Henry Fielding Die Geschichte des Tom Jones eines Findlings. Erster Theil. 1 Erstes Buch. Enthält so viel von der Geburt des Findlings, als der Leser im Anfange dieser Geschichte davon zu wissen braucht und wissen muß. Erstes Kapitel. Die Einleitung zu dem Werke, oder der Speisezettel zu dem Mahle. Ein Schriftsteller darf sich nicht für einen Mann halten, der seinen Freunden oder den Armen ein Gastmahl giebt; er muß sich vielmehr dem Inhaber eines Speisehauses gleich stellen, in welchem Jedermann willkommen ist, der Geld mitbringt. Im erstern Falle setzt bekanntlich der Gastgeber Speisen nach seinem Gefallen vor, und wenn dieselben dem Gaumen der Gesellschaft auch nicht zusagen, ja wenn sie ihm sogar zuwider sind, so darf man sie doch nicht tadeln; im Gegentheil, die gute Lebensart nöthigt die Gäste, Alles, was ihnen vorgesetzt wird, gut zu finden und zu rühmen. Anders bei dem Inhaber eines öffentlichen Speisehauses. Leute, die das bezahlen, was sie essen, wollen durchaus etwas haben, das ihrem Gaumen gefällt, wie verwöhnt er auch sein mag; ist nicht Alles nach ihrem Geschmacke, so maßen sie sich das Recht an, die Gerichte zu tadeln, zu 2 schmähen und zu verwünschen, und sie lassen sich davon durch keine Rücksicht abhalten. Um nun ihre Kunden durch eine solche Täuschung nicht zu beleidigen, pflegen die ehrlichen Speisewirthe einen Speisezettel vorzulegen, den Jedermann, wenn er in das Haus tritt, lesen kann, um, nachdem er erfahren, welche Gerichte er zu erwarten hat, entweder zu bleiben und das zu genießen, was ihm geboten wird, oder weiter zu gehen und in einem andern Speisehause etwas zu suchen, das seinem Geschmacke mehr zusagt. Da wir es keineswegs verschmähen, guten Rath und Klugheit von irgend Jemandem zu borgen, der uns damit dienen kann, so sind wir auch geneigt, jene ehrlichen Speisewirthe nachzuahmen, und wir werden demnach nicht bloß einen allgemeinen Speisezettel für das ganze Mahl vorlegen, sondern auch bei jedem einzelnen Gerichte, das in dem vorliegenden Werke servirt werden wird, besondere Angaben vorausschicken. Man hat hier weiter nichts zu erwarten, als menschliche Natur; ich fürchte aber nicht, daß einer meiner Leser, wie verwöhnt auch sein Gaumen sein möge, sich verwundert, oder gar unwillig wird, weil ich nur einen Artikel nenne. Die Schildkröte enthält, wie alle erfahrenen Gutschmecker wissen, außer dem köstlichen Fleische an ihrem Rücken- und Bauchschilde noch mancherlei verschiedene Dinge, die essenswerth sind; eben so findet sich, wie der Leser recht wohl weiß, in der menschlichen Natur, wenn sie hier auch unter einem allgemeinen Namen zusammengefaßt wird, eine so unabsehbare Mannichfaltigkeit, daß ein Koch eher mit allen verschiedenen Arten thierischer und vegetabilischer Nahrung in der Welt zu Ende kommt, als ein Schriftsteller im Stande ist, einen so umfassenden Gegenstand zu erschöpfen. 3 Feinere Leser machen vielleicht den Einwurf, dieses Gericht sei zu gewöhnlich und zu gemein, denn was Anderes finde man in allen den Romanen, Novellen, Schauspielen und Gedichten, welche den Markt überschwemmen? Der Gutschmecker müßte manche vortreffliche Speise verwerfen, wenn es ein hinreichender Grund wäre, sie für gewöhnlich und gemein zu erklären, daß es etwas an den armseligsten Oertern giebt, das denselben Namen führt. Die wahre Natur findet man in den Büchern eben so selten, als bei den Kaufleuten ächten Schinken von Bayonne und ächte Würste von Bologna. Die Hauptsache kommt, um bei derselben Metapher zu bleiben, auf die Zurichtung durch den Schriftsteller an. Dasselbe Thier, welches die Ehre hatte, zum Theil an der Tafel eines Herzogs gespeiset zu werden, wird vielleicht an einem andern seiner Theile tief herabgewürdigt und in der gemeinsten Garküche der Stadt gleichsam an den Galgen gehenkt. Worin liegt also der Unterschied zwischen der Speise des Edelmannes und jener des Aufläders, wenn beide von einem und demselben Ochsen oder Kalbe essen, außer in den Zuthaten, in der Zurichtung, in dem Aufputze? Aus diesem Grunde reizt und weckt sie hier den schlaffsten Appetit, während sie dort den gierigsten Hunger stillt und zum Schweigen bringt. Eben so liegt die Trefflichkeit der Geistesnahrung weniger in dem Gegenstande, als in der Geschicklichkeit des Schriftstellers, denselben gut zu behandeln und gleichsam zuzurichten. Mit welchem Vergnügen wird deshalb der Leser finden, daß wir uns in dem vorliegenden Werke fortwährend an einen der höchsten Grundsätze des besten Koches gehalten haben, den die jetzige oder vielleicht die Zeit Heliogabal's hervorgebracht hat! Dieser große Mann pflegt seinen hungrigen Gästen zuerst einfache Dinge vorzusetzen und 4 allmälig, wie die Magen aller Wahrscheinlichkeit nach schwächer werden, bis zu der eigentlichen Quintessenz der Saucen und Gewürze emporzusteigen. Eben so werden wir dem Hunger unserer Leser die menschliche Natur zuerst einfach und natürlich vorstellen, wie sie sich auf dem Lande findet, und sie später mit allem pikanten französischen und italienischen Gewürz von Affectation und Laster, wie sie Höfe und Städte bieten, versehen. Nachdem wir so viel vorausgeschickt haben, wollen wir diejenigen nicht länger von ihrem Mahle abhalten, denen unser Speisezettel behagt, vielmehr ihnen sogleich den ersten Gang unserer Geschichte vorsetzen. Zweites Kapitel. Eine kurze Schilderung des Squire Allworthy und eine ausführlichere der Miß Brigitte Allworthy, seiner Schwester. In jenem Theile des Westens dieses Königreichs, welcher gewöhnlich Somersetshire genannt wird, lebte vor Kurzem, und lebt vielleicht noch, ein Mann mit Namen Allworthy, den man den Günstling der Natur und des Glückes hätte nennen können, denn beide schienen mit einander gewetteifert zu haben, ihn mit ihren besten Gaben zu überschütten. Einige werden wohl der Meinung sein, die Natur habe bei diesem Wettkampfe den Sieg errungen, weil sie ihm viele Gaben verlieh, während das Glück nur eine einzige Gabe zu reichen vermochte; sie ging aber dabei so verschwenderisch zu Werke, daß Andere vielleicht glauben, diese einzige Gabe komme allen den verschiedenen Segnungen, die ihm die Natur verliehen, mehr als gleich. Von der letztern erhielt er nämlich eine angenehme Persönlichkeit, eine dauerhafte Gesundheit, einen guten Verstand und ein 5 wohlwollendes Herz; durch das erstere dagegen gelangte er in den Besitz eines der größten Güter in der Grafschaft. Dieser Mann hatte sich in seiner Jugend mit einem schönen und höchst achtbaren Mädchen verheirathet, dasselbe als seine Frau zärtlich geliebt und von ihr drei Kinder erhalten, die sämmtlich frühzeitig starben. Auch das Unglück hatte er gehabt, sein geliebtes Weib selbst etwa fünf Jahre vor der Zeit begraben zu müssen, in welcher unsere Geschichte beginnt. Diesen Verlust trug er, ob er wohl groß war, wie ein verständiger, fester Mann, ob er gleich bisweilen etwas seltsam darüber sprach, denn er äußerte nicht selten, er sehe sich noch immer für verheirathet an, als habe seine Frau nur eine kurze Zeit vor ihm eine Reise angetreten, die er gewißlich, früher oder später, ebenfalls werde machen müssen, und er zweifle nicht im mindesten, daß er sie an einem Orte wiederfinden werde, wo er nie wieder von ihr getrennt werden würde, – Ansichten, um deretwillen ein Theil seiner Nachbarn seinen Verstand, ein zweiter seine Religion und ein dritter seine Aufrichtigkeit bezweifelte. Er lebte nun meist zurückgezogen auf dem Lande mit einer Schwester, die er zärtlich liebte. Diese Dame war etwas über die Dreißig hinaus, in welcher Zeit, nach der Meinung der Boshaften, ein unverheirathetes Frauenzimmer nicht mit Unrecht bereits »alte Jungfer« genannt werden kann. Sie gehörte zu den Frauen, die man mehr wegen ihrer guten Eigenschaften, als wegen ihrer Schönheit rühmt und die von ihrem eignen Geschlechte gewöhnlich gutmüthige Frauen genannt werden. Sie war wirklich so weit davon entfernt, den Mangel der Schönheit zu bejammern, daß sie diesen Vorzug (wenn es einer ist) stets mit einer gewissen verächtlichen Miene erwähnte, ja Gott oft dankte, daß sie nicht so hübsch sei, wie die oder die, welche vielleicht eben durch ihre Schönheit auf Abwege verlockt worden sei, 6 die sie außerdem vermieden haben würde. Miß Brigitte Allworthy (so hieß die Dame) hielt mit vollem Rechte die körperlichen Reize an einem Weibe für nichts weiter, als Schlingen für sie selbst oder für Andere; trotz dem aber war sie in ihrem Wandel so vorsichtig und hielt so klug Wache, als hätte sie alle Schlingen zu fürchten, die jemals für ihr ganzes Geschlecht gelegt worden sind. Ich habe indeß die Bemerkung gemacht (wenn sie auch dem Leser unerklärlich zu sein scheinen mag), daß diese Klugheitswache, wie die disciplinirten Soldaten, am bereitwilligsten da aufzieht, wo am wenigsten Gefahr zu befürchten ist. Sie verläßt oft feig jene Posten, nach denen die Männer alle seufzen und schmachten und jedes Netz auswerfen, und begleitet meist unablässig jene höhere Klasse von Frauen, gegen welche die Männer eine scheuere Ehrfurcht hegen und die sie (wie ich vermuthe, weil sie am Gelingen des Versuches zweifeln) niemals anzugreifen wagen. Ehe wir weiter fortfahren, lieber Leser, halte ich es für gerathen, Dich darauf aufmerksam zu machen, daß ich im ganzen Verlaufe dieser Geschichte so oft abzuschweifen gedenke, als ich eine Gelegenheit dazu sehe, was ich besser zu beurtheilen weiß, als irgend ein Kritiker. Drittes Kapitel. Ein sonderbares Ereigniß, das dem Herrn Allworthy bei seiner Rückkehr nach Hause zustößt. Das anständige Benehmen der Jungfer Deborah Wilkins, nebst einigen passenden Bemerkungen über Bastarde. Ich habe dem Leser in dem vorhergehenden Kapitel erzählt, daß Herr Allworthy ein großes Vermögen besaß, das er geerbt, daß er ferner ein gutes Herz, aber keine Familie 7 hatte. Daraus werden nun Manche schließen, er habe als redlicher Mann gelebt, sei Niemandem etwas schuldig gewesen, habe nur das genommen, was ihm gehörte, ein gutes Haus gemacht, seine Nachbarn an seinem Tische herzlich willkommen geheißen, den Armen reichlich gegeben, d. h. denen, welche lieber betteln, als arbeiten, sei als unermeßlich reicher Mann gestorben und habe ein Hospital bauen lassen. Es ist wahr, Manches davon that er; hätte er aber nicht mehr gethan, so würde ich es ihm überlassen haben, seine Verdienste selbst auf einem Steine über dem Eingange seines Hospitals der Welt zu verkündigen. Weit außerordentlichere Dinge sind der Gegenstand dieser Geschichte, ich würde sonst meine Zeit auf unverzeihliche Weise durch das Schreiben eines so dicken Buches verschwenden, und Sie, mein kluger Freund, könnten mit eben dem Nutzen und Vergnügen einige Seiten von dem lesen, was gewisse närrische Schriftsteller spaßhafter Weise »die Geschichte Englands« genannt haben. Herr Allworthy hatte sich ein ganzes Vierteljahr lang eines besondern Geschäftes wegen, das ich weiter nicht kenne, in London aufgehalten; es muß aber wohl von Wichtigkeit gewesen sein, weil es ihn so lange von der Heimath fern hielt, die er seit vielen Jahren keinen Monat lang verlassen hatte. Spät am Abende kam er in sein Haus zurück und nach einem kurzen Abendessen in Gesellschaft seiner Schwester begab er sich sehr ermüdet in sein Zimmer. Nachdem er hier einige Minuten auf seinen Knien gelegen hatte, eine Gewohnheit, von welcher er aus keiner Veranlassung jemals abwich, wollte er eben in sein Bett steigen, als er bei dem Aufdecken desselben zu seiner großen Verwunderung ein Kind, das in grobe Linnen geschlagen war, darin in süßem und tiefem Schlafe liegen sah. Eine Zeit lang stand er bei diesem Anblick unbeweglich vor Staunen da, bald aber, da 8 seine Gutmüthigkeit stets schnell die Oberhand gewann, fühlte er Mitleid mit dem kleinen armen Dinge vor ihm. Er zog die Klingel und befahl einer ältlichen Magd, sogleich aufzustehen und zu ihm zu kommen. Bis dahin betrachtete er so eifrig die Schönheit der Unschuld, die in jenen lebendigen Farben erschien, in welchen sich die Kindheit und der Schlafzimmer zeigt, daß es ihm nicht einfiel, er sei im Hemd, als die alte Magd hereintrat. Sie hatte indeß ihrem Herrn hinreichend Zeit zum Bekleiden gelassen, weil sie, aus Ehrfurcht vor ihm und im Gefühl der Schicklichkeit, viele Minuten mit der Anordnung ihres Haares vor dem Spiegel verbracht, trotz der Eile, mit welcher sie von dem Diener beschieden worden war, und obgleich ihr Herr, was sie nicht wissen konnte, vielleicht im Sterben lag. Man wird sich nicht verwundern, daß eine Person, die an sich selbst so viel auf Schicklichkeit und Anstand hielt, sich schwer verletzt fühlte, wenn eine andere im geringsten davon abwich. Sie hatte also kaum die Thüre geöffnet und ihren Herrn mit einem Lichte in der Hand im Hemde an dem Bette stehen sehen, als sie höchst entsetzt zurückprallte; sie wäre vielleicht gar in Ohnmacht gefallen, hätte er sich nicht noch schnell besonnen, daß er unangekleidet war und ihrem Entsetzen ein Ende gemacht, indem er sie aufforderte, so lange vor der Thüre zu bleiben, bis er sich etwas angekleidet habe und die züchtigen Augen der Jungfer Deborah Wilkins nicht mehr beleidige, die, obgleich zwei und funfzig Jahre alt, betheuerte, sie habe niemals einen Mann ohne Rock gesehen. Spötter und Witzler mögen vielleicht über den ersten Schreck der guten Jungfer lachen, die ernstern Leser aber werden, wenn sie die nächtliche Zeit, das Herbescheiden aus dem Bette und die Stellung berücksichtigen, in welcher sie ihren Herrn fand, ihr Benehmen vollkommen billigen und rühmen, wenn nicht die Bewunderung ein 9 wenig durch die Klugheit gemindert wird, welche man bei Mädchen in dem Alter der Jungfer Deborah voraussetzen muß. Als Jungfer Deborah wieder in das Zimmer trat und von ihrem Herrn erfuhr, daß derselbe ein Kind in seinem Bette gefunden habe, erreichte ihre Bestürzung einen noch höhern Grad als vorher, und sie konnte sich nicht enthalten, mit Entsetzen im Tone der Stimme und in ihren Mienen auszurufen: »Ach, guter Herr, was soll da geschehen?« Herr Allworthy entgegnete, sie müsse diese Nacht das Kind warten und pflegen; am andern Morgen würde er für eine Amme sorgen. »Ja, Herr,« sagte sie, »und ich hoffe, Ew. Gnaden werden einen Befehl erlassen, den Nickel, seine Mutter, die in der Nähe wohnen muß, festzunehmen. Es sollte mich freuen, wenn sie in das Zuchthaus gesteckt und tüchtig ausgepeitscht würde. Solche schlechte Mädchen können nie streng genug bestraft werden. Ich wette, es ist nicht ihr erstes Kind, weil sie so unverschämt war, dasselbe Ew. Gnaden zu bringen, als wenn . . .« – »Das Kind mir zu bringen, Deborah!« antwortete Allworthy, »die Absicht hatte sie wohl nicht. Wahrscheinlich glaubte sie auf diese Weise für ihr Kind zu sorgen und ich bin wirklich erfreut, daß sie nichts Schlimmeres gethan hat.« »Ich wüßte nicht, was noch schlimmer wäre,« sagte Deborah, »als daß solche Nickel ihre Sünde vor ehrlicher Leute Thüre legen, und wenn auch Ew. Gnaden Ihre eigne Unschuld kennen, so ist doch die Welt böse und gar mancher redliche Mann hat für den Vater von Kindern gelten müssen, die er nicht erzeugte. Nehmen sich Ew. Gnaden des Kindes an, so werden die Leute noch bereitwilliger glauben, was sie wollen, und warum wollen denn auch Ew. Gnaden für das Kind sorgen, das ja das Kirchspiel erhalten muß? Meinetwegen noch, wenn es eines 10 ehrlichen Mannes Kind wäre; solche in Unzucht erzeugte Geschöpfe aber rühre ich nicht gern an und kann sie nicht für meine Mitmenschen halten. Pfui! wie es stinkt! Es riecht gar nicht wie ein Christenkind. Wenn ich mich unterstehen darf, einen Rath zu geben, so wäre ich dafür, wir legten es in einen Korb und ließen es vor die Thüre des Kirchenvorstehers setzen. Es ist eine schöne Nacht, blos etwas regnerig und windig, und wenn man es gut einwickelte und in einen warmen Korb legte, so ist zwei gegen eins zu wetten, daß es leben würde, bis es früh gefunden wird. Sollte es aber auch sterben, so haben wir doch unsere Schuldigkeit gethan, da wir für sein Unterkommen sorgten, und es ist vielleicht besser für solche Geschöpfe, sie sterben unschuldig, als daß sie aufwachsen und ihren Müttern nachahmen, denn etwas Besseres kann man von ihnen nicht erwarten.« Es waren einige Stellen in dieser Rede, welche vielleicht den Herrn Allworthy beleidigt hätten, wenn er aufmerksamer darauf gewesen wäre; aber er hatte eben einen Finger in das Händchen des Kindes gebracht, das durch leisen Druck ihn um Beistand zu bitten schien und sicherlich die Beredtsamkeit der Jungfer Deborah zu Schanden gemacht hätte, wäre sie auch noch größer gewesen, als sie wirklich war. Er befahl der Jungfer Deborah, das Kind ohne Umstände mit in ihr Bett zu nehmen und eine Magd zu rufen, die einen Brei und andere Dinge für das Kind bereit mache. Er befahl ferner, gleich früh am Morgen für reine Wäsche für dasselbe zu sorgen und es ihm zu bringen, sobald er auf sei. Jungfer Wilkins hatte so viel Einsehen und so große Achtung vor ihrem Herrn, bei dem sie eine vortreffliche Stelle hatte, daß ihre Bedenken vor seinen bündigen Befehlen sogleich schwanden. Sie nahm das Kind auf den Arm, ohne Widerwillen vor der unehelichen Geburt desselben zu 11 verrathen, meinte, es sei ein liebes kleines Ding und ging mit ihm in ihre Schlafkammer. Allworthy dagegen versank in den süßen Schlummer, den ein Herz genießt, das etwas Gutes gethan hat und mit sich zufrieden ist, und der wohl süßer ist, als jener, welcher durch irgend einen andern Genuß herbeigeführt wird. Viertes Kapitel. Der Hals des Lesers kommt durch eine Beschreibung in Gefahr; sein Entrinnen und die große Herablassung der Miß Brigitte Allworthy. Der gothische Baustyl kann nichts edleres hervorbringen, als das Haus des Herrn Allworthy. Es lag etwas Großartiges in demselben, das die Seele mit ehrfurchtsvollem Schauer erfüllte, und glich den Schönheiten der besten griechischen Bauwerke. Auch war es innen so bequem als außen ehrwürdig. Es stand an der Südostseite eines Hügels, näher am Fuße als am Gipfel desselben und war vor dem Nordostwinde durch einen Hain alter Eichen geschützt, die fast eine halbe englische Meile weit am Hügel hinauf wuchsen, doch hoch genug, daß es eine reizende Aussicht auf das Thal unten gewährte. In der Mitte des Haines führte ein schöner Gang sanft abschüssig nach dem Hause hinunter und oben am Ende sprudelte ein wasserreicher Quell aus einem von Fichten bewachsenen Felsen hervor und bildete einen etwa dreißig Fuß hohen Fall, der nicht auf regelmäßigen Stufen herabgeleitet wurde, sondern natürlich über zerbrochene, moosbewachsene Steine bis an den Fuß des Felsens stürzte; dann floß er in einem Kieselbette mit vielen kleinern Fällen fort, 12 bis er in einen Teich am Fuße des Hügels, unfern dem Hause an der Südseite, gelangte, den man aus jedem Zimmer von der Vorderseite sah. Aus diesem kleinen See, der in der Mitte einer schönen, mit Buchen und Erlen geschmückten und von Schafen belebten Ebene lag, kam ein Fluß heraus, der sich mehrere (engl.) Meilen weit durch eine unendliche Menge von Wiesen und Waldungen schlängelte, bis er in das Meer sich ergoß. Ein Arm desselben und eine Insel darüber hinaus begrenzten die Aussicht. Rechts von diesem Thale öffnete sich ein kleineres, das mit mehrern Dörfern geschmückt war und in einem epheuumrankten Thurme einer alten verfallenen Abtei, so wie einem Theile der Frontseite derselben endigte. Links zeigte sich ein sehr schöner Park mit Thal und Hügel, Durchsichten und Wasser, der äußerst geschmackvoll angelegt war, aber mehr noch der Natur als der Kunst verdankte. Jenseits erhob sich das Land allmälig in eine Kette rauher wildschöner Berge, deren Gipfel über die Wolken ragten. Es war eben die Mitte des Mai und der Morgen wunderschön, als Herr Allworthy auf die Terrasse trat, wo das beginnende Tageslicht jene reizende Aussicht, die wir eben beschrieben haben, seinem Auge mit jeder Minute mehr und mehr enthüllte. Und jetzt ging die Sonne, nachdem sie Ströme von Licht entsendet, die an dem blauen Firmamente vor ihr emporstiegen als Boten ihrer Herrlichkeit, in der ganzen Strahlenpracht ihrer Majestät auf. Nur ein Wesen in dieser niedern Schöpfung konnte herrlicher sein als sie und dies war Herr Allworthy, ein Mann mit dem wohlwollendsten Herzen, der sich eben mit dem Gedanken beschäftigte, in welcher Weise er sich seinem Schöpfer angenehmer mache, indem er den Geschöpfen desselben des meiste Gute erzeige. Leser sieh Dich vor. Ich habe Dich 13 unvorsichtig auf eine Höhe geführt, gleich dem Gipfel des Hügels Allworthy's, und ich weiß nun nicht, wie ich Dich wieder herunterbringe, ohne daß Du den Hals brichst. Wir wollen versuchen, neben einander hinabzugleiten, denn die Klingel der Miß Brigitte ertönt und Herr Allworthy wird zum Frühstück gerufen, bei dem ich zugegen sein muß und zu welchem Du mich begleiten magst, wenn es Dir gefällig ist. Nachdem die gewöhnlichen Complimente zwischen Herrn Allworthy und Brigitten vorüber waren und sie den Thee eingeschenkt hatte, rief er die Jungfer Wilkins und sagte seiner Schwester, er habe ein Geschenk für sie. Sie dankte ihm dafür, denn sie meinte wohl, es sei ein Kleid oder irgend ein Schmuck. Er machte ihr öfters solche Geschenke und sie verwendete, ihm zu Gefallen, ziemlich viel Zeit auf ihren Putz. Ich sage, »ihm zu Gefallen«, weil sie selbst sich immer sehr verächtlich über den Putz und die Frauenzimmer äußerte, welche sich viel damit beschäftigten. Wie sehr wurde ihre Erwartung getäuscht, wenn sie wirklich einen Schmuck zu erhalten hoffte, als die Jungfer Wilkins in Folge des Befehls, den sie von ihrem Herrn erhalten hatte, das kleine Kind brachte! Bei großen Ueberraschungen pflegt der Mensch zu schweigen; so schwieg auch Brigitte, bis ihr Bruder das Wort nahm und ihr den ganzen Hergang erzählte, den wir nicht wiederholen wollen, da er dem Leser bereits bekannt ist. Miß Brigitte hatte immer so große Stücke auf das gehalten, was die Frauen Tugend zu nennen belieben und dieselbe stets so streng geübt, daß man, namentlich Jungfer Wilkins, erwartete, sie würde sich bei dieser Gelegenheit sehr bitter aussprechen und dafür stimmen, das Kind, als sei dasselbe ein schädliches Geschöpf, aus dem Hause fortzuschaffen; indeß sie faßte die gute Seite der Sache auf, äußerte Theilnahme und Mitleid mit dem hilflosen kleinen 14 Wesen und rühmte ihres Bruders Gutmüthigkeit in dem, was er gethan. Der Leser kann sich dies Benehmen vielleicht aus ihrem Gehorsam gegen den Herrn Allworthy erklären, wenn wir hinzugesetzt haben, daß der gute Mann seine Erzählung mit dem Ausspruch beschloß, er sei entschlossen, sich des Kindes anzunehmen und dasselbe zu erziehen, als sei es sein eigenes. Wir müssen die Wahrheit gestehen und sagen, daß sie immer bereitwillig war, ihrem Bruder gefällig zu sein und ihm selten, wenn jemals, entgegentrat. Sie machte zwar bisweilen einige Bemerkungen und Einwendungen, z. B. die Männer wären nun einmal eigensinnig und wollten immer ihren eigenen Weg gehen, oder sie wünsche, sie sei unabhängig, aber sie äußerte dies immer ganz leise und brachte es dabei höchstens bis zum Murmeln. Was sie indeß dem Kinde nicht entgelten ließ, mußte die arme unbekannte Mutter desselben im reichlichen Maße leiden, denn sie nannte dieselbe einen unverschämten Nickel, ein schlechtes Mensch, eine gemeine Hure und mit ähnlichen Namen, welche die Zunge der Tugend stets gegen die schleudert, welche dem Geschlechte Schande gemacht haben. Zuletzt wurde eine Berathung gehalten, wie man es anfange, um die Mutter ausfindig zu machen. Zuerst ging man die Dienerinnen im Hause durch, welche sämmtlich von der Jungfer Wilkins freigesprochen wurden und zwar etwas selbstgefällig, denn sie hatte dieselben ins Haus gebracht und es dürfte schwer sein, eine zweite ähnliche Sammlung von Vogelscheuchen zusammenzubringen. Darauf sah man sich unter den Mädchen in dem Kirchspiele um; die nähere Untersuchung dieses Punktes wurde indeß der Jungfer Wilkins überlassen, die versprach, am Nachmittage Bericht abzustatten. Nachdem die Sache so geordnet war, begab sich Herr 15 Allworthy in sein Studirzimmer, wie gewöhnlich, und überließ das Kind seiner Schwester, welche die Pflege desselben auf seinen Wunsch über sich genommen hatte. Fünftes Kapitel. Enthält einige gewöhnliche Dinge und eine sehr ungewöhnliche Bemerkung über dieselben. Als der Herr sich entfernt hatte, blieb Jungfer Deborah stehen und schien etwas von Miß Brigitte zu erwarten, denn die kluge Haushälterin verließ sich nicht auf das, was im Beisein des Herrn geschehen war, da sie sich gar oft überzeugt hatte, daß die Ansichten der Dame in der Abwesenheit ihres Bruders himmelweit von denen verschieden waren, welche sie in dessen Gegenwart geäußert hatte. Miß Brigitte ließ sie nicht lange in dieser ungewissen Lage, denn nachdem sie das Kind, das schlafend in Deborah's Schooße lag, eine Zeit lang ernst betrachtet hatte, gab sie demselben einen herzlichen Kuß und erklärte zu gleicher Zeit, daß ihr das hübsche unschuldige Kind ungemein gefalle. Jungfer Deborah hatte dies kaum bemerkt, so fing auch sie an, das Kind zu drücken und zu küssen, in so großem Entzücken, wie eine fünfundvierzigjährige Braut über ihren jungen und kräftigen Bräutigam, und rief dabei in kreischendem Tone aus: »Das kleine liebe Wesen! Das kleine, hübsche liebe Kind! Das Knäbchen ist so hübsch, als ich irgend eines gesehen habe.« Diese Ausrufungen hörten nicht auf, bis sie von dem Fräulein unterbrochen wurden, die den von ihrem Bruder erhaltenen Auftrag auszuführen anfing, und Befehle gab und Anstalten traf, das Kind mit allem Nöthigen zu 16 versehen, und ein sehr hübsches Zimmer im Hause zur Kinderstube anwies. Sie hätte nicht anders handeln können, wäre das Kind ihr eigenes gewesen; damit aber der tugendhafte Leser sie nicht verdamme, weil sie zu viel Rücksicht auf ein in Sünden geborenes Kind nahm, müssen wir hinzufügen, daß sie die Anordnungen mit den Worten beschloß: »da es ihrem Bruder einmal in den Sinn gekommen sei, das kleine Kind anzunehmen, so müsse dasselbe auch mit großer Zärtlichkeit behandelt werden; sie für ihren Theil halte dies zwar für eine Unterstützung und Ermuthigung des Lasters, kenne aber auch den Eigensinn der Männer zu gut, als daß es ihr einfallen könnte, sich deren lächerlichen Launen widersetzen zu wollen.« Mit solchen oder ähnlichen Reflexionen pflegte sie, wie bereits angedeutet, das jedesmalige Nachgeben gegen ihren Bruder zu begleiten, und es konnte gewiß das Verdienstliche dieses Nachgebens durch nichts mehr erhöhet werden, als durch die Erklärung, daß sie recht wohl wisse, wie thöricht und unverständig die Menschen wären, in die sie sich fügte. Schweigender Gehorsam legt dem Willen keinen Zwang an und kann folglich leicht und ohne viele Mühe geleistet werden; wenn aber eine Frau, ein Kind, ein Verwandter oder ein Freund mit Widerstreben und unwillig, mit Worten des Mißbehagens und der Unzufriedenheit thut, was wir wünschen, so muß die offenbare Schwierigkeit, die sie zu überwinden haben, den Werth des Gehorsams um vieles steigern. Da dies eine der tiefsinnigen Bemerkungen ist, die wenige Leser selbst zu machen fähig sein dürften, so hielt ich es für schicklich, ihnen beizustehen; dies ist indeß eine Begünstigung, die sie im Verlaufe meines Werkes nur selten erwarten dürfen. Ich werde selten oder nie ihnen einen solchen Gefallen erzeigen, außer in Fällen, wie der vorliegende, wo 17 die Entdeckung nur durch die Inspiration gemacht werden kann, mit der wir Schriftsteller begabt sind. Sechstes Kapitel. Jungfer Deborah wird mit einem Gleichnisse in das Kirchspiel begleitet. Eine kurze Schilderung von Jenny Jones, so wie von den Schwierigkeiten und Entmuthigungen, welche jungen Mädchen im Verlaufe ihrer Bildung begegnen können. Jungfer Deborah schickte sich an, nachdem sie nach dem Willen ihres Herrn für das Kind gesorgt hatte, die Häuser zu besuchen, die der Vermuthung nach eine Mutter enthalten konnten. Wenn der Geier, der schreckliche Vogel! von dem gefiederten Geschlechte hoch oben in den Lüften schwebend erblickt wird, so macht die verliebte Taube und jeder unschuldige kleine Vogel weit und breit im Umkreise herum Lärm und sie fliegen zitternd nach ihrem Verstecke. Er aber schießt stolz, seiner Würde sich bewußt, durch die Luft und sinnt nach, wie er Böses thue. So liefen, als die Annäherung der Jungfer Deborah durch die Straße hinab verkündigt wurde, alle Bewohner zitternd in ihre Häuser und jede Frau fürchtete, der Besuch könne sie betreffen. Sie aber schritt stolz und stattlich einher und trug hoch den Kopf, der mit dem Wahne von ihrer Vortrefflichkeit erfüllt war und mit Plänen, wie sie ihre beabsichtigte Entdeckung bewirke. Der scharfsinnige Leser darf nach diesem Gleichnisse nicht etwa meinen, die armen Leute hätten die Absicht geahnt, mit welcher Jungfer Deborah zu ihnen kam; da aber die große Schönheit dieses Vergleichs möglicher Weise hundert 18 Jahre verborgen bleiben könnte, bis ein Erklärer einmal das Werk zur Hand nimmt, so halte ich es für zweckmäßig, hier dem Leser zu Hilfe zu kommen. Ich will nämlich sagen, daß, wie es in der Natur des Geiers liegt, kleine Vögel zu verzehren, die Natur solcher Personen, wie der Jungfer Deborah, gleichsam darauf hingewiesen ist, kleine Leute zu kränken und zu tyrannisiren; indem sie auf diese Weise sich für die außerordentliche Unterthänigkeit gegen ihre Vorgesetzten zu entschädigen pflegen. Nichts kann vernünftiger sein, als daß Sclaven und Schmeichler dasselbe von allen unter ihnen verlangen, was sie selbst den über ihnen Stehenden leisten müssen. So oft Jungfer Deborah sich in ungewöhnlicher Weise dem Willen der Miß Brigitte fügen mußte und ihr Gemüth dadurch ein wenig verstimmt worden war, pflegte sie unter jene Leute zu gehen, um die Harmonie in ihren Gefühlen dadurch wieder herzustellen, daß sie jede übele Laune ausließ. Deshalb war sie keineswegs ein gern gesehener Gast und vielmehr von allen gefürchtet und gehaßt. Als sie bei dieser Gelegenheit in dem Orte ankam, begab sie sich sogleich in das Haus einer ältlichen Frau, der sie im Allgemeinen günstiger war als den übrigen, weil sie ihr glücklicher Weise in den Reizen der Person, so wie im Alter glich. Dieser Frau erzählte sie, was geschehen war, theilte ihr auch die Absicht mit, welche sie schon am Vormittage herführe. Beide begannen darauf mehrere junge Mädchen durchzunehmen, welche da wohnten, und ihr stärkster Verdacht fiel endlich auf eine gewisse Jenny Jones, der, und darin stimmten beide überein, am Wahrscheinlichsten das Geschehene zugetraut werden konnte. Diese Jenny Jones war kein eben hübsches Mädchen, weder von Gesicht noch von Gestalt; die Natur hatte aber den Mangel an Schönheit einigermaßen durch das ersetzt, 19 was meist höher geschätzt wird von den Frauen, deren Urtheil mit den Jahren zu vollkommener Reife gekommen ist, denn sie hatte ihr einen ungewöhnlichen Theil Verstand gegeben. Diese Gabe der Natur hatte Jenny durch Studium noch bedeutend verbessert. Sie war mehrere Jahre bei einem Schulmeister in Dienst gewesen, der die schnelle Fassungskraft des Mädchens und deren außerordentliches Verlangen nach Bildung bemerkte (denn sobald sie Zeit hatte, las sie in den Büchern der Schüler) und gutmüthig oder thöricht genug war (wie es der Leser zu nennen beliebt), ihr Unterricht zu geben und sie so weit zu bringen, daß sie das Lateinische vollkommen verstehen lernte und vielleicht im Ganzen eben so gelehrt war, als es die meisten jungen Herrn von Stande sind. Dieser Vorzug verband sich indeß, wie es mit den meisten andern ungewöhnlichen der Fall ist, mit einigen kleinen Unannehmlichkeiten; denn da es nicht zu verwundern ist, wenn ein junges so gebildetes Mädchen keinen großen Geschmack an dem Umgange derer findet, die dem Stande nach ihres Gleichen sind, der Bildung und den Kenntnissen nach aber so weit unter ihr stehen, so darf man auch nicht erstaunen, daß diese Ueberlegenheit Jenny's, so wie das Benehmen, welches die sichere Folge davon zu sein pflegt, bei den übrigen Neid und Uebelwollen gegen sie erregte, die vielleicht in den Herzen ihrer Nachbarn im Stillen gebrannt hatten, seit Jenny aus ihrem Dienste zurückgekommen war. Ihr Neid zeigte sich indeß nicht öffentlich, bis die arme Jenny zur Verwunderung Aller und zum Aerger aller jungen Mädchen des Ortes eines Sonntags öffentlich in einem neuen seidenen Kleide, einem Spitzenhäubchen u. s. w. erschien. Das Feuer, das vorher in der Asche geschlummert hatte, loderte jetzt mit einem Male auf. Jenny hatte durch ihre Gelehrsamkeit ihren Stolz gesteigert, den keiner ihrer 20 Nachbarn freundlich mit der Ehrenbezeugung nährte, die sie zu verlangen schien, und jetzt erhielt sie statt Achtung und Verehrung wegen ihres Putzes nichts als Haß und Schmähung. Die ganze Gemeinde erklärte, sie könne zu diesen Dingen unmöglich auf rechtliche Weise gekommen sein und die Aeltern, statt ihren Töchtern dasselbe zu wünschen, priesen sich glücklich, daß ihre Kinder dergleichen nicht hätten. Daher kam es vielleicht auch, daß die gute Frau der Jungfer Wilkins zuerst den Namen dieses armen Mädchens nannte; ein anderer Umstand aber bestärkte Deborah in ihrem Verdachte: Jenny war in der letzten Zeit häufig in dem Hause des Herrn Allworthy gewesen. Sie hatte Miß Brigitte in deren gefährlicher Krankheit gewartet und viele Nächte bei derselben gewacht; überdies war sie drei Tage vor der Rückkehr des Herrn Allworthy von der Jungfer Wilkins selbst da gesehen worden, obgleich die kluge Person anfänglich keinen Verdacht deshalb auf sie gehabt hatte, da sie, wie sie sich selbst ausdrückte, Jenny immer für ein sehr ordentliches Mädchen gehalten (ob sie gleich wenig von ihr wußte) und ihr Verdacht mehr auf jene leichtfertigen Dinger gefallen war, die die Nase hoch trugen, weil sie sich für hübsch hielten. Jenny wurde nun aufgefordert, in Person vor der Jungfer Deborah zu erscheinen, was sie denn auch sogleich that. Jungfer Deborah nahm den Ernst eines Richters und etwas mehr als die Strenge desselben an und begann eine Rede mit den Worten: »Du freche Hure!« in welcher sie eigentlich schon das Urtheil sprach, nicht aber das Mädchen erst beschuldigte. Obgleich Deborah aus den oben angeführten Gründen von der Schuld Jenny's vollkommen überzeugt war, so hätte Herr Allworthy doch vielleicht stärkere Beweise dafür verlangt; sie ersparte indeß ihren Anklägern manche 21 Verlegenheit dadurch, daß sie Alles, was man ihr zur Last legte, freiwillig gestand. Dieses Geständniß besänftigte die Jungfer Deborah keineswegs, ob es gleich offenbar in Ausdrücken der Reue gegeben wurde; sie sprach vielmehr darauf ein zweites Urtheil gegen sie in noch beleidigenderen Worten als vorher aus. Auch auf die Anwesenden, die ziemlich zahlreich geworden waren, machte das Geständniß keinen günstigen Eindruck. Viele sagten, sie möchten wissen, was nun mit dem seidenen Kleide werden würde und andere äußerten sich spottend über des Mädchens Gelehrsamkeit. Jedes anwesende Frauenzimmer fand Gelegenheit, Abscheu von der armen Jenny auszusprechen, die alles geduldig ertrug, nur nicht die Bemerkung der einen, welche die Nase rümpfte und sagte: »Der Mann muß einen guten Magen haben, der für solche Waare ein seidenes Kleid giebt.« Jenny antwortete darauf mit einer Bitterkeit, welche denjenigen wohl in Erstaunen setzen konnte, der ihre Ruhe bei allen Schmähungen ihres Fehltrittes beobachtet hatte; aber ihre Geduld war wahrscheinlich erschöpft, denn diese Tugend wird durch Uebung leicht ermüdet. Jungfer Deborah, der ihre Nachforschungen über alle Hoffnung gelungen waren, kehrte triumphirend zurück und stattete zur festgesetzten Stunde dem Herrn Allworthy einen treuen Bericht ab.. Er war davon sehr überrascht, denn er hatte auch von den außerordentlichen Anlagen und der Bildung des Mädchens gehört, die er, mit einer kleinen Pfründe, einem benachbarten Geistlichen hatte geben wollen. Miß Brigitte bekreuzigte sich und sagte, sie für ihren Theil könne von nun an von keinem Frauenzimmer mehr eine gute Meinung haben; denn Jenny hatte vorher das Glück gehabt, bei ihr in großer Gunst zu stehen. Die kluge Haushälterin wurde darauf wiederum abgeschickt, um die unglückliche Sünderin zu dem Herrn 22 Allworthy zu holen, damit sie, nicht wie Einige hofften und Alle erwarteten, in das Zuchthaus gesteckt werde, sondern eine zuträgliche Ermahnung und einen Verweis erhalte, wie diejenigen, welchen eine dergleichen nützliche Lectüre behagt, in dem nächsten Kapitel lesen können. Siebentes Kapitel. Enthält so ernste Dinge, daß der Leser in dem ganzen Kapitel auch nicht einmal lachen kann, wenn er nicht etwa über den Verfasser lachen will. Als Jenny ankam, nahm Herr Allworthy sie in sein Studirzimmer und redete sie also an: »Du weißt, Kind, daß es in meiner Macht, als Richter, steht, Dich für das, was Du gethan hast, streng zu bestrafen, und Du fürchtest vielleicht um so mehr, daß ich diese Macht gebrauche, weil Du Deine Sünde in mein Haus gebracht hast. »Dies ist indeß vielleicht ein Grund, der mich veranlaßt hat, milder mit Dir zu verfahren, denn da ein Richter sich nie durch persönlichen Unwillen und Haß bestimmen lassen soll, so bin ich so weit davon entfernt, das Herbringen des Kindes in mein Haus für eine Vergrößerung Deiner Schuld anzusehen, daß ich dies vielmehr für einen Beweis von Liebe für Dein Kind annehme, weil Du gehofft haben magst, es werde hier besser für dasselbe gesorgt werden, als Ihr, Du und des Kindes Vater, es zu thun vermöget. Ich würde sehr erzürnt gegen Dich gewesen sein, hättest Du das Kind ausgesetzt, wie es manche unmenschliche Mütter thun, die mit ihrer Keuschheit auch jedes menschliche Gefühl verloren zu haben scheinen. Mein Verweis ist also gegen den andern Theil Deines Vergehens gerichtet, gegen die Verletzung Deiner Keuschheit, ein 23 Vergehen, das zwar von sittenlosen Personen sehr gering angeschlagen wird, an sich selbst aber sehr abscheulich und in seinen Folgen schrecklich ist. »Die Abscheulichkeit dieses Vergehens muß jeder Christ hinreichend begreifen, zumal da es trotz den Geboten unserer Religion und gegen die ausdrücklichen Vorschriften dessen begangen wird, der diese Religion stiftete. »Deswegen müssen auch seine Folgen schrecklich sein, denn was kann schrecklicher sein, als sich das göttliche Mißfallen zuzuziehen durch Uebertretung der göttlichen Gebote und zwar in einem Falle, gegen welchen die Rache des Höchsten ausdrücklich angekündiget ist? »Doch diese Dinge sind, wie wenig sie auch leider beachtet werden, so klar, daß die Menschen, wie sehr sie auch daran erinnert zu werden nöthig haben, darüber nicht belehrt zu werden brauchen. Es wird deshalb eine Andeutung bei Dir hinreichen, denn ich will nur die Reue in Deinem Herzen wecken, Dich nicht zur Verzweiflung treiben. »Es giebt noch andere Folgen, die zwar nicht so schrecklich und grauenvoll sind, die aber doch, wenn sie wohl berücksichtiget werden, wie man denken sollte, wenigstens alle Personen Deines Geschlechtes von diesem Verbrechen eigentlich zurückschrecken müßten. »Durch dasselbe werdet ihr ehrlos gemacht und wie in der alten Zeit die Aussätzigen aus der Gesellschaft ausgestoßen, wenigstens aus der Gesellschaft Aller, außer den Schlechten und Verworfenen, denn Andere werden mit Euch nicht umgehen wollen. »Habt Ihr Vermögen, so werdet Ihr unfähig, dasselbe zu genießen; habt Ihr keines, so entgehen Euch die Mittel, solches zu erlangen, ja fast die Mittel, Euern Unterhalt zu erwerben, denn Niemand von Zucht und Sitte wird Euch in sein Haus aufnehmen.. So werdet ihr oft durch 24 die Noth in einen Zustand der Schande und des Elendes gebracht, der unfehlbar in leiblichem und geistigem Verderben endiget. »Kann irgend ein Vergnügen diese Uebel aufwiegen? Kann irgend eine Versuchung so lockend und täuschend sein, Euch zu vermögen, einen solchen Tausch einzugehen? Oder kann Fleischeslust Euern Verstand so ganz überwältigen, daß Ihr verhindert werdet, mit Schrecken und Entsetzen vor einem Verbrechen zu fliehen, das eine solche Strafe mit sich bringt? »Wie gemein, wie niedrig muß ein Mädchen sein, wie ganz bar jener Seelenwürde und jenes Anstandsstolzes, ohne welche wir den Namen »Menschen« nicht verdienen, wenn es sich zu dem niedrigsten Thiere erniedrigen und alles, was groß und edel in ihr ist, alles Himmlische in ihr, einem Verlangen zu opfern vermag, das sie mit dem niedrigsten Theile der Schöpfung gemein hat! Kein Weib wird die Leidenschaft der Liebe zur Entschuldigung anführen wollen; dadurch würde sie zugeben, daß sie das bloße Spielzeug des Mannes sei. Die Liebe ist, wie roh wir auch ihre Bedeutung verdrehen mögen, ein lobenswerthes und ein verständiges Gefühl und kann nur heftig sein, wenn sie gegenseitig ist; denn wenn auch die Schrift sagt, wir sollen unsere Feinde lieben, so meint sie doch nicht, mit der innigen Liebe, die wir gegen unsere Freunde hegen, noch viel weniger, daß wir ihnen unser Leben und, was uns noch theurer sein sollte, unsere Unschuld, aufopfern. Wie anders aber als einen Feind kann ein verständiges Mädchen den Mann ansehen, der von ihr verlangt, sie solle das ganze Elend auf sich nehmen, das ich Dir eben geschildert habe, und der sich ein kurzes verächtliches Vergnügen erkaufen will, das sie so theuer bezahlen muß? Nach der Sitte und der Gewohnheit fällt ja die ganze Schande mit allen Folgen 25 derselben auf sie allein. Kann die Liebe, die immer das Gute für ihren Gegenstand sucht, ein Mädchen zu einem Handel zu verlocken suchen, bei dem sie so viel verliert? Sollte nicht das Mädchen, wenn ein solcher Verführer frech genug ist, wirkliche Liebe zu ihr zu heucheln, ihn nicht blos für ihren Feind, sondern für den schlimmsten aller Feinde halten, – für einen falschen, verrätherischen, böse Absichten hegenden, angeblichen Freund, der nicht blos ihren Körper schänden, sondern auch zu gleicher Zeit ihre Seele verderben will?« Jenny schien sehr betroffen zu sein; Allworthy hielt deshalb einen Augenblick ein; dann fuhr er fort: »Ich habe Dir dies gesagt, mein Kind, nicht um Dich zu kränken um das, was geschehen und nicht zu ändern ist, sondern um Dich für die Zukunft zu warnen und zu stärken. Ich würde mir auch diese Mühe nicht genommen haben, hätte ich nicht, trotz dem großen Fehltritte, den Du begangen hast, eine so gute Meinung von Deinem Verstande und hoffte ich nicht herzliche Reue, die sich nach Deinem offenen und aufrichtigen Geständnisse erwarten läßt. Täusche ich mich darin nicht, so werde ich dafür sorgen, Dich von diesem Schauplatze Deiner Schande wegzubringen an einen andern Ort, wo Du unbekannt bist und der Strafe entgehst, welche, wie gesagt, Dein Verbrechen in dieser Welt trifft, wo Du durch Reue, hoffe ich, jene weit schwerere Strafe abwendest, welche in der andern Welt angedrohet wird. Sei Dein übriges Leben hindurch ein gutes Mädchen und der Mangel wird die Veranlassung nicht werden, die Dich von neuem von dem rechten Wege abführt. Glaube mir, ein schuldloses und tugendhaftes Leben giebt selbst in dieser Welt größeres Vergnügen, als ein sittenloses und lasterhaftes. »Wegen Deines Kindes sei unbesorgt; ich werde besser für dasselbe sorgen, als Du hoffen kannst. Es bleibt nun 26 nichts weiter übrig, als daß Du mir den schlechten Mann nennst, der Dich verführte, denn mein Unwille wird gegen ihn weit größer sein, als der, den Du jetzt erfahren hast.