Paul Ernst Prinzessin des Ostens Novellen Inhalt Die Prinzessin des Ostens Papedöne Die Geschichte des Abul Hassan Trude Der Barfüßer Der Tod des Dschinghiskhan Herr Konrad Warum leben denn nur die Menschen! Lionora Salvucci Die Buhlerin Eine Geschichte aus dem Dorfe Christoffel und Ursula Don Pedro und Halila Die Göttin der Vernunft Quasitthi Florisel und Meliade Der Gefangene Das Grauen Julian und Celia Der Einsame Der Schemen Die beiden Pilger Die sonderbare Stadt Die Prinzessin des Ostens Die Römer hatten die Welt in zwei Hälften geteilt und jede einem besonderen Kaiser untergeben, welche zusammen und in Übereinstimmung miteinander alle Menschen beherrschen sollten. Das Reich des Westens wurde später von wilden Völkerschaften erobert, welche dann den Glauben an Jesus Christus annahmen und es in viele Staaten aufteilten, und es zeugten endlich nur noch große Mauern, welche verfielen, von der alten Herrschaft. In folgenden Jahrhunderten wurde das Reich des Ostens von andern Barbaren bedrängt, welche den Propheten Mohammed anbeteten. Deshalb schickte der östliche Kaiser an die Völker des Westens Botschaften und bat sie um Hilfe. Diese kamen mit eisernen Kleidern angetan in seine Hauptstadt Byzanz und sahen den Kaiser des Ostens auf seinem Thron regieren, welcher glänzte wie die Sonne; und er trug ein brokatenes Gewand und saß unbeweglich, mit starren Augen unter der schweren Krone, in welche der Goldschmied bunte Steine hineingearbeitet hatte, groß, wie Kinderfäuste, sein Gesicht war blaß und durchsichtig und sein schwarzer Bart ganz dünn und fein. Zu beiden Seiten des Thrones standen zwei Löwen, künstlich aus Gold gemacht, so hoch wie zwei Männer ein jeder, welche ihre Rachen öffneten und ein Gebrüll hören ließen, unter dem viel heißer Dampf aus ihrem Schlund kam. Die Barbaren des Westens setzten aber den Kaiser ab und teilten sich in sein Land, und die einen wurden Fürsten, die anderen Herzöge und die dritten Grafen. Nun war ein Sohn des östlichen Kaisers Statthalter der Provinz Trapezunt, welche so weit abgelegen sich hinzog am Schwarzen Meer, daß die Völker des Westens keine Kenntnis von ihr hatten und sie deshalb in ihrer Verfassung ungestört beließen. Und da kein anderes Land vom Reich übrig geblieben war, so kam das Kaisertum an diesen Sohn, und die Provinz war das Kaiserreich des Ostens, und die Stadt Trapezunt war die Hauptstadt der östlichen Hälfte der Welt. Aber während die Nachfahren dieses Kaisers regierten, drängten die Diener des Mohammed weiter vor und nahmen ihnen Städte und Dörfer. So geschah es, daß endlich das Kaiserreich des Ostens nicht größer war, als man von einem steilen Felsen übersehen konnte, der vor der Stadt Trapezunt an der Küste des Meeres in die helle Luft emporstieg. Damals herrschte eine Kaiserin mit Namen Johanna. Diese saß auf dem Thron mit starren Augen und hielt in der rechten Hand das Zepter und in der linken den Reichsapfel, und ihre Großen standen in einem Halbkreis um sie, schweigend; ihre goldstarrenden Gewänder gingen in langen Falten bis auf den Boden, der mit Elfenbein und Ebenholz ausgelegt war. Diese Kaiserin hatte einen Traum, daß sie aus dem hohen Fenster ihres Palastes niederblickte auf den Marktplatz, wo eilfertige und kleine Menschen sich herumtrieben. Da sah sie einen Maultiertreiber, dessen Tier ein silbernes Türmchen mit vielen kleinen Schellen auf dem Kopf trug. Diesen ließ sie heraufholen und heiratete ihn. Und nach ihrer Zeit gebar sie eine Tochter, welche alle Barbaren aus der östlichen und westlichen Hälfte der Welt verjagte, derart, daß sie als ein zitterndes Häuflein jenseits standen. Und als sie am andern Morgen aufgewacht war und sich hatte ankleiden lassen, trat sie an das hohe Fenster ihres Palastes und erblickte unten den Maultiertreiber. Diesen ließ sie heraufholen. Und es kam der silberhaarige Patriarch, der oberste Priester des Ostens, vermählte sie mit ihm und ging. Dann aßen sie zusammen an einem Tisch und schritten in ihr Schlafgemach. Und nachdem sie wieder allein aus ihrem Schlafgemach gekommen war, ließ sie den Henker rufen und befahl ihm, den Mann zu töten. Der Henker schnitt dem Maultiertreiber das Haupt ab und brachte es ihr auf einer goldenen Schüssel, während das Blut über das Ehebett floß und auf den Boden tropfte. Als nun die Zeit der Kaiserin Johanna gekommen war, genas sie einer Tochter, welche sie Esther nannte. Da ließ sie aus Granitquadern einen hohen viereckigen Turm bauen auf jenem Felsen, von dem aus man bis an die Grenzen des Reiches sehen konnte. In ihm wurde Esther aufgezogen, und es waren zu ihrer Bedienung kahlköpfige und schwächliche Verschnittene, in langen purpurroten Gewändern. Diese erzählten dem Kind allerhand verwirrte Geschichten von der Größe und Macht der beiden Reiche der Welt, und von Tempeln mit marmornen Säulen, unter denen in Höhlen Edelsteine verborgen waren, leuchtend wie der Tag, und Gold in großen Becken aus Porphyr, auch aufgezäumte Rosse und kostbare Waffen; und von Vampiren, welche nachts aus den Gräbern kommen, um den Menschen das Blut auszusaugen, und mit ihnen um die Erde stiegen; und von Rittern in goldenen Rüstungen, Schwanenjungfrauen, ehernen Bildsäulen, welchen verliehen ist, zu sprechen, von verzauberten Städten, welche inmitten undurchdringlicher Wüsten liegen mit kupfernen Mauern, kristallenem Wasser und versteinerten Menschen; und auch von den Gestirnen erzählten sie, welche des Abends von dem blauen Himmel herabscheinen und durch Bezauberung dorthin versetzt sind, nachdem sie auf Erden gelebt haben. Oft auch saß Esther am Fuß des grauen Turmes inmitten der gelb blühenden Ginsterruten und starrte auf die verschobenen Steine, zwischen denen hurtige kleine Tiere huschten; oder sie wendete ihren Blick auf das hellgrüne Meer, das gerade vor ihr aufstieg, wie eine leuchtende Wand; und nach der anderen Seite blickte sie hin über die Erde mit ihren unregelmäßigen hellen und dunkeln Flecken. Die Kaiserin Johanna aber gedachte ihre Tochter an den König des Landes im äußersten Westen der von Menschen bewohnten Erde zu verheiraten, welches Portugal hieß. Von diesem hatte sie gehört, daß er ein junger König sei und der mutigste von allen Männern der Christenheit. Deshalb schickte sie einen Boten dorthin mit einem Bildnis Esthers und vielen Geschenken von edelsteinbesetzten Kästchen, Seidenzeug und großen viereckigen Goldmünzen; und der König von Portugal ließ zurückmelden, daß er die Tochter der Kaiserin wohl zum Weibe nehmen wolle, und schickte als Geschenke Waffen von biegsamem Stahl mit künstlichen Figuren, kostbare Felle und seltene Leinewand. Hierauf ließ die Kaiserin ein Schiff bauen, nach den alten Vorschriften, wie es vor tausend Jahren gehalten war, aufbewahrt in der verschlossenen Schatzkammer, denn seit undenklichen Zeiten hatten ihre Untertanen das Meer nicht mehr befahren; nahm zwei fremde Meister der Schiffahrt an und ließ Sklaven festschmieden auf den Ruderbänken, welche es fortbewegen mußten. Dann brachte sie ihre Tochter auf das Schiff samt ihren Verschnittenen, welche weinten und heulten; und so fuhr das große Schiff ab. Esther aber saß auf dem Vorderteil des Schiffes und wurde angestaunt von den beiden fremden Meistern. Sie trug ein dunkelblaues Gewand mit goldgestickten Bändern, und der Stuhl war aus Gold verfertigt mit purpurnen Kissen. Ihr Gesicht blieb unbeweglich, auch wenn sie sprach: sie lachte nicht und gab auch kein Zeichen der Trauer, es war, wie wenn sie eine Maske vorhabe, ihre Augen waren hellgrün, und es schien, als müßten sie so kalt sein wie Eis. Tag und Nacht fuhr das Schiff über das gleichmäßig rollende Wasser. Durch eine enge Meerstraße fuhr es, wo man zu beiden Seiten Land erblickte, und dann durch eine See mit vielen kleinen Eilanden, wo auf jedem Menschen wohnten, denen es schien, als ob das Meer nur ihretwegen an den Strand plätscherte. Dann kam ein heftiger Sturmwind über das Schiff. Esther sah die Meister erstaunt an und ging in das Zimmer, welches für sie hergerichtet war. Hier kauerten die Verschnittenen am Boden und hatten die roten Gewänder über den Kopf gezogen, sie aber saß auf ihrem Ruhebett und machte böse Augen. Am dritten Tage ließ sie die Meister rufen und befahl ihnen mit großem Zorne, daß der Sturm sich lege. Die Meister verstanden zuerst nicht ihre Meinung, dann aber gingen sie kopfschüttelnd aus dem Zimmer, weil es nötig war, daß sie immer oben blieben auf dem Schiff. Sie sagte von da an nichts mehr zu ihnen. Viele Wochen wurde das Schiff derart auf dem Meere umhergetrieben. Endlich verzogen sich die grauen Wolken, und der blaue Himmel und die Sonne kamen wieder zum Vorschein. Nunmehr erkundeten die Meister durch Berechnungen und Karten, auf welcher Stelle des Meeres sie waren, und dann liefen sie bei dem nächsten Hafen an, denn es war viel zerstört an dem Schiff, welches ausgebessert werden mußte, auch wurden die gestorbenen Sklaven ins Meer geworfen, und dann kauften sie neue und ließen sie an Stelle der alten anschmieden. Nachdem in dieser Weise wieder einige Wochen verbracht worden waren, fuhren sie weiter. Und so kamen sie zuletzt nach Lissabon, der Hauptstadt des Königs von Portugal. Als dieser gehört hatte, daß das Schiff mit seiner versprochenen Braut von der Kaiserin des Ostens gekommen sei, geriet er in eine große Verlegenheit. Denn weil so lange Zeit verstrichen war seit der Gesandtschaft und er nichts wieder aus Trapezunt vernommen, so dachte er, die Heirat sei der Kaiserin leid geworden, und als ein junger und heißblütiger Mann vermählte er sich gleich mit der Tochter eines seiner ersten Untertanen. Dieses war gerade vor einer Woche geschehen, und er hatte seine Gemahlin so über alles lieb gewonnen, daß er sie auch nicht für eine Kaisertochter verstoßen hätte. So schritt er nun mit großer Beschämung im Herzen zu dem Schiff hinab, ging zu der Prinzessin, welche ihn erwartete, auf ihrem Stuhle sitzend, und stellte ihr das Geschehene vor. Sie behielt ihr unbewegtes Gesicht, tadelte ihn nicht und machte auch sonst keine weitere Bemerkung. Nur bat sie ihn, er möge die beiden Meister hinrichten lassen, weil sie den Sturm nicht zur Ruhe gebracht hätten. Der König erkundigte sich bei diesen, was das Wort bedeute, und sie erklärten ihm, was geschehen war. Darauf sprach der König zu ihr, daß sterbliche Menschen nicht Meer und Wind gebieten können, und daß nur ein Tyrann, aber nicht ein von Gott eingesetzter König wegen dieser Sache die beiden hinrichten lassen dürfe. Diesen Worten entgegnete die Prinzessin Esther nichts, sondern sie nickte nur mit dem Kopfe zu seiner Entlassung, welche er denn auch mit sehr verlegenem Gemüte nahm. Hierauf befahl sie den beiden Meistern, das Schiff wieder heimwärts zu richten, und diese folgten ihrem Befehl erzürnten Herzens. Aus Vorsicht an den Ufern entlang fahrend, gelangten sie in die Nahe der Grafschaft Montferrat. Hier begegnete ihnen ein Schiff, welches von Genua kam; und da sie mit diesem über Ziel und Absicht ihrer Reise durch ein großes Sprachrohr redeten, da erfuhren sie, daß das Kaiserreich Trapezunt erobert und alle Gebäude in der Hauptstadt verbrannt seien, die Kaiserin aber ermordet und ihr Kopf mit den langen schwarzen Zöpfen auf eine Lanze gesteckt und auf dem Marktplatz zur Schau gestellt. Als die Meister das gehört hatten, beratschlagten sie, was sie tun sollten. Und weil sie nicht Blut auf ihr Haupt laden wollten, so beschlossen sie, die Prinzessin nicht als Sklavin zu verkaufen, sondern an dem Ufer, da es nicht weit entfernt war, auszusetzen, mitsamt ihren Verschnittenen; welches sie auch taten. Nun traf es sich, daß der Graf von Montferrat und sein Gefolge durch ein Geschäft eben dorthin geführt wurden, wo die Prinzessin Esther saß, umstanden von den wehklagenden Verschnittenen. Er erfragte ihre Geschichte und brachte sie dann in sein Schloß, wo sie mit aller Sorgfalt und Achtung bewacht wurde, welche ihrem Stande zukam. Auf den Grafen hatte aber das fremdartige Bild der Prinzessin einen tiefen Eindruck gemacht, und er begann, eine eigene Liebe für sie zu fassen, wiewohl sie ihn hochmütig behandelte, als sei er ihr Diener, während sie doch von ihm unterhalten wurde in allem. Wenn er in ihr Zimmer trat, so erhob sie sich nicht, sondern blieb auf ihrem Stuhl sitzen, blickte ihn auch nicht an, sondern indem sie ihm karge Antworten gab auf seine liebevollen Fragen, sah sie aus dem Fenster auf den Hof der Burg, wo allerhand Gerümpel stand. Zu ihrer hauptsächlichsten Bedienung war ihr eines armen Edelmannes Tochter beigegeben, ein munteres und rotbäckiges Fräulein von tugendlicher Art und unbekümmertem Gemüt, welches recht zu schwatzen wußte und sich an ihre dünkelhafte Weise nicht kehrte. Diese sagte ihr eines Tages kecklich, daß sie sich recht ungeziemend benehme gegen den Grafen, ihren Herrn, denn sie lebe doch von seiner Großmut, und es sei ein großes Glück für sie, wenn er sie heiraten wolle, weil sie sonst nicht aus noch ein wisse. Da erhob sich die Prinzessin Esther und machte so gräuliche Augen, daß es dem harmlosen Fräulein ganz kalt über den Rücken lief, zog eine lange und spitze Nadel aus ihrem Haare und stach nach ihr; und die Nadel fuhr durch das Mieder und das Fleisch und wäre unzweifelhaft ins Herz gedrungen, wenn sie nicht gerade auf eine Rippe gestoßen, sich da festgebohrt hätte und durch die Gewalt des Stoßes abgebrochen wäre. Das Fräulein wurde kreidebleich, faßte sich aber schnell und lief eilig fort, mit der abgebrochenen Nadel im Busen, und konnte auf keine Weise bewegt werden, wieder zu der Prinzessin ins Zimmer zu gehen. Indessen so groß war die Liebe des Grafen Montferrat, daß er demütig zu ihren Füßen kniete und sie sich als Gattin erbat; sie machte eine rasche Bewegung, wie eine Eidechse und legte ihre schmale, ringbesetzte Hand in seine braune, männliche; darauf erhob er sich vom Boden, wischte sich die Knie ab, umfaßte sie und wollte sie küssen; da blitzte sie ihn aber so entsetzt und wild mit ihren Augen an, daß ihm aller Mut sank, obwohl er ein tapferer Rittersmann war, und er ungeküßt wieder aus dem Zimmer schlich. Er war aber ein guter und gerechter Herr, der auch von dem Allerärmsten nichts umsonst genommen hätte, sondern alles bezahlte. Er hatte bis dahin nicht mehr denn allerhöchstens zwanzig Worte von ihr erlangen können: »ja« oder »nein«, meistens aber nur »vielleicht« und »ich weiß nicht«. Er brachte ihr nun die Schlüssel zu allen Kästen und Schränken in seinem Hause und sagte ihr, sie solle sich ihre künftige Habe ansehen mit einer Magd, wenn es ihr Freude mache, oder mit zweien, aber am andern Tag sah er die Schlüssel noch ebenso auf dem Tische liegen, wie er sie gelegt hatte, und seine Braut starrte mit demselben Ausdruck eines gefangenen und nachdenklichen Vogels aus dem Fenster wie früher. So kam in Unfreude und Müdigkeit der Tag der Vermählung heran. Allerhand Volks sammelte sich zu Hauf für die Feier, wie es zu geschehen pflegt, auch viele Krämer und Gaukler. Einer von diesen Krämern, ein ganz alter Mann mit langem weißen Bart, aber feurigen, schwarzen Augen und strengem und listigem Gesicht, stieg am Tage vor der Hochzeit auf die Burg und bot seltene Edelsteine an. Da der Graf dachte, daß seine Ware der Prinzessin Freude machen werde, so führte er ihn auf ihre Stube, und sie wurde auch wirklich lebhaft, als der Mann seinen Kram vor ihr ausbreitete, zum großen Erstaunen des Grafen, welcher ihm viel abkaufte. Am andern Morgen standen die Leute auf der Burg früh auf, um alle Vorbereitungen für das Hochzeitsfest zu treffen, in Blumenkränzen und Speisen und anderen Vorrichtungen; und da aus der Grafschaft viele Untertanen kamen, welche die Nacht durchgewandert waren, mit bebänderten Lämmchen, die sie auf den Armen trugen, goldbäckigen Äpfeln in weißen Körben oder zierlich gespundeten Gelten, so war viel Sprechen und Gehen in der Burg, so daß die Herrschaften gleichfalls nicht lange in den Federn blieben. Die Zimmer der Braut aber verharrten bis in den späten Morgen hinein still, welches alle verwunderte, so daß sie es dem Grafen zu melden kamen. Dieser wurde von einer sonderbaren Unruhe erfaßt und hieß die Dienerinnen nachsehen, die kamen aber schnell wieder zurück und berichteten, daß die Braut verschwunden sei. Hierüber entstand nun eine große Aufregung und viel Gewirr, allerhand wurde gesprochen, gemutmaßt und geraten, auch Boten überall hingeschickt, indessen die Prinzessin kam auf keine Weise zum Vorschein, und nicht die allergeringste Spur von ihr wurde entdeckt. Die Verschnittenen aber standen gedrängt in einem Winkel des großen, mit Blumen geschmückten Festsaals und plapperten ängstlich, wenn jemand ihnen nahte. Nach Jahren erst langte eine dunkle Kunde an aus einem fernen und kalten Lande im Norden durch einen Ritter, welcher dort eine Bedienung gehabt hatte. Der erzählte, es solle die Prinzessin mit dem Juwelenhändler leben als eine dürftige Magd und ihm in allen Stücken demütig gehorsamen, also, daß sie die geringste und niedrigste Arbeit für ihn mache und von ihm böse und harte Behandlung erfahren müsse; aber es werde keinerlei Klage noch Jammern von ihr gehört, welches man doch hätte denken müssen, sondern ein heiteres und ergebenes Glück sei in ihren Zügen zu lesen. Papedöne Ein Bauer hatte einen Knecht – es ereignete sich aber die folgende Geschichte vor vielen hundert Jahren, – welcher sehr ehrgeizig und stolz war. Dieser versorgte fast die ganze Wirtschaft, denn der Bauer war ein unruhiger Mensch, trieb sich auf den Märkten und in der Stadt herum und hatte immer zu kaufen und zu verkaufen. Die Frau mochte den Knecht nicht leiden, weil er einer finstere Gemütsart war und nicht lachte, und sie sagte, er könne niemandem ins Gesicht sehen. Der Bauer aber pries ihn sehr in der Schenke und auf dem Markt, wie er verläßlich sei und treu, lobte ihn auch oftmals, welches dann den Mann sehr freute. Im übrigen gönnte sich dieser keinerlei Zerstreuung und Vergnügen, außer, daß er etwa Sonntags-Nachmittags mit dem Söhnchen seines Brotherrn spielte und ihm kleine Schiffchen schnitzte und auftakelte; denn es war ihm genug an seinem Stolz und Ruhm, daß er der beste Knecht war in der ganzen Gegend, und mancher sagte, wie der Hof viel besseres Schick hätte, wenn der Knecht Bauer wäre, und so einen Treuen und Ehrlichen gebe es nicht mehr heutzutage. Nun geschah es, daß der Bauer wieder einmal von einem Handel heimkehrte und auf dem Wege gemerkt hatte, daß er betrogen war, wie er denn nach solcher Leute Art gewöhnlich zusetzte bei seinen Geschäften und Tauschen. Das fraß ihm am Herzen, und er warf die Türen, wetterte und schimpfte auf alle Menschen, daß heute nichts mehr erhört werde in der Welt denn Untreue und Betrügerei; er aber wolle schon allen zeigen, mit wem sie zu tun hätten, denn er habe sich solches schon allzu lange gefallen lassen, und nicht nur von fremden Leuten, sondern auch in seinem eigenen Hause, und sein Knecht sei der Schlimmste; aber das solle von jetzt ab anders werden, dem wolle er auf die Finger sehen, der müsse ihm mehr arbeiten und weniger betrügen. Der Knecht rieb im Stall die schweißigen Gäule mit einem Strohwisch und hörte durch das geöffnete Fenster diese Reden. Er ward ganz blaß, ging hinein und fragte den Bauer, was er mit diesen Worten meine; denn wenn er auch nur ein Knecht sei und seinen Lohn kriege, so habe er doch seine Ehre, und diese lasse er sich nicht nehmen. Da antwortete ihm der Bauer in seinem blinden Zorn, daß er nicht aufbegehren solle, sondern demütig sein, wie es sich für seinen Stand gezieme, und wenn er von Spitzbuben und Tagedieben höre, so werde er wohl wissen, was die Leute mit solchen Worten meinten, weil er doch Deutsch gelernt habe. Hierauf sprach der Knecht nichts weiter und ging aus der Stube. In der Frühe des andern Tages, welcher ein Sonntag war, fuhr der Bauer wieder auf Handelschaft. Der Knecht besorgte das Vieh, zog sich sonntäglich an und ging zur Kirche; er hatte aber einen weiten Weg, weil der Hof allein mitten in der Heide lag, wohl eine Stunde vom Ort. Dann kam er wieder, zog den Rock aus und setzte sich in Hemdsärmeln vor seinen Stall, bis die Frau ihn und die Magd zum Essen rief. Nach dem Essen ging die Frau auf ihre Kammer, ein Nachmittagsschläfchen zu halten, die Magd setzte sich in die Stube, ihre Sachen zu sticken, und der kleine Hans schlich sich endlich zu dem Knecht; da dieser aber ihn nicht mochte, so legte er sich unter einen tragenden Apfelbaum, freute sich am Spiel der Sonne zwischen den Zweigen, ward müde und schlief ein. Nach einer geraumen Weile holte der Knecht ein großes Messer, welches er ganz scharf geschliffen hatte, verbarg es in seiner Kleidung und ging zu der Frau hinauf. Er suchte sorgfältig die Stelle aus und durchstach ihr gerade das Herz, also, daß sie nur noch einmal tief aufseufzte und dann verschied, und es in der Kammer ebenso sonntäglich still blieb wie zuvor. Dann schloß er leise die Tür, ging zur Stube hinunter und fand die Magd über ihrer Arbeit gleichfalls eingenickt. Auch bei dieser prüfte er erst vorsichtig und stach dann wieder mit großer Kraft zu; sie fiel vom Stuhl, schrie einmal kurz auf, und danach verdrehte sie die Augen und blieb tot liegen in einem Klumpen. Hiernach wendete er sich zu dem kleinen Hans. Vor diesem stand er eine kurze Weile und betrachtete ihn; darüber wachte das Kind auf; und als es das Messer und die mordgierigen Augen erblickte, rief es in seiner Herzensangst: »Ach lieber Klaus, so laß mich leben, Will dir auch all meine Schiffchen geben!« Aber der Knecht verschloß sein Ohr und stieß zu, während dem Kinde die Angsttränen über die Bäckchen liefen. Darauf trug er sorgfältig Stroh und Heu in das Haus und zündete Haus und Stall an; nur ein Kälbchen, welches vor einigen Tagen geboren war, zog er hervor und pflockte es draußen fest, wo es jämmerlich nach seiner brüllenden Mutter schrie. Dann ging er fort, in seinem besten Anzug und sein gespartes Geld in der Tasche; das Knechtszeug ließ er zurück. Nun war damals das Räuberwesen noch recht gewöhnlich, und ein solcher Mensch wie dieser Klaus entzog sich leicht der Verfolgung, indem er sich in den Wald schlug und sich dort ernährte von dem, was er den durchkommenden Leuten mit Gewalt abnahm. So lebte der Mann mehrere Jahre. Er hatte sich unter dem Erdboden eine Höhle gegraben, die er notdürftig einrichtete mit einem Streulager, einem Raum für Vorräte und einem Feuerherd, dessen Rauch in einen hohlen Baum geleitet war. Er schonte die Leute aus der Umgegend und vornehmlich die Armen, weil er von diesen am leichtesten aufgespürt werden konnte, schenkte auch wohl einmal einem Holzweiblein eine Kleinigkeit. So geschah es, daß er recht ruhig leben durfte, denn die Leute hingen an ihm, indem sie solche Wohltaten in ihren Erzählungen vervielfachten und sich freuten, wenn einem Fremden Übles geschah. Er wurde aber von ihnen Papedöne genannt, und viele Geschichten erfanden sie über ihn. So geschah es, daß er einst einen Stadtherrn überfiel, der mit seinem Weibe und zwei Dienern durch den Wald reiste in der Meinung, daß der Räuber (von welchem er wohl gehört hatte) doch nicht wagen würde, drei wohlbewaffnete Männer anzugreifen. Papedöne aber trat ihnen mit einem langen und dicken Baumast entgegen, stieß ein schreckliches Geschrei aus und schlug den einen Diener auf den Kopf, so daß er tot vom Pferde stürzte. Dann wendete er sich zu dem Herrn, welcher sich vergeblich mit seinem Schwert zu wehren versuchte, und erschlug auch ihn. Der andere Diener entfloh, von unüberwindlichem Grausen gepackt, denn die Köpfe der beiden Erschlagenen waren bis auf die Nasenwurzel zermalmt, und das Gehirn floß ihnen in den Bart. Nun ergriff Papedöne das Pferd der Dame, packte dem die Habe der Ermordeten auf und führte es nach seiner Höhle, indem die Dame nebenher gehen mußte. Hier schloß er sie ein – denn er hatte mit der Zeit seinen Bau wohl befestigt durch herausgetragene Erde, Baumstämme und große Steine – und zwang sie, daß sie ihm kochte. Im übrigen behandelte er sie freundlich, sagte ihr auch, wie wohl ihm sei, daß nach so vielen Jahren ihm wieder einmal ein Frauensmensch die Speise bereite. Mit der Zeit gewöhnte sich die Dame an solches Leben; klagte wohl oft, wie sie es früher besser gehabt und vielen Leuten befohlen, jetzt aber in harter Dienstbarkeit schmachte; war ihm aber doch willig und erfüllte seine Befehle. So geschah es an einem Sonntag-Vormittag, daß der Wind aus einem Dorf die Töne der geläuteten Glocken herübertrug; und da Papedöne mit der Frau vor seinem Bau saß, und es war Frühling, und junge Blättchen waren an den Buchen, fing er an heftig zu weinen. Sie befragte ihn um den Grund, und da erwiderte er, es sei darum, daß er so allein sei, weil der Mensch doch jemand haben müsse, der ihn lieb habe. Dies erbarmte die Frau, und sie tröstete ihn mit freundlichen Worten. Und nicht lange darauf, so lebten sie wie Mann und Weib. Er liebte die Frau aber sehr, wiewohl sie seit dieser Zeit oft böse gegen ihn war und ihn auszankte, auch ihm vorwarf, daß er nur ein Bauernknecht sei, sie aber eine ritterbürtige Dame, und er habe sie vergewaltigt; welches jedoch unrichtig gewesen ist, denn er hatte immer die schuldige Achtung vor ihr gehabt. So fühlte er sich denn oftmals als ein gemeiner Mensch, dem die Ehre solcher Liebe gar nicht zukomme, trachtete dann aber danach, Schmuck und Kostbarkeiten für sie zu erlangen, damit sie sich putzen könne, kaufte ein samtenes Kleid und erbeutete eine goldene Halskette mit einer großen Schaumünze. Derart lebten sie lange Jahre zusammen, und sie gebar ihm nach der Reihe sieben Söhne, aber keine Tochter. Nun begegnete es ihm durch Zufall, daß er an dem Ort rastete, wo er den erschlagenen Mann und Diener der Frau damals verscharrt hatte, und sein großer Fleischerhund, der ihm immer folgte, kratzte an der Stelle. Da sah er nach und fand, daß die Hand des Herrn zum Vorschein gekommen war, mit fast abgefaultem Fleisch und Lumpen der feinen Handschuhe, die er getragen; an dem einen Finger stak noch ein Ring; den zog er ab, wischte an ihm und fand ihn von gutem Golde. Hierüber wurde er froh, putzte ihn völlig, nahm ihn zu sich und gab ihn zu Hause der Frau. Diese erkannte ihn als ihres Mannes Ring und ward von großer Sehnsucht und Traurigkeit ergriffen, also, daß sie ganze Tage weinte, was ihr sonst nie geschehen war. Papedöne spürte wohl, welches der Grund war, daß sie nämlich Lust hatte, einmal ihre Stadt wiederzusehen und ihr Haus und ihr einziges Töchterchen, welches sie als Wiegenkind dort gelassen und als zarte Jungfrau wiederzusehen gedachte. Und da er wußte, daß sie ihn immerzu bitten würde, so befahl er ihr, die kostbaren Sachen anzuziehen – welche zu ihrem verbranntem Gesicht und ihren schwarzen Händen übel standen, – führte sie vor ein gezimmertes Kreuz, zu welchem er seine Andacht zu verrichten pflegte, und ließ sie hier schwören, sie wolle nach drei Tagen wiederkommen und keinem Menschen ihren Aufenthalt verraten. Darauf entließ er sie, und sie pilgerte zu der Stadt; weil sie aber der Schuhe ungewohnt geworden war, so zog sie ihre kostbaren Saffianstiefelchen aus und ging barfuß, und das samtene Kleid hatte sie hochgeschürzt nebst dem spitzenbesetzten Unterrock, bis an die Knie, so daß man die bloßen Beine sah. Sie meinte aber so gekleidet zu sein, daß sie überall Bewunderung und Hochachtung erweckte. Als sie die Türme der Stadt von weitem erblickte, stieg es ihr auf, daß sie einen bitteren Haß gegen Papedöne bekam. Auf der Landstraße wurde sie übel angeredet von Kärrnern und Wandersleuten, und auch am Tor mußte sie manchen Spott erdulden, den sie doch nicht recht verstand. Sie ging auf geradem Wege zu ihrem Hause, und Kinder zogen hinter ihr her, welche über ihren seltsamen Gang und die Bewegungen ihrer Arme staunten und sie für eine Zigeunerin hielten oder eine andere Landstörzerin. In ihrem Hause sammelten sich um sie die Dienstboten in einem Kreise mit Gelächter, nur ein altes Weib unter ihnen erkannte sie auf ihre Rede, schluchzte und sprach zu ihr als ihrer Herrin. Als sie hinausgeführt war und vor ihre Tochter, wollte sie diese umarmen; aber die wich ängstlich zurück und begann zu weinen. Da riß sie die goldene Kette mit beiden Händen vom Halse, daß sie zersprang, schleuderte sie auf die Erde und fluchte auf Papedöne und war von solcher Heftigkeit, daß alle erschraken. Am Ende kamen ihre Verwandten, welche sie tot geglaubt hatten, betrachteten sie und staunten sehr, sie aber gab keiner Frage Antwort, sah nur immer auf das betrübte blasse Töchterlein, welches wie eine zarte Rose im Scherben hinter dem Fenster sorgsam aufgezogen war, und seufzte tief. Dann aber ging sie aus ihrer Wohnung, schritt über den Marktplatz, der voller Menschen war, und kniete auf den Steinen der Kirchentreppe. Hier rief sie mit lauter Stimme, daß alle es hörten, wie sie geschworen habe, keinem Menschen ihren Ort zu verraten. Deshalb rede sie zu den großen Steinen der Kirchentreppe. Und indem das neugierige Volk um sie drang, erzählte sie, zu den Steinen gewendet, wie ihr Mann ermordet sei vor vielen Jahren von Papedöne, und wie der verfluchte Räuber sie mit sich geschleppt und sie gezwungen, ihm zu dienen und seine Kebse zu werden, und wie sie sieben Söhne von ihm habe, und fügte auch hinzu die genaue Beschreibung des Ortes. Dann erhob sie sich, und indem das Volk sich angstvoll und scheu teilte, schritt sie ruhig durch den Haufen und zur Stadt hinaus und zurück zu ihrem Manne. Der hieß sie freundlich willkommen und sie setzte sich zu ihm. Er war aber groß von Leibesgestalt, hatte einen ganz langen weißen Bart, der ihm bis auf den Gürtel hing, ein verbrannt Gesicht, daraus scharfe Augen blitzten, und ganz langes weißes Haar, das ihm auf die Schultern reichte. So stand er auf, setzte sich auf die Erde vor sie und gebot ihr, sie solle ihn lausen. Sie gehorchte, holte den Kamm und kämmte. Dabei aber ward ihr das Herz schwer, denn sie hörte von weitem ihre sieben Buben jubeln und schreien im Walde, wie sie sich katzbalgten; und es fielen aus ihren Augen sieben runde Tränen auf den Kopf des Papedöne als heiße Tropfen. Hierdurch merkte dieser, daß sie ihn verraten, sagte aber nichts, sondern blieb ruhig. Als sich die Frau erhoben hatte und in den Bau gegangen war, pfiff der Räuber seinen Söhnen, und sie kamen, einer nach dem anderen, wie die kleinen Ferkel zur Sau. Er aber ergriff sie, wie sie kamen, und wiewohl sie sich heftig wehrten um ihr Leben, legte er ihnen einen Strang um den Hals und erwürgte sie, und dann kletterte er auf eine große und weitschattende Buche mit glattem Stamm, die vor seinem Bau stand, und knüpfte sie auf, rundherum. Hierauf tanzte er um diesen Baum, die Arme in die Seiten gestemmt, indem er von einem Bein auf das andere sprang, und sein langer weißer Bart flatterte dabei in der Luft, und seine rotgebrannte große Nase leuchtete lächerlich zwischen den blitzenden Augen, und er sang, immer in dem gleichen Ton: »Papedöne, Papedöne Aufhängt seine sieben Söhne.« Als das Weib endlich aus dem Bau hervorkam, und wie sie ihre sieben Kinder also hängen sah, fiel sie ohnmächtig um vor Gram. Darüber kamen Bewaffnete aus der Stadt, welche den Ort aufgefunden hatten nach des Weibes Beschreibung, und nahmen beide gefangen, ohne daß der Räuber Widerstand leistete. Dem Weibe konnten die Gerichte nichts anhaben; es wurde bald freigelassen, starb aber nach kurzer Zeit aus Liebe zu dem Räuber und in Jammer über ihre Tat, und indem sie von allen verachtet wurde wegen ihrer Unzucht mit Papedöne. Der Räuber aber wurde verurteilt, auf dem Markte gerädert zu werden. Er war vor den Richtern höhnisch und stolz, leugnete nichts, und auf Vorhalten des Priesters, ob er denn keine Reue verspüre, erwiderte er, daß er so gelebt habe, weil es ihm so gefallen; aber an Gott und Gottes Sohn und die Heiligen, glaubte er, lästerte auch nicht auf sie, wie das von solchen oft geschieht. So schleppte ihn als Unbußfertigen der Nachrichter auf den Markt und fing an, ihn auf das Rad zu flechten. Aber wie der erste Schlag gegen seine Beine geführt ward, schrie er laut auf und rief: »Lieber Henker, lieber Henker, schlage, schlage! Denn deine Schläge sind wie fallende Rosen gegen den Schmerz, den ich in mir fühle, weil ich an den kleinen Hans denken muß, wie er rief: Ach lieber Klaus, so laß mich leben, Will dir auch all meine Schiffchen geben! Und ich habe ihn doch ermordet.« Da gebot ein alter und frommer Priester dem Henker Einhalt, wendete sich zu dem Räuber und sprach von der göttlichen Gnade, die auch ihm zuteil werde, wenn er seine Taten bereue, wie es jetzt den Anschein habe. Aber Papedöne schrie nur lauter: »Nicht Reue, nicht Reue, ein Feuer ist es, das in mir brennt! Lieber Henker, hilf mir, zerbrich mir die Glieder, das ist mir ein Trost!« Der alte Priester redete weiter auf ihn ein und sprach, daß solche Verzweiflung Gottes gnädiges Wirken sei, der ihn noch zu sich ziehen wolle. Aber Papedöne schrie in einem fort und jammerte, schlug und trat nach dem Priester, auf der Erde liegend, und der Priester mußte ihn lassen, so ungebärdig war er. Und also schreiend verblieb er die ganze Zeit, während der Henker seine Arbeit tat, sagte auch wohl dazwischen das Sprüchlein her: »Ach lieber Klaus, so laß mich leben, Will dir auch all meine Schiffchen geben!« Das Volk aber auf dem Markte ergriff ein Grausen, daß viele fortliefen vor dem Geschrei, und dem Henker war nicht anders, als ergreife ihn jemand bei den Haaren und reiße ihn in die Höhe, und hätte er sich nicht gestärkt, indem er gedachte, daß er der Obrigkeit geschworen, so hätte er seines Amtes nicht walten können. Die Geschichte des Abul Hassan Abul Hassan, der Bucklige, den sie auch den Armen nannten, hatte dem Märchenerzähler lange zugehört und ging in später Nachtstunde langsam und nachdenklich nach Hause, seinen übermäßig großen Schatten betrachtend, der senkrecht vor ihm wunderbar die langen Beine einzog und ausstreckte, denn der helle Mond stand gerade hinter seinem Buckel tief am Horizont. Er war sehr traurig über seine sonderliche Armut und bedachte allerhand Pläne, wie er solcher abhelfen wolle, nach der Gewohnheit der armen Leute sich in den wunderlichsten Hoffnungen spiegelnd, bis er endlich durch dieses Spiel in rechte Fröhlichkeit versetzt wurde und ein warmes Glücksgefühl empfand, als er sein weißes Häuschen erblickte, welches im Mondschein silbern glänzte; denn die Nacht war auch schweigend und düftereich, und so recht einladend zu märchenhaften Gaukeleien des Verstandes. Leise öffnete er die Türe, um seine Mutter nicht zu erwecken, denn die Hütte hatte nur einen Raum innen, der gänzlich kahl war und von jedem Gerät entblößt, außer daß in zwei Winkeln etliche alte Lumpen lagen zur Nachtruhe für ihn und seine Mutter. Behutsam legte er sich nieder und zog die Decke über den Körper, und dann betrachtete er lange einen Mondstrahl, welcher durch eine Öffnung der Wand schräg auf den Boden fiel. Darüber erwachte die Mutter und richtete sich vom Lager auf, indem sie heftig auf ihn schalt als den ärgsten Nichtsnutz in Kahirah, der keine Lust habe, zu arbeiten und lieber selbst hungere und seine alte Mutter hungern lasse, statt seinem Berufe nachzugehen und das Netz im Fluß auszuwerfen, wodurch ein gelernter Fischer, wenn er auch einen Buckel habe, nicht nur sich und seine Mutter ernähren könne, sondern es sei auch möglich, daß er mit dem Netze einen großen, in der Vorzeit versenkten Schatz vom Boden des Stromes heraufziehe. Als Abul Hassan diese Scheltworte gehört hatte, wurde er verdrossen, denn seine Mutter wußte wohl, daß sie selbst das Netz um ein Geringes verkauft, um sich zu betrinken. Stand also auf, trat aus dem Hause und ging durch die mondbeschienenen Straßen. Vor dem geöffneten Tore einer Herberge blieb er stehen und blickte auf den Hof, wo mit großem Lärm eine Karawane ausgerüstet wurde. Ein alter hochgewachsener Mann mit langem, weißem Barte stellte sich neben ihn und fragte, ob er als sein Diener mit nach Mekka reisen wolle, denn nach dort ging die Karawane; und weil Abul Hassan eine große Bosheit über das Schelten seiner Mutter im Herzen hatte, denn er ärgerte sich besonders, wenn man von seinem Buckel sprach, so sagte er zu und half auch gleich mit, die auf der Erde hingestreckten Kamele zu beladen, er machte dabei sehr edle Bewegungen. Als ein Mann, welcher der Arbeit nicht besonders gewohnt war, kam er dabei in ziemlichen Schweiß, jedoch die Bosheit trieb ihn zur Anstrengung. Es waren aber wohl ein halbes hundert Tiere, welche bepackt wurden mit großen eisenbeschlagenen Kisten und geschnürten Ballen und Säcken, auch Stangen und Decken für Zelte des Nachts, und einer verhängten Sänfte, in welche die beiden Töchter des Herrn einsteigen sollten. Diese Sänfte war sehr reich mit Gold und Purpur verziert. Als nach harter Arbeit alles beendet war und die anderen Kamele bereits geduldig aufgerichtet standen und nur das Tier mit der Sänfte noch kniete, welches schneeweiße Haare hatte, erscholl ein Ruf, daß die Diener sich in den Staub werfen und zur Erde blicken mußten, denn die beiden Frauen stiegen ein; Abul Hassan ärgerte sich recht über diesen Hochmut. Darauf standen alle wieder auf, ein jeder ging an seine Stelle, und die Kamele schritten, eins hinter dem andern, in einer langen Reihe aus dem Tore und machten sich auf die Straße nach Mekka; und als sie vor der Stadt waren, sendete die eben sich am Saume der Erde erhebende Sonne ihre ersten Strahlen in die Höhe des Himmels, und eine Lerche fuhr jubelnd in die Höhe, dem Endpunkt dieses Glanzes entgegen. So machte nun die Karawane den Weg mit ihrer passenden Geschwindigkeit. Die Sonne stieg höher und es kam eine große Hitze, und es wurde gerastet, und am Saum der Wüste tauchten Wesen auf, verschwanden auch wieder, und die Sonne sank, und es wurde Speise zubereitet und gegessen und getrunken und geschlafen, und dann standen die Leute wieder auf und beluden die Tiere wieder, und die Reihe der Kamele tappte wieder weiter in ihrer Linie, und die Sonne sendete wieder ihre ersten Strahlen an die Mitte des Himmels über ihnen, und stieg wieder höher, und sie rasteten, und so folgte sich das gewöhnliche Tagewerk von neuem. Abul Hassan saß auf einem flinken und stolzen Roß, welches tänzelte unter ihm, und blitzende Waffen trug er, über die er sich immer freute. Er wußte gar nicht recht mehr, wie es gekommen war, daß er ritt und Waffen trug. Weil er aber gern erfahren wollte, wie lange sie unterwegs sein würden, so steckte er jeden Abend ein Steinchen in seine Tasche. Nach einer Zeit freilich hatte er zwar viele Steinchen bei sich, aber er wußte doch nicht, wie lange sie schon gereist waren, denn er konnte nicht so weit zählen, wie er Steinchen hatte; über welches eine der Frauen in der verhängten Sänfte eines Abends lachte, daß er es hörte, denn sie mochte ihn beobachtet haben, wie er die Steinchen verlegen aus einer Hand in die andere schüttete. Ganz gleichmäßig war immer der Weg durch die Wüste, außer, wenn sie an einen Brunnen kamen, an welchem Palmen standen; oft wohnten auch Leute da in Hütten. Solche Brunnen waren wohl zehn gewesen, vielleicht aber auch mehr, fünfzig oder hundert. Am Ende hatte er wohl an zwei Pfund Steinchen bei sich. Da schüttelte er sie an einem Mittag alle aus und sammelte keine neuen mehr. Deshalb wußte er gar nicht, wie viel Tage oder Wochen vergangen waren, da langten sie endlich am Grabe des Propheten an. Nun ging er in die Vorhalle des Heiligtums und bewunderte die kunstvollen Teppiche, die dort aufgehängt waren, und es tat ihm seine Unwissenheit leid, daß er die weisen und schönen Sprüche nicht lesen konnte, welche in Goldbuchstaben an den Wänden angeschrieben standen. Da trippelten die spangenklirrenden Füßchen eines Mädchens hinter ihm und Seide rauschte, wie sie nur rauscht, wenn ein junges Mädchen sich bewegt, und er wußte wohl, daß seines Herrn Tochter an ihm vorbeiging, da neigte er sich in Ehrerbietung, aber er fühlte, wie ihres Ganges Anmut und das Schaukeln ihrer Hüften und der Blitz ihrer dunkeln Augen ihm sein Herz zu Liebe bewegt hatten, so daß er eine tiefe und grenzenlose Sehnsucht empfand, und es ihm war, als möchte er weinen. So ging er traurig davon in die Einsamkeit der mit dürren Gräschen bewachsenen Wüste und dachte an viele Gedichte, welche er auswendig wußte. Wie er am Abend aber in das Lager zurückkehrte, rief ihn sein Herr in sein Zelt und sagte ihm, er habe Wohlgefallen gefunden an seiner Art und wolle ihm eine seiner Töchter zum Weibe geben, weil er nur diese zwei Kinder habe; und er dürfe ihm nichts zahlen, sondern er selber wolle ihm noch zweitausend Dinare schenken, mit welchen er eine Kaufmannschaft anfangen solle; aber er müsse ihm versprechen, daß er kein zweites Weib neben seiner Tochter haben wolle und auch keine Sklavin. Dieses versprach Abul Hassan nach einigem Bedenken. Da wurde nun eine prächtige Hochzeit gefeiert mit vielen vornehmen und reichen Gästen, und Abul Hassan saß oben an der Tafel, und alle verwunderten sich über den Anstand und die Sittsamkeit seines Betragens und über seine scharfsinnigen und schönverzierten Reden. Am Ende erhob er sich von seinem Sitz, machte den Gästen eine feine und höfliche Verbeugung und ging in das Zimmer, wo das Hochzeitslager bereitet war. Hier führte ihm eine bejahrte Sklavin seine Gemahlin zu, welche zwar mit sieben Schleiern verhüllt war, doch ihre Anmut und schöner Körper strahlten durch alle Verhüllungen hindurch, weil sie wunderbar liebliche Bewegungen hatte, denen das zarte Gewand mit schön sich senkenden Falten folgte. Als aber die Sklavin ihr Gesicht enthüllte, da schien es ihm, als trete der Mond hervor hinter einer silbernen Wolke, und alle nächtlichen Blumen duften, und die Nachtigall beginnt zu singen, und es wurde ihm sehnsüchtig. Deshalb staunte er sie erst eine Weile an, ohne zu sprechen, indes ihre Wangen und entblößten Hals ein zartes Rot überzog bis in den Nacken; und als er zur Überlegung zurückgekommen war, trug er einen Vers eines alten Dichters vor, in welchem die Herrlichkeit der Werke Gottes gerühmt wird. Und solches Glück empfand er bei sich, daß er meinte, er müsse träumen. Aber am anderen Morgen begann er ein langes und sorgsames Bedenken, welches Geschäft er beginnen solle mit den zweitausend Dinaren, die ihm sein großmütiger Schwiegervater geschenkt hatte; und am besten erschien ihm folgender Plan. Er hatte bemerkt, daß nahe bei der Stadt große und schöne Weideplätze waren, welche gar nicht benutzt wurden, da die Leute, welche Mekka bewohnen, wenig Vieh halten, denn die Wartung der Tiere erscheint ihnen zu mühsam und sie verdienen ein leichtes Brot, indem sie die Fremden bei sich aufnehmen um Geld. Nun berechnete er, daß man ein Schaf kaufen kann für zwei Dinare, und daß er deshalb für sein Geld tausend Schafe bekommen müsse. Diese sollten vor der Stadt auf die Weide gehen; nach einem Jahr aber, wenn sie Junge hätten, wären ihrer noch einmal so viel geworden, nämlich zweitausend, ohngerechnet die Zwillinge. Diese wollte er dann verkaufen, und so hätte er in kurzer Zeit sein Geld verdoppelt. Dann würde er zu seinem Schwiegervater gehen und ihm erzählen, welchen großen Gewinn er gemacht, darüber würde dieser in Erstaunen geraten, und aus Freude ihm noch mehr Geld geben. Dann würde er aber nicht mehr zufrieden sein mit so geringem Vorteil, sondern er wollte eine Karawane zusammenbringen und mit Waren ausrüsten, die in Mekka zwar sehr billig, in fernen Ländern aber sehr teuer sind; und dann wollte er in ferne Länder ziehen und da für ein Stück, das ihn hier einen Dinar kostete, hundert Dinare bekommen, und so mit allen seinen Waren; und wenn er alles verkauft hatte, so hätte er so viel mal hundert Dinare, wie er vorher einzelne gehabt hatte. Für diese kaufte er dann in den fremden Ländern wieder Waren, die dort billig und hier teuer sind und kehrte so nach Mekka zurück und verkaufte wieder alles. Dann hätte er so viel Geld, daß er nicht mehr Kaufmann zu sein brauchte, sondern er würde ein großes Heer anwerben, indem er jedem Krieger reichen Sold gäbe, und mit diesen zöge er nach Ägypten und eroberte das ganze Land und machte sich zum König, und dann müßten ihm seine Untertanen jeden Tag so viel Geld geben, wie er wollte, und er wollte einen sehr großen und festen Turm aus den härtesten Steinen bauen lassen, in welchem er das Geld aufhöbe; alle aber, die ihn früher geschimpft über seinen Buckel, ließ er hinrichten. Nachdem er dieses alles reiflich überlegt hatte, nahm er die Beutel mit den zweitausend Dinaren in die Hand, machte sich auf den Weg und ging durch die Straßen von Mekka, und rief mit lauter Stimme aus, daß er Schafe kaufen wolle für zwei Dinare das Stück, schritt dann vorauf zu dem Weideplatz, und die Leute folgten ihm, welche Schafe hatten, und so bekam er bald eine Herde von tausend Stück zusammen. Diese große Herde weidete nun dort, und er sah den ganzen Tag mit hohem Vergnügen zu, wie die Tierchen fleißig und sauber die Gräslein abbissen mit ihren Zähnen. Als die Sonne aber zur Neige ging und die Schäflein sich satt gegessen hatten, trieb er sie in ein altes, großes und halb verfallenes Gebäude, welches dort war, verstellte den Zugang durch ein Gitter, und ging nach Hause, seiner jungen Frau zu erzählen, was er getan. Es schweiften aber in dieser Gegend des Nachts Wölfe umher und suchten Nahrung. Diese rochen die vielen Schafe, erkundeten bald ihren Ort und sprangen über das Gitter in das alte Gebäude hinein, wo die Herde war, erwürgten einige Tiere und fraßen von ihnen; die andern Schafe aber, welche nicht erwürgt wurden, drängten sich in ihrer Angst in eine Ecke, daß sie alle erstickten. Als Abul Hassan am nächsten Morgen in der Frühe kam, um sie herauszulassen auf die Weide, damit sie fressen sollten und sich vermehren, fand er sie deshalb alle tot. Da wurde er sehr traurig und wollte beginnen laut zu jammern; aber er hielt an sich und sprach, daß dieses Unglück ihm bestimmt gewesen sei und Klagen ihm nicht helfen werde; sondern es zieme sich für den Weisen, nicht schwach zu sein in der Stunde des Unheils, sondern auf Rettung zu denken oder Besserung. Da die Schafe erstickt waren und das Gesetz verbietet, Ersticktes zu essen, so konnte er das Fleisch der gestorbenen Tiere nicht verkaufen. Darum machte er sich mit einigen Männern an die Arbeit, zog den Schafen die Haut ab und ließ die Körper dort liegen. Indem er nun mit dem Wagen, auf welchem die Felle aufgetürmt lagen, nach Mekka zurückfuhr, begegnete er einem Kaufmann, welcher ihn nach seiner Geschichte fragte. Als er diesem alles erzählt hatte, tröstete ihn der und sprach, daß zwanzig Tagereisen von Mekka ein Land liege, Kublai mit Namen, wo alle Männer hohe Mützen tragen aus Schaffellen; deshalb sind dort die Schaffelle sehr gesucht und werden hoch bezahlt, und die Kaufleute verdienen viel Geld, welche solche Felle nach dort bringen. Darum solle er mit einer Karawane ziehen, welche am anderen Morgen aufbrechen wolle, und bei welcher der Kaufmann, der ihm das erzählte, selber war, und solle seine Felle dort verkaufen. Als Abul Hassan das gehört hatte, ging er zu seiner jungen Frau und nahm zärtlichen Abschied von ihr, und dann machte er sich mit der Karawane auf den Weg; es waren aber noch viele andere Kaufleute bei dem Zuge, die fragten ihn und lobten seinen Plan, und er lernte viel aus ihren Gesprächen. So verging ihm die Zeit angenehm, außer daß er in großer Sehnsucht seines Weibes gedachte, und sie kamen ungefährdet in das Land Kublai. Hier stellten die Kaufleute ihre Waren auf einem besonderen Markt aus in einer großen und volkreichen Stadt, und Abul Hassan blieb bei ihnen und wohnte mit seinen Fellen in einem schönen Zelt. Bald kamen die Kaufleute des Landes, welche von seiner Ware gehört, und begannen zu feilschen, da ihm aber seine Reisegenossen anbefohlen hatten, welchen Preis er verlangen sollte, so ließ er sich nicht betrügen, und deshalb zahlten sie ihm endlich für alle Felle zusammen zwanzigtausend Dinare. Derart hatte er das Geld verzehnfacht, welches ihm sein Schwiegervater geschenkt, und er lobte Gott und pries sein Schicksal. Nachdem ihm das Geld ordentlich aufgezählt war, tat er es in zwei Beutel, nahm diese in seine Hände und machte sich wohlgemut auf den Weg zu seiner Herberge. Da trat ein fremder Kaufmann aus Indien zu ihm und sprach ihn an. Erzählte, daß er viele Länder gesehen habe und alle Waren der Welt kenne, die köstlichste Ware auf der ganzen Welt aber sei das echte Ambra, mancher gäbe schon viel darum, wenn er nur einmal ein Stück davon zu sehen bekäme, denn sein Anblick sei sonderlich stärkend für die Augen, und wer davon besitze, dem locke es fremdes Geld an, und man nehme zu an Reichtum jeder Art, wer aber ein Stückchen davon genieße, wenn er ein Mann sei, so werde er weiser, wie alle anderen Männer, und ein Weib werde schöner, wie alle anderen Frauen. An dem Orte, wo sie jetzt seien, stehe es nicht so hoch im Werte, wie in Mekka, und die Kaufleute, welche es von hier nach Mekka bringen, verdienen hundertfältig. Er besitze aber einen kleinen Vorrat dieser kostbaren Sache, und weil er eine besondere Zuneigung zu Abul Hassan gefaßt habe, so wolle er ihm davon verkaufen zu einem billigen Preise, das Stückchen für zehntausend Dinare. Dabei wies er ein kleines Büchschen aus Sandelholz vor, öffnete es und zeigte ihm das echte Ambra, das war ein rehbraunes Kügelchen von Haselnußgröße und war gebettet auf blauer Seide. Über dieses Anerbieten wurde Abul Hassan sehr froh und dankte dem fremden Kaufmann herzlich für seine große Freundlichkeit, beklagte sich darauf, daß er nur zwanzigtausend Dinare habe und deshalb von so seltener Ware nur zwei Stücke erwerben könne, diese aber wolle er sogleich und ohne Verzögern einhandeln, damit den anderen sein Angebot nicht etwa reue, damit gab er ihm die beiden Geldsäcke in die Hand; der Kaufmann aber zog noch ein zweites Büchschen aus der Tasche, zeigte ihm, daß es seinen gebührenden Inhalt habe, und gab ihm aus besonderer Liebe auch noch die Büchschen obendrein, wiewohl sie sehr kostbar waren und sonst besonders berechnet wurden. Dann zog er weg. Abul Hassan eilte fröhlich zu seinen Bekannten, zeigte ihnen die Büchschen und erzählte ihnen alles und sagte, daß er in Mekka sehr viel verdienen werde mit dem Ambra. Die Kaufleute aber begannen unmäßig zu lachen, als sie hörten und sahen, und wie Abul Hassan sie fragte, weshalb sie lachten, da erklärten sie ihm, daß der Fremde ein berühmter Dieb sei, welcher schon viele Leute betrogen habe, und das echte Ambra, von welchem er gefabelt habe, gebe es gar nicht, in seinen beiden Büchschen aber sei nichts enthalten, denn alter Ziegenmist. Über diese Neuigkeit wurde Abul Hassan sehr betrübt, ging an einen verborgenen Ort und weinte bitterlich über sein Unglück. Dann aber bedachte er, daß auch dieses Mißgeschick ihm bestimmt gewesen sei, und es sei doch auch gut, daß er es nun hinter sich habe; und vielleicht sei ihm beschieden, daß noch wieder ein Glücksfall eintrete, wie beiden erwürgten und erstickten Schafen geschehen sei. Machte sich daher reisefertig und begann nach Mekka zurückzuwandern, als einzelner, denn er hatte diesmal keine Güter bei sich. Nachdem er neunzehn Tage gepilgert war und nur noch einen Tag Weges vor sich hatte, traf er auf der Straße einen Mann, welcher ihn einlud, die letzte Nacht in seinem Hause zu bleiben; diese Einladung nahm er an und ging mit in das Haus. Hier wurde er gut aufgenommen, und die Frau setzte ihm reichlich zu essen und zu trinken auf, hielt sich selbst zwar bescheiden zurück, achtete aber auf alle Gespräche, wie es der neugierigen Weiber Art ist. So aßen sie; und nach dem Essen bat der Gastfreund den Abul Hassan, ihm seine Geschichte zu erzählen, denn vielleicht habe er etwas Wunderbares erlebt, und selbst wenn er auch nur ganz gewöhnliche Dinge durchgemacht, so höre man einen Fremden doch immer gern. Da begann nun Abul Hassan seine ganze Geschichte, wie er von Kahirah weggezogen und geheiratet und zweitausend Dinare bekommen habe, und alles erzählte er, nur daß das Ambra eigentlich Ziegenmist sei, verschwieg er, denn er schämte sich, daß er sich hatte betrügen lassen; wies aber die beiden Büchschen mit dem Inhalt vor, welche er sich aufgehoben zum ewigen Angedenken, und rühmte ihre große Kraft. Über diese Erzählung wunderten sich die beiden Leute sehr; und