Egon Friedell Kulturgeschichte der Neuzeit Die Krisis der Europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg Drittes Buch Aufklärung und Revolution Vom Siebenjährigen bis zum Wiener Kongress Erstes Kapitel Gesunder Menschenverstand und Rückkehr zur Natur Vergeblich beklagt sich die Vernunft, daß das Vorurteil die Welt regiert; denn wenn sie selbst die Welt regieren will, muß sie sich ebenfalls in ein Vorurteil verwandeln. Taine Kulturzeitalter und Erdzeitalter In unserer bisherigen Darstellung haben wir uns des Hilfsmittels bedient, den Gang der kulturhistorischen Entwicklung in einzelne größere Abschnitte zu zerlegen, die gleich Bühnenbildern oder Romankapiteln aufeinander folgten: erst kam die Spätscholastik, dann die Renaissance, dann die Reformation, dann die Barocke, schließlich das Rokoko. Bei dieser Gliederung waren freilich gewisse Ungenauigkeiten, Willkürlichkeiten und Entstellungen nicht zu vermeiden; aber in einer solchen fälschenden Vereinfachung und Adaptierung der Wirklichkeit besteht nun einmal das Wesen aller Wissenschaft, aller Kunst und überhaupt aller menschlichen Geistestätigkeit. So notwendig es nun ist, derlei eigenmächtige Gruppierungen immer wieder vorzunehmen, so unerläßlich ist es andrerseits, sich über ihren illegitimen Charakter keinen Illusionen hinzugeben und das Gefühl ihrer tatsächlichen Unrichtigkeit niemals aus dem Bewußtsein oder wenigstens dem Unterbewußtsein zu verlieren. Daß zum Beispiel die Reformation die Renaissance einfach ablöste, wäre eine gänzlich schiefe Vorstellung, denn in beiden war der Humanismus eine der treibenden Hauptkräfte und die italienische Hochrenaissance fällt in die Jahrzehnte der stärksten Wirksamkeit Luthers. Am günstigsten lag es beim Barockzeitalter: hier konnten wir ohne allzu große Gewaltsamkeit eine Periodisierung in Vorbarocke oder Gegenreformation, Vollbarocke oder Grand Siècle und Spätbarocke oder Rokoko vornehmen und sogar wagen, bestimmte Jahreszahlen als Schnittpunkte anzusetzen. Wollten wir versuchen, die wahren Beziehungen, in denen die einzelnen Kulturzeitalter zueinander stehen, an einem Gleichnis zu verdeutlichen, so könnten wir vielleicht sagen, es verhalte sich mit ihnen ähnlich wie mit den Erdzeitaltern, die die Geologie annimmt, indem sie drei große Perioden konstatiert, die primäre oder paläozoische, die sekundäre oder mesozoische und die tertiäre oder känozoische: in der ersten gab es nur Fische und noch niedrigere Lebewesen, in der zweiten tauchten die Reptilien auf, in der dritten die Vögel und Säugetiere. Es existierten natürlich auch in der zweiten Periode noch Fische und in der dritten noch Fische und Reptilien, wie sie bis zum heutigen Tage existieren; diese Formen gaben aber sozusagen nicht mehr den Ton an, vielmehr ist in jedem der drei Zeitalter ein anderer Tierstamm durch Zahl und Artenreichtum der führende : im »Altertum« die Fische, im »Mittelalter« die Kriechtiere, in der »Neuzeit« die Säugetiere. In analoger Weise sind auch die einzelnen Kulturzeitalter immer durch eine bestimmte Menschenspezies charakterisiert, die dominiert, obschon die früheren neben ihr weiterleben: so gibt es zum Beispiel noch heute auf dem flachen Lande zahlreiche Individuen, die sich auf der Stufe der Karolingerzeit befinden, das Bürgertum der deutschen Kleinstädte repräsentiert ungefähr den Kulturzustand der Reformationszeit und viele Angehörige unseres Lehrstands wären nach Umfang und Inhalt ihres Gesichtskreises ins Zeitalter der Aufklärung einzureihen. Manche Arten allerdings sind vollkommen verschwunden: der antike Mensch zum Beispiel ist ebenso ausgestorben wie der Sauriertypus und gibt gleich diesem nur noch in allerlei Abdrucken und Versteinerungen einige Kunde von seinem Wesen. Die dreierlei Vorstellungsmassen Bei dem Abschnitt, den wir jetzt zu betrachten haben, der Zeit vom Siebenjährigen Krieg bis zum Wiener Kongreß, wäre aber auch diese einschränkende Vergleichung mit den Erdzeitaltern nicht mehr zutreffend. Es sind drei Hauptströmungen, die diesen Zeitraum erfüllen: wir bezeichnen sie mit den Stichworten Aufklärung, Revolution und Klassizismus . Unter »Aufklärung« verstehen wir in Übereinstimmung mit der allgemein üblichen Terminologie jene extrem rationalistische Richtung, die wir in ihren Vorstufen bereits kennen gelernt haben: der einflußreichste Repräsentant dieser ersten Aufklärungsetappe war in England Locke, in Frankreich Voltaire, in Deutschland Wolff. Auch die Bezeichnung »Klassizismus« dürfte kaum Mißverständnissen ausgesetzt sein. Der Ausdruck »Revolution« bedarf jedoch einer Erklärung. Wir fassen nämlich unter diesem Generalnenner alle jene Bewegungen zusammen, die sich gegen das Herrschende, Eingelebte, Bisherige richten, einerlei ob sie sich auf das Gebiet der Politik, der Kunst oder der Weltanschauung erstrecken; ihre Ziele sind: Neuordnung des Staats und der Gesellschaft; Verbannung jeglicher ästhetischen Regel; Entthronung des Verstandes durch das Gefühl, und dies alles im Namen der Rückkehr zur Natur; wären nicht Zweideutigkeiten zu befürchten, so könnte man diese ganze Strömung auch die naturalistische oder die aktivistische nennen. Um nun das Verhältnis zwischen diesen drei Grundrichtungen klarzustellen, müssen wir zu einer anderen geologischen Parallele greifen. Man unterscheidet bekanntlich »geschichtete« und »massige« Formationen: die ersteren zeigen verschiedene Gesteine wie in Stockwerken übereinandergelagert, die letzteren bilden einen Block, in dem allerlei Felsarten durcheinander gemischt sind. Es verhielt sich nun in unserem Falle keineswegs so, daß die dreierlei Vorstellungsmassen sedimentär angeordnet waren, so daß erst die Aufklärungsschicht gekommen wäre, dann die revolutionäre Schicht, schließlich die klassizistische, wie etwa bei einem Berge Sandstein, Schiefer und Kalkstein aufeinander folgen; vielmehr trat das ein, was der Petrograph als »durchgreifende Lagerung« bezeichnet: der ganze Zeitraum war von aufklärerischen, revolutionären, klassizistischen Tendenzen durchsetzt. Nur höchstens so viel ließe sich behaupten, daß für die Aufklärung die Jahre von der Mitte des Jahrhunderts bis ungefähr 1770 das stärkste und weiteste Machtgebiet bedeutet haben, daß sie in dem darauffolgenden Vierteljahrhundert (etwa zwischen 1770 und 1795) von der revolutionären Strömung in der Vorherrschaft abgelöst wurde und daß in den beiden letzten Jahrzehnten des Zeitraums (von 1795 bis 1815) der Klassizismus zum vollen Sieg gelangte; oder, um in unserem Bild zu bleiben: in jeder Gebirgspartie überwiegt eine andere der drei Gesteinsarten, aber alle drei gehen durch den ganzen Stock. Schon am Anfang der Periode tritt jede der drei Bewegungen mit einer entscheidenden und richtunggebenden Tat hervor: die »Encyclopédie«, der Mauerbrecher der französischen Aufklärung, beginnt kurz nach der Mitte des Jahrhunderts zu erscheinen, Rousseaus »Contrat social«, der Code der französischen Revolution, tritt ein Jahr vor der Beendigung des Siebenjährigen Krieges an die Öffentlichkeit, Winckelmanns Kunstgeschichte, die Bibel des Klassizismus, wird ein Jahr nach dem Friedensschluß publiziert; und andrerseits kulminieren alle drei Bewegungen erst am Ende des Zeitraums: die Aufklärung in Kant, die Revolution in Napoleon, der Klassizismus in Goethe. Auf dem Gebiet der politischen Geschichte macht das Weltereignis der Französischen Revolution eine deutliche Zäsur, die die Periode in zwei ziemlich verschiedene Hälften teilt. Wir werden den Gang unserer Erzählung zunächst nicht über diesen Grenzstein hinausführen und nur auf dem Gebiet der Naturforschung zur Vermeidung späterer Wiederholungen unsere Betrachtung bis zum Ende des Jahrhunderts erstrecken. Der erste Weltkrieg Der Siebenjährige Krieg bedeutete für Europa ein Doppeltes: erstens bot er, indem er Friedrich dem Großen Gelegenheit gab, seine Genialität aufs glänzendste zu entfalten, den Völkern ein Schauspiel, wie sie es seit Jahrhunderten nicht erlebt hatten; sodann war er aber auch der erste Weltkrieg im modernen Sinne, denn er wurde gleichzeitig in vier Weltteilen geführt und das eigentliche Kampfobjekt waren die Kolonien: während man um einige preußische Länderfetzen zu streiten glaubte, ging es in Wahrheit um unermeßlich reiche und ausgedehnte Gebiete in Ostindien und Nordamerika. Kanada wurde bei Roßbach erobert: ein Zusammenhang, den jedoch nur die englischen Staatsmänner voll begriffen. Der Erfinder des Siebenjährigen Krieges ist der österreichische Minister Graf Kaunitz, der gegen Preußen eine ähnliche Einkreisungspolitik betrieb wie anderthalb Jahrhunderte später Eduard der Siebente gegen Deutschland. Ursprünglich Befürworter des endgültigen Verzichts auf Schlesien, erblickte er später seinen Lebensinhalt im » abaissement « Preußens und dessen diplomatischer Vorbereitung: sein Plan, den er die »große Idee« nannte und mit unerschütterlicher Zähigkeit verfolgte, war die Vereinigung Österreichs, Rußlands und Frankreichs gegen Friedrich den Großen. Er war mehrere Jahre als Gesandter am Hof von Versailles tätig gewesen und dort ein solcher Gallomane geworden, daß er so tat, als ob er deutsch nur radebrechen könne. Gegen die drohende Umfassung durch die Großmächte schloß Friedrich 1756 mit England die »Westminsterkonvention«, in der beide Mächte sich verpflichteten, den Einmarsch fremder Truppen in deutsches Gebiet mit vereinigten Streitkräften zu verhindern. Dieser reine Defensivvertrag führte zum Abschluß des französisch-österreichischen Bündnisses, das von Seiten Frankreichs, das dabei nur verlieren konnte, ein beispielloser, nur durch die chaotischen Regierungsverhältnisse erklärlicher Nonsens war. Auf den außereuropäischen Kriegsschauplätzen standen sich als Hauptgegner England und Frankreich gegenüber, dem auf Grund des »bourbonischen Familienpakts« Spanien an die Seite trat. Die englischen Streitkräfte waren fast überall siegreich. Im Frieden von Paris zedierte Frankreich an England Kanada und die östliche Hälfte von Louisiana, während die westliche an Spanien fiel, und wurde somit vollständig aus Amerika verdrängt; ferner das Gebiet am Senegal, das es aber zwanzig Jahre später im Frieden von Versailles wieder zurückerhielt; in Ostindien wurde der alte Besitzstand wiederhergestellt, aber Frankreich verzichtete auf militärische Niederlassungen, was soviel wie die britische Alleinherrschaft bedeutete. Im übrigen war England ein sehr egoistischer und unzuverlässiger und sogar perfider Bundesgenosse Preußens: sowohl Georg der Zweite wie Georg der Dritte waren Friedrich dem Großen persönlich abgeneigt. Nur William Pitt, der große imperialistische Staatsmann, dem England alle Erfolge in diesem Kriege verdankte, unterstützte Preußen im wohlverstandenen englischen Interesse, wurde aber später von dem preußenfeindlichen Lord Bute gestürzt. Die Haltung Rußlands wurde in allen Phasen des Kampfes nur durch die subjektiven Gefühle seiner Herrscher bestimmt: Elisabeth haßte Friedrich, der sie eine gekrönte Hure genannt hatte, und griff daher sogleich in den Krieg ein; Peter der Dritte war ein glühender Bewunderer des Königs und verbündete sich mit ihm; Katharina die Zweite hatte für ihn weder Abscheu noch Verehrung und blieb daher neutral. Auch Schweden war, durch die Hoffnung auf Rückgewinn gelockt, der Koalition beigetreten, blieb aber untätig; das Reich erklärte sich ebenfalls gegen Friedrich, brachte jedoch nur eine elende Armee zusammen, die dem Bund mehr schadete als nützte; Sachsen lauerte unter heuchlerischen Neutralitätsversicherungen auf den Moment des Eingreifens, wurde aber von Friedrich sogleich beim Ausbruch der Feindseligkeiten besetzt und während des ganzen Krieges als preußisches Gebiet behandelt. Was Maria Theresia anlangt, so hat sie in diesem Kampfe nur antideutsche Ziele verfochten: hätten die »Einkreisungsmächte« gesiegt, so wäre Ostpreußen russisch, Pommern schwedisch und Belgien, das die Kaiserin bereitwillig ausgetauscht hätte, französisch geworden, nur damit Schlesien wieder österreichisch, das heißt: halb slawisch werde. Die drei Krisen des Siebenjährigen Kriegs Friedrichs ebenso einfacher wie genialer Plan war der »Stoß ins Herz« Österreichs, ehe Rußland und Frankreich fertig oder auch nur entschlossen wären. Zu diesem Zweck rückte er in Sachsen ein und schlug die zum Entsatz herbeigeeilte österreichische Armee bei Lobositz, wodurch das Land verloren ging und als sehr wertvolle Operationsbasis in seinen dauernden Besitz gelangte. Im Frühling des nächsten Jahres zog er den Österreichern bis in die Nähe von Prag entgegen, wo sie, nachdem seine Infanterie schon zu weichen begonnen hatte, durch die Verve der Kavallerie und den Opfertod Schwerins eine entscheidende Niederlage erlitten. Der Sommer aber brachte drei Mißerfolge: Friedrich war so unvorsichtig, Daun in fast uneinnehmbarer Stellung bei Kolin anzugreifen, und mußte, unter fürchterlichen Verlusten zurückgehend, Böhmen aufgeben, wodurch sein ganzes ursprüngliches Konzept in sehr ungünstiger Weise verschoben wurde; die Engländer wurden bei Hastenbeck von den Franzosen geschlagen, die Hannover besetzten und sich mit dem Reichsheer vereinigten; die Russen siegten bei Großjägersdorf. Damit war die konzentrische Erdrückung, auf die es die Koalition abgesehen hatte, fast zur Wirklichkeit geworden und der Krieg in seine erste Krise getreten. Aber Friedrich gab die Partie noch nicht auf und warf sich mit unglaublicher Tatkraft, Umsicht und Schnelligkeit jedem einzelnen seiner Feinde vernichtend entgegen: den Franzosen bei Roßbach, den Österreichern bei Leuthen und den Russen bei Zorndorf; diesen drei glänzenden Siegen folgte allerdings die Niederlage bei Hochkirch durch Laudon und Daun, von der er sich aber sehr rasch erholte. Das vierte Kriegsjahr hingegen brachte die zweite große Krise durch drohende gänzliche Erschöpfung: die Schlacht von Kunersdorf gegen die Russen und Österreicher, in ihrer ersten Hälfte bereits gewonnen, ging vollständig verloren, und bei Maxen kapitulierte General Finck mit dreizehntausend Mann. Wiederum aber gelang es Friedrich, sich durch überraschende Erfolge zu restaurieren, indem er Laudon bei Liegnitz und Daun bei Torgau schlug. Im Jahr 1761 versetzte ihn jedoch der Rücktritt Pitts in die dritte und gefährlichste Krise, aus der ihn nur der Tod der Zarin Elisabeth befreite. Eine neuerliche Niederlage der Österreicher bei Burkersdorf, der Friedensschluß zwischen England und Frankreich und die drohende Haltung der Türkei zwangen endlich Maria Theresia zum Frieden von Hubertusburg, aus dem sie als einzigen Gewinn die Zusage der preußischen Kurstimme für die Kaiserwahl ihres Sohnes davontrug. Die friderizianische Großmacht Die Tatsache, daß Friedrich sich in diesem Verteidigungskampfe behauptete, findet in seinen außerordentlichen strategischen und organisatorischen Fähigkeiten keine zureichende Begründung; sie läßt sich nur mystisch erklären: aus der tiefen Angst aller Mediokritäten vor dem Genius, die sich scheut, zum letzten Schlag auszuholen, und aus der Kraft des Genius, die Realität seinem Willen zu unterwerfen und nach seinem Bilde zu formen. Was wir »Ereignisse« nennen, sind im Grunde, und zumal beim schöpferischen Menschen, nichts als Verlängerungslinien der Persönlichkeit, in die Außenwelt projizierte, zu Tatsachen geronnene Charaktereigenschaften. Das Genie schreitet durch die Welt als rätselhaftes Fatum und Ausstrahlung einer überweltlichen anonymen Kraft, die ihm selbst nicht selten Schauder einflößt: so haben Goethe und Nietzsche, Michelangelo und Beethoven sich auf gewissen Höhepunkten ihres Lebens empfunden; so hat das Volk stets seine großen Helden angeschaut; die letzte dieser Legendengestalten, die Europa erlebt hat, war Bismarck. Was man Macht nennt, Macht über Menschen und Dinge, Völker und Erdteile, fließt aus dieser Quelle: es hat in jenem achtzehnten Jahrhundert niemals eine preußische Großmacht gegeben, sondern immer nur eine friderizianische, und um die Wende des Jahrhunderts keine französische Übermacht, sondern bloß eine napoleonische, wie ja auch ein richtiger Instinkt der Geschichte das römische Weltreich das cäsarische und die griechische Weltkultur die alexandrinische genannt hat. Wie fast alle großen geschichtlichen Persönlichkeiten steht Friedrich an der Wegscheide zweier Zeitalter, indem er das eine abschließt, das andere eröffnet: in ihm vereinigt sich der Absolutismus und die Artistik des Rokoko mit dem Liberalismus und der Naturalistik der Aufklärung. Doch hat er nur auf die französische Aufklärung direkt eingewirkt, auf die deutsche, deren Hauptquartier Berlin wurde, nur indirekt durch den allgemeinen geistigen Auftrieb, der von seiner Persönlichkeit ausging. Was ihn an der französischen Kultur am stärksten anzog, waren gerade ihre undeutschen Elemente: ihr spielerischer Witz, dem die Tiefe, aber auch die Schwere fehlt, ihr kühler und heller Skeptizismus, der an nichts glaubt als an sich selbst, ihr alles penetrierender Esprit, den sie mit dem Mangel an naiver Schöpferkraft bezahlt. Es ist begreiflich, daß ihm die Wahl zwischen Voltaire und Nicolai, Diderot und Ramler nicht schwerfiel und daß er für so durchaus neue Phänomene wie den »Götz« und die »Räuber« oder gar die Vernunftkritik in seinem Alter kein Verständnis mehr aufbrachte; aber es ist sonderbar, daß er auch zu Lessing niemals eine Beziehung fand, mit dem er so vieles gemeinsam hatte. Denn im Grunde hat dieser auf seinem Gebiet ähnliches vollbracht wie der König: er hat, nach mehreren Fronten zäh und erfindungsreich kämpfend, sich siegreich behauptet und das Reich, in dem er herrschte, zu einer europäischen Großmacht erhoben. Philantropie der Worte Es wäre ein großer Irrtum, wenn man glauben wollte, daß es während der französischen Aufklärung bereits einen zielbewußten Kampf gegen die Aristokratie und das Königtum gegeben habe; das Angriffsobjekt war vielmehr zunächst fast ausschließlich die Kirche. Ein politisch erfahrener und geschulter Kopf hätte allerdings bereits in dieser Form der Opposition die Anzeichen einer allgemeinen Revolution erblicken können; aber die damaligen französischen Adeligen hatten keinen Begriff vom Leben der Nation und den bewegenden Kräften der Geschichte. Und vor allem hatten sie keinen Begriff vom Geld: die stärkste Macht der modernen Zivilisation war ihnen unbekannt. In einem Zeitalter, das im Begriff stand, die religiösen und politischen Kämpfe durch ökonomische abzulösen, waren sie auf wirtschaftlichem Gebiet nicht nur unfähig, sondern geradezu ungebildet. Sie wußten nur, daß Geld nötig sei, um es wieder auszugeben. Geld war nötig, das Nötige aber für sie das Selbstverständliche; Geld war für sie wie Luft, ebenso unerläßlich zum Leben, aber offenbar ebenso leicht zu beschaffen und daher ebenso wertlos. Bis in die letzten Jahrzehnte vor der Revolution herrschte zwischen Regierung und Volk äußerlich das schönste Einvernehmen. Bei der Thronbesteigung Ludwigs des Sechzehnten währten die ununterbrochenen Hochrufe auf den König von sechs Uhr morgens bis Sonnenuntergang; als der Dauphin geboren wurde, umarmten sich fremde Menschen auf offener Straße. Wenn auf der Bühne von Fürstentugenden die Rede war, applaudierte das Volk; wenn von Volkstugenden die Rede war, applaudierte der Adel. Es war eine große Komödie der sentimentalen Verbrüderung, der warmen Worte und verschwommenen Gefühle, ohne daß jemand daran gedacht hatte, aus seinen edeln Gesinnungen die geringsten praktischen Konsequenzen zu ziehen: es war mit einem Wort Philanthropie . Die bureaux d'esprit Auch die Aufklärungsbewegung wurde von der französischen Aristokratie nur als eine Art Amateurtheater angesehen, das ihrer Geselligkeit einen neuen pikanten Inhalt verleihen sollte; die Gefährlichkeit dieses Spiels bemerkte niemand. Die Bizarrerie hat für den Franzosen immer einen großen Reiz besessen, und was konnte paradoxer und origineller sein als ein Kleriker, der an Gott zweifelte, oder ein Edelmann, der sich als Demokrat kostümierte? Die Keimzellen der großen revolutionären Literatur, die man die enzyklopädistische zu nennen pflegt, sind in jenen geistreichen Assembleen zu suchen, die man anfangs ironisch, später mit Anerkennung als bureaux d'esprit bezeichnete. Den ersten dieser Salons hatte Madame de Tencin, eine Dame von sehr bewegter Jugend, die sie zur Mutter mehrerer illegitimer Kinder gemacht hatte; unter diesen befand sich auch d'Alembert, den sie gleich nach seiner Geburt aussetzte; erst als er berühmt geworden war, suchte sie sich ihm wieder zu nähern, er wies sie aber mit Verachtung zurück und lebte weiter mit seiner Pflegemutter, einer einfachen Frau aus dem Volke, die seine Kindheit in rührender Weise betreut hatte. Einer ihrer Geliebten war Law, der ihr zu einem großen Vermögen verhalf, da sie die Mississippiaktien noch rechtzeitig vor dem Krach verkaufte. Als sie ihren Salon eröffnete, war sie bereits fünfundvierzig Jahre alt und ziemlich dick. Sie vertrat jedoch noch nicht die freigeistige Richtung, sondern unterhielt lebhafte Beziehungen mit den Jesuiten und dem Papst Lambertini, von dem wir schon gehört haben. Ihre Nachfolgerinnen waren Madame Geoffrin, eine Dame von liebenswürdigsten und anregendsten geselligen Talenten, und Madame du Deffand, die einen außerordentlichen Verstand mit großem Egoismus vereinigte. Ihre Gesellschafterin war ein armes Fräulein de l'Espinasse, die, ohne schön zu sein, einen großen geistigen Reiz auf die Gäste auszuüben verstand. Dies erweckte die Eifersucht ihrer Herrin, die sie eines Tages entließ; aber nun eröffnete sie in einer bescheidenen Wohnung einen eigenen Jour, und es gelang ihr mit Hilfe d'Alemberts, der zeitlebens für sie eine zärtliche Freundschaft hegte, fast alle Stars zu sich herüberzuziehen. Großes Ansehen genossen auch die Salons der Gönnerin Rousseaus, Madame d'Epinay, der Ministersgattin Madame Necker und der berühmten Schauspielerin Quinault. Die Encyclopédie Das Monumentalwerk, das den Titel »Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des Sciences, des Arts et des Métiers« führte, begann im Jahre 1751 zu erscheinen; 1772 belief es sich auf achtundzwanzig Bände, in denen alle Fragen der Philosophie und Religion, Literatur und Ästhetik, Politik und Ökonomie, Naturwissenschaft und Technik in alphabetischer Anordnung und an der Hand prachtvoller Kupfer aufs gründlichste und anziehendste erörtert waren. Ein Wörterbuch, von Natur die trockenste und toteste aller geistigen Unternehmungen, nicht bloß belehrend und aufklärend, sondern auch unterhaltend, überzeugend und spannend zu gestalten: diese Kunst haben nur die Franzosen besessen. Der Hauptzweck des Werks war aber noch ein ganz anderer: es war nichts Geringeres als ein riesiges Arsenal aller subversiven Ideen, die im Laufe der letzten Generationen ans Licht getreten waren. Hierbei befolgten die Verfasser eine sehr geschickte und listige Taktik. In Artikeln, hinter denen man Anstößiges wittern konnte, wie »Seele«, »Willensfreiheit«, »Unsterblichkeit«, »Christentum«, trugen sie die rechtgläubigen Lehren vor, während sie an ganz anderen Stellen, wo niemand solche Auseinandersetzungen vermutete, die entgegengesetzten Prinzipien mit einer Fülle von Argumenten entwickelten und zugleich durch versteckte Hinweise, die aber der eingeweihte Leser sehr bald verstehen lernte, die Verbindung herstellten. Diderot Die Seele des ganzen Unternehmens war Denis Diderot, der als Gelehrter Solidität mit Eleganz zu vereinigen wußte und als Schriftsteller eine stupende farbensprühende Vielseitigkeit entwickelte. Er war ein unübertrefflicher Meister im philosophischen Dialog, daneben Dramatiker, Erzähler, Kunstkritiker, Mathematiker, Nationalökonom, Technolog und vor allem ein edler und aufopferungsvoller, seiner Mission begeistert ergebener Charakter. Seine Weltanschauung, die erhebliche Entwicklungsschwankungen durchmachte, war im wesentlichen eine Art »Monismus«, der sich alles aus Materie zusammengesetzt, diese aber beseelt dachte: » la pierre sent «. Mit seinen beiden Dramen »Le fils naturel ou les épreuves de la vertu« und »Le père de famille« wurde er für Frankreich einer der Hauptvertreter des bürgerlichen Rührstücks, das, wie wir bereits erwähnt haben, aus England stammte und später in Deutschland durch Iffland, Schröder und Kotzebue sein stärkstes Verbreitungsgebiet fand. Es ist unverkennbar, daß der Kultus dieses neuen Genres, für das Diderot auch in programmatischen Schriften eintrat, mehr politischen als ästhetischen Antrieben seine Entstehung verdankte. Man entdeckte oder glaubte zu entdecken, daß im »Volk« und im Bürgertum mehr Tugend und Tüchtigkeit, Edelmut und Menschlichkeit zu finden sei als bei den Privilegierten; allein man vergaß, daß dies für den Bühnendichter eine völlig gleichgültige Entdeckung ist. Menschen, die auf den sozialen Höhen wandeln, sind fast immer dramatisch ergiebiger und theatralisch interessanter als Bürger oder gar Bauern, aus dem sehr einfachen Grunde, weil sie mehr erleben. Tatsächlich brachte es ja auch die poetische Revolution jener Zeit, die sich von den Königen und großen Herren abwandte, nur zum kalten und künstlichen Melodram. Es kann doch wohl kein Zufall sein, daß die Theaterdichtung sich auf den Gipfelpunkten ihrer Entwicklung allemal jenseits der bürgerlichen Sphäre etabliert hat. Die antike Tragödie spielt zwischen Heroen, Königen und Göttern, niemals im Volk, das sie in den Chor verweist. Die shakespearische Tragödie bewegt sich unter Fürsten und Adeligen, und dasselbe gilt vom Drama der deutschen Klassiker, selbst von »bürgerlichen Trauerspielen« wie »Kabale und Liebe« und »Emilia Galotti«, die in Wirklichkeit Hofdramen sind. Die Domäne des Bürgerlichen ist der Roman und die Komödie . Aristophanes, Molière und der Komiker Shakespeare haben dieses Milieu mit derselben wohlerwogenen Absichtlichkeit aufgesucht, mit der Sophokles, Racine und der Tragiker Shakespeare es flohen. Ibsen, vielleicht das stärkste Komödientalent aller Zeiten, ist zugleich der Schöpfer des großen bürgerlichen Dramas, zu dem sich alle früheren Versuche nur wie unvollkommene Vorstufen verhalten; seine wenigen Tragödien jedoch: die »Kronprätendenten«, »Kaiser und Galiläer«, »Frau Inger auf Östrot« handeln von der »Königsmaterie« (wie der richtige Titel seiner »Kronprätendenten« lautet). Neben ihm sind die zwei leuchtkräftigsten Theatersterne des neunzehnten Jahrhunderts Richard Wagner und Heinrich von Kleist: sowohl der eine wie der andere hat nur ein einziges Stück geschrieben, das in bürgerlichen Kreisen spielt und das zugleich sein einziges Lustspiel ist: Kleist den »zerbrochenen Krug«, Wagner die »Meistersinger«. Diese Zusammenhänge mußten Batteux, Diderot und ihren Schülern um so leichter entgehen, als sie den Standpunkt des extremen Naturalismus einnahmen, vor dem allerdings Unterschiede der Höhe und Tiefe des Kunstinhalts fast völlig verschwinden. Ihre Theorien waren ein Rückschlag gegen die überspitzte Künstlichkeit des Rokokos. Die Kunst soll jetzt auf einmal wieder pure Nachahmung sein, trockene, leere, sterile Wiederholung der Natur, womit sie, wenn es ihr jemals gelänge, offenbar aufhören würde, Kunst zu sein. Im übrigen aber pflegen solche Programme für den Wert der Produktion, ja sogar der Kritik, die aus ihnen hervorgeht, nicht bestimmend zu sein. Man kann über das Wesen der Kunst die schönsten und treffendsten Ansichten haben und sich in dem Augenblick, wo man in die Lage kommt, sie auf einen konkreten Fall anzuwenden, als amusischer Philister entpuppen; und man kann höchst banausischen Prinzipien huldigen und dabei doch ein Mensch voll Phantasie, Geschmack und feinstem Einfühlungsvermögen sein, wie es Diderot war. Seine pedantische und kunstfeindliche Natürlichkeitsforderung hat ihn nicht im geringsten gehindert, in der Beurteilung und Schilderung der Einzelheiten eines Kunstwerks die glänzendste Begabung zu entfalten: seine Bemerkungen über Bilder, über Schauspielkunst, über Technik des Dramas sind lauter Volltreffer, Höchstleistungen einer schöpferischen Kunstkritik. Als zweiter Herausgeber der Enzyklopädie zeichnete d'Alembert, der die mathematischen Artikel und eine ausgezeichnete Vorrede schrieb, sich aber später von dem Unternehmen zurückzog, weil der radikale Materialismus Diderots und der meisten übrigen Mitarbeiter weder seiner konzilianten und ein wenig furchtsamen Gemütsart noch seiner streng wissenschaftlichen Denkweise zusagte. Er selbst bekannte sich zu einem Phänomenalismus, der fast wie eine Vorausahnung Kants anmutet und zweifellos höher stand als der naive Dogmatismus der Enzyklopädisten, indem er erklärte, er fühle sich zu der Annahme gedrängt, »daß alles, was wir sehen, nur Sinneserscheinung ist; daß es nichts außer uns gibt, das dem, was wir zu sehen glauben, entspricht«. Die Materialisten Das grundlegende Werk des französischen Materialismus, der berüchtigte »Homme machine« von Lamettrie, war schon drei Jahre vor der Enzyklopädie erschienen: es nimmt seinen Ausgang von der cartesianischen Lehre, daß die Tiere Automaten seien, die, wie es behauptet, allein schon hingereicht hätte, Descartes zum großen Philosophen zu machen, und versucht nun in mehr rhetorischer als wissenschaftlicher Form nachzuweisen, daß auch der Mensch nichts anderes sei als ein höchst komplizierter Mechanismus: er verhalte sich zu den Tieren wie eine Planetenuhr von Huygens zu einem gemeinen Uhrwerk. Das Buch hatte eine enorme Wirkung, obgleich niemand wagte, seinen Thesen offen zuzustimmen, und setzte Lamettrie der allgemeinen Verfolgung aus. Nur Friedrich der Große gewährte ihm Schutz, indem er ihn als Arzt und Vorleser nach Berlin berief: dort starb er einige Jahre später an dem Genuß einer ganzen Trüffelpastete, zur großen Genugtuung der Reaktionäre, die sich beeilten, die Art seines Todes als warnendes Argument gegen seine Weltanschauung auszuspielen, als ob das Verzehren zu großer Pasteten eine charakteristische und natürliche Folge des Materialismus sei. Einen extremen Sensualismus vertrat Condillac in seinem 1754 erschienenen »Traité des sensations«. Nach ihm sind unsere Gefühle, Urteile und Handlungen, überhaupt alle seelischen Produkte bis hinauf zu den höchsten Ideen nichts als Nachwirkungen unserer Sinneseindrücke; alle psychischen Tätigkeiten sind umgeformte Empfindungen, alles Geistesleben ist Sinnesleben; alle Neigungen, auch die sittlichsten, stammen aus der Selbstliebe. Vier Jahre darauf bemühte sich Helvetius, ein mittelmäßiger und eitler Mensch, im übrigen aber ein untadeliger und sogar altruistischer Charakter, in seiner Abhandlung »De l'esprit« diese Gedanken, besonders soweit sie das Gebiet der Moral berührten, überzeugender auszuspinnen: wie in der physischen Welt die Bewegung, so bilde in der moralischen Welt das Interesse das gesetzgebende Element. Das Buch machte ungeheures Aufsehen, denn es traf den geheimen Nerv der Zeit: »C'est un homme« , sagte Madame du Deffand von Helvetius, »qui a dit le secret de tout le monde .« Von Condillac leitet sich der gesamte naturwissenschaftliche Materialismus des neunzehnten Jahrhunderts her; das Bindeglied bildet Cabanis, ein Schüler Condillacs, dessen Lehre in dem Satz gipfelt: » Les nerfs, voilà tout l'homme .« Seine Bemerkung: »Das Gehirn dient zum Denken wie der Magen zur Verdauung und die Leber zur Gallenabsonderung: die Nahrungsmittel setzen den Magen in Tätigkeit und die Eindrücke das Gehirn«, ein zweifellos geistreicher Witz, hat in Deutschland einige Jahrzehnte später eine ganze Literatur von Traktaten hervorgerufen, die ebenso oberflächlich, aber nichts weniger als witzig und geistreich sind. Nicht ganz so weit links wie Condillac stand Robinet, der im Anschluß an Diderot die allgemeine Beseeltheit der Materie: der Pflanzen, der Minerale, der Atome, der Planeten lehrte. Einen langjährigen Sammelpunkt fanden die Enzyklopädisten in den berühmten Diners des reichen pfälzischen Barons Holbach, die zweimal wöchentlich um zwei Uhr stattfanden und fast alles vereinigten, was an einheimischen und ausländischen Zelebritäten sich in Paris aufhielt: man nannte ihn nach einem Wort des Abbé Galiani den » maître d'hôtel de la philosophie «. Von ihm stammte der Katechismus der materialistischen Weltanschauung: »Système de la nature ou des lois du monde physique et du monde moral«, worin er mit deutscher Gründlichkeit alle Thesen und Argumente seines Kreises darlegte und zusammenfaßte. Das Buch erschien 1770 anonym und galt lange Zeit für ein Kollektivwerk. Nichts, heißt es darin, ist vorhanden als die ewige durch sich selbst existierende Materie, aus der alles stammt und in die alles zurückkehrt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung angelangt, nimmt sie Leben und Bewußtsein an: der Mensch ist zum Empfinden und Denken organisierte Materie. Nur aus Unkenntnis der Natur und Mangel an Erfahrung hat der Mensch sich Götter gemacht, die seine Furcht und Hoffnung erregen. Die Natur, nach unverbrüchlichen Gesetzen erzeugend und vernichtend, Gutes und Übles austeilend, kennt weder Liebe noch Haß, sondern nur die unendliche und ununterbrochene Kette von Ursachen und Wirkungen. Ordnung und Unordnung sind nicht in der Natur, sondern reinmenschliche Begriffe, die wir in sie hineingetragen haben: das All hat zum Zweck nur sich selbst. Gleichwohl soll der Mensch tugendhaft sein, und zwar aus Klugheit, denn die anderen begünstigen mein Glück nur, wenn ich das ihrige nicht beeinträchtige, und selbst die verkannte Tugend macht ihren Träger noch immer glücklich durch das Bewußtsein, der Gerechtigkeit gedient zu haben. Wie man sieht, fordert Holbach, obgleich er dem Weltgeschehen moralische Absichten und Endzwecke abspricht, für die menschliche Lebensführung eine zwar platte und bloß vom Verstand diktierte, aber durchaus lautere Moralität; und dasselbe gilt von fast allen anderen Enzyklopädisten. Es lag nahe, die bestehenden Staats- und Gesellschaftsformen sowohl vom moralischen wie vom naturwissenschaftlichen Standpunkt einer ebenso radikalen Kritik zu unterziehen wie die herrschenden theologischen und philosophischen Lehren; aber hierzu wurden vorläufig nur vereinzelte Ansätze gemacht. 1755 versuchte der Abbé Morelly in seinem »Code de la nature« den Nachweis, daß das Privateigentum, das der Eigennutz erzeugt habe, die Quelle alles Streits und Unglücks sei, und entwarf auf dieser Grundlage ein vollständiges kommunistisches Programm: die Nation soll in Provinzen, Städte, Stämme, Familien gegliedert werden; Grund und Boden und sämtliche Arbeitswerkzeuge sollen gemeinsames Eigentum aller sein; der Staat überweist den einzelnen Bürgern die Arbeit nach Maßgabe ihrer Arbeitskraft, den Ertrag nach Maßgabe ihrer Bedürfnisse. Und 1772 schrieb Mirabeau seinen »Essai sur le despotisme«, worin er ausführt, daß der König nicht mehr sei als der erste Beamte, »le premier salarié« , das Haupt, nicht der Herrscher des Volkes, das für bestimmte Arbeiten angestellt und bezahlt werde und, wenn es sie nicht leiste oder gar seine Stellung mißbrauche, jederzeit abgesetzt werden könne. Epigenesis und Neptunismus In engem Zusammenhang mit der Ausbreitung der materialistischen Ideen stand die Entwicklung der Naturwissenschaften, so daß es schwer zu sagen ist, welche dieser beiden Erscheinungen die Ursache und welche die Wirkung war. Daß eine Blüte der exakten Forschung nicht notwendig zur Abwendung vom Spiritualismus führen muß, zeigt das siebzehnte Jahrhundert, das von Descartes und Leibniz beherrscht war. Aber es bestand ein entscheidender Unterschied: damals standen Mathematik und theoretische Physik im Vordergrund, die in ihrem Grundwesen idealistische Wissenschaften sind, während erst jetzt die rein empirischen Disziplinen sich anschickten, das Hauptinteresse für sich in Anspruch zu nehmen. Was zunächst die Theorien anlangt, so behaupteten sich auch die älteren von ihnen noch sehr lange und machten nur zögernd moderneren Auffassungen Platz. Albrecht von Haller vertrat mit der ganzen Wucht seiner Autorität die von Harvey begründete Präformations- oder Einschachtelungstheorie, nach der sich der ganze Organismus mit allen künftigen Geschlechtern bereits im Ei im »eingewickelten« Zustand befinden soll. Gegen sie setzte Kaspar Friedrich Wolff 1759 in seiner »Theoria generationis« die Lehre von der Epigenesis: diese betrachtet die Entstehung der Organismen als einen Wachstumsprozeß, der teils durch die Stammesgeschichte, teils durch latente erbliche Dispositionen, teils durch äußere mechanische Ursachen bestimmt wird. Durch die experimentellen Untersuchungen, die er zur Erhärtung dieser Hypothese machte, wurde er der Begründer der wissenschaftlichen Embryologie. Obgleich seine Annahme die plausiblere und viel leichter vorstellbare war, fand sie doch zunächst wenig Glauben; sie mußte aber schließlich siegen, weil in ihr eine der leitenden Ideen des Zeitalters lebte, nämlich der Entwicklungsgedanke: aus ihr spricht derselbe Geist, der zwanzig Jahre später Lessing dazu bestimmte, die Geschichte der Religionen als eine stufenweise Evolution zu immer reineren und angemesseneren Gottesvorstellungen aufzufassen, und Kant sein großartiges System konzipieren ließ, wonach die ganze Welt sich aus den Bedingungen unserer Vernunft entwickelt. Auch der Geologie begann man erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Hier herrschte die »neptunistische« Lehre, vertreten von Abraham Gottlob Werner, der seit 1775 an der Bergakademie in Freiberg als gefeierter Lehrer wirkte: sie erklärte alle oder doch die meisten Veränderungen der Erdrinde aus der Einwirkung des Wassers. Werner versuchte auch als einer der ersten eine Einteilung der Mineralien ausschließlich nach ihrer chemischen Zusammensetzung, ohne darüber die äußeren Merkmale zu vernachlässigen. Novalis, der noch sein Schüler war, sagte über ihn: »In große bunte Bilder drängten sich die Wahrnehmungen seiner Sinne: er hörte, sah, tastete und dachte zugleich ... er spielte mit den Kräften und Erscheinungen, er wußte, wo und wie er dies und jenes finden konnte.« Auch wider den Neptunismus erhob sich im »Plutonismus«, den James Hutton begründete, eine gegensätzliche Theorie, die sich ebenfalls erst viel später durchsetzte: sie erblickte die Hauptursache der geologischen Veränderungen im Feuer, nämlich in den vulkanischen Reaktionen des glutflüssigen Erdinnern gegen die bereits erstarrte Kruste. In einer prachtvoll gegliederten Sprache voll Glanz und Energie brachte Buffon die bisherigen Ergebnisse zumal der beschreibenden Naturwissenschaften zur Darstellung; er hat besonders als Schriftsteller auf seine Zeitgenossen die größte Wirkung geübt. Neue Chemie Die entscheidendsten Veränderungen aber vollzogen sich in der Chemie und in der Elektrizitätskunde. Bisher hatte auf beiden Gebieten die Lehre von den Imponderabilien als unumstößliches Dogma gegolten. Man hielt, wie wir uns erinnern, sowohl das Licht wie die Wärme für einen Stoff, und eine ganz analoge Anschauung hatte man auch von der Elektrizität und dem Magnetismus. Daß bei allen diesen Vorgängen keine Gewichtszunahme stattfindet, erklärte man mit der »Unwägbarkeit« dieser Materien. Nun machte Lavoisier fast gleichzeitig mit dem Engländer Priestley und dem Schweden Scheele die Entdeckung, daß die Luft aus zwei Gasen zusammengesetzt sei, von denen das eine die Ursache der Verbrennung bildet: diesem gab er, weil es außerdem säurebildend wirkt, den Namen Sauerstoff. Im weiteren Verlauf seiner Untersuchungen gelang es ihm, auch die Atmung und die Gärung auf ähnliche Weise zu erklären. Ferner gelangte er gleichzeitig mit Cavendish, dem Entdecker des Wasserstoffs, zur Erkenntnis der Zusammensetzung des Wassers: die ungeheure Rolle, die der Sauerstoff im irdischen Haushalt spielt, war damit in ihren Hauptzügen enthüllt. Die Krönung seiner Forschungen bildete der Kardinalsatz, daß bei allen chemischen Prozessen die Summe der Stoffe eine unveränderliche Größe darstellt. Aber obgleich er den Begriff des Elements theoretisch sehr klar formuliert und durch exakte Messungen auch in der Praxis einwandfrei festgestellt hatte, hielt er trotzdem an der Annahme »unwägbarer Elemente« weiterhin fest und führte in seiner Tabelle der chemischen Elemente den Wärmestoff und den Lichtstoff. Hierin zeigt sich, wie auch die Macht des stärksten Geists der noch stärkeren Macht des Zeitgeists unterworfen ist. Im Begriff des Imponderabeln steckt der Rest von Supranaturalismus, der noch in der Naturanschauung des ganzen achtzehnten Jahrhunderts lebendig war. Der letzte Schritt zum völlig konsequenten Naturalismus, der in den Beobachtungswissenschaften nichts anerkennt, was nicht von den Sinnen konstatiert und kontrolliert werden kann, wurde auch auf der äußersten Linken nur von einigen wirkungslosen Outsidern getan. Nur jene dilettantische Vermengung von philosophischer Spekulation und exakter Forschung hat es ermöglicht, daß der Materialismus in so vielen und selbst in einigen sehr erleuchteten Köpfen des Zeitalters die herrschende Weltanschauung werden konnte. Die Auflösung des Dilemmas brachte erst Kant, indem er nachwies, daß es sich hier um zwei gänzlich verschiedene Wirkungssphären der menschlichen Vernunft handelt, die beide nur dann im richtigen Geiste erfaßt werden können, wenn sie gänzlich getrennt behandelt werden. Wer freilich nach Kant noch immer versucht, diese von ihm so klar gezogenen Grenzen zu verwischen oder zu verrücken, und als Naturforscher Metaphysiker, als Metaphysiker Naturforscher sein will, ist nicht mehr ein zeitgebundener Geist wie jene materialistischen Denker der französischen Aufklärung, sondern nur noch ein vorsündflutlicher Schwachkopf. Eine wichtige Erweiterung erfuhr die Elementenlehre Lavoisiers durch Daltons Gesetz der multipeln Proportionen, das dieser ebenfalls der Beobachtung des Sauerstoffs verdankte. Dieses Element besitzt nämlich die Eigenschaft, daß es sich mit fast allen übrigen zu vereinigen vermag, und zwar mit einigen auch in mehreren Atomverhältnissen. Das Gesetz besagt nun, daß in diesen Fällen die verschieden großen Mengen des Elements, die mit demselben Quantum Sauerstoff zusammentreten können, untereinander in einfachen rationalen Zahlenverhältnissen stehen, wie 1:2,2:3,1:4. Ähnliche Verbindungseigenschaften wie der Sauerstoff besitzen noch einige andere Elemente, zum Beispiel der Kohlenstoff und der Wasserstoff. Es war die natürliche Folge dieser Entdeckungen, daß Dalton einer der konsequentesten Vertreter der atomistischen Hypothese wurde, die er auf eine exakte Basis stellte. Sämtliche chemischen Vorgänge sind für ihn nichts als Scheidung und Vereinigung von Atomen. »Wir könnten«, sagt er, »ebensogut versuchen, dem Sonnensystem einen neuen Planeten einzuverleiben oder einen vorhandenen zu entziehen als ein Atom Wasserstoff zu erschaffen oder zu vernichten. Alle Veränderungen, die wir hervorbringen können, bestehen in der Trennung von Atomen, die vorher verbunden waren, und in der Verbindung von Atomen, die bisher getrennt waren.« Alle diese Prozesse beruhen auf dem geheimnisvollen Problem der Wahlverwandtschaft, das von Berthollet zum Gegenstand aufschlußreicher Untersuchungen gemacht wurde und Goethe zu seinem berühmten Roman inspirierte: »In diesem Fahrenlassen und Ergreifen«, heißt es dort, »in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine höhere Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art Wollen und Wählen zu und hält das Kunstwort Wahlverwandtschaften für vollkommen gerechtfertigt . . . Man muß diese tot scheinenden und doch zur Tätigkeit innerlich immer bereiten Wesen wirkend vor seinen Augen sehen, mit Teilnahme schauen, wie sie einander suchen, sich anziehen, ergreifen, zerstören, verschlingen, aufzehren und sodann aus der innigsten Verbindung wieder in erneuter, neuer, unerwarteter Gestalt hervortreten: dann traut man ihnen erst ein ewiges Leben, ja wohl Sinn und Verstand zu.« Galvanische Elektrizität Was die Elektrizität anlangt, so war sie geradezu die Modewissenschaft des Zeitalters. Man betrachtete die neuen elektrischen Apparate als ein originelles und amüsantes Spielzeug, alle Welt machte mit ihnen Experimente, sie fanden sich sogar zwischen den Schminkdosen und Perückenständern der Damenboudoirs. Das bedeutsamste Ereignis auf diesem Gebiet war die Entdeckung der galvanischen oder Berührungselektrizität. Im Jahre 1780 bemerkte Galvani, daß ein frisch präparierter Froschschenkel, den er an seinem Balkon aufgehängt hatte, in Zuckungen geriet, wenn man in seiner Umgebung dem Konduktor Funken entlockte; dasselbe geschah, wenn in der Nähe ein Blitz niederging. Das große Aufsehen, das diese Beobachtung erregte, wurde in erster Linie durch die mysteriöse Erscheinung des zuckenden toten Tierkörpers hervorgerufen, in der die »Animisten« die Äußerung einer geheimen über den Tod hinauswährenden Lebenskraft erblickten; denn die Sehnsucht nach Wundern war, wie wir später hören werden, in diesem rationalistischen Zeitalter durchaus nicht ausgestorben. Schon Galvani aber gelangte im weiteren Verlauf seiner Untersuchungen zu der Feststellung, daß der Froschschenkel nur dann zuckte, wenn der kupferne Haken, der ihn trug, mit dem eisernen Balkongitter in Kontakt trat: dies war anfangs zufällig durch den Wind geschehen und wurde in den späteren Experimenten absichtlich bewirkt. Er schloß daraus auf das Vorhandensein einer »tierischen Elektrizität«. Die richtige Deutung des Vorgangs fand aber erst Volta im Jahre 1794, indem er zeigte, daß dem Froschmuskel nur die Rolle eines Leiters zukomme und der eigentliche elektrische Vorgang zwischen den beiden Metallen stattfinde. Er wies ferner nach, daß hierzu zwei beliebige Metallstücke geeignet seien, aber nur zwei verschiedene, daß diese und der Froschschenkel einen geschlossenen Kreis bilden müssen und daß der Froschschenkel, da das für den Vorgang Wesentliche sein Feuchtigkeitsgehalt sei, durch jede andere Flüssigkeit ersetzt werden könne. Auf Grund dieser Entdeckungen konstruierte er die Voltasche Säule, die aus der Aneinanderreihung zahlreicher solcher Metallpaare gebildet ist, zum Beispiel aus Kupfer und Zinn oder Silber und Zink: verbindet man die Enden oder »Pole« der Säule durch einen Schließungsdraht, so entsteht ein dauernder elektrischer Strom. »Daß das elektrische Fluidum ununterbrochen kreist«, sagt er in seiner Beschreibung der Säule, die er ein »künstliches elektrisches Organ« nannte, »mag paradox und unerklärlich erscheinen. Nichtsdestoweniger verhält es sich tatsächlich so; es läßt sich sozusagen mit Händen greifen.« Astronomie und Mathematik Auf dem Gebiet der Astronomie war das Größte bereits geleistet, und es konnte sich nur noch darum handeln, dem Bild von der Zusammensetzung und Einrichtung des Weltalls einige bedeutsame Einzelzüge hinzuzufügen. 1781 entdeckte Herschel mit seinem Riesenteleskop den Planeten Uranus. Außerdem eruierte er, daß die sogenannten Doppelsterne nicht zufällig benachbart sind, sondern ein »binäres System« bilden, dessen Bewegungen den Gravitationsgesetzen unterliegen, und daß nicht nur die Milchstraße aus zahllosen Sonnen zusammengesetzt ist, sondern auch die »Nebelflecke« nichts anderes sind als ungeheure Sternhaufen, manche von ihnen aber nur aus leuchtenden Gasmassen bestehen und werdende Welten darstellen: eine Bestätigung der kantischen Weltentstehungshypothese. Diese wurde von Laplace weiter ausgebaut, der auch eine Theorie der »Störungen« gab, das heißt: der Abweichungen von der reinen elliptischen Bewegung, die die Himmelskörper durch ihre gegenseitige Anziehung erleiden. 1794 bewies Chladni den kosmischen Ursprung der Meteoriten. Der bedeutendste Mathematiker des Zeitalters ist Leonhard Euler, der, am Hofe Friedrichs des Großen und Katharinas lebhaft gefördert, die Algebra zu einer internationalen mathematischen Zeichensprache erhob, die Variationsrechnung schuf und, allerdings zunächst erfolglos, für die Wellentheorie eintrat: in seinen »Lettres à une princesse d'Allemagne sur quelques sujets de physique et de philosophie« bekämpfte er die Newtonsche Emanationstheorie, indem er darauf hinwies, daß man im Laufe der Jahrhunderte eine Abnahme des Sonnenkörpers bemerken müßte, wenn die Ansicht richtig wäre, daß das Licht ein feiner Stoff sei, der von der Sonne und den übrigen leuchtenden Körpern ausfließe; vielmehr komme das Licht auf analoge Weise zustande wie der Schall: wie dieser durch die Schwingungen der Luft entsteht, die wir, wenn sie in gleichen Intervallen aufeinander folgen, Musik nennen, bei unregelmäßiger Anordnung als bloßes Geräusch empfinden, so beruht auch das Licht auf Erzitterungen des Äthers, einer flüssigen, der Luft ziemlich ähnlichen Substanz, die nur unvergleichlich feiner und elastischer ist als diese. »In Wirklichkeit kommt also von der Sonne ebensowenig etwas zu uns wie von einer Glocke, deren Geläut unser Ohr trifft.« Der Nachfolger Eulers war Lagrange, epochemachend durch seine »Mécanique analytique« und seine klassischen Arbeiten über das Dreikörperproblem und den Differentialkalkül. Blumenbefruchtung und Pockenschutzimpfung Schließlich wollen wir noch drei wissenschaftliche Ereignisse nicht unerwähnt lassen, die zu ihrer Zeit nicht genügend gewürdigt wurden, weil sie ihr vorauseilten. 1787 bestieg Saussure zu geognostischen Zwecken zum erstenmal den Montblanc. 1793 ließ Christian Konrad Sprengel sein Buch über »das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen« erscheinen. Diese geschieht, wie die Abhandlung ausführlich darlegt, dadurch, »daß die Insekten, indem sie dem Saft der Blumen nachgehen und deswegen sich entweder auf den Blumen aufhalten oder in sie hineinkriechen, notwendig mit ihrem meist haarigen Körper den Staub der Staubbeutel abstreifen und ihn auf die Narbe bringen. Letztere ist zu diesem Zweck entweder mit feinen Haaren oder mit einer klebrigen Feuchtigkeit überzogen.« Ferner hat die Natur, »welche nichts halb tut«, dafür gesorgt, »daß die Insekten die Blumen schon von weitem gewahr werden, entweder durch das Gesicht oder durch den Geruch oder durch beide Sinne zugleich. Alle Saftblumen sind deswegen mit einer Krone verziert und sehr viele verbreiten einen Geruch, welcher den Menschen meist angenehm, oft unangenehm, zuweilen unausstehlich, den Insekten aber, für die ihr Saft bestimmt ist, jederzeit angenehm ist. ... Wenn nun ein Insekt, durch die Schönheit der Krone oder durch den angenehmen Geruch einer Blume gelockt, sich auf dieselbe begeben hat, so wird es entweder den Saft sogleich gewahr oder nicht, weil dieser sich an einem verborgenen Orte befindet. In letzterem Falle kommt ihm die Natur durch das Saftmal zu Hilfe. Dieses besteht aus einem oder mehreren Flecken, Linien, Tüpfeln oder Figuren von einer anderen Farbe als die Krone; das Saftmal sticht folglich gegen letztere mehr oder weniger ab. Es befindet sich jederzeit da, wo die Insekten hineinkriechen müssen, wenn sie zum Saft gelangen wollen. ... Alle Blumen, die keine eigentliche Krone noch an ihrer Stelle einen ansehnlichen und gefärbten Kelch haben noch riechen, sind saftleer und werden nicht von den Insekten, sondern auf eine mechanische Art, nämlich durch den Wind befruchtet. Dieser weht den Staub von den Beuteln an die Narben.« Das Werk fand aber nur wenig Beachtung und noch weniger Beifall, und nicht viel besser erging es anfangs dem Engländer Edward Jenner und seiner Pockenschutzimpfung, in der selbst Kant nur »Einimpfung der Bestialität« zu erblicken vermochte. Die Pocken waren damals eine der verbreitetsten Krankheiten, die den größten Teil der Menschheit durch Pockennarben entstellte und in manchen Ländern ein Zehntel der Todesfälle bewirkte. Im Grunde verdankte Jenner seine Therapie derselben Methode, die Sprengel empfohlen hatte, als er lehrte, man müsse die Natur auf der Tat zu ertappen suchen. Jenner hatte beobachtet, daß Kuhmägde fast niemals von den Pocken befallen wurden, weil sie sich vorher mit den Blattern vom Euter der Tiere infiziert hatten. Was hier ein Zufall war, machte er zum System, indem er seine Patienten mit Kuhlymphe impfte und dadurch gegen Menschenblattern immunisierte. Die erste öffentliche Impfanstalt wurde 1799 in London errichtet; auf dem Kontinent hatte die neue Behandlungsweise noch länger gegen allerlei Vorurteile zu kämpfen. Die Urpflanze Zu den verkannten großen Naturforschern des achtzehnten Jahrhunderts muß auch Goethe gerechnet werden; denn das Publikum ist nun einmal so beschaffen, daß es sich weigert, seinen Führern die Herrschaft über mehrere Geistesgebiete zuzugestehen, indem es von seiner eigenen Beschränktheit und Einseitigkeit auf das Genie schließt, dessen Wesen doch gerade darin besteht, daß es auf jedem Felde, das es ergreift, schöpferisch und umbildend zu wirken vermag. Seinen Übergang zur Naturwissenschaft hat Goethe selber in einer unvollendeten Abhandlung über den Granit, an der er im Jahre 1784 arbeitete, mit den unvergleichlich schönen Worten geschildert: »Ich fürchte den Vorwurf nicht, daß es ein Geist des Widerspruchs sein müsse, der mich von der Betrachtung und Schilderung des menschlichen Herzens, des innigsten, mannigfachsten, beweglichsten, veränderlichsten, erschütterlichsten Teils der Schöpfung zu der Beobachtung des ältesten, festesten, tiefsten, unerschütterlichsten Sohnes der Natur geführt hat. Denn man wird mir gern zugeben, daß alle natürlichen Dinge in einem genauen Zusammenhang stehen, daß der forschende Geist sich nicht gern von etwas Erreichbarem ausschließen läßt. Ja, man gönne mir, der ich durch die Abwechslungen der menschlichen Gesinnungen, durch die schnellen Bewegungen derselben in mir selbst und in anderen manches gelitten habe und leide, die erhabene Ruhe, die jene einsame, stumme Nähe der großen, leisesprechenden Natur gewährt; und wer davon eine Ahnung hat, folge mir.« 1790 erschien seine »Metamorphose der Pflanzen«, deren Grundgedanke darin besteht, daß sämtliche Pflanzenbestandteile als umgewandelte Blätter anzusehen seien; und zwar vollziehe sich die Entwicklung unter abwechselnder »Ausdehnung« und »Zusammenziehung« in sechs Stufen von fortschreitender Vervollkommnung: erstens Samenlappen oder Kotyledonen, meist unter der Erde, weißlich, dicklich, ungeteilt; zweitens Laubblätter, länger und breiter, gekerbt, grün; drittens Kelchblätter, zusammengedrängt, wenig mannigfaltig; viertens Krone, wieder umfangreicher, zart, farbenprangend; fünftens Staubgefäße, fast fadenförmig, einen »höchst feinen Saft« enthaltend; sechstens Fruchtblätter, wieder erweitert, die Samen umhüllend. Diese Abstraktion, die in der Wirklichkeit nie erscheint, sondern bloß allen ihren Bildungen als Bauplan, Schema oder Idee zugrundliegt (was aber Goethe anfangs nicht zugeben wollte, sondern erst später, unter dem Einfluß Schillers einsehen lernte), ist die goethische »Urpflanze«. Einen ganz ähnlichen Gesichtspunkt vertrat die Abhandlung über den Zwischenkiefer vom Jahre 1784, in der Goethe die verschiedenen Ausbildungen dieses von ihm entdeckten Knochens durch die ganze Reihe der Wirbeltiere verfolgte. In den darauffolgenden Jahren gelangte er durch sorgfältige osteologische Beobachtungen zu der Anschauung, daß der menschliche Schädel aus metamorphosierten Wirbeln bestehe: der Wirbel spielt also in seinen anatomischen Untersuchungen fast dieselbe Rolle wie das Blatt in seinen botanischen, und auch für das Säugetierskelett schwebt ihm als Pendant zur Urpflanze eine Art ideales Modell vor, das er den »Typus« nennt. Und bei seinen physikalischen Studien ging er ebenfalls von der Überzeugung aus, daß man überall nach dem »Urphänomen« zu suchen habe, auf das die gesamte Mannigfaltigkeit der Erscheinungen sich zurückführen lassen müsse. Wie man sieht, befinden wir uns im »siècle philosophique« . Man suchte allenthalben nach der Idee der Dinge, aber nach der Idee, die erscheint . Es besteht eine sehr bedeutsame Verwandtschaft und Differenz zwischen Goethes Urpflanze und dem Urmenschen, den die Französische Revolution für ihre staatlichen und gesellschaftlichen Umbildungen als Paradigma aufstellte. Beide sind Abstraktionen, aber nicht Abstraktionen, die der Wirklichkeit entgegengesetzt werden, entweder als zielweisende, aber unerreichbare Ideale oder als wegbahnende, aber bloß fingierte Hilfskonstruktionen, sondern Abstraktionen, die aus der Wirklichkeit als deren eigentlicher Lebenskern herausgeschält werden wollen und daher als sinnlich existent angesehen werden. Gleichwohl besteht ein tiefgreifender Unterschied. Goethe konzipiert die Idee der Urpflanze, um die ihm wohlvertraute Realität, die er geduldig immer aufs neue beobachtet, übersichtlicher, klarer, einheitlicher, anschaulicher und damit gewissermaßen noch realer zu machen; die Revolution konstruiert blind, gewalttätig und wirklichkeitsfremd das Phantom des Urmenschen, um die Realität zu verbiegen, zu verzerren, zu verkrüppeln und damit noch unhandlicher, unfaßbarer, chaotischer und irrealer zu machen. Die Urpflanze ist dem Leben abgelauscht, der Urmensch ist dem Leben aufgedrungen; die goethische Theorie ist vereinfachte Natur, die revolutionäre ist widernatürliche Einfachheit. Nicolai Die Aufklärung, aus der später die revolutionäre Dogmatik hervorging, ist eine englische Erfindung: sie geht auf Locke, ja genau genommen bis auf Bacon zurück, hat bereits in der ersten Hälfte des Jahrhunderts in England eine Reihe markanter Vertreter und erreicht ihre Spitze in der sogenannten schottischen Schule, deren Führer Thomas Reid in seinem 1764 erschienenen Werk »Inquiry into the human mind on the principles of common sense« die Philosophie des »gesunden Menschenverstandes« begründete; sie lehrt, daß es in der Seele gewisse ursprüngliche Urteile, natürliche Denkinstinkte, »self-evident truths« gibt: diese bilden die Grundtatsachen unseres Bewußtseins, den legitimen Inhalt unserer Erkenntnis; was an den bisherigen Systemen dem gemeinen Verstand ohne weiters einleuchtet und konform erscheint, ist richtig, was ihm widerspricht oder dunkel vorkommt, ist falsch. An diese Richtung schloß sich die deutsche sogenannte »Popularphilosophie«: ihr Ideal war der »Philosoph für die Welt«, wie einer ihrer namhaftesten Repräsentanten, Johann Jakob Engel, seine Aufsatzsammlungen zu betiteln pflegte. Neben ihm wirkte eine ganze buchmachende Zunft solcher erbaulicher, belehrender, verständiger und verständlicher Volksschriftsteller; ihr Zentrum aber hatte die deutsche Aufklärung in einer Anzahl einflußreicher Berliner Zeitschriften. Die erste von ihnen war die 1757 begründete »Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freien Künste«, die fast ganz von Nicolai und Mendelssohn geschrieben war und hauptsächlich allerlei steifleinene Kunstkritik enthielt. 1759 erschienen die »Briefe, die neueste Literatur betreffend«, die auf einem viel höheren Niveau standen, denn ihr Verfasser war anfangs der junge Lessing, der hier in seiner scharfen Polemik gegen Wieland, Gottsched und die Franzosen und seiner warmen Parteinahme für Shakespeare die Grundlinien seiner ästhetischen Weltanschauung bereits ziemlich deutlich enthüllte. Das Jahr 1765 ist das Geburtsjahr der »Allgemeinen deutschen Bibliothek«, die volle vierzig Jahre bestand und während dieses Zeitraums das literarische Urteil des gebildeten deutschen Mittelstands in sehr nachhaltiger und vorwiegend nachteiliger Weise bestimmt hat. Ihr Herausgeber war wiederum Nicolai, ein braver und kenntnisreicher, kluger und schreibgewandter Mann, der, als Abkömmling einer angesehenen Buchhändlersfamilie eine Art Mischung aus Kaufmann und Literat, eine bemerkenswerte Begabung im Exponieren und Exploitieren geistiger Strömungen zu entwickeln wußte, aber andrerseits durch seine Plattheit und Rechthaberei, die sich auch in der eigenmächtigen Redaktion der eingesandten Beiträge sehr widrig bemerkbar machte, und durch den engstirnigen Rationalismus, mit dem er alles verfolgte und verhöhnte, was er nicht kapierte (und das war ziemlich viel), zu einem weltberühmten Schulbeispiel der hochmütigen und geistfremden Beckmesserei geworden ist: schon zu seinen Lebzeiten war »Nicolait« ein empfindliches Schimpfwort. Gleichwohl möchten wir, bei der anhaltenden großen Nachfrage nach Themen für literarhistorische Doktorarbeiten und dem relativ geringen Angebot an noch nicht völlig ausgeweideten toten Skribenten, der Aufmerksamkeit ehrgeiziger junger Seminaristen eine Ehrenrettung Nicolais anempfehlen. Nicolai ist der echte Berliner, logisch, sachlich, zumindest stets voll gutem Willen zur Sachlichkeit, sehr mißtrauisch gegen alle Phrase, Phantastik und Charlatanerie, sehr solid, sehr fleißig, für alles interessiert und von stets wacher Spottlust, die aber von der berlinischen Art ist und daher fast immer einen vernünftigen Kern hat. Freilich vereinigte er mit diesen löblichen Eigenschaften seiner Landsleute auch in hohem Grade deren Schattenseiten; aber diese sind so oft und eingehend zum Gegenstand schärfster Kritik gemacht worden, daß sie selbst für eine Promotionsschrift kein genügend originelles Thema mehr abgeben dürften. Mendelssohn Was Moses Mendelssohn anlangt, so würde man sich irren, wenn man glauben wollte, daß sein Judentum für ihn eine wesentliche Hemmung bedeutet habe. Es gehörte damals in der gebildeten Gesellschaft zum guten Ton, fremde Völker und Glaubensbekenntnisse als ebenbürtig anzusehen; zudem empfand man es als willkommene Bestätigung der Aufklärungsideen, daß sich zu ihnen der Angehörige einer Rasse bekannte, die zu jener Zeit in viel höherem Maße als heute eine von der übrigen Kultur abgeschlossene Welt repräsentierte, und war überhaupt geneigt, die Tatsache, daß ein Jude zu den deutschen Schriftstellern zählte, zu überschätzen, indem man den Seltenheitswert mit dem Realwert verwechselte. Im übrigen aber muß bemerkt werden, daß Mendelssohn, als Charakter eine durchaus honorige und fast rührende Erscheinung, in seinen Schriften nicht nur die seichteste Aufklärungsphilosophie betrieben hat, sondern auch das Judentum niemals abgestreift hat. »Die Religion meiner Väter«, sagt er, »weiß, was die Hauptgrundsätze betrifft, nichts von Geheimnissen, die wir glauben und nicht begreifen müßten. Unsere Vernunft kann ganz gemächlich von den ersten sicheren Grundbegriffen der menschlichen Erkenntnis ausgehen und versichert sein, am Ende die Religion auf eben dem Wege anzutreffen. Hier ist kein Kampf zwischen Religion und Vernunft, kein Aufruhr unserer natürlichen Erkenntnis wider die unterdrückende Gewalt des Glaubens.« Es läßt an dieser und zahlreichen ähnlichen Stellen keinen Zweifel darüber, daß er das Judentum für die wahre Vernunftreligion hält, die er versteckt gegen das Christentum ausspielt; und während er auf die christlichen Zeremonien mit lächelnder Überlegenheit herabblickte, hielt er die absurdesten rituellen Vorschriften seiner eigenen Konfession mit peinlichster Genauigkeit. In ihm erscheint in einer letzten modernsten Maskierung das Ressentiment des Juden gegen den Heiland, verbunden mit der fanatischen Anbetung des 2x2 = 4 und der Rentenrechnung, der jüdische Haß gegen die Idealität, gegen das Geheimnis, gegen Gott. Denn der autochthone Geist des Judentums behält selbst dort, wo er sich in die allerspiritualistischsten Höhen verliert (und Mendelssohn gehörte wahrhaftig nicht zu jenen Höhenwanderern), noch immer den Charakter des Materialismus, der sich verstiegen hat; und immer bleibt er rationalistisch. Die Annahme, daß die Wirklichkeit aus jenen Dingen bestehe, die man beweisen, womöglich abtasten kann: dieser himmelschreiende Nonsens ist eine jüdische Erfindung. Das jüdische Volk hat in zahllosen Kriegen den äußersten Heroismus und die blindeste Todesverachtung bewiesen, aber immer aus sehr realistischen Gründen. Alle großen jüdischen Reformatoren waren Realpolitiker, das jüdische Ritual besteht im wesentlichen aus sanitätspolizeilichen Vorschriften und die höchste Idee des Judentums, der Messiasgedanke, ist verstiegen, aber keineswegs weltfremd, sie ist ein konkretes Hirngespinst. Daher kam es, daß Jesus vom gesamten zeitgenössischen Judentum mit einer so ungeheuern Erbitterung aufgenommen wurde, die sich nicht gegen den Neuerer richtete (denn solche waren dem beweglichen Volksgeist durchaus gemäß), nicht gegen den Bekämpfer der Hierarchie (denn diese wurde von einem großen Teil der Nation mißbilligt), nicht gegen den Anwalt der unteren Schichten (denn auch hierfür war die Stimmung überaus günstig), sondern gegen den gefährlichen Frondeur, der zu verkünden wagte: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Dies mußte das Grundpathos, den tiefsten Lebensinstinkt, den innersten Wesenskern des Judentums tödlich verletzen, denn es war in Wahrheit die vollständige Aufhebung und Umkehrung des spezifisch jüdischen Weltgefühls. Daß Jesus das Transzendente in die Religion und Ethik einführte, daß er der Menschheit zum Bewußtsein brachte, dieses sei das allein Wirkliche: darin bestand die ungeheure Revolution, die vom Judentum auch sogleich richtig gewertet wurde. Unter diesem Gesichtspunkt wird es vollkommen begreiflich, daß der Jude Mendelssohn einer der Hauptwortführer der durch Aufklärung gereinigten Religion werden konnte, denn wenn man vom christlichen Credo das Absurdum abzieht, wie es der damalige »vernünftige« Glaube tat, so bleibt in der Tat nichts als ein Mosaismus, der um einen Propheten mehr hat als das Alte Testament. Auch die Philosophie hat für Mendelssohn nur die Aufgabe, »das, was der gewöhnliche Menschenverstand als richtig erkannt hat, durch die Vernunft klar und sicher zu machen«. Mit diesen primitiven Mitteln suchte er in seinem »Phädon« die Unsterblichkeit der Seele, in seinen »Morgenstunden« das Dasein Gottes zu beweisen. Was er mit der ersteren Schrift bezweckte, sagt er deutlich in der Vorrede: »Es galt nicht, die Gründe anzuzeigen, die der griechische Weltweise zu seiner Zeit gehabt, die Unsterblichkeit der Seele zu glauben, sondern was ein Mann wie Sokrates, der seinen Glauben gern auf Vernunft gründet, in unseren Tagen nach den Bemühungen so vieler großer Köpfe für Gründe finden würde, seine Seele für unsterblich zu halten.« Also: Plato, revidiert an Mendelssohn und addiert mit »großen Köpfen« wie Garve, Engel und Nicolai. Aber wenn man das Vorhaben billigt, so muß man zugeben, daß es gelungen ist: Sokrates redet über die letzten Dinge wirklich genau wie der honette Handelsprokurist und beliebte Popularschriftsteller Mendelssohn, der in ihm nichts erblickt als den »Begründer einer volkstümlichen Sittenlehre« und an ihm nichts versteht als die rationalistische Gleichung Vernunft = Tugend, hingegen von seiner großartigen Ironie, die in einem freiwilligen Tod gipfelt, nicht das geringste bemerkt. Nützliche Auslegung der Bibel In den »Morgenstunden« lehrte er den landläufigen Deismus, der damals die laut oder stillschweigend bekannte Religion der Gebildeten war und vom Gottesbegriff nicht viel mehr übrig ließ als die Vorstellung eines weisen Wesens, das die von den Philosophen dekretierten Naturgesetze zur Ausführung bringt. Im Hinblick auf die Offenbarung behalfen sich die Deisten vorläufig mit allerlei Kompromissen, die teils einer Inkonsequenz, häufiger einer gewissen Unehrlichkeit ihres Denkens entsprangen. So brachte zum Beispiel der hervorragende Theologe Johann Salomo Semler, der an die Heilige Schrift bereits mit einem sehr leistungsfähigen textkritischen Apparat heranging, die Lehre von der Akkomodation vor, wonach der Gottessohn, die Apostel und die Heiligen sich in ihren Worten dem jeweiligen menschlichen Bedürfnis angepaßt hätten und heute, wo unsere Bedürfnisse sich geändert haben, anders verstanden werden dürften. Auf der anderen Seite führte der Rationalismus, indem er nach wolffischem Rezept überall der Weisheit in der Naturordnung nachspürte, zu einer grotesken Banalisierung der Theologie. Man begnügte sich nicht mehr mit der »Physikotheologie«, die aus der allgemeinen Gesetzmäßigkeit und Zweckmäßigkeit des Weltgeschehens auf einen weisen Schöpfer schloß, sondern erging sich in einer Litho-, Phytho-, Melitto-, Akrido-, Ichthyo-, Testaceo-, Insektotheologie, die an allen Spezialerscheinungen des Daseins: den Steinen, Pflanzen, Bienen, Heuschrecken, Fischen, Schnecken, Insekten den Gottesbeweis zu führen suchte; es gab sogar eine Bronto- und Seismotheologie: »Erkenntnis Gottes aus der vernünftigen Betrachtung der Gewitter und Erdbeben.« Besonders im evangelischen Gottesdienst war die »nützliche Auslegung« der Heiligen Schrift sehr beliebt: man predigte anläßlich der Krippe über den Nutzen der Stallfütterung, beim Ostergang der Frauen zum Grabe über die Vorteile des Frühaufstehens, beim Einzug Jesu in Jerusalem über die Bedenklichkeit der Holzvergeudung durch Abschneiden frischer Zweige. Der Auferstehungsbetrug Repräsentativ für die gesamte damalige Auffassung der Religionsgeschichte ist das vielumstrittene Werk von Hermann Samuel Reimarus, das zu dessen Lebzeiten nur als anonymes Manuskript kursierte und später von Lessing, der sich den Anschein gab, als hätte er es in der Wolfenbüttler Bibliothek gefunden, in Bruchstücken herausgegeben wurde. Der Name des Autors wurde erst 1814 bekannt. Von der These ausgehend, daß »eine einzige Unwahrheit, die wider die klare Erfahrung, wider die Geschichte, wider die gesunde Vernunft, wider die unleugbaren Grundsätze, wider die Regeln guter Sitten verstößt, genug ist, um ein Buch als eine göttliche Offenbarung zu verwerfen«, gelangt Reimarus mit einem Gedankensprung, dessen Kühnheit an Schwachsinn grenzt, zu der Behauptung, daß die Apostel die Auferstehungsgeschichte zu ihrem Vorteil erlogen hätten: sie hatten durch das ewige Umherziehen mit dem Messias das Arbeiten verlernt und zugleich gesehen, daß das Predigen des Gottesreiches seinen Mann wohl nähre, denn die Weiber hatten es sich angelegen sein lassen, »den Messias und seine zukünftigen Minister« gut zu beköstigen. Infolgedessen stahlen sie den Leichnam Jesu, verbargen ihn und verkündigten aller Welt, der Heiland sei auferstanden und werde demnächst wiederkommen. Jesus hatte in Übereinstimmung mit den jüdischen Volksvorstellungen das Gottesreich als ein irdisches mächtiges Reich und sich als dessen zukünftigen König betrachtet; in dieser Hoffnung aber wurden er und seine Jünger schmählich getäuscht. Daher mußten diese ein neues »System« ersinnen, wonach Christus habe leiden und sterben müssen zur Erlösung der Menschheit, dann aber gen Himmel gefahren sei, um bald wieder das Reich aufzurichten. Daß eine Hypothese, die aus den Aposteln eine gefräßige Betrügerbande macht, damals solches Aufsehen erregte, hat seine Ursache in dem völligen Mangel an historischem und psychologischem Verständnis, der zu den markanten Eigentümlichkeiten des ganzen Aufklärungszeitalters gehörte. Fast noch mehr Unverstand äußert sich aber in der zweiten Annahme, Jesus habe ganz einfach das von den Juden erhoffte messianische Weltreich errichten wollen. Dieser Unsinn ist allerdings selten in so krasser Form vorgebracht worden wie von Reimarus; durch die Verkoppelung der Evangelien mit dem Alten Testament, auf deren Widersinnigkeit wir schon mehrfach hingewiesen haben, wurden und werden aber derlei Mißdeutungen immer wieder nahegelegt. Wer jedoch die Bibel vorurteilslos liest, muß zu dem klaren Resultat gelangen, daß Jesus nicht etwa die Idee der jüdischen Messianität bloß umgedacht hat, indem er sie erweiterte, vergeistigte, mit einem tieferen Gehalt erfüllte und auf eine höhere Stufe hob (wie auch heute noch viele Theologen und Laien annehmen), sondern daß er sie vollkommen widerlegt und aufgehoben hat, kurz: daß er nicht der Messias war. Und in der Tat hat er sich selber auch kein einziges Mal so bezeichnet: die wenigen Evangelienstellen, die hier herangezogen zu werden pflegen, sind höchst zweideutig und beweisen bestenfalls, daß er von anderen so genannt wurde. Wir können hier auf die Details nicht eingehen; Moriz de Jonge, ein wenig bekannter Gelehrter von höchst bizarren, bisweilen hart ans Pathologische grenzenden Anschauungen, aber außerordentlichen Kenntnissen, hat diese Seite der Frage einer genauen textkritischen Untersuchung unterzogen und ist zu sehr überraschenden Resultaten gelangt, und eine Autorität vom Range Wellhausens sagt: »Jesus trat nicht als Messias auf, als Erfüller der Weissagung, ... ist... nicht der Messias gewesen und hat es auch nicht sein wollen.« Für den Laien aber genügen zwei sehr einfache Erwägungen. Erstens: wenn Jesus der Messias war, warum hat er nichts von dem getan, was man vom Messias erwartete? Und zweitens: wenn Jesus der Messias war, warum haben die Juden ihn nicht anerkannt, warum erkennen sie ihn bis zum heutigen Tage nicht an? Daß die Welt nicht mit dem Schwert erobert werden kann, erobert werden darf, sondern nur mit dem Geist, das war ein schlechthin neuer Gedanke, der vorher in keines Juden und in keines Heiden Kopf gekommen war. Kurz, wenn der Messias der Christos sein soll, der Gesalbte, der König (und dies ist zweifellos die korrekte jüdische Auffassung), dann war Jesus nicht mehr und nicht weniger als der leibhaftige Antichrist . Lessing selbst teilte die Ansichten des »Wolfenbüttler Fragmentisten« nicht. Vielmehr hoffte er durch die Veröffentlichung der Darlegungen »dieses echten Bestreiters der Religion« einen echten Verteidiger zu erwecken. Aber dieser kam nicht: es gab damals nur noch kurzsichtige Buchstabenreligiosität und schwachsichtige Freireligiosität. Gegen diese hatte Lessing fast noch mehr Abscheu als gegen jene: »Mit der Orthodoxie«, sagte er 1774, »war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr und der Philosophie eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern; aber was tut man nun? Man reißt die Scheidewand nieder und macht uns, unter dem Vorwande, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen... Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, welches man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßt.« Daß die Aufklärung nur sehr wenig aufgeklärt hatte, erkannte auch Hamann, der sie ein bloßes Nordlicht und kaltes, unfruchtbares Mondlicht nannte; und Schleiermacher faßte, auf sie zurückblickend, ihre ganze Position in die schneidenden Worte zusammen: »Die Philosophie besteht darin, daß es gar keine Philosophie geben soll, sondern nur eine Aufklärung.« Lessing Lessing bedeutet ebensowohl die höchste Zusammenfassung wie die siegreiche Auflösung der deutschen Aufklärungsideen. Die Blüte seiner Wirksamkeit umfaßte nur ein halbes Menschenalter: 1766 erschien der Laokoon, 1767 Minna von Barnhelm und die Hamburgische Dramaturgie, 1772 Emilia Galotti, 1779 Nathan der Weise, 1780 die Erziehung des Menschengeschlechts. Als er starb, war eine Epoche zu Ende: in seinem Todesjahr traten die »Räuber« und die »Kritik der reinen Vernunft« an die Öffentlichkeit. Er gehörte zu jenen in Deutschland relativ seltenen Geistern, die, ohne schlechthin Vollendetes zu schaffen und ohne jemals das Letzte zu sagen, dennoch nach allen Windrichtungen fruchtbare Samen ausstreuen und alles, was sie ergreifen, lebendig und dauernd aktuell zu gestalten wissen. Sein »Laokoon«, der die Grenzen zwischen Poesie und Malerei mit einer bis dahin ungeahnten Schärfe und Klarheit fixierte, hat nicht bloß die Ästhetiker belehrt, was ein sehr untergeordneter Erfolg gewesen wäre, sondern den Künstlern die Augen geöffnet; und es ist an diesem Werk besonders bemerkenswert, daß es zu einer Zeit, die bereits im Schatten Winckelmanns und des anbrechenden Klassizismus stand, nicht nur die Panoptikumauffassung vom griechischen Stoizismus verwarf, sondern auch die Nachahmung der Griechen dahin definierte, wir sollten es ebenso machen wie sie, indem wir darstellen, was wir sind und erleben. Dem Hamburger Nationaltheater, jener mit großen Aspirationen begonnenen »Entreprise«, die alsbald an dem stumpfen Konservativismus des Publikums, dem eiteln Koteriewesen der Schauspieler und dem bevormundungssüchtigen Kleinmut der »Mäzene« scheiterte, verdankt die deutsche Literatur die »Minna« und die »Dramaturgie«. In seiner Bühnentechnik, die insbesondere in der »Emilia« eine kaum zu überbietende Höhe erreicht, offenbart sich Lessing als Meister der verdeckten Exposition und aufs exakteste verzahnten Szenenführung, virtuoser Analytiker, sparsamer und eben darum höchst wirksamer Vorbereiter und Verteiler der dramatischen Explosionen und durch all dies als eine Art Vorläufer Ibsens. Er gehört wie dieser zu den wenigen germanischen Dramatikern, die sich die souveräne Artistik der Franzosen vollkommen zu eigen zu machen wußten und sie zugleich auf eine höhere Stufe hoben, indem sie die Lebensfülle und individualisierende Menschengestaltung als Mitgift ihrer Rasse hinzubrachten; aber es fehlt ihm das Geheimnis, der Kulissenschauer, der Ibsens Seelenmalerei so suggestiv macht. Er ist überhaupt kein Maler, vielmehr haben seine Dichtungen mehr den Charakter feiner und überaus scharfer Stiche, er lenkt und gliedert immer ein wenig zu deutlich, und Schiller nannte ihn daher nicht mit Unrecht den »Aufseher seiner Helden«. Er selbst hat diesen Mangel mit der großartigen Klarheit, die sein ganzes Leben und Wirken durchwaltete, vollkommen durchschaut: »Ich bin«, sagt er in der »Dramaturgie«, »weder Schauspieler noch Dichter. Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den letzteren zu erkennen. Aber nur, weil man mich verkennt... Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Strahlen aufschießt: ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir herauspressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu stärken. Ich bin daher immer beschämt und verdrießlich geworden, wenn ich zum Nachteil der Kritik etwas las oder hörte. Sie soll das Genie ersticken: und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem Genie sehr nahe kömmt.« Die blutgefüllte Dialektik, galvanische Spannung und pointierte Tragik des Faustfragments zeigt seine dramatische Potenz in ihrer Kraft und Begrenzung vielleicht am deutlichsten. Der Plan war, daß Faust seine Verführung im Traum erleben und dann geläutert und gerettet werden solle: diese prachtvolle Konzeption hat er leider nie ausgeführt. Sie war auch mit den rein rationalistischen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, kaum zu lösen, denn dieser helle Verstandesmensch, der im höchsten Maße das besaß, was Nietzsche »intellektuelle Rechtschaffenheit« nennt, war sowohl zu bewußt wie zu ehrlich, um zu träumen. Dies ist ganz buchstäblich zu nehmen: »er hat mich oft versichert«, schreibt Leisewitz an Lichtenberg, »daß er nie geträumt hätte.« Sein Leben vollzog sich stets nur auf der beleuchteten Hemisphäre unserer Seelenwelt. Lessings letztes und reifstes Werk ist die »Erziehung des Menschengeschlechts«. Er betrachtet darin die Geschichte der Religion als fortschreitende göttliche Offenbarung: die erste Stufe repräsentiert das Judentum, das Kindheitsalter, in dem die Erziehung durch unmittelbare sinnliche Strafen und Belohnungen stattfindet; die zweite Stufe, das Knabenalter der Menschheit, bildet das Christentum, das »nicht mehr durch Hoffnung und Furcht zeitlicher Belohnung und Strafe, sondern durch edlere und würdigere Beweggründe« das »in der Ausübung der Vernunft weitergekommene Geschlecht« leitet. »Und so ward Christus der erste zuverlässige, praktische Lehrer der Unsterblichkeit.