« Jenny schlug die Augen empor und begann mit züchtigem Blicke und bescheidener Stimme: »Wer Sie kennt, Herr, und Ihre Güte nicht liebt, beweiset, daß es ihm völlig an gesundem Verstande oder an gefühlvollem Herzen fehlt. Ich würde die größte Undankbarkeit verrathen, fühlte ich nicht tief die große Güte, die Sie heute gegen mich geäußert haben. Ich weiß, Sie verschonen mich damit, erröthend zu wiederholen, was geschehen ist. Mein Verhalten in der Zukunft wird besser als jede Betheuerung meine Gefühle darthun. Erlauben Sie mir die Versicherung, daß ich Ihren Rath noch höher schätze als das edele Anerbieten, mit welchem Sie denselben beschlossen, denn er beweiset, wie Sie sich auszudrücken beliebten, Ihre gute Meinung von meinem Verstande.« Sie konnte hier ihre Thränen nicht länger zurückhalten; sie hielt einige Minuten inne und fuhr sodann fort: »Ihre Güte, Herr, überwältiget mich, aber ich will versuchen, diese gute Meinung zu verdienen, denn wenn ich den Verstand besitze, den Sie mir in ihrer Güte zuschreiben, so wird ein solcher Rath bei mir nicht vergeblich sein. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre freundlichen Absichten wegen meines armen hilflosen Kindes; es ist unschuldig und wird, wie ich hoffe, für die Liebe, die Sie ihm erzeigen werden, dankbar sein. Aber auf meinen Knien, Herr, muß ich Sie beschwören, bestehen Sie nicht auf dem Verlangen, Ihnen den Vater meines Kindes zu nennen. Ich verspreche Ihnen, Sie sollen ihn eines Tages erfahren, aber mich zwingen die feierlichsten Verpflichtungen, wie die heiligsten Schwüre und Betheuerungen, jetzt seinen Namen zu verschweigen, 27 und ich kenne Sie zu gut, als daß ich fürchten könnte, Sie würden verlangen, die heiligsten Schwüre zu brechen.« Herr Allworthy, bei dem die bloße Erwähnung der letzten Worte hinreichten, ihn wankend zu machen, zögerte einen Augenblick, ehe er antwortete, dann sagte er, sie habe Unrecht gethan, solche Verpflichtungen gegen einen Schurken einzugehen, da sie es aber einmal gethan, so könne er nicht verlangen, daß sie denselben untreu werde. Er setzte hinzu, er habe nicht aus bloßer Neugierde darnach gefragt, sondern um den Menschen zu bestrafen und wenigstens um nicht vielleicht dem Wohlthaten zu erzeigen, der dieselben nicht verdiene. Ueber diese Punkte beruhigte ihn Jenny, indem sie auf das Feierlichste versicherte, der Mann befinde sich gänzlich außer dem Bereiche seiner Macht und es sei auch durchaus nicht wahrscheinlich, daß er in den Fall komme, Wohlthaten von dem Herrn Allworthy zu empfangen. Durch dieses Benehmen hatte sich Jenny die Achtung des würdigen Mannes in so hohem Maße erworben, daß er gern und leicht glaubte, was sie ihm sagte, denn da sie es verschmähte, sich durch eine Lüge zu entschuldigen und sich in ihrer gegenwärtigen Lage lieber seinem fernern Unwillen ausgesetzt als sich hatte bewegen lassen, einen Andern gegen ihren Schwur zu verrathen, so fürchtete er nicht, sie werde sich einer Unwahrheit gegen ihn schuldig machen. Er entließ sie deshalb mit der Versicherung, sie bald aus der Gegend wegzubringen, wo sie nichts als Schande finden würde und schloß damit, daß er ihr Reue anempfahl, indem er sagte: »Bedenke, Kind, Du hast noch Einen zu versöhnen, dessen Gunst für Dich von weit größerer Wichtigkeit ist als die meinige.« Achtes Kapitel. Ein Gespräch zwischen Brigitte und Deborah, das mehr Unterhaltung, aber weniger Belehrung enthält als das vorige. Als Herr Allworthy mit Jenny Jones, wie wir gesehen haben, in sein Studirzimmer ging, begab sich Miß Brigitte mit der guten Haushälterin an die Thüre desselben und sie vernahmen durch das Schlüsselloch die Ermahnungen des Herrn Allworthy, so wie die Antwort Jenny's und Alles, was in dem vorstehenden Kapitel berichtet worden ist. Das Schlüsselloch in der Thüre des Studirzimmers ihres Bruders war Brigitten so genau bekannt und von ihr so oft benutzt worden, wie von Thisbe in der alten Zeit das berühmte Loch in der Mauer. Es diente zu manchem guten Zwecke. Brigitte erfuhr auf diesem Wege oft die Wünsche ihres Bruders, ohne daß er ihr dieselben mitzutheilen brauchte. Allerdings waren auch einige Unannehmlichkeiten damit verbunden und sie hatte bisweilen Ursache, mit Thisbe, bei Shakespeare, auszurufen: »o böse, böse Mauer!« Denn da Herr Allworthy Friedensrichter war, so kamen bei Fragen wegen Bastarden und dergleichen Dinge vor, welche die keuschen Ohren der Jungfrauen gewaltig beleidigen, besonders wenn diese Jungfrauen den Vierzigen nahe stehen, wie es bei Brigitten der Fall war. Sie hatte indeß bei solchen Gelegenheiten den Vortheil, ihr Erröthen vor den Augen der Menschen verbergen zu können und de non apparentibus, et non existentibus eadem est ratio, zu deutsch, wenn man ein Frauenzimmer nicht erröthen sieht, so erröthet es überhaupt gar nicht. Die beiden Horcherinnen verhielten sich ganz ruhig, so lange das Mädchen bei dem Herrn Allworthy war; sobald aber die Vermahnung zu Ende war, sprach sich die Jungfer Deborah gegen die Milde und Nachsicht ihres Herrn aus, 29 besonders konnte sie nicht begreifen, wie er es dulde, daß sie den Vater des Kindes nicht nenne, und sie schwur, denselben auszukundschaften, ehe noch die Sonne untergehe. Bei diesen Worten verzog sich das Gesicht Brigittens zu einem Lächeln, was bei ihr etwas ganz Ungewöhnliches war. Ich will damit meinen Leser keineswegs verleiten, dieses Lächeln für ein solches zu halten, wie es Homer an der Venus beschreibt, wenn er sie die gernlachende Göttin nennt; auch war es kein Lächeln, wie man es an Seraphinen im Theater sieht, ein Lächeln, für welches selbst Venus ihre Unsterblichkeit hingeben würde; nein, es war ein Lächeln, wie es etwa auf dem Antlitze der Tisiphone oder dem ihrer Fräulein Schwestern erschien. Mit einem solchen Lächeln und mit einer Stimme, die so lieblich war, wie der Abendhauch des Nordwindes in dem lieblichen Novembermonate, hielt Miß Brigitte der Jungfer Deborah ihre Neugierde vor, ein Laster, von welchem die letztere völlig beherrscht worden zu sein scheint und gegen das die erstere mit großer Bitterkeit eiferte, indem sie hinzusetzte, sie danke dem Himmel, daß, welche Fehler sie auch haben möge, doch selbst ihre Feinde sie nicht beschuldigen könnten, sie kümmere sich um anderer Leute Angelegenheiten. Dann rühmte sie die Ehrenhaftigkeit, mit welcher Jenny gehandelt. Sie sagte, sie müßte mit ihrem Bruder übereinstimmen und zugeben, daß etwas Verdienstliches in dem aufrichtigen Geständnisse und in der Treue gegen den Liebhaber liege; sie habe Jenny immer für ein sehr gutes Mädchen gehalten und zweifle nicht, dieselbe sei durch irgend einen Schurken verführt worden, der unendlich mehr Tadel verdiene, als das Mädchen, und der sie höchst wahrscheinlich durch ein Eheversprechen oder irgend eine andere Falschheit verlockt habe. 30 Diese Reden Brigittens setzten die Jungfer Deborah sehr in Verwunderung, denn das kluge Weib sprach selten mit ihrem Herrn oder dessen Schwester, bevor sie nicht erst die Meinung derselben zu erforschen gesucht hatte, nach denen sie sich sodann genau richtete. Hier hatte sie indeß geglaubt, in aller Sicherheit ihrer Zunge freien Lauf lassen zu können, und der scharfsinnige Leser wird sie dabei auch nicht eines Mangels an geeigneter Vorsicht beschuldigen, vielmehr bewundern, wie schnell sie umwendete, als sie merkte, daß sie auf falschem Wege sei. »Ja, wahrhaftig,« sagte die gewandte Frau, »ich muß gestehen, ich bewundere das Mädchen eben so wie Sie. Wie Sie sagen, das arme Ding ist zu bedauern, wenn sie von einem schlechten Menschen verführt wurde. Das Mädchen sah immer, wie Sie sagen, wie ein gutes, rechtschaffenes Mädchen aus und sie war gar nicht eitel auf ihr Lärvchen, wie viele andere Närrinnen hier in der Gegend.« »Du hast ganz Recht, Deborah,« entgegnete Miß Brigitte. »Wäre das Mädchen eine der eiteln Närrinnen, deren wir nur zu viele im Kirchspiele haben, so würde ich meinen Bruder wegen seiner Nachsicht gegen sie getadelt haben. Vorigen Sonntag sah ich zwei Pachterstöchter mit bloßem Halse in der Kirche. Der Anblick empörte mich. Wenn die Mädchen so Lockspeisen für die Männer aushängen, so sind sie nicht zu bedauern, wenn sie später leiden müssen. Ich verabscheue solche Geschöpfe und es wäre besser für sie, ihr Gesicht wäre von den Blattern zerrissen; bei der armen Jenny, das muß ich gestehen, habe ich nie ein solches Benehmen bemerkt; ein schlauer Bösewicht hat sie verführt oder wohl gar gezwungen, davon bin ich überzeugt und ich bedaure die Arme von ganzem Herzen.« Jungfer Deborah billigte alle diese Aeußerungen, und das Gespräch endigte mit einem allgemeinen und heftigen 31 Ausfalle gegen die Schönheit, so wie mit manchen mitleidsvollen Betrachtungen über alle rechtschaffenen Mädchen, welche durch die bösen Künste der betrügerischen Männer verlockt und verführt werden. Neuntes Kapitel. Enthält Dinge, welche den Leser überraschen werden. Jenny kehrte nach Hause zurück völlig zufrieden mit der Aufnahme, die sie bei Herrn Allworthy gefunden hatte, dessen Nachsicht sie wohlbedächtig überall erzählte und rühmte, theils vielleicht um ihrem eignen Stolze zu schmeicheln und theils aus Klugheit, um die Nachbarn wieder mit ihr zu versöhnen und dem Gerede ein Ende zu machen. Obgleich nun die letztere Absicht, wenn sie dieselbe wirklich hatte, verständig genug ist, so entsprach der Erfolg ihrer Erwartung doch keineswegs; denn als sie zu dem Friedensrichter beschieden wurde und man allgemein der Meinung war, das Zuchthaus würde ihr Schicksal sein, so gab es doch einige, die sie bedauerten, wenn auch einige Mädchen äußerten, es sei dies gut genug für sie, und sich bereits an dem Gedanken ergötzten, sie werde in ihrem seidenen Kleide Hanf brechen müssen; als es aber bekannt wurde, wie Herr Allworthy sich gegen sie benommen hatte, wendete sich die Fluth ganz gegen sie. Die eine sagte: »wahrhaftig, sie hat Glück;« eine zweite meinte: »da sieht man, was es einbringt, bei vornehmen Herren in Gunst zu stehen;« eine dritte äußerte: »ja, das kommt von der Gelehrsamkeit,« und alle machten diese oder jene böswillige Bemerkung darüber und über die Parteilichkeit des Friedensrichters. 32 Der Leser hält, wenn er die Macht und das Wohlwollen Allworthy's bedenkt, das Benehmen dieser Leute vielleicht für unartig und undankbar; aber der Herr Allworthy gebrauchte seine Macht nicht und übte sein Wohlwollen in so reichlichem Maße, daß er alle seine Nachbarn von sich abgewendet hatte, denn es ist wohl bekannt, besonders den Großen, daß sie sich durch eine Wohlthat nicht immer einen Freund erwerben, sicherlich aber sich viele zu Feinden machen. Jenny wurde indeß durch die Güte des Herrn Allworthy diesen tadelsüchtigen Zungen bald entzogen, und die Bosheit, die ihre Wuth nicht mehr an dem Mädchen auslassen konnte, fing an, sich einen andern Gegenstand zu suchen, der kein anderer war, als Herr Allworthy selbst, denn man murmelte und flüsterte bald, Niemand anders, als er selbst sei der Vater des Findlings. Diese Annahme erklärte sein Benehmen so vollkommen, daß ihr alle beistimmten; das Gerede gegen seine Nachsicht nahm bald eine andere Richtung und änderte sich in Schmähungen über seine Grausamkeit gegen das arme Mädchen um. Sehr ernste und gute Frauen ereiferten sich über die Männer, welche Kinder erzeugten und sie dann nicht anerkenneten. Es fehlte auch nicht an solchen, die nach der Entfernung Jenny's andeuteten, sie wäre in einer Absicht weggebracht worden, die zu schrecklich sei, als daß man sie aussprechen könne, und häufig darauf hinwiesen, die ganze Sache sollte gerichtlich untersucht werden und gewisse Leute sollten gezwungen werden, nachzuweisen, wo das Mädchen sich befinde. Diese Verläumdungen hätten recht wohl schlimme Folgen haben, wenigstens einige Verlegenheiten herbeiführen können, wäre der Charakter des Herrn Allworthy zweifelhafter und verdächtiger gewesen, als er wirklich war; so hatten sie keine solche Wirkung, wurden von ihm aus Herzensgrund 33 verachtet und dienten nur dazu, den guten Leuten in der Nachbarschaft ein unschuldiges Vergnügen zu machen. Da wir unmöglich errathen können, welches Temperament unser Leser hat und da eine ziemliche Zeit vergehen wird, ehe wir von Jenny wieder etwas hören, so halten wir es für nöthig, schon jetzt anzuzeigen, daß Herr Allworthy durchaus keine verbrecherische Absicht hegte. Er hatte nichts verbrochen und nur einen Irrthum begangen, weil er die Gerechtigkeit mit Milde paarte und sich weigerte, dem liebreichen Pöbel Unter diesem Worte verstehe ich in diesem Werke immer Personen ohne Tugend aus jedem Stande, oft aus dem höchsten. in der Person der armen Jenny einen Gegenstand zu geben, an dem derselbe sein Mitleiden üben könne; denn man wünschte, das Mädchen möge, damit man es bemitleiden könne, im Zuchthause dem Verderben und der Schande übergeben worden sein. Weit entfernt, diesem Wunsche zu genügen, durch dessen Erfüllung jede Hoffnung auf Besserung würde aufgehoben, ja dem Mädchen die Möglichkeit verschlossen worden sein, wenn sie später die Neigung gefühlt hätte, den Weg der Tugend wieder zu betreten, munterte Herr Allworthy das Mädchen vielmehr in der allein möglichen Weise auf, dahin zurückzukehren, denn es ist, wie ich fürchte, nur zu wahr, daß viele Frauen nur deshalb bis zum äußersten Grade des Lasters gesunken sind, weil sie ihren ersten Fehltritt nicht wieder gut machen konnten. Dies wird leider immer der Fall sein, so lange sie unter ihren frühern Bekannten bleiben und es war deshalb von dem Herrn Allworthy sehr weise gehandelt, Jenny an einen Ort zu bringen, wo sie das Vergnügen des guten Rufes genießen konnte, nachdem sie die schlimmen Folgen des Verlustes desselben erfahren hatte. 34 Wir wollen ihr also eine glückliche Reise an diesen Ort wünschen, wo er auch liegen mag, und für jetzt Abschied von ihr, wie von ihrem Kinde nehmen, da wir dem Leser weit wichtigere Dinge mitzutheilen haben. Zehntes Kapitel. Die Gastfreundschaft Allworthy's und eine kurze Charakterschilderung zweier Brüder, eines Doctors und eines Capitains, welche die Gäste desselben waren. Herr Allworthy verschloß zwar keinem Theile der Menschheit sein Haus oder sein Herz; vorzugsweise standen sie aber verdienstvollen Männern offen. Sein Haus war in Wahrheit vielleicht das einzige im Lande, wo man sicher eine Mahlzeit fand, wenn man sie auch nicht verdiente. Vor allen andern nahmen Männer von Geist und Gelehrsamkeit den ersten Platz in seiner Gunst ein und darin hatte er einen scharfen Blick; denn ob er gleich keine gelehrte Erziehung genossen, hatte er doch, da ihm die Natur die vortrefflichsten Anlagen gegeben, durch fleißiges, wenn auch erst spät beginnendes Studium und vielfache Unterhaltung mit ausgezeichneten Männern, sich so viele Kenntnisse erworben, daß er in vielen Stücken als völlig competenter Richter urtheilen konnte. Man darf sich nicht wundern, daß in einer Zeit, in welcher diese Art Verdienst in so geringer Gunst stand, Personen, die dasselbe besaßen, eifrig sich an einen Ort drängten, wo sie sicher mit der größten Freundlichkeit aufgenommen wurden, ja wo sie hoffen durften, fast dieselben Vortheile eines bedeutenden Vermögens zu genießen, als besäßen sie es selbst, denn Herr Allworthy gehörte nicht zu den Personen, welche geistreiche Leute bereitwillig aufnehmen, sie 353 reichlich mit Essen und Trinken versehen und dafür weiter nichts erwarten, als Unterhaltung, Schmeichelei und Kriecherei, mit einem Worte, die jene Männer gewissermaßen zu ihrer Dienerschaft zählen, wenn sie auch keinen Lohn erhalten und keine Livree tragen. Im Gegentheile, jeder Gast konnte in seinem Hause vollkommen unbeschränkt über seine Zeit verfügen, und wie er nach Belieben jede Lust innerhalb der von Gesetz, Tugend und Religion gezogenen Schranken befriedigen durfte, war es ihm auch unverwehrt, wenn sein Gesundheitszustand oder seine Neigung ihm Mäßigkeit oder selbst völlige Enthaltsamkeit vorschrieben, von der Tafel ganz wegzubleiben, oder sie zu jeder Zeit zu verlassen, ohne daß er zum Gegentheile aufgefordert wurde, denn solche Aufforderungen von Höhern schmecken immer stark nach Befehlen. Hier waren alle frei von Zwang, nicht blos die, deren Gesellschaft an allen andern Orten für eine Gunst gehalten wird, sondern auch jene, welche sich in Umständen befinden, die ihnen verbieten, Gleiches mit Gleichem zu vergelten und deshalb an dem Tische großer Herren weniger willkommen sind. Zu solchen Männern gehörte Dr. Blifil, der das Unglück gehabt hatte, den Vortheil seltener Talente durch die Hartnäckigkeit und den Eigensinn eines Vaters einzubüßen, der ihn für einen Stand bestimmte, welcher ihm nicht zusagte. Diesem Eigensinn zu Folge hatte der Doctor in seiner Jugend Medicin studiren oder vielmehr sagen müssen, er studire sie, denn medicinische Bücher waren gerade die einzigen, die er nicht kannte. Zum Unglücke für ihn war der Doctor mit fast jeder Wissenschaft vertraut, nur nicht mit der, durch welche er sein Brod verdienen sollte. Natürlich hatte der Doctor in seinem vierzigsten Jahre kein Brod zu essen. Ein solcher Mann konnte überzeugt sein, willkommene 36 Aufnahme an dem Tische Allworthy's zu finden, bei dem stets das Unglück als besondere Empfehlung galt, sobald es die Folge der Thorheit oder Schlechtigkeit Anderer und nicht der unglücklichen Person selbst war. Außer diesem negativen Verdienste besaß der Doctor auch eine positive Empfehlung, – seine Religiosität. Ob diese Religiosität ächt oder nur ein Schein war, wollen wir nicht zu behaupten wagen, da wir den Prüfstein nicht besitzen, der das Wahre von dem Falschen unterscheidet. Dieser Theil seines Charakters gefiel dem Herrn Allworthy, noch mehr aber dessen Schwester. Sie veranlaßte ihn zu mancher religiösen Discussion und äußerte bei solchen Gelegenheiten stets große Verwunderung über die Kenntnisse des Doctors, so wie nicht mindere Zufriedenheit über die Complimente, die er nicht selten den ihrigen machte. Sie hatte wirklich viele englische theologische Schriften gelesen und schon manchen Pfarrer in der Gegend in Verlegenheit gebracht. Ihr Gespräch war überhaupt so rein, ihr Aussehen so würdig, ihre Haltung so ernst und feierlich, daß sie wie ihre Namensschwester oder irgend eine Andere in dem römischen Kalender den Namen einer Heiligen zu verdienen schien. Wie Sympathie jeder Art leicht Liebe erzeugt, so lehrt uns auch die Erfahrung, daß keine andere leichter dahin führt, als religiöse Sympathie zwischen Personen von verschiedenem Geschlechte. Der Doctor überzeugte sich, daß er Brigitten so angenehm war, daß er einen Unfall zu beklagen anfing, der ihn vor etwa zehn Jahren betroffen hatte, nämlich seine Verheirathung mit einer andern Frau, die nicht blos noch lebte, sondern, was noch schlimmer, die dem Herrn Allworthy bekannt war. Dieser Umstand versperrte ihm durchaus jenes Glück, das er außerdem aller Wahrscheinlichkeit nach bei dieser jungen Dame hätte finden können, 37 denn an einen verbotenen Umgang mit derselben dachte er gewiß nicht, entweder, am wahrscheinlichsten, aus Religiosität, oder in Folge der Reinheit seiner Liebe, die Dinge betraf, in deren Besitz ihn nur die Ehe, nicht verbotener Umgang bringen konnte. Er hatte nicht lange über diese Dinge nachgedacht, als ihm einfiel, daß er ja einen Bruder habe, der nicht auf so unglückliche Weise gebunden und gehindert sei. Dieser Bruder mußte seiner Meinung nach unfehlbar zum Ziele kommen, denn er glaubte an der Dame einige Heirathslust zu bemerken und der Leser tadelt ihn vielleicht auch wegen dieses Vertrauens nicht, wenn er die Eigenschaften und Tugenden dieses Bruders erfährt. Er war ein Mann von etwa fünf und dreißig Jahren, von mittlerer Größe und was man gut gewachsen nennt. Auf der Stirne hatte er eine Narbe, die seiner Schönheit keinen großen Eintrag that, da sie ein Beweis von seiner Tapferkeit war, denn er war ein Officier in Halbsold. Er hatte gute Zähne und, wenn er wollte, etwas Gefälliges in seinem Lächeln, denn obgleich gewöhnlich in seinem Gesichte, so wie in seinem Wesen und seiner Stimme viel Rauhes lag, so konnte er dies doch zu jeder Zeit ablegen und ganz sanft und gutmüthig scheinen. Er war nicht unartig, auch fehlte es ihm nicht ganz an Witz und in seiner Jugend war er ein leichtfüßiger Springinsfeld gewesen, wovon zu Zeiten sich noch Spuren zeigten, wenn er auch später ernster geworden war. Er hatte wie der Doctor eine gelehrte Erziehung genossen, denn er war von seinem Vater mit gleichem Eigensinne für den geistlichen Stand bestimmt worden; da jedoch der alte Herr gestorben, ehe er ordinirt worden war, so ging er lieber in Kriegsdienste als in ein geistliches Amt. Er hatte sich die Stelle eines Dragoner-Lieutenants 38 gekauft und war später Capitain geworden; da er aber einen unangenehmen Streit mit seinem Obersten gehabt, mußte er seinen Posten verkaufen. Seit dieser Zeit war er gänzlich verbauert, hatte eifrig in der heiligen Schrift studirt und stand stark in dem Verdachte, sich dem Methodismus zuzuneigen. Es schien also gar nicht unwahrscheinlich zu sein, daß ein solcher Mann bei einem Mädchen von so frommem Sinne Glück mache, deren Herz nicht gebunden, wohl aber dem Ehestande bedeutend zugeneigt war. Warum aber der Doctor, der eben kein großer Freund seines Bruders war, um dessentwillen die Freundschaft Allworthy's so arg mißbrauchte, ist schwer zu erklären. Erfreuen sich manche Menschen am Bösesstiften, wie andere leidenschaftlich Wohlthun und Tugend lieben? Oder gewährt es ein besonderes Vergnügen, zu einem Diebstahle mitzuhelfen, wenn wir ihn nicht selbst begehen können? Oder endlich gewährt es (was die Erfahrung zu bestätigen scheint) eine Genugthuung, unsere Familie zu heben, selbst wenn wir sie nicht im mindesten lieben und achten? Ob der Doctor sich durch irgend einen dieser Beweggründe bestimmen ließ, wollen wir nicht entscheiden; genug es war so, wie wir erzählten. Er ließ seinen Bruder zu sich kommen und fand bald und leicht Gelegenheit, ihn in der Familie Allworthy's als einen Mann einzuführen, der auf kurze Zeit bei ihm zu bleiben gedenke. Der Capitain war noch keine Woche in dem Hause gewesen, und der Doctor hatte bereits Ursache, sich wegen seiner Klugheit Glück zu wünschen. Der Capitain war wirklich ein eben so großer Meister in der Kunst zu lieben, wie Ovid in alter Zeit. Uebrigens hatte er gar gute Winke von seinem Bruder erhalten, die er nicht verfehlte zu seinem Vortheile aufs Beste zu benutzen. 39 Elftes Kapitel. Enthält einige Regeln über das Verlieben und Beispiele davon; handelt auch von der Schönheit und anderen Veranlassungen zum Heirathen. Kluge Männer oder Frauen, ich weiß nicht mehr welche, haben die Bemerkung gemacht, alle Menschen müßten sich wenigstens einmal im Leben verlieben. Es ist, so weit ich mich erinnere, keine besondere Zeit dafür angegeben worden; das Alter aber, welches Brigitte erreicht hatte, scheint mir dazu eben sowohl geeignet zu sein als irgend ein anderes. Oft tritt zwar das Verlieben früher ein; geschieht es aber nicht, so erscheint es fast immer, wie ich bemerkt habe, in diesen Jahren. Indessen ist die Liebe zu dieser Zeit ernster und ruhiger als die, welche sich bisweilen in jüngern Jahren zeigt. Die Liebe junger Mädchen ist unsicher, launenhaft und so thöricht, daß man nicht immer ermitteln kann, was das Mädchen eigentlich will, ja es läßt sich bezweifeln, ob sie es immer selbst weiß. Bei Frauenzimmern, die den Vierzigen nahe stehen, kann man nie in eine solche Verlegenheit kommen; denn da solche ernste und erfahrene Personen recht wohl wissen, was sie wollen, so wird es auch dem Manne, der nur einigen Scharfblick besitzt, immer leicht, dies mit der größten Bestimmtheit zu errathen. Miß Brigitte ist ein Beispiel für alle diese Bemerkungen und Beobachtungen. Sie war nicht oft in der Gesellschaft des Capitains gewesen, als jene Leidenschaft sie überfiel. Sie ging nicht schmachtend und seufzend in dem Hause umher, wie ein thörichtes junges Mädchen, das nicht weiß, was ihm fehlt; sie fühlte, sie kannte die wonnige Empfindung, erfreute sich an ihr, fürchtete sich nicht vor derselben und 40 schämte sich ihrer nicht, da sie die Ueberzeugung hatte, daß sie nicht blos unschuldig, sondern sogar lobenswerth sei. Es ist, wenn man die Wahrheit sagen soll, in allen Stücken ein gewaltiger Unterschied zwischen der verständigen Liebe, welche Frauen in diesem Alter für die Männer fühlen, und dem eiteln und kindischen Gefallen eines Mädchens an einem Knaben, das oft blos das Aeußere betrifft und Dinge von geringem Werthe und ohne Dauer, wie kirschrothe Wangen, kleine lilienweiße Hände, kohlschwarze Augen, wallende Locken, Flaum am Kinne, ja bisweilen Reize, die noch werthloser sind als diese, und noch weniger das Eigenthum der Person, wie z. B. äußerer Putz, welchen die Männer dem Schneider u. s. w. verdanken, nicht aber der Natur. Einer solchen Liebe mag ein Mädchen sich wohl schämen, wie es auch meist der Fall ist, sich selbst oder Andern zu gestehen. Die Liebe Brigittens war anderer Art. Der Capitain hatte in seiner Kleidung nichts Stutzerhaftes, auch verdankte er der Natur sehr wenig. Seine Kleidung und seine Person waren von der Art, daß sie, wäre er in einer vornehmen Gesellschaft erschienen, von allen feinen Damen verachtet, verspottet und verlacht worden sein würden. Die erstere war zwar anständig, aber einfach, grob, altmodisch und schlecht gemacht. Die letztere haben wir schon oben beschrieben. Die Haut seiner Wangen hatte so wenig von der Farbe der Kirschen, daß man eigentlich die natürliche Farbe derselben gar nicht ermitteln konnte, weil sie von einem schwarzen Barte, der bis an die Augen hinauf ging, völlig überwachsen waren. Sein Wuchs und seine Glieder waren zwar völlig proportionirt, aber so groß, daß sie eher die Kraft eines Bauern als eines andern Mannes verriethen. Seine Schultern waren unmäßig breit und die Waden an seinen Beinen umfänglicher als die eines holländischen Bürgermeisters. Kurz, es fehlte seiner Person ganz an der 41 Eleganz und der Schönheit, welche gerade das Gegentheil von plumper Stärke ist. Obgleich nun Miß Brigitte eine Dame vom feinsten Geschmacke war, so fand sie doch in der Unterhaltung des Capitains so viel Anziehendes, daß sie über die Mängel seiner Persönlichkeit gänzlich hinwegsah. Sie meinte, und sie hatte dabei vielleicht vollkommen Recht, sie würde mit dem Capitain angenehmere Augenblicke verleben als mit einem viel schönern Manne und, wenn er auch ihren Augen nicht gerade wohlgefalle, sich dafür weit dauerndere Freuden verschaffen. Sobald der Capitain die Liebe Brigittens bemerkte, und in solchen Dingen hatte er ein sehr scharfes Auge, so entgegnete er sie getreulich. Die Dame zeichnete sich eben so wenig durch Schönheit aus als ihr Liebhaber. Ich würde es versuchen, sie zu schildern, aber ihr Bildniß ist bereits von einem geschicktern Meister entworfen worden, von Hogarth, dem sie vor vielen Jahren saß und der sie in seinem »Wintermorgen« darstellte, für den sie auch ein ganz vortreffliches Sinnbild war. Man kann sie auf diesem Bilde nach der Covent-Garden-Kirche gehen sehen, begleitet von einem halb verhungerten Diener, der ihr das Gebetbuch nachträgt. Auch der Capitain zog sehr weise die soliden Genüsse, die er mit dieser Dame erwartete, den vergänglichen persönlichen Reizen vor. Er gehörte zu den verständigen Männern, welche die Schönheit an dem andern Geschlechte für eine völlig werthlose und überflüssige Eigenschaft halten, oder deutlicher zu reden, die lieber alle Annehmlichkeiten des Lebens mit einem häßlichen Weibe, als eine schöne Frau ohne diese Annehmlichkeiten besitzen, und da er sehr guten Appetit hatte, der leicht zu befriedigen war, so meinte er, er würde seine Rolle bei dem Hochzeitsessen recht gut spielen, wenn auch die Schönheit seiner Braut abgehe. 42 Wenn wir aufrichtig gegen den Leser sein sollen, so müssen wir gestehen, daß der Capitain seit seiner Ankunft, wenigstens von dem Augenblicke an, als ihm sein Bruder die Partie vorgeschlagen und lange vorher, ehe er irgend ein schmeichelhaftes Symptom an Miß Brigitte entdeckt hatte, sehr bedeutend verliebt gewesen war, d. h. in Allworthy's Haus und Garten, in die Ländereien und Pachtgelder, die der Capitain sämmtlich so leidenschaftlich liebte, daß er höchst wahrscheinlich die Hexe von Endor geheirathet haben würde, wäre er durch dieselbe in Besitz jener Gegenstände gekommen. Da nun Herr Allworthy gegen den Doctor sich bestimmt darüber ausgesprochen hatte, daß er nie wieder heirathen würde, da seine Schwester seine nächste Verwandte war und der Doctor herausgebracht hatte, er habe die Absicht, ein Kind derselben zu seinem Erben einzusetzen, was übrigens das Gesetz auch ohnehin gethan haben würde, so hielten es der Doctor und dessen Bruder für eine wohlthätige Handlung, ein menschliches Wesen hervorzubringen, das so reichlich mit den wesentlichsten Mitteln zum Glücklichsein versehen werden sollte. Alle Gedanken der beiden Brüder waren deshalb darauf gerichtet, wie sie die Neigung dieser liebenswürdigen Dame erlangten. Das Glück, eine zärtliche Mutter, die oft mehr für ihre Lieblingskinder thut, als diese wünschen und verdienen, war so thätig für den Capitain gewesen, daß, während er Pläne entwarf, seinen Zweck zu erreichen, die Dame dieselben Wünsche hegte wie er selbst und ihrerseits darüber nachdachte, wie sie den Capitain auf schickliche Art ermuthige, ohne ihm zu weit entgegen zu gehen, denn sie beobachtete streng alle Regeln der Schicklichkeit. Es wurde ihr dies indeß recht leicht, denn da der Capitain immer auf der Lauer stand, so entging ihm kein Blick, kein Geberde, kein Wort. 43 Die Freude, welche der Capitain über dies freundliche Benehmen der Miß Brigitte empfand, wurde freilich bedeutend durch seine Furcht vor dem Herrn Allworthy gedämpft, denn trotz der Uneigennützigkeit desselben meinte der Capitain doch, er würde, wenn es zum Handeln komme, dem Beispiele der übrigen Welt folgen und seine Einwilligung zu der, in Hinsicht auf Gewinn für seine Schwester so unvortheilhaften Verbindung verweigern. Welches Orakel ihm diese Meinung beibrachte, will ich dem Leser zu ermitteln überlassen; woher sie ihm aber auch gekommen sein mochte, sie versetzte ihn in bedeutende Verlegenheit, wie er wohl sein Benehmen am Besten einrichte, um seine Liebe der Dame zu erkennen zu geben, deren Bruder sie aber zu verbergen. Endlich beschloß er, jede Gelegenheit zu benutzen, wann er mit ihr allein sein würde; in Gegenwart Allworthy's dagegen zurückhaltend und so viel als möglich auf seiner Hut zu sein. Sein Bruder billigte dieses Verfahren vollkommen. Er fand bald Gelegenheit, seine Erklärung in bestimmten Worten an seine Geliebte zu bringen, von welcher er eine Antwort in der geeigneten Form erhielt, nämlich die Antwort, die zuerst vor mehrern tausend Jahren gegeben wurde und die seitdem von der Mutter auf die Tochter sich fortgepflanzt hat. Wenn ich sie in das Lateinische übersetzen sollte, würde ich sie durch die beiden Worte wiedergeben: Nolo episcopari , einen Ausdruck, der ebenfalls seit undenklicher Zeit bei einer andern Gelegenheit gebräuchlich ist. Der Capitain verstand, woher er auch seine Kenntniß haben mochte, die Dame vollkommen und wiederholte bald darauf sein Gesuch mit noch mehr Wärme und Ernst als zuvor, wurde aber wiederum nach der gehörigen Form abgewiesen; wie aber die Glut seines Verlangens zugenommen hatte, ließ die Dame eben so geeignet in der Heftigkeit ihrer Weigerung nach. 44 Um den Leser nicht zu ermüden, wenn wir ihm jede Scene dieser Bewerbung vorführen (die, wenn auch der Meinung Mancher nach, die angenehmste im Leben für den Betheiligten, für den Unbetheiligten aber sicherlich eben so langweilig ist), so erklären wir blos, daß der Capitain seine Laufgräben in aller Form näher rückte, die Festung in aller Form vertheidiget wurde und endlich in der geeigneten Form sich auf Gnade und Ungnade ergab. Diese ganze Zeit über, welche sich fast durch einen ganzen Monat erstreckte, benahm sich der Capitain höchst ehrerbietig gegen seine Dame in Anwesenheit des Bruders derselben und je weiter er mit ihr unter vier Augen kam, um so zurückhaltender wurde er öffentlich. Die Dame ihrer Seits hatte sich ihres Liebhabers kaum versichert, so benahm sie sich gegen ihn in Gesellschaft mit der größten Gleichgültigkeit, so daß Herr Allworthy die Wissenschaft des Teufels, oder vielleicht eine noch schlimmere Eigenschaft desselben hätte besitzen müssen, wenn er im geringsten geahnt, was vorging. Zwölftes Kapitel. Enthält, was der Leser vielleicht darin sucht. Bei jeder Uebereinkunft, sie mag einen Zweikampf, eine Heirath oder irgend ein anderes Geschäft betreffen, sind wenige Ceremonien vorher erforderlich, die Sache zu Ende zu bringen, wenn es beide Theile wirklich ernstlich meinen. Dies war hier der Fall und in weniger als einem Monate waren der Capitain und seine Dame Mann und Frau. Nun bestand die schwierigste Aufgabe noch darin, den Herrn Allworthy von der Sache in Kenntniß zu setzen. Dies nahm der Doctor über sich. Eines Tages, als Allworthy in seinem Garten auf und 45 ab ging, kam der Doctor zu ihm und sagte mit dem größten Ernste, den er in sein Gesicht zu legen vermochte: »ich bin heute gekommen, um Ihnen eine Sache von der größten Wichtigkeit mitzutheilen; aber wie soll ich es erwähnen, da ich so ungern daran denke!« Dann ließ er sich in die stärksten Schmähungen sowohl gegen die Männer als gegen die Weiber aus, beschuldigte die erstern, sie hätten stets nur ihren Vortheil im Auge, und die letztern, ihre tadelnswürdigen Neigungen wären so stark, daß man sie nie mit Sicherheit mit einer Person des andern Geschlechtes allein lassen könne. »Hätte ich,« sagte er, »ahnen können, daß eine Dame von so viel Klugheit, Urtheilskraft und Kenntniß sich einer solchen Leidenschaft hingeben könnte, oder hätte ich glauben können, daß mein Bruder –, doch warum nenne ich ihn noch so? Er ist mein Bruder nicht mehr.« »Das ist er doch,« sagte Allworthy, »und nun auch der meinige.« – »Die entsetzliche Geschichte ist Ihnen also schon bekannt?« fragte der Doctor. – »Sehen Sie, Herr Blifil,« antwortete der gute Mann, »ich habe in meinem ganzen Leben immer den Grundsatz festgehalten, alles, was geschieht, zum Besten zu kehren. Meine Schwester ist zwar viele Jahre jünger als ich, aber doch alt genug, daß sie wissen kann, was ihr frommt. Hätte er ein Kind bethört, so würde ich weniger geneigt gewesen sein, ihm zu verzeihen, aber ein Mädchen in den Dreißigen muß selbst am Besten wissen, was sie glücklich machen kann. Sie hat ihre Hand einem Manne gegeben, der vielleicht dem Vermögen nach ihr nicht gleich steht; besitzt er aber in ihren Augen Eigenschaften, welche diesen Mangel ausgleichen, so sehe ich nicht ein, warum ich mich ihrem Glücke widersetzen sollte, das, auch meiner Meinung nach, nicht blos in großem Vermögen besteht. Ich hätte zwar, da ich häufig geäußert habe, ich würde fast in jeden Antrag willigen, wohl erwarten können, 46 daß man mich bei der Sache zu Rathe ziehe; aber sie ist bekanntlich eine sehr zarte. Gegen Ihren Bruder hege ich durchaus keinen Groll. Er hatte keine Verbindlichkeit gegen mich, eben so wenig hatte er nöthig, mich um meine Einwilligung anzugehen, da die Frau, wie ich gesagt habe, sui juris ist und in einem Alter steht, in welchem sie für sich allein handeln kann.« Der Doctor meinte, Herr Allworthy sei gar zu nachsichtig, wiederholte die Beschuldigungen gegen seinen Bruder und erklärte, man werde ihn niemals bewegen, ihm wieder unter die Augen zu treten oder ihn für seinen Bruder anzuerkennen. Dann begann er eine große Lobeserhebung der Gutmüthigkeit Allworthy's, so wie der Freundschaft desselben und schloß mit den Worten, er werde es seinem Bruder nie vergeben, daß er ihm diese Freundschaft, auf die er so stolz gewesen, gefährdet habe. Allworthy entgegnete: »Wäre ich auch wirklich mit Ihrem Bruder unzufrieden gewesen, so würde ich doch nie den Unschuldigen haben dafür büßen lassen; aber ich wiederhole es, ich bin gar nicht unzufrieden mit ihm. Ihr Bruder scheint ein Mann von Ehre und Verstand zu sein. Ich mißbillige den Geschmack und die Wahl meiner Schwester nicht, so wie ich nicht zweifle, daß sie ebenfalls wirklich der Gegenstand seiner Liebe ist. Ich habe immer die Liebe für die einzige Grundlage des Glücks in der Ehe gehalten, da nur sie jene hohe und zärtliche Freundschaft erzeugen kann, welche stets diese Vereinigung zusammenhalten sollte. Meiner Meinung nach sind alle Ehen, die aus andern Beweggründen geschlossen werden, völlig zu verdammen; sie entweihen die heiligste Ceremonie und endigen meist in Unfrieden und Elend; denn gewiß muß man es eine Entweihung nennen, wenn diese heiligste Anstalt in ein schändliches Opfer der Fleischeslust oder des Geizes verwandelt wird, 47 und kann man besser von der Ehe sprechen, welche die Menschen blos wegen der Schönheit der Person oder wegen eines großen Vermögens eingehen? »Es würde ganz falsch und thöricht sein, wollte man läugnen, daß Schönheit etwas dem Auge Angenehmes und selbst einiger Bewunderung Würdiges ist. Schön ist ein Beiwort, das häufig in der Bibel vorkommt und immer mit Ehren genannt wird. Ich selbst hatte das Glück, mich mit einer Frau zu verheirathen, welche die Welt für schön hielt, und ich muß auch gestehen, daß sie mir darum nur um so mehr gefiel. Sie aber allein bei der Ehe zu berücksichtigen, nach ihr so eifrig zu streben, daß man um ihretwillen alle Mängel und Fehler übersieht, oder sie so absolut zu verlangen, daß man Religion, Tugend und Verstand verschmäht, die an sich doch weit werthvoller sind, blos weil körperliche Schönheit nicht zu gleicher Zeit mit vorhanden ist, paßt sich weder für einen verständigen Mann, noch für einen Christen. Es ist vielleicht zu mild, wenn man annimmt, solche Personen bezweckten durch ihre Verheirathung auch noch etwas mehr als die Befriedigung der fleischlichen Triebe, um deretwillen, wie wir belehrt worden sind, die Ehe nicht eingesetzt wurde. »Dann kommt das Vermögen. Weltklugheit erfordert vielleicht einige Berücksichtigung dieses Umstandes und ich will dieselbe auch nicht durchaus verdammen. Wie die Welt nun einmal ist, verlangen die Erfordernisse des ehelichen Lebens und die Vorsorge für die Kinder einige Rücksicht auf das, was wir die Umstände nennen. Diese Rücksicht wird aber weit über das wirklich Nothwendige durch Thorheit und Eitelkeit gesteigert, welche weit mehr Bedürfnisse schaffen als die Natur. Equipage für die Frau und großes Vermögen für die Kinder werden gewöhnlich mit zu den Bedürfnissen gerechnet, und um sich nur diese zu verschaffen, 48 vernachlässiget und übersieht man, was wahrhaft dauernd und angenehm, tugendhaft und religiös ist. »Und dies in vielen Graden, deren letzter und höchster von Wahnsinn kaum zu unterscheiden ist; – ich meine, wenn Personen, die großes Vermögen besitzen und sich mit denen verheirathen, die ihnen unangenehm sind und sein müssen, mit Narren und Schurken, nur um Besitzungen zu vergrößern, die bereits mehr gewähren, als sie zur Befriedigung ihrer Wünsche brauchen. Solche Personen müssen gewiß, wenn sie nicht für wahnsinnig gehalten sein wollen, gestehen, daß sie entweder unfähig sind, die Freuden der zärtlichsten Freundschaft zu empfinden oder daß sie das größte Glück, dessen sie fähig sind, den eiteln, unsichern und unsinnigen Gesetzen der gemeinen Meinung aufopfern, welche ihre Stärke wie ihre Entstehung der Albernheit verdanken.« Damit beschloß Allworthy seine Rede, die Blifil mit der höchsten Aufmerksamkeit angehört hatte, ob es ihm gleich einige Mühe kostete, hier und da eine kleine Verziehung seiner Gesichtsmuskeln zu verhindern. Er pries endlich jeden Satz, den er gehört hatte, mit der Wärme eines jungen Geistlichen, der die Ehre hat, bei einem Bischofe an dem Tage zu speisen, an welchem derselbe die Kanzel betreten hatte. Dreizehntes Kapitel, welches das erste Buch beschließt und zwar mit einem Beispiele von Undankbarkeit, die, wie wir hoffen, unnatürlich erscheinen wird. Der Leser kann aus dem, was erzählt worden ist, abnehmen, daß die Versöhnung (wenn sie wirklich so genannt werden kann) nur eine Sache der Form war; wir übergehen sie deshalb und wenden uns zu einem Umstande, den man für wichtig halten wird. 49 Der Doctor hatte seinem Bruder mitgetheilt, was zwischen Allworthy und ihm geschehen war und mit einem Lächeln hinzugesetzt: »ich gab Dich ganz auf, ja ich forderte den guten Mann förmlich auf, Dir nicht zu verzeihen, denn Du weißt, nachdem er sich günstig über Dich ausgesprochen hatte, konnte ich ganz sicher eine solche Forderung an einen Mann von seinem Charakter richten, und ich wünschte sowohl um deinet- als um meinetwillen, jeder Möglichkeit eines Verdachtes zuvorzukommen.« Capitain Blifil achtete in diesem Augenblicke nicht im mindesten darauf, machte es sich aber später bedeutend zu Nutzen. Ein Grundsatz, den der Böse bei seinem letzten Besuche auf der Erde seinen Schülern hinterließ, ist der, wenn man emporgestiegen ist, den Stuhl umzustoßen, auf welchem man emporstieg, oder in klarem Deutsch, wenn man sein Glück durch die Gefälligkeiten und Dienste eines Freundes gemacht hat, ihn sobald als möglich bei Seite zu schaffen und zu verstoßen. Ob der Capitain nach diesem Grundsatze handelte, will ich nicht bestimmen; so viel aber können wir im Vertrauen sagen, daß seine Handlungen recht wohl aus diesem teuflischen Grundsatze hergeleitet werden konnten, ja daß es schwer war, ihnen einen andern Beweggrund unterzulegen, denn sobald er sich im Besitz Brigittens sah und mit Allworthy ausgesöhnt war, fing er an, gegen seinen Bruder eine Kälte zu zeigen, die täglich zunahm, bis sie endlich Härte und einem jeden sichtbar wurde. Der Doctor hielt ihm unter vier Augen dieses sein Benehmen vor, konnte aber keine andere Genugthuung erhalten als die nachstehende Antwort: »wenn Dir in meines Schwagers Hause etwas nicht gefällt, so steht es Dir ja frei, dasselbe zu verlassen.