Emanuel Geibel. Sophonisbe. Tragödie in fünf Aufzügen.   Personen.         Sophonisbe , Gemahlin des Königs Syphax von Numidien . Scipio , Oberfeldherr der Römer . Massinissa , Führer der mit Rom verbündeten Numidier . Thamar , Priesterin der Astarte . Lälius und Severus , römische Kriegstribunen . Torquatus , Sextus und Lucanus , römische Hauptleute . Atarbas , Adherbal , Sarkas und Menalkar ,     numidische Hauptleute unter Massinissa . Methumbal , Burgvogt von Cirta . Bostar , ein Hauptmann vom Heere des Syphax . Batu , ein Neger, Waffenträger des Syphax . Hiram , ein Knabe in Sophonisbens Diensten . Flavius , Scipios Bursche . Römische und numidische Hauptleute und Krieger. Jagdgefolge. Das Stück spielt in den beiden ersten Aufzügen im Königsschlosse zu Cirta, in den folgenden abwechselnd in Scipios Hauptquartier und im Lager der Numidier. Erster Aufzug Zweiter Aufzug Dritter Aufzug Vierter Aufzug Fünfter Aufzug Erster Aufzug. Prächtige Säulenhalle in der Königsburg von Cirta. Der Haupteingang im Hintergrunde; seitwärts zur Linken Die Bezeichnungen rechts und links gelten überall vom Zuschauer aus. eine breitgewölbte Pforte, ihr gegenüber rechts ein offener, altanartig mit durchbrochenem Geländer versehener Bogen, durch den man ein Stück des Himmels erblickt. Vorne links ein eherner Schenktisch mit antiken Gefäßen. An den Wänden Trophäen. Erster Auftritt. Methumbal , Thamar , durch den Haupteingang eintretend. Methumbal . Tritt hier herein, erlauchte Priesterin! Der Königsburg vielsäulig Prunkgemach Erschließt sich dir, denn fürstlich ehren wir Die Tempeljungfrau, deren Stirn der Halbmond, Der Göttin silberhörnig Zeichen, schmückt. Hier magst du ruhn, indes für dein Gefolg Man draußen sorgt und von den Dromedaren Die Ballen ablädt, die du mitgeführt. Was reich' ich zur Erquickung dir? Befiehl! Thamar . Um eine Handvoll Datteln bitt' ich dich Und einen Becher Wassers. Denn mir klebt Die Zung' am Gaumen. Feuerpfeile schießt Die Sonn' herab und fern vom großen Tempel Astartens komm' ich, von der Wüste Saum. Methumbal . Ein schwerer Weg. Thamar .                                   Doch schwerer war die Sorge, Die mich hierhertrieb. Für das Heilige, Das mir vertraut ward, such' ich Schutz bei euch. Methumbal . So drang die Not der Zeit, der Lärm des Krieges In jene weltentlegne Stille schon? Thamar . Du sagst's. Wir hatten sorglos hingelebt, Auf Syphax' Schwert und auf der Göttin Schutz, An deren Herd wir siedelten, vertrauend. Da plötzlich brach – heut wird's die dritte Nacht – Das unerwartet Schreckliche herein. Ein Schwarm empörter Neger überfiel, Von wetterdunkler Mitternacht begünstigt, Das Haus der Göttin. Uns im Schlaf zu würgen Und dann des Tempels Gut als leichte Beute Dahinzuführen hatten sie gehofft; Allein ein gottgesandter Blitz verriet, Noch eh's zu spät war, die Gefahr den Wächtern. Drei bange Stunden wütete der Kampf, Bis endlich bei des Morgens erstem Graun, Am allzu leicht gewähnten Sieg verzweifelnd, Der Feind von dannen in die Wüste stob. Nach Sonnenaufgang wagt' ich mich hinaus. O welch ein Anblick! Rings von Toten war Der Pfad bedeckt, mit Blut beronnen starrten Die schwarzen Leiber grausenvoll mich an. Doch wo der Kriegsgott seine besten Opfer Gehäuft, dort am zerbrochnen Widder lag Ein Römer hauptmann – nur zu deutlich sagten Der erzgetriebne Helm, das kurze Schwert, Des Hauptes Bildung, welches Stamms er sei. Da wußt' ich, wer uns diesen Sturm gesandt, Und keiner Stunde mehr versichert, hieß ich Das Bild der Göttin und den Tempelschatz, Dreifüße, Weihgeschenke, Teppiche, Zur Fahrt den Dromedaren anvertraun, Sie in den Schutz der Königsburg zu flüchten. Methumbal . Du wirst der Fürstin hoch willkommen sein. Thamar . Ich hoff' es. Aber nicht als Flehende, Als Römerfeindin bloß: mein Herz ist sicher, Daß sie der alten Freundin nicht vergaß. Methumbal . Du kennst sie? Thamar .                             Wie der Ring den Edelstein, Den er umschlossen hielt. Ich bin wie sie Vom Stamm der Barkas; früh verwaist verlebt' ich In ihres Vaters, Hasdrubals, Palast Mit ihr der Kindheit selig dunkle Zeit. Getreu wie Zwillingsschwestern teilten wir Gemach und Lager, Spiel und Unterweisung, Bis uns ein hoher Wille schied, der sie An Syphax' Hand auf Cirtas alten Thron, Mich in der Göttin stille Wohnung führte. Doch was verzögr' ich noch den Augenblick Des Wiedersehens! Geh, ich bitte dich, Und melde Sophonisben, daß ich kam. Methumbal . Du wirst die Ungeduld des Herzens noch Bezähmen müssen; mit dem Frührot heut Zog sie hinaus, den Wüstenstrauß zu jagen, Dem sie sein prächtig Federkleid mißgönnt. Thamar . Wie? Jetzt, zur Zeit des Kriegs, da jede Stunde Das Unerhörte bringen mag? Methumbal .                               Sie liebt Nicht der Erwartung bangen Müßiggang. Aus frischgefülltem Becher will sie Glück Und Unheil trinken. Und ich darf's nicht schelten, Fand ich sie doch bei jedem Sturm gefaßt. Thamar . So blieb sie sich getreu: bei stiller Zeit Beweglich nach dem Kranz der Stunde greifend, Entschlossen, wenn ein groß Geschick genaht. – Des Tags gedenk' ich, da uns übers Meer Von Spanien her auf Eulenflügeln schwebend Die Botschaft kam von Neukarthagos Fall. Entsetzlich war's – vor Schreck versteinert saßen, Als ständ' am Hafentor der Römer schon, Im Rat die Fürsten, durch die Gassen wälzte Sich Jammerruf, und, Menschenopfer heischend, Um Molochs riesig Erzbild schrie das Volk. Da trat sie , das verwöhnte Fürstenkind, Der Abgott von Karthagos ganzer Jugend, In ruh'ger Hoheit lächelnd vor mich hin: Wahr ist es, sprach sie, ein gewalt'ger Schlag Hat uns getroffen, Thamar. Doch was ist's? Der greise Syphax wirbt um meine Hand, Ich folg' ihm als sein Weib, und seine Freundschaft Ersetzt uns dreifach, was verloren ward. Methumbal . Sie hat das rasche Bündnis nie bereut, Das ihr die Krone gab. Denn wie sein Kleinod, Sein köstlichstes, das ihm ein Gott geschenkt, Behütet sie der Fürst. Doch laß sie selbst Dir künden, welch ein Los ihr fiel! Ich höre Gebell und Hufschlag von der Brück' herauf; Der Jagdzug kehrt zurück. Thamar (tritt an das Geländer zur Rechten) . Sie ist es! Leicht Vom weißen Zelter schwingt sie sich und wirft Den Purpurzaum dem Knaben zu. Wie blüht Sie noch in Schönheit! Machtlos sind die Jahre Dahingegangen über ihrem Haupt. Zweiter Auftritt. Die Vorigen . Sophonisbe . Hiram . Jagdgefolge . Sophonisbe . Nehmt mir den Köcher ab, und wascht mit Wein Den Renner mir! Er hat's verdient. Das war Ein heißer Tag! Den Straußen jagten wir, Den Panther haben wir erlegt, Methumbal, Den wildesten, den je das Felsgeklüft Der Wüste barg. – Ist Botschaft da vom Heer? Methumbal . Noch nicht, Gebiet'rin! Sophonisbe .                                   Diese Spange dem, Die perlenschimmernde, der mir zuerst Des Herolds Ankunft meldet! Thamar .                                     Sophonisbe! Sophonisbe . Was seh' ich! Thamar! O sei tausendmal Gegrüßt, Geliebte! – Dank, ihr Götter, Dank, Daß ihr mir heut, da alle Himmelszeichen Zu glücklicher Gestirnung wie zum Kranz Sich uns verweben, daß ihr heut mir gönnt, Der Schwester teures Angesicht zu schauen! – Sag an, welch freundlich Schicksal führt dich her? Thamar . Kein Glück ist's diesmal, was in deinen Arm Mich treibt. Schutzflehend komm' ich, feindesflüchtig, Der Göttin Hort zu bergen, den nicht mehr Die Ehrfurcht vor dem Heiligtum beschirmt. Denn schon bis an den Saum der Wüste reichen Des Netzes Fäden, das die römische Verschmitztheit mit dem leisen Fuß der Spinne Uns zu verderben vielgeschäftig webt. Die wilden Stämme schon vom Hang des Atlas, Des Sandmeers schwarze Völker hetzt sie uns Im Rücken auf. Mit Mühe nur entging ich Dem ersten Sturm des Aufruhrs. Sophonisbe .                                   Sei getrost! Zur guten Stunde kamst du mir und dir. Du sollst mit mir das Fest des Sieges feiern, Der alle deine Sorgen niederwirft. Denn wisse: diese stolzen Weltbezwinger, Wir haben sie! So hält die Falle nicht Den Wolf, der sich verfing, mit Eisenzähnen, Den blut'gen Räuber, unerbittlich fest, Wie Syphax' fünffach überlegne Macht Das Heer der Römer. Zwischen Meer und Sumpf Auf schmaler Düne stehn sie eingeklemmt, Indes die Flucht zur See Karthagos Flotte, Den Weg ins Land der Kern der Unsern sperrt. Ein einz'ger Schlag noch und sie sind vernichtet! Thamar . Mit freud'gem Staunen hör' ich dich. Du siehst Die Dinge, wie ein Feldherr. Sophonisbe .                             Bin ich denn Nicht meines Vaters Kind? O, wär' ich dort, Den Schritt des Kriegsgotts feurig zu beflügeln, Mit eigner Hand im Speergewühl den Sieg Beherzten Griffs am Stirngelock zu fassen, Am weithinflatternden, statt daß ich hier, Von aller Qual ohnmächt'ger Ungeduld Gefoltert, der Entscheidung harren muß, Und nichts vermag, als für des Siegers Haupt Den Kranz zu winden. – Geh, Methumbal, heiß Ein prächtig Festmahl uns im Garten rüsten! Im Hain der Palmen will ich dort den Göttern Die volle kranzgeschmückte Schale weihn. Doch eh' nicht ruf' uns ab, als bis vom Heer Der Bot' uns, der nicht zögern kann, gekommen. (Methumbal geht. Hiram und die Diener folgen.) Dritter Auftritt. Sophonisbe . Thamar . Sophonisbe . Und nun noch einmal, Schwester, an mein Herz! Schein' ich dir stürmisch? Ach, so lange hab' ich In lieben Armen nicht geruht. Und nun Von dir, von deinem Leben laß mich hören! Erzähle, sprich! Thamar .                 Was kann die Priesterin Erzählen, deren still eintönig Los Der Tempel einschließt? All mein Schicksal ward Vergangenheit und ohne Wunsch und Anspruch Dahinzuwandeln hab' ich mich gewöhnt, Seit am Volturnus mein Helasco fiel. Gelassen leb' ich nun der Pflicht und denke Der goldnen Jugendzeit, die ich mit dir, Die ich mit ihm einst in Karthagos Gärten Glückselig hingeschwärmt. – Sieh, was auch immer Die Götter mir verhängt, das bleibt mir doch. Sophonisbe . Es waren schöne Tage. Damals stand Im Aufgang prächtig Hannibals Gestirn, Die Siegeskunden stoben um uns her Wie Blütenregen, und wir trauten kühn, Vom Strom des Jubels mit emporgehoben, Auf jede Hoffnung; reich und lockend noch In goldnen Duft verschleiert lag die Zukunft Vor unserm Blick! Thamar .                     Wo ist das alles hin? Die Zeit der kindlich frohen Zuversicht, Mein Glück, das ich so fest gegründet wähnte, Und deins! – Auch du hast einst ein andres Los Geträumt, als dir erfüllt ward. Sophonisbe .                                 Ich? Thamar .                                               Dein Mund Gestand es nie; doch wohl erriet ich dich. Sah ich nicht höher deine Wange brennen, Dein Auge glühn, da jener schöne Wildling, Da Massinissa deines Vaters Haus Als Gast betrat? Sophonisbe .           O, warum nennst du ihn! – Ja, er war schön und stolz. Und als zuerst Er vor mir stand, der schlanke Wüstensohn, In allem Glanz der Jugend, was verhehl' ich's? Da wallt' in hoffnungsvollem Ungestüm Ihm diese Brust entgegen, glaubt' ich doch In ihm den künft'gen Helden Afrikas, Karthagos vorbestimmten Hort zu grüßen. Es war ein schöner Traum, doch ach, ein Traum! Denn nur zu bald in seines Wesens Grunde Erkannt' ich ihn, der nie sich selbst bezwang. Das war das ruh'ge Auge nicht, zu dem Ich wie zum Stern des Pols emporschaun wollte, Das war die Schulter nicht, um eine Welt Zu stützen, trostlos mußt' ich's mir gestehn, Und schwer verwand ich der Enttäuschung Schmerz. Und wenn ich dennoch ihn nicht grollend mied, Wenn ich sein ruhelos Gemüt zu zügeln, Zu lenken suchte, war's nur noch ein tief Gefühl des Mitleids, was mich trieb, nicht mehr. Verhüten wollt' ich, daß die edle Kraft, Die in ihm wohnte, ziellos wie ein Irrstern In blindem Feuer sich verloderte. Ich hab' es nicht vermocht. – O Thamar, Thamar! Du weißt es, daß er zu den Römern ging. Thamar . Er tat's aus Zorn, vernahm ich, daß sein Volk Ihm bei des Vaters Tod den Thron versagte, Und an des Jünglings Statt den mächt'gen Nachbarn, Den Syphax, ausrief. Sophonisbe .                   So verwirrt ein Gott Die Fäden unsres Schicksals. Frag mich nicht, Was ich gelitten! – Nun ist's überwunden. Ich tat, was ich gemußt, und reulos trag' ich Den Ring des Königs, der ein Vater mir, Der unserm Volk ein mächt'ger Helfer ward. Ein neues Leben hab' ich angefangen Und seine Sonne wärmt und leuchtet auch. Thamar . O daß dir niemals dieser stolze Mut Versiege, Schwester! Sophonisbe .                   Sorge nicht! Wohl weiß ich, Ich tat Verzicht auf vieles, doch der Preis War nicht zu hoch für das, was ich gewann. Ein groß Geschick ist's, Königin zu sein. Die Hand am Webstuhl, drauf das Bild der Zeit, Aus Tat und Fügung ewig neu bereitet, Vielfarbig aufsprießt, leb' ich nicht umsonst. Und wenn mein hohes Tagewerk die Götter Mir segnen, darf ich jener Wünsche wohl Vergessen, die mich dunkel einst bewegt.         (Nach einer kurzen Pause, gedämpft.) Nur manchmal, Thamar, wenn in Frühlingsnächten Der Halbmond wieder überm Atlas hängt Und mich das heiße Duften des Jasmins, Der Löwen fern Gebrüll nicht schlafen läßt, Dann kommt wohl ein Gefühl einsamer Leere, Ein unbezwinglich Sehnen über mich; Dann ist es mir, als sei mein Los noch nicht Erfüllt und plötzlich müss' ein ungeahnt Verhängnis nahn, um einmal diesem Herzen Ganz, ganz genugzutun! – Doch sieh, das sind Nur flücht'ge Schatten. Mit dem Tau des Morgens Wäscht Cirtas Fürstin sich die Träume fort. Vierter Auftritt. Die Vorigen . Methumbal . Methumbal . O Herrin – Sophonisbe .                 Sprich, was gibt's? Was hast du, Mann? Du starrst, als kämest du des Himmels Einsturz Mir anzukündigen. Methumbal .               O wappne dich Mit allem Gleichmut deiner großen Seele! Ein furchtbar Unglück – Sophonisbe .                         