahm die Binde von Juttas Gesicht und hielt ihr das zuckende Flämmlein nah vor die Wimpern. Lang betrachtete er diese ruhigen Augen, die das Licht so gut ertrugen. Schweigend nickte er vor sich hin, legte die Binde über die Lehne des Sessels, gab dem Gotteslechner das Spanlicht in die Hand, und da schien er wieder jener erste Josephus geworden, mit gekrümmtem Rücken, mit scheuem Blick, der ängstlich von einem Gesicht zum andern glitt. »Josephus?« »Ich will nur holen, was ich brauche«, sagte er demütig, »gleich komm ich wieder.« Hastig, immer schneller, ging er zur Tür. Irimbert stand wortlos, Juttas Hände an seiner Brust. »Schau nur«, stammelte Greimold, »jetzt hat er ganz vergessen, daß er dem Kindl das Tuch wieder umtut.« Er löschte den Span, zertrat auf den Dielen die glimmende Kohle, nahm die Binde und legte sie um Juttas Augen. »Helgard! Um Christi willen! Du bist doch bei ihr in der Stub gewesen! Wie hat denn so was geschehen können?« Noch immer stand die Magd an der Wand und rührte sich nicht. »So red doch!» »Ich weiß nit, wie's geschehen ist. Ich glaub, sie ist wach worden. Und da hab ich geredet mit ihr und hab ihr sagen müssen, wie alles gewesen ist, und wo ein jedes gestanden war in der Stub, der Hauswirt, und – ich weiß nit, wie's geschehen ist! Sie hat's auf einmal getan. Und gar nimmer halten hat sie sich lassen.« Ihre Worte erstickten plötzlich in Tränen, und schluchzend ging sie aus der Stube. »So ein Mädel! Ist dabei! Und wehrt's dem Kindl nit! Was meinst du, Bub? Weil sie das bißl Licht gesehen hat, das kann ihr doch keinen Schaden tun! Oder meinst du, sie muß drum leiden?« »Nein.« Die feste Ruhe dieses Wortes beschwichtigte im Gotteslechner die schlimmste Sorge. Er beugte sich über den Sessel und flüsterte: »Kindl?« Da hörte er, daß sie im Dunkel aufatmete, als hätte er sie aus Traum und Schlummer geweckt. »Sag, Kindl! Wie ist dir denn?« »Gut, Vater!« Wo nur Josephus so lange blieb? Greimold ging zur Tür, um zu horchen, ob er nicht käme. So stand er eine Weile, bis er in Ungeduld die Stube verließ. In der Hofreut schrie er: »Josephus! Josephus!« Weil alles still blieb, eilte er hinüber zur Tenne. Hier sah er Asche liegen, die noch rauchte. Von Sorge befallen, halb schon die Wahrheit erkennend, rannte er in den Stall. »Josephus! Josephus!« Der Platz, auf dem das Maultier des Juden gestanden, war leer. 12 Mittag war vorüber. Während überm Watzmann und den Lattenbergen die Wetterwolken immer dichter wuchsen, blinzelte die Sonne noch in den Laienhof des Klosters. Hier war es stiller als sonst. Die Fronboten waren mit Bruder Medardus zu einer Zinsfahrt ausgezogen, in der Falknerstuben hörte man keinen Laut. Nur die Mühlsteine polterten, und zwei gewaffnete Knechte, welche die Torwache hielten, schwatzten mit Lachen von einem Mädel, über das »der wachsende Herbst« gekommen wäre. »Hat sich halt den Ellbogen an den Maibaum angestoßen!« Sie verstummten und hoben lauschend die Köpfe. Ein dröhnender Klang des Schallbeckens weckte den Torwart, der in seinem engen Gelaß die Augen geschlossen hatte. Bevor er sich ermuntern konnte, wurde draußen vor dem Tor schon wieder mit Ungestüm an das Becken geschlagen. »Hui! Der hat's aber nötig!« Als der Alte durch den Guckaus einen Blick auf die Straße warf, bekam er flinke Füße. »Auf! Die Schlagbruck nieder!« Auf erschöpftem Pferde, dem der Schaum von den Nüstern tropfte, jagte Herr Linhart Scharsach in den Klosterhof. Sein Gewand war mit Staub bedeckt, sein Gesicht von Schweiß überronnen. Ohne sich um das Roß zu kümmern, eilte er durch das Tor des Stiftes und über die Treppe hinauf zur Stube des Dekans. Hans Pütrich und Saaleck begegneten ihm. Sie sprachen erregt, mit halblauten Stimmen. Als sie den Linhart Scharsach gewahrten, verstummten sie. Er ließ sie vorübergehen, sah ihnen nach und lachte höhnisch. Die beiden schienen dieses Lachen nicht zu hören. Rasch bogen sie im Korridor um die Ecke, und Pütrich flüsterte: »Sie wissen es! Komm! Wir reiten!« »Wohin?« – »Zum Herren!« »Warum sollen wir tun, was zwecklos ist? Ob heut oder morgen, erfahren mußten sie's. Und was sie kochen, das weiß Herr Friedrich. Er will's nicht ändern. Er gibt sich selber auf. Daß er uns heut daheim ließ, als er hinausritt zu seiner ›letzten Freude‹, wie er am Morgen lachend zu mir sagte? Und daß er uns seit Wochen so von sich wegschob? Das hat seinen Grund. Er will nicht, daß wir unter dem neuen Herrn noch übler sitzen sollen, als es ohnehin der Fall sein wird. Sei ruhig und laß kommen, was kommt! Wir können's nicht ändern.« Auf der Treppe hatte Linhard Scharsach hinter den beiden die Faust erhoben. »Zahlende Zeit ist gekommen! Für euch und für einen andern noch!« Als er die Stube des Dekans erreichte und mit Lärm über die Schwelle trat, erhob sich Wernherus vom Tisch, an dem drei Schreiber bei der Arbeit saßen. Mit einer Handbewegung schickte der Dekan die Schreiber aus der Stube. Linhart Scharsach wartete nicht, bis Wernherus mit ihm allein war. »Mein Roß ist hin. Aber die Botschaft, die dem Propst zum Nachtmahl gestern in die Stub geflogen ist und die er verhehlt hat vor Euch, die kenn ich jetzt!« Er lachte. »Ich versteh's auch, daß sie ihm eine ruhlose Nacht gebracht hat bei Kerzenschein bis zum Morgen! In Salzburg wissen sie alles seit drei Tagen. Der schöne Dreibund, den der Bayer mit dem Babenberger und dem böhmischen Wenzel geschlossen, ist in Fetzen gegangen.« »Seit wann?« »Seit der Babenberger im Sack hat, was im trüben zu fischen war: die grüne Steiermark. Der gute Bayer hat ihm verholfen dazu, und hinter seinem Rücken hat der Babenberger mit dem Kaiser Frieden geschlossen. Das hat den treuen Böhmen stutzig gemacht.« Wieder lachte Herr Linhart. »Seine Friedensboten sind unterwegs zum Kaiser.« Ungeduld in den Zügen, beugte sich Wernherus vor und streckte die Hände, als möchte er dem Chorherren den Rest der Botschaft von den Lippen reißen. »Und Herzog Otto?« »Hat von Franken her die Kaiserlichen im Land, hat Gegner auf allen Seiten. Herzogin Agnes ist vor Schreck in ein böses Fieber gefallen. Der Herzog hat sein Heer im Stich gelassen und ist nach Prag geritten, daß er den böhmischen Leu hinter den Ohren kraut und in seiner zwieschwänzigen Seel die Treu wieder aufweckt. Ich mein, er wird heimkommen wie ein Metzger, dem die Kalben zu teuer sind.« Wernherus richtete sich auf. Seine heißen Augen schienen in weite Ferne zu blicken, während ihm dünne Röte in die hageren Wangen stieg. Dann ging er ruhig zur Schreiberstube und sprach hinein: »Man soll zwei Pferde satteln, das meine und eines für Linhart Scharsach.« »Reiten?« Herr Linhart machte verwunderte Augen. Jetzt schien ihm ein Gedanke zu kommen, der ihn mit Sorge erfüllte. »Ist Herr Friedrich außer Tor?« »Am Morgen ist er ausgeritten mit seinem Falken, vergnügt wie ein Junker, der den Frühling sieht, auch wenn es herbstet.« »Geritten? Mit dem Falken? Jetzt? Wo sein Weißfalk noch allweil nicht ausgemausert hat?« »Kluge Leute nützen die Zeit, von der sie wissen, daß sie kurz ist.« Wernherus begann sich für den Ritt zu kleiden. »Da könnt Ihr noch scherzen, Dekan? Ich denk von dieser Beizjagd üble Dinge. Gebt acht: Herr Friedrich hat Falken und Federspiel im Stich gelassen. Der dreht uns allen eine Nas und ist gegen Landshut geritten.« Wernherus lachte. »Das hättest du getan. Herr Friedrich gönnt seinem Liebling einen letzten Flug nach wilden Enten.« »Ich hoff nur, daß Ihr recht habt!« sagte Linhart. Dann trat er auf Wernherus zu. »Und wenn ich geholfen hab zu allem, was Euch taugt? Wer soll den Weißfalk haben?« »Du!« »Und was wird sein am Festtag Allerheiligen?« »Was du sagst: ein Festtag! Und Herr Linhart Scharsach, der Kämmerer, soll an der Seite des Propstes stehen, der die Immenburg vergibt als Gotteslehen.« »Herr Wernher!« Dunkle Röte war über Linharts Stirn geflogen. »Ihr sollt mich finden bei Eurem Roß. Ich will meinem Herrn den Bügel halten. Das ist ein Vorrecht meiner Würde.« Lachend eilte er davon. Ein kalter Blick hinter ihm, ein verächtliches Lächeln. Als Wernherus und Linhart Scharsach vor dem Portal des Stiftes in den Sattel stiegen, wurde vor dem Außentor schon die Schlagbrücke niedergelassen. Da huschte einer, hinter dem die bunten Ärmel wehten, atemlos zur Torhalle herein und machte den Knechten ein Zeichen, daß sie schweigen möchten. Der Wärtl haschte seinen Arm. »Bub! Du Satansbraten! Wo bist du gewesen? Herr Friedrich ist ausgeritten.« »Der Herr? Geritten?« stotterte Reinold erschrocken. »Doch nit zur Beizjagd?« »Wohin denn sonst?« Beim Anblick der Angst, die dem schmucken Buben aus den Augen redete, erwachte in dem Alten das Mitleid. »Ich schweig schon. Hol dein Falknerzeug und schau, daß du weiterkommst. Bei den Untersteiner Moorwiesen beizt er auf Enten.« Reinold wollte in der Tür der Falknerkammer verschwinden, als Wernherus aus dem Klosterhof geritten kam. »Falkner!« Scheu sah Reinold an dem Reiter hinauf und zitterte unter dem Blick, der ihn musterte. »Warum bist du nicht bei deinem Herrn? Wo kommst du her?