« Noch aber steht ein drittes Zeitalter bevor, »das Mannesalter der völligen Aufklärung und derjenigen Reinigkeit des Herzens, welche die Tugend um ihrer selbst willen liebt«. Die Bibel ist nicht die Grundlage der Religion, sondern die Religion die Grundlage der Bibel, und das Christentum ist älter als das Neue Testament. Indem Lessing in die Geschichtsbetrachtung den Begriff der Entwicklung einführt und jede der großen Religionen auf ihrer historischen Stufe als berechtigt anerkennt, indem er das platte »vernünftige Christentum« verwirft und von ihm aussagt, es sei nur schade, daß man so eigentlich nicht wisse, wo ihm die Vernunft noch wo ihm das Christentum sitze, und indem er auch die eigene Gegenwart, die der selbstgefälligen Zeitphilosophie als Ziel und Gipfel des weltgeschichtlichen Geschehens erschien, nur als eine der vielen Stationen im göttlichen Erziehungsplane ansieht, überwindet er die Aufklärung. Lichtenberg Neben Lessing sollte man immer auch Lichtenberg nennen, der einer der heimlichen Klassiker der deutschen Literatur gewesen ist und zum Austausch gegen Wieland zu empfehlen wäre, der niemals etwas anderes war als ein geschickter Literat. Von Kant hat Goethe gesagt, wenn er ihn lese, so sei ihm zumute, als träte er in ein helles Zimmer. Auf wenige deutsche Schriftsteller könnte dieses Bild mit ebensolcher Berechtigung angewendet werden wie auf Lichtenberg; nur besitzt dieses Zimmer noch allerlei halbdunkle Winkel, Erker und Gänge, die in die absonderlichsten Polterkammern führen. Es ist von bedeutenden Köpfen immer von vornherein anzunehmen, daß sie eine Art Brennpunkt ihres Zeitalters bilden. Und da alle Strahlen sich in ihnen sammeln, so liegt es nahe, nun die einzelnen Lichtlinien vom Kreuzungspunkt wieder zurückzuverfolgen und so die Zeit aus ihren Menschen und die Menschen aus ihrer Zeit zu erklären. Dieser Versuch mißlingt bei Lichtenberg. Seine Epoche war eine der reichsten und geistig aktivsten, die Deutschland jemals erlebt hat; dennoch war er keineswegs ihr leuchtender Fokus. Welche Stellung hatte aber nun dieser bewegliche, regsame, überall geschäftig anteilnehmende Geist in diesem atemlosen Treiben? Er war ganz einfach das ideale Publikum dieser ganzen Bewegung. Er verhielt sich zu seiner Zeit nicht wie ein Brennglas, sondern bloß wie ein Vergrößerungsspiegel, der ihre Züge mit größter Schärfe und Unerbittlichkeit registrierte. Fast nirgends finden wir seinen Namen von den Zeitgenossen mit jenem Nachdruck genannt, den er verdient hätte. Im Bewußtsein seiner Mitmenschen lebte er nicht als der, der er war. Er war weder geneigt noch berufen, die Räder der Literaturgeschichte zu bewegen. Er mochte darin ähnlich denken wie der ältere Goethe, der auch lieber über Pflanzen, Steinen und alten Memoiren saß als sich in die literarische Propaganda mischte, bis der temperamentvolle Realismus Schillers ihn wieder in die Aktualität hineinriß. Sein äußeres Leben verfloß zwischen physikalischen und belletristischen Gelegenheitsarbeiten, zwischen Wettermachen und Kalendermachen, ein paar kleinen Mädchen und ein paar guten Freunden. Zwischen diesen Alltagsdingen wuchs sein Lebenswerk. Aber er wußte es nicht. Es sind seine Tagebücher. »Die Kaufleute«, sagt er, »haben ihr Waste book (Sudelbuch, glaube ich, im Deutschen); darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein, was sie kaufen und verkaufen, alles untereinander, ohne Ordnung.... Dies verdient nachgeahmt zu werden. Erst ein Buch, worin ich alles einschreibe, so wie ich es sehe, oder wie es mir meine Gedanken eingeben.« Diese losen Aufzeichnungen, denen er selbst also nur die Bedeutung einer »Kladde« zum eigenen Gebrauch zuerkennen wollte, enthalten die Summe seines Geistes, eines Geistes, der an Strenge und Luzidität, an konzentrierter Denkenergie und empfindlicher Differenziertheit nur wenige seinesgleichen hat. Es liegt in der Natur solcher Arbeiten, daß sie schwer zu Ende kommen; sie tragen den Charakter unendlicher Ausdehnungsfähigkeit schon in sich. Unter vielen anderen Denkern hat auch Emerson sich solcher tagebuchartiger Brouillons bedient, aber er fand die Kraft, sie dann zu kürzeren und längeren Essays zusammenzuschweißen. Indes merkt man die Legierung doch an vielen Stellen, weshalb seine Schriften bisweilen den irrtümlichen Eindruck der Gedankenflucht hervorrufen. Lichtenberg hingegen konnte sich nicht entschließen, seine Gedankenbruchstücke zu amalgamieren, er war für ein solches Geschäft zu kritisch veranlagt. Sein »Waste book« erschien erst nach seinem Tode. Die Bücherschicksale sind eben nicht weniger unlogisch und irrational als die Menschenschicksale; wenigstens scheint es uns so. Sie folgen einem dunkeln eingeborenen Gesetz, das niemand kennt. Wie Bücher entstehen, weiß kein Mensch, und ihre Schöpfer am allerwenigsten. Sie führen ein seltsames widerspruchsvolles Leben durch die Jahrhunderte, worauf Gunst und Ungunst ohne Gerechtigkeit verteilt zu sein scheinen. Wir sehen Schriftsteller, die sich jahrelang mit einem Problem oder einem Gedicht abmühen, ohne daß die Welt sie beachtet, sie verzweifeln und halten ihr Lebenswerk für nichtig: da erscheint plötzlich in irgendeinem Winkel ihres Geistes ein Gedanke, dem sie nie besonderen Wert beigelegt hatten, und dieser eine kleine Gedanke wird leuchtend und geht durch die Jahrhunderte. Solche posthume Unsterblichkeiten, die erst nach dem Tode ihres Schöpfers das Licht der Weit erblicken, sind nicht die schlechtesten. Lichtenberg sah in seiner Unfähigkeit, zu Ende zu kommen, einen Fehler: »Der Procrastinateur: der Aufschieber, ein Thema zu einem Lustspiel, das wäre etwas für mich zu bearbeiten. Aufschieben war mein größter Fehler von jeher.« Die Nachwelt wird jedoch eher geneigt sein, das, was ihm als Mangel an Energie erschien, als ein Zeichen höchster geistiger Potenz anzusehen. Gerade die ungeheure Fülle und Lebendigkeit, mit der ihm immer neue Impressionen und Beobachtungen zuflossen, verhinderte ihn am Abschluß. Er mochte ahnen, daß für einen Geist von so grenzenloser Aufnahmefähigkeit, wie er es war, eine willkürliche Abgrenzung des Stoffes eine Art Verrat an sich selbst gewesen wäre. Hier stand ein unendlicher Geist der unendlichen Natur gegenüber und begnügte sich damit, sie in ihrem Reichtum in sich einströmen zu lassen. Es ist kein Zufall, daß so viele Schriftsteller ihr Bestes zuletzt oder auch oft gar nicht erscheinen lassen: sie haben es zu lieb dazu, glauben immer, sie müßten es noch besser können, wollen es vollkommen sehen. »Könnte ich das alles«, sagt Lichtenberg, »was ich zusammengedacht habe, so sagen, wie es in mir ist, nicht getrennt , so würde es gewiß den Beifall der Welt erhalten. Wenn ich doch Kanäle in meinem Kopfe ziehen könnte, um den inländischen Handel zwischen meinem Gedankenvorrate zu befördern!« Aber das konnte er nicht, er konnte alles nur so sagen, »wie es in ihm war«, und vermochte eben darum nicht, Getrenntes ungetrennt zu empfinden und künstliche Kanäle zwischen Gedanken herzustellen, die nicht von Natur aus verbunden waren; er konnte die Dinge nur so denken, wie sie in seinem Kopfe lagen. Jene Arbeit des Zurechtmachens und Verschleifens, die jeder Systembildung zugrunde liegt, verstand er nicht. Der Zerleuchter »Über nichts«, sagt Lichtenberg, »wünschte ich mehr die geheimen Stimmen der denkenden Köpfe gesammelt zu lesen als über die Materie von der Seele; die lauten, öffentlichen verlange ich nicht, die kenne ich schon. Allein, die gehören nicht sowohl in eine Psychologie als in eine Statutensammlung.« Der Mensch in seiner Besonderheit, in dem, worin er anders ist, in seinen tausend Heimlichkeiten und Abstrusitäten, Zacken und Zinken wird in Lichtenbergs Aufzeichnungen lebendig. Sie sind das glänzendste psychologische Aktenmaterial, das sich denken läßt. Die Seelenprüfung wird hier zum erstenmal wissenschaftlich betrieben, als ein Zweig der empirischen Menschenkunde, freilich nicht in Form physikalischer Messungen und logarithmischer Reihen, die nie in die Tiefe führen, sondern wissenschaftlich durch den Geist der Objektivität und Exaktheit. Lichtenberg ist der Meister der kleinen Beobachtungen und seine Spezialität die psychologische Integralrechnung, er ist gleichsam ein praktischer Leibnizianer, der die perceptions petites , deren Existenz Leibniz theoretisch entdeckt hatte, nun auch tatsächlich überall in der Wirklichkeit aufzuspüren und zu beschreiben weiß. Er tat sich hierin niemals genug. »Es schmerzt mich unendlich, tausend kleine Gefühle und Gedanken, die wahren Stützen menschlicher Philosophie, nicht mit Worten ausgedrückt zu haben ... Ein gelernter Kopf schreibt nur zu oft, was alle schreiben können, und läßt das zurück, was nur er schreiben könnte und wodurch er verewigt werden würde.« Lichtenbergs rastloser unbeugsamer Wahrheits- und Selbsterkennungsfanatismus findet seine äußere Form in der vollendeten Natürlichkeit und Reinheit seines Stils, in der ihm nur Lessing und Schopenhauer ebenbürtig sind. Seine Sprache funktioniert mit der Feinheit und Sicherheit einer Präzisionsmaschine; jeder, auch der scheinbar flüchtigste Satz überrascht durch seine klassische Ökonomie, Durchsichtigkeit und Prägnanz. Sein Denken ist von einer, man möchte fast sagen, zerleuchtenden Helle, dabei von jener Art Nüchternheit, die das ausschließliche Privileg genialer Köpfe bildet. Menschen von einer so außergewöhnlichen Natürlichkeit haben immer etwas Zeitloses. Und daher kommt es, daß die historischen Züge seiner Zeit nicht recht auf Lichtenberg passen wollen. Er gehörte nur insofern zu ihr, als er ihr vollkommenstes Gegenspiel war. Er war die andere Hälfte, das Supplement seiner Zeit, und die Zeitgenossen dieser Gattung sind, sooft sie in der Geschichte auftreten, immer die denkwürdigsten und eigenartigsten. Lichtenberg war der scharfe Schlagschatten, den das Licht der Aufklärung warf, und es ist eine der zahlreichen Paradoxien der Kulturgeschichte, daß dieser Schatten länger und kräftiger sichtbar geblieben ist als jenes Licht. Er war einer jener Geister, die zu klar und zu souverän sind, um allzu tätig zu sein. Es gibt einen Standpunkt der völligen Besonnenheit, auf dem es nicht mehr möglich ist, zu handeln. Eine Sache gänzlich durchschauen, bis zur absoluten Durchsichtigkeit, heißt mit ihr fertig sein. Die Blindheit und Beschränktheit des menschlichen Geistes ist vielleicht gar kein so großes Übel, wie die Pessimisten behaupten. Vielleicht ist sie eine Schutzeinrichtung der Natur, um uns lebensfähig zu erhalten. Denn die Unsicherheit ist einer der stärksten Antriebe zum Leben. Besitzt aber ein Kopf einmal jenen ungewöhnlichen Grad von Helligkeit, so wird die natürliche Folge sein, daß er jeden heftigeren Aktionsbetrieb einbüßt; auch im Geistigen. Alles um ihn herum: Menschen, Ereignisse, Erkenntnisse, Zeitläufte, wird ihm völlig transparent, so daß er sich in der ruhenden Betrachtung genügen darf. Er hat erkannt und bedarf nichts darüber. »Was wir wissen«, sagt Maeterlinck, »geht uns nichts mehr an.« Darum hat Lichtenberg gegen die Gebrechen seiner Zeit nie leidenschaftlich Partei ergriffen, er blieb immer in der Reservestellung eines kühlen Mentors. Dies unterschied ihn von Lessing, mit dem er im übrigen die größte Verwandtschaft besaß. Wenn ihn etwas ärgerte, wurde er schlimmstenfalls sarkastisch. Aber selbst durch seine schneidendsten Satiren geht ein geheimer Zug von Gutmütigkeit und Indulgenz, wie umgekehrt auch seine ernsthaftesten Äußerungen immer eine feine, oft kaum merkliche Linie von Spott und Ironie bemerken lassen. Es ist jener Spott, der den wahren Denker nie verläßt, jene tiefe Überzeugung, daß nichts wert sei, wirklich ernst genommen zu werden, die selbst einem so tragisch ringenden Geist wie Pascal die Bemerkung entlockte: » le vrai philosophe se moque de la philosophie .« Der echte Philosoph ist dem Künstler viel verwandter, als gemeinhin angenommen wird. Das Leben gilt ihm ebenso wie diesem als Spiel und er sucht die Spielregeln zu ergründen; nicht mehr. Auch er erfindet und gestaltet, aber während der Künstler möglichst viele und vielfältige Individuen abzubilden sucht, zeichnet der Denker immer nur einen einzigen Menschen: sich selbst , den aber in seiner ganzen Vielartigkeit. Jede tiefempfundene Philosophie ist nichts anderes als ein autobiographischer Roman. Was Lichtenberg nicht dazukommen ließ, sich aus diesem Gebiete in die völlig freie Welt der Dichtung, zumal des satirischen Lustspiels, zu begeben, war nicht ein Defekt, sondern ein Überschuß. Am völlig freien Gestalten verhinderte ihn seine stets wache Kritik. Hierin berührte er sich wiederum mit Lessing. Auch dieser hätte niemals ein Drama geschrieben, wenn es zu jener Zeit ein anderer besser gekonnt hätte. Aber da es ihm darum zu tun war, auch praktisch zu zeigen, wie er es meinte, war er genötigt, eine Reihe von Paradigmen zu schaffen, die genau so viel und genau so wenig wert waren wie alle Musterleistungen, nämlich: didaktisch sehr viel und künstlerisch sehr wenig. Er war der geniale Regisseur der deutschen Poesie und wollte niemals ihr genialer Schauspieler sein. Aber auch im Theater bleibt bisweilen dem Regisseur nichts anderes übrig als auf die Bühne zu springen und die Sache einmal selber vorzuspielen, nicht weil er sich für einen großen Menschendarsteller hält, sondern weil er sieht, daß alle theoretischen Erläuterungen kein lebendiges Bild von der Sache geben und daß er es immer noch am besten machen kann, weil er der Gescheiteste ist. Dies war der Vorzug und Mangel aller Lessingschen Theaterstücke. Lessing war zum Stückeschreiben zu gescheit. Richtete sich Lessings literarische Aktion mehr nach außen, so ging Lichtenbergs Polemik mehr nach innen. Beide haben gekämpft, der eine draußen im Getümmel mit der Welt und ihren Meinungen, der andere in der Stille und Einkehr mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken. Darum sollte man beide immer zusammen nennen. Sie bilden vereinigt die wahre geistige Signatur der deutschen »Aufklärung«, die in diesen beiden Männern eine wirkliche Aufklärung gewesen ist. Aber man kann nicht sagen, daß Lessings Name den Ruhm Lichtenbergs verdunkelt hat, denn das deutsche Publikum weiß ja auch von Lessing nichts. Katastrophe des Jesuitenordens Lessing und Lichtenberg durchbrachen die Schranken der Aufklärung auch darin, daß sie gleich Friedrich dem Großen souverän über den Konfessionen standen und alle gleichzeitig verwarfen und tolerierten, während Nicolai und die übrigen Aufklärer sich als ebenso doktrinär und verfolgungssüchtig erwiesen, als es bisher die Orthodoxie gewesen war. Besonders die »Jesuitenriecherei«, die diesen Orden für alle Finsternis, Gewalt und Hinterlist auf Erden verantwortlich machte, führte in fast allen Ländern Europas zu den rücksichtslosesten Zwangsmaßregeln. Das Signal gab Pombal, der Regenerator Portugals, dessen großangelegtes Regierungsprogramm als einen der Hauptpunkte die Vernichtung der Jesuiten enthielt. Ein Attentat auf den König gab den Vorwand: alle Jesuitengüter wurden für den Staat beschlagnahmt, alle Angehörigen des Ordens für Rebellen und Ausländer erklärt und auf ewige Zeiten verbannt. Auch sonst war Pombal energisch bemüht, das Land möglichst rasch auf das Niveau der mitteleuropäischen Staaten zu heben, indem er die Inquisitionsgerichte abschaffte, Gewerbeschulen etablierte, in denen alle herumlungernden Knaben so lange festgehalten wurden, bis sie ein Handwerk erlernt hatten, durch Entlassung zahlreicher müßiger Hofkreaturen die Finanzen regulierte, so daß stets Geld in der Staatskasse war, eine Börse, ein großes Kaufhaus, ein Arsenal, eine Akademie der Wissenschaften errichtete, die Straßenreinigung und den Buchhandel förderte, und dies alles gegen den Willen der Aristokratie, des Volks und sogar des Königs, der nur durch die Angst vor Konspirationen und Mordanschlägen gefügig erhalten wurde: nach dessen Tode stürzte denn auch alles wieder zusammen. Fünf Jahre nach der Vertreibung aus Portugal verfielen die Jesuiten in Frankreich demselben Schicksal. Der König wollte den Orden retten, indem er dem Papst vorschlug, ihn zu reformieren; aber dieser sprach sein berühmtes: »Sint, ut sunt, aut non sint.« Bald folgten auch die übrigen bourbonischen Staaten: Spanien, wo man einen Aufstand in Madrid zum Vorwand nahm, Neapel und Parma. Schließlich blieb Papst Clemens dem Vierzehnten nichts übrig, als den Orden aufzuheben. Im darauffolgenden Jahre starb er, und man beeilte sich, auch dies den Jesuiten in die Schuhe zu schieben. Offiziell geduldet waren sie schließlich nur noch unter der griechischen Katharina und dem protestantischen Friedrich, der sich auch hier die Gelegenheit zu einem Witz nicht entgehen ließ, indem er nach Rom schrieb, über den König von Preußen habe das päpstliche Breve keine Gewalt. Unter diesen Umständen waren die Jesuiten darauf angewiesen, unter allerlei Deckformen und Falschmeldungen ihr Dasein weiterzufristen und ihre Macht zu einer völlig unterirdischen zu machen. Vor allem versuchten sie sich in allerlei andere Gesellschaften einzuschleichen, zum Teil in solche von völlig entgegengesetzter Tendenz. Man traf sie nicht selten unter den Freimaurern, und Illuminaten, und ihre Fähigkeit, alles sein, sich in alles verwandeln zu können, von der wir im ersten Buch gesprochen haben, zeigte sich noch einmal aufs glänzendste: jetzt wurden sie sogar Freigeister und »Freunde des Lichts«. Die Illuminaten Der Gründer des Illuminatenordens, der Ingolstädter Professor Adam Weishaupt, war selber ein Zögling der Jesuiten gewesen, später aber zu ihrem erbittertsten Verfolger geworden. Die zwei Grundprinzipien der neuen Vereinigung, die sich binnen kurzem über ganz Europa ausbreitete: straffe Organisation und strenges Geheimnis waren den Jesuiten abgelernt, wie überhaupt der ganze Bund als eine Art Gegenstück und Widerpart des Jesuitentums gedacht war. Sehr bald aber begannen Rechthaberei, Eitelkeit, mystischer Formelkram und Wichtigtuerei in ihn einzudringen und er wurde eines der Hauptbetätigungsfelder des politischen Strebertums, das sich in Ermangelung des Parlamentarismus damals noch in solche Formen flüchten mußte. 1784 wurde er infolge jesuitischer Umtriebe in Bayern verboten, die Vertriebenen fanden aber in anderen Ländern bereitwillige Aufnahme. Welche große Bedeutung man ihm beimaß, zeigt ein merkwürdiges Buch Karl Friedrich Bahrdts, eines Abenteurers und zweifelhaften Literaten, der aber eine Zeitlang ein ziemlich ausgebreitetes Renommee besaß: »Briefe über die Bibel im Volkston«, erschienen 1782: es schildert das Auftreten des Heilands als eine raffiniert inszenierte Komödie der Essener, einer geheimen Gesellschaft, die schon damals überall ihre »Logen« gehabt haben soll und in den Tendenzen und Praktiken, die ihr von Bahrdt zugeschrieben werden, sehr deutlich an die Illuminaten erinnert. Knigge Während vom Illuminatenorden, der binnen weniger Jahrzehnte an geistiger Auszehrung starb, heute kein Mensch mehr spricht, hat eines seiner rührigsten Mitglieder sich bis zur Gegenwart einen wohlbekannten Namen bewahrt: es ist der Freiherr Adolf von Knigge, der 1788 sein Werk »Über den Umgang mit Menschen« erscheinen ließ. Knigge war als ziemlich skrupelloser Vielschreiber einer der frühesten Repräsentanten jener Buchindustrie, die sich lediglich nach Verlegeraufträgen und Publikumswünschen orientiert, und teilte das Los aller Autoren, die bloß schreiben, um zu gefallen, daß er nach einem halben Menschenalter bereits tödlich langweilig war, weil es eben nichts Uninteressanteres und Geistloseres gibt als einen Menschen, der denkt und gestaltet, was ein anderer haben will. Eine Ausnahme machte nur sein »Umgang mit Menschen«, von dem er selbst in der Vorrede sagt, er habe ihn nicht so flüchtig hingeschrieben wie wohl andere seiner Arbeiten. »Ich will«, fügt er hinzu, »nicht ein Komplimentierbuch schreiben, sondern einige Resultate aus den Erfahrungen ziehen, die ich gesammelt habe, während einer nicht kurzen Reihe von Jahren.« In der Tat ist das Werk nicht das, wofür es allgemein gilt: ein Kodex des guten Tons, sondern ein Beitrag zur praktischen Lebensphilosophie. Es handelt, hausbacken und doch nicht ohne ein gewisses Raffinement, schlechterdings über den Umgang mit allem und allen: mit den verschiedenen Temperamenten und Altersklassen, Ständen und Berufen, mit Eltern und Kindern, Verliebten und Verheirateten, Freunden und Frauenzimmern, Gläubigern und Schuldnern, Lehrern und Schülern, Fürsten und Hofleuten, Gelehrten und Künstlern, Gästen und Gastgebern, Feinden und Geschäftsleuten, Dienerschaft und Nachbarschaft, ja sogar vom Umgang mit sich selbst und mit Tieren. Angenehm und flüssig, breit und banal, mit verstecktem Humor und gründlicher Kenntnis der menschlichen Oberflächen geschrieben, enthält es eine große Anzahl brauchbarer Lehren, die oft selbstverständlich, aber immer gescheit, im moralischen Teil allerdings bisweilen rhetorisch und hypokritisch sind, denn es ist ganz unverkennbar, daß der Verfasser, wo er unbedingte Aufrichtigkeit, Streben nach Vollkommenheit, Verachtung des Scheins und dergleichen predigt, nur dem modischen Aufklärungsnebel Rechnung trägt, während er selber zweifellos sehr wohl weiß, daß solche Eigenschaften im Gesellschaftsleben gar nichts zu suchen haben, wo sie nicht als hohe ethische Qualitäten, sondern als Belästigungen wirken. Die meisten seiner Maximen können auch heute noch Gültigkeit beanspruchen, zum Beispiel: Verbirg deinen Kummer; rühme nicht zu laut dein Glück; enthülle nicht die Schwächen deiner Nebenmenschen; gib andern Gelegenheit zu glänzen; interessiere dich für andere, wenn du willst, daß andere sich für dich interessieren; laß jeden seine Handlungen selbst verantworten, wenn du nicht sein Vormund bist; suche nie jemand lächerlich zu machen; denke daran, daß alle Menschen amüsiert sein wollen. Es fehlt sogar nicht an Feinheiten, zum Beispiel, wenn davor gewarnt wird, jemandem zu versichern, daß man ihn für gutmütig oder gesund halte, denn beides werde von vielen als Beleidigung empfunden, oder nichtssagende Redensarten zu gebrauchen, wie: daß die Gesundheit ein schätzbares Gut, das Schlittenfahren ein kaltes Vergnügen und jeder sich selbst der Nächste sei, die Zeit schnell dahingehe und eine Ausnahme die Regel bestätige; oder wenn empfohlen wird, alle fremden Überzeugungen zu respektieren, denn man dürfe nicht vergessen, daß das, war wir Aufklärung nennen, anderen vielleicht als Verfinsterung erscheine. Und so wird man wohl sagen dürfen, daß dieses berühmteste Buch der deutschen Aufklärung vollauf verdient, noch heute von jedermann zitiert zu werden, und durchaus nicht verdient, von nahezu niemandem mehr gelesen zu werden. Casanova und Cagliostro Neben den Illuminaten und Freimaurern gab es aber noch eine Reihe anderer geheimer Verbindungen, die einen weniger harmlosen Charakter trugen, wie zum Beispiel die »Rosenkreuzer«, deren wirkliche oder angebliche Mitglieder sehr einträgliche Schwindeleien betrieben. Das Zeitalter war nämlich in den breiten Schichten lange nicht so aufgeklärt, als es nach der philosophischen Publizistik den Anschein haben könnte. Die wunderbaren Erscheinungen des Magnetismus und der Elektrizität beförderten bei den Halbgebildeten keineswegs eine »naturwissenschaftliche Weltanschauung«, sondern weit mehr den Glauben, daß es in der Hand des glücklichen Experimentators hege, das Unmöglichste möglich zu machen. Alle Welt glaubte an die magnetischen Kuren, die vorgeblich Prophetengabe verliehen, den sogenannten Mesmerismus, mit dem Mesmer in Paris, Wien und anderwärts sehr gute Geschäfte machte. Großen Zulauf hatten auch die Wunderkuren und Teufelsaustreibungen Gassners und die Geisterbeschwörungen des Kaffeewirts Schrepfer, der durch Selbstmord endete. Die beiden prominentesten Vertreter dieses Gewerbes sind jedermann bekannt: Casanova, der als internationaler Hochstapler mindestens ebenso berühmt war wie als Frauenverführer und, als Kabbalist, Astrolog und Nekromant umherziehend, Verjüngungskuren, Goldmacherei und Wahrsagerei betrieb, und Cagliostro, der alle erdenklichen Arten von Zauberkünsten und Spiegelfechtereien zu seinem Lebensunterhalt machte: als sein Diener einmal gefragt wurde, ob der Graf wirklich dreihundert Jahre alt sei, antwortete er, er könne keine Auskunft geben, denn er sei erst hundert Jahre in seinen Diensten. Die Technik, deren sich diese Virtuosen der Gaunerei bedienten, hat in Schillers »Geisterseher« eine überaus packende und sachkundige Darstellung gefunden; »ihr einziges Kapital«, sagt Chledowski, »war ihr Glaube an die menschliche Dummheit, und dieses Kapitel trug hohe Zinsen«. Swedenborg Aber diese Zeit, in der nüchternster Rationalismus und krassester Aberglaube, dreisteste Charlatanerie und echtes Prophetentum nebeneinanderliefen, hat auch den Gegenspieler Cagliostros hervorgebracht: den Seher Swedenborg, dessen Gestalt, von Mitwelt und Nachwelt gleich unverstanden und unerkannt, als ein erlauchtes Rätsel durch die Geschichte schreitet. Während der weitaus größeren Hälfte seines Lebens war sein Antlitz der profanen Wirklichkeit zugekehrt: seine ursprünglichen Betätigungsgebiete, auf denen er Bedeutendes leistete, waren Mineralogie und Mathematik, Ingenieurkunst und Hüttentechnik, bis ihm in seinem fünfundfünfzigsten Lebensjahr plötzlich die Erleuchtung kam; und von da an pflegte er nur noch den Verkehr mit den höheren Welten. Daß er außergewöhnliche okkulte Gaben besaß, ist vielfach urkundlich bezeugt: von den Seelen Verstorbener erfuhr er Einzelheiten, die ihm unmöglich vorher bekannt sein konnten, der Königin von Schweden teilte er Dinge mit, die niemand außer ihr wußte, und in Gotenburg sah er den genauen Verlauf einer Feuersbrunst, die um dieselbe Stunde in Stockholm ausgebrochen war: erst zwei Tage später trafen Augenzeugen ein, die seinen Bericht bestätigten. Ob er auch in dauerndem und vertrautem Umgang mit Engeln stand, ist natürlich unkontrollierbar; er selbst hat es jedenfalls geglaubt. Als seine Mission betrachtete er die Vollendung der christlichen Kirche, die allgemeine und siegreiche Begründung der Wahrheit und Liebe unter den Menschen: dies nannte er das neue himmlische und irdische Jerusalem. Trinität, Rechtfertigung und Sündenfall faßte er als bloße Allegorien. Das Jenseits sah er in seinen Visionen als eine Doublette des Diesseits, die alle Erdenverhältnisse wiederholt, nur verklärter und geistiger und unter Aufhebung der rohen Körperlichkeit, aber gleichwohl so ähnlich, daß viele Geister ihren Übergang in die andere Welt gar nicht bemerken; höchstwahrscheinlich aber galt ihm dieses Reich, das wir heute etwa die Astralsphäre nennen würden, nur als eine Übergangszone. Emerson nennt ihn den letzten Kirchenvater; hingegen ist ihm Kant in seiner berühmten Satire »Träume eines Geistersehers«, die ihn, noch zu seinen Lebzeiten erschienen, als Schwärmer und Erzphantasten hinstellt, nicht völlig gerecht geworden. Preußen »Fäulnis vor der Reife« In dem Nachfolger Friedrichs des Großen, seinem Neffen Friedrich Wilhelm dem Zweiten, bestieg die Mystik, allerdings die falsche, sogar den Thron. Der neue Monarch, nicht unbegabt, aber energielos und genußsüchtig, fand bald in dem gewissenlosen Wöllner seinen Tartuffe und in dem geriebenen Bischoffswerder seinen Cagliostro. Dieser gewann ihn für den Rosenkreuzerorden, während jener ihn zum Obskurantismus bekehrte, unterstützt durch abenteuerliche Totenbeschwörungen, die in seinem Hause stattfanden: bei einer von ihnen erschien, von einem Bauchredner dargestellt, der Schatten Julius Cäsars, um mit dem König persönliche Rücksprache zu nehmen. Unter dem Einfluß Wöllners erließ Friedrich Wilhelm das reaktionäre Religions- und Zensuredikt, dem sogar Kant zum Opfer fiel, indem an ihn das Verbot erging, sich über religiöse Gegenstände öffentlich zu äußern. Die kurzsichtigen und engherzigen Maßnahmen des neuen Regimes waren so wenig zeitgemäß, daß sie nicht einmal von den ausführenden Beamten unterstützt wurden: als der preußische Zensor in einer Schmähschrift den Schlußsatz »Wehe dem Lande, dessen Minister Esel sind!« passieren ließ und darüber von Wöllner zur Rede gestellt wurde, antwortete er: »Hätte ich vielleicht drucken lassen sollen: wohl dem Lande, dessen Minister Esel sind?« Wie das bei oberflächlichen Naturen nicht selten vorkommt, verband sich in Friedrich Wilhelm mit dem Mystizismus eine starke Sinnlichkeit. Er war ein großer stattlicher Mann von überentwickelter Vitalität: das Volk nannte ihn den Dicken, die Zarin Katharina weniger jovial einen Fleischklumpen. Die frühere Frau des Kammerdieners Rietz, zur Gräfin Lichtenau erhoben, spielte an seinem Hofe die Pompadourrolle, indem sie nicht nur als offizielle Mätresse, sondern auch als eine Art Haremsvorsteherin fungierte. Daneben war der König, obgleich mit einer hessischen Prinzessin legitim vermählt, mit zwei anderen Damen, einem Fräulein von Voß und einer Gräfin Dönhoff linkshändig getraut. Mirabeau charakterisierte ihn in seiner »Histoire secrète de la cour de Berlin« ohne jedes Wohlwollen, aber nicht unzutreffend, indem er schrieb, daß sein Wesen aus drei Grundeigenschaften zusammengesetzt sei: Falschheit gegen jedermann, die er für Gewandtheit ansehe, Eigenliebe, die sich beim geringsten Anlaß verletzt glaube, und Verehrung des Goldes, die weniger Geiz sei als die Leidenschaft, es zu besitzen. Einige liebenswürdige Züge sind in diesem Porträt unterschlagen, aber im ganzen hat die Geschichte Mirabeau recht gegeben, der den damaligen Zustand Preußens als »Fäulnis vor der Reife« bezeichnete und dem Staat einen raschen Niedergang prophezeite. Der Volkskaiser Wir haben bereits daraufhingewiesen, daß das achtzehnte Jahrhundert besonders zahlreiche Persönlichkeiten von Bedeutung und Eigenart auf dem Thron erblickt hat. Zu diesen muß auch Josef der Zweite gerechnet werden, obwohl sein populäres Bild, wie es nicht nur in Volksstücken, sondern auch in Schulbüchern noch immer zäh festgehalten wird, nichts als ein leeres verlogenes Klischee, nach derselben Technik angefertigt wie die Glaube-Liebe-Hoffnung-Buntdrucke, die unsere Seifenschachteln schmücken. Im Bewußtsein des Halbgebildeten ist Kaiser Josef vor allem umwoben von der strahlenden Gloriole der Toleranz. Nun hatte aber jene Toleranz des achtzehnten Jahrhunderts, wie wir bereits dargelegt haben, ihre recht eigentümlichen Seiten, die bei Kaiser Josef ganz besonders stark hervortraten. Während sonst das »fortiter in re, suaviter in modo« als Grundsatz einer klugen Regierungskunst gilt, kann man sagen, daß Josef der Zweite gerade das umgekehrte Prinzip befolgte: die mildesten, freiheitlichsten und menschenfreundlichsten Tendenzen führte er mit unnachsichtlicher Härte, Einseitigkeit und Unduldsamkeit durch. Ein starrer Doktrinarismus, verschärft durch hereditären habsburgischen Eigensinn, war das Bestimmende in seinen Reformen, so daß er in vielen Punkten als die Verzerrung, ja Karikatur Friedrichs des Großen erscheint. Schlözer, der einflußreichste und urteilsfähigste Publizist des Zeitalters, nannte denn auch rundheraus sein System »Stuartisieren«, womit er sagen wollte, daß es in seiner Selbstherrlichkeit und Willkürlichkeit von der Regierungsweise der Stuarts im Prinzip nicht verschieden sei. Er war Demokrat und Despot in einer Person und um so mehr Despot, als er über den Auftrieb des moralischen Berechtigungsgefühls verfügte oder zu verfügen glaubte. Die Eingriffe ins Privatleben, die von der Despotie auszugehen pflegen, sind im Einzelfall oft besonders empörend, aber sie erfolgen nur launenhaft und gelegentlich; die Unterdrückungen, die die Demokratie verübt, sind in der Regel weniger aufreizend, aber viel prinzipieller und allgemeiner. Kommt beides zusammen, so ist die Freiheit bis auf den letzten Rest verschwunden. Während der Liberalismus in England, in Frankreich, in Amerika die Forderung des dritten Standes, der Lebensausdruck des heraufkommenden Bürgertums ist, das sich seiner Macht bewußt wird, geht er in Österreich, wie Hermann Bahr in seiner bereits mehrfach erwähnten Monographie »Wien« mit großem Scharfblick konstatiert, der Entwicklung des Bürgertums vorher: »Er ist kein Bedürfnis, er ist ein Luxus; er wächst nicht im Lande, er wird importiert; er ist ein Versuch, die Grundsätze des politischen Lebens statt aus der eigenen Notwendigkeit aus fremden Büchern zu holen.« Und so kehrt sich denn, wenn man Friedrich den Zweiten und Josef den Zweiten etwas näher miteinander vergleicht, die traditionelle Vorstellung um: der strenge Alte Fritz erscheint als der Idealist und Ästhet, der Liberale und Individualist, während der gute Kaiser Josef bei aller Freigeisterei keineswegs das war, was Nietzsche einen »freien Geist« nennt, und bei allen seinen modernen Menschlichkeitsideen doch weit davon entfernt war, ein wirklich humanes Regime zu führen: er hat das damalige mittelalterliche Kriminalrecht noch verschärft, das österreichische Spitzelsystem noch weiter ausgebaut und die Zensur sehr reaktionär gehandhabt: die schrecklichen »Räuber« zum Beispiel waren während seiner ganzen Regierung verboten. Während der Preußenkönig den bekannten Satz aufstellte: »Gazetten, wenn sie interessant sein sollen, müssen nicht geniert werden«, war in Österreich von einer Pressefreiheit keine Rede und das Publikum in seinen publizistischen Bedürfnissen auf die »Wiener Zeitung« angewiesen, die nichts als amtliche Nachrichten und von oben inspirierte Artikel brachte. Nur über den Kaiser selber durfte man reden und schreiben, was man wollte. In Österreich pflegen sich ja zumeist die ernsten geistigen Zeitströmungen in Form einer seichten outrierten Mode zu äußern. Und so hat denn auch Kaiser Josef die zeitgemäßen Tendenzen, die sich in Friedrich dem Großen am glänzendsten verkörperten: den »Absolutismus zum Besten des Volkes«, die Realpolitik, den Zentralismus, die Germanisierung, die uniforme Behandlung aller Staatsbürger entschieden übertrieben. Besonders sein Zentralismus, diese für Österreich so verhängnisvolle Idee, hat viel Unheil gestiftet. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Zentralisation aller Verwaltungsgebiete in einem aus mehreren Nationen gebildeten Reichskörper ein Unding ist, ja es ist sogar die Frage, ob sie nicht überhaupt für jedes, auch das homogenste Staatswesen große Nachteile bringt: das Beispiel Frankreichs, wo die Zentralisationswut zu allen Zeiten und unter allen Regierungen grenzenlos war, kann jedenfalls als Gegeninstanz gelten. Die josefinische Zwangsaufklärung Als man Friedrich dem Großen den Tod Maria Theresias mitteilte, war sein erstes Wort: »voilà un nouvel ordre des choses!« Die neue Ordnung erstreckte sich auf fast alle Gebiete. Die Adeligen wurden vor dem Gesetz den Bürgerlichen gleichgestellt. Das spanische Zeremoniell wurde ebenso abgeschafft wie die spanische Hoftracht; der Kaiser trug auch bei feierlichsten Anlässen niemals etwas anderes als die einfache Felduniform, sogar ohne Ordensstern, auf Reisen mit Vorliebe das Wertherkostüm, das selbst in den konservativeren Bürgerkreisen noch verpönt war. Alle Prozessionen und Wallfahrten wurden verboten, die Feiertage erheblich vermindert, die Brüderschaften aufgehoben, die Klöster und Kirchengüter säkularisiert. Diese katastrophalen Eingriffe veranlaßten den Papst zu dem sensationellen Schritt, persönlich nach Wien zu kommen, wo er vom Kaiser ehrfurchtsvoll empfangen wurde, aber nichts erreichte. Um für die ausgebreitete Fürsorgetätigkeit des Klerus einen Ersatz zu schaffen, wurden aus dem Erlös des veräußerten Kirchenbesitzes staatliche Krankenhäuser, Armenhäuser und Findelhäuser errichtet, die aber keinen sehr guten Ruf genossen. Die Universitäten wurden aller ihrer Sonderrechte beraubt und vollkommen verstaatlicht, sehr zu ihrem Nachteil; denn die neue Unterrichtsordnung machte sie aus wissenschaftlichen Forschungsinstituten zu bloßen Vorbereitungsanstalten für künftige Beamte: es wurden nur jene Fächer gelehrt, die hierfür in Betracht kamen, und von elend bezahlten Professoren. Viel geschah hingegen für die Volksschulen, deren Zahl und Qualität beträchtlich gesteigert wurde; aber auch hier herrschte das mechanische Reglement der josefinischen Zwangsaufklärung: die Einteilung der Lektionen war so genau vorherbestimmt, daß man in Wien in jeder Minute wußte, welche Seite des Lehrbuchs jetzt von den Schulkindern der ganzen Monarchie gelesen werde: »Gerechter Gott«, klagt Mirabeau, der hierüber berichtet, »sogar die Seelen wollen sie in Uniformen stecken! Das ist der Gipfel des Despotismus!« Es sollte eben von heute auf morgen und ohne daß man sie gefragt hätte, eine klerikale Bevölkerung in eine liberale, eine bäuerliche und kleinbürgerliche Gesellschaft in eine bürokratische verwandelt werden. Am allerunangebrachtesten aber waren, wie gesagt, die Versuche, diese bunte Erbmasse von deutschen, ungarischen, polnischen, tschechoslowakischen, serbokroatischen, ruthenischen, rumänischen und italienischen Länderfetzen, die, wenn überhaupt, nur als Föderativstaat lebensfähig war, zu einem Einheitsstaat zusammenzuschweißen. »Die deutsche Sprache«, dekretierte der Kaiser, »ist die Universalsprache meines Reiches«; sie wurde in allen Schulen und Ämtern der Monarchie zum obligaten Verständigungsmittel erhoben. Diese zwangsweise Germanisierung, die sich auf alle Länder mit Ausnahme Belgiens und der Lombardei erstreckte, verfolgte keineswegs nationalistische, sondern bloß zentralistische Ziele, da der Kaiser, dem Zuge der Zeit folgend, kosmopolitisch orientiert war, erregte aber nichtsdestoweniger überall die größte Erbitterung. Denselben Absichten diente die Aufhebung aller Korporationen und Zünfte, ständischen Privilegien und provinziellen Sonderrechte und überhaupt jeglicher Selbstverwaltung. Auch der Kirche, die er nach anglikanischem oder gallikanischem Muster zu reformieren wünschte, war der Kaiser nur wegen ihrer Autonomie feindlich gesinnt. Er war nicht bigott wie seine Mutter, die von jedem Untertan, sogar von Kaunitz, den Beichtzettel verlangte, aber doch gut katholisch: seine antiklerikalen Maßregeln, die ihn am populärsten und verhaßtesten gemacht haben, entsprangen wiederum nur seiner Zentralisationssucht, seiner Staats- oder vielmehr Selbstvergötterung. Die Geistlichen sollten nur noch Standesbeamte sein, als ob die Seelsorge eine Abart der Forstpflege oder des Postdienstes wäre. Das Regime der Velleitäten Das Schlimmste aber war, daß alle diese radikalen Projekte nur halb ausgeführt wurden, wodurch sie bloß Unruhe und Mißvergnügen erzeugten, ohne die Vorteile eines völligen Neubaus als Entschädigung zu bieten. Die Hast, mit der sie in Angriff genommen wurden, lähmte ihre Wirkung und ließ sie trotzdem besonders gehässig erscheinen. Dies meinte offenbar Friedrich der Große, als er vom Kaiser sagte: »er tut den zweiten Schritt vor dem ersten.« Noch heute erinnern Denksteine und Porträts in manchen österreichischen Bauernhäusern daran, daß die Landbevölkerung in ihm ihren großen Wohltäter erblickte; und doch war selbst die Aufhebung der Leibeigenschaft nur eine halbe Befreiung, denn sie beließ die Bauern unter der Patrimonialgerichtsbarkeit, die sie der Willkür der Gutsherren auslieferte. Ebenso unvollkommen blieben die Bemühungen des Kaisers um die Hebung des Handels und Verkehrs: er gab ihn zwar im Innern des Reiches frei, emanzipierte ihn aber doch nicht von der Tyrannei des Merkantilismus, indem er alle ausländischen Waren mit schweren Einfuhrzöllen belegte und Rohstoffe nicht ausführen ließ. Auch seine Bestrebungen, die Steuerlast zu verringern, waren bloße Velleitäten: in Wirklichkeit sah er sich durch das ständige Defizit und den unglücklichen Türkenkrieg genötigt, mehr Abgaben vorzuschreiben als seine Vorgänger. Dieser Krieg war einer seiner größten Fehlgriffe, schon als bloße Absicht, denn wenn er seine so tief einschneidenden Reformen in Ruhe durchführen wollte, mußte er seinem Reiche alle Erschütterungen von außen ersparen. Dazu kam aber noch, daß er militärisch vollkommen talentlos und, als Folge davon, allen Begabungen unter den Führern, zum Beispiel Laudon, abgeneigt war. Auch die josefinische Diplomatie, die sich für Realpolitik hielt, war nichts weniger als glücklich. Sie fußte auf dem sehr einfachen Prinzip, alles einzustecken und nichts dafür herzugeben. Man wollte Bayern haben, sich am Balkan expandieren, das Elsaß erobern, in Italien Erwerbungen machen. Alles dies wollte man womöglich auf einmal und ohne die geringsten Zugeständnisse an Preußen, Frankreich, Rußland oder irgendeine andere Macht. Der Effekt war, daß man Bayern nicht für Belgien eintauschte, sondern auch dieses verlor, daß man sich mit Preußen nicht verständigte, sondern später auch noch die Hauptlast der französischen Invasion am Rhein zu tragen hatte, daß man am Balkan keinen festen Fuß faßte und bei der zweiten Teilung Polens leer ausging. Schon während der Mitregentschaft Josefs führte diese monströse Art, Politik zu machen, zu einer empfindlichen Blamage. Die älteste Linie der Wittelsbacher war ausgestorben und Bayern fiel an die Pfalz. Der Kurfürst erklärte sich bereit, gegen eine Geldentschädigung den Ansprüchen, die der Kaiser auf große Teile Bayerns erhob, seine Anerkennung zu geben. Die Österreicher rückten ein, was aber nur zur Folge hatte, daß Friedrich der Große sofort mobilisierte und seinerseits in Böhmen einmarschierte, wo er und Laudon sich so lange untätig gegenüberlagen, bis Maria Theresia hinter dem Rücken ihres Sohnes den Teschener Frieden zustande brachte, der Preußen die Erbfolge in Ansbach und Bayreuth, Österreich nichts als das kleine Innviertel eintrug: die Soldaten nannten diesen Feldzug »Kartoffelkrieg« und »Zwetschgenrummel«, weil er nur in Requisitionen von Lebensmitteln bestanden hatte. Nun brachte Josef den Tauschplan aufs Tapet: Österreich sollte Bayern, der pfälzische Kurfürst Belgien als »Königreich Burgund« erhalten. Aber hierdurch brachte er nicht nur Preußen gegen sich auf, sondern auch England, das sich gemäß seinem Prinzip, daß Belgien nie an Frankreich fallen dürfe und sich daher stets im Besitz einer starken Militärmacht befinden müsse, zum Widerstand aufgefordert sah. Friedrich der Große aber stiftete den Deutschen Fürstenbund »nach dem einstigen schmalkaldischen«, dem Sachsen, Hannover und zahlreiche Kleinstaaten beitraten. Was weder gegen Richelieu noch gegen Ludwig den Vierzehnten gelungen war, der Zusammenschluß halb Deutschlands zum Schutze des Reichsbestandes, wurde durch die unkluge Taktik jenes Monarchen bewirkt, den das Reich offiziell sein Oberhaupt nannte. So hat Friedrich noch ein Jahr vor seinem Tode, obschon von seinem partikularistischen Interesse geleitet, dem gesamten deutschen Volke eine große Wohltat erwiesen. Die exponierten Niederlande bedrohten zwar das Reich in der Nordflanke, waren aber für Österreich nur ein sehr problematischer Besitz und gingen auch in der Tat bald darauf verloren, während das arrondierte Bayern eine große Lebensfähigkeit besessen hätte. Durch diese Erwerbung hätte der Habsburgerstaat sich mitten ins Reich hineingeschoben und eine fast unüberwindliche süddeutsche Großmacht gebildet. Nicht nur die preußische Hegemonie, sondern jede Lösung der deutschen Frage unter Ausschluß Österreichs wäre dadurch unmöglich geworden und die Fremdherrschaft der habsburgischen Kaiser über Deutschland damit nicht nur verewigt, sondern auch im Laufe der Zeit von einer nominellen zu einer wirklichen erhoben worden. Am Ende seiner Regierung sah der Kaiser seine Gebiete von allen Seiten her bedroht: Abfall der Niederlande, Aufstände in Galizien, Ungarn und Siebenbürgen, Gärung in den deutschen Erblanden, besonders im klerikalen Tirol, feindselige Haltung der französischen Revolutionsregierung, des gekränkten Papstes und der argwöhnischen italienischen Fürstentümer, dauernde Mißerfolge gegen die Türken und Gefahr einer großen nordischen Koalition England-Holland-Schweden-Polen. Er selbst schrieb kurz vor seinem Tode an Kobenzl: »Nie hat es einen gefährlicheren Augenblick für die Monarchie gegeben.« Die Errettung aus diesen Krisen war nur seinem Nachfolger zu danken, seinem Bruder Leopold dem Zweiten, einem stetigen, vorsichtigen, überlegenen Politiker und Meister im klug lavierenden Zuwarten oder, wie man damals sagte, »Temporisieren«, zugleich einem der bizarrsten Habsburger, die je auf dem Throne gesessen sind: obgleich klein, schwächlich und häßlich, war er von einer ausschweifenden sexuellen Begehrlichkeit, hielt sich einen internationalen Stab von Mätressen und ein pornographisches Kabinett und starb schon nach zweijähriger Regierung am übermäßigen Gebrauch erotischer Stimulantien. Die Papierrevolution von oben Im Grunde war Josef der Zweite bloß ein besonders stark profilierter Vertreter des typisch österreichischen Bürokratismus, jener Weltweisheit, die sich bereits zufrieden gibt, wenn sie alles genau schriftlich aufgezeichnet hat, indem sie glaubt, daß es dann schon da ist. Die josefinischen Reformen waren die sehr harmlosen und sehr gefährlichen Spielereien eines Kaisers, bloße Modelle und Attrappen, Dekorationsskizzen und Szenarien, Figurinen einer Reorganisation, die nie wirklich zur Aufführung kam. Die potemkinschen Dörfer, die ihm Katharina in Cherson vorführte, durchschaute er sofort, wie es ihm überhaupt im Leben keineswegs an gesunder Beobachtungsgabe fehlte; aber diese waren doch wenigstens Kulissen, seine Dörfer bloß auf dem Papier. So bestand denn auch seine ganze Regierung aus einer unübersehbaren Kette von Zirkularen, Verordnungen, Erlässen, die einander überstürzten, kreuzten, widersprachen, überspitzten. Daneben überzog ein dichtes Netz von Geheimpolizisten, Spionen und »Vertrauten« das Land, um die Durchführung zu überwachen, die Aufnahme zu beobachten, die Widerstände zu registrieren. Der Grundzug seines Wesens war nämlich, trotz scheinbarem Idealismus und Drang nach oben, eine extreme Nüchternheit und Trockenheit, Kälte und Prosa. Er war, im Gegensatz zu Friedrich dem Großen, völlig amusisch, die Literatur für ihn nur ein Hebel der Aufklärung, wie er sie verstand, nämlich der Verbreitung nützlicher Kenntnisse und liberaler Ansichten. Das freigeistige Schrifttum, das unter seiner Patronanz blühte, stand auf dem alleruntersten Niveau elenden Traktatgewäsches, und Herder sagte von ihm, er habe im Grunde genommen den ganzen Buchhandel für einen Käsehandel angesehen. Er suchte Voltaire nicht auf, als er die Gegend von Ferney passierte, und konfiszierte die deutsche Ausgabe seiner Werke. Werther kam in Wien als Praterfeuerwerk, in Linz als tragisches Ballett zur Aufführung; das Buch aber war verboten. In den Theatern dominierte die roheste Clownerie, worin ihre Pointen bestanden, zeigt ein Wiener Tarif, der als Honorar für jeden Sprung ins Wasser oder über eine Mauer einen Gulden, für eine Ohrfeige, einen Fußtritt oder Begießen 34 Kreuzer festsetzt. Das vom Kaiser ins Leben gerufene und reich dotierte Wiener Hof- und Nationaltheater »nächst der Burg« blieb vom Geist der Zeit völlig unberührt und suchte seinen Ehrgeiz in der Aufführung leerer Rührstücke und Amüsierstücke im Genre Schröders, Ifflands und Kotzebues. So hat er es eigendich niemandem recht gemacht: weder der Reaktion noch der Aufklärung, weder dem dritten Stand noch den Privilegierten. Der Grund lag weder in seinem Willen, der gut, noch in seinen Ideen, die vernünftig waren, sondern in seinem Mangel an echter Menschenkenntnis, wir können auch sagen: an Phantasie. Er besaß nicht die Gabe, sich in die Seelen seiner Untertanen zu versetzen und so ihre wahren Bedürfnisse zu erraten. Man begann sich daher bei all seiner eifrigen Redlichkeit sehr bald die Frage aufzuwerfen, die eine Flugschrift vom Jahre 1787 als Titel führte: »Warum ist der Kaiser Josef bei seinem Volke nicht beliebt?« Und doch hat die Nachwelt einen gesunden Instinkt bewiesen, als sie gerade ihn aus einer langen Reihe von fruchtbareren Herrschern heraushob und in ihm etwas Besonderes, eine Art Helden- und Märchenfigur sah. Denn er besaß eine Eigenschaft, die unter den Fürsten und Machthabern dieser Erde höchst selten ist: er war modern. Auf einem alten legitimen Herrscherthron war er ein alles umwandelnder und erneuernder Revolutionär. Und daß auch er an sich die Wahrheit erfahren mußte, daß auf dieser Welt nur einer das Recht hat, Revolution zu machen: nämlich das Genie, gerade das macht ihn zu einer tragischen und rührenden Gestalt. Dieses ewig Suchende und schmerzvoll Unerfüllte, diese Stiefkindschaft des Schicksals verleiht ihm ein unzerstörbares Aroma von Romantik und Poesie. Die Menschheit hat, und darin liegt sicher eine Art Gerechtigkeit, allemal den unglücklichen Liebhabern des Lebens ein treueres und liebevolleres Andenken bewahrt als den Erfolgmenschen. Jedes Kind weiß heute noch von Kaiser Max, dem letzten Ritter, zu erzählen, während sein ungleich mächtigerer Nachfolger, Karl der Fünfte, in die Geschichtsbücher verbannt ist. Und noch für lange Zeit wird der weitaus populärste Bayernkönig jener phantastische Ludwig der Zweite bleiben, dessen Regierungstaten darin bestanden, daß er die Staatsgelder für kindischen und geschmacklosen Theaterprunk vergeudete und die Aspirationen Bayerns auf die deutsche Hegemonie endgültig preisgab. In diesen und ähnlichen Dingen erweist die Menschheit ein großes Feingefühl, wie sie denn überhaupt nur in ihren einzelnen Exemplaren unerträglich zu sein pflegt, während sie als Ganzes zweifellos ihre Qualitäten besitzt. Das Ende Polens Neben Friedrich dem Zweiten und Josef dem Zweiten steht Katharina die Zweite, die ebenfalls die stärkste monarchische Wirksamkeit entfaltete. Sie war durch einen von ihr inszenierten Staatsstreich zur Regierung gelangt, während sie an der Ermordung ihres Gatten aller Wahrscheinlichkeit nach unschuldig war. Sie regierte vollkommen absolutistisch; die von ihr einberufene gesetzgebende Versammlung war eine bloße Komödie und Konzession an den Zeitgeist. Von Josef dem Zweiten unterschied sie sich durch ihren klaren Weltblick, der nie Unmögliches ins Auge faßte, und ihr lebhaftes Interesse und Verständnis für das geistige Leben der Zeit. Sie stand in dauernder Korrespondenz mit Diderot, d'Alembert, Voltaire und anderen literarischen Koryphäen, die sie alle an ihren Hof zu ziehen suchte und durch reiche Geschenke und Pensionen auszeichnete, und war selbst Schriftstellerin. Gleich Friedrich und Josef besorgte sie mit einer unverwüstlichen Arbeitskraft alle Regierungsgeschäfte persönlich: »Madame«, sagte ihr einmal der geistreiche Prince de Ligne, »ich kenne kein Kabinett, das kleiner wäre als das russische: es erstreckt sich von der einen Ihrer Schläfen zur andern.« Durch ihr geschicktes Vorgehen und Zurückweichen und ihre mit Biegsamkeit gepaarte Zähigkeit war sie in der Balkanpolitik viel erfolgreicher als Josef. Ihr Ziel war Konstantinopel. Dies erreichte sie nicht, aber es kam unter ihrer Regierung zu den drei polnischen Teilungen. Die Katastrophe dieses Reiches war seit langem fällig. Es war schon allein dadurch lebensunfähig, daß es bei seiner riesigen Ausdehnung eine unverhältnismäßig kleine und noch dazu wertlose Küste besaß. Dazu kam die unmögliche Verfassung. Der König wurde jedesmal durch tumultuarische Wahl bestimmt und besaß fast gar keine Rechte. Das »liberum veto« gestattete jedem Landboten, die Tätigkeit des Reichstags lahmzulegen, ja es bestand sogar die Bestimmung, daß, wenn ein einziges Gesetz durch einen derartigen Einspruch nicht zustande komme, auch alles vorher Beschlossene ungültig sei, und es war natürlich sehr leicht, ein solches einzelnes Veto zu erkaufen. Man sprach daher schon zu Anfang des Jahrhunderts von der »königlichen Republik Polen«, die man aber auch ebensogut eine königliche Anarchie hätte nennen können. Das Recht des bewaffneten Widerstandes war dem Adel, der »Schlachta«, sogar verfassungsmäßig gewährleistet. Die Bevölkerung bestand aus einigen großen Familien von ungeheuerm Reichtum, einem gänzlich verschuldeten Betteladel und zu neun Zehnteln aus völlig entrechteten Leibeigenen, in denen, wie Georg Forster in seinen »Ansichten vom Niederrhein« sagte, die polnischen Edelleute beinahe die letzte Spur von Denkkraft getilgt hatten; dazwischen gab es nur Jesuiten und Juden und fast gar keinen Bürgerstand. Branntwein, Spiel und Syphilis waren die Mächte, die dieses »ritterliche« Volk seit Jahrhunderten beherrschten: selbst im Ausland waren die Polen als die verwegensten Hazardeure allgemein berüchtigt. Auch ihre Bestechlichkeit war sprichwörtlich und hat die Teilungen sehr erleichtert, wenn nicht überhaupt ermöglicht: die Teilungsmächte führten für diesen Zweck eine eigene gemeinsame Kasse. Während die Bauern im tiefsten Elend verkamen, lebten die wenigen Begüterten in einem ausschweifenden Luxus: so gab zum Beispiel 1789 der Fürst Karl Radziwill ein Fest für viertausend Personen, dessen Kosten nach dem heutigen Geldwert etwa vier Millionen Mark betrugen. Es gab keine Post, fast gar keine Apotheken und Schulen und nur herumziehende Handwerker, dagegen noch im ganzen Lande Wölfe. Bei der ersten Teilung verlor Polen, das ursprünglich fast anderthalbmal so groß war wie Frankreich, etwa ein Drittel seines Besitzes. Rußland bekam territorial am meisten, war aber eigentlich durch den Handel benachteiligt, denn vorher war das ganze Königreich Polen nicht viel mehr als eine russische Provinz gewesen. Preußen erreichte durch seine Erwerbungen die vorteilhafte Verbindung zwischen Ostpreußen und Pommern, erhielt aber noch nicht den Hafen Danzig und die Festung Thorn. Für Westpreußen war der Besitzwechsel ohne Zweifel ein Glück, denn gleich nach 1772 wurde dort die Leibeigenschaft aufgehoben, der Bau des Bromberger Kanals begonnen und alles Erdenkliche für die Hebung der Bildung und des Wohlstandes unternommen. Auch vom nationalen Standpunkt war die Einverleibung nicht völlig ungerecht, denn das Land war früher deutsches Ordensgebiet gewesen und in den Städten befanden sich noch starke deutsche Reste. Das beste Geschäft machte Österreich mit Galizien und dessen wertvollen Salzbergwerken. Maria Theresia hat diesen Gewaltakt immer als einen Flecken auf ihrer Regierung bezeichnet und sich auch wahrscheinlich wirklich Gewissensbisse darüber gemacht; aber Friedrich der Große sah die Sache kühler an und sagte: »Sie weinte, aber sie nahm«. An der zweiten Teilung partizipierte Österreich nicht, aber nicht aus Edelmut, sondern wegen der ungünstigen politischen Konstellation, die dritte im Jahre 1795 führte zur völligen Auflösung des Reiches. Kosmopolitismus Dieser in der neueren Geschichte vollkommen vereinzelt dastehende Vorgang hat jedoch in der öffentlichen Meinung fast gar keine Entrüstung ausgelöst, weil die damalige Menschheit kosmopolitisch orientiert war und daher die Vergewaltigung einer ganzen Nation gar nicht als solche empfand. Zumal in Deutschland war der heutige Begriff des Patriotismus gänzlich unbekannt. Lessing sagt: »Ich habe von der Liebe des Vaterlandes keinen Begriff und sie scheint mir aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre.« Herder fragt: »Was ist eine Nation?« und antwortet: »Ein großer ungejäteter Garten voll Unkraut, ein Sammelplatz von Torheiten und Fehlern wie von Vortrefflichkeit und Tugend.« Der junge Goethe schreibt: »Wenn wir einen Platz in der Welt finden, da mit unseren Besitztümern zu ruhen, ein Feld, uns zu nähren, ein Haus, uns zu decken, haben wir da nicht ein Vaterland? und haben das nicht tausend und tausende in jedem Staat? und leben sie nicht in dieser Beschränkung glücklich? Wozu nun das vergebene Aufstreben nach einer Empfindung, die wir weder haben können noch mögen, die bei gewissen Völkern, nur zu gewissen Zeitpunkten, das Resultat vieler glücklich zusammentreffender Umstände war und ist? Römerpatriotismus ? Davor bewahre uns Gott wie vor einer Riesengestalt! Wir würden keinen Stuhl finden, darauf zu sitzen, kein Bett, darinnen zu liegen«; aber auch noch als ausgereifter Mann notiert er in sein Tagebuch im Hinblick auf die soeben erfolgte Gründung des Rheinbundes: »Zwiespalt des Bedienten und Kutschers auf dem Bock, welcher uns mehr in Leidenschaft versetzte als die Spaltung des Römischen Reiches.« Und der Verfasser eines »Artikels aus Katzenellenbogen« in Schlözers Staatsanzeigen sprach sicher die Ansicht weiter Kreise aus, als er schrieb: »Andere mögen es beklagen, daß unsere Fürsten nichts am Ganges zu befehlen haben; mir ist es ein Glück für unser Vaterland, daß der hanseatische Bund zerstört, der deutsche Admiral auf der See unter Ferdinand dem Zweiten in der Geburt erstickt und endlich Deutschland durch den Westfälischen Frieden auf einige Jahrhunderte hinaus in so viele kleine Staaten zerstückt wurde, wovon jeder sein eigenes Interesse hat, und bald die Lage, bald die Größe es dem einen oder dem anderen ohnmöglich machen, große Kauffahrteiflotten vom Stapel zu lassen. Wie seltsam ist es doch, an der Malabarischen Küste nach Pfefferkörnern umherzurennen, wenn man doch noch zu Hause alle Hände voll zu tun hat!« Und Lichtenberg faßt die ganze Frage in seiner pointierten Art zusammen, indem er sagt: »Ich möchte was darum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland getan worden.« Auch Schiller bildet keine Ausnahme, obgleich man ein Jahrhundert lang in Schulbüchern und Leitartikeln versucht hat, ihn als Wiedererwecker des deutschen Patriotismus hinzustellen. Er benützt in seinen Dichtungen die Vaterlandsliebe lediglich als ein hochwertiges dramatisches Material, ohne ihr jedoch jemals eine deutschnationale Färbung zu geben. Er schildert im »Tell« den Heldenkampf eines Volkes um Freiheit und Heimat und in der »Jungfrau« den heroischen Widerstand des Landes gegen fremde Eroberer; aber jenes Volk sind die Schweizer und dieses Land ist Frankreich. Auf deutschem Boden spielen nur zwei seiner Stücke, von denen das eine die verbrecherischen Zustände an einem Duodezhof darstellt und das andere eine Gesellschaft junger Leute schildert, die aus katilinarischer Verzweiflung eine Räuberbande bilden. Und am 13. Oktober 1789 schrieb er an Körner: »Das vaterländische Interesse ist nur für unreife Nationen wichtig, für die Jugend der Welt; es ist ein armseliges, kleinliches Ideal, für eine Nation zu schreiben; einem philosophischen Geiste ist diese Grenze durchaus unerträglich.« Im übrigen wurden patriotische Regungen sogar von den Regierungen nur ungern gesehen, weil man dahinter sogleich Republikanismus witterte; und da man damals die Ansicht hatte, daß es echte Vaterlandsliebe nur in der Antike gegeben habe, sich aber sowohl Römer wie Griechen nur als extreme Republikaner vorstellen konnte, so lag eine solche Ideenverbindung in der Tat nahe. Im allgemeinen gab es eine politische Publizität überhaupt nur in Form verbotener Flugschriften. Die Zensur war gegen sie ebenso streng wie machtlos, ihre Verbote machten die Bücher nur populär, ja lenkten oft erst die Aufmerksamkeit auf sie, und so konnte es geschehen, daß gegen Ende der Regierungszeit Maria Theresias die Behörde auf ein Auskunftsmittel von echt österreichischem Schwachsinn verfiel, indem sie den Katalog der verbotenen Bücher verbot. Die soeben erwähnten Staatsanzeigen Schlözers, das einzige unabhängige politische Journal in deutscher Sprache, erschienen im freien Göttingen, das infolge der hannoverschen Personalunion fast eine englische Stadt war, und hatten einen großen Einfluß: sie waren immer auf dem Schreibtisch Kaiser Josefs zu finden und Maria Theresia pflegte bei wichtigen Regierungsmaßnahmen zu bemerken: »Was wird Schlözer dazu sagen?« Erziehungsmanie Im allgemeinen beschäftigte sich das Interesse der gebildeten Kreise mehr mit den Gegenständen der inneren Verwaltung als mit den Fragen der Verfassung und äußeren Politik. Eine außerordentliche Bedeutung erlangten die Schriften des Marchese Beccaria, besonders sein Werk »Dei delitti e delle pene«, worin er mit edler Begeisterung gegen die Folter und die Todesstrafe und für eine öffentliche, unparteiische und humane Justiz eintrat: es wurde in fast alle Kultursprachen übersetzt und bewirkte in mehreren europäischen Staaten eine Reform der Rechtspflege. Das Zauberwort, von dem sich die Zeit die Lösung aller sozialen, ethischen und wirtschaftlichen Probleme erhoffte, hieß »Erziehung«. Man wollte nicht nur das Kind, sondern auch das »Volk«: den Landmann, den Kleinbürger, den Proletarier erziehen und erblickte am Ende dieses moralischen Lehrkurses die Verwirklichung des paradiesischen Reiches der Menschenliebe, Glückseligkeit und Freiheit; in diesem Glauben an die Universalkraft der Pädagogik offenbart sich einer der charakteristischsten Züge dieser neuen Kultur, die im wesentlichen von Lehrern und Pastoren geschaffen worden war. Allenthalben entstanden »Philanthropinen«, wie man die Reformschulen damals nannte, und andere Institute zur Volksbildung und Volksaufklärung. Leider geriet die Bewegung vielfach in die Hände reklamesüchtiger Wirrköpfe und Scharlatane; die gesunden Grundprinzipien, vor allem die größere Beachtung der körperlichen Ausbildung und die freiere Methodik des Unterrichts, haben sich aber im Laufe der Zeit fast überall durchgesetzt. An der Spitze aller dieser Bestrebungen stand Pestalozzi, der eigentliche Erfinder der modernen Erziehungstechnik, die auf eine gleichmäßige Ausbildung des Herzens und des Kopfes abzielte und nicht, wie bisher, vom Geiste des Lehrers, sondern von der Seele des Kindes auszugehen suchte. Im einzelnen besaß Pestalozzi keine ganz klaren Anschauungen, sondern huldigte im Sinne des Zeitalters einigen abstrakten und nebulosen Ideen, vor allem der Theorie von der »Naturgemäßheit« des Unterrichts, die so vieldeutig und weitmaschig ist, daß man mit ihr in der Praxis alles und nichts anfangen kann. Diese hatte er aus Rousseau, der der Zeit den größten Teil ihres Schlagwörterfundus lieferte: »laissez faire en tout la nature« lehrte er in seinem Buche »Emile oder über die Erziehung«. Die Physiokraten Und denselben Grundsatz hatte für die Nationalökonomie, die man damals ebenfalls zum Gebiet der Volkserziehung rechnete, schon lange vor Rousseau Boisguillebert aufgestellt: »qu'on laisse faire la nature!« , indem er für eine von allen staatlichen Eingriffen befreite Entwicklung des Wirtschaftslebens eintrat. Ein halbes Jahrhundert später gründete d'Argenson auf dieses Postulat sein System des »laissez faire!« . Der Klassiker dieser Richtung wurde Quesnay, der Leibarzt Ludwigs des Fünfzehnten, der zunächst in seinem »Tableau économique« die Forderung des »laissez passer!« wiederholte und 1768 in seinem Werk »La physiocratie« die Schule der Physiokraten begründete, die das ganze spätere Jahrhundert beherrschte. Das Wort will besagen, daß die Natur frei herrschen soll, weil allein aus den natürlichen Quellen der Wirtschaft Wohlstand und Fortschritt fließen. Daher wird der Merkantilismus verworfen: nicht Handel und Industrie sind produktiv, sondern nur Grund und Boden: »la terre est l'unique source des richesses.« Die wichtigsten Bevölkerungsklassen sind demnach die Grundbesitzer, denn nur sie verfügen über einen wirklichen Reinertrag, und die Landarbeiter, die die eigentliche classe productive darstellen; die Gewerbe- und Handeltreibenden hingegen bilden die classe stérile : der Wert ihrer Produkte ist immer nur gleich den Produktionskosten, die Stoffe selbst können sie nicht vermehren; sie sind daher, wie Turgot weiter ausführte, bloße salariés , besoldete Diener der Ackerbauer. Freiheit des Austausches und Wettbewerbes führt von selbst zu natürlichen Preisen: dies ist der ordre naturel , dem die wirkliche Ordnung der Dinge, l'ordre positif , möglichst angeglichen werden muß. Der Weg hierzu ist die Aufhebung der bisherigen staatlichen Beschränkungen, Eingriffe und Lasten: der Fronden, der meisten Steuern, der Preisüberwachungen, besonders beim Getreide; sie alle sind wider die Natur. Diese neue Lehre ergriff alle geistig interessierten Kreise wie ein Fieber: man begann sich in den Salons gegen die Monopole und Schutzzölle und für die Hebung der Landwirtschaft zu erhitzen, die Nationalökonomie wurde Modewissenschaft. »Gegen 1750«, sagt Voltaire, »wird die Nation der Verse, der Tragödien, der Lustspiele, der Romane, der Opern, der romantischen Geschichten, der noch romantischeren moralischen Betrachtungen und der Disputationen über Anmut und Knixe überdrüssig und beginnt über das Getreide zu räsonnieren.« Es blieb aber im wesentlichen beim bloßen Räsonnement, und im übrigen ersetzten, wie man bereits bemerkt haben wird, die Physiokraten oder Ökonomisten, wie sie auch vielfach genannt wurden, nur eine Einseitigkeit durch eine andere. Konzeption des Maschinenmenschen Es ist das Verdienst des Engländers Adam Smith, aus dem Boden dieser Anschauungen eine haltbarere und umfassendere Theorie entwickelt zu haben, die sich in einem gewissen Grade bis zum heutigen Tage behauptet hat. Sein Hauptwerk »Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations« konstatiert zunächst zwei Produktionsfaktoren: erstens die Arbeit, zweitens Boden und Klima. Der Wert aller Güter ist durch das Maß der Arbeit bestimmt, das auf sie verwendet wird und ihren natürlichen Preis bildet; dieser ist nicht immer identisch mit dem Marktpreis, der noch von anderen Umständen, hauptsächlich vom Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage abhängt. Ferner unterscheidet Smith Gebrauchswert und Tauschwert; bei demselben Gegenstand kann der eine sehr hoch und der andere gleich Null sein: so haben zum Beispiel Wasser und Luft einen außerordentlichen Gebrauchswert und fast gar keinen Tauschwert und umgekehrt Diamanten und Straußenfedern einen sehr bedeutenden Tauschwert und einen sehr geringen Gebrauchswert. Die Größe des Volksvermögens ist abhängig von der Menge der Güter, die einen Tauschwert haben, und dieser wiederum von dem Maß der investierten Arbeit: die Arbeit also ist der wahre Preis der Waren, das Geld nur ihr Nominalpreis. Smith ist somit kein reiner Physiokrat, da er jede Arbeit, nicht bloß den Landbau, als wertbildend und produktiv anerkennt und von den Gutsbesitzern sogar sagt, sie seien Menschen, die ernten, wo sie nicht gesät haben; vielmehr erblickt er die wichtigste Gesellschaftsklasse in den Kapitalisten, die, indem sie ihr Geld in der Produktion anlegen und dadurch Arbeitsgelegenheit schaffen, die Wirtschaft am meisten fördern. In seinen praktischen Forderungen und Folgerungen ist er aber mit den Ökonomisten einer Meinung: er verlangt vollkommene Handels- und Verkehrsfreiheit, Aufhebung der bäuerlichen Lasten und der Leibeigenschaft, der Preiskontrolle und des Zunftzwangs. Als das Idealmittel zur Hebung der Produktion erschien ihm die strengste Arbeitsteilung, mit anderen Worten: die Mechanisierung der Arbeit. Dabei dachte er noch nicht an Maschinen, sondern bloß an intensivste Spezialisierung der manuellen Tätigkeit. Ein Arbeiter, sagt er, kann im Tage zehn Stecknadeln erzeugen; in einer Manufaktur vermögen zehn spezialisierte Handfertige, die richtig ineinander arbeiten, in derselben Zeit 48000 Stecknadeln herzustellen. Wir sehen, daß ihm, obgleich das Zeitalter der Maschinenkultur noch nicht angebrochen war, die neue Idee bereits ganz deutlich vorschwebte, die darin besteht, daß der Mensch nur noch als Wirtschaftssubjekt gewertet wird, ja eigentlich nur als Wirtschaftsobjekt, als Tauschartikel und Rad einer Maschine. Papin hatte bereits im Jahre 1690 in den »Acta eruditorum« unter dem Titel »Neues Verfahren, bedeutende bewegende Kräfte zu billigen Preisen zu erhalten« seine Experimente mit dem Dampftopf veröffentlicht: also schon bei ihm stand das wirtschaftliche Moment im Vordergrund. Newcomen baute 1712 nach Papins Prinzip einen Apparat zum Heben von Wasser; 1769 erfand Arkwright die Spinnmaschine; in demselben Jahr nahm James Watt das Patent auf seine Dampfmaschine; 1786 gelang Cartwright die Herstellung des mechanischen Webstuhls; und das »Puddeln«, die Gewinnung von Stahl aus Roheisen, das 1784 patentiert wurde, schuf die wichtigste Vorbedingung für den exakten Maschinenbau. Gegen Ende des Jahrhunderts waren die Maschinen in England bereits ziemlich verbreitet; auf dem Kontinent erst erheblich später. Wir stoßen hier wiederum auf die bereits mehrfach hervorgehobene Tatsache, daß in der menschlichen Kulturentwicklung das Primäre stets der Gedanke ist, auf den die entsprechenden Tatsachen ganz von selber folgen: erst konzipierte der Engländer den Maschinenmenschen, und als dies geschehen war, blieb ihm gar nichts anderes mehr übrig, als die dazugehörige Maschine zu erfinden oder vielmehr wiederzuerfinden, denn sie war bereits dem Altertum bekannt, das sie aber, und zwar von seinem Weltbild aus mit Recht, für eine bloße Spielerei hielt. Die »Lästerschule« Das englische Schrifttum erlebte damals einen seiner Höhepunkte. Die Juniusbriefe, vielleicht das wirksamste politische Pamphlet aller Zeiten, hämmerten die Ideen des Liberalismus mit ebensoviel Energie wie Bosheit in alle Gehirne. Goldsmith dichtete seinen »Vicar of Wakefield«; Sterne, eines der merkwürdigsten Genies der Weltliteratur, schrieb den »Tristram Shandy«; Fielding machte in seinen Romanen die Figuren Richardsons lächerlich, indem er das pharisäisch Unanständige und Verlogene, Leere und Platte ihrer Kaufmannstugend zeigte, die bloße Firmenkorrektheit ist, und immer den Taugenichts siegen ließ, der viel menschlicher und wahrhaftiger ist, weil er seine Triebe nicht unterdrückt oder wegheuchelt; und Sheridans Lustspiele konservierten das Leben der damaligen Londoner Gesellschaft in dem reinen und starken Spiritus ihres Witzes. Alle diese Dichter besitzen die kristallklare Heiterkeit von Menschen, die über allen Situationen stehen, und ihr Esprit hat die seltene Eigentümlichkeit, daß er niemals schwitzt: sie müssen ganz einfach geistreich sein. Sie öffnen irgendein Ventil ihres Gehirns und sofort strömt eine lustige Dampfwolke von zahllosen Paradoxien, Sottisen, Bonmots, Bübereien heraus. Sheridans »Lästerschule« zum Beispiel kann tatsächlich noch heute als Unterrichtskursus der graziösen Bosheit gelten. »Sie können doch nicht leugnen, daß Fräulein Vermilion hübsch ist. Sie hat so reizend frische Farben.« »Ja, besonders wenn sie frisch angestrichen ist.« »O pfui! Ich möchte schwören, daß ihre Farben natürlich sind. Man kann ja sehen, wie sie kommen und gehen.« »Gewiß kann man das sehen. Sie gehen am Abend und kommen am Morgen. Und wenn sie einmal ausbleiben, so kann sie ihr Mädchen um sie schicken.« »Aber eines steht fest: ihre Schwester ist oder war sehr schön.« »Wer? Frau Evergreen? Mein Gott, sie ist heute sechsundfünfzig Jahre.« »Nein, da tun Sie ihr ganz gewiß unrecht: zweiundfünfzig oder dreiundfünfzig ist das Höchste; und ich finde, sie sieht nicht älter aus.« »Ach, nach ihrem Aussehen kann man nicht urteilen, denn man bekommt ja niemals ihr Gesicht zu sehen.« »Nun, wenn Frau Evergreen auch einige Mittelchen anwendet, um die Schäden der Zeit zu verdecken, so muß man ihr doch lassen, daß sie es sehr geschickt macht, jedenfalls besser als die Witwe Ochre, die eine sehr unbegabte Malerin ist.« »Nein, nein, Sie sind zu streng gegen die Witwe Ochre, denn, sehen Sie, es liegt nicht daran, daß sie schlecht malt, sondern wenn sie ihren Kopf fertig hat, so fügt sie ihn so ungeschickt an den Hals, daß sie aussieht wie gewisse alte Statuen, bei denen der Kenner sofort bemerkt: der Kopf ist modern, aber der Rumpf ist antik.« »Sie sind zu boshaft, Mylady. Ich glaube, echter Witz ist der Gutmütigkeit näher verwandt, als Sie anzunehmen scheinen.« »Gewiß, ich glaube sogar: sie sind so nahe verwandt, daß sie nie eine Ehe schließen können.« Man wird zugeben, daß diese Gespräche durchaus keine Alterspatina besitzen, sondern geradesogut gestern geschrieben sein könnten. Und dies ist einer der vielen Genüsse, die die Lektüre dieser Satiriker bietet: man bemerkt mit großer Beruhigung, daß die Menschen schon vor hundertfünfzig Jahren ein ebensolches Gesindel waren wie heutzutage. Der Abfall Nordamerikas Während so das englische Leben auf fast allen Gebieten eine Steigerung erfuhr, erhielt das britische Imperium, das schon damals fast ein Weltreich war, einen empfindlichen Schlag durch den Abfall Amerikas. Die erste englische Kolonie im Westen war Virginia gewesen, unter der Königin Elisabeth von Abenteurern gegründet, die dort an mehreren Punkten Plantagenwirtschaften anlegten, hauptsächlich aber nach Gold suchten und dafür den Tabak fanden. 1620 entstand durch die Landung der »Mayflower«, in der die »Pilgerväter« vor den religiösen Verfolgungen der Hochkirche Schutz suchten, die Puritanerkolonie von New Plymouth, so genannt nach dem Ort der Abfahrt, und mit ihr wurde die etwas später gegründete, ebenfalls puritanische Niederlassung Massachusetts vereinigt, deren Hauptort Boston war. Die Hauptnahrungsquellen dieser einfachen Ansiedler waren die Fischerei und der Schiffbau, für den der große Holzreichtum des Landes überreiches Material lieferte. Die Vertreibung der Holländer aus Neu-Amsterdam, das von da an New York hieß, und die Gründung Pennsylvaniens durch die Quäker haben wir schon erwähnt: in diesem Lande lag die wichtigste Stadt Philadelphia, gegründet im Jahre 1682. Im Süden wurden die großen Kolonien Carolina und Georgia an Virginia angeschlossen. Schließlich bildeten alle diese Gebiete einen zusammenhängenden breiten Streifen an der Ostküste Nordamerikas. Die Verwaltung vom Mutterland aus geschah nach extrem merkantilistischen Prinzipien: man verbot den Kolonisten, eigene Industrien zu errichten und ihre Rohstoffe anderswohin als nach England auszuführen, was, da dadurch jede Konkurrenz ausgeschlossen war, empfindlich auf die Preise drückte und große Erbitterung erregte. Dazu kam, daß England gerade durch den Sieg im Siebenjährigen Krieg die wirksamsten Vorbedingungen für den Abfall geschaffen hatte, denn nun waren die Staaten, von der Umklammerung Frankreichs befreit, nicht mehr auf den Schutz der britischen Regierung angewiesen. Die Einführung von Auflagen auf eine große Anzahl englischer Importartikel führte zu dem Beschluß, alle Waren zu boykottieren, für die an England Steuern zu entrichten seien. Daraufhin ließ man in London diese Verordnungen fallen und erklärte, nur den Teezoll aufrechterhalten zu wollen; aber die Gärung war schon zu groß: das Volk verlangte stürmisch nach Selbstvertretung im Parlament und durch das ganze Land ging der Kampfruf: »No taxation without representation!« 1773 warfen als Indianer verkleidete Patrioten die ganze Ladung eines Teeschiffes ins Wasser, 1774 beschloß ein Abgeordnetenkongreß in Philadelphia den Abbruch des Handelsverkehrs mit dem Mutterlande. Damit war der Krieg unvermeidlich geworden. Unter der Führung George Washingtons wurde ein Freiwilligenheer gebildet, das gegen die englischen Soldtruppen, die zum Teil aus verkauften deutschen Untertanen bestanden, mit wechselndem Erfolge kämpfte. 1776 kam es zur Unabhängigkeitserklärung der dreizehn Vereinigten Staaten, die unter anderem den folgenschweren Satz aufstellte, daß alle Menschen frei und gleich geboren seien. Der Krieg dauerte acht Jahre und schloß mit der Anerkennung der Unabhängigkeit sämtlicher Staaten im Frieden von Versailles. Die Amerikaner waren anfangs im Nachteil, da ihre Miliz bei aller physischen Geschicklichkeit und Terrainkenntnis nur den taktischen Wert eines Aufgebots von weißen Indianern hatte; in dem preußischen Oberst Friedrich Wilhelm von Steuben fand das Bundesheer aber einen talentvollen Organisator, und der Beitritt Frankreichs, Spaniens und Hollands gab dem Krieg eine für England sehr ungünstige Wendung. Diese diplomatischen Erfolge waren in erster Linie das Verdienst Benjamin Franklins, der in Paris als Unterhändler erschien und dort meisterhaft die damals so beliebte Rolle des schlichten Bürgers und geraden Republikaners spielte. Seine schmucklose Kleidung, sein ungepudertes Haar, seine bescheidenen Manieren erregten das Entzücken aller Salons. Man verglich ihn mit Fabius und Brutus, Plato und Cato, sein Bild wurde überall verkauft, so daß sein Gesicht, wie er an seine Tochter schrieb, so bekannt war wie das des Mondes. Er wußte ganz genau, daß es sich nur um eine Mode handelte, und nutzte sie als schlauer Geschäftsmann für seine Zwecke. Die Damen trugen Hüte und Frisuren à l'Indépendance, à la Bostonienne, à la Philadelphie, à la nouvelle Angleterre , die Herren gingen in grobem Tuch und dicken Schuhen à la Franklin und mit Knotenstock und großem rundem Quäkerhut à la Penn . Der Marquis de Lafayette, der am Kriege teilgenommen hatte, hing in seinem Zimmer zwei Tafeln auf: die eine enthielt die amerikanischen Menschenrechte, die andere war vollkommen leer und trug die Überschrift: »die Menschenrechte der Franzosen«. Die französische Regierung nahm im Frieden von Versailles an England Revanche; aber diese Revanche kostete sie sechs Jahre später ihre eigene Existenz. Beaumarchais und Chamfort Die Stimmung der Zeit verdichtete sich zu elektrisierender Wirkung in der »Hochzeit des Figaro«, die ein Jahr nach der Beendigung des amerikanischen Krieges zur Aufführung gelangte. Daß das Stück, das jahrelang mit den größten Zensurschwierigkeiten zu kämpfen hatte, schließlich doch erlaubt wurde, bedeutete bereits den Sieg der Revolution und die Kapitulation der alten Gesellschaft, die in dieser drohenden Feuererscheinung nur ein amüsantes Raketengeprassel erblickte. Die Privilegierten applaudierten ebenso entzückt wie der dritte Stand, als Figaro seinen berühmten Satz sprach: »Monsieur le comte ... qu'avez-vous fait pour tant de biens? Vous vous êtes donné la peine de naître, et rien de plus.« Bei der Premiere war ein solcher Andrang, daß drei Personen erstickten, und es folgten über hundert Aufführungen, was damals etwa zehnmal so viel bedeutete wie heutzutage. Der »Figaro« führte den Untertitel: »la folle journée« , und sein Erscheinen bezeichnet in der Tat einen der tollsten Tage der französischen Geschichte. Beaumarchais sagte selbst: »es gibt etwas Närrischeres als mein Stück, das ist sein Erfolg«, und Napoleon erklärte, im »Figaro« sei bereits die Revolution auf dem Marsche gewesen. Die Frechheit Figaros unterscheidet sich jedoch sehr wesentlich von der Rousseaus, sie gehört noch zum Rokoko, ist graziös, bijouteriehaft, aimabel und voll Selbstironie. Sie ist die Frechheit des Lakaien, der noch im Dienst dessen steht, gegen den er unverschämt ist, und sich daher in denselben Formen ausdrückt und bewegt wie er; sie hat sich daher trotz scheinbarer Zügellosigkeit immer in der Gewalt. Beaumarchais ist noch durch zahlreiche Fäden mit dem ancien régime verknüpft. Seine Götter waren Geld und Genuß. Er entrierte zahlreiche große Handelsgeschäfte, wurde der Erfinder der Theatertantieme, und auch sein Held Figaro ist ein zynischer Geldmacher. Andrerseits berührt er sich mit Rousseau und Chamfort darin, daß seine Attacken nichts waren als eine geistreiche Vorrevolution, ein Gedankenspiel, aus der Freude an Sensation und Widerspruch geboren, ein Marionettentheater ohne bewußte Konsequenzen. Die große Wirklichkeit ging denn auch über ihn hinweg, wie sie über Chamfort hinwegging und über Rousseau hinweggegangen wäre, wenn er sie erlebt hätte. Schon Mirabeau schleuderte Beaumarchais die Worte entgegen: »Erwarten Sie für die Zukunft nichts als den Vorzug vergessen zu werden.