Sprich! Methumbal .                                     Du wirst's an mir Nicht rächen wollen – Sophonisbe .                     Bin ich denn ein Kind? Bei meinem Zorn, mach's kurz! Was ist geschehn? Methumbal . Ein Reiter kam in wilder Flucht vom Heer. Wir sind geschlagen! Thamar .                         All ihr Himmelsmächte! Geschlagen! Weh uns! Sophonisbe .                     Fasse dich! Vielleicht Ist's nur ein blinder Lärm. – Wo ist der Bote? Ich will ihn selber sprechen. Methumbal .                             Halb verschmachtet, Nachdem er kaum die Schreckenspost gestammelt, Sank er vom Roß und bat um Labung erst; Man reicht ihm Speis' und Wein im Säulenhof. Sophonisbe . Sobald er sich gestärkt hat, send' ihn her! Klar muß ich sehn. Gefahr hat Löwenart, Ein unerschrocknes Auge bändigt sie Am eh'sten. – Zieh indes die Brücken auf, Das Tor laß schließen und mit Wurfgeschütz Versieh die Mauern. Geh! (Methumbal ab.) Thamar .                                 O meine Schwester! Sophonisbe . Verzage nicht zu früh! – Mit unsrem Fest Ist's freilich nichts; die schönen Kränze werden Umsonst verblühn. – Doch Mut! Des Krieges Brandung Schwankt ewig auf und ab und Syphax bot Schon mancher Sturmflut unerschüttert Trotz. Sei stark, mein Mädchen! Thamar .                               Ging' es in den Tod, Ich bin bei dir, du sollst mich mutig sehn. Fünfter Auftritt. Sophonisbe . Thamar . Hiram . Bostar erscheint an der Pforte. Hiram . Der Bote, Königin. Sophonisbe .                       Führ ihn herein! Tritt furchtlos näher! Deine Schuld nicht ist's, Daß du als Rabe heimkamst. Melde denn, Was ich erfahren muß. Doch schwöre mir Zuvor beim flammenhaar'gen Gott des Himmels, Daß du die volle Wahrheit künden willst. Bostar . Ich schwör's. Sophonisbe .               So sprich! Bostar .                                         Wir hielten unweit Hippo Am Meergestad, wo sie sich eingewühlt, Das Heer der Römer furchtbar eng umschlossen. Schon ging, von Tag zu Tage höher wachsend, Des Hungers bleich Gespenst durch ihre Reihn, Und wie die vollgereifte Frucht vom Ast Sich wuchtend ablöst, schien der Sieg von selbst Uns zuzufallen. Mit dem frühsten Rot Des nächsten Morgens wollte Syphax stürmen Und alles war zum letzten Kampf bereit. Wir aber gaben, um mit voller Kraft Die Schlacht zu schlagen, unsres Glücks gewiß, Dem langentbehrten Schlaf uns sorglos hin. Da plötzlich, mitten in der Nacht, erscholl Der Schreckensruf: die Römer sind im Lager! Und hoch in Säulen wirbelnd schlug zugleich Die Flamme von den Rohrgezelten auf. Das ganze Lager war ein Feuermeer, Rings Qualm und Funken, und dazwischen dröhnend Der Legionen Siegsgeschrei. Ob sie Verrat, ob sie ein Gott hereingeführt, Ich weiß es nicht. In erzgeschloßnen Gliedern Durchs Greuel der Verwirrung, Helm an Helm, Die Adler hoch, die Speere vorgestreckt, Herstürmten sie; da war kein Widerstand, Kein Kampf mehr, nur ein gräßlich stummes Würgen Der Tausende, die taumelnd, kaum bewehrt, Mit nackter Brust in ihren Pfad sich warfen, Und zahllos türmten sich die Leichen auf. – Sophonisbe . Und euer Feldherr? Und die Punischen? Bostar . Vergebens hinterm Lager im Gefild Versuchte Syphax, Schar um Schar versammelnd, Dem Sturmschritt der Entsetzlichen zu stehn, Vergebens braust' er mit den Elefanten, Sie zu erdrücken, wuterfüllt heran; Pechkränze schleuderten die Listigen Den Tieren auf die Rüssel, daß sie, wild Vor Schmerz aufbrüllend, mit den Riesenleibern Sich rückwärts stürzten in die Schar der Unsern Und rasend niederstampfen, was noch stand. Da war das Los geworfen, Königin, Und unaufhaltsam durch das nächt'ge Dunkel Nach allen Seiten heulend stob die Flucht. Thamar . Entsetzlich, Schwester! Sophonisbe .                             Wohin wandte sich Der König? Weißt du's? Wenn nur er entkam, So ist noch Rettung. Bostar .                   O Gebieterin! – Steht all dein Hoffen nur auf Syphax' Haupt, So laß es fahren! Sophonisbe .             Weh! Was ist mit ihm?! Du schwurst mir volle Wahrheit – Sprich es aus! Er fiel in Mörderhand? – Bostar .                                 Er flüchtete Dorthin, wo ihn kein Römerarm erreicht. (Pause.) Sophonisbe . Tot also? Bostar .                       Tot. – Durch eigne Hand. Sophonisbe .                                                     Du sahst es? Bostar . Ich sah's. Verwundet war er, speergelähmt, Vom Roß gesunken auf der Flucht. – Umsonst In eines Myrtendickichts Schatten sucht Sein treuer Waffenträger ihn zu retten; Schon hat ihn der Verfolger Geierblick Am goldnen Helm erkannt, der weit hinaus Im Glutschein leuchtet, furchtbar jauchzend schon, Die königliche Beute zu gewinnen, Umzingeln sie den Platz – da gräbt am Heft Ins Erdreich er sein Schwert und fällt hinein, Dem Feinde nichts als eine Leiche gönnend. Sophonisbe . O mein Gemahl! – –                                             Du bist entlassen, Freund. Ich weiß genug. – (Bostar und Hiram gehen. Pause.) Sechster Auftritt. Sophonisbe . Thamar . Später Hiram . Thamar .                     O sei so schweigsam nicht, So furchtbar ruhig! Weine deinen Schmerz An diesem Busen aus! Sophonisbe .                     Nicht wahr, Geliebte? Er war der Tränen wert, Mein hoher, kluger, väterlicher Freund – O wer ersetzt ihn! Thamar .                     Schwester! Sophonisbe .                                 Dies auch wird Vorübergehn. Nur einen Augenblick Sei mir's gestattet, Weib zu sein, und ihm Die Schuld der Ehrfurcht und der Dankbarkeit Im letzten bittern Scheidewort zu zahlen. Fahr wohl, du königliches Haupt, fahr wohl! Mit frohem Siegeslorbeer hofft' ich dich Zu krönen, weh, nun kann ich nicht einmal Mit der Zypresse dunklem Kranz dich schmücken – Doch sühnen, sühnen will ich deinen Fall. Thamar . Ich kannt' ihn kaum, doch diese Tropfen sagen, Was du verlorst. Sophonisbe .             Wir haben jahrelang Gemeinsam, nur von einem Geist beseelt, Nach hohem Ziel gerungen. O, es schmerzt, Wenn plötzlich solch ein Band zerreißt! – Doch nun Empor das Haupt! Mein wankend Reich verlangt Die Königin, und willig bring' ich ihm Der Trauer frommes Recht zum Opfer dar. Nicht Tränen, Taten fordert diese Zeit. Ich fühl's, wie über die gewohnten Schranken Das Schicksal mich erhebt. So werf' ich denn Hinweg, was schwach und weibisch war, und will Auf ungebeugter Stirn die Krone tragen. Hiram (stürzt herein) . O rette, rette dich, Gebieterin! Die Römer nahn. Schon sieht man ihre Haufen Das Klippental heraufziehn. Rüste dich Zu schneller Flucht! Sophonisbe .                 Ich? Fliehen? – Nimmermehr! Doch hochwillkommne Zeitung meldest du. Es naht der Feind, wohlan, er soll mich finden, Die Löwenwitwe, die in ihrer Kluft Nach Rache brüllend sich zur Wehre stellt. Mit blut'gem Haupt von diesem Felsen hoff' ich Ihn heimzusenden; wir sind stark genug, Und was an Zahl gebricht, ersetzt der Grimm. Kampf mit den Römern! Ja, das war's, was längst Dies Herz ersehnt' und auf den Zinnen will ich Den Schlachtreihn führen, wie Semiramis! Thamar . Wie zündend Feuer sprüht, Gewaltige, Dein Wort in meine Brust. O schreite mir Voran! Ich folge dir. (Lärm draußen, dann ein dumpfes Krachen.) Sophonisbe .                 Horch, was war das? Pocht ungeduldig unser Dränger schon? Hiram . Unmöglich, Herrin! – Sophonisbe .                         Bring den Panzer, Hiram! Rasch, rasch! Ich muß hinaus. Siebenter Auftritt. Die Vorigen . Methumbal mit gezogenem Schwert. Sophonisbe .                                 Was suchst du hier? Dein Platz ist auf dem Wall. Methumbal .                             Verrat! Verrat! Hyänen über diese Meuterer! Sophonisbe . Sprich klar! Was ist's? Methumbal .                                   Vernahmst du das Gekrach Der erznen Flügel nicht? Die Memmen haben, Als sie von fern die römischen Adler sahn, Im Wahnsinn ihres Schrecks das Tor gesprengt, Und jagen flüchtig nun, verhängten Zügels, Auf ihren Rennern dem Gebirge zu. Sophonisbe . Fluch auf ihr Haupt! Methumbal .                                 Die siebenhundert nur Der Leibwacht blieben dir; in Trümmern liegt Das große Tor, wir halten's keine Stunde. Drum auf den Knien laß dich beschwören: flieh! Flieh, eh's zu spät wird! Durch die Brunnenpforte Am Palmenhain entkommst du noch.         (Trompeten in der Ferne.)                                                         Da, horch! Das ist die Tuba schon der Römischen! Sophonisbe . Ha! und kein Kampf! Thamar .                                       Erhalte dich den Deinen, Der Rache dich, die du dem Gatten schwurst! Flieh! Flieh! Hiram (am Geländer zur Rechten) .                     Zu spät! Auch an den Palmen blitzt es Von Waffen auf. Man sieht's, ein kund'ger Mann Hat sie geführt; sie sperren jeden Pfad, Wir sind umzingelt! – Sophonisbe .                     Wohl! Das Schicksal Will die Versuchung uns kleinmüt'ger Flucht Ersparen und ich weiß ihm Dank dafür. Klar liegt der Wurf. Wir müssen mit dem Schwert Uns eine Gasse bahnen oder schmachvoll Uns unterwerfen. Setzen wir denn kühn, Die Ehre rettend, unser Leben ein!         (Nach einigem Bedenken.) Am Tor der Löwen ist der Hang des Bergs Geschickt zum Ausfall. Dort am eh'sten glückt's, Hervorzubrechen plötzlich, und das Netz Des Feindes mit gediegnem Keil zu sprengen. Versuchen wir's! Sein Totenopfer heischend, Wird Syphax' blut'ger Schatte vor uns her Im Kampfe ziehn und uns den Weg des Heils Erstreiten helfen. – Doch kein Augenblick Ist zu verlieren. Eil hinab, Methumbal, Und schar im Flug das Häuflein, das uns blieb! Sobald ich mich gewappnet, folg' ich dir. (Methumbal geht.) Sophonisbe . Den Panzer, Hiram!         (Sie läßt sich die Rüstung anlegen.)                                             Thamar, armes Kind, Dein hart Geschick beklag' ich. Mußtest du Vertrauend an den Herd der Schwester flüchten, Um solchen Tag zu schaun! Thamar .                                   Nicht doch! Laß mich Die Götter preisen, die mich hergeführt! So schwach nicht bin ich, wie du denkst; es fließt In meinen Adern auch das Blut der Barkas, Das in bedrängter Stunde kühner wallt.         (Sie reißt einen Speer von einer Trophäe.) Sieh! Dieser Arm, dank unsern Jugendspielen, Hat noch den Speer zu schwingen nicht verlernt. Unselig wär' ich, wüßt' ich, fern von dir, Dich in Gefahr. Nun schlägt das Herz mir hoch, Denn alles darf ich mit dir teilen! –         (Trompeten.)                                                     Horch! Sie nahn! (Tritt an das Geländer.) Sophonisbe .   Was siehst du? Thamar .                               Langsam bis zur Brücke Im Taktschritt wogend dröhnt ihr Zug heran. Dort halten sie. Im weißen Mantel jetzt Auf prächt'gem Berber sprengt ein Reiter vor, Der Reiherbusch des Helms verrät den Feldherrn; Sie grüßen ihn. Nun zügelt er sein Roß Und spricht zu ihnen – Sophonisbe (noch immer beschäftigt, sich zu wappnen) .                                   Wo? Thamar .                                   Am Uferhang Uns grade gegenüber. Fast erreicht Der Worte Schall mein Ohr. – Nun jauchzen sie Ihm ihren Beifall! Horch! Sophonisbe (eilt fertig gewappnet an das Geländer) .                                       Sie sollen bald Verstummen, sag' ich dir! Den Bogen her! Den schärfsten meiner Pfeile! Ha, ich treff' ihn, Wie ich im Frührot heut den Panther traf! Thamar . Er wendet sich. Sophonisbe .                   Wohlan, er soll – Thamar .                                                   Halt ein! Beim ew'gen Licht, halt ein! Das ist kein Römer, Dies Antlitz kenn' ich! Sophonisbe .                     Laß! – Thamar .                                     Schau selbst und sprich, Ob ich mich täuschte. Sophonisbe (ist wieder an das Geländer getreten) .                                   Massinissa! Götter!         (Sie kämpft einen Augenblick mit sich selbst und läßt dann den Bogen sinken.) Umsonst! Ich kann's nicht! – Fort! (Der Vorhang fällt.) Zweiter Aufzug. Dieselbe Dekoration. Spuren von Verwüstung; Der Schenktisch umgeworfen, die Gefäße am Boden verstreut. An der Pforte zur Linken zwei römische Legionäre als Wachen. In dem Augenblicke, wo der Vorhang aufgeht, tritt Torquatus aus dieser und geht dem Massinissa entgegen, der, von numidischen Hauptleuten umgeben, aus dem Hintergrunde vorschreitet. Erster Auftritt. Massinissa . Torquatus . Hauptleute . Wachen . Später Hiram . Massinissa . Pflanzt auf den Wall den Adler! Glücklich ist Vollführt, was ich dem Scipio gelobt, Wir sind in Cirta.                           Dago, du besetzest Palast und Burg mit meinen Libyern Und läßt in Eile das zerstörte Tor Sturmfest erneuern. Du, Torquatus, rückst Indes mit den italischen Kohorten, Sobald sie ausgerastet, langsam vor, Den Weg uns deckend, der nach Morgen führt. Ich selber bleibe. Denn Gewicht'ges noch Zu schlichten gilt's. Wo ist die Königin? Torquatus (auf die Pforte zur Linken zeigend) . Im Turmgemach. Ich hab' dafür gesorgt, Daß sie uns nicht entrinnt. Hiram (stürzt aus der Pforte und wirft sich vor Massinissa nieder) .                                         Erbarmen, Herr! Barmherzigkeit! Massinissa .             Was willst du, Knab'? Hiram .                                                     Erbarmen Für meine Herrin! Laß mich nicht umsonst Zu deinen Füßen flehn! Du gleichst ja nicht Den Männern dort von Erz; dein Antlitz trägt Die Züge unsres Stamms: so rett' und hilf! Denn sie erliegt dem Jammer – Torquatus .                                     Weibertränen! Sie trocknen schon – Hiram .                           