da es mittlerweile dunkel geworden war, so brachten sie Abul Hassan in seine Kammer und gingen selber auch schlafen. Um die Mitternacht aber tat sich die Tür der Kammer auf, und der Mann trat herein zu Abul Hassan, sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, und erzählte ihm Folgendes. Er sei von gutem Herkommen und habe ein Vermögen von hunderttausend Dinaren, welche in dieser Kammer in der östlichen Ecke unter dem Fußboden vergraben seien. Auch sei er schön und wohlgewachsen, aber sein Verstand sei nicht sehr scharf, weshalb ihn die Leute immer den Dummen genannt hätten. Deshalb habe er gedacht, er wolle eine Frau heiraten, welche häßlich sei, aber sehr klug, dann würden die Kinder von ihm die Schönheit und von der Frau die Klugheit erben; habe auch eine solche Frau bekommen, seine weitere Absicht aber sei ihm fehlgeschlagen, denn die Kinder seien häßlich und unklug geworden. Deshalb wolle er ihn bitten, er möge ihm um Gottes willen das eine Stück Ambra verkaufen für hunderttausend Dinare; wenn er bei diesem auch keinen großen Gewinn mache, so werde Gott doch seine Großmut belohnen und ihn mit dem anderen Stücke mehr verdienen lassen, dieses eine Stück aber wolle er einnehmen und weise werden, dann wolle er von seinem Weibe gehen, das ihm ohnehin nicht mehr gefalle, und eine andere nehmen, welche schöner und besonders auch jünger sei. Nach dieser Rede grub er in der östlichen Ecke der Kammer, holte einen Beutel mit Dinaren hervor und reichte diesen dem Abul Hassan. Der sagte, daß er aus Mitleid über sein Unglück ihm das Ambra für solchen geringen Preis lassen wolle und gab ihm das eine Büchschen. Darauf dankte der Mann vielmals und ging aus der Kammer. Abul Hassan frohlockte über diesen Glücksfall in seinem Herzen und konnte deshalb nicht einschlafen. Da tat sich nach einer Weile die Tür von neuem auf und es erschien die Frau. Diese sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, und erzählte ihm, sie sei von gutem Herkommen und habe ein Vermögen von hunderttausend Dinaren, welches in dieser Kammer in der westlichen Ecke vergraben sei. Auch sei sie sehr klug und scharfsinnig, aber häßlich, deshalb habe sie gedacht, sie wolle einen schönen Mann heiraten, auch wenn er dumm sei, und habe gehofft, daß die Kinder dann die Schönheit von ihm und von ihr die Klugheit erben sollten. Sie habe auch einen solchen Mann bekommen, ihr übriger Plan aber sei mißlungen, denn die Kinder seien unschön und dumm geworden. Deshalb wolle sie ihn bitten, er möge ihr um Gottes willen das eine Stück Ambra verkaufen für hunderttausend Dinare; wenn er bei diesem auch kein großes Geschäft mache, so werde doch Gott seine Großmut belohnen und ihn mit dem andern Stück desto mehr verdienen lassen, dieses eine Stück aber wolle sie einnehmen und schön werden; dann wolle sie von ihrem Manne gehen, der ihr ohnehin nicht mehr gefalle, und einen anderen nehmen, welcher klüger und besonders auch furchteinflößender sei. Nach dieser Rede grub sie in der westlichen Ecke der Kammer und reichte dem Abul Hassan den Beutel mit den Dinaren. Dieser sagte ihr dasselbe wie dem Mann und gab ihr das andere Büchschen. Darauf dankte sie vielmals und ging aus der Kammer. Am anderen Morgen entließen die beiden den Abul Hassan unter vielen Segenswünschen. Der trug die zweimalhunderttausend Dinare unter seinem Gewand bei sich und machte sich eilfertig und keuchend auf den Weg nach Mekka, kam auch am Abend daselbst an und wurde von seiner Frau fröhlich und liebevoll empfangen. Nachdem er nun bedacht hatte, wie viel Mühe und Fährlichkeiten er gehabt, und wie er zweimal alles verloren, gewonnen aber nur durch ein besonderes Glück, da beschloß er, das Vermögen ganz sicher anzulegen und wuchern zu lassen, wenn auch mit kleinem, so doch sorgenlosem Vorteil. Betrachtete daher die Häuser in Mekka, welche zum Verkauf standen, weil er eins erstehen wollte, eine Herberge einzurichten für die fremden Pilger, wo sie gut aufgenommen würden und teuer bezahlen müßten. Da kam ein reicher Mann zu ihm, welcher sagte, ihm gehöre das ganze Viertel der Stadt, das sei wert zweitausend mal tausend Dinare; aber er habe erfahren, daß seine Feinde ihn angeklagt hatten beim Kalifen, deshalb wolle er fliehen und alles billig verkaufen, weil er Geld bequem mitnehmen könne; so solle Abul Hassan ihm zweimalhunderttausend Dinare geben und dafür alles haben. Das tat Abul Hassan und erkaufte das Stadtviertel; zog auch am andern Tag in das prächtigste Haus, welches darin stand. Da seine Frau neugierig war, alle Stuben, Kammern und Böden zu betrachten, und es war schon Abend, so zündete er einen Wachsstock an, gab den seiner Frau, und führte sie in dem ganzen Gebäude herum. So gelangten sie auch auf den höchsten Boden unter dem Hahnebalken und fanden dort sehr viel Stroh und Heu aufgeschichtet, welches der frühere Herr dort gelassen. Indem sie sich nun über diesen Fund freuten, kam plötzlich eine große Ratte hervorgeschossen, welche wohl durch das Licht geängstigt war, und fuhr gerade auf die Frau zu; diese erschrak so sehr, daß sie laut aufschrie und die Kerze fallen ließ; da stand plötzlich das Heu und Stroh in Flammen; die beiden eilten rasch zur Treppe zurück; aber nur Abul Hassan gelang es, sich zu retten, weil er schnell war und nicht durch die Kleider gehindert; der Frau wurde der Weg versperrt durch die Flammen. So kam sie jämmerlich um in dem Feuer, und mit ihr verbrannte das ganze Haus, und indem sich ein heftiger Wind erhob, wurden auch die andern Häuser angesteckt und verbrannten, bis auf den Boden; Abul Hassan aber stand auf der Straße, raufte sich die Haare und verwünschte sein Unglück. Als jedoch alles niedergebrannt war, bedachte er bei sich, daß dieses ihm bestimmt gewesen sei, und daß es nichts nütze, weiterhin bekümmert zu sein, denn im Buche des Schicksals stehe eines jeden Menschen Leben im voraus beschrieben, und durch keinerlei List, Sorge oder Anstrengung könne er dem Gang der Dinge ausweichen; wie ja auch die Glücksfälle ohne sein Dazutun über ihn gekommen seien. Deshalb machte er sich auf den Weg und ging am anderen Morgen zu seinem Schwiegervater, ihm alles zu erzählen, was ihm geschehen, und gedachte, ihn zu bitten, er solle ihm nun seine andere Tochter geben und nochmals zweitausend Dinare, weil er doch alles verloren hatte und in derselben Verfassung war, wie an dem Tage, wo sein Schwiegervater ihn zu sich genommen als Diener, denn um seinen kostbaren Anzug zu schonen, hatte er sich in die alten Lumpen gekleidet, als er seinem Weibe das Haus zeigte, und nichts hatte er aus dem Brande gerettet, wie die Lumpen auf dem Leibe. Als sein Schwiegervater aber seine Worte gehört, wurde er sehr böse und jagte ihn aus dem Hause mit Schelten und Schlagen. So ging er nun trübselig gestimmt auf den Markt. Da erblickte ihn ein Landsmann aus Kahirah, fragte nach seiner Geschichte, und als er sie gehört, forderte er ihn auf, mit ihm zurückzukehren in seine Heimat, weil ihn dort doch die Menschen kannten, denn ein Armer findet keine Freunde in der Fremde; er sollte aber als Eseltreiber bei der Karawane sein. Das gefiel ihm, und er machte sich noch an demselben Tage auf mit dem Zuge seines Landsmannes. Nun gingen sie wieder viele Tage, und Abul Hassan dachte mit Trauer an die erste Reise und an das weiße Kamel mit der Sänfte, welches ein silbernes Glöckchen getragen hatte. Aber es war ihm, als ob diesmal die Zeit ganz schnell verging; denn ehe er sich's versah, war er wieder in seiner Hütte, und seine Mutter schalt und sprach, er sei der ärgste Nichtsnutz in Kahirah, der keine Lust habe zu arbeiten, und lieber selbst hungere und seine alte Mutter hungern lasse, statt seinem Berufe nachzugehen und ein Netz im Flusse, auszuwerfen, wodurch ein gelernter Fischer, wenn er auch einen Buckel habe, nicht nur sich und seine Mutter ernähren könne, sondern es sei auch möglich, daß er mit dem Netz einen großen in der Vorzeit versenkten Schatz vom Boden des Stromes heraufziehe. Bei diesen Worten erwachte er, und es fand sich, daß er gar nicht von der Stelle gegangen war, weder nach Mekka noch nach Kublai, sondern er hatte geschlafen, auch waren nicht viele Monate oder Jahre verflossen, sondern nur ein paar Stunden, und er hatte alles geträumt, was ihm geschehen, und zwar in der kurzen Zeit, wo seine Mutter ihm die Rede gehalten hatte. Da sagte er zu seiner Mutter, daß sie selbst das Netz versauft habe und den Erlös vertrunken, und dann ging er aus dem Hause in der Richtung zum Flusse hin und bedachte vieles. Hier begegnete ihm Ibn Mussad, grüßte und redete ihn an. Ibn Mussad aber war ein großer Kaufmann, der viele Reichtümer zusammengebracht hatte auf seinen Reisen, Häuser besaß und Gärten mit weißen Pfauen, goldenes Geschirr, Rosse und Wagen, und Edelsteine von allen Farben. Den betrachtete Abul Hassan eine lange Zeit, und dann begann er: »Unser Leben ist der Traum einer Stunde, aber wir meinen, es währe achtzig Jahre. Wie eine Welle im Fluß, die aufblitzt im Mondlicht und erlischt im Augenblick, so ist der Mensch. Wie die Mücken tanzen um die Krone einer Linde, und schon erhebt sich der Nebel der Nacht vom Boden, indes noch die letzten Strahlen der Sonne leuchten an den oberen Blättern, so leben die Einwohner einer Stadt. Wir hängen unser Leben an Reichtum, oder unser Herz an Schönheit und Kraft; aber was wird sein, wenn der Tod kommt und wir erwachen zu dem anderen Leben, welches das wahre ist, wo es nicht Reichtum gibt, noch Schönheit, noch Kraft? Wir sorgen und arbeiten, und wir sind doch wie Blätter, fallend vom Baume, welche der Wind treibt, wohin er will. Wir glauben, wir stehen auf der Erde und reden zu Menschen, lieben sie oder kämpfen mit ihnen; und vielleicht sind wir nur allein in einem dunkeln Turm, in welchem wir sinken in die Unendlichkeit, und nichts ist außer uns, als Leere und Dunkel. Und Kämpfen, Lieben, andere Menschen, Reichtümer, Heere, Städte und ganze Völker sind gar nicht wirklich, sondern nur Figuren, welche unser Gehirn bildet, und wir meinen, sie sind außer uns.« So sprach Abul Hassan. Ibn Mussad aber verwunderte sich und erschrak, denn Abul Hassan der Bucklige war ein schlichter Fischer, und kein anderes Wort bisher aus seinem Mund gegangen, wie die Worte, welche einfältigen Fischern zukommen. Jetzt aber redete er mit der Zunge eines Propheten. Abul Hassan sah seine Verwunderung und fuhr fort: »Ibn Mussad, du bist ein kluger Kaufmann, aber auch andere Männer sind kluge Kaufleute, sie gewinnen mit zweitausend zwanzigtausend, und mit zwanzigtausend zweimalhunderttausend, und mit zweimalhunderttausend zweitausend mal tausend, welche Summe sich gar kein Mensch vorstellen kann, denn so viel kostete ein ganzes Viertel von Mekka, welches jetzt abgebrannt ist, und Mekka ist, wie du weißt, ein Staat mit großen Palästen aus Marmorstein mit goldenen Fenstergittern, Springbrunnen, reichen Kaufmannsläden und üppigen Bürgern, welche abends, wenn sie in ihr Haus gehen, Fackeln vor sich tragen lassen durch ihre Sklaven. So viel haben Leute gewonnen mit zweitausend Dinaren. Aber siehe, es war alles ein Rauch, der in die Luft stieg, und blieb nichts übrig, denn Asche. Ja, es hat jemand König werden wollen, und wäre es geworden durch Fruchtbarkeit der Schaft; aber er war wie die Flamme einer Kerze, welche ausgelöscht wird durch den Sturmwind des Schicksals; und hätte er vorher einen einzigen Schritt weiter tun dürfen, so hätte der Sturmwind die Flamme angeblasen an einem Strohhaufen zu einem verzehrenden Feuer, das Städte verschlingt und zum Himmel aufsteigt, sichtbar für alle Menschen auf der Erde.« Als Abul Hassan dieses geredet hatte, kam Ibn Mussad zu der Meinung, er sei wahnwitzig geworden, murmelte einen frommen Spruch und ging von ihm mit großer Beruhigung; denn er war ein sehr reicher Mann und liebte sein Gut sehr, und darum lebte er gerne und mochte nicht nachdenken. Trude Gleich am Markt in einer alten kleinen Stadt preßte sich ein Häuschen, vor dem war ein hoher Tritt mit eisernem Geländer und blanken Messingkugeln; dahinter zog sich ein großer Garten mit schönen Obstbäumen den Berg hinan, wo oben eine Dörrhütte gebaut war; von hier aus sah man über die unregelmäßigen Bäume und über das Städtchen mit den roten Dächern und runden Bäumen dazwischen und einer ganz hohen Pappelallee und über einen Fluß, der in der Sonne blitzte, ein grünes Wiesental, und einen sich gerade dehnenden Bergzug mit dunklem Wald. In dem Häuschen lebte ein freundliches altes Ehepaar mit einem Töchterchen. Die beiden Alten hatten sich erst recht Hat geheiratet, nachdem sie dreißig Jahre lang heimlich verlobt gewesen waren, denn die Eltern des Mannes wollten bei ihren Lebzeiten ihre Einwilligung zu der Ehe nicht geben. So erzogen sie in ihrem Alter noch das zarte Kindchen, das wohl kaum achtzehn Jahre alt sein konnte; es sah aber viel jünger aus nach seiner Figur, nach dem Gesicht vielleicht ein wenig älter. Es war ein blasses und schüchternes Wesen, das keine Freundin hatte, zu der es in der Dämmerstunde hinüberhuschte, sondern es lebte ganz allein mit den Eltern. Der Mann war ein frommer Handwerksmeister gewesen, hatte aber jetzt, bei seinen Jahren, die Tätigkeit aufgegeben und saß still am Fenster, in dem Myrten und Geranien standen. Er freute sich am meisten über eine Sammlung von schönen alten Gulden und Talern, die noch sein Großvater zusammengebracht hatte. Am Sonntagnachmittag kramte er sie aus auf dem runden Tisch, putzte sie auch wohl mit Kreide und Branntwein und erklärte dem neugierigen Töchterchen allerhand Erbauliches, was auf den alten Stullen geprägt war: bei den Pilgertalern, daß wir durch diese Welt wandern müssen und endlich in das himmlische Reich gelangen, wie ein Pilgrim fürbaß geht und abends an seinen Ort kommt; der Glockentaler mahnte uns an den Sonntag, wo die Kirchenglocken uns rufen, Gottes Wort anzuhören, und wir dürfen da nicht an neue Kleider denken oder andern weltlichen Putz; und der Wildemannsgulden zeigte uns, wie die Menschen beschaffen waren in den heidnischen Zeiten, ehe ihnen das Christentum gepredigt wurde, wie sie sich da gar nicht schämten, sondern ganz nackt herumgingen, und nur einen Lendenschurz trugen. Während solcher Reden setzte dann das Mütterchen den Kaffee in einer braunen Kanne auf den Tisch, indem sie andächtig und oft mit einem frommen Tränlein im Auge den Erklärungen lauschte. Nun hatten die Nachbarsleute einen Sohn, der zahlte damals wohl zwanzig Jahre und besuchte seit zwei Semestern die Universität. Dieser war immer ein stiller und kluger Knabe gewesen, der hinter den Büchern gesessen hatte, und deshalb hatten die Eltern auch gemeint, es sei gut, wenn sie ihn das kleine Vermögen verstudieren ließen, und vielleicht bekomme er auch Stipendien und könne Stunden geben. Er hatte eine herzliche Freundschaft zu der kleinen Trude (denn so hieß das Mädchen) und nicht nur in der ersten Kindheit, sondern auch später, in der Zeit, wo die Knaben hochmütig werden und mit den Mädchen nicht spielen mögen, und noch später, wo sie verlegen sind und in der Tanzstunde nicht wissen, was sie mit ihnen reden sollen. Wenn er jetzt in den Ferien zu Hause war, so erzählte er ihr vieles von der Universität und von einem Professor, der ihn zu einem Teeabend eingeladen hatte, und besonders von der Wissenschaft, wie die das höchste sei, was es gebe, und ein Mensch sei nur glücklich, wenn er sich ganz ihr widme, und seine Eltern möchten wohl, daß er Lehrer werden solle, aber er wolle ein »Soldat der Wissenschaft« werden (das war sein Lieblingsausdruck: Soldat der Wissenschaft): er wisse auch schon eine Aufgabe, denn man müsse sich auf etwas Besonderes beschränken, und das Herumschweifen tauge nichts, nämlich, er wolle mitarbeiten an dem Neudruck eines alten Schriftstellers, den Trude nicht kannte. Zwar wisse er, daß man große Opfer bringen müsse für solchen Zweck des Lebens, denn zum Beispiel werde er mit diesen Arbeiten kaum soviel verdienen, daß er selbst leben könne, und er werde deshalb nie eine Familie zu begründen vermögen; aber gern verzichte er auf solches alles, wenn er nur zu dieser Tätigkeit gelangen könne. Die kleine Trude bedachte sich derartige Reden lange. Und als sie eines Abends wieder mit ihm zusammen im Garten saß, sagte sie, daß sie das sehr gut finde, daß er sich nicht verheiraten wolle, und sie selbst wolle sich auch nicht verheiraten. Und als sie so sprach, wurde sie sehr verlegen und schämte sich. Aber nach kaum zwei Jahren, wie der Student seine Universitätszeit eben beendete, kam die Nachricht nach Hause, daß er sich verlobt habe. Seine Eltern waren recht böse, denn sie hätten eine andere Braut lieber gemocht, diese war nur die Tochter seiner Wirtsleute, bei denen er gewohnt; es hatte auch niemand vorher von seiner Absicht gewußt, und wie er gefragt wurde, sagte er, es sei sehr schnell gekommen für sie beide. Diese neue Braut war aber recht hochmütig, rümpfte die Nase über die niedrigen Stübchen der Eltern und ließ sich von der Mutter in allem bedienen, statt ihr behilflich zu sein, also, daß man merkte, sie wolle etwas Besonderes vorstellen, das ihr aber nicht gelang. Die kleine Trude verblühte sehr schnell und saß mit einem winzigen und spitzen Gesichtchen am Fenster gebückt auf ihre Näharbeit, indes die beiden Eltern langsam älter wurden. Da kam, wenige Jahre nach Mr Verlobung, der junge Kandidat als Lehrer in seine Heimatstadt; er machte Hochzeit und zog in das Häuschen seiner Eltern, die gestorben waren. Aber die Ehe war nicht glücklich, denn beide Gatten machten keine freundlichen Gesichter, sondern sahen niedergeschlagen und ärgerlich aus. Eines Tages, als Trude allein in ihrem Garten saß bei dem Dörrhäuschen und weit hinausblickte über den blinkenden Fluß bis zu der gerade sich dehnenden Bergwand gegenüber, trat ihr Freund durch das Pförtchen, kam herauf und setzte sich zu ihr. Er wollte mit einem Scherz seine Rede beginnen, aber das Wort stockte ihm in der Kehle, und plötzlich fing er ganz herzbrechend an zu weinen und legte seinen Kopf auf ihre Schulter. Erst war ihr, als wolle ihr das Herz still stehen vor Schreck und Verlegenheit, aber dann streichelte sie sein Haar, und wie er schluchzte, streichelte sie immer sein Haar. Zuletzt hob er sein Gesicht zu ihrer Schulter und legte den Kopf zurück gegen die Lehne der Bank, hielt die Hand vor die Augen aus Scham. Da küßte sie ihn leise auf die Stirn mit kühlen Lippen und ging fort, mit leisen Schritten, und indem sie ihr Kleidchen hochhob, um nicht zu rascheln. Von dieser Zeit an wurde sie sehr krank, und endlich mußte sie sich ins Bett legen. Nebenan die Eheleute erwarteten ein Kindchen, und es war abgemacht, daß sie Pate werden sollte. Deshalb hatte sie angefangen an einem Taufkleidchen zu sticken. Sie saß aufrecht in ihrem Bett und hatte ein glückliches Gesicht, wenn sie daran arbeitete. Als das Kleidchen fertig war, ließ sie den jungen Oberlehrer rufen, und ihre Eltern mußten aus dem Zimmer gehen, weil sie mit ihm allein reden wollte. Dann sprach sie zu ihm, daß sie von dem, was sie jetzt sagen wolle, nie etwas würde erzählt haben, aber jetzt müsse sie bald sterben, und da schäme sie sich nicht mehr, denn etwas Unrechtes sei es ja nicht. Sie habe ihn von Kindheit an lieb gehabt, weil er immer so still und bescheiden gewesen sei und nicht wie die andern, und sie habe nie anders gedacht, als sie würden sich einmal heiraten, und seine seligen Eltern hätten das auch gern gehabt, das habe sie wohl gemerkt, weil seine Mutter immer so lieb zu ihr gewesen sei. Als er ihr damals gesagt habe, daß er nicht heiraten könne, sei sie zuerst sehr traurig gewesen, dann aber habe sie sich gefaßt und gemeint, daß einem Menschen doch nicht alles Glück beschieden sei, und es sei doch auch jetzt schon so wunderschön, daß man es sich gar nicht schöner wünschte, wenn man nicht wüßte, daß eine rechte Ehe doch das höchste sei; auch wisse man nicht, wozu alles gut ist, denn so sehr kräftig sei sie doch nie gewesen, und das ehelose Leben möchte vielleicht besser für sie sein. Und auch als er sich verlobt habe, sei sie noch ganz gefaßt gewesen, zwar recht traurig, aber sie hätte sich gedacht, sein ältestes Kind solle ihr Patchen werden und oft bei ihr spielen, und sie wolle ihm dann später einmal ihr Vermögen vermachen, denn sie habe nicht gemeint, daß sie so früh sterben werde. Aber als sie gemerkt, daß er so unglücklich sei, da sei sie ganz untröstlich geworden und habe sich auch Vorwürfe gemacht, denn das sei ihr gleich anfangs bewußt gewesen, daß seine jetzige Frau mehr Schuld an der Verlobung gehabt wie er, und vielleicht, wenn sie sich nicht so geschämt hätte und hatte ihm etwas gesagt, so wäre alles anders geworden. Jetzt sei das nun nicht zu ändern, und vielleicht habe es Gott so gewollt. Und darum bitte sie ihn nun, er möge Geduld haben mit seinem Weibe, denn es möchte alles nur schlimmer werden durch Ungeduldigkeit. Sie wisse wohl, daß ein solcher Rat nicht viel wert sei; aber sie habe sich überlegt, wie sie ihm helfen könne, und da sei ihr nichts weiteres eingefallen, wie dieses wenige. Nach diesen Worten entließ sie ihn. Und als der Mann nach Hause ging, bedachte er, daß er noch nicht dreißig Jahre alt war, und das Leben, das er noch vor sich hatte, erschien ihm plötzlich als ein langer, langer Gang in einem Dunkel, das ihm Schmerzen in der Seele machte. Der Barfüßer Franziskus war eines armen Mannes Sohn, der sein Weib verloren hatte und allein haushaltete in einer engen und spitzen Hütte, deren Wände und Dach glänzend schwarz geworden waren vom Rauch. Der Rauch zog oben an der Spitze des vorderen Giebels hinaus durch das Windauge; zu den Zeiten des harten Frostes, wenn die geteilte Haustüre fest verschlossen war, kam nur ein schwaches Dämmerlicht des Tages in den Raum, sich matt auf den Firstbalken verteilend; und unten machte die offene Herdflamme etwa in einem Winkel einen Punkt blitzen auf einem geputzten Erzgezäh. Sommers hütete Franziskus die Ziege und die beiden Schweine des Vaters, dann lag er, den Kopf auf die Hände gestemmt, im stillen Wald; die Schweine hatten sich eingewühlt im Moder, und die Ziege lag kauend, mit den unruhigen Augen, wie sie ihr vom Teufel eingesetzt waren. Er sah in einen Hohlweg hinein, über dem sich hohe Buchen wölbten, während unten im Feuchten dickes Farnkraut wucherte; oder er betrachtete den spielenden Widerschein des Wassers auf dem unbewegten Laub eines Astes, welcher überhing. Winters kauerte er an dem Herd, wo große Holzscheite knisternd brannten und in weiche Asche zerfielen, die über glühenden Kohlen lag; dann schnitzte er viereckige Brettchen, verzinkte sie an den Seiten und setzte sie zusammen zu kleinen Kästchen, welche er verklebte; er träumte sich, wie heimlich es in diesem engen und dunkeln Raum sein müßte, und er hätte ein ganz kleines Wesen sein mögen, um darin zu wohnen. Der Vater war ein abgenütztes altes Männlein in verschrumpelten Lederhosen und einer braunen Jacke aus ganz steifem und dickem Stoff; Franziskus dachte, daß er später auch einmal Lederhosen und solche Jacke tragen würde. Abends, wenn er heimkam, stellte er eine schwere, blinkende Art sorglich in die Ecke, hängte den ehernen Kessel an den Haken über dem Herd, der an einer eisernen Kette vom Dach niederhing, und ließ darin allerhand durch das Feuer kochen. Als Franziskus anfing, eine heisere Stimme zu bekommen und seine Glieder sich lang streckten aus Hosen und Ärmeln, kam einmal ein fremder Pfaffe in das Dorf, welcher vielerlei predigte, davon hier die Leute noch nichts gewußt hatten. Er hatte tiefliegende Augen, welche so scharf blickten, daß jeder zu Boden sah, der einen Blick davon empfangen. Seine Predigt war aber darüber, daß wir häufig sündigen, ohne uns dessen versehen zu sein, indem wir nur glauben, einer harmlosen und erlaubten Lust zu fröhnen, welches zum Beispiel das Baden ist, wobei die Sonne frei auf der Weiße unseres heimlich gehaltenen Körpers glänzt. Von den groben Sünden sei gar nicht zu sprechen. Nun scheine es zwar dem gewöhnlichen Mann, daß solches nicht so gefährlich sei, denn Christus ist ja doch für unsere Sünden gestorben. Aber man vergesse bei dieser Tröstung, daß wir der Vergebung, welche er erlangt habe, nur durch den Glauben teilhaftig werden; und derartige Wirkung habe nicht ein irgend welcher Glaube, sondern nur einer, welcher der allein rechte sei. Und nun sei das die große Gefahr für die menschliche Seele, daß niemand wisse, ob er gerade diesen rechten Glauben habe oder nicht vielleicht einen falschen, der ihm gar nichts nütze, so daß er nachher, wenn er in seiner Meinung ruhig sterbe, sich ganz und gar betrogen finde. Jedoch gebe es ein Zeichen, daran wir untrüglich unsere Sicherheit prüfen könnten. Wenn wir uns nämlich ganz beruhigen und von allen andern Gedanken, Furchten und Hoffnungen losgelöst, in unser Inneres schauen, so müsse das aussehen, wie eine ungetrübte Kristallkugel; wenn das aber nicht also ist und wir eine trübe und unbestimmte Angst finden, welche ohne Begrenzung in uns zu stießen scheint, so sei das ein sicheres Zeichen, daß wir in einem Betrüge leben. Den Franziskus durchfuhr dieses wie ein Schlag von einem unsichtbaren Wesen, von den Schultern bis zu den Knien, also, daß ihm das Herz zitterte. Er wußte jetzt mit einem Male, daß er diese Angst oft gehabt hatte, ohne daß sie ihm bewußt geworden war; und auch jetzt knickte sie ihm die Knie. Sie war von der Art, wie der Pfaffe sie beschrieben, ohne Begrenzung, und fließend, auf nichts Bestimmtes richtete sie sich; nur, er wußte nicht, was er morgen oder übermorgen machen sollte, er kam sich allein in der Welt und ausgestoßen vor, es war ihm, als ob er einen Menschen ermordet habe; und da er sich doch unschuldig solcher Tat wußte, so fand er keine weitere Erklärung, als daß er Mord begangen habe an seiner Seele. Denn weshalb lebte er denn, und weshalb stand er zwischen diesen vielen Menschen, die mit halbgeöffnetem Mund und angstvollem Blick, als wären die Worte sichtbar, in das gerötete Antlitz des Pfaffen starrten? Als er aber einen sah, welcher ganz anders erschien wie die übrige Menge, einen uralten Mann mit friedlichen Zügen, welcher die Augen halb geschlossen und den Kopf schräg hielt, da fühlte er einen plötzlichen Haß gegen diesen in sich hochsteigen, der ihn erst verwunderte und dann erschreckte. Nun beschloß er, abseits zu gehen und ohne jeden Menschen zu leben. Er ließ sich das Haupt scheren und legte eine rauhe, härene Kutte um den bloßen Leib, welche durch einen geknoteten Strick zusammengehalten wurde, tat das Schuhzeug ab und ging barfüßig. Dann lief er in den dicken Wald und auf einen hohen, kahlen Berg, der mit Heide bewachsen war; von ihm herab blickte er auf den wellenförmigen, mooshügelgleichen Wald. Er stach viereckige Stücke aus der Heide und baute sie zusammen zu einer Hütte, in welcher er wohnen wollte, denn er gedachte in dieser großen Einsamkeit sein Inneres zu beschauen. Jahrelang weilte er hier und sein Gemüt änderte sich. Zuerst hatte sich die Angst in Furcht verwandelt; das geschah bald. Er fürchtete sich vor dem dunkeln Strich des Waldes unten, und er fürchtete hinter sich, als komme von hinten eine schwere Macht über ihn. Dann wurde aus der Furcht Schwäche und Mutlosigkeit, aber die waren oftmals süß. So saß er wohl ganze Tage und Nächte und hatte die Hände in den Schoß gelegt, schaute, wie eine dünne Rauchwolke unten im Wald aus einer Köhlerbucht in die Höhe stieg und sich kringelte, und dachte, wie weil von ihm entfernt die Welt sei und die Menschen, so daß keinerlei Laut von ihnen zu ihm dringe, auch wenn sich wohl tausend zusammentäten, um zu schreien; und daß sie ihn gar nichts angingen und ihm nicht helfen könnten; denn wichtig war ja nur, was er ganz innen im Herzen fühlte, wo die Seele saß, was zuerst Angst gewesen war und dann Furcht und endlich Ohnmacht. Er wunderte sich, daß die Menschen so in ihren Dörfern herumwirren mochten, Vieh besorgen und den Pflug führen und vielerlei besprechen; denn es gab doch eigentlich nichts, das man einem hätte sagen mögen. Oft auch kauerte er im letzten Winkel seiner dunkeln Höhle, hatte die Füße unter die Kutte gezogen, die Arme in die Ärmel gesteckt und den Kopf in der Kapuze verborgen; da war es ihm, als ob alles langsamer würde, allerhand sinnlose Worte kamen ihm vor die Seele; manche wurden zu Bildern, die sich still und gemach ablösten; und es wurde innen doch ruhiger. So erhob er sich eines Morgens, als es um die Zeit des heranziehenden Winters war; bis tief hinein war ihm die Kälte gedrungen, bis an die Knochen, und es war fast, als ob in seiner Seele sogar der Frost sitze. Da wurde er gewahr, daß er wisse, was für ihn zu tun sei. Mit zitternden Händen knüpfte er den knotigen Strick los und trat vor die Hütte. Rauhreif starrte in weißen Spitzen rundherum an den klaren Storren des verästelten Gestrüpps. Er warf die Kutte vom Oberkörper zurück und begann sich zu geißeln. Als der Strick sich zum ersten Streich an seinem Ohre vorbeischwang, einen kleinen Luftzug verursachend, fühlte er einen wollüstigen Schmerz im Herzen. Die Knoten kamen mit einem heftigen Weh auf die Haut, und er zuckte nach vorn über. Dann biß er mit Stolz die Zähne zusammen und beim zweiten Schlag blieb er in gerader Haltung knien. Dann fiel es ihm ein, daß er sich gefreut hatte, wie die weiteren Schläge nicht schlimmer schmerzten als der erste, deshalb holte er mit größerer Wut aus, und mit jedem neuen Schlag nahm die Anstrengung des Ausholens zu; und es freute ihn nun, daß es immer mehr schmerzte, denn jetzt wurde auch die Haut aufgerissen und er dachte an das Glück, wenn er die rauhe und steife Kutte über den gestriemten und wunden Rücken streifen würde. Und endlich kam etwas ganz Wunderbares. Gleichzeitig war in ihm eine tödliche Furcht vor dem nächsten Schlage und eine seltsame Mattigkeit in Hand- und Armgelenk, als ob er möchte den Knotenstrick fallen lassen; aber er furchte die Stirn und biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten und holte mit besonderer Kraft aus und mit einem ganz neuen Ton, wie auf eine gefüllte Wasserblase, fiel der Strick auf den Rücken. Da jubelte sein Herz auf, daß er in die Höhe springen mußte, und beide Arme breitete er weit aus, und ein unbändiges Gefühl von Macht hatte er in sich. Er raufte an dem dürren Gestrüpp, zog einen großen Wasen heraus und warf ihn weithin, daß er den steilen Berg hinabkollerte, indem Erde in vielen kleinen Krümeln absprang. Er hüpfte und tanzte oben, daß ihm die halb abgestreifte Kutte um die Beine schlotterte, und dazu schrie er: »Ich kann, ich kann, ich kann.« Hätte er Bäume gehabt oben, so hätte er sich gegen die gestemmt und sie abgesplittert, daß krachend die hohen Wipfel zur Seite gesunken wären, steile Felsen hätte er mit Fußtritten umgeworfen. Nun war es Zeit, hinabzusteigen zu den Hütten der redenden Menschen und in die Luft voller Rauchs der Herdfeuer. Er schritt durch Dörfer erhobenen Hauptes, und die Menschen wichen ihm aus und die Hunde wichen ihm aus und bellten nicht hinter ihm her, denn er hatte die Macht. Aber endlich wurde ihm der Kopf schwer und es war ihm, als habe er eine Eisenstange im Rücken und er taumelte auf den harten Boden einer Straße zu traumlosem Schlaf. Langsam kam er zum Wachen; aber regungslos blieb er liegen und mochte die Augen nicht öffnen. Eine Süßigkeit war in ihm, die er noch nie geschmeckt hatte. Eine helle und klare Stimme sang ein Lied, dessen Sinn ihm nicht deutlich wurde; aber die Worte klangen so wunderbar und die jubelnden Töne. Und als die Stimme geendet, sang es in ihm weiter, es war von Liebe zu den guten Menschen, deren Augen lachen, und von dem Glück des frohen Sonnenscheins, und dem jungen Sprießen des Waldes im Frühling; und die Töne waren anfangs dieselben, die er gehört hatte; aber dann kam ihm an einer Stelle, daß er tirilieren mußte, wie die Lerche hoch oben in der hellen, sonnendurchschienenen Luft, und dann in glücklicher Sehnsucht schluchzen, wie die unsichtbare Nachtigall im mondbeglänzten Buschwerk, wenn klar der friedliche Weg sich hinzieht zu entfernten Ländern. Und in einem leisen, hellen und gleichen Ton klang der Halbschlaf aus. Da öffnete er die Augen und sah sich in einer Hütte, wie seines Vaters gewesen war. Am Herd saß in weißem Gewand eine Jungfrau, die Hände in den Schoß gelegt, sinnend. Und als ihn jetzt die Striemen auf seinem Rücken schmerzten, mußte er heimlich lachen; was war das alles für eine Torheit gewesen! Jetzt war vollgefüllt sein Herz mit Glück, und leise floß das Glück über und floß durch alle seine Adern, bis in die Fingerspitzen. Es war ihm so, wie vor langer Zeit, da er als kleines Kind auf seines Vaters Schoß gesessen hatte; keine Unruhe war mehr in ihm; denn die ganzen Jahre, und auch zuletzt noch, als er sich geißelte, war Unruhe in ihm gewesen, das wußte er jetzt. Nun aber war ihm ganz sicher. Er hatte es gewiß, es konnte ihm ja nichts geschehen, stürzte doch nicht der Himmel ein, und die Erde stand fest und er selbst konnte wandeln auf der Erde, wie ihm beliebte, mit heiterem Gesicht. Heimlich schloß er die Augen und wartete mit wohligem Behagen. Als die Jungfrau leise aufgestanden war und aus der Tür gegangen, folgte er ihr unbemerkt, und zog weiter seines Weges unbekümmerten Sinnes, wie ein Vöglein, das auch fliegt, wohin es will und überall eine Heimat hat. Und voller Dankbarkeit dachte er, daß wir doch alles Glück in unserem Herzen haben, und wenn wir stehen oder gehen, so fließt es still aus uns heraus und macht alles golden. Nicht an gestern dachte er und nicht an heute; sein Mund lachte und alle Menschen sahen fröhlich aus, wenn sie ihn erblickten; wie ein Kind trat er in ihre Kreise, das seine Seligkeit mit sich bringt und an alle austeilt von seinem Reichtum. Und wenn er so pilgerte, so fügte sich ihm Satz zu Satz, wohlgeformt und klingend, und er sang seine Gedanken leise vor sich hin in den Tönen, welche sie haben mußten; denn er wußte es genau, wie jeden Klanges Natur war, und wenn er einen etwa nicht gleich hatte, so suchte er probend, bis er ihn fand. So stand er einst am Rande des Buchenwaldes im Frühling. Ein warmer Regen war gefallen, und an den braunen, dünnen Zweigen hingen die hellen und schlaffen Blättchen; nach würziger Erde roch es; gegen den Himmel abgezeichnet führte ein Mann den Pflug, der von langsam schreitenden Stieren gezogen war. Da fühlte er eine rechte Müdigkeit; aber nicht so, wie früher oft, sie kam nur aus dem Körper und war nur eine Sehnsucht nach Ausruhen auf einem runden Stein am Wege; doch auf seinen Händen sah er sonderbare braune Flecke; und als wollte ihm das Herz still stehen, wußte er plötzlich, daß er den Aussatz habe. Er drückte mit dem Finger auf einen Flecken und siehe, er ging weg. Dann drückte er auf einen zweiten, schon mit Neugierde, aber ohne Schrecken, und währenddessen kam der erste wieder blaß zum Vorschein, langsam. Nun wußte er wohl, wie diese Flecken endlich zu Geschwüren ausbrechen würden unter großen Schmerzen, und wie dann die Glieder, ermüdet von den Leiden, endlich ohne Gefühl werden und sich eins nach dem andern vom Körper lösen in den Gelenken; und wie endlich nur ein unförmiger und schwärender Rumpf übrig bleibt, allen Menschen ein Entsetzen; aber wiewohl er sich das vorhielt, auch daß er ganz allein leben müsse mit einer Klapper in der Hand, um die Leute vor sich zu warnen, wenn ihm welche nahe kamen, so hatte er doch keinen Kummer, zu seiner sehr großen Verwunderung; sondern die große Fröhlichkeit, welche er im Herzen hatte, sagte ihm immer, daß man sich an die Schmerzen gewöhne und daß die Einsamkeit bewirken werde, daß er immer mehr und stärker über solche Dinge nachdenke, die ihm wichtig erschienen; und wenn er auch nun wegen seiner Krankheit wohl nur noch zehn Jahre leben dürfe, so sei das doch auch recht, denn wenn er in dieser Zeit immer ein heiteres Gemüt habe, so sei sein Leben doch länger als das eines Mürrischen oder Geizigen, der nur so wühle, wie ein Hamster und doch schließlich um alles betrogen sei. Die Fröhlichkeit seines Herzens aber war ihm von dem guten Gott im Himmel gegeben, nicht, daß er sie verdient hätte; deshalb wollte er sie dankbar genießen. Denn er wußte wohl von seinen früheren Zuständen, daß wir selbst uns weder unsere Fröhlichkeit geben können, noch unsere Traurigkeit, und daß auch unsere Gedanken gehen und kommen, wie sie uns geschickt werden vom Vater; und wenn er bedachte, daß die meisten Menschen wähnen, solches alles komme von äußeren Dingen her, von Wohlleben oder Not, so schienen ihm die Menschen alle so unvernünftig, daß er ihr Leben gar nicht verstand, als wären sie ihm ganz fremd, etwa eine Art Tiere, wie Biber oder Hornissen, welche ihre Bauten haben und in ihnen leben, ohne daß wir wissen können, welche Gedanken sie dabei denken, und ob sie nicht vielleicht nur künstlich gebildete Maschinen sind. So legte er denn die Tracht der Miselsüchtigen an, trug die Klapper und bat um Almosen, die legte man ihm auf den Weg, und er las sie auf mit dankbarem Herzen; denn die Menschen mühten sich doch schwer um ihres Lebens Unterhalt, und von ihrem sauern Schweiß gaben sie ihm, der nichts tat, sondern lebte, wie ein Vöglein auf seinem Zweige. Und sah er blühende Jungfrauen, welche ihn mitleidig anblickten oder einen jungen Knecht, welcher stolz daherging in seiner frischen Kraft, so dachte er bei sich: »Ihr lieben Jungfrauen und Junggesellen, ihr mögt doch heiraten und Kinder kriegen in sichern und reinlichen Häusern, und die sollen sich freuen ihrer selbst und des Sonnenscheins und ihres Milchsüppchens und Haferbreis, und Mann und Weib sollen sich freuen über die Kinder mit der pfirsichfarbenen Haut und den unschuldigen großen Augen, und alle Menschen sollen leben in Glück und ohne Sorge, wie die Blumen des Feldes, die jeden Frühling kommen, unbekümmert, und wachsen und tragen Früchte, und im Herbste vergehen sie ohne Nöte und schwere Gedanken.« Und solcher Gesinnung wanderte er seine Straße, dichtete und sang, und seine Augen strahlten. Kinder horchten ihm zu und junge Leute unter der Linde des Abends im Dorfe, und der Wandersmann, der auf dem Wege pilgerte. Einer sang seine Lieder nach und ein anderer und alle teilten sich mit, und so wurde Land auf, Land ab gesungen, was ihm an sein Herz gerührt hatte, und alle Spielmeister pfiffen und andere Spielleute führten den Gesang, daß er lustig zu hören war und den Menschen sich die Seele auftat. Und endlich saß er eines Abends auf einem Stein, der vor einem Dorfe lag und die Abendglocken läuteten in den noch hellen Himmel. Er dachte nach über die Gabe, die er von Gott bekommen hatte, daß allen Menschen ein Schein von Glück über das Gesicht strahlte, wenn sie ihn erblickten, wiewohl er doch grausig anzusehen war für das leibliche Auge, denn er schleppte sich fort mit Stützen, die er unter den Händen hatte, weil die Beine fast ganz geschwunden waren durch die Krankheit. Und als die letzten Töne der Glocke verhallt waren, da sang ein Vöglein in tiefen Lauten, als wollte es wetteifern mit dem Munde des Erzes. Darauf aber kamen die Landleute auf der dunkelnden Straße heimgeschritten, Sensen und ander Gerät auf dem Rücken. Vorauf ging eine junge Dirne, hochgeschürzt und fest ausschreitend, die sang mit einer Stimme, in welcher es oftmals klang, wie die Glocke, und er erkannte ein Lied, das er einst gedichtet hatte, als das erste von allen, die er sang, wie er jenes Tages heimlich entwichen war von den Leuten, bei denen er geschlafen und von der weißen Jungfrau, welche glänzte, wie ein Engel. Damals stäubte die gelbe Fruchtbarkeit über den Roggenacker und er selbst war trunken in seinem Herzen; das erstemal war das gewesen damals, da hatte er von der Lerche gesungen, die sich jubelnd in die Lüfte schwingt, und unten im Korn, wohlig verborgen lauschen die lieben Jungen, und leise zittert es über die Halme, wie von Freude, welche Ja nickt. Als das braune Mägdlein bei ihm vorbeikam und einen Blick auf seine unglückselige Gestalt warf, da war es, als wenn sie zuerst stockte, aber dann sah sie in sein verklärtes Gesicht und singend breitete sie die Arme aus. Da wurde ihm ganz leicht zu Sinn, und ihm schien der Weg sich in den Himmel zu dehnen und die Landleute deuchten ihm Engel zu sein, welche ihm entgegenkamen, das gesunde und starke Mädchen aber vor ihm mit den ausgebreiteten Armen war wie eine Begleiterin zu den jenseitigen Auen, wo lauter Licht und klare Lust ist und unter ihm die fröhliche Welt sich hinzog mit blitzenden Strömen und mit Feldern, über denen die gelbe Fruchtbarkeit stäubte. Der Tod des Dschinghiskhan Der Dschinghiskhan ließ sich in den letzten Wochen vor seinem Tode oft in seine Schatzkammer hinuntertragen, und dort verweilt er viele Stunden lang allein, spielend mit den edlen Steinen, den Perlen und den Goldmünzen. Das war ein heimliches Vergnügen, von dem niemand wußte außer den vertrautesten Dienern, denn vor dem Volk verachtete er Prunk und Geschmeide; so ging er auch in Leder und Eisen gehüllt. Da fand er einen Haufen Goldstücke von einem seltsamen und kunstvollen Gepräge, deren Schrift er nicht lesen konnte. Der Kämmerer erzählte ihm, daß sie aus einem Schatze stammten, der hier an diesem Orte aus der Erde gegraben sei, und man mußte glauben, daß sie von einem früheren Könige des Landes geschlagen waren. Der Dschinghiskhan ließ einen großen Gelehrten kommen, damit ihm dieser die Schrift entziffere und von dem König erzähle, dessen Bild die Münzen trugen. Der Gelehrte erwiderte, daß ihm und seinen Freunden die Münzen wohl bekannt seien, aber niemand von ihnen habe vermocht, die Zeichen zu deuten; nur das sei gewiß, daß die Goldstücke länger in der Erde liegen mußten als zweitausend Jahre, weil in dieser Zeit Sprache und Schrift der Bewohner dieses Landes sich nicht geändert. Er für sich sei der Meinung, daß der König, dessen Bild auf den Stücken geprägt war, über ein sehr großes und gesittetes Reich geherrscht habe, denn die Prägearbeit sei über die Maßen kunstvoll und fein; wenn ein König aber so kunstvolle Münzen präge, so müsse er geschickte und gebildete Untertanen haben, und es müsse Reichtum herrschen, und schöne Häuser, Schauspiele, Kriegsheere, eine Menge Ackerbauer und Handwerker, Tempel mit Göttern und vieles andere müsse in hoher Vollendung dagewesen sein. Als der Dschinghiskhan das gehört hatte, ward er nachdenklich und sprach: »Was ist doch der Ruhm, wenn der Name eines so mächtigen Königs gänzlich aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden konnte, mitsamt seiner Macht und seinem Reichtum! Und vielleicht hat er auch gedacht, daß sein Andenken nie untergehen wird bei den Menschen, und hat Bauten getürmt, und man hat seine Taten besungen, und Gelehrte haben Geschichtswerke geschrieben über ihn und seine Vorfahren, und haben sein Land ausgemessen in die Länge und Breite; und seine Untertanen haben gehandelt und gearbeitet, Schätze gesammelt, sich vergnügt, gebetet und ihren rechtmäßigen Erben ihren Besitz verlassen. Und siehe da, nichts ist übrig von alledem, wie diese Stückchen Gold.« Da erwiderte der Gelehrte: »Wenn im Frühjahr die Sonne geradere Strahlen auf die Erde sendet und den Schnee fortschmilzt, so sprießen aus dem feuchten und schwarzen Boden allerhand bunte Frühlingsblümchen hervor, weiße, gelbe und blaue. Die freuen sich des Sonnenscheins, blühen und verwelken, und wir denken, daß das so sein muß; und im nächsten Frühling kommen neue Blümchen; und so ist es von Ewigkeiten her gewesen und wird es auch später immer sein. Ebenso die Tiere des Waldes und das Vieh, welches dem Menschen hilft bei seiner Arbeit. Sie werden geboren, saugen an den Eutern ihrer Mütter, hüpfen und springen, und werden größer, und nähren sich von Gräsern und Kräutern, oder verzehren andere Tiere, und wenn ihre Zeit gekommen ist, so sterben sie oder werden getötet, und es ist, als wären sie nicht gewesen; aber es kommen immer neue, zu leben in Freude und Harmlosigkeit. Der Mensch nun ist dieser Geschöpfe Krone, weil er sich alle unterjochen kann und dienstbar machen. Aber auch er ist nur ein Geschöpf und untertan dem Zwange, daß auf seine Blüte der Tod folgt. Jedoch unterwerfen sich alle andern Wesen diesem Zwange gutmütig und freudig, er aber ist hochmütig und will auch in diesem Punkte mehr haben denn alle andern und wehrt sich gegen den Tod. Ja noch mehr: die Blume weiß, daß sie eine Blume ist und das Tier, daß es ein Tier; der Mensch aber will unterschieden sein von allen andern Menschen, und nicht nur vor den Blumen und Tieren etwas voraus haben, sondern jeder Mensch auch vor seinem nächsten: alle sollen ihn rühmen, er selbst aber rühmt kaum jemals einen andern, alle sollen ihn lieben, aber er liebt kaum jemals einen. Und nicht nur für sich selbst verlangt er solches, sondern auch für seine Kinder und Kindeskinder. Die Pflanze streut sorglos ihren Samen aus, und es sprießen aus ihm Pflanzen, die ihr gleich sind; das Tier zieht sein Junges auf, bis es seine Nahrung selbst finden kann, und dann verläßt es sein Kind und kennt es nicht weiter; aber der Mensch will mehr, er macht sich ein Bild von Größe und Glück für seine Kinder, indem sie Höheres sein sollen wie die Kinder seines Nächsten, und deshalb dehnt er seinen Willen aus über sie. Aber das alles ist ein leerer Hochmut des Menschen; und indem er sich nicht genügen läßt mit seiner Herrschaft über die andern Geschöpfe, sondern will außerdem noch etwas Besonderes haben, so macht er sich unglücklich; denn wer nach Ruhm, Ehre, Reichtum, Glanz, Liebe der Menschen, Herrschaft über die Kinder läuft, der läuft nach etwas, was ihm von der Natur nicht beschieden ist. So bekümmerst auch du dich, o König, um den verschollenen Herrscher nur aus einer falschen Meinung heraus, weil du denkst, daß man dich gleichfalls vergessen wird wie diesen hier; und vielleicht hast du dich auch schon früher unglücklich gemacht durch andere solche Wünsche, die hinausgehen über das, was wir haben können, und könntest doch glücklicher sein wie alle andern Menschen, weil du sie beherrschest, wie der einfachste Mensch glücklicher sein könnte wie alle Tiere, weil er sie beherrscht.« Der König antwortete: »Du hast sehr kühn gesprochen, aber ich will dir nicht zürnen, denn ein Weiser ist dem Könige gleich, weil er den Tod nicht fürchtet. Wäre ich ein Gelehrter, so würde ich denken wie du, und oftmals, wenn ich mit meinem ehrgeizigen Pferd und meinen gierigen Hunden hinter dem schnellen Asa herjagte, schien mir, im Vergleich mit Gaul und Köter der Mensch nur ein vor Hochmut krankes Tier. Auch sind ja wohl die andern Geschöpfe glücklicher wie wir, denn ich wenigstens, der ich der Herr der Welt bin, und tausend Könige sind mir Untertan, so daß ich sie kann hinrichten lassen, wenn ich will und ihre Völker und Städte austilgen vom Erdboden, ich habe nur zweimal in meinem Leben ein Glücksgefühl verspürt, nämlich, als ich den ersten Asa mit meinem Pfeile getroffen, und als ich meine Braut raubte und auf mein Pferd schwang. Aber da ich ein König bin, so denke ich anders; und um dir zu zeigen, daß ich das nicht aus Torheit oder Verblendung tue, so will ich dir mein Leben erzählen, denn das Leben eines Menschen ist das klarste Bild seiner Lehre. Was ich dir sagen will, das habe ich noch nie jemandem mitgeteilt, denn ein König soll ein Schauspieler sein; aber da mein Tod herannaht, so möchte ich gern einem Manne erzählen über mich, den ich verschwiegen weiß und treu, und der das nicht gebrauchen kann für seine Zwecke, auch meine Worte versteht. Merke dir wohl: Wenn ich dir auch ein schweres und wenig glückliches Leben erzähle, so klage ich doch nicht, sondern ich freue mich, und nicht möchte ich, daß ich ein anderes Leben geführt hätte. Du wirst immer sehen, daß Kinder und junge Leute frohe, aber leere Gesichter haben, denn das Leben hat für sie keinen Zweck, und sie blühen und gedeihen für jeden Tag, weil sie im täglichen Zunehmen ihrer Kraft sind, die ohne ihre Mithilfe ihren Muskeln übermäßiges Blut verleiht und ihrer Seele hochgemute Zuversicht. Deshalb entsprechen sie dem Bilde, welches du soeben von Pflanzen und Tieren maltest; und ich selbst dachte zuweilen, es müßte doch ein merkwürdiger Versuch sein, wenn man in einem Volke alle Leute über zwanzig Jahre in jedem Frühling hinrichten ließe, also, daß das ganze Volk nur aus Jugend bestände; wahrscheinlich würde vieles Glück, Lustigkeit, Kunst und Stolz in solchem Volke wohnen, und die Nachbarn würden es beneiden. So war auch ich ein froher Knabe und Jüngling, und ich sagte dir bereits von den beiden Augenblicken des Glücks in der damaligen Zeit. Am merkwürdigsten geschah mir, als ich meine Braut raubte, da hatte ich ein Gefühl, als sei ich der wichtigste Mensch auf der Welt und es gehöre mir alles, während ich doch nur ein geringer Reiterhäuptling war, später, als ich der Herr der Welt wurde und mir alles gehörte, soweit solches überhaupt möglich, hatte ich nie wieder dieses Gefühl, denn schon ein schlichter Ackersmann, der hinter seinen pflügenden Ochsen herging und auf die Furche vor sich schaute, hätte mich in solcher Meinung irre gemacht, wiewohl der Mann in Wahrheit für mich doch nichts war wie ein Käferchen oder eine Blattlaus; oftmals wurde ich, als ich noch in meinen Mannesjahren stand, wütend über solche törichten Gefühle, und da ein König, weil die Leute ihn immer fürchten müssen, denn sonst werden sie übermütig, oft Taten begehen muß, die ihnen unbegreiflich sind, so ließ ich auch wohl dieser Wut die Zügel schießen und befahl, daß harmlose Leute getötet wurden. Ich bin nicht von wollüstiger Art, und deshalb kam ich bald in einen gleichmütigen Zustand, nachdem ich verheiratet war, ich freute mich meines Weibes, meiner Waffen, meiner Pferde und alles anderen Besitzes, und das größte Vergnügen gewährte mir die Jagd. Nun scheint es aber, daß ich eine gewisse Schwäche in meinem Wesen habe, welche man sonst wohl Güte nennt, indem man ein falsches Wort gebraucht. Nämlich nachdem mein Weib zwei Kinder geboren, den Sohn und die Tochter, die du kennst, wendete sie sich einer neuen Gemütsverfassung zu, indem sie mich nach vielen kleinen Dingen fragte, mir Vorwürfe machte über törichte Dinge, beständige Sorge hatte, daß die Kinder krank seien und mir mit ihrer Sorge die Ohren erfüllte, und so fort. Ich aber war zu schwach, diesem Unwesen zu steuern, und vielleicht wäre ihm gar nicht zu steuern gewesen, und so wurde ich am Ende ganz furchtsam, wenn sie zu mir sprechen wollte, weil ich immer meinte, daß sie klagen werde. Deshalb sann ich mir allerhand Arbeit aus, welche mich so beschäftigte, daß sie nicht an mich kommen konnte, oder wenn sie doch zu mir sprach, so hatte ich so viele andere Gedanken, daß ich ihre Worte und Sätze gar nicht hörte. Es geschah dies alles aber nicht absichtlich, sondern ganz langsam, wie von selbst. Mir war später immer merkwürdig, daß große Dinge einen so lächerlichen Anfang nehmen können. Aber wahrscheinlich habe ich in meinem geheimsten Innern doch immer einen Willen gehabt zur Herrschaft über die Welt. Nun will ich dir ein großes Geheimnis aus der Kunst der Könige sagen, welches zwar so einfacher Art ist, daß man sich nicht genug über die Einfältigkeit der Menschen wundern kann, welche es nicht merken. Du weißt, daß die Reiche und Staaten der Menschen von der verschiedensten Art sind, und die Macht und Vorzüglichkeit der einen beruht auf großem Reichtum der Untertanen, der andern auf großer Menge des Volkes, der dritten auf Freigebigkeit des Bodens, und so fort. Die größte Macht aber hat ein König, welcher ein Heer von tapferen Männern besitzt, die hungrig nach Erwerb und Belohnung sind, denn mit diesen kann er alle andern Könige unterwerfen und zinspflichtig machen; solche Männer aber findet man gemeiniglich nicht bei den reichen oder fleißigen Völkern, oder welche viele Menschen haben und guten Boden, sondern bei den armen Völkern in schlechten und rauhen Ländern, welche sich nicht viel vermehren können aus Armut, wie wir Mongolen sind. Nur kann man schwer so viele Männer, wie erfordert werden, zusammenbringen und halten, weil eben das Volk zu klein ist und die Entfernungen in armen Ländern zu groß. Diesen Mangel aber vermag man zu ersetzen durch Schnelligkeit, denn wenn ein Heer so schnell ist, daß es zwei feindliche Heere nacheinander schlagen kann, so ist es offenbar ebenso gut wie zwei Heere. Da ich nun mich sehr viel mit den Dingen des Volkes beschäftigte, so fiel mir dieses ein, und nach langem Nachdenken auch die Mittel zu solcher Schnelligkeit; nämlich weil ein großes Heer durch das Mitschleppen oder Suchen der Nahrung viel Zeit verliert, so erfand ich eine Weise, wie man die Nahrung für Mann und Pferd so trocknete und zusammenpreßte, daß ein Mann für zwei Wochen immer ohne Beschwerde mit sich führen konnte. Hierdurch bewirkte ich, daß meine Reiter die ganze Welt eroberten, indem sie immer viel schneller waren als die Feinde und deshalb angreifen konnten, ehe die Gegner sich zu einem Heere zusammengetan hatten, das ihnen überlegen war. Du wirst ja auch wissen, daß jede Handlung, welche man begeht, solche Folgen hat, daß man die nächste Handlung nicht mehr mit derselben Freiheit begehen kann wie die erste; und so kommt es, daß wir mit den Jahren immer unfreier werden durch die Verstrickung in das Netz unserer eigenen Taten; mit je geringerer Freiheit man aber handelt, mit desto geringerer Lust handelt man; deshalb hatte ich mit der Zeit immer weniger Vergnügen an den Eroberungen und mehr Langeweile. Zuletzt übergab ich die Führung des Heeres meinem Neffen Marzuk, da mein Sohn zu töricht ist für solche Dinge, und beschäftigte mich selbst mit der Einrichtung und Verwaltung der eroberten Länder; mit großem Verdruß, denn auch hier handelt es sich nur um ein paar ganz einfache Dinge, die sich immer wiederholen, und es fehlt doch die Freude an Kampf, Lager, Reiten, Gefahr und heller Luft. Aber Erobern ist nötig, denn stehen wir still, so fallen erstens die andern Völker über uns her, und weil wir bei unserer geringen Zahl nur im Angriff siegen können, wie ich dir schon erklärte, so würden sie uns dann ganz ausrotten. Zweitens aber ist unser Heer naturgemäß von einem törichten Dünkel beseelt, als seien unsere Siege irgendwelchen übermenschlichen Eigenschaften verschuldet, welche es besitze, und es würde daher nie Ruhe halten. Da aber doch endlich das letzte Volk der Welt bezwungen sein wird, so muß ich bis dahin alle früher eroberten Völker so in Ordnung gebracht haben, daß sie auf das engste mit mir verbunden sind durch ihre Verwaltung und nicht los können, und alsdann werde ich wahrscheinlich meine alten Krieger nebst ihrem Führer Marzuk ermorden lassen müssen, weil sie sicherlich im Innern Aufruhr erwecken würden, wenn sie ihre Tätigkeit nicht mehr nach außen wenden können. Aber was rede ich – meine Tage sind ja gezählt, meinem törichten Sohn kann ich nichts anvertrauen, und Marzuk wird heute oder morgen zurückkehren, weil er weiß, daß ich im Sterben liege und weil er meinem Sohn die Herrschaft entreißen will; nur auf meine Tochter kann ich mich verlassen, auf ein Weib!