« »Ich hab gemeint, daß Herr Friedrich nit reitet heut.« »Wer gab dir Urlaub?« Reinold schwieg. »Wo warst du?« »Ich bitt, Herr Wernher, ich bin nur ein Sprüngl daheim gewesen.« »Dein Heim und Haus ist die Falknerstube des Klosters.« Wernherus winkte dem Torwart. »Der Bub soll in den Block bis zum Abend. Zum Nachtmahl gebt ihm ein Dutzend mit der Rute. Dann mag er laufen, wohin er will. Leute, die ihre Heimat nicht unter dem Dach ihres Herrn haben, kann ich nicht brauchen in meinem Dienst.« Der junge Falkner stand erschrocken. Als er den Dekan zum Tor hinausreiten sah, atmete er schon wieder auf. Einen halben Tag im Block liegen, das war nicht das schlimmste von allen Übeln. Und die Rute? Allzu kräftig würden die Knechte sie nicht schwingen, er wußte zuviel von ihren Heimlichkeiten. Und daß man ihm die Tür wies, das taugte ihm. Es wartete auf ihn eine neue Heimat, in der ein linderes Weilen für ihn war als im Heubett der Falknerstube. Nur um die schmucke Tracht war ihm leid. Aber der Erbsohn im freien Gut zu Mitteralben und Vordereck konnte sich ein Wams mit Pelz und Litzen schaffen, mit silbernen Knöpfen dran! Der Wärtl kam und sagte mit Brummen: »Bub, es geht nit anders! Herrenwort! Ich muß dich krummschließen.« Da machte der Alte verwunderte Augen, weil Reinold ihm die Hände hinbot, als wäre das Sitzen im Block von allen Freuden des Lebens die schönste. – Um die gleiche Stunde hielt Herr Friedrich im roten, sonnleuchtenden Buchenwald, der die Moorwiesen von Unterstein umgab, seine fröhliche Mittagsrast. So aufgeräumt und heiter hatte ihn sein Falknergesind noch nie gesehen, auch nicht bei der glücklichsten Reiherbeize zur Maienzeit. Und die ganze Jagdlese des Morgens bestand nur aus einem Moorhuhn und zwei wilden Enten! Inmitten des bunten Trosses lag der Fürst auf seinem Mantel in der Sonne, ließ sich den feurigen Rechberg schmecken und scherzte mit dem Kammermeister, mit den Falknern und mit den Stöberbuben, als hätte er allen Unterschied zwischen Herr und Knecht vergessen. Wenn von den Falknern einer, keck geworden durch die Laune des Herrn, eine derbe Geschichte zum besten gab, hörte Herr Friedrich lachend zu, streichelte seinem Falken mit der Schwanenfeder den Rücken, als wäre dieses sanfte Krauen ein Wohlbehagen auch für ihn selbst, und zupfte dem Vogel, der noch nicht ausgemausert hatte, jedes graue Fläumchen fort, das sich hervorschob aus dem weiß gesprenkelten Gefieder. Als die Sonne hinter das wachsende Gewölk der Berge tauchte, sprang er auf und rief: »Sehet, der Waldsaum da drüben hat noch Sonne! Kommet hinüber! Die soll uns noch wärmen!« Das war ein lauter, lachender Tumult, als das ganze Jagdlager mit Falknern, Beizvögeln und Rossen hinter dem Herren her war, um der letzten warmen Sonne dieses Tages nachzulaufen. Sie streckten sich wieder aus und dehnten sich behaglich in dem milden, goldigen Luftgezitter. Von neuem begann das Schwatzen und Lachen, die Stöberbuben balgten sich in der Sonne, bewarfen sich mit rotem Laub, und zwei Falkner begannen ein Reienlied des Nithart anzustimmen: »Die Heid in lichtem Farbenkleid Hat Maienzeit! Winter, fahr von hinnen, Der Sommer will uns minnen!« So zierlich, wie das Lied anhub, ging es nicht weiter. Es kam ein Zwiegespräch: Die griesgrämliche Mutter, die durch Schaden klug wurde und erfuhr, wie schlecht die Männer sind, gibt ihrer Tochter gute Lehren. Das Mädel will des Lebens Weisheit nicht mit Ohren hören, will sie empfinden am eigenen Leib. »Und der ist weiß! Es müßt mich ewig reuen, Tat keiner sich dran freuen!« Herr Friedrich lachte und tat einen tiefen Zug aus der Bitsche, daß der Kammermeister warnte: »Herr, Ihr müßt Euch freien Kopf erhalten, wollet Ihr auf die Enten, die mit dem Abend zum Einfall streichen, noch einen letzten Ritt tun!« »Noch einen, ja! Noch einen letzten!« Herr Friedrich nahm seinen weißen Liebling auf die Hand, warf sich zurück in die Sonne, schwang den Falken, und während der stille Fall der welken Blätter über ihn niederging, schwatzte er halb wie ein Berauschter, halb wie ein Träumender zu dem Vogel auf, der die Schwingen reckte: »Sonne über dir! Blauer Himmel, der dich ruft, und blaue Lüfte, die dich tragen. Steige! Je näher dem Licht, so ferner bist du allem zappelndem Gewürm der Tiefe, allem Ekel und Unwert. Höher und höher! Je tiefer die Sonne fällt, um so höher mußt du steigen! Immer noch einen Blick in ihren Glanz, immer noch ein Schimmer ihres Lichtes auf deinen Schwingen! Steige, steige!« Aller Lärm verstummte, und verwundert sahen die Falkner ihren Herren an, als klänge aus seinen lachenden Worten ein Laut heraus, der ihren Frohsinn erdrückte und den Ernst in ihnen erwachen machte. »Steige! Steige! Und kommt auch über dich die Nacht, so findet sie dich in der Höhe, auf stolzem Flug, einsam und frei! Du allein der Starke! Und sie alle unter dir, die Schwachen, nach Würmern grabend wie ein Dachs in der Frühlingsnacht oder eingesperrt in ihre Höhlen, ein warmes Lichtlein nährend, mit dem sie die Nacht verjagen wollen, weil sie zittern vor ihr. Du nicht! Du zitterst nicht! Dein letzter Flügelschlag ist stärker als dein erster war. In dir ist die Kraft gewachsen. Steige, steige!« Da lösten sich zwei Reiter auf trabenden Rossen aus dem Walde hervor. Herr Friedrich erhob sich, den Falken auf der Hand. Dann fing er ein Lachen an, als sollten ihm die beiden, die da geritten kamen, den Frohsinn dieses Tages noch erhöhen. »Gottes Gruß, ihr treuen Herren, ihr getreuesten von den Meinen!» rief er ihnen zu. »Warum bemüht ihr die armen Gäule, die so gern bei der Krippe liegen? Ist euch die Luft in euren Mauern zu dumpf geworden? Habt ihr Sehnsucht, meine Sonne zu teilen?« Wernherus verhielt das Pferd. »Es ist ernste Pflicht, die mich den Propst zu Berchtesgaden suchen läßt. Wichtige Botschaft ist gekommen.« »Behalte sie für dich! Ich bin ohne Neugier!« unterbrach ihn Herr Friedrich lachend. »Reite nur wieder heim! Halte Rat mit den Deinen! Tu, was du willst! Ich lasse dir freie Hand, wie damals, als die Mauer des reichen Erben fiel. Reite, mein treuer Wernherus! Wenn es Nacht geworden, komm ich.« »Herr«, fiel Linhart Scharsach höhnend ein, »die Botschaft ist wichtiger, als Ihr denken mögt.« »Wichtig? Meinst du? Wichtig für dich? Denn für mich, du redlicher Sohn deines Vaters, gibt es nur eine einzige Botschaft noch, die wichtig ist. Ich hoffe, da kommt sie!« Zwei von den Stöberjungen, die Herr Friedrich ausgeschickt hatte, um die verflogenen Enten zu suchen, kamen atemlos durch den Wald gelaufen. »Wir haben sie, Herr, sie liegen fest, auf dem dritten Weiher!« Herr Friedrich hob den Falken. »Auf und hin!« Er eilte zu seinem Pferd. Im Nu war der ganze Troß lebendig, und während der Propst mit dem Kammermeister gegen den Weiher ritt, liefen die Falkner hinter den Pferden her, und die Stöberjungen rannten nach zwei Seiten durch den Wald davon. Verblüfft sah Linhart Scharsach zu Wernherus auf. »Hat man so was schon erlebt? Er muß doch wissen, um was es geht. Entweder ist er ein Narr geworden –« »Oder es könnte sein, daß er klüger ist als wir alle.« Der Troß der Falkner war schon im Wald verschwunden, und die Stimmen schwiegen. Diese Stille währte nicht lang. Der Weiher, auf dem die Enten lagen, war nicht weit entfernt. Nun mußte ihn Herr Friedrich erreicht haben, denn es erhob sich ein jubelnder Lärm, den der helle Jagdruf des Propstes noch übertönte. Der Schrei des Falken gellte, die Stimmen entfernten sich, und von einem Gehäng des Waldes klang das Gepolter rollender Steine. Nun plötzlich ein wirres Geschrei wie in Schreck und Jammer. Dann Stille. Linhart Scharsach hob sich lauschend im Sattel auf. »Da muß was geschehen sein! Er wird doch nicht meinem Falken –« Sie ritten in den Wald hinein. Auf keuchendem Roß kam ihnen ein Falkner entgegengejagt und kreischte: »Herr Wernherus! Gott sei uns gnädig, ein Unglück ist geschehen! Herr Friedrich –« »Was ist mit ihm?« schrie Linhart Scharsach. »Er ist gestürzt und muß sich groben Schaden getan haben. Ich soll reiten und den Medikus holen.« »Bleib!« rief Wernherus. »Erst will ich sehen, was geschah. Du wartest auf meinen Befehl.« Er ritt dem Weiher zu. Linhart Scharsach sprengte mit einem Fluch an die Seite des Dekans. »Das kommt uns zu übler Stund. Tragen sie ihn heim als einen Leidenden, und rührt sich das Mitleid in den Chorherren –« »Schweig!« Als der Wald sich lichtete, sahen sie auf dem Abhang eines steilen, mit Geröll bedeckten Hügels das Pferd des Propstes liegen, schon verendet; einer der Knechte hatte dem schwer verletzten Tier den Gnadenstoß gegeben. Mit kalkweißen Gesichtern standen die Falkner und Stöberbuben um Herrn Friedrich her. Sie hatten ihn zum Ufer des Weihers getragen, und der Kammermeister stützte das Haupt des Fürsten mit seinem Arm. Wernherus war aus dem Sattel gesprungen. Er schickte mit schweigendem Wink die Falkner und Buben fort, die ihm jammernd entgegenkamen. »Herr Friedrich?