O, weinte sie, Barbar! O raste sie und riss' ihr Kleid in Stücke! Doch dieses stumme Leid ist schrecklicher. Erloschnen Auges, blutlos, tränenlos Wie eine Tote sitzt sie da und starrt Auf ihre Fesseln; unbewegter starren Die Felsenbilder in der Wüste nicht. Massinissa . Gefesselt, sagst du? Torquatus .                               Ja. So will's der Brauch Bei Kriegsgefangnen, die der Republik In offnem Kampf getrotzt – Massinissa .                               Sie ist ein Weib, Und dir nicht fremd, daß ich sie einst gekannt. Torquatus . Der Römer kennt nur Freund und Feind. Indes Wenn du gebietest – Massinissa .                     Geh zu deiner Schar Und tu, was ich befahl!         (Torquatus ab.)                                     Auf eure Posten! Die Sorg' um dieses Weib ist mein. Ich selbst Entscheid' ihr Los.         (Die Hauptleute gehen, auf einen Wink Massinissas auch die Wachen.)                             Nimm, Knabe, diesen Ring, Das Zeichen meiner Vollmacht; eil und löse Die Fesseln deiner Königin und sag ihr, Daß Massinissa ihres Grußes harrt. Hiram . Hab Dank! (Geht ab durch die Pforte links.) Zweiter Auftritt. Massinissa (allein) .   Vergessen wähnt' ich's und verschmerzt, Mich selbst im neuen Lebensstrom gehärtet Und das Vergangne machtlos hinter mir. Und nun – o wir sind schwach! – nun stürmt das Blut Unruhig aufgewiegelt mir zum Herzen Und vor der Überwundnen bangt mir fast, Als wäre sie die Siegerin. – Wie anders Dacht' ich mir dies Begegnen! Stolz gefaßt Ein kühles Mitleid wollt' ich ihr bezeigen, Gleichmütig ihr erleichtern, was sie traf; Die Rache des Verschmähten sollt' es sein – Umsonst, mir glückt's nicht. Der Gedanke bloß, Ins Antlitz ihr zu schaun, entwaffnet mich, Und wie erstarrte Schlangen, angerührt Vom Strahl der Frühlingssonne, regen plötzlich Die alten Wünsche sich in meiner Brust. Werd' ich sie zügeln können? – Will ich's nur? Was frommt das Grübeln! Mag der Augenblick Entscheiden! Dritter Auftritt. Massinissa . Sophonisbe , auf Thamar gestützt, erscheint in der Pforte zur Linken. Massinissa .         Sophonisbe! Ja, du bist's! Und bei den ew'gen Göttern schön wie sonst! Sei mir willkommen! Welch ein fremd Gestirn Uns auch zusammenführt, als deinen Freund Sollst du mich sehn. Thamar .                         Zurück, Entsetzlicher! Und gib der grausam bis ins Herz Getroffnen Zeit zur Besinnung. – O, was tatest du! Massinissa . Wild ist der Krieg und vieles muß ein Feldherr Geschehen lassen – Thamar .                       Muß? Willkommnes Wort, Mit dem der Frevler stets die Schuld von sich Abwälzt ins Leere, jeden Übermut Und jeden Treubruch – Massinissa (drohend) .           Thamar! Thamar .                                           Drohe nur! Ersticken kannst du meinen Vorwurf, nicht Dich reinigen. O, wenn kein andrer Arm Sich fand, als deiner, um die Zeichen Roms Auf deiner Väter heil'ge Burg zu pflanzen: Sag an, Herzloser, wie vermochtest du's, Dies teure Haupt, das du gefährdet wußtest, Die Freundin deiner Jugend der Gewalt Des tückisch blinden Zufalls preiszugeben, Daß auch kein Tropfen ihr im Kelch der Schmach Erspart blieb, du, von dem ein Wort genügte – Und jene trotz'gen Schergen krochen zahm Zu ihren Füßen – Sophonisbe .               Schweig! Thamar .                                   Nur noch das eine Laß mich ihm sagen, daß sein treulos Herz In Scham vergehn mag! Ja, vernimm's, Unsel'ger, Wenn du noch atmest, ihrer Gnade nur Hast du's zu danken. – Zweifelst du? – Schau her! Hier war's, schau her! Als du vor wenig Stunden Umbraust vom Jubelrufe deines Heers Auf stolzem Roß dort drüben schon als Sieger Dich blähtest, lag dein Los in ihrer Hand. Dein Leben hing an ihres Pfeiles Spitze, Doch sie, großmütig eurer Jugendzeit Gedenkend, schenkte dir's – Massinissa .                               Was sagst du, Weib! Sie hätte hier –? Sophonisbe .           Wer hieß dich reden, Thamar? Dies ist die Stunde nicht zu müß'gem Wort. Kehr heim in deinen Kerker oder geh, Dafern sie dir's gestatten, zum Altar Und sieh zur Göttin, daß sie deine Freundin Zu hart nicht prüfe. – Dieser Mann, ich seh's, Bringt mir mein Schicksal. Gönn ihm nicht den Wahn, Ich sei zu schwach, allein dem Schlag zu stehn. – Geh! (Thamar geht ab durch die Mittelpforte.) Vierter Auftritt. Massinissa . Sophonisbe . Massinissa .   Sophonisbe, welch ein Wiedersehn Voll Pein und Irrsal! Glaube mir, ich hätte Dir diese Schrecken gern erspart. Doch wer Bezähmt den siegestrunknen Schwarm, wer ist Allgegenwärtig, seine Wut zu zügeln? Jetzt ist der Sturm verbraust, jetzt bin ich hier. Sei denn getrost! Du fielst in eine Hand, Bereit, wie sie vermag, dein Los zu mildern. Nur stoß mich nicht zurück, nur gönne mir Ein freundlich Wort! Sophonisbe .                   Was könnte die Besiegte Dem Sieger sagen! Tu was dir gefällt! Mein Wunsch nicht war's, der dies Gespräch gesucht. Massinissa . Bist du so starr und bist dieselbe doch, Die mein geschont? Hast du dem Todespfeil Sein Ziel verwehrt um unsrer Jugend willen: Warum denn jetzt verleugnen, daß in dir Das Angedenken jener Zeit noch lebt? O, wohl bekämpft' auch ich's, im Sturm der Schlacht, Im Lärm des Lagers rang ich's zu ersticken Und log mir endlich selbst, vernichtet sei's. Vergeblich Mühn! Du nahst, du läßt wie einst Dein Auge still und dunkel auf mir ruhn Und alle Narben der Erinnrung brechen Wollüstig blutend auf. Ich seh' uns wieder In deines Vaters Halle, wo mein Ohr Zuerst den Zauber deiner Stimme trank, Seh' uns am Meer auf feuchtgeripptem Sand Der flücht'gen Antilope Spur verfolgen. Und dort im Hain der Zedern – weißt du noch, Wie ich dich dort am Springborn fand, den Flaum Des purpurfarbigen Flamingos streichelnd? – Doch ich erschoß ihn, weil ich's ihm mißgönnt. Sophonisbe . Was soll das alles der Gefangnen? Massinissa .                                                     Nur Dir sagen soll's, was damals ich empfand, Und was ich heut aus Aschen auferweckt Gedoppelt heiß empfinde. Fragen soll's, Was du gefühlt, eh' schlaue Staatskunst dir Das Herz verwirrt und jener greise Fürst, Dem deine Jugend aufgeopfert ward, Mich dir entfremdet. – O zerbrich dies Eis Des allzu scheuen Stolzes! Sprich es aus, Daß dir des Jünglings Werben nicht mißfiel, Und was du seinem stummen Wunsch vielleicht Einst weigern mußtest, gönn' es jetzt dem Manne, Der, höher nur von deiner Not entflammt, Freimütig seine Glut bekennt! Sophonisbe .                               Du sprichst Zu Syphax' Witwe. Unterm offnen Himmel Liegt noch sein Haupt, die Wunde blutet noch, Aus der sein Leben strömte, und du wagst, Verblendeter – Massinissa .             Die einz'ge Hilfe dir Zu bieten wag' ich, die dich retten kann. O sei nicht du verblendet! Muß ich dich Noch mahnen an das eiserne Gesetz, Das hier jetzt waltet? Unerbittlich bist Du ihm verfallen, wenn du mich nicht hörst. Das Schicksal der entthronten Fürstin wird Von Rom verhängt, mein Weib nur kann ich schützen. Sophonisbe . Dein Weib? Weib eines Römers? Lieber tot! Geh hin und such am Tiber dein Gemahl! Vor des Verräters Bett – Massinissa .                           Halt ein und häufe Das Maß nicht deiner Ungerechtigkeit! Verräter schiltst du mich, weil ich mein Reich, Mein heilig Erbteil, das man mir entriß, Nicht ruhig preisgab? Weil ich, den als Bettler Das Vaterland von seiner Schwelle stieß, Die einz'ge Hand, die hilfreich mir sich bot, Die Hand des Römers faßte? O, du hast Nie der Verbannung herben Kelch geschmeckt! Mit den Harpyien hätt' ich damals mich, Mit jedem Geist des Abgrunds mich verbündet, Der mir den schnöden Raub zurück verhieß. Mein Recht und meine Rache heischt' ich nur Und tat's mit leichtem Sinn und festem Herzen, Und niemals kam ein Zweifel mir – bis heut. Doch, was verleugn' ich's? – nun ich endlich hier Der langentbehrten Heimat Grund betrete, Nun dieser Heimat leibgewordnes Bild In dir so strahlend schön und doch so feindlich Mir gegenübersteht, nun schwankt das Herz Erschüttert und verwirrt mir in der Brust, Und meiner Jugend Sterne sehn bezaubernd Mich an und winken – Sophonisbe .                       Hättest du dich nie Von ihnen abgewandt! Massinissa .                       Und wenn ich nun Dem Winke folgte? Wenn ich meinen Groll Wie einen Schild, der aus den Fugen ging, Hinter mich würfe? Wenn der Ausgestoßne Der reichen Hoffnung, die er draußen fand, Den Ehren Roms, dem Freunde selbst entsagte, Und Sühnung bietend an der Mutter Herd Heimkehrte, jetzt, zur Stunde der Gefahr, Ein Sohn, ein Hort, ein Retter ihr zu werden? Sophonisbe . Wenn – wenn – Massinissa .                           Sprich, daß du's willst, und ich vollführ's! Befiehl und bei des Himmels Pforten schwör' ich's: Unwiderstehlich Weib, ich folge dir. Du bist mein Schicksal. Wider dich zu stehn Vermag ich nicht, und wenn ich meine Schuld Nach deinem Maß nicht messe, so erkenn' ich Doch, was ich tun muß, deiner wert zu sein. Nicht bloß dich zu befreien gilt's, es gilt Auf aller Ehren Gipfel dich zu heben. Ein großes Reich vom Atlas bis zum Meer Steigt vor mir auf, das Afrikas Geschlechter Ruhmreich versammelt unter einem Haupt. Die Völker alle schließt es ein, so weit Des Sonnenwagens diamantnes Rad Senkrecht dahinrollt über unsrer Scheitel, Den Neger, der den Elefanten zähmt, Den stolzen Wüstensohn mit seinen Rossen, Den Kananiter, dem die Flut gehorcht. O welch Gebiet! Und alles, was es hegt An Segensfülle, Pracht und Kriegsgewalt, In einer Krone güldnen Reif beschlossen, Und diese Krone dein! Wirst du dem Mann Dich auch versagen, der als Sieger naht, Sie auf dein Haupt zu drücken? Sophonisbe .                                   Du fliegst hoch In deinen Träumen. Wahr dich, daß dir nicht Die Flügel schmelzen! Leichter freilich ist's, Ein Reich mit Worten in die Luft zu baun, Als nur den kleinsten Schritt auf festem Grund, Nur den notwendigsten zu tun. Massinissa .                                   Du sollst Auf ihn nicht warten. Diese Stunde noch, Dafern du's billigst, sei das Werk begonnen. Den störrischen Torquatus hieß ein Gott Mich weitersenden. So vertrau' ich dich Dem Schutze meiner Libyer an, und fliege Auf schnellem Roß ins Lager selbst zurück, Um mein numidisch Volk dir zuzuführen. Mein Name, der die wilden Herzen leicht Für Rom gewann, gewinnt sie leichter noch Der blutsverwandten Fürstin. Diese Burg Ist fest und wohlversorgt, und legte Scipio Mit ganz Italiens Rüstzeug sich davor, Wir trotzen ihm, bis Gisgon Hilfe bringt. Zehn Jahr hielt Troja stand um Helena Und hatte kein Karthago zum Entsatz. Bist du's zufrieden? Sophonisbe .                 Wohl, es sei! Massinissa .                                       Hab Dank Auch für dies karge Wort! Ich fühle mich Mit Kraft gerüstet, Größres zu verdienen. Der Preis ist's, lern' ich, der den Helden macht. Für jetzt fahr wohl! Was Cirtas Schutz erheischt, Sei rasch geordnet; dann im Flug hinüber Zu den Numidern, und wer weiß, du rufst mir Ein Wort der Hoffnung noch beim Scheiden zu! (Er geht rasch durch die Mittelpforte ab.) Fünfter Auftritt. Sophonisbe . Später Thamar . Sophonisbe (allein) . Ihr ew'gen Mächte, wozu treibt ihr mich! In welchen Strudel unentrinnbar reißt Ihr mich hinunter! Laßt mich nicht versinken! Kann ich die einz'ge Hoffnung für mein Volk Nur so erkaufen, o so tilgt denn hier Auch jedes andre leise Glückverlangen, Des Weibes letzten Anspruch tilgt hier aus, Und fühllos wie des Tempels eh'rne Bilder Nur euer Werkzeug laßt mich sein! Thamar (kommt) .                                 So hat Die Göttin gnädig mein Gebet erhört! Das Auge leuchtend, mit entwölkter Stirne Begegnet auf den Stufen mir der Fürst. Ihr seid versöhnt! Sophonisbe (schmerzlich) . O Thamar! Thamar .                                           Hätt' ich mich Getäuscht? Nein, nein! So gütig blickt nicht der, Der uns Verderben brütet. Nein, du hast Sein Herz besiegt. Er kehrt zu uns zurück. Sophonisbe . Er kehrt zurück. Vielleicht sind wir gerettet, Ich hoff's – und doch – O welchen Kelch hab' ich Geleert, den mir mit aller Bitterkeit Mißachtung würzte! Thamar .                       Rede! Sophonisbe .                           Einen Sieger Halt' ich erwartet, einen Feind vielleicht; Auf ernste Großmut oder eisige Zurückhaltung war ich gefaßt, nur nicht Auf diesen willenlosen Unbestand, Der jedem Trieb gehorcht, auf dies Geflacker Verworrner Leidenschaft. O, sein Gemüt Ist wie der Sand der Wüste, den der Wind Nach Abend jetzt und jetzt nach Morgen stürmt, Und keine Spur von gestern haftet drin. Vergessen konnt' er uns in unsrer Not, Und plötzlich nun, von diesem armen Reiz Entzündet, möcht' er wie ein trunkner Knabe Des Himmels Sterne mir zu Füßen streun. O, was ist Mannheit! Thamar .                         Und du ließest ihn Gewähren, Schwester? Sophonisbe .                     Mußt' ich's nicht? Es galt Nicht mein, es galt das Schicksal meines Volks. Durft' ich das Schwert, das sich ihm bot, verwerfen, Weil mir die Hand mißfiel, in der es lag? Thamar . Doch wenn ich nun die Glut auf seinen Wangen Mir recht gedeutet, wenn auf einen Preis Er hofft, den niemand zahlen kann, als du: Hast du dein Herz geprüft? – Sophonisbe .                               Ich hab' dereinst An Lieb' und Glück und Mannesherrlichkeit Geglaubt und doch getan, was mir die Götter Der Heimat strenge fordernd auferlegt. Jetzt seh' ich, jener Glaube war ein Wahn, Und zaudern sollt' ich, für Karthagos Heil Sein leeres Schattenbild dahinzugeben? Thamar . Du könntest –? Sophonisbe .                   Auch das letzte, muß es sein. Fast scheint es ja, daß mein Geschick dazu In harter Trübsal mich bereiten wollte. Denn nichts mehr hoff' ich für mich selbst und habe Nur eine Pflicht noch für das Vaterland. Sechster Auftritt. Die Vorigen . Batu . Batu . Gebietrin! Sophonisbe .       