« Der Dschinghiskhan schwieg. Der Gelehrte vermochte nichts zu erwidern vor Bewegung und Furcht, denn er meinte, der Dschinghiskhan werde ihn hinrichten lassen, wenn er ausgeredet habe, weil er sich alsdann vor ihm schämen müsse. Der Dschinghiskhan fuhr fort: »Siehst du jetzt, daß ich vom Leben eine andere Meinung haben muß wie du? Mir erscheint die Erde wie ein großer Ameisenhaufen wimmelnder Ameisen, und ich könnte mir gar nicht vorstellen, daß ich selbst eine solche Ameise wäre, wie ich mir doch bei verständiger Überlegung sagen muß. Mein ganzes Leben war Verdruß und Langeweile, denn viel lieber wie aller Ruhm, Macht und Reichtum wäre mir gewesen, wenn ich in Schnee und Wetter in der Steppe hätte jagen können, oder mit Freunden lustig sein und Lieder singen. Dazu habe ich einen viel elenderen Tod wie andere Menschen, denn den Ärger über das Lügen und die geheuchelte Trauer haben wohl alle, und wohl alle merken, wenn sie sterben, daß sie doch ganz allein sind auf der Welt und auch immer allein gewesen sind, weil die andern ja nur an sich denken, wie man selbst doch auch; aber als Besonderes habe ich die Sorge um mein Reich und wie alles nach meinem Tode werden soll, und ich sehe keinen rechten Ausweg, und das letzte Mittel wird auch nicht nützen, ich will nämlich meinen törichten Sohn mit meiner tüchtigen Tochter verheiraten, damit sie ihn leitet. Und doch, Gelehrter, will ich kein anderes Leben geführt haben, und dein Frühlingsblumenleben möchte ich nicht.« Auch sagte der Dschinghiskhan noch: »Erst jetzt sehe ich, daß ich gar nicht glücklich war; früher habe ich es nicht gewußt; das ist sehr merkwürdig; aber ich hatte wohl keine Zeit zu spüren, daß ich nur Verdruß hatte und Langeweile.« Nach diesem Gespräch wurde der Gelehrte mit reichen Geschenken entlassen, und der Dschingiskhan lebte weiter in seiner jetzigen Art. * * * Er wußte aber, daß sein Übel tödlich war, denn alle seine Vorfahren hatten in den Jahren, in welchen er sich jetzt befand, über dieselben Leiden geklagt wie er und waren daran gestorben. Zwar haßte er die Ärzte, aber als das erste und noch leichte Mißbehagen wochenlang anhielt, ließ er doch einen berühmten Arzt kommen, dieser erschien mit einer besorgten, teilnehmenden und beruhigenden Miene, welche ihn ärgerte, er befühlte ihn, fragte viel und bereitete ihm ein Mittel. Als dieses nichts half, wurde ein zweiter Arzt geholt, dessen Angesicht aussagte, daß der erste ein Dummkopf sei, er aber werde schon Hilfe bringen. Als auch dieses zweiten Mittel nichts half, wurden beide zugleich bestellt und nun zeigte es sich, daß sie zwar zitternde Furcht vor dem Dschingiskhan hatten und in tiefster Seele um ihr Leben besorgt waren, daß jedoch ihr eigentliches Interesse darin bestand, daß jeder recht zu haben meinte und den andern für dumm hielt. Der Dschinghiskhan aber, wiewohl er ganz genau sah, daß er selbst den beiden gänzlich gleichgültig sei, und er wußte, daß auch seinem Vater und Großvater niemand hatte helfen können, lauschte doch mit heimlicher Angst und Hoffnung auf ihre Worte, indem er sich dabei über ihre Dummheit ärgerte. Er lag in seinem kahlen und leeren Zimmer auf einem harten Bett unter einer einfachen Decke, und neben ihm stand ein Tischchen mit vielen aufgehäuften Schriftstücken. Es kam auch täglich seine Gattin und sprach zu ihm, um ihn zu trösten. In der ersten Zeit sagte sie, heute sei es gewiß besser wie gestern; dieser Satz war ihr endlich ganz geläufig geworden, so daß sie ihn gedankenlos aussprach, obwohl sie wußte, daß er die tödliche Krankheit seines Vaters hatte, den sie in seinen letzten Jahren noch gekannt. Nachher fragte sie ihn immer, wie er geschlafen habe, und fügte dann hinzu, sobald er nur erst wieder schlafen könne, werde er auch wieder gesund werden. Daran knüpfte sie dann einen Vorwurf, daß er sich überarbeite. An einem Tage, als er sich ganz besonders heftig ärgerte über ihre gedankenlosen Reden, sagte er ihr, wenn er stürbe, so werde sie keinen Schutz haben in den Unruhen, die alsdann ausbrächen, und vielleicht werde man sie ermorden. Da weinte sie, machte ihm Vorwürfe, daß er jetzt, wo sie ohnehin ein so schweres Herz habe, noch solche Dinge sage, und ging hinaus; nach kurzer Zeit aber trat sie wieder ein und sprach, wenn er tot sei, so möge sie auch nicht mehr leben. Über diese Worte stieg ihm solche Bosheit auf, daß er sich der Wand zudrehte und nichts mehr sagte. Dann kam sie eine Zeitlang mit irgendwelchen gleichgültigen Geschichten, von ihren Mägden oder von den vornehmen Herren und Damen des Hofes; alle Erzählungen aber begleitete sie durch bemitleidende Blicke und vorwurfsvolle Seufzer. So fühlte er zuzeiten einen heftigen Schmerz in der Brust, weil er so allein war, und er fragte sich, ob wohl alle Menschen nur so leere Hülsen seien; sein eigenes Leben durchforschte er und fand, daß er nur einmal in einer Lage gewesen sei wie seine Frau, nämlich am Sterbebett seines Vaters; und er erinnerte sich, daß er in der Todesstunde des kranken Mannes daran gedacht hatte, daß jetzt gerade die schönste Jagdzeit sei, und daß er nicht werde jagen können; und wie ihm das durch den Geist schoß, sah er einen tief schwermütigen Blick seines Vaters auf sich gerichtet; er schämte sich, wurde ärgerlich auf seinen Vater, und machte ihm Vorwürfe, daß er nicht auf sich achte, genau in dem liebevollen und doch feindseligen Tone wie jetzt seine Frau, und mit demselben gezwungenen Blick; der Kranke aber wendete sich seufzend ab und schaute geduldig ins Leere. Das fiel ihm jetzt ein. Sein Vater war ein harter Mann gewesen, einmal hatte er eigenhändig fünfzig Vornehmen das Haupt abgeschlagen, während die Frauen und kleinen Kinder um Gnade bettelten, er aber hatte sie wegschleifen lassen; und als er einst eine Verwundung im Oberschenkel durch einen vergifteten Pfeil erhalten, brannte er mit einem weißglühenden Eisen selbst die zischende und brodelnde Wunde aus, ohne mit dem Gesicht zu zucken, ja, was ihm am stärksten schien, ohne in prahlerischer Weise zu lachen oder zu scherzen. Damals aber hatte er einen so jammervoll geduldigen Blick gehabt. Auch sein Sohn kam täglich, ihm die Hand zu küssen und nach seinem Befinden zu fragen. Als er noch ganz klein gewesen, hatte er wunderbar strahlende Augen gehabt und einen Ausdruck von Festigkeit und Stolz in dem unentwickelten Gesicht. Jetzt war sein Gesicht hübsch und leer geworden. Er sprach vielerlei durcheinander, ohne starke Zuneigung zum einen oder andern; der Dschinghiskhan hörte ihm traurig und gelangweilt zu, wußte, daß die Gedanken des jungen Mannes bei irgendeiner Torheit waren, einem Putz oder einer eitlen Verliebtheit, und daß seine Reden noch weniger aus einer Überlegung hervorgingen wie bei seiner Mutter; denn er schwatzte nur, sie aber wollte ihn zerstreuen; Gefühl aber hatte er ebensowenig wie sie. Ihm jedoch kamen nun in den einsamen Stunden, wo ihn die Schmerzen nicht arbeiten ließen, allerhand Dinge von vormals; so eine Zärtlichkeit, als er einst den Kleinen, da er noch nicht sprechen konnte, zu sich aufs Pferd gehoben und der Kleine hatte gejauchzt und vor Freude gezappelt. Und einmal war es ihm in einer einsamen Stunde, als er vor sich hinsann, daß er hätte weinen mögen, weil er sich selbst bemitleidete; und er sehnte sich, ein kleines Kind zu sein, das krank in seinem Bettchen liegt, und die Mutter sitzt neben ihm, stützt ihm das Köpfchen, und das Kind sieht beruhigt und gläubig in die Höhe in die Augen der Mutter. Ganz anders wie mit diesen war es mit Alang, seiner Tochter. Diese war die einzige, mit welcher er ruhig darüber sprach, daß er sterben werde, weil sie nicht verdrießende und lügnerische Worte sagte und mit teilnehmenden Augen blickte, sondern bei ihr war das Sterben so einfach und selbstverständlich, wie es in Wirklichkeit ist; deshalb erweckte sie ihm nie das Gefühl der Verlassenheit zwischen Masken. Nur in seiner besonderen Angst, wie es später mit seinem Reiche werde, konnte auch Alang ihn nicht beruhigen, und er hatte eine Scheu, zu ihr von seinem Plane zu sprechen, denn er wußte wohl, daß sie eine Zuneigung für Marzuk empfand, zuweilen dachte er deshalb auch, daß sie ihn vielleicht vergiftet habe. Mit Alang nun geschah ihm etwas sehr Sonderbares. Einmal, als sie sich unbeobachtet wähnte, wendete er rasch den Kopf und blickte ihr ins Gesicht. Da ersah er bei ihr einen Ausdruck heftigen Mitleidens. Hierüber geriet er in solche Wut, daß er nach seinem Schwert griff, welches neben seinem Bett stand, und sie mit schrecklicher Stimme anschrie; sie erschrak, daß er sie in den Knien zittern sah; als er das sah, legte sich seine Wut plötzlich, aber Alang entfloh durch die Tür. Dieser Vorgang blieb ihm immer unbegreiflich, weil er kurz vorher Sehnsucht gehabt hatte nach wirklichem Mitgefühl, welches nicht gelogen wäre. * * * Es war aber das Reich des Dschinghiskhan das größte, welches je auf der Erde gewesen, und seine Macht war die vollständigste, denn die Großen und Vornehmen ihres Volkes hatten sein Vater und er mit der Zeit alle vernichtet, und seine Diener waren Sklaven, für Geld gekauft; nur Marzuk ausgenommen, weil das Heer sich nur durch einen Freien führen ließ. Und so genau war alles geordnet, so bestimmt war die Pflicht eines jeden beschrieben, so klar seine Abhängigkeit und sein Befehlen, daß ohne die geringste Veränderung, Nachlässigkeit oder Verzögerung jeder Auftrag des Dschinghiskhan auf das peinlichste und genaueste ausgeführt wurde, als seien die Diener Arme, nicht besonders und für sich lebende Menschen. Von seinem Hause aus gingen strahlenförmige Wege in die entlegensten Teile des Reiches; auf diesen waren in gewissen Entfernungen Posten aufgestellt mit Pferden, und die trugen von Hand zu Hand seine Befehle überall hin mit Windeseile, wie beim Löschen eines Feuers eine Kette Menschen die Eimer in Schnelligkeit wandern läßt. Es dehnte sich aber das Reich aus vom Norden, wo ewiger Schnee liegt, und die Menschen Hunde vor ihre Schlitten schirren, mit weißen Bären kämpfen und der Hauch des Atems gefriert, bis zum Süden, wo die übergroße Hitze die Leute schlaff macht, und einzelne allein in Wäldern wohnen, büßen und über Gott nachdenken und solche Kraft gewinnen, daß sie Felsen und Berge bewegen durch ihr Wort; wo Elefanten in großen Herden grüne Wiesen haushohen Grases durchziehen, und verfallene Tempel im schweigenden Walde ruhen mit steinernen Bildern von Göttern und Königen; und nach Osten dehnte es sich, wo die Menschen reich sind an Seide, Porzellan und edlen Metallen, und sich in kostbare Felle kleiden, deren Härchen vergoldet sind, und hohe Türme bauen sie aus Porzellan mit goldenen Glöckchen, die im Winde klingeln; und nach Westen herrschte der Dschinghiskhan über das Land hinweg, wo Wasser aus der Erde quillt, welches brennt und in hohen Flammensäulen die Nacht erleuchtet, und wo wunderbare Tiere wohnen, Vögel, welche Wolle tragen, und ein Vogel, welcher so groß ist wie ein Berg, und ungeheure Schlangen, welche Erdbeben erzeugen, wenn sie sich bewegen, Wälder zerbrechen und hochgemauerte Städte umwerfen. Und im Norden war die äußerste Grenze die Eiswüste, wo kein Mensch leben kann vor Kälte, und im Süden die feurige Mauer am Ende der Welt, der nur die hitzegewohnten Leute des dortigen Landes nahe kommen dürfen, und im Osten war die Grenze das öde Meer, welches sich ausdehnt ohne Ende, und im Westen stießen die Heere auf die Länder der Menschen, welche von Kopf bis Fuß in Eisen gepanzert sind und auf ungeheuren und eisengepanzerten Rossen reiten, also, daß niemand sie verwunden kann. Und alle Völker waren dem Dschinghiskhan untertan, welche in diesem Kreise wohnten, und zitterten vor seinen Befehlen. Das waren Völker mit brauner und weißer und gelber und schwarzer Hautfarbe, welche den Acker bebauen mit Pflug und Stier, oder mit dem Spaten den Boden umwenden, oder reiche Herden weiden in der blühenden und duftenden Steppe, in das finstere Innere der blauen Gebirge sich hineinarbeiten, Gold und Silber zu holen, auf schnellen Rossen das flüchtige Wild jagen und abends am Feuer unter dem freien Himmel verzehren, mit großen Karawanen durch sandige und weiße Wüsten ziehen und ungemessene Reichtümer gewinnen, aus den weiten und still gleitenden Flüssen, in winzigen Kähnen sitzend, Fische fangen, aus unzugänglichen Bergen auf kleinen Rossen flink hervorbrechen, rauben, plündern und sengen, in den dichten Wäldern lebend kostbare Spezereien gewinnen von den Bäumen, Gummi und Mastix und Gewürze aller Art, in das Meer untertauchen und Perlen fischen vom Grunde. Und alle diese Völker schickten Abgaben und Steuern dem Dschinghiskhan, edle Metalle, Perlen, Jünglinge und Jungfrauen, seltene Tiere, kostbare Felle, Edelsteine, Gewürze, fremde Muscheln, Meernüsse, Zähne vom Einhorn und das Gefieder der Vögel, die aus dem Paradies kommen, Schnitzereien aus Elfenbein und Kästchen aus wohlriechendem Holz, Seidenstoffe mit Blumen durchwirkt oder kunstvollen Figuren von Menschen und Tieren, und blaue Seidenstoffe mit goldenen Sternen und Sonne und Mond; edle Rosse wurden geschickt mit Jahrtausende altem Stammbaum, deren Sehnen auf dem Fleisch lagen wie Peitschenschnüre, und ihre Augen funkelten vor Lust und Hochmut. Alle diese Reichtümer kamen zusammen beim Dschinghiskhan, der gekleidet war in Leder und Eisen, und wohnte in einem kahlen Raum, in welchem ein schlechtes Bett stand, ein Tischchen und ein Schreibzeug. Und hätte er mit diesem Schreibzeug einige Worte geschrieben auf einen Streifen Pergament und ein Siegel beigefügt, und hätte die Briefe fortgeschickt in die vier Weltgegenden, und hätte geschrieben, daß seine Diener sollen alle Städte anzünden und verbrennen auf den Grund, und alle Reichtümer in die Flammen werfen, und alle Saaten verheeren durch stampfende Rosse, so wären alle Städte aufgeflammt zum Himmel an demselben Tage, und in einem Schrei hätten alle Völker sich zum Himmel gewendet, und alle Saat wäre vernichtet, und keiner hätte gewagt, auch nur das Häuschen einer Witwe zu verschonen und den Acker einer Waise. Und hätte er befohlen, daß alle Erstgeburt der Menschen in seinem Reich solle in den Sklavenstand gestoßen und vor ihn gebracht werden, so wären an einem Tage lange Züge gekommen von den vier Enden der Welt von kettenbeladenen Jünglingen und Jungfrauen, die das Haupt beugten, weinten und vor ihm in den Staub fielen, und die Eltern in der ganzen Welt hätten gejammert, aber auch nicht ein blinder Mann hätte gewagt, den einzigen Sohn zu behalten, der ihn ernährte. * * * Der Dschinghiskhan hatte Alang, seine Tochter, und seinen Sohn Hia vor sich kommen lassen. Durch viele Kissen gestützt, saß er aufrecht im Bett, und seine Brust brodelte. Er sprach: »Hia, ich weiß, daß du ein Narr bist und mein Reich nicht wirst halten können. Schon ist Marzuk zurückgekehrt, und wenn ich gestorben bin, so wird er dich ins Gefängnis werfen, deine Schwester heiraten und die Herrschaft an sich reißen. Zurückgekehrt ist Marzuk gegen meinen Befehl, und ich kann ihn nicht bestrafen, denn weil ich im Sterben liege und einen törichten Sohn habe, so würde einen Befehl gegen Marzuk niemand befolgen; aber auch ihn heimlich ermorden zu lassen ist unmöglich, denn er ist schlau und vorsichtig. Deshalb sollst du deine Schwester als Gattin heimführen, und das soll noch heute geschehen. Du wirst alles anordnen.« Die Geschwister wurden blaß und verneigten sich vor dem Dschinghiskhan. »In drei Stunden soll die Feier stattfinden, bis dahin muß alles bereit sein. Dann werde ich dir meinen Siegelring geben und du wirst König sein, ich aber will heute sterben. Wenn ich tot bin, so öffnet ihr diesen Brief; der enthält meine Befehle für die künftige Regierung des Landes. Hia, Hia, bedenke, daß du eine schwere Arbeit vor dir hast. Alang soll dir helfen, sie hat Einsicht und weiß vieles. Du sollst die unterworfenen Völker nicht drücken, sondern sollst sie begünstigen. Du sollst ihnen sagen, ich sei ein blutgieriger Tyrann gewesen, du aber wollest für sie sorgen, daß sie in Ruhe leben und reich werden.« Nach diesen Worten sank der Dschinghiskhan in die Kissen zurück. Die Geschwister verließen das Zimmer. Hia ging nach unten. Alang schritt nach ihrer Kammer zu. Hia kleidete sich in köstliche Gewänder, seidene, in purpurne Leinewand, in Schmuck von Gold und edlen Steinen. Dann setzte er sich auf sein Roß, und sein Gefolge stieg zu Roß und ritt hinter ihm her. Voraus gingen zwei Trompeter, die bliesen, und das Gefolge rief: Hoch lebe König Hia. Die Leute kamen aus den Häusern, nahmen die Mützen ab, einige riefen: Hoch lebe König Hia; viele standen unmutig zur Seite. Krieger schrien dem Zuge höhnende Worte zu. Wie Alang nach ihrer Kammer ging, sah sie Marzuk, welcher in einer Fensternische saß. Er lachte ihr zu mit strahlenden Augen, und seine weißen Zähne blitzten. »Weshalb lachst du mir zu, Marzuk?« fragte Alang. »Weil du das schönste Geschöpf Gottes bist, das ich gesehen habe in meinem Leben.« »Wenn das wahr ist, weshalb küssest du mich nicht auf den Mund?« erwiderte Alang. Alang stieg in ihre Kammer, setzte sich auf ihre Truhe und sah nach dem offenen Fenster. Schneeflocken trieb der Sturm herein. Marzuk trat in die Kammer, sah in ihr Gesicht; ihr Gesicht bewegte sich nicht, blickte in die Schneeflocken. Da warf er den Riegel vor die Tür, daß er klirrte, hob sie in die Höhe mit seinen Armen und küßte sie, und seine Augen leuchteten wie Wolfsaugen, und sie hängte sich an seinen Hals, lachte und rief: »Marzuk« und wand sich gleich einer Schlange in seinen Armen. »Ich habe das Reich,« schrie er, »ich halte das Reich.« Sie lachte laut. »Hörst du meines Bruders Trompeten und die Hochrufe?« Ferner sprach sie: »Du riechst nach frischer Luft, Pferdeschweiß und Blut. Du sollst das Reich erben, meinen Bruder Hia sollst du umbringen; aber du mußt mir schwören, daß du mich nicht verstoßen willst. Aber auch wenn du mich verstoßen wolltest, so solltest du das Reich doch haben.« Sie lachte. »Wer hat denn die Tür verriegelt? Ich weiß nicht, daß ich die Tür verriegelt habe. Wenn meine Mägde kommen, so werden sie sagen: Alang hat ihren Liebsten in ihrer Kammer, deshalb hat sie die Tür verriegelt. Am hellen Tage hat sie ihren Liebsten in der Kammer. Dann werden sie sagen: Ein Held ist ihr Liebster, er hat Narben auf seiner Brust, breite feurige. Stark ist er, mit einem Arm riß er ein Pferd nieder, das sich bäumte. Eine schallende Stimme hat er, wenn er befiehlt, so hören es Zehntausend.« Ferner sprach sie: »Hörst du die Leute, welche rufen: Hoch König Hia? Mein Bruder kommt zurück mit seinen Schmeichlern. Er will den Ring holen, du aber mußt jetzt mit zum Vater kommen, dir soll er den Ring geben.« Und sie gingen hinab zum Dschinghiskhan. Der lag allein in seinem kahlen Zimmer. Denn seine Sklaven huschten in den langen Gängen des Schlosses, brachen verschlossene Türen auf, suchten und raubten kostbare Gewänder und Silbergeräte, und große Elefantenzähne, welche gefunden werden im Norden unter dem Schnee, sie schleppten keuchend und schwitzend, flüsterten hastig und scheu, denn sie hatten Angst, daß der Dschinghiskhan aufwache aus seinem Sterben und heraustrete aus seinem Zimmer unter sie. Vor seiner Tür vorbei huschten sie am schnellsten, ein frecher Knecht aber schrie laut: »Ich schlage ihn tot, wenn er kommt.« Da gaben die andern ihm einen Stoß, daß er stolperte, denn er war mit lang schleppenden Seidenstoffen beladen. Und die Frau des Dschinghiskhan irrte umher in dem finstern Schatzgewölbe, suchte die kostbarsten Steine und Perlen, welche sich leicht verbergen lassen, und große Beutel voll Gold stellte sie sich auf die Seite, sie auf ihrem Zimmer zu halten, denn sie wollte fliehen nach dem Tode des Dschinghiskhan, weil sie fürchtete für sich von dem neuen Herrn, mochte das nun ihr Sohn sein oder ein anderer. Halb gebrochen waren schon die Augen des Dschinghiskhan, aus seiner Brust röchelte es und pfiff. Aber er hob noch die Augenlider, wie die beiden eintraten. Alang rief ihm ins Ohr: »Hier, Vater, mein Bräutigam, gib ihm den Ring,« und hatte Marzuk an der Hand gefaßt. Der Dschinghiskhan konnte keine weitere Bewegung machen, nur seine Augäpfel gingen nach oben, daß man das Weiße sah, und seine Hand mit dem Ring ballte sich. »Den Ring,« rief ihm Alang ins Ohr. Aber der Dschinghiskhan rührte sich nicht mehr, es war, als ob seine Gestalt in sich zusammensinke, weil sie schwer geworden war. »Er ist tot, Alang,« sagte Marzuk. »Wenn er tot ist, so wollen wir ihm die Hand öffnen, solange sie noch warm ist und biegsam, damit wir den Ring bekommen,« sprach Alang, und versuchte, die Faust zu öffnen. Aber die Faust war so zusammengekrampft, daß sie nicht geöffnet werden konnte. Marzuk faßte sie, wendete seine Kraft an, aber er konnte die Hand nicht öffnen. Die Augen des Dschinghiskhan waren stehen geblieben nach der letzten langsamen Bewegung, man sah nur das Weiße. Alang ergriff das Schwert Marzuks, schnitt in das Gelenk des Fingers ein. Marzuk wendete sich ab. »Das tat ich für dich,« sprach Alang, reichte ihm den Ring. Nun gingen die beiden hinaus, stiegen auf ihre Pferde. An Marzuks Hand blitzte der Ring des Dschinghiskhan. Um ihn scharten sich die Krieger, jubelnd riefen sie: »Hoch Marzuk, unser König!« Schneeflocken schmolzen auf glühenden Gesichtern. Hia wurde verlassen von allen, stand allein, erstaunt und ängstlich, da ward er ergriffen und ins Gefängnis geworfen. Marzuk aber sprach zu den Kriegern, daß sie sich freuen sollten; denn der Dschinghiskhan habe das gemeine Volk geliebt, welches den Rücken beugt und den Boden bearbeitet, Handel treibt und reich wird in steinernen Häusern. Aber er wolle die Welt zu einer glatten Tenne machen für die stolzen Reiter, ritterliche Spiele darauf zu treiben mit ihren Rossen. Herr Konrad Stavern hieß eine Stadt, welche zu der Zeit, da König Karl ein großes Reich beherrschte, an der friesischen Küste blühte. Sie war vor tausend Jahren von dem alten Volk gegründet, welches derzeit das Friesland inne hatte. Als sich später die Römer zu Herren der Gegend gemacht, wurden von einer fremden Insel, genannt Melita, Künstler in das Land geführt, geschickt, allerhand Kaufmannswaren zu verfertigen, vornehmlich aber sehr schöne Tücher. Diese erzählten, daß auf Melita eine große Stadt sei, zierlich und prächtig von schönen weißen Steinen erbaut. Deshalb hatten sie aus Heimweh auch in Stavern Häuser aus Steinen gerichtet, aber diese waren nicht so schön wie auf Melita. Ihre Kunst lehrten sie viele hundert Jahre hindurch ein jeder Vater seinen Sohn. Deshalb hatten sie großen Gewinn und war die Stadt volkreich, denn zu des Königs Karl Zeiten mochte man in ihr wohl an die tausend Feuerstellen zählen. Als ihr Oberster war ein fränkischer Herr eingesetzt, der in einem hochgebauten Hause am Meer wohnte. Vom Turm sah man weit über die See hin; sie war grau und hatte leuchtende Spitzen, und lange Streifen waren glatt und glänzend, und zuweilen ging ein Schauer über die Fläche, wie über das Fell einer gefährlichen wilden Katze. Dann kamen plötzlich die Nordmänner, auf zwei Schiffen, wohl an vierzig Mann stark. Sie fürchteten sich nicht vor den Pfeilen und Speeren, und schlugen die Tür des festen Hauses ein; die Knechte fielen im Kampf, den alten Grafen nahmen sie lebendig, schnitten ihm zwei Rippen aus dem Rücken und zogen ihm die Lunge aus dem Körper. Sie lobten ihn sehr, weil er nicht klagte, vielmehr lachte und sie ausspottete. Dann suchten sie nach Schätzen, aber fanden sie nicht, denn der alte Herr hatte sie klug versteckt. Wie sie das Haus verbrannt, gingen sie in die Stadt und nahmen den Bürgern ihr Gold und Silber fort, auch so viele Tücher sie schleppen konnten. Einige von den Weibern boten sich ihnen als Bettfrauen an, aber sie lachten, gebrauchten sie und stießen sie dann weg. Dann verbrannten sie auch die Stadt. Sie wunderten sich über die vielen steinernen Häuser, die es hier gab. Als die Nordmänner wieder in See gegangen waren, weinten die Bürger, denn vorher hatten sie keine Klage gewagt, weil sie sich vor den scharfen Augen der Nordmänner fürchteten, und die Weiber machten ihnen Vorwürfe, denn der Bürger waren wohl dreißigmal mehr, wie der Fremden. Darauf aber gingen sie fleißig an die Arbeit, löschten und räumten den Schutt weg, bauten neue Häuser, und saßen wieder emsig hinter ihren Webstühlen. Als nun die beiden Söhne des ermordeten Grafen nach Hause kehrten, nachdem sie alles gesehen hatten, sprach der ältere: »Nun sind wir die Erben von unseres Vaters Gut, und ich folge ihm in Amt und Land, du aber nimm dir die Hälfte des Schatzes für dich, denn ich will gerecht sein.« Erwiderte der junge: »Dein Wort ist trefflich, denn ich gedenke nicht, bei dir zu versitzen. Vorher aber müssen wir unseren Vater rächen.« Hierüber lachte der ältere. Der junge aber, da er diese Gottlosigkeit merkte, faßte einen heftigen Gram, zog sein Schwert und erstach seinen Bruder. Der junge Herr, welcher Konrad hieß, ging zu seiner Sippe und tat ihr das Geschehene kund. Er sagte aber, er wolle nur den dritten Teil des Wehrgeldes erlegen, denn wenn ein Fremder seinen Bruder erschlagen hätte, so müßten ihm, als dem Nächsten, doch zwei Dritteile werden. Dieses fand die Sippe gerecht und nahm willig siebzig Sols von ihm an. Darauf beschied ihn der Bischof zu sich und sprach: »Konrad, du weißt, daß du die göttlichen Gebote übertreten hast. So du reuig bist, sollst du dreißig Sols an die Kirche bezahlen und ein Jahr lang Kirchenbuße tun, und das Erbe des Ermordeten herausgeben in den Schatz des heiligen Joseph.« Herr Konrad sprach: »Ich verspüre keine Reue, denn ich habe gerecht gehandelt an einem Gottlosen; auch will ich nicht Kirchenbuße tun, denn ich bin ein vornehmer Mann und des Königs Knecht, und übel stünde mir, mich vor dem gemeinen Volk zu erniedrigen. Was meines Bruders Nachlaß betrifft, so bin ich dessen rechtlicher Erbe, denn er keinen weiteren Verwandten hatte außer mir; aber ich will mit gutem Willen die dreißig Sols geben, da ich wohl weiß, daß Gott solche Tat verboten hat.« Antwortete der Bischof, wie daß er für die Kirchenbuße Geld bezahlen könne, und solle er sich freikaufen durch hundert Sols; aber von der Reue könne er ihn nicht lossprechen, und auch des Bruders Erbteil müsse er herausgeben. Sprach der Herr, daß er auch noch die hundert Sols zahlen wolle, aber in dem Andern müsse es bei dem sein Bewenden haben, was er gesagt, denn Reue verspüre er nicht, könne er auch nicht verspüren um solche Tat, seines Bruders Erbe aber sei sein rechtliches Eigentum, und er wolle seinen künftigen Kindern nichts verschleudern, vielmehr noch zugewinnen. Also schieden sie in Unfrieden. Hierauf nahm Herr Konrad Gefährten an und kaufte ein Meerschiff zur Verfolgung der Nordmänner. Und fuhr lange Zeit hinter ihnen her an der Küste, denn sie stiegen überall aus, wo Wohnungen von Menschen waren, mordeten, sengten und raubten; es wurde auch eine Rede von ihnen berichtet, daß bei den Franken viel Gold zu gewinnen sei, aber keine Ehre, denn ihre Männer seien mutloser wie bei ihnen daheim die Weiber. So gelangte er an die Mündung der Sequana, welchen Fluß sie hinaufgefahren waren, mitten in das fränkische Land hinein. Hier wollte Herr Konrad die Rückkunft der Nordmänner erwarten. Als aber gemeldet war, daß die Schiffe kamen, wurden seine Gefährten plötzlich von großer Angst befallen, beredeten sich unter einander und entflohen heimlich. Da sah nun Herr Konrad, daß er allein geblieben war, wappnete sich und nahm sein gehärtetes Schwert, welches Eisen zerschnitt, ging zu den Nordmännern und sprach zu ihnen alles, nämlich, daß sie seinen Vater gemordet, der ihnen nichts zugefügt habe, und er habe ein Meerschiff ausgerüstet, um sich an ihnen zu rächen, aber daß seine Leute geflohen seien. Deshalb sehe er kein anderes Mittel, als daß er mit ihrem Könige im Einzelkampf fechte. Als die Nordmänner seine Rede gehört hatten, fanden sie, daß sie gerecht war, und ihr König sagte: Ja, er wolle mit ihm kämpfen. Er war aber der stärkste von den Nordmännern und hatte in ihrer Heimat einen Drachen getötet. Sie setzten nun den andern Tag fest für den Kampf, luden den Herrn Konrad zu sich ein, und er aß an ihrem Tisch, weil es schon spät war, blieb auch die Nacht bei ihnen. Ihr König aber wußte, daß ihn Herr Konrad überwinden würde und sprach zu seinen Männern, daß sie ihn nicht rächen sollten an dem Jüngling, vielmehr sollten sie ihn bitten, daß er ihr König werde nach ihm. Denn sie waren nicht eines Stammes, sondern hatten sich zusammengefunden aus vielen Teilen ihres Landes und hatten Blutsbrüderschaft gemacht untereinander und ihren König gewählt, welcher ihnen der tauglichste schien. So kämpften nun die Herren am andern Tage, und die Schwerter klirrten aufeinander und sprühten Funken; die Nordmänner aber standen im Kreise und staunten über beide, ihren König und den Fremden. Des Herrn Konrad hartes Schwert schnitt dem König die Hälfte des Helmes weg, da sagte dieser: »Das muß ich loben, du hast ein gutes Schwert, denn sonst führen eure Helden wohl gutes und reines Gold, aber schlechtes und weiches Eisen.« Und nachher traf ihn Herr Konrad über die Wange und schlug ihm den Kinnbacken durch, also, daß ihm die Zähne aus dem Mund fielen und die Zunge war ihm durchgeschnitten, und von dem großen Schmerz umdunkelten sich ihm die Augen und er stürzte zur Erde. Da kniete Herr Konrad auf ihn, setzte ihm sein Messer an den Hals und wartete, bis er wieder zu sich kam. Dann fragte er ihn: »Wie willst du sterben?« Antwortete der König durch Zeichen: »Du sollst mir den Blutaar ritzen, wie ich mit deinem Vater getan habe.« Dies vollführte Herr Konrad und rächte also seinen Vater. Da kamen die Nordmänner zu ihm, sagten, was der König geredet hatte am Abend, und lobten seine Kraft. Er aber bedachte sich, daß zu Hause ihn der Bischof verfolgen werde und mit dem Bann belegen, und daß er viel Ruhm und Gold gewinnen konnte, wenn er tat, um was diese ihn baten. Deshalb sagte er ja. Als er das gesagt hatte, sprach' ein Alter: »Es geht ein Wort bei uns, im Südreich vermögen die Männer nicht zu geben und die Frauen nicht zu verweigern: Deshalb wollen wir eine feste Übereinkunft treffen, auf welche Weise die Beute verteilt werden soll. Denn wir haben zwar gesehen, daß du sehr stark bist, und vorsichtig, und ein hartes Herz hast, aber vielleicht bist du geizig.« Da fragte er, wie es seither gehalten, und als er das gehört, antwortete er, daß es so bleiben solle. Des toten Königs Gut aber hieß er sie beiseite legen, da er eine einzige Tochter zu Hause hatte; der sollte es werden, damit sie einen starken Helden heirate und tüchtige Kinder gebäre. Hierüber lobten ihn die andern sehr und freuten sich, daß er gerecht und mild war. Nun fuhren sie weiter die Küste entlang und gewannen viel Gold und großen Ruhm, und in allen Ländern wurde von ihnen gesprochen. Aber sie hatten doch Sehnsucht, mit stärkeren Leuten zu kämpfen, und hofften, wenn sie nur immer weiter segelten, so kämen sie wieder zu tüchtigeren Völkern. Herr Konrad indessen freute sich seiner Männer und schenkte ihnen viel. Er dachte, daß ein Freundloser irrt auf seinem Wege und des Mannes Freude ist der Mann. Denn wer an Schlechte gerät, wenn er nicht weise ist und sie beschwatzt, der erntet wohl eitel Undank; aber die Guten muß ein Mann haben, sonst weiß er nicht, wozu er lebt; auch lernet ein Mann vom andern im Gespräch. Nun wußte er wohl, daß Gott verboten hatte zu morden und zu rauben, und daß er nachher solche Sünden nur vergab, wenn der Sünder sie bereute und an die Kirche Buße zahlte. Aber er wußte nicht, wie er seine Taten sollte bereuen können, denn er war stolz, daß er in jungen Jahren schon so viel Ehre, Ruhm und Gold gewonnen hatte. Darüber sprach er mit seinen Männern, welche Heiden waren. Diese sagten, allzu große Weisheit tauge nicht, denn wer zu viel weiß, dessen Herz sei wenig froh und er habe es nicht leicht im Leben. Aber wer ein Recke sein will, der muß fröhlich sein. Deshalb solle er sich freuen und über solches nicht nachdenken; und vielleicht sei es auch eine Lüge, daß es nach dem Tode ein höllisches Feuer gebe für die Helden, denn sie hätten nichts davon gehört, sondern wüßten nur von Wohlleben und frohem Kampf. Etwas bestimmtes wisse zwar keiner, und deshalb meinten sie, jeder solle zufrieden sein, daß er lebt, denn wenn er tot sei, so könne er nichts mehr gewinnen. Herr Konrad dachte am Ende, es gebe verschiedene Menschen, wie das Blut sei. Der einen Blut sei träge, weil die Eltern immer bei gemeiner Arbeit gewesen sind, und die haben Angst und Reue, was sie auch schaffen, aber sie arbeiten viel und sind fleißig. Der andern Blut aber sei dünn, weil ihre Eltern Herren waren, ritten, jagten und kämpften, und deren Freude sei die Waffenarbeit. Aber dafür, von diesen oder andern Eltern abzustammen, könne keiner, und deshalb lasse sich nichts dawider tun, wenn er für solches in die Hölle komme. So fuhren sie nun immer weiter und kamen endlich in ein Land, wo die Leute den Propheten anbeteten. Hier beschlossen sie, sich eine Weile auszuruhen, und deshalb gingen sie nicht als Feinde an das Ufer, sondern fuhren in einen großen Hafen mit vielen Schiffen, und gingen zu dem Vorsteher dieses Ortes, erzählten ihm ihre Taten, und daß sie sich hier ruhen und ergötzen wollten. Derart verharrten sie eine Weile. Es kam aber ein maurischer Fürst, der von ihnen gehört hatte, bot ihnen großen Sold an und fragte, ob sie ihm dienen wollten. Die Männer hatten wohl Lust, Herr Konrad aber sehnte sich, wieder seiner Mutter Sprache zu hören, und nach der frischen Luft in seiner Heimat und den grünen Wiesen und Wäldern. Deshalb teilten sie, was sie erworben hatten, nach gerechtem Maßstab, und er entließ sie mit gutem Willen. Nun hatte er dort einen Juden getroffen, welcher ein großer Gelehrter war und wußte, was die verschiedenen Völker meinten über die göttlichen Dinge. Dieser sprach zu ihm: »Wohl ist es durch deinen Glauben verboten, Menschen zu töten. Aber bekenne, daß du nur Christen gemordet hast?« Herr Konrad sagte: »Ja.« Da fuhr der Jude fort: »Manches, was bei den Christen ein böses Werk ist, das ist ein gutes für die Jünger des Propheten, und umgekehrt. So hat der Prophet geschrieben, daß ein Muselmann, welcher Christen tötet, in den Himmel kommt und ihm viele Sünden um diese Taten vergeben sind; ja, ein solcher darf selbst Wein trinken ungestraft. Nun kenne ich einen reichen Mann hier, welcher ein üppiges Wohlleben führt, aber sein Gewissen ist häufig geängstigt, denn er übertritt oft des Propheten Gebot, ohne ein Kämpfer zu sein. Mit diesem will ich sprechen, wenn du willst und mir eine Erkenntlichkeit versprichst, und will ihm sagen, du wollest ihm deine Werke schenken, welche für dich böse sind, für ihn aber gute, und er soll sie annehmen, als wären sie seine; so entrinnt ihr beide der Höllenstrafe und gelangt jeder in seinen Himmel, du in deinen christlichen und jener in seinen muselmännischen.« Herr Konrad fragte den Juden, ob das wahr sei, was er ihm gesagt habe, und da dieser versicherte: »Ja, es ist wahr,« so bedachte er sich lange, denn in der Fremde ist Vorsicht vonnöten, und der Leichtfertige wird betrogen. Darauf sprach er: »Wenn meine bösen Werke gute Werke sind für den Muselmann, so will ich dir keine Erkenntlichkeit geben, weil du den Handel vermittelst, und will sie ihm auch nicht umsonst lassen; denn sie haben mich viel Arbeit und Blut gekostet; sondern er soll mir ein Billiges zahlen für jeden Mann, welchen ich getötet habe, mag es nun im Feldkampf gewesen sein, oder beim Überfall, oder auch bei der Plünderung; Weiber und Kinder habe ich nicht getötet.« Und wiewohl der Jude viel auf ihn einredete, sich auch verschwor, solches Geschäft sei nie zuvor gemacht und es gäbe gar keinen Preis für gute Werke, er aber wolle sich nicht umsonst mühen, so blieb Herr Konrad doch bei seiner Meinung und sprach: »Ich wäre ein Tor und kein ordentlicher Mann, wenn ich mich beschwatzen ließe, denn da du ein Gelehrter bist, so kann ich dir nicht erwidern auf deine Reden. Deshalb will ich nichts weiter sagen, als daß ich bei meinem Willen beharre; willst du aber nicht, so will ich schon selbst einen solchen Mann finden, wie du beschrieben, denn es muß deren unzählige hier geben, weil ich viele seidene Gewänder hier sehe und köstliche Häuser mit durchbrochenem Zierwerk, verschlossen nach außen, damit sie ihre Üppigkeit verbergen können.« Auf dieses redete der Jude zwar noch viel, da aber Herr Konrad auf seinem Willen beharrte, gab er endlich nach und handelte mit ihm um die Geldsumme, welche er für seine bösen Werke bekommen sollte; kam auch endlich mit ihm überein und zahlte ihm sein Geld ehrlich aus, wiewohl mit vielem Klagen und Weimern. Als dieses geordnet war, gedachte Herr Konrad der Rückkehr. Er wollte sich aber nicht in Stavern heimisch machen, an dem Orte seines Vaters, denn er meinte, genug Ehre und Gold gewonnen zu haben, und das Meer war ihm ein Abscheu. Ging deshalb nur in seine Heimat, um sein Erbe zu holen, welches er dort vergraben hatte, und wendete sich dann in die Gebiete der Sachsen, welche König Karl, neulich bezwungen hatte, weil dort Land und Leute zu guten Bedingungen zu bekommen waren, und hoffte hier ein Haus zu bauen, wo seine Nachfahren immer wohnen konnten, Leute beherrschen und seiner gedenken. Erwirkte sich daher einen Brief vom König und suchte am Harzwalde, an der äußersten Grenze der Christenheit; denn in dem schwarzen und steinigen Walde trieben trotzige Heiden ihr Wesen. Es gab hier aber guten und fruchtbaren Boden für allerhand Getreide und ein großes Weideland. Die Einheimischen waren ein ungebildetes Volk, aber treuherzig; und da er ihnen in die Hand versprach, sie sollten nichts fürchten von ihm, und er wolle ihr Fürsprecher sein beim König, so gingen sie ihm freundlich zu Hilfe und traten ihm Knechte ab und Mägde gegen geringes Geld, welche er ansiedeln wollte, damit sie seine Äcker bearbeiteten. Und weil hier viel Holz wuchs, so bauten die bald ihre Katen, und ihm richteten sie auf einem freien Hügel sein Haus aus dicken Baumblöcken mit Keller, Küche, Sommerstube und Winterstube und Schlafkammer, und zur Seite einen starken Turm, dessen unterer Stock war aus dicken Bruchsteinen mit gutem Mörtel bereitet. So hauste er nun hier als ein treuer Herr und freute sich des Fleißes seiner Knechte, welche Bäume brannten und rodeten und emsig den Pflug führten; und er sah von oben die langen und schmalen Feldstreifen mit Roggen und Buchweizen und lustiger Leinsaat, die blau war wie der Himmel, und wenn ein leichter Wind über sie hinzog, so war da ein silberner Schimmer. Auch ritt er gern auf die Weide zu den Rindern, die dort friedlich grasten und käuend in frommer Ruhe dalagen, sich auch etwa mit neugierigem Erstaunen um sein Hündlein scharten, welches er bei sich hatte, so daß es ängstlich sich zwischen die Beine des Pferdes rettete; dann lachte er herzlich und meinte, was die Kuh doch für ein dummes Tier sei. Wenn er aber zu Fuß war, was auch oftmals geschah, denn er hatte nur ein Roß, so pflückte er wohl ein Unkrautlein, das am Wege stand, mit zierlichen Blättchen, die regelmäßig geordnet waren, und mit einer lieblichen Blüte, besah es, und nahm es sorgfältig mit nach Hause. So hatte er nun Haus und Hof und alles, dessen der Mensch bedarf, und wünschte sich nichts weiter, außer, daß er in die Jahre kam, ein Weib heimzuführen. Er bedachte sich aber lange, ehe er dazu etwas tat; denn da sein Wesen in so guter Ordnung war und täglich zunahm, denn weder drückte er seine Knechte, noch ließ er sie üppig werden, und er hatte auch einen großen Schatz an Gold und Silber, und war selber jung, kräftig, wohlgebaut und von guten Sitten, so hoffte er, daß sein Geschlecht lange blühen werde und ordentliche Männer und Weiber hervorbringen. Und deshalb wollte er recht vorsichtig sein bei der Wahl seines Eheweibes, denn in der ganzen Reihe der Nachfahren wirkte des Weibes Blut nach, gleich des Mannes. Zuletzt fand er, was er suchte, bei einem Herrn, der gleich ihm sich hier seßhaft gemacht, und war ein guter alter Mann mit weißen Haaren, vor dem doch alle Furcht hatten. Ritt also zu diesem und wies ihm seine Umstände alle auf, welche der zwar schon kannte, und auch wußte, daß er ein Held war und tugendhaften Gemütes. Deshalb sprach er mit Freuden ja, rief seine Tochter und verlobte sie ihm, und nach kurzem machten sie Hochzeit. Und wie sie nun zusammen lebten in Eintracht, Liebe und großer Zufriedenheit, bekamen sie viele und schöne Kinder, Knaben wie Mädchen, welche fast alle groß wurden zu ihrer Freude; die Mädchen wurden reich ausgestattet und heirateten tüchtige und reiche Männer; und die Knaben gingen in Königsdienst, kamen weit herum in der Welt und gelangten zu Ehren und Reichtum; der jüngste aber ging zurück zu den Eltern und übernahm die Burg und die Knechte seines Vaters und heiratete eine gute und treffliche Frau, welche die alten Eltern hochhielt; und diese erfreuten sich an fröhlichen und gesunden Enkelkindern und starben als ganz alte Leute. Warum leben denn nur die Menschen! Paul war ein junger Mann und der einzige Sohn begüterter Eltern, welche früh das Zeitliche gesegnet. Des Vaters erinnerte er sich als eines tadellos gekleideten, kränklichen, hochgewachsenen und überarbeiteten Menschen, der selten sprach, sehr streng mit dem Knaben war und ein starres und hartes Pflichtgefühl besaß; der Mutter als einer blassen Dame mit schwärmerischen Augen, welche sehr viel las. In der frühesten Kindheit Pauls geschah es, daß er zu den Füßen seiner Mutter saß, und sie ihn traurig ansah und die Worte sprach: »Warum leben denn nur die Menschen?« Diese Worte hatte er in kindlicher Weise mißverstanden und bei ihnen an den lieben Gott gedacht; dadurch hatten sie sich seinem Gedächtnis eingeprägt. Er war in den Staatsdienst getreten, seinem Vater nacheifernd, welcher von allen gerühmt wurde, die ihn gekannt, als ein besonders begabter und tüchtiger Mann, der sicher noch Großes erreicht hätte, wäre er nicht so früh gestorben. Zur Zeit war er Assessor und wurde auf dem Polizeipräsidium als Hilfsarbeiter beschäftigt. Bis dahin hatte er sein Leben ruhig und pflichtgemäß und ohne sonderliche Erregungen geführt, und in ihm war das Gefühl, daß man in anderer Weise gar nicht leben könne, wenn man nicht vielleicht ein Leichtsinniger sei und irgend eine gefährliche Leidenschaft habe, etwa für das Spiel oder die Weiber. Da erwachte plötzlich ein Trieb in ihm, welcher bis dahin mochte geschlummert haben, welcher derselbe war, der seine Mutter zu jenen Worten veranlaßt. Von irgend einem Gesangverein von Arbeitern wurde angenommen, daß er politische Absichten habe, und es war ihm daher verboten, eine gewisse Verbindung aufrecht zu erhalten, die er mit andern ähnlichen Gesellschaften eingegangen. Von Bedeutsamkeit war das Ganze nicht, denn die Leute hatten nur freiheitsdurstige Lieder gesungen und unter einander Reden über einen baldigen Umschwung aller Dinge gehalten, wie sie zu tun pflegen, um eine gewisse Bewegung in ihr langweiliges Leben zu bringen. Ein eifriger Polizeibeamter machte ihnen darauf allerhand Umstände und erließ auch jenes Verbot. Der Verein hatte gegen das Verbot Einspruch erhoben und dicke Beschwerdeschriften eingereicht, und so war von beiden Seiten viele Quengelei zustande gekommen. Jetzt hatten die Leute nun einen Ausschuß von drei Mitgliedern ernannt, welche Noten einkaufen sollten, für den Versammlungsort sorgen, und ähnliches; und da nun einmal ein Aktenstück über den Verein vorhanden war, so mußte der junge Assessor in dieser Sache irgend etwas verfügen. Wohl über eine Stunde brauchte er, um sich durch das dicke Bündel mit den verschiedenen Berichten, Eingaben, Verfügungen, Beschwerden, Entscheidungen, Depositionen, Klagen und Vorladungen durchzulesen. Dabei wurde ihm klar, daß hier wieder etwas geschehen konnte: denn der sogenannte Ausschuß durfte unzweifelhaft selbst wieder als Verein aufgefaßt werden, und wenn dieser, wie anzunehmen, politische Absichten hatte, so vermochte man ihm gleicherweise zu untersagen, mit andern Vereinen, also auch dem eigentlichen Gesangverein, in Verbindung zu treten. Als der junge Mann auf diesen Gedanken gekommen war, da sah er zufällig zum Fenster. Gegenüber dehnte sich eine rote Ziegelmauer; ganz glatt und gleichmäßig dehnte sie sich, nach oben und nach unten, und nach rechts und nach links. Auf dem Fenster saß ein Sperling, der hastig mit dem Kopf ruckte; wahrscheinlich war das ein Ausdruck der Liebe zu einem nicht sichtbaren Weibchen. Da erwachte ganz plötzlich, ohne jede Vorbereitung, jener Trieb in ihm. Laut sprach er vor sich hin die Worte seiner Mutter: »Warum leben denn nur die Menschen!