Johann Peter Eckermann Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens Vorrede Diese Sammlung von Unterhaltungen und Gesprächen mit Goethe ist größtenteils aus dem mir inwohnenden Naturtriebe entstanden, irgendein Erlebtes, das mir wert oder merkwürdig erscheint, durch schriftliche Auffassung mir anzueignen. Zudem war ich immerfort der Belehrung bedürftig, sowohl als ich zuerst mit jenem außerordentlichen Manne zusammentraf, als auch nachdem ich bereits jahrelang mit ihm gelebt hatte, und ich ergriff gerne den Inhalt seiner Worte und notierte ihn mir, um ihn für mein ferneres Leben zu besitzen. Wenn ich aber die reiche Fülle seiner Äußerungen bedenke, die während eines Zeitraumes von neun Jahren mich beglückten, und nun das Wenige betrachte, das mir davon schriftlich aufzufassen gelungen ist, so komme ich mir vor wie ein Kind, das den erquicklichen Frühlingsregen in offenen Händen aufzufangen bemüht ist, dem aber das meiste durch die Finger läuft. Doch wie man zu sagen pflegt, daß Bücher ihre Schicksale haben, und wie dieses Wort ebensowohl auf ihr Entstehen als auf ihr späteres Hinaustreten in die weite und breite Welt anzuwenden ist, so dürfte es auch von der Entstehung des gegenwärtigen Buches gelten. Monate vergingen oft, wo die Gestirne ungünstig standen, und wo Unbefinden, Geschäfte und mancherlei Bemühungen um die tägliche Existenz keine Zeile aufkommen ließen; dann aber traten wieder günstige Sterne ein, und es vereinigten sich Wohlsein, Muße und Lust zu schreiben, um wieder einen erfreulichen Schritt vorwärts zu tun. Und dann, wo tritt bei einem längeren Zusammenleben nicht mitunter einige Gleichgültigkeit ein, und wo wäre derjenige, der die Gegenwart immer so zu schätzen wüßte, wie sie es verdiente! Dieses alles erwähne ich besonders aus dem Grunde, um die manchen bedeutenden Lücken zu entschuldigen, die der Leser finden wird, im Fall er etwa so geneigt sein sollte, das Datum zu verfolgen. In solche Lücken fällt manches unterlassene Gute sowie besonders manches günstige Wort, was Goethe über seine weitverbreiteten Freunde sowie über die Werke dieses oder jenes lebenden deutschen Autors gesagt hat, während sich anderes ähnlicher Art notiert findet. Doch wie gesagt: Bücher haben ihre Schicksale schon während sie entstehen. Übrigens erkenne ich dasjenige, was in diesen Bänden mir gelungen ist zu meinem Eigentum zu machen, und was ich gewissermaßen als den Schmuck meines Lebens zu betrachten habe, mit innigem Dank gegen eine höhere Fügung; ja ich habe sogar eine gewisse Zuversicht, daß auch die Welt mir diese Mitteilung danken werde. Ich halte dafür, daß diese Gespräche für Leben, Kunst und Wissenschaft nicht allein manche Aufklärung und manche unschätzbare Lehre enthalten, sondern daß diese unmittelbaren Skizzen nach dem Leben auch ganz besonders dazu beitragen werden, das Bild zu vollenden, was man von Goethe aus seinen mannigfaltigen Werken bereits in sich tragen mag. Weit entfernt aber bin ich auch wiederum, zu glauben, daß hiemit nun der ganze innere Goethe gezeichnet sei. Man kann diesen außerordentlichen Geist und Menschen mit Recht einem vielseitigen Diamanten vergleichen, der nach jeder Richtung hin eine andere Farbe spiegelt. Und wie er nun in verschiedenen Verhältnissen und zu verschiedenen Personen ein anderer war, so kann ich auch in meinem Falle nur in ganz bescheidenem Sinne sagen: dies ist mein Goethe. Und dieses Wort dürfte nicht bloß davon gelten, wie er sich mir darbot, sondern besonders auch davon, wie ich ihn auf zufassen und wiederzugeben fähig war. Es geht in solchen Fällen eine Spiegelung vor, und es ist sehr selten, daß bei dem Durchgange durch ein anderes Individuum nichts Eigentümliches verloren gehe und nichts Fremdartiges sich heimische. Die körperlichen Bildnisse Goethes von Rauch, Dawe, Stieler und David sind alle in hohem Grade wahr, und doch tragen sie alle mehr oder weniger das Gepräge der Individualität, die sie hervorbrachte. Und wie nun ein solches schon von körperlichen Dingen zu sagen ist, um wie viel mehr wird es von flüchtigen, untastbaren Dingen des Geistes gelten! Wie dem nun aber in meinem Falle auch sei, so werden alle diejenigen, denen aus geistiger Macht oder aus persönlichem Umgange mit Goethe ein Urteil dieses Gegenstandes zusteht, mein Streben nach möglichstes Treue hoffentlich nicht verkennen. Nach diesen größtenteils die Auffassung des Gegenstandes betreffenden Andeutungen bleibt mir über des Werkes Inhalt selber noch folgendes zu sagen. Dasjenige, was man das Wahre nennt, selbst in betreff eines einzigen Gegenstandes, ist keineswegs etwas Kleines, Enges, Beschränktes; vielmehr ist es, wenn auch etwas Einfaches, doch zugleich etwas Umfangreiches, das, gleich den mannigfaltigen Offenbarungen eines weit- und tiefgreifenden Naturgesetzes, nicht so leicht zu sagen ist. Es ist nicht abzutun durch Spruch, auch nicht durch Spruch und Spruch, auch nicht durch Spruch und Widerspruch, sondern man gelangt durch alles dieses zusammen erst zu Approximationen, geschweige zum Ziele selber. So, um nur ein Beispiel anzuführen, tragen Goethes einzelne Äußerungen über Poesie oft den Schein der Einseitigkeit und oft sogar den Schein offenbarer Widersprüche. Bald legt er alles Gewicht auf den Stoff, welchen die Welt gibt, bald alles auf das Innere des Dichters; bald soll alles Heil im Gegenstande liegen, bald alles in der Behandlung; bald soll es von einer vollendeten Form kommen, bald, mit Vernachlässigung aller Form, alles vom Geiste. Alle diese Aus- und Widersprüche aber sind sämtlich einzelne Seiten des Wahren und bezeichnen zusammen das Wesen und führen zur Annäherung der Wahrheit selber, und ich habe mich daher sowohl in diesen als ähnlichen Fällen wohl gehütet, dergleichen scheinbare Widersprüche, wie sie durch verschiedenartige Anlässe und den Verlauf ungleicher Jahre und Stunden hervorgerufen worden, bei dieser Herausgabe zu unterdrücken. Ich vertraue dabei auf die Einsicht und Übersicht des gebildeten Lesers, der sich durch etwas Einzelnes nicht irren lassen, sondern das Ganze im Auge halten und alles gehörig zurechtlegen und vereinigen werde. Ebenso wird man vielleicht auf manches stoßen, was beim ersten Anblick den Schein des Unbedeutenden hat. Sollte man aber tiefer blickend bemerken, daß solche unbedeutende Anlässe oft Träger von etwas Bedeutendem sind, auch oft etwas Spätervorkommendes begründen, oder auch dazu beitragen irgendeinen kleinen Zug zur Charakterzeichnung hinzuzutun, so dürften sie, als eine Art von Notwendigkeit, wo nicht geheiliget, doch entschuldiget werden. Und somit sage ich nun diesem lange gehegten Buche zu seinem Hinaustritt in die Welt das beste Lebewohl, und wünsche ihm das Glück, angenehm zu sein und mancherlei Gutes anzuregen und zu verbreiten. Weimar, den 31. Oktober 1835. Erster Teil Einleitung Der Autor gibt Nachricht über seine Person und Herkunft und die Entstehung seines Verhältnisses zu Goethe. Als der Zuletztgeborne einer zweiten Ehe habe ich meine Eltern eigentlich nur gekannt, wie sie schon im vorgerückten Alter standen, und bin zwischen beiden gewissermaßen einsam aufgewachsen. Aus meines Vaters erster Ehe lebten zwei Söhne, wovon der eine, nach verschiedenen Seereisen als Matrose, in fernen Weltteilen in Gefangenschaft geraten und verschollen war, der andere aber, nach mehrmaligem Aufenthalt zum Walfisch- und Seehunde-Fang in Grönland, nach Hamburg zurückgekehrt war und dort in mäßigen Umständen lebte. Aus meines Vaters zweiter Ehe waren vor mir zwei Schwestern aufgewachsen, die, als ich mein zwölftes Jahr erreicht, bereits das väterliche Haus verlassen hatten und teils im Orte, teils in Hamburg dienten. Die Hauptquelle des Unterhaltes unserer kleinen Familie war eine Kuh, die uns nicht allein zu unserm täglichen Bedarf mit Milch versah, sondern von der wir auch jährlich ein Kalb mästen und außerdem zu gewissen Zeiten für einige Groschen Milch verkaufen konnten. Ferner besaßen wir einen Acker Land, der uns die nötigen Gemüsearten für das Bedürfnis des Jahres gewinnen ließ. Korn zu Brot indes und Mehl für die Küche mußten wir kaufen. Meine Mutter hatte eine besondere Geschicklichkeit im Wollspinnen; auch schnitt und nähete sie die bürgerlichen Mützen der Frauenzimmer zu besonderer Zufriedenheit, welches ihr denn beides zur Quelle einiges Erwerbes gereichte. Meines Vaters eigentliches Geschäft dagegen war der Betrieb eines kleinen Handels, der nach den verschiedenen Jahreszeiten variierte und ihn veranlaßte, häufig von Haus abwesend zu sein und in der Umgegend viel zu Fuße umherzuschweifen. Im Sommer sah man ihn, mit einem leichten hölzernen Schränkchen auf dem Rücken, in der Heidegegend von Dorf zu Dorf wandern und mit Band, Zwirn und Seide hausieren gehen. Zugleich kaufte er hier wollene Strümpfe und Beiderwand (ein aus der braunen Wolle der Heideschnucken und leinenem Garn gewebtes Zeug), das er denn auf dem jenseitigen Elbufer, in den Vierlanden, gleichfalls hausierend wieder absetzte. Im Winter trieb er einen Handel mit rohen Schreibfedern und ungebleichter Leinewand, die er in den Dörfern der Heide- und Marschgegend aufkaufte und mit Schiffsgelegenheit nach Hamburg brachte. In allen Fällen jedoch mußte sein Gewinn sehr gering sein, denn wir lebten immer in einiger Armut. Soll ich nun von meiner kindlichen Tätigkeit reden, so war sie gleichfalls nach den Jahreszeiten verschieden. Mit dem anbrechenden Frühling und sowie die Gewässer der gewöhnlichen Elbüberschwemmungen verlaufen waren, ging ich täglich, um das an den Binnendeichen und sonstigen Erhöhungen angespülte Schilf zu sammeln und als eine beliebte Streu für unsere Kuh anzuhäufen. Wenn sodann auf der weitausgedehnten Weidefläche das erste Grün hervorkeimte, verlebte ich in Gemeinschaft mit anderen Knaben lange Tage im Hüten der Kühe. Während des Sommers war ich tätig in Bestellung unseres Ackers; auch schleppte ich für das Bedürfnis des Herdes das ganze Jahr hindurch aus der kaum eine Stunde entfernten Waldung trockenes Holz herbei. Zur Zeit der Kornernte sah man mich wochenlang in den Feldern mit Ährenlesen beschäftigt, und später, wenn die Herbstwinde die Bäume schüttelten, sammelte ich Eicheln, die ich metzenweise an wohlhabendere Einwohner, um ihre Gänse damit zu füttern, verkaufte. Sowie ich aber genugsam herangewachsen war, begleitete ich meinen Vater auf seinen Wanderungen von Dorf zu Dorf und half einen Bündel tragen. Diese Zeit gehört zu den liebsten Erinnerungen meiner Jugend. Unter solchen Zuständen und Beschäftigungen, während welcher ich auch periodenweise die Schule besuchte und notdürftig lesen und schreiben lernte, erreichte ich mein vierzehntes Jahr, und man wird gestehen, daß von hier bis zu einem vertrauten Verhältnis mit Goethe ein großer Schritt und überall wenig Anschein war. Auch wußte ich nicht, daß es in der Welt Dinge gebe wie Poesie und schöne Künste, und konnte also auch ein dunkeles Verlangen und Streben nach solchen Dingen glücklicherweise in mir nicht stattfinden. Man hat gesagt, die Tiere werden durch ihre Organe belehrt; und so möchte man vom Menschen sagen, daß er oft durch etwas, was er ganz zufällig tut, über das belehrt werde, was etwa Höheres in ihm schlummert. Ein solches ereignete sich mit mir, und da es, obgleich an sich unbedeutend, meinem ganzen Leben eine andere Wendung gab, so hat es sich mir als etwas Unvergeßliches eingeprägt. Ich saß eines Abends bei angezündeter Lampe mit beiden Eltern am Tische. Mein Vater war von Hamburg zurückgekommen und erzählte von dem Verlauf und Fortgang seines Handels. Da er gern rauchte, so hatte er sich ein Paket Tabak mitgebracht, das vor mir auf dem Tische lag und als Wappen ein Pferd hatte. Dieses Pferd erschien mir als ein sehr gutes Bild, und da ich zugleich Feder und Tinte und ein Stückchen Papier zur Hand hatte, so bemächtigte sich meiner ein unwiderstehlicher Trieb, es nachzuzeichnen. Mein Vater fuhr fort von Hamburg zu erzählen, während ich, von den Eltern unbemerkt, mich ganz vertiefte im Zeichnen des Pferdes. Als ich fertig war, kam es mir vor, als sei meine Nachbildung dem Vorbilde vollkommen ähnlich, und ich genoß ein mir bisher unbekanntes Glück. Ich zeigte meinen Eltern, was ich gemacht hatte, die nicht umhin konnten mich zu rühmen und sich darüber zu wundern. Die Nacht verbrachte ich in freudiger Aufregung halb schlaflos, ich dachte beständig an mein gezeichnetes Pferd und erwartete mit Ungeduld den Morgen, um es wieder vor Augen zu nehmen und mich wieder daran zu erfreuen. Von dieser Zeit an verließ mich der einmal erwachte Trieb der sinnlichen Nachbildung nicht wieder. Da es aber in meinem Orte an aller weiteren Hülfe in solchen Dingen fehlte, so war ich schon sehr glücklich, als unser Nachbar, ein Töpfer, mir ein paar Hefte mit Konturen gab, welche ihm bei Bemalung seiner Teller und Schüsseln als Vorbild dienten. Diese Umrisse zeichnete ich mit Feder und Tinte auf das sorgfältigste nach, und so entstanden zwei Hefte, die bald von Hand zu Hand gingen und auch an die erste Person des Ortes, an den Oberamtmann Meyer, gelangten. Er ließ mich rufen, beschenkte mich und lobte mich auf die liebevollste Weise. Er fragte mich, ob ich Lust habe ein Maler zu werden; er wolle mich in solchem Fall, wenn ich konfirmiert sei, zu einem geschickten Meister nach Hamburg senden. Ich sagte, daß ich wohl Lust habe und daß ich es mit meinen Eltern überlegen wolle. Diese aber, beide aus dem Bauernstande und in einem Orte lebend, wo größtenteils nichts anderes als Ackerbau und Viehzucht getrieben wurde, dachten sich unter einem Maler nichts weiter als einen Türen- und Häuseranstreicher. Sie widerriefen es mir daher auf das sorglichste, indem sie anführten, daß es nicht allein ein sehr schmutziges, sondern zugleich ein sehr gefährliches Handwerk sei, wobei man Hals und Beine brechen könne, welches sich, zumal in Hamburg bei den sieben Stockwerk hohen Häusern, sehr oft ereigne. Da nun meine eigenen Begriffe von einem Maler gleichfalls nicht höherer Art waren, so verging mir die Lust zu diesem Metier und ich schlug das Anerbieten des guten Oberamtmannes aus dem Sinne. Indessen war nun einmal die Aufmerksamkeit höherer Personen auf mich gefallen; man behielt mich im Auge und suchte mich auf manche Weise zu heben. Man ließ mich an dem Privatunterricht der wenigen vornehmen Kinder teilnehmen, ich lernte Französisch und etwas Latein und Musik; zugleich versah man mich mit besserer Kleidung, und der würdige Superintendent Parisius hielt es nicht zu gering, mir einen Platz an seinem eigenen Tische zu geben. Von nun an war mir die Schule lieb geworden; ich suchte so günstige Umstände so lange fortzusetzen als möglich, und meine Eltern gaben es daher auch gern zu, daß ich erst in meinem sechzehnten Jahre konfirmiert wurde. Nun aber entstand die Frage, was aus mir werden solle. Wäre es nach meinen Wünschen gegangen, so hätte man mich zur Verfolgung wissenschaftlicher Studien auf ein Gymnasium geschickt; allein hieran war nicht zu denken, denn es fehlte dazu nicht allein an allen Mitteln, sondern die gebieterische Not meiner Umstände verlangte auch, mich sehr bald in einer Lage zu sehen, wo ich nicht allein für mich selber zu sorgen, sondern auch meinen dürftigen alten Eltern einigermaßen zu Hülfe zu kommen imstande wäre. Eine solche Lage eröffnete sich mir gleich nach meiner Konfirmation, indem ein dortiger Justizbeamter mir das Anerbieten machte, mich zum Schreiben und anderen kleinen Dienstverrichtungen zu sich zu nehmen, worein ich mit Freuden willigte. Ich hatte während der letzten anderthalb Jahre meines fleißigen Schulbesuchs es dahin gebracht, nicht allein eine gute Hand zu erlangen, sondern mich auch in Abfassung schriftlicher Aufsätze vielfältig zu üben, so daß ich mich denn für eine solche Stelle sehr wohl qualifiziert halten konnte. Dieses Verhältnis, wobei ich auch kleine Advokaturgeschäfte trieb und nicht selten in den Fall kam, nach hergebrachten Formen beides, Klageschrift und Urteil, abzufassen, dauerte zwei Jahre, nämlich bis 1810, wo das hannöverische Amt Winsen an der Luhe aufgelöst und, im Departement der Niederelbe begriffen, dem französischen Kaiserreiche einverleibt wurde. Ich erhielt nun eine Anstellung im Bureau der Direktion der direkten Steuern zu Lüneburg; und als diese im nächsten Jahre gleichfalls aufgelöst wurde, kam ich in das Bureau der Unterpräfektur zu Ülzen. Hier arbeitete ich bis gegen Ende des Jahres 1812, wo der Präfekt, Herr von Düring, mich beförderte und als Mairiesekretär zu Bevensen anstellte. Diesen Posten bekleidete ich bis zum Frühling des Jahres 1813, wo die herannahenden Kosaken uns zur Befreiung von der französischen Herrschaft Hoffnung machten. Ich nahm meinen Abschied und ging in meine Heimat, mit keinem anderen Plan und Gedanken, als mich sobald wie möglich den Reihen der vaterländischen Krieger anzuschließen, die sich im stillen hier und dort anfingen zu bilden. Dieses vollführte ich und trat gegen Ende des Sommers mit Büchse und Holster als Freiwilliger in das Kielmannseggesche Jägerkorps und machte mit diesem in der Kompagnie des Kapitän Knop den Feldzug des Winters 1813 und 1814 durch Mecklenburg, Holstein und vor Hamburg gegen den Marschall Davoust. Darauf marschierten wir über den Rhein gegen den General Maison und zogen im Sommer viel hin und her in dem fruchtbaren Flandern und Brabant. Hier, vor den großen Gemälden der Niederländer ging mir eine neue Welt auf; ich verbrachte ganze Tage in Kirchen und Museen. Es waren im Grunde die ersten Gemälde, die mir in meinem Leben vor Augen gekommen waren. Ich sah nun, was es heißen wolle, ein Maler zu sein; ich sah die gekrönten, glücklichen Fortschritte der Schüler, und ich hätte weinen mögen, daß es mir versagt worden, eine ähnliche Bahn zu gehen. Doch entschloß ich mich auf der Stelle; ich machte in Tournay die Bekanntschaft eines jungen Künstlers, ich verschaffte mir schwarze Kreide und einen Bogen Zeichenpapier vom größten Format und setzte mich sogleich vor ein Bild, um es zu kopieren. Große Begierde zur Sache ersetzte hiebei, was mir an Übung und Anleitung fehlte, und so brachte ich die Konture der Figuren glücklich zustande; ich fing auch an, von der linken Seite herein das Ganze auszuschattieren, als eine Marschordre eine so glückliche Beschäftigung unterbrach. Ich eilte, die Abstufung von Schatten und Licht in dem nicht ausgeführten Teile mit einzelnen Buchstaben anzudeuten, in Hoffnung, daß es mir in ruhigen Stunden gelingen würde, es auf diese Weise zu vollenden. Ich rollte mein Bild zusammen und tat es in einen Köcher, den ich, neben meiner Büchse auf dem Rücken hängend, den langen Marsch von Tournay nach Hameln trug. Hier ward das Jägerkorps im Herbst des Jahres 1814 aufgelöst. Ich ging in meine Heimat; mein Vater war tot, meine Mutter noch am Leben und bei meiner ältesten Schwester wohnend, die sich indes verheiratet und das elterliche Haus angenommen hatte. Ich fing nun sogleich an mein Zeichnen fortzusetzen; ich vollendete zunächst jenes aus Brabant mitgebrachte Bild, und als es mir darauf ferner an passenden Mustern fehlte, so hielt ich mich an die kleinen Rambergischen Kupfer, die ich mit schwarzer Kreide ins Große ausführte. Hiebei merkte ich jedoch sehr bald den Mangel gehöriger Vorstudien und Kenntnisse. Ich hatte so wenig Begriffe von der Anatomie des Menschen wie der Tiere; nicht mehr wußte ich von Behandlung der verschiedenen Baumarten und Gründe, und es kostete mich daher unsägliche Mühe, ehe ich auf meine Weise etwas herausbrachte, das ungefähr so aussah. Ich begriff daher sehr bald, daß, wenn ich ein Künstler werden wolle, ich es ein wenig anders anzufangen hätte, und daß das fernere Suchen und Tasten auf eigenem Wege ein durchaus verlorenes Bemühen sei. Zu einem tüchtigen Meister zu gehen und ganz von vorne anzufangen, das war mein Plan. Was nun den Meister betraf, so lag in meinen Gedanken kein anderer als Ramberg in Hannover; auch dachte ich in dieser Stadt mich um so eher halten zu können, als ein geliebter Jugendfreund dort in glücklichen Umständen lebte, von dessen Treue ich mir jede Stütze versprechen durfte und dessen Einladungen sich wiederholten. Ich säumte daher auch nicht lange und schnürte meinen Bündel und machte mitten im Winter 1815 den fast vierzigstündigen Weg durch die öde Heide bei tiefem Schnee einsam zu Fuß, und erreichte in einigen Tagen glücklich Hannover. Ich verfehlte nicht, alsobald zu Ramberg zu gehen und ihm meine Wünsche vorzutragen. Nach den vorgelegten Proben schien er an meinem Talent nicht zu zweifeln; doch machte er mir bemerklich, daß die Kunst nach Brot gehe, daß die Überwindung des Technischen viel Zeit verlange, und daß die Aussicht, der Kunst zugleich die äußere Existenz zu verdanken, sehr ferne sei. Indessen zeigte er sich sehr bereit, mir seinerseits alle Hülfe zu schenken; er suchte sogleich aus der Masse seiner Zeichnungen einige passende Blätter mit Teilen des menschlichen Körpers hervor, die er mir zum Nachzeichnen mitgab. So wohnte ich denn bei meinem Freunde und zeichnete nach Rambergischen Originalen. Ich machte Fortschritte, denn die Blätter, die er mir gab, wurden immer bedeutender. Die ganze Anatomie des menschlichen Körpers zeichnete ich durch und ward nicht müde, die schwierigen Hände und Füße immer zu wiederholen. So vergingen einige glückliche Monate. Wir kamen indes in den Mai, und ich fing an zu kränkeln; der Juni rückte heran, und ich war nicht mehr imstande den Griffel zu führen, so zitterten meine Hände. Wir nahmen unsere Zuflucht zu einem geschickten Arzt. Er fand meinen Zustand gefährlich. Er erklärte, daß infolge des Feldzuges alle Hautausdünstung unterdrückt sei, daß eine verzehrende Glut sich auf die inneren Teile geworfen, und daß, wenn ich mich noch vierzehn Tage so fortgeschleppt hätte, ich unfehlbar ein Kind des Todes gewesen sein würde. Er verordnete sogleich warme Bäder und ähnliche wirksame Mittel, um die Tätigkeit der Haut wieder herzustellen; es zeigten sich auch sehr bald erfreuliche Spuren der Besserung; doch an Fortsetzung meiner künstlerischen Studien war nicht mehr zu denken. Ich hatte bisher bei meinem Freunde die liebevollste Behandlung und Pflege genossen; daß ich ihm lästig sei oder in der Folge lästig werden könnte, daran war seinerseits kein Gedanke und nicht die leiseste Andeutung. Ich aber dachte daran, und wie diese schon länger gehegte heimliche Sorge wahrscheinlich dazu beigetragen hatte, den Ausbruch der in mir schlummernden Krankheit zu beschleunigen, so trat sie jetzt, da ich wegen meiner Wiederherstellung bedeutende Ausgaben vor mir sah, mit ihrer ganzen Gewalt hervor. In solcher Zeit äußerer und innerer Bedrängnis eröffnete sich mir die Aussicht zu einer Anstellung bei einer mit der Kriegskanzlei in Verbindung stehenden Kommission, die das Montierungswesen der hannöverischen Armee zum Gegenstand ihrer Geschäfte hatte, und es war daher wohl nicht zu verwundern, daß ich dem Drange der Umstände nachgab und, auf die künstlerische Bahn Verzicht leistend, mich um die Stelle bewarb und sie mit Freuden annahm. Meine Genesung erfolgte rasch, und es kehrte ein Wohlbefinden und eine Heiterkeit zurück, wie ich sie lange nicht genossen. Ich sah mich in dem Fall, meinem Freunde einigermaßen wieder zu vergüten, was er so großmütig an mir getan. Die Neuheit des Dienstes, in welchen ich mich einzuarbeiten hatte, gab meinem Geiste Beschäftigung. Meine Obern erschienen mir als Männer von der edelsten Denkungsart, und mit meinen Kollegen, von denen einige mit mir in demselbigen Korps den Feldzug gemacht, stand ich sehr bald auf dem Fuß eines innigen Vertrauens. In dieser gesicherten Lage fing ich nun erst an, in der manches Gute enthaltenden Residenz mit einiger Freiheit umherzublicken, sowie ich auch in Stunden der Muße nicht müde ward, die reizenden Umgebungen immer von neuem zu durchstreifen. Mit einem Schüler Rambergs, einem hoffnungsvollen jungen Künstler, hatte ich eine innige Freundschaft geschlossen; er war auf meinen Wanderungen mein beständiger Begleiter. Und da ich nun auf ein praktisches Fortschreiten in der Kunst wegen meiner Gesundheit und sonstigen Umstände fernerhin Verzicht leisten mußte, so war es mir ein großer Trost, mich mit ihm über unsere gemeinsame Freundin wenigstens täglich zu unterhalten. Ich nahm teil an seinen Kompositionen, die er mir häufig in der Skizze zeigte und die wir miteinander durchsprachen. Ich ward durch ihn auf manche belehrende Schrift geführt, ich las Winckelmann, ich las Mengs; allein da mir die Anschauung der Sachen fehlte, von denen diese Männern handeln, so konnte ich mir auch aus solcher Lektüre nur das Allgemeinste aneignen, und ich hatte davon im Grunde wenig Nutzen. In der Residenz geboren und aufgewachsen, war mein Freund in geistiger Bildung mir in jeder Hinsicht voran, auch hatte er eine recht hübsche Kenntnis der schönen Literatur, die mir durchaus fehlte. In dieser Zeit war Theodor Körner der gefeierte Held des Tages; er brachte mir dessen Gedichte ›Leier und Schwert‹, die denn nicht verfehlten, auch auf mich einen großen Eindruck zu machen und auch mich zur Bewunderung hinzureißen. Man hat viel von der künstlerischen Wirkung eines Gedichtes gesprochen und sie sehr hoch gestellt; mir aber will erscheinen, daß die stoffartige die eigentlich mächtige sei, worauf alles ankomme. Ohne es zu wissen, machte ich diese Erfahrung an dem Büchlein ›Leier und Schwert‹. Denn, daß ich gleich Körner den Haß gegen unsere vieljährigen Bedrücker im Busen getragen, daß ich gleich ihm den Befreiungskrieg mitgemacht und gleich ihm alle Zustände von beschwerlichen Märschen, nächtlichen Biwaks, Vorpostendienst und Gefechten erlebt und dabei ähnliche Gedanken und Empfindungen gehegt hatte, das verschaffte diesen Gedichten in meinem Innern einen so tiefen und mächtigen Anklang. Wie nun aber auf mich nicht leicht etwas Bedeutendes wirken konnte, ohne mich tief anzuregen und produktiv zu machen, so ging es mir auch mit diesen Gedichten von Theodor Körner. Ich erinnerte mich aus meiner Kindheit und den folgenden Jahren, daß ich selber hin und wieder kleine Gedichte geschrieben, aber nicht weiter beachtet hatte, weil ich auf dergleichen leicht entstehende Dinge damals keinen großen Wert legte, und weil überall zur Schätzung des poetischen Talents immer einige geistige Reife erforderlich ist. Nun aber erschien mir diese Gabe in Theodor Körner als etwas durchaus Rühmliches und Beneidenswürdiges, und es erwachte in mir ein mächtiger Trieb, zu versuchen, ob es mir nicht gelingen wolle, es ihm einigermaßen nachzutun. Die Rückkehr unserer vaterländischen Krieger aus Frankreich gab mir eine erwünschte Gelegenheit. Und wie mir in frischer Erinnerung lebte, welchen unsäglichen Mühseligkeiten der Soldat im Felde sich zu unterziehen hat, während dem gemächlichen Bürger zu Hause oft keine Art von Bequemlichkeit mangelt, so dachte ich, daß es gut sein möchte, dergleichen Verhältnisse in einem Gedicht zur Sprache zu bringen und dadurch, auf die Gemüter wirkend, den zurückkehrenden Truppen einen desto herzlicheren Empfang vorzubereiten. Ich ließ von dem Gedicht einige hundert Exemplare auf eigene Kosten drucken und in der Stadt verteilen. Die Wirkung, die es tat, war günstig über meine Erwartung. Es verschaffte mir den Zudrang einer Menge sehr erfreulicher Bekanntschaften, man teilte meine ausgesprochenen Empfindungen und Ansichten, man ermunterte mich zu ähnlichen Versuchen und war überhaupt der Meinung, daß ich die Probe eines Talentes an den Tag gelegt habe, welches der Mühe wert sei weiter zu kultivieren. Man teilte das Gedicht in Zeitschriften mit, es ward an verschiedenen Orten nachgedruckt und einzeln verkauft, und überdies erlebte ich daran die Freude, es von einem sehr beliebten Komponisten in Musik gesetzt zu sehen, so wenig es sich auch im Grunde, wegen seiner Länge und ganz rhetorischen Art, zum Gesang eignete. Es verging von nun an keine Woche, wo ich nicht durch die Entstehung irgendeines weiteren Gedichts wäre beglückt worden. Ich war jetzt in meinem vierundzwanzigsten Jahre, es lebte in mir eine Welt von Gefühlen, Drang und gutem Willen; allein ich war ganz ohne alle geistige Kultur und Kenntnisse. Man empfahl mir das Studium unserer großen Dichter und führte mich besonders auf Schiller und Klopstock. Ich verschaffte mir ihre Werke, ich las, ich bewunderte sie, allein ich fand mich durch sie wenig gefördert; die Bahn dieser Talente lag, ohne daß ich es damals gewußt hätte, von der Richtung meiner eigenen Natur zu weit abwärts. In dieser Zeit hörte ich zuerst den Namen Goethe und erlangte zuerst einen Band seiner Gedichte. Ich las seine Lieder, und las sie immer von neuem, und genoß dabei ein Glück, das keine Worte schildern. Es war mir, als fange ich erst an aufzuwachen und zum eigentlichen Bewußtsein zu gelangen; es kam mir vor, als werde mir in diesen Liedern mein eigenes mir bisher unbekanntes Innere zurückgespiegelt. Auch stieß ich nirgends auf etwas Fremdartiges und Gelehrtes, wozu mein bloß menschliches Denken und Empfinden nicht ausgereicht hätte, nirgends auf Namen ausländischer und veralteter Gottheiten, wobei ich mir nichts zu denken wußte; vielmehr fand ich das menschliche Herz in allen seinem Verlangen, Glück und Leiden, ich fand eine deutsche Natur wie der gegenwärtige helle Tag, eine reine Wirklichkeit in dem Lichte milder Verklärung. Ich lebte in diesen Liedern ganze Wochen und Monate. Dann gelang es mir, den ›Wilhelm Meister‹ zu bekommen, dann sein Leben, dann seine dramatischen Werke. Den ›Faust‹, vor dessen Abgründen menschlicher Natur und Verderbnis ich anfänglich zurückschauderte, dessen bedeutend rätselhaftes Wesen mich aber immer wieder anzog, las ich alle Festtage. Bewunderung und Liebe nahm täglich zu, ich lebte und webte Jahr und Tag in diesen Werken und dachte und sprach nichts als von Goethe. Der Nutzen, den wir aus dem Studium der Werke eines großen Schriftstellers ziehen, kann mannigfaltiger Art sein; ein Hauptgewinn aber möchte darin bestehen, daß wir uns nicht allein unseres eigenen Innern, sondern auch der mannigfaltigen Welt außer uns deutlicher bewußt werden. Eine solche Wirkung hatten auf mich die Werke Goethes. Auch ward ich durch sie zur besseren Beobachtung und Auffassung der sinnlichen Gegenstände und Charaktere getrieben; ich kam nach und nach zu dem Begriff der Einheit oder der innerlichsten Harmonie eines Individuums mit sich selber, und somit ward mir denn das Rätsel der großen Mannigfaltigkeit sowohl natürlicher als künstlerischer Erscheinungen immer mehr aufgeschlossen. Nachdem ich mich einigermaßen in Goethes Schriften befestiget und mich nebenbei in der Poesie praktisch auf manche Weise versucht hatte, wendete ich mich zu einigen der größten Dichter des Auslandes und früherer Zeiten, und las in den besten Übersetzungen nicht allein die vorzüglichsten Stücke von Shakespeare, sondern auch den Sophokles und Homer. Hiebei merkte ich jedoch sehr bald, daß von diesen hohen Werken nur das Allgemein-Menschliche in mich eingehen wolle, daß aber das Verständnis des Besonderen, sowohl in sprachlicher als historischer Hinsicht, wissenschaftliche Kenntnisse und überhaupt eine Bildung voraussetzte, wie sie gewöhnlich nur auf Schulen und Universitäten erlangt wird. Überdies machte man mir von manchen Seiten bemerklich, daß ich mich auf eigenem Wege vergebens abmühe und daß, ohne eine sogenannte klassische Bildung, nie ein Dichter dahin gelangen werde, sowohl seine eigene Sprache mit Geschick und Nachdruck zu gebrauchen, als auch überhaupt, dem Gehalt und Geiste nach, etwas Vorzügliches zu leisten. Da ich nun auch zu dieser Zeit viele Biographien bedeutender Männer las, um zu sehen, welche Bildungswege sie eingeschlagen, um zu etwas Tüchtigem zu gelangen, und ich bei ihnen überall den Gang durch Schulen und Universitäten wahrzunehmen hatte, so faßte ich, obgleich bei so vorgerücktem Alter und unter so widerstrebenden Umständen, den Entschluß, ein gleiches auszuführen. Ich wendete mich alsobald an einen als Lehrer beim Gymnasium zu Hannover angestellten vorzüglichen Philologen und nahm bei ihm Privatunterricht, nicht allein in der lateinischen, sondern auch in der griechischen Sprache, und verwendete auf diese Studien alle Muße, die meine wenigstens sechs Stunden täglich in Anspruch nehmenden Berufsgeschäfte mir gewähren wollten. Dieses trieb ich ein Jahr. Ich machte gute Fortschritte; allein bei meinem unaussprechlichen Drange vorwärts kam es mir vor, als gehe es zu langsam und als müsse ich auf andere Mittel denken. Es wollte mir erscheinen, daß, wenn ich erlangen könne, täglich vier bis fünf Stunden das Gymnasium zu besuchen und auf solche Weise ganz und gar in dem gelehrten Elemente zu leben, ich ganz andere Fortschritte machen und ungleich schneller zum Ziele gelangen würde. In dieser Meinung ward ich durch den Rat sachkundiger Personen bestätigt; ich faßte daher den Entschluß, so zu tun, und erhielt dazu auch sehr leicht die Genehmigung meiner Obern, indem die Stunden des Gymnasiums größtenteils auf eine solche Tageszeit fielen, wo ich vom Dienste frei war. Ich meldete mich daher zur Aufnahme und ging in Begleitung meines Lehrers an einem Sonntag Vormittag zu dem würdigen Direktor, um die erforderliche Prüfung zu bestehen. Er examinierte mich mit aller möglichen Milde; allein da ich für die hergebrachten Schulfragen kein präparierter Kopf war und es mir trotz allem Fleiß an eigentlicher Routine fehlte, so bestand ich nicht so gut, als ich im Grunde hätte sollen. Doch auf die Versicherung meines Lehrers, daß ich mehr wisse, als es nach dieser Prüfung den Anschein haben möge, und in Erwägung meines ungewöhnlichen Strebens setzte er mich nach Sekunda. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich als ein fast Fünfundzwanzigjähriger und als einer, der bereits in königlichen Diensten stand, unter diesen größtenteils noch sehr knabenhaften Jünglingen eine wunderliche Figur machte, so daß diese neue Situation mir anfänglich selber ein wenig unbequem und seltsam vorkommen wollte – doch mein großer Durst nach den Wissenschaften ließ mich alles übersehen und ertragen. Auch hatte ich mich im ganzen nicht zu beschweren. Die Lehrer achteten mich, die älteren und besseren Schüler der Klasse kamen mir auf das freundlichste entgegen, und selbst einige Ausbunde von Übermut hatten Rücksicht genug, an mir ihre frevelhaften Anwandlungen nicht auszulassen. Ich war daher wegen meiner erreichten Wünsche im ganzen genommen sehr glücklich und schritt auf dieser neuen Bahn mit großem Eifer vorwärts. Des Morgens fünf Uhr war ich wach und bald darauf an meinen Präparationen. Gegen acht ging es in die Schule bis zehn Uhr. Von dort eilte ich auf mein Bureau zu den Dienstgeschäften, die meine Gegenwart bis gegen ein Uhr verlangten. Im Fluge ging es sodann nach Haus; ich verschluckte ein wenig Mittagessen und war gleich nach ein Uhr wieder in der Schule. Die Stunden dauerten bis vier Uhr, worauf ich denn wieder bis nach sieben Uhr in meinem Beruf beschäftiget war und den ferneren Abend zu Präparationen und Privatunterricht verwendete. Dieses Leben und Treiben verführte ich einige Monate; allein meine Kräfte waren einer solchen Anstrengung nicht gewachsen, und es bestätigte sich die alte Wahrheit: daß niemand zween Herren dienen könne. Der Mangel an freier Luft und Bewegung, sowie die fehlende Zeit und Ruhe zum Essen, Trinken und Schlaf, erzeugten nach und nach einen krankhaften Zustand; ich fühlte mich abgestumpft an Leib und Seele und sah mich zuletzt in der dringenden Notwendigkeit, entweder die Schule aufzugeben oder meine Stelle. Da aber das letztere meiner Existenz wegen nicht anging, so blieb kein anderer Ausweg, als das erstere zu tun, und ich trat mit dem beginnenden Frühling 1817 wieder aus. Es schien zu dem besonderen Geschick meines Lebens zu gehören, mancherlei zu probieren , und so gereute es mich denn keineswegs, auch eine gelehrte Schule eine Zeit lang probiert zu haben. Ich hatte indes einen guten Schritt vorwärts getan, und da ich die Universität nach wie vor im Auge behielt, so blieb nun weiter nichts übrig, als den Privatunterricht fortzusetzen, welches denn auch mit aller Lust und Liebe geschah. Nach der überstandenen Last des Winters verlebte ich einen desto heiteren Frühling und Sommer; ich war viel in der freien Natur, die dieses Jahr mit besonderer Innigkeit zu meinem Herzen sprach, und es entstanden viele Gedichte, wobei besonders die jugendlichen Lieder von Goethe mir als hohe Muster vor Augen schwebten. Mit eintretendem Winter fing ich an ernstlich darauf zu denken, wie ich es möglich mache, wenigstens binnen Jahresfrist die Universität zu beziehen. In der lateinischen Sprache war ich so weit vorgeschritten, daß es mir gelang, von den Oden des Horaz, von den Hirtengedichten des Virgil, sowie von den Metamorphosen des Ovid einige mich besonders ansprechende Stücke metrisch zu übersetzen, sowie die Reden des Cicero und die Kriegsgeschichten des Julius Cäsar mit einiger Leichtigkeit zu lesen. Hiemit konnte ich mich zwar noch keineswegs als für akademische Studien gehörig vorbereitet betrachten, allein ich dachte innerhalb eines Jahres noch sehr weit zu kommen und sodann das Fehlende auf der Universität selber nachzuholen. Unter den höheren Personen der Residenz hatte ich mir manchen Gönner erworben; sie versprachen mir ihre Mitwirkung, jedoch unter der Bedingung, daß ich mich entschließen wolle, ein sogenanntes Brotstudium zu wählen. Da aber dergleichen nicht in der Richtung meiner Natur lag, und da ich in der festen Überzeugung lebte, daß der Mensch nur dasjenige kultivieren müsse, wohin ein unausgesetzter Drang seines Innern gehe, so blieb ich bei meinem Sinn, und jene versagten mir ihre Hülfe, indem endlich nichts weiter erfolgen sollte als ein Freitisch. Es blieb nun nichts übrig, als meinen Plan durch eigene Kräfte durchzusetzen und mich zu einer literarischen Produktion von einiger Bedeutung zusammenzunehmen. Müllners ›Schuld‹ und Grillparzers ›Ahnfrau‹ waren zu dieser Zeit an der Tagesordnung und machten viel Aufsehen. Meinem Naturgefühl waren diese künstlichen Werke zuwider, noch weniger konnte ich mich mit ihren Schicksalsideen befreunden, von denen ich der Meinung war, daß daraus eine unsittliche Wirkung auf das Volk hervorgehe. Ich faßte daher den Entschluß, gegen sie aufzutreten und darzutun, daß das Schicksal in den Charakteren ruhe. Aber ich wollte nicht mit Worten gegen sie streiten, sondern mit der Tat. Ein Stück sollte erscheinen, welches die Wahrheit ausspreche, daß der Mensch in der Gegenwart Samen streue, der in der Zukunft aufgehe und Früchte bringe, gute oder böse, je nachdem er gesäet habe. Mit der Weltgeschichte unbekannt, blieb mir weiter nichts übrig, als die Charaktere und den Gang der Handlung zu erfinden. Ich trug es wohl ein Jahr mit mir herum und bildete mir die einzelnen Szenen und Akte bis ins einzelne aus und schrieb es endlich im Winter 1820 in den Morgenstunden einiger Wochen. Ich genoß dabei das höchste Glück, denn ich sah, daß alles sehr leicht und natürlich zutage kam. Allein im Gegensatz mit jenen genannten Dichtern ließ ich das wirkliche Leben mir zu nahe treten, das Theater kam mir nie vor Augen. Daher ward es auch mehr eine ruhige Zeichnung von Situationen, als eine gespannte rasch fortschreitende Handlung, und auch nur poetisch und rhythmisch, wenn Charaktere und Situationen es erforderten. Nebenpersonen gewannen zu viel Raum, das ganze Stück zu viel Breite. Ich teilte es den nächsten Freunden und Bekannten mit, ward aber nicht verstanden, wie ich es wünschte; man warf mir vor: einige Szenen gehören ins Lustspiel; man warf mir ferner vor: ich habe zu wenig gelesen. Ich, eine bessere Aufnahme erwartend, war anfänglich im stillen beleidigt; doch nach und nach kam ich zu der Überzeugung, daß meine Freunde nicht so ganz unrecht hätten und daß mein Stück, wenn auch die Charaktere richtig gezeichnet und das Ganze wohl durchdacht und mit einer gewissen Besonnenheit und Fazilität so zur Erscheinung gekommen, wie es mir gelegen, doch dem darin entwickelten Leben nach auf einer viel zu niedern Stufe stehe, als daß es sich geeignet hätte, damit öffentlich aufzutreten. Und dieses war in Erwägung meines Herkommens und meiner wenigen Studien nicht zu verwundern. Ich nahm mir vor, das Stück umzuarbeiten und für das Theater einzurichten, vorher aber in meiner Bildung vorzuschreiten, damit ich fähig sei, alles höher zu stellen. Der Drang nach der Universität, wo ich alles zu erlangen hoffte, was mir fehlte, und wodurch ich auch in höhere Lebensverhältnisse zu kommen gedachte, ward nun zur Leidenschaft. Ich faßte den Entschluß, meine Gedichte herauszugeben, um es dadurch vielleicht zu bewirken. Und da es mir nun an Namen fehlte, um von einem Verleger ein ansehnliches Honorar erwarten zu können, so wählte ich den für meine Lage vorteilhafteren Weg der Subskription. Diese ward von Freunden eingeleitet und nahm den erwünschtesten Fortgang. Ich trat jetzt bei meinen Obern mit meiner Absicht auf Göttingen wieder hervor und bat um meine Entlassung; und da diese nun die Überzeugung gewannen, daß es mein tiefer Ernst sei und daß ich nicht nachgebe, so begünstigten sie meine Zwecke. Auf Vorstellung meines Chefs, des damaligen Obristen von Berger, gewährte die Kriegskanzlei mir den erbetenen Abschied und ließ mir jährlich 150 Taler von meinem Gehalt zum Behuf meiner Studien auf zwei Jahre. Ich war nun glücklich in dem Gelingen der jahrelang gehegten Pläne. Die Gedichte ließ ich auf das schnellste drucken und versenden, aus deren Ertrag ich nach Abzug aller Kosten einen reinen Gewinn von 150 Taler behielt. Ich ging darauf im Mai 1821 nach Göttingen, eine teure Geliebte zurücklassend. Mein erster Versuch, nach der Universität zu gelangen, war daran gescheitert, daß ich hartnäckig jedes sogenannte Brotstudium abgelehnt hatte. Jetzt aber, durch die Erfahrung gewitzigt und der unsäglichen Kämpfe mir noch zu gut bewußt, die ich damals sowohl gegen meine nächste Umgebung als gegen einflußreiche höhere Personen zu bestehen hatte, war ich klug genug gewesen, mich den Ansichten einer übermächtigen Welt zu bequemen und sogleich zu erklären, daß ich ein Brotstudium wählen und mich der Rechtswissenschaft widmen wolle. Dieses hatten sowohl meine mächtigen Gönner als alle anderen, denen mein irdisches Fortkommen am Herzen lag und die sich von der Gewalt meiner geistigen Bedürfnisse keine Vorstellung machten, sehr vernünftig gefunden. Aller Widerspruch war mit einem Mal abgetan, ich fand überall ein freundliches Entgegenkommen und ein bereitwilliges Befördern meiner Zwecke. Zugleich unterließ man nicht, zu meiner Bestätigung in so guten Vorsätzen anzuführen, daß das juristische Studium keineswegs der Art sei, daß es nicht dem Geiste einen höheren Gewinn gebe. Ich würde, sagte man, dadurch Blicke in bürgerliche und weltliche Verhältnisse tun, wie ich auf keine andere Weise erreichen könne. Auch wäre dieses Studium keineswegs von solchem Umfang, daß sich nicht sehr viele sogenannte höhere Dinge nebenbei treiben lassen. Man nannte mir verschiedene Namen berühmter Personen, die alle Jura studiert hätten und doch zugleich zu den höchsten Kenntnissen anderer Art gelangt wären. Hiebei jedoch wurde sowohl von meinen Freunden als von mir übersehen, daß jene Männer nicht allein mit tüchtigen Schulkenntnissen ausgestattet zur Universität kamen, sondern auch eine ungleich längere Zeit, als die gebieterische Not meiner besonderen Umstände es mir erlauben wollte, auf ihre Studien verwenden konnten. Genug aber, so wie ich andere getäuscht hatte, täuschte ich mich nach und nach selber und bildete mir zuletzt wirklich ein, ich könne in allem Ernst Jura studieren und doch zugleich meine eigentlichen Zwecke erreichen. In diesem Wahn, etwas zu suchen, was ich gar nicht zu besitzen und anzuwenden wünschte, fing ich sogleich nach meiner Ankunft