« Diese seltsame, grausame und fast unerklärliche Undankbarkeit des Capitains brach dem 50 armen Doctor das Herz, denn Undankbarkeit verwundet die menschliche Brust am tiefsten, wenn sie von denen ausgeht, um deretwillen wir uns etwas haben zu Schulden kommen lassen. Gedanken an große und gute Thaten, wie sie auch von denen, für welche sie verrichtet wurden, aufgenommen oder erwiedert worden sein mögen, gewähren uns immer ein gewisses Vergnügen; aber welchen Trost sollen wir bei einer so schrecklichen Noth empfinden, wie es das undankbare Benehmen unseres Freundes ist, wenn zu gleicher Zeit unser Gewissen sich verletzt fühlt und uns vorwirft, wir hätten es zu Gunsten eines so unwürdigen Menschen belastet! Allworthy sprach selbst mit dem Capitain für dessen Bruder und wünschte zu wissen, welches Vergehen der Doctor sich habe zu Schulden kommen lassen. Der hartherzige Capitain war schlecht genug, darauf die Antwort zu geben, er könnte ihm die Beleidigung nicht verzeihen, die er ihm zu seinem Vortheile anzuthun versucht habe und die so grausam sei, daß sie durchaus nicht verziehen werden könne. Allworthy sprach von dieser Erklärung in sehr starken Ausdrücken und meinte, sie schicke sich nicht für einen Mann. Ja er äußerte einen so starken Unwillen darüber, daß der Capitain sich endlich stellte, als sei er von den Gründen überzeugt und äußerlich Versöhnung heuchelte. Die junge Frau hatte Flitterwochen und war so leidenschaftlich für ihren Mann eingenommen, daß er in ihren Augen niemals Unrecht haben konnte und sein Mißfallen mit irgend Jemand war für sie ein vollkommen hinreichender Grund, sich über diese Person ebenfalls mißfällig zu äußern. Der Capitain war, wie erwähnt, auf Allworthy's Andringen, scheinbar mit seinem Bruder ausgesöhnt, in seinem Herzen aber hegte er noch immer Groll. Auch fand er so viele Gelegenheiten, ihm Andeutungen davon zu geben, daß der Aufenthalt in dem Hause dem armen Doctor endlich 51 unerträglich wurde und er sich vornahm, lieber alle Unannehmlichkeiten in der Welt zu ertragen, als sich länger den grausamen und undankbaren Beleidigungen eines Bruders auszusetzen, für den er so viel gethan hatte. Einmal hatte er sich vorgenommen, dem Herrn Allworthy alles mitzutheilen, aber es war ihm doch unmöglich, das Geständniß abzulegen, durch welches er einen so großen Theil von Schuld hätte auf sich nehmen müssen. Je schlimmer er übrigens seinen Bruder schilderte, um so größer mußte sein eigenes Vergehen gegen Allworthy erscheinen, und um so größer würde, wie er meinte, dessen Unwille sein. Er schützte demnach irgend ein Geschäft vor, um seine Abreise zu entschuldigen und versprach, bald zurückzukehren; auch nahm er mit so gut erheuchelter Zufriedenheit und Freundschaft Abschied von seinem Bruder, daß, zumal der Capitain seine Rolle ebenfalls vortrefflich spielte, Allworthy vollkommen an die Aussöhnung der beiden Brüder glaubte. Der Doctor ging direct nach London, wo er bald darauf vor Gram starb, an einem Leiden, das weit mehrere in das Grab bringt, als man gemeiniglich glaubt und das eigentlich in den Sterblichkeitslisten mit aufgeführt werden sollte, wäre es nicht in einem Puncte von allen andern Krankheiten verschieden, darin nämlich, daß es von keinem Arzte geheilt werden kann. Nach einer höchst sorgfältigen Erörterung des frühern Lebens dieser beiden Brüder finde ich außer dem verfluchten oder höllischen oben erwähnten Grundsatze noch einen andern Beweggrund für das Benehmen des Capitains. Der Capitain war außerdem, wie wir bereits von ihm sagten, ein sehr stolzer und heftiger Mann und hatte seinen Bruder, der einen ganz andern Charakter und die beiden erwähnten Eigenschaften gar nicht besaß, stets etwas wegwerfend und hochmüthig behandelt. Der Doctor dagegen war weit 52 kenntnißreicher und hatte, wie man allgemein glaubte, einen weit bessern Verstand. Dies wußte der Capitain und konnte es nicht ertragen, denn wenn der Neid an sich eine sehr schlechte Leidenschaft ist, so wird seine Schärfe noch gesteigert, wenn er zugleich mir Verachtung gegen denselben Gegenstand zusammentrifft. Leider zeigt nun die Erfahrung, daß, wenn eine Verpflichtung zu diesen beiden hinzukommt, das Resultat keineswegs Dankbarkeit, sondern Haß und Uebelwollen ist. 53 Zweites Buch. Enthält Scenen des ehelichen Glückes in verschiedenen Lebensstufen, so wie mancherlei andere Vorfälle während der beiden ersten Jahre nach der Verheirathung zwischen Capitain Blifil und Miß Brigitte Allworthy. Erstes Kapitel. Es wird darin gezeigt, welche Art von Geschichte die vorliegende ist, womit sie sich vergleichen und womit sie sich nicht vergleichen läßt. Ob wir gleich dieses unser Werk eine Geschichte, nicht aber ein Leben genannt haben, so haben wir doch die Absicht, mehr der Methode jener Schriftsteller zu folgen, welche die Revolutionen der Länder schildern wollen, als dem bändereichen arbeitsvollen Geschichtschreiber nachzuahmen, der, um nur immer ganz in der Ordnung zu bleiben, eben so viel Papier mit den Einzelnheiten von Monaten und Jahren füllen zu müssen glaubt, in denen nichts Bemerkenswerthes vorfiel, als er auf jene merkwürdigen Epochen verwendet, in welchen die größten Männer auf dem Schauplatze sich befanden. Solche Geschichten gleichen eigentlich einer Zeitung sehr, die gerade eben so viele Wörter enthält, es mögen 54 Neuigkeiten darin stehen oder nicht. Auch mit einem Postwagen lassen sie sich vergleichen, der immer denselben Weg fährt, er mag gefüllt oder leer sein. Der Verfasser scheint zu glauben, er müsse gleichen Schritt mit der Zeit halten, deren Amanuensis er ist, und schreitet deshalb, gleich seiner Gebieterin, eben so langsam durch Jahrhunderte mönchischer Stumpfheit und Finsterniß, in denen die Welt geschlafen zu haben scheint, als durch die glänzende und rührige Zeit, die von dem vortrefflichen lateinischen Dichter so edel ausgezeichnet wird: Ad confligendum venientibus undique Poenis, Omnia cum belli trepido concussa tumultu Horrida contremuere sub altis aetheris auris: In dubioque fuit sub utrorum regna cadendum Omnibus humanis esset, terraque marique. Wir haben uns vorgenommen, in den nachfolgenden Bogen eine entgegengesetzte Methode zu befolgen. Wenn irgend ein außerordentliches Ereigniß vorkommt (wie es nicht selten der Fall sein wird), so werden wir weder Mühe noch Papier sparen, um es dem Leser recht anschaulich darzustellen; sollten jedoch ganze Jahre vergehen, ohne irgend etwas erwähnenswerthes zu bringen, so werden wir uns auch vor einer Lücke in unserer Geschichte nicht fürchten, sondern zu wichtigeren Gegenständen eilen und solche Zeitabschnitte ganz unbeachtet lassen. Diese Zeitabschnitte müssen wie Nieten in der großen Lotterie der Zeit angesehen werden, und da wir die Rechnungsführer dieser Lotterie sind, so werden wir es auch machen wie die andern Lotterie-Directionen, welche sich wohl hüten, die vielen Nieten anzuzeigen, welche gezogen wurden, die großen Gewinne aber mit großen Lettern in allen Zeitungen ausposaunen, damit die Welt erfahre, in welche Collecte sie fielen. Da nun die großen Gewinne 55 meist immer in eine von zwei oder drei solchen Collecten fallen, so scheint dadurch den Spiellustigen angedeutet zu werden, gewisse Collecteurs wären in die Geheimnisse des Glückes eingeweihet oder hätten wohl gar Sitz und Stimme in dem geheimen Rathe desselben. Mein Leser wird sich demnach nicht wundern, wenn er im Verlaufe dieses Werkes einige sehr kurze und dann wieder sehr lange Kapitel findet, einige, die nur die Zeit eines einzigen Tages enthalten und andere, die Jahre umfassen, mit einem Worte, wenn meine Geschichte bisweilen still zu stehen, bisweilen zu fliegen scheint. Ich lehne die Verantwortlichkeit dafür bei jedem kritischen Gerichtshofe ab, denn da ich eigentlich der Gründer einer neuen Schreibart bin, so muß mir es auch freistehen, diejenigen Gesetze für dieselbe zu erlassen, die ich für geeignet halte. An diese Gesetze müssen meine Leser, die ich für meine Unterthanen halte, glauben und ihnen gehorchen, und damit sie sich um so bereitwilliger darein fügen, versichere ich hiermit, daß mir bei allen solchen Anordnungen ihr Vortheil und ihre Bequemlichkeit hauptsächlich am Herzen liegt, denn ich bin nicht der Meinung der jure divino Tyrannen, welche ihre Unterthanen für Sclaven oder Waare halten. Ich bin über sie gesetzt blos zu ihrem eigenen Nutzen; ich wurde zu ihrem Wohl erschaffen, nicht sie zu dem meinigen. Auch zweifele ich nicht, daß sie, während ihr Vortheil die Hauptrichtschnur bei meinem Schreiben ist, einmüthig meine Würde unterstützen und mir alle die Ehre erzeigen werden, die ich verdienen oder wünschen dürfte. 56 Zweites Kapitel. Eine Warnung, nicht zu wohlwollend gegen Bastarde zu sein und eine große Entdeckung, welche Jungfer Deborah Wilkins macht. Acht Monate nach der Feier der Vermählung zwischen dem Capitain Blifil und Miß Brigitte Allworthy, einer jungen Dame von großer Schönheit, Verdienst und Vermögen, wurde die junge Frau, in Folge eines Schreckens von einem hübschen Knäbchen entbunden. Das Kind war wirklich allem Ansehen nach vollkommen; die Hebamme jedoch meinte, es sei einen Monat vor der Zeit zur Welt gekommen. Obgleich die Geburt eines Erben durch seine geliebte Schwester für den Herrn Allworthy ein höchst erfreulicher Umstand war, so entfremdete sie doch seine Liebe dem kleinen Findlinge nicht, den er aus der Taufe gehoben und dem er seinen eigenen Namen Thomas gegeben, den er auch bisher des Tages wenigstens einmal besucht hatte. Er sagte seiner Schwester, wenn es ihr recht sei, solle das neugeborene Kind mit dem kleinen Tom erzogen werden und sie willigte ein, obgleich mit einigem Widerstreben, denn sie erzeigte wirklich gern ihrem Bruder jede Gefälligkeit und deshalb hatte sie sich auch freundlicher gegen den Findling benommen, als Frauen von strenger Tugend sonst wohl gegen solche Kinder sind, die, wie unschuldig sie auch sein mögen, doch die lebenden Zeugen der Unkeuschheit genannt werden können. Der Capitain konnte nicht so leicht dahin gebracht werden, das zu ertragen, was er für einen Fehler des Herrn Allworthy erklärte. Er deutete öfters darauf hin, daß man die Sünde begünstige, wenn man der Früchte derselben sich annehme. Er führte mehrere Bibelstellen an (denn er war in 57 der heiligen Schrift sehr belesen), wie z. B.: » er sucht die Sünde der Väter heim an den Kindern, « und » die Väter haben sauere Trauben gegessen und die Zähne der Kinder sind stumpf geworden. « Daraus leitete er die Rechtmäßigkeit der Bestrafung des Verbrechens der Eltern an dem Bastarde ab. Er sagte: »obgleich das Gesetz nicht geradezu erlaubt, solche in Sünde geborene Kinder umzubringen, so erklärt es dieselben doch für Niemandes Kinder; auch die Kirche hält sie für Niemandes Kinder und sie sollten höchstens für die niedrigsten und gemeinsten Arbeiten im Staate bestimmt werden.« Herr Allworthy antwortete auf dieses und noch vieles andere, was der Capitain über diesen Gegenstand vorgebracht hatte, daß die Kinder sicherlich unschuldig wären, welche große Schuld die Eltern auch auf sich geladen haben möchten; was die angeführten Bibelstellen betreffe, so sei die erstere eine besondere Drohung gegen die Juden wegen der Sünde der Abgötterei und der Mißachtung gegen ihren himmlischen König; die letztere dagegen sei bildlich gesagt und solle mehr die gewisse und nothwendige Folge der Sünde als eine ausdrückliche Strafe gegen dieselbe anzeigen. Es sei unpassend, wenn nicht gar gotteslästerlich, wenn man von dem Allmächtigen sagen wolle, er räche und strafe die Sünden der Schuldigen an den Unschuldigen, indem man behaupte, er handele gegen die ersten Grundsätze des Naturrechtes und gegen die Urbegriffe von Recht und Unrecht, die er uns selbst in das Herz gelegt habe. Er fuhr dann fort, er wisse recht wohl, daß viele dieselben Ansichten über diesen Punkt hätten wie der Capitain, er für seine Person aber sei fest von dem Gegentheile überzeugt und würde auf dieselbe Weise für dieses arme Kind sorgen, als wenn ein eheliches Kind an der Stelle gefunden worden sei. Während der Capitain jede Gelegenheit benutzte, diese 58 und ähnliche Gründe geltend zu machen, um den kleinen Findling aus dem Hause Allworthy's zu entfernen, denn er fing an auf die Liebe desselben gegen das Kind eifersüchtig zu sein, hatte Jungfer Deborah eine Entdeckung gemacht, die für den armen kleinen Tom verderblicher zu werden drohte als alle Gründe des Capitains. Ob die gute Frau nur ihrer unersättlichen Neugierde gefolgt war, oder ob sie es that, um sich das Wohlwollen der Madame Blifil zu sichern, die trotz ihrem scheinbar freundlichen Benehmen gegen den Findling, denselben, wenn es unbemerkt geschehen konnte, doch häufig schmähete und ihren Bruder mit wegen seiner Liebe zu ihm, will ich nicht entscheiden; sie hatte aber, wie sie meinte, den Vater des Findlings jetzt bestimmt entdeckt. Da diese Entdeckung von großer Wichtigkeit ist, so dürfte es nöthig sein, sie bis zu ihrer Quelle zu verfolgen. Wir werden deshalb jene vorgängigen Dinge einzeln und genau vorlegen, durch welche sie hervorgebracht wurde, sind aber deshalb genöthiget, alle Geheimnisse einer kleinen Familie zu enthüllen, welche dem Leser bis jetzt noch ganz unbekannt ist und deren Einrichtung eine so seltene und außerordentliche war, daß ich selbst bei der äußersten Leichtgläubigkeit mancher verheiratheten Personen anzustoßen fürchte. Drittes Kapitel. Beschreibung eines Hausregimentes, das auf Regeln beruhet, welche denen des Aristoteles geradezu entgegenstehen. Mein Leser erinnere sich gefälligst, daß Jenny Jones einige Jahre bei einem gewissen Schullehrer gelebt hatte, der sie auf ihren ernsten Wunsch im Lateinischen unterrichtete, 59 in welchem sie solche Fortschritte machte, daß sie bald ihren Lehrer übertraf. Obgleich dieser arme Mann einen Stand gewählt hatte, in welchem Gelehrsamkeit unbedingt erfordert wird, so war doch diese seine geringste Empfehlung. Er war einer der gutmüthigsten Menschen von der Welt und besaß zu gleicher Zeit so viel Laune und Humor, daß er für den witzigsten Mann der Gegend galt. Auch suchten alle benachbarten Edelleute seine Gesellschaft so sehr, daß, da er Einladungen nicht abzuschlagen vermochte, er viel Zeit in ihren Häusern verbrachte, die er mit mehr Nutzen in seiner Schule hätte zubringen können. Es läßt sich denken, daß ein Mann von solchen Kenntnissen und solcher Lebensweise den gelehrten Schulen von Eton und Westminster nicht leicht gefährlich werden konnte. Seine Schüler waren in zwei Classen getheilt; in der obern befand sich ein junger Mann, der Sohn eines Edelmannes in der Nachbarschaft, der in seinem siebzehnten Jahre in die Syntax eingeführt wurde; in der untern dagegen war ein zweiter Sohn desselben Edelmannes, der mit sieben Knaben aus dem Dorfe lesen und schreiben lernte. Das Einkommen, das der Schullehrer bei diesem Stande seiner Schule bezog, würde ihm schwerlich den Genuß der Annehmlichkeit des Lebens gestattet haben, wäre er nicht zu gleicher Zeit Schreiber und Barbier gewesen und hätte ihm nicht Herr Allworthy einen Jahrgehalt von zehn Pfund St. ausgesetzt, den der arme Mann jede Weihnacht erhielt und der ihn in den Stand setzte, an dem heiligen Feste sich etwas zu Gute zu thun. Unter andern Schätzen besaß der Pädagog eine Frau, die er ihres Vermögens wegen – 20 Pf. St. – aus der Küche des Herrn Allworthy geheirathet, wo sie sich dieselben erspart hatte. 60 Diese Frau war von Person nicht sehr liebenswürdig. Ob sie meinem Freunde Hogarth saß oder nicht, will ich nicht bestimmen; sie glich aber vollkommen dem Mädchen, das auf dem dritten Bilde des Lebenslaufes eines Freudenmädchens den Thee der Herrin ausgießt. Sie war überdies eine Anhängerin der von Xantippe in der alten Zeit gestifteten Secte und wurde so in der Schule gefürchteter als ihr Mann, denn, wenn wir die Wahrheit gestehen sollen, er war da, so wie überall in Gegenwart seiner Frau keineswegs Herr. Obgleich ihr Gesicht an sich schon keineswegs ein besonderes sanftes Temperament verrieth, so wurde dasselbe doch durch einen Umstand noch schroffer gemacht, der meist das eheliche Glück vergiftet, denn Kinder heißen mit Recht Pfänder der Liebe und der Mann hatte ihr, ob sie gleich neun Jahre verheirathet waren, keine solchen Pfänder gegeben, ohne daß er diesen Mangel durch Alter oder Krankheit entschuldigen konnte, da er noch nicht dreißig Jahre alt und ein blühender rascher Mann war. Daraus entstand ein anderes Uebel, das dem armen Pädagogen nicht wenig Unannehmlichkeiten bereitete, weil seine Frau auf ihn so eifersüchtig war, daß er kaum mit einem Frauenzimmer im Dorfe sprechen durfte, denn sobald er sich gegen eines nur einigermaßen artig zeigte, brach das eheliche Ungewitter los. Um sich im eigenen Hause gegen Verletzungen ihrer ehelichen Rechte zu wahren, wählte sie ihr Dienstmädchen stets aus der Classe, deren Gesicht eine Art Bürgschaft für ihre Tugend ist und zu welcher, wie der Leser bereits weiß, auch Jenny Jones gehörte. Da das Gesicht dieses Mädchens eine vollkommene Bürgschaft der Art zu gewähren schien, da sie sich auch immer außerordentlich züchtig benommen hatte, so war sie über 61 vier Jahre in dem Hause des Herrn Partridge (so hieß der Schullehrer) gewesen, ohne daß sie im Geringsten den Argwohn ihrer Gebieterin erregt hatte. Ja sie war mit ungewöhnlicher Freundlichkeit und Güte behandelt worden und ihre Herrin hatte dem Herren Partridge erlaubt, ihr den bereits erwähnten Unterricht zu ertheilen. Aber es geht mit der Eifersucht wie mit der Gicht; wenn solche Leiden einmal im Blute liegen, muß man den Ausbruch immer fürchten, der oft auf die geringste Veranlassung erfolgt und wenn man es am Wenigsten erwartet. So erging es der Frau Partridge, die Jahre lang zugegeben, daß ihr Mann das junge Mädchen unterrichte, und selbst eine Vernachlässigung der Arbeit dieses Lernens wegen geduldet hatte. Als sie eines Tages vorüberging, während das Mädchen las und der Lehrer sich über sie bog, sprang das Mädchen, ich weiß nicht aus welchem Grunde, plötzlich von ihrem Stuhle auf, und jetzt zog zum ersten Male der Argwohn in das Herz ihrer Herrin ein. Dieser offenbarte sich indeß damals nicht sogleich, sondern lag lauernd in ihrem Herzen wie ein versteckter Feind, der erst seine Kräfte zu stärken sucht, ehe er offen auftritt und zu feindlichen Handlungen schreitet. Auch fand sich diese Stärkung bald, um den Argwohn zu steigern; denn nicht lange nachher, als Mann und Frau bei Tische saßen, sagte der Lehrer zu dem Mädchen: da mihi aliquid potum , worauf das Mädchen lächelte, vielleicht über das schlechte Latein und, als die Herrin sie ansah, erröthete, möglicherweise weil sie ihr Unrecht einsah, ihren Lehrer ausgelacht zu haben. Madame Partridge gerieth darüber sogleich in die größte Wuth, warf der armen Jenny den Teller, auf welchem sie aß, an den Kopf und schrie: »Du treibst vor meinen Augen mit meinem Manne Narrenspossen!« sprang zu gleicher Zeit mit einem Messer in der Hand auf und würde höchst wahrscheinlich eine höchst tragische Rache geübt haben, hätte nicht das Mädchen den Vortheil benutzt, näher an der Thüre als bei ihrer Herrin zu sein und der Wuth derselben sich durch die Flucht entzogen. Der arme Ehemann dagegen saß, ob ihn die Ueberraschung bewegungslos gemacht oder die Furcht (was eben so wahrscheinlich ist) gehindert, irgend einen Widerstand zu leisten, stier vor sich hinsehend und zitternd auf seinem Stuhle, bewegte sich nicht und sprach nicht, bis seine Frau von der Verfolgung Jenny's zurückkam und er sich genöthiget sah, wie das Mädchen die Flucht zu ergreifen. Die Frau befahl dem Mädchen, sogleich ihre Habseligkeiten zusammenzupacken und zu gehen, denn sie mochte es nicht länger dulden, daß sie noch eine Nacht unter ihrem Dache schlafe. Herr Partridge selbst hatte aus Erfahrung gelernt, sich in Dinge dieser Art gar nicht zu mischen. Er nahm deshalb seine Zuflucht zu seinem gewöhnlichen Geduldrecepte, denn ob er gleich im Lateinischen kein eben so großer Held war, so erinnerte er sich doch der Worte: Leve fit quod bene fertur onus. Dieser Rath, den er immer im Munde führte, heißt zu Teutsch: »Leicht wird die Last, die man gut trägt,« und er hatte häufig Gelegenheit gehabt, die Wahrheit des Spruches zu erproben. Jenny wollte zwar ihre Unschuld betheuern, aber das Ungewitter war zu heftig, als daß sie sich hätte Gehör verschaffen können. Sie begann also ihre Habseligkeiten einzupacken, wozu einige Bogen Papier hinreichten, und als sie ihren geringen Lohn empfangen hatte, machte sie sich auf den Heimweg. Der Schulmeister und seine Frau verbrachten diesen Abend unangenehm genug; es geschah jedoch vor dem 63 nächsten Morgen etwas, das den Unwillen der Frau Partridge einigermaßen besänftigte, und sie gestattete endlich, daß er sich entschuldige. Auch glaubte sie seiner Entschuldigung um so bereitwilliger, als er, statt für die Rückberufung Jenny's sich zu verwenden, seine Freude über deren Entfernung aussprach und äußerte, sie sei als Magd nicht tauglich, indem sie ihre Zeit auf Lesen verwende und dabei gar eigensinnig und spitzig geworden. Sie hatte wirklich in der letztern Zeit häufig literarische Streitigkeiten mit ihrem Herrn gehabt, den sie an Kenntnissen jetzt bedeutend zu übertreffen schien. Dies wollte er freilich nicht eingestehen und da er es Hartnäckigkeit nannte, wenn sie auf dem Richtigen bestand, so fing er an sie zu hassen. Viertes Kapitel. Enthält einen der blutigsten Kämpfe, oder vielmehr Zweikämpfe, die in der Geschichte des Hauswesens erzählt werden. Aus den im vorigen Kapitel erwähnten Gründen und in Folge einiger anderer ehelichen Zugeständnisse, die den meisten Ehemännern wohl bekannt sind, die aber, wie die Geheimnisse der Freimaurerei, nur die Eingeweihten erfahren dürfen, war Frau Partridge ganz wohl damit zufrieden, daß sie ihren Mann ohne Grund verdammt hatte und versuchte durch Freundlichkeit ihren falschen Verdacht wieder gut zu machen. Ihre Leidenschaften waren gleich heftig, welche Richtung sie auch einschlugen, denn wie sie außerordentlich unwillig sein konnte, war sie auch im Stande, ungemein zärtlich zu sein. Obgleich nun diese Leidenschaften meist auf einander folgten und kaum jemals vier und zwanzig Stunden vergingen, ohne daß der Schulmeister der Gegenstand beider 64 war, so dauerte doch, wenn die Wuthleidenschaft sehr arg getobt hatte, der Stillstand ungewöhnlich länger. Dies war jetzt der Fall, denn ihre Freundlichkeit hielt, als der Anfall von Eifersucht vorüber war, längere Zeit an als jemals, und wären nicht einige kleine Uebungen vorgekommen, welche alle Schülerinnen der Xantippe täglich vollbringen müssen, so würde Herr Partridge einige Monate sich einer vollkommenen Ruhe erfreut haben. Völlige Windstille zur See wird von dem erfahrenen Seemanne für den Vorboten eines Sturmes gehalten, und ich kenne einige Personen, die, ohne gerade abergläubisch zu sein, die Befürchtung hegen, daß nach tiefem und ungewöhnlichem Frieden das Gegentheil folge. Aus diesem Grunde pflegten die Alten bei solchen Gelegenheiten der Nemesis zu opfern, einer Göttin, die wie sie wähnten, das menschliche Glück mit neidischem Auge betrachte und mit besonderer Lust dasselbe umkehre. Da wir weit entfernt sind, an eine solche heidnische Göttin zu glauben, oder den Aberglauben auf irgend eine Weise zu begünstigen, so wünschen wir, die Philosophen strengten sich an, um die wirkliche Ursache dieses schnellen Ueberganges von Glück zu Unglück ausfindig zu machen, der so oft bemerkt worden ist und von dem wir ebenfalls ein Beispiel anführen wollen. Unsere Aufgabe ist es, Thatsachen zu berichten, Leuten von höhern Geistesgaben überlassen wir es, die Ursachen und Gründe aufzusuchen. Die Menschen haben immer ein großes Vergnügen darin gefunden, die Handlungen anderer Leute zu erfahren und über dieselben zu reden. Deshalb ist auch zu allen Zeiten und bei allen Völkern für besondere Oerter zu öffentlichen Zusammenkünften gesorgt worden, an denen die Neugierigen sich einfinden und gegenseitig ihre Wißbegierde befriedigen könnten. Unter diesen Oertern sind die Barbierstuben 65 mit Recht immer mit Auszeichnung genannt worden. Unter den Griechen war »Barbierneuigkeiten« ein sprichwörtlicher Ausdruck und Horaz erwähnt in einer seiner Episteln die römischen Barbiere in gleicher Hinsicht auf ehrenvolle Weise. Die englischen stehen bekanntlich ihren griechischen und römischen Vorgängern keineswegs nach. Auswärtige Angelegenheiten werden da fast eben so gut erörtert und verhandelt, wie in den Kaffeehäusern, und Vorfälle in Familien behandelt man in den letztern bei weitem nicht so frei und ausführlich. Davon haben nun freilich blos die Männer Vortheil. Da aber auch die Frauen in diesem Lande, besonders die der niedern Classen, häufiger zusammenkommen als die der andern Nationen, so würde unsere Staatseinrichtung höchst mangelhaft sein, würde ihnen nicht auch ein besonderer Ort angewiesen, an welchem sie ihre Neugierde befriedigen können, zumal da sie in dieser der andern Menschenhälfte durchaus nicht nachstehen. Die englischen Schönen müssen sich also, da sie einen solchen Versammlungsort haben, weit glücklicher schätzen, als ihre Schwestern im Auslande, denn ich erinnere mich nicht, von etwas Aehnlichem in der Geschichte gelesen, noch dergleichen bei meinen Reisen gesehen zu haben. Dieser Ort ist kein anderer als der Lichtzieherladen, der bekannte Sitz aller Neuigkeiten oder, wie man sich im gewöhnlichen Leben ausdrückt, des Klatschens in jeder englischen Gemeinde. Als Frau Partridge sich eines Tages in dieser Frauenversammlung befand, wurde sie von einer Nachbarin gefragt, ob sie in der letzten Zeit nichts von der Jenny Jones gehört habe. Sie verneinte dies und die Andere entgegnete darauf lächelnd, die Gemeinde sei ihr sehr viel Dank dafür schuldig, daß sie Jenny fortgeschickt habe. Frau Partridge, die, wie der Leser weiß, von ihrer 66 Eifersucht längst geheilt war, auch gegen das Mädchen sonst nichts hatte, antwortete keck, sie wisse nicht, in wiefern die Gemeinde ihr deshalb Dank schuldig sein sollte, denn sie glaube, die andern Mädchen im Orte wären schwerlich so wie sie. »Das hoffe ich nicht,« sagte die Klatschschwester, »wenn ich auch recht wohl weiß, daß wir schlechte genug da haben. Sie haben, wie es scheint, noch gar nichts davon gehört, daß sie mit Zwillingen niedergekommen ist. Da sie nicht hier zur Welt gekommen sind, so werden wir auch nicht nöthig haben, sie zu erhalten, wie mein Mann und der andere Aufseher sagen.« – »Mit Zwillingen niedergekommen!« antwortete Frau Partridge; »Sie setzen mich in Erstaunen. Ob wir sie erhalten müssen, weiß ich nicht, so viel aber ist sicher, daß die Kinder hier gezeugt sind, denn das Mädchen ist seit neun Monaten nicht weggekommen.« Nichts kann so rasch und schnell sein, als die Operationen der Seele, zumal wenn sie von Hoffnung, oder Furcht, oder Eifersucht, deren Dienerinnen dieselben blos sind, angeregt werden. Es fiel ihr sogleich ein, daß Jenny ihr Haus kaum jemals verlassen habe, so lange sie in demselben gewohnt. Sie gedachte an das Lehnen über den Stuhl, an das plötzliche Auffahren, an das Lateinische, an das Lächeln und an manches Andere. Die Freude ihres Mannes über die Entlassung Jenny's hielt sie jetzt blos für Verstellung, im nächsten Augenblicke aber doch für wirklich empfunden, freilich (um ihre Eifersucht zu bestätigen) nur, weil er ihrer überdrüssig gewesen und aus hundert andern schlechten Gründen. Mit einem Worte, sie war von ihres Mannes Schuld überzeugt und verließ augenblicklich die Versammlung. Wie eine Katze auf die Maus fuhr sie auf den armen 67 Schulmeister her. Ihre Zunge, ihre Zähne und Hände faßten ihn zu gleicher Zeit. Die Perrücke war ihm im Augenblicke vom Kopfe, das Hemd vom Leibe gerissen und an seinem Gesichte flossen fünf Ströme Blut herunter nach der Zahl der Klauen, mit denen die Natur unglücklicher Weise seine Feindin bewaffnet hatte. Partridge hielt sich eine Zeit lang auf der Defensive; er versuchte blos sein Gesicht mit den Händen zu schützen; als er sich aber überzeugen mußte, daß seine Gegnerin in ihrer Wuth nicht nachließ, meinte er, er könnte doch wenigstens versuchen, sie zu entwaffnen oder ihr die Hände zu halten. Bei diesem Kampfe entfiel ihr die Haube, und ihr Haar, das zu kurz war und nicht herabfallen konnte, stand gesträubt auf dem Kopfe; ihre Schnürbrust, die nur durch ein einziges Loch geschnürt war, sprang auf und die Brüste, die weit voller waren als das Haar, quollen vorn heraus; ihr Gesicht wurde von dem Blute ihres Mannes befleckt; ihre Zähne knirschten in der Wuth auf einander und aus ihren Augen sprühte das Feuer, wie die Funken aus einer Schmiedeesse, so daß diese amazonenhafte Heldin ein Gegenstand des Schreckens wohl auch für einen kühnern Mann hätte sein können, als es Partridge war. Endlich gelang es ihm, ihre Arme festzuhalten und die Waffen, die sie an den Fingerspitzen hatte, unwirksam zu machen. Kaum bemerkte sie dies, so trug die Weichheit ihres Geschlechts den Sieg über ihre Wuth davon, sie brach in Thränen aus und fiel endlich in Ohnmacht. Partridge wußte sich weder die Ursache dieses wüthigen Auftrittes, noch weniger aber der Ohnmacht zu erklären. Er stürzte also auf die Straße hinaus, rief laut, seine Frau ringe mit dem Tode und beschwur die Nachbarn, ihr so schnell als möglich zu Hilfe zu kommen. Einige gutmüthige Weiber folgten seiner Aufforderung, kamen mit ihm in 68 das Haus und wendeten die bei solchen Gelegenheiten gewöhnlichen Mittel an, worauf Frau Partridge zur großen Freude ihres Mannes endlich wieder zu sich kam. Sobald sie sich einigermaßen wieder erholt und durch ein herzstärkendes Mittel erquickt hatte, fing sie an, den Anwesenden die vielfältigen Kränkungen und Beleidigungen zu erzählen, die sie von ihrem Manne erlitten, der ihr nicht blos untreu geworden, sagte sie, sondern, als sie ihm dies vorgehalten, sie auch auf die erdenklichst grausame Weise mißhandelt, ihr die Haube und das Haar vom Kopfe, und die Schnürbrust vom Leibe gerissen, ja ihr sogar mehrere Schläge versetzt habe, deren Spuren sie mit in das Grab nehmen würde. Der arme Mann, der in seinem Gesichte viele und sichtbare Zeichen des Zornes seiner Frau hatte, hörte in schweigender Verwunderung diese Anklage an, die, wie der Leser ihm bezeugen wird, sehr bedeutend von der Wahrheit abwich, denn er hatte sie nicht einmal geschlagen. Sein Stillschweigen wurde von dem anwesenden weiblichen Gerichtshofe als Eingeständniß ausgelegt und sie fingen alle auf einmal an, una voce , ihn zu schelten und zu schimpfen und wiederholten oft, nur ein schlechter feiger Mensch schlage eine Frau. Partridge ertrug alles dies geduldig, als aber seine Frau das Blut in ihrem Gesichte als Zeugniß seiner Grausamkeit und Rohheit anführte, konnte er nicht länger schweigen; er nahm sein Blut in Anspruch, denn von dem seinigen war es und er hielt es für unnatürlich, daß dieses zur Rache gegen ihn sich erheben sollte, wie es das eines Ermordeten oft thun soll. Darauf antworteten die Weiber weiter nichts, als es sei Schade, daß es nur von seinem Gesichte, nicht aus seinem Herzen gekommen, und Alle erklärten, wenn ihre Männer 69 die Hände gegen sie aufhüben, würden sie nicht ruhen, bis sie denselben das Herzblut abgezapft hätten. Nach langer Ermahnung wegen des Vergangenen und manchem guten Rathe an Herrn Partridge wegen seines zukünftigen Benehmens, entfernten sich endlich die Weiber wieder und ließen Mann und Frau zu einem Gespräche unter vier Augen allein, in welchem Partridge die Ursache aller seiner Leiden bald erfuhr. Fünftes Kapitel. Enthält vielerlei Stoff zur Uebung des Urtheils des Lesers. Ich glaube, die Bemerkung ist ganz richtig, daß wenige Geheimnisse blos einer Person geoffenbaret werden, gewiß aber würde es fast ein Wunder sein, wenn eine ganze Gemeinde einen solchen Vorfall kennen sollte, ohne daß er weiter bekannt würde. Es waren wirklich auch erst wenige Tage vergangen, als schon die ganze Umgegend von dem Schulmeister von Klein-Baddington sprach, der seine Frau auf die grausamste Weise geschlagen haben sollte. An manchen Orten sagte man gar, er habe sie erschlagen, in andern erzählte man, er habe ihr die Arme gebrochen, in andern die Beine, kurz es läßt sich kaum eine Verletzung denken, die einem Menschen angethan werden kann, welche die Frau Partridge von ihrem Manne nicht erlitten haben sollte. Auch die Veranlassung zu diesem Streite wurde verschieden angegeben, denn Einige sagten, Frau Partridge habe ihren Mann im Bette bei der Magd getroffen, während von Andern andere Gründe angegeben wurden. Einige legten sogar die Schuld der Frau zur Last und schrieben die Eifersucht dem Manne zu. 70 Jungfer Wilkins hatte schon längst von diesem Zwiste gehört, da sie aber eine andere, als die wahre Ursache vernommen, für gut befunden, dieselbe zu verschweigen, zumal da man allgemein den Herrn Partridge tadelte und dessen Frau, als sie im Hause Allworthy's gedient, die Jungfer Wilkins beleidiget hatte, die so leicht nicht verzieh. Die Wilkins, deren Augen Gegenstände in der Ferne sehen und recht wohl auf einige Jahre in die Zukunft hineinblicken konnten, hatte die Wahrscheinlichkeit erschaut, daß der Capitain Blifil einmal ihr Herr werden würde. Da sie auch deutlich bemerkte, daß der Capitain dem kleinen Findlinge im Hause nicht eben gewogen sei, da meinte sie, sie würde ihm einen angenehmen Dienst erweisen, wenn sie Entdeckungen zu machen vermöge, welche die Liebe mindern könnten, die Allworthy für das Kind zu hegen schien und die dem Capitain sichtbar sehr ungelegen war, was derselbe nicht einmal vor Allworthy selbst ganz zu verbergen im Stande war, obgleich seine Frau, die ihre Rolle öffentlich weit besser spielte, ihm häufig ihr Beispiel zur Nachachtung anempfahl, nämlich der Thorheit ihres Bruders nachzusehen, die sie eben so wohl erkenne und eben so sehr bedauere als irgend Jemand. Als also die Wilkins zufällig auf die rechte Spur jener obigen Geschichte gekommen war, wenn auch lange nachher, so bemühete und beeiferte sie sich, alle Einzelnheiten zu erfahren, und dann berichtete sie dem Capitain, sie habe endlich den wahren Vater des kleinen Bastards ermittelt, dessen sich ihr Herr zum Nachtheile seines guten Namens, wie sie mit Bedauern bemerke, nur zu sehr annehme. Der Capitain schalt sie wegen des Schlusses dieser ihrer Rede, weil es ihr nicht zukomme, die Handlungen ihres Herrn zu beurtheilen, denn wenn es auch das Ehrgefühl oder der Verstand des Capitains zugegeben hätte, mit der 71 Haushälterin in einen Bund zu treten, so sträubte sich doch sein Stolz dagegen. Es ist auch wirklich nichts so unklug, als mit den Dienern eines Freundes in eine Verschwörung gegen den Herrn derselben sich einzulassen, denn man macht sich dadurch für die spätere Zeit zum Sclaven eben dieser Diener, deren Verrath man stets ausgesetzt ist. Diese Rücksicht verhinderte denn auch wahrscheinlich den Capitain Blifil, deutlicher sich gegen die Wilkins auszusprechen, oder deren Reden über Allworthy zu begünstigen. Obgleich er aber seine Zufriedenheit mit der Entdeckung gegen die Haushälterin nicht aussprach, so freute er sich doch nichts desto weniger im Innern darüber und nahm sich vor, den möglichst besten Gebrauch davon zu machen. Er hielt die Sache lange in sich verschlossen, da er hoffte, Allworthy werde von Andern davon hören; die Haushälterin aber sprach, entweder weil des Capitains Benehmen sie beleidigt hatte, oder weil sie fürchtete, die Entdeckung möge ihm mißfällig sein, von der Sache kein Wort wieder. Ich habe darüber nachgedacht und es ziemlich seltsam gefunden, daß die Haushälterin die Neuigkeit der Frau des Capitains nicht mittheilte, da die Weiber doch alle Nachrichten und Vorfälle lieber ihrem eigenen Geschlechte, als dem unsrigen berichten. Diese Schwierigkeit läßt sich meiner Ansicht nach nur auf eine Art lösen, durch die Abneigung nämlich, die jetzt die Dame von der Haushälterin trennte, vielleicht in Folge der Eifersucht der Mad. Blifil darüber, daß die Wilkins zu große Ehrfurcht vor dem Findling zeigte, denn während diese sich bemühete, das kleine Kind zu verderben, um sich den Dank des Capitains zu erwerben, rühmte sie dasselbe täglich mehr in Gegenwart Allworthy's, dessen Liebe jeden Tag mehr und mehr sich steigerte. Dies beleidigte wahrscheinlich die zartfühlende Dame, welche die Haushälterin jetzt sicherlich haßte und derselben so viel als 72 möglich das Leben sauer machte, da sie von ihr nicht ganz aus dem Hause gebracht werden konnte. Dies erbitterte die Wilkins endlich so sehr, daß sie dem kleinen Tom auf jede Art öffentlich liebkosete, um nur die Schwester ihres Herrn zu ärgern. Der Capitain mußte demnach fürchten, die Geschichte ganz und gar verloren gehen zu sehen, und benutzte endlich eine Gelegenheit, sie selbst anzubringen. Er sprach eines Tages mit Allworthy über die Liebe und bewies ihm mit großer Gelehrsamkeit, daß dies Wort in der heiligen Schrift nirgends Freigebigkeit bedeute. »Die christliche Religion,« sagte er, »wurde zu weit edlern Zwecken gegründet, als um eine Lehre einzuschärfen, welche manche heidnische Philosophen lange vorher aufgestellt hatten und die, könnte sie vielleicht auch eine moralische Tugend genannt werden, doch von der erhabenen Denkungsart des Christen weit entfernt sei, die an Reinheit der Engelsvollkommenheit gleich käme und nur durch die Gnade erreicht und empfunden werden könne. Näher,« fuhr er fort, »dürften diejenigen der eigentlichen Bedeutung kommen, die unter jenem Worte eine günstige Meinung von unsern Nächsten und eine milde Beurtheilung ihrer Handlungen verständen, was eine weit höher stehende und umfassendere Tugend sei, als die Austheilung von Almosen, die doch nie Vielen zu Gute kommen könnten, wenn wir nicht unsere eigene Familie benachtheiligen, oder gar in Armuth stürzen wollten, während Liebe in dem andern und richtigern Sinne die ganze Menschheit zu umfassen vermöge.« Er fuhr fort: »Wenn man bedenke, welche Leute die Jünger gewesen, so würde es absurd sein, anzunehmen, es sei ihnen anempfohlen worden, mildthätig zu sein oder Almosen zu geben. Da sich nun nicht wohl denken lasse, der göttliche Stifter der Religion habe diese Lehre Leuten 73 geprediget, die nicht im Stande gewesen, dieselbe zu üben, so könne man noch weniger glauben, sie werde so von Leuten verstanden, die sie üben könnten, es aber nicht thäten. »Ob gleich nun aber,« fuhr er fort, »solche wohlthätige Handlungen, wie ich fürchte, wenig Verdienstliches haben, so gestehe ich doch, daß sie einem guten Herzen großes Vergnügen gewähren könnten, würde es nicht durch eine Beobachtung geschwächt, durch die nämlich, daß wir Täuschungen ausgesetzt sind, so daß wir unsere Gunstbezeugungen an Menschen verschwenden können, die sie durchaus nicht verdienen, wie Dir es selbst mit Deiner Freigebigkeit gegen den unwürdigen Partridge ergeht; denn einige solche Beispiele müssen doch die Selbstzufriedenheit gar sehr verringern, die ein guter Mensch sonst im Geben finden würde; ja sie können ihn von allem Geben überhaupt abschrecken, weil er nicht geneigt sein wird, das Laster zu unterstützen und die schlechten Menschen zu begünstigen, – ein sehr schlimmes Vergehen, das sich nicht genügend dadurch entschuldigen läßt, daß wir eine solche Unterstützung und Begünstigung nicht eigentlich beabsichtigten, wir müßten denn in der Wahl der Personen, denen wir Wohlthaten erwiesen, äußerst vorsichtig zu Werke gegangen sein.« Der Herr Allworthy antwortete darauf: »er könnte sich mit dem Capitain über die Bedeutung griechischer Worte in der Bibel nicht streiten und deshalb auch über den richtigen und wahren Sinn des Wortes nichts sagen, das Liebe übersetzt werde; er sei aber immer der Meinung gewesen, daß es eine Handlung, ein wirkliches Thun bezeichne und daß das Almosengeben wenigstens ein Theil dieser Tugend sei. »Was das Verdienstliche betreffe, so stimme er gern mit dem Capitain überein, denn wie könnte es ein Verdienst sein, blos sich einer Pflicht zu entledigen, die es, das 74 Wort Liebe möge eine Bedeutung haben, welche es wolle, dem ganzen Inhalte des neuen Testamentes nach doch sei. Wie er sie für eine unabweisliche Pflicht halte, die sowohl durch das christliche Gesetz, als durch die Natur selbst geboten werde, so sei sie auch so angenehm, daß, könne man von irgend einer Pflicht sagen, sie trage ihren eigenen Lohn in sich, es diese sei. »Die Wahrheit zu gestehen,« sagte er, »einen Grad der Mildthätigkeit (der Liebe würde ich gesagt haben) giebt es, der doch etwas Verdienstliches zu haben scheint, der nämlich, in welchem wir aus Wohlwollen und christlicher Liebe einem Andern das geben, was wir eigentlich selbst brauchen, und, um die Noth eines Andern zu lindern, einen Theil derselben über uns nehmen, indem wir das Nothwendigste selbst hingeben. Dies ist, denke ich, wohl verdienstlich; unsere Nebenmenschen aber blos von unserm Ueberflusse zu unterstützen, mildthätig zu sein mehr auf Kosten unserer Kasse als unserer selbst; lieber einige Familien aus Noth und Elend zu retten, als ein seltenes Gemälde in unserm Hause aufzuhängen oder irgend eine andere lächerliche Eitelkeit zu befriedigen; – dies heißt blos Christen, ja blos Menschen sein. Ich gehe sogar noch weiter und sage, wer dies thut, ist eigentlich einigermaßen ein Epikuräer, denn was könnte der größte Epikuräer eifriger wünschen, als mit vielen Zungen, statt mit einer einzigen zu essen? Und dies kann man doch wohl von dem sagen, welcher weiß, daß Viele ihr Brod ihm verdanken. »Die Besorgniß, seine Gaben an solche zu verschwenden, die sich später als unwürdig erweisen könnten, weil dies häufig der Fall gewesen ist, darf sicherlich einen guten Menschen vom Wohlthun nicht abschrecken. Wie ich glaube, können es wenige oder viele Beispiele von Undankbarkeit nicht rechtfertigen, daß ein Mann sein Herz gegen das Leiden 75 seiner Mitmenschen verhärtet; auch bin ich der Meinung, daß dies auf ein wahrhaft wohlmeinendes Gemüth eine solche Wirkung nicht haben wird. Nur die Ueberzeugung von allgemeiner Schlechtigkeit vermag die Wohlthätigkeit eines guten Menschen zu hindern, und diese Ueberzeugung muß ihn, denke ich, entweder zum Atheismus oder zum Enthusiasmus führen. Von wenigen schlechten Menschen auf allgemeine Verdorbenheit zu schließen, ist ungerecht und auch gewiß nie von einem Menschen geschehen, der bei einem Blicke in sein eigenes Herz da eine sichere Ausnahme von der allgemeinen Regel fand.« Dann schloß er mit der Frage, wer jener Partridge sei, der ein unwürdiger Mensch sein sollte. »Ich meine,« entgegnete der Capitain, »Partridge, den Barbier, den Schulmeister oder was er sonst ist, Partridge, den Vater des kleinen Kindes, das Du in Deinem Bette fandest.« Allworthy drückte große Verwunderung über diese Sache aus und der Capitain äußerte sein Erstaunen darüber, daß Allworthy nichts davon wisse; ihm sei es, sagte er, über einen Monat bekannt und endlich fiel es ihm ein, daß die Wilkins ihm die Sache erzählt habe. Die Haushälterin wurde sogleich beschieden und als sie bestätigte, was der Capitain gesagt hatte, von Allworthy, auf des Capitains Rath, nach Klein-Baddington geschickt, damit sie sich nach der Wahrheit des Vorfalles erkundige; denn der Capitain äußerte große Abneigung gegen alles übereilte Verfahren in Criminalsachen und meinte, er wolle durchaus nicht, daß Allworthy irgend einen Entschluß zum Nachtheile des Kindes oder des Vaters fasse, bevor er sich nicht von der Schuld des letztern überzeugt habe. Er selbst habe sich durch die Aussage eines Nachbars von Partridge überzeugt, wolle aber nicht verlangen, daß Allworthy auf ein solches Zeugniß sich verlasse. 