« Seine Stimme klang unsicher. Als er das Gesicht des Propstes sah, dem schon der Tod auf die Stirn geschrieben war, schien alle Erregung in ihm zu schweigen. Ruhig fragte er: »Ihr seid gestürzt? Und schwer verletzt? Redet, Herr, was soll geschehen, um Euch zu dienen?« Der Propst versuchte sich aufzurichten. Es gelang ihm nicht. Nur die Arme konnte er bewegen. Von den Hüften abwärts war sein Körper gelähmt, wie schon gestorben. Der Sturz über das Steingeröll des steilen Hügels hatte ihm das Rückgrat gebrochen. Seufzend ließ er den Kopf zurückfallen an die Brust des Kammermeisters und blickte zu Wernherus auf. »Die Raben!« Er lächelte matt. »Wüßt ich nicht selber, wie es steht um mich, ich hätt es dir aus den Augen gelesen. Ohne Scheu, atme nur auf! Der fromme Bruder im Untersberg hat wahr gesprochen, und du hattest keine Mühe dabei. Der Himmel ist augenscheinlich auf deiner Seite!« »Herr, das ist unchristliche Rede!« »Ja! Ich bin ein schlechter Christ. – Meister, wo ist mein Falk?« Der Kammermeister hob ihm das Haupt ein wenig höher. »Sie bringen ihn schon.« »Hat er die Ente geschlagen?« »Ja, Herr!« »Nur halbes Gefieder. Und so schöner Flug!« Herr Friedrich streckte die Hand. »Ich will ihn sehen.« »Denkt nicht an irdische Dinge«, sagte Wernherus, »versöhnt Euch mit Eurem Gott!« »Mit dem meinigen? Der wird mir gnädig sein. War's der deinige, Wernherus, dann hätt ich ein böses Sterben. Siehst du, das hab ich vom Immhof gelernt: unterscheiden zwischen Gott und Gott. Den Immhof grüß mir noch! Er wird harte Zeiten sehen unter deiner Hand. Wenn er klug ist, spielt er euch einen Streich, der euch die Mäuler sauber macht. Aber raub ihm alles, und er wird noch reich sein. Wie mein Falk, so ist er. Nur halbes Gefieder noch. Und so schöner Flug!« Da brachten sie den verkappten Beizvogel und die Ente, die er geschlagen hatte. »Gib ihn mir!« Herr Friedrich streckte die Hände. »Wie ich gelebt hab, will ich sterben, mit dem Falken auf meiner Faust.« Linhart Scharsach trat dazwischen. »In die Faust eines Sterbenden gehört das Kreuz. Nicht der Beizvogel. Das ist Freud für einen, der noch lebt. Gib den Falken, Bub! Der soll sitzen auf meiner Faust!« Ein Zornblick funkelte in den Augen des Sterbenden. Mit gewaltsamer Anstrengung raffte er sich halb von der Erde, haschte eine Schwinge des Vogels und riß ihn an sich. »Du, Scharsach, willst meinen Falken erben? Auf deine Faust gehört die Krähe, die nach Aas geht. Nicht der kaiserliche Falk. Daß er sitzen müßte auf deiner Hand? Solche Unehr will ich ihm sparen.« Mit heiserem Lachen krampfte Herr Friedrich die Hände um den Hals des Falken. Sie wollten die Tat des Sterbenden hindern. Seine Finger waren wie eiserne Klammern. »Was mein ist, nehm ich mit.« Er fiel zurück, den erwürgten Falken noch in der Faust. »Jetzt greift nach dem Eurigen! Und spart euch die fünf süßen Käse für meinen letzten Segen! Wo ich liege mit meinem Falken, das gilt mir gleich.« Seine brechenden Blicke trafen den Himmel, an dem die drängenden Wolken den letzten Glanz des Abends erstickten. In den Zügen des Sterbenden begann es zu wühlen, als überkäme ihn die Todesfurcht. Noch einmal bewegten sich seine blutleeren Lippen. »Ich bin ein Sünder. Es gibt einen Gott. Der wird vergeben.« Seine Arme regten sich nimmer, doch seine Augen blieben offen. Er atmete noch. Wernherus sah mit kaltem Blick auf ihn nieder, wandte sich wortlos ab und stieg in den Sattel. Linhart Scharsach folgte ihm. Während sie durch den Wald hinausritten, sagte Wernherus: »Zum erstenmal in seinem Leben war Kraft in ihm.« Es klang wie Hohn. »Du, Linhart, hast den Schaden des Schwächeren.« Sie trafen den Falkner, der noch immer in Angst mit seinem Pferde wartete. »Dem Herren ist nimmer zu helfen«, sprach ihn Wernherus an, »geh zu den anderen und bete mit ihnen, bis er die Augen schließt! Wenn es Nacht geworden, schaffet den Toten in das Kloster heim mit allen Ehren, die seiner Würde gebühren.« Als die beiden Reiter die Straße gewannen, ließen sie ihre Pferde jagen, daß hinter ihnen der Staub in grauen Wolken aufging. Es wollte dämmern. Früher kam der Abend als sonst. Die Wolken hatten schon den ganzen Himmel dunkel überzogen, alle Berge in dichte Schleier gehüllt. Noch schwieg der Sturm. Wie ängstliches Harren war's in den Lüften. In dieser beklemmenden Stille schrillten die Klänge der Kapitelglocke über das Tal hinaus. Von allen Glocken die einzige, die man während des Kirchenbannes läuten durfte, denn sie war nicht geweiht. Und der den Strang zog, mußte Unruh in den Händen haben,– die Töne der Glocke folgten einander wie stotternde Laute. Auf den Feldern hoben bei dem entwöhnten Klang die hörigen Bauern lauschend die geschorenen Köpfe und fragten: »Warum läuten sie?« Vor einer Hütte, nahe bei der Wolfsreut, saß ein Greis mit seinem spielenden Enkelkinde, das sich aus welken Blättern ein Häuschen baute. Verwundert blickte das kleine Mädel auf und fragte den Großvater: »Ahnli? Tun sie dem Kaiser läuten, weil er aufsteigt aus dem Berg?« Der Alte zog das Kind in seine Arme. »Ich mein, der säumet noch ein Weil! Wir Alten erleben's nimmer. Aber du, Kindl, wirst ihn sehen, gib acht! Tu dich gedulden! Und fallt eine Not über dich, so denk: Er kommt, und ich erleb's noch.« Mit großen Augen blickte das Kind hinüber zum Untersberg, der wie ein grauer Riese in der Dämmerung lag, und sagte nach einer Weile: »Schau, Ahnli, der Jäger beim Kreuz sell drüben, der sitzet noch allweil! Gelt, der harret auch auf den Kaiser?« »Auf dem muß Not liegen, ja, weil er gar so träumig ist. Kannst recht haben, Kindl, der harret auch!« Es war zu weit hinüber, als daß der Einsame, der auf der Wolfsreut saß, diese Worte hätte hören können. Dennoch blickte er auf wie einer, der eine rufende Stimme vernahm. War es die Glocke, die ihn lauschen machte? Jetzt erhob er sich. Noch lange stand er und betrachtete die Erde zu seinen Füßen. Da waren kleine Stellen, auf denen das Gras noch nicht vergilben wollte und üppiger stand als auf dem übrigen Steingrund. »Ist hier das Blut der Alheid geflossen? Hat alles Opfer des Lebens keine andere Wirkung, als daß es die Erde düngt zu fetterem Wuchs?« Irimbert preßte die Hände über seine brennenden Augen. Dann wandte er sich und stieg über den Hügel hinunter, langsam, immer wieder den Schritt verhaltend, als wüßte er nicht, welchen Weg er gehen, welches Ziel er suchen sollte. Nahm alle »Blüte seines Lebens« nicht ein Ende wie das Heilwerk des Josephus? Waren die Gedanken seiner Qual nicht hinter seinem Herzen her wie die Steinwürfe der Sennen hinter dem fliehenden Juden? Schrie nicht der gleiche Vorwurf auch hinter ihm: »Du hast sie betrogen um das Licht, hast ihre Augen zerstört, statt sie zu heilen, hast den Brunnen ihres Lebens vergiftet!« War dieser Vorwurf, den er im Irrsinn seines Herzens wider sich erhob, nicht ebenso ungerecht wie der sinnlose Vorwurf gegen den Mann, der das Beste seiner Kunst gegeben und doch mit seinem Können gescheitert war? An was? An dem Zufall, der ein schmuckes Knabengesicht in die Stube führte? An dem unbedachten Wort einer Magd? An der Ungeduld eines liebenden Weibes? An dem Verlangen des menschlichen Herzens, auch schön zu sehen, was ihm teuer ist? Bei aller Marter, die ihn erfüllte, durfte er sich sagen: Ich bin ohne Schuld! Nicht die Kraft seiner Liebe war irr gegangen. Er war nur gescheitert auf den rinnenden Wassern des Lebens, über deren Lauf kein Menschenwille Macht hat. In seiner Seele schrie die Frage: »Was jetzt? Wo ist ein Trost für diese neue Nacht, die noch tiefer dunkelt, seit sie ein verheißendes Licht gesehen?« Zur Antwort blieben seine Gedanken so stumm, wie Josephus geblieben. Den hatte er nah bei der Wolfsreut an einer Quelle gefunden, an der sich der mißhandelte Jude das Blut vom Gesicht wusch. Furchtsam den Wald durchspähend, hatte Josephus sich erhoben und hatte am Riemen sein Maultier mit sich fortgezogen, das von den Steinwürfen der Sennen so übel zugerichtet war, daß es den Reiter nicht mehr tragen konnte. »Josephus und ich! Und das Glück, das ich schaffen wollte!« Es dunkelte schon. Am Klostertor war die Brücke niedergelassen, als hätte sie auf einen gewartet, welcher kommen sollte. Auch das Innentor war geöffnet, die beiden Höfe von den Feuern der Pechpfannen rot erleuchtet. Fronboten und Reisige standen in Gruppen beisammen; aus der Falknerstube hörte man Geschrei, als bekäme einer die Rute; unter der Säulenhalle des Innenhofes klang das Stimmengewirr der Brüder und aus allem Lärm heraus noch die Stimme des Medardus. Ein Windstoß fegte über die Dächer, und die Pfannenfeuer zuckten, das gab über allen Mauern einen ruhelos gaukelnden Kampf zwischen Dunkel und Helle. Irimbert durchschritt die beiden Höfe, ohne zu sehen, ohne zu hören. Immer die ratlose Frage in ihm: Was jetzt? Vor seinem Blick nur immer das weiße Mädchengesicht mit der schwarzen Binde. Unheilbare Nacht auf ihren Augen, und in diesem Dunkel ihre wachsende Sehnsucht, ihre dürstende Liebe! Und nun soll sie einsam bleiben, den Trost seiner Stimme nicht mehr hören, nicht mehr den Druck seiner Hände fühlen, nicht mehr sagen können: »Du bist bei mir, mehr will ich nicht.