« Während der Revolution rettete er mit Mühe sein Leben. Die Polemik Chamforts, noch immer spielerisch, hat doch schon einen viel aggressiveren Charakter. In seinen »Pensées« sagt er ganz unverhohlen: »Der Adel, heißt es, ist eine Zwischenstufe zwischen König und Volk. Ja, wie der Jagdhund eine Zwischenstufe zwischen dem Jäger und dem Hasen ist!« und: »Ich betrachte den König von Frankreich nur als den König von ungefähr hunderttausend Menschen, unter die er den Schweiß, das Blut und die Haut von über vierundzwanzig Millionen anderer Menschen aufteilt.« Eines Morgens bemerkte er zum Grafen von Lauraguais: »Ich habe eine Arbeit vollendet.« »Wie? Ein Buch?« »Nein, kein Buch. Ich bin nicht so dumm, so etwas zu machen. Aber den Titel eines Buches, und dieser Titel ist alles. Ich habe ihn bereits dem Puritaner Sieyès zum Geschenk gemacht, der ihn nach Belieben ausführen darf. Mag er dazuschreiben was er will: man wird sich nur an den Titel erinnern.« »Nun und wie lautet er?« »Was ist der dritte Stand? Alles. Was besitzt er? Nichts.« In der Tat hat Sieyès seiner berühmten Broschüre, die eine so außerordentliche Wirkung übte, diesen Titel gegeben und ihn nur durch den dritten Satz vermehrt: »Was verlangt er? Etwas zu sein«, der aber die epigrammatische Schlagkraft eher abschwächt; und in der Tat hat man sich von dieser Broschüre nichts gemerkt als den Titel. Noch eine zweite ebenso lapidare und zündende Devise der Revolution: »Krieg den Palästen, Friede den Hütten« stammte von Chamfort. Im übrigen aber war er durchaus kein Verehrer der Masse und der öffentlichen Meinung. »Ein einzelner«, sagt er in den »Pensées«, »kann nie so verächtlich sein wie eine Korporation«, und an einer anderen Stelle schreibt er: »Das Publikum! Das Publikum! Wieviel Dummköpfe müssen denn zusammenkommen, damit ein Publikum entsteht?« Über die Nationalversammlung von 1789 bemerkt er: »Betrachtet man die Mehrzahl der Abgeordneten, so hat man den Eindruck, als hätten sie nur darum Vorurteile zerstört, um Vorurteile zu haben, etwa wie Leute, die ein Bauwerk niederreißen, um Abbruchmaterial zu bekommen.« Eines dieser boshaften Bonmots führte zu seiner Internierung: als er nämlich beim Anblick der überall angebrachten Inschrift: »Liberté, Egalité, Fraternité ou la mort!« bemerkte: »C'est la fraternité de Caïn« . Er wurde wieder freigelassen, sollte aber später ein zweitesmal verhaftet werden und beging infolgedessen einen Selbstmordversuch. Es ist nicht vollkommen aufgeklärt, ob er an diesem oder an seinem langjährigen Blasenleiden starb. Rousseaus Naturbegriff Was Rousseau anlangt, so ist bereits die Entstehungsgeschichte seines Erstlingswerks für ihn ungemein charakteristisch. Die Akademie in Dijon hatte die Preisaufgabe gestellt: »Hat die Erneuerung der Wissenschaften und Künste dazu beigetragen, die Sitten zu reinigen?« Diderot fragte Rousseau: »Welchen Standpunkt werden Sie einnehmen?« »Natürlich den bejahenden.« »Das ist die Eselsbrücke«, erwiderte Diderot, »alle Mittelmäßigkeiten werden diesen Weg gehen. Der entgegengesetzte eröffnet dem Denken und der Beredsamkeit neue Gebiete.« Rousseau befolgte diesen Tip und machte mit seiner Antwort, die gekrönt wurde, die erhoffte Sensation. Einmal entschlossen, die Gegenansicht zu vertreten, ging er weit über die gestellte Frage hinaus, indem er, sich zu schäumender Wut gegen die gesamte menschliche Kultur aufpeitschend, in glänzender Rhetorik zu beweisen suchte, daß sie die Sitten nicht nur nicht verbessert, sondern korrumpiert habe und überhaupt an allem Unglück der Menschheit schuld sei. Was würden wir mit den Künstlern anfangen ohne den verderblichen Luxus, der sie großzieht? Wären wir ohne die Gelehrten weniger zahlreich, weniger gut regiert, weniger blühend? Im Gegenteil: nur die Wissenschaft und die Kunst haben es bewirkt, daß das Talent über die Tugend gestellt wird. Einige Jahre später stellte die Akademie von Dijon eine zweite Preisfrage: »Welche Ursache hat die Ungleichheit der Menschen und ist sie in der Natur begründet?« Rousseau widmete auch diesem Thema eine Abhandlung und erregte mit ihr noch größeres Aufsehen als mit seiner ersten Schrift: gerade das blinde und gehässige Ressentiment, das aus ihr sprach, machte den Erfolg. Er findet die Ursache der Ungleichheit, die eine empörende Unnatürlichkeit und Ungerechtigkeit ist, wiederum in der Zivilisation, in den staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen, die der Mensch willkürlich geschaffen hat. Der einzig menschenwürdige Zustand ist der Naturzustand: »Wenn die Natur uns dazu bestimmt hat, gesund zu sein, so wage ich fast zu behaupten, daß der Zustand der Reflexion ein widernatürlicher Zustand ist und daß ein Mensch, der denkt, ein entartetes Tier ist.« »Der erste, der ein Stück Land einzäunte und sich vermaß zu sagen: das gehört mir, und Leute fand, die einfältig genug waren, es zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, wie viele Kriege, wie viele Entbehrungen und Schrecken wären der Menschheit erspart geblieben, wenn einer die Grenzpfähle ausgerissen, die Gräben verschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: hütet euch, diesen Betrüger anzuhören; ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Frucht allen und das Land niemandem gehört!« Alle Kultur ist Arbeitsteilung, Arbeitsteilung bedeutet Ungleichheit und in der Ungleichheit liegt der Ursprung alles Übels. Nun lautet aber andrerseits die Kardinalforderung Rousseaus: Rückkehr zur Natur; er haßt die Kultur hauptsächlich deshalb, weil sie Veränderung, in seinem Sinne Perversion der ursprünglichen Menschennatur bedeutet. Wir wollen hier nicht auf die Frage eingehen, ob Natur oder Kultur die normale und angemessene Verfassung des historisch gewordenen Individuums ist und ob der »Naturzustand« dem modernen Menschen überhaupt möglich, ja auch nur vorstellbar ist, sondern nur, Rousseaus eigenen Prinzipien folgend, sein ideales Vorbild, die Natur betrachten. Und da finden wir überall Arbeitsteilung und Ungleichheit, und zwar nimmt die Arbeitsteilung mit der geistigen und physischen Entwicklung der Organismen konstant zu. Keine Arbeitsteilung ist, genau genommen, schon nicht mehr bei einzelligen Algen und Infusorien zu finden, sondern nur bei den noch tiefer stehenden membranlosen »Moneren«. Der Organismus der höheren Lebewesen aber ist streng arbeitsteilig, aristokratisch und hierarchisch organisiert und das Gehirn beherrscht und leitet monarchisch den ganzen Körperstaat; daß es in den monarchischen Staatskörpern nur selten dieselbe dominierende Rolle spielt, ist nicht Schuld der Staatsform. Rousseaus Naturbegriff war aber eben gar kein wissenschaftlicher, sondern ein literarischer. Mit dem Wort »nature« verband er nicht eine aus strenger und ernster Beobachtung der physischen Welt geschöpfte Generalidee, sondern irgend etwas Romantisch- Sentimentales, aus einer schlechten Spieloper oder verlogenen Reisebeschreibung Hängengebliebenes. Man verstand ihn indes in Frankreich nur zu gut. Und bald sollte das Prinzip der Arbeitsteilung so gründlich geleugnet werden, daß man den Kopf Lavoisiers, weil er sich zu einseitig mit Chemie befaßt hatte, unter die Guillotine brachte. Héloïse, Contrat und Emile Das nächste größere Werk Rousseaus war sein Roman »Julie ou la nouvelle Héloïse«. Auch hier schlug er einen ganz neuen Ton an: in dieser Seelenschilderung tritt zum erstenmal die Liebe des modernen Empfindungsmenschen als wirkliche Leidenschaft auf, als tragische Katastrophe, übermenschliche Fatalität und elementare Naturkraft. Und doch stört auch hier wieder die Berechnung auf den Effekt, der Wille zur Fassade, das Übermaß an Rhetorik; die Marquise du Deffand, die den Scharfsinn und Geschmack eines Diderot mit einem hellseherischen psychologischen Takt verband, wie ihn nur ihr Geschlecht besitzt, und daher als das kritische Genie ihrer Zeit bezeichnet werden kann, sagte von der »Héloïse«: »Es gibt vorzügliche Stellen in dem Buch, aber sie gehen unter in einem Ozean von Geschwätzigkeit.« Kurz darauf folgte der »Contrat social«. In diesem Werk wird die Lehre von der Volkssouveränität mit einer fanatischen Energie und Intransigenz verkündet, wie sie bisher noch nicht vernommen worden war. Die jeweilige Regierung ist nicht durch einen Vertrag eingesetzt, sondern durch einen Auftrag, den sie vom Volk erhalten hat; daher sind ihre Mitglieder nicht die Herren, sondern die Angestellten des Volkes, deren Mandat nur so lange gilt, als es dem Volk gefällt. Von Zeit zu Zeit soll durch eine allgemeine Volksabstimmung entschieden werden, ob die gegenwärtige Regierungsform beizubehalten ist und ob ihre Exekutivorgane weiter mit der Verwaltung betraut werden sollen oder nicht. Das Christentum ist zur Staatsreligion ungeeignet, denn es predigt Demut und Unterwerfung und begünstigt dadurch die Gewaltherrschaft; das souveräne Volk muß daher eine neue Religion bestimmen. Nur die Zahl entscheidet. Bin ich in der Minderheit, so beweist das nur, daß ich mich geirrt habe, indem ich eine Meinung für den allgemeinen Willen hielt, die es nicht war. Wer sich weigert, diesem Kollektivwillen zu gehorchen, muß durch die gesamte Körperschaft zum Gehorsam gezwungen werden, und das heißt nur: die Körperschaft zwingt ihn, frei zu sein. Da der »Souverän« nichts ist als die Zusammenfassung aller einzelnen, so kann er diesen niemals schaden wollen, denn es ist unmöglich, daß der Körper seinen Gliedern schaden will. Diese hinterlistigen Sophismen sollten einige Jahrzehnte später tatsächlich die Wirklichkeit regieren: der Souverän erhob sein Haupt und zwang, jedoch ohne ihnen schaden zu wollen, alle, die sich geirrt hatten, mittels des Fallbeils zur Freiheit. Fast gleichzeitig mit dem »Contrat« erschien der lehrhafte Roman »Emile ou de l'éducation«, dessen schönste Partie die berühmte »Profession de foi du vicaire savoyard« ist: hier wird, mit deutlicher Polemik gegen Voltaire, die platte Christusauffassung der Aufklärung widerlegt, die im Heiland einen ehrgeizigen Sektierer, bestenfalls einen antiken Weisen von der Art des Sokrates erblickt hatte: »Ist das wohl der Ton, den ein Schwärmer oder ein ruhmbegieriger Sektenstifter anschlägt? Welche Sanftmut! Welche Sittenreinheit! Welche rührende Anmut in seinen Unterweisungen! Welche Erhabenheit in seinen Grundsätzen! Welche tiefe Weisheit in seinen Reden! Welche Geistesgegenwart! Welche Feinheit und Schlagkraft in seinen Antworten! Welche Herrschaft über die Leidenschaften! Wo ist der Mann, wo der Weise, der ohne Schwäche und Ostentation so zu handeln, zu leiden und zu sterben versteht!... Wenn Sokrates in Leben und Tod ein Weiser war, so erkennen wir bei Christus das Leben und den Tod eines Gottes.« Im übrigen wird im »Emile«, wie wir bereits erwähnten, als Universalmittel gegen alle Schäden der bisherigen Erziehungsmethoden jene vage und vieldeutige Rückkehr zur Natur gepredigt. Das Kind soll alles auf »natürlichem« Wege erlernen, durch Selbstdenken, eigene Anschauung und glücklichen Zufall: eine bestechende Maxime, sehr geeignet für faszinierende Prunkreden, für die Praxis so gut wie wertlos. Mit großer Emphase ermahnt Rousseau die Mütter, ihre Kinder selbst zu stillen, und die Väter, ihre Kinder selbst zu erziehen: nur wer die Vaterpflichten auf sich nehme, habe das Recht, Vater zu werden. Er hatte damals gerade sein fünftes Kind ins Findelhaus geschickt. In allen diesen Werken offenbart sich Rousseau, weder als Gestalter noch als Denker, sondern nur als genialer Journalist und daneben an gewissen Stellen als suggestiver Lyriker und, was damals in der Literatur vollkommen neu war, als virtuoser Landschafter, wie er denn auch der eigentliche Entdecker der wildromantischen Natur war: »Man weiß schon«, sagt er in den »Confessions«, »was ich unter einer schönen Gegend verstehe. Niemals eine Landschaft der Ebene, mag sie noch so schön sein. Ich verlange Gießbäche, Felsen, Tannen, dunkle Wälder, Berge, rauhe auf- und abführende Pfade und recht fürchterliche Abgründe neben mir. Das Grundmotiv seiner ganzen Schriftstellerei ist, Aufsehen zu erregen, um jeden Preis, und alles, was reiner, reicher und gesünder ist, mit allen Mitteln ins Unrecht zu setzen. Dabei ist er zweifellos geistig nicht normal, sondern von drei bis vier fixen Ideen hin- und hergeschleudert, die er aber im Rausch seiner begeisterten Dialektik zu den glänzendsten Truggeweben auszuspinnen vermag. Die verbissene Humorlosigkeit, die allen Geisteskranken eigentümlich ist, verbindet sich in ihm mit dem dumpfen und schwerfälligen Ernst des Plebejers, der alles eindeutig, alles buchstäblich, alles kompakt nimmt, weil er immer nur unter fordernden und bockbeinigen Realitäten gelebt hat. Daß ein Volk und Zeitalter, dem die Dinge überhaupt erst als geistig existenzberechtigt erschienen, wenn sie mit Witz und Ironie, Anmut und Geschmack, Leichtsinn und Doppelsinn gesagt wurden, nun dem entgegengesetzten Extrem zujubelte, bezeichnete die letzte Stufe der Décadence, die dem ancien régime überhaupt erreichbar war. Rousseaus Charakter Was seinen moralischen Charakter betrifft, so war er so abscheulich, daß es schon aus diesem Grunde ganz unmöglich ist, ihn unter die Genies zu rechnen. Von seinem zweimaligen Glaubenswechsel, der beide Male aus eigennützigen Motiven erfolgte, wollen wir nicht reden; ebensowenig von seinen jugendlichen Diebstählen, obgleich der Umstand, daß er sie auch noch unschuldigen Personen in die Schuhe schob, sie besonders häßlich erscheinen läßt. Bei seinem unbegreiflich niederträchtigen Verhalten gegen Voltaire scheint Verfolgungswahnsinn im Spiele gewesen zu sein. Obgleich dieser ihn jederzeit mit Liebenswürdigkeiten überschüttet hatte, schrieb er ganz plötzlich den offenen Brief »sur les spectacles« an d'Alembert, in dem er Voltaire mit vollendeter Tartuffebosheit bei der Genfer Regierung als Sittenverderber denunzierte, bloß weil er sich in Ferney ein Theater hielt: eine Anklage, die einem Verfasser zugkräftiger Singspiele und schlüpfriger Romane besonders übel anstand. Trotzdem schrieb Voltaire an Rousseau, als dieser aus Frankreich und der Schweiz verbannt war und nirgends ein Asyl fand, einen Brief voll zärtlicher Fürsorge, worin er ihn auf eine seiner Besitzungen zum dauernden Aufenthalt einlud. Rousseau fuhr aber zeitlebens fort, Voltaire mit dem Neid des Schlechtweggekommenen aufs gehässigste zu verunglimpfen. Ähnlich benahm er sich gegen Friedrich den Großen. Als dieser ihm durch seinen Gouverneur in Neufchâtel eine bedeutende Geldsumme, Korn, Wein, Holz und eine Villa anbieten ließ, erkärte er mit der aufrechten Verlogenheit des republikanischen Phrasendreschers, es sei ihm unmöglich, in einem Hause zu schlafen, das eines Königs Hand gebaut habe, und an den König schrieb er: »Sie wollen mir Brot geben; gibt es unter Ihren Untertanen keinen, dem es daran fehlt?« Nachdem er diese alberne und taktlose Patzigmacherei unter Dach gebracht hatte, nahm seine Geliebte alle Geschenke hinter seinem Rücken an. Hume brachte ihn nach England, wo er ihm einen angenehmen Zufluchtsort und eine königliche Pension verschaffte. Die Folge waren wiederum eine Reihe nichtswürdiger Attacken von seiten Rousseaus, auf die Hume mit den treffenden Worten antwortete: »Da Sie der schlimmste Feind Ihrer eigenen Ruhe, Ihres Glückes und Ihrer Ehre sind, so kann ich nicht überrascht sein, daß Sie der meinige geworden sind.« Als Madame d'Epinay, die ihm jahrelang im Walde von Montmorency ein reizendes Gartenhäuschen zur Verfügung gestellt hatte, nach Genf reiste, verbreitete er das schändliche Gerücht, sie tue dies, um in der Schweiz ein heimliches Kind zur Welt zu bringen. Ebenso peinliche Affären hatte er mit Diderot, d'Alembert, Grimm: allemal zuerst der Verdacht einer geheimen Verschwörung und dann Undankbarkeit und Infamie, so daß selbst der sanfte und philosophisch überlegene d'Alembert sich zu der Bemerkung veranlaßt sah: »Jean Jacques ist eine wilde Bestie, die man nur mit einem Stock und hinter Gitterstäben berühren darf.« Das zusammenfassende Urteil hat Voltaire gesprochen: »Ein Arzt müßte an Jean Jacques eine Bluttransfusion vornehmen, sein jetziges Blut ist eine Komposition aus Vitriol und Arsenik. Ich halte ihn für einen der unglücklichsten Menschen, weil er einer der bösesten ist.« Seine widerwärtigste Eigenschaft aber war seine pharisäische Verlogenheit, und wir weigern uns aufs allerentschiedenste, einen Menschen, der sein Leben lang eine so dreiste perfide Komödie gespielt hat, auch nur unter die Künstler zu zählen, es sei denn, daß man sich entschließt, unter dichterischem Talent die Fähigkeit zu besonders geschicktem und unverfrorenem Schwindel zu verstehen. Sein ganzes Dasein war geschmacklose Pose und aufdringliche Heuchelei. Die »Héloïse« beginnt mit der Bemerkung, der Verfasser bedaure es, nicht in einem Jahrhundert zu leben, das ihm gestatte, den Roman ins Feuer zu werfen. Nach dem Lärm, den seine Erstlingsschrift gemacht hatte, erklärte er mit großer Ostentation, die Schriftstellerei zu verachten und fortan als braver, ehrlicher Notenschreiber sein Leben fristen zu wollen: er wird tatsächlich Notenschreiber, aber weder ein braver, denn seine Kopien sind liederlich und unbrauchbar, noch ein ehrlicher, denn das Ganze ist eine Spiegelfechterei: er läßt sich seine Arbeiten von neugierigen Snobs überzahlen und weiß ganz genau, daß das Honorar nicht ihnen, sondern der interessanten Tagesberühmtheit gilt, lebt also in Wirklichkeit nur von seinem schriftstellerischen Ruhm, und zwar in der doppelt unanständigen Form der Schnorrerei, die sich als stolze Unabhängigkeit aufspielt. Geschenke nimmt er natürlich niemals: die empfängt immer nur die gute Therese Levasseur. Er verliebt sich in die Schwägerin seiner Wohltäterin Madame d'Epinay, die Gräfin d'Houdetot, die unglücklich verheiratet ist, aber bereits einen andern liebt, und stellt ihr eindringlich vor, wie unmoralisch dies sei: tugendhaft ist es offenbar nur, den Gatten mit Rousseau zu betrügen. Wir haben schon erwähnt, daß er alle seine Kinder ins Findelhaus brachte, aber auch das geschah natürlich wiederum nur aus Tugend: denn, sagt er, als überzeugter Bürger der platonischen Republik habe er seine Kinder als Gemeingut des Staates betrachtet und sich nicht für berechtigt gehalten, sie diesem zu entziehen. Eines Tages beschließt er, als Verächter der erbärmlichen Zivilisation und des ungerechten Luxus die »schlichte« armenische Tracht anzulegen, die aber in Wirklichkeit mit gestickter Jacke, seidenem Kaftan, gefütterter Mütze und buntem Gürtel ein anspruchsvolles lärmendes Theaterkostüm ist, nichts weniger als einfach, sondern viel prächtiger als die Kleidung der anderen. Als ihm Voltaire schreibt: »Sie müssen Ihre Gesundheit bei mir in der Heimatluft wiederherstellen, die Freiheit genießen, mit mir die Milch unserer Kühe trinken und unser Gemüse verzehren«, antwortet er mit einer Affektation, deren abgeschmackter Hochmut bereits ans Läppische grenzt: »Ich würde es vorziehen, statt der Milch Ihrer Kühe das Wasser Ihrer Quelle zu trinken.« Der Einbruch des Plebejers in die Weltliteratur Sein schauspielerisches Meisterstück aber hat Rousseau in seinen »Selbstbekenntnissen« geleistet. Schon die Einleitungsworte schlagen den Ton an, der, aus Dünkel und falscher Demut, Selbstverherrlichung und wohlberechneter Selbstanklage raffiniert gemischt, durch das ganze Buch geht. »Ich unternehme ein Werk, das seinesgleichen weder gehabt hat noch haben wird. Meinen Mitmenschen will ich einen Menschen zeigen, ganz in seiner wahren Natur; dieser Mensch bin ich, ich ganz allein. Ich kenne mein Herz und ich kenne die Menschen. Ich wage zu glauben, daß ich nicht bin wie irgendeiner von allen, die existieren. Bin ich nicht ein Besserer als sie, so bin ich wenigstens ein anderer ... Ewiger Gott, ein jeglicher enthülle vor deinem Thron mit gleicher Aufrichtigkeit sein Herz, und dann sage ein einziger von ihnen, wenn er es kann: ich war besser als dieser.« Das Programm des ganzen Unternehmens findet sich in dem Satz: »Mein ganzes Unglück habe ich nur meinen Tugenden zuzuschreiben ... wer sich nicht für mich begeistert, ist meiner nicht würdig.« Selbstverständlich beichtet Rousseau nur genau so viel, als ihm paßt, und auch dieses nur in der Beleuchtung, die ihm am vorteilhaftesten und zugleich sensationellsten erscheint. Die vielgerühmte Aufrichtigkeit dieser Konfessionen setzt sich aus faustdicken Lügen, heuchlerischen Selbstvorwürfen und einigen irreführenden, aber ehrlichen Autosuggestionen zusammen. Die zahlreichen Stellen, wo er mit frappierender Offenheit auf seine eigenen Verfehlungen hinweist, fließen teils aus Wichtigtuerei, teils aus der Erkenntnis, daß man sich in der Welt, und zumal in einer Welt, die den pikanten Wildgeruch über alles liebt, gerade durch seine Laster am interessantesten macht und doppelt interessant, wenn man dazu noch die stets dankbare Rolle des reuigen Sünders spielt; mit dieser Technik, die sich von der des Kolportageromans nur durch ihr größeres Raffinement unterscheidet, erreicht man alles auf einmal: die Gloriole des Moralhelden, der über sich selbst Gericht hält, und den Faszinationsreiz des verfluchten Kerls, der eine »Vergangenheit« hat. Das Phänomen Rousseau bezeichnet den Einbruch des durchtriebenen und brutalen Plebejers in die Weltliteratur. Das bisherige Schrifttum des dritten Standes hatte den Ehrgeiz, in die höhere Welt aufzusteigen, die Feinheit, Anmut, Beherrschtheit ihrer Lebensform zu erreichen und womöglich zu überbieten: aber Rousseau verachtet die »Gesellschaft« oder spielt vielmehr virtuos die Rolle dieses Verächters, er bleibt unten; und das ist seine Originalität und seine Stärke. Seine Ordinärheit ist jedoch nicht einfach Natur, das wäre uninteressant, sondern gesteigerte, gestellte, plakatierte Natur: er legt die Schminke fingerdick auf und macht dadurch für seine verkünstelte und verspielte Zeit den Effekt erst voyant, schlagend, bühnenfähig. Er macht dem Salon ein Bauerntheater vor, wozu er prädestiniert ist wie kein zweiter; denn er vereinigt in sich die Eigenschaften eines wirklichen Proleten und eines hervorragend begabten Amateurschauspielers: jene Echtheit, die nötig ist, um Glaubwürdigkeit zu erzeugen, und jene Theatralik, die erforderlich ist, um beim Publikum zu gefallen. Man ist entzückt über die Pikanterie, mitten unter Reifröcken und Seidenfräcken einen unrasierten Kerl in Hemdärmeln zu sehen, der sich in die Hand schneuzt, ins Zimmer spuckt und alle Dinge beim Namen nennt. Daß dies nur eine neue Nüance der Affektion darstellt, bemerkt in einer Zeit, deren einzige Apperzeptionsform die Affektation ist, natürlich niemand. Während des Menschenalters zwischen 1760 und 1790 herrscht in der Vorstellung aller gebildeten Kreise der von Rousseau erfundene » bon villageois «, eine Mischung aus Lesebuchgestalt und Operettenfigur, rechtlich, knorrig, arglos, dem Herrn ergeben, bändergeschmückt und strohhutbedeckt, einfach, heiter und genügsam. Daß der Bauer das Gegenteil von alledem ist: ein hartes und finsteres, gieriges und mißtrauisches Erdtier, das seinen Bau und die darin angesammelten Vorräte eifersüchtig bewacht und mit Krallen und Zähnen verteidigt, wußte man nicht oder hatte man vergessen. Rousseau hatte mit seinem exaltierten Naturkultus die Bedürfnisse jener blasierten Gesellschaft vollkommen erraten. Man hatte alles genossen und alles weggeworfen, als man eines Tages an der Hand Rousseaus die Reize der »Natürlichkeit« und »Einfachheit« entdeckte, wie ein Gourmet, dessen Zunge bereits alle Delikatessen auswendig weiß und satt hat, plötzlich den Wohlgeschmack derben Landbrots und Specks, frischer Milch- und Obstnahrung zu würdigen beginnt. Man verlangte von nun an im Gartenbild Hütten, Mühlen, Moosbänke, grasendes Vieh, sogar künstlichen Urwald. Man führte Lämmer an seidenen Bändern durch die sanfte Natur. Diese modische Begeisterung für das Landleben wurde sogar die Todesursache Ludwigs des Fünfzehnten. Auf einem Spaziergang, den er mit der Dubarry in der Gegend von Trianon unternahm, bemerkte er eine kleine Kuhhirtin, die für ihre Tiere Gras pflückte und ihm in ihrer ländlichen Unschuld so gefiel, daß er sie zum Souper mitnahm; tags darauf starb sie an den Pocken und zehn Tage später wurde der König das Opfer derselben Krankheit. Da Rousseau die Mütter ermahnt hatte, ihre Kinder selbst zu säugen, wurde nun das Stillen die große Mode: man tat es ostentativ in großer Gesellschaft, und die fünfzigste Aufführung des »Figaro« fand auf Veranlassung des reklamekundigen Autors zugunsten armer stillender Mütter statt. Ferner forderte die Rückkehr zur Natur, daß man stets voll hingebender und gehobener Empfindung sei (denn der Naturmensch ist immer warm, aufopfernd und zartfühlend) und dies vor aller Welt deutlich zur Schau trage: Freundinnen mußten stets Arm in Arm gehen und sich so oft wie möglich küssen; wenn ein Autor ein Stück vorlas, mußte man ihn durch Schluchzen und entzückte Ausrufe unterbrechen und hie und da in Ohnmacht fallen; ja es kam sogar vor, daß Ehepaare sich vor aller Welt umarmten und Geschwister einander duzten. Als die berühmte Schauspielerin Clairon Voltaire in Ferney besuchte, kniete sie vor ihm nieder, worauf ihm nichts übrig blieb als ebenfalls niederzuknien; schließlich unterbrach er die feierliche Szene, indem er sagte: »Und nun, Mademoiselle, wie geht es Ihnen?« Der Maler des Rousseauismus ist Jean Baptiste Greuze, von Diderot überschwenglich gepriesen, der ihn gegen Boucher ausspielte. Ebenso geschwätzig und theatralisch, aufdringlich und falsch sentimental wie Rousseau, aber liebenswürdiger und temperamentloser, schilderte er die Lieblingsobjekte jener über sich selbst gerührten Philanthropie in zahlreichen Genrebildern: das edle Volk, den braven Landmann, die kinderreiche fürsorgliche Mutter und treue Gattin, das Glück der Familie, den Segen der Frömmigkeit, des Fleißes, der Bedürfnislosigkeit, der Pietät. Aber seine ehrbaren Hausfrauen sind Theatermütter und seine unschuldsvoll entblößten Jungfrauen Exhibitionistinnen; es ist die prickelnde Schlüssellocherotik Fragonards noch einmal, verstärkt durch den Hautgoût der Unberührtheit. Triumph der Empfindsamkeit Auch die deutsche »Geniezeit«, die etwa mit den siebziger Triumph Jahren einsetzt, geht in wesentlichen Zügen auf Rousseau zurück. Es herrschte, wie Goethe sich rückblickend ausdrückt, »eine Gärung aller Begriffe«. »Die Epoche, in der wir lebten, kann man die fordernde nennen, denn man machte an sich und andere Forderungen auf das, was noch kein Mensch geleistet hatte. Es war nämlich vorzüglichen, denkenden und fühlenden Geistern ein Licht aufgegangen, daß die unmittelbare originelle Ansicht der Natur und ein darauf begründetes Handeln das Beste sei, was der Mensch sich wünschen könne, und nicht schwer zu erlangen .... Wie man nun auch hier zur Ausübung schritt, so sah man, am kürzesten sei zuletzt aus der Sache zu kommen, wenn man das Genie zu Hilfe riefe, das durch seine magische Gabe den Streit schlichten und die Forderungen leisten würde.« Die Parole »Genie« war von Gerstenberg ausgegeben worden, von dem auch das erste bedeutende Drama dieser Schule stammte. Was man darunter verstand, hat Lavater in seiner »Physiognomik« am eindringlichsten ausgedrückt: »Der Charakter des Genies und aller Werke des Genies ist Apparition ; wie Engelserscheinung nicht kommt, sondern dasteht, nicht weggeht, sondern weg ist, so Werk und Wirkung des Genies. Das Ungelernte, Unentlehnte, Unlernbare, Unentlehnbare, Innig-Eigentümliche , Unnachahmliche, Göttliche ist Genie, das Inspirationsmäßige ist Genie, heißt bei allen Nationen, zu allen Zeiten Genie und wird es heißen, solange Menschen denken, empfinden und reden. Genie blitzt, Genie schafft, veranstaltet nicht, so wie es selbst nicht veranstaltet werden kann, sondern ist . Unnachahmlichkeit ist der Charakter des Genies, Momentanität, Offenbarung, Erscheinung, Gegebenheit: was gegeben wird, nicht von Menschen, sondern von Gott oder vom Satan.« Der höchste Lobestitel, den man damals zu verleihen hatte und auch sehr freigebig verlieh, bestand demnach darin, daß man jemanden ein »Originalgenie« oder eine »Natur« nannte. Man verlangte nicht mehr virtuose Handhabung der Regeln, sondern »Fülle des Herzens« und stellte das Gemüt hoch über den Verstand: aber mit dem Verstand; wie denn überhaupt jene stürmende Jugend, die sich das Programm gesetzt hatte, um jeden Preis zu brodeln, eine merkwürdige Mischung aus Naivität und Reflexion darstellte, etwas Kindlich-Altkluges an sich hatte. Das Vorspiel dieser hochinteressanten Bewegung, die in das deutsche Geistesleben einen ganz neuen Ton gebracht hat, bildet die Periode der Empfindsamkeit, deren Anfänge etwa zwei Jahrzehnte älter sind. Schon Gellerts Hauptforderung, die er unzählige Male in Briefen und Schriften wiederholte, war ein »gutes empfindliches Herz«. Das modische weiche und gefühlvolle Wesen nannte man nun um 1750 »zärtlich« oder »empfindlich«. Lessing übersetzte den Titel von Sternes »sentimental journey« mit »empfindsame Reise«, und dieser Ausdruck bürgerte sich nicht nur allgemein ein, sondern gewann auch sehr bald den Charakter einer Lebensdevise. Daneben trat die Vorstellung der Rousseauschen » belle âme «, der schönen Seele, die allen zarten und zärtlichen Regungen geöffnet ist. Und dann kam das Wort »Gefühl« auf und ergriff mit der Macht, die nur die große Mode einer Vokabel verleihen kann, die Herrschaft über alle Lebensgebiete. Man berauschte sich an ihm und rief es sich gegenseitig wie eine nächtliche Parole anfeuernd, geheimnisvoll zu. »Gefühl« war die unerläßliche, aber auch völlig ausreichende Legitimation für alles. Worauf beruht Liebe, Freundschaft, Verständnis, aller Zusammenhang unter den Menschen? Einzig auf dem Gefühl. Was ist der Kern der Religion, was ist das Vaterland, das Leben, die Natur? Ein Gefühl. Was macht den Maler, den Denker, den Poeten, was verleiht den Stempel echter Menschlichkeit? Immer das Gefühl. Natürlich ist die Folge, daß diese Fähigkeit, alles aus dem inneren Reichtum des Herzens zu erfühlen, die eine seltene Gabe, ein göttliches Talent ist, von all den Vielzuvielen, die die Mode mitmachen wollen, bloß äußerlich gespielt und künstlich forciert wird. Man will stets bewegt, gerührt, ergriffen, hingerissen sein, man zwingt sich in einen permanenten Zustand seelischer Hochspannung. In Frankreich erzeugte dieses Spielen mit edeln Sentiments die Revolution. In Deutschland hatte es das harmlosere Ergebnis einer weltfremden einseitigen Kultur. Eine der ersten und wohltätigsten Folgen dieses Gefühlskults bestand darin, daß er die Schranken, die die steife Tradition des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zwischen den Menschen aufgerichtet hatte, zum Teil durchbrach. Noch Lessing, sonst ein so warmer und siegreicher Vorkämpfer der Natürlichkeit, stand mit seinen besten Freunden auf Sie, und in der josefinischen Volksschule, die ebensowenig wie alle anderen Reformwerke des Kaisers einen wirklichen Durchbruch zur Freiheit bedeutete, war es den Knaben aufs strengste verboten, einander zu duzen. Goethe und Lavater hingegen gebrauchten sogleich bei ihrer ersten Begegnung das Du, das überhaupt unter Menschen, die sich geistig miteinander verwandt fühlten (und zu dieser Empfindung kam es damals sehr leicht), die übliche Anrede wurde; und ebenso rasch nannte man sich »Bruder« und »Schwester«. Die ganze Zeit ist auf ein schmelzendes Adagio gestimmt; diese Tonart begann auch erst damals in der Musik zu dominieren. Ein unentbehrlicher Bestandteil auch des kleinsten Parks war der »Freundschaftstempel«, in dem man sich ewige Treue schwur. Man schwelgte in der Idee einer rein geistigen Vereinigung zwischen Mann und Frau: die »Seelenliebe«, die auf der Gemeinsamkeit edler Regungen beruht, wird zur Modeform des Flirts. Häufig findet sich auch, zumal bei Dichtern, die »Gedankengeliebte«, ein erhabenes, innig verehrtes Idealwesen, das bloß in der Phantasie existiert. Man weint über jeden Brief, den man erhält, über jedes Buch, das man aufschlägt, über die Natur, über den Freund, über die Braut, über sich selbst; und man weint überhaupt. In Millers »Siegwart«, dem erfolgreichsten Roman der Zeit, weint sogar der Mond. Die bisherige bedächtige und wohlartikulierte Schreibweise verändert sich vollkommen: die Sprache wird zum Ausdrucksmittel der Augenblicksstimmungen, bis hart an die Grenze der Gedankenflucht, ist überfüllt mit Gedankenstrichen, Rufzeichen, Fragezeichen, erregten Interjektionen, Sätzen, die in der Mitte abbrechen. Wir haben es hier unzweifelhaft mit einer Art Frühimpressionismus zu tun, dessen Errungenschaften später wieder verlorengingen. Dieser leidenschaftlich suchende, ewig unbefriedigte und gleichwohl vom prometheischen Bewußtsein seiner neuen Funde geschwellte Seelenzustand steht in voller Leibhaftigkeit und Gegenwart vor uns in einem Briefe des jungen Goethe aus dem Jahr 1775, worin er einer seiner Seelenfreundinnen beschreibt, wie er den Tag verbracht hat, und mit den Worten schließt: »Mir war's in alledem wie einer Ratte, die Gift gefressen hat; sie läuft in alle Löcher, schlürft alle Feuchtigkeit, verschlingt alles Eßbare, das ihr in den Weg kommt, und ihr Inneres glüht von unauslöschlich verderblichem Feuer.« Das Zeitalter hatte das Krankhafte aller Epochen, in denen sich Neues bildet, und zugleich das Doppelgesichtige aller Übergangsperioden: daher seine starken Widersprüche. So ist zum Beispiel der nach Deutschland verpflanzte englische Garten, obgleich aus der Begeisterung für die Rückkehr zur Natur geboren, nichts als der gekünstelte Versuch, alles, was man damals unter »Natur« verstand, auf einen Fleck zusammenzupferchen: Wiesen, Bäche, Grotten, Baumgruppen, sanfte Wegsteigungen, Wäldchen mit obligater Lichtung, und die Staffage bildete ein groteskes Bric-à-brac von allen erdenklichen Reminiszenzen und Velleitäten: griechische Säulen, römische Gräber, türkische Moscheen, gotische Ruinen; dazu gab es noch überall, was als besonders geschmacklos und widernatürlich befremdet, sentimentale Inschriften, die den Text zu den intendierten Wirkungen predigten. Ebenso waren Hypersensibilität und Roheit seltsam gemischt. In derselben Wertherzeit, die in der Geliebten ein überirdisches Wesen erblickte, war in Gießen, wie der Magister Laukhard in seiner Selbstbiographie berichtet, unter den Studenten noch eine sonderbare Form der Ovation üblich, die mehr an Grimmelshausen erinnert: sie zogen, nachdem sie sich vorher entsprechend mit Bier gefüllt hatten, vor ein Haus, worin Frauenzimmer wohnten, und erleichterten sich dort, unter einem Gepfeife, wie es die Fuhrleute beim Pissen der Pferde anzustimmen pflegen. Die Inthronisierung des Gefühls mußte sich überhaupt ganz naturgemäß ebensosehr in Zügellosigkeit wie in Verfeinerung auswirken. Aus der Überlebtheit und Enge der bisherigen Kunst- und Staatsgesetze zog man den Schluß, daß überhaupt alle Regeln zu verwerfen seien. Im »Werther« heißt es mit deutlicher Ironie: »Man kann zum Vorteile der Regeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann.« Und in der Tat hatte die damalige Jugend schon dieselbe Geringschätzung für die Bourgeoisie, wie sie später die französischen Romantiker, die Dichter des jungen Deutschland, die Naturalisten, die Expressionisten und überhaupt alle Jugendbewegungen zur Schau trugen. Dies führte zu einer prinzipiellen Verachtung aller Berufe; man wollte bloß Mensch sein. »Gelehrtenstand Stand? Pfui!«, sagt Goethes Schwager Schlosser 1777 im »Deutschen Museum«, »Himmel, was für Stände! Der Gelehrtenstand, der Juristenstand, der Predigerstand, der Autorenstand, der Poetenstand überall Stände und nirgends Menschen! Warum ist Weisheit, Erfahrung, Menschenkenntnis so selten bei euern Männern von Geschäften? Weil sie einen Stand ausmachen.« Was der Generation als Ideal vorschwebte, war ein geniales Liebhabertum, das sich für alles interessiert, ohne sich an etwas Bestimmtes zu hängen, und als einziges Spezialfach das Studium des Lebens betreibt. Silhouette und Zirkelbrief Sehr charakteristisch für die Geniezeit ist ihre Leidenschaft für die Silhouette, die die Porzellanmanie des Rokokos ablöste: man fand die schwarzen Porträts allenthalben in Büchern und Albums, als Wandbilder und Medaillons, auf Gläsern und Tassen, sie erreichten sogar nicht selten Lebensgröße. Die Kunst des Scherenschneidens wurde eine gesuchte Fertigkeit, die auch von namhaften Zeichnern geübt wurde, und die beliebteste Unterhaltung am Familientisch. Das eigentümlich Schattenhafte, Andeutungsmäßige, Verhängte und zugleich Abstrakte, Schematische, Umrißhafte des Zeitalters, die Synthese aus Gefühlsdunkel und Verstandesaufklärung findet in dieser Liebhaberei ihren Ausdruck, auch das Dilettantische, Amateurhafte: Lavater baute seine an sich schon problematische Wissenschaft der Physiognomik vorwiegend auf Sammlungen von Schattenrissen, die er mit großem Eifer anlegte. Diese neue Form der Seelenerkundung entsprach ungefähr unserer heutigen Graphologie: ihr Begründer behauptete, den Charakter jedes Menschen aus dessen Gesicht ablesen zu können, und fand, wie Lichtenberg bissig bemerkte, mehr auf den Nasen der zeitgenössischen Schriftsteller als die vernünftige Welt in ihren Schriften. Zu einer förmlichen Manie wurde auch das Briefschreiben, das einen wesentlich anderen Charakter trug als heutzutage, denn es bedeutete durchaus keine intime und private Angelegenheit, vielmehr waren die Mitteilungen und Ergüsse, die man zu Papier brachte, von vornherein für einen größeren Leserkreis bestimmt. Der Mangel an wirklichen Zeitungen, die strenge Zensur, die Freude des Zeitalters an der Zerfaserung des eigenen und fremden Seelenlebens machten den »Zirkelbrief«, der oft in Dutzenden von Ortschaften herumging, zu einer dominierenden Verkehrsform. »Denn es war überhaupt eine so allgemeine Offenherzigkeit unter den Menschen«, sagt Goethe, »daß man mit keinem einzelnen sprechen oder an ihn schreiben konnte, ohne es zugleich als an mehrere gerichtet zu betrachten. ... und so ward man, da politische Diskurse wenig Interesse hatten, mit der Breite der moralischen Welt ziemlich bekannt.« Der Brief hieß »Seelenbesuch«, man verliebte sich brieflich und stand in schwärmerischer Korrespondenz mit Personen, die man niemals persönlich kennenlernte. Es war eben ein durch und durch literarisches Zeitalter; man sprach und bewegte sich, man haßte und liebte literarisch. Alle wichtigen Lebensäußerungen gingen schriftlich vor sich; alles geschah durch das Papier für das Papier. Alles war ein ausschließlicher Gegenstand der Literatur geworden: der Staat, die Gesellschaft, die Religion. Eine wahre Lesewut erfaßte alle Stände, Leihbibliotheken kamen auf und das Buch in der Tasche wurde zum unentbehrlichen Bestandteil der Toilette. Friedrich der Große äußerte zu d'Alembert, er wollte lieber die »Athalie« geschrieben als den Siebenjährigen Krieg gewonnen haben, und dichtete unmittelbar nach der schrecklichen Katastrophe von Kolin zahlreiche Verse und Epigramme. Madame Roland verlangte am Fuße des Schafotts Feder und Papier, um einige merkwürdige Gedanken aufzuzeichnen, die soeben in ihr aufgestiegen seien. Der Frack Auch im Kostüm der Zeit mischten sich Extravaganz und Naturalismus. Die Frisuren waren eine Zeitlang so hoch, daß die Damen die Polster aus den Kutschen entfernen mußten. Am französischen Hofe erblickte man eines Tages eine Fregatte mit Segeln als Coiffure. Die Marquise von Créqui erzählt, daß Marie Antoinette im Jahr 1785 à la jardiniere frisiert erschien, mit einer Artischocke, einem Kohlkopf, einer Karotte und einem Bund Radieschen auf dem Kopf. Eine Hofdame war so begeistert davon, daß sie ausrief: »Ich werde nur noch Gemüse tragen; das sieht so einfach aus und ist viel natürlicher als Blumen.« Dann kamen wiederum kolossale Hauben in Mode, die sogenannten Dormeusen oder Baigneusen. Gegen den Puder erhob sich im Namen der Philanthropie eine lebhafte Opposition, die darauf hinwies, daß der enorme Verbrauch von Weizenmehl dem Volk das Brot verteure, und man begann auch in der Tat das Haar ungepudert zu tragen, doch wurde diese Sitte nicht allgemein. Bei den Herren wurde der Zopf von Jahr zu Jahr kürzer und der Leibrock schon im Rokoko zum leicht kupierten Halbfrack, um sich schließlich in den echten Frack zu verwandeln, der, dem englischen Reitrock nachgebildet, um 1770 als »Schwalbenschwanz« in Mode kam. Er war jedoch in seiner Jugend keineswegs das ernste und würdige Festgewand, als das er noch heute fortlebt, sondern begann als lärmendes und provokantes Kleidungsstück, das zunächst bei der revolutionären Jugend am beliebtesten war, in lebhaften Farben wie Scharlachrot, Himmelblau und Violett getragen wurde und mit großen goldenen oder kupfernen Knöpfen besetzt war. Aus dem freien Amerika kam gegen Ende des Zeitraums der Zylinderhut und der große runde Filzhut. Das Wertherkostüm bestand aus hohen Stulpenstiefeln mit Kappe, gelben ledernen Beinkleidern, gelber Weste und blauem Frack; dazu trug man den Hals und das Haar frei, was bei der älteren Generation besonderes Mißfallen erregte. Selbst unter den Damen sah man die »Emanzipierten« mit Wertherhut, Weste und Frack, dem berüchtigten » caraco «. Ossian Die Götter der Zeit waren dieselben, zu denen Werther betete: Homer, Ossian und Shakespeare, den man irrtümlich für einen Buchdramatiker hielt. 1760 hatte der schottische Lyriker James Macpherson »Bruchstücke alter Dichtung, gesammelt in den Hochlanden« herausgegeben; es waren Bardenlieder, angeblich übersetzt aus dem Gälischen der Zeit Caracallas. 1762 ließ er ein zweites Werk folgen: »Fingal, eine alte epische Dichtung, verfaßt von Ossian, Sohn des Fingal.« Schon Johnson und Hume äußerten Zweifel an der Echtheit; aber erst 1807, elf Jahre nach dem Tode Macphersons, wurde die Fälschung einwandfrei nachgewiesen. Doch dies ist ziemlich gleichgültig und war nur für Papierseelen wie Johnson und enragierte Skeptiker wie Hume ein wichtiges Problem. Das Geniale dieses Schauspielerstücks bestand ja gerade darin, daß diese Dichtungen keineswegs treue Kopien alter Volkskunst darstellten, sondern nur so waren, wie die Sehnsucht der Zeit Naturpoesie auffaßte und haben wollte: raffiniert primitiv, mit höchster Artistik pittoresk, die Wehmut später Seelen spiegelnd. Das ungeheure Aufsehen, das sie erregten, wäre durch wirkliche Bardenlieder niemals erreicht worden. Sie wurden ins Französische, Italienische, Spanische, Polnische, Holländische und etwa ein halbes dutzendmal ins Deutsche übersetzt, Alwina, Selma und Fingal wurden beliebte Taufnamen, es entstanden ganze Bardenschulen, und noch Napoleon stellte Ossian über Homer. Das Fahle und Melancholische, Wildgewachsene und Chaotische erschien der Zeit poetischer als Klarheit und Formenstrenge. Man entdeckte den Reiz und die Größe der bisher verachteten Gotik, Horace Walpole, der Sohn des bereits erwähnten Robert Walpole, baute sein Schloß Strawberry Hill zur mittelalterlichen Burg um und schrieb den erfolgreichen Schauerroman »The Castle of Otranto«, Herder rühmte die einfach schönen Sitten der deutschen Vergangenheit und Goethe begeisterte sich für das Straßburger Münster. Sturm und Drang Es ist für die Dichter der Sturm- und Drangbewegung bezeichnend, daß sie ausnahmslos ihre größten Würfe im jugendlichen Alter taten: es gilt dies sogar von den Klassikern Herder, Goethe und Schiller. Den Beginn machte Gerstenbergs »Ugolino« im Jahre 1767, eine prachtvolle dramatische Studie voll Farbe und Spannung, die durch die Kraßheit, mit der sie eine Art Morphologie des Hungers entwarf, größtes Befremden erregte. Gerstenberg war um etwa ein Jahrzehnt älter als die übrigen Originalgenies und starb erst im Jahre 1823 mit sechsundachtzig Jahren, hat aber nach diesem verheißungsvollen Auftakt nichts von Bedeutung mehr produziert. Der Göttinger »Hain«, ein Bund exaltierter junger Leute, gegründet 1772, suchte die alte Skaldenpoesie zu erneuern und schwärmte für Freiheit, Vaterland, Tugend und Klopstock. Die Mitglieder der eigentlichen Sturm- und Dranggruppe, die mit dem »Hain« nur äußerlich in Berührung stand, sind alle um die Mitte des Jahrhunderts geboren und wurden vielfach auch »Goethianer« genannt, weil man den Führer der ganzen Bewegung in Goethe erblickte, der sich aber bekanntlich sehr bald von ihr zurückzog. Die Werke erschienen anonym, und es ist ergötzlich zu beobachten, wie selbst Kenner in der Feststellung des Verfassers fehlgriffen. Lessing glaubte, daß Leisewitzens »Julius von Tarent« von Goethe und Wagners »Kindermörderin« von Lenz sei, einige Gedichte Lenzens sind in fast alle Goetheausgaben übergegangen, seine »Soldaten« galten allgemein für ein Werk Klingers, dafür wurde Klingers »leidendes Weib« noch von Tieck in Lenzens gesammelte Werke eingereiht, während bei Klingers »neuer Arria« Gleim und Schubart auf Goethe rieten und Lenzens »Hofmeister« von Klopstock, Voß und aller Welt ebenfalls Goethe zugeschrieben, ja sogar von vielen für dessen bedeutendstes Drama erklärt wurde. In der Tat ist Lenz nächst Goethe der weitaus interessanteste Dichter der Generation. Dieser nannte ihn »das seltsamste und indefinibelste Individuum« und Lavater sagte, Lenzens Stärke und Schwäche treffend zusammenfassend: »er verspritzt vor Genie«. Er erinnert in mancher Beziehung an Wedekind. In seinen Dramen herrscht eine wüste und doch kalte Sexualität, eine gehetzte Bilderflucht und Gedankenflucht, die aber gerade eine eminent dramatische Atmosphäre schafft, ein ins Pathologische und Karikaturistische gesteigerter Naturalismus, der den Figuren eine höchst eigentümliche Grelle und Panoptikumstarrheit verleiht, und ein aus Amoralität geborener Moralismus, der vor den schockantesten Motiven nicht zurückschreckt: in den »Soldaten« ist die Heldin eine Hure und der »Hofmeister« schließt damit, daß der Titelheld sich kastriert. Lenzens Stücke, die er selbst in der Erkenntnis, daß sie ein Mischgenre darstellten, Komödien nannte, erfüllten vollkommen die Forderung, die er 1774 in seinen »Anmerkungen über das Theater« an das Drama stellte: ein »Raritätenkasten« zu sein; der vorzügliche Ausdruck stammte eigentlich von Goethe, den er überhaupt in allem zu kopieren suchte. Er verliebte sich in Friederike Brion und Frau von Stein, stand in engem Freundschaftsverkehr mit Schlosser und Cornelia, traf in einigen seiner Gedichte täuschend den Ton des jungen Goethe und wollte in Weimar ebenfalls die Hofkarriere ergreifen. Karl August nannte ihn daher den Affen Goethes. Doch unterschied er sich von diesem, ganz abgesehen von allem andern, allein schon durch einen abnormen Mangel an menschlichem Fond und psychologischem Takt, der sein Leben nach kurzem Aufstieg ins Dunkel des Wahnsinns und der Vergessenheit schleuderte. Eine alle Grenzen überspringende und doch im Grunde nur künstlich erzwungene Maßlosigkeit war auch der Grundzug Klingers. Wieland nannte ihn »Löwenblutsäufer« und er selbst schrieb in einem Brief vom Jahre 1775: »Mich zerreißen Leidenschaften, jeden anderen müßte es niederschmeißen ... ich möchte jeden Augenblick das Menschengeschlecht und alles, was wimmelt und lebt, dem Chaos zu fressen geben und mich nachstürzen.« Seine Gestalten leben in einer permanenten Siedehitze; seine Sprache erstickt in einem dicken Nebel von verstiegensten Tropen und widersinnigsten Wendungen. Später ging er nach Petersburg, wo er zum General und Liebling des Zaren avancierte, ziemlich zahme vielgelesene Romane schrieb und in hohem Alter starb. Von seinen Jugenddichtungen sagte er 1785: »Ich kann heut über meine früheren Werke so gut lachen, als einer; aber so viel ist wahr, daß jeder junge Mann die Welt mehr oder weniger als Dichter und Träumer ansieht. Man sieht alles höher, edler, vollkommener; freilich verwirrter, wilder und übertriebener.« Heinrich Leopold Wagner war ein roher und krasser, aber sehr kräftiger Naturalist. Sein Drama »Die Reue nach der Tat« hatte unter Schröder, der ihm den kitschigen Titel »Familienstolz« gab, einen großen Erfolg. Er starb schon 1779. Der Maler Friedrich Müller, in der Literaturgeschichte unter dem Namen »Maler Müller« bekannt, schrieb ein Faustfragment und ein Schauspiel »Golo und Genoveva«: fein kolorierte, halb realistische, halb lyrische Szenenreihen, geschmackvoller, aber auch blasser als die der anderen. Der schwächste, gemäßigteste und daher erfolgreichste der Gruppe war Leisewitz. 1773 erschien Bürgers »Lenore«, eine der stärksten deutschen Balladen. Diese Dichtungsgattung erreichte überhaupt damals eine hohe Blüte: sie kommt von der »Moritat« der Jahrmarktsbuden her und ist eben darum ein volkstümliches, farbiges und lebenskräftiges Genre, ein lyrisch-episches Pendant zum Drama der Geniezeit. Der erste Musiker, der die geheimnisvoll düsteren Farben der Ballade wirksam zu treffen wußte, war Johann Rudolf Zumsteeg. Schiller hat an Bürger im Jahr 1791 in der »Allgemeinen Literaturzeitung« eine etwas einseitige Kritik geübt, die großes Aufsehen machte, von Goethe sehr beifällig aufgenommen wurde und den Dichter der »Lenore« tief verstimmte, obgleich sie sich an mehreren Stellen sehr anerkennend, ja bewundernd äußert und ihm nur die letzte Kunstreife abspricht. Zweidimensionale Dichtung Man nannte diese Generation von hochbegabten, aber ratlosen Naturdichtern, die etwa ein Jahrzehnt lang das deutsche Publikum durch die Leidenschaftlichkeit, Neuheit und Buntheit ihrer Visionen faszinierten und erschreckten, seinerzeit »kraftgenialisch« und drückte damit ziemlich präzis aus, daß sie durch ihre dichterische Kraft dem Genie verwandt waren, aber nur durch diese. Das Genie ist aber zugleich immer ein Wissender: es stellt sich der höchst komplexen, verwirrenden und scheinbar unlogischen Erscheinung, die wir »Leben« nennen, als Eingeweihter gegenüber. Es verhält sich daher zu allen übrigen Menschen wie der Kenner zu den Dilettanten. Die Dichter des Sturms und Drangs waren nun lauter in der Anlage steckengebliebene Genies. Ihrer Phantasie und Gestaltungsgabe stand keine genügende Gehirnkraft und Bildung gegenüber: sofern man nämlich einen Künstler nur dann gebildet nennen darf, wenn er seine eigene Persönlichkeit vollkommen überschaut und beherrscht. Ihre Fähigkeiten waren nicht äquilibriert. Daher hatte alles bei ihnen etwas Gewaltsames, Unorganisches, Verzerrtes, und ihre Originalität wirkte nicht befruchtend , sondern befremdend . Sie wollten bestimmte Gedanken verkünden und bestimmte Ideale der Lebensführung lehren; aber die messianische Gebärde wurde bei ihnen unwillkürlich zur herostratischen. Ihre ganze Art hatte etwas Gymnasiastenhaftes; sie haben nie etwas anderes geschaffen als hochwertige Pubertätsdichtung. Trotzdem oder vielmehr gerade deshalb muß man die Geniezeit die Blüteperiode der deutschen Dichtung nennen: das Wort in seiner buchstäblichen Bedeutung genommen. Zur Frucht kam es nie; denn diese Blüte wurde geknickt durch den Klassizismus. Wir können die Sturm- und Drangbewegung vielleicht unserem Verständnis näher rücken, wenn wir sie mit der naturalistischen und der expressionistischen vergleichen. Die Unterschiede sind nicht so groß, wie es nach den lärmenden Programmen, in denen jede dieser drei Richtungen sich als etwas noch nie Dagewesenes ausrief, den Anschein haben könnte. Der Vorgang war in allen drei Fällen prinzipiell der gleiche. Eine »fordernde« Jugend erhebt ein großes Geschrei gegen alles Bisherige, das bloß abgelehnt wird, weil es das Bisherige ist. Sie sprengt alle Formen oder glaubt es zu tun: in Wirklichkeit schafft sie eine neue Form. Sie kommt allemal »von unten«, vertritt die Rechte eines bisher unterdrückten Standes, ist betont polizeiwidrig und so weit als möglich nach links orientiert: 1770 demokratisch, 1890 sozialistisch, 1920 kommunistisch. Für ihr künstlerisches Glaubensbekenntnis wählt sie sich gern einen großen Schutzpatron, den sie in wesentlichen Punkten nachahmt, in anderen wesentlichen Punkten mißversteht: diese Rolle spielte für die Originalgenies Shakespeare, für die Naturalisten Ibsen, für die Expressionisten Strindberg. Sie macht zum Gegenstand der Poesie mit Vorliebe, was den Philister agaciert: Wahnsinn, Mord und Gotteslästerung; Blutschande, Notzucht und Hurerei; Raufen, Saufen und ins Zimmer Spucken, und erhebt die Bühne gern zur sozialen Richterin, deren Entscheidungen sie in einer Mischung aus provokantem Zynismus und verkrampftem Ethos lehrhaft plakatiert. Hierin erinnerten die Sturm- und Drangpoeten besonders stark an die Expressionisten, mit denen sie auch die Eigentümlichkeit teilten, daß sie Dichter mit zweidimensionaler Phantasie waren: sie sahen alles linear, in der Fläche. Es ist dies vielleicht auch der wahre Grund, warum man ihnen immer vorwarf, ihre Figuren seien konstruiert. Sie waren natürlich konstruiert; aber das wäre an sich noch kein Einwand, denn jeder Dramatiker muß bis zu einem gewissen Grade Konstrukteur sein. Ihre Schwäche bestand darin, daß sie zweidimensional konstruiert oder, um es mit einem gebräuchlicheren, aber unklareren Wort zu sagen, lyrisch konzipiert waren. Daher hatten sie immer etwas Bilderbogenhaftes, ohne daß sie darum falsch oder unfertig gezeichnet gewesen wären: der Eindruck des Schiefen und Steifen entstand nur dadurch, daß sie für die Bühne gedichtet waren, ohne doch bühnenmäßig gesehen zu sein. Man hat stets den Eindruck, daß etwas fehlt: eben die dritte Dimension; es entsteht derselbe Effekt, wie wenn ein ausgezeichneter Rezitator den Versuch macht, als Schauspieler aufzutreten. Eine unscheinbare Äußerlichkeit ist für fast alle linear sehenden Schriftsteller charakteristisch: sie haben eine Leidenschaft für die Linie, die den Text unterbricht, nämlich den Gedankenstrich. Auch die Stürmer und Dränger bedienten sich dieses typographischen Hilfsmittels, das sie durch übermäßigen Gebrauch vollkommen abnützten. Hamann Der Prophet der ganzen Bewegung war Johann Georg Hamann, eine literarhistorische Kuriosität allerersten Ranges. Er schuf sich, in der leidenschaftlichen Überzeugung, daß unsere tiefsten Seelenregungen sich in der Region des clair-obscur vollziehen, eine völlig neue Sprache, die, ganz Ahnung, Geheimnis und Andeutung, von einer bis dahin unerhörten Suggestionskraft, freilich auch an vielen Stellen von einer fast undurchdringlichen Dunkelheit war. Er sprach selbst von seinem »dummen Tiefsinn«, seinem »Heuschreckenstil« und »verfluchten Wurststil«, erklärte, seine eigenen früheren Schriften nicht zu verstehen, und bezeichnete seine ganze Produktion als bloße »Brocken, Fragmente, Grillen, Einfälle«. Im äußersten Gegensatz stand er zu den Aufklärern, den »Lügen-, Schau- und Maulpropheten«, wie er sie nannte, die ihrerseits vornehm auf seine wirre Änigmatik herabsahen: aber man frage sich, ob Mendelssohn, Nicolai und ihr Anhang jemals so geniale Sätze hätten niederschreiben, ja auch nur nachempfinden können wie etwa den Hamannischen: »Das Gute tief herein-, das Böse herauszutreiben schlechter scheinen, als man wirklich ist, besser wirklich sein, als man scheint: dies halte ich für Pflicht und Kunst.« In Sokrates verehrte er im Gegensatz zu Mendelssohn nicht den Dialektiker und Moralisten, sondern das geheimnisvolle Sprachrohr des Daimonions, und das sokratische »Nichtwissen« deutete er im Sinne des Geniebegriffs als ein Bekenntnis zum Irrationalismus. Er verlangte vom Dichter und Denker die »Herzwärme der Willkür«, denn: »Denken, Empfinden und Verdauen hängt alles vom Herzen ab« und »ein wenig Schwärmerei und Aberglauben würde nicht nur Nachsicht verdienen, sondern etwas von diesem Sauerteige gehört dazu, um die Seele zu einem philosophischen Heroismus in Gärung zu setzen«. Poesie ist ihm »Geschichtschreibung des menschlichen Herzens«, Philosophie Selbsterkenntnis: »Nichts als die Höllenfahrt der Selbsterkenntnis bahnt uns den Weg zur Vergötterung.« Sein KardinalbegrifF war die coincidentia oppositorum Brunos, deren Existenz er überall aufsuchte und nachwies: in der rätselhaften Vereinigung von Geist und Körper, Vernunft und Sinnlichkeit; in der Sprache, die nichts ist als verkörperter Geist, versinnlichter Gedanke; in den christlichen Mysterien der Trinität, Inkarnation und Erlösung. Eine so tiefe und stets gegenwärtige Überzeugung von der Paradoxie, inneren Gegensätzlichkeit und organischen Unlogik alles Geschaffenen muß notwendig zum ironischen Standpunkt führen, und in der Tat war Hamann ein Ironiker höchster Art vom Schlage eines Plato, Pascal oder Shakespeare. Ja er geht sogar so weit, in der Welt das Produkt der göttlichen Ironie und in der Bibel, dem Wort Gottes, das Schulbeispiel eines ironischen Buches zu erblicken. Und auch in der widerspruchsvollen Stellung, die dieser komplizierte und primitive, moderne und altertümliche, universelle und einseitige, angeschwärmte und mißverstandene Denker selber in seiner Zeit einnahm und noch heute in der Geschichte der Philosophie einnimmt, liegt etwas tief Ironisches. Herder und Jakobi Auf den Satz Hamanns, daß die Poesie die Muttersprache des menschlichen Geschlechts sei, hat Herder seine ganze Poetik und Sprachphilosophie aufgebaut. Wir haben bereits im ersten Bande in der Einleitung die Bedeutung dieses außerordentlichen Kopfes kurz zu würdigen versucht. Er bildete insofern den äußersten Gegenpol zur Aufklärung, als diese alle Phänomene der Vergangenheit ihrem engen und philiströsen Weltbild anzugleichen suchte, während in ihm gerade die Fähigkeit, sich allen Erscheinungen, auch den entlegensten und fremdesten, mit liebevollem Verständnis einzuschmiegen, aufs stärkste entwickelt war. »Da schreiben wir denn nun ewig für Stubengelehrte, machen Oden, Heldengedichte, Kirchen- und Küchenlieder, wie sie niemand versteht, niemand will, niemand fühlt. Unsere klassische Literatur ist Paradiesvogel, so bunt, so artig, ganz Flug, ganz Höhe und ohne Fuß auf die deutsche Erde.« Die Poesie steht für ihn um so höher, je näher sie der Natur steht, daher sind die herrlichsten Poesien von den ältesten Völkern geschaffen worden, von wilden Natursöhnen, denn die Kultur ist der Poesie schädlich. Das Lied des Volkes ist voll Frische, Kraft, Anschaulichkeit, es redet nicht, sondern malt, es begründet nicht, sondern entlädt sich in kühnen Sprüngen und Würfen. Und um diese Meinung an konkreten Beispielen zu erhärten, übersetzte er mit genialem Einfühlungsvermögen die »Stimmen der Völker«: französische, italienische und spanische, englische, schottische und dänische Dichtungen, nordische Bardenlieder und deutsche Volksweisen, die selbstgewachsenen Naturpoesien aller Nationen bis zu den Grönländern und Lappen, Tataren und Wenden. Er entdeckte die Großartigkeit der mittelalterlichen Kunst, die erhabene Kraft und Einfalt Albrecht Dürers, den morgenländischen Zauber des Alten Testaments, in dem er eine Sammlung von »Nationalmärchen« erblickte, und dabei sah er alle Erscheinungen nicht isoliert, sondern in ihrer Umwelt, als Produkte ihres Zeitalters, ihrer Nationalität, ihrer Sitte. Die Aufklärung betrachtete Shakespeare als ein durch Regellosigkeit verdorbenes Genie, Lessing erklärte ihn für das Genie, das sich selber die Regeln macht, Herder aber deutete ihn als farbiges Abbild der elisabethinischen Ära und ihres eigentümlichen Lebens, ihres Staats und Theaters, ihrer Gesellschaft und Weltanschauung. Die irrationalistische Bewegung, die Hamann inaugurierte und Herder weiter ausbreitete, fand ihre Fortsetzung und einen gewissen Abschluß in Goethes Jugendfreund Friedrich Heinrich Jacobi. Er nahm seinen Ausgang von der Bekämpfung Spinozas, indem er nachwies, daß dieser Atheist und Fatalist gewesen sei und überhaupt jede derartige mathematisch-logische Demonstrationsweise zum Fatalismus führen müsse: das begriffsmäßige Denken gibt uns statt des Brotes nur Stein, statt eines lebendigen Gottes Naturmechanismus, statt Willensfreiheit starre Naturnotwendigkeit. Das Organ, womit wir die Welt erkennen, ist nicht die Vernunft, sondern das Gefühl, das »Vermögen des Übersinnlichen«, das in jedem Menschen lebt. Daß Dinge außer uns existieren, können wir niemals mit dem Verstand beweisen, vielmehr erlangen wir die Gewißheit hierüber nur durch einen unmittelbaren ursprünglichen Glauben. »Wir haben nichts, worauf unser Urteil sich stützen kann, als die Sache selbst, nichts als das Faktum, daß die Dinge wirklich vor uns stehen. Können wir uns mit einem schicklicheren Worte als dem Worte Offenbarung hierüber ausdrücken?« Aber ein Dasein, das offenbar ist , setzt ein Dasein voraus, das offenbar macht , eine schöpferische Kraft, die nur Gott sein kann. Aus dem Begriff Gottes läßt sich das Dasein Gottes niemals folgern. Gott existiert nicht, weil wir ihn denken, sondern wir sind seiner gewiß, weil er existiert. Mit unserer Erkenntnis können wir das wirkliche Dasein nie erfassen: was wir durch sie ergreifen, ist niemals der Gegenstand selbst, sondern immer nur unsere Vorstellung von ihm. Daß wir die Gegenstände gleichwohl wahrnehmen, nämlich im buchstäblichen Sinne des Wortes für wahr nehmen , ist eine unableitbare, unerklärliche und daher wahrhaft wunderbare Tatsache. Jacobi ist heute nahezu vergessen, und doch gibt es kaum eine tröstlichere, menschlichere, ja man muß sogar sagen: wahrere Philosophie als die seine. Alles ist schließlich, wenn wir es recht betrachten, eine Tatsache des Glaubens, eine göttliche Offenbarung, ein unbegreifliches Gotteswunder: die ganze Welt, mein eigenes Ich, jedes größte und kleinste Ding. Zu allem brauchen wir Glauben, zu jeder einfachsten Betätigung. Von diesem Glauben leben wir. Der Schuster, der nicht an seine Tätigkeit und deren Objekt von Herzen glaubt, wird niemals ein rechtes Paar Stiefel zusammenbringen. In dem Augenblick, wo wir von den Dingen unseren Glauben an sie abziehen, fallen sie in nichts zusammen wie Zunder; in dem Augenblick, wo wir an sie glauben, sind sie da, wirklich, unangreifbar, unzerstörbar, ja bis zu einem gewissen Grade unsterblich. »Ein sehr merkwürdiger Mensch« Inniger Glaube und zerfressende Skepsis, trunkene Gefühlsseligkeit und eisige Logik, wilde Regelverachtung und rigorose Methodik: alle erdenklichen Polaritäten waren in dieser überreichen Zeit vereinigt. Und zu alledem sah sie noch die Anfänge der beiden »Dioskuren«, die jedoch in Wirklichkeit ebenfalls Gegensätze, Antipoden waren. Die großen und bleibenden Ereignisse der Epoche heißen Götz, Werther und Urfaust, Räuber, Fiesko und Kabale. Vom jungen Goethe gibt Lottens Bräutigam Kestner in einem Brief an einen Freund folgende Charakteristik: »Er hat sehr viele Talente, ist ein wahres Genie und ein Mensch von Charakter. Er besitzt eine außerordentlich lebhafte Einbildungskraft, daher er sich meistens in Bildern und Gleichnissen ausdrückt. Er pflegt auch selbst zu sagen, daß er sich immer uneigentlich ausdrücke, niemals eigentlich ausdrücken könne. ... Er ist in allen seinen Affekten heftig, hat jedoch viel Gewalt über sich. Seine Denkungsart ist edel. Von Vorurteilen frei, handelt er, wie es ihm einfällt, ohne sich darum zu kümmern, ob es anderen gefällt, ob es Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller Zwang ist ihm verhaßt. ... Aus den schönen Künsten und Wissenschaften hat er sein Hauptwerk gemacht, oder vielmehr aus allen Wissenschaften, nur nicht den sogenannten Brotwissenschaften. Er ist, mit einem Wort, ein sehr merkwürdiger Mensch.« Das Merkwürdige an ihm war, daß er all das konnte, was die andern nur wollten und nicht einmal klar wollten. Im »Götz« triumphiert in einem seither nicht wieder erreichten Grad die Fähigkeit, die wir als die eigentlich dramatische bezeichnen müssen: die Kunst des virtuosen Auslassens und der dichtesten Pressung, der atemlosen und doch beherrschten Bilderjagd, die der Expressionismus wieder zur Norm erhoben; sich aber nur kalt und äußerlich zu eigen gemacht hat. Der »Werther« stellt den in der Weltliteratur vielleicht einzig dastehenden Fall dar, daß ein Werk, das bei den Zeitgenossen einen ungeheuern, aber ausschließlichen Aktualitätserfolg hatte, dennoch unsterblich geworden ist. Der Grund liegt darin, daß Goethe in diesem Roman zwar mit beispielloser Feinheit und Sicherheit der Zeit ihr Echo zurückwarf, zugleich aber mit einer ebenso beispiellosen Aufrichtigkeit und Innerlichkeit sein eigenes Erleben und Menschentum in seinen bewegtesten Tiefen abspiegelte. Und darum wird man, solange es edle, aber entwurzelte Menschengewächse gibt, immer wieder den »Werther« lesen. Und darum liest heute fast niemand mehr die »Heloïse«, die fast noch größeres Aufsehen machte. Denn diese ist das Werk eines hochbegabten Journalisten, der auf seinen Höhepunkten einem Dichter zum Verwechseln ähnlich sieht, der »Werther« aber eine reine Dichtung, die, nur zu dem Zweck geschrieben, ihren Schöpfer von einem aufwühlenden Erlebnis zu entlasten, zufällig die Bedingungen eines Saisonromans erfüllte. Rousseau will etwas zeigen; Goethe will gar nichts. Lessing schrieb an den Shakespeareübersetzer Eschenburg über den »Werther«: »Glauben Sie, daß je ein griechischer oder römischer Jüngling sich so und darum das Leben genommen hätte?« Nein, das hätte ein griechischer Jüngling nie getan, geschweige denn ein römischer, schon weil das Schießpulver damals noch nicht erfunden war. Aber das war ja eben das Neue an dem Werk, daß es zum erstenmal und mit unwiderstehlicher Pinselführung die Katastrophe eines »Empfindsamen« malte, der nicht an seiner Liebe, nicht an irgendwelchen Schicksalsschlägen, sondern einfach am Leben stirbt. Die große Tat des »Werther« ist die Entdeckung der prinzipiell unglücklichen Liebe , worin sich auch der feminine Zug des Zeitalters äußert, denn diese ist die spezifisch weibliche Form der Liebe. Goethe selber aber hat sich im »Werther« von seiner Liebe befreit, indem er sie objektivierte, gewissermaßen zu einem selbständigen, von ihm losgelösten Geschöpf machte. Die reinigende und erlösende Funktion, die die Kunst in seinem Leben spielte, steht im Zusammenhang mit seiner sonderbaren Haltung gegen alle geliebten Frauen, die ein psychologisches Problem für sich bildet. Er brach mit Käthchen Schönkopf, er verließ Friederike Brion, er löste sein Verlöbnis mit Lili, allemal ohne ersichtlichen Grund. Auch seine Neigung zu Lotte war keine »unglückliche Liebe« im vulgären Sinne. Er fühlte, daß Lotte von ihrem Verlobten zu ihm hinüberglitt; und genau in diesem Augenblick zog er sich von ihr zurück. 1787 verliebte er sich in Maddalena Riggi, eine schöne blauäugige Mailänderin, die ebenfalls Braut war; eine längere Krankheit führte sie aus seinem Gesichtskreis. Als er sie wiedersah, war die Verlobung gelöst, aber damit war er für sie verloren: es kam nicht zu der von ihr erwarteten Erklärung. Er ließ überhaupt alle sitzen, bis auf zwei: Frau von Stein, weil sie schon einen Mann hatte, und Christiane, weil sie ihm ungefährlich war. Und selbst von der Frau von Stein trennte er sich eines Tages, und wiederum ohne greifbare Ursache. Man könnte zur Erklärung dieses rätselhaften Verhaltens vielleicht auf Goethes ganze geistige Struktur hinweisen. Er suchte in allem, auch in der Frau, das Urphänomen, und darum konnte ihm keine einzelne auf die Dauer genügen. Sodann hatte er als Künstler, und das heißt: als ewig Wandernder überhaupt vor dem Weib Angst, in dem er das stabilisierende, fixierende Prinzip erblicken mußte. Der tiefste Grund dürfte aber wohl darin zu suchen sein, daß ihm jede Passion in dem Augenblick gegenständlich wurde, zur objektiven »Gestalt« gerann, wo er sich vor den Entschluß gestellt sah, aus ihr reale Konsequenzen zu ziehen, sei es in der Form einer Ehe oder eines dauernden Seelenbundes. Wäre er kein Dichter gewesen, so hätte er sich entweder zu einem »normalen« Verhalten gezwungen oder wäre an diesen Konflikten zugrunde gegangen. Aber er besaß das Ventil seiner Kunst, durch die er, wie man heute vielleicht sagen würde, abreagierte: in ihr finden wir das Feuer seiner Leidenschaft aufbewahrt, aber zur kühlen festen Lavamasse erstarrt. Das Zeitalter Goethes Man kann die Jahre von etwa 1770 bis 1780 das »Zeitalter Goethes« nennen. Aber nur diese. Damals galt er wirklich als der Führer der deutschen Jugend, den man auch für alle vorlauten Extravaganzen und schielenden Absurditäten der neuen Bewegung verantwortlich machte. Fast alle seine Novitäten schlugen ein, machten Schule, wurden von Bewunderern und Gegnern als Programmkunst gewertet. Später hat er nie wieder diese breite und laute Wirkung erlangt. Besonders im »Werther« erkannten sich alle wieder. Sogar Napoleon las ihn siebenmal. Ein Platzregen von Kopien, Fortsetzungen, Dramatisierungen, Kommentaren, Gegenschriften, Parodien ging über Deutschland nieder; man übersetzte ihn sogar in einige außereuropäische Sprachen. Man zeigte ihn als Wachspuppe auf den Jahrmärkten und wallfahrtete zum Grabe seines Modells, des jungen Jerusalem. Jeder empfindsame Jüngling spielte mit dem Gedanken, das Ende Werthers nachzuahmen, und einige erschossen sich wirklich; jedes empfindsame Mädchen wollte geliebt werden wie Lotte: »Werther hat mehr Selbstmorde verursacht als die schönste Frau« sagte Madame Staël. Das Werk aber, das die Seele der Zeit am reichsten ausdrückte, gelangte gar nicht zu ihrer Kenntnis: der zwischen 1773 und 1775 geschriebene, erst 1790 in veränderter Fassung veröffentlichte »Urfaust«. Und bei all dieser Produktivität von gleich staunenswertem Umfang und Gehalt hat man den Eindruck, daß sie an ihrem Urheber gar nicht das Wesentliche war; daß vielmehr seine Dichtungen Nebenprodukte, organische, aber sekundäre Sekrete waren. Das stärkste und tiefste Kunstwerk, das Goethe geschaffen hat, ist seine Biographie. Der junge Schiller Bei Schiller hingegen gewinnt man die Überzeugung, daß seine ganze Genialität in die Feder floß und er sein Leben fast restlos in seinen Gestalten und Gedanken aufgebraucht hat. Es soll damit keineswegs eine verschiedene Wertung ausgesprochen werden, sondern bloß die Konstatierung zweier polarer, aber gleichmäßig berechtigter Dichtertypen. In dem Nachlaß Otto Weiningers findet sich ein kleiner Aufsatz, worin Schiller als das Urbild des modernen Journalisten geschildert wird. An dieser Auffassung ist so viel richtig, daß die journalistische Nachwelt sich tatsächlich nicht selten an Schiller orientiert hat, im übrigen aber beruht sie auf einer Unbilligkeit, die für die Beurteilung Schillers insofern typisch geworden ist, als man sich vielfach daran gewöhnte, von den Schülern auf den Meister zu schließen und ihn nicht nur für sie verantwortlich zu machen, sondern schließlich sogar mit ihnen zu verwechseln. Nun ist aber Schiller ganz ungeeignet, Schule zu machen. Man kann von einer Rembrandtschule, einer Hegelschule, einer Ibsenschule sprechen, von einer Schillerschule nicht. Man kann Schiller nicht nachahmen oder vielmehr: wenn man ihn nachahmt, wird er unerträglich. Wenn ein anderer Dichter Schillers Pathos nachredet, so wird es phrasenhaft und geschraubt, wenn er seine Technik kopiert, so wirkt sie leer und gemacht, und wenn er seine Ideen wiederholt, so werden sie zu schöngeistigen Platitüden. Schiller wäre als Orator nur ein Leitartikler, als Charakteristiker nur ein Feuilletonist, als Kompositeur nur ein Sensationsreporter, wenn er eben nicht Schiller wäre. Es ist hier noch nicht der Ort, auf diese Frage näher einzugehen. Über die Mannheimer Uraufführung der »Räuber« berichtet ein Zeitgenosse: »Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Türe. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht.« Die Ausstattung, die der Intendant Freiherr von Dalberg dem Stück gegeben hatte, war für damalige Begriffe glänzend: besonders entzückt war Schiller von einem Mond mit blechernem Spiegel, der bei Karls Schwur »Höret mich, Mond und Gestirne« langsam über den Theaterhorizont lief und »ein natürliches schreckliches Licht in der Gegend verbreitete«. Andererseits hatte derselbe Dalberg von Schiller zwei ziemlich törichte Adaptierungen erzwungen: das Stück schloß damit, daß Amalia sich selbst erstach und Franz in den Hungerturm geworfen wurde, und spielte im Kostüm der Zeit Maximilians des Ersten: mit Recht schrieb Schiller über diese feige und fälschende Umdatierung eines Werks, das ganz Gegenwart atmete, sie mache aus seinem Drama eine »Krähe mit Pfauenfedern«. Im übrigen beurteilte Schiller sein Erstlingswerk mit einer Schärfe und Skepsis, die zwar insofern nicht ganz echt wirkt, als sie sich in einer Mischung aus Stolz, Publikumsverachtung, Übertreibungssucht und Mystifikationslust absichtlich übernimmt, aber gleichwohl ein fast einzig dastehendes Beispiel jugendlicher Selbstkritik darbietet. Wenn er den ersten Entwurf der Vorrede zu den »Räubern« mit den Worten beginnt: »Es mag beim ersten in die Hand nehmen auffallen, daß dieses Schauspiel niemals das Bürgerrecht auf dem Schauplatz bekommen wird«, so mutet uns das heute sehr sonderbar an, denn von keinem deutschen Drama könnte man mit mehr Grund behaupten, daß es sich das Bürgerrecht auf dem Theater erworben habe; aber vom damaligen Standpunkt war diese Befürchtung gar nicht so absurd. Die Form mußte, gerade weil sie so eminent dramatisch war, so neu, ungewohnt und scheinbar theaterwidrig wirken, daß man sie sehr leicht für undramatisch halten konnte. In einem Aufsatz im »Wirtembergischen Repertorium«, worin er unter der Chiffre »K....r« sein eigenes Stück besprach (fünf Jahre später hätte jeder auf »Körner« geraten), erklärt Schiller, daß Franzens Intrigen »abenteuerlich grob und romanhaft« seien und das ganze Schauspiel in der Mitte erlahme; von der Sprache und dem Dialog sagt er, sie »dörften sich gleicher bleiben und im ganzen weniger poetisch sein«, hier sei der Ausdruck lyrisch und episch, dort gar metaphysisch, an einem dritten Ort biblisch, an einem vierten platt; von Amalia äußerte er: »Ich habe mehr als die Hälfte des Stücks gelesen und weiß nicht, was das Mädchen will, oder was der Dichter mit dem Mädchen gewollt hat, ahnde auch nicht, was etwa mit ihr geschehen könnte; kein zukünftiges Schicksal ist angekündigt oder vorbereitet, und zudem läßt ihr Geliebter bis zur letzten Zeile des dritten Akts kein halbes Wörtchen von ihr fallen. Diese ist schlechterdings die tödliche Seite des ganzen Stücks, wobei der Dichter ganz unter dem Mittelmäßigen gebheben ist«; und sein Resümee lautet: »Wenn man es dem Verfasser nicht an den Schönheiten anmerkt, daß er sich in seinen Shakespeare vergafft hat, so merkt man es desto gewisser an den Ausschweifungen.« Und in einer zweiten Rezension, die er unter der Maske eines Wormser Korrespondenten schrieb, fügt er noch hinzu: »Wenn ich Ihnen meine Meinung teutsch heraussagen soll dieses Stück ist dem ohnerachtet kein Theaterstück. Nehme ich das Schießen, Sengen, Brennen, Stechen und dergleichen hinweg, so ist es für die Bühne ermüdend und schwer.« In einer Frankfurter Zeitschrift erschien denn auch eine Antikritik, die Schiller gegen seinen überscharfen Beurteiler lebhaft in Schutz nahm. Der Dichter Flickwort Diese Mängel der »Räuber«, die seither von weniger befugten Beurteilern bis zum Überdruß immer wieder hervorgehoben worden sind, tun jedoch der Durchschlagskraft des Dramas nicht den geringsten Eintrag. Dies erhellt schon daraus, daß selbst die zahlreichen elenden Bearbeitungen, gegen die es damals noch keinen Rechtsschutz gab, die Wirkung nicht abschwächten. In der Einrichtung von Plümicke, die in Berlin mit andauerndem Erfolg in Szene ging, entpuppt sich Franz als Bastard und Schweizer, der den Gedanken nicht ertragen kann, daß sein Hauptmann durch den Henker enden solle, tötet zuerst Karl und dann sich selbst. In Frankreich erschienen die »Räuber« unter dem Titel »Robert, chef des brigands« in einer stark verändernden Übersetzung von La Martellière: dort erscheint am Schluß Kosinsky mit einem Pardon des Kaisers, der die Räuberbande zu einem corps franc de troupes légères und Robert zu deren Anführer erhebt. Hierzu schrieb La Martellière sogar noch eine Fortsetzung »Le tribunal redoutable, ou la suite de Robert, chef des brigands«. Übrigens plante auch Schiller selbst einen Nachtrag in einem Akt, »Räuber Moors letztes Schicksal«, wodurch, wie er 1785 an Körner schrieb, »das Stück neuerdings in Schwung kommen« sollte. Das Albernste in dieser Richtung dürfte wohl eine Frau von Wallenrodt in ihrem Werk »Karl Moor und seine Genossen nach der Abschiedsszene beim alten Turm, ein Gemälde erhabener Menschennatur als Seitenstück zu Rinaldo Rinaldini« geleistet haben: dort werden Amalia und der alte Moor wieder lebendig, indem dieser nur eine Ohnmacht, jene nur eine leichte Verwundung erlitten hat, und befreien Karl Moor, der sich selbst den Gerichten gestellt hat, durch ihre Fürbitte beim Kaiser aus dem Kerker, worauf Karl und Amalia heiraten und alle Räuber einem ehrlichen bürgerlichen Beruf zugeführt werden. Auch der »Fiesko« erschien in Mannheim mit einem veränderten Schluß: Verrina führt einen Streich gegen Fiesko, dieser pariert ihn, zerbricht das Zepter und spricht zum Volk, das voll Freude auf den Knien liegt: »Steht auf, Genueser! Den Monarchen hab' ich euch geschenkt umarmt euren glücklichsten Bürger.« Noch edler benahm er sich bei Plümicke, der wiederum für Berlin eine erfolgreiche Raubbearbeitung geliefert hatte: er fängt ebenfalls den Dolch auf, bietet aber Verrina sogleich die nackte Brust dar, worauf dieser erschüttert zurückweicht; am Schlusse erscheint der alte Doria, der seinen Todfeind zum Sohn annehmen und mit dem Herzogshut krönen will; aber Fiesko will als Retter des Vaterlands sterben und stößt sich nun selber den Dolch ins Herz. Iffland hatte sogar die Taktlosigkeit, eine zweiaktige Posse »Der schwarze Mann«, worin Schillers Unschlüssigkeit über den Ausgang seiner Dramen sehr deutlich verspottet war, nicht nur zur Aufführung in Mannheim zu empfehlen, sondern auch den Dichter Flickwort, dessen ständige Redensart lautet: »Nur wegen der Katastrophe bin ich noch zweifelhaft«, in der Maske Schillers zu spielen, obgleich er selber an den Konzessionen, die dieser in den »Räubern« und im »Fiesko« gemacht hatte, mitschuldig war. Übrigens offenbarte sich das echte Theatertemperament Schillers ja gerade darin, daß er es mit dem Schicksal seiner Figuren nicht so besonders genau nahm und es ihm weniger auf Psychologie und Logik als auf starke Effekte, Stimmungen und Bilder ankam. Er war eben in allem und jedem zuerst Dramatiker, selbst in seinen philosophischen Dialogen, zum Beispiel im »Spaziergang unter den Linden«, der, obgleich eine rein theoretische Erörterung, doch einen starken Aktschluß hat: » Wollmar: Auf jeden Punkt im ewigen Universum hat der Tod sein monarchisches Siegel gedrückt. Auf jeden Atomen les' ich die trostlose Aufschrift: Vergangen ! Edwin : Und warum nicht: Gewesen ? Mag jeder Laut der Sterbegesang einer Seligkeit sein er ist auch die Hymne der allgegenwärtigen Liebe. Wollmar, an dieser Linde küßte mich meine Juliette zum erstenmal. Wollmar (heftig davongehend): Junger Mensch! Unter dieser Linde hab' ich meine Laura verloren!