Friedrich Gerstäcker Señor Aguila In der Südsee Wunderbare Inselwelt! Wie still und friedlich schlummerst du da draußen im weiten Ozean, gegen dessen bäumende Wogen dich der Korallengürtel deiner Riffe schützt! Ein kleines Paradies ein jedes Eiland, von einem sonnigen Himmel überspannt, ein sorglos heiteres, zufriedenes Völkchen bergend. Dort lebte ein Menschenstamm, der wirklich glücklich war, der alles hatte, was er zum Leben brauchte – nicht mehr, nicht weniger, und doch auch gerade wieder wenig genug, um nicht die Habgier anderer Menschen zu reizen. Kokospalmen und Brotfruchtbäume deckten sein fruchtbares Land; das stille Binnenwasser zwischen den Riffen barg Fische im Überfluß, die wenigen Kleidungsstücke lieferte die zähe Rinde seiner Bäume, den Schmuck für seine jungen Mädchen der nächste Blütenbusch – und Sorgen? Sie hatten das Wort nicht einmal in ihrer Sprache, sie kannten die Bedeutung nicht, und wenn die Sonne abends ins Meer versank, sammelte sich das fröhliche, blumengeschmückte Volk zum Tanz – und träumte nachher dem anderen Tag entgegen. Glückliches Volk! Glücklich, weil es ungekannt, unbeachtet und nur sich selber überlassen dort draußen auf seinen Palmeninseln hauste! Dann kamen die Schiffe der weißen Männer, dann kam die christliche Religion, dann kamen Kisten mit Tand, mit Glaskorallen und Spiegeln, die ihre Habgier weckten – dann kam fremdes, nichtsnutziges Gesindel, das sich zwischen ihnen niederließ, und wo war das Glück – wo der Friede geblieben? Aber das leichte, sorglose Element schwamm dennoch oben. Besser waren sie durch den Verkehr mit den Fremden nicht geworden, glücklicher auch nicht, aber das Leben hatte einen neuen Reiz gewonnen – sie hatten hoffen und auch einen unbestimmten Drang nach außen kennengelernt. Früher waren die Riffe, die ihre Insel umgaben, die äußersten Grenzen ihrer Fahrten, ja, ihres ganzen Strebens gewesen – jetzt sehnten und dachten sie darüber hinaus, und ihr ungeduldiger Blick strich oft über den weiten Horizont, ob sie nicht ein Schiff der Fremden erspähen konnten, das ihnen neuen Tand und – neue Sünden, neue Bedürfnisse brachte. Kokosnuß und Brotfrucht, ja, das war alles recht schön und gut, aber Tabak und Branntwein gaben doch erst dem Leben die rechte Würze. Und die jungen Mädchen und Frauen, die früher draußen im schattigen Hain, von den jungen Leuten umlagert, gesessen hatten, um ihre Tapa Tapa, der aus der Rinde verschiedener Bäume geklopfte Stoff der Südsee-Inseln. zu klopfen, und die dabei aus der Arbeit ein Fest machten – was brauchten sie jetzt noch zu arbeiten, wo ihnen die Fremden viel weichere, prächtig bunte Stoffe brachten und nichts dafür forderten, als was an ihren Bäumen reichlich wuchs, Kokosnüsse und Brotfrucht! Trotzdem aber sehnten sich die Eingeborenen nicht fort von ihren schönen Inseln, sooft sie auch dazu von dann und wann anlegenden Walfischfängern verlockt wurden. Was sollten sie auch draußen? Arbeiten? Die härteste Arbeit, die sie kannten, war, eine Kokospalme zu ersteigen und die saftgefüllten Früchte hinabzuwerfen, oder draußen auf dem stillen Binnenwasser in ihrem Kanu zu schaukeln, um mit dem nachschleifenden Perlmutterhaken Bonitos und Albicores zu fangen. Ja, die Frauen klopften wohl auch noch dann und wann einmal ein Stück Tapa aus, flochten eine Matte oder schliffen mit Korallensand unter Wasser ein paar Kokosschalen zu Trinkbechern aus – aber die Männer? Vielleicht daß sie einmal ihr Dach ausbesserten, wenn ihnen der durchdringende Regen zu unbequem wurde, oder eine kleine Grube auswarfen, um in ihr mit heißen Steinen ein von den Frauen abgebrühtes und gereinigtes Ferkel zu braten, das war alles, und was sie sonst brauchten, hatten sie ja, oder die Schiffe brachten es ihnen – wozu also arbeiten! Fremde Nationen brauchten freilich Arbeiter, um ihre Felder zu bebauen, um ihr Land wertvoll zu machen. Aber was kümmerte das jenes sorglose Volk in der Südsee – was wußten sie überhaupt von fremden Ländern, von denen sie noch nicht einmal überzeugt waren, daß sie wirklich existierten, da ja die fremden Menschen, die zu ihnen kamen, ihre Heimat auf ihren Schiffen hatten? Ein Festtag war es jedoch immer für sie, wenn solch ein Fahrzeug anlief, und obgleich sie die Fremden im Anfang immer nur als »weiße Männer« bezeichneten, so lernten sie nach und nach einen Unterschied ihrer Nationalitäten kennen. Die Ingleses hatten ihnen zuerst ihre Missionare und mit ihnen eine fremde Religion gebracht, die allerdings manchen Mißbrauch bei ihnen abschaffte, ihnen aber doch nicht recht behagte, weil sie von fanatischen, streng orthodoxen Priestern gelehrt wurde. Sie bestand aus fast nichts als Verboten. Sie durften nicht mehr singen – ausgenommen fremde, wunderliche Lieder – sie durften nicht mehr tanzen; die Mädchen durften keine Blumen mehr im Haar tragen, die Männer an gewissen Tagen nicht mehr fischen. Das war alles unbequem, und das einzige, was ihnen dafür versprochen wurde, war eine nicht einmal recht begriffene Belohnung nach dem Tode. Dann kamen die »Feranis« oder Wi-wis, wie sie die lebendigen Fremden nach ihrem oft und rasch herausgestoßenen » oui-oui « bald scherzhaft nannten. Die brachten ihnen auch eine andere Religion, und noch dazu eine viel bequemere. Da aber selbst die »Weißen« nicht einmal zu wissen schienen, wer von ihnen die richtige hätte, konnte man es ja einmal mit beiden versuchen. Dazwischen legten manchmal auch andere Schiffe an, aus denen sie freilich gar nicht klug wurden. Diese aber gefielen ihnen trotzdem am besten, denn sie hatten viel Tabak und viel Branntwein bei sich, außerdem auch noch bunte Stoffe, Schmuck und tausenderlei andere Dinge, und mischten sich besonders nie in ihren Glauben, ja, sie fragten nicht einmal danach. Aber es war ein wildes Volk, und sie mußten die Frauen vor ihnen hüten, so ungern sich diese auch vor ihnen hüten ließen. Den Insulanern konnte übrigens nicht entgehen, daß das bunte, wehende Tuch, die Flagge, das ankommende Schiffe aufzogen und ausflattern ließen, auch irgend etwas zu bedeuten habe, und bald hatten sie heraus, daß es die verschiedene»Völkerstämme bezeichnete, die sie besuchten. Es dauerte nicht lange, so kannten sie schon verschiedene Nationen, besonders Amerikaner, Engländer und Franzosen an ihrer Flagge und freuten sich wie die Kinder, wenn ihnen dann von den Landenden bestätigt wurde, daß sie recht hatten. Aber nicht an allen diesen Inseln legten die fremden Schiffe an. Wo die Korallenriffe zu weit in die See hinausragten oder im Fahrwasser gefährliche Untiefen bildeten, da hüteten sich die Seefahrer wohl, einzulaufen. Andere Inseln wieder lagen aus dem Kurs der Schiffe oder in der Nachbarschaft von größeren Eilanden, an denen besonders Walfischfänger immer lieber anliefen, weil sie dort leichter erhalten konnten, was sie brauchten. Eine Eigentümlichkeit haben diese Inseln außerdem noch durch ihre Korallenbildung. Die sogenannten »Riffe« liegen nämlich – etwa eine oder anderthalb englische Meilen, oft aber auch nicht so weit vom festen Land entfernt – wie eine Ringmauer um alle jene Eilande, und wenn auch die Koralle nur bis an die Oberfläche der See, nie darüber wächst, so steht doch an diesen unterseeischen Bänken eine ununterbrochene mächtige Brandung, die selbst für das leichteste Kanu unpassierbar ist. Nur wo natürliche Einfahrten sind, können Boote, oft auch Schiffe einpassieren und liegen dann innerhalb der Riffe in stillem Wasser wie auf einem Teich. Größere Inseln bilden so oft wunderbar sichere Häfen mit festem Ankergrund; bei kleineren Inseln sind diese natürlichen Einfahrten, wie sich von selbst versteht, verhältnismäßig schmal, und laufen fremde Schiffe sie an, so müssen sie vor den Riffen auf und ab kreuzen und ihre Boote ans Land schicken, oder auch warten, bis Kanus zu ihnen herauskommen. Nicht einmal ankern können sie vor den Riffen, denn bis unmittelbar an die Korallenbank hinan, so dicht, daß man die Lotleine hinüberwerfen könnte, finden sich nicht selten noch Hunderte von Faden Wasser. Die Koralle steigt wie eine riesenhohe Mauer vom Boden des Meeres steil und senkrecht empor. Mit der Umgebung bekannt, können wir uns nun auch einmal eine dieser wunderbar schönen Inseln betrachten: Vor uns aus dem Meer steigt Raiateo mit ihren waldigen Kuppen und kühn gerissenen Hängen und Schluchten, von einem breiten, palmenbedeckten Landgürtel umschlossen, um den sich wiederum weit draußen wie ein schneeweißes Band auf tiefblauem Grunde der weiße, schäumende, tobende, lebendige Brandungsstreifen der Riffe zieht. Es war an der Westseite der Insel, wo ein Fahrzeug – eine ziemlich große Brigg – langsam gegen den Wind auflaviert kam und dadurch die Absicht zeigte, mit dem Land in Verkehr zu treten. Am Lande war das fremde Segel schon seit Tagesanbruch mit großem Interesse beobachtet und allerlei Vermutung laut geworden, welcher Nation es angehören könne. Die meisten entschieden sich für Amerikaner, und in Form und Takelage hatte die Brigg auch wirklich Ähnlichkeit mit diesen; als sie aber näher kam, trug sie die amerikanische Flagge nicht, denn die Sterne und Streifen kannten sie gut genug. – Welche Flagge war das überhaupt? Deutlich erkennen ließ sie sich noch lange nicht, aber diese bunte Färbung hatten sie noch nie gesehen, und nach und nach sammelte sich die ganze benachbarte Bevölkerung an der kleinen Landzunge, unter der die einzige Einfahrt in die Riffe für eine gute Strecke nach Norden und Süden lag. Näher und näher kam das fremde Schiff, jetzt über den Starbordbug nach Süden, jetzt über den Backbordbug nach Norden aufkreuzend, immer gegen Wind und Strömung an, und daß es kein besonderer Segler war, hatten die Eingeborenen bald weg. Auch die Segel selber wurden bei den verschiedenen Manövern schlecht und schläfrig bedient, und die Ungeduld der Insulaner machte sich dabei in Spottreden über die ungeschickte Mannschaft Luft. So war es fast zwei Uhr mittags geworden, bis der Fremde endlich die Einfahrt erreichte. Indessen war ein Bote nach einem mehr im Innern wohnenden Weißen abgesandt worden, um ihm die Anfahrt eines fremden Schiffes zu melden. Der Mann kam dann immer schon von selber, denn er diente den Fremden als Dolmetscher und bekam von ihnen gewöhnlich eine Menge Dinge, die er brauchen konnte – und er konnte alles brauchen – zum Lohn. Besonders aber lockte ihn der Branntwein, und wenngleich ein Gesetz auf der Insel bestand, nach dem keine einzige Flasche des berauschenden Getränkes eingeführt werden durfte, wußte er doch immer bei einer solchen Gelegenheit soviel ans Ufer zu schmuggeln, daß er sich damit eine volle Woche in halber Bewußtlosigkeit erhalten konnte. Der Mann sprach drei oder vier verschiedene Sprachen, stammte, seiner Aussage nach, aus Italien, war von einem französischen Walfischfänger desertiert und jetzt hier Hausbesitzer und Familienvater auf Raiateo geworden, ohne sich in seiner Lebensweise auch nur im geringsten geändert zu haben. Er trieb es noch immer wie ein Matrose auf einem Walfischfänger, und die Insulaner wären ihn schon lange gern losgeworden, wenn sie nur eben gewußt hätten wie, denn er ging nicht fort. Der einzige Nutzen, den er ihnen brachte, war allein der Verkehr mit den fremden Schiffen; nach einem solchen Besuche mußte aber auch seine Frau mit ihren Kindern jedesmal für wenigstens eine Woche zu ihren Eltern flüchten, weil er sie im Trunk mißhandelte und selbst die Kinder blutig schlug. Sowie übrigens das fremde Fahrzeug in den Bereich ihrer Kanus gekommen war, sprangen zehn oder zwölf der halbnackten braunen Gestalten nach dem Strand hinunter; aus Kokospalmblättern rasch geflochtene und mit Früchten gefüllte Körbe standen schon, der Fremden wartend, an der Landung, und wenige Minuten später glitten die schlanken, leichten Fahrzeuge über das Binnenwasser und hinaus durch die schmale Einfahrt der Riffe, während rechts und links von ihnen die schäumenden Brandungswellen so nahe ihre blitzenden, funkelnden Kronen überstürzten, daß sie den Wasserstaub bis in die Boote warfen. Und was für eine wunderliche Flagge das war, die dort oben am Maste wehte! So eine hatten sie an ihrer Insel noch nie gesehen. Es war ein Schild, auf der linken Seite von einem Palmenzweige, auf der anderen von einem ähnlichen grünen Laube, mit roten Beeren daran, umgeben oder gehalten. Die obere Hälfte war dabei in zwei Teile geteilt, und rechts stand ein Baum, links aber ein wunderliches Tier mit langem Halse, das sie nicht kannten, denn eine Kuh war es nicht, ein Schwein auch nicht – vielleicht ein Hund? Aber was mußte das für ein Hund sein, dessen Kopf bis oben an den Wipfel des Baumes hinaufreichte! Die untere Hälfte nahm dann ein anderer Gegenstand ein, von dem sie aber ebenfalls keinen Begriff hatten. Er war sonderbar gebogen, fast wie ein Fisch mit weitem Rachen, und da heraus fiel eine Menge gelbes Geld, während oben über dem Ganzen noch ein Kranz stand. Das peruanische Wappen zeigt ein von einem Palmenzweig an der Linken, von einem Lorbeerzweig an der Rechten umgebenes Schild, auf dem oben ein Kranz steht. Das Schild ist in drei Felder geteilt: die obere Hälfte zeigt links ein Lama, rechts einen Baum, die untere Hälfte nimmt ein goldene Münzen ausschüttendes Füllhorn ein. Aber was kümmerte das die Eingeborenen, die jetzt nur daran dachten, ihre Früchte zu verwerten. Früchte brauchten alle Nationen, mochten sie von Osten oder Westen den Ozean durchsegelt haben, und etwas brachten sie auch dafür mit, was schon zu einem Lebensbedürfnis der Südseeländer geworden war: Tabak. – Also vorwärts, denn wer die ersten Früchte den danach verlangenden Seefahrern brachte, hatte auch den besten Handel zu gewärtigen. So war denn eine ordentliche Wettfahrt daraus geworden, bei der ein Kanu dem anderen vorzukommen suchte, und die Mannschaft des fremden Fahrzeuges, das noch keine Miene machte, Boote auszusetzen, lehnte sich über die Schanzkleidung und lachte dem Sieger entgegen. Dort an Bord entstand jetzt ein lebhafter Verkehr, denn nachdem der Steward für den Bedarf der Kajüte genügend eingekauft hatte, wurde den Matrosen freigestellt, für das, was sie an Tauschartikeln besaßen, die lang ersehnten Früchte einzuhandeln; was für wunderliche Dinge kamen da zum Vorschein: alte Hemden und Hosen, Hosenträger, Kämme, Taschenmesser, Feuerstähle, Schuhe, Stücke rotes und blaues Band, Taschentücher, Rasierspiegel, kurz alles, was die Burschen nur irgend entbehren konnten, brachten sie zum Vorschein – nur das nicht, was die Insulaner verlangten: Tabak; denn das wenige, was sie wirklich davon besaßen, brauchten sie selber viel zu notwendig, um sich davon trennen zu können. Für den Plunder jedoch, den sie statt dessen aus allen Ecken hervorsuchten, fanden sie nur teilweise einen Abnehmer, denn die Insulaner von Raiateo waren schon zu häufig mit Europäern in Berührung gekommen, um nicht die Wertlosigkeit von derlei Dingen zu kennen. Hemden trugen sie allerdings und kauften sie gern, aber sie durften keine Löcher haben, mochten sie sonst bestehen, aus was sie wollten – das übrige schoben sie alles zurück. Nur ein paar Spiegel fanden einen Abnehmer, und der Besitzer eines alten Seidenhutes, in den sich ein Eingeborener verliebt hatte, machte ein gutes Geschäft. Der Steuermann hatte sich indessen bei den Leuten erkundigt, ob niemand auf der Insel sei, der der Fremden Sprache redete – die Unterhaltung mußte natürlich durch Zeichen geführt werden, und die Insulaner verstanden, was er meinte, deuteten auf die Brandung und machten dem Fragenden begreiflich, daß von dort gleich jemand herausgerudert käme, der mit ihnen reden könne. Damit beruhigte sich der Mann und nahm jetzt das Fernglas von der Kajütentreppe auf, um die Einfahrt zwischen den Riffen beobachten zu können. Um den Fruchthandel kümmerte er sich nicht. Eine wunderliche Bemannung war auf dem Schiff, und selbst den Eingeborenen von Raiateo, die doch sonst wahrlich nichts von der Seefahrt verstanden, fiel das auf. Das waren weder englische, noch französische, noch amerikanische Matrosen, so viel sahen sie auf den ersten Blick, und sie erinnerten sich nicht, je ein schmutzigeres, ruppigeres und vernachlässigteres Gesindel auf dem Deck eines Fahrzeuges gesehen zu haben. Das ganze Deck war schmutzig und unordentlich; die Segel bestanden eigentlich nur aus geflickten Fetzen, und in der Kambüse oder Küche sah es aus, daß jedem anderen als einem Südamerikaner der Appetit vergangen wäre – und gerade das machte auf die reinlichen Bewohner dieser Inseln einen fatalen Eindruck. – Aber was hatten sie mit dem Schiff zu tun? – Sie tauschten ihre Früchte und kehrten dann an Land zurück. Die an Bord mochten leben, wie sie's eben freute. Jetzt kam der Dolmetscher, »Felipe«, wie er am Lande genannt wurde, und als er das Deck betrat, lachten die Insulaner untereinander und flüsterten sich zu, daß er eigentlich genau so aussähe, als ob er zu der Mannschaft hier gehöre. Er war fast ebenso braun und womöglich noch schmutziger, trug die. selben langen, schwarzen, etwas gelockten Haare, mit einem kurzen Schnurrbart auf der Oberlippe, und was seine Kleidung anbetraf, so gingen die Matrosen an Deck auch nicht zerlumpter als er selber. Zur Entschuldigung mochte freilich dienen, daß er heute morgen seine Toilette noch nicht gemacht hatte, denn als er die Botschaft bekam, daß ein fremdes Schiff draußen vor den Riffen liege, war er in wilder Hast zu seinem Kanu hinabgestürzt und um die Insel herumgerudert, so rasch er nur die Arme regen konnte. Und wer wollte es ihm verdenken? Seit neun Wochen hatte er keinen Tropfen Branntwein gesehen und vor über vierzehn Tagen sein letztes Gramm Tabak zerkaut, so daß er jetzt einen ordentlichen Heißhunger nach beiden Genüssen fühlte – und beide sollten hier befriedigt werden. Der Steuermann hatte ihn schon, ehe er nur langseit lief, mit seinem Fernrohr als eins jener Individuen erkannt, die zerstreut auf den meisten dieser Inseln leben und eigentlich zu der traurigsten Menschenklasse der Welt gehören. Sie alle sind, wie sich das von selbst versteht, weggelaufene Matrosen, die das bißchen Zivilisation, das sie besaßen, ohne viel Schwierigkeit abschüttelten – sie fiel ihnen eigentlich von selber ab – und nur ihre Untugenden, ihr Fluchen, Trinken und liederliches Leben beibehielten. Solche Burschen dienten dann den Insulanern als Probeexemplare des christlichen Glaubens, und es läßt sich denken, daß sie keinen übermäßig hohen Begriff von europäischer Gesittung bekommen konnten. Den anlaufenden Schiffen bleiben sie aber immerhin nützlich nur allein ihrer Sprachkenntnisse wegen. Was kümmert diese ihre sonstige Moralität, und wenn sie es dabei mit einem entsprungenen Sträfling zu tun hätten! An Bord der »Libertad«, wie die peruanische Brigg hieß, hatten sie diesmal aber auch noch besonderen Grund, das Nahen eines Dolmetschers gern zu sehen, und wenn dieser ein mehr als gewöhnlich verkommenes und verwildertes Individuum zu sein schien, so war es ihnen vielleicht sogar erwünscht. Es ist die Frage, ob sie einen englischen oder französischen Matrosen überredet hätten, ihren Zwecken dienstbar zu sein und sie zu unterstützen. Felipe kannte die Flagge, und wenn er auch der spanischen Sprache nicht besonders mächtig war, verstand er doch genug davon, um sich mit seinem Italienisch wenigstens verständlich machen zu können. Er kletterte denn auch mit einem sehr zufriedenen » Como está, Señor « an Bord hinauf. Der Steuermann, der ihn hier empfing, ließ sich nicht lange auf höfliche Redensarten ein und fragte: »Was für ein Landsmann?« »Italiener, Señor.« »Sprichst du Kastilianisch?« »Ein wenig.« »Hm – es sind Landsleute von dir an Bord«; und einen der nächststehenden Matrosen nach vorn schickend, beorderte er einen italienischen Matrosen nach dem Quarterdeck, um dort im Notfall als Aushilfe dienen zu können. »Brauchen Sie Holz?« fragte jetzt der Landvagabund, indem er selber an der Seite des Steuermanns nach hinten schritt, und das Wasser lief ihm im Munde zusammen, wenn er an den Tabak dachte, den er bald zu bekommen hoffte. »Ich habe ein paar Klafter fertig geschlagen und kann es in ein paar Stunden an Bord schicken.« »Nein, wir haben genug«, lautete die kurze Antwort. »Also Früchte? Sie kommen gerade zur rechten Zeit; die Brotfrucht ist eben wieder reif geworden, und ich will den Burschen dort sagen, daß sie gleich noch ein paar Kanu-Ladungen herüberschaffen.« »Das hat Zeit«, wies aber auch dies der Steuermann zurück. »Vor allen Dingen will dich erst einmal der Kapitän sprechen und einiges fragen, nachher machen wir den Fruchthandel in ein paar Minuten ab.« »Und was ist es, wenn man fragen darf?« fragte der Bursche und sah den Steuermann von der Seite an. Möglich vielleicht, daß er nicht einmal ein reines Gewissen hatte, denn das Geheimnisvolle gefiel ihm nicht. Der Seemann aber ließ sich auf keine weiteren Antworten ein, denn sie hatten das Quarterdeck erreicht, zu dem er jetzt hinaufstieg und dem Italiener dabei winkte, ihm zu folgen. Dieser warf einen unruhigen Blick umher; was zum Henker hatte er denn mit dem Kapitän zu tun, und was konnte der von ihm wollen? – Und noch nicht einmal ein Stück Tabak hatte er bekommen! – Aber was konnten sie ihm auch tun – was kümmerten sie sich um ihn ober irgendeinen der weggelaufenen Matrosen auf diesen Inseln? Außerdem kreuzten da draußen um das Schiff herum fünf oder sechs Kanus der Eingeborenen, während keins der Schiffsboote auf dem Wasser lag, und wenn er auch wußte, wie wenig Zeit es einem Walfischfänger nimmt, seine Boote niederzuwerfen, so kannte er dagegen auch die Schwerfälligkeit der Kauffahrer bei diesem Manöver. Hatten sie deshalb wirklich etwas gegen ihn im Sinn, so war er mit einem Satz über Bord und dann bald in Sicherheit – und mit diesem Bewußtsein folgte er etwas zuversichtlicher dem schon vorangegangenen Seemann. Der Kulihandel Auf dem Quarterdeck angekommen, fühlte Felipe sich indessen bald beruhigt, daß seine eigene Sicherheit hier nicht gefährdet war. Er traf lauter unbekannte Gesichter, was ihm doppelt angenehm war, denn alle Erinnerungen schienen ihm fatal zu sein. Auf dem etwas erhöhten Deck stand nur noch der Kapitän der Brigg und ein anderer Peruaner, der Supercargo, wie sich später herausstellte, und beide hielten, als er nach oben kam, Ferngläser in der Hand, mit denen sie das Ufer bis dahin beobachtet hatten. »Kapitän, hier ist der Mann«, meldete jetzt der Steuermann seinem Vorgesetzten, »ein Italiener, der etwas Spanisch spricht. Wenn Sie nicht mit ihm auskommen sollten, habe ich aber den Pablo von vorn rufen lassen. Er steht unten und kann zur Not aushelfen.« »Gut, Steuermann. Haben Sie ihn schon um unsere Angelegenheit befragt?« »Nein«, sagte der Seemann, und als er sich abdrehte und zur Seite trat, brummte er leise vor sich hin: »Geht mich auch nichts an! Das kannst du und dein Compañero mit ihm abmachen!« Der Steuermann war unstreitig der am anständigsten Aussehende der ganzen Gruppe, ein Spanier vom alten Lande und ein tüchtiger Seemann, der sich seine Lebenszeit auf dem unruhigen Element herumgeschlagen hatte. Es war eine hohe, kräftige Gestalt, mit vollem, schwarzem Bart und nicht unschönen, ja selbst edlen Gesichtszügen, von Wind und Sonne dunkel gebräunt. Sein Anzug, ein rotwollenes Hemd und blaue Leinwandhosen, mit einem leichten Strohhut auf den dunkeln Locken, war ebenfalls sauber gehalten und stach dadurch um so merklicher gegen die unsaubere Schar seiner Untergebenen ab. Ihm sah man den Seemann auf den ersten Blick an, seinem Kapitän nicht, der, mit einer großen, goldenen Tuchnadel und einem ebensolchen Siegelring, weit eher in einen Kaufmannsladen gepaßt hätte und sich überhaupt wenig von seinem Supercargo unterschied. Beide waren unstreitig peruanische Cholos, Cholo, der peruanische und auch ecuadorianische Name für Mestizen; Leute mit nicht rein weißem, sondern halb indianischem Blut in den Adern. mit einem viel dunkler gefärbten Teint, als man sich von der Sonne gefallen läßt, und beide trugen jenen harten, schlauen Zug im Antlitz, der sich bei keinem Volke so scharf ausgeprägt findet, wie bei den Peruanern und Yankees. Dennoch war der »Kapitän« hierbei noch im Vorteil, denn seine freieren, lebendigeren Bewegungen gaben ihm etwas Offenes in seinem Wesen, während der Supercargo, weit stiller und zurückhaltender, dadurch den Fremden noch mehr abstieß, daß er die unangenehme Gewohnheit hatte, seine überdies schon dünne Unterlippe zwischen den Zähnen zu halten und zu kauen. Hübsch waren sie übrigens alle beide nicht und hätten gut für Brüder gelten können. Diesen sah sich jetzt unser Italiener gegenüber, und als nach des Steuermanns Anrede beide die Fernrohre von den Augen nahmen und zusammenschoben, blieb des Supercargos Blick fest und forschend auf den Burschen geheftet, während der Kapitän das Gespräch anscheinend gleichgültig einleitete. »Lebt Ihr hier auf der Insel, Señor?« » Si, Señor «, nickte der Mann mit einer halben Verbeugung, indem sein Blick rasch und suchend von einem zum andern der beiden flog. »Ich habe mich hier vor der Hand niedergelassen.« »Vor der Hand nur?« »Lieber Gott, unsereiner bindet sich nicht leicht an einen Fleck! Höchstens solange, bis man etwas Besseres findet.« »Wie lange wohnt Ihr schon hier?« »Sieben Jahre.« »Ihr seid hier verheiratet?« »Hm«, brummte der Bursche, »was man hier so verheiratet nennt, aber es hat eben nicht viel zu bedeuten; übrigens läßt sich's aushalten auf den Inseln, denn zu essen gibt's genug. Das einzige, was fehlt, ist Tabak; ich weiß schon gar nicht mehr, wie Tabak aussieht, und einen Schluck Branntwein habe ich seit Monaten nicht gerochen.« Der Kapitän war auf derartige Anliegen vorbereitet, denn sie wiederholten sich, wohin er kam. Auf der einen Bank am Skylight stand auch schon ein zu drei Vierteln mit Branntwein gefülltes Wasserglas, und ein großes Stück amerikanischen Kautabaks lag daneben. Mit einer einladenden Bewegung deutete er dorthin, und des Burschen Augen funkelten vor Freude, als er den dort für ihn aufgespeicherten Schatz entdeckte. Lange nötigen ließ er sich übrigens nicht; mit einem Dios se lo pague ! war er im Nu neben der Bank, und während er mit der Rechten das Glas faßte und an die Lippen hob, sicherte sich die Linke schon den Tabak und hob ihn in die Höhe, um zum Hineinbeißen gleich fertig zu sein, sowie nur der Branntwein beseitigt worden war. Er stürzte auch den Inhalt des Glases auf einen Zug hinunter, und der Supercargo wandte sich mit Ekel ab, denn welche Untugenden der Südamerikaner auch haben mag, unmäßig im Trinken ist er nur in Ausnahmefällen. Der Kapitän war schon eher an etwas Derartiges gewöhnt. Um seine Lippen zuckte nur ein halb verächtliches Lächeln über die Gier des Menschen; er ließ ihn ruhig austrinken und dann noch ein Stück Tabak abbeißen, was Felipe in einer ähnlichen Art tat, wie eine halb verhungerte Hyäne ein plötzlich gefundenes Stück Beute anreißen würde. Erst dann, als er die Befriedigung über den Genuß auf dem Gesicht des Burschen las, fuhr er fort: »Wie mir scheint, möchtet Ihr also wohl einmal wieder ein anderes Leben führen, Señor? Wie aber steht es mit den braunen Burschen auf der Insel? Sollte man die wohl einmal bereden können, ihr Glück für eine kurze Zeit in einem anderen Lande zu versuchen?« Felipe warf ihm einen raschen, forschenden Blick zu; da aber der Kapitän bei dem Vorschlag keine Miene verzog, schüttelte er, indem er sich mit dem linken Hemdärmel den Mund wischte, langsam den Kopf und sagte: »Nein, Señor, mit denen ist nichts anzufangen. Vor sechs oder acht Jahren hatte einmal ein Walfischfänger einen von ihnen mitgenommen und drei Jahre an Bord behalten, und als der arme Teufel, dem es wohl bei der schweren Arbeit oben im Eismeer nicht besonders gefallen haben mag, wieder zurückkam, erzählte er so schreckliche Geschichten von dem, was er ausgestanden hatte und wie er behandelt worden war, daß er den übrigen Angst genug einjagte. Seit der Zeit hat keiner wieder beredet werden können, die Insel zu verlassen; und verdenken kann ich's ihnen auch nicht, denn der Unterschied zwischen dem Leben an Bord eines Walfischfängers und dem hier unter Palmen und Brotfruchtbäumen ist doch ein wenig zu groß.« »Aber wenn man sie nun auf gar keinen Walfischfänger haben, sondern nur in ein anderes Land bringen wollte, wo ebenfalls Palmen sind, und wo sie noch außerdem viel Geld verdienen könnten, – sollten sie darauf auch nicht eingehen?« Der Italiener sah eine Weile schweigend und nachdenklich vor sich nieder. »Nach Peru, meint Ihr, Señor?« sagte er endlich. Der Kapitän nickte, aber Felipe schüttelte den Kopf und das Stück Tabak betrachtend, das er noch immer in der Hand hielt, als ob er es nicht einmal seiner Tasche anvertrauen wollte, meinte er endlich: »Nein, sie tun's nicht.« »Und wenn Ihr ihnen nun einmal in vernünftiger Weise den Vorschlag machtet und ihnen das Leben in Peru ein bißchen lebendig ausmaltet? Es sollte Euer Schaden nicht sein, Compañero, Ihr sollt für jeden gesunden Mann, den Ihr dazu bringt, fünf Dollars erhalten.« »Es geht nicht«, sagte aber der Bursche, »und wenn Ihr mir fünfzig versprächet. Gutwillig gehen sie nicht fort von hier, denn was weiß das Lumpengesindel von Geld! Und was sie sonst brauchen, haben sie eben an Land und verlangen nicht mehr.« »Schade«, meinte der Supercargo, der indessen wieder herangetreten war und dem es nicht entging, daß das Anerbieten auf den Italiener seinen Eindruck trotzdem nicht verfehlte, »Ihr hättet Euch dabei mit leichter Mühe eine hübsche Summe Geld verdienen können. Aber wenn's nicht ist, müssen wir es eben aufgeben.« »Aber wenn nun –« wollte der Kapitän einwenden, als er dem Blick seines Supercargos begegnete, und er brach mitten in seiner Rede ab. Der Italiener sah zu ihm auf, aber er hatte sich von ihm fortgedreht und ging mit auf den Rücken gelegten Händen auf dem Quarterdeck auf und ab. »Wie ist es, Kapitän«, nahm da Felipe das Gespräch nach einer kurzen Pause wieder auf, »haben Sie nicht ein paar Handelsartikel mitgebracht, um Früchte dafür einzutauschen? Wir könnten hier alles brauchen, besonders Tabak und Kattune. Es ist lange kein Schiff auf dieser Seite der Insel gewesen, und die Früchte wären billig.« »Tut mir leid«, nahm der Supercargo für den Kapitän das Wort, »für uns selber haben wir schon mehr als genug, denn wir werden, wenn wir hier keine Arbeiter bekommen können, ein paar andere Inseln anfahren. Macht, daß Ihr wieder in Euer Kanu kommt, denn sowie die Brise ein bißchen auffrischt, gehen wir in See.« Damit stieg er, ohne sich umzusehen, in seine Kajüte hinunter. »Wollt Ihr nicht einmal mit den Insulanern über meinen Vorschlag sprechen?« fragte der Kapitän jetzt den Italiener, der noch immer an Deck stand und nachdenklich auf die Planken niederstarrte. »Wenn ich denen ein Wort davon sage«, meinte der Italiener aber kopfschüttelnd, »so sind sie im Augenblick in ihren Kanus unten, und keiner ist mehr herauszubringen. Nein, überreden lassen sich die Burschen dazu nicht, und wenn Ihr einen Haufen Gold vor sie hinleget. Ich kenne sie zu genau.« »Schade«, sagte der Kapitän, indem er sich ebenfalls abwandte, »Ihr hättet dabei eine günstige Gelegenheit gehabt, wieder nach einem zivilisierten Land zu kommen, denn in Callao und Lima sind Massen von Euren Landsleuten, und eine bessere Gelegenheit, eine runde Summe Geld zu verdienen, findet Ihr auch im Leben nicht wieder; aber wenn es eben nicht geht, geht es nicht. Steuermann«, wandte er sich dann an diesen, der immer noch an der Starbord-Reeling lehnte und dem Gespräch zugehört hatte, ohne aber ein Wort zu reden oder eine Miene zu verziehen, »laßt den Tabak und Branntwein nur wieder wegstauen, wir brauchen jetzt nichts mehr davon«, und mit den Worten folgte er dem vorangegangenen Supercargo. Um den Italiener bekümmerte sich niemand mehr. Felipe, ein so roher und wüster Bursche er auch sonst sein mochte, war doch schlau genug, zu fühlen, daß des Supercargos und Kapitäns Gleichgültigkeit bei dem abgebrochenen Handel keine natürliche sein konnte. Es steckte mehr dahinter. Auch der Befehl, Tabak und Branntwein wegzustauen, war mit Absicht in seiner Gegenwart gegeben worden, und hätte das Fahrzeug jetzt wirklich gleich wieder die Insel verlassen wollen, so hinderte es gar nichts daran. Die Brise war allerdings, besonders hier, vom Land gedeckt, nur sehr schwach, aber doch genügend, um die Segel zu füllen und mit der günstigen Strömung die Brigg bald wieder in offene See hinauszubringen. Weshalb wurde also der Befehl noch nicht gegeben? Weil die beiden jedenfalls noch etwas im Hinterhalt hatten – aber was war das? Felipe ging nachdenklich auf das Mitteldeck hinunter, wo sein Kanu an einer der Pardunen befestigt hing. Indessen waren noch mehr Insulaner mit beladenen Kanus angekommen und riefen jetzt hinauf, ob sie an Bord kommen sollten und ob der fremde Kapitän handeln wollte. Felipes Schwiegervater und Schwager waren ebenfalls dabei. Er antwortete hinunter, sie sollten noch warten, er wüßte es noch nicht, und setzte sich dann auf die dort befestigten Notspieren unter das große Boot. Der Kapitän würde, wie er sich dachte, schon wieder zu ihm schicken. Aber niemand kam, und der Mann stand endlich wieder auf und ging ungeduldig an Deck auf und ab. Keinen Branntwein weiter? – Er hatte eben den Geschmack davon bekommen – keinen Tabak mehr? Monate dauerte es vielleicht, bis wieder einmal ein anderes Schiff hier anlegte! Und was für ein Hundeleben führte er überhaupt hier auf der langweiligen Insel, zwischen lauter Brotfruchtbäumen und unter den ewigen Palmen? Satt hatte er's schon lange; und seine Familie? Bah! Was ihm im Anfang Vergnügen gemacht hatte, war ihm schon lange zum Überdruß geworden! Außerdem saß ihm die braune Obrigkeit, von den Missionären gehetzt und unterstützt, unablässig auf dem Kragen wegen Mißhandlung seiner Frau, und was ging seine Frau die Missionäre an! Bekümmerte er sich darum, wenn sie die ihrigen prügelten? Gewiß nicht! Das Glas Branntwein, das er in den nicht mehr daran gewöhnten Körper so rasch hinuntergestürzt hatte, tat seine Wirkung. Der Kopf wirbelte ihm ordentlich von den darin sich kreuzenden Gedanken; er mußte mehr trinken, so konnte er das Schiff nicht wieder verlassen, und entschlossen wandte er sich jetzt nochmals dem Quarterdeck zu. Weder der Kapitän noch der Supercargo hatten sich dort wieder blicken lassen, und als er den Steuermann nach ihnen fragte, lautete die Antwort nur: »Unten.« Weiter bekümmerte sich der Seemann nicht um ihn. Felipe stieg nochmals auf das Quarterdeck hinauf und stand dort lange unschlüssig. Sein Blick streifte bald nach der Insel hinüber, die alles für ihn barg, was eigentlich den Inbegriff von Glück für einen Menschen hätte bilden sollen, bald nach den Segeln hinauf, die nur eben genug ausblähten, um das Schiff in der unmittelbaren Nähe der Einfahrt zu halten. Da klirrten Gläser unten in der Kajüte. Er sah durch das Skylight hinab, wie der Steward eine Flasche auf den Tisch setzte, und mit einem zwischen den Zähnen zerbissenen Fluch sprang er die Kajütentreppe hinab, um den Kapitän dort unten aufzusuchen. Es dauerte lange, bis er wieder nach oben kam, und die Insulaner hätten indessen schon Ursache gehabt, ungeduldig zu werden, wenn jenen wunderlichen Menschen das Gefühl nur bekannt wäre. Ungeduld setzt immer einen Begriff von Zeit und deren Wert voraus, und den haben sie entschieden nicht. Ist der heutige Tag verschwunden, so kommt morgen ein anderer; zu versäumen ist natürlich nichts dabei; weshalb sollten sie also böse werden, wenn sie einmal ein paar Stunden an Bord eines Schiffes oder dicht daneben in ihren Kanus schaukelnd verträumen konnten – war es doch eine Abwechselung gegen das einförmige Leben an Land, das sie morgen und übermorgen, ja, das ganze Jahr zur Genüge haben konnten! Mit dem größten Vergnügen hätten sie tagelang so ausgehalten. Endlich kam Felipe zurück, machte, ohne sich weiter an Deck umzusehen, sein Kanu los und stieg hinein. »Nun, Felipe, wie ist es?« fragten ihn die paar Insulaner, die an Deck geklettert waren. »Kaufen die weißen Männer unsere Früchte?« »Ja«, sagte der Bursche, »aber heute nicht. Sie müssen erst die Waren hervorsuchen, die sie dafür geben wollen. Morgen früh ist ein großer Markt, und ihr sollt Tapa, Kokosschalen, Matten und Früchte mitbringen, was ihr habt, und dafür oben euch aussuchen, was ihr mitnehmen wollt.« »Und wohin gehst du?« »Nach Hause, so schnell ich kann, um von dort alles herbeizuholen, was ich an die Fremden verkaufen kann. Das ist ein reiches Schiff, wie wir noch keins an unserer Küste hatten.« Und damit saß er in seinem Kanu und ruderte durch die Einfahrt der Küste zu, um dort erst einmal den Leuten von dem morgen an Bord des fremden Schiffes zu haltenden Markt zu erzählen und dann so rasch er konnte nach seinem eigenen Haus zurückzukehren. Blitzschnell lief indes die Kunde, daß das Schiff Matten und Tapa kaufe, von Haus zu Haus; besonders geschäftig waren jetzt die Frauen, an solchen Sachen vorzusuchen, was sie eben hatten; sie wußten, daß sie dafür bunte, prächtige Stoffe und blitzende Glasperlen eintauschen konnten. Nur die Männer nahmen es kaltblütig. Ihre Früchte, die sie zum Handel hinüberbrachten, pflückten sie morgen früh; was sie sonst noch hatten an jungen Schweinen und Hühnern, war ebenfalls in kurzer Zeit in ihre Kanus gepackt; was sollten sie sich da heute noch bemühen? Und vor Sonnenuntergang schaukelten sie mit ihren Kanus wieder im Binnenwasser der Riffe, um Fische für ihr Abendbrot zu fangen, hingen die Knaben wieder in ihren Bastschaukeln an den Wipfeln der Palmen, hetzten sich die Mädchen wieder auf dem Korallensand umher, und tanzte das junge Volk wieder glücklich und sorglos bei dem Schalle einer alten, einmal von einem französischen Schiff eingetauschten Soldatentrommel, und lauschte dann später beim vollen Mondlicht dem donnernden Toben der Brandung, die unermüdlich ihren nutzlosen Kampf gegen die Riffe kämpfte und, tausendmal zurückgeschlagen, tausendmal den Angriff erneute. Der Morgen kam, aber mit ihm dieses Mal ein ungewohnt geschäftiges Leben in die muntere Schar, überall waren junge Leute beschäftigt, ihre Kanus flott zu machen, und was sie am Ufer schon mit Tagesanbruch aufgespeichert hatten, hineinzutragen. Lachend und singend verrichtete jeder seine Arbeit, und mit Kichern und Jubeln stiegen heute auch hier und da einzelne in buntfarbige und sauber gewaschene Kattunkleider gehüllte Mädchen oder Frauen in die Kanus, um ihre Matten oder Tapastücke selber für Sachen einzutauschen, die sie gebrauchen konnten, denn aus Erfahrung wußten sie, daß die Männer kaum etwas anderes von den Schiffen zurückbrachten als Tabak oder vielleicht einmal ein Messer oder ein Beil. Felipe mußte ebenfalls früh von Hause aufgebrochen sein, denn noch ehe das letzte Kanu zur Abfahrt gerüstet war, kam er schon in dem seinigen herangeschwommen, in dem er heute ausnahmsweise einen Burschen aus der Nachbarschaft mitgenommen hatte, der darin bleiben sollte, während er an Bord ging und den Handel für die Insulaner überwachte. Wo so viele Kanus dem Schiffe angehängt wurden, meinte er, könnte leicht eins gegen das andere gestoßen und beschädigt werden, und das wollte er doch zu verhüten suchen. Und jetzt ruderten sie hinaus – ein ganzer Schwarm fröhlicher, glücklicher Menschen. Langsamer, aber dicht hinter ihnen folgte Felipe. Still und düster lehnte er in seinem Kanu, und als die kleine Flotte mit schäumendem Bug über das Binnenwasser glitt, ruderte er wie zögernd hinter ihnen drein und schickte, endlich an Bord angelangt, sein Kanu mit dem Knaben an Land zurück. Es waren so viele beladene Boote herübergekommen, daß er nachher recht gut mit einem der geleerten wieder zurückkehren konnte. An Bord sah es indessen heute lebendiger aus als gestern, denn »midships«, inmitten des Schiffes, zwischen den beiden Masten und um das große Boot her war eine Menge von Waren ausgebreitet, die von den Kajütsdienern und Steuerleuten überwacht wurden und gegen die mitgebrachten Artikel der Eingeborenen eingetauscht werden sollten. Die Brigg, die über Nacht ein Stück von der Insel zurückgetrieben war, um aus der etwas zu gefährlichen Nähe der Riffe zu kommen, hatte jetzt wieder aufgekreuzt, lag aber noch immer, wie gestern den ganzen Tag, vor kleinen Segeln, bald über diesen, bald über jenen Bug. Aber die Insulaner achteten darauf schon gar nicht mehr, denn jetzt nahmen die kostbaren Waren, die vor ihren Blicken aufgespeichert lagen, ihre Aufmerksamkeit so vollständig in Anspruch, daß sie für weiter nichts Augen hatten und nur fortwährend darum herum gingen und sich bald für dies, bald für jenes entschieden, was sie für ihre Erzeugnisse verlangen wollten. Wie bei Kindern zog das Bunteste ihre Blicke auch immer zumeist an. Felipe war indessen in die Kajüte gerufen worden und hatte dort eine lange Unterredung mit dem Kapitän. Als er wieder an Deck kam, kreuzte die Brigg eben aufs neue gegen die Einfahrt zu, bis die Brandung fast unter ihrem Bug schäumte. Jetzt neigte sich der Bug des Fahrzeugs langsam von den gefahrdrohenden Korallenfelsen ab; die Brigg ging über Stag und lag nach Süden hinüber. An Bord wurde indessen der Handel lustig betrieben, und der Untersteuermann, ein rauh genug aussehender Geselle von Panama, unterstützte dabei vorzüglich den Supercargo, um den Wert für die gebotenen Matten, für Kalabassen mit Kolosnußöl, für Stücke Tapa, für geflochtene Bastseile und andere Arbeiten dieser einfachen Menschen zu bestimmen. Und wie genügsam zeigten sie sich dabei und gaben gern um einen bunten, wertlosen Glasperlentand, um ein paar Ellen schlechten und nur bunt gefärbten Kattuns Sachen her, an denen sie Tage und Wochen gearbeitet hatten, während die Händler in immer wachsender Gier nie genug für ihren Plunder bekommen konnten, den sie hier zum Verkauf ausgelegt hatten. Und doch wußten sie, daß sie in Callao von fremden, heimkehrenden Schiffen das Zehn- und Zwanzigfache der ausgelegten Kosten mit Leichtigkeit erhalten konnten. Jetzt wurde auch um die Früchte gehandelt und Tabak unter die Eingeborenen verteilt, dessen Genuß sie alle schon kannten. Sie säumten auch nicht, sich ihm so rasch wie möglich hinzugeben, und ein paar von ihnen schnitten sich ohne weiteres ein Stück ab, wickelten es in schon zu dem Zweck mitgebrachte und eigens zubereitete Bananenblätter und liefen dann nach der Kambüse, um sich dort Feuer geben zu lassen. Jetzt brannte die Zigarre, und stolz und selbstzufrieden blies der Insulaner den blauen Rauch in die Luft und warf dann unwillkürlich einen Blick nach seiner Insel hinüber. Er dachte schon im stillen daran, mit welchem Behagen er sich dort heute abend vor seiner Hütte ausstrecken und den aufwirbelnden Dampf in die Luft blasen werde. – Aber wo war die Insel? Unwillkürlich stieß er einen Ausruf des Erstaunens aus, und wenige Augenblicke später standen sämtliche Insulaner wie ein geschrecktes Rudel Wild mit gereckten Hälsen und scheuen Blicken aufgerichtet an der Reling und schauten nach dem Land zurück, das sie mit einer frischen Brise schon weit, weit zurückgelassen hatten. »Felipe! Felipe!« tönte ihr Ruf aber bald nach dem Dolmetscher, denn die rasch hintereinander folgenden Fragen, die sie an die Mannschaft richteten, blieben natürlich unbeantwortet. »Felipe, wohin fährt der Kapitän? Er geht weit ab, wir können mit unseren Kanus nicht mehr zurück!« Felipe schritt zwischen ihnen durch, aber er war ruhig und unbefangen. »Ich habe den Kapitän eben gefragt«, sagte er; »da die Brise frischer wurde, fürchtete er, so dicht unter der Insel liegenzubleiben. Er dreht jetzt gleich wieder um. Bis euer Handel beendigt ist, hält er wieder vor der Einfahrt.« Die Männer beruhigten sich damit, denn sie waren schon manchmal auf einem Schiffe vor ihrer Insel auf und ab gekreuzt; aber die Frauen schienen ängstlich geworden zu sein und das Interesse an ihrem Handel verloren zu haben. Die meisten Gegenstände waren überhaupt abgesetzt, und sie sehnten sich zurück nach ihrem Land, nach festem Boden, zu den Ihrigen. Der Supercargo hatte ihnen indessen eine Überraschung aufgespart, und zwar ein grell rotes Stück Zeug mit schwefelgelben Streifen, das ihnen außerordentlich in die Augen stach. Für kurze Zeit fesselte er ihre Aufmerksamkeit dadurch auch wirklich vollkommen, und die wenigen, die noch etwas zu verkaufen hatten, konnten der Verlockung nicht widerstehen. An andere wurden schmale Stücke, die etwa zu einem pareu oder Lendentuch hinreichten, als Geschenke verteilt, und alles drängte sich um ihn her; aber das Schiff hatte noch immer nicht gewendet, um nach ihrer Insel zurückzukehren, und sich inzwischen so weit davon entfernt, daß unter dem Horizont schon das flache Palmenland verschwand und die grünen Berge eine bläuliche Färbung annahmen. Wieder wurde Felipe gerufen und zu dem Kapitän gesandt, und kam nach einer Weile mit der Meldung zurück, daß der Kapitän einen Sturm fürchte und vor Nacht nicht wagen dürfe, die Insel wieder anzulaufen. »Dort geht ein Kanu!« lief da ein Schrei über Bord, und als sich die Augen der Eingeborenen dorthin richteten, sahen sie eins der losgerissenen Kanus auf den Wogen schwimmen, und während sie auf die Reling sprangen, um nach den übrigen zu sehen, trieb wieder und wieder eins davon. Die Brise, die bis jetzt nur schwach gewesen war, hatte bei den wenigen Segeln, welche die Brigg führte, diese nur langsam vorwärts getrieben, so daß sich die leichten Kanus wohl so lange halten konnten. Jetzt aber waren mehr Segel gesetzt, die Brise hatte ebenfalls an Kraft zugenommen, und die leichten Boote konnten sich nicht mehr über Wasser halten. Sie schlugen um, füllten sich mit Wasser, und die dünnen Baststricke vermochten dem Druck nicht mehr standzuhalten. Ein Kanu nach dem andern löste sich und trieb ab. Wieder wurde jetzt Felipe nach dem Kapitän gesandt, dieses Mal aber mit der Drohung, daß sie sein Schiff selber zurücklenken würden, wenn er jetzt nicht umdrehe, um sie heimzufahren. Dieses Mal aber kehrte der Verräter nicht zurück, denn er hielt sich zwischen den gereizten Insulanern nicht mehr sicher. Jedenfalls mußten sie sich erst wieder beruhigen und in das Unvermeidliche fügen lernen. Eine unbeschreibliche Szene der Verwirrung entstand jetzt an Bord, denn zum erstenmal ahnten die Männer, daß sie verraten worden waren. Aber die wenigsten waren noch imstande, sich auf den Füßen zu halten, denn sonderbarerweise übte fast auf alle diese Leute, die von Jugend auf gewohnt gewesen waren, in ihren Kanus auf den Wogen zu schaukeln, die ungewohnte fremde Bewegung des großen Fahrzeugs ihre unheilvolle Wirkung aus. Sie wurden ernstlich seekrank, und während sich die Frauen auf Deck warfen und im Gefühle ihrer Krankheit und ihres Elendes winselten und wehklagten, kauerten die meisten Männer in stummem Jammer auf den Planken nieder, und nur wenige, von der Krankheit verschont, griffen die eben eingehandelten Beile und Messer auf und wollten die Kajüte stürmen. Jetzt erst zeigte der Peruaner seine wahre Farbe. Acht oder zehn mit Musketen bewaffnete Matrosen sprangen vor und drohten, jeden niederzuschießen, der nicht augenblicklich seine Waffe an Deck werfe. Die Insulaner aber, die diese Drohung einesteils gar nicht verstanden, andernteils nicht achteten, warfen sich in blinder Wut auf das Gesindel, und ehe die Burschen, die mit Feuergewehren ebenfalls nicht besonders umzugehen wußten, von ihren Waffen ordentlich Gebrauch machen konnten, stürzten schon zwei oder drei, von den wütenden Beilhieben der Wilden getroffen, nieder. Aber der Kapitän und der Supercargo waren auch keine müßigen Zuschauer geblieben, denn sie wußten recht gut, daß ihr Leben besonders gefährdet blieb, wenn die zur Wut gereizten Eingeborenen das Schiff nahmen. Mit Doppelgewehren bewaffnet, schossen sie rechts und links unter die Unglücklichen, von denen mehrere unter den scharfen Schüssen stürzten; selbst viele von denen wurden verwundet, die sich an dem Kampf gar nicht beteiligt hatten und krank in einem Winkel lehnten. Den gefürchteten Feuerwaffen waren die Insulaner nicht gewachsen. In wilder Angst flüchteten sie nach vorn, und die Matrosen hatten jetzt leichte Arbeit, alle wehrhaften Männer zu binden und in das schon für sie hergerichtete Zwischendeck zu schaffen. Was dort die Nacht aus ihnen wurde, blieb sich gleich; jetzt galt es vor allen Dingen, das Deck wieder von den Spuren des Kampfes zu reinigen. Umstände mit den Toten konnte man in dem heißen Klima überhaupt nicht machen. Sowie nur die Insulaner nach unten geschafft und die Luke geschlossen worden war, warf man die Leichen der Insulaner sowohl wie die der beiden Matrosen einfach über Bord. Dann wurde das Deck wieder abgewaschen und jetzt bewaffnete Wachen verteilt, die vollkommen genügten, jeden erneuten Versuch der hilflosen Insulaner unschädlich zu machen. Alle Segel waren dabei gesetzt, und die »Libertad« lag mit einem starken Seitenwinde vollen Südkurs an, um so bald als irgend möglich die Passate zu verlassen. Erst dann durften sie hoffen, die amerikanische Küste, und zwar in der Nähe von Chile, anzulaufen, wo sie nachher die scharfen und regelmäßigen Südwinde trafen, die sie bald an der Küste hinab zu dem Ort ihrer Bestimmung, nach Callao, brachten. An Bord des Guayaquil-Dampfers Der Dampfer von Panama hatte sich, wie das gar nicht selten geschieht, verspätet und lief zwölf Stunden nach seiner gewöhnlichen Zeit Guayaquil in Ecuador an, um dort die Passagiere für Lima an Bord zu nehmen. In Guayaquil war auch gerade wieder einmal Revolution, oder die eigentlich rechtmäßige Regierung Ecuadors, die ihren Sitz in Quito hatte, war es müde geworden, den Usurpator Granero mit seiner nichtswürdigen Partei den Süden des Reiches besetzen und die Bevölkerung mißhandeln zu sehen, und General Flores war eben mit seiner Armee im Anrücken, nachdem er den Usurpator aus seinem letzten Halt im innern Land, aus Bodegas, vertrieben hatte. Der »Callao«, wie der Dampfer hieß, ankerte im Strome unmittelbar vor der Stadt neben einem peruanischen Kriegsschiff, das General Castilla zur Disposition Graneros dort stationiert hatte, um seinen Schützling, im Fall er besiegt werden sollte, an Bord zu nehmen. Die Passagiere aber, denen der unruhige Boden hier unter den Füßen brannte, kamen in einem Schwarm von Booten vom Lande abgefahren und an Bord. Wußte man doch nicht, wie die Eroberer, wenn sie wirklich die Stadt nahmen, darin wirtschaften würden, und wer kein eigenes Interesse darin hatte, suchte natürlich einer solchen Katastrophe so rasch als irgend möglich aus dem Wege zu gehen. Eine gute Stunde herrschte auch an Bord des Dampfers selber die entsetzlichste Verwirrung, und Koffer, Kisten und Hutschachteln lagen in Haufen überall unordentlich im Weg herum, während kein Mensch wußte, wohin er gehöre, wo er bleiben solle, und niemand sich um ihn bekümmerte. War es doch gerade Essenszeit an Bord, und die Aufwärter hatten mehr zu tun, als den Fremden jetzt ihre Plätze anzuweisen. Mitten in die Verwirrung schmetterte ein Kanonenschuß hinein, der vom Bord des Dampfers abgefeuert worden war, um seine Wiederabfahrt anzuzeigen. Er schien aber dieses Mal die Landbewohner mehr zu schrecken, wie die an Bord Befindlichen. Die Einwohner von Guayaquil betrachteten nämlich das vor ihren Häusern ankernde peruanische Dampfschiff schon die ganze Zeit sehr mißtrauisch, weil sie recht gut wußten, daß Peru die von Granero angestiftete Revolution aus allen Kräften unterstützte. Gerüchte hatten deshalb auch schon lange die Stadt durchlaufen, daß das Kriegsschiff den Ort bombardieren und in Trümmer schießen würde. Als jetzt der Schuß genau von der Richtung des peruanischen Schiffes her fiel, lief alles bestürzt durcheinander. Dieses Mal aber sollten die Guayaquilener noch mit dem bloßen Schreck davon kommen. Es war nur der »Callao« gewesen, und seine Räder arbeiteten jetzt gegen die gewaltige Strömung des Guayaquil an, um das peruanische Kriegsschiff zu umfahren. Da kam noch ein Boot vom Land ab mit einer Regierungsflagge an Bord. Hinten in seinem Stern stand ein Offizier und schwenkte eine kleine Flagge zum Zeichen für den Kapitän des Dampfers, daß er an Bord wolle. Der Engländer hatte das Zeichen auch wahrscheinlich bemerkt, denn er stand gerade auf dem dem Land zugedrehten Quarterdeck, gab aber keinen Befehl, die Maschine anzuhalten. »Kapitän«, meldete da der wachthabende Offizier, »ein Regierungsboot wünscht noch an Bord zu kommen.« »Dank' Ihnen, Mr. Gellinek«, sagte der Kapitän trocken. »Erstlich wissen wir vor der Hand gar nicht, wer hier Regierung ist und wer nicht, und dann hätte der Herr da drüben eben eine Viertelstunde früher abfahren sollen, wenn er zu uns an Bord kommen wollte. Wie wir jetzt laufen, glaub' ich schwerlich, daß er uns einholt!« » Hallo the Steamer !« rief in diesem Augenblick eine Stimme vom Quarterdeck des peruanischen Kriegsdampfers den »Callao« an, und der Kapitän drehte sich überrascht danach um. »Hallo?« fragte er zurück. » Stop that boat ! « lautete der Befehl; »Regierungs-Depesche will noch an Bord!« » Stop that boat ?« rief aber der Engländer erstaunt zurück; »wer, zum Henker, hat hier an Bord zu befehlen, Sie oder ich?« »Auf Ihre Verantwortung!« schallte es zurück, und deutlich konnten sie hören, wie auf dem jetzt ganz nahen Kriegsdampfer der Befehl gegeben wurde, eine Kanone zu richten. » You be damned !« war aber die einzige Erwiderung, die sie von dem alten Seemann bekamen, den sie mit einer solchen Drohung noch lange nicht einschüchtern konnten. Er fuhr unter englischer Flagge und wußte recht gut, daß sich die Peruaner zweimal besinnen würden, ehe sie feuerten. Es geschah auch in der Tat nichts Derartiges. Der »Callao« schwenkte herum, mit dem Bug stromab, und auf ein Zeichen des Kapitäns mußte der Mann am Steuer jetzt sogar so dicht an dem Peruaner vorbeistreifen, als es nur die Vierkant gebraßten Rahen beider Dampfer gestatteten, ohne sich gegenseitig zu berühren. Das Regierungsboot folgte dabei noch immer, da es wahrscheinlich vermutete, der Engländer würde erst wieder unterhalb des Peruaners beidrehen. Der dachte aber gar nicht daran. Als er das Kriegsschiff passiert hatte, hielt er weiter in den Strom hinaus, in das richtige Fahrwasser hinein, und zehn Minuten später war er schon so weit entfernt, daß man nicht einmal mehr die einzelnen Personen an Deck mit bloßen Augen unterscheiden konnte. Fluchend hielt der Steuermann des Regierungsboots nach dem Ufer hinüber, um dicht daran der gewaltigen Strömung etwas besser ausweichen und den Platz wieder erreichen zu können, von dem er abgefahren war. Seine Depeschen nahm er natürlich wieder mit zurück. An Bord des Dampfers hatten indessen nur wenige von dem kleinen Zwischenspiel etwas bemerkt, niemand auch nur darauf geachtet, denn die alten Passagiere waren schon durch des Kochs Klingel zum Diner gerufen worden, und die neuen quälten sich noch mit ihrem Gepäck ab, um Leute zu finden, die es ihnen in irgendeine Koje schaffen konnten. Sie wollten vor der Hand nur einen Platz haben, dann mußten sie selber sehen, daß sie etwas zu essen bekamen. Unter den in Guayaquil an Bord gekommenen Passagieren befand sich auch ein junger, schlank gewachsener Mann mit offenen, freien Zügen. Er hatte dunkle Augen und rabenschwarzes, gelocktes Haar, dazu einen durch die Sonne tiefgebräunten Teint, so daß er recht gut als Sohn dieses Landes gelten konnte. Sein ganzes Benehmen war dabei das eines Mannes, der sich in den höheren Schichten der Gesellschaft bewegt hat, und der breitrandige, außerordentlich feine Panamahut, den er trug, verriet auch, daß er wohlhabend sein müsse. Irgendeinen Schmuck trug er nicht, obgleich weder ein Peruaner noch ein Ekuadorianer gern ohne eine goldene Uhrkette getroffen wird; nur am vierten Finger der linken Hand trug er einen einfachen goldenen Reif mit einem Brillanten. Er vor allen anderen Passagieren hatte sich auch rasch und behaglich an Bord eingerichtet. Er kannte, wie es schien, den Mayordomo, und mit einem Trinkgeld, das er einem der Kajütenwärter in die Hand drückte, fand er sich bald allein in einer Koje untergebracht, während die übrigen zu dreien und selbst vieren kampieren mußten; eine höchst fatale Sache in den geschlossenen Räumen und dem heißen Klima. – Der junge Mann war keinesfalls zum erstenmal auf Reisen. Der Kapitän kannte ihn ebenfalls. »Ah, Senor Aguila«, rief er ihm entgegen, als er ihm nach Tisch zuerst auf dem Quarterdeck begegnete, »sieht man Sie auch einmal wieder? Wo haben Sie die ganze Zeit gesteckt? In Europa?« »Zum Teil, Kapitän«, lachte der junge Mann, indem er dem Engländer die Hand schüttelte, »und nachher hab' ich mir noch ein Stück von der Welt besehen.« »Bis es Ihnen in der Graneroschen Wirtschaft da drüben zu heiß wurde, heh? Es soll aber zu Ende gehen, denn wie mir unser Agent sagte, kann sich der verdammte Sambo keine Nacht mehr halten.« »Er wünschte Ihnen noch eine Bestellung aufzutragen«, lachte Aguila. »Er soll zum Henker gehen!« brummte der Kapitän – »aber waren Sie lange in Guayaquil?« »Nur seit dem letzten Dampfer. Ich wollte einige Freunde besuchen, hätte mir aber die Mühe ersparen können, denn es ist alles nach Quito geflüchtet.« »Sie kamen von Panama herunter?« »Ja, und will nach Hause.« »Ach du lieber Gott«, seufzte der Kapitän, »ich wollte, ich könnte das auch sagen! Statt dessen aber fahre ich Jahr nach Jahr an dieser verbrannten Küste auf und ab. Aber was kann's helfen! Meine Zeit kommt ja wohl doch auch einmal, und bis dahin heißt's eben aushalten! Sind Sie gut eingerichtet an Bord?« »Vortrefflich.« »Desto besser« – und der Kapitän trat mit einem freundlichen Kopfnicken wieder in seine Kajüte hinein. Aguila, oder Don Rafael, wie er von seinen Freunden genannt wurde, hatte indessen seine Mitpassagiere gemustert, aber es waren teils Fremde, Engländer, Franzosen oder Deutsche, die mit der westindischen Mail von Europa kamen, teils nichtssagende Gesichter von Landeskindern, deren Bekanntschaft zu machen es ihn nicht drängte. Ein befreundetes Gesicht fand er nicht und begnügte sich deshalb, die Leute stillschweigend zu mustern, wie sie eben bei ihrem Nachmittag-Spaziergang an Deck hin und her an ihm vorübergingen. Ein reizendes Wesen zog dabei seine Aufmerksamkeit vor allen anderen auf sich. Es war ein junges Mädchen von vielleicht zweiundzwanzig Jahren, bildschön, von tadellosem Wuchs, mit rabenschwarzen Haaren und Augen, einem wahrhaft griechischen Profil, und dabei die Züge voller Leben, die Augen voll Glut und Feuer. Ein junger, sehr elegant gekleideter Mann begleitete sie auf Deck und unterhielt sich mit ihr. Es war jedenfalls ein Nordländer – wie sich später herausstellte, ein Schwede – mit blonden Haaren und blauen Augen, aber sie unterhielten sich französisch miteinander, wie denn die junge Dame ebenfalls Französin sein mußte. »Fräulein, Sie sind grausam«, hörte Don Rafael einmal ein paar abgebrochene Sätze, als sie unsern von ihm in ihrem Gespräch stehengeblieben waren. »Grausam?« lautete die Rückfrage, »etwa weil ich offen und ehrlich die Wahrheit sage? Sie wollen mir nur nicht glauben, daß es die Wahrheit ist, und sollten mir gerade dankbar dafür sein!« Der Nordländer wollte etwas darauf erwidern, aber sein Blick streifte den nicht weit davon entfernt lehnenden Peruaner, und er fuhr mit leiserer Stimme zu reden fort, so daß Don Rafael nichts mehr davon verstehen konnte. Bald nachher gingen die beiden jungen Leute hinunter, um eine Partie Schach miteinander zu spielen, welche die Dame – der Peruaner fing an, sich für sie zu interessieren – gewann. Er erkundigte sich jetzt beim Mayordomo weiter nach ihr und erfuhr, daß sie mit von Panama gekommen sei und ihre Koffer französische Marken von Bordeaux trügen. Sie reiste mit einer Dienerin oder Gesellschafterin und hatte ihre Kajüte zufälligerweise dicht neben der seinigen. Weiter wußte der Mayordomo nichts von ihr, als daß sie sich auf der Fahrt von Panama wohl sehr frei und ungeniert, aber immer höchst anständig benommen und auch nie gestattet habe, daß sich irgend jemand mit ihr die geringste Freiheit erlaube. Ihr Name war der Schiffsliste nach Lydia Valière. Wohl hatte nun Don Rafael bemerkt, daß das Auge des schönen Mädchens ein paarmal auf ihm haftete, aber dennoch nicht gewagt, sie anzureden, weil er nicht zudringlich erscheinen mochte. Was half es ihm auch! In wenigen Tagen waren sie in Lima, wo er selber sich nur wenige Stunden aufzuhalten gedachte, weil ihn sein Weg ins Innere führte, und eine so flüchtig angeknüpfte Bekanntschaft hätte dann doch gleich wieder abgebrochen werden müssen. So war er schon zwei Tage an Bord, ohne ein einziges Wort mit ihr zu wechseln, einen Gruß ausgenommen, wenn er ihr unten im gemeinschaftlichen und zu den Kajüten führenden Gange einmal zufällig begegnete. Heute ging er wieder hinunter, um sich ein Buch heraufzuholen; wollte er aber aufrichtig sein, so hatte er nur an das Buch gedacht, weil er die junge Dame nicht an Deck sah, und das Herz schlug ihm ordentlich ein wenig, als er ihre Koje passierte und sie in der offenen Tür stehen sah. Mit einem einfachen Gruß wollte er auch jetzt vorübergehen, als er sich angerufen hörte. »Señorita!« überrascht wandte er sich der Schönen zu. »Entschuldigen Sie, Señor«, sagte da das junge Mädchen im reinsten Spanisch und mit einem halb verlegenen Lächeln, das ihr um so reizender stand, als er es noch gar nicht an ihr bemerkt hatte, »wenn ich die erste Gelegenheit, bei der ich das Vergnügen habe, Sie anzureden, zu einer etwas wunderlichen Bitte benutze.« »Señorita«, rief Don Rafael erfreut, »Sie würden mich glücklich machen, wenn Sie mir Gelegenheit gäben, Ihnen zu dienen!« »Also auch Sie«, sagte das junge Mädchen, und wie ein leiser Schmerz zuckte es für einen Augenblick um ihre Lippen. »Ich hatte geglaubt, daß wenigstens Sie nicht zu jenen faden Schmeichlern gehören, die es nur alle darauf abgesehen zu haben scheinen, dem ersten besten glatten Gesicht den Kopf zu verdrehen.« Don Rafael war betroffen von dem Ausdruck, der bei diesen Worten in den Zügen der Redenden lag, und sagte herzlich: »Glauben Sie mir, liebes Fräulein, daß Sie mir wirklich eine Freude machen, wenn Sie mir Gelegenheit geben, Ihnen gefällig zu sein.« »Das klingt schon besser«, lächelte die junge Dame, »und diesmal will ich es Ihnen glauben. Ich verlange aber nicht viel, nur eine unbedeutende Kleinigkeit – eine Locke von Ihnen.« »Eine Locke?« lachte der junge Mann erstaunt – »Sie wollen mich bestrafen, Señorita, und halten mich zum besten!« »Und wenn es mir Ernst wäre?« »Ich stelle Ihnen meinen ganzen Kopf zur Verfügung!« »Sehen Sie, Sie übertreiben schon wieder!« »Señorita«, sagte der junge Mann halb im Scherz, halb im Ernst, »ich weiß wirklich nicht, ob ich diesmal übertrieben habe, denn Sie scheinen in der Tat mit den Köpfen Ihrer Umgebung anzufangen, was Ihnen beliebt.« »Das wäre ein schlechtes Kompliment für ihren Inhalt«, erwiderte die junge Dame, »und ich hoffe, daß Sie sich jedenfalls davon ausnehmen. Aber Sie haben mir meine Bitte noch nicht erfüllt.« »Dann verschaffen Sie mir nur eine Schere«, lachte der junge Mann, »und Sie sollen sehen, wie freigebig ich sie erfüllen werde.« »Bitte, das ist gar nicht nötig«, sagte die Dame, und nahm eine Schere, die sie schon die ganze Zeit versteckt in der Linken getragen haben mußte, in die rechte Hand. »Haben Sie nur die Güte, sich ein klein wenig zur Seite zu drehen – so, das ist genug – ich werde mich selber bedienen und sehr bescheiden sein.« Don Rafael fühlte mit einer eigenen Empfindung, die ihm durch den ganzen Körper zuckte, wie die Finger des jungen Mädchens sein Haar teilten. Jetzt hob es den rechten Arm, und das scharfe Klippen der Schere hatte sein Opfer gefunden. Fräulein Valière trat lächelnd mit einer dankenden Verbeugung von ihm zurück, und während sie eine seiner langen schwarzen Locken in der Hand hielt, sagte sie freundlich: »Sie sind so liebenswürdig gewesen, meinen Wunsch zu erfüllen, und ich fühle mich nun auch verpflichtet, Ihnen zu sagen, weshalb ich Sie um dieses Geschenk gebeten habe.« »Señorita, ich erlasse Ihnen jede Erklärung. Die Sache selber hat mich viel zu glücklich gemacht, um ...« »Eben deshalb«, unterbrach ihn die junge Dame wie vorher. »Sie könnten sonst wirklich auf die wunderlichsten Gedanken kommen und vielleicht gar glauben, daß ich beabsichtige, dieses ›teure Unterpfand‹ als ein Andenken zu bewahren.« »Sie sind mehr als grausam«, sagte der junge Peruaner mit komischer Verzweiflung; »wollen Sie denn jede Illusion zerstören?« »Jede; ich müßte Ihnen sonst in einem wunderlichen Licht erscheinen. Sie haben doch bemerkt, daß mir der junge Schwede in fast etwas zu auffälliger Weise den Hof macht?« »Er ist gern in Ihrer Nähe, und wer könnte ihm das verdenken?« »Hm«, lächelte das junge Mädchen, »das Kompliment will ich Ihnen noch hingehen lassen; es klingt wenigstens nicht übertrieben, wenn es auch vielleicht nicht so gemeint war. Bitte, lassen Sie mich ausreden. Nicht allein also, daß der junge Mann gern in meiner Nähe ist, wie Sie sich ausdrücken, hat er mich auch so lange um eine von meinen Locken gequält, um eine Erinnerung an mich zu haben, »wenn uns das Schicksal grausam trennen sollte«, wie er sich ausdrückt und was allerdings wahrscheinlich ist, daß ich ihm, um nur Ruhe zu haben, seinen Wunsch zu erfüllen versprach.« »Und nun?« lachte Don Rafael. »Sie können sich aber doch denken, daß ich ihm nur dann ein solch ›teures Unterpfand‹ von mir selber geben würde, wenn ich ihn wirklich liebte, und da das nicht der Fall ist, so habe ich mir erlaubt, nicht allein Ihre Güte, sondern auch Ihren reichen Haarwuchs in Anspruch zu nehmen, um den Herrn zufrieden zu stellen und mir Ruhe zu verschaffen.« »Und Sie glauben wirklich«, lachte Don Rafael, »daß er den Betrug nicht augenblicklich entdecken wird?« »Haben Sie nicht bemerkt, daß er kurzsichtig ist? Er trägt ja sogar zu Zeiten eine Brille, wenigstens immer dann, wenn er etwas genau betrachten will. Außerdem haben unsere Haare fast eine Farbe, überlassen Sie das mir, ihn sicher zu machen.« »Aber Sie sind mehr als grausam!« »Grausam, wieso?« »Wenn Sie nun wirklich ernstlichen Eindruck auf den Fremden gemacht haben und er, wenn auch später, den Betrug entdeckt, wie wehe muß ihm da ums Herz sein! Treiben Sie kein leichtsinniges Spiel, Señorita«, setzte er mit herzlichem Tone hinzu, »mißbrauchen Sie die Gewalt nicht, die Ihnen über Männerherzen gegeben wurde! Es ist eine gefährliche Waffe in Ihren Händen!« »Ihren Augen nach sollte man wirklich glauben, daß Sie jetzt im Ernst sprächen«, lächelt« das junge Mädchen und sah ihn voll und forschend an – »ist dem so?« »Ja, es ist so!« »Dann will ich Sie beruhigen«, setzte sie mit weit mehr Gefühl im Ton hinzu, als sie bis jetzt gezeigt hatte; »wenn ich wirklich auch nur vermutete, daß mich der Fremde ernstlich liebte, würde ich nie dieses Spiel mit ihm treiben! Glauben Sie mir das auf mein Wort?« Ihre großen dunkeln Augen hafteten dabei so voll und treuherzig auf dem jungen Peruaner, daß dieser ihr unwillkürlich die Hand entgegenstreckt« und ausrief: »Ich glaube Ihnen, Señorita, und jetzt habe ich nur den einen Wunsch, Zeuge Ihres Triumphes zu sein!« »Vielleicht bietet sich dazu eine Gelegenheit«, lächelte die junge Dame wieder ganz mit der früheren Schelmerei. »Er hat mir versichert, die Locke in einem Medaillon auf seinem Herzen zu tragen. Also nochmals meinen freundlichsten Dank für Ihre Güte und für das Opfer, das Sie mir gebracht haben.« »Ich wollte wirklich, Sie forderten ein größeres von mir, mein liebes Fräulein; ich könnte Ihnen dann beweisen, daß ich nicht zu denen gehöre, die mit dem Munde versprechen und im Herzen gar nicht daran denken, das Versprechen je zu halten, wozu meine Landsleute leider zu sehr geneigt sind.« »Nun, wer weiß, wie ich Sie vielleicht noch einmal beim Worte nehme. Sie bleiben in Lima?« »Ich wohne in Peru.« »Schön; auch ich werde mich dort einige Zeit aufhalten; aber noch eine Frage – Sie erwähnten vorhin Ihre Landsleute«, sagte die junge Dame, die sich schon halb abgewandt hatte, um wieder in ihre Kajüte einzutreten, jetzt aber noch einmal auf der Schwelle stehenblieb; »ich muß Ihnen eigentlich gestehen, daß ich Sie schon einmal habe fragen wollen, wer Ihre Landsleute eigentlich sind; denn aufrichtig gesagt, bin ich noch nicht recht klug daraus geworden, welchem Volke ich Sie zuteilen soll.« »Ich bin Peruaner«, sagte Don Rafael. »Hm«, sagte die Señorita kopfschüttelnd, »nach allem, was ich bis jetzt von den Peruanern hörte, passen Sie keineswegs zu dem Bilde, das ich mir von diesem Volk machte. Die einzige Möglichkeit wäre, daß Sie lange auf Reisen waren.« »Das ist allerdings der Fall. Ich war drei Jahre in Europa und dann andere drei Jahre auf einem Streifzug durch die verschiedenen Länder der Erde, wobei ich jetzt ein volles Jahr auf dem wundervollen Tahiti in der Südsee gesessen habe.« »Und dort kommen Sie gerade her?« »So ziemlich. Aber nun erlauben Sie mir eine Frage, verehrtes Fräulein, die ich in jedem andern Fall für unbescheiden gehalten haben würde, wenn – wir nicht jetzt Verbündete wären, und ich nicht wirklich den Wunsch hätte, Ihnen in Peru nützlich sein zu können. Wo werden Sie in Lima absteigen?« »Das ist noch unbestimmt. Ich habe mehrere Empfehlungen für die Hauptstadt, wo ich etwa zwei oder drei Monate zu bleiben gedenke.« »So wollen Sie Freunde besuchen?« »Haben Sie keine Furcht«, lächelte die junge Dame über die Art und Weise, wie der Peruaner Näheres über sie zu erfahren suchte; »wir werden uns in Lima wiedersehen. Besuchen Sie zuweilen das Theater?« »Früher habe ich es besucht, ich weiß nicht, ob ich jetzt nach dem, was ich in Europa gesehen habe, noch besondere Freude daran finden werde.« Die Fremde sah immer noch lächelnd vor sich nieder. »Ich werde hier gastieren«, sagte sie plötzlich, und ihr Auge begegnete wieder voll dem überraschten Blick des jungen Mannes. »Sie sind Künstlerin?« rief dieser unwillkürlich aus. »Das ist mein Beruf«, bestätigte sie. »Finden Sie das so außerordentlich? Sie scheinen wenigstens erstaunt darüber zu sein?« »Nein und ja, daß Sie Ihre Bahn nämlich an eine so entlegene und der Kunst so wenig zusagende Küste geworfen haben konnte.« »Glauben Sie«, erwiderte sie rasch, »daß der Drang, die Welt zu sehen nur allein dem Manne eigen ist? Aber wir haben hier schon zu lange geplaudert«, brach sie plötzlich ab, als der laute Klang einer Glocke durch das Deck drang. »Hören Sie das Signal? Wir vergessen die gebieterische Pflicht, uns zum Diner vorzubereiten, also au revoir, Señor Confederado« , und mit einer freundlichen Neigung des Kopfes verschwand sie in der sich hinter ihr schließenden Tür. Don Rafael blieb noch in tiefen Gedanken auf der Stelle stehen, wo ihn seine neue Bekanntschaft verlassen hatte, bis er Schritte auf der Treppe hörte, denn die Passagiere kamen jetzt von allen Seiten herab, um ebenfalls Toilette zum Diner zu machen; dann trat er nebenan in seine eigene Kajüte. Aber er zerbrach sich umsonst den Kopf, aus dem Charakter der Schönen klug zu werden, mit der ihn hier der Zufall zusammengeführt hatte. War es nur eine Kokette? – Sein Herz sagte nein, denn ihre Blicke, ihre Worte hatten ein paarmal tiefes Gefühl verraten. Oder war auch das gemacht? Eine Schauspielerin, die jede Miene, jede Bewegung in ihrer Gewalt hatte! Und der arme Schwede? Sollte er ihn warnen? Es drängte ihn fast dazu, aber das wäre Verrat gewesen, und was ging ihn auch der Schwede an! Der war selber alt genug, um auf sich acht zu geben! Möglich ja auch, daß er sogar ein Einmischen in seine Herzensangelegenheiten, wenn es wirklich solche waren, übelgenommen hätte. Don Rafael war zu weit in der Welt herumgekommen und darin schon mit zu vielen Menschen zusammengetroffen, um sich unnötigerweise um Dinge zu kümmern, die ihn nichts angingen. Er hatte gelernt, zu sehen und zu beobachten, ohne dreinzureden, wo er nicht gefragt wurde, und selbst da nicht immer. Und hatte er einen Eindruck auf das schöne Mädchen gemacht? Unwillkürlich kam ihm mit ein klein wenig Eitelkeit, wie sie wohl jeder besitzt, der Gedanke – aber hätte sie ihn da so ungeniert um eine Locke gebeten? – Wohl kaum. Und nun erst ihr ferneres Betragen an Bord. Er hatte geglaubt und auch im stillen gehofft, daß sie ihn von da an wie einen alten Bekannten behandeln werde. Hatte sie ihn nicht selber Señor Confederado genannt? Aber Gott bewahre! Sie erwiderte sehr höflich seinen Gruß, wenn er ihr auf Deck begegnete oder seinen Platz ihr schräg gegenüber bei Tisch einnahm, das war alles. Mit keiner Silbe, mit keinem Blicke deutete sie je darauf hin, daß sie schon einmal im Leben ein Wort zusammen gewechselt hatten, ja, es war augenscheinlich, daß sie ihm auswich, wo das nur irgend auf unbemerkte und nicht auffallende Weise geschehen konnte, und wie leicht ist das an Bord eines so großen Dampfers! Nur ein einziges Mal machte sie davon eine Ausnahme. Der arme Schwede, der rettungslos in ihren Banden hing und ihr wirklich kaum von der Seite wich, wenn sie sich nur an Deck sehen ließ – unglücklicherweise hatte er seine Kajüte im vordern Teil des Bootes – saß mit ihr eines Tages oben auf dem Quarterdeck. Don Rafael lehnte nicht weit davon entfernt auf einer Bank und blätterte in ein paar guyaquilenischen Zeitungen, die er sich mitgenommen hatte. Das Gespräch zwischen den beiden war aber bis jetzt so leise geführt worden, daß er nur immer abgebrochene Worte, keinen zusammenhängenden Satz hatte verstehen können. Jetzt plötzlich hörte er deutlich, wie die junge Dame sagte: »Und ich soll Ihnen das glauben? Weggeworfen haben Sie es schon seit langer Zeit.« Rafael sah auf und begegnete dem Blick des Mädchens, der aber nur eine Sekunde auf ihm haftete und dann zu dem Schweden hinüberflog; und doch war es kein zufälliger Blick gewesen. Sie hatte sein Auge gesucht, und der Peruaner sah jetzt, wie der unglückliche Getäuschte, während er der vor ihm sitzenden Dame ein paar Worte zuflüsterte, ein kleines goldenes Medaillon unter seiner Weste vorzog, es an seine Lippen preßte und wieder an seinem Herzen barg. Wieder streifte des Mädchens Blick den Peruaner, und diesem konnte das leichte, spöttische Lächeln nicht entgehen, das um ihre Lippen zuckte; aber von da an wurde das Gespräch wieder so undeutlich, daß er nichts weiter verstehen konnte. Sie hatte die wenigen Worte jedenfalls nur so laut für ihn gesprochen, damit er aufmerksam darauf werden sollte. An dem nämlichen Abend landete der Dampfer in Callao. Don Rafael hatte noch Geschäfte in der Hafenstadt, während die junge Schauspielerin, von ihrem Schatten, dem Schweden, begleitet, den ersten Zug nach Lima benutzte. Als er an dem Stationsgebäude vorüberging, stand sie oben in der Tür; der Schwede besorgte wahrscheinlich im Innern die Billets. Er grüßte achtungsvoll, sie aber rief ihm, noch mit der Hand freundlich winkend, nach: »Auf Wiedersehen in Lima!« Einige Überraschungen Señor Aguila schritt sinnend in die Stadt hinauf, denn er konnte das wunderbare Mädchen nicht aus den Gedanken bringen. War sie mehr als eine Erzkokette, die in übermütiger Laune ihre Anbeter bald von sich stieß, bald durch ein Lächeln und einen verführerischen Blick wieder zu ihren Füßen sammelte? Die Art, wie sie den armen Schweden zu behandeln schien, deutete ganz darauf hin, und auch mit ihm – hatte sie nicht mit ihm ein ganz ähnliches Spiel begonnen? – erst sich ihn im Sturm gewonnen, dann vollkommen vernachlässigt, und jetzt wieder eine anscheinend ganz leichte, aber nichtsdestoweniger feste Schlinge nach ihm ausgeworfen? Er konnte jetzt gar nicht anders, als sie wieder in Lima aufsuchen – und was dann? »Mit weiterem irrt sich die Señorita aber«, lächelte er still vor sich hin, als er seinen Gedanken folgte und den Ring betrachtete, den er an seinem Finger trug; »doch ein interessantes Wesen ist sie, das läßt sich nicht leugnen, und ich bin jedenfalls neugierig, wie sie sich gegen mich benehmen wird. Armer Schwede!« Aber die Gegenwart verdrängte für den Augenblick alle Erinnerungen und alle Gedanken an die Zukunft, denn er hatte hier in Callao eine Geschäftssache abzumachen, und dabei schwindet jede Poesie. Außerdem nahm auch die kleine Hafenstadt selber seine Aufmerksamkeit in Anspruch, denn in den sechs Jahren, die er in fremden Ländern zugebracht hatte, schien sich hier unglaublich viel geändert zu haben. Viele Häuser, ja, ganze Straßenreihen waren wie aus dem Boden herausgewachsen, und er fand es selbst schwierig, nur das alte, so wohlbekannte Haus wieder zu entdecken, das er suchte. Hier aber sollte er erfahren, daß sich nicht nur die Straßen, nein, auch die Menschen verändert hatten, denn wo er seinen Geschäftsfreund zu finden hoffte, traten ihm fremde Menschen entgegen; ein fremdes Firmenschild haftete an der Tür, und er kannte kein einziges Gesicht von allen denen, die ihn hier umgaben. Das Geschäft war, wie er jetzt erfuhr, an einen Franzosen verkauft worden; die ganze Stadt wimmelte überhaupt von Franzosen und Italienern, und der jetzige Eigentümer war nicht einmal in Peru, sondern mit dem vorletzten Dampfer nach Valparaiso gefahren, von wo er jedoch mit dem nächsten Postboot zurückerwartet wurde. Von den jungen Leuten wußte aber niemand, wem die sonstigen Geschäftsverbindungen des alten Hauses übergeben worden waren, oder ob sie der neue Inhaber mit übernommen hätte. Es blieb ihm deshalb nichts übrig, als dessen Rückkehr zu erwarten. Nähere Bekannte hatte er nicht in Callao; gleichgültige Menschen aufzusuchen, daran lag ihm nichts, und er ging deshalb in eine der großartig angelegten französischen oder italienischen Restaurationen – diese beiden Nationen schienen die ganze Beköstigung der Stadt übernommen zu haben –, um den nächsten Zug abzuwarten. »Der nächste Zug!« wie wunderbar ihm das für Peru klang; auch die Eisenbahn war eine Neuerung für Peru, aber in diesem Fall eine höchst wohltätige, denn er hätte sich jetzt ohne sie ein Pferd mieten und drei Leguas in glühender Sonne und erstickendem Staub durch eine Gegend reiten müssen, deren Trostlosigkeit er schon von alten Zeiten her kannte. Der nächste Zug ging aber schon in einer Stunde ab, und bald rollte er, in eine dicke Wolke von Dampf und Staub gehüllt, der Haupt- und Residenzstadt des Landes, dem alten Lima, entgegen. Hier aber war Don Rafael zu Hause; hatte er doch hier seine schönste Jugendzeit verlebt, und kaum hatte er den Bahnhof verlassen, fand er sich schon zurecht in den alten, wenig veränderten Straßen der Stadt, in denen er jeden Fußbreit Boden kannte. Jetzt war alles andere vergessen; nur einen einzigen Gedanken hatte in diesem Augenblick die Welt für ihn, und der hieß »Candelaria«. Sie war noch ein junges Ding gewesen, als er Peru verließ, und von den Eltern früh schon für ihn bestimmt. Aber die Eltern wollten nicht, daß sie, noch so jung, noch ein halbes Kind, heiratete, und deshalb war er hinaus in die Welt geschickt worden, um sich drei oder vier Jahre da draußen umzusehen – lieber Gott, es waren sechs daraus geworden, denn die Zeit fliegt da draußen, und Jahre schwinden oft zu Monden zusammen! Aber Candelaria liebte ihn; ihre Briefe waren voll glühender Leidenschaft gewesen, bis ihn sein rastloses Leben auf lange Monde zwischen die Inseln der Südsee warf. Dorthin freilich war es nicht mehr möglich, Nachricht zu bekommen, und der letzte Brief, den er noch in Sydney erhalten hatte, datierte schon fast zwei Jahre zurück – allerdings eine lange Pause im Briefwechsel zweier Liebenden. Und was für ein schönes Mädchen war sie jetzt gewiß geworden, so schlank und zart, und so voll Feuer und Leben dabei; und wenn sie ihn jetzt wiedererkannte, wenn sie an seinen Hals flog und ihn, wie in alten Zeiten, ihren Rafael, ihren querido nannte! Was kümmerten ihn jetzt die alten Straßen von Lima, er lief mehr, als er ging, seine schattenlose Bahn entlang; jetzt hatte er die Plaza erreicht, auf der ihrer Eltern Haus stand, den alten Inquisitions-Platz, in dessen Dreieck vor alten Zeiten die armen Opfer des Fanatismus zu Tode gemartert wurden. Aber flogen jetzt seine Gedanken dahin zurück? Nicht einen Blick warf er selbst auf die dort neu aufgestellte Reiterstatue Bolivars, die sonst seine Aufmerksamkeit sicher gefesselt hätte, und wenige Minuten später lag seine Hand auf dem Drücker, der ihm ein Paradies öffnen sollte. Nun ist es allerdings Sitte in ganz Südamerika, ja, in allen spanischen Provinzen, daß kein Fremder ein Haus betreten darf, ohne sich vorher durch Klopfen oder Anruf gemeldet und Einlaß erhalten zu haben; aber Don Rafael war ja hier kein Fremder. Wie der eigenen Heimat Tor schien ihm diese Pforte, und gerade gelegen kam es ihm, daß er keinen Dienstboten unten im Hause antraf. Jetzt konnte er sich selber anmelden und sein Lieb überraschen – oh, wie lange, wie lange hatte er sich auf den Augenblick gefreut und ihn herbeigesehnt! Jetzt war er da! Unten, nach dem Hofe und Garten hinaus, lag das eigentliche Wohnzimmer der Eltern; denen aber wollte er jetzt nicht zuerst begegnen; sie hätten jedenfalls Lärm geschlagen und ihm die größte Freude verdorben. Leise und geräuschlos glitt er deshalb über den mit Quadern belegten Vorplatz bis zur Treppe und diese hinauf in das Gesellschaftszimmer, neben dem rechts Candelarias eigenes Gemach lag. Die Tür war nur angelehnt; er blieb auf der Schwelle stehen, denn die sanften Töne einer Gitarre drangen an sein Ohr. Sie war Meisterin auf dem Instrument, und oft, oft hatte er ihr schon zugehört, wenn sie, noch ein halbes Kind, ihm seine Lieblingslieder spielte und er ihr dann die zarten Finger küßte, die solche Melodien aus den Saiten lockten. Jetzt sang eine halblaute Stimme, aber das war nicht Candelaria – wer konnte bei ihr sein, ihr Bruder vielleicht? Aber es war das Lied, das er sie damals gelehrt, das er selber gedichtet und der Melodie eines alten Volksliedes angepaßt hatte. – Ungestüm klopfte ihm das Herz in der Brust. Ohne daß er selbst recht wußte, was er tat, schlich er der halboffenen Tür näher. Ihr gerade gegenüber hing ein breiter Spiegel, und in ihm sah er, ihr Profil dem Glase zugekehrt, Candelaria, seine Candelaria, in einen Lehnstuhl hingegossen, und zu ihren Füßen, aber dem Spiegelglas den Rücken zugewandt, einen jungen Mann, der die Gitarre, der sein Lied spielte – aber es war nicht ihr Bruder. Still und regungslos stand er an der Tür und horchte den Lauten wie in einem Traum, bis das Lied endlich verstummte. Und jetzt? Jetzt nahm sie die Gitarre aus seiner Hand und antwortete dem Liede, dem dann wieder eine Entgegnung von seiner Seite folgen mußte. Wenn er nun jetzt? Rasch und unwillkürlich warf Rafael den Blick im Saal umher, seine Erinnerung hatte ihn nicht getäuscht, hier stand das Instrument. Über den Teppich mit unhörbarem Schritt war er in wenigen Sekunden, und als ihre Antwort verhallte und sein Stellvertreter eben wieder die Saiten berührte, griff er mit kräftiger Hand in die Tasten, und seine volle, männliche Stimme fiel mit wildem Humor in die Melodie ein: Für dich, für dich – kein Name nennt Dich Liebchen mir, Doch wissen wir Für wen, für wen – ach Gott, es kennt Die Brust ja keine außer dir! und schloß dann mit einem rauschenden Nachspiel, in das er die neckische Weise eines peruanischen Spottliedes flocht. Wohl hörte er hinter sich einen Ausruf und näher kommende Schritte, aber er drehte den Kopf nicht danach um. Er sah neben sich den hellen Schein eines Kleides, aber er rührte und regte sich nicht, bis ihn der Ruf: »Don Rafael!« traf. »Señorita!« rief er jetzt, sprang empor, machte ihr eine etwas förmliche Verbeugung und rief dann, ohne von ihrem Begleiter Notiz zu nehmen, lachend aus: »Hab' ich Sie überrascht? Das hatte ich mir so ausgedacht. Ist einmal eine Leidenschaft von mir, andere Menschen zu überraschen, wenn man es auch eigentlich bei Damen nie versuchen sollte!« »Aber, Don Rafael«, rief Candelaria bestürzt, »wo, um aller Heiligen willen, kommen Sie auf einmal her – wo sind Sie so lange, so ewig lange gewesen, und haben nichts, gar nichts wieder von sich hören lassen? Wir waren alle hier so besorgt!« »Ja, Señorita, das ist eine lange Geschichte, die ich Ihnen vielleicht später einmal erzähle, aber jetzt« – und er warf einen lächelnden Blick auf den jungen Mann, der noch immer etwas verdutzt zur Seite stand – »muß ich beinahe fürchten, gestört zu haben.« »Kennen Sie mich nicht mehr, Don Rafael?« sagte jetzt, etwas vortretend, Candelarias Begleiter, indem er ihm die Hand entgegenstreckte. »Habe ich mich in den Jahren so sehr verändert?« »Sie haben einen Bart bekommen, Don Basilio«, lachte Rafael, der ihn im ersten Moment überrascht betrachtet hatte und ihm jetzt die Hand schüttelte. »Apropos, sind Sie Singlehrer geworden? Sie hatten immer Anlage dazu.« »Das nicht«, sagte der junge Mann und wurde dabei rot wie Blut, »ich – ich übe mich nur manchmal, und die Señorita ...« »Ah, die Señorita gibt Ihnen Unterricht«, rief Rafael, »das ist etwas anderes! Aber wie groß und hübsch Sie geworden sind, Candelaria«, brach er plötzlich mit ernster, fast weicher Stimme ab, und sein Blick haftete lange forschend auf dem schönen Mädchen, das aber den ihrigen vor ihm zu Boden schlug. »Wie groß und hübsch«, wiederholte er sinnend, »und wie freundlich von Ihnen, daß Sie meine alten Lieder nicht ganz vergessen haben. Ich hoffe nur, daß Sie Ihrem alten Lehrmeister Ehre machen und Ihre jüngeren Schüler recht fleißig heranbilden. Es hat mich recht gefreut, Señorita, Sie wiedergesehen zu haben – auf Wiedersehen, Freund Basilio!« und ehe beide nur eine Ahnung davon hatten, daß er sie so rasch wieder verlassen wolle, machte er ihnen eine stumme Verbeugung und war im nächsten Augenblick auch schon durch die Tür verschwunden. Aber er verließ noch nicht das Haus, sondern stieg hinab zu dem Arbeitszimmer des Señor Rivadia, der eben eine etwas verlängerte Siesta beendet hatte und gerade im Begriff war, sich eine Zigarette zu drehen, als er Don Rafael, der ihn lächelnd, aber stumm betrachtete, auf der Schwelle stehen sah. »Caramba!« rief er erstaunt aus; »das ist – doch nicht ...« »Rafael Aguila, Ihr gehorsamer Diener, Señor. Und wie haben die Jahre, in denen wir uns nicht gesehen, Ihnen mitgespielt!« »Gott sei mir gnädig!« rief der Señor, jede Begrüßung in der Überraschung dieses Begegnens vergessend – »leben Sie noch?« »Das ist wirklich ein recht freundlicher Empfang«, lachte Rafael. »Alle Welt scheint erstaunt, und noch dazu nicht einmal angenehm erstaunt zu sein, daß ich überhaupt noch lebe. Haben Sie einen vernünftigen Grund dafür, Señor, weshalb nicht?« »Aber Sie sind schon seit einem vollen Jahr als tot betrauert!« »Betrauert – wirklich? Und von wem, wenn ich fragen darf?« »Sie sollten bei Australien von Seeräubern erschlagen worden sein.« »Ein ordentlicher kleiner Roman«, lächelte Don Rafael, »und es ist eigentlich schade, daß ich diese Poesie durch die trockene Wirklichkeit meiner nun einmal nicht wegzuleugnenden Existenz so gründlich zerstören muß. Ich versichere Ihnen, Senor, daß ich es von Herzen bedauere!« »Sie können noch scherzen, Don Rafael?« sagte Senor Rivadia, ihn erstaunt betrachtend; »Sie wissen doch – aber seit wann sind Sie denn zurückgekehrt?« »Seit etwa einer Stunde in Lima ...« »Seit einer Stunde erst, und haben noch mit niemand gesprochen?« »Mit niemand, außer der Señorita, die ich eben zu meinem Leidwesen bei ihrem Singunterricht störte. Ich scheine wirklich allen Leuten ungelegen zu kommen!« »Meine Tochter?« sagte Señor Rivadia etwas betreten. »Aber Sie wissen noch nicht, was während Ihrer Abwesenheit hier vorgegangen ist?« »Mit Ihrer Tochter?« »Mit Ihrer Estancia, mit Ihrem ganzen Vermögen!« »Mit meinem Vermögen?« rief der junge Mann, aufmerksam werdend. »Also war vielleicht das Gerücht meines Todes nicht ganz umsonst verbreitet? Aber was konnte ihnen das helfen, mein Onkel hatte nicht allein die Verwaltung, sondern auch unbeschränkte Vollmacht ...« »Und den Tod Ihres Onkels haben Sie nie erfahren?« rief Señor Rivadia rasch. Don Rafael starrte ihn erschreckt an, während Leichenblässe seine Züge deckte. »Tot!« wiederholte Rivadia leise; »schon seit – es müssen nun etwa vierzehn Monate sein.« »Und in wessen Hände konnten meine Güter übergehen?« fragte Don Rafael nach einer Pause. »Darüber scheint er schon vor seinem Tod verfügt zu haben. Die Güter sollen überhaupt schlecht bewirtschaftet, die Bewässerungen vernachlässigt worden sein. Viel Vieh starb ebenfalls, und Ihres Onkels Verwalter nahm nach dem Tod des alten Herrn mit rechtsgültigem Kaufbrief Besitz vom Gute.« »Und was ist aus dem Geld geworden, das er dafür gelöst hat?« »Aus dem Geld? Man hat nichts in seinem Nachlaß gefunden, als einige hundert Dollars, die für Begräbniskosten darauf gingen und noch nicht einmal ordentlich ausreichten. Man glaubte damals, daß er Ihnen die Wechsel dafür gesandt hätte; jedenfalls hat er Ihnen doch Anzeige davon gemacht?« »Hm«, sagte Don Rafael, der sich indessen wieder gesammelt hatte, nachdenklich, »der damalige Verwalter hieß, so weit ich mich dessen entsinne, Ricardo Ombu oder Ambu.« »Ricardo machte bald nach Ihrer Abreise eine kleine Erbschaft, heiratete und kaufte sich eine Hacienda in der Nähe von Huánaco. Nein, der spätere und letzte Verwalter war Desterres, Mateo Desterres, ein Verwandter des jetzigen Finanzministers.« »Ein Verwandter des Finanzministers? Eine achtbare Verwandtschaft für einen Gutsverwalter.« »Sicher«, bestätigte Senor Rivadia; »der zweite Mann im Staate und, wie die Sachen häufig stehen, nicht selten auch einmal der erste. Aber, daß Sie von dem allen kein Wort erfahren haben!« »Keine Silbe«, erwiderte Rafael, jetzt vollkommen ruhig, denn er wußte recht gut, daß er jetzt nichts, gar nichts tun könne, bis er die näheren Umstände dieser eben angedeuteten Tatsachen genau und mit ihren kleinsten Nebenumständen erfahren hätte, und das war nur an Ort und Stelle möglich. »So hätte ich also jetzt, wie die Sachen stehen, mein ganzes Vermögen in Peru verloren; allen Anzeichen nach sind Sie wenigstens der Ansicht?« »Ich?« sagte Senor Rivadia etwas verlegen. »Ich muß allerdings gestehen«, fuhr er nach einer kurzen Pause fort, »daß es eine mißliche Sache ist, gerade der Verwandtschaft wegen, denn Sie werden wahrscheinlich gar keinen Anwalt finden, der diese Sache übernehmen würde, wenn Sie wirklich Schritte dagegen tun wollten.« »Das wäre das wenigste«, lächelte Don Rafael; »ich bin selber Anwalt, und unsere Gesetze sind nicht so verwickelter Natur, um sich nicht mit einiger Arbeit hineinzufinden. Das nötigste ist nur, die gehörigen Daten zu bekommen. Sind Sie, Señor, zum Beispiel der festen Überzeugung, daß bei dem Verkauf alles ehrlich zugegangen ist, oder haben Sie vielleicht einen entfernten Verdacht vom Gegenteil?« »Lieber junger Freund«, sagte Señor Rivadia ängstlich, »das wäre eine gefährliche Sache, nur auf einen entfernten Verdacht hin gegen solch eine Familie, mit der ich außerdem eng befreundet bin, aufzutreten. Sie werden begreifen ...« »Vollkommen, Señor«, erwiderte Don Rafael, sich kalt verbeugend; »entschuldigen Sie, daß ich auch nur eine Andeutung dahin gewagt habe. Ich fange schon an, einen Überblick zu gewinnen.« Rivadia war in sichtlicher Verlegenheit. Er fühlte die Ironie, die in den Worten des jungen Mannes lag, ja, was noch schlimmer war, er fühlte, daß er ein Recht hatte, sich für schwer gekränkt zu halten, und wenn er daran dachte, wie er damals von ihnen geschieden, was für Pläne, was für Hoffnungen sie alle hatten, und wie sehr sich »die Verhältnisse« jetzt geändert, scheute er sich ordentlich, dem Blick Don Rafaels zu begegnen. Das Gefühl jedes Peruaners, irgendeine Unannehmlichkeit durch einige nichtssagende Redensarten zu versüßen, oder wenigstens für den Augenblick, solange man mit dem Beteiligten zusammen ist, abzustumpfen, gewann aber doch bei ihm die Oberhand. Die Situation wurde auch zu peinlich. »Mein lieber junger Freund«, sagte er, indem er seine Hand auf Rafaels Schulter legte und mit der Linken an seiner Uhrkette spielte, dabei aber wie unwillkürlich aus dem Fenster sah, »Sie haben allerdings in den letzten Jahren schwere Verluste erlitten, und ein weniger elastischer Geist könnte davon niedergebeugt werden, aber der Ihrige nicht, ich kenne Sie darin zu genau. Es wird Ihnen allerdings in der ersten Zeit schwer werden, eine gewisse Entmutigung zu bekämpfen, aber – aber Sie werden – Sie werden sich wieder emporraffen. Sie sind noch jung, Sie haben das Leben noch vor sich. Sie werden einen neuen Anlauf nehmen, und was ich dabei tun kann, Sie zu unterstützen und Ihnen vorwärts zu helfen, das seien Sie versichert, daß ich es aus allen Kräften tun werde. Wenden Sie sich nur in jeder Verlegenheit an mich und betrachten Sie indessen mein Haus vollkommen als das Ihrige, ich bitte Sie dringend darum.« Don Rafael hatte, während Rivadia sprach, seinen Blick ruhig und selbst mit einem leisen Lächeln auf ihm haften lassen, ohne jedoch dem Auge des älteren Mannes ein einziges Mal zu begegnen, und sagte jetzt, indem er die Hand, welche die seinige gefaßt hielt, kräftig drückte: »Sehr schön gesprochen! Ich habe fast drei Jahre in Deutschland gelebt, und würde mir dort ein Mann in Ihrer Stellung und von Ihrem Einfluß das gesagt haben, was Sie eben die Güte hatten, mir zu versichern, so könnte ich mich für geborgen und gut untergebracht halten, denn ich hätte einen wahren Freund gefunden. Hier in Peru dagegen, Señor Rivadia, wissen Sie wohl, daß die Sache anders steht. Wenn man hier einem Fremden sein Haus zur Verfügung stellt, so erwartet man vor allen Dingen von einem anständigen Menschen, daß er keinen Gebrauch davon macht, uns nicht beim Wort nimmt. Und was Ihre übrigen Versprechungen betrifft, Señor Rivadia, so nehmen Sie meinen tiefsten, aufrichtigsten Dank dafür. Ich empfinde so warm, was Sie mir da geboten, wie es gemeint und geboten war, und nun erlauben Sie, daß ich mich Ihnen gehorsamst empfehle. Ich verlasse Sie mit der Empfindung, daß es wohl tut, einen wahren Freund gefunden zu haben. Gott sei mit Ihnen!« Und mit einer tiefen Verbeugung verließ Don Rafael das Haus dessen, der ihn eben mit seinen wärmsten Freundschaftsversicherungen überschüttet hatte, und von dem er trotzdem genau wußte, daß er ihn von diesem Augenblick an als seinen bittersten Feind hassen und verfolgen würde. »Das war also mein Empfang in der Heimat«, murmelte er leise, als er die Straße hinabschritt, die nach der großen Plaza führte – wußte er doch selber nicht recht, wohin er ging, denn er hatte noch gar kein bestimmtes Ziel – »das war der Augenblick, den ich so lange und heiß ersehnt? Es ist die alte Geschichte: man soll um Gottes willen nie einen bestimmten Tag ober Zeitpunkt herbeisehnen. Die Zeit rollt, und der Augenblick ist unser, aber nur Gott weiß, was die nächste Woche, der nächste Tag uns bringt, und haben wir einmal unser Herz an die Zukunft gehängt, so fühlen wir uns nachher nur um so unglücklicher, wenn wir uns getäuscht sehen.« »Rafael! Bei allem, was da lebt, amigo , bist du das wirklich oder ist's dein Geist – und mit einem Gesicht so finster und wild wie ein Gewitter in der Cordillera?« »Gaspar!« rief Rafael, als er zu dem ihn Anrufenden aufgesehen und in dem vor ihm stehenden peruanischen Offizier einen alten Schulkameraden erkannte. »Kennst du mich wirklich noch, Compañero? Ich fing schon an, zu glauben, daß das Gedächtnis der Menschen von dem Zahlensinn abhängig wäre, nicht der Zahlensinn von dem Gedächtnis, wie man es eigentlich vermuten sollte!« Und er ergriff dabei die ihm gereichte Hand und schüttelte sie herzlich. »Seit wann bist du zurück?« »Seit heute.« »Aber du weißt, was vorgefallen ist?« »Nein, nur was mich betroffen hat. über das Vorgefallene kannst du mir vielleicht Auskunft geben. Wohin gehst du jetzt?« »Gerade zum Mittagessen! Hast du schon gespeist?« »Ja und nein; jedenfalls begleite ich dich, denn ich fühle das Bedürfnis nach einem Glase Wein, um ein gewisses klimatisches Unbehagen hinunterzuspülen.« Und seinen Arm in den seines Freundes legend, schlenderte er mit ihm die Straße hinab und dem Theaterplatz zu, wo sie in einem der benachbarten Gasthäuser leicht ein abgesondertes Plätzchen finden und ungestört plaudern konnten. Rafael erfuhr aber von ihm nicht viel Neues. Der Platz seiner früheren Besitzung lag allerdings nicht so weit entfernt, höchstens drei ober vier Leguas von der Stadt ab, aber doch außerhalb, und wer keine Verbindung mit dem inneren Land hatte, kam dort selten oder nie hinaus. Alles, was man in Lima damals über die Sache gesprochen hatte, – denn jetzt war sie lange vergessen, und niemand dachte mehr daran –, schien sich auf den etwas sehr plötzlichen Tod des alten Señor Aguila, Rafaels Onkel, zu beziehen, der eines Tages, nachdem er noch kräftig gefrühstückt hatte, vom Stuhle fiel und nicht wieder zur Besinnung kam. In dem heißen Klima konnte man aber natürlich eine Leiche nicht länger als höchstens eine Nacht über der Erde lassen; bis also die Nachricht in die Stadt kam und der Arzt gerade Zeit hatte, hinauszureiten, war es schon spät geworden und der Verblichene indessen ruhig beigesetzt. An ein Wiederausgraben dachte natürlich niemand, und am nächsten Tag stand der Todesfall in der Limaschen Zeitung als »Folgen eines Schlagflusses« angegeben. Alles übrige ging unbeachtet vorüber. Nur Señor Rivadia gab sich besondere Mühe, den ausgestellten Verkaufsbrief genau zu prüfen, und als er, dem man ein Interesse bei der Sache zutraute, ihn für richtig und rechtsgültig anerkannte, hatte natürlich niemand weiter etwas dagegen einzuwenden. Wer jetzt das Gut verwaltete, konnte Don Gaspar nicht angeben. Er hatte sich nie darum bekümmert, nur so viel wußte er, daß sich sein jetziger Eigentümer, Mateo Desterres, fast ununterbrochen in der Stadt aufhielt, und besonders viel und häufig das Theater besuchte. Außerdem spielte er vortrefflich Billard und ritt einen Schimmel, den er um achtzehn Unzen erst ganz kürzlich von seinem Schwager, Señor Olivar, gekauft hatte. Don Rafael saß still und düster, den Kopf in die Hand gestützt, neben ihm und lauschte dem Geplauder des jungen Offiziers. Er unterbrach ihn auch mit keiner Silbe, denn so bunt und ungeordnet alles herauskam, fand sich doch manches darunter, das er gebrauchen konnte und vielleicht nie herausbekommen hätte, wenn er darum fragte. Endlich leerte er sein Glas und schob es zurück. »Du willst fort, Rafael?« »Ja, es wird Zeit.« »Wohin heute noch?« »Ich muß ein Pferd kaufen und dann heute abend nach der Hacienda hinaus.« »Heute noch ein Pferd kaufen und einen Ritt von etlichen Leguas machen?« lachte Gaspar. »Wahrhaftig, das ist mehr, als ich unternehmen möchte, denn unter drei Tagen brächte ich das nicht fertig. Weißt du denn schon, wo ein gutes Pferd zu bekommen ist?« »Nein, ich bin hier vollkommen fremd geworden.« »Dann kauf' auch nicht übereilt, oder du würdest schmählich betrogen werden. Nimm heute mein Pferd, ich brauche es doch in den nächsten Tagen nicht, und die paar Leguas Bewegung werden ihm gut tun.« »Das nehme ich mit herzlichem Dank an; vielleicht können wir später selbst einen Handel damit machen.« »Vielleicht; aber wer begleitet dich?« »Begleiten? Niemand. Wer soll mich begleiten?« »Ganz allein willst du da hinausreiten, und noch dazu gegen Abend?« »Aber weshalb nicht? Sind Eure Straßen hier so unsicher geworden, daß man nicht mehr das Innere besuchen darf?« »Hm«, sagte Gaspar, »das Innere, so viel du willst. Du könntest in den Bergen mit einem Sack Gold auf den Schultern sicher und getrost spazierengehen; aber in der unmittelbaren Nähe der Stadt hier ist es seit einiger Zeit, und zwar seit die Todesstrafe abgeschafft wurde, wieder nicht geheuer, und es vergeht keine Woche, wo nicht Reisende angefallen und dann jedesmal ermordet werden.« »Ein liebenswürdiger Zustand«, lachte Rafael. »Weshalb habt Ihr das chinesische Gesindel ins Land gezogen?« »Daran sind die Chinesen vollkommen schuldlos«, versicherte Gaspar, »auch viel zu feige, etwas Derartiges zu unternehmen, außerdem sind sie ganz erbärmliche Reiter. Sie würden jedesmal erwischt werden. Nein, den Hauptdank für diese Zustände sind wir den freigelassenen Schwarzen schuldig, die das meiste darin leisten, und erst in letzter Zeit hat sich auch ein Caballero darin ausgezeichnet.« »Ein Caballero? Woher weiß man das?« »Man wußte schon lange«, erzählte Gaspar, »daß die letzten Morde von einem einzelnen Reiter herrührten; aber die Opfer waren mit einem langen und breiten Messer so sicher getroffen, daß sie nie mehr selber Zeugnis ablegen konnten. Vor acht Tagen nun trabt der kleine Guterres, der in Magdalena gewesen war, der Stadt zu, und kaum eine Viertellegua von dem letzten Tambo entfernt, kommt ihm der einzelne, furchtbare Reiter entgegen. Er trug einen gestreiften, kurzen Poncho und einen schwarzen, breitrandigen Filzhut und ritt damals ein braunes Pferd. Das war aber alles, was er bemerkte, denn in wilder Flucht riß er sein eigenes Tier herum und sprengte, was dieses laufen konnte, gerade dem eben angeschwollenen Rimac zu.« »Und der Reiter«, lächelte Don Rafael, »der ihm einen solchen Schrecken eingejagt hatte, lachte wahrscheinlich hinter ihm drein.« »Bitte um Verzeihung, Compañero! Er folgte ihm in voller Karriere, und wäre der Rimac nur hundert Schritt weiter entfernt gewesen, so würde Freund Guterres Lima nie wieder gesehen haben; so aber erreichte er den Strom und warf sich mit dem Pferd hinein.« »In den angeschwollenen Rimac?« »Der Strom nahm ihn natürlich gleich mit sich fort; sein Pferd kam zwischen die Steinblöcke und ging verloren, er selber aber erreichte trotzdem glücklich das andere Ufer und war gerettet.« »Hat er das Gesicht des Banditen nicht erkennen können?« »Er wird sich wohl nicht danach umgesehen haben«, lachte Gaspar. »Nach dieser glücklichen Flucht eines der Opfer scheint der einzelne Reiter die Straße eine Woche lang etwas gemieden zu haben; vorgestern ist aber schon wieder ein Einwohner von Lima, der nach Oberagilio wollte, um dort eine Schuld zu entrichten, ermordet und beraubt worden, wie denn überhaupt der Schuft genaue Kundschaft in der Stadt selber haben muß, denn wer kein Geld bei sich trägt, ist ziemlich sicher.« »Das klingt ja außerordentlich romantisch«, lächelte Don Rafael; »leider werde ich selber aber dann wohl darauf verzichten müssen, seine Bekanntschaft zu machen, denn mit Geld bin ich eben nicht überladen, wenn ich auch vielleicht genug bei mir trage, einen einfachen Messerstoß zu bezahlen. Nun, wir werden ja sehen; jedenfalls danke ich dir, Gaspar, für das Anbieten deines Pferdes sowohl, das ich mit Dank annehme und dir sogar verspreche, nicht in den Rimac zu hetzen, und dann auch besonders für deine interessante Schilderung des Herrn von der Landstraße.« »Nimm die Sache nicht zu leicht, Rafael.« »Ganz und gar nicht; ich nehme deine Erzählung, wie sie gemeint war, und werde jedenfalls vorsichtig sein, schon deines Pferdes wegen«, setzte er lächelnd hinzu. »Aber nun laß uns aufbrechen, denn ich möchte nicht zu spät abreiten, um heute abend wenigstens noch die eine oder andere Persönlichkeit zu treffen, muß auch noch vorher mein Gepäck, das ich auf dem Bahnhof gelassen habe, in ein Hotel schaffen. Also vamonos, amigo !« Der Ritt nach den Hacienden Don Rafael bedurfte keiner langen Zeit, um alles Nötige zu besorgen, und eine Stunde später, es mochte drei Uhr nachmittags sein, saß er im Sattel und ritt langsam über die Rimacbrücke und durch die breite Straße der Rimacvorstadt hin, in der sich ganze Kolonien von freigelassenen Negern angesiedelt hatten. Vor ihm ritt ein alter Mann auf einem wohlgenährten Maultier. Als er ihn überholte, redete er ihn an: »Señor, können Sie mir nicht sagen, weshalb die Bewohner dieser guten Vorstadt ihre Häuser alle himmelblau angestrichen haben? Es sieht doch gar zu wunderlich aus!