« Drei Tage noch bis zum Festtag Allerheiligen. Dann war der nutzlos geschlossene »Handel« zu Ende, seine Freiheit verfallen. Daß er von jenen, die er mit der Geißel seiner Wahrheit gepeinigt hatte, keine Schonung erwarten durfte, das wußte er. Was kümmerte ihn das eigene Schicksal? Nur die Ruhe, nur das Glück der Geliebten! Anderes wollte er nicht. Wo blühte dieses Glück? Auf welchem Wege war es zu finden? Ihre sehende Stunde war Irrtum und Angst, ihre Blindheit wird Sehnsucht und einsames Elend sein! Wenn nicht das Licht, wenn nicht die Nacht – was dann ist Glück für sie? Wenn es ihm gelänge, seine Freiheit zu erzwingen, um neben Juttas Leben das seine zu stellen als Trost in ihrer Nacht? Seine Hände waren leer. Kein Preis mehr, den er dem Händler hätte bieten können! Wie sie lachen würden, wenn er käme: »Erfüllet mir eine Bitte! Der Handel, den ich schloß, war unklug. Zerreißt das Pergament, wir wollen neuen Handel schließen! Nehmt das Erbgut meines Bruders, aber seid barmherzig: Gebt mir meine Freiheit, ich brauche sie für das Glück einer Blinden!« Hörte er ihr Lachen, ihren höhnischen Jubel nur in Gedanken? Wie ein Erwachender blickte er um sich her, sah die Tür des Kapitelsaales und hörte jubelnde Stimmen. War kostbare Botschaft für das Stift gekommen? Da fand er sie vielleicht in guter Laune? Wie ein zitterndes Flämmchen war die Hoffnung in ihm. Es war die einzige, die er hatte, er mußte sie versuchen. Und Herr Friedrich, das wußte er, würde ihm Hilfe sein. Vielleicht auch Pütrich und Saaleck? Und der bucklige Isengrimm? Vor der Tür des Kapitelsaales legte er die Armbrust fort. Schon wollte er auch das Wehrgehänge mit dem Messer von der Hüfte lösen. Da zuckte ihm ein Gedanke durch die Sinne, geboren aus aller Verzweiflung seiner Seele. Bleich, mit brennenden Augen richtete er sich auf. Seine Hand, die den Griff des Messers umfaßte? War diese Hand denn leer? Hatte er nicht sein Leben noch zu verkaufen? Er schlug den Mantel um das Wehrgehäng und trat in den Saal. Da schwieg der Lärm. In diese Stille hinein rief Pabo, der Kaplan: »Ecce Lucifer! Jetzt kommt Licht in unsere Nacht.« Und Linhart Scharsach lachte: »So ist nie noch ein Wolf gekommen, von dem man geredet hat!« Ein Gelächter erhob sich. Wie betäubt, mit irrenden Augen blickte Irimbert in den Saal. Über den Marmorstufen, auf dem Sessel des Propstes, saß Wernherus im gezobelten Mantel und mit dem Scharlachhut, die Flamme des gesättigten Stolzes in den Augen. Und während das Gelächter noch immer wuchs, kam der bucklige Isengrimm mit höhnenden Worten auf Immhof zugetänzelt und zischelte: »Kehr um! Leg alle Weisheit in deine Beine! Du bist verloren.« Irimbert stand wie zu Stein geworden. Seine Augen gewahrten das Unbegreifliche: Wernherus im Fürstenkleid! Und wie dumpfes Sausen war's in seinen Ohren: »Herr Friedrich tot!« Seine Augen umflorten sich. Da sah er wieder die höhnende Grimasse des Buckligen und hörte sein Gezischel: »Rette dich, Immhof!« Mit grober Faust stieß Linhart Scharsach den Buckligen zurück. »Was hast du mit ihm zu flüstern?« Lachend neigte sich der Krüppel: »Habt ihr nicht alle geschrien: Luzifer? Soll ich allein das Recht nicht haben, mich vor dem Licht zu beugen? Licht ist ein göttlich Ding, auch wenn es der Teufel bringt.« Neues Gelächter erhob sich. Auch Linhart Scharsach lachte mit. »Was für ein Licht meinst du? Das süße Licht, das er über die Blinde im Gotteslehen gebracht hat? Oder das Licht, das ihm heut noch aufgehen soll?« Die Hand unter dem Mantel bergend, streckte sich Immhof. Sein Gesicht war weiß. Ein Blick über den Saal, ein Blick zur Tür. Zwischen ihm und der Tür stand Linhart Scharsach, der ihm zurief: »Schau dorthin, wo dein Herr ist! Die Geister im Untersberg haben wahr geredet: Ein neuer Herr ist gekommen, stark und gerecht. Und wie gerecht er ist, das sollst du merken. Was stehst du noch allweil? Beuge das Knie vor deinem Herrn!« Propst Wernherus erhob sich. »Schweige, Linhart!« Sein Gesicht war ruhig. »Den Chorherren Irimbert von Immhof soll keiner von euch zwingen, das Knie zu beugen vor mir, der ich sein Herr geworden. Er gab uns das Erbe seines Bruders, wir haben ihm Freiheit des Wortes zugesichert, Freiheit seiner Wege und Freiheit in allem Tun. Das soll redlicher Handel bleiben.« Schweigend trat Irimbert in die Gasse zwischen den Stühlen der Chorherren. Bei der hölzernen Schranke, die den Raum des Saales teilte, blieb er stehen, die Augen auf den Propst gerichtet. »Komm näher, Immhof! Ohne Sorge! In aller Freiheit wollen wir reden miteinander.« »Ohne Sorge bin ich. Und Eure Stimme ist klar. Ich höre sie.« »So frag ich dich: Willst du mir aus freiem Willen huldigen als deinem Fürsten?« »Aus freiem Willen? Nein!« Schreiend hoben alle die Fäuste gegen ihn. Wernherus lächelte. »Tue, was du willst! Du bist ein freier Mann. Drei Tage noch. Aber ich höre zu meiner Sorge, daß du Wege gehst, die gefährlich sind. Dein Leben ist ein kostbares Gut für uns. Dir könnte geschehen, was wir ein Unglück nennen würden. So hab ich allen Grund, dein teures Leben zu schützen. Linhart Scharsach! Du sollst mir bürgen dafür, daß Irimbert von Immhof am Festtag Allerheiligen lebend in unserer Mitte steht. Ich gebe dir sechs gewaffnete Knechte zu deiner Hilfe. Vergiß nicht: Er ist ein freier Mann. Störe ihm nicht die Freiheit seines Wortes, nicht die Freiheit seiner Wege. Aber begleite ihn auf Schritt und Tritt, bei Tag und Nacht! Wo er ruht, da ruhst du, wo er geht, da gehst du!« Linhart Scharsach lachte. »Das wird Speck kosten. Da muß ich jeden Tag hinaufrennen ins Gotteslehen.« »Ich will deinem Schützling und dir die steilen Wege sparen. Heinrich von Eschelberg! Nimm alle Schützen und Fronboten! Hinauf ins Gotteslehen! Noch in dieser Nacht! Störe dem redlichen Mann dort oben nicht die Freiheit seines Besitzes, hörst du! Wir sind nicht seine Richter. Ihn richtet nur der kaiserliche Viztum. Aber seine Tochter ist dem Gericht der Kirche verfallen. Gegen dieses Weibsbild ist Klag erhoben, daß sie einen Chorherren seines Eides vergessen machte und Zauber mit einem Juden trieb, um durch höllische Künste das Licht ihrer blinden Augen zu erlangen.« Irimbert taumelte, wie von einem Faustschlag ins Gesicht getroffen. »Das erregt dich, Immhof?« fragte Wernherus. »Was geschient, ist Sorge für dich. Die Waffen Gottes sind stumpf in dir. Ich fürchte, du könntest so bösem Zauber erliegen. Ich fürchte, daß er dich verlocken könnte, an eine Reise zu denken, die uns vor dem Festtag Allerheiligen nicht willkommen wäre. Du hast Freiheit des Wortes. Sprich! Was willst du erwidern?« »Daß Ihr besudelt, was rein ist und heilig!« brach es mit keuchendem Schrei aus Immhof heraus. »Daß Ihr die Niedrigkeit noch überbietet, die ich Euch zugetraut. Daß ich den Eid zerbreche, den ich Euch geschworen!« Er riß das Messer unter dem Mantel hervor. »Und daß mich Linhart Scharsach nicht hindern soll, vor Euch zu schützen, was ich liebe!« Sich wendend, stieß er die hölzerne Schranke vor sich auf. Tobender Lärm erhob sich im Saal. Schreiend und mit gestreckten Fäusten waren Scharsach, der Eschelberger, die beiden Kapläne und Ulrich von Thurn hinter dem Fliehenden her. Schon hatte Immhof die zu den Gärten führende Treppe gewonnen, als Linhart Scharsach ihn erreichte und am Mantel faßte. Da schlug ihm Irimbert den Knauf des Messers ins Gesicht. Der Taumelnde versperrte den anderen auf der Treppe den Weg. Immhof gewann die Tür, stieß den Riegel auf und schrie einen jubelnden Laut in die Nacht hinaus. Sie war das Licht für ihn, die Freiheit. Dort, bei der Mauer, wo er viele Stunden in Sehnsucht hingesonnen, wußte er eine Stelle. Da reichte der Rasen bis hoch herauf an die Felsen. Er hörte die schreienden Stimmen schon hinter sich im Garten. Ohne Besinnen wagte er den Sprung in die Tiefe. Die Wucht des Sturzes schleuderte ihn eine Strecke über den steilen Hügel hinunter. Er raffte sich auf. Und wieder ein Schrei des Jubels, als er fühlte, daß ihm die Glieder gehorchten. Ein Jagen ohne Rast, die Wiesen hinunter, über die Brücke im Tal und durch den Wald hinauf, bis er die Wolfsreut erreichte. Da hielt er inne, an das Kreuz geklammert, um Atem zu schöpfen und zu lauschen. Im Tal und auf der Straße noch alles still. Nur der wehende Sturm und das Rauschen der Ache. Und drüben über dem Tal die leuchtenden Feuer des Stiftes – Licht, das friedlich schimmerte in die Finsternis. Er jagte weiter, den steilen Weg hinauf, weiter und weiter, atemlos, und rastete nur, wenn ihm vor Erschöpfung die Glieder versagen wollten. Nicht weit vom Jägerhause saß am Wegrain ein schluchzender Mensch, dessen buntes Falknergewand auch im Dunkel der Nacht noch farbigen Schimmer hatte. Der erschrak, als er den Fliehenden heraufkeuchen hörte über den Weg, und rief mit erwürgter Stimme: »Wer bist du?