« Wie ein nächtlicher Blitzschlag für einen Augenblick eine weite Gegend erhellt mit Dörfern, Äckern, Wald, Wiese, Fluß und Burgruine, und der Zuschauer hat das ganze Bild im Geiste, so wurde ihm in diesem Augenblick sein ganzes Leben, Denken, Streben und Wollen klar gezeigt. Der Handel mit dem Gesangverein war ihm gänzlich gleichgültig; auch dem Vorgänger, welcher ihn angefangen, war es gewiß gleichgültig gewesen. Trotzdem hatte er selber, wie der Vorgänger, ihn mit großer Kraft verfolgt. Der Grund war, daß es nun einmal so ein Gesetz gab, welches politischen Vereinen verbot, miteinander in Verbindung zu treten, und die Ursache, daß er vom Staate vor diesen Tisch gesetzt war, um auf dem beschriebenen Bogen, welcher ihm vom Sekretär vorgelegt wurde, Verfügungen zu treffen; deshalb strengte er sich an, Auslegungen und Begriffsbestimmungen zu finden. Offenbar war das eine ganz maschinenmäßige Tätigkeit, und wenn man eine Maschine bauen könnte, welche aus den vorhandenen Gesetzen Schlüsse zöge auf die ihr vorgelegten Aktenstücke, so würde diese die Sache viel besser machen; denn alles, was menschlich war an dem Wesen, welches vor dem Aktenbündel saß, bedeutete ja eine Verunreinigung des Denk- und Verfügungsprozesses, Ehrgeiz oder Bequemlichkeit, Mitleid oder Quengelsucht, Großherzigkeit oder Angst und alle andern menschlichen Eigenschaften. Hierüber bekam er ein heftiges Mitleid mit sich selbst; und die rote Backsteinwand vor seinem Fenster verursachte ihm ein Gefühl, als sei er nur ein elender Sklave. Deshalb beschloß er, seinen Dienst aufzugeben. Nun verkehrte er häufig im Hause eines reichen Oheims, der mit seiner Frau und einer einzigen Tochter unweit seiner Straße wohnte und sich in derselben Laufbahn befand wie er, natürlich auf einer weit höheren Stufe. Diese Tochter lachte immer über ihn, wenn er kam; denn sie war ein lustiges und rotbackiges Mädchen und er fühlte sich immer verlegen vor ihr. An jenem Tage ging er zu dem Oheim, fand aber nur die Tochter zu Hause. Diese fragte er, weshalb sie ihn immer auslache. Darüber wurde sie sehr rot, und dann sagte sie trotzig, daß das niemanden angehe, wenn sie heiter sei. Er sprach dann in ganz verlegener Weise, er denke immer, daß er etwas Lächerliches an sich habe. Da traten ihr die Tränen in die Augen, und sie hängte sich an seinen Hals und sagte, daß sie ihn liebe. Bei diesen Worten wurde ihm klar, daß er sie auch liebte, und dann dachte er, daß er ihr einen Kuß geben müsse (sie aber hatte ihn schon geküßt). Über diese Versuche lachte sie wieder und entschlüpfte aus seinen Armen, dann setzte sie sich auf den Tisch, baumelte mit den Beinen, und erklärte ihm, daß er einen ganz ungeschickten Schneider habe; plötzlich aber weinte sie wieder, und sagte, wenn er sie nicht lieb gehabt hätte, so hätte sie sterben müssen, und sie wolle ihm in allem folgen als seine Frau und gehorsam sein, und sie möchte ein kleines Hündchen sein, dann könnte sie doch immer bei ihm bleiben und zu seinen Füßen liegen. Über diese Reden zog in sein Herz ein wohliges Gefühl, und er schien sich sicher und geborgen, wie in einem guten und warmen Hause, wenn es draußen stürmt, und Dankbarkeit und Liebe wallten in ihm über, und er hätte mögen ihre Hand fassen, die Augen schließen, und traumlos in einem großen Dunkel schiffen. Inzwischen kamen des kleinen Mädchens Eltern, und sie sprang ihrer Mutter entgegen und verbarg ihr Gesicht an deren Brust. Die Eltern wußten gleich das Geschehene aus den Mienen und freuten sich herzlich. Nun wurde über die Zukunft des jungen Paares gesprochen, von Vermögen, Dienst und Beförderung, Wohnsitz, Einnahme und Verbrauch. Da stieg es ihm lähmend ins Herz, und es überfiel ihn eine große Angst und Befangenheit. Er sprach heimlich zu seiner Braut von seinen Gedanken, daß er den Dienst verlassen wolle. Sie küßte ihn und erwiderte, sie sei mit allem zufrieden, und was er tue, sei ihr recht. Aber er merkte wohl, daß sie sich bezwang, das zu sagen, und ihn drängte es, ihr zu antworten, er wolle seinen Plan aufgeben und lieber das tun, was sie mehr liebe. Er überwand zwar diesen Drang, aber nun fühlte er, daß sie einen Ausdruck von großer Dankbarkeit von ihm erwartete, dessen er jedoch nicht fähig war. So schieden sie in einer sonderbaren Erkältung. Da kam ihm sein Gefühl wieder: Warum leben denn nur die Menschen? und es wurde ihm wieder klar, mit allen geringen Einzelheiten, daß er immer Unfreiheit fühlen werde, wenn er verehelicht sei, und daß irgend etwas in ihm gegen diese Unfreiheit ebenso stark ankämpfe, wie gegen das Sklaventum seiner bisherigen Tätigkeit. Schon jetzt war eine starke Fessel geschaffen, denn als er sich bedachte, wie er das Verhältnis zu der Base lösen könne, fühlte er große Schmerzen einer schwierigen Aufgabe. Trotzdem aber löste er es. Nachdem er nun von Braut und Amt frei geworden, beschloß er, ein vom Vater ererbtes Gut zu übernehmen, um es selbst zu bewirtschaften, das bis dahin verpachtet gewesen war. Am ganz frühen Morgen ritt er über seine Felder; an den jungen Halmen hingen die blitzenden Tautropfen, das Pferd schnaubte fröhlich, und ihm war, als stiege er in einer frischen und reinen Luft, immer weiter über die wellige Saat mit dem blitzenden Tau. Sein Herz dehnte sich vor Stolz und Freude, und er fühlte eine sonderbare Kraft und Lust. Ganz unbegreiflich war es ihm, wie er selbst und sein Vater hatten solche Toren sein können, eine sinnlose Sklavenarbeit in einer staubigen Schreibstube zwischen den Mauern einer stinkenden Stadt diesem Herrenleben vorzuziehen. Er dachte lange darüber nach und fand am Ende keinen weiteren Grund, als bloße Gedankenlosigkeit, daß die Menschen nämlich ohne Prüfung sich in der Richtung irgendeines Anstoßes treiben lassen, den sie durch einen Zufall empfangen haben; nachher wundern sie sich, daß sie sich unglücklich fühlen und stellen die Frage: Warum leben denn nur die Menschen; diese Frage schien ihm jetzt ganz einfältig. Indessen entstanden Schwierigkeiten aus dem Verhältnis zu den Leuten. Die angesessenen Arbeiter hatten seit undenklichen Zeiten von Vater auf Sohn hier auf dem Gute gewohnt und erwiesen ihm in der ersten Zeit eine treuherzige und zutrauliche Verehrung, denn sie dachten, daß es ihnen in allem besser gehen werde, wenn der Herr selber wirtschafte. Aber er konnte sich nicht recht in den Ton hineinfinden, welcher nötig war, und den er wohl kannte, denn er war, wider seinen Willen, einerseits zu höflich, andererseits zu wenig herzlich; und nach kurzer Zeit wurden die Leute verdrossener und weniger offenherzig und achtungsvoll; sie betrogen ihn, sagten ihm die Unwahrheit und machten sich untereinander über ihn lustig. Noch schlimmer ging es mit den polnischen Arbeitern. In den ersten Tagen seiner Anwesenheit waren die fremden Arbeiter angekommen; auf Leiterwagen waren sie mit ihren Koffern von der Bahnstation geholt; dann kommandierte ihnen der Vorarbeiter, und sie stellten sich in einer geraden Reihe auf, wie die Soldaten, Burschen und Mädchen, jeder sein Bündel vor sich. Der Arzt ging die Reihe entlang, alle streckten die Zunge aus und hielten die linke Hand vor, und der junge Doktor, mit rotem Gesicht und vielen Schmissen, besah die Zunge und befühlte den Puls, während er die Reihe entlang ging. Hinter ihm her schritt der Verwalter und forderte die Versicherungskarten ein. Zuweilen hielt ein Bursche oder Mädchen die Hand ungeschickt hin, dann schimpfte der Doktor; die nächststehenden Leute lachten verlegen, die ferneren blieben stumpfsinnig. Der junge Herr hatte über diesen Vorgang ein eigenes Gefühl, welches so heftig war, daß er nicht auf dem Hofe bleiben konnte; er ging in seine Stube. Als er hier sich dieses Gefühl überlegte, da merkte er, daß er sich geschämt hatte. Darüber wunderte er sich sehr, noch mehr aber beunruhigte er sich, und in diesem Augenblick schien ihm plötzlich, als sei die Verwaltung seines Gutes eine ungeheuer schwere Last, die er nicht bewältigen könne, die ihn merkwürdigerweise aber auch eigentlich gar nicht anzugehen schien. In den ersten Tagen vermochte er nicht recht die polnischen Arbeiter zu behandeln; er scheute sich aber vor seinem Verwalter, überwand seinen Widerwillen, und sprach zu ihnen in demselben groben und verächtlichen Ton, mit dem sie von allen angeredet wurden, und der sie gar nicht zu beleidigen schien. Nun geschah es, daß er auf eine Rübenbreite ging, wo verhackt werden sollte. Schon von weitem sah er die Reihe der Arbeiter, an der Stelle aber, wo die überflüssigen Kleidungsstücke und das Frühstück niedergelegt waren, traf er ein weibliches Wesen auf dem nassen Boden liegend, welches die Beine unter sich gezogen und den Rock über den Kopf geschlagen hatte. Er stieß sie mit dem Fuße an und rief ihr zu, weshalb sie nicht arbeite. Da schlug sie den Rock zurück und sah ihn mit zwei fieberglänzenden Augen mit ganz großen Pupillen an, sagte nichts, sondern richtete nur ihre entsetzlich traurigen Augen auf ihn. Da hatte er ein Grauen; er bezwang sich, ging zu den Arbeitenden und hörte hier, daß das Mädchen plötzlich erkrankt sei; der Aufseher schwatzte noch allerhand, brachte auch Anliegen vor, ihm aber war, als schüttle es ihn, und er konnte den Gedanken an diese Augen nicht los werden. In Eile ging er nach Hause, schloß sich in seinem Zimmer ein, und wanderte auf und ab in Gedanken und Furcht. Daß er ganz allein in der Welt sei, hatte er schon lange gewußt; aber heute zum ersten Male machte ihm das schauerlich. Er war wie auf einer engen Felsenklippe in den feindlichen Meerwellen; hinter all dieser scheußlichen Demut der Leute lauerte doch die erbitterte Feindschaft; ihm selber aber waren die Menschen gänzlich gleichgültig, dieses Land gleichgültig, dieses Haus, sein ganzes Leben; und nur, wenn er des Morgens über die Felder ritt, da war etwas, was seinem Herzen wohl tat. Rechnete er die Löhne ab und was ihm gestohlen wurde, und dazu die Zinsen für die Hypothek, so blieb ihm als Ertrag seines Gutes gerade so viel, wie er selbst für sich allein persönlich verbrauchte; das war vielleicht das Dreifache von dem, was ein Tagelöhner bei ihm hatte; aber er hätte auch noch einfacher leben können, ohne irgend welches Opfer. Und darum mußte er auf einer einsamen Klippe stehen und sich Sorgen machen um sich und seine Leute und sich langweilen in Gleichgültigkeit! Ja, warum leben denn nur die Menschen?! Da kam ihm der Gedanke, sich auf die Eisenbahn zu setzen und irgend wohin in eine ferne Gegend zu fahren, wo ihn kein Mensch kannte. Er gab seinem Verwalter die Anweisungen, ließ den Kutscher anspannen, fuhr zum Bahnhof, löste für den nächsten Zug eine Karte. Nachdem er viele Stunden gefahren war von Mittag bis zum andern Morgen, stieg er aus, bei einer kleinen Station, und ging aufs Geratewohl auf der Landstraße. Nach einer Weile holte er einen Stromer ein. Dieser begann ein Gespräch mit ihm. Er hatte zerrissene Stiefel und zerlumpte Kleider und ein aufgedunsenes Gesicht eines Säufers. Bald fing er an, sein Leben zu erzählen in einer seltsamen Mischung von Wahrheit und phrasenhafter Lüge; es schien ihm der Sinn für den Unterschied von beidem verloren gegangen zu sein. Er sei von gutem Herkommen und der Sohn eines Professors. Als Beweis sagte er den Anfangsvers der Ilias in griechischer Sprache her. Er habe studiert und sei Gymnasiallehrer geworden. Da sei plötzlich das Bewußtsein vom Unwert alles Daseins über ihn gekommen, als er nämlich durch Zufall das Rhinozeroslied gelesen, ein berühmtes altbuddhistisches Lehrgedicht. Das habe ihn so unruhig gemacht, daß er wie wahnsinnig herumgegangen sei, bis er gefunden habe, daß die Unruhe gestillt wurde durch Trinken. Dann hätten ihn schlechte Menschen verklagt, und er habe seine Stelle verloren und sei zuletzt Landstreicher geworden; als solcher aber fühle er sich endlich glücklich, und wenn er nicht in seiner früheren Zeit sich den Trunk so angewöhnt hätte, daß er nicht mehr von ihm lassen könne, so würde er jetzt das allerwünschenswerteste Leben führen. Dann trug er mit branntweinzerstörter Stimme vor: »Vater und Mutter verlassend, die Gattin auch und die Kinder, Reichen Güterbesitz, Korn und Verwandte und, was Sonst auch ein Gegenstand ist, nach dem die Menschen verlangen, Wie das Rhinozeros schweift einsam, so wandre allein. Schlingen die alle nur sind, Glück ist darin nicht zu finden, Freude bringen nicht oft, Schmerz desto häufiger sie; Was die Angel dem Fisch, sind sie dir; solches erkennend Wie das Rhinozeros schweift einsam, so wandre allein. Hast du die Bande zerrissen, bist durch das Netz du gebrochen, Wie sich im Wasser ein Fisch aus der Gefangenschaft löst: Kehre so wenig zurück wie zur Brandstätte das Feuer; Wie das Rhinozeros schweift einsam, so wandre allein.« Dieser Vortrag wirkte mit einer peinlichen Läppischkeit. Der Gutsbesitzer schwieg und ging schneller. Aber der Stromer beschleunigte gleichfalls seinen Gang. Nachdem auch er eine Weile geschwiegen hatte, begann er von neuem und verglich die Menschheit mit einem Ameisenhaufen, und behauptete, es komme nicht darauf an, ob jemand auf den Haufen trete und Hunderte von den Tieren töte. Dann bettelte er ihn unvermittelt an. Der andere suchte nach seiner Geldtasche und fand sie nicht; er hatte sie wohl irgendwo liegen lassen; unter dem höhnischen Blick des Stromers wurde er verlegen; da fing dieser an zu schimpfen und sagte, er wolle ihn doch nicht umsonst unterhalten haben, und es sei eine Lüge, daß er kein Geld bei sich trage. Paul ging auf die andere Seite der Landstraße, der Stromer folgte ihm mit drohenden Worten. Da faßte er seinen Stock fester, trat vor ihn hin und sagte ihm, daß er selbst der Stärkere von ihnen beiden sei. Der Stromer warf ihm einen schiefen Blick zu und blieb hinter ihm; als er nach einer Weile zurückblickte, sah er ihn am Grabenrand sitzen und stumpfsinnig vor sich Hinsehen; und er wußte, wenn er jetzt umkehrte und an ihm vorbeiginge, so würde der Mensch gleichmütig die Hand ausstrecken und ihn nochmals anbetteln. Dabei wurde es ihm klar, daß dieser Mann wirklich glücklich war. Es gab wohl für jeden eine bestimmte Art zu leben, bei welcher er glücklich wurde, nur schien es doch recht schwer zu sein, die zu finden. Merkwürdig war, daß die Menschen doch leben wollten, auch wenn sie ihre Art nicht fanden. Da ihm dieser Gedanke in derselben Form lange im Kopfe verharrte, ohne daß er weiter kam, so wurde er endlich ganz müde. So fuhr er nach Berlin zurück und kam mit dem Vater seiner früheren Braut zusammen. Dieser war sehr einsichtsvoll, behauptete, daß einem natürlich unser Leben nicht genügen könne, so lange man jung und kraftvoll sei, es gebe aber nur ein Mittel gegen die Schwermut, welche aus diesem Umstand entstehe, daß man nämlich heirate und dadurch Ärger und Sorgen bekomme in Beziehung zu Menschen, die man lieb habe und gewissermaßen für Teile seines Selbst halte; und dazu müsse man eine Arbeit leisten, welche ja töricht sein könne, aber doch allgemein geachtet sein müsse. Und da er nun gar nicht wußte, was er eigentlich tun sollte, so befolgte er diese Ratschläge und tat dasselbe wie alle andern Menschen, indem er sich nämlich treiben ließ. Lionora Salvucci Oben auf einem hohen und freien Berge liegt das Adelsstädtchen San Gemignano mit den schönen Türmen, ungefähr dort, wo die Gebiete von Florenz und Siena einander berührten. Hier ragten innerhalb der Stadtmauern, welche etwa dreitausend Menschen umfassen mochten, siebzig graue viereckige Türme, aus schweren Quadern erbaut, an den Giebeln fester Ritterhäuser mit spitzigen Dächern in den leuchtenden Himmel, mit zackigen Zinnen alle, und viele mit einem schweren Wehrgang, der auf gemauerten Halbbogen oben weit auslud über die senkrechten, unerschütterlichen, wie zu einem Stück gegossenen Mauern. Die mit schweren und großen Steinplatten gepflasterten Straßen waren eng, so daß ein Knecht mit quergehaltenem Speer die gegenüberliegenden Häuser ober Türme berühren konnte. Viele, viele Meilen weit sah man auf dem Gipfel des Berges die schweren himmeltrotzenden Türme aufsteigen und weit ins Land hinein blickte man von diesen wuchtigen Zinnen und felsenhaften Wehrgängen, die auf so engem Raume beieinander in der freien Luft waren, daß Leute, auf den entferntesten stehend, sich mit der Stimme erreichen konnten, auf vielen sich in gewöhnlichem Ton zu besprechen vermochten, wenn sie anders sich freundlich gesinnt waren, und nicht an Armbrustschüsse zwischen nahe gesehene Augenbrauen dachten, und an brennende Fackeln, auf Dächer geschleudert, die wenige Schritte entfernt unter ihnen abfielen. Vor langen Zeiten hatten die Geschlechter, denen das Land gehörte, hier oben diese Stadtmauer gebaut für alle, und Brunnen gegraben, die Befreundeten zusammen, und die festen Häuser erhoben mit den rechtwinkligen starken Türmen, ein jedes für sich; und um den Trotz nicht in den Himmel wachsen zu lassen, hatten sie am Haus der Gemeinde einen Turm errichtet, welcher das höchste Maß sein sollte, das kein anderer übertreffen durfte. Und in den Häusern lebten die Geschlechter; da waren eisengepanzerte Herren, deren Rosse Funken schlugen auf den Steinplatten der engen Straßen und einen lauten Widerhall erweckten, und die von diesen Türmen ausschauten nach ihrem Landhaus in der Mitte ihrer Besitzungen, wo fleißige und treue Bauern für sie ernteten und kelterten, zarte Damen, welche in kühlen Zimmern saßen innerhalb der dicken Mauern hinter dem Webstuhl, Mägden befahlen und von Turnieren träumten, und wackeres Gefolge, welches an warmen Sommerabenden auf den Straßen stand oder in den Loggien oder auf dem Marktplatz, schwatzend, lachend, und mit den Waffen klirrend und sich gegenseitig höhnend. Denn auch hier war es so gekommen, daß sich zwei Parteien gebildet hatten, welche sich auf den Tod bekämpften und seit mehr als einem Jahrhundert in nicht unterbrochener Blutfehde lebten. Das Haupt der einen Partei waren die Salvucci, die andern wurden von den Ardinghelli angeführt. Viele offene und geheime Mordtaten waren schon geschehen, Brandstiftungen und Plünderungen, und ein Haß war zwischen den beiden Familien und ihrem Anhang, wie die Menschen ihn nur zu diesen Zeiten in ihrer Seele gebildet haben. Bei solchen Umständen erwuchs im Hause der Salvucci eine Tochter, namens Lionora, zu der Blüte von dreizehn Jahren. Zu dieser faßte ein reisiger Knecht ihres Geschlechtes eine heftige Zuneigung. Da er aber ein ehrenhafter Mann war und wohl wußte, daß es sich für ihn nicht ziemte, seine Augen zu der Tochter seiner Herren zu erheben, so verschloß er diese Leidenschaft lange in sich. Indessen konnte er sich doch nicht so bezwingen, daß die junge Herrin den Zustand seiner Seele nicht verspürt hätte. Deshalb wurde sie eine lange Zeit nachdenklich, faßte sich am Ende ein Herz, und sprach zu ihm folgendermaßen: »Du hast zwar tapfern Herzens versucht, dich zu verstellen, damit ich die Gesinnung nicht spüren sollte, welche du gegen mich hast; trotzdem aber habe ich wohl bemerkt, welche Gedanken du in dir bewegst. Zuerst war ich darüber verstört und gekränkt, denn ich bin, wie du wohl weißt, vornehmen Blutes, und Adelig und Gemein paaren sich nicht. Aber dann bedachte ich, daß wir nicht Herrn unseres Herzens sind, sondern wohin unser Herz will, dahin müssen wir uns wenden mit Liebe oder Haß; aber wir sind Herrn unseres Willens. Deshalb könnte ich dir wohl einen Vorwurf machen, wenn du einen unziemlichen Willen gehabt hättest und etwa der Meinung gewesen wärest, mich zum Weibe zu gewinnen; da das aber nicht war, du vielmehr dich redlich bemühtest, deine Liebe zu unterdrücken und zu verbergen, so kann ich dir gerechter Weise nicht zürnen. Ja, indem ich weiter nachdachte, fand ich, daß ich mich deiner Liebe sogar freuen kann. Denn ich weiß wohl, daß du ein edles und stolzes Herz hast; und nun haben wir zwar unsere Geburt ohne unser Zutun und können uns deren nicht rühmen; unsere Sinn aber schaffen wir uns selbst, und deshalb ist ein edles und stolzes Herz ein großer Ruhm. Ich aber, wenn mich ein solcher Mann liebt und wohl weiß, daß meine vornehme Herkunft mich zu hoch stellt für ihn, muß doch, auch ohne diese Herkunft eine Würdigkeit haben, durch welche ich solche Liebe verdiene; an welcher Würdigkeit ich oftmals gezweifelt habe, wenn ich von dem Heldenmut und der Größe meiner Vorfahren hörte, welche mir alles Gegenwärtige weit zu übertreffen schienen. Aus solcher Überlegung heraus sage ich dir, daß ich deine Liebe annehmen will, wenn sie weiterhin in ihrer Bescheidenheit verbleibt, und ich hingegen will dich lieben und vertrauen, wie einem leiblichen Bruder; will auch kein Geheimnis vor dir haben: und wenn es Gott fügen sollte, daß mein Herz sich in Liebe einem vornehmen Jüngling zuwendet, welcher meines Standes ist und gleichfalls seine Liebe auf mich richtet, so will ich das niemandem früher sagen als dir, auch nicht meinen Eltern und Blutsfreunden; denn solches verdienst du durch deine Ehrbarkeit und Treue.« Hierauf kniete der Knecht vor ihr nieder und dankte für ihre Huld, versprach auch, daß er sich immer so führen werde, daß er derselben würdig verbleibe. Nun wuchs zu dieser Zeit im Geschlecht der Ardinghelli ein Jüngling auf, welcher mit allen ritterlichen Tugenden geziert war, und dazu hatte er eine große und zärtliche Schönheit. Dieser erblickte am Feste des heiligen Patrons der Stadt im Dom Lionora zwischen ihren Verwandten, ihr Antlitz war in der gleichen Höhe wie das starre Gesicht der Madonna auf der großen Tafel von Meister Lorenzetti, welche so schmerzvoll süße Augen unter breiten Wimpern hat und einen so tief heimlichen Zug des Leidens um den kaum bewegten Mund. Und auch Lionora spürte den Pfeil des Liebesgottes in ihrem Herzen, denn Amor wollte, daß sich ihr rascher Blick kreuzte mit dem sehnsüchtigen Anschauen des Jacopo. Als aber die Feier beendet war und die Frommen den Dom verlassen hatten, sah Jacopo neben dem Bild der Madonna eine der weißen Blumen liegen auf dem Marmorboden, deren einen Kranz die holdselig lächelnde Lionora getragen. Die Türme der Häuser Lionoras und Jacopos waren von der gleichen Höhe, und die höchsten nach dem Turm des Gemeindehauses, dem sie nur um einen halben Schuh nachstanden; das hatte die Eifersucht der beiden Familien so gewollt. Sie erhoben sich in rechter Entfernung voneinander, durch die Breite des Marktplatzes geschieden. Zu dieser Zeit nun hatte Lionora die Gewohnheit angenommen, des Abends in der Kühle oben neben dem alten Knecht zu sitzen, der hier Wache hielt, in dem engen viereckigen, felsenumzogenen Raum, über welchem die stille Mondkugel schwebte. Jacopo hatte von seinem Turm aus ihr helles Haar neben einem der alten Steinblöcke gesehen, welche den Zinnenkranz bildeten. Deshalb, da er keinen andern Weg sah, ihr eine Mitteilung zu machen, stellte er jeden Abend einen großen Strauß jener weißen Blumen in eine Lücke seines Mauerkranzes, wo sie ihn erblicken mußte, wenn sie hinübersah. So tat er viele Wochen; und geduldig harrte er auf der engen Höhe des Turmes unter dem dunkelblauen Himmel und dem langsamen Umkreisen der Sterne. Am Ende aber erblickte er eines Abends auf Lionoras Turm an der entsprechenden Stelle zwei oder drei derselben Blümchen liegend; und jeden Abend wurden die erneuert, und oft sah er ihr zartes Gesicht von der Seite, mit gesenkten Wimpern und langfließendem Blondhaar, wie sie die Blümchen an ihren Ort legte. Lionora aber erinnerte sich ihres Versprechens, erstieg an einem Abend mit ihrem treuen Knecht den Turm, und nachdem sie den Wärter hinabgeschickt, begann sie zu ihm folgendermaßen: »Ich habe dir aus freiem Willen versprochen, zum Lohn für deine keusche und bescheidene Liebe, dir als erstem anzuvertrauen, wenn das erwünschte Glück sich mir nahte, daß ich Liebe faßte zu einem Mann, welcher mich als Gattin heimführte in sein Haus. Deshalb will ich dir auch so mein Geheimgehaltenes sagen, wiewohl zu meinem großen Unglück und Leiden der Liebesgott an mein Herz gerührt hat. Denn meine Gedanken haben sich zu Jacopo gewendet, welcher doch ein Feind unseres Hauses ist und nach Billigkeit von mir gehaßt werden müßte. Auch habe ich ihm geantwortet auf ein Zeichen seiner Liebe, jedoch mit großer Bekümmernis und Pein, denn ich weiß gewiß, daß unser beider Liebe nie zu ihrem erwünschten Ende kommen wird, vielmehr viel Blut und Jammer erzeugen.« Der fromme Knecht erschrak, als er diese Rede hörte, und erwiderte: »Wollte Gott, das blinde Schicksal hätte eurem Herzen eine Neigung eingegeben, der ihr folgen könntet, und ich dachte, mich von eurem Vater, meinem Herrn, loszubitten, daß ich dann eurem Manne diente. Nun aber sehe ich keinen Ausweg, denn ich weiß wohl, daß die schreckliche Macht der Liebe unüberwindlich ist und ein heftigeres Wüten zeigt in den Herzen der Vornehmen, welche gewohnt sind, nach ihrem Willen zu befehlen, denn eines Knechtes, der gelernt hat zu gehorchen und seinen Willen in eines andern Hand zu ergeben.« Hierauf sprach Lionora, und Tränen erfüllten ihre klaren leuchtenden Augen: »Ich gedenke nicht in Zügellosigkeit zu verfallen, denn nur die gemeinen Seelen streben nach Glück, sondern will in ein Kloster frommer Nonnen gehen und da meine Tage beschließen, weil ich meinen Jacopo nie werde ehelichen können und nicht mag eines andern Weib sein. Aber ich habe noch nie seine Stimme gehört, sondern nur sein stummes Bild gesehen vom weiten im Dom und unter dem Himmel. Deshalb will ich einmal mit ihm zusammen sein, damit ich weiß, welchen Klang seine Stimme hat; denn ich kenne seine Gestalt und seine Haare, und die Farbe seiner Augen und sein ganzes Gesicht, und seine Haltung, Gang und Tritt, und alles steht mir lebendig vor Augen, und wenn ich den süßen Ton seiner Stimme gehört habe, so werde ich den im Herzen behalten, und so wird er in meiner Erinnerung mir immer nahe sein, und wenn ich will, kann ich in meiner Phantasie mit ihm sprechen und Rede und Antwort führen. Zu dieser Zusammenkunft aber sollst du mir helfen.« Indem beugte sich der Knecht vor und wies mit dem Finger auf ein Paar, welches aus dem Hause der Ardinghelli dem Dome zuschritt; und siehe, es war Jacopo mit einer Verwandten, einer schönen und berühmten Dame; und die beiden schienen in einem sehr eifrigen und nahen Gespräch zu sein; ja, der Ritter nahm zärtlich die Hand der Dame und führte sie an die Lippen. Da wurde das Herz Lionoras von einem ganz plötzlichen Schmerz durchbohrt. Sie kniete in der Lücke, wo ihre Blumen lagen, und verfolgte mit angstvollen Augen die beiden; als aber Jacopo die Hand der Dame ergriff zum Küssen, schrie sie mit durchdringender Stimme: »Jacopo, lieber Jacopo« und warf sich von dem himmelhohen Turm herab, ihm entgegen. Ihr helles Haar flog wie ein langer Streifen hinter ihr, wie sie fiel. Jacopo hatte den Schrei in der hohen Luft nicht gehört; vor ihm nieder stürzte plötzlich Lionora; eben wendete er sich von der Dame, denn er hatte sich von ihr verabschiedet. Der treue Knecht erwog bei sich, was er denen, welche ihn befragten, antworten solle über die Ursache von Lionoras Sturz. Wenn er ihren Leuten alles der Wahrheit gemäß erzählte, so würde er sie in ein übles Gerücht bringen, daß sie die Liebe machte mit einem Feinde ihres Geschlechtes; aber er wünschte doch auch, daß ihr Tod gerächt werde an Jacopo, welcher ihn verschuldet hatte, wiewohl er in Wirklichkeit kein Treuloser war. Am Ende faßte er den Entschluß, seine Kenntnis zu verschweigen und hoffte bei sich, daß dann die Rache ihm verbleiben werde. So erzählte er eine schnell erfundene Geschichte, Lionora habe sich spielend auf die Zinne gesetzt und sich aus Neugierde zu weit nach vorn übergebeugt, wodurch sie den Halt verloren habe und gefallen sei. Dies wurde auch geglaubt, unter großem Jammern der Eltern und vielen Vorwürfen wider ihn, daß er zu nachlässig auf so kostbares Gut geachtet habe; ein Vetter bedrohte ihn selbst mit dem Tode; welches alles er jedoch ruhig und ohne Widerrede ertrug. Nun hielt er seine Waffen bereit, um Herrn Jacopo zu erstechen, wenn er ihn bei günstiger Zeit treffen würde. Indessen änderte er seinen Plan über folgendes. Herr Jacopo ließ ihm heimlich bestellen, er möchte zu einem verborgenen Zusammensein mit ihm kommen, weil er ihn um etwas fragen wolle, welches jedoch seine schuldige Treue wider seine Herren in nichts berühren werde. Bei dieser Zusammenkunft nun erschien Herr Jacopo derart blaß, abgemagert und jämmerlich, daß ihn auch sein Feind nicht wieder erkannt hätte. Er seufzte tief und fragte den Diener nach einer genauen Beschreibung des Unglücks. Da ward diesem klar, daß durch einen schnellen Tod dem Herrn nur gedient sei, und daß es viel besser wäre, ihn in seinem elenden Leben zu lassen, ja, ihm dasselbe noch elender zu machen durch Vorwürfe und Anklagen (durch welchen Plan er seine knechtische Gesinnung bewies); denn noch war Herrn Jacopo ja unbewußt, daß er selbst die Ursache für den schrecklichen Tod seiner vielgeliebten Lionora sei. Deshalb begann der Knecht nun alles zu erzählen von Anfang an, rühmte die Tugend, Lieblichkeit und Stolz seiner Herrin und ihre große Güte, berichtete auch genau, was sie zu ihm selbst gesprochen, weil er sie liebte. Über diese Erzählung vergoß der Ritter viele heiße Tränen, drückte dem Knecht die Hand, und küßte ihn auf den Mund. Dann fuhr dieser fort, wie sie mit ihm auf den Turm gegangen und den alten Wärter fortgeschickt, weil sie ihm ihr Geheimnis anvertrauen wollte, und wie sie dann alles erzählt hatte, von der Begegnung im Dom, und von den weißen Blumen, und daß sie ihn, den Ritter Jacopo, über alles liebte in der Welt, und wie sie wohl einsah, daß sie sich nie vermählen konnten; aber sie wollte ihren Leib keinem andern geben, vielmehr in ein Kloster gehen; vorher aber in einer Nacht insgeheim mit ihm zusammenkommen, um seine Stimme zu hören als eine Erinnerung für ihre alten Jahre, wenn sie eine graue Nonne sein würde. Dies rührte den Ritter so ans Herz, daß er ohnmächtig umsank, und der Knappe richtete ihn auf, half ihm und brachte ihn wieder zu sich, daß er mit matter Stimme befehlen konnte, er solle weiter erzählen. Der Knecht fuhr fort, daß sie in dem Augenblick habe ihn aus dem Hause treten sehen und zärtlich sprechen mit einer fremden Dame; da habe ihr plötzlich ein großer Schmerz den Verstand verwirrt, und sie habe seinen Namen ausgerufen und sei hinabgesprungen. Diese Erzählung trug der Ritter so lange mit sich herum, bis er in eine gefährliche Krankheit verfiel, in welcher er ohne Bewußtsein viele verzweifelte und liebevolle Reden führte. Nach manchen Monaten genas er wieder, da hatte er aber bei seinen achtzehn Jahren ganz weiße Haare bekommen. Wohl war nun der heftige Schmerz von ihm gewichen, aber er konnte sich an nichts mehr freuen, vielmehr wunderte er sich über alle Menschen, daß sie doch gern lebten, und alles kam ihm sinnlos vor. Viele redeten ihm zu, bei solcher Gemütsbeschaffenheit solle er in ein Kloster gehen und dort für seine Freunde und Verwandten beten, aber dann machte er nur traurige Augen und schüttelte den Kopf. So lebte er in schwächlicher Körperbeschaffenheit noch wenige Jahre; bis er sich ganz aufgezehrt hatte, und da ist sein Leben ruhig erloschen. Die Buhlerin Taddeo, ein junger Predigermönch einer Stadt hatte einen großen Zulauf; als unerfahrener Mann war er darüber sehr stolz, maß auch seinem Geiste eine große Bedeutung bei. Nun geschah es eines Tages, daß er durch die Straße ging, in der Mitte des Weges, mit gesenktem Haupt und ernster Gedanken, wie es einem Frommen zukommt, da schritt plötzlich aus einem Schwarm geputzter Buhlerinnen an einer Ecke eine auf ihn zu, und ehe er sich dessen versah, umarmte sie ihn; dann trat sie zurück. Er faßte sich schnell wieder, ergriff mit einer verächtlichen Gebärde seine Mönchskutte, zog sie an sich und ging weiter; hinter ihm aber lachten die Buhlerinnen wie über einen gelungenen Schwank. Als er zu Hause angekommen, verharrte er noch lange in großer Entrüstung über die Schmach, welche ihm und seinem Orden angetan war, und er beschloß, sich an die Obrigkeit zu wenden und die Bestrafung der frechen Dirne zu erbitten. Aber indem er den Fuß auf die Schwelle hob, um auf das Rathaus zu gehen, kam ihm in den Sinn, daß auch sein Herr einen Kuß empfangen habe von einem Schlimmeren, als diese Buhlerin war; und er dachte, ob ihm nicht etwa Gott hier eine Prüfung gesendet oder Aufgabe. Deshalb wendete er sich wieder und kniete vor seinem kleinen Gebetpult, flehte um Verzeihung bei Gott wegen seines ungetreuen Vorhabens und bat um Erleuchtung, was er tun solle. Da ward ihm die Eingebung, daß diese Seele ihm anvertraut sei, ihr zu helfen, daß sie sich erlöse aus ihrer Schmach und Schande. Also machte er sich auf den Weg zu ihrer Wohnung und ging in ihre Stube, mit Zagen zwar vor dem Reden der Leute, aber doch freudigen Herzens, weil er meinte, er folge dem Gebote Gottes in ihm. Sie ward sehr rot und verwirrt, als er eintrat und sie begrüßte mit einem frommen Spruch. Dann aber zeigte sie ein trotziges und hochmütiges Wesen. Und als der junge Priester sie anredete mit tröstenden Worten (denn er glaubte sie in seiner Unerfahrenheit bekümmert über ihren Stand), da prahlte sie sehr, daß sie schöne Kleider habe, und Essen nach ihrem Wohlgefallen, und die Männer hingen ihr an, welche sie wollte. Da wußte er nichts zu erwidern und wich von ihr verstörten Gemüts. Wie er aber wieder in seiner Zelle war und nachdachte über ihr Reden und Wesen, erhob sich plötzlich in ihm eine Angst, denn ihm war, als habe er in der Buhlerin sein Ebenbild gesehen, und es wurde ihm recht bewußt, daß auch er trotzig und hochmütig war und baute auf den Zulauf der Leute zu ihm; und er fragte sich, ob nicht ein schändlicher Schmuck seiner Worte die Menschen zu ihm locke; denn den Ernst flieht die Welt und sucht ihn nicht. Die Buhlerin aber, als der Mönch von ihr gegangen war, setzte sich hin zu weinen; denn sie hatte wohl seine mitleidigen Augen gesehen und fühlte darob einen Stachel in ihrem Herzen. Ihr Leben erschien ihr plötzlich verändert, wie eine Landschaft, wenn Wolken sich vor die leuchtende Sonne gezogen haben; denn jedes Ding hielt sie noch vollständig im Geiste wie zuerst, und doch hatte jedes einen ganz anderen Sinn bekommen. Der Mönch wußte wohl, wie vielerlei Schlingen der Widersacher den Menschen stellt, und daß seine List am gefährlichsten wird im Zustande der Reue; denn da verleitet er uns zu Selbstbespiegelung und zu Handlungen, welche uns scheinbar Schmerzen bereiten, in Wahrheit aber Freude; denn die Wollust im selbstgesuchten Leiden ist die wahre Begier der Hölle. Nach solchen Überlegungen ging er am nächsten Tage wieder zu der Buhlerin. Da er sie in einer mehr zerknirschten Stimmung fand wie vorher, so sprach er offen zu ihr alles. Sie werde selbst wissen, daß ihre Rede aus einem unwahrhaftigen Herzen gekommen sei. Aber wie er sie zu Hause sich überlegt habe, sei ihm klar geworden, daß solche Unwahrhaftigkeit gemein sei unter den Menschen und daß er selber in sie verfallen. Da habe ihm der Widersacher geraten, er solle sich vor ihr demütigen als der größere Sünder, etwa indem er ihr zu Füßen falle; und derartige Selbsterniedrigung werde vor Gott angenehm sein. Aber er wisse, daß solche Gedanken aus der Lüge kommen, deshalb folge er ihnen nicht; nur habe er ihr dieses sagen wollen und ihr seine Hilfe anbieten in barmherziger Meinung. Dieses alles sprach er mit Tapferkeit, so schwer es ihm auch wurde; und als er erzählte von dem Gedanken seines Hochmutes, ihr zu Füßen zu fallen, da wurde er rot, als ein junger und unschuldiger Mensch. Die Buhlerin aber blickte ihn an mit entsetztem Gesicht. Dann stieß sie einen lauten Schrei aus und stürzte in sich zusammen; und in so sonderbarer Stellung, auf den Knien aufrecht und den Kopf hochgerichtet, schrie sie: »Ich bin auf ewig verloren.« Der Mönch war erschrocken über dieses Schreien, wiewohl er spürte, daß hier das Gewissen seine erste Bewegung machte. Sprach ihr viel zu und erreichte endlich, daß sie sich legte und schwieg. Und zuletzt erzählte sie ihm, was ihre Worte bedeutet. Sie sei ein einziges Kind einer armen Witwe gewesen und von der zu Hoffärtigkeit erzogen, indem die Mutter immer alle Arbeit getan und sie selber geputzt habe, also, daß ihre Gedanken nur auf Kleider und Vergnügen gegangen seien; sie habe schon als Kind Buhlerei und Unzucht getrieben zum großen Jammer ihrer Mutter, welche sie einst überrascht; und wie sie kaum eingesegnet gewesen, da habe ihr ein vornehmer Mann, der schon bei Jahren war, viel Geld gegeben, das sie dann ihr gezeigt, und sich gerühmt, daß ein so großer Herr sich zu ihr herablasse wegen ihrer Schönheit und Gesittung; und wie die Mutter sie ermahnt zum Christentum und gewarnt, auch sie habe strafen wollen, da sei sie heimlich entwichen; der aber sei das Herz gebrochen aus Kummer. Bis jetzt habe sie gedacht, die andern Menschen seien ebenso schlecht wie sie oder noch schlechter, mit Ausnahme ihrer toten Mutter, von welcher sie gemeint, sie sei dumm gewesen. Nun aber erkenne sie wohl, daß sie diese Jahre hindurch gar nicht die wahre Welt gesehen, sondern der Widersacher habe ihr einen Spiegel vorgehalten, in welchem sich Schattenbilder bewegten, als ob sie lebten, und dieser Spiegel sei ihr als die Welt erschienen und die Schattenbilder als die Menschen. Schon als er das erste Mal bei ihr gewesen sei, habe sie jedoch das Gefühl gehabt, er sei ein Mensch aus der wirklichen Welt, nicht aus dem teuflischen Scheine, der sie umgebe, denn er habe ein ganz anderes Gesicht und Spiel der Hände gehabt wie die Männer, welche sie sonst gekannt, so daß jene alle einer Art seien und er allein einer andern; und heute sei ihr das ganz klar geworden, als sie nämlich in seine Augen geschaut, wie er erzählte, der Widersacher habe ihm geraten, er solle ihr zu Füßen fallen, und er habe gespürt, daß das eine Einflüsterung vom Vater der Lüge sei; da habe die Wahrheit aus seinen Augen geschienen (denn es hätte dieselben Worte auch ein Lügner sagen können, und er selbst, wenn er sie noch einmal sagen würde, wäre ein Lügner); und mit diesem Augenblicke sei ihr die ganze Welt, in welcher sie bisher gelebt, in grauen Nebel aufgelöst, so daß sie selbst keine rechte Erinnerung mehr habe und Personen und Orte nicht mehr auseinanderhalten könne. Zugleich aber sei ihr auch klar geworden, daß sie selbst zu dieser Welt des Scheins gehöre und nie in die Welt der Wahrheit kommen könne; denn nun habe sie gesehen, was Wahrheit sei, und daß sie selber niemals solche Worte hätte finden können. Der Mönch suchte ihr Mut einzuflößen, daß Gott sie nicht verlassen werde, nachdem er begonnen habe, in ihr Reue zu erwecken. Aber sie verharrte bei ihrer Meinung, wiewohl er ihr unter Anziehung vieler Stellen aus den Vätern und der Schrift nachwies, daß die Kirche anders lehre. Und nachdem ihre Zwiegespräche sich mehrere Wochen wiederholt hatten ohne Ende, sagte sie schließlich klagend: ihr sei jetzt nur das Herz verbrannt, und es wäre doch viel besser gewesen, ihr wäre geblieben, wie ihr war, dann hätte sie doch wenigstens ein zeitliches Glück genossen; so aber habe sie beides nicht, weder zeitliches Wohlsein, noch ewige Seligkeit. Über solche Rede tadelte sie zwar der Mönch. Bald aber erfuhr er, daß sie sich wieder in den Schlamm ihrer Ausschweifungen gestürzt habe. Ja, sie legte es darauf an, ihn recht zu verhöhnen und seiner zu spotten, denn da in jenen Tagen ein Maskenumzug gehalten wurde, bei welchem die Gottheiten der alten Heiden auf Wagen standen, jede in ihrer besonderen Tracht, ließ sie sich daherfahren als die Göttin Venus, und waren auf ihrem Wagen angeschrieben Verse, welche lehrten, das höchste Gut sei die irdische Wollust, denn unser Leben sei nur kurz bemessen und mit dem Tode alles zu Ende. Dem Mönch aber war in die Seele gekommen, daß dieses Herzens Umkehr ihm selber not sei, und er hatte eingesehen, daß in dem Gewirr von Menschen, welche auf der Erde leben, ohne daß sie voneinander wissen, immer einige füreinander bestimmt sind, sich kennen zu lernen und zu fördern, und vielleicht mußten zwei Menschen ihre Wege nur ein einziges Mal kreuzen, vorher und nachher sich nicht kennen und nicht sehen; aber in diesem einen Punkt sollten sie aufeinander wirken, daß jeder ein anderer Mensch würde. Deshalb ging er wieder zu ihr und ließ sich nicht erschrecken durch ihre spöttische Begrüßung. Sie rief ihm nämlich zu, jetzt wisse sie, weshalb er ihr beständig nachlaufe, nämlich aus Üppigkeit, weil er eine Liebe gefaßt habe zu ihr. Sie aber sei keine Mönchsdirne, denn mit den Geschorenen gäben sich nur solche ab, die kein anderer möchte; und sie könne noch viele Jahre ihr Leben führen, ehe sie zu dieser Not gebracht werde. Auf diese Rede erwiderte er: »Ja, du hast recht, in meiner Seele ist eine Liebe zu dir entzündet, welche ich nicht mehr auslöschen kann.« Als sie das gehört, wurde sie ganz blaß und fast ohnmächtig; und dann begannen ihr die Tränen aus den Augen zu quellen und in runden Tropfen über die Backen zu laufen, und nicht anders, denn einer reinen und unschuldigen Jungfrau stieg die Scham in ihr auf. Aber es war die Scham über ihn. Dann sprach sie voller Schmerzen: »Ehe ich dich kannte, dachte ich nie über andere Dinge nach, wie über Putz, Vergnügen und allerlei Leichtfertigkeit, und noch nicht einmal leibliche Sorgen um den nächsten Tag kamen mir in den Sinn. Aber als du zu mir sprachst, sah ich, daß es Menschen gibt, auf denen die Welt ruht, denn Menschen von meiner und meiner Freunde Art halten nicht die Welt. Und wenn ich auch wußte, daß ich keinen Teil hatte an diesem Leben, so schien es mir doch ein Glück, daß es das gab. Aber jetzt ist das alles eingestürzt, und ich sehe wieder nur die leeren und flachen Fratzen in des Widersachers Spiegel, und sonst gibt es nichts.« Da erwiderte der Mönch, und auch ihm kamen Tränen in die Augen, daß er wohl wisse, wie schlecht sein Sinnen sei, und daß er nicht nur fehle gegen sein Gelübde, sondern auch gegen ihre Seele. Deshalb habe er viele Tage zu Gott gebetet, er möge ihn befreien von solcher Versuchung; aber seine Liebe sei nur heftiger geworden. Und nun sei ihm in den Sinn gekommen, er wolle sie selbst bitten, daß sie für ihn zu Gott bete, ihn zu retten aus seiner unzüchtigen Liebe zu ihr. Die Frau sah ihn starr an und erwiderte: »Du weißt, daß ich seit meiner Kindheit nicht mehr gebetet habe; erst aus Leichtfertigkeit, und seit ich dieses Leben führte, weil ich wußte, daß eine solche Sünderin Gott doch nicht erhören wird. Aber um dieses, was du mir gesagt hast, will ich stehen zu Gott, und nicht eher will ich mich erheben von den Knien, bis er mir meine Bitte gewährt hat. Denn wohl bin ich unwert zu ihm zu reden, aber dieses muß er mir gewähren.« Und so schnitt sie sich ihre langen goldenen Haare ab und verbrannte ihre kostbaren Kleider, zog ein graues Gewand an mit einem Bußgürtel darunter, und ging mit nackten Füßen in ein entlegenes Nonnenkloster, dort zu beten vor einer Lampe; und hier kniete sie und zwang ihr Wesen zurück und rang mit sich, und nachdem sie viele Stunden mit sich gerungen hatte, kam sie zu den kurzen Worten: »Herr, rette jenen«; und dann kämpfte sie wieder ohne Unterlaß, und legte sich mit ausgebreiteten Armen auf den kalten Steinboden, lange Stunden. Die guten Nonnen hielten sich von weitem, scheu über die Büßende, denn der Tag verrann und die Pfeiler des Kirchleins strebten ins Ungewisse, und sie hielten ihre Andacht, und der Abend verrann, und es begannen die Nachtstunden, und um Mitternacht sangen die Nonnen und am Morgen, und die Fremde lag noch immer da und betete. Und mehr als vierundzwanzig Stunden hatte sie gelegen und gerungen im Gebet, da erhob sie sich endlich, und die Nonnen halfen ihr in die Höhe und stützten sie. Sie aber hatte ein ganz anderes Aussehen bekommen, und ein Glanz strahlte von ihrem Gesicht, und jubelnd sprach sie: »Ja, es ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, denn über hundert Gerechte.« Dann hieß sie den Mönch rufen; und als der gekommen war, küßte sie seine Hand und sprach: »Ich verstehe jetzt deinen Willen und daß du nur, mir zu helfen, dich bezichtigt hast einer leichtfertigen Liebe zu mir. Und siehe, du hast mich befreit durch deinen Plan.« So änderte sie ihr Leben, ward eine fleißige Arbeiterin, welche sich das Mühseligste aussuchte und den geringsten Lohn nahm, und half doch noch anderen von ihrem Verdienst; und lebte in frommer Heiterkeit, Gott liebend und zu ihm betend stündlich. Der Mönch aber prüfte sich und fand, daß er desgleichen ein anderer geworden. Denn es war ihm lebendig nunmehr, daß es ein heimliches Band gibt, welches alle Menschen aneinander kettet, ohne unser Denken und Wollen, aller Stolz aber auf unser Selbst und unsere Gaben, Leistungen und Können erschien ihm töricht. Eine Geschichte aus dem Dorfe Recht groß war in dem Jahre der Segen Gottes auf den Feldern gewesen; denn im Januar fiel sehr viel Schnee und es hatte schon von Anfang Februar an langsam getaut, so daß die Feuchtigkeit gänzlich bis tief in den Boden zog; gegen Ende Februar war die ganze Erde schwarz, und die Sonne schien bereits warm, wie sonst im März; den ganzen März durch währten die sonnigen Tage, und als im April der Boden durch die Trockenheit Not zu leiden schien, fiel eine lange Zeit, fast von vierzehn Tagen, ein seiner und warmer Regen, der wiederum nicht ablief, sondern von der Krume festgehalten wurde. Dann folgten im Mai drückend heiße Tage, zuerst noch mit feuchter Luft, endlich ganz trocken. Mit solchem Wachswetter schien Gott zeigen zu wollen, was er vermöge für die, so er liebt; denn manchen Bauern war der Roggen derart gediehen, daß er hier und da schon Ende Mai gemäht wurde, was seit Menschengedenken nicht geschehen war; Viele pflügten die Stoppeln gleich wieder um und säeten Klee an, den sie im Herbst frisch verfüttern wollten. Am wunderbarsten aber war der Weizen gewachsen; ein Bauer hatte eine Pflanze, bei der aus einem einzigen Korn über hundert Halme mit Ähren gekommen waren, die zusammen an zwei Pfund wogen; welchen Busch er zum ewigen Andenken in der Kirche aufhängte, hinter dem Altar, wo die Myrtenkränze der früh verstorbenen Mädchen vom Luftzug der Tür leise bewegt werden. Und früh auch war die Weizenernte auf allen Feldern beendet; und so reif war die Frucht, daß der Segen auf der Dorfstraße überall verstreut war, und die Gänse, welche die verlorenen Körner auflasen, ganz fett wurden unter großem Schreien und Flügelschlagen. Unter diesen allgemeinen Umstanden brachten auf einem Bauernhof die Knechte eben die letzten Fuhren ein. Ein hochgetürmter Wagen stand unter der Scheunenluke; der Knecht machte den Baum los und warf ihn auf die gepflasterte Erde, auf welche er mit klingenden Tönen federte, daß auf dem goldgelben Misthaufen die sauberen Kühe, welche sich neugierig an die Barren gedrängt hatten, erschreckt fortliefen, und ein Bullenkalb mit krausem Stirnhaar sprang mit allen vier Füßen zugleich in die Höhe. Die barfüßige Magd oben in der Luke schlug die Röcke um die Beine zusammen und sprang juchzend auf das Fuder, wozu der Knecht mit pfiffigem Gesicht, sich den Schweiß mit der flachen Hand abwischend, einen starken Witz machte; und dann griffen die beiden zu den Forken und reichten abwechselnd die Garben in die Höhe. Unter der Haustüre stand die Frau, im grauen, kurzen Beiderwandrock, ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden, sorgenvollen Herzens; sie rief den Leuten scheltende Worte zu, wie es Gewohnheit ist, und die Leute ließen sie unbekümmert rufen. Der Bauer kam eben vom Feld, die Harke auf der Schulter; er trat an die Barre und kraute dem Bullenkälbchen den Kopf, in mancherlei Gedanken versunken; erst als es mit seiner rauhen Zunge ihm am Hemdärmel leckte, fuhr er auf und gab ihm einen leichten Schlag mit der Hand; der junge Hund mit seinen dicken Beinchen, der gespannt neben ihm stand, sprang auf das zurückweichende Kälbchen zu und wollte ei jagen: aber der Bauer pfiff ihn sogleich zurück. Als er über den wohlgepflegten Hof blickte, die schön gestrichenen Wände des Hauses, der Ställe und Scheunen, das glänzende Vieh, welches mit vorgestreckten Köpfen nach ihm sah, das hohe Fuder, auf dem die fleißigen Leute abluden, da erhob sich in ihm die Zufriedenheit und Sicherheit, und ein Gefühl, daß ihm niemand etwas zu sagen hatte, daß er niemand zu bitten brauchte, und daß ihm nichts geschehen konnte. Tauben trippelten vorsichtig und suchten Körner, und ein Täuberich lief gurrend um seine Frau herum; das gab ihm ein ganz starkes Bewußtsein in seine Seele. Indem trat in den Torweg ein Bettler in zerlumpter städtischer Kleidung und zerplatzten Stiefeln, der aber doch einen reinen Hemdkragen und unter dem Rock, welcher bis oben zugeknöpft war, eine sorgfältig gebundene Binde trug. Er sprach nichts, sondern grüßte nur, indem er den Hut lächerlich tief schwenkte, und sah ihn stehend an. Dem Bauern gab es plötzlich einen Stich und er wendete dem Mann den Rücken; dieser grüßte dann noch einmal und ging weg. Jetzt überkam ihn mit eins wieder die Angst, welche ihm geschickt war als ein Züchtigung. Er wußte nicht, weshalb er sich so rauh abgewendet hatte, eigentlich hatte er sich geschämt um den verkommenen Menschen, aber er dachte, daß er vielleicht dem Mann das Stück Brot nicht gegönnt habe, denn er selbst arbeitete mühselig vom Morgen bis zum Abend, und wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen; er hatte wohl einen Haß gegen den Menschen. Aber zwischen den Tauben sah er einen schlechten Sperling, der frech sein Körnchen pickte; wollte nicht Gott, daß auch der Sperling sich nährte, und arbeitete doch nicht oder nützte den Menschen? Übermächtig war Gottes Segen gewesen in diesem Jahre. Aber er wußte wohl, weder er noch ein anderer hatten ihn verdient. Und vielleicht waren die andern grobe Sünder, ihm zur Versuchung durch den Widersacher, damit er sich als ein besserer erscheinen konnte. Denn gewißlich war nicht Gottes Wille, daß er hier stehen sollte und stolz sein in seinem Herzen. Und so stieg es in ihm aus dem Herzen auf, siedend heiß, bis in den Kopf, daß ihm schwindelig wurde und er sich zusammennehmen mußte, um nicht hinzufallen. Er wußte wohl, daß er dem Bettelmann nachgehen sollte, ihn bei der Hand ergreifen und zu sich führen, um ihn zu laben. Aber es würgte ihm vor Scham, daß er das nicht tun konnte. Und so feige war er, so menschenfürchtig, daß er der Scham nachgab. Denn auch solches waren des Teufels Wirkungen in uns. Und da schwankte durch die Dorfstraße der letzte Wagen heran; oben auf den getürmten Garben saß sein Töchterchen, das einzige Kindlein, welches ihm Gott gegeben hatte, im roten Kleide, die Beinchen auseinandergebreitet und sich ängstlich und mit glücklichem Gesicht am Baum festhaltend. Von weitem schon sah sie ihn und jubelte ihm zu; aber ihm schnitt die Unschuld ins Herz, er ging mit langen Schritten zu dem halb entladenen Fuder, welches dort stand, schwang sich hinauf, und indem er die Forke unter das Bund stach, half er dem Knecht und der Magd die Garben in die Luke werfen, zwei auf einmal hochhebend; die Leute oben konnten sie nicht so schnell wegtragen auf die Banse, wie sie vor ihnen niederrauschten. Dabei betete er bei sich, wenn Gott ihn strafen wollte, so solle er nur nicht an dem Kind. Zwar wußte er, an Kindern und Kindeskindern suchte Gott heim; und er hatte seine Schuld noch nicht bezahlt, ihm war bisher alles geglückt, und so dachte er, daß der Tag der Abrechnung noch kommen werde, nachdem er jetzt in Sicherheit gewiegt war, denn Gottes Hand weiß zu finden, wen sie schlagen will. Spät schlief er ein zu schweren Träumen. Aus dem Pferdestall herüber, der Wand an Wand mit dem Wohnhaus gebaut war, hörte er zuweilen ein Klirren der Ketten und ein schweres Stampfen und Schnaufen. Plötzlich fuhr er empor und lauschte. Es klang, als ob die Tiere sich ängstlich bewegten. Er zog sich notdürftig an und ging auf den Hof. Da arbeiteten sich eben durch das Dach der Scheune die Flammen, und im gleichen Augenblick begannen die Kühe ängstlich zu brüllen, und aus der offenen Luke des Bodens über dem Kuhstall kam ein dicker Rauch in die mondscheinhelle Nacht. Jetzt erscholl Bellen und Winseln der Hunde. Schnell entkettete er den Hund, der an ihm hochsprang, lief in den Pferdestall, schirrte ein Pferd los, das stolperig aus der Tür eilte, rüttelte die schlaftrunkenen Knechte wach, die beide in der Ecke des Stalles auf einer Bühne schliefen, schrie ihnen zu, die anderen Pferde zu retten, welche schon mit glänzenden Augen an ihren Ketten rissen, und stürzte ins Haus, wo die Frau eben sich ankleidete. Er ergriff das Kind, das sich verwundernd und lallend die Augen rieb, packte die Kleidungsstücke, die er gerade fassen konnte, und trug es aus dem Haus, über den Hof, durch den Torweg, gefolgt von dem wie irr springenden Hunde, bis an den Unkenteich, wo er sie in das tiefe Kraut niederlegte. Da stürmte schon die Feuerglocke, in den Häusern wurde Licht gemacht, in den Türen erschienen Menschen. Als er zurückkam, lief ihm die Frau entgegen mit Betten in den Armen. Die Pferde rasten durch den Torweg, eins schlug Funken aus einem Pflasterstein, auf dem es glitt. Die Kühe brüllten und rasselten mit ihren Ketten, ein Knecht stürzte blutbesudelt aus der Tür des Kuhstalls. Der Hund, welcher merkte, daß die Kühe herausgetrieben werden sollten, lief bellend hinein, vermehrte nur die Angst der angeketteten Tiere. Der zweite Knecht hielt den Bauer mit Gewalt zurück, ihm den Rock zerreißend, als er dem Hund nacheilen wollte. Jetzt kamen andere Leute, liefen ins Haus, schleppten allerhand Gerät auf den Hof. Der Bauer saß stumpfsinnig auf einem umgeworfenen Schiebekarren, hielt die Hände im Schoß, sah die Flammen außen huschen, das Feuer von innen heraus durch das Dach schießen, den Rauch durch die Luken sich ballen, hörte das verzweifelte Brüllen der Tiere und dachte, daß die Gerste noch auf dem Felde war, wunderte sich, weshalb die Leute nicht auf den Gedanken kamen, daß das Feuer das übrige Dorf verbrennen werde, und schrie dann, daß die Speckseiten aus dem Schornstein genommen werden sollten. Da erst dachten die Leute an die Gefahr, und daß die fliegenden Garben das übrige Dorf anstecken würden; sie liefen auseinander, jeder seine Dächer mit Wasser zu begießen. Ehe die erste Hilfe von Feuerwehrleuten und Löschgerätschaften aus der Stadt kam, stand schon das halbe Dorf in Flammen, und wiewohl jetzt niedergerissen wurde, und mit Spritzen gelöscht, war doch keine Hilfe mehr möglich, und alle Gebäude, welche unter dem Winde lagen, verbrannten. Und so waren am andern Tage verkohlte Haufen, aus denen noch dünne Rauchsäulen aufstiegen, schwarze Mauertrümmer standen, zackig und schief, in ihnen lehnten halbverbrannte Balken; Viehleichen, denen das Haar abgesengt war, lagen aufgedunsen und ekelhaft unter den Trümmern; allerhand Gesindel, das plötzlich erschienen war, wie aus der Erde gewachsen, wühlte im Schutt, sich Fleisch zu holen, hier verscheucht und dort sich wieder sammelnd; hochaufgetürmte Hügel von Garben mit vollen Ähren, viele gar nicht angebrannt, waren von zerbrochenen und geschwärzten Ziegeln und Kalkstücken bedeckt; ein Schrank, ein Ballen Betten, kupfernes und eisernes Küchengeschirr, welches zufällig gerettet war, lag über dem Anger verstreut, und dazwischen liefen Gänse herum. Der Bauer arbeitete mit einer schweren Hacke zwischen den schwarzen Mauern des Wohnhauses; der Boden war noch glühend heiß, trotzdem er lange Wasser aufgegossen hatte, und er stand mit den Füßen auf einem großen Trittstein, den er hergewälzt. In einem hohlen Balken hatte er einige hundert Taler in Silber verwahrt, und er suchte nun das geschmolzene Metall, nachdem er sich die Stelle ausgerechnet hatte, wo es liegen mußte; aber er fand keinerlei Überreste, nur geschwärzte Steine, Strohbüschel, etwa ein verbogenes Stück Eisen, das er mit zu einem Haufen in der Mitte warf. Als er ermüdet mit der Arbeit innehielt und aufsah, erblickte er sein Weib, in der offenen Einfahrt stehend, deren Tore aus den Haspen gehoben waren, wie sie ihre geballte Faust gegen den Himmel schüttelte, und hörte sie auf Gott fluchen, und wie er diese Lästerungen vernahm und das geschwärzte Gesicht mit den blutunterlaufenen Augen sah, da gedachte er an Hiob, und er wußte, daß seiner Leiden Ende noch nicht gekommen war. Das Kindchen aber saß unter dem Hollunderbusch, der unversehrt geblieben, spielte mit den weißen großen Zähnen der verbrannten Kühe und jubelte über die Menge. So war es nun notwendig, Geld aufzunehmen, um den Hof wieder zu bauen, alle Geräte zu kaufen und Vieh zu beschaffen. Ein Mann will Ewigkeit, und die Kinder seiner Kindeskinder, die aus seinen Lenden entsprossen sind, sollen in seinem Hause wohnen, in der Weise, wie er selbst wohnt. Deshalb ging er in die Stadt zum Kaufmann, um von ihm das Darlehen zu erbitten. Da wurde ihm so recht klar, wie dem Bettler mochte zu Mute gewesen sein, denn das Bitten ist das Schwerste in der Welt. Er trat befangen in den Laden, wo vor dem Tresen rotarmige Dienstmädchen standen. Der Kaufmann war ein kleiner, runder Mann mit einem lustigen Pausbackengesicht, unruhigen Augen und roten Haaren. Er lief eilfertig hinter dem Ladentisch hin und her, wog ab, schüttelte die Düten und verschloß sie, tauchte den Arm in