« » Quien sabe , Señor«, sagte der alte Mann achselzuckend; »die Regierung hat's befohlen, und die Hauseigentümer müssen gehorchen, sonst wird ihnen ein Anstreicher vom Gouvernement geschickt, und die sind sehr teuer.« »In der Tat«, lachte Don Rafael, »also Regierungsgeschmack? Aber ich hätte ihnen dann auch noch ein paar gelbe oder rote Aufschläge, so ein paar Streifen rund herum, geben lassen; es sähe das jedenfalls mehr uniformiert und militärisch aus.« Der alte Mann lächelte still vor sich hin, aber er erwiderte nichts auf die etwas kecke Äußerung. Wer wußte denn überhaupt, wer der Fremde war? Erst nach einer kleinen Pause und nachdem er einen Seitenblick auf ihn geworfen hatte, fragte er: »Und wohin reitet Ihr, Señor, wenn man fragen darf? Doch wohl nur ein wenig spazieren durch die Straßen der Stadt?« »Nicht viel mehr, Amigo. Nach den Hacienden hinaus, drei Leguas etwa.« »Wollt Ihr allein den Weg zurücklegen?« »Ja, und warum nicht? Der Weg ist doch nicht zu verfehlen.« »Hm, deshalb nicht, aber die Straßen sind in der letzten Zeit merkwürdig unsicher geworden.« »So scheint doch etwas an dem Gerücht zu sein, denn man hört es von verschiedenen Seiten bestätigen.« »Gerücht? Wenn das ein bloßes Gerücht ist, so muß es ein recht blutiges sein«, sagte der alte Mann, »denn jede Woche verlangt ihr Opfer. Seid vorsichtig. Ihr seht aus wie guter Leute Kind, Euer Gesicht ist offen und ehrlich, und fast wollt' ich sagen, es käme mir so was wie bekannt vor. Es sollte mir leid tun, wenn sie morgen Eure Leiche in dem häßlichen dunkelbraunen Korb hier hereintrügen.« »Reitet Ihr nicht denselben Weg, Amigo?« fragte Rafael. »Dann wär' ich nicht allein, Señor; denn die Ladrones verschonen nicht einmal arme Marktleute, nur der paar Dollars wegen, die sie mit nach Hause nehmen. Ich biege hier gleich links ab, sowie wir ein Stückchen vor dem Tor sind.« »Also bis dicht an die Stadt haben sich die Straßenräuber noch nicht gewagt?« »So weit die wirkliche, durch niedrige Lehmmauern und Gärten eingefaßte Straße reicht, nein«, sagte der Alte; »denn es führen überall kleine Beiwege links ab, und diese sind denn doch zu belebt, so daß von allen Seiten her plötzlich einmal Hilfe kommen könnte. Erst da, wo der letzte Tambo steht, auch so eine Art Diebskneipe, in der sich das schlimmste Gesindel aufhält und sicher ist, immer Bekannte zu finden, und von wo dann der offene Weg beginnt oder eigentlich jeder Weg aufhört, hat man bis jetzt von Überfällen und Mordtaten gehört. Öde und einsam genug ist die Gegend auch dort und nur morgens etwas belebt, wenn die Leute von draußen zum Markt hereinkommen.« »Und denen geschieht nichts?« »Wenn sie einzeln hereinkommen, hat keiner von ihnen einen Real baren Geldes im Sack, und hinaus reiten sie immer wieder in Trupps.« »Nun, Amigo«, sagte Don Rafael, sein Pferd schärfer im Zügel fassend, »schönen Dank für die Warnung, die ich nicht mißachten werde. Aber jetzt muß ich machen, daß ich vorwärts komme, denn sonst überrascht mich am Ende noch die Nacht draußen, und daran wäre mir in der Tat nichts gelegen. A Dios !« » A Dios , Señor«, rief ihm der Alte nach, als er seinem Tier schon die Sporen einsetzte, »und haben Sie acht auf sich selber!« Don Rafael winkte noch einmal mit der Hand zurück und flog im nächsten Augenblick auch schon im gestreckten Galopp die breite, offene Straße entlang. Aber er mußte bald wieder einzügeln, denn die großen Kiesel, die der ausgetretene Bergstrom losgewaschen hatte und die hier den Weg vollkommen anfüllten, zwangen ihn, langsamer zu reiten, bis er endlich das Ende des eingefaßten Weges erreichte. Es war ein öder langweiliger Ritt, denn links und rechts hatte er nur niedere Lehmmauern, hinter denen etwas bewässertes und mit Vegetation bedecktes Land lag. Alles übrige war trostlos dürr, ordentlich mumienartig eingetrocknet, und die kahlen, zerrissenen Berge, die zur Rechten ihre nackten Häupter emporreckten, konnten auch nicht dazu dienen, der Landschaft einen freundlicheren Anstrich zu geben. Rafael überholte hier noch eine ziemliche Anzahl von Marktleuten, die ihrer Heimat zuritten. Es waren meist Neger, die laut lachend und schreiend den weißen Caballero, den sie sonst ehrfurchtsvoll gegrüßt hätten, gar nicht beachteten. Don Rafael bemerkte aber kaum, was in der Straße und um ihn her vorging, denn seine Gedanken waren bei den heutigen Erlebnissen, waren bei Candelaria, und wie ein kalter Reif lag die Erinnerung jener Stunde auf seiner Seele. Wie hatte er jenen Augenblick herbeigesehnt und ihn sich ausgemalt! Und jetzt? Alles vorbei, alles zerstört! Sein Vermögen? Er schenkte dem Verlust in diesem Augenblick kaum einen Gedanken, denn das ließ sich mit Fleiß und Sparsamkeit wieder ersetzen; aber das verlorene Vertrauen in die Geliebte? Nie. Und sein armer Onkel, auf dessen Empfang er sich so sehr gefreut hatte, war tot, das Besitztum seiner Eltern in fremden Händen, und das gerade war der bitterste Gedanke von allen, daß eben dieser Verlust seiner irdischen Güter auch den geizigen Señor Rivadia und seine Tochter bewogen haben konnte, sich von ihm zurückzuziehen und ihn aufzugeben! Hatte sie ihn je geliebt? Nein! Nur die Aussicht, an der Seite eines wohlhabenden, geachteten Mannes eine Rolle in Lima spielen zu können, war ihr schmeichelhaft gewesen. Jetzt reichte sie dem mit den nämlichen Gefühlen die Hand, der ihr eine ähnliche Stellung zu bieten vermochte. Was wußte das leichtsinnige, vergnügungssüchtige Mädchen von wahrer Liebe? Und die Französin? Wunderbar, daß ihm gerade in diesem Augenblick das Bild der reizenden Schauspielerin wieder vor die Seele trat! Mehr Treu und Glauben war in deren Herzen als in dem seiner Braut. In seine Gedanken vertieft und an die Gefahren dieser einsamen Straße nicht einmal mehr denkend, hatte er seinem Pferd den Zügel gelassen, und in kurzem Galopp war es mit ihm die ganze offene Strecke dahingeflogen, die sich unmittelbar am Fuße der Berge über den kahlen, nackten Boden zieht. Links von ihm lag dabei das weite und auch an vielen Stellen bebaute Flußtal des Rimac, über das die Sonnenstrahlen einen zitternden Nebel breiteten, und vor ihm wurden wieder kleine Lehmmauern sichtbar. Aber es befanden sich hier nur einige eingefriedigte und durch den Lima-Kanal bewässerte Anpflanzungen; ein Wohngebäude stand nicht hier, nur die Straße lief, wie es die Mauern der verschiedenen Gärten gestatteten, im Zickzack dadurch hin und suchte bald wieder den höher gelegenen Boden, wo sie nicht durch solche Hindernisse aufgehalten werden konnte. Mit seinen Erinnerungen beschäftigt, hatte Don Rafael nicht bemerkt, daß, während er auf diese Einfriedigungen zugaloppierte, seitab von der Straße ein einzelner Reiter an dem Berghang hielt und mit einem kleinen Taschenfernrohr die beiden Wegstrecken absuchte. Aber selbst einem aufmerksamen Reisenden würde es sehr schwer geworden sein, in dem grau gemischten Gestein den regungslosen Reiter zu erkennen, dessen Pferd und Poncho die gleiche, oder doch eine ganz ähnliche Steinfarbe trug. Jetzt, als Don Rafael gerade die erste Mauerecke erreichte und hinter den in der Umzäunung wachsenden Stauden verschwand, lenkte der Beobachter an der Felswand sein Tier den Hang hinab und setzte ihm, wie er nur den flachen Boden erreichte, die Sporen in die Seiten. Gleich darauf gewann er ebenfalls die Einzäunungen und schlug daran hin einen Weg ein, der ihn dem einsamen Reisenden gerade entgegenführen mußte. Nach beiden Seiten hatte er vorher die Straße über, sehen können und sich überzeugt, daß wenigstens für eine Legua Distanz nach Osten und Westen kein anderes menschliches Wesen sichtbar war. Don Rafael kümmerte das durchaus nicht. Er wußte nicht einmal, ob ihm unterwegs Menschen begegnet waren oder nicht, so wenig achtete er darauf. Ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, hatte er seine Zigarrentasche vorgeholt und sich Feuer geschlagen, und den Dampf jetzt in die heiße, staubige Luft hineinblasend, summte er unwillkürlich den Refrain jenes kleinen Liedes, das er damals die Geliebte gelehrt und von dem sie heute einen so nützlichen Gebrauch gemacht hatte. Dicht vor ihm, in kaum fünfzig Schritt Entfernung, tauchte in diesem Augenblick plötzlich ein Reiter auf, dessen Erscheinen ihn an dieser einsamen und sogar verdeckten Stelle im Nu zum vollen Bewußtsein der Gegenwart zurückrief. »Hallo«, murmelte er leise vor sich hin, »sollte Gaspar wirklich einmal nicht übertrieben haben und mein etwas trockenes Vaterland doch solche saubere Pflanzen zutage bringen? Nun, wir werden ja sehen, ob mich der Herr anredet. Jedenfalls will ich ihn mir an der linken Seite halten.« Lange Zeit blieb ihm aber nicht zum Überlegen, denn beide sich begegnenden Männer hatten indessen ihre Pferde nicht eingezügelt und rückten, natürlich in einem scharfen Trabe, einander rasch näher. Don Rafael war aber, nach all den erhaltenen Warnungen, nicht unbewaffnet, ja, mehr als das, er wußte seine Waffen zu gebrauchen und besaß Kaltblütigkeit genug, einer etwa auftauchenden Gefahr auch in der gehörigen Weise zu begegnen. Was brauchte er den einen einzelnen Reiter zu fürchten! Er war sich bewußt, selber der gefährlichere Gegner von beiden zu sein, und damit sah er den Fremden auch völlig ruhig und unbewegt näherkommen. Verdächtig war dabei allerdings, daß dieser die nämliche Mauer hielt, wo er, dem Gebrauche des Weges nach, an die andere Seite der Straße gehört hätte. Außerdem hatte aber auch Rafaels scharfes und mit den Landessitten so genau bekanntes Auge unter dem kurzen Poncho des Fremden eine Bewegung bemerkt, die ihm nicht gefiel. Führte der Bursche Feuerwaffen? Das schien aber nicht so, denn alle Morde, von denen er gehört hatte, waren mit der Stichwaffe, mit dem langen südamerikanischen Messer verübt worden. Ein hijo del pais wußte auch selten mit Schießwaffen so gut umzugehen, um sich in einer drohenden Gefahr fest auf sie verlassen zu können. Das Messer, das er vortrefflich zu gebrauchen wußte, war deshalb für ihn die sicherere Waffe, und wenn er sich nachher auch noch auf die Schnelligkeit seines Pferdes verlassen konnte, brauchte er wenig für sich selbst zu fürchten. Daß der Fremde übrigens wirklich Böses beabsichtigte, daran zweifelte Rafael jetzt keinen Augenblick mehr, denn so dicht hielt er auf ihn zu, daß er völlig, zwischen der Mauer und dem Pferde, in seiner Hand gewesen wäre, wenn er den ersten Angriff abwarten mußte. Und das mußte er in der Tat, denn er konnte nicht einen vielleicht unschuldigen Menschen nur auf den bloßen Verdacht hin, ein Straßenräuber zu sein, vom Pferde schießen. Fast unwillkürlich lenkte er deshalb auch sein Tier mit der linken Hand nach der Mitte der Straße hinüber, während er die Rechte in der Rocktasche hielt und eine Doppelpistole, die er dort trug, ergriff und spannte. Er fing an zu bedauern, daß er Don Gaspars Warnung so leicht genommen und seine Revolver zurückgelassen hatte. Dem herankommenden Reiter war natürlich das rasche Wechseln des Reisenden von der Seite nach der Mitte der Straße nicht entgangen, und ein leises, spöttisches Lächeln zuckte um seine Lippen; mit seinem Tier folgte er aber auch im Nu dieser Bewegung, wenigstens so weit, daß er dicht an die Seite Don Rafaels kommen konnte, und hier sein Pferd plötzlich einzügelnd, sagte er mit einem freundlichen Lächeln: »Compañero, dürfte ich Sie um etwas Feuer bitten?« Er hielt dabei die Zigarre in der nämlichen Hand wie die Zügel und lenkte, um in den Bereich von des andern brennender Zigarre zu kommen, sein Pferd dicht nach diesem zu. Aber Don Rafael war nicht der Mann, sich durch eine schon so oft gebrauchte List fangen zu lassen. Unter dem kurzen Poncho des Fremden glaubte er für einen Augenblick die Spitze einer blanken Klinge vorschimmern zu sehen, und dieser bog sich eben nach ihm über, als er mit einem Schrei der Überraschung zurückfuhr, denn er sah die zwei drohenden Läufe einer Pistole so dicht auf seine Stirn geheftet, daß sie ihn beinahe berührten. »Señor!« rief der Fremde erschreckt aus. »Señor?« fragte aber Don Rafael zurück, nahm seine eigene brennende Zigarre aus dem Mund und steckte sie, wie in eine Zigarrenspitze, in den oberen Lauf seines Doppelterzerols. »Sie haben Feuer gewünscht, und ich nehme mir die Freiheit, es Ihnen hier anzubieten!« und mit diesen Worten hielt er dem bestürzten Reiter die Pistole direkt auf die Stirn gerichtet. – »Machen Sie keinen Versuch zur Flucht, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist!« rief er rasch, als der Fremde einen Blick die Straße hinabwarf. »Bei der ersten Bewegung dahin sind Sie eine Leiche, denn ich fehle mein Ziel nie!« »Aber, Señor, ich begreife Sie nicht!« sagte der Fremde, und Rafael bemerkte, wie er sein Messer unter dem Poncho wieder in die Scheide zurückzubringen suchte. »Sie haben Feuer verlangt, Señor«, sagte der junge Mann ernst, indem er ihm die gespannte Pistole noch immer entgegenhielt. »Nehmen Sie jetzt rasch, ehe die Zigarre ausgeht, oder ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich sie in dem Falle auf Ihr eigenes Gehirn abbrenne! Sie haben mich doch verstanden?« »Sie wollen einen Mord begehen?« »Ich will, daß Sie Ihr Feuer nehmen. Caramba, meine Geduld fängt an nachzulassen. Ich zähle sechs, und dann gebe ich Feuer! Eins, zwei, drei, vier ...« »Sie zwingen mich mit vorgehaltener Pistole?« »Allerdings!« sagte Don Rafael, während der Reiter mit zitternder Hand die Zigarre, die er noch zwischen den Fingern hielt, an der vorgehaltenen entzündete, indes die Mündung der Pistole gerade vor sein Gesicht gerichtet blieb und Rafaels Finger fest und entschlossen am Drücker lag. – Jetzt brannte seine Zigarre. »Señor«, sagte er, » muy obligado . Sie können versichert sein, daß ich mich in Zukunft bei jeder Zigarre, die ich anzünde, Ihrer erinnern werde!« »Wenn das von mir abhinge«, sagte Don Rafael trocken, indem er seine eigene Zigarre wieder aus der Pistole nahm und weiter rauchte, »so würden das so viele nicht mehr sein, denn ich bezweifle jetzt keine Sekunde länger, daß Sie der Schurke sind, Señor, der in der letzten Zeit hier die verschiedenen Mordtaten verübt hat. Schweigen Sie, ich verlange keine Entschuldigung, und nur einer Zufälligkeit haben Sie es zu danken, daß Sie überhaupt noch leben! Ich möchte aber nicht am ersten Tage meiner Rückkehr nach Peru Blut vergießen, wenn es auch das Blut eines Mörders wäre. Lassen Sie es übrigens Ihre Sorge sein, daß ich Ihnen nicht wieder auf diesem Weg, den ich von jetzt an öfters reiten werde, begegne, denn ich könnte mich veranlaßt fühlen, sehr kurze Umstände mit Ihnen zu machen!« Und ohne den Burschen weiter eines Blickes zu würdigen, gab er seinem Tier die Sporen und sprengte den Weg entlang, um die versäumte Zeit wieder einzuholen. Er sah sich auch wirklich nach dem überlisteten Räuber nicht einmal mehr um; es drängte ihn jetzt, den Ort seiner Bestimmung noch vor Abend zu erreichen. Sein wackeres Tier, das fünf oder sechs Tage im Stall gestanden und ausgeruht hatte, griff tüchtig aus, und noch vor Sonnenuntergang erreichte er in einem gut bewässerten Flußtal den Beginn der Hacienden, zwischen denen etwas abseits vom Wege auch sein früheres Gut lag. Aber er brauchte jetzt keinen räuberischen Angriff mehr zu fürchten, denn überall lagen hier besiedelte Stellen, und Menschen wechselten herüber und hinüber. Rafael hatte den Verbrecher auch lange vergessen, denn andere Gedanken kreuzten jetzt sein Hirn: die Erinnerung an seinen Onkel, an die glückliche Zeit, die er hier mit ihm verlebte. Wie oft war er von hier nachmittags hinein nach Lima geritten, um die Abende mit Candelaria und ihren Eltern zu verbringen! Wie oft war er in finsterer Nacht allein zurückgekehrt, und was für Träume hatte er damals im Herzen getragen! Die Zeit war vorbei; das Luftschloß, das er himmelhoch in den blauen Äther hineingebaut hatte, war ineinandergestürzt und von den Fluten der Zeit hinweggeschwemmt, und der Ernst des Lebens zeichnete ihm jetzt mit kalter, erbarmungsloser Hand das Ziel vor, dem er entgegenstreben mußte. Jetzt endlich hatte er die Stelle erreicht, auf der seine früheren Grundstücke lagen, und unwillkürlich wollte er in den alten Weg einlenken, der zum Herrenhause führte – er konnte die hellen Gebäude schon von da aus durch die Büsche schimmern sehen. Aber das ging nicht. Fremde Menschen bewohnten jetzt die Heimat seiner Jugend, und er mußte an ein anderes Nachtquartier für diesen Abend denken, wenn er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, als Eindringling und lästiger Gast aus seiner alten Heimat gewiesen zu werden – und den Schmerz hätte er nicht ertragen! Nicht weit von dort, ja, fast daran grenzend, lag eine kleine Hacienda, auf der ein alter Freund seines Onkels, ein Franzose, lebte. Als Kind war er oft drüben gewesen und hatte mit dessen Kindern gespielt, und später, als die Söhne heranwuchsen und das väterliche Haus verließen, erinnerte er sich, noch oft dort vorgeritten zu sein und mit dem sehr zurückgezogen lebenden Pflanzer ein Stündchen geplaudert zu haben. Es war damals noch ein Kind im Hause gewesen, ein kleines Mädchen, und schon in Lima hatte er sich vorgenommen, bei dem alten Franzosen vorzusprechen und auch da zu übernachten. Außerdem konnte er dort, wenn irgendwo, die genauesten Nachrichten über das einholen, was während seiner Abwesenheit daheim vorgegangen war. Der Alte war ja auch mit seinem Onkel befreundet gewesen. Die alte Pascua Don Rafael bog in den schmalen Weg ein, der unmittelbar unter seinem früheren Besitztum hinführte und weiter oben dieses von dem Grund und Boden des Franzosen Bertrand trennte. Er selber hatte noch in die Umzäunung dort in früheren Jahren eine jetzt freilich wieder geschlossene Tür eingebrochen, um den Weg dort hinüber, den er so oft ging, abzukürzen. Hier, zwischen den Pflanzungen, war alles unverändert geblieben und nur die Akazienreihe am Wege etwas höher und breitästiger geworden – aber eine Neuerung fand er doch. In der einen Ecke seines früheren Gutes war eine kleine Hütte errichtet worden. Sie war auch bewohnt, denn es brannte, als er vorüberritt, schon ein Feuer darin, und eine weiblich« Gestalt saß ineinandergebeugt vor der Tür. Es war aber schon zu dunkel geworden, um ihre Züge erkennen zu können; was kümmerte ihn auch die Alte in der Hütte! Fünf Minuten später etwa erreichte er das Wohnhaus des alten Franzosen, und von ein paar riesigen Hunden gestellt, die ihm jeden Eintritt zu verweigern schienen, mußte er wirklich so lange im Sattel bleiben, bis der alte Bertrand, der seinen Anruf schon von der Veranda seines Hauses aus erwiderte, selber herauskam und seine Hunde beschwichtigte. » Buenas noches , Señor«, rief er Don Rafael an; »Ihr habt Euch wohl verritten und seid von der Hauptstraße abgekommen? Da müßt Ihr den Weg wieder zurücknehmen, den Ihr gekommen seid. Wollt Ihr denn noch heute abend nach Lima?« »Nein, Monsier Bertrand«, lachte Rafael, indem er abstieg und sein Tier am Zügel nahm. »Hier, bei Ihnen, will ich übernachten, und bei einer Flasche Claret wollen wir von alten Zeiten plaudern.« »Ja – wer zum Teufel?« rief der alte Franzose erstaunt, indem er näher zu dem jungen Mann hintrat und sein Gesicht zu erkennen suchte. »Bitte um Ihren Namen, amigo , denn Ihr Gesicht schwimmt mit dem Schatten des Hutes einfach zu einem dunklen Klecks zusammen.« »Rafael.« »Ja, Rafael, es gibt viele Rafael; welcher?« »Kennen Sie den kleinen Rafael nicht mehr?« »Rafael? Junge!« rief der alte Mann, ordentlich erschreckt emporfahrend, indem er seinen Arm packte und mit der anderen Hand ihm den Hut vom Kopfe riß. »Junge, bist du's denn wirklich? Lebst du noch?« Und ihn in seiner lebendigen Art umfassend, küßte er ihn derb und herzhaft ab. »Mein lieber Monsieur Bertrand!« sagte Rafael, seine Hand ergreifend und herzlich schüttelnd. »Und wie breit und kräftig der Junge geworden ist!« rief Bertrand, ihn auf Armeslänge von sich drückend. »Aber ich hab's auch keinen Augenblick geglaubt, als sie mir hier die alberne Geschichte von dem Seeräuber auftischen wollten. Entern und totschlagen, bah, so 'was erzählt sich verdammt schnell, geht aber in Wirklichkeit nicht so rasch, und – doch ich stehe und schwatze hier«, unterbrach er sich plötzlich, »und halte den Jungen da auf der Landstraße fest! He, Julio, Seppo? Wo stecken die Schlingel jetzt – hier, nehmt einmal das Pferd und sorgt mir gut dafür! Teufel noch einmal, das Pferd kenne ich doch! Gehört das nicht dem jungen Gaspar Ortega – wie?« »Er hat es mir für den Ritt geborgt.« »Aha – ja, wenn ich ein Pferd ein einziges Mal in meinem Leben gesehen habe, kenne ich es im Augenblick wieder.« »Aber mich nicht«, lächelte Don Rafael. »Wenn das Pferd sich in der Zeit so verändert hätte«, rief der Alte, »so würde ich es auch nicht mehr gekannt haben. Aber nun herein, Junge, das Tier ist gut aufgehoben, und daß es dir bei uns nicht schlechter gehen soll, das laß meine und Juanitas Sorge sein.« »Juanita? Wie geht es der Kleinen?« fragte Rafael, indem er an der Seite des Alten den inneren Raum betrat. »Kleinen?« lachte dieser; »das ist ein großes, tüchtiges Mädel geworden. Aber sag' nichts, wir wollen doch einmal sehen, ob die ein besseres Gedächtnis hat als der Vater.« »Und wo sind Adolphe und Louis?« »Beide fort, hinaus in die Welt; der eine in Callao in einem Geschäft, der andere nach England, um den Maschinenbau zu lernen. Ich sitze jetzt mit dem Mädel hier ganz allein und habe mir fremde Leute zur Arbeit nehmen müssen. Ja, lieber Gott, das geht einmal so im Leben und laßt sich eben nicht ändern! Wenn der Herbst kommt, fallen die Blätter ab. Aber da sind wir!« Ein Mädchen von etwa siebzehn Jahren, schlank und voll gebaut, mit dunklen Haaren und Augen, betrat, in jeder Hand ein Licht haltend, das Zimmer und neigte sich mit leichtem, natürlichem Anstand vor dem Fremden, dessen Blicke überrascht auf ihm hafteten. Der Vater hatte die Tochter indessen schmunzelnd betrachtet, und als sie die Lichter auf den Tisch gestellt hatte und sich eben wieder zurückziehen wollte, sagte er: »Nun, Juanita, kennst du den Herrn nicht mehr?« Das junge Mädchen sah etwas erstaunt und fragend zu ihm auf. »Den Herrn?« sagte es leise, indem sein Blick einen Augenblick forschend auf dem jungen Mann ruhte. Plötzlich aber färbte ein hohes Rot ihm das Antlitz bis in den Nacken hinein, und dem Gaste die Hand entgegenstreckend, flüsterte es: »Don Rafael!« »Wahrhaftig«, rief der Alte, in die Hände schlagend. »Mädel, du hast ein besseres Gedächtnis als dein Vater.« »Aber ich hätte Sie nicht wiedererkannt, Señorita«, sagte Rafael, die dargebotene Hand noch haltend. »Ich habe Sie als Kind verlassen und Sie sind indes zu einer reizenden jungen Dame herangewachsen.« »Reizend – hätte bald 'was gesagt!« brummte der Alte. »Setz' mir dem Mädel etwa Schrullen in den Kopf – ein glattes Gesicht hat eine jede in dem Alter. Und nun, Juanita, was Küche und Keller halten, her damit! Viel wird's ohnedies nicht sein, Junge, denn wir leben hier mordseinfach und eigentlich auch ein bißchen abgeschieden von der Welt. Aber 'was wird's schon werden, eine Casuela oder so 'was werdet ihr schon fertigbringen. Vor allen Dingen schaff' aber einmal eine Flasche Wein herauf, darfst auch gleich zwei – oder nein, lieber erst eine, er wird sonst zu warm hier oben – und nun rasch, mein Kind, denn unser lieber Gast hat schmählichen Hunger und Durst.« Juanita folgte rasch dem Befehl und verschwand wieder aus der Tür, und als ihr Rafael noch mit den Blicken folgte, fuhr der Alte mit halblauter Stimme fort: »Nicht? Ist ein prächtiges Mädel geworden? Man darf's ihr aber nur nicht sagen, denn eitel will ich sie nicht haben.« »Glauben Sie nicht, Señor, daß sie das auch ohnedies schon selber wüßte?« lächelte Rafael, »Sie haben doch jedenfalls einen Spiegel im Hause.« »Papperlapapp«, rief aber der Alte, »keinem Menschen gefällt sein eigenes Gesicht; ich habe mich wenigstens über das meinige immer geärgert. Aber das ist das wenigste, sie ist auch ein gutes Kind geworden, einfach und brav wie ihre selige Mutter, der sie wie aus den Augen geschnitten ähnlich sieht. Gott schütze sie, daß sie nur so gut und brav bleibt und – aber da kommt sie mit dem Wein. Nichts merken lassen, Junge, daß wir von ihr gesprochen haben, sonst kommt sie in Verlegenheit und bildet sich am Ende noch gar etwas darauf ein. Also, was ich gleich sagen wollte, seit wann bist du zurück?« »Seit heute morgen; ich bin mit dem Postdampfer angekommen.« »Aha, von Guayaquil. Oder kommst du direkt von Europa?« »Nein, bewahre, vom Westen her«, sagte Rafael, während Juanita den Wein hereinbrachte und der Alte einschenkte. »Das letzte Jahr habe ich auf einer französischen Kolonie verlebt, auf Tahiti.« »Auf Tahiti?« rief der Alte erstaunt. »Wetter noch einmal, Junge, da bist du ja im Paradiese gewesen! Nicht wahr, der Unterschied, wenn man die Tropenwelt mit unserem ausgedörrten und vertrockneten Peru vergleicht! Wußtest du indes kein Wort von dem, was inzwischen hier vorging?« »Keine Silbe; ich war sechzehn Monate ohne jede Nachricht von Peru.« »Aber an wen hat denn dein Onkel das Geld für den Erlös der Hacienda ausgezahlt? Der Verkauf mußte doch in deinem Auftrag geschehen sein. Daß mir der Alte nie ein Wort davon gesagt hat!« »Ich hatte keine Ahnung von dem ganzen Verkauf und habe nie einen Centavo erhalten.« Der Alte war eben im Begriff, sein Glas an die Lippen zu heben, aber er blieb regungslos sitzen und sah den jungen Mann erstaunt, ja fast erschreckt darüber an. »Keinen Centavo von dem Gelde?« wiederholte er. »Kein Wort davon gewußt?« »Wie ich Ihnen sage; ich wurde heute damit auf das Angenehmste überrascht.« »Und euer Bankier in Callao?« fragte der Alte, der das immer noch nicht recht zu fassen schien. »Hat sein Geschäft aufgegeben; die Firma besteht wenigstens nicht mehr, und der neue Inhaber war gegenwärtig verreist. Wenn er zurückkommt, will ich nach Callao hinunterfahren. Aber wenn J. Flores und Söhne Geld für mich bekommen hätten und fortgezogen wären, so würden sie das jedenfalls Ihnen oder Señor Rivadia angezeigt haben. Sie beide scheinen aber nichts davon zu wissen.« »Aber es wurden doch auch damals eine Anzahl Koffer an diese Firma gesandt«, rief Bertrand rasch, »ich war selber drüben beim Einpacken. Sind die auch nicht da?« »Die hat dann wahrscheinlich derselbe Herr in Verwahrung«, erwiderte Rafael; »doch, wie gesagt, bis er zurückkehrt, läßt sich eben nichts darin tun. Aber Zeit ist auch nicht viel damit verloren, denn mir lag doch daran, Sie vorher zu sprechen.« »Hm«, nickte Bertrand nachdenklich vor sich hin. »Apropos, hast du Candelaria schon begrüßt? Aber natürlich, doch zuerst! Nicht wahr, das ist ein wunderhübsches Mädchen geworden?« »Ja«, sagte Rafael, indem er sein Glas an die Lippen hob, »und singt ganz reizend.« Er leerte sein Glas langsam, und Bertrand sah ihn erstaunt an. Was war da nun wieder vorgefallen? Aber er mochte jetzt und in Juanitas Gegenwart nicht danach fragen. Ein anderer Gedanke zuckte ihm außerdem durchs Hirn. »Wetter noch einmal, Junge«, rief er, »wenn die Sache aber so steht, was wir übrigens später noch näher besprechen müssen, daß du nämlich keinen Dollar von der Verkaufssumme erhalten hast und eben in dem Augenblick von der Reise kommst, so wirst du auch wahrscheinlich Geld brauchen. Du weißt, daß du dich bei mir nicht zu genieren hast. Sag' mir aufrichtig, was du haben mußt – du machst mir eine Freude, wenn ich dir damit helfen kann.« »Mein lieber, alter Freund«, rief Rafael, seine Hand nehmend und herzlich drückend, »ich kann Ihnen nicht sagen, wie große Freude Sie mir mit dem Anerbieten machen; aber Gott sei Dank besitze ich selber noch ein ganz hübsches Kapital, um mir damit schon wieder auf die Füße zu helfen! Ich habe soviel wie ich brauche, und vielleicht mehr.« »Aber woher?« fragte der Alte. »Ich habe«, lachte Rafael, »entweder Talent zum Kaufmann, oder Glück in der Spekulation; denn von Sydney, wo sich die eingeführten Waren einmal so gehäuft hatten, daß sie entsetzlich heruntergedrückt wurden, nahm ich eine Ladung nach Tahiti hinüber, verkaufte sie dort mit einem recht hübschen Nutzen, erwarb dann einen kleinen Schoner von etwa fünfzig Tonnen, der von Gerichts wegen verauktioniert wurde, weil er versucht hatte, Konterbande einzubringen, und nahm dann Kokosnußöl und Perlmutterschalen, was ich gerade aufkaufen konnte, mit nach Guayaquil. Dort nun schlug ich Ladung und Schoner mit ungefähr fünfzig Prozent Gewinn los und kaufte für einen Teil des Geldes wieder eine Schiffsladung Bauholz und Bambus, die etwa in vierzehn Tagen in Callao eintreffen kann, und woran ich wieder hübsch zu verdienen gedenke. Was ich aber außerdem an Wechseln und barem Geld mitgebracht habe, reicht hin, um mich auf lange Zeit jeder Sorge für meinen Lebensunterhalt zu überheben.« »Nun desto besser, wenn es dir gut gegangen ist«, sagte der alte Mann, »also darüber kein Wort weiter. Aber du führst doch das Geld und die Papiere nicht etwa bei dir in der Tasche?« »Weshalb nicht?« »Und bist damit allein hier heraus geritten?« »Allerdings!« »Hm, das eine Mal ist's dann gut gegangen; wenn du aber meinem Rate folgen willst, Rafael, so versuchst du das nicht zum zweitenmal. Die Zeiten haben sich geändert, und was du vielleicht vor sechs Jahren ungefährdet tun konntest, geht heute nicht mehr.« »Sie meinen des einzelnen Reiters wegen?« »Ach, wegen dem nicht allein, obgleich selbst ein einzelner Schuft bei einer solchen Gelegenheit immer den Vorteil über den ehrlichen Mann hat, weil er an diesen ungestraft herankommen kann, oder ihm auch vielleicht aus dem Hinterhalt eine Ladung Rehposten in den Leib jagt. Nein, es treiben sich auch Banden hier herum, besonders von freigelassenen Schwarzen, die überhaupt das größte Gesindel jetzt im ganzen Staate bilden. Nicht umsonst habe ich mir die beiden großen Hunde angeschafft, die dich da draußen stellten. Vorher fing das Gesindel, das seit einiger Zeit sehr viel gerade in unsere Nachbarschaft kommt, hier bei mir ganz ordentlich an zu stehlen, und ich war meiner Hühner nicht mehr sicher auf dem eigenen Hofe. Seit ich die Hunde aber habe, halten sie sich in respektvoller Entfernung, und das ist für beide Teile angenehm.« »Dem einzelnen Reiter bin ich begegnet.« »Wahrhaftig?« »Er forderte Feuer von mir für seine Zigarre.« »Der gewöhnliche Kunstgriff; damit rücken sie dem einzelnen Reisenden auf den Leib und reißen oder stechen ihn vom Pferde. Du hast es ihm doch nicht gegeben?« »Doch, aber die Zigarre steckte in meiner gespannten Pistole, und er mußte an der anzünden.« »Alle Teufel! Und er tat's?« »Er mußte!« »Brav gemacht. Und wie sah er aus?« »Anständig gekleidet, mit einem kurzen, gestreiften Poncho und grauem Hut, mit großem, dunklem Bart.« »Hm, das ist aber am Ende gar nicht der sogenannte einzelne Reiter, wie er gewöhnlich genannt wird, gewesen, sondern ein ganz harmloser Reisender, dem du dadurch einen heillosen Schreck eingejagt hast.« »Ich habe gute Gründe, das Gegenteil zu glauben; wäre es aber auch wirklich der Fall gewesen, so würde ihm der Schreck eine ganz heilsame Warnung sein, hier in Peru keinen einzelnen Reiter wieder um Feuer zu bitten. Er mag das in der Stadt oder auf belebtem Wege tun, aber nicht in einer Einöde, oder er muß sich die Folgen dann eben selber zuschreiben.« »Ganz richtig«, lachte der Alte; »aber so mag's denn auch geschehen, daß oft ein paar vollkommen friedliche Menschen hier draußen irgendwo zusammentreffen und beide, den Kopf voll von Räubergeschichten, einander für Strauchdiebe halten. Manche sehr gefährlich klingende Geschichte dürfte schon so entstanden sein. – Aber da kommt schon die Suppe! Und nun noch eine andere Flasche Wein, sei so gut, Juanita, du siehst, wir sind mit dieser zu Ende und wollen bei der Sorte bleiben.« Juanita, von einem kleinen Mädchen, einer Indianerin, dabei unterstützt, brachte alles herbei, und so geräuschlos tat sie das, so flink und ohne jemand dabei zu stören, daß es eine wirkliche Freude war, ihr dabei zuzusehen. Und während Rafael mit dem Vater sprach, flogen seine Blicke auch wirklich oft und unwillkürlich zu dem jungen Mädchen hinüber, und ihr Anblick rief ihm all die Szenen frohen, jugendlichen Übermuts in die Erinnerung zurück, die er mit ihren Brüdern durchlebt hatte, während sie, ein kleines lustiges Ding, immer zwischen den schon mehr erwachsenen jungen Burschen herumsprang und mitspielen wollte. Jetzt wurde die Chupa, eine Kartoffelsuppe mit Eiern, aufgetragen, die in Peru fast jede Mahlzeit beschließt, und dann räumte Juanita ab und machte das Stübchen, in dem ihre Brüder gewohnt hatten, für den Gast zurecht. Indessen saßen die beiden Männer bei ihrer Flasche Wein, aber jetzt jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Keiner sprach mehr ein Wort, bis der Alte endlich mit dem Ausruf das Schweigen brach: »Meinen Hals wollt' ich darauf verwetten!« Rafael schreckte ordentlich empor. Seine Gedanken waren indessen von dem reizenden Bild Juanitas wunderbarerweise zu dem verführerischen Wesen zurückgekehrt, dessen Bekanntschaft er an Bord des Dampfers machte, und er hatte sich eben die Frage gestellt, ob sie wohl imstande sei, irgend jemand herzlich und innig zu lieben, oder, wie sie es an Bord getan, nur ihr Spiel mit Männerherzen treibe. Des Alten Bekräftigung traf ihn da mitten hinein, und Bertrand mochte in dem rasch und erstaunt zu ihm aussehenden Gesicht des jungen Mannes wohl lesen, daß er nicht recht begriffen habe, was er meine. Der Alte hatte aber nicht an glatte Gesichter und junge Mädchen gedacht, obgleich er ihnen seinerzeit auch nicht feind gewesen; jetzt aber waren seine Gedanken zu den etwas rätselhaften Verhältnissen zurückgeflogen, die mit dem Tod und dem Gutsverkauf von Rafaels Onkel zusammenhingen; denn wenn auch anscheinend nicht das geringste Gesetzwidrige dabei vorgefallen war, lag doch eben auch wieder genug Geheimnisvolles darüber, um noch mehr zu ahnen. Jedenfalls war es nötig, die Sache einmal ordentlich zu besprechen und ihr dann weiter nachzuforschen. Bis jetzt hatte sich nämlich niemand darum bekümmert, denn man hielt eben den Verkauf für ganz in der Ordnung, und daß der frühere Eigentümer noch eigentlich in seinen besten Jahren starb – lieber Gott, das geschah in Peru eben nicht so selten und konnte nach keiner Seite hin Verdacht erwecken. Wer hätte denn überhaupt einen Nutzen davon gehabt? Jetzt aber, da das Geld für den Verkauf auf völlig rätselhafte Weise verschwunden schien, gewann die ganze Sache eine andere Gestalt. Die Frage blieb nur noch die: Half es etwas, wenn sie Nachforschungen darüber anstellten – war es wahrscheinlich oder glaubbar, daß dieser Desterres, der mit all den höheren Beamten Limas in nächster Beziehung stand, etwas herausgeben würde, das er einmal in Händen hielt? Seine peruanische Erfahrung sprach dagegen, aber der alte Franzose war auch wieder zäh genug, um einen einmal gefaßten Gedanken nicht gleich wieder bei irgendeiner Schwierigkeit fallen zu lassen. »Meinen Hals wollte ich darauf verwetten«, wiederholte er deshalb noch einmal, »daß bei dem Verkauf eine Schurkerei vorgekommen ist! Wer sie nun begangen hat, muß sich allerdings erst herausstellen. Daß aber gerade dabei der letzte Verwalter und jetzige Eigentümer eine Hauptrolle gespielt hat, liegt auf der Hand. Wie aber ihm beikommen? Denn schlau sind diese Kanaillen alle, und dieser Desterres besonders ist ein Hauptlump. Ich habe mich schon damals mit deinem Onkel gestritten, als er den gelben Schuft als Verwalter ins Haus nahm.« »Kenne ich ihn?« fragte Rafael. »Ich weiß es nicht«, sagte Bertrand. »Er war früher einmal, glaube ich, Subpräfekt oder Kassenbeamter in Cerro de Pasco, machte dort aber Unterschleife, man sagte von sechsundzwanzigtausend Dollars, und mußte deshalb seinen Posten niederlegen. Aber, qu'importe ? Solche Leute sind immer wieder zu verwenden, und als er hier plötzlich als Eigentümer der Hacienda auftrat, gab ihm der Finanzminister einen noch viel einträglicheren Posten in Lima, als er ihn früher in Terro hatte. Solchem Gesindel werden nun öffentliche Ämter anvertraut; aber der Bursche hat jedenfalls Geld, und wer fragt hier, wie es erworben wurde – ja, wer fragt selbst in dem alten Europa in einem solchen Fall danach! Er hat's und genießt es, und das andere Gesindel zieht den Hut vor ihm!« »Aber Señor Rivadia soll selber den Kaufbrief untersucht und in Ordnung befunden haben«, warf Rafael ein. »Ja, ich weiß«, brummte Bertrand, mit der Rechten sein Mützchen rückend und sich den Kopf kratzend; »ich weiß, und der gerade hätte durch dich ein Interesse dabei gehabt, daß kein Betrug vorfiel, sonst würde ich ihm eben nichts Besseres zutrauen als all den anderen. Der Teufel finde sich durch! Übrigens verkehrt dieser Desterres mit allerlei wunderlichem und verdächtigem Volk, das er sich wohl vom Leibe halten würde, wenn er es nicht selber zu diesem oder jenem brauchte oder gebraucht hätte, und das allein schon wirft ein böses Licht auf ihn. Einen Beweis dafür haben wir hier gerade in einer alten Hexe, die bis dahin nur immer der Gemeinde zur Last lag, der alten Pascua.« »Pascua? Wer ist das?« »Erinnerst du dich nicht mehr der Alten, die am Flusse wohnte und der der Strom einmal die Hütte fortriß? Sie kam dann oft zu mir und euch betteln, und es ging ihr auch wohl eben nicht besonders, aber sie litt auch gerade keine Not, denn das dumme Volk fürchtete sich vor ihr, weil sie ein Bündnis mit dem Teufel hätte und mehr könne als Brot essen. Wie sie's nun gemacht hat, weiß eben der Teufel, aber der neue Besitzer deiner Hacienda hat der Alten in der nächsten Ecke ein kleines, ganz wohnliches Häuschen bauen lassen.« »Ich bin daran vorbeigeritten«, rief Rafael rasch. »Nun ja, und da haust sie jetzt mit ihrem Sohne, einem so nichtswürdig faulen und trunksüchtigen Cholo, wie ihn Peru nur aufzuweisen hat, und scheint sich dort ganz wohl zu befinden.« »Lieber Gott«, sagte Rafael achselzuckend, »was brauchen derartige Leute auch! Ein bißchen Chupa genügt ihnen für den ganzen Tag.« »Der aber nicht«, rief Bertrand, »wenn sie nicht ein paar Eier und ein Huhn darin hat! Der junge Lump ist dazu fast den ganzen Tag betrunken. Wer gibt ihm das Geld dazu – und wofür? Ich habe mir schon lange den Kopf darüber zerbrochen, denn umsonst tut Desterres etwas Derartiges nicht.« »Wer weiß«, sagte Rafael achselzuckend – »keinesfalls steht das alte Weib in irgendeiner Verbindung mit dem Verkauf des Gutes, wenn sie jetzt auch einen Platz darauf gefunden hat.« Es war, als ob Bertrand noch etwas darauf erwidern wollte, und er sah Rafael plötzlich an – wenn aber, so besann er sich ebenso rasch wieder, und mit den Fingern auf den Tisch trommelnd, blieb er eine ganze Weile in tiefem Nachdenken sitzen, in dem ihn Rafael, mit seinen eigenen Grübeleien beschäftigt, nicht störte, als sie beide durch das wütende Gebell der Hunde gestört wurden, die der Franzose aber jetzt, nach Dunkelwerden, in der inneren Einfriedigung hielt, weil sie sonst leicht ein Unglück hätten anrichten können. Bertrand horchte nach der Tür. »Nun?« sagte er, »noch ein Besuch? Das wäre ja merkwürdig, wenn ich zwei an einem Abend bekommen sollte, wo sonst manchmal das ganze Jahr über niemand bei mir vorspricht! Ruhe da, ihr Hunde, ihr werdet mir noch das ganze Gattertor zerkratzen! Die Bestien sind ja rein wie rasend heute abend! Da muß entweder ein Neger oder ein Cholo vor der Tür sein, denn von beiden wollen sie nichts wissen!« Beide Männer waren aufgestanden, um zu sehen, weshalb die Hunde einen solchen Lärm machten, und ihre Hüte aufgreifend, schritten sie dem Gartentor zu. Es war neun Uhr vorbei, und die Ansiedelungen der Nachbarschaft lagen überall schon still und ruhig; nur einzelne Hunde schienen durch das Anschlagen der Rüden munter geworden zu sein und antworteten dem Wachlaut. »Wer ist draußen?« rief Bertrand jetzt laut in die Nacht hinein, denn es war so stockdunkel geworden, daß man nicht einmal das Tor, viel weniger jemanden erkennen konnte, der davor stand. » Por amor de Dios !« rief eine weibliche Stimme; »Señor, kommt mir zu Hilfe – mein Sohn ist vom bösen Feind besessen und wütet und tobt – kommt zu mir, ich arme, alte Frau bin nicht mehr imstande, ihn zu bändigen!« »Seid Ihr das, Pascua?« rief Bertrand, von dem Zufall überrascht, aus, denn er glaubte in der Stimme die jener alten Frau zu erkennen. »Ich bin es, Señor; oh, erbarmt Euch meiner, Ihr habt mir ja schon so oft geholfen!« » Diable !« murmelte der Alte jetzt leise zu Rafael, nun aber in französischer Sprache, obgleich sich beide, alter Angewohnheit nach, den ganzen Abend der spanischen bedient hatten; »das trifft sich merkwürdig, und du bekommst jetzt gleich Gelegenheit, wenigstens die Bekanntschaft des würdigen Paares zu machen. Ich gelte hier in der Umgebung für einen halben Doktor, und sie rufen mich manchmal, wenn sie sich mit ihren Hausmitteln festgerannt haben und nicht weiterkönnen.« »Kommt Ihr, Señor? Oh, macht schnell«, wimmerte die Alte draußen – »wenn ich ihn so lange allein lasse, richtet er am Ende noch Unheil an!« »Lauft voraus«, rief der Alte hinaus, »ich komme gleich nach! Wenn ich das Tor jetzt aufmache, kann ich die Hunde nicht zurückhalten!« »Oh, dann vergeßt auch die gelbe Medizin nicht, die ihm immer so gut geholfen hat!« bat die Stimme noch einmal. »Ja, schon gut!« rief Bertrand und murmelte dann vor sich hin: »Ich wüßte wohl, was für eine gelbe Medizin für ihn das Beste wäre, ein gelber Orangenstock und die Kanaille damit windelweich geprügelt, bis er das verdammte Saufen ließe! Aber komm jetzt, Rafael, du mußt mit hinüber! Zurück da, ihr Bestien! Heiland der Welt, was die Hunde für einen Spektakel machen! Sie sind rein des Teufels, wenn sie nachts einen Cholo wittern!« Die Hunde wurden zurückgetrieben, und die beiden Männer schritten, nachdem sie das Tor wieder hinter sich geschlossen hatten, den schmalen Reitweg hinab, der, zwischen den beiden Hacienden durch, nach der Hütte der alten Pascua führte. Schon von weitem hörten sie aber die zornige Stimme des Cholo, der seine Mutter anschrie, und als sie ihre Schritte beschleunigten und die Tür betraten, verlangte er eben mit wahnsinnigen Flüchen Branntwein, um seinen brennenden Durst zu löschen. Es war ein trauriges Bild, das sich hier ihren Blicken bot. Das kleine, düstere, schmutzige Gemach wurde nur durch ein elendes Talglicht erhellt, das, an die rauhe Hüttenwand geklebt, sich dort selber halten mußte und jeden Augenblick herabfallen und das Ganze mit Nacht bedecken konnte. Rechts an der Wand befand sich ein aus rohem Lehm zusammengeklebter Ofen, eine Art Kochherd mit ein paar Öffnungen oben, in die Töpfe hineingesteckt werden konnten, während jeder einzelne derartige Platz zugleich eine Zugröhre für sich bildete. Hinten an der Wand standen noch ein paar rohe, mit Kuhhäuten überspannte Bettgestelle, die ärmlichen Lagerstätten von Mutter und Sohn; ein paar rohe Stühle bildeten außerdem die ganze Einrichtung. Auf dem rechts in der Ecke hinter dem Ofen befindlichen Bettgestell aber saß der Kranke, das schmutzige Hemd vom braunen Leib heruntergerissen, die langen schwarzen Haare wirr um den Kopf hängend, die Augen fast aus ihren Höhlen herausgedrängt und in unartikuliertem Schreien, beinahe – ja, schlimmer als ein wildes Tier, seinem gierigen Verlangen Laut gebend. Umsonst suchte die Mutter ihn dabei zu beschwichtigen, umsonst bat sie – eben war er im Begriff, emporzuspringen, als er die beiden Fremden auf der Schwelle erscheinen sah; das übte eine wunderbare Wirkung auf ihn aus. »Was wollen die?« fragte er scheu und verstört, indem er die Füße wieder auf sein Lager hob und sich wie eingeschüchtert in die entfernteste Ecke kauerte. »Was wissen die von mir, daß sie jetzt in der Nacht kommen und mich holen wollen! Fort, ich war's nicht, ich weiß nichts davon – nur Durst hab' ich, Durst!« Scheu hatte die Frau indessen nach der Tür gesehen, als sie einen Fremden noch neben dem Franzosen bemerkte. »Wer ist der, und was will er hier?« flüsterte sie Bertrand leise zu, indem sie seine Züge bei dem matten Lichtschein zu erkennen suchte. »Ein Doktor«, erwiderte der Franzose, »der eben von Lima gekommen ist und mich besucht hat. Ich glaubte, er könnte uns hier nützlich sein.« Des Cholos scharfes Ohr hatte die Worte aufgefangen, und er schien sich jetzt wieder beruhigt zu haben. Seine alte wollene Decke, die früher einmal als Poncho gedient hatte und vielleicht noch dazu diente, hob er in die Höhe und streckte die Füße hinunter, und die Decke dann bis zum Halse hinaufziehend, knurrte er: »Doktor, Doktor – ich brauche keinen Doktor, ich bin nicht krank, ich bin nur durstig, und da kann mir nur ein Doktor helfen, der mir was zu trinken bringt!« »Ich denke«, sagte jetzt Bertrand, indem er, von Rafael gefolgt, zu ihm ans Bett trat, »du hast gerade genug getrunken, oder wenn du noch was brauchen solltest, so wären ein paar Eimer Flußwasser, innen und außen angewendet, das einzig Passende. Gib einmal deine Hand her – nun, mach' rasch, ich habe nicht Lust, hier die ganze Nacht bei dir stehenzubleiben!« »Ich habe Euch gar nicht gerufen«, erwiderte der junge Bursche störrisch, streckte aber doch, dem Befehl gehorchend, den linken Arm unter der Decke hervor, den Bertrand auch, ohne weiter auf die Worte zu achten, ergriff und zwischen seinen Fingern hielt. »Jetzt nimm einmal den Arm, mein Junge«, wandte sich der Alte da wieder in französischer Sprache an Rafael, »und fühle den Puls! Sollte man denn nicht glauben, daß es ihm das Blut durch die Poren hinaustreiben müsse in lauter kleinen Springbrunnen? Der Bursche hat aber eine wahre Bärennatur, und mit einem Fieber, das jedem andern Menschen die Hirnschale sprengen müßte, säuft er noch aguardiente und läuft den anderen Morgen dann wieder in der Ansiedelung herum, als ob nicht das Geringste vorgefallen wäre!« » Aguardiente , ja«, stöhnte der Kranke, der nur das eine Wort aus der ihm fremden Sprache verstanden hatte, »nur ein einziges Glas voll noch, dann will ich schlafen und ruhig sein! Mutter, geschwind, du hast ihn versteckt, gib ihn heraus!« »Ach, um der Liebe Gottes willen, Señor«, jammerte die Frau, »was soll ich denn tun? Er gibt keine Ruh', und der Branntwein ist ja jetzt das reine Gift für ihn! Er muß mir ja unter den Händen sterben oder wahnsinnig werden!« »Sterben, sterben«, murmelte der Kranke, »der ist lange begraben und erzählt keine Geschichten mehr! Ja«, fuhr er, sich wild im Bette aufrichtend, fort, »so möcht' ich auch sterben – mit dem Glas am Munde – umfallen – weg!« »Er ist schon wahnsinnig!« jammerte die Alte, die jetzt auf den Sohn zusprang und ihm in indianischer Sprache hastig einige Worte zuflüsterte. Der Kranke sah sie mit seinen gläsernen Augen stier an, und dann laut auflachend, rief er: »Aha, jetzt weiß ich, wie ich dich zwinge, daß du mir Branntwein gibst, wenn ich ihn verlange – jetzt soll ich ihn haben, heh? – nur davon nicht reden?« »O heilige Mutter Gottes, schütze ihn mir!« jammerte die Frau, »er ist wahnsinnig geworden! Oh, Eure Medizin, Señor, Eure Medizin – rettet mir das Kind!« »Was kann dir meine Medizin helfen, wenn er morgen wieder zu trinken anfängt?« sagte der Franzose, ohne von dem, was der Kranke gesprochen, die geringste Notiz zu nehmen. »Aber gib mir ein Glas, vielleicht hält's ihn doch eine Weile wieder nüchtern, daß er sich erst einmal erholen kann. So viel sag' ich dir aber, fährt er so fort mit seinem Branntweintrinken, dann ist er ein verlorener Mensch! Ich möchte schon jetzt keine zwei Realen für sein Leben geben!« Damit schüttele er aus einer kleinen mitgebrachten Flasche etwas in ein Glas, das ihm die Alte mit zitternden Händen gebracht hatte. Es war in Madeira aufgelöster Brechweinstein, eine Pferdekur allerdings für einen solchen Fieberkranken, aber auch das einzige Mittel, das ihm vorderhand das Verlangen nach weiterem Alkohol vollständig benahm. Der Kranke nahm das Glas und roch mißtrauisch daran. Er hatte schon einmal von der nämlichen Arznei bekommen. »Wollt Ihr mich wieder krank machen?« fragte er finster. »Trink, das wird dir gut tun«, fuhr ihn aber der Franzose an, »zum Henker noch einmal, du hast ja Branntwein verlangt! Der ist jetzt nicht mehr da, aber das ist Wein, und wenn's dir den Hals auch nicht so verbrennt, wie dein aguardiente , so bringt's dir doch den Magen wieder ein wenig in Ordnung – hinunter damit!« Der Kranke roch noch einmal an dem Glas, aber dem Geruch des Weines konnte er nicht widerstehen. Er hob die Medizin an die Lippen und leerte sie auf einen durstigen Zug; dann wickelte er sich, zusammenschaudernd, wieder in seine Decke und drehte den Fremden den Rücken. Er fühlte den Metallgeschmack des Brechweinsteins auf der Zunge, und es wurde ihm übel. » Dios se lo pague «, murmelte die Alte zu Bertrand, » Dios se lo pague , meine Medizinen nimmt er gar nicht mehr, weil sie ihm nicht schmecken, wenn sie auch ebenso kräftig wirken mögen, aber die eurigen schluckt er hinunter. Jetzt verlangt er nicht mehr nach dem Gifttrank, der seine Adern zu Feuer brennt. Dios se lo pague , Señor.« »Die Alte will uns fort haben«, lachte Bertrand zu Rafael hinüber, »und ich denke auch, wir gehen, denn hier ist vorderhand doch nichts mehr zu machen. Glaubst du nicht?« »Von Herzen gern; mir brennt der Boden hier unter den Füßen und die Luft droht mich zu ersticken.« »So komm!« sagte Bertrand, während die Alte, als der Fremde sprach, vergebens sein Gesicht deutlich zu erkennen suchte, und trat, von dem jungen Mann dicht gefolgt, hinaus ins Freie. Dort aber nahm er seinen Arm und wanderte mit ihm schweigend den Weg entlang, bis sie weit genug von der Hütte entfernt waren, daß selbst der Klang ihrer Stimmen nicht mehr dorthin dringen konnte. »Hast du gehört, was der Bursche sagte?« fragte er hier, aber immer noch in französischer Sprache, denn es war zu dunkel, um zu erkennen, ob nicht doch vielleicht jemand sie behorche. »Ja«, sagte Rafael leise, »der Bursche hat jedenfalls ein Verbrechen auf dem Gewissen, was es auch sei, und die Alte weiß darum; deshalb drängte sie so, daß wir den Raum wieder verließen!« »Das ist dir auch aufgefallen, nicht wahr? Merkwürdig! Sollte das am Ende doch mit unserer Sache in Verbindung stehen?« »Haben Sie einen Verdacht?« rief Rafael rasch und ergriff, indem er stehen blieb, Bertrands Arm, »daß mit meines Onkels Tod nicht alles den natürlichen Weg gegangen ist?« »Ich hatte bis jetzt keinen«, erwiderte der Franzose; »doch komm nur, laß uns hier nicht in der Straße stehen bleiben. Ich hatte bis jetzt keinen, aber sonderbarerweise haben ihn die dunkeln Worte des Burschen heute abend geweckt, und jetzt, da ich darüber nachdenke, paßt auch wieder so manches dazu, was früher keinem Menschen aufgefallen ist. Ich muß mir nur selber alles noch einmal frisch ins Gedächtnis zurückrufen.« »Und was war das?« »Jetzt nicht, mein Junge, jetzt nicht. Oben in meiner Hängematte werde ich mir die Geschichte ein wenig zurechtlegen. Morgen sprechen wir mehr davon. Du wirst auch müde sein heute abend, und da sind wir auch schon wieder an unserem Hause. Ruhig, ihr Hunde, hinein mit euch! Könnt ihr denn nicht euren Herrn wittern?« Die Hunde knurrten noch leise und wedelten dabei mit den Schwänzen, das letztere für den Herrn, das erste für seinen ihnen noch fremden Begleiter, aber sie wußten, daß sie sich nicht weiter rühren durften; eine halbe Stunde später hatten die beiden Nachtwanderer ebenfalls ihr Lager aufgesucht. Juanita Am nächsten Morgen war Rafael mit Tagesgrauen auf und angezogen und sog oben im offenen Fenster die frische Morgenkühle ein. Wie reizend lag der kleine Platz hier inmitten der kahlen, ringsum aufragenden Berge, auf denen auch nicht die Spur eines Grashalmes zu erkennen war und in deren Schluchten selber keine Ziege hätte Nahrung finden können! Dem alten Bertrand hatte es freilich Mühe und Arbeit genug gekostet, sich die Wasser des nicht weit von dort vorbeifließenden kleinen Bergstromes dienstbar zu machen und dahin zu leiten, wo er sie eben brauchte, und er hatte viele hundert Dollars hinauswerfen müssen, ehe er einen einzigen als Ertrag zurückerhalten konnte. Jetzt aber lohnte sich dafür auch reichlich das ausgelegte Kapital, und es war in dieser peruanischen Wüste wirklich ein kleines Paradies entstanden. Rechts von dem Hause erhoben zwei, freilich erst etwa zwölf Fuß hohe Kokospalmen ihre breiten, gekrönten Häupter, denn diese Palme vor allen anderen steigt eigentlich gleich fertig aus dem Boden, bildet schon im dritten Jahre ihre volle Krone und wächst von da an nur noch im Stamm selber weiter; und um das Haus herum hatte Bertrand seinen Bananengarten angelegt, der mit seinen breiten, prachtvollen Blättern und goldenen Früchten dem Platz nicht allein einen entschieden tropischen Anstrich gab, sondern auch eine wohltuende Kühle verbreitete und den Boden feucht und fruchtbar hielt. Die Hecke bildeten jene buntblühenden, duftenden Akazien, die in allen heißen Ländern verbreitet sind; fruchttragende Orangen- und Papayabäume gruppierten sich unfern davon zu einem kleinen, reizenden Hain. Weiter hinaus begannen freilich die mehr eintönigen Felder, aber selbst die nächst dem Hause gelegene Baumwollpflanzung, mit ihren vielen Blüten und sie umschwärmenden Kolibris, schwächte das ab, wie weiterhin die hochhalmigen Zuckerpflanzen, Yukabüsche und Kaffeebäume. Selbst mit Kakao hatte der tätige Franzose einen kleinen Anfang gemacht und überhaupt alles getan, die Hacienda zu einer kleinen peruanischen Musterwirtschaft zu erheben. Ebenso deckte die Südseite seines Hauses, denn dem heißen Norden durfte er sie nicht so sehr aussetzen, ein sorgfältig angelegtes Rebengelände, und Bertrand zeigte dadurch den Peruanern, was sie alles in ihrem Lande ziehen können, wenn sie sich nur die Mühe und Arbeit nicht verdrießen ließen, es auch ordentlich zu bewässern. Wie dürr und trocken deshalb da draußen das Land in der Sonne liegen mochte, hier drinnen sah man davon nichts, und es gab kaum ein reizenderes Bild als diese kleine, lauschige Anpflanzung um das Haus in der Morgenkühle mit Millionen blitzender Tauperlen auf den frischen, saftgrünen Blättern. Rafael aber achtete kaum darauf oder betrachtete es wenigstens als etwas ganz Gewöhnliches, denn er kam ja eben von Tahiti und Guayaquil, wo es nicht der geringsten Pflege und Arbeit bedarf, um eine noch viel üppigere Vegetation zu erzielen, ja, wo sie kaum niedergehalten werden kann. Seine Gedanken flogen zurück nach Tahiti, zurück zu seiner Reise durch den blauen Ozean, nach Guayaquil, zu dem Dampfer, und so rasch er in diesen Gedanken den Ozean durchflogen hatte, so lange brauchte er dazu, um die wenigen Tage zurückzulegen, die er auf dem Dampfer verbrachte. Und ob er die reizende Französin wirklich wieder aufsuchen sollte? Gewiß, warum auch nicht? Es war jedenfalls eine höchst interessante Bekanntschaft, und hier in dem langweiligen Lande, was konnte er da Besseres tun? Was sie wohl mit dem Schweden anfangen würde? Der arme Teufel, wenn er nur eine Ahnung davon gehabt hätte, wessen Locke er in seinem Medaillon trug und so inbrünstig küßte! Ein gefährliches Mädchen blieb die Kleine immer, gefährlich schon deshalb, weil sie die Gewalt kannte, die sie über Männerherzen ausübte, und zu gleicher Zeit selber davon unberührt schien. Ob sie wohl je selber geliebt, heiß und innig geliebt hatte? Wie selig sie einen Mann machen müßte, den sie wirklich liebte ... »Nun, schläfst du aus dem Fenster hinaus?« rief plötzlich eine lachende Stimme dicht neben dem Träumer, und eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter. »Juanita ist schon unten vorbeigegangen und hat dir einen Guten Morgen hinaufgerufen; du scheinst sie aber gar nicht gesehen zu haben. Komm, das Frühstück steht auf dem Tisch, und nachher wollen wir einen Spaziergang mitsammen durch meine Felder machen, ehe es zu heiß wird. Hast du gut geschlafen?« »Vortrefflich«, erwiderte Rafael, der sich errötend aufrichtete. »Aber ich habe wirklich niemand unten vorbeigehen sehen; ich dachte eben an so viele Dinge.« »Ja, daß dir jetzt manches im Kopf herumgeht, mein Junge, ist wohl natürlich; aber jetzt komm, Juanita zankt sonst, wenn wir den Kaffee kalt werden lassen, und er schmeckt auch nicht.« Juanita aber sah gar nicht so aus, als ob sie überhaupt je zanken könne. Mit freundlichem Lächeln begrüßte sie den Gast und wurde nur blutrot, als dieser sich bei ihr des vernachlässigten Dankes wegen entschuldigen wollte. »Das ist unrecht von dir, Papa«, sagte sie mit einem Blick voll leisen Vorwurfs auf den Vater, »daß du Don Rafael davon gesagt hast. Er konnte mich wohl auch nicht einmal sehen, denn ich ging unter den Bananen hin. Weshalb mußtest du plaudern?« »Nun, nun«, lachte dieser, »die Sache ist nicht so wichtig, Schatz, und nun heraus mit deinen Herrlichkeiten!« Wenige Minuten später saßen die drei um den Frühstückstisch, und Rafael mußte jetzt von seinen Fahrten und Reisen erzählen, für die sich der alte Bertrand ganz besonders interessierte, da er sich in seiner Jugend ebenfalls lange in der Welt herumgetrieben und viel gesehen und erlebt hatte. Juanita saß, während die Männer ihre Erinnerungen ausbeuteten, schweigend daneben, besorgte den Tisch und lauschte der kurzen, aber belebten Schilderung, die ihr Jugendgespiele von seinen Schicksalen gab, bis der Vater endlich die Tafel für aufgehoben erklärte, Rafaels Arm ergriff und mit ihm hinaus in seine Anlagen schlenderte. So stolz Bertrand aber, wie alle Landbauer und Gärtner, auch auf das sein mochte, was er hier und auf diesem trockenen peruanischen Boden geleistet hatte, und so gern er jede Gelegenheit ergriff, Fremde in seinen Feldern herumzuführen, so war das heute doch wirklich nur Nebenzweck gewesen, und die Hauptursache die, daß er mit Rafael ungestört plaudern wollte, was im Hause selber nicht gut anging. Ganz enthalten konnte er sich aber doch nicht, ihn hier oder da auf die einzelnen Stellen aufmerksam zu machen. »Stehen die Bananen hier nicht prachtvoll, mein Junge, heh? Und was für ein lauschiges Plätzchen ist das hier, selbst in der Mittagszeit – und alles nur mit einem einzigen Kanal und einer kleinen, unbedeutenden Schleuse hergerichtet, denn die war nötig, sonst hätte mich mein sehr unzuverlässiges Wasser-Reservoir einmal plötzlich mit einer Menge überrascht, die mir die ganze Bescherung wegschwemmen konnte. – Aber was ich dir sagen wollte, hast du über unser Abenteuer von gestern abend nachgedacht? Ich meine über den Besuch bei der Alten?« »Nicht viel, wenn ich aufrichtig sein soll. Was der Bursche in seinem Delirium da geschwatzt, kann wohl kaum Bedeutung haben.« »Und ich denke gerade das Gegenteil«, rief der Alte lebendig. »Wäre es nur eine Phantasie gewesen, so würde es seine Mutter nicht weiter beachtet haben; aber sie erschrak, Rafael, bei Gott, sie erschrak und drängte nachher ebenso ängstlich auf unser Fortgehen, als sie mich vorher herbeigerufen hatte.« »Gut, ich will auch zugeben, daß er Andeutungen auf irgendeine Schurkerei machte, um die seine Mutter weiß, nichts ist sogar wahrscheinlicher; aber weshalb sollte die gerade mit mir in Verbindung stehen? Es ist nicht gut denkbar, daß sich dieser Desterres, falls er wirklich eine Büberei ausgeübt hat, eines solchen Geschöpfes bedienen sollte!« »Warum denn nicht?« rief Bertrand. »Junge, du hast dich lange in der Welt herumgetrieben, aber doch zu wenig von der wirklichen Schlechtigkeit der Menschen gesehen! Ich habe hier schon andere Erfahrungen gemacht, und wie ich mir in dieser Nacht alles hin und her überlegt habe, zweifle ich keinen Augenblick mehr daran, daß dein armer Onkel keines natürlichen Todes gestorben ist!« »Aber auf welche Weise wäre das möglich gewesen?« »Ich habe mir fast die ganze Nacht darüber den Kopf zerbrochen«, sagte Bertrand, »bin aber noch immer nicht recht im klaren. So viel ist gewiß, daß die Alte hier in der Nachbarschaft in dem Rufe steht, eine Menge geheimer Tränke, unter anderen auch Liebestränke, brauen zu können, und daß sie von dem abergläubischen Landvolk deshalb gefürchtet wird. Sie wohnte auch früher ganz abgelegen und allein dort, wo sich der Fluß wieder näher den Bergen zuzieht, in einer alten, zerfallenen Hütte, in den dürftigsten Umständen, und ging, wie ich dir schon gestern sagte, gewöhnlich in der Ansiedelung, ja, oft bis nach Lima hinein betteln. Das hat jetzt vollständig aufgehört. Der gegenwärtige Besitzer deiner Hacienda – Junge, Junge, sieh einmal, wie das Zuckerrohr hier gewachsen ist – klingt es da nicht ordentlich lächerlich, daß wir Peruaner Zucker vom Ausland importieren und mit teurem Geld bezahlen? Und mit Baumwolle habe ich einen ebenso glücklichen Versuch gemacht. Das wäre ein Land für Baumwolle, wenn wir nur Arbeitskräfte hierher bekommen könnten, um es zu bewässern. Kein Regen, der die aufplatzenden Kapseln verdirbt, was müßte das für eine famose Baumwolle werden! Aber es ist kein Trieb in dem Volk, keine Energie, und trotzdem hätte sich bei den enormen Einnahmen ein Paradies aus dem Lande schaffen lassen. Sie fangen auch hier nicht eher an, etwas Ordentliches zu schaffen – du wirst sehen, daß ich recht habe – bis es zu spät ist, das heißt, bis die letzte Schaufel voll Guano von den Chincha-Inseln heruntergekratzt ist. Nachher werden sie anfangen wollen, wenn kein Geld mehr da ist, aber woher dann nehmen und nicht stehlen! Und jetzt werden die Millionen nutzlos aus dem Fenster geworfen. Es ist wahrhaftig ein Jammer.« »Was aber wollten Sie mir von dem gegenwärtigen Besitzer meiner Hacienda sagen?« »Ja so, von der Alten; die hat jetzt von dem neuen Eigentümer das Haus gebaut bekommen, und das nicht allein, nein, sie muß auch noch einen Zuschuß zum Leben erhalten, denn mit dem Betteln hat es vollständig aufgehört. Umsonst tut Señor Desterres das aber nicht, so viel ist sicher, und wenn mir die Geschichte auch schon lange wunderlich vorkam, habe ich mir bis jetzt immer nicht die Mühe genommen, darüber nachzudenken.« »Dann bliebe nur der einzig mögliche Fall, daß sie auf die Bestellung dieses Herrn irgendeinen teuflischen Trank gebraut haben könnte; was aber hätte dann der Junge damit zu tun, der, wenn sich seine Phantasien darauf beziehen sollen, jedenfalls eine Hauptrolle dabei gespielt haben müßte?« »Hm, ja, eigentlich; aber der Teufel weiß auch, wie das alles zusammenhängt. Jedenfalls sind wir auf einer Fährte; es mag eine falsche sein, ich will nichts dagegen sagen, aber ein Stück nachgehen müssen wir doch, und finden wir nachher keinen Schweiß, nun gut, dann haben wir wenigstens unsere Schuldigkeit getan. Jetzt aber, nachdem uns die Alte selber gerufen hat, gibt uns das auch eine prächtige Entschuldigung, um sie noch einmal aus freien Stücken zu besuchen und zu sehen, wie die gegebene Medizin gestern gewirkt hat, und ich denke, wir machen davon Gebrauch.« »Wird sie aber keinen Verdacht schöpfen, wenn sie mich erkennt?« »Erstlich glaube ich gar nicht, daß sie dich kennt«, sagte Bertrand. »Dann aber auch, sollte es wirklich der Fall sein, kann sie nichts Außerordentliches darin finden, daß du mich besuchst, die wir doch immer alte Freunde waren. Je offener du dich zeigst, desto unverfänglicher wird ihr deine Gegenwart vorkommen. Jedenfalls gehen wir einmal hinüber; wir wollen auch vorderhand noch eigentlich weiter gar nichts von ihr, als sehen, was sie für ein Gesicht macht.« »Nun gut«, sagte Rafael, »gehen wir also hinüber, ich bin sehr neugierig, wie es in der Hütte am hellen Tage aussieht.« Und ohne weiter ein Wort miteinander zu wechseln, schritten die beiden Männer durch den Garten und wieder der kleinen Hütte, Pascuas Wohnung, zu. Bertrand und Don Rafael waren, wie es schien, von keinem Insassen der Hütte bemerkt worden, und da die Tür offen stand, bedurfte es keiner weiteren Einführung als des eben üblichen » Ave Maria «, mit dem oder mit einem ähnlichen frommen Wort sich jeder Fremde beim Eintritt in ein Haus melden muß, um die Aufmerksamkeit der Insassen auf sich zu ziehen. Als die beiden Freunde mit dieser Anrede auf die Schwelle traten, kauerte die Alte gerade vor ihrem Ofen und der junge Bursche saß noch auf seinem Bette wie gestern abend. Aber er war nicht mehr in dem alten, zerrissenen Hemd, sondern in seinen »Sonntagskleidern«, kurzen Hosen von blauem, feinem Tuch, einem weißbaumwollenen Hemd, einer hellbraunen Jacke mit blanken Knöpfen, einem umgeknüpften buntseidenen Halstuche und einem kleinen Panamahut. Nur sein Gesicht sah bleich und angegriffen aus, und als er die Fremden bemerkte, schien er sich, wie gestern auch, scheu und verdrossen noch weiter in die Ecke zurückdrängen zu wollen. Der Besuch mochte ihm keinesfalls angenehm sein. Aber auch »Mutter Pascua« warf einen scheuen Seitenblick auf die Weißen, während sie ihr als Antwort geltendes » purisima « vor sich hinmurmelte. So sehr sie gestern abend den Besuch und die Hilfe ihres französischen Nachbars gesucht und gewünscht hatte, so wenig war ihr, allem Anschein nach, heute morgen daran gelegen. »Nun, wie geht's heute mit dem Kranken?« fragte Bertrand, der sich darum wenig kümmerte. »Hat die Medizin geholfen?« »Ja; der Herr vergelt' es Euch! Ich bin eine arme alte Frau und kann es nicht«, sagte die Alte, indem sie aufstand und sich die Asche vom Rock klopfte, »es ist besser heute, aber es hat ihm arg mitgespielt.« »Kann ich mir denken«, lachte Bertrand, »aber wie ist's mit dem Fieber?« – Und mit diesen Worten ging er auf das Bett zu, um den Puls des Burschen noch einmal zu fühlen; der aber, den Blick dabei nicht auf Bertrand, sondern auf den ihn begleitenden Rafael gerichtet, drückte seine Arme fest hinter sich und sagte: »Es ist gut; Pedro hat kein Fieber mehr, es ist alles gut, nur der Magen ist tot – Señor Bertrand hat ihn totgemacht mit seinem Giftwein.« »Ja, mein Junge, das glaub' ich«, schmunzelte der Franzose, »daß dir dein Magen heute morgen wie tot vorkommt; hast auch eine tüchtige Portion Brechweinstein gestern abend verschluckt; wird aber schon wieder lebendig werden, wenn du ihn nicht selber totsäufst.« »Ist das der Doktor von gestern abend?« sagte die Frau leise zu Bertrand, indem sie seinen Arm berührte und verstohlen auf Rafael deutete. »Ja, allerdings, zum Besuch bei mir«, sagte der Franzose. »Seit wann ist er zurückgekehrt?« fragte die Frau weiter. »So, kennst du ihn doch von früher her, Pascua?« fragte Bertrand rasch. »Die Leute sagten, er wäre tot?« »Die Leute schwatzen mancherlei; man darf eben nicht alles glauben.« »Bleibt er hier?« »Weshalb?« Die Frau erwiderte nichts mehr. Nur einige unverständliche Worte vor sich hinmurmelnd, nahm sie ihre Arbeit wieder auf und schien auf den Besuch nicht weiter zu achten. Mit einem kurzen a Dios! verließen beide die Hütte wieder. »So hat dich die Alte doch erkannt«, sagte Bertrand draußen zu seinem jungen Begleiter, »und es war ihr noch dazu nicht recht, daß du hierher zurückgekehrt bist. Ich sah's in ihren Augen. Und hast du die goldenen Münzen bemerkt, die sie unter dem alten, zerlumpten Tuch um den Hals trug?« »Bah«, sagte Rafael, »Sie wissen doch, was die Eingeborenen von echtem Schmuck halten und wie sie sich alle das Notwendigste an Leib und Leben abdarben, nur um einen derartigen Zierat von echtem Gold an sich zu haben! Es ist das noch ein altes Anhängsel aus ihrer Heidenzeit: beinahe jede hat es.« »Hm, und wie anständig der Lump, der Cholo, heute morgen gekleidet ging«, fuhr Bertrand sinnend fort; »hundeschlecht war ihm noch von meiner gestrigen Medizin, aber Staat mußte er machen, und keine Hand rührt er zu irgendeiner Arbeit!« »Lieber Bertrand, ich glaube wirklich, Sie sind auf einer falschen Fährte; es kann ja gar nicht möglich sein.« »Gut, mag sein, Junge, aber laß mich einmal eine Weile darauf«, beharrte Bertrand. »Für jetzt ist doch nichts zu tun, denn direkt ist aus den beiden nichts herauszubekommen, wenn sie wirklich etwas wüßten, und so lange du jetzt hier bleibst, gar nicht. Bist du aber erst einmal nach Lima zurückgekehrt, dann wollen wir sehen, was sich weiter machen läßt.« »Wenn Sie wirklich noch stärkere Beweise als einen bloßen Verdacht hätten, was würde es helfen?« »Ich habe einmal meinen Spaß daran; laß mich; und überhaupt ist mir die Nachbarschaft nicht angenehm. Verdächtiges Gesindel bleibt es jedenfalls, und ich bin diesem Herrn Desterres keineswegs dafür verbunden, sie mir gerade auf die Nase gesetzt zu haben.« »Ihre Hunde werden sie schon fern halten«, lachte Rafael. »Die Schufte sind selber mit allen Hunden gehetzt; aber was hast du jetzt vor, und was willst du zunächst tun?« »Diesen Herrn Desterres aufsuchen und mir den Kaufbrief vorlegen lassen. Es interessiert mich doch jetzt, zu wissen, wer die Zeugen sind, und wie das Papier überhaupt ausgestellt wurde. Auch möchte ich die Namensunterschrift selber prüfen, wenn ich mir auch nicht den geringsten Nutzen davon verspreche. Ich hoffte diesen Desterres hier zu finden; wie Sie mir sagen, ist er aber gegenwärtig in Lima oder Chorillos, und es bleibt mir jetzt nichts übrig, als ihn eben aufzutreiben.« »Gut, nimm aber einen Rechtsanwalt dazu.« »Ich verstehe selber genug von der Jurisprudenz.« »Schadet nichts, nimm doch einen. Du bist überhaupt viel zu ehrlich für einen Advokaten. Ein richtiger Rechtsanwalt muß hinter der einfachsten, unschuldigsten Sache eine Schurkerei wittern.« »Aber wenn nun keine dahinter steckt?« »Schadet nichts; ein richtiger Jagdhund hat jeden Grasbüschel in Verdacht, daß ein Huhn oder ein Hase dahintersitzen könnte, und geht sie alle gegen den Wind an. Ist nichts drin, gut; steckt aber etwas dahinter, dann hat er's auch um so sicherer in der Nase. Übrigens nimmst du die Sache merkwürdig kaltblütig. Junge, in der Hacienda liegt ein Vermögen, und so reich bist du denn doch nicht, daß du das so behaglich über die Achsel werfen könntest.« »Aber tu ich denn das, alter Freund?« fragte Rafael. »Ich füge mich doch nur dem Unabänderlichen. Geben Sie mir wirklich eine haltbare Spur, und dann überzeugen Sie sich selber, mit welchem Eifer ich ihr folgen werde. Für jetzt aber kann ich nichts tun, bis ich nicht den Kaufbrief selber gesehen und mit Desterres gesprochen habe.« »Den Nachlaß deines Oheims mußt du von Callao abholen«, riet Bertrand, »es sind viele Papiere dabei, wenn ich auch fast fürchte, daß wir nichts Besonderes darin entdecken werden! Jedenfalls müssen wir sie durchsehen!« »Sowie der Dampfer von Valparaiso ankommt, fahre ich hinüber und schicke Ihnen dann alles hier heraus. Das machen wir nachher gemeinschaftlich.« »Gut; also das ist abgemacht. Und wann willst du wieder nach Lima zurück?« »Gleich. Zeit möchte ich nicht mehr versäumen, als nötig ist; nur Sie mußte ich erst einmal begrüßen und die Sache hier besprechen. Das ist jetzt geschehen, und je eher ich selber jetzt nach Lima zurückkomme, desto besser.« »Hm, wie alles jetzt steht, magst du recht haben, aber allein laß ich dich nicht wieder nach Lima hineinreiten.« »Sie glauben doch nicht etwa, daß ich mich fürchte?« lachte Rafael. »Nein«, sagte Bertrand, »aber ich habe doppelte Gründe dafür. Mit einem ganzen Vermögen in der Tasche...« »Ich habe es nur hier herausgebracht, um es bei Ihnen zu deponieren.« »Bei mir?« »Nun, gewiß. Es ist die sicherste Stelle, die ich in Peru kenne. Würden Sie mir nicht den Gefallen tun, meine Papiere zu bewahren?« »Du magst am Ende recht haben«, sagte nach kurzem Nachdenken der Franzose; »dann aber müssen wir uns noch an jemand anders wenden, der, was ich an wichtigen Papieren besitze, ebenfalls zur Aufbewahrung hat.« »Jemand anders? Und wer wäre das?« fragte Rafael erstaunt. »Juanita«, erwiderte der Alte trocken. »Sie allein ist mein Kassen- und Rechnungsführer, und wenn ich aufrichtig sein will, kümmere ich mich eigentlich um gar nichts, als eben um meine Felder und mein Vieh.« »Aber Juanita ist noch so jung! ...« »Mag sein«, sagte der Vater, »aber für ihr Alter außerordentlich ruhig und praktisch, und ich kann mich in allem auf sie verlassen.« »Bueno« , lachte Rafael, »dann machen wir sie also zum Kassierer.« »Und das können wir gleich tun, denn jetzt sitzt sie eben bei ihren Büchern und rechnet und addiert. Ich hab' viel Freude an dem Kind, und Gott erhalte sie mir nur so gut und lieb noch viele, viele Jahre!« Sie hatten während des Gesprächs den Garten wieder erreicht, betraten gleich darauf das Haus und, von dem Vater geführt, Juanitas Zimmer, wo sie das junge Mädchen freilich arg überraschten. Juanita saß an ihrem »Schreibtisch«, der einfach genug von dem Vater aus Tannenholz gezimmert und dann braun lackiert, aber praktisch mit Schubladen und Fächern eingerichtet war. Dort hatte sie, da der Monat gerade zu Ende ging, eine Menge von Rechnungen und Blättern um sich her liegen und war in ihre Arbeit so vertieft gewesen, daß sie das Öffnen der Tür gar nicht beachtete, bis sie des Vaters Stimme hinter sich hörte. Sie erschrak, als sie den Fremden auf der Schwelle stehen sah. Eigentlich hätte er ihr ja wohl gar nicht fremd sein dürfen; war er doch ein lieber Jugendgespiele von ihr, mit dem sie sich früher geduzt und der sie oft auf seinem Rücken im wilden Spiel im Garten umhergetragen hatte. Jetzt aber war er ihr doch fremd geworden; sie nannten sich Sie und waren höflich, nicht mehr freundschaftlich zusammen, und das konnte auch eigentlich gar nicht anders sein. Hatte er sich doch da draußen weit in der Welt umhergetrieben und war ein Mann im vollen Sinn des Wortes geworden, während sie sich, die kaum die Plantage verlassen hatte, um vielleicht einmal mit ihrem Vater nach Lima hineinzureiten, noch immer wie das Kind von früher vorkam. Wie konnte er auch von der Welt erzählen, und was wußte sie vom Leben! War es da ein Wunder, daß er die Zeit vergessen zu haben schien, wo sie mitsammen Kinder waren? Und wie es bei ihr im Zimmer aussah! So viel hatte sie heute morgen schon zu tun gehabt, daß sie noch nicht einmal an Aufräumen denken konnte! Ihr Hut lag da noch auf dem Tisch, die Schürze, die sie im Garten umgehabt hatte, hing über dem Stuhl, und ihr Haar, wie wirr ihr das auch gerade heute um den Kopf hing! »Aber, Vater!« rief sie bestürzt. »Was, Töchterchen?« fragte der alte Mann lächelnd, der auch nicht den geringsten Grund sah, weshalb sie so verlegen sein konnte. »Was hast du, Schatz?« »Aber wie kannst du nur Don Rafael hier herauf zu mir führen? Ich habe ja noch nicht einmal aufgeräumt!« »Entschuldigen Sie mein Eindringen, Señorita«, lächelte Rafael, »aber ich komme, auf die Empfehlung Ihres Vaters, mit einer Bitte. Da ich nämlich gehört habe, daß Sie Sekretär und Verwalter meines alten Freundes sind, so möchte ich Sie bitten, ein kleines Paket wichtiger Schriften, die ich gern bei Ihnen ließe, für kurze Zeit in Verwahrung zu nehmen. Wollen Sie mir diesen Gefallen erweisen?« Das junge Mädchen, wenn es vorher schon rot geworden war, erglühte jetzt wie Purpur. »Mein Vater –!« stammelte sie. »Na, mach' keine langen Redensarten«, lachte der Alte, »pack' die Geschichte mit zu meinen Papieren, besonders eingewickelt sind sie ja, und damit basta! So, das wäre abgemacht, und jetzt habe ich nichts mehr dagegen, wenn du nun allein zurückreitest. Leute, die aus dem Lande kommen, werden überhaupt weit seltener angefallen, weil man bei denen weit seltener Geld oder Geldeswert vermutet, als bei solchen, die von der Stadt aus erst eine Reise in das Innere machen wollen. Wenn sie zurückkommen, ist ihnen gewöhnlich nicht mehr viel geblieben.« »Sie wollen schon wieder fort, Don Rafael?« fragte Juanita jetzt, die sich von ihrer ersten Verlegenheit vollständig erholt hatte, indem sie das Paket aus seiner Hand nahm – »ich werde Ihnen die Papiere gewiß sicher und gut aufheben.« »Herzlichen Dank, Señorita! Ja, ich muß wieder in die Stadt, um doch jetzt einmal nach meinen Angelegenheiten zu sehen. Sobald sie aber beendigt sind, komme ich wieder heraus, und hoffe dann länger bei Ihnen bleiben zu können.« »Das soll ein Wort sein, Junge! Aber ehe du gehst, mußt du doch jedenfalls noch einen Imbiß nehmen.« »Wir haben ja eben erst gefrühstückt«, wehrte Rafael ab; »mit vollem Magen reitet es sich auch schlecht. Leben Sie wohl, Señorita!« »Ach was«, sagte Bertrand – »Señorita, Señorita – daß ihr euch beide nicht mehr duzt wie als Kinder, finde ich ganz in der Ordnung, aber mit dem Señorita brauchst du dem Mädchen nicht den Kopf zu verdrehen; es klingt gar zu fremd, und fremd bist du uns nun doch einmal nicht! Warum nennst du sie nicht bei ihrem Namen?« »Also auf Wiedersehen, Juanita«, sagte Rafael herzlich. »Es ist ja auch wahr, das Señorita wollte mir selber nicht so recht heraus, und wir sind ja doch auch immer wie Bruder und Schwester gewesen. Und nun Ade, denn möglicherweise muß ich heute noch nach Chorillos, und dann wird es höchste Zeit für mich, wenn ich noch den letzten Zug erreichen will.« Eine Viertelstunde später trabte Rafael wieder auf seinem ausgeruhten Braunen in die Stadt zurück. Präsident Castilla Südlich von Lima am Seestrand, aber nur wenige Leguas von der Hauptstadt des Landes entfernt und durch eine Eisenbahn mit ihr verbunden, liegt Chorillos, der vornehmste Badeort der Bewohner Limas; es gehört eigentlich mit zum guten Ton, dort ein kleines Landhaus, einen sogenannten Rancho, zu haben und einige der heißen Monate im Jahr da zuzubringen. »Chorillos, peruanischer Badeort, am Strande der See«, wie romantisch das klingt, und wie sich die Phantasie des Lesers da gleich ein lauschiges, von Palmen überschattetes Plätzchen ausmalt! Schöne Träume! Die ganze Küste fast von der äußersten nördlichen Grenze Perus bis zu der südlichen Grenze ist eine kahle, starre, sonnengedörrte Bergkette, die nur an wenigen Stellen – aber wahrlich nicht bei Chorillos – von staubig grünen und mühsam bewässerten Hängen unterbrochen wird. Chorillos als Badeort verdankt seine Entstehung auch nicht einer romantisch bewaldeten Schlucht; denn seine Berge liegen so nackt und ausgetrocknet in der glühenden Sonne, wie Limas ganze übrige Nachbarschaft. Aber eine kleine Bai schnitt hier in die Küste ein, durch ihr südliches Vorgebirge das Ufer vor den zu stürmischen Wogen der See schützend, und da sich der Überrest eines der alten Indianerstämme dort niedergelassen und ein kleines Dorf gebaut hatte, so zogen sich auch nach und nach einige Weiße dorthin und badeten in der klaren Flut. Der Platz war aber noch sehr wenig besucht; kein Wunder, wenn man bedenkt, welchen langen, beschwerlichen und ermüdenden Ritt man dort hinaus von Lima hatte, wo auch nicht ein einziger Baum dem Reiter Schatten gab und jeder Hufschlag des Pferdes Wolken von Staub aufwirbelte. Da aber ließ sich Seine Exzellenz der Präsident dort ebenfalls einen Rancho bauen, und jetzt war der Platz – genau so, als ob er bei uns in Europa gelegen hätte – auf einmal Mode geworden. Wer irgend die Mittel dazu besaß, kaufte sich dort ein kleines Häuschen für den Sommer; wer sie nicht besaß, mietete sich eins, aber die Hautevolee mußte zu einer gewissen Jahreszeit nach Chorillos fahren, bis der Zudrang so groß wurde, daß sich sogar eine Eisenbahn rentierte. Das Dorf gehörte den Indianern; ein indianischer Kazike war sogar jetzt noch Magistrats-Person und oberste Behörde dort, und alle Häuser wurden, wenn auch von etwas besserem Material, doch genau in der Art und Weise errichtet, wie die Indianer selber ihre Ranchos bauten. Daß man zu den Säulen der Veranden keine rohen, unbehauenen Stücke Holz nahm und die Stuben, anstatt sich mit den Reisigwänden zu begnügen, tapezieren ließ, verstand sich von selber. Auch der Präsident hatte sich ein ziemlich einfaches Landhaus hier erbaut, und wenn der Vorhof auch mit Steinsäulen und eisernen Gittern umgeben war und in dem großen Salon ein Klavier und europäische Möbel standen, war das Ganze doch nicht reicher ausgestattet, als sich ein wohlhabender Privatmann in Europa seinen Sommeraufenthalt ebenfalls herstellen würde, und Präsident Castilla verfügte über Millionen. Castilla war aber überhaupt ein Mann, der auf das Äußere wenig gab, ein Soldat im wahren Sinn des Wortes, einfach und schmucklos, und ein Feind alles unnötigen Zeremoniells; gutmütig, ja herzlich dabei in seinem Familienkreise, aber ein Despot nach außen und gegen seine Untergebenen – und er hatte recht. Im geheimen spottete die Hautevolee in Lima über ihn, daß er ein ganz gewöhnlicher Cholo sei, das heißt, daß er indianisches Blut in den Adern habe und aus der Hefe der Bevölkerung stamme. Aus dem Volke stammte er in der Tat; denn während er schon lange das Staatsruder in Händen hielt und das Staatsschiff allerdings auch dahin steuerte, wohin er es haben wollte, war sein Bruder noch Arriero oder Maultiertreiber im Süden des Landes, und wahrscheinlich von ebenso halsstarrigem Charakter wie der alte General, da er von diesem nie eine Unterstützung, nie eine Vergünstigung annehmen wollte und sein Geschäft nach wie vor weiter betrieb. Castilla aber, mit einem guten Teil gesunden Menschenverstandes und weit größerer Energie begabt, als seine Landsleute gewöhnlich besaßen, wußte sich bald aus den untersten Schichten der Gesellschaft emporzuarbeiten, und erst einmal die Macht in seinen Händen, sah er, wie sich vor ihm bückte und im Staube kroch, was früher verächtlich auf ihn herabgesehen hatte; daß dies nicht dazu beitragen konnte, ihn das Menschengeschlecht achten zu lernen, läßt sich leicht denken. So fand er bald Freude daran, gerade die, welche sich und ihre Familien zu der Crême der Bevölkerung rechneten und trotzdem schmeichelnd seine Tür umlagerten, nur um einträgliche Posten und Ehrenstellen von ihm zu erbetteln, so hart und abstoßend, ja, so verächtlich wie möglich zu behandeln. Waren sie dann wirklich angestellt, so drückten und betrogen sie das Volk, nur um für sich selber so rasch als irgend möglich ein Vermögen zusammenzuscharren. Und auch das wußte der alte Herr; was aber würde es ihm geholfen haben, wenn er sie weggejagt hätte – er bekam dafür nur ebensolche andere. Aber er ließ sie fühlen, daß er es wußte und es in seiner Gewalt hatte, sie aus Amt und Würden zu jagen oder gar dem Gesetz anheimzugeben. Dadurch bekam und behielt er Leute, über die er stets volle Macht hatte und mit denen er eben machen konnte, was er wollte. Es war etwa halb zehn Uhr morgens. Präsident Castilla hatte eben in seinem Landhaus in Chorillos mit seiner Familie gefrühstückt, und zwar nach englischer Art, aber sehr einfach, mit Fleischspeisen, Eiern und Tee. Präsident Castilla war ein kleiner, alter Herr von schmächtiger, aber sehniger Gestalt, mit etwas vorgebeugter Haltung, dem ein ziemlich starker, weißer Schnurrbart einen entschieden militärischen Ausdruck gab. Sein Auge war offen und lebendig, und er sah den, mit dem er sprach, fest und durchdringend an. Auch seine Bewegungen waren lebhaft, den rastlosen, tätigen und unternehmenden Charakter andeutend, der in ihm wohnte. In einem größeren und mächtigeren Reiche wäre er jedenfalls ein gefährlicher Nachbar für jede Nation gewesen, und selbst jetzt machte er seiner Nachbarschaft genug zu schaffen und hielt die Westküste Amerikas etwa in einer ebenso angenehmen Aufregung, wie Napoleon lange Zeit hindurch Europa gehalten hat. Das Hauptgewicht legte er von jeher auf die Militärmacht seines Landes, und zwar nicht allein auf das Landheer; sondern auch auf die Seemacht, denn er war nicht töricht genug, zu glauben, daß er mit einem Landheer allein einem anderen Staate imponieren könne, solange er nicht auch die Macht besaß, sich seine Küsten frei und seine Häfen geschützt zu halten. Er erreichte dadurch bei den Nachbarstaaten, daß er nicht allein geachtet, nein, daß er auch gefürchtet wurde, und das war die Hauptsache; denn im Privatleben mögen wir wohl einen anderen Maßstab anlegen, im Staatenleben aber achtet keine Nation die andere, wenn sie sich nicht auch gefürchtet zu machen weiß. Redensarten allein tun es nie. Ein Teil der riesigen Einkünfte Peru bezog jährlich bei einer Einwohnerzahl von zwei und einer halben Million Seelen »allein vom Guano« einen Nettogewinn von sechzehn bis zwanzig Millionen Dollars. des Landes floß aber auch nach Ecuador, Neu-Granada und Bolivien, um in diesen Staaten die Revolutionen zu unterstützen, die aus den drei Republiken ebenfalls Militärstaaten bilden sollten. Der alte Haudegen Castilla hatte nun einmal seine Freude daran, und seine nächste Umgebung, der natürlich daran lag, soviel Geld als möglich in Fluß zu bringen, um kleine und stete Abzugsquellen in ihre eigene Taschen zu leiten, bestärkte ihn selbstverständlich in diesen Plänen. Auch jetzt und während er, ohne ein Wort zu sprechen, mit einer Anzahl erbrochener Depeschen neben sich, sein Frühstück verzehrte, gingen ihm diese Gedanken rastlos durch den Kopf. Die Stirn in die Hand gestützt, trank er seinen Tee, und immer und immer wieder griff er eine der Depeschen heraus und überflog den Inhalt. Endlich schob er seinen Teller zurück, stand auf und fragte den hinter ihm stehenden Diener: »Ist denn der Finanzminister noch immer nicht gekommen?« »Der Zug hat sich heute morgen verspätet, Exzellenz«, sagte der Diener ehrfurchtsvoll; »vor wenigen Minuten aber traf er ein, und Señor Benares wartet auf Ew. Exzellenz im Salon.« »Ah, endlich!« rief Castilla, seine Serviette auf den Tisch werfend, »pack' mir die Briefschaften zusammen und bring' sie hinüber.« Und nur die eine Depesche, in der er so oft gelesen hatte, selber mitnehmend, schritt er rasch durch die Mitteltür in den Empfangssalon, wo ihn Señor Benares mit einer stummen, aber tiefen Verbeugung begrüßte. »Guten Morgen, Benares«, sagte der Präsident kurz, »Sie sind heute lange geblieben.« »Es war etwas an der Maschine nicht in Ordnung, Exzellenz.« »Haben Sie jemand aus Guayaquil gesprochen? Die Depeschen, die ich erhalten habe, sagen wieder gar nichts. Immer nur dieselben Hoffnungen und Pläne und Bitten um Geld, als ob ich die Tausend-Unzen-Säcke nur so aus den Ärmeln schütteln könnte!« »Wie mein Gewährsmann sagt«, versicherte Señor Benares, »war noch ein Regierungsboot, wahrscheinlich mit Privatdepeschen, vom Lande abgekommen, als der ›Callao‹ schon unter Dampf ging. Der Kapitän scheint sich aber geweigert zu haben, noch einmal anzuhalten.« Der Präsident zerbiß einen Fluch zwischen den Lippen. »Diese Engländer«, sagte er finster, »handeln so eigenmächtig wie möglich und tun überall, als ob sie die Herren wären! Und wie stand es in Guayaquil? Glaubte man, daß Granero bald einen entscheidenden Schlag führen würde? Bei Gott, es wird Zeit, wenn ich nicht die Geduld verlieren soll!« »Nach dem, was ich gehört habe«, versicherte Señor Benares, »scheint es weit eher, als ob General Flores bald einen entscheidenden Schlag führen würde, denn General Granero hatte von Bodegas flüchten müssen und war in Guayaquil eingeschlossen.« »Davon erwähnen die Depeschen kein Wort!« rief Castilla rasch. »Man konnte in der Stadt schon deutlich das Gewehrfeuer hören«, setzte der Finanzminister achselzuckend hinzu. Der Präsident ging mit auf den Rücken gelegten Händen, in denen er noch immer das Papier hielt, mit raschen Schritten auf und ab. »Wäre ich meinem Kopfe gefolgt«, sagte er endlich wieder, vor seinem Minister, der ihn wohl um eine Kopflänge überragte, stehenbleibend, »so hätte ich mich mit diesem verwünschten Sambo im Leben nicht eingelassen. Ich habe ihm nie die nötige Energie zugetraut, ein solches Werk rasch und tüchtig durchzuführen; ihr alle aber waret fortwährend anderer Meinung.« »Aber, Exzellenz ...« »Seien Sie ruhig – Sie ebensogut wie die anderen. Granero hinten und vorn – der ganze Süden von Ecuador stände wie ein Mann zu ihm. Jetzt haben wir's. Von Woche zu Woche hat er mich damit getröstet, daß er die ganze Küste bis zum Pailon hinauf besetzt halte und in den nächsten Tagen in Quito einziehen werde; von einem Kampfe erwähnte er gar nichts, als ob es bloß ein Triumphzug sein würde, und jetzt hat er sich nicht einmal in Bodegas, das der Schlüssel zu Guayaquil ist, halten können. Das Nächste, was wir hören werden, ist, daß sie mir auch meinen Dampfer noch zerschossen haben. Aber Gott soll mich verlassen, wenn ihnen das ungestraft hinginge!« Señor Benares dachte darüber anders, denn er war fest davon überzeugt, daß General Granero sich und den ihm zur Verfügung gestellten Dampfer wohl schon zur rechten Zeit außer Schußweite bringen würde; aber er hütete sich, etwas Derartiges laut werden zu lassen. Hätte es doch dem gerade widersprochen, was er früher selber so oft dem Präsidenten über den Charakter und die Tapferkeit des Generals Granero erzählt hatte. »Bis wann ist der nächste Dampfer fällig?« fragte der Präsident. »Wir haben keinen vom Norden vor vierzehn Tagen zu erwarten, Exzellenz«, sagte Benares achselzuckend, »denn die Segelschiffe, die inzwischen einlaufen werden, können keine neueren Nachrichten bringen. Unter drei Wochen macht keins die Reise.« »Aber der Dampfer läuft sie in fünf Tagen.« »Sie haben Wind und Strömung beständig gegen sich.« »Es ist rein zum Verzweifeln«, rief der Präsident ungeduldig, »und ich habe große Lust, einen Expreßdampfer hinaufzuschicken, nur um genau zu hören, wie es dort steht!« »Das würde sehr viel Geld kosten, Exzellenz«, sagte der Finanzminister, »und der Dampfer könnte doch im günstigsten Falle nur um ein oder zwei Tage früher wieder hier sein, wie die gewöhnliche Post.« »Sehr viel Geld, hm, ja«, sagte der Präsident nachdenklich, »und wir brauchen jetzt selber hier sehr viel Geld – das ist wohl wahr. Apropos, Benares, haben Sie mir die Anweisung an den Staatsschatz mitgebracht, von der ich Ihnen gestern abend sagte?« »Zu Befehl, Exzellenz, ich werde sie Ihnen nachher vorlegen.« »Gut; ich habe gestern abend wieder schmähliches Unglück gehabt. Dem Brasilianer fielen alle Karten zu.« »Wir müssen es auf andere Weise wieder aus ihm herauszubringen suchen«, lächelte der Finanzminister. »Den Teufel auch«, sagte der Präsident, »der Brasilianer ist zäh wie Gummi und geschmeidig wie eine Schlange. Er windet sich überall durch, und wo ich ihn fünf- oder sechsmal schon fest zu haben glaubte, schlüpfte er mir immer wieder zwischen den Fingern weg. Das ist eben das Unglück, daß uns diese Portugiesen mit der Mündung ihres Amazonenstromes ganz in der Gewalt haben, und mit Ein- und Durchfuhrzöllen bis aufs Blut peinigen können.« »Ich würde die Grenzregulierung auch vor der Hand ganz fallen lassen«, sagte Benares, »und vorher auf einen längeren Kontrakt der Schiffahrt dringen. Was liegt einstweilen daran, wie die Grenzen dort in den Wildnissen laufen?« Der Präsident zog seine Brauen zusammen, denn es war dies ein Gegenstand, der mit zu seinen Steckenpferden gehörte: die Grenzregulierung, d. h. die Grenzerweiterung seines Staates. »Das geht nicht«, sagte er finster, »schon Ecuadors wegen nicht; denn wenn ich dem Staat seine Grenzen vorschreiben will, muß ich mich vorher mit Brasilien darüber geeinigt haben.« »Und Don Manoel weigert sich, darauf einzugehen?« »Er weicht aus; er will, daß wir uns zuerst mit Ecuador verständigen – als ob mit diesem Flores eine Verständigung möglich wäre, wenn sich der Dummkopf, der Granero, nicht in Ecuador halten kann!« »Ich würde doch Ew. Exzellenz dringend bitten, vorher dem Schiffahrtskontrakt die nötige Aufmerksamkeit zu schenken.« »Wir haben ja einen Kontrakt«, sagte der Präsident ungeduldig. »Ja, aber nur auf sechs Jahre«, sagte Señor Benares achselzuckend; »bis wir aber in der deutschen Kolonie eine einzige Schiffsladung zusammenbringen, ist der Kontrakt schon wieder abgelaufen.« »Gut, gut, ich werde mir das überlegen«, wehrte Castilla ab. Das Gespräch war ihm nicht angenehm, und er fühlte doch auch, daß sein Minister in diesem Fall nicht unrecht hatte. »Der ganze Schiffahrtskontrakt hilft uns überhaupt nichts, wenn wir nicht fremde Kolonisten bekommen können, die jene Stellen besiedeln; denn von unseren Peruanern werden wenige dorthin zu bringen sein, bis ihnen der Nutzen vor Augen liegt. Ich kenne meine Landsleute.« »Auch darin habe ich versucht, Ew. Exzellenz Wünschen entgegenzukommen«, sagte der Finanzminister mit einer Verbeugung. »Exzellenz erinnern sich vielleicht noch, was wir vor sechs Monaten über die Einführung von fremden Kulis besprachen?« »Kulis?« fragte Castilla kurz; »ich bin kein Freund von diesem Kulihandel, wenn wir sie denn auch einmal Kulis nennen wollen, und das System bringt wohl einigen Spekulanten Nutzen, aber der Staat selber leidet immer darunter, wie wir den Erfolg ja auch mit den Chinesen gesehen haben, gegen die ich mich ebenfalls lange genug sträubte. Gibt es denn ein nichtswürdigeres Volk als diese verwünschten Langzöpfe? Sobald sie frei sind, überschwemmen sie das Land mit ihren Verbrechen! Alle Diebes- und Lasterhöhlen in ganz Lima werden von Chinesen gehalten.« »Aber die Deutschen haben sich doch bewährt.« »Ach, man hat auch nichts wie Schererei mit ihnen! Überall lassen sie sich anführen und betrügen, und dann kommen sie nachher und klagen und wollen, daß man ihnen helfen soll. Ich habe da gestern abend wieder so eine Geschichte vorgetragen bekommen, die noch nicht erledigt ist und wohl auch nicht erledigt wird, ich müßte denn meinen Morales nicht kennen. Es gibt kein hilfloseres Geschöpf als einen solchen deutschen Arbeiter in einem fremden Land.« »Außer, wo er sich auf seinem Grund und Boden befindet.« »Dagegen habe ich nichts. Aber was ist das mit Ihren Kulis?« »Ein Freund von mir, Ustegal und Compagnie, haben mehrere Schiffe ausgerüstet und nach den Inseln geschickt, um dort freiwillige Arbeiter anzuwerben, und das eine, die ›Libertad‹, muß in den nächsten Tagen eintreffen. Ein amerikanischer Klipper ist heute hier eingelaufen, der das Schiff schon auf der Höhe von Arica gesprochen hat.« »Glauben Sie denn, daß die Leute hier gut tun werden?« »Ich bin fest überzeugt davon.« »Ich sage Ihnen nochmals, ich mache mir gar nichts aus diesen schiffsweise importierten Arbeitskräften, und dazu solcher Menschen, die noch viel weniger selbständig aufzutreten wissen, als die Deutschen. Sie sind zu weiter nichts zu verwenden, als eben zu Handlangern.« »Aber, Exzellenz, selbst dazu brauchen wir Menschen; unsere Arbeitskräfte im Lande sind zu sehr durch das Militär in Anspruch genommen und müssen durch andere ersetzt werden, wenn wir nicht sogar unsere schon urbar gemachten Felder brachliegen lassen wollen; davon gar nicht zu sprechen, daß wir keinen Acker weiter in Angriff nehmen können.« »Ja, ja, Sie haben recht, wir brauchen Arbeiter; aber ich kann auch meine Soldaten nicht entbehren. Muß ich denn den Bolivianern nicht immer den Daumen aufs Auge halten, wenn sie nicht übermütig werden sollen? Lassen Sie mich heute meine Soldaten fortschicken, und morgen habe ich eine Revolution in Arica, wo sie ja nur auf eine Gelegenheit warten, um den Hafen wieder zu besetzen.« »Exzellenz kennen meine Meinung darüber«, sagte Señor Benares mit einer halben Verbeugung. »Die Sache ist, wie Sie ganz treffend bemerken, nicht zu ändern; das Militär ist unbedingt nötig, aber eben deshalb können wir ja doch einmal den Versuch mit den Kulis machen. Sagt es Ew. Exzellenz später nicht zu, oder finden Sie, daß das System den gehegten Erwartungen nicht entspricht, so ist es ja immer eine Kleinigkeit, es wieder aufzugeben. Es war dann eben nichts weiter als ein Versuch, und die Südsee-Insulaner sind vollkommen harmlose Menschen, mit denen eine Sittenverderbnis unseres Volkes nicht zu fürchten ist.« »Als ob an unserem Volk noch etwas zu verderben wäre!« brummte Castilla. »Nun gut, wir wollen einmal sehen, wie die neue Maschine arbeitet. Lassen Sie mich nur gleich wissen, wenn das Schiff signalisiert ist, damit die nötige Erlaubnis zum Ausschiffen gegeben wird. Sonst haben Sie doch nichts?« »Nichts weiter als einige Unterschriften Ew. Exzellenz einzuholen«, sagte der Finanzminister, indem er verschiedene Papiere aus seiner Tasche nahm und vor den Präsidenten auf den Tisch legte. »Hier diese fünfzehnhundert Dollars wurden dem Präfekten in Cerro für den Weg von Huánako nach dem Pozuzo, diese tausend Dollars für gleiche Arbeiten von Cerro nach Huancabamba zugesichert.« »Jawohl«, sagte Castilla, »die Gelder lassen sich die Herren auch regelmäßig zahlen, aber ewig laufen Klagen ein, daß kein Mensch die Strecken passieren kann. Ich werde nächstens einmal eine Revision dort hinüberschicken.« »Hier sind ferner zweitausend Dollars, die zur Reparatur der Wasserleitung nötig waren, und hundertundfünfzig Dollars, um einige gefährlich schadhaft gewordene Brücken auf dem Wege nach Cerro auszubessern.« »Das reißt gar nicht ab«, sagte der Präsident ungeduldig, »die ewigen Flickereien hören nicht auf, und dabei ist der Weg kaum zum Reiten. Ich muß wirklich einmal daran denken, eine ordentliche Straße da hinauf zu bauen. Wenn ein Schienenweg nur nicht so entsetzliche Summen kostete!« Er unterzeichnete die Schriften. »Hier sind ferner zwölftausend Dollars für die Verpflegungskosten der Truppen in Arica.« »Notwendig«, sagte Castilla, seinen Namen rasch unter das Papier setzend. »Ferner fünfzehntausend Dollars für die Ausrüstung des nach Guayaquil gesandten Dampfers.« »Was mich dieser Granero schon für Geld gekostet hat!« seufzte der Präsident, auch dies unterzeichnend. »Und ferner dreißigtausend Dollars für die neue Kaserne.« »Hm, ja, die Soldaten mußten untergebracht werden.« »Und hier, Exzellenz, die Anweisung, die Sie befohlen haben.« »Ach ja«, sagte der Präsident, das Papier nehmend und mit den Augen überfliegend. »Holla«, sagte er aber plötzlich, zu seinem Finanzminister aufsehend, »soviel ich mich erinnere, hatte ich Ihnen nur von fünfzigtausend Dollars gesagt, und hier stehen sechzig!« Mit einer leichten, halb entschuldigenden Verbeugung, aber mit dem größten Ernst erwiderte Señor Benares: »Ich brauche selber zehntausend, Exzellenz.« Castilla sah ihn erstaunt an, aber um seine Lippen zuckte ein halb verbissenes Lachen. Er erwiderte kein Wort, drehte sich ab und unterzeichnete den Scheck von sechzigtausend Dollars an die Staatskasse. »Das war alles?« sagte er nach einer kleinen Pause, während ein Diener eintrat und an der Tür stehenblieb. »Was willst du?« fragte er nach diesem hinüber. »Der Minister Señor Morales ist draußen, Exzellenz.« »Soll eintreten!« Der Mann verschwand wieder durch die Tür. »Alles, Exzellenz«, erwiderte Benares. »Nur die Beförderung eines jungen Mannes möchte ich Eurer Exzellenz noch ans Herz legen, der mir von vielen Seiten warm empfohlen worden ist.« »Wie heißt er?« »Felix Perteña.« »Was kann er?« »Er ist gewandt und brauchbar.« »Gut, ich will ihn nächstens einmal sehen, heute habe ich keine Zeit. Ah, Morales!« Der Minister, ein schlanker, stattlich gewachsener und sehr gut aussehender Mann, der eben eintrat, machte eine tiefe Verbeugung. »Sie haben mich wieder in eine schöne Geschichte hineingeritten!« rief ihm Castilla aber ziemlich barsch und ohne weiteren Gruß entgegen. »Exzellenz, ich weiß nicht ...« »Was ist das mit dem deutschen Konsul?« »Mit dem deutschen Konsul?« »Einer von ihnen, der Henker mag behalten, von welcher Stadt, war gestern abend bei mir – tun Sie nur nicht, als ob Sie nichts davon wüßten! Die deutschen Kolonisten sind da oben in ihren Bergen, wo sie ihre Güter zurücklassen mußten, um nach dem Pozuzo hinunterzukommen, auf das Nichtswürdigste und Frechste bestohlen worden, und trotz aller Klagen und Eingaben hat sich kein Mensch von euch allen darum bekümmert!« »Aber, Exzellenz ...« »Schweigen Sie! Sie haben den Konsul abgewiesen und ihn nicht einmal bei mir melden wollen, weil einer den andern nicht verraten will; aber ich fahre euch einmal dazwischen, wenn ihr es am allerwenigsten vermutet! Und da muß ich nachher mit all den Scherereien gequält und geärgert werden! Ich will Bericht über die Sache haben – verstanden?« »Exzellenz befehlen!« »Was wollen Sie sonst noch?« »Nur anfragen, ob Eure Exzellenz für mich irgend ...« »Gar nichts, ich werde Sie schon rufen lassen, wenn ich etwas habe. Guten Morgen!« Und mit den Worten drehte er sich um und verließ das Zimmer. Die beiden Minister hatten sich, als er ging, ehrfurchtsvoll verbeugt; kaum aber fiel die Tür hinter ihm ins Schloß, als sich Morales leicht und lächelnd aufrichtete, sein Kinn strich und sagte: »Der Alte ist heute wieder in famoser Laune.« »Nicht besonders gnädig«, meinte Benares trocken. »Jedesmal, wenn Sie ihn vorher mit Ihren Geldgeschäften geärgert haben – das kann ich dann ausbaden.« »Lieber Freund«, sagte der Finanzminister, indem er seinen Arm nahm, »wir wissen beide, woran wir mit ihm sind. Lassen Sie ihn brummen, wenn er nur zahlt, was er soll. Wieviel Uhr haben Sie?« »Es wird gleich elf sein.« »Gut, dann dürfen wir auch keine Zeit mehr verlieren, denn der Zug geht Punkt elf, sonst müssen wir noch bis halb vier Uhr in dem langweiligen Nest sitzen. Kommen Sie.« Und die beiden Herren verließen zusammen das Gebäude und kehrten nach Lima zurück. Lydia Drei Tage waren nach den im letzten Kapitel beschriebenen Vorgängen verflossen, als sich eines Morgens auf dem Theaterplatze vor dem Hotel der »Vier Jahreszeiten« eine ziemliche Menschenmenge ansammelte und nach einem der Balkons, ziemlich in der Mitte des breiten, halbrunden Gebäudes, hinaufschaute. Die Neugierde galt auch dieses Mal niemand Geringerem, als dem Expräsidenten von Ecuador, dem General Granero, der mit dem heute morgen eingelaufenen Kriegsdampfer, von Guayaquil kommend, in Callao gelandet und mit ein paar sehr dunkelfarbigen Begleitern im Hotel abgestiegen war. »Die Ecuadorianer haben gesiegt«, rief man dabei unten im Publikum, »General Flores hat dem Sambo die Jacke ausgeklopft, und jetzt ist er hier und will sich von Castilla füttern lassen!« Andere Gerüchte durchliefen gleichfalls und zu derselben Zeit die Stadt: der peruanische Dampfer nämlich habe Guayaquil beschossen und die ganze Front der Stadt in Trümmer gelegt, und Flores wäre schon im Anmarsch mit zwanzigtausend Mann, um an Lima Rache zu nehmen. – Es gibt ja in solchen Augenblicken nichts so Unsinniges, daß es nicht auch eine Anzahl Gläubige fände. Im Ganzen herrschte hier aber doch besonders die Neugierde vor, denn von »General Granero«, der Peru in den letzten Jahren so entsetzlich viel Geld gekostet hatte, war so viel gesprochen und erzählt worden, daß man den Mann auch jetzt gern einmal von Angesicht zu Angesicht sehen wollte. War er das? Eine kleine, dicke, fast braune Gestalt, mit schwarzem, dicht gekräuseltem Haar trat einen Augenblick auf den Balkon hinaus und warf einen Blick auf die unten Versammelten; dann glitt er wieder in das Zimmer zurück und schloß die Balkontür hinter sich. »Der kleine, dicke Neger kann es doch nicht gewesen sein«, murmelten die Leute unter sich, die indessen eine lautlose Stille beobachtet hatten, »der wäre doch nicht so viel Centavos wert gewesen, wie er Unzen gekostet hat!« Aber er kam nicht wieder heraus, die Balkontür blieb verschlossen, und die Neugierigen verliefen sich nach und nach. Als der Platz noch ziemlich belebt war, hielt gegenüber ein Wagen vor dem Theater, dessen Privattür sich jetzt öffnete, und eine junge, reizende Dame, von einer älteren und dem Direktor selber begleitet, kam heraus und bestieg den Wagen. Der Direktor half ihr hinein und grüßte dann auf das freundlichste, als das leichte Fuhrwerk die Straße hinauf der Plaza zu rasselte. »Das war die neue Sängerin, die morgen auftreten wird«, ging die Kunde von Mund zu Mund, »ein wunderschönes Mädchen. Sie ist mit dem letzten Dampfer von Europa gekommen.