« Schiller als Didaktiker Hingegen war er kein Lyriker, worüber er sich ebenso klar war wie über die Gebrechen seiner Dramen (von den Lauraoden zum Beispiel sagte er: »überspannt sind sie alle«), und nur der Kunstfremdheit der deutschen Pädagogen ist es zu verdanken, daß seine Gedichte in alle Lesebücher übergegangen sind. Einige von ihnen erinnern in unfreiwilliger Komik geradezu an Wilhelm Busch, zum Beispiel die Verse aus dem »Gang nach dem Eisenhammer«: ›Du bist des Todes, Bube, sprich!‹ Ruft jener streng und fürchterlich. Wer hebt das Aug' zu Kunigonden? Nun ja, ich spreche von dem Blonden. Er war damals auch noch kein Erzähler: höchst ungeschickt ist zum Beispiel der Auftakt zu der Novelle »Eine großmütige Handlung aus der neuesten Geschichte«: »Schauspiele und Romane eröffnen uns die glänzendsten Züge des menschlichen Herzens« und die plötzliche Unterbrechung des Berichts: »Das Fräulein doch nein! davon wird das Ende reden.« In allen epischen Produkten aus dieser Periode ist die Darstellung nirgends zur reinen Gestaltung auskristallisiert, sondern schwankt stets zwischen Lehrdichtung im Gellertstil und Kolportage im Vulpiusstil, wobei der Autor immer persönlich hineinredet, demonstriert, moralisch ermahnt oder abschreckt und störend in die Werkstatt blicken läßt; man denke an Stellen wie etwa die im »Verbrecher aus verlorener Ehre«: »Den folgenden Teil der Geschichte übergehe ich ganz; das bloß Abscheuliche hat nichts Unterrichtendes für den Leser.« Überhaupt war der künstlerische Blick des jungen Schiller darin noch ganz von der »Aufklärung« getrübt, daß er den Hauptzweck der Poesie in die sittliche Besserung des Publikums verlegte, wie er es unzählige Male ausgesprochen und nur als Dramatiker nicht praktiziert hat, weil hier sein grandioser Gestaltungstrieb stärker war als seine pädagogischen Absichten. Im Prinzip aber wies er auch der Schaubühne die nützliche Aufgabe zu, uns die Schurken kennen zu lehren und uns dadurch vor ihnen zu schützen: »Wir müssen ihnen ausweichen oder begegnen; wir müssen sie untergraben oder ihnen unterliegen. Jetzt aber überraschen sie uns nicht mehr. Wir sind auf ihre Anschläge vorbereitet. Die Schaubühne hat uns das Geheimnis verraten, sie ausfündig und unschädlich zu machen.« Aus dieser Wurzel stammte auch seine damalige Vorliebe für die Schwarzweißtechnik, die Kontrastierung fleckenlos reiner Engelsgestalten wie Louise und Amalia und restlos verruchter Bösewichter wie Wurm und Franz Moor, der aber seine Theaterstücke einen großen Teil ihrer Wirkung verdanken. Gluck und Haydn Die Didaktik drang damals sogar bisweilen in die Musik, zum Beispiel bei Haydn, der zusammen mit Gluck und Mozart das Triumvirat der großen Tondichter jenes Zeitalters bildet. Sie lebten alle drei in Wien, wo sie, wie es bei Genies in dieser Stadt die Regel ist, nicht gebührend anerkannt wurden. Gluck war Hofkapellmeister unter Maria Theresia und hatte erst als Sechzigjähriger, 1774, seinen ersten großen Erfolg mit der Aufführung seiner »Iphigenie in Aulis« in Paris, obgleich er dort die tiefeingewurzelte Tradition Lullys und Rameaus zu besiegen hatte. Schon während der Proben tobte in den Cercles, Assembléen und Kaffeehäusern der Kampf der »Gluckisten« und der »Piccinnisten«, die auf Niccolò Piccinni, den hochbegabten Vertreter der neapolitanischen Richtung, schworen. Lange vor Beginn der Premiere war das Theater belagert und Zwischenhändler erzielten ein Vielfaches der Eintrittspreise; als man nach einer Serie ausverkaufter Häuser Rameaus »Castor und Pollux« einzuschieben versuchte, kam fast niemand. Selbst die Dauphine Marie Antoinette, die für das Geistesleben ihrer Zeit viel weniger Interesse hatte als für den Spieltisch und die Schneiderin, war entzückt: als sie eines Tages durch den Bois de Boulogne ritt, wandte sie plötzlich mit dem Ausruf » Mon Dieu, Gluck! « ihr Pferd, eilte auf den Meister zu und überschüttete ihn mit Komplimenten; das umherstehende Volk war tief gerührt und rief: »Was für eine schöne, liebenswürdige Königin werden wir einmal haben!« Noch in demselben Jahr fand auch der »Orpheus«, der in Wien nur mäßigen Beifall erzielt hatte, bei den Parisern eine begeisterte Aufnahme. Aber erst die »Iphigenie auf Tauris« brachte 1779 den vollständigen Sieg: die bisherigen Gegner verstummten und selbst Piccinni wurde Gluckist. In der Zueignung der »Alceste«, die an den Großherzog von Toskana, den späteren Kaiser Leopold den Zweiten, gerichtet war, sagt Gluck: »Es war meine Absicht, alle Mißbräuche zu verbannen, die durch die Eitelkeit der Sänger und die Nachgiebigkeit der Musiker in die italienische Oper eingedrungen sind und aus dem prunkvollsten und schönsten aller Schauspiele das lächerlichste und langweiligste gemacht haben ... ich habe versucht, alle jene Auswüchse zu beseitigen, gegen die der gesunde Menschenverstand und der gute Geschmack schon so lange vergeblich kämpfen ... Ich habe ferner geglaubt, meine Hauptarbeit dem Streben nach einer schönen Einfachheit widmen zu müssen, und habe es vermieden, auf Kosten der Klarheit mit Kunstfertigkeiten zu prunken.« In diesen Worten ist in der Tat der Inhalt der Gluckschen Reform umschrieben: er hat die Oper von der anmaßenden und absurden Herrschaft der aria di bravura befreit und durch schlichten Wahrheitswillen, lebensvolle Charakteristik und echtes Gefühl vermenschlicht und vertieft, obschon in der Verwirklichung seiner letzten Ziele durch klassizistische Kühle und Bewußtheit gehemmt. Seine Rezitativuntermalungen, seine großen Ensemblefinali und monologischen Arien und seine »Intraden«, die »die Zuschauer auf die Handlung vorbereiten und sozusagen deren Inhalt ankündigen« sollten (während in der italienischen Oper zwischen Ouvertüre und Drama keinerlei Beziehung bestand), sind für Generationen vorbildlich geworden. Sein Oeuvre bedeutet gegenüber dem Metastasianismus einen Durchbruch zur Vereinfachung, Vernatürlichung und Beseelung, aber andrerseits gerade durch seine architektonische Klarheit und imposante Linienstrenge eine Reduktion und Entfärbung, einen Sieg jener Kunstanschauung, deren großartige und verhängnisvolle Rolle im europäischen Kulturleben noch eingehender zu erörtern sein wird. Was für Gluck Paris war, das wurde für Josef Haydn London, wo er für seine Symphonien mit Einnahmen, Gesellschaftshuldigungen und öffentlichen Ehrungen überschüttet wurde. Seine Kirchenmusik, wegen ihres »weltlichen« Charakters vielfach angefeindet, ist gleichwohl tief katholisch und fast noch barock: sie bejaht die Welt, aber auf dem Untergrunde der Transzendenz. Aus seinen weltberühmten Oratorien »die Schöpfung« und »die Jahreszeiten« redet das rousseauische Naturgefühl des Jahrhunderts, aber geläutert durch die milde Heiterkeit einer anima candida von echter Naivität. Mozarts Lebensgleichung Auch Mozart lebte in Wien in ebenso dürftigen Verhältnissen wie anfangs Gluck und Haydn, refüsierte aber trotzdem die Einladung Friedrich Wilhelms des Zweiten, der ihm einen hochdotierten Kapellmeisterposten in Berlin antrug. Seine Opern brachte er fast alle in Wien zur Uraufführung, obgleich sie dort infolge kleinlichster und gehässigster Intrigen nur wenige Wiederholungen erzielten: bei der ersten Vorstellung des »Figaro« sangen die Italiener absichtlich so schlecht, daß das Werk durchfiel, während es in Prag sogleich einen stürmischen Erfolg hatte. Die Produktion Mozarts ist in ihrer Fülle und Vielseitigkeit vielleicht das erstaunlichste Phänomen der gesamten europäischen Kunstgeschichte. Er war in allem ein Meister; Haydn, mit dem ihn eine rührende Freundschaft verband, sagte von ihm: »Wenn Mozart auch nichts anderes geschrieben hätte als seine Violinquartette und sein Requiem, würde er allein dadurch schon unsterblich geworden sein.« Sein Lebenswerk umfaßt Opern und Symphonien, Sonaten und Kantaten, geistliche und Kammermusik, im ganzen über sechshundert Stücke. Und der Extensität seines Schaffens entspricht die berückende Intensität: der Reichtum der einander jagenden und kreuzenden und doch nie störenden und verwirrenden Einfälle, so abundant und bewältigt nur noch bei Shakespeare, mit dem er auch die einzigartige Mischung von Ernst und Humor gemeinsam hat. Und dies alles hat er während eines Lebens von nicht ganz sechsunddreißig Jahren in einem beängstigend atemlosen Prestissimo aus sich herausgeschleudert, das den Eindruck erweckt, als habe er vorausempfunden, daß ihm nur wenig Zeit gegeben sei: er erinnert hierin an Schiller und Nietzsche, die ebenfalls unter einem ungeheuern Hochdruck arbeiteten. Wir müssen nämlich von der Ansicht ausgehen, daß jeder Mensch ein spezifisches inneres Tempo besitzt, das sich für einen Geist, der diese Verhältnisse vollkommen zu überblicken vermöchte, sogar wahrscheinlich in irgendeiner Gleichung ausdrücken ließe. Es gibt offenbar eruptive Naturen, die von einer so vehementen Beschleunigung erfüllt sind, daß sie in der Hälfte der normalen Zeit die ganze Strecke ihres Lebens und Schaffens zurücklegen. Es scheint fast, daß Schiller im Fragment des »Demetrius«, Nietzsche im Fragment des »Antichrist« ihre letzten Möglichkeiten erreicht hatten, gleich einer Dampfmaschine, deren Manometer auf hundert steht. Dasselbe gilt von anderen »der Menschheit zu früh Entrissenen«: von Kleist, Novalis, Raffael, Alexander dem Großen. Die Uhr ist in psychologischen Dingen ein sehr inkompetenter Zeitmesser; das wahre Maß der Zeit ist hier die Zahl der Eindrücke und Assoziationen. Die Vorstellungsmassen können auf einen Geist in einer solchen Dichte einströmen, daß er in verhältnismäßig kurzer Zeit schon ein volles Menschenschicksal erfüllt. Eine Ahnung hiervon lebte in allen jungverstorbenen Genies: die Dramen Kleists sind wie im Fieber geschrieben, Novalis gab in tragischer Prophetie seinem Lebenswerk den Titel »Fragmente«, Raffael malte Tag und Nacht, Alexander hat mit sinnverwirrender Impetuosität in dreizehn Jahren die Kriegs- und Friedensgeschichte einer ganzen Dynastie durchrast. Auch bei Mozart können wir uns eine Entwicklung über Figaro, Don Juan und Zauberflöte hinaus nicht mehr vorstellen, und die bisherige Musikgeschichte gestattet sogar die Vermutung, daß sie absolute Gipfelpunkte nicht nur seiner, sondern der menschlichen Tonkunst darstellen. In diesen drei Wunderwerken vermählt sich die deutsche Innerlichkeit und Unschuld mit der silbernen Heiterkeit und träumerischen Verspieltheit des Rokoko, während in dem jüngsten von ihnen auch die Aufklärung, unendlich vertieft, ihren tönenden Mund gefunden hat. Und noch in einem zweiten Genius kulminiert die Aufklärung, der im übrigen wenig Ähnlichkeit mit Mozart besitzt; sein erstes epochemachendes Werk trat in demselben Jahre ans Licht wie Mozarts erste Oper von Säkularformat: das Jahr 1781 erblickte die erste Aufführung des »Idomeneo« und die erste Auflage der »Kritik der reinen Vernunft«. Der doppelte Kant Wir müssen bei Kant allerdings zwei Wesenheiten unterscheiden, die fast völlig voneinander getrennt sind: eine zeitgebundene und eine zeitlose. In seinen Ansichten über Staat und Recht, Gesellschaftsordnung und Kirchenregiment, Erziehung und Lebensführung steht er ganz auf dem Boden der Aufklärung; wo immer er sich ins Gebiet der Empirie begibt, stimmt er mit den führenden Geistern seines Jahrhunderts im wesentlichen überein: in der Physik mit Newton, in der Theologie mit Leibniz, in der Ästhetik mit Schiller, in der Geschichtsbetrachtung mit Lessing. Als Philosoph aber, das heißt: als Erforscher der menschlichen Erkenntnis, war er ein völlig isoliertes Weltwunder, ein Gehirn von einer solchen formidabeln Überlebensgröße, Schärfe des Distinktionsvermögens und Kraft des Zuendedenkens, wie es auf Erden nur einmal erschienen ist. Ja er nimmt nicht nur in seiner Zeit, nicht nur innerhalb der Menschheit, sondern auch unter allen Philosophen eine völlig einzigartige Stellung ein. Konfuzius und Buddha, Heraklit und Plato, Augustinus und Pascal und alle übrigen philosophischen Geister von Unsterblichkeitsrang haben sublime Gedankendichtungen geschaffen; Kant hingegen war nichts weniger als ein Dichter, sondern ein reiner Denker, vermutlich der reinste, der je gelebt hat; was er gibt, ist nicht die individuelle Vision eines Künstlers, der durch die Wucht seiner Phantasie bezwingt, sondern die weltgültige Formulierung eines Forschers, der durch die Schlagkraft seiner Sagazität und Beobachtungsgabe überwältigt. Sein System hätte Friedrich der Große nicht einen Roman nennen können. Er selbst hat sich als den Historiker der menschlichen Vernunft bezeichnet; man könnte ihn auch deren genialen Tiefseeforscher, Vivisektor, Detektiv heißen. Und doch müssen wir sogleich eine Berichtigung vornehmen. Er war kein Dichter, kein Realisator selbsterschaffener Welten und ein Künstler höchstens in der lichtvollen sauberen Architektonik seines Systems, aber er besaß gleichwohl Phantasie, und zwar eine Form der Phantasie, wie sie, zumindest in dieser extremen, ja absurden Ausprägung, noch nie auf der Welt gewesen war. Er war der erste, der über »physische Geographie« las: dieses Kolleg war sein besuchtestes und ihm selbst das liebste, er hat es fast jedes zweite Semester abgehalten. Er schilderte darin, obgleich er nie über den Umkreis seiner Vaterstadt Königsberg hinausgekommen war, nie das Meer, eine Weltstadt, eine reiche Vegetation, ja auch nur ein Gebirge oder einen großen Strom gesehen hatte, alle Regionen der Erde so lebhaft und anschaulich in ihren sämtlichen Einzelheiten, daß alle Uneingeweihten ihn für einen Weltreisenden hielten. Die Westminsterbrücke beschrieb er einmal mit solcher Genauigkeit und Deutlichkeit, daß ein anwesender Engländer behauptete, er müsse ein Architekt sein, der mehrere Jahre in London gelebt habe. Dies nämlich war die Art seiner Phantasie: er vermochte sich Dinge anschaulich vorzustellen, die er nie gesehen hatte, ja die überhaupt noch nie ein Mensch gesehen hatte . Dieses Gebiet, das nur er leibhaftig, deutlich und genau zu erblicken vermochte, war die menschliche Vernunft, und diese Gabe macht ihn zum Unikum in der gesamten menschlichen Geschichte. »Alleszermalmer« und »Allesverschleierer« Es könnte scheinen, als gebe es noch in einem anderen Sinne als in dem soeben erörterten einen doppelten Kant. Da war ein Kant, der mit einer beispiellosen Scheidekunst alles zerlegte und auflöste, ein radikaler Revolutionär, dämonischer Nihilist und unbarmherziger Zerstörer des bisherigen Weltbilds. Da war aber auch ein Kant, der nichts anderes war als der kleine Bürger einer weltentlegenen Provinzstadt, altpreußisch, protestantisch, pedantisch, verwinkelt, konservativ, vor der Staatsallmacht, dem Kirchendogma und der öffentlichen Meinung kapitulierend, korrekt bis zur Genrehaftigkeit, Tag für Tag nach derselben genauen Einteilung lebend, so pünktlich um dieselbe Stunde das Haus verlassend, vom Kolleg zurückkehrend, zu Mittag essend, spazierengehend, daß die Nachbarn nach ihm ihre Uhren richteten. Und doch ist die Versöhnung dieser beiden scheinbar feindlichen Seelen Kants der Sinn seiner ganzen Philosophie: inwiefern, das können wir vorläufig nur andeuten. Er enthüllte die Realitäten als theoretische Unbewiesenheiten und Unbeweisbarkeiten, ja Irrlichter und Phantome, aber zugleich als praktische Wünschbarkeiten, Wertsetzungen, Notwendigkeiten, ja Tatsachen und Gewißheiten. Die empirische Welt ist unwirklich, phänomenal, aber der Glaube an sie ein kategorischer Imperativ: in diesem einen Satz ist seine ganze Philosophie enthalten, die theoretische und die praktische. Durch diesen Beweisgang wird, auf einem strapaziösen, aber unvermeidlichen Umweg, die Wirklichkeit, die eben noch negiert wurde, wieder bejaht, und zwar in allen ihren Einzelheiten, auch die Welt des common sense . Hat man dies alles durchgedacht, so darf man wieder nach der Uhr leben, man soll sogar nach der Uhr leben, nach jener bloß fiktiven und phänomenalen Weltuhr, an deren Existenz zu glauben ein logischer Widersinn und eine moralische Pflicht ist. Und dazu lebt noch auf dem Untergrunde von Kants lauterer Seele, ihm selbst halb verborgen, ein tief religiöses pietistisches Element, das diese beiden Widersprüche setzt und vermählt: die tiefste Demut vor dem Schöpfer: wir haben nicht das Recht, sein Dasein und das Dasein seiner Welt als wissenschaftliches Axiom aufzustellen und damit gewissermaßen von unserem Geiste abhängig zu machen. In seiner »Antinomienlehre« hat Kant bekanntlich gezeigt, daß alle rationalen Beweise für das Dasein Gottes hinfällig sind: verneint man die Existenz Gottes, so gelangt man zum Atheismus, bejaht man sie, so gelangt man zum Anthropomorphismus; man kann daher weder sagen: es gibt einen Gott, noch: es gibt keinen Gott. In Wahrheit meint aber seine Frömmigkeit: wer sind wir, daß wir sagen dürften: es ist ein Schöpfer? Die Legende von den angeblichen »zwei Kants« spukt nicht nur durch die ganze Geschichte des kantischen Nachruhms, sondern wurde auch schon von einzelnen seiner Zeitgenossen verbreitet. Am geistreichsten und lustigsten hat sich Heine in seiner »Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland« über diese Frage geäußert, indem er nachzuweisen suchte, daß Kant die »Kritik der praktischen Vernunft« nur seinem alten Diener Lampe zuliebe geschrieben habe. »Nach der Tragödie kommt die Farce. Immanuel Kant hat bis hier den unerbittlichen Philosophen traciert, er hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute ... da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, daß er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig, halb ironisch spricht er: Der alte Lampe muß einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein das sagt die praktische Vernunft meinetwegen so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen. Infolge dieses Argumentes unterscheidet Kant zwischen der theoretischen Vernunft und der praktischen Vernunft, und mit dieser, wie mit einem Zauberstäbchen, belebte er wieder den Leichnam des Deismus, den die theoretische Vernunft getötet.« In dieser Auffassung zeigt sich, durch graziösen Witz gemildert, die ganze Seichtigkeit des »jungen Deutschland«, die sich von Kant nur so viel anzueignen wußte, als ihr eigener Geist begriff: nämlich die billige und subalterne Polemik gegen den Klerikalismus. Aber auch noch am Anfang unseres Jahrhunderts hat Häckel in seinen vielgelesenen »Lebenswundern« eine Tabelle der »Antinomien von Immanuel Kant« aufgestellt, in der er die Widersprüche, die zwischen seinem ersten und seinem zweiten Hauptwerk bestehen sollen, in acht Punkten übersichtlich gegeneinander setzt und »Kant I« als »Alleszermalmer« und »Atheisten mit reiner Vernunft«, »Kant II« als »Allesverschleierer« und »Theisten mit reiner Unvernunft« bezeichnet. Die Meinung, daß Kant über das Zerstörungswerk seiner Kritik nachträglich selber erschrocken sei und sich bemüht habe, den Schaden wieder gut zu machen, läßt sich schon deshalb nicht aufrechterhalten, weil sich für jeden, der vorurteilslos zu lesen versteht, die »Kritik der praktischen Vernunft« in der »Kritik der reinen Vernunft« bereits deutlich ankündigt, nämlich in dem eben erwähnten Kapitel, das von der rationalen Theologie handelt. Auch hat sich Kant selber hierüber in der Vorrede zur zweiten Auflage der »Kritik der reinen Vernunft«, die vor der ersten Auflage der »Kritik der praktischen Vernunft« erschien, ganz unzweideutig ausgesprochen: »Ich mußte das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen, und der Dogmatismus der Metaphysik ... ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens, der jederzeit gar sehr dogmatisch ist.« Kant hat den Glauben gegen alle wissenschaftlichen Einwürfe sichergestellt, indem er ihn der theoretischen Vernunft ein für allemal entzog. Urteile wie »richtig« oder »unrichtig« sind, auf die religiösen Bewußtseinsinhalte angewandt, völlig sinnlos: wie der nietzschische Immoralist jenseits von Gut und Böse steht, so steht der kantische Moralist jenseits von Wahr und Falsch. Die Kritik der Vernunft Indem wir nunmehr versuchen, die Grundgedanken der kantischen Philosophie in Kürze darzustellen, müssen wir vorausschicken, daß man in ihr nicht, wozu ihr dozierender Ton und didaktischer Aufbau verleiten könnte, eine Lehre zu erblicken hat, die ein neues Wissen vermittelt, sondern einen Ruf zur geistigen und sittlichen Einkehr, der ein neues Sein fordert: sie ist ein Weg und kein Ziel, und um sie im richtigen Geiste aufzunehmen, bedarf es nicht bloß eines gewissen Interesses und Verständnisses für philosophische Probleme, sondern einer bestimmten Naturanlage, einer eingeborenen Richtung des Willens auf Wahrheit und Reinheit. Deshalb haben viele kluge und unterrichtete Menschen erklärt, Kant nicht begreifen zu können, und viele einfache und »unphilosophische« Köpfe in seinen Gedanken, die durch geheimnisvolle Kanäle zu ihnen drangen, den höchsten Trost und die tiefste Erleuchtung gefunden. »Philosophie«, sagt Kant, »kann überhaupt nicht gelernt werden. Mathematik, Physik, Geschichte kann gelernt werden, Philosophie nicht, es kann nur Philosophieren gelernt werden.« Eine »gelernte« Philosophie würde in seinen Augen aufhören, Philosophie zu sein; sie wäre bloß »historisches«, nicht philosophisches Wissen. Im übrigen muß ich den Leser bitten, nicht ungeduldig zu werden, wenn er einiges nicht sogleich versteht; manches wird erst durch das Nachfolgende klar, und es wird sich daher diesmal ausnahmsweise empfehlen, den Text zweimal zu lesen. Philosophie ist Erkenntnis: dies ist vielleicht der einzige Satz, über den die Philosophen immer einig gewesen sind. Diese Erkenntnis geschieht durch unser Erkenntnisvermögen; und zwar hatten sich in der neueren Zeit zwei philosophische Hauptrichtungen herausgebildet: die Sensualisten hatten das Schwergewicht auf die Sinnesfunktionen gelegt, die Rationalisten auf die Verstandesfunktionen. Die gemeinsame Tätigkeit der Sinne und des Verstandes macht das aus, was wir »Erfahrung« nennen. Nun hatten die bisherigen Philosophen zwar die Meldungen der Sinnesorgane und die Schlüsse des Verstandes auf ihren Charakter und ihre Zuverlässigkeit zu prüfen versucht, die Tatsache der Erfahrung selbst aber als etwas schlechthin Gegebenes hingenommen. Man pflegt einen Gedankengang, der sich auf die Annahme unaufgeklärter Fakten gründet, auch im gewöhnlichen Leben kritiklos zu nennen. Die ganze bisherige Philosophie war in diesem Sinne naiv und leichtgläubig, unkritisch und dogmatisch, die kantische Philosophie ist kritisch, sie will in dem großen Streit der Rationalisten und Sensualisten die unparteiische Schiedsrichterin sein und sich zu der alten Schulmetaphysik verhalten wie die Chemie zur Alchimie, die Astronomie zur Astrologie. Kant verlegt das Problem viel weiter zurück, indem er fragt: woher kommt die Erfahrung überhaupt? wie wird sie möglich? wie wird die Erkenntnis selbst erkannt? Eine Sache kann man nur erkennen, wenn man alle Bedingungen kennt, aus denen sie entstanden ist. Weil die kantische Philosophie erforscht, was dem Zustandekommen unserer Erkenntnis vorhergeht, nennt sie sich » transzendental «, was nicht mit »transzendent« verwechselt werden darf, vielmehr das Gegenteil davon bedeutet: transzendental ist, was diesseits aller Erfahrung liegt, ihr vorausgeht ; transzendent ist, was jenseits aller Erfahrung liegt, über sie hinausgeht . Das Untersuchungsobjekt der kritischen Philosophie ist die von aller Erfahrung unabhängige Vernunft, die Vernunft, wie sie vor aller Erfahrung da ist, als bloßes Vermögen der Erfahrung: sie heißt daher » reine « Vernunft. Die drei Grundvermögen der reinen Vernunft sind die Sinnlichkeit oder das Vermögen der Anschauungen, der Verstand oder das Vermögen der Begriffe und die Vernunft (im engeren Sinne) oder das Vermögen der Ideen. Durch die Tätigkeit unserer Vernunft kommt das zustande, was Kant die »Erscheinung« nennt, nämlich die Welt, wie sie unserem Bewußtsein erscheint, während das, was diesen Erscheinungen zugrunde liegt, das »Ding an sich« , das Ding, wie es, abgesehen von unserer Art, es aufzufassen, an sich selbst ist, von uns niemals erkannt werden kann. Diese Ausdrücke sind im ganzen nicht glücklich gewählt, künstlich, scholastisch, unscharf und schwerverständlich, auch mißverständlich und hätten leicht durch populärere, handlichere und eindeutigere ersetzt werden können; auch hat Kant selber ihren Gebrauch nicht vollständig beherrscht: so nennt er zum Beispiel bisweilen das Ding an sich das »transzendentale Objekt«, während er es doch, da es sich jenseits aller Erfahrung befindet, das »transzendente Objekt« nennen müßte (falls es überhaupt erlaubt sein sollte, eine solche Bezeichnung zu gebrauchen, die eigentlich eine contradictio in adiecto enthält; denn etwas, das unserem Bewußtsein transzendent ist, kann niemals unser Objekt sein). Diese eigensinnige Terminologie in Verbindung mit der altväterischen, verschnörkelten und schleppenden Darstellungsweise, die Kant für seine Hauptwerke wählte, hat viele von dem Studium seiner Philosophie abgeschreckt. Heine spricht von »grauem, trockenem Packpapierstil«, Schopenhauer von »glänzender Trockenheit« und nennt die Sprache der Vernunftkritik »undeutlich, unbestimmt, ungenügend und bisweilen dunkel«. Im ganzen aber muß man sagen, daß diese Bücher nicht eigentlich schlecht geschrieben sind, sondern bloß umständlich und ohne jede künstlerische Ambition. Die Sätze sind wohl geschachtelt, aber auch wohlgeschachtelt, langatmig, aber auch starkatmig. Kant war kein klassischer Prosaist vom Range Schopenhauers, aber ein ausgezeichneter Schriftsteller, der sehr wohl imstande war, sich flüssig, faßlich, anziehend und sogar amüsant auszudrücken. Von seinen Vorlesungen rühmte Herder, der zwei Jahre lang sein Schüler war: »Scherz, Witz und Laune standen ihm zu Gebot, und sein lehrender Vortrag war der angenehmste Umgang.« Seine Lieblingsautoren waren Cervantes und Swift, Montaigne und Lichtenberg; der Stil seiner vorkritischen Schriften ist bei allem Gedankenreichtum klar, gewandt und nicht selten anmutig und humorvoll. Mit seiner »Kritik der reinen Vernunft« nimmt er aber eine völlig neue Schreibweise an, die, stets streng und kalt bei der Sache bleibend und nirgends die geringsten Bequemlichkeiten gewährend, jede Rücksicht auf den Leser verschmäht. Es kann hier nur eine bestimmte Absicht im Spiele gewesen sein: teils empfand Kant seinen Gegenstand als zu erhaben, um ihm eine gefällige Darstellung zu widmen, teils wollte er schon durch die Form eine Mauer zwischen sich und den Popularphilosophen aufrichten. Die reine Vernunft Der Ausgangspunkt der kantischen Philosophie ist in Hume zu suchen, der, wie wir uns erinnern, behauptet hatte, daß die Idee der Kausalität, der Verknüpfung nach Ursache und Wirkung nicht aus der Erfahrung stamme, sondern von uns zu den Vorgängen hinzugedacht werde: aus einem bloßen post hoc machen wir eigenmächtig ein propter hoc . Diesen Gedankengang nahm Kant auf, aber nur, um sogleich viel tiefer zu graben: er stellte fest, daß der Begriff der Kausalität zwar nicht in den Dingen selbst enthalten ist, aber nicht weil er nach aller Erfahrung, a posteriori in sie hineingetragen wurde, sondern weil er vor aller Erfahrung, a priori in uns entsteht, weil durch ihn Erfahrung überhaupt erst möglich wird, weil er unsere Erfahrung macht . Ebenso verhält es sich mit dem Begriff der Substantialität, von dem Hume gleichfalls behauptet hatte, daß er von uns aus der bloßen Beobachtung der konstanten Verbindung gewisser Eigenschaften willkürlich erschlossen worden sei, und den übrigen Kategorien oder »reinen« Verstandesbegriffen, die Kant so nennt, weil sie unabhängig von der Erfahrung existieren, die erst durch sie existiert. Der Grundirrtum Humes hatte darin bestanden, daß er die Kategorien mit den Gattungsbegriffen verwechselte, die allerdings erst aus der Erfahrung hervorgehen, weil sie von den Einzelgegenständen abgezogen, abstrahiert sind. Die ganze »Kritik der reinen Vernunft« besteht nun eigentlich in nichts anderem als in der Anwendung dieses Grundgedankens auf sämtliche Gebiete der Erkenntnis. Als »apriorische« Erkenntnisformen sind anzusehen: erstens unsere Anschauungsformen, nämlich Raum und Zeit; auf ihnen beruht die absolute Gültigkeit unserer geometrischen und arithmetischen Urteile und von ihnen handelt die »transzendentale Ästhetik«, die die Frage beantwortet: wie ist reine Mathematik möglich?; zweitens unsere Denkformen, nämlich die zwölf Kategorien oder Stammbegriffe des Verstandes; auf ihnen beruht die Gültigkeit der allgemeinen Verstandesgrundsätze und von ihnen handelt die »transzendentale Analytik«, die die Frage beantwortet: wie ist reine Naturwissenschaft möglich? Strenge Notwendigkeit und Allgemeinheit kommt nur diesen reinen Anschauungen und reinen Begriffen zu, die vor aller Erfahrung da sind, indem sie der menschlichen Seele und ihren Grundkräften entspringen, während Urteile, die aus der Erfahrung geschöpft sind, immer nur »angenommene«, »komparative« oder »induktive« Allgemeinheit besitzen; man kann mit ihnen nur sagen: »So viel wir bisher wahrgenommen, findet sich von dieser oder jener Regel keine Ausnahme.« Es ist ersichtlich, daß Kant mit dieser Auffassung die ganze bisherige Philosophie auf den Kopf stellt. Während diese annahm, Wahrheit könne nur aus der Erfahrung gewonnen werden, erklärt Kant: alle Erfahrung enthält nur bedingte und approximative Wahrheit, und absolute Wahrheit kann nur vor der Erfahrung, außerhalb der Erfahrung und ohne die Erfahrung gefunden werden. Raum und Zeit sind keine Eigenschaften der Dinge, auch nicht aus unserer Beobachtung der Außenwelt geschöpft, vielmehr verhält es sich gerade umgekehrt: was wir Außenwelt nennen, hat den Raum und die Zeit zur Vorbedingung. Die Tatsache, daß Dinge gleichzeitig sind oder aufeinander folgen, setzt bereits die Zeit voraus; daß Dinge nebeneinander oder voneinander entfernt sind, setzt bereits den Raum voraus. Zeit und Raum sind die Form, in der die Dinge erscheinen, in der sie erscheinen müssen, ohne die sie gar nicht erscheinen können. Zeit und Raum lassen sich von den Erscheinungen nicht wegdenken; hingegen kann man sich sehr wohl die Zeit und den Raum denken ohne alle Erscheinungen. Alle wirklichen oder auch nur möglichen Gegenstände unserer Erfahrung stehen unter der Herrschaft dieser beiden Anschauungsformen, woraus aber andrerseits folgt, daß diese Herrschaft sich nur genau so weit erstreckt wie unsere Erfahrung: sie ist von absoluter Gültigkeit lediglich innerhalb der menschlichen Empirie. Was wir Wirklichkeit nennen, jene anschauliche Welt, wie sie von unserer »Sinnlichkeit«, dem transzendentalen, apriorischen, aller Erfahrung vorhergehenden Vermögen der reinen Anschauungen hervorgebracht wird, ist in Wahrheit nur Erscheinung , eine ideale Welt, in der die Dinge bloß als Phänomene unseres Bewußtseins existieren, nicht, wie sie an sich sind, und die daher, wie Kant sagt, gleichzeitig »empirische Realität« und »transzendentale Idealität« besitzt. Gegeben sind uns zunächst nur gestaltlose Empfindungen, diese ordnet unsere »anschauende Vernunft« in Raum und Zeit, dadurch werden sie zu Erscheinungen. Aber diese Erscheinungen wollen wiederum geordnet, in eine gesetzmäßige Verknüpfung gebracht werden. Diese Aufgabe löst die »denkende Vernunft« oder der Verstand mit Hilfe der »reinen Begriffe«: durch sie wird aus den Erscheinungen Erfahrung. Durch Anschauungen werden uns die Gegenstände nur gegeben, durch Begriffe werden sie gedacht. Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen sind leer. Da der Verstand das Vermögen des Urteilens ist, so ergeben sich die Kategorien, mit denen er die Welt begreift, aus den verschiedenen Formen des Urteils: es gibt deren zwölf. Kant hat diese »Kategorientafel«, die ihm sehr am Herzen lag, mit großer Sorgfalt ausgearbeitet; wir wollen aber nicht näher auf sie eingehen, da sie nicht viel mehr bedeutet als eine geistreiche scholastische Spielerei, die Kardinalgedanken seines Systems nicht berührt und auch durchaus nicht unanfechtbar ist: denn nicht alle Begriffe, zu denen sie gelangt, sind »reine« Begriffe im kantischen Sinne. Auf sie paßt in besonderem Maße die feine Bemerkung, die Paulsen über das kantische Lehrgebäude im allgemeinen gemacht hat: »Manche stattlich und vornehm auftretenden Teile des Systems gleichen einigermaßen den künstlich eingesetzten Zweigen der Tannenbäume auf dem Weihnachtsmarkt.« Wie ist Natur möglich? Viel wichtiger, ja das Zentrum der kantischen Philosophie ist die unmittelbar anschließende schwierige Lehre von der »transzendentalen Apperzeption«. Wir haben gehört: die Dinge erscheinen uns nicht nur im Nebeneinander des Raums und im Nacheinander der Zeit, sondern auch in einer gesetzmäßigen und notwendigen Verknüpfung; diese Verknüpfung geschieht durch die Begriffe unseres Verstandes und ihr Resultat ist das, was wir »Erfahrung« nennen. Aber in der Erfahrung sind uns die Dinge immer nur in einer tatsächlichen, nicht in einer notwendigen Verknüpfung gegeben. Gleichwohl treten die Verknüpfungen, die unser Verstand vollzieht, mit dem Anspruch und Charakter strenger Allgemeinheit und Notwendigkeit auf. Woher kommt das? Einfach daher, daß wir selbst durch unsere einheitliche Auffassung, durch die transzendentale, aller Erfahrung vorhergehende Einheit unserer Apperzeption diese Synthesis vollziehen. Die Welt, die unseren Empfindungen zunächst nur als dunkle verworrene Mannigfaltigkeit gegeben ist, wird durch die Einheit unseres Selbstbewußtseins von vornherein als Einheit apperzipiert, folglich ist sie eine Einheit und eine notwendige Einheit. Daß uns die Welt, die wir vorstellen, stets als dieselbe erscheint, ist nur zu erklären aus der Einheit und Unwandelbarkeit unseres »reinen« Bewußtseins, das vor aller Welt da ist und daher den »obersten Grundsatz«, das »Radikalvermögen« der menschlichen Erkenntnis bildet. Die Einheit unseres Ichs ist der wahre Grund der Einheit der Welt; die »Natur« wird uns Objekt, Erfahrungsgegenstand, Bewußtseinsinhalt, anschaulich und gesetzmäßig geordneter Zusammenhang, weil wir sie vorher durch die in unserer Seele bereitliegenden Erkenntnisvermögen der Anschauung und des Verstandes als diesen »Gegenstand« gesetzt haben. »Verbindung«, sagt Kant, »liegt nicht in den Gegenständen und kann von ihnen nicht durch Wahrnehmung entlehnt werden, sondern ist allein eine Verrichtung des Verstandes«, der selbst nichts andres ist als das Vermögen, a priori zu verbinden. Unser Verstand erzeugt selbsttätig, spontan vermöge einer Fähigkeit, die Kant »produktive Einbildungskraft« nennt, bestimmte Verknüpfungen, bestimmte Gesetze: die sogenannten »Naturgesetze«. »Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor.« Das ist die Antwort auf die Frage: wie ist Natur möglich? Wie ist Metaphysik möglich? Mit dieser Feststellung hat die Kritik der reinen Vernunft ihren Höhepunkt erklommen. Es folgt nun die »transzendentale Dialektik«, deren Thema wir bereits kurz berührt haben: die Widerlegung der bisherigen Theologie, Kosmologie und Psychologie, jener Disziplinen, die die Existenz Gottes und der Seele, der menschlichen Willensfreiheit und des jenseitigen Lebens mit den Hilfsmitteln der Logik zu beweisen suchten. Sie stellt die Frage: wie ist Metaphysik möglich?, und die Antwort lautet: da die Metaphysik von transzendenten Dingen handelt, die niemals Gegenstand unserer Erkenntnis werden können, so ist sie als Wissenschaft unmöglich, hingegen möglich, ja wirklich als eine unendliche Aufgabe, die dem Menschen gestellt wird. Gott, Seele, Freiheit, Unsterblichkeit sind »Ideen«, die weder bewiesen noch widerlegt werden können: sie sind Sache des Glaubens. Als Erscheinung, als empirisches Wesen ist der Mensch dem Kausalgesetz unterworfen; als Ding an sich, als »intelligibles« Wesen ist er frei und keinem Gesetz, sondern nur der moralischen »Beurteilung« unterworfen: als solches vermag er sich freilich nur zu denken. Unsere Vernunft ist nicht imstande, zu beweisen, daß der Mensch frei ist, daß er eine immaterielle und unsterbliche Seele besitzt, daß ein Wesen von höchster Weisheit und Güte die Welt regiert, aber sie darf und soll, ja muß vermöge ihrer metaphysischen Anlage die Welt und den Menschen so ansehen, als ob es sich so verhielte. Die Ideen geben uns keine Gesetze wie die Kategorien, sondern nur Maximen, Richtlinien, sie sind nicht »konstitutive«, sondern bloß »regulative« Prinzipien, nicht ein realer Gegenstand unseres Verstandes, sondern ein ideales Ziel unserer Vernunft, der Vernunft im engeren und höheren Sinne, die nichts anderes ist als das Vermögen, Ideen zu bilden. Auch die Wissenschaft als Erkenntnis der Totalität der Welt ist nur ein solches unerreichtes, unerreichbares, gleichwohl unermüdlich anzustrebendes Ziel unseres Geistes. Der Wert der »Ideen« besteht also nicht in ihrer Realisierbarkeit, sondern darin, daß sie unser gesamtes Denken und Handeln orientieren. Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, das vollendete Reich der Wissenschaft sind Aufgaben , die unser intelligibles Ich unserem empirischen Ich zur Lösung stellt. Tiefste Niederlage und höchster Triumph der menschlichen Vernunft Die Kritik der reinen Vernunft hat drei Fragen gestellt und beantwortet. Die erste Frage heißt: wie ist reine Mathematik möglich?, und die Antwort lautet: durch unsere Sinnlichkeit, das Vermögen der reinen Anschauungen, das unsere Eindrücke oder Empfindungen (das einzige, was uns gegeben ist) durch Einordnung in Raum und Zeit zu Erscheinungen macht. Die zweite Frage heißt: wie ist reine Naturwissenschaft möglich?, und die Antwort lautet: durch unseren Verstand, das Vermögen der reinen Begriffe, das aus den Erscheinungen durch Einordnung in die Kategorien Erfahrung macht. Die dritte Frage heißt: wie ist Metaphysik möglich?, und die Antwort lautet: durch unsere Vernunft, das Vermögen der Ideen, dem die unendliche Aufgabe gestellt ist, aus der Erfahrung Wissenschaft zu machen. Und die Gesamtfrage, in die alle drei sich zusammenfassen lassen, heißt: wie entsteht Realität? Die Antwort lautet: durch die reine Vernunft. Fragen: Vermögen: Formen: Produkte: Wie ist reine Mathematik möglich? Sinnlichkeit reine Vernunft Anschauungen Erscheinungen empirische Realität Wie ist reine Naturwissenschaft möglich? Verstand Begriffe Erfahrung Wie ist Metaphysik möglich? Vernunft i.e.S. Ideen ...Wissenschaft Die menschliche Vernunft ist in der Ausübung aller ihrer Vermögen eine bloß formgebende Kraft: Raum und Zeit, die Kategorien, die Ideen sind sämtlich Formen, die zu dem Inhalt, den sie vorfinden, hinzugebracht werden: der »Stoff« unserer Vernunft sind die Empfindungen, von denen wir nur aussagen können, daß sie uns »affizieren«. Da die Vernunft der gesamten Realität die Gesetze vorschreibt, so folgt daraus, daß diese Gesetze für uns unverbrüchlich gelten und daß sie nur für uns gelten; was die Welt wirklich ist, abgesehen von unserer Art, sie aufzufassen, können wir nicht einmal vermuten, da ja alles, was in unser Bewußtsein tritt, bereits Erscheinung ist, transzendentale Idealität besitzt. Wir können nur sagen, daß den Erscheinungen etwas »zugrunde liegt«, daß sich hinter den Dingen, jenseits unserer Erfahrungsmöglichkeit noch irgend etwas befindet: das Ding an sich. Dieses Ding an sich, das weder unter die Anschauungsformen des Raums und der Zeit noch unter die Denkformen der Substantialität und der Kausalität fällt, ist ein bloßer Grenzbegriff. Es bezeichnet die Grenze, wo unsere Erkenntnis aufhört. Kant hat sich selbst mit Kopernikus verglichen, und seine Vernunftkritik bedeutet in der Tat eine völlige Umkehrung des bisherigen Weltbilds. Nur war eigentlich seine Umkehrung das Gegenteil der kopernikanischen. Kopernikus sagte: der Mensch hat bisher geglaubt, die Erde sei der Mittelpunkt des Weltalls und dieses richte sich in allen seinen Bewegungen nach ihr; in Wirklichkeit aber ist die Erde nur ein kleiner Trabant der Sonne und des großen Weltkörpersystems und hat sich nach diesem zu richten. Kant hingegen sagte umgekehrt: der Mensch hat bisher geglaubt, seine Erkenntnis habe sich nach den Gegenständen der Außenwelt zu richten; in Wirklichkeit aber hat sich die ganze Welt nach ihm und seiner Erkenntnis zu richten, durch die sie überhaupt erst zustande kommt. Gleichwohl haben beide Systeme sozusagen die gleiche Pointe. Wir haben im ersten Buch darauf hingewiesen, daß die neue Astronomie, die am Anfang der Neuzeit steht, zwar die Erde zum winzigen Lichtfleck zusammendrückte und das Weltall zu schauerlichen Riesendimensionen auseinanderreckte, zugleich aber den Menschen zum Durchschauer und Entschleierer des Kosmos emporhob: an die Stelle eines begrenzten, aber unerforschlichen und magischen Weltraums trat ein unendlicher, aber mathematischer und berechenbarer. In derselben Weise stürzt Kant den Menschen einerseits in tiefste Ohnmacht und Finsternis, indem er ihm unwiderleglich dartut, daß er von der Erkenntnis der »wahren Welt«, der »Welt an sich« durch unübersteigliche Schranken getrennt ist, zugleich aber macht er ihn zum Schöpfer und absoluten Gesetzgeber der »empirischen Welt«, deren ungeheure Ausmaße ihn nun nicht mehr in Schrecken zu versetzen vermögen. Die Vernunftkritik bezeichnet die tiefste Niederlage und den höchsten Triumph der menschlichen Vernunft: der Mensch ist ein verschwindendes Pünktchen im Weltall; aber dieses Nichts gibt dem Weltall seine Gesetze. Der Primat der praktischen Vernunft Das Schlußkapitel der »Kritik der reinen Vernunft« bildet den Übergang zu Kants zweitem Hauptwerk, der »Kritik der praktischen Vernunft«, das sieben Jahre später erschien. Zu den Ideen der Freiheit, Unsterblichkeit und Gottheit können wir nicht auf theoretischem Wege gelangen, da sie über unsere Erfahrung hinausgehen, wohl aber auf praktischem Wege, indem wir sie vermöge unseres sittlichen Willens (zwar nicht zu objektiven, wohl aber) zu subjektiven und persönlichen Gewißheiten, zu Gegenständen unseres Glaubens machen. Die Kritik der reinen Vernunft handelt von den Gesetzen unseres Erkennens, die Kritik der praktischen Vernunft von den Gesetzen unseres Handelns. Wie nun die Gesetze unserer theoretischen Vernunft nur darum strenge Notwendigkeit und Allgemeinheit besitzen, weil sie nicht aus der Erfahrung geschöpft sind, vielmehr vor aller Erfahrung da waren, so können auch die Gesetze unserer praktischen Vernunft nur dann auf unbedingte Gültigkeit Anspruch machen, wenn sie nicht aus der Empirie abgeleitet sind, wenn sie (da der Inhalt unseres Handelns stets aus der Erfahrung stammt) rein formalen Charakter tragen. Wie die theoretische Vernunft der Erscheinungswelt die Gesetze diktiert, so gibt die praktische Vernunft sich selbst das Sittengesetz, und dieses lautet: »Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.« Praktische Grundsätze enthalten entweder Vorschriften, die nur gelten, wenn gewisse Bedingungen gegeben sind, zum Beispiel: wenn du ein Meister werden willst, so mußt du dich beizeiten üben, in diesem Falle sind sie hypothetische Imperative; oder sie haben eine unbedingte, von allen Voraussetzungen unabhängige Geltung, zum Beispiel: du darfst nicht lügen, in diesem Falle sind sie kategorische Imperative. Das Sittengesetz ist ein kategorischer Imperativ, es gilt absolut und unbedingt, unabhängig von jeder Voraussetzung, es gilt überall und immer, vor aller Erfahrung, ohne jede empirische Bestätigung, es gilt, auch wenn es nie und nirgends erfüllt wird. »Die Moral ist nicht eigentlich die Lehre, wie wir uns glücklich machen, sondern wie wir der Glückseligkeit würdig werden sollen.« Wir haben das Sittengesetz aus Pflichtgefühl zu beobachten, nicht aus Neigung, denn wenn wir es aus Neigung befolgen, so geschähe dies um unser selbst willen. Hier befinden wir uns auf dem höchsten Grat der kantischen Moralphilosophie, in der rauhen und reinen Eishöhe der absoluten Ethik. Das Sittengesetz in uns gebietet: du sollst, und aus diesem Sollen folgt das Können, sonst wäre die Forderung des Sollens widersinnig. Als sinnliche Wesen sind wir der Naturnotwendigkeit unterworfen, als moralische Wesen sind wir frei. In diesem Zusammenhang gewinnen die metaphysischen Ideen eine neue Realität. Wir müssen die absolute sittliche Vollkommenheit wollen; da sich diese in keinem Zeitpunkt unseres irdischen Daseins erreichen läßt, so muß unser moralisches Bewußtsein die Unsterblichkeit fordern. Und aus ähnlichen Gründen muß unsere praktische Vernunft die Existenz Gottes, der Freiheit, der Seele postulieren. Diese Ideen sind nicht Axiome der theoretischen, sondern Postulate der praktischen Vernunft. Die Wirksamkeit des Sittengesetzes in uns ist der Beweis für die Möglichkeit, ja Wirklichkeit der menschlichen Freiheit. Unser moralisches Vermögen verhält sich zu unserem Erkenntnisvermögen wie die intelligible Welt zur sinnlichen: diese ist von jener abhängig, darum sagt Kant: die praktische Vernunft hat den Primat vor der theoretischen Vernunft. Die Sinnenwelt ist durchaus phänomenal, Erscheinung einer ihr zugrunde liegenden intelligibeln Welt; ebenso ist unsere eigene sinnliche Existenz, unser empirischer Charakter bloße Erscheinung unserer intelligibeln, unserer moralischen Existenz. Was ist also unser moralisches Ich? Nichts anderes als das »Ding an sich«. Die Kritik der reinen Vernunft hatte erklärt: die intelligibeln Wesenheiten, die Ideen, die Dinge an sich können nie erkannt und gewußt, nur »gedacht« und geglaubt werden. Die Kritik der praktischen Vernunft aber erklärt: sie sollen und müssen gedacht, geglaubt, zu Regulativen unseres Seins und Handelns gemacht werden. Für unsere spekulative Vernunft sind sie bloße Möglichkeiten, Wünschbarkeiten, Ideale, Hypothesen; für unsere moralische Vernunft sind sie Wirklichkeiten, Notwendigkeiten, kategorische Gebote. Die »Kritik der praktischen Vernunft« ist die Vollendung und Krönung der »Kritik der reinen Vernunft«: ohne jene wäre diese nur ein Torso und Fragezeichen, und nur Mißgunst oder Unverstand vermag zwischen diesen beiden Werken, die ebenso organisch und notwendig zueinander gehören wie etwa die beiden Teile des »Faust« oder Dantes Inferno und Paradiso, einen Widerspruch zu entdecken. Es ist im Grunde auch beide Male dieselbe Betrachtungsweise und Methode, von der die Gedankenführung beherrscht wird. Auch vom kategorischen Imperativ erklärt Kant, daß er »im Gemüt bereitliege«: das Sittengesetz ist ebenso a priori wie die Naturgesetze. Unsere Begriffe von Gut und Böse stammen so wenig aus der Erfahrung wie unsere Anschauungen von Raum und Zeit. Als erkennendes Wesen ist der Mensch der Gesetzgeber der Außenwelt, als moralisches Wesen ist er sein eigener Gesetzgeber: Legislator und Untertan in einer Person. Er ist es, der sich sowohl seine sinnliche wie seine sittliche Welt macht. Unsere theoretische Vernunft denkt die Welt als eine anschaulich geordnete und gesetzmäßig verknüpfte Einheit; folglich ist sie anschaulich und gesetzmäßig. Unsere praktische Vernunft will den Menschen als ein freies und sittliches Wesen, und folglich ist er sittlich und frei. Das Gesamtresultat der kantischen Philosophie Wir müssen es uns versagen, auf die übrigen Schriften Kants einzugehen, und beschränken uns darauf, zu erwähnen, daß er in seinem dritten Hauptwerk, der »Kritik der Urteilskraft«, als erster das Wesen des Schönen erschöpfend und zwingend definiert hat: erst seitdem gibt es eine Ästhetik als Wissenschaft. Auch hier stellte er wiederum fest, daß Schönheit kein Begriff ist, den wir aus der Erfahrung schöpfen, sondern ein Urteil oder Prädikat, das wir zu ihr hinzubringen: nicht die Dinge sind ästhetisch, sondern unsere Vorstellungen von ihnen. Damit war der Bau des Systems in seinen drei Haupttrakten vollendet. Die Philosophie Kants enthält, wie er selbst es bezeichnet hat, ein »Inventarium«, und zwar ein Inventarium dessen, was jederzeit und von jedermann, also mit Allgemeinheit und Notwendigkeit theoretisch erkannt, praktisch gewollt und ästhetisch empfunden wird. Und sie gelangt zu dem Resultat, daß Wahrheit ein Produkt unseres Verstandes, Sittlichkeit ein Produkt unseres Willens und Schönheit ein Produkt unseres Geschmacks ist. Die Antworten, die sie jedesmal gibt, sind ebenso überraschend wie selbstverständlich: sie erinnern, wenn dieser Vergleich erlaubt ist, an die Lösungen in den guten Kriminalromanen, die der Leser nie selber entdeckt hätte, aber, sobald sie einmal gegeben sind, als überzeugende Notwendigkeiten empfindet: der Weg zu ihnen ist äußerst kompliziert, aber sie selbst sind bezwingend einfach. Das Gesamtresultat der Vernunftkritik hat der Abbé Galiani, einer der geistreichsten Menschen des achtzehnten Jahrhunderts, in die Worte zusammengefaßt: »die Würfel der Natur sind gefälscht.« Dieses Ergebnis ist in der Tat erschütternd. Und dennoch: es ist schwer begreiflich zu machen, wenn man es nicht fühlt; aber von allen vorbildlichen Figuren jener Zeit, die sich selbst so zwiespältig, zerrissen und problematisch vorkam: von Werther, von Rousseau und auch von dem Menschen, wie ihn Kant konzipiert hat, geht der Eindruck einer wohltuenden, wahrhaft klassischen Gradlinigkeit aus; sie sind so vollständig symmetrisch und geometrisch gebaut und in ein so tadelloses, mit einem Bück zu erfassendes Schema eingezeichnet wie der »Kanon der menschlichen Gestalt« in den Hilfsblättern der Zeichenschulen. Alles schien damals zu wanken, die kantische Entdeckung schien die ganze äußere Welt in einen bloßen Schattenwurf des Geistes aufzulösen; aber wie wohlgeordnet und beruhigend erscheint uns heute seine Einregistrierung des Weltbilds in Zeit, Raum und Kausalität! Er mutet uns an wie ein gütiger Onkel, der den Kindern drei große Schachteln mitgebracht hat, worein alle Gegenstände ihrer kleinen Welt sauber und liebevoll verpackt sind. Und auch der unglückselige Werther erscheint uns heute als ein sehr beneidenswerter Seelenlogiker, denn er hatte noch eine so klare Richtung, ein so absolutes Ziel: die Erotik selbst war ihm noch kein Problem. Aber dies scheint ein geschichtspsychologisches Gesetz zu sein: jedesmal wenn der Mensch aufs neue festen Fuß faßt, glaubt er zu wanken. Und wenn es einen Beweis dafür gibt, daß ein menschlicher Fortschritt tatsächlich stattfindet, so ist er hier: in der Primitivität, die das hochkomplizierte achtzehnte Jahrhundert in unseren Augen besitzt. Die Kritik der kantischen Philosophie Was nun zum Schluß noch die Kritik der kantischen Philosophie anlangt, so umfaßt sie bekanntlich ganze Bibliotheken und ist Gegenstand eigener Spezialinstitute, ja es gibt sogar eine »Kantphilologie«, eine sehr prekäre und fast aussichtslose Wissenschaft, da, wie wir bereits hervorgehoben haben, Kant im Gebrauch seiner Ausdrücke nichts weniger als konsequent und eindeutig verfuhr: schon die Grundvokabel seiner ganzen Untersuchung, das Wort »Vernunft«, ist, da es abwechselnd für das Ganze unserer Erkenntnis und für das Vermögen der Ideen gebraucht wird, ein verwirrender und zwiespältiger Begriff. Unter den bedeutenden Zeitgenossen war Hamann der leidenschaftlichste Gegner Kants, der in seinen Augen nichts war als ein extremer Rationalist, Räsonneur und Spekulant, »in der Schlafmütze hinter dem Ofen sitzend«. Die ersten stichhaltigen Einwände gegen die Vernunftkritik brachte Jacobi zur Sprache, der die widerspruchsvolle Rolle des kantischen Dings an sich mit großem Scharfsinn analysierte: es soll unserer Erscheinungswelt als deren Ursache zugrunde liegen, also selber unter die Kategorie der Kausalität fallen, die aber andrerseits doch nur für Erscheinungen gelten darf, niemals für Dinge, die jenseits unserer Erfahrung liegen. Somit kann man, sagt Jacobi, ohne die Voraussetzung erkennbarer, also realer Dinge an sich nicht ins kantische System hineinkommen und mit dieser Voraussetzung nicht darin bleiben: »mit dieser Voraussetzung darin zu bleiben, ist platterdings unmöglich«. Die übrigen Versuche, den kantischen Phänomenalismus zu widerlegen, beruhen zumeist auf Mißverständnissen. So hat man zum Beispiel immer wieder das, was die Fachphilosophie den »objektiven Geist« nennt, als Instanz gegen den Idealismus angeführt, nämlich den Niederschlag der menschlichen Gattungstätigkeit in überindividuellen Schöpfungen von bleibender Bedeutung und Wirkung wie Recht, Sitte, Technik, Sprache, Wissenschaft, Kunst: diesen komme offenbar eine von unserem Subjekt unabhängige Realität zu. Aber hier werden die Begriffe »Objektivität« und »Realität« verwechselt. Es kann sehr wohl einer unübersehbaren Menge von Vorstellungen die einwandfreieste und unwiderleglichste Objektivität innerhalb des Bewußtseins der gesamten Menschheit zukommen, ohne daß uns darum die Möglichkeit gegeben wäre, etwas über ihre Realität auszusagen, sofern man darunter etwas versteht, was noch jenseits unserer Vorstellungen Gültigkeit besitzt. Der philosophische Idealismus behauptet ja nicht, daß die Außenwelt von der Willkür des einzelnen Subjekts abhänge, daß sie eine rein individuelle Vorstellung sei, sondern lediglich, daß sie uns in einer Apperzeptionsform gegeben ist, die sich ausschließlich im menschlichen Bewußtsein vorfindet und nachweisen läßt. Diese Apperzeptionsform: die irdische, die anthropomorphe, die zeiträumliche oder wie man sie nennen will, ist subjektiv; aber in diesem Falle ist als das aufnehmende Subjekt nicht etwa der einzelne Mensch mit seinen wechselnden persönlichen Wahrnehmungen gemeint, sondern das Vorstellungsleben der ganzen Menschheit, ihr Gattungsbewußtsein von ihren ersten Ursprüngen an und, wie wir wohl ohne Bedenken hinzufügen können, bis in ihre fernsten Tage. Diese unsere Anschauungsform ist, so paradox es im ersten Moment klingen mag, gerade weil sie so subjektiv ist, von der höchsten Objektivität. Denn sie ist, obgleich nur für geistige Organisationen von unserer Art und Anlage gültig, eben darum für alle so gearteten Wesen absolut bindend. Gerade die Tatsache, daß die Menschheit, so weit wir ihre Geschichte verfolgen können, in allen ihren Schöpfungen und sogar in jenen, die sich nur aus der Kollaboration zahlloser Individuen erklären lassen, immer denselben ewig wiederkehrenden Apperzeptionsformen unterworfen war, zeigt uns aufs deutlichste an, daß das, was wir die Welt und ihre Geschichte nennen, lediglich den Charakter eines Phänomens besitzt. Man hat aber die Transzendentalphilosophie auch vom entgegengesetzten Ende angegriffen, indem man nachzuweisen oder doch wenigstens sehr wahrscheinhch zu machen suchte, daß unseren Anschauungsformen des Raums und der Zeit durchaus nicht jene allgemeine Gültigkeit zukomme, die Kant von ihnen behauptet. Es ist in der Tat nicht ohne weiters sicher, daß der Raum, wie wir ihn konzipieren, die einzig mögliche Raumform vorstellt, daß er allen kosmischen Wesen gemeinsam ist und sozusagen eine intermundane Bedeutung besitzt. Diese unsere Raumvorstellung, die sogenannte euklidische, basiert auf dem Axiom, daß die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten die Gerade ist und dementsprechend durch je drei Punkte des Raumes immer eine Ebene gelegt werden kann. Diese Annahme ist jedoch sozusagen ein menschliches Vorurteil. Denn es wäre sehr wohl denkbar, daß es Wesen gäbe, die so eigensinnig wären, zu glauben, die Grundlage ihrer Geometrie sei die Kurve. Diese Geschöpfe würden in einer Kugelwelt leben und sich dort vermutlich ebenso wohl fühlen und ebenso leicht zurechtfinden wie wir in unserer Welt der Ebene. Auch wäre es theoretisch vorstellbar, daß es Flächenwesen gibt, die nur zwei Dimensionen kennen und mit diesem Bruchteil unseres apriorischen Inventars sehr gut ihr Auskommen finden. Andrerseits gründet sich der Spiritismus bekanntlich auf die Annahme einer vierten Dimension. Zumal von den bewunderungswürdigen Untersuchungen, die Gauß und Riemann über die »nichteuklidische« Geometrie gemacht haben, glaubte man, daß durch sie der kritischen Philosophie der Todesstoß versetzt worden sei. Sie enthalten aber so wenig deren Widerlegung, daß sie vielmehr deren Bestätigung bilden. Kant hatte ja eben behauptet, daß der euklidische Raum unsere Vorstellung sei, nur die unsere, aber für uns die einzig mögliche und daher die notwendige. Andere Räume sind für uns denkbar ; aber nicht vorstellbar. Erst wenn ein Mensch erschiene, der sich eine nichteuklidische Geometrie, ein Leben in der Fläche, eine vierdimensionale Welt anschaulich vorzustellen vermöchte, wäre Kants Lehre von der Apriorität des Raums widerlegt. Ganz analog verhält es sich mit den außerordentlichen Entdeckungen, die Einstein gemacht hat. Aus ihnen geht unzweideutig hervor, daß mehrere Zeiten möglich sind, daß die Vorstellung einer absoluten Zeit, die für alle Orte des Raumes gilt, eine menschliche Fiktion ist. Hieraus zogen viele Forscher den Schluß, daß die Transzendentalphilosophie unhaltbar geworden sei. So sagt zum Beispiel Franz Exner in seinen ausgezeichneten »Vorlesungen über die physikalischen Grundlagen der Naturwissenschaften«: »Fragen wir uns, was bleibt von dem absoluten Raum- und Zeitbegriff, wie ihn Kant gefordert und aufgestellt hat, übrig, so müssen wir sagen: so gut wie nichts.« Aber die epochemachende Tat Kants bestand ja gerade darin, daß er den absoluten Raum- und Zeitbegriff zerstörte . Sein ganzes System ist vorweggenommene Relativitätstheorie und diese nichts als die exakte wissenschaftliche Fundierung des kantischen Lehrgebäudes mit Mitteln, die ihm noch nicht zur Verfügung standen. Die Zeitvorstellung ist für Kant nicht nur etwas Relatives, sondern etwas, das überhaupt außerhalb unseres Auffassungsvermögens gar keinen greifbaren Sinn hat. Eine »absolute Zeit« können wir uns nicht einmal denken, geschweige denn vorstellen; und ein absoluter Raum, das heißt: ein Raum, der unbedingt und überall, also auch unabhängig von unserer Apperzeption existiert, wäre im kantischen Verstande ein erscheinendes Ding an sich, also ein Nonsens. Das unmögliche Ding an sich Es dürfte demnach in der Tat nicht zu viel gesagt sein, wenn man behauptet, daß die kantische Kritik in ihren Hauptstellungen unangreifbar ist. Im einzelnen jedoch war sie, wie wir bereits gelegentlich betont haben, nicht frei von Widersprüchen und Zweideutigkeiten, und zwar gerade im Hinblick auf ihre beiden Kardinalbegriffe: die Erscheinung und das Ding an sich. Kant hat seine theoretische Philosophie zweimal dargestellt: zuerst in der »Kritik der reinen Vernunft« und zwei Jahre später in seinen »Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können«, in denen er den Lehrgang in wesentlich knapperer Form, sozusagen im Klavierauszug, vortrug. Verfolgen wir die Entstehungsgeschichte unserer empirischen Welt auf dem induktiven Wege, wie ihn Kant in der »Kritik der reinen Vernunft« eingeschlagen hat, so sehen wir, wie aus dem Stoff unserer Eindrücke oder Empfindungen Anschauung, aus unserer Anschauung Erfahrung, aus unserer Erfahrung (in unendlicher Annäherung) Wissenschaft entsteht. Unsere Eindrücke müssen uns also als unentbehrliche Vorbedingung aller Erkenntnis gegeben sein. Es ist kein Zweifel, daß wir mit Hilfe der Vorstellungen unsere Erscheinungswelt, mit Hilfe der Begriffe unsere Erfahrungswelt, mit Hilfe der Ideen unsere moralische Welt machen; aber unsere Empfindungen machen wir nicht. Alles, was wir produzieren, ist Form; der Stoff, den diese Formen bearbeiten, ist nicht unser Produkt. Er ist das schlechthin Primäre; denn der Stoff muß vor der Form da sein. Es liegt also unserer Erkenntnistätigkeit dennoch etwas Objektives zugrunde, das uns zwingt, ihr den Charakter völliger Subjektivität abzusprechen. Mit einem Wort: Kant lehrt eine Idealität der Erscheinungswelt, die im Grunde genommen keine ist. Gehen wir den Weg der Vernunftkritik in der umgekehrten, deduktiven Richtung, wie es Kant in den »Prolegomena« getan hat, so bleibt, wenn wir von unserer Erkenntnis die Ideen, die Begriffe, die Anschauungen abziehen, ein letzter Rest: das Ding an sich, dessen Unerkennbarkeit und Unvorstellbarkeit Kant immer betont, dessen Realität und Existenz er aber nie bestritten hat. Aber welche Realität kann einem Ding noch zukommen, das für uns vollkommen unvorstellbar ist? Wenn ein Gegenstand so völlig außerhalb aller Erfahrungsmöglichkeit liegt, so kann man von ihm natürlich nicht sagen, was er ist; aber auch nicht einmal, daß er ist. Wir können niemals etwas von seiner Existenz wissen , nur an seine Existenz glauben : mit Hilfe unserer praktischen Vernunft. Mit einem Wort: Kant lehrt eine Realität des Dings an sich, die im Grunde genommen keine ist. So hängt das kantische System zwischen Idealismus und Realismus, Subjektivismus und Empirismus: es ist »zweiendig«, wie Jacobi diesen Doppelcharakter treffend bezeichnet hat, und ermöglicht zwei entgegengesetzte Fehldeutungen. Wenn man sich sozusagen auf die äußerste Linke stellt und es vom realen Ende mißversteht, so wird man in ihm einen revidierten Sensualismus à la Locke erblicken; wenn man sich auf die äußerste Rechte schlägt und es vom idealen Ende mißversteht, so wird man es mit dem radikalen Spiritualismus Berkeleys verwechseln. Der Brennpunkt, in dem alle Schwierigkeiten zusammenlaufen, ist das Ding an sich. Es ist, wie Salomon Maimon, einer der scharfsinnigsten und tiefdringendsten Kantianer, schon ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung der »Kritik der reinen Vernunft« darlegte, weder erkennbar noch unerkennbar: sagen wir, es sei unvorstellbar, so können wir unmöglich davon reden, sagen wir, es sei vorstellbar, so hört es auf, Ding an sich zu sein; es ist ein unmöglicher Begriff, ein Unding, ein Nichts; es ist nicht gleich x, wie Kant gelehrt hatte, sondern gleich ¯-a. Es gibt nur einen Weg, die Transzendentalphilosophie zu vollenden: das Ding an sich muß aufgelöst werden. Diese Aufgabe forderte und erfüllte die romantische Philosophie . Ehe wir uns jedoch dieser zuwenden, müssen wir die dritte der drei Hauptströmungen betrachten, von denen wir am Anfang dieses Kapitels gesprochen haben: den Klassizismus.   Zweites Kapitel Die Erfindung der Antike Nichts Modernes ist mit etwas Antikem vergleichbar; mit Göttern soll sich nicht messen irgendein Mensch. ( Wilhelm von Humboldt ) Der Griechen Weisheit ist gar viehisch. ( Luther ) Griechenland ward die Wiege der Menschlichkeit, der Völkerliebe. ( Herder ) Humanität ist etwas so sehr Ungriechisches, daß die Sprache nicht einmal ein Wort dafür hat. ( Wilamowitz ) Griechheit, was war sie? Verstand und Maß und Klarheit! ( Schiller ) In den Griechen »schöne Seelen«, »goldene Mitten« und andere Vollkommenheiten auszuwittern, vor dieser niaiserie allemande war ich durch den Psychologen behütet, den ich in mir trug. ( Nietzsche ) An Seel' und Leib gesund sind durchaus nur die Griechen. Dagegen unsre Welt ein großes Haus der Siechen. ( Rückert ) Die ganze Kultur der Griechen war rings von Hysterie beschlichen und umstellt. Die Griechen sind toll gewesen. ( Bahr ) Die Stiftung der Wissenschaft wird für immer der Ruhm der Griechen bleiben. ( Lotze ) Ihrem Geist fehlt die geduldige Besonnenheit, um von besonderen, fest umschriebenen Tatsachen zu allgemeinen Wahrheiten den einzig sicheren Pfad emporzusteigen. ( Dubois-Reymond ) Die Alten lebten für das Diesseits, den Griechen ist die irdische Wirksamkeit alles. ( Curtius ) Seltsames Gerede: die Griechen mit ihren Gedanken nur aufs Diesseits gerichtet! Im Gegenteil: wohl kein Volk, das an das jenseits so viel, so bang gedacht hätte! ( Rohde ) Ihre Geistesveranlagung führte die Griechen dazu, das Leben als einen Lustwandel aufzufassen. ( Taine ) Man hat es vor allem zu tun mit einem Volk, welches in höchstem Grade seine Leiden empfinden und derselben bewußt werden mußte. ( Burckhardt ) Jeder hat noch in den Alten gefunden, was er brauchte oder wünschte, vorzüglich sich selbst. ( Friedrich Schlegel ) Der Herr in der Extrapost Mittwoch, den 24. September 1755, bestieg ein hochgewachsener, schon ein wenig ältlich aussehender Herr von olivenfarbigem Teint, hastigen und schwerfälligen Bewegungen und gelehrtem Gesichtsausdruck in Dresden die Extrapost, um sich über Bayern und Tirol nach Italien zu begeben. Am 18. November fuhr er durch die porta del popolo in Rom ein und nahm damit gewissermaßen die ewige Stadt in Besitz. Dieser Herr war der preußische Literator Johann Joachim Winckelmann, Verfasser einer in Fachkreisen sehr beifällig aufgenommenen kleinen Kunstabhandlung über die Nachahmung der griechischen Werke, und dieser Alpenübergang und Einzug in Rom war eine der denkwürdigsten Tatsachen der neueren Kulturhistorie, ebenso bedeutsam für die Geschichte der deutschen Kunst und Literatur, wie es die Romfahrten der Staufer für die Geschichte der deutschen Politik und Religion gewesen waren, und zugleich der Ausgangspunkt einer der verhängnisvollsten Verirrungen des deutschen Geistes, die diesen viele Jahrzehnte lang beherrscht und in höchst eigentümlicher Weise von seiner normalen Entwicklungsbahn abgelenkt hat. Winckelmann war von Beruf Archäolog, Historiker und Philolog, Ästhetiker, Kritiker und Philosoph, Museumsdirektor, Archivar und Bibliothekar, Dragoman, Cicerone und Connoisseur, in Wirklichkeit aber nie etwas anderes als das, womit er seine wissenschaftliche Laufbahn begonnen hatte: nämlich Rektor und Pädagog. Er ist einer der gewaltigsten Schulmeister gewesen, die das deutsche Volk und die Welt gehabt hat, und einer der verschrobensten: wie alle geborenen Magister sehr nützlich durch die Fülle und Eindringlichkeit seiner Belehrung und sehr schädlich durch ihre verfälschende Einseitigkeit und eigensinnige Dogmatik. Das Genie unter den Völkern Kein Volk hat eine so breite und wechselvolle Geschichte gehabt wie die Griechen. Der Grund hierfür liegt in ihrer einzigartigen Genialität, die es ermöglicht hat, daß man aus ihnen buchstäblich alles machen konnte. Einer der Hauptunterschiede zwischen dem Genie und dem Talent besteht darin, daß dieses eindeutig, jenes aber vieldeutig ist: vieldeutig wie die Welt, die es komplett in sich abspiegelt. Wie es Dutzende von Hamletauffassungen gibt, so sind auch vom wandelbaren Bewußtsein der genießenden Nachwelt die verschiedenartigsten Auslegungen und Wertungen an das Griechentum herangetragen worden: alle sind falsch und alle sind richtig. Die unschätzbare Bedeutung der hellenischen Kultur für die Menschheit besteht darin, daß sie stets die bereitwillige Form, das schöne Gefäß zu bilden vermochte, worein jedes Zeitalter und jeder Mensch sein eigenes Ideal gießen konnte. Was ist nun ein »Ideal«? Das, was man gleichzeitig ist und nicht ist. Niemand wird etwas, das er nicht latent in sich trägt, zu seinem Ideal erheben. Aber ebensowenig etwas, das er bereits verwirklicht hat, ja auch nur verwirklichen kann . Das Ideal ist unser Ich und zugleich unser Nicht-Ich, unser ergänzender Gegenpol, die platonische andere Hälfte, die wir auf unserem ganzen Erdenweg ebenso vergeblich wie unermüdlich suchen. Diese beiden entgegengesetzten Tendenzen, im Ideal ebensowohl sich selbst als auch sein zweites und höheres Selbst, sein komplementäres Gegen-Ich wiederzufinden, vermischen sich ununterbrochen miteinander und machen die Psychologie aller »Idealismen« zu einem fast unentwirrbaren Problem, umsomehr als diese Zwiespältigkeit meist nur dem Betrachter zum Bewußtsein kommt. Die Aufklärung zum Beispiel erblickte in den Alten zwar einerseits lauter rationalistische Popularphilosophen des achtzehnten Jahrhunderts, aber rühmte doch auch andrerseits an ihnen ihre Natürlichkeit und Kraft, Einheit und Einfachheit als Widerspiel der verstandesmäßigen Verkünstelung und Zerstückelung der Gegenwart; die Burckhardtschule, die in Nietzsche gipfelt, sah die Griechen als tragisches und romantisches Volk, aber zugleich als Meister des Lebens, als Virtuosen des Willens zur Macht und ihre gesamte Kultur als den gelungenen Versuch einer Selbstheilung von der Romantik. Augusteische, karolingische und ottonische Renaissance Die erste große »Wiederbelebung der Antike« fand noch innerhalb der Antike statt: im »goldenen Zeitalter« des Kaisers Augustus. Damals wurde zum erstenmal an die Kunst die seither oft wiederholte Forderung erhoben, durch Nachahmung anerkannter griechischer Meisterschöpfungen selber zur Meisterschaft zu gelangen. Infolgedessen kopierte Virgil Homer, Horaz Archilochos und Anakreon, Ovid Theokrit und Livius Thukydides; und gerade dadurch, daß in diesen Werken alles aus zweiter Hand, artistisch angequält und errechnet war, erlangten sie jene wachsfigurenhafte Modellkorrektheit, die ihre Schöpfer schon bei Lebzeiten zu Schulautoren gemacht hat. Obgleich nun die Römer die griechische Literatur aller Epochen ziemlich wahllos ausschrieben und persönlich in ihrer Kulturstufe den Alexandrinern weitaus am nächsten standen, gewöhnten sie sich doch schon bald daran, das perikleische Schrifttum als das ausschließlich maßgebende anzusehen. Gleichzeitig wurde von ihnen in Baukunst und Plastik ein bis zur Leere gereinigter Stil als der allein klassische dekretiert, was wiederum nur dadurch ermöglicht wurde, daß er bloß rezipiert war; denn ein lebendiger, aus der Zeit geborener Stil ist niemals klassisch. Diese Traditionen haben, unter gewissen Abwandlungen, die gesamte römische Kaiserzeit beherrscht. Dann kam das Chaos, und als es sich einigermaßen zu klären begann, erfolgte gegen Ende des achten Jahrhunderts als zweite große Renaissance die karolingische, in der Karl der Große mit dem römischen Kaisertum auch die alte römische Kultur zu erneuern suchte. Sein Wunsch war, aus Aachen ein »christliches Athen« zu machen; aber man las an seinem Hofe fast ausschließlich Römer: Ovid und Virgil, Sallust und Sueton, Terenz und Martial, Caesar und Cicero. Für die Söhne der Adeligen war der Besuch der Lateinschule obligatorisch, ja der Kaiser dachte sogar eine Zeitlang daran, das Lateinische zur Volkssprache zu machen. Einen etwas abweichenden Charakter trug die ottonische Renaissance, die in die zweite Hälfte des zehnten Jahrhunderts fällt. Der Sohn Ottos des Großen, Otto der Zweite, vermählte sich mit der griechischen Prinzessin Theophano, und diesem Bunde zwischen Germanien und Hellas entsproß Otto der Dritte, der von einer römischen Welttheokratie der deutschen Kaiser träumte und, schon mit zweiundzwanzig Jahren verstorben, in seiner Abstammung und ikarischen Laufbahn in der Tat an Euphorion erinnert. Er konnte perfekt Griechisch, bevorzugte die byzantinische Tracht und Etikette und war, wie sein Lehrer Gerbert, die gelehrte Leuchte des Jahrhunderts, von ihm rühmte, mehr ein Grieche und Römer als ein Deutscher. Indes hat die ottonische Renaissance ebensowenig wie die karolingische die griechische Literatur und Kunst in den mitteleuropäischen Gesichtskreis gebracht; die namhaften Autoren befinden sich in beiden Zeitaltern gänzlich unter lateinischem Einfluß: Ekkehards Waltharilied steht im Schatten Virgils, die Dramen der Nonne Roswitha haben die terenzischen Komödien zum Vorbild und Einhards »Vita Caroli Magni« schließt sich bis in die Einzelheiten an Sueton an. Die Griechen las man bestenfalls in lateinischen Übersetzungen; nur die irischen Gelehrten verstanden ein wenig Griechisch und im Kloster von Sankt Gallen gab es eine Zeitlang als Kuriosität » Ellinici fratres «; das hellenische Schrifttum ist fast ausschließlich durch die Byzantiner in die Neuzeit herübergerettet worden. Die Renaissancen der Neuzeit Was die italienische Rinascita anlangt, so haben wir bereits im ersten Buch darauf hingewiesen, daß sie ebenfalls vorwiegend eine Wiedererweckung der altrömischen Kultur war, der Versuch einer Rückkehr zur Kunst und Weltanschauung der heimischen Vorfahren; daß der erste große Propagandist der Antike, Petrarca, kein Griechisch verstand und dieses auch später nur auf der platonischen Akademie in Florenz getrieben wurde und daß man überhaupt aus dem ganzen antiken Erbe nur einen Fundus von äußerlichen und noch dazu mißverstandenen Dekorationselementen übernahm: allerlei untergeordnete und aufgesetzte Bauteile, mechanisch angeeignete Redefloskeln und pompöse, aber billige Allegorien. Man erklärte häufig und mit Nachdruck, daß Italien immer höher gestanden habe als Griechenland, und hatte gegen griechische Studien einen betonten Widerwillen. Das Ideal der Humanisten war der »gebildete« Römer der späten Republik, dessen Kultur sich auf staatsmännischer, militärischer und landwirtschaftlicher Tüchtigkeit und einer affektierten Epigonenleidenschaft für gelehrte Poetasterei, Rhetorik und Philosophasterei aufbaute: ein bereits abgeschwächtes, zersetztes, verschobenes Römertum, das mit seiner eigenen Vergangenheit schauspielerte. Das Griechentum aber, das die Renaissance konzipierte, war, ganz ebenso wie im Mittelalter, ein durch die Römer und dann noch einmal durch die eigene Zeit hindurchgegangenes, also ein Griechentum dritten Grades. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Repristination der Antike unter Ludwig dem Vierzehnten. Sie ist rein lateinisch, und die Hellenen Racines, Pugets und Poussins sind Römer mit griechischen Spitznamen. Auch die scavi , die Ausgrabungen der verschütteten Ruinen von Herculaneum, seit 1737, und Pompeji, seit 1748, und die ungefähr um dieselbe Zeit entdeckten Baureste von Paestum und Agrigent, die, in schützender Wildnis durch Jahrtausende erhalten, dem modernen Auge zum erstenmal die vollkommene Form eines altgriechischen Tempels enthüllten, sah man zunächst noch, unter dem Einfluß des italienischen Fundorts, mit römischen Augen an. In Deutschland war noch in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die Hellenistik eine theologische Disziplin: das Griechische, soweit man es überhaupt betrieb, wurde nur erlernt, damit man das Neue Testament lesen könne, und es wurde denn auch unter die orientalischen Sprachen gerechnet. Homer und Herodot, Aischylos und Sophokles las man hie und da, aber nie im Urtext, und viele Gelehrte kannten sie kaum dem Namen nach. Die griechische Literatur, sagte Winckelmann, ist aus Deutschland fast ausgestoßen. Durch den Genius dieses einen Mannes taucht nun das Phänomen Hellas wie eine verzauberte Insel aus dem Meer der Vergangenheit, freilich nur als täuschende Luftspiegelung, aber gleichwohl in einem reinen und scharfen Glanz, der die Zeitgenossen beglückte. Gegen Winckelmanns berühmten Programmsatz, der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn möglich, unnachahmlich zu werden, sei die Nachahmung der Griechen, richtete Klopstock die Verse: »Nachahmen soll ich nicht und dennoch nennet dein ewig Lob nur immer Griechenland. Wem Genius in seinem Busen brennet, der ahm' den Griechen nach! Der Griech' erfand !