« Immhof hörte nicht. Vor Erschöpfung waren ihm alle Sinne wie erloschen. Er eilte vorüber, weiter und weiter. Seine Kräfte begannen zu schwinden. Immer häufiger mußte er rasten. Als er die Wiesen vor dem Gotteslehen erreichte, war sein Lauf nur noch ein Taumeln mit brechenden Gliedern. Der tobende Sturm, der über die Halden fegte, erstickte seinen Atem und schleuderte den Entkräfteten zu Boden. Stöhnend raffte er sich wieder auf. Und schrie. Im Gotteslehen schliefen sie nicht. Nur Jutta schlummerte. Alle anderen wachten. Sie hörten im rauschenden Sturm den Schrei von den Wiesen her. »Ein Mensch in Not?« Greimold riß ein brennendes Scheit aus dem Herdfeuer. »Leut, da müssen wir helfen!« Sie rannten hinaus und ließen die Brücke nieder. Da taumelte Irimbert dem Gotteslechner in die Arme. »Das Tor! Schließet das Tor! Sie kommen.« Das rang sich noch mit heiseren Lauten aus seiner Kehle. Dann stürzte er bewußtlos vor die Füße des Bauern hin. Zu Tode erschrocken hob ihn Greimold auf seine Arme. »Steinhauser! Wahr das Tor und die Mauer! Feuer zum Hag! Das Eisen in jede Faust. Ich trag den Buben in die Stub.« Ein Rennen und Hasten begann zwischen Hag und Mauer, zwischen Haus und Ställen. Dabei kein Laut, der das Brausen des Sturmes übertönte und den ruhigen Schlummer hätte stören können, der auf Juttas Augen lag. Nur manchmal ein leises Klirren wie von Eisen, manchmal ein Gepolter auf den kleinen Holzstiegen, die zu den Wehrgängen der Mauer führten. Auf dem Turme beim Hagtor, unter dem Wächterdache, brannte schon das Pechfeuer, als im Sturm die ersten Tropfen fielen. Jetzt ein Regen wie ein stürzender See. Da hörten sie vor dem Hagtor eine schreiende Stimme. Der Altsenn wollte den Hauswirt holen, aber die Helgard stammelte: »Das ist der Reini! Lasset um Christi Lieb den armen Buben ein! Er muß versaufen im Regen da draußen.« Bevor es die Männer hindern konnten, hatte sie den Riegel der Kettenwinde zurückgestoßen und ließ die Brücke fallen. Mit triefenden Kleidern kam Reinold durch das Tor gesprungen und duckte sich gleich in den Schutz des Wächterdaches. Während der Steinhauser, über die Eigenmächtigkeit der Helgard scheltend, die Brücke wieder aufzog, fielen die Jungsennen mit erregten Fragen über den Falkner her, was denn wäre, ob das Kloster den Hader wieder anhöbe gegen das Gotteslehen. Reinold wußte nur, daß er im Block gelegen, daß ihm der Rücken blutete und daß man ihn zum Klostertor hinausgestoßen hatte. Das sagte er ihnen nicht. Als ihn der Altsenn bei der Schulter faßte, stöhnte Reinold vor Schmerz. Der Helgard schossen die Tränen in die Augen, und erschrocken griff sie nach der Hand des Buben, als hätte sie gefühlt: Dem ist Hartes geschehen. Er riß sich los und wollte ins Haus. Zögernd stand er wieder. Die Erregung der anderen hatte ihn ängstlich gemacht. Ratlos sah er in die ernsten Gesichter und schien nicht zu wissen, was er beginnen sollte. Da faßte Helgard seine Hand und riß ihn mit sich fort, am Haus vorüber. Als sie in der dunklen Tenne standen, begann die Magd ein Schluchzen, als wäre sie von Sinnen. Erschrocken hörte Reinold und verstand: Ein Unglück ist geschehen, der Jud ist fort, das Hauskind ist blind für alle Zeiten, und der andere ist bei ihr! Wie ein Stein, der aus den Lüften fällt und ein Haus zertrümmert, schlug diese Botschaft in die rosige Hoffnung seines Lebens ein. Er brach in Tränen aus wie ein Kind und warf sich über die Hafergarben. »Alles kommt über mich! Alles Unglück im Leben! Über mich kommt alles!« »O Jesu mein! O du armer, lieber Bub!« Sie hängte sich an ihn, weinte mit ihm eine Weile, suchte ihn zu beruhigen, streichelte ihm das nasse Haar und küßte ihm die Hände, den Hals, die Wange. Er hatte nicht die Kraft, diese heißen Arme von sich abzuwehren. In dem Schmerz, der auf seinem Rücken brannte, war ihm die Zärtlichkeit wie Balsam. Er ließ sich trösten. Es war finster in der Tenne. Da sah er die »Rosmucken« nicht, fühlte nur die Wärme eines jungen Körpers, der sich zitternd an den seinen drängte. Klosterdienst und Erbgut, Mutter und buntes Kleid, alles versank für ihn im Trost des Augenblickes, unter den glühenden Küssen der verliebten Magd. Mit rauschenden Strömen ging der Regen über die Dächer nieder, in der Hofreut schwamm das Wasser, und der Widerschein der Pechfeuer glitzerte wie laufende Glut in dem Wellengeriesel, das der kalte Sturmwind über die Regenlachen jagte. Beim Hagtor hielt der Altsenn die Wache. Den Steinhauser, die Junghirten und Ruglind schafften bei der Mauer und in den Wehrgängen. Keines fragte: »Was soll geschehen?« Im Winter hatten sie für den Fall einer ernsten Stunde alles abgeredet. So taten sie es jetzt. Wenn der Regen sie durchnäßt hatte bis auf die Haut, ließen sie die Arbeit eine Weile ruhen und stellten sich unter Dach ans Feuer, um ihre Kleider wieder zu trocknen. Es war schon die halbe Nacht vorüber, als der Steinhauser an ein Fenster der Herdstube pochte. »Hauswirt!« Greimold kam aus der Stube. »Was bringst du?« »Wo die Weg heraufsteigen aus dem Wald, gehen Feuer auf.« Schweigend schritt der Bauer zum Tor und stieg auf den hölzernen Turm. Rings um den Hag her sah er am Waldsaum vier lodernde Feuer durch die Schleier des Regens leuchten. Lange blickte er wortlos auf den trüben Schein. Dann sagte er ruhig: »Die Nacht ist naß und kühl, sie wärmen sich halt die Hand.« Er stieg hinunter. Als er am Pechfeuer vorüberging, sah ihm der Steinhauser ins Gesicht und erschrak. Greimolds Züge waren verändert, wie um Jahre gealtert, Stirn und Wangen so grau wie Asche. »Bauer?« »Komm!« Sie gingen zum Haus. Bei der Tür legte Greimold dem Steinhauser die Hand auf die Schulter. »Jetzt bleibst du bei der Tür da, gelt? Ich mein, wir haben noch Ruh bis zum Morgen. Sonst täten sie nit im Wald die Feuer zünden. Bis der Morgen kommt, will ich mein Kindl sicher wissen.« »Meinst du, es wird so ernst?« »Ernster, als du dir denken kannst. Drum bleib bei der Tür! Laß mir von den Heimleuten keins in die Stub, bis ich wiederkomm.« Der Steinhauser schien zu verstehen, was diese Worte bedeuteten. Er nickte. Als Greimold in die Stube trat, die der Schein des Herdfeuers trüb erleuchtete, stand Irimbert bei der Kammertür, auf den Atem der Schlummernden lauschend. Aus seinen Zügen sprach noch die Erschöpfung. Seine Augen hatten Leben und heißen Glanz. Der Gotteslechner streckte ihm die Hände hin. »Bub, jetzt bring ich die Antwort auf deinen Fürschlag. Du hast recht: Für mein Kind ist im Lehen kein Bleiben mehr. Was deine Lieb ihm bieten will, das nehm ich an. Daß du ihr eine liebe Heimat schaffen wirst, das weiß ich. Ob's auf der Immenburg oder sonstwo ist auf der Welt, ihr Glück und Ruh wird allweil sein, wo du bist! Festere Heimat kann ich meinem Kind nit schaffen. Auf dich, Bub, ist Verlaß. Für Leben und Sterben.« »Ja, Greimold!« Irimberts Stimme war klar und fest. »Tiefe Wasser sind verlaufen, und hohe Berge sind gefallen. Mein Leben ist frei. Es soll deinem Kinde gehören. Und ich schwör es dir: Ich will dem Glück deines Kindes eine Heimat schaffen, ruhig, schön und unverlierbar!« Forschend sah der Bauer in diese heißen, doch ruhigen Augen. »Bub? Es ist was an dir, das geht mir ins Herz, ich weiß nit wie. Aber du bist du! Ich kann meinem Kindl Besseres nit geben, als deine Liebe ihm gibt. Und die Zeit ist eilig. Ihr zwei müßt fort, noch heut in der Nacht.« »Und du?« »Ich geh mit euch, denn ich muß euch führen. Von meiner Kammer geht ein heimlicher Weg bis über den Wald hinauf. Den hat mein Ahnl gegraben für die Stund der Not, die er kommen hat sehen. Nur der Steinhauser und ich, sonst kennt ihn keins von den Heimleuten. Droben bei den Alben ist in der Felswand ein heimliches Stübl mit Lager und Herd. Da könnt ihr rasten bis zum Abend. Von der Wand geht ein leichter Weg bis zur Klostergrenz und zum Paß. Und über offene Alben geht's hinunter ins Halleiner Tal. Bis sell hinauf, da führ ich euch. Dann kehr ich um. Da darfst du mich nit irr machen. Mein Kindl ist sicher bei dir. Ich muß für meine Heimleut sorgen, muß ihnen Brot und Leben wahren. Ich denk, das Kloster wird lieber guten Handel schließen, eh wir von seinen Knechten die Halbscheid erschlagen. Geht alles, wie ich denk, so sind meine Leut versorgt, und dir und meinem Kind hab ich freien Weg geschaffen.« »Das ist Hoffnung, die dich betrügen wird.« »Nein, Bub, red mir's nit aus! Ich mein, bis zum Abend bin ich droben bei euch. Und herunten ist alles gut. Jetzt komm, ich weck das Kind. Und derweil du redest mit ihm, will ich alles richten zur Fahrt, daß ihr Zehrung habt und was nötig ist.« Er drückte Irimberts Hände, sah ihm in die Augen und versuchte zu lächeln. Dann ging er rasch in die Kammer. »Kindl! Wach auf!« »Vater?« klang eine schlaftrunkene Stimme. »Jetzt hätt ich schier gemeint, es tat mich ein anderer wecken! Gelt, es ist Tag?« »Ja, Kindl, heller Tag!« »Und der Irmi?« »Der ist da.