« Und der Direktor blieb in der Tür stehen und sah dem Wagen nach, so weit er ihm mit den Augen folgen konnte. Don Rafael hatte sich indessen einige Tage in der Stadt aufgehalten und war auch nach Chorillos hinausgefahren, um Desterres, den jetzigen Besitzer seiner früheren Hacienda, zu sprechen. Wohl interessierten ihn die näheren Verhältnisse seines eigentlichen Vaterlandes, aber sie waren ihm doch in den letzten sechs Jahren so fremd geworden, daß er sich erst wieder ordentlich hineinleben mußte, und dazu fehlte ihm jetzt die Zeit, denn seine eigenen Angelegenheiten beschäftigten ihn vor der Hand zu sehr. Fast gleichgültig hörte er auch die Nachricht von der Ankunft Graneros. Was er in Guayaquil von ihm hörte und sah, hatte ihn schon lange darauf vorbereitet, und er freute sich ordentlich, daß die Ecuadorianer den despotischen Usurpator, der ihren Boden jahrelang mit Blut gedüngt, endlich aus dem Lande gejagt hatten. Die Politik Perus gegen Ecuador billigte er überhaupt nicht. Aber auch von Desterres, einem echten, ausgetrockneten Peruaner mit einem nicht ganz kleinen Bruchteil indianischen Blutes in den Adern, erhielt er keine Auskunft, die ihm einen Einblick in das geheimnisvolle Dunkel gestattet hätte, das auf dem Verkauf seiner Hacienda und dem Tod seines Oheims lag. Bereitwillig hatte Desterres ihm zwar den Kaufbrief vorgelegt, der unleugbar die Handschrift seines Oheims trug; aber dem Auge Rafaels war dabei nicht entgangen, daß hier ein Betrug stattgefunden haben konnte, denn der Name seines Onkels war mit einer anderen Tinte geschrieben, als die Unterschriften der beiden Zeugen (die noch dazu zwei Freunde Desterres' waren und keine Nachbarn; den alten Freund Bertrand hätte er doch gewiß mit hinzugezogen); und als er Desterres, ohne jedoch ein Wort von dem, was ihm aufgefallen war, zu äußern, fragte, wo und in welchem Hause der Kontrakt unterzeichnet worden war, versicherte ihm dieser: in seines Onkels Hause, in dessen Schreibstube, wo sie überhaupt den ganzen Handel abgeschlossen hätten. Dabei war etwas nicht in Ordnung; aber wie das jetzt herausbekommen, ohne diesen Herrn vor der Zeit mißtrauisch zu machen? Jedenfalls mußte er sich Zeit zum Überlegen nehmen. Übrigens ersah er aus dem Kontrakt, daß das ganze Inventar, sogar mit den Mobilien, einbegriffen war, und nach dem Tode des Eigentümers, als Desterres ungehinderten Besitz von dem Gute nahm, hatte dieser, wie Rafael schon wußte, die nicht im Verkauf begriffenen Papiere und Kleidungsstücke des alten Herrn in verschiedene Koffer verpackt und an das Haus in Callao gesandt, mit dem der alte Señor Aguila in Verbindung stand. Wertvolles war jedoch in den Koffern nicht enthalten, wie Desterres bemerkte, die Uhr des alten Herrn ausgenommen und sein Zaumzeug mit ein Paar silbernen Sporen. Señor Desterres zeigte sich übrigens sehr erstaunt, daß Don Rafael das Geld – die Summe belief sich auf 29 000 Dollars – gar nicht empfangen haben sollte und auch nicht wisse, wo es der alte Herr deponiert haben könne. Möglich sei es aber, daß er darüber in den in den Koffern befindlichen Papieren Aufschluß finde, denn diese seien natürlich im Beisein von mehreren Zeugen, ungelesen und uneröffnet, versiegelt und eingepackt worden. Don Rafael war nun von vornherein überzeugt, daß in den Koffern kein solcher Aufschluß enthalten sein würde, hütete sich aber wohl, Desterres das merken zu lassen. Er äußerte nur: es sei kaum anders möglich, als daß dem so wäre, gab das Dokument seinem Eigentümer zurück und verließ den Herrn, der ihn noch auf das wärmste seiner Freundschaft versicherte und ihm sein eigenes Haus zur Verfügung stellte, wann auch immer er Gebrauch davon machen wolle. Das Hirn voll wirrer Gedanken, kehrte Rafael von Chorillos nach Lima zurück, und kam erst eigentlich wieder zu sich selber, als er an einer der Straßenecken eine Anzahl von Menschen vor einem frisch angeklebten Theaterzettel stehen sah. »Lydia Valiére«, der Name fiel ihm augenblicklich in die Augen, »die berühmteste Sängerin Frankreichs«, wie der Zettel sagte, die morgen als »Regimentstochter« zum ersten Male in Lima auftreten und damit ein Gastspiel von zwölf Vorstellungen eröffnen würde. Lydia – er hatte das eigentümliche Mädchen mit all dem, was ihm heute im Kopf und auf dem Herzen lag, schon beinahe ganz vergessen! Es war eigentlich nicht recht. Er hätte sie wohl einmal besuchen und wenigstens anfragen können, wie es ihr ginge. Und wenn er das jetzt gleich tat? Bis drei Uhr nachmittags, wo ihm sein Freund Gaspar ein paar gute Reitpferde vorführen wollte, hatte er nichts zu tun. Er konnte die Zeit bis dahin nicht besser ausfüllen. Die Señorita, das hatte er schon vor einigen Tagen erfahren, wohnte in einem französischen Hotel unfern der Plaza, und dorthin lenkte er jetzt seine Schritte. Eben aber, als er das Haus betreten wollte, fuhr, von ein Paar raschen Pferden gezogen, ein Wagen vor und hielt vor dem Hotel. Unwillkürlich trat er zurück, denn er glaubte zuerst, die Pferde wollten in den Torweg einbiegen. Das aber war nicht der Fall; der Wagen hielt und eine lachende Stimme rief ihn an: »Ah, Señor Confederado; so muß man Sie also auf der Straße abfangen, um Ihrer einmal habhaft zu werden?« »Señorita«, rief Rafael, indem er rasch an den Wagenschlag sprang und ihn öffnete – »und wenn ich Ihnen nun sage, daß ich eben im Begriff war, Sie aufzusuchen?« »Wenn Sie die Wahrheit sprächen«, sagte die junge Dame, indem sie die ihr gebotene Hand nahm und leicht aus dem Wagen sprang, »so würde ich es sehr liebenswürdig von Ihnen finden; aber – ich glaube es Ihnen nicht.« »Auch nicht, wenn ich Ihnen mein Wort gebe?« – Und er bot ihr seinen Arm, um sie in das Hotel zu führen, während der herbeigesprungene Oberkellner ihrer Begleiterin aus dem Wagen half. »Dann allerdings«, sagte Lydia halblaut und herzlich, »und ich danke Ihnen sehr dafür.« »Darf ich Sie jetzt hinaufbegleiten?« »Sie wollen wohl schon wieder fort?« lachte die junge Französin; »das wäre ein sehr kurzer Besuch gewesen. Nein, so geschwind gebe ich Sie noch nicht wieder frei. Sie müssen mir wenigstens erst erzählen, was Sie die ganze lange Zeit in Peru getrieben haben, und wie es Ihnen ergangen ist.« »Ich kann mir kaum denken, daß das für Sie von Interesse wäre«, sagte Rafael, während sie zusammen die Treppe hinaufgingen. »Wenn Sie auf eine Schmeichelei von mir warten«, lachte Lydia, »so sind Sie im Irrtum; es war bloße Neugierde, Señor. Aber da sind wir«, fuhr sie dann fort, als ein vorauseilender Kellner ihre Tür weit geöffnet hatte, indem sie in das Zimmer trat und ihren Hut auf einen Stuhl warf; »bitte, nehmen Sie Platz, Señor, und sagen Sie mir, weshalb sich, seitdem wir das Schiff verlassen haben, eine so tiefe und finstere Falte über Ihre Stirn gezogen hat.« »Unsere Lebenswege sind nicht alle glatt und mit Rosen bestreut«, sagte Rafael, während er der Einladung Folge leistete. »Wer hat an Bord eines Schiffes Sorgen? Für die Zeit der Fahrt übergibt der Passagier sein ganzes Ich der Obhut des Kapitäns und des Mayordomo, und erst wenn er das Land betritt, beginnt er wieder ein selbständiger und selbständig gequälter Mensch zu werden.« »So haben Sie hier Sorgen gehabt?« fragte das junge Mädchen, und es lag dieses Mal eine so wahre Teilnahme in ihrem Ton und Blick, daß Rafael sich nicht enthalten konnte, – er nahm ihre Hand, führte sie an seine Lippen und sagte leise: »Ich danke Ihnen, Señorita, für diese Frage, Sie haben mir wohl damit getan, denn selbst Sorgen tragen sich leicht, wenn man weiß, daß noch irgend jemand in der weiten Welt lebt, der Teil an uns nimmt. Nur allein tragen sie sich schwer.« »Haben Sie vielleicht jemand Liebes verloren?« »Ja«, sagte Rafael nach einigem Zögern, indem sein Blick fast unwillkürlich, aber von der Fragenden nicht beachtet, auf den goldenen Reif fiel, den er an der Hand trug, – »aber nicht durch den Tod.« »Es gibt Fälle, wo das noch weher tun kann«, sagte leise das plötzlich ganz ernst gewordene Mädchen. »Mancher Schmerz«, sagte Rafael, die trübe Stimmung gewaltsam von sich abschüttelnd, »trägt aber auch wieder in seinen eigenen Ursachen schon ein Heilmittel, wie der Biß mancher Schlangen unschädlich werden soll, wenn man ihr Gift trinkt.« »Sie sprechen in Rätseln.« »Ich brauche vor Ihnen kein Geheimnis daraus zu machen. Ich weiß nicht, wie es kommt, ob es Ihr eigenes offenes Wesen gegen mich sein mag, aber mir ist ordentlich, als ob ich vor Ihnen kein Geheimnis haben dürfte.« »Sind wir nicht alte Verbündete?« lächelte Lydia. »Gewiß«, erwiderte Rafael, »und wollen es auch bleiben. Meine Geschichte ist übrigens mit einigen Worten erzählt. Ich hatte ein ziemlich bedeutendes Besitztum in der Nähe von Lima und – eine Braut ...« – Lydias Blick flog jetzt nach dem Ring an seinem Finger. »Während meiner Abwesenheit starb mein Onkel, der mein Gut verwaltete, das, wie ich vermute, durch eine Schurkerei in andere Hände überging, ohne daß ich selber einen Dollar dafür erhielt.« »Aber wie ist das möglich?« »Was ist in Peru nicht möglich! Der jetzige Besitzer hat jedenfalls einen Kaufbrief darüber, und meine Braut scheint nicht mich, sondern nur das Gut geliebt zu haben.« »Pfui«, sagte Lydia verächtlich, »dann hat sie nicht verdient, daß Sie ihr auch nur einen einzigen Seufzer nachschicken! Sind Sie jetzt wirklich ganz arm?« setzte sie mit wahrer Herzlichkeit und Teilnahme hinzu. »Nein«, lächelte Rafael, »ich besitze Mittel genug, um von vorn zu beginnen; aber mir liegt jetzt daran, den Betrug zu entlarven.« »Und wer ist der jetzige Eigentümer Ihres Gutes?« Die Tür ging in diesem Augenblick auf, Lydias Gesellschafterin steckte den Kopf herein und sagte: »Señor Desterres läßt anfragen, ob es der Señorita genehm wäre, wenn er ihr seine Aufwartung machte.« »Er meldet sich selber«, lächelte Rafael. »Wer? Desterres?« rief Lydia rasch und erstaunt. Der junge Mann nickte nur. »Es wird mir sehr angenehm sein!« rief sie ihrer Begleiterin zu, und in der nächsten Minute trat Desterres, einen wundervollen Blumenstrauß in der Hand, auf die Schwelle, und eben nicht angenehm überrascht haftete sein Blick einen Augenblick auf Don Rafael. Wenn ihm aber die Gegenwart eines Dritten auch wohl nicht erwünscht sein mochte, so konnte er jetzt doch nicht mehr zurück, und auf die junge Dame zueilend, sagte er: »Señorita, erlauben Sie mir, Ihnen einige Kinder unserer armen peruanischen Flora zu Füßen zu legen, die erst in Ihrem Besitz einen Wert gewinnen können!« »Oh, die reizenden Blumen!« rief Lydia, indem sie den Strauß aus seiner Hand nahm und das Gesicht darüberbeugte – »wie dankbar bin ich Ihnen dafür! Aber, was ist das?« sagte sie plötzlich, als sie, um die zusammengebundenen Stiele herumgewunden, einen fremden Gegenstand fühlte und ein kunstreich gearbeitetes goldenes Armband entdeckte. »Entschuldigen Sie, Señorita«, bat Desterres, »ich konnte keinen würdigeren Gegenstand finden, sie zusammenzuhalten! Aber trotzdem ist er immer noch viel zu unbedeutend, als daß Sie ihn auch nur beachten sollten!« »Sie sind sehr liebenswürdig, mein lieber Desterres«, sagte Lydia mit gewinnender Freundlichkeit. »Oh, sehen Sie nur, Don Rafael, welch ein wundervolles Armband! Das werde ich jedenfalls bei meinem ersten Auftreten hier tragen!« »Sie machen mich glücklich!« »Aber ich weiß noch nicht einmal, ob sich die Herren kennen. Señor Desterres, Ihre vielen Titel habe ich vergessen«, lachte sie – »Señor Rafael Aguila, ein alter Reisegefährte von mir.« »Ich habe heute morgen schon das Vergnügen gehabt«, sagte Desterres, indem er Don Rafael die Hand bot und sie herzlich schüttelte. »Aber ich begreife gar nicht«, sagte Rafael nach einer mehr höflichen als herzlichen Verbeugung, »wie Sie von Chorillos hier hereingekommen sind – so rasch folgen doch die Züge einander nicht!« »Allerdings«, lächelte Desterres, »die Sache ist nur die, daß wir mit einem Zug, nur in verschiedenen Abteilen, gefahren sind und ich noch mit den Blumen aufgehalten wurde, sonst wären wir wahrscheinlich zusammen bei der Señorita eingetroffen. Aber wollen Sie schon fort? Ich würde sehr bedauern, wenn ich Sie gestört hätte!« Rafael war aufgestanden und hatte seinen Hut ergriffen. Auch Lydias Blick haftete fragend auf ihm. »Ich habe noch viel zu besorgen«, sagte er, »und war eigentlich nur heraufgekommen, um mich zu erkundigen, wie es dem Fräulein ginge. Zu meiner Freude habe ich mich jetzt selber überzeugen können, daß es ihr gut geht.« »Fahren Sie vielleicht jetzt nach Callao hinunter?« fragte Desterres. »Ich? Nein. – Weshalb?« »Ich glaubte, alle Welt fahre heute nach Callao – es ist der erste Transport von Kulis, südseeländische Insulaner, im Hafen eingelaufen, und man ist sehr gespannt darauf, die Leute zu sehen.« »Südseeländische Insulaner?« fragte Rafael erstaunt. »Haben Sie noch nicht davon gehört? Gewiß. Insulaner aus der Südsee, von den verschiedenen Inselgruppen; ich weiß nicht, von welchen. Man will einen Versuch machen, ob sie hier zu Arbeitern zu gebrauchen sind. Ich werde nachher auch hinunterfahren und ein oder zwei Dutzend von ihnen in Vertrag nehmen. Da es ein erster Versuch ist, gehen sie jedenfalls billig weg.« »Arme Menschen«, seufzte Rafael, »und die sollen hier in dem trockenen, heißen Boden arbeiten? Das ist etwas, was sie daheim noch nicht einmal im Schatten ihrer Palmen versucht haben.« »Es lernt sich alles«, lachte Desterres; »jedenfalls müssen sie ihren Vertrag acht Jahre einhalten, nachher können sie ja wieder in ihre Heimat zurückkehren und kommen dann als Kapitalisten nach Hause. Wenn sich die Sache bewährt, kann sie für Peru von den segensreichsten Folgen sein.« Lydia hatte die beiden Männer, während sie zusammen sprachen, schweigend beobachtet; jetzt sagte sie zu Rafael: »Bleiben Sie noch ein wenig, Señor, Sie können dann gleich noch eine andere Schiffsbekanntschaft erneuern.« »Señor Stierna?« fragte Rafael, und ein leises Lächeln zuckte dabei um seine Lippen. »Unser Schwede«, bestätigte die Señorita. »Er ist noch immer der alte; unverbesserlich.« »Und Sie?« »Auch immer die alte«, lächelte Lydia, »für alle meine Reisegefährten.« »Ich bedaure wirklich, Señorita, gerade heute gezwungen zu sein, Ihre freundliche Einladung abzulehnen. Wenn Sie mir aber erlauben, wiederhole ich meinen Besuch.« »Ich nehme Sie beim Wort«, rief Lydia schnell, und als er sich mit einer Verbeugung empfehlen wollte, schritt sie ihm noch bis zur Tür nach, reichte ihm dort die Hand, und während er einen leisen Druck derselben fühlte, flüsterte sie: »Wir bleiben Verbündete« – und setzte dann laut hinzu: »Auf baldiges Wiedersehen, Señor!« Rafael stieg wie in einem Traum die Treppe hinab. Er mochte es sich kaum gestehen, wie weh es ihm oben getan hatte, als Lydia das Geschenk des fatalen Menschen mit solcher Freundlichkeit angenommen hatte, und doch war er deshalb aufgestanden und fortgegangen. Und wie vermochte dieses verführerische Wesen ihn mit dem einen Händedruck und Blick und den zwei herzlichen Worten wieder so ganz umzuwandeln! Aber sie spielte mit ihm, wie sie mit all den anderen spielte; denn daß sie diesen vertrockneten Desterres nicht lieben konnte, davon war er fest überzeugt. »Es ist eine Kokette, eine durchtriebene Kokette«, flüsterte er vor sich hin, »und ich fürchte, sie hat nicht einmal ein Herz. Ich will sie auch nicht wiedersehen – auf der Bühne, ja; aber in ihre Nähe wage ich mich nicht mehr, denn die Motten flattern so lange um das Licht, bis sie sich die Flügel verbrennen, und ich meinesteils bin nicht gesonnen, ihren Triumphwagen mit durch die Welt zu ziehen.« Mit diesem festen Entschluß ging er die Straße hinab und malte sich dabei im Geist trotzdem schon aus, wie sie sich wohl benehmen werde, wenn er ihr das nächste Mal begegnete. Fremde in Peru Am nächsten Abend trat Lydia Valière zum erstenmal in der »Regimentstochter« auf; der Erfolg war ganz außerordentlich. Das große, gewaltige Schauspielhaus, bis in die letzten Räume angefüllt, wurde von stürmischem Applaus und Bravos erschüttert, und schon nach dem zweiten Akt flog ein wahrer Blumenregen, aus den nächsten Logenreihen geschleudert, auf die Bühne. Lydia war aber auch wirklich bezaubernd; mit einer glockenreinen Stimme drang sie hell und klar bis in die entferntesten Räume, und ihr reizendes Spiel, so natürlich und ungezwungen, so voll Leben und Bewegung und doch in einzelnen Szenen tiefes, seelenvolles Gefühl verratend, packte selbst die älteren und gleichgültigeren Zuschauer und brachte, mit ihrer lieblichen Erscheinung, die jüngeren beinahe um das bißchen Verstand. Don Rafael selber war hingerissen von ihrem Spiel, und nur eins störte ihn dabei – der Schwede, der in einer Proszeniums-Loge saß und eine ganze Gartenanlage geplündert haben mußte, denn unerschöpflich flogen die Blumensträuße von seiner Seite aus, und seine weißen Glacéhandschuhe hingen ihm nur noch in Streifen an den Fingern. Auch Desterres sah er, dem Schweden gerade gegenüber, um keinen Grad weniger eifrig als der Nordländer, ohne aber mit dessen zahllosen Blumen konkurrieren zu können. Der Schwede hatte in der Tat alles von Blumen aufgekauft, was er nur in der Stadt aufzutreiben vermochte. Lydia dagegen, obgleich sie recht gut sah, welche Tätigkeit ihre beiden Anbeter entwickelten, zeichnete sie in ihrem, dem Publikum immer und immer wieder gebrachten Dank durch keine Miene, durch keine Bewegung aus. Ihr Lächeln, ihre Verbeugungen galten stets dem Ganzen, und nur manchmal schweifte ein neckischer, lächelnder Blick bald da, bald dort hinüber und zündete jedesmal richtig, wohin er traf. Sie konnte Don Rafael übrigens von der Bühne aus nicht erkennen, obgleich sie ihn eine ganze Weile in dem großen Hause gesucht hatte. Er saß halb verdeckt in einer Loge und hatte sich den Platz absichtlich gewählt. Als die Vorstellung aber beendet war und die Künstlerin wieder und wieder gerufen und mit Blumen ordentlich bedeckt wurde, verließ er still das Haus, um in seine Wohnung zurückzukehren. – Dies sollte ihm jedoch heute abend nicht so leicht gelingen. Der lange, aber nicht sehr breite Theaterplatz war nämlich mit den schon ausgeströmten Menschen so angefüllt, und so dicht gedrängt standen die Massen, daß Rafael nicht gleich einen Ausweg finden konnte. Er trat einen Augenblick in die Tür eines der Gasthäuser, um zu warten, bis sich die Masse verlief; aber sie wuchs im Gegenteil von Minute zu Minute, denn während sich die aus dem Theater Kommenden um den vor der Tür haltenden Wagen der gefeierten Sängerin sammelten, blieben alle Vorübergehenden ebenfalls stehen, um zu sehen, was da vorging, und Kopf an Kopf gedrängt, füllten sie den ganzen Platz. Endlich erschien die Sängerin, fest in ihre Mantille eingehüllt und wieder von dem Direktor begleitet, der sie in den Wagen hob. »Das ist sie, das ist sie!« ging ein Ruf durch die Menge, und mit einemmal brach ein so donnerndes Viva, viva! aus, daß die Pferde zusammenfuhren und aufbäumen wollten. Lydia hielt sich ängstlich an dem Wagenschlag an, aber eine Stimme schrie – es war Desterres –: »Fort mit den Pferden!« und zwanzig geschäftige Hände fielen den erschreckten Tieren in die Zügel oder warfen die Stränge los. »Seile herbei – einen Lasso!« schrien andere. Das Verlangte war im Nu herbeigeschafft, niemand wußte, woher es kam, wer es an die Deichsel geschlungen hatte, und wer nur einen Halt bekommen konnte – der Schwede zog an der Sattelseite, faßte an. Lydia hatte jedenfalls mit großer Befriedigung gesehen, daß sie von den Pferden nichts mehr zu fürchten hatte, denn die jetzt vorgespannten waren zahm, und ihre Mantille zurückwerfend und von den vor dem Theater brennenden Gasflammen hell beleuchtet, dankte sie freundlich lächelnd aus dem Wagen heraus. »Viva, viva!« brüllte die Masse – »Platz da vorn! – »A fuera! a fuera!« und fort ging der Zug, von Hunderten umjubelt, die nebenher sprangen, in einem wilden Feuerspritzentrab dem Hotel der gefeierten Künstlerin entgegen. Rafael war ein stiller und unfreiwilliger Zeuge dieser Szene gewesen, und wenn er sich auch nicht dabei beteiligte, hob es ihm doch die Brust. Er freute sich des Triumphes, den die schöne Fremde genoß, und ohne daß er eigentlich selber recht wußte, wie er dahin kam, ging er etwa eine Stunde später noch einmal durch die Straße, in der sie wohnte, um ihre hell erleuchteten Fenster wenigstens zu sehen. Aber die Bewohner von Lima hatten sich noch nicht beruhigt. Der Kunstenthusiasmus hatte sich einmal der heißblütigen Südländer bemächtigt. Eine Militärkapelle war erschienen und sogar ein Fackelzug improvisiert worden, der sich gerade, von Tausenden begleitet, durch die Straße bewegte und vor dem Hause hielt; kurz, Lima war außer sich und trug den neuen Stern am Theaterhimmel auf den Händen. Während nun die Bewohner von Lima jubelten und der gefeierten Fremden Blumen streuten, bereitete sich mit anderen »Fremden« in Peru eine davon ganz verschiedene Szene vor. Die peruanische Brigg »La Libertad« war endlich glücklich mit ihrer Menschenfracht im Hafen oder vielmehr auf der Reede von Callao eingelaufen. In den Zeitungen wurde ihre Ankunft bekanntgemacht. Die Anzeige lautete: »Kulis aus der Südsee als Arbeiter für einen Zeitraum von acht Jahren zu vermieten.« Die Kulis waren angeblich als freie Arbeiter in dieses Land gekommen, und die mit ihnen abgeschlossenen Verträge, nach denen sie einen Jahreslohn von zwanzig Dollars und freie Beköstigung genössen, sollten, um ihre Überfahrtskosten und die sonst für sie gemachten Auslagen zu decken, an dem und dem Tage meistbietend in Callao in öffentlicher Auktion versteigert werden. Es fehlte auf den Hacienden in der Tat an Arbeitern, denn weit im Innern mußten viele zu den dringend nötig gewordenen Wegebauten verwandt werden, und was es sonst an jungen und arbeitstüchtigen Kräften gab, brauchte der Präsident ebenso dringend und oft noch dringender zu Soldaten. Trotzdem hatte er sich nicht entschließen können, noch mehr von dem chinesischen Gesindel einzuführen, das jetzt schon anfing, dem Staate lästig zu werden. Die Schwarzen waren ebensowenig dazu zu bekommen, mehr Arbeiten zu verrichten, als sie eben zu ihrem Lebensunterhalt brauchten; diese neuen Kulis versprachen deshalb, wenn das Geschäft einschlug, ein Segen für das Land zu werden. Es hatten sich an dem bestimmten Tage auch eine Menge von Haciendenbesitzern und anderen Grundeigentümern in Callao eingefunden, und der »Menschenhandel« ging rasch vonstatten. Die Insulaner selber ahnten natürlich gar nicht, um was es sich hier handle, denn sie selber verstanden kein Wort von dem, was um sie her vorging, und Felipe hütete sich wohl, ihnen die Wahrheit zu sagen. Die Haciendenbesitzer zahlten für die einzelnen Personen hundert, hundertundfünfzig, ja bis zu hundertundachtzig Dollars. Dafür war der Verkaufte für die ausbedungenen acht Jahre sein Eigentum, und er konnte ihn entweder selber für sich zu jeder Arbeit verwenden oder auch wieder verkaufen, d.h. nicht etwa unter dem Namen eines Verkaufs, das wäre Menschenhandel gewesen, nein, er »übergab nur den Kontrakt« einem anderen und ließ sich von diesem eine zwischen ihnen vorher verabredete Summe dafür auszahlen. Es läßt sich auf der Welt ja alles einrichten, wenn man nur eine Form und einen Namen dafür findet. Die Insulaner waren allerdings im Anfang bestürzt, als man sie aufforderte, das Stationsgebäude zu betreten; sie hatten geglaubt, man würde sie auf das Schiff zurückführen. Felipe aber versicherte ihnen, sie sollten nur an das Land gebracht werden, bis sich ein Schiff für sie fände, und als erst einmal der Zug mit Windesschnelle durch die Wüste flog, ließen sie ihr Erstaunen und ihre Angst vor der nie geahnten, furchtbaren Macht der Weißen schon gar keinen eigenen Willen mehr besitzen. Sie waren ihrem Geschick verfallen und mußten alles über sich ergehen lassen, was ihre Herren wollten. In derselben Stunde, in der die unglücklichen Insulaner mit der Eisenbahn nach Lima geschafft wurden, um von dort durch ihre gegenwärtigen Eigentümer auf die verschiedenen Hacienden befördert und von jetzt ab acht volle Jahre lang als Sklaven behandelt zu werden, fuhr Präsident Castilla mit der Bahn von Chorillos ab, um in seinem Palais in Lima heute dem Expräsidenten Granero die drei Tage lang verweigerte Audienz zu geben. Eigentümlich war die Art, wie der Präsident der peruanischen Republik seine Haupt- und Residenzstadt besuchte, und es zeugte von wenig Vertrauen zu den Bürgern, deren Wahl er doch seine Ehrenstelle verdankte. Den allgemeinen Zug mußte er natürlich benutzen, denn da er sehr oft hin- und herfuhr, hätte ein jedesmaliger Extrazug zu viel Geld gekostet, und das Leben war ohnehin so kostspielig. Präsident Castilla wußte aber doch nicht recht, wie er mit seinen »Mitbürgern« stand, oder er wußte es vielleicht auch nur zu gut, denn da man ihm schon verschiedene Male nach dem Leben getrachtet hatte, schien er nicht gesonnen, sich leichtsinnig einer solchen erneuten Gefahr mehr auszusetzen, als eben unumgänglich nötig war. Schon in Chorillos selber ging er nie ohne militärische Bedeckung aus, und selbst zu seinem Bade hinunter mußte ihn eine Patrouille von zwanzig Mann mit scharfgeladenen Gewehren begleiten, die dann unten Wache hielt, bis er sein Badehaus wieder verließ. Ebenso ging oder ritt er nie durch Lima, ohne daß er eine gleiche Bedeckung zu Fuß oder zu Pferde hinter sich gehabt hätte, und selbst auf der Eisenbahn schien er sich nicht ganz sicher zu fühlen, wie die Vorsichtsmaßregeln bewiesen, die er jedesmal ergriff. Er hatte selbstverständlich ein eigenes Abteil, das sich aber keineswegs durch unnötige und ihm überhaupt sehr leicht entbehrliche Pracht auszeichnete. Der Wagen wurde dicht hinter dem Tender angehangen, und hinter diesem, an allen Seiten offen und nur mit einem Dach gegen die Strahlen der Sonne geschützt, hing ein anderer Wagen, den ausschließlich seine Leibgarde mit scharfgeladenen Gewehren einnahm. Erst hinter diesem kamen die übrigen Wagen mit den Reisenden. Und so folgten ihm die Soldaten auch vom Bahnhof aus durch die Stadt, und zwar zu Pferde, wenn er den ihm jedesmal an den Bahnhof gesandten vierspännigen Wagen benutzte, der in Silber das peruanische Wappen trug. Der »General« Granero, wie er jetzt genannt wurde, war für vier Uhr nachmittags in das Palais bestellt. Es mochte etwas nach vier Uhr sein, als es der Präsident betrat. Verschiedene Minister hatten sich melden lassen, aber er nahm niemanden an als den alten Kriegsminister, zu dem er überhaupt das meiste Vertrauen zu haben schien. Mit diesem sprach er noch, als ein Diener hereintrat und den »General Granero« meldete. »Soll warten!« sagte Castilla kurz, ohne sich in seiner Verhandlung stören zu lassen. Es schlug ein Viertel auf fünf, es schlug halb, aber der Präsident machte noch immer keine Miene, seinen eben nicht willkommenen Besuch anzunehmen, und der Kriegsminister wagte endlich selber, ihn daran zu erinnern. Er glaubte, Castilla habe den ecuadorianischen Expräsidenten ganz vergessen. »Schon gut, ich weiß«, sagte Castilla mürrisch; »der verdammte Sambo wird mir wieder mit seinen alten Quengeleien kommen, hat sich aber geirrt! ›General‹ Granero, zum Teufel auch, ich glaube kaum, daß der Bursche schon Pulver gerochen hat, außer bei seinen Exekutionen – soll mir aber eine Warnung sein für alle Zeiten!« »Wollen Exzellenz ihn jetzt sehen?« »Meinetwegen; einmal muß es doch sein«, brummte er und stand von seinem Stuhl auf. »Warten Sie hier auf mich, lieber Guitaro, ich werde mich nicht lange mit ihm aufhalten, und nachher bringen wir die begonnene Sache gleich in Ordnung.« »Señor Granero kann Ew. Exzellenz vielleicht selber über die Angelegenheit wichtige Aufschlüsse geben«, sagte der Kriegsminister. »Ja, er könnte wohl, wenn er wollte!« sagte Castilla finster; »aber ich kenne den Burschen. Alles, was er sagt, geht nur darauf hinaus, neue Summen aus mir herauszulocken, und er lügt, wenn er den Mund auftut. Nein, ich frage ihn nicht einmal darum; bessere Auskunft wird uns der Kapitän des Dampfers geben können, der ihn hergebracht hat. Ich habe ihn heraufbestellen lassen; er hat wenigstens kein eigenes Interesse dabei. Ich werde nicht lange bleiben!« Und mit den Worten schritt er rasch durch ein paar Zimmer hindurch in den Empfangssaal hinein, wo ihn indessen der Expräsident im Gefühl seiner Abhängigkeit erwartet hatte. General Granero ging aber trotz dieses Gefühls sehr ungeduldig in dem großen Saal auf und ab, denn ganz besonders lag ihm daran, der unbehaglichen Situation enthoben zu werden, die das erste Begegnen nach der erlittenen Niederlage mit seinem Protektor doch jedenfalls bedingte. Er kannte Castilla schon von früher her und wußte, wie rauh und heftig der alte Herr werden konnte; aber er hoffte auch immer noch, daß er seine alten Pläne mit Ecuador nicht aufgegeben habe, und in diesem Falle galt es nur, den ersten Sturm abzuhalten und dann die weiteren Unternehmungen einzuleiten. Was konnten die Ecuadorianer machen, wenn er mit einer Flotte von drei oder vier Dampfern vor Guayaquil ankerte, das er in einer Viertelstunde mit seinen Holzhäusern in Grund und Boden schießen konnte? Trotzte er doch immer noch darauf, daß er dort einen großen Anhang habe, der sich ihm mit Freuden wieder anschließen würde. Und das war der Usurpator, der einen ganzen Staat in Schrecken gesetzt und Ströme von Blut in einem friedlichen Land vergossen hatte? Eine kleine, gedrungene, ja selbst dicke Gestalt, nicht einmal von Mittelgröße, mit einem runden, nichtssagenden Gesicht, das seine Abstammung nicht verleugnen konnte. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und horchte ungeduldig nach der Tür hinüber, ob sein bisheriger Bundesgenosse es noch nicht für gut fände, ihn zu begrüßen. War er doch schon drei Tage in Lima, und die Zeit verging hier nutzlos, wo er mit fieberhafter Ungeduld darauf brannte, nach Ecuador zurückzukehren und Rache an dem Volke zu nehmen, das ihn abgeschüttelt und aus dem Land vertrieben hatte! Da öffnete sich plötzlich die Tür, und Granero, der ihr gerade den Rücken wandte, drehte sich rasch um und verbeugte sich tief vor dem mit nicht eben freundlichem Gesicht zu ihm eintretenden Castilla. »Exzellenz, ich habe mir erlaubt, mich Ihnen vorzustellen«, sagte er ehrfurchtsvoll. »Ja, leider«, lautete die Antwort. »Anstatt mir mit meinem Dampfer Nachricht zu senden, daß Sie in Quito eingezogen wären und Ecuador mir sein Amazonengebiet, das uns von Gott und Rechts wegen gehört, abgetreten hätte, kommen Sie selber, um mir zu melden, daß alles vorbei, alle meine Mühe und Ausdauer umsonst gewesen sind! Herr, wissen Sie, daß Sie mich weit über eine Million gekostet haben?« »Es ist noch nicht alles vorbei«, sagte Granero, sich aufrichtend. »Das weiß ich«, rief Castilla kurz, »ich bin noch nicht mit Ecuador fertig, aber Sie doch wohl!« »Wenn mich Exzellenz nur hören wollen ...« »Hören, hören, hören! Ich weiß schon genau, was ich zu hören bekomme, ehe Sie den Mund auftun; aber reden Sie. Hören muß man jeden – setzen Sie sich«, fuhr er dann fort, indem er sich selber auf einen Stuhl warf, »und bedenken Sie, daß ich nicht lange Zeit habe, mich über eine verlorene Sache zu unterhalten.« »Glauben Exzellenz wirklich, daß sie verloren ist?« »Machen Sie keine Redensarten«, unterbrach ihn der Präsident kurz; »es handelt sich hier nicht um das, was ich glaube, sondern um das, was Sie für sich zu sagen haben! Was war das?« Granero schluckte eine bittere Antwort hinunter und sagte leise: »Exzellenz dürfen mir wenigstens glauben, daß ich bis zum letzten Augenblick in Ecuador ausgehalten habe. Wäre ich eine Stunde länger dort geblieben, so war ich ein Gefangener, und welchen Nutzen konnte ich Ihnen dann noch bringen?« »Wahrscheinlich denselben, den ich jetzt von Ihnen ziehe«, brummte Castilla, »aber weshalb verteidigten Sie Guayaquil nicht besser?« »Die Bewohner ...« »Ach was, kommen Sie mir nicht mit den Bewohnern – die Bewohner schliefen, als Flores die Stadt nahm, und ich glaube, Sie haben auch geschlafen, sonst ist es gar nicht möglich, daß dieser Bursche eine Stadt hätte nehmen können, die gerade an der Seite, an der er einen Angriff gewagt hat, durch Manglaren und Sumpf fast uneinnehmbar ist!« »Ich konnte mich auf meine Leute nicht mehr verlassen«, sagte achselzuckend Granero. »Aber auch Napoleon floh aus Rußland, um sein Heer wieder zu sammeln und dem Feind aufs neue die Spitze zu bieten.« »Ach was, Napoleon!« brummte Castilla verdrießlich vor sich hin, »ein sehr schöner Vergleich und besonders schmeichelhaft für Napoleon! Durch Ihr ungeschicktes Benehmen wiegelten Sie selber das ganze Land gegen sich auf; das war die Sache. Sie hatten zuletzt keinen einzigen Freund mehr als die in Ihrer Nähe befindlichen Offiziere, die aber eben auch nur so lange aushielten, bis sie Gelegenheit bekamen, durchzubrennen. Und Sie wollen davon reden, daß Sie noch nicht alle Hoffnung aufgegeben hätten, nach Ecuador zurückzukehren? Wissen Sie, daß man Sie an die erste beste Laterne in Guayaquil hängt, sowie Sie nur den Fuß wieder in die Stadt setzen?« »Aber, Exzellenz, ich versichere Ihnen ...« »Schweigen Sie, ich weiß es besser! Ich kenne die Stimmung, die in Guayaquil herrscht, wahrscheinlich genauer als Sie, und ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß dort allerdings noch einige Menschen leben, die es gern sehen würden, wenn Sie zurückkämen – Ihre Lieferanten, Maitressen und dergleichen Gesindel – alles andere aber ist gegen Sie! Dahin haben Sie es mit Ihrem politischen Talent gebracht, und wenn Flores sich jetzt nur ein klein wenig vernünftig beträgt, und er ist viel zu klug, das nicht zu tun, so hat Ihre Partei jeden Boden unter den Füßen rettungslos und auf ewige Zeiten verloren!« »Ich habe die feste Überzeugung«, gab Granero zurück, ohne auf die Vorwürfe auch nur mit einem Wort zu erwidern, »daß, wenn ich heute – und je früher es geschieht, desto gewisser wäre der Erfolg – mit drei gutbemannten Dampfern nur vor Guayaquil ankerte, Flores gezwungen sein würde, nicht allein die Stadt, sondern die ganze Provinz ohne Schwertstreich zu räumen; und ein einziger Aufruf, das einfache Versprechen zum Beispiel, den Soldaten in Quito einige Freiheiten zu gestatten, würde dann genügen, alle waffenfähigen Männer wieder um mich zu sammeln. Freilich müßte ich imstande sein, ihnen einen Monat Sold vorauszuzahlen. Glauben Sie, Exzellenz, daß der Besitz des mächtigen und reichen Amazonengebietes damit nicht zu teuer erkauft ist? Tausend Acker Land würden Ihnen damit noch keinen Dollar kosten! Machen Sie den Versuch, und ich garantiere Ihnen ...« »Was und womit?« rief aber jetzt Castilla, der den Expräsidenten bis dahin ruhig hatte ausreden lassen, während nur ein mehr verächtliches als spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte – »was können Sie mir garantieren, Señor, der Sie nichts auf der weiten Gotteswelt haben als Ihre unglückliche Persönlichkeit und Ihren ruinierten Namen? Ich habe es vorher gewußt, als ich nur hörte, daß Sie hier eingetroffen wären – neue Bitten um Unterstützungen, neue Versprechungen und Pläne! Aber damit ist's jetzt vorbei! Ich bin es müde geworden, der Geldsack zu sein, den Sie so lange drücken, als noch ein Dollar herauszupressen ist! Wollen Sie Ihren Hals daran wagen, noch einmal nach Ecuador zurückzukehren – gut, ich werde der Letzte sein, der Sie zurückhält; aber daß Sie auch von mir die letzte Zahlung erhalten haben, das ist ebenso gewiß! Nun machen Sie, was Sie wollen, bleiben Sie meinetwegen in Peru, aber«, setzte er drohend hinzu, »ich bitte mir aus, daß Sie hier nicht Ihre alten Verschwörungen fortsetzen, denn wir würden hier in Peru nicht dieselbe Geduld haben wie die Ecuadorianer. Sie haben mich doch verstanden?« »Exzellenz haben außerordentlich deutlich gesprochen«, sagte Granero, der sich Mühe geben mußte, sein Temperament zu zügeln. »Gut denn, und damit Gott befohlen!« Und ohne eine Antwort abzuwarten, drehte Castilla dem Expräsidenten den Rücken und verließ den Saal. Señor Perteña Rafael Aguila konnte nichts unternehmen, bis jener Herr von Valparaiso zurückgekehrt war, der die von seinem Onkel hinterlassenen Gegenstände in Verwahrung hatte, und erst als das geschehen war und er von Callao Nachricht erhielt, fuhr er hinunter und ließ sich die Sachen aushändigen. Wie er übrigens vorher vermutete, hatte Monsieur Oudinet, wie der jetzige Besitzer hieß, keine Anweisung auf irgendeine Summe Geldes für ihn bekommen, und zwischen den Papieren seines Onkels, die er nur flüchtig durchsah, fand er ebensowenig eine Andeutung. In einem der alten Rechnungsbücher lag sogar noch ein angefangener Brief für ihn, den der alte Herr kurz vor seinem Tode begonnen haben mußte, der aber nicht beendet worden war, übrigens auch keine Andeutung von einer Krankheit oder selbst nur einem Unwohlsein gab. Er beklagte sich nur darin, daß er so lange nichts von seinem in der Welt umherstreifenden Neffen gehört habe und nicht einmal recht wisse, wohin er diesen Brief adressieren solle. Die Sachen nahm Rafael mit nach Lima und schickte sie von dort mit Maultieren zu Bertrand hinaus, um sie dann später mit ihm zusammen durchzusehen. Seine eigene Gegenwart wurde aber noch länger in Callao verlangt, da sein Schiff von Guayaquil einlief und der Verkauf der Fracht, der sich übrigens als sehr günstig herausstellte, einige Zeit in Anspruch nahm. Er mußte sogar einige Tage ganz in Callao bleiben. Nur an den Abenden, an denen Lydia spielte, fuhr er nach Lima hinüber. Sie übte einen eigentümlichen Zauber auf ihn aus, und doch hatte er sie seit jenem Tage, an dem er Desterres dort traf, nicht wieder besucht. Lydia wohnte übrigens nicht mehr im Hotel. Sie hatte einige Einführungsbriefe von Europa an französische Familien mitgebracht und war von diesen auch freundlich empfangen worden; aber man wurde erst wirklich herzlich gegen sie, als man sie von allen Schichten der Bevölkerung so gefeiert sah, und jetzt ruhte Madame Deringcourt auch nicht länger, bis sie die junge Dame beredete, zu ihr ins Haus zu ziehen. Lydia suchte allerdings diese freundliche Einladung, deren Beweggründe sie zu durchschauen glaubte, abzulehnen. Madame war aber nicht abzuweisen und wußte so viel dagegen zu sagen, daß eine junge Fremde, wenn auch mit einer Dienerin, doch gewissermaßen allein im Hotel bliebe, daß sie zuletzt nicht mehr ausweichen konnte. Einmal aufgenommen, wurde sie auch wirklich auf das herzlichste in dem Hause behandelt. Sie blieb dabei, wie das in allen südlichen Ländern Sitte ist, in der ihr angewiesenen Wohnung vollkommen Herrin ihrer selbst, so daß sie nie gestört wurde, wenn sie einen Besuch empfangen wollte oder mußte, denn es läßt sich denken, daß man die gefeierte Sängerin nicht einsam ihre Tage vertrauern ließ. Einer ihrer Verehrer hatte ihr sogar für ihren Aufenthalt in Lima ein paar prachtvolle Reitpferde zur Verfügung gestellt, und kleine Ausflüge in die Gegend wurden mehrmals wöchentlich gemacht. Und immer noch entzückte sie das Publikum. Der Direktor des Theaters hatte noch nie solche Einnahmen gemacht wie an den Abenden, an denen sie auftrat, und ruhte auch nicht eher, bis sie ihm versprach, noch längere Zeit in Lima zu bleiben. Es war ja doch auch wahrlich nicht der Mühe wert, nur wegen ein paar Vorstellungen eine Reise nach Peru anzutreten. Endlich hatte Rafael all seine Geschäfte abgeschüttelt und beschloß, noch an dem nämlichen Abend nach der Hacienda hinauszureiten, um ein paar Tage bei seinem alten Freund Bertrand auszuruhen und dort auch das Weitere mit ihm zu besprechen. Er konnte sich jetzt selber nicht mehr dem Gefühl verschließen, daß bei dem Tode seines Onkels nicht alles so ganz natürlich zugegangen sei. War es aber herauszubekommen, so wollte er weder Zeit noch Kosten scheuen, und hatte gar Desterres die Hand dabei im Spiel gehabt, – Lydia konnte den Menschen nicht lieben, es war ja nicht möglich. Und doch, wie hatte sie sich gefreut, als er kam, wie herzlich ihm zugelächelt; wie glücklich war sie über das reiche Geschenk, das sie aus der Hand eines wildfremden Menschen eigentlich gar nicht annehmen durfte. Und in der kurzen Zeit, in den wenigen Tagen sollte sie ihn wirklich liebgewonnen haben? Es war unglaublich, und doch finde sich jemand einmal in einem Mädchenherzen zurecht, besonders eines solchen Mädchens, wie es diese Französin war. Tolle Gedanken schwirrten ihm durch den Kopf, als er seinem Pferd den Zügel ließ, daß es in vollem Galopp über die steinige Wüste flog, die Lima begrenzte. An Straßenräuber dachte er gar nicht mehr, war aber trotzdem vollkommen für sie gerüstet und trug jetzt in seinen beiden Halftern ein Paar vortreffliche Revolver, mit denen er sich schon die Bahn freihalten konnte, hätte wirklich jemand gewagt, ihn anzugreifen. Während er aber seinen Weg verfolgt, wollen wir einen Augenblick zu Señor Desterres hinübergehen, der an diesem Morgen ebenfalls nach seiner Hacienda hinausgeritten war, um seine Zimmer instand zu setzen und mit Blumen zu schmücken, da er am kommenden Tag einen sehr lieben Besuch erwartete. In der Stadt hatte er ebenfalls schon eine Menge Einkäufe gemacht, die aber erst in der Abendkühle herausgeschafft werden sollten. Er war noch damit beschäftigt, seinem Majordomo verschiedene Aufträge zu geben und zu überwachen, daß die besseren Möbel alle auf gewissen Punkten aufgestellt wurden, als er Pferdegetrappel vor dem Hause hörte und beim Hinausbiegen eben noch sah, wie ein Fremder sein Haus betrat. Das Pferd glaubte er zu kennen, aber ehe er damit ins reine kam, wem es gehören könne, klopfte es schon an seine Tür, und diese öffnete sich, ohne selbst ein erlaubendes »Herein« abzuwarten. Desterres schaute erstaunt dem Eintretenden entgegen, und sein Blick heiterte sich nicht auf, als er ihn erkannte, und er erwiderte den ihm mehr ungeniert als freundlich gebotenen Gruß, wenn nicht kalt, doch jedenfalls sehr zurückhaltend. »Nun, Desterres«, lachte der Fremde, ohne sich davon zurückschrecken zu lassen, »willst du heiraten, daß du dieses alte Nest so herausputzest, oder gibst du vielleicht ein Fest? Ich habe noch keine Einladung dazu erhalten!« »Was führt denn dich zu mir, Perteña?« fragte Desterres, ohne eine der an ihn gerichteten Fragen zu beantworten. »Ich dächte, wir hätten uns schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen!« »Siehst du, Amigo«, lachte der andere, »da gibst du gleich den Grund an und beantwortest dir deine sehr richtige Bemerkung selber. Nur die Sehnsucht, dich einmal wieder begrüßen zu können, hat mich hierher getrieben; ich hielt es eben nicht länger mehr aus.« »Du wirst mich nie glauben machen, daß dein Besuch nicht auch noch einen anderen Grund hätte«, sagte Desterres finster; »ich erinnere dich aber an das, was wir das letztemal, als wir zusammentrafen, ausgemacht haben! Du hast es doch nicht vergessen?« Felix Perteña lachte. »Nein, Bruderherz, gewiß nicht, aber du weißt wohl, Umstände bestimmen den Menschen, und da ich eben kein Freund von Umständen bin, so möchte ich dich noch einmal ersuchen, mir fünfhundert Dollars vorzustrecken. Ich muß sie haben!« »Und wenn du sie von mir nicht bekommst?« »Weshalb sollen wir die schöne und kostbare Zeit mit ganz unnötigen und unmöglichen Problemen vergeuden!« lächelte Perteña. »Der Fall ist eben unmöglich, denn ich kenne dein gutes Herz.« »Du könntest dich diesmal doch geirrt haben!« »Nein«, sagte der junge Mann zuversichtlich, »gewiß nicht. Übrigens, darfst du dich denn über mich beklagen? Habe ich dir die letzten zweihundert Dollars, die du mir geborgt hast, nicht pünktlich zurückgezahlt?« »Ja, aber die tausend vorher?« »Bah, die gehörten noch zur alten Abrechnung«, lachte Perteña, »und ich würde mir, weiß Gott, kein Gewissen daraus machen, dich noch tausend mehr zahlen zu lassen! Du weißt aber auch, daß ich, solange es geht, mir selber aus eigenen Kräften helfe und meinen Nebenmenschen nicht gern zur Last falle! Ich habe jetzt Aussichten, und wird etwas daraus, so bin ich geborgen, und du kannst in Frieden schlafen; andernfalls werde ich deine Hilfe noch einmal in Anspruch nehmen müssen, um nach Bolivia überzusiedeln!« »Schon die früheren tausend gab ich dir zu dem Zweck, und du bist doch nicht gegangen!« »Würde es dir denn nicht leid getan haben, dich von mir zu trennen?« spottete Perteña. »Doch Scherz beiseite«, setzte er ernsthaft hinzu, »diese fünfhundert Dollars brauche ich, um mir eben eine Existenz zu gründen. Ich bin dem Präsidenten empfohlen und hoffe, in der nächsten Zeit eine Anstellung zu bekommen. Diese fünfhundert betrachte ich deshalb auch nur als geborgtes Geld, und ich gebe dir mein Wort, daß du sie zurückbekommst.« Desterres war mit untergeschlagenen Armen und raschen Schritten in seinem Zimmer auf- und abgegangen. Seine Brauen zogen sich zusammen, und er sprach kein Wort. Perteña aber hatte ein Stück Zuckerrohr aufgegriffen, das in der einen Ecke lehnte, und sich damit halb auf den Tisch setzend, zog er sein langes Messer aus dem Gürtel und begann kaltblütig, die äußere, harte Rinde abzustreifen und das Rohr dann in vier Teile zu spalten. Er achtete gar nicht mehr auf seinen »Freund«. »Du vergißt«, sagte plötzlich Desterres, indem er vor ihm stehenblieb und ihn fest ansah, »daß die Waffe, die du mir entgegenhältst, auch nach deiner Seite eine Spitze hat, und, wenn sie einen trifft, uns beide treffen muß.« »Vor allen Dingen«, erwiderte Perteña ruhig, indem er ein eingekerbtes Stück Rohr abbrach, in den Mund schob und in den Zwischenpausen auskaute, »muß ich mich dagegen verwahren, daß ich dir überhaupt eine Waffe vorgehalten habe. Ich bat dich nur einfach um ein Darlehen von fünfhundert Dollars, und ich bin überzeugt, daß du es mir nicht verweigern wirst. Wo ist also da die Waffe? Existierte sie aber wirklich«, setzte er leise und fast höhnisch hinzu, »so vermute ich fast, daß die Spitze auf meiner Seite stumpf ist – ich selber habe wenigstens noch keine Gefahr für mich bemerkt.« »Du versprichst mir wirklich, es zurückzuzahlen?« »Ich habe es dir schon versprochen.« »Gut«, sagte Desterres nach einigem Überlegen, »komm heute abend zu mir nach Lima, aber nach neun Uhr, früher triffst du mich nicht in meiner Wohnung an, und morgen bin ich auch nicht daheim.« »Hast du das Geld nicht vielleicht hier draußen? Es ersparte mir einen langweiligen Ritt, denn ich wollte eigentlich bis morgen hierbleiben.« »Du kannst dir denken, daß ich nicht so viel Geld auf meiner Hacienda lasse«, sagte Desterres, dem überhaupt gar nichts daran lag, daß Perteña morgen noch hier draußen blieb; »Gelegenheit macht Diebe.« »Nun gut, Amigo, ich komme. Aber darf man fragen, wen du morgen zum Besuch erwartest?« »Es ist kein Geheimnis, die fremde Sängerin. Sie will hier draußen eine französische Familie besuchen und wird sich dann auch einmal meine Hacienda ansehen.« »Hm, so? Die junge Dame gefällt mir übrigens«, sagte Perteña. »Sie versteht ihre Zeit und muß hier in Peru ein schmähliches Geld zusammenschlagen. Ich möchte nur wissen, wieviele Tausende von Dollars sie allein schon in goldenen Broschen und Armbändern, an Diamanten und Schmuck erhalten hat. Es wäre keine schlechte Spekulation, sie zu heiraten. Ich muß einmal versuchen, ihre Bekanntschaft zu machen. Sie wohnt im Hotel, nicht wahr?« »Nein, Amigo«, sagte Desterres trocken, »sie wohnt nicht im Hotel, sondern in einem Privathaus, und du wirst dir wohl deinen Appetit vergehen lassen müssen.« »In einem Privathaus – so? Und wo, wenn ich fragen darf?« »Es tut mir leid, dir die Adresse nicht geben zu können«, erwiderte ausweichend Desterres; »es ist übrigens eine französische Familie und dort im Hause wird nur Französisch gesprochen.« Perteña lachte still vor sich hin. »Merkwürdig, daß du das so genau weißt und doch die Adresse nicht kennst! Glaubst du denn wirklich, daß es mir in Lima eine Viertelstunde Zeit nehmen würde, sie zu erfragen, wenn mir wirklich daran läge? Aber ich glaube, Eure Französin ist klug genug, was sie hier an Pinseln erwischen kann, zu rupfen und auszuziehen, und Euch dann hinterher das leere Nachsehen zu lassen!« »Weißt du auch, wer noch zu den Pinseln gehört, wie du sie zu nennen beliebst?« »Es wird schwer sein, sie alle zu kennen.« »Don Rafael Aguila, der totgesagt wurde und von seiner Reise jetzt zurückgekehrt ist!« »Teufel!« rief Don Felix, aufmerksam werdend. »War er schon hier draußen auf der Hacienda?« »Auf der Hacienda selber nicht, aber in der Nachbarschaft, sogar auf einem Besuch bei Mutter Pascua.« Perteña sprang empor und schaute seinen Gefährten überrascht an. »Und was wollte er dort?« »Der Lump, der Pedro, war todkrank vom vielen Trinken und wild und unbändig dabei geworden, so daß die Alte in ihrer Herzensangst zu Bertrand lief und ihn um Hilfe bat. Don Rafael war gerade bei ihm und begleitete ihn ...« »Also zufällig?« »Möglich; die Alte scheint es aber doch beunruhigt zu haben, denn sie kam neulich zu mir herüber, um es mir mitzuteilen.« »War er schon bei dir?« »Ja, um den Kaufkontrakt einzusehen.« »Und was sagte er?« »Was soll er sagen«, lächelte Desterres verächtlich; »es ist alles in Ordnung, und daß sein Onkel keine Kunde hinterlassen hat, wo er das erhaltene Geld deponierte, ist doch nicht meine Schuld.« Don Felix hackte wieder eine Weile an seinem Zuckerrohr, aber es waren keine freundlichen Gedanken, die ihm dabei durch den Sinn fuhren, denn seine Stirn hatte sich in düstere Falten gezogen und seine Augen leuchteten ordentlich unheimlich unter den fest zusammengezogenen Brauen vor. »Seit wann ist er da?« fragte er endlich leise. »Mit dem letzten Guayaquil-Dampfer ist er gekommen und jetzt, wenn ich nicht irre, in Geschäften in Callao. Er scheint nicht ohne Mittel zurückgekehrt zu sein.« »Desto besser für ihn«, brummte Don Felix, das unbehagliche Gefühl, das ihn ergriffen zu haben schien, gewaltsam abschüttelnd. »Was schert es uns überhaupt, ob er da ist oder nicht; so lange er unsern Weg nicht kreuzt, können wir ihn ruhig sich seines Lebens freuen lassen. Aber ich sehe, du bist beschäftigt, und will dich deshalb nicht länger stören.« »Noch eine Frage«, sagte Desterres: »durch wen bist du dem Präsidenten empfohlen worden? Ich hoffe nicht, daß das ein Geheimnis ist?« »Nein«, lachte Pertena, »durch den Finanzminister.« »Durch Benares – in der Tat? Und wie bist du mit dem bekannt geworden?« »Das allerdings könnte ein Geheimnis sein«, lächelte Perteña, »und wäre überhaupt zu langweilig, dir jetzt zu erzählen. Also auf Wiedersehen morgen! Apropos«, sagte er noch einmal, in der Tür stehenbleibend, »ich habe ja da unten im Hofe einige der neu importierten Kulis gesehen. Es waren ein paar allerliebste Mädchen dabei – daß nur deine Senora Francesa nicht eifersüchtig wird, wenn sie die zu sehen bekommt!« »Ich fürchte, es ist ein schlechtes Geschäft«, sagte Desterres, ohne auf den frivolen Scherz einzugehen; »die Schufte wollen nicht arbeiten, und mein Aufseher klagt, daß er sie nicht einmal mit Prügeln dazu bringen kann.« »Zwing sie mit Hunger«, lachte Perteña, »das ist die beste Kur. Adios , Compañero!« Und wenige Minuten später trabte der Reiter wieder um das Haus herum und der Straße zu. Als er aber die breite Hauptstraße erreichte, die von hier nach dem Fluß hinüber führte, sah er ein paar Fußgänger den Weg heraufkommen, zwei Herren. Fast unwillkürlich zügelte er sein Pferd ein und hielt im Schatten eines Orangenbaumes, bis sie nahe genug kamen, sie zu erkennen. Es waren Bertrand und der Fremde. Don Felix murmelte einen Fluch zwischen den Zähnen, wandte dann sein Pferd langsam zurück, bis er einen Seitenweg erreichte, und folgte diesem rasch in einem scharfen Trab. »Wer ist denn der Reiter da drüben?« fragte Rafael den neben ihm hinschreitenden Bertrand; »vorher schien es, als ob er die Straße herunterkommen wolle, und jetzt dreht er um und reitet zurück.« »Das ist ein gewisser Felix Perteña«, sagte Bertrand, »ein ziemlich luftiger Patron, Spieler von Beruf und intimer Freund des Señor Desterres – alles keine besonderen Empfehlungen für ihn. Er gönnte uns früher auch zuweilen die Ehre seines Besuches, da ich aber seine Absicht merkte, verbat ich sie mir, und es ist möglich, daß er uns deshalb ausgewichen ist. Das hat er übrigens nicht nötig, denn solange er mich nicht in meinen eigenen vier Pfählen belästigt, ist die Landstraße breit genug für uns beide.« »Perteña? Perteña? Steht der Name nicht als Zeuge auf dem Kaufkontrakt meines Onkels?« »Ganz recht. Er hat ihn mit als Zeuge unterschrieben, er und ein gewisser Vidota, den ich aber schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen habe. Möglich, daß er nach Cerro de Pasco zurückgekehrt ist, wo er früher wohnte. Was aber nur bei unserem Nachbar im Werke sein muß – sieh einmal, Rafael, wie er sein Haus ausstaffieren und den Garten kehren und frisch gießen läßt! Wahrscheinlich wieder eins von den Gelagen, die sie hier zuzeiten feiern, obgleich sie da früher mehr auf Essen und Trinken wie auf Putz gesehen haben.« Während sie noch zusammen sprachen, keuchten ein paar Arbeiter an ihnen vorüber, die vom Flusse her kamen und eine Last von grünen Zweigen auf den Schultern trugen. Rafael, der im Anfang nicht auf sie geachtet hatte, schaute ihnen plötzlich überrascht nach und sagte: »Merkwürdig, das können doch keine hiesigen Indianer sein; die braunen Burschen sehen genau so aus wie die Insulaner der Südsee.« »Dorther werden sie auch wohl sein«, meinte Bertrand. »Desterres hat ja neulich von dem eingelaufenen Schiff einen ganzen Transport der armen Teufel mit heraufgebracht.« »Aus der Südsee – ja, ganz recht, ich habe davon gehört; guter Gott, die armen Menschen! Die hätten sich auch sicherlich nie aus freien Stücken zu solcher Auswanderung verstanden, wenn sie voraus gewußt hätten, was ihnen hier bevorsteht. Das ist aber das rastlose Drängen des Menschen, der nie weiß, wann er wirklich glücklich ist, und immer nur weiter strebt. Daß niemand dort war, der ihnen abraten konnte!« »Jetzt werden sie merken, was sie sich für eine Suppe eingebrockt haben, und acht Jahre dazu gebrauchen, um sie auszuessen«, sagte Bertrand; »ich selber hätte wohl ein halbes Dutzend Arbeiter nötig gehabt, aber ich konnte es nicht übers Herz bringen, diese armen Teufel aufzukaufen, denn weiter ist der Kontrakt-Handel ja doch nichts.« »Ich hätte Lust, sie anzureden«, sagte Rafael, und blieb stehen. »Komm nur mit hinüber zum Fluß«, entgegnete Bertrand, »dort drüben finden wir noch einen ganzen Trupp. Überarbeiten tun sie sich nicht, so viel ist sicher, aber schon die Verbannung aus ihrer Heimat muß ihnen furchtbar sein; und wenn man ihnen auch wirklich vorher gesagt hat, daß sie acht Jahre ausbleiben sollen, was wissen diese Menschen von einer Zeitrechnung! Welchen Begriff machen sie sich von einem Jahr, wo sie kaum das Maß einer Woche, von einem Sonntag zum andern, kennen! Siehst du, da vorn sitzen gleich wieder ein paar.« Sie hatten sich jetzt, während sie sprachen, dem Flusse genähert; rechts auf einer kleinen Anhöhe saß ein junger Insulaner still und regungslos. » Joranna bo-y !« rief Rafael hinauf, und der Insulaner hob rasch und erstaunt den Kopf und schaute den fremden weißen Mann an. War er es, der ihm seines Landes Gruß entgegengerufen hatte? » Hare maï !« wiederholte aber Rafael freundlich und winkte ihm dabei mit der Hand, als der Insulaner auch wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil emporsprang und zu ihm hinunterflog. »Wo kommst du her, Fremder?« rief er ihn dabei in seiner Sprache an. »Kommst du von den lieben Inseln und willst du uns helfen?« »Von den Inseln komme ich schon«, erwiderte Rafael, der die Sprache der Gesellschafts-Inseln, wenn auch nicht fließend, doch so sprach, daß er sich darin verständlich machen konnte, »aber ob ich dir helfen kann, weiß ich nicht.« »Du willst uns auch nicht helfen?« sagte der Insulaner, indem ihm zwei große, helle Tränen in die Augen traten. »Oh, dann sind wir verloren und sehen Raiateo nie wieder. Joranna dann, Joranna!« und er senkte den Kopf auf die Brust. »Aber wie soll ich dir helfen?« fragte Rafael gerührt. »Habt ihr euch nicht verpflichtet, hier zu arbeiten?« »Verpflichtet?« sagte der Insulaner und sah ihn, während er langsam den Kopf wieder hob, erstaunt an. »Verpflichtet – zu was?« »Hier eine Zeitlang zu arbeiten.« »Sie haben uns gesagt, daß wir nur an Land geschafft werden sollten, bis wieder ein Schiff nach unserer Insel abging.« »Was sagt er?« fragte Bertrand, der früher auch auf den Inseln gewesen war, seit der Zeit aber das wenige, was er überhaupt von der Sprache verstand, gänzlich wieder vergessen hatte. Rafael wiederholte ihm die Worte. »Aber sie haben doch einen Kontrakt unterzeichnet!« rief der Franzose. Rafael fragte jetzt den Insulaner, ob sie nicht ihren Namen auf ein Papier gesetzt hätten, auf dem stand, daß sie sich als Arbeiter verdingen wollten. Der Insulaner fuhr entrüstet empor und eben wollte er erzählen, wie man sie an Bord gelockt und mit fortgenommen hatte, als der Aufseher, ein Cholo mit einem nichts weniger als einladenden Gesicht, herankam und eine ziemlich gewichtige Peitsche in der Luft schwang. »Holla, du faule Bestie!« rief er dabei, aber natürlich auf Spanisch, wovon der arme Insulaner doch kein Wort verstand, »willst du machen, daß du an deine Arbeit kommst! Es wäre nötig«, setzte er mit einem gemeinen Fluch hinzu, »daß man jedem von euch Lumpenkerlen einen Aufpasser auf den Rücken setzte, und verdammt will ich sein, wenn ich nicht schon zehnmal gewünscht habe, das blutige Schiff, das euch hierher gebracht hat, wäre mit Mann und Maus untergegangen!« Dabei war er, ohne die Weißen zu beachten, ziemlich nahe herangekommen und holte eben zu einem Schlag aus, als Rafael dazwischen sprang und ausrief: »Halt, Señor, dieses Mal sind wir schuld daran, daß der Mann seine Pflicht versäumt hat, und Sie werden ihn überhaupt noch einen Augenblick entschuldigen müssen, da ich einige Fragen an ihn zu richten wünsche!« »Señores«, sagte der Mann finster, »ich weiß nicht, ob es meinem Herrn recht sein wird, wenn Sie sich hier mit seinen Arbeitern unterhalten, anstatt daß diese ihrer Pflicht nachgehen!« »Ich befinde mich da in dem nämlichen Fall wie Sie, Señor«, sagte Rafael mit spöttischer Höflichkeit, »ich weiß es auch nicht. Trotzdem aber bleibt der Insulaner hier, bis ich ihn alles gefragt habe, was ich wissen muß!« »Dazu haben Sie kein Recht«, wollte der Cholo auffahren – Bertrand aber rief: »Pst, Bursche, kein Wort weiter, wenn du gescheit bist, außer denn, du wolltest dir selber einen Rücken voll Schläge holen, daß du acht Tage lang nicht einmal auf deiner eigenen Haut liegen könntest! Ich denke, du kennst mich, und es wären nicht die ersten Prügel, die du von mir bekommst!« »Señor Bertrand«, sagte der Mann, den tückischen Blick nur scheu zu ihm erhebend, »wenn Sie Gewalt anwenden, so kann ich nichts gegen Sie ausrichten; mein Herr mag aber dann entscheiden, ob ich meine Pflicht getan habe«, und sich rasch abwendend, schritt er nach der Hacienda zurück, um Desterres zu benachrichtigen. »So, Rafael«, sagte der alte Franzose, »nun laß deinen Braunfisch erzählen, denn vor dem Burschen sind wir jetzt sicher. Desterres weiß besser, als daß er mir in die Quere kommen sollte, wenn ich einmal meinen Kopf auf was gesetzt habe. Wir beide sind ganz gute Nachbarn zusammen, wenn wir einander nicht zu sehen bekommen, und in dem Sinne, denke ich, wird er auch weiter gute Nachbarschaft halten. Also lauf einmal vom Stapel.« Es bedurfte nur weniger Worte, um den Insulaner in Gang zu bringen, und er erzählte jetzt in der einfachen Weise dieser Leute, wie sie an jenem Morgen an Bord gelockt worden waren, und wie das Schiff dann fortgefahren wäre, ohne daß die Weißen auf ihre Bitten gehört hätten. Auch von dem verzweiflungsvollen Angriff, den sie machten, als sie sich verraten sahen, erzählte er, und wie man dann unter sie geschossen und die Toten nachher über Bord geworfen habe. Rafael hörte ihm, ohne ihn auch nur mit einer Silbe zu unterbrechen, zu, und nur dann und wann mußte er Bertrand übersetzen, was der Insulaner sagte. Auch auf den Italiener kam die Rede, denn die Insulaner hatten jetzt die feste Überzeugung gewonnen, daß der sie verraten habe. Ein Wort der Warnung von ihm, und sie wären ja dem Schiffe nie zu nahe gekommen! Was aber aus Felipe geworden war, wußten sie nicht. Seit sie in dem »viereckigen Kanu« (dem Eisenbahnwagen) über den Sand »geflogen« waren, hatten sie ihn nicht mehr gesehen. Rafael und Bertrand bezweifelten jetzt keinen Augenblick länger, daß hier eine nichtswürdige Büberei stattgefunden hatte; aber was war dagegen zu tun? Die Insulaner hatten dabei, wie es schien, gar keine Ahnung davon, wie lange sie hier festgehalten werden sollten, und wie sie, selbst wenn diese acht Jahre abgelaufen waren, in ihre Heimat zurückkehren sollten; daß jenes Schiff sie nicht zurückbringen würde, verstand sich wohl von selbst. Der einzige, der hier helfen konnte, war der Präsident; aber würde er es tun, und war diese Einführung von Kulis nicht vielleicht gar auf seinen Befehl geschehen? Bertrand glaubte das, denn seiner Versicherung nach sollte schon heute wieder ein Schiff mit Kulis von den Inseln in Callao erwartet werden. So viel blieb gewiß, für den Augenblick war hier in der Sache gar nichts zu ändern, denn allem Anschein nach hatten die jetzigen »Eigentümer« dieser Unglücklichen das peruanische Gesetz vollständig auf ihrer Seite. Nur Hoffnung geben konnte Rafael dem armen Teufel von Insulaner, und er versicherte ihm jetzt, er wolle dem »König der Weißen« hier im Lande das Unrecht erzählen, das ihnen geschehen sei, der würde die Schuldigen dann bestrafen und sie selber nach ihrer Insel zurückführen. Bis dahin – und das möge er auch allen seinen Gefährten sagen – sollten sie nur Geduld haben und jetzt die Arbeit verrichten, die ihnen aufgetragen würde. Und wie dankbar war der arme Insulaner selbst nur für dieses Versprechen einer Hilfe! Wie glücklich fühlte er sich, nicht allein jemand gefunden zu haben, der seine Sprache redete, nein, der ihnen auch beistehen wollte in ihrer Not – und jubelnd sprang er zu den Gefährten hinüber, um ihnen die gute Kunde zu bringen. Bertrand und Rafael aber kehrten jetzt wieder um. Sie mochten Desterres keinen wirklichen Grund zur Klage geben. Übrigens wären sie auch, selbst in dem Fall, nicht von dem »Nachbar« belästigt worden, der gar nicht daran dachte, sich in einen Streit einzulassen. Es verbesserte allerdings seine Laune nicht, als ihm sein Aufseher das Vorgefallene meldete, aber er befahl ihm, die beiden Herren gewähren zu lassen. Die Insulaner arbeiteten überdies nicht viel; ob nun einer von ihnen ein paar Minuten schwatzte oder nicht, blieb sich da ziemlich gleich. Der Besuch »Nun, das ist gescheit, mein Junge, daß du ein paar Tage bei uns bleiben willst«, sagte Bertrand, als die beiden Männer zusammen nach ihrer Wohnung zurückschritten. »Heute haben wir auch Zeit genug, um die Sachen ein wenig durchzusehen, die du hier herausgeschickt hast, denn morgen wird es ein wenig unruhig hier zugehen.« »Morgen? Weshalb? Erwarten Sie Besuch?« »Ja, aus der Stadt. Deringcourt, ein alter Freund von mir noch von Frankreich her, hat eine junge Dame zu sich genommen, eine Sängerin, von der sie jetzt einen merkwürdigen Spektakel in der Stadt machen, und als ich vorgestern in Lima bei ihm war, versprach er mir, morgen mit seiner ganzen Kavalkade herauszureiten und uns zu besuchen.« »Mit Fräulein Valière?« rief Rafael erstaunt. »Ich glaube, so heißt sie. Kennst du sie?« »Wir waren Reisegefährten von Guayaquil nach Callao; sie ist auch Französin.« »Ja, ich weiß, und soll ganz ausgezeichnet in ihrer Kunst sein. Ich freue mich darauf, sie einmal so in der Nähe zu sehen und in meinem Hause begrüßen zu können.« »Dann weiß ich auch«, rief Rafael, »weshalb Desterres die Hacienda so ausschmücken läßt, denn jedenfalls werden sie ihn drüben auch besuchen!« »Den gelben Lumpen? Ich glaube gar nicht, daß Deringcourt mit dem bekannt ist.« »Aber die junge Dame, und es sollte mich sogar sehr wundern, wenn nicht Desterres mit von der Partie wäre!« »Hm, dann könntest du am Ende recht haben, daß er deshalb das alte Haus da drüben so herausputzen läßt. Bei mir haben sie sich aber ansagen lassen, und ob sie nachher Zeit bekommen, auch einmal hinüberzuschauen, ist eine andere Frage. Aber jetzt komm an die Arbeit!« Die beiden Männer, die indessen Bertrands Haus wieder erreicht hatten, gingen jetzt ernstlich daran, den Nachlaß von Rafaels Oheim genau zu untersuchen und besonders keins der Papiere unbeachtet zu lassen. Unter all den Papieren war nicht ein einziges, das über den Kauf Aufschluß gab, ja, das nur die leiseste Andeutung darüber enthalten hätte. Daß übrigens der alte Herr bis zu seinem Sterbetag bei voller Lebenskraft gewesen war, bewies ein kleines Ausgabebuch, das er selber geführt und in das er selbst noch an seinem Todestag Einträge gemacht hatte. Rafael hatte es besonders aufmerksam durchstudiert, ohne aber auch einen Anhalt darin zu finden, schlug es endlich wieder zu und schob es von sich. Bertrand nahm es und öffnete es wieder. »Sie finden nichts darin«, sagte Rafael; »mein armer Onkel kann überhaupt keine Ahnung von seinem Tode gehabt haben, denn noch am allerletzten Tage hat er in die Stadt geschickt, um sich Zigarren holen zu lassen. Selbst der Posten steht dort von seiner Hand verzeichnet.« »Alle Wetter«, rief Bertrand plötzlich, »hier steht aber auch etwas, das ich bis jetzt noch nicht gewußt habe!« »Und was ist das?« »Botenlohn für Pedro einen halben Dollar!« »Nun?« »Pedro ist der Sohn der alten Pascua; der Bursche ist also in seinem Hause aus- und eingegangen, und selbst an seinem Todestage dort und auch wahrscheinlich bei ihm im Zimmer gewesen.« Rafael war aufgestanden und ging im Zimmer auf und ab. »Das wäre allerdings ein Glied mehr in der Kette der Wahrscheinlichkeiten«, sagte er endlich, »und in Europa ließe sich mit diesen Verdachtsgründen, die wir jetzt haben, vielleicht ein Verfahren einleiten. Peru müßte sich aber während meiner Abwesenheit sehr verändert haben, wenn wir hier etwas damit ausrichten wollten – und dennoch muß es versucht werden. Jedenfalls ist dieses Ausgabebuch jetzt von größerer Wichtigkeit, als ich im Anfang glaubte, schon der Tinte wegen, die der Verstorbene bis zu seinem letzten Augenblick gebrauchte, und von der ich die feste Überzeugung habe, daß es nicht dieselbe ist, mit der seine Namensunterschrift unter den Kaufakt gezeichnet worden ist – und doch behauptet Desterres, daß es in seiner eigenen Stube geschehen sei.« »Wer soll das aber hier beweisen? Wo haben wir einen Chemiker, der das untersuchen könnte? Und den Kontrakt nach Europa schicken, wäre eine weitläufige Geschichte!« meinte Bertrand. »Würde von den hiesigen Gerichten auch kaum gestattet werden«, sagte Rafael; »Castilla selber müßte denn ein Machtwort sprechen.« »Ja, darauf warte«, brummte Bertrand, »eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus; und wenn ich auch glauben will, daß er das Gesindel, mit dem er zu tun hat, kennt, so braucht er es doch auch wieder. Außerdem ist es außerordentlich schwer, Zutritt zu ihm zu erlangen, denn seit dem letzten Attentatsversuch hält er sich äußerst abgeschlossen und verkehrt fast nur mit seinen Ministern. Daß aber bei denen nichts gegen Desterres anzubringen ist, darauf kannst du dich fest verlassen. Jedes Wort wäre verloren, ja, schlimmer als das, denn es würde den Burschen warnen.« »Sollen wir die Sache denn als vollkommen hoffnungslos aufgeben?« fragte Rafael, stehenbleibend. »Das sag' ich nicht«, rief Bertrand, »im Gegenteil wollen wir beide die Augen offenhalten. Dadurch, daß wir jetzt, wo du zurückgekehrt bist, anscheinend gar nichts tun, machen wir die Schufte, wenn wirklich ein Verbrechen verübt wurde, sicher, und wer weiß, ob sich dann nicht einer von ihnen auf die eine oder die andere Art einmal verrät. Einer allein kann die Sache nicht ausgeführt haben, es müssen verschiedene darum wissen, und das ist ein gefährlich Ding und hat schon manches Verbrechen an den Tag gebracht. Doch nun fort mit der fatalen Geschichte, Juanita hat schon da drin eine ganze Weile mit den Gläsern geklirrt; bei einem Glase Wein schwemmen wir das alles hinunter!« Rafael, der jetzt zufällig erfahren hatte, daß Lydia den Platz morgen besuchen würde, wäre ihr gern ausgewichen. Er wußte selber eigentlich nicht recht, woher es kam, aber er wünschte nicht, gerade hier mit ihr zusammenzutreffen. Das ließ sich freilich jetzt nicht mehr ändern, denn er hatte sich nun schon einmal auf ein paar Tage angemeldet – welchen Grund konnte er angeben, weshalb er sein Versprechen nicht halten wolle? Der alte Bertrand, und selbst Juanita würden Verdacht geschöpft haben. Und weshalb sollte er ihr auch ausweichen? Er hatte, wie oft er auch nahe daran war, sein sich selbst gegebenes Wort zu brechen, sich damals fest vorgenommen, sie nie wieder aufzusuchen; er hatte es bis jetzt gehalten, und nun wollte es der Zufall, daß er ihr dennoch wieder begegnen sollte. Aber er brauchte sich darüber keine Vorwürfe zu machen; es geschah ohne sein Zutun. Jedenfalls mußte er bleiben und sie erwarten; es ging nun schon einmal nicht anders. Der nächste Morgen kam, und mit ihm noch ziemlich früh, da die Gesellschaft die Morgenkühle zu ihrem Ritt benutzt hatte, die kleine Kavalkade, die aus acht Personen bestand: Herr Deringcourt mit seiner Tochter – seine Frau hatte es vorgezogen, zu Hause zu bleiben –, Demoiselle Lydia Valière, Desterres, Señor Sarmiento, ein Adjutant des Präsidenten, der Lydia auch die Pferde zur Verfügung gestellt hatte, der Theaterdirektor Monsieur Monfort und noch zwei andere Herren, ebenfalls Verehrer der schönen Französin, der eine ein Bruder des Finanzministers Benares. Lydia war die Seele dieses kleinen, fröhlichen Trupps, der im gestreckten Galopp seine Pferde ausgreifen ließ, wie sie nur erst einmal harten und glatten Boden erreichten und die unmittelbare Nähe Limas hinter sich hatten. Lachend und plaudernd sprengten sie heran, bald in einer Reihe die weite Ebene benutzend, bald, wo es der Weg bedingte, zu Zweien abbrechend, bis sie endlich in die breite Straße der Ansiedelung einbogen und hier, schon der vielen im Wege herumlaufenden Kinder wegen, langsamer reiten mußten. Jetzt bogen sie links in die Straße ein, die nach Bertrands Hacienda führte, und wenn auch Desterres dagegen Einsprache erheben und Fräulein Valière zuerst in seiner Besitzung einführen wollte, ließ sich Deringcourt doch nicht irremachen. Er haßte den Peruaner überdies und dachte gar nicht daran, auch nur die geringste Rücksicht auf ihn zu nehmen. Bertrand und Juanita, die schon die Hufschläge der herantrabenden Tiere gehört hatten, sprangen an die Tür, ihren Besuch zu begrüßen – Juanita und Deringcourts Tochter Adele waren überhaupt eng befreundet –, und wenige Minuten später zügelte die kleine Kavalkade an dem Gattertor von Bertrands Hacienda ein. Bertrand selber hatte sich eine Art von Rede ausgedacht, mit der er die junge, gefeierte Landsmännin empfangen wollte – aber, du lieber Gott, er kam nicht einmal zum Anfang! Kaum hatte er Lydia den Arm entgegengestreckt, um ihr beim Absteigen behilflich zu sein, als das junge, wilde Mädchen, nur eben ihre Hand auf die seine stützend, aus dem Sattel sprang und dann auf eine so liebenswürdige Weise sich an seinen Arm hing, auf ihn einplauderte und ihm erzählte, wie glücklich es sie mache, ihn einmal besuchen zu können, da Deringcourts ihr schon so viel von ihm erzählt hätten, daß der alte Mann gar nicht imstande war, zu Worte zu kommen. Und wie herzlich begrüßte sie Juanita! In wenigen Minuten war sie so gut mit ihr bekannt, als ob sie jahrelang zusammen gelebt hätten und miteinander befreundet gewesen wären; alle Umstände und Formalitäten schnitt sie gleich beim Beginn entschieden ab. Bertrands Leute waren indes herbeigekommen, um die Pferde in Empfang zu nehmen, und die kleine Gesellschaft, von der nur wenige Bertrand nicht persönlich kannten und sich ihm rasch und ungezwungen selber vorstellten, betrat jetzt den Speisesaal, wo schon eine große Tafel mit allerlei Erfrischungen gedeckt war. Hier erst trat ihnen Rafael entgegen, und Lydia schaute überrascht zu ihm auf. Unwillkürlich fast flog dabei ihr Blick zu Juanita hinüber, und sie rief, ihm die Hand entgegenstreckend: »Caballero, Sie hier? Draußen zwischen den Hacienden in ländlicher Zurückgezogenheit, wo ich Sie im Trubel der großen Stadt vermutete? Das ist allerdings eine unverhoffte Freude, einen alten Reisegefährten nach so langer Zeit einmal wieder zu sehen. Wie ist es Ihnen indes ergangen? Denn von mir kann ich Ihnen nur Gutes melden. Ihre Landsleute verwöhnen mich sogar hier, und wenn es möglich wäre, würden sie mich noch eitler machen, als ich es so schon bin.« »Glauben Sie wirklich, Señorita, daß ich mich davon nicht selber in der Stadt überzeugt hätte?« fragte Rafael, indem er die dargebotene Hand nahm und leicht an die Lippen hob. »Ich bin dort steter Zeuge Ihrer Triumphe gewesen!« »Wirklich?« lächelte das schöne, junge Mädchen; »nun, dann kann ich Ihnen sagen, daß mich das freut! Aber unser Wirt wartet! Doch vorher muß ich Ihnen noch meine liebe Freundin, Adele Deringcourt, vorstellen. Liebe Adele, ein alter oder vielmehr ein junger Reisegefährte von mir, Señor Aguila; Señor, Demoiselle Adele Deringcourt, die Tochter meines liebenswürdigen und allzu nachsichtigen Wirtes und Freundes, den ich hier ebenfalls die Ehre habe, Ihnen vorzuführen. Monsieur, ich habe mir eben die Freiheit genommen, Ihre Tochter mit dem liebenswürdigsten Peruaner bekannt zu machen, den Sie in Ihrer Republik haben, und das ist viel gesagt, wenn ich die gegenwärtige Gesellschaft betrachte«, setzte sie lächelnd hinzu. »Und nun zu Tisch, denn Monsieur Bertrand rückt dort schon in halber Verzweiflung die Stühle und hat nicht eher Ruhe, bis er uns wohlverpackt hinter seinen Delikatessen weiß!« Bertrand, der vor allen Dingen Umständlichkeit und von allen Umständlichkeiten besonders das Vorstellen haßte, hatte in der Tat schon etwas ungeduldig die Stühle geschoben, da er sich rasch einen Überschlag gemacht hatte, wie er seine Gäste setzen wollte, und nun in Angst war, daß er die ausgedachte Anordnung wieder vergäße. Es ging aber noch alles gut ab, und eine Stunde etwa verplauderte die kleine fröhliche Gesellschaft, die von dem Ritt einen vortrefflichen Appetit mitgebracht hatte, an der reichbesetzten Tafel. Der Kaffee wurde dann im Nebenzimmer gereicht, ein junger Cholobursche trug die Zigarren umher, und bald bildeten sich überall wieder kleine plaudernde Gruppen. Nur Desterres war nicht mit zu dem Frühstück hereingekommen und hatte sich deshalb vorher bei Lydia entschuldigt. Er müsse, wie er sagte, nach seiner eigenen Hacienda hinüber, um dort zu sehen, ob alles in Ordnung sei, da er doch fest darauf rechnete, daß sie ihn so glücklich machen würde, sein eigenes, dicht dabei gelegenes Grundstück, und wenn es auch nur auf wenige Minuten wäre, zu besuchen. Lydia konnte dem natürlich nicht ausweichen und sagte zu. Sowie die Gäste vom Tisch aufgestanden waren, wo Lydia ihren Sitz zwischen Bertrand und Señor Benares gehabt hatte, ging das junge Mädchen zu Juanita, um mit ihr zu plaudern und ihr dabei zu sagen, wie sehr sie sich freue, sie hier in ihrer stillen Häuslichkeit kennengelernt zu haben. In jedem anderen Munde wäre das auch kaum mehr als eine gewöhnliche, gesellschaftlich höfliche Redensart gewesen, von Lydias Lippen klang es aber wie aus dem Herzen kommend, und kam auch daraus, denn ihr Auge haftete dabei mit wirklicher Zuneigung auf dem jungen Mädchen, das in ihrer liebenswürdigen Befangenheit errötend vor ihr stand. Was hatte sie auch schon von der Welt da draußen und ihren Formen gesehen, was wußte sie davon, und jetzt plauderte die junge Dame, deren Name auf aller Lippen war, die von allen gepriesen und gefeiert wurde, so traulich, so unbefangen, ja, so herzlich mit ihr, als ob sie Freundinnen von Jugend auf gewesen wären. Rafael hatte sich indessen in eine Unterhaltung mit Monsieur Monfort eingelassen, der natürlich nur über Theater und die Not sprach, die ein armer Direktor in diesem noch halb barbarischen Lande nicht allein mit dem Publikum, nein, besonders mit seinen ersten Mitgliedern habe. Dabei aber konnte er nicht genug rühmen, welche Ausnahme Fräulein Lydia von dieser Regel mache; eine solche Primadonna sei ihm noch nicht vorgekommen, denn sie scheine nicht zu wissen, was Launen, ja, sogar nicht einmal, was Heiserkeit wäre, und er segne den Tag, wo sie die peruanische Küste betreten habe. Eine leichte Hand legte sich auf Rafaels Schulter, und als er rasch den Kopf danach wandte, stand eben diese Primadonna neben ihm und sagte, sich lächelnd gegen ihren Direktor verbeugend: »Sie entschuldigen, gestrenger Herr Maestro, wenn ich Ihre gewiß sehr interessante Unterhaltung einen Augenblick störe, aber ich habe mit diesem Herrn einige Worte zu reden.« »Señorita«, rief Monsieur Monfort, »wenn eine Versenkung hier wäre, würde ich dadurch augenblicklich verschwinden, nur um Ihnen zu beweisen, wie ich nicht einmal mehr zu existieren wünsche, sobald Sie nur den leisesten Wunsch dahin äußern.« »Haben Sie schon je einen so artigen Theaterdirektor gesehen, Señor Aguila?« schmunzelte die junge Dame; »er ist wirklich ein Muster. Aber Sie brauchen weder Versenkung noch Wolkenwagen zu benutzen, mein Herr, denn es handelt sich nur um ein paar Fragen. Wir sind gleich wieder bei Ihnen!« Und ihren Arm in den Rafaels legend, führte sie ihn mit einer leisen, lächelnden Verneigung gegen den Direktor an die andere Seite des Saales. Aber schon unterwegs flüsterte sie: »Jetzt weiß ich auch, Señor Conferado, weshalb Sie mir untreu geworden sind und sich die ganze lange Zeit nicht haben bei mir sehen lassen. Aber war das recht von Ihnen?« »Und weshalb, Señorita?« »Halten Sie mich für blind?« sagte kopfschüttelnd das schöne Mädchen, »oder sollte ich nicht etwa sehen, wie ein Paar schöne, kastanienbraune Augen den kalten Peruaner endlich gepackt und festgehalten haben? Ich wußte allerdings nicht, daß es hier draußen einen solchen Magnet geben könnte – aber entschuldigt Sie das, Ihre alten Freunde deshalb zu vernachlässigen? Sie haben mir weh damit getan, denn ich glaubte schon, daß ich Sie durch irgend etwas, und wahrlich unbewußt, beleidigt hätte.« Sie sah ihn dabei mit einem so lieben, furchtsamen Blicke an, daß Rafael verlegen wurde. Was sollte er auch darauf erwidern, was ihr sagen? Er tat das, was er sich von vornherein vorgenommen hatte, nicht zu tun – er entschuldigte sich bei ihr und erwiderte leise: »Ich hätte Sie gewiß schon längst wieder aufgesucht, aber Geschäfte hielten mich mehrere Tage in Callao fest. Es war ein Schiff eingelaufen, dessen Ladung ich vorher verwerten mußte.« »Sie haben doch, um Gottes willen, nichts mit dem entsetzlichen Kulihandel zu tun?« rief Lydia rasch und wie erschreckt. »Sehe ich aus wie ein Sklavenhändler?« lächelte Rafael. »Nein, Señorita, obgleich einer Ihrer intimen Freunde der Sache nicht so fern steht!« »Ich weiß es«, sagte Lydia, und ein leichtes Rot färbte ihre Wangen, »Señor Desterres.« »Hat ihn das in Ihrer Achtung heben können?« Lydia schien die Frage überhört zu haben; sie sah eine kurze Weile schweigend vor sich nieder, endlich sagte sie leise: »Wissen Sie wohl, daß ich mich während der Zeit, in der wir uns nicht gesehen haben, sehr viel mit Ihnen beschäftigte?« »Mit mir, mein Fräulein?« sagte Rafael, ungläubig den Kopf schüttelnd. »Sie glauben es mir nicht, und doch ist es wahr. Desterres bewohnt das Gut, das früher Ihr Eigentum war?« »Allerdings; Monsieur Deringcourt kennt wohl einen Teil der Verhältnisse?« »Nur unvollkommen; aber ich habe auch mit ihm darüber gesprochen. Ihr Onkel starb rasch und unerwartet, und das Geld für den Gutsverkauf ist verschwunden.« »Habe ich Ihnen das nicht selber erzählt?« »Auch nur zum Teil, und gar nicht gesagt haben Sie mir, daß Sie Desterres in Verdacht halten, auf unrechtlichem Weg in den Besitz Ihres Eigentums gelangt zu sein.« »Mein Fräulein!« rief Rafael erstaunt. »Pst«, ermahnte ihn Lydia, »es braucht niemand zu ahnen, daß wir hier über etwas anderes als ganz gleichgültige Dinge sprechen. Welche Beweise haben Sie dafür?« »Beweise eigentlich noch keine, Verdachtsgründe genug«, erwiderte Rafael nach einigem Zögern, »aber Sie kennen die Verhältnisse in Peru nicht, mein Fräulein. Der Besitz selber ist schon in vielen Fällen entscheidend, und wo es sich bei einer solchen Sache gar noch darum handelt, daß ein völlig Unbekannter gegen von der Regierung begünstigte und bevorzugte Männer auftritt, da würde Ihnen wohl jeder Rechtsanwalt den Rat erteilen, Zeit und Kosten zu sparen und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Ein Erfolg ließe sich doch nicht davon versprechen.« »Und wenn Sie sich nun direkt an den Präsidenten wenden?« »Und das raten Sie mir gegen Señor Desterres?« fragte Rafael erstaunt. Lydia wollte etwas erwidern, faßte aber ihre Unterlippe mit den Zähnen und warf einen flüchtigen Blick durch das Zimmer. Er traf den Juanitas, die sich mit Adele in einem andern Teile des Saales unterhielt. Ein leichtes, fast unmerkliches Lächeln flog über ihre Züge. Endlich flüsterte sie: »Wer sagt Ihnen, daß Desterres mein Freund ist? Halt, ich weiß, was Sie mir darauf erwidern wollen«, setzte sie rasch hinzu, »und dem Anschein nach können Sie auch vielleicht recht haben; aber«, fügte sie mit einem schelmischen Lächeln hinzu, »wäre es nicht auch möglich, daß ich meine Freundschaft etwa in derselben Weise wie meine Locken verschenkte?« »Señorita, machen Sie sich nicht schlimmer als Sie sind«, sagte Rafael bittend, »denn auch mir haben Sie versichert, daß Sie mir freundlich gesinnt wären, und wer bürgte mir dann dafür, daß ich nicht auch eine falsche Locke bekäme?« »Ich habe Ihren Vorwurf vielleicht verdient«, sagte Lydia leise, »aber doch nicht von Ihnen verdient, Don Rafael«, setzte sie herzlich hinzu, »und mein einziger Trost ist, daß die Zeit kommen wird, wo Sie mir Abbitte tun werden. Aber wir dürfen uns jetzt nicht länger mehr der Gesellschaft fern halten; Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet. Weshalb wenden Sie sich nicht direkt an Ihren Präsidenten?« »Ich habe selber schon den Gedanken gehabt«, sagte Rafael, »aber auch darin kennen Sie Peru zu wenig. Es ist nicht so leicht, von dem Präsidenten in einer derartigen Angelegenheit eine Audienz zu bekommen. Die Leute, die seine Umgebung bilden, hängen zusammen wie die Kletten, und wer sich da hindurchdrängen will, wird überall zurückgehalten.« »Er wird sich sicher nicht weigern, Sie anzuhören.« »Er würde es vielleicht nicht tun, wenn er überhaupt erführe, was ich wollte; aber er erfährt es nie.« »Ich verstehe Sie nicht.« »Ich werde eben nicht angemeldet«, sagte Rafael achselzuckend. »Neulich schon war ich bei dem Minister Morales, um zu diesem Zweck anzufragen. Der Herr gab mir aber ganz deutlich und trocken zu verstehen, daß die Minister selber der natürliche Weg zum Präsidenten wären, da man den alten Herrn nicht mit allen Kleinigkeiten behelligen könne. Was ich also vorzutragen habe, möchte ich ihm mitteilen; es wäre das ebensogut, als ob ich es dem Präsidenten selber sage.« »Nun und?« »Es versteht sich von selbst, daß ich das nicht tat, denn dadurch wäre meine Sache von vornherein verloren gewesen. Ach weiß jetzt wirklich nicht, was ich tun soll, denn schon dieser armen Südsee-Insulaner wegen müßte ich ihn sprechen, da ein Verbrechen verübt wurde, diese Leute ihrem Vaterland zu entführen. Aber in den Vorzimmern herumzusitzen ist meine Sache nicht, und nie im Leben würde ich mich dazu verstehen.« Lydia schwieg und sah sinnend vor sich nieder. »Werden Sie nachher mit zu Desterres hinübergehen?« sagte sie endlich. »Da ich nicht mit zur Gesellschaft gehöre, nein.« »Dann sehen wir uns vielleicht heute gar nicht mehr, denn Señor Benares trifft, wie ich bemerke, schon Anstalten zum Aufbruch. Werden Sie mich auch ferner so entschieden meiden, Don Rafael? Es könnte sein, daß ich Ihnen in der nächsten Zeit Wichtiges mitzuteilen hätte.« »Glauben Sie denn, daß mich das nur allein bewegen könnte, Sie aufzusuchen?« fragte Rafael, während sich sein Antlitz höher färbte; »ich bin nicht imstande, einer Dame leere Schmeicheleien zu sagen, es widerstrebt meiner Natur, aber seien Sie versichert, Señorita, daß es mich nur zu sehr zu Ihnen zieht.« »Davon habe ich bis jetzt nichts gemerkt«, lachte Lydia, »aber pst, was reden Sie? Wenn das nun andere Ohren gehört hätten?« »Andere Ohren?« sagte Rafael erstaunt. »Ich muß wirklich tausendmal um Entschuldigung bitten, wenn ich diese so sehr interessante Unterhaltung störe«, unterbrach sie hier der zu ihnen tretende Benares, »aber unser Freund Desterres drüben wird auf Nadeln sitzen, bis wir ihm den versprochenen Besuch abgestattet haben, und in der Situation ...« »Wäre es grausam, ihn lange warten zulassen«, lachte Lydia. »An diesen Besuch«, rief Deringcourt, »habe ich jedoch die Bedingung zu knüpfen, daß wir in einer Stunde spätestens wieder im Sattel sitzen, um noch am Fluß hinaufzureiten! Unser Diner nehmen wir nachher hier bei Bertrand ein!« »Aber Señor Desterres wird fest darauf rechnen«, sagte Benares. »Dann wird er sich verrechnen«, entschied Deringcourt. »Die Herren erinnern sich, daß mir das Arrangement für den heutigen Tag überlassen wurde; ich habe uns also sämtlich bei Monsieur Bertrand eingeladen, der natürlich seine Vorbereitungen dazu treffen mußte! Sie werden mich jetzt nicht Lügen strafen wollen!« »Tausend Dank, lieber Deringcourt«, flüsterte ihm Lydia heimlich zu. »Unter den Umständen läßt sich allerdings nichts weiter tun.« »Señor Desterres hat uns auch, soviel ich weiß, nur dazu eingeladen, seine Hacienda einmal anzusehen«, nahm jetzt die junge Französin das Wort; »also, Monsieur Bertrand, wir versprechen bestimmt, Ihnen zum Diner wieder zur Last zu fallen.« »Fallen Sie nur zu«, lachte Bertrand, »willkommener ist noch niemand gewesen, und ich danke meinem Freund Deringcourt von Herzen für seine Fürsprache.« Die kleine Gesellschaft ging jetzt zu Desterres hinüber, der ebenfalls alle nur zu erlangenden Delikatessen aufgetafelt hatte und ernstlichen Protest dagegen erheben wollte, daß man sich weigerte, zu einem zweiten Frühstück, unmittelbar nach dem ersten, Platz zu nehmen. Dann wurden die Pferde wieder vorgeführt, die kleine Kavalkade ritt noch ein paar Leguas an dem Strom hinauf und kehrte dann, etwa mittags um vier Uhr, zu Bertrand zurück, wo sich diesmal selbst Desterres nicht ausschließen konnte. Bei diesem Besuch bekam Rafael aber keine Zeit zu einer längeren Unterhaltung mit Lydia, und nur nach Tisch konnte sich ihr der junge Mann wieder auf einen Augenblick nähern. »Aber wie kommt es, Señorita«, fragte er, »daß heute bei dieser fröhlichen Partie Ihr Schatten fehlt?« »Mein schwedischer?« sagte Lydia mit einem schelmischen Blick auf Rafael. »Ich glaube wirklich, daß Sie Ihre ›Schatten‹ nach Nationen rechnen«, lächelte der junge Mann. »Der arme Stierna«, sagte Lydia mit tiefem Bedauern im Ton, »wie furchtbar wird ihm der heutige Tag sein!« »Und Sie konnten so grausam gegen ihn sein, ihn zurückzulassen?« »Ich wäre grausam gewesen, wenn ich ihn mitgenommen hätte«, sagte die junge Schöne ganz ernsthaft; »er kann nicht reiten.« »Er kann nicht reiten?« »Nein«, lachte Lydia jetzt, »aber er wird seinen Fehler bald verbessern, denn seit gestern hat er bei einem alten Franzosen in Lima Reitstunden genommen, und zwar täglich drei mit Zwischenpausen, um sich wieder zu erholen. Er sieht ein, daß er in Peru ohne diese edle Kunst nicht leben kann.« Nach Tisch machte die kleine Gesellschaft noch einen kurzen Spaziergang durch Bertrands Anlagen und Garten – Lydia hatte Juanitas Arm genommen, und gegen Abend erst, da der Mond voll am Himmel stand, brach der Zug fröhlicher Menschen wieder nach der Stadt auf. Rafael hatte sie hinunter zu den Pferden begleitet und Lydia geholfen, ihren Sitz im Sattel einzunehmen. Jetzt sprengten sie in kurzem Galopp die Straße hinab, und er blieb noch mit Bertrand unten am Tor stehen, um ihnen nachzuschauen, solange er sie erkennen konnte. Oben am Fenster im Hause stand Juanita, die Stirn sinnend an die hölzerne Verkleidung gelehnt, und blickte still nach den leichten Abendwolken hinüber, denen die untergehende Sonne schon jene wunderbare Rosa- und Lila-Tinten mitteilte, wie man sie in dieser Pracht nur eben in den Tropen findet. General Granero Gerade dem Theater gegenüber in Lima lag ein Gebäude, das fast die ganze Front des Theaterplatzes einnahm und ursprünglich wohl ein Hotel werden sollte. Unten liefen an der ganzen Front Kolonnaden hin; die unteren Räume des Gebäudes waren aber jetzt vermietet. Da fand sich ein von einem Franzosen gehaltenes Bad mit Marmorbassins; da lag ein von einem Italiener gehaltenes, allerdings sehr einfaches Kaffeehaus; da hatte ein deutscher Möbelhändler und Tapezierer seinen Stand, ein Vergolder, ein Messerschmied, eine Putzhandlung, ein Barbier, und oben und unten an den Kolonnaden saßen ein paar Obstfrauen, die über Tag das herrlichste Obst feil hielten. In der ersten Etage dieses Hauses wohnte in einem der vorderen Zimmer, mit dem Balkon nach dem Theaterplatz hinaus, Granero, der Expräsident der ecuadorianischen Republik; von seinem ganzen Hofstaat hatte er sich nur zwei junge Mulattenburschen mitgebracht. Die Möbel des Zimmers, die bei Einrichtung des früheren Hotels sehr elegant und hübsch gewesen sein mochten, hatten jetzt, durch den Zahn der Zeit, durch Motten und starken Gebrauch, nicht unbedeutend gelitten. In dem Sofa waren einige ziemlich große Löcher, die Rohrstühle verlangten dringend eine Reparatur und der zertretene und verblaßte Teppich, der allem Anschein nach nicht ausgeklopft worden war, seit ihn der Tapezierer damals hineingelegt hatte, gab bei jedem Schritt kleine feine Wolken Staub von sich; aber das störte den Expräsidenten nicht. Nur eine Bequemlichkeit hatte er sich aus Ecuador mitgebracht, seine aus gelbem und rotem Bast geflochtene Guayaquil-Hängematte, die auch, nach ecuadorianischer Sitte, nicht langgestreckt ausgespannt wurde, um darin liegen zu können, sondern mehr wie eine Schaukel mitten im Zimmer befestigt war. In dieser Hängematte saß der Präsident den ganzen Tag, das eine kurze, dicke Bein rechts, das andere links herüber hängend, in einer halb sitzenden, halb liegenden Stellung, und empfing auch so seine Besuche. Die farbige Bevölkerung der Stadt strömte ihm von allen Seiten zu, denn sie vermutete, er habe Ecuador nicht verlassen, ohne an barem Gelde mitzunehmen, was er nur zusammenraffen konnte. Außerdem war es bekannt, daß Präsident Castilla nur höchst ungern den ihm persönlich verhaßten Flores an der Spitze der ecuadorianischen Regierung sah; denn daß dieser ihm den südöstlichen Teil der ganzen Republik, ja, fast die südöstliche Hälfte derselben, die Castilla als zu Peru gehörend beanspruchte, nicht abtreten würde, verstand sich von selbst. Wollte er also dort seinen Willen durchsetzen, so mußte eine neue Revolution hervorgerufen werden, um diese Regierung zu stürzen, und die Möglichkeit blieb ja doch immer, daß eben Granero noch einmal dazu ausersehen wurde, an die Spitze derselben zu treten. In diesem Falle brauchte er aber wieder einen neuen Generalstab, oder konnte doch Leuten, denen er wohlwollte, einträgliche Stellen zuweisen. So fand der Expräsident sich plötzlich von einem Schwarm von Schmeichlern und Schmarotzern umgeben. Wie niedergeschlagen er auch gewesen sein mochte, als er den Präsidenten verließ, so erwachte der alte Geist der Intrige doch wieder in ihm, als die verschiedensten Leute nacheinander zu ihm kamen und ihm erzählten, welche Sympathien er in Peru selber habe, da man den Trotz der Ecuadorianer gebrochen sehen wollte, und wie sie selber sich mit Freuden zu seiner Verfügung stellen würden, um eine neue Expedition nicht allein nach Guayaquil, nein, gleich nach Quito zu unternehmen. Dort konnte man ja dann den Herd der »Rebellen« zerstören und von der Erde vertilgen. Erbittert war er selber genug gegen Quito, denn jetzt trafen auch mit dem Dampfer Berichte von dort ein, wie man in der alten Residenz mit Festen, Feuerwerken und Tedeums seine Niederlage und Vertreibung gefeiert hatte, und im stillen malte er sich schon oft den Augenblick aus, wo er an den Feinden, die ihn so schmählich behandelt hatten, Rache nehmen konnte. Aber dazu war keine Aussicht, solange Castillo selber am Ruder blieb. Was dieser auch gegen den Nachbarstaat unternehmen mochte, ihm, Granero, würde er nie mehr eine Führerstelle übertragen. Aber wenn es nun hier in Lima selber zu einer Umwälzung kam, wenn ein anderer Präsident ans Ruder käme? Daß es in Peru Unzufriedene genug gab, verstand sich von selbst, und aus den Gesprächen mit denen, die ihn aufsuchten, hatte Granero schon deutlich genug erfahren, daß selbst jetzt schon Zündstoff genug aufgehäuft lag und es eigentlich nur eines Funkens bedürfe, der ihn explodieren mache; er war der Mann dazu, diesen Funken oben nach Kräften anzublasen. So geheim er es auch hielt und so laut er es ableugnete, die ecuadorianischen Kassen noch am letzten Tage geplündert und mitgenommen zu haben, was er eben erreichen konnte, so unterlag es doch keinem Zweifel, daß er Geld genug hatte, um einen Umsturzplan auch in dieser Weise zu unterstützen, und es ging sogar schon das Gerücht in Lima, daß er einen bedeutenden Vorrat an Waffen teils in Peru selber, teils von einem amerikanischen Schiff angekauft habe, der irgendwo in Callao lagern mußte. Natürlich wurde daraus ein Geheimnis gemacht, denn in der Stimmung, in der sich Castilla jetzt gerade gegen den Expräsidenten befand, ließ sich voraussehen, daß er eine solche Privatrüstung unter seinen Augen nicht geduldet hätte. Alle Anzeichen sprachen jedenfalls dafür, daß Granero nicht müßig sei und wie eine fette Spinne in ihrem Netze, mit der er in seiner Hängematte wirklich Ähnlichkeit hatte, nur auf den Augenblick warte, wo er wieder Haß und Unfrieden, Mord und Brand über ein friedliches und kaum beruhigtes Land ausschütten könne. Der Dampfer von Guayaquil war angekommen, und Granero saß in seiner gewöhnlichen Art, eine Zigarre rauchend und ein zerknittertes Zeitungsblatt vor sich liegend, in seiner Hängematte, während zwei andere, etwas verdächtig aussehende Individuen auf dem Sofa und auf einem Stuhl Platz genommen hatten. Beide waren Mulatten mit scharf und entschieden ausgeprägten Gesichtszügen. Granero hatte ihnen eben einen Artikel aus Quito vorgelesen und zerkaute dabei seine Zigarre, bis er sie endlich ärgerlich auf den Teppich schleuderte. Dort fielen die Funken auseinander und brannten ein Loch, ohne daß jemand Notiz davon genommen hätte. »Ich weiß nicht, weshalb Sie sich ärgern, Exzellenz«, sagte jetzt der auf dem Sofa, der eine Art von Stutzer zu sein schien, denn er trug weiße Wäsche – was sich von Granero und dem anderen Besuch nicht sagen ließ –, eine sehr große Tuchnadel, goldene Uhrkette, Ringe an den braunen Fingern und ein himmelblauseidenes Halstuch. »Daß das Gesindel jetzt schimpft, da Sie ihm den Rücken gewandt haben, ist ja natürlich. Die kleinen Köter kläffen auch hinter einem drein, wenn sie sich sicher fühlen, ziehen aber den Schwanz ein und kneifen aus, sowie man sich wieder nach ihnen umdreht oder nur Miene macht, als ob man einen Stein aufheben wollte.« »Lassen Sie uns nur wieder hinüberkommen«, knurrte der auf dem Stuhl, der seinen Hut zwischen den Knien unaufhörlich herumdrehte, »das Bellen soll ihnen dann schon vergehen. Caracho! Mir zuckt's ordentlich in den Fingern, wenn ich von der Bande nur höre!« »Aber wie wollen wir hinüberkommen?« rief Granero; »Castilla gibt uns im Leben seine Dampfer nicht dazu, und der Landweg ist zu weit.« »Castilla«, wiederholte der auf dem Stuhl, aber jetzt nur mit halblauter Stimme, denn an beiden Seiten waren Türen und man wußte nicht, wer dahinter lauschen konnte – »Castillo wird nicht mehr lange über die Dampfer zu befehlen haben, und wenn wir nur seines Nachfolgers sicher wären, machte sich die Sache nachher von selber.« »Señores«, sagte Granero leise, indem er sich etwas zu ihnen überbog, »ich glaube, daß ich mich auf Sie verlassen kann?« »Sie zweifeln noch daran, Exzellenz?« sagte der Stutzer, während der andere versicherte: »Geben Sie uns nur Gelegenheit, es zu beweisen, und wenn es auch wäre, dem alten Dickschädel selbst an den Kragen zu gehen. Verdammt, wenn ich nicht dabei wäre, denn mich hat er schlimmer als einen Hund behandelt!« »Gut«, sagte Granero noch ebenso vorsichtig, »dann halten Sie sich für die nächste Zeit bereit, denn es ist etwas im Werk.« »Und was sollen wir tun?« fragte, bei der Ankündigung etwas beunruhigt, der Mulatte mit der reinen Wäsche. »Vorderhand«, lautete die Antwort, »nichts, als sich Ihrer Freunde versichern, daß sie im rechten Augenblick zusammenstehen und eine neue peruanische Regierung mit allen Mitteln unterstützen.« »Es ist nur eine verteufelte Sache, daß der Alte das ganze Militär auf seiner Seite hat; denn dem stopft er ja alles zu, und es wird ihn deshalb schon nicht im Stich lassen.« »Die Offiziere sind aber nicht alle auf seiner Seite«, lachte Granero verächtlich vor sich hin; »er hat sie doch nicht alle zu Generalen machen können, und an Unzufriedenen fehlt es nie. Verlassen Sie sich aber auf mich, daß ich sicher zu Werke gehe, denn ich selber habe am meisten dabei zu verlieren. Ist aber eine Partei fest für unsere Sache gewonnen, dann hängt alles nur von unserer Geschicklichkeit und davon ab, daß wir den rechten Augenblick benutzen. Was Sie selber für sich dann zu erwarten haben, wissen Sie am besten, und Sie arbeiten für Ihr eigenes Wohl, während Sie unsere gemeinschaftliche Sache fördern.« »Und wer soll der neue Präsident sein?« »Noch ist darüber nichts Genaueres bestimmt worden, Senor Corona«, sagte Granero; »bis jetzt sind zwei in Vorschlag, und es versteht sich von selbst, daß die Partei vor allen Dingen erst über einen bestimmten Mann einig werden muß, ehe ein Schlag geführt werden kann. Es muß eine Hand da und bereit sein, die gleich sicher die Zügel faßt, denn Ungewißheit und Zögern in dem Augenblick würde alles wieder vernichten. Daß wir nur alle zur rechten Zeit unsere Pflicht tun.« »Exzellenz«, sagte der auf dem Sofa, den Granero Corona genannt hatte, »Sie wissen, welchen Einfluß ich hier in Lima auf die ausübe, die unseres Blutes sind; ich rühme mich nicht zu viel, wenn ich sage, mein Wort gilt ihnen als Befehl, denn wenn sie auch die Kraft haben, geht ihnen doch die Intelligenz ab, und der beugt sich die rohe Masse immer. Ich hoffe, daß wir noch einmal mit Stolz auf unsere Taten zurückblicken werden.« »Ich hoffe es, Senor Corona, ich hoffe es«, erwiderte Granero kopfnickend, »und ich baue auch auf Sie als eine meiner Hauptstützen. Sie wissen aber auch, Senor, wie notwendig ich einmal solche Leute später in Ecuador brauchen werde, und ich bin fest überzeugt, daß uns gegenseitiges Interesse aneinander bindet – es mag kommen, was da wolle!« »Sie sollen mit mir zufrieden sein, Exzellenz«, sagte der Mulatte selbstbewußt, indem er von dem Sofa aufstand; »aber nun erlauben Sie, daß ich mich empfehle, denn ich habe heute noch wichtige Sachen vorzubereiten. Darf ich Sie morgen früh wieder besuchen?« »Sie wissen, Senor Corona, daß Sie mir stets eine Freude mit Ihrem Besuch machen«, sagte Granero verbindlich. »Kommen Sie, sobald Sie können; ich werde Sie mit Ungeduld erwarten, denn ich habe noch manches mit Ihnen zu besprechen.« Senor Corona machte eine sehr förmliche Verbeugung gegen den Expräsidenten, winkte dem anderen Mulatten einen huldvollen Gruß mit der Hand zu und verschwand dann aus dem Zimmer. Er hatte das Gemach schon eine Weile verlassen, während keiner der beiden Zurückgebliebenen ein Wort sprach. Endlich drehte Granero den Kopf zur Seite und rief: »Juan!« »Senor?« sagte der eine der kleinen Burschen, die er in seinen Diensten hatte, und steckte den Kopf zur Tür herein. »Mach' einmal draußen die Saaltür auf und sieh, ob noch jemand davorsteht.« »Si, Senor«, sagte der Bursche und verschwand gleich darauf, kehrte aber nach kurzer Zeit zurück und berichtete, daß niemand mehr auf dem Gang draußen zu sehen sei. Granero nickte, und als der Bursche wieder die Tür ins Schloß gezogen hatte, sagte er leise: »Mestozzi!« »Exzellenz!« erwiderte der Angeredete. »Was haltet Ihr von Corona?« »Sehr gescheiter Mensch das«, erwiderte Mestozzi mit einem etwas stumpfsinnigen Blick, denn er wußte nicht recht, was die Frage eigentlich bedeuten sollte. »Hm, ja, möglich«, brummte Granero halb vor sich hin, halb als Antwort; »aber wißt Ihr wohl, daß ich ihm nicht recht traue?« »Exzellenz«, sagte der Mulatte, der selber die beste Meinung von dem gelbbraunen Stutzer zu haben schien, bestürzt, »ich weiß nicht ...« »Er spricht zu viel, Mestozzi«, sagte aber Granero ruhig, ohne dessen Erstaunen weiter zu beachten; »Ihr seid mir am kleinen Finger lieber, Ihr redet wenig, aber Ihr denkt viel, und ich weiß, daß ich mich auf Euch verlassen kann.« »Exzellenz, ich bin stolz auf diese Auszeichnung«, sagte der geschmeichelte Mulatte; »Sie sollen Ihr Vertrauen nie bereuen.« »Das weiß ich, Mestozzi«, erwiderte Granero leise vor sich hin, »das weiß ich; Ihr habt auch noch einmal eine große Zukunft, denn auf die Gescheitheit, Mestozzi, kommt es weit weniger an als auf die Treue, auf die Zuverlässigkeit, und daß ich Euch für zuverlässiger halte, mag Euch das beweisen, daß ich mich jetzt so aufrichtig gegen Euch ausspreche.« »Aber Corona würde Eure Exzellenz nie verraten.« »Ich will nicht wünschen, daß er je Gelegenheit dazu bekommt«, sagte der Expräsident, »aber ich habe ein Vorurteil gegen alle Menschen, die sich so geschniegelt kleiden, und möchte Euch deshalb um etwas bitten.« »Bitten, Exzellenz? Sie haben doch nur über mich zu befehlen.« »Nein, lieber Mestozzi, gar nicht zu befehlen; wir sind Freunde, und zwischen denen kann von Befehlen keine Rede sein. Ich bitte Euch also, ein wenig ein wachsames Auge auf unseren gemeinschaftlichen Freund Corona zu haben. Er meint es vielleicht ganz gut, aber er ist sehr von sich selber eingenommen und könnte leicht in der besten Absicht ein Unheil anstiften.« »Ich verstehe Sie nicht, Exzellenz«, sagte Mestozzi, der mit seinen Gedanken da nicht folgen konnte, wo ihm nicht, was er tun oder lassen sollte, mit klaren Worten gesagt wurde. »Ich will deutlicher sein«, fuhr Granero fort, der den Burschen vollständig durchschaute; »tut mir den Gefallen, Mestozzi, und paßt genau auf, was dieser Corona tut und treibt und mit wem er verkehrt. Ihr seid häufig mit ihm zusammen, wohnt sogar mit ihm in einem Hause; stattet mir also genauen Bericht über ihn ab, und es soll Euer Schaden nicht sein.« »Exzellenz sollen jedes Wort erfahren, was er spricht«, sagte der Mulatte, durch das herablassende Betragen einer solchen Persönlichkeit völlig gewonnen, »Sie können sich fest auf mich verlassen.« »Ich glaube Euch, Mestozzi«, sagte Granero, ihm die Hand entgegenstreckend, die der Mulatte ehrerbietig nahm und drückte, »und jetzt geht, ich erwarte noch jemand, der gewünscht hat, mich allein zu sprechen, und wenn Ihr könnt, kommt morgen etwa um fünf Uhr wieder zu mir.« »Jawohl, Exzellenz«, sagte Mestozzi, indem er aufstand, als ob er sich empfehlen wollte. Aber er hatte noch etwas auf dem Herzen, wenn er sich auch, allem Anschein nach, scheute, es auszusprechen. Granero kannte aber seinen Mann. »Aha«, lachte er, »Ihr seid wieder kurz in der Kasse, Mestozzi, wie? Hab' ich recht geraten? Ja, in Lima braucht man viel Geld, und die Zeit, die Ihr verwandt habt, um mir nützlich zu sein, kann ich auch nicht umsonst beanspruchen. Nun, nehmt das für heute«, fuhr er fort, indem er ihm eine Unze in die Hand drückte; »hoffentlich kommt bald ein Tag, wo wir beide Geld im Überfluß haben – wie, Mestozzi?« »Oh, Exzellenz«, rief der Mulatte, indem er das Geld nahm und die Faust darüber ballte, »gebe Gott, daß die Zeit bald da wäre, wo ich Ihnen beweisen könnte, wie ich für Sie kämpfen würde.