das Heringsfaß und wischte sich die Hand an der schmutzigen Quehle, und machte Witze, über welche die Mädchen kicherten und sich mit den Ellenbogen in die Seiten stießen oder sich quiekend bogen. Er wußte schon, was der Mann wollte, und erzählte den Mädchen, welche sich mitleidig umblickten, daß das wieder einer sei von den Abgebrannten, welche glaubten, daß er Gold machen könne aus Häcksel, wie die Bauern; und daß heute nichts mehr verdient werde beim Geschäft, sondern zugesetzt wegen des großen Wettbewerbes und der vielen Steuern. Der Bauer schämte sich, als der Kaufmann sein Anliegen allen erzählte, und daß ihn die Mädchen bemitleideten, aber er dachte an die Frau, welche zu Hause betete und das Kind zum Beten anhielt, daß er das Geld bekomme, und deshalb blieb er mit unbewegtem Gesicht sitzen, hinten auf der Tonne, wo er sich niedergelassen hatte. Der Kaufmann rief seinem Weibe, daß sie den Laden versehen solle, dann nickte er dem Bauern zu und ging mit ihm in die Schreibstube, setzte sich auf einen hohen Bock, und mit den Fingern trommelnd und gleichgültigen Gesichts erwartete er, was der Bauer ihm sagen werde. Als dieser seine Bitte vorgebracht hatte, machte er ihm erstlich harte Vorwürfe, daß er oft seine Waren von anderen bezogen, als ob nicht seine die besten seien, und dann sagte er, wie er schon so viel ausgeliehen habe, das er nie wieder einbekommen werde, so daß er kein flüssiges Geld mehr besitze. Der Bauer schwieg bekümmert zu diesen Worten, wiewohl er wußte, daß das alles Lüge war und nur in böswilliger Absicht gesagt wurde; und er dachte daran, wie manchem Bittsteller mochte zu Mute gewesen sein, der in ähnlicher Art vor ihm gestanden hatte, und so wurde ihm sein ganzes vergangenes Leben klar, denn Hiob war gewesen ein Mann, schlecht und recht, im Lande Uz, gottesfürchtig und meidete das Böse, und dennoch gab ihn Gott in die Hand des Bösen, nahm ihm alles, was er hatte, und schlug ihn mit Schwären von der Fußsohle bis zum Scheitel; und doch hatte er nicht den Dürftigen ihre Begierde versagt und die Augen der Witwen lassen verschmachten, noch einen Bissen allein gegessen und nicht der Waise auch davon gegeben. Als der Bauer so verstummte, trat eine große Stille ein zwischen den beiden. Dann aber fing der Kaufmann mit der Hand eine Fliege aus der Luft, zerquetschte sie mit den Fingern und warf sie auf den Boden, und sagte, daß er trotzdem aus besonderer Achtung für ihn das Geld beschaffen wolle, welches freilich viel Mühe und Unkosten machen werde; und so wurden sie endlich handelseins derart, daß der Bauer hohe Zinsen versprach und seine Äcker verpfändete und einen Schein mit vielen Schlichen und Sicherungen unterschrieb, zwar zornigen Herzens über den Wucherer, aber in der gewissen Hoffnung, er könne bei großem Fleiß, und wenn Gott auch nur mittlere Ernten schicke, die Zinsen bezahlen und endlich auch noch die Hauptsumme abtragen. Derart ging er schweren Herzens und mit nachdenklichem Gemüt aus dem Hause des Kaufmanns; bevor er sich aber auf den Heimweg machte, erstand er noch in einem Laden ein Püppchen für sein kleines Mädchen, dem seine alte Puppe mit verbrannt war, welche es immer bei sich im Bettchen gehabt und jeden Abend ausgezogen und jeden Morgen angekleidet hatte. Bei dem neuen Aufbau des Hofes strengte sich der Bauer gleich in der ersten Zeit, als der Brandschutt abgeräumt wurde, über seine Kräfte an, schleppte sich monatelang siech herum und genas sehr langsam, jedoch nicht zu seiner vorigen Gesundheit. In dieser Zeit wurden die Gebäude unter Dach gebracht und großenteils inwendig ausgebaut, mit viel größeren Kosten, als er berechnet, da bei seinem Fernsein die Maurer und Zimmerknechte faul waren und sich unnötige Tagelöhne aufschrieben, und auch manches verworfen und mutwillig beschädigt ward. Als das Arbeitsgerät angeschafft wurde, welches fast gänzlich verbrannt war, da zeigte sich, daß es eine weit höhere Summe kostete, als er veranschlagt hatte, denn viele unbeachtete, aber notwendige kleine Dinge, sonst von den Urvätern vererbt und gelegentlich erneut, kosteten zusammen fast so viel wie die wenigen großen Geräte, welche anfänglich allein betrachtet waren. Es war nicht so gutes Vieh zu bekommen, wie das alte gewesen, denn wenn die Händler wissen, daß an einem Ort großes Bedürfnis herrscht zu kaufen, so treiben sie nicht das beste Vieh an, da sie sicher sind, auch das geringere loszuwerden; jedermann weiß aber, welcher Verlust geringes Vieh für eine Wirtschaft ist, welches Löhne kostet und Futter wie das gute und doch weniger einbringt. Endlich aber zeigte sich die nächste Ernte als von schlechter Aussicht, einesteils weil häufig geringe Ernten auf vorzügliche folgen, andernteils weil dem Boden wegen der vielfältigen andern Arbeit sein Recht nicht geworden war. So konnte der Bauer schon das erste Jahr die Zinsen nicht bezahlen und mußte vielmehr nochmals Geld aufnehmen. Diesmal wollte ihm der Kaufmann nur gegen Wechsel leihen; und so sehr der Bauer erschrak, als er das hörte, und dem Kaufmann nachwies, daß jede Sicherheit vorhanden sei, konnte er doch keine günstigere Bedingung erlangen. Wie aber ein Mann, auch bei nur geringen Unglücksfällen, wenn er einmal solche gefährliche Verpflichtungen sich aufgeladen hat, immer tiefer in Abhängigkeit und Verschuldung gerät, erwies sich auch hier wieder. Es folgten Hagelschläge und Prolongationen, Viehkrankheiten und Pfändungen; und nach kaum fünf Jahren stand der Bauer vor der Aussicht, daß er mit seiner Frau und der während diesem zu einem fünfzehnjährigen Jungfräulein herangewachsenen Tochter von Haus und Hof durch den unbarmherzigen Gläubiger würde vertrieben werden. Denn dieser hatte die Hauptsumme zu einem bestimmten Zeitpunkt gekündigt und bei seinen schlechten Umständen wollte sie ihm kein anderer borgen. Schon hatte der Bauer aufgehört, sich abzuquälen mit den Gedanken über Schuld, Zinsen, Rückzahlungen und Zusammenbruch. Er hatte so lange über diese Dinge nachgedacht, daß er nicht mehr konnte und gänzlich müde geworden war. Wenn ihm jetzt ein solcher Gedanke kam, so war ihm, als ob sein Gehirn plötzlich ganz leer geworden sei und gar nichts enthalte, womit er denken könne; nur die Unruhe im Herzen hatte er, und daß er sich hätte vor einer Maus fürchten mögen. Deshalb stand er mit dem frühesten auf, weckte die beiden Knechte und zog schon vor ihnen aufs Feld; immer hinter dem Pflug hergehend, die Leine um den Hals geschlungen und die Augen auf den Boden gerichtet, wo die Pflugschar einen glänzenden Streifen losschnitt, welcher zu Schollen bröckelte, und das Streicheisen diese halb umwarf auf die Nebenscholle. Am Ende der Furche, wenn er den Pflug ausheben und wenden mußte, erwachte er wie aus tiefem Nachdenken, und er hatte doch nichts gedacht, nur den glänzenden Furchenrand und das Umfallen der abgeschnittenen Schollen betrachtet. So war er immer hinter dem Pfluge hergegangen, seit ihn sein Vater mit auf den Acker genommen hatte, und ihm war das Gefühl, daß das immer so weiter gehen mußte und daß er nur nicht aufhören durfte mit seiner Arbeit. Abends aber, wenn er müde nach Hause kam mit brechenden Knien, holte er die alte Bibel vom Reck, deren Blätter braun waren von den Händen seiner Vorväter, welche sie umgewendet, und fleckig von dem Öl der Lampe, bei der sie mühsam die großgedruckten Zeilen zusammenbuchstabiert. Da las er im Buch Hiob: »Wußtest du, daß du zu der Zeit solltest geboren werden? Und wie viele deiner Tage sein würden? Bist du gewesen, da der Schnee herkommt, oder bist du gewesen, da der Hagel herkommt, die ich habe erhalten bis auf die Zeit der Trübsal, und auf den Tag des Streits und Kriegs? Durch welchen Weg sich das Licht teilet und auffährt der Ostwind auf Erden? Wer hat dem Platzregen seinen Lauf ausgeteilet und den Weg dem Blitz und Donner? Daß es regnet auf das Land, da niemand ist, in der Wüste, da kein Mensch ist? Daß er füllet die Einöden und Wildnis und macht, daß Gras wächset? Wer ist des Regens Vater, wer hat die Tropfen des Taues gezeuget? Aus weß Leibe ist das Eis gegangen und wer hat den Reif unter dem Himmel gezeuget, daß das Wasser verborgen wird wie unter Steinen und die Tiefe oben gestehet? Kannst du die Bande der sieben Sterne zusammenbinden? Oder das Band des Orion auflösen? Kannst du den Morgenstern hervorbringen zu seiner Zeit? Oder den Wagen am Himmel über seine Kinder führen? Weißt du, wie der Himmel zu regieren ist, oder kannst du ihn meistern auf Erden? Wer gibt die Weisheit in das Verborgene? Wer gibt verständige Gedanken?« Aber währenddem er mit bebenden Lippen vor sich hin las und sein Töchterchen sich ängstlich an ihn schmiegte, stand sein Weib vor ihm, die Arme in die Seite gestemmt, und schmähte: »Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Ja, segne Gott und ziehe vor dem Wucherer die Mütze, und wenn er uns jagt von unserem Hause, dann schneide dir einen Stecken und schäle ihm die Rinde ab und bettle für Weib und Kind. Denn was ich eingebracht habe an Geld, Betten, Leinen und Schränken voller Kleider, ist denselben Weg gegangen wie deiner Eltern Habe, und von unserem Schweiß wächst des Juden Kohl. Wähnst du, der Herr wird dich segnen hernach? Der Hals ist mir steif geworden vom Ausgucken nach den vierzehntausend Schafen und den tausend Joch Rinder, ob sie nicht über den Bach kommen; ja, vielleicht, daß dieser schlappe Bauch noch einmal trächtig wird und du kriegst noch sieben Söhne und drei Töchter, die letzte Brotrinde zu fressen und dir zu helfen, den Bettelsack tragen, wenn dir bis dahin die Arbeit das letzte Mark aus den Knochen getrocknet hat, daß du ihn nicht selbst schleppen kannst. Pfui über den Herrgott, der seine Diener gibt in die Hand des Satans, daß er sie verderbe. Wohlgetan haben die Juden, daß sie ihn ans Kreuz schlugen. Haben wir nicht das Land bebaut im Schweiße unseres Angesichts, und sind niemand nichts schuldig geblieben, haben Steuern und Abgaben gezahlt und keiner Unzucht gefrönt noch Unmäßigkeit! Aber wenn es ihm Freude macht, den Frommen zu drücken und den Gottlosen zu erheben, so will ich auf Bibel und Gesangbuch speien und beten zum bösen Feind, denn der Gottseibeiuns hilft denen, die zu ihm stehen und läßt sie nicht verkommen.« Zitternd hörte der Bauer diese Lästerungen. Er schlug den Arm um das Kind und sprach zu ihm: singe mit, und dann sang er, indem das Mädchen mit tränenerstickter Stimme versuchte, zu begleiten: Ach, bleib mit deiner Gnade Bei uns, Herr Jesu Christ, Daß uns hinfort nicht schade Des bösen Feindes List. Ach, bleib mit deinem Worte Bei uns, Erlöser wert, Daß uns beid, hier und dorte, Sei Gut und Heil beschert. Ach, bleib mit deinem Glanze Bei uns, du wertes Licht! Dein Wahrheit uns umschanze Auf daß wir irren nicht. Das Weib heulte mißtönig dazwischen und versuchte die frommen Klänge zu stören durch ein freches Zotenlied, dergleichen sonst nie über ihre Lippen gekommen war und das sie gehört haben mochte von irgend welchem verlorenen Volk auf der Landstraße; und dem Mann brach endlich die Stimme ab vor herzbrechendem Schluchzen; denn als Mädchen war sie am Sonntag abend durch die Dorfstraße gegangen, eingehenkt in einer Reihe mit den anderen, und sie hatten schöne, alte Lieder gesungen. Er aber hatte vor Gottes Altar die Verantwortung auf sich genommen, sie zu halten in Ehrbarkeit und christlicher Zucht. Und wenn nun Gott ihn fragte nach seinem Weibe, so mußte er antworten wie Kain: Soll ich meines Bruders Hüter sein? Sie redete sich um Seligkeit und ewiges Leben; wie sollte er vor Gott bestehen? Und der Herr unser Gott war ein eifriger Gott. Er suchte heim bis ins dritte und vierte Glied. Und hatte er nicht einen großen Wind von der Wüste geschickt, und stieß auf die vier Ecken des Hauses, und warf es auf Hiobs Kinder, also, daß sie starben? Hiob aber sündigte nicht und tat nichts Törichtes wider Gott. Da kam ihm ein Gedanke, wie er wollte seines Weibes Seele retten, mochte darum auch er selbst zur Hölle fahren, denn ein guter Hirte stirbt für seine Herde, und was Gott einem Menschen anvertraut hat, das muß er hüten, auch mit eigener Gefahr. So brütete er ihm geheimen und dachte sich ein Lügengespinst aus, wie er wollte sein Weib täuschen. Er ging in die Stadt, als habe er dort zu tun, und als er wieder heimgekommen war, erzählte er seine Erfindung. Der Herr habe ihm eingegeben, zum Konsistorium zu gehen und dem seine Not zu klagen. Da seien die Herren Räte aufgestanden von ihren Bänken und hätten ihm Trost eingesprochen und gesagt, daß Gott ihn nicht verlassen werde, und der König werde das Geld geben, welches er schuldig sei, in neuen und blanken Geldstücken, und es solle alles bezahlt werden, und er solle wieder geben, wenn er könne, ohne Drängen, Mahnen und Eintreiben. Aber das müsse geheim bleiben, weil sonst zu viele Leute kämen, und auch böse Schuldner, die faul wären in ihrer Arbeit und nicht zahlten aus Liederlichkeit. Das Weib glaubte ihm, wiewohl mit Staunen, denn bis dahin war noch kein unwahres Wort aus seinem Munde gegangen. Sie meinte fast, ihr Mann habe geträumt oder sei tiefsinnig geworden; aber er mahnte sie zu Dankbarkeit gegen Gott, der nun ihrer Prüfungen Ende bestimmt habe; sie erwiderte, daß sie abwarten wolle. Aber wie dem Verzweifelten die Hoffnung alles als möglich hinstellt, so begann sie von Tag zu Tag mehr zu vertrauen, als sie sein Gesicht sah, welches er mit Zwang heiter und zufrieden machte; nur des Nachts, in der Dunkelheit, ließ er ihm die Falten, welche sein Gemüt ihm von Natur gab; auch wachte er viel und grübelte, tat aber, als schlafe er ruhig und froher Hoffnung mit tiefen Atemzügen. Im Kalender, der an einem Bindfaden am Nagel hing, hatte er mit dem Fingernagel angemerkt, wann die Wechsel fällig waren, deren jetzt mehrere über geringe Summen liefen. Wenn die Zeit da war, ging er zur Stadt, sagte, daß er in seiner Sache mit des Königs Beamten zu tun habe, und unterschrieb bei dem Kaufmann neue Wechsel mit höheren Zahlen. So bemerkte die Frau nichts davon, daß alles immer schlechter und schlechter wurde und wurde mehr und mehr in ihrem Wahn eingewiegt; dem Mädchen brachte er aber von solchem Gang immer ein kleines Geschenk billiger Art mit, welches er seit Jahren nicht mehr getan. Dergestalt liefen die Dinge wohl ein Vierteljahr, und es nahte der Tag heran, zu welchem der Kaufmann die Hauptsummen gekündigt hatte. Der Bauer hatte noch einen letzten Versuch gemacht, sein Herz zu erweichen, und als einziger Bescheid ward ihm geantwortet, daß schon alle Vorbereitungen zur Gant getroffen seien, wenn er nicht bis zum Glockenschlag zwölf das Geld aufzähle. Zu Hause aber erzählte er mit heiterer Miene, daß ihm die königlichen Beamten das Geld gezeigt hätten, das für ihn bereit liege, in lauter neuen Stücken, je hundert Taler immer in einem Sack, in einem großen eisernen Schrank mit ganz dicken Türen. Er beschrieb auch, wie höflich und freundlich die königlichen Beamten gewesen seien, und wie er habe auf einem Stuhl sitzen müssen und man habe ihm zu rauchen angeboten, welches er aber aus Bescheidenheit abgelehnt habe. Alles das hatte er sich langsam ausgedacht. Über diese Erzählungen wurde die Frau so gerührt, daß sie Tränen vergoß und die Hände faltete und hinkniete und zu Gott betete, daß er ihr möchte ihre große Sünde verzeihen, und ihm dankte für seine Güte und Hilfe. Sie schlug sich die Brüste und raufte sich das Haar, als sie der Lästerungen gedachte, welche sie ausgestoßen; der Bauer aber stand daneben, tröstete sie und sagte, daß Gott jede Sünde verzeihe, wenn man sie aufrichtig bereue, außer die Sünde wider den heiligen Geist; die aber habe sie nicht begangen, denn sie habe sich nicht gewehrt gegen Gottes Wirken in ihr, vielmehr den Herrn mit offenen Armen empfangen. Dann gebot er ihr, am morgenden Tage, welcher ein Sonntag war, zum heiligen Abendmahl zu gehen, um der Vergebung ganz gewiß zu werden, für den Montag aber erwartete er schon, daß der Gerichtsbote kommen werde, um allem, was er hatte, die Siegel anzulegen. So machten sich denn alle drei bereit am andern Morgen. In der Frühe standen sie auf und sangen fromme Lieder; es kam kein Bissen über ihre Lippen, nur einen Schluck reinen Wassers nahmen sie zu sich, denn sie wollten fasten, bevor sie zum Tische des Herrn traten. Dann gingen sie in ihren besten Kleidern zur Kirche, mit Inbrunst sprach die Frau die vorgeschriebenen Worte bei der öffentlichen Beichte, legte alle ihre Sünden und Lästerungen in ihr Bekenntnis hinein; und endlich knieten die drei am Altar und empfingen gläubigen Herzens das Fleisch und tranken das Blut. Sie kehrten zurück und gingen einen schmalen Steig zwischen ihren Feldern, wo das Korn hinter ihnen zusammenschlug; schwer neigten sich die goldenen Ähren, denn es war ein fruchtbares Jahr; die Sonne schien warm vom Himmel und es war unbeweglich über dem Ährenfeld hin. Da ging der Frau das Herz auf über den Segen, und es kamen ihr die Tränen in die Augen, denn sie dachte, daß Gott ihr ihre Lästerungen nicht angerechnet habe und sie wunderbar errettet, und daß er dieses Jahr doppelt und dreifach gab, wie als einen Lohn für das fromme und geduldige Ausharren des Mannes; der aber sprach liebreiche Worte zu ihr, und sie wies auf die Tochter, welche fröhlichen Gemütes vor ihnen her wandelte und sprach davon, wenn diese erst verheiratet sei und sie Enkelkinder hätten und der Schwiegersohn ihm die harte Arbeit abnehmen würde, in wenigen Jahren könnten sie dann die Schaden der vergangenen Zeit wieder bessern. Als sie zu Hause angekommen waren, aßen sie, und die Frau war müde von dem Fasten und der großen Aufregung und Erhebung und begehrte eine Stunde zu schlafen. Der Bauer schickte das Kind fort zu bekannten Leuten im Dorf, dort sich zu vergnügen, ging noch einmal durch die Ställe, welche verlassen waren, weil Knecht und Magd gleich nach dem Mittag fortgegangen und schritt dann zur Scheune. Hier hatte er eine scharfe Axt verborgen, von der Art, wie die Zimmerleute sie zum Bebeilen der Pfosten zu gebrauchen pflegen. Diese hatte er in vorigen Tagen noch besonders sorgfältig geschliffen und abgezogen und versuchte sie jetzt, indem er einen Strohhalm an ihr durchschnitt. Dann kniete er nieder zum Gebet; denn jetzt kam sein Plan zum Ende; nachdem er durch seine Erfindungen seine Frau wieder mit Gott versöhnt, wollte er sie ermorden, damit sie das folgende Unheil nicht erlebe, sondern frohen Herzens eingehe in das ewige Leben. Lange rang er im Gebet, denn er war ein weichmütiger Mann und vermochte nicht der geringsten Kreatur ein Leid anzutun, und die Tränen fielen ihm aus den Augen auf das Stroh und dicke Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. Aber nachdem er sich Mut eingeflößt hatte, erhob er sich und ging leise auf den Strümpfen in das eheliche Schlafgemach, wo die Frau auf ihrem Bette mit geschlossenen Augen lag. Er setzte die Schärfe des Beiles an ihrem Hals an, und schnitt, nachdrückend, ganz hindurch. Die Frau öffnet mit entsetztem Ausdruck die Augen, ihre Hände griffen nach seinem Arm, und ein pfeifender und röchelnder Laut kam aus der klaffenden Wunde. Dann versuchte sie aufzustehen, fiel aber sogleich wieder zurück, und ihre Augen wurden starr. Er kniete am Bett und betete inbrünstig zu Gott, faltete auch ihre machtlosen Hände. Dann drückte er ihr die Augen zu und deckte ein Tuch über die Wunde. Jetzt wusch er sich die Hände, zog den Rock wieder an, den er vorher abgeworfen hatte, um ihn nicht mit Blut zu besudeln, setzte den Hut auf, mit dem er zum heiligen Abendmahl gegangen war, ging zum Schulzen und erzählte ihm, was er begangen. In der Nacht wurde er in aller Stille und ohne Aufsehen, wie er inständig gebeten hatte, nach der Stadt ins Gefängnis gebracht. Auch das Kind nicht mehr zu sehen, flehte er; die ganzen Stunden betete er zu Gott, daß er sich des Kindes annehmen möge und begütigt sein mit dem Opfer, das er dargebracht durch sich selber. Nur kurze Zeit währte es, bis des Gläubigers Leute in das jammervolle Haus eintraten, wo das verlassene Mädchen ohne Rat und Hilfe in einem dunklen Winkel saß. Es wurde alles verkauft, Acker, Hof, Vieh, Gerät und Kleider und Leinen, ein geringes Geld, nicht ganz hundert Taler, blieb übrig, welche der Pfarrer für die Waise in die Sparkasse niederlegte, als einen Groschen, wenn sie einmal heiraten würde; den schönen Eichenstamm, welchen ihr Vater gefällt hatte, als sie geboren war, einst Ehebett und Schrank für sie zimmern zu lassen, wenn ein Mann sie heimführen werde, und der unversehrt unter dem Brandschutt geblieben durch ein Wunder, hatte ein Schlächter erkauft, und ihr war nur eine ärmliche Truhe geblieben, mit weniger Wäsche und dem Sonntagskleid und ein billiges Ringlein aus Silber mit einer Locke ihres Vaters darin eingefaßt, welches sie sich erbeten hatte. Der gute Pfarrer sorgte für sie, daß sie in der Stadt eine Stelle als Dienstmagd bekam, wo sie verschüchtert und unter vielen nächtlichen Tränen Arbeit für fremde Leute tun mußte. Die Aburteilung des alten Bauern zog sich lange Zeit hinaus. Er saß gramvoll, aber gefaßten Herzens in einer Zelle und las in der Bibel. Als er vernommen wurde, hatte er alles erzählt wie es gekommen, aber der Richter war böse geworden und hatte ihm nicht geglaubt. Er hatte einen Schnurrbart, der ganz in die Höhe gebürstet war und fragte allerhand sonderbare Sachen, zu welcher politischen Partei er gehöre und ob seine Frau Liebhaber gehabt habe. Da schwieg er erschreckt und antwortete immer nur, er wisse nichts. Einen jungen Mann hatte man ihm als Verteidiger eingesetzt; dieser kam in seine Zelle und sprach, ihm brauche er nichts vorzureden, sondern er solle nur die Wahrheit sagen, denn er könne dann vielleicht eine Milderung ausfindig machen. Dem antwortete er, indem er auf sein weißes Haar wies, welches aber kurz geschoren war, und sagte, er wolle haben, was ihm zukomme, und er habe nie Unwahres geredet, außer zu seinem Weibe, um sie zu trösten und zu beruhigen, und das brauche er vor keinem Menschen zu verantworten, sondern nur vor Gott. Da wurde der junge Mensch verdrießlich und sagte, die Bauern seien immer mißtrauisch und redeten auch zu denen Lügen, die ihnen helfen wollten; aber er wolle seine Pflicht tun und versuchen, ob man ihn nicht für unzurechnungsfähig erklären werde, wiewohl er selbst glaube, daß er wohl wisse, was er getan habe. Dann kam ein Arzt und fragte ihn, ob er das Einmaleins wisse, und er antwortete, daß er das in der Schule gelernt habe, und auch das große Einmaleins, und er könne auch lesen und schreiben; so stellte dieser Mann noch viele Fragen, deren Sinn er nicht einsah, nach dem Elternnamen seiner Mutter, und wie die Hauptstadt heiße und wer König sei, und so fort. Es trat auch ein Geistlicher in die Zelle, im Ornat und mit dem Gesangbuch. Er sah nach der Uhr, welche eine doppelte Kapsel von Gold hatte, und sprach, er sei der Geistliche der Anstalt, und es sei seine Pflicht mit ihm zu sprechen und ihn zu ermahnen. Damit setzte er sich auf den Schemel und legte das Buch auf den Tisch. Dem Bauern aber war die Kehle wie zugeschnürt, wiewohl er den Geistlichen mit großer Begierde erwartet hatte, und er wußte nichts zu erwidern. Der Geistliche redete in ihn, er solle die Wahrheit sagen, und ob er sich habe vom schnöden Mammon verblenden lassen oder durch den Zorn; ihm aber war es, als müßten ihm die Tränen kommen und er fühlte sich ganz hilflos; da sagte er, ob denn nicht der Pfarrer aus seinem Ort kommen könne, der seine Tochter eingesegnet habe. Hieraus wurde der Geistliche ungeduldig, und der Bauer merkte, daß er sich ärgerte; er sah dann nochmals nach der Uhr und sprach, er habe sehr viel schriftliche Arbeiten zu tun und jetzt keine Zeit mehr, und ob er ihm nicht in irgend etwas helfen könne; daß der fremde Pfarrer kommen dürfe, glaube er nicht, das werde wohl wider die Vorschriften sein. Als der Bauer darauf den Kopf schüttelte, ging er. Derart schwanden Monate im Kerker, ohne daß etwas geschah, nur daß der Mann immer blasser wurde und sich endlich ganz hinfällig fühlte. Indessen bekümmerten sich um seine Tochter andere Mädchen, welchen sie leid tat, und suchten sie zu erheitern durch Zuspruch. Es waren dieselben aber leichtfertiger Natur und nahmen ihre Tröstungen aus ihrem oberflächlichen Gemüt, indem sie sagten, daß sie nicht an ihr Unglück denken müsse und sich zu dem Zweck zerstreuen solle, denn das Leben sei kurz und besonders die Jugend, und sie könne durch ihr Trauern doch niemandem nützen. So zogen sie an einem Sonntag nachmittag sie mit sich hinaus zu einem Spaziergang, wider ihren Wunsch, aber sie mochte die gutherzigen Mädchen nicht kränken. Als sie vor die Stadt kamen, da warteten die Verehrer der beiden, und hatten auch einen dritten mitgebracht, der gleich ihnen ein Handwerksgeselle war, ein Schuster und lustiges Blut. Dieser machte sich an sie und sagte, er habe keinen Schatz und wolle deshalb mit ihr gehen. Und wiewohl sie nicht wollte, so redeten ihr doch alle zu, sie solle ihr Vergnügen nicht stören, und es sei doch nichts Schlimmes, wenn sie mit dem Gesellen gehe, auch machte dieser selbst gar treuherzige Augen. Da ließ sie sich bereden und henkte ihren Arm in seinen, vornehmlich aus Scham darüber, daß alle so auf sie einsprachen. Dann gingen die drei Paare zu einem Vergnügungsort, der etwa eine halbe Stunde vor der Stadt lag. Hier machten sich die beiden andern sogleich auf den Tanzboden, sie aber blieb unten in der Wirtschaft, und der Geselle setzte sich zu ihr und bestellte ihr Bier. Dann erzählte er ihr allerhand, woher er stamme, und daß heute die Fabriken viel billiger arbeiten können wie die Meister, und daß er sich gar nicht selbständig machen wolle, sondern zusehen, daß er eine gute Stelle bekomme in einer Fabrik, wo er viel mehr verdienen werde, zudem auch die Konzentration des Kapitals befördern, und somit die endliche Befreiung des arbeitenden Volkes von seinen Ausbeutern. Das Mädchen aber dachte seufzend bei sich, daß sie sich wohl glücklich schätzen müsse, wenn einmal ein Fabrikarbeiter sie zum Weibe nehme. Als es nun gegen den Abend kam und in der Wirtschaft die Lampen angezündet wurden, die trübe brannten in dem Zigarrenrauch, da drängte sie nach Hause. Die beiden anderen Mädchen aber waren in der besten Freude über das Tanzen und wollten erst viel später gehen, da machte sie sich allein auf den Weg und der Geselle begleitete sie. Nachdem sie eine Strecke von dem Hause entfernt waren, wollte er, daß sie wieder ihren Arm einhenke, und sie weigerte sich dessen, weil sie allein waren, auch fühlte sie Befangenheit und Furcht. Er aber machte Scherze und sagte, wenn er wolle, so müsse sie ihm den Arm geben, und als sie sich wehrte, rang er wie im Spiel mit ihr. Dabei küßte er sie unversehens auf den Mund; sie war zuerst so erschreckt, daß sie nur eine große Nase im Gesicht spürte und gar nicht wußte, was das bedeute, als es ihr aber klar wurde, schrie sie und lief von ihm fort auf dem Wege weiter. Er holte sie bald ein und bettelte in treuherzigen Worten, daß sie nicht böse sein solle, er wolle auch nicht wieder so zudringlich sein; und da es ihr jetzt ängstlich war, so allein in der Dunkelheit auf dem einsamen Wege fürbaß zu schreiten, so duldete sie wieder, daß er neben ihr herging. Nachher erzählte er von neuem einiges, so, daß er sich habe eine Uhrkette machen lassen aus einem alten Taler, welches jetzt das Modernste sei; dann wiederholte er seine Bitten, ihr aber wurde eigen zu Mut, wie vorhin, jedoch auch wie vertrauensvoll. Sie gab ihm ihren Arm, und ging langsam mit ihm, und er küßte sie wieder, wobei sie nur noch wenig widerstrebte, dann führte er sie noch einsamere Wege, und sie konnte nicht mehr recht widerstehen, denn sie wußte auch, daß es doch nichts nutzte. Endlich setzten sie sich auf eine Bank, und dann tat er alles, was er wollte. Darauf war sie ganz entsetzt, und es schien ihr, als wenn die Welt vor ihren Füßen versunken sei. Sie schrie laut und schluchzte unaufhörlich, hörte nicht auf die ermutigenden Reden des Gesellen, und das einzige Wort, das sie zwischen den unverständlichen Tönen vorbrachte, war, daß sie ihren Vater rief. Wohl eine halbe Stunde lang bemühte sich der Geselle, aber sie schrie immer denselben Laut und Ton, schluchzte dazwischen und rief das eine Wort, als wenn sie von Sinnen sei. Da fiel dem Gesellen bei, daß erzählt wurde, ihr Vater sei irrsinnig, und das Grauen packte ihn, daß er fortlief, als wenn er verfolgt werde, bis er die Töne nicht mehr hörte, und dann weiter, und als er an die Wirtschaft kam und die Lichter sah und die Musik hörte, da überfuhr ihn eine neue Angst, und er lief quer über das Feld weg, unter Stolpern und Fallen, daß er alle Richtung verlor und in dem Nebel irrte, welcher inzwischen gefallen war, bis er sich in der Stadt befand, wo er dann eilig in seine Dachkammer lief, sich ins Bett warf und die Decke über die Ohren zog. Nachdem das Mädchen eine Weile allein geblieben war, verstummte ihr Schreien, und sie begann ein leises Weinen. Dann stand sie von der Bank auf, ordnete ihre Kleider und machte sich auf den Weg nach der Stadt. Durch den Nebel schienen die Lichter einer Häuserreihe. Da kam der Jammer über sie, und sie nahm ihr Kleid hoch, ging einen schmalen Feldweg, der dort abzweigte und zum Feuerteich führte. Als sie vor dem Feuerteich angekommen war, fiel sie auf die Knie, betete zu Gott um Vergebung für ihre Sünde, raffte das Kleid zusammen und stürzte sich kopfüber in das tiefe Wasser, welches gänzlich mit Entengrütze bedeckt war. Als dem Bauern im Gefängnis berichtet wurde, daß man sein Kind aus dem Feuerteich gezogen habe, da ging eine Bewegung vor in seinem Herzen, daß er eine ganze Weile starr und unbeweglich sitzen mußte. Dann begann er, für sich zu brüten. Er las nicht mehr in der Bibel, sondern saß auf dem Ende seines eisernen Bettes, den Kopf in die Hände gestemmt. So saß er den ganzen Tag und brütete. Es glaubte ihm hier niemand den Grund, welchen er sagte, weshalb er sein Weib getötet hatte. Das merkte er wohl. Auch der Geistliche glaubte ihm nicht, sondern meinte, daß er irgend eine andere Ursache gehabt habe für seine Tat. Das war doch ein ganz klarer Beweis dafür, daß seine Gedanken unrichtig gewesen sein mußten, und daß es sich mit dem Eingreifen Gottes anders verhielt, als er immer gemeint hatte. Und ferner: wenn seine Gedanken richtig gewesen wären, so hätte Gott doch nicht das mit seinem Kinde geschehen lassen dürfen. Es wurde zwar immer gesagt, wir sollen Gott nicht richten; aber es mußte doch irgend einen Grund sehen, den Gott gehabt hätte. Es war hier aber kein Grund zu finden. Nun hatte er schon früher einmal den Gedanken gehabt, ob es vielleicht gar nicht wahr sei, daß Gott die Welt regiert, und ob nicht vielleicht alles, was hier geschieht, von dem Widersacher ausgeht und dieser nur die Menschen mit falschen Gedanken betrügt. Stand nicht geschrieben vom Antichrist, daß er sollte los werden aus seinem Gefängnis und ausgehen, zu verführen die Menschen? Er wußte wohl, daß es hieß: »Welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich. So sei nun fleißig und tue Buße.« Aber dann fuhr der heilige Geist fort: »Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. So jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich eingehen, und das Abendmahl mit ihm halten, und er mit mir.« Aber an seine Tür hatte der Herr nicht geklopft, nein, er hatte gerufen nach dem Herrn und keine Antwort war ihm geworden. So war er gänzlich betrogen. Indem er aber so nachdachte, fühlte er plötzlich, wie es ganz leer wurde in seinem Herzen, und daß er nicht mehr an Gott glauben konnte. Das war, als sei es mit einem Male gekommen, in einem einzigen Augenblick. Angstvoll stand er auf, und schlug mit den Fäusten an die Tür des Kerkers, bis durch das runde Loch in der Tür ein Aufseher blickte, der endlich öffnete auf das verzweifelte Gebaren des Mannes. Er flehte ihn an, daß er den Geistlichen zu ihm hole. Aber als dieser nach einer Weile kam, war ihm wieder die Kehle zugeschnürt, kaum als er seine Bewegung beim Eintreten gesehen hatte. Nun grübelte er weiter, und mitten in diese Zeit kam endlich die Verhandlung, mit Fragen und Reden und vielen neugierigen Menschen und einem großen Saal mit drei Fenstern. Er merkte gar nichts von ihr, und auch, daß er verurteilt wurde zur Hinrichtung, ging nicht in sein Gemüt, sondern er hörte es nur. Nun sollte er das heilige Abendmahl nehmen. Aber er wollte das nicht und wehrte sich mit allen Kräften. Denn er konnte ja nicht mehr glauben an Gott; wenn aber Gott doch wirklich war, so machte er seine Sache nur schlimmer, denn wer unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selbst das Gericht. Derart war er verstrickt in einem Netz, das er nicht zerreißen konnte. Zwei Menschen waren es, die ihn bei den Armen ergriffen und führten, durch lange, lange Gänge, an deren Ende ein kleines Fenster war und viele, viele Türen an den Seiten, er konnte gar nicht denken, wie viele Türen das waren. Dann aus der Tür auf einen Hof, wo ganz weit, ganz weit das Blutgerüst war mit dem wartenden Henker, er wußte gar nicht, wie lange er gehen mußte; und dann stand er plötzlich oben, und die beiden Männer hatten ihm die Jacke ausgezogen und seine Hände auf dem Rücken gefesselt, und neben ihm stand der Geistliche mit dem Kruzifix und sprach etwas. Aber in seinem Herzen war es ganz leer und er hatte den Glauben nicht, den hatte ihm der Widersacher auch noch genommen, nachdem er ihm alles genommen hatte. Und so mußte er sterben als ein ungläubiger Sünder, und seine Seele mußte fahren zur ewigen Verdammnis. Christoffel und Ursula Christoffel war der jüngste Sohn eines verarmten Ritters. Der alte Vater mit rotem Gesicht und schloweißem langen Haar und Bart steckte die Beine unter den langen Tisch in der großen Stube und sprach zuweilen mit sich selbst; wenn die Enkel Ball spielten und ihn etwa einer traf, welches auch wohl mit Absicht geschah, so machte er böse Augen, worüber die Enkel dann spaßten und lachten. Er rühmte sich häufig, daß zu seiner Zeit die Esse nicht kalt geworden sei, und daß immer Schweinernes oder Kälbernes auf dem Tisch gestanden habe in großen Schüsseln, so viel jeder wollte, aber die jetzige Jugend habe nicht Lust, weder zum Lernen, wie man den Harnisch putze und die Armbrustschnur drehe, noch zu ritterlichen Übungen und Kriegsfahrten. Die Schwägerin (denn der älteste Bruder war beweibt und die andern in der Fremde mit Ausnahme Christoffels) war über die Maßen zanksüchtig, hielt aber, wie böse Weibsleute pflegen, den Hausstand ordentlich und sauber und putzte den Buben fleißig die Näschen. Der Bruder mußte ihr gehorsamen und war ein schwacher, engbrüstiger Mann, denn er hatte in seiner Jugend einen Fall getan; und da er lesen gelernt hatte, so saß er viel über dicken Büchern in Schweinsleder gebunden, mit verwickelten Geschichten von Rittern und Zauberern; auch grub er fleißig zu sichern Mondzeiten nach einem heimlichen Schatz, der aus der Zeit der Vorväter unten im Turm verscharrt war, hatte auch schon ein recht tiefes Loch gewühlt, aber bis dahin nur ein alt verrostetes Gerät gefunden, etwa einen Bratenspieß, welchen er jedoch mit großer Sorgfältigkeit aufhob. Der junge Knabe Christoffel, welcher zu der Zeit wohl an die sechzehn Jahre zählte, mußte für den Haushalt aufkommen, welches er auch ehrbarlich und unbekümmerten Sinnes tat. Derart zog er in des Morgens Frühe, wenn der Tau noch auf den Gräsern lag, in den Wald, wo die kleinen Vögel auf den Zweiglein zu singen begonnen und schoß etwa ein Reh, oder wenn sich eines Bauern Ziege verlaufen hatte, so brachte er das Tierlein mit und sperrte es in den Stall, wo die Schwägerin ein Schwein fett machte zur Winterzehrung an den Sonn- und Festtagen. Auch hatte er einmal einen Zug mitgemacht, wo sie einen reichen Kaufmann aufhoben, der sich um schweres Geld lösen mußte, davon er seinen Teil bekam, desgleichen einen Anzug (ohne den pelzbesetzten Mantel) des Fremden, welcher von gutem, festem Stoff war. So begegnete er an einem Morgen einem alten Bauerweiblein, welches Gänse und Eier in die Stadt bringen wollte und hatte die Eier unten liegen in der Kiepe, die Gänse aber in einem Henkelkorb darüber festgebunden, also, daß sie mit ihren Hälsen hervorsahen und gefaßten Mutes mit ernsthaften Gesichtern nickten, wie das Weiblein rüstig fürbaß schritt. Vor dieses trat er hin und sprach tapfer: »Bäuerlein, deine Kiepe muß mein sein, denn wir seit dreien Tagen nichts gegessen haben wie trocken Brot sonder Salz, dieweil die Herren in den Städten dem Adel und armen Volk das Salz verteuern, also, daß es unerschwinglich wird, ganz zu geschweigen von den ausländischen Gewürzen.« Auf dieses fiel das Weiblein auf ihre Knie, schrie und bat, wie daß ihr Mann vom Baum gefallen wäre und sich ans Herz gestoßen und läge zu Hause auf dem Bette und könne nicht sprechen, verdrehe bloß traurig die Augen, dieweil sie sechs Kindlein hätten, und wolle sie zur Stadt zum Wasenmeister und ihm dieses bringen, daß er ihr einen Balsam gebe, um den Mann zu heilen. Darob erbarmte sich der Jungherr, denn es jammerte ihn des Weibleins und seiner sechs jungen Raben, daß sie sollten unversorgt sein und sprach: »Sei guten Muts, denn ich will dir deine Sache nicht nehmen, sondern gehe in die Stadt und kaufe einen Balsam, und so ihm der nicht hilft, so verschaffe dir ein getrocknet Krötenherz und binde ihm das um den Leib, so wird er genesen,« und hoffte, daß ihn Gott werde etwas anderes treffen lassen, welcher seine Geschöpfe nicht lasset verderben. Indem er aber noch mit dem Weiblein sprach und ihm darlegte, wie das Krötenherz bereitet werden müsse, und das Weiblein dachte schon, wie es seine Eier und Gänse mit Vorteil verkaufen wollte in der Stadt, weil es erst versuchen mochte, ob das Krötenherz nichts hülfe, weil solches Mittel doch nichts kostete und die Leute in den Städten allewege habgierig sind und nichts umsonst hergeben, da kamen zufällig über sie sechs wohlbewaffnete Bürger, welche den Junker Christoffel wohl kannten, daß er auf der Landstraße gelegen hatte, und umringten ihn. Und obwohl der Junker Christoffel sich mit gutem Mut wehrte und einen von ihnen über den Kopf schlug mit seinem Schwert, daß er hinfiel und noch einen an der Hand verwundete, ergriffen sie ihn doch und nahmen ihm seine Waffen weg, banden ihn und trieben ihn vorwärts. Denn wo die Bürger einen Ritter übermannen konnten, der ihnen einmal Schaden getan hatte, da ergriffen sie ihn aus Bosheit und Geiz und brachten ihn in ihre Stadt und richteten ihn; denn sie waren sehr hochmütig über ihren Galgen und es schien ihnen ein besonderer Schmuck, wenn sie einen Ritter an ihn hängen konnten, und wenn er ein armer Ritter war, der keine goldenen Sporen hatte, so machten sie ihm welche (waren aber nur vergoldet) und schnallten sie ihm an, bevor sie ihn richteten. Nun wurde der Junker Christoffel unter einem großen Auflauf der Jugend durch die Stadt geführt, und meinten die, so ihn gefangen, etwas Rechtes getan zu haben, wiewohl sie in Übermacht gewesen waren, und die Bürger in Schurzfell und Hemdsärmeln standen in den Haustüren, die Frauen und Bürgermädchen aber guckten aus den kleinen Fensterlein, wo sie eilig ihre Myrten- und Balsaminentöpfe weggeräumt hatten, und mag wohl mancher Blumenscherben zerbrochen sein in der Hast, und waren die Männer wohl froh, die Frauen und Mägdlein aber dauerte das junge Blut, denn der Junker Christoffel war ein gar stattlicher Mann und begannen ihm die ersten Härlein unter der Nase zu sprießen, welche er sorgsam mit Wachs in die Höhe gedreht hatte. Und zottelte das Weiblein mit seiner Kiepe hinterher, dessen er so barmherzig geschont hatte, und weinte um ihn, und die Gänse reckten ihre Hälse und gigackten, indem sie ihre Schnäbel öffneten und die dünnen Zungen zeigten, als ob ihnen unser Herrgott eingebe, auch um den ehrlichen Jüngling zu klagen, welcher trutziglich dahinschritt in seinen Banden. Also kamen sie auch an dem Haus eines wohlbegüterten Färbermeisters vorbei, welcher dastand mit seinen sechs Gesellen und hatten alle die nackten Arme übergeschlagen, welche dunkelblau waren von der Küpe bis unter den Ellbogen, und war der Färbermeister einer von den ersten Ratsherren, weil er die Worte wohl zu setzen wußte und so geläufig redete, wie ein Doktor. Aus dem Fenster aber guckte sein einziges Töchterlein, welches jetzt sechzehn Jahre alt wurde und mannbar, und füllten sich ihre unschuldigen Äuglein mit Tränen aus Barmherzigkeit über das frische Leben, und da die Gesellen Späße machten, gab sie ihnen einen ernstlichen Verweis; und so fügte es Gott, daß ihr mitleidiger Blick sich traf mit dem jammervollen des tapfern Junkers und daß in ihrer beider Herzen die Liebe schnell angezündet wurde, also, daß sie plötzlich errötete bis fast hinter die Ohren, worüber der Altgesell einen ernsthaften Witz machte, welchem sie jedoch kecklich antwortete; denn dem weiblichen Geschlecht gegeben ist, immer seines Geistes gegenwärtig zu sein. Derart ward der Junker in ein fest Gefängnis gebracht, und gab man ihm nichts zu essen, denn des Morgens eine Mehlsuppe und zu Mittag ein Stück schieres Brot, und zu trinken einen Becher sauern Weins, welches ihm freilich nicht ungewohnt war, denn er war bei karger Kost gesund und kräftig aufgewachsen, wo die reichen Stadtherren bei Braten und Gemüs und Süßigkeiten aufgeblasen werden und weißes Fleisch kriegen, das schlapp ist. Aber alsbald traten die gottlosen Bürger zum Gericht zusammen und indem er nicht leugnen konnte, daß er auf der Landstraße gelegen hatte mit seinen Kumpanen, so verurteilten sie ihn zum Strang, und sollte das Gericht gleich den andern Tag vollzogen werden. Als die fromme Ursula, denn so hieß die Tochter des Färbermeisters, das vernommen hatte, weil ihr Vater nach Hause kam und viel lästerliche Reden führte wider den Adel, ward sie herzlich betrübt, ging zu ihrer Muhme, weinte und sprach: »Liebe Muhme, wenn sie den Junker Christoffel zu Tode führen, so will ich ins Wasser gehen und mich ersäufen, denn ich habe ihn lieb, und wenn er am Leben bliebe, so wollte ich ihm wohl nachlaufen, wenn ich ihn nicht anders kriegen könnte, denn er ein Junker ist und ich eines Färbermeisters Tochter. Aber lieber wäre es mir, wenn ich ihn heiraten könnte und wir lebten ehrbar zusammen und zögen unsere Kinder rechtlich auf zum Handwerk.« Über diese Rede war die Muhme herzlich erschrocken und strafte sie erst über solche leichtfertigen Worte, aber nachher hub sie auch an zu weinen, und saßen die beiden Weiblein im Oberstübchen auf einer Truhe, in welcher Äpfel lagen noch vom vorigen Jahre her, welche schön rochen, sie lagen aber zwischen der Wäsche, und es rannen ihnen die Tränen über die Backen, daß ihre Kleider naß wurden. Und die Muhme wollte die gutherzige Jungfrau trösten und gab ihr einen Apfel, welcher so frisch war, als wie eben vom Baum genommen, und die Jungfrau aß. Und dann redete die Muhme folgendermaßen: »Es ist eine alte Sitte hier, wenn ein armer Sünder zum Richtplatz geführt wird und steht unter dem Galgen, und eine reine Jungfrau, eines ehrlichen Bürgers Tochter, tritt vor und spricht: diesen will ich ehelichen, so ist der Mann seiner Schuld ledig und kann ihm nichts fürder geschehen, wenn er die Jungfrau ehelicht; aber es bedenkt sich wohl manche, Galgenfleisch zu kaufen und weiß ich auch nicht, ob es gut tut.« Über dieses wurde die Jungfrau recht froh, und sie beschloß bei sich, also zu handeln; denn sie dachte, wenn er auch adeliger Herkunft wäre, so möchte er doch lieber ein wohlgewachsenes und nicht unbemitteltes Jungfräulein heiraten, auch wenn sie nicht seines Standes wäre, wie mit des Seilers Töchterlein den Brauttanz wagen, zu dem der Wind aufspielt. Und dann überlegte sie, wenn er auch später von ihr als einer Unebenbürtigen wegliefe, so hätte sie ihn doch von einem schimpflichen Tod gerettet und er werde auch dann gewiß immer ein dankbares Herz für sie haben, womit sie sich zu begnügen dachte; aber sie hoffte bei sich, sie wolle ihn schon so lieb halten, daß er immer bei ihr bliebe aus freien Stücken, weil es ihm so gut bei ihr gefiele. Und so zogen nun am andern Morgen in der Frühe die Gewappneten aus nach dem Galgenberge und hatten den jungen Herrn zwischen sich, welchem sie die Hände kreuzweise gebunden, und ein Pfaffe tröstete ihn und sprach: »Kurzer Tod, seliger Tod«, und folgte viel Volks hinterher. Und als sie unter dem Galgen standen, legte der Meister ihm den Strick um den Hals, zog seine Kappe ab und bat ihn, er möchte ihm verzeihen, weil er nur tue, was seines Amtes Schuldigkeit sei, und antwortete der Knabe: »Möchte ich doch lieber der Henker sein und mich meines Lebens freuen, wie so jung sterben, da mir nichts fehlet, und ich alle Glieder wohl gewachsen habe; aber wenn es denn so ist, so befehle ich Gott meine arme Seele und hoffe, er werde in Barmherzigkeit verfahren mit ihr.« Und als er das gesagt hatte und alle Leute still schwiegen und ihre Kappen abnahmen und beteten für den unschuldigen Jüngling, daß Gott seiner Seele gnädig sein möge, da trat die Jungfrau hervor und wiewohl sie ganz blaß war und ihre Äuglein vor Scham niederschlug, sprach sie doch mit fester Stimme: »Lieben Mitbürger, ihr kennt mich, daß ich eines ehrlichen Bürgers Tochter bin und eine ehrbare Jungfrau, und weil es ein altes Recht ist, daß eine solche einen armen Sünder vom Tode frei machen kann, wenn sie ihn ehelichen will, so frage ich hiermit den Junker Christoffel, ob er mich als sein rechtmäßiges Ehegemahl erkennen will.« Dem Jüngling war nicht anders, als habe ein Engel vom Himmel geredet und hätte er wohl auch einer Alten und Häßlichen erwidert »Ja«; und wiewohl er in seiner großen Angst zuerst gar nicht das Mägdlein erkannte, welches ihn so liebreich angeblickt hatte auf seinem bösen Wege und hatte ihm damals der Liebesgott seinen Pfeil ins Herz geschossen, sah er doch nunmehr, wer sie war und freute sich über sein ganzes Gesicht und sagte aus vollem Herzen, er wolle wohl, wenn das wirklich altes Recht sei und die E. und G. Herren vom Ratsregiment wollten es ihm lassen zugute kommen. Es entstand nun ein großes Rumoren in dem umstehenden Volk, denn der Vater des tapferen Mägdleins war recht ungehalten, welcher gedacht hatte, sie solle den Altgesellen heiraten, welcher guter Leute Kind war, ein Leipziger, und geschickter Mann in seinem Fach, wiewohl ein wenig gnatzig und trug auch eine Perücke, weil er sein gewachsenes Haar verloren hatte in einem bösen Fieber, und am Sonntag eine kohlschwarze, aber an den Werktagen eine fuchsige, weil ihr die Farbe ausgegangen war. Gab also der Vater dem Maidlein einen Backenstreich und verwies ihr zornig ihr Vorhaben. Kamen aber die andern Ratsherrn, welche ihm lange neideten, weil sie vornehm waren, und er war von den Handwerksmeistern abgeordnet und redete viel gegen sie in der Ratsversammlung; diese freuten sich über den Vorfall, denn sie hielten es für einen guten Schabernack, daß er solchen Schwiegersohn kriege, der ihm nichts nützen konnte in seiner Hantierung, meinten auch, dann würde er sich fürder nicht so viel ums gemeine Wesen kümmern, sprachen also auf ihn ein und bewiesen ihm aus den alten Gesetzen, daß er das Mägdlein nicht hindern dürfe an solcher Guttat, und kam der Pfaffe hinzu und sagte, daß er sie gleich einander geben müßte unter dem Galgen, und müßte das Mägdlein den Strick halten, der um des Junkers Hals gelegt war; und das Jungfräulein weinte wohl klare Tränen über den Backenstreich, und weil es sich arg schämte, denn die Herren lachten und ihr Vater machte ein böses Gesicht, blieb aber fest bei ihrem Vorhaben. Also gab ihr der Bürgermeister, welcher ein gut alt Mann war, den Strick in die Hand, und der Pfaff traute sie unter dem Galgen, und zog der Bürgermeister seine Börse und reichte ihr eine schöne alte Goldmünze zur Verehrung und streichelte ihr den Kopf und lobte sie sehr, den Junker aber vermahnte er aufs ernstlichste, daß er solche Frau hochhalten und lieben solle, welches nicht wäre nötig gewesen, denn schon hatten Liebe und Dankbarkeit ihre Hütten aufgeschlagen in dem edeln Herzen dieses Knaben. Nunmehr gingen alle nach Hause, und dachte der ehrbare Färbermeister gute Miene zum bösen Spiel zu machen, da nichts zu ändern war und er durch sein Brummen die Sache nur böser gemacht hätte. Rief also sein Gesinde zu Haus, schloß die Fensterladen, setzte zween Leuchter auf den Tisch und das Bibelbuch dazwischen, und las ein schönes Kapitel aus der hl. Schrift vor, ermahnte alsdann seinen Eidam und küßte seine Tochter unter herzlichen Tränen, und war keiner, der nicht gerührt gewesen wäre, sonderlich die Weibsleute, außer der Altgeselle, welcher trutziglich vortrat und seinen Abschied erbat; welchen er ihm auch gab und dazu sagte: »Du siehest wohl, daß ein solches feines Kräutlein nicht für dich Kahlkopf gewachsen war.