« In der Tat: womit könnte ein Denker oder Künstler sich und seiner Zeit ein größeres Armutszeugnis ausstellen als durch den Rat, irgend etwas, wie groß es auch sei, nachzuahmen? Und doch war Winckelmann nichts weniger als ein ideenloser und phantasiearmer Kopf, vielmehr ein Genie der Invention so gut wie der Grieche; denn auch er hat etwas erfunden: nämlich den Griechen. Das falsche Klassenpensum Wir wissen heute, daß das Altertum nicht antik war. Wer die griechischen Schriften naiv und unphilologisch liest, der wird finden, daß in Plato und Demosthenes weniger Altertümliches war als in Mendelssohn und Professor Unrat und daß die Gebärde der euripideischen Medea weniger klassisch gewesen sein muß als die Geste der Charlotte Wolter. Was den sogenannten humanistisch Gebildeten vom Altertum zurückgeblieben ist, sind einige tote Kostümstücke: Leier, Peplos, Lorbeer, Myrthe, Olivenkranz. Es geht ihnen wie Faust, der von der griechischen Helena nur ein leeres Kleid in der Hand behält: der Rest ist Wolke. Wir wissen heute, daß es den Griechen mit dem Sonnenauge und den Römer mit der Erzstirn niemals gegeben hat, aus dem sehr einfachen Grunde, weil es ganz unmöglich ist, daß es solche Menschen zu irgendeiner Zeit und an irgendeinem Ort gegeben haben kann. Wir wissen heute auch, woher die Ästhetik und Geschichtsauffassung der deutschen Klassiker ihren Ursprung genommen hat: aus Lehre und Vorbild der Generation, die ihnen vorherging, einer Generation von physisch und seelisch unterernährten Magistern, verkümmerten Bücherwürmern und schiefgewachsenen Kunstpedanten, aus der staubigen Enge der Bibliotheken und Schreibstuben, der lichtarmen Stickluft der kleinen Provinzgassen, der Lebensschwere der verwinkelten und verkräuselten Miniaturwelt der deutschen Barocke. Wir empfinden heute nicht die Antike, sondern diese Welt als eine historische: in ihrer Alterswurmstichigkeit, ihrem Geruch von Holzpflaster und Tranlampe, ihrer Anämie aus eiweißarmer Kost und ihrem rührend-skurrilen Bemühen, sich durch steifen Wissensprunk, prätentiös aufgehäufte Eigennamen und Büchertitel Tiefgang und Gravität zu geben. Überall kommt, trotz dem Willen zur Schmucklosigkeit und dem Lob der klassischen Simplizität, das Ornament, die Passementerie hervor. Und was verstand man denn überhaupt unter der vielgerühmten und als leuchtendes Vorbild promulgierten »Einfachheit der Alten«? Nichts anderes als die notgedrungene geistige und körperliche Bedürfnislosigkeit des deutschen Hauslehrers, Prorektors und Reisebegleiters! Sie waren glücklicherweise nicht »einfach«, diese Griechen und Römer, sondern sehr verwickelt, sehr unberechenbar, sehr anspruchsvoll und vor allem späte Menschen. Dagegen verwechseln diese Männer einer eben erst wieder zu geistigem Leben erwachten Anfangszeit einige schlechte Gipsabgüsse und verdorbene Scholientexte mit den Griechen und dann verwechseln sie die Karikatur und Marionette von Hellenentum, die sie sich daraus konstruiert haben, mit sich selbst! Ein Volk, dessen hervorstechendste Eigenschaft in der reizbarsten, beweglichsten Fähigkeit des Aufnehmens, in einer hypertrophisch entwickelten Gabe des Sehens bestand: neu entdeckt und »verstanden« von einer Menschengruppe, die überhaupt noch nicht gewöhnt war, von ihren Augen Gebrauch zu machen, die ihr ganzes Weltbild aus Beschreibungen, Buchexzerpten und Urteilen über Urteile anderer hatte! Das Groteskeste aber war die Wirkung. Sie war etwa so, wie wenn ein monomanischer, aber ungemein tüchtiger Gymnasiallehrer in eine Klasse tritt, die aus lauter sehr lebhaften, begabten und wißbegierigen Schülern besteht, und nun durch seinen Unterricht deren Geist ein für allemal in eine schiefe und rückläufige Bewegungsrichtung zwingt. Die ganze klassische Dichtung wurde zur Atelierdichtung : die Dramen, Romane, Gedichte, Abhandlungen der Klassiker haben kleine Fenster, Zimmeratmosphäre, künstliche oder höchstens Interieurbeleuchtung, starke Linien, aber blasse Farben. Alles ist eng, notdürftig ventiliert, verhängt, halbdunkel, alkovenhaft. Und dies alles als Nachahmung der Griechen, die ihre Schaustücke, Bildsäulen und Gemälde im Freien sowohl herstellten wie aufstellten, ihren künstlerischen Sport, ihre Philosophie, ihre Rhetorik auf der Straße betrieben, ihre politischen Versammlungen und Gerichtsverhandlungen, Götterkulte und Theatervorstellungen niemals in geschlossenen Räumen abhielten und überhaupt die Pleinairmenschen par excellence waren! Schiller, eines der stärksten deutschen Temperamente, Goethe, dessen ganzes Leben, Denken und Gestalten im organisierten Schauen bestand, ganze Generationen der deutschen Bildnerei und Malerei, die ihrer innersten Anlage nach von jeher zum Naturalismus bestimmt war, ja sogar die Führer der angeblich antiklassizistischen romantischen Schule: sie alle übernahmen das klassizistische Pensum; und Napoleon, der wilde tausendäugige Sohn der Tatsachen, hatte als Empereur nichts Eiligeres zu tun als den leeren lackierten Empirestil über Europa zu verbreiten. Der »klassische« Grieche Wenn wir dieser Auffassung des Altertums glauben wollten, so hätte die Hauptbeschäftigung der Griechen und Römer offenbar darin bestanden, fleißig Winckelmann zu lesen, wie ja auch die Naturkinder Rousseaus zweifellos den »Contrat social« auswendig kannten. Diese sonderbare »Rückkehr zur Antike« ist nur zu verstehen aus einem tiefen Bedürfnis und letzten Versuch, in einer Welt der reinen Maße und Proportionen, der lichten Ordnung und leichten Überschaubarkeit, Selbstbegrenzung und Unkompliziertheit Erholung und Ausruhen von der eigenen Problematik, schweifenden Formlosigkeit und verwirrenden Vielfältigkeit der Bestrebungen, Beziehungen, Aspekte zu finden. Der Klassizismus ist aus der Angst des modernen Menschen geboren. Dabei ist es aber andrerseits höchst merkwürdig und eine Art unfreiwillige Selbstironie, daß man das Ideal der Antike im Alexandrinismus fand, der süßlich, schwülstig und literarisch gewordenen Bildnerkunst der griechischen Barocke: man suchte sich eben doch instinktiv das heraus, womit man noch am ehesten verwandt war. Die griechische Décadence als das antike Ideal, ein Griechentum, das schon keines mehr war, als stärkste Zusammenfassung hellenischen Wesens: das eigentlich ist der unbewußte Kern der klassizistischen Theorie. Als die »Blüte« der griechischen Kunst erschienen Winckelmann Werke wie der Apoll von Belvedere, der Herkules von Belvedere, die Niobiden, die in Wahrheit überreife, welke und sogar schon ein wenig angefaulte Früchte des hellenischen Schaffens waren. Und vor allem dachte damals jedermann, wenn das Wort »griechische Kunst« ausgesprochen wurde, sofort fast zwangsläufig an den Laokoon, dieses ebenso prachtvolle wie herzlose Virtuosenstück einer schauspielernden Verstandeskunst, wie sie in dieser Mischung aus Brutalität und Sensitivität, ernüchternder Berechnung und überwältigendem Raffinement nur in glänzenden Niedergangszeiten hervorzutreten pflegt. Gleichwohl abstrahierte man von diesen Werken in glückseliger Ahnungslosigkeit das Ideal der »edeln Einfalt und stillen Größe«, für das übrigens im griechischen Leben auch sonst nirgends Platz ist. Denn bis zum Anfang des fünften Jahrhunderts hat die griechische Kultur noch etwas durchaus Steifes, Gebundenes, Hieratisches, ja, wenn das Wort erlaubt ist, Gotisches: die Kunst und Dichtung ist fromm, eckig, archaisch, die Männer tragen steife golddurchwirkte Gewänder und barbarischen Schmuck, Zöpfe und geflochtene Bärte, die Frauen Chignons und Korkzieherlocken; am Ende des Jahrhunderts aber, so schnell ist das Tempo der griechischen Entwicklung, herrscht bereits der vollste Naturalismus in Staat, Gesellschaft, Tracht, Philosophie, Theater, und im nächsten Säkulum setzt bereits der Alexandrinismus ein; wo ist da Raum für den »klassischen Griechen«? Die Gründe, aus denen dieses Phantom überhaupt zustande kommen konnte, werden wir noch näher zu erörtern haben: sie bestehen für die Architektur und Skulptur in der irrigen Annahme der Achromie, der toten Farblosigkeit der Gebäude und Bildwerke, für die Dichtung in dem Verlust der begleitenden Musik, die hier eine ähnliche Rolle gespielt haben muß wie die Bemalung bei der Plastik, selbst für die Prosa in dem Untergang des charakteristischen Tonfalls, des Tempos, des »Jargons«; und, allgemein gesprochen, war diese Fiktion erstens ein Phänomen der verklärenden, steigernden, konzentrierenden und perspektivisch verkürzenden Distanz, zweitens ein Resultat der Eintragung eigener Züge in eine fremde Wesenheit und drittens eine Folge der Verwechslung des Lebens mit dem Kunstwerk, dessen Funktion gerade auf seiner höchsten Stufe Widerlegung, Kompensation, Umkehrung des Lebens ist. Trotzdem bleibt es immer noch ein Rätsel, wie diese Vorstellung vom Griechen entstehen konnte, dessen so ganz anders geartetes Wesen jedem Unbefangenen aus tausend Zügen in die Augen springen mußte: man denke bloß an die platonischen Dialoge, an die Philosophenbiographien, an die Redner, an die »Charaktere« des Theophrast, an die gesamte alte, mittlere und neuere Komödie und an die ganze griechische Geschichte, die die turbulenteste, chaotischste und skandalöseste der Welt gewesen ist. Der »romantische« Grieche Man wird natürlich niemals genau angeben können, wie das alte Hellas in Wirklichkeit ausgesehen hat, aber man kann ziemlich genau sagen, wie es nicht war: nämlich nicht so, wie das achtzehnte Jahrhundert es sich vorstellte. Sondern: bunt und gebrochen, nervös und irisierend, unbeherrscht und tumultuös und ganz und gar nicht abgeklärt; sein Zentrum Athen ein Farbenkasten, mitten in eine grell pittoreske Natur gesetzt, mit der deutlichen Absicht, sie noch zu überschreien, eine charmante Spielzeugschachtel von Stadt, wie man sie in nachantiken Zeiten niemals wieder gesehen und leider nicht einmal nachzuahmen versucht hat, angefüllt mit geschmackvoll und amüsant kolorierten lebensgroßen Stein- und Tonpuppen, prachtvoll und lärmend vergoldeten Kolossalfiguren, schillernden Fayencen, koketten Nippes und zierlichen Terrakotten; und dazwischen Menschen, die mit allem und jeglichem spielten: nicht nur mit ihren Leibes- und Redeübungen, ihrer Kunst und Erotik, sondern auch mit ihrer Wissenschaft und Philosophie, ihrer Justiz und Volkswirtschaft, ihren Staaten und Kriegen und sogar mit ihren Göttern, immer in Motion und Emotion, ungeheuer viel und schnell sprechend, was allein schon die Vorstellung der Klassizität aufhebt, jedoch trotzdem in Betonung und Aussprache, Wortstellung und Satzgefüge die letzten Feinheiten beobachtend; ihr Theater eine Mischung aus Ballett, Marionettenspiel und Volkskonzert, ihr eigentliches Theater aber ihr tägliches Parlament, ihre Frauen Schmuckattrappen für die Zimmerdekoration, ihre Philosophen originelle Tagediebe und Buffoni und ihre Religion ein organisierter Karneval und Vorwand für Ringkämpfe und Wettläufe, Aufzüge und Gelage. Durch seine große Phantasie, seine Kardinaleigenschaft, war der Hellene in besonders hervorragendem Maße zum Lügen und zum Leiden prädestiniert. Man darf geradezu von einer endemischen Verlogenheit des griechischen Volkes sprechen, gegen die ein paar Ausnahmsmenschen immer vergeblich und übrigens ziemlich schüchtern angekämpft haben. Überhaupt war eine individuelle und soziale Ethik nur bei einigen weitabgewandten Philosophen, bei allen übrigen aber nicht einmal im Ansatz vorhanden, und wenn man nicht ganz bestimmt wüßte, daß die Gymnasiasten von den griechischen Schriftstellern nicht ein Wort verstehen, so müßte man ihre Lektüre nicht nur aus dem Schulunterricht streichen, sondern auch privatim als höchst unmoralisch verbieten. Auf den Erwachsenen aber wirken die Griechen wie schöne Raubtiere, die man rein ästhetisch wertet, oder wie gewisse Theaterfiguren, deren geniale Charakteristik man bewundert, ohne mit den Charakteren selbst einverstanden zu sein. Und im übrigen bestand die versunkene griechische Kultur auch zur Zeit des Perikles im Gehirn eines Durchschnittsatheners aus demagogischem Geschwätz, strategischen Kannegießereien, sportlicher Fachsimpelei und Zwiebelpreisen. Von Goethe stammt der bekannte Ausspruch, das Romantische sei das Kranke, das Klassische das Gesunde. Ohne auf die Richtigkeit dieser These einzugehen, könnte man vielleicht sagen: die Griechen waren romantisch und krank in ihrem Leben und allen seinen Äußerungen und Institutionen, klassisch und gesund aber bloß in ihrem Dichten und Denken. Sie waren dazu geradezu gezwungen: sie hätten sich den Luxus einer romantischen Kunst und Philosophie, die ihren sofortigen Untergang bedeutet hätte, gar nicht leisten können. Überhaupt verhält sich ja, wie wir bereits vorhin angedeutet haben, die Produktion zum Leben zumeist wie das Positiv zum Negativ. Es ist kein Zufall, daß der stets kränkliche, extrem sensible und weichherzige Nietzsche das Ideal des Übermenschen aufstellte und umgekehrt der gesunde, glückliche und sehr egoistische Schopenhauer eine Philosophie des Pessimismus und der Willensverneinung lehrte, daß ein starker Sinnenmensch wie Richard Wagner den Spiritualismus predigte und Rousseau fürs Primitive, Idyllische, »Gute« schwärmte. Und wer etwa das Fin de siècle nur nach seiner Kunst beurteilen wollte, würde aus Ibsen und Maeterlinck, Altenberg und George, Khnopff und Klimt wohl kaum auf ein Zeitalter der Technokratie und Börsenherrschaft, des Imperialismus und Militarismus schließen. Ebenso verhält es sich mit dem griechischen Ideal der Sophrosyne : der maßvollen Weisheit, klaren Besonnenheit und beherrschten Leidenschaft. Sie sprachen so viel von ihr, weil sie sie nicht hatten. Von ihrem Geschmack hingegen, wovon sie so viel besaßen wie alle alten und neuen Völker zusammengenommen, haben sie nie geredet. Der Sokratismus Im Mittelpunkt der griechischen Geschichte, chronologisch und geistig, steht die geheimnisvolle Gestalt des Sokrates, der seinen Landsleuten über diese Angelegenheit einiges zu sagen hatte. Nietzsche hat bekanntlich in ihm den typischen Décadent, ja Verbrecher und in seiner Dialektik den Sieg des Pöbelressentiments erblickt; und schon vor neunzig Jahren hat Carlyle ohne genauere Sachkenntnisse, lediglich von seinem genialen Instinkt geleitet, die Ansicht ausgesprochen, in dem ewig logisierenden Sokrates verkündige sich der Verfall des echten Griechentums. Und Alexander Moszkowski hat ihn in einer sehr amüsanten kleinen Studie »Sokrates der Idiot« sogar als »braven Trottel« hingestellt, als albernen Sprachpedanten und Wortakrobaten, der an einer Art logischer Echolalie litt. Das achtzehnte Jahrhundert hinwiederum hat aus ihm einen perorierenden Quäker gemacht, der ununterbrochen Weisheit und Edelmut ausdampfte, und sogar gewagt, ihn mit Christus zu vergleichen. Andere haben ihn mit Kant in Parallele gestellt, was ebenso unsinnig ist, denn während die Vernunftkritik die umwälzende Tat eines übermächtigen Geistes ist, der alles Bisherige verwirft, weil er alles Bisherige unter sich erblickt, bedeutet der Sokratismus gegenüber den grandiosen kosmischen Phantasien der ionischen Naturphilosophie bloß den Triumph der praktischen Alltagsverständlichkeit über den unklaren Tiefsinn. Gleichwohl lassen sich alle diese so heterogenen Auffassungen auf einen gemeinsamen Nenner bringen, den Nietzsche bereits andeutete, als er sagte: »Man hatte nur eine Wahl: entweder zugrunde zu gehen oder absurd-vernünftig zu sein.« Was Sokrates versuchte, war nicht mehr und nicht weniger als die Rettung Griechenlands durch die Predigt der Vernunft und der Tugend, zweier ganz ungriechischer Eigenschaften, wobei er aber immer noch soweit Grieche blieb, als er den guten Geschmack hatte, seine Moraltraktate in die Form einer exquisiten Ironie zu kleiden. Dies ist der Sinn des sokratischen »erkenne dich selbst!«: erkenne, was dir fehlt, nämlich: Maß und Bescheidung, Selbstzügelung und Selbstkritik, und strebe danach als deinem rettenden Gegenpol! Aber Sokrates war Athen, Athen war Griechenland und Griechenland die Welt. Daher bedeutet der Sokratismus die Selbsterkenntnis der antiken Kultur. In ihm blickt diese sich ins Auge. Und sie erschauert. Und es ist nur zu begreiflich, daß die Griechen diesen Spiegel zerbrachen, weil sie ihn nicht ertrugen. Der Gipsgrieche Gleich dem Sokratismus war auch die griechische Kunst, der in besonderem Maße nachgerühmt wird, daß sie ein Bild der ruhevollen Klarheit und edeln Selbstläuterung darstelle, ein Kontrastphänomen, obschon lange nicht in dem Grade, wie wir es uns vorzustellen lieben. Das ganze Dunstbild von der griechischen Klassizität wäre vermutlich niemals entstanden, wenn man von allem Anfang an von der Polychromie gewußt hätte; als man sie aber endlich entdeckte, hatten die vermeintlich farblosen Tempel und Statuen, die man jahrhundertelang begeistert kopiert hatte, sich schon so im modernen Vorstellungsleben eingenistet, daß wir, obgleich wir jetzt von der Bemalung wissen, doch nicht von ihr wissen, weil noch heute in jeder größeren Stadt Dutzende von Monumenten und öffentlichen Gebäuden, die der irrigen Annahme der antiken Achromie ihr Dasein verdanken, die neue Erkenntnis durch den täglichen Augenschein widerlegen. Diese Befangenheit in ebenso unrichtigen wie unnatürlichen Anschauungen geht sogar so weit, daß man die weiße Plastik, die sich doch nur von einer mangelhaften Kenntnis der griechischen Kunst herleitet, gegen die wirkliche Plastik der Griechen ausspielte und diese wegen ihrer Polychromie entschuldigen zu müssen glaubte. So sagt zum Beispiel Friedrich Theodor Vischer in seiner »Ästhetik«, einem bis heute unübertroffenen Fundamentalwerk von gigantischen Ausmaßen und unerschöpflichem Inhalt: »Jede Zutat von Farbe zu der Nachbildung der festen Form, welche sich nicht mit gewissen Andeutungen begnügt, ist durch den reinen Begriff der Bildnerkunst an sich ausgeschlossen. ... Hat nun eine Kunst, die im übrigen hoch stand, vollständig, das heißt: mit Durchführung aller Farbenverhältnisse, wie sie der lebendige Körper zeigt ... ihre Bildwerke bemalt, so muß dies seine Erklärung in besonderen kunstgeschichtlichen Verhältnissen finden«; bei den Griechen habe die polychromische Behandlung den Spielraum überschritten, der durch die Zulassung »gewisser Andeutungen« offengelassen sei. »Wir können selbst angesichts der einzig reinen Begabung des griechischen Auges für die Erfassung der festen Form als solcher und der herrlichen Vollendung der Kunst, die auf dieses Auge sich gründete, dieses Urteil nicht opfern. ... Wir suchen einen andern Ausweg, die Vergleichung mit dem griechischen Drama. Die Dichtung und die reine Mimik war hier mit Musik, Gesang, Tanz in einer Weise vermählt, welche uns unmöglich als Muster dienen kann. ... Die großen Tragiker bleiben uns gleich groß, obwohl wir sie darin, daß sie im Sinne dieser Kunstverbindung dichteten, nimmermehr nachahmen können, und wie wir von Aischylos und Sophokles das Bleibende, rein dichterisch Schöne ohne das Rezitativ und Gesang und marschartigen Tanz des Chors genießen und unserer Poesie aneignen, so streifen wir den Werken der großen Bildhauer die Farbe ab, die ihnen als vergänglichen, nur in einem besonderen Moment der Kunstgeschichte begründeten Anflug ohnedies die Luft und der Regen ebenso abgestreift hat wie dem griechischen Tempel.« Ganz abgesehen von der sonderbaren Deduktion, daß die Farbe ein vergänglicher Bestandteil der griechischen Plastik gewesen sei, weil Luft und Regen imstande waren, sie ihr abzustreifen, enthält diese Darlegung auch sonst eine sehr instruktive Selbstcharakteristik der verhängnisvollen Verunstaltung und Verfälschung, Blutabzapfung und Verlangweilung, die der Klassizismus an der griechischen Kunst vorgenommen hat: er hat ihr in der Tat die Farbe abgestreift, und zwar auch der Dichtung, von der man, da man den allein übriggebliebenen Gesangstext unzulässigerweise als etwas Selbständiges auffaßte und behandelte, ebenfalls nur einen blassen leblosen Marmorrest in der Hand behielt. Die Griechen waren aber eben weit entfernt von der modernen Barbarei , Holz und Stein unbemalt zu lassen; sie haben, aus einer sehr natürlichen und sehr künstlerischen Empfindung heraus, alles bunt angetüncht, was ihnen unter die Hände kam, und unsere weiße Plastik und Architektur wäre ihnen wie eine Kunst für Farbenblinde vorgekommen. Selbstverständlich haben sie auch die Augen sorgfältig aufgepinselt oder noch lieber durch eingesetzte Edelsteine, Kristalle und dergleichen wiedergegeben; und wie weit man in der völlig kritiklosen Nachahmung der griechischen Denkmäler ging, zeigt die groteske Tatsache, daß man, weil auch hiervon die Spuren sich nicht sogleich fanden, die bizarre Sitte annahm, das Organ des höchsten seelischen Ausdrucks überhaupt wegzulassen! Der »griechische Kopf« mit der bleichen Gipswange, ohne Augenstern, ohne Blick in die Welt ist das sprechendste Symbol des neudeutschen Humanismus. Die griechische Plastik Eine solche antike Statue muß einen ganz prachtvollen Eindruck gemacht haben. Der Marmor wurde zunächst mit einer rosigen oder braunen Beize aus Öl und Wachs eingerieben, wodurch er einen warmen lebendigen Fleischton erhielt. Der Vorwurf der Kunsthistoriker, daß man dadurch das herrliche Material verdorben habe, verdient wenig Beachtung; die Griechen wußten, was sie an ihrem Marmor hatten, und haben ihn durch diese Behandlung sicher nur gehoben: in diesen Fragen wird man sich wohl auf sie verlassen dürfen. Die Lippen wurden rot, die Haare schwarz, gelb oder auch durch Metallzusatz goldblond gefärbt; das Gewand wurde entweder weiß gelassen, wobei aber mindestens die Säume farbig waren, oder ebenfalls koloriert, die Innenseite und die Außenseite in verschiedenen Tinten. Die Helme und Helmklappen, Waffen und Schilde, Schmuckstücke und Sandalen waren aus Metall, mit Vorliebe vergoldet. Der Maler war nicht immer dieselbe Person wie der Bildhauer: für die Statuen des Praxiteles zum Beispiel wird Nikias genannt, der eine fast ebenso große Berühmtheit war wie jener. Auch die Werke der Goldelfenbeintechnik, wie der untergegangene Zeus des Phidias, eine Kolossalstatue im Tempel von Olympia, waren ungeheuer bunt: der Kern bestand aus Holz, die Elfenbeinmasse wurde durch virtuose Behandlung so dünn und elastisch gemacht, daß sie, fast wie ein Lacküberzug wirkend, sich der Unterlage eng anschmiegte: sie näherte sich schon durch ihre natürliche Farbe dem Inkarnat und wurde vielleicht ebenfalls noch leicht imprägniert; die Gewänder und Insignien waren aus reich bemaltem Goldblech, Haar und Bart aus verschieden getöntem Gold, die Augen aus glänzenden Juwelen. An den Tempeln waren die Figuren der Friese und der Giebelfelder reizend koloriert wie Zinnsoldaten, auf einem Grund von leuchtendem Blau oder Rot, die »Tropfen« und ähnliches Beiwerk vergoldet, die »Wülste« der Säulen und die Traufrinnen der Dächer mehrfarbig ornamentiert, etwa in der Art unserer heutigen Emailmalerei. Auf dem Hekatompedon, dem alten, aus porösem Kalkstein erbauten Athenatempel der Akropolis, der 480 von den Persern zerstört wurde und erst in den achtziger Jahren als sogenannter »Perserschutt« wieder ans Licht kam, hatten die Männer sogar noch grellblaue Haare und Bärte, grasgrüne Augen und rote Körper. Das stets bemalte Relief aber galt im Altertum zu allen Zeiten überhaupt nur für eine Abart des Gemäldes. Im Angesicht einer grellen Sonne, eines knallblauen Himmels, zinnoberroter Berge, schwefelgelber Felsen, giftgrüner Bäume und eines in hundert wechselnden Nuancen funkelnden Meers waren die Griechen ja schon von vornherein darauf angelegt, eines der farbenfreudigsten, ja farbentrunkensten Völker zu werden. Auch ihre poetische und philosophische Phantasie lebte stets in einer Atmosphäre des reichen und starken Kolorits und in ihrem Kostüm liebten sie ebenfalls voyante, laut kontrastierende Farben: purpurviolett und himmelblau, safrangelb und scharlachrot; selbst das glänzende Weiß hatte bei ihnen den Charakter einer Farbe. Die griechische Malerei Ihre Malerei, über die wir nur sehr ungenau unterrichtet sind man kann sagen: glücklicherweise, denn es ist nicht abzusehen, was ihr Vorbild in der Kunst des neueren Europa angerichtet hätte , scheint bis tief ins fünfte Jahrhundert hinein einen streng stilisierenden Charakter getragen zu haben und, wenn das Relief eine Art Gemälde in erhabener Arbeit war, umgekehrt eine Art zweidimensionale farbige Plastik gewesen zu sein. Ganz wie beim Drama lagen die Hauptgründe für diese Gebundenheit teils in der Unentwickeltheit und Konservativität der Technik, teils in der Orientierung auf den religiösen Kult. Die Fresken Polygnots, dessen Blütezeit etwa das zweite Viertel des fünften Jahrhunderts umfaßte, kannten noch keine Schlagschatten, kein Helldunkel, keine Modellierung und boten nichts als kolorierte Umrißzeichnungen; er wußte auch noch nichts von Perspektive und gab das Hintereinander als ein Übereinander. Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, zu Anfang des Peloponnesischen Krieges, erfand Agatharchos die »Skenographie«, die perspektivische Kulissenmalerei, die durch Alkibiades, der sein Haus mit solchen Bildern schmücken ließ, zur großen Mode erhoben wurde. Ungefähr um dieselbe Zeit wirkte Apollodoros, genannt der »Schattenmaler«, weil er als erster die Lichtverhältnisse richtig beobachtete und auf seinen Gemälden zur Darstellung brachte. Und Zeuxis und Parrhasios, die jüngeren Zeitgenossen Apollodors, waren offenbar schon Illusionsmaler, denn auch wenn die bekannte Erzählung, daß Zeuxis mit seinen gemalten Früchten die Vögel, Parrhasios aber mit einem gemalten Vorhang den Zeuxis getäuscht habe, erfunden sein sollte, so zeigt sie doch deutlich, was man diesen beiden Künsdern zutraute. Bei Zeuxis erscheint auch zum erstenmal das nackte Weib, das erst ein Menschenalter später in der Plastik auftaucht. Wir stoßen hier wiederum auf das schon mehrfach hervorgehobene Gesetz, daß die Malerei der Skulptur in der Entwicklung voranzugehen pflegt; die griechische Plastik ist daher auf der Höhe ihrer Ausdrucksfähigkeit das posthume Kind der perikleischen Zeit, und der Sophistik und Euripides entsprechen nicht Phidias, Myron und Polyklet, sondern Skopas, Praxiteles und Lysipp. Zu Anfang des vierten Jahrhunderts ging man von der Temperamalerei zur »Enkaustik« über, die durch Anwendung von Wachsfarben eine größere Brillanz und Feinheit erzielte und in der antiken Kunstentwicklung ungefähr dieselbe Rolle gespielt hat wie die Ölmalerei in der neueren. Und am Ende des Jahrhunderts gelangen bereits ganz moderne Richtungen zur Geltung: in Alexandrien gibt es die Schulen der Rhopographen und der Rhyparographen, der Kleinkrammaler und der Schmutzmaler. Der Alexandrinismus Der Alexandrinismus ist überhaupt im höchsten Grade geeignet, das gesamte traditionelle Bild vom Hellenentum umzukehren. Da man immerzu wie hypnotisiert auf das perikleische Zeitalter starrte, ist man zwei Jahrtausende lang an dieser Entwicklungsstufe der griechischen Kultur vorübergegangen, indem man sie entweder als »Verfall« oder als überhaupt nicht existent behandelte. Man gewöhnte sich sogar daran, das Wort »Alexandrinertum« zum beschimpfenden Gattungsbegriff zu depossedieren: wenn ein Professor oder Literat diese Vokabel in den Mund nahm, so wollte er damit sagen, daß es sich um eine geistige oder künstlerische Richtung handle, die blutleer und anempfunden, mechanisch und künstlich, professoral und unschöpferisch, kurz, so wie er selber sei. Nun verhält es sich aber mit diesem Begriff wie mit so vielen anderen: ein Merkmal, und nicht einmal das wesentlichste, hat alle übrigen überwuchert. Eigentlich gelangt in der alexandrinischen Periode, die die drei letzten Jahrhunderte (genauer: das dritte Jahrhundert) vor Christus umfaßt, die hellenische Volksbegabung erst zu ihrer feinsten und reichsten Entfaltung. Die griechische Kultur wird zur Weltkultur: sie verbreitet sich über das gesamte antike Zivilisationsgebiet und sie entwickelt erst in diesem Zeitraum jenen behenden und scharfen, freien und allseitigen Geist, den wir als spezifisch hellenisch zu betrachten pflegen, in seiner ganzen Fülle. Wenn erst seit wenigen Jahrzehnten ein stärkeres Interesse für die Alexandrinerzeit erwacht ist, so hat das einen sehr naheliegenden, man möchte fast sagen, egoistischen Grund: sie hat nämlich eine große Ähnlichkeit mit der unserigen. Heraufkunft des Berufsmenschen und des kosmopolitischen Untertans Die ursprüngliche griechische Anschauung kannte überhaupt keine Berufe, sondern nur eine ideale Einheit aller und die Forderung der »Kalokagathie«, alle zu verkörpern. Das Spezialistentum galt als banausisch; der Grieche haßte es schon deshalb, weil es häßlich macht, Leib und Seele verkrüppelt, indem es einen Zug unkünstlerisch heraushebt. Um die Wende des vierten Jahrhunderts beginnen aber plötzlich innerhalb des antiken Kulturkreises eine Reihe neuer, im bisherigen Sinne ungriechischer Typen zu dominieren: der Virtuose, der ein Berufskünstler, der Athlet, der ein Berufsgymnast, der Offizier, der ein Berufssoldat, der Bürokrat, der ein Berufsbeamter, der Diplomat, der ein Berufspolitiker, der Professor, der ein Berufsgelehrter, und der Literat, der ein Berufsschriftsteller ist, indem er, im Gegensatz zur früheren Objektivität, ja Anonymität, als »Autor« sein Ich zeigt. Während die Darstellung der tragischen und komischen Dichtungen bisher, wie bei den mittelalterlichen Passionsspielen, Sache der gesamten Bürgerschaft war, entstehen jetzt allenthalben Theaterfachschulen, die sogenannten »Vereine der dionysischen Künstler«. Auf politischem Gebiet gelangt man zum Imperialismus und zu dessen Komplement: dem Kosmopolitismus. Die bevorzugte Regierungsform ist der Absolutismus, aber der aufgeklärte: Antigonos Gonatas bezeichnete das Königtum als , ruhmreichen Knechtsdienst, was ganz friderizianisch klingt, und die Diadochenfürsten gaben sich gern den Beinamen Euergetes , Wohltäter, oder Soter , Retter, Heiland, mit dem man übrigens auch die Häupter der Philosophenschulen, zum Beispiel Epikur, zu ehren liebte. Die äußere Herrschaftsform umfaßt den typischen Apparat großdynastischer Regierungsweise: Staatsrat, Hofetikette, Audienzen, Dekrete, Edikte, stehendes Heer, Heiligkeit der Majestät, Schwur bei der Tyche des Königs. Es entstehen die neuen Begriffe des »Untertans« und des »Privatmenschen«, der aber, wie dies fast immer der Fall zu sein pflegt, unter der unbeschränkten Monarchie mehr persönliche Freiheit und Sekurität genießt als unter der unberechenbaren Demokratie. Vollkommen neu ist auch das Heraufdämmern eines gewissen Humanitätsgefühls. Man beginnt in der Kriegführung eine Art primitives Völkerrecht anzuerkennen, ja nicht selten eine fast romantische Ritterlichkeit zu beobachten und über das Los der Sklaverei und sogar über deren Berechtigung nachzudenken, wozu die Entwicklung eines arbeitenden freien Massenproletariats das Gegenstück bildet. In der Polis hatte sich der Einzelne nur als Teil, Glied und Organ seines engen Sondergemeinwesens empfunden, das ihm alles war; jetzt erklärt man im Sinne der Stoa, der wahre Staat sei der Kosmos, und beginnt die Pflichten des Bürgers und Familienvaters mit den Augen des kynischen Philosophen anzusehen, dessen Bild Epiktet einige Jahrhunderte später am eindringlichsten gezeichnet hat: »Das Königtum des Kynikers ist es wert, daß man seinetwegen auf Weib und Kinder verzichtet. Alle Menschen sieht er als seine Kinder an. Ist es wirklich die größte Wohltat für die Menschheit, ein paar rotzige Kinder in die Welt zu setzen? Wer hat mehr für die Gesamtheit geleistet: Priamos, der fünfzig Taugenichtse erzeugte, oder Homer? Du fragst mich, ob der Kyniker sich am politischen Leben beteiligen wird? Du Narr, kann es eine größere politische Aufgabe geben als die seinige? Soll einer vielleicht vor den Athenern Reden über Steuern und Einkünfte halten, wenn er verpflichtet ist, sich mit allen Menschen zu unterreden, gleichviel ob sie Athener, Korinther oder Römer sind, und nicht über Steuern und Einkünfte, über Krieg und Frieden, sondern über Seligkeit und Unseligkeit, Glück und Unglück, Knechtschaft und Freiheit?« Hellenistische Großstadtkultur Zugleich Ursache und Folge des Kosmopolitismus ist die gefräßige Ausbreitung einer Weltwirtschaft, wie sie die alte Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Die Eroberungen Alexanders des Großen hatten den Orienthandel eröffnet; aus Indien, Persien, China kam eine Fülle bisher unbekannter Luxusartikel. Man begann sich aufs offene Meer hinauszuwagen, statt wie bisher ängstlich an der Küste zu kleben. Nach persischem Vorbild wurden Reichsstraßen gebaut, die den Landverkehr für die ungeheuern Karawanenzüge vermittelten. Das Hotelwesen, dem bisherigen Altertum unbekannt, begann zu florieren. Zahlreiche Banken, an der Spitze die allmächtige Zentralbank von Alexandria, ausgedehnte Kartelle von Großkaufleuten, Schiffsreedern, Spediteuren wurden gegründet; es gab sogar schon Weltausstellungen. Ein raffiniertes Steuersystem, für das Ägypten seine jahrtausendelangen Erfahrungen herlieh, zog sein Netz über die bestürzte Menschheit; es gab Stempel und Gebühren und Taxen für alles. Ein außerordentlich spezialisiertes Zunftwesen entwickelt sich: es gibt Bäcker für grobes und für feines Gebäck, Schweineschlächter und Rindermetzger, Korbflechter und Mattenflechter. Der Ingenieur beginnt im Kriege eine bedeutende Rolle zu spielen: man verwendet allenthalben Ballisten, Katapulten, wandelnde Batterien, und König Demetrios, genannt Poliorketes , der Städtebestürmer, baut seine berühmte »Stadteroberin«, eine fünfzig Meter hohe Maschine von neun Stockwerken, die, auf Rädern laufend, tankartig gepanzert und mit vielen hundert Mann und zahllosen Steinblöcken, Balken, Bleigeschossen und Brandpfeilen armiert, genau auf jedes Ziel eingestellt werden konnte. Enorme Schiffe für Krieg und Handel wurden gebaut und es entwickelte sich derselbe Wetteifer im Steigern der Tonnage wie heutzutage. Das Riesenpassagierschiff »Syrakosia« des Königs Hieron enthielt dreihundert Seesoldaten und sechshundert Matrosen und eine dementsprechende Anzahl von Salons und Badezimmern, Türmen und Geschützen. Eine Art Artillerie bildeten auch die Elefanten, von denen zum Beispiel Seleukos der Erste auf Apamea ein Depot von fünfhundert Stück besaß. Die neuen Residenzen und Metropolen, alle von der gleichen Physiognomie, rationell in gradlinigen, rechtwinklig sich schneidenden Straßen angelegt, entwickelten sich rasch zu den Ausmaßen unserer modernen Großstädte, auch in der Mammuthaftigkeit ihrer öffentlichen Bauten: der Koloß von Rhodos war 32, das Grabmal des Königs Mausolos zu Halikarnass 44, der achtstöckige Leuchtturm auf der Insel Pharos 160 Meter hoch, während sein modernes Analogon, die New Yorker Freiheitsstatue, mit dem Sockel nur 93 Meter mißt. Hellenistische l'art pour l'art-Kunst und Fachwissenschaft Auch in der Literatur kommt es zur Massenproduktion, aber bei den einzelnen Werken bevorzugt man in fast übertriebener Weise die geringen Dimensionen: »ein großes Buch, ein großes Übel« sagte Kallimachos, einer der namhaftesten alexandrinischen Dichter. Eine ausgesprochene l'art pour l'art-Kunst entsteht, die das Sensationelle und Raffinierte, das Esoterische und Komplizierte, das »Kuriöse« und künstlich Archaische bevorzugt und eine Art Rokoko des Gefühls zu Wort kommen läßt: die lyrische Dichtung schwärmt rousseauartig für Bukolik, die Malerei entdeckt die Landschaft, doch bleiben beide darin noch völlig antik, daß sie durchaus des modernen Subjektivismus entbehren, der die eigene Stimmung in die tote Natur einträgt, und daher noch nicht imstande sind, »Atmosphäre« zu schaffen. Hingegen herrscht bereits der ausgesprochenste Naturalismus. Auf dem Theater triumphiert Menander, der, in seinem Dialog ebenso elegant wie in seiner Toilette, den Typus des Sittenstücks geschaffen hat, jenes Gemisch aus Pikanterie und Sentimentalität, worin im vorigen Jahrhundert die Franzosen brillierten. Auch bei ihm steht zumeist die edle Hetäre im Mittelpunkt, und ein Goldregen von glitzernden Bonmots verhüllt die Leere der kalt konstruierten Handlung. Eine gewisse rhetorische Manier, die vor allem blenden will, bemächtigt sich nicht nur der Bühne, sondern auch der Geschichtschreibung und der bildenden Kunst und dringt sogar ins tägliche Leben. Die Architektur will in erster Linie repräsentieren, die Plastik ist genrehaft und höchst wirklichkeitstreu und glänzt durch virtuose Technik. Der sogenannte neuere attische Dithyrambus betritt schon den Weg der Programmusik, ebenso angefeindet wie in unseren Tagen. Es gibt bereits Varietékünstler und Herondas aus Kos schreibt seine »Mimiamben«, parodistische und realistische Kabarettszenen aus dem jonischen Volksleben. Die beliebteste literarische Form aber war die Diatribe, die ungefähr unserem Feuilleton entspricht. Den höchsten Ruhm des hellenistischen Zeitalters bildet seine Wissenschaft. Die Konzeption des »szientifischen Menschen« stammt von Aristoteles, den sein Lehrer Plato, nicht ohne eine gewisse Geringschätzung, den »Leser« genannt hat. Wie in der Kunst der »Artist« und der »Kenner«, so taucht in der Literatur der »Gebildete« auf, der mit seinesgleichen eine Art Sekte bildet und eine Art Geheimsprache und Geheimwissen gemeinsam hat. Eine ganze Reihe von Disziplinen wurde in jener Zeit überhaupt erst geschaffen: Aristarch von Samothrake begründete die kritische Philologie, Dikaiarch aus Messene in seinem die Kulturgeschichte, Duris aus Samos die Kunstgeschichte, Polybios die pragmatische Geschichte, Theophrast die Physiologie der Pflanzen, Apollonios von Perge die Trigonometrie und die Lehre von den irrationalen Größen. Euklid schuf nicht nur in seinen »Elementen« das klassische Lehrbuch der Geometrie, sondern lieferte auch die erste systematische Darstellung der Optik als der Lehre von der Fortpflanzung des Lichts und der Katoptrik als der Lehre von der Zurückwerfung des Lichts, während Archimedes die Formeln für den Kreisumfang und den Kugelinhalt aufstellte, eine Theorie der Hebelwirkung gab, auf Grund deren er Flaschenzüge konstruierte, und das fundamentale archimedische Prinzip fand, das ihm die Berechnung des spezifischen Gewichts ermöglichte. Auch die Chirurgie, die Pharmakologie und die Anatomie, unterstützt durch Vivisektionen an Verbrechern, erhielten damals ihre wissenschaftliche Gestalt, zoologische Gärten, Antiquitätensammlungen, Enzyklopädien, riesige Bibliotheken wurden angelegt, kurz, damals hat jenes geheimnisvolle Etwas, das wir Bildung nennen, den Charakter von Elephantiasis bekommen, den es bis zum heutigen Tage besitzt. Es gab auch bereits ziemlich genaue Sternkarten und Berechnungen von Sonnen- und Mondfinsternissen, und um 250 lehrte Aristarch von Samos, die Erde drehe sich um ihre eigene Achse und um die Sonne, die sich unbeweglich im Mittelpunkt des Weltalls befinde. Ungefähr um dieselbe Zeit erklärte der Geograph Eratosthenes, dem die Kugelgestalt der Erde sehr wohl bekannt war, es sei möglich, von Iberien (Spanien) aus Indien zu erreichen. Die Entdeckung des Luftdrucks brachte Ktesibios auf den Gedanken, aus kleinen Geschützen durch komprimierte Luft Wurfgeschosse zu entsenden. Heron von Alexandrien erfand nicht nur einen Weihwasserautomaten, einen mechanischen Türöffner und einen Taxameterwagen, sondern auch Schraubenpressen, Schöpfwerke und Seilbahnen, bei denen der Dampfdruck die treibende Kraft bildete. Die antike Menschheit stand also damals dicht vor der Annahme des heliozentrischen Systems, der Entdeckung Amerikas und der Erfindung der Dampfmaschine. Hellenistischer Nihilismus Und noch etwas kam damals zur Welt: die Frauenemanzipation. Königinnen machten Geschichte, Philosophinnen und Romanschriftstellerinnen Literatur, und umgekehrt beginnen die Dichter für die Frauen zu schreiben. Die Frauenseele wurde entdeckt und mit ihr die sentimentale Liebe. Damals ist die »Dame« erfunden worden: sie beginnt sich frei zu bewegen, an allem Anteil zu nehmen, Sport zu treiben. Was »Koketterie«, »Galanterie« und »Mode« ist, hat erst jene Zeit erfahren; man küßt den Damen die Hand und denkt allen Ernstes daran, sich aus unglücklicher Liebe umzubringen. Und noch eine zweite Großmacht kam damals empor: das Papier. Man gewöhnt sich daran, alles schriftlich und möglichst umständlich schriftlich zu sagen. Ein gewisser femininer überzivilisierter Zug zeigt sich auch in der Bartlosigkeit, die damals allgemein wird. Einer der Seleukiden, der diese Mode nicht mitmachte, fiel dadurch bereits so auf, daß er den Beinamen , der Mann mit dem Bart, erhielt. Man bezog die ausgesuchtesten kulinarischen und geistigen Leckerbissen aus allen Weltgegenden und verfiel durch die Überfülle und Überschmackhaftigkeit dieser Genüsse in Blasiertheit, Lebensmüdigkeit und Übersättigung. Über dieser feinnervigen, betriebsamen und allwissenden Menschheit brütete ein ungeheurer bleierner Nihilismus. »Wenn der Mensch keinen Schmerz und keine Freude mehr empfindet, wird der Winter der Seele gelöst«: in diesen Worten Epikurs war die Formel für die Stimmung der Zeit gefunden. Und die drei herrschenden philosophischen Systeme, so sehr sie sich untereinander bekämpften, mündeten alle in dieselbe, nur verschieden eingekleidete Pointe: die epikureische Anpreisung der Ataraxie, der Unerschütterlichkeit, das stoische Ideal der Apathie, der Fühllosigkeit, und die skeptische Forderung der , der Enthaltung vom Urteil, intendieren im Grunde das gleiche. Und so kam es zu dem grandiosen Schauspiel eines allgemeinen Weltekels, der die antike Kulturmenschheit wie eine Epidemie ergriff, bis eines Tages in einer fernen verachteten Provinz ein neuartiger Heros geboren wurde, nicht der Sohn Jupiters und nicht Jehovahs, sondern des wahren Gottes; der verstand von der Philosophie mehr als Plato und vom Erobern mehr als Alexander und erlöste diese Menschheit. Die griechische Musikalität Nur weil die Alexandrinerzeit in ihrer ungeheuern Erwartung des neuen Gottes bereits eine Art Vorhalle des Christentums bildet, steht sie unserem Verständnis etwas näher; aber darüber dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben die vorchristlichen Völker sind für uns in ihren letzten Seelengründen unverständlich. Herman Grimm sagt in seiner prachtvollen Goethebiographie: »Das Fremde im griechischen Wesen überwinden wir niemals. Es wird erzählt, daß als letztes Kennzeichen der übrigens völlig weiß gewordenen Negerabkömmlinge in Amerika, der Quarterons, der Mond am Fingernagel dunkel bleibt. So: wenn uns Homer und Plato, selbst Aristoteles und Thukydides noch so verwandt erscheinen: ein kleiner Mond im Nagel erinnert uns an etwas wie Ichor, das Blut der Götter, von dem ein letzter Tropfen in die Adern der Griechen mit hineingeflossen war.« Die Griechen sind für uns das exotische Volk par excellence. Daß wir auch heute noch über diese Tatsache nicht genügend im klaren sind, liegt an der gutmütig-linkischen Selbstgefälligkeit und Leichtgläubigkeit unseres Schulbetriebs, der seit Jahrhunderten in den Händen trostlos undifferenzierter und psychologisch extrem unbegabter Silbenzähler ruht. Immerhin muß ein grundstürzendes Werk wie Spenglers »Untergang des Abendlandes« über die hoffnungslose Kluft, die uns vom Altertum trennt, vielen die Augen geöffnet haben. Wenn man versuchen will, sich von dieser prinzipiellen Verschiedenartigkeit der griechischen Kultur ein flüchtiges Bild zu machen, wird man, glauben wir, zunächst von ihrer eminenten Musikalität ausgehen müssen. Nicht die bildende Kunst stand im Mittelpunkt des hellenischen Lebens, sondern die Musik. Der Sänger galt als unmittelbar von Gott inspiriert, wie umgekehrt jedes Gebet ein Gesang war; sogar das Kriegswesen ruhte auf der Musik, die als das stärkste Mittel des taktischen Zusammenhalts angesehen wurde: der Pfeifer war die wichtigste Person sowohl beim InfanterieangrifF wie auf der Galeere. Die Hermen, die dem Wanderer den Weg angaben, trugen ihre Orientierungsdaten in Hexametern: wir würden in der Erneuerung dieser Sitte mit gutem Grund einen lästigen und lächerlichen Snobismus erblicken; aber der Grieche empfand eben selbst in Dingen der banalen Lebenspraxis metrisch. Die Musik besaß eine solche Macht über die griechische Seele, daß man sie zu therapeutischen Zwecken verwendete: Pythagoras heilte Kranke durch Gesang und Plutarch erzählt von einem leidenden Mädchen aus Argos, das vom Orakel ein Mittel zur Genesung erfragte und den Bescheid erhielt, sie möge sich dem Dienst der Musen weihen: sie folgte dem Rat und kam so zu Kräften, daß sie eine Art peloponnesische Jeanne d'Arc wurde, die an der Spitze eines weiblichen Korps einen Einfall der Spartaner zurückschlug. Man glaubte, daß die Töne selbst über die Verstorbenen noch Gewalt hätten: auf den Salbgefäßen, die ins Grab mitgegeben wurden, suchten die Hinterbliebenen den Schatten des Toten durch Flötenspiel zu erfreuen. Im Leben aber hatte die Musik für die Psyche dieselbe pädagogische Bedeutung wie die Gymnastik für den Körper, die im Grunde ja auch nur eine Art rhythmische Schulung des Leibes ist; der Grieche war aufs tiefste überzeugt, nur eine musikalische Seele könne gesund, stark, weise und schön sein. Plato sagt in seiner Schrift über den Staat, daß Häßlichkeit und schlechte Sitte mit Mangel an Rhythmus und Harmonie verwandt seien. Der körperlich und sittlich schöne Mensch, in dem das Ideal der Kalokagathie verwirklicht ist, der wohlgeordnete Staat, der ganze Kosmos wurde unter dem Bilde der Symphonie vorgestellt. Nomos heißt sowohl Gesetz wie Melodie; jede Polis war zumindest gedacht als ein Stück Kammermusik. Musikalische Neuerer wurden als politische Revolutionäre angesehen. Die Gliederung des Tempels und aller seiner Teile: der Säule, des Architravs, des Dachs ist streng rhythmisch, die Giebelfelder sind metrisch-symmetrisch gebaut wie Verse, die sich heben und senken, dieselbe musikalische Geometrie herrscht im Bau der Tragödie, in ihrer gleichmäßig emporstrebenden und herabfallenden Handlung und ihren genau korrespondierenden Wechselreden, und auch die Gemälde waren aller Wahrscheinlichkeit nach auf- und absteigend um einen Mittelpunkt komponiert. Man darf auch nicht vergessen, daß alle Dichter in erster Linie Komponisten waren. Lied war wirklich Lied. Tyrtäos und Pindar, Alkäos und Sappho haben gesungen . Ein neuer Lyriker war vor allem der Erfinder eines neuen Tonfalls , das Wort im buchstäblichen Sinne genommen. Auch die Epen wurden ursprünglich gesungen, später zumindest melodramisch rezitiert. Selbst die Rhetoren haben in einer Weise, die uns aufs höchste befremdet hätte, psalmodiert, etwa in der Art des Sekkorezitativs, und zwar noch zur Römerzeit. Die drei großen Tragiker waren vor allem als Tondichter berühmt und Euripides hat, als kühner Umgestalter des Musikdramas ebenso leidenschaftlich angefeindet wie begeistert gepriesen und kopiert, eine ähnliche Rolle gespielt wie Richard Wagner. Die Tragödie war eine Art »Gesamtkunstwerk« aus Bühnenbild, Text, Mimik, Gesang und Tanz, zusammengehalten durch die Musik, wobei wir jedoch nicht wie bei der modernen Oper an ein übermächtiges Riesenorchester zu denken haben, sondern an eine Art inneren Rhythmus, da die Instrumentation für unsere Begriffe sehr einfach und fast dürftig war. Die griechische Tonkunst kannte keine Streichinstrumente, die Trompete nur für Signalzwecke und war überhaupt im wesentlichen bloße Vokalmusik, indem sie die Instrumente fast nur zur Begleitung und nur selten und in sehr bescheidenem Ausmaß zum Solospiel verwendete: das ganze Tragödienorchester bestand aus einem Kitharisten und einem oder zwei Flötenspielern. Vor allem aber verwarf sie die Mehrstimmigkeit: der Chor sang immer nur unisono. Der Vortrag der Solisten bewegte sich zwischen Rhapsodien, Wechselgesängen mit dem Chor, Duetten und monologischen Arien. Erst in der hellenistischen Zeit, in der auf allen Gebieten ein neuer, ungriechischer Geist zur Herrschaft gelangt, singen die Schauspieler nicht mehr und der Chor wird in den Zwischenakt verwiesen, wohin er in diesem Falle gehört; ihn als »Sprechchor« unisono reden zu lassen, wie es von Schiller in der »Braut von Messina« und bis zum heutigen Tage immer wieder gelegentlich versucht wurde, ist ein künstlerischer und psychologischer Nonsens. Die Musik läßt sich eben, wie gesagt, von den poetischen Werken der Griechen ebensowenig ablösen wie die Farbe von ihren architektonischen und plastischen Werken; tut man es dennoch, so gelangt man zu der Monstrosität, das gesprochene Libretto zum dramatischen Ideal zu erheben. Die griechische Sprache Eine eminente, ja einzigartige Musikalität äußert sich auch in der griechischen Sprache: in ihrer Lebendigkeit und Feinheit, Modulationskraft und Melodik, Farbigkeit und Fülle, Wucht und Biegsamkeit und nicht zuletzt (was man in gewissem Sinne auch als ein musikalisches Element ansehen kann, da die Welt der Töne jedermann unmittelbar verständlich ist) in ihrer edeln Popularität. Das Griechische, obgleich es zuerst die höchsten wissenschaftlichen und philosophischen Probleme erörtert hat, besitzt fast gar keine Fremdwörter, und zugleich verfügt es über die unbegreifliche Fähigkeit, das Abstrakteste noch immer plastisch, die reinsten Begriffe in sinnlicher Faßbarkeit auszudrücken, sich im vollsten platonischen Sinne des Wortes in geschauten Ideen zu bewegen. Dazu kommt sein ungeheurer Reichtum an Formen, von denen nicht wenige nur ihm eigentümlich sind, wie der Optativ, der Aorist, das doppelte Verbaladjektiv, das Medium, der Dual: besonders die beiden letzteren sind von bewundernswerter Subtilität; denn was man für sich tut, ist sowohl von dem, was man für andere tut, wie von dem, was andere mit einem tun, sehr wesentlich verschieden, und was man zu zweit tut, trägt einen entschieden anderen Charakter als das, was man mit mehreren oder allein tut: für diese Bildung, die durch alle Tempora und Modi hindurchgeht, dürfte vielleicht die große Rolle bestimmend gewesen sein, die die Erotik im griechischen Leben gespielt hat. Ferner wird der Rede durch die ebenfalls nirgends so zahlreichen Partikeln gleichzeitig Zusammenhang und Nüancierung, Bestimmtheit und Stimmung und außerdem ein undefinierbares Element von spielerischer schwebender Ironie verliehen. Freilich sind diese zarten Tinktionen des Ausdrucks meist gar nicht oder doch nur durch schärfstes Nachdenken und empfindlichstes Sprachgefühl zu übersetzen, und die landläufigen Philologenverdeutschungen, die sich damit begnügen, alle Satzteile einfach wörtlich und noch dazu möglichst plump und altfränkisch wiederzugeben, in Satzungetümen wie etwa: »Fürwahr, du zwar magst füglich hierin jetzt ja wohl in etwas recht haben«, treffen nicht ganz das Richtige. Daß die Griechen überhaupt die Sprache als ein musikalisches Phänomen ansahen, zeigte sich in ihrer ungeheuern Empfindlichkeit gegen falsche Aussprache, Betonung oder Wortstellung, die in zahlreichen Anekdoten überliefert ist und nur in der Feinhörigkeit des italienischen Publikums für Gesangsfehler ihr Analogon findet. Und dies war überhaupt das Geheimnis des griechischen »Stils«: sie waren ganz einfach durch jahrhundertelanges organisiertes Hören und Sehen zur höchsten Empfänglichkeit und Unterscheidungsfähigkeit geschult. Die griechische Erotik Wir erwähnten soeben die zentrale Rolle, die die Erotik im griechischen Dasein gespielt hat. Wir dürfen aber dabei keineswegs an die Formen der modernen oder der mittelalterlichen Liebesempfindung denken. Denn es bestanden zwei kardinale Unterschiede. Der erste war der Mangel an Sentimentalität; ob freilich dieses Unsentimentale dem Naiven gleichzusetzen sei, läßt sich bezweifeln. Freud sagt in seiner Abhandlung über die »sexuellen Abirrungen«: »Der eingreifendste Unterschied zwischen dem Liebesleben der alten Welt und dem unserigen liegt wohl darin, daß die Antike den Akzent auf den Trieb selbst, wir aber auf dessen Objekt legen. Die Alten feierten den Trieb und waren bereit, auch ein minderwertiges Objekt durch ihn zu adeln, während wir die Triebbetätigung an sich geringschätzen und sie nur durch die Vorzüge des Objekts entschuldigen lassen.« Dies ist auch der Grund, warum es im Altertum »unglückliche Liebe« nur als pathologisches Phänomen geben konnte (die Griechen betrachteten die seltenen Fälle, in denen sie vorkam, so wie wir eine Infektionskrankheit), da diese sich notwendig auf ein bestimmtes Objekt beziehen muß, während der »Trieb« sich nie versagt und nie enttäuscht, so daß die beiden Hauptquellen, aus denen der Komplex »unglückliche Liebe« gespeist wird, nicht vorhanden waren. Noch viel wichtiger aber ist die Tatsache, daß die Erotik der Griechen sich fast ausschließlich auf dem Gebiet der Homosexualität bewegt hat. Hierfür hat man mit Vorliebe ihre sehr edle, aber zweifellos bis zur Manie getriebene Pflege des Leibes durch stete Turnübungen, Ritte, Ringkämpfe, Wettläufe, Wurfspiele verantwortlich gemacht. Auch ihre starke Beeinflussung durch den Orient dürfte ins Gewicht fallen. Jedenfalls hat die Päderastie bei ihnen eine beispiellose Extensität und Intensität erreicht. Bei den Dorern: in Sparta und Kreta bildete sie geradezu einen Bestandteil der öffentlichen Erziehung; in Athen wurde sie mit der Strafe der Atimie, der Entziehung der bürgerlichen Ehrenrechte, nur dann belegt, wenn es sich um Notzucht oder Kinderschändung handelte, also in jenen Fällen, wo auch die normale Geschlechtsbetätigung verpönt ist; auch gab es dort öffentliche, und zwar besteuerte männliche Prostituierte. Seit der Ermordung des athenischen Tyrannen Hipparch durch die beiden Jünglinge Harmodios und Aristogeiton, die in einem Liebesverhältnis standen, bekam sie einen geradezu heroischen Glanz; poesieumflossen sah man auch das Verhältnis Alexanders zu seinem früh dahingerafften Liebling Hephästion. An den Diadochenhöfen wurde sie nicht gern gesehen, aber nicht aus moralischen Gründen, sondern weil man hinter Männerbünden immer Verschwörungen argwöhnte. In den Schlachten hatten die Liebespaare den höchsten Gefechtswert: sie bildeten sozusagen die kleinste taktische Einheit; die berühmte »heilige Schar« von Theben, die für die beste griechische Truppe galt, bestand aus lauter Homosexuellen. Nicht nur fast alle prominenten Griechen von Solon bis Alkibiades waren Päderasten, sondern auch viele Götter und Heroen, wie Apollon und Poseidon, Herakles und Ganymed, wurden dafür angesehen. Am entscheidendsten aber ist die Tatsache, daß die hellenische Kunst und Philosophie ihre wunderbaren Kreise so oft um dieses Phänomen ziehen läßt. »Man muß zur rechten Zeit von der Liebe pflücken«, singt Pindar als resignierender Alter, »in der Jugend! Aber wer des Theoxenos strahlende Augen gesehen und nicht aufwogt in Sehnsucht, dem ist an kalter Flamme aus Stahl und Eisen geschmiedet sein schwarzes Herz, Aphrodite aber verachtet ihn! Oder er müht sich mit aller Macht um Geld oder, der Gier nach dem Weibe sein Herz opfernd, schwankt er haltlos umher ( ). Ich aber schmelze um der Göttin willen ( ) dahin wie Wachs der heiligen Bienen unter dem Biß der Hitze, wenn ich auf des Knaben jugendschöne Glieder blicke.« Man beachte, daß hier die Weiberliebe mit der (für den Griechen und zumal den aristokratischen Altthebaner besonders verächtlichen) Geldgier auf eine Stufe gestellt wird und Aphrodite als die Göttin der Knabenliebe gilt! Das weibliche Gegenstück aber zu Pindar ist Sappho. Auch sie betet zu Aphrodite um Beistand im Gram ihrer uneingestandenen Liebe zum Mädchen und schildert der Geliebten die kühle Leidenschaftslosigkeit des Mannes, wenn er die süße Stimme und das liebliche Lachen der Braut hört, im Kontrast zu ihrer eigenen Ergriffenheit: »Das Herz schlägt, die Stimme versagt, Feuer läuft unter der Haut hin, die Augen sehen nicht, die Ohren sausen, Schweiß rinnt herab, Zittern befällt mich und fahl wie welkes Gras gleiche ich einer Toten.« Auch die berühmte »platonische Liebe« ist zwar eine übersinnliche, sublimierte, wie der Sprachgebrauch richtig annimmt, aber eine ausschließlich homosexuelle. »Es gibt zwei Göttinnen der Liebe«, sagt Pausanias im »Symposion«, »und darum auch zwei Formen des Eros. Der Eros der irdischen Aphrodite ist irdisch und überall und gemein und zufällig. Und alles Gemeine bekennt sich zu ihm ... An der Zeugung und Geburt der irdischen Aphrodite hatten beide Geschlechter, der Mann und das Weib, Anteil. Die hohe Liebe stammt von der himmlischen Aphrodite, und die himmlische Aphrodite ist eine freie Schöpfung des Mannes. Und darum streben alle Jünglinge und Männer, die diese Liebe begeistert, voll Sehnsucht zum Männlichen, zum eigenen Geschlechte hin: sie lieben die stärkere Natur und den höheren Sinn.« Die Stoiker zählten unter die zahlreichen Adiaphora , die Gleichgültigkeiten des Daseins, auch den Unterschied des Geschlechts. Dies war aber eigentlich noch zu wenig gesagt: er war kein Adiaphoron, vielmehr für den Griechen das eigene Geschlecht viel bedeutsamer als das weibliche. Die Erotik mit allen ihren Begleiterscheinungen: der Ekstase, der Eifersucht, der Hörigkeit, der Verklärung des geliebten Gegenstandes hat er nur unter der Form der Knabenliebe gekannt. Die Gattin hingegen ist nichts als Gebärerin oder Mitgiftbringerin, die Hetäre bloßer Sexualgegenstand. Erst Euripides entdeckt die Frau als psychologisches Problem, aber auch er schildert sie fast immer nur als das Subjekt, nicht das Objekt der Liebesleidenschaft. Wer sich aber in ein Weib unter ähnlichen Symptomen verliebte wie in einen Geschlechtsgenossen, galt selbst noch in der alexandrinischen Zeit, die, wie wir hörten, das Geschlechtsleben bereits mit ganz anderen Augen ansah, für einen , einen von der Gottheit zu seinem Unheil verblendeten Liebhaber. Die griechische Amoralität Wird nun schon diese im griechischen Wesen tief verwurzelte Perversion von den meisten modernen Kritikern als »Laster« angesehen, so kann es vollends keinem Zweifel unterliegen, daß der hellenische Volkscharakter auch sonst eine wahre Musterkarte fast aller übeln und in unserem Sinne unmoralischen Eigenschaften darstellte. Am korrektesten wäre es vielleicht, von einer konstitutionellen Amoralität der Griechen zu reden. »Die Frömmigkeit«, sagt Oedipus bei Sophokles zu Theseus, »habe ich auf der Welt nirgends wie bei euch gefunden und die milde Denkart und das Meiden der Lüge«; ob damit nur alte Zustände gemeint sein sollen oder die Gegenwart: jedenfalls enthalten diese Worte eine vollendete Anticharakteristik der Athener und der Griechen überhaupt und zugleich eine unfreiwillige Selbstcharakteristik, indem sie zeigen, wie sehr es ihnen an Erkenntnis des eigenen Wesens und Unwesens gefehlt hat. Im ganzen Altertum, das in diesen Dingen nicht sehr rigoros war, war ihre Streitsucht und Schmähsucht, Habgier und Bestechlichkeit, Eitelkeit und Ruhmredigkeit, Faulheit und Leichtfertigkeit, Rachsucht und Perfidie, Scheelsucht und Schadenfreude berüchtigt und sprichwörtlich. Besonders stark entwickelt aber war ihre Lügenhaftigkeit und ihre Grausamkeit. »Ich fürchte mich nicht vor Menschen«, sagte schon Cyrus der Ältere über die Griechen der guten alten Zeit, »die in der Mitte ihrer Städte einen Platz haben, wo sie zusammenkommen, um einander mit falschen Eiden zu betrügen.« Plato klagt, daß bei jedem Prozeß mindestens ein Meineid geleistet werde, da beide Parteien bereit seien zu schwören, und selbst Zeus, der erhabenste der Götter, schwört zahlreiche Meineide. Eine griechische Humanität hat es niemals gegeben: ihre ersten schwachen Regungen bezeichnen die Auflösung des Hellenentums, und es ist eine pikante Ironie der Kulturgeschichte, daß die ersten Modernen, die wieder bewußt auf die Antike zurückgriffen, sich Humanisten nannten und man noch bis zum heutigen Tage die Studien, die sich mit dem Altertum befassen, humaniora , die menschlicheren nennt. In Wahrheit aber herrschten in Griechenland Sitten von so teuflischer Unmenschlichkeit, daß sie sogar nicht selten den Abscheu der Barbarenvölker erregten: man denke bloß an das Schicksal eroberter Städte, und zwar auch rein griechischer, das in der Regel darin bestand, daß die ganzen Ländereien in der bestialischsten Weise verwüstet, alle Häuser niedergebrannt, die Männer getötet, die Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft oder auch der gesamten Einwohnerschaft die Hände abgehauen wurden; an die Behandlung der Sklaven, die oft lebenslänglich angekettet in Steinbrüchen und Bergwerken arbeiten mußten und als Zeugen vor Gericht gefoltert wurden, wozu jeder Besitzer sie anbieten konnte; an die spartanischen Bartholomäusnächte, die berüchtigte Krypteia , die in einer regelmäßig wiederkehrenden Ausmordung eines Teils der unterworfenen Urbevölkerung bestand. Für die moral insanity des Hellenen ist es bezeichnend, daß er kein besonderes Wort für das sittlich Verwerfliche besitzt, denn bedeutet sowohl das Böse wie das Übel, sowohl pravus wie miser und sowohl den Lasterhaften wie den Unglücklichen. Er unterschied nicht zwischen einem, der schlecht ist , und einem, dem es schlecht geht , sondern rechnete ethische Verfehlungen ganz einfach unter die übrigen zahlreichen Kalamitäten des Lebens. Auch der Frevel ist bloße Schickung, Heimarmene : der Götter in ihrer launischen Parteilichkeit und neidischen Ranküne; der ehernen Ananke , die blind waltet; der teilnahmslosen Moira , die längst alles vorherbestimmt hat; des Alastor , des Sühnegeistes, der die Taten der Ahnen rächt, oder irgendeines unbekannten Agos , einer Schuld, die Fluch im Gefolge hat; in der höchsten Auffassung Wirkung des gegebenen Charakters, der so sein muß, oder der übermächtigen Leidenschaft, die ein Unglück ist wie jede andere Krankheit. Die Göttin des hellenistischen Menschen aber ist Tyche , die wahllos die Chancen verteilt, die fortune des Spielers, der Zufall. Die Staatsnarren Nietzsche hat die Griechen »die Staatsnarren der alten Geschichte« genannt. Und in der Tat ist fast jede mögliche Form der menschlichen Gemeinschaft, bis zur äußersten »Folgerichtigkeit« karikiert, von diesen Staatsnarren durchlebt und damit widerlegt worden. Zuerst die Aristokratie: bei Homer gibt es nur »Edle«, das Volk ist nichts als stumme Staffage und leerer Hintergrund; dann die Tyrannis, ein l'état cest moi -Absolutismus, der nicht wie der bourbonische als letzte Schranken der Omnipotenz eine allgegenwärtige Etikette und einen unüberwindlichen Klerus zu respektieren hatte; in Sparta der militaristische Kommunismus mit streng uniformer Lebensweise, rationierten Mahlzeiten, exklusiver Verstaatlichung der Erziehung, völliger Gleichstellung der Frau, Verbot des Alkohols und der Ausreise, eisernem »Notgeld« und Bedrohung des Silberbesitzes mit Todesstrafe; und schließlich die extreme Demokratie, die keinen Parlamentarismus, kein noch so gleiches und noch so allgemeines Wahlrecht kennt, sondern nur lärmende Massenabstimmungen der ganzen Bevölkerung, nicht bloß über die Gesetze, sondern auch über deren jeweilige Ausführung, die das Geschworenengericht, zumindest in der Theorie, aus der gesamten Volksversammlung bestehen läßt, die Beamten durchs Los bestimmt und die Kriegführung zehn jährlich gewählten, täglich im Oberkommando abwechselnden Strategen überläßt! Man kann sich denken, wie es in diesem irrsinnig gewordenen Bienenstock von Polis zugegangen sein muß, der von allem Anfang an und in steigendem Maße ein bloßer Vorwand für alle Arten von Klassenjustiz, Minoritätenvergewaltigung, Parteischiebungen und »patriotischen« Erpressungen war. Der Denkfehler aller Demokratien, den schon Herodot klar erkannte, als er sagte, in ihnen werde die Mehrheit für das Ganze gehalten, hatte sich in Griechenland zu einer alles zerfressenden nationalen Wahnidee gesteigert. Die Entwicklung ist in dem Bedeutungswandel des Wortes Demagog charakterisiert, der im Sprachbewußtsein aus einem Volksführer den mit allen Mitteln niedrigster Pöbelbeeinflussung arbeitenden Volksverführer gemacht hat. Da dem Griechen die Wahrheitsliebe, die wir doch wenigstens als ideales Postulat anerkennen, ebenso fehlte wie das moderne Ehrgefühl und es daher Begriffe wie »Ehrenbeleidigung« und »Wahrheitsbeweis« überhaupt nicht gab, war ein Mensch, der die Unvorsichtigkeit beging, öffentlich aufzutreten oder sich sonstwie bemerkbar zu machen, schon einfach durch diese Tatsache, einerlei ob er Gutes oder Zweifelhaftes wirkte, das natürliche und selbstverständliche Opfer der infamsten Beschimpfungen, Indiskretionen, Verleumdungen, zudem jeglicher Art privater und offizieller Schikane ausgesetzt und vor allem der raffinierten Beschmutzungstechnik der Komödie wehrlos preisgegeben, neben der unsere heutigen Pamphletschreiber, Revolverjournalisten und Schlüsseldichter völlig harmlos erscheinen. Der Ostrakismos , der jeden beliebigen Bürger durch Plebiszit verbannen konnte, war ausdrücklich nicht bloß gegen Staatsverbrecher und Gottesleugner (an sich schon zwei sehr dehnbare Begriffe), sondern ganz allgemein gegen »Hervorragende« gerichtet. Er hat denn auch eine sehr große Anzahl prominenter Griechen getroffen oder zur präventiven Flucht gezwungen, ob es nun siegreiche Lebensmenschen waren wie Alkibiades oder fruchtreiche Buchmenschen wie Aristoteles, glänzende Modedenker wie Protagoras oder stille Forschergrößen wie Anaxagoras. Goethe sagt einmal: »Nichts hat die Menschheit nötiger als Tüchtigkeit, und nichts vermag sie weniger zu ertragen.« Die Griechen, die in ihrer Kunst ein für allemal den Kanon des menschlichen Körpers aufgestellt haben, sind auch in dieser Frage des Kanons der menschlichen Seele vorbildlich gewesen. Sie haben auch diese Elementartatsache der menschlichen Natur klassisch ausgedrückt, die Stellung, die die Menschen zu jeder geistigen Überlegenheit einnehmen: »Wir brauchen dich, Genie, aber du bist uns lästig. Wir möchten deine Bildsäulen um keinen Preis entbehren, Phidias, aber eigentlich ist es eine Frechheit von dir, ein so großer Künstler zu sein, und von dir, Themistokles, ein so großer Feldherr zu sein, und von dir, Aristides, so gerecht zu sein, und von dir, Sokrates, so weise zu sein, denn das alles sind wir nicht, und wir, das Volk, die Masse, der Durchschnitt, die Gewöhnlichen sind doch eigentlich diejenigen, auf die es ankommt. Jede eurer Taten ist für uns eine Beleidigung, denn jede beweist uns aufs neue, daß in euch mehr Schönheit, Edelmut und Verstand ist als in uns allen zusammengenommen. Wir wissen recht wohl, daß wir ohne euch nicht auskommen könnten, aber das hindert uns nicht, daß wir in euch nichts anderes erblicken als ein notwendiges Übel, das wir nur genau so lange ertragen werden, als wir es ertragen müssen.« So dachten die Griechen, und so haben, wenn auch weniger klar und plastisch, alle Zeiten und alle Völker gedacht, insonderheit aber alle Demokratien. Das Leben im griechischen Staat muß für moderne Begriffe schlechtweg unerträglich gewesen sein; der Terror unter den Jakobinern oder im heutigen Rußland kann nur eine sehr abgeschwächte Vorstellung davon geben. Zunächst muß man bedenken, daß die Möglichkeit, durch Raub, Kriegsunglück oder Verschuldung Sklave zu werden, für jedermann bestand, wie es ja auch zwei so exzeptionellen Menschen wie Plato und Diogenes tatsächlich passiert ist. Aber auch der Freie war nichts weniger als frei, sondern befand sich unter der latenten Bedrohung eines launischen Pöbels und eines gierigen Sykophantentums sozusagen in einem andauernden Zustand der »Bewährungsfrist«. Was das Geistesleben anlangt, so gab es zwar keine staatliche Zensur, was vor allem den Niederträchtigkeiten der Komödie zugute kam, wohl aber eine unterirdische, die viel drückender und lähmender war: die Tradition, die sowohl dem Dichter wie dem bildenden Künstler in der Wahl der Formen und Stoffe die lästigsten Hemmungen auferlegte. Über dem Philosophen und Forscher aber schwebte die stete Gefahr der Anklage wegen Gottlosigkeit. Die drei bedeutendsten Denker des perikleischen Zeitalters, Sokrates, Protagoras und Anaxagoras, sind solchen Asebieprozessen zum Opfer gefallen, letzterer, weil er gelehrt hatte, die Sonne sei ein glühender Stein. Ein Berufspriestertum, das die Verfolgung derartiger Ketzereien zu seiner Lebensaufgabe gemacht hätte, bestand allerdings nicht, war aber auch nicht notwendig, weil ja der Staat, als eine durch und durch religiöse Institution, diese Funktion ausübte. Weshalb das Gerühme liberaler Historiker, daß die glücklichen Griechen keine Staatskirche gehabt hätten, sehr deplaciert ist: ihre Kirche, und zwar eine der abergläubischsten, unduldsamsten und herrschsüchtigsten, war ja der Staat; und übrigens besaßen sie im delphischen Orakel eine Einrichtung, die der Kirche sehr nahe kam. Die griechische Religiösität Ja sie haben sogar, freilich nur als anonyme Neben- und Unterströmung, eine Theologie besessen: die orphische, dionysische oder chthonische Religion, die lange Zeit nicht genügend beachtet worden ist, weil sie eben nicht orthodox war; sie muß, obschon ganz anders geartet, als eine der tiefsten Lebensäußerungen der griechischen Seele eine ähnliche Rolle gespielt haben wie die Mystik im Katholizismus, der Pietismus im Luthertum, die Prophetenreligion im israelitischen Glauben. Um 600 kam der thrakische Bakchos als »fremder Gott«, , zu den Griechen, die ihn Dionysos nannten; um 550 entstanden die orphischen Sekten, die sich von dem thrakischen Sänger Orpheus herleiteten; um 500 verkündete Pythagoras die orphische Weisheit, die über Heraklit und Empedokles bis zu Platon und Plotin das gesamte griechische Denken wie ein dunkler Schatten begleitet hat. Allen diesen Lehren ist ein asketischer und spiritualistischer Zug gemeinsam: der Gedanke, daß der Körper das Grab der Seele, die Erde nur die Vorbereitung auf ein höheres Leben sei und der Mensch durch »Vergottung«, die mystische Vereinigung mit der Gottheit, erlöst werden könne. Nur entfernt verwandt mit diesen Richtungen waren die eleusinischen Mysterien, die ihren Adepten bedeutend kompaktere Vorteile in Aussicht stellten: nämlich im Leben Reichtum und im Tode Befreiung vom Hades, der den Griechen, die an ihn glaubten und nicht glaubten wie an alles, was ihre Religion lehrte, besonders unangenehm war wegen seiner Finsternis und Stille und ja auch in der Tat zu ihrem irdischen Dasein in prallem Sonnenlicht und exzessivem Skandal einen sehr betrüblichen Kontrast bildete. In der orphischen Bewegung zeigen sich gewisse Ansätze zu einer echten Religiosität, obgleich ihre esoterische Lehre sicher nur auf eine kleine Elite beschränkt war. Was aber die olympische Religion anlangt, so war sie nichts als oberflächliches Fabulieren, leeres kultisches Zeremoniell, kindische Dämonen- und Gespensterfurcht und überhaupt au fond atheistisch. Es ist unbegreiflich, wie man den Griechen so oft und emphatisch eine besondere »Frömmigkeit« nachrühmen konnte. Allerdings ruhte das ganze Leben auf einer religiösen Basis, aber einer sehr dünnen und schwankenden. Die Verwaltung, die Justiz, der Krieg, der Handel, sogar die Erotik und die Geselligkeit, der Sport und das Theater: alles stand unter der Patronanz der Götter und hatte die Form einer Art permanenten Liturgie. Aber eben dies machte den Glauben bereits zu etwas Unernstem, Weltlichen und Irreligiösen. Und dazu kam, daß man an die eigenen Karikaturen von Göttern, die alle schon von Anfang an von Offenbach waren, gar nicht recht glaubte. Man hatte sehr deutlich das Gefühl, daß man sie selber erfunden hatte. Der berühmte Ausspruch Herodots, daß Homer und Hesiod den Griechen »erst gestern oder vorgestern« ihre Theogonie geschaffen und den Göttern »ihre Namen, Ämter und Würden so gut wie ihre Gestalt« verliehen hätten, ist in unserem Sinne atheistisch. Die Pythagoräer hingegen lehrten, Homer müsse in der Unterwelt büßen für die leichtfertigen Fabeln, die er verbreitet habe. Heraklit sagte von seinen Landsleuten: »sie beten zu Bildern, als ob jemand mit Häusern reden könnte.« Der Philosoph Xenophanes dichtete die Verse: »Wenn die Rinder und Löwen wie Menschen Hände besäßen malen könnten und Statuen bilden, so würden die Tiere Götter nach ihrem Bilde schaffen, die Götter der Pferde wären wie Pferde, die Götter der Ochsen wie Ochsen.« Dies sind drei Stimmen aus dem griechischen »Mittelalter«; seit Perikles aber wurde der Hohn auf die Götter oder der Zweifel an ihrem Dasein geradezu zur geistigen Mode. Protagoras stellte an die Spitze seiner Schrift » « den Satz: »Von den Göttern vermag ich nicht zu erforschen, ob sie sind oder ob sie nicht sind.« Als man Diogenes fragte, was im Himmel vorgehe, antwortete er: »ich war nicht oben.« Epikur tat über die Götter den vielkolportierten Ausspruch: »sie kümmern sich nicht um die Menschen, sonst wären sie nicht selig«; er leugnete jedoch, wie man schon aus dieser Bemerkung ersieht, ihre Existenz nicht und opferte ihnen sogar in den hergebrachten Formen, was um so merkwürdiger ist, als er einer der markantesten Vertreter des antiken Materialismus war. Eine ähnliche Auffassung vertrat die platonische Schule der sogenannten »neueren Akademie«: es sei ebensogut möglich, daß Götter seien als daß sie nicht seien, man solle daher beim Herkommen verharren und sie weiter verehren. Und dies war denn auch der spezifisch griechische Standpunkt der Gebildeten und eigentlich auch des Volks: weder ihr Dasein noch ihre Wirksamkeit ist erwiesen, aber »man kann nicht wissen«; es war ungefähr dieselbe Position, die heutzutage vielfach gegenüber den spiritistischen Phänomenen eingenommen wird. In der hellenistischen Zeit jedoch nahm der theologische Rationalismus zum Teil bereits Formen an, wie sie erst das neunzehnte Jahrhundert wieder zutage gefördert hat. Der David Friedrich Strauß des Altertums war Euhemeros, der lehrte, die Olympier seien verdiente Menschen der Urzeit gewesen, die man später vergöttlicht habe; und die Stoiker erklärten die gesamten Vorstellungen der Mythologie als Allegorisierungen von Naturkräften. Nur die Kehrseite des Euhemerismus war es, daß die Diadochen damit begannen, sich selber als Götter zu proklamieren; bereits Demetrios dem Städtebezwinger sangen die Athener ein Festlied, bei dem man nicht recht weiß, ob es ein Produkt des raffinierten Byzantinismus oder des naiven Zynismus ist: »Wie schön, daß die größten und liebsten Götter in der Stadt weilen! Jetzt bringt uns das Fest zugleich die Demeter und den Demetrios: sie kommt, um zu begehen die erhabenen Mysterien der Kore, und er ist da, fröhlich und schön und lachend, wie es dem Gotte geziemt! Heil dir, Sohn des gewaltigen Poseidon und der Aphrodite! Denn die übrigen Götter sind entweder weit fort oder haben keine Ohren oder sind nicht vorhanden oder kümmern sich keinen Pfifferling um uns, dich aber sehen wir, nicht von Holz oder Stein, sondern wirklich und bringen dir Verehrung!« Die Kritik der Dichter beschränkte sich zumeist auf den Vorwurf an die Götter, daß sie den ungerechten Weltlauf untätig mitansähen. Schon um die Mitte des sechsten Jahrhunderts fragt Theognis: »Wer wird noch Achtung vor den Göttern haben, wenn er sieht, wie der Frevler sich im Reichtum mästet, indes der Gerechte darbt und verdirbt?« Auch bei Aischylos, der noch von echtem Glauben erfüllt war, sagt Prometheus dem allmächtigen Zeus, der ihm ein ungerechter Tyrann ist, die furchtbarsten Dinge. Und warum muß der Titane so schrecklich leiden? Nur weil er »die Menschen allzusehr geliebt«. Was in dieser Tragödie zur erschütterndsten Darstellung gelangt, ist, bei aller konservativen Grundgesinnung, doch der Neid der Götter, der die Menschen gar nicht glücklich haben will . Noch deutlicher wird Sophokles, wenn er im »Ödipus« den Chor singen läßt: »Wie soll der Mensch in solcher Zeit die eigne Brust vor Frevelmut bewahren? Wenn solches Handeln Ehre bringt, was tanzen wir noch vor den Göttern?« Euripides aber ist bereits Sophist. Für ihn ist das Schicksal weder der Zorn noch die Liebe der Götter, weder Moira noch Familiendämon, sondern der Mensch selbst. Wollte man seine Weltanschauung in einen einzigen Satz zusammenfassen, so könnte man dafür den lapidaren Ausspruch wählen, der seinem Zeitgenossen Hippokrates, dem größten Arzt des Altertums, zugeschrieben wird: »Alles ist göttlich und alles ist menschlich.« Und im übrigen ist seine Ansicht: »Wenn Götter Sünde tun, so sind die Götter nicht.« Indem er aber auf die vom Menschen geschaffene und beherrschte Welt blickt, erfaßt ihn eine tiefe Resignation: »Wie es kommt, gleichen Sinns, nehm' ich die Gaben des Heute, nehm' ich die Gaben des Morgen hin. Glauben und Hoffen ist tot und verdüstert ist mir die Seele.« Der griechische Pessimismus Dies führt uns zur Frage des griechischen »Pessimismus«. Es finden sich im hellenischen Volkscharakter zwei scheinbar ganz disparate Elemente: das eine ist eine »Heiterkeit«, spielerische Leichtfertigkeit und sinnentrunkene Diesseitigkeit, die bereits den Völkern des Altertums auffiel (sie findet schon in der Grußform »chaire« , freue dich, ihren Ausdruck, während dem Römer, der »vale« und »salve« sagte, offenbar Stärke und Gesundheit das Wichtigste waren); das andere ist eine herbe Melancholie und Skepsis, die sich nicht bloß dialektisch und poetisch äußerte, sondern von ihnen gelebt wurde, indem sie ihr ganzes Dasein wie eine zarte Farbe oder Essenz imprägnierte. Beides hatte seine Wurzel in ihrem resoluten Wirklichkeitssinn. Sie lebten fast ganz in dieser Welt (das Jenseits ist für sie ein verschwommenes und im Grunde unwirkliches Schattenreich, und die orphische Predigt von der Fleischabtötung und Seelenwanderung wirkt innerhalb der griechischen Gesamtkultur mehr wie eine artfremde Pikanterie) und daher genossen sie mit vollen Zügen die gegebene Realität; aber als scharfe praktische Beobachter durchschauten sie auch die Leiden und Unvollkommenheiten des Daseins mit völlig illusionslosen Blicken. Sie waren Empiriker und daher Pessimisten. Sie wußten, was das Leben ist: eine sehr strapaziöse, unberechenbare, wenig dankbare Angelegenheit. Außerdem aber waren sie gänzlich unernste, nämlich künstlerische Menschen, und daher hatte weder ihr weltbejahender Realismus jene brutale Kompaktheit, langweilige Gegenständlichkeit und bleierne Banalität, die er später bei den Römern erhielt, noch ihr weltanklagender Pessimismus jene metaphysische, die Seele in ihrem Letzten und Tiefsten ergreifende Gewalt, die er bei den Indern besaß. Die traurige Weisheit, daß das » «, das Niemalsgeborenwerden das beste sei, geht in zahlreichen geistvollen Variationen durch das ganze griechische Denken. Schon in der Ilias wird gesagt, daß es unter allem, was atmet und sich bewegt, nichts Elenderes gebe als den Menschen; Heraklit sagt tiefsinnig von der Zeit, sie sei ein spielendes, sich im Brettspiel übendes Kind; »und dieses Kind hat die Königsgewalt«; Thales erklärte, er bleibe unverehelicht »aus Kinderliebe«. Selbst dem überlegen lächelnden Sokrates entringt sich im »Gorgias« der Ausruf: » , das Leben ist schrecklich!« Mehr naturwissenschaftlich drückt sich Aristoteles aus: »Was ist der Mensch? Ein Denkmal der Schwäche, eine Beute des Augenblicks, ein Spiel des Zufalls; der Rest ist Schleim und Galle.« Menander sagt: »Am glücklichsten ist, wer früh den Jahrmarkt des Lebens verläßt«, und ein andermal: »Wenn ein Gott dir nach dem Tode ein neues Leben verspräche, so solltest du dir wünschen, lieber alles andere, selbst ein Esel zu werden, nur nicht wieder ein Mensch.« Sein Zeitgenosse war der Philosoph Hegesias, der durch seine Vorträge zahlreiche Menschen zum Selbstmord überredet haben soll, weshalb er den Beinamen erhielt. Es gab von ihm über diesen Gegenstand auch eine Schrift, die den Titel » « führte; und es ist sehr bezeichnend, daß dieses Wort ein allgemein geläufiger griechischer Fachausdruck war, der sich im Deutschen nur durch einen ganzen Satz wiedergeben läßt: »der das Leben nicht mehr aushält und sich daher durch Hunger tötet«. Aber schon bei Homer findet sich auch das Gegengewicht genannt, das der Grieche in die Schicksalswaage zu werfen hatte. Zu Odysseus sagt Alkinoos: »Sag uns doch, warum du so weinst und im Herzen so trauerst, wenn du vernimmst, welch Los die Argeier in Troja betroffen. Denn es war ja das Werk der Götter; sie spannen den Menschen dieses Verderben, damit es lebe im Liede der Nachwelt.« Und Anaxagoras sagt, das Geborenwerden sei dem Nichtgeborenwerden vorzuziehen, schon damit man den Himmel erblicke und die ganze Ordnung des Weltgebäudes. Die Lust des Gestaltens und Betrachtens, des Singens und Erkennens, die die Griechen besser kannten als irgendein anderes Volk, wiegt alle Leiden des Daseins auf. Ein Verderben, das zum Lied werden kann, ist keines mehr; und eine Welt, die sich schauen läßt, kann nicht schlecht sein. Der griechische Idealismus Ja, die Griechen waren »Idealisten«, aber in einem ganz besonderen, vom modernen sehr verschiedenen Sinne, den vielleicht nur Goethe verstand und doch auch wieder mißverstand, indem er diesen Zug zum alleinherrschenden machte. Wir haben in einem der früheren Kapitel darzulegen versucht, daß jeder Franzose ein geborener Cartesianer ist; in demselben Sinne könnte man sagen, daß jeder Grieche ein geborener Platoniker war. In der platonischen Anschauung sind die Ideen die unsterblichen , die Urbilder und Musterbilder, nach denen die irdischen Erscheinungen als , als Nachahmungen und Abbilder geformt sind. Was uns als die »Schönheit« eines Gegenstandes so sehr ergreift, ist die , die dunkle Erinnerung unserer Seele an sein ewiges Urbild, das sie vor ihrer Geburt erschaut hat. Die Ideen sind also etwas ganz anderes als die Begriffe: zu ihrer Erkenntnis oder vielmehr Ahnung gelangen wir nicht durch Abstraktion, sondern durch Intuition. Etwas abweichend, aber im Wesen doch ähnlich faßt der zweiteinflußreichste griechische Denker, Aristoteles, den Sachverhalt auf. Für ihn ist die Form, , im wesentlichen identisch mit dem Eidos , der Idee, und die Hyle oder Materie die , die Möglichkeit der Form, die Form die , die Verwirklichung der Materie. Hyle heißt eigentlich Bauholz, Rohstoff, und an der Tätigkeit des Zimmermanns erläutert auch Aristoteles die Bedeutung des Eidos: dieses ist der Begriff des Hauses. Die Form ist also früher da; sie erzeugt das Haus. Aristoteles erklärt ganz ausdrücklich, die Idee, das Allgemeine sei , in Wirklichkeit das Erste, das Einzelne nur , für uns das Erste. Gemeinsam ist Plato und Aristoteles die Überzeugung von der Priorität der Idee. Sie ist das klassische Modell jedes Dings, das, was die Natur eigentlich will, aber nie vollkommen erreicht; sie ist, zumal bei Plato, etwas vollkommen Konkretes. Wir erinnern uns aus dem vorigen Kapitel, daß Goethe bei der »Urpflanze« eine ähnliche Konzeption vorschwebte. Der Kanon des schönen Menschen, wie ihn die Griechen in ihrer Skulptur gestalteten, entsprach gewissermaßen der Urpflanze. Ganz ebenso empfanden sie in ihrer tragischen Kunst. Nietzsche sagt in der »Geburt der Tragödie«: »es hat ich weiß nicht wer behauptet, daß alle Individuen als Individuen komisch und damit untragisch seien: woraus zu entnehmen wäre, daß die Griechen überhaupt Individuen auf der tragischen Bühne nicht ertragen konnten «. Eine Theaterkunst, die individualisiert, die mehr gestaltet als die Idee, die Maske in jederlei Sinn, wäre ihnen nicht als eine höhere, sondern als eine lächerliche, unwürdige und blasphemische erschienen. Denn hierzu kam noch die religiöse Grundlage, auf der die Bühne ruhte. Alfred Baeumler sagt in seiner außerordentlich tief dringenden, vielfach ganz neuartige Aspekte eröffnenden Einleitung zur Auswahl aus Bachofen: »Jeder Gedanke an die Erscheinungen des täglichen Lebens muß versunken sein, wenn man Agamemnon, Orest, Oedipus, Ajas, Antigone wirklich verstehen will. Es sind in der Tat Schatten , die auf der tragischen Bühne vor uns aufsteigen. Diese Helden sind nicht von der Gasse geholt, sondern aus dem Grabe beschworen. ... Alle Empirie, jeder Gedanke an Realismus liegt unendlich fern. Die Darstellungsform der griechischen Tragödie ist nicht allein durch die gewiß vorhandene Vorstellung einer wirklichen Überlebensgröße der Helden der Vorzeit zu erklären, sondern in noch höherem Maße durch die heilige Scheu vor den Toten bestimmt.