« »Ich glaub' es Euch, Mestozzi«, sagte der General, indem er in die funkelnden Augen des Mulatten blickte, »ich glaub' es Euch, und hoffentlich kämpfen wir dann Seite an Seite, wenn Ihr erst einmal als General meine Truppen führt.« »Exzellenz!« rief der Bursche entzückt. »Schon gut, schon gut, lieber Freund; also auf Wiedersehen morgen, und vergeßt mir nicht, ein wachsames Auge auf unseren guten Corona zu halten.« Der Mulatte hatte das Zimmer schon lange verlassen, und Granero saß noch immer, den Kopf auf die Brust gesenkt, in seiner Hängematte und schaute still und schweigend vor sich nieder. Da wurden im Nebenzimmer Schritte laut, und er hörte eine fremde Stimme. Gleich darauf klopfte es leise an die Tür, und auf sein lautes Entra öffnete sich diese und ein peruanischer Offizier steckte den Kopf ins Zimmer. Granero war aufgestanden, denn er hatte den Besuch erwartet, und ihm entgegengehend und seine Hand ergreifend, sagte er mit halb unterdrückter Stimme, aber anscheinender Herzlichkeit: »Oberst Desterres, ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich mich freue, Sie bei mir zu sehen; ich hatte schon fast gezweifelt, ob Sie Ihr Versprechen halten würden!« »Soll ein Offizier sein Wort nicht halten?« sagte der Oberst, indem er einen Blick im Zimmer umherwarf, ob sie auch allein wären. »Schon vor einer halben Stunde war ich einmal auf dem Gang draußen, aber es gingen dort einige Leute auf und ab, und da es nötig ist ...« »Sie taten vollkommen recht, daß Sie jede Vorsicht gebrauchten«, unterbrach ihn Granero; »denn sollte Castilla nur den geringsten Verdacht schöpfen, so wäre unser ganzes Unternehmen schon von vornherein als mißglückt zu betrachten.« »Wohnt hier jemand nebenan?« fragte der Offizier jetzt wieder vorsichtig, indem er die beiden Türen rechts und links betrachtete. »Auf dieser Seite, nein, dort allerdings, aber ein Deutscher, der wohl kaum verstehen würde, was wir mitsammen verhandeln. Nichtsdestoweniger habe ich schon aufpassen lassen. Er ist vor etwa einer Stunde ausgegangen und kommt er zurück, so gibt mein Diener Nachricht. Zu schreien brauchen wir deshalb doch nicht«, setzte er lächelnd hinzu. »Und nun bitte ich Sie, Platz zu nehmen, Herr Oberst, denn Sie glauben nicht, mit welcher Sehnsucht ich Sie erwartet habe. Wie stehen unsere Sachen?« »Gut«, sagte der Oberst, seine Mütze auf den Tisch und sich selber in die nämliche Sofaecke werfend, in der vorher Senor Corona gesessen hatte – Granero nahm seinen Platz in der Hängematte wieder ein, »ganz vortrefflich! Es hängt alles davon ab, daß uns der Hauptschlag gelingt, den Alten selber zu überrumpeln, was nicht so ganz leicht, aber doch ausführbar ist. Haben wir ihn, lebendig oder tot, das bleibt sich gleich, in unserer Gewalt, dann sollen Sie Ihre Freude daran erleben, wie rasch der Umschlag bei seinen jetzigen Anhängern hier geschieht; denn was liegt den Leuten an der Person, wenn sie sich selber nur gesichert und in ihren Stellungen bestätigt wissen.« »Aber die Minister müssen fallen!« rief Granero rasch. »Einige, ja«, sagte der Oberst; »der Kriegsminister zum Beispiel ist ein alter Starrkopf, der zäh an Castilla und seinem System hält.« »Und daß ich meinen ganzen Einfluß aufbieten werde, Sie in die Stellung zu bringen, darauf können Sie sich verlassen.« Der Oberst zuckte die Achseln. »Lieber General«, sagte er zweifelnd, »das ist eine eigene Sache; die Konkurrenz ist zu groß, und Señor Santomo, obgleich er mir jetzt sehr freundlich gesinnt scheint, hat so viele Verwandte. Ist er einmal wirklich Präsident, wer weiß, wie sich dann alles gestaltet!« »Aber die Dankbarkeit ...« »Bah, General, täuschen wir uns nicht selber über moralische Verpflichtungen«, unterbrach ihn der Oberst kopfschüttelnd. »In Peru kennen wir nur eine Gegenwart; wir benutzen den Augenblick, wie er kommt, und wer zuerst zugreift, hält, was er hat; ob er dazu berechtigt ist oder nicht, bleibt sich vollkommen gleich. Ich muß Ihnen auch gestehen, daß ich für mich selber hier in Lima sehr wenig von einer Revolution hoffe, alles dagegen für Ecuador, und wenn ich darauf rechnen könnte ...« »Lieber Oberst«, fiel Granero rasch ein, »natürlich habe ich bis jetzt nicht gewagt, Ihnen Anerbietungen für Ecuador zu machen, da ich glaubte, daß Sie gerade auf die hiesigen Verhältnisse Ihre Hoffnung gründeten, und ich Ihnen nicht gleich von allem Anfang an einen gesicherten Staat, sondern nur ein unruhiges Land bieten konnte, in dem wir uns erst unsere Bahn mit dem Schwert erkämpfen müssen. Aber glücklich würden Sie mich machen, wenn Sie mir dahin folgen wollten, und daß Ihnen dort Ihren militärischen Talenten nach der erste und höchste Posten in meiner Regierung offensteht, dazu bedarf es wohl keiner Versicherung weiter.« »Ist das ein Wort?« fragte der Oberst. »Sie haben mein Ehrenwort dafür!« lautete die Antwort. »Bravo, General«, rief der Oberst befriedigt! »dann kann ich jetzt mit voller Sicherheit an die Arbeit gehen, denn für uns selber verspreche ich mir sicheren Sieg!« »Sind Sie aber auch einer Sache gewiß?« fragte der Expräsident sinnend. »Bei der Zusammenkunft, die ich neulich mit Santomo hatte, schien er allerdings fest entschlossen, meine Ansprüche in Ecuador zu unterstützen; er sagte es wenigstens, aber es lag dabei etwas in seinem ganzen Wesen ...« Es klopfte in diesem Augenblick an die Tür, und während Granero sein Entra rief, griff der Oberst erschreckt nach seiner Mütze; aber nur der kleine Neger Juan steckte seinen Kopf herein und fragte: »Schokolade, Señor?« Granero nickte, und als die Tür wieder geschlossen war, sagte er, den Obersten beruhigend: »Sie brauchen nicht zu fürchten, daß uns jemand überrascht. Ich habe strenge Ordre gegeben, niemand hereinzulassen, solange Sie bei mir sind!« »Ich bin Ihnen dankbar dafür!« sagte der Oberst. Der kleine Bursche brachte ein Kaffeebrett mit zwei Tassen Schokolade herein, von denen er die eine zuerst seinem Herrn, die andere dem Gast präsentierte und sich dann wieder lautlos in das Vorzimmer zurückzog. »Auf Santomo zurückzukommen«, fuhr jetzt Granero fort, »so gefiel mir die Zurückhaltung nicht, die er in der ganzen Unterhaltung zeigte. Er sprach nicht frei von der Leber weg, nicht so offen, wie ich ihm entgegenkam, und er könnte uns einen bösen Strich durch die Rechnung machen, wenn er unsere Anstrengungen eben benutzte und dann, am Ruder, unsere Sache fallen ließe oder auch nur hinauszögerte; beides wäre gleich verderblich für einen sicheren Erfolg.« »Wenn er nicht eben müßte«, lächelte Oberst Desterres, indem er die heiße Schokolade mit seinem Löffel umrührte, »hätten Sie recht, General. Er würde uns, wie es die anderen tun, eben nur benutzen, um sein eigenes Ziel zu erreichen, davon bin ich fest überzeugt – aber er kann nicht anders.« »Ich verstehe Sie nicht! Was soll ihn verhindern?« »Es gibt nichts Einfacheres in der Welt als das«, erwiderte der Oberst. »Sie wissen, daß das Militär im allgemeinen auf seiten Castillas ist, und nur auf ein Regiment, das erst ganz kürzlich gewaltsam ausgehoben wurde, können wir bestimmt rechnen. Dem neuen Präsidenten muß daher vor allen Dingen daran liegen, gerade die Truppen, auf die er sich am wenigsten verlassen kann, aus dem Weg zu schaffen. Aber wohin? Mit Bolivien darf er sich in keinen Krieg einlassen, denn Bolivien ist nicht allein schlagfertig, sondern könnte ihm auch ernstliche Schwierigkeiten bereiten. Es ist allerdings möglich, daß die Bolivianer selber den Augenblick benutzen und einen Einfall wagen könnten, und in dem Falle bekäme er hier in der Hauptstadt Luft; aber darüber vergingen jedenfalls noch Wochen, und es handelt sich hier um Tage, besonders um die ersten Tage. Nun gibt es aber für den Augenblick in Peru nichts Populäreres, als einen Krieg mit Ecuador, wenn denn überhaupt ein Krieg geführt werden muß.« »Und Sie glauben, daß Santomo dann auch einige der unzuverlässigen Regimenter mitsegeln lassen würde?« »Was könnte er denn Gescheiteres tun?« rief der Oberst. »In einem fremden Land weiß der Soldat, daß er plündern darf; also er darf auf Beute rechnen, und ich bin fest überzeugt, daß Santomo in wenigen Tagen so sicher hier in Lima residierte, als ob er nach regelrechter Volkswahl den Präsidentenstuhl bestiegen hätte. Er weiß das aber auch; ich habe selber mit ihm darüber gesprochen, und er ist vollkommen damit einverstanden.« »Und wann glauben Sie, daß der entscheidende Schlag geführt werden kann?« fragte Granero nach einer Pause, in der er still vor sich niedergesehen hatte. »Das hängt von den Umständen ab«, erwiderte der Oberst mit vorsichtig gedämpfter Stimme. »In Chorillos ist es nicht möglich oder doch nicht ratsam. Der Streich muß unmittelbar auf das Volk und das Militär wirken. Sie müssen sehen, daß wir gesiegt haben; sie dürfen es nicht erst von draußen herein erfahren, und dazu muß der Augenblick hier in der Stadt selber abgepaßt werden. Das kann aber ebensogut morgen wie über vier Wochen geschehen; doch die Sache ist in den besten Händen. Jedenfalls erhalten Sie den Abend vorher Nachricht, um Ihre Leute ebenfalls instruieren zu können. Wir brauchen an dem Tag alle unsere Kräfte.« »Gut, gut, an uns soll es nicht fehlen!« rief Granero. »Aber noch eins, General«, sagte der Oberst. »Haben Sie denn auch daran gedacht, daß wir nicht allein Geld, nein, daß wir besonders Waffen und Munition haben müssen, wenn wir in Guayaquil landen? Ich zweifle nicht, daß wir dort eine Menge von Armen finden werden, die uns zu Gebote stehen, denn derlei Abenteurer gibt es überall, die einem Gewaltstreich ihre Fäuste leihen; aber solches Volk hat nie ordentliche Waffen, und was ich bis jetzt von Flores' Soldaten gehört habe, so bestehen seine Truppen wohl aus vielem zusammengerafften Gesindel, aber er hat sie gut ausgerüstet.« »Mein lieber Oberst«, sagte Granero leise, »je weniger wir davon sprechen, desto besser; aber seien Sie versichert, daß ich dafür Sorge getragen habe und daß es daran nicht fehlen soll; denn selbst den Fall angenommen, daß uns Señor Santomo nicht damit aushelfen könnte ...« »Darauf dürfen Sie nicht rechnen!« »Gut, es ist auch nicht geschehen; also, selbst für den Fall habe ich schon genug Waffen zur augenblicklichen Einschiffung bereit liegen, um wenigstens fünfhundert Mann damit auszurüsten. Halten Sie das für genügend?« »Vollkommen«, sagte der Oberst, befriedigt nickend. »Und außerdem denke ich, noch ebensoviele bewaffnete Freiwillige einzuschiffen«, setzte der Expräsident hinzu. »Die sich ebenfalls auf das Plündern verlassen?« »Soweit wir es ihnen gestatten«, lächelte Granero. »Nein, jetzt, seitdem ich mit Ihnen gesprochen habe, fühle ich mich vollkommen sicher und habe zum erstenmal wieder volles Vertrauen gefaßt. Unsere Sache ist in guten Händen, und wer weiß, ob wir nicht schon von der jetzt ausgestreuten Saat in vier Wochen eine reiche Ernte halten!« »Wir wollen's hoffen, General«, sagte der Oberst, von seinem Sitz aufstehend und seine Mütze ergreifend; »die Hauptsache ist jetzt, daß wir die Augen offenhalten und, wenn der rechte Zeitpunkt kommt, nicht zu blöde sind. Und nun leben Sie wohl, denn ich muß zur Parade. Wären Sie aber wohl so gut, vorher einmal einen der Jungen auf den Gang hinauszuschicken, um zu sehen, ob die Luft rein ist?« »Mit Vergnügen, Oberst, und lassen Sie bald recht Gutes von sich hören«, sagte Granero und gab dann die nötigen Befehle. Es war niemand im Gang zu sehen, und der Oberst verließ rasch das Zimmer. Die Posada am Wege An dem nämlichen Tag, an dem Granero seine Beratung mit Oberst Desterres, einem Bruder des gleichen Desterres hielt, der zu derselben Zeit die gefeierte Valière auf seiner Hacienda herumführte, sprengte Senor Corona, nachdem er den General verlassen und noch eine längere Zusammenkunft in einer der Vorstädte mit einigen Gleichgesinnten gehalten hatte, auf derselben Straße hinaus, die in die Hacienda führte, und hielt an dem letzten Hause, das rechts am Wege lag und noch von der niederen, die Straße begrenzenden Lehmmauer umschlossen wurde. Er band aber sein Pferd nicht draußen an, wie das gewöhnlich Reisende tun, wenn sie an solchen sehr untergeordneten Schenklokalen einen Augenblick halten, um ein Glas Chicha zu trinken oder vielleicht noch ein paar Zigarren für den Weg zu kaufen – sondern er führte es durch das schon aus der oberen Angel gebrochene Holztor in den inneren Hofraum, um die Lehmhütte herum in einen ziemlich breiten und geräumigen Stall, wo schon vier andere Pferde eingestellt standen. Die Hütte lag etwa zwanzig Schritt vom Weg ab im Hofraum, von ein paar Akazienbäumen halb beschattet, halb versteckt, aber mit einem Fenster nach Osten hinaus, um den dort breit in das wüste Land auslaufenden Weg übersehen zu können; zur Rechten zogen sich die nackten, wild eingerissenen Ausläufer der Cordilleren hin, die sich fast dicht an Lima hinstreckten und es mit ihren kahlen Höhenzügen überragten. Das Lokal selber entsprach ganz seiner Umgebung. Es war in der Tat nichts weiter als eine notdürftig mit einer Art von Binsen gedeckte Lehmhütte, deren Dach eben nur Schatten gab und nachts den Tau abhielt. Da es dort nie regnete, war ja auch nicht mehr nötig. Selbst eine Tür fehlte im Hause, statt ihrer bildete ein alter, zerrissener und von Staub und Schmutz ordentlich farblos gewordener Baumwoll-Lappen eine Art von Vorhang. Vor dem Hause stand ein hölzernes Gestell mit einem langen Glaskasten darauf, in dem Zigarren, kleine, harte Brötchen und einige »dulces« lagen. Auch ein paar Gläser schon eingeschenkter roter Chicha aus Zuckerrohr ( guarapo ) befanden sich auf einem anderen kleinen Tisch, um von sehr durstigen Reisenden gleich ausgetrunken zu werden. Wahrscheinlich standen sie aber dort schon den ganzen Tag, und auf dem lauwarm gewordenen Gebräu hatte sich eine dünne Staubhaut gebildet, die nicht dazu diente, es appetitlicher zu machen. Noch ungemütlicher als dieser Verkaufsstand sah das Innere der Hütte aus. Ein langer Tisch aus nur oben abgehobelten Brettern stand in der Mitte; feste Bänke waren darum her im Boden befestigt. In der einen Ecke und oben mit Stricken an einen Pfeiler gebunden, damit er nicht umfiel, lehnte auf drei Beinen ein alter Schrank, und in der anderen war ein mit einer Kuhhaut überspanntes Bettgestell, auf dem wahrscheinlich der Besitzer dieser »posada« nachts sein Lager hatte. Sonst ließ sich nichts weiter entdecken; nur im Hintergrunde lag aufgeschichtet ein Haufen schmutziger Blechteller und Löffel, jedenfalls noch von der letzten Mahlzeit her, den die »Frau« zu spülen noch nicht Zeit oder Lust gehabt hatte. Die Frau vom Hause, die draußen in der angebauten Küche schlief, kochte, wohnte und aß, paßte auch in der Tat zu dem Ganzen. Ihre Gesichtszüge waren nicht häßlich, ja, sie mußte sogar einmal schön gewesen sein, denn selbst noch jetzt hatten die Augen ein eigentümliches Feuer und der kleine Mund, die feingeformten Hände und Füße sprachen von anderen Zeiten, aber in Schmutz und Nachlässigkeit war alles Schöne verloren gegangen. Jetzt hingen ihr die grau gewordenen Haare wirr und ungekämmt um den Kopf, ihre Kleider wetteiferten mit dem Türvorhang in Schmutz, und die »Mantille« oder das Halstuch, das sie sonst vielleicht kokett genug um die Stirn geschlagen hatte, so daß nur das linke feurige Auge dahinter vorfunkeln durfte, hatte lange, lange Jahre solchen Dienst nicht mehr gesehen und diente jetzt eigentlich mehr als Wischlappen und Taschentuch, als zu einem sonstigen Zweck. Die alte »Trude« war ein trauriges Bild menschlicher Vergänglichkeit; möglich, daß sie früher einmal die Welt geliebt und sich darin wohlbefunden haben mochte; jetzt aber haßte sie die Menschen, haßte sie den Boden, der sie trug, haßte die Luft, die sie atmete, und wenn je einmal ein Lächeln über ihre Züge glitt, so hatte es auch gewiß einen furchtbaren Grund, und Elend und Verderben war vorhergegangen. Im ganzen verkehrte sie aber wenig mit den Menschen. Ihr Sohn, ein bijo del pais , hielt die Wirtschaft hier, und die Alte kauerte eigentlich den ganzen Tag in ihrer Küche, wo sie nur ein junges, etwa dreizehnjähriges Mädchen zur Hilfe hatte. Dann und wann nur kroch sie daraus hervor, kauerte sich in eine Ecke der Hütte auf eine dort liegende Matte und konnte dann halbe Tage lang vor sich niederstieren, ohne anscheinend zu hören und zu sehen, was um sie her vorging. Sie gab dann nie eine Antwort auf eine an sie gerichtete Frage. So abgelegen der Ort aber auch schien und so dürftig in seinem ganzen Äußern, so mußte der Wirt, Pascual, wie er von seinen Bekannten genannt wurde, doch eine ziemlich ausgebreitete Bekanntschaft haben, denn Gäste kehrten den ganzen Tag ein, sprachen fast immer vertraulich mit dem Wirt und blieben auch gar nicht etwa so selten über Nacht, wo sie sich dann freilich ein Lager mit ihren eigenen Sätteln herrichten mußten, so gut das eben ging. Pascual hielt dabei auch – obgleich man derartige Getränke dort wahrlich nicht gesucht hätte – ganz vortreffliche Weine, vom feurigen Eliaswein, den das ganze Land erzeugte, bis zu französischen Bordeaux- und selbst Champagnerweinen, und viel häufiger, als man denken sollte, stand der schmutzige Holztisch voller Flaschen, und fröhliche Zecher saßen darum her. In solchen Fällen war aber noch eine wollene Decke vor die Tür gehängt, dieselbe, unter der Pascual des Nachts schlief; aber draußen auf der Holzbank standen, wie immer, die fast nie berührten, staubigen Gläser Chicha und warteten auf die Käufer – oder schreckten sie vielmehr ab. Die Welt draußen erfuhr wenig von solchen Gelagen; trotzdem aber stand das Haus in keinem besonderen Ruf, wozu jedenfalls seine etwas verdächtige Lage viel beitragen mochte; denn gerade dort in der Gegend, wenn auch noch weiter in der Einöde drinnen und außer Sicht der Hütte, waren die meisten Mordtaten verübt worden. Freilich konnte man dem Wirt daran keine Schuld zuschreiben; er verließ selten oder nie sein Haus, und wenn nichtsnutziges Gesindel auch bei ihm aus- und einging – wie mochte er's hindern? Er hielt eine öffentliche Posada, und wer bei ihm trinken wollte, war willkommen – wenn er dafür bezahlen konnte. Auch heute war, obgleich die Straße wie tot in der Sonne lag und kein einziges Pferd da draußen bei ihm angebunden stand, Pascuals Stube besetzt. Seine Gäste hatten aber, wie schon erwähnt, die Angewohnheit, ihre Pferde nicht draußen auf der Straße zu lassen – denn in Peru ist das Pferd immer weit eher bekannt als der Reiter. Sie nahmen sie mit herein in die schon zu diesem Zweck hergerichtete Stallung und konnten dann sicher sein, daß niemand zu ihnen ins Zimmer trat, der nicht auch wirklich zu ihnen gehörte; denn kein fremder Reisender würde sich je diese Spelunke zum Absteigequartier ausersehen haben. Niemand kümmerte sich aber auch deshalb drum, wenn sie draußen die Schritte eines Pferdes hörten, und Señor Corona konnte auch heute sein Tier ungestört einstellen, wie er es schon oft getan hatte. Als er das Zimmer oder vielmehr das Haus betrat – denn das ganze Gebäude schloß nur das eine Gemach in sich –, fand er schon den Tisch von vier Gästen besetzt, während der Wirt, das linke Bein heraufgezogen, auf seinem Bettgestell mehr lag als saß und nur manchmal durch ein eingeworfenes Wort teil an der Unterhaltung nahm. Die Gäste bestanden übrigens, was sich nicht leugnen ließ, aus sehr gemischten Elementen, und zwar nicht allein in gesellschaftlicher Beziehung, nein, sogar in der Farbe. Die meisten nannten allerdings, in größerer oder geringerer Entfernung, »Afrika ihr Heimatland«; aber auch ein weißer Caballero, dessen Kleidung verriet, daß er den besseren Klassen zugehöre, saß zwischen ihnen, und wenn er auch eine gewisse Autorität über die anderen ausüben mochte, räumte er ihnen doch hier jedenfalls volle gesellschaftliche Berechtigung ein; zwei der anderen hatten ganz entschieden Negerblut in den Adern, der dritte aber war ein sogenannter Cholo, ein Wort von sehr ungewisser Bedeutung, das allerdings jedesmal Indianerblut voraussetzt, alle anderen Rassen aber ebensogut dabei ahnen läßt. Cholos gab es selbst unter den reichsten Familien, und auch dieser junge Bursche schien von den alten Eingeborenen abzustammen. Aber seine Züge sahen verlebt aus; die Augen lagen tief im Kopfe und suchten unruhig und scheu umher, und seine Rede war mit den gemeinsten Flüchen gemischt, in denen das spanische Element in Südamerika wirklich Außerordentliches leistet. »Corona, beim Teufel«, rief der Weiße, der den linken Ellbogen weit über den Tisch hinausgestreckt hatte, während sein Kopf in der Hand und sein rechtes Bein auf der Bank ruhte, ohne seine ungenierte Stellung im mindesten zu verändern – »welcher Wind hat dich denn noch hier herausgeblasen, oder hast du etwa gar was aufgespürt?« »Heute nichts«, sagte der Mulatte, indem er die Gesellschaft nachlässig grüßte und seinen Stammesgenossen, die aufgestanden und zu ihm getreten waren, herablassend die Hand schüttelte; »aber hatten wir uns denn nicht fest verabredet, heute hier zusammenzutreffen, um zu bereden, was etwa vorgefallen sein könnte? Sie selber Señor Perteña, machten, so viel ich weiß, den Vorschlag.« »Ah, ganz recht«, sagte Perteña, unser alter Bekannter, gleichgültig; »ich hatte gar nicht mehr daran gedacht und bin heute wirklich nur zufällig herausgekommen. Ich fürchte aber, die Straße wird für die nächste Zeit leer bleiben, denn von den wenigen eingetroffenen Fremden beabsichtigt keiner, das innere Land zu bereisen. Ich habe wenigstens nichts darüber erfahren können. War vielleicht einer der anderen Herren glücklicher?« »Der englische Konsul will übermorgen nach Cerro de Pasco reiten und nimmt nur einen einzigen Bedienten mit«, sagte einer der Mulatten; »beide tragen allerdings Doppelgewehre, aber immer im Futteral. Ein paar hundert Dollars führt er jedenfalls bei sich.« »Das ist nichts«, sagte Perteña, den Kopf schüttelnd; »mit dem englischen Konsul dürfen wir nichts anfangen, das gäbe nachher einen Heidenlärm.« »Heute ist eine ganze Gesellschaft, mit ein paar Damen dabei, hier vorbeigeritten«, sagte der Wirt. »Ja, ich weiß«, erwiderte der Weiße; »die französische Schauspielerin ist dabei; sie werden heute abend wieder zurückkommen – nur eine Vergnügungsfahrt. Aber weiß einer von euch, wo die Señorita jetzt wohnt?« »An der Calle de Valladolid«, sagte der Mulatte, der vorher gesprochen hatte. »Bist du in dem Haus bekannt, Scipio?« »Bekannt gerade nicht; meine Schwester bringt aber dort immer Butter und Eier zu dem alten Franzosen.« »So«, sagte Perteña, sich nach ihm hinüberdrehend, »könntest du deiner Schwester nicht einmal die Arbeit ein paar Tage abnehmen und die Augen dabei ordentlich offen halten?« »Hm, das ginge schon. Ist es der Mühe wert?« »Ich denke, ja; aber wir dürfen dann nicht viel Zeit versäumen.« »Das kann in zwei oder drei Tagen geschehen sein«, sagte Scipio. »Was hat denn Corona nur heute?« wunderte sich der Wirt, der sich den Mulatten indessen mit einem halb spöttischen Lächeln betrachtet hatte; »er zieht ein so verzweifelt wichtiges Gesicht, als ob ihn Seine Exzellenz zum Finanzminister machen wollte und er noch nicht ganz genau wüßte, ob er es annehmen solle oder nicht.« »Gebt lieber einmal ein paar Flaschen Wein herein, José, das ist gescheiter«, sagte Corona, indem er sich zum Tisch setzte; »mir ist der Hals trocken vom vielen Sprechen, und daß ich mehr im Kopf habe als Ihr, darauf könnt Ihr Euch verlassen.« »Ja, Stroh!« lachte der Wirt, indem er aufstand, um das Verlangte herbeizuschaffen. »Für das, was Ihr im Kopf habt, Corona, geb' ich Euch verdammt wenig; die Hauptsache ist, was Ihr in den Taschen tragt, denn da sieht's gewöhnlich noch windiger aus als oben.« Noch während der Wirt sprach, kam die alte Frau herein, humpelte in die Ecke auf ihren gewöhnlichen Platz und hockte dort nieder, ohne daß sie gegrüßt ober irgendeiner Notiz von ihr genommen hätte. Man war schon daran gewöhnt, sie dort sitzen zu sehen, und ob sie hörte, was gesprochen wurde, blieb sich auch gleich. Es war nicht zu fürchten, daß sie etwas ausplaudern würde. Corona hatte auch nur einen flüchtigen, gleichgültigen Blick auf die Gestalt der Alten geworfen und erwiderte dann auf die Bemerkung des Wirts: »Ihr spottet mit dem Finanzminister, Pascual, aber es ist noch nicht aller Tage Abend, und meiner Mutter Sohn hat vielleicht genau so viel und noch mehr Aussichten dazu, als mancher Señor von weißem Blut, der jetzt die Nase am Hutrand trägt.« Perteña drehte den Kopf etwas nach dem Sprecher herum und sah ihn mit einem halb lächelnden, halb verächtlichen Blick an. »Heda, Corona«, sagte er dabei, »habt Ihr wirklich Aussichten, daß Castilla Eure Fähigkeiten im Geldausgeben anerkannt haben sollte? Beim Himmel, da wäre uns allen hier gleich mit einemmal geholfen, wenn wir einen peruanischen Finanzminister mit seinen zwanzig Millionen Guanoeinnahmen zum Bundesgenossen hätten!« »Muß es gerade ein peruanischer sein?« fragte der Mulatte. »Verdammt! – Castilla, wer weiß, wie lange der überhaupt noch Gewalt hat, mit unserer sogenannten Republik zu machen, was er will!« Perteña wurde aufmerksam, nahm sein Bein von der Bank herunter und richtete sich etwas auf; der Wirt kam auch eben mit dem verlangten Wein und mit Gläsern. »Aber Ihr solltet ihm doch eigentlich dankbar sein«, sagte er, »den wem verdankt Ihr, daß Eure Rasse von der Sklaverei befreit wurde und frei im Lande wirtschaften darf, wie sie will?« »Hat er das etwa unsertwegen getan?« höhnte Corona. »So lange wir einem Herrn gehörten, hatte er keine Gewalt über uns und mußte uns ungeschoren lassen; jetzt aber, da er uns freigemacht hat, kann er unter seine Soldaten stecken, wen er will, und steckt auch drunter, wen er will! Nur vom Arbeiten sind die Sklaven erlöst worden und dürfen sich jetzt von seiner Exzellenz da- und dorthin zum Erschießen kommandieren lassen!« »Bah, so viel für Euer Totschießen!« sagte Perteña verächtlich. »Wo hat er denn Krieg? Ja, er tut so, aber er schlägt nirgends los, und seit der Geschichte in Guayaquil hat keiner von allen seinen Soldaten Pulver gerochen! Seine Politik ist, die Nachbarstaaten in Revolution zu halten, und so lange die sich auf die Köpfe schlagen, haben wir Frieden! Nur jetzt erst, da sie sich in Ecuador freigemacht haben, könnte es uns hier vielleicht an Beschäftigung fehlen!« »Freigemacht«, sagte Corona verächtlich; »auf wie lange? Glaubt Ihr, daß Präsident Granero seine Ansprüche aufgibt?« »Hm«, sagte Pertea, und ein leises Lächeln zuckte um seine Lippen, »liegt dort vielleicht der Finanzminister im Pfeffer und darf man gratulieren, Señor Corona? In der Stadt munkelt man so schon davon, daß dort eine Masse von verkappten Ministern und General-Feldmarschällen herumliefen, die alle auf Ecuador vertröstet sein sollen. Ich fürchte nur, es wird an gemeinen Soldaten fehlen.« »Wozu haben wir die Soldaten hier, wenn wir sie nicht benutzen sollen?« sagte Corona wegwerfend. »Castilla hat mehr Verstand, als daß er sie noch einmal diesem Dummkopf von Granero zur Verfügung stellte«, mischte sich jetzt auch der Wirt ins Gespräch; »der hat ihn einmal hineingeritten, und unser ›AIter‹ ist nicht der Mann, sich zweimal von einem solchen Patron anführen zu lassen!« »Unser Alter!« höhnte Corona – »wie lange wird er noch unser Alter sein?« »Hör' mich an«, sagte Perteña, der den Mulattenstutzer trotz seiner eleganten Kleidung doch sehr verächtlich behandelte, »ich will dir einmal etwas sagen. Wie mir scheint, hast du deinen allerdings sehr schön frisierten, aber sonst etwas unfruchtbaren Kopf voll von einer Menge sehr gefährlicher Ideen, die nun allerdings keine weitere Beachtung verdienten, wenn sie dich allein angingen; aber die Möglichkeit wäre denn doch da, daß du uns auch in eine von deinen unangenehmen Geschichten hineinrittest, und dagegen möchte ich mich von vornherein verwahrt haben, denn das ist gegen die Abrede.« »Señor scheinen mir keinen Überfluß von Mut zu haben«, sagte Corona selbstbewußt. »Das käme auf einen Versuch an, Compañero«, lautete die Antwort; »aber mit dem Alten möchte ich allerdings nicht in seiner eigenen Höhle – und das ist ganz Peru – anbinden, wenn ich nicht eine ganz besondere Sehnsucht nach ein paar Ellen Hanfseil hätte. Das ist ein alter Bär, und wo er hinschlägt, wächst kein Gras mehr.« »Würden Sie sich auch vor einem toten Bären fürchten?« fragte Conora höhnisch. Perteña schwieg und sah den Mulatten scharf und forschend an. So wenig Verstand und selbst Mut er diesem Burschen auch zutraute, so steckte hinter seinen Reden doch mehr. War irgend etwas im Werke gegen den Präsidenten – und wenn so, konnte er selber Nutzen daraus ziehen? Jedenfalls mußte er es herausbekommen, ohne dabei zu viele Teilnehmer des Geheimnisses zu haben. Nachher stand es ja noch immer in seiner Macht, was er tun oder lassen wollte. »Der ist zäh«, bemerkte jetzt der Cholo kopfschüttelnd, »und Menschenleben sind billig bei ihm. In den anderen Republiken mag's schon gehen, daß sie so einen Präsidenten absetzen, wenn er ihnen nicht mehr gefällt, ohne daß es viel mehr kostet als ein paar zerbrochene Fensterscheiben; aber hier ginge die Sache nicht ohne Blut ab, und noch dazu viel Blut, wer das daran wagen wollte.« »Blut, ja, viel Blut«, murmelte die Alte vor sich hin, »und wie das gut riecht, wenn es einem so warm in die Nase kommt! Trinkt nur, trinkt – jetzt habt ihr noch eine kurze Spanne Zeit – wie bald ist's aus, und was dann so rot um euch her in der Sonne blinkt, ist nicht Wein, das ist Blut, Blut, Blut!« »Was krächzt die Alte da wieder?« rief Señor Corona, indem er einen scheuen Blick hinüber warf, »Ihr solltet ein wenig vorsichtiger sein, Mutter!« »Laßt sie gehen«, sagte der Wirt leise; »sie hört schon von selber wieder auf, wenn niemand auf sie achtet.« »Blut, Blut«, murmelte die Alte noch einmal zwischen den Zähnen, »und da draußen kommt noch einer, der dazu gehört! Sonderbar, daß es sich nicht wegwaschen läßt und immer wieder durchschimmert, rot und glänzend, als ob es gerade frisch vergossen wäre!« Draußen wurde allerdings ein Schritt laut, aber der Reiter hatte, als ob er den Besuch hier nicht scheue, sein Pferd an einen der Ringe in der Lehmmauer angehangen, schob jetzt den Vorhang zurück, warf einen raschen, forschenden Blick über die Zechenden. »Pedro«, lachte der Wirt; »wie die Geier herbeigestrichen kommen, wenn irgendwo ein Aas liegt, so sicher tritt der Junge in die Tür, wenn eine Flasche Wein auf dem Tisch steht!« »Guten Tag, Onkel«, sagte der Neffe finster, indem er nur einen Blick mit Perteña wechselte und dann ebenfalls, ohne weiteren Gruß, an dem Tisch Platz nahm, »glaubt aber ja nicht«, fuhr er dann fort, »daß mich Euer saurer Wein hier hereingelockt hat! Gebt mir lieber ein Glas aguardiente, denn der Staub hat mir die Kehle ordentlich ausgedörrt.« »Hast du Geld?« fragte der Onkel, ohne auf die Verwandtschaft besondere Rücksicht zu nehmen. »Ihr wißt, daß ich ohne Geld nicht zu Euch komme«, brummte der Cholo, indem er eine kleine Silbermünze auf den Tisch warf. »Gescheit«, lachte der Onkel, indem er das verlangte Glas aus einem Steinkrug füllte und auf den Tisch setzte; »und wie geht's zu Hause?« Pedro schien es aber nicht der Mühe wert zu halten, auf die Frage zu antworten. Er nahm das Glas, hob es gegen das Licht, roch daran und leerte das starke Getränk dann auf einen Zug, ohne eine Miene dabei zu verziehen. Die beiden Mulatten waren indessen näher zu Corona gerückt und sprachen leise auf ihn ein. Wenn es aber ihre Absicht gewesen war, Näheres über dessen Pläne zu erfahren, so sollten sie sich darin getäuscht sehen, denn Corona war viel zu vorsichtig, mehr zu verraten, als er wirklich wußte. Granero hatte ihn auch nie mit seinen Plänen gegen Castilla bekannt gemacht, sondern immer nur höchstens angedeutet, daß die jetzige Regierung als ihrem Unternehmen eben nicht freundlich gesinnt betrachtet werden konnte, und wenn er dann selber weiter politisierte, so waren das nur seine eigenen Phantasien. Er hoffte wirklich, Finanzminister in Guayaquil zu werden; Granero, dem das Land ja doch gehörte, hatte ihm das fest versprochen. Jeder, der ihn also oder den Expräsidenten an ihren Plänen verhindern wollte, stand seinem Glück im Wege und verdiente den Tod. Nichtsdestoweniger warb er die beiden Burschen mit Leichtigkeit zu der beabsichtigten Expedition nach Ecuador an. Der Sieg war gewiß; geplündert sollte Guayaquil auch werden – also welcher besseren Unternehmung hätten sich ein paar solche liederliche Vagabunden anschließen können? Sie sagten also augenblicklich zu und brannten nur darauf, sich anwerben zu lassen, um das Handgeld gleich ausgezahlt zu bekommen. Perteña war indessen langsam vom Tisch aufgestanden und hinaus vor die Tür gegangen. Er schritt langsam dem Stall zu, als ob er nach seinem Pferd sehen wollte. Pedro, der Cholo, blieb noch ein paar Minuten sitzen und sah still vor sich nieder; endlich folgte er dem vorangegangenen Weißen, der ihn innerhalb der Stalltür erwartete. »Weshalb seid Ihr nicht einen Augenblick zu uns hereingekommen?« fragte Pedro hier, sobald er sich mit Perteña allein sah. »Meine Mutter wollte Euch sprechen.« »Je weniger wir öffentlich zusammenkommen, desto besser«, erwiderte finster Perteña, »was will sie?« »Der junge Aguila ist wieder herausgekommen«, sagte Pedro. »Ich weiß es«, erwiderte der Peruaner kurz, »und was weiter?« »Er hat gestern den ganzen Abend, bis nachts zwölf Uhr, mit dem Franzosen in alten Papieren herumgesucht, und sie haben beide lebhaft miteinander gesprochen.« »Woher weißt du das?« fragte Pertena. »Dich haben sie doch nicht dazu geladen?« »Nein, aber von dem großen Orangenbaum aus, der dem Haus des Franzosen gegenüber steht, kann man in sein Fenster hineinsehen, wenn Licht darin ist.« »Kann man in der Tat?« fragte Perteña rasch – »und wie weit ist's etwa hinüber?« »Abgeschritten höchstens vierzig Schritt.« »Nicht mehr?« »Eher weniger; man kann sogar, wenn sie einmal recht laut sprechen, einzelne Worte verstehen.« Perteña antwortete nicht. Er sah nach seiner Uhr und machte eine Bewegung, als ob er den Stall verlassen wollte; aber er drehte sich wieder um, ging zu seinem Pferd und zäumte es auf. »Wollen Sie fort?« »Ja, nach Lima. Kehrst du von hier nach Haus zurück?« »Ich bin nur hierher gekommen, um Sie zu finden. Meine Mutter ängstigt sich über den Fremden. Es hieß einmal, daß er tot wäre, und nun ist er wieder da; das bedeutet nie etwas Gutes. Wir wissen nicht, was er hier will.« »Deine Mutter sollte gescheiter sein«, sagte Perteña finster, »als den jungen Laffen zu fürchten. Was kann er tun? Und wenn er noch einen Monat lang mit dem Franzosen die Papiere durchstudiert, er wird weiter nichts darin finden, als alte Rechnungen und Quittungen und gleichgültige Notizen; sag' ihr das. Er war doch nicht wieder bei euch drüben?« »Nein.« »Gut denn; morgen ganz früh komme ich nach der Hacienda hinaus. Sei um acht Uhr am Fluß, an unserem alten Platz; ich habe dir vielleicht etwas zu sagen.« »Gut.« »Und noch eins – spioniere nicht wieder, wenigstens nicht in der nächsten Zeit, um des Franzosen Haus herum. Du könntest einmal gesehen werden, und das müßte Verdacht erregen.« »Oh, dort hinüber kann niemand kommen«, sagte Pedro; »von unserem Hause ab krieche ich zwischen den dichten Büschen an der Umzäunung hinauf und sitze da oben so sicher, als ob ich in meinem Bett läge.« »Gut, es mag sein«, sagte Perteña; »doch noch eins – wird der Bursche längere Zeit dort draußen bleiben?« »Ich weiß es nicht, aber er hat eine Satteltasche voll Wäsche und frischer Kleider mitgebracht. Von dem Jungen, der im Hause aufwartet, habe ich das erfahren.« »Gut, das bleibt sich gleich. Versprich mir aber, daß du, so lange er jetzt oben ist, den Baum nicht wieder besteigen und dich auch aus der Nähe des Hauses fernhalten willst.« Pedro schüttelte den Kopf; er konnte sich gar nicht denken, welche Absicht der Weiße haben sollte, ihn daran zu verhindern. War es denn nicht möglich, daß er gerade dadurch etwas Wichtiges erfuhr? Aber gewohnt, den Befehlen und Anordnungen Perteñas stets zu gehorchen, sagte er endlich zögernd: »Meinetwegen, ich habe nichts dagegen, aber schaden könnt's gewiß nichts, denn sehen kann mich niemand, davor bin ich sicher. Nicht einmal die Hunde haben mich gestern abend gewittert, und die Bestien machen sonst immer gleich einen Höllenlärm, wenn ich nur draußen an dem Tor vorbeigehe.« »Es ist gut; also es bleibt dabei. Kümmere dich gar nicht um den Fremden, er ist völlig gefahrlos, und sage das auch deiner Mutter. Weißt du, wann der Besuch zurückkommen wird?« »Bei dem die Damen waren? Oh, die können noch lange nicht hier sein, denn als ich fort ritt, galoppierten sie erst noch auf der Straße nach Macas hinaus! Noch eins – dieser Aguila hat auch einen Streit mit Señor Desterres Aufseher gehabt, der nicht leiden wollte, daß er sich mit den neuen Kulis unterhielt.« »So? Das ist gleichgültig; wie gesagt, kümmere dich nicht um derlei Dinge, es soll dein Schaden nicht sein«, und sein Pferd am Zügel nehmend, führte er es an das Haus und schob dort noch einmal den Vorhang zurück. »Hallo, wollt Ihr fort, Señor?« rief der Wirt. »Ja«, lautete die kurze Antwort; »ich muß nach Lima. Also, Scipio, vergiß nicht, was ich dir aufgetragen habe. Heute über acht Tage spätestens erwarte ich einen ganz getreuen Bericht.« »Können sich auf mich verlassen, Señor ...« Perteña drehte sich ab, führte, ohne einen Gruß für die Gesellschaft nötig zu halten, sein Pferd dem Tore zu, und trat, das Tier noch immer am Zügel haltend, auf die Straße hinaus, wo er den Blick nach rechts und links warf. Aber nach keiner Richtung hin war ein menschliches Wesen zu erspähen; die weite Strecke Weges, die man von hier aus überblicken konnte, lag öde und einsam, und damit, wie es schien, vollkommen befriedigt, zog er sein Pferd vollends auf die Straße, stieg in den Sattel und sprengte dann die glatte, ebene Bahn entlang, Lima entgegen. Der Hinterhalt Die Sonne näherte sich schon dem Untergang, die Abendwolken funkelten in all ihrer tropischen Pracht das scheidende Licht des Tagesgestirns zurück, als die kleine Kavalkade, die zum Besuch in den Hacienden gewesen, auf der nach Lima führenden Hauptstraße wieder den Staub aufwirbelte. Rafael hatte ihnen nachgeschaut, bis sie die Biegung des Seitenweges seinen Blicken entzog, und schritt dann selber in tiefem Nachdenken in das Haus zurück und die Treppe hinauf; er hatte nicht einmal gesehen, daß Juanita oben am Fenster stand und ihre Blicke auf ihm ruhten. Der alte Bertrand ging, die Hände auf den Rücken gelegt, im Zimmer rasch auf und ab, und erst als Rafael eintrat, blieb er stehen, sah zu ihm auf und sagte: »Ob der Desterres mir wohl heute ein einziges Mal hat in die Augen sehen können? Nicht eine Sekunde lang! Immer, wenn ich ihn ansah, machte er sich mit seinen Blicken bald in der, bald in jener Zimmerecke was zu tun – aber geradeaus sehen, Gott bewahre!« »Und wie hat Ihnen die junge Landsmännin gefallen?« fragte Rafael, der jetzt wahrlich nicht an Senor Desterres dachte. »Gut, sehr gut«, rief Monsieur Bertrand, »ein Wettermädel, das muß man ihr lassen! Die hat's hinter den Ohren, Rafael, das kannst du mir glauben, und so still und ehrbar sie manchmal tut, so funkeln die Augen doch dabei wie das helle Feuer. Wir müssen doch einmal hineinreiten, Juanita, und sie spielen sehen. Deringcourt hat mich so schon geplagt, daß wir einmal dort über Nacht bleiben.« »Und welchen Eindruck hat sie auf Sie gemacht, Juanita?« fragte Rafael jetzt das junge Mädchen, das schweigend und mit niedergeschlagenen Augen der Unterhaltung gelauscht hatte. »Sie haben sich viel und, wie es schien, herzlich mit ihr unterhalten.« »Ja«, sagte Juanita zurückhaltend, »und doch wäre ich nicht imstande, mit Worten bestimmt den Eindruck wiederzugeben, den die junge Dame auf mich gemacht hat.« »Aber er war doch im ganzen angenehm?« drängte Rafael. »Selbst das wage ich nicht zu behaupten«, sagte das junge Mädchen, fügte aber hastig und wie erschreckt hinzu, »obgleich ich noch weit weniger das Gegenteil sagen könnte. Manchmal war es mir, als ob ich sie schon seit Jahren gekannt und wie eine Schwester lieb hätte, und dann hätt' ich ihr mögen an den Hals fliegen und sie abküssen nach Herzenslust...« »Hm, Rafael«, schmunzelte Bertrand, »ist dir nicht auch manchmal so gewesen?« »Und dann wieder«, fuhr Juanita fort, »war es, als ob ich mich vor ihr fürchten müsse, so unheimlich, so lauernd glitt ihr Blick über ihre Umgebung, so kalt und starr wurden, wenn auch nur für einen Augenblick, oft ihre Züge, die eben noch ein bezauberndes Lächeln zeigten.« »Liebes Kind«, sagte ihr Vater, »das darfst du bei einer Schauspielerin nicht so genau nehmen, denn die sind von Jugend auf gewohnt, ihre Gesichtszüge in allerlei Falten und Masken hineinzupressen, und schneiden nur vielleicht manchmal aus alter Gewohnheit ein grimmiges Gesicht, wo ihnen möglicherweise das Herz gerade leicht und glücklich ist.« »Oder auch umgekehrt«, sagte Juanita leise. »Oder auch umgekehrt«, bestätigte der Vater; »das muß man dann aber nicht so nehmen, als ob es auch immer so gemeint wäre.« »Aber, Vater«, sagte Juanita, »dann müßte ich das ja auch immer denken, wenn sie recht lieb und herzlich mit mir spräche, und dann, weiß ich, würd' ich sie nie im Leben liebgewinnen können, und ich möchte es doch so gern!« setzte sie viel leiser als vorher hinzu, daß der Laut der Worte kaum Rafaels Ohr erreichte. »Nun, du brauchst dabei kein so wehmütiges Gesicht zu schneiden, liebes Herz«, lachte der Vater; »mit derlei Personen, die einen öffentlichen Beruf haben oder einer Kunst folgen, noch dazu, wenn es solche Wandervögel sind, kommt unsereins selten und nie auf lange Zeit zusammen. Man lernt sich kennen und unterhält sich, sieht sich dann vielleicht noch einmal, wohl gar noch zweimal, und dann ist's eben vorbei.« Inzwischen war es schon dunkel geworden, und nur der Vollmond warf sein bleiches Licht über die Landschaft und drückte die hohen, starren Kuppen des nahen Gebirgszuges zu niedrigen, duftumflossenen Hügeln herunter. Das Hausmädchen brachte den Tee herein, und der alte Bertrand plauderte jetzt noch lange und viel über die Gesellschaft, die sie heute bei sich gesehen hatten und deren nähere Beziehungen zueinander er weit genauer kannte, als man von jemand vermutet hätte, der hier gewissermaßen abgeschieden von der Welt lebte und nur verhältnismäßig wenig mit ihr verkehrte. Er fand aber trotzdem keine besonders teilnehmenden Zuhörer, denn was kümmerte es Juanita oder Rafael, welche ehrgeizigen Pläne Señor Desterres spinne, und als Bertrand eine Weile ziemlich einsilbige Antworten bekam, ließ er endlich abräumen und ging dann noch mit seinem jungen Gast etwa eine halbe Stunde in der Abendkühle im Garten auf und ab, bis sie endlich, wie gestern abend, in sein Zimmer hinaufstiegen, um dort den Rest der von Rafaels Onkel hinterlassenen Papiere durchzusehen. Es war dies eine höchst undankbare Arbeit, denn es fand sich auch gar nichts, was ihnen den geringsten Aufschluß über das Geschehene hätte geben können, und vergeblich suchten sie nach einem Tagebuche, das der Verstorbene, wie Rafael genau wußte, geführt hatte. Es war ein kleines, ziemlich dickes, rot eingebundenes Buch gewesen, aber es fand sich nirgends, und Bertrand, der ja dabeigewesen war, als die Zimmer im Anfange versiegelt und später Senor Desterres übergeben wurden, ja, der selber die meisten Papiere mit eingepackt hatte, versicherte auf das bestimmteste, ein derartiges Buch nirgends gefunden oder selbst nur gesehen zu haben. Der alte Aguila selber konnte es nicht vernichtet haben; es blieb also nichts zu glauben übrig, als daß es mit manchen anderen Sachen an demselben Tage gleich entwendet worden war, an dem der alte Herr starb, also noch ehe die Gerichte einschreiten konnten. Ein Paket Geschäftsbriefe fand sich noch vor, indessen war nichts dazwischen, was auf den beabsichtigten Verkauf das geringste Licht geworfen hätte – aber es nahm den beiden Männern doch die Zeit, sie durchzusehen, da sie nichts unbeachtet lassen wollten, um sich später keine Vorwürfe zu machen. Bertrand warf endlich die letzten Papiere, die er durchflogen hatte, auf den Tisch zurück, stand auf, ging im Zimmer auf und ab und rief: »Es ist nichts, die Burschen sind zu schlau, als daß sie selber eine Waffe gegen sich in unsere Hände gelegt hätten, und haben die kurze Zeit, die ihnen blieb, gut benutzt. Die Papier hier sind kaum das Verbrennen wert, und was uns hätte nützen können, wird schon lange seinen Weg in das Feuer gefunden haben. Mein Cholo behauptet wenigstens steif und fest, daß er selber es gesehen habe, wie Desterres zu jener Zeit einen ganzen Haufen Papiere und Bücher verbrannt habe; zwischen denen wird auch wohl das Tagebuch gewesen sein. Aber das läßt sich eben nicht mehr beweisen, und wenn wir jetzt nicht den Kaufkontrakt in die Hände bekommen können, um die Unterschrift chemisch untersuchen zu lassen, so dürften wir die Sache als abgemacht betrachten, und du bist die Hacienda los.« »Ich habe vom ersten Augenblick nicht daran gezweifelt«, sagte Rafael gleichgültig, »und wenn ich mich trotzdem bemühte, den Einzelheiten nachzuforschen, so geschah es weit mehr in einer Art Jagdlust, einem Schurken nachzuspüren, als daß ich mir wirklich einen Erfolg davon versprochen hätte. Kommen Sie, Bertrand, lassen Sie die langweilige Geschichte, die mir schon gestern und heute abend Kopfweh gemacht hat. Will es das Schicksal, so kommen wir diesem Herrn Desterres vielleicht doch noch einmal auf die Fährte, und wo nicht, nun, es läuft so viel Lumpengesindel ungestraft in der Welt herum, daß es auf den einen mehr oder weniger doch nicht ankommt! Sehen Sie, was das für ein wundervoller Abend ist und welch merkwürdigen Glanz der Mond heute hat! Aber es muß schon spät geworden sein, er steht ja fast im Zenith; wahrhaftig, halb zwölf – wie die Zeit vergeht!« Bertrand hatte die Papiere zusammengeschoben und war ebenfalls aufgestanden und ans Fenster getreten. Er warf einen Blick nach dem Mond hinauf und dann über die Bananen hinüber rechts und links die Straße hinab. »Ein herrlicher Abend, wirklich«, sagte er leise dabei, »und kühl und angenehm. Den Vorteil haben wir in Peru vor fast allen Tropenländern, daß unsere Nächte kühl, ja fast frisch sind, denn man kann beim Schlafen eine wollene Decke ganz vortrefflich gebrauchen.« »Ich habe überhaupt in Europa weit mehr unter der Hitze gelitten als hier«, bemerkte Rafael, »besonders waren die Nächte manchmal unerträglich warm.« »Das kommt von den ewig langen Tagen«, meinte Bertrand, »wo einem die Sonne im hohen Sommer schon um sieben Uhr morgens auf den Kopf brennt und abends gar nicht untergehen will. Hier in Peru haben wir aber erst einmal die gar nicht so weit entfernt gelegenen und schneebedeckten Cordilleren, die die Luft abkühlen, und dann überhaupt den Vorteil der Tropen: die ewige Tag- und Nachtgleiche, in welcher der Sonne nie Gelegenheit gegeben wird, die Erde zu lange und anhaltend auszubrennen. Ich weiß mich selber recht gut zu erinnern, daß ich in Europa...« Er hielt plötzlich mitten in seiner Rede inne und fuhr in die Höhe; im nächsten Augenblick aber schon schrie er: » Guarda se !« und stürzte nach dem Tisch, von dem er das Licht mit einem Schlage seiner Hand herunterwarf. In demselben Moment aber schmetterte auch der Knall eines Schusses durch die stille Nacht, und Rafael war es, als ob er einen Schlag wie mit einer Reitpeitsche über die rechte Schläfe bekam. Unwillkürlich fast sprang er vom Fenster zurück und mitten in die jetzt dunkle Stube. »Bist du verwundet, Junge?« rief der alte Franzose. »Fühlst du etwas?« »Nein«, sagte Rafael, »nur dicht am Gesicht flog mir etwas vorüber.« »Gott sei Dank!« rief der Alte. »Komm jetzt!« Und mit einem Satz war er an der Tür, riß sie auf, flog die Treppe hinunter vor das Haus und gab dort den Alarmruf für seine Hunde. »Huih, ihr Bestien!« schrie er, als er über den kurzen Vorplatz nach der Gartentür flog. »Huih, hierher! Hu, faß, hu, faß, Tyras, faß, Wolf!« Und damit riß er mit Riesenstärke an dem Gartentor, daß das Schloß zerbrach, als ob es von Glas gewesen wäre. Wo hätte er sich jetzt Zeit genommen, nach einem Schlüssel zu suchen! Die Hunde, die schon durch den Schuß geweckt und herausgesprungen waren, stießen ein wildes Geheul aus und stürmten zur Tür hinaus auf die Straße; mit keinem gewissen Ziele aber vor sich und durch das Hetzen ihres Herrn fast rasend gemacht, nahmen sie sich auch keine Zeit, vorher irgendeine Witterung ausfindig zu machen. Kaum im Freien, schlugen sie zwei- oder dreimal laut an und fuhren dann wie der Wind die Straße hinab, in deren Schatten sie in der nächsten Minute verschwunden waren. »Da gehen die Bestien hin!« rief Bertrand, der im Anfang versucht hatte, sie mit Rufen und Pfeifen zurückzuhalten. »Hol' sie der Teufel, die Kanaillen!« »Der Schuß muß aus dem Garten gegenüber abgefeuert worden sein«, rief Rafael, der sich an Bertrands Seite gehalten hatte. »Gewiß«, sagte der alte Franzose, »ich habe das Feuer gesehen. »Von der Straße aus hätten sie uns auch durch die Bananenblätter kaum erkennen können; aber selbst von dem Garten aus wäre es nicht möglich gewesen, unser Fenster zu beschießen, ausgenommen von einem der Bäume da drüben.« »Was wollen Sie tun?« »Faß hier mit an, Rafael – die Hunde werden gleich wieder zurück sein, wenn sie niemand auf der Straße finden – hier die Umzäunung müssen wir einreißen, und wenn sie da drinnen jemand auf die Fährte kommen, ist er verloren. Das ist dieselbe Stelle, wo du früher deine kleine Tür gehabt hast.« Rafael erwiderte kein Wort; als aber der Alte das gegenüber liegende Staket erfaßt hatte und daran riß, sprang er zu ihm, und es dauerte nicht lange, bis die beiden Männer eine Lücke frei gearbeitet hatten, durch die sich ein Mensch hindurchzwängen konnte. »Und die verfluchten Hunde sind noch nicht zurück!« rief Bertrand wütend. »Tyras, Wolf, Bestien!« Und wieder schrillte sein gellender Pfiff durch die Nacht. Er war mitten auf die Straße gesprungen und horchte in die Nacht hinaus – jetzt hörte er etwas keuchen. »Da kommen sie!« rief er jubelnd. »Huih, hierher, ihr Kanaillen, hierher! Tyras! Das ist recht, mein Hund, faß brav! Hierher, Wolf, da hinein, hu, faß, hu, faß!« In langen, mächtigen Sätzen kamen die Hunde, die wohl gemerkt hatten, daß sie auf keiner warmen Fährte waren, wieder die Straße herauf und auf ihren Herrn zu, und als er ihnen die Lücke in der Umzäunung zeigte, fuhren sie wild hindurch und schlugen gleich darauf wieder laut an. Dort aber kamen sie bald zu dem Herrenhaus, dessen breiter Weg heute den ganzen Tag von vielen Leuten betreten worden war, möglich, daß die nackten Füße der Dienerschaft und der neuen Kulis die Witterung für die Tiere länger bewahrt hatten, denn sie schlugen augenblicklich den Weg nach deren Hütten ein. Dort aber lagen Desterres' Hunde, die, durch den Lärm ebenfalls munter gemacht, vorsprangen und über die fremden Eindringlinge herfielen. Allerdings wurden sie von denen übel empfangen und suchten heulend wieder den Schutz ihrer Hütten, aber Bertrands Rüden waren dadurch auch von ihrer Fährte abgebracht, und knurrend und mit hochgehobenen Schwänzen suchten sie umher, und wenn sie Bertrand hetzte, um die Spuren des Flüchtigen von neuem aufzunehmen, hielten sie das nur für eine Aufforderung, noch einmal über die anderen Hunde herzufallen. Hier war nichts weiter zu machen; der Platz wurde überdies lebendig, und im Herrenhause, wo der Aufseher schlief, Licht gemacht. Bertrand sah, daß er auf diese Weise den Meuchelmörder nie erwischen würde, und um nicht ein zweites unangenehmes Zusammentreffen mit dem Aufseher zu haben, pfiff er seinen Hunden und ergriff Rafaels Arm, um ihn den Weg zurückzuführen, den sie eben gekommen waren. Der alte Franzose war aber nicht der Mann, etwas Begonnenes so rasch wieder aufzugeben, und durch wenige Worte hatte er sich mit Rafael verständigt. Etwa drei- oder vierhundert Schritt von seinem Hause entfernt, in der nächsten Querstraße, wohnte eine Art von Friedensrichter für die Hacienden, der sogenannte Gobernador, und zu dem eilten die beiden Männer jetzt, um nicht allein auf frischer Tat die Anzeige zu machen, sondern auch augenblickliche Nachsuchung von ihm zu verlangen. Bertrand hatte nämlich den Aufseher von Desterres im Verdacht, daß dieser, um sich für die gestrige Beleidigung zu rächen, den Schuß abgefeuert haben könnte, und verlangte jetzt von dem Peruaner, daß er auf dem Grundstück da drüben augenblicklich Haus- und Nachsuchung halten sollte. Der Gobernador, ein alter, dicker Herr, und auf nichts weniger vorbereitet, als mitten in der Nacht aus seinem Bett geholt zu werden, machte allerdings Schwierigkeiten und suchte die Sache bis auf den nächsten Morgen zu verschieben. Bertrand war aber nicht so leicht abgeschüttelt. Als er dem Beamten drohte, daß er ihn allein für die Folgen verantwortlich machen würde, wenn der Verbrecher seiner Strafe entginge, und morgen schon um eine Audienz bei dem Präsidenten nachsuchen wolle, fügte sich der Mann des Gesetzes endlich dem Verlangen, wobei er jedoch, wenn auch leise und unhörbar; eine angemessene Anzahl von Flüchen über die Unverschämtheit dieser eingewanderten Fremden in den Bart murmelte. Der Gobernador hatte übrigens ganz recht gehabt, wenn er diesen nächtlichen Streifzug von vornherein als ein ganz nutzloses Experiment erklärte. Von zwei sogenannten Gerichtsdienern begleitet, rückten sie allerdings aus, fanden aber auf Desterres' Hacienda den Aufseher in seinem Bett, auf dem er, der Aussage der übrigen Leute nach, von gestern abend neun Uhr gelegen und geschlafen hatte, bis ihn der Lärm der Hunde auf- und in den Garten trieb. Ein weiterer Besuch bei der alten Pascua erwies sich ebenso erfolglos. Bertrand wußte überhaupt schon, daß der Cholo gar nicht mit Feuerwaffen umzugehen verstand. Außerdem war er aber an dem nämlichen Nachmittag nach Lima geritten, und seine Mutter erwartete ihn auch nicht vor ein oder zwei Tagen zurück. Etwas anzüglich fragte der Gobernador den Franzosen, ob er vielleicht noch irgendein Haus wisse, wo sie die Leute mitten in der Nacht heraustreiben könnten, um sich zu erkundigen, ob jemand ein Gewehr abgefeuert hätte. Bertrand sah aber jetzt wohl ein, daß sie in dieser Nacht doch nichts weiter ausrichten könnten und kehrte mit Rafael nach Hause zurück. Unterwegs sagte er: »Weißt du wohl, mein Junge, daß wir beide rechte Dummköpfe gewesen sind, als wir nach dem Schuß wie toll und blind in das Zeug hineinrannten?« »Und was hätten wir tun sollen?« »Die Hunde halten und dann erst das Gitter einreißen. Der Schuft, der den Schuß abfeuerte, hat oben in einem Baum gesessen; ich habe ja selber das Feuer deutlich gesehen. Bis die Hunde freilich zurückkamen, gewann der Lump über und über Zeit, um seine Haut in Sicherheit zu bringen.« »Sehr wahrscheinlich«, sagte Rafael; »die Hunde wurden durch das Hetzen rein wie toll. Schade, daß wir den Patron nicht auf frischer Tat erwischten, es hätte einen Hauptspaß gegeben! Eigentlich hatte ich den Aufseher im Verdacht; das Gesicht des Burschen würde wenigstens eine derartige Heimtücke, wo er nicht offene Rache nehmen konnte, vollkommen rechtfertigen.« »Wenn das keinen tieferen Beweggrund hatte!« meinte Bertrand nachdenklich. »Ich glaube aber fast, daß der Schuß nach dir und nicht nach mir gefeuert wurde und daß dein Auftauchen hier verschiedenen Leuten ein Dorn im Auge ist. Ein Glück nur, daß der Patron eine Kugel und nicht etwa Rehposten geladen hatte, sonst wären wir beide schlecht weggekommen. Ich hörte ja den Hahn knacken: ehe ich aber nur das Licht vom Tisch schlagen konnte, hatte er schon abgedrückt. Er muß da drüben in einem von den Bäumen gesessen haben.« Die beiden Männer standen wieder vor dem Haus; die Hunde waren noch einmal durch den Zaun gefahren und suchten und winselten jetzt dort wie toll im Gebüsch umher. »Siehst du, daß ich recht habe? Jetzt, wo sie ruhiger sind, finden sie die Fährte.« »Und wenn er nun am Ende noch oben säße?« flüsterte Rafael. »Unmöglich wäre es nicht, denn die Hunde waren ja im Nu draußen, und er hat vielleicht gefürchtet, seine Fährten einzudrücken.« »Daß er ein Narr wäre«, sagte Bertrand kopfschüttelnd; »nein, der hat lange Fersengeld gegeben, aber nachsehen können wir meinetwegen noch einmal.« Und mit den Worten preßte er sich, von Rafael gefolgt, wieder durch die vorher gerissene Zaunlücke, und von dem jetzt hoch stehenden Monde begünstigt, konnten sie dort die Baumwipfel ziemlich gut absuchen. Aber es war nirgends mehr etwas zu entdecken; der Meuchelmörder hatte jedenfalls seine Zeit benutzt, um sich aus dem Staube zu machen. Sie überzeugten sich hier übrigens, daß der Bursche, um in das Fenster hineinzuschießen, in einem der dort stehenden Bäume gesessen haben mußte, und zwar zeigte sich ein alter, knorriger Orangenbaum dazu als das passendste Versteck. Rafael kletterte selber hinauf, und es blieb kein Zweifel mehr, als er dort oben sogar ein paar Zweige, den einen abgebrochen, den andern eingeknickt fand, die wahrscheinlich die Aussicht nach dem Fenster ein wenig verdeckt hatten. Der Vogel schien also ausgeflogen, und es blieb für heute nichts mehr zu tun, ja es war überhaupt die Frage, ob eine spätere Nachforschung zu dem geringsten Ergebnis führen würde. Oben im Hause bestätigte übrigens die in der Wand sitzende Kugel noch außerdem die Richtung nach dem Orangenbaum, und es zeigte sich auch, daß der Verbrecher gar nicht schlecht gezielt hatte, denn die Kugel hatte eine Locke von Rafaels Haar wie mit einem Messer abgeschnitten. Auch Juanita war, durch den Schuß und die darauf folgende Unruhe erschreckt, wieder aufgestanden und hatte sich angezogen. Sie war leichenblaß geworden, als sie hörte, welcher großen Gefahr ihr Vater und auch Rafael entgangen waren. Der alte Bertrand aber lachte: »Ein Zoll vorbei ist so gut wie eine Meile«, sagte er, »und ich glaube fast, daß dem Patron die Lust vergangen ist, den Versuch von da drüben aus zu wiederholen. Wir kennen jetzt seinen Schlupfwinkel, und das nächste Mal möchte er nicht so ungerupft davonkommen. Aber nun gute Nacht, Kinder – gute Nacht, Rafael – morgen früh wollen wir mit Tagesanbruch heraus und drüben sein, um den Platz noch einmal zu untersuchen. Es wäre doch möglich, daß der Monsieur in der Eile des Rückzuges ein Andenken da gelassen hat, an dem wir ihn später vielleicht einmal erkennen können.« Die beiden Männer verließen das Zimmer, und Juanita blieb nur noch zurück, um die Fenster zu schließen. Auf dem Tisch lag das abgeschossene Haar Rafaels. Sie war schon wieder an der Tür, als sie noch einmal zurückkehrte, die zerrissene Locke an sich nahm und damit das Zimmer verließ. Calle de Valladolid In der Calle de Valladolid hatte Monsieur Deringcourt seine Privatwohnung, die eigentlich geräumiger war, als er sie für seine kleine Familie brauchte. Da er aber nichts so sehr haßte, als Mietsleute aufzunehmen, bei denen man nie vorher wußte, ob sie zu der ganzen Häuslichkeit passen würden, so ließ er lieber einen Teil des kleinen Hauses leerstehen und benutzte ihn nur dann und wann, wenn er Gäste einlud, als Fremdenzimmer. Dort war jetzt Lydia Valière, die in der ganzen Stadt gefeierte Sängerin, einquartiert worden, und da Monsieur Deringcourt nie etwas halb tat, so hatte er ihr auch die kleine Wohnung so freundlich und behaglich eingerichtet, wie sie es sich nur hätte wünschen können. Die Abteilung des Hauses gehörte ihr allein, und Besuche, die sie empfing, kamen mit den übrigen Bewohnern nicht in die geringste Berührung. Sie war und blieb ihre eigene Herrin, als ob sie in einem Hotel gewohnt hätte, und nur zu den verschiedenen Mahlzeiten setzte sie eine in ihre Stube führende Klingelleitung in Kenntnis, daß das Essen in etwa einer halben Stunde aufgetragen werde. Der Haupttreppengang der Deringcourtschen Familie führte aber gerade zu ihr hinüber, und wann auch immer sie deren Gesellschaft suchte, fand sie dort die freundlichste Aufnahme und das herzlichste Willkommen. Heute, an einem Sonntag, erwartete sie Rafael. Sie hatte ihn durch ein paar kurze Zeilen um einen Besuch gebeten. Jetzt ging sie ungeduldig in dem kleinen Gemach auf und ab. Wieder und wieder flog ihr Blick nach der auf dem Sims stehenden Uhr, die schon zehn Minuten über halb Zwölf zeigte, als endlich Schritte auf dem Gange laut wurden und gleich darauf eine feste Hand an die Tür pochte. Sie selber öffnete, und ihre Hand Don Rafael entgegenstreckend, sagte sie freundlich: »Das ist sehr liebenswürdig, Señor, daß Sie meiner Einladung Folge geleistet haben. Seien Sie willkommen!« »Es wäre sehr unliebenswürdig gewesen, wenn ich es nicht getan hätte«, sagte der Eintretende, »und wie gern ich ihr folgte, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen.« »Ich will Ihnen glauben«, lächelte Lydia, »und rechne es Ihnen noch höher an, weil ich weiß, daß Sie damit ein Opfer bringen.« »Ein Opfer?« sagte Rafael erstaunt. »Pst!« unterbrach ihn Lydia, »ich verlange nicht, ungebeten in Ihre Geheimnisse einzudringen. Mir genügt auch, daß Sie da sind. Übrigens ließ ich Sie nicht meinet-, sondern Ihretwegen zu mir bitten, denn ich habe Ihnen eine Mitteilung zu machen, die Ihnen wahrscheinlich angenehm sein wird.« »Und wenn ich Ihnen nun sagte, wie glücklich ich mich schon dadurch fühle, daß Sie überhaupt nur meiner gedacht haben?« Lydia hob bittend die Hände gegen ihn auf. »Tun Sie es nicht«, bat sie, »seien Sie wenigstens wahr und einfach gegen mich, daß ich einen einzigen Menschen habe, mit dem ich wie mit einem Menschen reden kann!« »Sie haben recht, Lydia, seien Sie mir nicht böse darüber, daß ich dem einen alltäglichen Ausdruck gab, was man wohl empfinden kann, aber nicht sagen darf, denn es klänge sonst wie fade Schmeichelei, und wahrlich, die liegt mir fern! Aber da fällt mir ein, daß ich eben, nicht weit von hier, auf der Straße unsern Schweden traf, der wahrscheinlich noch immer meine Locke auf dem Herzen trägt und vielleicht gar bei Ihnen war! Er kam mir übrigens merkwürdig verstört vor und sah mich nicht einmal, obgleich er dicht an mir vorüberging.« »Er war hier – zum letztenmal – er wird nicht wiederkommen«, sagte Lydia ruhig, »denn ich war es müde geworden, ewig von ... Doch, was kümmert er uns! Sind Sie denn gar nicht neugierig, das zu hören, was ich Ihnen zu sagen habe?« »Sie können doch nicht verlangen, daß mir gleich in der ersten Minute die Zeit bei Ihnen lang wird!« »Nun, das war wenigstens ehrlich und nicht geschmeichelt«, lachte Lydia, »und zur Belohnung sollen Sie auch gleich die Neuigkeit erfahren. Der Präsident sagt Ihnen durch mich auf morgen früh halb Zwölf eine Audienz in seinem Palais zu.« »Der Präsident – mir?« rief Rafael überrascht aus. »Das ist jedenfalls ein Irrtum, mein Fräulein, denn der Präsident hat aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal eine Ahnung, daß ich überhaupt existiere!« »Er muß doch eine sehr starke Ahnung davon haben«, lächelte das junge Mädchen, »denn die Einladung kommt für Señor Rafael Aguila direkt aus seinem Munde.« »Dann danke ich es auch niemand anderem als Ihnen«, rief Rafael rasch, »und Sie haben ein gutes Werk damit gestiftet, ohne es zu wollen!« »Ohne es zu wollen, Señor?« rief Lydia. »Beim Himmel! Sie werden mir jetzt beinahe zu grob, und ich sehe mich bald genötigt, Sie zu bitten, ein klein wenig mehr artig zu sein! Ich habe Ihnen die Zusammenkunft in der ganz besonderen und wohlüberdachten Absicht – also nicht ohne es zu wollen – erwirkt, daß Sie dem Präsidenten Ihre Klage vorlegen und von ihm Ihr Recht verlangen können! Beharren Sie jetzt noch auf Ihrer Meinung?« »Ich beharre darauf«, sagte Rafael, »daß Sie, ohne Schmeichelei, das liebenswürdigste Wesen unter der Sonne sind!« »Das ist jetzt schon wieder viel mehr, als ich verlangt habe«, sagte Lydia. »Ich wollte auch nur, daß Ihnen Recht würde.« »Auch dafür nehmen Sie meinen herzlichsten Dank, Señorita«, sagte Rafael, ihre Hand ergreifend, »aber seien Sie versichert, daß mir das trotzdem wenig helfen würde. Doch in einer anderen Angelegenheit habe ich mir, und zwar vergebens, die größte Mühe gegeben, den Präsidenten zu sprechen, und das haben Sie mir jetzt durch Ihr gütiges Fürwort möglich gemacht.« »Und das war?« »Die unglückseligen Insulaner, von denen Sie wahrscheinlich auf Señor Desterres' Hacienda einige gesehen haben, sind aus ihrer Heimat auf niederträchtige Art geraubt und hierher zum Verkauf gebracht worden, und ich bin fest überzeugt, daß es ohne Wissen des Präsidenten geschehen ist. Mit den Einzelheiten dieser Schurkerei wollte ich ihn bekannt machen.« »Dadurch schaden Sie Ihrer eigenen Angelegenheit ...« »Möchten Sie mich darum tadeln?« »Nein«, sagte das junge Mädchen, ihm die Hand entgegenstreckend, »ich wahrlich nicht, und Gott gebe, daß Sie den armen Menschen nützen! Ich will dann auch glauben, daß mein Besuch in Peru nicht ganz umsonst war und wenigstens etwas Gutes gewirkt hat. Aber vergessen Sie sich nicht selber zu sehr in der fremden Sache; vielleicht läßt sich doch beides vereinigen.« »Schwerlich«, lächelte Rafael, »denn Seine Exzellenz wird den Kopf voll genug haben, wenn ich ihn ersuche, seine Hand in das Wespennest zu stecken. Sie wissen nicht, was das heißt, Señorita, hier in Peru einen Betrug aufzudecken. Es ist etwa so, als ob man an der unteren Etage eines Kartenhauses etwas reparieren wollte. Wenn man nicht außerordentlich vorsichtig dabei zu Werke geht, fällt die ganze Geschichte über den Haufen.« »Und mein Freund Desterres steckt auch mit darunter?« »Ich weiß es nicht bestimmt. Jedenfalls sind seine Freunde dabei beteiligt, denn das hängt hier alles untereinander zusammen und muß sich gegenseitig stützen. Allein könnte sich keiner auf seinen Füßen halten.« Lydia horchte nach dem benachbarten Zimmer hinüber; es wurde dort ein Geräusch laut, als ob jemand an einen Tisch stieße. »Es ist jemand dort«, sagte Rafael, der dadurch aufmerksam geworden war; »doch wohl Ihr Mädchen?« »Es könnte eigentlich niemand weiter sein«, sagte Lydia, von ihrem Stuhl aufstehend; »aber sie ist erst kurz vor elf Uhr in die Kirche gegangen und kann noch nicht zurück sein. Das kleine Zimmer stößt an den Garten, vielleicht daß Adele ...« Sie hatte indessen, von Rafael gefolgt, die Tür erreicht und geöffnet, fand aber dort nicht etwa das vermutete Mädchen, sondern einen Mulatten, der, mit einem Korb am Arm, mitten in der Stube stand und sich verlegen umsah. Lydia trat erschrocken zurück; Rafael aber, auf den Burschen zugehend, sagte, indem er ihn von oben bis unten betrachtete: »Hallo, Señor, was machen Sie hier in dem Zimmer? Wissen Sie nicht, was Sitte ist, ehe man ein Haus in Lima betritt?« »Bitte tausendmal um Entschuldigung, Señor«, sagte der Braune in seinem groben Dialekt; »ich bringe Butter und Eier für Señor Deringcourt und bin hier fremd im Hause. Sonst kommt meine Schwester immer, aber die ist krank, und es sind so viele Türen, daß man sich gar nicht zurechtfinden kann. Ich habe wohl eine halbe Stunde lang Ave Maria gesagt, aber es wollte mir niemand antworten.« »Das ist der nämliche Bursche«, sagte Lydia auf Französisch zu Rafael, »der vor ein paar Tagen mit genau derselben Entschuldigung vorn bei mir im Zimmer war und dort schon eine ganze Weile herumgestöbert hatte, ehe ich ihn bemerkte.« »Zeig' einmal deinen Korb, Amigo«, sagte Rafael, indem er, mit dem Burschen nicht die geringsten Umstände machend, auf ihn zuging und den Korb öffnete. Der Verdacht des Diebstahls schien aber unbegründet oder er hatte vielleicht auch noch keine Zeit bekommen, irgend etwas zu beseitigen. In dem Korb befand sich wenigstens nur das, was er angegeben hatte: Butter und Eier, und Rafael, selber in Verlegenheit, dem Mulatten anzugeben, wo er auf dem nächsten Wege die Küche erreichen könne, wandte sich deshalb an die junge Dame. »Dann müssen wir ihn durch mein Zimmer führen«, sagte diese, »denn sonst gerät er hier hinunter vielleicht wieder in leere Zimmer, da wahrscheinlich alles in der Kirche ist. Hierher, Muchacho «, redete sie den Mulatten an, »komm hier durch und gehe diesen Gang hinunter; gerade die quer vorliegende Tür ist die Küche. Daß ich dich aber nun nicht zum drittenmal auf dieser Seite des Hauses erwische, sonst nehme ich an, daß du dein Gedächtnis nicht zu Hilfe rufen willst; verstanden?« » Muchas Gracias , Señorita«, sagte der Bursche, indem er einen scheuen Blick nach Rafael warf, »werd' es mir diesmal merken. Morgen kann auch wohl meine Schwester wieder kommen. Scipio findet sich nicht in den Häusern zurecht, sieht immer eins aus wie das andere und ist ganz verschieden«, und mit einer tiefen Verbeugung drehte er sich zur Tür hinaus und hinkte, anscheinend lahm, den Gang hinab, der nach der Küche hinüberführte. »Nehmen Sie sich vor den Schwarzen in acht«, sagte Rafael, als er die Tür wieder geschlossen hatte; »so zuverlässig sie sonst waren, als man sie noch als Sklaven hielt, und so selten ein Diebstahl stattfand, bei dem sie sich beteiligt hätten, so viel anders ist das jetzt, da sie frei und unabhängig geworden sind. Aber, mein liebes Fräulein«, unterbrach er sich, »ich habe Ihre kostbare Zeit schon zu lange in Anspruch genommen und höre da schon wieder einen neuen Besuch im Vorzimmer.« »Das ist mein Direktor«, lächelte Lydia, die auf das Geräusch nahender Schritte ebenfalls gehorcht hatte; »ich kenne ihn am Tritt ...« »Und darf ich Ihnen Bericht abstatten, welchen Erfolg ich bei Seiner Exzellenz hatte?« »Sie würden mir eine große Freude damit machen!« »Also auf Wiedersehen, und nochmals meinen herzlichsten Dank für den Dienst, den Sie mir geleistet haben! Wollte Gott, daß ich je imstande wäre, das nur in etwas wiedergutzumachen! Sie sollten sehen, mit welcher Freude ich es tun würde!« »Ich glaube es Ihnen«, sagte Lydia herzlich, und Rafael hob ihre Hand an seine Lippen und verließ das Zimmer, auf dessen Schwelle in diesem Augenblick auch schon Monsieur Montfort erschien. Die Audienz Der nächste Morgen kam und mit ihm die zur Audienz bestimmte Stunde: halb zwölf. Zu genaue Einhaltung dieser Zeit war nun allerdings nicht nötig, da der Zug erst um halb zwölf in Chorillos eintraf und dann immer noch einige Minuten vergingen, ehe der Präsident selbst für seine Minister zu sprechen war. Don Rafael hatte sich aber vorgenommen, pünktlich zu sein, und als er zur bestimmten Stunde das Wartezimmer betrat, fand er schon Señor Morales vor, der hier auf- und abging, und eben nicht angenehm überrascht schien, ihn hier zu sehen. Nichtsdestoweniger begrüßte er ihn zuvorkommend, schüttelte ihm die Hand und versicherte ihm, er freue sich herzlich, ihn wiederzusehen, und wünschte nichts so sehr, als einmal ungestört ein Stündchen mit ihm plaudern zu können, um zu hören, wie es da draußen in der fremden Welt und den fremden Weltteilen, die er ja besucht habe, zugehe. Und weshalb war er eigentlich jetzt hierher gekommen? Um den Präsidenten zu sprechen? Señor Morales hätte das gar zu gern herausbekommen und ging auf das geschickteste eine ganze Weile um die Frage herum. Rafael dagegen wußte ihn ebenso geschickt nicht zu verstehen, und es blieb dem Minister zuletzt nichts anderes übrig, als ihn eben direkt danach zu fragen – aber selbst das half ihm nichts. Der junge Mann gab ihm nur ausweichende Antworten. Der Präsident hatte ihm erlaubt, ihm ebenfalls einige Auskunft über fremde Verhältnisse zu geben, wie ja Señor Morales gerade den Wunsch geäußert habe – Neugierde vielleicht – vielleicht Wißbegierde, und er konnte ihm allerdings einige sehr interessante Mitteilungen machen. Morales bekam nichts weiter heraus, und da indessen der Präsident auch eingetroffen war – sie hatten seinen Wagen schon vor einer Weile vor der Tür halten hören – so wurde die Unterhaltung dadurch gewaltsam abgebrochen. Sowie auch nur einer der galonierten Diener die Saaltür öffnete, verbeugte sich der Minister gegen den jungen Mann und nahm als selbstverständlich den Vortritt für sich in Anspruch, und Rafael konnte indessen die Freuden des Wartens nach Herzenslust durchkosten. Eine Weile trug er das auch geduldig und schritt mit verschränkten Armen in dem großen Gemach auf und ab. Es liegt aber für jeden wirklichen Mann etwas Entwürdigendes darin, in dem Vorzimmer irgendeines Menschen der Welt, wer er auch sei, zurückgehalten zu werden, um zu warten, bis es jenem gefalle, ihn zu sprechen, und es gehört ein ganz besonderes Blut dazu. Rafael war auch drei- oder viermal nahe daran, seinen Hut zu nehmen und den Palast wieder zu verlassen, und hätte es nur seine eigene Angelegenheit betroffen, rasch genug würde er diesen Entschluß ausgeführt haben; aber er dachte dann immer wieder an die armen, unglücklichen Insulaner, deren einzige Hoffnung jetzt auf ihm ruhte, und das bannte ihn doch auf den Platz. Indessen hatte Señor Morales heute einen sehr langen Vortrag bei Seiner Exzellenz, und der Präsident hatte um zwölf Uhr schon wieder seinen Wagen befohlen, um den Kasernenbau zu besichtigen und dort noch einige Anordnungen zu treffen. Es war zehn Minuten vor zwölf, als der Minister endlich entlassen wurde und Seine Exzellenz noch vorher an die versprochene Inspizierung erinnerte. »Es sind auch noch einige Personen im Vorzimmer«, sagte Señor Morales dabei, »aber Exzellenz werden heute kaum Zeit behalten. Sie gestatten mir wohl, sie auf ein anderes Mal herzubestellen?« »Jawohl, jawohl«, sagte Castilla, der eine Menge andere Dinge im Kopf hatte, rasch; »heute bin ich überhaupt nicht aufgelegt. Bitte, schicken Sie sie fort!« Und sich an den Tisch setzend, überflog er noch einmal die verschiedenen Papiere, die ihm sein Minister vorgelegt hatte, und Morales, vergnügt über die gelungene List, dem Señor Aguila, der ihm nicht hatte sagen wollen, was ihn zum Präsidenten führte, den Weg dorthin abzuschneiden, betrat das Vorzimmer wieder, ging auf diesen zu und sagte mit tiefem, höflichem Bedauern im Tone: »Señor Aguila, es tut mir wirklich in der Seele leid, daß Sie heute umsonst so lange warten mußten. Exzellenz hatten aber so dringende Arbeiten, die sich wegen des nach Arica gehenden Dampfers nicht aufschieben ließen, und da er auch in diesem Augenblick wieder ausfahren muß, um etwas zu inspizieren, so läßt er Sie recht freundlich ersuchen, an einem anderen Tage, den er Ihnen vorher noch näher bestimmen wird, Ihren Besuch zu wiederholen. – Juan«, wandte er sich dann an den aufwartenden Lakaien, »es wird heute morgen weiter niemand vorgelassen – strenge Order Seiner Exzellenz.« »Zu Befehl, Señor!« »Sie werden mit mir doch eine Ausnahme machen müssen, Señor«, sagte Don Rafael, der die Absicht des Ministers durchschaute und nur mit Mühe seinen aufkochenden Zorn zurückhielt; »ich bin besonders von Seiner Exzellenz hierher bestellt worden und muß den Präsidenten sprechen!« »Ich bedauere wirklich, daß es heute nicht möglich sein wird«, sagte Morales, der seine vornehme Ruhe beibehielt, aber womöglich noch mehr Höflichkeit in den Ton legte. Aguila war aber auch nicht einen Moment gesonnen, sich so abschütteln zu lassen oder nur einen Fußbreit von dem Terrain zu weichen, das er einmal hielt; er gab Morales keine Antwort mehr, nahm aus seinem Taschenbuch eine Karte, und sie dem Lakaien hinreichend, sagte er: »Bringen Sie diese Karte Seiner Exzellenz und sagen Sie ihm, daß der, dessen Name darauf steht, hier im Vorzimmer schon seit einer vollen Stunde wartet. Haben Sie mich verstanden?« »Es geht wirklich nicht, Verehrtester«, nahm hier noch einmal Morales mit gewinnender Herzlichkeit das Wort, da der Lakai zögerte, die Karte anzunehmen. »Sie werden sich dem direkt gegebenen Befehl Seiner Exzellenz nicht widersetzen wollen. Und was haben Sie für einen Vorteil davon? Angenommen werden Sie doch nicht und bringen den Herrn nur gegen sich auf; er haßt nichts mehr, als gezwungen zu werden!« »Wollen Sie meine Karte jetzt hineintragen?« fragte Rafael, der dieser tückischen Höflichkeit gegenüber kaum seine Ruhe und Besonnenheit bewahren konnte, »oder soll ich es selber tun? Aber dann, Señor Morales, gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich dem Herrn auch gleich von vornherein erzähle, wie ich Sie vergebens gebeten habe, mich bei ihm zu melden, und daß ich annehmen muß, Sie hätten ein Interesse dabei, eine Zusammenkunft zwischen mir und dem Präsidenten zu verhindern. Möglich ja doch, daß Sie bei dem Kulihandel beteiligt sind!« Morales biß sich auf die Lippe; der junge Mann sah aber so entschlossen aus, daß ihm allerdings zuzutrauen war, er würde den Zutritt erzwingen, und bei dem sonderbaren Charakter des alten Herrn war nie vorauszusehen, ob er das gut oder schlecht aufnehmen würde. Durch das einfache Hineintragen der Karte blieb noch immer die Möglichkeit, daß Castilla, mit seinen Papieren beschäftigt und reizbar überhaupt, eine Annahme kurz verweigern würde. Dem Minister fuhren diese Gedanken blitzschnell durch den Sinn, und er machte jetzt eine Bewegung gegen den Lakaien, daß dieser die Karte annehmen und hineintragen sollte; zugleich warf er ihm aber, von Rafael unbemerkt, einen besonderen Blick zu, den der Lakai eigentlich hätte verstehen müssen. Er hieß: Geh hinein und komm wieder heraus, ich vertrete das andere! Ob es der Bursche aber nicht verstanden hatte oder nicht hatte verstehen wollen, denn Lakaien haben auch manchmal ihren eigenen Kopf, kurz, das Ergebnis war ein anderes, als es Señor Morales erhofft hatte. Der Diener gab die Karte wirklich dem Präsidenten, und Castilla, der erst flüchtig den Namen las, sagte: »Ich habe ja schon ...« Aber plötzlich unterbrach er sich und rief: »Aguila – alle Wetter, das ist ja der Fremde, für den sich unsere kleine Französin so warm interessiert, und ich habe ihr die Hand darauf geben müssen, ihn anzunehmen – er soll hereinkommen – und noch eins: der Wagen soll erst gegen ein Uhr vorfahren. Es fällt mir eben ein, daß ich dem Finanzminister noch eine Audienz für einen jungen Mann auf halb ein Uhr zugesagt habe. Sobald er kommt, wird er gemeldet. Señor Aguila soll hereinkommen.« Als der Lakai wieder das Vorzimmer betrat und, anstatt den verneinenden Entscheid des Präsidenten zu bringen, die Tür offen hielt, und daneben stehenblieb, zum Zeichen, daß Señor Aguila eintreten möchte, verneigte sich dieser, ohne weiter ein Wort zu sagen, leicht und lächelnd gegen den Minister und überließ es Morales, verblüfft seinen eigenen Weg zu verfolgen. Wenige Minuten später betrat Rafael das Gemach, in dem Castilla, der sich von seinem Stuhl erhoben hatte, stand und ihn erwartete. »Exzellenz, ich muß um Entschuldigung bitten ...« »Lassen Sie alle Vorreden«, unterbrach ihn der alte Herr, jedoch nicht unfreundlich; »ich bin heute mit meiner Zeit etwas gedrängt, aber Sie haben eine sehr liebenswürdige Dame zur Fürsprecherin gehabt, und der muß ich mein Versprechen halten. Also kommen Sie zur Sache. Sie waren lange von Peru fort, wie sie mir erzählte, und sind hier während Ihrer Abwesenheit durch einen Kunstgriff an Ihrem Eigentum geschädigt worden. War es nicht so?« »Exzellenz«, sagte Don Rafael, indem er dem alten Herrn fest ins Auge sah, »wenn mir mehr Zeit verstattet wäre, als Sie, wie es scheint, entbehren können, so würde ich Ihnen auch wohl meine etwas verwickelte Angelegenheit vortragen. Da sie mich aber allein betrifft, so darf ich Sie heute nicht damit belästigen, wo ich Ihnen eine wichtige, die Ehre von ganz Peru betreffende Sache zu enthüllen habe.« »Eine Staatsangelegenheit?« sagte Castilla, eben nicht angenehm überrascht. »Also dahinter hat sich die kleine Wetterhexe auch schon gesteckt? Aber wie kommen Sie dazu, wenn ich fragen darf?« »Wenn Sie mir erlauben, Exzellenz, Ihnen nur mit ein paar Worten das ganze zu erzählen, so finden Sie diese Frage zugleich darin beantwortet.« »Ich bin Ihnen dankbar, wenn Sie es so kurz wie möglich machen – aber setzen wir uns.« Und er deutete mit der Hand auf einen Stuhl, auf den sich Rafael vor ihm niederließ.« »Sie wissen, Exzellenz«, begann der junge Mann, »daß seit kurzer Zeit von hiesigen Geschäften ein Kulihandel mit der Südsee eröffnet ist« – Castilla nickte nur – »aber Sie wissen nicht«, fuhr Rafael fort, »auf welche Art diese ›freien Arbeiter‹ nach Peru geschafft werden.« »Lieber Gott«, sagte Castilla, »man hat Kontrakte mit ihnen abgeschlossen! Sie bekommen eine bestimmte Vergütung für ihre Arbeit und sind nach acht Jahren wieder frei. Ja, ich habe sogar für sie ausgemacht, daß sie nach der Zeit von den Häusern, die sie herbrachten, wieder in ihre Heimat geschafft werden müssen, wenn sie es verlangen sollten.« »Exzellenz sind da falsch berichtet«, sagte Rafael ernst. »Die unglücklichen Insulaner wurden ohne Kontrakt auf das Schiff gelockt und mit fortgenommen; dort aber, als sie die Absicht ahnten und sich widersetzen wollten, feuerte man zwischen sie und schoß sie wie Verbrecher nieder.« »Können Sie beweisen, was Sie da sagen?« rief Castilla rasch. »Ja, Exzellenz«, sagte der junge Mann ruhig. »Erst später, dicht an der peruanischen Küste, ich glaube gar erst im Hafen, wurde ihnen der Kontrakt, von dem sie natürlich keine Ahnung hatten, was er enthielt, unter dem lügnerischen Vorgeben zur Unterzeichnung vorgelegt, daß man ihre verschiedenen Namen wissen wolle, um sie wieder in die Heimat zu schicken. Nur wenige, eigentlich nur einige Frauen, glaubten diesem neuen Betruge und malten irgendein Zeichen auf das Papier; die übrigen sogenannten Unterschriften wurden von einem nichtsnutzigen Individuum, einem weggelaufenen Matrosen, der sich auf ihrer Insel niedergelassen hatte und, wie es scheint, auch geholfen hat, sie zu überlisten – vielleicht gar von dem Kapitän selber ausgefüllt.« »Und woher haben Sie das alles erfahren?« »Ich hielt mich, ehe ich nach Peru zurückkehrte, über ein Jahr auf den Gesellschaftsinseln auf und lernte ihre Sprache. Vor einigen Tagen, als ich einen Freund in den Hacienden besuchte, wo auch mein Besitztum früher lag, das jetzt von Señor Desterres beansprucht wird ...« »Von Desterres – so ...?« »traf ich mit einigen dieser Unglücklichen zusammen, die von eben dem Herrn in ›Kontrakt‹ genommen, das heißt mit einfachen Worten: gekauft waren, und diese, die keinen Menschen sonst hier haben, dem sie sich verständlich machen können, klagten mir ihr Leid und baten mich um Hilfe.« »Aber es sind mehrere Schiffe mit Kulis aus der Südsee hier angelaufen; wir wissen nicht, ob alle so gehandelt haben.« »Wohl schwerlich anders«, sagte Rafael, »denn ich kenne diese einfachen Menschen zu genau. Es mag möglich sein, dann und wann einmal einen einzelnen zu überreden, sein Glück in einem anderen Land zu versuchen, aber die Mehrzahl wird man nie freiwillig zur Auswanderung bringen, und wo das geschah, können Sie sich auch fest darauf verlassen, daß eine Schurkerei dahinter steckt.« »Und wie hieß das Schiff, mit dem sie gekommen sind?« »Der Name war nicht von ihnen zu erfahren, sie haben ihn wohl nie gehört und können ja auch nicht lesen; nach den Tagen aber, die sie jetzt, wie mir der eine Insulaner angab, auf festem Land zugebracht haben und die er sich genau gemerkt hat, muß es das zuerst eingelaufene gewesen sein, die Libertad.« »Ich dachte es mir beinahe«, sagte Castilla vor sich hin; »eine ganz verwünschte Geschichte, die wieder schönen Lärm in der Welt machen und einer ganzen Menge von Leuten erwünschte Gelegenheit geben wird, nach Herzenslust über unsere hiesigen Zustände herzufallen. Und sie haben bei Gott recht! Nur daß sie mir nachher alles in die Schuhe schieben, und ich bin gerade der letzte, der es gewöhnlich erfährt!« »Ich wußte vorher, daß Eure Exzellenz den Tatbestand nicht gekannt haben konnten, oder Sie würden Ihre Erlaubnis nie zu einem solchen Sklavenhandel gegeben haben.« »Ich danke Ihnen für die gute Meinung«, sagte Castilla trocken, »wenn auch eine Grobheit darin liegt. Der Sache muß aber ein Ende gemacht werden. Da hat mir Morales eben wieder eine Vorlage gebracht, nach der die Regierung selber solche Kontrakte eingehen sollte. Er kann auch unmöglich von der Art und Weise wissen, wie die Leute ›freiwillig‹ geworben wurden oder er würde mich doch wahrhaftig nicht in den schmutzigen Handel hineinbringen wollen. Ich bin Ihnen dankbar, Señor, für die Auskunft, die Sie mir gegeben haben. Von heute ab soll dieser Kulihandel verboten werden; ich will nichts, gar nichts damit zu tun haben, und kein Schiff mit solchen Arbeitern darf mehr an meiner Küste landen!« »Und die Unglücklichen, die aus ihrer Heimat geraubt wurden, was wird mit ihnen?« fragte Rafael. »Sie dürfen doch gewiß in Peru Gerechtigkeit verlangen.« »Hm, ja, Sie haben recht«, sagte Castilla, der von seinem Stuhl aufgesprungen war und im Zimmer mit raschen Schritten auf und ab ging. »Die armen Teufel – es ist schändlich – aber der Henker, was läßt sich in der Sache tun! Sie sind doch auch ganz fest davon überzeugt, daß sich die Sache wirklich so verhält?« »Exzellenz können mich als Dolmetscher vereiden lassen und die Leute selber verhören. Ich würde es nicht gewagt haben, Ihnen oder irgendeinem anderen Menschen eine Unwahrheit zu sagen.« »Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen; aber wir stechen da in ein wahres Wespennest. Wenn ich das nur vorher gewußt hätte; nun aber sind die Kontrakte mit den verschiedensten Personen schon abgeschlossen.« »Die Firma, die auf solch niederträchtige Weise einen Sklavenhandel eröffnete, muß natürlich das erhaltene Geld wieder herauszahlen«, sagte Rafael. »Wer beweist uns aber, daß gerade die Firma eine Ahnung von dem wirklichen Verhalt des Handels hatte? Ja, es ist weit wahrscheinlicher, daß der Kapitän des Schiffes auf eigene Faust das Verbrechen beging, und das Schiff, die ›Libertad‹, ist erst gestern wieder ausgelaufen. Wenn ich es nur um zwei Tage früher gewußt hätte!« »Exzellenz, ich bat schon vor acht Tagen Señor Morales dringend, mich bei Eurer Exzellenz zu melden, aber vergeblich.« »Wußte er, um was es sich handelte?« fragte Castilla rasch und sah, stehenbleibend, den jungen Mann an. »Das allerdings nicht«, erwiderte Rafael; »ich glaube aber kaum, daß ihn das vermocht haben würde, meine Bitte zu erfüllen.« »Möglich«, nickte Castilla leise vor sich hin, indem er die Unterlippe vorstreckte und die Augenbrauen in die Höhe zog. »Morales ist immer sehr eifrig bemüht, mir alles Unangenehme fernzuhalten – er meint es aber gut.« »Möglich«, erwiderte Rafael mit einer ganz gleichen Bewegung wie der Präsident, und dieser sah ihn rasch von der Seite an, während ein leichtes, aber ebenso schnell wieder verschwindendes Lächeln um seine Lippen zuckte. »Ich bin fest überzeugt«, sagte er endlich, »daß in diesem Fall der Kapitän eigenmächtig gehandelt hat, und stellt sich das heraus, so soll er seiner Strafe nicht entgehen.« »In jedem Fall ist aber der Herr für die Vergehen seines Dieners verantwortlich«, sagte Rafael; »denn die Firma hat den Nutzen eingezogen und muß deshalb auch nach Recht und Gerechtigkeit dadurch die Strafe zahlen, daß sie diese unglücklichen Insulaner ohne weiteren Zeitverlust ihrer Heimat wiedergibt.« »Ja, Sie haben gut reden«, sagte Castilla ärgerlich, »wer bei solchen Geschichten gewöhnlich die Strafe zahlt, das bin ich selber, und ich habe in diesem Fall nicht die geringste Lust dazu.« In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, auf deren Schwelle der Lakai wieder erschien und Señor Pertena meldete. Dem Präsidenten schien die Unterbrechung erwünscht. »Soll eintreten!« rief er rasch, und sich dann an Rafael wendend, sagte er freundlich: »Nehmen Sie nochmals meinen aufrichtigen Dank für die Mühe, die Sie sich in dieser Sache gegeben haben, und seien Sie versichert, daß ich sehen will, was sich darin tun läßt. Auch von Ihrer Angelegenheit möchte ich unterrichtet sein, denn ich fühle recht gut, daß Sie sich besonders dadurch ehrenvoll benommen haben, eine Ihren eigenen Interessen doch fern liegende Sache der Ihrigen vorgeschoben zu haben – bitte, keine Einwendungen. Ich werde auch die Sache untersuchen und Sie zu dem Zweck wahrscheinlich in den nächsten Tagen wieder herrufen lassen. Wo sind Sie zu finden?« »Exzellenz, meine Adresse steht auf der Karte, die ich mir vorhin die Freiheit nahm, Ihnen hereinzuschicken.« »Gut – ah, Señor Perteña, ich freue mich, Sie zu sehen«, wandte sich der Präsident in diesem Augenblick zu dem eintretenden jungen Mann, »Sie sind mir durch Benares warm empfohlen worden.« Perteña verbeugte sich tief vor dem Präsidenten, und als er sich wieder erhob, fiel sein Blick auf Aguila. War ihm das Blut durch die Verbeugung in den Kopf gestiegen? Jedenfalls rötete sich sein Antlitz lebhaft. Auch Don Rafael heftete seinen Blick erstaunt, ja überrascht auf ihn, und Castilla, dem mit seiner scharfen Beobachtungsgabe dieses Erkennen der beiden Herren nicht entgangen war, sagte: »Die Herren scheinen sich nicht fremd zu sein.« »Allerdings nicht«, erwiderte Aguila, indem ein eigenes Lächeln um seine Lippen spielte; »wir sind uns schon einmal begegnet.« »Ja, und auf höchst eigentümliche Weise«, lachte Perteña, der sich, welchen Grund auch seine frühere Bewegung gehabt haben mochte, rasch wieder gesammelt hatte. »Wenn ich mich wenigstens nicht irre, so ist es der nämliche Señor, der mich, als ich ihn sehr artig auf der Straße um Feuer für meine Zigarre bat, aller Wahrscheinlichkeit nach für einen Straßenräuber hielt, denn er steckte seine Zigarre in eine schon bereitgehaltene Pistole und zwang mich, bei gespanntem Hahn meine Zigarre an der seinigen anzuzünden. Sie werden mir zugeben, Exzellenz, daß das eine höchst unangenehme Situation war, denn die leiseste Fingerbewegung des Herrn hätte mir das Gehirn zerschmettern müssen.« Castilla, der seine Blicke indessen rasch von einem zum andern schweifen ließ, fragte jetzt, gegen Rafael gewandt: »Waren Sie das wirklich?« »Ich muß mich dazu bekennen, Exzellenz«, erwiderte der Gefragte achselzuckend, »und würde es innig bedauern, wenn ich dem Herrn unrecht getan hätte.« »In der Tat?« lachte Perteña. »Also würden Sie es lieber sehen, wenn ich wirklich ein Straßenräuber gewesen wäre?« »Die näheren Umstände entschuldigen viel«, sagte Rafael, ohne auf die Spitzfindigkeit einzugehen. »Wir befanden uns ein paar Leguas von Lima in der verrufensten Gegend der Straße, außer Sicht irgendeiner Wohnung oder eines anderen Menschen, und wie ich selber großes Bedenken tragen würde, einen mir begegnenden Reisenden zu nahe anzureiten, so hielt ich es auch für nützlich, mir solche Annäherung fernzuhalten.« »Dagegen läßt sich nicht viel sagen«, lachte Castilla, dem diese kleine Anekdote augenscheinlich Spaß gemacht hatte, obgleich sein Blick immer wieder zu Perteña hinüberflog. »Aber eine verwünschte Situation muß es gewesen sein, Señor Perteña, da haben Sie recht, sich Feuer aus einer Pistole zu nehmen, deren Mündung einem gerade ins Gesicht gerichtet ist – ganz verzweifelter Moment! Aber, lieber Aguila, ich will Sie nicht länger aufhalten; in der Sache werde ich Sie also nächstens rufen lassen.« Aguila verbeugte sich und wollte gehen. »Und noch eins«, rief ihm der Präsident nach, »was Sie zu haben wünschen, können Sie um zwei Uhr bei mir abholen.« »Exzellenz?« fragte Rafael, der ihn falsch verstanden zu haben glaubte. »Um zwei Uhr sollen Sie sich das Verlangte abholen«, erwiderte etwas ungeduldig der alte Herr. »Wenn ich beschäftigt sein sollte, senden Sie Ihre Karte herein, und ich schicke es Ihnen dann hinaus.« Don Rafael verbeugte sich wieder und verließ das Zimmer, aber immer noch mit dem dunkeln und unbehaglichen Gefühl, daß er irgend etwas überhört oder vollkommen mißverstanden habe. Um zwei Uhr sollte er sich das Verlangte abholen – was hatte er denn verlangt außer der Rücksendung der Insulaner, und die konnte er sich doch nicht hier beim Präsidenten um zwei Uhr, also in kaum anderthalb Stunden, abholen? Um zwei Uhr sollte er wieder vorkommen und seine Karte hineinschicken? Wollte ihn denn der Präsident noch einmal sprechen, und hatte er ihm das dadurch auf eine seine Weise zu verstehen gegeben, damit sein anderer Besuch nichts davon erfahre? Und wer war das überhaupt, dieser Señor von der Landstraße, den er nur zu sehr im begründeten Verdacht hatte, damals etwas ganz anderes von ihm zu verlangen, als nur Feuer für seine Zigarre – Perteña – den Namen hatte er schon gehört – er mußte den Menschen von früher her kennen, und durch Benares, also jedenfalls den Finanzminister, war er warm empfohlen? Der Henker wurde aus dem Ganzen klug? Jedenfalls beschloß er aber, dem Wink des Präsidenten zu folgen und Punkt zwei Uhr wieder im Palais zu sein. Das weitere würde sich dann schon ergeben. Die italienische Restauration Die nächste Straße hinaufschlendernd, bemerkte Rafael eine ziemlich anständig aussehende Restauration, über der die italienische Flagge wehte. Dort konnte er in aller Ruhe etwas zu Mittag essen, bis dahin rückte dann zwei Uhr heran, und er war nicht so weit vom Palais entfernt. Er trat auch ein. Rechts in dem ziemlich großen Saal befand sich ein langer Ladentisch, hinter dem auf Regalen Flaschen mit verschiedenem Inhalt, Bäckereien und Zigarren standen; links war eine lange Reihe von kleinen, eisernen Tischen mit weißen Marmorplatten aufgestellt, an deren jedem vielleicht vier Personen Platz finden konnten. Drei oder vier von diesen waren schon mit Gästen besetzt, die ebenfalls ihr Mittagsmahl nach der Karte verzehrten, und Rafael nahm an einem noch leeren Tische Platz, um auch für sich etwas zu bestellen. Er wurde rasch bedient, und begann eben, die Speisen zu kosten, als er auf ein Individuum aufmerksam wurde, das, ein ziemlich großes Glas Kognak vor sich, an dem Ladentisch lehnte und, schon in einem halbtrunkenen Zustand, dem gar nicht auf ihn achtenden und hinter dem Ladentische sitzenden Eigentümer des Lokals eine lange Geschichte in italienischer Mundart erzählte. Der Bursche trug allem Anschein nach neue Kleider mit einem Matrosenschnitt, auch einen runden Wachstuchhut, aber er sah trotzdem verwildert und unsauber aus, und das schwarze Halstuch hing ihm, halb aufgeknotet, unordentlich um den von der Sonne braun gebrannten Hals. Rafael verstand kein Italienisch, aber durch dessen Ähnlichkeit mit dem Spanischen und die Nähe des Redenden konnte er doch nicht umhin, wenigstens aus den Worten zusammenzustellen, um was es sich hier handle. Der Bursche nämlich erzählte dem Mann hinter dem Ladentisch irgendeine Geschichte, wie er von einem Schiffskapitän schlecht und undankbar behandelt und um eine bestimmte Summe betrogen worden sei, und daß er den »Ladrone« über den Haufen stechen wolle, wo er ihm einmal wieder begegne. Es ist das eine zu alltägliche Sache, als daß Rafael weiter hätte darauf achten sollen. Der Mann hinter dem Ladentisch schien das Geschwätz ebenfalls satt zu haben, denn ohne ihn dabei auch nur anzusehen, und mit der Hand auf dem Tisch trommelnd, sagte er: »Nun ja, Felipe, die Geschichte habe ich schon hundertmal gehört; trink deinen Kognak und laß mich zufrieden – du störst mir überhaupt meine Gäste.« »Oho, Señor«, sagte der Bursche rasch beleidigt, »stör' ich die Gäste, so! Und bin ich nicht selber ein Gast? Zahl' ich nicht, was ich verzehre, bar, und hab' ich Euch schon ein einziges Mal gebeten, mir zu borgen?« Der Italiener hinter dem Ladentisch, eine fette, behagliche, wenn auch nicht übermäßig reinliche Gestalt, schüttelte langsam und ungeduldig den Kopf herüber und hinüber. Er wollte den Burschen gern los sein, mochte aber auch nichts weiter sagen, um den Trunkenen nicht noch mehr zu reizen. Der Matrose hatte sich aber noch immer nicht beruhigt, denn er fühlte sich in seiner Ehre gekränkt und murmelte vor sich hin von »selber Gast sein« und »sich den Henker daran kehren, wen er störe«, bis die etwas verworrenen Bilder seines Geistes wieder auf die erlittene Unbill übersprangen, und er die Geschichte mit dem Kapitän, und wie ihn dieser betrogen habe, noch einmal von vorn zu erzählen anfing. Der andere nahm aber keine Notiz mehr von ihm und ließ ihn schwatzen, verabfolgte an Getränken und Waren, was die Kellner bei ihm abholten und jedesmal gleich bar bezahlen mußten, und kümmerte sich nicht weiter um den Betrunkenen. Rafael hatte ebenfalls schon lange nicht mehr auf ihn geachtet und grübelte eben wieder darüber nach, ob er den Präsidenten nicht doch am Ende falsch verstanden habe und dieser ihn dann für zudringlich halten könne, wenn er sich noch einmal anmelden ließe. Ein Bursche, einer der peruanischen Cholos, wie er im Anfang glaubte, war indessen an seinen Tisch getreten, um das abgegessene Geschirr wieder hinauszutragen. Rafael ließ das, ohne zu dem Diener weiter aufzusehen, geschehen, als sein Blick durch die Tätowierungen an dessen Arm angezogen wurde. In diesem Augenblick aber setzte der Bursche die schon im Arm gehaltenen Teller wieder auf den Tisch zurück, glitt zu dem Matrosen hinüber, ergriff seinen Arm und sagte in der Sprache seines Landes: »Felipe, wo ist mein Bruder, wo ist meine Schwester, die du an die Weißen verkauft hast?« Der Matrose warf ihm, ohne seine Stellung zu verändern, einen mürrischen Blick über die Achsel zu und knurrte: »Geh zum Teufel, was schiert das mich, was weiß ich davon!« Rafael war aufmerksam geworden. Das mußte einer der Insulaner sein, deren Genossen er draußen zwischen den Hacienden getroffen hatte, und dieser Matrose, den er Felipe nannte, war am Ende der Bursche, der sie verraten hatte. »Was weißt du davon?« rief der Insulaner, und seine Augen glühten in einem unheimlichen Feuer – »nichtswürdiger hutupanutai , Der bildliche Name für einen an den Strand geworfenen Fremden, wörtlich: die an den Strand gespülte Hutunuß. der du auf unserer Insel eine Heimat fandest und dich in unser Herz bohrtest wie ein giftiger Wurm – was weißt du davon? Wer anders hat uns denn verraten, wer anders betrogen und verkauft, wie du, du« – und der Insulaner blickte in wilder Wut um sich. Die übrigen Gäste waren indessen durch das laute, heftige Reden ebenfalls aufmerksam geworden, und einer der Kellner faßte den Insulaner am Arm, während ein anderer zwischen die beiden trat. Felipe übrigens, so betrunken er auch sein mochte, schien doch dem Insulaner ausweichen zu wollen, brummte noch einen gotteslästerlichen Fluch zwischen den Zähnen durch und verließ dann mit schwankenden Schritten das Lokal. Der Mann hinter dem Ladentisch, der von dem zornglühenden Insulaner vielleicht eine Gewalttat befürchten mochte, war rasch vorgekommen, um, wenn es nötig sein sollte, dazwischenzuspringen. Als der Matrose aber das Haus verließ, wollte er wieder auf seinen Platz zurückkehren, da aber redete Rafael ihn an: »Wären Sie vielleicht so freundlich, mir einige Auskunft über jenen Mann zu geben?« »Über den Lumpen?« sagte der Italiener – »ja, von dem weiß ich selber nicht viel, als daß er vor ein paar Wochen mit einem der Kulischiffe aus der Südsee gekommen ist und sich jetzt hier herumtreibt, bis er sein Geld verschleudert hat. – Dann geht er wieder an Bord – so machen sie's alle!« »Er heißt Felipe?« »Ja, so nennen wir ihn wenigstens.« »Und wissen Sie zufällig, mit welchem von den Kulischiffen er gekommen ist?« »Mit dem ersten, von dem ich selber den unnützen Burschen da in Kontrakt genommen habe; es war die ›Libertad‹.« »Ich danke Ihnen. Und noch eins – wissen Sie vielleicht zufällig, wo sich dieser Felipe nachts aufhält?« »Das soll hier in Lima schwer zu sagen sein«, lachte der Wirt; »wahrscheinlich in irgendeiner der chinesischen Spelunken. Seine wenigen Habseligkeiten stehen aber bei mir, und manchmal, wenn er sich zu Schanden getrunken hat, schläft er in einem Hinterhause hier seinen Rausch aus. Es ist aber ein wüster Geselle, und ich will froh sein, wenn ich ihn wieder los bin.« »Ich danke Ihnen«, sagte Rafael, der jetzt alles wußte, was er vorderhand zu wissen brauchte, und wandte sich dann dem Insulaner zu, der, noch immer nicht beruhigt, in seiner Sprache von dem Kellner verlangte, daß er den Verräter zwingen solle, ihm zu sagen, wo sein Bruder und seine Schwester wären. Wie ein Zauber wirkten aber die wenigen Worte auf ihn, mit denen ihn Rafael ansprach. »Sei ruhig, Freund«, sagte er, »ich weiß, auf welch schändliche Weise ihr in dieses Land gebracht worden seid, und euch soll geholfen werden.« Der Insulaner stand wie in einer Verzückung; es waren aber nicht die tröstenden Worte allein, es waren die Klänge seiner Muttersprache, die, von dem Mund eines Fremden, sein Ohr berührten. »Und weißt du, wo mein Bruder, wo meine Schwester sind?« fragte er endlich zögernd. »Genau nicht, aber ich werde es zu erfahren suchen; auch vermute ich den Platz. Aber ihr sollt alle wieder zusammenkommen. Habe nur guten Mut und verhalte dich noch eine kurze Zeit ruhig.« »Das ist ja ein wahres Glück«, sagte der dicke Italiener, der hinzugetreten war, »daß man einmal einen Menschen trifft, der das Kauderwelsch spricht. Selbst mit den Chinesen bin ich fertig geworden, aber von dem Burschen habe ich auch nicht eine Sterbenssilbe verstanden. Sie täten mir einen großen Gefallen, Señor, wenn Sie ihm einmal den Kopf ein wenig zurechtsetzten, daß er so schmählich faul ist. Wenn ich ihm etwas sage, lacht der Strick immer.« »Tue die Arbeit hier, Freund«, wandte sich Rafael noch einmal an den Insulaner, »die dir aufgegeben wird. Hat man dich gut behandelt?« Der Braune nickte. »Gut, also folge dem Mann, der dein jetziger Herr ist, nur noch die kurze Zeit, die ihr hier bleiben müßt, ehe euch ein Schiff zurückbringen kann. Vielleicht bin ich auch imstande, dir bald Antwort über die Deinigen zu sagen. Wie heißt du?« »Raufara«, sagte der Bursche. »Gut, ich werde mir den Namen merken, und finde ich deine Geschwister, so gebe ich dir Nachricht; aber verhalte dich indessen auch ruhig und ordentlich, und gehe jetzt an deine Arbeit.« Der arme Bursche griff jetzt mit einem wahren Feuereifer die niedergestellten Teller und Schüsseln wieder auf. Als Rafael einen Augenblick später die Restauration verlassen wollte, fuhr der Wagen des von seiner Inspektion zurückkehrenden Präsidenten gerade vorüber; er wußte also, daß er Castilla jetzt wieder antreffen würde, und sich nur noch die Hausnummer der Restauration und die Straße notierend, schritt er rasch wieder dem Palais zu. Der Präsident war in der Tat schon zurück. Zu Rafaels Erstaunen hatte er aber auch schon nach ihm gefragt, und der Lakai, der ihn vorher eingelassen hatte, führte ihn augenblicklich die Treppe hinauf und in das Zimmer des alten Herrn. Castilla kam ihm lächelnd entgegen und sagte: »Es freut mich, daß Sie mich vorhin verstanden haben. Señor Perteña brauchte gerade nicht zu wissen, daß ich Sie noch einmal sprechen wollte. Es betrifft auch in der Tat nur eine Frage, die ich an Sie richten möchte – bitte, nehmen Sie Platz, und nun erzählen Sie mir einmal ganz ausführlich die Geschichte mit der Pistole und der Zigarre.« »Mit dem größten Vergnügen, Exzellenz«, sagte Rafael, »und ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu versichern, daß ich sehr bedauern würde, einen Mißgriff gemacht zu haben; will ich aber aufrichtig sein, so glaube ich bis zu dieser Stunde, daß ich alle Ursache hatte, so zu handeln.« »Bitte, erzählen Sie.« Rafael begann und gab dem Präsidenten einen getreuen Bericht jenes wunderlichen Begegnens, erwähnte aber auch dabei die Warnungen, die er vorher von allen Seiten erhalten hatte, und die drei oder vier Mordtaten, die auf jener Straße in den letzten Monaten von einem einzelnen Reiter, und zwar alle mit dem Messer, verübt worden waren. Castilla hörte ihm ruhig und aufmerksam zu und warf nur manchmal eine kurze Frage ein, auch darüber, wie er mit der jungen Französin bekannt geworden sei. Rafael erzählte ihm die Geschichte von der Locke, und der Präsident lachte herzlich; aber er fragte weiter, und ehe es Aguila selber wollte, hatte er ihm einen ziemlich ausführlichen Bericht über seine eigenen Verhältnisse, sowie über den Verdacht gegeben, den er gegen Desterres fassen mußte. »Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben soll«, sagte Castilla, der ihn nicht unterbrochen und nur manchmal mit dem Kopf genickt oder geschüttelt hatte, »so nehmen Sie sich in der Sache in acht, ehe Sie vorgehen, und suchen Sie jedenfalls erst ganz entschiedene Beweise zu finden, denn Sie treten da gegen eine Gesellschaft von Männern auf, die zusammenhängen wie die Kletten, und – auch wohl alle Ursache dazu haben.