auf der Universität mit dem Juristischen an. Auch fand ich diese Wissenschaft keineswegs der Art, daß sie mir widerstanden hätte, vielmehr hätte ich, wenn mein Kopf nicht von anderen Vorsätzen und Bestrebungen wäre zu voll gewesen, mich ihr recht gerne ergeben mögen. So aber erging es mir wie einem Mädchen, das gegen eine vorgeschlagene Heiratspartie bloß deswegen allerlei zu erinnern findet, weil ihr unglücklicherweise ein heimlich Geliebter im Herzen liegt. In den Vorlesungen der Institutionen und Pandekten sitzend, vergaß ich mich oft im Ausbilden dramatischer Szenen und Akte. Ich gab mir alle Mühe, meinen Sinn auf das Vorgetragene zu wenden, allein er lenkte gewaltsam immer abwärts. Es lag mir fortwährend nichts in Gedanken als Poesie und Kunst und meine höhere menschliche Entwickelung, warum ich ja überall seit Jahren mit Leidenschaft nach der Universität gestrebt hatte. Wer mich nun das erste Jahr in meinen nächsten Zwecken bedeutend förderte, war Heeren. Seine Ethnographie und Geschichte legte in mir für fernere Studien dieser Art den besten Grund, sowie die Klarheit und Gediegenheit seines Vortrages auch in anderer Hinsicht für mich von bedeutendem Nutzen war. Ich besuchte jede Stunde mit Liebe und verließ keine, ohne von größerer Hochachtung und Neigung für den vorzüglichen Mann durchdrungen zu sein. Das zweite akademische Jahr begann ich vernünftigerweise mit gänzlicher Beseitigung des juristischen Studiums, das in der Tat viel zu bedeutend war, als daß ich es als Nebensache hätte mitgewinnen können, und das mir in der Hauptsache als ein zu großes Hindernis anhing. Ich schloß mich an die Philologie. Und wie ich im ersten Jahre Heeren sehr viel schuldig geworden, so ward ich es nun Dissen. Denn nicht allein, daß seine Vorlesungen meinen Studien die eigentlich gesuchte und ersehnte Nahrung gaben, ich mich täglich mehr gefördert und aufgeklärt sah, und nach seinen Andeutungen sichere Richtungen für künftige Produktionen nahm, sondern ich hatte auch das Glück, dem werten Manne persönlich bekannt zu werden und mich von ihm in meinen Studien geleitet, bestärkt und ermuntert zu sehen. Überdies war der tägliche Umgang mit ganz vorzüglichen Köpfen unter den Studierenden und das unaufhörliche Besprechen der höchsten Gegenstände, auf Spaziergängen und oft bis tief in die Nacht hinein, für mich ganz unschätzbar und auf meine immer freiere Entwicklung vom günstigsten Einfluß. Indessen war das Ende meiner pekuniären Hülfsmittel nicht mehr ferne. Dagegen hatte ich seit anderthalb Jahren täglich neue Schätze des Wissens in mich aufgenommen; ein ferneres Anhäufen ohne ein praktisches Verwenden war meiner Natur und meinem Lebensgange nicht gemäß, und es herrschte daher in mir ein leidenschaftlicher Trieb, mich durch einige schriftstellerische Produktionen wieder frei und nach ferneren Studien wieder begehrlich zu machen. Sowohl meine dramatische Arbeit, woran ich dem Stoffe nach das Interesse nicht verloren hatte, die aber der Form und dem Gehalte nach bedeutender erscheinen sollte, als auch Ideen in bezug auf Grundsätze der Poesie, die sich besonders als Widerspruch gegen damals herrschende Ansichten entwickelt hatten, gedachte ich hintereinander auszusprechen und zu vollenden. Ich verließ daher im Herbst 1822 die Universität und bezog eine ländliche Wohnung in der Nähe von Hannover. Ich schrieb zunächst jene theoretischen Aufsätze, von denen ich hoffte, daß sie besonders bei jungen Talenten nicht allein zur Hervorbringung, sondern auch zur Beurteilung dichterischer Werke beitragen würden, und gab ihnen den Titel ›Beiträge zur Poesie‹. Im Mai 1823 war ich mit dieser Arbeit zustande. Es kam mir nun in meiner Lage nicht allein darauf an, einen guten Verleger, sondern auch ein gutes Honorar zu erhalten, und so entschloß ich mich kurz und schickte das Manuskript an Goethe und bat ihn um einige empfehlende Worte an Herrn von Cotta. Goethe war nach wie vor derjenige unter den Dichtern, zu dem ich täglich als meinem untrüglichen Leitstern hinaufblickte, dessen Aussprüche mit meiner Denkungsweise in Harmonie standen und mich auf einen immer höheren Punkt der Ansicht stellten, dessen hohe Kunst in Behandlung der verschiedensten Gegenstände ich immer mehr zu ergründen und ihr nachzustreben suchte, und gegen den meine innige Liebe und Verehrung fast leidenschaftlicher Natur war. Bald nach meiner Ankunft in Göttingen hatte ich ihm, neben einer kleinen Skizze meines Lebens- und Bildungsganges, ein Exemplar meiner Gedichte zugesendet, worauf ich denn die große Freude erlebte, nicht allein von ihm einige schriftliche Worte zu erhalten, sondern auch von Reisenden zu hören, daß er von mir eine gute Meinung habe und in den Heften von ›Kunst und Altertum‹ meiner gedenken wolle. Dieses zu wissen war für mich in meiner damaligen Lage von großer Bedeutung, sowie es mir auch jetzt den Mut gab, das soeben vollendete Manuskript vertrauensvoll an ihn zu senden. Es lebte nun in mir kein anderer Trieb, als ihm einmal einige Augenblicke persönlich nahe zu sein; und so machte ich mich denn zur Erreichung dieses Wunsches gegen Ende des Monats Mai auf und wanderte zu Fuß über Göttingen und das Werratal nach Weimar. Auf diesem wegen großer Hitze oft mühsamen Wege hatte ich in meinem Innern wiederholt den tröstlichen Eindruck, als stehe ich unter der besonderen Leitung gütiger Wesen und als möchte dieser Gang für mein ferneres Leben von wichtigen Folgen sein. 1823 Weimar, Dienstag, den 10. Juni 1823 Vor wenigen Tagen bin ich hier angekommen; heute war ich zuerst bei Goethe. Der Empfang seinerseits war überaus herzlich, und der Eindruck seiner Person auf mich der Art, daß ich diesen Tag zu den glücklichsten meines Lebens rechne. Er hatte mir gestern, als ich anfragen ließ, diesen Mittag zwölf Uhr als die Zeit bestimmt, wo ich ihm willkommen sein würde. Ich ging also zur gedachten Stunde hin und fand den Bedienten auch bereits meiner wartend und sich anschickend, mich hinaufzuführen. Das Innere des Hauses machte auf mich einen sehr angenehmen Eindruck; ohne glänzend zu sein, war alles höchst edel und einfach; auch deuteten verschiedene an der Treppe stehende Abgüsse antiker Statuen auf Goethes besondere Neigung zur bildenden Kunst und dem griechischen Altertum. Ich sah verschiedene Frauenzimmer, die unten im Hause geschäftig hin und wider gingen, auch einen der schönen Knaben Ottiliens, der zutraulich zu mir herankam und mich mit großen Augen anblickte. Nachdem ich mich ein wenig umgesehen, ging ich sodann mit dem sehr gesprächigen Bedienten die Treppe hinauf zur ersten Etage. Er öffnete ein Zimmer, vor dessen Schwelle man die Zeichen SALVE als gute Vorbedeutung eines freundlichen Willkommenseins überschritt. Er führte mich durch dieses Zimmer hindurch und öffnete ein zweites, etwas geräumigeres, wo er mich zu verweilen bat, indem er ging, mich seinem Herrn zu melden. Hier war die kühlste erquicklichste Luft; auf dem Boden lag ein Teppich gebreitet, auch war es durch ein rotes Kanapee und Stühle von gleicher Farbe überaus heiter möbliert; gleich zur Seite stand ein Flügel, und an den Wänden sah man Handzeichnungen und Gemälde verschiedener Art und Größe. Durch die offene Tür gegenüber blickte man sodann in ein ferneres Zimmer, gleichfalls mit Gemälden verziert, durch welches der Bediente gegangen war mich zu melden. Es währte nicht lange.. so kam Goethe, in einem blauen Oberrock und in Schuhen; eine erhabene Gestalt! Der Eindruck war überraschend. Doch verscheuchte er sogleich jede Befangenheit durch die freundlichsten Worte. Wir setzten uns auf das Sofa. Ich war glücklich verwirrt in seinem Anblick und seiner Nähe, ich wußte ihm wenig oder nichts zu sagen. Er fing sogleich an von meinem Manuskript zu reden. »Ich komme eben von Ihnen her,« sagte er; »ich habe den ganzen Morgen in Ihrer Schrift gelesen; sie bedarf keiner Empfehlung, sie empfiehlt sich selber.« Er lobte darauf die Klarheit der Darstellung und den Fluß der Gedanken, und daß alles auf gutem Fundament ruhe und wohl durchdacht sei. »Ich will es schnell befördern,« fügte er hinzu; »heute noch schreibe ich an Cotta mit der reitenden Post, und morgen schicke ich das Paket mit der fahrenden nach.« Ich dankte ihm dafür mit Worten und Blicken. Wir sprachen darauf über meine fernere Reise. Ich sagte ihm, daß mein eigentliches Ziel die Rheingegend sei, wo ich an einem passenden Ort zu verweilen und etwas Neues zu schreiben gedenke. Zunächst jedoch wolle ich von hier nach Jena gehen, um dort die Antwort des Herrn von Cotta zu erwarten. Goethe fragte mich, ob ich in Jena schon Bekannte habe; ich erwiderte, daß ich mit Herrn von Knebel in Berührung zu kommen hoffe, worauf er versprach, mir einen Brief mitzugeben, damit ich einer desto bessern Aufnahme gewiß sei. »Nun, nun!« sagte er dann, »wenn Sie in Jena sind, so sind wir ja nahe beieinander und können zueinander und können uns schreiben, wenn etwas vorfällt.« Wir saßen lange beisammen, in ruhiger liebevoller Stimmung. Ich drückte seine Kniee, ich vergaß das Reden über seinem Anblick, ich konnte mich an ihm nicht satt sehen. Das Gesicht so kräftig und braun und voller Falten, und jede Falte voller Ausdruck. Und in allem solche Biederkeit und Festigkeit, und solche Ruhe und Größe! Er sprach langsam und bequem, so wie man sich wohl einen bejahrten Monarchen denkt, wenn er redet. Man sah ihm an, daß er in sich selber ruhet und über Lob und Tadel erhaben ist. Es war mir bei ihm unbeschreiblich wohl; ich fühlte mich beruhigt, so wie es jemandem sein mag, der nach vieler Mühe und langem Hoffen endlich seine liebsten Wünsche befriedigt sieht. Er kam sodann auf meinen Brief und daß ich recht habe, daß, wenn man eine Sache mit Klarheit zu behandeln vermöge, man auch zu vielen anderen Dingen tauglich sei. »Man kann nicht wissen, wie sich das drehet und wendet,« sagte er dann; »ich habe manchen hübschen Freund in Berlin, da habe ich denn dieser Tage Ihrer gedacht.« Dabei lächelte er liebevoll in sich. Er machte mich sodann aufmerksam, was ich in diesen Tagen in Weimar alles noch sehen müsse, und daß er den Herrn Sekretär Kräuter bitten wolle, mich herumzuführen. Vor allen aber solle ich ja nicht versäumen, das Theater zu besuchen. Er fragte mich darauf, wo ich logiere, und sagte, daß er mich noch einmal zu sehen wünsche und zu einer passenden Stunde senden wolle. Mit Liebe schieden wir auseinander; ich im hohen Grade glücklich, denn aus jedem seiner Worte sprach Wohlwollen, und ich fühlte, daß er es überaus gut mit mir im Sinne habe. Mittwoch, den 11. Juni 1823 Diesen Morgen erhielt ich abermals eine Einladung zu Goethe, und zwar mittelst einer von ihm beschriebenen Karte. Ich war darauf wieder ein Stündchen bei ihm. Er erschien mir heute ganz ein anderer als gestern, er zeigte sich in allen Dingen rasch und entschieden wie ein Jüngling. Er brachte zwei dicke Bücher, als er zu mir hereintrat. »Es ist nicht gut,«sagte er, »daß Sie so rasch vorübergehen, vielmehr wird es besser sein, daß wir einander etwas näher kommen. Ich wünsche Sie mehr zu sehen und zu sprechen. Da aber das Allgemeine so groß ist, so habe ich sogleich auf etwas Besonderes gedacht, das als ein Tertium einen Verbindungs- und Besprechungspunkt abgebe. Sie finden in diesen beiden Bänden die ›Frankfurter gelehrten Anzeigen‹ der Jahre 1772 und 1773, und zwar sind auch darin fast alle meine damals geschriebenen kleinen Rezensionen. Diese sind nicht gezeichnet; doch da Sie meine Art und Denkungsweise kennen, so werden Sie sie schon aus den übrigen herausfinden. Ich möchte nun, daß Sie diese Jugendarbeiten etwas näher betrachteten und mir sagten, was Sie davon denken. Ich möchte wissen, ob sie wert sind, in eine künftige Ausgabe meiner Werke aufgenommen zu werden. Mir selber stehen diese Sachen viel zu weit ab, ich habe darüber kein Urteil. Ihr Jüngeren aber müßt wissen, ob sie für euch Wert haben und inwiefern sie bei dem jetzigen Standpunkte der Literatur noch zu gebrauchen. Ich habe bereits Abschriften nehmen lassen, die Sie dann später haben sollen, um sie mit dem Original zu vergleichen. Demnächst, bei einer sorgfältigen Redaktion, würde sich denn auch finden, ob man nicht gut tue, hie und da eine Kleinigkeit auszulassen oder nachzuhelfen, ohne im ganzen dem Charakter zu schaden.« Ich antwortete ihm, daß ich sehr gerne mich an diesen Gegenständen versuchen wolle, und daß ich dabei weiter nichts wünsche als daß es mir gelingen möge, ganz in seinem Sinne zu handeln. »Sowie Sie hineinkommen,« erwiderte er, »werden Sie finden, daß Sie der Sache vollkommen gewachsen sind; es wird Ihnen von der Hand gehen.« Er eröffnete mir darauf, daß er in etwa acht Tagen nach Marienbad abzureisen gedenke, und daß es ihm lieb sein würde, wenn ich bis dahin noch in Weimar bliebe, damit wir uns während der Zeit mitunter sehen und sprechen und persönlich näher kommen möchten. »Auch wünschte ich,« fügte er hinzu, »daß Sie in Jena nicht bloß wenige Tage oder Wochen verweilten, sondern daß Sie sich für den ganzen Sommer dort häuslich einrichteten, bis ich gegen den Herbst von Marienbad zurückkomme. Ich habe bereits gestern wegen einer Wohnung und dergleichen geschrieben, damit Ihnen alles bequem und angenehm werde. Sie finden dort die verschiedenartigsten Quellen und Hülfsmittel für weitere Studien, auch einen sehr gebildeten geselligen Umgang; und überdies ist die Gegend so mannigfaltig, daß Sie wohl funfzig verschiedene Spaziergänge machen können, die alle angenehm und fast alle zu ungestörtem Nachdenken geeignet sind. Sie werden Muße und Gelegenheit finden, in der Zeit für sich selbst manches Neue zu schreiben und nebenbei auch meine Zwecke zu fördern.« Ich fand gegen so gute Vorschläge nichts zu erinnern und willigte in alles mit Freuden. Als ich ging, war er besonders liebevoll; auch bestimmte er auf übermorgen eine abermalige Stunde zu einer ferneren Unterredung. Montag, den 16. Juni 1823 Ich war in diesen Tagen wiederholt bei Goethe. Heute sprachen wir größtenteils von Geschäften. Ich äußerte mich auch über seine Frankfurter Rezensionen, die ich Nachklänge seiner akademischen Jahre nannte, welcher Ausspruch ihm zu gefallen schien, indem er den Standpunkt bezeichne, aus welchem man jene jugendlichen Arbeiten zu betrachten habe. Er gab mir sodann die ersten eilf Hefte von ›Kunst und Altertum‹, damit ich sie neben den Frankfurter Rezensionen als eine zweite Arbeit nach Jena mit hinüber nehme. »Ich wünsche nämlich,« sagte er, »daß Sie diese Hefte gut studierten und nicht allein ein allgemeines Inhaltsverzeichnis darüber machten, sondern auch aufsetzten, welche Gegenstände nicht als abgeschlossen zu betrachten sind, damit es mir vor die Augen trete, welche Fäden ich wieder aufzunehmen und weiter fortzuspinnen habe. Es wird mir dieses eine große Erleichterung sein, und Sie selber werden davon den Gewinn haben, daß Sie auf diesem praktischen Wege den Inhalt aller einzelnen Aufsätze weit schärfer ansehen und in sich aufnehmen, als es bei einem gewöhnlichen Lesen nach persönlicher Neigung zu geschehen pflegt.« Ich fand dieses alles gut und richtig, und sagte, daß ich auch diese Arbeit gern übernehmen wolle. Donnerstag, den 19. [?] Juni 1823 Ich wollte heute eigentlich schon in Jena sein, Goethe sagte aber gestern wünschend und bittend, daß ich doch noch bis Sonntag bleiben und dann mit der Post fahren möchte. Er gab mir gestern die Empfehlungsbriefe und auch einen für die Familie Frommann. »Es wird Ihnen in diesem Kreise gefallen,« sagte er, »Ich habe dort schöne Abende verlebt. Auch Jean Paul, Tieck, die Schlegel, und was in Deutschland sonst Namen hat, ist dort gewesen und hat dort gerne verkehrt, und noch jetzt ist es der Vereinigungspunkt vieler Gelehrter und Künstler und sonst angesehener Personen. In einigen Wochen schreiben Sie mir nach Marienbad, damit ich erfahre, wie es Ihnen geht und wie es Ihnen in Jena gefällt. Auch habe ich meinem Sohn gesagt, daß er Sie während meiner Abwesenheit drüben einmal besuche.« Ich fühlte mich Goethen für so viel Sorgfalt sehr dankbar, und es tat mir wohl, aus allem zu sehen, daß er mich zu den Seinigen zählt und mich als solchen will gehalten haben.   Sonnabend, den 21. Juni, nahm ich sodann von Goethe Abschied und fuhr des andern Tages nach Jena hinüber und richtete mich in einer Gartenwohnung ein bei sehr guten, redlichen Leuten. In den Familien des Herrn von Knebel und Frommann fand ich auf Goethes Empfehlung eine freundliche Aufnahme und einen sehr belehrenden Umgang. In den mitgenommenen Arbeiten schritt ich auf das beste vor, und überdies hatte ich bald die Freude, einen Brief von Herrn von Cotta zu erhalten, worin er sich nicht allein zum Verlage meines ihm zugegangenen Manuskriptes sehr bereit erklärte, sondern mir auch ein ansehnliches Honorar zusicherte und den Druck in Jena unter meinen Augen geschehen ließ. So war nun meine Existenz wenigstens auf ein Jahr gedeckt, und ich fühlte den lebhaften Trieb, in dieser Zeit etwas Neues hervorzubringen und dadurch mein ferneres Glück als Autor zu begründen. Die theoretische und kritische Richtung hoffte ich durch die Aufsätze meiner ›Beiträge zur Poesie‹ ein für allemal hinter mir zu haben; ich hatte mich dadurch über die vorzüglichsten Gesetze aufzuklären gesucht, und meine ganze innere Natur drängte mich nun zur praktischen Ausübung. Ich hatte Pläne zu unzähligen Gedichten, größeren und kleineren, auch zu dramatischen Gegenständen verschiedener Art, und es handelte sich nach meinem Gefühl jetzt bloß darum, wohin ich mich wenden sollte, um mit einigem Behagen eins nach dein andern ruhig ans Licht zu bringen. In Jena gefiel es mir auf die Länge nicht; es war mir zu stille und einförmig. Ich verlangte nach einer großen Stadt, die nicht allein ein vorzügliches Theater besitze, sondern wo sich auch ein freies großes Volksleben entwickele, damit ich bedeutende Lebenselemente in mich aufzunehmen und meine innere Kultur auf das rascheste zu steigern vermöge. In einer solchen Stadt hoffte ich zugleich ganz unbemerkt leben und mich zu jeder Zeit zu einer ganz ungestörten Produktion isolieren zu können. Ich hatte indessen das von Goethe gewünschte Inhaltsverzeichnis der ersten vier Bände von ›Kunst und Altertum‹ entworfen und sendete es ihm mit einem Brief nach Marienbad, worin ich meine Wünsche und Pläne ganz offen aussprach. Ich erhielt darauf alsobald die folgenden Zeilen:   »Das Inhaltsverzeichnis ist mir zur rechten Zeit gekommen und entspricht ganz meinen Wünschen und Zwecken. Lassen Sie mich die Frankfurter Rezensionen bei meiner Rückkehr auf gleiche Weise redigiert finden, so zolle den besten Dank, welchen ich vorläufig schon im stillen entrichte, indem ich Ihre Gesinnungen, Zustände, Wünsche, Zwecke und Pläne mit mir teilnehmend herumtrage, um bei meiner Rückkunft mich über Ihr Wohl desto gründlicher besprechen zu können. Mehr sag ich heute nicht. Der Abschied von Marienbad gibt mancherlei zu denken und zu tun, während man ein allzu kurzes Verweilen mit vorzüglichen Menschen gar schmerzlich empfindet. Möge ich Sie in stiller Tätigkeit antreffen, aus der denn doch zuletzt am sichersten und reinsten Weltumsicht und Erfahrung hervorgeht. Leben Sie wohl; freue mich auf ein längeres und engeres Zusammensein. Marienbad, den 14. August 1823. Goethe.«   Durch solche Zeilen Goethes, deren Empfang mich im hohen Grade beglückte, fühlte ich mich nun vorläufig wieder beruhigt. Ich ward dadurch entschieden, keinen eigenmächtigen Schritt zu tun, sondern mich ganz seinem Rat und Willen zu überlassen. Ich schrieb indes einige kleine Gedichte, beendigte die Redaktion der Frankfurter Rezensionen und sprach meine Ansicht darüber in einer kurzen Abhandlung aus, die ich für Goethe bestimmte. Seiner Zurückkunft aus Marienbad sah ich mit Sehnsucht entgegen, indem auch der Druck meiner ›Beiträge zur Poesie‹ sich zu Ende neigte, und ich auf alle Fälle zu einiger Erfrischung noch diesen Herbst eine kurze Ausflucht von wenigen Wochen an den Rhein zu machen wünschte. Jena, Montag, den 15. September 1823 Goethe ist von Marienbad glücklich zurückgekommen, wird aber, da seine hiesige Gartenwohnung nicht die erforderliche Bequemlichkeit darbietet, hier nur wenige Tage verweilen. Er ist wohl und rüstig, so daß er einen Weg von mehreren Stunden zu Fuß machen kann, und es eine wahre Freude ist, ihn anzusehen. Nach einem beiderseitigen fröhlichen Begrüßen fing Goethe sogleich an über meine Angelegenheit zu reden. »Ich muß geradeheraus sagen,« begann er, »ich wünsche, daß Sie diesen Winter bei mir in Weimar bleiben.« Dies waren seine ersten Worte, dann ging er näher ein und fuhr fort: »In der Poesie und Kritik steht es mit Ihnen aufs beste, Sie haben darin ein natürliches Fundament; das ist Ihr Metier, woran Sie sich zu halten haben und welches Ihnen auch sehr bald eine tüchtige Existenz zuwege bringen wird. Nun ist aber noch manches, was nicht eigentlich zum Fache gehört und was Sie doch auch wissen müssen. Es kommt aber darauf an, daß Sie hiebei nicht lange Zeit verlieren sondern schnell darüber hinwegkommen. Das sollen Sie nun diesen Winter bei uns in Weimar, und Sie sollen sich wundern, wie weit Sie Ostern sein werden. Sie sollen von allem das Beste haben, weil die besten Hülfsmittel in meinen Händen sind. Dann stehen Sie fürs Leben fest und kommen zum Behagen und können überall mit Zuversicht auftreten.« Ich freute mich dieser Vorschläge und sagte, daß ich mich ganz seinen Ansichten und Wünschen überlassen wolle. »Für eine Wohnung in meiner Nähe«, fuhr Goethe fort, »werde ich sorgen; Sie sollen den ganzen Winter keinen unbedeutenden Moment haben. Es ist in Weimar noch viel Gutes beisammen, und Sie werden nach und nach in den höhren Kreisen eine Gesellschaft finden, die den besten aller großen Städte gleichkommt. Auch sind mit mir persönlich ganz vorzügliche Männer verbunden, deren Bekanntschaft Sie nach und nach machen werden und deren Umgang Ihnen im hohen Grade lehrreich und nützlich sein wird.« Goethe nannte mir verschiedene angesehene Namen und bezeichnete mit wenigen Worten die besonderen Verdienste jedes einzelnen. »Wo finden Sie«, fuhr er fort, »auf einem so engen Fleck noch so viel Gutes! Auch besitzen wir eine ausgesuchte Bibliothek und ein Theater, was den besten anderer deutschen Städte in den Hauptsachen keineswegs nachsteht. Ich wiederhole daher: bleiben Sie bei uns, und nicht bloß diesen Winter, wählen Sie Weimar zu Ihrem Wohnort. Es gehen von dort die Tore und Straßen nach allen Enden der Welt. Im Sommer machen Sie Reisen und sehen nach und nach, was Sie zu sehen wünschen. Ich bin seit funfzig Jahren dort, und wo bin ich nicht überall gewesen! – Aber ich bin immer gerne nach Weimar zurückgekehrt.« Ich war beglückt, Goethen wieder nahe zu sein und ihn wieder reden zu hören, und ich fühlte mich ihm mit meinem ganzen Innern hingegeben. Wenn ich nur dich habe und haben kann, dachte ich, so wird mir alles übrige recht sein. Ich wiederholte ihm daher, daß ich bereit sei, alles zu tun, was er in Erwägung meiner besonderen Lage nur irgend für gut halte. Jena, Donnerstag, den 18. September 1823 Gestern morgen, vor Goethes Abreise nach Weimar, war ich so glücklich, wieder ein Stündchen bei ihm zu sein. Und da führte er ein höchst bedeutendes Gespräch, was für mich ganz unschätzbar ist und mir auf mein ganzes Leben wohltut. Alle jungen Dichter in Deutschland müßten es wissen, es könnte ihnen helfen. Er leitete das Gespräch ein, indem er mich fragte, ob ich diesen Sommer keine Gedichte gemacht. Ich antwortete ihm, daß ich zwar einige gemacht, daß es mir aber im ganzen dazu an Behagen gefehlt. »Nehmen Sie sich in acht«, sagte er darauf, »vor einer großen Arbeit. Das ists eben, woran unsere Besten leiden, gerade diejenigen, in denen das meiste Talent und das tüchtigste Streben vorhanden. Ich habe auch daran gelitten und weiß, was es mir geschadet hat. Was ist da nicht alles in den Brunnen gefallen! Wenn ich alles gemacht hätte, was ich recht gut hätte machen können, es würden keine hundert Bände reichen. Die Gegenwart will ihre Rechte; was sich täglich im Dichter von Gedanken und Empfindungen aufdrängt, das will und soll ausgesprochen sein. Hat man aber ein größeres Werk im Kopfe, so kann nichts daneben aufkommen, so werden alle Gedanken zurückgewiesen, und man ist für die Behaglichkeit des Lebens selbst so lange verloren. Welche Anstrengung und Verwendung von Geisteskraft gehört nicht dazu, um nur ein großes Ganzes in sich zu ordnen und abzurunden, und welche Kräfte und welche ruhige ungestörte Lage im Leben, um es dann in einem Fluß gehörig auszusprechen. Hat man sich nun im Ganzen vergriffen, so ist alle Mühe verloren; ist man ferner, bei einem so umfangreichen Gegenstande, in einzelnen Teilen nicht völlig Herr seines Stoffes, so wird das Ganze stellenweise mangelhaft werden, und man wird gescholten; und aus allem entspringt für den Dichter statt Belohnung und Freude für so viele Mühe und Aufopferung nichts als Unbehagen und Lähmung der Kräfte. Faßt dagegen der Dichter täglich die Gegenwart auf, und behandelt er immer gleich in frischer Stimmung, was sich ihm darbietet, so macht er sich immer etwas Gutes, und gelingt ihm auch einmal etwas nicht, so ist nichts daran verloren. Da ist der August Hagen in Königsberg, ein herrliches Talent; haben Sie seine ›Olfried und Lisena‹ gelesen ? Da sind Stellen darin, wie sie nicht besser sein können; die Zustände an der Ostsee, und was sonst in dortige Lokalität hineinschlägt, alles meisterhaft. Aber es sind nur schöne Stellen, als Ganzes will es niemanden behagen. Und welche Mühe und welche Kräfte hat er daran verwendet! ja er hat sich fast daran erschöpft. Jetzt hat er ein Trauerspiel gemacht!« Dabei lächelte Goethe und hielt einen Augenblick inne. Ich nahm das Wort und sagte, daß, wenn ich nicht irre, er Hagen in ›Kunst und Altertum‹ geraten, nur kleine Gegenstände zu behandeln. »Freilich habe ich das,« erwiderte Goethe; »aber tut man denn, was wir Alten sagen? Jeder glaubt, er müsse es doch selber am besten wissen, und dabei geht mancher verloren, und mancher hat lange daran zu irren. Es ist aber jetzt keine Zeit mehr zum Irren, dazu sind wir Alten gewesen; und was hätte uns alle unser Suchen und Irren geholfen, wenn ihr jüngeren Leute wieder dieselbigen Wege laufen wolltet? Da kämen wir ja nie weiter! Uns Alten rechnet man den Irrtum zugute, weil wir die Wege nicht gebahnt fanden; wer aber später in die Welt eintritt, von dem verlangt man mehr, der soll nicht abermals irren und suchen, sondern er soll den Rat der Alten nutzen und gleich auf gutem Wege fortschreiten. Es soll nicht genügen, daß man Schritte tue, die einst zum Ziele führen, sondern jeder Schritt soll Ziel sein und als Schritt gelten. Tragen Sie diese Worte bei sich herum, und sehen Sie zu, was Sie davon mit sich vereinigen können. Es ist mir eigentlich um Sie nicht bange, aber ich helfe Sie durch mein Zureden vielleicht schnell über eine Periode hinweg, die Ihrer jetzigen Lage nicht gemäß ist. Machen Sie vorderhand, wie gesagt, immer nur kleine Gegenstände, immer alles frischweg, was sich Ihnen täglich darbietet, so werden Sie in der Regel immer etwas Gutes leisten, und jeder Tag wird Ihnen Freude bringen. Geben Sie es zunächst in die Taschenbücher, in die Zeitschriften; aber fügen Sie sich nie fremden Anforderungen, sondern machen Sie es immer nach Ihrem eigenen Sinn. Die Welt ist so groß und reich und das Leben so mannigfaltig, daß es an Anlässen zu Gedichten nie fehlen wird. Aber es müssen alles Gelegenheitsgedichte sein, das heißt, die Wirklichkeit muß die Veranlassung und den Stoff dazu hergeben. Allgemein und poetisch wird ein spezieller Fall eben dadurch, daß ihn der Dichter behandelt. Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden. Von Gedichten, aus der Luft gegriffen, halte ich nichts. Man sage nicht, daß es der Wirklichkeit an poetischem Interesse fehle; denn eben darin bewährt sich ja der Dichter, daß er geistreich genug sei, einem gewöhnlichen Gegenstande eine interessante Seite abzugewinnen. Die Wirklichkeit soll die Motive hergeben, die auszusprechenden Punkte, den eigentlichen Kern; aber ein schönes belebtes Ganzes daraus zu bilden, ist Sache des Dichters. Sie kennen den Fürnstein, den sogenannten Naturdichter, er hat ein Gedicht gemacht über den Hopfenbau, es läßt sich nicht artiger machen. Jetzt habe ich ihm Handwerkslieder aufgegeben, besonders ein Weberlied, und ich bin gewiß, daß es ihm gelingen wird; denn er hat von Jugend auf unter solchen Leuten gelebt, er kennt den Gegenstand durch und durch, er wird Herr seines Stoffes sein. Und das ist eben der Vorteil bei kleinen Sachen, daß man nur solche Gegenstände zu wählen braucht und wählen wird, die man kennet, von denen man Herr ist. Bei einem großen dichterischen Werk geht das aber nicht, da läßt sich nicht ausweichen, alles, was zur Verknüpfung des Ganzen gehört und in den Plan hinein mit verflochten ist, muß dargestellt werden, und zwar mit getroffener Wahrheit. Bei der Jugend aber ist die Kenntnis der Dinge noch einseitig; ein großes Werk aber erfordert Vielseitigkeit, und daran scheitert man.« Ich sagte Goethen, daß ich im Willen gehabt, ein großes Gedicht über die Jahreszeiten zu machen und die Beschäftigungen und Belustigungen aller Stände hineinzuverflechten. »Hier ist derselbige Fall,« sagte Goethe darauf »es kann Ihnen vieles daran gelingen, aber manches, was Sie vielleicht noch nicht gehörig durchforscht haben und kennen, gelingt Ihnen nicht. Es gelingt Ihnen vielleicht der Fischer, aber der Jäger vielleicht nicht. Gerät aber am Ganzen etwas nicht, so ist es als Ganzes mangelhaft, so gut einzelne Partien auch sein mögen, und Sie haben nichts Vollendetes geleistet. Stellen Sie aber bloß die einzelnen Partien für sich selbständig dar, denen Sie gewachsen sind, so machen Sie sicher etwas Gutes. Besonders warne ich vor eigenen großen Erfindungen; denn da will man eine Ansicht der Dinge geben, und die ist in der Jugend selten reif. Ferner: Charaktere und Ansichten lösen sich als Seiten des Dichters von ihm ab und berauben ihn für fernere Produktionen der Fülle. Und endlich: welche Zeit geht nicht an der Erfindung und inneren Anordnung und Verknüpfung verloren, worauf uns niemand etwas zugute tut, vorausgesetzt, daß wir überhaupt mit unserer Arbeit zustande kommen. Bei einem gegebenen Stoff hingegen ist alles anders und leichter. Da werden Fakta und Charaktere überliefert, und der Dichter hat nur die Belebung des Ganzen. Auch bewahrt er dabei seine eigene Fülle, denn er braucht nur wenig von dem Seinigen hinzuzutun auch ist der Verlust von Zeit und Kräften bei weitem geringer, denn er hat nur die Mühe der Ausführung. Ja, ich rate sogar zu schon bearbeiteten Gegenständen. Wie oft ist nicht die Iphigenie gemacht, und doch sind alle verschieden; denn jeder sieht und stellt die Sachen anders, eben nach seiner Weise. Aber lassen Sie vorderhand alles Große zur Seite. Sie haben lange genug gestrebt, es ist Zeit, daß Sie zur Heiterkeit des Lebens gelangen, und dazu eben ist die Bearbeitung kleiner Gegenstände das beste Mittel.« Wir waren bei diesem Gespräch in seiner Stube auf und ab gegangen; ich konnte immer nur zustimmen, denn ich fühlte die Wahrheit eines jeden Wortes in meinem ganzen Wesen. Bei jedem Schritt ward es mir leichter und glücklicher, denn ich will nur gestehen, daß verschiedene größere Pläne, womit ich bis jetzt nicht recht ins klare kommen konnte, mir keine geringe Last gewesen sind. Jetzt habe ich sie von mir geworfen, und sie mögen nun ruhen, bis ich einmal einen Gegenstand und eine Partie nach der andern mit Heiterkeit wieder aufnehme und hinzeichne, so wie ich nach und nach durch Erforschung der Welt von den einzelnen Teilen des Stoffes Meister werde. Ich fühle mich nun durch Goethes Worte um ein paar Jahre klüger und fortgerückt und weiß in meiner tiefsten Seele das Glück zu erkennen, was es sagen will, wenn man einmal mit einem rechten Meister zusammentrifft. Der Vorteil ist gar nicht zu berechnen. Was werde ich nun diesen Winter nicht noch bei ihm lernen, und was werde ich nicht durch den bloßen Umgang mit ihm gewinnen, auch in Stunden, wenn er eben nicht grade etwas Bedeutendes spricht! – Seine Person, seine bloße Nähe scheint mir bildend zu sein, selbst wenn er kein Wort sagte. Weimar, Donnerstag, den 2. Oktober 1823 Bei sehr freundlichem Wetter bin ich gestern von Jena herübergefahren. Gleich nach meiner Ankunft sendete mir Goethe, zum Willkommen in Weimar, ein Abonnement ins Theater. Ich benutzte den gestrigen Tag zu meiner häuslichen Einrichtung, da ohnehin im Goetheschen Hause viel Bewegung war, indem der französische Gesandte Graf Reinhard aus Frankfurt und der preußische Staatsrat Schultz aus Berlin gekommen waren, ihn zu besuchen. Diesen Vormittag war ich dann bei Goethe. Er freute sich über meine Ankunft und war überaus gut und liebenswürdig. Als ich gehen wollte, sagte er, daß er mich doch zuvor mit dem Staatsrat Schultz bekannt machen wolle. Er führte mich in das angrenzende Zimmer, wo ich den gedachten Herrn mit Betrachtung von Kunstwerken beschäftigt fand, und wo er mich ihm vorstellte und uns dann zu weiterem Gespräch allein ließ. »Es ist sehr erfreulich,« sagte Schultz darauf, »daß Sie in Weimar bleiben und Goethe bei der Redaktion seiner bisher ungedruckten Schriften unterstützen wollen. Er hat mir schon gesagt, welchen Gewinn er sich von Ihrer Mitwirkung verspricht, und daß er nun auch noch manches Neue zu vollenden hofft.« Ich antwortete ihm, daß ich keinen anderen Lebenszweck habe, als der deutschen Literatur nützlich zu sein, und daß ich, in der Hoffnung hier wohltätig einzuwirken, gerne meine eigenen literarischen Vorsätze vorläufig zurückstehen lassen wolle. Auch würde, fügte ich hinzu, ein praktischer Verkehr mit Goethe höchst wohltätig auf meine fernere Ausbildung wirken, ich hoffe dadurch nach einigen Jahren eine gewisse Reife zu erlangen, und sodann weit besser zu vollbringen, was ich jetzt nur in geringerem Grade zu tun imstande wäre. »Gewiß«, sagte Schultz, »ist die persönliche Einwirkung eines so außerordentlichen Menschen und Meisters wie Goethe ganz unschätzbar. Ich bin auch herübergekommen, um mich an diesem großen Geiste einmal wieder zu erquicken.« Er erkundigte sich sodann nach dem Druck meines Buches, wovon Goethe ihm schon im vorigen Sommer geschrieben. Ich sagte ihm, daß ich in einigen Tagen die ersten Exemplare von Jena zu bekommen hoffe, und daß ich nicht verfehlen würde, ihm eins zu verehren und nach Berlin zu schicken, im Fall er nicht mehr hier sein sollte, Wir schieden darauf unter herzlichem Händedrücken. Dienstag, den 14. Oktober 1823 Diesen Abend war ich bei Goethe das erste Mal zu einem großen Tee. Ich war der erste am Platz und freute mich über die hellerleuchteten Zimmer, die bei offenen Türen eins ins andere führten. In einem der letzten fand ich Goethe, der mir sehr heiter entgegenkam. Er trug auf schwarzem Anzug seinen Stern, welches ihn so wohl kleidete. Wir waren noch eine Weile allein und gingen in das sogenannte Deckenzimmer, wo das über einem roten Kanapee hängende Gemälde der Aldobrandinischen Hochzeit mich besonders anzog. Das Bild war, bei zur Seite geschobenen grünen Vorhängen, in voller Beleuchtung mir vor Augen, und ich freute mich, es in Ruhe zu betrachten. »Ja,« sagte Goethe, »die Alten hatten nicht allein große Intentionen, sondern es kam bei ihnen auch zur Erscheinung. Dagegen haben wir Neueren auch wohl große Intentionen, allein wir sind selten fähig, es so kräftig und lebensfrisch hervorzubringen, als wir es uns dachten.« Nun kam auch Riemer und Meyer, auch der Kanzler von Müller und mehrere andere angesehene Herren und Damen von Hofe. Auch Goethes Sohn trat herein und Frau von Goethe, deren Bekanntschaft ich hier zuerst machte. Die Zimmer füllten sich nach und nach, und es ward in allen sehr munter und lebendig. Auch einige hübsche junge Ausländer waren gegenwärtig, mit denen Goethe französisch sprach. Die Gesellschaft gefiel mir, es war alles so frei und ungezwungen, man stand, man saß, man scherzte, man lachte und sprach mit diesem und jenem, alles nach freier Neigung. Ich sprach mit dem jungen Goethe sehr lebendig über das ›Bild‹ von Houwald, welches vor einigen Tagen gegeben worden. Wir waren über das Stück einer Meinung, und ich freute mich, wie der junge Goethe die Verhältnisse mit so vielem Geist und Feuer auseinander zu setzen wußte. Goethe selbst erschien in der Gesellschaft sehr liebenswürdig. Er ging bald zu diesem und zu jenem und schien immer lieber zu hören und seine Gäste reden zu lassen, als selber viel zu reden. Frau von Goethe kam oft und hängte und schmiegte sich an ihn und küßte ihn. Ich hatte ihm vor kurzem gesagt, daß mir das Theater so große Freude mache und daß es mich sehr aufheitere, indem ich mich bloß dem Eindruck der Stücke hingebe, ohne darüber viel zu denken. Dies schien ihm recht und für meinen gegenwärtigen Zustand passend zu sein. Er trat mit Frau von Goethe zu mir heran. »Das ist meine Schwiegertochter,« sagte er; »kennt ihr beiden euch schon?« Wir sagten ihm, daß wir soeben unsere Bekanntschaft gemacht. »Das ist auch so ein Theaterkind wie du, Ottilie«, sagte er dann, und wir freuten uns miteinander über unsere beiderseitige Neigung. »Meine Tochter«, fügte er hinzu, »versäumt keinen Abend.« – »Solange gute heitere Stücke gegeben werden,« erwiderte ich, »lasse ich es gelten, allein bei schlechten Stücken muß man auch etwas aushalten.« – »Das ist eben recht,«erwiderte Goethe, »daß man nicht fort kann und gezwungen ist auch das Schlechte zu hören und zu sehen. Da wird man recht von Haß gegen das Schlechte durchdrungen und kommt dadurch zu einer desto besseren Einsicht des Guten. Beim Lesen ist das nicht so, da wirft man das Buch aus den Händen, wenn es einem nicht gefällt, aber im Theater muß man aushalten.« Ich gab ihm recht und dachte, der Alte sagt auch gelegentlich immer etwas Gutes. Wir trennten uns und mischten uns unter die übrigen, die sich um uns herum und in diesem und jenem Zimmer laut und lustig unterhielten. Goethe begab sich zu den Damen; ich gesellte mich zu Riemer und Meyer, die uns viel von Italien erzählten. Regierungsrat Schmidt setzte sich später zum Flügel und trug Beethovensche Sachen vor, welche die Anwesenden mit innigem Anteil aufzunehmen schienen. Eine geistreiche Dame erzählte darauf viel Interessantes von Beethovens Persönlichkeit. Und so ward es nach und nach zehn Uhr, und es war mir der Abend im hohen Grade angenehm vergangen. Sonntag, den 19. Oktober 1823 Diesen Mittag war ich das erste Mal bei Goethe zu Tisch. Es waren außer ihm nur Frau von Goethe, Fräulein Ulrike und der kleine Walter gegenwärtig, und wir waren also bequem unter uns, Goethe zeigte sich ganz als Familienvater, er legte alle Gerichte vor, tranchierte gebratenes Geflügel, und zwar mit besonderem Geschick, und verfehlte auch nicht, mitunter einzuschenken. Wir anderen schwatzten munteres Zeug über Theater, junge Engländer und andere Vorkommnisse des Tages; besonders war Fräulein Ulrike sehr heiter und im hohen Grade unterhaltend. Goethe war im ganzen still, indem er nur von Zeit zu Zeit als Zwischenbemerkung mit etwas Bedeutendem hervorkam. Dabei blickte er hin und wieder in die Zeitungen und teilte uns einige Stellen mit, besonders über die Fortschritte der Griechen. Es kam dann zur Sprache, daß ich noch Englisch lernen müsse, wozu Goethe dringend riet, besonders des Lord Byron wegen, dessen Persönlichkeit von solcher Eminenz, wie sie nicht dagewesen und wohl schwerlich wiederkommen werde. Man ging die hiesigen Lehrer durch, fand aber keinen von einer durchaus guten Aussprache, weshalb man es für besser hielt, sich an junge Engländer zu halten. Nach Tisch zeigte Goethe mir einige Experimente in bezug auf die Farbenlehre. Der Gegenstand war mir jedoch durchaus fremd, ich verstand so wenig das Phänomen als das, was er darüber sagte; doch hoffte ich, daß die Zukunft mir Muße und Gelegenheit geben würde, in dieser Wissenschaft einigermaßen einheimisch zu werden. Dienstag, den 21. Oktober 1823 Ich war diesen Abend bei Goethe. Wir sprachen über die ›Pandora‹. Ich fragte ihn, ob man diese Dichtung wohl als ein Ganzes ansehen könne, oder ob noch etwas weiteres davon existiere. Er sagte, es sei weiter nichts vorhanden, er habe es nicht weiter gemacht, und zwar deswegen nicht, weil der Zuschnitt des ersten Teiles so groß geworden, daß er später einen zweiten nicht habe durchführen können. Auch wäre das Geschriebene recht gut als ein Ganzes zu betrachten, weshalb er sich auch dabei beruhiget habe. Ich sagte ihm, daß ich bei dieser schweren Dichtung erst nach und nach zum Verständnis durchgedrungen, nachdem ich sie so oft gelesen, daß ich sie nun fast auswendig wisse. Darüber lächelte Goethe. »Das glaube ich wohl,« sagte er, »es ist alles als wie ineinander gekeilt .« Ich sagte ihm, daß ich wegen dieses Gedichts nicht ganz mit Schubarth zufrieden, der darin alles das vereinigt finden wolle, was im ›Werther‹, ›Wilhelm Meister‹, ›Faust‹ und ›Wahlverwandtschaften‹ einzeln ausgesprochen sei, wodurch doch die Sache sehr unfaßlich und schwer werde. »Schubarth«, sagte Goethe, »geht oft ein wenig tief; doch ist er sehr tüchtig, es ist bei ihm alles prägnant.« Wir sprachen über Uhland. »Wo ich große Wirkungen sehe,« sagte Goethe, »pflege ich auch große Ursachen vorauszusetzen, und bei der so sehr verbreiteten Popularität, die Uhland genießt, muß also wohl etwas Vorzügliches an ihm sein. Übrigens habe ich über seine ›Gedichte‹ kaum ein Urteil. Ich nahm den Band mit der besten Absicht zu Händen, allein ich stieß von vorne herein gleich auf so viele schwache und trübselige Gedichte, daß mir das Weiterlesen verleidet wurde. Ich griff dann nach seinen Balladen, wo ich denn freilich ein vorzügliches Talent gewahr wurde und recht gut sah, daß sein Ruhm einigen Grund hat.« Ich fragte darauf Goethe um seine Meinung hinsichtlich der Verse zur deutschen Tragödie. »Man wird sich in Deutschland«, antwortete er, »schwerlich darüber vereinigen. Jeder macht's wie er eben will und wie es dem Gegenstande einigermaßen gemäß ist. Der sechsfüßige Jambus wäre freilich am würdigsten, allein er ist für uns Deutsche zu lang; wir sind wegen der mangelnden Beiwörter gewöhnlich schon mit fünf Füßen fertig. Die Engländer reichen wegen ihrer vielen einsilbigen Wörter noch weniger.« Goethe zeigte mir darauf einige Kupferwerke und sprach dann über die altdeutsche Baukunst, und daß er mir manches der Art nach und nach vorlegen wolle. »Man sieht in den Werken der altdeutschen Baukunst«, sagte er, »die Blüte eines außerordentlichen Zustandes. Wem eine solche Blüte unmittelbar entgegentritt, der kann nichts als anstaunen; wer aber in das geheime innere Leben der Pflanze hineinsieht, in das Regen der Kräfte und wie sich die Blüte nach und nach entwickelt, der sieht die Sache mit ganz anderen Augen, der weiß, was er sieht. Ich will dafür sorgen, daß Sie im Lauf dieses Winters in diesem wichtigen Gegenstande einige Einsicht erlangen, damit, wenn Sie nächsten Sommer an den Rhein gehen, es Ihnen beim Straßburger Münster und Kölner Dom zugute komme.