« Und ging die Haustüre den ganzen Tag, denn die guten Weiber freuten sich alle über die Tapferkeit und Guttat des Mägdleins und schickten viele Geschenke zur Hochzeit, also daß sie mehr kriegten, als hätte sie eine richtige Freierei gehabt, und sparten noch die Unkosten des Hochzeitsmahles. Am Abend aber führte der alte Meister ein langes und vernünftiges Gespräch mit dem Eidam, und freute sich sehr, weil derselbige ihm in vielen Dingen recht gab, was er nicht aus Schalkheit tat, sondern weil ihm seines Schwiegervaters Worte richtig erschienen. Sprach der alt Mann, wie daß Adam von seiner Hände Arbeit gelebt habe, und daß die Färberei gar alten und edeln Ursprungs sei, indem schon der Prophet Jesaia von einem Färber spricht, wie geschrieben steht: »Aber der Herr sprach zu Jesaia: gehe hinaus, Ahas entgegen, du und dein Sohn Sear-Jasub, an das Ende der Wasserröhren am obern Teiche, am Wege beim Acker des Färbers,« allwo der Meister wahrscheinlich seine Tuche gespannt hat. Hinwiederum klagte der Junker, daß dem Adel sein Brot gestohlen werde, indem mit dem Überhandnehmen der gottlosen Erfindung des Feuerrohrs kein ehrlicher Ritter sich mehr dem Kriegshandwerk zuwenden könne, sondern nur allerhand verdorben Volk, das zu Hause nicht gut tue. Er wolle aber seines Schwiegers Brot nicht umsonst essen, vielmehr sich umsehen nach einer Bedienung bei der Stadt, welche denn einen Kriegsmann wohl brauchen könne. Dessen war der alt Mann zwar nicht recht zufrieden, denn ihn dauerte das schöne Geschäft, das einstens in fremde Hände kommen sollte, sagte aber nichts, sondern gedachte dieses Weitere der Zeit zu überlassen, welche wohl Rat findet für allerlei noch schwierigere Dinge. Also gingen sie zu Bette und erfreute sich der Jüngling seiner geliebten Magd, welche er auch von Tag zu Tag immer mehr in sein Herz schloß. Zwar hatte er kein sonderliches Glück, wie er um eine Bedienung bei der Stadt nachsuchte, denn die Bürger wollten einen Mann haben, der mit Büchsen umzugehen wisse: und er verdiente sich nur ab und zu einen Groschen, indem er einen reichen Kaufherrn begleitete, um ihn zu beschützen, wenn ihn welche anfallen sollten. Das machte ihn gar traurig. Aber seine vielgeliebte Ursula wirtschaftete mit freudigem Gesicht im Hause und schloß große Schränke auf und zu, wo viel Linnenzeug aufgehoben lag, bereitete auch das Essen, welches schmackhaft war, und die Gesellen lobten es mit Bescheidenheit. So strich sie ihm oft über die Stirn, wenn er untätig da saß, küßte und tröstete ihn, und hatte immer heitere Worte, denn sie wußte wohl, er schämte sich, weil er nichts Rechtes in den Haushalt zu bringen wußte. Sie hatte aber ein festes Vertrauen zu Gott, der bis dahin alles so gut geführet, daß er auch weiterhin alles zum Besten leiten werde. Nun war der Junker freundlich und höflich gegen jedermann und auch die Gesellen hatten ihn, gern, und freuten sich auch, daß dem Altgesellen seine Freierei schief gegangen war; und weil er besonders stark von Leibeskräften war, so baten sie ihn, manchmal mit anzufassen, wenn etwas Schweres gehoben oder getragen werden sollte. Auch zeigte ihm der Meister die vielen schönen Farben, über welche er sich sehr ergötzte, und machte ihm immer mehr Spaß, also daß er oftmals ganze Tage in der Werkstätte mitschaffte, wie er denn anstellig und geschickt war zu allerlei Hantierung, und an solchen Tagen war er fröhlich und guter Laune, umfaßte dann auch wohl seine vielgeliebte Ursula, wenn sie mit Schürze und Löffel da stand und etwa einen Erbsenbrei rührte, und hub sie in die Höhe, indem er sie herzlich küßte. So kam denn die Zeit herbei, daß die fromme und fröhliche Ursula eines Knäbleins genas, welches sie Christoffel nannten, und stund der Bürgermeister mit Gevatter, aus besonderer Freundschaft zu dem Pärlein. Und hatte der alte Meister ihm vorher einen Auftrag gegeben, wie zum Scherz, daß er solle ein groß Kübel mit Krappfarbe bereiten und einen Ballen Wollenstoff färben, welches als das Schwierigste in der Kunst gilt, denn eine große Fertigkeit erfordert wird, damit nicht Streifen oder Flecken auf dem Zeug entstehen. Dieses hatte er zu großer Zufriedenheit ausgerichtet, und war der alte Meister mit dem Ballen zu der Zunft gegangen, hatte ihnen seine Geschichte vorgestellt, welche sie wohl wußten, und sie gebeten, weil er so viele Jahre für das gemeine Wohl gearbeitet habe ohne einen Groschen Gewinn, und nun ein alt Mann sei, sie sollten aus besonderer Liebe zu ihm seinen Eidam in die Zunft aufnehmen, dieweil er ja sein Meisterstück, welches eben dieser Ballen war, sonder Fehl geliefert habe. Und die Meister bedachten sich, und wiewohl es gegen die Satzungen war, so beschlossen sie doch, aus besonderer Gunst diesem Ansinnen zu willfahren. Luden ihn demnach an dem Tage, wo die Taufe sein sollte, vor sich, und nachdem alle Fragen und Antworten geschehen waren und sonst alles, was Sitte und Gebrauch, ist, gaben sie ihm einen schönen Meisterbrief, auf Pergament geschrieben, mit allerhand bunten Tinten und einem großen Siegel daran, worüber er recht erstaunt und noch mehr erfreut war; ging dann mit dem Kindlein und der Mutter und den Paten in die Kirche, als ein Meister gekleidet, welches der Schwieger gleichfalls vorgesehen hatte, und lobte Gott. Hierauf zeigte er einen großen Eifer in seiner Hantierung und freute sich der alte Vater sehr, als er sah, wie gut er einschlug, vermeinte fast, es sei sein Werk gewesen, daß dieser Jüngling von dem schimpflichen Tod errettet sei. Er hatte aber ein stilles und fröhliches Wesen, machte wenig Worte, und war sehr liebreich gegen seine liebe Ursula und den kleinen Christoffel; ging auch nicht in die Gasthäuser, sondern blieb fleißig daheim und las nützliche und fromme Bücher. So war mehr denn ein Jahr verflossen und es zog bereits der Frühling wieder ins Land. Hinter der Werkstätte aber grüßte ein Gärtlein, groß als eine Stube, wo ein alter Apfelbaum stand, ein Hasenschnäuzchen, der in jedem Herbst reichliche Früchte trug, viele Scheffel. Dieser war mit Blüten voll besät, weißen und rosenfarbenen, daß es eine Lust war, ihn anzusehen; und setzte sich ein Vöglein mit einem roten Brüstchen auf die oberste Spitze und sang ein Frühlingslied, also daß man so recht sah, wie es fröhlich war über den Sonnenschein und die klare Luft. Dieses nun sah der Meister Christoffel, und zog eine große Trauer in sein Herz. Denn er gedachte des Waldes, wie da die Rehlein sprangen und ein würziger Duft war, welcher die Brust stärket. Seine Frau aber merkte wohl, was ihm war, denn wo Liebe ist, da sind nicht Worte nötig, und wissen die Menschen alles voneinander. Verfiel nun in eine große Angst, daß ihr geliebter Mann möchte von ihr gehen, und betete zu Gott, daß er ihr beistünde. Da mag ihr wohl der böse Feind eine List eingeblasen haben, welchen es ja immer bost, wenn Menschen einträchtiglich beieinander bleiben. Fiel ihr also ein, daß ihr Mann in der Werkstatt nur Holzschlappen trug wegen der Feuchtigkeit auf dem Boden, und im Hause zog er dünne Schlafschühchen an, welche sie ihm gestickt hatte, mit schönen blauen und roten Blumen darauf; aber daß er mit diesen nicht auf die Straße oder aus der Stadt gehen konnte. Stieg nun in die Oberkammer, wo seine Schuhe und Stiefel standen und versteckte sie heimlich, vermeinend in ihrem einfältigen Herzen, daß sie ihn so zu Hause halten wolle. Kam nun der Meister Christoffel auf die Oberkammer und fand, daß seine Schuhe fehlten. Darüber gingen ihm traurige Gedanken auf, wie als ob er hier als ein Gefangener gehalten werde, und wurde seine Lust nach dem Walde nur noch größer. Ging also zu seinem Weib und machte böse Augen, wie sie noch nie gesehen hatte, und fragte nach seinem Schuhzeug. Da schossen der armen Frau die Tränen in die Augen und sie griff zu dem Schürzenzipfel; aber indem bedachte sie sich, daß sie Unrecht getan habe und daß er ihr Herr sei und nach seinem Belieben handeln könne, holte ihm also demütig sein Schuhzeug; und er sprach kein Wort, zog es an, nahm seine Armbrust und seinen Hut und ging weg. Und so saß nun die Frau weinend zu Hause und ihr Vater sprach zu ihr viele Worte, die ihr fast einfältig vorkamen, aber er meinte es gut mit ihr. Der Meister Christoffel aber schritt in den Wald und das Herz tat sich ihm auf, als das Laub, welches vom vorigen Jahre her noch lag, unter seinen Füßen rauschte, und wie er auf einen Hügel kam, sah er über den weiten braunen Wald hin und zur Rechten sah er die Stadt mit ihren Türmen und zur Linken ganz weit auf einem Hügel das Haus seines Vaters, klein wie ein Nadelköpfchen. Nahm dann ein Stück Brot aus der Tasche, lagerte sich und aß. So trieb er sich den Tag im Wald umher, schoß auf Eichkätzchen und anderes Ungeziefer, das dem Wald und Wilde schadet, denn die jagdbaren Tiere waren zu abgemagert von des Winters karger Zeit. So fiel ihm denn bei, daß es doch nur aus übergroßer Liebe geschehen war, daß sein Weib ihn nicht fortlassen wollte, und hatte er Sehnsucht nach ihr und dem kleinen Christoffel, auch tat sie ihm leid, als er an den kläglichen und demütigen Blick dachte, wie er wegging; denn sie hatte doch fest gemeint, er komme nicht wieder, und doch hatte sie ihn nicht weiter gehalten, nachdem ihr kindischer Plan also vereitelt war. Darüber hatte er solches Erbarmen, daß ihm eine Träne ins Auge kam, und so machte er sich eilig wieder auf den Rückweg, kam auch noch an, ehe die Tore geschlossen wurden. Und als er in das Haus trat, lief seine liebe Frau aus der Stubentür heraus, auf ihn zu, und er sah noch, wie sie rasch ihre Tränen verwischte, damit er nichts merken sollte, und fiel ihm um den Hals und sagte mit fröhlicher Stimme: »Hat es dir im Wald gefallen, lieber Christoffel? Das ist doch schön, daß du solches Vergnügen gehabt, du versitzt mir ganz in der Stadt, solche Freude mußt du dir mehr machen.« Über welche Liebe er so gerührt ward, daß er gar nichts sagen konnte, sondern küßte sie nur auf ihren Mund. Die beiden bekamen aber noch viele Kinder und lebten in Liebe, Eintracht und Fröhlichkeit, bis sie ganz alte Leute wurden und langsam verhutzelten wie die Äpfelchen, und dann starben sie ab. Don Pedro und Halila Als die Mauren noch in Spanien herrschten, lebte in Granada ein sehr reicher maurischer Kaufherr, namens Sidi Numan, der hatte eine einzige Tochter Halilah. Diese Tochter wurde auf das beste erzogen, nicht nur in allen weiblichen Künsten und Fertigkeiten, sondern auch in vielen männlichen Wissenschaften. Indem Sidi Numan deshalb vorzügliche Lehrer für ihren Unterricht kommen ließ, verfiel er unter anderem darauf, einen jungen christlichen Ritter zu bitten, daß er sie das Mandolinenspiel lehre, der ein berühmter Meister im Gesang und Spiel war und sich damals um andere Geschäfte einige Zeit in Granada aufhielt. Der Ritter, welcher Pedro hieß, sagte aus Höflichkeit zu und kam an bestimmten Tagen in das Haus des Sidi Numan, und Halilah machte schnelle und große Fortschritte in der Kunst. Weil nun die beiden jungen Leute oft nahe beisammen waren und nur eine uralte, geschwätzige Sklavin ihr Betragen beaufsichtigte, welche Halilah sehr liebte und für Pedro selbst eine Zuneigung empfand, also, daß sie ihn Halilah beständig anpries, geschah es natürlich, daß die beiden eine heftige Liebe zueinander faßten; dieselbe war ihnen aber ganz unbewußt, weil sie gar keine Schwierigkeiten hatten, einander zu betrachten und Gespräche zu tauschen. Sidi Numan jedoch, als ein sehr schlauer und vielerfahrener Mann, merkte bald, was geschah; war indessen nicht traurig darüber, wiewohl der Ritter anderen Glaubens war und dazu arm, denn auch er hatte zu dem schönen und edeln Jüngling eine Zuneigung gefaßt, und freute sich, Enkelkinder von ihm zu bekommen, dachte auch, daß er sein Geschäft werde übernehmen können. Weil er nun der Meinung war, der Ritter wage nicht zu ihm zu reden, so wollte er ihm durch scheinbar unbeabsichtigte Worte sein Bedenken nehmen und dergestalt Mut machen. Begann also bei einer passenden Gelegenheit folgendermaßen: »Ich habe in meinen jungen Jahren und auch später auf meinen Reisen viele und verschiedene Länder gesehen und die Menschen kennen gelernt, welche sie bewohnen; so bin ich zusammengekommen mit Heiden, Juden, Feueranbetern, Christen und den Bekennern des Buddha. Da habe ich gefunden, daß nur geringe Unterschiede sind zwischen ihnen und den Bekennern des Propheten, und vielleicht sind diese Unterschiede mehr der besondern Art des Landes, des Bodens, der Berge, der Bespülung durch das Meer und Standes der Sonne geschuldet, wie dem verschiedenen Glauben, aus diesem Grunde denke ich, daß es zwar eine einzige Gottheit gibt, aber wie die heißt, das weiß niemand, und jedes Volk verehrt sie unter dem Namen und in der Form, wie es von seinen Vorfahren gelernt hat, also, daß meine und Halilahs Religion und dein Glaube nur der äußern Meinung nach verschieden wären, in Wahrheit sich aber auf dasselbe göttliche Wesen bezögen. Ein anderer Unterschied aber ist mir aufgefallen zwischen den Menschen, so viele ich gesehen habe, der schien mir viel wichtiger, wie alles sonstige Trennende. Die einen Menschen sind klug und gewandt und verstehen, daß sie bei diesen so sein müssen und bei jenen anders, und haben gelernt, daß das Wichtigste im Leben das Besitzen ist und das Zweitwichtigste das Erwerben, wodurch wir Besitz erlangen und erhalten; denn wer besitzt ist ein Herr und wer nicht besitzt ist ein Sklave. Die andern Menschen aber sind störrisch und unbeweglich und halten es für eine Schande und Unmöglichkeit, nicht immer dieselben zu sein, kümmern sich nicht um Besitz und Erwerb, sondern leben, wie es ihnen gut dünkt und ihrem leeren Hochmut angemessen scheint. Solcher Männer, denn bei den Frauen findet man diese Gemütsart selten, gibt es am meisten im Ritterstande; aber auch Söhne reicher Kaufleute habe ich oft in dieser Torheit beharrend gesehen. Ihr aber, lieber Sohn, seid ein tüchtiger und ernster Herr, welcher wohl weiß, daß die wirklichen Dinge größeren Wert haben wie die erträumten.« Der unschuldige Herr Pedro verstand nicht, was Sidi Numan mit der Rede sagen wollte, und obwohl Halilah in großer Angst ihm heimlich unterm Tisch auf den Fuß trat, welches das erste Zeichen ihrer Liebe zu ihm war, sagte er doch fröhlich und unbekümmert seine andere Meinung, denn er dachte, Halilahs Fuß sei nur durch Zufall auf den seinen gekommen. Er erwiderte aber folgendermaßen: »Ihr seid ein alter und erfahrener Mann, und es schickte sich schlecht für mich, wenn ich Euch meine jugendliche Rede entgegensetzen wollte, Eure Gedanken zu ändern. Aber da ich doch eine andere Meinung über diese Dinge habe, so will ich sie Euch nicht verbergen; denn ich habe gesehen, daß, auch ungerechnet Erfahrung und Klugheit, alte Leute oft anders denken, wie wir jungen, weil sie mehr auf das Nützliche achten wie wir und weniger gläubig sind; und vielleicht werde ich selbst als alter Mann Eurer Ansicht sein, welches mir jedoch nach meiner heutigen Verfassung recht schmerzlich wäre. Und was nun erstlich den Glauben betrifft, so lasse ich es dahin gestellt, ob es Gott beliebt hat, sich verschieden zu offenbaren nach der verschiedenen Art und Kraft der Menschen; aber ich meine, ein jeder muß den Glauben für richtig halten, den er von seinen Eltern geerbt hat, jeden andern aber für falsch, denn sonst ist er ein untreuer Mann; weil er nämlich so viele Wohltaten genossen von seinem Gott, welcher ihm doch gesagt hat, daß sein Glaube allein wahr ist, und nichts weiter verlangt für seine Wohltaten als die Treue solchen Glaubens; ebenso, wie wenn ich einen weltlichen Herrn habe, der mir Geld gibt oder Land, so muß ich ihm allein gehorchen und darf nicht denken, andere seien auch Herren. Nun kommt aber noch dazu, daß nach meiner Meinung unser Glaube viel besser ist, denn der Eurige (andere aber, heidnischen und Feuerglauben kenne ich nicht), denn wir haben einen Versöhner mit Gott in Gottes Sohn, Ihr aber müßt, wie ich wenigstens denke, verzweifeln in Euern Sünden; dazu meint Ihr, die Frauen hätten keine Seele, während sie doch eine viel schönere und edlere Seele haben wie wir Männer, welche in der Not und Gefahr des Lebens hart und unbillig werden. Was nun das andere betrifft, von den zweierlei Menschen, so habt Ihr recht und es liegt der Unterschied im Geblüt. Aber ich denke, daß ein reicher Mann wohl seinen Besitz bewahren und schützen soll und ein Armer sein Brot auf ehrliche Weise verdienen, aber wer zu eifrig ist im Erwerb, der ist meistens unedel, und weit entfernt, ein Herr zu werden durch das Geld, wird er nur ein Leibeigener seines Mammons und zieht auch noch andere nach sich durch solche Niedrigkeit. Denn frei ist man wohl leichter, wenn man reich ist, aber auch der Arme, wenn er adlige Gesinnung hat, kann ein freier Mann sein.« Als Don Pedro so gesprochen hatte, stand Sidi Numan auf, und seine Augen blitzten böse; er strich seinen langen Bart mit der Hand, welche vor Ärger zitterte, grüßte den Ritter mit großer Ehrerbietung und ging fort. Halilah begann bitterlich zu weinen und sprach dann zu Pedro, daß er schnell fliehen müsse aus Granada, denn ihr Vater werde ihm nachstellen und nicht ruhen, bis er ihn habe ermorden lassen. Hierüber, wie über alles andere war der Ritter sehr verwundert und fragte nach dem Grunde. Da sagte sie, daß er ihren Vater tief beleidigt habe; denn als Sidi Numan geredet, sei ihr selbst ganz kalt geworden, weil sie sich geschämt über solch niedrige Gesinnung; er aber, Don Pedro, habe sich gewiß über diese Niedrigkeit gar keine Gedanken gemacht und ihm ganz harmlos geantwortet, denn er lebe in einer anderen Welt und betrachte einen anderen Menschen ganz gleichgültig, wie eine Mauer oder einen Baum: das sei ihrem Vater klar geworden, daß er ihn immer verachtet habe und noch verachte, wennschon ihm das selbst nicht bewußt sei; und dadurch habe er einen tödlichen Haß auf ihn geworfen. Don Pedro dachte eine Weile nach, und es erschien ihm richtig zu sein, was Halilah sagte. Aber als er sich nun klar machte, daß er plötzlich fliehen solle und alles liegen lassen, was er in Granada hatte, da fühlte er eine heftige Liebe zu Halilah und zugleich ein tiefes Mitleid mit ihr, daß sie zwischen den Mauren bleiben solle, die von allen Frauen niedrig dachten, und dann einen solchen Mann heiraten, der sie nicht ehrte, wie ein Christ sein Weib ehrt, sondern einsperrte, wie eine leichtfertige Buhlerin. Das sagte er ihr nun alles mit ausführlichen Worten, wenngleich unter Stocken und häufigem Erröten. Sie freute sich sehr über seine Liebe und versprach ihm, daß sie mit ihm fliehen wolle, sich taufen lassen, weil sie durch ihn Christum schon lange lieben gelernt, und sein Weib werden. Da wurden die beiden recht ernst, und der Ritter erzählte ihr von seinen alten Eltern und ihrer Zucht und Ehrbarkeit, und von seinem Hause und kniete nieder und betete zu Gott, daß er ihnen helfen möge. Dann verabredeten sie alles zur Flucht, und waren recht getröstet, denn Pedro sagte, daß Gott sie beschützen werde, wenn es sein Wille sei; sollte ihnen aber ein Unheil zustoßen, welches er indessen mit allen Kräften vermeiden wolle, so sei auch das in Gottes Ratschluß gelegen, der am besten wisse, was den Menschen gut sei, auch in scheinbarem Unglück. So ging er von ihr, besorgte in Eile alles, wie es besprochen war, und entwich noch in derselben Nacht heimlich mit Halilah, nachdem er sie auf ein Maultier gesetzt hatte, welches er am Zügel führte; und als der Morgen anbrach und Sidi Numan die Flucht seiner Tochter entdeckte, waren sie schon viele Stunden weit von Granada entfernt und machten Rast in einem dichten Wald, weil sie der Vorsicht halber nur des Nachts reisen wollten. Hier stieß Don Pedro sein Schwert in den Boden, weil der Griff in Kreuzesform gebildet war, und schwur, daß er Halilah nicht berühren werde, bis sie sein eheliches Weib geworden sei. Sidi Numan aber nahm Leute an und versprach ihnen viel Geld und machte sich auf das Suchen nach den Entflohenen; und in wenigen Tagen erreichte er sie, die unter einem hohen und steilen Felsen saßen und über einem angezündeten Feuer sich Speise bereiteten. Als die beiden die Verfolger nahend spürten, weil sie wußten, daß es keine andere Rettung für sie gab, erklommen sie den Felsen, welcher wie ein Turm in die Höhe stieg, und da immer nur ein Mann auf den schmalen Vorsprüngen des Steins, und sich an Gestrüpp und verdorrendem Rasen festhaltend, heraufzuklettern vermochte, so hoffte Pedro, daß er diesen Zufluchtsort auch gegen viele werde verteidigen können. Als Sidi Numan die beiden auf der obersten Spitze sah, getröstet nebeneinander stehend, und Halilah hatte dem Ritter die Hand gereicht, da rief er ihnen zu, daß er seiner Tochter, weil sie sein einziges Kind sei, verzeihen wolle, wiewohl sie Schande über sein Haupt gebracht habe, daß er es nie mehr werde hochtragen dürfen; aber sie solle freiwillig den Felsen verlassen und zu ihm herabkommen; Don Pedro aber werde er durch seine mitgebrachten und geschickten Bogenschützen erschießen lassen. Da erschraken die beiden, denn sie hatten nicht daran gedacht, daß die Pfeile sie erreichen würden; und besprachen sich. Zuerst sagte der Ritter, sie solle dem Willen ihres Vaters gehorchen, denn weil er selbst doch auf jeden Fall sterben werde, so sei es besser, wenn sie wenigstens am Leben bliebe. Die Jungfrau aber antwortete ihm: »Zwei Gründe hindern mich, diesem Rate zu folgen. Erstens sagt mir mein Gewissen, daß ich bei dir bleiben muß, weil ich zu dir gehöre und du mein Herr bist. Zweitens aber, wenn ich auch die Stimme des Gewissens überhörte und mich rettete, dich aber dem Tod ließe, so würde ich sehr lange mich nach dir sehnen und unglücklich sein. Nun heilt zwar die Zeit am Ende solche Wunden, und ich habe beobachtet, daß Menschen, welche ähnliche Schläge des Schicksal erlitten, nach Jahren doch wieder ruhig und glücklich geworden sind. Offenbar aber ist das nur dadurch möglich, daß sie in dieser Zeit ihr Wesen geändert haben, und nach meiner Meinung in der Richtung zum Schlechteren und Niedrigen; denn wenn sie so gut geblieben wären, wie sie gewesen, so wäre doch ihr Gewissen nie beruhigt und sie waren nicht zufrieden geworden mit einem geringeren Glück, nachdem sie ein größeres erhofft. Ich aber freue mich, daß ich jetzt einen hohen Willen habe, und will nicht niedriger werden. Und da auch mir scheint, wie du zu meinem Vater sagtest, daß die Menschen, wenn sie älter werden, in den meisten Fällen sich mehr der Gemeinheit zuneigen wie in jungen Jahren, welches man schon an den Gesichtern der älteren sehen kann, und da ich nicht weiß, ob auch ohne unser gegenwärtiges Unglück, wenn alles gut ginge, meine Seele nicht abnähme, so ist es sogar ein großes Glück, wenn ich jetzt sterben darf. Wenigstens ist das sicher, daß ich dann allem weiteren Unfall enthoben bin, welcher mich doch gewiß noch treffen würde; an allem weiteren Glück aber liegt mir nichts, denn es kann doch nicht schöner und größer sein, als ich es in diesen letzten Tagen empfunden habe.« Und indem sie auf der Spitze des Felsens klar gegen den Himmel standen, schien es denen unten, als umstieße sie ein lichter Schein; einer der Schützen wies mit dem Finger, schrie und sprach: »Siehe da, zwei Engel des Himmels.« Der Jüngling konnte auf der Jungfrau Worte nichts entgegnen, sondern mußte zugeben, daß sie recht hatte. Deshalb rief er dem harrenden Sidi Numan zu, daß sie seinen Vorschlag nicht annehmen wollten, sondern gewillt seien, zusammen zu sterben. Dann küßte er sie zärtlich und liebevoll auf ihre weiße Stirn, und indem ihnen beiden die Tränen in die Augen traten, weil sie als so junge Leute schon sterben mußten, umarmten sie sich und stürzten sich von dem Felsen herab. Sidi Numan ritt zu ihren Leichen, welche nicht entstellt waren durch den Sturz, und betrachtete sie lange. Dann hieß er seinen Leuten sie aufrichten und an die Bäume lehnen, und befahl seinen Schützen, ihnen durchs Herz zu schießen. Die Schützen spannten schweigend ihre Bogen, schossen und trafen; der eine aber, nachdem er geschossen, zerbrach sein Gewehr, warf es Sidi Numan vor die Füße und ging fort. Der ergriff des anderen Bogen, spannte ihn nochmals und wollte auf den Fortgehenden anlegen; aber plötzlich wurde sein Antlitz noch blasser, wie es schon war, und er zielte auf die Leiche Halilahs und durchbohrte ihre Brust noch mit einem zweiten Pfeil. Die Göttin der Vernunft Bei einer uralten Tante, welche den Dienstboten streng befahl und viel in Keller und Vorratshaus wirtschaftete, gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts in einem alten Schlößchen mit dicken Mauern und einem tiefen, ausgetrockneten Graben, in dem schöne Walnußbäume wuchsen, lebte ein zartes Fräulein mit glänzenden Augen. Sie saß viel an einem Eckfenster der Wohnstube und sah von hier aus über eine schöne grüne Weide, wo eine Herde von schwarz und weißen Kühen zerstreut graste. Des Abends erhob sich ein dichter Nebel über dem Fluß, welcher die Weide begrenzte, und es zogen Streifen und Ballen zu dem Hause, bis sie es endlich einhüllten. Das Fräulein dachte an die Geister ihrer Vorfahren, die hier in vielen Kriegen und Fehden gekämpft, von keinem Ossian besungen; ihr Andenken war verschwunden wie Nebel vor den Strahlen der Morgensonne. Sie liebte nicht die laut lachenden und sonnenverbrannten Landjunker, welche ihr die Hand schüttelten. Aber damals kam in ihre Gegend ein glänzender junger Herr, ein Graf mit einem fremdländischen Namen, welcher der vertrauteste Freund des benachbarten jungen Fürstbischofs wurde und an dessen Hofe, denn der war Reichsfürst, eine hohe Stelle erhielt. Als Julie ihn zum ersten Male gesehen hatte, empfand sie ein fast schmerzhaftes Gefühl in der Brust und spürte, wie ihr das Blut zu Kopfe stieg. Sie fragte sich, ob das wohl Liebe sei, und war verwundert, daß die Empfindung ganz anders war, wie sie sich vorgestellt. Die nächsten Tage dachte sie viel an den Herrn, stellte sich ihn in verschiedenen Lagen vor, besonders aber, wie er ihr erklärte, daß er sie liebe, und sie, weil sie noch nicht sicher war, was ihre Empfindungen bedeuteten, wußte nicht, welche Antwort sie ihm geben solle. Indessen bedachte sie endlich, daß sie vielleicht gar nicht der Liebe fähig sei, denn sie hatte auch nie vorher eine Neigung zu einem Manne verspürt; aber da der Graf ihr ebenbürtig war und in den Vermögensverhältnissen, welche den ihren entsprachen, auch gesund und heiterer Gemütsart, so beschloß sie endlich, ihn zu heiraten, wenn er um ihre Hand bitten sollte. Sie kannte auch den fürstbischöflichen Hof und den Herrn selbst, welcher gerade zu ihr sich immer sehr freundlich erwiesen, und meinte, daß sie sich unter einem so gütigen Herrscher bald einleben werde. Als der Graf in ihr Haus kam, um ihre Hand anzuhalten, wußte sie durch eine Ahnung seine Absicht und wurde ohnmächtig. Daran erkannte sie, daß sie ihn liebte. Es folgten sehr schöne und sonnige Tage, wo der Bräutigam sie oft besuchte und mit ihr Klopstocks Messias las; denn sie hatte es sich früher immer so wunderbar schön gedacht, dieses herrliche Gedicht zu hören von einem geliebten Mann, mit andächtig gefalteten Händen, und zurückgelehnt in ihren dunkeln Lehnstuhl in der Ecke, während auf ihn von der linken Seite das Licht des Fensters fiel. Wie sie mit ihm zur Trauung fuhr, nach der kleinen Pfarrkirche des Fürstbischofs, und der junge und schöne Fürst in seinem goldgestickten Priestergewande harrte ihrer am Altar, um sie selbst einzusegnen, da sah sie auf dem Marktplatz am Pranger einen Mann angebunden, welcher vom Henker ausgepeitscht wurde. Das Volk stand stumm, und nur wenige der Zuschauer wendeten ihre Aufmerksamkeit auf den glänzenden Hochzeitszug. Der Missetäter war buckelig, und auf seinem armseligen nackten Rücken waren die blutunterlaufenen Striemen zu sehen. Der Henker hielt inne, als der Wagen rasselte, da sprach der Mann am Schandpfahl einige Worte, die sie nicht verstand; aber das zuschauende Volk erhob, nach dem Hochzeitszug seine Blicke wendend, ein sonderbares Gemurmel, in dieses schnitt plötzlich hinein ein grelles Lachen des Gepeitschten. Ihr wurde unruhig, denn sie wußte, daß hier irgendeine Beziehung auf sie selbst stattfand. Der Graf war blaß geworden und erzählte, daß man gegen die schlechten Skribenten schärfer verfahre seit den neulichen Unruhen in Paris, wo das Volk, durch die Philosophen und Pasquillanten aufgehetzt, das königliche Gefängnis gestürmt und die Verbrecher aus demselben befreit habe; dieser Mann am Pranger habe ganz besonders den Pöbel durch seine Schandschriften gereizt; er nenne sich den redlichen Tribun des Volkes und sei wahrscheinlich sogar von irgendwelchen Vornehmen unterstützt, welche ihm Nachrichten zutrugen. Der Graf sprach in fremder Weise, und ihr wurde befangen, ohne daß sie einen Grund wußte. Sie antwortete nur, daß er ihren Putz verschoben habe. Die Hochzeitsfeier fand im fürstlichen Schlosse statt; das hatte der Fürstbischof seinem Freunde zu Ehren angeordnet. Als das Fest beendet war und die Gäste entlassen, führte der Graf seine junge Frau in das Brautgemach, geleitete die unruhig Blickende zu einem Sessel und begann, im Zimmer herumgehend, nachdem er lange nach Worten gesucht, daß ihn eine innige und zärtliche Freundschaft an den Fürsten feßle, und daß diesem sein Stand die Notwendigkeit auferlege, den süßen Freuden der Ehe und Familie zu entsagen; daß er ihm aufs tiefste verpflichtet sei und durch ihn aus dem ärgsten Elend gerettet; daß er, der Graf, seine junge Frau unaussprechlich liebe und alles tun werde, um sie glücklich zu machen. »Glaubst du mir?« schloß er und stürzte ihr ungestüm zu Füßen. Sie erhob sich, von tiefstem Entsetzen gepackt durch eine unbestimmte Ahnung, denn sie verstand nichts von dem, was der Mann sagen wollte. »Ich bin ein Elender,« schrie der Graf, »sprich es nur aus, du verachtest mich!« Sie trat zu ihm mit Anstrengung, strich ihm zärtlich das schweißige Haar aus dem Gesicht und sagte: »Ich weiß nicht, was deine Rede bedeutet. Aber du bist sehr unglücklich. Sieh, bin ich nicht jetzt dein Weib geworden, das deine Leiden mit dir tragen wird?« Der Graf sah sie fassungslos an. Da öffnete sich die Tür und der Fürstbischof erschien, im feinsten weltlichen Hofkleid, den Degen an der Linken. Er schritt auf das Paar zu, ergriff die Hand der jungen Frau und sprach: »Lassen Sie mich die weitere Aufklärung geben, teure Freundin.« Da verstand sie, aus seinem Gesicht. Sie schrie zu ihrem Mann: »Du hast mich verkauft, verkauft, verkauft!« Ganz sonderbar war es ihr, daß sie schrie, und dazu dreimal; ihr war, als schreie ein anderer, und als liege immer eine ganz lange Zeit zwischen den Worten. Dann ging sie aus der Tür, langsam, und indem sie bei sich sprach: »Du mußt langsam gehen, du mußt langsam gehen.« Sie schritt einen langen Korridor entlang, der öde war. Dann die große, breite, marmorne Treppe hinab. Ein einziger Leuchter brannte noch. Ein Diener starrte sie an mit entsetzten Augen. Sie winkte ihm. Er lief mit sonderbaren Bewegungen herbei, öffnete das große Tor. Und sie trat auf die dunkle Straße. Merkwürdig schien ihr, daß sie an gar nichts Wichtiges denken konnte; Nebensachen standen ihr vor den Augen, das entsetzte Gesicht des Dieners und seine sonderbaren Bewegungen. Als sie kurze Zeit geirrt war durch die schweigenden Gassen, kam ihr der Mann entgegen, den sie am Vormittag am Pranger gesehen hatte. Er torkelte hin und her und summte stillvergnügt vor sich hin die Carmagnole, welcher freche Gassenhauer eben neu aus Frankreich herübergekommen war. Sie flog auf ihn zu, rief: »Redlicher Volkstribun, hilf mir.« »Ja, ich bin der redliche Volkstribun, vor dem die Fürsten zittern auf ihren Thronen,« antwortete der Mann; bei den letzten Worten schnappte seine Stimme über, er packte sie am Arm und sah ihr ins Gesicht; sie schwankte in beginnender Ohnmacht. Der betrunkene Buckelige unterstützte die ohnmächtige Schlanke und Große und schleppte sie eine kurze Weile bis zu seiner Wohnung, welche ein klägliches und übelriechendes Hinterstübchen bei einem Handwerker war. Als sie dort wieder zu sich gekommen, erzählte er, nachdem er das Geschehene erraten, daß seine heutige Strafe verursacht sei durch ein Flugblatt über den Grafen und die Heirat und deren Zweck, nämlich einen Schanddeckel für die Lüste des Fürstbischofs zu schaffen. Stumm, ohne Tränen, ganz erstaunt und mit brennenden Augen hörte die Gräfin die Erzählung. Sie saß. An dem Türpfosten lehnte der Handwerksmeister, ein riesenhafter Grobschmied mit untergeschlagenen nackten Armen und finsterm Gesicht. Der Tribun hüpfte lächerlich im Zimmer herum (sie dachte: wie ein Eichhörnchen), ballte die Faust, sprach zu ihr süßliche Worte, rühmte sich und seine Macht und erzählte, daß er sehr schöne Augen habe. Er tippte dem Schmied auf den Bauch und rief: »Der Hofschmied, schuldig bleibt der Fürst ihm alles, und nicht einmal klagen darf er.« Sie lachte hellauf, denn sie glaubte zu träumen und dachte, sie wolle sich ganz gehen lassen und den Traum völlig zu Ende bringen; sie sagte sich auch: »Dieses hier bin ich ja gar nicht.« Der Tribun kniete vor ihr, küßte ihr die Hände, dann schrie er: »Wein her, Wein her.« Der finstere Schmied holte Wein und Gläser, goß ein, nahm eines für sich und rief, mit sächsischer Aussprache: »Nieder mit Pfaffen und Fürsten.« »Nieder mit Pfaffen und Fürsten,« schrie der betrunkene Buckelige mit Kopfstimme. Die Gräfin bebte. Da lachte er wie verrückt zu dem Schmied. Der Schmied packte ihn wütend im Genick. Er kreischte: »Ich bin der redliche Volkstribun, vor mir zittern die Fürsten auf ihren Thronen.« Der Schmied versicherte, er für sich sei ein Bürgerssohn aus Leipzig, ging aus dem Zimmer, schlug die Tür schmetternd zu. Da legte der Tribun seine langen Arme auf den Tisch und seinen Kopf auf die Arme, daß der hohe Buckel ihm über den kahlen Kopf hinwegsah. Das Licht erzeugte auf der Glatze und auf dem speckig geriebenen Rock oben auf der Höhe des Buckels einen Schein. Er weinte, und der Jammer stieß ihn, daß die schlechte Tischplatte sich bewegte und das Öl der trüben Funzel schwankte. Unter Schlucken brachte er abgerissene Worte hervor: »Ich habe die Gerechtigkeit geliebt und das Unrecht gehaßt, für die Armen und Unterdrückten habe ich gekämpft, deshalb bin ich so blutarm. Viel Geld haben sie mir angeboten, viel Geld, aber sie zittern vor mir, sie lassen mich auspeitschen und zittern; denn der Tag kommt, da werden sie an den Pfahl gebunden, da werden sie gepeitscht, denn das Volk langt seine ewigen Rechte von den Sternen, da stehen sie geschrieben. Oh, wie weh tut mir mein armer Körper, einer sollte doch Mitleid haben mit mir. Denn mit wem soll ein Mensch wohl Mitleid haben, wenn er nicht Mitleid hat mit mir, denn ich bin so blutarm und krank und verfolgt; ach, ich möchte ruhen, ruhen!« Die Gräfin hatte sich zurückgelegt und war eingeschlafen vor Müdigkeit über die große Aufregung. Der Tribun aber beruhigte sich allmählich, ging auf und ab im Zimmer, trank, hielt Selbstgespräche; und in dem flackernden Öllicht tanzte sein buckeliger Schatten unheimlich an der getünchten Wand, wo des Schmiedes Rücken einen schmutzigen Streifen gerieben hatte, ringsum. Am andern Tage verließ sie in einer Verkleidung mit ihm die Stadt, denn sie fürchtete eine Verfolgung und ihm war verboten, länger hier zu weilen. Er zeigte ihr viel Geld und erzählte, daß es falsch sei, der Schmied war ein Münzfälscher. Sie kamen zusammen mit vielerlei Volk von sonderbarer Art. Das waren Leute von kriechender Freundlichkeit, oder Krüppelhafte und Kranke, oder Aufgeregte, Schwätzer, Bettelstolze, Zerlumpte und Schmutzige, Leute von unpassender Vertraulichkeit, und namentlich viele, die sich selbst beschimpften. Alle erschienen ihr willenlos, wie Stückchen Holz, welche in einem Strudel getrieben werden. Sie selbst aber erschien sich auch willenlos, und sie wußte nicht, was eigentlich alles bedeuten und bezwecken solle, namentlich ihr Irren und Wandern. Nun war es mit der Weile in Paris zu einer Herrschaft des Volkes gekommen. Die Adeligen wurden hingerichtet, der König und die Königin wurden hingerichtet, das Volk ermordete viele Vornehme, und manche trugen blutige Glieder der Ermordeten durch die Straßen, indem sie sangen und tanzten. Dann wurde verboten, an den alten Gott zu glauben, und es wurde eine weibliche Person gewonnen, welcher göttliche Ehre erwiesen wurde, als der neuen Göttin Vernunft. Darüber kam es in dem Fürstbistum auch zu einem großen Aufstand. Der Fürstbischof wurde vom Volk gefangen, und sein Freund, der Graf, und viele andere Vornehme. Der Tribun saß im Schloß des Fürstbischofs in einem großen Saal hinter einem aktenbedeckten Tisch und gab viele Befehle; zuweilen redete er auch in einem Verein, pries die Tugend und Vaterlandsliebe, und lobte das Volk. Als nun der Tag gekommen war, wo der Fürstbischof und die andern hingerichtet werden sollten, wurde die Gräfin mit kostbaren Gewändern bekleidet, die aus der fürstlichen Schatzkammer geraubt waren, und dann wurde sie auf einen purpurbeschlagenen Thron geführt, welchen man der Richtstätte gegenüber aufgeschlagen hatte. Hier stand sie, gehüllt in einen weiten goldstarrenden Brokatmantel, auf dessen Rücken die Kreuzigung Christi gestickt war, der Saum des Mantels stand auf der Erde, und so hatte der Mantel einen leichten Querknick. Sie hielt sich aufrecht, die Arme hängend in den weiten, herabfallenden Ärmeln, welche die Hände verhüllten. In ihren dunklen Haaren war ein funkelndes Diadem, das Pfeile heraussandte. Und die Verurteilten wurden geführt auf einem jammervollen Karren, mit entblößtem Oberkörper, die Arme auf den Rücken gebunden und mit geschorenem Haar und mit Bartstoppeln, und es schien ein sonderbares Grinsen in den blassen und schmutzigen Gesichtern erzeugt zu werden. Dann wurden sie in einer Reihe hintereinander oben auf dem Gerüst geordnet, wo das Fallbeil stand. Ein Mann in schwarzem Talar verlas den ersten; es war der Fürstbischof; die rotgekleideten Knechte warfen sich auf ihn, drückten ihn zur Erde, indem sie ihm mit den Knien in den Rücken knufften, und schleppten ihn, der sich sträubte und winselte, bis sie den Hals in der Höhlung des Brettes befestigen konnten, auf welches das Beil fallen sollte. Dann ließ der blutrot gekleidete Henker das Beil niederblitzen; der Kopf fiel in den Sack, und die Knechte zogen den Rumpf zurück und warfen ihn zur Seite. Darauf verlas der Mann im schwarzen Talar den zweiten Namen, des Grafen, und es wiederholte sich dasselbe. Und so folgte einer der Verurteilten auf den andern. Das Volk war zuerst stumm gewesen. Als des Fürstbischofs Kopf fiel, erschollen aus einigen Kehlen Hochrufe, und dazwischen ein Juchzer von irgendeinem Mann aus dem Gebirge, der zufällig zwischen den Zuschauern stand; hierüber erhob sich ein allgemeines Gelächter. So kam allmählich eine fröhliche Stimmung in die Zuschauer. Ein dicker Fleischer mit rosigen Bäcklein machte den Witz, daß er das Gewicht eines jeden abschätzte, wie er von den Knechten ergriffen wurde, als wenn sie Schlachttiere wären. Später stimmte einer die Carmagnole an, und da fielen bald alle ein, faßten sich an der Hand oder um den Leib, oder henkten sich in die Arme, und begannen schaukelnde Bewegungen im Gedränge, als wollten sie tanzen; und wo etwas mehr Raum war, da tanzten sie, indem sie die Beine hochwarfen; und die zerlumpten, und frechen Weiber schleuderten ihre Röcke hoch und johlten und quietschten zwischen die heiseren Schreie der Männer. Die Gräfin aber in ihrem Brokatmantel, auf dem die Kreuzigung gestickt war, stand aufrecht auf ihrem blutroten Thron und blickte über das Gewoge, und sah verloren zu dem Blutgerüst, wo die Knechte viehischer stießen und zerrten, und der Henker sich die Ärmel aufgestreift hatte, und der Mann im schwarzen Talar unruhig die nur noch kurze Reihe der Verurteilten ablief, sein Blatt in der Hand. Da stürmte der Fleischer schnaufend und schwitzend die Stufen des Thrones herauf zu der Göttin der Vernunft und packte sie an dem gestickten Ärmel. Sie schleuderte ihn zurück, daß er hinabtorkelte. Er schrie wütend, die andern nahmen ihn zwischen sich auf, und er verschwand in der Menge. Sie aber stieg mit ruhigen Schritten hinab, faßte ihr Gewand wie ein Schleppkleid und schritt in das Schloß, denn ihr Thron war gerade vor dem Portal aufgebaut, das von zwei posaunenblasenden Engeln gekrönt wurde. Nachdem sie noch viel Geld und Geschmeide zusammengerafft hatte, entfloh sie in ein fernes Land. Hier kaufte sie einen großen und finstern Fichtenwald. In dessen Mitte war eine Wiese, durchflossen von einem murmelnden Bach, an welchem Vergißmeinnicht wuchsen. Ringsum standen die himmelhohen Fichtenbäume, deren Äste bis auf die Erde reichten, bogenförmig geschwungen, und an den zarten Zweigen mit den Nadeln behangen; nur an einer Stelle war durch Schneebruch eine Lücke entstanden, und da sah man tiefhinein in den säulengetragenen Wald, der totenstill war. Von oben schien der helle Himmel mit Wölkchen, und die Sonne schickte ihre Strahlen herab, die in dem Wässerchen blitzten. Hier baute sich die Gräfin ein Häuschen, das bald der Efeu überrankte. Sommers ruhte sie hier, den Himmel betrachtend, wenn der würzige Duft der Fichten in die Höhe stieg; und an den Winterabenden leuchtete aus ihrem Fenster das Licht über den dichten und ruhigen Schnee. Quasitthi Qasitthi war eine buddhistische Nonne. Von ihr wird folgende Geschichte erzählt: Sie hatte als ganz junges Kind den Buddha gesehen, wie er unter einem blühenden Baum voll schwerer und duftender Dolden stand, aufrecht, die Augen über die Welt weg ins Weite gerichtet, ruhig gewordener Gesichtszüge, und die Rechte segnend erhoben. Sie war früh einem Manne verheiratet, einem schönen und stolzen Ritter, dessen Antlitz und Gang Menschen ermutigen konnte zu heldenhaften Taten. Dieser starb in der Schlacht vor dem Feind und hinterließ ihr einen dreijährigen Sohn. Täglich suchte sie in dessen Antlitz nach den Zügen und dem Blick des Vaters. Da geschah es, daß in das Dorf ein Räuber einritt, ein froher und kühner Mann, der einen purpurfarbenen Anzug trug, mit goldenen Schellen behangen. Singend ritt er auf seinem tänzelnden Roß unter dem geschnitzten und rot bemalten Torbogen hindurch auf den Marktplatz. Die Leute kamen ängstlich aus ihren Häusern und warfen sich vor ihm auf die Erde, und der Dorfälteste bat um Schonung und versprach, alles zu tun, was er verlangte. Er forderte einen Büffel. Da gingen die Leute in den Stall der Quasitthi, weil sie eine Witwe war, banden die beiden Büffel los und brachten sie vor den Räuber. Als dieser aber die Leine ergriff, um sie fortzuführen, trat Quasitthis Knabe vor ihn hin und schalt ihn aus, denn in seinen Adern stoß seines Vaters kühnes Blut. Der Räuber lachte über den Knirps, die Bauern erschraken. Da wurde der Kleine wütend, schwang seine kleine Schleuder und traf den Räuber mit einem Kiesel mitten ins Gesicht, daß ihm das Blut aus der Nase stürzte und den kostbaren Anzug besudelte. Hierüber ergrimmte der, ergriff sein Schwert und spaltete dem Knaben das Haupt. Als er das kleine Kind blaß in seinem Blute liegen sah, und es rührte sich nicht mehr, da fühlte er Reue und schämte sich. Die Bauern, wie sie merkten, daß er unruhig wurde, gewannen plötzlich Mut, stürzten sich auf ihn und rissen ihn vom Pferde. Er wehrte sich, aber in dem Gedränge konnte er seine Waffen nicht gebrauchen, und als er die erste Wunde durch einen Spaten bekommen hatte, wurden die Bauern immer heftiger, so daß er einsah, er werde nicht Stand halten können. Da befreite er sich von den Nächsten durch geschickte Fauststöße, sprang in einem hohen Schwung über die andern weg und lief fort. Weil ihn die Bauern schnell verfolgten, so wendete er sich zwischen den Hütten und dichtbewachsenen Gärten, daß sie für einen Augenblick ihn nicht mehr sehen konnten, und rettete sich dann in ein Haus. Durch einen Zufall geschah es, daß dieses das Haus der Quasitthi war. Er stürzte der Frau zu Füßen, bat um Schutz; und weil er ein Ritter schien und sie noch nichts wußte von der Ermordung ihres Söhnchens, so verbarg sie ihn. Als nun die Leute die Leiche des Kindes brachten und alles erzählten, stand sie eine lange Weile stumm. In dieser Zeit flog ihr das ganze Leben vor den Augen vorbei, wurden ihr die wichtigen Punkte ihres Daseins klar, und öffnete sich ihr Herz. Es hob sich ihr aber vor der Seele das Bild Gotamas mit den starren Augen, welche geradeaus gerichtet waren, über die Welt hin in das Leere und Weite, und sie empfand, daß auf diesen Punkt, nämlich auf dieses Bild vor ihrer Seele, ihr ganzes Leben geleitet war, und auch später würde, von rückwärts gesehen, dieser Punkt der bedeutsame ihres Seins bleiben. Nachdem nun aus den vielen Gedanken, Gefühlen und Bildern sich ein fester Entschluß gebildet hatte, rief sie den Räuber und sprach zu ihm: »Wisse, der Knabe, den du ermordet hast, war mein einziges Kind, und ich bin eine Witwe. Aber ich will dich dennoch nicht den Feinden ausliefern, sondern erwarte du die Nacht und dann ziehe in Frieden. Denn nachdem ich vieles Leid erfahren habe, ist dieses das Schwerste gewesen; aber ich habe ein hohes Bild gesehen, und es ist mir klar geworden, daß ich nun frei gemacht bin von allen Ketten des Lebens, und seit dieser Zeit kann ich, zu meiner eigenen Verwunderung, weder Haß fühlen, noch Rache wünschen; sondern mir ist, als sei das Leben hinter mir ganz grau. Deshalb bin ich jetzt auch ganz glücklich, denn ich fühle keinen Schmerz und werde durch kein Wollen getrieben; nur scheint mir das Leben aller Menschen so sonderbar, denn sie strengen sich an, mühen und ängstigen sich ohne irgendeinen Sinn. Solche Verfassung der Seele wird aber wohl die sein, welche Buddha beschreibt als die erstrebenswerte. Deshalb will ich dankbar sein seinem Bilde, welches in einer langen Erinnerung in mir diese Verfassung der Seele erzeugt hat, und will alles verschenken, was ich besitze, und als eine Nonne fortgehen und betteln vor den Häusern. Steht dir etwas an aus meinem Hause, so magst du es getrost mitnehmen, Geschmeide oder Kleider oder auch Waffen meines verstorbenen Gatten.« Sie hatte aber, während sie diese Worte sprach, geradeaus gesehen, wie ins Leere, und es schien vor ihr die Welt gänzlich versunken, nur ein Punkt noch vorhanden in einer weiten Ferne, auf den sie zuging. Der Räuber erwiderte ihr, er habe bald bemerkt, daß sie die Mutter des ermordeten Knaben sei, und seine Absicht sei gewesen, sie zu töten, denn er habe angenommen, daß sie die Verfolger wieder herbeirufen werde, um ihm einen qualvollen Tod zu bereiten. Was sie aber jetzt gesagt, das verwirre ihn ganz, und sie sei gewiß eine Heilige. Quasitthi sprach, daß sie durchaus keine Heilige sei, denn weder fühle sie irgendeine Liebe zu andern Menschen, noch koste es sie eine Anstrengung, sich zum frommen Bettlerleben zu wenden; vielmehr erschienen ihr alle andern Menschen unsinnig, weil sie nicht so handeln würden wie sie, und ihre Art als etwas Heiliges auffassen. Freilich müsse sie sich selbst wundern, daß solche Erleuchtung erst jetzt über sie gekommen und sie so lange in einem finstern Tal gewandelt sei. Als der Räuber diese Worte gehört hatte, empfand er ein plötzliches Überströmen von dem leuchtenden Antlitz der Frau. Er warf den purpurnen Rock mit den goldenen Schellen ab und trat ihn mit Füßen, und dann sprach er: »Auch ich will mir das Haar scheren, und ich will ziehen als Bettlermönch, denn mein Herz ist überdrüssig der leeren Freude.« Und er tat so, folgte ihr, die voraus ging mit weiten Schritten und in die Ferne schauend, und sie gingen die schmalen Wege zwischen den Feldern, wo arbeitende Bauern sich aufrichteten, die Hand über die Augen legten und ihnen nachschauten; durch die Dörfer huschten ihre nackten Füße, und ihre geschorenen Häupter, geneigt auf die braune Kutte, wurden gesehen vor den ärmlichen Hütten; die Hand streckten sie aus, bittend mit dem hölzernen Napf, sammelten armselige Brocken der müden Arbeiter, ihnen eine Wohltat erweisend durch die Gelegenheit zum Schenken; und auf den blumigen Pfaden des Urwalds wanderten sie, die von den wilden Tieren getreten waren; über ihnen stiegen hoch die gewaltigen Baumstämme, umklammert von Schlingpflanzen, die sich hinschwangen von Baum zu Baum, so hoch, daß sie eben noch den Rücken der Elefanten streiften, des größten Tieres, das diese stillen Pfade ging. Ohne Gespräch wanderten sie. Aber nach Wochen sprach Quasitthi zu dem Räuber: »Ich höre aus dem Klang deiner Schritte hinter mir, daß deine Gesinnung nicht mehr die gleiche ist, wie an dem Tage, wo du beschlossest, mir zu folgen. Du hast einen Irrtum begangen in deinem Entschluß, denn du bist nicht ein Mensch, welcher bestimmt ist, als ein frommer Bettler zu leben. Deshalb kehre zurück in deine Welt und handle nach dem Drange deines Blutes.« Der Räuber erwiderte: »Du hast recht, ich scheute mich nur, dir von meiner Unlust zu sprechen. Länger kann ich nicht sein in diesem Leben, denn ich sehne mich, daß mir das Herz weh tut, und ich möchte mein fröhliches Roß wieder haben und meinen purpurnen Anzug, an dem die goldenen Schellen klingeln. Jetzt bin ich beständig traurig, aber ich würde wieder fröhlich sein, wenn ich auf Raub ausritte, und die Leute kommen demütig zu mir und bitten, weil sie nicht wagen, gegen mich zu kämpfen, oder auch, wenn einer sich verteidigt, der schwächer ist wie ich und schlechtere Waffen hat, so freue ich mich. Es hat mir leid getan, daß ich dein Kind ermordet habe im Zorn, und deine Weise gegen mich schien mir etwas sehr Großes. Aber gegen den Drang seines Blutes kann niemand sein Leben führen. Deshalb will ich mich von dir verabschieden mit vielem Dank für die Liebe und Güte, welche du gegen mich gehabt hast.« So ging der Räuber und führte sein früheres Leben weiter; die Pilgerin aber schritt fürbaß in der Art, die sie angenommen hatte, und wanderte als eine fromme Bettlerin. Beide erreichten die Jahre, welche ihnen bestimmt waren, und dann starben sie, und da war, als ob sie ihre Füße nicht auf die Erde gesetzt hätten, denn der Wind wehte über die Straße, die sie gegangen, und ließ nicht ihre Spur, und es kamen andere Menschen, die gingen auf ihren Straßen und auch deren Spur ist verschwunden. Florisel und Meliade Man liest in einem alten Buche diese Geschichte: Es war einmal ein König, der hatte einen einzigen Sohn namens Florisel. Diesen erzog er zusammen mit einer Waise, welche er einst im Walde gefunden, und hatte sie Meliade genannt. Die beiden Kinder waren den ganzen Tag beieinander und spielten, und nachts schliefen sie in demselben Bettchen. Sie spielten aber auf einer großen Wiese, auf der sie überall gehen durften, und pflückten Marienblümchen und Stiefmütterchen, oder bliesen die Laternenblumen ab und machten aus den Stielen Ketten, und aus den Kälberkropfstielen machte Florisel Spitzen, Meliade aber war die Mutter und backte Kuchen aus nassem Sand mit einem Fingerhut. Und dann konnte Meliade schön singen, und ein Lied hatte sie, das sang sie immer, wenn Florisel seinen Kopf in ihren Schoß legte, und sie wickelte eine lange blonde Locke von seinem Kopf um ihren Finger; das Lied aber hieß so: Überm Gras weht linder Wind Und die Sonne scheint am Himmel; Sieh, ein Prinzlein kommt geschwind Angesprengt auf blankem Schimmel. Gras und Klee und Tausendschön, Terpendill und Hahnentritt Und Pustblumen auf der Wiese stehn, Schimmel frißt sich pumpeldick. Kommt der Bauer angerannt. Ach herrjeh, herrjemineh, Schimmelchen wird angespannt, Fräße lieber Gras und Klee. Doch der Kutscher hat einen Rock, Der von purem Golde blitzt, Weil neben ihm auf seinem Bock Eine richtige Prinzessin sitzt. Als sie älter wurden, da mußte Florisel reiten und fechten, und Meliade lernte Spinnen und Nähen und allerhand künstliche Arbeiten, und auch die Laute schlagen lernte sie. Deshalb waren sie nicht mehr so viel zusammen, sie hatten aber untereinander abgemacht, daß sie sich heiraten wollten, wenn sie erst erwachsen wären, und Florisel sollte Vater sein und Meliade Mutter. Nun geschah es, daß ein fremder Ritter an den Hof des alten Königs kam, der erzählte von vielen fremden Ländern und schwierigen Arbeiten. Darüber entstammte Florisel, und er beschloß, seine kleine Rüstung anzulegen und sein Pferdchen zu besteigen und auch in die Welt hinaus zu ziehen, um zu versuchen, ob er Arbeiten vollführen könne, weil er ja doch von ordentlichen und stolzen Vorfahren abstammte. Da er aber dachte, daß sein Vater ihn noch nicht werde reiten lassen, weil er ihn für zu klein hielt, so beschloß er, seinen Plan niemandem zu verraten, außer, daß er von Meliade Abschied nehmen wollte und sie um ein Andenken bitten. Das größte Abenteuer schien ihm zu sein, wenn er einen Kampf mit dem Alten vom Berge bestände, denn von diesem hatte der fremde Ritter besonders Merkwürdiges erzählt. Es wurde nämlich gesagt, daß der Alte ein Ungläubiger sei und meine, einer könne alles tun, was ihm beliebt. Und um diese Meinung zu verbreiten und zu gleicher Zeit seine teuflischen Absichten auszuführen, lockte er junge Leute an sich, denen er zuerst von seinem Unglauben predigte; dann führte er sie auf die oberste Spitze seines Berges in einen schönen Garten voller Wunder, der von einer hohen Mauer umgeben war; hier gab er ihnen einen Trank ein, durch welchen sie in einen tiefen Schlaf versetzt wurden und die Herrlichsten Dinge träumten, als geschähen sie ihnen wirklich; es knüpfte sich aber der Traum so völlig an die wunderbaren Dinge des Gartens an, daß auch ein anderer nicht hätte unterscheiden können, was Traum gewesen und was Wahrheit. Der Inhalt des Traumes aber war immer, daß der Jüngling vermeinte, in dem Irrgarten unter den ungewohnten Bäumen zu wandeln, deren duftende Dolden auf ihn herabhingen. Dann kam er auf eine freie Wiese des schönsten Grases; in deren Mitte saßen überaus prächtig gekleidete Jungfrauen mit Musikinstrumenten, welche ihn mit schön tönendem Gesänge und klingendem Saitenspiel empfingen, sich mit Anstand, erhoben und vor ihn traten; und ihre Fürstin, auf deren Stirn ein köstliches Diadem blitzte, umarmte und küßte ihn; und dann verbrachte er inmitten der Jungfrauen mit Gesang und Saitenspiel, wohlschmeckenden Speisen und feurigem Wein und allen Liebkosungen einen Tag, daß er wähnte, er sei im Paradiese und die Engel bedienten ihn. Plötzlich aber kam vom Himmel herab eine Dunkelheit über den Garten, und der Jüngling sah nichts, und fühlte, wie er getragen wurde und auf ein Ruhebett gelegt. Und indem er die Augen aufschlug, fand er sich in der Tat in einem Zimmer, ausgestreckt liegend auf einem Ruhebett. Indem die Jünglinge solchen Traum für Wahrheit hielten und dem Betrüger glaubten, welcher ihnen vorredete, daß dieser Garten das Paradies sei, und er habe den Schlüssel und könne einlassen, wen er wolle, kamen sie ganz in seine Gewalt, denn die genossenen Süßigkeiten waren so reizender Art, daß sie schwermütig wurden aus Sehnsucht nach ihnen und keinen Willen mehr hatten, und alles taten, was der Alte ihnen auftrug, weil er ihnen versprach, sie wieder in das Paradies einzulassen. Er hielt aber dieses Versprechen nie, und was er ihnen auftrug, das waren die größten Schandtaten und Verbrechen der Welt, als Mord, Raub, Meineid, Treubruch und ähnliches. Gegen diesen teuflischen Alten dachte der junge Florisel zu ziehen, wollte ihn ausfordern und töten. Und nach seinem Plane nahm er Abschied von Meliade, erzählte ihr sein Vorhaben und eilte heimlich fort. Er hatte aber viele Gefahren, Hindernisse und Abenteuer, also, daß er sich recht verspätete und nach viel längerer Zeit bei dem Alten eintraf, als er sich berechnet und Meliade beim Abschied gesagt, denn er hatte ihr alles genau angegeben und die Zeit genannt, wo er wieder zurückkehren werde. Wie er nun nicht kam, und auch eine Nachricht von ihm traf nicht ein, da dachte Meliade, ihm sei ein Unglück geschehen bei dem Alten, und weil sie ihn lieb hatte, so meinte sie, daß sie ihm vielleicht helfen könne, und deshalb faßte sie sich Mut und beschloß, sich zu verkleiden in Jünglingsgewänder, um ihm nachzugehen. Sie ging aus dem Hause und sah sich nicht um, denn sie hatte Furcht, ihr Vorhaben möchte sie reuen, wenn sie das Fenster ihres Schlafkämmerchens sähe, in welchem Blumen in Scherben standen. Und sie gelangte ohne Aufenthalt zu dem Schloß des Alten, und das war gerade an demselben Tage, wo Florisel angekommen war. Um aber einen guten Zutritt bei dem Alten zu bekommen, hatte sich Meliade Folgendes ausgedacht. Der Vater Florisels bewahrte in seiner Schatzkammer unter vielen anderen Kostbarkeiten die Haut mit den Federn eines Vogels, welcher aus dem Paradiese gekommen war. Es geschieht nämlich, daß Vögel, welche im Paradiese leben, zu hoch in die Lüfte fliegen, oben durch widrige Winde verschlagen werden und sich nicht wieder in ihre Heimat zurückfinden. Diese werden dann, wenn sie ermattet auf die Erde herabsinken, von den Menschen gefangen und ihre Haut wird an reiche Könige verkauft. Die ist aber das Prächtigste, was man sich vorstellen kann, sämtliche Farben sind auf dem unendlich zarten und seinen Gefieder, und sie leuchten wie die Sterne, und zum Zeichen, daß der Vogel aus dem Paradiese stammt, fehlen ihm die Füße, denn er erhält sich in seiner Heimat immer schwebend und ernährt sich von den kostbaren Düften, welche von den Blumen dort aufsteigen. Die Haut eines solchen Vogels bewahrte Florisels Vater in seiner gewölbten Schatzkammer; und als Meliade sich auf ihren Weg machte, entwendete sie heimlich die Kostbarkeit, weil sie gedachte, den bösen Alten durch solches Geschenk günstig zu stimmen. Deshalb legte sie die Haut vor seine Füße, als sie zu ihm geführt ward, und erzählte ihm die Geschichte des Vogels. Als aber der Ungläubige diese wunderbaren und köstlichen Federn sah, welche nicht aus dieser Welt entstammten, und deren Anblick schon bei den Guten eine Seligkeit erzeugte, da erschrak er heftig und schrie: »Nun sehe ich, daß es in Wahrheit doch ein Paradies gibt und einen Gott, der es geschaffen, und daß ich verflucht bin auf ewig für meine Freveltaten.