Batu! Seh' ich recht? Du lebst? Sag an, woher? Batu .                     Ich komm' aus Feindes Hand, Grad aus dem Feldherrnzelt des Römerlagers. Gefangen ward ich bei dem toten Herrn Und dachte kaum dein vielgeliebtes Antlitz Auf dieser Welt des Jammers noch zu schaun. Doch Scipios menschlich Herz erbarmte sich Des alten Waffenknechts; er hieß mich ziehn, Daß ich des Königs letzten Gruß dir brächte. – Du weißt, wie Syphax fiel? Sophonisbe .                             Ich weiß. Batu .                                                       So laß Mich eins nur melden, daß sein letzter Hauch Dein eigen war. Als er verzweifelnd schon Aufs eingepflanzte Schwert sich niederbog, Da sprach er: Batu, grüß mein Weib daheim Und bring ihr diesen Stahl zum Angedenken! Er sei ihr Freund, wenn alles treulos wird. Dann starb er ohne Laut. – Hier ist die Waffe. (Reicht ihr einen Dolch hin.) Sophonisbe . Bewahr sie mir! Du sollst fortan mich nie Verlassen, hörst du? – daß der letzte Trost Mir immer nah sei. Batu .                           Möge dich ein Gott Behüten, Königin! Sophonisbe .               Jetzt aber gilt's Noch nicht hinabzuflüchten, denn noch einmal Nach fürchterlicher Todesstille schwellt Ein günst'ger Hauch die Segel unsres Glücks. Fürst Massinissa, unser Feind bis heut, Tritt zu uns über und verheißt die Scharen, Die er befehligt, aus dem Römerheer In diese Mauern rettend herzuführen. Geborgen sind wir, wenn sein Anschlag glückt. – Du schweigst? – Was denkst du? Batu .                                                 Euer Plan ist kühn, Nicht unausführbar. Die Numider lagern Gesondert von den Römern am Gebirg, Und viel vermag, wer überraschend wagt; Nur eines fürcht' ich – Sophonisbe .                     Was? Batu .                                         Den Adlerblick Des Scipio und den Geist, der in ihm wohnt. Sophonisbe . Dünkt dir der Römer, weil ein launisch Glück Den Sieg ihm zuwarf, unbezwinglich schon? Batu . Du kennst ihn nicht. Er ist von andrer Art, Als die ich sonst sah. Ein geborner König Herrscht er im Lager wie im Schlachtgewühl, Gemeine Kraft besteht ihn nimmermehr. Ich hass' ihn, doch er hat mich Furcht zugleich Gelehrt und Ehrfurcht. Sophonisbe .                     Seine Großmut fiel Auf guten Boden, merk' ich. Sprichst du nicht, Als wär' Achill erstanden? Beim Adonis! Ich möcht' ihn sehn, den Zauberer – Batu .                                                     Auch geht Im Volk die Sage, seine Mutter habe Ein Gott besucht, und oft um Mitternacht Erscheint, im Mondlicht aus dem Boden wachsend, Ein uralt Schlangenhaupt in seinem Zelt, Mit dem er sich berät. Sophonisbe .                     Geschwätz! Batu .                                                   Mag sein! Doch das steht fest, daß ihn ein Dämon schützt. Ich sah ihn in der Elefantenschlacht, Wie er dem letzten Stoß der Unsern sich Entgegenwarf. Da rauschten von den Türmen, Wie wenn ein Wolkenbruch sich niedergießt, Wurfsteine, Feuerpfeile, siedend Öl Auf ihn herab. Zerschmettert ringsumher Sank Haupt an Haupt, sein schimmernd Tigerroß Brach in den Staub, der Bannerträger fiel An seiner Seite, doch emporgerafft, Den Adler fassend, vorwärts unaufhaltsam Durch alle Schrecken stürmt' er in den Sieg. Und kein Geschoß versehrt' ihn. Das ist mehr Als bloßer Zufall. Sophonisbe .             Nimm's, wie du's verstehst! So viel ist freilich klar: hier ist ein Gegner, Dem Massinissas blindes Ungestüm Nicht standhält, wenn der erste Wurf mißlingt. Sein hast'ger Anlauf wird vor jedem Hemmnis Zusammenbrechen, wenn die sichre Hand Ihm mangelt, die ihn zügelt oder spornt. Batu . Ich fürcht' es, Herrin. Thamar .                             Und so lischt das Bild Der Rettung, kaum vor uns emporgestiegen, Wie ein Phantom der Wüste trostlos aus! Auf wen noch hoffen wir, wenn nicht auf ihn? O sendet Rat, ihr Himmlischen! Sophonisbe .                                   Mut! Mut! Noch haben sie das Haupt nicht abgewandt: In dieser Stunde wechselvollem Drang Ist mein Entschluß gereift. Nur wer verzagend Das Steuer losläßt, ist im Sturm verloren. Wir sind's noch nicht. Siebenter Auftritt. Die Vorigen . Massinissa tritt ein, von seinen Hauptleuten umgeben. Massinissa .                     Noch einmal tret' ich vor dich, Zur Fahrt gerüstet, um, wie dir's gebührt, Als Cirtas Herrin wieder dich zu grüßen. Mein treuer Dago, der die Libyer führt, Wird deiner Winke jedem ehrfurchtsvoll Gehorchen bis zu meiner Wiederkehr. Leb wohl! Du weißt, was diese Brust bewegt, Laß im Vertrauen denn auf deine Huld Mich scheiden, Königin! Sophonisbe .                         Wir scheiden nicht. Massinissa . Wie? – Hättest du – Sophonisbe .                               Denn mit dir zieh' ich hin. Entschlossen bin ich, dein Geschick zu teilen. Massinissa . Du mit ins Lager? Sophonisbe .                           Soll ich qualvoll hier Die Stunden zählen, während drüben sich Mein Los entscheidet? Nein, mit eigner Hand Mir greifen will ich's. Die Numiderfürsten Sind mir nicht fremd. Ihr afrikanisch Blut Wird in den tapfern Herzen sich empören Beim Anblick der beraubten Königin. Siegreichen Zauber übt die Gegenwart, Und mächt'ger als dein überlegtes Wort Dringt die beredte Stimme meines Unglücks In ihre Seele. Kein Bedenken drum! Beschlossen ist's. Massinissa .               Du willst es so. Wohlan! Wer hemmte dich in deinem Adlerfluge! Thamar . Der Gottberatnen widerrat' ich nicht, Doch laß mich mit dir gehn! Sophonisbe .                             Was willst du, Treue, Dort im Gewühl? Nein, von den Meinen folgt Mir dieser Alte nur, er weiß, warum. Dein Platz ist hier; in deine Hände leg' ich, Da unser tapferer Methumbal fiel, Die Schlüssel dieser Burg; ich weiß, du wirst, Was immer kommt, sie für Karthago wahren. Thamar . Nimm meinen Eid! Mit diesem Leben nur Geb' ich sie hin. Sophonisbe .           So ist denn alles hier Bestellt. Und jetzt, bevor des Zelters Flug Mich dem verhüllten Ziel entgegenträgt, Noch einmal, Thamar, üb an deiner Schwester Dein heilig Priesteramt und segne mich! Thamar (bewegt) . Zieh denn hinaus, Geliebte, zieh beglückt! Ich segne dich, als stünd' ich am Altar, Und ihr dort oben laßt als Weiheguß Das Opfer dieser Tränen euch gefallen! Dich, hoher Sonnenjüngling, ruf' ich an Und die du nächtlich übers Waldgebirg Mit Silberrossen jagst und Tau des Lebens Herniederträufst, Astarte dich, und dich, Gewalt'ger Melkart, unsres Stammes Ahn! Umschirmt dies teure königliche Haupt Und vor ihr her in Sturm und Säuseln wandelnd In Wolk' und Glut, bereitet ihr die Bahn! Ihr habt das heil'ge Feuer, das sie treibt, In ihrer Brust entzündet, lehrt sie denn Nach eurem Rat ihr kühnes Werk vollenden! Und wie sie lautern Sinns und willig ist, Ihr Alles für der Heimat teuren Herd, Für euch und euer Volk dahinzugeben: So seid ihr gnädig, Götter Afrikas! Sophonisbe . So seid mir gnädig! Ja, von eurem Hauch Ergriffen fühl' ich mich, und ungeduldig Schwillt mir das Herz von hoher Zuversicht. Zu Roß denn, Massinissa! Laß den Wind Uns überreiten! Keine Ruhe mehr, Bis ich mein Schicksal weiß, und wer ich bin, Ob eine Sklavin jener stolzen Römer, Ob eines freien Volkes Königin. (Indem sie sich zum Gehen wendet, fällt der Vorhang.) Dritter Aufzug. Hauptquartier des Scipio im halbzerstörten Schlosse zu Massylis. Eine hohe Halle; hinten in der Mitte ein mächtiger Pfeiler, der zwei große Bögen trägt, beide durch Vorhänge verschließbar. Der Bogen zur Rechten gewährt eine weite Aussicht ins Lager, der zur Linken führt in eine Nische, in der Scipios Feldbett aufgeschlagen ist. An der zweiten Kulisse links eine Tür, ihr gegenüber zur Rechten eine stark vorspringende erzbeschlagene Pforte. Vorne links ein Tisch, darauf Rollen, Karten (Tafeln) und Schreibgerät. Der Vorhang der Nische ist geschlossen, der Blick ins Lager frei. Wachen schildern vor dem Eingang; der Hintergrund bleibt während der folgenden Szenen unaufhörlich belebt. Erster Auftritt. Lälius und Severus , aus dem Lager in die Halle tretend. Lälius . Willkommen hier in Massylis, Sever, Du bleibst dir treu und läßt dich nicht erwarten. Severus . Ein schlechter Kriegsmann, der die Zeit versäumt! Vor einer Stunde bin ich eingerückt, Und darf mich rühmen, daß ich nicht vergebens Mich von der Wüstensonne bräunen ließ. Lälius . So steht es gut im Süden? Severus .                                     Ganz nach Wunsch. Durch Gold und Gunstverheißung sind die Stämme Vom großen Salzsee bis zum roten Berg Für uns gewonnen. Wenig Mühe schuf's, Denn schwer auf ihnen lag Karthagos Joch, Und fast wie Retter wurden wir begrüßt. Lälius . Nun, desto besser. Severus .                         Auf dem Heimweg zog Ich durch des untern Atlas üppig Land, Und reichen Vorrat bring' ich mit ins Lager: Feldfrüchte, Herden, zwölf Kamele selbst, Mit Schläuchen auserles'nen Weins bepackt. Im Tal der Palmen aber stieß ein Schwarm Von wilden Kriegern zu uns, wie der Tag Ihn bunter nie beschien: bemalte Neger, Mit Waffen aus des Elefanten Zahn Und Federkronen seltsam aufgeputzt, Getulier, im geschuppten Panzerhemd Aus Schlangenhaut auf Zebrastuten reitend, Und Giftpfeilschützen aus dem Zedernwald. Versprengte Scharen sind's vom letzten Aufstand Und durstig insgesamt auf punisch Blut. Lälius . Das wird den Scipio freun. Severus .                                       Ich hoff's. Es standen Bei ihm die Eingebornen stets in Gunst, Fast mehr als billig. Lälius .                         Freund, weil er sie braucht . Ich hört' ihn oft gestehn: dies Afrika Wird nur durch Afrika von uns bezwungen. Severus . Er mag recht haben. Freilich, sonst war's anders. Der Römer sah im Fremdling nur den Knecht. Man warf ihn nieder und das scharfe Schwert Ward sein Gesetz – Lälius .                           Doch schon im nächsten Jahr Brach die Empörung aus. Severus .                               Und ward vernichtet. Lälius . Jawohl, und eine Wüste blieb uns nach Voll Bluts und Trümmer und erstickte Flüche. – Wenn Scipio das nicht will, wer schilt ihn drum? Severus . Beim Mars, nicht ich. Er ist der Feldherr Roms, Und wär' er's nicht, freiwillig beugt' ich mich Vor seinem Genius. Nur staun' ich oft Und finde mich nicht gleich in seine Weise, Der grauen Scheitel fällt das Lernen schwer. Nicht die Verbrüdrung bloß mit den Barbaren, Schlachtordnung, Marsch, Befest'gung – alles neu! Anstatt des Kriegsrats plötzliche Entschlüsse, Aus dunkler Offenbarung Strom geschöpft! – Mir schwindelt, seh' ich diesem Jüngling zu, Wie er auf unversuchten Pfaden schreitend Mit den Geschicken wie mit Würfeln spielt. Lälius . Die alte Schule schmollt aus dir, Sever. Wohl geht er andre Bahnen, als bis heut Die Kriegskunst Roms, in Regeln eingerostet, Als jener Fabius, der Zaudrer, ging. Doch Großes wagend hat er Größeres Nicht stets gewonnen? Nicht dem Adler gleich Sein Ziel erflogen? Wo die Besten sanken, Trug spielend ihn ein günst'ger Wind empor. Den Feldherrn macht sein Geist, doch auch sein Glück: Das ist's. Die Götter lieben ihn und decken Mit dichten Lorbeern seine Fehler zu, Wenn das noch Fehler sind, was wir zuletzt Trotz allen Widerspruchs bewundern müssen. Zweiter Auftritt. Die Vorigen . Scipio tritt zur Linken auf, im Gespräch mit Atarbas . Sextus und andre Hauptleute folgen, zu denen sich Severus gesellt. Später Lucan . Scipio (zu Atarbas) . Geh, sag dem Massinissa meinen Dank Für guten Dienst; auf seinen Vorschlag aber Könn' ich nicht eingehn; ruhig soll er sich Im Kreise seiner Lagerwälle halten. Mit Gisgon, wiss' ich, hab' es keine Not. (Atarbas tritt ab. Scipio tritt vor zu Lälius, der im Vordergrunde links steht, während die übrigen sich weiter hinten zur Rechten gruppiert haben.) Seltsam – er kommt zurück und statt mir selbst Bericht zu bringen, sendet er Atarbas, Und geht mich an, mit seiner ganzen Macht Nach Cirta ihn zu werfen, das von West her Durch Gisgons Anmarsch schwer gefährdet sei. Und dennoch weiß ich sicher, Gisgon stand Drei Stunden gestern nur von Hadrumet, Wie käm' er jetzt nach Cirta! – Sieh die Tafel! Unmöglich ist's und Massinissa täuscht sich. Lälius (halblaut) . Scipio – Scipio .         Was soll's? Lälius .                           Vergib, und wenn er dich Nun täuschen wollte? Scipio .                           Wüßt' ich nur, wozu! Denn außer Zweifel steht's, er hängt an mir. Verhaßter Argwohn! Nun, ich sah mich vor. In wenig Augenblicken werden wir Gewißheit haben, wie die Dinge stehn. Bis dahin – schweigen wir!         (Wendet sich zu den übrigen.)                                         Sieh da, Sever! Sei mir gegrüßt und laß die Hand dir schütteln! Vou deines Zugs preiswürdigem Erfolg Vernahm ich schon. Heut abend sollst du mir Genaues melden. Doch ruh aus zuvor Und tu dir gütlich auf die heiße Fahrt. Severus . Nicht nötig, Konsul. Trotz des Schnees hier oben Hielt dieser wetterharte Leib sich frisch. Ich bin nicht leicht erschöpft, und Tafelfreuden Gönn' ich den Kennern. Mir ist immer noch Im scharfen Dienst am wohlsten. Ging' es nur Erst wieder auf den Feind! Scipio .                                     Nun, dazu mag Rat werden, Alter. Eh' der Mond sich füllt, Stehn wir im Schlachtfeld. Severus .                                 Meinst du? Scipio .                                                     Man berichtet Mir aus Italien heut, daß Hannibal Sein Heer zusammenzieht bei Kap Misen. Was wollt' er dort, wo seine Flotte kreuzt, Wenn er nicht ernsthaft an die Heimkehr dächte? Und denkt er dran, so zaudert er nicht lang. Vielleicht indem wir reden, liegen schon Siziliens Küsten hinter ihm.         (Lucan ist eingetreten und hat leise mit Lälius gesprochen.)                                           Was gibt's? Lälius . Ein sonderbarer Vorfall wird dem Hauptmann Des Tors gemeldet. Scipio .                         Nun? Lucan .                                 Der punische Kundschafter, den vor wenig Tagen du Vom Strang befreit, erschien urplötzlich wieder Zu Roß am Wall und rief den Wachen zu: Die Maus lass' ihren Gruß dem Leun entbieten, Und Syphax' Witwe, Sophonisbe, sei Im Lager drüben. Damit wandt' er um, Und war verschwunden. Scipio .                                 Sophonisbe, sagst du? Lälius (leise, heftig) . Du siehst, zu gut nur stimmt es. Scipio .                                           Ruhig, Freund. – Ist Flavius zurück? Sextus .                         Noch nicht. Scipio .                                             Lucan! Mein Renner soll gesattelt stehn. –         (Lucan ab. Scipio wendet sich zu den andern.)                                                     Im Grund Wär's so unmöglich nicht. Erzählt man doch Von Massinissa, daß er einst gehofft, Die Königin als Gattin heimzuführen. Entflammter Leidenschaft verzeiht sich viel. Nur daß er mir's verschwieg! Ich wär' ihm wahrlich Im Wege nicht gestanden. – Severus .                                     Wie? Du wärst –? Scipio . Gesteh' ich's nur! Ich wünsche diesen Bund. Man nennt sie klug und großgesinnt, das Volk Vergöttert sie, und reicht sie am Altar Dem ausgesprochen Schützling Roms die Hand, So frommt das mehr uns als ein siegreich Treffen. Wo bleibt nur Flavius! Lälius .                             Aber wenn nun sie, Die Tochter Hasdrubals, die glänzende, Den Leichtbeweglichen auf ihre Seite Hinüberzöge? Scipio .                 Das sei meine Sorge. Ich kenne meinen Mann und halt' ihn schon. Dritter Auftritt. Die Vorigen . Flavius , rasch eintretend, einen numidischen Mantel über den Arm geworfen. Scipio . Ha, endlich! Sprich, was bringst du? Flavius .                                                     Herr, Gefahr! Im vollen Aufbruch fand ich die Numider, Und keinen Streifzug, Abfall gilt's von Rom. Lälius . Hörst du? Scipio .                 Soweit sind wir noch nicht. Flavius .                                                       Ich schlich, Wie du befahlst, mich ein, und scheinbar sorglos Im staubbedeckten Wüstenmantel schlendernd, Gewahrt' ich unbeachtet, was geschah. Ein fremdes hohes Weib sah ich von fern Durchs Lager reiten, mit den Häuptlingen Sich eifrig unterredend, Massinissa Hielt in verschloßnem Zelte Rat, die Lanzner, Erhitzt vom Weine, schnürten ihr Gepäck, Die Reiter sattelten. Das war ein Wühlen Und Raunen! Man verhieß geheimnisvoll Sich goldne Berge von der nächsten Zukunft Und mehr als einen hört' ich froh sich brüsten. Nun sei's vorüber mit der römischen Zucht. Severus . Empörung! Lälius .                     Laß uns die Verräter – Scipio .                                                       Still. Ich war darauf gefaßt. Sextus, mein Roß! Ich will die römische Zucht sie kennen lehren. – – Lälius, du rückst mit deiner Legion Sofort auf Cirta und versicherst dich Der Burg um jeden Preis; sie wird dir, hoff' ich, Kampflos die Pforten öffnen. Dir, Sever, Vertrau' ich hier im Lager den Befehl. Bin ich in einer Stunde nicht zurück, So folgst du mit dem Heer mir nach und schließest Von allen Seiten die Numider ein. Nicht eher, hörst du? Severus .                         Wohl. Und welche Schar Hast du dir selber zum Geleit erwählt? Scipio . Den Flavius und den Liktor. Niemand sonst. Severus . Vergib mir, Feldherr – Lälius .                                     Scipio, rasest du? Du willst doch nicht allein – Scipio .                                       Voreil'ger Lärm Erhöht das Übel nur. Die Sache wird Sich in der Stille schlichten lassen. Severus .                                             Konsul, Versuch die Götter nicht! Scipio .                                   Ich bau' auf sie. Sie sind's, die den Entschluß mir eingegeben. Lälius . Nimm mindstens deine Veteranen mit, Die zehn Manipeln. Sie sind stark genug, Im Notfall standzuhalten, bis Sever Mit Hilfe nachkommt. Severus .                           Lälius rät dir gut, Nimm die Manipeln, Herr! Scipio .                                     Nicht wahr, damit Vom ersten Zufall blind dahingerissen Ihr hitz'ger Eifer in den Kampf sie stürzt? Damit ein Blutbad wird, und nach dem Sieg Ein furchtbar Strafgericht ich halten muß Und selber abhaun, was uns wie ein Glied Des eignen Leibes morgen fehlen würde, Wenn plötzlich drunten landend Hannibal Zur Schlacht uns fordert? Nein und aber nein! Auf ihn, den Riesen, unsre Legionen! Mit diesem Knaben wag' ich's noch allein. Die Hand, die trotzig schon zum Schwerte griff, Erlahmt am Heft ihm, seh' ich ihm ins Auge. Seid unbesorgt, mein Stern ist über mir! (Er geht ab. Flavius und die Hauptleute folgen.) Verwandlung. Numidisches Lager mit weitem Ausblicke auf das Atlasgebirge. Links Sophonisbens Zelt; zur Rechten, weiter zurück, die Bögen einer zertrümmerten Wasserleitung, bis zur halben Höhe mit wucherndem Schlingkraut überwachsen. Vierter Auftritt. Batu . Sophonisbe . Im Hintergrunde numidische Krieger . Batu . Tritt aus dem Zelte, Königin. Die Stunde Der Fahrt ist da, die du so heiß ersehnt. In wenig Augenblicken wird der Fürst Erscheinen, auf den Zelter dich zu heben. Sophonisbe . Willkommne Botschaft! Und die Scharen sind Bereit, wie wir? Batu .                       Blick hier hinaus und sieh's! In langen Reihen schon geordnet steht Am Bug der Rosse lehnend, Speer an Speer, Das Reitervolk, und mit dem Kriegsgepäck Beladen harren Maultier und Kamel. Nichts fehlt zum Ausbruch als des Führers Wink. Sophonisbe . Was läßt ihn zögern? Hätten wir den Dampf, Der diese schmalen Lagergassen füllt, Erst hinter uns! Unheimlich weht er mich, Wie römische Fieberluft, beklemmend an, Und unter meinen Füßen brennt der Boden Wie Lavaglut. Batu .                   Getrost! Da naht der Fürst. Fünfter Auftritt. Die Vorigen . Massinissa , Atarbas , Adherbal , Sarkas , Menalkar und andre numidische Hauptleute . Massinissa . Das ist ein Donnerschlag aus blauer Luft! Er weist den ganzen Plan zurück? Atarbas .                                           Er tut's. Der kluge Wächter will der Brut des Panthers, Die er sich zähmte, nicht mit eigner Hand Den Käfig öffnen. Er verweigert uns Den Streifzug, unter dessen Vorwand du Dein Kriegsvolk ihm hinwegzuführen dachtest, Und heißt dich still bei deinen Zelten ruhn. Massinissa . O dieser Scipio! Sarkas .                               Sprich, was soll geschehn? Entscheide dich! Gefahr ist im Verzug. Adherbal . In blinder Hast noch größre. Laß dich warnen. Solch Unternehmen bricht sich nicht vom Zaun. Gib's auf für heute, daß zur Überlegung Wir Zeit gewinnen. Mit Gewalt den Weg Uns bahnen wollen, wäre sichrer Tod. Im offnen Felde von den Legionen Beim ersten Anlauf würden wir erdrückt. So frommt dir nichts als Warten – Massinissa .                                         Kann ich's noch? Wir sind zu weit gegangen. Jede Stunde Kann unsern kecken Anschlag, den bis jetzt Er höchstens ahnt , ihm zur Gewißheit stempeln, Die Truppen wissen, was es gilt, wie hielten So viele Tausend das Geheimnis fest! Nein, was geschehn soll, muß sogleich geschehn. Doch blickt zum Himmel! Hilfreich zeigt ein Gott Uns selbst den Ausweg. Mit Gewölk umzieht Vom Atlas her der Abend seine Stirn, Die Sonne taucht sich in ein Meer von Blut Und kündet eine Nacht voll Sturm uns an. Laßt uns sie nutzen! Während ruhig hier Die Feuer glühn und auf den Wällen rings Der Posten hergebrachte Zahl zurückbleibt, Mit Ruf und Hörnerton die Nacht hindurch Das Ohr der Römer täuschend, führen wir Durchs Hintertor, die breite Schlucht hinab Im Schutz des Dunkels still das Heer von dannen. Gelingt's, so sind wir mit dem Frührot schon In Cirtas sichrer Burg – Adherbal .                           Und wenn ein Blitz Dem Feind uns zeigt, wenn seiner streifenden Geschwader eins uns trifft, wenn das Gewieh'r Der brünst'gen Rosse uns verrät – was dann? Atarbas . Adherbal sagt's: du heischst ein Wagestück, Das leicht mißlingt. Und fast gereut's mich jetzt, Daß deinem Dringen ich mein Ohr geliehn. Der Einsatz ist in diesem Spiel zu groß, Der Preis zu klein. Was gilt uns dies Karthago, Das, siegen wir, noch mit der Löhnung kargt, Und wenn wir sieglos sind, uns kreuz'gen läßt? Hier weiß man doch, was Kriegsbrauch ist – Massinissa .                                                       Unsel'ger! Du trittst zurück? Atarbas .                   Das sagt' ich nicht. Du hast Mein Wort. Nur mein' ich, die Gefahr – Sophonisbe (plötzlich dazwischentretend) .         Gefahr?! Und rollt numidisch Blut in deinen Adern? Bist du ein Sohn der Wüste oder bringt Nur noch die Tierwelt Löwen dort hervor? Nein, deine Wiege stand am Pol, dich hat Ein szythisch Weib mit bleicher Furcht gesäugt. Kein Sonnenfunke drang in deine Seele, Und wenn dein Antlitz Libyens Farbe trägt, So ist's ein Spiel nur der Natur! Gefahr! Das war der Klang, der eure Väter lockte Wie die Drommet' ein Roß, das war der Kelch Voll süßen Palmweins, drin sie sich berauscht. Sie suchten sie, so wie in euren Märchen Der braune Hirt die Königstochter sucht! Und ihr – o Schmach! – ihr bebt vor ihr zurück, Da winkend sie in ihres Schleiers Falten Das Heil euch bringt! Selbst die Verzweiflung lehrt Euch nicht mehr kühn sein. Denn verzweifelt stehn, Beim Abgrund, hier die Würfel. Wagt ihr nicht, Nicht diese Nacht noch den beschloßnen Zug, So seid ihr morgen, eh' der Abend graut, Im eignen Netz gefangen. Geht dann, fleht Den Römer um eu'r Leben an! Vielleicht Gewährt er's euch, und ihr dürft Zeugen sein, Wie vom Altar die Götter Afrikas Er niedertrümmert und Numidiens Stolz, Der alten Kön'ge tausendjähr'ge Burg, In Flammen aufgehn läßt. – Wollt ihr das tragen, So tut's! Und freut euch eures richt'gen Solds! Ich trüg' es nimmermehr – Sarkas .                                   Soll euch ein Weib Beschämen, Freunde? Wahrlich, sie hat recht; Hier ist die Kühnheit Klugheit. Menalkar .                                     Rückwärts führt Kein Pfad uns mehr, so laßt uns vorwärts gehn! Atarbas . Sei's drum! Man soll nicht sagen vom Atarbas, Er blieb zurück, wo so viel Schönheit ihm Das Banner vortrug – Sarkas .                           Führ uns, Königin, Wir folgen dir! Alle .                     Führ uns, wir folgen dir! Sophonisbe . Wohlan denn! Eilt zu euren Scharen, zündet Die Lagerfeuer an und heißt die Reiter Aufsitzen! (Batu ab.)                 Schon erlischt der Tag und dumpf, Des Zugs Geräusch verschlingend, braust der Wind. Wir brechen auf, sobald es finster ward. Massinissa . Horch, Hörnerruf! Was gibt's? Sechster Auftritt. Die Vorigen . Hauptmann , gleich darauf Scipio . Hauptmann (hereinstürzend) .                     Der Scipio! Massinissa . Er rückt heran? Hauptmann .                         Er ist im Lager schon. Atarbas . Wir sind verraten! Massinissa .                         Götter! Sophonisbe .                                   Sei ein Mann! Jetzt gilt's das letzte. Scipio (hinter der Szene) .     Nimm das Roß mir ab Und führ's am Zügel, Bursch! (Tritt auf.)                                             Was geht hier vor? Gezäumte Renner, fliegende Paniere, Die ganze Schar gerüstet wie zur Fahrt! Was soll das? Gebt mir Antwort! Wer befahls? Sophonisbe . Dem zu befehlen hier geziemt, der Fürst Numidiens. Scipio .             So hat er, beim Olymp, Die Botschaft, die ich sandte, schlecht verstanden. Zu bleiben, nicht zu ziehn gebot ich ihm. Wie? Oder ward dir's anders ausgerichtet? Sprich, Massinissa! Sophonisbe .                 Mich laß reden, Mann! Wozu das Lügenspiel, das niemand täuscht? Denn wohl erkennt dein Sinn, was hier geschehn. So hör's mit Worten denn und zittre. Ja, Du hast den Feind im Lager! Diese sind, Abschwörend Roms verhaßte Dienstbarkeit, Zurückgekehrt zu ihren Heimatgöttern Und werfen kühn Karthagos Banner auf. Dich aber, Konsul, hat zu dieser Stunde Dein böser Stern verderbend hergeführt; Du stehst auf einem berstenden Vulkan, Und seine Glut schlägt auf, dich zu verschlingen. Scipio . Sie zu ersticken komm' ich eben recht. Laß sehn doch, wer im Lager hier der Herr ist, Der Scipio oder ein mänadisch Weib! – – Im Namen des Senats und Volks von Rom: Der Ruf zum Aufbruch, sag' ich, war ein Irrtum, Und wer ihm folgt, verfällt dem Kriegsgesetz. Laßt zum Entsatteln blasen! Augenblicks! Laßt blasen, sag' ich – Sophonisbe .                     Wagst du's, uns zu höhnen? So nimm dein Blut denn auf dein eigen Haupt. Er ist in unsern Händen, stoßt ihn nieder! Scipio (zieht das Schwert) . Ha, stehn die Dinge so? Wohlan! Versucht's! Ich aber sag' euch: Nicht in euren Händen, Nur in der Götter Händen ruht mein Los! Heran! Hier steh' ich, einer gegen tausend, Doch mit demantnen Schilden, Schar an Schar, Stehn um mich her die Eide, die ihr schwurt, Die Unsichtbaren, die den Meineid rächen! Und so gewappnet trotz' ich eurem Grimm. Wer tastet an das heil'ge Haupt des Feldherrn? Wer hebt die Hand auf wider Scipio! (Die Hauptleute lassen die Waffen sinken, stummes Spiel während der folgenden Reden.) Sophonisbe . Gedenkt der Heimat! In den Staub mit ihm! Den fremden Unterdrücker schützt kein Gott! Scipio . Nun? Hört ihr nicht, was euch dies Weib gebeut! Die Götter, sagt sie, wissen nichts von mir. Was säumt ihr denn? – Macht euch dies Schwert so zahm, Das euch so oft zum Sieg vorangeleuchtet? Hier werf' ich's fort. Seht, wehrlos steh' ich da; Ein Schreck zum höchsten für ein badend Weib, Und ihr seid Männer, die in Scipios Schule Dem Tod ins Antlitz trotzen lernten. Macht An eurem Meister nun eu'r Probestück! Stoß zu, Menalkar! Wohl erkenn' ich dich, Ich riß dich weg vorm Zahn des Elefanten, Den schon Gesunknen, – Karthalo, komm an! Aus meinem letzten Becher tränkt' ich dich, Da du verschmachtend lagst. Wo bleibe du, Juba? Drei Tage sind's, da drückt' ich dir den Kranz, Der Tapfern Preis, aufs jugendliche Haupt. – Ihr andern all, mit denen wie ein Bruder Ich Glück und Not geteilt, was zaudert ihr? Heran! Hier öffn' ich meine Arme, taucht Die Speere, dran ich euch den Ruhm geheftet, Taucht sie in diese Brust und dankt mir so! (Die Hauptleute sind zurückgewichen.) Sophonisbe . Entsetzlicher! Scipio .                               