« Ich freute mich dazu und fühlte mich ihm dankbar. Sonnabend, den 25. Oktober 1823 In der Dämmerung war ich ein halbes Stündchen bei Goethe. Er saß auf einem hölzernen Lehnstuhl vor seinem Arbeitstische; ich fand ihn in einer wunderbar sanften Stimmung, wie einer, der von himmlischem Frieden ganz erfüllt ist, oder wie einer, der an ein süßes Glück denkt, das er genossen hat und das ihm wieder in aller Fülle vor der Seele schwebt. Stadelmann mußte mir einen Stuhl in seine Nähe setzen. Wir sprachen sodann vom Theater, welches zu meinen Hauptinteressen dieses Winters gehört. Raupachs ›Erdennacht‹ war das letzte gewesen, was ich gesehen. Ich gab mein Urteil darüber: daß das Stück nicht zur Erscheinung gekommen, wie es im Geiste des Dichters gelegen, daß mehr die Idee vorherrschte als das Leben, daß es mehr lyrisch als dramatisch sei, daß dasjenige, was durch fünf Akte hindurchgesponnen und hindurchgezogen wird, weit besser in zweien oder dreien wäre zu geben gewesen. Goethe fügte hinzu, daß die Idee des Ganzen sich um Aristokratie und Demokratie drehe, und daß dieses kein allgemein menschliches Interesse habe. Ich lobte dagegen, was ich von Kotzebue gesehen, nämlich seine ›Verwandtschaften‹ und die ›Versöhnung‹. Ich lobte daran den frischen Blick ins wirkliche Leben, den glücklichen Griff für die interessanten Seiten desselben, und die mitunter sehr kernige wahre Darstellung. Goethe stimmte mir bei. »Was zwanzig Jahre sich erhält«, sagte er, »und die Neigung des Volkes hat, das muß schon etwas sein. Wenn er in seinem Kreise blieb und nicht über sein Vermögen hinausging, so machte Kotzebue in der Regel etwas Gutes. Es ging ihm wie Chodowiecki; die bürgerlichen Szenen gelangen auch diesem vollkommen, wollte er aber römische oder griechische Helden zeichnen, so ward es nichts.« Goethe nannte mir noch einige gute Stücke von Kotzebue, besonders ›Die beiden Klingsberge‹. »Es ist nicht zu leugnen,« fügte er hinzu, »er hat sich im Leben umgetan und die Augen offen gehabt. Geist und irgend Poesie«, fuhr Goethe fort, »kann man den neueren tragischen Dichtern nicht absprechen; allein den meisten fehlt das Vermögen der leichten lebendigen Darstellung; sie streben nach etwas, das über ihre Kräfte hinausgeht, und ich möchte sie in dieser Hinsicht forderte Talente nennen.« »Ich zweifle,« sagte ich, »daß solche Dichter ein Stück in Prosa schreiben können, und bin der Meinung, daß dies der wahre Probierstein ihres Talentes sein würde.« Goethe stimmte mir bei und fügte hinzu, daß die Verse den poetischen Sinn steigerten oder wohl gar hervorlockten. Wir sprachen darauf dies und jenes über vorhabende Arbeiten. Es war die Rede von seiner ›Reise über Frankfurt und Stuttgart nach der Schweiz‹, die er in drei Heften liegen hat und die er mir zusenden will, damit ich die Einzelnheiten lese und Vorschläge tue, wie daraus ein Ganzes zu machen. »Sie werden sehen,« sagte er, »es ist alles nur so hingeschrieben, wie es der Augenblick gab; an einen Plan und eine künstlerische Rundung ist dabei gar nicht gedacht, es ist, als wenn man einen Eimer Wasser ausgießt. « Ich freute mich dieses Gleichnisses, welches mir sehr geeignet erschien, um etwas durchaus Planloses zu bezeichnen. Montag, den 27. Oktober 1823 Heute früh wurde ich bei Goethe auf diesen Abend zum Tee und Konzert eingeladen. Der Bediente zeigte mir die Liste der zu invitierenden Personen, woraus ich sah, daß die Gesellschaft sehr zahlreich und glänzend sein würde. Er sagte, es sei eine junge Polin angekommen, die etwas auf dem Flügel spielen werde. Ich nahm die Einladung mit Freuden an. Nachher wurde der Theaterzettel gebracht: ›Die Schachmaschine‹ sollte gegeben werden. Das Stück war mir unbekannt, meine Wirtin aber ergoß sich darüber in ein solches Lob, daß ein großes Verlangen sich meiner bemächtigte, es zu sehen. Überdies befand ich mich den Tag über nicht zum besten, und es ward mir immer mehr, als passe ich besser in eine lustige Komödie als in eine so gute Gesellschaft. Gegen Abend, eine Stunde vor dem Theater, ging ich zu Goethe. Es war im Hause schon alles lebendig; ich hörte im Vorbeigehen in dem größeren Zimmer den Flügel stimmen, als Vorbereitung zu der musikalischen Unterhaltung. Ich traf Goethe in seinem Zimmer allein; er war bereits festlich angezogen, ich schien ihm gelegen. »Nun bleiben Sie gleich hier,« sagte er, »wir wollen uns so lange unterhalten, bis die übrigen auch kommen.« Ich dachte, da kommst du doch nicht los, da wirst du doch bleiben müssen; es ist dir zwar jetzt mit Goethen allein sehr angenehm, doch wenn erst die vielen fremden Herren und Damen erscheinen, da wirst du dich nicht in deinem Elemente fühlen. Ich ging mit Goethe im Zimmer auf und ab. Es dauerte nicht lange, so war das Theater der Gegenstand unseres Gesprächs, und ich hatte Gelegenheit zu wiederholen, daß es mir die Quelle eines immer neuen Vergnügens sei, zumal da ich in früherer Zeit so gut wie gar nichts gesehen und jetzt fast alle Stücke auf mich eine ganz frische Wirkung ausübten. »Ja,« fügte ich hinzu, »es ist mit mir so arg, daß es mich heute sogar in Unruhe und Zwiespalt gebracht hat, obgleich mir bei Ihnen eine so bedeutende Abendunterhaltung bevorsteht.« »Wissen Sie was?« sagte Goethe darauf, indem er stille stand und mich groß und freundlich ansah, »gehen Sie hin! Genieren Sie sich nicht! Ist Ihnen das heitere Stück diesen Abend vielleicht bequemer, Ihren Zuständen angemessener, so gehen Sie hin. Bei mir haben Sie Musik, das werden Sie noch öfter haben.« – »Ja,« sagte ich, »so will ich hingehen; es wird mir überdies vielleicht besser sein, daß ich lache.« – »Nun«, sagte Goethe, »so bleiben Sie bis gegen sechs Uhr bei mir, da können wir noch ein Wörtchen reden.« Stadelmann brachte zwei Wachslichter, die er auf Goethes Arbeitstisch stellte. Goethe ersuchte mich, vor den Lichtern Platz zu nehmen, er wolle mir etwas zu lesen geben. Und was legte er mir vor? Sein neuestes, liebstes Gedicht, seine ›Elegie‹ von Marienbad. Ich muß hier in bezug auf den Inhalt dieses Gedichts einiges nachholen. Gleich nach Goethes diesmaliger Zurückkunft aus genanntem Badeort verbreitete sich hier die Sage, er habe dort die Bekanntschaft einer an Körper und Geist gleich liebenswürdigen jungen Dame gemacht und zu ihr eine leidenschaftliche Neigung gefaßt. Wenn er in der Brunnenallee ihre Stimme gehört, habe er immer rasch seinen Hut genommen und sei zu ihr hinuntergeeilt. Er habe keine Stunde versäumt, bei ihr zu sein, er habe glückliche Tage gelebt; sodann, die Trennung sei ihm sehr schwer geworden und er habe in solchem leidenschaftlichen Zustande ein überaus schönes Gedicht gemacht, das er jedoch wie eine Art Heiligtum ansehe und geheimhalte. Ich glaubte dieser Sage, weil sie nicht allein seiner körperlichen Rüstigkeit, sondern auch der produktiven Kraft seines Geistes und der gesunden Frische seines Herzens vollkommen entsprach. Nach dem Gedicht selbst hatte ich längst ein großes Verlangen getragen, doch mit Recht Anstand genommen, Goethe darum zu bitten. Ich hatte daher die Gunst des Augenblicks zu preisen, wodurch es mir nun vor Augen lag. Er hatte die Verse eigenhändig mit lateinischen Lettern auf starkes Velinpapier geschrieben und mit einer seidenen Schnur in einer Decke von rotem Maroquin befestigt, und es trug also schon im Äußern, daß er dieses Manuskript vor allen seinen übrigen besonders wert halte. Ich las den Inhalt mit hoher Freude und fand in jeder Zeile die Bestätigung der allgemeinen Sage. Doch deuteten gleich die ersten Verse darauf, daß die Bekanntschaft nicht dieses Mal erst gemacht, sondern erneuert worden. Das Gedicht wälzte sich stets um seine eigene Achse und schien immer dahin zurückzukehren, woher es ausgegangen. Der Schluß, wunderbar abgerissen, wirkte durchaus ungewohnt und tief ergreifend. Als ich ausgelesen, trat Goethe wieder zu mir heran. »Gelt,« sagte er, »da habe ich Euch etwas Gutes gezeigt. In einigen Tagen sollen Sie mir darüber weissagen.« Es war mir sehr lieb, daß Goethe durch diese Worte ein augenblickliches Urteil meinerseits ablehnte, denn ohnehin war der Eindruck zu neu und zu schnell vorübergehend, als daß ich etwas Gehöriges darüber hätte sagen können. Goethe versprach, bei ruhiger Stunde es mir abermals vorzulegen. Es war indes die Zeit des Theaters herangekommen, und ich schied unter herzlichen Händedrücken. Die › Schachmaschine‹ mochte ein sehr gutes Stück sein und auch ebenso gut gespielt werden; allein ich war nicht dabei, meine Gedanken waren bei Goethe. Nach dem Theater ging ich an seinem Hause vorüber; es glänzte alles von Lichtern, ich hörte, daß gespielt wurde, und bereute, daß ich nicht dort geblieben.   Am andern Tag erzählte man mir, daß die junge polnische Dame, Madame Szymanowska, der zu Ehren der festliche Abend veranstaltet worden, den Flügel ganz meisterhaft gespielt habe, zum Entzücken der ganzen Gesellschaft. Ich erfuhr auch, daß Goethe sie diesen Sommer in Marienbad kennen gelernt, und daß sie nun gekommen, ihn zu besuchen. Mittaus kommunizierte mir Goethe ein kleines Manuskript: ›Studien‹ von Zauper, worin ich sehr treffende Bemerkungen fand. Ich sendete ihm dagegen einige Gedichte, die ich diesen Sommer in Jena gemacht und wovon ich ihm gesagt hatte. Mittwoch, den 29. Oktober 1823 Diesen Abend zur Zeit des Lichtanzündens ging ich zu Goethe. Ich fand ihn sehr frischen aufgeweckten Geistes, seine Augen funkelten im Widerschein des Lichtes, sein ganzer Ausdruck war Heiterkeit, Kraft und Jugend. Er fing sogleich von den Gedichten, die ich ihm gestern zugeschickt, zu reden an, indem er mit mir in seinem Zimmer auf und ab ging. »Ich begreife jetzt,« begann er, »wie Sie in Jena gegen mich äußern konnten, Sie wollten ein Gedicht über die Jahreszeiten machen. Ich rate jetzt dazu; fangen Sie gleich mit dem Winter an. Sie scheinen für natürliche Gegenstände besondern Sinn und Blick zu haben. Nur zwei Worte will ich Ihnen über die Gedichte sagen. Sie stehen jetzt auf dem Punkt, wo Sie notwendig zum eigentlich Hohen und Schweren der Kunst durchbrechen müssen, zur Auffassung des Individuellen. Sie müssen mit Gewalt, damit Sie aus der Idee herauskommen; Sie haben das Talent und sind so weit vorgeschritten, jetzt müssen Sie. Sie sind dieser Tage in Tiefurt gewesen, das möchte ich Ihnen zunächst zu einer solchen Aufgabe machen. Sie können vielleicht noch drei- bis viermal hingehen und Tiefurt betrachten, ehe Sie ihm die charakteristische Seite abgewinnen und alle Motive beisammen haben; doch scheuen Sie die Mühe nicht, studieren Sie alles wohl und stellen Sie es dar; der Gegenstand verdient es. Ich selbst hätte es längst gemacht; allein ich kann es nicht, ich habe jene bedeutenden Zustände selbst mit durchlebt, ich bin zu sehr darin befangen, so daß die Einzelnheiten sich mir in zu großer Fülle aufdrängen. Sie aber kommen als Fremder und lassen sich vom Kastellan das Vergangene erzählen und sehen nur das Gegenwärtige, Hervorstechende, Bedeutende.« Ich versprach, mich daran zu versuchen, obgleich ich nicht leugnen könne, daß es eine Aufgabe sei, die mir sehr fern stehe und die ich für sehr schwierig halte. »Ich weiß wohl,« sagte Goethe, »daß es schwer ist, aber die Auffassung und Darstellung des Besonderen ist auch das eigentliche Leben der Kunst. Und dann: solange man sich im Allgemeinen hält, kann es uns jeder nachmachen; aber das Besondere macht uns niemand nach. Warum? Weil es die anderen nicht erlebt haben. Auch braucht man nicht zu fürchten, daß das Besondere keinen Anklang finde. Jeder Charakter, so eigentümlich er sein möge, und jedes Darzustellende, vom Stein herauf bis zum Menschen, hat Allgemeinheit; denn alles wiederholt sich, und es gibt kein Ding in der Welt, das nur einmal da wäre. Auf dieser Stufe der individuellen Darstellung«, fuhr Goethe fort, »beginnet dann zugleich dasjenige, was man Komposition nennet.« Dieses war mir nicht sogleich klar, doch enthielt ich mich, danach zu fragen. Vielleicht, dachte ich, meint er damit die künstlerische Verschmelzung des Idealen mit dem Realen, die Vereinigung von dem, was außer uns befindlich, mit dem, was innerlich uns angeboren. Doch vielleicht meinte er auch etwas anderes. Goethe fuhr fort: »Und dann setzen Sie unter jedes Gedicht immer das Datum, wann Sie es gemacht haben.« Ich sah ihn fragend an, warum das so wichtig. »Es gilt dann«, fügte er hinzu, »zugleich als Tagebuch Ihrer Zustände. Und das ist nichts Geringes. Ich habe es seit Jahren getan und sehe ein, was das heißen will.« Es war indes die Zeit des Theaters herangekommen, und ich verließ Goethe. »Sie gehen nun nach Finnland!« rief er mir scherzend nach. Es ward nämlich gegeben: ›Johann von Finnland‹ von der Frau von Weißenthurn. Es fehlte dem Stück nicht an wirksamen Situationen, doch war es mit Rührendem so überladen, und ich sah überall so viel Absicht, daß es im ganzen auf mich keinen guten Eindruck machte. Der letzte Akt indes gefiel mir sehr wohl und söhnte mich wieder aus. Infolge dieses Stückes machte ich nachstehende Bemerkung. Von einem Dichter nur mittelmäßig gezeichnete Charaktere werden bei der Theaterdarstellung gewinnen, weil die Schauspieler, als lebendige Menschen, sie zu lebendigen Wesen machen und ihnen zu irgendeiner Art von Individualität verhelfen. Von einem großen Dichter meisterhaft gezeichnete Charaktere dagegen, die schon alle mit einer durchaus scharfen Individualität dastehen, müssen bei der Darstellung notwendig verlieren, weil die Schauspieler in der Regel nicht durchaus passen und die wenigsten ihre eigene Individualität so sehr verleugnen können. Findet sich beim Schauspieler nicht ganz das Gleiche, oder besitzt er nicht die Gabe einer gänzlichen Ablegung seiner eigenen Persönlichkeit, so entsteht ein Gemisch, und der Charakter verliert seine Reinheit. Daher kommt es denn, daß ein Stück eines wirklich großen Dichters immer nur in einzelnen Figuren so zur Erscheinung kommt, wie es die ursprüngliche Intention war. Montag, den 3. November 1823 Ich ging gegen fünf zu Goethe. Als ich hinaufkam, hörte ich in dem größeren Zimmer sehr laut und munter reden und scherzen. Der Bediente sagte mir, die junge polnische Dame sei dort zu Tisch gewesen und die Gesellschaft noch beisammen. Ich wollte wieder gehen, allein er sagte, er habe den Befehl, mich zu melden; auch wäre es seinem Herrn vielleicht lieb, weil es schon spät sei. Ich ließ ihn daher gewähren und wartete ein Weilchen, wo denn Goethe sehr heiter herauskam und mit mir gegenüber in sein Zimmer ging. Mein Besuch schien ihm angenehm zu sein. Er ließ sogleich eine Flasche Wein bringen, wovon er mir einschenkte und auch sich selber gelegentlich. »Ehe ich es vergesse,«sagte er dann, indem er auf dem Tisch etwas suchte, »hier haben Sie ein Billet ins Konzert. Madame Szymanowska wird morgen abend im Saale des Stadthauses ein öffentliches Konzert geben; das dürfen Sie ja nicht versäumen.« Ich sagte ihm, daß ich meine Torheit von neulich nicht zum zweiten Mal begehen würde. »Sie soll sehr gut gespielt haben«, fügte ich hinzu. »Ganz vortrefflich!« sagte Goethe. »Wohl so gut wie Hummel?« fragte ich. »Sie müssen bedenken,« sagte Goethe, »daß sie nicht allein eine große Virtuosin, sondern zugleich ein schönes Weib ist; da kommt es uns denn vor, als ob alles anmutiger wäre; sie hat eine meisterhafte Fertigkeit, man muß erstaunen!« – »Aber auch in der Kraft groß?« fragte ich. »Ja, auch in der Kraft,« sagte Goethe, »und das ist eben das Merkwürdigste an ihr, weil man das sonst bei Frauenzimmern gewöhnlich nicht findet.« Ich sagte, daß ich mich sehr freue, sie nun doch noch zu hören. Sekretär Kräuter trat herein und referierte in Bibliotheksangelegenheiten. Als er gegangen war, lobte Goethe seine große Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit in Geschäften. Ich brachte sodann das Gespräch auf die im Jahre 1797 über Frankfurt und Stuttgart gemachte Reise in die Schweiz, wovon er mir die Manuskripte in drei Heften dieser Tage mitgeteilt und die ich bereits fleißig studiert hatte. Ich erwähnte, wie er damals mit Meyer so viel über die Gegenstände der bildenden Kunst nachgedacht. »Ja,« sagte Goethe, »was ist auch wichtiger als die Gegenstände, und was ist die ganze Kunstlehre ohne sie. Alles Talent ist verschwendet, wenn der Gegenstand nichts taugt. Und eben weil dem neuern Künstler die würdigen Gegenstände fehlen, so hapert es auch so mit aller Kunst der neueren Zeit. Darunter leiden wir alle; ich habe auch meine Modernität nicht verleugnen können. Die wenigsten Künstler«, fuhr er fort, »sind über diesen Punkt im klaren und wissen, was zu ihrem Frieden dient. Da malen sie z. B. meinen ›Fischer‹ und bedenken nicht, daß sich das gar nicht malen lasse. Es ist ja in dieser Ballade bloß das Gefühl des Wassers ausgedrückt, das Anmutige, was uns im Sommer lockt, uns zu baden; weiter liegt nichts darin, und wie läßt sich das malen!« Ich erwähnte ferner, daß ich mich freue, wie er auf jener Reise an allem Interesse genommen und alles aufgefaßt habe: Gestalt und Lage der Gebirge und ihre Steinarten; Boden, Flüsse, Wolken, Luft, Wind und Wetter; dann Städte und ihre Entstehung und sukzessive Bildung; Baukunst, Malerei, Theater; städtische Einrichtung und Verwaltung; Gewerbe, Ökonomie, Straßenbau; Menschenrasse, Lebensart, Eigenheiten; dann wieder Politik und Kriegsangelegenheiten, und so noch hundert andere Dinge. Goethe antwortete: »Aber Sie finden kein Wort über Musik, und zwar deswegen nicht, weil das nicht in meinem Kreise lag. Jeder muß wissen, worauf er bei einer Reise zu sehen hat und was seine Sache ist.« Der Herr Kanzler trat herein. Er sprach einiges mit Goethe und äußerte sich dann gegen mich sehr wohlwollend und mit vieler Einsicht über meine kleine Schrift, die er in diesen Tagen gelesen. Er ging dann bald wieder zu den Damen hinüber, wo, wie ich hörte, der Flügel gespielt wurde. Als er gegangen war, sprach Goethe sehr gut über ihn und sagte dann: »Alle diese vortrefflichen Menschen, zu denen Sie nun ein angenehmes Verhältnis haben, das ist es, was ich eine Heimat nenne, zu der man immer gerne wieder zurückkehrt.« Ich erwiderte ihm, daß ich bereits den wohltätigen Einfluß meines hiesigen Aufenthaltes zu spüren beginne, daß ich aus meinen bisherigen ideellen und theoretischen Richtungen nach und nach herauskomme und immer mehr den Wert des augenblicklichen Zustandes zu schätzen wisse. »Das müßte schlimm sein,« sagte Goethe, »wenn Sie das nicht sollten. Beharren Sie nur dabei und halten Sie immer an der Gegenwart fest. Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.« Es trat eine kleine Pause ein; dann brachte ich das Gespräch auf Tiefurt, und in welcher Art es etwa darzustellen. »Es ist ein mannigfaltiger Gegenstand,« sagte ich, »und schwer, ihm eine durchgreifende Form zu geben. Am bequemsten wäre es mir, ihn in Prosa zu behandeln.« »Dazu,« sagte Goethe, »ist der Gegenstand nicht bedeutend genug. Die sogenannte didaktisch-beschreibende Form würde zwar im ganzen die zu wählende sein, allein auch sie ist nicht durchgreifend passend. Am besten ist es, Sie stellen den Gegenstand in zehn bis zwölf kleinen einzelnen Gedichten dar, in Reimen, aber in mannigfaltigen Versarten und Formen, so wie es die verschiedenen Seiten und Ansichten verlangen, wodurch denn das Ganze wird umschrieben und beleuchtet sein.« Diesen Rat ergriff ich als zweckmäßig. »Ja, was hindert Sie, dabei auch einmal dramatisch zu verfahren und ein Gespräch etwa mit dem Gärtner führen zu lassen? Und durch diese Zerstückelung macht man es sich leicht und kann besser das Charakteristische der verschiedenen Seiten des Gegenstandes ausdrücken. Ein umfassendes größeres Ganze dagegen ist immer schwierig, und man bringt selten etwas Vollendetes zustande.« Montag, den 10. November 1823 Goethe befindet sich seit einigen Tagen nicht zum besten; eine heftige Erkältung scheint in ihm zu stecken. Er hustet viel, obgleich laut und kräftig; doch scheint der Husten schmerzlich zu sein, denn er faßt dabei gewöhnlich mit der Hand nach der Seite des Herzens. Ich war diesen Abend vor dem Theater ein halbes Stündchen bei ihm. Er saß in einem Lehnstuhl, mit dem Rücken in ein Kissen gesenkt; das Reden schien ihm schwer zu werden. Nachdem wir einiges gesprochen, wünschte er, daß ich ein Gedicht lesen möchte, womit er ein neues jetzt im Werke begriffenes Heft von ›Kunst und Altertum‹ eröffnet. Er blieb in seinem Stuhle sitzen und bezeichnete mir den Ort, wo es lag. Ich nahm ein Licht und setzte mich ein wenig entfernt von ihm an seinen Schreibtisch, um es zu lesen. Das Gedicht trug einen wunderbaren Charakter, so daß ich mich nach einmaligem Lesen, ohne es jedoch ganz zu verstehen, davon eigenartig berührt und ergriffen fühlte. Es hatte die Verherrlichung des Paria zum Gegenstande und war als Trilogie behandelt. Der darin herrschende Ton war mir wie aus einer fremden Welt herüber, und die Darstellung der Art, daß mir die Belebung des Gegenstandes sehr schwer ward. Auch war Goethes persönliche Nähe einer reinen Vertiefung hinderlich; bald hörte ich ihn husten, bald hörte ich ihn seufzen, und so war mein Wesen geteilt: meine eine Hälfte las, und die andere war im Gefühl seiner Gegenwart. Ich mußte das Gedicht daher lesen und wieder lesen, um nur einigermaßen hineinzukommen. Je mehr ich aber eindrang, von desto bedeutenderem Charakter und auf einer desto höheren Stufe der Kunst wollte es mir erscheinen. Ich sprach darauf mit Goethe sowohl über den Gegenstand als die Behandlung, wo mir denn durch einige seiner Andeutungen manches lebendiger entgegentrat. »Freilich,« sagte er darauf, »die Behandlung ist sehr knapp, und man muß gut eindringen, wenn man es recht besitzen will. Es kommt mir selber vor wie eine aus Stahldrähten geschmiedete Damaszenerklinge. Ich habe aber auch den Gegenstand vierzig Jahre mit mir herumgetragen, so daß er denn freilich Zeit hatte, sich von allem Ungehörigen zu läutern.« »Es wird Wirkung tun,«sagte ich, »wenn es beim Publikum hervortritt.« »Ach, das Publikum!« seufzete Goethe. »Sollte es nicht gut sein,« sagte ich, »wenn man dem Verständnis zu Hülfe käme und es machte wie bei der Erklärung eines Gemäldes, wo man durch Vorführung der vorhergegangenen Momente das wirklich Gegenwärtige zu beleben sucht?« »Ich bin nicht der Meinung«, sagte Goethe. »Mit Gemälden ist es ein anderes; weil aber ein Gedicht gleichfalls aus Worten besteht, so hebt ein Wort das andere auf.« Goethe scheint mir hierdurch sehr treffend die Klippe angedeutet zu haben, woran Ausleger von Gedichten gewöhnlich scheitern. Es frägt sich aber, ob es nicht möglich sei, eine solche Klippe zu vermeiden und einem Gedichte dennoch durch Worte zu Hülfe zu kommen, ohne das Zarte seines innern Lebens im mindesten zu verletzen. Als ich ging, wünschte er, daß ich die Bogen von ›Kunst und Altertum‹ mit nach Hause nehme, um das Gedicht ferner zu betrachten; desgleichen die ›Östlichen Rosen‹ von Rückert, von welchem Dichter er viel zu halten und die besten Erwartungen zu hegen scheint. Mittwoch, den 12. November 1823. Ich ging gegen Abend, um Goethe zu besuchen, hörte aber unten im Hause, der preußische Staatsminister von Humboldt sei bei ihm, welches mir lieb war, in der Überzeugung, daß dieser Besuch eines alten Freundes ihm die wohltätigste Aufheiterung gewähren würde. Ich ging darauf ins Theater, wo die ›Schwestern von Prag‹ bei ganz vollkommener Besetzung musterhaft gegeben wurden, so daß man das ganze Stück hindurch nicht aus dem Lachen kam. Donnerstag, den 13. November 1823 Vor einigen Tagen, als ich nachmittags bei schönem Wetter die Straße nach Erfurt hinausging, gesellte sich ein bejahrter Mann zu mir, den ich seinem Äußeren nach für einen wohlhabenden Bürger hielt. Wir hatten nicht lange geredet, als das Gespräch auf Goethe kam. Ich fragte ihn, ob er Goethe persönlich kenne. »Ob ich ihn kenne!« antwortete er mit einigem Behagen, »ich bin gegen zwanzig Jahre sein Kammerdiener gewesen.« Und nun ergoß er sich in Lobsprüchen über seinen früheren Herrn. Ich ersuchte ihn, mir etwas aus Goethes Jugendzeit zu erzählen, worein er mit Freuden willigte. »Als ich bei ihn kam,« sagte er, »mochte er etwa siebenundzwanzig Jahre alt sein; er war sehr mager, behende und zierlich, ich hätte ihn leicht tragen können.« Ich fragte ihn, ob Goethe in jener ersten Zeit seines Hierseins auch sehr lustig gewesen. Allerdings, antwortete er, sei er mit den Fröhlichen fröhlich gewesen, jedoch nie über die Grenze; in solchen Fällen sei er gewöhnlich ernst geworden. Immer gearbeitet und geforscht und seinen Sinn auf Kunst und Wissenschaft gerichtet, das sei im allgemeinen seines Herrn fortwährende Richtung gewesen. Abends habe ihn der Herzog häufig besucht, und da hätten sie oft bis tief in die Nacht hinein über gelehrte Gegenstände gesprochen, so daß ihm oft Zeit und Weile lang geworden, und er oft gedacht habe, ob denn der Herzog noch nicht gehen wolle. »Und die Naturforschung«, fügte er hinzu, »war schon damals seine Sache. Einst klingelte er mitten in der Nacht, und als ich zu ihm in die Kammer trete, hat er sein eisernes Rollbette vom untersten Ende der Kammer herauf bis ans Fenster gerollt und liegt und beobachtet den Himmel. ›Hast du nichts am Himmel gesehen?‹ fragte er mich, und als ich dies verneinte: ›So laufe einmal nach der Wache und frage den Posten, ob der nichts gesehen.‹ Ich lief hin, der Posten hatte aber nichts gesehen, welches ich meinem Herrn meldete, der noch ebenso lag und den Himmel unverwandt beobachtete. ›Höre,‹ sagte er dann zu mir, ›wir sind in einem bedeutenden Moment; entweder wir haben in diesem Augenblick ein Erdbeben, oder wir bekommen eins.‹ Und nun mußte ich mich zu ihm aufs Bette setzen, und er demonstrierte mir, aus welchen Merkmalen er das abnehme.« Ich fragte den guten Alten, was es für Wetter gewesen. »Es war sehr wolkig,« sagte er, »und dabei regte sich kein Lüftchen, es war sehr still und schwül.« Ich fragte ihn, ob er denn Goethen jenen Ausspruch sogleich aufs Wort geglaubt habe. »Ja,« sagte er, »ich glaubte ihm aufs Wort; denn was er vorhersagte, war immer richtig. Am nächsten Tage«, fuhr er fort, »erzählte mein Herr seine Beobachtungen bei Hofe, wobei eine Dame ihrer Nachbarin ins Ohr flüsterte: ›Höre! Goethe schwärmt!‹ Der Herzog aber und die übrigen Männer glaubten an Goethe, und es wies sich auch bald aus, daß er recht gesehen; denn nach einigen Wochen kam die Nachricht, daß in derselbigen Nacht ein Teil von Messina durch ein Erdbeben zerstört worden.« Freitag, den 14. November 1823 Gegen Abend sendete Goethe mir eine Einladung, ihn zu besuchen. Humboldt sei an Hof, und ich würde ihm daher um so willkommener sein. Ich fand ihn noch wie vor einigen Tagen in seinem Lehnstuhl sitzend; er reichte mir freundlich die Hand, indem er mit himmlischer Sanftmut einige Worte sprach. Ein großer Ofenschirm stand ihm zur Seite und gab ihm zugleich Schatten vor den Lichtern, die weiterhin auf dem Tisch standen. Auch der Herr Kanzler trat herein und gesellte sich zu uns. Wir setzten uns in Goethes Nähe und führten leichte Gespräche, damit er sich nur zuhörend verhalten könnte. Bald kam auch der Arzt, Hofrat Rehbein. Er fand Goethes Puls, wie er sich ausdrückte, ganz munter und leichtfertig, worüber wir uns freuten und Goethe einige Scherze machte. »Wenn nur der Schmerz von der Seite des Herzens weg wäre!« klagte er dann. Rehbein schlug vor, ihm ein Pflaster dahin zu legen; wir sprachen über die gute Wirkung eines solchen Mittels, und Goethe ließ sich dazu geneigt finden. Rehbein brachte das Gespräch auf Marienbad, wodurch bei Goethe angenehme Erinnerungen erweckt zu werden schienen. Man machte Pläne, nächsten Sommer wieder hinzugehen, und bemerkte, daß auch der Großherzog nicht fehlen würde, durch welche Aussichten Goethe in die heiterste Stimmung versetzt wurde. Auch sprach man über Madame Szymanowska und gedachte der Tage, wo sie hier war und die Männer sich um ihre Gunst bewarben. Als Rehbein gegangen war, las der Kanzler die indischen Gedichte. Goethe sprach derweile mit mir über seine ›Elegie‹ von Marienbad. Um acht Uhr ging der Kanzler; ich wollte auch gehen, Goethe bat mich aber, noch ein wenig zu bleiben. Ich setzte mich wieder. Das Gespräch kam auf das Theater, und daß morgen der ›Wallenstein‹ würde gegeben werden. Dies gab Gelegenheit, über Schiller zu reden. »Es geht mir mit Schiller eigen,« sagte ich; »einige Szenen seiner großen Theaterstücke lese ich mit wahrer Liebe und Bewunderung, dann aber komme ich auf Verstöße gegen die Wahrheit der Natur, und ich kann nicht weiter. Selbst mit dem ›Wallenstein‹ geht es mir nicht anders. Ich kann nicht umhin, zu glauben, daß Schillers philosophische Richtung seiner Poesie geschadet hat; denn durch sie kam er dahin, die Idee höher zu halten als alle Natur, ja die Natur dadurch zu vernichten. Was er sich denken konnte, mußte geschehen, es mochte nun der Natur gemäß oder ihr zuwider sein.« »Es ist betrübend,« sagte Goethe, »wenn man sieht, wie ein so außerordentlich begabter Mensch sich mit philosophischen Denkweisen herumquälte, die ihm nichts helfen konnten. Humboldt hat mir Briefe mitgebracht, die Schiller in der unseligen Zeit jener Spekulationen an ihn geschrieben. Man sieht daraus, wie er sich damals mit der Intention plagte, die sentimentale Poesie von der naiven ganz frei zu machen. Aber nun konnte er für jene Dichtart keinen Boden finden, und dies brachte ihn in unsägliche Verwirrung. Und als ob«, fügte Goethe lächelnd hinzu, »die sentimentale Poesie ohne einen naiven Grund, aus welchem sie gleichsam hervorwächst, nur irgend bestehen könnte! Es war nicht Schillers Sache,« fuhr Goethe fort, »mit einer gewissen Bewußtlosigkeit und gleichsam instinktmäßig zu verfahren, vielmehr mußte er über jedes, was er tat, reflektieren; woher es auch kam, daß er über seine poetischen Vorsätze nicht unterlassen konnte, sehr viel hin und her zu reden, so daß er alle seine späteren Stücke Szene für Szene mit mir durchgesprochen hat. Dagegen war es ganz gegen meine Natur, über das, was ich von poetischen Plänen vorhatte, mit irgend jemanden zu reden, selbst nicht mit Schiller. Ich trug alles still mit mir herum, und niemand erfuhr in der Regel etwas, als bis es vollendet war. Als ich Schillern meinen ›Hermann und Dorothea‹ fertig vorlegte, war er verwundert, denn ich hatte ihm vorher mit keiner Silbe gesagt, daß ich dergleichen vorhatte. Aber ich bin neugierig, was Sie morgen zum ›Wallenstein‹ sagen werden! Sie werden große Gestalten sehen, und das Stück wird auf Sie einen Eindruck machen, wie Sie es sich wahrscheinlich nicht vermuten.« Sonnabend, den 15. November 1823 Abends war ich im Theater, wo ich zum ersten Mal den ›Wallenstein‹ sah. Goethe hatte nicht zu viel gesagt; der Eindruck war groß und mein tiefstes Innere aufregend. Die Schauspieler, größtenteils noch aus der Zeit, wo Schiller und Goethe persönlich auf sie einwirkten, brachten mir ein Ensemble bedeutender Personen vor Augen, wie sie beim Lesen meiner Einbildungskraft nicht mit der Individualität erschienen waren, weshalb denn das Stück mit außerordentlicher Kraft an mir vorüberging und ich es sogar während der Nacht nicht aus dem Sinn brachte. Sonntag, den 16. [Sonnabend, den 15.] November 1823 Abends bei Goethe. Er saß noch in seinem Lehnstuhl und schien ein wenig schwach. Seine erste Frage war nach dem ›Wallenstein‹. Ich gab ihm Rechenschaft von dem Eindruck, den das Stück von der Bühne herunter auf mich gemacht; er hörte es mit sichtbarer Freude. Herr Soret kam, von Frau von Goethe hereingeführt, und blieb ein Stündchen, indem er im Auftrag des Großherzogs goldene Medaillen brachte, deren Vorzeigung und Besprechung Goethen eine angenehme Unterhaltung zu gewähren schien. Frau von Goethe und Herr Soret gingen an Hof, und so war ich mit Goethe wieder alleine gelassen. Eingedenk des Versprechens, mir seine ›Elegie‹ von Marienbad zu einer passenden Stunde abermals zu zeigen, stand Goethe auf, stellte ein Licht auf seinen Schreibtisch und gab mir das Gedicht. Ich war glücklich, es abermals vor Augen zu haben. Goethe setzte sich wieder in Ruhe und überließ mich einer ungestörten Betrachtung. Nachdem ich eine Weile gelesen, wollte ich ihm etwas darüber sagen; es kam mir aber vor, als ob er schlief. Ich benutzte daher den günstigen Augenblick und las es aber- und abermals und hatte dabei einen seltenen Genuß. Die jugendlichste Glut der Liebe, gemildert durch die sittliche Höhe des Geistes, das erschien mir im allgemeinen als des Gedichtes durchgreifender Charakter. Übrigens kam es mir vor, als seien die ausgesprochenen Gefühle stärker, als wir sie in anderen Gedichten Goethes anzutreffen gewohnt sind, und ich schloß daraus auf einen Einfluß von Byron, welches Goethe auch nicht ablehnte. »Sie sehen das Produkt eines höchst leidenschaftlichen Zustandes,« fügte er hinzu; »als ich darin befangen war, hätte ich ihn um alles in der Welt nicht entbehren mögen, und jetzt möchte ich um keinen Preis wieder hineingeraten. Ich schrieb das Gedicht, unmittelbar als ich von Marienbad abreiste und ich mich noch im vollen frischen Gefühle des Erlebten befand. Morgens acht Uhr auf der ersten Station schrieb ich die erste Strophe, und so dichtete ich im Wagen fort und schrieb von Station zu Station das im Gedächtnis Gefaßte nieder, so daß es abends fertig auf dem Papiere stand. Es hat daher eine gewisse Unmittelbarkeit und ist wie aus einem Gusse, welches dem Ganzen zugute kommen mag.« »Zugleich«, sagte ich, »hat es in seiner ganzen Art viel Eigentümliches, so daß es an keins Ihrer anderen Gedichte erinnert.« »Das mag daher kommen«, sagte Goethe. »Ich setzte auf die Gegenwart, so wie man eine bedeutende Summe auf eine Karte setzt, und suchte sie ohne Übertreibung so hoch zu steigern als möglich.« Diese Äußerung erschien mir sehr wichtig, indem sie Goethes Verfahren ans Licht setzet und uns seine allgemein bewunderte Mannigfaltigkeit erklärlich macht. Es war indes gegen neun Uhr geworden; Goethe bat mich, seinen Bedienten Stadelmann zu rufen, welches ich tat. Er ließ sich darauf von diesem das verordnete Pflaster auf die Brust zur Seite des Herzens legen. Ich stellte mich derweil ans Fenster. Hinter meinem Rücken hörte ich nun, wie er gegen Stadelmann klagte, daß sein Übel sich gar nicht bessern wolle, und daß es einen bleibenden Charakter annehme. Als die Operation vorbei war, setzte ich mich noch ein wenig zu ihm. Er klagte nun auch gegen mich, daß er seit einigen Nächten gar nicht geschlafen habe, und daß auch zum Essen gar keine Neigung vorhanden. »Der Winter geht nun so hin,« sagte er, »ich kann nichts tun, ich kann nichts zusammenbringen, der Geist hat gar keine Kraft.« Ich suchte ihn zu beruhigen, indem ich ihn bat, nur nicht so viel an seine Arbeiten zu denken, und daß ja dieser Zustand hoffentlich bald vorübergehen werde. »Ach,« sagte er darauf, »ungeduldig bin ich auch nicht, ich habe schon zu viel solcher Umstände durchlebt und habe schon gelernt zu leiden und zu dulden.« Er saß in einem Schlafrock von weißem Flanell, über seine Kniee und Füße eine wollene Decke gelegt und gewickelt. »Ich werde gar nicht zu Bette gehen,« sagte er, »ich werde so auf meinem Stuhl die Nacht sitzen bleiben, denn zum rechten Schlaf komme ich doch nicht.« Es war indes Zeit geworden, er reichte mir seine liebe Hand, und ich ging. Als ich unten in das Bedientenzimmer trat, um meinen Mantel zu nehmen, fand ich Stadelmann sehr bestürzt. Er sagte, er habe sich über seinen Herrn erschrocken; wenn er klage, so sei das ein schlimmes Zeichen. Auch wären die Füße plötzlich ganz dünne geworden, die bisher ein wenig geschwollen gewesen. Er wolle morgen in aller Frühe zum Arzt gehen, um ihm die schlimmen Zeichen zu melden. Ich suchte ihn zu beruhigen, allein er ließ sich seine Furcht nicht ausreden. Montag, den 17. November 1823 Als ich diesen Abend ins Theater kam, drängten viele Personen sich mir entgegen und erkundigten sich sehr ängstlich nach Goethes Befinden. Sein Zustand mußte sich in der Stadt schnell verbreitet haben und vielleicht ärger gemacht worden sein, als er wirklich war. Einige sagten mir, er habe die Brustwassersucht. Ich war betrübt den ganzen Abend. Mittwoch, den 19. November 1823 Gestern ging ich in Sorgen umher. Es ward außer seiner Familie niemand zu ihm gelassen. Heute gegen Abend ging ich hin und wurde auch angenommen. Ich fand ihn noch in seinem Lehnstuhl sitzen, er schien dem Äußern nach noch ganz wie ich ihn am Sonntag verlassen, doch war er heiteren Geistes. Wir sprachen besonders über Zauper und die sehr ungleichen Wirkungen, die aus dem Studium der Literatur der Alten hervorgehen. Freitag, den 21. November 1823 Goethe ließ mich rufen. Ich fand ihn zu meiner großen Freude wieder auf, und in seinem Zimmer umhergehen. Er gab mir ein kleines Buch: ›Ghaselen‹ des Grafen Platen. »Ich hatte mir vorgenommen,« sagte er, »in ›Kunst und Altertum‹ etwas darüber zu sagen, denn die Gedichte verdienen es. Mein Zustand läßt mich aber zu nichts kommen. Sehen Sie doch zu, ob es Ihnen gelingen will, einzudringen und den Gedichten etwas abzugewinnen.« Ich versprach, mich daran zu versuchen. »Es ist bei den Ghaselen das Eigentümliche,« fuhr Goethe fort, »daß sie eine große Fülle von Gehalt verlangen; der stets wiederkehrende gleiche Reim will immer einen Vorrat ähnlicher Gedanken bereit finden. Deshalb gelingen sie nicht jedem; diese aber werden Ihnen gefallen.« Der Arzt trat herein, und ich ging. Montag, den 24. [?] November 1823 Sonnabend und Sonntag studierte ich die Gedichte. Diesen Morgen schrieb ich meine Ansicht darüber und schickte sie Goethen zu, denn ich hatte erfahren, daß er seit einigen Tagen niemanden vor sich lasse, indem der Arzt ihm alles Reden verboten. Heute gegen Abend ließ er mich dennoch rufen. Als ich zu ihm hineintrat, fand ich einen Stuhl bereits in seine Nähe gesetzt; er reichte mir seine Hand entgegen und war äußerst liebevoll und gut. Er fing sogleich an, über meine kleine Rezension zu reden. »Ich habe mich sehr darüber gefreut,« sagte er, »Sie haben eine schöne Gabe. Ich will Ihnen etwas sagen,« fuhr er dann fort, »wenn Ihnen vielleicht von andern Orten her literarische Anträge gemacht werden sollten, so lehnen Sie solche ab oder sagen es mir wenigstens zuvor; denn da Sie einmal mit mir verbunden sind, so möchte ich nicht gerne, daß Sie auch zu anderen ein Verhältnis hätten.« Ich antwortete, daß ich mich bloß zu ihm halten wolle, und daß es mir auch vorderhand um anderweitige Verbindungen durchaus nicht zu tun sei. Das war ihm lieb, und er sagte darauf, daß wir diesen Winter noch manche hübsche Arbeit miteinander machen wollten. Wir kamen dann auf die ›Ghaselen‹ selbst zu sprechen, und Goethe freute sich über die Vollendung dieser Gedichte und daß unsere neueste Literatur doch manches Tüchtige hervorbringe. »Ihnen«, fuhr er dann fort, »möchte ich unsere neuesten Talente zu einem besonderen Studium und Augenmerk empfehlen. Ich möchte, daß Sie sich von allem, was in unserer Literatur Bedeutendes hervortritt, in Kenntnis setzten und mir das Verdienstliche vor Augen brächten, damit wir in den Heften von ›Kunst und Altertum‹ darüber reden und das Gute, Edle und Tüchtige mit Anerkennung erwähnen könnten. Denn mit dem besten Willen komme ich bei meinem hohen Alter und bei meinen tausendfachen Obliegenheiten ohne anderweitige Hülfe nicht dazu.« Ich versprach dieses zu tun, indem ich mich zugleich freute zu sehen, daß unsere neuesten Schriftsteller und Dichter Goethen mehr am Herzen liegen, als ich mir gedacht hatte.   Die Tage darauf sendete Goethe mir die neuesten literarischen Tagesblätter zu dem besprochenen Zwecke. Ich ging einige Tage nicht zu ihm und ward auch nicht gerufen. Ich hörte, sein Freund Zelter sei gekommen, ihn zu besuchen. Montag, den 1. Dezember 1823 Heute ward ich bei Goethe zu Tisch geladen. Ich fand Zelter bei ihm sitzen, als ich hereintrat. Sie kamen mir einige Schritte entgegen und gaben mir die Hände. »Hier«, sagte Goethe, »haben wir meinen Freund Zelter. Sie machen an ihm eine gute Bekanntschaft; ich werde Sie bald einmal nach Berlin schicken, da sollen Sie denn von ihm auf das beste gepflegt werden.« – »In Berlin mag es gut sein«, sagte ich. »Ja,«sagte Zelter lachend, »es läßt sich darin viel lernen und ver lernen.« Wir setzten uns und führten allerlei Gespräche. Ich fragte nach Schubarth. »Er besucht mich wenigstens alle acht Tage«, sagte Zelter. »Er hat sich verheiratet, ist aber ohne Anstellung, weil er es in Berlin mit den Philologen verdorben.« Zelter fragte mich darauf, ob ich Immermann kenne. »Seinen Namen«, sagte ich, »habe ich bereits sehr oft nennen hören, doch von seinen Schriften kenne ich bis jetzt nichts.« – »Ich habe seine Bekanntschaft zu Münster gemacht,« sagte Zelter; »es ist ein sehr hoffnungsvoller junger Mann, und es wäre ihm zu wünschen, daß seine Anstellung ihm für seine Kunst mehr Zeit ließe.« Goethe lobte gleichfalls sein Talent. »Wir wollen sehen,« sagte er, »wie er sich entwickelt; ob er sich bequemen mag, seinen Geschmack zu reinigen und hinsichtlich der Form die anerkannt besten Muster zur Richtschnur zu nehmen. Sein originelles Streben hat zwar sein Gutes, allein es führt gar zu leicht in die Irre.« Der kleine Walter kam gesprungen und machte sich an Zelter und seinen Großpapa mit vielen Fragen. »Wenn du kommst, unruhiger Geist,« sagte Goethe, »so verdirbst du gleich jedes Gespräch.« Übrigens liebte er den Knaben und war unermüdet, ihm alles zu Willen zu tun. Frau von Goethe und Fräulein Ulrike traten herein; auch der junge Goethe in Uniform und Degen, um an Hof zu gehen. Wir setzten uns zu Tisch. Fräulein Ulrike und Zelter waren besonders munter und neckten sich auf die anmutigste Weise während der ganzen Tafel. Zelters Person und Gegenwart tat mir sehr wohl. Er war als ein glücklicher gesunder Mensch immer ganz dem Augenblick hingegeben, und es fehlte ihm nie am rechten Wort. Dabei war er voller Gutmütigkeit und Behagen und so ungeniert, daß er alles heraussagen mochte und mitunter sogar sehr Derbes. Seine eigene geistige Freiheit teilte sich mit, so daß alle beengende Rücksicht in seiner Nähe sehr bald wegfiel. Ich tat im stillen den Wunsch, eine Zeitlang mit ihm zu leben, und bin gewiß, es würde mir gut tun. Bald nach Tisch ging Zelter. Auf den Abend war er zur Großfürstin gebeten. Donnerstag, den 4. Dezember 1823 Diesen Morgen brachte mir Sekretär Kräuter eine Einladung bei Goethe zu Tisch. Dabei gab er mir von Goethe den Wink, Zeltern doch ein Exemplar meiner ›Beiträge zur Poesie‹ zu verehren. Ich tat so und brachte es ihm ins Wirtshaus. Zelter gab mir dagegen die ›Gedichte‹ von Immermann. »Ich schenkte das Exemplar Ihnen gerne,« sagte er; »allein Sie sehen, der Verfasser hat es mir zugeschrieben, und so ist es mir ein wertes Andenken, das ich behalten muß.« Ich machte darauf mit Zelter vor Tisch einen Spaziergang durch den Park nach Oberweimar. Bei manchen Stellen erinnerte er sich früherer Zeiten und erzählte mir dabei viel von Schiller, Wieland und Herder, mit denen er sehr befreundet gewesen, was er als einen hohen Gewinn seines Lebens schätzte. Er sprach darauf viel über Komposition und rezitierte dabei mehrere Lieder von Goethe. »Wenn ich ein Gedicht komponieren will,« sagte er, »so suche ich zuvor in den Wortverstand einzudringen und mir die Situation lebendig zu machen. Ich lese es mir dann laut vor, bis ich es auswendig weiß, und so, indem ich es mir immer einmal wieder rezitiere, kommt die Melodie von selber.« Wind und Regen nötigten uns, früher zurückzugehen, als wir gerne wollten. Ich begleitete ihn bis vor Goethes Haus, wo er zu Frau von Goethe hinaufging, um mit ihr vor Tisch noch einiges zu singen. Darauf um zwei Uhr kam ich zu Tisch. Ich fand Zelter bereits bei Goethe sitzen und Kupferstiche italienischer Gegenden betrachten. Frau von Goethe trat herein, und wir gingen zu Tisch. Fräulein Ulrike war heute abwesend, desgleichen der junge Goethe, welcher bloß hereinkam, um guten Tag zu sagen, und dann wieder an Hof ging. Die Tischgespräche waren heute besonders mannigfaltig. Sehr viel originelle Anekdoten wurden erzählt, sowohl von Zelter als Goethe, welche alle dahin gingen, die Eigenschaften ihres gemeinschaftlichen Freundes Friedrich August Wolf zu Berlin ins Licht zu setzen. Dann ward über die Nibelungen viel gesprochen, dann über Lord Byron und seinen zu hoffenden Besuch in Weimar, woran Frau von Goethe besonders teilnahm. Das Rochusfest zu Bingen war ferner ein sehr heiterer Gegenstand, wobei Zelter sich besonders zwei schöner Mädchen erinnerte, deren Liebenswürdigkeit sich ihm tief eingeprägt hatte und deren Andenken ihn noch heute zu beglücken schien. Das gesellige Lied ›Kriegsglück‹ von Goethe ward darauf sehr heiter besprochen. Zelter war unermüdlich in Anekdoten von blessierten Soldaten und schönen Frauen, welche alle dahin gingen, um die Wahrheit des Gedichts zu beweisen. Goethe selber sagte, er habe nach solchen Realitäten nicht weit zu gehen brauchen, er habe alles in Weimar persönlich erlebt. Frau von Goethe aber hielt immerwährend ein heiteres Widerspiel, indem sie nicht zugeben wollte, daß die Frauen so wären, als das ›garstige‹ Gedicht sie schildere. Und so vergingen denn auch heute die Stunden bei Tisch sehr angenehm. Als ich darauf später mit Goethe allein war, fragte er mich über Zelter. »Nun,« sagte er, »wie gefällt er Ihnen?