« Damit zerriß er sein Gewand in großer Angst und Bekümmernis. Meliade jedoch, wie sie ihn schwach sah, fragte kecklich nach Florisel, und da sagte der Alte, daß er ihn vor wenigen Stunden in den Garten gebracht und habe ihm den Schlaftrunk gegeben. Da entriß ihm Meliade den Schlüssel und eilte in den Garten, um Florisel zu suchen. In dem Garten war ein Gesang von vielen Vögeln, und ein Duft, welcher Sehnsucht im Herzen erzeugte. Von großen Baumästen in der Höhe hingen Blütentrauben herab, und Dolden öffneten sich nach oben auf Sträuchern, welche gerade Zweige hatten. Der Boden war glatt von hellgrünem Grase, zwischen dem blühten wunderliche rote Blumen. Meliade wurde der Atem fast benommen, aber sie ging mit Mut weiter. Sie fand bald Florisel, wie er schlief unter einem ruhigen Baum mit breiten Blättern. Die linke Hand hatte er über die Brust gelegt und zwischen den leicht geöffneten Lippen hervor ging der Atem. Sie schrie laut auf vor Freude und drückte ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund. Aber sein Gesicht verzog sich gar nicht und er schlief unverändert weiter. Da fiel ihr eine heftige Angst aufs Herz und sie erfaßte seine Hand, ihn aufzurichten. Aber die Hand lag willenlos auf ihren Fingern. Sie rief laut seinen Namen, aber indem überflog ein seliges Lächeln sein Gesicht, und Meliade dachte, jetzt träumt er von dem Paradiese. Da drängten sich ihr die Tränen vom Herzen aus den Augen und fielen in großen Tropfen auf Florisels Gesicht, und sie neigte sich lange über ihn, seinen Kopf mit beiden Händen fassend; und sie dachte, daß er jetzt träumte, wie er von den Jungfrauen empfangen wurde, und wie die vornehmste Jungfrau ihn umarmte und küßte, und ihr war, als müßte ihr das Herz brechen. Da besann sie sich, wischte die Tränen aus dem Gesicht und setzte sich aufrecht und begann zu singen, wie sie früher getan: Überm Gras weht linder Wind Und die Sonne scheint am Himmel; Sieh, ein Prinzlein kommt geschwind Angesprengt auf blankem Schimmel. Gras und Klee und Tausendschön, Terpendill und Hahnentritt Und Pustblumen auf der Wiese stehn, Schimmel frißt sich pumpeldick. Kommt der Bauer angerannt. Ach herrjeh, herrjemineh, Schimmelchen wird angespannt, Fräße lieber Gras und Klee. Doch der Kutscher hat einen Rock, Der von purem Golde blitzt, Weil neben ihm auf seinem Bock Eine richtige Prinzessin sitzt. Als Meliade ihren Gesang beendet hatte, lichtete sich Florisel auf und öffnete ganz weit die Augen. Da erkannte er Meliade, fiel ihr um den Hals und küßte sie, und die beiden freuten sich sehr. Dann begann Florisel sich recht zu schämen, daß er seinen Plan so übel zu Ende geführt; aber Meliade tröstete ihn und sagte, daß er doch wohl zu jung sei für solches Unternehmen, und wenn er erst zu seinen Jahren komme, dann werde er diesen Unfall wieder gut machen. Das gelobte Florisel bei sich. Wie sie aber so froh waren, da erzählten sie sich immer mehr, und dachten auch an später. Und ihre Hoffnungen waren wie ein Bäumchen, das im Frühjahr sprießt aus einer schwarzen Buchecker, welche den Winter durch unter Schmutz, Unrat und braunen Blättern gelegen hat. Erst kommen die beiden Keimlinge an die Luft, freuen sich der schönen Sonne, der Frühlingsvöglein und des lustigen Windes. Und das Wetter wird immer heiterer, der letzte Schnee verschwindet und der Rasen begrünt sich, bunte Blumen sprießen auf, und Schmetterlinge kommen; und das Bäumchen reckt sich, und wie die Sonne ihm so warm ins Herz scheint, wachsen ihm die beiden ersten wirklichen Buchenblätter, die ganz so aussehen, wie bei den großen Bäumen. Und wenn es die himmelhohen Bäume mit den glatten Stämmen sieht, die sich leise bewegen im Winde, und deren Äste hoch oben sich kreuzen unter dem sonnendurchleuchteten Laube, so reckt es sich immer höher vor Glück, Freude und Hoffnung. So dachten sie und sprachen. Da blitzte vor ihnen in einem Sonnenstrahl eine große dunkle Herzkirsche an dem Baum. Meliade erhob sich, pflückte sie und nahm sie halb zwischen die Zähne, und Florisel küßte sie und biß dabei die andere Hälfte der Kirsche ab. Aber plötzlich wurde ihnen trüb vor den Augen, denn die Frucht des Baumes war sehr giftig; und ohne daß sie einen Schmerz empfanden oder eine Furcht hatten, starben sie, nur in Verwunderung über den Schleier vor sich; und sie hatten sich im Tode die Hand gegeben. Der Gefangene Folgender Vorfall ereignete sich nach einem alten Schriftsteller in der letzten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Ein junger schwedischer Offizier aus vornehmem Geschlecht machte eine Reise durch Deutschland, um Städte und Länder zu sehen und fremde Menschen wie neue Verhältnisse kennen zu lernen. Er kam in eine kleine Residenzstadt, deren Natur und Bewohner ihm recht zusagten, denn sie lag am Abhang eines Gebirges, das mit dichten und schwarzen Fichtenwäldern bedeckt war, und Bächlein sprangen durch die grünen Wiesen, Eisenhämmer pochten im Walde und machten des Nachts einen sichtbaren Schein, und die Menschen waren fröhlicher und zutulicher Art. Das alles erinnerte ihn so an seine Heimat, daß ihm weich ums Herz wurde. Und da es auf die Frühlingszeit ging, so verspürte er ein unbestimmtes Sehnen im Herzen. Am Sonntag ging er in die Kirche und erbaute sich an dem frommen Gesang und der ehrenfesten Predigt. Nach der Predigt wurde das heilige Abendmahl gefeiert. Da öffnete sich der Stuhl der fürstlichen Herrschaften, und ein junges Fräulein schritt hervor, mit züchtig gesenkten Augen, die kniete auf dem Bänkchen vor dem Altar, faltete die Hände und schaute gläubig zu dem weißhaarigen und hochgewachsenen Priester in die Höhe, dessen Augen hell und gut leuchteten. Es geschah dem Fremden, als stehe ihm plötzlich das Herz still; und er betrachtete mit starren Augen das klare und reine Antlitz der Jungfrau. Nun war ihm wie im Traum, daß er im Wald ging und in der Ferne hämmerte ein Specht. Dann hörte er auch, daß seine Geliebte die einzige Tochter des Fürsten war, von dem Fürsten erzählten die Leute, er sei roh und gewalttätig, die Prinzessin leide; das machte ihm aber geringe Gedanken. Immer zog es ihn dahin, wo er sie sehen konnte, und doch hatte er gar keinen bewußten Willen, in ihre Nähe zu kommen. Einmal fuhr sie an ihm vorbei mit Blitzschnelle, vier Pferde waren vor ihrem Wagen. Er grüßte, als sie schon vorüber war; aber sie blickte zurück; vielleicht hatte sie auch nicht zurückgeblickt. Es klopfte an einem späten Abend an seine Tür. Als er öffnete, drückte ihm ein Mann ein Briefchen in die Hand und lief eilig und polternd die Stufen hinab. In dem Briefchen stand, er solle einen Zufluchtsort in seiner Heimat vorrichten, den Wagen für die Flucht vor der Stadt bereit halten und zu bestimmter Nachtstunde an einer kleinen Tür des Schlosses warten. Verwunderung spürte er gar nicht. Aber er wußte, das jetzt alles so kommen mußte, wie es bestimmt war über ihn; glücklich war er, daß er nur tun sollte, was ihm aufgetragen wurde. Schnell schrieb er in seine Heimat, bestellte einen Wagen. Es fiel ihm auf, daß ihm die Leute nicht nachsahen, wenn er durch die Straßen schritt. Auch wärmende Decken und Pelze besorgte er. Als der Abend kam, versah er sich mit Pistolen, lockerte seinen Degen, ging ohne Mantel. Lange wartete er unter der dunklen Wölbung der kleinen Tür. Zuweilen hörte er aus weiter Entfernung, wie ein harrendes Pferd auf Steinplatten schlug. Aber das waren nicht seine bestellten Pferde. Einen fallenden Stern sah er einmal. Und wärmend durchrieselte ihn das Glück. Da warfen sich plötzlich mehrere Männer auf ihn, hielten seine Arme an den Leib gepreßt und verstopften ihm den Mund. Er wurde schnell gebunden und durch Gäßchen geschleppt, durch Türen und ein Tor zu einem Wagen. Zwei Männer stiegen mit ein, der Kutscher schlug auf die Pferde. Auf eine hohe Burg brachten sie ihn, da bekam er ein Turmstübchen. Wie auf einen moosigen Waldgrund blickte er hin über weite Wälder. Oft zogen unter ihm Wolken, die sich wunderlich anhakten an Bergspitzen, und sich verzerrten zu fremdartigen Figuren. Lautlos war es, und nur selten drang morgens bei günstigem Wind ein leiser Ton von Vogelgezwitscher an sein Ohr. Weil er erst zwanzig Jahre alt war, und hier sollte er sein ganzes Leben gefangen bleiben, so dachte er, hier könne er wohl sechzig Jahre leben, und das war doch eigentlich ebenso, als wenn er sechzig Tage lebte oder sechzig Stunden. Ganz weit zurück lag ihm alles, seine Kindheit und sein Dienst, seine Kameraden, seine Reise, als seien schon die sechzig Jahre um, aber er war noch ein junger, bartloser Mann mit heller Stimme. Jeden Tag ritzte er mit dem Nagel ein Kreuz in die Wand, dreihundertfünfundsechzig Kreuze bedeuteten ein Jahr, das war eine lange Reihe von der Decke bis zum Boden, und dann noch eine halbe Reihe. Wenn er sechzig Jahre lang täglich ein Kreuz ritzte, so reichten die Wände, gerade aus, denn es war ja doch auch der große Ofen da und die Tür. Hart war es doch wohl, daß er ein solches Leben führen sollte. Nun dachte er nach, ob es ein Zufall gewesen sei, daß ihn dieses Geschick traf. Etwa, er hätte doch einen andern Reiseweg einschlagen können und die Prinzessin nie gesehen, oder an jenem Sonntag hätte er können die Kirche versäumen, dann hätte er seine Reise beendigt, wäre nach Hause zurückgekehrt, und vielleicht wäre Krieg gekommen, und er hätte sich ausgezeichnet und wäre ein berühmter Heerführer geworden. Alles lag vielleicht an einem zerbrochenen Rade oder einem zufälligen Kopfschmerz. Dann wäre doch eigentlich das Leben ein bloßes Spiel. Viele Jahre hatte er vor sich, über diese Frage nachzudenken, und er beschloß allen seinen Verstand anzustrengen, um sie zu lösen. Er ging auf und ab in seinem Stübchen, die Hände auf dem Rücken, immer vom Fenster zum Ofen und vom Ofen zum Fenster. So vergingen Jahre, und er hatte an seiner Stelle schon einen Gang in die Dielen eingetreten. Einmal empfand er ein großes Mitleiden mit sich, als er diesen Gang sah. Da wurde ihm klar, daß unser Schicksal aus unserm Innern kommt, und deshalb gibt es keinen Zufall im Leben. Er war so ein Mensch, der ein solches Schicksal haben mußte, und überall hätte ihn das getroffen. Ja, vielleicht war die äußere Ausgestaltung nur ein Schein, oder ein Traum, wie wir ja im gewöhnlichen Traume selber Geschichten bilden zu einem Geräusch oder einem Gefühl von außen. Denn was war das Wesentliche? Daß er hier auf und ab ging und nachdachte, und Krümchen streute für einen Zeisig, der an sein Fenster kam, und um den Zeisig hatte er viele Sorgen, daß der nicht von einem Raubvogel gefressen würde. Auch hatte er den alten Burgwart gern und sein Töchterchen. Das Kind kam an den Nachmittagen zu ihm herauf, erzählte ihm, und er selbst erzählte dem kleinen Mädchen auch. Immer dieselben Geschichten besprachen sie, wie er von seinem König einmal eine goldene Denkmünze erhalten, und welche Farben sein Regiment hatte; er holte auch wohl seine Uniform aus dem Schrank und erklärte die Litzen und Schnüre. Sie sprach von ihren Hühnern, und wie vor Jahren einmal ein Fuchs in den Hof gekommen war. So wurde das Kind allmählich größer und kam dann seltener, endlich verheiratete sie sich und erschien in des Gefangenen Stübchen mit ihrem Mann, um ihn zu zeigen, der Mann drehte verlegen seine Mütze, sie sprach mit großer Schnelligkeit. Er schenkte ihnen einen großen Doppeltaler, den er noch besaß. Und dann hatte die Frau ein Kind und kam mit dem Kinde zuweilen zu ihm, und bald kam das Kind allein die Treppe heraufgekrochen, und bald sah das Kind so aus, wie die Mutter ausgesehen hatte, damals, als er hierher geführt ward in diese Burg. So lange war das schon her, er wunderte sich sehr darüber, zuweilen verwechselte er das Kind mit der Mutter. Noch schneller geschah es, daß dieses Mädchen ihm vorbeiging, heiratete, und wieder besuchten ihn die Kinder. Da erzählte ihm ein Kind, eine vornehme Dame sei vor dem Burgtor gewesen, ganz in schwarze Seide gekleidet, auf einem kostbaren Roß, und ein Diener sei bei ihr gewesen, und sie habe dem Vater viel Geld geboten, er solle sie zu dem Gefangenen lassen, der Vater aber habe gesagt, das gehe gegen seinen Eid, da habe der Diener eine Pistole in der Hand gehabt, und aus dem Gebüsch seien andere Leute getreten, mit Gewehren, der Vater aber habe die Brücke hochgezogen, da seien die Fremden wieder fortgeritten. Als der Gefangene die Geschichte gehört hatte, ging er zum Schrank, nahm die alte Uniform heraus und zog sie an; sie paßte noch genau; nur machte es ihm Mühe, daß er aufrecht gehen mußte, wegen der Halsbinde. Dann öffnete er das Fenster und setzte sich ans Fenster. Es war aber Winter, und eine sehr kalte Luft zog herein und bewegte seine weißen, dünnen Haare. Lange Stunden saß er so am Fenster in seiner Uniform, bis es dunkelte. Da zog er die Uniform wieder aus, legte sie sorgsam in ihre alten Falten und hängte sie fort. In der Nacht aber erkrankte er schwer, denn er hatte sich eine heftige Erkältung der Lunge zugezogen, und weil sein geschwächter Körper den Stoß nicht vertragen konnte, so verfiel er in eine langsame Abnahme der Kräfte und starb nach einiger Zeit. Auf dem Totenbette aber sagte er: »Die vielen langen Jahre der Gefangenschaft sind versunken in meiner Seele, und ich muß mir erst die Reihen der Kreuze ansehen, die ich in die Wand geritzt habe, wenn ich will, daß ich überhaupt etwas von ihnen weiß. Aber den Tag in der Kirche habe ich behalten, und den Tag, da sie mir vorbeifuhr, und wie ich ihren Brief bekam, und daß sie meiner nicht vergessen hat, sondern mich jetzt hat befreien wollen. Dieser Dinge gedenke ich mit großer Freude, und einer größeren Freude bin ich gewiß nicht fähig. Deshalb sterbe ich als ein sehr glücklicher Mensch; denn es ist gewiß das höchste Glück, zu wissen, daß ein anderer an uns denkt in Liebe und ohne Falsch. Außer diesem aber erinnere ich mich noch an die kleinen grünen Blätter der Bäume im Frühjahr, welche klebrig sind.« Das Grauen Ich befand mich zwischen vielen Menschen, die über eine steinerne Brüstung hinunter starrten. Die Menschen murmelten. Unten war es sehr tief. Die Mauer fiel senkrecht ab, und die Leute unten sahen ganz klein aus. Der Boden war dort wohl mit schwarzen und weißen Fliesen belegt, in Schachbrettart. Was machten denn die Leute unten? Sie standen. Etwas Schweres, Wuchtiges fiel in regelmäßiger Wiederholung auf den Boden und erst eine Zeit nachher kam ein dumpfer Klang nach oben. Wie groß erschienen denn die Menschen? wie Sperlinge, oder wie Maikäfer. Sie standen. Wir hier oben aber waren jetzt atemlos, als wenn an unsern Herzen Fäden wären, die unten gezogen würden. Es war jetzt lautlos unter den vielen Menschen hier oben, die ängstlich hinabstarrten. Wenn das Wuchtige unten niederfiel, so zitterten wir inwendig und hatten Angst, bis der dumpfe Klang nach oben kam. Es war uns, daß der dumpfe Klang auch ausbleiben konnte. Was erwarteten wir denn? Was fürchteten wir denn? Es war uns, daß unsere Herzen aus der Brust herausgerissen werden mußten. Da war unten auf den Fliesen eine Tenne aus Brettern. Auf der wurde ein nackter Mensch festgeschnallt, mit gespreizten Armen und gespreizten Beinen. Festgeschnallt war er mit gespreizten Armen und gespreizten Beinen. Es stand ein Henker mit einem Beil am rechten Arm, und ein Henker mit einem Beil am linken Arm, und ein Henker mit einem Beil am rechten Bein, und ein Henker mit einem Beil am linken Bein. Aufgerichtet standen sie da und hatten das Beil über ihren Kopf geschwungen. Da ließ der Henker am rechten Arm sein Beil niederfallen, welches blitzte, und die Hand des Gefesselten sprang fort. Ein kleiner dunkler Fleck zeigte sich an der Stelle, auf der weißgescheuerten Brettertenne. Dann drang der Schrei nach oben, ganz dünn, wie das Zirpen einer Grille. Die Leute hier oben hatten auf den Fußspitzen gestanden, und nun schrien sie laut auf und schwenkten ihre Mützen. Ein Mann von unten in weißem Mantel winkte Stillschweigen nach oben. Da ließ der Henker am linken Bein sein Beil niederfallen, welches blitzte, und der Fuß des Gefesselten sprang fort. Ein kleiner dunkler Fleck zeigte sich an der Stelle auf der weißgescheuerten Brettertenne. Dann drang der Schrei noch oben, ganz dünn, wie das Zirpen einer Grille. Die Leute hier oben brüllten und schwangen die Mützen. Ein Vater hielt seinen Sohn hoch, damit er alles sehen könne. Dann fingen sie an, sich zu streiten. Die einen behaupteten: jetzt kommt die linke Hand; und die andern: jetzt kommt der rechte Fuß. Was hatte denn der Mann unten getan? Er hatte in sein Gewehr Pulver und Blei und Johanniskraut geladen und in die Sonne geschossen, und aus der Sonne waren drei Blutstropfen gefallen auf ein weißes Tuch. Ein Mann von unten in weißem Mantel winkte Stillschweigen nach oben. Blitzschnell stand ein Junge oben auf der Brüstung und sprang hinab. Seine Arme und Beine breiteten sich aus, und er schien niederzuschweben. Dann schoß plötzlich neben ihm ein dicker, kugeliger Mann in die Tiefe, der ihn sofort überholte. Die Herzen hielten an. Und indem war schon ein Dritter in der Luft, der sich überschlug. Der Junge war plötzlich verschwunden. Es war, als ob er unten angekommen sei und dann gleich weitergelaufen zu der Hinrichtung. Aber der Dicke schlug auf und sprang dann wieder in die Höhe, wie ein Gummiball; und der Dritte breitete sich einfach hin, wie ein Pfannkuchen; dünne Rinnsel Blut rieselten von ihm aus; der zweite tanzte auf und ab, wie ein Gummiball, und das Geräusch, das von ihm nach oben kam, war merkwürdig hohl, während das des Dritten ein kurzer Klatsch gewesen war. Und indes der Henker am rechten Bein sein Beil niederfallen ließ, sprang der Mann unaufhörlich auf und ab, mit einem hohlen Geräusch, wenn er den Boden berührte. Und das Blut des Dritten, der breit da lag, hatte sich zu einer großen, dunkeln Lache vereinigt, durch welche nur undeutlich das Schachbrettmuster der Fliesen hindurchschien, und welche an ihrem Außenrand zuweilen geradlinig durch die Fliesenränder begrenzt wurden Es waren ja doch auch vier Altäre da zu Händen und zu Füßen des Gefesselten. Auf ihren Altar wurde die rechte Hand gelegt. Es kam ein mißfarbener Rauch, welcher sich wand. Ein Geplapper wurde hörbar in der großen Stille, welche entstand, als die Leute den Windungen des Rauches folgten. Das kam von dem Mann, welcher immer auf und ab sprang. Er betete. Ich stand in Wirklichkeit ja unten und sah in die Höhe, zu den schweißigen Kappen, wie Casca sagt. Die Mauer war nämlich aus dem prächtigsten Marmor, leider hatte sie von oben herab breite, lange Schmutzstreifen, und auch sechs kurze Roststreifen waren da. Aber das war ja alles gar nicht richtig. In Wirklichkeit war ich ja doch in einem dunklen Gewölbe, welches eigentlich von außen ein Turm war, um welchen Menschen plapperten. Dunkel war es, so daß man nicht sehen konnte, und man fühlte sich selbst gar nicht. In der Decke oben war ein Edelstein befestigt, welcher in sich Feuer hatte, aber damit erleuchtete er nicht. Zu dem Edelstein mußte ich immer in die Höhe sehen, denn das war meine Hoffnung. Er war ein funkelnder Wassertropfen im Nichts der Ewigkeit. Er war da, und sonst war nichts da. War ich denn da? Wenn ich nicht früher gewesen wäre, im Sonnenlicht auf einer staubigen Landstraße mit grauen Füßen, so hätte ich nicht gewußt, daß ich da war. Mein Gehirn war vorhanden in der Welt, das fühlte ich. Es war schwer. Auch Augen mußte ich ja wohl haben. Ein Schrei, riß das Herz mitten durch. Unbewegt der Edelstein. Es schrie zurück, aus mir heraus, das Entsetzen. Die Dunkelheit war ja weich, und ich stand ja nicht, nichts unter den Füßen. Schwebte ich denn? Fiel ich denn? Ringsum Leere. Über mir nur der Edelstein. Das waren lange Jahre. Oder war der Edelstein ein Stern, und das dunkle Gewölbe der Weltenraum? Sicher war es ein Gefängnis. Denn draußen waren seine Herren in Rokokotracht, welche dienerten, und Damen, welche mit dem Fächer klapperten. Denn es war nur eine warme Sommernacht, wo kein Stern am Himmel stand, nur drei große, goldene Kugeln. Die Kugeln warfen einen runden Schein unten auf die Erde, und die Bäume, die in dem Schein standen, sahen aus, wie Kulissen. Ich hätte gehen können auf silbernem Rasen in dem Lichtkreis, aber ich war gebannt an eine Stelle und durfte mich nicht rühren. Von oben herab schauerte es durch mich hindurch. Die Erde konnte sich in die Höhe heben und die goldenen Kugeln wurden größer. Sie waren die Augen der Schlange mit ausgesperrtem Rachen, welche einen heißen Atem hatte. Und ich selbst konnte zerstießen und dahinrieseln, wie gesammelter Tau, der ein Bach wird. Ja, es glitt ein Bach dahin durch die dunkle Nacht, unhörbar. Julian und Celia In dem dichten Wald wohnte Celia mit der Alten. Sie hatten ein ganz kleines Häuschen, in welchem eine Küche war mit einem sehr großen schwarzen Rauchfang, und dann zwei ganz kleine Kämmerchen, in deren Fenster wilde Rosen hineinrankten. Wilde Rosen rankten auch an dem Zaun, welcher den Garten umgab. An der Seite plätscherte ein Bächlein über runde Steine. Am Morgen, am Mittag und am Abend kringelte lustig der hellblaue Rauch aus dem Schornstein in die klare Luft über ihnen, die ringsum begrenzt wurde durch die unbewegten Buchenwipfel. Celia saß im Schatten vor der Haustür, deren obere Hälfte geöffnet war, man konnte in die dämmerige Küche hineinsehen. Sie hielt in der einen Hand den Rocken, und mit der anderen ließ sie die Spindel lustig tanzen. Ein Huhn hatte sich im Sande halb vergraben, wo ein Streifen Sonne war, es streckte das eine Bein von sich und blinzelte dumm mit den Augen. Unter dem vorspringenden Dach hingen allerhand Kräuterbündel zum Trocknen. Ganz weit aus dem stillen Wald her läutete die Glocke der weidenden Kuh. Celia wußte, daß Dornröschen sich an einer Spindel gestochen hatte und dann in Schlaf verfallen war mit dem ganzen Hof, und daß dann die Rosen um das Schloß herumgewachsen waren. Sie stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie und die Alte in Schlaf fielen, und die wiederkäuende, liegende Kuh ihre Augenlider zufallen ließ, und die Hühner und der Hahn, und ihr Zeisig im Bauer, der immer sang »diddel diddel diddeleldätsch«, denn mehr konnte er nicht. Dann würden die wilden Rosen immer weiter ranken, und im Herbst säßen Hagebutten an ihnen, und die wilden Rosen würden über das Strohdach mit seinen dicken Moosklunkern wachsen, und über den Schornstein. Im Schornstein hingen vier Speckseiten, aber weil die Mäuse auch schliefen, so konnten sie nicht an die Speckseiten gehen. Sie selber aber läge dann auf ihrem weißbezogenen Bettchen, das nach Salbei duftete, und dann käme der Königssohn herein. Wie mußte der aussehen? Erstens mußte er eine silberne Rüstung haben und gelbe Haare und blaue Augen, und sein Schwert mußte heißen ... Lerchenzauber mußte es heißen. Und dann mußte er eine Geige haben, und vor ihrem Bett fing er an zu geigen, und da wachte sie auf, und der Zeisig, und die Kuh, und die Alte; ihm aber fielen beim Geigen die gelben Locken übers Gesicht. Dann sprang sie in die Höhe von ihrem Bettchen, denn sie war ja ganz angezogen, und der Königssohn hob sie hinter sich auf sein weißes Rößlein, das hieß ... Schwalbenflug hieß es. Und wenn er vor seinem Schloß ankam, da trat seine Mutter heraus mit einem großen Bund Schlüssel im Gurt und rief: »Ei, was hast du dir für eine liebe Braut mitgebracht, nun wollen wir aber auch gleich Hochzeit machen.« Und dann wurde acht Tage lang gesotten und gebacken und gebraten und geschmort, und dann wurde Hochzeit gemacht, und sie selber war die Frau des Königssohnes und trug das große Bund Schlüssel am Gurt. Dann bekam sie auch ein Kind ... ja, das sollte heißen: Liebestrost. Das hatte von ihm die gelben Locken und von ihr die dunkeln Augen und war so wunderschön, daß alle Leute stehen blieben, wenn es vorbeiging. Sie hatte es aber auch lieb! Jeden Abend badete sie es, und keine fremde Hand durfte es berühren. Ach, wie das sein mußte, wenn sie es so in der Badewanne hatte, und es zappelte mit den Beinchen und Ärmchen und krähte vor Vergnügen, und dann wurde es abgerubbelt mit einem großen Tuch, da sah nur noch das Köpfchen heraus. Und dann schlief es so fromm und hatte die Händchen gefaltet, denn sowie es nur sprechen konnte, da betete es auch schon, weil es der liebe Gott so lieb hatte. Ach, und Kleidchen hatte es! Nein, da war ein ganz großer Schrank voll: Mit Silber gestickte und mit Gold gestickte, und mit Pelz besetzte und mit Sammet besetzte, und so viel Wäsche! Zweimal den Tag zog sie ihm ein frisches Hemdchen an. Ja, armer Leute Kinder haben das nicht! Das Wässerlein plätscherte, und das Hühnchen kakelte leise im Halbschlaf. Die Buchen standen ruhig mit ihren weißen Stämmen, immer tiefer in den Wald hinein. Ameisen liefen kreuz und quer; wenn sie sich begegneten, befühlten sie sich mit den Hörnern; sie trugen emsig allerhand Dinge oder wusselten eilfertig herum, als wenn sie wichtige Bestellungen zu machen hatten. Zuweilen halfen sie sich auch beim Schleppen und zerrten dann ihre Last hin und her; sie schleppten, was ihnen gerade einfiel, und wohin es ihnen gerade gut schien, bergauf und bergab, und zuletzt ließen sie es liegen. Sie war ganz bestimmt nicht die Tochter der Alten, obwohl sie immer Mutter zu ihr sagen mußte. War das ein Scheusal! Und ganz gewiß war die auch eine Hexe. Celia hatte sich immer schon vorgenommen, aufzupassen des Abends, wenn die Alte durch den Schornstein ausfahren würde, denn das glaubte sie ganz bestimmt, daß sie das tat; er war schon ganz glänzend geworden inwendig. Aber sie schlief immer über dem Warten ein, und wenn sie aufwachte, dann schien schon die Sonne auf ihr Bettchen und die Vögel sangen und die Alte stand keifend vor ihr und schalt sie Langschläfer. Wer konnte wissen, woher sie stammte! War es denn nicht schon vorgekommen, daß so eine Alte ein Kind geraubt hatte mit seinem Badezuber, und wie das Mädchen groß ist, kommt einmal ein Ritter vorbei, der kehrt bei ihnen ein, und dem soll das Mädchen die Füße waschen. Da erkennt der Ritter das Wappen auf dem Badezuber, und merkt, daß das Mädchen sein gestohlenes Schwesterchen ist. Wenn sie nun auch so einen Bruder hätte, der sie holte, und eine Mutter, und einen Vater! Die Spindel war doch manchmal, als wenn sie lebendig wäre! Manchmal hatte sie gar keine Lust und dann war sie wieder so fleißig! Ob das wohl alles für ihre Aussteuer bestimmt war, was sie jetzt spann? Aber was sollte sie denn hier wohl für einen Mann kriegen! Einen Köhler? Sechs Tage ist er schwarz und den siebenten ist er ungewaschen. Des Sonntags rasiert er sich, und in der Woche wachsen ihm die Stoppeln. Und dann sollte sie wohl jeden Tag Köhlersuppe kochen, und dem Köhler seine Kinder warten! Nein, da dankte sie denn doch! Eine runde Wiese war im Wald, da wuchs Frauenschuh und Mannskraut, und unter den Baumstumpfen wohnte das kleine Volk mit seinen Schätzen. Wenn sie da einmal einem vom kleinen Volk begegnete, und der gab ihr dann etwas von seinem Gold! Dafür kaufte sie sich drei Kleider, eins wie die Sonne, eins wie der Mond, und eins wie die Sterne. Mit denen ging sie dann weg, und dann würde sie schon einen Königssohn kriegen. Nicht wahr, wenn man so groben Nessel und Warp anhat, wer soll einen da wohl nehmen! Und als die Alte nach Hause kam mit ihren Kräutern, da hatte sie natürlich wieder zu keifen, daß Celia nicht genug gesponnen hatte in der Zeit. Und sie hatte doch immer an einem Fleck gesessen! Aber diesmal hatte die Alte noch etwas anderes vor. Sie schickte Celia in ihr Kämmerchen, damit sie ihren besten Staat anziehen solle. Celia dachte sich wohl schon weshalb, aber sie sagte nichts und tat, als ob sie von nichts wisse. * * * Der Ritter Julian von Montabel wohnte in einem Schloß, das sich ganz spitz auf einem steilen Felsen erhob. Weithin nach drei Seiten dehnte sich eine Hochebene, welche von ärmlicher Heide bedeckt war. Am Fuß der steilen Bergwand zog der Strom, und dann streckte sich ein lächelndes Gefilde hin. Hier saßen reiche Bauern, die von oben ganz klein aussahen. Tiefgehende Wolken streiften die Spitze des Burgturms, und über das Land unten gingen oft die Schatten der Wolken, und in Streifen lag auf ihm der Sonnenschein. Auf seinem hellbraunen Pferdchen streifte der Ritter Julian oft durch die öden Heideländereien, wo zuweilen ein Kiebitz ihn schreiend umflatterte, während am Himmel zerrissene Wolken jagten. Er dachte an ein sonniges Land mit heller Luft, wo die Häuser weiß leuchteten. Hier, wo er war, blühte die violette Heide, und gelber Ginster glänzte, es waren Lachen braunen Wassers und verkrüppelte Tannen, und zuweilen schwankte der Boden unter den Hufen des Pferdes. Soweit er blicken mochte am Horizont, es war kein Mensch zu sehen, er war allein auf seinem Pferde. An eine Jungfrau dachte er, die mußte dunkles Haar haben und dunkle Augen. Mitten im Wald mußte er sie treffen, und sie mußte ihn ansehen. In einem Gang schritt er neben ihr, wo zu beiden Seiten Rosen blühten, und indem sie ging, sah die Spitze ihres Fußes unter ihrem Gewand hervor. Schweigend gingen sie, und sie hatte den Kopf gesenkt, er aber fühlte im Gesicht, daß die gleiche Luft vor ihnen war und zwischen ihnen. Ja, Vögel sangen wohl auch, aber das war alles anders. Er hätte nur so immer gehen mögen neben ihr, wenn er gedurft hätte. Aber er hatte Furcht vor ihr, daß sie ihn für aufdringlich halten würde, und daß er ihr dadurch überhaupt widerwärtig werden konnte. Vielleicht, wenn er mit ihr hätte sprechen können, aber er wußte nicht, was er hätte sagen sollen. Und es war ja auch am schönsten so, still neben ihr zu gehen zwischen den blühenden Rosen. Es war einmal ein fahrender Sänger auf dem Schloß gewesen, welcher viele Liebeslieder vorgetragen hatte. Er hatte sich geschämt in der Seele des Fremden, von solchen Dingen zu sprechen. Aber was er selber fühlte, das war ja doch etwas ganz anderes wie Liebe, und trotzdem war es ihm schwer zu Sinn, wenn er dachte, daß das Mädchen etwas davon merken sollte, daß er sie gern hatte, und er würde sich absichtlich zu andern gehalten haben, wenn sie dagewesen wären. Überhaupt schien es ihm zumute, als sei er verliebt, während er doch gar kein Mädchen wußte. Grundlos traurig war er, daß er hätte weinen mögen, aber die Traurigkeit saß nicht tief, und es war ihm auch nicht ernst mit ihr. Und dann dachte er, daß er doch so jung war, und daß er jetzt gerade die allerschönste Zeit des Lebens vor sich hatte. Wenn er nur nicht so schüchtern gewesen wäre, dann hätte er schon allerhand verliebte Abenteuer haben können, das wußte er wohl; die Zofe seiner Mutter hatte ihn doch ganz ersichtlich aufgemuntert; aber dann hatte er sich immer wieder gedacht, er deute diese Zeichen falsch, und außerdem hatte er sich auch geschämt. Ja, wenn er einmal eine Jungfrau fand, die so ganz hoch stand, wie eben nur die Frauen stehen, und die von solchen Dingen gar nichts wußte, und zu der er nur immer aufsah, wie zu der Jungfrau Maria, da war es doch gut, wenn er sich reingehalten hatte von allen Leichtfertigkeiten; es war überhaupt schon schlimm, daß er an solche Dinge dachte, und an die verliebten Augen der Zofe. Überhaupt war die ja älter wie er. Aber indem kam ihm die Erinnerung, wie er die Zofe einmal auf der Treppe getroffen hatte, als sie sich das Strumpfband festzog. Sie hatte schnell den Rock über das Bein geschlagen, als sie ihn bemerkte, und sich aufgerichtet, aber ihm war doch das Bein in der Erinnerung geblieben, und der Busen, den er von oben gesehen hatte, unter dem Nacken mit den krausen Härchen und dem Streifen, wo die Haut weißer wurde unter dem Braungebrannten. Ein eigenes Gefühl überkam ihn, wie von Schwindel, und als ob er Ohrensausen habe und das Herz ihm stehen bliebe. Er ärgerte sich aber und schämte sich solcher Erinnerungen. Er hatte sich doch schon ein ganz genaues Bild gemacht von der Dame, die er einmal verehren würde. Was mußte die empfinden, wenn sie von solchen Gefühlen wußte bei ihm! Das war doch eine tödliche Kränkung für sie! Und noch dazu war es nur eine Zofe, an die er dachte! Wie häßlich das überhaupt war, daß wir mit diesen gemeinen Trieben ausgestattet sind. Und die meisten Menschen gaben ihnen nach! Oder man mußte ins Kloster gehen. Zuweilen, wenn er an solche Dinge dachte, graute ihm doch vor dem Leben. Wenn er seinen Vater ansah, dann dachte er, daß der gute alte Mann doch auch einmal jung gewesen war, und wahrscheinlich hinter den Dienerinnen hergegangen. Das war ihm ganz schwer, wenn er sich so etwas vorstellte. Und dann dachte er, daß seine Mutter ihn doch geboren hatte und doch das alles hatte durchmachen müssen mit seinem Vater. Zuweilen war es ihm, als wenn alle Menschen nur Tapeten seien, hinter denen etwas ganz Furchtbares und Entsetzliches verwese. Ja, er dachte wohl, daß er hinaus in die Welt mußte, unter Menschen. Aber wenn er einmal zwischen fremde Leute kam, so saß er stumm zwischen ihnen und war wohl höflich und freundlich gegen sie, aber sie waren ihm gleichgültig und er wußte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte. Sie fragten und er antwortete, aber das war alles ganz fremd an ihm und er konnte sich gar nicht denken, daß er davon etwas lernen sollte. Er wußte auch, daß sie ihn auslachen würden, wenn sie wüßten, was er bei sich dachte. * * * Als er sich damals der Hütte näherte, wo Celia mit der Alten wohnte, hatte Celia bereits ihren besten Putz angetan, saß vor dem dämmernden Hauseingang und spann. Große goldene Ringe trug sie in den Ohren und einen Kamm im Haar, in welchem edle Steine funkelten. Ihr rotes Jäckchen war mit Gold bestickt, und ihr tiefblauer Kleiderrock trug unten einen fingerbreiten Goldstreifen. Der Ritter kam aus dem Wald mit seinem hellen Antlitz und hielt betroffen sein Pferd an. Celia erhob sich und ging ihm entgegen. Er sprang von seinem Rößlein, und als er sie nun so nahe erblickte, mit dem zaghaften Gehaben, ward ihm so weh ums Herz, daß er ohnmächtig hinsank. Celia beugte sich über ihn, und ihre Tränen flossen ihm ins Gesicht. Die Alte richtete ihn auf und gab ihm etwas zu riechen, daß er wieder zu sich kam. Dann nahm ihn Celia an die Hand und setzte sich mit ihm auf die Bank unter den Rosenbusch, wahrend die Alte das Pferd besorgte. Sie wußten nicht, was sie einander sagen sollten, und deshalb schwiegen sie lange. Dann brachte die Alte Milch und Brot heraus und sie aßen zusammen. Als er sich aufs Roß schwang, grüßte er Celia und die Alte, und dann ritt er fort. Fort ritt er durch den Buchenwald, der sich wölbte, und durch die bienenübersummte Heide. Er dachte an Celia mit Angst. Er wußte nicht, was er fürchtete, aber seine Angst um sie war groß, und als er nach Hause kam, wunderten sich seine Leute über sein verstörtes Gesicht. Am anderen Tage kam er wieder zu dem Hüttchen; drinnen wirtschaftete die Alte und vor dem Eingang saß Celia in ihrem roten Jäckchen, hielt den Rocken und ließ die Kunkel tanzen. Aber als er zum zweiten Male neben ihr saß auf dem Bänkchen, und sie einem Vogel zusahen, welcher ernsthaft sein Schnäblein öffnete und sang, da fühlte sie eine sonderbare Beklommenheit in sich. Sie hatte ihm die Hand nicht wieder gegeben seit jenem ersten Mal, wo sie ihn zu ihrem Häuschen führte, und sie saßen wieder stumm nebeneinander wie damals. Es war ihr, als müsse sie immer weiter von ihm wegrücken. So saßen sie, und nach einer Stunde seufzte er tief auf, bestieg sein Pferd und ritt ab. Und als er ritt, war seine Angst noch größer geworden wie das erste Mal. So war es viele Tage hintereinander. Sie wurde immer scheuer und furchtsamer, und er ängstigte sich immer mehr um sie. Als aber seine Leute merkten, wie er von Tag zu Tag verfiel und blasser und magerer wurde, gingen sie ihm einst nach und merkten sein Geheimnis. Sie sahen die beiden, wie sie saßen und in den spielenden Schatten vor ihnen träumten, und wie er dann laut aufseufzte, sie mit liebreichem Blick anschaute, ihr und der Alten grüßend zuwinkte und fortritt. Da kamen sie zu der Meinung, daß ihn das Mädchen verhext habe und ihm heimlich die Seele aussauge, während sie bei ihm sitze. Sie wollten ihm nicht wehe tun, und deshalb versuchten sie, ihm zuerst zu helfen, ohne daß er es merkte. Sie führten ihm angenehme Gesellschaft zu, die ihn zerstreuen sollte, sie ließen Musik machen und Lieder singen, dann gaben sie ihm allerlei geweihte Tränklein, die ihn von dem Zauber befreien sollten, aber er wurde nur immer trübsinniger und machte Tag für Tag den Ritt, von dem er so traurig zurückkam. Zuletzt wurde er so schwach, daß er auch das Pferd nicht mehr besteigen konnte. Er lag auf seinem Bett und sah zu, wie die Sonnenstäubchen tanzten und wirbelten in einem Sonnenstreifen. Er ließ sich aus seinem Zimmer hinaustragen in das kleine schmale Gärtchen hinter der gezackten Mauer und sah an den hohen Himmel, und dachte, daß der Himmel auch über Celia sei. Als ihn sein Vater so siech liegen sah, wurde er von Zorn ergriffen gegen das Mädchen, welches, wie er meinte, diese Krankheit verschuldet hatte. Und indem er alle Rücksicht nunmehr beiseite setzte, schickte er Leute aus, welche sie aufgreifen mußten und ihm bringen. Sie fanden sie allein in dem Häuschen, denn die Alte war seit ein paar Tagen verschwunden. Auf der Burg baten sie der alte Ritter und der Kaplan, doch die Verzauberung Julians aufzuheben. Aber sie weinte nur und erklärte standhaft, daß sie keine Schuld habe. Der Ritter Julian stellte seinem Vater vor, wie sehr er das fremde Mädchen liebe, und flehte ihn an, sie ungekränkt zu lassen. Endlich erweichte er das Herz des alten Mannes, welcher seinen Einzigen vor seinen Augen dahinsterben sah. Der alte Ritter ging in das Turmstübchen, welches man Celia als Gefängnis gegeben hatte, und trug ihr die Hand seines Sohnes an, indem er ihr schilderte, in welcher verzweifelten Verfassung er sei. Celia stürzten die Tränen aus den Augen, als sie das anhörte; aber wenn sie sich dachte, daß sie des Julian Weib werden solle, und daß sie mit ihm zum Altar treten müsse, und daß alle das wüßten, daß sie seine Braut sei, dann schämte sie sich, und es war ihr so, daß sie nicht ja sagen konnte. Sie schüttelte nur mit dem Kopf. Der alte Herr ging erzürnt von ihr und erzählte seinem Sohne den Erfolg seiner Werbung. Dieser erwiderte trübsinnig, daß er sich keinen anderen Ausgang gedacht habe, denn er sei ja viel zu gering für sie. Und endlich konnte er den Zorn seines Vaters nicht mehr aufhalten. Es wurde auf dem Hofe ein Scheiterhaufen gebaut, auf welchem Celia als eine Hexe verbrannt werden sollte. Bevor sie zum Tode geführt werden sollte, brachte man sie noch vor das Bett des sterbenden Julian, welcher sie weinend begrüßte. Er machte sich Vorwürfe, daß er durch seine törichte Leidenschaft ihr Unglück verschuldet habe und nun durch sein Leiden gehindert sei, ihr beizustehen, denn er konnte sich nicht mehr von seinem Bett erheben. Sie aber tröstete ihn und sagte, die Alte habe ihr erzählt, daß der Tod auf dem Scheiterhaufen ganz leicht sei, weil man sofort durch den Rauch bewußtlos werde und ersticke. Dann bat er sie, bevor sie scheiden mußten, noch um eine einzige Gunst. Sie hatte ihm nur einmal ihre Hand gereicht, als sie sich zuerst gesehen hatten; nun solle sie ihm die Hand noch einmal geben, wo sie für ewig voneinander Abschied nehmen müßten. Da reichte sie ihm ihre mit Ketten beschwerte Hand, indem sie im Gesicht, den ganzen Hals hinab, rot wurde; und er drückte einen Kuß auf die Hand. Der Einsame Auf einer blühenden Wiese lag ein Jüngling. Er hatte die Augen geschlossen, und auf seinem Gesicht brannte die Sonne. Rot schien es ihm durch die Augenlider, und es klopfte in ihm. Er lag ganz still, die Arme unter dem Kopf gekreuzt, und war sehr fröhlich inwendig. Als er spürte, daß ein Wölkchen vor der Sonne vorbeizog, öffnete er blinzelnd seine Augen. Die Wölkchen oben zogen. »Ja, sie ziehen über die Welt hin,« dachte er. Und das schien ihm plötzlich so merkwürdig, daß die Wolken über die Welt hin zogen. Nachher dachte er sich, wie sonderbar das sein müßte, wenn er so auf einer Wolke säße, und die Beine herunterbaumeln ließe, und seine Nase vorstreckte, und auf die Welt unten sah, auf Wiesen, Wälder, Felder und Kühe. Wie dann die Leute zusammenlaufen würden und mit Peitschenstielen nach ihm zeigen, er aber rauchte oben vergnüglich aus seiner Tonpfeife. Auch kleine Kinder würden da stehen und hochsehen und dabei den Finger im Mund halten. Eine Ameise krabbelte vorn auf seinem Rock, einem schwarzen Kandidatenrock. Der Ameise erschien er mit seinem Anzug sicher nicht anders, wie etwa ein Baumstamm. Aber die Grashalme kamen ihr doch so vor, wie uns die Bäume im Wald. Ja, und die hohe Kälberkropfstaude, die da zu seinen Füßen sich erhob, wie ihr die wohl vorkam mit ihren breiten Dolden – als Kind machte man ja Spritzen aus den Stengeln; auch aus Löwenzahn, aber die gingen nicht – ja, und wenn er nun eine Ameise wäre, dann wäre er doch im Ameisenhaufen, der hatte so viel hohe und gekreuzte Gänge, wo alles wimmelte. Da war auch eine Königin, und der würde er einen Heiratsantrag machen, ob sie ihn aber erhören würde, das war eine andere Sache. Er konnte ja auch nach Holland gehen und dort der kleinen Königin sagen, sie solle seine Frau werden. Die würde ihn schön auslachen. Aber lieb hatte er sie doch! Auf den Briefmarken war sie immer so ein kleines Mädchen. Er würde natürlich mit ihr in Holland wohnen, wo man des Sonnabends die Straßen aufscheuert und dann reinen Sand streut. Auch hat man dort viel schönes Porzellan, und es gibt da Porzellankühe, die ganz wunderbar sind. Nachdem er dies gedacht hatte, begann er gemächlich mit den Beinen zu strampeln, und es fiel ihm dabei der Vers ein: Wer des Lebens Unverstand Mit Wehmut will genießen, Der stemme sich an eine Wand Und strample mit den Füßen. Hiernach stand er auf, setzte den Hut in den Nacken und schlenderte weiter, dem Walde zu, in dem es Rehe gab. Schaumkraut und Hahnenfuß und Fuchsschwanz wuchsen auf der Wiese, und Veilchen, und ganz versteckt unter gekreuzten Grashalmen sah er ein Marienblümchen. Das Marienblümchen kam ihm so treuherzig vor mit seinem gelben Kreis in der Mitte und den weißen Strahlen herum, und er dachte: ja, da wächst es nun zwischen dem Gras, und steht da, und weiß gar nicht, weshalb, und denkt, das muß so sein, aber du, Mensch, hast immer Angst vor dir. Und wozu lebst du denn eigentlich? Das Marienblümchen sieht, wie am Morgen die Sonne aufgeht, und wie der Tau fällt, und wie die Sonne steigt, und dann wird's heißer, aber es steht immer zwischen seinem Gras und sieht ruhig und mit gutem Gewissen in die Höhe; und dann sinkt die Sonne, und es wird dunkel, aber das Blümchen hofft zuversichtlich, daß morgen die Sonne wieder aufgehen wird. Es ist das Einzige in seiner Art auf viele Schritte im Umkreis und sieht nur Fuchsschwanz und Sauerampfer und Arnika und Gras, aber es ist doch zufrieden und ruhig, und lebt in einer stillfröhlichen Liebeinsamkeit. Aber du, Mensch, bist allein auf dieser Wiese und hast Angst vor dir und sehnst dich, ohne daß du einen Menschen finden kannst, denn die Wiese blüht wohl lustig, und der Wald steht wohl hellgrün und hat goldige Lichtflecke auf dem Boden und an den Stämmen, aber es gibt ja keinen Menschen sonst außer dir, denn dich liebt niemand, und du hast niemand lieb, und was du für Menschen gehalten, das sind nur Traumbilder, die du selber erzeugt hast. Da fühlte er die Angst von hinten, und er ging eilig weiter, ohne auf etwas zu achten, und er hatte das Bewußtsein, daß er sich nicht umblicken dürfe, weil es hinter ihm »entsetzlich« sei; ja, an das Wort »entsetzlich« dachte er ausdrücklich. Er zwang sich, langsam zu gehen, denn er wußte, wenn er erst anfing zu laufen, so wurde er von der Furcht vollständig übermannt und stürzte zu Boden. Als er an den Rand des Waldes kam, blühten auf einer weiten Strecke Maiglöckchen, und eine metallisch schimmernde. Fliege war da. Er dachte, daß er sich doch jetzt ein Herz fassen müsse und sich umdrehen, bevor er in den leise schauernden Wald mit den hohen Buchenstämmen eintrat; er würde dann hinter sich die bunte Wiese sehen und kleine Schmetterlinge, und den lieben Himmel. Aber als er sich umdrehte, da sah er hinter sich das Nichts. Das war eine schwarze Nacht, die in gerader Linie sich senkrecht an dem äußersten Ende erhob, wo sein Fuß stand; als er entsetzt seinen Arm ausstreckte, erschien dessen untere Hälfte abgeschnitten; und lautlos war es. Er stieß einen Schrei aus, daß er sich selber vor ihm fürchtete, und dann lief er geradhin in den Wald. Und er wußte, daß hinter ihm die Bäume und die Maiglöckchen und die trocknen Blätter am Boden lautlos in die schwarze Nacht übergehen würden, die dem Laufenden in gleicher Schnelligkeit folgte. Dann dachte er, daß sie ihn überholen werde, und daß er erst mit einem kleinen Teil seines Körpers im Nichts sein werde, dann immer mehr, dann mit der Hälfte, und dann ganz. Da lief er immer schneller. An einem Förster kam er vorbei, der ihn verwundert ansah; der wußte ja nicht, daß hinter einem das Nichts ist. Wenn er mit der Eisenbahn führe, so würde er noch schneller vorwärts kommen, und die Bäume würden in das Nichts hineintanzen. Tanzen würden sie. Er aber lief. Und wenn er nicht mehr konnte, so zog das Nichts über ihn hinweg, ruhig, wie eine Nebelwand weiterfließt. Dann stürzte er auf den Boden, und blieb dort liegen, das Gesicht in die Arme gedrückt, auf der Erde. Lange lag er so. Und als er aufstand, sah ihn ein Eichhörnchen mit glänzenden Augen an und huschte dann um den Baum, um oberhalb derselben Stelle wieder zu erscheinen. Und ganz weit weg hämmerte ein Specht in der Stille. Es dachte in ihm: »Die Natur ist schön, aber sterben muß man doch.« Er wunderte sich über die sonderbaren Worte. Auch fiel ihm ein: »Mitten im Leben wir vom Tod umfangen sind.« So ging er nun, mit zitternden Knien. Er ging durch einen feuchten Hohlweg, wo Farnkraut überhing. Bevor er aus dem Walde heraustrat, lag eingerahmt durch die letzten Bäume vor ihm das Dorf mit Bäumen und der Kirche. Zwischen junger Saat ging er, die schon angefangen hatte, zu schießen. Hinter ihm war das Nichts, aber er wußte jetzt, daß es ihn nicht verschlingen durfte, sondern vor ihm haltmachen mußte; ja, wenn er zurückging, so mußte es auch zurückfließen. So trat er ins Dorf, wo die Leute die Mützen vor ihm abzogen, Er grübelte. Ja, jetzt schritt er durch das Dorf. Und hinter ihm schluckte das Nichts alles ein. So ging er durch das Dorf und weiter die staubige Landstraße hinab, zu deren beiden Seiten gewundene Obstbäume standen. Diese Obstbäume schluckte das Nichts, Paar für Paar, während er weiter schritt. Lautlos geschah das. Und über die weite Erde zog er, über der am blauen Himmel die Wolken flogen und die Sonne schien. Vor ihm war das blühende Leben; und Maikäfer surrten, auch hopple von weitem schwerfällig ein Hase, und hinter ihm floß das Schweigsame und Schwarze. Deshalb nannte er sich den Wanderer des Todes. Er mußte aber doch lachen, als er sich so nannte. Denn es gab ja überhaupt gar kein Leben, und das, was er als »das blühende Leben« bezeichnete, war nur etwas, das in seinem Herzen war, und das er zu seiner größeren Bequemlichkeit vor sich sah, weil er sich doch nicht die Brust aufschneiden wollte wegen einer solchen Kleinigkeit. Es war sein eigener Traum, in den er hineinschritt, und hinter ihm war die Wahrheit. Deshalb war er ja auch einsam, und das Herz tat ihm weh. Einen Hund hätte er wohl gern gehabt, so einen treuen Hund, der sich gefreut hätte, wenn er nach Hause kam, und der seinen Kopf auf sein Bein legte und ihn mit guten Augen ansah. Der Schemen Der Körper des Magiers lag kraftlos in dem großen Lehnstuhl. as Gesicht war bleich und um die Nase eingefallen. Aber sein Wille arbeitete mit Anstrengung an dem Schemen. Der Schemen schwebte vor ihm in der Luft, auf etwa drei Fuß Entfernung. Es war ein abgeschnittener Kopf mit halb geschlossenen, gebrochenen Augen, angeklatschtem, schweißigem Haar, dünnen Lippen, zwischen denen eben die blasse Zungenspitze zum Vorschein kam. Der Kopf war nicht glatt vom Rumpf abgeschnitten, sondern die Kreise der Luftröhren und des Rückgrats standen etwas über die blutigen Schnittflächen hinaus. In den Mienen des Schemens lag der Ausdruck spöttischer Ergebung. Mühsam richtete der Magier sich im Stuhle auf, um zu versuchen, ob seine Arbeit gelungen sei. Er rief dem Schemen zu: »Bleib!