« Die weiße Zenta kam aus der Kammer. Beim Feuer sitzend, streichelte Irimbert der Hündin die Stirn. Das tat er wie unbewußt, während er auf die Stimmen in der Kammer lauschte und vor sich hin ins Leere blickte, träumenden Glanz in den Augen. Nun trat sie über die Schwelle, mit der schwarzen Binde um daß weiße, lächelnde Gesicht, im Arm des Vaters, der sein Kind an die Brust gedrückt hielt, als gälte es einen Abschied auf lange Zeit. Irimbert faßte ihre suchenden Hände. Sprechen konnte er nicht. Sein leuchtender Blick redete stumm: »Ich bin bei dir. Ich halte und habe dich. Jetzt bin ich dein für Tod und Leben.« Als er sie zum Sessel führte, ging Greimold aus der Stube. Jutta fragte: »Ist der Josephus da?« »Noch nicht.« »Ich möcht ihm sagen, daß meine Augen schon ein lützel besser sind. Allweil hab ich einen lichten Schein, auch durch das Tüchl noch. Das muß der liebe Tag sein. Gelt?« »Unser Tag, der nimmer erlöschen wird!« Lächelnd zog sie seine Hand an ihre Brust und plauderte leise vor sich hin: »Allweil seh ich einen roten und blauen Schein. Und zumittelst drin, da seh ich dich, völlig anders, als ich dich gesehen hab in meiner blinden Zeit. Viel größer bist du. Dein Jägerkleid ist dunkel, wie ein Baum im Wald. Und so dunkel wie dein Kleid ist dein Gesicht. Aber dein langes Haar ist um dich her wie ein Glanz, den ich schier nit schauen kann. Und deine Augen sind wie ein schönes Feuer. Die schauen mich an, daß ich mein, es fallen mir zwei große Sonnen ins Herz hinein.« Er atmete auf wie ein Erlöster, von dem eine drückende Kette fällt. »So siehst du mich?« »Und gelt, so bist du?« »Ja. So bin ich. Wie gut du sehen kannst! Du brauchst den Josephus nimmer.« Er löste die Binde von ihren Augen. »Und gelt, jetzt darf ich auch bald hinaus in den Tag schauen und alles sehen, was schön ist?« »Heute noch, Juttula! In dieser Stunde noch!« »Du führst mich, gelt?« »Ich führe dich, immer und immer. Es wird ein weiter Weg sein, den wir heute gehen, in Tag und Sonne, über die Wiesen und durch den Wald, bis zu den Alben hinauf.« »Irmi!« »Weißt du noch, Juttula? Damals, als wir zum erstenmal bei der Ulme saßen? Was du mir damals von den Alben sagtest, weißt du das noch?« Sie nickte. Und Freude leuchtete in ihren Augen, die ohne Schleier waren, hell und klar wie die Augen sehender Menschen. »Zu den Alben, wo so viel Blumen sind, da möcht ich hinauf! Nur ein einzigs Mal! Gelt ja? Das meinst du? Und die Alben soll ich sehen?« »Noch heut!« »Und du führst mich?« »Ja.« Sie erhob sich, als wäre in ihr eine freudige Sehnsucht, die sich nimmer gedulden wollte. »Irmi! Komm!« Der Gotteslechner kehrte zurück, hinter den Schultern eine Kraxe, die mit allerlei Vorrat, mit Kleidungsstücken und Lodenzeug beladen war. Er sperrte die weiße Zenta in Juttas Kammer, brannte am Herdfeuer eine Pechfackel an und ging den beiden voraus. Der Steinhauser, der vor der Tür auf der Holzbank saß, gewahrte den Fackelschein, der aus dem Flur hinausfiel über die dunkle Hofreut. Er hörte noch das Hauskind in lachender Freude schwatzen: »Tatst du nit sagen, das ist der Weg zu den Alben, so tat ich glauben, wir sind in meines Vaters Stub!« Er hörte die Stimme des Jägers: »Da geht es steil hinunter, ich will dich tragen!« Dann vernahm er ein dumpfes Geräusch, wie den Fall einer schweren Kellertür. Jetzt war es still im Haus. Das währte nicht lang. In Juttas Kammer begann die weiße Zenta zu winseln und zu bellen. Der Steinhauser saß und wartete, Stunde um Stunde. Der Regen wurde schwächer, ein eisiger Wind fuhr über die Berge, und in das stäubende Geriesel mischten sich wehende Flocken, die zerschmolzen, wenn sie die Erde berührten. Als der Morgen kalt und grau zu dämmern anfing, sah man, daß auf den Bergen dichter Schnee gefallen war, bis über die Almen herunter. Und es stöberte noch immer um die hohen Wände. Der Tag begann. Da leuchtete im Hausflur das Licht der Fackel. Greimold, bis an die Knie mit gefrorenem Schnee behangen, trat aus der Tür und löschte den Pechbrand in einer Regenlache. »Sind sie gut hinaufgekommen?« fragte der Steinhauser. Der Bauer nickte und ließ sich mit schwerem Seufzer auf die Hausbank fallen. Scheu sah ihm der andere ins Gesicht. »Ist denn die Sorg in dir so schiech?« Der Bauer nickte. »So red doch ein Wörtl! Dein Schweigen rührt einen an wie Eis.« Der Gotteslechner hob das Gesicht. »Steinhauser! Es schreit in mir: Ich seh im Leben mein Kindl nimmer.« Da schoß die Helgard an den beiden vorbei und huschte mit abgewandtem Gesicht ins Haus. Gleich darauf kam die weiße Zenta aus dem Flur gesprungen und jagte suchend über die Hofreut, durch das Mauertor und zur Ulme hinüber. Und im Haus die Stimme der Helgard: »Bauer, Bauer!« Sie kam unter die Tür, halb erschrocken, halb verlegen. »Wo ist denn das Hauskind?« »Wo das Glück ist!« sagte der Bauer leis. Dann sah er zur Helgard auf: »Geh nur! Und koch den Heimleuten ein Mahl, ein festes, mit dem sie auslangen den ganzen Tag.« Eine Weile saß er schweigend. Jetzt erhob er sich. »Steinhauser, das Leben ist hart. Aber man muß sich halt doch drum wehren bis auf den letzten Streich. Ich will's versuchen, ob ich meinen Heimleuten noch freien Weg schaff. Und mir einen Weg zu meinem Kind.« Von den Wiesen, die vor dem Hagtor lagen, hörte man den Klang eines Hornes. »Blast nur, ja! Erst muß ich mein Eisen holen.« Als er zum Hagtor kam, mit dem Wehrzeug seines Vaters gerüstet, rief ihm der Steinhauser zu: »Herr Wernher ist draußen.« »So viel Ehr? Der Propst gar selber?« »Nein, Wernherus ist's.« »Das ist der Propst. Herr Friedrich ist ein toter Mann seit gestern.« Die Sennen standen mit erschrockenen Gesichtern. Und der Junghirt rief: »Die Untersberger haben wahr geredet! Ohne Sorg, ihr Leut! Der neue Herr im Gaden muß gerecht sein und gut. So ist die Fürsag gewesen.« Greimold war auf den hölzernen Turm gestiegen. Vor dem Hagtor draußen, inmitten der Wiese, saß Wernherus im Sattel. Neben dem Pferde stand ein Gewaffneter, mit geschlossenem Visier, an der Lanze ein weißes Fähnl, und nicht weit von ihm der alte Hilpot mit dem Jagdhorn. Die Schützen und Reisigen, über die zwanzig, waren weit zurück. »Sie tragen das weiße Tuch und wollen reden mit uns!« sagte der Bauer und stieg zum Tor hinunter. »Ruglind, gib acht auf die Weiße, daß sie nit ausspringt! Und tu das Tor auf! Steinhauser und Fürsenn, ihr gehet mit hinaus!« »Bauer, sei fürsichtig«, zickelte der Steinhauser, »die haben das Friedenstuch oft schon ausgehangen!« »Das weiß ich.« Greimold lächelte. »Es ist ein Recht aller redlichen Leut, daß sie von den Schlechten allweil wieder das Gute glauben. Ihr weißes Fähnl macht mit dem Speer ein halbes Kreuz. Dem vertrau ich zur Hälft.« Sie traten vor das Hagtor. Der Steinhauser blieb mit dem Altsenn bei der Brücke stehen, und Greimold ging dem Propst entgegen. Wernherus saß unbeweglich im Sattel. Seine Stimme klang freundlich, als er den Gotteslechner ansprach: »Daß wir kommen, Bauer, braucht dir keine Sorge zu machen. Wenn du dem Kloster nicht weigerst, was wir zu fordern ein Recht haben, so sind wir Freunde, und dein Hag hat Frieden.« Greimold schwieg. »Kennst du den Chorherrn Irimbert von Immhof?« »Den kenn ich. Gut.« »Kam er heute nacht in deinen Hag?« »Ja, Herr Wernher.« »Er hat gehandelt wider seinen Eid, ist klosterflüchtig. Weißt du das?« »Daß er aus dem Kloster hat flüchten müssen, um meinem Kind einen üblen Weg zu sparen, das weiß ich, ja!« »Dein Kind soll sicher sein wider alle Klage. Aber gib uns den Immhof heraus, noch heute, jetzt!« »Das wird sich hart machen. Was einer nit hat, kann einer nit geben.« »Was soll das heißen?« »Daß Herr Immhof nimmer in meinem Hag ist.« Ein Zornblick funkelte in den Augen des Propstes. »Bauer! Du spielst um alles, was dein ist! Um Haus und Kind!« »Mein Kind ist sicher.« Unter dem geschlossenen Helm des Gewaffneten, der die Lanze mit dem weißen Fähnl trug, klang ein rauhes Lachen. »Und Immhof?« fragte der Propst. »Wo ist er?« »Auf Wegen, die weit von Euch sind. Schon seit der halben Nacht. Den holet Ihr nimmer ein, Herr, auch mit dem Roß nit. Aber daß Ihr den steilen Weg nit umsonst geritten seid, so nehmt mein Haus! Schwört meinen Heimleuten ihr Brot und Leben zu und mir den freien Weg außer Land –« Wernherus ließ ihn nicht zu Ende sprechen. »Davon reden wir ein andermal.« Er wandte das Pferd und ritt über die Wiese gegen den Wald hinunter. Der Gotteslechner sah ihm nach und nickte. »So müssen wir halt über die Mauer miteinander reden.« Er wollte zum Hagtor gehen. Da schrien die beiden Männer bei der Brücke erschrocken auf, und Hilpot kreischte: »Wehr dich, Bauer!« Greimold faßte nach dem Eisen und drehte das Gesicht. Da sah er die Klinge der Lanze blitzen und empfing den tödlichen Stich in die Kehle. »Gottesmänner!« Ein Blutstrom erstickte sein letztes Wort: »Kaiser, steig auf!« Er stürzte entseelt zu Boden. Der Steinhauser hatte die Axt geschleudert; sie traf und zerschmetterte den geschlossenen Helm; der ihn getragen hatte, blieb unversehrt. Linhart Scharsach war es. Barhäuptig, mit klirrenden Sprüngen, eilte er den Reisigen entgegen, die schon mit Geschrei über die Wiese kamen. Jammernd waren die Sennen aus dem Tor gestürzt und halfen dem Steinhauser die Leiche bergen. Als sie die Brücke aufziehen wollten, kam noch einer in den Hag gesprungen: Hilpot, der Jäger. Sie wollten ihn zurückstoßen. Da rief der Alte: »Ich bin der Eurige! Laßt mich ein! Mein Eid ist gestorben mit meinem Herrn. Jetzt will ich stehen, wo das Recht ist.