76 Sechstes Kapitel. Partridge, der Schulmeister, wird wegen Ehebruchs verhört; die Aussage seiner Frau; eine kurze Reflexion über die Weisheit des englischen Gesetzes, nebst andern wichtigen Dingen, die denen am Meisten zusagen werden, die sie am Besten verstehen. Man darf sich wohl verwundern, daß eine so allgemein bekannte Geschichte, die so vielfach besprochen worden war, nie gegen Allworthy sollte erwähnt worden sein, der wohl die einzige Person in der Gegend war, die davon nichts gehört hatte. Um dies dem Leser einigermaßen zu erklären, will ich ihm mittheilen, daß es im ganzen Lande Niemanden gab, der sich der Lehre in Bezug auf die Bedeutung des Wortes »Liebe« mehr zu widersetzen geneigt gewesen, als unser guter Allworthy, wie wir in dem vorigen Kapitel gesehen haben. Er hatte Anspruch auf diese Tugend in beiden Bedeutungen, denn wie Niemand empfänglicher für die Noth Anderer war und bereitwilliger derselben abzuhelfen sich bemühete, so konnte auch Niemand weniger geneigt sein, von seinem Nebenmenschen etwas Schlechtes zu glauben als er. Uebele Nachreden durften deshalb an seinem Tische durchaus nicht geführt werden, denn, wie es eine längst gemachte Beobachtung ist, daß man einen Menschen kennen lernen kann, wenn man weiß, mit wem er umgeht, so behaupte ich auch, daß man nach den Gesprächen an der Tafel eines vornehmen Mannes auf dessen Religion, Ansichten in der Politik, Geschmack und ganzen Charakter schließen könne, weil, wenn auch einige ungewöhnliche Menschen ihre Ansichten und Meinungen an allen Orten rücksichtslos aussprechen, doch bei weitem die meisten so viel von einem Hofmanne haben, um ihre Gespräche nach dem 77 Geschmacke und der Vorliebe ihrer Vorgesetzten und Gönner einzurichten. Die Haushälterin, die ihren Auftrag sehr eilig ausgerichtet hatte, obgleich der Ort funfzehn (engl.) Meilen entfernt war, brachte die Bestätigung der Schuld des Schulmeisters zurück und Allworthy entschloß sich, den Verbrecher zu sich zu bescheiden, um ihn selbst zu verhören. Partridge wurde demzufolge citirt, um sich gegen die Anklage zu vertheidigen, im Falle er es vermöge. Zur bestimmten Stunde, noch vor dem Herrn Allworthy, erschien in Paradise-Hall sowohl der genannte Partridge mit seiner Frau Anna, als auch seine Anklägerin, die Haushälterin Wilkins. Sobald Allworthy auf dem Richterstuhle Platz genommen hatte, wurde Partridge vor ihn gebracht, der, als er seine Anklage aus dem Munde der Wilkins gehört hatte, seine Unschuld laut und heftig betheuerte. Darauf wurde die Frau Partridge verhört, die dann nach einem bescheidenen Vorworte, daß sie genöthiget sei, die Wahrheit gegen ihren Ehemann zu bekennen, alle Umstände erzählte, die dem Leser bereits bekannt sind. Sie schloß mit der Versicherung, daß ihr Mann seine Schuld ihr gestanden habe. Ich will es nicht zu ermitteln wagen, ob sie ihm vergeben hatte oder nicht, gewiß ist es, daß sie ungern als Zeuge auftrat und, wie sich aus andern Umständen ergiebt, höchst wahrscheinlich ihre Aussage nicht so gethan haben würde, hätte ihr die Wilkins in ihrem eigenen Hause nicht mit großer Kunst vorher schon alles abgefragt und in Allworthy's Namen ihr versprochen, die Strafe ihres Mannes würde nicht von der Art sein, daß die Familie darunter litte. Partridge blieb bei der Betheuerung seiner Unschuld, ob er gleich zugab, das erwähnte Geständniß gethan zu haben. 78 Zu demselben sei er aber, wie er versicherte, durch die fortwährende Peinigung durch seine Frau gezwungen worden, die gelobt habe, sie werde, da sie von seiner Schuld überzeugt sei, nicht eher aufhören, ihn zu quälen und zu peinigen, bis er gestehe, in diesem Falle aber das Geschehene nicht wieder erwähnen. Dadurch sei er denn veranlaßt worden, sich gegen die Wahrheit für schuldig zu bekennen, und er würde eben so sich eines Mordes schuldig bekannt haben. Die Frau Partridge konnte diese Beschuldigung nicht in Geduld anhören; da sie aber kein anderes Mittel an diesem Orte hatte als Thränen, so rief sie dieselben in Menge zum Beistande herbei, wendete sich an Allworthy und sagte: »halten Sie zu Gnaden, es ist niemals ein armes Weib so arg gekränkt worden, wie ich von diesem schlechten Manne, denn es ist nicht das erste Mal, daß er sich so falsch gegen mich zeigt. Nein, halten Sie zu Gnaden, er hat mein Ehebett viel und oftmals befleckt. Seine Trunksucht und seine Vernachlässigung des Geschäftes hätte ich ertragen können, wäre von ihm nur nicht eines der heiligsten Gebote übertreten worden. Auch würde ich kein großes Aufheben davon gemacht haben, wäre es außer dem Hause geschehen; aber mit meiner eigenen Magd, in meinem eigenen Hause, unter meinem eigenen Dache mein eigenes keusches Bett zu beflecken! – Ja, Du schlechter Mann, mein eigenes Bett hast Du befleckt und mich dann beschuldiget, ich hätte Dich gezwungen, die Wahrheit zu gestehen. Wie sollte ich ihn, halten zu Gnaden! zwingen! Ich trage an meinem Körper Spuren genug von seiner Grausamkeit gegen mich. Wärst Du ein Mann, Du Bösewicht, so würdest Du Dich geschämt haben, eine Frau auf solche Weise zu mißhandeln. Aber Du bist nur ein halber Mann, Du weißt es wohl. Gegen mich bist Du auch nur ein halber 79 Ehemann gewesen. Den Huren läufst Du nach . . . Und da er mich herausfordert, halten zu Gnaden, so will ich einen körperlichen Eid darauf leisten, daß ich sie im Bette zusammengetroffen habe . . . Du hast es wohl vergessen, daß Du mich schlugst, bis ich ohnmächtig wurde und das Blut mir am Gesichte herunterlief, blos weil ich Dir ganz ruhig Deinen Ehebruch vorhielt; – aber ich kann es durch alle meine Nachbarinnen beweisen. Das Herz hast Du mir fast gebrochen, ja das hast Du.« Herr Allworthy unterbrach sie hier, bat sie, ruhig zu sein und versprach ihr, daß ihr Gerechtigkeit werden solle; dann wendete er sich an Partridge, der wie vom Donner gerührt da stand, und sagte, es thue ihm sehr leid, daß er sehen müsse, es gebe einen so schlechten Menschen in der Welt. Auch setzte er hinzu, sein Läugnen verschlimmere sein Vergehen noch weit mehr, das nur durch aufrichtiges Geständniß und durch Reue abgebüßt werden könne. Er ermahnte ihn deshalb, sogleich die Sache zu gestehen und nicht beim Läugnen zu verharren, da selbst seine eigene Frau gegen ihn zeuge. Hier, Leser, bitte ich Dich um einen Augenblick Geduld, während ich die große Weisheit und den Scharfsinn des englischen Gesetzes preise, das das Zeugniß einer Frau für oder gegen ihren Mann für ungiltig erklärt. »Dies,« sagt ein gewisser gelehrter Schriftsteller, der wahrscheinlich bisher nur in juristischen Büchern citirt worden ist, »würde Veranlassung sein, ewigen Unfrieden unter ihnen zu stiften und zu gar vielen falschen Eiden, zu vielfachen Geldstrafen, Gefängniß, Deportation und Henken führen.« Partridge stand eine Zeit lang schweigend da, bis er nochmals aufgefordert wurde zu sprechen, und dann erklärte, er habe bereits die Wahrheit gesagt, auch sich wegen seiner Unschuld auf den Himmel berief und zuletzt auf das 80 Mädchen selbst, die, wie er verlangte, sofort geholt werden müsse, denn er wußte es nicht, daß sie die Gegend verlassen hatte, oder stellte sich doch, als wisse er es nicht. Allworthy, der aus natürlicher Gerechtigkeitsliebe und in Folge seines ruhigen Temperamentes, immer mit großer Geduld die Zeugen anhörte, die ein Angeklagter zu seiner Vertheidigung aufrufen konnte, willigte ein, sein Urtheil über die Sache bis zur Ankunft Jenny's zu verschieben, an die er sofort einen Boten abschickte. Nachdem er darauf Partridge und dessen Weibe anempfohlen hatte, Ruhe und Friede zu halten, gebot er ihnen, am dritten Tage wiederum zu erscheinen, da Jenny eine ganze Tagereise weit entfernt lebte. Zur bestimmten Zeit fanden sich alle wiederum ein, der Bote aber brachte die Nachricht, Jenny sei nicht aufzufinden, weil sie einige Tage vorher ihre Wohnung mit einem Recrutirungsofficiere verlassen habe. Allworthy erklärte darauf, das Zeugniß eines so schlechten Mädchens, wie dasselbe zu sein schiene, würde zwar keinen Glauben verdient haben, doch glaube er, sie würde, wäre sie zugegen und geneigt gewesen, die Wahrheit zu sagen, das bestätiget haben, was schon durch so viele Umstände, durch das eigene Geständniß des Schuldigen und durch die Behauptung der Frau genügend erwiesen sei, daß sie ihren Mann bei der That betroffen. Er ermahnte deshalb Partridge noch einmal zu gestehen und erklärte, als derselbe noch immer seine Unschuld betheuerte, er sei vollkommen von der Schuld des Angeklagten überzeugt, der demnach keine Unterstützung mehr von ihm empfangen werde. Er entzog ihm also den Jahrgehalt, empfahl ihm wegen des zukünftigen Lebens Reue, in dem jetzigen aber Fleiß, damit er sich selbst und seine Frau erhalte. Es gab vielleicht nicht viele unglücklichere Personen als 81 den armen Partridge. Er hatte den besten Theil seines jährlichen Einkommens durch die Aussagen seiner Frau verloren und wurde doch von derselben täglich dafür gescholten, daß er unter andern auch die Ursache gewesen, um deretwillen sie diesen Vortheil entbehren müsse. So wollte es sein Geschick und er mußte sich in dasselbe fügen. Ob ich ihn gleich eben den armen Partridge genannt habe, so wünsche ich doch, der Leser möge dieses Beiwort lieber als Aeußerung meines Mitleides ansehen als für eine Erklärung seiner Unschuld. Ob er unschuldig war oder nicht, wird vielleicht später an den Tag kommen; hat mir die Muse der Geschichte Geheimnisse anvertraut, so werde ich dieselben nicht eher offenbaren, als bis ich Erlaubniß dazu erhalte. Hier muß der Leser also seine Neugierde zu mäßigen suchen. Wie die Sache sich eigentlich auch verhalten mochte, offenbar reichte der Schein hin, ihn vor Allworthy zu verdammen; möglich aber bleibt es doch immer, daß der Schulmeister völlig unschuldig war, trotz der bestimmten Behauptung der Frau Partridge, die sogar schwören wollte; denn obwohl der Zeit nach, wann Jenny Klein-Paddington verlassen, sie das Kind offenbar dort empfangen haben mußte, so folgte daraus doch noch nicht, daß Partridge der Vater desselben war, weil sich ja, andere Umstände zu geschweigen, in demselben Hause ein junger Bursch von etwa achtzehn Jahren befand, mit welchem Jenny so vertraut gelebt hatte, daß man wohl mit Grund Verdacht hegen konnte. Aber, so blind ist die Eifersucht, dieser Umstand kam der aufgebrachten Frau gar nicht in den Sinn. Ob Partridge Reue empfand oder nicht, wie es ihm Allworthy empfohlen hatte, ist nicht so klar. Gewiß ist nur so viel, daß es seine Frau von Grund des Herzens bereuete, gegen ihn gezeugt zu haben, besonders als sie sich 82 überzeugen mußte, daß Deborah sie hintergangen hatte und sich weigerte, ihretwegen mit dem Herrn Allworthy zu sprechen. Etwas besser erging es ihr bei Mad. Blifil, die, wie der Leser schon bemerkt haben muß, eine Frau von weit besserm Character war und freundlich genug versprach, sich bei ihrem Bruder zu verwenden, daß er den Jahrgehalt wieder auszahle. An diesem Versprechen konnte die Gutmüthigkeit allerdings einigen Antheil haben; ein stärkerer und natürlicherer Grund aber wird sich in dem nächsten Kapitel zeigen. Ihre Verwendung blieb indeß ohne Erfolg; denn obgleich Allworthy nicht die Ansicht einiger Schriftsteller hatte, nach welcher Gnade blos in der Bestrafung der Uebelthäter bestehen soll, so hielt er es doch eben so wenig für geeignet, großen Verbrechern leichtsinnig und ohne allen Grund zu verzeihen. Irgend etwas Zweifelhaftes bei der Sache, oder ein mildernder Umstand blieb nicht unberücksichtiget, durch Bitten des Verbrechers aber oder durch Verwendung Anderer ließ er sich nicht bestimmen. Mit einem Worte, er verzieh nie, wenn der Verbrecher selbst oder dessen Freunde wünschten, daß er nicht bestraft werde. Partridge und seine Frau mußten sich also in ihr Schicksal fügen, das allerdings hart genug war, denn weit entfernt, seinen Fleiß und Eifer zu verdoppeln, weil sein Einkommen sich vermindert hatte, überließ er sich vielmehr gewissermaßen der Verzweiflung, und da er von Natur träge war, so nahm dieses Laster immermehr überhand, daß die kleine Schule endlich ganz einging und er mit seiner Frau nicht einmal Brod gehabt haben würde, hätten nicht einige mildthätige Menschen sie mit dem Nothwendigsten versehen. Da sie diese Unterstützung durch eine unbekannte Hand erhielten, so meinten sie und mit ihnen ohne Zweifel die 83 Leser, Herr Allworthy selbst sei im Geheimen ihr Wohlthäter, der, ob er gleich das Laster nicht öffentlich unterstützen wollte, doch im Geheimen die Noth der Lasterhaften lindern konnte, wenn dieselbe gar zu drückend wurde. In diesem Lichte erschien ihr Zustand jetzt dem Schicksale selbst, denn es erbarmte sich endlich des unglücklichen Paares und verringerte das Elend Partridge's dadurch bedeutend, daß es dem seiner Frau ganz und gar ein Ende machte, welche bald nachher die Blattern bekam und daran starb. Die Gerechtigkeit, die Allworthy in diesem Falle geübt hatte, fand Anfangs allgemeinen Beifall; kaum aber fühlte Partridge die Folgen davon, so fingen seine Nachbarn an ihn zu bemitleiden und dann das als Härte und Strenge zu tadeln, das sie früher Gerechtigkeit genannt hatten. Sie eiferten gegen kaltblütiges Strafen und priesen und erhoben laut die Gnade und Verzeihung. Dieses Geschrei wurde noch lauter bei dem Tode der Frau Partridge, der zwar eine Folge der oben erwähnten Krankheit war, die keine Folge der Armuth ist, von gar Vielen aber der Strenge, oder wie sie es nannten, der Grausamkeit Allworthy's zur Last gelegt wurde. Partridge, der so seine Frau, seine Schule und seinen Jahresgehalt eingebüßt hatte, nahm sich vor, zumal da der unbekannte Wohlthäter seine Unterstützung aufhören ließ, den Schauplatz seines Lebens zu ändern und verließ deshalb unter allgemeinem Bedauern seiner Nachbarn die Gegend, in welcher er in Gefahr war, Hungers zu sterben. 84 Siebentes Kapitel. Eine kurze Skizze des Glückes, das kluge Ehepaare aus dem Hasse ziehen können, nebst einer kurzen Apologie für diejenigen, welche Unvollkommenheiten an ihren Freunden übersehen. Obgleich der Capitain den armen Partridge wirklich vernichtet, hatte er doch die Ernte nicht gefunden, die er gehofft, die Entfernung des Findlings nämlich aus dem Hause Allworthy's. Im Gegentheile, Allworthy liebte den kleinen Tom jeden Tag mehr, als wolle er die Strenge gegen den Vater durch außerordentliche Zärtlichkeit und Liebe gegen den Sohn wieder ausgleichen. Dies verstimmte den Capitain sehr, wie überhaupt alle andere tägliche Beispiele von Allworthy's Freigebigkeit, denn er hielt alle solche Gaben für Verkürzungen seines eigenen Vermögens. Darin stimmte er, wie wir bereits erwähnt haben, mit seiner Frau nicht überein, wie überhaupt niemals, denn obgleich manche kluge Leute eine Liebe, die sich auf Verstand gründet, für dauernder halten als jene, die auf Schönheit beruhet, so fiel die Sache in diesem Falle doch anders aus. Ja der Verstand dieses Paares war eben der Hauptgegenstand des Streites und die Ursache zu vielen Zänkereien, die von Zeit zu Zeit zwischen beiden vorkamen und die auf Seiten der Frau in gänzlicher Verachtung gegen ihren Mann und von Seiten des Mannes in völligem Abscheu vor seiner Frau endigten. Da beide ihre Talente hauptsächlich im Studium der Theologie geübt hatten, so war diese auch vom Anfange ihrer Bekanntschaft an der gewöhnlichste Gegenstand ihrer Unterhaltung. Der Capitain hatte als artiger Mann vor 85 der Hochzeit seine Ansichten denen der Dame immer untergeordnet, nicht in der linkischen einfältigen Weise eines einfältigen Narren, der zwar der Meinung eines Höhern höflich beistimmt, aber doch merken läßt, wie er glaube, die seinige sei die richtige. Der Capitain, obgleich ein außerordentlich stolzer Mann, überließ vielmehr den Sieg seiner Gegnerin so ganz und gar, daß sie nach jedem Streite eine höhere Meinung von ihrem Verstande faßte, weil sie an ihres Liebhabers Aufrichtigkeit durchaus nicht zweifelte. Obgleich nun diese seine Gefälligkeit gegen eine Person, die er durchaus verachtete, ihm nicht so schwer wurde, als es der Fall gewesen sein würde, hätte er gegen einen berühmten Mann so nachgiebig sein sollen, so kostete sie ihm doch zu große Ueberwindung, als daß er sich ohne Gründe hätte fügen sollen. Als durch die Verheirathung alle diese Gründe weggefallen waren, wurde er der Nachgiebigkeit überdrüssig und fing an, die Ansichten seiner Frau so wegwerfend und verächtlich zu behandeln, wie es nur denen möglich ist, die selbst Verachtung verdienen, während eine solche Behandlung nur von denen ertragen werden kann, die wirklich keiner Verachtung würdig sind. Als der erste Andrang von Zärtlichkeit vorüber war, als in der ruhigen langen Zeit zwischen einem Aufflackern derselben der Verstand der Dame die Augen zu öffnen begann und sie diese Veränderung in dem Benehmen des Capitains erkannte, der jetzt alle ihre Gründe mit einem Ach! oder: sei still! beantwortete, zeigte sie sich keineswegs geneigt, diese unwürdige Behandlung mit stiller Demuth über sich ergehen zu lassen. Im Gegentheile, dieses Benehmen reizte sie anfangs so sehr, daß es vielleicht zu einem tragischen Auftritte gekommen wäre, hätte ihr Zorn nicht eine harmlosere Richtung genommen und sie veranlaßt, den Verstand ihres Mannes tief zu verachten, was ihren Haß 86 gegen ihn einigermaßen besänftigte, obgleich derselbe gar nicht unbedeutend war. Der Haß des Capitains gegen sie war reiner, denn wegen der Mangelhaftigkeit ihrer Kenntnisse oder ihrer Einsicht verachtete er sie nicht mehr als darum, daß sie nicht sechs Fuß groß war. Er übertraf in seiner Meinung von dem weiblichen Geschlechte selbst den mürrischen Aristoteles, hielt die Frau für eine Art Hausthier und nur für etwas besser als eine Katze, weil ihre Dienstleistungen wichtiger sind; der Unterschied aber zwischen beiden war seiner Ansicht nach so gering, daß er bei seiner Verheirathung mit Herrn Allworthy's Besitzungen eine Katze eben so bereitwillig wie eine Frau mit in den Kauf genommen hätte. Sein Stolz dagegen war so empfindlich, daß er die Verachtung, die seine Frau jetzt gegen ihn zu zeigen begann, tief fühlte, was denn einen Grad von Widerwillen und Abscheu hervorbrachte, der schwerlich überboten werden kann. Nur eine Lage im ehelichen Leben ist alles Vergnügens bar, nämlich der Zustand der Gleichgültigkeit; wie aber hoffentlich viele meine Leser wissen, welche hohe Wonne es gewährt, einem geliebten Gegenstande Vergnügen zu machen, so werden, fürchte ich, wenige aus Erfahrung den Genuß kennen, den es gewährt, wenn man einen gehaßten quälen kann. Um diesen Genuß sich zu verschaffen, entsagen, wie ich fürchte, beide Geschlechter so häufig der Gemächlichkeit und Ungezwungenheit im ehelichen Leben, deren sie sich sonst erfreuen könnten. Deshalb stellt sich die Frau oft verliebt und eifersüchtig, ja versagt sich selbst ein Vergnügen, um das ihres Mannes zu stören oder zu hindern; deshalb legt er sich nicht selten Zwang an und bleibt zu Hause in Gesellschaft, die ihm zuwider ist, blos um seine Frau zu dem zu nöthigen, was ihr gleich verhaßt ist; deshalb fließen jene Thränen, die eine Witwe 87 bisweilen in so reichlichem Maße über der Asche eines Ehemannes vergießt, mit dem sie unaufhörlich in Zank und Unzufriedenheit lebte und den sie nun nicht mehr zu quälen hoffen kann. Wenn jemals ein Ehepaar dieses Vergnügen genoß, so war es der Capitain und dessen Frau. Für jedes von beiden war es stets ein vollkommen hinreichender Grund, hartnäckig auf einer Meinung zu beharren, von welcher der andere Theil vorher das Gegentheil behauptet hatte. Schlug der eine Theil eine Unterhaltung vor, so widersetzte sich der andere gewiß; sie liebten oder haßten, lobten oder tadelten niemals dieselbe Person. Aus diesem Grunde fing die Frau des Capitains an, da dieser den kleinen Findling mit übelwollendem Auge ansah, denselben nun fast eben so zu lieben und zu liebkosen, wie ihr eigenes Kind. Der Leser kann sich denken, daß dieses Benehmen zwischen Mann und Frau nicht eben zur Zufriedenheit und Ruhe Allworthy's beitrug, da es so wenig jenes heitere Glück förderte, das er aus dieser Verbindung für alle drei gehofft hatte. Obgleich nun aber seine sanguinischen Erwartungen unerfüllt blieben, so kannte er doch den Zustand keineswegs vollkommen, denn da der Capitain aus gewissen Gründen in Allworthy's Gegenwart sehr auf seiner Hut war, so mußte die Frau ihr Benehmen eben so einrichten, um sich ihres Bruders Mißfallen nicht zuzuziehen. Es ist ja recht wohl möglich, daß eine dritte Person mit einem Ehepaare, das nur einigermaßen an sich hält, sehr vertraut sein, ja selbst mit demselben in einem Hause wohnen kann, ohne die Abneigung zu errathen, die zwischen demselben besteht; denn obgleich bisweilen der ganze Tag für Haß sowohl als für Liebe zu kurz sein kann, so finden doch Leute von einiger Mäßigung in den vielen Stunden, die sie der Natur der Sache nach bei einander, fern von 88 allen Beobachtern verbringen, so viel Gelegenheit, die eine oder die andere Leidenschaft zu befriedigen, daß, lieben sie, einige wenige Stunden in Gesellschaft ohne Tändeln oder, wenn sie hassen, ohne einander in das Gesicht zu spucken, wohl zu ertragen sind. Es ist jedoch möglich, daß Allworthy genug sah, um ein wenig besorgt zu werden, denn man darf nicht immer folgern, ein kluger Mann sei nicht verletzt, weil er nicht laut klagt und jammert wie Personen von kindischem und schwachem Character. Es ist aber auch möglich, daß er einige Fehler an dem Capitain erkannte, ohne deshalb besorgt zu werden, denn wahrhaft weise und gute Menschen nehmen die Menschen und die Dinge wie sie sind, ohne über die Mängel derselben zu klagen oder zu versuchen, sie zu bessern. Sie können einen Fehler an einem Freunde, einem Verwandten oder Bekannten sehen, ohne ihn jemals gegen die betreffende Person oder gegen eine andere zu erwähnen und zwar oft ohne deshalb ihre Liebe und Zuneigung zu verringern. Ist nicht großer Scharfsinn mit dieser Nachsicht verbunden, so sollten wir eigentlich gar keine Freundschaft schließen. Meine Freunde werden mir hoffentlich verzeihen, wenn ich erkläre, daß ich keinen unter ihnen kenne, der ohne Fehler wäre, und es sollte mir leid thun, wenn einer meiner Freunde meine Fehler nicht sähe. Nachsicht und Verzeihung dieser Art geben und verlangen wir gegenseitig. Es ist dies eine Aeußerung der Freundschaft und vielleicht keine der unangenehmsten. Diese Nachsicht müssen wir üben, ohne Besserung zu verlangen. Es giebt vielleicht kein sichereres Zeichen der Thorheit, als den Versuch, die Mängel derjenigen abschaffen zu wollen, die wir lieben. Das beste Menschenherz kann wie das beste Porzellan einen Flecken haben, und dieser ist in beiden Fällen, fürchte ich, nicht zu entfernen. 89 Herr Allworthy sah also sicherlich wohl einige Mängel an dem Capitain, da dieser aber ein sehr schlauer Mann und vor ihm stets auf der Hut war, so hielt er dieselben für weiter nichts, als kleine Flecken in einem guten Charakter, die er aus Gutherzigkeit übersah und aus Klugheit gegen den Capitain selbst nicht erwähnte. Sehr verschieden würde freilich seine Ansicht gewesen sein, hätte er alles gewußt und dies wäre wahrscheinlich bald der Fall gewesen, hätte Mann und Frau diese Lebensweise lange fortgesetzt. Dies wurde indeß von dem freundlichen Geschicke verhindert, indem es den Capitain nöthigte, das zu thun, was ihn seiner Frau wieder lieb und werth machte und deren Zärtlichkeit gegen ihn von Neuem anregte. Achtes Kapitel. Ein Recept, die verlorene Liebe einer Frau wieder zu erlangen, das selbst in den verzweifeltsten Fällen seine Wirksamkeit nie verfehlt hat. Der Capitain glich die unangenehmen Minuten, die er im Gespräche mit seiner Frau verbrachte (und er sorgte dafür, daß deren wenige waren), reichlich durch die angenehmen Gedanken aus, an denen er sich erfreute, wenn er allein war. Diese Gedanken galten ausschließlich dem Vermögen Allworthy's; denn erstens brauchte er viel Zeit, um so genau als möglich den eigentlichen Betrag desselben zu berechnen, welche Berechnungen er häufig zu seinen Gunsten zu ändern Gelegenheit fand, und zweitens und hauptsächlich unterhielt er sich mit Entwürfen über Umänderungen in dem Hause und Garten und mit vielen andern Plänen, sowohl in Rücksicht auf das Gut, als auf die Großartigkeit des 90 Platzes. Aus diesem Grunde beschäftigte er sich fleißig mit dem Studium der Architektur und des Gartenbaues, und las viele Bücher über diese beiden Gegenstände, denn diese Wissenschaften füllten seine ganze Zeit aus und waren sein einziges Vergnügen. Endlich kam er mit einem ganz vortrefflichen Plane zu Stande, und es thut uns sehr leid, daß wir ihn unsern Lesern nicht vorlegen können, da er selbst den Luxus unserer Tage übertreffen dürfte. Er besaß im höchsten Grade die beiden hauptsächlichsten Eigenschaften, welche alle großen und edeln Entwürfe dieser Art empfehlenswerth machen, da er zur Ausführung einen ungeheuern Aufwand und zur Vollendung eine sehr beträchtliche Zeit in Anspruch nahm. Den erstern versprach der ungeheuere Reichthum, den der Capitain bei Allworthy voraussetzte und sicher zu erwerben gedachte, hinreichend zu decken, und was die Zeit betraf, so hoffte er bei seiner trefflichen Constitution und seinem Alter, da er erst in den sogenannten besten Jahren stand, die Vollendung noch recht wohl zu erleben. Es fehlte zum Beginne der Ausführung dieses Planes nichts weiter, als der Tod Allworthy's, und zur Berechnung des Eintrittes desselben hatte er nicht blos seine Kenntnisse in der Algebra aufgeboten, sondern auch alle Bücher sich angeschafft, welche von der Lebensdauer u. s. w. handeln. Aus allem diesem gewann er die Ueberzeugung, daß jener Todesfall nicht nur jeden Tag eintreten könne, sondern wahrscheinlicher Weise in den nächsten Jahren erfolge. Aber während der Capitain eines Tages mit tiefen Gedanken und Betrachtungen dieser Art beschäftigt war, betraf ihn einer der unglücklichsten und ungelegensten Unfälle. Die höchste Bosheit des Schicksals konnte wirklich nichts so Grausames, nichts so Unzeitiges ersinnen, das alle seine Pläne so ganz und gar vernichten mußte. Um es kurz zu 91 sagen und den Leser nicht lange in Ungewißheit zu lassen, gerade in dem Augenblicke, als sein Herz sich an Gedanken über das Glück ergötzte, das ihm der Tod Allworthy's bringen würde, – rührte ihn selbst der Schlag, so daß er starb. Dies Unglück betraf den Capitain leider als er eben allein seinen Abendspaziergang machte, so daß Niemand bei ihm war, der ihm hätte Beistand leisten können, wäre er auch durch Beistand zu retten gewesen. Er sank also todt auf die Erde nieder, ein großes (wenn auch kein lebendes) Beispiel der Wahrheit jener Bemerkung des Horaz: Tu secanda marmora   Locas sub ipsum funus, et sepulchri Immemor, struis domos. Welche Bemerkung ich dem Leser so verdeutsche: Du sorgst für die kostbarsten Baumaterialien, während blos Hacke und Spaten nöthig sind, bauest große und stolze Häuser und vergißt darüber das Häuschen von »vier Bretern und zwei Bretchen.« Neuntes Kapitel. Ein Beweis von der Unfehlbarkeit des vorstehenden Receptes in den Klagen der Witwe, nebst ähnlichen passenden Leichendecorationen, z. B. Aerzten, und einer Grabschrift in ächtem Style. Herr Allworthy, seine Schwester und eine andere Dame befanden sich zu der gewöhnlichen Stunde in dem Speisezimmer, und als sie ansehnlich länger gewartet hatten als gewöhnlich, meinte Allworthy, er fange an, wegen des Ausbleibens des Capitains besorgt zu werden (der sich bei Tische immer sehr pünctlich einfand), und befahl die 92 Glocke draußen vor der Thüre und namentlich nach den Gängen hin zu läuten, welche der Capitain zu besuchen pflegte. Da alle diese Aufforderungen vergeblich blieben (denn der Capitain war zufällig diesen Abend einen andern Weg gegangen), so erklärte seine Frau, sie sei ernstlich besorgt. Die andere Dame, eine vertraute Freundin, welche den eigentlichen Zustand der Liebe der Mad. Blifil genau kannte, bot darauf alles auf, um sie zu beruhigen und sagte, sie fürchte allerdings auch etwas Schlimmes, man müsse aber immer das Beste hoffen. Der schöne Abend habe vielleicht den Capitain verleitet, weiter als gewöhnlich zu gehen, auch werde er vielleicht von einem Nachbar zurückgehalten. Madame Blifil entgegnete, nein, sie sei überzeugt, es sei ihm ein Unfall zugestoßen, denn er bleibe nie aus, ohne ihr Nachricht zu geben, da er wisse, wie besorgt sie seinetwegen sei. Die andere Dame, die keine andern Gründe aufzuwenden hatte, nahm ihre Zuflucht nun zu den bei solchen Gelegenheiten gebräuchlichen Bitten, ersuchte sie, sie möge sich doch nicht ängstigen, denn es könne dies ihr selbst nachtheilig sein, schenkte ihr ein großes Glas voll Wein ein und rieth ihr, sie möge dies austrinken, wozu sie die Freundin denn endlich auch vermochte. Allworthy, der selbst hinausgegangen war, um den Capitain zu suchen, kam jetzt zurück. In seinen Zügen sprach sich deutlich genug seine Bestürzung aus, die ihm fast die Sprache geraubt hatte; da aber der Kummer auf verschiedene Gemüther verschieden wirkt, so gab das, was seine Stimme gedämpft hatte, jener der Madame Blifil noch mehr Kraft. Sie fing an, sich in den bittersten Ausdrücken zu beklagen und Thränenströme begleiteten ihren Jammer. Die Dame, ihre Freundin, meinte, sie könne sie darum nicht tadeln, rieth ihr aber doch gleichzeitig davon ab und versuchte, den Gram ihrer Freundin durch philosophische Betrachtungen über die vielfachen 93 Täuschungen und Widerwärtigkeiten zu mäßigen, denen das menschliche Leben täglich ausgesetzt sei und die uns veranlassen müßten, uns gegen jeden Unfall zu stärken, wie plötzlich er kommen und wie schrecklich er sein möge. Sie sagte, ihres Bruders Beispiel müsse sie Geduld lehren, denn wenn er auch nicht so sehr berührt werde, als sie selbst, so fühle er doch gewiß auch Besorgniß, aber sein Vertrauen auf die göttliche Weisheit halte seinen Gram in den gehörigen Schranken. »Erwähnen Sie meinen Bruder nicht,« fiel Mad. Blifil ein; »ich allein bin der Gegenstand Ihres Mitleides. Was sind die Besorgnisse der Freundschaft gegen das, was eine Gattin in solchen Fällen fühlt? Ach, er ist verunglückt! Er ist ermordet worden, – ich werde ihn nicht wiedersehen!« Ein Thränenstrom bewirkte jetzt dasselbe bei ihr, was das Vertrauen auf die göttliche Vorsehung bei Allworthy gethan hatte, – sie schwieg. Während dieser Pause kam ein Diener athemlos herein und sagte: »Der Herr Capitain ist gefunden worden!« Ehe er weiter sprechen konnte, folgten ihm zwei andere, welche den todten Körper trugen. Hier kann der aufmerksame Leser eine andere Verschiedenheit in den Wirkungen des Grames beobachten; wie vorher Allworthy um der Sache willen still gewesen war, die seine Schwester zu lautem Jammer gebracht hatte, so preßte der gegenwärtige Anblick Thränen in die Augen des trefflichen Mannes, während er die der Dame vertrocknete, die zuerst einen Schrei ausstieß und dann in Ohnmacht fiel. Das Zimmer war bald voll von Dienstleuten, von denen einige nebst der Freundin sich um die Gattin des Verstorbenen bemüheten, während andere mit Allworthy den todten Körper in ein warmes Bett trugen und alles versuchten, um ihn wieder ins Leben zu rufen. 94 Wir würden uns freuen, könnten wir dem Leser berichten, daß sich bei beiden Gatten gleicher Erfolg gezeigt hätte. Diejenigen, welche sich um die Dame bemüheten, thaten dies mit solchem Glücke, daß dieselbe nach einer schicklichen Zeit wieder zu sich kam; bei dem Capitain aber blieb alles Aderlassen, Wärmen, Reiben u. s. w. ohne Wirkung. Der Tod, der unerbittliche Richter, hatte sein Urthel gesprochen und weigerte sich, dasselbe zurückzunehmen, obgleich bald zwei Aerzte ankamen. Diese zwei Aerzte, die wir Dr. Y. und Dr. Z. nennen wollen, fühlten nach dem Pulse, nämlich Dr. Y. am rechten und Dr. Z. am linken Arme, und gaben darauf einstimmig die Erklärung, der Capitain sei vollkommen todt. Wegen der Krankheit aber, oder der Todesursache stimmten sie nicht überein, denn Dr. Y. meinte, er sei an Apoplexie gestorben, Dr. Z. dagegen behauptete, an Epilepsie. Daraus folgte ein Streit zwischen den Gelehrten, in welchem jeder die Gründe seiner Meinung angab. Diese waren von so ganz gleichem Gewichte, daß sie nur dazu dienten, jeden Arzt in seiner Ansicht zu bestärken und nicht den geringsten Eindruck auf den Gegner machten. Es ist ja bekannt, daß fast jeder Arzt seine Lieblingskrankheit hat, welcher er alle Siege über die menschliche Natur zuschreibt. Die Gicht, der Rheumatismus, der Blasenstein, die Auszehrung haben ihre verschiedenen Freunde in der Facultät; die meisten aber hat wohl das Nervenfieber, und das ist vielleicht auch die Ursache der verschiedenen Meinung über die Veranlassung des Todes eines Patienten, welche sich bisweilen unter den gelehrtesten Aerzten kund giebt und diejenigen sehr in Verwunderung setzt, welchen der oben angegebene Umstand unbekannt ist. Der Leser wundert sich vielleicht, daß die gelehrten Herren, statt Versuche zu machen, den Patienten wieder zu 95 beleben, sogleich in Streit geriethen über die Veranlassung zu seinem Tode; aber alle jene Versuche waren bereits vor ihrer Ankunft gemacht worden und sie wußten nicht, wie sie die Zeit hinbringen sollten, die sie für das Geld, das sie erhielten, nothwendiger Weise dableiben mußten; sie sahen sich also genöthiget, irgend einen Gesprächsgegenstand ausfindig zu machen, und was konnte natürlicher sein, als daß sie über die Todesursache sprachen? Die Aerzte wollten sich eben wieder entfernen, als Herr Allworthy, der den Capitain aufgegeben und sich in den göttlichen Willen ergeben hatte, nach seiner Schwester fragte und die Aerzte aufforderte, dieselbe vor ihrer Abreise zu besuchen. Die Dame war aus ihrer Ohnmacht wieder zu sich gekommen und befand sich, um eine gewöhnliche Redensart zu gebrauchen, nach den Umständen ganz wohl. Die Aerzte begaben sich nach Allworthy's Wunsche zu ihr und jeder ergriff einen Arm, wie sie es bei der Leiche gethan hatten. Die Dame befand sich in dem andern extremen Falle; denn sie bedurfte keiner ärztlichen Hilfe, wie ihrem Manne keine mehr nützen konnte. Nichts kann unrichtiger sein, als die gewöhnliche Meinung, die Aerzte wären Freunde des Todes. Im Gegentheil, ich glaube, wenn man die Zahl derer, welche durch Arzneien wieder genesen, jener gegenüberstellen könnte, die ihr zum Opfer fallen, so würde die erstere überwiegen. Ja, manche Aerzte sind so vorsichtig und gewissenhaft, daß sie, um der Möglichkeit zu entgehen, den Patienten umzubringen, nur Dinge verschreiben und anwenden, die weder schaden noch nützen können. Einige von diesen habe ich in allem Ernste behaupten hören, »man müsse es der Natur überlassen, das Ihrige zu thun, während der Arzt dabei stehe und sie gleichsam auf die Achsel klopfe und sie ermuntere, wenn sie es gut mache.« 96 Unsere Aerzte liebten den Tod so wenig, daß sie um den Todten sich gar nicht weiter kümmerten; weniger unangenehm aber war ihnen der lebendige Patient, über dessen Fall sie sogleich übereinstimmten. Ob, wie die Dame im Anfange die Aerzte verleitet hatte, sie für krank zu halten, diese sie nun überredeten, sich selbst wirklich für krank zu halten, will ich nicht entscheiden, aber sie behielt einen ganzen Monat lang die Decorationen der Krankheit bei. Sie wurde diese Zeit hindurch von Aerzten besucht und von Wärterinnen gepflegt und erhielt fortwährend Anfragen von ihren Bekannten, die sich nach ihrem Befinden erkundigten. Als endlich die schickliche Zeit des Krankseins und des unmäßigen Grames vorüber war, wurden die Aerzte entlassen und die Dame fing an, Gesellschaft zu suchen; auch war sie gegen sonst nur durch die Farbe der Trauer verändert, in die sie ihre Person und ihr Gesicht gekleidet hatte. Der Capitain war begraben und hätte vielleicht schon einen großen Schritt nach der Vergessenheit hin gethan, wäre nicht Allworthy aus Freundschaft bewogen worden, das Andenken desselben durch die nachstehende Grabschrift zu erhalten, die ein höchst geistreicher und wahrheitliebender Mann verfaßte, der den Capitain genau kannte. Hier liegt in Erwartung einer fröhlichen Auferstehung der Körper des Capitain John Blifil. In London war er geboren; in Oxford wurde er gebildet. 97 Seine Talente ehrten seinen Stand und sein Vaterland; sein Leben war würdig der Religion und der Menschheit. Er war ein gehorsamer Sohn, ein zärtlicher Gatte, ein liebevoller Vater, ein treuer Bruder, ein wahrer Freund, ein frommer Christ und ein guter Mensch Seine untröstliche Wittwe errichtete diesen Grabstein als ein Zeugniß seiner Tugend und ihrer Liebe. 98 Drittes Buch. Enthält die denkwürdigsten Vorfälle in der Familie Allworthy's von der Zeit an, in welcher der kleine Tom Jones das vierzehnte Jahr erreichte, bis zu jener, da er achtzehn alt wurde. In diesem Buche kann der Leser sich einige Winke über Kindererziehung bemerken. Erstes Kapitel. Enthält wenig oder nichts. Der Leser wird sich gefälligst erinnern, daß wir im Anfange des zweiten Buches unsere Absicht andeuteten, über manche große Zeitabschnitte hinwegzugehen, in denen sich nichts ereignete, das in einer derartigen Chronik erwähnt zu werden verdient. Wir berücksichtigen dabei nicht blos unsere eigene Würde und Bequemlichkeit, sondern auch den Vortheil des Lesers, denn nicht genug, daß wir ihn dadurch verhindern, seine Zeit durch Lesen ohne Vergnügen und Nutzen zu tödten, geben wir ihm auch bei allen solchen Fällen Gelegenheit, den wunderbaren Scharfsinn, den er besitzt, anzuwenden und jene leeren Zeiträume mit seinen eigenen Vermuthungen auszufüllen, wozu wir ihn in den vorhergehenden Seiten in den Stand zu setzen gesucht haben. 99 Jeder Leser weiß z. B., daß Allworthy anfangs über den Verlust seines Freundes jenen Gram empfand, den bei solchen Gelegenheiten alle Menschen fühlen, deren Herz nicht von Stein und deren Kopf nicht eben so hart ist. Welcher Leser weiß ferner nicht, daß Philosophie und Religion mit der Zeit diesen Gram mäßigen und endlich ganz verlöschen? – indem die erstere die Thorheit und Eitelkeit desselben darthut und die letztere ihn als unrecht tadelt, zu gleicher Zeit ihn aber dadurch lindert, daß sie auf Hoffnung in der Zukunft hindeutet, welche ein starkes und religöses Herz befähigen, von einem Freunde auf dessen Sterbebette mit fast derselben Ruhe Abschied zu nehmen, als schicke er sich zu einer langen Reise an, und fast mit derselben Hoffnung, ihn wieder zu sehen. Der scharfsinnige Leser wird eben so wenig in Bezug auf Mad. Brigitte Blifil in Zweifel sein. Sie benahm sich die ganze Zeit hindurch, in welcher sich die Trauer außen am Körper zu zeigen hat, streng nach allen herkömmlichen Regeln in Bezug auf Kleidung und Anstand und paßte ihr Gesicht den verschiedenen Aenderungen ihrer Tracht an; denn wie sich diese von Schwarz in Grau, von Grau in Weiß verwandelte, so wechselte ihr Gesicht von Kummervoll in Traurig, von Traurig in Ernst, bis der Tag kam, an welchem sie ihre frühere Heiterkeit wieder annehmen durfte. Wir haben diese beiden nur als Beispiele der Aufgabe angeführt, welche unsern Lesern der untersten Classe auferlegt werden kann. Höhere und schwierigere Uebungen der Urtheilskraft und des Scharfsinnes darf man wohl mit Recht von den in der Kritik höher gestellten erwarten. Ich bezweifle es nicht, daß diese manche beachtenswerthe Entdeckungen in den Verhandlungen machen werden, welche in der Familie unseres würdigen Mannes in allen den Jahren statt fanden, welche wir zu übergehen für zweckdienlich 100 hielten; denn obgleich in dieser Periode nichts sich ereignete, das in dieser Geschichte angeführt zu werden verdiente, so fehlte es doch nicht an verschiedenen Vorfällen, die eben so wichtig waren als die es sind, welche von unsern Tage- und Wochenblättern erzählt werden, mit deren Lesen viele Personen einen bedeutenden Theil ihrer Zeit, wie ich fürchte, mit sehr geringem Nutzen für sie, hinbringen. Bei den hier in Anregung gebrachten Muthmaßungen können einige der vortrefflichsten Fähigkeiten des Geistes mit großem Vortheile geübt werden, da es eine weit nützlichere Fähigkeit ist, die Handlungen der Menschen unter allen Umständen nach ihrem Character vorauszusagen, als aus den Handlungen auf den Character zu schließen. Das erstere erfordert allerdings größern Scharfsinn, kann aber mit demselben mit nicht geringerer Sicherheit geschehen als das letztere. Da wir nun überzeugt sind, daß bei weitem der größte Theil unserer Leser die erwähnte Eigenschaft in hohem Grade besitze, so haben wir ihnen zur Uebung derselben einen Zeitraum von zwölf Jahren überlassen und führen nun unsern Helden in einem Alter von ungefähr vierzehn Jahren vor. Zweites Kapitel. Der Held dieser großen Geschichte erscheint unter sehr schlimmen Anzeichen. Eine kleine Erzählung von so gemeiner Art, daß Viele dieselbe ihrer Beachtung unwerth halten werden. Ein paar Worte über einen Herrn und mehr über einen Jäger und einen Schulmeister. Da wir uns vornahmen, als wir uns hinsetzten, um diese Geschichte zu schreiben, Niemandem zu schmeicheln, sondern unsere Feder gänzlich durch die Wahrheit leiten zu 101 lassen, so müssen wir unsern Helden in einer weit unvortheilhaftern Weise, als wir es wohl wünschten, auf die Bühne bringen und ehrlich, gleich bei seinem ersten Auftreten erklären, daß man in der Familie Allworthy's allgemein der Meinung war, er würde sicherlich einmal gehangen werden. Und wirklich, wie ich leider gestehen muß, diese Vermuthung hatte nur zu viel für sich, da der Junge von seinen ersten Jahren an eine Neigung zu vielen Lastern zeigte, namentlich zu einem, das so direct als irgend ein anderes zu dem Schicksale zu führen pflegt, das man ihm, wie erwähnt, voraus verkündigt hatte; er war nämlich bereits eines dreifachen Raubes überführt worden; er hatte einen Obstgarten geplündert, eine Ente aus einem Pächterhofe gestohlen und dem kleinen Blifil einen Ball aus der Tasche stibizt. Die Laster des Knaben wurden überdies durch das unvortheilhafte Licht gesteigert, in welchem sie im Gegensatze zu den Tugenden des kleinen Blifil, seines Spielgenossen, erschienen, der so ganz verschieden von dem kleinen Jones war, daß nicht blos die Familie, sondern auch die ganze Nachbarschaft von seinem Lobe wiederhallte. Er war wirklich ein Knabe von vortrefflichem Character: mäßig, verschwiegen und fromm über sein Alter, welche Eigenschaften ihm denn auch die Liebe eines Jeden gewannen, der ihn kannte, während Tom Jones bei Niemanden gern gelitten war und viele laut ihre Verwunderung darüber äußerten, daß Herr Allworthy einen solchen Knaben zugleich mit seinem Neffen erziehen lasse, weil die guten Sitten desselben durch das böse Beispiel des erstern doch nothwendig verdorben werden müßten. Ein Vorfall, der sich um diese Zeit zutrug, wird den Character der beiden Knaben dem Leser deutlicher erscheinen lassen, als es die längste Auseinandersetzung vermag. 