« »Wenn ich nur den Kaufbrief bekommen könnte«, sagte Rafael, »um die Unterschrift chemisch untersuchen zu lassen.« »Bah«, sagte Castilla, »wenn Sie erst einmal den Kaufbrief hätten, brauchte Sie die Unterschrift nicht mehr zu genieren! Desterres wird sich aber hüten und den aus den Händen geben, und ich weiß auch nicht, ob man ihn dazu zwingen könnte.« »Dieser Señor Perteña hat mit als Zeuge unterschrieben.« »In der Tat?« rief Castilla rasch und nickte dabei langsam und nachdenklich – »der junge Herr scheint mir außerordentlich vielseitig und bei verschiedenen Sachen beteiligt zu sein!« »Viel Gutes trau' ich ihm nicht zu«, meinte Rafael. »Ich will Ihnen etwas sagen«, lachte Castilla, »meine sämtlichen Minister, der Kriegsminister ausgenommen, interessieren sich auf das lebhafteste für diesen Herrn, und ich bin fest überzeugt, daß er schon deshalb ein ganz durchtriebener Hal –. Aber lassen wir das«, unterbrach er sich plötzlich, »ich bin Ihnen für Ihre Nachrichten dankbar und möchte Ihnen gern in irgendeiner Weise dafür gefällig sein. Sie sind an Ihrem Vermögen geschädigt worden und haben vorderhand, so viel ich weiß, keine Beschäftigung. Ich kann offene Köpfe, die einmal ausnahmsweise ehrlich sind, sehr gut gebrauchen, und wenn Sie irgendeine Stellung finden sollten, die offen ist und Ihnen zusagt ...« »Exzellenz sind zu gütig«, unterbrach ihn lächelnd Rafael, »aber ich ziehe es vor, mein eigener Herr zu bleiben. Zu leben habe ich vorderhand, und will ich aufrichtig sein, so glaube ich auch wirklich nicht, daß ich mit meinen europäischen Ansichten von – über den Geschäftsgang«, setzte er nach einigem Zögern hinzu, »in die Beamtenwelt hier passe.« »Was wollten Sie vorher sagen?« »Wann, Exzellenz?« »Eben, als Sie meinten, mit meinen europäischen Ansichten von –. Sie stockten da –« »Ich glaube, ich sprach vom Geschäftsgang.« »Soll ich Ihnen sagen, was Sie meinten?« »Exzellenz –« »Von Ehrlichkeit, wollten Sie sagen«, lachte Castilla, »und verschluckten das Wort, weil es doch ein klein wenig zu grob gewesen wäre. Aber Sie können recht haben, Aguila; ich glaube auch nicht, daß Sie zwischen die Herren passen, die augenblicklich ein gemeinschaftliches System aufbauen würden, um Sie wieder hinauszubeißen. Aber seien Sie versichert, daß ich mich Ihrer erinnern werde.« »Wenn mir Exzellenz das nur von den armen Insulanern versprechen wollten!« »Ja, die Insulaner«, sagte Castilla, unwillig den Kopf schüttelnd, »das ist auch wieder so eine verzweifelte Geschichte; man wird seines Lebens wahrhaftig nie froh! Und Sie wissen nicht einmal Bestimmtes über das Schiff?« »Doch, Exzellenz, zufällig habe ich das heute über Mittag erfahren; es war die ›Libertad‹, und auch den Burschen habe ich gesehen, der die Insulaner verkauft zu haben scheint. Er ist in Lima, ein verworfenes Subjekt, ein italienischer Matrose. Hier auf diesem Blatt finden Sie seinen Namen und das Haus angegeben, wo er wohnt. In dem nämlichen Hause ist auch noch ein Insulaner von demselben Schiffe untergebracht.« »Sie zeigen einen wahren Feuereifer für diese Leute«, sagte Castilla, das Blatt, ohne es anzusehen, auf den Tisch legend. »Ich brauche Ihnen auch nicht mehr zu sagen, wie fatal mir die Sache ist, und es kommt mir keine solche Ladung, unter welchem Vorwand auch immer, wieder ans Land.« »Das aber würde diesen Unglücklichen nichts helfen.« »Ich will mit Benares darüber sprechen«, sagte der Präsident nach einigem Zögern; »dessen Freunde haben die Sache unternommen, und er mag nun auch sehen, wie er sie durchbringt und das Ganze vermittelt. Im Augenblick kann ich nichts weiter tun.« Rafael fühlte, daß er den Präsidenten jetzt nicht weiter drängen dürfe, wenn er denen nicht gar noch schaden wollte, welchen er doch zu helfen gedachte. Es war auch spät geworden, und Castilla rückte mit dem Stuhl. Er stand auf, um sich zu empfehlen, und der Präsident streckte ihm die Hand entgegen. »Sie sollen wieder von mir hören«, sagte er freundlich; »ich versichere Ihnen, daß es mir angenehm ist, Sie kennengelernt zu haben. Ich mache nicht viel Worte und sage, was ich denke.« »Exzellenz sind so gütig gegen mich gewesen ...« »Lassen wir das; ich habe so viele Feinde hier in Lima, ich möchte auch einige Freunde haben, und kaufen habe ich mir bis jetzt noch keine können, obgleich ich es mir viel, sehr viel Geld kosten ließ. Also auf Wiedersehen, lieber Aguila, und wenn Sie der kleinen Französin wieder begegnen, so richten Sie meinen Gruß aus und sagen Sie ihr, daß ich mein Wort eingelöst hätte.« Er winkte Aguila freundlich mit der Hand, und dieser empfahl sich mit dem Gefühl, gar nicht zu wissen, ob er durch seine Audienz etwas erreicht habe oder nicht. Verschiedene Beratungen Pedro, der Cholo, war am nächsten Morgen Punkt acht Uhr, wie ihm Perteña befohlen, am Fluß draußen gewesen und hatte dort auf ihn gewartet, aber umsonst. Auch am andern Morgen wartete er, und noch acht Tage, immer um dieselbe Zeit, ohne daß Perteña gekommen wäre. Endlich am neunten Morgen traf er ein und hatte dabei, wie es schien, nicht einmal den Weg nach den Hacienden hinaus gehalten, sondern war am Fluß selber hinaufgeritten, nur um unterwegs niemand zu begegnen. Dem Cholo fiel es aber natürlich nicht ein, ihn nach der Ursache zu fragen, und als Perteña aus dem Sattel sprang, nahm er dem Pferd erst die Zügel ab, führte es dann ans Wasser, um es zu tränken, und band es hierauf mit einem kurzen Lasso an einen der schwankenden Weidenzweige fest, daß es das süße Gras dicht am Ufer abfressen konnte. Perteña, der diese Dienstleistung als selbstverständlich hingenommen und sich indessen in den Schatten unter einen Baum geworfen hatte, sah ihm, den Kopf auf den Arm gestützt, zu, bis der Bursche seine Arbeit beendet hatte und sich dann ohne weiteres in einer noch bequemeren Stellung und lang auf dem Rücken ausgestreckt neben dem jungen Weißen niederließ. Daß ihm dieser etwas zu sagen hatte, wußte er, er wäre sonst nicht in der Sonnenhitze hier herausgekommen; was es aber war, konnte er in aller Bequemlichkeit abwarten. Er hatte Zeit in Überfluß. Perteña schien ebenfalls nicht in Eile zu sein. Er nahm eine kleine Blechbüchse aus der Tasche, in der er feingeschnittenen Tabak und Zigarettenpapier aufbewahrte, drehte sich eine Zigarette, schlug dann Feuer und blies den blauen Rauch eine ganze Weile in die Luft hinein, ohne daß Pedro auch nur ein Zeichen von Ungeduld gegeben hätte. Endlich sagte er: »Pedro!« »Señor?« antwortete der Bursche, ohne seine Stellung zu verändern. »Hast du mir nichts von hier zu erzählen?« »Von hier, Señor?« sagte der Bursche und hob erstaunt den Kopf in die Höhe; »nicht, daß ich wüßte. Was passiert hier schon!« Perteña qualmte stärker. Er hatte gehofft, daß Pedro von dem, was ihm besonders auf dem Herzen lag, freiwillig beginnen würde; aber jetzt rührte er sich nicht, und er konnte nicht davon anfangen. Er begann sich über den Gleichmut des Cholos zu ärgern. Aber was kümmerte sich Pedro darum! Er war wieder in seine alte Lage zurückgefallen, und den Takt zu irgendeinem Fandango mit dem Fuß klopfend, schaute er still und regungslos zwischen die Blätter über sich hinauf. So lagen die beiden wohl wieder volle zehn Minuten, ehe Perteña noch einmal das Wort nahm und sagte: »Hast du lange nichts von Señor Aguila gesehen?« »Er ist hier«, sagte Pedro ruhig. »Hier? Seit wann?« rief Perteña rasch. »Seit etwa einer Stunde; er muß vor Tag von Lima aufgebrochen sein und sitzt jetzt drüben bei dem Franzosen und trinkt Kaffee. Die da drüben trinken den ganzen Tag Kaffee.« Perteña schwieg wieder eine Weile; endlich richtete er sich auf, warf seine ausgerauchte Zigarette fort und sagte mit leiser, vorsichtig gedämpfter Stimme: »Pedro, weißt du, daß uns der Bursche gefährlich wird?« Der Cholo fuhr von seinem Lager empor. »So hat die Mutter doch recht gehabt!« Perteña nickte und fuhr dann leise fort: »Er hatte eine lange Audienz bei dem Präsidenten und hat ihm die ganze Geschichte von dem Gutsverkauf und dem Tod seines Onkels erzählt. Der eine Lakai hat gehorcht und mir genau berichtet, was sie zusammen sprachen. Auch noch andere Dinge sind verhandelt worden, die dir und deiner Mutter nicht angenehm sein würden zu erfahren.« »Alle Teufel!« sagte der Cholo in der ersten Überraschung. Aber dann warf er sich wieder gleichgültig mit dem Rücken ins Gras und rief: »Doch was kümmert's mich? Das mögen die ausbaden, die es eingebrockt haben, und so lange die noch sicher auf ihren Füßen draußen umherlaufen, brauch' ich mich wahrlich nicht darum zu kümmern. Señor Desterres wird schon alles machen.« »So?« sagte Perteña. »Und wenn nun eines morgens Señor Desterres verhaftet würde, glaubst du wirklich, daß sie nur den hingen und dich laufen ließen? Da bist du doch sehr im Irrtum. Er hat Freunde, mächtige Freunde, die ihn schon durchbringen, du aber nicht, und der erste, der gefaßt und gehängt würde, weißt du vielleicht, wie der hieße?« » Grandisima !« murmelte der Bursche vor sich hin, indem er sich wieder auf seinen Ellbogen aufrichtete. »Recht könnt Ihr haben, Señor, und so lange meiner Mutter Sohn lebt, ist den Vornehmen hier in Peru noch verdammt wenig geschehen, während die armen Teufel schon oft die Zeche bezahlen mußten. Aber was tun? Daß der Böse auch den Jungen zurückgeführt hat! Aber ich will meine Mutter bitten, daß sie einen Zauber über ihn ausspricht, der ihm das Mark in den Knochen verdorren soll!« »Verlaß dich nicht auf die Faxen, wenn ich dir raten soll«, sagte Perteña verächtlich – »einen Zauber sprechen – der beste Zauber, den wir über ihn sprechen könnten, wäre mit dem Messer!« Pedro sah seinen Gefährten scharf und forschend an, ohne daß dieser dem Blick begegnet wäre; endlich nach einer Weile fragte er: »Habt Ihr etwas davon gehört, daß neulich abends jemand in das Haus des Franzosen geschossen hat?« »Ich? Nein«, sagte Perteña gleichgültig. »Wann war das?« »An demselben Abend, an dem Ihr nach Lima rittet.« »Wie kann ich dort davon gehört haben?« »Hm«, sagte der Bursche, »in zwei Stunden ist man hinein und in ebensoviel wieder heraus. Merkwürdig bleibt's immer, wer's gewesen sein kann, und hier haben sie überall nachgesucht, aber nichts gefunden.« »Ist niemand getroffen worden?« »Dem Jungen hat's einen Streifen Haar mitgenommen; kann nur ein Finger breit gefehlt haben, und es wäre recht gewesen.« Perteña biß die Zähne zusammen, erwiderte aber kein Wort und ließ Pedro weiter erzählen, wie sie nachher den Garten mit den Hunden abgesucht und bei dem Aufseher und bei ihm im Haus nachgespürt hätten, aber natürlich umsonst. Endlich sagte er: »Pedro, willst du fünfhundert Dollars verdienen?« »Fünfhundert?« rief der Bursche, erstaunt aufsehend; »das wäre genug, um eine kleine Chagra mit Kartoffelland und Alfalfa-Feldern zu kaufen – aber womit?« Perteña beantwortete die Frage noch nicht. Er stand auf, ging um den Platz herum, auf dem sie lagen, und nachdem er sich vorher überzeugt hatte, daß niemand in der Nähe war, sagte er leise: »Wenn du den Burschen beiseite bringst, daß er hier keine Nachforschungen mehr halten kann.« Pedro hatte sich bei dem Vorschlag unwillkürlich auf beiden Armen emporgerichtet und sah seinen Gefährten starr und forschend an. »Fünfhundert Dollars«, murmelte er nochmals leise vor sich hin, »ist viel Geld für eine kurze Arbeit, aber wer zahlt die Zeche, wenn ich hängen bleibe? Wenn's so leicht wäre, hättet Ihr es schon neulich abends fertiggebracht.« »Ich?« rief Perteña auffahrend. »Pst«, winkte aber der Cholo mit einem verschmitzten Lächeln, »als ich den Schimmel in der Nacht wieder an Onkel Pascuals Hütte vorbeifliegen sah, hatte ich gleich meine ganz besonderen Gedanken wegen des Orangenbaumes und ging die Nacht lieber gar nicht nach Haus. Mir braucht Ihr's auch nicht einzugestehen, was kümmert's mich, wenn Euch nachts einmal aus Versehen eine Flinte losgeht; schade nur, daß sie nicht den rechten Punkt getroffen hat!« »Was soll das«, sagte Perteña unwillig; »sprich um Gottes willen nichts, was du nicht beweisen kannst!« »Bah, wir wollen beide kein Wort über Beweise verlieren. Also fünfhundert Dollars, und wer zahlt sie aus?« »Ich«, sagte Perteña. »Das ist kein Geschäft«, erwiderte der Cholo trocken, indem er ganz entschieden den Kopf schüttelte. »Euch, Señor, fehlt es immer selber an Geld, Ihr nehmt mir das nicht übel, und dann möcht' ich auch noch einen anderen Bürgen haben, um den Rücken freizubekommen. Was sagt Señor Desterres von der Sache?« »Er weiß noch nichts davon und sollte auch eigentlich nichts davon erfahren.« »Dann mag ich auch nichts damit zu tun haben«, sagte der Cholo entschlossen. »Schlägt es fehl und werd' ich erwischt, so könnt Ihr mich nicht schützen. Hat Desterres die Hand mit darin, so bin ich sicher, und sperren sie mich dann auch ein paar Wochen ein, so hat das weiter nichts zu sagen.« »So glaubst du, daß ich keinen Einfluß habe?« »Nein«, erwiderte der Cholo ruhig; »und was das Geld betrifft, so muß das ebenfalls Desterres versprechen. Tut er das, dann geb' ich Euch mein Wort, daß der Bursche keine acht Tage mehr leben soll, und wenn ich ihn in Lima in seinem Bett suchen müßte. Tut er es nicht, dann seid so gut und nehmt Euch einen anderen, ich will mir nicht die Finger dabei verbrennen.« Perteña biß sich auf die Lippen, aber es war mit dem Burschen nichts weiter anzufangen. Starrköpfig, wie das in seiner Natur lag, blieb er bei dem, was er einmal gesagt hatte, und Perteña rief endlich: »Gut, ich will mit Desterres sprechen; und du übernimmst in dem Fall, daß er einwilligt, die Arbeit?« Der Cholo nickte leise vor sich hin und sein Auge leuchtete unheimlich dabei. »Er muß fort«, flüsterte er, »und Pedro wird ihm dazu verhelfen, aber Desterres muß mir Bürge sein! Es ist nicht das erste Geschäft, das wir mitsammen machen.« »Dann geh' morgen zu ihm«, sagte Perteña nach kurzem Überlegen, »er wird herauskommen. Ich reite heute in die Stadt zurück und spreche mit ihm. Sage ihm nur, ich schicke dich wegen der bewußten Sache.« »Wollt Ihr am Fluß zurückreiten?« fragte der Cholo, als Perteña, während er mit ihm sprach, sein Pferd wieder aufgezäumt hatte. »Es ist ein nichtswürdiger Weg.« »Gleich unter den Hacienden halte ich quer nach der Straße hinüber«, sagte Pertena, »ich möchte dem Gesellen nicht zufällig in der Ansiedelung begegnen. Also, es bleibt dabei?« »Gewiß, Señor«, nickte der Cholo. »Und noch eins«, rief er aus, als Perteña seinem Tier eben die Sporen geben wollte. »Was ist es?« »Scipio hab' ich gestern gesprochen. Er läßt Euch sagen, er hätte alles ausgeführt, was Ihr ihm aufgetragen habt. Ihr möchtet einmal bei ihm vorkommen.« »Gut, ich reite dort vorüber.« Und von dem Schenkeldruck berührt, flog der Schimmel mit ihm über den rauhen Boden dahin. Rafael war in der Tat heute wieder nach den Hacienden hinausgeritten, um sich mit Bertrand zu besprechen; denn eine volle Woche verging, ohne daß er das geringste vom Präsidenten über die Freilassung der Insulaner gehört hätte. Allerdings ging das Gerücht in der Stadt, der Präsident habe die weitere Kuli-Einfuhr verboten und gestatte keinem Schiff mehr, nach solcher Fracht auszulaufen; aber mit den schon eingeführten Insulanern geschah nichts, und es schien fast, als ob man die Sache beim alten lassen wolle. »Und sie tun hier auch nichts«, sagte Bertrand, die Stirn kraus gezogen, indem er im Zimmer auf- und abging, »ich kenne meine Leute. Da stecken die Minister selber mit drunter und haben ihre Prozente dabei, oder verlangen auch von den betreffenden Firmen für eine Gefälligkeit eine andere, und dabei bleibt's. Es ist die alte Geschichte; wie ein Sack voll Nägel hängen sie untereinander zusammen; man muß sie einzeln herausziehen, wenn man sie haben will.« »Sagen Sie, Bertrand«, rief Rafael, »sollte in diesem Fall der französische Konsul nicht einschreiten können?« »Der französische Konsul?« schüttelte Bertrand den Kopf; »was geht den die Sache an, ob sich Peru Insulaner als Arbeiter hält oder nicht? Es sind ja doch keine Franzosen.« »Aber die Gesellschaftsinseln stehen unter französischem Protektorat.« »Alle Teufel, ja«, rief Bertrand rasch emporfahrend, »daran hatte ich gar nicht gedacht! Und sie sind von dort her?« »Raiateo gehört mit zu der Gruppe, und wenn es auch die Franzosen nicht unmittelbar im Besitz haben, ist es doch mit einbegriffen, und ich glaube kaum, daß sie die Sache ruhig hingehen lassen.« »Aber die Leute sind doch unter der Nase des französischen Konsuls ausgeschifft worden, weshalb hat er denn da kein Wort gesagt?« »Sehr erklärlich; er wird sich nicht gern freiwillig mehr Schererei machen wollen, als nötig ist, und außerdem hat bis jetzt auch noch kein Mensch genau gewußt, von welcher Inselgruppe die Kulis wirklich stammten. Macht aber ein Franzose die bestimmte Anzeige, daß sie unter das Protektorat Frankreichs gehören, so kann Castilla es gar nicht mehr umgehen, sich ihrer anzunehmen, und die armen Teufel dürfen dann sicher auf Hilfe hoffen.« »Willst du einmal zum Konsul gehen?« fragte Bertrand. »Das möchte ich doch nicht«, sagte Rafael ausweichend, »so lange ich es wenigstens vermeiden kann. Auch bin ich selber kein Franzose, und Castilla, der sich gegen mich wirklich freundschaftlich gezeigt hat, würde es mir mit Recht übelnehmen, wenn ich hinter seinem Rücken bei den Fremden Schutz suchte.« »Gut«, rief Bertrand, »dann gehe ich hin – du hast recht! Die Anzeige von einem Franzosen muß er wenigstens beachten, und dann wollen wir doch einmal sehen, ob wir nicht Feuer hinter die Sache machen können. Ein wahres Gaudium wäre es schon allein für mich, wenn wir dem Desterres die armen Teufel wegholen könnten, denn der nichtswürdige Cholo behandelt sie wahrhaftig niederträchtig, wahrscheinlich weil er gemerkt hat, daß wir uns ihrer annehmen und er uns beiden doch nicht beikommen kann. Meinen Hals wollte ich auch darauf verwetten, daß niemand anders als der Schuft neulich hier ins Fenster geschossen hat.« Rafael schüttelte den Kopf. »Kein Cholo«, sagte er, »verläßt sich so leicht auf eine Feuerwaffe, und wenn er je eine in die Hand nimmt, so ist es ein Schrotgewehr. Aber der Schuß wurde, wie Ihre Wand noch bis auf den heutigen Tag bezeugen kann, mit einer Kugel abgefeuert. Zu einer Kugel versteht sich aber selbst der Peruaner nur ungern, wenn auch der schlechte Schuß auf die kurze Distanz für einen solchen spräche, und ich muß wirklich gestehen, daß ich eine Weile Desterres selber im Verdacht hatte. Das war aber ungerecht, denn dieser ist nicht allein an jenem Abend mit in die Stadt zurückgeritten, sondern war auch noch – ich habe die genauesten Erkundigungen darüber eingezogen – gegen elf Uhr im Theater. Der Schuß aber wurde noch vor Mitternacht gefeuert.« »Aber wer, um Gottes willen, kann es sonst gewesen sein?« »Apropos, Bertrand, kennen Sie einen gewissen Perteña, der sich manchmal hier draußen aufhält?« »Allerdings«, sagte der Franzose; »ich glaube, wir haben neulich schon von ihm gesprochen.« »Und was ist er eigentlich?« »Ein Bursche, wie du sie zu Dutzenden in Peru finden kannst. Ein peruanischer Stellenjäger, der sich für zu gut hält, irgendeine Arbeit zu tun, und auch wirklich zu faul dazu ist und nun auf unbegreifliche Weise jahrelang sein Dasein ohne die geringste Beschäftigung fristet, bis er erreicht, was er erstrebt: irgendeinen faulen Posten mit gutem Gehalt. Nachher fühlt er sich an seinem Platz und bläst sich auf, denn andere Menschen fangen an, von ihm Notiz zu nehmen. Bis jetzt ist er noch ziemlich harmlos.« »Er war neulich beim Präsidenten, von Benares empfohlen. Ich traf dort mit ihm zusammen.« »Nun ja, wie ich sage. Perteña wird ein sehr sicheres und brauchbares Individuum für die werden, die ihn jetzt protegieren, wenigstens für so lange, als er sich noch nicht ganz fest auf eigenen Füßen fühlt. Da das aber aller Wahrscheinlichkeit nach nie geschehen wird, und er ebensogut wie die anderen Lumpereien macht, wo er wieder Unterstützung braucht, so tritt er in das allgemeine Beamtenheer als würdiges Mitglied ein, und der Staat hat einen Blutegel mehr.« »Erinnern Sie sich, daß ich Ihnen erzählte, wie ich am ersten Tage, als ich hier nach den Hacienden ritt, von einem einzelnen Reiter angesprochen wurde, der Feuer für seine Zigarre verlangte?« »War das Perteña?« rief Bertrand überrascht. Der junge Mann nickte. »Sieh, sieh, sieh!« sagte der alte Franzose, leise vor sich hinlachend, »was man doch nicht alles in der Welt erfährt! Also dieser Senor Perteña – kannte er dich wieder?« »Gewiß, er scherzte über unser damaliges Begegnen.« »In der Tat – beim Präsidenten? War übrigens das beste, was er tun konnte. Aber du hast noch etwas, was du mir sagen willst; was ist es?« »Ich glaube, daß Perteña den Schuß abgefeuert hat.« »Gar nicht unmöglich«, lachte Bertrand, »traue es ihm so gut zu wie irgendeinem andern, wenn ich auch nicht gerade weiß, weshalb er sich einer solchen Gefahr aussetzen sollte; denn hätten wir ihn erwischt, wäre es ihm bös ergangen.« »Er wird sich seinen Rückzug wohl sicher genug gedeckt haben.« »Ich will dir etwas sagen, mein Junge«, meinte der alte Bertrand nachdenkend, »nimm dich doch lieber ein bißchen in acht mit dem Volk, denn wenn sie sich einmal erst so etwas vornehmen, so sind sie auch nichtsnutzig genug, es durchzuführen. Bist du dem Reiter denn nie wieder später begegnet?« »Nie wieder, und ich hatte mir Pferd und Mann gut genug gemerkt – doch halt, erinnern Sie sich, wie wir damals zusammen zum Fluß gingen und dort die Insulaner trafen. Das war dieser selbe Perteña, der unter dem Baum in der Straße hielt und dann zurückritt, um uns nicht zu begegnen.« »Ganz recht«, nickte Bertrand; »nun, wie gesagt, paß auf, denn daß verschiedenen Leuten deine Rückkunft nach Peru unangenehm ist, wissen wir, und der Schuß hat uns bewiesen, daß sie auch nicht untätig dabei sind, übrigens hat sich Juanita an dem Abend so erschreckt, daß das arme Ding drei Tage das Bett hüten mußte.« »Armes Mädchen – und ich habe ihr heute noch nicht einmal ›Guten Tag‹ gesagt! Lassen Sie uns hinuntergehen.« »Apropos, wie geht es meiner kleinen Landsmännin in der Stadt?« »Gut. Ich war gestern bei ihr, um ihr meinen Dank zu sagen. Nur sie allein hat mir die Audienz bei dem Präsidenten verschafft.« »Ein Prachtmädel! Nun, morgen und übermorgen kann ich nicht, aber dann komme ich hinein, um den französischen Konsul aufzusuchen, und besuche sie nachher auf jeden Fall.« »Aber haben Sie auch daran gedacht, daß der Karneval morgen beginnt?« sagte Rafael. »Davon ganz abgesehen, daß Sie nachher noch kaum eine Straße passieren können, werden Sie den Konsul wahrscheinlich nicht einmal in Lima treffen. Sonst hielt sich alles an den Tagen in den Häusern fest verschlossen, jetzt aber soll, wie ich höre, die ganze Hautevolee in der Karnevalszeit nach Chorillos übersiedeln. Lassen Sie die lieber erst vorübergehen.« »Es paßt mir nur nachher nicht mehr recht«, sagte Bertrand, »und der französische Konsul gehört auch nicht mit zu des Präsidenten Spielpartie; ich glaube gar nicht, daß er Lima in der Zeit verläßt. Jedenfalls mache ich den Versuch.« Juanita kam ihnen, noch etwas bleich und angegriffen aussehend, entgegen. Sie war auch ängstlich und aufgeregt und bat Rafael, jetzt wenigstens nicht allein hier draußen herumzureiten, da er ja den Beweis habe, daß man ihm nach dem Leben trachte. Der junge Mann lachte aber dazu. Es war feiges Gesindel, das keinen offenen Angriff wagte, und nachts – nun gut, das wollte er ihr versprechen, sich nicht wieder an ein offenes, erleuchtetes Fenster hier draußen zu setzen. Weiter hätte er aber auch nichts zu fürchten, und sie möge sich seinetwegen um Gottes willen keine Sorge machen. Juanita mußte sich damit beruhigen; als er aber Abschied von ihr nahm, um nach Lima zurückzukehren, war sie noch viel bleicher als vorher geworden, und große Tränen standen ihr in den Augen. »Das Mädel ist noch immer von dem Abend her aufgeregt«, sagte Bertrand, als er den jungen Mann zu seinem Pferd begleitete, »und man muß jetzt mit ihr umgehen wie mit einem rohen Ei. Ich wollte gern, daß sie einmal mit mir in die Stadt reiten und Deringcourts besuchen solle, um nur ein klein wenig Zerstreuung zu haben, aber sie weigert sich hartnäckig. Man muß sie eben zufrieden lassen, bis sich die Nerven von selber wieder beruhigen.« Im Karneval Lima bewahrt das ganze Jahr hindurch seinen ruhigen, man möchte fast sagen: schläfrigen Charakter, der durch nichts in der Welt als vielleicht einmal auf kurze Zeit durch ein Erdbeben außer Fassung zu bringen ist. Alles geht seinen regelmäßigen Gang, der hier nicht einmal durch die Jahreszeiten oder eine Veränderung des Klimas unterbrochen wird. Nur der Karneval wirft alles über den Haufen, und zwar so gründlich und mit einemmal, daß man in der Zeit die Stadt kaum wiedererkennt, und doch dauert das ganze tolle Leben nur kaum drei Tage. Die Damen, von denen sich keine in diesen drei Tagen auf der Straße sehen läßt, haben jeden Putz abgelegt und sind nur in waschbare Überwürfe gekleidet. Eigentlich besteht nämlich das ganze Karnevalsvergnügen nur darin, daß die Damen über Vorbeigehende Wasser aus den Fenstern schütten und die Herren dann von der Straße aus – als die einzige Art, wie sie sich revanchieren können – wassergefüllte Eier auf die versteckten Schönen auch in die Zimmer schleudern. Beim Beginn des Werfens und auch noch am zweiten Tage sind diese Eier mit wohlriechendem Wasser gefüllt; sobald aber der Kampf einmal hitzig wird und nicht genug Zufuhr an Eiern herbeigeschafft werden kann, fällt das wohlriechende Wasser weg und das reine Element nimmt seinen Platz ein, ja, nichtswürdige Cholo-Jungen füllen auch wohl die Eier aus den die Stadt durchströmenden Kanälen und lassen sich trotzdem für den »Duft« bezahlen. Die Werfenden selber erfahren ja doch nicht gleich wie sie betrogen wurden, und klagen die Damen nach dem Karneval über die erlittene Mißhandlung, wo sind dann die Jungen! So hatte auch der Karneval am ersten Tag in Lima begonnen. Wie gewöhnlich war das polizeiliche Verbot erlassen worden, weder Wasser aus den Häusern zu gießen, noch wassergefüllte Eier in die Fenster zu werfen; aber wer kümmerte sich darum! Ja, als der Präsident selber am Morgen des ersten Tages an die Bahn fuhr, um sich in Chorillos in Sicherheit zu bringen, wurde sein eigener Kutscher völlig durchgeweicht, und Eier klatschten auf den geschlossenen Wagen nieder wie bei einem Hagelwetter. Der alte Herr selber saß aber trocken darin, lachte über das tolle Volk und – ließ es gewähren. Es war ein Spiel, das austoben mußte, und in drei Tagen war alles vorbei. Am ersten Tage waren die sonst so lebendigen Straßen wie ausgestorben, denn das eigentliche »Spiel«, wie man es dort nennt, hatte noch nicht begonnen und begann auch nicht an dem Tage, und doch konnte sich kein anständig gekleideter Mann auf der Straße sehen lassen, ohne daß ihm bald aus dem, bald aus jenem Fenster halbe oder ganze Kübel übergeschüttet wurden. Trotzdem fehlte noch der Eifer, mit dem das später geschah; man tat es nur en passant , und die es betraf, ärgerten sich, weil sie bis jetzt noch als vereinzelte Fälle galten und von Begegnenden ausgelacht wurden. Das fiel am dritten Tag vollkommen weg, denn da gab es einen trockenen Menschen überhaupt nicht mehr, ausgenommen, er trat eben aus einem Haus heraus, und selbst in den eigenen Familien waren sie nicht mehr sicher, denn man brauchte Opfer und schonte niemand. Mitten durch diesen Lärm ritt dann manchmal mit schweren, eisernen Hufschlägen eine Patrouille Kavallerie, die Karabiner scharf geladen, langsam durch die Straßen der Stadt, um angeblich die »Ordnung aufrecht zu erhalten« – aber, lieber Gott, was konnten sie gegen den Übermut einer ganzen Stadt ausrichten? Der arme Offizier kam gewöhnlich am schlechtesten weg. Er hatte Befehl, das Wassergießen aus den Fenstern nicht zu leiden und wußte von vornherein, daß er es nicht verhindern konnte. Von allen Seiten gossen sich über ihn selber die Becher aus; es war sogar, als ob man bloß auf die Patrouille gewartet und allen Vorrat an Wasser aufgespart hätte, und während die Soldaten wenig oder gar nichts davon erhielten und schmunzelnd hinter ihrem Offizier drein ritten, schwamm dieser ordentlich in seinen Stiefeln und hatte keinen trockenen Faden am Körper. Selbst die Jungen, die mit ihren Eierkörben an den Ecken standen, boten ihm, wie zum Hohn, diese zum Verkauf an; aber er sah auch die Jungen nicht. Er war entschlossen, nichts zu sehen, und führte das mit einer Konsequenz durch, die nichts zu wünschen übrigließ. Draußen, in der äußersten Vorstadt, nach Chorillos zu, liegt ein Negerviertel, wo besonders die Waschfrauen in kleinen, engen und schmutzigen Lehmhütten hausen. Weiße vermeiden den Platz, besonders nach Dunkelwerden, denn wenn man sie nicht einfach überfällt und beraubt, dürfen sie doch fest darauf rechnen, beleidigt und verhöhnt zu werden. In dieser Vorstadt nun herrschte die ganzen drei Tage hindurch schon am frühesten Morgen ein viel regeres Leben als selbst in der Stadt, denn hier draußen hatte der tolle Karneval schon mit Tagesanbruch begonnen, und alle Fenster spien auf den unglücklichen Vorübergehenden ordentliche Katarakte von oft nichts weniger als sauberem oder gar wohlriechendem Wasser aus. Wer aber hierher kam, gehörte in diese Gesellschaft oder paßte wenigstens zu ihr, und niemand war da auf einen feinen Scherz gefaßt. Bekam man eine Ladung Wasser über, so mußte man nur froh sein, wenn nicht der ganze Kübel nachfolgte. Die Leute wußten zuletzt auch wirklich nicht mehr, wie sie ihrem Übermut Luft machen sollten, und Reihen widerlicher, durchnäßter und entsetzlich ausdünstender alter Negerweiber pflanzten sich auf Tischen und Stühlen dicht an die Schienen der vorbeigehenden Bahn hin, um, wenn der Zug kam, der hier gleich vor dem Bahnhof schon einbremsen mußte, ganze Eimer und Wannen in die offenen Waggons und über die unglücklichen Passagiere auszuleeren. Es war der dritte Morgen, und man hätte glauben sollen, daß sich die Leute von den Anstrengungen der letzten beiden Tage erschöpft fühlen mußten – aber Gott bewahre! Heute wurden im Gegenteil die größten Anstrengungen erst gemacht; heute wurde alles vorgesucht, was man noch als einen Trumpf ausspielen konnte, und ganze Gruppen zogen sogar verkleidet und maskiert durch die Straßen und setzten einzelne Häuser, von denen aus sie überschüttet wurden, durch ein förmliches Eier-Bombardement in Belagerungszustand. Schwarze durften es aber nicht wagen, in den Straßen mit gefüllten Eierschalen nach den Fenstern von Weißen zu werfen; man würde augenblicklich über sie hergefallen sein, und nur in vollkommener Verkleidung konnte es ein Mulatte oder Neger ungestraft riskieren. So rüstete sich auch jetzt wieder im Negerviertel eine kleine Gruppe von Mulatten zu einem solchen Umzug, den sie durch die Stadt machen wollten; aber jemand stand zwischen ihnen, der wahrlich dort nicht hingehörte und in diese Umgebung nicht recht paßte. Es war Perteña in einer Art Phantasie-Anzug, mit aufgeschlitztem Wams, gelben Reiterstiefeln und Messingsporen, einen Kalabreser-Hut mit roter Straußenfeder auf, und eine breite italienische Schärpe umgehangen. Eine Maske, die sein ganzes Gesicht verdecken sollte, lag noch neben ihm auf dem Tisch, und jetzt war er beschäftigt, die drei anderen Gehilfen, die mit derlei Kleidern nicht recht umzugehen wußten, anzuziehen. Er hatte eben einen ziemlich robusten Mulatten unter der Arbeit und paßte ihm eine Kapuze über, die seinen ganzen Nacken verdeckte, ihm aber auch fast den Atem benahm, weil sie links und rechts an die Maske anstieß. »Santa Maria«, stöhnte dieser, »draußen die Hitze, und all das Zeug um einen herumhängen; wenn mich der Schlag nicht unterwegs rührt, ist es ein einziges Wunder!« »Sie werden dich schon abkühlen draußen, Scipio«, lachte ein anderer, der sich ebenfalls eine Maske anprobierte; »warte nur, wenn du den Señoritas erst unter die Fenster kommst!« »Und wenn sie's herausbekommen, daß wir Mulatten sind«, brummte Scipio halblaut vor sich hin, »nachher setzt's kein Wasser mehr, aber heillose Prügel.« »Bah«, sagte der zweite wieder, indem er seine Maske noch einmal abnahm und Coronas Gesicht darunter zeigte, »glaubst du, ich hätte mich dem Spaß angeschlossen, wenn es eben mehr als ein Spaß wäre und übel ablaufen könnte? Und fahren wir denn nicht in einem Wagen wie richtige Caballeros, den Eierjungen mit den Vorratskörben vorn auf dem Bock? Zehn, zwölf solcher Wagen durchziehen heute die Stadt, und die einzige Gefahr ist die, daß wir in den engeren Straßen einmal ein paar Kübel Wasser zu gleicher Zeit über Bord nehmen und vielleicht den alten Wagenkasten vollbekommen.« »Sie haben recht, Señor Corona«, sagte Pertena ernsthaft. »Gefahr ist nicht die geringste dabei, so lange wir nur nicht erwischt werden, und dafür natürlich müssen wir aufpassen. Das geht ja aber mit allen Unternehmungen so, und da Sie bei dieser Sache wirklich weiter nichts zu tun haben, was Sie nur im geringsten kompromittieren könnte, so dürfen Sie sich ihr mit allem Eifer hingeben. Es ist nichts als ein Karnevalsscherz, was Sie davon zu wissen brauchen, und das übrige trägt Ihnen nur Nutzen und gar keine Gefahr. Aber sind wir denn jetzt endlich fertig? Du, Sam«, wandte er sich jetzt zu einem vollblütigen Neger, der mit breitem Grinsen dabei gesessen und den Vorbereitungen zugesehen hatte, »brauchst natürlich gar keine Maske. Du fährst deinen Mietwagen, und wenn dich später einmal jemand fragen sollte, wen du gefahren hast, so antwortest du einfach: »Was weiß ich's! Caballeros, die mich auf der Straße angenommen und bezahlt haben! Wer fragt da nach einem Namen!« Und nun fort, meine Herren, es muß schon wenigstens zehn Uhr sein, und die Sache ist voll im Gange! Du weißt das Haus, Sam, in der Calle de Valladolid?« »Versteht sich; gut genug – und nachher?« »Bleibst du ruhig vor dem Hause halten und kümmerst dich um nichts. Apropos, der Bursche ist doch ordentlich instruiert, daß er mit der Leiter zur rechten Zeit eintrifft?« »Sorgen Sie nicht um den, Señor«, sagte Scipio, »der ist schlau genug und weiß genau, was er zu tun hat.« »Bueno!« Etwa eine Viertelstunde später verließ Sam, der dort seinen Mietwagen einstehen hatte, den Hof mit vier verkleideten Caballeros, die niemand hatte kommen sehen. Aber wer achtete an diesem Tag darauf – und als der Wagen rasch aus dem Torweg hinausgefahren war, um aus dem Bereich der nächsten Fenster zu kommen, kümmerte sich kein Mensch mehr darum. Einmal in der anderen Straße, veränderte der Wagen aber sein Äußeres noch ein wenig. Sam holte aus einer dortigen Restauration eine große italienische Flagge, die hinten befestigt wurde; ebenso wartete dort ein kleiner Bursche mit seinem Eiervorrate. Er mußte mit auf den Bock steigen und zwei von den Körben mit hinaufnehmen. Den dritten nahmen die vier im Wagen sitzenden Personen selber zwischen sich, und so rollte das Fuhrwerk rasch dem »lustigen Spiel« entgegen in die Stadt hinein. In seinem nicht übermäßig geräumigen Zimmer saß General Granero heute nicht wie gewöhnlich in der Hängematte, sondern ging mit raschen Schritten in dem Gemach auf und ab und rief nur dann und wann einmal ungeduldig seinen Burschen, um sich nach dem »Offizier« zu erkundigen und zu erfragen, ob er sich noch nicht habe sehen lassen. Draußen tobte der Karneval: lautes Jubeln und Jauchzen, Schreien und Lachen tönten von der Straße herauf, und in dem gerade gegenüberliegenden Haus wurde eine ordentliche Schlacht geliefert, aber Granero sah es nicht. Was kümmerte ihn der wilde Jubel gleichgültiger Menschen, der alberne Karneval überhaupt, der seine Pläne nur noch weiter hinausschob, weil ja an diesen Tagen nichts unternommen werden konnte! Bittere Flüche murmelte er zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen, und ungeduldig stampfte er den Boden, wenn der Erwartete noch nicht, noch immer nicht erschien. Aber niemand kam – auch Corona, der ihm so fest versprochen hatte, Nachricht zu bringen, blieb aus, und Oberst Desterres – seine ganze Hoffnung ruhte auf dem Oberst – ließ kein Wort von sich hören, schon den ganzen Karneval hindurch. Es war rein zum Verzweifeln, und Granero, der nur in Ausnahmefällen abends nach Dunkelwerden seine »Höhle« verließ, wurde noch weit mehr von Ungeduld und Erwartung gequält, weil er gar nichts tun konnte, sondern eben still ausharren mußte, bis seine Abgesandten und Bevollmächtigten zurückkamen, um ihn aufzusuchen. So war es fast Mittag geworden, als seine Vorsaaltür rasch geöffnet wurde und der längst erwartete Oberst Desterres gerade dazu kam, wie Juan und der andere Negerjunge – Graneros Bedienung – eben dabei waren, die Schokolade zu trinken, die sie am Morgen vielleicht zur Feier des Karnevals heimlich für sich gemacht hatten. Wie der Blitz fuhren sie aber mit dem Topf in die Ecke hinein, und Juan war auch im nächsten Augenblick schon drinnen bei seinem Herrn, um den willkommenen Besuch anzumelden. »Nun, lieber Oberst«, empfing ihn Granero, »wie weit sind wir? Ich habe ordentlich Sehnsucht nach Ihnen gehabt. Seien Sie aber heute vorsichtig und sprechen Sie leise, denn der verdammte Karneval hat alle im Haus gehalten und die Zimmer sind fast sämtlich besetzt. Bringen Sie gute Kunde?« »Ich denke, ja«, sagte der Oberst, sich ohne weiteres in das Sofa werfend, so daß augenblicklich rechts und links von ihm eine Wolke von Staub in die Höhe stieg. Keiner der beiden Männer nahm aber die geringste Notiz davon, denn sie waren beide an etwas Derartiges gewöhnt und hatten auch jetzt den Kopf voll anderer Dinge. »Aber wie weit sind Sie?« »Zum Auslaufen fertig, Oberst – zum Auslaufen fertig«, erwiderte der ungeduldige kleine Mann und mußte sich Mühe geben, seine Stimme zu dämpfen. »Ja, das Feuer brennt mir jetzt sogar auf den Nägeln, denn vor vier Tagen habe ich dem kleinen amerikanischen Schoner, der Callao anlief, die ganze Waffenladung, tausend Stück Bajonett-Gewehre, abgekauft, mit der Bedingung, daß er sie selber nach Guayaquil bringt und von mir in der Zwischenzeit für jeden Tag, den er unnütz hier versäumt, ein bestimmtes Liegegeld bekommt. Den Schoner muß ich jetzt fortschicken, denn an Land nehmen darf ich hier die Waffen nicht, und kommt er eher nach Guayaquil als wir, so legt Flores natürlich Beschlag darauf.« »Da drängt die Zeit freilich«, nickte der Oberst, »aber die Waffen können wir gut gebrauchen, und ich hoffe doch jetzt, daß der Schoner nicht vor uns in Guayaquil eintreffen soll, und wenn er selbst morgen ausliefe.« »Ist denn endlich etwas beschlossen?« »Ja«, sagte der Oberst leise; »heute ist der letzte Tag des Karnevals. Morgen nachmittag kommt Castilla in die Stadt und wird drei oder vier Nächte hier schlafen; übermorgen früh mit frühestem Morgen, denke ich, werden wir Lima dann durch eine vollkommen ungeahnte Neuigkeit überraschen können.« »Und die Dampfer?« »Müssen den nämlichen Tag noch auslaufen«, sagte der Oberst, »das versteht sich von selber, denn eine Nacht dürfen wir den Seeleuten gar nicht zum Überlegen gestatten. Das geht nachher alles Schlag auf Schlag, und Sie sollen sehen, General, das Volk wird so verblüfft über die vollendete Tatsache sein, daß wir auch nicht den geringsten Widerstand zu fürchten haben. Ich bin fest überzeugt, daß in der ganzen Revolution, die kaum eine Stunde dauern wird, nicht einmal ein Schuß fällt.« »Desto besser«, sagte Granero, dem gar nichts daran lag, vielleicht noch selber in einen Volksaufruhr hineingezogen zu werden und sein Leben in Gefahr zu bringen. »Ich habe schon genug Blut gesehen und bin nicht weiter gierig danach. Lassen Sie die Sache um Gottes willen so friedlich wie möglich abmachen, ja, ich selber hätte nichts dagegen, Castilla unbelästigt zu lassen, wenn wir ihn eben nur dazu zwingen könnten, seine Ansprüche an Ecuador wieder aufzunehmen.« »Ich dächte, Sie kennten doch den Alten«, sagte der Oberst, »um zu wissen, daß bei dem nichts in Güte auszurichten ist.« »Ich fürchte es fast«, seufzte Granero. »Gut, dann bleibt uns auch nichts übrig, als den Weg fortzuschreiten, in den wir einmal eingebogen sind.« »Und wie ist Ihr Plan? Bitte, sprechen Sie leise, die Wände haben in dem verwünschten Gebäude Ohren.« »Übermorgen früh«, flüsterte der Oberst, »wird das Palais mit Tagesanbruch besetzt. Mein Regiment darf allerdings nichts davon wissen, aber ein anderes ist unserer Sache treu ergeben, und Castilla wird entweder gefangen oder, wenn er den geringsten Widerstand leistet, über den Haufen gestochen. Es ist überhaupt das sicherste, ihn aus dem Weg zu schaffen.« »Ich meine auch«, sagte Granero, der dicht vor dem Oberst stehengeblieben war und ihm jedes Wort vom Munde lauschte, »es ist das beste, den Alten unschädlich zu machen. Nicht als ob er uns noch schaden könnte, wenn wir erst einmal den Fuß auf ecuadorianischen Boden gesetzt haben, aber – Perus selber wegen, mein' ich. Das Land kommt sonst aus seinen Revolutionen gar nicht mehr heraus, und es ist auch für uns besser, wenn wir in der ersten Bewirtschaftung des neuen Landes nicht zu sehr gestört werden. Sie verstehen doch, was ich damit sagen will, Oberst?« »Vollkommen«, nickte dieser; »das Schlimmste ist nur, daß wir die Sache nicht in der Gewalt haben. Ich kann weiter nichts dabei tun, als abzudrücken; ist die Kugel dann einmal aus dem Lauf, so nimmt sie die eine Richtung, und kein Teufel kann sie zurückhalten! Wir müssen uns dann ganz auf das heiße Blut der jungen Leute verlassen, die an dem Morgen das Heft in Händen haben.« »Sie werden sich natürlich nicht selber dabei beteiligen?« sagte Granero, der indessen gerade das Gegenteil wünschte, es aber doch nicht gut aussprechen konnte. »Nein«, sagte der Oberst trocken, »ich stehe hinter den Kulissen und lasse nur meine Marionetten spielen. Machen mir die Dummheiten, gut, so ist es ihr eigener Schaden, und ich bin selber nicht weiter dadurch kompromittiert.« »Alle Wetter«, sagte Granero, über diese neue Entdeckung doch etwas erschrocken, »dann kann aber auch die ganze Sache mißlingen!« »Bester General«, sagte der Oberst, »alles in der Welt kann mißlingen.« Granero ging mit raschen Schritten, mit der linken Hand das Kinn heftig reibend, auf und ab; denn jetzt, wo es zur Entscheidung kommen sollte, durchschaute er auch den letzten, auf den er sich glaubte verlassen zu können, und fand, daß der ihn selber genau so behandelte, wie er geglaubt hatte, ihn in Händen zu haben, als willenloses Werkzeug nämlich. Aber es war in diesem Augenblick nicht zu ändern; er mußte der Sache ihren Lauf lassen. Wenn sie glückte, gut, dann war es eben gelungen, und wenn sie mißglückte, dann saß er mit seinem Waffenvorrat, für den er so ziemlich sein ganzes Vermögen ausgegeben hatte, in Lima fest, und was dann werden sollte, darüber zerbrach er sich jetzt vergeblich den Kopf. Ob der Oberst durchschaute, was in dem Kopf des Verschwörers vorging? Schwerlich. Es war seine schwache Seite, anderer Leute Gedanken zu erraten; aber er lächelte doch still vor sich hin, denn er überlegte sich eben, wie schlau er alles angefangen habe, und wie der einzige, der darum wisse, daß er eigentlich hinter dem Ganzen stecke, so durch Bande des Blutes, aber viel mehr noch durch die Hoffnung seiner einstigen Erbschaft an ihn gefesselt sei, daß er von dieser Seite auch nicht für einen Augenblick Gefahr zu fürchten brauche. »Und was sagt Ihr Bruder zu dem Ganzen?« unterbrach ihn plötzlich der General, indem er vor ihm stehenblieb und ihn mit fragendem Blick ansah. »Mein Bruder!« rief erstaunt der Oberst. »Aber glauben Sie denn um Gottes willen, General – halten Sie mich denn für so leichtsinnig, daß ich meinen Bruder, der alles von diesem Präsidenten erwartet, etwas Derartiges auch nur ahnen lasse? Da wären wir ja von vornherein verloren gewesen!« »Aber Ihr eigener Bruder wird Sie doch nicht verraten?« »Meinen Sie? Er hätte sich vielleicht herbeigelassen, mir vorher einen leisen Wink zu geben, Peru so rasch als möglich zu verlassen, aber das wäre das Äußerste gewesen, was ich von ihm hätte erwarten können. Im Gegenteil, daß er nichts davon weiß, gibt mir größere Sicherheit, falls der Plan doch noch mißlingen sollte!« »Sie reden in einem fort, als ob Sie ziemlich fest damit rechneten, daß er mißlingen würde«, sagte Granero ungeduldig. »Ich fürchte, ich bin selber zu offen gegen Sie alle gewesen und werde es am Ende nachher allein zu büßen haben!« »Fürchten Sie nichts, General«, sagte der Oberst, von seinem Sitz wieder aufstehend; »niemand hat einen Anhalt an uns beiden, und gelingt unser Streich, wie ich fest hoffe, so sind gerade wir es, die den Nutzen davon ziehen. Rechnen Sie darauf, daß wir übermorgen abend schon an Bord des Dampfers, mit drei anderen bewaffneten Fahrzeugen hinter uns, gen Guayaquil auf dem Weg sind. Die Überraschung dort wird dann schon für uns ein halber Sieg werden, denn wir treffen den Feind unvorbereitet und brauchen wirklich nur Besitz von der Stadt und von ihren Schätzen zu nehmen. Jetzt aber muß ich wieder nach Hause, ich wollte, ich wäre nur erst durch die Straßen, das Volk weiß heute nicht, was es vor Übermut machen soll.« »Und die Verschwörung?« »Blüht indessen lustig fort«, lachte der Oberst; »gerade jetzt haben die jungen Offiziere, lauter Leute, die sich damit in einer Stunde vom Unterleutnant zum Major hinaufschwingen wollen, ihre Zusammenkunft. Mein Neffe präsidiert, und ich selber werde in der nämlichen Zeit nach Chorillos hinausfahren, um Seiner Exzellenz meine Aufwartung zu machen. Haben Sie keine Angst, General«, fuhr er lachend fort, als er den raschen und auch wohl mißtrauischen Blick bemerkte, den Granero auf ihn warf; »wenn ich dabei ein doppeltes Spiel spiele, so ist es nicht gegen Sie, auf dessen Seite meine ganze Zukunft liegt, sondern gegen den Alten, der mich nie hat leiden können und mich das fühlen ließ, wo sich ihm immer die Gelegenheit dazu bot. Nun, vielleicht ist übermorgen seine Farbe nicht mehr Trumpf, und dann wollen wir doch sehen, ob ich's ihm nicht wett machen kann.« »Ich sähe Sie gern noch einmal vorher!« »General«, sagte der Oberst kopfschüttelnd, »je weniger wir jetzt noch zusammenkommen, desto besser, denn ich habe immer eine Heidenangst, wenn ich das Haus betrete. Heute fällt man zwar nicht auf, wenn man sich nach Kräften einhüllt, und ich habe meinen alten Regenmantel umgehängt, übermorgen früh um zehn Uhr aber bin ich bei Ihnen, offen und ungeniert, und bis dahin bitte ich Sie, daß Sie Ihre Koffer gepackt und in Ordnung haben, damit wir keine Stunde länger aufgehalten werden, als eben unumgänglich nötig ist.« »Seien Sie versichert, lieber Oberst, daß Sie auf mich nicht warten sollen, denn mir brennt der Boden hier unter den Füßen. Also übermorgen?« »Eine Flasche Champagner könnten Sie schon bis übermorgen früh bereit halten«, lächelte der Oberst, »um auf das Wohl der neuen Republik zu trinken. Also auf Wiedersehen, lieber General!« und mit raschen Schritten trat er in den Vorsaal, um dort, wie er das stets tat, vorher nachsehen zu lassen, ob die Luft auf dem Gang rein sei. Im Vorsaal selber kauerte aber schon eine Persönlichkeit, die seine Entfernung äußerlich ruhig, aber nichtsdestoweniger mit großer Ungeduld erwartet hatte: Mestozzi, der sich dort zwischen zwei Stühle auf einen niederen Schemel gesetzt hatte und den Rauch einer Zigarette – es war die neunte, die er in der Stellung rauchte – in die Luft blies. Aber wie sah das unglückselige Menschenkind aus! Bis auf die Haut durchnäßt, daß sich selbst da, wo er kauerte, eine ordentliche Pfütze gebildet hatte, schien er einen grünen Anstrich auf die gelbe Haut bekommen zu haben, wenigstens liefen ihm grüne Streifen von dem wolligen Haar hinab über das Gesicht und seine Kleider nieder. Der Oberst sah sich die Gestalt mißtrauisch an und ahnte wahrlich nicht, daß der Bursche die künftigen ekuadorianischen Generals-Epauletten in der Tasche trug, oder wenigstens zu tragen glaubte. Da er ihn aber für ein vom Karneval mißhandeltes Individuum hielt, das hier Schutz gesucht hatte, achtete er nicht weiter auf ihn, beantwortete Mestozzis ehrerbietiges Aufstehen durch ein leises Kopfnicken, warf den Mantel um sich her und verließ bald darauf, fest eingehüllt, das Hotel, um seinen Besuch in Chorillos abzustatten. Unmittelbar nach dem Obersten betrat Mestozzi Graneros Zimmer. »Ist etwas vorgefallen?« rief ihm der General entgegen. »Was bringt Ihr mir?« »Bringen, Exzellenz? Eigentlich gar nichts; nur über Corona möcht' ich ...« »Ah, was ist mit ihm? Hab' ich recht gehabt?« rief Granero rasch. »Ja, eigentlich«, sagte Mestozzi, »ist gar nichts mit ihm; nur seine Gesellschaft gefällt mir nicht so recht die letzte Zeit, und heute bin ich gar nicht aus ihm klug geworden.« »Aber was ist denn mit ihm? So redet doch einmal!« rief Granero, ungeduldig werdend. »Mit wem hat er denn verkehrt, mit Freunden von Castilla?« »Das will ich gerade nicht sagen, aber mit ganz regelrechten, unverfälschten Negern«, fuhr der Mulatte mit Entrüstung fort, »mit denen auch ein weißer Señor vertraulichen Umgang pflegt!« »Ein weißer Señor, und wer ist das?« »Ein Señor Perteña«, berichtete Mestozzi, der sich in der Tat nicht geringe Mühe gegeben hatte, alles aufzuspüren, was mit seinem Freund Corona in Verbindung stand. »Steht dieser Perteña mit Castilla in Verbindung?« »Er hat erst vor ein paar Tagen eine Audienz bei ihm gehabt und verkehrt viel mit dem Finanzminister.« »Wirklich? Aber was hat das mit den Negern zu tun?« fragte der Expräsident, der daraus nicht klug werden konnte. Mestozzi brauchte einige Zeit, um sich zu sammeln, denn eine längere Rede war ihm eine zu ungewohnte Sache. Dann aber erzählte er alles, was er selber mit eigenen Augen gesehen hatte: wie Corona schon seit einiger Zeit mit diesem Weißen verkehrt habe und wie sie heute zusammen in das Negerviertel gegangen seien. In das Haus selber hatte ihnen natürlich Mestozzi nicht folgen können, aber er hatte sie von gegenüber beobachtet; nach etwa einer Stunde waren sie verkleidet zusammen in die Stadt gefahren. Hier nun harrten des armen Teufels die größten Schwierigkeiten, denn wo er sich an einer Häuserreihe hindrücken oder hinter einer Ecke warten wollte, war er aus dem nächsten Fenster so erbarmungslos mit Wasser überschüttet worden, daß er die Behandlung zuletzt nicht mehr ertragen konnte. Bis in die Calle de Valladolid hatte er ausgehalten, wo der Wagen vor einem der Häuser hielt und die Fenster mit ganzen Vorräten von eingekauften Eiern bombardierte. Aus dem Hause selber hatten sich die Einwohner, ein paar junge Damen, auch wacker verteidigt; als aber dann Perteña mit Corona und noch ein paar Vermummten eine Leiter herbeiholten und in das Fenster hineinstiegen, während er selber indessen unter einem kleinen Balkon verdeckt stand und dort, wie er glaubte, in völliger Sicherheit zuschauen wollte, hatte sich plötzlich in dem Balkon selber eine Klappe geöffnet und ihn mit völlig grün gefärbtem Wasser so übergossen, daß er nicht mehr aus den Augen sehen konnte und hinaus in die Sonne flüchtete, um sich einigermaßen abzutrocknen. Granero lachte; der Mulatte hatte sich allen Mißhandlungen geduldig ausgesetzt, nur um ein paar wilden Burschen auf ihrem Karnevalsgang zu folgen. Er sah selber nicht die geringste Gefahr; daß ein Weißer, dieser Señor Perteña, dessen Namen er nie gehört hatte, und der deshalb auch von keiner Bedeutung sein konnte, mit ein paar Farbigen einen tollen Karnevalsstreich ausführte, nun, das entschuldigte die Zeit; draußen auf der Straße machten es hundert andere nicht besser. Hätte Corona verräterische Absichten gehabt, so würde er sich nicht bei einem Karnevalsscherz beteiligt haben. Der arme Mestozzi war dabei wirklich entsetzlich zugerichtet worden, aber Granero wußte schon, wie er ihm alles Ungemach erleichterte. »Mein lieber Freund«, sagte er, indem er ihm wieder eine Unze in die Hand drückte, »ich bin Euch für die Mühe dankbar, die Ihr Euch meinetwegen gegeben habt. Jetzt geht aber nach Hause, zieht Euch trockene Kleider an und trinkt einen scharfen Grog, daß Euch das kalte Bad nicht schadet. Um eins aber bitte ich Euch – der Karneval erreicht mit dem heutigen Tag sein Ende; sollte Señor Corona noch morgen mit dem Weißen zusammentreffen, so laßt es mich umgehend wissen, denn dann ist es allerdings nötig, daß wir auf unserer Hut sind. Ist das aber nicht der Fall, dann braucht Ihr erst morgen abend spät wieder hierher zu kommen. Ich rechne dann aber darauf, euch alle hier zu sehen, weil wir Wichtiges zu besprechen haben.« Mestozzi hätte gern noch einige Fragen an seinen »Meister« gerichtet; einesteils fühlte er sich aber wirklich in den durchgeweichten Kleidern zu unbehaglich, und dann sehnte er sich auch danach, von der Unze Gebrauch zu machen. So stand er von seinem Stuhl auf und verließ, so rasch er konnte, das Haus. Der Überfall In der Calle de Valladolid wurde indessen nicht minder als in der übrigen Stadt tüchtig »gespielt«, und Lydia Valière, die rasch auf den Scherz einging und Vergnügen daran fand, war bald eine der Ausgelassensten von allen. Aber sogar die sonst so ruhige und stille Adele schien heute wie ausgewechselt zu sein und trieb den Mutwillen fast noch wilder als Lydia selber. Schon am vorigen Abend hatten sie alle Kübel, Flaschen, Karaffen, Becken und Schalen, kurz alles, was nur irgend Wasser halten wollte, füllen und bereitstellen lassen, und da sich Madame Deringcourt nicht ganz wohl fühlte, so war der eigentliche Kampfplatz in Lydias Zimmer hinüber verlegt worden. Natürlich hatte man vorher die unteren Fenster, die außerdem auch noch eiserne Gitter trugen, fest verschlossen. Ebenso war die Haustür verriegelt, Lydias Balkon aber in ein Vorwerk der Festung verwandelt worden, von dem aus man halb gedeckt die ganze Front des Hauses und die Hälfte der Straße beherrschen konnte. Beide junge Damen waren weiß gekleidet, eigentlich nur in Morgenröcke, denn große Toilette wurde an diesen Tagen nicht gemacht, die Haare hielt nur ein Netz zusammen. Adele hatte noch außerdem ein paar schon einmal zu diesem Zweck verwandte kleine Sonnenschirme zum Umklappen beigebracht, mit deren Hilfe sie sich besser gegen die von unten heraufgeschleuderten Eier schützen konnten. Der erste Angriff geschah etwa um neun Uhr, als Señor Desterres mit einem ganzen Korb mit wohlriechendem Wasser gefüllter Eier vor dem Hause Posto faßte und den Kampf eröffnete. Die beiden Damen hatten ihn bald von oben herab so durchweicht, daß er ordentlich triefte. Unterstützt wurden sie dabei lebhaft von einer dicken Mulattin, Adelens Dienerin, die das Wasser mit einem wahren Feuereifer herbeischleppte und zuletzt gar eine als Bombe zu verwendende, gefüllte und verschlossene Kalabasse brachte. Der Junge, der den Eiervorrat trug, trieb sich nämlich immer unter dem Balkon umher, weil der sonst so steife Señor Desterres bald herüber, bald hinüber sprang, um den wohlgezielten Strahlen auszuweichen, und Lydia paßte jetzt ihre Zeit ab und schleuderte die Kalabasse mit so glücklichem Wurf mitten in den Eierkorb hinein, daß sie dort eine furchtbare Verwüstung anrichtete. Der Vorrat war völlig vernichtet, und von dem spöttischen Lachen der Damen verfolgt, mußte sich der Angreifer zurückziehen, um neue Wurfgeschosse herbeizuschaffen. Rafael hatte sich anfangs dem Spiel nicht anschließen wollen; aber es zog ihn doch unwillkürlich in die Gegend, wo Lydia wohnte, um wenigstens einmal zu sehen, ob sie sich dabei beteiligte. Er selber brauchte ja nicht den Unsinn mitzutreiben, nur sehen wollte er, was die Damen machten. Schon am vorigen Tag hatte er sich aber auf der Plaza einen billigen Hut gekauft, denn mit seinem guten Panama durfte er sich heute nicht in die Straße wagen. Als er in die Calle de Valladolid einbog, begegnete er eben Desterres, der wie eine gebadete Maus vom Kampfplatz zurückkehrte. Rafael lachte leise vor sich hin, beschleunigte aber fast unwillkürlich seine Schritte, denn er brauchte jetzt nicht mehr daran zu zweifeln, daß Lydia an dem peruanischen Leben, und zwar mit großem Eifer, teilnahm. Vorsichtig hielt er aber doch die Mitte der Straße, denn verschiedene nasse Flecken vor den Häusern verrieten, wenn man auch noch niemand in den Fenstern erkennen konnte, daß mutwillige Schöne dahinter lauerten und nur darauf warteten, den arglos Vorübergehenden mit einer Ladung zu überschütten. Einigemal entging er auch wirklich nur mit knapper Not vortrefflich gezielten Güssen, die bis über die halbe Straße reichten, gelangte aber doch noch verhältnismäßig trocken bis vor Deringcourts Haus, wo auf Lydias Flügel allerdings Fenster offen standen, aber kein menschliches Wesen zu erkennen war. Die Nässe vor dem Haus verkündete indessen, daß hier vor noch ganz kurzer Zeit ein heißes Gefecht stattgefunden hatte. Hatten sich die Damen vielleicht jetzt gerade zurückgezogen, um andere Toilette zu machen? Rafael passierte das Gebäude ein paarmal, aber immer noch mißtrauisch. Auf Deringcourts Flügel waren alle Jalousien fest geschlossen; vielleicht war die Tür offen, und er konnte, als Neutraler, den Damen einen Besuch abstatten. Er ging quer über die Straße, um an die Tür zu pochen, und behielt dabei die geöffneten Fenster immer im Auge; aber er vernachlässigte den Balkon, und kaum befand er sich fast unter diesem, als eine der Jalousien aufflog und ein kleiner, rot lackierter Gießer, der etwa einen drittel Eimer halten mochte, so direkt über ihn ausgeschüttet wurde, daß auch kaum ein Tropfen dabei verloren ging. Lauter Jubel von ein paar lachenden Mädchenstimmen folgte dem geglückten Guß, während Rafael, der aus der gefährlichen Nähe zurückspringen wollte, aus dem Regen in die Traufe, oder eigentlich aus einer Traufe unter die andere kam. Gegenüber, an der anderen Seite der Straße, erwartete ihn nämlich ein ganz ähnlicher Empfang, denn die dort versteckten Mädchen hatten nur darauf gepaßt, ein Opfer herübergeschickt zu bekommen, und von zwei Seiten geriet er in einen förmlichen Wasserstrahl. »Caramba«, rief der junge Mann lachend aus, indem er sich wie ein Pudel schüttelte, »da bin ich in die rechte Ecke hineingekommen! Aber warten Sie, meine Damen, umsonst sollen Sie das nicht getan haben, darauf können Sie sich verlassen, und da Sie mich doch nun einmal so zugerichtet haben, so will ich Ihnen auch beweisen, daß ich mich rächen kann!« »Haben Sie mir nicht erzählt, Don Rafael«, rief Lydia jetzt lachend aus dem Fenster, »daß es in Lima nie regnet? Wie mir scheint, sind Sie doch heute morgen naß geworden!« »Warten Sie nur, Señorita«, rief Rafael, indem er sich scheu vor dem Fenster zurückzog, »das sollen Sie büßen!« Und so rasch ihn seine Füße trugen, lief er die Straße hinab, um sich einen Eiervorrat zuzulegen. Er war plötzlich Feuer und Flamme für den Kampf geworden. Es dauerte auch nicht lange, so kehrte er zurück, und die Damen fanden hier einen gefährlichen Gegner, denn Rafael war ein wahrer Meister im Werfen und fehlte sein Ziel fast nie. Dabei wußte er aber mit der größten Sicherheit so zu treffen, daß er den Damen durch einen heftigen Wurf nicht weh tun konnte. Nur gegen Fensterkreuz und Rahmen schleuderte er die Eier, sowie die Damen sich diesen näherten. Wehe aber der dicken Mulattin, wenn sie sich im Bereich eines Geschosses blicken ließ, denn sowie sie nur mit einem Wasservorrat den Kopf zeigte, saß ihr eins von den Eiern auch mit solcher Gewalt geschleudert mitten vor der Stirn, daß es zu Atomen zersplitterte und die Mädchen sich dann darüber totlachen wollten. Die dicke Person war schon gar nicht mehr an ein Fenster zu bringen. Rafael hatten sich indessen noch ein paar junge Leute, Bekannte von Deringcourts, angeschlossen, und der Kampf wurde immer hitziger. Als sie im besten Feuern waren, bog ein Wagen um die Ecke und kam die Straße herunter; die italienische Fahne wehte daran, und eine Garibaldi ähnliche Figur, mit drei anderen dicht Vermummten im Innern, stand darin und unterstützte mit sicherem Wurfe die Belagerer. Das Ziel draußen war aber zu verführerisch, wenn man auch die Herren im Wagen nicht kannte. Sie hatten sich in Wurfsnähe getraut und selber die Feindseligkeiten begonnen, und ein tüchtiger Kübel Wasser, von Lydias Hand gesandt, traf den verkleideten Garibaldi wie ein Spritzenstrahl auf die Brust. Eine kleine Salve von Eiern folgte nach, und dann fuhr der Wagen unter dem Lachen der Darinsitzenden langsam weiter, um seine Geschosse auch gegen die übrigen Fenster zu richten. Die jungen Leute vor dem Hause achteten auch nicht weiter darauf, denn es war etwas zu Allgewöhnliches, derartige Fuhrwerke durch die Straßen fahren zu sehen. Immer wilder tobte indessen der Kampf, bis den Damen oben der Vorrat ausging, oder die Geschosse von unten auch vielleicht zu derb und dicht fielen. Da bekam die Mulattin Befehl, die Fenster zu schließen, als Zeichen des Waffenstillstandes, und kaum ließ sie sich sehen, als sie eine volle Salve gegen Stirn und Brust erhielt. Aber es half nichts, naß war sie doch einmal, und mit festgeschlossenen Augen gelang es ihr endlich, die Fenster anzuziehen. Die Herren unten zogen sich indes ebenfalls zurück, um vor allen Dingen erst einmal ihre Kleider zu wechseln, und dann mit einem neuen Eiervorrat zurückzukehren. Sie waren einmal warm geworden, und beschlossen, nun auch den Kampf bis Sonnenuntergang durchzuführen. Etwa eine halbe Stunde später öffneten sich die Fenster wieder, und vorsichtig schaute zuerst die Mulattin, die immer als Zielscheibe vorgeschoben wurde, heraus, um zu sehen, ob keine unmittelbare Gefahr drohe, oder wer überhaupt in der Nähe sei. Von den früheren Kämpfern war übrigens noch keiner wieder zu entdecken; nur der Wagen mit der italienischen Flagge bog wieder um die Ecke und kam langsam die Straße herab, während die darin Sitzenden nach rechts und links die gefüllten Eier aussandten und dafür solche Güsse zurückerhielten, daß das Wasser ihnen schon unten aus dem Wagen lief. Vor Deringcourts Haus hielten sie wieder an, und die mutwilligen Mädchen, denen indes die Zeit schon lang geworden war, konnten die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne ein paar Gefäße über die vermummten Ritter auszuschütten. Es waren ja überhaupt »alte Bekannte«, mit denen sie schon vorher ihre Schüsse gewechselt hatten, und ungestraft konnte man doch an diesem Tag keinen Wagen langsam unter einem Fenster vorbeifahren lassen. Die im Wagen Sitzenden richteten sich jetzt auf und erwiderten das Feuer, aber so ungeschickt, daß sie den Damen immer Zeit ließen, gerade in rechter Wurfweite förmliche Wasserstürze auf sie niederzusenden, bis sie plötzlich besser zu treffen anfingen. Die arme Mulattin bekam zuerst drei Eier zu gleicher Zeit und mit solcher Gewalt ins Gesicht, daß sie hintenüber stürzte, und Lydia wie Adele wurden ebenfalls blitzschnell getroffen und überschüttet. So leicht wollten sie sich aber nicht für besiegt erklären, und wieder und wieder arbeiteten die Blechbecher, die den Strahl heruntersandten. Aber den vier Werfenden konnten sie nicht lange die Spitze bieten. Wo sich nur ein Arm oder Kopf sehen ließ, wurde er getroffen, und als die Mulattin jetzt noch einmal das Fenster schließen wollte, war es, als ob es Eier auf sie gehagelt hätte, und mit einem Schrei fuhr sie wieder zurück. Die Damen ließen sich jetzt nicht mehr am Fenster sehen; aber in der Hitze des Gefechts, und um besser von verschiedenen Seiten beikommen zu können, waren die Vermummten schon vorher aus dem Wagen gesprungen und hatten jetzt mit solcher Geschicklichkeit geworfen, daß sich die Nachbarschaft für die Sache zu interessieren begann und lachend zuschaute. Dadurch aber, daß sich die Damen vom Fenster zurückzogen, verloren die Werfenden ihr Ziel. – An der andern Seite der Straße war ein Schwarzer mit einer Leiter heruntergekommen und ebenfalls stehengeblieben, um dem Kampfe zuzusehen. Auf diesen sprang der eine der Verkappten, derselbe, der wahrscheinlich Garibaldi vorstellen sollte, zu, und wollte dem Mann die Leiter wegnehmen. Dieser weigerte sich anfangs, aber ein ihm in die Hand gedrücktes Geldstück schien ihn rasch zu beruhigen. Der Vermummte nahm die Leiter und brachte sie selber nach dem gegenüber befindlichen Fenster. Er trug auch nicht, wie seine Kameraden, Handschuhe, sondern zeigte eine weiße, schön geformte Hand, an der ein großer Brillant funkelte. Der Verkappte mußte ein vornehmer Señor sein. Jetzt war die Leiter angesetzt, und »Garibaldi« machte Anstalten, sie zu ersteigen. Kaum aber war er etwa zur Hälfte oben, als die Mulattin mit einem ganzen Kübel Wasser ans Fenster gestürzt kam und diesen, sowie sie die Leiter bemerkte, in einem vollen Guß über den Vermummten ausschüttete. Der Kletternde mußte sich in dem Augenblick wirklich mit beiden Händen an der Leiter halten, um nicht im wahren Sinn des Wortes hinuntergespült zu werden; Jubelgeschrei der Vorübergehenden lohnte den kühnen Guß der Gelben. Aber ihr Triumph sollte nicht lange dauern, denn vier oder fünf Eier flogen ihr zugleich ins Gesicht. War es nun Zufall oder absichtlich aus Bosheit geschehen, daß sich auch ein wirkliches Ei zwischen die mit Wasser gefüllten gemischt hatte, aber ein solches traf die unglückliche Mulattin gerade auf die Nasenwurzel, mitten zwischen die Augen hinein. Völlig geblendet, fuhr sie zurück, und den Moment benutzte der Vermummte, um mit kühnem Schwung das Fensterbrett zu gewinnen. »Schafft Eier hinauf«, rief er laut zurück, »ich halte indessen das Fenster!« Und ihm nach kletterten, jeder einen Handkorb voll Eier in der einen Hand, die übrigen. In der Straße hatte man indessen diesem Haussturm mit Lachen zugesehen, denn derartige Auftritte waren besonders am letzten Tage des Karnevals gar nichts Seltenes. Man setzte natürlich immer voraus, daß die »Spielenden« auch schon gute Freunde oder wenigstens Bekannte wären, und nahm immer Partei für die Sieger, ob sie nun durch kräftige Güsse abgeschlagen wurden, oder wirklich triumphierend die verteidigte Festung erstürmten. Dort ging es dann gewöhnlich entsetzlich wild her. Die Eindringenden, die den Kampf mit ihren Wurfgeschossen in solcher Nähe aufgaben, suchten sich gewöhnlich so rasch als möglich aller dort aufgestellten Wassergefäße zu bemächtigen und sie zur Strafe über die schönen Eigentümerinnen selber auszugießen. So viel ist sicher: alle Bande der Ordnung und steifen Grandezza waren in diesem Augenblick gelöst, und in den Häusern schwamm alles, tropfte durch die leichtgebauten Decken in den untern Stock und weichte die Tapeten von den Wänden. Aus den gegenüberliegenden Häusern beobachtete man indessen noch mit besonderem Interesse den sich jetzt im Innern entspinnenden Kampf. Da sich dieser aber aus der überhaupt halb düsteren Stube rasch in das dahinter gelegene Zimmer hinüberzog, ließ sich bald nichts mehr erkennen. Lautes Lachen und ein paarmal ein weiblicher Aufschrei oder Kreischen – dann war alles ruhig, und die Nachbarn erwarteten jetzt gespannt den Rückzug der Angreifer, der ihnen, wie es schien, abgeschnitten worden war. Der Schwarze nämlich, von dem man die Leiter entlehnt, hatte nicht länger Lust zu warten, und als die Vermummten nicht gleich zurückkamen, ging er erst einmal an das Haus und rief hinauf, und da ihm niemand antwortete, nahm er seine Leiter und ging unter dem Beifallsruf der Umstehenden die Straße hinab. Viel geduldiger nahm der Kutscher die Sache und schien seinerseits nicht die geringste Eile zu haben. Oben war alles ruhig geworden, er aber saß regungslos auf seinem Bock, und da sich die Straße wieder von Menschen geleert hatte, so fing man jetzt an, ihn von den gegenüberliegenden Häusern als Zielscheibe zu nehmen. Da er in Mitte der Straße hielt, war der Wurf allerdings etwas weit; dann und wann aber traf ihn doch ein Guß, ohne ihn jedoch im geringsten außer Fassung zu bringen, ja, als ein paar dort wohnende mutwillige junge Burschen eine lange Spritze herbeigeschafft hatten und ihn zuletzt unter den vollen Strahl brachten, daß er wie unter einer Gießkanne saß, wich er noch immer nicht vom Platze, zog nur den Hut fester ins Gesicht, seinen Rockkragen in die Höhe und hielt still. Was schadete auch in der glühenden Sonne solch ein kühler Schauer! Bertrand war am dritten Karnevalstage in die Stadt geritten. Er fand den französischen Konsul auch zu Hause, schien dem Herrn aber nicht recht gelegen zu kommen. Monsieur Lacoste ließ sich aber trotzdem einen genauen Bericht erstatten. Er wußte allerdings, daß die Insulaner hierher gebracht und nach angeblichen Kontrakten an verschiedene Hacienderos vermietet worden waren, hatte sich aber nicht weiter darum bekümmert; die Südsee ist groß, und nur wenige Inseln darin wurden von den Franzosen beansprucht. Eine Klage war aber bis jetzt von keiner Seite eingelaufen; es lag also nicht der geringste Grund vor, gegen diesen Kulihandel einzuschreiten. In der Geographie der Südsee war Monsieur Lacoste ebenfalls nicht besonders zu Hause; nach genauer Durchsicht einer vortrefflichen Karte stellte sich aber doch heraus, daß die Insel Raiateo wirklich zu jener Gruppe gehöre, die von den Franzosen als unter ihrem Protektorat stehend betrachtet wurde, wenn auch die Insulaner selber das bisher nicht anerkennen wollten. Jedenfalls schien es, als ob es jetzt wenigstens einem Teil von ihnen zugute kommen sollte, denn Monsieur Lacoste hatte sich kaum von diesem Tatbestand überzeugt, als er auch selber entrüstet war über das an »französischen Untertanen« verübte Verbrechen, und er gab Bertrand die bestimmte Versicherung, daß er sich lebhaft dafür verwenden wolle. Er ließ sich jetzt vor allen Dingen die näheren Daten geben. Aber die Hauptsache blieb ein Dolmetscher, denn er selber konnte nicht mit den Insulanern sprechen. Bertrand wußte da keinen anderen Rat, als ihm Don Rafael zu empfehlen, obgleich er zweifelte, daß dieser sich gern dazu verstehen würde. Übrigens lag ein französisches Kriegsschiff, »La Glorieuse«, zufällig auf der Reede, und an Bord dieser Fahrzeuge, die eine Zeitlang in der Südsee gekreuzt hatten, fanden sich immer Leute, die der verschiedenen Sprachen dieser Inselgruppen mächtig waren und leicht als Dolmetscher verwandt werden konnten. Es war sogar notwendig, daß der Konsul, ehe er in dieser Sache einen wirklich ernstlichen Schritt tat, eine Unterredung mit dem Kapitän der »Glorieuse« hatte, und er versprach Bertrand, diese am nächsten Morgen zu besuchen – heute konnte kein Mensch verlangen, daß er sein eigenes Haus verließ, um sich draußen von der übermütigen Jugend fast ersäufen zu lassen. Das war alles, was Bertrand heute erreichen konnte; es war auch genug; denn wenn sich der französische Konsul erst wirklich einmal der Sache annahm, so durfte er fest darauf rechnen, daß er sie durchführen würde. Übrigens war der Konsul auch hier in seinem guten Recht, denn er brauchte von der Regierung nichts weiter zu verlangen, als daß die bestraft würden, die ein Verbrechen verübt hatten, und daß man die befreite, die widerrechtlich so lange als Sklaven gehalten worden waren. Etwas Einfacheres gab es gar nicht in der Welt. Bertrand begab sich von hier direkt nach Deringcourts Haus, denn er hatte versprochen, dort sein Mittagsmahl einzunehmen, sobald er wieder in die Stadt käme. Allerdings war das heute mit Hindernissen verbunden, aber lieber Gott, was schadeten im schlimmsten Falle ein paar Becher reinen Wassers! So ließ er denn sein Pferd dort stehen, wo er es eingestellt hatte, und begab sich zu Fuß nach der allerdings ziemlich entfernten Calle de Valladolid. Die Plaza erreichte er auch ohne besondere Schwierigkeiten. Quer dort hinüberhaltend, wollte er jetzt in die nach der Calle de Valladolid führende Straße einbiegen und suchte unter den ersten rechts gelegenen Balkon zu schlüpfen, um von hier erst einmal einen Überblick über die Straße zu gewinnen. Kaum aber hatte er den Fuß unter den Vorbau gesetzt, so fuhr er auch mit einem Seitensprung zurück, bei dem er den Hut verlor und fast in die Mitte der Straße gelangte; denn mit einem furchtbaren Krach und Poltern schien das ganze Haus über ihm zusammenzubrechen. Ehe er sich aber nur von seinem Schreck erholt hatte, hörte er schon jubelndes Lachen um sich her, und besaß peruanische Erfahrung genug, um zu wissen, welcher List er eben zum Opfer gefallen war. Die Damen in Lima füllen nämlich an diesem Tage Säcke mit Glasscherben, Blech, Stücken Eisen und allerlei tönenden Dingen und lassen sie, an einem festen Strick hängend, bis dicht über die Köpfe Vorübergehender herunterstürzen, so daß diese meinen müssen, das ganze Haus breche und poltere über ihnen zusammen. Es ist fast nicht möglich, seine Ruhe dabei zu bewahren, und man muß zusammenschrecken. Wie er nun, halb ärgerlich, halb über sich selbst lachend, wieder zurück nach seinem Hut sprang, schienen sich alle Schleusen des Himmels zu öffnen, denn solche Wasserstürze kamen über ihn her, daß er fast das Gleichgewicht verlor. In der ersten Überraschung flüchtete er dabei nicht an dieser gefährlichen Stelle vorüber und in die Straße weiter hinein, sondern unwillkürlich auf die freie Plaza zurück, wo ihm allerdings nichts weiter geschehen konnte, er aber auch wieder die von allen Seiten bedrohte Stelle passieren mußte, wenn er die Calle de Valladolid erreichen wollte. Bertrand brauchte aber nicht von vorn Deringcourts Haus zu erreichen, denn bis zur anderen Straße hinüberführend lief ein kleiner Garten von Deringcourts Wohngebäude ab, der an seinem unteren Ende an das Grundstück eines französischen Konditors stieß und von da aus auch durch eine kleine Seitentür in die andere Straße ausmündete. Der Weg dahin war auch ziemlich betreten, denn Deringcourts schickten ihre Dienstboten immer dorthin, um bei dem Franzosen das, was sie an Brot und Gebäck brauchten, holen zu lassen. Diesen Weg schlug Bertrand jetzt ein; er führte durch eine verhältnismäßig ruhige Straße. Nur einige vereinzelte nasse Flecken an den Seiten der Häuser verrieten die Stellen, wo man aufpassen mußte, und des Franzosen Haus besonders deckte ein langer Balkon, von dem aus der Konditor kein »Spiel« duldete, um sich die Gäste nicht damit fortzuscheuchen. Das Lokal des Franzosen war heute außergewöhnlich stark besetzt, denn wer an dem Tag einen trockenen Platz hatte, hielt den eben, so lange er konnte. Bertrand blieb aber nicht lange, ließ sich nur, um etwas zu verzehren, ein Glas Anisette geben und schritt dann durch die Hintertür in den Hof, durch diesen in den Garten, fand Deringcourts kleine Pforte, wie das gewöhnlich der Fall war, offen, und betrat gleich darauf das Grundstück seines Freundes. Daß es in dessen Hause aber nicht so ruhig zuging, wie bei dem Konditor, merkte er bald, denn wildes Kreischen von Frauenstimmen und tiefes Lachen tönte dazwischen. »Das ist wildes Volk«, murmelte Bertrand, »ob denn nicht die Frauensleute heute alle wie vom Bösen besessen sind! Gott sei Dank nur, daß die Geschichte heute abend mit Sonnenuntergang aufhört! Mir ist's überdies schon ein Rätsel, wie sie's nur drei Tage ausgehalten haben!« Mit den Gedanken hatte er die Hintertür zu Deringcourts Haus erreicht und wunderte sich schon, daß sie gegen alle Gewohnheit offen stand, denn sonst war sie fast immer von innen verriegelt und man mußte an einer kleinen Glocke ziehen, um Einlaß zu erhalten. Wie er aber eben öffnete, brachen ein paar vermummte Gestalten heraus. Nun wußte Bertrand recht gut, daß derlei Mutwille im Karneval oft genug getrieben wurde, aber die stille Flucht kam ihm verdächtig vor. Auch das Rufen im Hause machte ihn stutzig; ehe er aber nur einen festen Gedanken fassen konnte, flogen ihm ein halbes Dutzend Eier, die mit Essig gefüllt sein mußten, denn es zerbiß ihm fast die Augen, ins Gesicht, er fühlte sich beiseite geworfen und hörte, wie noch mehr Fliehende an ihm vorübereilten. »Halt! Diebe!« schallte es aus dem Haus heraus, und Bertrand, den Schmerz gewaltsam verbeißend, sprang zu und fuhr dem letzten, der an ihm vorüberwollte, nach der Kehle; aber ein Messer schnitt ihm über die Hand, und als er erschreckt losließ, schleuderte ihn der Gehaltene beiseite und war im Nu hinter den Genossen her. Nur ein Stück bunten Kattunlappen von dem Überwurfe des Vermummten behielt er in der rechten Hand. Oben bei Deringcourts, und zwar in Lydias Stube, hatte sich indessen eine wilde Szene abgespielt. Kaum nämlich waren die Vermummten durch das Fenster eingedrungen, als der »Garibaldi« Lydias Arm ergriff und mit durch die Maske gedämpfter Stimme rief: »Einen Schrei, und Sie sind des Todes!« In demselben Augenblick hatte einer der Nachfolgenden die Mulattin mit einem Schlag seiner Faust zu Boden geworfen, während ein anderer auf Adele zusprang, um sich ihrer zu versichern. Trotz der Drohung stießen jetzt beide Mädchen einen markdurchschneidenden Schrei aus; aber der Führer der Schar hatte schon mit einem seiner Leute ein paar flüchtige Worte gewechselt, und Lydia wie Adele fühlten sich im nächsten Augenblick jede von einem Paar eiserner Arme umfaßt und zu Boden gedrückt, eine schwere Hand lag auf ihren Lippen und ein Messer funkelte vor ihren Augen. Adele machte den Räubern die wenigste Mühe, sie war vor Schreck gleich ohnmächtig geworden; Lydia aber, durch die Todesdrohung nicht im geringsten eingeschüchtert, rang mit dem Burschen, der sie hielt, aus Leibeskräften, freilich umsonst. Wie in einem Schraubstock hielt er sie umfaßt, und der Führer, der sich mit einem einzigen Blick überzeugt hatte, daß er seine Opfer in sicheren Händen wußte, rief lachend: »So recht, Companeros, haltet mir nur den kleinen Teufel fest, dann will ich im Handumdrehen mit unseren Geschäften fertig sein. Nun sag' einmal, mein Schatz, wo hast du denn all deine Kostbarkeiten versteckt? Das sieht ja hier brillant in dem Zimmer aus, und kein Teufel kann sich da zurechtfinden!« Aufgeräumt war allerdings nicht viel, denn die beiden Mädchen hatten alles aus Lydias Zimmer in das Hinterstübchen getragen, um es vor Nässe zu schützen, und hier war das nur eben aus dem Weg geschoben, daß man vorbei konnte – morgen wurde ja doch wieder Ordnung gemacht. Der Fremde erwartete aber keineswegs eine Antwort auf seine Frage, denn noch während er sprach, war er zu einer dort stehenden Kommode gesprungen, um diese zu untersuchen. Die erste Schublade, die halb offen stand, enthielt freilich nur Wäsche; kaum hatte er aber die mittlere herausgezogen, als er ein wahres Gewirr von kleinen, sehr geschmackvoll gearbeiteten Saffian-Etuis erblickte und jubelnd ausrief: »Gefunden! Aber, Schatz, du hast ja einen ganzen Juwelierladen geplündert! Nun, zum Betrachten haben wir jetzt freilich keine Zeit, das können wir nachher zu Hause bequemer haben. Gib deinen Eierkorb her, Kamerad!« »Hier, Senor«, rief einer der Burschen, indem er ihm den verlangten Korb reicht«. »Bravo! Der wird aber nicht einmal alles halten; noch einen anderen, und dann füllt eure Taschen, die Ihr freie Hände habt; die Mulattin liegt still genug!« Im Nu war alles aus der Schublade geräumt; eine untere Schublade erwies sich aber noch reichhaltiger als die andere, denn sie zeigte einen kleinen Sack mit Dublonen und einen größeren mit halben Dollarstücken. »Bravisimo!« lachte der Dieb vor sich hin, indem er den kleineren Sack barg und den größeren vorhob. »Hier, eure Taschen auf, und nun fort – wir dürfen zufrieden sein!« Der Bursche, der Lydia hielt, sprang gierig vor, um seinen Teil ebenfalls in Empfang zu nehmen. Den Augenblick benutzte das junge Mädchen, um mit gellender Stimme um Hilfe zu rufen. »Alle Teufel!« zischte der Führer zwischen den Zähnen durch. »Das geht nicht, das zieht uns die Nachbarschaft auf den Hals! Hier, Sip, trag' du das, und nun fort, so rasch euch eure Füße bringen können!« Drüben im Gang schlug eine Tür, und Schritte wurden laut. »Fort!« lautete der Warnungsruf, und mit einem Satz war der Bursche aus der Tür und die kleine Gartentreppe hinunter. Die übrigen folgten ihm, und während Lydia wieder und wieder ihren Hilferuf erschallen ließ, sprang Deringcourt vom Gang herüber. Aber der Gang hatte eine Tür an dieser Seite, die von innen verriegelt werden konnte. Einer der Mulatten ersah seinen Vorteil, schlug sie zu und schob den Riegel vor, und ehe sie der wütend dagegen stürmende Franzose auseinanderbrechen konnte, waren die Räuber mit ihrer Beute im Garten und flüchteten dort, den ihnen begegnenden und überraschten Bertrand beseitigend, zwischen die Häuser hinein und auf die andere Straße hinaus. Wenige Minuten später waren sie in Sicherheit, und die Verfolger konnten jetzt sehen, wie sie ihrer in dem Gewirr von Straßen wieder habhaft wurden. Der Polizeibesuch In der Calle de Valladolid waren die Nachbarn indessen auch unruhig geworden, denn das Lachen oben in den offenen Räumen hatte aufgehört, und der wiederholte Hilferuf klang nicht gerade, als ob da Scherz getrieben würde. Nur der Wagen beruhigte sie wieder, der noch immer geduldig seine Herren erwartete und sich um den Lärm da oben wenig kümmerte. Nichtsdestoweniger sammelte sich nach und nach eine Anzahl von Neugierigen vor Deringcourts Hause, und aus den gegenüberliegenden Fenstern vergaß man selbst das Wasserschütten, nur in der Erwartung, wie das Intermezzo drüben enden würde. Darüber aber sollten sie nicht mehr lange in Zweifel bleiben. Deringcourt, der die Tür gesprengt hatte, erfuhr von Lydia, die eben mit der ohnmächtigen Adele beschäftigt war, in wenigen Worten das Geschehene, und Bertrand draußen treffend, stürmten die beiden Männer durch die französische Konditorei auf die Straße hinaus. Die Vermummten waren dort allerdings gesehen, aber nicht beachtet worden. Wohin sie sich gewandt hatten? Wer wußte das jetzt noch, wer hatte ihnen auch nur nachgesehen! Wollten sie wirklich verborgen bleiben, so brauchten sie nur, was sie auch aller Wahrscheinlichkeit nach schon getan hatten, ihre Vermummung abzuwerfen und ruhig ihres Weges zu gehen. Wer hätte sie aufgreifen, wer auf sie schwören wollen? Die Kavallerie-Patrouille kam gerade wieder die Straße herab, und von dem Geschehenen in Kenntnis gesetzt, sprengte deren Hälfte augenblicklich in die Calle de Valladolid hinüber, um dort nach Spuren zu suchen. Hier fiel ihnen natürlich gleich der Wagen auf, und nach einigen mit den Zuschauern gewechselten flüchtigen Worten erfuhr der Führer der Patrouille, daß das der Wagen sei, der die Diebe hierhergebracht hatte. Augenblicklich wurde das Fuhrwerk umzingelt und der Kutscher aufgefordert, Rechenschaft über sich und seine Fahrgäste zu geben. Über sich? Er war Kutscher bei einem Señor in der Stadt, der die Mietwagen hielt, und heute morgen in der Straße von den Vermummten angerufen und gleich für drei Stunden bezahlt worden, um sie, wie das im Karneval ja immer geschah, langsam in den Straßen umherzufahren. Was sie dabei trieben? Was kümmerte es ihn! Die Fahne war nicht einmal sein Eigentum und gehörte den Verschwundenen – er war weiter nichts als Kutscher und seine bezahlte Zeit um, sobald er hier noch eine halbe Stunde gehalten hatte. Nachher fuhr er fort. Was kümmerten ihn die Masken! Aus dem Burschen war nichts weiter herauszubekommen, und was er sagte, hatte auch den Schein der Wahrheit; wie durfte er sonst, wenn ihn die Verbrecher wirklich etwas angingen, so geduldig hier haltenbleiben und die Polizei erwarten? Der Führer der Patrouille notierte sich aber trotzdem seinen Namen und die Nummer seines Fuhrwerks. Deringcourt und Bertrand eilten indessen, als sie die Polizei auf die Fährte gebracht hatten, wieder zurück in das Haus, um dort erst einmal zu erfahren, wie alles gekommen war und was die Verbrecher eigentlich verübt hatten. Lydia war dabei die einzige, die ihnen Auskunft geben konnte, denn wenn sich Adele auch indessen wieder erholt hatte und selbst die Mulattin aufrecht in der Ecke saß und sich das Blut von der Stirn wischte, wußte doch keine von ihnen mehr als den Anfang des Einbruchs zu erzählen. Nach Lydias Bericht stellte sich der Streich bald als ein Raubüberfall heraus. Und doch war Lydia der Führer der Masken eigentlich nicht wie ein gemeiner Dieb vorgekommen. Sie hatte seine mit Ringen bedeckte weiße Hand gesehen, wenn sie auch seine Gesichtszüge nicht erkennen konnte, und sein ganzes Benehmen schien nicht zu dem seiner Gefährten zu passen. Übrigens war ihr alles an Wert gestohlen worden, was sie besaß, und zwar nicht allein, was sie hier mit ihrer Kunst verdient, sondern auch das, was sie mit von Europa herübergebracht hatte – ein einziges, mit Brillanten besetztes Armband ausgenommen, das die Diebe, obgleich es mit in der Schublade gelegen, doch in der Eile übersehen hatten; zufällig war es das kostbarste. An dem Tag war übrigens nichts mehr zu tun, und man mußte es der Polizei überlassen, ob sie vielleicht noch einen oder den anderen der Übeltäter aufspüren würde. In Lydias Wohnung wurden indessen die Fenster geschlossen, denn es verstand sich von selbst, daß keine der Damen auch nur die geringste Lust verspürte, das Spiel fortzusetzen, selbst die junge Französin nicht. Señor Desterres, Señor Benares, Monsieur Monfort sogar und Rafael kamen nacheinander wieder durch die Straße, um den Kampf mit den jungen Damen zu erneuern, aber die ganze Straße schien verwandelt; der Mutwille, der sie an dem Morgen beseelte, schien verschwunden. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht der heute bei der jungen Schauspielerin verübten Freveltat durch ganz Lima und rief überall Entrüstung hervor. Sämtliche Herren von Lydias Bekanntschaft hörten auch kaum die Kunde, als sie zu Deringcourts strömten, um dort ihr Beileid zu bezeigen; niemand aber wurde angenommen, selbst Rafael nicht. Lydia ließ allen, die ihre Karten hereinschickten, sagen, sie würde sich sehr freuen, sie morgen begrüßen zu können, heute wäre sie zu sehr angegriffen und sehne sich nach Ruhe. Und wie in einem Bienenstock war es am andern Morgen in ihrem Hause. Von allen Seiten kamen sie herein, selbst fremde Menschen, die sich bis jetzt noch gar nicht um die fremde Künstlerin gekümmert hatten. Man wußte bald allgemein, daß es die Diebe nur auf den Schmuck abgesehen hatten, und von allen Seiten strömten ihr heute Geschenke zu, um sie für das Verlorene zu entschädigen. Ja, nicht allein die Männer, nein, selbst die Damen steuerten von ihrem eigenen Schmuck dazu mit bei, und Lydia erhielt heute manches duftende, auf rosa Seidenpapier sehr unorthographisch geschriebene Billet von zarter Damenhand, worin ihr die schöne Schreibende sagte, wie sehr es sie schmerze, daß das Verbrechen gerade in Lima verübt worden sei, und wie sie hoffe, daß durch die beifolgende Kleinigkeit – irgendein kostbares Armband oder ein Paar diamantene Ohrringe – wenigstens ein kleiner Teil ihres Verlustes gedeckt werden möge. Desterres besonders war ganz außer sich und schwur, er werde nicht ruhen noch rasten und die ganze peruanische Polizei aufbieten, bis er die Verbrecher entdeckt und ihrer Strafe überliefert hätte. Er bedauerte dabei nichts so sehr, als daß der Präsident erst vor kurzer Zeit die Todesstrafe aufgehoben habe, denn das sei ein Verbrechen, das eben nur mit dem Tode und selbst damit nicht einmal hinlänglich gesühnt werden könne. Desterres hätte noch lange so weitergesprochen, aber Señor Benares und Direktor Monfort ließen sich anmelden, und da er seine Gründe hatte, mit Benares hier nicht zusammenzutreffen, brach er die Unterhaltung kurz ab, erklärte, jetzt im Augenblick die nötigen Schritte tun zu wollen, um die Täter aufzuspüren, und hoffte, ihr dann bald günstige Nachrichten, vielleicht sogar den Raub zurückbringen zu können. Höchst komisch war die Art und Weise, wie Monsieur Montfort, überhaupt eine kleine, drollige Gestalt, seiner Erregung Luft machte. Er sprang und hüpfte nur so im Zimmer umher, brachte seine Frisur durch fortwährendes Hindurchfahren mit der Hand in vollständige Unordnung, verlor zweimal seine Brille, stampfte dem bedeutend steiferen Benares einmal in voller Entrüstung gerade auf eine schadhafte Zehe und konnte dann wieder nicht aufhören, sich zu entschuldigen, kurz, er wußte kaum selber mehr, was er tat, und hätte am liebsten seinem Ingrimm auf Lima, das er gründlich haßte, da ihm jeder Kunstsinn fehlen sollte, Luft gemacht, wäre ihm dabei nicht eben Benares im Wege gewesen. Übrigens verwünschte er auch nebenbei das Unglück, daß an den nächsten Tagen kein Theater sein dürfe, denn jetzt, unmittelbar nach dieser Tat, hätte das große Haus die Zuschauer nicht fassen können, die jedenfalls herbeigeströmt wären, um die Heldin des Tages zu sehen. Aufgeschoben war freilich nicht aufgehoben, aber es war nachher keine Neuigkeit mehr, und ein großer Teil des Publikums bekam bis dahin auch schon Gelegenheit, die Künstlerin hier und da außer dem Theater zu sehen, kurz, er hatte Schaden bei der Sache. Auch Don Rafael hatte sich an dem Morgen anmelden, Lydia ihn aber bitten lassen, um zwei Uhr wiederzukommen, da sie ihn gern allein sprechen wolle und bis dahin alle Besucher abgeschüttelt habe. Bertrand war indessen schon wieder nach Hause zurückgekehrt, und Deringcourt wußte ebenfalls nichts Genaues über die Diebe, die er nur ganz flüchtig in ihren Masken gesehen hatte, anzugeben. Eine besondere Entdeckung schien aber die Mulattin gemacht zu haben, und wenn sie bis dahin noch kein Wort davon erwähnte, mochte es wohl daran liegen, daß sie sich schämte, in den Dieben Gleichfarbige zu denunzieren. Zuletzt aber konnte sie doch kein Geheimnis mehr daraus machen und erzählte Lydia nun, als ihre letzten Besucher sie eben verlassen hatten, daß der Bube, der sie zu Boden geschlagen hatte, ein Mulatte gewesen sei. Das konnte jedenfalls auf eine Spur führen; wie kam aber der Weiße zwischen die Mulatten? Doch auf drei Uhr nachmittags hatte sich ein Beamter der Polizei bei ihr anmelden lassen – um zwei Uhr kam überdies Rafael, und mit denen konnte sie das Nähere besprechen. Selbst der Präsident, oder vielmehr dessen Gemahlin, hatte sich erkundigen lassen, wie es Lydia ging. Dabei ließ die alte Dame sagen, sie hoffe ihr in nächster Zeit ihr Bedauern über den Unfall persönlich aussprechen zu können. Mit dem Schlag Zwei trat Rafael bei Lydia ein; ehe er aber nur ein Wort über den Unfall erwähnen konnte, rief ihm diese schon entgegen: »Halt, Señor; ich weiß schon, Sie sind außer sich darüber, daß Sie gerade die Zeit verpaßt haben, in der die Diebe bei mir einbrachen! Sie hätten sogar Ihr Leben geopfert, um ...« »Señorita!« sagte Aguila vorwurfsvoll. »Und warum nicht?« lachte das junge Mädchen – »ich habe das schon unzählige Male heute morgen gehört, und es versteht sich eigentlich von selbst, daß Sie mir das auch sagen! Aber wir haben Notwendigeres miteinander zu sprechen, und ich möchte die schöne Zeit nicht damit versäumen, da wir jeden Augenblick wieder gestört werden können.« »Gut«, sagte Rafael, »ich will kein Wort davon weiter erwähnen, aber das, Lydia, glauben Sie mir doch auch ohne weitere Beteuerung, daß mir die Geschichte leid tut.« »Ja«, Lydia gab ihm die Hand, »Ihnen glaube ich das, und will ich aufrichtig sein, so habe ich in dem Augenblick, wo mich der eine Bube anfaßte, auch wirklich nur an Sie gedacht und Sie herbeigewünscht.« »Ich danke Ihnen dafür!« rief Rafael und preßte einen Kuß auf die Hand, die er noch immer in der seinigen hielt – »und nun, bitte, sagen Sie mir alles, was Sie mir zu sagen haben. Sie wissen, daß Sie kein willigeres Ohr dafür in Lima finden.« »Gut denn. Um drei Uhr wird ein Polizeibeamter zu mir kommen, um sich die näheren Daten auszubitten; ich muß Ihnen aber gestehen, daß ich durch diesen Zwischenfall etwas mißtrauisch gegen die hiesigen Verhältnisse geworden bin und nicht einmal weiß, ob es gut getan wäre, der Polizei mehr zu sagen, als sie selber herausbringen kann. Ich fange fast an, das zu glauben, was mir Monsieur Monfort schon von Anfang an beteuert hat, daß... Aber Sie sind selber Peruaner und dürfen mir nicht übelnehmen, was ich Ihnen jetzt sage«, brach sie lachend ab. »Haben Sie keine Furcht, Señorita; ich habe selbst meine Landsleute sehr genau kennengelernt. Bitte fahren Sie fort.« »Daß also«, sagte Lydia langsam, »die schlechten Menschen bis in die höchsten Schichten der Gesellschaft hinaufreichen, und die Polizei sogar in Mußestunden ...« Sie brach wieder ab. »Selber stehlen ginge?« lachte Rafael. »Etwas Ähnliches wenigstens«, meinte Lydia, »und da wäre es am Ende nicht einmal geraten, alle die Verdachtgründe anzugeben, die man hat, weil man eben nicht weiß, wem man sie mitteilt.« »Das ist vortrefflich!« lachte Rafael; »Sie scheinen wirklich eine sehr gute Meinung von unseren Zuständen gefaßt zu haben! Aber so schlimm ist es denn doch hoffentlich noch nicht. Übrigens lassen Sie jetzt erst einmal vor allen Dingen hören, welchen Verdacht Sie gefaßt haben, nachher wollen wir weiter beraten.« »Ja, viel ist es eigentlich nicht«, sagte Lydia verlegen, »aber doch genug, um mich zu überzeugen, daß es kein gemeines Raubgesindel war. Der eine, der mich hielt, hatte eine feine, weiße Hand und Ringe daran. Die Hand war klein und fast zart, also an keine Arbeit gewöhnt; die Manschette dabei fein und schneeweiß. Sie muß einem Manne gehört haben, der im gewöhnlichen Leben eine Rolle spielt; ja«, setzte sie lächelnd hinzu, »es sollte mich sogar nicht einmal wundern, wenn er selber vorher bei mir gewesen wäre und mir seine Huldigungen nur gebracht hätte, um sie später wieder selber abzuholen.« »Das wäre allerdings nicht übel«, lachte Rafael, »und freilich nicht unmöglich – und waren Sie nicht imstande, etwas von seinem Gesicht zu sehen?« »Nein, das hielt er dich maskiert; sein Haar war schwarz, aber das ist hier in Peru kein Zeichen, wo fast jeder schwarze Haare hat. Aber seine Genossen könnten vielleicht für jemand, der mit den Persönlichkeiten hier genau bekannt wäre, eine Spur geben. Meine Mulattin behauptet nämlich steif und fest, daß sie hinter den Handschuhen, die einer der Diebe trug, ein Stück des vorgestreckten Armes gesehen hätte, und das soll einem Neger oder Mulatten gehört haben.« »Hat sie sich dabei nicht geirrt?« sagte Rafael kopfschüttelnd. »Es waren, wie ich gehört habe, vier Personen in einem Mietwagen, und ganz davon abgesehen, daß ein den besseren Ständen angehörender Weißer es schwerlich wagen würde, ein solches Geheimnis Negern preiszugeben, dürfen diese ja gar nicht einmal an dem Karnevalsspiel teilnehmen.« »Sie waren ja dicht verhüllt und fühlten sich wahrscheinlich dadurch um so sicherer unter ihren Masken, weil niemand Neger darunter vermuten konnte.« »Erinnern Sie sich noch, Señorita«, sagte Rafael plötzlich, »daß eines Tages, als ich Sie hier besuchte, ein Neger in Ihrer Gartenstube war?« »Allerdings«, rief Lydia rasch. »Sie sagten damals, wenn ich nicht irre, daß Sie denselben Burschen schon vorher auf Ihrem Gang oder in Ihrem Vorzimmer angetroffen hätten?« »Dem war auch so; möglich, daß der Bursche schon damals spioniert hat.« »Wissen Sie, wer es war?« »Er kam vom Land und gab an, daß er für seine Schwester die Butter bringe. Deringcourts werden ihn kennen.« »Und was ist Ihnen alles gestohlen worden?« »Mein sämtlicher Schmuck fast, alle Geschenke, die ich hier bekommen habe, mein sämtliches bares Geld und, das Fatalste von allem, mein kleines Maroquinkästchen, in dem ich einige mir liebe Briefe aufbewahrte. Die Diebe hielten das wahrscheinlich auch für ein Schmuckkästchen, sonst hätten sie den für sie vollkommen wertlosen Gegenstand wohl kaum mitgenommen, und doch wollte ich lieber alles andere einbüßen.« »Hm«, sagte Rafael nachdenklich, »ich bin fest überzeugt, daß die Polizei, besonders in diesem Fall, alles aufbieten wird, um den Dieben auf die Spur zu kommen, denn es ist das schon eine Ehrensache für Peru und seit undenklichen Zeiten nicht vorgekommen, daß man den Karneval zu einem solchen Schelmenstreich benutzt hätte; aber lassen Sie uns trotzdem vorher unter der Hand Nachforschungen anstellen.« »Und der Neger?« »Die Hauptsache ist, daß die Polizei erfährt, den Einbruch hätten Weiße und Neger zusammen ausgeführt. Lassen Sie aber die Angabe mit der sehr feinen Hand und den goldenen Ringen weg; es könnte am Ende doch möglich sein, daß man ...« »Rücksichten nähme?« lächelte Lydia. »Wie Sie's nennen wollen. Sind die Leute erst einmal auf einer bestimmten Spur und führen ihre Nachforschungen zu einem Resultat, dann können sie schon nicht gut zurück. Seien Sie nur so gut, mir noch heute die Adresse Ihres Milchlieferanten zu besorgen.« »Soll ich sie Ihnen schicken, oder holen Sie sie ab?« »Wenn ich nicht fürchten muß, Ihnen lästig zu werden?« Lydia schüttelte den Kopf. »Ich habe Ihnen noch keine Ursache gegeben, das zu glauben«, sagte sie – »kommen Sie, wann Sie wollen.« »Und daß ich die Erlaubnis nicht mißbrauchen werde, wissen Sie – aber jetzt leben Sie wohl, denn ich glaube fast, ich höre einen der heiligen Hermandad auf Ihrer Schwelle. Um sechs Uhr heute abend frage ich wieder bei Ihnen nach.« Er verbeugte sich und wollte eben das Zimmer verlassen, als draußen angeklopft wurde, auf die gestattende Antwort die Tür sich öffnete und Señor Perteña auf der Schwelle stand. Rafael trat unwillkürlich einen Schritt zurück, der junge Mann aber, sich vor der Dame verneigend, sagte: »Señorita, Sie werden entschuldigen, wenn ein ganz Fremder es wagt, Ihnen seine Aufwartung zu machen; ich würde aber nicht so kühn gewesen sein, Ihre Liebenswürdigkeit so weit auf die Probe zu stellen, wenn ich nicht in einem höheren Auftrag käme und dabei die Hoffnung hätte, Ihnen durch meinen eigenen Eifer vielleicht nützlich sein zu können. Ich komme im Auftrag der Polizei, um womöglich durch Ihre Angaben dem gestern verübten schändlichen Verbrechen nachzuspüren.« »Ich wußte nicht, daß Sie bei der Polizei angestellt waren, Señor«, sagte fast unwillkürlich Don Rafael. »Ah, Señor Aguila«, versetzte Perteña mit einer höflichen Verbeugung, und Rafael konnte es nicht entgehen, daß dem neuen Besucher seine Gegenwart hier nichts weniger als erwünscht schien. »Sie haben übrigens recht, ich bin auch noch nicht fest angestellt, werde aber in der allernächsten Zeit einrücken, doch tue ich schon Dienst. So kam es auch heute, daß ich mit dieser Sache betraut wurde, da ein Freund von mir, dem sie übergeben war, plötzlich erkrankte. Weil der Gegenstand nun keinen Aufschub leidet und die Señorita mir wohl glauben wird, daß wir alle den innigsten Anteil an ihrem Verlust nehmen, so erbot ich mich, die nötigen Erkundigungen an seiner Stelle einzuziehen, und möchte nun die junge Dame bitten, mir frei und offen zu sagen, ob Sie vielleicht irgendeinen bestimmten Verdacht gefaßt haben oder, wenn nicht, welche Einzelheiten bei dem Einbruch aufgefallen sind. Oft ist die geringste, anscheinend unbedeutendste Kleinigkeit von Wert und als wichtiges Material zu gebrauchen. Ich ersuche Sie also, mir nichts zu verschweigen, wenn Sie es auch vielleicht für unwichtig halten sollten.« Don Rafael hatte die Absicht gehabt, sich zu entfernen; unter den jetzigen Umständen aber gab er das auf und sah an einem Blick Lydias, wie dankbar sie ihm für sein Bleiben war. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?« sagte das junge Mädchen, »bitte, Señor Aguila – wie ich finde, kennen die Herren einander schon, ich selber habe aber noch nicht das Vergnügen gehabt ...« »Perteña«, sagte der junge Fremde, »Felix Perteña, den es wirklich glücklich macht, die berühmte Sängerin ...« »Ich muß Sie ersuchen«, unterbrach ihn lächelnd Lydia, »zu unserer Verhandlung zu kommen; Sie fallen auch sonst mit solchen Schmeicheleien vollkommen aus Ihrer Rolle als Polizeimann.« »Lassen Sie das, mein Fräulein«, sagte Perteña, dadurch nicht aus der Fassung gebracht. »Die Polizei hat vor allen Dingen die Verpflichtung, wahr zu sein. In diesem Fall würde ich aber wirklich stolz darauf sein, ihr anzugehören, denn es gibt uns eine Gelegenheit, Ihnen, einer Fremden in unserm Land, zu zeigen, wie wir die Fremde achten und mit welchem Eifer wir alle ihr dienen wollen. Und nun, damit Sie mir doch am Ende nicht ungeduldig werden, ersuche ich Sie freundlich um die nötigen Angaben, die Sie so kurz wie möglich fassen wollen. Datum und Zeit wissen wir schon, da genug über die Sache in der Stadt gesprochen wurde. Ihr Name und Stand sind ebenfalls bekannt und wir können deshalb gleich zu dem Augenblick übergehen, wo die Spitzbuben Ihr Zimmer erstiegen und Sie zum erstenmal die Gewißheit bekamen, mit welcher Menschenklasse Sie es eigentlich zu tun hatten. Darf ich Sie bitten?« Perteña hatte dabei ein kleines Taschenbuch und einen Bleistift herausgenommen und saß Lydia gegenüber, die er erwartungsvoll ansah. Sein Stuhl war indessen so gerückt, daß er auch Rafael im Auge behalten konnte. Dieser aber achtete wenig auf ihn; nur in Lydias Zügen war es ihm gewesen, als ob er eine gewisse Unruhe läse. Von diesem ganz außergewöhnlichen Polizeiverfahren überrascht, sagte er: »Wollen Sie mir vorher eine Frage erlauben, Señor?« »Von Herzen gern, sobald die Señorita die Erlaubnis dazu gibt.« »Bitte, lassen Sie sich durch mich nicht abhalten«, sagte Lydia. »Gut denn«, fuhr Rafael fort, »so haben Sie vielleicht die Güte, der Dame vorher, ehe Sie Ihr Examen beginnen, die nötige Legitimation zu zeigen, die Sie berechtigt, im Namen des Polizeiamtes eine Art von Protokoll aufzunehmen. Sie werden das selber ganz in Ordnung finden«, setzte er ruhig hinzu, als Perteña den Kopf wie beleidigt in die Höhe warf, »denn es könnte ja sonst jeder Fremde mit demselben Recht hier eintreten und über die verschiedensten Dinge Auskunft verlangen, die – man eben nicht jedem Fremden gibt.« »Señor Aguila«, sagte Pertena vornehm, »Sie erlauben mir wohl, ehe ich Ihnen auf diese Frage antworte, mich vorher bei der Dame zu erkundigen, ob Sie Ihre Bedenken teilt?« »Die teile ich allerdings«, sagte Lydia, »und möchte Sie selber um die Vollmacht bitten.« »Genügt unsere Bekanntschaft nicht?« fragte der junge Mann, indem ein fast unmerkliches, spöttisches Lächeln um seine Lippen zuckte, als er Aguila ansah, »um mich hier zu legitimieren?« »Die unsere?« lachte Rafael. »Wahrlich nicht dahin, um für Sie, geehrter Herr, Bürgschaft zu leisten! Aber wozu die vielen Worte? Sie sehen, daß die Dame meiner Ansicht ist und vorher einen Ausweis von Ihnen verlangt.« »Dann bedaure ich freilich, Sie unnütz belästigt zu haben«, sagte Perteña kalt, von seinem Stuhl aufstehend, »denn ich hatte nicht geglaubt, daß ein solches Bedenken gerade da auftauchen könne, wo eben alles geschehen sollte, um der Señorita zu ihrem Recht zu verhelfen. Es galt hier nur, die Spur der Verbrecher zu finden, um nicht allein die Polizei, nein, die ganze Stadt zu veranlassen, sich in diesem Fall für die schöne Geschädigte zu interessieren. Sobald sie selber sich aber weigert, dieses gewiß uneigennützige Interesse anzunehmen, läßt sich natürlich nichts dazu tun, und das alleinige Vorgehen in der Sache bleibt nun für den gewöhnlichen Geschäftsgang der Behörden.