« Ich sprach über das durchaus Wohltätige seiner Persönlichkeit. »Er kann«, fügte Goethe hinzu, »bei der ersten Bekanntschaft etwas sehr derbe, ja mitunter sogar etwas roh erscheinen. Allein das ist nur äußerlich. Ich kenne kaum jemanden, der zugleich so zart wäre wie Zelter. Und dabei muß man nicht vergessen, daß er über ein halbes Jahrhundert in Berlin zugebracht hat. Es lebt aber, wie ich an allem merke, dort ein so verwegener Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.« 1824 Dienstag, den 27. Januar 1824 Goethe sprach mit mir über die Fortsetzung seiner Lebensgeschichte, mit deren Ausarbeitung er sich gegenwärtig beschäftigt. Es kam zur Erwähnung, daß diese Epoche seines spätern Lebens nicht die Ausführlichkeit des Details haben könne wie die Jugendepoche von ›Wahrheit und Dichtung‹. »Ich muß«, sagte Goethe, »diese späteren Jahre mehr als Annalen behandeln; es kann darin weniger mein Leben als meine Tätigkeit zur Erscheinung kommen. Überhaupt ist die bedeutendste Epoche eines Individuums die der Entwickelung, welche sich in meinem Fall mit den ausführlichen Bänden von ›Wahrheit und Dichtung‹ abschließt. Später beginnt der Konflikt mit der Welt, und dieser hat nur insofern Interesse, als etwas dabei herauskommt. Und dann, das Leben eines deutschen Gelehrten, was ist es? Was in meinem Fall daran etwa Gutes sein möchte, ist nicht mitzuteilen, und das Mitteilbare ist nicht der Mühe wert. Und wo sind denn die Zuhörer, denen man mit einigem Behagen erzählen möchte? Wenn ich auf mein früheres und mittleres Leben zurückblicke und nun in meinem Alter bedenke, wie wenige noch von denen übrig sind, die mit mir jung waren, so fällt mir immer der Sommeraufenthalt in einem Bade ein. Sowie man ankommt, schließt man Bekanntschaften und Freundschaften mit solchen, die schon eine Zeitlang dort waren und die in den nächsten Wochen wieder abgehen. Der Verlust ist schmerzlich. Nun hält man sich an die zweite Generation, mit der man eine gute Weile fortlebt und sich auf das innigste verbindet. Aber auch diese geht und läßt uns einsam mit der dritten, die nahe vor unserer Abreise ankommt und mit der man auch gar nichts zu tun hat. Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begünstigten gepriesen; auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen, daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen eigentliches Behagen gehabt. Es war das ewige Wälzen eines Steines, der immer von neuem gehoben sein wollte. Meine Annalen werden es deutlich machen, was hiemit gesagt ist. Der Ansprüche an meine Tätigkeit, sowohl von außen als innen, waren zu viele. Mein eigentliches Glück war mein poetisches Sinnen und Schaffen. Allein wie sehr war dieses durch meine äußere Stellung gestört, beschränkt und gehindert! Hätte ich mich mehr vom öffentlichen und geschäftlichen Wirken und Treiben zurückhalten und mehr in der Einsamkeit leben können, ich wäre glücklicher gewesen und würde als Dichter weit mehr gemacht haben. So aber sollte sich bald nach meinem ›Götz‹ und ›Werther‹ an mir das Wort eines Weisen bewähren, welcher sagte: wenn man der Welt etwas zuliebe getan habe, so wisse sie dafür zu sorgen, daß man es nicht zum zweiten Male tue. Ein weitverbreiteter Name, eine hohe Stellung im Leben sind gute Dinge. Allein mit all meinem Namen und Stande habe ich es nicht weiter gebracht, als daß ich, um nicht zu verletzen, zu der Meinung anderer schweige. Dieses würde nun in der Tat ein sehr schlechter Spaß sein, wenn ich dabei nicht den Vorteil hätte, daß ich erfahre, wie die anderen denken, aber sie nicht, wie ich.« Sonntag, den 15. Februar 1824 Heute vor Tisch hatte Goethe mich zu einer Spazierfahrt einladen lassen. Ich fand ihn frühstückend, als ich zu ihm ins Zimmer trat; er schien sehr heiterer Stimmung. »Ich habe einen angenehmen Besuch gehabt,« sagte er mir freudig entgegen; »ein sehr hoffnungsvoller junger Mann, Meyer aus Westfalen, ist vorhin bei mir gewesen. Er hat Gedichte gemacht, die sehr viel erwarten lassen. Er ist erst achtzehn Jahre alt und schon unglaublich weit. Ich freue mich,« sagte Goethe darauf lachend, »daß ich jetzt nicht achtzehn Jahre alt bin. Als ich achtzehn war, war Deutschland auch erst achtzehn, da ließ sich noch etwas machen; aber jetzt wird unglaublich viel gefordert, und es sind alle Wege verrannt. Deutschland selbst steht in allen Fächern so hoch, daß wir kaum alles übersehen können, und nun sollen wir noch Griechen und Lateiner sein, und Engländer und Franzosen dazu! Ja obendrein hat man die Verrücktheit, auch nach dem Orient zu weisen, und da muß denn ein junger Mensch ganz konfus werden. Ich habe ihm zum Trost meine kolossale Juno gezeigt, als ein Symbol, daß er bei den Griechen verharren und dort Beruhigung finden möge. Er ist ein prächtiger junger Mensch! Wenn er sich vor Zersplitterung in acht nimmt, so kann etwas aus ihm werden. Aber, wie gesagt, ich danke dem Himmel, daß ich jetzt, in dieser durchaus gemachten Zeit, nicht jung bin. Ich würde nicht zu bleiben wissen. Ja selbst wenn ich nach Amerika flüchten wollte, ich käme zu spät, denn auch dort wäre es schon zu helle.« Sonntag, den 22. Februar 1824 Zu Tisch mit Goethe und seinem Sohn, welcher letztere uns manches heitere Geschichtchen aus seiner Studentenzeit, namentlich aus seinem Aufenthalt in Heidelberg erzählte. Er hatte mit seinen Freunden in den Ferien manchen Ausflug am Rhein gemacht, wo ihm besonders ein Wirt in gutem Andenken geblieben war, bei dem er einst mit zehn andern Studenten übernachtet und welcher unentgeltlich den Wein hergegeben, bloß damit er einmal seine Freude an einem sogenannten Kommersch haben möge. Nach Tisch legte Goethe uns kolorierte Zeichnungen italienischer Gegenden vor, besonders des nördlichen Italiens mit den Gebirgen der angrenzenden Schweiz und dem Lago Maggiore. Die Borromäischen Inseln spiegelten sich im Wasser, man sah am Ufer Fahrzeuge und Fischergerät, wobei Goethe bemerklich machte, daß dies der See aus seinen ›Wanderjahren‹ sei. Nordwestlich, in der Richtung nach dem Monte Rosa stand das den See begrenzende Vorgebirge in dunkelen blauschwarzen Massen, so wie es kurz nach Sonnenuntergange zu sein pflegt. Ich machte die Bemerkung, daß mir, als einem in der Ebene Geborenen, die düstere Erhabenheit solcher Massen ein unheimliches Gefühl errege und daß ich keineswegs Lust verspüre, in solchen Schluchten zu wandern. »Dieses Gefühl«, sagte Goethe, »ist in der Ordnung. Denn im Grunde ist dem Menschen nur der Zustand gemäß, worin und wofür er geboren worden. Wen nicht große Zwecke in die Fremde treiben, der bleibt weit glücklicher zu Hause. Die Schweiz machte anfänglich auf mich so großen Eindruck, daß ich dadurch verwirrt und beunruhigt wurde; erst bei wiederholtem Aufenthalt, erst in späteren Jahren, wo ich die Gebirge bloß in mineralogischer Hinsicht betrachtete, konnte ich mich ruhig mit ihnen befassen.« Wir besahen darauf eine große Folge von Kupferstichen nach Gemälden neuer Künstler aus einer französischen Galerie. Die Erfindung in diesen Bildern war fast durchgehende schwach, so daß wir unter vierzig Stücken kaum vier bis fünf gute fanden. Diese guten waren: ein Mädchen, das sich einen Liebesbrief schreiben läßt; eine Frau in einem maison à vendre, das niemand kaufen will; ein Fischfang; Musikanten vor einem Muttergottesbilde. Auch eine Landschaft in Poussins Manier war nicht übel, wobei Goethe sich folgendermaßen äußerte: »Solche Künstler«, sagte er, »haben den allgemeinen Begriff von Poussins Landschaften aufgefaßt, und mit diesem Begriff wirken sie fort. Man kann ihre Bilder nicht gut und nicht schlecht nennen. Sie sind nicht schlecht, weil überall ein tüchtiges Muster hindurchblickt; aber man kann sie nicht gut heißen, weil den Künstlern gewöhnlich Poussins große Persönlichkeit fehlt. Es ist unter den Poeten nicht anders, und es gibt deren, die sich z. B. in Shakespeares großer Manier sehr unzulänglich ausnehmen würden.« Zum Schluß Rauchs Modell zu Goethes Statue, für Frankfurt bestimmt, lange betrachtet und besprochen. Dienstag, den 24. Februar 1824 Heute um ein Uhr zu Goethe. Er legte mir Manuskripte vor, die er für das erste Heft des fünften Bandes von ›Kunst und Altertum‹ diktiert hatte. Zu meiner Beurteilung des deutschen ›Paria‹ fand ich von ihm einen Anhang gemacht, sowohl in bezug auf das französische Trauerspiel als seine eigene lyrische Trilogie, wodurch denn dieser Gegenstand gewissermaßen in sich geschlossen war. »Es ist gut,« sagte Goethe, »daß Sie bei Gelegenheit Ihrer Rezension sich die indischen Zustände zu eigen gemacht haben; denn wir behalten von unsern Studien am Ende doch nur das, was wir praktisch anwenden.« Ich gab ihm recht und sagte, daß ich bei meinem Aufenthalt auf der Akademie diese Erfahrung gemacht, indem ich von den Vorträgen der Lehrer nur das behalten, zu dessen Anwendung eine praktische Richtung in mir gelegen; dagegen hätte ich alles, was nicht später bei mir zur Ausübung gekommen, durchaus vergessen. »Ich habe«, sagte ich, »bei Heeren alte und neue Geschichte gehört, aber ich weiß davon kein Wort mehr. Würde ich aber jetzt einen Punkt der Geschichte in der Absicht studieren, um ihn etwa dramatisch darzustellen, so würde ich solche Studien mir sicher für immer zu eigen machen.« »Überhaupt«, sagte Goethe, »treibt man auf Akademien viel zu viel und gar zu viel Unnützes. Auch dehnen die einzelnen Lehrer ihre Fächer zu weit aus, bei weitem über die Bedürfnisse der Hörer. In früherer Zeit wurde Chemie und Botanik als zur Arzneikunde gehörig vorgetragen, und der Mediziner hatte daran genug. Jetzt aber sind Chemie und Botanik eigene unübersehbare Wissenschaften geworden, deren jede ein ganzes Menschenleben erfordert, und man will sie dem Mediziner mit zumuten! Daraus aber kann nichts werden; das eine wird über das andere unterlassen und vergessen. Wer klug ist, lehnet daher alle zerstreuende Anforderungen ab und beschränkt sich auf ein Fach und wird tüchtig in einem .« Darauf zeigte mir Goethe eine kurze Kritik, die er über Byrons ›Kain‹ geschrieben und die ich mit großem Interesse las. »Man sieht,« sagte er, »wie einem freien Geiste wie Byron die Unzulänglichkeit der kirchlichen Dogmen zu schaffen gemacht und wie er sich durch ein solches Stück von einer ihm aufgedrungenen Lehre zu befreien gesucht. Die englische Geistlichkeit wird es ihm freilich nicht Dank wissen; mich soll aber wundern, ob er nicht in Darstellung nachbarlicher biblischer Gegensätze fortschreiten wird, und ob er sich ein Sujet wie den Untergang von Sodom und Gomorrha wird entgehen lassen.« Nach diesen literarischen Betrachtungen lenkte Goethe mein Interesse auf die bildende Kunst, indem er mir einen antiken geschnittenen Stein zeigte, von welchem er schon tags vorher mit Bewunderung gesprochen. Ich war entzückt bei der Betrachtung der Naivität des dargestellten Gegenstandes. Ich sah einen Mann, der ein schweres Gefäß von der Schulter genommen, um einen Knaben daraus trinken zu lassen. Diesem aber ist es noch nicht bequem, noch nicht mundgerecht genug, das Getränk will nicht fließen, und indem er seine beiden Händchen an das Gefäß legt, blickt er zu dem Manne hinauf und scheint ihn zu bitten, es noch ein wenig zu neigen. »Nun, wie gefällt Ihnen das?« sagte Goethe. »Wir Neueren«, fuhr er fort, »fühlen wohl die große Schönheit eines solchen rein natürlichen, rein naiven Motivs, wir haben auch wohl die Kenntnis und den Begriff, wie es zu machen wäre, allein wir machen es nicht, der Verstand herrschet vor, und es fehlet immer diese entzückende Anmut.« Wir betrachteten darauf eine Medaille von Brandt in Berlin, den jungen Theseus darstellend, wie er die Waffen seines Vaters unter dem Stein hervornimmt. Die Stellung der Figur hatte viel Löbliches, jedoch vermißten wir eine genugsame Anstrengung der Glieder gegen die Last des Steines. Auch erschien es keineswegs gut gedacht, daß der Jüngling schon in der einen Hand die Waffen hält, während er noch mit der andern den Stein hebt; denn nach der Natur der Sache wird er zuerst den schweren Stein zur Seite werfen und dann die Waffen aufnehmen. »Dagegen«, sagte Goethe, »will ich Ihnen eine antike Gemme zeigen, worauf derselbe Gegenstand von einem Alten behandelt ist.« Er ließ von Stadelmann einen Kasten herbeiholen, worin sich einige hundert Abdrücke antiker Gemmen fanden, die er bei Gelegenheit seiner italienischen Reise sich aus Rom mitgebracht. Da sah ich nun denselbigen Gegenstand von einem alten Griechen behandelt, und zwar wie anders! Der Jüngling stemmt sich mit aller Anstrengung gegen den Stein, auch ist er einer solchen Last gewachsen, denn man sieht das Gewicht schon überwunden und den Stein bereits zu dem Punkt gehoben, um sehr bald zur Seite geworfen zu werden. Seine ganze Körperkraft wendet der junge Held gegen die schwere Masse, und nur seine Blicke richtet er niederwärts auf die unten vor ihm liegenden Waffen. Wir freuten uns der großen Naturwahrheit dieser Behandlung. »Meyer pflegt immer zu sagen,« fiel Goethe lachend ein, » wenn nur das Denken nicht so schwer wäre! – Das Schlimme aber ist,« fuhr er heiter fort, »daß alles Denken zum Denken nichts hilft; man muß von Natur richtig sein, so daß die guten Einfälle immer wie freie Kinder Gottes vor uns dastehen und uns zurufen: da sind wir!« Mittwoch, den 25. Februar 1824 Goethe zeigte mir heute zwei höchst merkwürdige Gedichte, beide in hohem Grade sittlich in ihrer Tendenz, in einzelnen Motiven jedoch so ohne allen Rückhalt natürlich und wahr, daß die Welt dergleichen unsittlich zu nennen pflegt, weshalb er sie denn auch geheimhielt und an eine öffentliche Mitteilung nicht dachte. »Könnten Geist und höhere Bildung«, sagte er, »ein Gemeingut werden, so hätte der Dichter ein gutes Spiel; er könnte immer durchaus wahr sein und brauchte sich nicht zu scheuen, das Beste zu sagen. So aber muß er sich immer in einem gewissen Niveau halten; er hat zu bedenken, daß seine Werke in die Hände einer gemischten Welt kommen, und er hat daher Ursache, sich in acht zu nehmen, daß er der Mehrzahl guter Menschen durch eine zu große Offenheit kein Ärgernis gebe. Und dann ist die Zeit ein wunderlich Ding. Sie ist ein Tyrann, der seine Launen hat und der zu dem, was einer sagt und tut, in jedem Jahrhundert ein ander Gesicht macht. Was den alten Griechen zu sagen erlaubt war, will uns zu sagen nicht mehr anstehen, und was Shakespeares kräftigen Mitmenschen durchaus anmutete, kann der Engländer von 1820 nicht mehr ertragen, so daß in der neuesten Zeit ein Family-Shakespeare ein gefühltes Bedürfnis wird.« »Auch liegt sehr vieles in der Form«, fügte ich hinzu. »Das eine jener beiden Gedichte, in dem Ton und Versmaß der Alten, hat weit weniger Zurückstoßendes. Einzelne Motive sind allerdings an sich widerwärtig, allein die Behandlung wirft über das Ganze so viel Großheit und Würde, daß es uns wird, als hörten wir einen kräftigen Alten, und als wären wir in die Zeit griechischer Heroen zurückversetzt. Das andere Gedicht dagegen, in dem Ton und der Versart von Meister Ariost, ist weit verfänglicher. Es behandelt ein Abenteuer von heute, in der Sprache von heute, und indem es dadurch ohne alle Umhüllung ganz in unsere Gegenwart hereintritt, erscheinen die einzelnen Kühnheiten bei weitem verwegener.« »Sie haben recht,« sagte Goethe, »es liegen in den verschiedenen poetischen Formen geheimnisvolle große Wirkungen. Wenn man den Inhalt meiner ›Römischen Elegien‹ in den Ton und die Versart von Byrons ›Don Juan‹ übertragen wollte, so müßte sich das Gesagte ganz verrucht ausnehmen.« Die französischen Zeitungen wurden gebracht. Der beendigte Feldzug der Franzosen in Spanien unter dem Herzog von Angoulême hatte für Goethe großes Interesse. »Ich muß die Bourbons wegen dieses Schrittes durchaus loben,« sagte er, »denn erst hiedurch gewinnen sie ihren Thron, indem sie die Armee gewinnen. Und das ist erreicht. Der Soldat kehret mit Treue für seinen König zurück, denn er hat aus seinen eigenen Siegen sowie aus den Niederlagen der vielköpfig befehligten Spanier die Überzeugung gewonnen, was für ein Unterschied es sei, einem einzelnen gehorchen oder vielen. Die Armee hat den alten Ruhm behauptet und an den Tag gelegt, daß sie fortwährend in sich selber brav sei und daß sie auch ohne Napoleon zu siegen vermöge.« Goethe wendete darauf seine Gedanken in der Geschichte rückwärts und sprach sehr viel über die preußische Armee im Siebenjährigen Kriege, die durch Friedrich den Großen an ein beständiges Siegen gewöhnt und dadurch verwöhnt worden, so daß sie in späterer Zeit aus zu großem Selbstvertrauen so viele Schlachten verloren. Alle einzelnen Details waren ihm gegenwärtig, und ich hatte sein glückliches Gedächtnis zu bewundern. »Ich habe den großen Vorteil,« fuhr er fort, »daß ich zu einer Zeit geboren wurde, wo die größten Weltbegebenheiten an die Tagesordnung kamen und sich durch mein langes Leben fortsetzten, so daß ich vom Siebenjährigen Krieg, sodann von der Trennung Amerikas von England, ferner von der Französischen Revolution, und endlich von der ganzen Napoleonischen Zeit bis zum Untergange des Helden und den folgenden Ereignissen lebendiger Zeuge war. Hiedurch bin ich zu ganz anderen Resultaten und Einsichten gekommen, als allen denen möglich sein wird, die jetzt geboren werden und die sich jene großen Begebenheiten durch Bücher aneignen müssen, die sie nicht verstehen. Was uns die nächsten Jahre bringen werden, ist durchaus nicht vorherzusagen; doch ich fürchte, wir kommen so bald nicht zur Ruhe. Es ist der Welt nicht gegeben, sich zu bescheiden: den Großen nicht, daß kein Mißbrauch der Gewalt stattfinde, und der Masse nicht, daß sie in Erwartung allmählicher Verbesserungen mit einem mäßigen Zustande sich begnüge. Könnte man die Menschheit vollkommen machen, so wäre auch ein vollkommener Zustand denkbar; so aber wird es ewig herüber- und hinüberschwanken, der eine Teil wird leiden, während der andere sich wohl befindet, Egoismus und Neid werden als böse Dämonen immer ihr Spiel treiben, und der Kampf der Parteien wird kein Ende haben. Das Vernünftigste ist immer, daß jeder sein Metier treibe, wozu er geboren ist und was er gelernt hat, und daß er den andern nicht hindere, das seinige zu tun. Der Schuster bleibe bei seinem Leisten, der Bauer hinter dem Pflug, und der Fürst wisse zu regieren. Denn dies ist auch ein Metier, das gelernt sein will, und das sich niemand anmaßen soll, der es nicht versteht.« Goethe kam darauf wieder auf die französischen Zeitungen. »Die Liberalen«, sagte er, »mögen reden, denn wenn sie vernünftig sind, hört man ihnen gerne zu; allein den Royalisten, in deren Händen die ausübende Gewalt ist, steht das Reden schlecht, sie müssen handeln. Mögen sie Truppen marschieren lassen und köpfen und hängen, das ist recht; allein in öffentlichen Blättern Meinungen bekämpfen und ihre Maßregeln rechtfertigen, das will ihnen nicht kleiden. Gäbe es ein Publikum von Königen, da möchten sie reden. In dem, was ich selber zu tun und zu treiben hatte,« fuhr Goethe fort, »habe ich mich immer als Royalist behauptet. Die anderen habe ich schwatzen lassen, und ich habe getan, was ich für gut fand. Ich übersah meine Sache und wußte, wohin ich wollte. Hatte ich als einzelner einen Fehler begangen, so konnte ich ihn wieder gutmachen hätte ich ihn aber zu dreien und mehreren begangen, so wäre ein Gutmachen unmöglich gewesen, denn unter vielen ist zu vielerlei Meinung.« Darauf bei Tisch war Goethe von der heitersten Laune. Er zeigte mir das Stammbuch der Frau von Spiegel, worin er sehr schöne Verse geschrieben. Es war ein Platz für ihn zwei Jahre lang offen gelassen, und er war nun froh, daß es ihm gelungen, ein altes Versprechen endlich zu erfüllen. Nachdem ich das Gedicht an Frau von Spiegel gelesen, blätterte ich in dem Buche weiter, wobei ich auf manchen bedeutenden Namen stieß. Gleich auf der nächsten Seite stand ein Gedicht von Tiedge, ganz in der Gesinnung und dem Tone seiner ›Urania‹ geschrieben. »In einer Anwandlung von Verwegenheit«, sagte Goethe, »war ich im Begriff einige Verse darunter zu setzen; es freut mich aber, daß ich es unterlassen, denn es ist nicht das erste Mal, daß ich durch rückhaltlose Äußerungen gute Menschen zurückgestoßen und die Wirkung meiner besten Sachen verdorben habe. Indessen«, fuhr Goethe fort, »habe ich von Tiedges ›Urania‹ nicht wenig auszustehen gehabt; denn es gab eine Zeit, wo nichts gesungen und nichts deklamiert wurde als die ›Urania‹ Wo man hinkam, fand man die ›Urania‹ auf allen Tischen; die ›Urania‹ und die Unsterblichkeit war der Gegenstand jeder Unterhaltung. Ich möchte keineswegs das Glück entbehren, an eine künftige Fortdauer zu glauben; ja ich möchte mit Lorenzo von Medici sagen, daß alle diejenigen auch für dieses Leben tot sind, die kein anderes hoffen; allein solch unbegreifliche Dinge liegen zu fern, um ein Gegenstand täglicher Betrachtung und gedankenzerstörender Spekulation zu sein. Und ferner: wer eine Fortdauer glaubt, der sei glücklich im stillen, aber er hat nicht Ursache, sich darauf etwas einzubilden. Bei Gelegenheit von Tiedges ›Urania‹ indes machte ich die Bemerkung, daß, eben wie der Adel, so auch die Frommen eine gewisse Aristokratie bilden. Ich fand dumme Weiber, die stolz waren, weil sie mit Tiedge an Unsterblichkeit glaubten, und ich mußte es leiden, daß manche mich über diesen Punkt auf eine sehr dünkelhafte Weise examinierten. Ich ärgerte sie aber, indem ich sagte: es könne mir ganz recht sein, wenn nach Ablauf dieses Lebens uns ein abermaliges beglücke; allein ich wolle mir ausbitten, daß mir drüben niemand von denen begegne, die hier daran geglaubt hätten. Denn sonst würde meine Plage erst recht angehen! Die Frommen würden um mich herumkommen und sagen: Haben wir nicht recht gehabt? Haben wir es nicht vorhergesagt? Ist es nicht eingetroffen? Und damit würde denn auch drüben der Langenweile kein Ende sein. Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsideen«, fuhr Goethe fort, »ist für vornehme Stände und besonders für Frauenzimmer, die nichts zu tun haben. Ein tüchtiger Mensch aber, der schon hier etwas Ordentliches zu sein gedenkt und der daher täglich zu streben, zu kämpfen und zu wirken hat, läßt die künftige Welt auf sich beruhen und ist tätig und nützlich in dieser. Ferner sind Unsterblichkeitsgedanken für solche, die in Hinsicht auf Glück hier nicht zum besten weggekommen sind, und ich wollte wetten, wenn der gute Tiedge ein besseres Geschick hätte, so hätte er auch bessere Gedanken.« Donnerstag, den 26. [?] Februar 1824 Mit Goethe zu Tisch. Nachdem gegessen und abgeräumt war, ließ er durch Stadelmann große Portefeuilles mit Kupferstichen herbeischleppen. Auf den Mappen hatte sich einiger Staub gesammelt, und da keine passende Tücher zum Abwischen in der Nähe waren, so ward Goethe unwillig und schalt seinen Diener. »Ich erinnere dich zum letzten Mal,« sagte er, »denn gehst du nicht noch heute, die oft verlangten Tücher zu kaufen, so gehe ich morgen selbst, und du sollst sehen, daß ich Wort halte.« Stadelmann ging. »Ich hatte einmal einen ähnlichen Fall mit dem Schauspieler Becker,« fuhr Goethe gegen mich heiter fort, »der sich weigerte, einen Reiter im ›Wallenstein‹ zu spielen. Ich ließ ihm aber sagen, wenn er die Rolle nicht spielen wolle, so würde ich sie selber spielen. Das wirkte. Denn sie kannten mich beim Theater und wußten, daß ich in solchen Dingen keinen Spaß verstand und daß ich verrückt genug war, mein Wort zu halten und das Tollste zu tun.« »Und würden Sie im Ernst die Rolle gespielt haben?«fragte ich. »Ja,« sagte Goethe, »ich hätte sie gespielt und würde den Herrn Becker heruntergespielt haben, denn ich kannte die Rolle besser als er.« Wir öffneten darauf die Mappen und schritten zur Betrachtung der Kupfer und Zeichnungen. Goethe verfährt hiebei in bezug auf mich sehr sorgfältig, und ich fühle, daß es seine Absicht ist, mich in der Kunstbetrachtung auf eine höhere Stufe der Einsicht zu bringen. Nur das in seiner Art durchaus Vollendete zeigt er mir und macht mir des Künstlers Intention und Verdienst deutlich, damit ich erreichen möge, die Gedanken der Besten nachzudenken und den Besten gleich zu empfinden. »Dadurch«, sagte er heute, »bildet sich das, was wir Geschmack nennen. Denn den Geschmack kann man nicht am Mittelgut bilden, sondern nur am Allervorzüglichsten. Ich zeige Ihnen daher nur das Beste; und wenn Sie sich darin befestigen, so haben Sie einen Maßstab für das übrige, das Sie nicht überschätzen, aber doch schätzen werden. Und ich zeige Ihnen das Beste in jeder Gattung, damit Sie sehen, daß keine Gattung gering zu achten, sondern daß jede erfreulich ist, sobald ein großes Talent darin den Gipfel erreichte. Dieses Bild eines französischen Künstlers z. B. ist galant wie kein anderes und daher ein Musterstück seiner Art.« Goethe reichte mir das Blatt, und ich sah es mit Freuden. In einem reizenden Zimmer eines Sommerpalais, wo man durch offene Fenster und Türen die Aussicht in den Garten hat, sieht man eine Gruppe der anmutigsten Personen. Eine sitzende schöne Frau von etwa dreißig, Jahren hält ein Notenbuch, woraus sie soeben gesungen zu haben scheint. Etwas tiefer, an ihrer Seite sitzend, lehnt sich ein junges Mädchen von etwa fünfzehn. Rückwärts am offenen Fenster steht eine andere junge Dame, sie hält eine Laute und scheint noch Töne zu greifen. In diesem Augenblick ist ein junger Herr hereingetreten, auf den die Blicke der Frauen sich richten; er scheint die musikalische Unterhaltung unterbrochen zu haben, und indem er mit einer leichten Verbeugung vor ihnen steht, macht er den Eindruck, als sagte er entschuldigende Worte, die vor den Frauen mit Wohlgefallen gehört werden. »Das, dächte ich,« sagte Goethe, »wäre so galant wie irgendein Stück von Calderon, und Sie haben nun in dieser Art das Vorzüglichste gesehen. Was aber sagen Sie hiezu?« Mit diesen Worten reichte er mir einige radierte Blätter des berühmten Tiermalers Roos, lauter Schafe, und diese Tiere in allen ihren Lagen und Zuständen. Das Einfältige der Physiognomien, das Häßliche, Struppige der Haare, alles mit der äußersten Wahrheit, als wäre es die Natur selber. »Mir wird immer bange,« sagte Goethe, »wenn ich diese Tiere ansehe. Das Beschränkte, Dumpfe, Träumende, Gähnende ihres Zustandes zieht mich in das Mitgefühl desselben hinein man fürchtet, zum Tier zu werden, und möchte fast glauben, der Künstler sei selber eins gewesen. Auf jeden Fall bleibt es im hohen Grade erstaunenswürdig, wie er sich in die Seelen dieser Geschöpfe hat hineindenken und hineinempfinden können, um den innern Charakter in der äußern Hülle mit solcher Wahrheit durchblicken zu lassen. Man sieht aber, was ein großes Talent machen kann, wenn es bei Gegenständen bleibt, die seiner Natur analog sind.« »Hat denn dieser Künstler«, sagte ich, »nicht auch Hunde, Katzen und Raubtiere mit einer ähnlichen Wahrheit gebildet? Ja, hat er, bei der großen Gabe, sich in einen fremden Zustand hineinzufühlen, nicht auch menschliche Charaktere mit einer gleichen Treue behandelt?« »Nein,« sagte Goethe, »alles das lag außer seinem Kreise; dagegen die frommen, grasfressenden Tiere, wie Schafe, Ziegen, Kühe und dergleichen, ward er nicht müde ewig zu wiederholen; dies war seines Talentes eigentliche Region, aus der er auch zeitlebens nicht herausging. Und daran tat er wohl! Das Mitgefühl der Zustände dieser Tiere war ihm angeboren, die Kenntnis ihres Psychologischen war ihm gegeben, und so hatte er denn auch für deren Körperliches ein so glückliches Auge. Andere Geschöpfe dagegen waren ihm vielleicht nicht so durchsichtig, und es fehlte ihm daher zu ihrer Darstellung sowohl Beruf als Trieb.« Durch diese Äußerung Goethes ward manches Analoge in mir aufgeregt, das mir wieder lebhaft vor die Seele trat. So hatte er mir vor einiger Zeit gesagt, daß dem echten Dichter die Kenntnis der Welt angeboren sei und daß er zu ihrer Darstellung keineswegs vieler Erfahrung und einer großen Empirie bedürfe. »Ich schrieb meinen ›Götz von Berlichingen‹«, sagte er, »als junger Mensch von zweiundzwanzig und erstaunte zehn Jahre später über die Wahrheit meiner Darstellung. Erlebt und gesehen hatte ich bekanntlich dergleichen nicht, und ich mußte also die Kenntnis mannigfaltiger menschlicher Zustände durch Antizipation besitzen. Überhaupt hatte ich nur Freude an der Darstellung meiner innern Welt, ehe ich die äußere kannte. Als ich nachher in der Wirklichkeit fand, daß die Welt so war, wie ich sie mir gedacht hatte, war sie mir verdrießlich, und ich hatte keine Lust mehr sie darzustellen. Ja, ich möchte sagen: hätte ich mit Darstellung der Welt so lange gewartet, bis ich sie kannte, so wäre meine Darstellung Persiflage geworden.« »Es liegt in den Charakteren«, sagte er ein andermal, »eine gewisse Notwendigkeit, eine gewisse Konsequenz, vermöge welcher bei diesem oder jenem Grundzuge eines Charakters gewisse sekundäre Züge stattfinden. Dieses lehrt die Empirie genugsam, es kann aber auch einzelnen Individuen die Kenntnis davon angeboren sein. Ob bei mir Angeborenes und Erfahrung sich vereinige, will ich nicht untersuchen –, aber so viel weiß ich: wenn ich jemanden eine Viertelstunde gesprochen habe, so will ich ihn zwei Stunden reden lassen.« So hatte Goethe von Lord Byron gesagt, daß ihm die Welt durchsichtig sei und daß ihm ihre Darstellung durch Antizipation möglich. Ich äußerte darauf einige Zweifel, ob es Byron z. B. gelingen möchte, eine untergeordnete tierische Natur darzustellen, indem seine Individualität mir zu gewaltsam erscheine, um sich solchen Gegenständen mit Liebe hinzugeben. Goethe gab dieses zu und erwiderte, daß die Antizipation sich überall nur so weit erstrecke, als die Gegenstände dem Talent analog seien, und wir wurden einig, daß in dem Verhältnis, wie die Antizipation beschränkt oder umfassend sei, das darstellende Talent selbst von größerem oder geringerem Umfange befunden werde. »Wenn Eure Exzellenz behaupten,« sagte ich darauf, »daß dem Dichter die Welt angeboren sei, so haben Sie wohl nur die Welt des Innern dabei im Sinne, aber nicht die empirische Welt der Erscheinung und Konvenienz; und wenn also dem Dichter eine wahre Darstellung derselben gelingen soll, so muß doch wohl die Erforschung des Wirklichen hinzukommen?« »Allerdings,« erwiderte Goethe, »es ist so. Die Region der Liebe, des Hasses, der Hoffnung, der Verzweiflung, und wie die Zustände und Leidenschaften der Seele heißen, ist dem Dichter angeboren, und ihre Darstellung gelingt ihm. Es ist aber nicht angeboren, wie man Gericht hält, oder wie man im Parlament oder bei einer Kaiserkrönung verfährt; und um nicht gegen die Wahrheit solcher Dinge zu verstoßen, muß der Dichter sie aus Erfahrung oder Überlieferung sich aneignen. So konnte ich im ›Faust‹ den düstern Zustand des Lebensüberdrusses im Helden, sowie die Liebesempfindungen Gretchens recht gut durch Antizipation in meiner Macht haben; allein um z. B. zu sagen: Wie traurig steigt die unvollkommne Scheibe Des späten Monds mit feuchter Glut heran – bedurfte es einiger Beobachtung der Natur.« »Es ist aber«, sagte ich, »im ganzen ›Faust‹ keine Zeile, die nicht von sorgfältiger Durchforschung der Welt und des Lebens unverkennbare Spuren trüge, und man wird keineswegs erinnert, als sei Ihnen das alles, ohne die reichste Erfahrung, nur so geschenkt worden.« »Mag sein,« antwortete Goethe; »allein hätte ich nicht die Welt durch Antizipation bereits in mir getragen, ich wäre mit sehenden Augen blind geblieben, und alle Erforschung und Erfahrung wäre nichts gewesen als ein ganz totes vergebliches Bemühen. Das Licht ist da, und die Farben umgeben uns; allein trügen wir kein Licht und keine Farben im eigenen Auge, so würden wir auch außer uns dergleichen nicht wahrnehmen.« Sonnabend, den 28. [Mittwoch, den 25.] Februar 1824 »Es gibt vortreffliche Menschen,« sagte Goethe, »die nichts aus dem Stegreife, nichts obenhin zu tun vermögen, sondern deren Natur es verlangt, ihre jedesmaligen Gegenstände mit Ruhe tief zu durchdringen. Solche Talente machen uns oft ungeduldig, indem man selten von ihnen erlangt, was man augenblicklich wünscht; allein auf diesem Wege wird das Höchste geleistet.« Ich brachte das Gespräch auf Ramberg. »Das ist freilich ein Künstler ganz anderer Art,« sagte Goethe, »ein höchst erfreuliches Talent, und zwar ein improvisierendes, das nicht seinesgleichen hat. Er verlangte einst in Dresden von mir eine Aufgabe. Ich gab ihm den Agamemnon, wie er, von Troja in seine Heimat zurückkehrend, vom Wagen steigt, und wie es ihm unheimlich wird, die Schwelle seines Hauses zu betreten. Sie werden zugeben, daß dies ein Gegenstand der allerschwierigsten Sorte ist, der bei einem anderen Künstler die reiflichste Überlegung würde erfordert haben. Ich hatte aber kaum das Wort ausgesprochen, als Ramberg schon an zu zeichnen fing, und zwar mußte ich bewundern, wie er den Gegenstand sogleich richtig auffaßte. Ich kann nicht leugnen, ich möchte einige Blätter von Rambergs Hand besitzen.« Wir sprachen sodann über andere Künstler, die in ihren Werken leichtsinnig verfahren und zuletzt in Manier zugrunde gehen. »Die Manier«, sagte Goethe, »will immer fertig sein und hat keinen Genuß an der Arbeit. Das echte, wahrhaft große Talent aber findet sein höchstes Glück in der Ausführung. Roos ist unermüdlich in emsiger Zeichnung der Haare und Wolle seiner Ziegen und Schafe, und man sieht an dem unendlichen Detail, daß er während der Arbeit die reinste Seligkeit genoß und nicht daran dachte fertig zu werden. Geringeren Talenten genügt nicht die Kunst als solche; sie haben während der Ausführung immer nur den Gewinn vor Augen, den sie durch ein fertiges Werk zu erreichen hoffen. Bei so weltlichen Zwecken und Richtungen aber kann nichts Großes zustande kommen.« Sonntag, den 29. Februar 1824 Ich ging um zwölf Uhr zu Goethe, der mich vor Tisch zu einer Spazierfahrt hatte einladen lassen. Ich fand ihn frühstückend, als ich zu ihm hereintrat, und setzte mich ihm gegenüber, indem ich das Gespräch auf die Arbeiten brachte, die uns gemeinschaftlich in bezug auf die neue Ausgabe seiner Werke beschäftigten. Ich redete ihm zu, sowohl seine ›Götter, Helden und Wieland‹ als auch seine ›Briefe des Pastors‹ in diese neue Edition mit aufzunehmen. »Ich habe«, sagte Goethe, »auf meinem jetzigen Standpunkt über jene jugendlichen Produktionen eigentlich kein Urteil. Da mögt ihr Jüngeren entscheiden. Ich will indes jene Anfänge nicht schelten; ich war freilich noch dunkel und strebte in bewußtlosem Drange vor mir hin, aber ich hatte ein Gefühl des Rechten, eine Wünschelrute, die mir anzeigte, wo Gold war.« Ich machte bemerklich, daß dieses bei jedem großen Talent der Fall sein müsse, indem es sonst bei seinem Erwachen in der gemischten Welt nicht das Rechte ergreifen und das Verkehrte vermeiden würde. Es war indes angespannt, und wir fuhren den Weg nach Jena hinaus. Wir sprachen verschiedene Dinge, Goethe erwähnte die neuen französischen Zeitungen. »Die Konstitution in Frankreich,« sagte er, »bei einem Volke, das so viele verdorbene Elemente in sich hat, ruht auf ganz anderem Fundament als die in England. Es ist in Frankreich alles durch Bestechungen zu erreichen, ja die ganze Französische Revolution ist durch Bestechungen geleitet worden.« Darauf erzählte mir Goethe die Nachricht von dem Tode Eugen Napoleons, Herzog von Leuchtenberg, die diesen Morgen eingegangen, welcher Fall ihn tief zu betrüben schien. »Er war einer von den großen Charakteren,« sagte Goethe, »die immer seltener werden, und die Welt ist abermals um einen bedeutenden Menschen ärmer. Ich kannte ihn persönlich; noch vorigen Sommer war ich mit ihm in Marienbad zusammen. Er war ein schöner Mann von etwa zweiundvierzig Jahren, aber er schien älter zu sein, und das war kein Wunder, wenn man bedenkt, was er ausgestanden und wie in seinem Leben sich ein Feldzug und eine große Tat auf die andere drängte. Er teilte mir in Marienbad einen Plan mit, über dessen Ausführung er viel mit mir verhandelte. Er ging nämlich damit um, den Rhein mit der Donau durch einen Kanal zu vereinigen. Ein riesenhaftes Unternehmen, wenn man die widerstrebende Lokalität bedenkt. Aber jemandem, der unter Napoleon gedient und mit ihm die Welt erschüttert hat, erscheint nichts unmöglich. Karl der Große hatte schon denselbigen Plan und ließ auch mit der Arbeit anfangen; allein das Unternehmen geriet bald in Stocken: der Sand wollte nicht Stich halten, die Erdmassen fielen von beiden Seiten immer wieder zusammen.« Montag, den 22. März 1824 Mit Goethe vor Tisch nach seinem Garten gefahren. Die Lage dieses Gartens, jenseits der Ilm, in der Nähe des Parks, an dem westlichen Abhange eines Hügelzuges, hat etwas sehr Trauliches. Vor Nord- und Ostwinden geschützt, ist er den erwärmenden und belebenden Einwirkungen des südlichen und westlichen Himmels offen, welches ihn besonders im Herbst und Frühling zu einem höchst angenehmen Aufenthalte macht. Der in nordwestlicher Richtung liegenden Stadt ist man so nahe, daß man in wenigen Minuten dort sein kann, und doch, wenn man umherblickt, sieht man nirgend ein Gebäude oder eine Turmspitze ragen, die an eine solche städtische Nähe erinnern könnte; die hohen dichten Bäume des Parks verhüllen alle Aussicht nach jener Seite. Sie ziehen sich links, nach Norden zu, unter dem Namen des Sternes, ganz nahe an den Fahrweg heran, der unmittelbar vor dem Garten vorüberführt. Gegen Westen und Südwesten blickt man frei über eine geräumige Wiese hin, durch welche in der Entfernung eines guten Pfeilschusses die Ilm in stillen Windungen vorbeigeht. Jenseits des Flusses erhebt sich das Ufer gleichfalls hügelartig, an dessen Abhängen und auf dessen Höhen, in den mannigfaltigen Laubschattierungen hoher Erlen, Eschen, Pappelweiden und Birken, der sich breit hinziehende Park grünet, indem er den Horizont gegen Mittag und Abend in erfreulicher Entfernung begrenzet. Diese Ansicht des Parkes über die Wiese hin, besonders im Sommer, gewährt den Eindruck, als sei man in der Nähe eines Waldes, der sich stundenweit ausdehnt. Man denkt, es müsse jeden Augenblick ein Hirsch, ein Reh auf die Wiesenfläche hervorkommen. Man fühlt sich in den Frieden tiefer Natureinsamkeit versetzt, denn die große Stille ist oft durch nichts unterbrochen als durch die einsamen Töne der Amsel oder durch den pausenweise abwechselnden Gesang einer Walddrossel. Aus solchen Träumen gänzlicher Abgeschiedenheit erwecket uns jedoch das gelegentliche Schlagen der Turmuhr, das Geschrei der Pfauen von der Höhe des Parks herüber, oder das Trommeln und Hörnerblasen des Militärs der Kaserne. Und zwar nicht unangenehm; denn es erwacht mit solchen Tönen das behagliche Nähegefühl der heimatlichen Stadt, von der man sich meilenweit versetzt glaubte. Zu gewissen Tages- und Jahreszeiten sind diese Wiesenflächen nichts weniger als einsam. Bald sieht man Landleute, die nach Weimar zu Markt oder in Arbeit gehen und von dort zurückkommen, bald Spaziergänger aller Art längs den Krümmungen der Ilm, besonders in der Richtung nach Oberweimar, das zu gewissen Tagen ein sehr besuchten Ort ist. Sodann die Zeit der Heuernte belebt diese Räume auf das heiterste. Hinterdrein sieht man weidende Schafherden, auch wohl die stattlichen Schweizerkühe der nahen Ökonomie. Heute jedoch war von allen diesen die Sinne erquickenden Sommererscheinungen noch keine Spur. Auf den Wiesen waren kaum einige grünende Stellen sichtbar, die Bäume des Parks standen noch in braunen Zweigen und Knospen; doch verkündigte der Schlag der Finken sowie der hin und wieder vernehmbare Gesang der Amsel und Drossel das Herannahen des Frühlings. Die Luft war sommerartig, angenehm; es wehte ein sehr linder Südwestwind. Einzelne kleine Gewitterwolken zogen am heitern Himmel herüber; sehr hoch bemerkte man sich auflösende Cirrusstreifen. Wir betrachteten die Wolken genau und sahen, daß sich die ziehenden geballten der untern Region gleichfalls auflösten, woraus Goethe schloß, daß das Barometer im Steigen begriffen sein müsse. Goethe sprach darauf sehr viel über das Steigen und Fallen des Barometers welches er die Wasserbejahung und Wasserverneinung nannte. Er sprach über das Ein- und Ausatmen der Erde nach ewigen Gesetzen, über eine mögliche Sündflut bei fortwährender Wasserbejahung. Ferner: daß jeder Ort seine eigene Atmosphäre habe, daß jedoch in den Barometerständen von Europa eine große Gleichheit stattfinde. Die Natur sei inkommensurabel, und bei den großen Irregularitäten sei es sehr schwer, das Gesetzliche zu finden. Während er mich so über höhere Dinge belehrte, gingen wir in dem breiten Sandwege des Gartens auf und ab. Wir traten in die Nähe des Hauses, das er seinem Diener aufzuschließen befahl, um mir später das Innere zu zeigen. Die weißabgetünchten Außenseiten sah ich ganz mit Rosenstöcken umgeben, die, von Spalieren gehalten, sich bis zum Dache hinaufgerankt hatten. Ich ging um das Haus herum und bemerkte zu meinem besonderen Interesse an den Wänden in den Zweigen des Rosengebüsches eine große Zahl mannigfaltiger Vogelnester, die sich von vorigem Sommer her erhalten hatten und jetzt bei mangelndem Laube den Blicken freistanden, besonders Nester der Hänflinge und verschiedener Art Grasemücken, wie sie höher oder niedriger zu bauen Neigung haben. Goethe führte mich darauf in das Innere des Hauses, das ich vorigen Sommer zu sehen versäumt hatte. Unten fand ich nur ein wohnbares Zimmer, an dessen Wänden einige Karten und Kupferstiche hingen, desgleichen ein farbiges Porträt Goethes in Lebensgröße, und zwar von Meyer gemalt bald nach der Zurückkunft beider Freunde aus Italien. Goethe erscheint hier im kräftigen mittleren Mannesalter, sehr braun und etwas stark. Der Ausdruck des wenig belebten Gesichtes ist sehr ernst; man glaubt einen Mann zu sehen, dem die Last künftiger Taten auf der Seele liegt. Wir gingen die Treppe hinauf in die oberen Zimmer; ich fand deren drei und ein Kabinettchen, aber alle sehr klein und ohne eigentliche Bequemlichkeit. Goethe sagte, daß er in früheren Jahren hier eine ganze Zeit mit Freuden gewohnt und sehr ruhig gearbeitet habe. Die Temperatur dieser Zimmer war etwas kühl, und wir trachteten wieder nach der milden Wärme im Freien. In dem Hauptwege in der Mittagssonne auf und ab gehend, kam das Gespräch auf die neueste Literatur, auf Schelling, und unter andern auch auf einige neue Schauspiele von Platen. Bald jedoch kehrte unsere Aufmerksamkeit auf die uns umgebende nächste Natur zurück. Die Kaiserkronen und Lilien sproßten schon mächtig, auch kamen die Malven zu beiden Seiten des Weges schon grünend hervor. Der obere Teil des Gartens, am Abhange des Hügels, liegt als Wiese mit einzelnen zerstreut stehenden Obstbäumen. Wege schlängeln sich hinauf, längs der Höhe hin und wieder herunter, welches einige Neigung in mir erregte, mich oben umzusehen. Goethe schritt, diese Wege hinansteigend, mir rasch voran, und ich freute mich über seine Rüstigkeit. Oben an der Hecke fanden wir eine Pfauhenne, die vom fürstlichen Park herübergekommen zu sein schien; wobei Goethe mir sagte, daß er in Sommertagen die Pfauen durch ein beliebtes Futter herüberzulocken und herzugewöhnen pflege. An der anderen Seite den sich schlängelnden Weg herabkommend, fand ich von Gebüsch umgeben einen Stein mit den eingehauenen Versen des bekannten Gedichtes: Hier im Stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten – und ich hatte das Gefühl, daß ich mich an einer klassischen Stelle befinde. Ganz nahe dabei kamen wir auf eine Baumgruppe halbwüchsiger Eichen, Tannen, Birken und Buchen. Unter den Tannen fand ich ein herabgeworfenes Gewölle eines Raubvogels; ich zeigte es Goethen, der mir erwiderte, daß er dergleichen an dieser Stelle häufig gefunden, woraus ich schloß, daß diese Tannen ein beliebter Aufenthalt einiger Eulen sein mögen, die in dieser Gegend häufig gefunden werden. Wir traten um die Baumgruppe herum und befanden uns wieder an dem Hauptwege in der Nähe des Hauses. Die soeben umschrittenen Eichen, Tannen, Birken und Buchen, wie sie untermischt stehen, bilden hier einen Halbkreis, den innern Raum grottenartig überwölbend, worin wir uns auf kleinen Stühlen setzten, die einen runden Tisch umgaben. Die Sonne war so mächtig, daß der geringe Schatten dieser blätterlosen Bäume bereits als eine Wohltat empfunden ward. »Bei großer Sommerhitze«, sagte Goethe, »weiß ich keine bessere Zuflucht als diese Stelle. Ich habe die Bäume vor vierzig Jahren alle eigenhändig gepflanzt, ich habe die Freude gehabt, sie heranwachsen zu sehen, und genieße nun schon seit geraumer Zeit die Erquickung ihres Schattens. Das Laub dieser Eichen und Buchen ist der mächtigsten Sonne undurchdringlich; ich sitze hier gerne an warmen Sommertagen nach Tische, wo denn auf diesen Wiesen und auf dem ganzen Park umher oft eine Stille herrscht, von der die Alten sagen würden: daß der Pan schlafe .