102 Tom Jones, der, so schlecht er auch ist, doch der Held dieser Geschichte sein muß, hatte nur einen Freund unter den Dienstleuten im Hause, denn Jungfer Wilkins hatte ihn längst schon aufgegeben und war vollkommen mit ihrer Gebieterin wieder ausgesöhnt. Dieser Freund war der Jäger, ein lockerer Zeisig, der, wie man meinte, keine strengern Begriffe von mein und dein hatte, als der junge Herr selbst. Deshalb gab denn auch diese Freundschaft zu manchen beißenden Bemerkungen unter den Dienstleuten Anlaß, von denen die meisten entweder vorher schon Sprüchwörter waren oder dergleichen wurden und deren Witz in dem Satze liegt, man könne auf den Character eines Menschen nach dem Umgange schließen, den er habe. Einige der schlechten Streiche, von denen wir oben drei Beispiele angeführt haben, mögen allerdings durch die Aufmunterungen von jenem Manne sich erklären lassen, der in einem Paar Fällen den Raub getheilt hatte, da der Jäger mit seiner Familie den Genuß der ganzen Ente und eines großen Theiles der Aepfel erhielt; da indeß Jones allein betroffen worden war, so mußte der arme Junge auch die Strafe und die Schande allein tragen, die ihm auch bei der folgenden Gelegenheit wieder zufielen. An die Besitzung des Herrn Allworthy stieß das Gut eines ächten Wildhegers. Nach der großen Strenge, mit welcher Leute dieser Art die Tödtung eines Hasen oder eines Rebhuhns bestrafen, könnte man glauben, sie theilten den Aberglauben der Banianen in Indien, von denen viele, wie man sagt, ihr ganzes Leben der Pflege und Wartung gewisser Thiere widmen. Unsere englischen Banianen unterscheiden sich indeß von jenen dadurch, daß sie wohl das Wild vor andern Feinden schützen, selbst aber unbarmherzig dasselbe in Menge niederschießen, so daß man sie also jenes heidnischen Aberglaubens nicht wohl beschuldigen kann. 103 Ich habe indeß eine weit bessere Meinung von Leuten dieser Art als manche andere, da ich glaube, sie folgen der Ordnung der Natur und den guten Zwecken, die sie erreichen sollen, in umfassenderer Weise als viele andere. Wie Horaz sagt, daß es eine Art Menschen gäbe, fruges consumere nati , die dazu geboren wären, die Früchte der Erde zu genießen, so zweifle ich nicht, daß es andere giebt, feras consumere nati , die geboren und bestimmt sind, das Wild des Feldes zu verzehren, und ich glaube, Niemand wird läugnen, daß jene Gutsbesitzer diesen Zweck ihres Daseins erfüllen. Der kleine Tom ging eines Tages mit dem Jäger zum Schießen aus und sie trieben dicht an der Grenze der Besitzung, welche das Schicksal, zur Erfüllung der weisen Absichten der Natur, einem der Wildverzehrer gegeben hatte, ein Volk Rebhühner auf, die hinüber flogen und von unsern beiden Jägern in einem Ginstergebüsch, etwa zwei- bis dreihundert Schritte von Herrn Allworthy's Eigenthum, bemerkt wurden. Herr Allworthy hatte seinem Jäger streng, bei Verlust seiner Stelle, verboten, irgend einem seiner Nachbarn zu nahe zu treten, eben so wenig denen, welche in solchen Dingen weniger streng waren, als dem Besitzer jenes Gutes. In Hinsicht auf andere war dieses Verbot nicht immer genau befolgt worden; das Gebiet des Herrn aber, bei welchem die Rebhühner jetzt eine Zuflucht gesucht, hatte der Jäger nie zu betreten gewagt, weil der Character desselben bekannt genug war. Auch jetzt würde er es nicht gethan haben, hätte ihn nicht der junge Jagdlustige überredet, der durchaus die entflohenen Hühner verfolgen wollte. Da nun Tom inständig in ihn drang und der andere selbst ein leidenschaftlicher Jagdfreund war, so ließ er sich überreden, ging über die Grenze und schoß eins der Rebhühner. 104 Der Besitzer befand sich zu Pferde in geringer Entfernung von ihnen und als er den Schuß hörte, ritt er sofort dahin und traf den armen Tom, denn der Jäger selbst war in den dichtesten Theil des Ginsterdickichtes gesprungen, das ihn glücklich verbarg. Der Mann durchsuchte den Knaben, fand das Rebhuhn bei ihm, wurde höchst aufgebracht und drohete, die Sache dem Herrn Allworthy anzuzeigen. Er hielt auch sein Wort, denn er ritt sofort nach Allworthy's Hause und beschwerte sich über dieses Verbrechen auf seinem Grund und Boden in so starken Ausdrücken und so bitterer Art, als wäre ein Einbruch in sein Haus geschehen und das werthvollste Geräthe aus demselben entwendet worden. Er setzte hinzu: es sei noch eine andere Person dabei gewesen, ob er gleich dieselbe nicht habe entdecken können, denn es wären zwei Schüsse fast in demselben Augenblicke gefallen. »Wir haben zwar nur dieses eine Rebhuhn gefunden, aber Gott weiß, welcher Schaden sonst angerichtet worden ist!« Nach seiner Zurückkunft wurde Tom sogleich zu dem Herrn Allworthy beschieden. Er gestand die Sache ein und führte keine andere Entschuldigung an als das, was wirklich wahr war, nämlich daß das Rebhühnervolk ursprünglich auf Herrn Allworthy's Grund und Boden aufgeflogen sei. Tom wurde darauf befragt, wer noch bei ihm gewesen wäre, was Herr Allworthy durchaus erfahren zu müssen erklärte, der den Schuldigen auf den Umstand mit den zwei Schüssen aufmerksam machte; Tom aber blieb bei der Behauptung, er sei ganz allein gewesen, wenn er auch im Anfange etwas zögerte, was Herrn Allworthy in seinem Glauben bestärkt haben würde, hätte die Angabe des Nachbars und dessen Dieners noch eine Bestätigung bedurft. Es wurde nun nach dem Jäger geschickt, da dieser eine verdächtige Person war, und derselbe ebenfalls befragt; er 105 verließ sich indeß auf das Versprechen, das ihm Tom gegeben hatte, Alles auf sich zu nehmen und läugnete beharrlich, bei dem jungen Herrn gewesen zu sein oder denselben überhaupt an dem ganzen Nachmittage gesehen zu haben. Herr Allworthy wendete sich darauf mit mehr als gewöhnlichem Zorne im Gesichte von Neuem an Tom, rieth ihm zu gestehen, wer bei ihm gewesen sei und wiederholte, er sei fest entschlossen, die Wahrheit zu ermitteln. Der Knabe blieb indeß bei seinem Vorsatze und wurde in hohem Zorne von Allworthy entlassen, der ihm sagte, es solle ihm bis den nächsten Morgen Bedenkzeit gegeben werden; dann würde eine andere Person und auf andere Weise fragen. Der arme Jones verbrachte eine traurige Nacht, um so mehr, da ihm sein gewöhnlicher Gefährte fehlte, denn der kleine Blifil war mit seiner Mutter zum Besuche auswärts. Die Furcht vor der Strafe, die er zu erleiden haben würde, war in diesem Falle sein geringstes Uebel; seine hauptsächlichste Angst beruhete darin, daß seine Beständigkeit ihn verlassen und er verleitet werden könnte, den Jäger zu verrathen, dessen Unglück die Folge davon sein müßte. Der Jäger selbst befand sich in keiner bessern Lage. Er hegte dieselben Besorgnisse wie der Knabe, dessen Ehre ihm mehr am Herzen lag als die Haut. Am andern Morgen, als Tom zu dem Herrn Thwackum kam, dem Manne, welchem Herr Allworthy die Erziehung der beiden Knaben anvertrauet hatte, wurden ihm von demselben eben die Fragen vorgelegt, welche er schon am Abende vorher gehört hatte und er gab darauf gleiche Antwort. Die Folge davon war eine so derbe Züchtigung, daß sie wahrscheinlich wenig der Tortur nachstand, durch welche man in manchen Ländern Verbrecher zum Geständnisse bringt. Tom ertrug diese Strafe mit großer Fassung, und obgleich ihn sein Lehrer nach jedem Streiche fragte, ob er 106 nicht gestehen wollte, so hätte er sich doch lieber blutig schlagen lassen, als daß er seinen Freund verrieth und sein gegebenes Versprechen brach. Der Jäger war nun seiner Angst ledig und Herr Allworthy fing an, sich die Leiden Toms zu Herzen zu nehmen; denn ungerechnet, daß Thwackum im höchsten Unwillen darüber, daß er den Knaben nicht dahin bringen konnte, das zu sagen, was er gern gehört hätte, in der Strenge weit über die Absichten des guten Mannes hinausgegangen war, fing der letztere auch an, die Meinung zu hegen, sein Nachbar könne sich doch wohl geirrt haben, was der Eifer und der Zorn desselben wahrscheinlich zu machen schien. Auf das, was die Dienstleute zur Bestätigung der Angaben ihres Herrn sagten, legte er kein großes Gewicht. Da nun aber Grausamkeit und Ungerechtigkeit zwei Dinge waren, deren sich schuldig gemacht zu haben Herr Allworthy keinen Augenblick sich bewußt sein konnte, so ließ er Tom zu sich rufen und sagte nach vielen gütigen und freundlichen Ermahnungen: »ich bin überzeugt, mein liebes Kind, daß ich Dir durch meinen Argwohn Unrecht gethan habe.« Zuletzt gab er ihm zur Entschädigung ein kleines Pferd und wiederholte nochmals, daß ihm das Geschehene leid sei. Die Röthe der Schuld stieg Tom erkennbarer in das Gesicht als es bei Anwendung der Strenge der Fall sein konnte. Er hatte leichter die Schläge Thwackum's ertragen, als den Edelmuth Allworthy's. Die Thränen stürzten ihm aus den Augen, er fiel auf seine Knie nieder und sprach: »ach, Herr, Sie sind zu gütig gegen mich. Wahrhaftig Sie sind es und ich verdiene es nicht.« Sein Herz war ihm so voll, daß er in diesem Augenblicke sein Geheimniß beinahe verrathen hätte, aber der gute Genius des Jägers flüsterte ihm zu, welche Folgen dies für den armen Mann haben möchte und diese Rücksicht verschloß ihm den Mund. 107 Thwackum bot alles auf, um Allworthy davon abzubringen, Mitleid oder Freundlichkeit gegen den Knaben zu zeigen, sagte, derselbe sei bei einer Unwahrheit geblieben und deutete darauf hin, eine Wiederholung der Züchtigung dürfte die Sache wahrscheinlich an das Licht bringen. Herr Allworthy weigerte sich jedoch, seine Zustimmung zu diesem Versuche zu geben und sagte, der Knabe habe bereits genug gelitten für die Verheimlichung der Wahrheit, selbst wenn er schuldig sei, zumal da er keinen andern Beweggrund dazu haben könnte, als mißverstandenes Ehrgefühl. »Ehrgefühl!« wiederholte Thwackum mit einiger Wärme, »bloß Hartnäckigkeit und verstockter Sinn. Kann Ehrgefühl Jemanden veranlassen, eine Lüge zu sagen oder kann Ehrgefühl unabhängig von Religion bestehen?« Dieses Gespräch wurde bei Tische zu Ende der Mahlzeit geführt. Gegenwärtig waren Herr Allworthy, Herr Thwackum und ein dritter Herr, der jetzt an der Erörterung Antheil nahm und mit welchem wir, ehe wir weiter gehen, den Leser bekannt machen wollen. Drittes Kapitel. Der Character des Philosophen Square und des Geistlichen Thwackum nebst einem Wortwechsel über . . . . Dieser Herr, der sich damals bereits eine Zeit lang in dem Hause Allworthy's aufgehalten hatte, hieß Square. Seine geistigen Fähigkeiten waren nicht die ausgezeichnetsten, er hatte dieselben aber durch Studium ziemlich verbessert. Er besaß eine umfassende Belesenheit in den alten Classikern und war besonders innig vertraut mit den Werken Plato's und Aristoteles'. Nach diesen großen Mustern hatte er sich auch vorzugsweise gebildet und er trat bald der Meinung 108 dieses, bald der Ansicht jenes bei. In der Moral war er eingestandenermaßen ein Anhänger Plato's, in der Religion neigte er sich mehr dem Aristoteles zu. Obgleich er nun, wie er sagte, seine Moralphilosophie nach dem platonischen Muster gebildet hatte, so stimmte er doch vollkommen der Meinung des Aristoteles bei, indem er jenen großen Mann mehr für einen Philosophen oder Denker als für einen Gesetzgeber hielt. Diese Ansicht dehnte er sehr weit aus, so weit, daß er die Tugend überhaupt nur für eine Sache der Theorie hielt. Dies sprach er allerdings niemals geradezu aus, wie ich vernommen habe, wenn ich aber seinem Benehmen auch nur die geringste Aufmerksamkeit schenke, muß ich glauben, daß dies wirklich seine Meinung war, da nur dadurch einige Widersprüche sich vollkommen lösen lassen, die sich sonst in seinem Character ergeben würden. Dieser Mann und Thwackum kamen kaum jemals zusammen, ohne daß sie in Streit geriethen, denn ihre Ansichten standen einander schnurgerade entgegen. Square hielt die menschliche Natur für die Vollkommenheit aller Tugend und das Laster nur für eine Abweichung von unserer Natur, gleichsam für geistige Mißgestaltung. Thwackum dagegen behauptete, das menschliche Herz sei seit dem Sündenfalle ein Sündenpfuhl, bis er durch die Gnade gereiniget werde. Nur in einem Punkte stimmten sie überein, darin nämlich, daß sie bei allen ihren Gesprächen über Moralität nie das Wort »gut« erwähnten. Der Lieblingsausdruck des ersteren war »die natürliche Tugendschöne,« und jener des letztern »die göttliche Macht der Gnade.« Der erstere maß alle Handlungen mit dem unveränderlichen Maßstabe des Rechtes und der ewigen Zweckmäßigkeit aller Dinge; der letztere entschied alles nach Autorität und führte dabei immer die Bibel und deren Ausleger an. 109 Nach dieser kurzen Einleitung möge sich der Leser gefälligst erinnern, daß der Geistliche seine Rede mit einer triumphirenden Frage geschlossen hatte, auf die er keine Antwort erwartete, nämlich: kann Ehre unabhängig von Religion bestehen? Square entgegnete darauf: man könne unmöglich philosophisch über Worte sprechen, bevor nicht die Bedeutung derselben festgestellt sei und es gäbe kaum zwei Worte von unbestimmterer und ungewisserer Bedeutung als die beiden erwähnten, denn man habe fast eben so viele verschiedene Meinungen über Ehre als über Religion. »Aber,« fuhr er fort, »wenn Sie unter Ehre die wahre natürliche Tugendschöne verstehen, so behaupte ich, daß sie unabhängig von jeder Religion bestehen kann. Ja,« setzte er hinzu, »Sie selbst werden zugeben, daß sie unabhängig von allen, eine ausgenommen, bestehen könne; dasselbe wird ein Mahomedaner, ein Jude, werden alle Anhänger aller verschiedenen Secten in der Welt behaupten.« Thwackum entgegnete, dies heiße mit der gewöhnlichen Bosheit aller Gegner der wahren Kirche räsonnirt. Er bezweifle es nicht, daß alle Ungläubigen und Ketzer in der Welt die Ehre, wenn sie es könnten, auf ihre eigenen absurden Irrthümer und verdammungswürdigen Täuschungen beschränken würden, »aber die Ehre,« sagte er, »ist darum noch nicht eine mannichfaltige, weil es viele absurde Meinungen über dieselbe giebt; auch die Religion ist nicht mannichfaltig, weil es verschiedene Secten und Ketzereien in der Welt giebt. Wenn ich Religion sage, so meine ich die christliche Religion und nicht blos die christliche Religion, sondern die protestantische Religion und nicht blos die protestantische Religion, sondern die Kirche von England. Sage ich Ehre, so meine ich die Art der göttlichen Gnade, welche nicht blos mit dieser Religion übereinstimmt, sondern von 110 derselben abhängt, die mit keiner andern übereinstimmt und von keiner andern abhängt. Wer also sagt, daß die Ehre, die ich hier meine und die ich, denke ich, nur meinen konnte, eine Unwahrheit dulden oder gar gebieten könne, behauptet eine unbegreifliche Absurdität.« »Ich enthalte mich absichtlich,« entgegnete Square, »einen Schluß zu ziehen, der nach dem, was ich gesagt habe, auf der Hand liegt; wenn Sie ihn bemerkten, so haben Sie sicherlich nicht versucht, darauf zu antworten. Wenn ich auch die Religion fallen lasse, so haben wir doch nach dem, was Sie sagten, verschiedene Ideen von der Ehre, warum träfen wir sonst nicht in denselben Ausdrücken zu ihrer Erklärung zusammen? Ich habe behauptet, wahre Ehre und wahre Tugend wären fast gleichbedeutende Ausdrücke und beide nach dem unveränderlichen Maßstabe des Rechtes und der ewigen Zweckmäßigkeit der Dinge gebildet; denn da diesem eine Unwahrheit geradezu widerstreitet, so kann wahre Ehre gewiß keine Unwahrheit dulden. Darin also, denke ich, stimmen wir überein; daß man aber sagen könne, diese Ehre beruhe auf Religion, der sie vorausgeht, wenn man unter Religion irgend ein positives Gesetz versteht . . .« »Ich,« fiel Thwackum hitzig ein, »mit einem Manne übereinstimmen, der behauptet, die Ehre gehe der Religion voraus! Herr Allworthy, stimmte ich überein . . . .?« Er wollte weiter sprechen; Herr Allworthy unterbrach ihn aber, indem er ganz gelassen erklärte, sie hätten beide seine Meinung nicht verstanden, da er nichts von wahrer Ehre gesagt. Er möchte indeß die Streitenden, die beide warm wurden, nicht leicht haben beruhigen können, wäre nicht etwas anderes eingetreten, das der Unterhaltung für diesmal ein Ende machte. 111 Viertes Kapitel. Enthält eine nothwendige Apologie für den Verfasser und ein kindisches Ereigniß, das vielleicht ebenfalls eine Apologie erfordert. Ehe ich weiter fortfahre, bitte ich um die Erlaubniß, einigen falschen Schlüssen zuvorzukommen, zu welchen einige Leser durch zu großen Eifer geführt werden könnten, denn ich möchte mit Willen nicht gern Jemandem Aergerniß geben, namentlich nicht denen, welche warme Freunde der Tugend und Religion sind. Ich hoffe deshalb, Niemand werde meine Meinung so verkehren und mich so darstellen, als suche ich die größten Vollkommenheiten der menschlichen Natur lächerlich zu machen, welche allein das Herz des Menschen reinigen und adeln und ihn über die thierische Schöpfung erheben. Nur so viel will ich zu sagen wagen (und ein je besserer Mensch der Leser ist, um so mehr wird er geneigt sein, mir zu glauben), daß ich die Ansichten dieser beiden Personen lieber mit ewigem Vergessen bedeckt, als einer dieser glorreichen Sachen Schaden zugefügt hätte. Im Gegentheil, um ihnen förderlich zu sein, habe ich es übernommen, das Leben und die Thaten zweier ihrer falschen und angeblichen Ritter zu erzählen. Ein verrätherischer Freund ist der gefährlichste Feind, und ich spreche es keck aus, daß Religion und Tugend mehr durch Heuchler, als durch die witzigsten Wollüstlinge oder Ungläubigen in Mißcredit gebracht worden sind; ja ferner, wie diese beiden in ihrer Reinheit mit Recht die Bande der bürgerlichen Gesellschaft genannt werden und in der That die größten Segnungen sind, so sind sie, so bald sie durch Betrug, durch Anmaßung und Affectation vergiftet und verdorben wurden, die schlimmsten Uebel für den Staat geworden 112 und haben Menschen in den Stand gesetzt, die schändlichsten Verbrechen und Grausamkeiten an ihren Mitmenschen zu begehen. Ich zweifle nicht daran, daß das Lächerliche im Allgemeinen zugestanden werden wird, fürchte aber hauptsächlich, man möge, da auch wahre und richtige Bemerkungen aus dem Munde dieser Personen kommen, das Ganze zusammennehmen und glauben, ich mache alles lächerlich. Der Leser möge indeß berücksichtigen, daß keiner dieser beiden Männer ein völliger Narr war und man deshalb auch nicht annehmen kann, er werde nur verkehrte Dinge vorbringen; welche Ungerechtigkeit würde ich also ihrem Character haben widerfahren lassen, hätte ich nur das Schlechte und Falsche ausgewählt, und wie schrecklich verstümmelt würden ihre Gründe erschienen sein! Nicht die Religion oder die Tugend werden hier blosgestellt, sondern der Mangel an denselben. Hätte nicht Thwackum die Tugend und Square die Religion in ihren verschiedenen Systemen vernachlässiget, hätten beide nicht alle natürliche Herzensgüte unbeachtet gelassen, sie würden in dieser Geschichte nicht als Gegenstände des Spottes aufgeführt worden sein. Wir fahren also fort. Der Vorfall, welcher die in dem letzten Kapitel erwähnte Debatte zu Ende brachte, war nichts anderes, als ein Zank zwischen dem jungen Blifil und Tom Jones, in dessen Folge dem ersteren die Nase blutete; denn obgleich der jüngere Blifil größer als Tom war, so übertraf dieser ihn doch in der edeln Boxkunst. Tom vermied indeß vorsichtig jeden Kampf mit dem Knaben, denn abgerechnet, daß er bei allen seinen Streichen eine gutmüthige Seele war und Blifil wirklich liebte, würde auch Thwackum, der immer die Partie des letztern nahm, hinreichend gewesen sein, ihn davon abzuhalten. 113 Ein gewisser Schriftsteller sagt jedoch mit Recht: »Niemand ist zu jeder Stunde klug,« und man darf sich darum nicht wundern, daß es auch ein Knabe nicht ist. Es war beim Spiele zwischen den beiden Knaben zu einer Veruneinigung gekommen und der kleine Blifil hatte Tom einen bettelhaften Bastard genannt, worauf der letztere, der ein leicht entzündliches Temperament besaß, sogleich jene Erscheinung in dem Gesichte des erstern hervorrief, welche wir oben erwähnt haben. Blifil erschien jetzt mit blutender Nase und thränenden Augen vor seinem Oheime und dem schrecklichen Thwackum, und dieses Gericht erklärte Tom sofort des Verbrechens des Anfalles und der Verwundung schuldig. Tom führte zu seiner Entschuldigung an, wie er dazu gereizt worden sei, welchen Umstand Blifil zu erwähnen vergessen hatte. Es ist allerdings möglich, daß er diesen Umstand völlig vergessen hatte, denn in seiner Antwort läugnete er es bestimmt, sich eines solchen Ausdrucks bedient zu haben und setzte sogar hinzu: »Gott verhüte, daß jemals solche garstige Worte aus meinem Munde gehen!« Tom verharrte bei der Versicherung, daß jene Worte gesprochen worden wären, worauf der junge Blifil äußerte: »es ist kein Wunder; wer eine Lüge sagt, wird sich auch vor einer zweiten nicht scheuen. Hätte ich meinem Lehrer eine so schlimme Lüge gesagt, wie Du es gethan hast, würde ich mich schämen, mein Gesicht zu zeigen.« »Welche Lüge, mein Kind?« rief Thwackum begierig. »Nun, er sagte Ihnen, es sei Niemand bei ihm gewesen, als er das Rebhuhn geschossen; aber er weiß (und hier brach er in Thränen aus), er weiß, denn er gestand es mir, daß der schwarze Georg, der Jäger, bei ihm war. Ja, das sagte er, – ja, Du sagtest es – läugne es, wenn 114 Du kannst, daß Du die Wahrheit nicht gestanden haben würdest, hätte Dich auch der Lehrer blutig geschlagen.« Bei diesen Worten sprüheten die Augen Thwackum's Funken und er rief triumphirend aus: »ach, das ist also das falsch verstandene Ehrgefühl! Das ist der Junge, der nicht noch einmal gezüchtiget werden sollte.« Allworthy aber wendete sich freundlicher an den Knaben und fragte: »ist es wahr, Kind? Und warum bestandest Du so hartnäckig auf der Unwahrheit?« Tom sagte, er hasse eine Lüge eben so sehr als irgend Einer, aber er habe geglaubt, seine Ehre nöthige ihn, so zu handeln, wie er es gethan, denn er habe dem armen Menschen versprochen, ihn nicht zu verrathen und sich ferner für verpflichtet gehalten, da der Jäger ihn aufgefordert, das Revier des Nachbars nicht zu betreten und endlich nur auf seine Bitte selbst mitgegangen sei. Er setzte hinzu, dies sei die volle Wahrheit bei der Sache, und er wolle darauf schwören und schloß damit, daß er Herrn Allworthy inständigst bat, er möge mit der Familie des armen Jägers Mitleid haben, da er (Tom) allein der Schuldige gewesen. »Wahrhaftig Herr,« sagte er, »das, was ich sagte, konnte kaum eine Lüge genannt werden, denn der arme Mann war bei der ganzen Sache völlig unschuldig. Ich sollte allein nach den Rebhühnern gegangen sein; es war dies auch anfangs so und er folgte mir nur, um noch mehr Unheil zu verhindern. Herr, lassen Sie mich bestrafen; nehmen Sie mir mein Pferdchen wieder, aber verzeihen Sie dem armen Georg.« Herr Allworthy zögerte einige Augenblicke und entließ sodann die Knaben mit der Ermahnung, freundlicher und friedlicher mit einander zu leben. 115 Fünftes Kapitel. Die Meinungen des Geistlichen und des Philosophen über die beiden Knaben, mit einigen Gründen für ihre Meinungen und andern Dingen. Der junge Blifil ersparte seinem Gespielen höchst wahrscheinlich eine derbe Züchtigung, indem er jetzt das Geheimniß offenbarte, das ihm im Vertrauen mitgetheilt worden war, denn das Vergehen wegen der blutigen Nase würde schon an sich allein für Thwackum hingereicht haben, zur Strafe zu schreiten; dies ging indeß jetzt gänzlich in der Betrachtung des andern unter, und in Bezug auf dieses erklärte Allworthy, als die Knaben sich entfernt hatten, Tom verdiene eher Belohnung als Strafe und so wurde Thwackum's Hand durch allgemeine Vergebung zurückgehalten. Thwackum, der nur immer an den Stock dachte, ereiferte sich gegen diese, wie er sagte, höchst verderbliche Nachsicht. Durch Verzeihung solcher Vergehen würden dieselben geradezu begünstiget, meinte er. Dann ließ er sich weitläufig über Bestrafung der Kinder im Allgemeinen aus und zog mehrere Bibelstellen aus Salomo und andern an, die wir nicht erwähnen wollen, weil man sie in so vielen andern Büchern finden kann. Und endlich kam er auf das Laster des Lügens, über welches er fast eben so gelehrt sprach wie über den ersten Gegenstand. Square sagte, er habe versucht, das Benehmen Tom's mit seiner Idee von vollkommener Tugend in Uebereinstimmung zu bringen, er vermöge es aber nicht. Er gestand, daß etwas in der Handlung des Knaben liege, das auf den ersten Anblick als Festigkeit erscheine; da diese aber eine Tugend sei und Lüge ein Laster, so könnten sie unmöglich mit einander vereiniget sein. Auch setzte er hinzu, da auf solche Weise Tugend und Laster verwechselt würden, 116 so dürfte es Herrn Thwackum's Berücksichtigung verdienen, ob nicht eine stärkere Züchtigung anzuwenden sei. Wie die beiden Männer in dem Tadel gegen Jones zusammentrafen, so waren sie nicht minder einstimmig darin, den jungen Blifil zu rühmen. Der Geistliche meinte, es sei eine Pflicht jedes religiösen Menschen, die Wahrheit an den Tag zu bringen und der Philosoph erklärte, es stimme dies vollkommen mit der Richtschnur des Rechtes und der ewigen und unveränderlichen Zweckmäßigkeit der Dinge überein. Alles dies war jedoch bei Herrn Allworthy von geringem Gewichte. Er konnte nicht vermocht werden, seine Zustimmung zu einer Züchtigung Tom's zu geben. Es lag etwas in seiner Brust, mit welchem die unerschütterliche Treue, die der Knabe bewahrt hatte, weit besser übereinstimmte als mit der Religion Thwackum's oder der Tugend Square's. Er verbot also dem erstern dieser Herren streng, wegen des Geschehenen gewaltsame Hand an Tom zu legen. Der Erzieher mußte diesem Verbote nachkommen, freilich geschah es nicht ohne großes Widerstreben und häufiges Gemurmel, daß der Knabe gewiß verdorben werden würde. Gegen den Jäger handelte der gute Mann weit strenger. Er ließ den armen Teufel sogleich zu sich bescheiden, zahlte ihm, nach manchen harten Vorwürfen, den Lohn aus und entließ ihn aus seinen Diensten, denn Allworthy bemerkte ganz mit Recht, es sei ein großer Unterschied zwischen der Lüge, mit welcher man sich selbst entschuldige und zwischen jener, die man zur Entschuldigung eines Andern sich erlaube. Als die Hauptursache seiner unbeugsamen Strenge gegen diesen Mann führte er auch den Umstand an, daß er schlecht genug gewesen, Tom Jones eine so schwere Züchtigung um seinetwillen geben zu lassen, da er dieselbe durch die Entdeckung der Wahrheit hätte verhindern sollen. 117 Als die Geschichte bekannt wurde, beurtheilten manche Leute das Benehmen der beiden Knaben bei dieser Gelegenheit anders als Thwackum und Square. Der junge Blifil wurde meist ein schleichender böser Bube von schwachem Verstande und dergl. genannt, während man Tom mit dem Namen eines braven Jungen, einer ehrlichen Seele u. s. w. beehrte. Sein Benehmen gegen den schwarzen Georg setzte ihn wirklich bei allen Dienstleuten im Hause sehr in Gunst; denn obgleich jener Mann allgemein ungern gesehen wurde, so bedauerte man ihn doch eben so allgemein, sobald er fort war und die Freundschaft, die Aufopferung Tom Jones wurde von allen hoch gepriesen, während sie den jungen Blifil so offen, als es geschehen konnte, ohne Gefahr zu laufen, die Mutter desselben zu beleidigen, verurtheilten. Der arme Tom hatte indeß nur Schmerzen davon, denn obgleich es Thwackum verboten war, seinen Arm der erwähnten Angelegenheit wegen zu üben, so sagt doch das Sprichwort: »ein Stock ist leicht gefunden,« und Thwackum hätte wirklich nur, wenn er keinen Stock gefunden, lange verhindert werden können, den armen Jones zu schlagen. Wäre der Erzieher blos durch die Freude bewogen worden, die ihm die Züchtigung eines Knaben gewährte, so würde der junge Blifil seinen Theil gewiß auch bekommen haben; aber obgleich ihm Allworthy mehrmals befohlen hatte, keinen Unterschied zwischen den Knaben zu machen, so war doch Thwackum gegen Blifil so freundlich und nachsichtig, als gegen den Andern hart, ja selbst grausam. Blifil hatte die Liebe seines Lehrers wirklich in hohem Grade gewonnen, theils durch die tiefe Ehrfurcht, welche er demselben immer erwies, theils und noch mehr durch die Ehrerbietigkeit, in welcher er die Lehren aufnahm; denn er hatte des Lehrers Redensarten auswendig gelernt, wendete 118 sie häufig an und befolgte die religiösen Grundsätze desselben mit einem Eifer, der bei einem so jungen Menschen überraschte, ihn aber auch dem würdigen Lehrer sehr theuer machte. Tom Jones auf der andern Seite vernachlässigte nicht blos die äußern Zeichen der Achtung und vergaß häufig, den Hut vor seinem Lehrer abzuziehen oder demselben eine Verbeugung zu machen, sondern achtete auch eben so wenig auf seines Lehrers Beispiel und gute Lehren. Er war ein leichtsinniger toller Bursche und lachte seinen Gespielen nicht selten wegen dessen Ernstes aus Herzensgrunde aus. Square hatte denselben Grund, den ersteren Knaben vorzuziehen; denn Tom Jones zeigte nicht mehr Rücksicht auf die gelehrten Reden, die ihm dieser Herr bisweilen hielt, als auf die Thwackum's. Er wagte einmal das Richtmaß des Rechtes lächerlich zu machen und ein anderes mal sagte er, er glaube es gebe in der Welt kein Richtmaß, mit welchem sein Vater (wie sich Allworthy von ihm immer nennen ließ) gemessen werden könnte. Blifil dagegen war in seinem sechszehnten Jahre bereits klug genug, sich den beiden Gegnern zu gleicher Zeit zu empfehlen. Mit dem einen war er ganz Religion, mit dem andern ganz Tugend und wenn beide zugegen waren, schwieg er, was beide zu seinem und auch zu ihrem Vortheile auslegten. Blifil begnügte sich nicht einmal, diesen beiden Herren ins Gesicht zu schmeicheln; er benutzte häufig eine Gelegenheit, sie hinter dem Rücken gegen Allworthy zu rühmen, vor welchem, wenn sie allein waren und sein Oheim irgend ein religiöses oder tugendhaftes Gefühl an ihm rühmte, er dasselbe meist den guten Lehren Thwackum's oder Square's zuschrieb, denn er wußte, daß sein Oheim alle solche Complimente den Personen hinterbrachte, zu deren Vortheile sie gemacht wurden und er hatte sich aus Erfahrung von 119 dem tiefen Eindrucke überzeugt, den sie sowohl auf den Philosophen als auf den Pfarrer machten. Bekanntlich ist keine Schmeichelei unwiderstehlicher als die, welche von zweiter Hand kommt. Der junge Herr bemerkte auch gar bald, wie angenehm diese Lobeserhebungen seiner Lehrer dem Herrn Allworthy selbst waren, da sie ja laut den seltsamen Erziehungsplan priesen, den er entworfen hatte, denn der würdige Mann hatte, als er die unvollkommene Einrichtung der öffentlichen Schulen kennen gelernt und in Erfahrung gebracht, wie viele Laster die Schüler in denselben lernten, sich vorgenommen, seinen Neffen, so wie den andern Knaben, den er gewissermaßen adoptirt hatte, in seinem eigenen Hause zu erziehen, wo, wie er meinte, ihre Sittlichkeit weniger Gefahren ausgesetzt sei, wie in einer öffentlichen Schule. Nachdem er so den Vorsatz gefaßt hatte, die Knaben einem eigenen Erzieher zu übergeben, wurde ihm als solcher Herr Thwackum von einem vertrauten Freunde empfohlen, von dessen Verstande Allworthy immer eine hohe Meinung gehabt und auf dessen Rechtlichkeit er fest gebauet hatte. Dieser Thwackum galt für sehr gelehrt, sehr religiös und verständig, und dies waren ohne Zweifel die Eigenschaften, welche Allworthy's Freund bewogen hatten, denselben zu empfehlen, obgleich der Freund der Familie Thwackum's, den angesehensten Personen in dem Flecken, den der Freund in dem Parliamente repräsentirte, einige Verbindlichkeiten schuldig war. Thwackum war auch nach seiner Ankunft Allworthy in hohem Grade angenehm und entsprach völlig dem Character, welchen man ihm beigelegt hatte. Nach längerer Bekanntschaft jedoch und nach vertraulichen Gesprächen erkannte der würdige Mann Schwächen an dem Erzieher, die er wohl wegwünschte; da dieselben aber von den guten Eigenschaften 120 bedeutend überwogen wurden, so vermochten sie Allworthy nicht, ihn zu entlassen; auch würden sie ein solches Verfahren nicht gerechtfertiget haben, denn der Leser irrt sich bedeutend, wenn er meint, Thwackum sei dem Herrn Allworthy in demselben Lichte erschienen, wie er ihm in dieser Geschichte erscheint; er irrt eben so sehr, wenn er sich einbildet, die genaue Bekanntschaft mit dem Geistlichen würde ihm jene Dinge offenbart haben, die wir ihm darlegen und entdecken können. Von den Lesern aber, die deshalb die Klugheit und den Scharfsinn Allworthy's herabsetzen, sage ich ohne Bedenken, daß sie einen schlechten und undankbaren Gebrauch von der Kenntniß machen, die sie uns verdanken. Die offenbaren Irrthümer in der Lehre Thwackum's hoben gerade die entgegengesetzten in jener Square's auf, die unser guter Mann eben sowohl sah und verurtheilte. Er meinte indeß, daß die verschiedenen Auswüchse dieser Herren die verschiedenen Unvollkommenheiten ausgleichen und die beiden Knaben, besonders mit seiner eigenen Beihilfe, genügende Lehren von wahrer Religion und Tugend erhalten würden. Wenn das Gegentheil von dem eintrat, was er erwartete, so war dies möglicherweise die Folge eines Fehlers in dem Plane selbst, den der Leser zu ermitteln suchen mag, wenn er es kann, denn wir machen keineswegs den Anspruch, unfehlbare Charactere in dieser Geschichte einzuführen, in der hoffentlich nichts gefunden werden wird, was niemals in der menschlichen Natur gesehen worden ist. Der Leser wird sich, denke ich, nicht wundern, daß das oben erwähnte verschiedene Benehmen der beiden Knaben die verschiedenen Wirkungen hatte, von denen er bereits einige Beispiele gesehen hat. Außerdem gab es aber noch einen andern Grund für das Benehmen des Philosophen 121 und des Pädagogen; da dies jedoch eine Sache von großer Wichtigkeit ist, so enthüllen wir es erst in dem nächsten Kapitel. Sechstes Kapitel. Enthält noch einen bessern Grund zu den erwähnten Ansichten und Meinungen. Man muß also wissen, daß die beiden gelehrten Männer, die in der letzten Zeit eine so große Rolle auf der Bühne dieser Geschichte gespielt haben, gleich nach ihrer Ankunft in Allworthy's Hause so große Vorliebe, der eine für dessen Tugend, der andere für seine Religion gefaßt hatten, daß sie sich so innig als möglich ihm anzuschließen gedachten. In dieser Absicht hatten sie ihre Augen auf die schöne Wittwe geworfen, die der Leser gewiß nicht vergessen hat, wenn sie auch eine Zeit lang von uns nicht erwähnt worden ist. Madame Blifil war das Ziel, das sie zu erreichen strebten. Es mag merkwürdig scheinen, daß von vier Personen, die wir in Allworthy's Hause erwähnt haben, drei ihre Augen auf eine Dame warfen, die wegen ihrer Schönheit nie besonders berühmt und überdies bereits ein wenig in das Thal der Jahre abwärts gestiegen war; in der Wirklichkeit haben aber Busenfreunde und genaue Bekannte eine gewisse natürliche Vorliebe für besondere Frauenzimmer in dem Hause eines Freundes, nämlich für seine Großmutter, Mutter, Schwester, Tochter, Tante, Nichte oder Cousine, wenn sie reich sind, und für seine Frau, seine Schwester, Tochter, Nichte, Cousine, Geliebte oder Magd, wenn sie hübsch sind. Wir wollen indeß unsere Leser nicht zu dem Glauben verleiten, daß Personen von solchem Character wie Thwackum 122 und Square etwas unternommen haben würden, das von einigen strengen Moralisten getadelt worden ist, ehe sie dasselbe genau überlegt und bedacht, ob es sich mit dem Gewissen vertrage oder nicht. Thwackum wurde zu dem Unternehmen durch den Gedanken ermuthiget, daß es nirgends verboten sei, des Nächsten Schwester zu begehren; auch wußte er, daß es eine Regel bei allen Gesetzen sei, daß Expressum facit cessare tacitum , d. h. was nicht verboten, ist erlaubt. Da nun einige Frauen in dem göttlichen Gesetze erwähnt sind, welches uns verbietet, unseres Nächsten Gut zu begehren, die Schwester aber dabei nicht genannt ist, so schloß er daraus, es sei erlaubt, des Nächsten Schwester zu begehren. Was Square betraf, so brachte er sein Wohl recht leicht mit der ewigen Zweckmäßigkeit der Dinge in Uebereinstimmung. Da nun beide eifrig jede Gelegenheit benutzten, sich der Wittwe zu empfehlen, so bemerkten sie auch recht bald, daß dies sicher geschehe, wenn sie dem Sohne derselben stets den Vorzug vor dem andern Knaben gäben; und da sie meinten, die Freundlichkeit und Liebe, welche Allworthy dem letztern bezeigte, müßte ihr höchst unangenehm sein, so zweifelten sie nicht, daß es ihr sehr wohlgefallen würde, wenn sie jede Gelegenheit benutzten, um ihn herabzusetzen, und daß sie, eben weil sie den Knaben hasse, alle diejenigen lieben müsse, welche demselben irgend einen Schaden zufügten. Thwackum hatte dabei den Vorzug, denn während Square dem Knaben nur in der guten Meinung von ihm schaden konnte, durfte Thwackum ihn sogar züchtigen, und er sah jeden Schlag, den derselbe erhielt, für ein Compliment an, das der Dame gemacht werde, so daß er mit vollem Rechte sagen konnte: »ich züchtige Dich nicht aus Haß, sondern aus Liebe .« Diesen Spruch führte er auch wirklich oft im Munde. 123 Aus diesem Grunde also stimmten die beiden Männer, wie wir oben gesehen haben, in ihrer Meinung über die beiden Knaben überein, und es war dies wohl der einzige Fall, daß sie einerlei Ansicht hatten, denn, ungerechnet die Verschiedenheit ihrer Grundsätze, hatten sie einander schon längst nicht getraut und nicht wenig gehaßt. Dieser gegenseitige Haß wurde bedeutend durch ihr abwechselndes Glück gesteigert, denn Mad. Blifil wußte viel früher, wohin sie strebten, ehe sie es ahneten oder ehe sie es eigentlich wissen sollte, denn sie gingen äußerst vorsichtig zu Werke, damit sie nicht beleidiget werde und nicht etwa Allworthy von der Sache in Kenntniß setze. Diese ihre Besorgniß war indeß ungegründet, denn sie hatte Vergnügen an der Liebe, von welcher, wie sie sich vornahm, außer ihr Niemand Vortheil haben sollte. Der Vortheil, den sie sich davon versprach, war die Schmeichelei und Artigkeit gegen sie, weshalb sie denn die beiden Bewerber eine lange Zeit abwechselnd gewissermaßen ermuthigte. Sie war zwar eigentlich mehr geneigt, die Grundsätze des Geistlichen zu begünstigen, aber Square's Persönlichkeit sagte ihr mehr zu, da derselbe ein stattlicher Mann war, was sich von dem Nebenbuhler desselben durchaus nicht sagen ließ. Ob Mad. Blifil die Süßigkeiten des Ehestandes zum Ueberdruß genossen hatte, oder ob die Bitterkeiten ihr denselben verleidet hatten, oder welcher andere Grund sie bestimmte, will ich nicht untersuchen; so viel ist aber gewiß, daß sie von einer zweiten Verheirathung nichts hören mochte. Dennoch sprach sie zuletzt mit Square so vertraut, daß die böse Welt Dinge von ihr zu flüstern anfing, denen ich sowohl der Dame wegen, als weil sie sich mit der Richtschnur des Rechten und der Zweckmäßigkeit der Dinge nicht vertrugen, keinen Glauben schenken will, weswegen ich mich auch bei denselben weiter nicht aufhalte. Der Pfarrer, so 124 viel ist gewiß, ließ in seinen Bemühungen nicht nach, ohne seinem Ziele einen Schritt näher zu kommen. Er hatte aber auch einen großen Fehler begangen, den Square früher bemerkte als er. Mad. Blifil war (wie der Leser vielleicht schon errathen haben wird) mit dem Benehmen ihres Mannes nicht durchaus zufrieden gewesen, ja, wenn wir aufrichtig sein sollen, sie haßte ihn förmlich, bis sein Tod ihm ihre Liebe einigermaßen wieder gewann. Man wird sich deshalb auch nicht gar sehr wundern, wenn sie für das Pfand seiner Liebe nicht eben die heftigste Liebe fühlte. Ja sie fühlte so wenig Liebe zu dem Kinde, daß sie dasselbe, als es noch klein war, sehr selten sah und sich um dasselbe kaum kümmerte; deshalb willigte sie auch nach geringem Widerstreben in alle Gunstbezeigungen, mit welchen Allworthy den Findling überschüttete, den der gute Mann seinen eigenen Sohn nannte und in allen Stücken mit dem jungen Blifil völlig gleich behandelte. Diese Zustimmung der Mad. Blifil galt bei den Nachbarn und in der Familie für einen Beweis ihrer Nachgiebigkeit gegen die Launen ihres Bruders und alle meinten, wie Thwackum und Square ebenfalls, sie hasse eigentlich den Findling; ja je freundlicher sie sich gegen denselben zeigte, um desto mehr sollte sie ihn, der Meinung der Leute nach, hassen und an seinem Verderben arbeiten; denn da sie glaubten, es liege in ihrem Interesse, den fremden Knaben zu hassen, so wurde es ihr schwer, sie zu überzeugen, daß dem nicht so sei. Thwackum wurde in seiner Ansicht um so mehr bestärkt, da sie ihn mehr als einmal schlau dahin gebracht hatte, Tom Jones zu züchtigen, wenn Allworthy, der sich meist gegen körperliche Züchtigung aussprach, nicht im Hause war, während sie in Bezug auf ihren eigenen Sohn niemals solche Befehle gegeben hatte. Dieser Umstand hatte auch Square verleitet. Ob sie nun gleich sicherlich ihren 125 eigenen Sohn haßte – und sie dürfte, wie schrecklich dies auch zu sein scheint, nicht die einzige Mutter der Art sein – so schien sie doch auch, trotz aller ihrer äußerlichen Freundlichkeit, im Herzen die Gunst sehr ungern zu sehen, die Allworthy dem Findlinge zeigte. Sie beschwerte sich darüber häufig hinter dem Rücken ihres Bruders und tadelte ihn scharf darum, sowohl gegen Thwackum als gegen Square, ja sie sprach sich gegen Allworthy selbst darüber aus, wenn sich beide einmal ein wenig veruneiniget hatten. Als jedoch Tom heranwuchs und Beweise von dem kühnen muthigen Sinne gab, der die Männer immer den Frauen in so hohem Grade empfiehlt, nahm die Abneigung, die sie gegen ihn als Kind geäußert hatte, allmälig ab und endlich zeigte sie offenbar eine weit stärkere Vorliebe gegen ihn als gegen ihren eigenen Sohn, daß Niemand sich darüber irren konnte. Sie wünschte so sehr, ihn öfters zu sehen und fand so großes Vergnügen an seiner Gesellschaft, daß, ehe er achtzehn Jahre zählte, er ein Nebenbuhler Square's und Thwackum's geworden war und, was noch schlimmer, die ganze Gegend so laut von ihrer Vorliebe für Tom zu reden anfing, als sie vorher von ihrer Neigung zu Square gesprochen hatte, weshalb der Philosoph den unversöhnlichsten Haß gegen unsern armen Helden faßte. Siebentes Kapitel. In welchem der Verfasser selbst auf der Bühne auftritt. Obgleich Allworthy nicht geneigt war, die Dinge sogleich unter einem unvortheilhaften Lichte anzusehen und auf die öffentliche Stimme wenig achtete, die ja überhaupt selten zu einem Bruder oder einem Ehemanne dringt, ob 126 sie gleich in der ganzen Nachbarschaft laut genug spricht, so war doch diese Vorliebe der Mad. Blifil für Tom und der Vorzug, den sie ihm sichtbar vor ihrem eigenen Sohne gab, für denselben von dem größten Nachtheile. Das Mitgefühl in Allworthy's Herz war von der Art, daß es nur von dem Schwerdte der Gerechtigkeit unterdrückt werden konnte. Unglücklich zu sein in irgend einer Hinsicht reichte hin, wenn nicht das schwerste Unrecht auf der andern Seite lag, die Waagschale des Mitleides des guten Mannes zum Sinken zu bringen und seine Freundschaft wie sein Wohlwollen zu erregen. Als er also deutlich sah, daß der junge Blifil von seiner eigenen Mutter förmlich gehaßt wurde (was wirklich der Fall war), so fing er an, denselben mit mitleidigem Auge zu betrachten, und welche Wirkungen das Mitleid in gutmüthigen und wohlwollenden Herzen hat, brauche ich den meisten meiner Leser sicherlich nicht auseinander zu setzen. Von dieser Zeit an sah er alles Gute an dem jungen Manne durch ein Vergrößerungsglas, die Fehler aber durch ein verkleinerndes, so daß sie kaum bemerkbar wurden. Dies mag sich durch die liebenswürdige Eigenschaft des Mitleides entschuldigen lassen; den nächsten Schritt aber kann nur die Schwäche der menschlichen Natur erklären; denn Allworthy bemerkte kaum den Vorzug, den Mad. Blifil dem Tom gab, als dieser arme junge Mensch, so unschuldig er auch war, in seiner Liebe zu sinken begann, wie er in der ihrigen stieg. Dies würde nun allerdings allein nie hingereicht haben, Jones aus seinem Herzen zu verbannen; es war demselben aber doch sehr nachtheilig und bereitete Allworthy's Gemüth zu den Eindrücken vor, welche später die gewaltigen Ereignisse hervorbrachten, die wir in dieser Geschichte werden kennen lernen und zu denen allerdings, wie sich nicht verschweigen läßt, der unglückliche 127 junge Mann durch seine eigene Unvorsichtigkeit und seinen Leichtsinn viel beitrug. Wenn wir einige Beispiele dazu anführen, werden wir, sobald man uns richtig versteht, eine sehr nützliche Lehre jenen Jünglingen geben, die später diese Geschichte lesen, denn sie können darin finden, daß Herzensgüte und Offenheit, ob sie ihnen gleich im Herzen großen Genuß gewähren mögen, dennoch leider in der Welt keinen Vortheil bringen. Klugheit und Vorsicht bedarf auch selbst der beste Mensch. Sie sind gleichsam eine Schutzwache der Tugend, die ohne dieselbe nie sicher ist. Es reicht nicht hin, daß unsere Absichten, ja selbst unsere Handlungen an sich gut sind, wir müssen uns auch bestreben, daß sie so erscheinen. Möge unser Inneres noch so schön sein, man muß auch für eine gefällige Außenseite sorgen. Darauf muß man immer achten, weil sonst Bosheit und Neid nicht verabsäumen, sie so anzuschwärzen, daß selbst der Scharfsinn und die Gutmüthigkeit eines Allworthy nicht hindurchzublicken und die Schönheit darunter zu erkennen vermag. Meine jungen Leser, macht es Euch immer zum Grundsatze, daß kein Mensch so gut sein kann, daß er die Regeln der Klugheit darüber vernachlässigen dürfte, und daß selbst die Tugend nicht schön erscheint, wenn sie nicht auch äußerlich mit Bescheidenheit und Anstand geschmückt ist. Und diese Vorschrift, meine lieben Schüler, werdet Ihr, falls Ihr nur mit der gehörigen Aufmerksamkeit leset, durch Beispiele auf den folgenden Seiten hoffentlich genügend bestätiget finden. Ich bitte um Entschuldigung für dieses mein kurzes Auftreten, gleichsam als Chor, auf der Bühne. Es geschieht wirklich um meinetwillen, damit, während ich die Klippen aufsuche, an denen Unschuld und Güte oftmals scheitern, man nicht etwa mich so mißverstehe, als empfehle ich meinen Lesern gerade die Mittel, die sie ins Verderben 128 führen. Dies mußte ich selbst erklären, da ich es keinem meiner Schauspieler in den Mund legen konnte. Achtes Kapitel. Ein kindischer Vorfall, der indeß Gutmüthigkeit bei Tom Jones zeigt. Der Leser wird sich erinnern, daß Herr Allworthy dem Tom Jones ein kleines Pferd, eine Art Schmerzensgeld, gab für die Strafe, die derselbe seiner Meinung nach ungerechter Weise gelitten hatte. Dieses Pferdchen hatte Tom über ein halbes Jahr, dann ritt er es nach einem Markte in der Nähe und verkaufte es. Als ihn nach seiner Rückkehr Thwackum fragte, was er mit dem Gelde gethan habe, das er für das Pferd erhalten, erklärte er gerade heraus, das würde er ihm nicht sagen. »Oho!