Ihr säumt? Ihr weicht zurück? Kein einz'ger will von euch an seinem Feldherrn Zum Mörder werden? Keiner sich die Hand Meineidig röten? – Nein – Auf eurem Antlitz, Täuscht mich nicht alles, les' ich Reu' und Scham. Ein fremder Wille, fühlt ihr, trieb euch sinnlos Auf diesen Pfad der Schuld – und gern vielleicht, Wär's möglich, kehrtet ihr zur Pflicht zurück? – Ihr hebt die Arme bittend auf? Ihr wollt's? – Wohlan, so wißt es denn: ich kam nicht her Ein Blutgericht zu halten, nein, ich kann Verzeihn, dafern ihr selbst euch wiederfindet. (Die Hauptleute stürzen vor ihm nieder.) Sarkas . Zu deinen Füßen sieh uns, Herr! Scipio .                                                   Steht auf! Seid, was ihr wart, der Wüste kühnst Geschlecht, Roms treue Bündner, und vergessen will ich Wie eines Trunknen Wort, was ihr gefehlt. Doch laßt euch nicht zum andernmal berauschen! Ich müßt' unbeugsam wie des Orkus Mächte, Ein Rächer, mit den Legionen nahn Und scharf genug, beim Haupte der Medusa, Wär', euch zu zehnten, meines Liktors Beil. Massinissa (tritt vor) . Ich danke dir, daß den Verführten du So milde warst. Vollende jetzt und sprich Das Urteil über den Verführer aus. Ich brach die Treue Rom und brach sie dir Und habe nichts, was mich entschuld'gen könnte, Kein Wort der Reue selbst. Mein Schicksal war's, Was mich dahinriß; mög' es sich vollziehn! Um eins nur bitt' ich dich: laß nicht dies Weib Für mein verhängnisvoll Beginnen büßen! Ich bin der Schuld'ge, nimm mein Haupt dahin! Scipio . Ich will dein Haupt nicht. Allzu reiche Hoffnung Hab' ich darauf gebaut, als daß ich sie So rasch mit eigner Hand in Trümmer schlüge. Ich gebe dich nicht auf. Und was vielleicht Der Oberfeldherr Roms nicht wagen sollte, Der Scipio wagt's, der Freund, weil er dich kennt. Du bist aufs neu in deinem Führeramt Von mir bestätigt. In der nächsten Schlacht Stehst du mit diesen hier im Vordertreffen. Dann zeigt der Welt, die nicht an Ehre glaubt, Daß Scipio recht tat, als er euch vertraute. Die Hauptleute (ihre Waffen schwingend) . Heil Scipio! Heil! Massinissa .               Zu Boden wirfst du mich Und hebst mich wie mit Götterarmen auf. Doch sie – doch Sophonisbe – sprich! Scipio .                                                     Sie hat Sich schwer vergangen wider uns. Doch war Ein finstrer Geist, der sie allmächtig trieb, Der Dämon der Verzweiflung über ihr. Und was zu meiden mehr als Menschenkraft Gefordert hätte, räch' ich nicht als Frevel. Die ehrenvollste Haft sei ihr gewährt. Du selbst behütest sie. Und daß ihr Schmerz, Blind um sich rasend, uns nicht abermals Gefährde, geb' ich ihm ein würdig Ziel. Noch liegt der Leichnam ihres edlen Gatten Im Zelt der Toten drüben. Schafft ihn her! An seiner Bahr' entlaste sie in Tränen Ihr stürmend Herz. Doch ihr bereitet euch, Den tapfern, nur vom Tod besiegten Feind Mit königlichen Ehren zu bestatten. Auf Wiedersehn am Katafalk! Lebt wohl! (Wendet sich zum Gehen.) Die Hauptleute . Heil Scipio! Heil! (Scipio geht, die Hauptleute drängen nach. Sophonisbe, die seitwärts gestanden, tritt in die Mitte der Bühne.) Sophonisbe .                                 Beschämt! Besiegt! Vernichtet! O wer verlieh dir, Schrecklicher, die Macht, Die mich zermalmt und mit Bewundrung füllt! An meines Lebens Sternen werd' ich irr – Schirmt mich, ihr guten Götter! Welch ein Mann! (Der Vorhang fällt.) Vierter Aufzug. Das Innere eines Zeltes, zur Rechten ein niedriges, mit einem Tigerfell bedecktes Feldbett, links ein einfacher Tisch. Erster Auftritt. Sophonisbe , in Gedanken versunken auf dem Feldbett sitzend. Batu , eine Schale mit Früchten in den Händen, tritt im Hintergrunde auf. Batu . Gebieterin! Sophonisbe .       Du, Batu? Batu .                                 Zürne nicht, Wenn meine Sorge dich aufs neue mahnt. Willst du nicht Speise nehmen, Königin? Zum andernmal, seitdem wir unsern Herrn Zur Gruft bestattet, geht die Sonne nieder Und jede Labung hast du noch verschmäht. Kein Schlaf hat dich erquickt. Dein Lager suchend, Und immer jählings wieder aufgejagt, Als glüht' ein Feuerpfeil in deiner Seele, Durchschrittest du das Zelt die ganze Nacht. Auch jetzt in dumpfes Brüten teilnahmlos Versunken find' ich dich. O reiß dich auf Aus diesem Bann! Erquicke dich und sprich! Sophonisbe . Du meinst es gut. Setz hin! Batu .                                                     Es ist wohl fromm, In Treuen der Geschiednen zu gedenken Und Leid zu tragen um ein teures Haupt. Doch nicht vernichten soll uns solch ein Gram. Das Wort erleichtert die beklemmte Brust, Und was das Wort nicht tut, das tut die Träne. Du aber zehrst dich schweigend auf. Man sagt, Zu großer Kummer stört der Toten Ruh. Wenn dein Gemahl sich so betrauert wüßte, Er hieß' es selbst nicht gut. Sophonisbe .                           Gewiß, er hieß' es Nicht gut, vermöcht' er in mein Herz zu sehn. Batu . So nimm denn Trost an! Hebe wiederum Das Haupt empor. Gehorche dem Bedürfnis, Daß dich die Stunde, wenn sie dir vielleicht Urplötzlich einen Weg der Rettung zeigt, Gerüstet finde. – Deinen Abscheu, wahrlich, Vor unsern Unterdrückern tadl' ich nicht. Und doch, vergib mir, war es wohlgetan, Was Scipio sandte, stolz zurückzuweisen? Der Wein, die Früchte hätten dich erquickt, Die weichen Teppiche vielleicht den Schlaf Auf dein ermüdet Haupt herabgezogen. Auch hätt' ein kluges Wort des Danks gedient, Den Blick des Wächters einzuschläfern – Sophonisbe .                                                 Schweig! Ich will von seiner stolzen Großmut nichts. Batu .. Bedenk – Sophonisbe .       Ich darf nur eins bedenken, eins: Er ist ein Römer, ist mein Todfeind, ist Ein Fluch im Mund Karthagos. Könnt' ich's je Vergessen, weh mir! Batu .                             Sonst macht Liebe blind, Doch du bist blind in deinem Haß. Sophonisbe .                                       So bitte Die Götter, daß sie nie mich sehend machen! Denn nur in dieser Finsternis ist Heil – Wer naht? – All ihr Unsterblichen! Er selbst! (Scipio ist eingetreten. Batu grüßt ihn stumm mit über der Brust gekreuzten Armen und geht.) Zweiter Auftritt. Sophonisbe . Scipio . Scipio . Ich komm', in deines Zeltes Einsamkeit Dich aufzusuchen, Fürstin, weil du, streng In deines Kummers Schleier dich verhüllend, Dein Antlitz uns verbirgst. Ein freundlich Wort Wirst du zurück nicht weisen, wenn du gleich Die stummen Zeichen gastlicher Gesinnung Bisher verschmäht hast. Sophonisbe .                       Kann die Hindin auch Des Wolfes Gast sein? – Laß mich, wie ich bin! Zum Lager dient mir diese Tigerhaut, Und die Olive, die vom Baume fällt, Stillt meinen Hunger. Was darüber ist, Ziemt der Gefangnen nicht. Scipio .                                     Ich achte dich Um diesen Stolz und möcht' ihn dir nicht nehmen, Nur sanft ihn beugen, wie die Frucht den Ast, Dir selbst zum Heil. – Daß dir der bunte Schmuck, Der äußre Prunk des Lebens eitel jetzt Erscheint, begreif' ich. Doch vielleicht gelingt's, Dir minder Unwillkommnes auszufinden, Was trüben Sinn erfrischt. Man sagt, du liebst Mit Speer und Bogen durch die Flur zu schweifen Und folgst der Spur des Wilds Dianen gleich. Zieh denn hinaus, im Weidwerk dich zu lüsten! Dein Wort nur gib mir, daß du nicht entfliehst, Und Roß und Waffen, Meut' und Falken sind Für dich bereit. Sophonisbe .           Laß ab! Kann ich der Kluft Vergessen, die uns unerbittlich trennt? Soll ich vom Feinde –? Scipio .                               Von ihm lernen sollst du, Daß großer Sinn beschränkten Haß nicht kennt, Und sein Vertrauen lohnen mit Vertraun. – Die Hand, die deine Wunde kühlen will, Warum sie trotzig von dir stoßen? Nein, Das Werk der Heilung hilf ihr selbst vollenden! Ins Leben gern aus dieser Schwermut Schatten, Zur Lust am Dasein führt' ich dich zurück. Zeig mir den Weg! Und was vom Fremdling du Vielleicht, vom Römer nicht begehren magst, Gebiet es deinem Freunde. Massinissa Hat Vollmacht, jeden Wunsch dir zu erfüllen. Du weißt, er dient dir gern – Sophonisbe .                               O nichts von ihm! – Ich seh, du meinst es gut, und finde doch Kein Wort des Danks für dich in meiner Seele, So überlaß mein störrisch Herz sich selbst! Der Dienste brauch' ich nicht, am wenigsten Von seiner Hand. Scipio .                       Vergib, wenn arglos ich An ein Geheimnis deiner Brust gerührt, Das du in wehmutsvoller Scheu noch bargst. Erröte nicht darum! Das Leben, weiß ich, Behauptet ewig vor dem Tod sein Recht Und rascher, wo das Schicksal mächtig drängt, Erlischt der Anspruch der Vergangenheit. Du bist zu jung, um hoffnungslos zu sein, So laß mich immer denken, daß für dich Nach so viel Leid an meines Freundes Hand Ein neues Glück noch blühn soll. Sophonisbe .                                     Nimmermehr! Scipio . Verschwör es nicht zu hoch. Die Götter könnten Beim Wort dich nehmen. Sophonisbe .                         Mögen sie! Dies Nein Kam aus der Seele mir. Unwiderruflich Sind wir geschieden, weil – ihr ew'gen Mächte! Was red' ich! – Scipio .                   Sprich es furchtlos aus: weil er Zu Rom zurückgekehrt. Sophonisbe .                       Du sagst es – Nein! Ich kann vor dir nicht falsch sein, kann dich nicht Mit halber Wahrheit listig hintergehn. Nicht mein karthagisch Blut allein, mein Herz Weist ihn zurück. Und wenn er sich noch heut Von Rom lossagt' und, wie er's jüngst im Rausch Verhieß, mir alle Kronen Afrikas Zu Füßen legte, niemals könnt' ich doch Die Seine werden, niemals. Scipio .                                     Nun, so weiß ich Beim Jupiter nicht, was ich denken soll. So dunkle Rätsel gab die Sphinx nicht auf. War dieser Bund denn, Unbegreifliche, Nicht schon in deines Herzens Rat beschlossen? Hast du, ihn rascher zu besiegeln, nicht Die Brust mit Erz umpanzert, nicht gewagt Was sonst kein Weib wagt? Und voll Abscheu nun Schrickst du davor zurück, entsetzt, als hätt' ich Der Gorgo Schlangenantlitz dir gezeigt? Wie soll ich's fassen? Sophonisbe .                   Frag mich nicht, ich habe Ja selbst kein Wort dafür. Denk, was du willst, Selbst, daß ich schwach und klein und treulos sei, Ein blinder Spielball wankelmüt'ger Laune – Nein, denk es nicht! Denk lieber, daß ein Gott, Voll Mitleid über mein verworren Herz Im Wetterleuchten zu mir niedersteigend, Das Urbild meiner Sehnsucht mir gezeigt. Nun steht es hier und nimmer lösch' ich's aus, Der Hoheit Siegel auf der Stirn und, ach, Mit keinem Zuge deinem Schützling ähnlich, Der alles, was du willst, ist, nur kein Mann! Scipio . Was er nicht ist, das mach aus ihm! War je Ein Weib geschaffen, eines Jünglings Seele Zur Heldengröße zu erziehn, bist du's. Du hast, was ein erlaucht Gemüt entflammt, Gebrauche deine Macht, entfach in ihm Zur Glut den edlen Funken und das Glück Vergönn ihm, neben dir emporzuwachsen! Beim Gott des Lichts, wär' ich nicht, der ich bin, Ich könnt' ihn drum beneiden – Sophonisbe (ausbrechend) .               Scipio! Scipio . Genug! Zu viel schon! Nicht in deinem Herzen Dich zu bedrängen kam ich her; ich kam, Vom trüben Druck der Haft dich zu befrein. Ergreif denn, was ich bot! Ich will darin Ein Zeichen sehn, daß du uns achten lerntest, Und will's dir danken. – Mag gemeiner Sinn Am Fall des edlen Gegners sich erfreun! Der Feindschaft Ende bleibt ein schön'rer Sieg. Leb wohl! (Er geht.) Dritter Auftritt. Sophonisbe (allein) .   Steht denn die Erde noch? Ist das Der alte Himmel droben? Oder ward Die Welt verwandelt und ich selbst vertauscht? Der Römer hier in meinem Zelt, und ich, Statt ihm den ganzen Ingrimm meines Stamms Wie einen Blutstrom ins Gesicht zu schleudern, Verwirrt und machtlos vor ihm, trunknen Ohrs Auf seine Stimme lauschend, gleich der Hindin, Wenn sie den Ruf des Edelhirschs vernimmt! Ein Augenblick noch, und mein rasend Herz Mit allem, was ich nie mir selbst gestand, Lag preisgegeben vor ihm da! – O brecht Hervor, Tränen der Scham! Sprengt alle Schleusen, Daß ich in eurem grenzenlosen Schwall Vergehen mag! – Umsonst! Umsonst! Ihr lügt, Stürmische Tropfen! So weint Reue nicht, So schmilzt das willenlose Eis dahin Am Kuß des Sonnenjünglings. – O was ward Aus dir, du stolzes Herz! – Du bist entwaffnet Und trinkst Entzücken noch im Kelch der Schmach. Vierter Auftritt. Sophonisbe . Batu . Später Massinissa . Batu . Nun dämpfe deine Trauer, Königin, Und schließ dein Herz der Hoffnung wieder auf! Mit guter Zeitung komm' ich – Sophonisbe .                                 Was vermöchtest Du mir zu bringen, das mich freuen soll? Batu . Die Götter haben uns nicht ganz verlassen. Wonach ich, seit uns diese Haft beklemmt, Luchsäugig umgespäht, ich hab's entdeckt: Den Weg zur Flucht. Nur ein entschlossen Herz Und leisen Schritt bedarf's und wir sind frei Noch diese Nacht – Sophonisbe .                   