« Indessen hörten wir es in der Stadt zwei Uhr schlagen und fuhren zurück. Dienstag, den 30. März 1824 Abends bei Goethe. – Ich war alleine mit ihm. Wir sprachen vielerlei und tranken eine Flasche Wein dazu. Wir sprachen über das französische Theater im Gegensatz zum deutschen. »Es wird schwer halten,« sagte Goethe, »daß das deutsche Publikum zu einer Art von reinem Urteil komme, wie man es etwa in Italien und Frankreich findet. Und zwar ist uns besonders hinderlich, daß auf unseren Bühnen alles durcheinander gegeben wird. An derselbigen Stelle, wo wir gestern den ›Hamlet‹ sahen, sehen wir heute den ›Staberle‹, und wo uns morgen die ›Zauberflöte‹ entzückt, sollen wir übermorgen an den Späßen des ›Neuen Sonntagskindes‹ Gefallen finden. Dadurch entsteht beim Publikum eine Konfusion im Urteil, eine Vermengung der verschiedenen Gattungen, die es nie gehörig schätzen und begreifen lernt. Und dann hat jeder seine individuellen Forderungen und seine persönlichen Wünsche, mit denen er sich wieder nach der Stelle wendet, wo er sie realisiert fand. An demselbigen Baum, wo er heute Feigen gepflückt, will er sie morgen wieder pflücken, und er würde ein sehr verdrießliches Gesicht machen, wenn etwa über Nacht Schlehen gewachsen wären. Ist aber jemand Freund von Schlehen, der wendet sich an die Dornen. Schiller hatte den guten Gedanken, ein eigenes Haus für die Tragödie zu bauen, auch jede Woche ein Stück bloß für Männer zu geben. Allein dies setzte eine sehr große Residenz voraus und war in unsern kleinen Verhältnissen nicht zu realisieren.« Wir sprachen über die Stücke von Iffland und Kotzebue, die Goethe in ihrer Art sehr hoch schätzte. »Eben aus dem gedachten Fehler,« sagte er, »daß niemand die Gattungen gehörig unterscheidet, sind die Stücke jener Männer oft sehr ungerechterweise getadelt worden. Man kann aber lange warten, ehe ein paar so populare Talente wieder kommen.« Ich lobte Ifflands ›Hagestolzen‹, die mir von der Bühne herunter sehr wohl gefallen hatten. »Es ist ohne Frage Ifflands bestes Stück,« sagte Goethe; »es ist das einzige, wo er aus der Prosa ins Ideelle geht.« Er erzählte mir darauf von einem Stück, welches er mit Schiller als Fortsetzung der ›Hagestolzen‹ gemacht, aber nicht geschrieben, sondern bloß gesprächsweise gemacht. Goethe entwickelte mir die Handlung Szene für Szene; es war sehr artig und heiter, und ich hatte daran große Freude. Goethe sprach darauf über einige neue Schauspiele von Platen. »Man sieht«, sagte er, »an diesen Stücken die Einwirkung Calderons. Sie sind durchaus geistreich und in gewisser Hinsicht vollendet, allein es fehlt ihnen ein spezifisches Gewicht, eine gewisse Schwere des Gehalts. Sie sind nicht der Art, um im Gemüt des Lesers ein tiefes und nachwirkendes Interesse zu erregen, vielmehr berühren sie die Saiten unseres Innern nur leicht und vorübereilend. Sie gleichen dem Kork, der auf dem Wasser schwimmend keinen Eindruck macht, sondern von der Oberfläche sehr leicht getragen wird. Der Deutsche verlangt einen gewissen Ernst, eine gewisse Größe der Gesinnung, eine gewisse Fülle des Innern, weshalb denn auch Schiller von allen so hoch gehalten wird. Ich zweifle nun keinesfalls an Platens sehr tüchtigem Charakter, allein das kommt, wahrscheinlich aus einer abweichenden Kunstansicht, hier nicht zur Erscheinung. Er entwickelt eine reiche Bildung, Geist, treffenden Witz und sehr viele künstlerische Vollendung; allein damit ist es, besonders bei uns Deutschen, nicht getan. Überhaupt: der persönliche Charakter des Schriftstellers bringt seine Bedeutung beim Publikum hervor, nicht die Künste seines Talents. Napoleon sagte von Corneille: ›S'il vivait, je le ferais Prince‹ – und er las ihn nicht. Den Racine las er, aber von diesem sagte er es nicht. Deshalb steht auch der Lafontaine bei den Franzosen in so hoher Achtung, nicht seines poetischen Verdienstes wegen, sondern wegen der Großheit seines Charakters, der aus seinen Schriften hervorgeht.« Wir kamen sodann auf die ›Wahlverwandtschaften‹ zu reden, und Goethe erzählte mir von einem durchreisenden Engländer, der sich scheiden lassen wolle, wenn er nach England zurückkäme. Er lachte über solche Torheit und erwähnte mehrere Beispiele von Geschiedenen, die nachher doch nicht hätten voneinander lassen können. »Der selige Reinhard in Dresden«, sagte er, »wunderte sich oft über mich, daß ich in bezug auf die Ehe so strenge Grundsätze habe, während ich doch in allen übrigen Dingen so läßlich denke.« Diese Äußerung Goethes war mir aus dem Grunde merkwürdig, weil sie ganz entschieden an den Tag legt, wie er es mit jenem so oft gemißdeuteten Romane eigentlich gemeint hat. Wir sprachen darauf über Tieck und dessen persönliche Stellung zu Goethe. »Ich bin Tiecken herzlich gut,« sagte Goethe, »und er ist auch im ganzen sehr gut gegen mich gesinnt; allein es ist in seinem Verhältnis zu mir doch etwas, wie es nicht sein sollte. Und zwar bin ich daran nicht schuld, und er ist es auch nicht, sondern es hat seine Ursachen anderer Art. Als nämlich die Schlegel anfingen bedeutend zu werden, war ich ihnen zu mächtig, und um mich zu balancieren, mußten sie sich nach einem Talent umsehen, das sie mir entgegenstellten. Ein solches fanden sie in Tieck, und damit er mir gegenüber in den Augen des Publikums genugsam bedeutend erscheine, so mußten sie mehr aus ihm machen, als er war. Dieses schadete unserm Verhältnis; denn Tieck kam dadurch zu mir, ohne es sich eigentlich bewußt zu werden, in eine schiefe Stellung. Tieck ist ein Talent von hoher Bedeutung, und es kann seine außerordentlichen Verdienste niemand besser erkennen als ich selber; allein wenn man ihn über ihn selbst erheben und mir gleichstellen will, so ist man im Irrtum. Ich kann dieses geradeheraus sagen, denn was geht es mich an, ich habe mich nicht gemacht. Es wäre ebenso, wenn ich mich mit Shakespeare vergleichen wollte, der sich auch nicht gemacht hat und der doch ein Wesen höherer Art ist, zu dem ich hinaufblicke und das ich zu verehren habe.« Goethe war diesen Abend besonders kräftig, heiter und aufgelegt. Er holte ein Manuskript ungedruckter Gedichte herbei, woraus er mir vorlas. Es war ein Genuß ganz einziger Art, ihm zuzuhören, denn nicht allein daß die originelle Kraft und Frische der Gedichte mich in hohem Grade anregte, sondern Goethe zeigte sich auch beim Vorlesen von einer mir bisher unbekannten höchst bedeutenden Seite. Welche Mannigfaltigkeit und Kraft der Stimme! Welcher Ausdruck und welches Leben des großen Gesichtes voller Falten! Und welche Augen! Mittwoch, den 14. April 1824 Um ein Uhr mit Goethe spazieren gefahren. Wir sprachen über den Stil verschiedener Schriftsteller. »Den Deutschen«, sagte Goethe, »ist im ganzen die philosophische Spekulation hinderlich, die in ihren Stil oft ein unsinnliches, unfaßliches, breites und aufdröselndes Wesen hineinbringt. Je näher sie sich gewissen philosophischen Schulen hingeben, desto schlechter schreiben sie. Diejenigen Deutschen aber, die als Geschäfts- und Lebemenschen bloß aufs Praktische gehen, schreiben am besten. So ist Schillers Stil am prächtigsten und wirksamsten, sobald er nicht philosophiert, wie ich noch heute an seinen höchst bedeutenden Briefen gesehen, mit denen ich mich grade beschäftige. Gleicherweise gibt es unter deutschen Frauenzimmern geniale Wesen, die einen ganz vortrefflichen Stil schreiben, so daß sie sogar manche unserer gepriesenen Schriftsteller darin übertreffen. Die Engländer schreiben in der Regel alle gut, als geborene Redner und als praktische, auf das Reale gerichtete Menschen. Die Franzosen verleugnen ihren allgemeinen Charakter auch in ihrem Stil nicht. Sie sind geselliger Natur und vergessen als solche nie das Publikum, zu dem sie reden; sie bemühen sich klar zu sein, um ihren Leser zu überzeugen, und anmutig, um ihm zu gefallen. Im ganzen ist der Stil eines Schriftstellers ein treuer Abdruck seines Innern; will jemand einen klaren Stil schreiben, so sei es ihm zuvor klar in seiner Seele; und will jemand einen großartigen Stil schreiben, so habe er einen großartigen Charakter.« Goethe sprach darauf über seine Gegner und daß dieses Geschlecht nie aussterbe. »Ihre Zahl ist Legion,« sagte er, »doch ist es nicht unmöglich, sie einigermaßen zu klassifizieren. Zuerst nenne ich meine Gegner aus Dummheit ; es sind solche, die mich nicht verstanden und die mich tadelten, ohne mich zu kennen. Diese ansehnliche Masse hat mir in meinem Leben viele Langeweile gemacht; doch es soll ihnen verziehen sein, denn sie wußten nicht, was sie taten. Eine zweite große Menge bilden sodann meine Neider . Diese Leute gönnen mir das Glück und die ehrenvolle Stellung nicht, die ich durch mein Talent mir erworben. Sie zerren an meinem Ruhm und hätten mich gerne vernichtet. Wäre ich unglücklich und elend, so würden sie aufhören. Ferner kommt eine große Anzahl derer, die aus Mangel an eigenem Sukzeß meine Gegner geworden. Es sind begabte Talente darunter, allein sie können mir nicht verzeihen, daß ich sie verdunkele. Viertens nenne ich meine Gegner aus Gründen . Denn da ich ein Mensch bin und als solcher menschliche Fehler und Schwächen habe, so können auch meine Schriften davon nicht frei sein. Da es mir aber mit meiner Bildung ernst war und ich an meiner Veredelung unablässig arbeitete, so war ich im beständigen Fortstreben begriffen, und es ereignete sich oft, daß sie mich wegen eines Fehlers tadelten, den ich längst abgelegt hatte. Diese Guten haben mich am wenigsten verletzt; sie schossen nach mir, wenn ich schon meilenweit von ihnen entfernt war. Überhaupt war ein abgemachtes Werk mir ziemlich gleichgültig; ich befaßte mich nicht weiter damit und dachte sogleich an etwas Neues. Eine fernere große Masse zeigt sich als meine Gegner aus abweichender Denkungsweise und verschiedenen Ansichten . Man sagt von den Blättern eines Baumes, daß deren kaum zwei vollkommen gleich befunden werden, und so möchten sich auch unter tausend Menschen kaum zwei finden, die in ihrer Gesinnungs- und Denkungsweise vollkommen harmonieren. Setze ich dieses voraus, so sollte ich mich billig weniger darüber wundern, daß die Zahl meiner Widersacher so groß ist, als vielmehr darüber, daß ich noch so viele Freunde und Anhänger habe. Meine ganze Zeit wich von mir ab, denn sie war ganz in subjektiver Richtung begriffen, während ich in meinem objektiven Bestreben im Nachteile und völlig allein stand. Schiller hatte in dieser Hinsicht vor mir große Avantagen. Ein wohlmeinender General gab mir daher einst nicht undeutlich zu verstehen, ich möchte es doch machen wie Schiller. Darauf setzte ich ihm Schillers Verdienste erst recht auseinander, denn ich kannte sie doch besser als er. Ich ging auf meinem Wege ruhig fort, ohne mich um den Sukzeß weiter zu bekümmern, und von allen meinen Gegnern nahm ich so wenig Notiz als möglich.« Wir fuhren zurück und waren darauf bei Tische sehr heiter. Frau von Goethe erzählte viel von Berlin, woher sie vor kurzem gekommen; sie sprach mit besonderer Wärme von der Herzogin von Cumberland, die ihr viel Freundliches erwiesen. Goethe erinnerte sich dieser Fürstin, die als sehr junge Prinzeß eine Zeitlang bei seiner Mutter gewohnt, mit besonderer Neigung. Abends hatte ich bei Goethe einen musikalischen Kunstgenuß bedeutender Art, indem ich den ›Messias‹ von Händel teilweise vortragen hörte, wozu einige treffliche Sänger sich unter Eberweins Leitung vereinigt hatten. Auch Gräfin Karoline von Egloffstein, Fräulein von Froriep, sowie Frau von Pogwisch und Frau von Goethe hatten sich den Sängerinnen angeschlossen und wirkten dadurch zur Erfüllung eines lange gehegten Wunsches von Goethe auf das freundlichste mit. Goethe, in einiger Ferne sitzend, im Zuhören vertieft, verlebte einen glücklichen Abend, voll Bewunderung des großartigen Werkes. Montag, den 19. April 1824 Der größte Philologe unserer Zeit, Friedrich August Wolf aus Berlin, ist hier, auf seiner Durchreise nach dem südlichen Frankreich begriffen. Goethe gab ihm zu Ehren heute ein Diner, wobei von weimarischen Freunden Generalsuperintendent Röhr, Kanzler von Müller, Oberbaudirektor Coudray, Professor Riemer und Hofrat Rehbein außer mir anwesend waren. Über Tisch ging es äußerst heiter zu: Wolf gab manchen geistreichen Einfall zum besten; Goethe, in der anmutigsten Laune, spielte immer den Gegner. »Ich kann mit Wolf nicht anders auskommen,« sagte Goethe mir später, »als daß ich immer als Mephistopheles gegen ihn agiere. Auch geht er sonst mit seinen inneren Schätzen nicht hervor.« Die geistreichen Scherze über Tisch waren zu flüchtig und zu sehr die Frucht des Augenblicks, als daß man sich ihrer hätte bemächtigen können. Wolf war in witzigen und schlagenden Antworten und Wendungen sehr groß, doch kam es mir vor, als ob Goethe dennoch eine gewisse Superiorität über ihn behauptet hätte. Die Stunden bei Tisch entschwunden wie mit Flügeln, und es war sechs Uhr geworden, ehe man es sich versah. Ich ging mit dem jungen Goethe ins Theater, wo man die ›Zauberflöte‹ gab. Später sah ich auch Wolf in der Loge mit dem Großherzog Carl August.   Wolf blieb bis zum 25. in Weimar, wo er in das südliche Frankreich abreiste. Der Zustand seiner Gesundheit war derart, daß Goethe die innigste Besorgnis über ihn nicht verhehlte. Sonntag, den 2. Mai 1824 Goethe machte mir Vorwürfe, daß ich eine hiesige angesehene Familie nicht besucht. »Sie hätten«, sagte er, »im Laufe des Winters dort manchen genußreichen Abend verleben, auch die Bekanntschaft manches bedeutenden Fremden dort machen können; das ist Ihnen nun, Gott weiß durch welche Grille, alles verloren gegangen.« »Bei meiner erregbaren Natur«, antwortete ich, »und bei meiner Disposition, vielseitig Interesse zu nehmen und in fremde Zustände einzugehen, hätte mir nichts lästiger und verderblicher sein können als eine zu große Fülle neuer Eindrücke. Ich bin nicht zu Gesellschaften erzogen und nicht darin hergekommen. Meine früheren Lebenszustände waren der Art, daß es mir ist, als hätte ich erst seit der kurzen Zeit zu leben angefangen, die ich in Ihrer Nähe bin. Nun ist mir alles neu. Jeder Theaterabend, jede Unterredung mit Ihnen macht in meinem Innern Epoche. Was an anders kultivierten und anders gewöhnten Personen gleichgültig vorübergeht, ist bei mir im höchsten Grade wirksam; und da die Begier, mich zu belehren, groß ist, so ergreift meine Seele alles mit einer gewissen Energie und saugt daraus so viele Nahrung als möglich. Bei solcher Lage meines Innern hatte ich daher im Laufe des letzten Winters am Theater und dem Verkehr mit Ihnen vollkommen genug, und ich hätte mich nicht neuen Bekanntschaften und anderem Umgange hingeben können, ohne mich im Innersten zu zerstören.« »Ihr seid ein wunderlicher Christ,« sagte Goethe lachend; »tut, was Ihr wollt, ich will Euch gewähren lassen.« »Und dann«, fuhr ich fort, »trage ich in die Gesellschaft gewöhnlich meine persönlichen Neigungen und Abneigungen und ein gewisses Bedürfnis zu lieben und geliebt zu werden. Ich suche eine Persönlichkeit, die meiner eigenen Natur gemäß sei; dieser möchte ich mich gerne hingeben und mit den andern nichts zu tun haben.« »Diese Ihre Naturtendenz«, erwiderte Goethe, »ist freilich nicht geselliger Art; allein was wäre alle Bildung, wenn wir unsere natürlichen Richtungen nicht wollten zu überwinden suchen. Es ist eine große Torheit, zu verlangen, daß die Menschen zu uns harmonieren sollen. Ich habe es nie getan. Ich habe einen Menschen immer nur als ein für sich bestehendes Individuum angesehen, das ich zu erforschen und das ich in seiner Eigentümlichkeit kennen zu lernen trachtete, wovon ich aber durchaus keine weitere Sympathie verlange. Dadurch habe ich es nun dahin gebracht, mit jedem Menschen umgehen zu können, und dadurch allein entsteht die Kenntnis mannigfaltiger Charaktere sowie die nötige Gewandtheit im Leben. Denn gerade bei widerstrebenden Naturen muß man sich zusammennehmen, um mit ihnen durchzukommen, und dadurch werden alle die verschiedenen Seiten in uns angeregt und zur Entwickelung und Ausbildung gebracht, so daß man sich denn bald jedem Vis-à-vis gewachsen fühlt. So sollen Sie es auch machen. Sie haben dazu mehr Anlage, als Sie selber glauben; und das hilft nun einmal nichts, Sie müssen in die große Welt hinein, Sie mögen sich stellen, wie Sie wollen.« Ich merkte mir diese guten Worte und nahm mir vor, soviel wie möglich danach zu handeln. Gegen Abend hatte Goethe mich zu einer Spazierfahrt einladen lassen. Unser Weg ging durch Oberweimar über die Hügel, wo man gegen Westen die Ansicht des Parkes hat. Die Bäume blühten, die Birken waren schon belaubt und die Wiesen durchaus ein grüner Teppich, über welche die sinkende Sonne herstreifte. Wir suchten malerische Gruppen und konnten die Augen nicht genug auftun. Es ward bemerkt, daß weißblühende Bäume nicht zu malen, weil sie kein Bild machen, sowie daß grünende Birken nicht im Vordergrunde eines Bildes zu gebrauchen, indem das schwache Laub dem weißen Stamme nicht das Gleichgewicht zu halten vermöge; es bilde keine große Partieen, die man durch mächtige Licht- und Schattenmassen herausheben könne. »Ruysdael«, sagte Goethe, »hat daher nie belaubte Birken in den Vordergrund gestellt, sondern bloße Birken- Stämme , abgebrochene, die kein Laub haben. Ein solcher Stamm paßt vortrefflich in den Vordergrund, denn seine helle Gestalt tritt auf das mächtigste heraus.« Wir sprachen sodann, nach flüchtiger Berührung anderer Gegenstände, über die falsche Tendenz solcher Künstler, welche die Religion zur Kunst machen wollen, während ihnen die Kunst Religion sein sollte. »Die Religion«, sagte Goethe, »steht in demselbigen Verhältnis zur Kunst wie jedes andere höhere Lebensinteresse auch. Sie ist bloß als Stoff zu betrachten, der mit allen übrigen Lebensstoffen gleiche Rechte hat. Auch sind Glaube und Unglaube durchaus nicht diejenigen Organe, mit welchen ein Kunstwerk aufzufassen ist, vielmehr gehören dazu ganz andere menschliche Kräfte und Fähigkeiten. Die Kunst aber soll für diejenigen Organe bilden, mit denen wir sie auffassen; tut sie das nicht, so verfehlt sie ihren Zweck und geht ohne die eigentliche Wirkung an uns vorüber. Ein religiöser Stoff kann indes gleichfalls ein guter Gegenstand für die Kunst sein, jedoch nur in dem Fall, wenn er allgemein menschlich ist. Deshalb ist eine Jungfrau mit dem Kinde ein durchaus guter Gegenstand, der hundertmal behandelt worden und immer gern wieder gesehen wird.« Wir waren indes um das Gehölz, das Webicht, gefahren und bogen in der Nähe von Tiefurt in den Weg nach Weimar zurück, wo wir die untergehende Sonne im Anblick hatten. Goethe war eine Weile in Gedanken verloren, dann sprach er zu mir die Worte eines Alten: Untergehend sogar ists immer dieselbige Sonne. »Wenn einer fünfundsiebzig Jahre alt ist,« fuhr er darauf mit großer Heiterkeit fort, »kann es nicht fehlen, daß er mitunter an den Tod denke. Mich läßt dieser Gedanke in völliger Ruhe, denn ich habe die feste Überzeugung, daß unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer Natur; es ist ein fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist der Sonne ähnlich, die bloß unsern irdischen Augen unterzugehen scheint, die aber eigentlich nie untergeht, sondern unaufhörlich fortleuchtet.« Die Sonne war indes hinter dem Ettersberge hinabgegangen; wir spürten in dem Gehölz einige Abendkühle und fuhren desto rascher in Weimar hinein und an seinem Hause vor. Goethe bat mich, noch ein wenig mit hinaufzukommen, welches ich tat. Er war in äußerst guter, liebenswürdiger Stimmung. Er sprach darauf besonders viel über die Farbenlehre, über seine versteckten Gegner, und daß er das Bewußtsein habe, in dieser Wissenschaft etwas geleistet zu haben. »Um Epoche in der Welt zu machen,« sagte er bei dieser Gelegenheit, »dazu gehören bekanntlich zwei Dinge: erstens, daß man ein guter Kopf sei, und zweitens, daß man eine große Erbschaft tue. Napoleon erbte die Französische Revolution, Friedrich der Große den Schlesischen Krieg, Luther die Finsternis der Pfaffen, und mir ist der Irrtum der Newtonischen Lehre zuteil geworden. Die gegenwärtige Generation hat zwar keine Ahnung, was hierin von mir geleistet worden; doch künftige Zeiten werden gestehen, daß mir keineswegs eine schlechte Erbschaft zugefallen.« Goethe hatte mir heute früh ein Konvolut Papiere in bezug auf das Theater zugesendet; besonders fand ich darin zerstreute einzelne Bemerkungen, die Regeln und Studien enthaltend, die er mit Wolf und Grüner durchgemacht, um sie zu tüchtigen Schauspielern zu bilden. Ich fand diese Einzelnheiten von Bedeutung und für junge Schauspieler in hohem Grade lehrreich, weshalb ich mir vornahm, sie zusammenzustellen und daraus eine Art von Theaterkatechismus zu bilden. Goethe billigte dieses Vorhaben, und wir sprachen die Angelegenheit weiter durch. Dies gab Veranlassung, einiger bedeutender Schauspieler zu gedenken, die aus seiner Schule hervorgegangen, und ich fragte bei dieser Gelegenheit unter andern auch nach der Frau von Heygendorf. »Ich mag auf sie gewirkt haben,«sagte Goethe, »allein meine eigentliche Schülerin ist sie nicht. Sie war auf den Brettern wie geboren und gleich in allem sicher und entschieden gewandt und fertig, wie die Ente auf dem Wasser. Sie bedurfte meiner Lehre nicht, sie tat instinktmäßig das Rechte, vielleicht ohne es selber zu wissen.« Wir sprachen darauf über die manchen Jahre seiner Theaterleitung, und welche unendliche Zeit er damit für sein schriftstellerisches Wirken verloren. »Freilich,« sagte Goethe, »ich hätte indes manches gute Stück schreiben können, doch wenn ich es recht bedenke, gereut es mich nicht. Ich habe all mein Wirken und Leisten immer nur symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich gleichgültig gewesen, ob ich Töpfe machte oder Schüsseln.« Donnerstag, den 6. [Sonntag, den 16.] Mai 1824 Als ich im vorigen Sommer nach Weimar kam, war es, wie gesagt, nicht meine Absicht, hier zu bleiben, ich wollte vielmehr bloß Goethes persönliche Bekanntschaft machen und dann an den Rhein gehen, wo ich an einem passenden Ort längere Zeit zu verweilen gedachte. Gleichwohl ward ich in Weimar durch Goethes besonderes Wohlwollen gefesselt; auch gestaltete sich mein Verhältnis zu ihm immer mehr zu einem praktischen, indem er mich immer tiefer in sein Interesse zog und mir, als Vorbereitung einer vollständigen Ausgabe seiner Werke, manche nicht unwichtige Arbeit übertrug. So stellte ich im Laufe dieses Winters unter andern verschiedene Abteilungen ›Zahmer Xenien‹ aus den konfusesten Konvoluten zusammen, redigierte einen Band neuer Gedichte sowie den erwähnten Theaterkatechismus und eine skizzierte Abhandlung über den Dilettantismus in den verschiedenen Künsten. Jener Vorsatz, den Rhein zu sehen, war indes in mir beständig wach geblieben, und damit ich nicht ferner den Stachel einer unbefriedigten Sehnsucht in mir tragen möchte, so riet Goethe selber dazu, einige Monate dieses Sommers auf einen Besuch jener Gegenden zu verwenden. Es war jedoch sein ganz entschiedener Wunsch, daß ich nach Weimar zurückkehren möchte. Er führte an, daß es nicht gut sei, kaum geknüpfte Verhältnisse wieder zu zerreißen, und daß alles im Leben, wenn es gedeihen wolle, eine Folge haben müsse. Er ließ dabei nicht undeutlich merken, daß er mich in Verbindung mit Riemer dazu ausersehen, ihn nicht allein bei der bevorstehenden neuen Ausgabe seiner Werke tätigst zu unterstützen, sondern auch jenes Geschäft mit gedachtem Freunde allein zu übernehmen, im Fall er bei seinem hohen Alter abgerufen werden sollte. Er zeigte mir diesen Morgen große Konvolute seiner Korrespondenz, die er im sogenannten Büstenzimmer hatte auseinander legen lassen. »Es sind dies alles Briefe,« sagte er, »die seit Anno 1780 von den bedeutendsten Männern der Nation an mich eingegangen; es steckt darin ein wahrer Schatz von Ideen, und es soll ihre öffentliche Mitteilung Euch künftig vorbehalten sein. Ich lasse jetzt einen Schrank machen, wohinein diese Briefe nebst meinem übrigen literarischen Nachlasse gelegt werden. Das sollen Sie erst alles in Ordnung und beieinander sehen, bevor Sie Ihre Reise antreten, damit ich ruhig sei und eine Sorge weniger habe.« Er eröffnete mir sodann, daß er diesen Sommer Marienbad abermals zu besuchen gedenke, daß er jedoch erst Ende Juli gehen könne, wovon er mir alle Gründe zutraulich entdeckte. Er äußerte den Wunsch, daß ich noch vor seiner Abreise zurück sein möchte, um mich vorher noch zu sprechen.   Ich besuchte darauf nach einigen Wochen meine Lieben zu Hannover, verweilte dann während der Monate Juni und Juli am Rhein, wo ich, besonders zu Frankfurt, Heidelberg und Bonn, unter Goethes Freunden manche werte Bekanntschaft machte. Dienstag, den 10. August 1824 Seit etwa acht Tagen bin ich von meiner Rheinreise zurück. Goethe äußerte bei meiner Ankunft eine lebhafte Freude, und ich meinerseits war nicht weniger glücklich, wieder bei ihm zu sein. Er hatte sehr viel zu reden und mitzuteilen, so daß ich die ersten Tage wenig von seiner Seite kam. Seine frühere Absicht, nach Marienbad zu gehen, hat er aufgegeben, er will diesen Sommer gar keine Reise machen. »Nun da Sie wieder hier sind,« sagte er gestern, »kann es noch einen recht hübschen August für mich geben.« Vor einigen Tagen kommunizierte er mir die Anfänge einer Fortsetzung von ›Wahrheit und Dichtung‹, ein auf Quartblättern geschriebenes Heft, kaum von der Stärke eines Fingers. Einiges ist ausgeführt, das meiste jedoch nur in Andeutungen enthalten. Doch ist bereits eine Abteilung in fünf Bücher gemacht, und die schematisierten Blätter sind so zusammengelegt, daß man bei einigem Studium den Inhalt des Ganzen wohl übersehen kann. Das bereits Ausgeführte erscheint mir nun so vortrefflich und der Inhalt des Schematisierten von solcher Bedeutung, daß ich auf das lebhafteste bedaure, eine so viel Belehrung und Genuß versprechende Arbeit ins Stocken geraten zu sehen, und daß ich Goethe auf alle Weise zu einer baldigen Fortsetzung und Vollendung treiben werde. Die Anlage des Ganzen hat sehr viel vom Roman. Zartes, anmutiges, leidenschaftliches Liebesverhältnis, heiter im Entstehen, idyllisch im Fortgange, tragisch am Ende durch ein stillschweigendes gegenseitigem Entsagen, schlingt sich durch vier Bücher hindurch und verbindet diese zu einem wohlgeordneten Ganzen. Der Zauber von Lilis Wesen, im Detail geschildert ist geeignet jeden Leser zu fesseln, so wie er den Liebenden selbst dergestalt in Banden hielt, daß er sich nur durch eine wiederholte Flucht zu retten imstande war. Die dargestellte Lebensepoche ist gleichfalls höchst romantischer Natur, oder sie wird es, indem sie sich an dem Hauptcharakter entwickelt. Von ganz besonderer Bedeutung und Wichtigkeit aber ist sie dadurch, daß sie, als Vorepoche der weimarischen Verhältnisse, für das ganze Leben entscheidet. Wenn also irgendein Abschnitt aus Goethes Leben Interesse hat und den Wunsch einer detaillierten Darstellung rege macht, so ist es dieser. Um nun bei Goethe für die unterbrochene und seit Jahren ruhende Arbeit neue Lust und Liebe zu erregen, habe ich diese Angelegenheit nicht allein sogleich mündlich mit ihm besprochen, sondern ich habe ihm auch heute folgende Notizen zugehen lassen, damit es ihm vor die Augen trete, was vollendet ist und welche Stellen noch einer Ausführung und anderweiten Anordnung bedürfen. Erstes Buch Dieses Buch, welches der anfänglichen Absicht gemäß als fertig anzusehen ist, enthält eine Art von Exposition, indem namentlich darin der Wunsch nach Teilnahme an Weltgeschäften ausgesprochen wird, auf dessen Erfüllung das Ende der ganzen Epoche durch die Berufung nach Weimar abläuft. Damit es sich aber dem Ganzen noch inniger anschließen möge, so rate ich, das durch die folgenden vier Bücher gehende Verhältnis zu Lili schon in diesem ersten Buche anzuknüpfen und fortzuführen bis zu der Ausflucht nach Offenbach. Dadurch würde auch dieses erste Buch an Umfang und Bedeutung gewinnen und ein allzu starkes Anwachsen des zweiten verhütet werden. Zweites Buch Das idyllische Leben zu Offenbach eröffnete sodann dieses zweite Buch und führte das glückliche Liebesverhältnis durch, bis es zuletzt einen bedenklichen, ernsten, ja tragischen Charakter anzunehmen beginnt. Hier ist nun die Betrachtung ernster Dinge, wie sie das Schema in bezug auf Stilling verspricht, wohl am Platze, und es läßt sich aus den nur mit wenigen Worten angedeuteten Intentionen auf viel Belehrendes von hoher Bedeutung schließen. Drittes Buch Das dritte Buch, welches den Plan zu einer Fortsetzung des ›Faust‹ usw. enthält, ist als Episode zu betrachten, welche sich durch den noch auszuführenden Versuch der Trennung von Lili den übrigen Büchern gleichfalls anschließt. Ob nun dieser Plan zu ›Faust‹ mitzuteilen oder zurückzuhalten sein wird, dieser Zweifel dürfte sich dann beseitigen lassen, wenn man die bereits fertigen Bruchstücke zur Prüfung vor Augen hat und erst darüber klar ist, ob man überall die Hoffnung einer Fortsetzung des ›Faust‹ aufgeben muß oder nicht. Viertes Buch Das dritte Buch schlösse mit dem Versuch einer Trennung von Lili. Dieses vierte beginnt daher sehr passend mit der Ankunft der Stolberge und Haugwitzens, wodurch die Schweizerreise und mithin die erste Flucht von Lili motiviert wird. Das über dieses Buch vorhandene ausführliche Schema verspricht uns die interessantesten Dinge und erregt den Wunsch nach möglichst detaillierter Ausführung auf das lebendigste. Die immer wieder hervorbrechende, nicht zu unterdrückende Leidenschaft zu Lili durchwärmt auch dieses Buch mit der Glut jugendlicher Liebe und wirft auf den Zustand des Reisenden eine höchst eigene, angenehme, zauberische Beleuchtung. Fünftes Buch Dieses schöne Buch ist gleichfalls beinahe vollendet. Fortgang und Ende, welche an das unerforschliche höchste Schicksalswesen hinanstreifen, ja es aussprechen, sind wenigstens als durchaus fertig anzusehen, und es bedarf nur noch mit wenigem der Einleitung, worüber ja auch bereits ein sehr klares Schema vorliegt. Die Ausführung dieses ist aber um so notwendiger und wünschenswerter, als dadurch die weimarischen Verhältnisse zuerst zur Sprache kommen und das Interesse für sie zuerst rege gemacht wird. Montag, den 16. August 1824 Der Verkehr mit Goethe war in diesen Tagen sehr reichhaltig, ich jedoch mit anderen Dingen zu beschäftigt, als daß es mir möglich gewesen, etwas Bedeutendes aus der Fülle seiner Gespräche niederzuschreiben. Nur folgende Einzelheiten finden sich in meinem Tagebuche notiert, wovon ich die Verbindung und die Anlässe vergessen, aus denen sie hervorgegangen: »Menschen sind schwimmende Töpfe, die sich aneinanderstoßen.« »Am Morgen sind wir am klügsten, aber auch am sorglichsten; denn auch die Sorge ist eine Klugheit, wiewohl nur eine passive. Die Dummheit weiß von keiner Sorge.« »Man muß keine Jugendfehler ins Alter hineinnehmen, denn das Alter führt seine eigenen Mängel mit sich.« »Das Hofleben gleicht einer Musik, wo jeder seine Takte und Pausen halten muß.« »Die Hofleute müßten vor Langerweile umkommen, wenn sie ihre Zeit nicht durch Zeremonie auszufüllen wüßten.« »Es ist nicht gut einem Fürsten zu raten, auch in der geringfügigsten Sache abzudanken.« »Wer Schauspieler bilden will, muß unendliche Geduld haben.« Dienstag, den 9. November 1824 Abends bei Goethe. Wir sprachen über Klopstock und Herder, und ich hörte ihm gerne zu, wie er die großen Verdienste dieser Männer gegen mich auseinandersetzte. »Unsere Literatur«, sagte er, »wäre ohne die gewaltigen Vorgänger das nicht geworden, was sie jetzt ist. Mit ihrem Auftreten waren sie der Zeit voran und haben sie gleichsam nach sich gerissen; jetzt aber ist die Zeit ihnen vorangeeilt, und sie, die einst so notwendig und wichtig waren, haben jetzt aufgehört Mittel zu sein. Ein junger Mensch, der heutzutage seine Kultur aus Klopstock und Herder ziehen wollte, würde sehr zurückbleiben.« Wir sprachen über Klopstocks ›Messias‹ und seine ›Oden‹ und gedachten ihrer Verdienste und Mängel. Wir waren einig, daß Klopstock zur Anschauung und Auffassung der sinnlichen Welt und Zeichnung von Charakteren keine Richtung und Anlage gehabt, und daß ihm also das Wesentlichste zu einem epischen und dramatischen Dichter, ja man könnte sagen, zu einem Dichter überhaupt, gefehlt habe. »Mir fällt hier jene Ode ein,« sagte Goethe, »wo er die deutsche Muse mit der britischen einen Wettlauf machen läßt und in der Tat, wenn man bedenkt, was es für ein Bild gibt, wenn die beiden Mädchen miteinander laufen und die Beine werfen und den Staub mit ihren Füßen erregen, so muß man wohl annehmen, der gute Klopstock habe nicht lebendig vor Augen gehabt und sich nicht sinnbildlich ausgebildet, was er machte, denn sonst hätte er sich unmöglich so vergreifen können.« Ich fragte Goethe, wie er in der Jugend zu Klopstock gestanden und wie er ihn in jener Zeit angesehen. »Ich verehrte ihn«, sagte Goethe, »mit der Pietät, die mir eigen war; ich betrachtete ihn wie meinen Oheim. Ich hatte Ehrfurcht vor dem, was er machte, und es fiel mir nicht ein, darüber denken und daran etwas aussetzen zu wollen. Sein Vortreffliches ließ ich auf mich wirken und ging übrigens meinen eigenen Weg.« Wir kamen auf Herder zurück, und ich fragte Goethe, was er für das beste seiner Werke halte. »Seine ›Ideen zur Geschichte der Menschheit‹«, antwortete Goethe, »sind unstreitig das vorzüglichste. Später warf er sich auf die negative Seite, und da war er nicht erfreulich.« »Bei der großen Bedeutung Herders«, versetzte ich, »kann ich nicht mit ihm vereinigen, wie er in gewissen Dingen so wenig Urteil zu haben schien. Ich kann ihm z. B. nicht vergeben, daß er, zumal bei dem damaligen Stande der deutschen Literatur, das Manuskript des ›Götz von Berlichingen‹ ohne Würdigung seines Guten mit spöttelnden Anmerkungen zurücksandte. Es mußte ihm doch für gewisse Gegenstände an allen Organen fehlen.« »In dieser Hinsicht war es arg mit Herder,« erwiderte Goethe; »ja wenn er als Geist in diesem Augenblick hier gegenwärtig wäre,« fügte er lebhaft hinzu, »er würde uns nicht verstehen.« »Dagegen muß ich den Merck loben,« sagte ich, »daß er Sie trieb, den ›Götz‹ drucken zu lassen.« »Das war freilich ein wunderlicher bedeutender Mensch«, erwiderte Goethe. »›Laß das Zeug drucken!‹ sagte er; ›es taugt zwar nichts, aber laß es nur drucken!‹ Er war nicht für das Umarbeiten und er hatte recht; denn es wäre wohl anders geworden, aber nicht besser.« Mittwoch, den 24. November 1824 Ich besuchte Goethe abends vor dem Theater und fand ihn sehr wohl und heiter. Er erkundigte sich nach den hier anwesenden jungen Engländern, und ich sagte ihm, daß ich die Absicht habe, mit Herrn Doolan eine deutsche Übersetzung des Plutarch zu lesen. Dies führte das Gespräch auf die römische und griechische Geschichte, und Goethe äußerte sich darüber folgendermaßen: »Die römische Geschichte«, sagte er, »ist für uns eigentlich nicht mehr an der Zeit. Wir sind zu human geworden, als daß uns die Triumphe des Cäsar nicht widerstehen sollten. So auch die griechische Geschichte bietet wenig Erfreuliches. Wo sich dieses Volk gegen äußere Feinde wendet, ist es zwar groß und glänzend, allein die Zerstückelung der Staaten und der ewige Krieg im Innern, wo der eine Grieche die Waffen gegen den andern kehrt, ist auch desto unerträglicher. Zudem ist die Geschichte unserer eigenen Tage durchaus groß und bedeutend, die Schlachten von Leipzig und Waterloo ragen so gewaltig hervor, daß jene von Marathon und ähnliche andere nachgerade verdunkelt werden. Auch sind unsere einzelnen Helden nicht zurückgeblieben: die französischen Marschälle und Blücher und Wellington sind denen des Altertums völlig an die Seite zu setzen.« Das Gespräch wendete sich auf die neueste französische Literatur und der Franzosen täglich zunehmendes Interesse an deutschen Werken. »Die Franzosen«, sagte Goethe, »tun sehr wohl, daß sie anfangen, unsere Schriftsteller zu studieren und zu übersetzen; denn beschränkt in der Form und beschränkt in den Motiven, wie sie sind, bleibt ihnen kein anderes Mittel, als sich nach außen zu wenden. Mag man uns Deutschen eine gewisse Formlosigkeit vorwerfen, allein wir sind ihnen doch an Stoff überlegen. Die Theaterstücke von Kotzebue und Iffland sind so reich an Motiven, daß sie sehr lange daran werden zu pflücken haben, bis alles verbraucht sein wird. Besonders aber ist ihnen unsere philosophische Idealität willkommen; denn jedes Ideelle ist dienlich zu revolutionären Zwecken. Die Franzosen«, fuhr Goethe fort, »haben Verstand und Geist, aber kein Fundament und keine Pietät. Was ihnen im Augenblick dient, was ihrer Partei zugute kommen kann, ist ihnen das Rechte. Sie loben uns daher auch nie aus Anerkennung unserer Verdienste, sondern nur, wenn sie durch unsere Ansichten ihre Partei verstärken können.« Wir sprachen darauf über unsere eigene Literatur, und was einigen unserer neuesten jungen Dichter hinderlich. »Der Mehrzahl unserer jungen Poeten«, sagte Goethe, »fehlt weiter nichts, als daß ihre Subjektivität nicht bedeutend ist und daß sie im Objektiven den Stoff nicht zu finden wissen. Im höchsten Falle finden sie einen Stoff, der ihnen ähnlich ist, der ihrem Subjekte zusagt; den Stoff aber um sein selbst willen, weil er ein poetischer ist, auch dann zu ergreifen, wenn er dem Subjekt widerwärtig wäre, daran ist nicht zu denken. Aber, wie gesagt, wären es nur bedeutende Personagen, die durch große Studien und Lebensverhältnisse gebildet würden, so möchte es, wenigstens um unsere jungen Dichter lyrischer Art, dennoch sehr gut stehen.« Freitag, den 3. Dezember 1824 Es war mir in diesen Tagen ein Antrag zugekommen, für ein englisches Journal unter sehr vorteilhaften Bedingungen monatliche Berichte über die neuesten Erzeugnisse deutscher Literatur einzusenden. Ich war sehr geneigt, das Anerbieten anzunehmen, doch dachte ich, es wäre vielleicht gut, die Angelegenheit zuvor mit Goethe zu bereden. Ich ging deshalb diesen Abend zur Zeit des Lichtanzündens zu ihm. Er saß bei herabgelassenen Rouleaux vor einem großen Tisch, auf welchem gespeist worden und wo zwei Lichter brannten, die zugleich sein Gesicht und eine kolossale Büste beleuchteten, die vor ihm auf dem Tische stand und mit deren Betrachtung er sich beschäftigte. »Nun,« sagte Goethe, nachdem er mich freundlich begrüßt, auf die Büste deutend, »wer ist das?« – »Ein Poet, und zwar ein Italiener scheint es zu sein«, sagte ich. »Es ist Dante«, sagte Goethe. »Er ist gut gemacht, es ist ein schöner Kopf, aber er ist doch nicht ganz erfreulich. Er ist schon alt, gebeugt, verdrießlich, die Züge schlaff und herabgezogen, als wenn er eben aus der Hölle käme. Ich besitze eine Medaille, die bei seinen Lebzeiten gemacht worden, da ist alles bei weitem schöner.« Goethe stand auf und holte die Medaille. »Sehen Sie, was hier die Nase für Kraft hat, wie die Oberlippe so kräftig aufschwillet, und das Kinn so strebend ist und mit den Knochen der Kinnlade so schön zusammenfließt! Die Partie um die Augen, die Stirn ist in diesem kolossalen Bilde fast dieselbige geblieben, alles übrige ist schwächer und älter. Doch damit will ich das neue Werk nicht schelten, das im ganzen sehr verdienstlich und sehr zu loben ist.« Goethe erkundigte sich sodann, wie ich in diesen Tagen gelebt und was ich gedacht und getrieben. Ich sagte ihm, daß mir eine Aufforderung zugekommen, unter sehr vorteilhaften Bedingungen für ein englisches Journal monatliche Berichte über die neuesten Erzeugnisse deutscher schöner Prosa einzureichen, und daß ich sehr geneigt sei, das Anerbieten anzunehmen. Goethes Gesicht, das bisher so freundlich gewesen, zog sich bei diesen Worten ganz verdrießlich, und ich konnte in jeder seiner Mienen die Mißbilligung meines Vorhabens lesen. »Ich wollte,« sagte er, »Ihre Freunde hätten Sie in Ruhe gelassen. Was wollen Sie sich mit Dingen befassen, die nicht in Ihrem Wege liegen und die den Richtungen Ihrer Natur ganz zuwider sind? Wir haben Gold, Silber und Papiergeld, und jedes hat seinen Wert und seinen Kurs, aber um jedes zu würdigen, muß man den Kurs kennen. Mit der Literatur ist es nicht anders. Sie wissen wohl die Metalle zu schätzen, aber nicht das Papiergeld, Sie sind darin nicht hergekommen, und da wird Ihre Kritik ungerecht sein, und Sie werden die Sachen vernichten. Wollen Sie aber gerecht sein und jedes in seiner Art anerkennen und gelten lassen, so müssen Sie sich zuvor mit unserer mittleren Literatur ins Gleichgewicht setzen und sich zu keinen geringen Studien bequemen. Sie müssen zurückgehen und sehen, was die Schlegel gewollt und geleistet, und dann alle neuesten Autoren: Franz Horn, Hoffmann, Clauren usw., alle müssen Sie lesen. Und das ist nicht genug. Auch alle Zeitschriften, vom ›Morgenblatt‹ bis zur ›Abendzeitung‹ müssen Sie halten, damit Sie von allem Neuhervortretenden sogleich in Kenntnis sind, und damit verderben Sie Ihre schönsten Stunden und Tage. Und dann, alle neuen Bücher, die Sie einigermaßen gründlich anzeigen wollen, müssen Sie doch auch nicht bloß durchblättern; sondern sogar studieren. Wie würde Ihnen das munden! Und endlich, wenn Sie das Schlechte schlecht finden, dürfen Sie es nicht einmal sagen, wenn Sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollen, mit aller Welt in Krieg zu geraten. Nein, wie gesagt, schreiben Sie das Anerbieten ab, es liegt nicht in Ihrem Wege. Überhaupt hüten Sie sich vor Zersplitterung und halten Sie Ihre Kräfte zusammen. Wäre ich vor dreißig Jahren so klug gewesen, ich würde ganz andere Dinge gemacht haben. Was habe ich mit Schiller an den ›Horen‹ und ›Musenalmanachen‹ nicht für Zeit verschwendet! Grade in diesen Tagen, bei Durchsicht unserer Briefe ist mir alles recht lebendig geworden, und ich kann nicht ohne Verdruß an jene Unternehmungen zurückdenken, wobei die Welt uns mißbrauchte und die für uns selbst ganz ohne Folge waren. Das Talent glaubt freilich, es könne das auch, was es andere Leute tun sieht; allein es ist nicht so, und es wird seine faux-frais bereuen. Was haben wir davon, wenn unsere Haare auf eine Nacht gewickelt sind? Wir haben Papier in den Haaren, das ist alles, und am andern Abend sind sie doch wieder schlicht. Es kommt darauf an,« fuhr Goethe fort, »daß Sie sich ein Kapital bilden, das nie ausgeht. Dieses werden Sie erlangen in dem begonnenen Studium der englischen Sprache und Literatur. Halten Sie sich dazu und benutzen Sie die treffliche Gelegenheit der jungen Engländer zu jeder Stunde. Die alten Sprachen sind Ihnen in der Jugend größtenteils entgangen, deshalb suchen Sie in der Literatur einer so tüchtigen Nation, wie die Engländer, einen Halt. Zudem ist ja unsere eigene Literatur größtenteils aus der ihrigen hergekommen. Unsere Romane, unsere Trauerspiele, woher haben wir sie denn als von Goldsmith, Fielding und Shakespeare? Und noch heutzutage, wo wollen Sie denn in Deutschland drei literarische Helden finden, die dem Lord Byron, Moore und Walter Scott an die Seite zu setzen wären? Also noch einmal, befestigen Sie sich im Englischen, halten Sie Ihre Kräfte zu etwas Tüchtigem zusammen, und lassen Sie alles fahren, was für Sie keine Folge hat und Ihnen nicht gemäß ist.