« entgegnete Thwackum, »Du willst nicht, dann werde ich Dir es herausklopfen.« Die Execution sollte eben vorgenommen werden, als Allworthy in das Zimmer trat, dem Schuldigen eine Lection hielt und ihn mit sich in ein anderes Zimmer nahm, wo er ihm dieselbe Frage vorlegte, die ihm Thwackum bereits vorgelegt hatte. Tom antwortete, es sei seine Pflicht, ihm nichts zu versagen, dem tyrannischen Menschen aber würde er nie eine andere Antwort als mit einem Prügel geben, mit welchem er ihm bald alle seine Rohheiten vergelten zu können hoffe. Herr Allworthy tadelte den Jüngling scharf wegen dieser unanständigen und unehrerbietigen Ausdrücke über seinen Lehrer, noch mehr aber wegen der Absicht, sich zu rächen. Er drohete ihm, seine Gunst ihm gänzlich zu entziehen, wenn er jemals wieder ein solches Wort aus seinem Munde höre, denn einen schlechten Menschen könne er weder freundlich 129 behandeln, noch unterstützen. Durch diese und ähnliche Erklärungen erpreßte er dem Tom einige Reue, die indeß nicht gerade sehr aufrichtig gemeint war, denn er ging wirklich damit um, dem Lehrer die schmerzhaften Gunstbezeigungen zurückzugeben, die er von demselben empfangen. Nach einer heilsamen Ermahnung erlaubte ihm der gutmüthige Allworthy fortzufahren, was er denn in folgender Weise that: – »Ich liebe und ehre Sie, mein theurer Wohlthäter, gewiß mehr als die ganze Welt; ich weiß, welche große Verbindlichkeiten ich Ihnen schuldig bin und ich würde mich selbst verabscheuen, hielte ich mein Herz des Undankes fähig. Könnte das kleine Pferd, das Sie mir gaben, reden, es würde Ihnen erzählen, wie werth und theuer mir Ihr Geschenk war, denn es machte mir noch mehr Freude, es zu füttern, als auf ihm zu reiten. Es ging mir wahrhaftig schwer an's Herz, mich von ihm trennen zu müssen, auch würde ich es aus keinem andern Grunde verkauft haben als eben aus dem, der mich dazu bewog. Sie selbst, lieber Herr, ich bin überzeugt davon, würden an meiner Stelle dasselbe gethan haben, denn kein Mensch fühlt so tief wie Sie das Unglück anderer. Was würden Sie empfinden, wenn Sie sich für die Veranlassung dazu hielten? Wahrhaftig, keine Noth war jemals so groß als die der Leute.« – »Welcher Leute, Kind?« fragte Allworthy. »Wen meinst Du?« – »Ach, Herr,« antwortete Tom, »Ihr armer Jäger hat mit seiner großen Familie, seit Sie ihn entließen, alle Pein der Kälte und des Hungers ertragen. Ich konnte die armen Menschen nicht so nackt und hungrig sehen und doch zu gleicher Zeit wissen, die Veranlassung zu allen ihren Leiden gewesen zu sein. Ich konnte es nicht ertragen, wahrhaftig ich konnte es nicht.« Die Thränen rollten ihm hier über die Wangen und er fuhr fort: »um 130 sie vom Verhungern zu retten, trennte ich mich von Ihrem lieben Geschenke, so großen Werth es auch für mich hatte. Ich verkaufte das Pferd für sie und sie haben jeden Pfennig von dem Gelde erhalten.« Allworthy stand einige Augenblicke still da und ehe er sprach, quollen auch ihm die Thränen aus den Augen. Endlich entließ er Tom mit einem sanften Vorwurfe, rieth ihm, sich künftig in Fällen der Noth lieber an ihn zu wenden, als sich außerordentlicher Mittel zu bedienen, um dieselbe selbst zu entfernen. Ueber die Sache wurde später zwischen Thwackum und Square viel debattirt. Thwackum meinte, das heiße dem Herrn Allworthy Trotz geboten, der die Absicht gehabt habe, ihn wegen seines Ungehorsams zu bestrafen; auch sagte er, in manchen Fällen halte er das, was die Welt Liebe nenne, für ein Auflehnen gegen den Willen des Allmächtigen, der manche Personen zum Verderben bezeichnet habe; es heiße auch ein Auflehnen gegen Herrn Allworthy und er schloß endlich, wie gewöhnlich, mit einer kräftigen Empfehlung der Ruthe. Square argumentirte gewaltig auf der andern Seite, im Gegensatz vielleicht gegen Thwackum oder aus Gefälligkeit für Allworthy, der das sehr zu billigen schien, was Jones gethan hatte. Da, wie ich überzeugt bin, die meisten meiner Leser weit geschicktere Vertheidiger des armen Jones sein werden, so wäre es unrecht, das hier zu erwähnen, was er bei dieser Gelegenheit vorbrachte. Es war ja auch wirklich nicht schwer, mit dem Richtmaße des Rechten eine Handlung in Uebereinstimmung zu bringen, die sich unmöglich von dem Maße des Unrechtes würde haben ableiten lassen. 131 Neuntes Kapitel. Enthält einen Vorfall von gehässigerer Art nebst den Commentaren Thwackum's und Square's darüber. Irgend Jemand, der in größerm Rufe der Weisheit stand als ich, hat die Bemerkung gemacht, ein Unglück komme selten allein. Ein Beispiel davon kann man, glaube ich, an den Herren sehen, welche das Unglück haben, einige ihrer schlechten Streiche entdeckt zu sehen; denn hier hält die Entdeckung selten eher an, bis alles heraus ist. So erging es auch dem armen Tom, dem kaum der Verkauf des Pferdes verziehen worden war, als man fand, daß er eine schöne Bibel verkauft, die ihm Allworthy gegeben, und das dafür gelösete Geld auf dieselbe Weise verwendet hatte. Diese Bibel hatte der junge Blifil gekauft, ob er gleich bereits eine andere besaß, theils aus Freundschaft für Tom, theils weil er nicht wollte, daß die Bibel um den halben Preis aus der Familie komme. Er gab also diesen halben Preis selbst, denn er war ein sehr kluger Jüngling und so sparsam mit dem Gelde, daß er fast jeden Groschen sammelte, den er von dem Herrn Allworthy erhielt. Man hat gesagt, manche Leute könnten in keinen andern Büchern als in ihren eigenen lesen. Der junge Blifil dagegen bediente sich von der Zeit an, da er die Bibel Tom's erkauft hatte, keiner andern; ja man bemerkte, daß er weit öfter darin las, als er in der seinigen gelesen hatte. Da er nun Thwackum oftmals ersuchte, ihm schwierige Stellen zu erklären, so fiel diesem unglücklicher Weise Tom's Name in die Augen, der hier und da in dem Buche eingeschrieben war. Dies führte zu einer Untersuchung, welche den jungen Herrn Blifil nöthigte, den Zusammenhang der Sache zu entdecken. Thwackum war entschlossen, ein Verbrechen dieser Art, 132 das er Entweihung des Heiligen nannte, nicht ungestraft hingehen zu lassen. Er schritt deshalb auch sofort zur Züchtigung, machte auch, damit noch nicht zufrieden, den Herrn Allworthy, sobald er denselben sah, mit diesem grausigen Verbrechen bekannt, für das er es hielt, schmähete Tom in den bittersten Ausdrücken und verglich ihn mit den Käufern und Verkäufern, die aus dem Tempel vertrieben wurden. Square sah die Sache in einem ganz andern Lichte. Er sagte, es sei seiner Meinung nach kein größeres Verbrechen, ob man dieses oder jenes Buch verkaufe. Bibeln zu verkaufen sei nach allen Gesetzen erlaubt, nach den göttlichen und menschlichen und folglich liege darin nichts Ungeeignetes. Er äußerte auch gegen Thwackum, das große Aufheben, das er von der Sache mache, erinnere ihn an eine sehr fromme Frau, die aus reiner Andacht und Religiösität einer Dame ein Gebetbuch stahl. Diese Erzählung trieb dem Geistlichen das Blut mit Macht in das Gesicht, das schon an sich nicht zu den blässesten gehörte, und er wollte eben mit größter Wärme und in großem Unwillen antworten, als Mad. Blifil, die zugegen war, sich dazwischen schlug. Sie trat gänzlich auf Square's Seite, argumentirte sehr gelehrt zur Unterstützung seiner Meinung und schloß mit den Worten, wenn Tom sich eines Vergehens schuldig gemacht habe, so müsse sie gestehen, daß ihr Sohn eben so schuldig sei, denn sie könne keinen Unterschied sehen zwischen einem Verkäufer und einem Käufer, die ja beide aus dem Tempel getrieben worden wären. Mad. Blifil machte der Debatte ein Ende, nachdem sie ihre Meinung ausgesprochen hatte. Square's Triumph würde ihm fast die Worte unterdrückt haben, hätte er dieselben gebraucht, und Thwackum, der aus früher erwähnten 133 Gründen nicht wagen durfte, die Dame zu kränken, erstickte fast vor Aerger. Allworthy seiner Seits sagte, da der Knabe bereits bestraft worden sei, so wolle er seine Ansichten bei der Gelegenheit nicht aussprechen, und ich muß es der Vermuthung des Lesers überlassen, ob er dem Knaben zürnte oder nicht. Bald darauf wurde von dem Squire Western (dem Herrn, auf welches Gute das Rebhuhn geschossen worden war) eine Klage gegen den Jäger wegen gleicher Diebereien vorgebracht. Das war ein höchst unseliger Umstand für den Mann, da er ihm an sich schon mit Verderben drohete und überdies auch Herrn Allworthy verhinderte, ihm seine Gunst wieder zuzuwenden, denn als der gute Mann eines Abends mit dem jungen Blifil und Tom Jones spazieren ging, führte ihn der letztere klug nach der Wohnung des Schwarzen Georgs, wo man die Familie desselben, nämlich seine Frau und Kinder, in allem Elende fand, das Kälte,. Hunger und Blöße über den Menschen bringen können; denn das Geld, das sie von Jones erhalten hatten, war bereits fast ganz von frühern Schulden aufgezehrt worden. Eine solche Scene mußte einen tiefen Eindruck auf das Herz Allworthy's machen. Er gab der Mutter sofort ein Paar Guineen und forderte sie auf, damit ihre Kinder zu kleiden. Die arme Frau brach über diese Güte in Thränen aus, konnte aber, während sie ihm dankte, auch nicht umhin, ihre Erkenntlichkeit für Jones auszudrücken, der, sagte sie, sie und die Ihrigen lange vor dem Verhungern bewahrt habe. »Wir haben keinen Bissen zu essen,« sagte sie, »und die armen Kinder haben keine Lumpen zur Bedeckung außer dem, was seine Güte uns gegeben.« Tom hatte wirklich, außer dem Pferde und der Bibel, einen Nachtanzug und andere Dinge zum Nutzen für die arme Familie verwendet. 134 Auf dem Rückwege bot Tom seine ganze Beredtsamkeit auf, um die Noth dieser Leute in recht helles Licht zu stellen, so wie auch die Buße des schwarzen Georgs, und dies gelang ihm so wohl, daß Allworthy sagte, er glaube, der Mann habe für sein Vergehen genug gebüßt, er würde ihm also vergeben und über die Mittel nachdenken, für ihn und die Familie zu sorgen. Jones war über diese Nachricht so erfreut, daß, ob es schon finster war, als sie nach Hause kamen, er doch im Regen eine Meile weit zurücklief, um der armen Frau die frohe Kunde zu bringen. Er hatte indeß auch, wie die voreiligen Neuigkeitsausbreiter, die Unannehmlichkeit zu erfüllen, diese Freude wieder zu stören, denn das Unglück des Schwarzen Georgs benutzte gerade die Gelegenheit der Abwesenheit seines Freundes, um wieder alles umzustürzen. Zehntes Kapitel. Der junge Blifil und der junge Jones erscheinen in verschiedenem Lichte. Der junge Blifil stand seinem Gespielen in der liebenswürdigen Eigenschaft der Theilnahme sehr nach, übertraf ihn jedoch in einer noch höhern, nämlich der Gerechtigkeitsliebe, wobei er die Vorschriften und das Beispiel Thwackum's und Square's befolgte, denn obgleich beide das Wort Theilnahme und Barmherzigkeit häufig im Munde führten, so war doch Square eigentlich der Meinung, diese Eigenschaft könne mit dem Rechte nicht bestehen. Thwackum seiner Seits war ganz für die Gerechtigkeit und überließ die Gnade und Barmherzigkeit dem Himmel. Die beiden Herren hatten freilich eine etwas verschiedene Meinung über die Gegenstände dieser erhabenen Tugend, aus welcher Thwackum 135 höchst wahrscheinlich die eine Hälfte und Square die andere Hälfte der Menschheit vernichtet haben würde. Obgleich nun der junge Blifil im Beisein Tom's geschwiegen hatte, so konnte er doch, nachdem die Sache reiflicher erwogen, die Gedanken nicht ertragen, daß sein Oheim einem Menschen Gutes erzeige, der es nicht verdiene. Er nahm sich also vor, ihm sogleich den oben angedeuteten Vorfall mitzutheilen. Die Sache war nämlich folgende: Der Jäger hatte ein Jahr etwa, nachdem er aus dem Dienste Allworthy's entlassen worden und noch ehe Tom das Pferdchen verkaufte, als er weder für sich noch seine Familie Brod besaß, auf seinem Wege über ein Feld des Herrn Western einen Hasen im Lager liegen sehen. Diesen Hasen hatte er barbarischer und hinterlistiger Weise auf den Kopf geschlagen, den bestehenden Landesgesetzen zum Hohne und allem Jagdgebrauche zuwider. Der Hehler, an welchen der Hase verkauft worden, war leider einige Monate darauf mit einer Menge Wildpret auf dem Rücken ergriffen worden und mußte sich mit dem Squire dadurch auszusöhnen suchen, daß er gegen einige Wilddiebe zeugte. Er wählte als solchen den Schwarzen Georg aus, der dem Herrn Western bereits Schaden zugefügt hatte und überdies in keinem guten Rufe in der Gegend stand. Uebrigens war er das beste Opfer, das der Hehler bringen konnte, weil er ihm seitdem kein Wildpret wieder gebracht hatte; der Zeuge deckte dadurch seine bessern Kunden, denn der Squire, der sich sehr freute, eine Gelegenheit zu haben, den Schwarzen Georg zu strafen, fragte nicht weiter. Wäre dies dem Herrn Allworthy der Wahrheit nach vorgelegt worden, so würde es dem Jäger wahrscheinlich sehr geringen Nachtheil gebracht haben. Aber kein Eifer ist verblendeter als der, welchen die Gerechtigkeitsliebe gegen 136 die Sünder einflößt. Blifil hatte die Zeit vergessen, die Sache selbst gab er verändert an und durch einen übereilten Zusatz des einzigen Buchstaben N änderte er die Sache bedeutend, denn er erzählte, Georg habe Hasen gestohlen. Diese Abweichung wäre wahrscheinlich berichtiget worden, hätte Blifil nicht darauf bestanden, daß Allworthy ihm erst versprechen müsse, davon zu schweigen, ehe er die Sache entdeckte. Auf diese Weise wurde der arme Jäger verurtheilt, ohne daß er Gelegenheit hatte, sich zu vertheidigen; denn da die Sache mit dem Erschlagen eines Hasen sicherlich wahr war, so bezweifelte Allworthy auch das übrige nicht. Die Freude der armen Leute war also von sehr kurzer Dauer, denn Allworthy erklärte am nächsten Morgen, er habe neue Veranlassung zu seinem Unwillen und verbot Tom geradezu, Georg ferner zu erwähnen, ob er gleich die Familie vor dem Verhungern zu bewahren suchen wolle; den Menschen selbst würde er den Gesetzen überlassen, die er durchaus nicht brechen möge. Tom vermochte nicht zu errathen, was Herrn Allworthy so aufgebracht habe, denn auf Blifil fiel sein Argwohn durchaus nicht. Er nahm sich indeß vor, eine andere Art zu versuchen, den armen Jäger vor gänzlichem Verderben zu bewahren. Jones war in der letzten Zeit sehr vertraut mit Herrn Western geworden und hatte sich diesem Herrn so empfohlen, dadurch, daß er über Thüren hinwegsetzte und durch andere Reiterkünste, daß der Squire erklärte, Tom würde gewiß ein großer Mann werden, wenn er hinreichende Aufmunterung finde. Er wünschte sich gar oft einen Sohn mit solchen Anlagen und betheuerte eines Tages sogar bei einem Trinkgelage höchst feierlich, Tom solle eine Hundemeute, für tausend Pf. Sterl. seines Geldes, mit jedem Jäger im ganzen Lande jagen. 137 Durch solche Talente hatte er die Gunst des Squire Western in dem Maße gewonnen, daß er ein höchst willkommener Gast bei Tische und ein Lieblingsbegleiter auf der Jagd, bei Rennen u. s. w. war; alles, was der Squire hoch hielt, nämlich seine Flinten, seine Hunde und seine Pferde, stand Jones so ganz zu Diensten, als wenn es sein eigen wäre. Er beschloß also, diese seine günstige Stellung für seinen Freund, den schwarzen Georg, zu benutzen, den er in Western's Haus als Jäger zu bringen hoffte. Wenn der Leser bedenkt, daß dieser Mann dem Herrn Western bereits Schaden zugefügt hatte, wenn er ferner die wichtige Sache berücksichtiget, durch welche er sich das Mißfallen jenes Herrn zugezogen, so wird er das Unternehmen Tom's vielleicht für ein thörichtes und verzweifeltes erklären. Tom wendete sich jedoch an Western's Tochter, ein junges Mädchen von etwa siebzehn Jahren, die ihr Vater zunächst nach den eben erwähnten Gegenständen über alles in der Welt liebte. Wie sie einigen Einfluß auf den Squire besaß, so hatte Tom auch einigen Einfluß auf sie. Da sie jedoch die Heldin dieses Buches sein wird, ein Mädchen, in das wir selbst sehr verliebt sind und in das sich, ehe wir scheiden, wahrscheinlich auch mancher Leser verliebt haben wird, so halten wir es für unschicklich, sie zu Ende eines Buches zum ersten Male auftreten zu lassen. 138 Viertes Buch. Ein Zeitraum von einem Jahre Erstes Kapitel. Drei Seiten Papier. Wie die Wahrheit unsere Schriften von jenen albernen Romanen unterscheidet, die voll von Ungeheuern sind, den Schöpfungen nicht der Natur, sondern zerrütteten Hirns, die sich, wie mancher Kritiker schon behauptet hat, nur als Maculatur empfehlen lassen, so möchten wir auf der andern Seite auch jede Aehnlichkeit mit jener Art von Geschichte vermeiden, die, wie ein berühmter Dichter sagt, sich nur neben einem Kruge Bier lesen läßt. Denn, da dies das Getränk der neuen Schriftsteller, ja vielleicht ihre Muse ist, weil das Bier nach Butler Begeisterung geben soll, so muß es auch das Getränk ihrer Leser sein, weil jedes Buch in demselben Geiste und in derselben Art gelesen werden muß, wie es geschrieben wurde. So sagte der berühmte Verfasser von Hurlo Chrumbo zu einem gelehrten Bischofe, derselbe könne die Vortrefflichkeit des Stückes nicht fühlen, weil er es nicht mit einer Geige in der Hand gelesen, während er selbst, der Dichter, ein solches Instrument bei dem Schreiben stets in der Hand gehabt habe. 139 Damit unser Werk also nicht in die Gefahr gerathe, mit den Arbeiten solcher Schriftsteller verglichen zu werden, haben wir jede Gelegenheit benutzt, das Ganze mit Gleichnissen, Schilderungen und anderm poetischen Schmucke zu durchflechten. Diese sollen nämlich die Stelle des Bieres vertreten und den Geist erfrischen, wenn ihn der Schlummer befällt, der bei einem großen Werke bisweilen den Leser, wie den Verfasser beschleicht. Ohne Unterbrechungen der Art muß die beste Erzählung einfacher Thatsachen jeden Leser ermüden, denn nur das ewige Wachsein, das Homer allein dem Jupiter zugetheilt hat, kann es bei einer Zeitung von mehrern Bänden aushalten. Wir überlassen es dem Leser, zu entscheiden, ob wir die verschiedenen Gelegenheiten, diese Verzierungen in unserm Werke anzubringen, zweckmäßig gewählt haben oder nicht. Gewiß wird er indeß zugeben, daß keine geeigneter sein konnte, als die gegenwärtige, wo wir eben einen bedeutenden Character auf der Bühne auftreten lassen wollen, die Heldin dieses heroischen, historischen, prosaischen Gedichtes. Wir haben es also für zweckdienlich gefunden, das Herz des Lesers für ihren Empfang vorzubereiten, indem wir dasselbe mit jedem gefälligen Bilde füllen, das wir der Natur zu entlehnen vermögen. Wir können uns wegen dieses Verfahrens auch auf manche frühere Beispiele berufen. Es ist eine unsern tragischen Dichtern wohlbekannte und von ihnen häufig angewendete Kunst. Vornehme und hohe Personen kennen dieselbe ebenfalls, indem sie Diener u. s. w. vorangehen lassen, um das Volk auf ihre eigene Ankunft gewissermaßen vorzubereiten. Wir haben indeß dabei nicht die Absicht, unsern Lesern zu imponiren; wir wollen unsere Heldin blos mit der größter Feierlichkeit einführen, die wir aufzubieten vermögen. Ja wir möchten sogar aus gewissen Gründen unsern Lesern, die ein Herz 140 haben, rathen, nicht weiter zu lesen, wären wir nicht überzeugt, daß, wie liebenswürdig auch unsere Heldin erscheine, sie doch nur eine Copie nach der Natur ist und sich unter unsern schönen Landsmänninnen manche finden werden, die der Idee von weiblicher Vollkommenheit entsprechen, welche wir hier aufstellen. Und so gehen wir ohne weitere Vorrede zu unserm nächsten Kapitel über. Zweites Kapitel. Eine kurze Andeutung von dem, was wir in dem Erhabenen vermögen und eine Beschreibung von Sophie Western. Jeder lautere Athem schweige. Möge der heidnische Beherrscher der Winde die Glieder des tosenden Boreas in eiserne Bande legen und dem Pfeifen des Eurus Ruhe gebieten. Du aber, süßer Zephyr, erhebe Dich von Deinem duftenden Lager nach dem westlichen Himmel und führe jenen köstlichen Hauch herbei, dessen Reiz die liebliche Flora aus ihrem Gemache lockt, wenn am ersten Juni, an ihrem Geburtstage, das blühende Mädchen in losem Gewande leicht über die grünende Wiese hüpft, wo jede Blume sich emporrichtet, um ihr zu huldigen, bis die ganze Fläche geschmückt ist und Farben mit süßen Düften wetteifern, sie zu erfreuen. So reizend mag sie nun erscheinen, und ihr gefiederten Sänger der Natur, deren süßeste Töne selbst Händel nicht zu übertreffen vermag, stimmt euere melodischen Kehlen, um ihr Erscheinen zu feiern. Aus Liebe fließen euere Töne und Liebe wecken sie. Erweckt also dieses wonnige Gefühl in jedes Mannes Brust, denn die liebliche Sophie erscheint, geschmückt mit allen Reizen, in welche die Natur sie zu 141 kleiden vermag, in Schönheit, Tugend, Unschuld, Bescheidenheit und Zärtlichkeit. Sanftmut atmet von ihren rosigen Lippen und aus ihren glänzenden Augen spricht die Reinheit. Leser, vielleicht hast Du die Statue der mediceischen Venus gesehen, oder eine Galerie von Schönheiten; sahest Du sie, ohne zu wissen, was Schönheit ist, so hast Du keine Augen, fühltest Du ihre Macht nicht, so besitzest Du kein Herz. Aber Du magst alles dies gesehen haben, ohne daß Du Dir eine richtige Vorstellung von Sophien machen kannst, denn sie glich nichts anderem und mir werden versuchen müssen, eine Beschreibung von ihr zu geben, obgleich unsere Fähigkeiten dieser Aufgabe schwerlich gewachsen sind. Sophie, die einzige Tochter des Herrn Western, war von mittlerer Größe, ja man hätte sie wohl groß nennen können. Ihr Körper war nicht blos proportionirt, sondern äußerst zart. Ihr schwarzes reiches Haar reichte bis zur Mitte ihres Körpers hinunter, bevor sie es der neuen Mode wegen abschnitt, und es war jetzt so anmuthig an ihrem Nacken gelockt, daß wenige glauben mochten, es sei ihr eigenes. Wenn der Neid irgend einen Theil des Gesichtes ausfindig machen konnte, der weniger Lob verdiente, als das übrige, so möchte es vielleicht die Stirn sein, die etwas höher hätte sein können. Ihre Brauen waren voll, glatt und bildeten einen Bogen, wie ihn die Kunst nicht nachzuahmen vermag. Ihre schwarzen Augen besaßen einen Glanz, der durch alle Sanftmuth, die darin lag, nicht zu verlöschen war. Ihre Nase war streng regelmäßig und ihr Mund, in welchem zwei Reihen weißer Zähne standen, entsprach der Schilderung, welche Suckling einmal in den Worten aussprach: »ihre Lippen waren roth, die obere in Vergleich zur untern dünn, denn eine Biene hatte sie eben 142 gestochen.« Ihre Wangen hatten eine ovale Form und auf der rechten befand sich ein Grübchen, das bei dem geringsten Lächeln zum Vorschein kam. Ihr Kinn trug gewiß auch seinen Theil zu der Schönheit des Gesichtes bei, aber es ließ sich schwerlich sagen, ob es breit oder schmal war, wenn es gleich wohl eher breit genannt werden konnte. Die Farbe des Gesichtes hatte mehr von der Lilie, als von der Rose, wenn aber Bewegung oder züchtiges Erröthen dieselbe höher färbte, kam ihr sicher keine künstliche Farbe an Glanz und Schönheit bei. Ihr Hals war lang und schön geformt und darin, könnte ich mit vollem Rechte sagen, wenn ich nicht fürchtete, ihrer Bescheidenheit zu nahe zu treten, übertraf sie die berühmte Venus von Medici. Er war so weiß, daß weder Lilien, noch Elfenbein, noch Alabaster sich damit vergleichen ließen. Man konnte wohl sagen, der feinste Battist verhüllte ihren Busen aus Neid, weil derselbe um vieles weißer war. Er war wirklich » nitor splendens Pario marmore purius ,« ein reinerer Glanz als der des kostbarsten parischen Marmors. Das war das Aeußere Sophiens und dieser schöne Körper barg eine nicht minder schöne Seele, die dem erstern selbst noch größere Reize gab, denn wenn sie lächelte, verbreitete die Sanftmuth ihres Characters die Glorie über ihr Gesicht, welche keine Regelmäßigkeit der Züge zu geben vermag. Da jedoch die ganze Trefflichkeit des Gemüthes sich in der nähern Bekanntschaft ergeben wird, in die wir unsere Leser mit diesem reizenden jungen Mädchen bringen wollen, so brauchen wir sie hier nicht zu schildern, ja es wäre dies eine Beleidigung des Verstandes des Lesers und möchte ihm auch das Vergnügen verkürzen, mit dem er sich selbst ein Urtheil über ihren Character bilden wird. Sagen muß ich jedoch, daß, welche Gaben des Geistes und des Herzens sie auch von der Natur empfangen, die 143 Kunst dieselben auch noch ausgebildet und veredelt hatte; denn sie war unter der Aufsicht einer Taute erzogen worden, einer sehr verständigen, mit der Welt vollkommen bekannten Frau, die in ihrer Jugend am Hofe gelebt, von dem sie sich vor einigen Jahren auf das Land zurückgezogen hatte. Durch den Umgang mit derselben und durch ihre guten Lehren war Sophie vollkommen gebildet worden, wenn es ihr auch vielleicht noch etwas an Leichtigkeit und Ungezwungenheit in dem Benehmen fehlte, die sich nur durch Uebung und durch das Leben in sogenannten feinen Cirkeln erlangen lassen. Sie werden indeß, wenn man die Wahrheit gestehen soll, oft zu theuer erkauft, und ob sie gleich so unaussprechliche Reize haben, daß die Franzosen wahrscheinlich unter andern Eigenschaften dies meinen, wenn sie sagen, sie wüßten nicht, was es sei, so wird ihr Mangel doch hinreichend durch Unschuld ersetzt, wie ein gesunder Sinn und natürliche Artigkeit sie nie bedarf. Drittes Kapitel. Die Geschichte geht zurück, um einen unbedeutenden Vorfall zu erwähnen, der vor einigen Jahren vorkam und trotz seiner Unbedeutendheit einige weitere Folgen hatte. Die liebenswürdige Sophie stand jetzt in ihrem achtzehnten Jahre, da sie in dieser Geschichte auftritt. Ihr Vater liebte sie, wie bereits erwähnt, mehr als irgend ein anderes menschliches Wesen. An sie also wendete sich Tom Jones, um ihre Theilnahme für seinen Freund, den Jäger, zu erregen. Ehe wir indeß weiter gehen, wird eine kurze Wiederholung einiger früherer Vorfälle nöthig sein. Obgleich wegen der verschiedenen Temperamente 144 Allworthy's und Western's kein inniges Verhältniß zwischen beiden möglich war, so lebten sie doch auf ziemlich freundschaftlichem Fuße mit einander, so daß die jungen Leute schon von Kindheit an mit einander bekannt waren und, weil sie ziemlich in gleichem Alter standen, häufig mit einander gespielt hatten. Das heitere Temperament Tom's paßte besser für Sophien als das ernste und ruhige Wesen Blifil's und der Vorzug, den sie dem erstern gab, zeigte sich oft so deutlich, daß ein Bursche von größerer Leidenschaftlichkeit als Blifil wohl einiges Mißfallen darüber zu erkennen gegeben haben würde. Da er sich jedoch keinen solchen Verdruß merken ließ, so würde es Unrecht sein, wenn wir sein Herz genauer besichtigen wollten, wie scandalsüchtige Menschen die geheimsten Angelegenheiten ihrer Freunde zu ermitteln suchen und in deren Schränken und Zimmern häufig nur deshalb umherstören, um die Armseligkeit und Leere in denselben der Welt zu verrathen. Wie jedoch Personen, welche muthmaßen, andere gekränkt oder beleidiget zu haben, schnell die Folgerung ziehen, sie wären wirklich beleidiget, so schrieb Sophie eine Handlung des jungen Blifil seinem Aerger zu, während sie von dem größern Scharfsinne Thwackum's und Square's aus einem weit edleren Gefühle hergeleitet wurde. Tom Jones hatte, als er noch sehr jung war, Sophien einen kleinen Vogel geschenkt, den er aus dem Neste genommen, aufgezogen und singen gelehrt hatte. Diesen Vogel liebte die damals etwa dreizehnjährige Sophie so außerordentlich, daß ihre Hauptbeschäftigung die war, ihn zu füttern und abzuwarten, und ihr größtes Vergnügen darin bestand, mit ihm zu spielen. Dadurch war der kleine Tommy, wie der Vogel hieß, so zahm geworden, daß er aus der Hand seiner Herrin fraß, sich auf 145 deren Finger setzte und in ihrem Busen ruhete, ja dieses sein Glück wirklich zu fühlen schien, obwohl sie ihn immer an einem Fädchen am Fuße hielt und nie frei umherfliegen ließ. Eines Tages, als Allworthy nebst seiner ganzen Familie bei dem Herrn Western zu Tische war, äußerte Blifil, der sich mit der kleinen Sophie in dem Garten befand und die außerordentliche Liebe derselben zu dem kleinen Vogel bemerkte, den Wunsch, sie möge ihn doch einen Augenblick seinen Händen anvertrauen. Sophie erfüllte dieses Verlangen sogleich und übergab ihm mit einiger Vorsicht ihren Vogel. Kaum hatte Blifil denselben in der Hand, als er das Fädchen von dem Beine zog und ihn in die Luft warf. Das thörichte Thierchen sah sich nicht sobald in Freiheit, als es alle Gunstbezeigungen vergaß, die es von Sophien erhalten hatte, davon flog und sich auf einen Zweig in einiger Entfernung setzte. Sophie weinte darüber so laut, daß Tom Jones, der sich in einiger Entfernung befand, sogleich zu ihrem Beistande herbeieilte. Kaum hatte er erfahren, was geschehen war, so schimpfte er Blifil einen erbärmlichen boshaften Jungen, zog dann sogleich seinen Rock aus und fing an, auf den Baum hinaufzuklettern, auf welchem der Vogel saß. Tom hatte seinen kleinen Namensvetter fast erreicht, als der Ast, auf welchem derselbe saß und der über einen Canal hing. brach und der arme Junge kopfüber in das Wasser stürzte. Sophiens Kummer nahm jetzt eine andere Richtung und als sie bemerkte, daß das Leben des Knaben in Gefahr war, schrie sie noch zehnmal lauter als vorher. Auch unterstützte sie Blifil diesmal ebenfalls, indem er mit aller Kraft seiner Lungen zu rufen anfing. 146 Die Gesellschaft, welche in einem Zimmer saß, das an den Garten stieß, wurde sogleich aufmerksam und kam heraus; aber eben als man an den Canal gelangte, erreichte Tom glücklich das Ufer, da das Wasser zum Glück an dieser Stelle ziemlich seicht war. Thwackum stürzte wüthend auf den armen Tom zu, der triefend und bebend dastand. Allworthy forderte ihn indeß auf, sich zu gedulden, wendete sich an Blifil und sagte. »Kind, was ist die Ursache zu dieser Störung gewesen?« Blifil antwortete: »es thut mir wirklich leid, Onkel, was ich gethan habe; ich war unglücklicherweise die Veranlassung zu allem. Ich hatte den kleinen Vogel Sophiens in der Hand und da ich dachte, das arme Thier sehne sich nach seiner Freiheit, so konnte ich nicht umhin, ihm seinen Wunsch zu gewähren. Ich glaubte immer, es sei sehr grausam, etwas einzusperren. Es schien mir dies gegen das Gesetz der Natur zu sein, nach welchem jedes Wesen ein Recht auf Freiheit hat; ja es kam mir selbst unchristlich vor. Hätte ich jedoch glauben können, daß Sophie sich so sehr darüber grämen würde, so hätte ich es gewiß nicht gethan; ich hätte es auch nicht gethan, wenn ich gewußt, was dem armen Vogel bevorstehe, denn als Jones, der ihm nach auf den Baum kletterte, herunter in das Wasser fiel, kam ein Habicht, packte den kleinen Vogel und flog mit ihm fort.« Die arme Sophie, die erst jetzt das Schicksal ihres kleinen Tommy erfuhr (denn aus Besorgniß um Jones hatte sie nicht bemerkt, was geschehen war), fing nun an heftig zu weinen. Allworthy versuchte sie zu beruhigen, indem er ihr einen weit schönern Vogel versprach, aber sie erklärte, sie möge keinen andern. Ihr Vater schalt sie darüber, daß sie eines dummen Vogels wegen weine, äußerte ^.^.^ . . .^ ^..^ ^.^. ^ 147 aber auch gegen Blifil, wenn er sein Sohn wäre, würde er einer derben Züchtigung nicht entgehen. Sophie begab sich in ihr Zimmer; die beiden Knaben wurden nach Hause geschickt und die übrige Gesellschaft kehrte zu den Flaschen zurück, wo sich über den Vogel ein Gespräch erhob, das seiner Merkwürdigkeit wegen wohl ein besonderes Kapitel verdient. Viertes Kapitel. Enthält tiefsinnige und ernste Dinge, die vielleicht manchem Leser nicht behagen. Kaum hatte Square seine Pfeife angezündet, so wendete er sich an Allworthy und sagte: »ich kann nicht umhin, Ihnen wegen Ihres Neffen zu gratuliren, der in einem Alter, in welchem wenige Knaben eine Idee von irgend etwas anderem als sinnlichen Dingen haben, bereits die Fähigkeit besitzt, Recht von Unrecht zu unterscheiden. Irgend etwas gefangen zu halten, scheint mir gegen das Naturgesetz zu sein, nach welchem jedes Wesen ein Recht auf Freiheit hat. Das waren seine Worte und der Eindruck, den sie auf mich machten, wird nie vertilgt werden. Kann ein Mensch einen höhern Begriff von dem Richtmaße des Rechtes und der ewigen Zweckmäßigkeit der Dinge haben? Ich kann nicht umhin, nach einer solchen Morgendämmerung zu hoffen, er werde im Mittage seines Lebens dem ältern oder dem jüngern Brutus ähnlich sein.« Hier fiel Thwackum hastig ein, verschüttete dabei etwas von seinem Weine und stürzte das übrige schnell hinunter. Er antwortete: »nach einem andern Ausdrucke, dessen er sich bediente, hoffe ich, er werde weit bessern Männern gleichen. Das Naturgesetz ist ein kauderwelsches Wort, das keine Bedeutung hat. Ich kenne kein solches Gesetz und 148 kein Recht, das von demselben hergeleitet werden könnte. Zu handeln, wie wir handeln sollten, ist ein christlicher Beweggrund, den der Knabe erwähnte und ich freue mich, zu finden, daß meine Lehren so gute Früchte getragen haben.« »Wenn Eitelkeit etwas Zweckmäßiges wäre,« fiel Square ein, »so würde ich mir bei dieser Gelegenheit etwas zuschreiben, denn von wem er seine Begriffe von Recht und Unrecht gelernt haben kann, dürfte sehr leicht zu errathen sein. Wenn es kein Naturgesetz giebt, so giebt es auch weder Recht noch Unrecht.« »Wie!« rief der Geistliche; »vergessen Sie die Offenbarung ganz und gar? Spreche ich mit einem Deisten oder mit einem Atheisten?« »Trinkt!« rief Western dazwischen. »Hol' der Henker Euere Naturgesetze! Ich weiß nicht, was die Herren da von Recht und Unrecht wollen. Meinem Mädchen den Vogel wegzunehmen, war meiner Ansicht nach Unrecht; mein Nachbar Allworthy mag thun, was er für gut findet; wer aber Knaben in solchen Streichen begünstiget, erzieht sie für den Galgen.« Allworthy antwortete, es sei ihm leid, was sein Neffe gethan habe, aber er dürfe doch nicht einwilligen, ihn darum zu strafen, da derselbe mehr aus einem edeln als aus einem unwürdigen Beweggrunde gehandelt habe. Dann setzte er hinzu: »hätte der Knabe den Vogel gestohlen, so würde er sogleich für eine strenge Züchtigung stimmen; dies sei aber offenbar nicht die Absicht des Knaben gewesen, auch könne er keine andere Absicht gehabt haben, als die von ihm angegebene (die boshafte Absicht, welche Sophie muthmaßete, kam Allworthy nicht in den Sinn).« Endlich schloß er damit, daß er die That nochmals als unüberlegt tadelte, die nur bei einem Kinde zu verzeihen sei. 149 Square hatte seine Meinung so offen ausgesprochen, so daß, wenn er jetzt schwieg, er sein Urtheil tadeln lassen mußte. Er sprach deshalb mit ziemlicher Wärme, Herr Allworthy nehme zu viel Rücksicht auf das Eigenthum; bei Beurtheilung großer und gewaltiger Thaten müsse man aber jede Privatrücksicht bei Seite legen, denn durch Beachtung solcher engen Regeln sei der jüngere Brutus der Undankbarkeit und der ältere des Vatermordes schuldig befunden worden. »Und wenn sie wegen dieser Verbrechen auch gehangen worden wären,« rief Thwackum, »so wäre ihnen nur geschehen, was sie verdient hätten. Ein Paar Heiden! Gott sei Dank, wir haben keine Brutus mehr. Ich wünsche, Herr Square, sie ließen ab davon, die Seele meiner Zöglinge mit solchem unchristlichen Zeuge zu füllen, denn die Folge davon muß immer die sein, daß es, so lange sie unter meiner Obhut stehen, immer wieder herausgepeitscht wird. Ihr Schüler Tom ist nun schon beinahe verdorben. Ich hörte ihn neulich mit Blifil streiten, der Glaube ohne That sei nichts Verdienstliches. Ich weiß, daß dies einer Ihrer Sprüche ist und vermuthe also, er hat den Grundsatz von Ihnen angenommen.« – »Beschuldigen Sie mich nicht, daß ich ihn verderbe,« sagte Square. »Wer lehrte ihn über alles zu lachen was tugendhaft und anständig, und zweckmäßig und recht ist in der Natur der Dinge? Er ist Ihr Zögling und ich erkenne ihn nicht als den meinigen an. Nein, nein, der junge Herr Blifil ist mein Schüler. So jung er ist, so besitzt er doch schon Begriffe von moralischer Rechtschaffenheit, die Sie nie wieder in ihm vertilgen werden.« Thwackum lachte höhnisch und verächtlich darüber und entgegnete: »ja, ja, es ist in ihm zu guter Grund gelegt, als daß er durch Ihr philosophisches Geschwätz verleitet 150 werden könnte. Ich habe immer Sorge getragen, ihm solche Grundsätze einzuflößen . . .« »Auch ich habe ihm Grundsätze eingeflößt,« rief Square. »Was anderes, als die erhabene Idee der Tugend konnte einen Menschen zu dem edeln Gedanken bringen, Freiheit zu geben? Ich wiederhole es nochmals, wenn es sich schickte stolz zu sein, möchte ich Anspruch auf die Ehre machen, ihm diese Idee beigebracht zu haben.« – »Und wäre der Stolz nicht verboten,« sagte Thwackum, »so möchte ich mich rühmen, ihn die Pflicht gelehrt zu haben, die er als Beweggrund anführte.« »So ist also,« fiel der Squire ein, »der junge Mensch von Euch beiden angewiesen worden, meiner Tochter den Vogel zu entwenden. Ich werde auf meine Rebhühnerzucht achten müssen; es kommt vielleicht einer und der andere fromme Mensch und läßt alle meine Rebhühner frei.« Dann klopfte er einen anwesenden Rechtsgelehrten auf den Rücken und rief: »was sagen Sie dazu, Herr Rath? Ist dies nicht gegen das Gesetz?« Der Advocat sprach mit großem Ernste: »angenommen, es wäre mit einem Rehhuhne geschehen, so dürfte es keinem Zweifel unterliegen, daß Ursache zu einer Klage wäre, denn obgleich die Rebhühner ferae naturae sind, so gehören sie doch unter gewissen Umständen zum Eigenthume; da es sich aber nur um einen Singvogel handelt und ein solcher der gemeinen Natur angehört, so muß er für nullius in bonis angesehen werden. In diesem Falle dürfte also eine gegründete Ursache zu einer Klage nicht vorliegen und ich würde nicht rathen, eine solche einzureichen.« »Gut,« sagte der Square, »wenn es nullus bonus ist, so wollen wir lieber trinken und von etwas anderm reden, von politischen Dingen oder andern, die Jedermann versteht, denn ich habe von allen den Reden kein Wort 151 verstanden. Es mag recht gelehrt gewesen sein, ich glaube aber nicht daran. Hol's der Henker! Niemand hat ein Wort von dem armen Burschen gesagt, der doch ein Lob verdient hätte; den Hals zu wagen, um meinem Mädchen gefällig zu sein, war eine edele und muthige Handlung, so viel weiß ich. Gott verdamm' mich! ich trinke Tom's Gesundheit. Ich werde den Knaben darum lieben so lange ich lebe.