« Die Brücke war aufgezogen. Der Steinhauser legte den Toten quer über den Torweg und hob die Faust. »Ein Lump ist jeder von euch, der seiner Treu vergißt und wegsteigt über den Hauswirt!« Solcher Mahnung bedurfte es nicht. Der Mord, den sie mit angesehen, hatte ihnen allen das Feuer des Zornes ins Blut geworfen. Helgard, von dem Lärm der Stimmen aus dem Haus gerufen, stand bleich und zitternd. Als man draußen schon anfing, die Brandpfeile gegen den Hag zu werfen, rannte sie wie von Sinnen davon, hinüber zur Tenne. »Bub! Wach auf! Wach auf!« Reinold hob den Kopf aus den Hafergarben. Er trug das Gewand eines Sennen, das ihm Helgard in der Nacht gebracht hatte – in den eigenen, durchnäßten Kleidern hätte er frieren müssen, der arme Bub! Halb ausgeschlafen, mit duseligem Kopf, schien er sich auf die Dinge nicht recht besinnen zu können, schien nicht zu wissen, wo er war. Erschrocken riß er die Augen auf, als Helgard mit einem Sturz von schluchzenden Worten über ihn herfiel. Ratlos starrte er sie an. »Gardli! Um Christi Lieb! Wie komm ich denn noch hinaus?« Sie mußte denken für ihn und fand einen Weg zur Flucht: vom Stalldach auf die Mauer, mit einem Sprung hinunter, und von der Krone eines Birnbaums über den Hag hinaus. Nun wußte er genug und wollte sie von sich abwehren. Sie umklammerte seinen Hals, küßte ihn ein letztes Mal und atmete auf, als sie ihn über die Mauer verschwinden sah. Dem Hilpot flüsterte sie zu: »Er ist draußen und sicher.« Der Alte verstand nicht, was sie meinte, und es blieb ihm keine Zeit, darüber nachzudenken. Er hatte heiß bei der Mauer zu schaffen. Bis zum Abend vor dem Festtag Allerheiligen, unter Regen und Schnee, vermochten sie sich zu halten. Als die Balken des Mauertores zu brechen drohten, warf der Steinhauser einen Pechbrand auf das Hausdach, einen anderen in die Stube des Greimold. Asche sollte den Weg bedecken, den das Hauskind gegangen war. Sie wehrten sich mit letzter Kraft. Als das Tor gebrochen lag, war es nur noch ein kurzer Kampf, ein blutiger. Der alte Hilpot, der Junghirt, die Ruglind und der Steinhäuser lagen still auf der Erde, die vier Sennen mit ihren Wunden standen gefesselt, und sieben Knechte des Stiftes hatten es mit ihrem Leben bezahlen müssen, daß der letzte Freihof im Gaden ein Gut des Klosters wurde. Linhart Scharsach mit den Fronboten durchstöberte im Haus alle Räume, die das Feuer noch nicht ergriffen hatte. Die Ställe durchsuchten sie, den Tennboden und die Scheunen. Sie fanden nur die Helgard und ließen sie wieder laufen. Als man die gefesselten Sennen davonführte und das Vieh zusammentrieb, wurde zwischen der Mauer und dem halb verbrannten Hag noch ein stiller Schläfer gefunden, der unter einem Birnbaum lag, mit dem Bolz in der Stirn. Um seines Kittels willen hatte ihn einer der Klosterschützen für einen Sennen gehalten, der entfliehen wollte. Mit gellendem Schrei warf sich die Helgard zu dem Toten nieder, und schluchzend lag sie über ihm, während die Fronboten mit Stangen und Äxten das Feuer zu löschen suchten. Denn die wehenden Funken bedrohten die Ställe, die das Kloster gewonnen hatte. Und die Schafe und Schweine mußten gerettet werden. Unter dem Rauschen der Flammen und dem Krachen des stürzenden Gebälks hörte man immer wieder das Gebell und Heulen eines Hundes. Ruhelos jagte die weiße Zenta umher. Sie suchte und suchte. Auf die Wiesen rannte sie und kehrte zurück. Immer weitere Kreise zog sie, auf und nieder durch den Wald. Mit Gewinsel fiel sie im höher liegenden Gehölz eine Fährte an und jagte bergauf, den Almen zu. Sie kam in Schnee. Immer wieder verlor sie die Fährte, immer wieder fand sie die unter der weißen Decke schon halb erloschene Spur. Der Wald ging zu Ende. Über offene, dicht beschneite Almgehänge jagte das suchende Tier, verlor sich zwischen Geröll und huschte am Fuß einer hohen Steinmauer in einen dunklen Spalt, der die Felsen durchschnitt. Eine Rindenwand, durch deren Ritzen heller Lichtschein zitterte, sperrte dem Tiere den Weg. Eine Stimme klang, mit Lachen und Plaudern. Man hörte ein Feuer knistern. Unter Gebell und Winseln begann die Hündin an der Wand zu scharren. »Die Weiße! Das ist die Weiße!« rief es in der Felsenstube. »Und der Vater kommt!« Ein schmales Türlein wurde aufgerissen, und dunkel stand Jutta in dem flackernden Schein, der die kleine Felsenhöhle erfüllte. Mit so ungestümer Zärtlichkeit sprang die weiße Zenta an ihrer Herrin hinauf, daß Jutta taumelte. Ein Arm umfing sie. »Ich bitt dich! Führ mich hinaus! Dem Vater entgegen!« Irimbert zögerte. Doch er tat ihr den Willen. Während Zenta sich in ihrer Freude wie toll gebärdete, traten die beiden hinaus in den dunkelnden Abend. Der Wind war still geworden, nur spärlich fielen noch die Flocken, und durch die langsam ziehenden Wolken schimmerten ein paar verlorene Sterne. Mit dem ersten Blick, den Irimbert hinunterwarf über Almen und Bergwald, sah er den Feuerglanz des brennenden Hauses, halb verschleiert vom Rauch, der schon heraufquoll bis zu den Felsen. Er atmete tief. Und fester umschlang sein Arm die Blinde. »Siehst du ihn, Irmi? Kommt er?« »Nein, Juttula! Der Vater kommt nicht.« »So muß ihm die Weiße davongelaufen sein. Aber morgen, gelt da ist er bei uns?« »Morgen? Da sind wir bei ihm!« Sie standen schweigend. Dann plötzlich fragte die Blinde: »Was ist das, Irmi? Allweil spür ich was im Gesicht. Das ist, als ob es Eisblumen wären? Wie kann das sein? Es ist doch blühende Zeit! Gelt, ja?« »Blumen und Blumen, überall, wohin du siehst. Und was du auf deinen Wangen fühlst, sind fliegende Blätter von ihren Kelchen. Die sind so kühl vom Tau, der die Blumen tränkte.« »Wenn ich nur eins haschen könnt! Aber wie ich's greifen will, ist's fortgeflogen.« Wieder schwiegen sie. Auch die weiße Zenta war ruhig geworden. Sie stand mit gesträubtem Haar, noch atemlos von dem jagenden Lauf, mit hängender Zunge, und stierte hinunter auf das brennende Haus. Da sagte Jutta: »Es ist wie Rauch in der Luft. Sell drunten wo, da muß ein mächtiges Feuer sein.« Er preßte die Blinde an seine Brust. »Wie gut du sehen kannst! Ein Feuer, groß und hell und lodernd!« Das klang wie eine Stimme der Verzweiflung und doch wie jubelndes Glück. »Das Feuer brennt in deines Vaters Hofreut. Das haben die Heimleut in Freud gezunden.« »Wie in der Sonnwendnacht? Und horch nur, Irmi, ich mein, daß ich Stimmen hör, sell drunten!« »Sie singen! Hörst du es nicht? Sie jauchzen!« »Warum haben sie so viel Freud?« »Weil das lachende Glück im Gotteslehen Einkehr hielt. Weil das Hauskind ein Bräutlein wurde.« »Irmi!« Mit zitternden Armen hob er sie empor und küßte ihren Mund. »Irmi! Was tust du mir?« Das stammelte sie erschrocken. Dann ein selig dürstender Laut. Und seinen Hals umklammernd, trank sie die Glut seiner Küsse. Wie weiße, gaukelnde Blütenkelche fielen die Flocken in der Dämmerung. Immer spärlicher fielen sie. Langsam verzog sich das Gewölk, und am Himmel, der sich klärte, flimmerten die ewigen Lichter. Die reine Luft war kalt wie in einer Frühlingsnacht, in der ein Reif die Blumen umschauert. Lautlos gingen die Stunden hin. Nur manchmal das Klirren eines Steines, der sich aus den Wänden löste, über die Felsen rollte und still im Schnee versank. Ein falber Schein zog über den Grat des Hohen Göhl herauf. Die Sterne erloschen wie junge Augen, die müde sind und noch immer schauen wollen. Alles Dunkel wurde grau, in allem Grau erwachten die Farben, ein bläulicher Glanz war über den Schnee gegossen. Als hätte ein Wunder die beschneiten Berge mit Rosen beworfen, so begannen die Zinnen des Watzmanns und der Watzmannkinder aufzuleuchten, rot und rot. Diesem blühenden Glanze gegenüber, auf dem Göhl und auf dem steilen Jenner, waren alle Zacken und Grate gesäumt mit einer blitzenden Linie, die den blauen Schatten der Felsen vom Blau des Himmels teilte. Strahlen schossen auf, als wäre hinter den Bergen dort oben eine Welt in Brand geraten. Aller Rauch und Nebel, der das tiefe Tal verhüllte, fing zu schimmern an, und über die weißen Almen ging es wie flutendes Feuer hin. Die Sonne kam. Das glomm und glitzerte in den Lüften und über dem Schnee, daß Irimbert, als er aus der Felsenkammer hinaustrat in den strahlenden Bergmorgen, geblendet die Lider schließen mußte. Juttas Augen ertrugen den Glanz und blickten hinaus in allen Schimmer des Morgens, groß und klar und ruhig wie sehende Augen, die im Wachen träumen. Langsam und schweigsam schritten die beiden durch den linden Schnee. Die weiße Zenta tollte vor ihnen her, häufig verschwindend in den glitzernden Wolken, die sich auf steilem Hang unter den Sprüngen des Tieres von der Schneedecke lösten. In den Mantel gehüllt, vom Arm des Geliebten umschlungen, ruhte Jutta auch im Schreiten noch an seiner Brust. Gestrüpp und Stein vermeidend, jeden Schritt ihres Weges überwachend, führte er die Blinde am Fuß der steilen Gehänge über ebenen Grund. »Wie lind das Gras ist, über das wir gehen!