« Ich freute mich, daß ich Goethe zu reden gebracht, und war in meinem Innern vollkommen beruhigt und entschlossen, nach seinem Rat in alle Wege zu handeln. Herr Kanzler von Müller ließ sich melden und setzte sich zu uns. Und so kam das Gespräch wieder auf die vor uns stehende Büste des Dante und dessen Leben und Werke. Besonders ward der Dunkelheit jener Dichtungen gedacht, wie seine eigenen Landsleute ihn nie verstanden, und daß es einem Ausländer um so mehr unmöglich sei, solche Finsternisse zu durchdringen. »Ihnen«, wendete sich Goethe freundlich zu mir, »soll das Studium dieses Dichters von Ihrem Beichtvater hiemit durchaus verboten sein.« Goethe bemerkte ferner, daß der schwere Reim an jener Unverständlichkeit vorzüglich mit schuld sei. Übrigens sprach Goethe von Dante mit aller Ehrfurcht, wobei es mir merkwürdig war, daß ihm das Wort Talent nicht genügte, sondern daß er ihn eine Natur nannte, als womit er ein Umfassenderes, Ahndungsvolleres, tiefer und weiter um sich Blickendes ausdrücken zu wollen schien. Donnerstag, den 9. Dezember 1824 Ich ging gegen Abend zu Goethe. Er reichte mir freundlich die Hand entgegen und begrüßte mich mit dem Lobe meines Gedichtes zu Schellhorns Jubiläum. Ich brachte ihm dagegen die Nachricht, daß ich geschrieben und das englische Anerbieten abgelehnt habe. »Gottlob,« sagte er, »daß Sie wieder frei und in Ruhe sind. Nun will ich Sie gleich noch vor etwas warnen. Es werden die Komponisten kommen und eine Oper haben wollen; aber da seien Sie gleichfalls nur standhaft und lehnen Sie ab, denn das ist auch eine Sache, die zu nichts führt und womit man seine Zeit verdirbt.« Goethe erzählte mir darauf, daß er dem Verfasser des ›Paria‹ durch Nees von Esenbeck den Komödienzettel nach Bonn geschickt habe, woraus der Dichter sehen möge, daß sein Stück hier gegeben worden. »Das Leben ist kurz,« fügte er hinzu, »man muß sich einander einen Spaß zu machen suchen.« Die Berliner Zeitungen lagen vor ihm, und er erzählte mir von der großen Wasserflut in Petersburg. Er gab mir das Blatt, daß ich es lesen möchte. Er sprach dann über die schlechte Lage von Petersburg und lachte beifällig über eine Äußerung Rousseaus, welcher gesagt habe, daß man ein Erdbeben dadurch nicht verhindern könne, daß man in die Nähe eines feuerspeienden Berges eine Stadt baue. »Die Natur geht ihren Gang,« sagte er, »und dasjenige, was uns als Ausnahme erscheint, ist in der Regel.« Wir gedachten darauf der großen Stürme, die an allen Küsten gewütet, sowie der übrigen gewaltsamen Naturäußerungen, welche die Zeitungen gemeldet, und ich fragte Goethe, ob man wohl wisse, wie dergleichen zusammenhänge. »Das weiß niemand,« antwortete Goethe, »man hat kaum bei sich von solchen geheimen Dingen eine Ahndung, viel weniger könnte man es aussprechen.« Oberbaudirektor Coudray ließ sich melden, desgleichen Professor Riemer; beide gesellten sich zu uns, und so wurde denn die Wassersnot von Petersburg abermals durchgesprochen, wobei Coudray uns durch Zeichnung des Planes jener Stadt die Einwirkungen der Newa und übrige Lokalität deutlich machte. 1825 Montag, den 10. Januar 1825 Bei seinem großen Interesse für die englische Nation hatte Goethe mich ersucht, die hier anwesenden jungen Engländer ihm nach und nach vorzustellen. Heute um fünf Uhr erwartete er mich mit dem englischen Ingenieuroffizier Herrn H., von welchem ich ihm vorläufig viel Gutes hatte sagen können. Wir gingen also zur bestimmten Stunde hin und wurden durch den Bedienten in ein angenehm erwärmtes Zimmer geführt, wo Goethe in der Regel nachmittags und abends zu sein pflegt. Drei Lichter brannten auf dem Tisch; aber Goethe war nicht darin, wir hörten ihn in dem anstoßenden Saale sprechen. Herr H. sah sich derweile um und bemerkte außer den Gemälden und einer großen Gebirgskarte an den Wänden ein Repositorium mit vielen Mappen, von welchen ich ihm sagte, daß sie viele Handzeichnungen berühmter Meister und Kupferstiche nach den besten Gemälden aller Schulen enthielten, die Goethe im Leben nach und nach gesammelt habe und deren wiederholte Betrachtung ihm Unterhaltung gewähre. Nachdem wir einige Minuten gewartet hatten, trat Goethe zu uns herein und begrüßte uns freundlich. »Ich darf Sie gradezu in deutscher Sprache anreden,« wendete er sich an Herrn H., »denn ich höre, Sie sind im Deutschen schon recht bewandert.« Dieser erwiderte hierauf mit wenigem freundlich, und Goethe bat uns darauf, Platz zu nehmen. Die Persönlichkeit des Herrn H. mußte auf Goethe einen guten Eindruck machen, denn seine große Liebenswürdigkeit und heitere Milde zeigte sich dem Fremden gegenüber heute in ihrer wahren Schönheit. »Sie haben wohl getan,« sagte er, »daß Sie, um Deutsch zu lernen, zu uns herübergekommen sind, wo Sie nicht allein die Sprache leicht und schnell gewinnen, sondern auch die Elemente, worauf sie ruhet, unsern Boden, Klima, Lebensart, Sitten, gesellschaftlichen Verkehr, Verfassung und dergleichen mit nach England im Geiste hinübernehmen.« »Das Interesse für die deutsche Sprache«, erwiderte Herr H., »ist jetzt in England groß und wird täglich allgemeiner, so daß jetzt fast kein junger Engländer von guter Familie ist, der nicht Deutsch lernte.« »Wir Deutschen«, versetzte Goethe freundlich, »haben es jedoch Ihrer Nation in dieser Hinsicht um ein halbes Jahrhundert zuvorgetan. Ich beschäftige mich seit funfzig Jahren mit der englischen Sprache und Literatur, so daß ich Ihre Schriftsteller und das Leben und die Einrichtung Ihres Landes sehr gut kenne. Käme ich nach England hinüber, ich würde kein Fremder sein. Aber, wie gesagt, Ihre jungen Landsleute tun wohl, daß sie jetzt zu uns kommen und auch unsere Sprache lernen. Denn nicht allein, daß unsere eigene Literatur es an sich verdient, sondern es ist auch nicht zu leugnen, daß, wenn einer jetzt das Deutsche gut versteht, er viele andere Sprachen entbehren kann. Von der französischen rede ich nicht, sie ist die Sprache des Umgangs und ganz besonders auf Reisen unentbehrlich, weil sie jeder versteht und man sich in allen Ländern mit ihr statt eines guten Dolmetschers aushelfen kann. Was aber das Griechische, Lateinische, Italienische und Spanische betrifft, so können wir die vorzüglichsten Werke dieser Nationen in so guten deutschen Übersetzungen lesen, daß wir ohne ganz besondere Zwecke nicht Ursache haben, auf die mühsame Erlernung jener Sprachen viele Zeit zu verwenden. Es liegt in der deutschen Natur, alles Ausländische in seiner Art zu würdigen und sich fremder Eigentümlichkeit zu bequemen. Dieses und die große Fügsamkeit unserer Sprache macht denn die deutschen Übersetzungen durchaus treu und vollkommen. Und dann ist wohl nicht zu leugnen, daß man im allgemeinen mit einer guten Übersetzung sehr weit kommt. Friedrich der Große konnte kein Latein, aber er las seinen Cicero in der französischen Übersetzung ebenso gut als wir andern in der Ursprache.« Dann das Gespräch auf das Theater wendend, fragte Goethe Herrn H., ob er es viel besuche. »Ich besuche das Theater jeden Abend,« antwortete dieser, »und ich finde, daß der Gewinn für das Verstehen der Sprache sehr groß ist.« – »Es ist merkwürdig,« erwiderte Goethe, »daß das Ohr und überhaupt das Vermögen des Verstehens dem des Sprechens voraufeilt, so daß einer bald sehr gut alles verstehen, aber keineswegs alles ausdrücken kann.« – »Ich finde täglich,« entgegenete Herr H., »daß diese Bemerkung sehr wahr ist; denn ich verstehe sehr gut alles, was gesprochen wird, auch sehr gut alles, was ich lese, ja ich fühle sogar, wenn einer im Deutschen sich nicht richtig ausdrücket. Allein wenn ich spreche, so stockt es, und ich weiß nicht recht zu sagen, was ich möchte. Eine leichte Konversation bei Hofe, ein Spaß mit den Damen, eine Unterhaltung beim Tanz und dergleichen gelingt mir schon. Will ich aber im Deutschen über einen höheren Gegenstand meine Meinung hervorbringen, will ich etwas Eigentümliches und Geistreiches sagen, so stockt es, und ich kann nicht fort.« – »Da trösten und beruhigen Sie sich nur,« erwiderte Goethe; »denn dergleichen Ungewöhnliches auszudrücken wird uns wohl in unserer eigenen Muttersprache schwer.« Goethe fragte darauf Herrn H., was er von deutscher Literatur gelesen habe. »Ich habe den ›Egmont‹ gelesen«, antwortete dieser, »und habe an dem Buche so viele Freude gehabt, daß ich dreimal zu ihm zurückgekehrt bin. So auch hat ›Torquato Tasso‹ mir vielen Genuß gewährt. Jetzt lese ich den ›Faust‹. Ich finde aber, daß er ein wenig schwer ist.« Goethe lachte bei diesen letzten Worten. »Freilich«, sagte er, »würde ich Ihnen zum ›Faust‹ noch nicht geraten haben. Es ist tolles Zeug und geht über alle gewöhnlichen Empfindungen hinaus. Aber da Sie es von selbst getan haben, ohne mich zu fragen, so mögen Sie sehen, wie Sie durchkommen. Faust ist ein so seltsames Individuum, daß nur wenige Menschen seine inneren Zustände nachempfinden können. So der Charakter des Mephistopheles ist durch die Ironie und als lebendiges Resultat einer großen Weltbetrachtung wieder etwas sehr Schweres. Doch sehen Sie zu, was für Lichter sich Ihnen dabei auftun. Der ›Tasso‹ dagegen steht dem allgemeinen Menschengefühl bei weitem näher, auch ist das Ausführliche seiner Form einem leichteren Verständnis günstig.« – »Dennoch«, erwiderte Herr H., »hält man in Deutschland den ›Tasse‹ für schwer, so daß man sich wunderte, als ich sagte, daß ich ihn lese.« – »Die Hauptsache beim ›Tasso‹«, sagte Goethe, »ist die, daß man kein Kind mehr sei und gute Gesellschaft nicht entbehrt habe. Ein junger Mann von guter Familie mit hinreichendem Geist und Zartsinn und genugsamer äußerer Bildung, wie sie aus dem Umgange mit vollendeten Menschen der höheren und höchsten Stände hervorgeht, wird den ›Tasso‹ nicht schwer finden.« Das Gespräch lenkte sich auf den ›Egmont‹, und Goethe sagte darüber folgendes: »Ich schrieb den ›Egmont‹ im Jahre 1775, also vor funfzig Jahren. Ich hielt mich sehr treu an die Geschichte und strebte nach möglichstes Wahrheit. Als ich darauf zehn Jahre später in Rom war, las ich in den Zeitungen, daß die geschilderten revolutionären Szenen in den Niederlanden sich buchstäblich wiederholten. Ich sah daraus, daß die Welt immer dieselbige bleibt und daß meine Darstellung einiges Leben haben mußte.« Unter diesen und ähnlichen Gesprächen war die Zeit des Theaters herangekommen, und wir standen auf und wurden von Goethe freundlich entlassen. Im Nachhausegehen fragte ich Herrn H., wie ihm Goethe gefallen. »Ich habe nie einen Mann gesehen,« antwortete dieser, »der bei aller liebevollen Milde so viel angebotene Würde besäße. Er ist immer groß, er mag sich stellen und sich herablassen, wie er wolle.« Dienstag, den 18. Januar 1825 Ich ging heute um fünf Uhr zu Goethe, den ich in einigen Tagen nicht gesehen hatte, und verlebte mit ihm einen schönen Abend. Ich fand ihn, in seiner Arbeitsstube in der Dämmerung sitzend, in Gesprächen mit seinem Sohn und dem Hofrat Rehbein, seinem Arzt. Ich setzte mich zu ihnen an den Tisch. Wir sprachen noch eine Weile in der Dämmerung; dann ward Licht gebracht, und ich hatte die Freude, Goethe vollkommen frisch und heiter vor mir zu sehen. Er erkundigte sich, wie gewöhnlich, teilnehmend nach dem, was mir in diesen Tagen Neues begegnet, und ich erzählte ihm, daß ich die Bekanntschaft einer Dichterin gemacht habe. Ich konnte zugleich ihr nicht gewöhnliches Talent rühmen, und Goethe, der einige ihrer Produkte gleichfalls kannte, stimmte in dieses Lob mit ein. »Eins von ihren Gedichten,« sagte er, »wo sie eine Gegend ihrer Heimat beschreibt, ist von einem höchst eigentümlichen Charakter. Sie hat eine gute Richtung auf äußere Gegenstände, auch fehlt es ihr nicht an guten inneren Eigenschaften. Freilich wäre auch manches an ihr auszusetzen, wir wollen sie jedoch gehen lassen und sie auf dem Wege nicht irren, den das Talent ihr zeigen wird.« Das Gespräch kam nun auf die Dichterinnen im allgemeinen, und der Hofrat Rehbein bemerkte, daß das poetische Talent der Frauenzimmer ihm oft als eine Art von geistigem Geschlechtstrieb vorkomme. »Da hören Sie nur,« sagte Goethe lachend, indem er mich ansah, » geistigen Geschlechtstrieb! – wie der Arzt das zurechtlegt!« – »Ich weiß nicht, ob ich mich recht ausdrücke,« fuhr dieser fort, »aber es ist so etwas. Gewöhnlich haben diese Wesen das Glück der Liebe nicht genossen, und sie suchen nun in geistigen Richtungen Ersatz. Wären sie zu rechter Zeit verheiratet und hätten sie Kinder geboren, sie würden an poetische Produktionen nicht gedacht haben.« »Ich will nicht untersuchen,« sagte Goethe, »inwiefern Sie in diesem Falle recht haben; aber bei Frauenzimmertalenten anderer Art habe ich immer gefunden, daß sie mit der Ehe aufhörten. Ich habe Mädchen gekannt, die vortrefflich zeichneten, aber sobald sie Frauen und Mütter wurden, war es aus; sie hatten mit den Kindern zu tun und nahmen keinen Griffel mehr in die Hand. Doch unsere Dichterinnen«, fuhr er sehr lebhaft fort, »möchten immer dichten und schreiben, soviel sie wollten, wenn nur unsere Männer nicht wie die Weiber schrieben! Aber das ist es, was mir nicht gefällt. Man sehe doch unsere Zeitschriften und Taschenbücher, wie das alles so schwach ist und immer schwächer wird! Wenn man jetzt ein Kapitel des ›Cellini‹ im ›Morgenblatt‹ abdrucken ließe, wie würde sich das ausnehmen! Unterdessen«, fuhr er heiter fort, »wollen wir es gut sein lassen und uns unseres kräftigen Mädchens in Halle freuen, die uns mit männlichem Geiste in die serbische Welt einführt. Die Gedichte sind vortrefflich! Es sind einige darunter, die sich dem ›Hohen Liede‹ an die Seite setzen lassen, und das will etwas heißen. Ich habe den Aufsatz über diese Gedichte beendigt, und er ist auch bereits abgedruckt.« Mit diesen Worten reichte er mir die ersten vier Aushängebogen eines neuen Heftes von ›Kunst und Altertum‹ zu, wo ich diesen Aufsatz fand. »Ich habe die einzelnen Gedichte ihrem Hauptinhalte nach mit kurzen Worten charakterisiert, und Sie werden sich über die köstlichen Motive freuen. Rehbein ist ja auch der Poesie nicht unkundig, wenigstens was den Gehalt und Stoff betrifft, und er hört vielleicht gerne mit zu, wenn Sie diese Stelle vorlesen.« Ich las den Inhalt der einzelnen Gedichte langsam. Die angedeuteten Situationen waren so sprechend und so zeichnend, daß mir bei einem jeden Wort ein ganzes Gedicht sich vor den Augen aufbildete. Besonders anmutig wollten mir die folgenden erscheinen:   1. Sittsamkeit eines serbischen Mädchens, welches die schönen Augenwimpern niemals aufschlägt. 2. Innerer Streit des Liebenden, der als Brautführer seine Geliebte einem Dritten zuführen soll. 3. Besorgt um den Geliebten, will das Mädchen nicht singen, um nicht froh zu scheinen. 4. Klage über Umkehrung der Sitten, daß der Jüngling die Witwe freie, der Alte die Jungfrau. 5. Klage eines Jünglings, daß die Mutter der Tochter zu viel Freiheit gebe. 6. Vertraulich-frohes Gespräch des Mädchens mit dem Pferde, das ihr seines Herrn Neigung und Absichten verrät. 7. Mädchen will den Ungeliebten nicht. 8. Die schöne Kellnerin; ihr Geliebter ist nicht mit unter den Gästen. 9. Finden und zartes Aufwecken der Geliebten. 10. Welches Gewerbes wird der Gatte sein? 11. Liebesfreuden verschwatzt. 12. Der Liebende kommt aus der Fremde, beobachtet sie am Tage, überrascht sie zu Nacht.   Ich bemerkte, daß diese bloßen Motive so viel Leben in mir anregten, als läse ich die Gedichte selbst, und daß ich daher nach dem Ausgeführten gar kein Verlangen trage. »Sie haben ganz recht,« sagte Goethe, »es ist so. Aber Sie sehen daraus die große Wichtigkeit der Motive, die niemand begreifen will. Unsere Frauenzimmer haben davon nun vollends keine Ahnung. Dies Gedicht ist schön, sagen sie, und denken dabei bloß an die Empfindungen, an die Worte, an die Verse. Daß aber die wahre Kraft und Wirkung eines Gedichts in der Situation, in den Motiven besteht, daran denkt niemand. Und aus diesem Grunde werden denn auch Tausende von Gedichten gemacht, wo das Motiv durchaus null ist, und die bloß durch Empfindungen und klingende Verse eine Art von Existenz vorspiegeln. Überhaupt haben die Dilettanten und besonders die Frauen von der Poesie sehr schwache Begriffe. Sie glauben gewöhnlich, wenn sie nur das Technische loshätten, so hätten sie das Wesen und wären gemachte Leute; allein sie sind sehr in der Irre.« Professor Riemer ließ sich melden; Hofrat Rehbein empfahl sich. Riemer setzte sich zu uns. Das Gespräch über die Motive der serbischen Liebesgedichte ging fort. Riemer kannte schon, wovon die Rede war, und er machte die Bemerkung, daß man nach den obigen Inhaltsandeutungen nicht allein Gedichte machen könne, sondern daß auch jene Motive, ohne sie aus dem Serbischen gekannt zu haben, von deutscher Seite schon wären gebraucht und gebildet worden. Er gedachte hierauf einiger Gedichte von sich selber, so wie mir während dem Lesen schon einige Gedichte von Goethe eingefallen waren, die ich erwähnte. »Die Welt bleibt immer dieselben sagte Goethe, »die Zustände wiederholen sich, das eine Volk lebt, liebt und empfindet wie das andere: warum sollte denn der eine Poet nicht wie der andere dichten? Die Situationen des Lebens sind sich gleich: warum sollten denn die Situationen der Gedichte sich nicht gleich sein?« »Und eben diese Gleichheit des Lebens und der Empfindungen«, sagte Riemer, »macht es ja, daß wir imstande sind, die Poesie anderer Völker zu verstehen. Wäre dieses nicht, so würden wir ja bei ausländischen Gedichten nie wissen, wovon die Rede ist.« »Mir sind daher«, nahm ich das Wort, »immer die Gelehrten höchst seltsam vorgekommen, welche die Meinung zu haben scheinen, das Dichten geschehe nicht vom Leben zum Gedicht, sondern vom Buche zum Gedicht. Sie sagen immer: das hat er dort her, und das dort! Finden sie z. B. beim Shakespeare Stellen, die bei den Alten auch vorkommen, so soll er es auch von den Alten haben! So gibt es unter andern beim Shakespeare ein Situation, wo man beim Anblick eines schönen Mädchens die Eltern glücklich preiset, die sie Tochter nennen, und den Jüngling glücklich, der sie als Braut heimführen wird. Und weil nun beim Homer dasselbige vorkommt, so soll es der Shakespeare auch vom Homer haben! – Wie wunderlich! Als ob man nach solchen Dingen so weit zu gehen brauchte, und als ob man dergleichen nicht täglich vor Augen hätte und empfände und ausspräche!« »Ach ja,« sagte Goethe, »das ist höchst lächerlich!« »So auch«, fuhr ich fort, »zeigt selbst Lord Byron sich nicht klüger, wenn er Ihren ›Faust‹ zerstückelt und der Meinung ist, als hätten Sie dieses hier her und jenes dort her.« »Ich habe«, sagte Goethe, »alle jene von Lord Byron angeführten Herrlichkeiten größtenteils nicht einmal gelesen, viel weniger habe ich daran gedacht, als ich den ›Faust‹ machte. Aber Lord Byron ist nur groß, wenn er dichtet; sobald er reflektiert, ist er ein Kind. So weiß er sich auch gegen dergleichen ihn selbst betreffende unverständige Angriffe seiner eigenen Nation nicht zu helfen; er hätte sich stärker dagegen ausdrücken sollen. Was da ist, das ist mein! hätte er sagen sollen, und ob ich es aus dem Leben oder aus dem Buche genommen, das ist gleichviel, es kam bloß darauf an, daß ich es recht gebrauchte! Walter Scott benutzte eine Szene meines ›Egmonts‹, und er hatte ein Recht dazu, und weil es mit Verstand geschah, so ist er zu loben. So auch hat er den Charakter meiner Mignon in einem seiner Romane nachgebildet; ob aber mit ebensoviel Weisheit, ist eine andere Frage. Lord Byrons Verwandelter Teufel ist ein fortgesetzter Mephistopheles, und das ist recht! Hätte er aus origineller Grille ausweichen wollen, er hätte es schlechter machen müssen. So singt mein Mephistopheles ein Lied von Shakespeare, und warum sollte er das nicht? Warum sollte ich mir die Mühe geben, ein eigenes zu erfinden, wenn das von Shakespeare eben recht war und eben das sagte, was es sollte? Hat daher auch die Exposition meines ›Faust‹ mit der des ›Hiob‹ einige Ähnlichkeit, so ist das wiederum ganz recht, und ich bin deswegen eher zu loben als zu tadeln.« Goethe war in der besten Laune. Er ließ eine Flasche Wein kommen, wovon er Riemern und mir einschenkte; er selbst trank Marienbader Wasser. Der Abend schien bestimmt zu sein, mit Riemern das Manuskript seiner fortgesetzten Selbstbiographie durchzugehen, um vielleicht hinsichtlich des Ausdruckes hin und wieder noch einiges zu verbessern. »Eckermann bleibt wohl bei uns und hört mit zu«, sagte Goethe, welches mir sehr lieb war zu vernehmen. Und so legte er denn Riemern das Manuskript vor, der mit dem Jahre 1795 zu lesen anfing. Ich hatte schon im Laufe des Sommers die Freude gehabt, alle diese noch ungedruckten Lebensjahre bis auf die neueste Zeit herauf wiederholt zu lesen und zu betrachten. Aber jetzt in Goethes Gegenwart sie laut vorlesen zu hören, gewährte mir einen ganz neuen Genuß. – Riemer war auf den Ausdruck gerichtet, und ich hatte Gelegenheit, seine große Gewandtheit und seinen Reichtum an Worten und Wendungen zu bewundern. In Goethen aber war die geschilderte Lebensepoche rege, er schwelgte in Erinnerungen und ergänzte bei Erwähnung einzelner Personen und Vorfälle das Geschriebene durch detaillierte mündliche Erzählung. – Es war ein köstlicher Abend! Der bedeutendsten mitlebenden Männer ward wiederholt gedacht; zu Schillern jedoch, der dieser Epoche von 1795 bis 1800 am engsten verflochten war, kehrte das Gespräch immer von neuem zurück. Das Theater war ein Gegenstand ihres gemeinsamen Wirkens gewesen, so auch fallen Goethes vorzüglichste Werke in jene Zeit. Der ›Wilhelm Meister‹ wird beendigt, ›Hermann und Dorothea‹ gleich hinterher entworfen und geschrieben, ›Cellini‹ übersetzt für die ›Horen‹, die ›Xenien‹ gemeinschaftlich gedichtet für Schillers ›Musenalmanach‹, an täglichen Berührungspunkten war kein Mangel. Dieses alles kam nun diesen Abend zur Sprache, und es fehlte Goethen nicht an Anlaß zu den interessantesten Äußerungen. »›Hermann und Dorothea‹«, sagte er unter andern, »ist fast das einzige meiner größeren Gedichte, das mir noch Freude macht; ich kann es nie ohne innigen Anteil lesen. Besonders lieb ist es mir in der lateinischen Übersetzung, es kommt mir da vornehmer vor, als wäre es, der Form nach, zu seinem Ursprunge zurückgekehrt.« Auch vom ›Wilhelm Meister‹ war wiederholt die Rede. »Schiller«, sagte er, »tadelte die Einflechtung des Tragischen, als welches nicht in den Roman gehöre. Er hatte jedoch unrecht, wie wir alle wissen. In seinen Briefen an mich sind über den ›Wilhelm Meister‹ die bedeutendsten Ansichten und Äußerungen. Es gehört dieses Werk übrigens zu den inkalkulabelsten Produktionen, wozu mir fast selbst der Schlüssel fehlt. Man sucht einen Mittelpunkt, und das ist schwer und nicht einmal gut. Ich sollte meinen, ein reiches mannigfaltiges Leben, das unsern Augen vorübergeht, wäre auch an sich etwas ohne ausgesprochene Tendenz, die doch bloß für den Begriff ist. Will man aber dergleichen durchaus, so halte man sich an die Worte Friedrichs, die er am Ende an unsern Helden richtet, indem er sagt: ›Du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand.‹ Hieran halte man sich. Denn im Grunde scheint doch das Ganze nichts anderes sagen zu wollen, als daß der Mensch trotz aller Dummheiten und Verwirrungen, von einer höheren Hand geleitet, doch zum glücklichen Ziele gelange.« Der großen Kultur der mittleren Stände ward darauf gedacht, die sich seit den letzten funfzig Jahren über Deutschland verbreitet, und Goethe schrieb die Verdienste hierum weniger Lessingen zu als Herdern und Wieland. »Lessing«, sagte er, »war der höchste Verstand, und nur ein ebenso großer konnte von ihm wahrhaft lernen. Dem Halbvermögen war er gefährlich.« Er nannte einen Journalisten, der sich nach Lessing gebildet und am Ende des vorigen Jahrhunderts eine Rolle, aber keine edle gespielt habe, weil er seinem großen Vorgänger so weit nachgestanden. »Wielanden«, sagte Goethe, »verdankt das ganze obere Deutschland seinen Stil. Es hat viel von ihm gelernt, und die Fähigkeit, sich gehörig auszudrücken, ist nicht das geringste.« Bei Erwähnung der ›Xenien‹ rühmte Goethe besonders die von Schiller, die er scharf und schlagend nannte, dagegen seine eigenen unschuldig und geringe. »Den ›Tierkreis‹,« sagte er, »welcher von Schiller ist, lese ich stets mit Bewunderung. Die guten Wirkungen, die sie zu ihrer Zeit auf die deutsche Literatur ausübten, sind gar nicht zu berechnen.« Viele Personen wurden bei dieser Gelegenheit genannt, gegen welche die ›Xenien‹ gerichtet waren; ihre Namen sind jedoch meinem Gedächtnis entgangen. Nachdem nun so, von diesen und hundert andern interessanten Äußerungen und Einflechtungen Goethes unterbrochen, das gedachte Manuskript bis zu Ende des Jahres 1800 vorgelesen und besprochen war, legte Goethe die Papiere an die Seite und ließ an einem Ende des großen Tisches, an dem wir saßen, decken und ein kleines Abendessen bringen. Wir ließen es uns wohl sein; Goethe selbst rührte aber keinen Bissen an, wie ich ihn denn nie abends habe essen sehen. Er saß bei uns, schenkte uns ein, putzte die Lichter und erquickte uns überdies geistig mit den herrlichsten Worten. Das Andenken Schillers war in ihm so lebendig, daß die Gespräche dieser letzten Hälfte des Abends nur ihm gewidmet waren. Riemer erinnerte an Schillers Persönlichkeit. »Der Bau seiner Glieder, sein Gang auf der Straße, jede seiner Bewegungen«, sagte er, »war stolz, nur die Augen waren sanft.« – »Ja,« sagte Goethe, »alles übrige an ihm war stolz und großartig, aber seine Augen waren sanft. Und wie sein Körper war sein Talent. Er griff in einen großen Gegenstand kühn hinein und betrachtete und wendete ihn hin und her, und sah ihn so an und so, und handhabte ihn so und so. Er sah seinen Gegenstand gleichsam nur von außen an, eine stille Entwickelung aus dem Innern war nicht seine Sache. Sein Talent war mehr desultorisch. Deshalb war er auch nie entschieden und konnte nie fertig werden. Er wechselte oft noch eine Rolle kurz vor der Probe. Und wie er überall kühn zu Werke ging, so war er auch nicht für vieles Motivieren. Ich weiß, was ich mit ihm beim ›Tell‹ für Not hatte, wo er geradezu den Geßler einen Apfel vom Baum brechen und vom Kopf des Knaben schießen lassen wollte. Dies war nun ganz gegen meine Natur, und ich überredete ihn, diese Grausamkeit doch wenigstens dadurch zu motivieren, daß er Tells Knaben mit der Geschicklichkeit seines Vaters gegen den Landvogt großtun lasse, indem er sagt, daß er wohl auf hundert Schritte einen Apfel vom Baum schieße. Schiller wollte anfänglich nicht daran, aber er gab doch endlich meinen Vorstellungen und Bitten nach und machte es so, wie ich ihm geraten. Daß ich dagegen oft zu viel motivierte, entfernte meine Stücke vom Theater. Meine ›Eugenie‹ ist eine Kette von lauter Motiven, und dies kann auf der Bühne kein Glück machen. Schillers Talent war recht fürs Theater geschaffen. Mit jedem Stück schritt er vor und ward er vollendeter; doch war es wunderlich, daß ihm noch von den ›Räubern‹ her ein gewisser Sinn für das Grausame anklebte, der selbst in seiner schönsten Zeit ihn nie ganz verlassen wollte. So erinnere ich mich noch recht wohl, daß er im ›Egmont‹ in der Gefängnisszene, wo diesem das Urteil vorgelesen wird, den Alba in einer Maske und in einen Mantel gehüllt im Hintergrunde erscheinen ließ, um sich an dem Effekt zu weiden, den das Todesurteil auf Egmont haben würde. Hiedurch sollte sich der Alba als unersättlich in Rache und Schadenfreude darstellen. Ich protestierte jedoch, und die Figur blieb weg. Er war ein wunderlicher großer Mensch. Alle acht Tage war er ein anderer und ein vollendeterer; jedesmal wenn ich ihn wiedersah, erschien er mir vorgeschritten in Belesenheit, Gelehrsamkeit und Urteil. Seine Briefe sind das schönste Andenken, das ich von ihm besitze, und sie gehören mit zu dem Vortrefflichsten, was er geschrieben. Seinen letzten Brief bewahre ich als ein Heiligtum unter meinen Schätzen.« Goethe stand auf und holte ihn. »Da sehen und lesen Sie«, sagte er, indem er mir ihn zureichte. Der Brief war schön und mit kühner Hand geschrieben. Er enthielt ein Urteil über Goethes Anmerkungen zu ›Rameaus Neffen‹, welche die französische Literatur jener Zeit darstellen, und die er Schillern in Manuskript zur Ansicht mitgeteilt hatte. Ich las den Brief Riemern vor. »Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein Urteil treffend und beisammen ist, und wie die Handschrift durchaus keine Spur irgendeiner Schwäche verrät. Er war ein prächtiger Mensch, und bei völligen Kräften ist er von uns gegangen. Dieser Brief ist vom 24. April 1805 – Schiller starb am 9. Mai.« Wir betrachteten den Brief wechselweise und freuten uns des klaren Ausdrucks wie der schönen Handschrift, und Goethe widmete seinem Freunde noch manches Wort eines liebevollen Andenkens, bis es spät gegen eilf Uhr geworden war und wir gingen. Donnerstag, den 24. Februar 1825 »Wäre es meine Sache noch, dem Theater vorzustehen,« sagte Goethe diesen Abend, »ich würde Byrons ›Dogen von Venedig‹ auf die Bühne bringen. Freilich ist das Stück zu lang und es müßte gekürzt werden; aber man müßte nichts daran schneiden und streichen, sondern es so machen: man müßte den Inhalt jeder Szene in sich aufnehmen und ihn bloß kürzer wiedergeben. Dadurch würde das Stück zusammengehen, ohne daß man ihm durch Änderungen schadete, und es würde an kräftiger Wirkung durchaus gewinnen, ohne im wesentlichen von seinem Schönen etwas einzubüßen.« Diese Äußerung Goethes gab mir eine neue Ansicht, wie man beim Theater in hundert ähnlichen Fällen zu verfahren habe, und ich war über diese Maxime, die freilich einen guten Kopf, ja einen Poeten voraussetzt, der seine Sache versteht, höchst erfreut. Wir sprachen über Lord Byron weiter, und ich erwähnte, wie er in seinen Konversationen mit Medwin es als etwas höchst Schwieriges und Undankbares ausgesprochen habe, für das Theater zu schreiben. »Es kommt darauf an,« sagte Goethe, »daß der Dichter die Bahn zu treffen wisse, die der Geschmack und das Interesse des Publikums genommen hat. Fällt die Richtung des Talents mit der des Publikums zusammen, so ist alles gewonnen. Diese Bahn hat Houwald mit seinem ›Bilde‹ getroffen, daher der allgemeine Beifall. Lord Byron wäre vielleicht nicht so glücklich gewesen, insofern seine Richtungen von der des Publikums abwichen. Denn es fragt sich hiebei keineswegs, wie groß der Poet sei; vielmehr kann ein solcher, der mit seiner Persönlichkeit aus dem allgemeinen Publikum wenig hervorragt, oft eben dadurch die allgemeinste Gunst gewinnen.« Wir setzten das Gespräch über Lord Byron fort, und Goethe bewunderte sein außerordentliches Talent. »Dasjenige, was ich die Erfindung nenne«, sagte er, »ist mir bei keinem Menschen in der Welt größer vorgekommen als bei ihm. Die Art und Weise, wie er einen dramatischen Knoten löset, ist stets über alle Erwartung und immer besser, als man es sich dachte.« – »Mir geht es mit Shakespeare so,« erwiderte ich, »namentlich mit dem Falstaff, wenn er sich festgelogen hat und ich mich frage, was ich ihn tun lassen würde, um sich wieder loszuhelfen, wo denn freilich Shakespeare alle meine Gedanken bei weitem übertrifft. Daß aber Sie ein Gleiches von Lord Byron sagen, ist wohl das höchste Lob, das diesem zuteil werden kann. Jedoch«, fügte ich hinzu, »steht der Poet, der Anfang und Ende klar übersieht, gegen den befangenen Leser bei weitem im Vorteil.« Goethe gab mir recht und lachte dann über Lord Byron, daß er, der sich im Leben nie gefügt und der nie nach einem Gesetz gefragt, sich endlich dem dümmsten Gesetz der drei Einheiten unterworfen habe. »Er hat den Grund dieses Gesetzes so wenig verstanden,« sagte er, »als die übrige Welt. Das Faßliche ist der Grund, und die drei Einheiten sind nur insofern gut, als dieses durch sie erreicht wird. Sind sie aber dem Faßlichen hinderlich, so ist es immer unverständig, sie als Gesetz betrachten und befolgen zu wollen. Selbst die Griechen, von denen diese Regel ausging, haben sie nicht immer befolgt; im ›Phaëthon‹ des Euripides und in andern Stücken wechselt der Ort und man sieht also, daß die gute Darstellung ihres Gegenstandes ihnen mehr galt als der blinde Respekt vor einem Gesetz, das an sich nie viel zu bedeuten hatte. Die Shakespeareschen Stücke gehen über die Einheit der Zeit und des Orts so weit hinaus als nur möglich; aber sie sind faßlich, es ist nichts faßlicher als sie, und deshalb würden auch die Griechen sie untadelig finden. Die französischen Dichter haben dem Gesetz der drei Einheiten am strengsten Folge zu leisten gesucht, aber sie sündigen gegen das Faßliche, indem sie ein dramatisches Gesetz nicht dramatisch lösen, sondern durch Erzählung.« Ich dachte hiebei an ›Die Feinde‹ von Houwald, bei welchem Drama der Verfasser sich auch sehr im Lichte stand, indem er, um die Einheit des Orts zu bewahren, im ersten Akt dem Faßlichen schadete und überhaupt eine mögliche größere Wirkung seines Stückes einer Grille opferte, die ihm niemand Dank weiß. Dagegen dachte ich auch an den ›Götz von Berlichingen‹, welches Stück über die Einheit der Zeit und des Orts so weit hinausgeht als nur immer möglich; aber auch so in der Gegenwart sich entwickelnd, alles vor die unmittelbare Anschauung bringend, und daher so echt dramatisch und faßlich ist als nur irgendein Stück in der Welt. Auch dachte ich, daß die Einheit der Zeit und des Orts dann natürlich und im Sinne der Griechen wäre, wenn ein Faktum so wenig Umfang habe, daß es sich in gehöriger Zeit vor unsern Augen im Detail entwickeln könne; daß aber bei einer großen, durch verschiedene Orte sich machenden Handlung kein Grund sei, solche auf einen Ort beschränken zu wollen, um so weniger, als bei unseren jetzigen Bühnen zu beliebiger Verwandlung der Szene durchaus kein Hindernis im Wege stehe. Goethe fuhr über Lord Byron zu reden fort. »Seinem stets ins Unbegrenzte strebenden Naturell«, sagte er, »steht jedoch die Einschränkung, die er sich durch Beobachtung der drei Einheiten auflegte, sehr wohl. Hätte er sich doch auch im Sittlichen so zu begrenzen gewußt! Daß er dieses nicht konnte, war sein Verderben, und es läßt sich sehr wohl sagen, daß er an seiner Zügellosigkeit zugrunde gegangen ist. Er war gar zu dunkel über sich selbst. Er lebte immer leidenschaftlich in den Tag hin und wußte und bedachte nicht, was er tat. Sich selber alles erlaubend und an andern nichts billigend, mußte er es mit sich selbst verderben und die Welt gegen sich aufregen. Mit seinen ›English Bards and Scotch Reviewers‹ verletzte er gleich anfänglich die vorzüglichsten Literatoren. Um nachher nur zu leben, mußte er einen Schritt zurücktreten. In seinen folgenden Werken ging er in Opposition und Mißbilligung fort; Staat und Kirche blieben nicht unangetastet. Dieses rücksichtslose Hinwirken trieb ihn aus England und hätte ihn mit der Zeit auch aus Europa getrieben. Es war ihm überall zu enge, und bei der grenzenlosesten persönlichen Freiheit fühlte er sich beklommen; die Welt war ihm wie ein Gefängnis. Sein Gehen nach Griechenland war kein freiwilliger Entschluß, sein Mißverhältnis mit der Welt trieb ihn dazu. Daß er sich vom Herkömmlichen, Patriotischen lossagte, hat nicht allein einen so vorzüglichen Menschen persönlich zugrunde gerichtet, sondern sein revolutionären Sinn und die damit verbundene beständige Agitation des Gemüts hat auch sein Talent nicht zur gehörigen Entwickelung kommen lassen. Auch ist die ewige Opposition und Mißbilligung seinen vortrefflichen Werken selbst, so wie sie daliegen, höchst schädlich. Denn nicht allein, daß das Unbehagen des Dichters sich dem Leser mitteilt, sondern auch alles opponierende Wirken geht auf das Negative hinaus, und das Negative ist nichts. Wenn ich das Schlechte schlecht nenne, was ist da viel gewonnen? Nenne ich aber gar das Gute schlecht, so ist viel geschadet. Wer recht wirken will, muß nie schelten, sich um das Verkehrte gar nicht bekümmern, sondern nur immer das Gute tun. Denn es kommt nicht darauf an, daß eingerissen, sondern daß etwas aufgebaut werde, woran die Menschheit reine Freude empfinde.« Ich erquickte mich an diesen herrlichen Worten und freute mich der köstlichen Maxime. »Lord Byron«, fuhr Goethe fort, »ist zu betrachten: als Mensch, als Engländer und als großes Talent. Seine guten Eigenschaften sind vorzüglich vom Menschen herzuleiten, seine schlimmen, daß er ein Engländer und ein Peer von England war; und sein Talent ist inkommensurabel. Alle Engländer sind als solche ohne eigentliche Reflexion, die Zerstreuung und der Parteigeist lassen sie zu keiner ruhigen Ausbildung kommen. Aber sie sind groß als praktische Menschen. So konnte Lord Byron nie zum Nachdenken über sich selbst gelangen; deswegen auch seine Reflexionen überhaupt ihm nicht gelingen wollen, wie sein Symbolum ›Viel Geld und keine Obrigkeit‹ beweiset, weil durchaus vieles Geld die Obrigkeit paralysiert. Aber alles, was er produzieren mag, gelingt ihm, und man kann wirklich sagen, daß sich bei ihm die Inspiration an die Stelle der Reflexion setzt. Er mußte immer dichten; und da war denn alles, was vom Menschen, besonders vom Herzen ausging, vortrefflich. Zu seinen Sachen kam er wie die Weiber zu schönen Kindern; sie denken nicht daran und wissen nicht wie. Er ist ein großes Talent, ein geborenes , und die eigentlich poetische Kraft ist mir bei niemanden größer vorgekommen als bei ihm. In Auffassung des Äußern und klarem Durchblick vergangener Zustände ist er ebenso groß als Shakespeare. Aber Shakespeare ist als reines Individuum überwiegend. Dieses fühlte Byron sehr wohl, deshalb spricht er vom Shakespeare nicht viel, obgleich er ganze Stellen von ihm auswendig weiß. Er hätte ihn gern verleugnet, denn Shakespeares Heiterkeit ist ihm im Wege; er fühlt, daß er nicht dagegen aufkann. Pope verleugnet er nicht, weil er ihn nicht zu fürchten hatte. Er nennt und achtet ihn vielmehr, wo er kann, denn er weiß sehr wohl, daß Pope nur eine Wand gegen ihn ist.« Goethe schien über Byron unerschöpflich, und ich konnte nicht satt werden, ihm zuzuhören. Nach einigen kleinen Zwischengesprächen fuhr er fort: »Der hohe Stand als englischer Peer war Byron sehr nachteilig; denn jedes Talent ist durch die Außenwelt geniert, geschweige eins bei so hoher Geburt und so großem Vermögen. Ein gewisser mittler Zustand ist dem Talent bei weitem zuträglicher; weshalb wir denn auch alle große Künstler und Poeten in den mittleren Ständen finden. Byrons Hang zum Unbegrenzten hätte ihm bei einer geringeren Geburt und niederem Vermögen bei weitem nicht so gefährlich werden können. So aber stand es in seiner Fracht, jede Anwandlung in Ausführung zu bringen, und das verstrickte ihn in unzählige Händel. Und wie sollte ferner dem, der selbst aus so hohem Stande war, irgendein Stand imponieren und Rücksicht einflößen? Er sprach aus, was sich in ihm regte, und das brachte ihn mit der Welt in einen unauflöslichen Konflikt. Man bemerkt mit Verwunderung,« fuhr Goethe fort, »welcher große Teil des Lebens eines vornehmen reichen Engländers in Entführungen und Duellen zugebracht wird. Lord Byron erzählt selbst, daß sein Vater drei Frauen entführt habe. Da sei einer einmal ein vernünftiger Sohn! Er lebte eigentlich immer im Naturzustande, und bei seiner Art zu sein, mußte ihm täglich das Bedürfnis der Notwehr vorschweben. Deswegen sein ewiges Pistolenschießen. Er mußte jeden Augenblick erwarten, herausgefordert zu werden. Er konnte nicht allein leben. Deswegen war er trotz aller seiner Wunderlichkeiten gegen seine Gesellschaft höchst nachsichtig. Er las das herrliche Gedicht über den Tod des General Moore einen Abend vor, und seine edlen Freunde wissen nicht, was sie daraus machen sollen. Das rührt ihn nicht, und er steckt es wieder ein. Als Poet beweist er sich wirklich wie ein Lamm. Ein anderer hätte sie dem Teufel übergeben!« Mittwoch, den 20. [Dienstag, den 19.] April 1825 Goethe zeigte mir diesen Abend einen Brief eines jungen Studierenden, der ihn um den Plan zum zweiten Teile des ›Faust‹ bittet, indem er den Vorsatz habe, dieses Werk seinerseits zu vollenden. Trocken, gutmütig und aufrichtig geht er mit seinen Wünschen und Absichten frei heraus und äußert zuletzt ganz unverhohlen, daß es zwar mit allen übrigen neuesten literarischen Bestrebungen nichts sei, daß aber in ihm eine neue Literatur frisch erblühen solle. Wenn ich im Leben auf einen jungen Menschen stieße, der Napoleons Welteroberungen fortzusetzen sich rüstete, oder auf einen jungen Bau-Dilettanten, der den Kölner Dom zu vollenden sich anschickte, so würde ich mich über diese nicht mehr verwundern und sie nicht verrückter und lächerlicher finden, als eben diesen jungen Liebhaber der Poesie, der Wahn genug besitzt, aus bloßer Neigung den zweiten Teil des ›Faust‹ machen zu können. Ja ich halte es für möglicher, den Kölner Dom auszubauen, als in Goethes Sinne den ›Faust‹ fortzusetzen! Denn jenem ließe sich doch allenfalls mathematisch beikommen, er steht uns doch sinnlich vor Augen und läßt sich mit Händen greifen. Mit welchen Schnüren und Maßen aber wollte man zu einem unsichtbaren geistigen Werk reichen, das durchaus auf dem Subjekt beruht, bei welchem alles auf das Aperçu ankommt, das zum Material ein großes selbstdurchlebtes Leben und zur Ausführung eine jahrelang geübte, zur Meisterschaft gesteigerte Technik erfordert? Wer ein solches Unternehmen für leicht, ja nur für möglich hält, hat sicher nur ein sehr geringes Talent, eben weil er keine Ahndung vom Hohen und Schwierigen besitzt; und es ließe sich sehr wohl behaupten, daß, wenn Goethe seinen ›Faust‹ bis auf eine Lücke von wenigen Versen selbst vollenden wollte, ein solcher Jüngling nicht fähig sein würde, nur die wenigen Verse schicklich hineinzubringen. Ich will nicht untersuchen, woher unserer jetzigen Jugend die Einbildung gekommen, daß sie dasjenige als etwas Angeborenes bereits mit sich bringe, was man bisher nur auf dem Wege vieljähriger Studien und Erfahrungen erlangen konnte, aber so viel glaube ich sagen zu können, daß die in Deutschland jetzt so häufig vorkommenden Äußerungen eines alle Stufen allmählicher Entwickelung keck überschreitenden Sinnes zu künftigen Meisterwerken wenige Hoffnung machen. »Das Unglück ist«, sagte Goethe, »im Staat, daß niemand leben und genießen, sondern jeder regieren, und in der Kunst, daß niemand sich des Hervorgebrachten freuen, sondern jeder seinerseits selbst wieder produzieren will. Auch denkt niemand daran, sich von einem Werk der Poesie auf seinem eigenen Wege fördern zu lassen, sondern jeder will sogleich wieder dasselbige machen. Es ist ferner kein Ernst da, der ins Ganze geht, kein Sinn, dem Ganzen etwas zuliebe zu tun, sondern man trachtet nur, wie man sein eigenes Selbst bemerklich mache und es vor der Welt zu möglichstes Evidenz bringe. Dieses falsche Bestreben zeigt sich überall, und man tut es den neuesten Virtuosen nach, die nicht sowohl solche Stücke zu ihrem Vortrage wählen, woran die Zuhörer reinen musikalischen Genuß haben, als vielmehr solche, worin der Spielende seine erlangte Fertigkeit könne bewundern lassen. Überall ist es das Individuum, das sich herrlich zeigen will, und nirgends trifft man auf ein redliches Streben, das dem Ganzen und der Sache zuliebe sein eigenes Selbst zurücksetzte. Hiezu kommt sodann, daß die Menschen in ein pfuscherhaftes Produzieren hineinkommen, ohne es selbst zu wissen. Die Kinder machen schon Verse und gehen so fort und meinen als Jünglinge, sie könnten was, bis sie zuletzt als Männer zur Einsicht des Vortrefflichen gelangen, was da ist, und über die Jahre erschrecken, die sie in einer falschen, höchst unzulänglichen Bestrebung verloren haben. Ja, viele kommen zur Erkenntnis des Vollendeten und ihrer eigenen Unzulänglichkeit nie und produzieren Halbheiten bis an ihr Ende. Gewiß ist es, daß wenn jeder früh genug zum Bewußtsein zu bringen wäre, wie die Welt von dem Vortrefflichsten so voll ist und was dazu gehört, diesen Werken etwas Gleiches an die Seite zu setzen, daß sodann von jetzigen hundert dichtenden Jünglingen kaum ein einziger Beharren und Talent und Mut genug in sich fühlen würde, zu Erreichung einer ähnlichen Meisterschaft ruhig fortzugehen. Viele junge Maler würden nie einen Pinsel in die Hand genommen haben; wenn sie früh genug gewußt und begriffen hätten, was denn eigentlich ein Meister wie Raffael gemacht hat.