« Wir verstehen nun: da die tragischen Helden aus dem Grabe kamen, konnten sie nicht nach moderner Art »lebendig geschildert« sein, da sie den Inhalt einer religiösen Zeremonie bildeten, konnten sie nur als allgemeine Symbole gefaßt sein. Und in diesem Zusammenhang erklärt sich auch die Abkehr von der alten Typenkunst zur »Psychologie« und Charakterzeichnung, wie sie in Euripides zutage tritt, als Phänomen der Irreligiosität und dramatisches Gegenstück zur zersetzenden Dialektik des Protagoras und zur Mysterienverhöhnung des Alkibiades. Die Griechen besaßen, was sowohl mit ihrem Platonismus wie mit ihrer Musikalität zusammenhängt, einen angeborenen Blick für die Geometrie der Dinge, ihre Einteilung, Gliederung, Proportion, eine außergewöhnhche Gabe, in allem sogleich den geheimen Aufriß, Grundplan und Baustil, das innere Skelett, Schema und Diagramm zu erkennen. Sie waren eminent zeichnerisch veranlagt und, bei aller ihrer Nervosität, das Gegenteil von Impressionisten. Graphein heißt sowohl schreiben wie malen. Für Halbtöne, gedeckte Beleuchtung, allmähliche Farbenübergänge, feinere Schattenwirkungen hatten sie gar kein Auge und die Luftperspektive war ihnen vollkommen unbekannt, wie sich aus den erhaltenen Gemäldebeschreibungen und den poetischen Naturschilderungen mit Sicherheit schließen läßt. Sie waren schon durch die ganze Natur ihres Landes: die kristallene Helle und Klarheit seiner Luft, die scharfe Profilierung seiner Gebirge, die reiche und kräftige Gliederung seiner Küsten auf diesen ausgeprägten Konturismus hingewiesen. In Athen ist die Sonne nur an durchschnittlich 25 Tagen im Jahre umwölkt. Bei Homer vollzieht sich alles im hellsten Tagesglanz. Die Nacht aber war dem Griechen das Verhaßteste, was er kannte. Für die Poesie des Nebeltags, der Herbststimmung, der Abenddämmerung, des Mondscheins, die im modernen Gefühlsleben eine so große Rolle spielt, hatte er kein Organ. Und zudem verlebte er den ganzen Tag im Freien. Die griechische Landschaft muß man zu allem, was er tat und schuf, stillschweigend hinzuaddieren: zu seinen Dramen und Tempeln, Gefäßen und Bildwerken, Reden und Liedern, Symposien und Agonen, wie auch er sie stets dazunahm, instinktiv oder bewußt, und alles stilvoll in sie hineinkomponierte. Das Volk der Mitte Dazu kam nun noch, daß bei den Griechen alle Verhältnisse und Dimensionen etwas Einfaches, Übersichtliches und Faßbares und darum Begrenztes, Klares und Gefaßtes hatten. Die vorhandene Kultur ließ sich noch als Ganzes überschauen, zusammenschauen. Die künstlerische und wissenschaftliche Tradition war nicht alt und nicht umfangreich. Der Kreis der Erfahrung umspannte kaum ein Dutzend Generationen; zwei Gegenküsten und ein dazwischenliegendes Meer, das, von Inselbrücken durchsetzt und im Süden durch Kreta abgeriegelt, fast den Charakter eines großen Binnensees besaß; einen einheitlichen Vegetations- und Tierkreis. Auf der heimatlichen Halbinsel hatten die Landengen und starken Bergzüge noch kleinere Zentren geschaffen; und überhaupt bedingte die Langsamkeit, Schwierigkeit und Gefährlichkeit des Reisens und die mißtrauische Abgeschlossenheit der antiken Völker von vornherein eine gewisse Beschränktheit des Horizonts. Es war bei ihnen alles konkret im eigentlichen Sinne des Wortes: zusammengewachsen, auf den geringsten Raum konzentriert, in die kleinstmögliche Form gepreßt; und dies ermöglichte ihnen, in allen ihren Lebensäußerungen plastisch, anschaulich, künstlerisch zu sein. Umgekehrt ist es heute fast unmöglich, Künstler zu sein. Es ist kein Zufall, daß die stärksten poetischen Emanationen der letzten fünfzig Jahre aus der physischen Enge Skandinaviens und der geistigen Enge Rußlands hervorgegangen sind. Auch der griechische Staatsbegriff war weder eine vage philosophische Idee, wie sie dem achtzehnten Jahrhundert vorschwebte, noch ein mit Riesenvölkern und ganzen Erdteilen operierender Pannationalismus und Imperialismus, wie ihn unsere Zeit propagiert, überhaupt kein Gegenstand komplizierter juristischer Raisonnements, wie sie die ganze Neuzeit und schon das Mittelalter und die römische Kaiserzeit liebte, sondern bedeutete ganz einfach die jeweilige Polis, ein sehr greifbares, handliches, gegenständliches Gebilde, nämlich eine kleine Stadt; eine fest umzirkte menschliche Niederlassung mit einem militärischen, einem religiösen, einem politischen und einem wirtschaftlichen Zentrum: einer Festung, einem Heiligtum, einer Agora, einem Hafen. An modernen Dimensionen gemessen, war Athen ein mäßig bedeutender Handelsplatz, Sparta ein Gebirgsdorf, Theben ein größerer Flecken und Olympia ein kleines Oberammergau. Diese Orte waren noch gerade ausgedehnt genug, um alle sozialen und geistigen Differenzierungen hervorbringen zu können, und klein genug, um die intimste Reibung und Wechselwirkung unter allen ihren Insassen entstehen zu lassen. Die Halbinsel, soweit sie griechisch war, hatte ungefähr den Flächenumfang des österreichischen Bundesstaats und die Einwohnerzahl Berlins. Die Entfernung des nördlichsten Punkts, des Olymp, vom südlichsten, dem Vorgebirge Tänaron, entsprach in der Luftlinie etwa der zwischen Berlin und Wien und kann heute mit dem Flugzeug in drei bis vier Stunden zurückgelegt werden. Auch die Griechen haben einen »Weltkrieg« gehabt: den Peloponnesischen, der aber, obgleich er fast ebenso lang gedauert hat wie der dreißigjährige, in Gang und Ziel sehr einfach und durchsichtig ist: Athen und Sparta in wechselvollem Kampf um die Halbinsel, während dieser, wie wir gesehen haben, einen unentwirrbaren Knäuel von überspitzter Diplomatie, verzwickten Truppenoperationen und hoffnungslos unverständlicher Territorialpolitik bildet: er ist keine religiöse, keine soziale, keine politische Bewegung, er ist ganz einfach das Chaos. Die Griechen waren auch in ihrer äußeren Erscheinung, an den nordischen Völkern gemessen, eher klein, dafür aber äußerst proportioniert, und zwar infolge einer langen, mit größter Zähigkeit und Bewußtheit geübten Tradition der Körperkultur: auch ihre Leiber waren gewissermaßen Produkte einer höchstentwickelten kunstgewerblichen Technik, es war eben alles bei ihnen gut gebaut. Ihre Lebensweise war einfach, fast dürftig. Ein paar geschmackvolle Tongefäße und feingeschnitzte Holztruhen genügten ihrem Luxusbedürfnis; einige Fische und Salzkuchen, Feigen und Oliven bildeten ihre normale Mahlzeit; auf drei Teile Wasser zwei Teile Wein zu mischen, galt schon als Exzeß. Es waltete in diesen Dingen dieselbe, nicht aus moralischen, sondern aus ästhetischen Motiven fließende Sparsamkeit, die sich auch in der Verwendung ihrer Architekturformen und poetischen Motive, ihres Begriffsschatzes und Bildervorrats offenbart. Es findet sich bei ihnen nirgends die moderne Undeutlichkeit und Überdeutlichkeit , die aus dem Zuviel stammt. Auch ihre panhellenischen Feste und Spiele, die keine Monstreproduktionen und zudem selten waren, hatten nicht den unkünstlerischen und plebejischen Plakatstil, den heutzutage jede öffentliche Veranstaltung mit Notwendigkeit trägt. Diese eigentümliche Sobrietät ist vielleicht das Zentralphänomen der griechischen Kultur, und ein seither nie wieder erschienenes. Die griechische Einfachheit, im achtzehnten Jahrhundert als »Einfalt«, Würde, Seelenreinheit mißverstanden, in Wirklichkeit nichts andres als geringere Differenziertheit des Lebensgefühls und sichere Umgrenztheit des Gesichtskreises, erzeugte die starken, klaren, ungebrochenen Linien der griechischen Lebensform. Sie waren recht eigentlich das Volk der Mitte . Und so reduziert sich ihre vielgerühmte Besonnenheit, Selbstzucht und Maßliebe einfach darauf, daß sie in allem von wohltuend mittlerem Format, angemessener und natürlicher Lebensgröße waren. Daß aber Winckelmann mit seiner Erfindung des harmonischen Griechen einen so ungeheuern Erfolg hatte, kam daher, daß, wie dies für große historische Wirkungen immer die notwendige Voraussetzung ist, eine starke Persönlichkeit und ein starkes Zeitbedürfnis zusammentrafen. Im übrigen haben wir schon im ersten Buch, im Kapitel über die Reformation, kurz darauf hingewiesen, daß er, weit entfernt, der Initiator einer neuen Zeit zu sein, vielmehr der abschließende Typus einer dahinsinkenden war: nämlich der letzte große Humanist, wie Luther der letzte große Mönch und Bismarck der letzte große Junker gewesen ist. Der letzte Humanist Winckelmann ist schon allein dadurch merkwürdig, daß er einer der fertigsten Menschen war, die jemals produktiv geworden sind, während man doch für gewöhnlich unter einer schöpferischen Persönlichkeit eine in steter Entwicklung begriffene, nie zum Abschluß gelangende, immer nur auf Widerruf sprechende zu verstehen pflegt. Er steht von Anfang an da wie eine seiner geliebten weißen Marmorstatuen: in kalten, reinen, eindeutigen Linien. Man kann sagen: er wußte alles, was er schließlich als letzte volle Frucht eines tiefdringenden, weitgespannten und wohlgeordneten Denkerlebens hervorbrachte, schon von vornherein, sozusagen ehe er es wirklich wußte, zu wissen ein wissenschaftliches Recht hatte. Man könnte vielleicht die These aufstellen, daß jede prononcierte Individualität immer nur eine einzige Altersstufe verkörpert, die sie ihr ganzes Leben hindurch festhält. Das große Publikum folgt einem ganz richtigen Instinkt, wenn es sich Schiller als ewigen Jüngling, Ludwig den Vierzehnten immer als Mann auf der Sonnenhöhe, Schopenhauer nur als alten Herrn vorzustellen pflegt. Der junge Schopenhauer, der alternde Schiller, der greise Louis Quatorze existieren eigentlich nicht in unserem Bewußtsein. Was nun Winckelmann anlangt, so war er sein ganzes Leben lang etwa fünfzig Jahre alt. Die Art, wie Winckelmann an die Kunst und ihre Geschichte herantrat, ist uns heute so vertraut (auch wenn wir nie eine Zeile von ihm gelesen haben), daß wir zumeist ganz vergessen, wie originell sie zu ihrer Zeit war. Winckelmann war, um es mit einem Wort zu sagen, der erste Archäolog in der legitimen Bedeutung des Begriffes: ein liebevoller Erforscher und Kenner des Altertums, dem sein ungeheures Wissen nicht Selbstzweck war, sondern ein Organ, in die Vergangenheit einzudringen. Kein Detail entging seinem Blick, wenn er es auch nicht immer richtig deutete, und er hielt sich auch nicht für zu gut, den Fragen der Handwerkstradition und Technik, die in der Kunst eine so große Rolle spielen, sein Interesse zuzuwenden. Wie er einerseits einer der ersten war, die in den alten Autoren den Schlüssel zum Verständnis der alten Bildwerke suchten, so war er andrerseits der überhaupt erste, der sich daran gewöhnte, ein antikes Kunstdenkmal zu lesen wie einen antiken Text: mit den Augen des mikroskopisch genauen, umsichtig prüfenden, vorsichtig kombinierenden Philologen. Darüber vergaß er aber niemals die großen Zusammenhänge: er betrachtet die Kunst als ein Gewächs, dessen Charakter von Boden, Klima, Pflege, Umgebung bestimmt wird, fast schon im Sinne der Taineschen Milieutheorie, und faßt ihre Geschichte als Ablauf einer typischen Entwicklungsreihe, die sich vom »älteren« Stil, der noch hart und eckig ist, über den »großen«, den eigentlich idealen und den »schönen«, fließenden und graziösen zum Stil des »Verfalls«, der Nachahmung und Künstelei bewegt. Dies alles brachte er in einer gesalzenen körnigen Sprache vor, die in ihrer edeln Schmucklosigkeit und markigen Bedeutungsschwere in der Tat an attische Prosa erinnerte und gegenüber der federnden Impulsivität und reizbaren Sprunghaftigkeit des nur um etwa ein Jahrzehnt jüngeren Lessing klassisch, nämlich völlig unimpressionistisch wirkt. Sein Hauptwerk, die »Geschichte der Kunst des Altertums«, ist ihrer äußeren Gestalt nach ein historisches Werk, in Wirklichkeit aber eine Ästhetik, die an der Hand der alten Bildwerke die moderne Kunst verwirft und die bedingungslose Rückkehr zur Antike fordert. Es gibt für Winckelmann eigentlich nur eine einzige Kunst: die Plastik, denn die Malerei läßt er nur gelten, soweit sie eine Art Bildhauerei ist, nämlich Umrißzeichnung, Kontur; diese ist die »Hauptabsicht des Künstlers«, »die Zeichnung bleibt beim Maler das erste, zweite und dritte Ding« und »Colorit, Licht und Schatten machen ein Gemälde nicht so schätzbar als der edle Contour«. Auch in der historischen Entwicklung bilden das wichtigste Moment die »Veränderungen in der Zeichnung«. Man muß allerdings diesen Kunstspartanismus, diese, wie man damals glaubte, dorische Vergötterung der reinen Linie, des reinen Weiß und des sparsamen Ornaments auch als zeitgemäßen Rückschlag gegen den entarteten und ausgelebten Barockstil begreifen. Im achtzehnten Jahrhundert erhoben nur sehr wenige ihre Stimme gegen diesen reaktionären und im Grunde unkünstlerischen Purismus, vor allem Herder, der empört fragte: »Ein Maler, und soll kein Maler sein? Bildsäulen drechseln soll er mit seinem Pinsel?« und Heinse, der dezidiert erklärte: »Das Zeichnen ist bloß ein notwendiges Übel, die Proportionen leicht zu finden, die Farbe ist das Ziel, Anfang und Ende der Kunst.« Lessing hingegen sprach sogar den Wunsch aus, die Kunst, mit Ölfarben zu malen, möchte lieber gar nicht erfunden sein, und Georg Forster formulierte in den »Ansichten vom Niederrhein« die allgemeine Meinung, als er ausrief: »Was ist Farbe gegen Form?« Die Ästhetik der Homosexualität Aber selbst in der Bildhauerei läßt Winckelmann nur die Darstellung der menschlichen Schönheit gelten, genauer gesagt: der männlichen. Wenn er von der Schönheit im allgemeinen redet, denkt er, bewußt oder unbewußt, immer nur an die männliche. Spricht er einmal von weiblicher, so sind es wiederum die knabenhaften Merkmale am weiblichen Körper, die er hervorhebt. Die Niederländer sind ihm schrecklich, zunächst wegen ihres Kolorismus, wahrscheinlich aber auch, weil eine so prononcierte Heterosexualität aus ihren Bildern spricht. Spezifisch weibliche Geschlechtscharaktere wie Busen oder Becken hebt er nie als schön hervor. Seine Veranlagung war nämlich offenbar homosexuell. Die Freundschaftsverhältnisse zu schön gestalteten jungen Männern, die er sein ganzes Leben lang pflegte, trugen einen ausgesprochenen Charakter von Verliebtheit; doch scheint er diese Beziehungen gleich Sokrates stets zu rein geistigen veredelt zu haben. Diese Anormalität seines Empfindens war höchstwahrscheinlich auch die Ursache seines tragischen Endes; denn nur durch sie läßt es sich erklären, daß er jenes ordinäre und ungebildete Subjekt, das ihn in Triest wegen einiger Schaumünzen ermordete, eines näheren Umgangs würdigte. Er machte übrigens aus seiner Eigenheit mit jener großartigen Freimütigkeit, die er von den Griechen gelernt hatte, niemals ein Geheimnis. So schrieb er zum Beispiel an einen Bekannten: »Sollten Sie glauben, daß ich könnte in ein Mädchen verliebt werden? Ich bin es in eine Tänzerin von zwölf Jahren, die ich auf dem Theater gesehen habe ... allein ich will nicht ungetreu werden« und ein andermal: »Ich habe niemals so hohe Schönheiten in dem schwachen Geschlecht als in dem unserigen gesehen. Was hat denn das Weib Schönes, was wir nicht auch haben? ... Hätte ich anders gedacht, wäre meine Abhandlung von der Schönheit nicht ausgefallen, wie sie gerathen ist.« Noch deutlicher äußert er sich über den Zusammenhang zwischen seiner Kunstanschauung und seiner Sexualität in den Worten: »Ich habe bemerkt, daß diejenigen, welche nur allein auf Schönheiten des weiblichen Geschlechts aufmerksam sind und durch Schönheiten in unserem Geschlecht wenig oder gar nicht gerührt werden, die Empfindung des Schönen in der Kunst nicht leicht eingeboren, allgemein und lebhaft haben.« Dies ist der psychologische Schlüssel für Winckelmanns Ästhetik, von ihm selbst gegeben. Das homosexuelle Auge sieht vorwiegend Kontur, Raumausfüllung, Umriß, Linienschönheit, Plastik. Das homosexuelle Auge ist ohne Empfindung für aufgelöste Form, verschwimmende Valeurs, rein malerische Eindrücke. Und so geht, bei Licht betrachtet, jene ganze fixe Idee des »Klassizismus« zurück auf die sexuelle Perversion eines deutschen Provinzantiquars. Mengs Wie Winckelmann über die gesamte moderne Kunst dachte, hat er an vielen Stellen seiner Schriften, am unmißverständlichsten aber in einem Brief an seinen Freund Uden ausgesprochen: »Die Neueren sind Esel gegen die Alten, von denen wir gleichwohl das Allerschönste nicht haben, und Bernini ist der größte Esel unter den Neueren.« Eine Ausnahme machte er nur mit seinem Freund Mengs, von dem er in seiner Kunstgeschichte sagt: »Der Inbegriff aller beschriebenen Schönheiten in den Figuren der Alten findet sich in den unsterblichen Werken des Herrn Anton Raphael Mengs, ersten Hofmalers der Könige von Spanien und Polen, des größten Künstlers seiner und vielleicht auch der folgenden Zeit. Er ist als ein Phönix gleichsam aus der Asche des ersten Raphael erweckt worden, um der Welt in der Kunst die Schönheit zu lehren und den höchsten Flug menschlicher Kräfte in derselben zu erreichen.« Mengs, der sich mit seiner Kunst auch in theoretischen Schriften eingehend befaßte, hieß der »Malerphilosoph« und wurde der Vater jener verstandesmäßigen, akademischen, »gebildeten« Malerei der Galeriekopisten, die jahrzehntelang in Europa geherrscht hat. Seine Doktrin bestand im wesentlichen darin, daß die Kunst der Natur überlegen sei, da sie sich ihre Materialien frei wählen könne und in ihren Hervorbringungen keinen Zufällen unterworfen sei, und daß sie daher alle Vollkommenheiten auf eine Gestalt vereinigen müsse: Einförmigkeit im Umrisse, Größe in der Gestalt, Freiheit in der Stellung, Schönheit in den Gliedern, Macht in der Brust, Leichtigkeit in den Beinen, Stärke in den Schultern und Armen, Aufrichtigkeit in Stirne und Augenbrauen, Vernunft zwischen den Augen, Gesundheit in den Backen, Lieblichkeit im Munde: »so haben die Alten gehandelt.« Der Maler hat also nichts andres zu tun als das Beste und Teuerste an Details zusammenzusuchen und auf einer Musterkarte zusammenzustellen. Wir haben im ersten Buch gesehen, daß bereits Raffael Santi eine ähnliche Theorie hatte wie sein Namensvetter, aber er war vor ihren verderblichsten Folgen durch sein Genie und seine Rasse geschützt; bei Raphael Mengs fielen jedoch diese beiden Hemmungen weg, um so mehr als er auch in der technischen Ausführung den leersten Eklektizismus für das Ideal erklärte, indem er die Vereinigung von Raffaels Linie, Tizians Farbe und Correggios Anmut mit der Einfachheit der Antike forderte, und so erstanden unter seinem Pinsel jene trostlos gelehrten und tödlich langweiligen Gruppengemälde, die, auch in der Komposition ganz äußerlich und unwahr nach der Art lebender Bilder behandelt, an Stelle menschlicher Wesen mittelmäßige Reproduktionen antiker Statuen vorführten. Das höchste aber war ihm die Allegorie, und auch darin war er nur der gelehrige Schüler Winckelmanns, der gesagt hatte: »die Wahrheit, so liebenswürdig sie an sich selbst ist, gefällt und macht einen stärkeren Eindruck, wenn sie in eine Fabel eingekleidet ist: was bei Kindern die Fabel im engsten Verstand, das ist die Allegorie im reiferen Alter ... je mehr Unerwartetes man in einem Gemälde entdeckt, desto rührender wird es, und beides erhält es durch die Allegorie« und vom Pinsel des Malers verlangte, er müsse »in Verstand getunkt« sein. Dieses Rezept hat Mengs denn auch in ausgiebigster Weise befolgt. Die Gräkomanie Die Gräkomanie setzte ungefähr mit den sechziger Jahren ein, erreichte aber erst nach einem Menschenalter den Charakter einer allgemein europäischen Epidemie. In England erzielten die beiden Maler James Stuart und Nicolas Revett mit ihrer Prachtpublikation der »antiquities of Athens« eine außerordentliche Wirkung. In Deutschland las der verdiente Göttinger Philologe Christian Gottlob Heyne seit 1767 über »Archäologie der Kunst des Altertums, insbesondere der Griechen und Römer«. Und ungefähr um dieselbe Zeit begann Wieland seine lange Serie von Romanen aus dem alten Hellas, von denen er selbst sagte, ihre Farben seien von Winckelmann geborgt: Lessing erklärte den »Agathon« für den ersten deutschen Roman von klassischem Geschmacke und Goethe erzählt in »Dichtung und Wahrheit«, im »Musarion« habe er das Antike lebendig und wieder neu zu sehen geglaubt. Auch Gluck ist ein Schüler Winckelmanns, nicht bloß in seiner Auffassung des Hellenentums, sondern auch in seiner Ornamentfeindlichkeit und seinem Konturismus: »ich beabsichtigte«, sagt er in der Vorrede zur »Alceste«, »die Musik ihrer wahren Aufgabe wiederzugeben: sie soll durch ihren Ausdruck der Poesie dienen, ohne die Handlung durch unnützen Überfluß an Ornamentik zu unterbrechen und abzuschwächen, und ich glaubte, daß sie ähnlich wie bei einer richtigen, gut angelegten Zeichnung die Farbe und der Gegensatz von Licht und Schatten die Gestalten zu beleben habe, ohne die Konturen zu verändern«. Unter der Hypnose der Winckelmannschen Theorien kam der junge hochbegabte Asmus Carstens auf den Gedanken, den Pinsel überhaupt fortzuwerfen und Gemälde ohne Farben zu malen, wie man sie bisher nur als Vorarbeiten verwendet hatte, »Kartons«, die, bloß mit Bleistift, Feder oder schwarzer Kreide angefertigt und höchstens leicht getönt, die vermeintliche Achromie der hellenischen Skulptur auch auf die zweidimensionale Bildnerkunst zu übertragen suchten und sich in der Tat ausnahmen wie in Papier ausgeführte Weißplastiken, wie er denn auch mit Vorliebe die Figuren, die er zu zeichnen beabsichtigte, vorher modellierte. Das Denkwürdige dieses Experiments besteht darin, daß Carstens und seine Zeitgenossen es nicht etwa als eine technische Spielerei oder Künstlerbizarrerie ansahen, sondern als einen legitimen und vollwertigen Ersatz des Gemäldes, der dazu bestimmt sei, dieses zu übertreffen und zu verdrängen. Im Porträt konnte man nicht so weit gehen, und die hochgefeierte Angelika Kauffmann, die anerkannt erste Künstlerin dieses Fachs, begnügte sich damit, ihre Auftraggeberinnen als Sibyllen, Bacchantinnen und Musen zu verkleiden. In Frankreich gelangte in den letzten Jahrzehnten des ancien régime ein streng antikisierender, gesucht einfacher, gradlinig mißvergnügter Stil zur Herrschaft, der dort Louis Seize hieß (obgleich er schon um 1760 aufkam) und sich über die anderen Länder als »Zopf« verbreitete. Ein Menschenalter lang arbeitete der Abbé Barthélémy an seinem Werk »Voyage du jeune Anacharsis en Grèce«, das 1788 erschien und zum erstenmal ein Gesamtbild des hellenischen Lebens entwarf. An die Stelle der turmhohen Coiffüren trat die Frisur » à la Diane «; das Meublement, der Schmuck, die Geräte, sogar die Schnupftabaksdosen: alles mußte » à la grecque « sein. Marie Antoinette spielte in Trianon Harfe, lorbeerbekränzt und in griechische Gewänder gehüllt. Bei den Soupers, die die berühmte Malerin Vigée-Lebrun gab, erschien sie selbst als Aspasia im Peplos, der Abbé Barthélémy als Rhapsode im Chiton, ein Herr von Cubières als Memnon mit goldener Leier; man lagerte auf Ruhebetten, trank aus Vasen und ließ sich von Knaben, die als Sklaven verkleidet waren, die Speisen servieren, die, wie ein Augenzeuge berichtet, »alle echt griechisch waren«. In den Gärten erblickte man allenthalben antike Toteninseln und Mausoleen, Aschenurnen und Opfergefäße, Tränenkrüge und Leichentücher. In dieser Hinneigung zu den Symbolen der Trauer und des Sterbens zeigt sich zugleich, daß in vielen eine dunkle Vorahnung der Zukunft lebte. »Rien« Ludwig der Sechzehnte, ein subalterner phlegmatischer Geist von kindlichem Umfang und Inhalt, gehörte nicht unter diese. Er interessierte sich nur für seine Schlosserarbeiten und die Jagd. Am 14. Juli 1789 hatte er nichts geschossen. Er schrieb daher in sein Tagebuch, das er mit großer Regelmäßigkeit führte: Rien . Diese Eintragung war einer von den vielen ebenso unschuldigen wie verhängnisvollen Irrtümern, aus denen sein ganzes Leben zusammengesetzt war. Denn an diesem Tage hatte der Pariser Pöbel die Bastille gestürmt, die sieben Gefangenen, von denen einer wegen Blödsinns, einer auf Ansuchen seiner Familie und vier wegen Fälschungen interniert waren, im Triumph befreit, die Köpfe der ermordeten Wachen auf Piken durch die Stadt getragen und die »Herrschaft des Volkes« proklamiert. Zum Herzog von Liancourt, der ihm noch in später Nacht diese Vorgänge meldete, bemerkte der König bestürzt und schlaftrunken: »Aber mein Gott, das ist ja eine Revolte!« »Nein, Sire«, erwiderte der Herzog, »das ist die Revolution.«   Drittes Kapitel Empire Jeder Mensch, der wirklich Bedeutendes im Leben leistet, beginnt als Revolutionär. Und doch haben Revolutionen noch niemals das Joch der Tyrannei abgeschüttelt, sie haben es bloß auf eine andere Schulter gewälzt. Shaw Die Fanale Längs jenem gespenstischen, bald wie durch ein zitterndes Flammenscheit spärlich erhellten, bald in völliger Dumpfheit und Dunkelheit begrabenen Riesenzuge närrischer Menschen, den wir Weltgeschichte nennen, läuft eine scharf erhellte Galerie klar ausgemeißelter, stolz profilierter Charakterfiguren, die, einsam und unbeweglich in ihren Nischen thronend, dem trüben Gewimmel unter ihnen scheinbar gänzlich fremd, dennoch die leuchtenden Fanale bilden, an denen man sich über den ganzen Massenstrom orientieren kann. Es sind die sogenannten großen Männer. Was ist ein großer Mann? Schwer zu beantwortende Frage; und noch schwerer zu beantwortende Frage: wie wird ein solcher Mann, von dem man paradoxerweise bloß auszusagen vermag, daß seine Definition die Undefinierbarkeit ist? Indes: schwer zu beantworten oder nicht: sie sind; das ist ganz unleugbar. Sie waren, sie werden sein. Es gibt wenig Gewißheiten, die so gewiß sind. Und statt dem Prozeß nachzugrübeln, durch den sie wurden, was sie sind, einem Prozeß, der niemals ganz ergründet werden kann, weil er unterirdisch verläuft, in den dunkeln Stollen der menschlichen Kollektivseele, wollen wir uns damit begnügen, sein Resultat zu konstatieren. Dieses Resultat ist klar und deutlich genug, obgleich es das seltsamste ist. Diese Menschen waren noch gestern dasselbe wie alle anderen: Individuen, Einzelgeschöpfe, Zellen im großen Organismus des Erdengeschlechts, Einheiten in der Millionensumme; und plötzlich sind sie eine ganze Gattung geworden, eine platonische Idee, ein neuentdecktes Element, eine neue Vokabel im Wörterbuch der Menschheit. Gestern noch gab es kein Aluminium, wußte niemand, was Aluminium sei; heute weiß es jeder, muß jeder davon wissen und von nun an mit diesem neuen Wort oder Zeichen namens Al rechnen; nichts ist so wirklich wie diese zwei Buchstaben Al . Durch einen ganz ähnlichen Prozeß wird ein Mensch in den Augen der anderen zum Genie. Ein Individuum ist über Nacht ein Begriff geworden! Das ist ein ebenso großes Mysterium wie die Geburt oder irgendein anderes Schöpfungswunder der Natur. Der grobe Intellekt des Durchschnittsmenschen mag noch so wenig von Begriffen wie Sokrates, Luther oder Caesar wissen, er mag von ihnen eine noch so einseitige oder schiefe Vorstellung besitzen: etwas weiß er doch von ihnen, irgendein Bild von ihnen trägt er in seinem Herzen, sie befinden sich im Schatz seiner Assoziationen so gut wie die Kennworte für seine täglichen Gebrauchsgegenstände. Weiß er denn von den anderen Dingen mehr? Er hat von den Begriffen Zucker oder Licht eine ebenso präzise und richtige Kenntnis wie von den Begriffen Shakespeare und Kant. Aber er gebraucht sie alle miteinander: reduziert, ungenau, falsch, und dennoch sind sie für ihn Mittel, sich in der Welt zurechtzufinden und ein wenig klüger zu werden. In dem Augenblick, wo eine Naturkraft ans Licht getreten, vom Bewußtsein der Menschen erkannt worden ist, findet sich auch ein Wort für sie, meist ein unzutreffendes, zufälliges, aber es handelt sich ja nicht um Worte. Man versuche aus dem Denkvermögen auch des einfachsten Menschen die Begriffe Elektrizität oder Bismarck zu streichen. Beides ist gleich unmöglich, er wird mit diesen Worten beinahe geboren, sie drängen sich ihm unwillkürlich auf die Lippen, sie sind da, weil die realen wahrhaften Dinge, die ihnen entsprechen, da sind. Wenn er diese Begriffe nicht hätte, so wäre er eines Bruchteils der Verständigungsmöglichkeit mit seinen Mitmenschen beraubt; er wäre ein partieller Taubstummer. Man kann daher recht wohl die Erklärung wagen: groß ist ein Mensch in dem Augenblick, wo er ein Begriff geworden ist. Die Zeit, von der wir reden, hat die menschliche Sprache um ein solches Begriffspaar bereichert: Goethe und Napoleon, das größte Genie des Betrachtern und das größte Genie des Handelns, das die moderne Welt hervorgebracht hat; der eine war, wie es Wieland einmal ausgedrückt hat, in der poetischen Welt dasselbe, was der andere in der politischen. Emerson rechnet sie unter seine sechs »Repräsentanten des Menschengeschlechts«: »Goethe or the writer«, »Napoleon or the man ofthe world« ; Carlyle führt sie unter seinen sechs Gruppen von »Helden«: Goethe ist der »hero as man of letters« , Napoleon der »hero as king« . Gemeinsam war ihnen, daß sie der Revolution, aus der sie hervorgewachsen waren, nicht treu geblieben sind: Napoleon durch seinen Cäsarismus, Goethe durch seinen Klassizismus, in welchen beiden Tendenzen jener Kulturkomplex beschlossen liegt, den man in weitestem Sinne als Empire bezeichnen kann. Daß sie diesen rückläufigen Weg nahmen, war aber wahrscheinlich unvermeidlich, denn, wie Goethe selber gesagt hat, »die größten Menschen hängen immer mit ihrem Jahrhundert durch eine Schwachheit zusammen«. Die Revolution Wenn von der Französischen Revolution gesprochen wird, so kann man zumeist hören, ihre große historische Bedeutung habe darin bestanden, daß sie die Befreiung Frankreichs und die Befreiung Europas bewirkte, indem sie die Gesellschaft von der Herrschaft des Absolutismus, der Kirche und der privilegierten Stände erlöste; von der Proklamation der »Menschenrechte« datiere die Ära der geistigen Unabhängigkeit, der bürgerlichen Selbstgesetzgebung, des ungebundenen wirtschaftlichen Wettbewerbs. So richtig es nun zweifellos ist, daß gewisse Emanzipationsbewegungen von der Pariser Revolution ausgelöst wurden, so ist doch die Ansicht, daß der Konstitutionalismus, der Liberalismus, der Sozialismus und alle ähnlichen politischen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts aus dieser einen Quelle entsprungen seien, in dieser schroffen Form vorgebracht, falsch und irreführend. Die Revolution hat den entscheidenden Sieg des Bürgertums bewirkt; aber nur am Anfang: später bewirkte sie den entscheidenden Sieg des Pöbels. Die Revolution hat den Absolutismus gestürzt; aber nicht für lange: er kehrte am 2. Juni 1793 wieder als Diktatur des Konvents und der Kommune, er wurde am 1. April 1794 sogar zur Diktatur eines Einzelnen, nämlich Robespierres, nicht formell, aber de facto, und er wurde es formell und de facto am 18. Brumaire durch den Staatsstreich Napoleons. Und ebensowenig hat die Revolution die alten Formen des Geburtskönigtums, der Adelsherrschaft, des Priesterregiments endgültig zerbrochen: diese totgesagten Mächte erlebten ihre Auferstehung zum Teil schon unter dem ersten Kaiserreich und fast restlos unter der Restauration Ludwigs des Achtzehnten und Karls des Zehnten. Die Gleichheit hat die Französische Revolution nicht gebracht; sie hat nur zu einer anderen, noch viel verwerflicheren Form der Ungleichheit geführt: der kapitalistischen. Die Freiheit hat die Französische Revolution nicht gebracht; sie übte dieselbe engherzige, grausame und selbstsüchtige Geisteszensur wie das ancien régime, nur diesmal im Namen der Freiheit und mit viel drakonischeren Mitteln. Sie fragte jedermann: bist du für die Freiheit?, und wenn er nicht eine ganz unzweideutige Auskunft gab, so antwortete sie nicht mehr mit lettres de cachet, sondern mit der Guillotine. Niemals vorher, weder unter türkischen Sultanen und arabischen Kalifen noch unter russischen Großfürsten und spanischen Inquisitoren, hat es eine solche Unfreiheit gegeben wie unter der »Verfassung der Freiheitsfreunde«, denn niemals vorher stand die Todesstrafe auf eine Reihe ganz passiver Eigenschaften wie Bildung, Reinlichkeit, Toleranz, Schweigsamkeit, ja auf die bloße Existenz. Von ihren drei Leitvokabeln: fraternité, liberté und egalité war die erste eine leere Opernphrase, mit der sich in der politischen Praxis nicht das geringste anfangen läßt; und die beiden anderen sind unvereinbare Gegensätze. Denn die Gleichheit vernichtet die Freiheit und die Freiheit vernichtet die Gleichheit. Wenn alle Menschen als identisch angesehen und infolgedessen denselben Rechten, Pflichten und Lebensformen unterworfen werden, so sind sie nicht mehr frei; und wenn alle sich ungehemmt nach ihren verschiedenen Individualitäten entfalten dürfen, so sind sie nicht mehr gleich. Gleichwohl bleibt der Französischen Revolution das große Verdienst, die Verbindung zwischen Staatsgewalt und Untertan, Regierung und Regierten sozusagen labiler gemacht zu haben. Die Vereinigung der beiden Partner, äußerlich noch dieselbe, ist durch sie viel lockerer geworden, viel leichter geneigt zu zerfallen; es genügte seitdem oft ein geringer Anstoß, um eine allgemeine Dissoziation hervorzurufen: die europäischen Staaten sind gleichsam ungesättigte Verbindungen geworden, von der Art gewisser Kohlenwasserstoffreihen, die eine »freie Radikalhand« besitzen. Diese freie Radikalhand bildet seitdem eine latente Bedrohung des Staatsgefüges, jederzeit bereit, neue Affinitäten einzugehen und dadurch den Charakter der bestehenden Bindung zu verändern oder zu zerstören. Die Nation der Extreme »Die französische Nation«, sagt Goethe, »ist eine Nation der Extreme; in nichts kennt sie Maß. Es ist die einzige Nation in der Welt, in deren Geschichte wir das Gemetzel der Sankt Bartholomäusnacht und das Fest der Vernunft finden; die Willkür Ludwigs des Vierzehnten und die Zügellosigkeit der Sansculotten.« Die beiden Extreme, zwischen denen die Seele Frankreichs hin und her geschleudert wird, heißen Pedanterie und Narrheit, und beide wurzeln in einundderselben Grundeigenschaft. Wollte man nämlich das französische Wesen auf einen kurzen und wohl auch verkürzten Ausdruck bringen, so könnte man sagen: es besteht in einem auffallenden Mangel an Sinn für Realität. Pedanterie und Narrheit sind keine Gegensätze, sondern nur verschiedene Grade desselben Verhältnisses zur Wirklichkeit. Der Pedant ist eine Art zahmer Narr und der Narr ist eine Art wildgewordener Pedant. Beiden gemeinsam ist eine einseitige, unvollständige und daher falsche Perspektive des Lebens. Sie nehmen sozusagen nur entgegengesetzte Plätze auf der Thermometerskala ein. Der Pedant befindet sich auf dem Gefrierpunkt, der Narr auf dem Siedepunkt. Man versuche einmal, den französischen Nationalcharakter in seinen wesentlichsten Lebensäußerungen vorurteilslos zu betrachten, und man wird finden, daß ein durchgehender Grundzug der Franzosen die Pedanterie ist, die sich freilich in den höchsten Schöpfungen des Volksgeists zur bewunderungswürdigsten Beherrschung der Form erhebt. Sie haben sich eine Sprache geschaffen, die ganz vorzüglich zum Reden und Schreiben geeignet ist; es ist eine Sprache, in der es unmöglich ist, sich schlecht auszudrücken: man hat nur die Wahl, ein korrektes und schönes Französisch zu schreiben oder ein gänzlich unverständliches, lächerliches und absurdes, also gar kein Französisch. Sie haben die klassische Tragödie hervorgebracht, in der es unmöglich ist, unklar, unübersichtlich, verworren zu dichten. Sie besitzen eine philosophische Terminologie, in der es unmöglich ist, unlogisch und dunkel zu denken. Sie sind die Erfinder einer bis ins kleinste zentralisierenden Verwaltung, ohne die die Revolution in ihren sämtlichen Stadien nicht denkbar gewesen wäre; denn nur dieses System hat es ermöglicht, daß jeder, der zufällig den Haupthebel der Maschine in der Hand hatte, der unbedingte Gebieter ganz Frankreichs war, so daß ein Land von fünfundzwanzig Millionen Bewohnern zuerst von einer völlig untätigen und regierungsunfähigen aristokratischen Oligarchie, dann von einer Handvoll hohlköpfiger juristischer Doktrinäre, gleich darauf von einer Rotte hysterischer Banditen, dann von einem Klüngel diebischer Geldmänner und schließlich von dem Gehirn und Willen eines genialen Konquistadors beherrscht wurde. Und auch in ihrer größten Zeit, unter Ludwig dem Vierzehnten, als sie nicht bloß die politische, sondern auch die geistige Vormacht Europas waren, haben sie nur pedantische Schöpfungen monumentalen Stils hervorgebracht: abgezirkelte Hofpoeme, Hofgemälde und Hofphilosophien. Methodik, Programmatik, Mathematik, System, Regel, clarté: das war immer die Hauptstärke des Franzosen, sehr im Gegensatz zum Deutschen, dessen Wesen das Brauende, Schweifende, Tastende, Zentrifugale ist. Aber eben dies ist der Grund seiner steten Entwicklungs- und Regenerationsfähigkeit: der Deutsche wird nie fertig; das ist seine Größe. Was wird nun geschehen, wenn die Pedanterie durch irgendwelche Umstände plötzlich auf die Wirklichkeit gestoßen und genötigt wird, sich mit ihr praktisch auseinanderzusetzen? Wird sie an der Realität, der Erfahrung ihr verkehrtes Weltbild korrigieren, ihre falschen Sentiments, ihre schiefen Begriffe, ihre unperspektivischen Bilder? Nein: vor die Wahl gestellt, wird sie lieber die Wirklichkeit vergewaltig en. Sie sagt sich nicht: ich habe ein falsches Thermometer, sie ändert nur den Thermometerstand. Auf diesem Punkt angelangt, schlägt der harmlose Pedant in den gefährlichen Narren um. So geschah es, daß dieser herrlich-schreckliche Leviathan in die Welt sprang, dieses wundervoll-grauenvolle Ungetüm, das sechs Jahre lang seinen blutigen Drachenleib durch das blühendste Land Europas wälzte, mit gierigen Pranken Tausende menschlicher Leiber und Wohnstätten zertrümmernd. Das Auflösungsschema Wir müssen aber doch die genauere Beantwortung der Frage versuchen, wie denn eigentlich eine solche Revolution entsteht? An sich betrachtet, gibt es ja kaum ein seltsameres, ja widersinnigeres Phänomen. Denn nichts ist im Menschen, auch im scheinbar »aufgeklärtesten«, fester verwurzelt als der Glaube an irgendwelche Autoritäten. Der Atheist hält eine Kirche für ein bloßes Klubhaus; aber würde es ihm jemals einfallen, dort, auch wenn es nicht verboten wäre, seine Zigarre zu rauchen? Und wenn einer von uns heute im Walde plötzlich dem Kaiser Wilhelm begegnete, würde er nicht ganz unwillkürlich tief den Hut ziehen? Unsere Erfahrung, unsere Logik, unsere Bildung kann sich über eine Menge »Vorurteile« hinwegsetzen, aber unsere Nerven, unsere Sinne, unsere Muskeln werden dennoch an den alten Vorstellungen festhalten: die Neuigkeit, möchte man sagen, hat sich noch nicht vom Gehirn zu den übrigen Körperteilen herumgesprochen; und es dauert oft Generationen, bis sie sich herumspricht. Wir glauben mit unserem Verstand von einer Menge von Dingen, daß wir sie nicht glauben, aber unser Organismus glaubt noch an sie; und er ist allemal der Stärkere. Wenn sich dies aber schon in den sogenannten denkenden Kreisen tagtäglich beobachten läßt, um wieviel mehr muß es beim Volk, das ganz in seinen Instinkten lebt, der Fall sein! Und in Frankreich lagen die Dinge noch ganz besonders ungünstig für eine so radikale Meinungsänderung, wie sie dort plötzlich gegen Ende des Jahrhunderts eintrat. Nie ist eine Monarchie anerkannter gewesen als die französische, nie das Recht des Herrschers, unumschränkt Millionen zu befehlen, unangezweifelter gewesen als in Frankreich. Kein römischer Imperator und ägyptischer Gottkönig, kein Perserschah und Tatarenkhan ist jemals von seiner absoluten Souveränität so überzeugt gewesen wie der »König der Franzosen«. Diese Überzeugung war jedoch kein Atavismus, keine leere Hofkonvention, kein Größenwahn, sondern wurzelte in den Überzeugungen des ganzen Volkes. Der König mochte seine Mängel, seine Leidenschaften, selbst seine Laster haben, er mochte Fehler auf Fehler häufen: man war dafür keineswegs blind, aber dies hinderte niemand, in ihm gleichwohl ein höheres Wesen zu erblicken, ein exterritoriales, ja extramundanes Geschöpf jenseits der menschlichen Gesetze und Urteilsmöglichkeiten, einen strahlenden Weltkörper, dessen Bahnen nach irdischen Maßstäben zu berechnen einfach eine Torheit wäre. Der Roi soleil glich vor allem darin der Sonne, daß seine Existenz ebenso selbstverständlich war: seine Flecken hätten nie jemand auf den Gedanken gebracht, ihn deshalb für entbehrlich oder gar für abschaffenswert zu halten. Und der bravste aller dieser Könige plötzlich unter begeisterter Zustimmung der Nation auf dem Schafott und jeder ein Hochverräter, der ihn anders nennt als Bürger Capet? Der unbeteiligte Zuschauer wird ziemlich stark zu der Ansicht gedrängt, daß das ruhmreiche französische Volk entweder vor oder nach der Französischen Revolution irrsinnig gewesen sein muß: entweder damals, als es einen guten dicken Mitbürger von mäßigen Geistesgaben wie ein göttliches Wesen verehrte, oder damals, als es die reinsten, tiefsten und hochherzigsten Gefühle seiner Vorfahren vergaß und in einem Anfall von Umnachtung sich an seinem Heiligsten vergriff. Das merkwürdige völkergeschichtliche Phänomen »Revolution« ist uns nun keineswegs etwa dadurch besonders klar geworden, daß wir es selber mitgemacht haben. Dies erscheint auf den ersten Blick befremdlich; ist aber im Grunde nur zu natürlich. Der Zeitgenosse sieht ein historisches Ereignis nie im Ganzen, immer nur in Stücken; er empfängt den Roman in lauter willkürlich abgeteilten Lieferungen, die unregelmäßig erscheinen und nicht selten ganz ausbleiben. Dazu kommt noch, daß die Entfernung bei der Zeitvorstellung eine andere Bedeutung hat als bei der Raumvorstellung, nämlich die umgekehrte: sie verkleinert nicht, sondern wirkt im Gegenteil wie ein Vergrößerungsglas. Hierdurch gewinnen Bewegungen, die wir aus einer gewissen Zeitdistanz betrachten, eine Deutlichkeit, die sie für die Mitlebenden nicht hatten; sie erscheinen uns allerdings auch weit schneller, als sie in Wirklichkeit waren, aber auch dies erleichtert ihr Verständnis. Wenn wir einen Wassertropfen durchs Mikroskop beobachten, so sehen wir darin eine Menge Tierchen mit erstaunlicher Geschwindigkeit umherschießen. Tatsächlich sind diese Geschöpfe gar nicht so agil, wie es den Anschein hat, sie bewegen sich sogar sehr langsam und träge. Aber da das Glas sie einige hundertmal vergrößert; so erscheinen auch ihre Bewegungen einige hundertmal schneller. Ähnlich verhält es sich mit der Geschichtsbetrachtung: je weiter eine Entwicklung zurückliegt, desto geschwinder scheint sie im Zeitmikroskop, das wir stets gratis mit uns führen, sich abzurollen. Die ägyptische Geschichte zum Beispiel kommt uns keineswegs länger vor als die preußische: wir haben den Eindruck von ein paar Herrscherreihen, die mit wechselndem Glück ihr Ländchen regierten. Und dennoch umfaßte sie mindestens das Zehnfache. Aber eben dadurch wird sie für uns zu einer handlichen, lichtvollen, leicht überschaubaren Sache. Hierin liegt der wahre Grund, warum wir von der Vergangenheit mehr verstehen als von der Gegenwart, nicht etwa darin, daß wir, wie so oft behauptet wird, in der Lage sind, eine geistige Distanz zu ihr zu nehmen und sie daher objektiver zu beurteilen; denn daß sie uns seelisch ferner steht, wäre ja eher ein Grund für uns, sie nicht zu verstehen. Wenn wir der gegenwärtigen europäischen Revolution ratlos gegenüberstehen, so können wir uns wenigstens damit trösten, daß die französische von den Zeitgenossen ebenfalls nicht kapiert wurde, auch von den gescheitesten nicht. Keiner hörte ihr Heranrollen, keiner spürte ihr unterirdisches Zittern. Friedrich der Große starb ganz kurz vor ihrem Ausbruch und sah sie nicht. Der berühmte Reisende Arthur Young, der eine Reihe der vorzüglichsten Beobachtungen über Frankreich und die Franzosen niedergelegt hat, verläßt Paris kurze Zeit nach der Einberufung der Reichsstände, spricht aber die Vermutung aus, daß die bevorstehende Umwälzung die Vorrechte des Adels und der Geistlichkeit vermehren werde; Wieland gibt im »Teutschen Merkur« der Hoffnung Ausdruck, daß etwa am Schluß des neunzehnten Jahrhunderts manches zur Wirklichkeit gediehen sein werde, »was am Schluß des achtzehnten mit gelindestem Namen als Träume eines radotierenden Weltbürgers bezeichnet werden könnte«. Wir haben gehört, wie idyllisch sich Voltaire die erhoffte Reform aller Zustände vorstellte. Auch Rousseau dachte keineswegs an gewaltsamen Umsturz. Bei der Beantwortung unserer Frage müssen wir, glaube ich, vor allem folgenden Grundsatz festhalten, der sich fast zu einem Axiom für jegliche Geschichtsforschung erheben läßt: wann ein bedeutendes historisches Ereignis begonnen hat, läßt sich fast niemals mit voller Genauigkeit feststellen; hingegen weiß man immer ziemlich sicher, wann es nicht begonnen hat: zu dem Zeitpunkt nämlich, den die Geschichte dafür ansetzt. So ist es zum Beispiel vollkommen ausgemacht, daß der Dreißigjährige Krieg nicht 1618, der Weltkrieg nicht 1914, die Reformation nicht 1517 ihren Anfang genommen hat: der Fenstersturz zu Prag, die Ermordung des österreichischen Thronfolgers, der Thesenanschlag in Wittenberg hatten in diesen drei Fällen ungefähr dieselbe Bedeutung, die die Lösung des Sperrhakens für eine arretierte Maschine, ein heftiger Stoß für ein Faß Nitroglyzerin, die Öffnung des Ventils für eine Lokomotive hat. Ein Eisenbahnzug erhält sich stundenlang in schnellster Fahrt, bringt große Lasten an Menschen und Gütern in ganz andere, weit entfernte Orte. Die wahre Ursache dieser bedeutenden Kraftleistung kann unmöglich darin zu suchen sein, daß aus einer Öffnung ein wenig Dampf ausströmt. Gleichwohl besteht aber ein ganz eigentümlicher Kausalzusammenhang: die Öffnung des Ventils ist die einzige Möglichkeit, alle die komplizierten und weitreichenden Bewegungen, die nun folgen, in Gang zu bringen, mit anderen Worten: die Lokomotive hat eine ganz bestimmte Struktur und diese Struktur bewirkt, daß der Mechanismus der Lokomotive nur auf eine ganz bestimmte Form der Auslösung reagiert. Und ebenso haben Revolutionen auch ihr fast immer gleichbleibendes, nur wenig variierendes Auslösungsschema . Dieses Schema ist ziemlich einfach, nämlich zweigliedrig: eine Revolution entsteht, wenn das Militär versagt, und das Militär versagt, wenn das Volk nichts zu essen hat. Dies ist, ohne alle Ideologie gesprochen, die unmittelbare Ursache fast aller Revolutionen. Demokratie und Freiheit In den Schulbüchern wird allerdings zumeist unstillbarer Freiheitsdurst des Volkes als Ursache der großen Umwälzungen angegeben. Dies ist aber sicher von allen falschen Gründen, die man wählen könnte, der falscheste. Das Volk will niemals die Freiheit, erstens, weil es gar keinen Begriff von ihr hat, und zweitens, weil es mit ihr gar nichts anzufangen wüßte. Die Freiheit hat nämlich nur für zwei Klassen von Menschen einen Wert: für die sogenannten privilegierten Stände und für den Philosophen. Die ersteren haben sich das Talent, Freiheit angenehm oder nutzbringend zu verwenden, durch ein generationenlanges Training mühsam erworben; der letztere hingegen hat die Freiheit immer und überall, in jeder Lebenslage und unter jeder Regierungsform. Die große Majorität der Menschheit jedoch, die weder durch Züchtung noch durch Philosophie in den Stand gesetzt ist, frei zu sein, würde der trostlosesten Langeweile verfallen, wenn sie nicht durch tausend Zwangsmaßregeln von sich selbst und ihrer inneren Leere abgelenkt würde. Man gebe einem Hafenarbeiter, einem Kommis, einem Turnlehrer oder einem Briefträger die volle Verfügung über seine Zeit und seine Person, und er wird trübsinnig oder zum Schurken werden. Und was noch viel wichtiger ist: man vergißt zumeist, daß die sogenannte freiheitlichere Regierungsform fast immer das einzelne Individuum unfreier macht. Unter dem Absolutismus des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts war der Bürger zu nahezu vollständiger Nullität verurteilt, hingegen spielte sich sein Privatleben in einer Behaglichkeit, Friedlichkeit und Unbehelligtheit ab, von der wir uns heute kaum mehr einen Begriff machen können; unter der konstitutionellen Monarchie des neunzehnten Jahrhunderts bekam er politische Rechte, aber zugleich die allgemeine Wehrpflicht: diese ist aber ganz zweifellos eine weit größere Sklaverei als irgendein Despotismus der früheren Zeit. Denn es gibt wohl kaum ein empfindlicheres Attentat auf die persönliche Freiheit als die Zumutung, sich drei Jahre lang den Befehlen von Personen zu fügen, die mit dem Verfügungsrecht und den Disziplinarmitteln von Kerkermeistern ausgerüstet sind, und auch während der folgenden Jahre immer wieder einige Wochen lang eine ungewohnte und aufreibende Zwangsarbeit zu leisten. Aber auch die konstitutionelle Monarchie pflegt im Laufe der Dinge noch freieren Staatsformen Platz zu machen: der Tyrann wird völlig abgeschafft und das Volk herrscht souverän. Dies hat jedoch fast immer zur Folge, daß das Leben, das bisher nur während der Militärzeit Zuchthauscharakter trug, nun in seiner Gänze zwangsläufig wird. Eine freie Volksregierung mischt sich schlechterdings in alles: sie bemißt die Zahl der Quadratmeter, die der Mensch bewohnen, und die Zahl der Bohnenkörner, die er verkochen darf; sie kontrolliert seinen Lichtverbrauch, seinen Stiefelbedarf, seine Fortbewegungsart und, wenn irgend möglich, auch seine Fortpflanzung, sie hat das eingestandene oder uneingestandene Ideal, aus der menschlichen Gesellschaft ein Internat zu machen: den schlagendsten Beweis liefert gerade die Jakobinerherrschaft. Keine Staatsform kann so viele Torheiten und Gewaltsamkeiten begehen wie die demokratische, denn nur sie hat die organische Überzeugung von ihrer Unfehlbarkeit, Heiligkeit und unbedingten Legitimität. Selbst der absoluteste Monarchismus hat hunderterlei Hemmungen: im persönlichen Verantwortlichkeitsbewußtsein des Regenten (das unter der Demokratie immer auf den unfaßbaren »Volkswillen« abgeschoben wird), in der Hofclique, der Kirche, den Ratgebern und Ministern, der »Nebenregierung«, die sich unvermeidlich um jeden Potentaten ankristallisiert; zudem wirkt in jedem Einzelherrscher die Furcht vor der theoretisch stets möglichen Absetzung. Aber die Regierung des »souveränen Volks« ist durch einen perfiden Zirkelschluß vor jeder Selbstbeschränkung geschützt, denn sie ist im Recht, weil sie der Kollektivwille ist, und sie ist der Kollektivwille, weil sie im Recht ist. Indes: wenn das Volk auch sehr wenig Empfindung für Freiheit hat, so besitzt es doch sehr viel Empfindung für Unrecht. Es genügt daher, wie wir ergänzend hinzufügen müssen, für den Ausbruch einer Revolution keineswegs, daß es nichts zu essen hat, es muß auch die Empfindung haben, daß es anders sein könnte. Kurz: zu jeder Revolution gehört, um sie komplett zu machen, ein Gedanke oder vielmehr, da die Masse ja eigentliche Gedanken nicht zu fassen vermag, das, was Weininger eine »Henide« genannt hat: das dumpfe, noch unartikulierte, mehr ahnungsmäßige Gefühl von einem Sachverhalt, das (etwa wie eine breite Borte oder Franse) halb unbewußt gewisse Eindrücke begleitet. Im Volk verbreitet sich also allemal vor einer Revolution eine Art Gedankenfranse von einer großen Ungerechtigkeit, einer Mißproportion und generellen Ungleichung in der Verteilung der gesellschaftlichen Lasten und Rechte: diese Welle kann jahre-, ja jahrhundertelang unterirdisch bleiben, aber kein Politiker soll darum glauben, sie werde nicht eines Tages dennoch an die Oberfläche brechen! Auch im geistigen und moralischen Leben gibt es so etwas wie eine Erhaltung der Energie: nichts geht verloren in unserem sittlichen Kosmos und kleine, fast unsichtbare Unrechtmäßigkeiten summieren sich gleich den mikroskopischen Kieselschalen zu Ungeheuern Riffen und Bergen, die das Antlitz der Erde verändern. Die Bourbonen waren ganz allmählich aus glänzenden Heldenkönigen glänzende Nichtstuer geworden, indem sie auf Kosten von Millionen gedrückter, freudloser, unterernährter Arbeitstiere aus ihrem Hof ein vergoldetes gläsernes Treibhaus gemacht hatten, das lediglich der Kultur einiger nutzloser, verkünstelter Luxuspflanzen diente. Das Volk schien das ganz in der Ordnung zu finden, aber eines Tages gab es einen Ungeheuern Ruck und das kostbare Glashaus zersplitterte in tausend Stücke. Die Habsburger hatten mitten in Europa jahrhundertelang eine Herrschaft aufrechterhalten, die an Willkür, Egoismus und Beschränktheit keinerlei Vorbild in der bisherigen Geschichte hatte und auf dem ebenso einfachen wie bequemen Grundsatz aufgebaut war, daß die einzige göttliche Bestimmung der Völker darin bestehe, regiert zu werden. Jahrhundertelang billigten die Völker scheinbar diesen Grundsatz, bis sie eines Tages einstimmig erklärten, er sei vollkommen falsch und unerträglich und kein göttlicher, sondern ein ganz infernalischer Grundsatz. Und so kann man denn sehr wohl sagen: eine jede Revolution hat ihre Geburtsstunde in dem Augenblick, wo irgendein öffentliches Unrecht in irgendeiner menschlichen Seele sich in Erkenntnis verwandelt; dieser erste Lichtstrahl verbreitet sich mit derselben Sicherheit und Unwiderstehlichkeit wie jedes andere irdische Licht, wenn auch mit viel geringerer Geschwindigkeit. Und so trägt denn auch jede Revolution in sich den Keim zur Gegenrevolution, wenn sie von der Bahn der Gerechtigkeit abirrt; das tut sie aber immer. Erst in dem Augenblick, wo die Menschen einsehen werden, daß das beste Geschäft, das sie auf Erden machen können, die Achtung vor den Interessen aller anderen Menschen ist: auf allen Lebensgebieten, öffentlichen wie privaten, geistigen wie praktischen, erst dann wird so etwas wie eine stabile Gesellschaftsform möglich sein. Ob diese dann nach rechts oder nach links orientiert, absolutistisch oder spartakistisch ist, wird ungefähr ebenso wichtig sein wie die Kopfbedeckungen und Eßbestecke, deren sich die Menschen unter ihr bedienen werden. Die Zauberlaterne Die Französische Revolution hat nun noch neben vielen einprägsamen Eigentümlichkeiten eine ganz besonders auffallende. Eine Revolution ist ja zumeist etwas sinnlos Zerstörendes, wild Animalisches, schaudererregend Häßliches: tote Pferde, zerschossene Häuser, geplünderte Läden, in die Luft gesprengte Brücken, verkohlte und zerfetzte Menschenleiber. Die Französische Revolution aber erscheint uns, obwohl grauenhaft, doch nicht häßlich: sie hat für uns etwas dämonisch Pittoreskes. Wodurch wird nun eine Revolution aus einem wütenden Chaos von Gier und Wahnwitz, das sie in ihrer leiblichen Erscheinung allemal ist, zu einem ästhetischen Phänomen? Dies hat, glauben wir, zwei Gründe. Zunächst einen allgemeinen. Alle Ereignisse, sobald sie einmal historisch geworden, das heißt: in eine entsprechende Entfernung gerückt sind, werden von uns bis zu einem gewissen Grade als künstlerische Erscheinungen gewertet. Nicht bloß, weil wir heute mit jener Uninteressiertheit auf sie bücken, die angeblich eine der Hauptvoraussetzungen jedes artistischen Genusses ist. Sondern wegen des verklärenden Charakters, den jede Distanz den Dingen verleiht. So paradox es im ersten Moment klingen mag: je ferner wir einer Sache stehen, desto tiefer wirkt sie auf uns, desto ästhetischer mutet sie uns an. Eine Pflanze erscheint uns poetischer als ein Tier, ein Kind poetischer als ein Erwachsener, ein Toter poetischer als ein Lebender. Und dasselbe gilt natürlich von der Vergangenheit. Schon unsere eigene Vergangenheit hat einen eigentümlich halbromantischen Charakter: wir denken an vergangene Erlebnisse, selbst wenn sie peinlich waren, immer mit einem gewissen Neid und finden, das Leben sei damals schöner gewesen. Das Erlebnis hat eben immer eine viel geringere Realität als die Fiktion. Die Ereignisse, die uns die Geschichte überliefert, sind berichtet, dargestellt, gedacht, sie sind in der Phantasie; jene, die wir als Zeitgenossen miterleben, sind bloß wirklich. Die ersteren kommen zu uns im Gewande der Dichtung und haben daher jene aromatische, berauschende, verwirrende Wirkung, die die Poesie immer und die Wirklichkeit nie hat. Wenn wir einen Vorgang miterleben, so schiebt sich zwischen die tiefen seelischen Eindrücke, die er machen könnte, immer die Fülle der alltäglichen Details und sprengt die Wirkung. Die Nähe ist zu groß, das Körperliche ist zu aufdringlich, wir können die Sache gewissermaßen anfassen. Die Illusion, die geheimnisvolle Fernwirkung ist zerstört. Das, was war , wirkt auf uns allemal tiefer als das, was ist . Dazu kommt aber noch eine Besonderheit der Französischen Revolution: sie besteht ganz einfach darin, daß diese Revolution französisch war. Der Franzose besitzt nämlich das paradoxe und mysteriöse Talent, aus allem: Gott, Liebe, Freiheit, Ruhm, Alltag ein Kolportagedrama, einen Saisonroman zu machen; er weiß allem ein gewisses ästhetisches Arrangement und eine gute wirkungsvolle Drapierung zu geben. Die imposante Ferozität der Instinkte, die damals frei wurden, bot übrigens an sich schon dem in Bücherstaub und Tabaksqualm grau dahindämmernden Europa ein blendendes Schauspiel: es wurde aus seinen trägen Nachmittagsempfindungen aufgeschreckt durch diese leuchtende Flammengarbe, die mit ihrem prachtvollen Farbenspiel den Himmel rötete. In seinem Bericht über die Konventssitzung vom 16. Januar 1793, die über den Tod des Königs abstimmte, macht Mercier die Bemerkung: »tout est optique« : ein merkwürdig aufschlußreicher Satz. Es scheint, daß diese ganze Französische Revolution auf viele wie ein gespenstisches Figurentheater, wie die Vorgänge in einer Zauberlaterne gewirkt hat. Diese geradezu magische Atmosphäre hat niemand packender und suggestiver nachgestaltet als Carlyle in seiner »French Revolution«, in der das seltsam Schattenartige, unheimlich Huschende, gewissermaßen Zweidimensionale und dabei Alpdruckhafte und Traumähnliche aller Ereignisse zu lebendigster Wirkung gelangt. Dazu kommt noch die wunderbare lateinische Formvollendung, in der sich alles abspielte. Die öffentlichen Äußerungen dieser wilden Rotte von Mördern und Irrsinnigen, ihre Reden, Pamphlete, Manifeste waren immer noch Kunstwerke, sie könnten ohne Änderung, höchstens mit ein paar Strichen, in jedes Theaterstück hinübergenommen werden. Zum Beispiel, wie Robespierre die Unverfrorenheit hat, dem Konvent im Gefühl seiner Allmacht zuzurufen: »Wer wagt mich anzuklagen?« und Louvet sich erhebt, langsam vier Schritte vortritt und, ihn scharf anblickend, erwidert: »Ich! Ich, Robespierre, klage dich an!« Oder Danton, der vor seiner Hinrichtung ausruft: »O mein geliebtes Weib, also muß ich dich allein zurücklassen!«, sich aber sofort unterbricht: »Pfui, Danton! Keine Schwäche, Danton!« Oder die berühmte Anklage von Camille Desmoulins gegen die Jakobinerherrschaft im »Vieux Cordelier«, die in ihrer prachtvollen Steigerung ein Paradestück für Kainz gewesen wäre (er gibt sich den Anschein, als ob er von den Zuständen unter den römischen Kaisern redete, meint aber natürlich die Gegenwart): »Zu jener Zeit wurden Worte zu Staatsverbrechen; von da bedurfte es nur noch eines Schrittes, um bloße Seufzer und Blicke in Verbrechen zu verwandeln. Bald wurde es für den Cremutius Cordus zu einem Verbrechen der Gegenrevolution, daß er Brutus und Cassius die letzten Römer genannt hatte, für den Mamercus Scaurus zu einem Verbrechen der Gegenrevolution, daß er tragische Szenen gedichtet hatte, denen man einen Doppelsinn beilegen konnte, für den Torquatus Silanus zu einem Verbrechen der Gegenrevolution, daß er Aufwand machte, für den Konsul Cassius Geminus, daß er über das Unglück der Zeit klagte, denn das hieß die Regierung anklagen, für einen Abkömmling des Cassius, daß er ein Bildnis seines Urgroßvaters im Hause hatte, für die Witwe des Gellius Furca, daß sie die Hinrichtung ihres Gatten beweint hatte. Alles erregte Argwohn beim Tyrannen. Genoß ein Bürger die Volksgunst? Er war ein Nebenbuhler des Fürsten. Verdächtig. Mied er dagegen die Volksgunst und blieb am Kamine sitzen? Dieses eingezogene Leben zeigte, daß er politisch indifferent war. Verdächtig. War einer reich? Das Volk konnte durch seine Spenden verführt werden. Verdächtig. War einer arm? Niemand ist so unternehmend wie der Besitzlose. Verdächtig. War einer von düsterem, melancholischem Wesen? Es betrübte ihn, daß es um die öffentlichen Angelegenheiten gut stand. Verdächtig. Machte sich einer gute Tage und verdarb sich den Magen? Es geschah aus Freude, weil der Fürst sich nicht wohlbefand. Verdächtig. War einer streng und tugendhaft in seinem Lebenswandel? Er wollte den Hof herabsetzen. Verdächtig. War einer Philosoph, Redner, Dichter? Er wollte einen größeren Ruf haben als die Regierung. Verdächtig. War einer siegreich als Feldherr? Er war nur um so gefährlicher durch sein Talent. Verdächtig, verdächtig, verdächtig.«   Vor dem Revolutionstribunal um Name, Alter und Adresse befragt, antwortet Danton: »Mein Alter ist fünfunddreißig, mein Name befindet sich im Pantheon der Weltgeschichte und meine Wohnung wird bald das Nichts sein.« Camilie Desmoulins antwortet: »Ich bin so alt wie der gute Sansculotte Jesus, für Revolutionäre ein gefährliches Alter.« Tatsächlich war er schon vierunddreißig, aber er retuschierte ein bißchen, dem Effekt zuliebe. Als sein Mitverurteilter Herault-Sechelles ihn auf dem Schafott umarmen will, sagt Danton, indem er auf den Sack weist, in dem sich die Köpfe der Guillotinierten befinden: »Dort, mein Freund, werden unsere Häupter sich küssen.« Das sind lauter sichere Aktschlüsse und scenes a faire , wie sie Dumas und Sardou in ihren besten Stunden kaum eingefallen sind. Die tragische Operette Dazwischen spielt viel rührselige Melodramatik. Der Maler David erklärt im Konvent: »Unter einer schönen Regierung gebiert die Frau ohne Schmerzen.« Der Konventskommissär Ferry apostrophiert in einem Zirkular die Bauern des ihm unterstellten Departements: »Ihr edeln Naturfreunde!« und schließt mit der Aufforderung: »Die guten Bürger werden hiermit eingeladen, dem ländlichen Feste der Ernte den sentimentalen Charakter zu verleihen, der ihm gebührt.« Die erste Nummer des »Mercure de France«, die nach den Septembermorden erschien, trug an ihrer Spitze eine Ode: »An die Manen meines Kanarienvogels.« Überhaupt: wenn man diese ewigen Freiheitsfeste und Umzüge größten Stils, diesen verschwenderischen Aufwand an geschmückter und lärmender Komparserie, an Versatzstücken, symbolischen Requisiten, Gips, Pappendeckel und Blech beobachtet, so scheint es fast, als sei die Revolution vom französischen Volk als eine Art tragische Operette konzipiert worden. Dies streift oft hart an die Grenze des Kitschigen. Eines Tages betritt die Nationalversammlung ein hundertzwanzigjähriger Landmann und gibt unter allgemeiner Rührung seinen republikanischen Gefühlen Ausdruck. Ein andermal erscheint Anacharsis Cloots, gefolgt von »Vertretern des Menschengeschlechts«, langbärtigen Chaldäern, bezopften Chinesen, gebräunten Äthiopiern, Türken, Tataren, Griechen, Mesopotamiern, die der Revolution ihren Gruß entbieten: in Wahrheit lauter guten Parisern in geschickter Verkleidung, geschminkten Statisten der Menschheitsverbrüderung. Am 10. August 1793, dem ersten Jahrestag der neuen Freiheit, findet ein allgemeines Fest statt, für das David eine ganze Kollektion von Riesenattrappen entworfen hat: die »Freiheit« mit kolossaler phrygischer Mütze, das »Volk«, einen enormen Herkules mit geschwungener Keule, die »Natur«, eine überlebensgroße Frauengestalt, aus deren Brüsten Wasser quillt. Gleichzeitig läßt man dreitausend Vögel in alle Windrichtungen fliegen, mit Zetteln um den Hals: »Wir sind frei, ahmt uns nach!« Selbst in ihren grauenhaftesten Handlungen behält die Revolution noch immer etwas vom französischen Esprit. Männer und Frauen werden zusammengebunden und ins Wasser geworfen, und das heißt »mariage républicain« , Kähne mit »abtrünnigen Geistlichen« werden versenkt, und das nennt man »vertikale Deportation«, ja schon ein Wort wie »septembriser« hat etwas Schlagendes, Prägnantes, Szientifisches. Es zeigt sich in allen diesen Dingen die durch jahrhundertelange Geistesschulung dem ganzen Volksbewußtsein anerzogene Kraft des klaren, gliedernden Gestaltens, des Wortes, das fast automatisch sich immer an die rechte Stelle drängt, der durchgebildeten künstlerischen Optik. Daneben geht, fort comme la mort, das Leben unbefangen weiter und der esprit gaulois läßt sich durch nichts seine gute Laune verderben. Während der Septembermorde spielten in Paris dreiundzwanzig Theater. Auch bei jener Nachtsitzung, in der über das Leben des Königs entschieden wird, geht es zu wie bei einer Theatervorstellung: »die Saalwärter in der Gegend des Berges«, sagt Mercier, »sind wie Logenwärter in der Oper«; die Herren traktieren die Damen mit Eis und Konfekt, diese haben Karte und Nadel bei sich und merken sich jedes Ja und Nein an; in allen benachbarten Kaffeehäusern sind Wetten im Gange. Der Herzog Philipp von Orléans, genannt » Égalité «, Urenkel des Regenten, Vater des späteren »Bürgerkönigs« Louis Philipp, vielleicht der größte Schurke, den die Revolutionszeit hervorgebracht hat, verzehrt vor seiner Hinrichtung ein Frühstück von zwei Dutzend Austern, zwei Kotelettes und einer Flasche Claret und begibt sich in sorgfältig nach der letzten Mode gewählter Toilette: grünem Frack, heller Piquéweste, gelber Hirschlederhose, neuen Stulpenstiefeln aufs Schafott. Nicht wenige Damen gebrauchten noch auf dem Wege zur Guillotine Schminkdose und Puderquaste. Kurz: ohne irgendwelche moralische oder auch nur politische Grundsätze betrachtet, stellt die grande révolution nichts anderes dar als den stärksten und vollkommensten Ausdruck, den das französische Volk in seiner ganzen Geschichte gefunden hat, jenes Volk, das so voll von Widersprüchen ist wie kaum ein zweites: so bejahend in seiner leidenschaftlichen Lebensfreude und so zerstörerisch in seinem dämonischen Nihilismus, so unveränderlich in seinem Grundcharakter und so unberechenbar in seinen einzelnen Lebensäußerungen, zelotisch und urban, heroisch und frivol, nüchtern und exaltiert, romantisch bis zum Unsinn und materialistisch bis zum Stumpfsinn; ein Volk, dem man alles erdenkliche Schlechte nachsagen kann: daß es albern, roh, beschränkt, eitel, boshaft, habgierig, ja oft teuflisch ist; nur eines nicht: daß es jemals langweilig war. Geschichte der Französischen Revolution Wir wollen uns jetzt in Kürze Gang und Hauptereignisse der Französischen Revolution ins Gedächtnis zurückrufen, um daran den Charakter dieser Bewegung etwas näher kennenzulernen. Ihre nächste Veranlassung war das ungeheure Defizit und der drohende Staatsbankerott. Die einzig mögliche Rettung wäre die Durchführung des Reformprogramms gewesen, das Turgot, ebenso bedeutend als Finanzminister wie als Nationalökonom, dem König vorgeschlagen hatte: Freiheit des Getreidehandels, Aufhebung der Zünfte und Innungen, gleichmäßige Verteilung der Bodensteuer auf alle Grundstücke. Aber er mußte seine Entlassung nehmen und verabschiedete sich vom König mit der Prophezeiung: »Das Schicksal der Könige, die von Höflingen beherrscht werden, ist das Karls des Ersten.« Frankreich zählte beim Ausbruch der Revolution etwa fünfundzwanzig Millionen Einwohner, unter denen sich einundzwanzig Millionen von Landbau ernährten, wenn dieser Ausdruck zulässig ist. Denn da sie allein die ganze Steuerlast tragen mußten, blieb ihnen so wenig, daß die Bodenkultur fast unrentabel wurde. Dazu brachte der Winter von 1788 auf 1789 noch infolge schlechter Ernte und hoher Kälte eine außergewöhnliche Teuerung. Angesichts der gemeinsamen Not des verschwenderischen Hofs und des darbenden Volks blieb schließlich nichts anderes übrig als die Reichsstände, die seit eindreiviertel Jahrhunderten nicht mehr zusammengetreten waren, zur Beratung geeigneter Reformen nach Versailles zu berufen. Sie begannen ihre Sitzungen am 5. Mai 1789; doch schon am 17. Juni erklärten sich die Vertreter des dritten Stands auf Antrag des Abbé Sieyés als alleinige Nationalversammlung, assemblée nationale , indem sie die beiden anderen Stände bloß zum Beitritt einluden. Dem Großzeremonienmeister de Brézé, der ihnen hierauf im Namen des Königs befahl, den Saal zu räumen, erwiderte Mirabeau: »Sagen Sie Ihrem Herrn, daß wir auf Befehl des Volkes hier sind und nur der Gewalt der Bajonette weichen werden.« Drei Tage später leisteten dieselben Abgeordneten im Ballspielhaus den Schwur, sich nicht zu trennen, ehe sie dem Lande eine Verfassung gegeben hätten. Damit war die Aufhebung der unumschränkten Monarchie und der Adelsherrschaft aber erst theoretisch zum Ausdruck gelangt. Der 14. Juli brachte dann den reellen Sieg des Volkes über Königtum und Aristokratie. An diesem Tage erfolgte die Einnahme und Zerstörung der Bastille, ein tumultuarischer Akt von bloß symbolischer Bedeutung, höchst wichtig aber dadurch, daß während seines Verlaufs die Leibgarde zum Volk überging und daß er für ganz Frankreich das Signal zur Erhebung bildete. Von nun an gibt es überall Nationalgarden als Organe der militärischen und Gemeinderäte als Zentren der politischen Macht des Volkes. Am 4. August, in der »Bartholomäusnacht der Mißbräuche«, beschließt die Nationalversammlung, die sich jetzt verfassunggebende Versammlung, assemblée nationale constituante nennt, die Abschaffung sämtlicher Feudalrechte, Gleichmäßigkeit der Besteuerung und Zulassung aller Bürger zu den öffentlichen Ämtern. Wenige Wochen später werden auf Antrag Lafayettes die »Menschenrechte« erklärt: allgemeine Gleichheit, persönliche Freiheit, Sicherheit des Eigentums, Widerstand gegen Unterdrückung, Volkssouveränität. Am 6. Oktober werden König und Nationalversammlung durch einen Aufstand des Pariser Pöbels gezwungen, nach Paris zu übersiedeln. Das Jahr 1790 bringt weitere Veränderungen: Abschaffung des Adels, Einsetzung von Geschworenengerichten und, nach Mirabeaus Devise: » il faut décatholiser la France «, Einziehung der Kirchengüter und bürgerliche Verfassung der Geistlichkeit, die den Eid auf die Konstitution ablegen muß. Im April 1791 beschließt der König, ins Ausland zu fliehen, wird aber in Varennes angehalten und zurückgebracht. Am 30. September beendet die Constituante ihre Tätigkeit, um sich am 1. Oktober in die gesetzgebende Versammlung, die assemblée nationale législative zu verwandeln: ihre beiden Hauptparteien sind die konstitutionell-monarchistischen Feuillants (so genannt nach dem Kloster der Feuillants, wo sie ihre Zusammenkünfte abzuhalten pflegten) und die bürgerlich-republikanischen Girondisten (deren prominenteste Mitglieder aus der Gironde stammten); die eigentliche politische Macht besitzen aber schon jetzt die außerparlamentarischen Klubs, vor allem die Jakobiner, und die Galerien, auf denen der Pöbel die Deputierten niederschreit und durch drohende Kundgebungen terrorisiert. Im April 1792 zwingen die Girondisten den König, den Krieg an Österreich zu erklären, das bereits seit längerem eine feindselige Haltung eingenommen hatte. Am 20. Juni dringt eine lärmende Volksmenge als »Prozession der schwarzen Hosen« in die Tuilerien, zieht aber wieder ab, nachdem sie den König, der am Fenster erscheint, gezwungen hat, sich mit der roten Mütze zu bekleiden; ein junger Offizier namens Buonaparte murmelt dazu in seiner Muttersprache: » che coglione ; was für ein Dummkopf!« Inzwischen hat Preußen mit Österreich eine Koalition geschlossen und der Oberbefehlshaber der vereinigten Truppen, der Herzog von Braunschweig, erläßt Ende Juli ein Manifest mit sehr unklugen Drohungen. Dieser Schritt, von dem man wußte, daß er vom König genehmigt sei, ist eine der Hauptursachen des zweiten Sturms auf die Tuilerien, der am 10. August erfolgt: die Schweizergarde, die das Schloß verteidigt, wird niedergemacht, der König suspendiert und als Gefangener in den Temple gebracht. In den darauffolgenden »Septembermorden« werden dreitausend internierte »Verdächtige« nach kurzem Verhör dem Mob ausgeliefert, der sie auf kannibalische Weise tötet. Durch diese Vorgänge sind die Feuillants ganz in den Hintergrund gedrängt worden, und im Konvent, der convention nationale , einem Parlament mit unumschränkter Vollmacht, das am 22. September an die Stelle der Legislative tritt, bilden die Girondisten die Rechte und die Mitglieder des »Bergs«, les montagnards , so genannt, weil sie die höheren Sitze einnahmen, die radikaldemokratische Linke. Die Hauptmacht ruht aber wiederum in den Händen eines außerparlamentarischen Organs, des »Wohlfahrtsausschusses«, der durch seine Befugnis, jeden Bürger in Anklagezustand zu versetzen, den Konvent in steter Furcht erhält. Inzwischen wächst die innere und äußere Bedrängnis. Schon im Herbst 1792 ist die Lebensmittelnot so groß, daß Santerre vorschlägt, jeder Bürger solle erstens zwei Tage in der Woche von Kartoffeln leben und zweitens seinen Hund hängen. Der Herzog von Braunschweig erobert die Festungen Longwy und Verdun: die Republik scheint verloren. Aber sie wird durch die Geschicklichkeit und Entschlossenheit des Generals Dumouriez gerettet, der die vier Ausgänge des Argonnerwaldes besetzt und damit Frankreich für den Feind abriegelt. Es kam, wie er an den Kriegsminister geschrieben hatte: »die Lager bei Grandpré und les Islettes sind die Thermopylen Frankreichs, aber ich -werde glücklicher sein als Leonidas.« Durch den welthistorischen Mißerfolg der Kanonade von Valmy, die an sich ein ganz unbedeutendes Treffen war, eine verheerende Ruhrepidemie, ungenügenden Proviantnachschub und andauernden Regen aus der Fassung gebracht, sehen die Alliierten sich gezwungen, den Rückzug anzutreten. Am 21. Januar 1793 wird Ludwig der Sechzehnte enthauptet. Dieses ganze Jahr hindurch ist » la terreur à l'ordre du jour «. Das Revolutionstribunal, ein außerordentlicher Gerichtshof ohne Geschworene und ohne Appellation, wütet gegen »Verdächtige« aus allen Gesellschaftsschichten. Ein royalistischer Aufstand in der Vendée wird nach dreivierteljährigem Kampfe blutig niedergeschlagen. Die Häupter der Girondisten werden am 2. Juni verhaftet und einige Monate später guillotiniert: damit ist der Sieg der Ochlokratie über den dritten Stand entschieden. Gegen Ende des Jahres beschließt der Konvent, den katholischen Gottesdienst durch den Kultus der Vernunft zu ersetzen. Dort gibt es jetzt nur noch die »Dantonisten«: die gemäßigten Radikalen, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, und die »Hébertisten«: die Ultrarevolutionären. Robespierre macht sich zum Sieger über beide, indem er zuerst die Hébertisten und zehn Tage später, am 3. April 1794 (oder vielmehr am 14. Germinal des Jahres 2, da inzwischen der style esclave dem republikanischen Kalender Platz gemacht hat) die Dantonisten aufs Schafott schickt. Die Revolution hat damit ihren Kulminationspunkt erreicht und tritt alsbald in eine rückläufige Bewegung. Robespierre wird am 27. Juli (9. Thermidor) gestürzt und am nächsten Tage hingerichtet, und im Konvent stehen sich jetzt wieder die beiden Fraktionen des Bergs als die Parteien der (radikalen) »Ausschüsse« und der (gemäßigten) »Thermidoristen« gegenüber. Am 20. Mai (1. Prairial) 1795 macht die völlige Niederlage eines Pöbelaufstands der Jakobinerherrschaft ein Ende. Die ausübende Gewalt wird einem fünfgliedrigen Direktorium übertragen, der Konvent löst sich auf. Damit ist der Mittelstand wieder ans Ruder gelangt und die »Terroristen« werden jetzt ebenso verfolgt wie vorher die »Aristokraten«: zwei gleich dehnbare Begriffe, unter die sich nach Maßgabe des Übelwollens fast jeder Bürger subsumieren läßt; nur tritt jetzt an die Stelle der Guillotine die Deportation. Inzwischen sind die Fluten der Revolution über die Grenzen Frankreichs hinausgetreten: Belgien und die Rheinlande werden erobert, geräumt und wiedererobert, Holland wird »befreit« und zur Batavischen Republik gemacht. Der Friede zu Basel im April 1795 verschafft Frankreich das linke Rheinufer. In demselben Jahre erschien Kants »philosophischer Entwurf« »Zum ewigen Frieden«, worin er die »Präliminarartikel« festsetzte, unter denen ein ewiger Völkerfriede zustande kommen soll und wird. Aber der Baseler Friedensschluß war nur der Auftakt zu einem zwanzigjährigen Weltkrieg. Mirabeau Die bedeutendste Persönlichkeit, die während der gemäßigten Phase der Revolution hervortrat, war der Graf Mirabeau. Mit seiner auffallend hochgewachsenen und breitschulterigen, gedunsenen und vierschrötigen Gestalt, seinem mächtigen blatternarbigen Kopf, den eine ungeheure Löwenmähne ungepuderten gelockten Haares krönte, und seinen riesigen Knöpfen und Schuhschnallen war er schon in seiner äußeren Erscheinung von einer eigentümlich befremdenden und imposanten Elefantiasis: »seine ganze Person«, sagt Madame de Staël, »war gleichsam die Verkörperung einer regel- und schrankenlosen Gewalt.« In seinem Antlitz lebten, nach den Worten Chateaubriands, Stolz, Laster und Genie. Sein Auge schleuderte Blitze, sein Mund Donnerschläge, seine Parlamentsreden waren Feuerbrände, Wolkenbrüche, Eruptionen, Schlachtensymphonien, dabei virtuos gegliedert, aufs feinste moduliert und von sparsamen, aber höchst effektvollen Gebärden begleitet. Wenn er wie ein gigantischer Felsblock im brandenden Meer der Begeisterung und Empörung stand, vermochte ihn weder Zuruf noch Widerspruch zu erschüttern. Louis Blanc sagt: »Es gab in der Nationalversammlung eine vierte Partei, diese Partei war ein Mann und dieser Mann war Mirabeau.