« Damit hatte die Debatte ein Ende, sie würde aber höchst wahrscheinlich von Neuem aufgenommen worden sein, hätte nicht Allworthy sogleich nach seinem Wagen verlangt und die beiden Streitenden hinweggeführt. So endigte die Geschichte von dem Vogel und das Gespräch, das dadurch veranlaßt wurde und das wir unserm Leser berichten mußten, ob es gleich einige Jahre vor der Zeit vorkam, zu welcher unsere Geschichte gelangt ist. Fünftes Kapitel. Enthält Dinge, die wohl jedem Geschmacke zusagen. Parva leves capiunt animos – »kleine Ereignisse machen Eindruck auf leicht erregbare Gemüther,« sagte ein großer Meister in der Kunst des Liebens. Auch ist so viel gewiß, daß Sophie von diesem Tage anfing, für Tom Jones eine gewisse Vorliebe und für dessen Gefährten einigen Widerwillen zu äußern. Mancherlei Vorfälle steigerten von Zeit zu Zeit diese beiden Gefühle in ihrer Brust. Sophie erkannte schon, als sie noch sehr jung war, daß Tom, obgleich ein unfleißiger, leichtsinniger Bursche, eigentlich nur sich selbst schadete; daß Blifil dagegen, obgleich ein kluger, vorsichtiger und bedächtiger junger Mensch, zu gleicher Zeit nur den Vortheil 152 einer einzigen Person im Auge habe. Wer diese einzige Person war, wird der Leser auch ohne unsere Beihilfe leicht errathen können. Diese beiden Charactere werden in der Welt nicht immer mit der verschiedenen Rücksicht behandelt, die sie zu verdienen scheinen und die ihnen die Menschen aus eigenem Interesse eigentlich schenken sollten. Es mag indeß einen Grund der Klugheit dafür geben; wenn die Menschen eine wirklich wohlwollende Person gefunden haben, so meinen sie wohl mit Recht, sie hätten einen Schatz gefunden und wünschen, denselben, wie alles Gute, für sich allein zu behalten. Sie glauben deshalb wohl, wenn sie eine solche Person laut rühmten, riefen sie Andere herbei, die dann auch etwas von dem sich zueignen würden, was sie doch für sich allein behalten wollten. Genügt dieser Grund dem Leser nicht, so kann ich keinen andern angeben, um die geringe Achtung zu erklären, die meist einem Character erwiesen wird, welcher der menschlichen Natur wirklich zur Ehre gereicht und der Gesellschaft das meiste Gute erzeugt. Anders war es bei Sophien. Sie ehrte Tom Jones und verachtete Blifil fast so bald als sie die Bedeutung dieser beiden Worte kannte. Sophie war gegen drei Jahre bei ihrer Tante gewesen und hatte in dieser Zeit die beiden jungen Männer selten gesehen. Sie war indeß einmal mit ihrer Tante zu Tische bei Allworthy. Dies war wenige Tage nach dem Vorfalle mit dem Rebhuhn. Sie hörte die ganze Geschichte bei Tafel erzählen, sagte aber da nichts, auch konnte ihre Tante nicht viele Worte aus ihr bringen, als sie nach Hause gekommen waren. Als aber ihr Kammermädchen beim Auskleiden zufällig sagte: »Sie haben heute wahrscheinlich auch den jungen Herrn Blifil gesehen?« antwortete sie ziemlich heftig: »ich hasse den Namen Blifil eben so wie alles, was 153 niederträchtig und heimtückisch ist und wundere mich gar sehr, daß Herr Allworthy durch jenen alten barbarischen Lehrer einen armen Knaben so grausam für etwas züchtigen läßt, das nur die Folge seiner Gutmüthigkeit ist.« Dann erzählte sie die Geschichte ihrem Kammermädchen und schloß mit der Bemerkung: »hältst Du ihn nicht auch für einen jungen Menschen von edelm Sinne?« Die junge Dame war jetzt zu ihrem Vater zurückgekommen, der ihr das Regiment im Hause übertrug und ihr den Platz am obern Ende seines Tisches anwies, an dem Tom (der wegen seiner großen Jagdlust ein Liebling des Squire war) öfters mit aß. Junge Männer von offenem, edelmüthigem Character sind von Natur auch galant und sie zeigen dies, wenn sie dabei verständig sind, wie es wirklich bei Tom der Fall war, durch ein gefälliges Benehmen gegen alle Frauen im Allgemeinen. Dies zeichnete denn auch Tom vor der plumpen Rohheit der gewöhnlichen Landedelleute auf der einen und vor dem feierlichen und etwas sauertöpfischen Benehmen Blifil's auf der andern Seite aus und er galt jetzt, in seinem zwanzigsten Jahre, bei dem ganzen weiblichen Geschlechte in der Nachbarschaft für einen hübschen jungen Mann. Tom zeichnete Sophien weiter nicht aus, als daß er ihr höhere Achtung als irgend einer andern bewies. Diese Auszeichnung schien ihre Schönheit, ihr Vermögen, ihr Herz und ihr ganzes liebenswürdiges Benehmen zu fordern; eine Absicht auf ihre Person aber hatte er nicht, und der Leser mag ihn darum vor der Hand dumm nennen. Vielleicht können wir später diesen Umstand vollkommen gnügend erklären. Sophie besaß neben der reinsten Unschuld und der höchsten Züchtigkeit ein fröhliches Temperament. Dieses zeigte sich besonders bei jeder Gelegenheit, wenn sie in der Gesellschaft 154 Tom's war und er hätte es eigentlich bemerken sollen, wäre er nicht zu jung und zu leichtsinnig gewesen. Auch dürfte Western einigermaßen darüber besorgt geworden sein, wären seine Gedanken nicht immer vorzugsweise auf das Feld, den Stall und die Hunde gerichtet gewesen. Der gute Mann war so weit entfernt, irgend einen Argwohn zu hegen, daß er dem Tom jede Gelegenheit gab, die ein Liebhaber nur wünschen konnte, mit Sophien allein zu sein. Tom folgte indeß nur seiner Gutmüthigkeit und seiner natürlichen Galanterie; hätte er im geringsten Absichten auf die junge Dame gehabt, würde er sich gewiß ganz anders benommen haben. Man darf sich eigentlich wenig wundern, daß dies alles der Bemerkung Anderer entging, da ja die arme Sophie es selbst nicht bemerkte, so daß ihr Herz unrettbar verloren war, ehe sie es ahnete, daß es in Gefahr sei. So standen die Sachen, als Tom eines Nachmittags Sophien allein traf und nach einer kurzen Einleitung, mit ernstem Gesichte, ihr anzeigte, er habe sie um eine Gefälligkeit zu bitten, die sie ihm, wie er von ihrem Herzen erwarte, gewiß erweisen würde. Obgleich nun weder das Wesen des jungen Mannes, noch die Art, wie er die Angelegenheit eröffnete, sie zu dem Glauben berechtigen konnten, er wolle ihr eine Liebeserklärung machen, so ist es doch gewiß (ob die Natur ihr etwas der Art zuflüsterte oder aus welchem Grunde es sonst geschah, will ich nicht untersuchen), daß sie wohl an etwas der Art dachte, denn die Farbe wich von ihren Wangen, ihre Glieder zitterten und die Zunge würde ihr den Dienst versagt haben, hätte Tom eine Antwort erwartet; er befreiete sie indeß bald aus ihrer Verlegenheit, indem er ihr sofort seine Bitte vortrug, welche darin bestand, sie für den Jäger zu interessiren, der, wie er sagte, nebst seiner 155 großen Familie verloren sein würde, wenn Herr Western in der Klage gegen ihn fortgehe. Sophie erholte sich sofort von ihrer Verwirrung und sagte mit einem freundlichen Lächeln: »ist dies die große Gunst, die Sie mit solchem Ernste erbaten? Ich will herzlich gern thun, was Sie wünschen. Ich bedauere wirklich den armen Mann und schickte auch erst gestern seiner Frau eine Kleinigkeit.« Diese Kleinigkeit bestand in einem Kleide, etwas Wäsche und einigen Thalern Geld, wie Tom schon gehört hatte, der durch diese Gabe des Mädchens eigentlich veranlaßt worden war, mit der Bitte sich an Sophien zu wenden. Ermuthiget durch den Erfolg, beschloß der junge Mann, die Sache noch weiter zu verfolgen, und er wagte wirklich, sie um ihre Empfehlung des Mannes für den Dienst ihres Vaters zu ersuchen, wobei er betheuerte, er halte ihn für einen der ehrlichsten Menschen in der Gegend, so wie ganz für den Posten eines Jägers geeignet, der zufällig und zum Glück in dem Hause Western's zu besetzen war. Sophie antwortete: »nun wohl, auch dies will ich über mich nehmen. aber darin kann ich Ihnen keinen so günstigen Erfolg versprechen, wie bei der erstern Sache, die ich nicht aufgeben werde, bis ich meinen Vater gewonnen habe. Ich werde indeß auch für das Zweite thun, was ich vermag, da ich den Mann und seine Familie für wirklich bemitleidenswerth halte. Nun muß ich aber auch Sie, Herr Jones, um eine Gefälligkeit bitten.« »Eine Gefälligkeit, mein Fräulein!« rief Tom; »wenn Sie wüßten, welches Vergnügen Sie mir schon durch die Hoffnung gewähren, einen Befehl von Ihnen zu erhalten, so würden Sie nicht zweifeln, daß Sie mir die größte Gunst erzeigen, wenn Sie den Befehl wirklich aussprechen; denn, um Ihnen gefällig zu sein, würde ich, bei dieser lieben Hand! selbst mein Leben opfern.« 156 Er ergriff dabei ihre Hand und küßte dieselbe. Es war das erste Mal, daß seine Lippen sie jemals berührt hatten. Das Blut, welches vorher aus ihren Wangen gewichen war, überströmte jetzt ihr Gesicht und ihren Hals mit solcher Gewalt, daß sie purpurroth wurde. Sie empfand jetzt ein Gefühl, das sie bis dahin noch nicht gekannt hatte, und das sie, als sie mit Muße darüber nachdenken konnte, einige Geheimnisse lehrte, welche der Leser, wenn er sie nicht schon jetzt erräth, zu seiner Zeit auch erfahren wird. Sophie eröffnete ihm, sobald sie sprechen konnte (was nicht sogleich geschah), daß die Gefälligkeit, um die sie ihn bitte, die wäre, ihren Vater bei der Jagd nicht in so viele Gefahren zu verleiten, denn nach dem, was sie gehört habe, sei sie jedesmal sehr ängstlich, wenn sie mit einander ausritten und erwartete jeden Tag, man werde ihren Vater einmal mit zerbrochenen Gliedmaßen nach Hause bringen. Sie ersuche ihn deshalb, um ihretwillen vorsichtiger zu sein und, da sie wisse, daß Western ihm folgen würde, nicht so toll zu reiten und in Zukunft namentlich keine so gefährlichen Sprünge mit dem Pferde zu machen. Tom versprach, ihren Befehlen zu gehorchen, dankte ihr sodann nochmals für die freundliche Bewilligung seines Gesuchs, nahm Abschied und entfernte sich hocherfreut über sein Glück. Die arme Sophie war auch erfreut, aber in anderer, ganz verschiedener Weise. Ihre Gefühle wird indeß der Leser oder die Leserin durch das eigene Herz besser zu würdigen wissen, als ich sie schildern kann, hätte ich auch so viele Zungen, als sich jemals ein Dichter wünschte, wahrscheinlich um die vielen kostbaren Dinge zu genießen, mit denen er so reichlich versorgt ist. Herr Western pflegte nach Tische, wenn er etwas betrunken war, seine Tochter auf der Harfe spielen zu hören, 157 denn er liebte die Musik sehr und würde, hätte er in einer Stadt gelebt, vielleicht für einen Kenner gegolten haben, denn er machte stets Einwendungen gegen die schönsten Compositionen Händel's. Er liebte keine andere Musik als die leichte und melodienreiche und hatte nichts lieber als einige alte englische Volkslieder. Seine Tochter nun, die zwar eine vollkommene Kennerin der Musik war und ihrem Geschmacke nach nur Händel'sche gespielt haben würde, achtete so sehr auf ihres Vaters Vergnügen, daß sie alle jene Lieder lernte, um ihm einen Gefallen zu erzeigen. Diesen Abend, als Western seiner Flasche überdrüssig war, spielte sie alle seine Lieblingsstücke dreimal durch, ohne sich darum bitten zu lassen. Dies gefiel dem guten Squire so sehr, daß er von dem Canapee aufsprang, seiner Tochter einen Kuß gab und versicherte, sie habe sich seit einiger Zeit im Spiele sehr vervollkommnet. Sie benutzte diese Gelegenheit, um ihr Tom gegebenes Versprechen zu lösen, und es gelang ihr auch so wohl, daß der Squire erklärte, wenn sie ihm noch eines seiner Lieblingslieder spiele, würde er den nächsten Morgen die Klage gegen den Jäger zurücknehmen. Das Lied wurde also noch ein und noch einmal gespielt, bis der Zauber der Musik den alten Herrn in Schlaf lullte. Am nächsten Morgen verfehlte Sophie nicht, ihn an sein Versprechen zu erinnern, und der Squire ließ auch seinem Advocaten sogleich sagen, er möge in der Sache gegen den Jäger nicht weiter vorschreiten, sondern dieselbe niederschlagen. Tom's Erfolg in dieser Sache wurde bald in der ganzen Gegend bekannt und man sprach verschiedene Meinungen darüber aus; einige rühmten seine Handlung als höchst lobenswerth, andere lachten höhnisch und sagten, es sei kein Wunder, wenn ein Taugenichts den andern liebe. Der 158 junge Blifil zumal war höchst erbittert. Er hatte lange den schwarzen Georg in demselben Maße gehaßt, wie Jones ihn liebte, nicht weil derselbe ihm jemals etwas zu Leide gethan, sondern in Folge seiner großen Liebe für Religion und Tugend, denn der schwarze Georg stand in dem Rufe, keineswegs religiös zu sein. Blifil meinte also, diese Handlung Tom's sei zum Trotz gegen Allworthy geschehen und erklärte mit großer Betrübniß, es sei kein anderer Grund zu erdenken, warum er einem so schlechten Menschen so viel Gutes erweise. Thwackum und Square sprachen eben so. Sie waren jetzt (besonders der letztere) auf den jungen Jones wegen der Wittwe höchst eifersüchtig, denn er näherte sich dem zwanzigsten Jahre, war wirklich ein hübscher junger Mann und die Dame schien ihn wirklich jeden Tag mehr für einen solchen zu halten. Allworthy ließ sich durch ihre Böswilligkeit nicht bewegen. Er erklärte vielmehr, er sei über das, was Jones gethan habe, sehr erfreut, und die Ausdauer, die Redlichkeit der Freundschaft verdiene alles Lob und äußerte zuletzt, er wünsche, er könne häufiger Beispiele von dieser Tugend sehen. Das Schicksal, das selten solche Menschen liebt, wie unsern Freund Tom, wahrscheinlich weil dieselben ihm nicht mehr Huldigungen darbringen, gab indeß allen seinen Handlungen eine ganz andere Wendung und zeigte sie dem Herrn Allworthy in einem weit ungünstigeren Lichte, als der gute Herr dieselben bis dahin betrachtet hatte. Sechstes Kapitel. Eine Entschuldigung der Unempfänglichkeit des Jones für die Reize der liebenswürdigen Sophie, wobei wir vielleicht seinen Character in der Achtung vieler Leser um ein Bedeutendes herabsetzen. Es giebt zwei Arten von Menschen, die, wie ich fürchte, meinen Helden wegen seines Benehmens gegen Sophien bereits einigermaßen verachten. Die erstern werden ihn darum tadeln, daß er eine Gelegenheit vernachlässigte, in Besitz des Vermögens Western's zu kommen, und die letztern sehen ihn wahrscheinlich über die Achsel an wegen seiner Unempfindlichkeit einem so schönen Mädchen gegenüber, das ja bereit schien, ihm in die Arme zu sinken, wenn er sie ihr nur öffnen wollte. Ob ich nun gleich schwerlich im Stande sein werde, ihn von diesen beiden Beschuldigungen ganz frei zu sprechen (denn der Mangel an Klugheit läßt keine Entschuldigung zu und das, was ich gegen die letztere Beschuldigung vorbringen werde, dürfte wahrscheinlich nicht gnügen), so werde ich doch die Sache darlegen, wie sie ist und dem Leser überlassen, die Entscheidung auszusprechen. Jones hatte etwas an sich, das, obgleich die Schriftsteller über den Namen nicht ganz einig sind, sich gewiß in mancher Menschenbrust findet und nicht eigentlich dazu dient, das Recht von Unrecht zu unterscheiden, als vielmehr zu dem Erstern hinzutreiben und von dem Letztern zurückzuhalten. Um eine recht hohe Idee von dem zu geben, was ich meine, kann man sagen, es sitze auf seinem Throne in der Seele, wie der Lord-Canzler von England in seinem Gerichtshofe, und es leitet, regiert, lenkt, richtet, spricht frei und verurtheilt nach Verdienst und Gerechtigkeit mit einer Kenntniß, der nichts entgehen kann, mit einem 160 Scharfsinne, den nichts zu täuschen vermag, und mit einer Rechtlichkeit, die durch nichts zu bestechen ist. Dieses Etwas kann auch die wesentlichste Schranke zwischen uns und unsern Nächsten, den Thieren, genannt werden; denn wenn es Einige in Menschengestalt giebt, die nicht unter solcher Herrschaft stehen, so möchte ich lieber sagen, sie sind von uns zu unsern Nächsten übergegangen, unter denen sie das Schicksal der Deserteure tragen und nicht in die erste Reihe werden gestellt werden. Unser Held stand, – ich will es nicht untersuchen, ob es von Thwackum oder Square ausgebildet worden war, – stark unter der Leitung dieses Gefühles, denn ob er gleich nicht immer recht handelte, so that er doch nie das Gegentheil, ohne es tief zu empfinden und dafür zu leiden. Dieses Gefühl sagte ihm, nur der gemeinste und niederträchtigste Dieb könne die Artigkeiten und kleinen Gefälligkeiten der Gastfreundschaft dadurch vergelten, daß er das Haus bestehle, in welchem er dieselben empfange. Auch glaubte er nicht, daß die Abscheulichkeit dieser That durch die Größe des zugefügten Schadens verringert werde; im Gegentheile, wenn es Tod und Schande verdiene, eines andern Silbergeschirr zu stehlen, ließe sich, seiner Meinung nach, gar keine angemessene Strafe für den denken, welcher einem Manne sein ganzes Vermögen und die Tochter obendrein entwende. Dieses Gefühl hielt ihn also von dem Gedanken fern, sein Glück auf diese Weise zu machen. Wäre er in Sophien sehr verliebt gewesen, so hätte er vielleicht anders gedacht; aber man erlaube mir die Bemerkung, es ist ein großer Unterschied, mit der Tochter eines Mannes aus Liebe zu entfliehen, und dasselbe aus Gewinnsucht zu thun. Obgleich nun der junge Mann für die Reize Sophiens nicht unempfindlich war, ob ihm gleich ihre Schönheit sehr 161 wohl gefiel und er ihre andern Eigenschaften hoch achtete so hatte sie doch keinen tiefen Eindruck auf sein Herz gemacht. Dies müssen wir erklären, um ihn nicht der Dummheit oder wenigstens des Mangels an Geschmack beschuldigen zu lassen. Um es mit einem Worte zu sagen, ein anderes Mädchen besaß bereits sein Herz. Der Leser wird sich gewiß wundern, daß wir diesen Umstand so lange verschwiegen haben, und nicht errathen können, wer dies Mädchen wohl sein möge, da wir bis jetzt keine erwähnt haben, die wohl eine Nebenbuhlerin Sophiens sein könnte. Im Bezug auf Madame Blifil haben wir, ob wir gleich einige Andeutungen von ihrer Vorliebe für Tom erwähnen mußten, bis jetzt nichts gesagt, woraus man schließen könnte, daß auch er eine Vorliebe für sie empfunden hätte. Ich muß leider sogar bemerken, daß junge Leute beiderlei Geschlechtes nur zu häufig undankbar für die Zuneigung sind, mit welcher sie bisweilen von ältern Personen beehrt werden. Damit der Leser nicht länger in Ungewißheit bleibe, wollen wir ihn daran erinnern, daß wir die Familie Georg Seagrim's (des Jägers, gewöhnlich der schwarze Georg genannt), erwähnt haben, die gegenwärtig aus seiner Frau und fünf Kindern bestand. Das zweite dieser Kinder war ein Mädchen, Molly mit Namen, die für eines der hübschesten in der ganzen Umgegend galt. Congreve sagt, es liege in der wahren Schönheit etwas, das von gemeinen Seelen nicht bewundert werden könne; eben so wenig vermögen Lumpen und Schmuz dieses Etwas vor den Seelen zu verbergen, die nicht gemeinen Schlages sind. Die Schönheit des Mädchens machte indeß keinen Eindruck auf Tom bis sie sechszehn Jahre zählte. Da fing Tom, der beinahe drei Jahre älter war, an, zärtliche 162 Blicke auf sie zu werfen. Diese seine Liebe besaß das Mädchen lange, bevor er sich zu dem Versuche entschließen konnte auch ihre Person zu erhalten, denn obgleich das Herz ihn gewaltig dazu trieb, so hielten ihn doch seine Grundsätze mit nicht minderer Gewalt zurück. Ein junges Mädchen zu verführen, von wie niedrigem Stande sie auch sein möge, hielt er für ein abscheuliches Verbrechen; das Wohlwollen, das er für den Vater empfand, und das Mitleid, das er für die Familie fühlte, bestärkten ihn in diesem verständigen Gedanken, so daß er sich einmal sogar vornahm, seine Neigung zu bekämpfen, und auch wirklich drei Monate lang weder in das Haus Seagrim's kam, noch dessen Tochter sah. Obgleich nun, wie bereits erwähnt, Molly allgemein für ein sehr hübsches Mädchen galt und es auch wirklich war, so konnte ihre Schönheit doch nicht eigentlich liebenswürdig genannt werden. Das Mädchen hatte wirklich sehr wenig Weibliches an sich und ihre Schönheit würde einen Mann eben so sehr geziert haben, da, die Wahrheit zu sagen, Jugend und blühende Gesundheit einen großen Theil derselben ausmachten. Ihr Geist war nicht weiblicher als ihr Körper. Wie der letztere groß und stark, war der erstere kühn und ungestüm. Von Züchtigkeit hatte sie so wenig, daß Jones mehr Werth auf ihre Tugend legte als sie selbst. Da Tom ihr wahrscheinlich eben so gefiel, wie sie ihm, so ging sie ihm in dem Verhältnisse entgegen, wie sie ihn zurückweichen sah, und als sie bemerkte, daß er das Haus ganz mied, fand sie Mittel, ihm in den Weg zu treten und sie benahm sich so, daß der junge Mann sehr viel oder sehr wenig von dem Helden gehabt haben müßte, wären ihre Bemühungen nutzlos gewesen. Mit einem Worte, sie besiegte bald alle tugendhaften 163 Entschlüsse Tom's, denn ob sie gleich zuletzt jedes züchtige Widerstreben zeigte, so glaube ich doch, ihr den Triumph zuschreiben zu müssen, weil es ihre Absicht war, die auch gelang. Molly spielte ihre Rolle so gut, daß Jones die Eroberung ausschließlich sich selbst zuschrieb und der Meinung war, das Mädchen habe nur den heftigen Angriffen seiner Leidenschaft nachgegeben. Auch schrieb er dieses ihr Nachgeben ihrer Liebe zu ihm zu. Dies ist, wie der Leser gewiß zugeben wird, eine sehr natürliche und wahrscheinliche Vermuthung, da wir seine ungewöhnlich hübsche Persönlichkeit schon mehr als einmal erwähnt haben und er auch wirklich einer der schönsten jungen Männer war. Wie es Gemüther giebt, deren Zuneigung, wie es bei dem jungen Blifil der Fall war, sich ausschließlich auf eine einzelne Person beschränkt, welche nur die Theilnahme und Nachsicht dieser bei jeder Gelegenheit berücksichtigen und das Wohl und Wehe aller andern für ganz gleichgültig halten, insofern sie nicht zu dem Vergnügen und Vortheile dieser Person beitragen; so giebt es wiederum andere, welche selbst dem Eigennutze eine gewisse Tugend zuschreiben. Diese können keine Gefälligkeit von andern Menschen empfangen, ohne diese dafür zu lieben und für das Wohlergehen derselben auf jede Weise besorgt zu sein. Zu dieser letztern Art gehörte unser Held. Er glaubte, er sei die Ursache gewesen, daß das Glück oder Unglück dieses armen Mädchens von ihm abhänge. Ihre Schönheit war noch der Gegenstand des Verlangens, obgleich größere Schönheit oder ein neuerer Gegenstand dies in höherm Maße gewesen sein würde; die geringe Abnahme aber, welche der Genuß hier veranlaßt hatte, wurde durch die Berücksichtigung der Liebe, die sie sichtbar für ihn empfand und des Zustandes aufgewogen, in den er sie gebracht hatte. 164 Die erstere erregte Dankbarkeit, die letztere Mitleid und beide, in Verbindung mit dem Verlangen nach ihrer Person, erzeugten in ihm eine Leidenschaft, die, ohne dem Worte große Gewalt anzuthun, wohl Liebe genannt werden konnte. Dies also war der eigentliche Grund jener Unempfindlichkeit, die er gegen die Reize Sophiens und gegen ihr Benehmen gezeigt hatte, das man mit vollem Rechte für eine Ermuthigung seiner Bewerbung hätte ansehen können; denn wie er nicht daran denken konnte, die arme Molly zu verlassen, so war er auch nicht im Stande, ein Mädchen wie Sophien zu hintergehen. Hätte er irgend einer leidenschaftlichen Zuneigung für dieses junge Mädchen Raum gegeben, so mußte er sich nothwendig eines dieser Verbrechen schuldig machen und jedes derselben würde ihn meiner Meinung nach mit Recht dem Schicksale ausgesetzt haben, das man ihm allgemein prophezeihete, wie ich im ersten Eingange zu dieser Geschichte erwähnt habe. Siebentes Kapitel. Das kürzeste Kapitel in diesem Buche. Ihre Mutter bemerkte die Veränderung in der Gestalt Molly's zuerst, und um dieselbe vor den Nachbarn zu verbergen, kleidete sie dieselbe thörichter Weise in den Sack, welchen ihr Sophie geschickt hatte, obgleich diese nicht im mindesten gefürchtet hatte, die arme Frau werde schwach genug sein, eine ihrer Töchter denselben in dieser Gestalt tragen zu lassen. Molly war entzückt über die erste Gelegenheit, die sie fand, ihre Schönheit zu ihrem Vortheile zeigen zu können, denn ob sie sich gleich gern im Spiegel betrachtete, auch wenn sie mit Lumpen bekleidet war und ob sie gleich in 165 dieser Tracht das Herz des jungen Jones und vielleicht das anderer gewonnen hatte, so meinte sie doch, etwas Putz würde ihre Reize erhöhen und ihre Eroberungen vermehren. So in diesen Sack gekleidet, mit einer neuen Spitzenmütze und einigem andern Putze, den sie von Tom erhalten hatte, begab sich Molly, den Fächer in der Hand, am nächsten Sonntage in die Kirche. Die Großen irren sich, wenn sie meinen, allein Ehrgeiz und Eitelkeit zu besitzen. Diese edeln Eigenschaften zeigen sich so deutlich in einer Dorfkirche als in einem Gesellschaftszimmer. Es sind in der Sacristei Pläne entworfen worden, die schwerlich dem Concave zur Schande gereichten. Es giebt hier ein Ministerium und eine Opposition. Man findet Cabalen, Intriguen, Parteien und Factionen wie an Höfen. Auch sind die Frauen hier nicht minder erfahren in den höchsten weiblichen Künsten als die Schönen, die an Rang und Vermögen über ihnen stehen. Es giebt Prüde und Coketten. Man findet Putz und Aeugeln, Falschheit, Neid, Bosheit, kurz alles, was sich in der glänzendsten Versammlung und in dem gebildetsten Cirkel zeigt. Mögen also die Hochgestellten die Unwissenheit der niedriger Stehenden nicht länger verachten und die gemeinen Leute nicht länger über die Laster der Vornehmen spotten. Molly hatte sich eine Zeit lang gesetzt, ehe sie von ihren Nachbarn erkannt wurde; dann erhob sich in der ganzen Versammlung ein Geflüster: »wer ist sie?« Als man sie endlich erkannt hatte, folgte ein solches Kichern, Zischeln und Lachen unter den Weibern, daß Herr Allworthy sein Ansehen brauchen mußte, um den Anstand unter ihnen aufrecht zu erhalten. Achtes Kapitel. Ein Kampf, den die Muse im Homerischen Style besingt und der nur dem mit den Classikern vertrauten Leser zusagen kann. Herr Western hatte ein Gut in diesem Kirchspiele, und da sein Haus etwas weiter von dieser Kirche entfernt stand als von seiner eigenen, so wohnte er dem Gottesdienste häufiger hier bei. Auch diesmal war er mit der liebenswürdigen Sophie anwesend. Sophie freute sich über die Schönheit des Mädchens, die sie aber der Einfalt wegen bemitleidete, indem sie sich so gekleidet hatte. Kaum war sie nach Hause zurückgekommen, als sie zu dem Jäger schickte und demselben befahl, seine Tochter zu ihr zu bringen, da sie diese in dem Hause unterbringen und vielleicht um sich selbst behalten wolle, sobald ihr Kammermädchen abgezogen sein würde. Der arme Seagrim erschrak gewaltig darüber, da er die Veränderung an seiner Tochter recht wohl auch bemerkt hatte. Er antwortete deshalb stotternd, er fürchte, Molly werde zu ungeschickt und linkisch sein, um die Dame zu bedienen. »Das schadet nichts,« fiel Sophie ein; »sie wird es bald lernen. Mir gefällt das Mädchen und ich bin entschlossen, es mit ihr zu versuchen.« Der Jäger kehrte zu seiner Frau zurück, durch deren klugen Rath er sich aus der Verlegenheit zu helfen gedachte; als er aber dahin kam, fand er sein Haus in einiger Verwirrung. Das Kleid hatte so großen Neid erregt, daß nach der Entfernung des Herrn Allworthy und der andern vornehmen Personen aus der Kirche, die Wuth, die bis dahin im Zaume gehalten worden war, losbrach. Anfangs äußerte sie sich in Schmähworten, Lachen, Zischen und Gebereden, bald aber griff sie zu Wurfwaffen, die bildsamer Natur waren und zwar weder das Leben noch die Glieder 167 gefährdeten, aber einem anständig gekleideten Mädchen doch gefährlich genug waren. Molly besaß zu viel Muth, um eine solche Behandlung ruhig zu ertragen. Als sie also – doch halt, da wir unsern eigenen Fähigkeiten nicht trauen, müssen wir eine höhere Macht zu unserm Beistande anrufen. Ihr Musen also, wer Ihr auch sein möget, die Ihr gern Kämpfe und Schlachten besingt, Du namentlich, die Du weiland das Gemetzel auf den Feldern erzähltest, wo Hudibras und Trulla fochten, stehe mir bei bei dieser wichtigen Gelegenheit. Nicht Alle vermögen Alles. Wie eine große Heerde Kühe in dem Hofe eines reichen Pächters, wenn sie, während sie gemolken werden, in einiger Entfernung ihre Kälber kläglich schreien hören, laut brüllen, so erhob der Pöbel von Somersetshire ein Geschrei von fast eben so vielen verschiedenen Tönen, als Personen oder vielmehr Leidenschaften da waren. Einige wurden durch Wuth angetrieben, andere fühlten Furcht und noch andere sannen blos auf Spaß; hauptsächlich aber stürzte der Neid, der Bruder des Satans, und dessen beständiger Begleiter, unter die Menge und schürte die Wuth der Weiber, die Molly alsbald mit Schmuz und Kehricht warfen. Molly drehete sich um, nachdem sie versucht hatte, sich ruhig zurückzuziehen, ergriff die zerlumpte Elisabeth, die an der Front des Feindes ankam, und warf sie mit einem Schlage zu Boden. Die ganze Feindesschaar, obgleich nahe an hundert Köpfe stark, wich bei dem Anblicke des Schicksals der Führerin einige Schritte zurück hinter ein neugegrabenes Grab, denn der Gottesacker, wo am Abend ein Begräbniß stattfinden sollte, war der Kampfplatz. Molly verfolgte ihren Sieg, ergriff einen Schädel, der neben dem Grabe lag und warf ihn so gewaltig unter ihre Feinde und an den Kopf eines Schneiders, daß die beiden Schädel mit hohlem Klange aneinanderschlugen und der Schneider 168 zu Boden fiel, wo die beiden Schädel neben einander lagen, ohne daß zu ermitteln war, welcher von beiden der beste sei. Molly ergriff darauf einen Schenkelknochen, drang in die fliehenden Reihen ein, theilte freigebig Hiebe aus und warf manchen Helden und manche Heldin nieder. Nenne, o Muse, die Namen derer, welche an diesem verderblichen Tage fielen. Zuerst fühlte Jemmy Tweedle den entsetzlichen Knochen an seinem Hinterhaupte. Ihn hatten die lieblichen Ufer des sanft sich schlängelnden Stour genährt, wo er zuerst die Kunst des Singens erlernte, mit welcher er, auf Märkten umherziehend, die Dorfnymphen und ihre Geliebten erfreute, wenn sie im Grünen den fröhlichen Tanz flochten und er fiedelnd und hüpfend dabei stand. Wie wenig nützt ihm nun seine Fiedel. Er sank auf den grünen Rasen nieder. Dann empfing der alte Echepole, der Schweineschneider, von der Heldin einen Schlag an die Stirn und fiel sogleich zu Boden. Es war ein dicker fetter Mann und die Erde erbebte von seinem Falle. Aus seiner Tasche entfiel ihm zugleich seine Tabaksdose, die Molly als gute Beute aufhob. Dann stolperte Käthe aus der Mühle unglücklicherweise über einen Grabstein, der ihren nicht festgebundenen Strumpf faßte und die Ordnung der Natur umkehrte, so daß die Beine zu oberst kamen. Lieschen Pippin und ihr Liebhaber, der junge Roger, fielen zu gleicher Zeit und aufeinander. Tom Freckle, der Sohn des Schmidts, war das nächste Opfer ihres Zornes. Wäre er in der Kirche geblieben, so würde er kein Loch in den Schädel erhalten haben. Mamsell Crow, die Tochter eines Pächters; Johann Giddish, ein Pächter; Aennchen Slouch, Esther Codling, Wilhelm Spray und Thomas Bennet, die drei Schwestern Potter, deren Vater den rothen Löwen besitzt, und mehrere andere geringere Leute lagen unter den Gräbern umher. 169 Der kräftige Arm Molly's hatte nicht alle diese getroffen, viele hatten einander auf der Flucht zu Boden gerannt. Das Glück, das wohl fürchten mochte, seinem Character untreu geworden zu sein und zu lange sich auf dieselbe Seite geneigt zu haben, zumal es die rechte war, wendete sich jetzt plötzlich, und zwar durch die gute Frau Brown, welche Ezechiel Brown in seinen Armen zu halten pflegte und nicht er allein, sondern außerdem das halbe Kirchspiel, und die nicht minder unter der Fahne des Mars als unter jener der Venus sich auszeichnete. Die Trophäen aus beiderlei Kämpfen trug ihr Ehemann fortwährend an Kopf und Gesicht an sich; denn wenn jemals ein männlicher Kopf, durch die Hörner daran, die Liebestriumphe eines Weibes anzeigte, so war es der Ezechiel's, dessen zerkratztes Gesicht nicht minder deutlich von ihren andern Talenten sprach. Diese Amazone konnte die Flucht ihrer Partei nicht länger ertragen. Sie blieb stehen, rief den Fliehenden laut zu und sprach: »Ihr Männer oder vielmehr Ihr Weiber von Somersetshire, schämt Ihr Euch nicht, so vor einer Einzigen zu fliehen? Wenn keine andere sich widersetzt, so werde ich und Johanna Top hier allein die Ehre des Sieges haben.« Nach diesen Worten trat sie Molly Seagrim entgegen, der sie leicht den Todtenknochen aus der Hand wand, während sie ihr zugleich das Häubchen vom Kopfe riß. Dann faßte sie mit der linken Hand Molly's Haar und schlug sie mit der rechten so kräftig in das Gesicht, daß das Blut bald aus der Nase floß. Molly war unterdeß nicht müßig. Sie riß der Frau Brown bald die Mütze ab, faßte dann deren Haar mit einer Hand und rief mit der andern einen blutigen Strom aus der Nase der Gegnerin hervor. Als jede der Kämpfenden der Gegnerin Haare genug vom Kopfe gerissen hatte, wendete sich die Wuth gegen die Kleidungsstücke und bei diesem Angriffe zeigten sie so 170 große Heftigkeit, daß beide nach wenigen Minuten bis zur Mitte des Leibes nackt waren. Es ist ein Glück, daß das Ziel bei Faustkämpfen bei den Frauen nicht dasselbe ist wie bei den Männern, denn wenn sie auch von ihrem Geschlechte sich etwas zu entfernen scheinen, sobald sie zum Handgemenge kommen, so habe ich doch nie bemerkt, daß sie sich so weit vergäßen, eine der andern Busen anzugreifen, wo einige Schläge den meisten derselben verderblich sein würden. Dies erklären einige, wie ich weiß, dadurch, daß sie behaupten, sie wären blutdürstiger als die Männer, weshalb sie ihren Angriff gegen die Nase richteten, als den Theil, von welchem am leichtesten Blut zu erhalten ist; dies scheint mir aber zu weit hergeholt zu sein. Die Frau Brown war in diesem Stücke im Vortheile gegen Molly, da sie eigentlich gar keine Brüste hatte; ihr Busen (wenn man es so nennen darf), glich der Farbe wie einigen andern Eigenschaften nach einem alten Pergamentstücke, auf das man lange trommeln konnte, ohne ihr irgend großen Schaden zu thun. Molly dagegen war, ihren unglücklichen Zustand abgerechnet, in diesen Theilen ganz anders gebildet und hätte vielleicht in der Brown dadurch die Lust geweckt, ihr einen verderblichen Schlag zu versetzen, wäre nicht der blutige Auftritt durch die glückliche Ankunft Tom Jones in diesem Augenblicke beendiget worden. Dieser glückliche Zufall war dem Herrn Square zu verdanken, denn er war mit Blifil und Jones nach der Kirche zu Pferde gestiegen, um einen Spazierritt zu machen. Nachdem sie einige Minuten weit geritten, änderte Square seinen Sinn (nicht ohne Ursache, wie wir angeben werden, sobald wir Zeit dazu haben) und forderte die jungen Männer auf, mit ihm einen andern Weg zu 171 reiten. Diese willigten ein und so kamen sie auf den Kirchhof zurück. Blifil, der voranritt, hielt, als er die Menge Leute und zwei Frauenzimmer im Kampfe sah, das Pferd an, um zu fragen, was es gebe. Ein Bauer antwortete, indem er sich hinter den Ohren kratzte: »ich weiß es so eigentlich nicht, was es giebt; die Brown und die Moll Seagrim haben sich gezauset.« – »Wer? wer?« rief Tom, stieg aber, ohne eine Antwort abzuwarten, sobald er seine Molly in dem traurigen Zustande erkannt hatte, rasch vom Pferde, sprang über die Mauer und eilte zu ihr. Sie erzählte ihm mit Thränen in den Augen, wie grausam sie behandelt worden sei und er gab, ohne Rücksicht auf das Geschlecht der Brown, das er in der Wuth vielleicht auch nicht erkannte, da sie wirklich außer dem Kleide nichts Weibliches hatte, derselben einen oder ein Paar Hiebe mit der Reitgerte. Dann wendete er sich an die Menge, die sammt und sonders von Molly angeklagt worden war, und theilte seine Hiebe so reichlich nach allen Seiten hin aus, daß es mir unmöglich sein würde, dieses Auspeitschen gnügend zu schildern, ich müßte denn die Muse noch einmal anrufen, was der einsichtsvolle Leser gewiß auch für zuviel halten wird. Nachdem er das Feld von dem Feinde geräumt hatte, wie es je einer der Helden Homers oder Don Quixote oder irgend ein anderer irrender Ritter gethan haben konnte, kehrte er zur Molly zurück, die er in einem Zustande fand, dessen Beschreibung mir und dem Leser peinlich sein würde. Tom wüthete wie ein Wahnsinniger, schlug sich an die Brust, raufte sich das Haar aus, stampfte auf den Boden und schwur allen Betheiligten die gräßlichste Rache. Dann zog er den Rock aus und denselben ihr an, setzte ihr seinen Hut auf, wischte ihr so gut als möglich das Blut aus dem Gesichte und rief dem Bedienten zu, er möge so schnell als 172 möglich einen Frauensattel holen, damit er sie nach Hause bringen könnte. Blifil machte Einwendungen gegen das Fortschicken des Reitknechtes, weil sie nur einen bei sich hätten, da aber Square den Befehl Jones' unterstützte, so mußte er nachgeben. Der Reitknecht kam bald mit dem verlangten Sattel zurück, Molly nahm ihre Lumpen so gut als möglich zusammen und wurde hinter ihn gesetzt. Auf diese Weise wurde sie in Begleitung von Square, Blifil und Jones nach Hause gebracht. Hier verließ Jones seine Molly, nachdem er seinen Rock in Empfang genommen, ihr heimlich einen Kuß gegeben, und zugeflüstert hatte, er würde Abends wiederkommen und ritt seinen Gefährten nach. Neuntes Kapitel. Enthält Dinge nicht eben friedlicher Art. Molly hatte kaum ihren gewöhnlichen schlechten Anzug angelegt, als ihre Schwestern sich heftig über sie äußerten und besonders die älteste erklärte, es sei ihr schon recht geschehen. Warum habe sie sich angemaßt ein Kleid zu tragen, das das junge Fräulein Western der Mutter gegeben? »Wenn das Eine von uns tragen soll,« sagte sie, »so habe ich doch das größte Recht dazu; aber ich weiß, Du denkst, es gehöre Deiner Schönheit. Ich glaube, Du hältst Dich für hübscher als uns alle.« – »Gieb ihr doch das Stückchen Spiegel dort,« rief die andere; »ich würde doch erst das Blut aus dem Gesichte waschen, ehe ich von meiner Schönheit redete.« – »Du hättest besser gethan, wenn Du das beachtet hättest, was der Pfarrer sagt,« fiel die älteste ein, »als daß Du auf Männergeschwätz hörtest.« – 173 »Ja, Kind, das hat sie gethan,« sprach die Mutter schluchzend; »sie hat uns alle in Schande gebracht. Sie ist die Schlechteste in der Familie.« – »Du solltest mich darum nicht schelten, Mutter,« antwortete Molly, »Du kamst ja selbst mit der Schwester da eine Woche nach Deiner Hochzeit nieder.« – »Ja, Du Nickel,« entgegnete die erzürnte Mutter, »und war dies ein so großes Verbrechen? Ich war damals eine ehrbare Frau; würdest Du auch eine ehrbare Frau werden, so wollte ich nicht böse sein; aber Du mußtest es mit einem vornehmen Herrn zu thun haben, Du Nickel; Du wirst ein Hurkind in die Welt setzen und das sage einmal Jemand von mir!« So fand der schwarze Georg seine Familie, als er nach Hause zurückkam. Da seine Frau und drei Töchter zu gleicher Zeit sprachen und ziemlich laut, so verging einige Zeit, ehe er eine Gelegenheit fand, sich hörbar zu machen; sobald aber eine Pause eintrat, theilte er der Gesellschaft mit, was Sophie ihm gesagt hatte. Mutter Seagrim fing darauf von neuem an, ihre Tochter zu schelten. »Nun,« sagte sie, »da hast Du uns in eine schöne Verlegenheit gebracht. Was wird das Fräulein von dem dicken Leibe da sagen? Ach daß ich das erleben mußte! Molly antwortete muthig und unverzagt: »und was ist denn das für eine gewaltige Stelle, die Du für mich erhalten hast, Vater?« (Sie wußte nicht, was Sophie mit den Worten sagen wollte, »um ihre Person.«) »Ich soll wohl der Köchin an die Hand gehen, aber ich werde für Niemanden aufwaschen. Mein Geliebter wird anders für mich sorgen. Seht da, was er mir heute gegeben hat. Er versprach mir, es solle mir nie an Geld fehlen, und Dir auch nicht, Mutter, wenn Du still sein willst.« Dabei zog sie einige Guineen hervor und gab der Mutter eine davon. 174 Die gute Frau fühlte kaum das Gold in der Hand, als ihr Zorn sich besänftigte, so groß ist die Wirkung dieser Panacee . »Nun, Mann,« sagte sie, »nur ein Esel wie Du kann nicht fragen, was für ein Posten es ist, ehe er ihn annimmt. Es kann in der Küche sein, wie Molly sagt, und meine Tochter soll kein Küchenmensch werden, so arm ich auch bin, denn ich bin von gutem Stande. Wenn ich mir auch, als mein Vater, ein Geistlicher, starb und ich keinen Pfennig zur Mitgift erhalten konnte, etwas vergeben und einen armen Mann heirathen mußte, so vergesse man doch nicht, daß ich über allen solchen Dingen stehe. Das Fräulein Western möge doch ja bedenken, wer ihr Großvater war. Manche aus meiner Familie fuhren in der Kutsche, wenn die Großväter mancher Leute zu Fuße gingen. Ich glaube, sie meint wunder wie viel gethan zu haben, als sie uns das alte Kleid schickte; manche aus meiner Familie würden solche Lumpen nicht von der Straße aufgehoben haben; aber arme Leute werden immer gedrückt. Das Kirchspiel hätte nicht nöthig gehabt, solchen Lärm wegen der Molly zu machen. Du hättest den Leuten sagen sollen, Kind, Deine Großmutter habe Besseres neu aus dem Laden getragen.« »Alles gut,« fiel Georg ein, »aber bedenkt, welche Antwort soll ich dem Fräulein geben?« – »Ich weiß nicht, was wir antworten sollen,« sagte sie;»Du bringst Deine Familie immer in Noth und Verlegenheit. Denkst Du noch daran, wie Du das Rebhuhn geschossen hast, was alles unser Unglück veranlaßte? Rieth ich Dir nicht immer, das Revier des Squire Western nicht zu betreten? Habe ich Dir nicht viele Jahre vorher gesagt, was die Folge davon sein würde? Aber Du willst immer Deinen eigenen Weg gehen, schlechter Mann.« Der schwarze Georg war eigentlich ein friedfertiger 175 Mann, keineswegs übereilt und cholerisch; aber er hatte etwas Jähzorniges an sich, das seine Frau hätte fürchten sollen. Er kannte es lange aus Erfahrung, daß, wenn der Sturm sehr heftig ist, Gründe eben auch nur Wind sind, der ihn eher steigere als mindere. Er hatte deshalb meist immer eine Ruthe in der Hand, ein Mittel von wunderbarer Kraft, wie er oft erfahren, und dessen Anwendung durch den Ausdruck »schlechter Mann« angezeigt wurde. Er griff auch, sobald jenes Symptom sich gezeigt hatte, ohne Umstände zu dem erwähnten Mittel, das zwar (wie es bei jeder starken Medizin der Fall ist) im Anfange die Krankheit zu steigern und zu verschlimmern schien, bald aber eine völlige Beruhigung bewirkte. Es ist freilich eine Pferdecur, welche nur von einer sehr starken Constitution vertragen wird und sich deshalb blos für die gemeinen Leute eignet, ausgenommen in einem einzigen Falle, wenn z. B. bessere Herkunft sich geltend machen will. In diesem Falle dürfte es unserer Meinung nach von jedem Manne mit Erfolg angewendet werden, wäre eben diese Anwendung selbst nicht so gemein, daß sie die Hand, welche sich damit befaßt, tief erniedriget und entehrt. Die ganze Familie war bald wieder zu vollkommener Ruhe gelangt, denn die Wirksamkeit dieser Medicin wird oft, wie die Electricität, durch eine Person auch vielen andern mitgetheilt, welche das Instrument selbst nicht berührt. Ueberhaupt wäre es möglich, da beide durch Friction wirken, daß sie etwas mit einander gemein hätten. Es wurde darauf Rath gehalten und nach vielen Debatten beschlossen, da Molly sich fortwährend sträubte, in Dienst zu gehen, Frau Seagrim solle selbst zu Fräulein Western gehen und sich bemühen, die Stelle ihrer ältesten 176 Tochter zu verschaffen, die sich zur Annahme bereit erklärte; das Glück aber, das dieser kleinen Familie sehr feindlich gesinnt gewesen zu sein scheint, verhinderte später ihren Eintritt in diesen Posten. Zehntes Kapitel. Der Pfarrer Supple erzählt eine Geschichte. Der Scharfsinn des Squire Western. Seine große Liebe zu seiner Tochter und wie diese dieselbe erwiedert. Am nächsten Morgen jagte Tom Jones mit dem Herrn Western, der ihn nach der Zurückkunft einlud, bei ihm zu Tische zu bleiben. Die liebenswürdige Sophie war diesen Tag noch heiterer und witziger als gewöhnlich. Sie hatte ihre Batterien offenbar gegen unsern Helden gerichtet, ob sie gleich, wie ich glaube, ihre Absicht selbst nicht kannte. Hatte sie aber den Wunsch, ihn zu bezaubern, so gelang ihr es vollkommen. Supple, der Pfarrer in dem Dorfe Allworthy's, befand sich in der Gesellschaft. Er war ein gutmüthiger würdiger Mann, zeichnete sich aber bei Tische hauptsächlich durch seine Schweigsamkeit aus, obgleich sein Mund keineswegs verschlossen blieb. Er besaß mit einem Worte den trefflichsten Appetit von der Welt. Kaum war das Tischtuch weggenommen, so pflegte er sein Schweigen wieder gut zu machen, denn seine Gespräche waren oft unterhaltend und nie verletzend. Gleich bei seiner Ankunft, nämlich kurz vor dem Erscheinen des Roastbeef, hatte er angedeutet, daß er Neuigkeiten zu berichten habe; er wollte auch zu erzählen anfangen, daß er eben von Herrn Allworthy komme; der Anblick des Roastbeef machte ihn aber sogleich stumm. Er konnte nur 177 noch das Tischgebet sprechen und erklärte, er müsse vor allem dem herrlichen Braten die Ehre anthun. Nach Beendigung der Mahlzeit erinnerte ihn Sophie an seine Neuigkeiten und er begann: ich glaube, Sie haben gestern in der Kirche ein junges Mädchen bemerkt, die eines Ihrer fremdartigen Kleider trug, denn ich erinnere mich, Sie in einem solchen gesehen zu haben. Auf dem Lande sind indeß solche Anzüge rara avis in terris, nigroque simillima cygno, d. h. »ein seltener Vogel auf Erden, gleich wie ein schwarzer Schwan.