« Das Gespräch lenkte sich auf die falschen Tendenzen im allgemeinen, und Goethe fuhr fort: »So war meine praktische Tendenz zur bildenden Kunst eigentlich eine falsche, denn ich hatte keine Naturanlage dazu und konnte sich also dergleichen nicht aus mir entwickeln. Eine gewisse Zärtlichkeit gegen die landschaftlichen Umgebungen war mir eigen und daher meine ersten Anfänge eigentlich hoffnungsvoll. Die Reise nach Italien zerstörte dieses praktische Behagen; eine weite Aussicht trat an die Stelle, aber die liebevolle Fähigkeit ging verloren, und da sich ein künstlerisches Talent weder technisch noch ästhetisch entwickeln konnte, so zerfloß mein Bestreben zu nichts. Man sagt mit Recht,« fuhr Goethe fort, »daß die gemeinsame Ausbildung menschlicher Kräfte zu wünschen und auch das Vorzüglichste sei. Der Mensch aber ist dazu nicht geboren, jeder muß sich eigentlich als ein besonderes Wesen bilden, aber den Begriff zu erlangen suchen, was alle zusammen sind.« Ich dachte hiebei an den ›Wilhelm Meister‹, wo gleichfalls ausgesprochen ist, daß nur alle Menschen zusammengenommen die Menschheit ausmachen und wir nur insofern zu achten sind, als wir zu schätzen wissen. So auch dachte ich an die ›Wanderjahre‹, wo Montan immer nur zu einem Handwerk rät und dabei ausspricht, daß jetzt die Zeit der Einseitigkeiten sei und man den glücklich zu preisen habe, der dieses begreife und für sich und andere in solchem Sinne wirke. Nun aber fragt es sich, was jemand für ein Handwerk habe, damit er die Grenzen nicht überschreite, aber auch nicht zu wenig tue. Wessen Sache es sein wird, viele Fächer zu übersehen, zu beurteilen, zu leiten, der soll auch eine möglichste Einsicht in viele Fächer zu erlangen suchen. So kann ein Fürst, ein künftiger Staatsmann sich nicht vielseitig genug ausbilden, denn die Vielseitigkeit gehört zu seinem Handwerk. Gleicherweise soll der Poet nach mannigfaltiger Kenntnis streben; denn die ganze Welt ist sein Stoff, den er zu handhaben und auszusprechen verstehen muß. Aber der Dichter soll kein Maler sein wollen, sondern sich begnügen, die Welt durch das Wort wiederzugeben; so wie er dem Schauspieler überläßt, sie durch persönliche Darstellung uns vor die Augen zu bringen. Denn Einsicht und Lebenstätigkeit sollen wohl unterschieden werden, und man soll bedenken, daß jede Kunst, sobald es auf die Ausübung ankommt, etwas sehr Schwieriges und Großes ist, worin es zur Meisterschaft zu bringen, ein eigenes Leben verlangt wird. So hat Goethe nach vielseitigsten Einsicht gestrebt, aber in seiner Lebenstätigkeit hat er sich nur auf eins beschränkt. Nur eine einzige Kunst hat er geübt, und zwar meisterhaft geübt, nämlich die: deutsch zu schreiben . Daß der Stoff, den er aussprach, vielseitiger Natur war, ist eine andere Sache. Gleicherweise soll man Ausbildung von Lebenstätigkeit wohl unterscheiden. So gehört zur Ausbildung des Dichters, daß sein Auge zur Auffassung der äußeren Gegenstände auf alle Weise geübt werde. Und wenn Goethe seine praktische Tendenz zur bildenden Kunst, insofern er sie zu seiner Lebenstätigkeit hätte machen wollen, eine falsche nennt, so war sie wiederum ganz am Orte, insofern es seine Ausbildung als Dichter galt. »Die Gegenständlichkeit meiner Poesie«, sagte Goethe, »bin ich denn doch jener großen Aufmerksamkeit und Übung des Auges schuldig geworden; so wie ich auch die daraus gewonnene Kenntnis hoch anzuschlagen habe.« Hüten aber soll man sich, die Grenzen seiner Ausbildung zu weit zu stecken. »Die Naturforscher«, sagte Goethe, »werden am ersten dazu verführt, weil zur Betrachtung der Natur wirklich eine sehr harmonische allgemeine Ausbildung erfordert wird.« Dagegen aber soll sich jeder, sobald es die Kenntnisse betrifft, die zu seinem Fache unerläßlich gehören, vor Beschränkung und Einseitigkeit zu bewahren suchen. Ein Dichter, der für das Theater schreiben will, soll Kenntnis der Bühne haben, damit er die Mittel erwäge, die ihm zu Gebote stehen, und er überhaupt wisse, was zu tun und zu lassen sei; so wie es dem Opernkomponisten nicht an Einsicht der Poesie fehlen darf, damit er das Schlechte vom Guten unterscheiden könne und seine Kunst nicht an etwas Unzulänglichem verschwendet werde. »Carl Maria von Weber«, sagte Goethe, »mußte die ›Euryanthe‹ nicht komponieren; er mußte gleich sehen, daß dies ein schlechter Stoff sei, woraus sich nichts machen lasse. Diese Einsicht dürfen wir bei jedem Komponisten, als zu seiner Kunst gehörig, voraussetzen.« So soll der Maler Kenntnis in Unterscheidung der Gegenstände haben; denn es gehört zu seinem Fache, daß er wisse, was er zu malen habe und was nicht. »Im übrigen aber«, sagte Goethe, »ist es zuletzt die größte Kunst, sich zu beschränken und zu isolieren.« So hat er die ganze Zeit, die ich in seiner Nähe bin, mich stets vor allen ableitenden Richtungen zu bewahren und mich immer auf ein einziges Fach zu konzentrieren gesucht. Zeigte ich etwa Neigung, mich in Naturwissenschaften umzutun, so war immer sein Rat, es zu unterlassen und mich für jetzt bloß an die Poesie zu halten. Wollte ich ein Buch lesen, wovon er wußte, daß es mich auf meinem jetzigen Wege nicht weiter brächte, so widerrief er es mir stets, indem er sagte, es sei für mich von keinem praktischen Nutzen. »Ich habe gar zu viele Zeit auf Dinge verwendet,« sagte er eines Tages, »die nicht zu meinem eigentlichen Fache gehörten. Wenn ich bedenke, was Lopez de Vega gemacht hat, so kommt mir die Zahl meiner poetischen Werke sehr klein vor. Ich hätte mich mehr an mein eigentliches Metier halten sollen. Hätte ich mich nicht so viel mit Steinen beschäftiget«, sagte er ein andermal, »und meine Zeit zu etwas Besserem verwendet, ich könnte den schönsten Schmuck von Diamanten haben.« Aus gleicher Ursache schätzt und rühmt er an seinem Freunde Meyer, daß dieser ausschließlich auf das Studium der Kunst sein ganzes Leben verwendet habe, wodurch man ihm denn die höchste Einsicht in diesem Fache zugestehen müsse. »Ich bin auch in solcher Richtung frühzeitig hergekommen«, sagte Goethe, »und habe auch fast ein halbes Leben an Betrachtung und Studium von Kunstwerken gewendet, aber Meyern kann ich es denn doch in gewisser Hinsicht nicht gleichtun. Ich hüte mich daher auch wohl, ein neues Gemälde diesem Freunde sogleich zu zeigen, sondern ich sehe zuvor zu, wie weit ich ihm meinerseits beikommen kann. Glaube ich nun, über das Gelungene und Mangelhafte völlig im klaren zu sein, so zeige ich es Meyern, der denn freilich weit schärfer sieht und dem in manchem Betracht noch ganz andere Lichter dabei aufgehen. Und so sehe ich immer von neuem, was es sagen will und was dazu gehört, um in einer Sache durchaus groß zu sein. In Meyern liegt eine Kunsteinsicht von ganzen Jahrtausenden.« Nun aber könnte man fragen, warum denn Goethe, wenn er so lebhaft durchdrungen sei, daß der Mensch nur ein Einziges tun solle, warum denn gerade er selbst sein Leben an so höchst vielseitige Richtungen verwendet habe. Hierauf antworte ich, daß, wenn Goethe jetzt in die Welt käme und er die poetischen und wissenschaftlichen Bestrebungen seiner Nation bereits auf der Höhe vorfände, auf welche sie jetzt, und zwar größtenteils durch ihn, gebracht sind, er sodann sicher zu so mannigfaltigen Richtungen keine Veranlassung finden und sich gewiß auf ein einziges Fach beschränken würde. So aber lag es nicht allein in seiner Natur, nach allen Seiten hin zu forschen und sich für die irdischen Dinge klar zu machen, sondern es lag auch im Bedürfnis der Zeit, das Wahrgenommene auszusprechen. Er tat bei seinem Erscheinen zwei große Erbschaften: der Irrtum und die Unzulänglichkeit fielen ihm zu, daß er sie hinwegräume, und verlangten seine lebenslänglichen Bemühungen nach vielen Seiten. Wäre die Newtonische Theorie Goethen nicht als ein großer, dem menschlichen Geiste höchst schädlicher Irrtum erschienen, glaubt man denn, daß es ihm je eingefallen sein würde, eine ›Farbenlehre‹ zu schreiben und vieljährige Bemühungen einer solchen Nebenrichtung zu widmen? Keineswegs! Sondern sein Wahrheitsgefühl im Konflikt mit dem Irrtum war es, das ihn bewog, sein reines Licht auch in diese Dunkelheiten leuchten zu lassen. Ein Gleiches ist von seiner Metamorphosenlehre zu sagen, worin wir ihm jetzt ein Muster wissenschaftlicher Behandlung verdanken, welches Werk zu schreiben Goethen aber gewiß nie eingefallen sein würde, wenn er seine Zeitgenossen bereits auf dem Wege zu einem solchen Ziele erblickt hätte. Ja sogar von seinen vielseitigen poetischen Bestrebungen möchte solches gelten. Denn es ist sehr die Frage, ob Goethe je einen Roman würde geschrieben haben, wenn ein Werk wie der ›Wilhelm Meister‹ bei seiner Nation bereits wäre vorhanden gewesen. Und sehr die Frage, ob er in solchem Fall sich nicht vielleicht ganz ausschließlich der dramatischen Poesie gewidmet hätte. Was er in solchem Fall einer einseitigen Richtung alles hervorgebracht und gewirkt haben würde, ist gar nicht abzusehen; so viel ist jedoch gewiß, daß, sobald man aufs Ganze sieht, kein Verständiger wünschen wird, daß Goethe eben nicht alles dasjenige möchte hervorgebracht haben, wozu ihn zu treiben nun einmal seinem Schöpfer gefallen hat. Donnerstag, den 12. [?] Mai 1825 Goethe sprach mit hoher Begeisterung über Menander. »Nächst dem Sophokles«, sagte er, »kenne ich keinen, der mir so lieb wäre. Er ist durchaus rein, edel, groß und heiter, seine Anmut ist unerreichbar. Daß wir so wenig von ihm besitzen, ist allerdings zu bedauern, allein auch das Wenige ist unschätzbar und für begabte Menschen viel daraus zu lernen. Es kommt nur immer darauf an,« fuhr Goethe fort, »daß derjenige, von dem wir lernen wollen, unserer Natur gemäß sei. So hat z. B. Calderon, so groß er ist und so sehr ich ihn bewundere, auf mich gar keinen Einfluß gehabt, weder im Guten noch im Schlimmen. Schillern aber wäre er gefährlich gewesen, er wäre an ihm irre geworden, und es ist daher ein Glück, daß Calderon erst nach seinem Tode in Deutschland in allgemeine Aufnahme gekommen. Calderon ist unendlich groß im Technischen und Theatralischen; Schiller dagegen weit tüchtiger, ernster und größer im Wollen, und es wäre daher schade gewesen, von solchen Tugenden vielleicht etwas einzubüßen, ohne doch die Größe Calderons in anderer Hinsicht zu erreichen.« Wir kamen auf Molière. »Molière«, sagte Goethe, »ist so groß, daß man immer von neuem erstaunt, wenn man ihn wieder liest. Er ist ein Mann für sich, seine Stücke grenzen ans Tragische, sie sind apprehensiv, und niemand hat den Mut, es ihm nachzutun. Sein ›Geiziger‹, wo das Laster zwischen Vater und Sohn alle Pietät aufhebt, ist besonders groß und im hohen Sinne tragisch. Wenn man aber in einer deutschen Bearbeitung aus dem Sohn einen Verwandten macht, so wird es schwach und will nicht viel mehr heißen. Man fürchtet, das Laster in seiner wahren Natur erscheinen zu sehen allein was wird es da, und was ist denn überhaupt tragisch wirksam als das Unerträgliche. Ich lese von Molière alle Jahr einige Stücke, so wie ich auch von Zeit zu Zeit die Kupfer nach den großen italienischen Meistern betrachte. Denn wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Größe solcher Dinge in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin zurückkehren, um solche Eindrücke in uns anzufrischen. Man spricht immer von Originalität, allein was will das sagen! Sowie wir geboren werden, fängt die Welt an, auf uns zu wirken, und das geht so fort bis ans Ende. Und überhaupt, was können wir denn unser Eigenes nennen, als die Energie, die Kraft, das Wollen! Wenn ich sagen könnte, was ich alles großen Vorgängern und Mitlebenden schuldig geworden bin, so bliebe nicht viel übrig. Hiebei aber ist es keineswegs gleichgültig, in welcher Epoche unseres Lebens der Einfluß einer fremden bedeutenden Persönlichkeit stattfindet. Daß Lessing, Winckelmann und Kant älter waren als ich, und die beiden ersteren auf meine Jugend, der letztere auf mein Alter wirkte, war für mich von großer Bedeutung. Ferner: daß Schiller so viel jünger war und im frischesten Streben begriffen, da ich an der Welt müde zu werden begann; angleichen, daß die Gebrüder von Humboldt und Schlegel unter meinen Augen aufzutreten anfingen, war von der größten Wichtigkeit. Es sind mir daher unnennbare Vorteile entstanden.« Nach solchen Äußerungen über die Einflüsse bedeutender Personen auf ihn kam das Gespräch auf die Wirkungen, die er auf andere gehabt, und ich erwähnte Bürger, bei welchem es mir problematisch erscheine, daß bei ihm, als einem reinen Naturtalent, gar keine Spur einer Einwirkung von Goethes Seite wahrzunehmen. »Bürger«, sagte Goethe, »hatte zu mir wohl eine Verwandtschaft als Talent, allein der Baum seiner sittlichen Kultur wurzelte in einem ganz anderen Boden und hatte eine ganz andere Richtung. Und jeder geht in der aufsteigenden Linie seiner Ausbildung fort, so wie er angefangen. Ein Mann aber, der in seinem dreißigsten Jahre ein Gedicht wie die ›Frau Schnips‹ schreiben konnte, mußte wohl in einer Bahn gehen, die von der meinigen ein wenig ablag. Auch hatte er durch sein bedeutendes Talent sich ein Publikum gewonnen, dem er völlig genügte, und er hatte daher keine Ursache, sich nach den Eigenschaften eines Mitstrebenden umzutun, der ihn weiter nichts anging. »Überhaupt«, fuhr Goethe fort, »lernt man nur von dem, den man liebt. Solche Gesinnungen finden sich nun wohl gegen mich bei jetzt heranwachsenden jungen Talenten, allein ich fand sie sehr spärlich unter Gleichzeitigen. Ja ich wüßte kaum einen einzigen Mann von Bedeutung zu nennen, dem ich durchaus recht gewesen wäre. Gleich an meinem ›Werther‹ tadelten sie so viel, daß, wenn ich jede gescholtene Stelle hätte tilgen wollen, von dem ganzen Buche keine Zeile geblieben wäre. Allein aller Tadel schadete mir nichts, denn solche subjektive Urteile einzelner obgleich bedeutender Männer stellten sich durch die Masse wieder ins Gleiche. Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben. Nun streitet sich das Publikum seit zwanzig Jahren, wer größer sei: Schiller oder ich, und sie sollten sich freuen, daß überhaupt ein paar Kerle da sind, worüber sie streiten können.« Sonnabend, den 11. [Mittwoch, den 1.] Juni 1825 Goethe sprach heute bei Tisch sehr viel von dem Buche des Major Parry über Lord Byron. Er lobte es durchaus und bemerkte, daß Lord Byron in dieser Darstellung weit vollkommener und weit klarer über sich und seine Vorsätze erscheine als in allem, was bisher über ihn geschrieben worden. »Der Major Parry«, fuhr Goethe fort, »muß gleichfalls ein sehr bedeutender, ja ein hoher Mensch sein, daß er seinen Freund so rein hat auffassen und so vollkommen hat darstellen können. Eine Äußerung seines Buches ist mir besonders lieb und erwünscht gewesen, sie ist eines alten Griechen, eines Plutarch würdig. ›Dem edlen Lord‹, sagt Parry, ›fehlten alle jene Tugenden, die den Bürgerstand zieren und welche sich anzueignen er durch Geburt, durch Erziehung und Lebensweise gehindert war. Nun sind aber seine ungünstigen Beurteiler sämtlich aus der Mittelklasse, die denn freilich tadelnd bedauern, dasjenige an ihm zu vermissen, was sie an sich selber zu schätzen Ursache haben. Die wackern Leute bedenken nicht, daß er an seiner hohen Stelle Verdienste besaß, von denen sie sich keinen Begriff machen können.‹ Nun, wie gefällt Ihnen das?« sagte Goethe; »nicht wahr, so etwas hört man nicht alle Tage?« »Ich freue mich«, sagte ich, »eine Ansicht öffentlich ausgesprochen zu wissen, wodurch alle kleinlichen Tadler und Herunterzieher eines höher stehenden Menschen ein für allemal durchaus gelähmt und geschlagen worden.« Wir sprachen darauf über welthistorische Gegenstände in bezug auf die Poesie, und zwar inwiefern die Geschichte des einen Volkes für den Dichter günstiger sein könne als die eines andern. »Der Poet«, sagte Goethe, »soll das Besondere ergreifen, und er wird, wenn dieses nur etwas Gesundes ist, darin ein Allgemeines darstellen. Die englische Geschichte ist vortrefflich zu poetischer Darstellung, weil sie etwas Tüchtiges, Gesundes und daher Allgemeines ist, das sich wiederholt. Die französische Geschichte dagegen ist nicht für die Poesie, denn sie stellt eine Lebensepoche dar, die nicht wiederkommt. Die Literatur dieses Volkes, insofern sie auf jener Epoche gegründet ist, steht daher als ein Besonderes da, das mit der Zeit veralten wird. Die jetzige Epoche der französischen Literatur«, sagte Goethe später, »ist gar nicht zu beurteilen. Das eindringende Deutsche bringt darin eine große Gärung hervor, und erst nach zwanzig Jahren wird man sehen, was dies für ein Resultat gibt.« Wir sprachen darauf über Ästhetiker, welche das Wesen der Poesie und des Dichters durch abstrakte Definitionen auszudrücken sich abmühen, ohne jedoch zu einem klaren Resultat zu kommen. »Was ist da viel zu definieren!« sagte Goethe. »Lebendiges Gefühl der Zustände und Fähigkeit, es auszudrücken, macht den Poeten.« Mittwoch, den 15. [12.] Oktober 1825 Ich fand Goethe diesen Abend in besonders hoher Stimmung und hatte die Freude, aus seinem Munde abermals manches Bedeutende zu hören. Wir sprachen über den Zustand der neuesten Literatur, wo denn Goethe sich folgendermaßen äußerte: »Mangel an Charakter der einzelnen forschenden und schreibenden Individuen«, sagte er, »ist die Quelle alles Übels unserer neuesten Literatur. Besonders in der Kritik zeigt dieser Mangel sich zum Nachteile der Welt, indem er entweder Falsches für Wahres verbreitet, oder durch ein ärmliches Wahres uns um etwas Großes bringt, das uns besser wäre. Bisher glaubte die Welt an den Heldensinn einer Lucretia, eines Mucius Scävola, und ließ sich dadurch erwärmen und begeistern. Jetzt aber kommt die historische Kritik und sagt, daß jene Personen nie gelebt haben, sondern als Fiktionen und Fabeln anzusehen sind, die der große Sinn der Römer erdichtete. Was sollen wir aber mit einer so ärmlichen Wahrheit! Und wenn die Römer groß genug waren, so etwas zu erdichten, so sollten wir wenigstens groß genug sein, daran zu glauben. So hatte ich bisher immer meine Freude an einem großen Faktum des dreizehnten Jahrhunderts, wo Kaiser Friedrich der Zweite mit dem Papste zu tun hatte und das nördliche Deutschland allen feindlichen Einfällen offen stand. Asiatische Horden kamen auch wirklich herein und waren schon bis Schlesien vorgedrungen; aber der Herzog von Liegnitz setzte sie durch eine große Niederlage in Schrecken. Dann wendeten sie sich nach Mähren, aber hier wurden sie vom Grafen Sternberg geschlagen. Diese Tapfern lebten daher bis jetzt immer in mir als große Retter der deutschen Nation. Nun aber kommt die historische Kritik und sagt, daß jene Helden sich ganz unnütz aufgeopfert hätten, indem das asiatische Heer bereits zurückgerufen gewesen und von selbst zurückgegangen sein würde. Dadurch ist nun ein großes vaterländisches Faktum gelähmt und zernichtet, und es wird einem ganz abscheulich zumute.« Nach diesen Äußerungen über historische Kritiker sprach Goethe über Forscher und Literatoren anderer Art. »Ich hätte die Erbärmlichkeit der Menschen und wie wenig es ihnen um wahrhaft große Zwecke zu tun ist, nie so kennen gelernt,« sagte er, »wenn ich mich nicht durch meine naturwissenschaftlichen Bestrebungen an ihnen versucht hätte. Da aber sah ich, daß den meisten die Wissenschaft nur etwas ist, insofern sie davon leben, und daß sie sogar den Irrtum vergöttern, wenn sie davon ihre Existenz haben. Und in der schönen Literatur ist es nicht besser. Auch dort sind große Zwecke und echter Sinn für das Wahre und Tüchtige und dessen Verbreitung sehr seltene Erscheinungen. Einer hegt und trägt den andern, weil er von ihm wieder gehegt und getragen wird, und das wahrhaft Große ist ihnen widerwärtig, und sie möchten es gerne aus der Welt schaffen, damit sie selber nur etwas zu bedeuten hätten. So ist die Masse, und einzelne Hervorragende sind nicht viel besser. Böttiger hätte bei seinem großen Talent, bei seiner weltumfassenden Gelehrsamkeit der Nation viel sein können. Aber so hat seine Charakterlosigkeit die Nation um außerordentliche Wirkungen und ihn selbst um die Achtung der Nation gebracht. Ein Mann wie Lessing täte uns not. Denn wodurch ist dieser so groß als durch seinen Charakter, durch sein Festhalten! So kluge, so gebildete Menschen gibt es viele, aber wo ist ein solcher Charakter! Viele sind geistreich genug und voller Kenntnisse, allein sie sind zugleich voller Eitelkeit, und um sich von der kurzsichtigen Masse als witzige Köpfe bewundern zu lassen, haben sie keine Scham und Scheu und ist ihnen nichts heilig. Die Frau von Genlis hat daher vollkommen recht, wenn sie sich gegen die Freiheiten und Frechheiten von Voltaire auflegte. Denn im Grunde, so geistreich alles sein mag, ist der Welt doch nichts damit gedient; es läßt sich nichts darauf gründen. Ja es kann sogar von der größten Schädlichkeit sein, indem es die Menschen verwirrt und ihnen den nötigen Halt nimmt. Und dann! Was wissen wir denn, und wie weit reichen wir denn mit all unserm Witze! Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht, und sich sodann an der Grenze des Begreiflichen zu halten. Die Handlungen des Universums zu messen, reichen seine Fähigkeiten nicht hin, und in das Weltall Vernunft bringen zu wollen, ist bei seinem kleinen Standpunkt ein sehr vergebliches Bestreben. Die Vernunft des Menschen und die Vernunft der Gottheit sind zwei sehr verschiedene Dinge. Sobald wir dem Menschen die Freiheit zugestehen, ist es um die Allwissenheit Gottes getan; denn sobald die Gottheit weiß, was ich tun werde, bin ich gezwungen zu handeln, wie sie es weiß. Dieses führe ich nur an als ein Zeichen, wie wenig wir wissen, und daß an göttlichen Geheimnissen nicht gut zu rühren ist. Auch sollen wir höhere Maximen nur aussprechen, insofern sie der Welt zugute kommen; andere sollen wir bei uns behalten, aber sie mögen und werden auf das, was wir tun, wie der milde Schein einer verborgenen Sonne ihren Glanz breiten.« Sonntag, den 25. Dezember 1825 Ich ging diesen Abend um sechs Uhr zu Goethe, den ich alleine fand und mit dem ich einige schöne Stunden verlebte. »Mein Gemüt«, sagte er, »war diese Zeit her durch vieles belästigst; es war mir von allen Seiten her so viel Gutes geschehen, daß ich vor lauter Danksagungen nicht zum eigentlichen Leben kommen konnte. Die Privilegien wegen des Verlags meiner Werke gingen nach und nach von den Höfen ein, und weil die Verhältnisse bei jedem anders waren, so verlangte auch jeder Fall eine eigene Erwiderung. Nun kamen die Anträge unzähliger Buchhändler, die auch bedacht, behandelt und beantwortet sein wollten. Dann, mein Jubiläum brachte mir so tausendfältiges Gute, daß ich mit den Danksagungsbriefen noch jetzt nicht fertig bin. Man will doch nicht hohl und allgemein sein, sondern jedem doch gerne etwas Schickliches und Gehöriges sagen. Jetzt aber werde ich nach und nach frei, und ich fühle mich wieder zu Unterhaltungen aufgelegt. Ich habe in diesen Tagen eine Bemerkung gemacht, die ich Ihnen doch mitteilen will. Alles, was wir tun, hat eine Folge. Aber das Kluge und Rechte bringt nicht immer etwas Günstiges, und das Verkehrte nicht immer etwas Ungünstiges hervor, vielmehr wirkt es oftmals ganz im Gegenteil. Ich machte vor einiger Zeit, eben bei jenen Unterhandlungen mit Buchhändlern, einen Fehler, und es tat mir leid, daß ich ihn gemacht hatte. Jetzt aber haben sich die Umstände so geändert, daß ich einen großen Fehler begangen haben würde, wenn ich jenen nicht gemacht hätte. Dergleichen wiederholt sich im Leben häufig, und Weltmenschen, welche dieses wissen, sieht man daher mit einer großen Frechheit und Dreistigkeit zu Werke gehen.« Ich merkte mir diese Beobachtung, die mir neu war. Ich brachte sodann das Gespräch auf einige seiner Werke, und wir kamen auch auf die Elegie ›Alexis und Dora‹. »An diesem Gedicht«, sagte Goethe, »tadelten die Menschen den starken leidenschaftlichen Schluß und verlangten, daß die Elegie sanft und ruhig ausgehen solle, ohne jene eifersüchtige Aufwallung; allein ich konnte nicht einsehen, daß jene Menschen recht hätten. Die Eifersucht liegt hier so nahe und ist so in der Sache, daß dem Gedicht etwas fehlen würde, wenn sie nicht da wäre. Ich habe selbst einen jungen Menschen gekannt, der in leidenschaftlicher Liebe zu einem schnell gewonnenen Mädchen ausrief: Aber wird sie es nicht einem andern ebenso machen wie mir?« Ich stimmte Goethen vollkommen bei und erwähnte sodann der eigentümlichen Zustände dieser Elegie, wo in so kleinem Raum mit wenig Zügen alles so wohl gezeichnet sei, daß man die häusliche Umgebung und das ganze Leben der handelnden Personen darin zu erblicken glaube. »Das Dargestellte erscheint so wahr,« sagte ich, »als ob Sie nach einem wirklich Erlebten gearbeitet hätten.« »Es ist mir lieb,« antwortete Goethe, »wenn es Ihnen so erscheint. Es gibt indes wenige Menschen, die eine Phantasie für die Wahrheit des Realen besitzen, vielmehr ergehen sie sich gerne in seltsamen Ländern und Zuständen, wovon sie gar keine Begriffe haben und die ihre Phantasie ihnen wunderlich genug ausbilden mag. Und dann gibt es wieder andere, die durchaus am Realen kleben und, weil es ihnen an aller Poesie fehlt, daran gar zu enge Forderungen machen. So verlangten z. B. einige bei dieser Elegie, daß ich dem Alexis hätte einen Bedienten beigeben sollen, um sein Bündelchen zu tragen; die Menschen bedenken aber nicht, daß alles Poetische und Idyllische jenes Zustandes dadurch wäre gestört worden.« Von ›Alexis und Dora‹ lenkte sich das Gespräch auf den ›Wilhelm Meister‹. »Es gibt wunderliche Kritiker«, fuhr Goethe fort. »An diesem Roman tadelten sie, daß der Held sich zu viel in schlechter Gesellschaft befinde. Dadurch aber, daß ich die sogenannte schlechte Gesellschaft als Gefäß betrachtete, um das, was ich von der guten zu sagen hatte, darin niederzulegen, gewann ich einen poetischen Körper und einen mannigfaltigen dazu. Hätte ich aber die gute Gesellschaft wieder durch sogenannte gute Gesellschaft zeichnen wollen, so hätte niemand das Buch lesen mögen. Den anscheinenden Geringfügigkeiten des ›Wilhelm Meister‹ liegt immer etwas Höheres zum Grunde, und es kommt bloß darauf an, daß man Augen, Weltkenntnis und Übersicht genug besitze, um im Kleinen das Größere wahrzunehmen. Andern mag das gezeichnete Leben als Leben genügen.« Goethe zeigte mir darauf ein höchst bedeutendes englisches Werk, welches in Kupfern den ganzen Shakespeare darstellte. Jede Seite umfaßte in sechs kleinen Bildern ein besonderes Stück mit einigen untergeschriebenen Versen, so daß der Hauptbegriff und die bedeutendsten Situationen des jedesmaligen Werkes dadurch vor die Augen traten. Alle die unsterblichen Trauerspiele und Lustspiele gingen auf solche Weise, gleich Maskenzügen, dem Geiste vorüber. »Man erschrickt,« sagte Goethe, »wenn man diese Bilderchen durchsieht. Da wird man erst gewahr, wie unendlich reich und groß Shakespeare ist! Da ist doch kein Motiv des Menschenlebens, das er nicht dargestellt und ausgesprochen hätte. Und alles mit welcher Leichtigkeit und Freiheit! Man kann über Shakespeare gar nicht reden, es ist alles unzulänglich. Ich habe in meinem ›Wilhelm Meister‹ an ihm herumgetupft; allein das will nicht viel heißen. Er ist kein Theaterdichter, an die Bühne hat er nie gedacht, sie war seinem großen Geiste viel zu enge; ja selbst die ganze sichtbare Welt war ihm zu enge. Er ist gar zu reich und zu gewaltig. Eine produktive Natur darf alle Jahre nur ein Stück von ihm lesen, wenn sie nicht an ihm zugrunde gehen will. Ich tat wohl, daß ich durch meinen ›Götz von Berlichingen‹ und ›Egmont‹ ihn mir vom Halse schaffte, und Byron tat sehr wohl, daß er vor ihm nicht zu großen Respekt hatte und seine eigenen Wege ging. Wie viel treffliche Deutsche sind nicht an ihm zugrunde gegangen, an ihm und Calderon! Shakespeare«, fuhr Goethe fort, »gibt uns in silbernen Schalen goldene Äpfel . Wir bekommen nun wohl durch das Studium seiner Stücke die silberne Schale, allein wir haben nur Kartoffeln hineinzutun, das ist das Schlimme!« Ich lachte und freute mich des herrlichen Gleichnisses. Goethe las mir darauf einen Brief von Zelter über eine Darstellung des ›Macbeth‹ in Berlin, wo die Musik mit dem großen Geiste und Charakter des Stückes nicht hatte Schritt halten können und worüber nun Zelter sich in verschiedenen Andeutungen auslässet. Durch Goethes Vorlesen gewann der Brief sein volles Leben wieder, und Goethe hielt oft inne, um sich mit mir über das Treffende einzelner Stellen zu freuen. »›Macbeth«‹, sagte Goethe bei dieser Gelegenheit, »halte ich für Shakespeares bestes Theaterstück; es ist darin der meiste Verstand in bezug auf die Bühne. Wollen Sie aber seinen freien Geist erkennen, so lesen Sie ›Troilus und Cressida‹, wo er den Stoff der ›Ilias‹ auf seine Weise behandelt.« Das Gespräch wendete sich auf Byron, und zwar wie er gegen Shakespeares unschuldige Heiterkeit im Nachteil stehe, und wie er durch sein vielfältig negatives Wirken sich so häufigen und meistenteils nicht ungerechten Tadel zugezogen habe. »Hätte Byron Gelegenheit gehabt,« sagte Goethe, »sich alles dessen, was von Opposition in ihm war, durch wiederholte derbe Äußerungen im Parlament zu entledigen, so würde er als Poet weit reiner dastehen. So aber, da er im Parlament kaum zum Reden gekommen ist, hat er alles, was er gegen seine Nation auf dem Herzen hatte, bei sich behalten, und es ist ihm, um sich davon zu befreien, kein anderes Mittel geblieben, als es poetisch zu verarbeiten und auszusprechen. Einen großen Teil der negativen Wirkungen Byrons möchte ich daher verhaltene Parlamentsreden nennen, und ich glaube sie dadurch nicht unpassend bezeichnet zu haben.« Wir sprachen darauf über Platen, dessen negative Richtung gleichfalls nicht gebilliget wurde. »Es ist nicht zu leugnen,« sagte Goethe, »er besitzt manche glänzende Eigenschaften: allein ihm fehlt – die Liebe . Er liebt so wenig seine Leser und seine Mitpoeten als sich selber, und so kommt man in den Fall, auch auf ihn den Spruch des Apostels anzuwenden: ›Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.‹ Noch in diesen Tagen habe ich Gedichte von Platen gelesen und sein reiches Talent nicht verkennen können. Allein, wie gesagt, die Liebe fehlt ihm, und so wird er auch nie so wirken, als er hätte müssen. Man wird ihn fürchten, und er wird der Gott derer sein, die gern wie er negativ wären, aber nicht wie er das Talent haben.« 1826 Sonntag abend, den 29. Januar 1826 Der erste deutsche Improvisator, Doktor Wolff aus Hamburg, ist seit mehreren Tagen hier und hat auch bereits öffentlich Proben seines seltenen Talentes abgelegt. Freitag abend gab er ein glänzendes Improvisatorium vor sehr zahlreichen Zuhörern und in Gegenwart des weimarischen Hofes. Noch an selbigem Abend erhielt er eine Einladung zu Goethe auf nächsten Mittag. Ich sprach Doktor Wolff gestern abend, nachdem er mittags vor Goethe improvisiert hatte. Er war sehr beglückt und äußerte, daß diese Stunde in seinem Leben Epoche machen würde, indem Goethe ihn mit wenigen Worten auf eine ganz neue Bahn gebracht und in dem, was er an ihm getadelt, den Nagel auf den Kopf getroffen hätte. Diesen Abend nun, als ich bei Goethe war, kam das Gespräch sogleich auf Wolff. »Doktor Wolff ist sehr glücklich,« sagte ich, »daß Euer Exzellenz ihm einen guten Rat gegeben.« »Ich bin aufrichtig gegen ihn gewesen,« sagte Goethe »und wenn meine Worte auf ihn gewirkt und ihn angeregt haben, so ist das ein sehr gutes Zeichen. Er ist ein entschiedenes Talent, daran ist kein Zweifel, allein er leidet an der allgemeinen Krankheit der jetzigen Zeit, an der Subjektivität, und davon möchte ich ihn heilen. Ich gab ihm eine Aufgabe, um ihn zu versuchen. Schildern Sie mir, sagte ich, Ihre Rückkehr nach Hamburg. Dazu war er nun sogleich bereit und fing auf der Stelle in wohlklingenden Versen zu sprechen an. Ich mußte ihn bewundern, allein ich konnte ihn nicht loben. Nicht die Rückkehr nach Hamburg schilderte er mir, sondern nur die Empfindungen der Rückkehr eines Sohnes zu Eltern, Anverwandten und Freunden, und sein Gedicht konnte ebensogut für eine Rückkehr nach Merseburg und Jena als für eine Rückkehr nach Hamburg gelten. Was ist aber Hamburg für eine ausgezeichnete, eigenartige Stadt, und welch ein reiches Feld für die speziellesten Schilderungen bot sich ihm dar, wenn er das Objekt gehörig zu ergreifen gewußt und gewagt hätte!« Ich bemerkte, daß das Publikum an solcher subjektiven Richtung schuld sei, indem es allen Gefühlssachen einen entschiedenen Beifall schenke. »Mag sein,«sagte Goethe; »allein wenn man dem Publikum das Bessere gibt, so ist es noch zufriedener. Ich bin gewiß, wenn es einem improvisierenden Talent wie Wolff gelänge, das Leben großer Städte, wie Rom, Neapel, Wien, Hamburg und London mit aller treffenden Wahrheit zu schildern und so lebendig, daß sie glaubten, es mit eigenen Augen zu sehen, er würde alles entzücken und hinreißen. Wenn er zum Objektiven durchbricht, so ist er geborgen: es liegt in ihm, denn er ist nicht ohne Phantasie. Nur muß er sich schnell entschließen und es zu ergreifen wagen.« »Ich fürchte«, sagte ich, »daß dieses schwerer ist, als man glaubt, denn es erfordert eine Umwandlung der ganzen Denkweise. Gelingt es ihm, so wird auf jeden Fall ein augenblicklicher Stillstand in der Produktion eintreten, und es wird eine lange Übung erfordern, bis ihm auch das Objektive geläufig und zur zweiten Natur werde.« »Freilich«, erwiderte Goethe, »ist dieser Überschritt ungeheuer; aber er muß nur Mut haben und sich schnell entschließen. Es ist damit wie beim Baden die Scheu vor dem Wasser, man muß nur rasch hineinspringen und das Element wird unser sein. Wenn einer singen lernen will,« fuhr Goethe fort, »sind ihm alle diejenigen Töne, die in seiner Kehle liegen, natürlich und leicht: die andern aber, die nicht in seiner Kehle liegen, sind ihm anfänglich äußerst schwer. Um aber ein Sänger zu werden, muß er sie überwinden, denn sie müssen ihm alle zu Gebote stehen. Ebenso ist es mit einem Dichter. Solange er bloß seine wenigen subjektiven Empfindungen ausspricht, ist er noch keiner zu nennen; aber sobald er die Welt sich anzueignen und auszusprechen weiß, ist er ein Poet. Und dann ist er unerschöpflich und kann immer neu sein, wogegen aber eine subjektive Natur ihr bißchen Inneres bald ausgesprochen hat und zuletzt in Manier zugrunde geht. Man spricht immer vom Studium der Alten; allein was will das anders sagen, als: richte dich auf die wirkliche Welt und suche sie auszusprechen denn das taten die Alten auch, da sie lebten.« Goethe stand auf und ging im Zimmer auf und ab, während ich, wie er es gerne hat, auf meinem Stuhle am Tische sitzen blieb. Er stand einen Augenblick am Ofen, dann aber, wie einer, der etwas bedacht hat, trat er zu mir heran, und den Finger an den Mund gelegt, sagte er folgendes: »Ich will Ihnen etwas entdecken, und Sie werden es in Ihrem Leben vielfach bestätigst finden. Alle im Rückschreiten und in der Auflösung begriffenen Epochen sind subjektiv, dagegen aber haben alle vorschreitenden Epochen eine objektive Richtung. Unsere ganze jetzige Zeit ist eine rückschreitende, denn sie ist eine subjektive. Dieses sehen Sie nicht bloß an der Poesie, sondern auch an der Malerei und vielem anderen. Jedes tüchtige Bestreben dagegen wendet sich aus dem Inneren hinaus auf die Welt, wie Sie an allen großen Epochen sehen, die wirklich im Streben und Vorschreiten begriffen und alle objektiver Natur waren.« Die ausgesprochenen Worte gaben Anlaß zu der geistreichsten Unterhaltung, wobei besonders der großen Zeit des funfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts gedacht wurde. Das Gespräch lenkte sich sodann auf das Theater und das Schwache, Empfindsame und Trübselige der neueren Erscheinungen. »Ich tröste und stärke mich jetzt an Molière«, sagte ich. »Seinen ›Geizigen‹ habe ich übersetzt und beschäftige mich nun mit seinem ›Arzt wider Willen‹. Was ist doch Molière für ein großer, reiner Mensch!« – »Ja,« sagte Goethe, » reiner Mensch , das ist das eigentliche Wort, was man von ihm sagen kann; es ist an ihm nichts verbogen und verbildet. Und nun diese Großheit! Er beherrschte die Sitten seiner Zeit, wogegen aber unsere Iffland und Kotzebue sich von den Sitten der ihrigen beherrschen ließen und darin beschränkt und befangen waren. Molière züchtigte die Menschen, indem er sie in ihrer Wahrheit zeichnete.« »Ich möchte etwas darum geben,« sagte ich, »wenn ich die Molièreschen Stücke in ihrer ganzen Reinheit auf der Bühne sehen könnte; allein dem Publikum, wie ich es kenne, muß dergleichen viel zu stark und natürlich sein. Sollte diese Überverfeinerung nicht von der sogenannten idealen Literatur gewisser Autoren herrühren?« »Nein,« sagte Goethe, »sie kommt aus der Gesellschaft selbst. Und dann, was tun unsere jungen Mädchen im Theater? Sie gehören gar nicht hinein, sie gehören ins Kloster, und das Theater ist bloß für Männer und Frauen, die mit menschlichen Dingen bekannt sind. Als Molière schrieb, waren die Mädchen im Kloster, und er hatte auf sie gar keine Rücksicht zu nehmen. Da wir nun aber unsere jungen Mädchen schwerlich hinausbringen und man nicht aufhören wird, Stücke zu geben, die schwach und eben darum diesen recht sind, so seid klug und macht es wie ich und geht nicht hinein. Ich habe am Theater nur so lange ein wahrhaftes Interesse gehabt, als ich dabei praktisch einwirken konnte. Es war meine Freude, die Anstalt auf eine höhere Stufe zu bringen, und ich nahm bei den Vorstellungen weniger Anteil an den Stücken, als daß ich darauf sah, ob die Schauspieler ihre Sachen recht machten oder nicht. Was ich zu tadeln hatte, schickte ich am andern Morgen dem Regisseur auf einem Zettel, und ich konnte gewiß sein, bei der nächsten Vorstellung die Fehler vermieden zu sehen. Nun aber, wo ich beim Theater nicht mehr praktisch einwirken kann, habe ich auch keinen Beruf mehr hineinzugehen. Ich müßte das Mangelhafte geschehen lassen, ohne es verbessern zu können, und das ist nicht meine Sache. Mit dem Lesen von Stücken geht es mir nicht besser. Die jungen deutschen Dichter schicken mir immerfort Trauerspiele; allein was soll ich damit? Ich habe die deutschen Stücke immer nur in der Absicht gelesen, ob ich sie könnte spielen lassen; übrigens waren sie mir gleichgültig. Und was soll ich nun in meiner jetzigen Lage mit den Stücken dieser jungen Leute? Für mich selbst gewinne ich nichts, indem ich lese, wie man es nicht hätte machen sollen, und den jungen Dichtern kann ich nicht nützen bei einer Sache, die schon getan ist. Schickten sie mir statt ihrer gedruckten Stücke den Plan zu einem Stück, so könnte ich wenigstens sagen: mache es, oder mache es nicht, oder mache es so, oder mache es anders und dabei wäre doch einiger Sinn und Nutzen. Das ganze Unheil entsteht daher, daß die poetische Kultur in Deutschland sich so sehr verbreitet hat, daß niemand mehr einen schlechten Vers macht. Die jungen Dichter, die mir ihre Werke senden, sind nicht geringer als ihre Vorgänger, und da sie nun jene so hoch gepriesen sehen, so begreifen sie nicht, warum man sie nicht auch preiset. Und doch darf man zu ihrer Aufmunterung nichts tun, eben weil es solcher Talente jetzt zu hunderten gibt und man das Überflüssige nicht befördern soll, während noch so viel Nützliches zu tun ist. Wäre ein einzelner, der über alle hervorragte, so wäre es gut, denn der Welt kann nur mit dem Außerordentlichen gedient sein.« Donnerstag, den 16. Februar 1826 Ich ging diesen Abend um sieben Uhr zu Goethe, den ich in seinem Zimmer alleine fand. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch, indem ich ihm die Nachricht brachte, daß ich gestern, bei seiner Durchreise nach Petersburg, den Herzog von Wellington im Gasthofe gesehen. »Nun,« sagte Goethe belebt, »wie war er? Erzählen Sie mir von ihm. Sieht er aus wie sein Porträt?« »Ja,« sagte ich »aber besser, besonderer! Wenn man einen Blick in sein Gesicht getan hat, so sind alle seine Porträts vernichtet. Und man braucht ihn nur ein einziges Mal anzusehen, um ihn nie wieder zu vergessen, ein solcher Eindruck geht von ihm aus. Sein Auge ist braun und vom heitersten Glanze, man fühlt die Wirkung seines Blickes. Sein Mund ist sprechend, auch wenn er geschlossen ist. Er sieht aus wie einer, der vieles gedacht und das Größte gelebt hat, und der nun die Welt mit großer Heiterkeit und Ruhe behandelt und den nichts mehr anficht. Hart und zäh erschien er mir wie eine damaszener Klinge. Er ist seinem Aussehen nach, hoch in den Funfzigen, von grader Haltung, schlank, nicht sehr groß und eher etwas mager als stark. Ich sah ihn, wie er in den Wagen steigen und wieder abfahren wollte. Sein Gruß, wie er durch die Reihen der Menschen ging und mit sehr weniger Verneigung den Finger an den Hut legte, hatte etwas ungemein Freundliches.« Goethe hörte meiner Beschreibung mit sichtbarem Interesse zu. »Da haben Sie einen Helden mehr gesehen,« sagte er, »und das will immer etwas heißen.« Wir kamen auf Napoleon, und ich bedauerte, daß ich den nicht gesehen. »Freilich,« sagte Goethe, »das war auch der Mühe wert. – Dieses Kompendium der Welt!« – »Er sah wohl nach etwas aus?« fragte ich. – »Er war es,« antwortete Goethe, »und man sah ihm an, daß er es war; das war alles.« Ich hatte für Goethe ein sehr merkwürdiges Gedicht mitgebracht, wovon ich ihm einige Abende vorher schon erzählt hatte, ein Gedicht von ihm selbst, dessen er sich jedoch nicht mehr erinnerte, so tief lag es in der Zeit zurück. Zu Anfang des Jahres 1766 in den ›Sichtbaren‹, einer damals in Frankfurt erschienenen Zeitschrift, abgedruckt, war es durch einen alten Diener Goethes mit nach Weimar gebracht worden, durch dessen Nachkommen es in meine Hände gelangt war. Ohne Zweifel das älteste aller von Goethe bekannten Gedichte. Es hatte die Höllenfahrt Christi zum Gegenstand, wobei es mir merkwürdig war, wie dem sehr jungen Verfasser die religiösen Vorstellungsarten so geläufig gewesen. Der Gesinnung nach konnte das Gedicht von Klopstock herkommen, allein in der Ausführung war es ganz anderer Natur; es war stärker, freier und leichter und hatte eine größere Energie, einen besseren Zug. Außerordentliche Glut erinnerte an eine kräftig brausende Jugend. Beim Mangel an Stoff drehte es sich in sich selbst herum und war länger geworden als billig. Ich legte Goethen das ganze vergilbte, kaum noch zusammenhängende Zeitungsblatt vor, und da er es mit Augen sah, erinnerte er sich des Gedichts wieder. »Es ist möglich,« sagte er, »daß das Fräulein von Klettenberg mich dazu veranlaßt hat; es steht in der Überschrift: auf Verlangen entworfen , und ich wüßte nicht, wer von meinen Freunden einen solchen Gegenstand anders hätte verlangen können. Es fehlte mir damals an Stoff, und ich war glücklich, wenn ich nur etwas hatte, das ich besingen konnte. Noch dieser Tage fiel mir ein Gedicht aus jener Zeit in die Hände, das ich in englischer Sprache geschrieben und worin ich mich über den Mangel an poetischen Gegenständen beklage. Wir Deutschen sind auch wirklich schlimm daran: unsere Urgeschichte liegt zu sehr im Dunkel, und die spätere hat aus Mangel eines einzigen Regentenhauses kein allgemeines nationales Interesse. Klopstock versuchte sich am Hermann, allein der Gegenstand liegt zu entfernt, niemand hat dazu ein Verhältnis, niemand weiß, was er damit machen soll, und seine Darstellung ist daher ohne Wirkung und Popularität geblieben. Ich tat einen glücklichen Griff mit meinem ›Götz von Berlichingen‹; das war doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch, und es war schon etwas damit zu machen. Beim ›Werther‹ und ›Faust‹ mußte ich dagegen wieder in meinen eigenen Busen greifen, denn das Überlieferte war nicht weit her. Das Teufels- und Hexenwesen machte ich nur einmal; ich war froh, mein nordisches Erbteil verzehrt zu haben, und wandte mich zu den Tischen der Griechen. Hätte ich aber so deutlich wie jetzt gewußt, wie viel Vortreffliches seit Jahrhunderten und Jahrtausenden da ist, ich hätte keine Zeile geschrieben, sondern etwas anderes getan.