« Lydia bereute schon fast, das, wie es schien, freundliche Entgegenkommen des Fremden zurückgewiesen zu haben. Aber es war nur für einen Augenblick. Wieder streifte ihr Blick mißtrauisch seine Gestalt; sie antwortete keine Silbe, und da sich auch Rafael nur kalt und förmlich gegen Perteña verbeugte, blieb diesem allerdings nicht übrig, als seine Brieftasche einzustecken und sich zu empfehlen, was er denn auch mit eisiger Höflichkeit tat. Er hatte nicht zeigen wollen, wie fatal ihm diese unerwartete Zurückweisung, noch dazu in Gegenwart Aguilas, war, aber er vermochte es nicht, und draußen auf dem Gang biß er seine Unterlippe fest zwischen die Zähne, und seine Stirn krauste sich düster über den zusammengezogenen Brauen. Aber nicht lange; draußen auf der Straße zeigte er schon wieder sein gewöhnlich heiteres Antlitz, und als er einem Freund dort begegnete, hing er sich an dessen Arm und plauderte mit ihm von den entschwundenen Freuden des Karnevals. Oben in Lydias Stube saßen, nachdem Perteña schon lange das Zimmer und selbst das Haus verlassen hatte, die beiden jungen Leute noch immer still und regungslos, denn beide hatten unwillkürlich das Gefühl, als ob der Fremde noch draußen stehen und horchen müsse. Endlich trat Rafael entschlossen zur Tür, öffnete sie und sah hinaus, und Lydia atmete ordentlich auf, als sie die Gewißheit bekam, daß sie der unwillkommene Besuch verlassen hatte. »Was wollte der Mensch?« sagte sie fast unwillkürlich. »Oh, wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie mich nicht mit ihm allein ließen; ich hätte mich vor ihm gefürchtet!« »Wirklich?« lächelte Rafael; »aber Böses hatte er sicher nicht im Sinne, als nur die näheren Daten über das zu erhalten, was Sie von den Dieben wußten.« »Glauben Sie denn wirklich, daß er es ehrlich meinte?« »Das ist wieder eine andere Frage, und gut möchte ich da nicht für ihn sagen, denn unser erstes Begegnen fand ebenfalls unter sehr eigentümlichen Verhältnissen statt. Ich weiß nicht, ich traue dem Menschen nicht, und in so anständiger Gesellschaft er sich hier bewegt, würde ich alles Böse von ihm glauben, was man mir von ihm erzählen könnte.« »Sonderbar«, sagte Lydia, »mir ging es ebenso, und dabei kam mir seine Stimme so bekannt vor, als ob wir uns schon einmal getroffen hätten. Aber ich kann mich nicht besinnen, ihm je begegnet zu sein, und darf mich doch in der Hinsicht auf mein Gedächtnis verlassen.« »Nun, einerlei«, sagte Rafael; »in keinem Fall glaube ich, daß er Sie wieder belästigen wird, denn er schien von dem Empfang nichts weniger als erbaut zu sein.« »Und wie durfte er es wagen, sich als von der Polizei gesandt auszugeben, und doch daneben gestehen, daß er gar kein Beamter sei!« »Möglicherweise«, meinte Rafael, »hat diesen Herrn Perteña nur das Interesse für Sie, die Neugierde und der Wunsch, Sie persönlich kennenzulernen, hierher getrieben; möglich aber auch, daß er andere Absichten dabei hatte, und es ist sicher besser, daß er nicht allein nichts erfahren hat, sondern daß Sie ihn auch fühlen ließen, sein Besuch sei nicht verlangt worden. Ihre Wohnung hier«, fuhr er dann, sich umsehend, fort, »hat allerdings sehr viel Angenehmes, aber in solchen Fällen, zum Beispiel wenn Sie einen Besuch bekämen, der Ihnen nicht angenehm wäre, sollten Sie sich doch mit Deringcourts rascher in Verbindung setzen können.« »Das ist schon heute morgen eingerichtet worden«, rief Lydia und zeigte auf eine Klingelschnur an der Wand – »Sie kennen ja das alte Sprichwort: Wenn das Roß fort ist, hängt man ein Schloß vor die Stalltür! Jetzt haben wir die Vorsichtsmaßregeln getroffen – wenn es nur früher geschehen wäre!« »Immer besser jetzt, als gar nicht«, sagte Rafael. »Und nun, Señorita, erlauben Sie mir, daß ich mich zum zweiten Male bei Ihnen beurlaube! Um sechs Uhr hole ich mir die erbetene Adresse, und bis dahin werde ich einmal herauszubekommen suchen, ob dieser Señor Perteña wirklich von einem Beamten beauftragt war, Sie hier zu vernehmen.« »Und wenn indessen ein wirklicher Polizeibeamter kommen sollte?« »Dann rufen Sie Herrn Deringcourt herbei – Sie fühlen sich jedenfalls ruhiger, wenn er gegenwärtig ist.« Nach dem Karneval Rafael schritt langsam die Straße hinab, denn der Besuch Perteñas bei der jungen Französin ging ihm doch im Kopf herum, und er überlegte hin und her, was ihn bewegen haben konnte, sich auf eine solche Art dort einzuführen. Und wie still die Straßen heute lagen im Vergleich zu gestern, wo sie der Mutwille durchtobte! Die schwarzgekleideten Gestalten in den Straßen, die heute mit niedergeschlagenen Augen, ihr Gebetbuch in der Hand, vorüberglitten, waren aber nicht das einzige Zeichen des entschwundenen Karnevals; denn überall in den verschiedenen Häusern galt es jetzt, die gestern arg mitgenommenen Vorderstuben wieder zu reinigen, auszutrocknen und einzuräumen und die Eierschalen aus allen Ecken und Winkeln, selbst auf der Straße zusammen und aus dem Weg zu kehren. Sonst verriet freilich nichts mehr das gestrige tolle Fest, und nur die Fußgänger in den Straßen warfen noch manchmal rasch und unwillkürlich den Blick nach den Fenstern hinauf, wenn sich dort plötzlich eine lichte Gestalt bewegte; sie waren gestern zu sehr eingeschüchtert worden, hatten heute aber auch nicht das geringste mehr zu fürchten – es war Friede in Lima. Rafael selber konnte sich diesem Gefühl nicht verschließen, noch dazu, da er so viele Jahre von Lima fern gewesen war, und ohne daß er es wollte, hielt er seine Aufmerksamkeit weit mehr auf den oberen Teil der Häuser, als auf die Straße gerichtet. So geschah es denn, daß er plötzlich, ohne vorher einen Bekannten bemerkt zu haben, einen Arm in dem seinigen fühlte und eine freundliche Stimme neben sich hörte, die ausrief: »Aber mein sehr verehrter Don Rafael, Sie rennen ja die Leute auf der Straße um, ohne sie zu sehen! Darf man denn wohl fragen, welche holde Schöne Sie da oben hinter den heruntergelassenen Jalousien so ängstlich gesucht haben?« »Señor Rivadia!« rief Rafael in wirklich unbegrenztem Erstaunen aus, denn das Gesicht dieses Herrn wäre das allerletzte gewesen, das er in diesem Augenblick erwartet hätte. »Also Sie kennen mich wirklich noch?« sagte der Herr mit einem freundlichen Vorwurf im Ton. »Nennen Sie das etwa wie ein alter Freund unseres Hauses gehandelt, sich monatelang wieder in Peru aufzuhalten, ohne uns auch nur Gelegenheit zu geben, Ihnen guten Tag zu sagen?« »Señor Rivadia«, sagte Rafael, den diese Zuversichtlichkeit nach dem abstoßenden Wesen, mit dem ihn der alte Herr bei seinem ersten Besuch behandelt hatte, wirklich aus aller Fassung brachte, und der gar nicht wußte, was er eigentlich darauf erwidern solle – »ich fühlte mich in der Tat nicht ganz sicher, daß Sie eine Wiederholung meines Besuches so gern sehen würden, ehe – Sie mich selber einmal in meiner Klause aufgesucht haben.« »Also so förmlich sind Sie in Europa geworden?« lachte der alte Herr, ohne auch nur durch eine Miene zu zeigen, daß er den in den Worten enthaltenen Vorwurf fühle. »Solche Umstände haben Sie machen gelernt? Und wie hat sich Candelaria indes nach Ihnen gesehnt und immer von Tag zu Tag gehofft, daß der europäische Schmetterling auch einmal wieder zu ihr zurückflattern und ihr von seinen Reisen erzählen werde!« »Arme Candelaria!« erwiderte Rafael nicht ohne einen leisen Anflug von Ironie. »Und wie geht es meinem Freund Basilio?« fragte er plötzlich; »ich habe ihn lange nicht gesehen. Hat er rechte Fortschritte im Gesang gemacht?« »Don Basilio? Hm, gut, soviel ich weiß«, sagte der alte Herr, doch etwas verlegen, denn was Don Rafael mit der Frage meinte, verstand er rasch genug. »Übrigens sind wir viel zu wenig mit ihm bekannt und treffen ihn selten, um Genaueres über ihn zu wissen. Ich glaube sogar, er hat schon seit einiger Zeit Lima ganz verlassen.« »In der Tat?« Rafael sah Señor Rivadia scharf und mißtrauisch an. »Also hat er seine Singstunden unterbrochen?« »Singstunden?« fragte der alte Herr erstaunt. »Das ist wohl ein Irrtum, denn soviel ich weiß, hat meine Tochter schon seit drei oder vier Jahren keine Singstunden mehr. Aber ich biege hier ab, Don Rafael. Sollte ich Sie wieder umsonst bitten, uns doch recht bald die Freude Ihres Besuches zu machen? Vergessen Sie nicht Ihre alten Freunde. Ein alter ist immer mehr wert als drei neue. Also auf baldiges Wiedersehen! Die Meinigen daheim werden sich freuen, wenn ich ihnen wenigstens sagen kann, daß ich Sie auf der Straße getroffen habe!« Und mit einem herzlichen Händedruck nickte ihm der alte Herr zu und bog dann in die nächste Straße ein, um nach Haus zurückzukehren. Rafael sah ihm verwundert und kopfschüttelnd nach und dachte bei sich: »Was, um Gottes willen, ist denn da vorgegangen, daß Señor Rivadia heute so ganz verändert scheint? Rätselhaft! An meinen Vermögensumständen hat sich doch nichts geändert, und er selber – sollte etwa die Sache mit Don Basilio einen Sprung bekommen haben? Aber daß er mich dann wieder aufsuchen sollte, und daß Candelaria selber – doch was zerbreche ich mir darüber den Kopf«, brach er leichthin ab, »was auch immer geschehen ist, und geschehen muß etwas sein, lange kann mir's kein Geheimnis bleiben, und bis dahin darf ich der Sache eben ruhig ihren Lauf lassen, ohne mir meine Gehirnnerven außergewöhnlich anzustrengen!« Rafael war ein paar Straßen entlanggegangen und passierte gerade ein sehr elegantes französisches Café, als eine Hand sich auf seine Schulter legte und eine lachende Stimme sagte: »Nun, Amigo, wie macht sich der Braune? Es ist eine lange Zeit, daß wir uns nicht gesehen haben, und ich möchte doch eigentlich wissen, wie du mit deinem Kauf zufrieden bist.« »Oh, Don Gaspar, bueuos dias , alter Freund!« rief Don Rafael. »Du vor allen hast auch recht, mir Vorwürfe zu machen, denn gegen dich habe ich wirklich, wenn auch ohne es zu wollen, unfreundlich gehandelt. Aber sei mir nicht böse, Amigo. Ich bitte es dir hiermit wirklich von Herzen ab und danke dir noch außerdem aufrichtig für das gute Pferd; ich bin ganz außerordentlich damit zufrieden.« »Nun, das freut mich wirklich«, sagte Gaspar, seinen Arm um den Freund legend und ihn mit in das Café hineinziehend. »Aber nun sage mir vor allen Dingen, was du treibst und wie es dir geht, denn bis jetzt scheinen dich einesteils das Theater, andernteils deine Spazierritte nach den Hacienden so vollständig in Anspruch genommen zu haben, daß man deiner gar nicht mehr habhaft werden konnte. Wohnst du jetzt in Lima?« »Gewiß, und ich habe seit meiner Rückkehr immer hier gewohnt. Aber, Gaspar, ehe ich's vergesse – ich wollte dich etwas fragen.« »Mich?« »Ja. Du bist doch mit Rivadias bekannt?« »Allerdings, aber nicht eben sehr genau. Ich gehe ab und zu dorthin und werde bei den Tertulias als sehr verwendbares tanzendes Mitglied manchmal in Anspruch genommen.« »Kanntest du Basilio?« »Gewiß, und eigentlich nur zu gut. Ich bin kürzlich mit ihm verwandt geworden.« »Du? Das ist mir neu. In welcher Art, wenn man fragen darf?« »In sehr einfacher«, brummte Don Gaspar, dem die Erinnerung eben kein besonderes Vergnügen zu machen schien. »Er hat mich auf ziemlich unverschämte Weise angeborgt und ist dann plötzlich mit dem Dampfer, man sagt, nach Pisco oder Arica, ich glaube aber ziemlich bestimmt, nach Bolivien gegangen, und wir werden hier wohl nichts weiter von ihm zu sehen bekommen.« »In der Tat«, sagte Rafael, während der Kellner ihnen Kaffee brachte, leise vor sich hin, »das ist ja ganz eigentümlich und trifft sich sehr sonderbar!« »Als du zurückkamst«, fuhr Gaspar fort, »hieß es einmal, daß er um Candelaria angehalten hätte. Damit scheint es aber doch nichts mehr zu sein, oder die Alten halten es wenigstens sehr geheim. Der Name wird auch nicht mehr häufig in der Familie erwähnt. Nach dir haben sie mich übrigens, wie mir jetzt einfällt, die letzten Tage mehrmals gefragt.« »Nur die letzten Tage?« »Hm«, sagte Gaspar nachdenklich, »ich wüßte wirklich nicht, daß es früher geschehen wäre, doch möcht' ich es auch nicht bestreiten. Aber was mir da einfällt – meinen herzlichsten Glückwunsch kann ich dir ja gleich hier abstatten.« »Mir – wofür?« fragte Rafael erstaunt. »Nun, wie ich höre, sollst du beim Präsidenten einen tüchtigen Stein im Brett haben, und er hat, glaub' ich, neulich geäußert, daß er dich an seine Regierung auf irgendeine vorteilhafte Weise zu fesseln wünsche. Geschieht das, so ist dein Glück gemacht.« »Und wo hast du das erfahren? Doch wohl auch bei Rivadias?« »Ich weiß es jetzt wahrhaftig nicht, wo davon gesprochen wurde – doch halt, du hast recht! Es war der alte Rivadia selber, der es erzählte, gerade als er einmal von einer Audienz beim Präsidenten herunterkam. Castilla mußte doch selber etwas davon erwähnt haben – ja, ganz recht, ich erinnere mich jetzt deutlich.« »Möglich«, lächelte Rafael still vor sich hin, denn das freundliche Wesen des alten, biederen Rivadia war ihm jetzt kein Rätsel mehr. »Ich wüßte aber nicht, daß ich selber gesonnen wäre, irgendeine Verbindlichkeit einzugehen. Doch damit wollen wir jetzt nicht die schöne Zeit vergeuden. Du willst schon wieder fort?« »Ich muß auf die Post.« »Gut, dann begleite ich dich noch ein paar Cuadras.« Und langsam schlenderten die jungen Leute wieder aus dem Café die Straße hinab. Gaspar, ein junger, lebenslustiger Mann aus einer der besseren Familien des Landes, die aber durch des Vaters Spekulationen in Silberminen fast das ganze Vermögen zugesetzt hatte, plauderte frischweg von allem, was indessen in der Stadt vorgefallen war und wovon er glaubte, daß es den gar so ernsten Freund interessieren könne. Auch von dem Raub bei der schönen Französin erzählte er; er hatte selber den Wagen mit den Masken gesehen, aber natürlich auch nicht den geringsten Verdacht geschöpft, daß die Verkleideten irgend etwas Schlimmes im Schilde führten. Ob es Neger oder Weiße gewesen seien, wußte er aber auch nicht zu sagen. Natürlich Weiße, meinte er übrigens, denn Neger würden es nie gewagt haben, sich in ein »Spiel« mit den Señoritas einzulassen. Während sie so zusammen die Straße hinabschlenderten und Rafaels Blick noch in Gedanken auf dem Boden haftete, ging ein Offizier vorbei und grüßte. Rafael griff mechanisch auch nach seinem Hut; als er aber den Blick zu dem ihm vollkommen Fremden hob, sah er, daß dessen Gruß nicht ihm oder seinem Begleiter gegolten haben konnte, da sein Auge eben auf einem an der anderen Seite gehenden Mulatten haftete. Natürlich mußte es ihm auffallen, daß ein Offizier einen Farbigen grüßte, und er faßte Gaspars Arm, als dieser ihn leise fragte: »Kennst du den da drüben?« »Den Offizier?« »Nein, das ist Oberst Desterres, ein Bruder von dem da draußen auf deiner Hacienda. Den, der uns auf der anderen Seite der Straße begegnete, mein' ich.« »Den Mulatten?« »Ja, das war Granero, der Expräsident von Ecuador.« »So? Darum kam mir der kleine braune Bursche so bekannt vor«, lachte jetzt Rafael leise vor sich hin; »beinahe hätte ich ihn in einem falschen Verdacht gehabt.« »Hast du ihn nicht in Guayaquil gesehen?« »Gewiß, aber immer in seiner Generalsuniform mit einer wahren Unmasse von Stickereien und goldenen Schnüren, daß er mir in dem einfachen Rock fast fremd vorkam. Also, das war Oberst Desterres?« »Der uns auf unserer Seite begegnete, ja. Mir war es, als ob du ihm gedankt hättest. Kennst du ihn?« »Ich? Nein«, sagte Rafael; »mir war es, als ob er Granero gegrüßt hätte. Er sah dich wenigstens nicht dabei an.« »Granero? Hm, das wäre möglich«, lachte Gaspar. »Es gibt jetzt eine ganze Menge Menschen in Lima, die immer noch an eine Zukunft des Mulatten glauben und ihm nun den Hof machen, nur um später vielleicht eine höhere Anstellung bei ihm zu bekommen, und dem kleinen, dicken Burschen gefällt das. Er verspricht alles, was man von ihm haben will, bis sie ihn einmal beim Wort und dann auch vielleicht gleich beim Ohr nehmen und aus dem Land hinausführen. Castilla soll überhaupt gar nicht besonders auf ihn zu sprechen sein, weil er es in Guayaquil oder Ecuador so entsetzlich dumm angefangen und sich das ganze Land verfeindet hat. – Aber hier ist die Post, Rafael, und nun laß dich bald einmal sehen, du weißt, wie willkommen du mir bist, und die Meinigen haben sich schon lange auf dich umsonst gefreut.« »Oberst Desterres?« dachte Rafael für sich, als er allein die Straße hinabschritt. »Hm, grüßt den Expräsidenten so halb verstohlen – ob ihm der wohl auch am Ende den Generalstitel als Lockspeise hingehalten hat? Aber was kümmert's mich? Habe wahrlich mit meinen eigenen Angelegenheiten genug zu tun!« Er stieg auch, sich der Gedanken rasch entschlagend, in einen englischen Gasthof hinauf, ein ziemlich großartiges Lokal mit Billards und Lesezimmer, um einige europäische Zeitungen durchzublättern. Kaum aber mochte er zehn Minuten dort gesessen haben, als der nämliche Offizier, der ihm vorher als Oberst Desterres bezeichnet worden war, eintrat, einen flüchtigen Blick im Zimmer umherwarf und sich dann an einen Seitentisch setzte, wohin er sich eine Flasche Selterswasser und Zucker mit einem Glas Kognak bestellte. Da er übrigens von Rafael, den er auch gar nicht kannte, nicht die geringste Notiz nahm, so konnte ihn dieser ungestört betrachten. Der Eindruck, den des Obersten Züge auf ihn machten, war eben kein sehr günstiger; er hatte ein entschieden gemeines, sinnliches Gesicht, dem die kleinen Augen, die borstigen Brauen und die niedere Stirn noch etwas Heimliches und Verstecktes gaben, übrigens war es eine kräftige Gestalt, und er schien auch an kräftige Kost gewöhnt, denn das Selterswasser ließ er unberührt stehen, während er den Kognak trank, sich dann noch einen zweiten und einen dritten geben ließ. Er mußte irgendwen erwarten, denn er hielt wohl ein Zeitungsblatt in der Hand, las aber nicht darin und sah immer nur ungeduldig nach der Tür. Endlich öffnete sich diese, und ein kleiner Mulatte kam herein, der dem Offizier ein lang zusammengefaltetes Briefchen brachte, das der Oberst rasch entfaltete und las. Er nickte dazu mit dem Kopf nach dem Burschen hinüber, der das allem Anschein nach für eine genügende Antwort hielt, denn er verschwand gleich darauf wieder aus der Tür. Der Oberst nahm indessen eine Zigarre heraus, entzündete den Brief und hielt das flammende Papier, als seine Zigarre brannte, so lange noch in der Hand, bis es vollständig verkohlt und also unschädlich war. Bald darauf – Rafael achtete nur flüchtig auf das, was der andere trieb – trat ein junger peruanischer Offizier ein, sah sich rasch um und schritt dann auf den Obersten zu, den er wie einen alten Bekannten, aber nicht wie einen Vorgesetzten grüßte. Er setzte sich auch ohne weiteres zu ihm an den Tisch, und die beiden sprachen eine kurze Zeit leise und angelegentlich zusammen. Aber Rafael achtete jetzt nicht weiter darauf. Er hatte einen interessanten Artikel über europäische Angelegenheiten gefunden und überflog den. Jetzt war da drüben der junge Offizier wieder aufgestanden und schritt an ihm vorüber. Rafael hatte Gelegenheit, ihn genau anzusehen, und war ihm eine gewisse Ähnlichkeit des noch sehr jungen, hübschen Mannes mit Lydia Valière schon aufgefallen, als er zuerst das Zimmer betrat, so fühlte er sich jetzt fast noch mehr davon betroffen. Beide hätten gut und leicht für Bruder und Schwester gelten können. Wahrscheinlich hatten sie aber einander nie gesehen, und nur diese zufällige Ähnlichkeit konnte auch die Ursache sein, daß sich Rafael das Gesicht des Mannes so genau betrachtete. Indessen war es sechs Uhr geworden, und Don Rafael schritt zurück in die Calle de Valladolid, um sich dort die versprochene Adresse zu holen. Lydia aber hatte eine Einladung zu einer Spazierfahrt mit Monsieur Monfort und dessen Frau angenommen, und die Mulattin gab ihm nur ein kleines Briefchen, das sie für ihn zurückgelassen hatte. Es stand indessen weiter nichts darin als Name und Adresse der Milchfrau. Die Verschwörung Mitternacht war längst vorüber, aber in der Calle Mata Vilena brannte in einem der größten Häuser, dessen untere Etage mit Eisenstäben fest versichert war, noch Licht, und dann und wann konnte der Nachtwächter, wenn er unten vorüberging, das Anklingen von Gläsern und auch wohl den gehobenen Ton einer Menschenstimme hören – sonst war alles ruhig, und der Mann schüttelte manchmal verwundert den Kopf, denn ein so hartnäckiges und dabei so lautloses Trinkgelage war ihm noch nicht vorgekommen. Ob er nur einen einzigen Menschen da hatte lachen oder gar einmal singen hören – Gott bewahre, das war gar nicht vorgefallen! Da saß gewiß einer dabei, der recht schöne und grausliche Geschichten erzählen konnte, oder Karten spielten sie. Und das war's auch – weshalb er sich den Kopf so lange zerbrach! Ein heimliches Spiel hatten sie dort oben, und deshalb war alles so ruhig und still, und nur manchmal, wenn sich einer ein Glas Wein einschenkte, konnte man es hören! Der Mann hatte nicht so ganz unrecht. Die Leute dort oben, die in dem elegant eingerichteten Zimmer teils auf Rohrsofas ausgestreckt, teils in große Armsessel gelehnt lagen, spielten allerdings ein Glücksspiel, aber ein noch viel gefährlicheres, als das mit Karlen sein konnte, wie der Nachtwächter annahm, denn als Einsatz stand – ihr eigener Hals. Es waren sechs junge Offiziere, zwei von ihnen eigentlich kaum dem Knabenalter entwachsen, die hier mit aufgeknöpften Uniformen, ihre Degen in die Ecken gestellt, eine Sache berieten, zu der eigentlich Männer gehört hätten, denn sie betraf nichts Geringeres als den Umsturz der ganzen peruanischen Regierung, der hier mit einem fabelhaften Gleichmut behandelt wurde. Die wirkliche Aktion schien ihnen dabei die wenigste Sorge zu machen. Mit dem feurigen spanischen Wein im Kopf, wurde der eigentliche Hauptschlag, der morgen früh mit der ersten Dämmerung erfolgen sollte, als vollkommene Nebensache, wie als schon abgetan behandelt. Daß er mißlingen könne, daran dachte kein Mensch oder keiner schien auch nur eine solche Möglichkeit einzuräumen. Man betrachtete die Sache als schon geschehen, und die einzige Schwierigkeit schien nur noch die, gleich morgen eine solche Beförderung für alle »gut gesinnten« Offiziere eintreten zu lassen, daß sich keiner von ihnen zurückgesetzt fühlen und eine Gegenrevolution anzetteln konnte. »Aber weshalb hat sich Santomo eigentlich heut' abend nicht eingefunden?« fragte ein blutjunger Bursche, wahrscheinlich der jüngste Offizier in der jungen Armee, indem er sich sein Glas wieder füllte, jedoch nur daran nippte, denn der schwere Wein war ihm überdies schon in den Kopf gestiegen. »Eigentlich hätte es sich doch gehört, daß er unserer letzten Zusammenkunft beiwohnte, wo er künftig die Spitze des Staates bilden soll. Es ist wirklich köstlich, daß er uns alles ganz ruhig überläßt, als ob ihn die Sache gar nichts anginge!« »Sobald alles vorüber ist, wird er schon kommen«, sagte ein anderer, derselbe junge Offizier, der heute mit Oberst Desterres in dem Café zusammengetroffen war. »Er will jetzt nur nicht den Anschein erwecken, als ob er selber Castilla mit gestürzt hätte, und das kann ich ihm auch nicht verdenken. Es fehlte sonst gewiß nicht an gehässigen Auslegungen für seine Handlungen.« »Jetzt hat er's freilich bequemer«, sagte der erste wieder, indem er die wohl schon zum zehntenmal ausgegangene Zigarre aufs neue am Licht entzündete, ohne sie aber nur an die Lippen zu bringen. »Wenn wir die Kastanien für ihn aus dem Feuer geholt haben, kommt er morgen nach dem Frühstück ganz vergnügt anmarschiert und sagt: Guten Morgen, meine Herren, schon so früh auf? Und nimmt von dem Palais Besitz.« »So wird's auch werden, Kamerad«, nickte Hauptmann Ternate, der Älteste der kleinen Schar, der recht gut der Vater der anderen fünf jungen Leute hätte sein können, aber doch noch immer in der Hauptmanns-Uniform steckte. »Wir werden die Arbeit tun und grübeln und überlegen jetzt, wie wir alles am zweckmäßigsten einrichten können, und Santomo wirft dann wahrscheinlich unsere ganzen Pläne, ja vielleicht uns selber dazu, aus dem Fenster und tut erst recht, was er will und was ihn freut.« »Wenn wir ihn lassen«, rief mit finster zusammengezogenen Brauen der hübsche junge Offizier, »wenn wir töricht genug wären, ihm die ganze Macht gleich von vornherein in die Hand zu geben, ja; aber dann hätten wir es auch gar nicht besser verdient!« »Der Henker soll's holen«, meinte der Hauptmann, indem er sein Glas nahm und auf einen Zug leerte. »Habt Ihr schon einmal von einem hohen Berg hinunter einen Steinblock losgelassen? Zuerst ist's eine Heidenarbeit, bis man ihn los und locker bekommt und in Bewegung setzt; nicht einen Zoll breit will er weichen und liegt wie Blei, und alles muß anfassen, um ihn nur zu bewegen – ist er aber erst einmal in Gang gebracht und hat den Hang erreicht, nachher sucht ihn einmal wieder zu halten! Faßt nur einmal zu und seht dann, wie er alles beiseite und sich selber in wildem Sturz den Berg hinunterwirft! Nein, meine jungen Freunde, in Gang können wir den Fels bringen, wenn wir uns mit den Schultern tüchtig dagegenstemmen, aber nachher müssen wir ihn laufen lassen, wie er eben laufen will, oder er nimmt uns selber mit hinab!« »In dem Fall«, sagte ein anderer, der bis jetzt schweigend auf dem einen Rohrsofa gesessen und seine Zigarre geraucht hatte, »dächte ich, es wär' das Allergescheiteste, wir ließen ihn liegen, wie er gerade liegt, ohne uns selber zu belästigen.« »Zu spät«, sagte der junge Mann, der hier den Vorsitz zu führen schien – jedenfalls waren die übrigen seine Gäste –, »wir haben uns schon zu weit eingelassen.« »Ob es zu spät ist oder nicht, hängt ganz allein von uns ab; denn wenn wir morgen früh oder vielmehr heute früh – denn es ist lange Mitternacht vorbei – nicht zur bestimmten Stunde an Ort und Stelle sind, so bleibt eben alles beim alten.« »Wir haben aber unser Wort verpfändet!« »Wem?« fragte der junge Offizier, sich von seinem Sofa rasch aufrichtend und den Freund ansehend, – »denen etwa, die es für gut befunden haben, hinter den Kulissen zu bleiben, um im richtigen Moment vorzuspringen und ihren Beuteanteil wegzuschleppen? Verwünscht wenig Sorge soll mir das machen! Derentwegen riskier' ich nicht mein Leben, nicht einmal Santomos wegen«, setzte er finster hinzu, »denn unser Alter ist mir am kleinen Finger lieber als der ganze meineidige Patron!« »Aber weshalb dann um Gottes willen die Revolution?« lachte der alte Hauptmann – »dann hätten wir's doch bei Gott nicht nötig!« »Das haben wir auch nicht«, sagte der junge Mann leichthin, »und daß wir jetzt revolutionieren, ist von unserer Seite reiner Übermut – es geht uns jedenfalls zu gut!« »Du sprichst kindisch, Pablo«, sagte der Vorsitzende, der aufgestanden war, um aus der Nebenstube, dicht von der Tür weg, neue Flaschen herbeizuholen, da er die Diener schon lange zu Bett geschickt hatte, »und doch bist du es gerade gewesen, der von allem Anfang an Feuer und Flamme für die Sache war!« »Das leugne ich gar nicht, Antonio, keinen Augenblick leugne ich das«, sagte der Angeredete; »aber aus einem ganz anderen Grund. Damals wollten wir offenen Bruch mit Ecuador und eigentlich weiter nichts, als den Alten nur halb gegen seinen Willen zwingen, da unten im Norden loszuschlagen. Jetzt weiß der Henker, wer sich da hineingeschoben hat! Aber unbemerkt genug ist's geschehen, und Ecuador wird eigentlich kaum noch erwähnt. Die Hauptsache scheint zu sein, daß wir diesen Santomo, den eigentlich kein Mensch genau kennt, für unseren alten, grauen Bären einwechseln, ja, ich habe sogar nicht unbegründeten Verdacht, daß dieser dickköpfige Mulatte, dieser Granero, mitten in unserer Verschwörung steckt, ohne daß einer von uns ihn auch nur mit einem Auge gesehen hat. Aber verdammt will ich sein, wenn ich auch nur einen Finger aufheben würde, um diesen Lumpen zu was anderem zu verwenden, als wozu ihn die Natur gleich von Anfang an bestimmte: zum Stiefelwichsen und Röckeausklopfen! Da ist, bei Gott, Oberst Desterres ein besserer Soldat als der!« »Ich weiß nicht, was du immer mit meinem Onkel hast«, sagte Antonio; »du kannst dir doch denken, daß es mir nicht angenehm ist!« »Nichts weiter«, sagte der junge Mann, »als was wir alle gegen ihn haben und was du leugnest, daß er nämlich der eifrigste Verschwörer von uns allen ist und uns alle nur wie Marionetten tanzen lassen will! Aber in seinem Erfolg soll er sich geirrt haben, darauf gebe ich dir mein Wort!« »Aber Oberst Desterres ...« »Ist dein Onkel, und damit hältst du dich vollkommen entschuldigt, alle Augenblicke bald hier, bald da eine geheime Unterredung mit ihm zu halten, wobei wir dann glauben sollen, daß nur Privatgeschäfte verhandelt werden! Allerdings ist deine eigene Sicherheit dabei so gut gefährdet wie die unsere, aber ich weiß doch nicht, ob du recht daran tust.« »Ach, laßt die Kindereien«, sagte der Hauptmann – »wer so tief drinsteckt wie Antonio, mag schon immer mit dem oder jenem konferieren, den er für unsere Sache geneigt hält, noch dazu, wenn es ein naher Verwandter ist; ein Verrat ist da nicht zu fürchten, und daß Oberst Desterres nie offen vortritt, ich dächte, so weit kennten wir ihn alle! Nachher wird er aber schon kommen und alle möglichen Ansprüche erheben, und dann, denk' ich, ist unsere Zeit, ihn in seine Schranken zurückzuweisen!« »Ihr wißt gar nicht, wie weit uns mancher unserer geheimen Bundesgenossen nützt«, sagte Antonio, dem das Gespräch mißfiel. »Gerade im stillen läßt sich bei einem solchen Gespräch am meisten wirken, um die Gemüter vorzubereiten. Den Schlag selber kann jeder führen; der die Kraft dazu hat; aber wenn er geführt ist, was dann, wenn nicht Hände da sind, die das Steuer nehmen und das Staatsschiff wieder in ruhiges Wasser lenken?« »Aber du willst doch wahrlich nicht behaupten«, riefen drei oder vier auf einmal und rasch, »daß dein Onkel dazu der Mann wäre?« »Nein«, sagte Antonio finster, »Ihr wißt ja auch selber, daß wir Santomo dafür gewählt haben. Aber fürchtet Ihr denn selbst jetzt noch einen Verrat, wo in kaum drei Stunden sich alles entschieden hat? Glaubt Ihr denn, Castilla wäre, wenn er auch nur das Geringste ahnte, am letzten Abend mit seiner gewöhnlichen Schutzwache von Chorillos hereingekommen und hätte uns hier so lange unbelästigt, ungefangen gelassen? Da kennt Ihr den Alten nicht! Noch vor Dunkelwerden ging ich am Palais vorüber, und nur die gewöhnlichen zwei Mann Wache standen im inneren Hof, ja, die eisernen Gittertüren waren nicht einmal geschlossen, und nur in zwei Zimmern brannte Licht.« »Ach, von dort haben wir nichts zu fürchten«, sagte der alte Hauptmann kopfschüttelnd, indem er sich sein Glas wieder füllte und ganz in Gedanken langsam leer trank; »das einzige, was mir noch nicht in den Kopf will, ist die Patrouille, die uns begleiten muß und die nach euren Plänen von der Verschwörung nichts erfahren soll, bis alles vorüber ist. Mir will dabei nicht gefallen, daß wir gerade im entscheidenden Augenblick unserer Sache und besonders unserer Leute nicht ganz sicher sind, denn fällt das geringste Unerwartete nachher vor, so sitzen wir gründlich auf dem Trocknen und können uns auf unsere eigene Mannschaft nicht verlassen.« »Sie haben ganz recht, Hauptmann«, stimmte ihm Antonio bei, »und Sie wissen auch, wie oft wir das selber, ja, sogar hier in dieser nämlichen Stube, besprochen haben, aber Sie wissen auch, weshalb es nicht anders möglich ist.« »Ih, nun ja«, sagte der Hauptmann, seinen Kopf herüber und hinüber wiegend, »es hat sein pro und contra , aber ich bin der Meinung, die Schwierigkeit hätte sich doch am Ende noch auf andere Weise umgehen lassen.« »Und wie? Zögen wir die dreißig Mann ins Geheimnis, die wir zu der Patrouille brauchen, so wäre das so gut, als ob wir es der ganzen Kompanie mitgeteilt hätten; nur ein einziger Verräter unter so vielen Menschen, und wir wären verloren!« »Dagegen hab' ich gar nichts«, rief der Hauptmann, »aber nachher, sobald die Leute auf dem Marsch sind! Wenn ich nun da, mitten in der Stadt vielleicht – denn die Straßen liegen da ja noch tot und menschenleer, wenn ich da vielleicht eine kleine Ansprache an sie hielte und ihnen mit kurzen Worten unseren Plan, wie wir das ja schon vorher besprochen haben, auseinandersetzte, daß wir nämlich Castilla nur zwingen wollten, uns nach Ecuador zu lassen, um Guayaquil zu plündern? Die Sache würde ihnen ganz außerordentlich einleuchten, und sicher ist sicher.« »Und wenn sie die geringste Schwierigkeit machen, wenn nur einer von allen ein Bedenken hat, aus dem Gliede tritt und Lärm macht oder selbst nur am Palais den Schildwachen einen Wink gibt, was dann?« »Ach, die Schildwachen«, sagt« der Hauptmann, den Kopf herüberwerfend, »Ihr Bruder ist ja auf Wache dort, Pablo, und unnötigen Lärm haben wir von dem nicht zu befürchten!« »Das ist alles schön und gut«, sagte Antonio, »aber jetzt wäre es ganz unmöglich, den vorher genau besprochenen Plan noch einmal abzuändern, oder wir sind einer Gefahr ausgesetzt, die ich für die größte von allen halte, daß wir nämlich selber Konfusion machen, und dann können wir uns einfach jeder eine Kugel vor den Kopf schießen!« »Gut, meinetwegen«, sagte der Hauptmann, nachdem er noch eine Weile still vor sich niedergesehen hatte, indem er sein Glas wieder füllte; »also bleibt's denn bei der Verabredung, und ich halte in der Zeit, in der die jungen Herrn dem Alten ihren Besuch abstatten, so lange unten bei der Patrouille.« »Natürlich, wir dürfen die Leute nicht so lange sich selber überlassen und ihnen besonders keine Gelegenheit geben, sich miteinander zu unterhalten. So lange sie in Reih' und Glied stehen, muß jeder, wenn er auch einen Verdacht schöpfen sollte, seine Gedanken für sich behalten.« »Hat die Patrouille wie gewöhnlich scharf geladen?« fragte der Hauptmann. »Gewiß«, rief Antonio, »und sobald Sie das Zeichen hören, ist es Ihre Sache, Hauptmann, den Leuten augenblicklich zu erklären, daß wir die Regierung gewechselt hätten und kein Soldat mehr gezwungen wäre, in der Armee zu dienen, wenn er nach Hause zurückkehren wolle! Damit haben wir die Burschen alle! Dann gilt es nur, das eiserne Gittertor verschlossen zu halten, bis unsere Freunde Zeit haben, herbeizukommen!« »Aber wie erfahren die es so rasch?« »Durch Zeichen auf verschiedenen Dächern – das hab' ich alles heute besprochen. In gewissen Entfernungen, auf bestimmten Dächern warten schon zuverlässige Leute und passen auf, und das Signal wird so rasch fortgepflanzt, daß es in einer halben Minute an der Stelle wehen kann, wo es unsere Kanoniere erkennen können. Die drei Kanonenschläge tun dann das ihrige, und eine Viertelstunde später können wir darauf rechnen, daß wir wenigstens tausend gutbewaffnete Freunde vor dem Palais haben. Das übrige müssen wir dem Augenblick überlassen. Bis aber unsere Freunde herbeieilen können, sind wir gezwungen, das Palais jedenfalls, unter welchen Umständen auch immer, zu halten, und das wird das Schwierigste der ganzen Situation sein; aber die Hauptsache haben wir dann schon hinter uns, ungeschehen kann es nicht mehr gemacht werden.« »Schön, das ist immer ein großer Vorteil«, sagte Ternate, »und gibt dem Menschen eine gewisse Sicherheit. Wieviel Uhr ist's jetzt?« »Es muß gleich vier Uhr sein; ich glaube, dort drüben dämmert schon der Tag ...« »Nein, so früh noch nicht; zur Dämmerung hat's fast noch eine Stunde Zeit, aber mit Schlafen wird's doch nichts mehr werden. Wir sind auch alle zu aufgeregt. Desto besser werden wir morgen nacht schlafen.« »Aber wo?« fragte Pablo, indem er seinen Zigarrenstumpf wegwarf. »Wo? Wieso? Doch wohl in unseren Betten?« sagte Antonio. »Möglich«, erwiderte gleichgültig der junge Offizier; »aber, weiß der Teufel, woher es kommt, ich habe so eine Ahnung, daß das am Ende nicht in unseren Betten sein wird und daß die ganze Sache schief geht!« »Nun fang' du im letzten Augenblick noch an, Unglück zu prophezeien«, rief Antonio unwillig, »das hätte noch gefehlt! Wenn Ihr den Mut verliert, dann freilich ist alles verloren – wenn wir aber den Kopf oben behalten, dann möchte ich wirklich wissen, was uns geschehen könnte?« »Bah, kehrt euch nicht an mich«, sagte der junge Mann; »sobald ich ein Glas Wein zuviel trinke, wird mir das Blut schwer und dick, und ich fange an melancholisch zu werden – hier, Hauptmann, auf daß wir vor morgen abend noch die Generals-Epauletten auf den Schultern tragen! Heh? – Und damit hielt er ihm das volle Glas entgegen. »Wäre nicht so übel«, sagte der Hauptmann, indem er das seinige gegen ihn hob und dann auf einen Zug leerte, »und bei mir wenigstens auch wahrhaftig nicht zu früh. Aber Señores, ich denke, es wird Zeit, daß wir aufbrechen, denn wir alle werden doch wohl noch einmal gern vorher nach Hause gehen, um uns zu waschen und frisch zu machen. Auch die nötigen Waffen trägt wohl nicht jeder bei sich; ich habe die meinigen wenigstens weggeschlossen, denn sicher ist sicher.« »Gut denn«, stimmte Antonio bei; »es ist auch besser, daß wir nachher nicht alle hier aus meinem Hause einer bestimmten Richtung zugehen, denn die Nachtwächter sind jedenfalls noch bei der Hand. Du, Pablo, führst die Patrouille, nicht wahr?« »Meine letzte, ja«, lachte der junge Offizier. »Deine letzte?« »Nun, wenn ich morgen General werde, soll ich doch wohl keine Patrouillen mehr führen!« lautete die scherzende Antwort. »Übrigens habe keine Angst, ich bin zur rechten Zeit auf der Plaza, und dort finden wir uns ja alle wie zufällig zusammen. Laßt nur nicht zu lange auf euch warten; die Leute werden sonst nicht allein mißtrauisch, sondern der Morgen rückt auch zu weit vor, und wir wissen dann nicht, was uns in den Weg kommen kann.« »Das hat keine Not«, riefen die anderen, »wir werden schon unsere Zeit einhalten!« »Noch eine Frage, meine Herren«, rief Pablo, als die übrigen aufsprangen und sich zum Gehen rüsteten – »haben Sie sich denn auch wohl einmal die Frage gestellt und beantwortet, was wir nun anfingen, wenn die Sache doch, wider alles Erwarten, verkehrt abliefe? Wie, noch nicht? Es wäre doch eigentlich der Mühe wert, denn wenn der Fall wirklich eintreten sollte, würde uns nachher verdammt wenig Zeit übrigbleiben, um uns in aller Ruhe zu überlegen, was wir nun tun!« »Dann bleibt uns nichts übrig als Flucht!« rief Antonio. »Flucht? Wohin?« »Auf das französische Kriegsschiff, das im Hafen liegt – der Franzose liefert keinen politischen Flüchtling aus!« »Hm«, meinte Pablo nachdenkend, »wie ich eben bemerke, habt ihr euch die Sache noch nicht überlegt; aber es wird auch wohl nicht nötig sein und alles dann gleich so oder so an Ort und Stelle ausgemacht werden. Und nun auf Wiedersehen, Compañeros! Einmal marschieren wir jedenfalls noch zusammen, und das andere findet sich nachher.« Und seinen Degen vom Tisch nehmend und umschnallend, rückte er sich die Dienstmütze aufs eine Ohr und verließ, leise einen Marsch vor sich hin pfeifend, das Haus. Die übrigen folgten ihm, der Hauptmann ausgenommen, der noch etwas auf dem Herzen zu haben schien. Er blieb wenigstens stehen, schenkte sein Glas, aber ganz in Gedanken, noch einmal voll, ohne es zu leeren, und es war augenscheinlich, daß er noch irgend etwas sagen wollte. Wenn das aber seine Absicht gewesen war, mußte er sich anders besonnen haben, denn er drehte sich plötzlich auf dem Absatz herum, sagte »Guten Morgen, Antonio!« und verließ ebenfalls das Haus. Antonio blieb allein. Er hatte das wunderliche Wesen des Hauptmanns nicht einmal bemerkt, sondern ging mit verschränkten Armen auf und ab. Es waren andere Gedanken, die sein Herz erfüllten und die, wenn auch bis jetzt von jugendlichem Übermut und Ehrgeiz zurückgedrängt, dicht vor dem entscheidenden Augenblick ihr Recht erzwangen und sich zu Tag arbeiteten – der Gedanke an daheim, an die Mutter, an die Geschwister. Er sah nach seiner Uhr – daß der Hauptmann das Zimmer verließ, hatte er kaum bemerkt. Es fehlte etwa noch eine halbe Stunde an der bestimmten Zeit, in der er von hier aufbrechen mußte. Rasch nahm er Papier und Schreibzeug her, um noch einen kurzen Gruß nach Hause zu senden, dann entkleidete er sich bis zum Gürtel und wusch sich Gesicht und Brust mit frischem Wasser, trocknete, ölte und kämmte dann sein Haar, als ob er zur Parade ginge, zog sich dann wieder mit äußerster Sorgfalt an, nahm seine Pistolen, schnallte seinen Degen um, und bald darauf ging er mit festen entschiedenen Schritten seinem Ziel, der Plaza, entgegen, um sich dort mit den Kameraden zu vereinigen. Wie hohl sein Schritt auf dem Pflaster der leeren Straße klang, wie unheimlich hohl! Aber die Dämmerung ist unter den Tropen kurz. Noch hatte er die Plaza nicht erreicht, als sich schon einzelne kleine Nebelstreifen im Osten von der nahenden Sonne röteten, und die Straße herab kamen auch schon ein paar Neger mit ihren Milchgefäßen auf dem Maultier, und Indianerjungen, die andere, mit Früchten schwerbeladene Tiere vor sich her zu Markte trieben. Auch die Neger, die mit ihren Eseln Wasser auf der Plaza holten, trafen schon ein. Der Tag brach an, und Antonio war auch nicht zu früh gekommen; denn als er die Plaza erreicht hatte und dort stehenblieb, hörte er schon den gemessenen Schritt der nahenden Patrouille, die eine der nächsten Seitenstraßen herunterkam. Der Handstreich Im Marschschritt kam die von Pablo geführte Patrouille über die Plaza, und eben, als sich ihr Antonio anschloß, trat ihr auch der Hauptmann entgegen und übergab Pablo mit militärischem Gruß ein zusammengefaltetes Papier, das dieser, nach einigen leise mit ihm gewechselten Worten, vorn in seine nur halb zugeknöpfte Uniform schob. Auch der Hauptmann schloß sich jetzt der Patrouille an, die vielleicht zehn Minuten auf der Plaza hielt und dann langsam weitermarschierte. Als sie endlich die Straße erreichten, in der das Palais des Präsidenten lag, war es schon völlig Tag geworden. Schon funkelten die Türme im ersten Morgenstrahl, und noch war kein Mensch weiter auf der Straße zu erblicken als eben die Patrouille. Nur sechs bis acht Aasgeier hatten einen Fund in einem der Abzugskanäle gemacht, die durch die Straßen liefen, und dort eine wahrscheinlich über Nacht hineingeworfene tote Katze entdeckt. An der hackten sie jetzt mit heiserem Geschrei herum, bis sie dadurch die Aufmerksamkeit eines großen, mageren Hundes erregten, der ebenfalls die Straßen nach Beute absuchte. In langen Sätzen kam er heran, und die Aasgeier hoben sich faul und ärgerlich auf die hohe Klostermauer und sahen auf den Hund hinab, der aber den Bissen zu ekelhaft fand. Er schnupperte daran, zog den Kopf zurück, nieste, wie um den fatalen Geruch loszuwerden, und setzte dann seinen Weg die Straße hinab fort, während die Aasvögel wieder mit vorgestreckten Hälsen und herabhängenden Ständern auf ihre Beute fielen und ihre widerliche Mahlzeit von neuem begannen. Daran vorbei schritt die Patrouille bis zur nächsten Querstraße, wo die übrigen Verschworenen zu ihr stießen. Vor sich konnten sie schon das eiserne, hohe Gitter erkennen, das das Palais des Präsidenten nach der Straße zu abschloß, und die Soldaten zerbrachen sich nur den Kopf, was all die Offiziere heute morgen so früh und in solcher Anzahl auf den Füßen machten. Die Patrouille war aber vor ihrer Zeit am Ziel; es hatte noch nicht sechs Uhr geschlagen, und das eiserne Gittertor wurde um diese Tageszeit sonst noch immer verschlossen gehalten. Heute stand es offen, und Pablo gab den Befehl, hineinzumarschieren, mit leiser, kaum hörbarer Stimme. Im Innern des breiten Hofraums trat ihnen der die Wache kommandierende Offizier entgegen und wechselte leise einige Worte mit Antonio und Pablo, worauf alle Offiziere, ohne den Hauptmann, der unten im Hof blieb und mit verschränkten Armen auf und abging, Castillas Palais betraten und in seinem Innern verschwanden. Was ging da vor? Die Soldaten sahen sich einander an und schüttelten die Köpfe. Geschah das alles auf Befehl des »Alten«, und galt es vielleicht, irgend etwas auszuführen? Aber was, wozu nicht mehr gebraucht wurde als eine einzige Patrouille? Der Hauptmann wußte es gewiß, aber den durften sie doch nicht fragen! Der Hauptmann hielt sich dicht zu ihnen, um jede Unterredung abzuschneiden; sonst aber achtete er nicht weiter auf sie. Seine Aufmerksamkeit war auf das Palais und auf dessen Fenster gerichtet. Noch immer herrschte dort Totenstille. Oben die Straße herab kam mit langsamen Schritten, wie zufällig, ein einzelner Offizier geritten. Es war Oberst Desterres. Im Palais wurde es jetzt unruhig. Man hörte ein paar Türen schlagen und sah an den Fenstern, die oben das Vorhaus erhellten, drei oder vier Diener rasch vorüberlaufen. Was ging da vor? Die Soldaten wurden unruhig und flüsterten miteinander. Schon hörte der Hauptmann, daß sie sich zuriefen: »Frag' ihn, frag' ihn! Er muß uns sagen, was da vorgeht!« »Kameraden«, sagte er plötzlich, indem er zu ihnen trat, »da drinnen wird jetzt hoffentlich einer unserer heißesten Wünsche erfüllt.« »Aber was bedeutet der Lärm, Kapitän, im Hause des Präsidenten?« fragte ein Unteroffizier und horchte wieder nach dem Palais hinüber. »Es geschieht doch da drinnen nichts Unrechtes?« »Unrechtes? Nein«, sagte der Hauptmann; »nur ein Gesuch wird dem Präsidenten übergeben, daß er uns endlich nach Guayaquil hinauf und die Stadt erobern läßt. Haben wir die genommen, dann ist Ecuador ruhig und wir haben hier in Lima auch nicht mehr eine solche Armee zu halten, sondern können die Leute in ihre Heimat und zu ihrer Arbeit zurückschicken.« »Hm, das wäre nicht so übel«, brummten einige der nächsten Soldaten, denn der Hauptmann hatte absichtlich so laut gesprochen, daß diese es hören konnten. »Ja«, sagte der Korporal aber wieder, »wenn es der Präsident gutwillig gestattet; aber gezwungen kann er dazu nicht werden!« »Das beabsichtigt auch niemand«, erwiderte der Hauptmann. »Um neun Uhr heute morgen ist aber große Ministerkonferenz, wo das alles abgemacht werden soll, und da wollten die Offiziere den Präsidenten nur vorher wissen lassen, was sie davon dächten, damit er die Stimmung der Armee kennt.« Drüben im Palais kamen ein paar Diener die Treppe herunter gestürzt und wollten über den Hof fliehen, prallten aber erschrocken zurück, als sie die Soldaten dort aufmarschiert sahen. »Das sieht gerade nicht wie ein Gesuch aus«, sagte der Unteroffizier, der mißtrauisch wurde – »alle Teufel, was ist das?« Drinnen im Palais fiel ein Schuß. »Verrat!« rief der Unteroffizier – »man mordet da drinnen unseren Präsidenten! Herr Hauptmann, führen Sie uns hinein!« »Ich darf nicht«, sagte der Hauptmann, »das ist nicht meine Patrouille; aber Ihr irrt euch. Gott weiß, was der Pistolenschuß bedeutet!« »Meuchelmörder!« schrie in diesem Augenblick die Stimme des Präsidenten vom Dache des Palais aus, auf das er, einen Revolver in der Hand, in seinem Morgenanzuge geflüchtet war. »Vorwärts, Soldaten, rettet euren General.« »Teufel«, murmelte der Hauptmann leise vor sich hin, »jetzt ist die Geschichte aus!« – In demselben Augenblick aber öffnete sich auch der große Torweg des Palais wieder, aus dem die sechs jungen Offiziere, einige davon noch den blanken Degen in der Hand, traten. »Vorwärts marsch, Patrouille!« rief Pablo, ihr Führer, indem er vorsprang und sich mit gezogenem Säbel an die Spitze stellen wollte. »Das sind die Verräter!« schrie der Unteroffizier – »Feuer, Kameraden! Rettet den Präsidenten!« Die Soldaten schienen im ersten Moment nicht recht zu wissen, was sie tun sollten. Wollten die Offiziere wirklich den Präsidenten zwingen, sie freizulassen? Aber es blieb ihnen keine Zeit zur Überlegung. Unwillkürlich hatte jeder den Hahn seines Gewehres gespannt und es in Anschlag gebracht. »Feuer«, schrie der Unteroffizier noch einmal, »wer kein Verräter ist!« »Nieder mit euren Gewehren!« rief ihnen Pablo entgegen – aber zu spät. Der Unteroffizier selber hatte auf ihn angelegt, und mit dem Knall seines Gewehres brach der Unglückliche zusammen. »Feuer!« Hier und da knatterte es unregelmäßig. Jetzt kam die Wache aus ihrer Stube herausgestürzt – wieder fielen drei oder vier Schüsse. »Rasende!« schrie Antonio, der einzige, welcher noch unverwundet war, als er die Kameraden um sich stürzen sah. »Für wen denn haben wir unser Leben gewagt? Nur für euch!« »Feuer!« schrie jetzt auch der Unteroffizier der Wache, der nicht hinter dem andern zurückstehen wollte, und drei Kugeln zugleich trafen den jungen Offizier, daß er, auf der Stelle tot, zusammenbrach. In diesem Augenblick spornte der Offizier, der das Palais noch nicht erreicht hatte, sein Pferd und hielt im nächsten Augenblick vor dem Tor. Kaum aber sah er die unglücklichen Opfer der Verschwörung im Hof in ihrem Blute liegen und Castilla oben auf dem Dach, so schrie er laut: »Rettet Seine Exzellenz, Soldaten! Feuer auf die Verräter! Zu Hilfe, man will den Präsidenten ermorden!« Niemand achtete auf ihn. Die wenigen Menschen, die sich zufällig um diese Zeit in der Straße befanden, eilten an das äußere Tor und sahen dort erschrocken die Steine blutig gefärbt, sahen die Erschossenen am Boden liegen, und selbst die Soldaten standen bestürzt, ihre abgefeuerten Gewehre in der Hand, und waren sich selber noch nicht klar bewußt, was eigentlich hier vorgefallen war. Nur der Hauptmann Ternate hielt die Zeit für gekommen, den Ort zu verlassen, ehe er zur Rechenschaft gezogen werden konnte. Wurde er später gefragt, nun, dann fand sich schon eine Ausrede! Unbehindert verließ er auch den Hof. Niemand achtete auf ihn. Draußen bog er in die nächste Quergasse ab und eilte seinem eigenen Hause zu. Von allen aber hatte sich Castilla am ersten wieder gesammelt, und er schien auch allein zu wissen, was hier vorgegangen war. Ehe die Soldaten unten im Hof ordentlich zur Besinnung kamen, hatte der Präsident das Dach seines Hauses verlassen und erschien in seinem Morgenrock, in Pantoffeln, nur eine Soldatenmütze auf dem Kopf, im Hof mitten zwischen den Soldaten und sagte, mit einem finstern Blick auf die Leichen: »Hat euch gereut, was ihr beabsichtigt? Es war die höchste Zeit, denn ich dächte doch, ihr solltet euren General kennen! Und nun fort mit den Leichen! Sie haben ihre Strafe erhalten – ich will sie nicht mehr sehen, ich will nicht fragen, was ihre Absicht war. Jetzt besetzt die Wache und die übrigen verlassen das Palais.« » Viva su Excellencia »!« schrie in diesem Augenblick Oberst Desterres von seinem Pferd herab und suchte durch seinen Hochruf die Neugierigen und das Militär zum Einstimmen in sein Vivat zu veranlassen. Er hätte aber keine unpassendere Zeit dazu wählen können, denn niemand antwortete ihm, nur um die Lippen Castillas zuckte ein spöttisches Lächeln, als er den Blick dort hinüber warf. Die Soldaten standen noch immer wie betäubt. Hatten sie denn wirklich ihre eigenen Offiziere erschossen, und galten die Worte des Präsidenten ihnen, mit denen er sagte: »Hat euch gereut, was ihr beabsichtigt?« Was hatten sie denn beabsichtigt, als sie heute morgen hierher marschierten? Nichts, als die Wache zur rechten Zeit abzulösen. Wohin aber war nur der Hauptmann so rasch gekommen? Konnte das wirklich ein Mordversuch auf den Präsidenten gewesen sein, und hielt sie der »Alte« für mitschuldig an dem Attentat? Sie kamen gar nicht richtig zur Besinnung, denn des Präsidenten Kommandostimme ließ sie rasch zusammenfahren und wieder in Reih' und Glied einrücken. Im Nu war die Wache abgelöst, und als das eiserne Tor wieder geschlossen worden war, beorderte der alte Herr selbst die Dienerschaft, die Leichen in eins der unteren Zimmer zu legen, bis sie weggeschafft werden konnten, und das Blut indessen vom Hofe abzuspülen. Zwei von der Mannschaft, zwei Unteroffiziere, hatte Castilla aber zurückbehalten, um sie als Ordonnanzen zu verwenden, und diese eilten wenige Minuten später im Sturmschritt den verschiedenen Orten ihrer Bestimmung zu: der Polizei und der Gendarmerie. Wie ein Lauffeuer lief indessen das Gerücht durch die Stadt: der Präsident sei ermordet und Santomo zu seinem Nachfolger ausgerufen worden. Woher die Leute nur so plötzlich den Namen wußten! Durch die Calle S. Pedro sprang ein Offizier, ein Oberleutnant, der Kaserne zu. Dort wohnte ein Freund von ihm, der Hauptmann Ternate, und als er dessen Haus in der Calle S. Pedro passierte und die Haustür offen stand, trat er hinein, um diesen abzurufen. Der Hauptmann ging in Schlafrock und Pantoffeln im Hof spazieren. »Aber, amigo capitan «, rief ihn der andere an, »wissen Sie denn gar nicht, was vorgefallen ist! Man hat den Präsidenten ermordet!« »Alle Teufel!« sagte der Hauptmann wirklich überrascht, denn als er heute morgen das Palais verließ, war zu dieser Wendung keine Aussicht – »der Präsident ermordet? Von wem?« »Eine Militärrevolution, wie das Gerücht geht. Ziehen Sie sich nur rasch an, daß wir auf unsere Posten kommen. Außerdem heißt es, Santomo wäre Präsident – aber der Teufel werde daraus klug! Vorher begegnete mir jemand, der behaupten wollte, er habe Castilla an der Spitze einer Schwadron Ulanen eben durch die Stadt galoppieren sehen. Das ist aber jedenfalls ein Irrtum. Eilen Sie sich nur! Ich mache, daß ich hinaus in die Kaserne komme, denn wenn dort revidiert wird, ist es besser, wir sind bei der Hand!« Er wandte sich eben zum Gehen, als draußen der Schritt einer Patrouille laut wurde. Vor der Tür hielt das kleine Kommando und die Gewehrkolben rasselten auf die Pflastersteine nieder. In demselben Augenblick öffnete sich die Tür, ein Unteroffizier mit vier Mann trat ein, und auf Hauptmann Ternate zugehend, sagte er, die Hand an der Mütze: »Herr Hauptmann, auf Befehl Seiner Exzellenz, des Präsidenten, bitte ich Sie, mir zu folgen. Sie sind mein Gefangener!« Der Hauptmann wurde leichenblaß; sein Freund aber, der das für einen Irrtum hielt, rief aus: »Das ist ja gar nicht möglich, Amigo, und jedenfalls ein Mißverständnis! Lebt denn Präsident Castilla?« »Allerdings – Gott schütze ihn!« rief der Unteroffizier. »Was aber das Mißverständnis anbetrifft, Herr Oberleutnant, so sind Sie dann vielleicht imstande, es mit aufklären zu helfen. Ich habe ebenfalls Befehl, Sie zu verhaften!« »Mich? Das ist nicht übel!« »Jeden, den ich bei Hauptmann Ternate treffen sollte, besonders jeden Offizier«, bestätigte aber der Mann, und daß es ihm ernst war, ließ sich nicht bezweifeln. Hauptmann Ternate hätte auch wohl seinem Freund eine genügende Erklärung dafür geben können, aber er hielt es für zweckmäßiger, zu schweigen, bat nur um ein paar Minuten Geduld, um sich anziehen zu können, und erhielt dann von dem Unteroffizier zwei Mann zur Begleitung in sein Schlafzimmer, während die anderen beiden indessen bei dem Oberleutnant zurückblieben und die beiden Herren nachher auf die Hauptwache führten. Die Nachricht, daß ein Mordversuch auf den Präsidenten Castilla gemacht worden sei, überraschte die Bewohner von Lima beim Frühstück, und da eigentlich niemand etwas Bestimmtes wußte, so durchliefen die widersprechendsten Gerüchte die Stadt und erschreckten besonders alle Anhänger Castillas oder die wenigstens, denen nur das Leben des jetzigen Präsidenten Stelle und Gehalt sichern konnte. Morales war eben aufgestanden, als ein Dienstbote mit der Nachricht in das Zimmer stürzte, Castilla sei ermordet worden. Der Schreck schlug dem Herrn dabei so in die Glieder, daß er sich niedersetzen mußte. Aber er sprang gleich wieder auf, denn er wußte ja nicht, wer sein Nachfolger sei und was er von dem zu hoffen haben könnte. – Castilla ermordet, das wäre das wenigste gewesen – ein anderer Präsident brauchte auch wieder Minister –, aber ob er gerade dabei gebraucht wurde, das war die Frage und eine Sache, die Señor Morales besonders stark bezweifelte. Castilla ermordet! Einer schrie es dem andern auf der Straße zu, und auf dem Theaterplatz, unter den Kolonnaden des Hotels, wo die Obsthändlerin eben ihren Stand aufschlug und dem Mulattenjungen half, die Körbe voll Weintrauben und Chirimoyen vom Maultier zu heben, rief es ein auf einem andern Maultier vorbeigaloppierender Neger dem Jungen zu, und schien dann selber die größte Eile zu haben, um fortzukommen. »Castilla ermordet!« Oben am Fenster stand Granero, den die Ungeduld an diesem Morgen schon fast verzehrt hatte. Der Streich mußte jetzt gefallen sein, und noch immer konnte er keine Nachricht erhalten und durfte auch seine Burschen nicht danach schicken, denn wenn sein Name in Verbindung mit dem Attentat genannt wurde, war er verloren. Und jetzt – da drüben schrie es der Neger herüber, und die Obsthändlerin ließ vor Schreck ihre Seite des Korbes los, daß die Chirimoyen über die Straße rollten. Es war aber auch kein Spaß, denn sie wußte jetzt nicht einmal, ob sie auspacken sollte oder nicht. War der Präsident wirklich ermordet worden, dann gab es auch heute in der Stadt eine Revolution, und wer da auch siegte, Obst aßen sie alle, und was frei auf der Straße stand, war dem ersten Pöbelhaufen preisgegeben, der gerade vorbeistürmte. Granero taumelte oben vom Balkon zurück und schloß die Tür; er mußte sich erst sammeln, so war ihm der freudige Schreck in die Glieder geschlagen – Castilla tot! Jetzt konnte er Rache an seinen Ecuadorianern nehmen; vielleicht wurde in diesem Augenblick schon der Dampfer geheizt, der ihn zurück nach Guayaquil führen sollte. Aber daß noch keine Nachricht von Desterres kam! Wie bestimmt hatte dieser versprochen, ihm auf der Stelle einen Boten zu schicken, sobald der Streich gefallen wäre! Und niemand kam! Aber zu zweifeln brauchte er wohl nicht mehr daran, denn die Leute riefen es sich ja schon auf der Straße zu, und der kleine Mulatte holte aus einer Schublade eine schon zu diesem Zweck aufgesparte Flasche Champagner vor, verschloß seine Tür und setzte sich seelenvergnügt in seine Hängematte, um sie dort allein zu leeren und seinen höchst angenehmen Gedanken dabei nachzuhängen. Draußen an seine Balkontür flog etwas an, als ob's ein kleiner Stein gewesen wäre. Er drehte rasch den Kopf danach und horchte; aber alles blieb ruhig, und Granero, sich nicht weiter darum kümmernd, schlürfte das etwas warm gewordene Getränk mit stillem Behagen ein, während er mit den kurzen Beinen zu seinem in Gedanken getrillerten Lieblingsmarsch den Takt auf der staubigen Matte schlug. Wildes Pferdegestampf wurde jetzt draußen laut, und die eisenbeschlagenen Hufe schlugen das Pflaster in scharfem Trab. »Was war das?« Granero sprang mit einem Satz aus seiner Hängematte, und Flasche und Glas daneben stellend, flog er nach der Balkontür. Die Straße herauf kam eine Schwadron Ulanen gesprengt, in voller Rüstung, die Fähnchen flatternd, die Karabiner an der Seite, die Säbel blank gezogen, und voraus, war denn das nicht um Gottes willen – wieder zitterten ihm die Knie, aber dieses Mal nicht vor freudigem Schreck, war denn das nicht Castilla, so gesund und lebenskräftig, wie er ihn je gesehen hatte? Und das Volk auf der Straße schwenkte die Hüte und jubelte ihm zu und hinter ihm her: » Viva Castilla! Mueran los traidores !« Unter seinem Fuß spürte der kleine Expräsident, der sich aber noch nie so »ex« gefühlt hatte, in diesem Augenblick etwas Hartes. Als er unwillkürlich hinuntersah, bemerkte er ein zusammengerolltes Papier, und als er es aufnahm, sah er, daß es ein um einen Stein gewickelter Zettel war. Mit zitternder Hand wickelte er ihn auf, aber es standen nur, noch dazu mit undeutlicher, offenbar verstellter Hand die Worte darauf: »Alles verloren!« Er ließ den Zettel fallen, hob ihn aber rasch wieder auf, zündete ein Schwefelholz an und verbrannte ihn. Trotz der kritzlichen Züge kannte er die Handschrift: sie war von Oberst Desterres. Kein Zweifel mehr: der Schlag war mißglückt. War aber alles verloren, wenn der eine Schlag einmal daneben ging, und konnte er nicht von einer festen und entschlossenen Hand, vielleicht mit mehr Glück wiederholt werden? Er ging mit raschen, unruhigen Schritten in seinem Zimmer auf und ab, und bittere Flüche, Flüche, so gemein, wie sie kein anderes Volk der Erde kennt, als die unteren Schichten der spanischen Rasse, flossen von seinen sich unaufhörlich bewegenden Lippen. Und nicht einmal selber handeln konnte er jetzt, wenn er wirklich den Mut dazu gehabt hätte, bis er nicht wenigstens wußte, was verloren und inwieweit ihr ganzer Plan verraten war. Aber dazu war es nötig, den Oberst Desterres selber zu sprechen, und er schickte seinen Burschen Juan deshalb augenblicklich an seinen Verbündeten ab, um ihn womöglich heimlich zu sprechen und zu bitten, gleich in das Hotel zu kommen. Nach einer Stunde etwa kehrte Juan mit einem ziemlich bestürzten Gesicht zurück. »Nun, hast du den Oberst gesprochen?« fuhr Granero rasch auf ihn ein. »Ja, Señor, aber ...« »Kommt er?« »Nein, Señor«, stammelte Juan; »hat mir nur gesagt, wenn ich mich noch einmal bei ihm im Hause blicken ließe, würfe er mich die Treppe hinunter oder aus dem Fenster.« Granero hatte die Arme auf den Rücken gelegt und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. Vielleicht hatte der Oberst recht, daß er jetzt jede Verbindung mit ihm abbrach, denn wie leicht konnte in diesem Augenblick, wo Hunderte von Spionen tätig waren, etwas Derartiges entdeckt und dann beiden verderblich werden. Aber mußten sie denn nun nicht die weiteren Schritte beraten, und war das überhaupt möglich ohne persönliche Zusammenkunft? Gewiß kam er heute nach Dunkelwerden selber; nur dem Burschen hatte er das nicht anvertrauen wollen. So lange mußte er sich wohl gedulden – heute abend kam er gewiß. »Juan!« »Señor?« »Da, nimm den Champagner mit hinaus; trink ihn, er ist warm geworden.« » Muchas gracias , Señor.« »Fort damit, nimm ihn hinaus und das Glas auch; rasch!« General Granero mochte die Flasche nicht mehr sehen, aus der er heute schon Sieg gefeiert hatte. Rafael hatte an diesem Morgen eigentlich nach Callao fahren wollen, um dort noch wegen der Insulaner Erkundigungen einzuziehen, da Bertrand heute nachmittag in Lima eintreffen und mit ihm zum französischen Konsul gehen wollte. Auf der Reede lag gerade ein französisches Kriegsschiff, und die Gelegenheit war günstig genug, jetzt die eingeleitete Rettung dieser armen, verratenen Menschen durchzuführen. Um auf den Bahnhof zu gelangen, mußte er aber durch die Straße, in der das Palais des Präsidenten lag, und schon ehe er diese erreichte, fiel ihm die Unruhe auf, die überall herrschte. Noch hatte er freilich keine Ahnung von dem Geschehenen, bis er dicht vor dem Palais war und hier das Ganze rasch aus den Erzählungen der Umstehenden erfuhr. So gern er aber auch den Hof betreten hätte, um die Opfer zu sehen, ging das doch nicht an; das Gittertor war verschlossen und der Eintritt verboten. Eben wollte er sich abwenden, als Don Gaspar am Tor erschien und Einlaß begehrte. Er brachte eine Depesche von dem Kriegsminister an Seine Exzellenz. »Sieh da, Rafael; was machst du hier?« »Ich hätte gern die gefallenen Offiziere gesehen«, sagte der junge Mann, »aber es scheint nicht erlaubt zu sein.« »Komm nur mit mir hinein, mir müssen sie öffnen. Ich werde dich dann, bis ich fortgehe, dem wachthabenden Offizier übergeben.« »Wer da?« rief die Schildwache den Offizier an. »Gut Freund – Depesche für Seine Exzellenz.« »Von wem?« »Kriegsminister – selber zu überreichen.« Der Posten verschwand in der Wachtstube, um seinem Offizier Meldung zu machen, und kam gleich darauf zurück, um den Boten einzulassen. Rafael hielt sich an seiner Seite, und nachdem er dem hier kommandierenden Offizier empfohlen worden war, schritt Don Gaspar dem Palais zu, um an den Präsidenten seine Botschaft auszurichten. Rafael betrat indessen schaudernd in der Begleitung des Offiziers den Raum, in dem man die Leichen vorläufig untergebracht hatte, bis sie beerdigt werden durften, denn die Gerichte mußten vorher ihre Erlaubnis dazu geben. Es war ein trauriger Anblick. Sechs junge, frische Leben in der Blüte ihres Daseins weggerafft, so lagen sie dort mit den Todeswunden in ihrem Herzen. Die Soldaten mußten vorzüglich getroffen haben, denn nur einer hatte die Kugel in den Leib bekommen und noch einige Zeit gelebt. Einer war gerade in die Stirn getroffen, die anderen alle in die Brust, manche von zwei Kugeln, und unter ihnen – Rafael erschrak ordentlich, als er das offene, bildschöne Gesicht des jungen Offiziers von gestern wiedererkannte, der Lydia so ähnlich sah und jetzt kalt und bleich, mit der Todeswunde im Herzen, auf den Steinen vor ihm ausgestreckt lag. »Du lieber Gott«, seufzte er leise vor sich hin, »was da für hoffnungsreiche Leben so mit einem Schlag zerstört und vernichtet wurden! Und was bezweckten diese jungen Leute?« Der Offizier zuckte die Achseln und sagte: »Das ist eine höchst merkwürdige Geschichte, und bis jetzt liegt sie noch völlig im unklaren; denn kein Mensch weiß eigentlich, was der Zweck des ganzen Unternehmens war. Die Soldaten der Patrouille selber hatten, als sie hierher kamen, keine Ahnung von einem Überfall auf den Präsidenten und gestehen jetzt sogar ein, daß sie nicht einmal wußten, ob ihr eigener Offizier, der hier mit unter den Opfern liegt, darum gewußt oder die angeblichen Überbringer einer Adresse nur vielleicht begleitet habe.« »War es denn wirklich auf das Leben Castillas abgesehen?« »Ich glaube kaum«, sagte der Offizier, »denn weshalb kamen die Verschworenen wieder zurück auf den Hof, wo sie den Präsidenten in seinem Haus drinnen rettungslos in ihrer Gewalt hatten? Ich begreife die ganze Sache nicht, und es scheint anderen Leuten ebenso zu gehen.« Während sie zusammen sprachen, waren sie wieder auf den Hof hinausgetreten, wo ein höherer Offizier draußen am Gitter eben Einlaß verlangte, um Seine Exzellenz zu sprechen. Es war Oberst Desterres, und die Schildwache meldete es ihrem Offizier. »Ich bedaure sehr, Herr Oberst«, sagte dieser, zu dem Gitter tretend, »aber ich habe strengen Befehl, niemand heute morgen vor Seine Exzellenz zu lassen. Er will vollkommen ungestört sein.« »Aber er wird uns doch erlauben«, sagte der Oberst leidenschaftlich, »ihm unsere Glückwünsche für die fast wunderbare Rettung seines geheiligten Lebens zu bringen? Er weiß ja doch, wie wir an ihm hängen und wie furchtbar uns schon der Gedanke sein mußte, in Gefahr gewesen zu sein, ihn zu verlieren!« »Heute nachmittag wird Seine Exzellenz gewiß die Glückwünsche der ihm Treugesinnten entgegennehmen«, sagte der Offizier; »heute morgen kann ich aber nichts weiter tun, als den mir gegebenen Befehlen nachkommen.« Der Oberst mußte das allerdings einsehen. »Gut, Kamerad, dann tun Sie mir wenigstens den Gefallen und melden Seiner Exzellenz, zu welchem Zweck ich hier war und daß ich für heute nachmittag um einen Augenblick Gehör bitte.« »Sehr wohl, Herr Oberst, soll pünktlich befolgt werden.« Der Oberst drehte sich ab und schritt die Straße hinauf der Kaserne zu, und Rafael überdachte indessen noch einmal die heimliche Zusammenkunft des Toten da drinnen und eben dieses Obersten in der englischen Restauration. In welchem Zusammenhang standen die beiden gestern? »Sonderbar«, sagte der Offizier, als der Oberst sich entfernt hatte, »ob er's nicht weiß oder ob er sich nicht daran kehrt, daß auch ein Neffe von ihm da drinnen bei den Toten liegt?« »Ein Neffe – welcher?« »Der junge hübsche Bursche links; der erste in der Reihe.« »Das war sein Neffe?« »Ja, und es hieß, daß er sehr viel auf ihn hielt. Aber da draußen hör' ich die Ulanen angaloppiert kommen, und dann wird auch der Präsident gleich hier sein. Lieber wär's mir, wenn Sie Ihren Freund vor dem Gitter erwarteten, ich bekomme sonst am Ende eine Nase.« »Mit dem größten Vergnügen.« Die Schildwache öffnete rasch das Tor, und Rafael hatte es kaum verlassen, als die berittene Eskorte Castillas, die Hälfte von ihnen Neger und wilde entschlossene Gestalten, mit donnernden Hufschlägen vor den Palast sprengte und hier Front machte. Das Pferd des Präsidenten wurde zu gleicher Zeit vorgeführt, und wenige Minuten später erschien er selbst in voller Generalsuniform, um durch die Stadt zu reiten und durch sein eigenes Erscheinen die Bewohner von Lima zu beruhigen. Als er den Fuß in den Steigbügel hob, trat der Offizier zu ihm heran und begann die Meldung, die Oberst Desterres für Seine Exzellenz hinterlassen hatte. Der Präsident ließ ihn aber gar nicht ausreden. Als er den ungefähren Sinn verstanden, winkte er mit der Hand und rief: »Schon gut, schon gut; sie sollen mich jetzt ungeschoren lassen, besonders – ich will nichts wissen! Sie sollen warten, bis ich sie rufen lasse!« Damit schwang er sich gewandt und rüstig in den Sattel, und wenige Sekunden später flog er an der Spitze der kleinen, etwa aus dreißig Mann mit zwei Trompetern bestehenden Eskorte wie ein eisernes Wetter die Straße hinab. Ein neues Verbrechen Die nächsten Tage nach den eben beschriebenen Vorfällen herrschte für alle eine schwüle Luft in Lima, die sich nicht recht rein fühlten oder gar wußten, daß sie hier oder da Castillas Regierung getadelt hatten. Es fanden auch eine Menge Verhaftungen statt, während zu gleicher Zeit die verworrensten Gerüchte über das Attentat selber Lima durchliefen. Auch dem französischen Konsul kam dieses Attentat sehr ungelegen, denn so unmittelbar danach konnte er doch nicht gut gegen die Regierung mit einer Klage auftreten. Allerdings ließ er sich schon am nächsten Tage bei dem Präsidenten melden, um ihm im Namen der französischen Regierung seinen Glückwunsch für die abgewandte Gefahr darzubringen; aber mit solch einer Mission ließ sich keine Beschwerde vereinigen, und die Sache mußte wenigstens auf kurze Zeit hinausgeschoben werden. Rafael hatte indessen seine Zeit nicht müßig hingebracht und mit allem Eifer nach Spuren des Gesindels geforscht, das jenen Raub während des Karnevals ausgeführt hatte. Nur die von Lydia erhaltene Adresse war bis jetzt nicht benutzt worden, und um erst einmal das Terrain kennenzulernen, beschloß er, das Negerdorf selber zu besuchen. Eine Ausrede, den Negern gegenüber, war leicht gefunden. Er brauchte nur z.B. eine Kuh zu kaufen, was ihm ja leicht Gelegenheit gab, auf den verschiedenen Chacras das Vieh selber zu besichtigen und seine weiteren Beobachtungen dabei anzustellen. Aber er mochte das auch nicht gern allein tun, und da er Bertrand als einen praktischen Menschen kannte, der vielleicht selbst in dem Negerdorf nicht ganz fremd war und wahrscheinlich den einen oder anderen der Insassen kannte, so dachte er diesen aufzusuchen und um seine Begleitung zu bitten. Noch vor Tag ritt er von Lima fort, um die kühlste Zeit zu benutzen, und passierte mit dem ersten Licht des jungen Morgens die letzte Posada am Weg, wo die weite Öde begann und sich bis zu den Hacienden ausdehnte. In der vom Weg abgelegenen Posada fiel ihm das Leben auf, das dort herrschte. Sie hatten zu so früher Stunde Licht im Hause, und er hörte Stimmen und sah Leute hin und hergehen. Aber was kümmerte ihn das Volk dort drinnen, von dem er froh war, wenn es ihn nicht belästigte! Er fühlte auch fast unwillkürlich nach seinen Revolvern und ließ seinen wackeren Braunen schärfer austraben, um rasch aus dem Bereich des dort wohnenden Gesindels zu kommen. Eine Legua hatte er so in einem ordentlichen Trab zurückgelegt und wieder die niederen Gartenmauern erreicht, zwischen denen ihm damals der einzelne Reiter, jener Señor Perteña, auf so verdächtige Weise begegnet war. Seine Gedanken flogen zurück zu jenem Morgen – wer war der Bursche eigentlich? Wovon lebte er in Lima, was trieb er? Rafael hatte danach Erkundigungen eingezogen, aber nichts anderes über den jungen Herren erfahren können, als daß er als Señor lebe, ziemlich viel Geld ausgäbe, ohne selber Vermögen zu haben, zu Zeiten auch ziemlich hoch und nicht immer mit Glück spiele und jetzt dem Präsidenten empfohlen sei, um von diesem, wie Hunderte seinesgleichen, in Peru mit einer Anstellung und einem Gehalt für Lebenszeit, d. h. so lange der Präsident lebte, gesichert zu werden. Perteña war jedenfalls von guter Familie, denn sein ganzes Benehmen zeigte, daß er sich von Jugend auf in guter Gesellschaft bewegt hatte. War es da eigentlich möglich, daß er einen Raubmord auf offener Landstraße versuchen sollte? Aber warum nicht? Rafael kannte seine Landsleute! Und wie sonderbar und ängstlich sich Lydia damals bei dem Besuch des jungen Mannes betrug! Er hatte sie deshalb fragen wollen, aber nie mehr Gelegenheit zu einer nur einigermaßen ungestörten Unterhaltung bekommen. Kannte sie ihn etwa schon von früher her? Sein Grübeln wurde auf etwas gewaltsame Weise unterbrochen, denn der Braune flog so rasch und scharf auf die Seite und sprang mit allen vier Beinen so plötzlich vom Boden ab, daß Rafael, der dem Tier vollständig die Zügel gelassen hatte, fast aus dem Sattel geglitten wäre. Mit Mühe hielt er seinen Sitz und zügelte das erschrockene Tier soweit, daß es wenigstens dem Zügel wieder folgte; aber vor dem Platze scheute es noch immer zurück und wollte nicht wieder vorbei. Nun fühlte Rafael gar keine besondere Lust, sich gerade in dieser Gegend, die die verrufenste war, länger als nötig aufzuhalten. Allerdings hatte man in den letzten Wochen von keinem Raubüberfall wieder gehört, und es schien, als ob die Straße, auf der jetzt kleine Kavallerie-Trupps von Zeit zu Zeit patrouillieren mußten, dadurch mehr an Sicherheit gewonnen hätte. Der Platz lag aber viel zu einsam und öde, und hinter den niederen Lehmmauern konnte sich recht gut schlechtes Gesindel verborgen halten und einem einsamen Reisenden, ohne selbst entdeckt zu werden, mit einem Gewehr auflauern. Trotzdem aber wollte er wenigstens sehen, was sein Pferd hatte, daß es so auffallend vor der einen Stelle scheute, und einen Revolver in die Rechte nehmend, zwang er das Tier endlich mit scharfem Sporn, seinem Willen zu gehorchen und die Straße wieder anzunehmen. Er brauchte dort nicht lange zu suchen. Mitten auf dem staubigen Wege lag eine Blutlache, die er vorher, mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, nicht bemerkt hatte, und einzelne Blutflecke führten links ab nach der nächsten Mauer zu, auf der er oben deutlich die verräterischen Spuren erkennen konnte. Einen Augenblick warf er den Blick unschlüssig die Straße auf und ab, denn gerade hier hätte er keiner Übermacht des Gesindels begegnen mögen. Nirgends war aber ein menschliches Wesen zu erkennen. Rasch entschlossen stieg er ab, schob einen Revolver in seinen Gürtel, nahm den anderen in die Hand und schritt dann zu der Stelle zurück, an der der Mord jedenfalls verübt worden war. Die Mauer war nicht sehr hoch, er konnte sich mit Leichtigkeit hinaufschwingen und brauchte dort nicht lange zu suchen. Der Leichnam lag dicht dahinter und war nur dort hinübergeworfen worden, um ihn aus dem Weg zu haben und eine Entdeckung nicht zu rasch herbeizuführen. Einer konnte den Mord aber nicht verübt haben, denn allein wäre er nicht imstande gewesen, den schweren Körper auf die Mauer zu heben. Daß er von dort nachher hinabgeworfen worden war, zeigte schon die Lage, in der ihn Rafael fand, denn er mußte mit dem Kopf zuerst hinuntergestürzt sein. Der junge Mann besann sich nicht lange, sondern sprang ebenfalls hinüber, um den Tatbestand wenigstens etwas zu untersuchen. Der Ermordete trug einen einfachen Reiseanzug, aber die Kleider waren nichtsdestoweniger von feinem Tuch und ebenso das feinste Leinen zu seiner Wäsche. Den Leichnam selber hatten die Mörder aber auf das unbarmherzigste verstümmelt und das Gesicht besonders so zerschnitten, daß es nicht möglich war, irgendeinen Zug zu erkennen. Seine Taschen waren vollständig geleert, und es blieb dem jungen Mann nichts weiter übrig, als draußen in den Hacienden bei dem Gobernador die Anzeige zu machen, denn nach Lima deshalb zurückzureiten, dazu fehlte ihm natürlich die Lust. Ehe er den Platz verließ, sah er sich allerdings noch einmal nach Spuren um; aber es war ganz unmöglich, in dem harten, staubigen Boden etwas anderes zu erkennen, als eine Menge verworrener Fährten von Tieren und Menschen, die sich auf der Straße gekreuzt hatten. Hier an der Mauer und auf ihrer anderen Seite ließen sich allerdings die Eindrücke von Schuhen unterscheiden, aber so schwach und undeutlich, daß ein geübteres Auge dazu gehört hätte, um zu sagen, ob sie von einer oder von verschiedenen Personen herrührten. Don Rafael gab diese Untersuchung auch bald auf; in der Tat fühlte er sich in dieser unheimlichen Nachbarschaft nicht wohl, und über die Mauer zurückspringend, machte er, daß er wieder in den Sattel kam. Bald hatte er die Ansiedelungen erreicht und ritt augenblicklich zum Gobernador, den er mit der Neuigkeit des entdeckten Mordes nicht eben angenehm überraschte. Der Mann saß gerade beim Frühstück, wo sich bekanntlich niemand gern stören läßt, und sollte jetzt in die heiße Sonne hinausreiten, um einen fatalen Mord zu konstatieren, von dem er nachher nur Scherereien hatte. Rafael kümmert sich indes wenig um den Zorn des langweiligen Mannes, stieg wieder in den Sattel und ritt jetzt langsam nach Bertrands Hacienda hinüber. Dabei kam er wieder am Haus der alten Pascua vorüber. Die Alte saß oder kauerte vielmehr auf der Schwelle, um hier draußen, wo sie besseres Licht hatte, eine Jacke, die wahrscheinlich dem jungen Cholo gehörte, an einem der Ärmel auszubessern. Bald darauf hielt Rafael vor Bertrands Hacienda, wo die Hunde einen Lärm machten, als ob er ein ganz Fremder gewesen wäre. Erst als er den Hof selber betrat, erkannten sie ihn wieder und sprangen an ihm hinauf. Rafael schritt auf das Haus zu und fand Juanita dort allein. Bertrand war unten in einer Kakao-Anpflanzung. Das junge Mädchen kam ihm entgegen, reichte ihm die Hand und sagte herzlich: »Sie haben sich lange nicht bei uns sehen lassen, Don Rafael! Wie oft hat der Vater nach Ihnen gefragt, er ist zuletzt ordentlich böse geworden, daß Sie gar nicht kamen! Sie waren doch nicht krank?« »Nein, Juanita, krank nicht, aber recht beschäftigt, und eigentlich, wenn ich aufrichtig sein will, mit lauter Dingen, die mich gar nichts angehen.« Juanita sah zu ihm auf, denn sie begriff im ersten Augenblick nicht recht, was er meinte. Wie lieb das junge Mädchen heute aussah, welch ein feines, durchsichtiges Rot ihre Wangen färbte, wie klar und treuherzig ihn die guten Augen anschauten! Fast unwillkürlich mußte er im Geist die beiden Mädchen miteinander vergleichen – Lydia und Juanita, und Rafael gestand sich, daß man Juantia hätte für schön halten müssen, wenn man Lydia eben nicht kannte. Lydia war aber unbedingt schöner; schon das feurig lebendige und kluge Auge gab dem Gesicht einen ganz anderen, sprechenderen Ausdruck, und ihr Lächeln – das war rein bezaubernd. Juanita senkte errötend den Kopf, denn Rafael hatte sie fest und prüfend angesehen, und sie sagte schüchtern: »Ich verstehe Sie nicht, Señor – die Sie nichts angehen?« »Ja«, sagte Rafael zerstreut, »ich habe mich eigentlich nur mit den Angelegenheiten anderer Leute beschäftigt und vielleicht nicht einmal viel Dank, damit geerntet, wenigstens sehr geringen Nutzen bis jetzt erzielt. Aber wo ist Ihr Papa, Juanita?« »Bei den Kakaobäumen; ich habe schon einen der Leute hingeschickt, um ihm Ihre Ankunft melden zu lassen.« »Vielen Dank – und ist es Ihnen gut gegangen in der Zeit? Ich erinnere mich, als ich zuletzt hier war, fühlten Sie sich ein wenig leidend. Ich glaube, Sie arbeiten zu viel, Juanita – schonen Sie sich ein wenig. Bedenken Sie, daß Ihr Papa weiter niemand auf der Welt hat als Sie, und daß Sie sich ihm erhalten müssen.« Juanita lächelte; aber es lag dabei eine leise Wehmut in ihren Zügen. In diesem Augenblick kam der Vater, der schon unten in der Haustür heraufrief: »Na, das ist gescheit, Junge! Herumtreiber, wo hast du so lange gesteckt? Ich habe so viel mit dir zu reden, und mit keiner Fingerspitze läßt er sich blicken« – und dabei stand er oben und schüttelte dem jungen Mann den Arm mit einem Eifer, als ob er nicht übel Lust habe, ihn auszurenken. »Wir hätten doch in der Zeit nichts machen können«, sagte Rafael, »denn es ist, als ob ganz Lima durch das Attentat verwirrt und auf den Kopf gestellt wäre, so sind die vielen Verhaftungen den Leuten in die Glieder gefahren.« »Weil sich keiner von den Lumpen sicher fühlt«, lachte Bertrand, »denn etwas haben sie fast alle auf der Kreide, und wo der und jener abgefaßt und eingesteckt wird, fürchten sie ja natürlich, daß der – und wenn er der beste Freund wäre – alles aussagen würde, was er weiß, nur um seine eigene Haut zu retten. Ja, ja, solch Stellenjäger-Gesindel! Da ist mir wahrhaftig ein ehrlicher Straßenräuber lieber, der sagt doch offen: Ich bin ein Schurke und nehme, was ich kriegen kann!« »Der ehrliche?« lachte Rafael. »Aber da fällt mir ein«, fuhr er wieder ernster fort, »daß mit Ihren Straßenräubern hier doch auch nicht zu spaßen ist.« »Was, bist du wieder deinem Reiter begegnet?« »Nein, aber ich habe die blutigen Spuren irgendeines Reiters unterwegs gefunden: den Leichnam eines Ermordeten und Beraubten.« Bertrand nickte ernst vor sich hin. »Ja«, sagte er leise, »das sind die Folgen, daß Castilla die Todesstrafe aufgehoben hat, denn vor den Gefängnissen fürchten sie sich nicht so viel! Wenn erst einmal das neue Zellengefängnis fertig ist, das sie jetzt begonnen haben, dann kann möglicherweise wieder ein bißchen Respekt in die Bande kommen, denn sie trotzen jetzt nur darauf, daß sie, wenn auch eingesperrt, doch in der nächsten Nacht ausbrechen können. Aber der Galgen hat ihnen doch mehr imponiert. Apropos, noch nichts von dem Diebstahl im Deringcourtschen Hause entdeckt? Das war doch auch frech genug ausgeführt!« »Noch nicht die Spur – aber doch, ja, die Spur wohl, und das ist auch die eigentliche Ursache, weshalb ich heute herauskam. Ich wollte Sie bitten, mit mir in das Negerdorf, gleich rechts am Wege nach Lima zu, hineinzureiten, und zwar nur, um vorläufig zu kundschaften!« »Da werden wir was Rechtes zu sehen bekommen!« lachte Bertrand; »höchstens können wir Grobheiten und Spottlieder einstecken, die das schwarze Gesindel hinter uns drein singen wird. Das ist eine Staatsbande!« »Ich will eine Kuh kaufen«, sagte Rafael, »und denke doch, daß das eine Einführung sein wird.« »Das allerdings«, nickte Bertrand; »so wie sie etwas zu verdienen hoffen, sind sie bei der Hand und können noch dazu so höflich sein wie ein Chinese. Aber dann wollen wir gleich nach dem Frühstück wieder fort, daß wir noch vor Dunkelwerden zurück sind; denn jetzt bleibst du doch bei uns, bis wir zusammen in die Stadt reiten, um die Insulanergeschichte in Ordnung zu bringen!« »Wenn wir nicht etwas Wesentliches entdecken, hab' ich in der Stadt allerdings in den nächsten Tagen nichts zu tun.« »Na, die Beruhigung kann ich dir geben«, sagte der alte Franzose, »daß wir dort nichts Wesentliches entdecken werden, denn das Gesindel ist noch schlauer als die Weißen und läßt sich selten auf einem faulen Pferde ertappen. Sieh nur nach deinem Tier, daß das ordentlich zu fressen und zu saufen bekommt; nachher können wir losreiten.« Das Negerdorf Rafaels Brauner, von dem Morgenritt überdies nicht angestrengt, hatte tüchtig gefressen und sich ausgeruht, und die beiden Männer ritten jetzt in scharfem Trab wieder die Straße zurück, die nach Lima führte. Unterwegs sahen sie einen einzelnen Reiter vor sich, der vor ihnen herritt, aber wunderliche Kapriolen auf seinem Pferd machte und dieses bald an die eine, bald an die andere Seite der Straße lenkte. »Was, zum Teufel, treibt der Bursche nur da vorn?« sagte Bertrand endlich, der ihn schon eine Weile scharf beobachtet hatte; »der reitet genau so, als ob er gegen den Wind auflavierte!« »Das ist jedenfalls ein Eingeborener und möglicherweise betrunken«, meinte Rafael. »Das wäre früh am Tage«, lachte Bertrand, »aber er scheint wirklich zuviel Oberfracht zu haben. Wir wollen einmal ein wenig schärfer zureiten und sehen, wer es ist« – und ihren Tieren die Sporen gebend, sprengten die beiden auf der Straße dahin und kamen dem wunderlichen Caballero rasch näher. Ehe sie ihn aber völlig erreichten, machte dessen Pferd ein paar rasche Sätze, warf dann den Kopf zwischen die Vorderbeine und die Hinterbeine hinten aus und schleuderte seinen Reiter wie einen Sack mitten in die Straße hinein, daß eine ordentliche Staubwolle um ihn her aufstieg. Die zwei Freunde zügelten ihre Pferde neben dem Gestürzten, in dem Bertrand augenblicklich seinen Nachbar, den Cholo, erkannte. »Holla, Pedro!« rief er diesem zu – »was zum Henker treibst du denn hier auf der Erde? Willst du im Staub schwimmen lernen?« »Caracho!« fluchte der Bursche, indem er wieder auf die Füße sprang und die beiden Männer wild anstarrte. »Was habt ihr zwei denn wieder hier herumzuspionieren, heh? Verdammnis über euch – über dich und deinen schuftigen Gefährten!« – Und dabei blitzten seine Augen tödlichen Haß auf Don Rafael, und seine Hand suchte so augenscheinlich nach einer vielleicht verborgenen Waffe, daß der junge Peruaner fast unwillkürlich die Hand auf den Kolben seines Revolvers legte. »Er ist betrunken«, beschwichtigte Bertrand; »laß den Burschen, der Branntwein allein spricht aus ihm; komm, wir wollen uns nicht den schönen Morgen mit dem Tier verderben« – und seinem Pferd den Schenkel gebend, sprengte er an ihm vorüber. Rafael folgte ihm, aber mehr auf seiner Hut, denn der Cholo hatte jetzt in der Tat sein langes Messer aus dem Gürtel gezogen; aber er fühlte sich doch wohl nicht fest genug auf den Füßen, um einen wirklichen Angriff zu wagen und taumelte schwerfällig wieder zu seinem Pferd zurück. Bald darauf erreichten die beiden Reiter die Stelle, wo Rafael an diesem Morgen den Leichnam entdeckt hatte. Noch war der eifrige Gobernador mit seiner Mannschaft nicht hier gewesen, und eine Unzahl von Aasgeiern saß überall auf den nächsten niedrigen Bäumen, ja selbst auf der Mauer, und schaute gierig nach dem Mahl hinunter, wagten sich aber noch nicht an die Gestalt des Menschen. Rafael deutete hinüber, wo die Leiche lag. Bertrand winkte aber abwehrend mit der Hand und sagte: »Vorbei, Compañero; ich weiß, wie derlei aussieht, und bin ihnen oft genug an dieser Straße begegnet. Du hast die Anzeige gemacht, das ist genug; dem armen Teufel da drüben können wir doch nicht mehr helfen, und die paar Aasgeier tun ihm auch keinen Schaden weiter – vorbei.« Eine halbe Stunde später schon erreichten sie die Posada am Wege. So lebendig der Platz aber am frühen Morgen gewesen war, als Don Rafael dort vorüberritt, so tot lag er jetzt, und das Haus schien wie ausgestorben. Aber keiner der Männer kümmerte sich darum. Nur einen flüchtigen Blick warfen sie hinüber, denn in der Tür vorn kauerte die alte, halb blödsinnige Frau und gestikulierte vor sich hin mit dem braunen, abgemagerten rechten Arm; aber kein Laut drang zu ihnen herüber. Bertrand wandte sich zu Rafael, als ob er ihm etwas sagen wolle, aber die Straße herunter sahen sie einen kleinen Trupp Gendarmen kommen, und beider Gedanken kehrten damit auch zu dem verübten Verbrechen zurück, das sie hier vielleicht besser zur Anzeige bringen konnten als draußen bei dem faulen Gobernador. Der Zugführer der Gendarmen schien indes nicht übel Lust zu haben, die beiden Freunde nach Anzeige des Mordes gleich bei sich zu behalten. Erst als sie ihre Namen genannt und der Franzose sich als Ansiedler ausgewiesen hatte, mochte er eine bessere Meinung von ihnen bekommen, notierte sich die Namen und ritt dann im scharfen Trab der Stelle zu. Als die Gendarmen kaum zehn Minuten später, eine Staubwolke aufwirbelnd, an der Posada vorüberritten, saß die Alte noch immer in der glühenden Sonne; aber ihr Blick wurde auf den Lärm gelenkt, den die Patrouille machte, und als sie vorüber war, lachte sie ingrimmig vor sich hin und murmelte: »Da ziehen sie, die Aasgeier des weißen Stammes – ob sie nicht das Blut auf Leguas wittern? Reitet, reitet! Ihr kommt noch früh genug und doch zu spät! Reitet, reitet, und der Fluch der Verdammnis über euch!« – Und wieder in ihr dumpfes Brüten zurückfallend, fuchtelte sie mit den Armen lebhaft vor sich hin. Bertrand und Rafael bogen jetzt in die rechts abführende Quergasse ein, die nach dem Negerdorf hinüberführte, und es erforderte, dort angekommen, einige Gewandtheit, um die bezeichnete Adresse zu erfragen, ohne die Nachbarn mißtrauisch zu machen. Mit der Ausrede aber, die sich Rafael ersonnen hatte, ging es doch ziemlich leicht, denn nachdem die beiden Weißen in ein paar kleinen Häusern nachgefragt hatten, ob dort keine Kuh zu verkaufen wäre, gaben sie vor, an diese Adresse gewiesen zu sein, und ein kleiner, sieben- oder achtjähriger Bursche erbot sich, sie hinzuführen. Sie kamen bald in das eigentliche Herz des Negerviertels. Die meisten der hier Wohnenden schienen sich auf den Milch- und Butterverkauf gelegt zu haben, denn die Viehzucht machte ihnen nicht soviel Mühe wie der Acker- und Gartenbau, und was sie zogen, wurde ihnen in Lima gut bezahlt. Was für ein wunderliches Treiben das in dem Negerdorf war! Rafael, der diesen Platz zum erstenmal betrat, kam es fast so vor, als ob er in ein ganz anderes Land versetzt worden sei, so fremdartig, so unperuanisch sah hier alles aus! Alles arbeitete oder saß auf der Straße, und es war fast, als ob die Häuser selbst nur zum Schlafen benutzt würden. Vor vielen Türen standen große Waschfässer, an denen alte, würdige Damen in einer fast paradiesischen Unschuld – was ihre Kleidungsstücke betraf – in der Sonne die schwarze, fettglänzende Haut braten ließen und die Hemden der weißen Caballeros bearbeiteten. Von einem Haus zum andern wurden zugleich sehr lebendige und oft nicht immer friedliche Debatten geführt, denn es gibt nichts Eigenwilligeres unter der Sonne als ein altes Negerweib. Weiße betraten diesen Ort nie oder doch nur höchst selten, und der schwarze Nachwuchs des Platzes begann schon, sich für die beiden Reiter zu interessieren, als diese vor einem der nächsten Häuser anhielten. »Señorita«, redete hier Bertrand ein wahres Ungetüm von einem schwarzen Fettklumpen an, »können Sie mir nicht sagen, wo hier Señorita Morbido wohnt? Man hat uns versichert, daß dort eine Kuh zum Verlauf stände!« »Eine Kuh bei Morbidos?« fragte die Negerin, durch das Wort Señorita aber augenscheinlich geschmeichelt, indem sie sich Hände und Arme an ihrer Schürze abtrocknete. »Hm, die wollen wohl einen Viehhandel beginnen, haben sich erst das viele schöne Vieh gekauft – gleich da drüben, Caballeros, das kleine weiße Haus gleich neben dem Baume dort, wo der Packsattel liegt!« » Muy obligado , Señorita!« grüßte Bertrand sehr höflich von seinem Pferd herunter, und gewann sich damit das Herz der schwarzen Venus vollkommen. »Das ist das einzige Mittel«, wandte er sich dann mit einem Seitenblick an seinen Gefährten, als sie langsam nach dem bezeichneten Haus hinüberhielten, »um ungefährdet durch dieses wilde Viertel zu kommen, äußerste Höflichkeit gegen die Hauptstützen der Gesellschaft, die Damen, denn nichts schmeichelt ihnen mehr, als wenn sie ein Caballero freundlich grüßt. Hier also sind wir an Ort und Stelle, und nun vorsichtig, mein Junge, daß wir uns nicht unser Spiel von vornherein verderben!« »Wenn wir nur den Burschen nicht gleich treffen, der mich bei Deringeourts gesehen hat«, sagte Rafael; »der könnte sonst am Ende doch Verdacht schöpfen!« »Hm, ja – dann will ich dir 'was sagen«, meinte der umsichtige Franzose, »bleib du ruhig draußen bei den Pferden, als ob dich die Geschichte gar nicht interessierte und du nicht die geringste Absicht hättest, in das Haus zu treten. Um die Kuh mit zu besehen, ruf' ich dich nachher schon herein.« »Vortrefflich!« rief Rafael, der rasch darauf einging. Eine weitere Unterhaltung war aber nicht mehr möglich, denn sie hielten schon vor dem Hause. Die beiden Männer stiegen ab, und während Rafael die Zügel der Tiere nahm und in den Schatten eines großen Feigenbaumes trat, der über die Umzäunung hinausreichte, ging Bertrand zu der offenen Tür, klopfte dort an und sagte, mit dem Hut in der Hand, sein » Ave Maria! « » Purisima !« antwortete eine tiefe Baßstimme, und daraufhin betrat Bertrand das Haus, war aber sehr erstaunt, niemand in dem inneren Raum zu entdecken, als eine kleine, zusammengetrocknete Negerin. Es war eine ordentliche Mumiengestalt, aus nichts als Haut und Knochen bestehend, und nur mit einer Art Tunika bekleidet, die für einen Rock zu kurz und für ein Hemd zu lang schien. Wo aber war die Baßstimme hergekommen? »Wohnt hier Señorita Morbido?« fragte der Franzose endlich, nachdem er einen forschenden Blick durchs Zimmer geworfen hatte. »Die bin ich selber«, sagte der Baß wieder. »Aber was wollt Ihr? Was habt Ihr hier herumzugucken und zu schnüffeln bei fremden Leuten, heh?« »Bitte tausendmal um Entschuldigung, Señorita«, sagte der höfliche Franzose, fest entschlossen, sich durch nichts abschrecken zu lassen. »Ich bin in die Ansiedelung gekommen, um eine Kuh zu kaufen, und wurde von einigen Ihrer Nachbarn hierher gewiesen, weil man mir sagte, auf Ihrer Hacienda würde das beste Vieh gehalten.« »Hm – so?« brummte die Alte, und Bertrand wunderte sich im stillen, wie die Stimme in den Körper kommen konnte. Die Alte war aber durch die schmeichelhafte Anrede jedenfalls milder gestimmt worden und fuhr nach einer kleinen Weile kopfschüttelnd fort: »Habe gar nicht gewußt, daß der Junge, der Scipio, wieder von dem Vieh verkaufen will – nun, er mag selber mit Euch sprechen.« Damit nahm sie ein kleines Horn, das neben der Tür hing, und blies darauf einen langen, schrillen Ton nach dem »Garten« zu. Das Horn dann wieder an seinen Ort hängend, sagte sie, aber viel freundlicher als vorher: »Setzt Euch, Señor, ich selber kann Euch nichts darüber sagen, ich bin nur eine arme alte Frau, die hier mit ihren beiden Enkelkindern allein lebt. Das Mädel ist in die Stadt, um Milch zu verkaufen, aber der Junge ist daheim, wird gleich kommen, und dem gehört das Vieh auch eigentlich. Setzen Sie sich, setzen Sie sich!« Die Alte wurde, in der Aussicht, daß ihr Enkel einen vorteilhaften Handel mit dem Fremden abschließen könne, ordentlich höflich, und es blieb Bertrand nichts übrig, als der Einladung zu folgen. So unbemerkt das geschehen konnte, denn die Alte beobachtete ihn noch immer dann und wann mißtrauisch von der Seite, betrachtete er sich jetzt den inneren Raum, ob er nicht irgend etwas Auffälliges bemerken könne, aber ohne den geringsten Erfolg. Das Zimmer war, wie alle Hütten der Schwarzen, die wahrlich an keine Bequemlichkeiten, noch viel weniger aber an irgendeinen Luxus gewöhnt sind, nur sehr ärmlich, ja, selbst nur notdürftig möbliert. Nur auf einem an der Seite angebrachten Brett lagen einige ganz neue seidene Tücher in grellen Farben; aber die Neger lieben das überhaupt und sind in dem Ankauf solchen Schmuckes oft verschwenderisch. Die Alte hatte unter der Zeit einige häusliche Beschäftigungen vorgenommen. Ein Eimer mit eben nicht wohlriechendem Spülicht, der im Hause stand, mochte ihr dabei auch wohl so vorkommen, als ob er nicht recht zu dem Besuch passe. Sie nahm ihn auf und trug ihn auf die Straße, wo sie ihn ohne weiteres vor die Tür ausgoß. Dabei bemerkte sie Rafael, und als sie zurück in das Haus kam, fragte sie ihren Besuch, wer der Fremde da draußen sei. »Ein Freund von mir, der auch eine Hacienda besitzt und die Kuh eigentlich kaufen will. Er versteht aber nichts vom Viehhandel und hat mich deswegen mitgenommen«, erwiderte Bertrand. »Und weshalb kommt er nicht herein?« »Danke Ihnen, Señorita, die Tiere möchten Unglück anrichten, denn es laufen so viele kleine Kinder auf der Straße herum, und das eine schlägt.« Die Alte nickte; die Unterhaltung wurde auch hier durch den Sohn abgebrochen, der dem Hornruf folgte, um sich zu erkundigen, was man von ihm wolle. Es entging Bertrand keineswegs, daß er erschrak, als er einen Weißen in seinem Haus bemerkte, und er blieb wie zögernd in der Tür stehen. Sein augenscheinliches Mißtrauen wurde auch nicht durch die Erklärung gehoben, die ihm die Mutter über die Absicht des Besuches gab. »Wer hat Euch gesagt, daß ich Kühe zu verkaufen hätte?« fragte er finster, indem er Bertrand von oben bis unten betrachtete. »Ganz bestimmt habe ich es noch nicht erfahren«, erwiderte der Franzose, aber so unbefangen als möglich; »doch verschiedene Leute hier in der Nachbarschaft, bei denen wir anfragten, wiesen uns hierher und meinten, wenn wir irgendwo im Ort gutes Vieh zum Verkauf finden könnten, so wäre es gerade hier bei Ihnen.« »Wir? – Wer ist der wir? – Sind Sie nicht allein?« »Nein; mein Compañero ist draußen bei den Pferden, damit die Tiere keins der Kinder schädigen.« »Hm«, brummte der Bursche, »zum Verkauf habe ich eigentlich kein Vieh, und billig werdet Ihr keins bekommen, soviel ist sicher.« »Das Billigste ist nicht immer das Beste«, erwiderte Bertrand gleichgültig, »und wenn man ein gutes Stück haben will, darf es einem auch nicht auf ein paar Dollars ankommen. Können wir es vielleicht einmal sehen? Es kann ja sein, daß wir einen Handel mitsammen machen.« Der Farbige zögerte noch immer; aber die Aussicht auf Gewinn schien doch bei ihm obzusiegen, und er sagte endlich mürrisch: »Nun, meinetwegen; kommt mit hinaus in den Hof, dort hab' ich die Tiere.« »Kann mein Gefährte gleich von draußen hereinkommen?« »Nein, er muß hier durchs Haus; ruft ihn.« Rafael hatte indessen ruhig bei seinen Pferden gestanden und sich anscheinend um gar nichts gekümmert; aber er hielt die Augen offen und beobachtete nicht allein, was um ihn her vorging, sondern auch alles, was die Umgebung des Hauses betraf – freilich mit nicht besserem Erfolg, als Bertrand seine Beobachtungen im Innern anstellte. Er gelangte endlich zu der eben nicht angenehmen Überzeugung, daß er aller Wahrscheinlichkeit nach einen vergeblichen Gang gemacht habe und außerdem auch noch eine Kuh kaufen werde, mit der er nachher gar nicht wußte, was er anfangen sollte. Die Vorübergehenden und Nachbarn widmeten ihm indessen ihre besondere Aufmerksamkeit und wurden nicht müde, ihn anzustarren – denn was wollte der Weiße zwischen ihnen? – bis endlich eine Frau die Straße heraufkam, die schon unten gehört hatte, daß die beiden Fremden hierhergekommen wären, um Vieh zu kaufen. Dadurch verlor er an Interesse und man beachtete ihn nicht weiter. Jetzt kam die Alte aus der Haustür und schwappte ihren Eimer mit solcher Gewalt schräg über den Fußweg aus, daß die schmutzigen Tropfen bis dicht vor seine Füße spritzten und sein Brauner erschreckt den Kopf emporwarf. Der warme Duft, den die ausgegossene Brühe verbreitete, war ebenfalls nicht angenehm, und Rafael verließ seinen Platz, um lieber ein wenig vor dem Hause auf und ab zu gehen. Als er über die nasse Stelle hinüberschritt, wurde sein Auge unwillkürlich von einem brennend roten Punkte angezogen, der durch das darübergegossene Wasser vom Staub gereinigt worden war; es war allem Anschein nach das Siegel eines Briefes, und während Rafael weiterschritt, fiel ihm auf, wie das hierher in die Hütte kommen konnte. Er ging ein paar Schritte und kehrte wieder um – es war richtig ein Siegel, wenigstens ein Teil eines solchen. Jetzt blieb er daneben stehen, und indem er sich mit der einen Hand den Staub von seinen Beinkleidern schlug, bückte er sich mehr und mehr, bis ihn ein rascher und geschickter Griff in den Besitz des ersehnten Kleinods brachte. Er klopfte noch ein wenig an seinen Knien und wollte dann wieder zu den Pferden zurück, als Bertrand in die Tür der Hütte trat und ihn hineinrief. Im Hause folgte er den beiden Vorangegangenen in den Hof, wo ihm aber nicht entgehen konnte, daß ihn der Bursche, als er seiner zuerst ansichtig wurde, aufmerksam, ja sogar forschend betrachtete. Rafael hatte ihn auf den ersten Blick wiedererkannt, wenn er auch jetzt ein langes und, wie es schien, frisches Pflaster über der linken Backe trug. Es war derselbe Bursche, den er damals in Lydias Gartenzimmer getroffen hatte, und so ungeschickt und täppisch er sich dort zeigte, so viel kluge Wachsamkeit und selbst Mißtrauen lag jetzt in den dunklen Augen. Rafael tat aber nicht, als ob er ihn kenne oder ihn je im Leben gesehen habe. Er grüßte ihn nur flüchtig, aber artig, und beachtete ihn von da an gar nicht mehr, ja schien nur einzig und allein Augen für das Vieh zu haben, das er von allen Seiten betrachtete und Bertrand sein Urteil darüber sagte. Der Mulatte schien endlich seinen Verdacht fallen zu lassen und wurde jetzt auch lebendiger, indem er sein Vieh herausstrich und einen ganz unverschämten Preis dafür forderte. Während sie noch an der kleinen Umzäunung standen, kam auch des Burschen Schwester aus der Stadt zurück. Es war ein knochiges, baumstarkes Frauenzimmer mit einem frechen, herausfordernden Blick. Sie trug nur Rock und Hemd, aber noch ein grellfarbiges, augenscheinlich neues seidenes Tuch wie eine Art Turban um den Kopf gebunden, und eine unechte Kette von bunten Steinen, ebenfalls neu. Sie schien eifrigen Teil an dem Handel zu nehmen und unterstützte ihren Bruder lebhaft. Der Preis war wirklich unverschämt, und der Mulatte hatte sich bis jetzt erst eine Kleinigkeit abhandeln lassen. »Ich denke, wir sind keine Esel«, sagte Bertrand auf französisch zu seinem jungen Begleiter, »und brechen den Handel ab; wir haben jetzt gesehen, was wir sehen wollten, oder vielmehr nicht gesehen, und können ihm die Kuh lassen.« »Nein«, widersprach Rafael, »ich muß eine Ausrede haben, hierher zurückzukommen; was liegt an den paar Dollars – kaufen Sie die Kuh.« »Meinetwegen«, brummte Bertrand. »Du mußt aber viel Geld übrig haben, wenn du zu solchen Preisen Vieh kaufen willst. So laß mich wenigstens erst noch einmal sehen, was ich ihm herunterhandeln kann. Wenn wir tun, als ob wir fortgehen wollten, gibt er gewiß nach.« Bertrand gelang es wirklich, noch zehn Dollars abzupressen. Damit wurde der Handel abgeschlossen. »Und wann wollt Ihr sie holen lassen?« fragte der Mulatte. »Ich weiß nicht«, sagte Rafael, »ob ich heute noch Leute dazu in Lima auftreiben kann; wir bezahlen sie gleich, aber Sie werden das Tier noch bis morgen füttern müssen.« »Oh«, meinte der Bursche, über den guten Handel erfreut, »das macht nichts! Wenn sie jetzt bezahlt wird, kann sie meinetwegen noch zwei Tage da stehen bleiben; von da an aber rechne ich Futterkosten; denn umsonst kann ich sie nicht füttern.« »So lange soll es nicht dauern«, sagte Rafael, indem er das schon bereitgehaltene Geld aus seinem Beutel nahm und in blanken Goldstücken in die Hand des Mulatten zählte. Bald darauf trabten Bertrand und Rafael wieder der Hauptstraße zu. »Das war ein wirklicher ›Metzgergang‹ im wahren Sinne des Worts«, lachte Bertrand still vor sich hin. »Ich selber habe da drinnen auch nicht das geringste Auffällige erkennen können, und verdächtig ist mir gar nichts vorgekommen.« »Dann hab' ich wenigstens einen Fund gemacht«, sagte Rafael, indem er sich vorsichtig umsah, ob sie nicht mehr beobachtet werden konnten; aber die Straße lag völlig menschenleer, nur ein Trupp Eseltreiber zog schon in ziemlicher Entfernung der Stadt zu, und dabei zeigte er dem Freund das halbe Siegel, das er im Schmutze vor dem Hause gefunden hatte. »Ist das alles?« lachte Bertrand trocken. »Wie kommt das Siegel dahin?« fragte aber Rafael. »Hier in Peru wie in allen heißen Ländern der Erde wird nie Siegellack verwandt, um Briefe zu schließen. Der Brief, auf dem dieses Siegel war, muß also von irgendeinem anderen Land hierher gekommen sein, und der Abdruck des Petschaftes, der freilich ziemlich undeutlich geworden ist, läßt sich vielleicht doch noch mit einem Vergrößerungsglas erkennen.« »Hm«, sagte Bertrand nachdenklich, »das ließe sich allenfalls hören. Und was willst du jetzt tun?« »Augenblicklich wieder nach Lima hineinreiten und Fräulein Valière sprechen. Bin ich mit dem Siegel wirklich auf der rechten Spur, dann setze ich die Polizei in Bewegung, und wenn ich bis zum Präsidenten gehen sollte!« »Dann reitest du jetzt also nicht wieder mit mir hinaus! Juanita wird mit dem Mittagessen auf uns warten.« »Ich kann jetzt nicht«, rief Rafael; »die Sache hier geht allem vor, denn wir haben schon zuviel Zeit damit versäumt!« »Meine Landsmännin scheint dich fest angeworben zu haben«, sagte Bertrand ziemlich ernst; »du betreibst ihre Angelegenheiten mit einem ganz außergewöhnlichen Eifer.« »Ist es nicht Ehrensache für jeden Peruaner geworden«, rief Rafael warm, »eine solche Schande von uns abzuwälzen, gerade an einem derartigen Nationalfest ein Verbrechen geduldet und nicht bestraft zu haben?