« sagte sie. »Und alles ist blumig, gelt?« »Wie gut du sehen kannst! Ein blühender Mai um uns her! Blumen und Blumen überall. Der blauen Sterne und der roten Rosen sind so viele, daß sie das grüne Gras bedecken wie der Himmel die Welt.« Sie nickte, den verklärten Blick der blinden Augen ins Leere gerichtet. »So viel Blumen! Und ich weiß, warum!« Ihre Stimme wurde ein Flüstern. »Irmi? Siehst du sie nit? Allweil geht sie vor uns her. Und allweil grüßt sie mich.« Er preßte die Blinde in seinen Arm und stammelte in Jubel: »Du siehst das Glück!« »Die schöne Frau! Die seh ich, Irmi! Und völlig ist sie, wie du gesagt hast. Alles ist hell und weiß an ihr. Ein Schein geht von ihr aus. Den seh ich, Irmi! Und wo ihr weißer Mantel schleifet, wachsen Blumen. Allweil lacht sie uns an. Das ist in mir, ich kann's nit sagen! Schau, ich mein schier, daß ich singen müßt!« Sie atmete tief und wurde stumm. Lächelnd streckte sie die Arme. Von ihren Schultern glitt der Mantel in den Schnee. Und da endete ihr Weg. Sie standen am Rand der Felsen, träumende Tiefe unter ihnen. Wie war es schön dort unten, auch ohne Sonne! Im Duft des Schattens glich das sinkende Tal einem Spiegel, darin sich das Blau des Himmels brach. Und der beschneite Wald so zierlich und winzig, als hätte dort unten der Schnee geblüht und weiße Blumen getrieben. Immhof blickte in die Tiefe. Dort unten lag es und winkte – das Glück, das unverlierbar ist, das keinen Irrtum kennt und keine Täuschung fürchtet. Ewige Blindheit und ewige Helle! Und über weiße Blumen zu ihm ein Weg, den kein müdes Erlöschen endet, nur ein letzter jubelnder Schrei! Und ihr Leben von diesem blühenden Wege nur getrennt durch einen Schritt ins Leere, durch eine kurze Qual. Der Geliebten auch diesen einzigen Schmerz ihres Lebens noch ersparen? Konnte er das? Fester umschlang er sie, und ruhig faßte seine Hand den Griff des Messers. Noch einmal blickte er über die Almen zurück und hinunter gegen das von Rauch und Nebel verschleierte Klostertal. Er stand hoch aufgerichtet, stolz den Mund umspielt von einem verächtlichen Lächeln. Dort hinter ihm das staubige Leben mit seinen Schmerzen und seinem Haß, mit seiner Torheit und seinem Würmerkampf. Und hier in einsamer Höhe der reine Tag, Schönheit und Ruhe, das Glück, die Liebe. »Sie harret auf uns. Komm, Irmi, laß uns gehen.« »Wir sind daheim.« Ein Rauschen erhob sich über ihnen, als hätte ein gewaltiger Vogel seine Schwingen geöffnet. Hatte die Sonne den Schnee gelöst? Oder Zenta, die verschwunden war? Eine wirbelnde Wolke, weiß und in die Breite wachsend, stäubend wie fallendes Wasser, kam über die steilen Gehänge niedergerollt. »Irmi? Was ist das, was ich hör?« »Sie öffnen das Tor und lassen die Brücke nieder. Siehst du das schöne Haus? Groß und weiß. Da sollen wir wohnen. Ewig und ewig.« »Du! Und ich!« »Und das Glück mit uns.« Sein Arm umklammerte sie, und ihre Lippen mit den seinen schließend, drückte er den Stahl in ihre Brust. Sie seufzte nur. Das war nicht ein Hauch in Schmerzen, nur ein seliger Laut unter Küssen. So hing sie noch an seinem Halse, während ihr Leben schon hinüberschlummerte in das ewige Glück. Und schon umwirbelte sie der weiße Staub, die rollende Wolke schlang ihren wehenden Mantel um die beiden her, und donnernd stürzte die Lawine über alle Felsen nieder in das schattige Tal.   Der Bannbrief hing an dem Tor des Stiftes, und im Turm des Münsters waren die Glocken stumm. Doch die Riesenglocke der Berge hatte zu heiligem Tod geläutet, dröhnend, mit gewaltigem Schall. Von ihrer Stimme ein Widerhall ging weit über alle Täler, über die Almen und Wälder hin. Die still gewordenen Kämpfer, die um den rauchenden Aschenhaufen des verbrannten Hauses lagen, hörten nicht mehr. Aber im Hag des Jägers hoben beide – die Greisin, die mit den Händen im Schoß auf der Schwelle ihres Hauses saß, und Helgard, die neben Mutter Hanna auf der Erde kauerte – bei diesem Rollen und Dröhnen die Gesichter, als hätten sie für einen Augenblick ihres stummen Jammers vergessen. Und drunten im Tal, bei der Achenbrücke – da waren sieben Zelte errichtet, Speere waren aufgestellt, mit dem Bienenkorb auf dem Fähnl, Rosse lagen an der Koppel, und beim Feuer ruhten gewaffnete Knechte. Die horchten auf, als es durch die herbstlichen Lüfte ging wie Gewitterschlag im Sommer. Aus einem der Zelte trat ein Jüngling in schimmerndem Eisenkleid und blickte lauschend zu den ziehenden Nebeln auf, die den Himmel und die Sonne verschleierten. Eine hohe, kraftvolle Gestalt, die mit dem Stahl, der die schlanken Glieder umschützte, wie in eins verwachsen schien. Dunkel fielen die Locken auf die Schulterstücke des Panzers. Und ein Gesicht, als wäre ein versunkenes Leben wieder auferstanden! Nur daß es jenem anderen glich wie der lachende Mai dem schwermütigen Herbst. Und andere Augen! Augen von lichtem Braun und strahlender Helle. Während er noch stand und lauschte, trat der alte Wieting zu ihm. »Herr Immhof! Schauet hinauf zum Kloster! Sie kommen wieder. Aber der eine, auf den wir harren, ist nicht dabei. Jetzt fang ich an, sein Wort zu verstehen, wie's gemeint war.« Mit einem großen Troß von Falknern und Knechten erschienen sie in ihren pelzverbrämten Festgewändern, die beiden Kapläne, Hans Pütrich und Herr Linhart Scharsach, der Kämmerer. Mit allem Segen des Himmels grüßend, im Namen des Propstes, nomine reverendissimi nostri domini Wernheri, luden sie den ritterlichen Herren Wolfgang von Immhof zu Tisch und Bett des Klosters. Statt aller Antwort fragte Herr Immhof mit seiner hellen, klingenden Stimme: »Ist unter euch der Chorherr Irimbert von Immhof, mein edler Vetter?« Sie schwiegen, ratlos und verlegen. »So genügen mir Schild und Lager in meinem Zelt.« Da begann Herr Linhart Scharsach zu reden, wohlwollend und ehrenfest, mit derber Herzlichkeit, wie nur gute Menschen zu reden vermögen. Immhof unterbrach ihn: »Spart Euch die schöne Rede, frommer Herr! Mir ist geboten, am Festtag Allerheiligen und hier auf dieser Stelle den Chorherren Irimbert von Immhof zu erwarten. Kommt er, so bin ich ein Lehensmann des Klosters.« »Und kommt er nicht?« »So gehorch ich seinem Wort: Ich ziehe zum Kaiser und nehme die Immenburg als Lehen aus seiner Hand.« Sie gingen, Ärger in den roten Gesichtern und Zorn in den Augen. Nur Hans Pütrich lächelte, als hätte er Freude an diesem Tag. Stunde um Stunde verrann. Als es Abend wurde, sagte der alte Wieting mit einer Stimme, schwer und zögernd: »Herr! Die Sonn ist drunten. Wir können reiten.« »Laß uns noch warten bis zum Morgen!« Herr Immhof legte dem Marschalk die Hand auf die Schulter und sagte ernst: »Wieting, ich fürchte, du hast recht, er kommt nicht. Und dir ist leid um ihn. Du hättest lieber ihm gedient als mir?« »Ja, Herr! Hättet Ihr ihn gekannt! Hättet Ihr ihn gesehen als Buben! Was hätt aus ihm nicht alles werden können. Und was haben sie gemacht aus ihm!« Der Alte wandte sich ab und trat zum Feuer. Beim Rauschen der Ache und unter zitternden Sternen verging die dunkle Nacht. Und dann ein Morgen, klar, in strahlender Sonne. Die Brücke dröhnte vom Hufschlag der vielen Rosse. Auf schwerem Rappen, um dessen Schenkel die Säume des bunten Satteltuches flatterten, ritt Wolfgang von Immhof seinen Burgleuten voran. Seine Locken wehten im Morgenwind um die Ränder des blitzenden Helmes. Auf den silbernen Buckeln seines Schildes, auf den Schuppen seines Eisenhemdes und auf den blanken Schienen weckte die Morgensonne ein Glitzern und Gefunkel, daß der Ritter anzusehen war wie eine menschgewordene Flamme. Neben der Straße, im Frühschatten des welken Buchenwaldes, lag der »traurige Jacho« eingewühlt in das rote Laub. Als er die Rosse traben hörte, richtete er sich auf. Er sah den schimmernden Reiter kommen. Als hätte dieses Bild der Kraft und des Lebens einen hellen Strahl in die Nacht seiner Sinne geworfen, so fing er, das Eisenkreuz über dem Kopfe schwingend, ein Jauchzen und Schreien an, daß der entblätterte Wald von seiner Stimme widerhallte. Herr Immhof wandte sich im Sattel. Er lächelte, als er den jubelnden Narren tanzen sah, und warf noch einen Blick hinaus über das sonnige Tal des Gadens, über die roten Wälder und die weißen Berge. Hoch im Morgenglanz der Sonne schwamm ein winziger Schatten. Es war ein Adler, der im Blau seine ruhigen Kreise zog. Die Rosse trabten und verschwanden.   Den ganzen Winter, Abend für Abend, erzählten sie's in allen Stuben der hörigen Bauern: »Am Festtag Allerheiligen, wie das Gotteslehen verbrennen hat müssen und die Lahnen gedonnert haben, ist ein Häuflein von den Untersbergen ausgeritten. Die haben sich umgeschaut im Gaden und sind verschwunden. Gebet nur acht, bald steigt er auf, der Kaiser!« Einer trug es dem anderen zu, und wenn sie sprachen davon, überleuchtete die harten, ernsten Gesichter ein Lächeln der Hoffnung.