Unmöglich! Batu .                                                 Hör mich erst! Und die Verzweiflung, die dich niederdrückt, Wird neuem Mute weichen. Wunderbar Begünstigt uns des Orts Gelegenheit. Wo Scipio lagert, stand einst Massylis, Der Kön'ge Lustschloß, das Hamilkars Zorn Im Söldnerkrieg verbrannt. Ich kenne, Fürstin, Genau den Platz; in meinen Knabenspielen Durchklettert' ich die Trümmer tausendmal Und trieb mich in den finstern Gängen um, Die wie ein unterirdisch Labyrinth Sich stundenweit aus des Palastes Kammern Fortziehn bis ins Gebirg. Wie segn' ich heut Die kind'sche Neubegier! Denn solch Gewölb Ließ mich ein Gott im Ring des Lagers hier An sichern Zeichen wiederum entdecken. Der Zugang, hoch von Unkraut überhüllt, Sieht einem Riß im alten Mauerwerk Der Wasserleitung gleich, und niemand ahnt, Daß dort ein Pfad sich birgt. So steht das Tor Zur Flucht uns offen. Leicht erreichen wir Im Schutz der Dunkelheit den Gang und sind, Dafern die Huld der Ew'gen uns geleitet, Weit in den Bergen, eh' die Hähne krähn. Sophonisbe . Unmöglich, sag' ich dir. Batu .                                               O gib dein Herz Dem Zweifel nicht zum Raube, weil das Glück Dir unerwartet naht! Befürchte nicht, Daß ich mich täuschte! Sichrer seines Wegs Ist nicht der Steuermann, dem schon die Glut Des Leuchtturms hell ins Auge scheint, als ich. Sophonisbe . Ich glaube dir und doch – Batu .                                                 Und doch? – Erfuhrst du Denn nicht das Ärgste? Zehrt sich nicht dein Mark In ew'ger Sehnsucht nach der Freiheit auf? Und nun ein Blitz aus blauen Himmelshöhn Herabflammt, deiner Fesseln Erz zu schmelzen, Nun kannst du zaudern? Sophonisbe .                       Warum sangst du mir Nicht früher diesen Laut! Noch gestern hätt' ich Wie einen Boten dich des Heils begrüßt. Jetzt ist's zu spät. Batu .                         Zu spät? Wie? Sophonisbe .                                   Weil die Ehre Der Freiheit in den Weg trat. Dieser Römer Hat mir ein königlich Vertraun geschenkt. Ich kann's nicht täuschen. Batu .                                     Ha, der Listige! Er kannte dich, daß keine Furcht dich zwingt, So pfiff er dir ein edelmütig Stückchen Und hatte dich im Garn. Nein, nein, du wirst Dich so nicht blenden lassen, Königin. Die Götter senden dir ein hilfreich Wunder, Die Erde selbst tut ihren dunklen Schoß Dich zu erretten auf, und undankbar, Bloß weil ein kluger Feind dir Großmut heuchelt, Verschmähtest du das dargebotne Heil? Sophonisbe . Du sprichst umsonst. Batu .                                           Bei deines Vaters Haupt Beschwör' ich dich – (Kniet.) Sophonisbe .                   Steh auf! Ich kann nicht fliehn. Doch preis' ich dies Geschick. Ich fühlte mich So ganz erdrückt vor dem Gewaltigen, Durch seinen hohen Sinn so ganz vernichtet; Nun atm' ich wieder, da ich gleiches ihm Rückzahlen mag. Batu .                       So helfe dir ein Gott In deiner Not! O diesen Hochgesinnten, Du wirst ihn kennen lernen dort in Rom Am Tag des Einzugs, wenn er schonungslos Karthagos schönstes Weib mit nacktem Fuß In Fesseln hinter seinem Wagen schreitend Dem Pöbelschwarm zur Schau stellt beim Triumph. Sophonisbe . Nichtswürd'ger Argwohn! Batu .                                                   Trau dem Tiger nur! Mag sein, daß er's für gut hält, heute noch Die Krallen freundlich spielend einzuziehn, Sie lauern drum nicht minder mörderisch Auf die gewisse Beute. Glaub, er risse Das Herz sich eher aus der stolzen Brust Und würf' es stückweis dir zu Füßen hin, Als daß er mitleidsvoll um deinetwillen Nur einen Schatten opferte von dem, Was seines Sieges Pomp erhöht. Was fragt Der Mann im Lorbeer, wenn sein Tibervolk Ihn jauchzend grüßt, nach der Barbarin Jammer? Er sieht nur seinen Kranz, indem er dich Zertritt. Sophonisbe .   Ich sage dir, er denkt nicht dran. Batu . Er denkt daran, so wahr er Römer ist. Ich hab's aus seinem Munde. Sophonisbe .                               Mensch, du lügst! Wie sollt' er dir auch – Batu .                                 Gestern war's. Er stand Im Kreis der Feldherrn dort am Lagertor, Doch jedes Wort vernahm ich. Jetzt erst, sprach er, Begehrungswürdig dünk' ihn der Triumph, Da dich ein Gott in seine Hand gegeben. Sophonisbe . Es kann nicht, kann nicht sein – (Massinissa ist aufgetreten.) Batu .                                                           Frag diesen da! Er war dabei. Massinissa .         Vergib, wenn ich – Sophonisbe .                                     Dich führt Das Schicksal her. Laß alles jetzt! Ein Wort Von dir nur will ich, nur ein einzig Wort. Mein Leben gilt's. Ist's wahr, was dieser Alte Mit irrem Mund behauptet, ist es wahr, Daß Scipio gestern, – nein, es ist ein Wahnsinn – Daß Scipio vom Triumph sprach – und von mir? Sprich! Antwort will ich. Warum zauderst du? – Er tat's? Massinissa .   Er tat es. Sophonisbe (aufschreiend) .   O! (Sie verhüllt sich. Pause. Der Schleier fällt wieder.) Massinissa .                             Himmlische Mächte! Was ist dir? Einer Toten siehst du gleich Und deine Hand ist Eis. – O starre nicht So fürchterlich ins Leere! Batu .                                     Fasse dich! Bei allem, was dir heilig, Königin, Gebiete diesem Sturme! Massinissa .                         Konnt' ich ahnen, Daß mein unselig Wort so lief – Sophonisbe .                                   Hinweg! Hinweg! Mich quält eu'r gleißend Angesicht. Nach Schlangen sehn' ich mich und Krokodilen Und nach des Schakals blutigem Geheul. Darin ist Wahrheit. Was auf Menschenstirnen Geschrieben steht, das lügt! Massinissa .                               Wohin verirrt Dein edler Geist sich! Sophonisbe .                     O, ein Dämon hat Der Welt Gepräg vertauscht! Die Majestät, Die göttergleich auf Heldenbrauen thront, Erniedrigt sich zur schlauen Kupplerin. – Berechnung ist ihr Gruß und all ihr Lächeln Wie Sodomsäpfel, außen rot geschminkt Und innen Fäulnis! – Batu .                               Herrin, schone dich! Sophonisbe . Daß die Hyäne falsch ist, sagt ihr Blick, Die gift'ge Kröt' ist scheußlich von Gestalt, Man sieht sie nur und flieht. – Doch wer mißtraut, Wenn stolze Kraft das lauterste Gewand Der Wahrheit stiehlt zu schnödem Gaukelspiel! O jeder Zug war Güte, jede Regung Bewegter Anteil, als er auf die Lippen Das Herz mir lockte; seiner Stimme Ton So Trostes voll, daß wie vor Orpheus' Lied Mein Gram bezaubert einschlief und das Blut Des Hasdrubal nicht seines Ursprungs mehr Gedachte – Hättet ihr den Ton gehört, Mit eurem Leben hättet ihr dafür Gebürgt, er meint' es treu. Und alles das Verruchtes Blendwerk nur, um unbemerkt Mich sichrer anzuschmieden, nur der Brocken, Mit dem gefühllos man das wilde Tier Im Käfig füttert auf den Tag des Kampfspiels! Wohlan! Habt euren Willen! Menschlichkeit Fahr hin! Die Tigerin wacht auf in mir, Und Rache lechz' ich, Rache! Batu .                                           Dieser Zorn Wird dich verzehren, Fürstin. Sophonisbe .                               Daß er's täte! Ich stürb' in Flammen. – Nein, hinweg Gedanken Der tatenscheuen Feigheit! – Massinissa, Ich hab' ein Wort mit dir. (Sie ergreift Massinissas Hand und führt ihn vor.) (Batu entfernt sich.) Fünfter Auftritt. Sophonisbe . Massinissa . Sophonisbe .                         Du schwurst mir einst, Daß du mich liebtest. Heut bewähr es mir. Nach Sühnung schreit in Todesqual mein Herz. Geh hin und tu, was not ist! Massinissa .                               Sophonisbe! Bei allen Göttern der Barmherzigkeit – Versteh' ich dich? Sophonisbe .               Er darf nicht leben – Geh! (Massinissa schweigt und macht eine ablehnende Bewegung.) Sophonisbe . Du weigerst mir's? Massinissa .                             Fordre, was menschlich ist! Dies kann ich nicht. Sophonisbe .                 Ist das dein letztes Wort? Massinissa . Mein letztes. – – (Pause.) Sophonisbe .                         Sei's denn! – Folge deinen Sternen! Wir sind zu Ende. Massinissa .               Deine Stimme bebt, In deinem Auge brennt die Glut des Fiebers. Soll ich dich so verlassen? Sophonisbe .                           Ich bin ruhig, So ruhig, wie die Wüste, wenn der Samum Vorüberbrauste. – Was verziehst du noch? Ich sagte dir, daß wir zu Ende sind. Leb wohl! Massinissa .     Du willst es.         (Wendet sich und geht bis zum Eingang, dann kehrt er plötzlich um.)                                     Sophonisbe, hasse Mich nicht! Ich kann nicht anders. Sophonisbe .                                       Du bist du. Wer schilt dich drum? – Leb wohl! (Massinissa verhüllt sich und stürzt fort.) Sechster Auftritt. Sophonisbe . Später Batu . Sophonisbe (allein) .                                 Ich konnt' es wissen. Doch ich war feig, auf fremde Schultern gern Hätt' ich die Last gewälzt. Da brechen sie Zusammen.                   O die ew'gen Mächte sind Gerecht! Sie legen mir das Ungeheure, Mir selber auf. Verrat war diese Glut – Nun muß ich, selbst verraten, rächend ihn Mit eigner Hand den Heimatgöttern opfern. (Sie macht einen Gang durch das Zelt und wendet sich dann zum Vorhang der Pforte.) Batu! Batu (erscheint) .   Du riefst, Gebiet'rin? Sophonisbe .                                       Jener Gang Führt ins Gebirge? Sagtest du nicht so? Batu . Zur Linken ja, nach Aufgang hin. Sophonisbe .                                       Und rechts? Batu . Rechts ins zerstörte Schloß von Massylis, Wo jetzt der Römer liegt. Sophonisbe .                         Ist's weit von hier Zur Wasserleitung? Batu .                           Fünfzig Schritte kaum. Sophonisbe . Und rings kein Posten? Batu .                                               Nur in weiter Ferne Am Tor des Lagers. Sophonisbe .                 Wohl! Mach dich bereit! Nach Mitternacht, wenn schwer wie Blei der Schlaf Auf alle Wimpern drückt, führst du mich hin. Batu . Wie gern gehorch' ich! Sophonisbe .                         Such dein Lager jetzt! Wenn's Zeit ist, findest du mich hier. – Noch eins! Gib mir den Dolch, den Syphax mir gesandt. Nicht wehrlos darf ich sein.         (Batu gibt ihr den Dolch und geht auf einen Wink.)                                           Komm, tödlich Eisen! Du dientest einem König; königlich, Dafern ein Gott mir hilft, will ich dich betten. (Der Vorhang fällt.) Fünfter Aufzug. Scipios Hauptquartier zu Massylis. Dekoration wie zu Anfang des dritten Aufzuges. Der Vorhang vor der Nische geschlossen, der andre offen. Nacht. Kandelaber in den Ecken. Draußen das Lager. Schildwachen usw. Erster Auftritt. Scipio , an dem Tische zur Linken schreibend; auf demselben Rollen, Karten und eine Lampe. Rechts im Vordergrunde Severus , Atarbas und andere römische und numidische Hauptleute in leiser Unterhaltung; an der Nische Flavius . Sobald der Vorhang aufgegangen, tritt Sextus aus dem Hintergrunde ein und geht, da er Scipio beschäftigt sieht, mit kriegerischem Gruße auf Severus zu. Severus . Was gibt's? Sextus .                   Die Runden sind zurück. Severus .                                                     Sie melden? Sextus . Nichts von Bedeutung. Einmal glaubten sie Von fernher einen Reitertrupp zu hören, Doch als sie näher kamen, war's ein Schwarm Von Straußen, der in windesschneller Flucht Lautschwirrend mit gespreizten Fittichen Vorüberstob. Der letzte ward erlegt, Ein wahres Prachttier. Severus .                           Sonst nichts? Sextus .                                                 Botschaft noch Vom Massinissa. Der Numiderfürst Liegt krank danieder und ersucht den Konsul Um eine Unterredung morgen früh. Severus . Ich richt' es aus. Stör drum den Feldherrn nicht; Er schreibt nach Rom. – Was war für Lärm vorhin Am Decumantor, wo die Bündner lagern? Weißt du's? Sextus .             Ein Celtiberer wollt' im Rausch An einer Magd sich vom Gebirg vergreifen, Die Wein und Öl gebracht. Sie aber riß Ein Messer aus dem Haar und stieß ihn nieder. Dann floh sie wie der Blitz. Was du vernahmst, War wohl die Totenklage seines Stamms Um den Gefallnen. Severus .                       Ihm ist recht geschehn. Was läßt er sich mit fremden Weibern ein! Sextus (entfernt sich auf einen Wink der Entlassung.) Severus (zu den andern Hauptleuten tretend) . Sie führen Stacheln, merk' ich, hierzuland, Wie die Skorpionen. Atarbas .                         Ja, wenn man sie reizt. Sonst sind sie zahm, wie anderswo, und – schöner. Scipio (sich erhebend) . Genug für jetzt! Ich schließ' es morgen ab. Was ist die Stunde? Severus .                       Mitternacht vorüber. Scipio . Noch nichts vom Lälius? Severus .                                   Nichts. Scipio .                                                 Auch nicht vom Meer? Aus Hadrumet? Severus .                 Auch nicht von dort. Scipio .                                                   Der Wind Geht aus Nordost. Er könnt' ein Schicksal uns Heranwehn. Severus .             Massinissa – Scipio .                                   Soll mich morgen In seinem Zelt erwarten. Ich vernahm's, Daß er mich sehn will. Geht jetzt schlafen, Freunde! Auch ich will ausruhn. (Die Hauptleute entfernen sich; die Vorhänge des Eingangs fallen hinter ihnen zu. Flavius hat die Nische geöffnet, wo Scipios Feldbett sichtbar wird.) Scipio .                             Lösch die Kerzen, Flavius, Und hilf mir beim Entkleiden. Flavius .                                       Soll ich dir Aus dem Homer nicht lesen? Scipio .                                       