« »Ach so«, sagte Bertrand trocken, »du tust es nur aus Nationalgefühl! Nun gut, ich kann's nicht ändern«, setzte er fast mit einem halben Seufzer hinzu, »tu, was du willst und nicht mehr lassen kannst. Und wie wird's mit der Kuh; um die brauch' ich mich doch da auch nicht mehr zu kümmern?« »Nein, das besorge ich selber, und sobald die Sache geordnet ist, komme ich wieder heraus und bringe Ihnen Nachricht.« »Also, gehab' dich wohl, mein Junge«, sagte der Alte, indem er ihm die Hand hinüberreichte, »dann will ich nach Hause reiten und allein mit Juanita essen!« Und sein Pferd abwendend, trabte er langsam die Straße wieder hinauf, den Hacienden zu. Vorbereitungen Rafael indessen ließ sein Pferd scharf ausgreifen, um sobald als möglich Lima und die Calle de Valladolid zu erreichen. Er nahm sich, in Lima angekommen, auch wirklich kaum Zeit, sein Pferd einzustellen und ein klein wenig Toilette zu machen, kaufte dann bei einem Uhrmacher ein gutes Vergrößerungsglas und eilte ohne weiteres zu Lydia. Glücklicherweise war sie allein, das heißt, kein Fremder war bei ihr, nur Adele Deringcourt, und die beiden Mädchen sahen leicht, daß ihn etwas Außergewöhnliches hergeführt haben müsse. Rafael ließ sie denn auch nicht lange im Zweifel und fragte Lydia gleich von vornherein, ob sie ihm nicht gesagt habe, daß unter den ihr entwendeten Gegenständen auch Briefe gewesen wären. »Ja, ein ganzes Maroquin-Kästchen voll, und gerade liebe, teure Briefe, die ich dort verschlossen hielt! Die Diebe haben das Etui jedenfalls für ein Schmuckkästchen gehalten.« »Waren gesiegelte Briefe darunter – ich meine, erbrochene?« »Allerdings – acht oder zehn noch in Europa erhaltene.« »Gut, dann bitte ich Sie nur vorher um etwas Wasser, um ein kleines Stück Siegellack abzuwaschen.« Lydia begriff nicht recht, was er damit meine, gab ihm aber das Verlangte, und Rafael reinigte und wusch jetzt gründlich das aus dem Schmutz aufgelesene Stückchen Siegellack, das er dann Lydia genau zu betrachten bat, ob sie das Petschaft darauf kenne. Er reichte ihr dazu das mitgebrachte Vergrößerungsglas, und sie hatte kaum das kleine, halb zerbrochene Siegel betrachtet, als sie lebhaft ausrief: »Das ist von mir! Woher haben Sie das? Das Petschaft ist von einer Freundin aus Bordeaux – ein Georg, der den Lindwurm ersticht – hier sehen Sie noch deutlich den Kopf des Drachen und den erhobenen Arm des Ritters ...« »Haben Sie kein ähnliches mehr zurückbehalten?« »Doch«, rief Lydia rasch; »nur die wichtigsten Briefe hatte ich in das Kästchen verschlossen. Aber hier und hier«, fuhr sie fort, ein anderes, offenes Paket herbeiholend, »sind noch zwei Briefe von derselben Hand, beide gesiegelt, und jetzt können Sie vergleichen!« Rafael nahm die beiden Briefe, fand aber den ersten völlig wertlos. Das Siegel daran war fast zu einer glatten Fläche gepreßt, auf der sich nur undeutlich noch einige Eindrücke erkennen ließen; aber der zweite zeigte noch die Gestalt des Ritters auf dem Pferde, und als er die beiden, das gefundene Siegel mit diesem verglich, war er vollständig überzeugt, daß die beiden Abdrücke auch von einem und demselben Petschaft herrührten. Es galt nun, die Polizei ebenfalls davon zu überzeugen, um sie auf die Spur des Diebstahls zu bringen. Aber nach der Erfahrung mit Señor Perteña hielt er, selbst in der Anmeldung seines Verdachts, eine gewisse Vorsicht nicht für überflüssig. Er brach übrigens seinen Besuch bei Lydia kurz ab, denn die übernommene Pflicht ließ ihm keine Ruhe. Mehr aber fast noch beunruhigte ihn ein für jetzt freilich noch vollkommen unbestimmter Verdacht: daß dieser Perteña nämlich, der sich als von der Polizei gesandt ausgegeben hatte, mit der Sache in näherer Verbindung stehe. Perteña war ja außerdem auch einer der Zeugen, die den Kaufbrief Desterres unterschrieben hatten, und Rafael ahnte hier ein ganzes Gewebe von Schlechtigkeiten. Da galt es denn freilich jetzt nur irgendwo eine Handhabe zu bekommen, um erst einmal einen zu fassen, der dann vielleicht Aufschlüsse über mehr geben könnte. Er suchte ohne weiteres den Polizeidirektor, den er jetzt noch in seinem Büro traf, auf und hätte mit seiner Anklage zu keiner günstigeren Zeit erscheinen können. Eben erst war nämlich der Ermordete, den er selbst an diesem Morgen neben der Straße entdeckt hatte, eingebracht und in ihm, seinen Kleidern und einem großen, braunen Mal am linken Oberarm nach, ein gewisser Orriges, ein naher Verwandter und Freund des Polizeidirektors, erkannt worden, und dieser war noch ganz außer sich über die Tat. Jede Spur in der dortigen Gegend war ihm erwünscht, und als ihm Rafael sogar noch die Andeutung machte, daß der Mulatte ein ganz frisches Pflaster im Gesicht getragen habe, das möglicherweise eine ganz frisch erhaltene Wunde decken könne, war er völlig Feuer und Flamme dafür. Am liebsten hätte er noch am selben Abend eine Patrouille hinausgeschickt, um den Mulatten gefangen einzubringen und sein Haus durchsuchen zu lassen. Dagegen aber protestierte Rafael mit allen Kräften, denn er vermutete nicht mit Unrecht, daß jener Scipio Morbido eine Anzahl von Helfershelfern in der Nachbarschaft habe und leicht gewarnt werden und entwischen könne. Er selber hatte sich einen anderen Plan entworfen, der sicheren Erfolg versprach, weil er eben einfach und unverfänglich war. Um nämlich seine gekaufte Kuh nach Lima zu schaffen, brauchte er einige handfeste Leute. Mit diesen ritt er am nächsten Morgen – denn heute war es dafür zu spät geworden – nach dem Negerdorf hinaus; aber seine Begleiter waren keine gewöhnlichen Peones, sondern Polizeisoldaten, und hatten sie dann den Burschen und seine Schwester, die jedenfalls als Hehlerin in Sicherheit gebracht werden mußte, dann gab ein Schuß der unfern davon, vielleicht auf dem Hauptweg, haltenden Patrouille ein Zeichen, die im Galopp zu Hilfe kam, falls die Nachbarn oder sonstigen Helfershelfer Lust zeigen sollten, die Verbrecher zu befreien. Das Haus wurde zugleich umstellt und genau durchsucht. Rafael zweifelte keinen Augenblick, daß sie gerade in jener Gaunerhöhle eine Menge von Dingen finden würden, die vielleicht sogar auf frühere Diebstähle und Raubanfälle zurückführten. Von Perteña und dem Verdacht, den er gegen ihn hatte, erwähnte Rafael nichts. Es war nicht wahrscheinlich, daß der Direktor mit ihm befreundet war, aber – man wußte es eben nicht, und er hielt es für besser, diesen ganz aus dem Spiel zu lassen. Steckte er mit darunter, so kam die Sache von selber an den Tag. Mit dem Versprechen, morgen früh um acht Uhr wieder im Polizeigebäude zu sein, um dort seine Begleiter angewiesen zu bekommen, ging Rafael nach seiner eigenen Wohnung, um dort noch einige Privatgeschäfte zu besorgen. Es war ihm nämlich ein Deutscher empfohlen worden, der als vortrefflicher Chemiker imstande sein sollte, die Unterschrift des Kaufbriefes zu prüfen. Der Mann befand sich jetzt freilich gerade für kurze Zeit in Cerro de Pasco, wurde aber in nächster Woche zurückerwartet, und Rafael beabsichtigte, indessen an ihn nach Cerro zu schreiben und ihn zu bitten, ihn bei seiner Rückkunft in Lima augenblicklich aufzusuchen. Als er in seiner Wohnung ankam, fand er eine Karte vom französischen Konsul vor, worin ihn dieser dringend bat, ihn doch sobald als möglich in seiner Wohnung zu besuchen, um das Nähere mit ihm über die verkauften Insulaner zu besprechen. Er war von Bertrand an ihn gewiesen worden und hatte in den letzten Tagen selber so viel Daten als möglich eingezogen; viele Einzelheiten wünschte er aber doch noch von Rafael zu erfahren. Dieser schrieb erst seinen Brief nach Cerro, trug ihn auf die Post und ging dann zu dem französischen Konsul hinüber, dem er sich melden ließ. Monsieur Lacoste war allerdings gerade im Begriff, auszureiten, ließ aber sein Pferd augenblicklich wieder absatteln und hatte jetzt eine lange Unterredung mit dem jungen Mann, wobei Rafael zu seiner Freude in ihm einen warmen Verteidiger der armen Insulaner fand. So ungern Monsieur Lacoste auch anfangs eine derartige Mission übernommen haben mochte, so sehr schien er sich jetzt dafür zu interessieren, als er mit Hilfe eines Dolmetschers von dem französischen Kriegsschiff erst einmal ein paar der Unglücklichen gesprochen und ihre Leidensgeschichte gehört hatte. Der Italiener Felipe, der seine Freunde verraten hatte, trieb sich noch in Lima herum, hatte aber das Blutgeld schon fast durchgebracht und schien auf ein passendes Schiff zu warten, auf dem er Peru wieder verlassen konnte. Er mochte sich doch nicht so ganz sicher in der Nähe der Insulaner fühlen, da er nicht verhindern konnte, ihnen dann und wann zu begegnen, während ihr Haß gegen ihn in ihrer Knechtschaft von Tag zu Tag gewachsen war. Der Franzose hatte übrigens Maßregeln getroffen, um augenblicklich benachrichtigt zu werden, wenn dieser Bursche das Land verlassen wollte. Er brauchte ihn nämlich nicht allein als Zeugen für die Insulaner, sondern gedachte auch von der Regierung seine Auslieferung zu verlangen, um ihn nach Tahiti zu schicken. Dort sollte er dann für das Verbrechen des Menschenraubes vor Gericht gestellt und bestraft werden. War doch der Galgen noch zu gut für den Schuft! Als Rafael die Straße wieder entlang schritt, fühlte er plötzlich einen Arm in dem seinigen, und als er den Kopf danach wandte, erkannte er zu seinem Erstaunen niemand anders, als Señor Perteña, der lächelnd zu ihm aufschaute und sagte: »Mein sehr verehrter Señor, ich freue mich, Sie wieder einmal auf neutralem Grund zu treffen und ein paar Minuten mit Ihnen plaudern zu können! Wohin gehen Sie?« »Ich habe eigentlich kein bestimmtes Ziel«, sagte Rafael, von dieser Freundlichkeit wirklich überrascht. »Desto besser«, lachte sein Gefährte, »dann schlendern wir eben ruhig die Straße entlang. Und nun, mein Freund, der Sie mich einstmals in Verdacht hatten, Ihnen nach dem Leben zu trachten – Sie haben sich indessen doch wohl davon überzeugt, daß Sie mir unrecht taten, sagen Sie mir einmal, ob Sie besseren Erfolg mit Ihren Nachforschungen gehabt haben, als ich, denn ich muß Ihnen gestehen, ich bin, trotz aller Mühe nicht glücklich gewesen!« »Mit welchen Nachforschungen, Señor?« fragte Rafael, der sich jetzt soweit gefaßt hatte, Perteñas Arm in dem seinigen zu dulden. Er suchte wenigstens herauszubekommen, was der Señor von ihm wollte. »Nun, des Diebstahls wegen bei der französischen Señorita!« »Ich hatte leider auch keinen besseren Erfolg«, sagte Rafael, der gar nicht daran dachte, dem verdächtigen Fremden seine Entdeckung mitzuteilen. »Der Diebstahl scheint in der Tat so schlau angelegt worden zu sein, daß man ihm schwerlich auf die Spur kommen wird, wenn sich nicht einmal die Täter selber verraten.« »Unsere Polizei ist zu lässig«, sagte Perteña. »Wie es scheint, ja.« Die beiden jungen Leute gingen eine kurze Strecke schweigend nebeneinander hin. Endlich begann Perteña wieder: »Haben Sie Ihren Freund, den Franzosen, in den Hacienden lange nicht mehr besucht?« »Ich bin heute erst von dort hereingekommen«, erwiderte Rafael ruhig. »In der Tat?« rief Perteña rasch, und es schien fast, als ob er eine Frage auf der Zunge hätte. Wenn aber, so besann er sich doch eines andern und lenkte nur gleichgültig ein: »Ja, der Platz dort draußen ist ganz angenehm. Der alte Franzose besonders hat sich recht behaglich eingerichtet; wenn nur der langweilige, heiße Weg nicht wäre – die schattige Allee sollten wir dort hinaus haben, wie sie an unserem Paseo steht, dann würde es ein Vergnügungsort Limas werden. Jetzt reitet nur hinaus, wer eben muß, und selbst die nicht gern. Aber, wo wollen Sie hin?« unterbrach er sich rasch, als Rafael vor einem der Häuser stehenblieb. »Ich wohne hier.« »Sie wohnen hier? Aber Sie bleiben doch nicht den ganzen Abend zu Hause?« »Ich habe einige notwendige Briefe zu schreiben, die ich erst erledigen muß.« »Ach so – also auf Wiedersehen, Compañero! Apropos«, sagte Perteña, sich noch einmal zurückdrehend, »waren Sie nicht kürzlich wieder einmal beim Präsidenten?« »Nicht seit dem Tag, an dem wir uns dort begegneten.« »Ja, ich erinnere mich. Ist auch jetzt nichts mit dem Alten anzufangen, denn er hat den Kopf voll von lauter Attentaten. Nun, adios amigo, hasta luego !« und dem jungen Mann freundlich zuwinkend, schritt er langsam die Straße hinab. Die Diebeshöhle Am nächsten Morgen war Rafael früh im Polizeigebäude, um sich die Leute, die er mitzunehmen gedachte, auch selber auszusuchen. Er brauchte dazu handfeste Burschen, denn der Mulatte war sehr kräftig, und seine Schwester war, wenn es zu einem Kampf kam, ebenfalls nicht ganz außer acht zu lassen. Überdies wußte man nicht einmal, ob auf seinen Notruf nicht die Nachbarn beispringen würden, ehe die Polizei imstande war, herbeizueilen. Der Polizeidirektor hatte das aber schon selber bedacht und vier so tüchtige Gesellen für ihn bestimmt, daß der junge Mann nichts an ihnen auszusetzen fand. Alle wußten mit Feuergewehren umzugehen und trugen, wenn auch versteckt, ihre Revolver, offen dagegen ihre langen Messer bei sich, was den Fleischern gestattet wurde, wenn sie ein wildes Rind transportierten, um es im Notfall abstechen und unschädlich machen zu können. Beritten waren sie ebenfalls, denn es wird in all diesen spanischen Ländern keinem Menschen je einfallen, auch nur eine Viertelstunde Weges zu Fuß über Land zu gehen. Jeder führte natürlich auch noch einen Lasso mit sich, an den das Vieh gewöhnlich genommen und so geführt wird. So trabten sie, als sie erst einmal die Rollsteine des ersten Teiles des Weges hinter sich hatten, die Straße entlang, überholten kurz vorher, ehe der Weg in das Negerdorf links abbog, die berittene Polizeipatrouille, die schon voraus beordert war, und hielten kurze Zeit später vor dem von Rafael bezeichneten Hause an, wo sie abstiegen und ihre Tiere draußen befestigten. Scipio trat in die Tür, als er das Pferdetrampeln draußen hörte und Rafael an der Spitze der Leute erkannte; lachend rief er: »Na, wenn meine Schwester jetzt herüberkommt, wird sie Euch schön auslachen, Señor! Vier Leute bringen Sie mit, um eine Kuh zu transportieren, die das Mädchen allein aus Lima herausgeführt hat! Die Umstände hätten Sie sich wahrlich sparen können, und wenn ich vorher gewußt hätte, daß Sie so viel Geld dafür ausgeben wollten, konnte ich es ebensogut selber verdienen.« »Was tut's, Señor«, rief Rafael zurück, »wir sind nun einmal da, und geht die Kuh geduldig, nun, desto besser. Wie ich sie aber gestern sah, traute ich ihr nicht so recht, denn es schien mir fast, als ob sie einen falschen Blick hätte. Wollen Sie uns erlauben, daß wir das Tier jetzt mitnehmen?« »Gewiß, gewiß, Señor«, rief der Mulatte; »nur einen kleinen Augenblick möchte ich Sie noch bitten, zu warten, bis meine Schwester kommt, denn es ist so Sitte bei uns, daß der oder die, welche das verkaufte Vieh gefüttert hat, auch beim Abholen ein kleines Geschenk bekommt.« »Oh, mit Vergnügen, Señor!« rief Rafael rasch, während ihm indes gar nichts daran lag, das Frauenzimmer dabei zu haben, wenn sie den Burschen gefangen nahmen. »Übrigens brauchen wir sie deshalb nicht selber zu bemühen, denn ich könnte ja Ihnen das Geschenk ebensogut übergeben.« »Dann glaubt sie doch nachher, daß ich sie betrogen hätte«, lachte der Mulatte; »sie ist arg mißtrauisch, aber sie muß gleich hier sein. Wollen Sie nicht so lange ins Haus treten, Señor?« Rafael hatte den Burschen mit so großer Höflichkeit behandelt, daß dieser sich schämte, zurückzustehen, und der junge Mann betrat das Haus. Die Peones mußten draußen warten, denn der Schwarze hielt sich als Gutsbesitzer und Viehhalter für ebenbürtig mit jedem weißen Caballero, in deren Gesellschaft man natürlich keine Knechte dulden durfte. Im Hause wäre es überdies eine mißliche Sache gewesen, den Burschen festzunehmen, denn die alte Großmutter saß darin, und man mochte sie doch nicht der Gefahr aussetzen, in dem jedenfalls entstehenden Getümmel verletzt zu werden. Rafael betrat den kleinen, ziemlich schmutzigen Raum und ließ sich auf einen ihm zugeschobenen Schemel nieder; aber das Warten hielt er nicht lange aus. Das Herz schlug ihm fieberhaft in der Brust, die Aufregung und Erwartung beengten ihn so, daß er kaum Atem holen konnte, und er beschloß, diesem Zustand so rasch als möglich ein Ende zu machen. »Wenn es Ihnen recht ist, Señor«, sagte er nach einer kleinen Pause, in der der Mulatte in einem breiten Wandschrank gekramt, die Tür desselben aber nur so weit geöffnet hatte, daß er mit dem Arm hineinfahren konnte, »so lassen wir die Leute indessen die Kuh fangen und festlegen; ich bin mit meiner Zeit etwas beschränkt und möchte gern so rasch als möglich wieder in Lima sein.« »Von Herzen gern, Señor«, erwiderte der Bursche, indem er jetzt aus dem Schrank eine noch halbgefüllte Flasche zum Vorschein brachte; »vorher müssen wir aber noch einmal eins auf den Kauf trinken. Sie werden mir doch Bescheid tun, hoff' ich?« »Sicher«, erwiderte Rafael, denn er konnte nicht gut ausweichen und sah mit eben nicht großem Behagen, wie der Mulatte ein paar nichts weniger als reinliche Gläser, die Gott weiß wie lange schon im Gebrauch waren, von dem nächsten Brett nahm, notdürftig mit einem alten Lappen auswischte und dann ein trübes Gebräu, das einen scharfen Aguar-diente -Geruch hatte, hineinschüttete. »Also, Señor«, sagte der Mulatte, das eine Glas ergreifend und gegen seinen Gast haltend, indem er ihm das andere mit der linken Hand hinschob, »auf weitere Geschäfte miteinander und daß Euch die Kuh und der Handel gefallen möge!« »Auf weitere Geschäfte miteinander!« erwiderte Rafael etwas zweideutig, indem er das Glas an die Lippen hob und daran nippte. Scipio leerte sein ziemlich großes Glas auf einen Zug, ohne auch nur eine Miene dabei zu verziehen, schob dann die Flasche zurück und rief die vermeintlichen Peones an, ihm in den Hof zu folgen. Er selber schritt voraus und erwartete draußen die Leute, um ihnen die verkaufte Kuh zu zeigen. Die Leute zogen, als sie das Haus betraten und hindurch gingen, höflich ihre Mützen ab und grüßten die Alte, die aber von ihnen nur wenig Notiz nahm – es waren ja nur Peones, ihr Enkel besaß dagegen Grundeigentum. Draußen im Hof änderte sich aber bald die Sache, denn jetzt blieb weiteres Zögern nicht mehr nötig. Der kleine Hofraum mochte etwa zwanzig Schritt breit sein und sah ebenso schmutzig und verwahrlost aus wie das Haus selber; dahinter aber lag der mit starken Pfosten und Querstangen fest eingezäunte Corral, in den die Kühe zum Melken getrieben und dort auch morgens gefüttert wurden. War das geschehen, dann ließ man sie wieder in eine weite Einfriedigung hinaus, wo sie sich den ganzen Tag damit vergnügen konnten, auf dem dürren, vollkommen nackten Boden spazierenzugehen und unter ein paar dürftig belaubten Bäumen Schatten gegen die glühenden Strahlen der Sonne zu suchen. Die Kühe waren heute morgen schon früh gemolken und gefüttert und wieder in die große Einfriedigung hinausgejagt worden. Nur die verkaufte Kuh hatte man zurückbehalten, um sie, wenn sie abgeholt werden sollte, gleich bei der Hand zu haben. Sie lag wiederkäuend im Schatten einiger Akazien, deren Laub aber auch so trocken und verbrannt aussah, als ob es jeden Tag abfallen könnte. Scipio blieb, als die vermeintlichen Peones durch das Haus kamen, mitten in dem kleinen Hofraum stehen, und auf den Corral deutend, sagte er zu den Leuten: »Dort liegt die Kuh, sie ist wie ein Lamm; einer von euch kann sie ruhig bei den Hörnern nehmen und hinführen, wohin er will.« »Desto besser«, rief der eine von den verkleideten Polizisten, »dann brauchen wir auch die vier unbequemen Lassos nicht und einer oder zwei sind genug. Wirf sie hierher, José.« Dabei warf er, während zwei stehenblieben und der dritte herankam, wie um dem Befehl Folge zu leisten, seinen eigenen Lasso dicht neben dem Mulatten auf den Boden nieder und streifte sich dann seine Ärmel in die Höhe. Sein Gefährte warf seinen Lasso ebenfalls auf den ersten, und beide Polizeidiener hatten jetzt, während Rafael vor ihm stand, den Mulatten in der Mitte. Diese Bewegung mußte dem Burschen verdächtig vorgekommen sein, denn er warf, aufmerksam werdend, den Kopf empor – doch zu spät. Von beiden Seiten sprangen sie zu gleicher Zeit auf ihn ein und suchten seine Arme zu fassen, während die beiden anderen, die vielleicht noch zehn Schritte von ihm entfernt standen, jetzt ebenfalls zur Hilfe herbeisprangen. Rafael hatte indessen seinen Revolver herausgezogen und feuerte einen Schuß in die Luft hinein – das verabredete Zeichen –, während der Mulatte mit Riesenstärke gegen die Übermacht ankämpfte und dabei um Hilfe schrie. »Verrat!« brüllte er, indem er seine Arme frei zu bekommen suchte, »Verrat! Hilfe! Hilfe! Hierher, Nachbarn! Spione! Spione! Verrat! Hilfe!« Ein Aufschrei antwortete ihm, wie ihn eine gereizte Tigerin ausstoßen mag, wenn man ihr ein Junges rauben will, und wie eine Furie, mit vorgestreckten Armen und rollenden Augen, stürzte Scipios Schwester aus dem Haus; sie hielt sich in der Tat nicht lange mit Kleinigkeiten auf. Ehe Rafael nur dazwischen springen konnte, fuhr sie schon dem einen Polizeidiener mit den gekrallten Fingern der einen Hand durch das ganze Gesicht, während sie den anderen bei der Kehle packte, daß dem Mann die Augen aus dem Kopf traten; daß sie der dritte dabei mit voller Faust und aller Kraft, ohne irgend welche Rücksicht auf das schöne Geschlecht zu nehmen, wider die Stirn traf, schien sie nicht im geringsten zu berühren; sie wankte und wich nicht, und Scipio fing an, Luft zu bekommen. In dem Gefühl verdoppelte er auch seine Anstrengungen, dem Griff der Feinde zu entgehen, und hatte den linken Arm schon freibekommen. Rechts und links bei den Nachbarn wurde es bereits laut und lebendig. »Holla, was ist das?« riefen ein paar rauhe Stimmen, und schwarze, drohende Gestalten warfen sich gegen die Umzäunung, die beide Höfe voneinander trennte, um herüber zu klettern. Die alte Frau im Hause, die ein entsetzter Zeuge des Kampfes war, erhob dabei ein Zetergeschrei, und Rafael sah ein, daß er selber mit zuspringen mußte, wenn sie ihre Beute nicht verlieren wollten. Kam der Mulatte auch nur für einen Augenblick frei und gelang es ihm, sich über die nächste Einfriedigung zu werfen, so hätte ihn die ganze peruanische Polizei nicht wieder in dem Häuser- und Gärtengewirr des Negerdorfes aufgefunden. Von der Schußwaffe wollte er aber nur im äußersten Notfall und zur Selbstverteidigung Gebrauch machen. Der Griff der Megäre an des Polizisten Kehle war indessen so bedenklicher Art geworden, daß dieser losließ und, wie es schien, auch schon das Bewußtsein verlor. Rafael sprang deshalb zu, faßte den Arm des Frauenzimmers und riß die Hand gewaltsam von ihrem Opfer los. In dem Augenblick aber hörte er auch rasche Schritte hinter sich und sah aus dem Haus einen stutzerhaft gekleideten, aber nichtsdestoweniger ziemlich grobknochigen Mulatten gerade auf sich zuspringen. Scipio mußte ihn auch bemerkt haben, denn er schrie, indem er wieder einen verzweifelten Versuch machte, seinen rechten Arm frei zu bekommen: »Hierher, Corona, zu Hilf«! Dein Messer heraus, stich die Hunde nieder!« Señor Corona, denn niemand anders war es, als unser alter Freund, der hier der Señorita Morbido zu Hilfe eilen wollte, machte in der Tat eine verdächtige Bewegung, als ob er nach einer verborgenen Waffe greifen wollte. Rafael besann sich deshalb nicht lange, und den schon wieder eingeschobenen Revolver vorreißend, richtete er ihn auf den erschreckt davor zurückprallenden Farbigen; es schien jetzt, als ob er die Waffe auch wirklich gebrauchen solle, denn zu gleicher Zeit hatten links und rechts ein paar der zu Hilfe gerufenen Nachbarn ihre Spaliere erklommen und waren eben im Begriff, in den inneren Hofraum hinabzuspringen. Da wurden vor und hinter dem Hause die klappernden Hufschläge der heransprengenden Reiter laut, von denen ein Trupp vor dem Hause seine Pferde zügelte, während der andere eine kleine hinter dem Corral liegende Seitenstraße besetzt hielt. Die Nachbarn blieben oben auf ihren Umzäunungen sitzen und sprangen nicht in den Hof, und Rafael bemerkte, wie sogar der stutzerhafte Farbige nicht übel Lust zeigte, sich ihnen anzuschließen, denn er eilte auf die nächste Umzäunung zu und machte eben Miene, hinüberzuklettern, als der junge Peruaner ihm in den Weg trat. Seine Hilfe bei der Señorita war nicht mehr nötig, einer der Polizeidiener hatte sie mit dem Kolben seines Revolvers so gegen die linke Schläfe getroffen, daß sie in die Knie brach, und des Mulatten waren sie ebenfalls Herr geworden. Rafael aber ersuchte den eleganten Neger mit vorgehaltenem Revolver doch jedenfalls so lange zu warten, bis man seine nähere Bekanntschaft machen könne, und Corona, der einen heiligen Respekt vor Feuerwaffen hatte, ließ bestürzt die Umzäunung los und fragte nur, was man von ihm wolle. Er habe nur den Lärm im Hof gehört und geglaubt, sein Freund Scipio würde von Räubern überfallen; deshalb sei er ihm zu Hilfe geeilt. Wenn er gewußt hätte, daß die Polizei dabei beteiligt wäre, würde es ihm nie eingefallen sein, der entgegenzutreten. Rafael antwortete ihm gar nicht. Von beiden Seiten betraten jetzt die abgesessenen Dragoner, während vier von ihnen das Haus besetzt hielten und zwei davon mit gespannten Karabinern an der Haustür Posten faßten, den Hof, und nach einem kurzen, aber immer noch verzweifelten Kampf fand sich Scipio endlich gebunden und seine Ellbogen auf dem Rücken zusammengeschnürt in der Gewalt der Polizei, von der ihn zwei Mann bewachten. Auch seine Schwester, die eine solche Energie in dem Kampf entwickelte, wurde gebunden, und der Beamte, den sie so freundlich bei der Kehle gehabt hatte, übernahm freiwillig ihre Bewachung. Für ebenso zweckmäßig hielt es aber der mitgekommene Gerichtsbeamte, der sich bis dahin bei der berittenen Patrouille gehalten hatte, Señor Corona einige Fragen vorzulegen, und man bedeutete ihm, ruhig im Hof zu bleiben und keinen weiteren Fluchtversuch zu machen, bis er entlassen würde. Er fügte sich dem auch, denn er sah ein, daß er nicht fort konnte. »So, Señor Aguila«, sagte jetzt der Beamte, indem er zu Rafael in den Hof trat, »das wäre gelungen, und von der Nachbarschaft haben wir weiter nichts zu fürchten, denn wenn sie auch dem Burschen da – Santa Maria , wie der Schuft aussieht! – vorher beigestanden hätte, hüten sich die Leute doch sehr, offen mit der Polizei anzubinden. Ein reines Gewissen haben wenige, und wo sie nicht gezwungen werden, halten sie sich gern von derlei Einmischungen fern.« »So können wir jetzt also an die Durchsuchung des Hauses gehen?« fragte Rafael. »Mit dem größten Vergnügen«, lautete die Antwort; »paßt mir indessen nur gut auf unsere Gefangenen und schafft sie lieber etwas näher zum Hause – sicher ist sicher, und es ist besser, wir halten uns zusammen, übrigens habe ich zur Vorsorge noch eine Abteilung Ulanen herausbeordert, die, während wir hier beschäftigt sind, im Dorf patrouillieren sollen. Vorsicht kann nichts schaden.« Der peruanische Beamte war allerdings mit äußerster Vorsicht zu Werke gegangen, denn wo er seine eigene Person einer Gefahr aussetzen sollte, gedachte er die doch vor allen Dingen sicherzustellen. Sie brauchten jetzt wirklich nicht mehr zu fürchten, in ihrer Arbeit gestört oder auch nur belästigt zu werden, denn die im Dorf entwickelte Militärmacht genügte, sämtliche Bewohner in ihren Häusern zu halten. Scipio, der wohl ahnen mochte, auf was das alles hinauslief, der aber auch recht gut einsah, daß er in der Gewalt der Feinde sei und für den Augenblick alles über sich ergehen lassen mußte, lag jetzt ruhig und knirschte nur in machtloser Wut die Zähne zusammen. Desto rasender gebärdete sich aber dafür seine Schwester, die, kaum wieder zur Besinnung gekommen und ihre Hände gebunden fühlend, die wütendsten Anstrengungen machte, sich zu befreien, und ihre Wächter dabei mit einer Flut der ungeheuerlichsten und gemeinsten Flüche und Verwünschungen übergoß. Was die spanische Sprache nur an gotteslästerlichen und obszönen Vermaledeiungen besaß, das sprudelte über die Zunge der Negerin, und während ihr durch die furchtbaren Anstrengungen das Hemd in Fetzen um die Schultern hing, suchte sie noch immer sich zu befreien und Rache zu üben an denen, die sie hier in ihrem eigenen Hause so behandelten. Ihr Wächter ließ alles ganz ruhig geschehen und stand lachend neben ihr, der machtlosen Wut spottend, bis sie anfing, mit gellender Stimme erst den unglücklichen Corona zu verfluchen, daß er mit freien Armen dabei stand und sie so ruhig mißhandeln ließ, und dann die Nachbarn um Hilfe anzurufen. Da erst hielt der Polizeimann es für angemessen, einzuschreiten, knüpfte ihr ruhig das buntseidene Tuch vom Hals ab, drehte es zu einem Knebel zusammen und schob ihr den so fest zwischen die Zähne, daß sie von da an auch nicht mehr imstande war, nur einen Laut über die Lippen zu bringen. Indessen hatte der Beamte mit Don Rafael das Haus betreten. Es bedurfte hier in der Tat keines langen Suchens, um ihre Gewaltmaßregeln gegen die Familie vollkommen gerechtfertigt zu sehen, denn gleich im Wandschrank fanden sie die Beweise des in der Calle de Valladolid verübten Verbrechens in mehreren Saffian-Schmuckkästchen, die unter Wäsche und sonstigem alten Gerümpel versteckt in einer Ecke lagen. Die alte Frau selber leistete dabei nicht den geringsten Widerstand. Kaum hatte sie gesehen, daß die Polizei Besitz von ihrem Hause nahm, als sie schon in eine Ecke kroch, dort niederkauerte und mit zitternden Gliedern und furchtsamen Blicken den Untersuchungen und Erfolgen der fremden weißen Männer folgte. In dem Schrank fanden sich aber noch eine ganze Menge anderer Sachen, die augenscheinlich nicht in eine Negerhütte gehörten, unter anderem eine Holzschachtel mit verschiedenen Ringen, zwei goldene Uhren und viele andere Dinge, die aller Wahrscheinlichkeit nach höchst interessanten Stoff zu weiteren Untersuchungen boten. Als die Polizeisoldaten aber endlich daran gingen, den Fußboden aufzuheben, um zu sehen, ob der nicht auch noch versteckte Sachen barg, kam ein ganzes Warenlager der verschiedensten Dinge zu Tag, die von den Leuten gar nicht auf ihren Pferden weggeschafft werden konnten. Der Beamte wußte sich indes zu helfen. Alle Neger in der Nachbarschaft besaßen Maultiere oder Esel, auf denen sie ihre Waren in die Stadt schafften. Einer der Leute bekam Auftrag, so rasch wie möglich eine Anzahl davon herbeizuschaffen, und als die Vorräte jetzt zu Tage gefördert wurden, merkte der Beamte wohl, daß sie einen ganz vortrefflichen Fang gemacht hatten. Die Packtiere kamen bald; die Eigentümer hatten sich auch nicht einen Moment geweigert, ja, sogar unter keiner Bedingung Bezahlung annehmen wollen, da sie meinten, es müsse ihnen ja selber daran liegen, so schlechtes Volk aus ihrer Nachbarschaft loszuwerden, das sonst imstande wäre, den ganzen unschuldigen Ort in Verruf zu bringen. Die Leute waren ordentlich entrüstet über die Schlechtigkeit der Menschen im allgemeinen und dieser Morbidos, die sie immer für so ehrbare Leute gehalten hatten, im besondern. Der Mulatte Scivio schien auch eine wahre Leidenschaft für Brieftaschen gehabt zu haben, von denen sich unter dem Hause in einem kleinen chinesischen Koffer ein ganzer Vorrat fand. Eine Menge von diesen enthielten auch noch Papiere, und Rafael übernahm ihre flüchtige Durchsicht, während die übrigen Sachen aufgeladen und festgeschnürt wurden. Zehn oder zwölf hatte er so durchgesehen, ohne das geringste Beachtenswerte darin zu finden, als er in einer einen offenen Brief mit seinem eigenen Namen auf der Adresse entdeckte. »Señor, wir müssen fort«, rief der Beamte – »lassen Sie doch den Kram! Macht es Ihnen Spaß, ihn durchzustöbern, so finden Sie ja in der Stadt Zeit genug dazu!« »Sie haben recht, Señor«, sagte Aguila, aber er war nicht gesonnen, das gefundene Beutestück mit abzuliefern, denn er wußte nicht, was später daraus werden konnte, wenn es in die Hände der Polizeileute fiel, unter denen Desterres sicherlich viele Freunde zählte. »Bitte, lassen Sie den kleinen Koffer mit aufladen!« Und die Brieftasche, die er noch in der Hand hielt, öffnend, als ob er etwas hineinnotiere, schob er dann ruhig und unbefangen in seine eigene Tasche. Der Koffer wurde wieder verschlossen und mit aufgepackt. Für die drei Gefangenen waren indessen Esel mit Reitsätteln requiriert worden, um sie in die Stadt zu schaffen. Um die alte Großmutter kümmerte sich niemand, aber den Señor Corona hatte der Beamte mitzunehmen beschlossen. In diesem Augenblick drängte sich Corona, den eine eigene Unruhe erfaßt zu haben schien, zu Rafael und flüsterte ihm zu: »Señor, ich habe vorhin Ihren Namen gehört – ich kann Ihnen für Sie sehr wichtige Mitteilungen machen! Beschützen Sie mich – ich weiß alles!« Rafael sah sich erstaunt nach dem Burschen um. Ehe er aber einen Entschluß fassen konnte, schrie die Negerin, die sich von ihrem Knebel zu befreien gewußt hatte: »Laßt den dort nicht fort – haltet den gelben Schurken – er war mit dabei und will sich jetzt fortschleichen!« Coronas Gesicht bekam eine ganz aschgraue Farbe, aber der Beamte rief lachend: »Schon gut, Señorita, wir werden Sorge dafür tragen, daß er in Ihrer Gesellschaft bleibt! Hinauf mit dir, Bursche! Hast du nicht gehört, daß die junge Dame nach dir verlangt?« »Sie lügt!« schrie Corona in Todesangst – »dieser Señor hier kennt mich – er weiß, daß ich ein ehrlicher Mann bin! Nicht wahr, Señor – nicht wahr, Sie wissen, daß ich mit diesen Leuten nichts zu tun habe?« »Ich lüge – du feiger, nichtswürdiger Schuft!« schrie jetzt die zu äußerster Wut getriebene Megäre – »ich will dir beweisen, ob ich lüge oder nicht! Laßt ihn nicht fort, Señor, das ist der Hauptspitzbube von allen, und Ihr habt an ihm einen kapitalen Fang gemacht!« »Helft mir, Señor!« bat der Mulatte noch einmal in Todesangst, aber Rafael wandte sich mit Ekel von ihm ab. Zwei von den Dragonern hatten ihn auch schon gefaßt, schnürten ihm zur Vorsorge die Hände ebenfalls auf den Rücken und halfen ihm dann auf seinen Esel, der kaum in die Reihe der übrigen rückte, als das wütende Negerweib seinen unglücklichen Reiter in Haß und Verachtung anspie und dann mit einer wahren Flut von Verwünschungen überschüttete. Vier von den Dragonern saßen jetzt ebenfalls auf, um die gebundenen Verbrecher zu begleiten. Die übrigen Dragoner trieben indessen in einem etwas summarischen Verfahren auch das Vieh zusammen, um es, als Eigentum der Verbrecher, mit in die Stadt zu nehmen. Dagegen protestierte nun freilich Rafael, der die arme alte Frau nicht von allem beraubt sehen wollte – aber umsonst. »Mein lieber Herr«, sagte der Beamte trocken, »die heutige Expedition kostet dem Staat sehr viel Geld, und die Untersuchung wird ebenfalls nicht gratis geführt, da müssen wir wenigstens etwas haben, an das wir uns halten können.« »Gut«, sagte Rafael, »dann bitte ich Sie, wenigstens diese eine braune Kuh zurückzulassen!« »Tut mir leid, bin es nicht imstande.« »Und doch wird es besser sein«, sagte der junge Mann, »oder Sie würden genötigt werden, sie wieder herauszuschicken! Diese Kuh ist nämlich mein Eigentum; ich habe sie gestern von dem Mulatten gekauft und bar bezahlt – die Leute, die mit mir herausgekommen sind, können Ihnen das bezeugen, und ich schenke sie jetzt der alten Frau zu ihrem eigenen Gebrauch!« »Hm, wenn die Sache so steht, ist es freilich etwas anderes«, sagte der Beamte; »schade übrigens um die Kuh – es ist die beste von allen, und die alte Diebsmutter verdient sie, bei Gott, nicht! Aber mit Ihrem Eigentum können Sie machen, was Sie wollen. Treibt die Kuh wieder in den Corral hinein und schließt die Umzäunung, daß sie nicht fort kann!« Rafael trat jetzt noch einmal in das Haus und sagte der alten Frau, daß er die gestern gekaufte Kuh für sie da gelassen habe – aber sie hörte ihn gar nicht. In ihrer Ecke zusammengedrückt und scheu, kauerte sie am Boden und stierte vor sich nieder auf die aufgerissenen Planken. Rafael wollte ihr näher treten, aber kreischend schrak sie zurück und streckte die dürren Hände abwehrend gegen ihn aus. Mit der Alten war nichts zu reden, so viel sah er ein und schritt deshalb hinüber zu einem der Nachbarhäuser, um dort zu sagen, daß die zurückgelassene Kuh der alten Frau gehöre. Aber finster drohende Blicke begegneten ihm auch hier statt des Dankes, den er doch weit eher verdient hätte. »Unendlich gnädig, Señor«, höhnte ihn ein bös dreinschauendes Negerweib, »Ihr hättet sie aber doch lieber auch mitnehmen sollen! Was bekommt Ihr denn eigentlich fürs Spionieren?« Draußen saßen die Soldaten schon alle im Sattel und ritten langsam die Straße hinab, und Rafael hielt es, nach den Blicken, denen er überall hier begegnete, wahrlich nicht für geraten, allein zurückzubleiben. Ohne deshalb ein Wort zu erwidern, drehte er sich ab, schritt zu seinem Pferd zurück, sprang in den Sattel und folgte den Vorangerittenen. Das französische Protektorat Der Zug konnte sich nur ziemlich langsam fortbewegen, da die Esel, auf denen die Gefangenen saßen, trotz allem Prügeln der Soldaten nur im Schritt gingen. So lange sie noch draußen vor der Stadt waren, ließ Rafael seinen Braunen ebenfalls im Schritt gehen und hielt sich an der Seite des Beamten, um mit diesem über die Vorgänge des heutigen Tages und den günstigen Erfolg ihrer Sache zu plaudern. Sowie sie aber die Vorstadt und dort auch eine Art von Negerviertel erreichten, ließ er sein Pferd austraben und ritt seiner eigenen Wohnung zu, um dort erst einmal den Inhalt der erbeuteten Brieftasche in aller Ruhe zu untersuchen. Der Cholo, den er zur Aufwartung hatte, meldete ihm dabei, daß ein fremder Herr, derselbe, der gestern seine Karte abgegeben hatte, schon zweimal dagewesen sei und nach ihm gefragt habe. Es war jedenfalls Monsieur Lacoste, aber Rafael war für den Augenblick viel zu neugierig, seinen eigenen Interessen nachzuforschen. So zündete er sich eine Zigarre an, setzte sich an den Tisch und öffnete die alte, grüne Brieftasche, das frühere Eigentum seines Onkels. Der Brief, der ihn zuerst aufmerksam gemacht hatte, war von einem Geschäftsfreund in Lima und bezog sich auf gleichgültige Gegenstände; in der Tasche selber aber lag noch ein anderer Brief von Desterres, kaum mehr als ein Zettel, und zwar drei oder vier Tage später datiert, als der Kaufbrief unterzeichnet sein mußte. In dem Brief bat Desterres den alten Señor Aguila, ihm die Hacienda, wenn er sie einmal nicht verkaufen wolle, wenigstens auf fünf Jahre pachtweise zu überlassen. Er versprach dabei, auf alle Bedingungen einzugehen, die der alte Herr stellen würde. Außerdem fand Aguila in der Brieftasche, in einem kleinen, hineingebundenen Buche, eine Zusammenstellung der Haupteinnahmen und Ausgaben des laufenden Jahres, und zwar bis zu des Onkels Todestag. Mit keiner einzigen Zahl wurde darin der Verkauf des Gutes erwähnt. Diese Papiere waren für Rafael von größter Wichtigkeit, aber er zerbrach sich vergebens den Kopf, um herauszubekommen, auf welche Weise gerade der Mulatte in ihren Besitz gelangt sein konnte. Mit Einwilligung Desterres konnte das nicht geschehen sein, selbst nicht mit dessen Wissen, denn der schlaue Peruaner würde jedenfalls gerade dieses Schriftstück vernichtet haben, das seinen Kaufbrief mehr als in Frage stellte. Konnte nun trotzdem ein Zusammenhang zwischen diesem Mulatten und dem Weißen bestehen? Rafael wurde gestört, denn der unermüdliche Franzose war schon wieder da, und als er zu ihm ins Zimmer trat, rief er lebhaft aus: »Ah, Monsieur, sehr erfreut, Sie endlich wieder in Lima zu sehen! Ich habe Sie mit Sehnsucht erwartet, denn unsere Sache ist in vollem Gang!« »Haben Sie die Einwilligung des Präsidenten?« »Rascher, als ich gedacht!« rief der Franzose erfreut. »Seine Exzellenz, dem ich verschiedene übereinstimmende Aussagen der Insulaner vorlegte, ist selber entrüstet über das nichtswürdige Betragen des Kapitäns, und wenn das Schiff zurückkommt, möchte es dem Herrn wohl nicht besonders ergehen! Aller Wahrscheinlichkeit nach kreuzt er jetzt aber schon wieder zwischen den Inseln umher, um neue Beute aufzufischen, und ich will ihm nur nicht wünschen, daß er unserer ›Glorieuse‹ oder einem der anderen dort stationierten Kriegsschiffe in den Weg läuft, es könnte ihm sonst etwas sehr Unangenehmes passieren!« »Und was wollen Sie jetzt tun?« »Fragen Sie lieber, was ich schon getan habe!« rief der lebendige Franzose. »Castilla, der im Anfang nicht recht daran wollte, weil er in der Sache nichts als Schererei und Kosten sah, scheint seine Meinung plötzlich geändert zu haben! Möglich, daß er von dem Unglück der armen Teufel wirklich gerührt wurde; möglich, daß er durch das Attentat auch manchem auf die Spur gekommen ist, was ihn gegen verschiedene Persönlichkeiten hier erbittert hat. Mit unserer Regierung mag er außerdem nicht gern in Konflikt geraten, denn unsere Kriegsschiffe sind gerade hier in Callao immer bei der Hand, kurz, er ließ mich noch gestern abend spät zu sich rufen, und nachdem ich ihm die wirklich einfache Sache auch einfach und klar vorgelegt habe, was dem alten Herrn immer das liebste ist, ging er ein paarmal mit auf den Rücken gelegten Händen rasch im Zimmer auf und ab und sagte dann, zu seinem Schreibtisch tretend: »Es ist eine ganz nichtsnutzige Bande!« – was sich vermutlich auf seine eigenen Untertanen und Landsleute bezog.« »Ich danke Ihnen«, lachte Rafael, »zu denen gehöre ich auch!« »Bitte um Entschuldigung«, lachte auch der Franzose, »ich bin fest überzeugt, daß er Sie ausgenommen hat – kurz und gut, er schrieb mir selber eine Vollmacht, die Insulaner zu nehmen, wo ich sie fände, und nur den bisherigen Eigentümern Quittungen darüber auszustellen. Dann gab er mir gleich seinen Adjutanten mit, der mich zum Minister führen mußte, und in einer Stunde war alles abgemacht. Ist das nicht schnell?« »Für Peru unglaublich«, sagte Rafael, »und nun?« »Wollte ich gern«, fuhr Monsieur Lacoste fort, »daß Sie selber mit nach den Hacienden hinausgeritten wären, um dort Ihre Schützlinge einzusammeln. Weil Sie aber nicht da waren und ich auch nicht warten wollte, so habe ich meinen Sekretär mit einem hiesigen peruanischen Beamten – Sie hätten nur sehen sollen, wie freundlich Señor Morales war und wie gefällig, der muß etwas ausgefressen haben, sonst hätte er sich nicht so merkwürdig verändert – an Ihren Freund Bertrand hinausgeschickt. Der Dolmetscher vom Schiff ist ebenfalls mit, und sie haben Befehl, die Insulaner augenblicklich nach Lima zu schaffen, von wo ich sie dann zusammen mit dem letzten Zug heute abend nach Callao nehme. Sie aber, mein lieber Freund, möchte ich bitten, meinen Dolmetscher bei den Insulanern hier in der Stadt zu machen, die ich unterdessen selbst zusammensuchen werde. Ich habe die Verkaufsliste der ›Libertad‹ und eines anderen peruanischen Schiffes, der ›Comunidad‹, die ihre Fracht ebenfalls aus unseren Inseln geholt hat.« »Aber es sind schon drei Schiffe mit Kulis von den Inseln eingelaufen ...« »Ja, leider ist das eine aber von den Tonga-Inseln, mit denen wir gar nichts zu tun haben, und ich möchte nicht gern, daß es aussähe, als ob sich Frankreich das Protektorat über alle Insulaner der Südsee anmaße. Kann ich mich aber mit dem englischen und amerikanischen Bevollmächtigten darüber verständigen, so setzen wir das auch durch, denn die Beweise, daß die Tonga-Insulaner ebenfalls gestohlen wurden, habe ich schon in Händen. Außerdem hat mir der Präsident fest versprochen, daß kein Schiff mit Insulanern mehr an der peruanischen Küste landen darf. Die peruanischen Gesandten in Bolivien und Ecuador sind ebenfalls angewiesen worden, keinem peruanischen Schiff zu gestatten, eine solche Fracht zu löschen, Chile erlaubt es ohnedies nicht, und wenn wir es dann auch noch in Neu-Granada durchsetzen, haben wir den Menschenhandel an der amerikanischen Küste überhaupt unmöglich gemacht.« »Und jetzt?« »Wenn es Ihre Zeit erlaubt, wollen wir ohne weiteres daran gehen, die armen Teufel in Freiheit zu setzen, denn allein kann ich mich nicht mit ihnen verständlich machen. Außerdem habe ich auch einen Haftbefehl für den Schuft Felipe, wenn wir seiner habhaft werden können. Gehen Sie mit?« »Von Herzen gern!« rief Rafael, seine Papiere einschließend. »Wir tun ein gutes Werk, und ich freue mich selber darauf, den Jubel der armen, unglücklichen Menschen mit anzusehen! Wenn wir nur keine Schwierigkeit mit der Auslieferung haben!« »Nicht die geringste. Es geht ein Beamter mit, und die Käufer oder jetzigen Herren der Insulaner werden aufgefordert, eine Eingabe an die Regierung zu machen und darin anzugeben, was sie für die verschiedenen Kontrakte, die beigelegt werden müssen, an barem Geld angezahlt oder sonst den Insulanern geliefert haben. Für Beköstigung bekommen sie natürlich nichts, denn dafür haben die Leute ja auch gearbeitet.« »Und wer bezahlt den armen Teufeln ihre Arbeit?« fragte Rafael. »Ja, lieber Gott«, sagte Monsieur Lacoste, »wir wollen nicht zu viel verlangen; sie können noch froh sein, so mit einem blauen Auge davonzukommen. Viel gearbeitet haben sie außerdem nicht, und die Regierung wird noch eine Menge von Berechnungen über Krankenpflege bekommen. Aber das ist ihre Sache, ob sie die bezahlen will oder nicht. Wir haben weiter nichts zu tun, als die armen Menschen in Freiheit zu setzen und auf das Schiff zu liefern, das sie direkt ihrer Heimat wieder entgegenführt. Gehen wir?« »Haben Sie ein Pferd bei sich?« »Nein, ich bin zu Fuß ...« »Gut, dann gehe ich auch«, und seine Sporen abwerfend, schritt Rafael gleich darauf mit Monsieur Lacoste die Straße hinab. Sie gingen direkt in die italienische Restauration, wo Rafael schon früher den Eingeborenen getroffen hatte. Dort im Hause waren vier Insulaner. Sie stießen einen Freudenschrei aus, als ihnen Rafael sagte, daß sie frei sein sollten, daß er die Schwester des einen auch draußen auf der Hacienda gesehen habe und diese noch heute zu ihnen gebracht würde. Der Italiener allerdings wollte anfangs einige Schwierigkeiten machen. Als er aber hörte, daß sich die französische Regierung der unter ihrem Schutz stehenden Insulaner angenommen habe und sie alle wieder zurück in ihre Heimat geliefert werden sollten, weigerte er sich auch nicht länger. Rafael fragte jetzt nach Felipe, den er damals hier gesehen hatte und der, nach des Italieners eigener Aussage, dort seine Schlafstelle haben sollte. Der Restaurateur wollte aber nichts von seinem jetzigen Aufenthalt wissen. Seine Kiste, ein kleiner, angemalter Kasten, stand allerdings noch in der Stube hinten im Hof und der Bursche selber auch noch in den Kontobüchern des Wirtes. Seit acht Tagen schon hatte er sich aber nicht mehr sehen lassen, und der durch den Schlosser geöffnete Koffer enthielt auch weiter nichts als ein paar zerrissene Hemden und eine wollene Jacke. Der Wirt vermutete, daß der Mann nach Callao und wieder auf ein Schiff gegangen sei. Rafael fragte jetzt die Insulaner, die alle mit der »Libertad« herüber gekommen waren, ob sie nichts von ihm in letzter Zeit gesehen hätten, und einer von ihnen rief rasch: »Er ist hier!« »Wo? Im Hause?« »Nein, in der Straße draußen; zwischen den großen Häusern hab' ich ihn gesehen.« »Wann?« »Gestern.« Und der Insulaner beschrieb jetzt, wie er gestern mit seinem Herrn auf dem Markt gewesen war, um das dort Gekaufte heimzutragen, und wie er Felipe dort gesehen hätte, der sich aber, als er den Italiener bemerkte, zwischen den Menschen verlor. Sie wären dann noch lange auf dem Markt geblieben, und als sie nachher nach Hause gingen, habe er denselben Schuft noch einmal gesehen, wie er in eins der dortigen Schenkhäuser hineinschlüpfte. Auf die Frage, ob er imstande wäre, das Haus wiederzufinden, bejahte er entschieden. Es sollte gar nicht so weit von dem großen Marktgebäude und an der Hauptstraße hierher liegen. Ob sich der Italiener nun dort noch aufhielt, blieb freilich die Frage; es kam jedenfalls auf einen Versuch an. Monsieur Lacoste erfuhr auch kaum, welchen Hinweis der Insulaner gegeben hatte, als er sich augenblicklich entschlossen zeigte, der Spur zu folgen. Felipe Der kleine Trupp von Insulanern wuchs allmählich so an, daß er Aufsehen in den Straßen zu erregen begann, und Monsieur Lacoste beschloß, die bis jetzt befreiten Leute lieber erst nach seiner Wohnung zu führen und dann erst die übrigen herbeizuholen. Da sie sich aber jetzt nicht mehr weit von dem Marktplatz befanden, hielt er es für gut, erst einmal zu dem Haus zu gehen, wo der Insulaner den Italiener Felipe gesehen hatte. Es lag Monsieur Lacoste daran, sich des Burschen zu bemächtigen, da die französische Regierung in Tahiti dann an ihm ein Beispiel statuieren und den Eingeborenen beweisen konnte, daß sie nicht allein mit Versicherungen, nein, auch mit der Tat ihr Wohl fördern und ihre Untertanen schützen wolle. Der eine Insulaner aus der italienischen Restauration wurde deshalb angewiesen, sie zu dem Haus zu führen, wo er den Burschen neulich getroffen hatte. So gut sich aber der Insulaner wahrscheinlich daheim in seinen Bergen zurechtfinden mochte, so gänzlich verloren fühlte er sich in diesen Straßen, die, in regelmäßige Winkel abgeteilt, für ihn kein Unterscheidungszeichen hatten, und Rafael merkte bald, daß er vollkommen seine Richtung verlor und zuletzt gar nicht mehr wußte, wo er war. Rafael bog daher selber nach dem Marktgebäude ein, wo sich der Insulaner aber auch erst besinnen mußte, weil es an allen vier Ecken gleich aussah und er sonst immer von einer dieser entgegengesetzten Richtung hierhergekommen war. Endlich aber hatte er sich soweit orientiert, daß er die Straße wiederfand, durch die sie gewöhnlich gingen. Er kannte sie an einem hellgrünen Schild mit brennend roten Buchstaben, das ihm besonders aufgefallen war, weil er behauptete, die roten Zeichen an der grünen Fläche flackerten in einem fort, als ob es lauter Feuer wäre. Jetzt wurde es ihm auch nicht schwer, das Haus zu bezeichnen, an dem er den Italiener zuletzt gesehen. Rote, kurze Gardinen hingen an den Fenstern, es war mit einem Wort eines jener Häuser, die, natürlich von Chinesen gehalten, alle Laster und alles Gesindel in sich vereinigten. Überhaupt gab es in der Nähe des Marktes eine Unmasse von Chinesen, und wo irgendeine schmutzige, höhlenähnliche Wohnung den Vorbeigehenden angähnte, da konnte er auch sicher sein, die gelben, nichtssagenden, platten Gesichter dieser Söhne des himmlischen Reiches mit irgendeiner schmutzigen Arbeit beschäftigt zu finden. Auch dieses Haus sah so entsetzlich aus, und ein so ungesunder Geruch wehte von dort heraus, daß sich der feine und etwas verzärtelte Franzose wirklich nicht gleich dazu entschließen konnte, den Platz zu betreten. Endlich raffte er sich auf: »Bitte, sagen Sie unseren insulanischen Freunden, daß sie hier draußen einen Augenblick warten. Sie kennen den Burschen wieder, wenn Sie ihn sehen, nicht wahr?« »Sicher genug«, erwiderte Rafael. »Gut, dann brauchen wir auch die ganze gelbbraune Gesellschaft nicht mit hineinzuschleppen. Ich gestehe Ihnen überhaupt, daß ich es nur tue, um mir nachher selber keine Vorwürfe zu machen. Ich will alles versuchen, um meine Pflicht zu erfüllen, aber La belle France kann nicht von mir verlangen, daß ich in alle Spelunken Limas krieche, um einem flüchtigen Verbrecher nachzuspüren.« Ein paar Worte für die Insulaner genügten, und Rafael überschritt mit Lacoste eine Schwelle, die seit Jahren kein anständiger und ehrlicher Mann betreten hatte. In dem geräumigen Saal, den sie jetzt betraten, standen zwei große mit einst rot gewesenem Plüsch überzogene Sofas, zwischen denen ein arg beschädigter Spiegel hing; ein paar zersessene Lehnstühle standen in den Ecken, ein Kronleuchter mit fünf zerbrochenen und drei ganzen Armen hing an der Decke, und vor den Fenstern prangten seit Monaten nicht gewaschene, aber doch gestickte Gardinen. Vor den beiden Sofas standen auch Mahagonitische. Aber die Prachtmöbel hatten nicht ausgereicht, dem jetzt von einem anderen Publikum besuchten Raum zu genügen, und da die Geldmittel des Eigentümers wahrscheinlich nicht hinreichten, das Fehlende so zu ergänzen, daß es zu dem Vorhandenen paßte, so waren einfache Tannentische und Bänke hinzugefügt worden, die jetzt den übrigen Raum ausfüllten und abends, wenn das Leben in diesen Räumen eigentlich begann, auch wohl besetzt sein mochten. Jetzt, gegen Mittag und in der heißen Tageszeit, war das Haus verhältnismäßig leer; nur an dem ersten Holztisch saßen drei peruanische Matrosen um eine Flasche Wein, und auf einer der Holzbänke – »Bei Gott, das ist er!« flüsterte Rafael leise, indem er den Arm seines Begleiters faßte und drückte. »Der Bursche dort drüben mit dem Strohhut neben sich auf dem Tisch.« »Sind Sie Ihrer Sache sicher?« »Ich habe ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen, aber meinen Kopf möchte ich verpfänden, daß ich mich in der Galgenphysiognomie nicht irre.« »Er hat allerdings ein Gesicht, das man nicht so leicht wieder vergessen kann. Also, allons , Monsieur, ich glaube nicht, daß der Bursche Widerstand leisten wird.« Felipe, denn er war es in der Tat, hatte indessen, wie er so faul auf der Bank ausgestreckt lag, nicht allein das Eintreten der beiden Fremden, sondern auch bald bemerkt, daß ihre Blicke auf ihm hafteten. Was konnten die von ihm wollen? Verschiedenen Wirten in der Stadt war er allerdings kleinere Summen schuldig, aber damit konnten die beiden Caballeros doch nichts zu tun haben – und was dann? Es war aber jedenfalls mehr, was der Bursche in seinem Leben verschuldet hatte – an den Verrat der Insulaner dachte er in diesem Augenblick nicht einmal –, und manche der alten Sünden mochten ihm plötzlich einfallen, denn nichts hat einen leiseren Schlaf, als ein böses Gewissen. Jetzt kam der chinesische Wirt schmunzelnd und mit gebogenem Rücken näher, um zu fragen, ob die Caballeros hier zu speisen beliebten, oder ob sie sonst irgendwelche Befehle hätten. Lacoste schritt indessen, ohne den schmutzigen, ekelhaften Burschen auch nur eines Blickes zu würdigen, an ihm vorüber und gerade auf den Italiener zu, der sich halb bestürzt, halb erstaunt auf seinem Ellbogen emporrichtete und den kleinen, sehr behäbig aussehenden Franzosen anstarrte. »Señor«, sagte dieser, ohne eine weitere Vorrede für nötig zu halten, »ist Ihr Name Felipe?« »Und wenn er's wäre«, brummte der Bursche mürrisch, »wen geht's etwas an, wenn nicht vielleicht einen reichen Onkel, der mir hunderttausend Dollars hinterlassen hätte?« »Aha«, sagte Monsieur Lacoste, während Rafael an seine Seite trat und die drei Matrosen am Nachbartisch aufmerksam wurden, »dann sind Sie auch vielleicht der junge Herr, der mit dem peruanischen Schiff, einer Brigg glaub' ich, oder einer Barke, ich habe es in diesem Augenblick wirklich vergessen, von einer der Südsee-Inseln mit einer Ladung Kulis herüberkam?« »Und wer sind Sie?« fragte Felipe, dem es nicht gefiel, daß ihm Rafael gerade den einzigen Weg verstellte, auf dem er bequem zur Tür konnte, wenn er auch noch keine Ahnung hatte, was die beiden Fremden von ihm wollten. »Um eine gegenseitige Bekanntschaft zu machen, muß man doch auch gegenseitig seine Namen wissen.« »Ganz in der Ordnung«, erwiderte Monsieur Lacoste mit einer Artigkeit, die ihm zur anderen Natur geworden war. »Mein Name ist Louis Lacoste, Chargé d'Affaires Seiner Majestät des Kaisers der Franzosen, und in diesem Augenblick von der peruanischen Regierung bevollmächtigt, mich Ihrer Person zu bemächtigen, um sich gegen eine Anklage auf Menschenraub zu verteidigen.« Die Unterhaltung zwischen den beiden, die bis jetzt mit gerade nicht unterdrückter Stimme, aber doch auch nicht laut genug geführt war, daß die in der anderen Ecke sitzenden Matrosen sie verstehen konnten, hatte bis zu diesem Punkte nicht das geringste Feindselige gezeigt. Felipe seinerseits wußte aber recht gut die Schwere der Anklage zu würdigen, die gegen ihn erhoben werden konnte, wenn er wirklich den Franzosen ausgeliefert wurde. Er übersah mit einem Blick die Gefahr, in der er sich befand, und nur eins störte ihn noch dabei, daß zwei Fremde – Caballeros allem Anscheine nach – übernommen haben sollten, ihn in einer solchen Spelunke aufzuspüren und zu verhaften, ohne Polizei dabei zu haben. Kamen sie wirklich allein, oder standen die Häscher vor der Tür, um ihn in Empfang zu nehmen? Aber der Chinese war draußen gewesen, und kam in diesem Augenblick wieder mit dem unbefangensten Gesicht der Welt ins Zimmer. Wäre sein Haus besetzt gewesen, Felipe hätte es ihm im Nu angesehen. Die Luft draußen war rein, und daß ihn die beiden nicht halten sollten, davon war er überzeugt. »Señor Lacoste«, sagte Felipe in diesem Augenblick mit absichtlich lauter Stimme, damit ihn die Matrosen am anderen Tisch hören sollten, »manche Leute ziehen es vor, auf See herumzuschwimmen, andere lieben wieder das feste Land. Ich meinesteils bin zu lange an Bord gewesen, um mich nach einem von Seiner Majestät Schiffen besonders zu sehnen, und ich bedaure sehr, von Ihrer Begleitung keinen Gebrauch machen zu können.« Noch während er sprach, hatte er das eine Bein auf die Bank heraufgezogen. »Wahren Sie die Tür, Señor!« rief der Franzose, der im Nu begriff, was der Bursche wollte. Felipe ließ ihn auch nicht lange darüber in Zweifel. »Kameraden, zu Hilfe!« rief er den Matrosen zu, »sie wollen einen armen Teufel wieder auf ein Schiff pressen!« und mit den Worten flog er mit einem verzweifelten Satz über den nächsten Tisch weg. Gerade, als ihm aber Lacoste in den Weg springen wollte, während Rafael eine Stellung einnahm, daß der Flüchtige nicht die Tür passieren konnte, ohne ihm in die Arme zu laufen, sprangen die Matrosen dazwischen. »Hallo, Señor«, rief der eine, »haben Sie einen Haftbefehl bei sich, daß Sie hier einen freien weißen Mann von seinem Glase Wein wegholen wollen?« »Zurück!« schrie Monsieur Lacoste außer sich, »es ist ein Verbrecher! Im Namen des Präsidenten, zurück!« »Bitte, langen Sie zu!« riefen die anderen lachend, indem sie den nächsten Tisch und die Stühle übereinander und gerade in des kleinen Mannes Weg schleuderten. Rafael warf sich mit einem Schwung über den nächsten Tisch hinweg, um die Bank zu erreichen, die an den Fenstern hinlief, aber er kam trotzdem zu spät. Der Italiener hatte einen nur angelehnten Fensterflügel weit aufgerissen, und ehe Rafael diesen beiseite werfen und ihn fassen konnte, war Felipe draußen auf der Straße. »Caballeros!« schrie der verzweifelte Chinese, als der ausgehobene Fensterflügel zurück auf den Tisch schlug und in Scherben splitterte – was kümmerte das Rafael! Mit einem ebenso kecken Satz folgte er dem Flüchtling – aber ein anderer hatte schon dessen Verfolgung aufgenommen. Gleichgültig standen die Insulaner draußen vor dem Hause, von den Vorübergehenden angestarrt und wieder ihrerseits die wunderlichen Menschen musternd, die hier in eine Wüste, ohne Baum, ohne Schatten, ihre Hütten gebaut hatten und jetzt so eilig hin und wieder liefen, als ob ein Krieg ausgebrochen oder sonst ein ganz entsetzliches Unglück geschehen wäre. Da wurde das Fenster aufgerissen – eine Gestalt sprang heraus, und der Insulaner, der selber gar nicht daran gedacht hatte, daß der Italiener, den er gestern nur flüchtig an dem Hause gesehen, noch da drinnen stecken könnte, rief laut und überrascht aus: »Felipe!« Eimuto, ein Insulaner, dessen beiden Brüder bei dem Kampf auf dem Schiff erschossen worden waren, hatte düster und schweigend an dem Türpfosten des Hauses gelehnt und vor sich niedergestarrt, ohne auch nur einen der Vorübergehenden eines Blickes zu würdigen; aber das Wort genügte, ihn mit Blitzesschnelle aus seinen Träumen aufzuschrecken. »Felipe!« wiederholte er fast unwillkürlich und wie erstaunt den Namen. Wie einer Erscheinung schaute er dem Flüchtigen nach, als ihm Rafaels in ihrer Sprache gerufenes Wort: »Haltet ihn!« seine Besinnung wiedergab. »Haltet ihn!« – War das nicht der Feind, der den nichtswürdigen Verrat begangen, den sie auf ihrer Insel wie einen Bruder aufgenommen hatten und der ihm dafür seine beiden Brüder mordete? – »Haltet ihn!« murmelte er leise und wie ein Pfeil vom Bogen schnellte er hinter dem Flüchtigen drein. Felipe hatte sich indes dem Marktplatz zugewandt, denn in dem Gewühl von Menschen dort war eine Verfolgung schwer, und dann konnte er auch am leichtesten dazwischen verschwinden. Rafael selber würde auch schwerlich je imstande gewesen sein, ihn dort zu überholen, hätte es wirklich in seiner Absicht gelegen, einen Straßenwettlauf zu beginnen. Anders war es freilich mit dem Insulaner, der, einmal im Sprung, auch kein Hindernis mehr kannte und, den Blick nur auf den Fliehenden geheftet, seine Füße kaum den Boden berühren fühlte. Er sah auch sonst nicht, wohin er stürmte – gerade an der Ecke des Marktplatzes traf er mit einem kleinen Chinesen zusammen, der einen Korb mit eingekauften Gegenständen, Fleisch, Gemüse und Eiern, am Arm trug, und den er wie einen Sack zu Boden warf. Der arme Teufel schrie Zeter, aber über ihn hinweg flog der Insulaner. Dicht vor dem Marktgebäude, in dessen Torweg der Italiener gerade in diesem Augenblick schlüpfte, standen drei Negerweiber im Gefühl ihrer unantastbaren Würde, sich nach ihrer Art laut, fast schreiend miteinander unterhaltend – gegen sie an flog Eimuto, mit der einen Hand wie mit einem Keile die Weiber auseinandertreibend. » Jesus! « schrie die dicke Schwarze, während sie von der Wucht des dagegen Prallenden zu Boden stürzte. Wie ein Schatten flog der Insulaner über sie hin, um in der nächsten Sekunde in dem Marktgebäude zu verschwinden. Felipe indessen, der bei seiner Flucht den Kopf gar nicht zurückgewandt und überall nur kleine Lücken zwischen den Menschengruppen benutzt hatte, um rasch hindurch zu fahren, hielt sich jetzt für weit genug von seinen Feinden entfernt, um wenigstens seinen Lauf einzustellen. Er blieb stehen, schöpfte tief Atem, und sah sich dann fast unwillkürlich um, ob ihm niemand folge, als er unmittelbar neben sich die Gestalt des auf ihn einspringenden Insulaners entdeckte. In letzter Verzweiflung riß er sein Messer aus dem Gürtel, um seinen Feind von sich abzuhalten. Umsonst! In dem Augenblick, als er den Stahl hob, hatte Eimuto mit einer Hand seine Kehle, mit der andern das Gelenk seiner rechten Hand gepackt, und als beide bei diesem plötzlichen Griff zu Boden stürzten, warf sich der Wilde wie ein Raubtier über sein Opfer. Der Italiener wollte einen Schrei um Hilfe ausstoßen, aber er konnte es nicht mehr; sein Körper wand und krümmte sich unter der auf ihm liegenden Last. Die gerade Vorbeikommenden blieben erschrocken stehen, bis die Bewegungen des zu Boden Geworfenen aufhörten. Da merkten sie doch wohl, daß es Ernst sei, sprangen zu und suchten den Wilden von seiner Beute loszuheben – aber so leicht ging das nicht. Mit keinen anderen Waffen als seinen Zähnen hatte Eimuto die Gurgel des Italieners gepackt, und wie eine Dogge hing er darin fest. Endlich riß man ihn mit Gewalt empor, zu spät freilich für den, dem man damit Hilfe bringen wollte. – Felipe war tot. Der Arriero Als Rafael an dem Abend, ziemlich müde von dem ereignisvollen Tag, nach Hause kam, fand er eine Einladungskarte des Präsidenten vor, die ihn auf den nächsten Abend sieben Uhr zu einer Tertulia nach Chorillos beschied. Nun konnte er dort allerdings den Präsidenten sprechen, aber – er wußte es vorher – auch nicht einen Augenblick ungestört, und rasch entschlossen setzte er sich hin und schrieb an Castilla ein paar Zeilen, worin er nur anfragte, ob es ihm gestattet sei, vor dem Eintreffen der Gesellschaft ein paar Worte an ihn zu richten. Er habe wichtige Entdeckungen gemacht und bitte dringend, diese Seiner Exzellenz vorlegen zu dürfen. Am nächsten Morgen um zehn Uhr hielt ein Ulan vor seiner Tür und stieß mit der Lanzenspitze oben an sein Fenster. Als er es öffnete, fragte der Soldat: »Señor Aguila, vive aqui ?« » Si , Señor.« » Es Usted? « » Si , Señor.« Da zog der Ulan die Lanze zurück, spießte ein Blatt Papier darauf, hob es in die Höhe, daß es der junge Mann erreichen konnte, wandte dann sein Pferd und ritt langsam die Straße hinab. Auf dem Zettel aber standen nur die Worte: »Kommen Sie um fünf Uhr. Castilla.« Der letzte Zug nach Chorillos ging um fünf Uhr nachmittags, und für die Tertulia heute abend war vom Präsidenten ein Extrazug bestellt worden, der um sieben Uhr nach Chorillos abging und um ein Uhr morgens wieder in Lima sein sollte. Rafael benutzte jetzt den Fünf-Uhr-Zug und kam etwa um halb sechs Uhr in das Palais des Präsidenten, der ihn gleich selber in seiner Veranda empfing. Der Vorhof des niederen Gebäudes war nämlich offen und nur von einem ziemlich hohen eisernen Gitter umschlossen. Innerhalb des Hofs, gleich rechts, wenn man hereintrat, befand sich eine kleine Wachtstube. Zwei Schildwachen gingen mit aufgesteckten Bajonetten auf und ab, und zwei andere hielten an dem äußeren Tor Wache. Den eigentlichen Salon trennte von diesem Hofraum nur eine schmale, vorn von Holzsäulen getragene und vollkommen offene Veranda, zu der zwei steinerne Stufen hinaufführten. In dieser standen links ein einfacher, weiß angestrichener Gartentisch, eine ebensolche Bank und einige Rohrlehnstühle, und neben diesen war eine peruanische, wunderbar fein geflochtene Hängematte aufgespannt, deren Seiten, Kopf- und Fußende eine reizende Garnierung von bunten, außerordentlich zarten Federn zierte. In der Hängematte lag der Präsident, der, als er Rafael erblickte, den Kopf hob und ihm zurief: »Nun, Señor, Sie kommen wohl, um sich bei mir zu entschuldigen, daß Sie mich in eine solche Sackgasse hineingeritten haben, heh? Sie konnten wohl nicht so lange warten, bis ich Ihnen selber Bescheid gab?« »Exzellenz, ich verstehe Sie nicht«, sagte Don Rafael erstaunt; »ich weiß in der Tat nicht, weshalb ich mich zu entschuldigen hätte!« »Das ist nicht übel!« lachte der alte Herr. »Schicken mir da den Franzosen über den Hals, daß der mich auch noch mit seinen Beschwerden und Protesten quält und mir das Messer auf die Brust setzt.« »Exzellenz«, sagte Rafael lächelnd, denn er sah recht gut, daß der alte Herr keineswegs böser Laune war, »ich würde es wirklich von Herzen bedauern, wenn Ihnen das eine Unbequemlichkeit verursacht hätte.« »Ja, und Sie sehen in diesem Augenblick auch genau so aus«, brummte der Präsident. »Wären Sie aber heute Zeuge gewesen«, fuhr Rafael fort, »mit welchem Jubel sich die armen befreiten Menschen in die Arme fielen – wie glücklich sie waren ...« »Kann ich mir denken! Jede einzelne Glückseligkeit kostet mich etwa zweihundert Dollars, ohne den Ärger!« »Halten Sie das für zu teuer erkauft, Exzellenz?« »Caramba, ja, und Sie würden es auch tun, Señor, wenn Sie es aus Ihrer eigenen Tasche bezahlen müßten!« »Wahrlich nicht, wenn ich Besitzer der Chincha-Inseln wäre!« lächelte Rafael. »Bah, die Zeit kommt auch, wo wir die letzte Schaufel Guano abkratzen«, sagte Castilla, »wenn ich es hoffentlich auch nicht erlebe! Doch Scherz beiseite, ich freue mich selber, daß die armen Teufel wieder in ihre Heimat kommen, noch dazu, ohne daß ich dafür Passage zu zahlen habe. Aber apropos, was ist denn das für eine Mordtat, die einer Ihrer Insulaner gestern gleich mitten in der Stadt an einem Matrosen verübt hat? Er kann froh sein, daß er das noch gestern tat, denn heute schon wird das Gesetz veröffentlicht, das die Todesstrafe wieder einführt. Diese wilde Bestie, er hat ihm die Kehle durchgebissen wie ein Panther!« »Und Ursache genug dazu gehabt«, sagte Rafael ernst. »Der Ermordete war gerade dieser italienische Seemann, der die mit der ›Libertad‹ gekommenen Insulaner verkauft und verraten hatte, und dem Unglücklichen, der ihn hier in der Straße erschlug, waren seine beiden Brüder auf dem Schiff erschossen worden. Kann man es ihm da verdenken, daß er Rache übte?« »Hm, so ist die Geschichte?« sagte Castilla, leise vor sich hin nickend. »Sie wissen gewiß, daß es derselbe Matrose war?« »Genauer als irgendein anderer, denn ich habe ihn selber in einer jenen gemeinen chinesischen Spelunken aufgespürt und die Insulaner auf seine Fährte gesetzt – allerdings nicht in der Absicht, ihn hier in den Straßen Limas erschlagen zu sehen.« »So? – Dann mag Monsieur Lacoste auch sehen, wie er mit seinem Insulaner fertig wird; ich will nichts damit zu tun haben!« »Strafe verdient der Unglückliche sicher nicht!« »Das ist mir ganz gleichgültig; er soll ihm gleich morgen früh ausgeliefert werden und mit aufs Schiff hinunterkommen. Ich habe hier Gesindel genug zu füttern und will nicht auch noch Passage dafür von hier nach der Südsee bezahlen. Aber was war es, das Sie heute zu mir führte und weshalb Sie mich allein zu sprechen wünschten?« »Meine eigene Angelegenheit, Exzellenz, wenn ich Ihnen eine Viertelstunde damit lästig fallen darf.« »Ah, ich erinnere mich – wegen des Verkaufs Ihres Gutes etwa? Ich glaube, Sie sprachen davon.« »Jawohl; ich habe ein Schriftstück gegen Desterres in Händen, das den Herrn wohl zwingen dürfte, seinen Kaufbrief und dessen Unterschrift prüfen zu lassen.« Und dabei nahm Rafael die erbeutete Brieftasche heraus, um sie dem Präsidenten vorzulegen. Dieser aber winkte mit der Hand und sagte: »Nicht hier, kommen Sie mit in das Zimmer hinein. Was man hier spricht, schallt zu sehr in den Hof, und es ist besser, wir gehen in das Haus.« Ein Wink von ihm rief dabei den wachthabenden Offizier heran, und er sagte: »Ich bin für niemand zu sprechen, bis mich dieser Herr wieder verläßt.« »Sehr wohl, Exzellenz!« Don Rafael folgte dem Präsidenten in den inneren Raum. Die beiden Herren mochten die Veranda etwa eine Viertelstunde verlassen haben, als ein Arriero mit einer Anzahl von bepackten Maultieren die Straße herabkam und vor dem Palais haltmachte. Der Mann war in die gewöhnliche Tracht dieser Art Leute gekleidet, die sich auch eigentlich von der gewöhnlichen europäischen nur durch einen Poncho und einen etwas höheren, spitzen Hut unterschied. Das Maultier, das er ritt, war ein ausgezeichnetes Tier, glatt und schlank von Körper und doch kräftig; das Zaumzeug, an dem übrigens kein Silber die Habgier liederlichen Gesindels reizte, war mit bunten Schnüren in ganz eigentümlicher Weise verziert. Man sah es dem Arriero überhaupt an, daß er zu der besseren Klasse dieser Leute gehörte. Sein Anzug war sauber und von gutem Tuch und dabei reinlich. Er schien etwas auf sich zu halten, und das kleine seidene Tuch, das er um den Hals trug, sah aus, als ob es vor kaum einer Viertelstunde neu geknüpft sein konnte. »Reite nur immer mit den Tieren voraus«, sagte er zu einem seiner Leute, der neben ihm hielt, um seine Befehle zu erwarten. »Wir machen in unserem alten Quartier halt, wenn es auch ein bißchen spät werden sollte.« »Sie wollen nicht in Chorillos bleiben, Señor?« »Nein, denke gar nicht daran, ich komme schon nach. Strengt mir nur die Tiere nicht so sehr an; es ist heute Mondschein, wenn sie auch eine halbe Stunde länger auf der Straße sind. Die Nacht müssen sie doch ordentlich ausruhen, wenn wir auch erst morgen mittag nach Lima hineinkommen.« Und als ob das genügte, stieg er von seinem Maultier, dem er freundlich den Hals klopfte. Seine Leute ritten mit dem Zuge weiter die Straße hinab auf dem Weg nach Lima hin, und der Arriero schritt auf den nächsten Posten zu und sagte: »Compañero, sei so gut und melde mich einmal deinem Offizier; ich habe mit ihm zu sprechen. Ist der Präsident in Chorillos?« »Ja, Señor.« »Gut, melde mich nur deinem Offizier, oder warte, ich gehe lieber gleich mit hinein.« »Das geht nicht, Señor, ich muß erst ...«, wollte der Soldat einwenden. »Ach, was«, rief der Arriero, »mich darfst du einlassen, ich gehöre mit ins Haus«, lachte er vor sich hin; »mach' nur keine Umstände, ich möchte mein Tier nicht gern da draußen so lange allein stehen lassen.« Ohne weiteres schritt der Mann auch in den Hofraum hinein, und seine ganze Erscheinung hatte so etwas Gediegenes und Zutrauen Erweckendes, daß ihn die Soldaten wirklich nicht hindern mochten. Ihr Offizier stand ja auch überdies mitten im Hof, und der Präsident war hineingegangen. »Was wollt Ihr, Amigo?« redete ihn hier der Offizier ziemlich erstaunt an. »Konntet Ihr Eure Meldung nicht draußen machen?« »Nein«, sagte der Arriero trocken, »ich wollte nur den Präsidenten sprechen, und der wird doch wohl nicht zu mir hinaus auf die Straße kommen.« »Seine Exzellenz ist jetzt nicht zu sprechen«, wies ihn der Offizier ab. »Was Ihr von ihm wollt, könnt Ihr mir sagen, ich richte es schon aus.« »Ja, das glaub' ich«, lachte der Mann, indem er seinen Fuß auf eine Bank stellte und den rechten, etwas locker gewordenen Sporn wieder fester schnallte; »aber damit ist mir und ihm nicht gedient. Doch wir wollen die Sache kurz machen; seid so gut und meldet mich nur Seiner Exzellenz, und wenn er dann sagt, daß er mich nicht sprechen will, nun gut, dann reite ich wieder meiner Wege.« »Seine Exzellenz«, sagte der Offizier, ohne sich von der Stelle zu rühren, »hat jetzt eine Unterredung mit einem Caballero, in der er nicht gestört sein will. Er hat mir befohlen, indessen keinen Menschen vorzulassen.« »Hm«, lachte der Arriero still vor sich hin, »wie sich doch die Zeiten ändern; es gab eine Zeit, wo – aber was tut's!« rief er, den Kopf zurückwerfend. »Und nun, mein lieber Herr Offizier, erlauben Sie mir nur die eine Bemerkung noch, ehe ich wieder gehe. Ich bitte Sie jetzt nochmals, mich Seiner Exzellenz zu melden; verweigern Sie es, so tun Sie das auf eigene Verantwortung, und was Ihnen nachher der alte Castilla für Carachos über den Hals schickt, denn er soll eben nicht besonders sparsam damit sein und war es nie, das ist dann Ihre Sache. Sie haben mich doch verstanden?« »Caramba, Amigo«, lachte der junge Offizier, den das bestimmte Benehmen des Mautiertreibers amüsierte; »ich fürchte jetzt fast selber, daß ich eine schwere Verantwortung auf mich laden werde. Dürfte ich denn Euer Gnaden wohl um Ihren werten Namen bitten?« »Der ist hier im Hause bekannt genug«, sagte der Arriero: »Castilla.« »Alle! Wetter«, lachte der junge« Mann, »sogar ein Namensvetter Seiner Exzellenz! Wie sich der Herr freuen würde, das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft zu haben; schade, daß er heute keine Zeit hat!« »Gut denn«, sagte der Arriero, indem er sich zum Gehen wandte, denn daß der junge Mann seinen Spott mit ihm trieb, merkte er gut genug; »wenn Ihr hier nichts zu tun habt, als Maulaffen feilzuhalten, so ist das wenigstens nicht bei mir der Fall. Leider komme ich auch so bald nicht wieder hierher zurück; wenn also Euer Caballero fort ist, dann seid so gut und geht zum Präsidenten hinein und sagt ihm, sein Bruder Manuel wäre dagewesen, aber nicht vorgelassen worden. Er käme jetzt von Cuzco und ginge nach Huànaco, hätte ihm auch gern etwas von zu Hause erzählt, aber es – ging eben nicht. Also, Gott befohlen!« Und ohne sich weiter um den Offizier zu kümmern, schritt er nach dem Tor zurück. »Alle Teufel«, murmelte der junge Soldat erschrocken vor sich hin, »des Präsidenten Bruder – und der strikte Befehl des Alten – was ist da zu machen?« Er hatte wohl schon früher davon gehört, daß Castilla »unten im Süden« einen Bruder habe, der Arriero sei und unter keiner Bedingung sein Gewerbe aufgeben wolle; aber ob der Präsident auf gutem Fuß mit ihm stand, davon wußte er kein Wort. Sollte er jetzt die Verantwortung auf sich nehmen, den leiblichen Bruder seines Herrn wie einen Bettler von der Tür geschickt zu haben? – Das ging unmöglich an! Heruntermachen konnte ihn der Alte auch nicht, weil er seinen Bruder anmeldete, das durfte er schon der Leute wegen nicht tun. Nein, fortlassen durfte er den auf keinen Fall, was auch nachher daraus entstand! »Señor!« rief er hinter ihm drein, als der Arriero eben wieder an den Soldaten vorüber wollte. »Amigo?« rief jetzt der alte Maultiertreiber mit einem eigenen, drolligen Zug um den Mund zurück, indem er stehenblieb und den Kopf halb über die Schulter drehte. »Warten Sie einen Augenblick!« »Tut mir leid; habe Ihnen schon gesagt, daß ich nicht kann.« »Ich werde Sie melden.« »Ah, das ist etwas anderes«, sagte der alte Arriero, indem er sich auf seinem Absatz herumdrehte und langsam in den Hof zurückschritt; »bitte, Señor, sagen Sie weiter nichts, als ›Manuel sei da‹, und dann kommen Sie wieder heraus und melden mir: Seine Exzellenz würden sich ungemein freuen, mich begrüßen zu können – wie?« Der Offizier hatte sich schon abgedreht und schritt in das Portal hinein. Drinnen im Zimmer an dem langen, abgerundeten Tisch, der schon für den heutigen Abend gedeckt war, stand Castilla neben Rafael, den Brief Desterres' in der Hand und die Schriftzüge mit einem anderen Dokument vergleichend, das er selber von dem genannten Herrn besaß. »Und Sie wissen genau, Aguila, daß der Kaufkontrakt ein drei Tage jüngeres Datum trägt?« »Ich bin erbötig, meine Versicherung eidlich zu erhärten. Exzellenz können sich aber leicht selber davon überzeugen, wenn Sie jenem Herrn nur einmal befehlen, Ihnen den Kaufkontrakt vorzulegen. Ich vertraue Ihnen indessen gern dieses Papier an.« »Hm, ja, das ginge. Fernando!« rief er dann rasch entschlossen, wie er immer war, und ein junger, etwas bleich aussehender Mann erschien nach einiger Zeit in der Tür. »Ein Telegramm nach Lima«, rief ihm der Präsident entgegen. Der junge Mann hatte sich an den nächsten Tisch gesetzt, auf dem ein Tintenfaß stand, und hielt die Feder in der Hand. »Señor Desterres«, diktierte der Präsident, »bringen Sie den Kaufbrief über Aguilas Hacienda mit. Castilla. Augenblicklich zu befördern.« Der junge Mann stand auf, verbeugte sich und verschwand durch die Tür, und Castilla wandte sich wieder freundlich gegen Rafael: »Wie ich höre, haben wir es Ihrem Eifer auch zu verdanken, daß wir auf die Spur der Diebesbande kommen, die damals der jungen Sängerin ...« In diesem Augenblick erschien der Offizier auf der Schwelle, und während Castilla rasch den Kopf nach ihm drehte und ihn finster ansah, berichtete er, die Hand an der Mütze: »Exzellenz, ein Señor ist draußen, der sich Manuel Castilla nennt und verlangt, Euer Exzellenz gemeldet zu werden.« »Manuel?« rief der Präsident, rasch emporfahrend. »Caramba, wo kommt der wieder einmal her? Soll hereinkommen! Hat er Euch denn nicht gesagt, daß er mein Bruder ist? Manuel, Manuel!« Der alte Herr hatte in der Tat in dem Augenblick vergessen, daß noch ein Fremder bei ihm war, und zu der Tür tretend, rief er dem Arriero schon von weitem zu: »Na, was stehst du da draußen, Alter, weißt du den Weg denn noch nicht? Wie geht's Manuel?« » Quien sabe? « antwortete mit dem charakteristischen Achselzucken dieser Leute der alte Arriero, indem er den Hut abnahm, auf den Präsidenten zuging und ihm derb die Hand schüttelte. »Aber dir geht's gut, nicht wahr, Exzellenz?« »Exzellenz – Esel!« sagte der Präsident; »weißt du nicht mehr, wie ich heiße? Ich habe dich für vernünftiger gehalten!« »Das war stets dein Fehler, Exzellenz«, sagte der Arriero, der etwas Störrisches wohl von dem steten Umgang mit seinen Maultieren angenommen hatte; »deshalb habe ich's auch nie weiter als bis zum Maultiertreiber gebracht.« »Und wessen Schuld ist das, he?« rief Castilla in gutmütigem Zorn. »Hab' ich dir nicht wieder und wieder angeboten, zu mir zu kommen? Hab' ich dich nicht geradezu gebeten, dem rauhen Leben zu entsagen und dich nicht länger in Hitze und Staub auf der Landstraße umherzutreiben? Gott bewahre, es war alles vergebens!« Der Arriero lachte still vor sich hin und sagte dann nickend: »Wir sind beide unverbesserlich, Exzellenz, du und ich, und müssen nun wohl schon so aufgebraucht werden.« »Und wie geht es zu Hause?« »Exzellenz«, sagte Rafael, dem es peinlich wurde, Zeuge dieses Zusammentreffens zu sein, noch dazu, da sich jetzt das Gespräch auf Familienangelegenheiten wenden sollte, »ich bedaure sehr, Sie durch meine Gegenwart zu stören. Wenn Sie mir gestatten, entferne ich mich jetzt.« »Nun gut, mein lieber Aguila«, lächelte der alte Herr, augenscheinlich durch die Erinnerungen, die die Erscheinung seines Bruders von alter Zeit geweckt, viel weicher gestimmt, »Sie werden mich entschuldigen. Ich habe meinen Bruder lange nicht gesehen, und es freut mich herzlich, daß er mich wieder einmal aufsucht.« »Wollte Gott, ich hätte einen Bruder, Exzellenz, ich würde Hunderte von Leguas wandern, um ihn aufzusuchen!« »Ich glaub' es Ihnen, Aguila; also auf Wiedersehen heute abend!« »Du hast wohl heute abend große Gesellschaft?« fragte der Arriero, der den Blick über die lange, für viele Personen gedeckte Tafel warf. »Allerdings, und wenn du mir eine Freude machen willst, bleibst du da!« rief der Präsident. »So?« lachte sein Bruder, indem er auf seinen Anzug deutete. »Warum nicht? Wen kümmert's, wenn ich damit einverstanden bin?« »Das verstehst du nicht, Exzellenz«, sagte der Arriero trocken, »und da ich einige Jahre älter bin als du, muß ich wohl der Vernünftigere sein. Nur deiner Frau möchte ich noch vorher guten Tag sagen und dir die Grüße von daheim ausrichten; nachher geh' ich wieder meiner Wege. Mein Maultier wird mir auch sonst da draußen ungeduldig.« Rafael hatte sich der Tür zugewandt, grüßte die beiden Männer achtungsvoll und verließ den Saal. Die Tertulia Der Arriero Manuel Castilla hatte sich wirklich nicht länger halten lassen, als er brauchte, um ein wenig mit seinem Bruder und dessen Frau zu plaudern, ihm von daheim zu erzählen und ein Glas Wein zu trinken. Dann verließ er den Rancho wieder, schüttelte dem Präsidenten herzlich die Hand, schritt durch den Hof, stieg auf sein Maultier, das keinen Fuß breit von der Stelle gewichen war, wo er es verlassen hatte, nickte dem jungen Offizier noch einmal freundlich, wenngleich ein wenig boshaft, zu und trabte dann die Straße hinab und an dem Stationsgebäude der Eisenbahn vorbei, dem Weg folgend, der hinab nach Lima führte. Indessen war es dunkel geworden, und die bunten Signallaternen verkündeten endlich den nahenden Extrazug, der Castillas Gäste aus der Hauptstadt brachte. Die ganze vornehme Gesellschaft von Lima schien eingeladen zu sein, wenigstens alles, was zu diesem Kreis gehörte, denn es war der erste Abend seit dem Attentat, wo Castilla Gäste empfing, und alles mußte ihm ja seine Huldigung, seine Glückwünsche bringen. Zwei von den Gästen schienen einander aber, wenn auch nur verstohlen, ganz erstaunt zu betrachten, und das war Oberst Desterres und General Granero – ja, die Gesellschaft selber war überrascht, den kleinen Mulatten hier zu sehen; denn bis jetzt glaubte man überall, daß er in Ungnade gefallen sei; trotzdem hatte er eine Einladung erhalten. Granero selber fühlte sich bedrückt in der ganzen Umgebung – er wußte nicht, wie er mit »dem Alten« stand – er wußte nicht, zu welchem Zweck er seine Karte erhalten hatte, und wäre am liebsten ganz weggeblieben, wenn er nicht gefürchtet hätte, den Präsidenten zu beleidigen. Auch daß Oberst Desterres in dem Saal umherstolzierte, gefiel ihm nicht und erweckte eher sein Mißtrauen, als daß es ihn beruhigte. Was konnte nur die Ursache dieser Einladung sein? Steckte etwa mehr dahinter, als eine bloße Freundlichkeit? Behaglicher würde er sich jedenfalls daheim in seiner Hängematte gefühlt haben. Viel mehr an seinem Platz fühlte sich dagegen der Oberst, und von sich selber vollkommen überzeugt, die frühere Verschwörung so schlau eingefädelt und sich selber so ganz im Hintergrund gehalten zu haben, daß Castilla seine Hand dabei auch nicht einmal ahnen konnte, gab er sich jetzt ganz dem wohltuenden, erhebenden Gefühl hin, der Gast des Präsidenten zu sein – den kleinen General Granero sah er gar nicht mehr. Die Frau Präsidentin empfing indessen die Gäste, während Castilla selber ab und zu ging und bald da, bald dort einen Bekannten grüßte. Nur jedem Glückwunsch wich er aus und beseitigte alle derartigen Versuche immer so rasch, wie es nur irgend anging. Aber unter den Damen hatte er Lydia Valière entdeckt, die er seit dem Karneval nicht wieder gesprochen hatte, und auf sie zugehend, nahm er ihre Hand und sagte freundlich: »Mein liebes Fräulein, ich freue mich wirklich herzlich, Sie einmal wieder bei mir zu sehen, und kann Ihnen sagen, daß ich den wärmsten Anteil an dem Verlust genommen habe, der Sie betroffen hat.« »Exzellenz sind so gnädig«, sagte das junge, schöne Mädchen tief errötend, »und haben selber mich so reich danach bedacht, daß ich wirklich nicht einmal weiß, ob ich einen Verlust erlitten habe. Überhaupt bin ich in Lima mit einer Liebenswürdigkeit aufgenommen worden, die ich der guten Stadt im Leben nicht vergessen werde!« »Bis auf den Bubenstreich ...« »Schlechte Menschen gibt es überall – weshalb nicht auch in Peru?« sagte Lydia, »und die Erinnerung wird, wenn ich an das Land zurückdenke, nur das Liebe und Gute davon bewahren!« »Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, aber ich hoffe doch, daß Sie uns nicht schon so bald wieder verlassen wollen.« »Leider schon mit dem nächsten Dampfer«, erwiderte Lydia, »denn Briefe, die ich von Hause erhielt, zwingen mich, meine Rückreise zu beschleunigen.« »Ich fürchte, ich fürchte«, sagte Castilla, mit dem Finger drohend, »Sie werden manches gebrochene Herz hier zurücklassen!« »Ich wußte nicht, daß Exzellenz auch boshaft sein können«, lächelte das junge Mädchen mit einer leisen Verneigung. Ihr Gespräch war aber auch für den Augenblick abgebrochen, denn Señor Desterres trat dem Präsidenten gegenüber und sagte mit einer tiefen Verbeugung: »Exzellenz haben mir heute nachmittag befehlen lassen, Ihnen ein bestimmtes Papier vorzulegen.« »Ah, Desterres – haben Sie es mitgebracht?« »Allerdings, Exzellenz, aber gestatten Sie mir vorher, daß ich meinen aufrichtigsten und tiefgefühltesten Glückwunsch ...« »Schon gut, schon gut – lassen Sie die alte Geschichte – wo haben Sie das Papier?« »Hier, Exzellenz«, sagte der Señor, indem er das Papier dem Präsidenten überreichte, »Exzellenz hatten auch die Gnade, meinen Bruder, den Oberst, einzuladen; wollten Sie vielleicht gestatten, daß er Ihnen, noch ganz von der Angst an jenem Schreckenstag erfüllt ...« Der Oberst war vorgetreten und verbeugte sich so tief, daß er mit den Händen fast hätte den Boden berühren können. »Exzellenz«, sagte er, »ich will zu Gott hoffen, daß es meiner schwachen Stimme an jenem Tage mit gelang ...« »Ah, Oberst Desterres«, unterbrach ihn der alte Herr, der, bis jetzt ganz in seine Gedanken vertieft, das eben erhaltene Papier mit den Blicken überflogen hatte, »ist mir lieb, daß Sie da sind – will Ihnen nachher auch noch etwas mitteilen. Sie entschuldigen mich einen Augenblick, Caballeros«, und den beiden den Rücken kehrend, ging er in das benachbarte Zimmer. »Mein liebes Fräulein«, sagte Rafael indessen, der zu Lydia getreten war und ihre Hand an seine Lippen zog, »ich hoffe doch mit ganzer Seele, daß ich vorhin falsch hörte, daß Sie uns noch nicht so bald wieder verlassen wollen!« »Señor Confederado«, lächelte ihn Lydia freundlich an, »Ihr vortreffliches Gehör hat Sie nicht getäuscht, denn ich bin allerdings fest entschlossen, mit dem nächsten Dampfer nach Frankreich zurückzukehren.« »Und das sagen Sie so ruhig«, erwiderte Rafael fast vorwurfsvoll – »und doch«, brach er kurz ab, »kann ich mir denken, daß Sie sich aus unserem öden, dürren Land wieder zurück nach den Küsten Ihrer schönen Heimat sehnen – oh, wer dorthin mit Ihnen ziehen dürfte!« »Ich bin fest überzeugt«, erwiderte Lydia, »daß auf dem Dampfer noch verschiedene Plätze frei sind!« »Spotten Sie nicht«, sagte Rafael fast ernst – »Sie wissen nicht, zu was Sie mich noch treiben könnten!« »Doch sicher nicht zu einer Ungerechtigkeit«, sagte die junge Dame rasch und fast wie mit einem Vorwurf im Blick zu ihm aufsehend, »aber jetzt bekomme ich eine Strafpredigt«, setzte sie lachend hinzu, als sie durch die Gruppen die lange, hagere Gestalt des Señor Benares auf sich zusteigen sah. »Unterwegs bin ich dem Herrn in einen anderen Waggon entkommen, und er wird mir jetzt jedenfalls zärtliche Vorwürfe machen. Ich gebe Ihnen mein Wort, Don Rafael, es gibt für mich auf der Welt nichts Komischeres, als das Schmachten dieses Don Quixote – wenn ich ihm nur ein Barbierbecken verschaffen könnte!« Der lange und etwas hagere Benares hatte sich indessen bis zu der jungen Dame durchgearbeitet und Lydia hatte ganz recht geraten, denn er beklagte sich wirklich bitter darüber, daß sie ihn unterwegs absichtlich gemieden und dem »glücklichen« Desterres die Freude gemacht habe, in seiner Gesellschaft hier heraus zu fahren. Rafael war inzwischen zurückgetreten und wollte sich eben nach einem andern Teil des Saales zurückziehen, denn es tat ihm weh, das Spiel mit anzusehen, das Lydia mit ihren Anbetern trieb, als er Perteña auf sich zukommen sah und nicht mehr in Zweifel sein konnte, daß er ihn anreden wolle. »Nun, mein lieber Widersacher von der Landstraße«, lächelte auch der junge Peruaner, »Sie werden mir doch wenigstens gestatten, daß ich Ihnen meinen Glückwunsch über Ihren gelungenen Fang ausspreche – Sie haben jedenfalls mit Ihren Bemühungen besseren Erfolg gehabt, als ich ...« »Ich weiß wirklich nicht, welchen Sie meinen«, sagte Rafael. »Hahahaha!« lachte Perteña laut auf, »haben Sie in der kurzen Zeit so viele gemacht?« »Allerdings, Señor. Sie haben vielleicht nicht davon gehört, daß wir in diesen Tagen die gestohlenen Insulaner wieder eingesammelt haben.« »Oh, übergenug«, lachte Perteña, »Desterres hat mir die Ohren schon voll geklagt, denn die Burschen schienen sich ganz vortrefflich einzurichten! Aber ich meinte in diesem Augenblick Ihren Fang bei dem Mulatten, der möglicherweise bei dem Einbruch selber beteiligt war, bis jetzt aber freilich nur ausgesagt hat, er habe die bei ihm gefundenen Sachen von einem Neger gekauft, der vor einigen Tagen mit dem englischen Kriegsschiff in See gegangen sei.« »Möglich«, sagte, Rafael, der jetzt fest davon überzeugt war, daß ihn sein verdächtiger Freund ein wenig aushorchen wollte; »es sind aber auch Sachen bei ihm gefunden worden, die er nicht gut von einem Neger gekauft haben kann; verschiedene Brieftaschen zum Beispiel. Ich muß Ihnen übrigens gestehen, Señor, daß ich bis jetzt noch keine Zeit gefunden habe, mich weiter mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Der Mulatte konnte überdies bei jenem Karnevalsraub nur Gehilfe gewesen sein, denn die Hauptsachen sind, so viel ich weiß, nicht bei ihm vorgefunden worden. Wir haben dadurch aber jedenfalls eine Spur bekommen, und Sie wissen, derlei Gesindel verrät einander immer, wenn man ihm die Daumenschrauben ansetzt.« »Aber wir haben hier in Peru keine Tortur, Señor!« »Ich meine nur bildlich«, lächelte Rafael, »er soll überhaupt schon ganz wunderbare Aussagen gemacht haben.« »In der Tat?« rief Perteña rascher, als es vielleicht seine Absicht war. »Und einige sehr wichtige Briefe sind ebenfalls bei ihm entdeckt worden, die merkwürdigerweise meinem Onkel gehört haben«, fuhr Rafael fort und hielt seinen Blick fest auf den jungen Mann geheftet. Perteña fühlte, wie er die Farbe wechselte, aber er sagte vollkommen ruhig: »Was stiehlt derlei Gesindel nicht alles zusammen! Und während sie angeblich Milch und Butter in die Häuser tragen, spionieren Sie die Gelegenheit für ihre Unternehmungen aus.« »Sie haben diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen, Señor, denn nur dadurch, daß ich gerade dabei war, als dieser Mulatte bei Fräulein Valière angeblich mit Milch und Eiern zum Verkauf kam, sind wir ihm auf die Spur geraten.« »Wirklich?« »Und Sie würden lachen, wenn Sie wüßten, durch welche Kleinigkeit der Verdacht sich zur Gewißheit steigerte – nur durch ein kleines Stückchen Siegellack, das vielleicht die alte Frau im Hause leichtsinnigerweise auf die Straße geworfen hatte! Aber ich langweile Sie mit derartigen Einzelheiten.« »Bitte, bitte«, sagte Perteña, der den fest auf ihm haftenden Blick des jungen Mannes nicht ertragen konnte oder doch wenigstens mit einem unbehaglichen Gefühl bald links, bald rechts hinübersah. Es drängte ihn auch jetzt, vor allen Dingen erst einmal mit Desterres zu sprechen, um von diesem zu hören, was er schon von dem eben Angedeuteten wußte. Aber diesen konnte er jetzt nicht sprechen, denn der Präsident hatte ihn eben in das benachbarte Zimmer geführt, und er sah, wie beide sich dort über ein paar vor ihnen ausgebreitete Papiere bogen und lebhaft miteinander sprachen. Als er sich von Rafael losmachte, blieb dieser mit unterschlagenen Armen stehen und sah ihm mit einem fast schadenfrohen Lächeln nach. Da fühlte er eine leichte Hand in seinem Arm, und Lydias Stimme hauchte in sein Ohr: »Das war der Mensch, der mich beraubt hat!« »Wer, Señorita?« rief Rafael fast erschrocken, aber doch mit gedämpfter Stimme. »Der Sie eben verließ – ich konnte sein Gesicht nicht sehen!« »Señor Perteña ...« »Ah, mein Verdacht!« flüsterte das junge Mädchen, und ihr Antlitz war in der Erregung des Augenblicks totenbleich geworden. »Aber meine Seligkeit zum Pfande, ich irre mich nicht!« »Aber, Lydia, wenn Sie nicht einmal sein Gesicht sehen konnten!« »Ich hörte sein Lachen«, rief die junge Französin, »genau so, wie er damals gelacht hat, als er, wie im Spiel, mit der Leiter mein Zimmer erstieg und mich dann gleich darauf wie ein Mörder anfaßte! Und wenn ich noch ein halbes Jahrhundert leben sollte, das Lachen vergess' ich nun und nimmermehr!« »Es gibt nichts Unmögliches unter der Sonne mehr«, sagte Rafael achselzuckend, »und ich glaube jetzt selbst, daß Sie recht haben. So viel wissen wir überhaupt, daß ein Señor mit sehr weißen Händen und goldenen Ringen dabei war, und warum sollte es nicht gerade Señor Perteña sein? Sie sagten damals, Sie hätten seine Hand gesehen; wenn Sie nun ...« »Ich brauche keinen Beweis weiter«, unterbrach ihn Lydia rasch, »ich bin meiner Sache zu gewiß!« »Hm, alles zusammengenommen«, lächelte Rafael, »so stimmt auch das mit meiner ersten Begegnung mit diesem Herrn, und es fehlte nun nichts weiter, als daß er hier noch, in des Präsidenten eigenem Hause, als Gast Seiner Exzellenz, unsere Taschen visitierte.« »Wenn Sie bei ihm Haussuchung hielten«, flüsterte Lydia, »dort würde sich der Rest der gestohlenen Gegenstände finden.« »Das bezweifle ich«, sagte Rafael kopfschüttelnd, »denn der ist zu schlau, als daß er eine so auf der Hand liegende Vorsichtsmaßregel vernachlässigen sollte, noch dazu, da jetzt der Verdacht auf seine Helfershelfer gelenkt wurde. Nein – aber ich will doch die Gelegenheit wahrnehmen, Seiner Exzellenz nachher Ihre Äußerung mitzuteilen, schon seiner selbst wegen, daß er vorher genaue Erkundigungen über den Patron einzieht, ehe er sich weiter mit ihm einläßt. Darf ich mich auf Sie berufen?« »Ich bin erbötig, meine Anklage dem Menschen ins Gesicht zu wiederholen!« rief Lydia leidenschaftlich. »Das wird kaum nötig sein«, lächelte Rafael. »Darf man fragen, reizende Señorita, worüber Sie sich in diesem Augenblick so sehr ereifern?« fragte Benares, der, mit einer Tasse Tee in der Hand, zu den beiden trat und sich zugleich leicht gegen Rafael verneigte. »Stehen Sie mir bei, Señor«, wandte sich Lydia rasch gegen ihren etwas hoch aufgeschossenen Anbeter, »der Señor hier wagt zu behaupten, daß seine Landsleute keinen Kunstsinn hätten und sich nur – worunter er schmeichelhafterweise mich wahrscheinlich verstanden haben will – nur dann und wann von einer glänzenden Erscheinung hinreißen ließen, der wirklichen Kunst aber nie ein Opfer bringen würden.« »Ich bin außer mir«, versicherte Señor Benares und rührte dabei mit dem Löffel, den er in seiner rechten Hand hielt, den Tee um, »Señor Aguila, ich muß es für einen einfachen Selbstmord halten, wenn Sie sich auf so leichtsinnige Weise um die Gunst unseres schönen Gastes bringen wollen!« Rafael kam wirklich einen Augenblick in Verlegenheit, und er wußte nicht gleich eine Antwort auf die ganz unvorbereitete Anklage zu finden. Das schlimmste dabei war noch, daß sich Lydia selber an seiner Verlegenheit weidete, und wie ein Mädchen errötend, sagte er endlich: »Die Señorita hat mich jedenfalls falsch verstanden, denn so – denn in diesem Sinne, mein' ich – war die Behauptung gar nicht aufgefaßt.« »Sie sind Zeuge, Señor Benares, daß er widerruft!« lachte die junge Französin. »Das freut mich, Señor Aguila – aber es wird musiziert – oh, lassen Sie uns zuhören, meine Herren!« Und ihren Arm in den von Benares legend, der in dem Augenblick nicht gleich wußte, was er mit seiner Teetasse anfangen sollte, schritt sie zu einem der Sessel und ließ sich dort, ganz dem ziemlich seelenvollen Spiel einer jungen Dame lauschend, nieder. In einem Nebenzimmer, das eigentlich nur dazu diente, das Geschirr aufzubewahren und bei der Hand zu haben, stand Castilla neben Desterres, vor sich den Kaufbrief ausgebreitet und den Brief, den ihm Rafael gegeben hatte, noch in der Hand haltend. Desterres selber schien in peinlichster Verlegenheit zu sein, und der Präsident hielt sein kleines, lebendiges Auge fest auf ihn geheftet. »Also an diesem Tag, Señor, ist der Kaufkontrakt wirklich unterzeichnet worden, von dem sich merkwürdigerweise gar kein Beleg für den eigentlichen Eigentümer findet?« »Exzellenz können mich doch nicht verantwortlich machen«, sagte Desterres, der in diesem Augenblick noch viel gelber aussah als gewöhnlich, »daß der alte Herr ohne Testament gestorben ist!« »Nein«, sagte Castilla ruhig; »aber kennen Sie vielleicht diesen Brief?« Er reichte damit Desterres das Blatt, das Aguila ihm heute dagelassen hatte; Desterres aber rief, als er nur den Blick darauf geworfen: »Das ist gefälscht!« »Sie haben ja noch nicht einmal gelesen, was darauf steht«, sagte der Präsident, und ein spöttisches Lächeln zuckte um seine Lippen. Desterres war leichenblaß geworden und stammelte: »Aus Eurer Exzellenz Reden glaubte ich schon zu verstehen, daß – meine Rechtsansprüche durch das Papier da bestritten werden sollten.« »Bitte, lesen Sie«, sagte Castilla, und Desterres nahm das Blatt und las es jetzt aufmerksam durch. »Ist das Ihre Handschrift?« fragte der alte Herr kalt. »Ja, Exzellenz, aber das Datum ...« »Ich will Ihnen etwas sagen, Desterres«, unterbrach ihn der Präsident – »Sie wissen recht gut, daß ich Sie bis jetzt begünstigt habe und daß ich Ihnen wohlwill; ich glaube, ich gebe Ihnen schon dadurch einen deutlichen Beweis, indem ich Sie ersuche, sich die Sache zu überlegen. Ich habe mir die Sache überlegt und bin entschlossen, den Kontrakt hierzubehalten, um ihn von einem Chemiker untersuchen zu lassen. Wollen Sie das abwarten?« »Exzellenz – ich – ich begreife noch wicht recht, was Sie von mir verlangen.« »So?« sagte Castilla, leicht vor sich hin lächelnd, »das ist etwas anderes. Da werde ich also deutlicher sein müssen. Ich wollte nämlich nicht gern, daß die Geschichte stadtkundig würde, Ihretwegen natürlich, und ich glaube, daß sich der Verkauf noch leicht rückgängig machen ließe – meinen Sie nicht?« »Der Hacienda?« Desterres sah den Präsidenten scheu an. Dieser antwortete aber keine Silbe, nicht einmal durch ein Nicken, und schien nur einfach eine Antwort auf seine vorige Frage zu erwarten. Da aber Desterres noch schwieg, fuhr er, wie auf ein anderes Thema übergehend, fort: »Hatten Sie nicht den Wunsch geäußert, Ihrer Gesundheit wegen die trockene Küste zu verlassen? Ich dachte, Morales hätte mir davon gesagt?« »Ich weiß mich nicht zu erinnern, Exzellenz«, sagte Desterres, vollkommen vernichtet von der Andeutung. »So?« nickte Castilla, »nun gut, kommen Sie morgen früh um zehn Uhr zu mir in die Stadt. Ich werde mit dem ersten Zug hineinfahren. Ich erwarte dort Ihren bestimmten Entschluß. Sie haben mich doch verstanden? Ich meine, mit dem Verkauf Ihrer Hacienda?« »Vollkommen, Exzellenz; ich werde nicht ermangeln.« Der Präsident faltete die beiden Papiere zusammen, den Kaufbrief und die von Rafael erhaltene Note, schob sie in die Brusttasche, nickte Desterres zu und ging wieder, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, zur Gesellschaft zurück. Dort trat ihm Granero in den Weg. »Ah, General«, sagte der alte Herr freundlich, indem er den Expräsidenten beim Arm nahm und zurück in den Saal führte – die junge Dame musizierte noch, und die Gäste hatten sich alle in den Teil des Saales zurückgezogen, in dem das Klavier stand, »es freut mich, auch Sie noch einmal bei mir begrüßen zu können!« »Exzellenz sind so unendlich gnädig«, stammelte der kleine Mulatte, »und ich habe schon lange gewünscht, Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche über die Abwendung des Verbrechens zu bringen, das gegen Sie beabsichtigt war ...« »Plumpe Geschichte, General«, lachte der alte Herr, »ganz plumpe Geschichte, war nicht in den rechten Händen; vielleicht gut angelegt, aber erbärmlich ausgeführt. Bei so etwas müssen die Rädelsführer immer den Mut haben, sich selber an die Spitze zu stellen, sonst läuft die Sache jedesmal schlecht ab.« »Glücklicherweise war das hier nicht der Fall ...« »Jawohl, wie Sie sagen, glücklicherweise – aber, apropos, General, kaufen Sie keine Waffen mehr für mich; ich habe jetzt genug und weiß sonst am Ende gar nicht mehr, was ich damit anfangen soll.« »Exzellenz!« fuhr Granero erschrocken auf. »Die bei Deschamps in Callao lagernden«, fuhr Castilla ruhig und unbefangen fort, »habe ich in mein Arsenal schaffen lassen – nicht wahr, Sie schicken mir morgen die Rechnung darüber? Aber die von dem amerikanischen Schoner sind nicht zu gebrauchen. Was uns die Yankees schicken, ist selten des Kaufens wert. Ich habe dem Kapitän auch deshalb heut' abend einen Lotsen an Bord geschickt, daß er ihn wieder in offenes Fahrwasser bringt. Sie sind doch damit einverstanden?« »Exzellenz«, stammelte der kleine Mann in halber Verzweiflung, »ich – ich weiß wahrhaftig nicht ...« »Und noch eins, General«, fuhr Castilla leise fort, indem er sich zu dem Expräsidenten überbog – »ich habe Sie hier als Gast in Lima aufgenommen, vergessen Sie aber nicht, daß Sie, so lange Sie hier wohnen, mein Untertan sind, und für meine Untertanen ist von heute an für Hochverrat die Todesstrafe wieder eingeführt – Sie verstehen mich doch? Der Galgen!« »Exzellenz, ich begreife nicht ...« »Das tut mir leid. – Apropos, kennen Sie einen gewissen farbigen Señor mit Namen Corona? Er war früher Kutscher bei Señor Benares – ich glaube, er hat Sie einigemal aufgesucht ...« »Ich erinnere mich, daß ein Mann dieses Namens ein- oder zweimal bei mir war, um mich um eine Unterstützung anzusprechen.« »Wahrscheinlich derselbe«, sagte Castilla nickend. »Dieser Bursche ist gestern wegen gemeinen Diebstahls verhaftet worden und hatte mich heute morgen um eine Audienz bitten lassen, weil er mir wichtige Mitteilungen über eine Expedition zu machen habe, die von hier aus nach Ecuador im Werke sei.« »Ich will doch nicht hoffen, Exzellenz«, rief Granero, dessen Antlitz eine aschgraue Färbung angenommen hatte, »daß Sie den Aussagen eines solchen Menschen Glauben schenken?« »Hätte ich Sie dann heute zur Tertulia eingeladen?« sagte der Präsident trocken. »Und Corona?« »Hat mir einige sehr interessante Geschichten erzählt. Der Mensch scheint viel in seinem Leben durchgemacht zu haben und war ungemein gesprächig. Er hat Talent zum Erzählen.« Granero erwiderte nichts. Er war völlig vernichtet und drehte die weißen Glacéhandschuhe zwischen seinen Fingern herum, daß das Leder platzte. »Apropos, General«, brach Castilla plötzlich ab, »tanzen Sie?« »Exzellenz!