« Die Stelle findet sich im Juvenal. Doch ich komme auf meine Erzählung zurück. Ich sagte eben, solche Anzüge wären bei uns selten; man hielt sie wohl für noch seltener an der Person, die sie trug, und die die Tochter des schwarzen Georg sein soll, Ihres Jägers, der in seiner Armuth wohl gelernt haben sollte, seine Mädchen nicht so bunt und auffallend zu kleiden. Sie brachte die Anwesenden so in Aufruhr, daß der Gottesdienst unterbrochen worden sein würde, hätte nicht Allworthy die Ruhe wieder hergestellt. Nachdem aber das Gebet vorüber war und ich mich entfernt hatte, gab es ein Handgemenge auf dem Kirchhofe, wobei unter andern der Kopf eines umherziehenden Geigers übel zugerichtet worden ist. Diesen Morgen meldete sich der Geiger bei dem Squire Allworthy und das Mädchen wurde vor denselben beschieden. Der Herr Allworthy hätte die Sache gern beigelegt, er bemerkte aber, daß das Mädchen (ich bitte das Fräulein um Entschuldigung), bald einen Bastard zur Welt bringen würde. Der Squire fragte sie, wer der Vater ihres Kindes sei und sie weigerte sich hartnäckig, darauf Antwort zu geben, so daß er sie eben einstecken lassen wollte, als ich fortging. »Und das ist alles?« fragte Western; »ich dachte, Sie hätten uns eine politische Neuigkeit zu erzählen.« 178 – »Ich fürchte freilich, daß es eine sehr gewöhnliche Sache ist,« entgegnete der Pfarrer; »meinte aber, die ganze Geschichte verdiene doch erwähnt zu werden. Die politischen Neuigkeiten sind Ew. Gnaden besser bekannt als mir. Meine Kenntnisse gehen nicht über mein Kirchspiel hinaus.« »Nun ja, ich glaube, ich verstehe etwas von den Dingen, wie Sie sagen. Aber, Tommy, kommen Sie und trinken Sie; die Flasche steht ja vor Ihnen.« Tom entschuldigte sich und sagte, er habe besondere Geschäfte vor. Dann stand er auf, entzog sich den Armen des Squire, der ihn zurückhalten wollte und ging ohne weiteres fort. Der Squire schickte ihm einen gutgemeinten Fluch nach, dann wendete er sich an den Pfarrer und sagte: »ich merke es, ich merke es. Tom ist gewiß der Vater des Kindes. Erinnern Sie sich, Herr Pfarrer, wie dringend er mir den Vater des Mädchens empfahl? Er ist klug! Tom ist der Vater des Kindes, es ist richtig.« »Das sollte mir Leid thun,« entgegnete der Pfarrer. – »Warum Leid thun?« fragte der Squire;»was ist denn das Großes? Haben Sie keinen Bastard in die Welt gesetzt? Nicht? Dann hast Du viel Glück gehabt und ich wette, daß Du deswegen des Guten viel gethan hast.« »Ew. Gnaden belieben zu scherzen,« antwortete der Pfarrer; »ich beziehe mich nicht blos auf das Sündhafte einer solchen Handlung, sondern fürchte auch, sie werde ihm bei Allworthy sehr zum Nachtheile gereichen. Ich gestehe, daß ich von dem jungen Manne bis jetzt nie etwas Uebeles gesehen und gehört habe, ob er gleich etwas wild sein mag. Ich wünsche freilich, er möchte in seinen Antworten in der Kirche etwas regelmäßiger sein, indeß er scheint Ingenui vultus puer ingenuique pudoris 179 »Das ist ein lateinischer Vers, mein Fräulein, und würde in der Uebersetzung etwa lauten: ein junger Mensch von offenem Gesichte und unverstellter Züchtigkeit. Es würde mir also Leid thun, wenn er sich in der Achtung des Herrn Allworthy schaden sollte.« »Bah!« entgegnete der Squire; »bei Allworthy schaden! Liebt nicht Allworthy selbst ein Mädchen? Weiß nicht die ganze Gegend, wessen Sohn Tom ist? Sie müssen in der Weise mit einem andern reden. Ich kenne Allworthy von der hohen Schule her.« – »Ich glaubte,« warf der Pfarrer ein, »er sei nie auf einer hohen Schule gewesen.« »Doch, doch,« entgegnete der Squire, »und wir haben manches Mädchen mit einander gehabt. Er läuft den Mädchen ärger nach als irgend Einer in der Runde von fünf Meilen. Nein, nein, es wird Tom bei ihm nicht schaden, glauben Sie mir, auch bei sonst Niemanden. Fragen Sie Sophien da – hast Du eine schlechte Meinung, Mädchen, von einem jungen Manne, der Vater eines Bastards wird? Nein, nein, gerade ein solcher gefällt den Weibern um so mehr.« Das war eine grausame Frage für die arme Sophie. Sie hatte gesehen, wie Tom die Farbe wechselte bei des Pfarrers Erzählung und daraus, so wie aus seinem schnellen Fortgehen schloß sie, die Vermuthung ihres Vaters möge nicht ohne Grund sein. Ihr Herz entdeckte ihr jetzt mir einem Male das große Geheimniß, das sich ihr bis jetzt nur allmälig enthüllt hatte und sie fand, daß sie bei der Sache sehr betheiliget sei. Bei dieser ihrer Lage brachte die Frage ihres Vaters einige Symptome hervor, welche ein argwöhnisches Herz hätten beunruhigen können; diesen Fehler besaß aber, wie wir gestehen müssen, ihr Vater nicht. Als sie also aufstand und ihm sagte, ein Wink von ihm reiche 180 stets hin, sie zu entfernen, ließ er sie fortgehen und bemerkte darauf sehr ernst, es sei besser, wenn ein Mädchen zu züchtig, als wenn es zu rücksichtslos sei, welchem Ausspruche der Pfarrer vollkommen beipflichtete. Es folgte nun zwischen dem Squire und dem Pfarrer ein vorzügliches politisches Gespräch nach Zeitungen und politischen Flugschriften, wobei sie vier Flaschen Wein auf das Wohl des Landes leerten. Als darauf der Squire einschlief, zündete der Pfarrer seine Pfeife an, bestieg sein Pferd und ritt heim. Nachdem der Squire ein halbes Stündchen geschlafen hatte, berief er seine Tochter zu der Harfe, sie bat aber, er möge sie für diesen Abend entschuldigen, weil sie von heftigen Kopfschmerzen gequält würde. Er gewährte ihr Nachsicht, denn sie hatte überhaupt selten Ursache, zweimal zu bitten, da er sie so sehr liebte, daß es ihm gewöhnlich selbst das größte Vergnügen machte, ihr ein Vergnügen machen zu können. Sie war, wie er sie auch häufig nannte, sein kleiner Liebling und sie verdiente es zu sein, da sie seine Liebe auf die umfassendste Weise erwiederte. Sie setzte nie eine Pflicht gegen ihn aus den Augen und die Liebe zu ihm machte ihr dies nicht blos leicht, sondern angenehm und wenn eine ihrer Freundinnen darüber lachte, daß sie so großen Werth auf den pünktlichsten Gehorsam lege, antwortete Sophie: »Du verkennst mich, wenn Du meinst, ich rechne dies mir zum Verdienste an, denn es macht mir Vergnügen, ungerechnet daß ich nur meine Pflicht thue. Ich kann mit Recht sagen, daß mir nichts mehr Freude macht, als zu dem Glücke meines Vaters beizutragen, und ich schätze mich glücklich, daß ich dies thun kann, nicht daß ich es thue.« An diesem Abende aber wurde es ihr unmöglich. Sie wünschte deshalb nicht blos von dem Harfenspiele entbunden 181 zu werden, sondern bat auch um die Erlaubniß, von dem Abendessen wegbleiben zu dürfen. Auch dieses Gesuch bewilligte der Squire, wenn auch mit einigem Widerstreben, denn er ließ sie selten aus den Augen, wenn er nicht mit seinen Pferden, seinen Hunden oder mir der Flasche beschäftiget war. Um nicht ganz allein zu sein, ließ er einen benachbarten Pächter einladen. Elftes Kapitel. Molly Seagrim entkommt mit Mühe. Einige Bemerkungen, um deretwillen wir tief in die Natur eingehen mußten. Tom Jones hatte diesen Morgen ein Pferd des Herrn Western geritten und da er kein eigenes in dem Stalle des Squire hatte, mußte er zu Fuße nach Hause gehen. Dies that er sehr rasch. Eben als er an dem Vorthore Allworthy's ankam, traf er den Gerichtsdiener mit Molly, die in das Haus gebracht werden sollte, wo gemeine Leute Achtung und Ehrfurcht vor den Höhern lernen können, da es ihnen den großen Unterschied zeigt, welcher das Vermögen zwischen denen macht, die wegen ihrer Fehltritte gestraft werden, und jenen, die keine Strafe finden. Lernen sie dies in dem Zuchthause nicht, so lernen sie daselbst schwerlich etwas anderes Gutes. Ein Advokat meint vielleicht, Herr Allworthy habe in diesem Falle seine Autorität etwas überschritten und ich zweifle wirklich auch, ob sein Benehmen streng nach der Regel war. Da indeß seine Absicht wahrhaft redlich war, so muß man ihn in foro conscientiae wohl entschuldigen, da die Justizbehörden, die keine solche Entschuldigung für sich haben, täglich so viele willkührliche Handlungen begehen. 182 Tom hatte von dem Gerichtsdiener kaum gehört, wohin sie sich begäben (er errieth es allerdings schon selbst), als er Molly in seine Arme nahm, sie zärtlich vor Allen küßte und hoch und theuer schwur, er würde den ermorden, der Hand an sie lege. Dann ersuchte er sie, sie möge ihre Thränen trocknen und tröstete sie, da er sie überall begleiten würde, wohin sie auch gehen möge. Endlich wendete er sich an den Gerichtsdiener, der, den Hut in der Hand, zitternd dabei stand, ersuchte ihn in sehr sanfter Stimme, nur auf einen Augenblick mit zu seinem Vater (so nannte er Allworthy immer) zurückzukehren, da das Mädchen gewiß würde entlassen werden, wenn er für sie gesprochen. Der Gerichtsdiener, der seine Gefangene wahrscheinlich ganz an Tom überlassen haben würde, willigte sogleich in das Verlangen. Sie begaben sich deshalb alle in Allworthy's Haus zurück, wo Tom sogleich den guten Herrn aufsuchte. Sobald derselbe gefunden war, warf sich Tom vor ihm auf die Knie nieder, bat um geduldiges Gehör und gestand, der Vater des Kindes zu sein, mit welchem Molly schwanger gehe. Er bat ihn, Mitleid mit dem armen Mädchen zu haben und zu bedenken, daß, wenn Jemand Schuld habe, sie hauptsächlich auf ihm, Tom, laste. »Wenn Jemand Schuld hat!« wiederholte Allworthy warm; »bist Du ein so tiefgesunkener Wollüstling, daß Du zweifelst, ob es eine Schuld sei, göttliche und menschliche Gesetze zu übertreten und ein armes Mädchen zu verführen und in das Unglück zu stürzen? Ich gestehe, sie lastet hauptsächlich auf Dir und so schwer, daß Du fürchten solltest, sie werde Dich erdrücken.« – »Was auch mein Schicksal sein möge, haben Sie Mitleid mit dem armen Mädchen. Ich gestehe es ein, ich habe sie verführt; ob sie aber in das Unglück gestürzt werden soll, hängt von Ihnen ab. Um des Himmels Willen, 183 nehmen Sie Ihren Ausspruch zurück und schicken Sie das Mädchen nicht an einen Ort, der unfehlbar ihr Verderben werden muß.« Allworthy gebot ihm, einen Diener zu rufen. Tom entgegnete, dies sei nicht nöthig, er habe sie zum Glücke am Thore getroffen und, im Vertrauen auf seine Güte, sogleich zurückgebracht in das Haus, wo sie nun seinen letzten Entschluß erwarteten, der, er bitte nochmals auf seinen Knien, zu Gunsten des Mädchen ausfallen möge, damit sie nach Hause zu ihren Aeltern zurückkehren dürfe und nicht einem noch größern Grade von Schmach und Hohn ausgesetzt werde, als sie ohnehin treffen müsse. »Ich weiß,« sagte er, »daß es zu viel ist; ich weiß, daß ich die übele Ursache davon bin. Ich will versuchen, den Fehler wo möglich wieder gut zu machen und wenn Sie später mir verzeihen wollen, hoffe ich dies zu verdienen.« Allworthy zögerte eine Zeit lang und sagte endlich: »nun wohl, ich will meinen Haftbefehl zurücknehmen. Du magst den Gerichtsdiener zu mir schicken.« Derselbe wurde sofort gerufen und entlassen wie das Mädchen. Man wird es wohl glauben, daß Allworthy dem Tom Jones bei dieser Gelegenheit sehr derb den Text las, wir halten es aber nicht für nöthig, seine Ermahnung hier mitzutheilen, da wir schon im ersten Buche getreu berichtet haben, was er zu Jenny Jones sagte. Das meiste davon paßt so gut auf Männer wie auf Mädchen. Diese Vorwürfe machten auch einen so tiefen Eindruck auf den jungen Mann, der kein verhärteter Sünder war, daß er sich in sein Zimmer begab und da den ganzen Abend in traurigen Betrachtungen allein verbrachte. Allworthy fühlte sich durch dieses Vergehen Tom's ziemlich verletzt, denn, was auch Western sagte, der würdige Mann hatte nie solche Vergnügungen bei Frauen gesucht 184 und beurtheilte das Laster der Unenthaltsamkeit bei andern sehr streng. Wir haben Grund zu glauben, daß an dem, was Western behauptete, nichts Wahres war, besonders da er den Schauplatz dieser Ausschweifungen auf die Universität verlegte, die Allworthy nie besucht hatte. Der gute Squire verfiel überhaupt sehr leicht in den Fehler der Aufschneiderei. Wie sehr nun aber auch Allworthy dieses oder jedes andere Laster verabscheuete, so ließ er sich doch nicht so sehr verblenden, daß er an der schuldigen Person nicht auch jede Tugend eben so deutlich erkannt hätte, als sei kein Laster damit verbunden. Während er also über die Ausschweifung Tom's zürnte, gefiel ihm dessen Ehrenhaftigkeit und Selbstanklage nicht minder. Er fing an, dieselbe Meinung von dem jungen Manne zu fassen, die, wie wir hoffen, unsere Leser bereits von demselben hegen. Und wenn er die Fehler mit den guten Eigenschaften abwog, schienen die letztern doch das Uebergewicht zu haben. Es nützte also nichts, daß Thwackum, dem Blifil die Geschichte sogleich erzählte, allem seinen Grolle gegen den armen Tom Luft machte. Allworthy hörte die Schmähungen geduldig an und antwortete sodann gelassen: Junge Männer von Tom's Temperamente verfielen meist in dieses Laster, er glaube aber, der junge Tom habe sich das, was er ihm bei dieser Gelegenheit gesagt, ernstlich zu Herzen genommen, und hoffe, daß er nie wieder in dieser Art sündigen würde. Die Tage der Züchtigung waren vorüber und der Lehrer konnte also seiner Galle auf keine andere Weise als durch seinen Mund Luft machen. Square dagegen war minder heftig, aber um so schlauer, und da er den Tom vielleicht noch mehr haßte als Thwackum, so bemühete er sich mit Erfolg, ihm in dem Herzen Allworthy's größern Schaden zu thun. 185 Der Leser muß sich der kleinen Vorfälle mit dem Rebhuhne, dem Pferde, der Bibel erinnern, die in dem zweiten Buche erzählt worden sind und durch welche Jones in der Liebe Allworthy's mehr gewonnen als verloren hatte. Dasselbe müßte ihm wohl bei jeder andern Person auch geschehen sein, die eine Idee von Freundschaft, Edelsinn und Großherzigkeit hatte, d. h. in dem eigenen Herzen Keime der Gutmüthigkeit besaß. Square kannte den wahren Eindruck recht wohl, den jene Beispiele von Gutherzigkeit auf den trefflichen Allworthy gemacht hatten, denn der Philosoph wußte recht gar wohl, was Tugend ist, ob er dieselbe gleich immer zu verfolgen schien. In Thwackum's Sinn, ich will nicht untersuchen, aus welchem Grunde, kamen niemals solche Gedanken; er erblickte Jones in schlechtem Lichte und glaubte, Allworthy sehe ihn ebenfalls in einem solchen, sei aber aus Stolz und Eigensinn zu dem Entschlusse gebracht worden, den Knaben, den er einst geliebt hatte, nicht aufzugeben, weil er, wenn er dies thue, stillschweigend anerkennen müsse, daß seine frühere Meinung von demselben eine falsche gewesen. Square benutzte also die Gelegenheit, Jones an dem empfindlichsten Theile zu verwunden, indem er alle jene frühern Vorfälle übel auslegte »Es thut mir leid, Herr,« sagte er, »daß ich gestehen muß, eben so wie Sie selbst getäuscht worden zu sein. Mir gefiel, ich bekenne es, das, was ich der Freundschaft zuschrieb, obgleich dieselbe etwas zu groß war und alles Uebermaß falsch und fehlerhaft ist; in diesem Falle rechnete ich es der Jugend zu Gute. Ich ahnete durchaus nicht, daß die Verheimlichung der Wahrheit, die nach unserer Meinung aus Freundschaft erfolgte, nur ein Opfer war, das einem schändlichen Verlangen gebracht wurde. Sie erkennen jetzt deutlich, welchen Grund 186 dieser anscheinende Edelmuth des jungen Mannes gegen die Familie des Jägers hatte. Er unterstützte den Vater, um die Tochter zu verführen und rettete die Familie vom Verhungern, um ein Glied derselben in Schande und Unglück zu bringen. Das ist Freundschaft! Das ist Edelmuth! Ich habe mir vorgenommen, von diesem Augenblicke an der Schwäche der menschlichen Natur nie wieder nachzugeben oder etwas für Tugend zu halten, was nicht genau zu dem Richtmaße des Rechtes paßt.« Das gute Herz Allworthy's hatte diese Gedanken verhindert, in ihm selbst aufzusteigen; sie klangen aber zu plausibel, als daß sie übereilt und durchaus hätten verworfen werden können, als sie ihm ein Anderer vorlegte. Was Square sagte, machte einen tiefen Eindruck auf ihn und das Mißbehagen, das es in ihm erzeugte, wurde auch Andern sichtbar, obgleich der gute Mann dies nicht anerkennen wollte, sondern eine unbedeutende Antwort und dem Gespräche absichtlich eine andere Wendung gab. Es war vielleicht ein Glück für den armen Tom, daß solche Andeutungen nicht ausgesprochen worden waren, ehe er Verzeihung erhalten hatte, denn sie machten sicherlich in dem Herzen Allworthy's den ersten übeln Eindruck in Bezug auf Jones. Zwölftes Kapitel. Enthält weit deutlichere Dinge, die aber aus derselben Quelle flossen wie die in dem vorigen Kapitel erwähnten. Der Leser wird, wie ich glaube, gern mit mir zu Sophien zurückkehren. Sie verbrachte die Nacht, nachdem wir sie zuletzt gesehen, auf eine keineswegs angenehme Weise. Der Schlaf floh sie fast immer und noch mehr der 187 Traum. Am Morgen, als das Kammermädchen zur gewöhnlichen Stunde erschien, war sie bereits aufgestanden und angekleidet. Personen, die eine oder zwei Stunden von einander entfernt auf dem Lande leben, gelten für nächste Nachbarn und das, was in dem einen Hause geschieht, verbreitet sich mit unglaublicher Schnelligkeit zu dem andern. Das Kammermädchen hatte die Geschichte von Molly's Fall gehört und da sie sehr mittheilender Natur war, so erzählte sie dieselbe, sobald sie in Sophiens Zimmer getreten war, in folgender Weise: »Was meinen wohl das Fräulein? Das Mädchen, das Sie am Sonntage in der Kirche sahen und das Sie für so hübsch hielten, das Sie aber gar nicht so hübsch gefunden haben würden, hätten Sie es in der Nähe gesehen, nun, das Mädchen ist vor Gericht gefordert worden, weil sie schwanger ist. Als Vater hat sie den jungen Herrn Jones angegeben und alle Leute sagen, Herr Allworthy sei so erzürnt auf den jungen Herrn Jones, daß ihm derselbe nicht unter die Augen kommen dürfe. Man muß den armen jungen Herrn bedauern, wenn er gleich nicht viel Mitleiden verdient, da er sich mit einem solchen gemeinen Mädchen einließ. Er ist aber ein so hübscher junger Herr, daß es sehr Schade sein würde, wenn er verstoßen werden sollte. Ich möchte es beschwören, daß das Mädchen ihn verlockt hat, denn sie war immer die züchtigste nicht. Wenn die Mädchen so weit entgegenkommen, darf man es freilich den jungen Herren nicht gar zu sehr verdenken, wenn sie nehmen, was ihnen geboten wird: sie thun doch nur etwas ganz Natürliches. Ich wollte, solche Mädchen bekämen den Staupbesen, denn es ist eine Schande, daß sie junge Herren in das Verderben führen, und daß Herr Jones einer der hübschesten jungen Herren ist, die . . .« 188 So schwatzte sie, bis Sophie mit schüchternerer Stimme, als sie jemals zu ihr gesprochen hatte, sagte: »Warum aber erzählst Du mir solche Dinge? Was kümmert es mich, was Herr Jones thut? Ich denke, Ihr Mädchen von geringem Stande seid alle gleich. Du scheinst es nur zu bedauern, daß Du nicht an der Stelle jenes Mädchens bist.« – »Ich, Fräulein!« entgegnete das Kammermädchen. »Es thut mir leid, daß Sie eine solche Meinung von mir haben. Mir kann gewiß Niemand etwas Schlechtes nachsagen. Meinetwegen können alle jungen Herren dahin gehen, wo der Pfeffer wächst. Weil ich sagte, er sei ein schöner Mann? Nun das sagt Jedermann und ich glaubte nicht, daß es was Unrechtes sei, wenn man sagt, ein junger Mann sei hübsch. Ich werde ihn aber nicht wieder für einen solchen halten, denn schön ist der, welcher schön handelt. Ein Bettelmädchen . . .« »Hör' auf!« rief Sophie, »und sieh vielmehr, ob mein Vater mich beim Frühstück braucht.« Mamsell Honour eilte aus dem Zimmer, immer vor sich hinmurmelnd, ohne daß man weiter etwas verstehen konnte als: »wer hätte das gedacht!« Ob das Kammermädchen wirklich den Verdacht verdiente, den ihre Gebieterin andeutete, ist eine Sache, die wir nicht aufzuklären vermögen, wäre der Leser auch noch so neugierig. Dafür wollen wir ihm dagegen mittheilen, was in dem Herzen Sophiens vorging. Der Leser wird sich erinnern, daß sich eine geheime Zuneigung für Jones in das Herz dieses jungen Mädchens geschlichen hatte und daß sie ziemlich groß geworden war, ehe sie selbst die Bemerkung machte. Als sie zuerst die Symptome dieser Liebe erkannte, waren die Empfindungen so lieblich und angenehm, daß sie nicht zu dem Entschlusse kommen konnte, sie zu hemmen oder ganz zu unterdrücken, 189 weshalb sie denn eine Leidenschaft fortnährte, über deren Folgen sie nie ernstlich nachdachte. Der Vorfall mit Molly öffnete ihr zuerst die Augen. Sie erkannte nun die Schwachheit, deren sie sich schuldig gemacht hatte und ob es gleich die größte Störung in ihrem Herzen verursachte, so hatte es doch auch die Wirkung anderer ekelerregender Arzenei und vertrieb auf eine Zeit lang wenigstens ihre Krankheit. Die Wirkungen erfolgten wunderbar schnell und die kurze Zeit, welche ihr Kammermädchen abwesend war, entfernte alle Symptome so ganz und gar, daß, als Mamsell Honour mit einer Aufforderung von dem Squire zurückkam, Sophie ganz ruhig geworden und sich zu völliger Gleichgiltigkeit gegen den Herrn Jones gebracht hatte. Die Krankheiten des Gemüthes sind fast in jedem Stücke denen des Körpers ähnlich. Aus diesem Grunde wird, hoffen wir, die gelehrte Facultät, vor welcher wir einen so gewaltigen Respect haben, uns die Nothwendigkeit verzeihen, einige Worte und Redensarten zu brauchen, welche mit Recht ihr allein gehören und ohne welche unsere Beschreibungen oft hätten unverständlich sein müssen. In keinem andern Umstande haben die Krankheiten der Seele eine größere Aehnlichkeit mit denen des Körpers als in der Neigung zu Rückfällen. Dies zeigt sich deutlich in den heftigen Krankheiten Ehrgeiz und Geiz. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß der Ehrgeiz, wenn er durch getäuschte Erwartung (die einzige Arzenei dagegen) auf einige Zeit geheilt war, sogar in einem Streite wieder ausbrach, Obmann bei einer Jury zu sein; ich habe auch von einem Manne gehört, der den Geiz so weit bekämpft hatte, daß er manches Viergroschenstück ausgab, wenn es ihm einen Genuß schaffen konnte, auf dem Sterbebette aber einen listigen und vortheilhaften Contract wegen seiner Beerdigung mit dem 190 Leichenbestatter machte, der seine einzige Tochter geheirathet hatte. In der Liebe, die wir in strenger Uebereinstimmung mit der stoischen Philosophie, hier als eine Krankheit behandeln, ist diese Neigung zu Rückfällen nicht minder in die Augen fallend. So erging es auch der armen Sophie, bei welcher sich, als sie Jones das nächste Mal wieder sah, alle frühern Symptome wieder einstellten und von dieser Zeit an kalte und hitzige Anfälle mit einander abwechselten. Die Lage des jungen Mädchens war nun von der frühern ganz verschieden. Die Liebe, die vorher ihr so wonnig gewesen, wurde jetzt ein Scorpion in ihrem Busen. Sie widerstand ihr deshalb mit der äußersten Kraft und bot jeden Grund auf, den ihr Verstand (welcher für ihr Alter sehr stark war) aufzufinden vermochte, um sie niederzuhalten und zu vertreiben. Dies gelang ihr insoweit, daß sie von der Zeit und Abwesenheit völlige Genesung zu hoffen begann. Sie nahm sich deshalb vor, Tom Jones so viel als möglich zu meiden und kam darum auf die Idee, ihre Tante zu besuchen. Daß sie ihres Vaters Einwilligung dazu erhalten würde, bezweifelte sie nicht. Das Schicksal aber, das andere Pläne hatte, machte ihrem Vorsatze ein schnelles Ende durch einen Vorfall, den wir in dem nächsten Kapitel erzählen wollen. Dreizehntes Kapitel. Ein schreckliches Unglück, das Sophien betraf. Das muthige Benehmen Jones' und die noch schrecklichern Folgen dieses Benehmens für die junge Dame, nebst einer kurzen Abschweifung zu Gunsten des weiblichen Geschlechtes. Western liebte seine Tochter jeden Tag mehr und mehr, so daß selbst seine geliebten Hunde ihr in seinem Herzen 191 nachzustehen anfingen. Da er es aber nicht über sich gewinnen konnte, diese ganz aufzugeben, so ersann er ein Mittel, sich der Gesellschaft derselben zugleich mit der seiner Tochter zu erfreuen und zwar dadurch, daß er darauf bestand, die letztere solle mit ihm auf die Jagd reiten. Sophie, für welche ihres Vaters Wort Gesetz war, fügte sich bereitwillig in seine Wünsche, ob ihr gleich die Jagd und das Reiten nicht das geringste Vergnügen gewährten, das zu rauh und männlich war, als daß es ihr hätte zusagen können. Sie hatte indeß außer ihrem Gehorsame noch einen andern Beweggrund, den alten Herrn auf die Jagd zu begleiten; sie hoffte nämlich durch ihre Gegenwart seinen Ungestüm einigermaßen zu zügeln und ihn zu verhindern, zu häufig sich der Gefahr auszusetzen, den Hals zu brechen. Der stärkste Gegengrund war der, welcher früher eine Anregung für sie gewesen sein würde, nämlich das häufige Zusammentreffen mit dem jungen Jones, den sie zu meiden beschlossen hatte; da jedoch das Ende der Jagdzeit sich näherte, so hoffte sie durch eine kurze Abwesenheit und Aufenthalt bei ihrer Tante die unselige Leidenschaft ganz aus ihrem Herzen zu vertreiben und zweifelte nicht, in der nächsten Jagdzeit ohne alle Gefahr ihn neben sich sehen zu können. Am zweiten Tage, als sie von der Jagd zurückkam und in geringer Entfernung von dem Hause Western fing ihr Pferd, dessen Muth einen bessern Reiter erforderte, mit einem Male an so auszuschlagen und sich zu bäumen, daß sie in Gefahr schwebte, herabzustürzen. Tom Jones, der wenig hinter ihr ritt, sah dies und jagte sogleich zu ihrem Beistande herbei. Sobald er angekommen war, sprang er von seinem eigenen Pferde herunter und faßte das ihrige am Zügel. Eben aber stellte sich das wilde Thier auf die 192 Hinterbeine und warf seine liebliche Bürde ab, die Jones in seinen Armen auffing. Sie war so erschrocken, daß sie Jones nicht sogleich befriedigen konnte, der besorgt fragte, ob sie verletzt sei. Bald nachher erholte sie sich aber, versicherte ihn, daß sie ganz wohl sei und dankte ihm für seine Aufmerksamkeit. Jones antwortete: »Wenn ich Sie gerettet habe, mein Fräulein, so bin ich hinreichend belohnt, denn ich würde Sie auch vor der geringsten Verletzung selbst durch noch größeres Unglück bewahrt haben, als ich diesmal erfahren habe.« »Welches Unglück?« fragte Sophie sogleich; »ich hoffe, daß Ihnen nichts Uebeles geschehen ist.« – »Beruhigen Sie sich,« antwortete Jones. »Dem Himmel sei gedankt, daß Sie so gut aus der Gefahr gekommen sind, in welcher Sie sich befanden. Habe ich den Arm gebrochen, so halte ich dies für eine Kleinigkeit in Vergleich mit dem, was ich für Sie fürchtete.« Sophie rief entsetzt: »Ihren Arm gebrochen! Das verhüte der Himmel!« – »Ich fürchte, daß es geschehen ist,« entgegnete Jones; »erst aber erlauben Sie, daß ich für Sie sorge. Noch habe ich zu Ihrem Dienste eine rechte Hand, um Sie auf das nächste Feld zu führen, von wo wir nur noch einen kleinen Weg nach Ihres Vaters Hause haben.« Sophie zweifelte nicht länger, als sie seinen linken Arm an der Seite hängen sah, während er sie mit dem andern führte. Sie erblaßte jetzt noch weit mehr als vorher aus Besorgniß um sich selbst. Alle ihre Glieder zitterten, so daß Jones sie kaum halten konnte, und da ihre Gedanken in nicht minderer Bewegung waren, so heftete sie auf Jones einen Blick voll so inniger Zärtlichkeit, daß er fast ein stärkeres Gefühl in ihrem Herzen vermuthete als Dankbarkeit 193 und Mitleiden in dem weichsten weiblichen Busen ohne Mitwirkung einer dritten mächtigen Leidenschaft zu erregen vermögen. Western, der voraus war, als der Unfall sich zutrug, kam jetzt nebst den übrigen Reitern zurück. Sophie erzählte ihm sogleich, was Jones geschehen war und bat ihn, sich seiner anzunehmen. Western, der höchst besorgt gewesen war, als er das Pferd seiner Tochter ohne die Reiterin hatte ankommen sehen, und nun höchlich sich freute, sie unverletzt wieder zu finden, rief: »es freut mich, daß es nicht schlimmer ist. Hat Tom den Arm gebrochen, so wird sich ein Schreiner finden, der ihn wieder ausbessert.« Der Squire stieg ab und kehrte mit seiner Tochter und Jones zu Fuße nach Hause zurück. Ein unpartheiischer Zuschauer, der sie auf dem Wege gesehen, würde nach ihren Zügen geschlossen haben, Sophie allein sei der Gegenstand des Mitleides, denn Jones wünschte sich Glück, auf Kosten blos eines Armbruchs, der jungen Dame wahrscheinlich das Leben gerettet zu haben und Western, der allerdings den Unfall beklagte, der Jones betroffen hatte, freuete sich doch weit mehr über die glückliche Rettung seiner Tochter. Sophiens edles Herz nannte das, was Jones gethan, eine höchst muthvolle That und es machte einen tiefen Eindruck auf ihr Herz, denn es empfiehlt sicherlich keine andere Eigenschaft im allgemeinen Männer den Frauen so wie diese, was sich, wenn wir der gewöhnlichen Meinung glauben, von der natürlichen Furchtsamkeit des Geschlechtes herschreibt, die, wie Osborne sagt, so groß ist, daß ein Weib das feigste Wesen ist, das Gott erschaffen hat; was wir nicht unterschreiben möchten. Aristoteles läßt ihnen, glaube ich, mehr Gerechtigkeit widerfahren, wenn er sagt: »Die Züchtigkeit und der Muth des Mannes unterscheiden sich von diesen Eigenschaften an den Frauen; denn der Muth, der 194 einem Weibe ziemt, würde an einem Manne Feigheit sein, und die Züchtigkeit, die einem Manne ansteht, würde an einem Weibe Unzüchtigkeit sein.« Auch dürfte nicht mehr Wahrheit in der Meinung derer liegen, welche die Vorliebe der Frauen für muthige und tapfere Männer ihrer übergroßen Furcht zuschreiben. Bayle erklärt dieselbe, mit größerer Wahrscheinlichkeit, aus ihrer großen Ruhmliebe, und dafür haben wir die Autorität dessen, der vor allen andern am tiefsten in das menschliche Herz blickte und der die Heldin seiner Odyssee, das große Muster ehelicher Liebe und Treue, den Ruhm ihres Mannes die einzige Quelle ihrer Liebe zu ihm nennen läßt. Sei dem nun wie ihm wolle, so viel ist gewiß, daß der Vorfall stark auf Sophien wirkte; auch bin ich nach genauer Untersuchung der Meinung, daß eben zu dieser Zeit die reizende Sophie einen nicht geringern Eindruck auf das Herz Tom's machte, zumal er schon einige Zeit vorher die unwiderstehliche Macht ihrer Reize empfunden hatte. Vierzehntes Kapitel. Die Ankunft des Wundarztes. Seine Operationen und ein langes Gespräch zwischen Sophien und ihrem Kammermädchen. Als sie in dem Hause Western's ankam, sank Sophie, die mit großer Anstrengung bis dahin gewankt war, auf ihren Stuhl, wurde aber durch Anwendung von Hirschhorn und Wasser verhindert, in Ohnmacht zu fallen und hatte sich ziemlich wieder erholt, als der Wundarzt ankam, nach dem für Jones geschickt worden war. Western, der diese Symptome an seiner Tochter dem Falle derselben zuschrieb, rieth ihr aus Vorsorge, sich eine Ader öffnen zu lassen. In dieser Meinung wurde er von dem Wundarzte 195 unterstützt, der so viele Gründe für das Aderlassen angab und so viele Fälle anführte, in denen Personen aus Vernachlässigung eines Aderlasses gestorben sein sollten, daß der Squire endlich darauf bestand, seiner Tochter müsse eine Ader geöffnet werden. Sophie fügte sich dem Befehle ihres Vaters, obgleich ganz gegen ihre Neigung, denn sie fürchtete wohl weniger Gefahr von dem Schrecke als ihr Vater oder der Chirurg. Sie streckte also ihren schönen Arm aus und der Chirurg begann die Vorbereitungen zu seiner Arbeit. Während die Diener emsig Materialien herbeischafften, begann der Chirurg, welcher die Abneigung Sophiens ihrer Furcht vor der Operation zuschrieb, sie durch die Versicherung zu beruhigen, daß nicht die geringste Gefahr dabei sei, denn es könne bei dem Aderlaß nur durch gräßliche Unwissenheit von Pfuschern ein Unfall herbeigeführt werden, was bei ihm, wie er deutlich zu verstehen gab, nicht zu fürchten sei. Sophie erklärte, sie fürchtete sich durchaus nicht und setzte hinzu: »ich werde Ihnen sogar verzeihen, wenn Sie mir eine Schlagader öffnen.« – »Das willst Du?« rief Western; »ich thu's nicht. Wenn er Dir im Geringsten ein Leid thut, Gott verdamm' mich! so zapfe ich ihm sein Herzblut ab.« Der Chirurg willigte ein, ihr unter diesen Bedingungen eine Ader zu öffnen und schritt sodann zu seiner Operation, die er so geschickt und so schnell verrichtete, wie er versprochen hatte. Er nahm ihr auch nur wenig Blut, denn er sagte, es sei besser, öfters zur Ader zu lassen, als viel Blut auf einmal wegzunehmen. Sophie entfernte sich, als ihr Arm verbunden war, denn bei dem Verbande Tom Jones' mochte sie nicht zugegen sein, was sich eigentlich wohl auch nicht schickte. Ein Grund, den sie gegen das Aderlassen hatte (ob sie ihn gleich nicht aussprach), war die Verzögerung der Einrichtung 196 des gebrochenen Armes. Western nahm, so lange es sich um Sophien handelte, nur auf diese Rücksicht und Jones saß da, »wie die Geduld auf einem Denkmale, im Schmerz lächelnd,« und dachte, als er Sophiens Blut spritzen sah, kaum an das, was ihm zugestoßen war. Der Chirurg befahl nun, seinen Patienten bis auf das Hemd auszuziehen, entblößte sodann den Arm ganz und fing an, denselben so zu ziehen und zu untersuchen, daß Jones vor Schmerz einige Male das Gesicht verzog, worüber sich der Chirurg wunderte, der sagte: »was haben Sie? Ich kann Ihnen doch unmöglich weh thun.« Dann hielt er den Arm ausgestreckt und begann eine gelehrte lange Vorlesung über Anatomie, worin er einfache und doppelte Brüche sehr genau behandelte, auch die verschiedenen Arten angab, wie Jones den Arm hätte brechen können und bemerkte, welche besser und welche schlimmer als der vorliegende Fall gewesen sein würden. Als die Rede geendiget war, welche die Zuhörer, ob sie gleich die Aufmerksamkeit und Bewunderung derselben erregte, nicht sehr erbauete, da sie keine Sylbe davon verstanden, ging er an sein Geschäft, das er schneller beendigte, als man nach dem Anfange hätte erwarten sollen. Jones wurde dann in ein Bett gebracht, das er in dem Hause Western's annehmen mußte, und zum Genusse von Hafergrütze verurtheilt. In der Gesellschaft, welche dem Verbinden beigewohnt, hatte sich auch Jungfer Honour befunden, die nach Beendigung der Operation zu dem Fräulein beschieden und gefragt wurde, wie sich der junge Herr befinde. Sie begann sogleich eine ungeheuere Lobeserhebung seines hochherzigen Benehmens, wie sie es nannte, das »an einem so hübschen Manne ganz bezaubernd gewesen.« Dann rühmte sie noch wärmer die Schönheit seiner Person, zählte manche 197 besondere Punkte auf und schloß mit der Weiße seiner Haut. Diese Erzählung hatte eine Wirkung auf Sophiens Gesicht, welche der Beobachtung des klugen Kammermädchens nicht entgangen sein würde, hätte sie die Gebieterin einmal angesehen; da aber ein Spiegel, der ihr recht bequem gegenüber hing, ihr Gelegenheit gab, jene Züge zu betrachten, die ihr vor allen am meisten gefielen, so wendete sie während der ganzen Erzählung ihre Augen von diesem liebenswürdigen Gegenstande auch nicht einmal ab. Jungfer Honour war so ganz in den Gegenstand, der ihre Zunge in Bewegung setzte und in den Gegenstand vor ihr so vertieft, daß ihre Gebieterin Zeit fand, sich zu beherrschen. Als dies geschehen war, lächelte sie ihr Mädchen an und sagte, sie sei gewiß in den jungen Herrn verliebt. »Ich verliebt, Fräulein?« antwortete sie, »auf mein Wort, Fräulein, ich versichere Sie, Fräulein, bei meiner Seele, Fräulein, ich bin es nicht.« – »Nun ich sehe, wenn Du es auch wärest, keinen Grund, warum Du Dich dessen schämen solltest; denn er ist gewiß ein hübscher Herr.« – »Ja, Fräulein,« antwortete das Mädchen, »das ist er, der schönste Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe. Ja, das ist er, und wie das Fräulein sagen, ich wüßte nicht, warum ich mich schämen sollte in ihn verliebt zu sein, ob er gleich vornehmer ist als ich. Vornehme Leute sind aber auch nur Fleisch und Bein wie wir Dienstleute. Herr Jones war, ob ihn gleich Herr Allworthy zu einem Herrn gemacht hat, von Geburt noch nicht einmal so viel als ich, denn ob ich gleich arm bin, so bin ich doch ehrlicher Leute Kind und mein Vater und meine Mutter waren verheirathet, was mehr ist, als was manche Leute sagen können, so hoch sie auch die Nase tragen. Wenn gleich seine Haut so weiß und gewiß die weißeste ist, die jemals 198 gesehen wurde, so bin ich doch auch eine Christin und Niemand kann sagen, ich sei von schlechter Herkunft. Mein Großvater war ein Pfarrer. Er würde gewiß unwirrsch geworden sein, hätte ihm Jemand gesagt, Jemand aus seiner Familie solle nehmen, was Molly Seagrim schon gehabt.« Vielleicht ließ Sophie ihr Mädchen so schwatzen, weil es ihr an Muth gebrach, ihr Stillschweigen zu gebieten, was gewiß, wie der Leser sich denken kann, keine leichte Aufgabe war, denn es waren Stellen in der Rede, die der Dame nicht eben angenehm sein konnten. Jetzt unterbrach sie dieselbe aber, da der Strom der Worte unerschöpflich zu sein schien. »Ich wundere mich« sagte sie, »daß Du so von einem Freunde meines Vaters zu sprechen wagst. Den Namen jenes Mädchens sprichst Du vor mir nie wieder aus und was die Geburt des jungen Herrn betrifft, so mögen die, welche nicht mehr zu seinem Nachtheile kennen, auch darüber schweigen, wie ich Dir für die Zukunst befehle.« »Es thut mir leid, daß ich das Fräulein beleidiget habe,« antwortete das Mädchen. »Ich hasse die Molly Seagrim so sehr, wie Sie, und was das Uebelreden von Herrn Jones betrifft, so kann ich alle Leute im Hause zu Zeugen anrufen, daß ich stets seine Partie genommen habe, wenn von unehelichen Kindern die Rede gewesen ist; denn wer von Euch möchte kein solches sein wollen, sage ich zu dem Bedienten, wenn er zu einem Herrn gemacht werden könnte? Er ist ein sehr feiner Herr, sage ich, und er hat eine der weißesten Hände von der Welt; er ist einer der gutmüthigsten und sanftesten Männer von der Welt, sage ich, und alle Dienstleute und Nachbarn in der Runde lieben ihn, sage ich. Ich könnte dem gnädigen Fräulein auch etwas sagen, aber ich fürchte, Sie zu beleidigen.« – »Was könntest Du mir sagen, Honour?« fragte Sophie. – »Er dachte sich gewiß nichts dabei, Fräulein, und deshalb möchte 199 ich Sie nicht beleidigen.« – »Ich will es wissen,« wiederholte Sophie. – »Nun, gnädiges Fräulein, er kam vorige Woche einmal in das Zimmer, als ich bei der Arbeit saß und da lag Ihr Muff auf dem Stuhle und er steckte die Hand hinein, wahrhaftig, in denselben Muff, den Sie mir gestern schenkten. Herr Jones, sagte ich, Sie werden den Muff des Fräuleins ausweiten und verderben; aber er behielt doch seine Hände drinn und küßte ihn, wahrhaftig, ich sah in meinem ganzen Leben keinen solchen Kuß, wie er ihm gab.« – »Er wußte wahrscheinlich nicht, daß er mir gehörte,« antwortete Sophie. – »Das Fräulein werden gleich hören. Er küßte den Muff wieder und wieder und sagte, es sei der schönste Muff von der Welt. Sie haben ihn ja hundert Mal gesehen, Herr Jones, sagte ich. Ja, Mamsell Honour, sagte er, aber wer kann etwas Schönes in Beisein Ihrer Gebieterin sehen als sie selbst..– Das ist noch nicht alles. Aber ich hoffe, das Fräulein werden es nicht übel nehmen, denn er dachte sich gewiß nichts dabei. Eines Tages, als das gnädige Fräulein vor dem Herrn auf der Harfe spielten, saß Herr Jones in dem Nebenzimmer und sah recht melancholisch aus. Nun, Herr Jones, was fehlt Ihnen? fragte ich. Woran denken sie? – An was soll ich denken, sagte er, indem er wie aus einem Traume auffuhr, wenn der Engel, Ihre Gebieterin, spielt? Dann nahm er mich an der Hand und sagte: ach, Mamsell Honour, sagte er, wie glücklich wird der Mann sein . . . und dann seufzete er. Wahrhaftig, sein Athem ist so würzig, wie der Duft eines Blumenstraußes. Er dachte sich aber gewiß nichts Böses dabei und ich hoffe deshalb auch, das gnädige Fräulein werden nichts davon erwähnen, denn er gab mir eine Krone, damit ich nichts sage und ich mußte auf ein Buch schwören; die Bibel war es aber wohl nicht.« Bis ein schöneres Roth als Zinnober gefunden wird, 200 sage ich von der Farbe Sophiens bei dieser Gelegenheit nichts . . . – »Honour,« sagte sie, »ich – wenn Du dies nicht wieder gegen mich erwähnen willst – noch gegen sonst Jemanden – will ich Dich nicht verrathen, d. h. Dir nicht zürnen, aber vor Deiner Zunge fürchte ich mich. Warum gestattest Du ihr so viel Freiheit?« – »Lieber wollte ich mir die Zunge ausreißen, gnädiges Fräulein, als Sie beleidigen. Ich werde kein Wort wieder erwähnen, wenn es das Fräulein nicht befehlen.« – »Ich verlange, daß Du nichts wieder davon erwähnst,« sagte Sophie, »denn es könnte meinem Vater zu Ohren kommen und er würde mit dem Herrn Jones zürnen, ob ich gleich wirklich auch glaube, daß er sich nichts dabei dachte. Ich würde selbst zürnen, wenn ich glaubte . . .« – »Gewiß, Fräulein, er dachte sich nichts dabei. Es war mir, als spreche er wie Jemand, der nicht recht bei Sinnen ist; er sagte, wenn mir recht ist, selbst, er sei nicht recht bei Sinnen. Das glaube ich auch, sagte ich. Ja, sagte er, Honour. – Aber ich bitte das gnädige Fräulein um Verzeihung; ich könnte meine Zunge herausreißen, wenn ich Sie beleidige.« – »Sprich nur weiter,« sagte Sophie, »Du kannst alles sagen, was Du mir noch nicht erzählt hast.« – »Ja, Honour, sagte er (das war später, als er mir die Krone gab), ich bin weder ein solcher Narr, noch ein solcher Bube, um sie anders anzusehen, als eine Göttin; als solche werde ich sie immer anbeten und verehren, so lange ich athme. Das war alles, gnädiges Fräulein, so viel ich mich erinnere. Ich war selbst böse auf ihn, bis ich sah, daß er nichts Uebeles dabei beabsichtigte.« – »Ich glaube, Honour, daß Du mich wirklich liebst. Ich war übellaunig gestern, als ich Dir den Dienst aufkündigte; wenn Du bei mir bleiben willst, so habe ich nichts dagegen.« – »Ich werde nie wünschen, das gnädige Fräulein zu verlassen,« antwortete 201 Jungfer Honour. »Ich habe mir fast die Augen ausgeweint, als Sie mir den Dienst aufsagten. Es würde sehr undankbar von mir sein, wenn ich wünschte, das gnädige Fräulein zu verlassen; wo sollte ich wieder einen so guten Dienst finden? Ich möchte bei Ihnen leben und sterben, denn wie der arme Herr Jones sagte, glücklich der Mann . . .« Hier unterbrach die Tischglocke ein Gespräch, das solchen Einfluß auf Sophien gehabt hatte, daß sie dem Aderlaß vielleicht mehr verdankte, als sie wahrscheinlich glaubte. Was ihren damaligen Gemüthszustand betrifft, so werde ich einer Regel des Horaz folgen und ihn nicht zu beschreiben versuchen, weil ich nicht hoffen kann, daß mir es gelingt. Die meisten meiner Leser werden sich denselben leicht vorstellen können und die wenigen, die dies nicht vermögen, würden eine Beschreibung, wenn sie auch noch so gut gelungen, doch nicht für natürlich halten.   Ende des ersten Theiles.