« Er bildete jene Partei, die leider fast immer nur durch einen Mann vertreten ist: die des Könnens und Wissens, der Tüchtigkeit und Intelligenz. Auch er war kein wirkliches politisches Genie von der Art Friedrichs oder Bismarcks, Napoleons oder Cäsars, vielmehr bloß eine leidenschaftliche Naturkraft; aber wenn man die Französische Revolution so oft ein Elementarereignis genannt hat, so war er ein fruchtbares und sinnvolles und jene ein blindes, zielloses, dummes, das nur zu zerstören vermochte. Es ist immer ein Zeichen von schöpferischer Begabung, wenn ein Mensch die Fälligkeit besitzt, Gegebenheiten zu sehen und mit ihnen zu operieren. Ein solcher Mensch war Mirabeau. Alle anderen, von den hochgelehrten Girondisten bis zum viehischen Hébert, hatten eine »Theorie«; Mirabeau aber hat keine. Er ist geistreich und praktisch und steht daher über allen Parteien. Er war nichts Bestimmtes, folgt keiner Doktrin wie die Gebildeten und keinen Schlagworten wie die Massen. Er war für die Jakobiner, als sie keinen Krieg wollten, weil er sah, daß dieser nur den Sieg der Anarchie bedeuten würde; er war gegen die Jakobiner, als sie die radikale Demokratie forderten, weil er sah, daß diese ebenfalls zur Anarchie führen müsse; er war dagegen, daß der König sich nach Paris begebe, weil er wußte, daß er sich dadurch dem Volk in gefährlicher Weise ausliefern werde, und er war dagegen, daß er sich an die Grenze begebe, weil er wußte, daß er dadurch das Volk in gefährlicher Weise reizen werde; er donnerte in einem Atem gegen die Feudalen und die Republikaner, gegen die Klubs und die Emigranten: lauter scheinbar widersprechende Tendenzen, aber in Wahrheit alle einem einzigen großen Zweck dienend: der Verhütung des rettungslosen Chaos und der Aufrichtung einer modernen zeitgemäßen Monarchie, die in der Förderung des Nationalwohlstands und der öffentlichen Ordnung ihren Inhalt und ihre Legitimation erblickt. Er scheute sich sogar nicht, vom Hof große Geldsummen anzunehmen, und doch kann man ihn nicht bestochen nennen. Denn er wußte, daß sie ihn nicht um einen Zoll von seiner klar gezogenen Richtlinie abbringen würden. Er war überzeugter Monarchist, weil er überzeugter Franzose war. »Die guten Bürger, die das Land und die Nation kennen, wollen keine republikanische Verfassung. Sie fühlen, daß Frankreich seiner geographischen Beschaffenheit nach monarchisch ist.« Er meinte damit offenbar so etwas wie »seelengeographische Beschaffenheit«. Sein ganzes Programm ist in den Worten enthalten: »Ich will die Wiederherstellung der Ordnung, aber nicht die Wiederherstellung der alten Ordnung.« Er wollte den König an der Spitze der Revolution und mit dem Volk verbündet sehen zum gemeinsamen Siege über Feudalismus und Kirche. Da er sah, zu welchen hypertrophischen Formen die Bewegung drängte, empfahl er die Berufung der führenden Jakobiner ins Ministerium, was in der Tat die einzige Möglichkeit gewesen wäre, sie unschädlich zu machen. Leider starb er schon im April 1791, er hätte aber wohl auch bei einem längeren Leben den Gang der Dinge nicht aufhalten können, denn der König war viel zu entschlußschwach und geistesträge und zudem zu sehr unter dem Einfluß seiner törichten Gattin und der unbelehrbaren Hofpartei, als daß er sich ihm rückhaltlos anvertraut hätte. Die Kellerratte, der edle Brigant und der Oberlehrer Und nun entrollte sich jener glänzende Schundroman, der in Europa so viel Bewunderung und Entsetzen erregt hat. Seine drei Haupthelden sind: erstens Jean Paul Marat, eine tollgewordene Kellerratte, der das Versagen des öffentlichen Kanalisationssystems die Möglichkeit gibt, aus ihrer Latrine hervorzuschießen und alles wütend anzufressen, schmutzig, manisch, deformiert, luetisch und von einem unstillbaren Haß gegen alle erfüllt, die gewaschen, vollsinnig, nicht deformiert und nicht luetisch sind, der typische Vertreter des Gesindels der Revolution, der unterirdischen Existenzen, die aus Bordellkneipen und verfallenen Werkstätten, Waldwinkeln und Erdhöhlen plötzlich emportauchen; zweitens George Jacques Danton, eine Art »edler Brigant« und schlechte Karl- Moor-Kopie, wegen seines pockennarbigen Bulldoggenkopfs, seiner dröhnenden Stimme und seiner starken genußfreudigen Vitalität der »Mirabeau des Pöbels« genannt und in der Tat abwechselnd blutgierig und gutmütig, stumpf und intelligent wie ein ungezähmter Bullenbeißer; drittens Maximilian Robespierre, ein dämonisch gewordener Oberlehrer, der seine Tyrannei unter normalen Verhältnissen in Sittenpunkten entladen hätte und zu seiner Diktatur nichts mitbrachte als den konventionellen Verstand, die aufgeblasene Mittelschulbildung und die gute Leumundsnote eines mittelmäßigen Strebers: er war schon auf der Schule Primus und wäre zu jeder anderen Zeit und in jedem anderen Lande geworden, was ein Primus zu werden pflegt: Winkeladvokat, was er anfangs tatsächlich war, Magistratsbeamter, Buchhalter oder Polizeispion, und er wurde, was nur in jener Zeit und in jenem Lande ein Primus werden konnte: Autokrat des jakobinischen Frankreich. Die Herrschaft der Vernunft und der Tugend Die jakobinische Partei ist ein einziger großer Rousseau: verfolgungswahnsinnig und verfolgungswütig, fanatisch und pharisäisch, phrasenberauscht und doktrinär, schauspielernd und falsch sentimental; aber zu diesen trüben Phantasmagorien eines überhitzten Ressentiments gesellt sich jetzt als sehr wirkliche Realität die Guillotine. Ihr Beil traf schlechterdings alle, die ihm nicht durch Zufall entgingen: die Katholiken, weil sie zu viel glaubten, und die Atheisten, weil sie zu wenig glaubten, die Dantonisten, weil sie fanden, daß sie zu viel arbeite, und die Hébertisten, weil sie fanden, daß sie zu wenig arbeite; man ließ, wie es der »Königsmörder« Barère später sehr klar ausdrückte, »seinen Nachbar köpfen, um nicht von ihm geköpft zu werden«. Es kam, wie Georg Forster, einer der begeistertsten deutschen Anhänger der Revolution, schon während ihrer gemäßigten Phase prophezeit hatte: »Die Tyrannei der Vernunft, vielleicht die eisernste von allen, steht der Welt noch bevor.... Je edler das Ding und je vortrefflicher, desto teuflischer der Mißbrauch. Brand und Überschwemmung, die schädlichen Wirkungen von Feuer und Wasser, sind nichts gegen das Unheil, das die Vernunft stiften wird.« Zugleich mit dem Absolutismus der Vernunft etablierte sich die Herrschaft der Tugend. Robespierre ließ keinen Zweifel darüber, was er darunter verstand: »nur der Besitzlose ist tugendhaft, weise und zur Regierung geeignet«; »die Reichen, die Revolutionsfeinde und die Lasterhaften sind dasselbe«. Die wichtigsten Menschenrechte, die die Nationalversammlung proklamiert hatte, waren Sicherheit des Lebens und Eigentums und Widerstand gegen Unterdrückung: aber da Unterdrückung natürlich nur von den finsteren Mächten der Reaktion, von Königtum, Adel und Kirche ausgehen konnte, so war es stillschweigende Voraussetzung, daß auch nur gegen diese Widerstand erlaubt sei; das souveräne Volk kann nicht unterdrücken, folglich sind Auflehnungen gegen seinen Willen die schwersten Staatsverbrechen: diese zu ahnden oder lieber gleich im Keime zu ersticken war die Aufgabe des »Sicherheitsausschusses«, der den kurzsichtigen Augen eines Revolutionsfeindes allerdings nur allzu leicht als eine stabilisierte und organisierte Unsichermachung jeglichen Lebens und Eigentums erscheinen konnte, wie sie in der Welt noch nicht erblickt worden war. Aber auch die Weisen und Tugendhaften, die bereit sind, der Revolution zu dienen, schweben in steter Gefahr, ihren Sinn und Willen mißzuverstehen, denn unter der strengen Herrschaft der Vernunft, die die Abtragung des Straßburger Münsters fordert, weil es so unrepublikanisch ist, die anderen Gebäude zu überragen, Lavoisier aufs Schafott schickt, weil er so unbrüderlich ist, mehr von Chemie zu verstehen als alle übrigen Mitbürger, und sogar im Märchen keine Prinzessin mit dem Goldhaar mehr duldet, sondern nur noch eine »Schöne mit dem Assignatenhaar«, ist es ungemein leicht, in den Geruch der Aristokratie zu kommen. Daß eine Magd eingesperrt wird, »weil sie verdächtig ist, bei einem Priester gedient zu haben«, mag noch vollkommen in der Ordnung sein, obgleich sie dieser Untat nur verdächtig ist; auch ist es noch durchaus logisch, wenn das Verhaftungsprotokoll bei mehreren Personen als Motiv des Einschreitens angibt: »sie haben Geist und können daher schädlich wirken« und Henriot, früher Gewohnheitsdieb, jetzt Oberbefehlshaber der Nationalgarde, die Gefangennahme von hundertdreißig Personen mit den Worten begründet: »diese Leute sind keine Sansculotten, denn sie sind dick und fett«; aber ziemlich beunruhigend ist es, daß ein sechsjähriger Knabe seiner Freiheit verlustig geht, weil er »nie Patriotismus an den Tag gelegt hat«, und einem Krämer dasselbe widerfährt, weil er zu den Munizipalbeamten gesagt hat: »Guten Tag, meine Herren! «; und was soll man zu einem Schuster sagen, der interniert wird, weil er »jederzeit ein Aristokrat war«? Der tugendhafte Robespierre hat zwar den materialistischen Kultus der Vernunft abgeschafft und die öffentliche Verehrung eines être suprême angeordnet, wobei er selbst als Oberpriester fungiert; aber sich allzuviel mit Gott einzulassen, ist gleichwohl nicht rätlich: wer bei einer Messe oder Predigt auch nur als Zuhörer betreten wird, ist verloren, und wer sich beim Empfang der Letzten Ölung ertappen läßt, wird gut tun, der Guillotine durch schnellen Tod zuvorzukommen. Um zur religiösen Gleichheit auch die wirtschaftliche hinzuzufügen, weiß die Vernunft ein sehr einfaches Mittel, das die Fürstenknechte nur aus Dummheit oder Bosheit bisher nicht angewendet haben: man teilt das Einkommen jedes Bürgers in eine »notwendige« Hälfte von tausend Francs pro Kopf und Jahr und eine »überflüssige«, die man ihm zu einem Viertel, einem Drittel oder, wenn sie über neuntausend Francs beträgt, zur Gänze abnimmt. Einem oberflächlichen Betrachter könnte es freilich scheinen, als ob dieses System zwei kleine Unvollkommenheiten hätte: vielleicht werden, wenn der Erwerbstrieb keinen genügenden Anreiz mehr findet, viele Bürger nicht mehr ihre höchste Arbeitskraft einsetzen und vielleicht gibt es auch manche Bürger, die, obgleich vortreffliche Republikaner, nicht einmal die notwendige Hälfte besitzen? Aber man vergißt, daß in der idealen Republik solche Möglichkeiten nicht in Betracht kommen: an die Stelle des Erwerbsbetriebs tritt ganz einfach der Patriotismus, und wenn brave Bürger nicht ihr Mindesteinkommen besitzen, so kann nur aristokratischer Verrat im Spiele sein, der eben ausgemerzt werden muß. Dem Schutze der Gleichheit, wenn auch nicht gerade der Freiheit, dient außerdem die Bestimmung, daß jede Erbschaft an die Nachkommen gleichmäßig zu verteilen ist und die unehelichen Kinder den legitimen gleichzustellen sind. Ferner setzt der Staat für alle Kleidungsstücke, alle Speisen und Getränke, alles Beleuchtungs-, Reinigungs- und Heizmaterial Maximalpreise fest und sperrt jeden ein, der mehr bietet oder verlangt; die Erzeugung der Güter wird Nationalwerkstätten übertragen, in denen zusammengelaufene Handwerker nicht gegen Stücklohn, sondern gegen Taglohn arbeiten, was auf die Leistung nicht gerade anspornend wirkt, aber, da jeder Proletarier tugendhaft und, ob qualifiziert oder nicht, schon als guter Republikaner ein guter Arbeiter ist, die Qualität der Ware nicht beeinträchtigt. Da es aber leider noch immer Lasterhafte gibt, die sich den Verfügungen der Zentralregierung nicht unterwerfen wollen und auch der Bauer trotz des Siegs der Demokratie sich merkwürdig renitent zeigt, so sendet der Konvent seine Kommissäre aus, die sich als ein Heuschreckenschwarm der Gerechtigkeit über die Provinzen ergießen, und diesen Vollstreckern des Volkswillens fehlt es nicht an sechsspännigen Kutschen, Festmählern zu vielen Gedecken, Musikanten, Komödianten, Freudenmädchen und anderen Erleichterungen ihrer republikanischen Mission. Das reaktionäre Landvolk lebt zwar von Wurzeln, ganz wie unter der schurkischen Monarchie, aber das Weißbrot, das die Beamten essen, sogenanntes »Kommissärbrot«, ist dafür von so erlesener Qualität, daß selbst der Sonnenkönig es nicht verschmäht hätte. Da aber auch der Gerechteste bisweilen Milde walten lassen soll, so weisen sie die Lösegelder nicht zurück, die die Verdächtigen ihnen reumütig anbieten. Auch gelingt es ihnen, zahlreiche konterrevolutionäre Werte: Landgüter, Möbel, Equipagen, Schmucksachen für die Freiheit zu retten, indem sie sie der Zwangsversteigerung zuführen, die Mitbietenden abschrecken und für sich selbst einen Schleuderpreis erzielen; denn, argumentieren sie, »können diese Besitztümer in bessere Hände fallen als in die der Patrioten?« Die Assignaten Den letzten Schritt, der sich aus diesen Prinzipien ergeben hätte, nämlich die gänzliche Aufhebung des Eigentums, hat aber der Jakobinismus nicht vollzogen; oder vielmehr erst zu einer Zeit, als die Revolution bereits in ihre rückläufige Bewegung getreten war. Wir sprechen von der merkwürdigen Verschwörung Babeufs im Jahre 1796, die auf der Devise aufgebaut war: » la propriété individuelle cause de l'esclavage «. Ihr Programm ging auch sonst noch erheblich über Robespierre hinaus, denn es dekretierte zum Beispiel: alle Bürger sollen die gleichen Kleider tragen und dieselben Möbel besitzen; alle Kinder sollen in ein großes Erziehungshaus gebracht werden, wo sie ohne Rücksicht auf ihre geistigen Gaben denselben Unterricht genießen sollen; die Arbeiten der Kunst und der Forschung sind auf solche zu beschränken, die sich jedermann leicht mitteilen lassen; alle großen Städte sollen aufgelöst werden, denn sie sind eine Krankheit des öffentlichen Lebens. Babeuf stand in Verbindung mit dem Berg, hatte die Pariser Arbeiterschaft und den größten Teil des Militärs hinter sich und der Plan mißlang nur durch Verrat. Während Babeuf beabsichtigte, das Geld dadurch abzuschaffen, daß sein Gebrauch bei Todesstrafe verboten sein sollte, erreichte die Revolution denselben Zweck durch die Einführung der Assignaten. Diese waren staatliche Bodenkreditaktien, Hypothekarscheine auf die »nationalisierten« Güter des Klerus und Adels und verfielen trotz des Zwangskurses einer so reißend zunehmenden Entwertung, daß ein Goldlouisdor im Mai 1795 mit 400, im Mai 1796 mit 19000 Francs in Assignaten bezahlt werden mußte; einige Monate später berechnete eine Zeitung, daß man ein großes Zimmer am billigsten tapezieren könne, wenn man ein solches Geldstück in 45000 Francs Papier umwechsle. Die Freiheit hatte Frankreich in ein Armenhaus und eine Wüste verwandelt. Die Hälfte des Bodens lag brach, der größte Teil der Bevölkerung war arbeitslos, die Chausseen und Kanäle, Dämme und Häfen verfielen, die Gesundheitspflege, der Sicherheitsdienst, der Schulunterricht, die Straßenbeleuchtung verschwanden und, zurückversetzt in die Zeit der Merowinger, sah der Pariser in der nächsten Umgebung der Stadt Wölfe auftauchen. Der Zeitreisende In einem seiner utopischen Romane schildert Wells einen »Zeitreisenden«, den Erfinder einer sinnreich konstruierten Maschine, mit der er in die Zeit segeln kann. Er fährt zunächst in die Zukunft, in ein fernes Jahrtausend, wo er zu seinem Erstaunen bemerken muß, daß die Menschheit sich in zwei Spezies gespalten hat: die einen, die Eloi , sind durch fortgesetzten Müßiggang zur höchsten physischen Verfeinerung und Verschönerung, aber zugleich auf ein geistiges Niveau völliger Infantilität gelangt, die anderen, die Morlocks , sind durch ununterbrochene manuelle Tätigkeit zu affenartigen Höhlengeschöpfen, stupiden Arbeitsmechanismen geworden. Eine gewisse Ausgleichung findet dadurch statt, daß die Morlocks von Zeit zu Zeit die wehrlosen Eloi überfallen und auffressen. In einem ähnlichen Zustande befand sich Frankreich zur Revolutionszeit. Aber es existiert in dem Roman von Wells ein Wesen, das sich sofort zum Herrn der Situation machen könnte, nämlich der Zeitreisende selbst. Es würde ihm nicht schwerfallen, sich die zwei degenerierten Rassen untertan zu machen: die Eloi durch Liebenswürdigkeit, die Morlocks durch Energie und beide durch überlegene Geistesmacht, durch eine ihnen unfaßbare und daher schreckliche Anwendung von Vernunftmitteln. Diese Rolle spielte in Frankreich Napoleon. Der Staatsstreich des 18. Brumaire stürzte das Direktorium und errichtete die Konsularregierung, die bereits eine konstitutionelle und kaum.mehr konstitutionelle Monarchie war. Seine Kundmachung vom 15. Dezember 1799 erklärte: »Die Revolution ist zu Ende.« Die Kurve der Revolution Blicken wir noch einmal auf den Gang der Revolution zurück, so bemerken wir, daß er sich in vollkommener Regelmäßigkeit vollzogen hat, indem er eine tadellose Parabel beschrieb. Es ist, als ob vorher ein unsichtbarer Griffel die Gleichung der Revolutionskurve aufgestellt hätte, nach der diese dann in der Wirklichkeit konstruiert wurde. So hat Descartes, der Nationalheilige Frankreichs, auch bei der eruptivsten Lebensäußerung des französischen Volkes seine Hand im Spiele gehabt. Durch den Bastillensturm am 14. Juli 1789 wird das ancien régime gestürzt und in der Regierung von der Nationalversammlung abgelöst, was soviel bedeutet wie den Sieg der Konstitution über den Absolutismus. Durch den Sturm auf die Tuilerien am 10. August 1792 erfolgt die Suspension des Königs oder der Sieg der Republik über die Monarchie. Die Verhaftung der Girondistenführer am 2. Juni 1793 bezeichnet die Alleinherrschaft des »Bergs« und damit den Sieg der proletarischen Demokratie über die bürgerliche. Mit der Hinrichtung der Dantonisten am 14. Germinal 1794 erreicht die Revolution in der Diktatur Robespierres ihren Höhepunkt, um nunmehr in ihre rückläufige Phase einzutreten, deren einzelne Etappen mit denen des ansteigenden Astes genau korrespondieren. Am 9. Thermidor 1794 siegt der Konvent als Vertreter der radikalen Demokratie über Robespierre, wie er am 2. Juni 1793 über die gemäßigte Demokratie gesiegt hatte; am 1. Prairial 1795 siegt die Republik des dritten Standes über die Jakobiner, wie sie am 10. August 1792 über das Königtum gesiegt hatte; am l8.Brumaire 1799 siegt die konstitutionelle Monarchie über das Direktorium, wie sie am 14. Juli 1789 über den alten Feudalstaat gesiegt hatte; und die Revolution, die aus dem Absolutismus der Bourbonen entsprungen war, endet im Absolutismus des Empire. »Monsieur Giller« So war es denn gekommen, wie schon im Jahre 1793 ein historisch denkender Kopf vorausgesagt hatte: die republikanische Verfassung werde in Anarchie übergehen und früher oder später werde ein kräftiger Mann erscheinen, der sich nicht nur zum Herrn von Frankreich, sondern auch vielleicht von einem großen Teile Europas machen werde. Diese Prophezeiung stammte von einem Ehrenbürger der französischen Republik. Im Spätsommer 1792 nämlich, kurz vor den Septembermorden, hatte der »Moniteur universel« gemeldet, daß » le sieur Giller, publiciste allemand « von der Nationalversammlung zum citoyen français ernannt worden sei; andere Journale korrigierten den Namen in Gisler , Gillers und Schyler ; aber erst im März 1798 gelangte » Monsieur Giller « in den Besitz seines Diploms. In der Tat ist die chaotische und doch von einer geheimen Logik erfüllte Atmosphäre der Revolution einzig und allein in den Dramen des jungen Schiller aufgefangen worden. Wir haben vorhin Danton mit Karl Moor verglichen; aber auch die Züge anderer Hauptakteure der Bewegung erinnern an Figuren aus Schillers Welt: das kalte teuflische Raisonnement Robespierres und Saint-Justs an Franz Moor, das giftige Ressentiment Marats und Heberts an Wurm, der edle wortreiche Republikanismus Rolands an Verrina, dessen gefühlvolle, etwas verzeichnete Gattin an Amalia. (Allerdings hat die Wirklichkeit die Dichtung oft weit hinter sich gelassen: so gibt es zum Beispiel eine »Briefszene« von so gigantischer Niederträchtigkeit, daß sie auch Schiller nicht eingefallen ist, nämlich jene, wo Hébert den achtjährigen Dauphin ein Protokoll unterschreiben läßt, das die Königin des geschlechtlichen Verkehrs mit ihm bezichtigt.) Klopstock, ebenfalls französischer Ehrenbürger, beeilte sich, in einem ziemlich albernen Gedicht, worin Frankreich natürlich »Gallien« heißt, die Revolution in jenem Stile anzusingen, den Ludwig der Erste von Bayern später so virtuos beherrscht hat, und als »neue, labende, selbst nicht geträumte Sonne« zu feiern. Für die Revolution erklärten sich auch in öffentlichen und privaten Äußerungen Schlözer und Johannes Müller, Hölderlin und Jean Paul, Wieland und Herder, Schubart und Klinger, sogar der junge Gentz und der Freiherr von Dalberg, am längsten Kant und Fichte, nur Iffland und Kotzebue schrieben läppische Parodien; schließlich aber teilten fast alle Gebildeten die Empfindung Schillers, der schon kurz nach der Hinrichtung des Königs an Körner schrieb: »Ich kann seit vierzehn Tagen keine französische Zeitung mehr lesen, so ekeln diese elenden Schindersknechte mich an.« Das schlafende Deutschland Der deutsche Mensch stand zu jener Zeit noch fast gänzlich unter dem Zeichen der Manufaktur, der Hausindustrie und der Agrarkultur: alles oder doch alles Notwendige wurde in der Sphäre des eigenen Wohnbezirkes erzeugt. Dies hatte eine gewisse Enge des Gesichtskreises, seelische Abgeschlossenheit, geistige Schwerbeweglichkeit, aber auch eine warme Intimität und edle Selbstgenügsamkeit des Gemütslebens sowohl zur Wirkung als zur Voraussetzung. Die Bevölkerung lebte zu drei Vierteln gänzlich auf dem Lande, aber auch die meisten Städte waren nicht viel mehr als große Dörfer, Ackerstädte, und Großstädte von der Art wie Paris, London oder Rom gab es überhaupt noch nicht. Ferner gab es keine Maschinen oder auch nur den Maschinen ähnliche Apparate, und das heißt: keine exakte, reichliche und wohlfeile Gütererzeugung und keinen leichten, schnellen und ausgedehnten Verkehr. Der Unsicherheit weitausgreifender Spekulationen, des Transports, des Welthandels, der politischen Verhältnisse stand aber eine große Sekurität des Kleinbesitzes und Kleinhandels gegenüber, gegründet auf die Festigkeit des Absatzgebietes, den Mangel an Konkurrenz, die Einförmigkeit sowohl der Produktionsmöglichkeiten wie des Kundenbedürfnisses, und dies erzeugte auch bei den »arbeitenden« Ständen eine Atmosphäre der Beschaulichkeit und Muße, wie sie heute kaum noch irgendwo anzutreffen ist. Im Gegensatz zur späteren Zeit war die bürgerliche Durchschnittsfrau damals meist tätiger als der Mann, dafür aber an geistigen Dingen fast uninteressiert, während dieser, infolge der vielen freien Zeit, die ihm zur Verfügung stand, allen Fragen der Bildung eine weit höhere Anteilnahme entgegenzubringen vermochte als heutzutage. Und dazu kam noch der relative Mangel an Ablenkungen und Zerstreuungen, an Lärm jeglicher Art, von dem unser ganzes heutiges Dasein bis in die Stunden der Erholung hinein erfüllt ist: keine täglichen Riesenzeitungen und Massenversammlungen, stündlichen Lichtspiele und Hörspiele, viertelstündlichen Telephonrufe, dringlichen Draht-, Luft- und Radionachrichten, die unser Leben frikassieren. Zum Spintisieren und Phantasieren, zu abstrakter, nach innen gewendeter Tätigkeit wurde der damalige Mensch durch seine ganze Lebensform ebenso aufgefordert, wie er heute daran verhindert wird. Aus diesem Seelenzustande erstand das klassische Zeitalter der deutschen Literatur. Während andere schwitzten und rannten, England sich mit Goldbarren und Pfeffersäcken abkeuchte, Amerika anfing, sich in den öden Riesentrust zu verwandeln, der es heute ist, Frankreich zum Irrenhaus und zur Mördergrube wurde, schlief Deutschland einen ehrlichen, gesunden, erfrischenden Schlaf, aber welche schönen Träume hatte es in diesem Schlaf! Haben die Klassiker gelebt? Ein kleines Mädchen fragte mich einmal: »Haben die Klassiker eigentlich wirklich gelebt?«: ein sehr aufschlußreicher Kindermund. Sie sind in der Tat von der nachlebenden Philisterwelt so dicht mit schalen, fälschenden und frostigen Phrasen verhängt worden, daß sie durch unsere Erinnerung nur noch als leere unwirkliche Legendengestalten gespenstern: sie haben in unserem Bewußtsein nicht mehr Realität und Individualität als etwa der Knecht Ruprecht oder der König Drosselbart. Schon die Befreiungskriege machten aus Schillers Sentenzen Devisen für Turnvereine, und so wurde er der »Dichter der Nation« und zugleich der Typus des weltfremden Poetenjünglings, dessen ganze Tätigkeit darin bestanden habe, daß er in der Dachstube mit seiner Muse verkehrte. Das Hauptverdienst an der Schöpfung des »idealen Schiller« hat seine Schwägerin Karoline von Wolzogen, die zugleich seine erste namhafte Biographin war. Karoline war einer jener empfindsamen Blaustrümpfe, wie sie damals in Mode waren, und zudem in ihren Schwager zeitlebens unglücklich verliebt; so ist es zu erklären, daß eine der genauesten Kennerinnen Schillers das falscheste Bild von ihm entworfen hat, das sich aber tief einwurzelte. Wie entsetzt wäre man von nun an gewesen, wenn jemand Dinge wie »Verlegerabrechnung« oder »Zeitungsinserat« mit Schiller in Verbindung gebracht hätte! Oder gar, wenn jemand zu sagen gewagt hätte: Schiller hatte Sommersprossen und eine viel zu lange Nase; Schiller hatte unmögliche schlenkernde Armbewegungen und X-Beine; Schiller schwäbelte penetrant, rauchte und schnupfte unaufhörlich und trank gern ziemlich viel Sekt; Schiller schrieb an den Rand seiner dramatischen Entwürfe Aufstellungen über mutmaßliche Einnahmen und Ausgaben. Schiller ist dem Schicksal, zur leeren Festspielattrappe entseelt zu werden, gerade darum in noch höherem Maße zum Opfer gefallen als Goethe, weil er zu allen Zeiten der Populärere war. Von Goethe sagt Herman Grimm in seinen »Vorlesungen«: »Wäre er bei der Kanonade von Valmy durch eine Kugel vom Pferde gerissen oder sonstwie damals hinweggenommen worden, so würden seine besten Freunde vielleicht, wie bei Lord Byron, geurteilt haben, es sei sein Verlust zwar zu bedauern, für seinen dichterischen Ruhm aber habe er das Nötige geleistet und man zweifle, ob Größeres noch zu erwarten gewesen wäre.« Zwischen 1787 und 1790 erschienen Goethes »Gesammelte Schriften« bei Göschen lieferungsweise in acht Bänden; es meldeten sich etwa 600 Subskribenten. Der Absatz der Einzelausgaben war noch schwächer: es wurden vom »Clavigo« 17, vom »Götz« 20, von der »Iphigenie« 312, vom »Egmont« 377, sogar vom »Werther« nur 262 Exemplare verkauft; der Verleger verlor bei dem Gesamtunternehmen über 1700 Thaler. Hingegen war die erste Auflage des »Wallenstein« von 3500 Exemplaren bereits in zwei Monaten vergriffen, obwohl gleichzeitig in zwei deutschen Städten Nachdrucke erschienen. Andrerseits darf man aber auch von Schiller nicht glauben, daß er von den »maßgebenden« Kreisen gebührend geschätzt wurde. Im Jahre 1798 wurde er von der Universität Jena zum ordentlichen Honorarprofessor der Philosophie ernannt. In dem Entwurf des Schreibens, worin ihm dies verkündet wurde, hatte es geheißen, daß es dem Kollegium der ordentlichen Professoren zur Ehre gereiche, sich näher mit ihm verbunden zu sehen. Bei reiflicherer Erwägung aber fand man, daß das doch ein etwas übertriebener Ausdruck sei, und machte aus der Ehre ein »großes Vergnügen«. Die allgemeine Meinung Deutschlands über die Dioskuren dürfte wohl am besten der Berliner Kupferstecher Clas getroffen haben, als er sie mit Kotzebue und Iffland auf einem Blatt zu 12 Groschen vereinigte, das großen Absatz fand. Die beiden Gipsköpfe Was war aber denn nun die wirkliche Bedeutung jener beiden Männer, deren hohle Gipsköpfe der deutsche Bürger voll Andacht auf seine Konsole stellt? Sie lebten , und zwar vorbildlich . Darin bestand ihre ganze Tätigkeit. Das Leben des einen war nichts als Arbeit, Fleiß, Arbeit. Ewige Unrast, immer weiter, hinauf, hinauf: das war der Sinn seines Daseins. Sein ganzer geistiger und physischer Organismus war nichts als eine riesige Kraftmaschine, die ununterbrochen Kräfte akkumulierte, weitergab und wieder akkumulierte. Und so jagte er mit fliegendem Atem dahin, ein unersättlicher Renner, bis er mitten im Laufe, aufs letzte ausgepumpt, zusammenbrach. Das Leben des anderen war nichts als Wachstum, Entwicklung, Wachstum. Wie ein Kristall langsam anwächst, durch lautlose »Apposition«, immer neue Glieder ansetzend, in klaren, rechtwinkligen, gleichmäßigen Formen, so wuchs auch er, nichts eigenmächtig wegnehmend oder hinzufügend, verlangsamend oder beschleunigend. Und als er die größte Höhe und Umfänglichkeit erreicht hatte, die einem Menschen möglich ist, starb er: setzte keine neuen Kristalle mehr an, sondern blieb stehen, leuchtend, gradkantig, in spiegelnden unverrückbaren Flächen, ein unsterbliches menschliches Kunstwerk, weithin sichtbar für die Jahrhunderte. Panoramic ability Goethe sagt in seinen »Maximen und Reflexionen«: » Panoramic ability schreibt mir ein englischer Kritiker zu, wofür ich allerschönstens zu danken habe.« In der Tat läßt sich seine » faculté maîtresse « nicht treffender bezeichnen. Er besaß eine panoramatische Seele, ein Geistesauge, das die Dinge stereoskopisch zu sehen vermochte: reich und rund, perspektivisch und abschattiert, und eine enzyklopädische Sittlichkeit, deren Verständnis allem geöffnet war. Aber eben infolge dieser Wundergabe hat man sein Wesen niemals auf eine Formel zu bringen vermocht. Wir glauben bisweilen, er sei etwas Bestimmtes gewesen; aber gleich darauf müssen wir erkennen, daß er ebensosehr das Gegenteil davon war. Man spricht daher viel von »Widersprüchen in der Natur Goethes«. Aber gerade er war die widerspruchsfreieste Natur, die sich denken läßt: denn er setzte sich niemals in Widerspruch zu dem, was wir Schicksal nennen, weder zu seinen Umständen noch zu seinen Zuständen, weder zum Weltlauf noch zu sich selbst. Er ist schwärmerisch wie ein Blaustrumpf und nüchtern wie ein Bürokrat, kraftgenialisch bis zur Flegelei und zeremoniös bis zum Schranzentum, pietistisch und atheistisch, deutsch und kosmopolitisch, Mystiker und Materialist, Freigeist und Reaktionär, feuriger Liebhaber, ganz in seine Passion versunken, und kalter Ichmensch, ganz auf sich konzentriert: er ist alles, weil das Leben alles ist. Er betrachtet die ganze Welt, die innere wie die äußere, als ein geheimnisvolles Laboratorium, in dem dunkle Kräfte aufsteigen und verschwinden, sich vermählen und wieder trennen, und sich selbst als den passiven Zuschauer, dem nichts aufgetragen ist als stillezuhalten, das magische Spiel nicht zu stören und bisweilen Bericht davon zu geben. Man kann daher seinen Erdenlauf ein Epos nennen, eines der höchsten und vollkommensten, die je in die Welt getreten sind. Der Theatrarch Schiller hingegen war ein dramatischer Organismus. Seine Biographie ist ein Drama von Schiller: die Jugend setzt bereits sehr wirksam ein, als Meisterstück einer straff gespannten, aufregenden Exposition, und dann geht es immer weiter durch bunte und heftige Konflikte, in atemlosem Tempo, nur hie und da unterbrochen durch etwas deklamatorische Philosophie, bis die gewaltsame und tragische Katastrophe eintritt, hochdramatisch, mitten auf dem Höhepunkt der Handlung kerzengerade abfallend. Er stirbt und hinterläßt den Torso des »Demetrius«, den stärksten ersten Akt der Weltliteratur. Und als er tot war, hat das Schillerdrama unausgesetzt weitergespielt: in der Geschichte seines Nachruhms. Auch hier vollzog sich alles in sprunghaften und überraschenden Wendungen. Immer wieder wurde für und gegen seinen Namen gekämpft, als wären seine Theaterstücke Premieren von gestern. Es schien häufig, als sei der Erfolg oder Mißerfolg seiner Werke immer noch Sache des Glücks, der momentanen Konstellation, Stimmung und Zeitströmung. Man polemisierte um ihn wie um einen Lebenden; nie war man sich über ihn einig. Er war ein staatsgefährlicher Mensch und der Retter seines Volks, der Kanon edelster Dichtkunst und das Muster roher Theatralik, der Prediger der höchsten ethischen Ideale und der Vertreter einer inhaltlosen und abgelebten Ideenwelt. Und zu alldem wurde er nicht etwa im läuternden Gang der Geschichte, die die Menschen und Werke der Vergangenheit vor ihren unparteiischen Instanzenzug stellt, um schließlich kalt sachlich das Bleibende vom bloß Aktuellen zu scheiden; sondern er war dies alles gleichzeitig: miteinander, gegeneinander, durcheinander, und ist es noch heute. Und er wird wahrscheinlich niemals ein wirklicher dauernder Kulturbesitz werden; er wird immer die Leidenschaften entzünden und die Extreme in den menschlichen Köpfen und Herzen hervortreiben. Vielleicht ist eben dies seine historische Mission: eine dramatische. Schiller schrieb einmal an Körner: »Ich habe mir eigentlich ein eigenes Drama nach meinem Talente gebildet, welches mir eine gewisse Excellence darin gibt, eben weil es mein eigen ist. Will ich in das natürliche Drama einlenken, so fühl ich die Superiorität, die Goethe und viele andere Dichter aus der vorigen Zeit über mich haben, sehr lebhaft. Deswegen lasse ich mich aber nicht abschrekken; denn eben, je mehr ich empfinde, wie viele und welche Talente oder Erfordernisse mir fehlen, so überzeuge ich mich desto lebhafter von der Realität und Stärke desjenigen Talents, welches, jenes Mangels ungeachtet, mich so weit gebracht hat, als ich schon bin. Denn ohne ein großes Talent von der einen Seite hätte ich einen so großen Mangel von der andern nicht so weit bedecken können, als geschehen ist, und es überhaupt nicht so weit bringen können, um auf feinere Köpfe zu wirken.« Diese spezifische Grundbegabung, die Schillers ganzes Schaffen organisierte, war sein Theatertalent. In seinen Dichtungen lebt nicht die wirkliche Welt, sondern eine andre, freikomponierte: die Theaterwelt, die ein vollständiges Reich für sich bildet, die ihre eigene Psychologie, ihre eigene Ethik, ja selbst ihre eigene Logik hat, ähnlich wie die Märchenwelt, die auch selbstgeschaffenen Gesetzen gehorcht. Um eine solche Wirklichkeit zweiter Ordnung so vollständig und in so lückenlosem Zusammenhang zu konzipieren, muß man auch Wirklichkeitssinn besitzen, wennschon es ein anderer ist als der gewöhnliche. Und in dieser Welt war Schiller ein unumschränkter und freier Alleinherrscher, der mit bewundernswertem Feldherrnblick alles übersah, ordnete, verteilte und dirigierte: er ist der absolute Theatrarch. Er reihte diktatorisch alle Erscheinungen in sein Theatersystem ein. An Natürlichkeit der Gestalten waren ihm Goethe und nicht wenige andere in der Tat überlegen. Der einschneidende Unterschied besteht darin, daß Goethe seine Charaktere vollständig schildert und von allen Seiten, in allen, auch den unwesentlichen Linien zeigt: sie führen ihr eigenes Leben und verhalten sich zu Schillers Gestalten etwa wie eine massive Theatertür zu einer gemalten. Schiller zeigt immer nur das, was er gerade braucht, immer nur Ausschnitte; nie bringt er etwas, bloß um zu charakterisieren, alles hat nur seinen Zweck im Rahmen des Ganzen. Goethe macht Menschen, Schiller macht Figuren. Dies wäre ein entschiedener Tadel für Schiller, wenn es sich eben nicht um Theaterstücke handelte. In diesem Falle aber bildet es ebensowenig einen Mangel wie etwa die Tatsache, daß ein Versatzstück nur auf der Seite bemalt ist, die dem Publikum zugekehrt ist, oder daß ein Schauspieler, von dem man bloß den Kopf sieht, nicht im vollen Kostüm steckt. Es gibt wohl kaum eine Stelle in Schillers Dramen, die nicht für die Räumlichkeit der Bühne gedacht wäre, für diese besondere Art Raum, die zwar drei Dimensionen, aber nur drei Wände hat. Goethe dichtete überhaupt gar nicht mehr fürs Theater, sondern versetzte seine Menschen und Vorgänge in wirkliche Zimmer mit vier Wänden und in eine wirkliche Natur, die von allen Seiten Farbe ausstrahlt, kurz, in eine Welt, die man sich ohne Enttäuschung auch von hinten ansehen kann. Seine Menschen sprechen mit sich selbst und miteinander, als ob sie allein wären. Aber eben dies war der Grund, warum er, obschon von einer ganz anderen Seite her, nämlich infolge einer Überdimensionalität, ebensowenig Dramatiker war wie die Stürmer und Dränger, von denen wir im vorletzten Kapitel sprachen. Diese hatten eine Dimension zu wenig und er hatte eine Wand zu viel. Das Pathos der faulen Apfel Schiller inspirierte sich bekanntlich beim Schreiben durch den Geruch fauler Äpfel. Man könnte nun (ohne daß damit im geringsten etwas Degradierendes ausgedrückt werden soll) auch von dem Pathos seiner Vorgänge und Gestalten sagen, es lebe in einer solchen Atmosphäre. Ihre Leidenschaft ist vollkommen echt, hat aber etwas nicht ganz Frisches, einen »Stich«, den befremdenden und zugleich verführerischen Hautgout des Morbiden und Konservierten; des Theatralischen. Technische Erwägungen wie zum Beispiel im Bauerbacher Entwurf des »Don Carlos«: »Schürzung des Knotens der Knoten verwickelter anscheinende Auflösung, die alle Knoten noch mehr verwickelt« finden sich niemals in Goethes Entwürfen, Schiller hingegen beschäftigten sie bis in seine letzten Tage hinein. Unter diesen zahlreichen Vornotizen, in denen er sich intim und unbeobachtet, etwa wie ein Schauspieler auf der Arrangierprobe zeigt, finden sich zum Beispiel beim »Demetrius« Aufzeichnungen wie die folgenden: »Zu vermeiden ist, daß in dieser Szene kein Motiv wiederholt wird, welches schon auf dem Reichstage vorgekommen«; »ein hoffnungsreicher Erfolg beschließt diesen Akt auf eine theatralische Art«; »damit diese Szene nicht dem Krönungszug in der Jungfrau von Orleans begegne, muß sie sowohl ganz anders eingeleitet als auch ganz verschieden geführt werden.« Längere Zeit schwankte er zwischen Demetrius und Warbeck, einem ganz ähnlichen Stoff aus der englischen Geschichte; ehe er die endgültige Entscheidung traf, stellte er noch einmal in einer ausführlichen Liste das Pro und Contra gegenüber, mit Bemerkungen wie: »Für Warbeck: Glücklicher Ausgang. Popularität des Stoffes. Interesse der Hauptperson. Debutrolle.« Das ist ganz vom Standpunkt des theatralischen Realpolitikers gedacht. Goethe denkt sehr wenig an den Schauspieler, Schiller hingegen zeigt sich in seinen Bühnenanweisungen als genialer Regisseur, der das Szenenbild und den Darsteller nie aus dem Auge verliert. Man denke zum Beispiel an das überaus wirksame erste Auftreten Mortimers: »Mortimer, Paulets Neffe, tritt herein und, ohne der Königin einige Aufmerksamkeit zu bezeigen, zu Paulet: Man sucht euch, Oheim. Er entfernt sich auf eben die Weise«; an das eindrucksvolle, das ganze Drama zusammenfassende stumme Spiel der Jungfrau bei dem Bericht Bertrands über die furchtbare Gefahr, in der Orleans schwebt: »Johanna horcht mit gespannter Aufmerksamkeit und setzt sich den Helm auf«; an den stimmungsvollen Schluß der ersten Szene des dritten Aufzugs im »Tell«: »Hedwig geht an das Hoftor und folgt den Abgehenden lange mit den Augen«; an die ebenso theatermäßige originelle Fiktion im »Demetrius«: »Alsdann stellt er sich so, daß er einen großen Teil der Versammlung und des Publikums, von welchem angenommen wird, daß es im Reichstag mitsitze, im Auge behält und dem königlichen Thron nur nicht den Rücken wendet«: in allen diesen und noch vielen anderen Fällen glaubt man Schiller direkt am Regiepult sitzen zu sehen. Sogar in seinen Prosaschriften bleibt er Theatermensch: auch hier denkt er mehr an den Hörer als an den Leser und die Sperrung gewisser Worte und Satzteile hat, wie Richard Fester sehr treffend bemerkt, »als Anweisung zu gehöriger Betonung die Bedeutung eines Regievermerks«. Das Genie der Kolportage Infolgedessen bildete das Hereinbrechen des Klassizismus ein wahrhaft tragisches Moment in seiner künstlerischen Entwicklung. Ohne sich selbst darüber klar zu sein, wurde er in eine Richtung gedrängt, die seiner ganzen Charakteranlage und Gestaltungsmethode im tiefsten entgegen war. Es ist bekannt, daß Goethe hieran nichts weniger als unschuldig war; die Hauptverantwortung trifft natürlich die Zeit. Aber es muß hinzugefügt werden, daß Goethe diese ganze Bewegung verstärkt, verschärft und übersteigert und ihr durch das Gewicht seiner einzigartig suggestiven Persönlichkeit erst die letzte Sanktion verliehen hat. Ihm selbst freilich hat diese ganze Mißorientierung am wenigsten geschadet, aber gerade dies machte sein Vorbild für die anderen um so verhängnisvoller. Es war seine Natur, daß er im Grunde durch nichts beeinträchtigt werden konnte, indem er alles, Gutes und Schlimmes, Hohes und Geringes, Fremdes und Verwandtes seinem Organismus einverleibte: als einen Assimilationsstoff, aus dem doch immer wieder nur er selber wurde; wie der menschliche Körper aus den verschiedenartigsten Nährmitteln, die in ihn eintreten, stets das gleiche Zellenmaterial aufbaut, so machte Goethe aus allem letzten Endes Goethe und so konnte ihn nichts dauernd in seinem Wachstum hemmen. Aber hierin war er ein Unikum, und Schiller reagierte anders: einerseits viel gewalttätiger und selbstherrlicher, andrerseits viel hingebungsvoller und impressionabler. Seine Natur war: sich fortreißen zu lassen und, fortgerissen, dann alle anderen mit sich zu ziehen. Einmal ergriffen von einer Idee, gehörte er ihr ganz und ruhte nicht eher, als bis er sie in allen ihren Beziehungen und Anwendungen ausgebaut hatte. Wenn an Goethe neue Gedanken, Assoziationen, Bilder, geistige Dominanten herantraten, so war es sein Bestreben, sie in seinen Besitz zu bekommen; aber Schiller wollte von ihnen besessen sein. Seinen Höhepunkt hat der Klassizismus Schillers in der »Braut von Messina« erreicht. Hier ist alles dünn, farbenschwach, leerer Silberton, antiquarisch, Hoftheater und erinnert an die papierenen und anämischen »heroischen Landschaften« jener Zeit, auf denen selbst die Tiere bedeutend und langweilig sind. Auch Wallenstein gemahnt ein wenig an die damaligen abstrakten Repräsentationsporträts, die mehr Pathos als Individualität besitzen, und hat immer unsichtbar die Rigaudsche Säule neben sich, ohne die man sich das Bildnis eines Staatsmanns nicht denken konnte; und selbst in »Teil« ist ziemlich viel »Baumschlag«. Aber gleichwohl läßt sich erkennen, daß das »Klassische« bei Schiller bloß einen glänzenden Firnis bildet, mit dem er seine Dramen zeitgemäß hergerichtet hat. Noch im Jahr 1801 schrieb er an Körner: »der Jambe vermehrt die theatralische Wirkung nicht und oft geniert er den Ausdruck«; sowohl den »Wallenstein« wie den »Carlos« wollte er ursprünglich in Prosa schreiben, und dieser wurde tatsächlich in einer von ihm besorgten Prosafassung an mehreren Bühnen gespielt. Bei jenem hat vor allem die klassizistische Mißdeutung des antiken Schicksalsbegriffs großen Schaden gestiftet. Das »Lager« ist der höchst eigenartige Einfall eines Theatergenies: die Idee, zu einer Tragödie ein Vorspiel zu schreiben, worin der Held nicht vorkommt und eben darum ununterbrochen und aufs eindrucksvollste vorkommt, war ebenso dankbar wie zwingend. Was aber die Tragödie selbst anlangt, so war zwar der Gedanke, nur die Katastrophe zu zeigen, die letzten Schlagschatten, die eine lange, reiche und bewegte Vorgeschichte auf den Helden wirft, ebenfalls eine durchaus theatermäßige Konzeption; aber eine solche Technik hätte nur wirksam sein können, wenn sie mit äußerster Konzentration gearbeitet hätte. Schiller vergaß, daß der »Ödipus«, der ihm als Paradigma vorschwebte, nur der letzte Akt einer Tragödie ist; aber der »Wallenstein« hat elf Akte und siebeneinhalbtausend Verse. An einer ähnlichen Elefantiasis leidet auch der »Carlos«. Löst man aus ihm das Familiendrama heraus (was gar nicht so sakrilegisch ist, wie es aussieht, denn Schiller selbst hat ja ursprünglich ohne Flandern, Freiheit und Posa komponiert), so bleibt ein ausgezeichnetes Intrigenstück voll Schlagkraft, Tempo, Spannung, wie es nur Schiller schreiben konnte; selbst Otto Ludwig, der unerbittlichste aller Schillerkritiker, hat zugegeben, daß dieser Teil des Dramas außerordentlich sei, und darauf hingewiesen, daß er offenbar das stärkste und lehrreichste Muster für Scribe und seine Schule abgegeben habe. Und dies ist in der Tat die eigentliche Bedeutung Schillers für die Geschichte des europäischen Theaters: er war eines der größten Genies der Kolportage. Wir wollen diese Bezeichnung keineswegs im abfälligen Sinne gebraucht wissen, sondern erblicken die höchsten Spitzen dieser Gattung in Ibsen und Shakespeare, Dostojewski und Balzac. Schiller hatte von Natur eine leidenschaftliche Vorliebe für die dichterische Gestaltung von »Schiebungen«, von Coups und Gegencoups, Intrigen und Kabalen und seine Phantasie weilt mit fast ausschließlichem Interesse in der Atmosphäre des Schauerromans. Die Jugenddramen bewegen sich noch gänzlich in dieser Richtung. Ihre kolportagehafte Anlage zeigt sich auch darin, daß ihre Katastrophen nicht zwingend sind. Wir haben im vorletzten Kapitel gehört, daß die »Räuber« und »Fiesko« ohne Beeinträchtigung des Erfolges mehrfach mit » happy end « gespielt wurden und sogar Schiller selber für Mannheim die letzten Szenen geändert hat. Auch von »Kabale und Liebe« wurde eine Fassung aufgeführt, worin der Präsident im letzten Augenblick mit Gegengift erscheint und dem geretteten Liebespaar reuig seinen Segen gibt. Und für die Prosafassung des »Carlos« hatte Schiller wiederum selbst einen anderen Schluß ausgearbeitet: Carlos ersticht sich im Augenblick seiner Verhaftung, Philipp sinkt verzweifelt an seiner Leiche nieder. Einer der grandiosesten Kolportageromane der Weltliteratur wäre der »Geisterseher« geworden, dessen erstes Fragment 1787 in der »Thalia« und dessen erster Band 1789 erschien. Wir teilen aber nicht die verbreitete Annahme, daß ihn Schiller unvollendet gelassen habe, weil er sich selbst in dem höchst verwickelten Stoff nicht mehr zurechtfand; dies wäre mit seiner ganzen sonstigen Arbeitsweise im Widerspruch, die immer von einem festen detaillierten Generalplan ausging, und für einen Detektivroman, der stets von hinten aufgerollt und daher im vorhinein genau fixiert werden muß, auch bei jedem andern Autor unwahrscheinlich; sondern er unterließ offenbar die Fortsetzung, weil er inzwischen Klassiker geworden war. Aber eine geheime Neigung für derlei Aufgaben hat er bis zu seinem Tode behalten. Gleich nach der Vollendung des »Wallenstein«, 1799, dachte er eine Zeitlang an ein Kriminaldrama mit Giftmord, Kinderraub und verräterischem gestohlenen Schmuck »Narbonne oder die Kinder des Hauses«, das ihn bis ins Jahr 1805 hinein beschäftigte, und an ein noch größer angelegtes Sujet derselben Art »Die Polizei«: »Paris, als Gegenstand der Polizei, muß in seiner Allheit erscheinen und das Thema erschöpft werden. Ebenso muß auch die Poüzei sich ganz darstellen und alle Hauptfälle vorkommen. ... Ein ungeheures, höchst verwickeltes, durch viele Familien verschlungenes Verbrechen, welches bei fortgehender Nachforschung immer zusammengesetzter wird, immer andre Entdeckungen mit sich bringt, ist der Hauptgegenstand. Es gleicht einem ungeheuren Baum, der seine Äste weitherum mit andren verschlungen hat, und welchen auszugraben man eine ganze Gegend durchwühlen muß. So wird ganz Paris durchwühlt, und alle Arten von Existenz, von Verderbnis etc. werden bei dieser Gelegenheit nach und nach an das Licht gezogen.« Besonders der erste Akt, der im Audienzsaal des Polizeileutnants spielen und alle Räder der großen Maschine in vollster Bewegung zeigen sollte, wäre zweifellos ein Sittengemälde von einer aufregenden Buntheit und Spannung geworden, wie es nur Schiller hätte schreiben können. Hermann Hettner bemerkt hierzu in seiner sehr gediegenen »Literaturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts«: »Wer erblickt Schiller gern in der Nachbarschaft von Eugen Sues Pariser Geheimnissen? Der Genius der Schönheit hat Schiller vor der Ausführung dieser Entwürfe bewahrt.« In der Tat trägt niemand anders als dieser warnende Genius der Schönheit die Schuld daran, daß Deutschland nicht jenes allen anderen Nationen überlegene Drama hervorgebracht hat, zu dem es in seinen stärksten Talenten befähigt war. Der Bund der Dioskuren Ebenderselbe Genius hat auch über dem Bund der beiden Dioskuren gewaltet, den Hettner und die übrigen Literarhistoriker nicht genug zu preisen wissen. Bekanntlich waren Goethe und Schiller einander ursprünglich antipathisch. Schiller rügte an Goethie »ein bis zur Affektation getriebenes Attachement an die Natur«, erklärte: »überhaupt ist seine Vorstellungsart zu sinnlich und betastet mir zu viel« und schrieb schließlich, ebenfalls an Körner, ohne jede Paraphrase: »dieser Mensch, dieser Goethe ist mir einmal im Wege«; Goethe wußte in dem »gehorsamsten Promemoria«, worin er Schiller für die Jenaer Professur empfahl, an ihm nicht mehr zu rühmen, als daß er »sich durch seine Schriften einen Namen erworben« und erklärte nachträglich ganz offen: »Schiller war mir verhaßt.« Und wie er im ruhigen Rückblick über jene Jahre des gemeinsamen Zusammenarbeitens dachte, erhellt aus den Worten, die er im Oktober 1824, fast zwanzig Jahre nach Schillers Tode, an Zelter schrieb: »Ich redigiere meine Korrespondenz mit Schiller von 1794 bis 1805. ... Mir ist es dabei wunderlich zumute, denn ich erfahre, was ich einmal war. Doch ist eigentlich das Lehrreichste der Zustand, in welchem zwei Menschen, die ihre Zwecke gleichsam par force setzen, durch innere Übertätigkeit, durch äußere Anregung und Störung ihre Zeit versplittern, so daß doch im Grunde nichts der Kräfte, der Anlagen, der Absichten völlig Wertes herauskommt.« Goethe und Schiller haben in jenen zehn Jahren zwei gemeinsame. Schöpfungen hervorgebracht: das Weimarer Theater und die Xenien. Die sogenannte »Weimarer Schule«, die aus ihren Bemühungen hervorging, muß, aus den Berichten zu schließen, eine geradezu schreckliche Art des Theaterspielens über Deutschland verbreitet haben: es war offenbar der Gipfel jenes Stils, den man noch heute in durchaus nicht ehrendem Sinne als »Hoftheater« bezeichnet. Goethes Grundmaxime lautete: »der Schauspieler soll stets bedenken, daß er um des Publikums willen da ist«; infolgedessen solle er nicht »aus mißverstandener Natürlichkeit« so spielen, als wenn kein Dritter dabei wäre. Dieses Prinzip, das an sich ja nicht unrichtig ist, wurde jedoch in einer Weise wörtlich genommen, veräußerlicht und überspannt, die ans Unbegreifliche grenzt. Die Darsteller mußten stets einen anmutigen Halbkreis bilden, durften nie nach dem Hintergrund sprechen, niemals dem Zuschauer den Rücken, ja auch nur das Profil zeigen. Das Hauptgewicht wurde auf kultivierten Vortrag gelegt: eine übertrieben deutliche Artikulation, die die Persönlichkeit des Schauspielers und den Charakter der Figur verwischt, und eine Art singende Deklamation, die man für den Höhepunkt der Schönheit hielt, kurz, es war die Reduktion der Schauspielkunst auf bloße Rezitation und eine Anzahl fixer Repräsentationsgesten; infolgedessen nahmen auch die Leseproben einen ganz unverhältnismäßig großen Raum ein, von Goethe und Schiller persönlich geleitet, die beide, wie dies bei Dichtern so oft der Fall ist, miserable Vorleser waren, Schiller in so hohem Maße, daß er hierdurch mehrmals den Erfolg seiner Stücke gefährdete: den »Fiesko« las er in Mannheim so schlecht, daß alle, obgleich sie mit den größten Erwartungen gekommen waren, nach dem zweiten Akt weggingen und der Regisseur Meyer Streicher fragte, ob nicht ein anderer die »Räuber« geschrieben und Schiller sie nur unter seinem Namen herausgegeben habe, denn der »Fiesko« sei das Allerschlechteste, was er je in seinem Leben gehört habe; ebenso erging es ihm mit Frau von Kalb, die ihm nach der Vorlesung des »Don Carlos« lachend erklärte: »Lieber Schiller! das ist das Allerschlechteste, was Sie noch gemacht haben«, und noch im Jahr 1801, wo er auf der Höhe seines Ruhms stand, mit der »Jungfrau von Orleans«, die nach dem Bericht des Schauspielers Heinrich Schmidt fast gar keine oder vielmehr auf viele eine »narkotische« Wirkung ausübte. Schiller hielt sich jedoch zeitlebens für den besten Interpreten seiner Werke und hatte sogar in seiner Jugend eine Zeitlang die Absicht, Schauspieler zu werden. Was die »Xenien« anlangt, so ist vielleicht in jenem Zimmer in Jena, worin die meisten von ihnen durch Kollaboration entstanden sein dürften, das größte Quantum an Weisheit, Wissen, Geschmack, Zeitgeist, Sprachgewalt, Seelenkunde versammelt gewesen, das das damalige Deutschland aufzubringen vermochte; das Resultat ist bekannt. Es wurde von den Zeitgenossen nahezu einstimmig abgelehnt; die führenden Blätter: die »Erlanger gelehrten Zeitungen«, die »Neue allgemeine deutsche Bibliothek«, die »Oberdeutsche allgemeine Literaturzeitung«, Reichardts »Deutschland«, Wielands »Teutscher Merkur« und fast alle übrigen erklärten es in mehr oder minder schroffer Form für gänzlich mißlungen. Das allgemeine Urteil brachte am klarsten der »Kosmopolit«, herausgegeben von Voß, zum Ausdruck, indem er an eine Verlegeranzeige, die die Xenien »eine in ihrer Art ganz neue Erscheinung« genannt hatte, die Frage knüpfte: »Wer kann einen Augenblick anstehen, gegen vierhundert kleine Gedichte ... welche, dem Publikum als eine Auslese feinen und attischen Witzes, als Geschenke von Werth zu einer würdigen und wohltuenden Ergötzung vorgesetzt, gleichwohl großen Teils entweder plump oder hämisch oder flach und sinnlos, fast sämtlich aber ohne eigentlichen poetischen Wert sind - für eine in ihrer Art neue und merkwürdige Erscheinung zu erklären?« und dreiviertel Jahre später, das Ganze noch einmal zusammenfassend, hervorhob, es bleibe immerhin die Befriedigung, »daß von allen Stimmen, welche sich über die Xenien haben hören lassen, auch nicht eine für sie gesprochen hat«. Erst den nachgeborenen Oberlehrern ist es vorbehalten geblieben, sich für sie zu begeistern, indem sie von dem primitiven Kalkül ausgingen: wenn von zwei Autoren jeder einzelne Hervorragendes schaffe, so müsse das, was sie gemeinsam leisten, doppelt wertvoll sein. Die Antipoden Hebbel sagt einmal in seinem Tagebuch: »Von Goethe war mir nur wenig zu Gesicht gekommen, und ich hatte ihn um so mehr etwas geringschätzig behandelt, weil sein Feuer gewissermaßen ein unterirdisches ist und weil ich überhaupt glaubte, daß zwischen ihm und Schiller ein Verhältnis wie etwa zwischen Mohammed und Christus bestehe; daß sie fast gar nicht miteinander verwandt seien, konnte mir nicht einfallen.« In der Tat kann man sie, wie wir schon andeuteten, geradezu als Schulbeispiele entgegengesetzter künstlerischer Produktivität ansehen. Am 5. Juni 1825 sagte Goethe (natürlich zu Eckermann), als von den Definitionen der Poesie die Rede war: »Was ist da viel zu definieren! Lebendiges Gefühl der Zustände und Fähigkeit, es auszudrücken, macht den Poeten.« Dahingegen schrieb Schiller den Vers: »Was sich nie und nirgends hat begeben, das allein ist Poesie!« Prägnanter können zwei polare Künstlerwelten sich nicht gegenübertreten als in diesen beiden Sätzen. Aber während die Feststellung Goethes jedermann ohne weiteres einleuchtet, bezeichnet das Wort Schillers das eigentliche Paradoxon der Künstlernatur. Emerson leitet seinen Essay über Shakespeare mit den Worten ein: »Wenn wir darin Originalität erblicken, daß eine Spinne ihr Gewebe aus ihren eigenen Eingeweiden zieht, dann ist kein Künsder ein Original.« Nun, Schiller war aber wirklich so eine Spinne: er zog alles aus sich selbst. Schiller kannte von der Schweiz bekanntlich nur ein paar altväterische, wenig anschauliche Beschreibungen und einige Landkarten und Ansichten, mit denen er während der Arbeit am »Tell« sein Zimmer austapeziert hatte; und dennoch ist im »Tell« die ganze Schweiz: alle Schweizer Kritiker konstatierten mit Staunen die treffend ähnliche Porträtierung des Landes, der Sitten, der Volksart, der Redeweise, und Reisehandbücher verwenden noch heute Schillersche Verse zur Orientierung und Lokalverdeutlichung. Die Erörterung dieses Problems war von jeher ein beliebtes Aufsatzthema. Wir möchten jedoch behaupten, daß Schiller nicht nur die Schweiz für seine Schilderung nicht brauchte, sondern daß er sie nur deshalb so gut malen konnte, weil er sie nie gesehen hatte. Eine aufmerksame Tournee durch sämtliche Berge und Täler hätte ihn nur verwirrt. Die widerspruchsvollen und verschwommenen äußeren Eindrücke hätten sich vor seine klaren und kräftigen inneren Bilder geschoben. Eine wirkliche Schweiz hatte dem Dichter Schiller nichts zu sagen. Es gibt aber ein noch krasseres Beispiel. Im »Musenalmanach für das Jahr 1800« erschien das »Lied von der Glocke«. Das Publikum war von der Genauigkeit und Treue, mit der darin die Vorgänge des Glockengusses geschildert waren, überrascht und entzückt. Aber schon elf Jahre früher hatte sich Schiller mit dem Stoff beschäftigt und ging, wie Karoline mitteilt, »oft nach einer Glockengießerei vor der Stadt spazieren, um von diesem Geschäft eine Anschauung zu gewinnen«. Die Dichtung wollte aber nicht recht vorwärts gehen und er legte den Plan zurück. Eines Tages aber fiel ihm ein ganz ödes Buch in die Hände: die »Ökonomischtechnologische Enzyklopädie« von Krünitz, er las es und auf einmal war die Anschauung da! Wir haben im vorletzten Kapitel darauf hingewiesen, daß Kant diese Fähigkeit, die lebhaftesten und deutlichsten Vorstellungen aus Büchern zu schöpfen, in womöglich noch höherem Maße besaß. Im Leben aber verhielten sich Goethe und Schiller merkwürdigerweise gerade umgekehrt. Goethe sagte noch im Alter von sich: »Ich bin immer das neugeborene Kind« und war sein Leben lang eine passive, entschlußschwache, im Grunde weltfremde Natur, während Schiller von den Tagen seiner Reife an durch eine sehr scharfe Kenntnis und resolute Behandlung der gesamten Umwelt gekennzeichnet ist. Er war ein Virtuose in der Handhabung des publizistischen Apparats, und zwar in einem Grade, wie er damals noch viel seltener war als heutzutage, ein Meister des »Waschzettels« und »Prospekts«: man denke an die Vorrede zur Auswahl aus Pitaval, den Vorbericht zur »Sammlung historischer Memoires«, die Ankündigungen der von ihm herausgegebenen Zeitschriften, der »Rheinischen Thalia« und der »Hören«, die er beide mit größter Geschicklichkeit redigierte, zum Teil unter Zuhilfenahme ganz moderner journalistischer Praktiken. Bei den »Hören« rechnete er ganz bewußt auf den Snobismus gewisser Publikumskreise, die es zu allen Zeiten gegeben hat, indem er an den Verleger Cotta schrieb: »Das Denken ist freilich eine harte Arbeit für manchen, aber wir müssen es dahin bringen, daß, wer auch nicht denken kann, sich doch schämt, es zu gestehen, und unser Lobredner wider Willen wird, um zu scheinen, was er nicht ist«; er ließ die einzelnen Nummern in der »Allgemeinen Literaturzeitung« auf Kosten Cottas fortlaufend besprechen, was, da diese die angesehenste und einflußreichste Zeitschrift Deutschlands war, selbst unter den heutigen Verhältnissen ein unerhörter Vorgang wäre; und beim Eingehen der »Horen« erwog er die amerikanische Idee, durch Einrücken eines »tollen politisch-religiösen Aufsatzes« ein Zensurverbot zu erwirken, um damit das Fiasko zu kaschieren. Wenn wir bei der Vergleichung zwischen Goethe und Schiller noch ein wenig verweilen wollen – obgleich sie, wenn wir nicht irren, schon hie und da gemacht worden ist – so wird uns vielleicht als markantester Unterschied auffallen, daß in Goethe auf extreme Weise der optische Typus verkörpert war, in Schiller der akustische Typus. Goethe sagt ausdrücklich: »Gegen das Auge betrachtet ist das Ohr ein stummer Sinn.« Alles Erleben ruht bei ihm im Schauen. Durch den Anblick des Straßburger Münsters wird er zum »Gotiker«; durch den Anblick eines geborstenen Schafsschädels gelangt er zu seiner Wirbeltheorie. In dem dunkeln Gefühl, daß ihn Italien zu neuen Dichtungen befruchten werde, eilt er dorthin, um es zu erblicken; die Idee zu einem Tellepos wird in ihm, im striktesten Gegensatz zu Schiller, durch den Anblick der Schweizer Lokalitäten erweckt, die von der Tellsage Kunde geben. Von Kunstwerken, die er bewundert, wünscht er die Kopien ständig vor Augen zu haben; Schiller hat sich nicht einmal die Originale berühmter Bildwerke angesehen, auch wenn er sie dicht vor sich hatte. Sämtliche Gedichte Goethes sind, wie er selbst es bezeichnet hat, Gelegenheitsgedichte, und dasselbe könnte man von seinen Dramen sagen: alles Schaffen wächst bei ihm aus dem konkreten Erlebnis, und die Literarhistoriker können auf die korrespondierenden Stellen in seiner Biographie und seiner Dichtung mit dem Finger hinweisen. Er hatte eine große Passion für alles Botanische, nur die Kryptogamen interessierten ihn nicht, weil man ihre Einzelheiten mit freiem Auge nicht sieht; aus demselben Grunde beschäftigte er sich auch nicht mit Sternkunde. Er lehnte die mathematische Physik ab, weil sie gleichfalls eine Wissenschaft des Unsichtbaren ist, und die Newtonsche Theorie, daß das Weiß aus sämtlichen Spektralfarben gebildet sei, weil dies dem.Augenschein widerspricht. Seine Vergötterung des Auges ging sogar so weit, daß er niemals Brillen benutzte, weil sie ein künstliches Sehen vermitteln. Umgekehrt hatte er wenig Beziehung zur Musik. Er hat in ihr immer nur eine dienende Kunst erblickt; die Welt der »absoluten Musik« war ihm verschlossen. Zu den größten musikalischen Genies seiner Zeit, Beethoven und Schubert, hat er bekanntlich ebensowenig ein Verhältnis gefunden wie sein Freund, der brave Kapellmeister Zelter, in dem er das Ideal eines Liederkomponisten erblickte. Für Schiller hingegen stand die Musik im Mittelpunkt alles künstlerischen Schaffens, zumal des dramatischen. Er erklärte, seine poetischen Ideen seien immer »aus einer gewissen musikalischen Gemütsstimmung« hervorgegangen, betonte wiederholt, daß die Vollendung des theatralischen Kunstwerks nur möglich sei, wenn man die Musik dazu heranziehe, und räumte ihr in der dramatischen Ökonomie einen breiten und dominierenden Platz ein: die Höhepunkte zumal seiner späteren Werke sind alle musikalisch empfunden und fordern nicht selten die direkte Unterstützung durch das Orchester. Ja man darf einige seiner Dichtungen, wie den »Tell« und die »Jungfrau von Orléans«, geradezu als Sprechopern bezeichnen, was aber nur in den Augen eines theaterfremden Kunstbolschewismus (der neuerdings die alberne Kühnheit gehabt hat, im »Tell« Details wie das Vorspiel, den Chor der barmherzigen Brüder und den musikalischen Schluß des Rütliakts als »kitschig« zu streichen) einen Einwand bedeuten kann. Statiker und Dynamiker Wir könnten vielleicht den Gegensatz zwischen Goethe und Schiller noch auf einen anderen Generalnenner bringen, indem wir Goethe als Statiker , Schiller als Dynamiker bezeichnen. Diese Klassifizierung hat das Mißliche jeder Formel, daß sie etwas Lebendiges unter einen Begriff zu bringen sucht, was schlechterdings unmöglich ist; sie hat aber auch den Vorteil der Formel, daß sie zwei große Gruppen herstellt, die, über die bezeichneten Individuen hinaus, prinzipielle und generelle Bedeutung besitzen. Für Goethe, den Statiker, steht im Mittelpunkt seines Lebens, Denkens und Schauens das Ruhende, das Sein; für Schiller das Bewegte, das Werdende. In der Somatologie ist es die Anatomie, die Wissenschaft von den bleibenden Eigenschaften des Körpers, die Goethes Entdeckungsgebiet bildet, während ihn die Physiologie, die sich mit den Veränderungen des Körpers befaßt, fast gar nicht beschäftigt. Die einzige naturwissenschaftliche Arbeit hingegen, die Schiller verfaßt hat, seine Dissertation, führte in ihrer ersten Fassung den Titel »Philosophie der Physiologie«. Ganz analog ist es in der Botanik die Morphologie, die Wissenschaft von der dauernden Gestalt der Pflanzen, die Goethes Hauptarbeitsgebiet ausmacht, ja die »Urpflanze« ist sogar der gewaltsame Versuch, die verschiedenen Entwicklungsstadien der Pflanze auf ein einheitliches stehendes Grundprinzip zurückzuführen: aus dem Werden ein Sein zu machen. In seinen Studien über die anorganische Natur dominierte die Mineralogie, für die er eine große Leidenschaft besaß; aber die Chemie, die Grundlage aller Mineralogie, ist für ihn von weit geringerem Interesse: weil sie die Lehre von den Umwandlungen der Stoffe behandelt und eine dynamische Wissenschaft ist. Nach dem Gesagten braucht nicht erst näher motiviert zu werden, wieso Goethe ein so bedeutender Lyriker war, aber niemals ein richtiges Drama geschrieben hat, während es sich bei Schiller gerade umgekehrt verhielt, warum Goethe ein so starkes Interesse für bildende Kunst besaß und Schiller für Politik, warum dieser einer der geistreichsten und verständnisvollsten Schüler Kants wurde, dessen Philosophie, wie wir gehört haben, nichts anderes zum Gegenstand hat als das Werden unserer Erkenntnis, und warum Goethe erklärte, Kant nicht zu verstehen. Nur auf eine anscheinend widerspruchsvolle Tatsache sei noch hingewiesen: Goethe reiste viel und schrieb viele Reisebeschreibungen, und zwar weil er ein Statiker war. Denn der Reiseliebhaber, obschon fortgesetzt bewegt, hat sein jeweiliges Interesse doch immer nur auf ein Ruhendes gerichtet, und sämtliche Disziplinen, die sich mit der Reiseliteratur berühren: Ethnographie, Geographie, Archäologie, Geognosie fußen auf statischen Prinzipien. Natur und Geschichte Man könnte das ganze Verhältnis auch auf die beiden Kardinalbegriffe »Natur« und »Geschichte« reduzieren; und in der Tat war im Nebenamt Goethe einer der größten Naturforscher, Schiller einer der größten Historiker seines Zeitalters. Auch in Goethes Dichtungen dominiert die »Natur«. Man weiß bei ihm immer, welche Witterung herrscht, welche Tageszeit und Jahreszeit, unter welchem Himmelsstrich man sich befindet, auch wo nicht die geringste Andeutung darüber gemacht wird; die äußere Atmosphäre, in der seine Menschen atmen, ist um sie ganz ungewollt herumgelegt, hüllt sie ein wie ein bestimmter Farbenton ein Gemälde. Dies gilt selbst von den abstraktesten Szenen im zweiten Teil des »Faust«. Auch Schiller ist die landschaftliche Stimmung, das physische Milieu durchaus nicht gleichgültig, er empfindet es sogar als sehr wirksamen Faktor; man denke zum Beispiel an den prachtvollen Schluß der Rütliszene: »Die leere Szene bleibt noch eine Zeitlang offen und zeigt das Schauspiel der aufgehenden Sonne über den Eisgebirgen.« Aber es wirkt immer wie dazugemalt, und es ist immer nur dort hinzugetan, wo es den Bühneneffekt steigert, gewissermaßen als ein ein- und ausschaltbares Stück Theatermaschinerie. Weswegen es uns, sooft es vorkommt, viel stärker in die Nase geht als bei Goethe. Dies spricht jedoch nicht für Schillers Natursinn, sondern gegen ihn; denn die echte Natur ist etwas, das zwar immer da ist, aber fast unmerklich. Der See im »Tell«, das Gewitter in der »Jungfrau«, der Wald in den »Räubern« sind fast Figuren des Stücks, die auf dem Theaterzettel stehen könnten; und dies spricht andrerseits für Schillers eminenten Theatersinn, denn auf der Bühne hat in der Tat nur das Existenzberechtigung, was auch auf dem Theaterzettel stehen könnte. In Schillers Dichtungen dominiert die »Geschichte«. Goethe ist der Dramatiker der Privatangelegenheiten, Schiller der Dramatiker der welthistorischen Angelegenheiten. Alle seine Stücke haben einen großen politischen Hintergrund, auch seine sogenannten »bürgerlichen«. Es ist gewissermaßen ein Zufall, daß Karl und Franz Moor nur die Söhne eines kleinen regierenden Grafen sind und der Präsident und Ferdinand an einem Duodezhof leben. Sie reden und handeln alle so, als ob sie die Träger weithin leuchtender, in jedem Geschichtsbuch auffindbarer Namen wären. Umgekehrt ist das Historische bei Goethe bloße Namenssache. Es ist ein Zufall, daß Tasso Tasso heißt: er würde uns ebenso interessieren, wenn er nicht mit dem Dichter der »Gerusalemme liberata« identisch wäre, und Egmont mutet uns an wie ein bloßer Namensvetter jenes Helden der Niederlande. Diktierer und Diktator Wir haben schon vorhin auf das Dynamische in Schillers Lebensgang hingewiesen. Seine Entwicklung vollzog sich mit einer Hast und Energie, Überstürztheit und Fieberhaftigkeit, die aus dem dunkeln Vorgefühl floß, wenig Zeit zu haben. Jenen permanenten physischen und psychischen Krisenzustand, den man Genialität zu nennen pflegt, überwand er durch ein eminent helles und starkes Dispositionstalent, eine bewunderungswürdige Ökonomie, die mit sehr genau und knapp zugeteilten Kräften so wirtschaftete, daß der Eindruck des Reichtums, der Überfülle, der Verschwendung erzeugt wurde. Während der Arbeit an einem Drama dachte er immer schon an das nächste, und war eines vollendet, so kam ohne die geringste Atempause das folgende daran: hatte er sich einmal ausnahmsweise nicht sogleich für ein bestimmtes neues Sujet entschieden, so fühlte er sich, wie er selbst es ausdrückte, wie im luftleeren Räume schweben. Ja er verspürte sogar, ebenfalls nach seinem eigenen Bericht, in Zeiten körperlichen Wohlbefindens ein Nachlassen der Geistestätigkeit und Willenskraft: wir stoßen hier wieder einmal auf den merkwürdigen Zusammenhang zwischen Krankheit und Produktivität, den wir im ersten Buch erörtert haben. Schon in der äußeren Form der Arbeitsweise zeigte sich der generelle Gegensatz zwischen ihm und Goethe: dieser hat in seiner zweiten Lebenshälfte fast nur diktiert, Schiller niemals, vielmehr schnaubte und stampfte, deklamierte und gestikulierte er beim Dichten in schreckenerregender Weise. Goethe nahm die Kunst überhaupt nicht übermäßig ernst. Er hatte nichts von der bis zu einem gewissen Grade notwendigen Monomanie des Künstlers, dem sein winziger Ausschnitt aus der Gesamttätigkeit der Menschheit den Angelpunkt der Welt bedeutet. So aber war Schiller, hierin dem Schauspieler verwandt. Mit ihm tritt überhaupt das Moment der »Arbeit« in die Kunst ein, das jener Zeit bisher völlig fremd gewesen war, der Arbeit in der modernen Bedeutung: als Überwindung von Widerständen, inneren und äußeren, und Einordnung aller Tätigkeit in einen vorausbestimmten Plan. So beschäftigte sich Goethe, trotz unablässigster, sorgfältigster und vielfältigster Wirksamkeit, nie und mit nichts. Er war immer Amateur, Liebhaber, Gelegenheitsdichter, Gelegenheitsdenker, Gelegenheitsforscher. Alles entstand bei ihm scheinbar durch Zufall, obschon nach innerster Notwendigkeit. Er entdeckt heute den Zwischenknochen und schreibt morgen seine Lebensgeschichte oder Teile des Faust, vielleicht aber auch nur irgendeinen ganz gleichgültigen Bericht über Bergwerke oder Unterrichtswesen. Alles ist ihm gleich wichtig, alles ist ihm gleich interessant. Er nimmt sich niemals etwas vor. Er läßt sich niemals zu etwas drängen. Er weiß: ist etwas für ihn notwendig, so wird es schon eines Tages von seiner Seele Besitz ergreifen. So paradox es klingt: Goethe, diese ungeheure geistige Energie, die nahezu alles, was vor ihr in menschlichen Köpfen gewesen war, resorbiert und verarbeitet hat, war eigentlich keine aktive, sondern eine träge Natur. Schiller hingegen hat alles aus sich gemacht . Er wirkt daher, in gewisser Beziehung, moderner. Was hätte er in unserer Zeit, die ihm die Mittel an die Hand gegeben hätte, mit seinem rastlosen Organisationstalent nicht alles ins Leben gerufen: Festspielhäuser, Riesenverlage, Volksbildungsinstitute, Weltjournale! Man könnte sich ihn ganz gut mit Füllfeder und Schreibmaschine, als Filmdichter und Radioredner denken; bei Goethe ist das völlig unvorstellbar: er ist der letzte große Vertreter der stillen Zeiten. Schiller war ein so vollständiger Dynamiker, daß man sagen darf: er war überhaupt nichts andres. Alles an ihm war Bewegung. Und das Vehikel, womit er sich und die anderen in Bewegung setzte, war sein Idealismus. Der spezifische Idealismus Schillers ist nichts anderes als der überwältigende Ausdruck seines Ungeheuern Temperaments, seiner außerordentlichen persönlichen Spannkräfte. Dieser Idealismus, elementar, schrankenlos, konzessionslos, hat gewissermaßen eine reine Quantitätswirkung. Sein leidenschaftlicher Optimismus war so groß, daß er nur herausschreien konnte, was er zu sagen hatte. Er vermochte nur in Majuskeln zu schreiben. Oscar Wilde sagt einmal: »Eine Weltkarte, auf der das Land Utopia nicht verzeichnet ist, verdient keinen Blick, denn sie läßt die eine Küste aus, an der die Menschheit ewig landen wird. Und wenn die Menschheit dort angelangt ist, hält sie Umschau nach einem besseren Land und richtet ihre Segel dorthin. Der Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien.« Diese Art des menschlichen Fortschritts hat Schiller sein ganzes Leben hindurch gepredigt. Auf seiner Weltkarte war das Land Utopia die Hauptprovinz. Und in diesem Sinne muß Schiller ein Programm für alle Dichter bilden, weil ohne dieses Programm ein echter Dichter gar nicht möglich ist. Seine Form konnte nie die der anderen werden, denn sie war nur eigens für ihn adaptiert; aber seine ganze Art, zu sehen, zu leben, zu sein, wird immer vorbildlich bleiben. Sein Weg war der Weg nach oben, weg von der Erde, weg vom Gestern, selbst weg vom Heute. Er sah von den Dingen weg, aber nicht in Unwirklichkeiten der Vergangenheit, die nie waren, sondern in Wirklichkeiten der Zukunft, die noch nicht sind. Das war das Poetische an ihm. Denn ein Dichter ist ja schließlich nichts anderes als ein Mensch, der von der Zukunft mehr versteht als von der Gegenwart. Psychologie der romantischen Schule In diesem Sinne kann man auch sagen, daß Schiller der stärkste und echteste Romantiker seines Zeitalters war, obgleich er von der romantischen Schule so erbittert bekämpft wurde, die in das Geistesleben des ausgehenden Jahrhunderts eine neue Variante einführte. Was ist »Romantik«? Man sollte glauben, daß die Beantwortung dieser Frage ungemein leicht sei. Romantik, wird man sagen, ist Steigerung und Färbung des Daseins, ist Exotik und Phantastik und dementsprechend ein Zurückgehen auf die Kunstübung und Weltanschauung früherer Zeiten, die noch in einem ornamentierteren, »poetischeren« Seelenleben wurzelte. Und so meinten es auch anfangs die Dichter und Literaten, die die romantische Schule bildeten. Indes nur anfangs. Denn der Uhrzeiger der Geschichte läßt sich nicht zurückdrehen. Man kann nicht zurück zur Kunst und Seelenverfassung früherer Zeiten, auch wenn sie vielleicht die lebensvolleren und schöneren waren, man kann nicht »zurück zur Antike«, »zurück zur Gotik«, »zurück zur deutschen Renaissance«, man kann nur durch diesen unerfüllbaren Wunsch dem Weltgefühl und Kunstwollen der jeweiligen Gegenwart eine besondere Färbung verleihen. Dieser Sachverhalt konnte auf die Dauer auch den Romantikern nicht verborgen bleiben. Und so wurde denn – um so mehr, als sie ihn doch nicht völlig klar erkannten die ganze romantische Dichtung und Philosophie, ja schon der von ihr aufgestellte Begriff der Romantik etwas ungemein Verzwicktes, Fragwürdiges und Labyrinthisches, so daß es fast unmöglich ist, ihn zu fassen und zu definieren. Die Romantiker selber vermochten es jedenfalls nicht. Sie waren, obgleich sie glaubten oder vorgaben, zu den Daseinsformen primitiverer Kulturen zurückzustreben, die allermodernsten, kompliziertesten, kritischsten und man muß sogar sagen: phantasielosesten Menschen ihrer Zeit. Eine geistige und künstlerische Bewegung, die die Rückkehr zum Altertümlichen und Volkstümlichen, zum kindlichen Träumen und Fabulieren, zur Mystik und naiven Frömmigkeit zu ihrer Parole macht, wird von einer Vereinigung sehr überlegener, sehr raffinierter, sehr intellektueller Dialektiker, Skeptiker und Analytiker ins Leben gerufen; und schon allein dadurch, daß sie von vornherein als Programm auftritt, wird sie sofort eine Sache aus zweiter Hand, etwas Übertragenes, Substituiertes, Interpoliertes: kein Wunder in einer Zeit, die so aufgeklärt und unterrichtet, subtil und introspektiv war wie keine vorhergehende. Kurz: was bei allen diesen geistreichen Bemühungen herauskam, war nicht wirkliche Romantik, sondern mit Romantik bedrucktes Papier und, bei den stärksten Talenten der Schule, die virtuos inszenierte Komödie der Romantik. Der Stern dieser Theatertruppe war Ludwig Tieck, und zwar im ganz wörtlichen Sinne: er war der hinreißendste Vorleser und Improvisator seiner Zeit, und es war nur eine Stimme darüber, daß aus ihm, wenn er zur Bühne gegangen wäre, einer der größten Menschendarsteller geworden wäre. Dies übertrug sich auch auf seine Dichtung. Die Figuren in seinen historischen Romanen sind kostümierte Schauspieler und seine Lyrik ist nichts als eine prächtige und reiche Requisitenkammer von romantischen Metaphern und Assoziationen. Er war der geniale Akteur der Romantik, wie Friedrich Schlegel deren genialer Journalist und Wilhelm Schlegel deren genialer Professor war. Es ist in diesem Zusammenhang begreiflich, daß er einer der glänzendsten Vertreter eines Genres wurde, das eigentlich er erst zur vollen Ausbildung gebracht hat, nämlich des Kunstmärchens , das sich infantil stellt, während es in Wirklichkeit Satire ist. Die ganze Romantik Tiecks und fast aller seiner Genossen ist eben bloßer Atelierscherz, ein Maskenball, auf dem sich extreme Rationalisten als Irrationalisten verkleiden, und Heine umschrieb den Sachverhalt ebenso boshaft wie treffend, als er sagte: »Tieck wohnte im Hause Nicolais, eine Etage höher als dieser Mann.« Es ist bei ihm alles bewußt und mechanisch, gewollt und konstruiert. Besonders charakteristisch hierfür ist sein berühmter Romanheld William Lovell, in dem er die Figur des Immoralisten zu gestalten versuchte. Dieser nimmt sich vor, ein Wüstling und Bösewicht zu werden, indem er dekretiert: »ich selbst bin das einzige Gesetz in der ganzen Natur«, und absolviert gewissenhaft das Pensum, das er sich gestellt hat; aber wir glauben diesem Privatdozenten der Unmoral kein einziges seiner Laster und Verbrechen. Noch stärker tritt dies bei Friedrich Schlegels Roman »Lucinde« hervor, von dem Karoline, die Gattin Wilhelms, bemerkte, er sei ein totgeborenes Kind, das der Pedantismus mit der Sünde gezeugt habe. Bei Friedrich störte jedoch der Rationalismus viel weniger als bei Tieck, da seine Haupttätigkeit sich auf philosophische und wissenschaftliche Gebiete erstreckte. Sein Grundmangel lag in etwas anderem: nämlich in der launischen, undichten, rhapsodischen Art seines Denkens und Arbeitens. Er konnte sich, obgleich eine Fülle von originellen und fruchtbaren Ideen in ihm gärte, niemals zu einer umfassenden einheitlichen Konzeption zusammenraffen. Die Mahlzeiten, die er vorsetzte, bestanden aus lauter höchst pikanten und aparten hors-d'oeuvres. Anfangs glaubte er, aus seinem Defekt eine Tugend machen zu können, indem er behauptete: »Fragmente sind die eigentliche Form der Universalphilosophie«; aber später schrieb er an seinen Bruder in voller Selbsterkenntnis: »Wußtest du nicht, daß ich den Mangel an innerer Kraft immer durch Pläne ersetze?«, und dieser sagte von ihm: »Am Ende beschränkt sich sein ganzes Genie auf mystische Terminologie.« Die romantische Ironie Und wir haben hier in der Tat den sonderbaren Fall, daß eine große geistige Bewegung, eine ganz neue Dichtung und Philosophie aus ein paar glänzend geprägten und farbig geschliffenen Schlagworten und Leitvokabeln hervorgewachsen ist. Wir haben uns unter der romantischen Schule ganz einfach die »Moderne« des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts vorzustellen, und sie war, wie solche »neue Richtungen« zumeist zu sein pflegen: sehr selbstbewußt, rechthaberisch und doktrinär und aufs tiefste überzeugt, die einzig richtige und endgültige Ansicht vom Wesen der Kunst zu besitzen; sehr betriebsam, propagandasüchtig und tumultuarisch, gegen fast alles Bisherige frondierend und überall Antiquiertheit witternd; offiziell publikumsfeindlich, im geheimen aber sehr nach großen Auflagen lüstern und emsig bestrebt, Verleger und Zeitungen für sich zu monopolisieren; und bei alledem doch in ihrem federnden Kampf gegen alles Überlebte, Abgestandene, Ausgelaugte als machtvolle Befreiung wirkend. Vom »Sturm und Drang« hatten die Romantiker den Ichkult übernommen, die Lehre von der Suprematie des Gefühls, den Haß gegen die Aufklärung und gegen alles Berufsmäßige, die Begeisterung für die deutsche Vergangenheit und die provokante Anpreisung der Regellosigkeit und Illegitimität. An die Expressionisten erinnerten sie darin, daß sie ein sehr ausgeführtes Programm besaßen, das sie aber nicht ausführten, infolge Überbewußtheit und schöpferischer Impotenz, und daß sie sich an einer gesuchten und konfusen, obschon bedeutend geistreicheren Phraseologie berauschten, mit der sie sich und die Dinge umnebelten. Diese Versuche, alles absichtlich zu entlogisieren und zu chaotisieren, führten schließlich zu gänzlichen Grenzverwischungen zwischen den einzelnen Künsten, zwischen Kunst und Leben, zwischen Philosophie, Poesie und Religion und zwischen den einzelnen Sinneseindrücken: Farben wurden als Töne, Töne als Gerüche empfunden und man träumte von einer Dichtkunst, die »höchstens einen allegorischen Sinn im Großen und eine indirekte Wirkung wie Musik« habe. Wegen seiner Losgebundenheit von der Kausalität hatten sie auch eine solche Vorhebe für das Märchen: »Alles Poetische«, sagt Novalis, »muß märchenhaft sein. Der Dichter betet den Zufall an.