Heute nicht. Die Müdigkeit ist stärker als mein Wille. Der Tag war atemlos, und letzte Nacht Schlief ich nur wenig. – Nimm den Panzer da! – Ein seltsam Traumbild trieb mich auf. Mir war's, Ein prächtig Weib mit buntem Diadem, In schweren Goldgewändern langsam wandelnd, Wie man Karthagos Bild auf Münzen prägt, Kam an mein Lager, und mit eis'ger Hand Nach meiner Kehle griff sie, mich zu würgen. Hier, diese Spange noch! – Ich rang mit ihr, Doch sog ihr Auge mir, unheimlich starr, Die Kraft vom Herzen, keuchend ging mir schon Der Atem aus – da plötzlich, hinterrücks Von jähem Blitz getroffen schrie sie auf Und ließ mich los, und von dem Schrei erwacht' ich. Flavius . Herr, solche Träume schafft der Mond. Scipio .                                                             Er stand nicht Am Himmel. Als ich mir die Brust zu lüften Vors Zelt trat, glänzte ruhig Stern bei Stern, Gebirg und Eb'ne dufteten im Tau, Doch rechts vom Lager, mächtig kreisend, stieg Ein Adler auf. Flavius .               Das ist ein günstig Zeichen, Das Sieg verkündet. Scipio .                         Mög es also sein!         (Wendet sich gegen die Nische.) Gute Nacht jetzt, Flavius! Dämpfe noch die Lampe! Mit Tagesanbruch weckst du mich.         (Streckt sich aufs Lager.) Flavius .                                               Schlaf wohl! Ich will noch vor dem Zelt die Laute spielen, Ich weiß, du hast es gern.         (Hat Scipios Mantel und Rüstung geordnet und ergreift die Laute.)                                       Wie war doch nur Die Weise, die ihm jüngst so wohlgefiel? Ein mauretanisch Weib sang sie im Kahn. Schwermütig klang's, wie wenn ans Felsgestad Langsame Wellen rauschen – War's nicht so? (Er tut ein paar Griffe und geht spielend ab.) Pause, nur durch die Melodie des kurzen Liedes ausgefüllt. Scipio schläft. Beim Schlusse des Liedes öffnet sich leise die große Pforte zur Rechten, und Sophonisbe erscheint. Dritter Auftritt. Sophonisbe . Scipio (schlafend). Sophonisbe . Rings alles still! Er schläft, schläft tief. Und jetzt Muß es geschehn. Sei standhaft, Herz, du hast Ein unabwendlich Urteil zu vollstrecken. Was bebt ihr, feige Sehnen? Werdet Erz!         (Tritt an den Tisch.) Komm, trübe Flamme, komm und leuchte mir Zum düstern Werke, zeige mir den Weg Zu seinem Herzen!         (Greift nach der Lampe, ihr Blick fällt auf Scipios Brief.)                               Ha! – Bin ich im Fieber Und sehe, was nicht ist? Mein Name hier! Fort, Gaukelspiel des Bluts! – Nein, ich sah recht, Ein Brief und hier mein Name! Prahlt er noch, Wie unerhört er mich betrogen? – Götter, Das ist eu'r Wink! Ich soll in seinem Hohn Den Arm mir stählen, daß er schonungslos Ins Leben trifft! – Wohlan denn, Laß sehn, was er von der Barbarin schreibt!         (Sie hat das Blatt ergriffen und liest.) »Was Sophonisben angeht, so vergönnt Mir freie Hand. Sie ist ein hohes Weib, Wert, eine Römerin zu sein. Ich will Die Götter bitten, daß sie mir ihr Herz In Freundschaft neigen. Und führt einst mein Stern Mich triumphierend heim aufs Kapitol, Dann soll's mein Stolz sein, dies erlauchte Haupt In aller Majestät dem Volk zu zeigen, Die Bundsgenossin, die ich ihm gewann.«         (Sie hat zuletzt mit vor Bewegung zitternder Stimme gelesen und bricht jetzt, völlig überwältigt, jubelnd aus:) Dank! Dank, ihr Götter! er verriet mich nicht! Nein, alles was er sann, war Huld! – – und ich?! Entsetzen, namenloses Greul! – ich hier? Den Dolch in Händen? – Fort, verruchtes Eisen! Du sengst wie Feuer. Scipio, wach auf! Hervor, o Scipio, der Mord schlich ein In dein Gezelt, wach auf und halt Gericht! Scipio (hervortretend) . Du, Sophonisbe? Sophonisbe .             Ich! Und wiss' es gleich! Dich töten wollt' ich; doch dein Genius schlug Mit Lähmung diesen Arm und wirft mich nun Bezwungen, glanzgeblendet vor dir nieder. Scipio . Weib, welche Rätsel! Sophonisbe                         Frag nicht! Ruf den Liktor, Daß er sein blutig Amt an mir vollzieht! Wider mich selbst als Kläg'rin lieg' ich hier Und fleh' um meinen Spruch – Mein Leben ist Verwirkt. Was zauderst du? Scipio .                                     Steh auf und danke Den Göttern, die vor Blutschuld dich bewahrt. Ich will dasselbe tun. Ein Wunder, scheint's, Hat meinen Schlaf umschirmt. Doch so behütet Kann ich nicht richten und verdammen. – Geh! Sophonisbe . Bleibst du dir ewig gleich, Gewaltiger? Nicht strafen willst du und zerschmetterst mich Durch deine Huld. – O bittrer als der Tod Ist dies Gefühl, daß ich so klein, so ganz Dein unwert war. Ich kannte dich, und doch Sinnlosem Schein zulieb trat ich den Glauben An dich mit Füßen. Zu derselben Stunde, Da meiner du in hohem Sinn gedacht, Hielt ich dich grausam, frech und schlau und rast' In Mordgedanken, bis auf jenem Blatt Mein blödes Auge lichte Wahrheit sog Und halbgottähnlich mich dein reines Bild Zu Boden blitzt'! – O hätte dieser Strahl Wie Feuer aus den Wolken mich verzehrt! Nun muß ich's, vor mir selbst vernichtet, tragen, Daß mich der einz'ge, dem sich meine Seele Jemals gebeugt, verachtet – Scipio .                                     Das sei fern! Mir sagt dein Schmerz, ich irrte nicht, als ich Ein ebenbürtig Herz in dir geahnt. Du bleibst mir, die du warst, so bittre Reue Tilgt wohl so blinde Schuld. Was hier geschah, Sei wie ein Traumbild dieser Nacht verweht. So blas' ich's fort. – Geh denn und sei getrost, Und reiß hinfort den blinden Römerhaß Aus deiner Brust! Sophonisbe .             Weh, woran mahnst du mich! Umsonst ist alles. Einen Augenblick Vergessen hatt' ich, wer ich bin, und schwebte Mit dir allein im Leeren, und ein Traum Von milder Sühnung überschlich mein Herz. Da weckst du mich, und um mich her entsetzt Erkenn' ich eine Welt voll Zwietracht wieder. Die Arme streckt Karthago vorwurfsvoll Nach ihrer Tochter aus, und will ich fliehn, So steigen finster dort mit dräu'nden Stirnen Die Schatten meiner Ahnen vor mir auf. Hörst du's? Sie zeihen mich versäumter Pflicht, Sie klagen um Verrat mich an, umsonst Versuch' ich die Erzürnten zu beschwichten, Ich soll die Feindin ihres Feindes sein. Weh! meine Seele fordern sie von mir, Und unerbittlich an demantnen Ketten Ziehn sie die machtlos Widerstrebende Zu sich hinüber – Scipio, laß mich richten! Denn keinen Frieden gibt es zwischen uns. Scipio . Ein Fiebertraum verwirrt dich. Schüttl' ihn ab! Gewalt'ger als die Schatten ist das Leben. In deinem Herzen hab' ich dich erkannt, Und kann's nicht glauben, daß ein Schicksal uns Dazu bestimmt hat, ewig uns zu hassen. Denn ob dein Blut karthagisch ist, es schwebt Ein hoher Geist auf seiner dunklen Welle, Den nicht dein Vater , den ein Gott dir gab, Ein freies Erbteil schöner Menschlichkeit, An keines Stamms Geschlecht und Art gebunden. Durch diesen Geist, der gleich dem Vogel Phönix, Dem luftgeborenen, auf allen Gipfeln Daheim ist, fühl' ich mich mit dir verwandt, Und ihm vertrauend wiederhol' ich's: laß Uns Freunde sein! Sophonisbe .               O Scipio! Vierter Auftritt. Die Vorigen . Torquatus . Gleich darauf Hiram . Scipio . Was gibt's? Torquatus .             Dein Lälius sendet mich voraus Mit froher Siegsbotschaft. Cirta ist unser. Auf seinen Trümmern pflanzten wir den Aar. Scipio . Zerstört? Torquatus .         In Asche liegt die Königsburg, Doch nicht durch unsre Schuld. Ein rasend Weib Vom Stamm der Barkas warf den Brand hinein. (Hiram ist während der letzten Rede eingetreten und hat sich vor Sophonisbe niedergeworfen.) Sophonisbe . Thamar! Torquatus .                 Laß dir's von diesem Knaben hier Berichten, der die Tat mit angesehn, Die ich verdammen muß, und dennoch ehren. Scipio . Sprich! Sophonisbe .     Wo ist Thamar? Hiram .                                     Als die Libyer, Belehrt, daß Massinissas Plan mißglückt, Nicht länger fechten wollten und die Brücken Herniederließen, war die Priesterin Verhüllten Haupts in den Palast enteilt. Wehvolles ahnend folgt' ich ihr und fand sie Im Zedernsaale, wo sie stumm und bleich, Ein Bild des Todes, mit der Fackel stand. Doch an den Wänden sah ich rings den Schatz Des Tempels und die heiligen Geräte, Die tausend Weihgefäß' aus Gold und Erz, Dazwischen Weihrauch, Myrrhen, Sandelholz Zu ries'gen Scheiterhaufen aufgetürmt. Teppiche lagen drüber, und das Bild Der Göttin stand, das elfenbeinerne, Im sternbesäten Schleier obenauf. Die Jungfrau aber lauschte regungslos, Als führte sie mit Geistern ein Gespräch, Hinaus ins Leere. Da erscholl vom Burghof Vermischt mit schmetterndem Posaunenton Der Siegesruf der römischen Kohorten. Und dringend mahnt' ich sie zur Flucht; doch sie, Zurück mir winkend mit der Linken, schwang Die Fackel in das aufgehäufte Gut, Die edlen Hölzer und das Harz entzündend. Ein Augenblick und hochauf wirbelte Nach allen Seiten wütend schon die Lohe, Mit Glut und dickem Würzgedüft den Saal Erfüllend, daß ich taumelnd rückwärts wich. Sie aber hub mit silberklarer Stimme Durch dies Gewölk, als wär's ein Lüftchen nur Vom Hochaltar, ihr uralt Götterlied Zu singen an, und singend, schwanengleich, Nachdem sie wie zum Opfer ihren Kranz Vorangeworfen, flatternden Gelocks Mit offnen Armen sprang sie in die Flammen. Sophonisbe . O meine Schwester! Hiram .                                       Zu der Göttin Füßen Noch hell aufflackern sah ich ihr Gewand; Dann stürzt' ich fort, und riesig hinter mir, Die Jungfrau unterm Schutt der Burg begrabend, Schoß eine Feuersäule himmelan. Sophonisbe . Getreu bis in den Tod! – O, daß du so Mich mahnen mußt! Scipio .                           Habt Dank für eure Botschaft. Auf morgen, Hauptmann! (Torquatus ab. Hiram zieht sich bis an den Eingang zurück. Scipio wendet sich zu Sophonisbe.)                                         Laß auch uns jetzt scheiden! Ihr Ziel hat jede Kraft, und was auf dich Hereinbrach, war zuviel für eine Nacht. Kehr in dein Zelt zurück! Den Balsamhauch Des Friedens send' im Schlummer dir ein Gott. Denn Ruhe tut dir not nach so viel Stürmen. Sophonisbe . Ja, Ruhe tut mir not, und ich will gehn, Sie zu gewinnen. Nur ein Wort zuvor, Ein letztes Wort aus tiefster Seele noch Vergönne mir, das mir die Brust entlaste; Aussprechen muß ich's, eh' ich schlafen kann. Willst du mich hören, Scipio? Scipio .                                         Rede! Sophonisbe .                                           Sieh, Die Götter haben seltsam mich geführt. Zu fürstlicher Geburt verliehn sie mir Ein fürstlich Herz, das mein Verhängnis ward. Denn hoch und einsam schlug's und zehrte, krank An seines Reichtums unverwandter Fülle, In Sehnsucht sich nach seinesgleichen auf. So stürmt' ich ruhlos durch das Leben hin, Stets suchend, stets getäuscht, bis ich zuletzt An allem, was mir Ahnung einst geweissagt, Trostlos verzweifelte. Da fand ich dich, Und Wonn' und Schrecken kam auf meine Seele, Denn meinen kühnsten Traum sah ich erfüllt. Scipio . Was sagst du! – – Sophonisbe .                     Mißversteh mich nicht! Ich bin Nicht schamlos, Scipio. Nur weil ich Verzicht Getan auf alles, darf ich alles sagen, Und wie aus Wolken red' ich schon zu dir. O wärst du in des Atlas rauhster Schlucht Geboren statt am Tiberstrand, ich hätte, Wenn du, wie heut, mir deine Freundschaft botst, Mit keiner der Unsterblichen getauscht! Nun ist's nicht so und ich vermag die Hand, Die mir der Todfeind meines Volkes reicht, Nicht zu ergreifen. Jener Wundervogel, Von dem du sagtest, hat kein irdisch Haus; Er lebt und stirbt im leichten Element. Uns Staubgeborne aber zwingt der Bann Der Heimat ewig, und der Pflicht des Blutes Entäußert sich, ich fühl's, kein edler Geist. Wie nur ein Weib je liebte, lieb' ich dich, Doch wenn Karthagos goldne Zinnen du Geschleift einst in das Meer wirfst, soll ich dann Dir jauchzen? Soll ich ins Triumphgewand, Das meiner Brüder Blut zum Purpur färbt, Mit dir mich hüllen, und den Staub der Väter, Von deines Wagens Zeltern aufgewühlt, Der wahnsinntrunkenen Mänade gleich Im Becher schlürfen? O ich müßte ja Dir selbst zum Greuel werden. Drum fahr wohl! Zieh deine stolze Bahn, wohin du mußt, Und kränze dir die Stirn mit neuen Siegen! Ich kann nicht los von meinem Vaterland, Und meine Schuld zahl' ich ihm so – (Sie ersticht sich.) Scipio .                                                     Halt ein! Bei allen Göttern – Hiram (voreilend und Sophonisben auffangend) .                             Weh, sie sinkt! O Herrin, Was tatest du! Sophonisbe .         Karthago! – Scipio! – Fahr wohl! (Stirbt.) Scipio .             Ihr Auge bricht. Verstünd' ich noch Zu weinen, weint' ich hier! Letzter Auftritt. Lälius .                                   Ich bringe dir Gewalt'ge Zeitung – (Erblickt Sophonisben.)                               All ihr Himmlischen! Welch blutig Bild am Boden! Ahn' ich recht? Tot die Karthagerin! Scipio .                           Gönn ihr die Ruh, Die sie sich selbst gesucht. – O Lälius, Hier liegt ein stolzes Lilienreis geknickt – Hätt' ich ein Weib wie dies in Rom gefunden, Den schönsten meiner Siege gäb' ich drum.         (Wendet sich und fährt mit der Hand über die Stirne.) Genug! (Severus tritt ein, andre Hauptleute drängen nach, die Zeltvorhänge bleiben offen. Helles Morgenrot.) Severus .     Auf! zu den Waffen, Scipio! Ein Bote kam aus Hadrumet. Gelandet Ist Hannibal! Scipio .               Willkommen, alter Leu! Du sollst den Adler finden!         (Zu Lälius.)                                         Dir, mein Freund, Sei dieser teure Staub befohlen. Gib Den Flammen, was an ihr vergänglich war. Das andre schwang sich zu den Göttern auf. –         (Zu den andern.) Ihr aber laßt die Heerposaunen schmettern! Wir brechen auf nach Zama. (Der Vorhang fällt.)