« sagte der kleine Mann ordentlich erschrocken. »Das junge Volk«, fuhr Castilla lächelnd fort, »läßt später immer keine Ruhe – wir Alten ziehen uns dann wohl zu einem Spielchen zurück; aber tun Sie sich keinen Zwang an«, und ihm zunickend, drehte er sich von ihm ab und durchschritt den Saal. Rafael hatte schon lange die Gelegenheit abgepaßt, den Präsidenten noch einmal allein zu sprechen, aber auch jetzt versuchte er vergebens, sich ihm zu nähern, denn Castilla bemerkte die junge Französin in ihrem Lehnstuhl und rückte sich einen Sessel neben sie, um mit ihr zu plaudern. Erst als die Musik schwieg und alles aufstand, um der jungen Künstlerin einige freundliche Worte zu sagen, ging der alte Herr wieder dem Spielzimmer zu, um zu sehen, ob dort alles in Bereitschaft sei, denn er spielte gern und beschloß nie einen solchen Abend ohne diesen »Genuß«. Rafael trat ihm hier in den Weg und teilte ihm kurz und bündig den Verdacht der jungen Fremden mit, dem der Präsident mit großer Aufmerksamkeit lauschte. Als Rafael aber fertig war, sagte er: »Hören Sie einmal, mein lieber Señor Aguila, Sie glauben wohl, daß ich weiter auf der Gotteswelt nichts zu tun habe, als mich von Ihnen herumhetzen zu lassen?« »Exzellenz«, lächelte Rafael, »ich glaubte nur, daß es für Sie doch auch von Interesse sein müßte, die Persönlichkeiten näher kennenzulernen, mit denen Sie verkehren.« »So – glauben Sie?« sagte Castilla trocken – »wenn ich Ihnen aber nun sage, daß ich es für viel besser und vorteilhafter halte, von den Personen, mit denen ich verkehre, gar nichts zu wissen? Oder verlangen Sie vielleicht, daß ich mir alle vier Wochen meine Umgebung rein ausfegen soll? – Übrigens«, setzte er nach einigem Nachdenken hinzu, »danke ich Ihnen für den kleinen Bericht, denn ich zweifle nicht, daß die Señorita, die ein sehr aufgewecktes kleines Frauenzimmer ist, recht gehört hat, und da ist es doch ratsam, solche Kumpane etwas weiter fortzuschicken; es könnte ihnen sonst auch einmal, wenn sie gerade Geld brauchen, nach meinem Silbergeschirr gelüsten. – Soll ich Ihnen nun aber auch einmal einen guten Rat geben?« »Exzellenz?« »Dann machen Sie kein Geschäft in Lima daraus, in Wespennestern herumzustochern«, sagte der alte Herr. »Wir beide ändern nun einmal die Menschen nicht, sondern müssen sie nehmen, wie sie kommen, wenn wir eben mit ihnen leben wollen. Übrigens«, setzte er jetzt freundlich hinzu, »hoffe ich, daß ich Ihre Sache wenigstens geregelt habe. Ich denke, Sie werden bald wieder auf Ihrer Hacienda schlafen können.« »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Exzellenz!« rief Rafael, wirklich erstaunt über diese rasche Erledigung einer Sache, die, wenn er den Rechtsweg hätte verfolgen sollen, vielleicht Jahrzehnte gedauert hätte. »Sehr einfach dadurch«, erwiderte Castilla, »daß Sie auch ein klein wenig auf sich selber achten, denn ich könnte doch einmal in den Fall kommen, Ihre Dienste in Anspruch nehmen zu wollen, und dann möchte ich nicht gern die Nachricht erhalten: Senor Aguila hat neulich eins auf den Kopf bekommen, weil er seine Nase überall hinsteckt!« Und ihm freundlich zunickend, schritt er weiter. Oberst Desterres hatte sich indes umsonst bemüht, dem Präsidenten wieder nahe zu kommen. Obgleich ihm dieser im Anfang selber gesagt hatte, daß er ihm noch etwas mitteilen wolle, war es doch, als ob er ihm ausweiche, denn wo er ihn sicher zu haben glaubte, schlug der alte Herr plötzlich einen Haken und vertiefte sich dann wieder so in ein Gespräch mit irgendeinem Minister oder Gesandten, daß es unmöglich war, ihm beizukommen. Jetzt wurde zu Tisch gerufen, und während die Frau Präsidentin sich auf das Angelegentlichste mit Lydia unterhalten hatte und sie auch jetzt bei Tafel an ihrer Seite Platz nehmen ließ, hatte sich Castilla plötzlich an ihre andere Seite und mitten zwischen die jungen Damen hineingesetzt, mit denen er lachte und plauderte. Rafael dagegen war nicht so glücklich gewesen, jemand auszuweichen, der ihm auf Tritt und Schritt nachging und besonders bemerkt und beobachtet hatte, wie freundlich, ja selbst zutraulich der Präsident Castilla mit dem jungen Mann sprach – und das war Señor Rivadia. »Aber lieber, bester Freund!« fing er ihn endlich ,ab, hing sich an seinen Arm und führte ihn, ohne daß Rafael seine Absicht gleich merkte, nach dem anderen Ende der Tafel hinüber – »daß Sie in Geschäften bis über die Ohren stecken, weiß ich, und das entschuldigt Sie einigermaßen – aber so ganz Ihre alten Freunde zu vernachlässigen, ist auch nicht recht! Und wie hat sich Candelaria nach Ihnen gesehnt! – Hier bring' ich den Ausreißer, Kind«, wandte er sich dann plötzlich an seine Tochter, die mit tiefem Erröten, aber freundlichem Lächeln Rafael die Hand entgegenstreckte. »Hoffentlich nicht wider seinen Willen«, sagte das junge Mädchen dabei – »was haben wir Ihnen getan, Señor, daß Sie uns so lange ohne Nachricht von sich ließen?« Rafael konnte nicht mehr zurück, ohne unhöflich zu sein, und fand sich jetzt in die angenehme gesellschaftliche Notwendigkeit versetzt, Entschuldigungen zu stammeln, wo er sich eigentlich gar nicht zu entschuldigen hatte, und sich dann über sich selber zu ärgern, daß er sich eben ärgern ließ. Aber es half ihm nichts mehr. Candelaria war ja eine Jugendfreundin von ihm, und alte Rechte geltend machend, hing sie sich in seinen Arm, so daß der junge Mann nicht wußte, ob er die Dame zu Tische führte oder ob er von ihr geführt wurde. Und der Papa setzte sich an seine andere Seite und war so herzlich und liebevoll und erzählte ihm immer und immer wieder, wie sich Candelaria nach ihm gesehnt und wie sie ihm Tag für Tag Auftrag gegeben habe, sich nach ihm zu erkundigen. Rafael verwünschte sein Mißgeschick, und daß ihn Lydia dabei fortwährend im Auge behielt und seine Lage wahrscheinlich durchschaute, denn sie lächelte manchmal recht boshaft zu ihm hinüber, konnte nicht dazu dienen; sie angenehmer zu machen. Endlich wurde die Tafel aufgehoben; Castilla selber gab das Zeichen, denn er war ungeduldig geworden, an seinen Spieltisch zu kommen, und das Musikkorps, das schon während des Essens die Tafelmusik geblasen hatte, fiel jetzt in einen munteren Walzer ein, das junge Volk zum Tanz rufend. Natürlich konnte er nicht umhin, seine Tischnachbarin aufzufordern, und mußte dabei auch sehen, wie sich Lydia – ihm selber dabei zulächelnd – gerade gegen Benares freundlich neigte, der sie aufgefordert hatte. Die Spieler sammelten sich schon um den Tisch im Nebenzimmer; die Karten lagen dort bereit, und Castilla, der noch mit dem brasilianischen Gesandten gesprochen hatte, wollte sich gerade ebenfalls dorthin begeben. Von dem Augenblick an war er dann für den ganzen Abend für die Gesellschaft verloren, um die er sich nicht weiter bekümmerte. Er duldete auch nicht, daß er gestört wurde, und es war jetzt der letzte Moment für den Oberst Desterres, wenn er den Präsidenten heute noch sprechen wollte. Von Granero, der still und allem Anschein nach sehr bedrückt in einer Ecke saß, hatte er sich ängstlich ferngehalten. Jetzt schritt Castilla an ihm vorbei, und sich ein Herz fassend, sagte er: »Exzellenz waren vorhin so gnädig, mir anzudeuten, daß Sie mir noch etwas mitzuteilen hätten ...« »Ach ja«, sagte Castilla, der im Anfang ganz zerstreut zu ihm aufgesehen hatte, »gut, daß Sie mich daran erinnern, Oberst. Ich bin von Ihrem Eifer für meine Regierung überzeugt ...« »Exzellenz können felsenfest auf mich bauen ...« »Und da jetzt«, fuhr der alte Herr fort, »die Verhältnisse im Süden etwas bedenklicher Art werden, so ist es nötig, zuverlässige Leute dorthin zu schicken. Sie werden morgen mit dem Dampfer und einem Bataillon Soldaten nach Arequipa gehen. Sie haben Zeit genug, bis dahin Ihre Vorbereitungen zu treffen. Der Dampfer geht erst abends fünf Uhr ab. Adios! « Und damit ihm zunickend, schritt er in den Speisesaal hinein. »Exzellenz!« stammelte der Oberst. Arequipa war das ödeste, sonngebrannteste Nest von Peru – aber der Präsident achtete nicht weiter auf ihn, und die Musik schmetterte dazu ihre fröhlich wirbelnde Weise. Es gelang Rafael einigemal an dem Abend, sich Lydia zu nähern und einige Tänze mit ihr zu tanzen; im ganzen aber war sie von einer solchen Schar von Anbetern umgeben und in Anspruch genommen, daß sie fast gar nicht zu Atem kam. Aber sie schien sich wohl darin zu fühlen und zeigte allen ein gleich heiteres, glückliches Gesicht. Nur wenn sich Perteña ihr näherte, schrak sie ordentlich vor ihm zurück. Sie fürchtete den Menschen, und wie große Mühe er sich auch gab, nur einen einzigen Tanz von ihr zu erhalten, sie wich ihm jedesmal entschieden aus. Erst um halb eins trennte sich die Gesellschaft, um mit dem Extrazug nach Lima zurückzukehren; die Musik zog, einen lebendigen Marsch spielend, vor ihnen her, und Oberst Desterres marschierte mit, als ob er als Leidtragender hinter seinem eigenen Sarg herginge. Lydia und Juanita Rafael suchte in dieser Nacht mit schwerem, unruhigem Herzen sein Lager auf. Er kam sich allein und verlassen in der Welt vor, und ein Gefühl lastete ihm auf der Seele, als ob er an einem Abgrund stehe, in den das Liebste zu versinken drohe, was er auf der Welt kannte. War es der bevorstehende Abschied von dem schönen Mädchen, das wieder in ihre Heimat zurückkehren wollte? Wie aber konnte er sie lieben, die ihn, wie alle übrigen Männer, nur wie ein Spielzeug behandelte, mit dem sie sich eine kurze Zeit unterhielt und es dann beiseite warf. Wonach er sich sehnte, war eine Häuslichkeit. Hätte ihm die Lydia, hätte ihm die aber auch eine seiner Landsmänninnen bieten können, deren größtes und höchstes Ziel im Leben nur immer Genuß und Vergnügen war? Aber wo sonst fand er ein Herz, das auch an ihm mit voller Liebe hing? Wo fand er ein Herz, dem er genügen konnte und das imstande war, ihm eine Heimat zu schaffen, still und ungestört, und nur das Glück im andern Herzen suchend? Wie sonderbar, daß seine Gedanken immer zu dem freundlichen, stillen Walten Juanitas flogen, die, fern von der Welt, nur ihrem Vater lebte! Und doch hatte er sich, wenn er draußen in einem fernen Weltteil seine einsame Bahn zog, so eine eigene Heimat immer gedacht, so sie herbeigesehnt; wo konnte er sie jetzt finden? Wohl kaum in Peru; vielleicht lag sein Ziel weit, weit über dem Weltmeer, drüben in fernen, fremden Landen. Er mußte Lydia noch einmal ungestört sprechen, er mußte mit sich, mit ihr im klaren sein, ehe sie Peru verlassen durfte – er war das sich, er war das ihr schuldig. Erst mit diesem Entschluß wurde er ruhig und schlief endlich ein. Es war spät, als er am nächsten Morgen erwachte, und der Kopf war ihm noch so wüst wie nach einer durchschwärmten Nacht. Als er aber ein Bad und dann sein Frühstück genommen hatte, fühlte er sich besser, freier, und beschloß, jetzt auch nicht länger zu säumen und Lydia aufzusuchen. Er wußte ja, daß er sie um zehn Uhr schon sprechen konnte, und zu so früher Zeit brauchte er dann auch nicht zu fürchten, daß er durch anderen Besuch gestört würde. Und doch betrat er mit Herzklopfen den Raum, denn es war ihm fast zumute, als ob er Abschied von dem Wesen nehmen sollte, das schon zuviel Gewalt über ihn gewonnen hatte, um sie jetzt wieder leicht und ungestraft aus seinem Herzen reißen zu können. Aber er fühlte auch, daß ein entscheidender Schritt geschehen mußte, und mit diesem Bewußtsein zog er die Klingel. Die Mulattin, die gerade drüben mit Reinmachen fertig geworden und eben im Begriff war, in den anderen Flügel hinüberzugehen, öffnete die Tür und erkannte kaum den jungen Mann, als sie auch freundlich sagte: »Gehen Sie nur hinein, Señor, die Señorita wird sich freuen, Sie zu sehen, denn sie hat schon Ärger genug heute morgen gehabt.« »Ärger – heute morgen? Und durch wen?« »Ja, ich weiß seinen Namen nicht; ein kleiner, dicker, lebendiger Herr, der immer so mit den Armen ficht und im Zimmer umherspringt, als ob ihn eine Wespe gestochen hätte. Was sie zusammen sprachen, konnte ich freilich nicht verstehen; es war ein schreckliches Kauderwelsch und kam mir genau so vor, als ob sie sich immer dabei auf die Zunge bissen.« »Monsieur Monfort?« lächelte Rafael. »Ja, ich glaube, so heißt er; aber die Señorita wird es Ihnen schon erzählen, Sie haben ja immer ihre Partei genommen.« »Ist er noch drin?« »Eben ist er fort, vor kaum einer Viertelstunde, und hat im Gehen noch immer so lebhaft gesprochen, sich in einem fort dabei umgesehen, und anstatt sich auf der steilen Treppe mit den Händen anzuhalten, in der Luft herumgefochten, daß er glücklich hinunterfiel. Er hätte sich recht weh tun können.« Rafael klopfte an Lydias Tür. » Entra !« »Ich muß um Entschuldigung bitten, wenn ich Sie so früh störe, Señorita ...« »Oh, das ist nett von Ihnen, daß Sie kommen«, rief ihm Lydia entgegen und eilte, die Hand nach ihm ausstreckend, auf ihn zu; »ich habe mich danach gesehnt, Sie heute morgen zu sprechen!« »Wie glücklich würde es mich machen«, sagte Rafael, »wenn ich die Worte so deuten dürfte, wie sie lauten, aber ...« »Aber?« »Sie sprechen immer in Bildern, Lydia«, seufzte der junge Mann, »und will ich das halten, was mir scheinbar geboten wird, so – erfahre ich dann immer hinterher, daß es eben nur bildlich verstanden war.« »Sie sind verwöhnt«, lächelte das junge Mädchen, indem sie ihn zu einem Lehnstuhl zog und dann ihm gegenüber Platz nahm; »alles, was Sie angreifen, glückt Ihnen, und da ...« »Wollen Sie mir auch einmal beweisen, daß es Sachen gibt, die mir nicht glücken?« »Ich verstehe Sie nicht. Ich glaube, Sie sprechen jetzt in Bildern. Aber kommen Sie – ärgern Sie mich nicht etwa auch ...« »Wie Monsieur Monfort?« »Sie wissen schon?« »Ihre Mulattin gab mir draußen eine Andeutung, und ich vermutete danach, daß es Ihr kleiner Landsmann war. Aber was wollte er von Ihnen, daß er Sie ärgern konnte?« »Was ein Theaterdirektor von einer Primadonna will«, lächelte Lydia; »neues Auftreten, bis man das Publikum so mürbe gemacht hat, daß es ausbleibt – dann kann man auch gehen.« »Hatten Sie denn festen Kontrakt mit ihm für eine längere Zeit gemacht?« »Gott bewahre, ich binde mich nie lange, immer nur von drei zu drei Rollen; aber er behauptet jetzt, ich habe ihm den ganzen Winter zugesagt, und er hätte seine Einrichtung danach getroffen.« »Und da wurde er heftig?« »Heftig allerdings, und zwar so, daß ich ihm zuletzt sogar meine letzte Gastrolle kündigte und nun abreisen werde, ohne noch einmal aufzutreten.« »Ist das wirklich so fest beschlossen, Lydia? Wollen Sie wirklich alle Ihre Freunde in Peru so rasch und plötzlich verlassen?« »Meine Freunde?« wiederholte Lydia bitter. »Glauben Sie wirklich, daß ich viele Freunde hier in Peru zurücklassen werde, Don Rafael, und daß sich zum Beispiel die Herren Benares, Desterres, und wie sie alle heißen, auch nur eine Viertelstunde unglücklich über meinen Verlust fühlen würden?« »Haben Sie diese Herren je zu Ihren Freunden gerechnet, Lydia?« Das junge Mädchen sah ihn lange ernst an; endlich zuckte ein leichtes Lächeln über ihre Züge und sie sagte: »Nein, Don Rafael; ich bin auch vielleicht ungerecht gewesen. Ich lasse doch einige wahre Freunde hier zurück. Die lieben Deringcourts zum Beispiel, die mich wirklich wie ein Kind vom Hause behandelt haben; Sie, der Sie immer so freundlich gegen mich waren ...« »Tausend Dank, Lydia, daß Sie mich zu Ihren Freunden zählen«, sagte Rafael, »und ich hoffe zu Gott, daß Sie jetzt meinen, was Sie sagen; das Bewußtsein des Gegenteils würde mich unglücklich machen!« »Auch Bertrands habe ich liebgewonnen«, fuhr Lydia, die Antwort umgehend, fort. »Sie wissen wohl noch gar nicht, daß ich vor einigen Tagen wieder zum Besuch draußen war? Juanita ist ein liebes Kind, eine Blume, die da draußen im stillen keimt und nur unter ihren schattigen Blättern versteckt blüht und duftet. Wie ärmlich, wie kalt und verloren kommt mir dagegen mein Leben vor!« »Müssen Sie es denn so weiter führen?« sagte Rafael weich. »Kann denn nicht auch Ihrer eine solche Heimat warten und Ihnen Ruhe, Glück und Frieden bringen?« Das junge Mädchen schüttelte den Kopf und sagte leise: »Unruhiges Blut! Wem das einmal in den Adern rollt, der ist verloren und ihm verfallen für immerdar. Es läßt ihn nicht ruhen noch rasten.« »Und wenn sich Ihnen nun eine Hand entgegenstreckte, die Sie einer solchen bescheidenen Heimat zuführen wollte, würden Sie da nicht dem unruhigen, unsteten Leben entsagen, würden Sie nicht endlich selber Freude finden an einer stillen Häuslichkeit?« Lydia hatte den Kopf in die Hand gestützt und mit dieser ihr Antlitz verdeckt, und Rafael fuhr, wärmer werdend, fort: »Glauben Sie mir, Lydia, der Jubel der Menge, der Glanz, der Sie umgibt, der rauschende Beifall, der Ihnen zujauchzt, es sind nur flüchtige, ärmliche Genüsse gegen das eine Gefühl, ein Herz zu haben, das mit dem unseren schlägt. Denken Sie einmal nach, ob es nicht der Mühe wert wäre, dem Phantom zu entsagen, dem Sie jetzt nachjagen, und sich ein solches Glück, einen solchen Himmel auf Erden zu schaffen!« Lydia schien in heftiger Aufregung zu sein; ihre ganze Gestalt zitterte, Nacken und Stirn färbten sich mit einem höheren Rot. Aber sie blieb noch regungslos in ihrer Stellung, und Rafael, seine Hand auf ihren Arm legend, sagte herzlich: »Sie klagen, daß Sie keine Freunde haben, und doch werden Sie von Tausenden umschwärmt; aber lohnen diese der Mühe, ihnen auch nur einen Gedanken zu gönnen? Glauben Sie mir, Lydia, wenn wir uns ein Herz gewinnen auf dieser Welt, aber das eine voll und wahr und allein, das wiegt dann hundertfach all die Tausende auf und lohnt uns reich, überreich für alles, was wir scheinbar von uns werfen! Aber Sie antworten mir nicht, Lydia! Sehen Sie mich an, lassen Sie mich nur einen Blick ...« Das junge Mädchen hob den Kopf zu ihm auf, aber mit einem so schelmischen, kaum zurückgehaltenen Lachen, daß sie Rafael erstaunt, fast verletzt anstarrte. »Lydia!« rief er unwillkürlich aus. »Aber, Don Rafael«, lachte die junge Französin jetzt geradeheraus, »wenn Sie nur wüßten, wie gut Ihnen die Moral steht! Wahrhaftig, wenn Sie ein anderer jetzt gehört hätte, er müßte geglaubt haben, daß Sie drauf und dran gewesen wären, mir eine Liebeserklärung zu machen. Wo, um Gottes willen, sollte ich denn ein solches Herz herbekommen, wie Sie eben mit so brennenden Farben schilderten? Hahahaha, wenn jetzt Juanita hier versteckt gewesen wäre!« »Juanita?« sagte Rafael erstaunt. »Ja, Juanita«, sagte Lydia. »Aber«, fuhr sie fast erschrocken empor, »Sie wollten doch nicht im Ernst Ihren Spott mit mir treiben, während Ihr eigenes Herz – nein, nein«, brach sie, sich selbst beruhigend, ab, »zürnen Sie mir nicht, daß mir auch nur ein solcher Verdacht den Sinn kreuzen konnte! Sie meinten es wirklich ehrlich, und ich unbändiges, unartiges Kind, das ich bin, anstatt Ihnen dankbar zu sein, lache nur und treibe Possen.« »Aber, Lydia, ich begreife Sie nicht!« »Ach, bester Freund«, sagte das junge Mädchen mit komischem Ernst, »das geht mir oft selber so, ich begreife mich selber nicht und tröste mich dann nur mit dem einen Gedanken, daß ich eben nicht Lydia Valière wäre, wenn ich anders sein könnte. Danken Sie Ihrem Gott, daß Sie Ihr Geschick nicht an einen so wilden, bahnlosen Charakter gefesselt hat, wie ich bin – an Juanitas Seite werden Sie den Himmel auf Erden, mit einem Wort, Sie werden alles das in ihrer treuen Seele finden, was mir fehlt.« »Aber wie kommen Sie auf Juanita?« fragte Rafael, der noch immer nicht dem Gedankengang des Mädchens folgen konnte. »Welche Vermutungen sprechen Sie da aus?« »Vermutungen?« sagte Lydia, jetzt wirklich erstaunt. »Lieben Sie denn nicht Juanita?« »Von Herzen, wie eine Schwester«, sagte Rafael; »aber in einem anderen Sinn denkt Juanita auch nicht an mich.« »Nicht an Sie?« rief die junge Französin, erregt von ihrem Stuhl emporspringend. »Sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, daß Sie jenes Engelskind mit aller Leidenschaft ihrer reinen und unschuldsvollen Seele liebt? Sie wissen nicht, daß sie nur den einen, den einzigen Gedanken hat: Sie, daß Sie nur den einen Wunsch in ihrem Herzen, das eine Gebet auf ihren Lippen trägt: Sie glücklich zu sehen?« »Aber wie wäre das möglich?« »Wo haben Sie denn Ihre Blicke gehabt, Sie überkluger, weitsichtiger Freund? Wie ich am ersten Tag draußen bei Bertrands, wie ich kaum eine Viertelstunde in seinem Hause war, lag des Mädchens Herz wie ein offenes Buch vor meinen Augen. Keinen Blick verwandte sie von Ihnen, wo sie sich unbemerkt glaubte, kein Wort, das Sie sprachen, entging ihrem Ohr, und wenn Sie sich plötzlich zu ihr wandten, stieg ihr das verräterische Blut in Stirn und Schläfe. Dort liegt Ihr Glück, Don Rafael, dort blüht Ihnen ein Himmel auf Erden, und«, setzte sie weicher hinzu, »wenn ich selber wieder daheim in meinem Vaterland bin, will ich mir Ihren stillen Frieden ausmalen und denken, daß ich auch einen kleinen Teil daran habe, weil ich Ihnen eben den Weg zum Paradiese zeigte.« »Und Sie, Lydia?« sagte Rafael herzlich. »Ich?« rief das junge Mädchen, seinem Blick rasch und lachend begegnend, »ei, ich sammle Lorbeeren, wohin ich den Fuß setze, und baue mir davon Lauben, darin zu wohnen. Denken Sie sich, Señor Aguila, wenn Sie das Unglück hätten, eine so unstete Frau mit einer ungemessenen Zahl stets wechselnder, aber stets gleich hartnäckiger Anbeter zu haben, was würden Sie tun? Sie kämen aus den Duellen und der Verzweiflung gar nicht mehr heraus.« »Machen Sie sich nicht schlimmer als Sie sind, Lydia«, sagte Rafael freundlich; »Sie würden sich ändern.« »Ich? – Nie!« rief das junge Mädchen entschieden; »denn wenn mein Stern einmal am Himmel sinkt, dann – hab' ich auch zu leben aufgehört! Aber nun fort, Señor, fort nach Ihrer Hacienda hinaus! Der Präsident hat mir schon gestern im Vertrauen gesagt, daß der rechtmäßige Besitzer seinen Platz in den nächsten Tagen wieder beziehen würde. Fort zu Ihrer Braut! Lassen Sie die Arme nicht länger warten; es war grausam genug von Ihnen, sich so lange fern von ihr zu halten, und noch dazu um meinetwillen. Ich verlasse indessen Peru mit dem nächsten Dampfer, denn mich treibt dieselbe Sehnsucht, die Sie jetzt treiben sollte, in die Arme meines Bräutigams zurückzukehren.« »Ihres Bräutigams?« rief Rafael überrascht. »Mein Herr«, sagte Lydia, sich emporrichtend, »ich ersuche Sie, die Gesetze der Höflichkeit einzuhalten! Sie wollen mir doch wahrhaftig nicht absprechen, daß ich auch einen Bräutigam haben kann?« »Lydia, Sie machen mich noch verrückt!« »Nur keine Angst, Señor, Juanita wird Ihnen den Kopf schon wieder zurechtsetzen.« »Und in Frankreich sind Sie verlobt, während ...« »Ich mir hier in Peru von aller Welt den Hof machen lasse – das wollten Sie doch sagen, nicht wahr? Nur keine Unwahrheit! Aber die Sache ist nicht so gefährlich«, setzte sie lachend hinzu, »und Sie werden mir zugeben, daß die Wahl meiner Anbeter hier auch einem besorgten Bräutigam keine Furcht einflößen könnte. Weder Benares noch Desterres sind Leute, auf die er eifersüchtig zu sein brauchte.« »Und davon haben Sie mir noch kein Wort gesagt?« »Weil ich hier mehr zu tun hatte«, lachte Lydia, »als an einen Bräutigam zu denken, der einige tausend Meilen entfernt ist. – Aber wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt! Eben sprechen wir von Benares, und da steigt er schon mit zwei Schritten über die ganze Straße herüber. – Halt, hier nicht, da hinaus, gehen Sie dort durch den Garten; der Herr braucht nicht zu wissen, daß ich schon so früh Besuch angenommen habe. Er bringt mir wieder einen wundervollen Blumenstrauß.« »Durch die Hintertür soll ich?« »Sie kennen ja den Weg«, lachte Lydia, setzte ihm den Hut auf und schob ihn durch die Tür, die sie hinter ihm wieder verschloß. Dann drehte sie sich um, tat ein paar Schritte gegen ihren Stuhl und barg mit einem schweren Seufzer ihr Antlitz in beide Hände. So stand sie lange; draußen klingelte es – sie achtete es nicht – es klingelte wieder. Endlich kam die Mulattin von Deringcourts herüber, um dem Besuch zu öffnen. »Ist das Fräulein zu Hause?« fragte draußen Benares' Stimme. »Jawohl, Señor.« »Ist sie allein?« »Ich weiß es nicht – doch wahrscheinlich.« Er klopfte an ihre Tür. Lydia hob ihr Haupt und warf die Locken aus der Stirn. – Es klopfte noch einmal. –»Herein!« »Darf ich, Señorita?« fragte die dünne Stimme des langen Peruaners. »Oh, mein liebenswürdiger Hofgärtner!« rief die junge Französin, ihm entgegengehend und ihm die Hand reichend, die er zärtlich an seine Lippen zog, »was für einen herrlichen Strauß Sie mir da wieder gebracht haben; Sie allein versorgen mich doch mit den süßen Kindern des Frühlings in diesem öden, trockenen Lima, und wie dankbar bin ich Ihnen dafür!« »Sie machen mich ganz glücklich, Señorita.« »So, und nun setzen Sie sich hierher zu mir und erzählen Sie mir viel, recht viel von gestern, und besonders, wie die Damen über mich geschimpft haben, weil ich so entsetzlich viel lachte.« Und nun lachte sie wieder, plauderte und erzählte selber, und war ganz wie ein fröhliches Kind, dem man eben ein buntes Spielzeug geschenkt hat, so daß Señor Benares, als er sie verließ, in einem wahren Taumel von Entzücken gleich wieder zum Juwelier ging, um der bezaubernden Sirene wenigstens noch ein kostbares Andenken mit in ihre Heimat zu geben. Unter Palmen Rafael verließ das junge Mädchen wie in einem Traum. Lydia Braut – in Frankreich verlobt, und hier – Juanita – war es denn möglich, daß ihn Juanita wirklich liebte? Wo hatte er dann seine Augen, seine Gedanken gehabt? – Ja, er hätte sich wohl eine Antwort darauf geben können, aber er wagte es nicht; wieder und wieder schmolzen zwei Bilder vor seiner Seele zusammen: Lydia, wie sie daheim dem erwählten Geliebten in die Arme fliegt, und dann die stille, freundliche Heimat dort draußen unter den Bananen, in Bertrands traulichem Hause, an Juanitas Seite. Er schritt durch die französische Konditorei, dicht an einem Tisch vorbei, an dem zwei Männer saßen, deren Gespräch stockte, als er vorüberkam, und deren Blicke in tödlichem Haß auf ihm hafteten – es waren Desterres und Perteña. Aber er sah sie gar nicht, und nur mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, trat er hinaus ins Freie und ging langsam die Straße hinab, seiner eigenen Wohnung zu. Hier sattelte er sein Pferd, aber auch nur mechanisch, keinem klaren Bewußtsein folgend, stieg auf und ritt den Weg hinaus, der nach den Hacienden führte. »Das ist der Schurke«, flüsterte Desterres, als er an ihnen vorüber war, seinem Gefährten zu. »Wo er nur so plötzlich herkommt – ich habe ihn doch vorher gar nicht gesehen! Am Ende hat er uns behorcht!« »Hab' keine Furcht«, erwiderte Perteña, indem er dem Davonschreitenden mit nicht freundlicheren Blicken nachsah. »Ich weiß recht gut, woher er auf diesem Weg kommt, und es kitzelt mich ordentlich im Arm, ihm den Gang zu verleiden!« »Wo der Schuft nur den Brief aufgetrieben hat?« sagte Desterres. »In den Papieren, die er in Callao ausgeliefert bekommen hat, war er nicht, dessen bin ich sicher.« »Ich gebe dir mein Wort, daß er ihn bei der Kanaille, bei dem Scipio gefunden hat!« zischte Perteña. »Haben sie doch bei dem eine ganze Sammlung von Brieftaschen aufgetrieben! Scipio aber war an dem nämlichen Morgen im Hause draußen, als der Alte starb, und hat sie gestohlen und aufgehoben, ohne je auch nur einen Real Nutzen davon zu ziehen oder zu erwarten!« »Gebe Gott, daß sie ihn hängen!« sagte Desterres mit einem unterdrückten Fluch. »Hat die Bestie nicht auch alles ausgesagt, was sie von der alten Pascua und ihrem Gift wußte!« »Teufel!« rief Pertena erbleichend, »dann wird's Zeit, daß wir uns aus dem Staube machen; denn wenn ...« »Ängstige dich nicht«, lachte Desterres finster vor sich hin, »die Sache ist nicht so gefährlich. Ich bekam heute morgen schon Nachricht von der Polizei, und das war die Ursache, weshalb ich dir schrieb, hier mit mir zusammenzutreffen. Du mußt aber gleich nach der Hacienda hinaus und die alte Pascua warnen, daß sie nichts aussagt und alles leugnet – es soll ihr Schaden nicht sein. Ich kann im Augenblick nicht fort von hier, übrigens«, setzte er zögernd hinzu, »wäre es am Ende auch besser, du hieltest dich für kurze Zeit ein wenig aus dem Gesichtskreis der Polizei.« »Und wenn sie dich abfassen?« Desterres schüttelte verächtlich lächelnd den Kopf. »Die nicht«, sagte er, »denn ich weiß zuviel von ihnen, und wenn sie mich bei dieser Sache in der Patsche sitzen lassen, könnte es mir vielleicht einfallen, auch andere Dinge zur Sprache zu bringen ...« »Und dürften sie mich, der nur als Zeuge unter dem Kaufbrief steht, dann verantwortlich machen?« murrte Perteña. »Bah«, sagte Desterres, »wenn sie mich ungeschoren lassen, können sie sich nicht an die Zeugen halten! Aber nach verschiedenem, was ich gehört habe, fürchte ich fast, daß du noch andere Dinge auf der Kreide hast, und in dem Fall ...« – Er sah ihn dabei mit einem lauernden Blick an, und Perteña flüsterte nach kurzem Sinnen: »Ich glaube selber, es ist besser, ich besuche einige alte Freunde in den Cordilleren; die Luft fängt an, mir hier nicht mehr so recht zu behagen.« »Apropos«, sagte Desterres leise, »weißt du auch schon, daß der neulich an der Straße ermordet Gefundene ein Verwandter des Polizeidirektors war, und daß man unter den bei Scipio gefundenen Sachen ein Messer entdeckt haben will, das – ihm gehört haben soll!« »Was kümmert das mich?« gab Perteña zurück – aber er war leichenblaß geworden, und das Glas, das er eben zum Munde führen wollte, zitterte so in seiner Hand, daß er einen Teil seines Inhalts auf den Tisch goß. Desterres sagte kein Wort und tat, als beachte er die Bewegung seines Gefährten gar nicht. Endlich fuhr er leise fort: »Hast du dein Pferd in der Stadt stehen, Perteña?« »Ja, das heißt draußen im letzten Garten bei dem Italiener, unmittelbar am Tor.« »Gut, es ist bald Mittagszeit, und die Straßen sind jetzt menschenleer. Ich begleite dich noch ein paar Schritte bis zu meinem Hause und möchte dir dort auch ein paar Briefe ins Innere mitgeben, wenn du wirklich Luftveränderung vorziehen solltest ...« »Gehen wir«, sagte Perteña. Er war still und nachdenklich geworden, und nur der Blick flog rasch und scheu über die Anwesenden, ob er kein bekanntes Gesicht darunter entdecke. Aber es waren nur Fremde, und die beiden Männer schritten gleich darauf, ohne weiter ein Wort mitsammen zu wechseln, die stille, vollkommen schattenlose Straße hinab. Es war in der heißesten Tageszeit, als Rafael heute nach den Hacienden hinausritt, und die Sonne brannte versengend auf den zu Staub zertrockneten Boden nieder, aber der junge Mann fühlte es gar nicht. Langsam ließ er sein Tier sich die Bahn zwischen den großen, runden Kieseln suchen, die den ersten Teil des breiten Weges füllten, ließ es austraben, als er diese Strecke hinter sich hatte, und war schon lange wieder an der Seitenstraße vorbei, die in das Negerdorf hinüberführte, als er vor sich eine Menge von Menschen auf dem Weg erblickte und nun fast unwillkürlich sein Tier zügelte. Aufsehend, erkannte er auch, daß er dicht vor der letzten, ziemlich verrufenen Posada war, und wenn er hier allein einer Bande betrunkener Neger in die Hände fiel und erkannt wurde, so durfte er sich auch auf einen Angriff gefaßt machen. Während er aber schon mit der rechten Hand nach der Pistole griff, erkannte er auch, daß er hier nichts zu fürchten hatte, denn zwischen den auf der Straße versammelten Menschen bemerkte er Polizei- und Frauenkleider, und seinem Pferd wieder die Sporen gebend, war er bald dicht neben der Gruppe. »Hallo, Señor«, rief ihn einer der Polizeileute an, der ihn erkannt hatte, denn er war mit dabei gewesen, als sie die Haussuchung im Negerdorf hielten, »heben hier gerade wieder ein Nest aus, das ebensolche Eier zu haben scheint, wie das da drüben! Hübsche Gesellschaft, so viel muß wahr sein, in der Nachbarschaft herum!« »Blut, Blut!« hörte er da eine hohle, krächzende Stimme rufen, »rotes, warmes Herzblut, und mehr davon – immer mehr! Ich habe es steigen sehen, steigen, höher und höher, und jetzt läuft's über die Schwelle und füllt den ganzen Raum!« Rafaels Blick flog über die Gestalt einer alten, halb wahnsinnigen Frau, die sich mit der Rechten das weiße, wirre Haar aus der Stirn strich, während sie mit der Linken stieren Blickes vor sich hindeutete, als ob sie das Blut, von dem sie sprach, in Wirklichkeit zu sich heraufquellen sähe. Aber eine andere Gruppe nahm seine Aufmerksamkeit rasch in Anspruch, denn dicht daneben, mit gebundenen Händen und auf einem Esel reitend, neben dem ein Polizeimann Wache hielt, saß die alte Pascua, ihre hagere Gestalt in einen zerrissenen Poncho geschlagen, die Haare wirr um den Kopf hängend, den Blick in tödlicher Feindschaft auf ihn selbst geheftet. »Pascua!« rief er fast unwillkürlich aus, »was hat das Weib verbrochen?« »Nur eine Kleinigkeit, Señor«, sagte der eine Polizeimann, »einem alten Herrn da draußen in den Hacienden mit Hilfe ihres Sohnes eine kleine Dosis Gift beigebracht, daß er darüber ins Gras beißen mußte!« »Meinem Onkel?« rief Rafael erschüttert aus. »War das Ihr Herr Onkel? Sieh mal ein Mensch an, wie sich das manchmal so komisch in der Welt macht!« »Und wo ist der Sohn, der Pedro?« »Ah, Sie kennen den Strick auch? Ja, er muß Wind gekriegt haben und war heute morgen ausgeflogen. Aber wir haben ein paar von uns zurückgelassen, und ich denke, er wird doch noch einmal zum alten Nest zurückkommen – es ist das so Menschennatur – nachher haben sie ihn fest! Santa Maria , ist das hier draußen eine Bande und haben die Blut vergossen!« »Blut, Blut!« stöhnte die Alte wieder, die das Wort aufgefangen hatte, »immer noch nicht genug, immer noch mehr!« »Krächze, du alte Krähe!« fuhr sie der Polizeimann an, »hinein mit dir, was brauchst du hier herumzuheulen! Wenn wir fort sind, hast du Zeit genug und Platz dazu im Hause! – Und eilt euch ein bißchen da drüben, daß wir hier wegkommen! Caracho, die Sonne brennt hier, daß sie einem das Hirn versengt!« Die alte Pascua sagte kein Wort; regungslos saß sie auf ihrem Tier, aber ihr Blick schien sich in Haß und Ingrimm in den jungen Mann hineinzubohren, denn sie ahnte, daß sie nur seiner Rückkehr ihr jetziges Schicksal verdanke. Rafael wurde es zuletzt unheimlich vor dem Blick der Giftmischerin, und sein Tier zur Seite lenkend, ließ er es wieder austraben, den Hacienden zu. Schon konnte er von weitem die Gebüsche der Gärten und die niedrigen Bäume erkennen. Jetzt hatte er Pascuas Hütte erreicht, und noch einmal griff er seinem Tier in den Zügel. Wie verödet und einsam lag das kleine Haus; die Tür stand offen, und im Innern konnte er sehen, wie alles umhergeworfen lag und stand. Vor ihm auf der Straße ging ein Mann. Die beiden großen Hunde spielten um ihn her. Es war Bertrand; er hatte die Hufschläge des Pferdes gehört und war stehengeblieben. Rafael hielt in wenigen Sekunden an seiner Seite und sprang aus dem Sattel. »Sieh, sieh«, sagte der alle Bertrand, indem er Rafael die Hand reichte, die dieser herzlich schüttelte, »läßt du dich auch einmal wieder zwischen den Hacienden blicken? Ich glaubte schon, du hättest jetzt so viel in der Stadt zu tun, daß du an uns hier nicht mehr denken könntest. Aber wie ist es dir gegangen? Du siehst wohl aus!« »Gut – und hier? Juanita ist doch wohl?« »Juanita?« sagte der alte Mann und sah, während er neben ihm in der Straße hinschritt, rasch nach seinem Begleiter hinüber; aber gleich wieder vor sich hinnickend, entgegnete er: »Gewiß, Gott sei Dank, denn ich möchte nicht, daß dem Mädel 'was fehlte! Aber, apropos, Rafael, wie steht es mit unseren Insulanern? Sind sie fort?« »Noch nicht; aber die Fregatte liegt segelfertig.« »Nun«, sagte Bertrand, »das ist doch wenigstens eine gute Nachricht, daß die armen Teufel wieder nach Hause kommen. Du hättest nur sehen sollen, wie glücklich die hier draußen waren, als wir sie da drüben abholten. Den Lumpen, den Aufseher, hat das Gift aber fast erstickt.« »Oh, ich habe Ihnen noch manche andere gute Nachricht zu erzählen!« rief Rafael, und Bertrand sah ihn wieder rasch und fast wie mißtrauisch an. »Hat deine Sängerin ihren Schmuck wiederbekommen?« »Zum Teil«, sagte Rafael; »aber in der Diebeshöhle, in der wir Nachsuchung hielten, fand ich ein anderes, wichtiges Dokument, eine Brieftasche meines ermordeten Onkels, und jetzt ziehe ich wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen wieder als Besitzer auf meine Hacienda ein.« »Alle Wetter!« rief Bertrand wirklich überrascht aus, »das wäre ein schnelles Gerichtsverfahren für Peru – und in Wirklichkeit für irgendeinen anderen Teil der Welt ebenfalls! hast du mit Castilla gesprochen?« »Allerdings, und ihm die Papiere vorgelegt.« »Dann muß der Schuft, der Desterres, ins Zuchthaus.« jubelte Bertrand, in die Hände schlagend, »und der liebe Gott hat endlich mit der Kanaille ein Einsehen gehabt! Aber alle Wetter«, brach er plötzlich ab, »damit steht auch am Ende schon das in Verbindung, was da drüben vor sich geht?« »Dort drüben?« »Auf deinem alten Platz. Dort werden seit heute morgen – es muß noch finster gewesen sein, wie sie anfingen – eine Anzahl von Maultieren mit Möbeln und allem möglichen Hausgerät bepackt. Das brauchst du dann auch nicht zu leiden.« »Er wird doch nur fortnehmen«, lächelte Rafael, »was er selber hierher gebracht hat, denn das Alte kann überdies den Transport kaum mehr wert gewesen sein. Lassen sie ihn um Gottes willen gewähren, wenn wir ihn nur los werden und Haus und Grundstück überliefert bekommen!« »Nein«, meinte Bertrand, »auf die Finger werd' ich ihnen trotzdem sehen, denn Desterres kommt keinesfalls selber heraus, schon aus Furcht, uns hier zu begegnen, oder noch wahrscheinlicher haben sie ihn jetzt auch bereits eingesteckt. Aber sein Aufseher würde, wenn er freie Hand behielte, natürlich alles aufpacken, was niet- und nagellos ist, und auf den wollen wir doch ein wenig aufpassen – der machte sonst nur, was ihm behagte.« »Aber wie kann ich? Noch hab' ich kein Recht, den Platz zu betreten.« »Mein lieber Rafael«, sagte der alte Franzose. »Du hast dich nun so lange in der Welt umhergetrieben und bist doch noch so grün. Wer sich sein Recht nimmt, hat es, und glaubst du, wenn ich dem Lumpen, dem Aufseher da drüben, auf den Leib rücke, der wagte noch um eine Vollmacht oder etwas dergleichen zu fragen? Denkt gar nicht daran! Die Schufte haben alle ein böses Gewissen, und nur dem, der sich vor ihnen bückt, treten sie auf den Kopf. Aber komm herein, Rafael; unser Mittagessen ist freilich schon vorbei, aber ich denke, Juanita wird dir doch noch etwas herrichten können. Wo steckt denn nur das Mädel?« Juanita war oben in der Stube, in demselben Zimmer und an dem nämlichen Fenster, an dem damals Rafael gestanden hatte, als die Kugel aus Desterres' Garten an seinem Ohr vorbei in die Wand schlug. Sie hatte jetzt die beiden Männer schon von weitem kommen sehen und – wie wunderlich das doch war – erst sich so danach gesehnt, daß sie Rafael bald, recht bald besuchen möge, und nun, da er kam, da er da war, da zögerte sie, ihn zu begrüßen; da versagte der Fuß ihr fast den Dienst, ihm entgegenzueilen. Aber das dauerte nicht lange; rasch hatte sie sich wieder gesammelt, und ob sie auch vielleicht um einen Schatten bleicher aussah als gewöhnlich, sie ging ihm mit freundlichem Gesicht entgegen, ihn zu begrüßen. »Bekomme ich heute nicht einmal eine Hand, Juanita?« sagte Rafael herzlich. »Ich bin so lange nicht hier gewesen; aber glauben Sie mir, ich habe indessen kein ruhiges Leben geführt und Wirrsal und Aufregung genug gehabt.« »Hast du noch 'was zu essen, Schatz?« fragte ihr Vater. »Rafael kommt sonst um sein Mittagessen!« »Ich brauche nichts; machen Sie nur ja nicht meinetwegen Umstände; es ist mir viel lieber, wenn Sie bei uns bleiben.« »Ich bin gleich wieder da!« rief das junge Mädchen und verschwand blitzschnell aus dem Zimmer. Aber sie versprach dabei auch nicht zuviel, denn bald kehrte sie zurück, und im Nebenzimmer wurde indes für Rafael schon der Tisch gedeckt. Die beiden Männer sprachen unter der Zeit noch über die Angelegenheit mit Desterres und erzählten dabei Juanita, welche neue und glückliche Wendung die Ansprüche des rechtmäßigen Besitzers genommen hätten. Inzwischen war das Essen angerichtet, und als Rafael hinübergerufen wurde, sagte Bertrand: »So, dann iß jetzt, mein Junge, und laß dir's schmecken; ich werde indessen einmal hinübergehen und ein Wort mit dem Verwalter reden. Bis du fertig bist, bring' ich dir Bericht.« »Sie machen sich unnütze Mühe.« »Aber ich habe meinen Spaß dran – kann ich den gelben Schuft doch ohnehin nicht leiden!« Und ohne weiter eine Einwendung zu beachten, pfiff er seinen Hunden und verließ den Platz. Rafael war mit Juanita allein. Das junge Mädchen nahm ihm gegenüber Platz, um bei der Hand zu sein, wenn etwas fehlen sollte. Rafael aß, aber er wußte wahrlich nicht, was; er trank den Wein, den ihm Juanita einschenkte, und fast kein Wort wurde zwischen den beiden in der ganzen Zeit gewechselt. Oft aber, wenn Rafael sein Auge zu dem jungen Mädchen aufschlug, fand er, wie ihr Blick scheu den seinen mied und höheres Rot dann ihre Wangen färbte. Endlich schob er seinen Teller zurück und stand auf; er konnte diesen Zustand nicht länger ertragen. »Wollen Sie nicht erst Ihren Kaffee trinken, Don Rafael?« »Unten im Garten, Juanita, in Ihrer Laube«, sagte der junge Mann rasch – »der Vater muß doch auch gleich zurückkommen! Wir wollen ihn unten erwarten.« Juanita stand auf und verließ das Zimmer, und Rafael ging indessen mit schnellen Schritten in dem Raum auf und ab. Hundertmal hatte die Frage auf seinen Lippen geschwebt: Juanita, hat das fremde Mädchen recht? Bist du mir wirklich von Herzen gut? – Und ebenso oft hatte er sie zurückgedrängt, weil ihm der Mut fehlte, sie auszusprechen. Er war ihr nicht gleichgültig – jetzt, aufmerksam darauf gemacht, hatte er es selber in ihren Augen gelesen. Der kleine Cholo kam herein und meldete, daß der Kaffee unten in der Laube angerichtet sei. Dort wartete auch Juanita auf ihren Gast, und als Rafael zu ihr hinunterstieg, war es ihm fast wie eine Beruhigung, als er das fröhliche Bellen der Hunde draußen hörte und gleich darauf Bertrand wieder in den Garten trat. »Das ist recht«, rief er aus, »daß Ihr euch hier heruntergemacht habt, und eine Tasse Kaffee trink' ich ebenfalls noch mit, Juanita – die Pfeife schmeckt besser dabei!« »Haben Sie drüben etwas ausgerichtet?« »Na, ich denke«, lachte der Franzose vergnügt, »schon als er mich mit den Hunden kommen sah, wurde der gelbe Schuft von Aufseher ordentlich grün im Gesicht, und richtig hatten sie schon ein paar Sachen von der alten Einrichtung herunter in den Hof geschleppt. Verdammt schnell mußten sie die aber wieder hinaufschaffen, und ich habe dem Burschen jetzt erklärt, daß ich ihn für jedes Stück verantwortlich machen würde, was später fehlen sollte, und daß er außerdem nur noch bis morgen mittag Zeit habe, um auszuräumen und fortzuschicken, wie ebenfalls sich selber aus dem Weg zu bringen! Wen ich morgen mittag noch von dem fremden Gesindel im Hofe träfe, den hetze ich mit den Hunden hinaus!« »Sie sind zu weit gegangen.« »Ja, eigentlich hast du recht«, sagte der Alte. »Ich hätte ihm nur bis heute abend Frist geben sollen; jetzt ist's aber einmal geschehen, und er mag nun so lange bleiben. Morgen abend aber, wenn meine Leute den Platz erst ordentlich gesäubert haben, ziehen wir hinüber.« »Wollen Sie wieder unser Nachbar werden?« fragte Juanita leise und versuchte dabei zu lächeln, aber ein eigener Schmerz zog ihr das Herz zusammen. »Ich denke, er hat Absichten«, meinte Bertrand, und sah den jungen Mann von der Seite an; wie er aber bemerkte, daß Rafael blutrot bei der Frage geworden war, fuhr er kopfschüttelnd fort: »Junge, Junge, mach' keine dummen Streiche! Tu keinen Schritt, der dich nachher gereuen könnte, wenn es zu spät ist! Überleg' dir wenigstens alles vorher genau, wenn auch nicht mit anderen Leuten, doch in deinem eigenen Herzen, und wenn du dort im klaren bist, nun, dann meinetwegen! Aber vollkommen im klaren mußt du erst mit dir selber sein.« »Und wenn ich's wäre?« sagte Rafael rasch, mit seinem Blick Juanita streifend und ihn dann voll auf Bertrand heftend. Juanita war so bleich geworden, wie sie vorher rot gewesen war, und nach der Kaffeekanne greifend, stand sie auf, aber Rafael hielt ihren Arm. Lydia hatte recht – die Bewegung, die in diesem Augenblick des Mädchens Herz erfüllte, war mehr als bloße Geschwisterliebe; der Augenblick war gekommen, in dem er reden mußte. »Bleiben Sie, Juanita, ich fühle, daß ich Ihnen ein Geständnis machen muß, und da ich weiß, wie lieb mich Vater Bertrand hat ...« »So laß nur wenigstens das Mädel los und sie erst ihren heißen Kaffee herbeiholen«, sagte Bertrand, der ein ganz anderes Geständnis erwartete und Juanitas Bewegung ebenso gut bemerkt hatte wie Rafael. »Aber Juanita muß es auch hören«, bat Rafael lächelnd. »Also ist alles richtig?« fragte der Alle trocken. »Nein«, sagte Rafael, wieder errötend, »noch nicht; aber ich hoffe, es soll nicht lange dauern.« »Nun, dann mach's kurz«, sagte Bertrand leise, denn Rafael hielt noch immer Juanitas Arm – »oder soll ich dir helfen?« »Können Sie raten?« lächelte Rafael. »So ziemlich«, meinte Bertrand, »und ich glaube, hier ist's kein Kunststück – du willst heiraten?« »Ja ...« »Die französische Sängerin?« »Nein.« »Nein?« sagte Bertrand wirklich erstaunt. »Bist du denn noch nicht mit ihr verlobt?« »Ich – mit ihr verlobt?« rief jetzt Rafael erstaunt, »wer sagt denn das?« »Die ganze Stadt.« »Dann weiß die ganze Stadt wahrscheinlich nicht, daß sie schon in Frankreich verlobt ist!« »Die Valière?« »Gewiß!« »Nun, wen dann? – Junge«, fuhr der Alte halb erschrocken von seinem Stuhl auf, »du hast dich doch um Gottes willen nicht wieder von dem alten Rivadia breitschlagen lassen? Die Candelaria paßt so wenig für dich wie ...« »Lydia Valière«, lächelte Rafael – »nicht wahr? Nein, ich glaube, ich habe eine bessere Wahl getroffen, wenn Sie mich nämlich hier draußen nicht allein als Nachbar, nein, auch als – Schwiegersohn haben wollen.« »Junge!« rief Bertrand, überrascht in seinen Stuhl zurückfallend. »Juanita«, bat Rafael, das erbleichende, zitternde Mädchen in seinen Arm fassend und haltend, »hast du mich wirklich lieb genug, mir dein ganzes künftiges Lebensglück anzuvertrauen? Glaubst du mir, wenn ich dir sage, daß ich mir ein neues Leben an deiner Seite zu schaffen hoffe und dich hegen und pflegen will, so lange mich Gott dir erhält?« Juanita legte ihren Kopf an seine Brust, während ein lange und mühsam zurückgehaltener Tränenstrom ihrem Herzen Luft machte. Aber es waren Tränen des innigsten Glückes, und Rafael küßte wieder und wieder das liebe Haupt, das vertrauend und glücklich an seiner Schulter lehnte. Ehe Bertrand sich so weit von seinem Erstaunen erholt hatte, um nur imstande zu sein, seinen Empfindungen Worte zu geben, störten die beiden großen Hunde die Szene. Schon seit einigen Minuten hatten sie dort in der Nachbarschaft umhergesucht und geknurrt; jetzt plötzlich fuhren sie mit wildem Geheul gerade in die Laube hinein und gegen die Hecke an und hätten um ein kleines den ganzen Kaffeetisch zu Boden geworfen. Bertrand suchte durch die Hecke zu erkennen, was ihre Aufmerksamkeit gerade jetzt erregt haben mochte, aber es war des dichten Laubes wegen nicht möglich. Jedenfalls hatten sie draußen irgendwen gespürt und heulten jetzt vor Wut, daß sie nicht hinauskonnten. Endlich stürmten sie zur Gattertür zurück und sprangen winselnd und noch immer wie rasend an dieser hinab. Des Cholos Rache Klappernde Hufschläge draußen störten die glücklichen Menschen, denn die Pferde hielten vor dem Tor, und die Hunde heulten und winselten ihnen entgegen. »Da kommt im Augenblick sehr ungelegener Besuch«, murmelte Bertrand vor sich hm, indem er mit Rafael und Juanita vor die Laube trat. »Das weiß der Henker, das ganze Jahr hindurch sucht uns hier niemand auf, und jetzt gerade ...« »Da sind sie!« jubelte eine Stimme draußen. »Lydia?« rief Rafael unwillkürlich aus. »Die Sängerin?« fragte Bertrand überrascht, denn er war noch nicht imstande gewesen, das Gefühl ganz abzuschütteln, daß Rafael diese gerade liebte oder daß ihr wenigstens der junge Peruaner nicht gleichgültig wäre. Die lebhafte Französin ließ ihm aber nicht lange Zeit zur Überlegung, denn während einer ihrer Begleiter schon aus dem Sattel gesprungen war und das Tor geöffnet hatte, sprengte sie, von Freund Deringcourt und Adele gefolgt, in den Hof herein und rief, ihnen ihr Tuch entgegenschwenkend, mit jubelnder Stimme aus: »Ich wollte die Erste sein, die euch ihren Glückwunsch brächte; ist es mir gelungen?« »Wer hätte ein größeres Recht dazu als Sie«, rief Rafael, indem er ihr seinen Arm entgegenstreckte, um ihr aus dem Sattel zu helfen. »Ist es wahr, alter Freund, was uns Mademoiselle Valière unterwegs schon erzählt hat?« rief auch Deringcourt Bertrand an, und ein Durcheinander entstand jetzt von Fragen und Glückwünschen, die Juanita nur noch mehr verwirrten. Endlich rief Lydia aus: »Und nun vor allen Dingen eine Erklärung, wie wir hier herauskommen. Hier, Señor Sarmiento, der Adjutant Seiner Exzellenz, der einen Auftrag für Don Rafael vom Präsidenten hat, kam zu uns, um sich zu erkundigen, wo der Herr, den er nicht zu Hause fand, wohl weilen möge. Mit einem geringen Ahnungsvermögen begabt, nannte ich ihm den Ort, und er war so liebenswürdig, Papa Deringcourt, Adele und mich um unsere Begleitung zu bitten, da er eben keine Trauerbotschaft bringt. Daß wir die Einladung mit Freuden annahmen, können Sie sich denken. Und nun, Señor, Ihre Botschaft, wenn ich bitten darf.« »Die ist kurz genug«, sagte der junge Mann, indem er einen Brief aus der Tasche zog. »Seine Exzellenz schicken Ihnen hier, Señor Aguila, mit bestem Gruß die Papiere, die Sie wieder in den Besitz Ihres Grundstückes setzen, und lassen Ihnen sagen, daß die Untersuchung über das Ganze eingeleitet wäre.« »Bravo!« rief Bertrand, »der alte wackere Castilla soll leben! Und wann kann Señor Aguila einziehen?« »Señor Desterres hat nur darum gebeten, die Sachen vorher fortschaffen zu lassen, die er selber auf die Hacienda gebracht hat. Alle Verbesserungen dagegen bleiben Ihnen, ohne daß Sie verpflichtet wären, das Geringste dafür zu vergüten.« »Nicht mehr als Recht«, rief Bertrand, »noch einmal bravo!« »Ich werde noch selber in die Stadt kommen«, sagte Aguila, »um Seiner Exzellenz meinen wärmsten Dank für seine Vermittlung zu bringen, wie ich Ihnen jetzt, verehrter Herr, für Ihre rasche Ausführung des Auftrages danke.« »Ich habe mir meine Belohnung gleich vorausgenommen«, sagte der junge Mann, »denn in der Begleitung zweier so liebenswürdiger junger Damen hier herauszureiten, werden Sie doch hoffentlich für keine Mühe halten!« Wie glücklich war das junge Volk jetzt, wie lachten und jubelten sie, und Bertrand ließ dazu herbeischaffen, was Küche und Keller vermochten, um die frohe Stunde auch würdig zu feiern. Und dabei wurde Lydia geneckt, sie solle ihren Bräutigam nennen, denn durch Juanita hatte es Adele erfahren, und sie ließen dem jungen Mädchen jetzt keine Ruhe. Lydia aber war fast ernst dabei geworden und weigerte sich standhaft, und nur zuletzt gab sie endlich dem Drängen so weit nach, zu versprechen, daß sie ihn Rafael nennen wolle, wenn er sie an Bord begleite; denn das mußte er ihr zusagen, daß er noch mit Deringcourt an Bord des Dampfers käme, um ihr Lebewohl zu sagen. »Es werden so viele langweilige Menschen dort sein«, rief sie, »und ich will wenigstens ein paar liebe, freundliche Gesichter um mich sehen, wenn ich von Peru scheide!« Es ging schon gegen Abend, als die kleine Gesellschaft sich wieder zum Heimritt rüstete, und es war eigentümlich, zu sehen, wie gute Freunde in der kurzen Zeit Lydia und Juanita geworden waren. Noch nie hatte sich aber die junge Künstlerin so herzlich, so ganz natürlich und warm gezeigt wie gerade heute, und als ob sich ein paar Schwestern trennten, so schieden sie endlich voneinander. Selbst dem alten Bertrand war das nicht entgangen, und als der kleine Trupp die Straße hinabsprengte und sie wieder zurück in den Garten gingen, sagte er: »Wie ganz anders meine kleine Landsmännin heute war als sonst! Ich habe ihr gar nicht so viel Gemüt zugetraut.« »Sie war gar so gut zu mir«, sagte Juanita, »es tut mir ordentlich weh, daß sie uns so bald schon wieder verläßt!« »Sie kehrt ja in ihre Heimat zurück«, sagte Rafael, »und der Gedanke daran hat sie auch wahrscheinlich heute so weich gestimmt. – Aber nun, mein lieber Bertrand«, wandte er sich an diesen, »müssen wir auch noch einen wichtigen Punkt bereden: wo schlafe ich diese Nacht? So gern ich sonst Ihr Gast war, jetzt, als Juanitas Verlobter, geht es nicht mehr, und ich denke, ich quartiere mich ohne weiteres drüben im alten Hause ein.« »Hm«, lachte Bertrand vor sich hin, »das hieße allerdings rasch Besitz ergreifen; aber ich weiß nicht, Junge – nun ja«, brach er kurz ab, »wir wollen einmal hinübergehen und zusehen, wie es dort ausschaut. Wenn du nun vielleicht nach Santos hinüberrittest; es sind kaum zehn Minuten Wegs? Dort fändest du gewiß Quartier.« »Wir wollen uns erst vor Dunkelwerden den Platz da drüben einmal betrachten«, rief Rafael, den es drängte, wieder von seiner alten Heimat Besitz zu ergreifen; »nachher können wir ja noch immer tun, was wir für das beste halten.« »Gut«, sagte Bertrand, sich kurz auf dem Absatz herumdrehend, dann komm aber auch gleich. Wir sind bald wieder da, Juanita.« Und Rafaels Arm ergreifend, schritt er mit ihm auf die Straße hinaus. Hier aber fuhr er fort: »Hör' einmal, mein Junge, in Juanitas Gegenwart wollte ich nichts davon erwähnen, denn sie hätte sich sonst zu Tode geängstigt, aber – ich denke, du suchst dir lieber ein anderes Quartier als das da drüben für die Nacht; so lange wenigstens der lumpige Cholo, der Aufseher, noch dort haust. Wir wissen noch immer nicht, wer damals den Schuß in unser Fenster gefeuert hat, und daß dich der Bursche haßt wie Gift, das kannst du dir denken.« »Aber, was will er tun?« lachte Rafael; »wenn ich dort im ersten Stock schlafe und mein Zimmer verriegele, so wäre der feige Bursche der Letzte, der einen Angriff wagte, noch dazu, da ich meine beiden Revolver bei mir habe. Überdies kenne ich auch mit ziemlicher Sicherheit den Herrn, der damals einen Angriff auf mein Leben machte, und der sitzt jetzt entweder sicher hinter Schloß und Riegel oder ist auf der Flucht, um seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen. Selbst Pascuas würdigen Sprößling haben sie von hier verjagt oder vielleicht schon eingefangen. Nein, lassen Sie uns nur erst einmal das Quartier ansehen und fürchten Sie um Gottes willen keine Gefahr für mich.« Bertrand war nur halb überzeugt, denn er hatte zu lange in Peru gelebt, um nicht zu wissen, zu welchen Mitteln derlei Gesindel oft seine Zuflucht nahm, nur um Rache für eine erlittene Mißhandlung oder Beleidigung zu üben; aber er wußte auch, daß sie im ganzen feig waren und ganz besonders die Feuerwaffen fürchteten. Dazu kam noch, daß er wirklich kein anderes passendes Quartier in der Nachbarschaft wußte, und da sie jetzt den inneren Raum der Hacienda betreten hatten, schritten sie rasch gegen das Haus zu, um das herum es noch wild genug aussah. Eine Anzahl von Arrieros war eben noch beschäftigt, einem Maultier das letzte Gepäck aufzuschnüren; acht andere Tiere standen mit ihrer Ladung schon bereit, und es ließ sich nicht verkennen, daß die Leute ihr Äußerstes getan hatten, um rasch fertig zu werden. Der Aufseher stand mitten dazwischen, und als er die beiden Männer erblickte, nahm sein Gesicht gerade keinen freundlichen Ausdruck an; aber er grüßte wenigstens höflich und gab dann den Arrieros Befehl, augenblicklich nach Lima aufzubrechen und die anderen schon bestellten Treiber noch einmal zu ermahnen, daß sie so früh als irgendmöglich morgen am Platze wären. »Nun, Zaca, wie weit seid Ihr?« redete Bertrand den Aufseher an; »Ihr habt Euch dazugehalten, wie ich sehe.« »Morgen früh«, erwiderte der Bursche mürrisch, »sobald die Maultiere kommen, wird das Letzte aufgeladen. Um zehn Uhr kann alles fort sein und der Señor die Hacienda beziehen.« »Das könnte vielleicht noch früher geschehen, Compañero«, lachte Rafael, »denn ich habe große Lust, schon heute nacht hier zu schlafen.« »Dazu habe ich keine Anweisung«, sagte Zaca verdrießlich; »auf die eine Nacht wird's jetzt auch nicht ankommen.« »Nun, Anweisung braucht Ihr auch nicht zu haben, Zaca, versteht Ihr«, meinte Bertrand, »denn das ist eine Sache, die nur uns angeht. Wir wollen uns aber erst einmal die Zimmer ansehen, in welchem Zustand sie sind und wie es mit den Betten aussieht. Ist das Haus offen?« »Noch alles offen«, knurrte der Bursche; »wenn Sie hier Herr sind, brauchen Sie mich auch nicht um Erlaubnis zu fragen. Was kümmert's mich auch; ich habe und halte mein Bett noch für die Nacht, und morgen früh mag meinetwegen der Teufel hier wirtschaften!« brummte er halblaut in den Bart, als sich die beiden Männer schon von ihm abgewandt hatten und dem Hause zuschritten. Was für ein eigentümlich wehes Gefühl Rafaels Herz beengte, als er jetzt die Räume wieder betrat, die er damals – es waren jetzt über sechs Jahre – voll Jugend und Reiselust verließ! Und sein armer Onkel – hier hatte er gehaust und hier die Hand des Meuchelmörders ihn erreicht! Armer Onkel – er sah ihn noch vor sich, den rüstigen Mann mit dem vollen, schwarzen, lockigen Haar, den klugen, offenen Augen und dem treuen Herzen –, und allein und freundlos hatte er hier sterben müssen, damit sich die Mörder in sein Gut teilen konnten! Unwillkürlich schritt er die Treppe hinauf in seines Onkels Zimmer hinein, wo in der Ecke sein Bett, dort sein Schreibtisch gestanden hatte – aber wie wüst sah es hier aus! Wie es schien, hatte Desterres das Zimmer gerade nie wieder bewohnt oder bewohnt haben wollen, denn es war als Rumpelkammer verwendet worden, in der man aber doch das alte Bett und den alten Schreibtisch gelassen hatte. Mit allem möglichen Gerät aus dem ganzen Hause war es vollgepfropft worden, und wenn Rafael auch im Anfang den Wunsch gehegt hatte, hier die erste Nacht zu schlafen, mußte er den Gedanken aufgeben, denn er würde Stunden gebraucht haben, den Ort aufzuräumen und von Schmutz zu reinigen. Dicht nebenan war Rafaels altes Zimmer, in dem er selber als Knabe und nach seines Vaters Tode als junger Mann gewohnt hatte; das sah reinlicher aus, denn es war von Desterres nur als Fremdenzimmer benutzt worden. Hier stand selbst noch sein altes, eisernes Bettgestell, aber die Betten waren freilich aufgeladen und fortgeschafft worden. »Hier werde ich schlafen«, rief der junge Mann, »wieder in meiner alten Stube, nach so langen Jahren! Wie lange schon habe ich mich danach gesehnt, wenn ich auch freilich nie geglaubt habe, das alte, liebe Haus je so einsam, so öde wiederzufinden!« »Je mehr ich mir die Sache überlege, Rafael«, sagte Bertrand, »desto weniger gefällt sie mir. Dieser Bursche, der Aufseher, hat allerdings sein eigenes kleines Haus drüben neben dem Stall, wo er schläft, und du könntest selbst die Haustür verschließen, und die Fenster unten sind alle vergittert; aber ich weiß nicht, ob du gut daran tust; reite lieber nach Santos hinüber.« »Jetzt wäre es doch zu spät«, lachte Rafael, »und, Freund Bertrand, seit wann sind Sie denn eigentlich furchtsam geworden? Das ist ja eine Eigenschaft, die ich noch gar nicht an Ihnen kenne.« »Furchtsam?« brummte der alte Franzose vor sich hin. »Wenn's 'was wäre, das uns offen die Stirn böte, so wäre ich wohl der letzte, der dir abriete; aber gegen Meuchelmord kann sich niemand schützen, und einer solchen Gefahr aus dem Weg zu gehen, ist wahrhaftig keine Furchtsamkeit!« »Und gerade die Gefahr hätte wieder einen eigentümlichen Reiz«, lächelte Rafael, »wenn ich nur eben die geringste Gefahr darin sehen könnte, eine Nacht in meinem eigenen Bett zu schlafen.« »So laß mich wenigstens bei dir bleiben!« »Daß Juanita wirklich an eine Gefahr glauben und sich dort drüben zu Tode ängstigen sollte? Das geht auf keinen Fall. Nein, alter Freund, lassen Sie mir meinen Willen, und wenn Sie etwas für mich tun wollen, so schicken Sie mir eine Matratze und eine wollene Decke herüber, mehr brauch' ich nicht.« »Nun denn, meinetwegen«, sagte Bertrand, »wer nicht hören will, muß fühlen, ist ein altes Sprichwort. Du bist alt genug, um zu wissen, was dir selber gut ist. Sind deine Waffen imstand?« »Immer.« »Gut, dann tu mir wenigstens den Gefallen und laß sie den Aufseher, wenn du einrückst, sehen. Das schadet nichts und ist kein Zeichen von Furchtsamkeit; im Gegenteil, es gibt dem Feind ehrliche Warnung, daß man für ihn gerüstet ist.« Rafael lächelte über die Besorgnis seines alten Freundes, die sich in jedem Wort kundgab, versprach aber, das nicht zu vergessen. Ein junger Bursche wurde dann augenblicklich hinübergeschickt, um das Nötige im Hause wegen der Betten zu bestellen, damit sie nicht selber noch einmal zurück mußten, und Rafael und Bertrand gingen jetzt nach dem Stall hinüber, um diesen anzusehen. Da Rafael doch einige Tage hier draußen zu bleiben und gleich manches anzuordnen gedachte, mußte er auch einen Platz haben, wo er sein Pferd einstellen konnte, um es immer bei der Hand zu wissen. Den Stall fanden sie übrigens in bester Ordnung, da Desterres' Pferde erst heute nach Lima hineingeschickt worden waren, und auch Futter war genug aufgespeichert. Bertrand war mit seinen Räumlichkeiten für Pferde überhaupt beengt, und Rafael beschloß, seinen Braunen hier ebenfalls gleich einzuquartieren. Einer von Bertrands Leuten sollte ihn nachher hinüberbringen. »Dann bin ich mit Sack und Pack eingezogen«, lachte er, »und der braune Señor – wie heißt er gleich? – Zaca, glaub' ich, wird wohl einsehen, daß er sich am besten ruhig verhält, wenn er selber den Platz ungefährdet verlassen will.« Bertrand drängte aber, das Haus noch einmal zu durchsuchen, ob auch dort alles in Ordnung sei. Er sah sämtliche Fenster nach, ob keins der Gitter fehle und ob die Schlösser an den beiden Türen in Ordnung wären, ging dann noch einmal in alle Stuben und setzte seine Besichtigung auch noch allein fort, als schon das Bett gebracht wurde und Rafael jetzt dabei blieb, sein kleines Zimmer mit Hilfe des Dieners für die Nacht so wohnlich als möglich herzurichten. In seines Onkels Zimmer hatte er auch noch altes Waschgeschirr gesehen; das wurde ebenfalls hineingeschafft, dazu ein Tisch und ein paar Stühle. Als er fertig war, traf er draußen mit Bertrand zusammen, der eben seine Revision beendet und alles in Ordnung gefunden hatte. Es ließ sich überhaupt jetzt nichts mehr tun, denn die Dämmerung brach ein, und die beiden Männer gingen wieder hinunter in den Hof, wo Bertrand dem Aufseher noch anzeigte, daß er das Pferd gleich herüberschicken und Señor Aguila ungefähr gegen zehn Uhr kommen würde, um hier die Nacht zu schlafen. Dann gingen sie zu Bertrands Haus zurück, um dort den Abend zu verbringen, und Rafael vergaß bald alles andere in dem Glück dieser seligen Zeit der jungen Liebe. Es war Nacht geworden, und der feuchte, dichte Nebel lag auf der Erde, der die peruanischen Küsten oft monatelang umhüllt und sich dann tief ins Land zieht und in die Täler legt. So heiß die Sonne auch über Tag gebrannt hatte, so kühl war es jetzt geworden, denn der Wind strich von den eisbedeckten Cordilleren nieder, und die Menschen suchten das schützende Dach ihrer Häuser, um sich vor dem kalten Hauch zu wahren. Aber nicht alle. – Drüben am Fluß, im Schatten der Weiden, stand eine fest in einen gestreiften Poncho eingehüllte Gestalt und horchte aufmerksam hinaus in die Nacht. Manchmal gab sie ein vorsichtiges Zeichen durch einen leichten Pfiff und schritt dann wieder ungeduldig, wie um sich zu erwärmen, auf dem kleinen, ebenen Raum umher, der von dem höher liegenden, mit Geröll bedeckten Ufer eingeschlossen lag. Jetzt plötzlich blieb sie wieder stehen und horchte – das waren Schritte –, noch einmal tönte das Zeichen, aber kaum hörbar, um nicht unbequeme Lauscher herbeizurufen, und unmittelbar danach erschien eine dunkle Gestalt auf der niederen Anhöhe, die dort wie unschlüssig stehenblieb. Der in dem Poncho war in den dichteren Schatten der Weiden zurückgetreten; jetzt pfiff er leise zwischen den Zähnen durch, und mit wenigen Schritten war der eben Gekommene an seiner Seite. »Du hast mich lange warten lassen, Pedro«, sagte der erste; »Caracho, es zieht hier eisig kalt an dem vermaledeiten Fluß herunter. Komm jetzt ein Stück mit hinauf bis zu dem alten Feigenbaum; ich friere hier unten.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er rasch, von dem anderen gefolgt, der bezeichneten und allerdings wärmer gelegenen Stelle zu, wo er seinen Begleiter erwartete. »Ich konnte nicht eher, Señor«, verteidigte sich jetzt Pedro, der alten Pascua Sohn, »aber dafür bring' ich auch gute Kunde.« »Und welche?« »Ihr wißt, daß Don Rafael hier ist?« »Ich weiß es; den Tod über den Schuft, der mich landflüchtig gemacht hat! Ich ritt hinter ihm her, und er wäre mir dieses Mal nicht entgangen. Da aber kam ich der Polizei in den Weg und konnte kaum noch durch einen Seitenweg dem Fluß zu unbemerkt entkommen. Ein Glück, daß, ich hier alle Schleichwege kenne!« »Das war derselbe Trupp, der meiner Mutter Haus plünderte und dem ich selber mit genauer Not entging«, zischte Pedro; »aber ich muß Rache haben! Wißt Ihr, daß er heute um des Franzosen Tochter geworben hat?« »Das sieht ihm ähnlich«, lachte der im Poncho bitter vor sich hin. »Aber woher weißt du das, Amigo?« »Ich lag hinter der Hecke versteckt, bis mich die verdammten Hunde aufspürten und ich flüchten mußte.« »Und was jetzt – wie wollen wir ihm beikommen? Um das Haus herum halten die Bestien Wache die ganze Nacht.« »Aber nicht dort, wo er schläft«, lachte Pedro tückisch vor sich hin; »er hat sein Bett in Desterres Haus hinübertragen lassen.« »Ist das gewiß?« »Ich hab' es selber gesehen, und Zaca hat es mir außerdem noch eben bestätigt; deshalb blieb ich so lange.« »Aber weshalb, um Gottes willen, bleibt er nicht bei seinem Franzosen drüben? Hat er so teuflische Eile, von seinem alten Nest Besitz zu nehmen? Nun, desto besser für uns – aber was jetzt?« »Sogar sein Pferd hat er eben hinüberführen lassen, und er schläft in dem kleinen Fremdenzimmer, das Ihr stets bewohntet, wenn Ihr hier draußen waret.« »Und jetzt treib' ich mich vogelfrei auf der Straße umher!« knirschte der Peruaner. »Pedro, die heutige Nacht ist noch unser – morgen müssen wir weit auf der Straße sein – weißt du noch, was du versprochen hast?« »Ich weiß es«, sagte der Cholo finster. »Aber haltet Ihr auch, was Ihr mir versprochen? Ich habe keinen Real mehr in der Tasche, und wohin soll ich ohne Geld? Gebt mir die fünfhundert Dollars, und, beim Teufel, der Bursche, der uns beide von Haus und Hof vertrieben hat, ist erledigt!« »Du sollst sie bekommen, Amigo«, flüsterte ihm der andere zu, »ich habe Geld genug; und noch eins, wir sind beide sicherer, wenn wir zusammen reisen. Du besonders, denn du wirst in Begleitung eines Weißen nirgends angehalten und gefragt, und ich weiß einen vortrefflichen Platz, wo wir uns ruhig und ungestört aufhalten können, bis die Geschichte ein wenig vernarbt ist, was nicht lange dauern wird.« »Gut, sehr gut«, nickte der Cholo vor sich hin, »und an einem guten Pferd soll's auch nicht fehlen, wo der Braune mir so bequem herübergeführt worden ist, wie ich's selber nicht besser hätte machen können, aber ...« »Aber?« »Ich muß gleich Geld haben, ich brauche Geld«, sagte er störrisch, »und nachher – ich weiß nicht. Sicher ist sicher, und – ich brauche eben Geld!« »Genügt dir das für jetzt?« fragte sein Begleiter, indem er ihm einige Unzen in die Hand drückte. »Meine Satteltasche habe ich oben am Fluß versteckt; ich durfte sie nicht mehr mit hierher nehmen. Glaubst du, daß ich dich betrügen und zugleich als Begleiter in die Berge nehmen würde?« Der Cholo schien auf die letzten Beweisgründe nicht zu hören. Aufmerksam wog er das erhaltene Geld, das er in der Dunkelheit nicht mehr erkennen konnte, in der Hand und zählte die Stücke. Es waren sechs. »Das ist Gold«, flüsterte er dabei, »gutes, schweres Gold und genügt für eine Abschlagszahlung; das andere überlaßt mir.« »Aber wie willst du's machen?« fragte sein Gefährte. »Das Haus kennst du allerdings, aber sei vorsichtig, denn er wird seine Pistolen bei sich haben!« »Wo ich ihn treffe, sollen ihm die wenig helfen!« lachte der Cholo vor sich hin. »Er geht nie zu Bett, ohne noch einmal nach seinem Pferd zu sehen, und ich verstecke mich im Stall. Käme er aber nicht, dann suche ich ihn in seinem eigenen Zimmer, und ich kenne jeden Fußbreit Boden dort. Habt keine Furcht, wenn ich etwas übernehme, so führe ich's durch. Das hier besonders«, setzte er mit zusammengebissenen Zähnen hinzu, »ist eine Sache, die mir selber ins Herz gewachsen ist. Und wenn ich ihn mit den Zähnen würgen müßte, aber sein Blut will ich haben!« »Ich verlasse mich auf dich.« »Das dürft Ihr; aber wo find' ich Euch nachher?« »Mein Pferd steht in der alten Hütte, die du früher bewohnt hast, ehe du auf Desterres Grundstück zogst.« »Draußen an der Straße? Das ist gut«, rief der Cholo schnell, »da sucht es niemand und es steht am Wege. Ist es geschehen, dann komme ich dort vorbei und gebe das Zeichen, und dann fort! Aber die Straße dürfen wir nicht lange halten!« »Das überlaß mir«, sagte sein Begleiter; »ich führe uns sicher genug und kenne alle Verstecke in der Nachbarschaft bis oben in die Punas, und dort sollen sie unserer Spur folgen, wenn sie können!« »Wer wird ihr folgen?« sagte der Cholo verächtlich; »nur einmal fort von hier, und wir sind sicher genug! Und jetzt hinweg, daß wir den jungen Herrn die erste Nacht in seinem Eigentum auch würdig empfangen; mir zuckt's schon in den Sehnen, und ich kann den Augenblick nicht erwarten! Aber, Compañero, sagte er plötzlich und ergriff des Gefährten Arm, »habt Ihr Euer Versprechen gehalten? Habt Ihr die Flasche mitgebracht?« »Ja, Pedro«, lautete die Antwort, »aber ich lasse dir die ganze Flasche nicht; wenn du dich heute nacht betränkest –« »Wo ist sie?« fragte Pedro mit heiserer Stimme. »Hier; aber du versprichst mir vorher, vor der Tat nur einen kleinen Teil zu leeren. Du mußt nüchtern sein, oder du verdirbst alles – und dich und mich mit!« »Hahaha«, lachte der Cholo, indem er gierig nach der Flasche griff, »drei solche trüg' ich im Kopf umher, und die Spitze meines Messers träfe den Punkt, wohin ich ziele! Ah, das wärmt«, rief er, sich vor innerem Behagen schüttelnd, als er einen langen Zug getan hatte, »das geht einem wie Feuer durch die Adern, und jetzt bin ich ein ganz anderer Mensch geworden!« »So gib mir die Flasche wieder; wenn du mich am Hause abholst, magst du den Rest trinken.« »Nicht um die Welt!« lachte der Bursche. »Morgen finden wir mehr am Weg. Drei Leguas von hier liegt eine kleine Posada, deren Eigentümer klopfen wir im Dunkeln heraus und lassen sie wieder füllen; aber den hier brauch' ich für die Nacht, wenn ich zu irgend etwas tüchtig bleiben soll.« »Ich wollte, ich hätte ihn dir nicht gegeben!« »Habt keine Furcht; jetzt fühl' ich erst das rechte Mark in den Knochen! Und nun fort, denn ich muß auf dem Posten sein, wenn er herüberkommt, obwohl das heute noch ein Weilchen dauern kann, bis er des Schnäbelns überdrüssig wird. Hussah!« Und mit einem halb unterdrückten Jubelschrei barg er die Flasche im linken Arm und sprang rasch wieder die Anhöhe hinan, den Hacienden zu. Perteña, denn niemand anderes war der flüchtige Verbrecher, blieb noch eine Weile unter dem alten Baum zurück. Was sollte er tun – dem Burschen wirklich allein die Ausführung der Tat anvertrauen? Wenn er sich nun vorher betrank? – Aber er durfte ihm wohl darin glauben, daß der ausgepichte Säufer, selbst wenn er sich nicht gemäßigt hätte, mehr als eine einzige Flasche vertragen konnte. – Aber war der Plan des Cholo, den Feind zu ermorden, wenn er nach dem Stall hinüber ging, nicht zu unsicher? Wenn er nun nicht ging und das Haus verschlossen hielt? – Er hätte den doch möglichen Fall vorher mit ihm besprechen müssen, und jetzt war er fort! Wenn er sein Pferd nun gut untergebracht wußte und gar nicht nachsah? – Doch das war nicht wahrscheinlich! – Oder wenn ihn der alte Bertrand dahin begleitete? – Bah, auch dann fand der Cholo im Schutz der Dunkelheit einen günstigen Moment, wo er ihm das Messer in die Brust stoßen konnte, und an eine Verfolgung war in Nacht und Nebel nicht zu denken! Aber wäre es nicht sicherer, wenn er sich selber in der Nähe hielt? Perteña schritt mit festverschlungenen Armen wohl eine Viertelstunde lang unter dem alten Feigenbaum hin und her; endlich war sein Entschluß gefaßt. Er wollte sich selber, ehe der jetzige Eigentümer das Haus betrat, hineinschleichen und ihn dort erwarten. Mißlang das wirklich, wurde er bemerkt, so lief er für sich nicht die geringste Gefahr, denn alle Leute auf der Hacienda wußten, daß er oft da übernachtet hatte, und daß der neue Herr noch abends nach Dunkelwerden Besitz davon ergriffen, konnte er ja nicht einmal wissen. Der Plan war so einfach wie ungefährlich für ihn selber, und alles weitere mußte er dann dem Augenblick überlassen, um danach zu handeln. Damit im reinen, zögerte er nicht länger. Mit jedem Beiweg, jeder Hecke überall bekannt, nahm er die gerade Richtung nach der Hacienda zu und erreichte in der Dunkelheit, von keiner einzigen Seele bemerkt, das Haus. Der Platz schien wie ausgestorben; die Arbeiter hatten sich lange in ihre eigenen Wohnungen zurückgezogen, und nur auf dem Vorhof lagen noch, mit Matten überdeckt, um sie gegen den Nachttau zu schützen, die verschiedenen Packen, die am nächsten Morgen auf Maultiere geladen und fortgeschafft werden sollten. Überall herrschte tiefes Dunkel, nur nach dem Stalle zu konnte er durch die Büsche das Licht vorschimmern sehen, das in dem Haus des Aufsehers brannte. Aber der kam auch heute nicht mehr zum Vorschein, denn daß niemand die zusammengebundenen Möbel stehlen werde, wußte er wohl. Trotzdem schlich sich Perteña äußerst vorsichtig zum Hause; denn wurde er nicht gesehen, so konnte ihn auch niemand mit der späteren Tat in Verbindung bringen. Nur im äußersten Notfall sollte ihn die oft genossene Gastfreundschaft des Hauses schützen. Von der Dunkelheit des Hauses gedeckt, erreichte er die Tür, die er unverschlossen fand, und glitt im nächsten Augenblick hinein. Hier aber konnte er auch ungefährdet Licht anzünden, denn der Vorsaal hatte kein Fenster, weil am Tag die Doppeltür stets offen stand, und die Stuben, welche rechts lagen, führten nach einem Dickicht von Orangen hinaus, in dem in dieser Zeit der Nacht niemand mehr umherstrich. Ein Feuerzeug mit einem kleinen Wachsstock führte er übrigens stets bei sich, und als er diesen entzündet hatte, warf er den Blick umher. Der Platz sah wüst aus, denn durch das Einpacken den ganzen Tag war er mit Stroh und Binsen überstreut; auch die Tür, die rechts in die Kammer führte, fand er nur angelehnt. Das aber war das Gemach, in dem jedesmal, wenn Desterres die Hacienda besuchte, dessen Peon oder Diener schlief, und hier in der Ecke stand auch noch ein altes Bettgestell mit einer mit Gras gestopften Matratze, die man nicht für wertvoll genug gehalten hatte, sie fortzuschaffen; das genügte. Perteña warf seinen Poncho auf das Bett, schloß die Tür und verriegelte sie und konnte dann, wenn er wirklich bemerkt werden sollte, recht gut den müden Gast spielen, der sich in Ermangelung eines besseren Nachtlagers dort einquartiert hatte. Er dachte wohl daran, lieber vorher noch einmal zum Stall zu schleichen und zu sehen, ob er Pedro dort finden würde; aber er wollte sich auch nicht leichtsinnig der Gefahr aussetzen, gesehen zu werden, selbst nicht von Zaca, der jetzt noch munter war und sein Licht brennen hatte. Später ging das leichter. Nach dem Stall zu stand eine Reihe von Orangenbäumen; wenn er bis zu diesen hinschlich und dann das gewöhnliche Zeichen gab, mußte ihn der auf der Wacht stehende Pedro hören, und er konnte sich dann, falls es nötig werden sollte, noch immer leicht und rasch mit ihm verständigen. Mit allem im reinen, zündete er sich eine Zigarre an, löschte sein kleines Licht wieder aus und streckte sich auf der Matratze hin, um Aguilas Ankunft zu erwarten. Seiner Uhr nach war es, als er sich niederlegte, schon neun gewesen, und lange konnte er keinesfalls mehr bleiben. Es ist ein gefährliches Ding, wenn wir etwas abwarten wollen und uns dabei zum Ausruhen niederlegen. Nichts ermüdet so sehr, als eben warten, und die Augen werden schwer, wir mögen uns dagegen sträuben, wie wir wollen. Perteña lag, rauchte seine Zigarre und dachte über den Erfolg ihres Planes und ihrer Flucht nach, und hatte sich vorgenommen, um zehn Uhr etwa aufzustehen und Pedro das Zeichen zu geben. Er glaubte wenigstens, daß er rauche und nachdächte, denn in Wirklichkeit war seine Zigarre längst schon ausgegangen und er selber in einen unruhigen, aber nichtsdestoweniger tiefen Schlaf gefallen, aus dem er nicht eher erwachte, bis er draußen Schritte und Stimmen hörte. Erschreckt und noch halb in seinen Traumbildern, fuhr er empor und wußte im ersten Augenblick, wie uns das nicht selten so geht, besonders wenn wir viel auf Reisen oder unterwegs sind, nicht einmal gleich, wo er war. Ein eisiges Gefühl aber schoß ihm durch das Herz, und unruhig horchte er nach dem Geräusch. Es war Rafael, der von Bertrands Haus herüberkam. Hatte er denn geschlafen, und welche Zeit der Nacht konnte es sein? Der da draußen hatte Licht bei sich – mit wem sprach er? Fast unwillkürlich griff Perteña nach seinem Messer und dem Revolver, den er ebenfalls im Gürtel trug. Weshalb sollte er dem Cholo das Schicksal seines Feindes überlassen, wenn dieser sich selber in seine Hände gab? Vielleicht bot sich ihm jetzt gleich die Gelegenheit, seine Niederlage zu rächen, und er war fest entschlossen, sie nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen. Das Nachtquartier Es war lange schon zehn Uhr vorbei, als Rafael an den Aufbruch dachte; was achtete er auch der Zeit! Wieviel hatte er Juanita zu sagen, wieviel sie ihm, und der alte Bertrand saß dabei, still lächelnd, und fühlte sich wieder jung und glücklich in der Jugend und dem Glück der Kinder. Endlich aber mußte Rafael fort; es war fast elf Uhr geworden und Zeit zum Schlafengehen, und ein kleiner Cholobursche, der unten im Vorsaal schlief, wurde geweckt, um den jungen Mann mit einer Laterne hinüberzuführen. Rafael hatte Juanita gute Nacht gesagt, und das junge Mädchen stand noch am Fenster und sah ihm nach. Aber weshalb schlug ihr denn auf einmal das Herz so ängstlich, als sie den Geliebten im Dunkel verschwinden sah? Bertrand hatte indessen seinen jungen Freund bis vor das Tor begleitet, wo der Junge mit der Laterne stand, und es war ihm selber jetzt nicht so recht, daß er ihn allein hinüber in das dunkle, öde Haus gehen lassen sollte. »Höre, Junge, es ist eigentlich eine rechte Dummheit, daß du die Nacht da drüben schläfst«, sagte er endlich; »was kümmern uns denn die Leute und was die schwatzen! Viel gemütlicher wär's, wenn du dabliebst.« »Aber, mein bester Schwiegerpapa – Sie wissen gar nicht, wie gut Sie der Titel kleidet –«, lachte der junge Mann, »das ist ja eine abgemachte Sache und mein Pferd steht auch schon drüben, nach dem ich doch jedenfalls heut abend noch einmal sehen muß. Was liegt denn auch daran, ob ich dort oder hier schlafe? Und je stiller der Platz ist, desto weniger werde ich gestört.« »Hm«, sagte der Alte, der sich auch schämte, seine eigene Furcht zu zeigen, »dann begleite ich dich wenigstens hinüber, um ...« »Auch das gebe ich nicht zu«, entgegnete Rafael entschieden, »mir tut schon der arme schläfrige Junge leid, der da noch einmal ganz nutzlos hinübergesprengt wird. Die Laterne könnte ich ebensogut tragen, und meinen Weg finde ich doch wahrhaftig!« »Hm«, brummte der Alte vor sich hin, »verdammt will ich sein, wenn du nicht einen noch ärgeren Dickkopf hast, als ich selber! Gut, du sollst deinen Willen haben, aber eine Bedingung mach' ich ...« »Und die ist?« »Du nimmst die Hunde mit hinüber und behältst sie die Nacht drüben – nur diese eine Nacht!« »Aber, bester Schwiegerpapa ...« »Schön, wenn du mir meinen Willen jetzt nicht tust, wo ich dir den deinen gelassen habe, dann will ich nicht Bertrand heißen, wenn ich nicht direkt zu Juanita hinaufgehe und ihr sage, um was es sich handelt, und wenn sich das Mädchen deinetwegen nachher die ganze Nacht abängstigt, so ist es deine alleinige Schuld!« »Um Gottes willen«, rief Rafael erschrocken, »machen Sie dem armen Kind nicht die ganze unnütze Angst!« »Dann nimm die Hunde mit!« sagte der Alte störrisch. »Nun, meinetwegen denn«, lachte Rafael, »wenn Sie das beruhigt, so mögen die Rüden mitgehen. Aber sie werden nicht bei mir bleiben.« »Mit dem Jungen gehen sie, und einmal im Hause drin, machst du die Tür zu, und sie müssen wohl dort bleiben, denn sie können nicht wieder hinaus.« »Und werden nachher die ganze Nacht heulen und mich keinen Augenblick schlafen lassen«, lachte Rafael. »Fällt ihnen gar nicht ein«, brummte der Alte; »überdies kennen sie dich ja schon, und sobald ich ihnen sage: »Geht mit!« so folgen sie jedesmal. Wenn du es also nicht anders willst, so mach' meinetwegen, daß du hinüber und ins Bett kommst. Morgen früh bin ich bei Zeiten drüben, um dich abzuholen, und dann gehen wir einmal durch die Plantage. Und ihr geht mit, ihr Hunde! Habt ihr mich verstanden?« »Nur nicht zu früh!« rief Rafael, während die Rüden erst den Schwanz einzogen und dann an dem Knaben hinaufsprangen. »Und nun gute Nacht und auf ein frohes Wiedersehen!« und damit wandte er sich ab und schritt mit dem Knaben den Weg entlang, der nach dem Eingang der Hacienda hinüberführte. Bertrand aber sah ihm nach, so lange er dem Licht mit den Augen folgen konnte. Endlich ging er in das Haus zurück und in das Hinterzimmer, wo er Juanita noch auf traf. »Na, du bist noch nicht zu Bett? Es ist spät, Schatz!« »Vater«, sagte Juanita leise, »sei mir nicht bös, wenn ich vielleicht eine kindische Frage tue – aber es hat doch keine Gefahr, daß Rafael da drüben allein in dem alten, öden Hause schläft?« »Gefahr? Torheit«, sagte der Vater, der das Mädchen um Gottes willen nicht merken lassen durfte, daß es ihm selber nicht recht war – »was soll das für Gefahr haben?« »Der Schuß damals wurde doch auch aus dem Grundstück dort drüben gefeuert, und ihr habt seitdem nie mehr abends oben in der Stube gesessen.« »Ah, Kindereien«, sagte Bertrand kopfschüttelnd, »von denen, die jetzt noch drüben sind, hat ihn niemand abgefeuert! Mach' dir keine törichten Sorgen und geh zu Bett, Herz. Gute Nacht, schlaf' wohl, und schlag' dir ja die albernen Gedanken aus dem Kopf, daß du mir nicht etwa die Nacht davon träumst!« »Gute Nacht, Vater«, sagte Juanita, küßte ihn und ging mit dem Licht in ihr eigenes Kämmerchen. Aber das Herz war ihr doch schwer geworden, und sie hätte viel lieber weinen als lachen mögen, und wußte doch eigentlich gar nicht, weshalb. Der alte Bertrand war auch in sein Zimmer gegangen, spürte aber selber noch nicht die geringste Lust, sich niederzulegen und ertappte sich plötzlich dabei, daß er seinen alten, über dem Bett hängenden Kavalleriesäbel herunternahm und halb aus der Scheide zog, um nach dem Rost zu sehen. Kopfschüttelnd schob er ihn wieder in die Scheide zurück, hing ihn aber nicht auf den alten Platz, sondern stellte ihn zu Häupten seines Bettes und schritt dann noch eine Weile auf und ab. Merkwürdig, welche Unruhe heute in ihm steckte! Endlich bekam er das Umherwandern satt. »Hol' der Henker die Gedanken«, brummte er, »ich will auch zu Bett gehen und schlafen, und den Sappermentsjungen da drüben darf ich es morgen früh noch nicht einmal merken lassen, daß ich mich um ihn geängstigt habe, sonst lacht er mich zum Dank wahrhaftig noch obendrein aus!« Er hatte seinen Hut auf den Tisch und sein Halstuch abgeworfen und stand eben am offenen Fenster und häkelte sich seine Hemdknöpfchen los. Sein Schlafzimmer lag mit dem Fenster nach der schmalen Straße und Rafaels Hacienda zu, und das Wohnhaus dort drinnen stand gar nicht so weit von seinem Haus entfernt, nur daß es von hier aus durch Bäume und Sträucher verdeckt wurde, sonst hätte man sich leicht von einem Haus zum anderen zurufen können. Eine solche Dunkelheit herrschte aber heute da draußen, daß sich nicht einmal die Wipfel der nächsten Bäume vom Himmel trennen und unterscheiden ließen, und wie still, wie totenstill die Welt lag! Man konnte sogar das Rauschen des gar nicht so nahen Bergstromes deutlich bis hier herüber hören. Selbst die Grillen hatten zu zirpen aufgehört. Es mußte schon recht spät geworden sein – wahrhaftig, es war halb zwölf Uhr, und Bertrand wandte sich eben ab, um sich vollends zu entkleiden, als er, wie von einem Schuß getroffen, zusammenfuhr und mit atemloser Spannung in die Nacht hinauslauschte. Ein menschlicher Aufschrei, gerade von da drüben her, hatte sein Ohr erreicht. Da, jetzt noch einmal! Das war keine Täuschung – mit einem Satz war er bei seinem Bett, den alten Säbel aufgreifend, mit zwei weiteren Sätzen die Treppe hinunter und im Freien. Da hörte er seine Hunde Laut geben, als ob sie auf einer Fährte wären, und seinen gellenden Jagdschrei ausstoßend, flog er mehr, als er ging, hinaus auf die Straße und drüben gerade gegen den Zaun an und hinüber – wie er hinüber gekommen war, wußte er selber nicht. Rafael hatte indessen mit seinem kleinen Cholo-Führer, von den Hunden begleitet, die Gartentür erreicht, die in die Hacienda führte, und schritt dem Hause langsam zu. Unter den Bäumen war es womöglich noch dunkler als draußen, und ohne die Laterne hätte er sich wohl kaum zurechtgefunden. So aber hielt er den schmalen Weg, der hinüberführte, und erreichte bald darauf die Tür. »Wenn das Haus verschlossen ist, Señor«, sagte der kleine Cholo, »so werden wir erst den Mayordomo wecken müssen, daß er uns aufmacht – oder haben Sie den Schlüssel?« »Nein«, sagte Rafael, indem er auf den Griff drückte, »es ist offen; sie wußten ja, daß ich komme. Und nun, mein kleiner Bursche, magst du noch mit mir hinaufgehen, daß ich mein Licht anzünden kann, und dann nach Haus zurückkehren.« »Aber die Hunde soll ich dalassen?« »Monsieur Bertrand will es nun einmal so haben«, lachte Rafael, »und da dürfen wir ihn schon nicht böse machen. Wenn du fortgehst, mach' aber die Tür wieder gut hinter dir zu, sonst laufen sie dir nach, und du wirst dann ausgezankt. Oder noch besser – warte einen Augenblick, ich gehe lieber gleich mit dir und deiner Laterne nach dem Stall hinüber, um erst einmal nach meinem Pferd zu sehen, und dann bringen wir die Hunde zurück ins Haus, und ich kann selber zuschließen.« Damit, während ihm der Knabe voranleuchtete, stieg er langsam die Treppe hinauf, um dort die schon mit den Betten herübergebrachten Lichter anzuzünden, damit der Junge nachher nicht noch einmal heraufzukommen brauchte. Mit vor Wut zusammengebissenen Zähnen horchte indessen Perteña unten an der Tür. Die Hunde – an die Bestien hatte weder er noch Pedro gedacht, und jetzt? Aber hier blieb kein langes Besinnen möglich. Versuchte er selber hier im Haus den Angriff und schoß er auch den Verhaßten nieder, so war er den wütenden Tieren preisgegeben und hätte, mit den Gittern überall an den unteren Fenstern, nicht einmal dort hinaus entkommen können. Stand aber Pedro draußen ungewarnt auf der Lauer, und hatte er die Hunde noch nicht gesehen, so faßten den die Bestien, wie sie ihn nur in den Wind bekamen, und gestand er dann, wer ihn dazu verleitet, so hatte er die ganze Meute seiner Verfolger hier auf der frischen Fährte. Nur eine Möglichkeit blieb noch für die Ausführung ihrer Tat. Dicht neben dem Stall lief eine kleine starke Umzäunung hin. Wenn Rafael selber die Laterne trug oder in deren Licht ging, so konnte er ihn von da aus, auf kaum zehn Schritt, mit der Kugel treffen, und die Hunde waren nicht imstande, den Zaun zu überspringen. Von dort aus war dann ein Entkommen leicht, und wer wollte sagen, von wessen Hand die Kugel gesandt worden war? Das alles zuckte dem jugendlichen Verbrecher rasch, aber in klarem Verständnis seiner eigenen Gefahr durchs Hirn, und sobald er oben nur die Tür öffnen hörte, glitt er wie eine Schlange aus dem Versteck und aus der nur angelehnten Haustür. Hier blieb er einen Augenblick stehen und horchte – oben am Fenster erschien das Licht – sie waren im Zimmer, und mit raschen, geräuschlosen Schritten glitt er der Richtung zu, in der er den Stall wußte, um dort an den Orangenbäumen Pedro das Zeichen zu geben. Dicht vor ihm lag ein kleines Gebüsch; er berührte die Zweige und bog darum, – da sah er eine dunkle Gestalt neben sich auftauchen: »Pedro!« wollte er flüstern, als ihn ein furchtbarer Schmerz durchzuckte. »Teufel!« schrie er mit gellender Stimme auf – »Pedro, Bestie! – Mord!« kreischte er, als ihn ein zweiter und dritter Stoß traf. Drüben im Haus wurde ein Fenster aufgerissen, aber der halbtrunkene Cholo, der an der Stimme des Getroffenen jetzt in starrem Entsetzen den Gefährten erkannte, hörte es nicht. Zu Rafaels Ohr war schon der erste Schrei gedrungen – was aber da auch vorging, er mußte es wissen, und rasch mit der einen Hand die Laterne, mit der anderen seinen Revolver aufgreifend, rief er: »Die Hunde hinaus!« und sprang dann in flüchtigen Sätzen die Treppe hinab. »Caracho«, stammelte indessen Pedro vor sich hin und das Messer entfiel der zitternden Hand, »Señor, um der Wunden Christi willen ...« Da gab der erste Hund vor der Tür Laut, und entsetzt fuhr der Halbwilde von seinem Opfer empor – seine Hand tappte nach dem entfallenen Messer, aber es war zu spät. Jetzt schlug der zweite Hund an; sie waren unruhig auf der warmen und fremden Fährte Perteñas. Nun hörten sie das Geräusch brechender Büsche. »Faßt, hu, faßt!« schrie sie Rafael an, und mit lautem Geheul brachen sie hinterdrein. »Hu, pih!« schrie da des alten Franzosen Stimme schon von drüben herüber, und laut auf heulten die Hunde, als sie den blutenden Leichnam trafen – aber gleich dort, dicht vor ihnen brach es in wilder Flucht davon. »Hu, faß, hu, faß!« schrie Rafael sie noch einmal an, und mit wenigen Sätzen waren sie im Gebüsch drinnen, während schon fast in demselben Augenblick ein wilder Aufschrei verriet, daß sie ihr Opfer gefaßt und niedergeworfen hatten. »Oh, Senor, ein Toter!« schrie der kleine Cholo entsetzt, als er bei dem flackernden Licht der Laterne den Ermordeten am Boden sah; aber Rafael sprang den Hunden zu. Dort, gerade vor sich, sah er schon die lichtgelben Gestalten der Hunde mit einem dunklen Gegenstand am Boden ringen, während sie auf sein jetzt ausgestoßenes: »Zurück, ihr Bestien, würgt den Mann nicht!« wenig oder gar nicht acht gaben. Der kleine Cholo war aber besser mit ihnen bekannt. »Pfui, Tyras – pfui, Wolf!« schrie er und sprang mitten zwischen sie hinein, indem er einen mit der linken und einen mit der rechten Hand am Halsband faßte. Er würde aber kaum imstande gewesen sein, sie zu bändigen, wenn nicht in diesem Augenblick die Büsche hinter ihnen geraschelt hätten und auch der Aufseher entsetzt in seiner Tür erschienen wäre. Dadurch wurden sie aufmerksam gemacht und hoben die Köpfe, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein neuer Feind vor ihnen auftauche. Mit flüchtigen Schritten war jetzt auch Bertrand, den blanken Kavalleriesäbel in der Hand, an ihrer Seite. Im ersten Augenblick hatte Rafael, der nur das Geräusch hörte und nicht wissen konnte, wer da gegen ihn anspringe, die Laterne gehoben und sich mit seinem Revolver fertiggemacht; dadurch fiel aber auch ein Strahl des Lichtes auf ihn und die Hunde, und der alte Franzose schrie jubelnd: »Hurra, du lebst! Aber was geht hier vor?« »Gott weiß es«, rief Rafael zurück, »da liegt ein Ermordeter, und hier haben die Hunde den wahrscheinlichen Mörder niedergeworfen!« »So leuchte mir hierher, daß wir sehen, wen wir da haben! Heda, mehr Licht hierher!« schrie der alte Mann nach dem Haus des Aufsehers hinüber, »bringt eine Bambusfackel, daß wir sehen können!« Der Befehl wurde rasch ausgeführt, denn im Hause des Aufsehers lagen noch ein paar kurze Fackeln, aus zusammengebundenen dürren Bambusstreifen hergestellt, die man am Abend benutzt hatte, um noch nach Dunkelwerden die zurückgelassenen Möbel zusammenzustellen und zuzudecken, und Zaca selber hatte schon eine aufgegriffen und entzündet. Indessen ließ aber Rafael das Licht der Laterne auf den von den Hunden Geworfenen fallen und rief erstaunt aus: »Pedro, bei allem, was da lebt!« »Caracho!« knirschte der Bursche, der mit Blut bedeckt schien und dessen Kleider ihm in Fetzen vom Leibe hingen, und wollte in die Höhe fahren. Bei der ersten Bewegung aber, die er machte, warfen sich die Hunde wieder über ihn, und es bedurfte Bertrands ganzer Autorität, sie zurückzuhalten, daß sie ihn nicht zerrissen. Der Aufseher kam jetzt mit der Fackel heran, und während Bertrand die Hunde zusammenkoppelte und hielt, sprang Rafael mit der Laterne der Stelle zu, wo der Ermordete am Boden lag, und rief im nächsten Augenblick dem Freunde zu: »Hier liegt Perteña erstochen!« »Perteña?« rief Bertrand erstaunt aus, »wie kommt denn der hierher?« »Teufel, Teufel!« schrie der gefangene Cholo, von seinen Wunden, von Wut und Branntwein fast zur Raserei getrieben, indem er seine Fäuste ballte und die Zähne in ohnmächtiger Wut zusammenschlug, »was hatte er auch im Hause zu tun, ohne daß ich es wußte – und er lebendig, er gesund – zur Hölle mit ihm und Verdammnis!« Seine Augen sprühten Wut und Haß auf Rafael, und er wollte sich eben wieder, in diesem Augenblick selbst die Hunde nicht fürchtend, auf seinen Feind stürzen, als ihn ein Faustschlag des alten Franzosen zu Boden warf. Rafael sprang jetzt ebenfalls herbei, und während sich der vollkommen rasend gewordene Cholo unter ihnen wand und krümmte, wurde der kleine Bursche mit der Laterne rasch zum Hause zurückgeschickt, um von den dort umherliegenden Stricken ein paar herbeizuholen. Wenige Minuten später lag der Verbrecher, mit auf den Rücken geschnürten Armen, vor Wut schäumend, machtlos in der Gewalt seiner Feinde. Aber Gift und Haß sprudelten seine Lippen über sie aus, und während sein Hirn von dem genossenen Branntwein, von Schmerz und Wut kochte, verfluchte er seine eigene Ungeschicklichkeit, sein eigenes Mißgeschick und ließ dadurch die Umstehenden sich einen Zusammenhang seiner Reden selber stellen. Es blieb fast keinem Zweifel mehr unterworfen, daß der Überfall nicht dem, den er getroffen, sondern Rafael gegolten hatte und von den beiden Buben vorher verabredet worden war. Bei einer Untersuchung des Hauses fanden sie jetzt auch Perteñas Poncho, den Rafael leicht erkannte und der, wie er recht gut wußte, vor Dunkelwerden nicht auf dem Bett gelegen hatte. Bertrand hatte auch wohl recht, als er jetzt behauptete, daß die Mörder nur durch das Erscheinen der gefürchteten Hunde gestört und ihr nichtswürdiger Anschlag vereitelt worden sei. Allein und ohne die Rüden hätte er ihren Messern nie entgehen können. Das war eine unruhige Nacht geworden, aber Bertrand dankte doch Gott, daß er das Furchtbare von ihren Häuptern abgewandt hatte, und schickte jetzt vor allen Dingen den kleinen Cholo mit den Hunden hinüber zu Juanita, um diese zu beruhigen. Für sie selber gab es aber dann noch vielerlei zu tun, denn die Leiche konnte nicht dort unter freiem Himmel liegenbleiben, und der Gefangene mußte nicht allein der Obrigkeit überliefert, sondern auch verbunden werden; die Hunde hatten ihn gar bös zugerichtet. Das letztere wollte der Aufseher übernehmen, aber der halb wahnsinnige Cholo duldete es nicht und wütete unausgesetzt gegen seine Bande an, bis er endlich, von Blutverlust ermattet, ohnmächtig zusammenbrach. Die Arbeiter waren unter der Zeit ebenfalls herbeigerufen worden und mußten den bewußtlosen Körper des Verbrechers aufgreifen und zu dem Gobernador hinübertragen. Dort lag noch, wie Bertrand wußte, Polizei aus Lima, die auf eben diesen Cholo fahnden sollte, wenn er sich hier noch in der Nachbarschaft zeigte, und Rafael und Bertrand gingen selber mit, um die näheren Angaben zu machen. So rückte der Morgen fast heran, ehe sie zur Hacienda zurückkehrten, und Rafael wollte sich jetzt noch hier im Haus auf sein Lager werfen; das aber litt der alte Bertrand nicht mehr. Er hatte, wie er jetzt offen gestand, schon Angst genug in der Nacht um den Jungen ausgestanden; nun wollte er ihn wenigstens in Sicherheit wissen, daß auch Juanita noch ein paar Stunden ruhig schlafen konnte. Rafael durfte sich nicht länger weigern, den übrigen Teil der Nacht in Bertrands Haus zuzubringen. Schluß Auf dem kristallhellen Wasser der Reede von Callao lag mit qualmenden Schornsteinen der englische Dampfer. Am Heck wehte die Flagge; der erste Signalschuß, das Zeichen der Abfahrt kündend, war schon gefallen. Vom Land ab eilte noch eine Menge von Booten dem rauchenden Ungetüm zu, um Passagiere, die den letzten Augenblick abgewartet hatten, an Bord zu bringen. In einem von ihnen stand vorn im Bug allein ein junger Mann und wehte schon mit dem Tuch Grüße hinüber, die in gleicher Weise von Bord aus erwidert wurden. Es war Rafael, und oben auf Deck stand Lydia mit Deringcourts und einem Schwarm ihrer peruanischen Anbeter, die ihr hier noch das letzte Lebewohl sagen wollten. »Ich glaubte schon, Sie würden nicht Wort halten!« rief ihm das junge Mädchen entgegen und ergriff die ihr gebotene Hand. »Haben Sie das wirklich geglaubt?« »Nicht so recht«, lächelte Lydia mit herzlichem Ton; »aber Sie zögerten so lange.« »Mein Pferd stürzte unterwegs und verletzte sich am Knie, so daß ich den halben Weg zu Fuß gehen mußte.« »Das nenn' ich Aufopferung!« rief Lydia mit einem dankenden Blick – »und was für Abenteuer haben Sie indes wieder erlebt!« »Nicht viel, aber eine Neuigkeit kann ich Ihnen wenigstens bringen: den Señor Perteña hat sein Schicksal erreicht – er fiel von der Hand seines eigenen Mordgehilfen, der mir auflauern wollte, und dieser, ein Cholo, von seinen Wunden und einem zweitägigen Säuferwahnsinn an Geist und Körper gebrochen, hat jetzt die umfassendsten Aussagen über den Verbrecher gemacht. Er war es wirklich, der im Karneval den Raub bei Ihnen ausführte.« »Ich wußte es«, sagte Lydia zusammenschaudernd, »als ich nur sein Lachen hörte – aber fort, fort mit diesen entsetzlichen Erinnerungen, die sollen uns die letzte Stunde nicht verbittern! Ah, was ist das?« rief sie, als die meisten der an Bord Befindlichen nach der anderen Seite des Decks hinüberdrängten, wo eben eine französische Fregatte, die leichte Brise benutzend, mit Hilfe der Schraube und geblähten Segeln die Reede verließ, »oh, wie schön das aussieht!« »Das ist die ›Glourieuse‹, die jene armen Insulaner wieder in ihre Heimat zurückführt. Sie hat so lange warten müssen, weil noch einzelne im Land zerstreut waren.« »Und das ist Ihr Werk«, sagte Lydia herzlich, »daß die unglücklichen Menschen ihrer Heimat wiedergegeben werden!« »Doch nicht so ganz«, lächelte Rafael; »ohne Sie, den französischen Konsul und des Präsidenten guten Willen wäre das kaum so rasch geschehen. Ich habe nur die Hand mit angelegt.« »Aber die erste, und das Bewußtsein, diese Menschen glücklich gemacht zu haben, wird Sie belohnen! – Aber jetzt muß ich mich noch einen Augenblick der Gesellschaft widmen – die Herren werden sonst eifersüchtig, wenn ich mich mit Ihnen so lange unterhalte!« »Und von wem haben Sie den wundervollen Blumenstrauß? War Ihr Lieferant auch noch hier? – Ich sehe ihn nirgends«, fragte Rafael. »Nein«, flüsterte Lydia mit einem verstohlenen Lachen, »der ist von einem neuen Verehrer an Bord, dem ersten Offizier – aber verraten Sie mich nicht! Oh, ich habe schon wieder brillante Aussichten auf eine sehr interessante Reise und«, setzte sie hinzu, indem sie sich zu ihm überbog, »hätte Sie eigentlich vorher um einen kleinen Vorrat von Locken ersuchen sollen! Apropos, wissen Sie wohl, daß es sehr ungalant von Ihnen ist, mich nicht einmal um eine gebeten zu haben?« »Mit der Warnung«, lachte Rafael, »die ich an dem armen Schweden genommen habe ...« »Hahaha, unser guter Stierna – denken Sie, er hat mir noch gestern, wahrscheinlich um mich unglücklich zu machen, seine Verlobungskarte geschickt.« »Ob er wohl noch meine Locke trägt?« »Schwerlich!« Das Gespräch wurde hier unterbrochen. Der zweite Kanonenschuß fiel, ein Zeichen für die nicht Mitreisenden, in ihre Boote zu steigen und den Dampfer zu verlassen, der anfing, seinen Anker zu heben. »Was ich Sie noch fragen wollte, Señor«, wandte sich Lydia noch einmal an Rafael, »können Sie mir nicht sagen, was aus Señor Desterres geworden ist und welche Strafe er erleiden wird, da er um die Vergiftung Ihres Onkels doch jedenfalls gewußt hat?« »Zufällig habe ich eben auf der Bahn nach Callao jemand gefunden«, erwiderte Rafael, »der mir genaue Auskunft darüber geben konnte. Señor Desterres ist zum Präfekten einer der bedeutenderen Städte des Innern ernannt worden.« »Zum Präfekten?« »Die oberste Gerichtsbehörde eines Distriktes.« »Ja, aber wie ist das möglich?« rief Lydia erstaunt – »der Präsident weiß doch ...« »Daß Señor Desterres sehr viele einflußreiche Freunde in Lima hat, die durch eine genaue Untersuchung sämtlich sehr in Verlegenheit geraten könnten, und da er doch Beamte haben muß, so hielt er es für besser, den Herrn aus dem Weg zu schicken.« »Als Präfekt!« rief Lydia, die sich von ihrem Erstaunen noch immer nicht erholen konnte. »Wären Sie länger in Peru gewesen, so würden Sie das gar nicht so außerordentlich finden«, lächelte Rafael. »Es fallen da oft noch viel merkwürdigere Sachen vor.« »Unerklärlich!« sagte Lydia, »aber wissen Sie, daß mir der Präsident noch gestern meinen ganzen Verlust, den ich im Karneval erlitt, aus seiner eigenen Kasse hat vergüten lassen?« »Das sieht ihm ähnlich«, sagte Rafael; »er zahlt gewöhnlich selber, um nur Ruhe zu haben. Aber auch Sie sind mir noch etwas schuldig, Lydia, Ihre Adresse«, sagte Rafael. »Erinnern Sie sich nicht, daß Sie mir versprachen, mir den Namen Ihres künftigen Gatten zu nennen, damit wir Ihnen einmal nach Frankreich schreiben können?« »Meines künftigen Gatten?« sagte Lydia erstaunt, »ich weiß mich wirklich nicht zu erinnern, daß ich von dem je gesprochen hätte.« »Aber Sie sagten mir doch selber, daß Sie einen Bräutigam in Frankreich hätten!« »Einen Bräutigam? Ja, – aber hatte ich Ihnen auch gesagt, daß es ein Mensch sei?« flüsterte Lydia, und ihre Augen nahmen einen ganz eigentümlichen Glanz an. »Es ist kein Mensch, Don Rafael, es ist ein Gott, und«, setzte sie jetzt wieder mit ihrem alten Lächeln hinzu, »meinem Geschmack dürfen Sie schon zutrauen, daß ich mir den schönsten der Götter ausgesucht habe – er heißt Apollo!« »Lydia!« »Meine Herrschaften, der Anker ist auf – das Schiff fährt gleich ab und Sie werden mit in See genommen!« tönte der Warnungsruf über Deck, denn das Abschiednehmen hört in solchen Augenblicken gar nicht auf. »Lydia, meine liebe Lydia, leb' wohl!« rief Adele und flog dem jungen Mädchen noch einmal um den Hals. Alles drängte herbei, der Sängerin zum letztenmal die Hand zu schütteln und ihr eine glückliche Reise zu wünschen. Dann kletterten die Leute hastig in ihre Boote hinab, um aus dem Bereich der schon langsam arbeitenden Räder zu kommen. Rafael, der sein eigenes Boot allein für sich hatte, war bis zuletzt an Bord geblieben. Jetzt, als auch die letzten von der Sängerin Abschied genommen hatten, reichte er Lydia noch einmal die Hand und sagte leise und tief bewegt: »Leben Sie wohl, Lydia, und wo Sie auch immer weilen, seien Sie versichert, daß hier in Peru ein Herz mit treuer Freundschaft Ihrer gedenkt!« »Ich weiß es«, lächelte das junge Mädchen, und Tränen glänzten in ihren Augen – »leben Sie wohl, Don Rafael, seien Sie glücklich, und diesen Kuß bringen Sie noch Ihrer Juanita von mir! Sie dürfen ihn ihr bringen, denn es ist der Kuß einer Schwester«, und ihr Antlitz zu ihm hebend, berührte sie leise seine Lippen mit den ihrigen. Dann trat sie zurück und winkte ihm freundlich zu. Im nächsten Augenblick stand Rafael in seinem Boot, das von Bord abstieß. Die Räder griffen mit voller Kraft ein, und nach Norden hinauf schnaubte der Koloß seinem fernen Ziel entgegen. Ende