« Die »Romantisierung des Dramas« bestand nach Tiecks Meinung darin, daß das dramatische Gefüge durch epische und lyrische Bestandteile zersetzt werde. Romantisch bedeutet im Jenaer Kreis oft nichts anderes als romanhaft, und der Roman galt denn auch als die höchste Gestalt des literarischen Kunstwerks, offenbar wegen der zerfließenden Formlosigkeit, die er zu jener Zeit gerade in seinen bedeutendsten Exemplaren zur Schau trug. Der erste in diesem Fache, Jean Paul, gehörte zu den bestimmenden Outsidern und Sonderlingen mit Ewigkeitsgehalt, wie sie zuweilen in der Weltliteratur aufzutauchen pflegen. Seine Breite, die allerdings aus der Unerschöpflichkeit der Einfälle und Beobachtungen floß, spottete in der Tat jeder festen Begrenzung und Formulierung. Wilhelm Schlegel nannte seine Romane zutreffend Selbstgespräche, und seine auf die Spitze getriebene Subjektivität zerreibt wirklich alles Geschaute und Gestaltete zur Privatkonversation. Aber er besaß, was zwischen klassischem Ernst und romantischem Witz sehr selten geworden war: Humor. Dieser ist die reich und hell sprudelnde Quelle seines solitären Schaffens, die aber zugleich alles verflüssigt und auflöst. Die Romantiker aber, zu denen Jean Paul nicht eigentlich gehört, gingen sogar von der Theorie aus, daß eine Kunst, die die volle Illusion gibt, gar keine wahre Kunst sei, denn diese habe ein freies Spiel zu sein; daher stellten sie den Grundsatz auf, daß die Illusion durch Ironie, Selbstparodie durchbrochen werden müsse. Dies ist der Sinn der berühmten »romantischen Ironie«, die schließlich dazu gelangt, alles zur zweiten Potenz zu erheben, sich über ihre Lustigkeit lustig zu machen und ihre Betrachtung zu betrachten. Die »Doppellieben« Durch diese universelle Tendenz, alles überlegen von oben anzusehen, mit allem zu spielen, in allem sogleich die Antithese zu erblicken, die es aufhebt, erhielt das damalige Leben eine überaus geistreiche, aber auch frivole Färbung. Daß man auch die erotischen Beziehungen vom ironischen Gesichtspunkt betrachtete, geht aus den zahlreichen »Doppellieben« hervor, die man geradezu als eine Mode jener Zeit ansprechen kann; fast immer steht eine Frau zwischen zwei Männern oder ein Mann zwischen zwei Frauen: Karoline Schlegel zwischen Wilhelm und Schelling, Bürger in einer Art Doppelehe zwischen zwei Schwestern, der Prinz Louis Ferdinand von Preußen zwischen der sanften Henriette Fromm und Pauline Wiesel, dem »Wunder der Schönheit und der Gemeinheit«; und Novalis liebte sogar gleichzeitig eine Lebende und eine Tote: die dreizehnjährig verstorbene Sophie von Kühn und seine Braut Julie von Charpentier, was er sich damit zu erklären suchte, daß Sophie und Julie nur in der Welt der Erscheinungen zwei seien, einst aber, im Lande der Erfüllung sich als dieselbe Person offenbaren würden. Auch Schiller schwankte längere Zeit zwischen den beiden Schwestern Wolzogen, Lotte und Line (in Weimar hießen damals fast alle Weiber Charlotte oder Karoline), bis das Fräulein Karoline von Dacheröden klärte und vermittelte, die aber selber ihr Herz zwischen Wilhelm von Humboldt und Karl von Laroche geteilt hatte; und dieser vermochte sich wieder zwischen ihr und der schönen Berliner Jüdin Henriette Herz nicht zu entscheiden, der späteren Seelenfreundin Schleiermachers. Die unromantische Romantik Wir haben im ersten Buche darzulegen versucht, daß die ganze Geschichte der Neuzeit nichts anderes enthält als die Steigerung und Übersteigerung des rationalistischen Prinzips in seiner Anwendung auf alle Lebensgebiete. Darum nennen wir diesen Entwicklungsgang die Krisis der europäischen Seele, und wir glauben optimistischerweise, daß diese Krisis durch das heilkräftige Trauma des Weltkriegs nunmehr überwunden und ein neues Weltalter angebrochen ist. Wir haben auch schon gelegentlich angedeutet, daß die sogenannten Gegenbewegungen, die im Laufe der Neuzeit periodisch hervorgetreten sind, um nichts weniger rationalistisch waren als der Rationalismus, den sie bekämpften. Vielmehr verhielt es sich bloß so, daß in gewissen Zeiträumen der Verstand nackt und triumphierend auftrat, während er in anderen Momenten Gewissensbisse verspürte moralische, weil er immer ein utilitaristisches Element enthält; ästhetische, weil er die Phantasie erstickt; religiöse, weil er antimystisch, diesseitig und au fond atheistisch ist und sich daher vor sich selber zu maskieren suchte. Derartige Gegenströmungen waren die Barocke, die auf den Humanismus reagierte, die Empfindsamkeit, die auf die Aufklärung reagierte, die Romantik, die auf den Klassizismus reagierte, die Neuromantik des Fin de siècle, die auf den Naturalismus reagierte. Nicht selten waren diese »romantischen« Reaktionsbewegungen sogar noch viel verstandesmäßiger, erdachter, konstruierter, bewußter als die vorhergehenden »realistischen«, die oft mit der Gewalt einer Naturkraft hervorbrachen, in ihrem elementaren Drang nach Klarheit, Wahrheit und Wirklichkeit. In ihrem Kampf gegen den Klassizismus hat es die Romantik nicht vermocht, einen Gegenstil zu schaffen; vielmehr hat sie bloß die Auflösung alles Stils erreicht. Und was das Wichtigste und zugleich Sonderbarste ist: sie war überhaupt nur eine Spielart des Klassizismus . Rudolf Haym nennt in seinem bis heute nicht überholten Fundamentalwerk über die romantische Schule Hölderlin einen »Seitentrieb der romantischen Poesie«; man könnte diese Bezeichnung umkehren und die gesamte romantische Schule einen Seitentrieb der klassischen Poesie nennen. Ihre ganze Kunstrevolution war nichts als ein Vertauschen der Stichworte, Umdrehen der Pointen und Jonglieren mit antithetischen Begriffspaaren, eine Spiegelfechterei mit Nomenklaturen, virtuose dialektische Schaumschlägerei und kalte Gegenrechnung: das Artistenexperiment, ob man »auch anders könne«. Und eigentlich nicht einmal das. In seinen »Gemäldebeschreibungen« sagt Friedrich Schlegel: »Ernste und strenge Formen in bestimmten Umrissen, die scharf heraustreten; keine Malerei aus Helldunkel und Schmutz in Nacht und Schlagschatten, sondern reine Verhältnisse und Masse von Farben wie in deutlichen Akkorden ... das ist der Stil, welcher mir ausschließend gefällt.« Das hätte auch Winckelmann schreiben können. Und in der Tat bezeichnete es Friedrich als sein Ideal, der »Winckelmann der griechischen Poesie« zu werden. Ganz in diesem Sinne erklärte er die griechische Poesie für den »Kanon der natürlichen Poesie«, der »für alle Zeiten und Völker ein gültiges Gesetz und allgemeines Urbild« sei, und forderte kategorisch die Rückkehr zur »Griechheit«. Über seinen Bruder Wilhelm schrieb Goethe an Heinrich Meyer: »Soviel ich habe wahrnehmen können, ist er in ästhetischen Haupt- und Grundideen mit uns einig.« Beide Brüder stellten Iphigenie und Tasso hoch über Götz und Werther und erblickten in den »Räubern« ein rohes und barbarisches Produkt. Wilhelm ist in seinen lyrischen Dichtungen vollkommener Klassizist, und zwar bereits Epigone, nämlich Schillerkopist, während Tiecks Prosa sehr stark von Goethe beeinflußt ist. Friedrichs »Alarcos« und Wilhelms »Ion«, beide von Goethe aufgeführt, sind von der untadeligsten klassischen Farblosigkeit und Langweile. Umgekehrt ist Schillers Spieltheorie vollkommen romantisch. Sätze wie: »denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt« könnten ganz gut von Friedrich Schlegel sein. Daß die Romantiker später gegen Schiller so heftig Front machten, hatte seinen äußerlichen Grund in dem Bruch zwischen ihm und den beiden Schlegel, die jedoch fortfuhren, Goethe aufs höchste zu preisen, obgleich er zweifellos, gegen Schiller gehalten, der »unsentimentalische« Dichter war. Auch der »batavische Plato« Franz Hemsterhuis, in dem sie den Begründer der romantischen Philosophie verehrten, hatte erklärt, die Griechen seien das Idealvolk gewesen und von da sei die Entwicklung nur abwärts gegangen. Und so bestand der höchste, obschon verhüllte Gipfel der romantischen Ironie vielleicht darin, daß die romantische Schule ganz unromantisch war. Novalis Das einzige wirkliche Genie der Schule war Novalis, der sich in ihr ausnimmt wie eine Nachtigall unter lauter kunstvollen Spieldosen, und selbst dieser war in seinem Denken noch bedeutender als in seinem Dichten. Die Hauptmasse seiner Ideen hat Novalis in den »Fragmenten« niedergelegt, einer umfangreichen Aphorismensammlung, von der zu seinen Lebzeiten nur einiges in der romantischen Zeitschrift »Athenäum« unter dem Titel »Blüthenstaub« veröffentlicht wurde. Von ihm war die fragmentarische Form nicht aus Bizarrerie oder Bequemlichkeit ergriffen worden, sondern als die seinem Wesen einzig angemessene und organische Ausdrucksweise. Sein Grundcharakter war eine edle Unvollkommenheit, alles an ihm nur Anlage, Keim, Entwicklungsansatz. Das wußte er selber und er schrieb in sein Tagebuch: »ich soll hier nicht vollendet werden« und ein andermal: »ich soll hier nichts erreichen, ich soll mich in der Blüte von allem trennen.« In diesem Sinne hat er uns denn auch wirklich nichts anderes gegeben als die Blüte einer Philosophie. Im letzten und höchsten Verstande ist für Novalis jede Erkenntnis mystisch: »Alles Auserwählte«, lauten seine schönen Worte, »bezieht sich auf Mystizismus. Wenn alle Menschen ein paar Liebende wären, so fiele der Unterschied zwischen Mystizismus und Nichtmystizismus weg.« Dieser Mystizismus gipfelt in der Forderung an den Geist, sich ins Innere zu versenken und dort eine eigene Welt aufzubauen. »Die Welt ist kein Traum, aber sie soll und wird vielleicht einer werden!«: dieser Aphorismus führt im Nachlaß die Überschrift »Zukunftslehre des Lebens«. Novalis meint damit, daß wir danach streben sollen, uns eine ähnliche Leichtigkeit der Seele zu erwerben, wie wir sie im Zustand des Traumes besitzen, und eine ähnliche Fähigkeit, in jedes Objekt einzudringen und sich darein zu verwandeln. In dem Augenblick, wo unser Denkorgan unsere Sinne in der Gewalt hat, können wir diese auch nach Gefallen modifizieren und dirigieren; so bemeistert heute schon der Maler das Auge, der Musiker das Ohr, der Poet Sprache und Einbildungskraft: »unser Körper ist schlechterdings fähig, vom Geist in beliebige Bewegung gesetzt zu werden.« Vielleicht wird der Mensch einmal imstande sein, verlorene Glieder zu rekonstruieren sich und durch seinen bloßen Willen zu töten, seine Sinne zwingen können, ihm jede Gestalt zu produzieren, die er verlangt, seine Seele vom Körper trennen, wenn er es für gut findet, er wird sehen, hören und fühlen, was, wie und in welcher Verbindung er will, er wird dann erst im eigentlichsten Sinne seine Welt leben können. Diesen tätigen und freien Gebrauch unseres Geistes, unseres Körpers, der ganzen Welt sollen wir lernen . Alle Schranken sind bloß des Übersteigens wegen da. In dieser Richtung liegt unsere Zukunft. Wenn man diese verstreuten Aufzeichnungen gegenständlich und buchstäblich nimmt, dann ist der »magische Idealismus«, wie Novalis seine Philosophie genannt hat, nichts als die abstruse Folgerung, die ein unkritischer Kopf aus dem fichtischen System zieht, und Novalis ein Gedankenabenteurer, ein philosophischer Cagliostro. Sieht man aber in diesen Äußerungen die Gedankenträume eines tiefen und eigenartigen Dichtergeistes, dann ist Novalis der Prophet einer geistigen Vervollkommnung und Höherentwicklung der Menschheit und selbst der bedeutsamste Beweis für die Kraft und Macht der menschlichen Phantasie. Machen wir denn nicht täglich die Erfahrung, daß die Seele stärker ist als der Leib, daß dieser nur dazu da ist, sie zu bedienen? Den experimentellen Beweis für die Fähigkeit des Geistes, sich den Körper zu bauen, hat ein Jahrhundert nach Novalis der Arzt Karl Ludwig Schleich in seinen höchst tiefsinnigen und fruchtbaren und in manchen Partien geradezu genialen Werken erbracht, in denen er unter anderem auf die metaphysische Schöpferkraft hinweist, die in der Hysterie liegt: bekanntlich sind die Hysterischen imstande, bloß durch ihren Willen, ihre Einbildungskraft Geschwülste, Brandwunden, Blutungen zu erzeugen, ja es gibt sogar einen hysterischen Scheintod und einen Tod durch Autosuggestion. (Übrigens ist ja die Hysterie überhaupt nur eine Steigerung ganz normaler Wirkungen, an denen man ebenfalls schon sehen könnte, daß der »Gedanke«, die »Vorstellung« schöpferisch ist: man denke an das Erröten vor Scham, das Erbleichen vor Zorn, die Gänsehaut vor Angst, die Speichelsekretion bei der »Idee« von Leckerbissen und dergleichen. Außerdem ist jeder Tod durch Schreck eine Art Tod durch Autosuggestion.) All dies muß uns zu dem Schluß drängen, daß jeder Mensch der Dichter seiner eigenen Biographie ist, die meisten unbewußt, einem instinktiven Bildungstrieb folgend, etwa in der Art, wie eine Alge sich ihr Kieselgehäuse baut, der geniale Mensch bewußt. Unsere Erlebnisse und Handlungen sind gleichsam Sekrete unseres Willens, unseres intelligibeln Ichs, unserer Seele, die als die einzige wahre Realität geheimnisvoll schöpferisch hinter unserem sichtbaren Leben thront. Schleiermacher Wir möchten, entgegen einer hundertjährigen Professorentradition, die Behauptung aufstellen, daß Novalis der bedeutendste Philosoph der romantischen Schule war, nicht Schleiermacher, nicht Fichte und am allerwenigsten Schelling. Was Schleiermacher mit höchst beachtenswerter geistiger Energie versuchte, war der Ausbau einer romantischen Theologie. Religion ist ihm weder ein Wissen noch ein Tun, sondern ein Gefühl, und zwar, wie er es mit einem ziemlich kakophonen Ausdruck bezeichnet, »ein schlechthiniges Abhängigkeitsgefühl«: in diesem besteht unser Gottesbewußtsein. Weil aber die Frömmigkeit ein Gefühl ist, ist sie etwas durchaus Individuelles, Außerkonfessionelles, und die religiösen Genies, die Religionsstifter waren jene Persönlichkeiten, die diesem Abhängigkeitsgefühl eine neue Gestalt gaben. Obschon dies eine etwas magere Deutung der religiösen Phänomene ist, haben Schleiermachers Schriften gleichwohl ganze Generationen von protestantischen Theologen befruchtet. Er war auch zweifellos einer der feinsten und mächtigsten Dialektiker, die Deutschland jemals besessen hat, aber im Grunde nur ein entlaufener Schüler der Aufklärung: er besaß den bloßen Willen zum Glauben, wie er denn auch ziemlich stark, wenn auch nicht voll eingestanden, zum Pantheismus neigte, sehr oft Gott und Universum als identische Begriffe behandelte und Spinoza überaus hoch stellte. Fichte Fichte war eine der originellsten und suggestivsten Persönlichkeiten des Zeitalters. Schon in seiner äußeren Erscheinung und Gebarung: seiner kräftigen gedrungenen Gestalt, seinen scharfgeschnittenen Zügen, seinem feurigen und gebieterischen Blick, seiner schneidenden Stimme und seinem mehr diktatorischen als demonstrativen Vortrag hatte er viel mehr von einem Sektenstifter oder Parteiführer als von einem Denker und Gelehrten. Anselm Feuerbach sagte von ihm: »Ich bin überzeugt, daß er fähig wäre, einen Mahomet zu spielen, wenn noch Mahomets Zeit wäre, und mit Schwert und Zuchthaus seine Wissenschaftslehre einführen, wenn sein Katheder ein Königsthron wäre.« In der Tat vertrug er nicht den geringsten Widerspruch, hielt jeden, der an seiner Philosophie die geringsten Modifikationen vorzunehmen versuchte, für einen Esel oder Schurken und bekam durch seine spröden herrischen Manieren mit aller Welt Händel. Die Universität Jena, an der er eine glänzende Lehrtätigkeit entfaltet hatte, mußte er mit Eklat verlassen, wegen einer Affäre, bei der die Regierung in der Sache, er aber in der Form im Unrecht war. Er nannte sogar Kant, der sein System ablehnte, einen »Dreiviertelskopf«. Seine Vorträge über die »Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters«, die er im Winter 1804 auf 1805 in Berlin hielt, übten eine außerordentliche moralische Wirkung: er wandte sich in ihnen mit hohem ethischen Pathos gegen die »Nullität« des Zeitgeists, seine leere Freigeisterei und seichte Aufklärerei, »eingewurzelte Selbstsucht« und »vollendete Sündhaftigkeit«, die bald darauf Preußen nach Jena und Tilsit führen sollte. Einen bewunderungswürdigen Mut bewies er durch seine »Reden an die deutsche Nation«, die er im Winter 1807 auf 1808 hielt, während in Berlin ein französischer Befehlshaber residierte: man fürchtete allgemein, daß ihn das Schicksal des Buchhändlers Palm treffen werde, und er selber war daraufgefaßt. Er forderte in ihnen die sittliche Wiedergeburt des Volkes als Vorbedingung der politischen Wiedergeburt, und es ist nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß sie einen der stärksten Antriebe zur Erhebung von 1813 gebildet haben. Sein philosophisches System hatte er bereits im Jahre 1794 in der »Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre« zu entwickeln begonnen, die das Thema behandelt: wie kommt Wissen zustande? Seine Deduktion nimmt ihren Ausgang von einer kritischen Untersuchung der kantischen Erkenntnistheorie. Diese hatte die Ursache unserer Empfindungen im Ding an sich erblickt, das, wie wir bereits darzulegen versuchten, ein ziemlich prekärer und widerspruchsvoller Begriff war; demgegenüber erklärt Fichte: das absolut Erste, Primäre und Ursprüngliche ist nicht das Ding an sich, sondern das Ich; dieses ist die Grundvoraussetzung und Grundbedingung jeder Art von Erfahrung, weil es alle Erfahrung überhaupt erst möglich macht. Da alles Denken, alle Empirie, die Gesamtheit aller Objekte im Ich gesetzt ist und nur in ihm, kann das Ich durch nichts anderes gesetzt sein als durch sich selbst. Das Sein des Ich ist seine eigene Tat und somit keine Tatsache, sondern eine Tathandlung . Wie aber kommt das Ich dazu, diese ursprüngliche Tathandlung zu begehen? Dies wird von Fichte dadurch erklärt, daß das Ich von Natur den Drang zur Produktion in sich trägt, daß das theoretische Ich sich auf das praktische Ich gründet, dessen Wesen Trieb, Wille, Streben ist. Die Existenz des Ich ist keine Behauptung, sondern eine Forderung, kein Axiom, sondern ein Postulat, kein Schluß, sondern ein Entschluß; daher heißt der oberste Satz der fichtischen Philosophie: setze dein Ich! Ohne Ich gibt es keine objektive Welt, keine Natur, kein Nicht- Ich. Daher lautet der zweite Hauptsatz: das Ich setzt das Nicht- Ich, das Ich setzt sich und sein Gegenteil. Das theoretische Ich setzt einen Gegenstand, damit das praktische einen Widerstand habe. Kurz: die Welt ist ein Produkt des Ich. Das Ich vollzieht eine Reihe von Handlungen, und so entsteht das, was wir die Außenwelt nennen. Aber diese Handlungen des Ich geschehen unbewußt. Wir wissen nichts von dieser schöpferischen Tätigkeit, ähnlich wie im Traume, wo uns gleichfalls Geschöpfe gegenübertreten, die uns als Realitäten, als vollkommen selbständige Wesen erscheinen, obgleich sie nichts anderes sind als Produkte unserer Geistestätigkeit. Diese unbewußte weltschöpferische Tätigkeit des Ich nennt Fichte die »bewußtlose Produktion«, und das Vermögen, wodurch wir diese Tätigkeit vollziehen, findet er in der Einbildungskraft. Weil die Produktion bewußtlos ist, erscheint uns die Welt als etwas außer uns, als »Nicht-Ich«, als Objekt, das heißt: als etwas, das unabhängig von unserem Subjekt besteht. Was wir aber für unser Objekt halten, ist in Wahrheit unser Produkt. Diese ganze Deduktion handelt jedoch von Tatsachen des Unterbewußtseins. Nun gibt es aber eine menschliche Geistestätigkeit, in der dieser dunkle Vorgang jedermann klar vor Augen liegt. Diese Tätigkeit ist die Kunst. Das Vermögen, wodurch die Kunst ihre Schöpfungen hervorbringt, ist gleichfalls die Einbildungskraft, und auch das Resultat, zu dem sie gelangt, ist dasselbe wie das der fichtischen »Produktion«: wenn nämlich die Kunst ihre Tätigkeit vollendet hat,so stehen auch ihre Produkte als scheinbar selbständige Objekte da, als Realitäten, die vom Ich des Künstlers losgelöst erscheinen. Dennoch besteht ein bedeutsamer Unterschied. Was dort der Mensch bewußtlos vollbringt: die Schöpfung einer in sich zusammenhängenden Welt, das tut hier der Künstler mit völligem Bewußtsein. Hier wird die Theorie zur Wirklichkeit, und was jeder Mensch tut, ohne es zu wissen, in der Dunkelkammer des Unterbewußtseins, das vollzieht der Künstler als ein seiner selbst mächtiges Wesen im Tageslicht des Selbstbewußtseins. Darum hat Fichte gesagt: »Die Kunst macht den transzendentalen Gesichtspunkt zum gemeinen.« Seine Philosophie ist, wenn man sie recht versteht, eine radikale Künstlerphilosophie. Und die Romantiker verstanden sie und machten Fichte zu ihrem Propheten. Schelling Die Grundlage des fichtischen Systems ist eine Gleichung: Ich = Welt. Kehrt man diese Gleichung um, so erscheint die ganze Welt als ein Ich, als ein geistiges lebendurchströmtes Wesen, als ein Stufenreich von intellektuellen Potenzen, deren höchste der selbstbewußte Mensch ist. Unter diesem Gesichtswinkel erscheint die Natur nicht mehr als eine tote Masse, eine starre Schranke des Geistes, als ein Gegen-Ich, sondern als ein unentwickelter Mensch, eine unreife Intelligenz, Stoff von unserem Stoffe und Geist von unserem Geiste. Natur ist nicht ein Ungeistiges, sondern ein Vorgeistiges, unbewußter, werdender Geist, eine Entwicklungsreihe immer besser gelingender Versuche des Nicht-Ich, Ich zu werden. Dies ist der Standpunkt Schellings. Sagte Fichte: Ich = Alles, so sagte Schelling: Alles = Ich und bezeichnete daher das System Fichtes als subjektiven, sein eigenes als objektiven Idealismus. Für ihn sind sowohl Natur wie Geist Einheit des Idealen und Realen, des Subjektiven und Objektiven; nur daß in der Natur das Reale, im Geist das Ideale überwiegt. Natur und Geist, Objekt und Subjekt stehen zueinander im Verhältnis der Polarität , deren Grundgesetz lautet: Identisches entzweit sich, Entgegengesetztes strebt nach Vereinigung. Polarität zeigen alle materiellen und geistigen Phänomene: der Magnetismus, die Elektrizität, die Säuren und Alkalien, die Körper in ihrer Wechselwirkung von Repulsion und Attraktion, Pflanze und Tier in ihrem entgegengesetzten Verhalten zum Sauerstoff, die höheren Lebewesen in ihrem Dualismus von Irritabilität oder physischer Reizbarkeit und Sensibilität oder psychischer Reizbarkeit, das Ich in seiner bewußtlosen und bewußten Tätigkeit und die Kunst, die als Darstellung des Unendlichen das »wahre und ewige Organon« der Philosophie ist. Die höchst geistreiche, obschon in ungenießbarer, lähmend änigmatischer Sprache vorgetragene Philosophie Schellings ist, trotz steter Bezugnahme auf Kant und Fichte und freigebigstem Gebrauch der Worte »kritisch« und »transzendental«, nur eine maskierte oder vielmehr ihr selbst unbewußte Rückkehr zum Dogmatismus, worin zunächst noch kein Einwand läge, wenn Schelling sich darauf beschränkt hätte, Poet zu sein wie Novalis oder Essayist wie Friedrich Schlegel oder ein großartiges enzyklopädisches Lehrgebäude zu errichten wie Hegel. Zu einem solchen gelangte er aber nie: der Grund lag darin, daß er zu rasch und zu früh berühmt wurde. Infolgedessen begnügte er sich damit, immer nur allerlei apokalyptische Richtlinien und Andeutungen, Kohlenskizzen und Brouillons, Programme und Denkschriften in die Welt zu schicken. Was Fichte Kant vorwarf, daß er sich selbst nicht verstehe, gilt tatsächlich von Schelling. Der Grund seiner Unverständlichkeit lag nicht darin, daß seine Ideen zu tief waren, sondern daß er sie nicht bis zur letzten Klarheit durchgedacht hatte und daher um so weniger anderen klar machen konnte und daß er auch das ungeheure Tatsachenmaterial, das er beherrschen wollte und mußte, nicht in der Hand hatte. Er half sich daher mit einem dilettantischen Eklektizismus, der seine Mängel hinter einem vornehmen Orakelton zu verbergen suchte. Seine Enuntiationen fanden aber gleichwohl längere Zeit ein begeistertes Publikum, teils wegen der originellen, fruchtbaren und beschwingten Gedanken oder vielmehr Apercus, die tatsächlich in ihnen verstreut lagen, teils weil es zu allen Zeiten Halb- und Schiefgebildete gibt, die zu strengem und reinem Denken nicht aufgelegt oder nicht fähig sind und daher den Nebel, in dem man sich gar nicht anders als tappend bewegen kann, als bequem und zugleich sehr apart begrüßen. Die Chemie kennt gewisse Körper, »Katalysatoren«, die die Eigenschaft besitzen, das Tempo eines chemischen Vorgangs durch ihre bloße Anwesenheit zu steigern; ein solcher katalytisch wirkender Stoff fesselt durch seine Affinität einen Bestandteil einer Verbindung, die er dadurch spaltet, und gibt ihn an einen Körper mit stärkerer Affinität wieder ab: er verursacht also bloß die Bildung labiler Zwischenprodukte, während er selbst im Resultat der chemischen Reaktionen, die er hervorgerufen hat, nicht erscheint; er gibt nur den Anstoß. Eine solche produktive Zersetzerin, Quelle geistiger Chemismen und Beschleunigerin der seelischen Reaktionsvorgänge war die romantische Schule. Sie bewirkte neue Verbindungen, Umlagerungen, Umbildungen, ohne selbst im dauernden »Endprodukt« dieser Umwandlungsprozesse zu erscheinen; sie war eine bloße Entwicklungsbeflüglerin, nicht selbst produktiv, aber produktivmachend, ein bloßes Element der Unruhe, Aktivierung, Antreibung, Anregung. Dies kam daher, daß die Romantiker die Neurasthenischen, Unkonsolidierten, »Pathologischen« ihrer Zeit waren und daher eine geringere seelische Stabilität und ein höheres psychisches Witterungsvermögen besaßen. Fortschritt der Naturwissenschaften Einen solchen Flair bewies auch Schelling, als er eine naturwissenschaftlich orientierte Philosophie ins Leben rief. Denn im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts wurde »Naturphilosophie« die große Mode, unterstützt durch eine Reihe bedeutsamer Fortschritte auf empirischem Gebiet. 1800 gelang Carlisle und Nicholson die Elektrolyse, die Zerlegung des Wassers durch den galvanischen Strom; dieser wurde dann von Humphry Davy genauer erforscht, der durch ihn zur Entdeckung zweier neuer Metalle, des Kaliums und des Natriums, gelangte, indem er aus Kali (K 2 O) und Natron (Na 2 O), die man bisher für Elemente gehalten hatte, auf elektrolytischem Wege den Sauerstoff ausschied; er war auch einer der ersten, die die Warme für eine Bewegungserscheinung erklärten. 1811 entdeckte Courtois ebenfalls ein neues Element, das Gay-Lussac wegen seines veilchenfarbigen Dampfes nach dem griechischen Jod taufte; von dem letzteren stammte auch die berühmte »Recherche sur la dilatation des gases et des vapeurs«, in der der Nachweis geführt wird, daß alle Gase und Dämpfe sich bei gleicher Erwärmung gleich stark ausdehnen. In demselben Jahr wie diese Schrift, 1802, erschien auch die Abhandlung »On the theory of light and colours«, worin Thomas Young, auf Huygens zurückgehend, das Licht für eine Bewegung des Äthers erklärte und die einzelnen Farbenempfindungen auf die verschiedene Anzahl der Schwingungen zurückführte, die jene Ätherbewegung auf der Netzhaut erzeugt. Théodore de Saussure, der Sohn des ersten Montblancbesteigers Benedict Saussure, machte botanische Experimente mit Nährlösungen und enthüllte auf Grund von teilweise schon sehr genauen Messungen die Rolle, die der Sauerstoff, die Kohlensäure, das Wasser, die Salze und die sonstigen Mineralstoffe des Erdreichs im Leben der Pflanze spielen. Monge, unter dem Konvent Leiter der Geschützgießerei, unter Napoleon Teilnehmer der ägyptischen Expedition, erfand die »darstellende« oder »projektivische« Geometrie, durch die es ermöglicht wird, Körper auf die Ebene zu projizieren, dreidimensionale Gebilde auf zweidimensionale zu reduzieren oder vielmehr als solche darzustellen: eine Wissenschaft, die für den Ingenieur und Techniker, aber auch für den Baukünstler und Maler von der größten Wichtigkeit ist. Cuvier, der Liebling Napoleons, von ihm mit der Reorganisation des Unterrichtswesens betraut, ließ 1805 seine »Leçons d'anatomie comparée« erscheinen, gelangte als erster zu einer genaueren Unterscheidung der Wirbellosen, indem er sie in drei Kreise zu vier Klassen einteilte, begründete seine Lehre von der »Korrelation der Organe«, nach der alle Teile eines bestimmten Tiertypus einander bedingen und in engster Wechselbeziehung stehen (beim Fleischfresser zum Beispiel die verdauenden Eingeweide, die starken Kiefer und Klauen, die raschen Bewegungswerkzeuge, die scharfen Zähne und Augen) und entwickelte seine »Katastrophentheorie«, die die Erdgeschichte in periodischen Umwälzungen verlaufen läßt: in jeder geologischen Epoche entsteht durch Neuschöpfung eine besondere Fauna, die eines Tages durch eine Katastrophe vollkommen vernichtet wird, um einer andern Platz zu machen; von der letzten Erdrevolution nahm er an, daß sie vor fünftausend Jahren stattgefunden habe. Diese Hypothese ist von der späteren Wissenschaft vollkommen verlassen worden, aber damals herrschte sie unumschränkt, und als Lamarck 1809 in seiner »Philosophie zoologique« die gegnerische Abstammungslehre aufstellte, die die Entwicklung des Tierreichs durch Anpassung und Vererbung, die Entstehung der Organe durch Gebrauch und ihre Verkümmerung durch Nichtgebrauch erklärte, fand er keinerlei Beachtung. Es war begreiflich, daß ein Zeitalter, das so jähe und gewaltsame Veränderungen erlebt hatte, wie sie von der Französischen Revolution und Napoleon ausgegangen waren, der Katastrophentheorie mehr Glauben entgegenbrachte. Das klassische Kostüm Die andere große Modewissenschaft war die Archäologie. Im Louvre, dem »Musée Central« , späteren »Musée Napoléon« , häuften sich schon zur Revolutionszeit geraubte Antiken aus allen Ländern. 1806 begann Joseph Bonaparte als König von Neapel aufs neue und intensiver als bisher Pompeji auszugraben. Lord Elgin, englischer Botschafter bei der Pforte, brachte die Parthenonskulpturen nach London, wo die »Elgin marbles« vom Staat für das Britische Museum angekauft wurden. Der eigentliche Begründer der Altertumswissenschaft in dem umfassenden Sinne, den sie heute besitzt, war Friedrich August Wolf. Er war der erste, der sich als Student der »Philologie« immatrikulieren ließ, definierte aber alsbald diese Wissenschaft als »Erkenntnis der altertümlichen Menschheit selbst«. Das allgemeine Interesse für die Archäologie war natürlich eine Folge des herrschenden Klassizismus. Selten hat es eine Zeit gegeben, die in solchem Maße und mit solcher Leidenschaft sich in eine vergangene Lebensform zurückkostümierte. Die Französische Revolution begann sofort damit, alles und jegliches zu antikisieren, jedoch viel weniger in der griechischen als in der für die gallische Seele weit suggestiveren lateinischen Form; da »Römer« und »Republikaner« im Bewußtsein der damaligen Zeit identische Begriffe waren, konnten dabei auch die politischen Velleitäten ihre Nahrung finden. Überall standen Büsten der »Freiheitshelden« Brutus und Cincinnatus, Seneca und Cato, und Lafayette hieß »Scipio Americanus« . Die Jakobiner beriefen sich bei ihren staatlichen und wirtschaftlichen Maßnahmen stets auf Rom und Sparta, und ihr Abzeichen war die »phrygische Mütze«, le bonnet rouge , eine rote Wollhaube von antiker Form. Die offizielle Bezeichnung der französischen Republik »R. F.« war dem römischen »S.P.Q. R.« (senatus populusque Romanus) nachgebildet. Die neuen Monatsbenennungen und die Namen der neugegründeten Republiken waren griechisch oder lateinisch: der Erntemonat hieß Messidor, der Hitzemonat Thermidor, der Fruchtmonat Fructidor, aus Holland wurde Batavien, aus der Schweiz Helvetien, aus Genua Ligurien, aus Neapel Parthenope. Babeuf verwandelte seinen Vornamen in Gracchus und nannte seine Zeitschrift »Volkstribun«. Selbst die Spielkarten müssen sich antikisieren: der Pikbube heißt von nun an Publius Decius Mus. Der »Messidorstil« der neuerrichteten Bauwerke gestattet nur die klassische gerade Linie und perhorresziert jegliche Krümmung. Auch Napoleon arbeitet mit lauter klassischen Reminiszenzen: tribunat, sénat, plébiscite , nennt sich zuerst Konsul, dann Imperator, führt bei der Armee die römischen Adler ein und kopiert in zahlreichen Äußerlichkeiten den Kaiser Augustus. Auch in seiner inneren und äußeren Politik schwebte ihm die Praxis des römischen Imperiums mit ihrer nivellierenden Zivilverwaltung, ihren Prätorianergarden und ihrer Verwandlung der unterworfenen Fürsten in »Bundesgenossen« als bestimmendes Muster vor. Der Empirestil oder Napoleonstil, der sich unter ihm entwickelt, ist farbenscheu, verwendet nur Weiß und Gold, sparsamst ornamentierte Tapeten, dunkles Mahagoni und matte Bronzebeschläge; seine beliebtesten Schmuckformen sind Lorbeerkranz und Lyra, Medaillons, gekreuzte Fackeln, steife Mäander, Eierstäbe und Lilienketten: lauter »antike« Motive. Daß man in einer permanenten Kriegszeit lebt, zeigt sich an der Vorliebe für Waffentrophäen, Flortücher und Aschenurnen. Nicht nur an den Fassaden, sondern auch in den Zimmern wimmelte es von Sphinxen, Karyatiden, Säulen, Obelisken. Die Bücher- und Kleiderschränke, selbst die Kasten, in denen sich das Nachtgeschirr befand, waren griechische Tempel mit Kapitellen und Architraven, die Waschtische Dreifüße, die Réticules Urnen, die Öfen Altäre; in Hamburg bestanden sogar die Galgen aus korinthischen Säulen. Die militärische Kopfbedeckung nimmt die Form des antiken Helms an. Auch die Damen trugen eine Zeitlang helmartige Hüte, woraus sich später die »Schute« entwickelte, die sich sehr lange hielt; ihre Frisur war der Knoten à la grecque mit dem Haarnetz. Im Kostüm suchten sie sich der antiken Nacktheit zu nähern, indem sie nur ein einziges Kleidungsstück verwendeten, die tunique , die, wegen ihres hemdartigen Schnitts auch chemise genannt, Hals, Brust, Arme und Beine frei ließ, wozu sie höchstens noch fleischfarbene Trikots und einen Shawl aus Kaschmir trugen, dessen anmutige Drapierung eine schwierige und heißgeübte Kunst war; die ebenfalls nackten Füße steckten in Sandalen oder flachen Bänderschuhen. Die Kleidung war natürlich höchst ungesund, zumal da die Tunika nur aus ganz leichten Stoffen bestehen durfte, und man nannte daher den Katarrh, an dem die Damen ständig litten, die Mousselinekrankheit; aber die Hygiene hat bekanntlich niemals auf die Mode einen bestimmenden Einfluß geübt, und nur Selbsttäuschung kann glauben, daß dies heutzutage der Fall ist: die dünnen Seidenstrümpfe und Lackschuhe bieten nicht viel mehr Schutz gegen Erkältungen als das Empirekostüm. Dieser radikale Wandel im Kostüm hängt auch mit der Tendenz zur »republikanischen Einfachheit« zusammen. Man kolportierte mit Befriedigung die Bemerkung einer Türkin zu einer Dame im Reifrock: »bist das alles du?« und hielt hohe Frisuren und Absätze, Culs und Schnürbrüste für Bekenntnisse zur Gegenrevolution. In analoger Weise verschwindet bei den Männern der Puder und der Zopf und die Rokokotracht wird von dem schlichten dunkeln Rock des dritten Standes und dem pantalon , der langen Matrosenhose der Sansculotten, verdrängt. Unter dem Directoire liebt die Mode allerlei Anspielungen auf die verflossene Schreckenszeit: die Damen tragen die Haare im Nacken rasiert und um den Hals ein schmales rotes Band, und da die Bevölkerung durch die Guillotine stark dezimiert worden war, wird es üblich, durch eingelegte Polster Schwangerschaft vorzutäuschen. Unter dem Taumel, der nach den langen Ängsten und Entbehrungen die Gesellschaft ergiff, nahm das Kostüm eine Zeitlang die extravagantesten Formen an. Die Stutzer, die sogenannten incroyables , trugen monströse zweispitzige Hüte, Fräcke mit enormen Flügelklappen, mehrere große Halstücher übereinander, in denen die untere Hälfte des Gesichts verschwand, keulenartige Spazierstöcke und Ohrringe, ihre weiblichen Pendants, die merveilleuses , die Haare kurz und zerzaust à la sauvage und Ringe an den Füßen. Damals begann auch die Weltherrschaft des Zylinders. Welches Entsetzen dieses groteske Kleidungsstück anfangs hervorrief, zeigt eine Notiz der »Times« vom Jahre 1796: »John Hetherington wurde gestern wegen groben Unfugs und Verursachens von Straßenunruhen dem Lordmajor vorgeführt. Es wurde bewiesen, daß Hetherington auf der öffentlichen Straße mit einem Hut auf dem Kopfe erschienen war, den er einen Seidenhut nannte, einem hohen Bau von glänzendem Schein, geeignet, furchtsame Wesen in Schrecken zu versetzen. Tatsächlich sagten einige Polizisten aus, daß mehrere Frauen bei seinem Anblick in Ohnmacht fielen, Kinder schrien und einer aus der Menge, die sich angesammelt hatte, zu Boden geworfen wurde und sich den rechten Arm brach.« Alfieri, David, Talma Und Thorwaldsen Der klassizistische Geist ergriff natürlich auch alle Künste. In Italien war der stärkste Vertreter dieser Strömung der Graf Alfieri, ein reiner Konturist, völlig ornamentlos in Sprache, Psychologie und dem Mangel an Episoden und Nebenmotiven, strenger Beobachter der drei Einheiten, programmatisch, tendenziös, von einem prononcierten Lakonismus und Catonismus erfüllt. In Frankreich war der einflußreichste Künstler dieser Richtung Jacques Louis David, dessen Gemälde zum erstenmal in der Wiedergabe der Waffen, Gewänder, Geräte, Köpfe archäologisch korrekt, aber kalt und pathetisch arrangiert, mit düsterer Rhetorik sich für antike Tugend, Freiheit, Vaterlandsliebe begeisterten. Auch wenn er Zeitgenossen malte: den ermordeten Marat, Napoleon als General und Kaiser, Barère, wie er den Tod des Königs fordert, wurden sie ihm unter der Hand zu Römern. Lateinische Klarheit, römische Energie und Bestimmtheit spricht auch aus seiner harten, männlichen, präzisen Behandlung des Lichts und der Bewegung. Sein Zeitgenosse war der große Talma, dessen Kunst nach den Schilderungen von Augenzeugen gespielter David gewesen sein muß: seine Attitüden wurden mit der Haltung antiker Statuen verglichen und Wilhelm von Humboldt sagte von ihm, sein Spiel sei eine ununterbrochene Folge schöner Gemälde gewesen; er war auch gleich David der erste, der in seiner Kunst vom Kostüm historische Echtheit forderte, während noch Garrick die Helden Shakespeares mit Puderperücke und die griechischen Könige in Wams und Federhut gespielt hatte. In der Plastik nahm der Däne Thorwaldsen unbestritten den ersten Rang ein. In seinem starken Talent für anmutige und klare Umrisse, einem bloßen Relieftalent, kulminiert die undramatische Langweile des Klassizismus auf eine sehr edle und reine Weise. Auf die Frage nach seinem Geburtstag antwortete er: »das weiß ich nicht; am 8. März 1797 kam ich zum erstenmal nach Rom«. Sein Alexanderzug, der jahrzehntelang dem Parthenonfries an die Seite gestellt wurde, ein technisches Meisterwerk an Feinheit der Formbeherrschung und Strenge der Komposition, im übrigen temperamentlos bis zur Gleichgültigkeit und typisierend bis zur Ununterscheidbarkeit, besonders in den Frauenfiguren ganz tot und bilderbogenhaft, ist ein reiner Theaterfestzug; die »edle Vereinfachung« ist so weit getrieben, daß das Viergespann Alexanders nur vier Hinterbeine aufweist. Führich erklärte, Thorwaldsen sei »nichts als ein Schauspieler«. Wir möchten sogar sagen: Hofschauspieler. Wir haben schon einmal erwähnt, daß »gotisch« in der damaligen Zeit soviel bedeutete wie: barbarisch, roh, kunstlos. Heinrich Meyer, nach Goethes Überzeugung der erste Fachmann seiner Zeit in Fragen der bildenden Kunst, sagte 1799 in den »Propyläen«, der Anblick gotischer Gebäude reize »zur Verachtung derjenigen, die solche Werke hervorbrachten«. Der ebenfalls mit Goethe befreundete sehr einflußreiche Kunstschriftsteller Karl Ludwig Fernow rügte an Michelangelo das »Hervorkehren seines Eigenwillens«: bei allem Feuer sei er nie zur schönen Eintracht des Genies mit dem Geschmacke gekommen, so wenig wie Aischylos, Dante oder Shakespeare, und ebenso sei es Bernini und den anderen Barockmeistern ergangen. Die größten Verheerungen hat der Klassizismus in der Landschaftsmalerei angerichtet. Ihr Lieblingsvorwurf ist die stilisierte italienische Campagna, belebt durch »malerische« Opernbriganten und einen in der Mitte grasenden Esel voll Anmut und Würde, der direkt aus Weimar gekommen zu sein scheint. Goya Ganz abseits steht die rätselhafte Erscheinung Goyas, die erst in unseren Tagen in ihrer hinreißenden Suggestivität und einzigartigen Problematik voll gewürdigt worden ist. In seinen staunenswerten Gemälden und Radierungen vermählen sich Barock, Naturalismus und Impressionismus. Seine »Caprichos« konzipieren ganz im Barockgeist die Welt als Maskerade und Traum, seine Porträts der spanischen Königsfamilie schildern die Häßlichkeit ihrer Modelle mit einer Naturtreue, wie sie andere Maler kaum bei Privatpersonen gewagt haben, und seine »Erschießung von Straßenkämpfern«, die bereits den ganzen Impressionismus vorwegnimmt, hat bekanntlich Manet bei seiner »Exécution de l'empereur Maximilian« zur Vorlage gedient. Er ist, ebenso wie Herder, der Sturm und Drang und der junge Goethe, ein Beweis dafür, daß der Impressionismus sich im achtzehnten Jahrhundert ganz natürlich und notwendig aus dem Rokoko herausentwickelt hätte, wenn er nicht gewaltsam durch den Klassizismus zurückgedrängt worden wäre. Der Maler Philipp Otto Runge entwarf um die Jahrhundertwende sogar schon eine Theorie des Impressionismus, die er allerdings in seinen Bildern nicht zu verwirklichen vermochte, indem er erklärte, in der Kunst der Formen hätten die Griechen und die Renaissancemeister den Höhepunkt erreicht, das Studium der vom Licht nuancierten Farbe hingegen sei von ihnen nicht ernstlich betrieben worden; die Darstellung von Licht und Luft werde das große Problem, die große Eroberung der modernen Malerei werden. Beethoven Als ein völlig Abseitiger muß auch Beethoven angesehen werden. Er kann weder zur Romantik noch zur Klassik gezählt werden, obgleich beide ihn für sich reklamierten. In dieser überlebensgroßen Zeitlosigkeit erinnert er an Michelangelo, mit dem ihm auch noch eine Reihe anderer Eigentümlichkeiten gemeinsam sind: die dämonische Häßlichkeit; die gewalttätige Rauheit und mißtrauische Launenhaftigkeit der Verkehrsformen; die Frugalität und Unordentlichkeit der Lebensführung; die grüblerische Selbstbeschau und misanthropische Ungeselligkeit; die Mischung aus Schätzung und Verachtung des Geldes, Geschäftsklugheit und Hilflosigkeit, die ihn zum Opfer gieriger Verwandten machte; das Verhältnis zu den Mäzenen, die er braucht und sucht, aber gleichwohl als herrisch Fordernder, ja als tief unter sich stehend behandelt; die Leidenschaftlichkeit seiner Erotik, die aber, stets in der Phantasie lebend, nie ihr Ziel findet; die Konzessionslosigkeit und Intransigenz seines Künstlertums; das ungeheure Selbstbewußtsein und schon sehr frühe Erkennen seiner Millenarbedeutung, vergällt durch ewige Unzufriedenheit mit dem Geschaffenen; die Kolossalität und Weiträumigkeit seiner Konzeptionen; die gigantische Arbeitskraft, die unermüdlich neue Methoden und Techniken sucht und findet, alle gegebenen Formen in ungeahntem Maße erweitert und über die letzten Grenzen der Kunst hinausstrebt; und die hoffnungslose Verkanntheit. Hingegen unterscheidet er sich von Michelangelo durch sein tiefes Gemüt und durch seinen verklärenden und befreienden Humor, zwei Eigenschaften, die der Romane in ihrer vollen Ausbildung nicht besitzt, nicht kennt und nicht würdigt, und durch seine Religiosität, die bei ihm in ganz andere Abgründe reicht als bei dem diesseitstrunkenen Renaissancemeister. Ihm war die Kunst »Vermittlung des göttlichen und eine höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie« und die Musik »mehr Empfindung als Tongemälde«: daß er den Höhepunkt der absoluten Musik darstellt, hängt aufs engste mit seiner Frömmigkeit zusammen. Beethoven, Napoleon und Goethe sind die drei größten Gestalten des Zeitalters; aber er ist der edelste von den dreien. Und es ist eine tragische Fügung, daß er wohl die beiden anderen verstanden hat, sie aber nicht ihn. Hätte Goethe das Phänomen Beethoven begriffen, so hätten wir heute vielleicht das großartigste und profundeste Kunstwerk aller Zeiten: einen von Beethoven komponierten Faust; die Unendlichkeit des Gedankens, vermählt mit der Unendlichkeit der Melodie. Und wenn Napoleon Beethoven erfaßt hätte, so hätte Europa vielleicht heute ein anderes Antlitz. Es ist bekannt, daß Beethoven seine dritte Symphonie, die »Eroica«, »composta per festeggiare il sovvenire di un grand' uomo« , ursprünglich dem General Bonaparte gewidmet hatte und, als dieser sich zum Kaiser machte, die Zueignung vernichtete. Was diese und die Neunte schildern, das hätte Napoleon werden sollen und können: der Held im Dienste der Menschheit; und das ist er nicht geworden. Der Malthusianismus Eine isolierte Entwicklung, wennschon in ganz anderer Richtung als Goya und Beethoven, nahm auch England. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß dort, infolge der viel rascheren und intensiveren Entfaltung des Wirtschaftslebens, der moderne Maschinenmensch konzipiert worden ist. Und England ist auch das Geburtsland der sogenannten »modernen Wirtschaftstheorien«. Ihre Begründer sind Malthus und Ricardo. Die Argumentation, auf die der Pfarrer Robert Malthus sich stützte, war folgende: der Boden Englands könne in 25 Jahren höchstens das Doppelte des heutigen Ertrages abwerfen, in 50 Jahren das Dreifache, in 75 Jahren das Vierfache, der Nahrungsspielraum vergrößere sich also in arithmetischer Progression; die Bevölkerung zeige aber die Neigung, sich in 25 Jahren zu verdoppeln, in 50 Jahren zu vervierfachen, in 75 Jahren zu verachtfachen, vermehre sich also in geometrischer Progression. Dieses Mißverhältnis könne nur durch »checks« ausgeglichen werden: durch Kriege und Seuchen, durch die Existenz in engen Straßen und luftarmen Fabriken. Daher ist jede Art Alters-, Armen- und Waisenversorgung abzulehnen. Im Anschluß daran stellte Ricardo das Gesetz auf, der natürliche Arbeitslohn gravitiere stets nach dem Existenzminimum; verdienten die Arbeiter mehr, so werde durch eine Vermehrung, verdienten sie weniger, so werde durch eine Verminderung der Bevölkerung der Ausgleich bewirkt. Der Malthusianismus nimmt also den umgekehrten Standpunkt ein wie der Merkantilismus: dieser glaubte, ein Land werde um so reicher und leistungsfähiger sein, je größer seine Bevölkerungsziffer sei, und suchte diese mit allen möglichen Mitteln zu erhöhen, während jener die größte wirtschaftliche Gefahr in dem steigenden Menschenreichtum erblickte. Die Grundlagen dieser ganzen Theorie sind aber nicht einmal statistisch einwandfrei, geschweige denn philosophisch. Sie vergißt, daß die Ertragsmöglichkeiten der Erde noch lange nicht vollständig ausgenützt sind und außerdem jeden Tag neue Methoden, neue Transportformen, neue Energien entdeckt werden können, daß die Materie stets vom Geist beherrscht wird und, wie jeder Mensch der Dichter seiner Biographie, jedes Volk der Dichter seiner Geschichte ist und daß überhaupt die sozialen Nöte nicht im Mangel an ausreichender Nahrungsbasis, sondern in der Ungerechtigkeit und Ungeschicklichkeit der Verteilung, in der menschlichen Selbstsucht und Dummheit ihre Wurzel haben. Sehr geistreich exemplifiziert Franz Oppenheimer das Absurde des Malthusianismus an der Fiktion, daß Robinson ein Schüler Ricardos wäre, indem er darauf hinweist, daß dieser dann als Besitzer der ganzen Insel seinem Arbeitsgenossen Freitag »streng nach dem ehernen Lohngesetz (wahrscheinlich ist die Insel übervölkert!) gerade das Existenzminimum, zuweisen« würde, und hinzufügt: »In jedem Lande der Welt ist der Staat so entstanden, daß ein paar hundert oder tausend wohlbewaffnete, wohldisziplinierte Robinsons ein paar tausend oder hunderttausend schlechtbewaffhete, zersplitterte, abergläubische Freitags unterworfen und das ganze Land für sich mit Beschlag belegt haben.« Und Friedrich List trifft den Kern der Sache, wenn er sagt: »Diese Lehre würde die Herzen der Menschen in Steine verwandeln. Was aber wäre am Ende von einer Nation zu erwarten, deren Bürger Steine statt Herzen im Busen trügen? Was sonst als gänzlicher Verfall aller Moralität und damit aller produktiven Kräfte und somit alles Reichtums und aller Zivilisation und Macht der Nation?« Es ist, um es rund heraus zu sagen, der schamloseste und hinterlistigste Rechtfertigungsversuch der kapitalistischen Weltanschauung, der je gemacht worden ist. Nicht die ewige Tatsache, daß der Mensch eine Seele besitzt, gilt als seine Legitimation zum Dasein, sondern die zufällige, ob er in einen angemessenen Freßraum hineingeboren ist. Und dies lehrte ein christlicher Priester! Indes ist dies bei Malthus nicht gar so verwunderlich, sobald wir uns daran erinnern, daß der englische Puritanismus au fond eine jüdische Religion ist; und Ricardo war sogar buchstäblich der Sohn eines portugiesischen Juden. Der englische Materialismus hat natürlich, wie jeder energische und zielbewußte Materialismus, auch seine günstigen Seiten aufzuweisen. Der durchschnittliche Lebensstandard der Bevölkerung war ein weitaus besserer als auf dem ganzen Kontinent; Hygiene, Sport, Reinlichkeit standen auf einer viel höheren Stufe. Die Tracht der Engländer war die gesündeste, ungekünsteltste, rationellste Europas; sie waren auch die ersten, die auf die vernünftige Idee kamen, für die Kinder eine andere Kleidung zu wählen als für die Erwachsenen. Das Meublement und die übrige Inneneinrichtung der Wohnräume war ausnehmend bequem, solid und praktisch. Zu Anfang des Jahrhunderts hatten in London schon die meisten Häuser Wasserklosetts; 1814 erhielt die ganze Stadt Gasbeleuchtung. Die Post funktionierte mit vorbildlicher Schnelligkeit und Pünktlichkeit; die Straßen waren in vortrefflichem Zustand, während man sie auf dem Festland noch ganz so wie zur Zeit des Merkantilismus absichtlich verfallen ließ, um die Fremden zu längerem Aufenthalt zu nötigen und den Einheimischen die Ausreise zu erschweren. Auch gab es schon vielfach Brücken und andere Verkehrsanlagen aus Eisenkonstruktion. 1810 arbeiteten in Frankreich zweihundert, in England fünftausend Dampfmaschinen, 1814 erbaute Stephenson seine erste Lokomotive und um dieselbe Zeit dienten in den englischen und schottischen Gewässern bereits zwanzig Dampfschiffe der regelmäßigen Passagierbeförderung. Die Kontinentalsperre Die abgesonderte Entwicklung Englands ist zum Teil auf die Kontinentalsperre zurückzuführen, die Napoleon im Jahre 1806 dekretierte: ihre Bestimmungen verboten allen Handel, allen Verkehr, alle Korrespondenz des Kontinents mit England und erklärten im Bereich der französischen Einflußsphäre jeden Engländer für kriegsgefangen und jede englische Ware für gute Prise. In der Tat sank alsbald der britische Ausfuhrhandel auf nahezu die Hälfte, der Kurs der Staatspapiere auf ein Drittel, während die Lebenskosten auf das Doppelte stiegen. Das Festland war aber fast ebenso geschädigt; allenthalben mußten Fabriken und andere große Betriebe stillgelegt werden und es kam zu zahlreichen Bankerotten. Die Preise für Farbstoffe und Eisenfabrikate, für Baumwolle, Reis und Gewürze, überhaupt für alle Kolonialwaren erreichten eine phantastische Höhe. Man trank Kaffee aus gerösteten Eicheln und rauchte Tabak aus Huflattich. Ein Pfund Zucker kostete sogleich nach dem Berliner Erlaß einen Taler, bald darauf zwei Taler, wobei man bedenken muß, daß damals ein einfaches Wohnhäuschen bereits um vierhundert Taler zu haben war. 1810 stieg der Zucker abermals um vierhundert Prozent. Infolgedessen machte der Franzose Achard den Versuch, Zucker aus Runkelrüben herzustellen, während Kirchhof dazu das Stärkemehl benutzte; die Technik war aber noch unvollkommen und nach der Aufhebung der Festlandsperre wurde der Rübenzucker vorläufig wieder vom Rohrzucker verdrängt. Durch die Kontinentalsperre hat Napoleon sich nicht nur mit England, sondern mit ganz Europa tödlich verfeindet, mehr als durch Konskriptionen und Kontributionen, Zensur und Polizeiregiment, Länderraub und Dynastensturz. Das Napoleondrama Napoleons Laufbahn hat sich wie ein vollständiges Drama abgewickelt, mit Exposition, Steigerung, Höhepunkt, Peripetie, »Moment der letzten Spannung« und Katastrophe, fast genau nach dem Schema in Gustav Freytags »Technik des Dramas«. Sein glänzender Feldzug in Italien im Jahr 1796 bildet den rauschenden Auftakt, und von da triumphiert er in ununterbrochener Folge über alle Feldherren, alle Völker, alle Kriegsmittel, die sich ihm in den Weg stellen, indem er, wie ein preußischer Offizier nach der Schlacht bei Jena schrieb, seine Soldaten in »übernatürliche Wesen« verwandelt. Seine erste Niederlage erleidet er erst 1809 bei Aspern, und auch diese vermag er wegen seines geordneten Rückzuges und der ungenügenden Verfolgung durch Erzherzog Karl für einen Sieg auszugeben und zwei Wochen später durch den Erfolg bei Wagram auszugleichen. Nicht geringer sind seine Siege im Innern. Nach seiner Devise: »es handelt sich darum, auf den Roman der Revolution die Geschichte der Revolution folgen zu lassen« bringt er Ordnung und Gedeihen in das französische Chaos, garantiert der gesamten Bevölkerung Kultusfreiheit, Handelsfreiheit, unparteiische Rechtspflege, bürgerliche Sicherheit, ausgedehnte staatliche Obsorge für Wohlfahrt und Unterricht und den Emigranten unbehelligte Rückkehr, erneuert den Adel und die Auszeichnungen, protegiert aber immer und überall nur das Talent. Den Höhepunkt seiner Karriere erreicht er im Jahr 1810: um diese Zeit sind Belgien, Holland, Hannover, Oldenburg, das linksrheinische Deutschland, die Nordseeküste mit den Hansestädten, die illyrischen Provinzen, Oberitalien mit Südtirol und Mittelitalien mit dem Kirchenstaat französisch; der Rheinbund, bestehend aus Bayern, Württemberg, Baden, Sachsen, Hessen und dem Königreich Westfalen, die Schweiz, das Herzogtum Warschau, Spanien unter Joseph Bonaparte und Neapel unter Murat von Frankreich abhängig; Österreich, Preußen und Norwegen-Dänemark mit Frankreich verbündet. 1811 sagt Napoleon zu dem bayrischen General Wrede: »Noch drei Jahre und ich bin Herr des Universums.« Drei Jahre später befand er sich aber bereits auf Elba. Denn das Jahr seines Höhepunkts war zugleich das seiner Peripetie, die darin bestand, daß er Josephine, seine »Mascotte«, verstieß und die Mesalliance mit dem Haus Habsburg schloß, die Mesalliance der Progression mit der Erstarrung, der Realität mit dem Schein, des Genies mit der Konvention. Und nun folgt die »fallende Handlung«. Was er mit dem russischen Feldzug vorhatte, hat er zu Narbonne ganz deutlich ausgesprochen: »Schließlich ist dieser Weg der lange Weg nach Indien. ... Denken Sie sich Moskau erstürmt, Rußland geschlagen, den Zaren ausgesöhnt oder einer Palastverschwörung zum Opfer gefallen und sagen Sie mir, ob eine Armee von Franzosen dann nicht bis zum Ganges vordringen könnte, der nur mit einem französischen Schwert in Berührung zu kommen braucht, damit in Indien das ganze Gerüst merkantiler Größe einstürze?« Bei diesem Abenteuer aber hatte zum erstenmal seine Phantasie den Zusammenhang mit der Wirklichkeit verloren. Schon während des Vormarsches berichtete ein Augenzeuge: »es fehlt an allem, selbst an Juden«; von 600000 Mann kamen 50000, von 180000 Pferden 15000 zurück. Zu Anfang des Jahres 1918 hat C. H. Meray in seinem an fruchtbaren Gedanken überaus reichen, leider viel zu wenig bekannten Buche »Weltmutation« prophezeit, daß Deutschland unterliegen müsse, wenn es mit dem »Fremdkörper« Amerika in Berührung komme, denn dadurch werde der organische Prozeß, der darin bestehe, daß die »Riesenzelle« Deutschland die Zellen der übrigen europäischen Staaten zu überwältigen und sich einzuverleiben suche, zu einem pathologischen. In der Tat hatte Deutschland in dem Augenblick, wo der Fremdkörper Rußland aus dem Weltkrieg ausschied, theoretisch gesiegt. Aber nur theoretisch; denn England hatte, in tiefer Erkenntnis der Zusammenhänge, bereits für den Eintritt eines neuen Fremdkörpers gesorgt. In der Geschichte des Altertums können wir einen verwandten Vorgang in der Blüte und Katastrophe des römischen Weltreichs erblicken. Der »Organismus« der Antike war das Mittelmeer mit allen seinen Dependenzen. Über diesen hat Rom nie hinauszugreifen vermocht und es in weiser Beschränkung auch fast nie versucht. Durch den Eintritt der Germanen aber gelangt es mit einem neuen Weltteil in Berührung, woran es zugrunde geht. Ebenso erging es der spanischen Weltmonarchie mit Amerika. Und ebenso erging es Napoleon, als er durch die russische Expedition mit Asien in Kontakt geriet. Er selber muß hiervon ein dunkles Gefühl gehabt haben, als er 1813 zum Marschall Marmont sagte: »Mein Schachbrett ist in Verwirrung geraten.« Das »Moment der letzten Spannung« bildeten die »hundert Tage«. Am 11. März 1815 war in Wien großer Ball beim Fürsten Metternich. Plötzlich verbreitete sich die Nachricht: »Er ist in Frankreich.« Jedermann wußte, wer damit gemeint sei. Der Tanz wurde abgebrochen, die Unterhaltung verstummte, vergeblich spielte das Orchester weiter. Wortlos verließen die Monarchen das Fest, die übrigen Gäste folgten. Die Lichter erloschen, die Stadt lag in angstvollem Dunkel: es war wieder Weltkrieg. Schon während des Winters hatten die französischen Soldaten Napoleon »père la violette« genannt, weil sie ihn mit den Märzveilchen zurückerwarteten. Auf seinem Weg von Cannes nach Paris fiel kein einziger Flintenschuß, alle gegen ihn gesandten Heere gingen zu ihm über. Einige Menschen starben bei der Nachricht von seiner Landung vor Freude. Aber das Empire war nicht mehr die »Riesenzelle« von ehedem. Bei Waterloo endete das gewaltigste Schicksalsdrama, das die neuere Geschichte hervorgebracht hat. Napoleon und das Schicksal Daß irgendein magischer Impuls sein ganzes Dasein bestimme und lenke, davon war Napoleon selbst aufs vollständigste überzeugt. Einmal, als er bei einem Sturz vom Wagen fast den Tod gefunden hätte, sagte er zu Metternich: »Ich fühlte, wie das Leben mir entwich, aber ich sagte mir: ich will nicht sterben, und blieb am Leben«, und ein andermal, als man ihn vor drohenden Attentaten warnte, entgegnete er: »Was habe ich zu befürchten? Ich kann gar nicht ermordet werden.« In seiner ägyptischen Proklamation heißt es: »Sollte es einen Mann geben, der so blind wäre, nicht einzusehen, daß das Schicksal meine Handlungen lenkt? ... Der Tag wird kommen, wo die ganze Welt einsehen wird, daß ich von höherer Hand geleitet bin und daß menschliche Bemühungen nichts gegen mich ausrichten können.« Seine Zeitgenossen, Freunde und Gegner, hatten es sich denn auch längst abgewöhnt, ihn mit menschlichen Maßen zu messen: sie betrachteten ihn wie ein blendendes, unwiderstehliches Naturereignis, mit dem sich nicht parlamentieren läßt, prachtvoll anzuschauen, aber verheerend in seinen Wirkungen. Eines Tages sagte Talleyrand zu Napoleon: »Der gute Geschmack ist Ihr persönlicher Feind; wenn Sie sich seiner durch Kanonenschüsse entledigen könnten, so wäre er längst beseitigt.« Ein wahres Wort, wahrer, als jener lackierte Hofintrigant ahnen mochte. Natürlich war Napoleon geschmacklos. Ohne jeden Geschmack und Takt, ohne alle Erziehung und Lebensart sprengte er die ganze rückständige, verfaulte, verkalkte Welt der Feudalitäten und Diplomaten, der Salonschwätzer und Papierstrategen in die Luft. Ein Riese ist kein geschmackvoller Anblick. Ein Erdbeben, ein Lava und Dreck ausspeiender Vulkan ist keine geschmackvolle Erscheinung. Keine Naturkatastrophe, kein Elementarereignis, keinerlei Überlebensgröße ist »geschmackvoll«. Geschmackvoll ist der Durchschnitt, die Konvention, die saubere Schablone, das Bekannte: schon dadurch, daß wir uns in irgendeinem Phänomen nicht auskennen, wirkt es auf uns verwirrend, irritierend, beunruhigend; es hat die Geschmacklosigkeit, uns auf die Nerven zu gehen. Napoleon und die Strategie Wir brauchen nur irgendeinen beliebigen Ausschnitt aus Napoleons Tätigkeit zu betrachten, zum Beispiel seine Kriegführung, um sogleich zu sehen, wie dieser bewußte und hartnäckige Bruch mit dem Herkommen bei ihm durch alles hindurchging. Dem Zeitalter, in das er eintrat, galt als der größte Feldherr der Herzog Karl Ferdinand von Braunschweig. Dieser sah in der Strategie nichts als ein möglichst vollkommenes Schachspiel. Er wollte im Grunde gar keinen Krieg, er wollte bloß eine Art »Zustand der drohenden Kriegsgefahr«. Dies war aber, wie wir schon einmal erwähnt haben, damals die allgemeine Auffassung der Fachkreise: es komme im wesentlichen nur auf kunstvolle Manöver, auf Umgehen, Abschneiden, Plänkeln, auf allerlei geistreiche Kombinationen und geschickte Irreführungen an. Es fehlte durchaus nicht an Leuten, die den Braunschweiger für einen bedeutenderen Feldherrn hielten als Friedrich den Großen. Er war aber ein purer Theoretiker: ein respekteinflößender Stratege nur, solange nicht richtig geschossen und marschiert wurde. Es ist vielleicht nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß die ganze zwanzigjährige Revolutionsplage durch seine Schuld über Europa kam, denn lediglich ihm ist die Blamage von Valmy zu verdanken. Er sah immer und überall nur die Hindernisse, die Gefahren, die negativen Instanzen. Es zeigt sich an seinem Falle zweierlei: erstens der theoretische papierene Charakter des ganzen Zeitalters, der sich sogar auf die furchtbarste aller Wirklichkeiten, den Krieg, erstreckte, und zweitens die Wertlosigkeit und Impotenz des sogenannten Fachmannes, wie sie sich immer und immer wieder auf allen erdenklichen Gebieten uns vor die Augen drängt. Alle großen Feldherren, Napoleon an der Spitze, haben erklärt, daß der Krieg etwas sehr Einfaches sei, wie alle großen Künstler dies von der Kunst und alle großen Ärzte dies von der Medizin erklärt haben. Moltke behauptete sogar, die Strategie sei überhaupt gar keine Wissenschaft. Hingegen der Fachmann ist immer kompliziert. Die Revolutionsgenerale verstanden gar nichts von der Kriegführung, sie waren so dilettantisch, im Krieg eine Realität zu sehen, eine Sache des stürmischen Draufgehens, Vorrückens und Siegens. Sie waren so ungebildet, im Krieg einfach Krieg zu führen und zu glauben, daß es dabei auf die Überwältigung des Gegners ankomme und nicht auf eine theoretische Widerlegung seiner Aktionen. Die Kriegführung der Revolutionsarmeen, die bereits unter Carnot, dem »organisateur de la victoire« , eine hohe Stufe erreichte, unterschied sich von den bisherigen durch viererlei: durch die levée en masse , die die ganze männliche Bevölkerung zu Soldaten machte (allerdings nur in der Theorie, denn noch unter Napoleon konnte man sich einen remplaçant kaufen), durch die neue Taktik, die statt der starren »Linien« von geringer Tiefe lange Kolonnen mit Stoßwirkung verwendete und das konzentrierte Massenfeuer durch die »zerstreute Fechtart« der Tirailleurs ersetzte, durch die rücksichtslose Expansion bis zum äußersten und durch die Verwandlung der Magazinsverpflegung in das Requisitionssystem. Hierzu fügte Napoleon die Einteilung der Heeresmacht in mehrere selbständige Armeeinheiten: Korps und Divisionen, in denen sämtliche Truppengattungen und Kriegsmittel vertreten waren, die geniale Verwendung der Reserven, in der er Friedrich den Großen noch weit überflügelte, und die Ausnützung der »inneren Linie«, die darin bestand, daß er, bei numerischer Überlegenheit des Gegners, mit seiner gesamten Armee innerhalb der getrennten feindlichen Heeresteile operierte, die er nacheinander mit Übermacht angriff und schlug. »Man muß in erster Linie durch die Beine seiner Soldaten siegen und erst in zweiter Linie durch ihre Bajonette.« Das ist ebenso leicht einzusehen wie alle Wahrheiten und war ebenso schwer in die menschlichen Köpfe zu bringen wie alle Wahrheiten. Da der Krieg eine Art Duell oder Faustkampf im großen ist, so gelten für ihn ganz ähnliche Gesetze. Kein Mensch wird daran zweifeln wollen, daß bei einem Handgemenge Raschheit und Kühnheit den Ausschlag geben, oder vielmehr: wenn er daran zweifelt, so tut er es auf Gefahr seiner gesunden Knochen. Und die übrigen Grundprinzipien der neuen Kriegführung: Volksbewaffnung, Verproviantierung und unaufhaltsames Vordringen im Feindesland und Kampf in aufgelösten Schwärmen waren ebenso einfach; es war, wenn auch in ganz anderem Sinne, als Rousseau und die revolutionären Phrasenmacher es gemeint hatten, die »Rückkehr zur Natur«. Es ist natürlich, daß im Augenblick einer wirklichen oder nur eingebildeten Gefahr jeder Mensch zur Waffe greift und sich zu verteidigen versucht, es ist natürlich, daß man von dem Boden lebt, auf dem man sich gerade befindet, und sich auf ihm so weit ausbreitet, als man nur irgend kann, und es ist natürlich, auf seinen Gegner loszugehen, wo und wie man ihn trifft. Unnatürlich, schwerfällig und künstlich waren die alten Einrichtungen: das Werbesystem, die Magazinsverpflegung, die zögernde, rein demonstrative Kriegführung, die Lineartaktik. Natur ist aber immer siegreich und deshalb siegte die Revolution über Europa. Und dazu kam noch als das völlig Neue, das Napoleon in die Welt gebracht hat, sein unerhörtes Tempo. Er hat, wie dies der Leiter des österreichischen Generalstabswerkes über den Krieg von 1866 einmal treffend ausdrückt, »mit der Zeit den Boden besiegt«. Oder wie er selber einmal sagte: »Ich habe die Österreicher durch Märsche zerstört.« Sein Leitsatz, den er auch seinen Unterfeldherren immer wieder einzuprägen suchte, war: »Activité, activité! vitesse!« Und dies erstreckte sich nicht auf seine Kriegführung allein, er teilte ganz Europa eine Beschleunigung mit, durch die es von Grund auf umgewandelt wurde. Er ist der Schöpfer des modernen Lebenstempos. Der Mann der Realitäten Man braucht Napoleon nur mit irgendeiner anderen Persönlichkeit der Revolution zu vergleichen, und sofort springt seine Unvergleichlichkeit in die Augen. Es gab zum Beispiel für Dumouriez einen Augenblick, wo es nur an ihm lag, der Diktator Frankreichs zu werden. Dies war nach der Schlacht von Neerwinden. Er konnte damals mit den Österreichern ein Abkommen treffen, die jakobinischen Mitglieder seiner Armee durch die ihm unbedingt ergebenen Linientruppen entwaffnen und gegen Paris ziehen, wo er von der überwältigenden Majorität einer durch Septembermorde und Pöbelterror erbitterten Bevölkerung als Befreier empfangen worden wäre. Er hatte diesen Plan längst erwogen, alle vorbereitenden Schritte getan, überall sondiert, mit Österreich und Paris Verhandlungen gepflogen, aber die Energie zum letzten entscheidenden Schritt fehlte ihm. Man sieht daran, daß zum praktischen Genie eben dreierlei gehört: die gegebene Sachlage überblicken, die notwendigen Maßnahmen erkennen und im richtigen Augenblick, der gewöhnlich nur ein einziger zu sein pflegt, nachdrücklich handeln. Nur dieses Dritte fehlte Dumouriez zu einer napoleonischen Karriere. Man kann aber ebensogut sagen, daß ihm damit alles fehlte. »Man tut nicht zweimal dasselbe in einem Jahrhundert«, hat Napoleon selber gesagt; aber eine Elementarkraft von der Fülle und Stärke Napoleons schafft die Natur nicht zweimal in einem Jahrtausend. Und dennoch gibt es etwas in seinem Wirken und seinem Charakter, das uns davon zurückhält, ihm jene unbedingte Verehrung zu schenken, die wir anderen und selbst kleineren Helden so gern entgegenbringen. Woran liegt das? Was verhindert uns, in ihm eines jener großen Modelle zu erblicken, nach denen wir unser eigenes Sein und Wollen geformt sehen möchten? In seiner Charakteristik Napoleons, einem der glänzendsten Kunstwerke des französischen Impressionismus, sagte Taine einleitend: »Napoleon gehört einem andern Zeitalter an ... um ihn zu begreifen, gehen so gewiegte Geschichtskenner wie Stendhal und die Staël bis zu den kleinen italienischen Tyrannen des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts zurück. Bonaparte stammt von den großen Italienern jener Zeit ab, den Männern der Tat, den militärischen Abenteurern, den usurpatorischen Gründern von Staaten auf Lebenszeit; er hat durch unmittelbare Abstammung ihr Blut, ihr inneres Wesen, ihre sittliche und geistige Beschaffenheit geerbt.« Zweifellos war Napoleon kein Mensch des achtzehnten Jahrhunderts, aber statt dem vierzehnten und fünfzehnten könnte man ihn ebensogut dem neunzehnten zurechnen oder, wenn man will, dem zwanzigsten. Vielleicht war er wirklich nur ein kolossaler Kondottiere; aber jedenfalls einer mit Vorkenntnissen in Chemie, Geographie und vor allem Psychologie, ein Mensch, der die in Frankreich unerhörte Fähigkeit besaß, mit Gegebenheiten zu rechnen. Goethe hat gesagt, mit Napoleon sei der größte Verstand auf Erden erschienen, Sieyès sagte über ihn: »er weiß alles, er will alles, er kann alles« und er selbst sagte von sich: »Mein großes Talent besteht darin, daß ich in allem klar sehe. Auch meine eigentümliche Art von Beredsamkeit beruht darauf, daß ich das Wesentliche einer Frage von allen Seiten betrachte. Die Senkrechte ist kürzer als die Schräge!« und: »In meinem Kopfe sind die verschiedenen Affären fachweise geordnet wie in einem Schrank. Wenn ich eine unterbrechen will, so schließe ich ihr Schubfach und öffne das einer andern. Sie geraten nie durcheinander, sie verwirren mich nicht und ermüden mich nicht durch ihre Vielfältigkeit. Will ich schlafen, so schließe ich alle Schubfächer und bin sofort eingeschlummert.« In ganz ähnlichem Sinne vergleicht er ein andermal seinen Kopf mit einem Taubenschlag: »Um über irgend etwas zu verfügen, öffne ich das betreffende Flugloch, indem ich gleichzeitig alle übrigen schließe; wenn ich schlafen will, schließe ich sie alle.« Infolge dieser Fähigkeit genügten ihm drei bis ausnahmsweise sechs Stunden Schlaf; sonst arbeitete er ununterbrochen, »auch beim Essen, auch im Theater«, wie er selbst sagte; und wahrscheinlich arbeitete er auch im Schlaf. Hieraus, aus dieser seiner essentiellen Verschiedenheit von allen Franzosen erklärt sich sein sofortiger und ungeheurer Erfolg. Er selber war sich über diesen Zusammenhang vollkommen im klaren. »Die Franzosen«, sagte er einmal zu Metternich, »sind Leute von Geist; der Geist läuft in den Straßen umher; aber dahinter steckt gar kein Charakter, kein Prinzip und kein Wille; sie laufen allem nach, sind zu lenken durch Eitelkeit und müssen wie Kinder immer nur ein Spielzeug haben.« (Fast wörtlich übereinstimmend sagte übrigens auch Goethe zu Eckermann: »Die Franzosen haben Verstand und Geist, aber kein Fundament und keine Pietät.«) Ganz ähnlich äußerte er sich ein andermal bereits im Jahre 1797: »Ihr Franzosen versteht nicht, etwas ernstlich zu wollen. Eure Eitelkeit muß stets in Atem gehalten werden. Woraus ist die Revolution hervorgegangen? Aus der Eitelkeit. Und woran wird sie scheitern? Ebenfalls an Eitelkeit« und noch kürzer und unmißverständlicher etwas später: »Lappalien spielen in Frankreich eine große Rolle. Vernunft spielt keine.« Er hat sein Volk realistisch denken und klar handeln gelehrt; er hat es gelehrt, Dinge zu erblicken statt Illusionen und Redensarten und an ihnen sich zielbewußt zu orientieren. Emerson hat wohl gewußt, warum er seinen Essay über ihn mit den Worten einleitete: »Wenn Napoleon Frankreich war, wenn Napoleon Europa war, so lag der Grund darin, daß die Leute, die er beherrschte, kleine Napoleons waren.« Aber man könnte auch umgekehrt sagen: er wurde der Lenker seiner Zeit, weil es ihm gelang, aus allen damaligen Menschen kleine Napoleons zu machen . Indes: gerade darin, in dem Umstand, daß er ein so vollendeter Typ des neuen Menschen war, der berufen sein sollte, das ganze kommende Jahrhundert zu beherrschen, muß man den Haupteinwand gegen ihn erblicken. Er war vielleicht der vollkommenste Empiriker, der je gelebt hat: hierin bestand ebensowohl seine unvergleichliche Genialität wie seine katastrophale Schwäche. Denn er war eben ein so vollkommener Empiriker, daß er nichts anderes war. Er war kein moralisches und metaphysisches Phänomen, kein Ethiker und kein Ideologe. Dieser Mangel an Ideologie war sein Wurzeldefekt und hat seine Herrschaft zu einer vorübergehenden gemacht. Und so wäre man fast versucht, zu sagen: dieser diamantharte tausendäugige Held war eine rührende Erscheinung. Alles wußte er, alles konnte er, alles hielt er in seiner gewaltigen Hand: nur nicht sich selber. Er war stärker als die ganze Welt; aber nicht stärker als seine eigenen Taten. Er vergaß, daß auch der größte Mensch, ja gerade der größte, nur für die Menschheit da ist. Seine Erfolge stiegen ihm zu Kopf wie irgendeinem gewöhnlichen Bankier, Minister oder Schauspieler. Und so wurde sein leuchtender Sonnenflug zur trüben Höllenfahrt. Der Regisseur Europas Madame Staël sagte von ihm: »Er ist ein geschickter Schachspieler und das Menschengeschlecht sein Gegner, den er durchaus mattsetzen will.« Er war aber durch sein dämonisches Temperament doch noch etwas mehr als ein Schachmeister, eher ein grandioser Regisseur, wie ihn die Welt vielleicht noch nie erblickt hatte. Schon die äußere Erscheinung, die er für gewöhnlich zur Schau trug, war ein unvergleichlicher Regieeinfall: der Herr Europas im zerdrückten Hut und abgetragenen Mantel des gemeinen Soldaten inmitten goldstrotzender Generale, ordenbesäter Würdenträger und brillantenstrahlender Frauennacken. Viele Episoden aus seinem Leben haben den Charakter superber Theaterszenen: zum Beispiel, wie er zu seinem Bruder Lucian sagt, indem er seine Uhr zu Boden schleudert: »Da du auf nichts hören willst, werde ich dich zerschmettern wie diese Uhr« oder wenn er, nachdem auf ihn in der Oper mit einer Höllenmaschine ein Attentat versucht worden ist, den brillanten Aktschluß findet: »Die Lumpen haben mich in die Luft sprengen wollen ... man bringe mir das Textbuch zur heutigen Oper.« Die traditionelle Legende, Talma habe ihm seine Posen einstudiert, entspricht so wenig den Tatsachen, daß vielmehr das Umgekehrte richtig ist: Talma erklärte, er habe aus Blick, Mienenspiel und Haltung des Kaisers die wertvollsten Lehren gezogen und dieser sei geradezu sein Modell gewesen. Der Mann, dem dieses Werk gewidmet ist, der stärkste Theaterfeldherr der neueren Bühnengeschichte, ist unzählige Male mit ihm verglichen worden. Der anti-ideologische Ideologe Vielleicht ist Napoleons Erfolg und Popularität zum Teil darauf zurückzuführen, daß er kein ganz großer Mensch war. Alle Genies sind von ihrer Umwelt nur zum Teil erkannt und anerkannt, in weniger kultivierten Zeitaltern geradezu verhöhnt oder vernichtet worden, was ganz in der Natur der Sache liegt. Um Plato, Dante, Beethoven, Dostojewski ganz zu verstehen, müßte man selber eine Art Negativdruck von Plato, Dante, Beethoven, Dostojewski sein, ein treues Lichtbild, das alle Strahlen, die von diesen Sonnen ausgingen, gewissenhaft aufzuzeichnen vermag. Dieser Mangel an Intensität kann nur extensiv ersetzt werden, durch reichliche und lange Aufnahme. Napoleon ist das einzige Genie, das sofort und ganz begriffen wurde, weil er durch eine Reihe ordinärer und durchschnittlicher Eigenschaften gewissermaßen einen Vulgärdialekt besaß, in den übersetzt und durch den vermittelt seine Sprache allen sogleich verständlich und vertraut wurde. Er war ein Lügner, ein Rowdy, ein Egoist; brutal, sinnlich, unverschämt; sein ganzes Auftreten hatte etwas Großartig-Gemeines, Parvenühaftes, wie ja auch seine Ehe mit der Habsburgertochter an einen Börsianer erinnert, der sich durch Einheirat in verkrachte Aristokratenkreise zu nobilitieren sucht. Er verletzte in Gesellschaft durch seinen ungehobelten Kasernenton, freute sich daran, boshafte Indiskretionen und niedrige Klatschereien in Umlauf zu bringen, erlaubte sich gegen Damen unziemliche Scherze und rühmte sich kommishaft seiner erotischen Erfolge, obgleich er eigentlich kein Glück bei den Frauen hatte, die den Emporkömmling bewundern, aber nicht lieben. Dieses trübe Medium hat aber seine Genialität nicht verdunkelt, sondern erst ganz deutlich gemacht, wie ja auch in zerstreutem Licht eine Person klarer gesehen wird als im vollsten Sonnenglanz. Es könnte eigentlich gar nicht bezweifelt werden, daß Napoleon das vollkommenste Genie war, das die Welt jemals erblickt hat, größer als Caesar, größer als Shakespeare, größer als Goethe. Denn er besaß, wenn man die Stärke und den Umfang seiner Begabung betrachtet, so viel davon wie alle drei zusammen: er war Caesar an praktischem Umblick und Vorausblick, Shakespeare an schöpferischer Phantasie und Goethe an Kenntnis der menschlichen Natur ebenbürtig und dazu noch von einer Kraft, Gedachtes sogleich in Wirklichkeit umzusetzen, die keiner dieser drei in solchem Ausmaß besaß; es fehlte ihm nur eines, das jeder dieser drei besaß: Idealismus. Er glaubte nicht an die realsten Kräfte dieser Erde: die menschlichen Ideale. Altruismus, Patriotismus, Religiosität waren für ihn zwar vorhandene Energien, die man benutzen und lenken müsse, aber sie standen ihm nicht höher im Werte als Kanonen, Dampfkraft und Geld. Er glaubte nicht daran, daß eine fixe Idee mehr ist und vermag als hunderttausend Bajonette. Er wußte nicht, daß Ideen, Ideale, Ideologien, Phantasmen, Illusionen, Begriffe auch physikalische und physiologische Energien sind, meßbare und wirksame Größen, sozusagen wägbare Imponderabilien; daß das Bewußtsein des Rechts, der Glaube an Höheres geradesogut eine Heizung des Organismus darstellt wie Fett, Eiweiß, Kognak und Kolanuß; und so war er eigentlich gar kein so vollständiger Empiriker, wie er und seine Anhänger glaubten: er war, so paradox es klingen mag, in diesem Punkt ein weltfremder Doktrinär. Er hatte sein System von der Welt und der Menschheit, das, wenn man will, ein philosophisches war, aber wie so viele geistreiche und wohlgebaute Systeme nicht stimmte, sich neben dem Leben befand. Er blickte mit Spott und Verachtung auf die »Ideologen« und ahnte nicht, daß er selber einer war. Er brachte die ganze Welt durcheinander, jagte seine Menschenmassen von Schweden bis Ägypten und von Madrid bis Moskau und verschwand eines Tages ebenso plötzlich, wie er aufgetaucht war, verpuffte spurlos wie eine große Schießpulverexplosion, nichts als etwas ausgestandene Angst und einen brenzligen Geruch zurücklassend. Er mobilisierte Menschen und Naturkräfte, Wasser und Winde, alle Staaten, Städte und Völker Europas, bald für sich, bald gegen sich, und als er wegging, lag die Karte Europas wieder da wie vor zwanzig Jahren, ganz unerheblich verändert, und die Diplomaten stritten sich weiter um Gefälle, Kontingente und Hoheitsrechte. Napoleon war kein Träumer: das ist der Haupteinwand gegen ihn; und daran ist er gescheitert. Er konnte nur für Jahre und Monate siegen. Denn er wußte nicht, daß auf die Dauer nur ein Träumer die Welt erobern kann.