« und ging dann ins Nebenzimmer, um in seiner Weltpunktiertafel nachzusehen. Er zog und vertauschte die Stifte und sah dann lange in die Kristallkugel. In der Kristallkugel erschien endlich die Gestalt eines Mandarins, welcher in einer Art Laube saß. Der Magier bannte das Bild und wendete sich dann wieder dem anderen Zimmer zu, wo er den Schemen allein gelassen hatte. Dieser schwebte noch auf derselben Stelle, aber er hatte nicht mehr das Aussehen der Körperlichkeit wie vorhin. Er war durchscheinend geworden, gespensterhaft, und man konnte durch ihn hindurch die Titel der Bücher sehen, die auf dem Bücherbrett hinter ihm standen. Einen konnte man sogar deutlich lesen: Freytags »Verlorene Handschrift«. Der Magier setzte sich geduldig wieder in den Stuhl und ließ seinen Willen von neuem wirken. Lange blieb der Schemen in seiner durchscheinenden Verfassung; aber endlich wurden die Züge wieder schärfer, das bleiche Gesicht mit den schwarzen Haaren und dem Blut trat wieder körperlicher hervor und in dem Maße, wie die Gestalt des Magiers hinfälliger und schwächer zu werden schien, wurde der Kopf lebendiger, so daß es zuletzt war, als bereite er sich vor, auf den Magier hinzuschweben. Indem klopfte die Haushälterin. Der Magier schritt zur Tür, nahm ihr das Kaffeebrett ab und setzte es auf den Tisch. Während des Kaffeetrinkens ging er in seinem Zimmer auf und nieder, dicht an dem Schemen vorbei, welcher sich unbeweglich an einer Stelle in der Luft hielt. Es befriedigte ihn, daß der Kopf auch durch den Luftzug, welchen das Vorübergehen erzeugte, nicht in Zittern und Schwanken geriet. Der Magier sah nach der Uhr. Es war die Zeit der Zusammenkunft. Er schloß die Stubentür ab, nachdem er den Zettel ausgehängt hatte, der die Haushälterin unterrichtete, daß er nicht gestört sein wolle. Dann legte er sich in den großen Lehnstuhl zurück und versank sofort in Autohypnose. Während derselben löste sich seine Seele vom Körper, durchdrang die Wand und begab sich zum Zusammenkunftsort. Dieser war ein möbliertes Zimmer, das eines der Mitglieder bei der Witwe eines Magistratsbeamten gemietet hatte. Das Konventikel war vollständig. Die Seelen drängten sich in dem Zimmer; die Damen saßen auf dem Sofa und den Stühlen; einige der Herren hatten sich auf das Bett gesetzt, die übrigen standen. Und nun begann die gegenseitige Mitteilung, welche direkt, ohne Worte, stattfand. Es war immer dasselbe. In jeden Einzelnen drang das Fluidum der Gesellschaft mit einem Schmerz, wie wenn er eine tiefe Wunde in der Brust hätte. Er hätte sich sträuben und wehren mögen, aber das durfte er nicht. Er fühlte, wie das Fluidum sich in ihn ganz ergoß, bis in die Fingerspitzen, und wie sein eigenes immer matter wurde. Zuweilen war es, als ob ein Schwert in der Brustwunde ein wenig herausgezogen und dann wieder, wie in die Scheide, hineingestoßen wurde. Niemand konnte sich wehren; jeder blickte mit entsetzlicher Angst auf die Übrigen der Gesellschaft; er wurde von einem furchtbaren Haß erfüllt gegen das Fremde, das in sein Ausgehöhltes hineinkam, und alle Übrigen erschienen ihm in grauenhafter Vermummung: ihre Gesichter waren verzerrt zu blassen Larven, oder zu Ähnlichkeit mit Tieren, und zu einer so scheußlichen Häßlichkeit, daß es im Herzen weh tat. Dann begann sich leise eine Angst von oben über die Gesellschaft zu legen, die ganz langsam immer tiefer hineindrang in die Einzelnen, bis es ihnen schien, daß sie nicht mehr atmen konnten. Sie hatten die Vorstellung, daß sie sich ganz zu bloßem Rauch verflüchtigten. Es war, als ob Dunkelheit leise nach der Mitte des Zimmers zusammenkam. Die Fensterscheiben blitzten schwarz in das schweigende Zimmer. Den Einzelnen war es, als ob sie dünner würden und als ob sie versänken, und der Haß stieg immer mehr in ihnen in die Höhe und drängte sich an die Lippen; aber sie konnten ja nicht reden, da sie nur Seelen waren, und deshalb verbreitete er sich wieder im Ganzen der Seelen und drängte wieder nach außen, wie Schweiß aus den Hauptporen dringt. Diese Kräfte begegneten sich im Zimmer und zwischen ihnen fand ein Kampf statt in dem Schweigen, indem sie mit ihrer ganzen Macht gegeneinander drängten. Das war unsichtbar; auch für die Seelen, aber jeder wußte doch, was in der Mitte des Zimmers vorging, und drückte sich scheu an die Wand, um nicht mit fortgerissen zu werden in das Drängen und dann zerquetscht zu werden. * * * Der Mandarin, welchen der Magier sich als Opfer ausgesucht, war ein noch ziemlich junger Mann. Er hatte, wie das in China üblich ist, auf Kosten einer Gesellschaft studiert, welche die Rückzahlung der vorgestreckten Gelder nebst dem aufgelaufenen Zinsbetrag und einem mäßigen Gewinn nach der Anstellung erwartete. Da er nach einem glänzend bestandenen Examen sofort einen sehr hohen Posten bekommen hatte, so wurde es ihm nicht schwer, bald eine Frau aus guter Familie zu finden, deren Vater einverstanden war, nicht nur kein Geld von ihm zu verlangen, sondern sogar noch den Schwiegersohn von den Gläubigern auslöste. Er bewohnte ein kleines, aber bis ins Geringste hinein geschmackvoll und zierlich ausgestattetes Haus, hinter dem sich ein sehr schöner Garten befand. Derselbe hatte ursprünglich mit dem Garten des Nebenhauses ein Ganzes gebildet, in dessen Mitte ein mit blauen Kacheln ausgelegtes Wasserbecken für Goldfische eingerichtet war. Später hatte man durch eine Mauer den Garten geteilt und über den Miniaturteich die Mauer in einem hohen Bogen hinweggeführt. Neben diesem Teich war eine Laube, in welcher der Mandarin oft neben seiner jungen und schönen Gemahlin saß, die zur Laute ein Lied eines alten Klassikers sang, während er gleichmütig mit seiner aus Holzkugeln und Jadestücken zusammengesetzten Mandarinenkette spielte und den Goldfischen zusah, welche langsam im Wasser dahinzogen. Ein Lotosbaum, dessen große, weiße Blüten ln der Sonne dufteten, gewährte ihnen Schatten, und zuweilen fiel ein Goldkäfer aus einer Blüte herunter auf das Rosenholztischchen vor ihnen und zappelte mit den Beinen. Einst saß die junge Gemahlin des Mandarins allein in der Laube und dachte daran, wie schön es wäre, wenn ihr Mann noch eine zweite Frau hätte, die gleichaltrig mit ihr sein müßte und ebenso schön wäre; wie sie dann zusammen scherzen würden; und vielleicht hätte sie eine schöne Altstimme, und sie würden dann in dieser Laube sitzen und zweistimmige Lieder singen, während ihr Mann zuhörte und mit seiner Mandarinenkette spielte. Als sie so saß, erblickte sie ln dem ganz stillen Wasser ihr Bild, und sie beugte sich vor, es zu betrachten. Indem sah sie ein zweites Frauengesicht neben dem ihrigen; sie stieß einen leisen Schrei aus, dem hinter der Mauer ein gleicher antwortete, und fast zu gleicher Zeit schwebte ein Blütenblatt des Lotosbaumes in das Wasser, leise zitternde Kreise erregend, die sich verbreiterten und die Bilder undeutlich machten. Auf der anderen Seite der Mauer war also offenbar gleichfalls eine Laube, in welcher, gleich ihr, ein weibliches Wesen saß. Nur ganz flüchtig hatte sie das Bild gesehen, aber das Gesicht hatte sie doch ans Herz gerührt. Schnell eilte sie zu ihrem Gatten ins Amt, um ihm ihr Erlebnis zu erzählen. Auch er fühlte ein eigenes Sehnen im Herzen und ging mit ihr hinaus. Sie aber ergriff ihre lange Laute, die mit Schildkrot und Gold eingelegt war und silberumsponnene Saiten hatte, und sang ein Lied von Thu-Fu: Das Wasser kräuselt sich. Denn es ist eine Blüte hineingefallen, Aber der ruhige Mond steht am Himmel. In meinem Herzen ist Unruhe, Aber meine Augen winken dem Geliebten zu. »Du hast schön gesungen,« sagte ihr Gatte. Und plötzlich hörten sie von drüben ein paar Akkorde einer Laute, und dann begann eine herrliche Altstimme zu erwidern: Am hohen Himmel steht der ruhige Mond, Und eine schmale Wolke zieht vor ihm vorbei. Ein Rind im Stall klirrt leise im Schlaf mit seiner Kette, Und ein Geist schwebt unhörbar über einem Lilienbeet. Als der Gesang beendet war, erblickten beide wieder für einen kurzen Augenblick das fremde Gesicht im Wasserspiegel. Dann hörten sie nichts weiter und sahen nichts, trotzdem sie noch lange saßen und harrten. Der Mandarin ging zu seinem Schwiegervater und erzählte ihm das Vorkommnis. Dieser erkundigte sich und fand, daß die Eltern des fremden Mädchens wohl geneigt seien, ihre Tochter seinem Schwiegersohn zu geben. Er lieh diesem das Geld, welches die Eltern verlangten, und nun war alles so weit, daß in den nächsten Tagen die Hochzeitsfeierlichkeiten stattfinden sollten. Das war gerade die Zeit, wo der Schemen ankam. Plötzlich stand das abgeschnittene Haupt vor dem Mandarinen. Es hielt sich immer in einer Entfernung von drei Fuß, wich sofort zurück, wenn er auf es zuging, und folgte, wenn er wegging. Es hatte die gebrochenen Augen halb geschlossen, die schweißigen Haare waren an die bleiche Stirn angeklebt, um den dünnen Mund, zwischen dessen schmalen Lippen die blaßrote Zunge zum Vorschein kam, lag ein Zug höhnischer Ergebung, und aus der Schnittfläche am Halse ragten die Röhren und Adern ein wenig heraus. Natürlich merkt man in China in solchen Fällen an dem Gesichtsschnitt sofort die europäische Herkunft des Schemens, und sicherlich tragen solche Dinge nicht dazu bei, bei den Chinesen freundlichere Gesinnungen gegen uns Europäer zu erwecken, besonders heute, wo die Beziehungen ohnehin gespannt sind. Mit Hilfe eines Zauberers stellte der Mandarin bald die genaue Herkunft des Schemens fest. Er entschloß sich, die Summe, welche er als Morgengabe für seine Verlobte hatte verwenden wollen, für seine Befreiung und eine Reise nach Deutschland zu bestimmen. Geleitet durch die genauen Vorschriften des von ihm befragten Zauberers kam er in der Stadt an und fuhr vom Bahnhof direkt nach der Wohnung seines Feindes. Begreiflicherweise erregte der Fremde großes Aufsehen, und nicht nur die Kinder, sondern auch Erwachsene versammelten sich neugierig vor dem Hause, welches er betreten. Der Magier hatte ihn schon vorfahren sehen und war sofort zur Tür gestürzt, um diese zu verriegeln. Aber vor dem Schemen, der dem Fremden drei Fuß vorauszog, sprang die Tür sofort auf. Der Magier stand mitten im Zimmer und erwartete mit glühenden Blicken den Mandarinen. Nur auf seinen Blick konnte er jetzt noch vertrauen. Er legte in ihn das Gebot, daß der Mandarin ihm nicht näher kommen dürfe als zwei Meter; und er hatte wirklich die Kraft gehabt, das durchzusetzen. Der Chinese stürzte auf ihn zu, immer den abgeschnittenen Kopf vor sich; aber er konnte trotz aller Anstrengung nicht über die gewollte Grenze. Vergeblich umkreiste er ihn; der Magier drehte sich nur ruhig auf dem Absatz, ihn immer mit seinem Blick stierend. Sinnlos vor Wut zog der Chinese seinen Säbel und warf nach ihm; die Spitze quietschte, wie wenn sie auf Glas stoße, und der Säbel fiel machtlos zur Erde. Aber während der Chinese den Magier so machtlos umkreiste, schwebte der Kopf, immer in gleicher Höhe, im engeren Kreis mit, etwa in der Mitte zwischen beiden. Dem Magier war die Hinterseite zugewendet. Da er, als er ihn bildete, nur an das Gesicht gedacht hatte, so war diese Hinterseite nicht ausgearbeitet; es fehlten die Haare und die Hirnschale; er sah das bloße Gehirn, das sich würmelte, grau mit roten Blutäderchen, und da der Schnitt nach hinten in die Höhe gefühlt war, so sah er die ganze Schnittfläche des Halses, blaßrot, mit dunkelroten Pünktchen, und mit den hervortretenden Schlauchenden. Der Chinese war blaß geworden und hatte aufgehört zu schreien. Hartnäckig nur umkreiste er ihn, indem er ihm spähend in die Augen sah. Der Magier wußte, daß jener sich auf seine größere Nervenkraft verließ und abwarten wollte, bis die Kraft seines Blickes erlahmte. Und er fühlte, daß jener wirklich die größere Nervenkraft hatte. Schon mußte er kämpfen, um die Ruhe in sich zu behalten, leise hob es sich in ihm immer von neuem, und er mußte es immer wieder von neuem niederdrücken, während ihn der spähende Blick umkreiste und der Kopf mit dem würmelnden Gehirn. Er fühlte, daß er im Begriff war, die Unterscheidung der beiden spähenden Augen zu verlieren, daß sie sich in eine hellgrau leuchtende Linie auseinanderzogen. Und dabei drang in das lautlose, dumpfe Zimmer von unten das Murmeln von vielen Menschen; er hörte Rufe der Kinder und dann die schnarrende Stimme eines Schutzmanns. Der Gedanke wollte in ihm auftauchen: »was bedeutet denn das?« aber er mußte ihn niederhalten, denn er durfte an nichts anderes denken, als an die zwei Meter Zwischenraum. Und doch kamen jetzt allerhand törichte Gedanken in ihm auf, die er nicht mehr zurückhalten konnte: »Ich habe noch nicht einmal Kaffee getrunken.« »Wenn nun etwas von dem Gehirn auf die Erde fiele.« Indem hörte er einen schweren Schritt auf der untersten Treppenstufe. Die Last fiel von seinem Herzen, aber in diesem Moment des Aufatmens hatte er seinen Willen erschlaffen lassen; der Chinese sprang auf ihn zu, umklammerte ihn mit seinen festen Armen, drehte ihn nun und drängte ihn vorwärts, indem er von hinten in seine Fußtapsen trat. Vergeblich stemmte sich der Magier gegen das Drängen. Nachdem der Chinese seinen Zweck erreicht hatte, warf er ihn von sich, mitten ins Zimmer, und ging ruhig hinaus. Der Schemen war nun an den Magier gebannt; der Magier wußte, daß alle Anstrengungen, sich mit Gewalt oder List von ihm zu befreien, vergeblich waren, und es fragte sich nur, ob er ihn nicht irgendwie im guten loswerden konnte. Er setzte sich in seinen Stuhl und sprach mit ihm, unmittelbar, ohne Worte. Der Schemen schwebte vor ihm und ihm war, als ob das Gesicht immer spöttisch aussah. Er stellte ihm vor, wie unvorteilhaft es für ihn sei, als bloßer Kopf zu schweben, er wolle einen ganzen Menschen aus ihm machen. Er wolle ihm alsdann volle Bewegungsfreiheit geben. Er solle ganz unabhängig sein. Natürlich könne er ihm keine Seele verschaffen, aber in allem übrigen werde es ihm nicht fehlen. Und da sei er doch im Vorteil, denn von der Seele habe man ja schließlich doch nur Scherereien. . Der Kopf erwiderte ihm, daß er wohl einsehe, die Vorschläge seien nicht ihm zuliebe gemacht, sondern nur, weil der Magier ihn loswerden wolle. Das sei ihm aber einerlei, er nehme die Vorschlage an und werde schon aufpassen, daß der Magier ihn nicht betrüge. Darauf begann der Magier wieder zu arbeiten. Er setzte sich im Stuhl so zurecht, daß er durch nichts gestört wurde, und konzentrierte seinen Willen. Das war eine harte Tätigkeit, denn bei dem heftigen Abscheu, den er gegen den Kopf hatte, wünschte er ihm, ohne es absichtlich zu wollen, eine häßliche Vervollständigung an. Der Kopf bestand aber auf ebenmäßigen und schönen Gliedmaßen, und so mußte er wohl zehnmal seine Arbeit wieder ändern, ehe er zum elftenmal den Beifall des Kopfes fand. Ja, allmählich bildete sich bei diesem sogar eine richtige Eitelkeit heraus. Er verlangte eine große Figur, weil er wußte, daß er damit beim weiblichen Geschlecht Eindruck machen konnte, und bei den Händen und Füßen mäkelte er so, daß der Magier ihm schließlich grob erklären mußte, auf weitere Abänderungen lasse er sich nicht ein. Der Hauptschmerz des Schemens war, daß der seinerzeit vernachlässigte Hinterkopf durchaus nicht in Ordnung kommen wollte. Der rote Streifen um den Hals war ja schließlich durch den Kragen zu verdecken, aber das bloßliegende Gehirn mußte durch eine Silberplatte bedeckt werden, auf welche eine Perücke gelegt wurde. Nun fehlte nur noch das menschliche Leben, und das war nur durch Blut zu erzielen. Der Schemen sträubte sich durchaus dagegen, Tierblut durch Transfusion in sich aufzunehmen. Der Vorschlag des Magiers, einige Kinder anzulocken und deren Blut überzuleiten, fand aus moralischen Gründen seine Billigung nicht, wie er sich denn überhaupt zu einer zwar etwas beschränkten und ganz nach außen gerichteten, aber doch nicht geradezu bösartigen Person entwickelte. Zuletzt mußte der Magier sich dazu verstehen, das Blut von sich selber zu nehmen. Er verband seinen Arm mit dem des Schemens durch den Apparat und ließ so viel Blut überströmen, wie er glaubte, ohne große Gefahr entbehren zu können. Dann lebte er eine Woche sehr diät, aß viel blutbildende Stoffe, wie namentlich frischen Spinat, und wenn er sich genügend gekräftigt glaubte, nahm er die Operation von neuem vor. In vier Absätzen erreichten es die beiden dann schließlich, daß der Schemen das menschliche Leben in sich bekam. Der Schemen hatte jetzt alles Unheimliche verloren. Er sah wohl zuerst noch etwas blaß und mager aus, aber da er einen sehr guten Appetit entwickelte, so verschwand diese Krankhaftigkeit des Äußeren sehr schnell. Er scheitelte sich das Haar in der Mitte, ging nie anders als im Smoking und trug eine große Silbermünze an der Uhrkette. Dem Aussehen nach war er ein Mensch im Anfang der Zwanziger. Er war von dem Magier, den er »Vater« nannte, fortgezogen und besuchte ihn nur dann und wann, um Geld von ihm zu holen. Er verbrauchte viel, da er ein guter Kamerad war und ein recht lustiges Leben führte. Dem Magier standen zwar große Geldquellen durch seine Kunst zur Verfügung, indessen waren ihm die beständigen Anzapfungen doch unangenehm, zumal er trotz allem ein geheimes Grauen bei dem jedesmaligen Anblick seines sogenannten Sohnes nicht unterdrücken konnte. Er schlug ihm daher vor, er wolle ihn mit einer größeren Summe für immer abfinden, deren Zinsen ihm ein auskömmliches Leben sicherten; und damit er solid werde, solle er sich verheiraten. Der Sohn war mit beidem einverstanden und eröffnete seinem Vater, daß er noch aus der Zeit her, wo er als abgeschnittener Kopf in China weilte, eine Zuneigung zu der Braut des unglücklichen Mandarins gefaßt habe. Da der Mandarin den Kaufpreis für die Eltern auf die Reise verwendet, so sei sie vielleicht noch unverheiratet, und er möchte deshalb gern nach China zurück, um sehen, wie diese Sachen stünden. Der Vater war einverstanden und entließ ihn. * * * In China standen die Dinge genau so, wie der Schemen sich gedacht hatte. Da er das Geld nicht zu sparen brauchte, so machte er sich bald die Eltern des Mädchens willig und verheiratete sich mit seiner Geliebten. Er saß nun mit ihr an den sonnigen Frühlingstagen in der Laube neben der alten Mauer, wo das mit blauen Kacheln ausgelegte Goldfischbecken war. Die Goldfische schwammen ruhig hintereinander im Kreise herum, nur zuweilen zuckte einer mit dem Schwanze und schoß zur Seite und die anderen folgten dann. Seine Frau spielte auf einer langen Laute, die mit Schildkrot und Gold ausgelegt war und silberumsponnene Saiten hatte, und sang ein Lied eines alten Klassikers und sah ihn dabei zärtlich an, er aber rauchte eine Zigarre und trommelte mit den Fingern auf dem Sandelholztisch. Zuweilen, wenn ihm recht warm wurde, nahm er die Perücke und die silberne Platte ab, um sich das Gehirn abzukühlen. Seine junge Frau wunderte sich zwar darüber, aber da sie aus einem sehr guten Hause stammte, so war sie zu wohlerzogen, um ihn nach dem Zusammenhang zu fragen. Endlich aber ließ die Neugier ihr doch keine Ruhe und sie fragte ihn. Der Schemen berichtete ihr ganz harmlos seine Geschichte und verschwieg ihr auch nicht, daß er keine Seele habe. Natürlich erzählte die junge Frau alles weiter, und so wurde das Abenteuer bald in der ganzen Gegend bekannt. Der Mandarin hatte sich, nachdem er aus Europa zurückgekehrt war, trauernd in sein Haus zurückgezogen. Er besorgte seine Amtsgeschäfte, setzte sich auch wohl noch in die Laube neben seine Frau vor den Goldfischteich, aber eine Freude hatte er weder an seiner Tätigkeit, noch an den Jadeknöpfen seiner Mandarinenkette, noch an der Schönheit seines Weibes und an ihrem Gesang. Als dann gar die Verheiratung seiner Geliebten bekannt wurde und er im Spiegel des Wassers die Beiden eng zusammengeschmiegt erblickte, wie ein blühender Zweig über ihren Gesichtern hing, und als er dann die Lieder von drüben hörte, da magerte er von Tag zu Tag ab und sah sich zuletzt gar nicht mehr ähnlich. Er hörte, wie zwei Freunde sich über ihn unterhielten, und wie der eine bedauernd sprach: »Er ist nur noch Seele.« Das durchzuckte ihn, er sah an sich nieder, wirklich, von Körper war fast nichts mehr an ihm, das sich der Mühe lohnte; und sollte er nicht nunmehr das Ziel seiner Wünsche erreichen? Er suchte seinen Nachbarn auf. Dieser machte die in China üblichen Begrüßungen; er erkundigte sich dann, wie es ihm nach ihrer Trennung ergangen sei, und schließlich erklärte der Mandarin seinen Vorschlag. Dieser bestand darin, daß der Schemen ihn als Seele annehmen solle. Ihm sei das jetzige Leben ohnehin zuwider. Er wolle keinerlei Vergütung haben, sondern trete ihm sogar noch, als seinem Erben, seinen ganzen Besitz ab, auch seine Frau. Dem Schemen schien das Anerbieten so vorteilhaft, daß er mißtrauisch wurde. Allein so sehr er sich auch die Sache überlegte, er fand keinen Grund, es abzulehnen. Man kann sich ja denken, daß jemand, der noch nie eine Seele gehabt hat, sich keine rechte Vorstellung davon bilden kann, was das bedeutet, wenn er einfach einen Fremden als Seele in sich aufnimmt. Die beiden gingen demgemäß zum Notar und machten die Sache rechtskräftig fest. Am bestimmten Termin kam dann der Mandarin und übergab ihm sämtliche Papiere, der Schemen nahm die silberne Platte ab, der Mandarin zog seine Kleider aus und schlüpfte durch die Öffnung im Schädel in ihn hinein. Es fiel dem Schemen auf, daß er zunächst keine besondere Wirkung verspürte. Er merkte wohl, wie der Mandarin sich in ihm ausbreitete, sich die bequemste Lage in seinem Innern aussuchte, und ihn dann mit sich durchströmte, aber nach etwa einer Viertelstunde war das alles in Ordnung. Er hatte sich das eigentlich viel schöner vorgestellt eine Seele zu haben, und war recht enttäuscht. Aber in der Folge sollte sich etwas zeigen, woran er vorher nicht gedacht hatte. Wenn er zwischen seinen beiden Frauen saß, so merkte er deutlich, daß er selbst, der eben eigentlich nur Körper war, gar keine Freude hatte, sondern nur seine Seele. Er war durchaus nicht neidisch darüber, aber ein wenig ärgerte ihn das doch. Immerhin wäre das ja nun nicht so schlimm gewesen, wenn nicht die eifersüchtige Seele den Körper abgehalten hätte, nun seinerseits auch sich mit den beiden Frauen zu vergnügen. Jedesmal, wenn er den Arm um die eine oder andere schlang, um sie zu küssen, fühlte er sich innerlich mit aller Kraft zurückgehalten, das war der Mandarin, der dem Fremden den Genuß nicht gönnte. Er wurde gezwungen still zu sitzen und ihnen in die Augen zu sehen. Höchstens durfte er ihre Hand berühren, und er fühlte dann deutlich, wie seine Seele in die Fingerspitzen kroch, um auch ja diesen Genuß wenigstens zu teilen. Er war ein recht gutmütiger Mensch, aber diese Chikanen machten ihn doch ärgerlich. Natürlich versuchte er, die Seele wieder loszuwerden, aber der eifersüchtige Mandarin ließ sich nicht austreiben. Allmählich wurden auch die Frauen seiner nur seelischen Liebe überdrüssig; die frühere Frau des Mandarins dachte oft mit Seufzen, wie viel schöner sie doch früher gelebt hatte, und seine ursprüngliche Frau, welche ihn doch vorher ganz anders gekannt, suchte durch allerhand Schmeicheleien und Liebkosungen ein Verhältnis herzustellen, wie sonst, zu seiner großen Qual, denn sobald sie sich ihm derartig näherte, gebärdete der Mandarin in ihm sich wie unsinnig. Er sah ein, daß er schmählich betrogen war von dem schlauen Chinesen, und in seiner Herzensangst fiel ihm sein Vater ein, ob ihm der nicht helfen könne. Der Magier amüsierte sich sehr über die Erklärung seines Sohnes. Natürlich hatte der Mandarin sie mit angehört, und es war ausgeschlossen, daß die beiden unter den gewöhnlichen Verhältnissen ihr Komplott machten, alsdann erfuhr der Mandarin ja alles. Der Magier wartete also eine schöne Mondscheinnacht ab, wo die Seelen auf den Dächern zu spazieren pflegen, um sich auszulüften und die Glieder zu dehnen. Er traf es auch wirklich, daß er seinen Sohn ohne seine Seele fand, und verabredete sich mit ihm. Am nächsten Tage erzählte er wie zufällig, daß er zur Zusammenkunft gehe, und daß diesmal zwei fremde Damen da seien, nämlich seine und seiner Seele Frauen, welche während seiner langen Abwesenheit sich der Schwarzkunst ergeben hätten, um doch wenigstens etwas Vergnügen vom Leben zu haben. Der Mandarin war zwar fest überzeugt, daß der Magier jedes Wort gelogen habe, aber trotzdem war seine Eifersucht so groß, daß er den Schemen zwang, seinen Vater zu bitten, seine Seele mitzunehmen. Es machte das keine weiteren Umstände, da sie ja schon locker war; passende Kleidungsstücke fanden sich auch bald, und so machte sich denn die Seele des Magiers mit dem Mandarinen auf den Weg, während die beiden Körper im Zimmer blieben. Im Konvent saßen die Seelen und richteten; aber in ihrem Herzen waren sie Schalksnarren. Sie führten mit ernsten Gesichtern den Mandarin mitten in das Zimmer und hießen ihn dort stehen mit herabhängenden Armen. Dann lenkten alle ihre Blicke auf ihn, in denen die Leidenschaften waren, die ihn geschäftig durchlöcherten. Er dachte an die reine Stirn seiner Frau und an ein wogendes Kornfeld, an einen Sturm im Walde, der einen Baumast knarrend abriß und mitten auf den Weg warf, und an den ersten Schnee, der in großen Flocken sich auf grünes Gras legte, an das Funkeln des gelben Weines in einem geschliffenen Glase, und an eine weite, weite Steppe, in der ein Tatarengrabmal war. Die Seelen jauchzten mit stummem Mund, weil sie heute sich nicht gegenseitig quälten, sondern ihren Haß vereinigten auf einen Fremden. Es war ihm, als wenn ihm der Boden unter den Füßen weggezogen werde, und die Stube mit den Seelen an den Wänden sich weit ausdehne, ins Dunkle. Es war ihm, als wenn er allein schwebe in der Luft, die dunkel und weich war. In ihm war ein Schmerz, den er nicht verstand, und der ihm Freude bereitete. Er hatte auch einen großen Stolz: »Ja, nun schwebe ich in der Ewigkeit.« Die Ewigkeit aber hatte ein uraltes Aussehen, so daß sie einem leid tun konnte. Er wußte aber, daß an den Wänden herum die feindlichen Seelen saßen, die ihn vergifteten mit den Leidenschaften, welche ihn durchlöcherten. Aber das gefiel ihm, denn er hatte es doch vorher gewußt, daß er seine beiden Frauen hier nicht treffen werde. Seine beiden Frauen saßen in Liebe zusammen an einem Goldfischteich und spielten auf langen Lauten, die mit Schildkrot und Gold ausgelegt waren und silberumsponnene Saiten hatten, und sangen ein Lied eines alten Klassikers. Er aber schwebte, er flog und schwamm in der Ewigkeit. Die Seelen glühten auf an den Wänden in Weißglut und das Zimmer verengerte sich. Der Haß legte sich um seinen Kopf, wie ein weiches, reines Seidentuch, das sehr kühl war, und um seine Brust wand sich etwas, das ihm Schmerzen machte im Innern, weil es ihn zusammendrückte, ganz langsam. Und auch der Haß drückte immer stärker und kältete in ihn hinein. Er wußte, daß er schmäler und schmäler wurde von den Hüften aufwärts, aber das beunruhigte ihn, daß er um die Hüften so breit blieb. Da bemerkte er, wie auch die untere Hälfte seines Körpers immer dünner wurde. Ja, der Haß war eigentlich ein stählerner Ring, der auf chemische Weise entsetzlich kalt gemacht war. Und die Angst stieg nun vom Herzen in die Höhe. Langsam fühlte er sie höher kommen. Er wußte, wenn sie im Kopfe war, dann war er wie besinnungslos und konnte nichts mehr denken. Er dachte an eine dunkle Nacht und das erleuchtete Fenster eines Häuschens in der dunklen Nacht. Das Entsetzen würmelte um ihn, wie wenn das Gehirn des Schemens ausgeschüttet wäre in die Luft. Das wollte ihn alles ankriechen. Aber er war doch noch nicht begraben, daß die Würmer eine Berechtigung hätten auf ihn! Nein, er war ja doch überhaupt ein Mensch, und die anderen waren nur Seelen. Er hatte ja doch bloß als Seele gedient, aber damit hatte er doch nicht seine menschlichen Rechte aufgegeben! Die Seelen hatten doch keine Macht über ihn, weil sie immateriell waren, er aber war materiell! Aber das glühendkalte Eisen zog sich langsam immer enger, die Angst kroch mit widerlicher Langsamkeit immer höher, und er hob sich auf die Zehenspitzen. Und trotzdem er ein Mensch war und keine bloße Seele, ergriff man ihn, nachdem er dünn genug geworden war, und steckte ihn in eine Flasche mit denaturiertem Spiritus und einem Glasstöpsel. Dann gab man ihn an den Vorsitzenden der Versammlung, der ihn in seinem Mineralienkabinett aufhob. Der Schemen aber reiste fröhlich nach China zurück. Zwar spürte er noch eine Zeitlang ein Jucken an der Stelle, wo die Seele gesessen hatte, aber das gab sich dann bald. Er lebte noch lange Jahre mit seinen beiden Frauen, von denen er viele Kinder bekam. Die beiden Pilger Eine Felswand fiel mehrere hundert Fuß steil ab wie eine Mauer. Ungefähr in der Mitte ihrer Höhe führte ein schmaler Pfad, gerade hinreichend für eine einzige Person. Er war fast ganz in den Felsen hineingehauen, und nur selten benutzte er einen schmalen natürlichen Vorsprung. Das Gestein war nackt und braun. Aber zuweilen hing eine dünne Brombeerranke nieder und streifte den Hut des Wanderers. Diese Felswand zog sich wohl zwei Stunden weit hin. An ihrem Fuß dehnte sich ein Tal aus, das lachte. Da waren weite hellgrüne Wiesenflächen, zwischen denen sich der silberne Strom hinzog, und geradlinige Äcker, die braun oder goldgelb waren; und ganz weithin erhob sich schroff eine zweite Wand gegen den dunkelblau leuchtenden Himmel; auch sie war nackt und braun, und nur oben war ein ganz dünner, dunkler Strich gegen den Himmel. Das war der Wald. In der Mitte des Tals, an dem Strom, lag das Kloster, das aus braunen Steinen gebaut war und in dem Glocken läuteten. Der Felsweg durfte aber nur abwechselnd den einen und den andern Tag von der einen und der andern Seite begangen werden, damit sich nicht zwei Wanderer mitten auf ihm trafen; denn weil er zu schmal war, so konnte keiner an dem andern vorbei; und es war auch nicht möglich, auf ihm umzukehren. Nun gingen eines Tages gleichzeitig zwei Pilgersleute von den entgegengesetzten Seiten auf den Weg. Jeder trug einen Muschelhut, einen braunen Mantel und Sandalen; in der Hand hielt jeder einen mit Eisen beschlagenen Pilgerstab. In der Mitte des Weges trafen sie einander. Da hing eine blühende Ranke herab, um welche Bienen summten. Die Pilger blickten einander ins Auge, und es fand sich, daß sie sich gleich sahen wie Zwillinge. Sie versanken in gegenseitige Betrachtung. Die Sonne stand in der Mitte des blauen Himmelsbogens, und es blitzte viel in dem Fluß unten. Während sie einander ins Auge blickten, bemerkte jeder, daß der andere immer dieselbe Bewegung machte wie er selber, als ob der eine immer des anderen Spiegelbild sei. Und plötzlich wußten sie auch, daß jeder vom andern alles wußte und daß das genau dasselbe war, was sie beide in sich hatten, und was ihnen früher geschehen war. Da wurde es jedem klar, daß der andere er selber sei; und sie gingen mit zitternden Knien aufeinander zu, aber in einer Spanne Entfernung blieben sie dann wieder stehen, denn jeder spürte deutlich, daß der andere genau ein wirklicher anderer war. Zwischen ihnen hing die Brombeerranke; und ihre Blüten und zackigen Blätter zeichneten sich als Schatten auf der Wand ab. Sie schwiegen lange und sahen einander traumverloren ins Gesicht. Und nach einer langen Weile tönte ganz dünn von unten herauf das Läuten der Klosterglocken; ihre Lippen bewegten sich leise zum Gebet, während sie eng, mit herabhängendem Arm, an die steile Wand gepreßt standen. Ein dünner Rauch, durchsichtig blau, kräuselte sich vom Kloster in die Luft. Sie dachten auch, wie es wäre, wenn sie durch die Luft hindurchschritten, wie auf einer kristallenen Brücke, über das Tal mit dem Fluß, den Äckern, dem Kloster, zum jenseitigen Gebirge. Das aber quälte doch jeden am meisten: ob der andere wirklich er selber sei oder wirklich ein anderer; und wenn nun der andere er selber war, was denn dann er sei, der nicht der andere war? Jeder wußte: sie waren gestern abend bei frommen Leuten eingekehrt, und dann waren sie heute früh mit einem Segensspruch weiter gewandert; er und der andere, sie waren viele Monate gepilgert; sie hatten am Heiligen Grabe gekniet. Aber damals war es doch nur einer gewesen, der andere war noch nicht da; und wie war denn das möglich, daß er ihn nicht hätte bemerken sollen? Da hörten sie jeder hinter sich ein leises, vorsichtiges Tappen, wie von Sandalen, und dann eine freundliche Stimme, die sprach: »Geh weiter, Brüderlein, geh vorwärts, Brüderlein.« Hinter jedem von beiden stand wiederum ein Pilgersmann, der genau so aussah wie sie: in Muschelhut und braunem Mantel und Sandalen, und mit langem, grauen Bart. Als alle vier einander erblickten, glitt das Entsetzen über ihr Gesicht. Und dann kamen weitere Pilger; und sie hörten wieder die Worte: »Geh weiter, Brüderlein, geh vorwärts, Brüderlein,« – und es durchschauerte sie, während die freundliche Sonne vom Himmel lachte, und unten geradlinige Felder lagen. Immer mehr Pilger kamen von beiden Seiten: »Brüderlein, Brüderlein« wurde, von hellen, freundlichen Stimmen gerufen; und sonst war kein Laut in der klaren Luft. Kein Laut war in der klaren Luft. Später erhob sich dann ein Murmeln, leise. Und es wurde. überlegt. Dann wurde gegangen auf einer kristallenen Brücke, die, sich in einem hohen Bogen über das Tal mit dem blitzenden Fluß spannte. Viele Pilger gingen auf der kristallenen Brücke, Pilger mit grauen Bärten, Pilger, die vorsichtig ihre Füße setzten, um den Kristall nicht zu beschädigen. Einer dieser Pilger wagte lange nicht, seinen Fuß auf den Kristall zu setzen. Als der letzte des Zuges schon weit hinaus war, faßte er sich endlich Mut, dabei hatte er aber ein trauriges Gefühl über die Bienen, die summten. Und dann kam das Tal so schnell zu ihm in die Höhe, und die Felswand wurde neben ihm hochgerissen, daß er die Augen schloß, denn er meinte, er läge im Traum; und da er einen linden Schmerz im Innern fühlte, so freute er sich auf das fröhliche Erwachen auf einer Lagerstatt von duftendem Heu, wo unten mit Geräten gerasselt wurde. Aber als er die Augen öffnete, war das Tal zu ihm heraufgekommen, nur die kristallene Brücke mit den übrigen Pilgersleuten schwebte hoch über ihm. Sie blitzte so stark, daß er es mit den Augen nicht aushalten konnte. Er selbst stand mit seinen Sandalen in einer blumigen Au und neben ihm stand ein Ordensbruder in weißem Kleide. Dieser faßte ihn bei der Hand und sagte in freundlichem Tone: »Komm mit, Brüderlein,« und während er hinaufwies zu der kristallenen Brücke mit den vielen Pilgersleuten, sagte er: »Sie kommen an, ja, sie kommen an.« Er führte ihn in das Kloster, wo auf dem Hofe, von dem säulengeschmückten Kreuzgang umschlossen, viele Rosen blühten und Schmetterlinge flogen. Und auch der Pilger dachte: »Sie kommen an, ja, sie kommen an.« Und als er dann an der Abendtafel saß, neben dem Abt, der einen großen Ring mit einem köstlichen Stein trug, und an der Tafel die weiß gekleideten Brüder saßen, da erzählte er von seiner Pilgerfahrt, und wie es in Jerusalem gewesen sei. Und er war auch auf dem Libanon gewesen und hatte die Zedern Salomos gesehen. Das waren hohe Bäume mit breiten Ästen ganz oben, unter denen es schweigsam war. Die sonderbare Stadt Unmittelbar nach dem Kriege mit Japan hatte die Chinese Railroad Company von der chinesischen Regierung die Erlaubnis bekommen, zum Zweck eines vorläufigen Kostenanschlages und schätzungsweiser Rentabilitätsberechnungen oberflächliche Vermessungen für eine Eisenbahnlinie von Canton bis Ya-Tscheu-Fu zu veranstalten. Man wußte zwar, daß die Regierung einem wirklichen Eisenbahnbau doch noch Hindernisse in den Weg legen werde, hoffte die aber durch Bestechungen und dergleichen hinwegräumen zu können, falls sich, was die vorläufigen Erkundigungen erst feststellen sollten, der Bau überhaupt entsprechend lohnen würde. Nach den chinesischen Angaben hätte die Bahn weite Strecken unbewohnten und unbewohnbaren Gebietes zu durchkreuzen gehabt, das nie einen Verkehr liefern würde. Das mußte die Rentabilität natürlich stark herabdrücken. Die Aufgabe der Expedition beschränkte sich demgemäß nicht auf rein technische Arbeiten, sondern die Gesellschaft wünschte auch eine Art wirtschaftlichen Gutachtens zu erhalten. Es waren daher den Ingenieuren noch eine Anzahl anderer Personen beigegeben, die man in diesen Dingen für kompetent hielt. Bis zur Grenze des bewohnten Gebietes hatten sich die chinesischen Karten als leidlich zuverlässig erwiesen; auf äußerste Exaktheit kam es zunächst noch nicht an. Nach etwa sechswöchigem Marsch war jedoch die Grenze erreicht, bis zu welcher die mitgebrachten Kartenwerke Angaben enthielten. Schon seit einigen Tagen hatte man am Horizont eine sich weithin dehnende Erhebung gesehen. Sie zog sich in ununterbrochener Linie hin, wie es schien von Osten sanft aufsteigend und im Westen schroff, fast senkrecht abfallend. Beim Näherkommen entdeckte man, daß ein dichter Wald den Fuß des Gebirges von dem umgebenden Lande schied. Die Bewohner der letzten Dörfer vor diesem Walde, die einen seltsam altertümlichen Dialekt sprachen, erklärten, daß ein Weg nicht vorhanden sei; nur ein schmaler Steig von der Breite, daß ein mit Holz beladener Esel passieren konnte, führte in das Dickicht. Nach etwa halbtägigem Vorwärtsdringen verlor sich auch dieser, und es galt nun, durch die mitgebrachten Arbeiter einen Weg nach dem Kompaß schlagen zu lassen. Etwa fünf Tage lang rückte der Zug langsam durch den dichten Wald vor. Durch das Fernrohr hatte man von einem hohen Baum bereits gesehen, daß das Gebirge gänzlich vegetationslos war. Am Morgen des sechsten Tages kam man aus dem Wald heraus, der wie abgeschnitten vor der schroffen Erhebung aufhörte, welche in einem Winkel von fast 45° vor ihm aufstieg. Das Gestein war dem Anschein nach eine Art Obsidian. Es wies gewöhnlich mehrere Meter große, spiegelglatte Flächen auf, die meistens dunkelgrau bis dunkelbraun waren, zuweilen von helleren Flammen durchzogen; die Brüche, die offenbar bei der Erstarrung der einst feuerflüssigen Masse entstanden waren, zeigten messerscharfe Kanten, wie sie zerspittertes Glas hat; in diesen Brüchen stand die Masse einen bis zwei Finger breit auseinander. Von irgendeiner Vegetation war, wie schon erwähnt, keine Spur. Die äußersten Bäume des Waldes hatten bis unten hin reichende Zweige, die sich in geschwungenen Bogen niederneigten; zwischen ihren letzten Blättern stieg der blanke Glasberg auf. Es war klar, daß, wenn die Sonne erst den Kamm des Gebirges überschritten hatte und ihre Strahlen auf das Gestein fielen, kein Mensch den Anblick ertragen konnte. Und selbst wenn man die Augen schützte, so schien doch keine Möglichkeit, diese Höhe zu erreichen, da der glatte Stein bei der Steilheit des Anstieges jedes Haften des Fußes unmöglich machte. Man hätte vielleicht mit unendlicher Mühe Stufen bis oben hin schlagen lassen können: aber das Gestein löste sich bei dem Versuche der Bearbeitung in großen, muschelförmigen Halbkreisen los, und durch die entstandenen scharfen Splitter wurde der Weg nur noch gefährlicher. Einer der herumsuchenden Arbeiter brachte die Scherben einer grünlichen Porzellankanne an, die er am Fuße des Berges frei liegend gefunden hatte. Der Drachenstempel bewies, daß es Porzellan der kaiserlichen Hofhaltung war, und nach der ganzen Arbeit mußten es die Überbleibsel eines uralten Stückes sein, vielleicht aus der Zeit der Tschudynastie, die vor fünftausend Jahren blühte. Trotzdem die Kanne sich aus den Scherben nicht völlig ergänzen ließ – es fehlte ein Stück von etwa Talergröße am oberen Rande – packte man den Fund doch sorgfältig ein, da Porzellane von derartigem Alter immer sehr wertvoll sind. Der Leiter der Expedition hatte bald die Überzeugung von der Nutzlosigkeit jeder Bemühung an dieser Stelle gewonnen. Kurz entschlossen befahl er, nach rechts weiter einen Pfad durch das dichte Gehölz zu schlagen, parallel dem Bergzug, um einen leichteren Aufstieg zu gewinnen, denn auf dieser Seite hatte man ja das Gebirge von weitem abfallen sehen. Zwei Teilnehmer der Expedition, ein Ingenieur Richardson und ein Herr Garret, welche die Meinung hatten, daß man zur Linken sehr bald einen bequemen Aufstieg finden werde, trennten sich von den übrigen, die ja nicht zu verfehlen waren und schnell wieder eingeholt werden konnten, da sie sich den Weg immer mit Äxten und Messern bahnen mußten. Die beiden hatten nämlich bemerkt, daß trotz des aus der Ferne beobachteten Ansteigens des Gebirges nach links, doch der Erhebungswinkel abfiel, und sie schlossen, daß die Erstarrung des vulkanischen Gesteins wahrscheinlich ungleichmäßig vor sich gegangen sei und daß sich dadurch steile Falten gebildet haben, auf deren eine sie unglücklicherweise gerade gestoßen wären, und zwischen denen dann natürlich flachere Stellen vorhanden sein müßten. Da sie keine Tiere mitführten, so konnten sie sich einfach am Saum des Waldes entlang bewegen, ohne sich einen Weg durch das Dickicht bahnen zu müssen. Sie versahen sich jeder mit einer Flinte und Patronen, sowie mit einem großen und starken, im Griff mit Blei eingelegten Hackmesser, das dazu dient, den Weg im Urwald frei zu machen und noch armdicke Lianen durchschlägt; dann bestimmten sie ein paar Leute, die einige Lebensmittel zu tragen hatten, und darauf machten sie sich auf den Weg. Nach etwa halbstündigem Klettern zwischen den Zweigen und auf der schiefen Spiegelfläche hatte man in der Tat eine Senkung erreicht, von wo der Aufstieg wenigstens nicht geradezu unmöglich schien. Die beiden Europäer entledigten sich der Stiefel, um besser auf dem glatten Boden haften zu können, und alle stiegen vorsichtig, um die Splitter und Sprünge zu vermeiden, nach oben. – In kaum zwei Stunden hatten sie die Höhe erreicht. Die Sonne, die bis jetzt hinter dem Berge gestanden hatte, erweckte auf der Hochebene ein derartiges Leuchten und Flimmern, daß alle sofort die Augen schließen mußten. Zum Glück trugen beide Europäer Brillen. Sie schwärzten mit Hilfe angesteckter Streichhölzer die Gläser mit Ruß und konnten nun alles betrachten. Die Träger wurden zurückgeschickt; Richardson gab ihnen einen Brief an den Chef mit, der diesem das Gelingen ihres Versuches mitteilte. Es fiel beiden auf, daß sowohl sie wie die Diener flüsternd sprachen infolge der lautlosen Stille um sie. Bis die übrige Expedition ankam, hatten sie genügend Zeit, sich umzusehen; mindestens fünf Stunden hatten sie vor sich. – Von ihrem Standpunkte aus konnten sie weit in das gänzlich ebene Land hinausblicken. Vor ihnen dehnte sich zunächst das einförmige Grün des Waldes aus, ununterbrochen, wie ein Moosteppich. Dann sahen sie das angebaute Land mit seinen geradlinigen Abteilungen; eine große Menge Dörfer mit grünem Gebüsch; ganz weit hinten am Horizont konnten sie noch einen Strom entdecken, den Pi-li, den sie vor zehn Tagen überschritten hatten; in der Luftlinie betrug die Entfernung höchstens vier Tagereisen. – Der Boden der Hochebene war von derselben glasartigen Masse gebildet wie der Abhang. Jedoch hatte sie hier ein kristallinisches Gefüge. Sie spaltete sich in rechteckige Platten von meistens etwa einem Meter Länge und einem halben Meter Breite, deren Dicke nie über fünf Zentimeter betrug. Den beiden Ingenieuren war es sofort klar, daß man hier ein vortreffliches Material für alle möglichen Bauzwecke besaß. Falls die Bahn zustande kam, konnte man die Platten bis zum Pi-li per Achse befördern und sie bei der billigen Wasserfracht selbst bis Canton mit Nutzen schicken. Auch hier zeigte sich ihnen wieder, welche ungeahnten Reichtümer die modernen Verkehrsmittel in den scheinbar aussichtslosesten Gegenden zu entwickeln vermögen. Die Ebene dehnte sich offenbar viele Stunden weit aus und war überall mit den Platten bedeckt, die oft übereinander geschoben und zerbrochen waren. Die beiden orientierten sich zunächst sorgfältig nach dem Kompaß und gingen dann, nachdem sie ihre Stiefel wieder angezogen hatten, vorsichtig wegen der Glassplitter, eine Strecke geradeaus. Sie waren beide Leute von starken Nerven, die vor allem immer an technische und geschäftliche Dinge dachten; trotzdem fühlten sie sich beängstigt durch diesen gänzlichen Mangel an Leben und Bewegung und die lautlose Stille auf dem unabsehbaren Trümmerfeld. Sie sprachen nicht und traten leise auf. Nach etwa halbstündigem Wandern hatten sie plötzlich einen Anblick, der sie überraschte, da sie die Augen immer ängstlich auf den Boden vor sich gerichtet hatten. Eine fast kreisrunde Vertiefung von vielleicht einer halben Meile Durchmesser war dicht vor ihren Füßen. Die Glasfelsen fielen zu allen Seiten glatt ab in eine Tiefe, die doch wohl an hundert Meter betragen mochte. Da die Sonne noch reichlich schräg stand, so lag etwa die Hälfte des Kessels im Schatten, die andere Hälfte im Sonnenglanz. Unten war offenbar das Gestein künstlich geordnet zu Häusern und Straßen. Ein Marktplatz war deutlich zu erkennen mit einem größeren Gebäude. Aber auch hier war alles leblos und unbeweglich. Garret versuchte zu lachen, allein es kam ein ganz sonderbarer Ton aus seiner Kehle. Richardson kehrte sich um, sah ihn mit durchdringendem Blick an, und ging dann vorauf zu der Mündung eines schmalen Fußsteiges von etwa drei Fuß Breite, der in Windungen in die Tiefe führte. – Sie stiegen schweigend abwärts. Die Häuser waren aus den Platten zusammengesetzt, wie es schien, ohne Verwendung eines anderen Materials. Sie erhoben sich zu etwa doppelter Mannshöhe mit Dächern von einer derartigen Winkelstellung, daß sich die Platten durch ihre eigene Schwere hielten. Für die Fenster waren in unregelmäßigen Zwischenräumen handbreite Ritzen gelassen. Auch die Türen waren aus den Platten hergestellt. Sie hatten oben und unten herausgeschlagene und geschliffene Zapfen, die sich in runden Löchern der oberen und unteren Schwelle bewegten. Es würde die beiden interessiert haben, zu wissen, welches Material verwendet war, diese Zapfen auszuschleifen, denn der Stein war ja härter wie Stahl. Sie stießen die Tür des ersten Hauses auf. Sie bewegte sich leicht und geräuschlos. Der innere Raum war ziemlich hell und ganz leer, an der Erde lagen einige kleinere Bronzestücke, deren Bedeutung ihnen nicht klar wurde. – Genau so fanden sie es in den zwei oder drei nächsten Häusern, die sie öffneten. Sie gingen dann weiter mit leisen Schritten, fast gleitend auf dem glatten Boden, in den engen, aber schnurgeraden Straßen und traten erst wieder in ein Haus, das größer war als die bisherigen. Auch hier sahen sie wieder nur einen einzigen Raum innen. Am Boden lag ein großer Edelstein, zwei große goldene Ringe, wie sie in den Ohren getragen sein mochten, ein goldenes Halsband, drei Spangen für den linken Arm, ein Gürtelschloß und zwei Beinspangen für jedes Bein; das alles in so deutlicher Ordnung, daß man sah, hier hatte ein mit diesem Schmuck bekleideter Mensch gelegen, der gänzlich aufgelöst war, mit seinem Fleisch, seinen Haaren, seinen Knochen und seinen Gewändern. Nur die unzerstörbaren Metallstücke und Steine waren übrig geblieben. Es fiel den beiden ein, daß die rätselhaften Bronzeteile in den anderen Häusern von allerlei aufgelöstem Gerät herrühren mußten. Daß dieser Mensch hier gestorben war, das war vermutlich doch mindestens so lange her, wie die Scherben der Porzellankanne auswiesen. Es fiel Garret ein, daß wahrscheinlich Ameisen dem natürlichen Auflösungsprozeß nachgeholfen hatten, und es war ihm, als ob er eine Art Rührung empfand bei dem Gedanken, daß nun auch diese Ameisen seit fünftausend Jahren gestorben waren, und daß seit dieser Zeit keine Ameise, auch keine Eidechse oder Maus hier gewesen sei. – Der Leib mußte in Kreuzesform gelegen haben, lang, die Beine geschlossen, und die Arme von sich gestreckt. Sie nahmen nichts von den wertvollen Schmucksachen an sich, nur auf den Zehenspitzen und vorn übergebeugt, standen sie und sahen, und dann gingen sie leise auf den Zehenspitzen hinaus. – Plötzlich kamen sie auf die Frage, wie hier hatten Menschen leben können. Die Stadt mußte viele tausend Einwohner gezählt haben. Und hier wuchs kein Grashalm, war kein Tropfen Wasser! Sie kamen auf den Markt. Richardson bückte sich und wies mit dem Finger auf eine große Menge Schmuckstücke hin, allerhand aus Bronze, auch gelegentlich edlem Metall, wie kleine Ringe, Ketten u. dergl., die hier überall zerstreut lagen. Ob hier vielleicht, auf diesen parkettartigen Steinfliesen, eine Menge von Toten gelegen hatte, von denen nur noch diese Metallteile zeugten? sie gingen vorsichtig; es war ihnen, als müßten sie sich fürchten, auf irgendeinen der umherliegenden Gegenstände zu treten. – Zum Schloß hinauf, das in der Mitte des Marktplatzes stand, führte eine breite Freitreppe. Hier lagen noch mehr Metallstücke wie unten. Es war hier nicht zu vermeiden, ab und zu auf einen Ring oder etwas Ähnliches zu treten, das dann auf dem Boden einen quietschenden Ton hervorrief, der bis in die Zähne hinein weh tat. Hier mußten die Leichen hoch übereinandergeschichtet gelegen haben. Ja, wie war denn das! Die Bronze hatte kein Patina. Sie hatte den Glanz, den sie bei beständigem Gebrauch und häufigem Putzen erlangt. Es war doch unmöglich, daß in der Nähe eines solchen Waldes die Luft so trocken sein konnte! Und dann, die Leichen hatten sich doch langsam zersetzt! Da mußte doch die Bronze grün anlaufen! – Am Eingang war ein Pfeiler, mit chinesischen Schriftzeichen bedeckt. Richardson, der des Chinesischen mächtig war, las. Dann sagte er zu Garret, der unterdessen von der obersten Stufe die tote Stadt betrachtet hatte, daß in dem Schloß ein Mädchen sitze, das sie sich hüten müßten, zu berühren. Sie traten ein. In der Mitte war ein Thron mit Stufen. Darauf saß ein Mädchen mit europäischen Gesichtszügen und in einem Brokatgewand, das etwa altportugiesisch sein mochte. Sie hatte dunkle, starre Augen, und in der Mitte der Stirn, zwischen den Augen, eine seine Falte. Die beiden Ingenieure bestiegen den Thron. Das Mädchen rührte sich nicht, und man mochte glauben, eine angekleidete Wachspuppe mit Glasaugen zu sehen. Garret streckte beide Arme nach ihr aus. Richardson wollte ihn halten, aber der Unglückliche riß sich los und stürzte auf die Figur zu, die er mit der linken Hand bei der Hand faßte. In dem Moment stieß er einen entsetzlichen Schrei aus und schrak zurück. Die Spitzen des Zeige- und Mittelfingers waren kohlschwarz. Richardson riß sofort sein Hackmesser aus dem Gürtel, befahl ihm durch einen Wink, die Hand auf die Stufe zu legen, und hackte das erste Fingerglied ab. Aber während die zuerst weißlichen Schnittflächen sich röteten und dann das Blut herausströmte, bildeten sich an den Fingerstümpfen Kreise, die, erst hell, immer dunkler werdend, sich schnell vergrößerten. Richardson hackte ein zweites Mal zu, während Garret die Zähne zusammenbiß; die Finger waren an der Wurzel abgeschnitten. Garret versuchte zu lächeln. Aber mit einem Male zeigte sich mitten auf dem Handrücken ein ganz kleiner Fleck, groß wie ein Stecknadelkopf, der im Nu Pfefferkorngröße annahm. Richardson schrie laut auf und hackte von neuem; diesmal fiel die ganze Hand vom Handgelenk ab. Das Blut strömte heftig; aber die beiden achteten nicht darauf. Garret hatte den Rock abgeworfen und den Hemdärmel hochgestreift und besah forschend den Arm. Die Ansteckung schien nicht höher gekommen zu sein. Richardson reichte ihm ein Taschentuch und trennte mit dem Messer einen Streifen von dem Leinenrock ab, um zu verbinden. Plötzlich stöhnte Garret entsetzlich auf. Etwa zwei Finger breit oberhalb der Wunde befand sich bereits ein Fleck von Zehnpfenniggröße. Richardson zielte mit dem Messer und hieb den Stumpf im Ellenbogen ab. Jetzt war es das erste Mal, daß Garret sprach. »Sonderbar, es tut gar nicht weh.« Aber dann zeigten sich auch oberhalb der neuen Wunde Flecke. Er ergriff selbst das Messer und schälte das Fleisch die Knochen hinunter ab. Dabei machte er ein grinsendes Gesicht. Richardson fürchtete, er werde vor Entsetzen die Stufen hinunterfallen. Garret fetzte mit wütender Eile in seinem Fleisch. Plötzlich ließ er das Messer fallen, schrie mit einer merkwürdigen Stimme, so daß es Richardson im Herzen weh tat, stürzte in die Knie, zuckte noch einmal zusammen und war tot. Die Figur auf dem Throne hatte sich nicht gerührt, auch nicht mit der Wimper gezuckt. Richardson riß seine Büchse von der Schulter, eine treffliche Winchesterbüchse, die in London achtzehn Pfund gekostet hatte, und legte, an. Er zielte auf die Falte zwischen den Augen. Aber dabei kam ihm ihr Blick ins Auge. Und da huschte sein Leben vor seiner Seele vorbei wie eine Schwalbe. Er nahm das Gewehr ab, schlug die Sicherung vor und ging. Er ging den Weg zurück, den er mit Garret gekommen war, und kam bis zu dem Ort, wo die Träger sie verlassen hatten. Da es ihm unheimlich wurde, allein zu bleiben, so stieg er hinab und traf unten seine Genossen. Nach Garret fragte ihn niemand. Er wunderte sich darüber, aber er selbst sagte auch nichts über das Erlebnis. Abends stieg die gesamte Expedition den Abhang hinauf. Das Plateau erwies sich als nicht so breit, wie es ihm vorher erschienen war; man hatte es bald durchquert und fand auf der anderen Seite wieder bebautes Land. Nach einiger Zeit brachte Richardson, wie unbeabsichtigt, das Gespräch auf Garret. Er hörte aus den Reden, daß sein Freund in Canton gestorben war, ehe die Expedition sich aufgemacht hatte. Er wunderte sich, daß er das hatte ganz vergessen können. Aber hatte er denn geträumt seit der Abreise von Canton bis jetzt? Seine Erinnerungen stimmten doch mit denen der übrigen! Da, wo mit Garret etwas geschehen war, wie beim Übergang über den Pi-li, wo man ihm die Rettung eines Esels mit wichtigen Instrumenten verdankte, schienen die übrigen leicht verlegen zu werden. Und dann hatte doch die Braut Garrets beim Abschied so geweint und ihm eine weiße Rose gegeben! Und er dachte sich, wie Garret auf den Stufen des Thrones liege, wo die Mädchenfigur saß, welche vielleicht lebte, und daß sein Körper in den Jahrtausenden zu Staub zerfallen werde.