« Am Ostertage, den 26. März 1826 Goethe war heute bei Tisch in der heitersten, herzlichsten Stimmung. Ein ihm sehr wertes Blatt war ihm heute zugekommen, nämlich Lord Byrons Handschrift der Dedikation seines ›Sardanapal‹. Er zeigte sie uns zum Nachtisch, indem er zugleich seine Tochter quälte, ihm Byrons Brief aus Genua wiederzugeben. »Du siehst, liebes Kind,« sagte er, »ich habe jetzt alles beisammen, was auf mein Verhältnis zu Byron Bezug hat, selbst dieses merkwürdige Blatt gelangt heute wunderbarerweise zu mir, und es fehlt mir nun weiter nichts als jener Brief.« Die liebenswürdige Verehrerin von Byron wollte aber den Brief nicht wieder entbehren. »Sie haben ihn mir einmal geschenkt, lieber Vater,« sagte sie, »und ich gebe ihn nicht zurück; und wenn Sie denn einmal wollen, daß das Gleiche zum Gleichen soll, so geben Sie mir lieber dieses köstliche Blatt von heute noch dazu, und ich verwahre sodann alles miteinander.« Das wollte Goethe noch weniger, und der anmutige Streit ging noch eine Weile fort, bis er sich in ein allgemeines munteres Gespräch auflöste. Nachdem wir vom Tisch aufgestanden und die Frauen hinaufgegangen waren, blieb ich mit Goethe allein. Er holte aus seiner Arbeitsstube ein rotes Portefeuille, womit er mit mir ans Fenster trat und es auseinanderlegte. »Sehen Sie,« sagte er, »hier habe ich alles beisammen, was auf mein Verhältnis zu Lord Byron Bezug hat. Hier ist sein Brief aus Livorno, dies ist ein Abdruck seiner Dedikation, dies mein Gedicht, hier das, was ich zu Medwins Konversationen geschrieben; nun fehlt mir bloß sein Brief aus Genua, aber sie will ihn nicht hergeben.« Goethe sagte mir sodann von einer freundlichen Aufforderung, die in bezug auf Lord Byron heute aus England an ihn ergangen und die ihn sehr angenehm berührt habe. Sein Geist war bei dieser Gelegenheit ganz von Byron voll, und er ergoß sich über ihn, seine Werke und sein Talent in tausend interessanten Äußerungen. »Die Engländer«, sagte er unter anderm, »mögen auch von Byron halten, was sie wollen, so ist doch so viel gewiß, daß sie keinen Poeten aufzuweisen haben, der ihm zu vergleichen wäre. Er ist anders als alle übrigen und meistenteils größer.« Montag, den 15. [Sonntag, den 14.] Mai 1826 Ich sprach mit Goethe über St. Schütze, über den er sich sehr wohlwollend äußerte. »In den Tagen meines krankhaften Zustandes von voriger Woche«, sagte er, »habe ich seine ›Heiteren Stunden‹ gelesen. Ich habe an dem Buche große Freude gehabt. Hätte Schütze in England gelebt, er würde Epoche gemacht haben; denn ihm fehlte bei seiner Gabe der Beobachtung und Darstellung weiter nichts als der Anblick eines bedeutenden Lebens.« Donnerstag, den 1. Juni 1826 Goethe sprach über den ›Globe‹. »Die Mitarbeiter«, sagte er, »sind Leute von Welt, heiter, klar, kühn bis zum äußersten Grade. In ihrem Tadel sind sie fein und galant, wogegen aber die deutschen Gelehrten immer glauben, daß sie den sogleich hassen müssen, der nicht so denkt wie sie. Ich zähle den ›Globe‹ zu den interessantesten Zeitschriften und könnte ihn nicht entbehren.« Mittwoch, den 26. Juli 1826 Diesen Abend hatte ich das Glück, von Goethe manche Äußerung über das Theater zu hören. Ich erzählte ihm, daß einer meiner Freunde die Absicht habe, Byrons ›Two Foscari‹ für die Bühne einzurichten. Goethe zweifelte am Gelingen.« »Es ist freilich eine verführerische Sache«, sagte er. »Wenn ein Stück im Lesen auf uns große Wirkung macht, so denken wir, es müßte auch von der Bühne herunter so tun, und wir bilden uns ein, wir könnten mit weniger Mühe dazu gelangen. Allein es ist ein eigenes Ding. Ein Stück, das nicht ursprünglich mit Absicht und Geschick des Dichters für die Bretter geschrieben ist, geht auch nicht hinauf, und wie man auch damit verfährt, es wird immer etwas Ungehöriges und Widerstrebendes behalten. Welche Mühe habe ich mir nicht mit meinem ›Götz von Berlichingen‹ gegeben – aber doch will es als Theaterstück nicht recht gehen. Es ist zu groß, und ich habe es zu zwei Teilen einrichten müssen, wovon der letzte zwar theatralisch wirksam, der erste aber nur als Expositionsstück anzusehen ist. Wollte man den ersten Teil, des Hergangs der Sache willen, bloß einmal geben und sodann bloß den zweiten Teil wiederholt fortspielen, so möchte es gehen. Ein ähnliches Verhältnis hat es mit dem ›Wallenstein‹; die ›Piccolomini‹ werden nicht wiederholt, aber ›Wallensteins Tod‹ wird immerfort gern gesehen.« Ich fragte, wie ein Stück beschaffen sein müsse, um theatralisch zu sein. »Es muß symbolisch sein«, antwortete Goethe. »Das heißt: jede Handlung muß an sich bedeutend sein und auf eine noch wichtigere hinzielen. Der ›Tartüffe‹ von Molière ist in dieser Hinsicht ein großes Muster. Denken Sie nur an die erste Szene, was das für eine Exposition ist! Alles ist sogleich vom Anfange herein höchst bedeutend und läßt auf etwas noch Wichtigeres schließen, was kommen wird. Die Exposition von Lessings ›Minna von Barnhelm‹ ist auch vortrefflich, allein diese des ›Tartüffe‹ ist nur einmal in der Welt da; sie ist das Größte und Beste, was in dieser Art vorhanden.« Wir kamen auf die Calderonschen Stücke. »Bei Calderon«, sagte Goethe, »finden Sie dieselbe theatralische Vollkommenheit. Seine Stücke sind durchaus bretterrecht, es ist in ihnen kein Zug, der nicht für die beabsichtigte Wirkung kalkuliert wäre. Calderon ist dasjenige Genie, was zugleich den größten Verstand hatte.« »Es ist wunderlich,« sagte ich, »daß die Shakespearischen Stücke keine eigentlichen Theaterstücke sind, da Shakespeare sie doch alle für sein Theater geschrieben hat.« »Shakespeare«, erwiderte Goethe, »schrieb diese Stücke aus seiner Natur heraus, und dann machte seine Zeit und die Einrichtung der damaligen Bühne an ihn keine Anforderungen; man ließ sich gefallen, wie Shakespeare es brachte. Hätte aber Shakespeare für den Hof zu Madrid oder für das Theater Ludwigs des Vierzehnten geschrieben, er hätte sich auch wahrscheinlich einer strengeren Theaterform gefügt. Doch dies ist keineswegs zu beklagen; denn was Shakespeare als Theaterdichter für uns verloren hat, das hat er als Dichter im allgemeinen gewonnen. Shakespeare ist ein großer Psychologe, und man lernt aus seinen Stücken, wie den Menschen zumute ist.« Wir sprachen über die Schwierigkeit einer guten Theaterleitung. »Das Schwere dabei ist,« sagte Goethe, »daß man das Zufällige zu übertragen wisse und sich dadurch von seinen höheren Maximen nicht ableiten lasse. Diese höheren Maximen sind: ein gutes Repertoire trefflicher Tragödien, Opern und Lustspiele, worauf man halten und die man als das Feststehende ansehen muß. Zu dem Zufälligen aber rechne ich: ein neues Stück, das man sehen will, eine Gastrolle und dergleichen mehr. Von diesen Dingen muß man sich nicht irreleiten lassen, sondern immer wieder zu seinem Repertoire zurückkehren. Unsere Zeit ist nun an wahrhaft guten Stücken so reich, daß einem Kenner nichts Leichteres ist, als ein gutes Repertoire zu bilden. Allein es ist nichts schwieriger, als es zu halten. Als ich mit Schillern dem Theater vorstand, hatten wir den Vorteil, daß wir den Sommer über in Lauchstädt spielten. Hier hatten wir ein auserlesenes Publikum, das nichts als vortreffliche Sachen wollte, und so kamen wir denn jedesmal eingeübt in den besten Stücken nach Weimar zurück und konnten hier den Winter über alle Sommervorstellungen wiederholen. Dazu hatte das weimarische Publikum auf unsere Leitung Vertrauen und war immer, auch bei Dingen, denen es nichts abgewinnen konnte, überzeugt, daß unserm Tun und Lassen eine höhere Absicht zum Grunde liege. In den neunziger Jahren«, fuhr Goethe fort, »war die eigentliche Zeit meines Theaterinteresses schon vorüber, und ich schrieb nichts mehr für die Bühne, ich wollte mich ganz zum Epischen wenden. Schiller erweckte das schon erloschene Interesse, und ihm und seinen Sachen zuliebe nahm ich am Theater wieder Anteil. In der Zeit meines ›Clavigo‹ wäre es mir ein leichtes gewesen, ein Dutzend Theaterstücke zu schreiben; an Gegenständen fehlte es nicht, und die Produktion ward mir leicht; ich hätte immer in acht Tagen ein Stück machen können, und es ärgert mich noch, daß ich es nicht getan habe.« Mittwoch, den 8. November 1826 Goethe sprach heute abermals mit Bewunderung über Lord Byron. »Ich habe«, sagte er, »seinen ›Deformed Transformed‹ wieder gelesen und muß sagen, daß sein Talent mir immer größer vorkommt. Sein Teufel ist aus meinem Mephistopheles hervorgegangen, aber es ist keine Nachahmung, es ist alles durchaus originell und neu, und alles knapp, tüchtig und geistreich. Es ist keine Stelle darin, die schwach wäre, nicht so viel Platz, um den Knopf einer Nadel hinzusetzen, wo man nicht auf Erfindung und Geist träfe. Ihm ist nichts im Wege als das Hypochondrische und Negative, und er wäre so groß wie Shakespeare und die Alten.« Ich wunderte mich. »Ja«, sagte Goethe, »Sie können es mir glauben, ich habe ihn von neuem studiert und muß ihm dies immer mehr zugestehen.« In einem früheren Gespräche äußerte Goethe: Lord Byron habe zu viel Empirie. Ich verstand nicht recht, was er damit sagen wollte, doch enthielt ich mich ihn zu fragen und dachte der Sache im stillen nach. Es war aber durch Nachdenken nichts zu gewinnen, und ich mußte warten, bis meine vorschreitende Kultur oder ein glücklicher Umstand mir das Geheimnis aufschließen möchte. Ein solcher führte sich dadurch herbei, daß abends im Theater eine treffliche Vorstellung des ›Macbeth‹ auf mich wirkte und ich tags darauf die Werke des Lord Byron in die Hände nahm, um seinen ›Beppo‹ zu lesen. Nun wollte dieses Gedicht auf den ›Macbeth‹ mir nicht munden, und je weiter ich las, je mehr ging es mir auf, was Goethe bei jener Äußerung sich mochte gedacht haben. Im ›Macbeth‹ hatte ein Geist auf mich gewirkt, der, groß, gewaltig und erhaben wie er war, von niemanden hatte ausgehen können als von Shakespeare selbst. Es war das Angeborene einer höher und tiefer begabten Natur, welche eben das Individuum, das sie besaß, vor allen auszeichnete und dadurch zum großen Dichter machte. Dasjenige, was zu diesem Stück die Welt und Erfahrung gegeben, war dem poetischen Geiste untergeordnet und diente nur, um diesen reden und verwalten zu lassen. Der große Dichter herrschte und hob uns an seine Seite hinauf zu der Höhe seiner Ansicht. Beim Lesen des ›Beppo‹ dagegen empfand ich das Vorherrschen einer verruchten empirischen Welt, der sich der Geist, der sie uns vor die Sinne führt, gewissermaßen assoziiert hatte. Nicht mehr der angebotene größere und reinere Sinn eines hochbegabten Dichters begegnete mir, sondern des Dichters Denkungsweise schien durch ein häufiges Leben mit der Welt von gleichem Schlage geworden zu sein. Er erschien in gleichem Niveau mit allen vornehmen geistreichen Weltleuten, vor denen er sich durch nichts auszeichnete als durch sein großes Talent der Darstellung, so daß er denn auch als ihr redendes Organ betrachtet werden konnte. Und so empfand ich denn beim Lesen des ›Beppo‹: Lord Byron habe zu viel Empirie, und zwar nicht, weil er zu viel wirkliches Leben uns vor die Augen führte, sondern weil seine höhere poetische Natur zu schweigen, ja von einer empirischen Denkungsweise ausgetrieben zu sein schien. Mittwoch, den 29. November 1826 Lord Byrons ›Deformed Transformed‹ hatte ich nun auch gelesen und sprach mit Goethe darüber nach Tisch. »Nicht wahr,« sagte er, »die ersten Szenen sind groß und zwar poetisch groß. Das übrige, wo es auseinander und zur Belagerung Roms geht, will ich nicht als poetisch rühmen, allein man muß gestehen, daß es geistreich ist.« »Im höchsten Grade,« sagte ich; »aber es ist keine Kunst geistreich zu sein, wenn man vor nichts Respekt hat.« Goethe lachte. »Sie haben nicht ganz unrecht,« sagte er »man muß freilich zugeben, daß der Poet mehr sagt, als man möchte; er sagt die Wahrheit, allein es wird einem nicht wohl dabei, und man sähe lieber, daß er den Mund hielt. Es gibt Dinge in der Welt, die der Dichter besser überhüllet als aufdeckt; doch dies ist eben Byrons Charakter, und man würde ihn vernichten, wenn man ihn anders wollte.« »Ja,« sagte ich, »im höchsten Grade geistreich ist er. Wie trefflich ist z. B. diese Stelle: The Devil speaks truth much oftener than he's deemed, He hath an ignorant audience.« »Das ist freilich ebenso groß und frei, als mein Mephistopheles irgend etwas gesagt hat. Da wir vom Mephistopheles reden,« fuhr Goethe fort, »so will ich Ihnen doch etwas zeigen, was Coudray von Paris mitgebracht hat. Was sagen Sie dazu?« Er legte mir einen Steindruck vor, die Szene darstellend, wo Faust und Mephistopheles, um Gretchen aus dem Kerker zu befreien, in der Nacht auf zwei Pferden an einem Hochgerichte vorbeisausen. Faust reitet ein schwarzes, das im gestrecktesten Galopp ausgreift und sich sowie sein Reiter vor den Gespenstern unter dem Galgen zu fürchten scheint. Sie reiten so schnell, daß Faust Mühe hat sich zu halten; die stark entgegenwirkende Luft hat seine Mütze entführt, die, von dem Sturmriemen am Halse gehalten, weit hinter ihm herfliegt. Er hat sein furchtsam fragendes Gesicht dem Mephistopheles zugewendet und lauscht auf dessen Worte. Dieser sitzt ruhig, unangefochten, wie ein höheres Wesen. Er reitet kein lebendiges Pferd, denn er liebt nicht das Lebendige. Auch hat er es nicht vonnöten, denn schon sein Wollen bewegt ihn in der gewünschtesten Schnelle. Er hat bloß ein Pferd, weil er einmal reitend gedacht werden muß und da genügte es ihm, ein bloß noch in der Haut zusammenhängendes Gerippe vom ersten besten Anger aufzuraffen. Es ist heller Farbe und scheint in der Dunkelheit der Nacht zu phosphoreszieren. Es ist weder gezügelt noch gesattelt, es geht ohne das. Der überirdische Reiter sitzt leicht und nachlässig, im Gespräch zu Faust gewendet; das entgegenwirkende Element der Luft ist für ihn nicht da, er wie sein Pferd empfinden nichts, es wird ihnen kein Haar bewegt. Wir hatten an dieser geistreichen Komposition große Freude. »Da muß man doch gestehen,« sagte Goethe, »daß man es sich selbst nicht so vollkommen gedacht hat. Hier haben Sie ein anderes Blatt, was sagen Sie zu diesem!« Die wilde Trinkszene in Auerbachs Keller sah ich dargestellt, und zwar, als Quintessenz des Ganzen, den bedeutendsten Moment, wo der verschüttete Wein als Flamme auflodert und die Bestialität der Trinkenden sich auf die verschiedenste Weise kundgibt. Alles ist Leidenschaft und Bewegung, und nur Mephistopheles bleibt in der gewohnten heiteren Ruhe. Das wilde Fluchen und Schreien und das gezuckte Messer des ihm zunächst Stehenden sind ihm nichts. Er hat sich auf eine Tischecke gesetzt und baumelt mit den Beinen; sein aufgehobener Finger ist genug, um Flamme und Leidenschaft zu dämpfen. Je mehr man dieses treffliche Bild betrachtete, desto mehr fand man den großen Verstand des Künstlers, der keine Figur der andern gleich machte und in jeder eine andere Stufe der Handlung darstellte. »Herr Delacroix«, sagte Goethe, »ist ein großes Talent, das gerade am ›Faust‹ die rechte Nahrung gefunden hat. Die Franzosen tadeln an ihm seine Wildheit, allein hier kommt sie ihm recht zustatten. Er wird, wie man hofft, den ganzen ›Faust‹ durchführen, und ich freue mich besonders auf die Hexenküche und die Brockenszenen. Man sieht ihm an, daß er das Leben recht durchgemacht hat, wozu ihm denn eine Stadt wie Paris die beste Gelegenheit geboten.« Ich machte bemerklich, daß solche Bilder zum besseren Verstehen des Gedichts sehr viel beitrügen. »Das ist keine Frage,« sagte Goethe; »denn die vollkommene Einbildungskraft eines solchen Künstlers zwingt uns, die Situationen so gut zu denken, wie er sie selber gedacht hat. Und wenn ich nun gestehen muß, daß Herr Delacroix meine eigene Vorstellung bei Szenen übertroffen hat, die ich selber gemacht habe, um wie viel mehr werden nicht die Leser alles lebendig und über ihre Imagination hinausgehend finden!« Montag, den 11. [?] Dezember 1826 Ich fand Goethe in einer sehr heiter aufgeregten Stimmung. »Alexander von Humboldt ist diesen Morgen einige Stunden bei mir gewesen«, sagte er mir sehr belebt entgegen. »Was ist das für ein Mann! Ich kenne ihn so lange und doch bin ich von neuem über ihn in Erstaunen. Man kann sagen, er hat an Kenntnissen und lebendigem Wissen nicht seinesgleichen. Und eine Vielseitigkeit, wie sie mir gleichfalls noch nicht vorgekommen ist! Wohin man rührt, er ist überall zu Hause und überschüttet uns mit geistigen Schätzen. Er gleicht einem Brunnen mit vielen Röhren, wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquicklich und unerschöpflich entgegenströmt. Er wird einige Tage hierbleiben, und ich fühle schon, es wird mir sein, als hätte ich Jahre verlebt.« Mittwoch, den 13. Dezember 1826 Über Tisch lobten die Frauen ein Porträt eines jungen Malers. »Und was bewundernswürdig ist,« fügten sie hinzu, »er hat alles von selbst gelernt.« Dieses merkte man denn auch besonders an den Händen, die nicht richtig und kunstmäßig gezeichnet waren. »Man sieht,« sagte Goethe, »der junge Mann hat Talent; allein daß er alles von selbst gelernt hat, deswegen soll man ihn nicht loben, sondern schelten. Ein Talent wird nicht geboren, um sich selbst überlassen zu bleiben, sondern sich zur Kunst und guten Meistern zu wenden, die denn etwas aus ihm machen. Ich habe dieser Tage einen Brief von Mozart gelesen, wo er einem Baron, der ihm Kompositionen zugesendet hatte, etwa folgendes schreibt: ›Euch Dilettanten muß man schelten, denn es finden bei euch gewöhnlich zwei Dinge statt: entweder ihr habt keine eigene Gedanken, und da nehmet ihr fremde; oder wenn ihr eigene Gedanken habt, so wißt ihr nicht damit umzugehen.‹ Ist das nicht himmlisch? Und gilt dieses große Wort, was Mozart von der Musik sagt, nicht von allen übrigen Künsten?« Goethe fuhr fort: »Lenardo da Vinci sagt: ›Wenn in euerm Sohn nicht der Sinn steckt, dasjenige, was er zeichnet, durch kräftige Schattierung so herauszuheben, daß man es mit Händen greifen möchte, so hat er kein Talent.‹ Und ferner sagt Lenardo da Vinci: ›Wenn euer Sohn Perspektive und Anatomie völlig innehat, so tut ihn zu einem guten Meister.‹ Und jetzt«, sagte Goethe, »verstehen unsere jungen Künstler beides kaum, wenn sie ihre Meister verlassen. So sehr haben sich die Zeiten geändert. Unsern jungen Malern«, fuhr Goethe fort, »fehlt es an Gemüt und Geist; ihre Erfindungen sagen nichts und wirken nichts; sie malen Schwerter, die nicht hauen, und Pfeile, die nicht treffen, und es dringt sich mir oft auf, als wäre aller Geist aus der Welt verschwunden.« »Und doch«, versetzte ich, »sollte man glauben, daß die großen kriegerischen Ereignisse der letzten Jahre den Geist aufgeregt hätten.« »Mehr Wollen«, sagte Goethe, »haben sie aufgeregt als Geist, und mehr politischen Geist als künstlerischen, und alle Naivetät und Sinnlichkeit ist dagegen gänzlich verloren gegangen. Wie will aber ein Maler ohne diese beiden großen Erfordernisse etwas machen, woran man Freude haben könnte.« Ich sagte, daß ich dieser Tage in seiner ›Italienischen Reise‹ von einem Bilde Correggios gelesen, welches eine Entwöhnung darstellt, wo das Kind Christus auf dem Schoße der Maria zwischen der Mutterbrust und einer hingereichten Birne in Zweifel kommt und nicht weiß, welches von beiden es wählen soll. »Ja«, sagte Goethe, »das ist ein Bildchen! Da ist Geist, Naivetät, Sinnlichkeit, alles beieinander. Und der heilige Gegenstand ist allgemein menschlich geworden und gilt als Symbol für eine Lebensstufe, die wir alle durchmachen. Ein solches Bild ist ewig, weil es in die frühesten Zeiten der Menschheit zurück- und in die künftigsten vorwärtsgreift. Wollte man dagegen den Christus malen, wie er die Kindlein zu sich kommen läßt, so wäre das ein Bild, welches gar nichts zu sagen hätte, wenigstens nichts von Bedeutung. Ich habe nun«, fuhr Goethe fort, »der deutschen Malerei über funfzig Jahre zugesehen, ja nicht bloß zugesehen, sondern auch von meiner Seite einzuwirken gesucht, und kann jetzt so viel sagen, daß, so wie alles jetzt steht, wenig zu erwarten ist. Es muß ein großes Talent kommen, welches sich alles Gute der Zeit sogleich aneignet und dadurch alles übertrifft. Die Mittel sind alle da, und die Wege gezeigt und gebahnt. Haben wir doch jetzt sogar auch die Phidiasse vor Augen, woran in unserer Jugend nicht zu denken war. Es fehlt jetzt, wie gesagt, weiter nichts als ein großes Talent, und dieses, hoffe ich, wird kommen; es liegt vielleicht schon in der Wiege, und Sie können seinen Glanz noch erleben.« Mittwoch, den 20. Dezember 1826 Ich erzählte Goethen nach Tisch, daß ich eine Entdeckung gemacht, die mir viele Freude gewähre. Ich hätte nämlich an einer brennenden Wachskerze bemerkt, daß der durchsichtige untere Teil der Flamme dasselbe Phänomen zeige, als wodurch der blaue Himmel entstehe, indem nämlich die Finsternis durch ein erleuchtetes Trübe gesehen werde. Ich fragte Goethe, ob er dieses Phänomen der Kerze kenne und in seiner ›Farbenlehre‹ aufgenommen habe. »Ohne Zweifel«, sagte er. Er nahm einen Band der ›Farbenlehre‹ herunter und las mir die Paragraphen, wo ich denn alles beschrieben fand, wie ich es gesehen. »Es ist mir sehr lieb,« sagte er, »daß Ihnen dieses Phänomen aufgegangen ist, ohne es aus meiner ›Farbenlehre‹ zu kennen; denn nun haben Sie es begriffen und können sagen, daß Sie es besitzen. Auch haben Sie dadurch einen Standpunkt gefaßt, von welchem aus Sie zu den übrigen Phänomenen weitergehen werden. Ich will Ihnen jetzt sogleich ein neues zeigen.« Es mochte etwa vier Uhr sein; es war ein bedeckter Himmel und im ersten Anfangen der Dämmerung. Goethe zündete ein Licht an und ging damit in die Nähe des Fensters zu einem Tische. Er setzte das Licht auf einen weißen Bogen Papier und stellte ein Stäbchen darauf, so daß der Schein des Kerzenlichtes vom Stäbchen aus einen Schatten warf nach dem Lichte des Tages zu. »Nun,« sagte Goethe, »was sagen Sie zu diesem Schatten?« – »Der Schatten ist blau«, antwortete ich. – »Da hätten Sie also das Blaue wieder,« sagte Goethe; »aber auf dieser andern Seite des Stäbchens nach der Kerze zu, was sehen Sie da – »Auch einen Schatten.« – »Aber von welcher Farbe?« »Der Schatten ist ein rötliches Gelb,« antwortete ich; »doch wie entsteht dieses doppelte Phänomen?« – »Das ist nun Ihre Sache,« sagte Goethe; »sehen Sie zu, daß Sie es herausbringen. Zu finden ist es, aber es ist schwer. Sehen Sie nicht früher in meiner ›Farbenlehre‹ nach, als bis Sie die Hoffnung aufgegeben haben, es selber herauszubringen.« Ich versprach dieses mit vieler Freude. »Das Phänomen am unteren Teile der Kerze,« fuhr Goethe fort, »wo ein durchsichtiges Helle vor die Finsternis tritt und die blaue Farbe hervorbringt, will ich Ihnen jetzt in vergrößertem Maße zeigen.« Er nahm einen Löffel, goß Spiritus hinein und zündete ihn an. Da entstand denn wieder ein durchsichtiges Helle, wodurch die Finsternis blau erschien. Wendete ich den brennenden Spiritus vor die Dunkelheit der Nacht, so nahm die Bläue an Kräftigkeit zu hielt ich ihn gegen die Helle, so schwächte sie sich oder verschwand gänzlich. Ich hatte meine Freude an dem Phänomen. »Ja,« sagte Goethe, »das ist eben das Große bei der Natur, daß sie so einfach ist und daß sie ihre größten Erscheinungen immer im Kleinen wiederholt. Dasselbe Gesetz, wodurch der Himmel blau ist, sieht man ebenfalls an dem untern Teil einer brennenden Kerze, am brennenden Spiritus sowie an dem erleuchteten Rauch, der von einem Dorfe aufsteigt, hinter welchem ein dunkles Gebirge liegt.« »Aber wie erklären die Schüler von Newton dieses höchst einfache Phänomen?« fragte ich. »Das müssen Sie gar nicht wissen«, antwortete Goethe. »Es ist gar zu dumm, und man glaubt nicht, welchen Schaden es einem guten Kopfe tut, wenn er sich mit etwas Dummen befaßt. Bekümmern Sie sich gar nicht um die Newtonianer, lassen Sie sich die reine Lehre genügen, und Sie werden sich gut dabei stehen.« »Die Beschäftigung mit dem Verkehrten«, sagte ich, »ist vielleicht in diesem Fall ebenso unangenehm und schädlich, als wenn man ein schlechtes Trauerspiel in sich aufnehmen sollte, um es nach allen seinen Teilen zu beleuchten und in seiner Blöße darzustellen.« »Es ist ganz dasselbe,« sagte Goethe, »und man soll sich ohne Not nicht damit befassen. Ich ehre die Mathematik als die erhabenste und nützlichste Wissenschaft, solange man sie da anwendet, wo sie am Platze ist; allein ich kann nicht loben, daß man sie bei Dingen mißbrauchen will, die gar nicht in ihrem Bereich liegen und wo die edle Wissenschaft sogleich als Unsinn erscheint. Und als ob alles nur dann existierte, wenn es sich mathematisch beweisen läßt. Es wäre doch töricht, wenn jemand nicht an die Liebe seines Mädchens glauben wollte, weil sie ihm solche nicht mathematisch beweisen kann! Ihre Mitgift kann sie ihm mathematisch beweisen, aber nicht ihre Liebe. Haben doch auch die Mathematiker nicht die Metamorphose der Pflanze erfunden! Ich habe dieses ohne die Mathematik vollbracht, und die Mathematiker haben es müssen gelten lassen. Um die Phänomene der Farbenlehre zu begreifen, gehört weiter nichts als ein reines Anschauen und ein gesunder Kopf; allein beides ist freilich seltener, als man glauben sollte.« »Wie stehen denn die jetzigen Franzosen und Engländer zur Farbenlehre?« fragte ich. »Beide Nationen«, antwortete Goethe, »haben ihre Avantagen und ihre Nachteile. Bei den Engländern ist es gut, daß sie alles praktisch machen; aber sie sind Pedanten. Die Franzosen sind gute Köpfe; aber es soll bei ihnen alles positiv sein, und wenn es nicht so ist, so machen sie es so. Doch sie sind in der Farbenlehre auf gutem Wege, und einer ihrer Besten kommt nahe heran. Er sagt: die Farbe sei den Dingen angeschaffen; denn wie es in der Natur ein Säurendes gebe, so gebe es auch ein Färbendes. Damit sind nun freilich die Phänomene nicht erklärt; allein er spielt doch den Gegenstand in die Natur hinein und befreit ihn von der Einschränkung der Mathematik.« Die Berliner Zeitungen wurden gebracht, und Goethe setzte sich, sie zu lesen. Er reichte auch mir ein Blatt, und ich fand in den Theaternachrichten, daß man dort im Opernhause und Königlichen Theater ebenso schlechte Stücke gebe als hier. »Wie soll dies auch anders sein«, sagte Goethe. »Es ist freilich keine Frage, daß man nicht mit Hülfe der guten englischen, französischen und spanischen Stücke ein so gutes Repertoire zusammenbringen sollte, um jeden Abend ein gutes Stück geben zu können. Allein wo ist das Bedürfnis in der Nation, immer ein gutes Stück zu sehen? Die Zeit, in welcher Äschylus, Sophokles und Euripides schrieben, war freilich eine ganz andere: sie hatte den Geist hinter sich und wollte nur immer das wirklich Größte und Beste. Aber in unserer schlechten Zeit, wo ist denn da das Bedürfnis für das Beste? Wo sind die Organe, es aufzunehmen? Und dann,« fuhr Goethe fort, »man will etwas Neues! In Berlin wie in Paris, das Publikum ist überall dasselbe. Eine Unzahl neuer Stücke wird jede Woche in Paris geschrieben und auf die Theater gebracht, und man muß immer fünf bis sechs durchaus schlechte aushalten, ehe man durch ein gutes entschädigt wird. Das einzige Mittel, um jetzt ein deutsches Theater oben zu halten, sind Gastrollen. Hätte ich jetzt noch die Leitung, so sollte der ganze Winter mit trefflichen Gastspielern besetzt sein. Dadurch würden nicht allein alle gute Stücke immer wieder zum Vorschein kommen, sondern das Interesse würde auch mehr von den Stücken ab auf das Spiel gelenkt; man könnte vergleichen und urteilen, das Publikum gewönne an Einsichten, und unsere eigenen Schauspieler würden durch das bedeutende Spiel eines ausgezeichneten Gastes immer in Anregung und Nacheiferung erhalten. Wie gesagt: Gastrollen und immer Gastrollen, und ihr solltet über den Nutzen erstaunen, der daraus für Theater und Publikum hervorgehen würde. Ich sehe die Zeit kommen, wo ein gescheiter, der Sache gewachsener Kopf vier Theater zugleich übernehmen und sie hin und her mit Gastrollen versehen wird, und ich bin gewiß, daß er sich besser bei diesen vieren stehen wird, als wenn er nur ein einziges hätte.« Mittwoch, den 27. Dezember 1826 Dem Phänomen des blauen und gelben Schattens hatte ich nun zu Hause fleißig nachgedacht, und wiewohl es mir lange ein Rätsel blieb, so ging mir doch bei fortgesetztem Beobachten ein Licht auf, und ich ward nach und nach überzeugt, das Phänomen begriffen zu haben. Heute bei Tisch sagte ich Goethen, daß ich das Rätsel gelöst. »Es wäre viel,« sagte Goethe; »nach Tisch sollen Sie es mir machen.« – »Ich will es lieber schreiben,« sagte ich, »denn zu einer mündlichen Auseinandersetzung fehlen mir leicht die richtigen Worte.« – »Sie mögen es später schreiben,« sagte Goethe, »aber heute sollen Sie es mir erst vor meinen Augen machen und mir mündlich demonstrieren, damit ich sehe, ob Sie im rechten sind.« Nach Tisch, wo es völlig helle war, fragte Goethe: »Können Sie jetzt das Experiment machen?« – »Nein«, sagte ich. – »Warum nicht?« fragte Goethe. – »Es ist noch zu helle,« antwortete ich; »es muß erst ein wenig Dämmerung eintreten, damit das Kerzenlicht einen entschiedenen Schatten werfe; doch muß es noch helle genug sein, damit das Tageslicht diesen erleuchten könne.« – »Hm!« sagte Goethe, »das ist nicht unrecht.« Der Anfang der Abenddämmerung trat endlich ein, und ich sagte Goethen, daß es jetzt Zeit sei. Er zündete die Wachskerze an und gab mir ein Blatt weißes Papier und ein Stäbchen. »Nun experimentieren und dozieren Sie!« sagte er. Ich stellte das Licht auf den Tisch in die Nähe des Fensters, legte das Papier in die Nähe des Lichtes, und als ich das Stäbchen auf die Mitte des Papiers zwischen Tages- und Kerzenlicht setzte, war das Phänomen in vollkommener Schönheit da. Der Schatten nach dem Lichte zu zeigte sich entschieden gelb, der andere nach dem Fenster zu vollkommen blau. »Nun,« sagte Goethe, »wie entsteht zunächst der blaue Schatten?« – »Ehe ich dieses erkläre,« sagte ich, »will ich das Grundgesetz aussprechen, aus dem ich beide Erscheinungen ableite. Licht und Finsternis«, sagte ich, »sind keine Farben, sondern sie sind zwei Extreme, in deren Mitte die Farben liegen und entstehen, und zwar durch eine Modifikation von beiden. Den Extremen Licht und Finsternis zunächst entstehen die beiden Farben gelb und blau: die gelbe an der Grenze des Lichtes, indem ich dieses durch ein getrübtes, die blaue an der Grenze der Finsternis, indem ich diese durch ein erleuchtetes Durchsichtige betrachte. Kommen wir nun«, fuhr ich fort, »zu unserem Phänomen, so sehen wir, daß das Stäbchen vermöge der Gewalt des Kerzenlichtes einen entschiedenen Schatten wirft. Dieser Schatten würde als schwarze Finsternis erscheinen, wenn ich die Läden schlösse und das Tageslicht absperrte. Nun aber dringt durch die offenen Fenster das Tageslicht frei herein und bildet ein erhelltes Medium, durch welches ich die Finsternis des Schattens sehe, und so entsteht denn, dem Gesetze gemäß, die blaue Farbe.« Goethe lachte. »Das wäre der blaue«sagte er, »wie aber erklären Sie den gelben Schatten?« »Aus dem Gesetz des getrübten Lichtes«, antwortete ich. »Die brennende Kerze wirft auf das weiße Papier ein Licht, das schon einen leisen Hauch vom gelblichen hat. Der einwirkende Tag aber hat so viele Gewalt, um vom Stäbchen aus nach dem Kerzenlichte zu einen schwachen Schatten zu werfen, der, so weit er reicht, das Licht trübt, und so entsteht, dem Gesetze gemäß, die gelbe Farbe. Schwäche ich die Trübe, indem ich den Schatten dem Lichte möglichst nahe bringe, so zeigt sich ein reines Hellgelb; verstärke ich aber die Trübe, indem ich den Schatten möglichst vom Licht entferne, so verdunkelt sich das Gelbe bis zum Rötlichen, ja Roten.« Goethe lachte wieder, und zwar sehr geheimnisvoll. »Nun,« sagte ich, »habe ich recht?« – »Sie haben das Phänomen recht gut gesehen und recht hübsch ausgesprochen,« antwortete Goethe, »aber Sie haben es nicht erklärt. Ihre Erklärung ist gescheit, ja sogar geistreich, aber sie ist nicht die richtige.« »Nun so helfen Sie mir«, sagte ich, »und lösen Sie mir das Rätsel, denn ich bin nun im höchsten Grade ungeduldig.« – »Sie sollen es erfahren,« sagte Goethe, »aber nicht heute und nicht auf diesem Wege. Ich will Ihnen nächstens ein anderes Phänomen zeigen, durch welches Ihnen das Gesetz augenscheinlich werden soll. Sie sind nahe heran, und weiter ist in dieser Richtung nicht zu gelangen. Haben Sie aber das neue Gesetz begriffen, so sind Sie in eine ganz andere Region eingeführt und über sehr vieles hinaus. Kommen Sie einmal am Mittage bei heiterem Himmel ein Stündchen früher zu Tisch, so will ich Ihnen ein deutlicher Phänomen zeigen, durch welches Sie dasselbe Gesetz, welches diesem zum Grunde liegt, sogleich begreifen sollen. Es ist mir sehr lieb,« fuhr er fort, »daß Sie für die Farbe dieses Interesse haben; es wird Ihnen eine Quelle von unbeschreiblichen Freuden werden.« Nachdem ich Goethe am Abend verlassen, konnte ich den Gedanken an das Phänomen nicht aus dem Kopfe bringen, so daß ich sogar im Traume damit zu tun hatte. Aber auch in diesem Zustande sah ich nicht klarer und kam der Lösung des Rätsels um keinen Schritt näher.   »Mit meinen naturwissenschaftlichen Heften«, sagte Goethe vor einiger Zeit, »gehe ich auch langsam fort. Nicht weil ich glaube, die Wissenschaft noch jetzt bedeutend fördern zu können, sondern der vielen angenehmen Verbindungen wegen, die ich dadurch unterhalte. Die Beschäftigung mit der Natur ist die unschuldigste. In ästhetischer Hinsicht ist jetzt an gar keine Verbindung und Korrespondenz zu denken. Da wollen sie wissen, welche Stadt am Rhein bei meinem ›Hermann und Dorothea‹ gemeint sei! – Als ob es nicht besser wäre, sich jede beliebige zu denken! – Man will Wahrheit, man will Wirklichkeit und verdirbt dadurch die Poesie.« 1827 Mittwoch, den 3. Januar 1827 Heute bei Tisch sprachen wir über Cannings treffliche Rede für Portugal. »Es gibt Leute,«sagte Goethe, »die diese Rede grob nennen; aber diese Leute wissen nicht, was sie wollen, es liegt in ihnen eine Sucht, alles Große zu frondieren. Es ist keine Opposition, sondern eine bloße Frondation. Sie müssen etwas Großes haben, das sie hassen können. Als Napoleon noch in der Welt war, haßten sie den, und sie hatten an ihm eine gute Ableitung. Sodann als es mit diesem aus war, frondierten sie die Heilige Allianz, und doch ist nie etwas Größeres und für die Menschheit Wohltätigeres erfunden worden. Jetzt kommt die Reihe an Canning. Seine Rede für Portugal ist das Produkt eines großen Bewußtseins. Er fühlt sehr gut den Umfang seiner Gewalt und die Größe seiner Stellung, und er hat recht, daß er spricht, wie er sich empfindet. Aber das können diese Sanscülotten nicht begreifen, und was uns andern groß erscheint, erscheint ihnen grob. Das Große ist ihnen unbequem, sie haben keine Ader, es zu verehren, sie können es nicht dulden.« Donnerstag abend, den 4. Januar 1827 Goethe lobte sehr die Gedichte von Victor Hugo. »Er ist ein entschiedenes Talent,« sagte er, »auf den die deutsche Literatur Einfluß gehabt. Seine poetische Jugend ist ihm leider durch die Pedanterie der klassischen Partei verkümmert; doch jetzt hat er den ›Globe‹ auf seiner Seite, und so hat er gewonnen Spiel. Ich möchte ihn mit Manzoni vergleichen. Er hat viel Objektives und erscheint mir vollkommen so bedeutend als die Herren de Lamartine und Delavigne. Wenn ich ihn recht betrachte, so sehe ich wohl, wo er und andere frische Talente seinesgleichen herkommen. Von Chateaubriand kommen sie her, der freilich ein sehr bedeutendes rhetorisch-poetisches Talent ist. Damit Sie nun aber sehen, in welcher Art Victor Hugo schreibt, so lesen Sie nur dies Gedicht über Napoleon: ›Les deux isles‹.« Goethe legte mir das Buch vor und stellte sich an den Ofen. Ich las. »Hat er nicht treffliche Bilder?« sagte Goethe, »und hat er seinen Gegenstand nicht mit sehr freiem Geiste behandelt?« Er trat wieder zu mir. »Sehen Sie nur diese Stelle, wie schön sie ist!« Er las die Stelle von der Wetterwolke, aus der den Helden der Blitz von unten hinauf trifft. »Das ist schön! Denn das Bild ist wahr, welches man in Gebirgen finden wird, wo man oft die Gewitter unter sich hat und wo die Blitze von unten nach oben schlagen.« »Ich lobe an den Franzosen,« sagte ich, »daß ihre Poesie nie den festen Boden der Realität verläßt. Man kann die Gedichte in Prosa übersetzen und ihr Wesentliches wird bleiben.« »Das kommt daher,« sagte Goethe, »die französischen Dichter haben Kenntnisse; dagegen denken die deutschen Narren, sie verlören ihr Talent, wenn sie sich um Kenntnisse bemühten, obgleich jedes Talent sich durch Kenntnisse nähren muß und nur dadurch erst zum Gebrauch seiner Kräfte gelangt. Doch wir wollen sie gehen lassen, man hilft ihnen doch nicht, und das wohnhafte Talent findet schon seinen Weg. Die vielen jungen Dichter, die jetzt ihr Wesen treiben, sind gar keine rechten Talente; sie beurkunden weiter nichts als ein Unvermögen, das durch die Höhe der deutschen Literatur zur Produktivität angereizt worden. Daß die Franzosen«, fuhr Goethe fort, »aus der Pedanterie zu einer freieren Art in der Poesie hervorgehen, ist nicht zu verwundern. Diderot und ihm ähnliche Geister haben schon vor der Revolution diese Bahn zu brechen gesucht. Die Revolution selbst sodann sowie die Zeit unter Napoleon sind der Sache günstig gewesen. Denn wenn auch die kriegerischen Jahre kein eigentlich poetisches Interesse aufkommen ließen und also für den Augenblick den Musen zuwider waren, so haben sich doch in dieser Zeit eine Menge freier Geister gebildet, die nun im Frieden zur Besinnung kommen und als bedeutende Talente hervortreten.« Ich fragte Goethe, ob die Partei der Klassiker auch dem trefflichen Béranger entgegen gewesen. »Das Genre, worin Béranger dichtet«, sagte Goethe, »ist ein älteres, herkömmliches, woran man gewöhnt war; doch hat auch er sich in manchen Dingen freier bewegt als seine Vorgänger und ist deshalb von der pedantischen Partei angefeindet worden.« Das Gespräch lenkte sich auf die Malerei und auf den Schaden der altertümelnden Schule. »Sie prätendieren, kein Kenner zu sein,« sagte Goethe, »und doch will ich Ihnen ein Bild vorlegen, an welchem Ihnen, obgleich es von einem unserer besten jetzt lebenden deutschen Maler gemacht worden, dennoch die bedeutendsten Verstöße gegen die ersten Gesetze der Kunst sogleich in die Augen fallen sollen. Sie werden sehen, das Einzelne ist hübsch gemacht, aber es wird Ihnen bei dem Ganzen nicht wohl werden, und Sie werden nicht wissen, was Sie daraus machen sollen. Und zwar dieses nicht, weil der Meister des Bildes kein hinreichendes Talent ist, sondern weil sein Geist, der das Talent leiten soll, ebenso verfinstert ist wie die Köpfe der übrigen altertümelnden Maler, so daß er die vollkommenen Meister ignoriert und zu den unvollkommenen Vorgängern zurückgeht und diese zum Muster nimmt. Raffael und seine Zeitgenossen waren aus einer beschränkten Manier zur Natur und Freiheit durchgebrochen. Und statt daß jetzige Künstler Gott danken und diese Avantagen benutzen und auf dem trefflichen Wege fortgehen sollten, kehren sie wieder zur Beschränktheit zurück. Es ist zu arg, und man kann diese Verfinsterung der Köpfe kaum begreifen. Und weil sie nun auf diesem Wege in der Kunst selbst keine Stütze haben, so suchen sie solche in der Religion und Partei; denn ohne beides würden sie in ihrer Schwäche gar nicht bestehen können. Es geht«, fuhr Goethe fort, »durch die ganze Kunst eine Filiation. Sieht man einen großen Meister, so findet man immer, daß er das Gute seiner Vorgänger benutzte und daß eben dieses ihn groß machte. Männer wie Raffael wachsen nicht aus dem Boden. Sie fußten auf der Antike und dem Besten, was vor ihnen gemacht worden. Hätten sie die Avantagen ihrer Zeit nicht benutzt, so würde wenig von ihnen zu sagen sein.« Das Gespräch lenkte sich auf die altdeutsche Poesie; ich erinnerte an Fleming. »Fleming«, sagte Goethe, »ist ein recht hübsches Talent, ein wenig prosaisch, bürgerlich; er kann jetzt nichts mehr helfen. Es ist eigen,« fuhr er fort, »ich habe doch so mancherlei gemacht, und doch ist keins von allen meinen Gedichten, das im lutherischen Gesangbuch stehen könnte.« Ich lachte und gab ihm recht, indem ich mir sagte, daß in dieser wunderlichen Äußerung mehr liege, als es den Anschein habe. Sonntag abend, den 12. [14.] Januar 1827 Ich fand eine musikalische Abendunterhaltung bei Goethe, die ihm von der Familie Eberwein nebst einigen Mitgliedern des Orchesters gewährt wurde. Unter den wenigen Zuhörern waren: der Generalsuperintendent Röhr, Hofrat Vogel und einige Damen. Goethe hatte gewünscht, das Quartett eines berühmten jungen Komponisten zu hören, welches man zunächst ausführte. Der zwölfjährige Karl Eberwein spielte den Flügel zu Goethes großer Zufriedenheit, und in der Tat trefflich, so daß denn das Quartett in jeder Hinsicht gut exekutiert vorüberging. »Es ist wunderlich«, sagte Goethe, »wohin die aufs höchste gesteigerte Technik und Mechanik die neuesten Komponisten führt; ihre Arbeiten bleiben keine Musik mehr, sie gehen über das Niveau der menschlichen Empfindungen hinaus, und man kann solchen Sachen aus eigenem Geist und Herzen nichts mehr unterlegen. Wie ist es Ihnen? Mir bleibt alles in den Ohren hängen.« Ich sagte, daß es mir in diesem Falle nicht besser gehe. »Doch das Allegro«, fuhr Goethe fort, »hatte Charakter. Dieses ewige Wirbeln und Drehen führte mir die Hexentänze des Blockbergs vor Augen, und ich fand also doch eine Anschauung, die ich der wunderlichen Musik supponieren konnte.« Nach einer Pause, während welcher man sich unterhielt und einige Erfrischungen nahm, ersuchte Goethe Madame Eberwein um den Vortrag einiger Lieder. Sie sang zunächst nach Zelters Komposition das schöne Lied ›Um Mitternacht‹, welches den tiefsten Eindruck machte. »Das Lied bleibt schön,« sagte Goethe, »sooft man es auch hört. Es hat in der Melodie etwas Ewiges, Unverwüstliches.« Hierauf folgten einige Lieder aus der ›Fischerin‹, von Max Eberwein komponiert. Der ›Erlkönig‹ erhielt entschiedenen Beifall; sodann die Arie ›Ich hab's gesagt der guten Mutter‹ erregte die allgemeine Äußerung: diese Komposition erscheine so gut getroffen, daß niemand sie sich anders denken könne. Goethe selbst war im hohen Grade befriedigt. Zum Schluß des schönen Abends sang Madame Eberwein auf Goethes Wunsch einige Lieder des ›Divans‹ nach den bekannten Kompositionen ihres Gatten. Die Stelle: ›Jussufs Reize möcht ich borgen‹ gefiel Goethen ganz besonders. »Eberwein«, sagte er zu mir, »übertrifft sich mitunter selber.« Er bat sodann noch um das Lied ›Ach, um deine feuchten Schwingen‹, welches gleichfalls die tiefsten Empfindungen anzuregen geeignet war. Nachdem die Gesellschaft gegangen, blieb ich noch einige Augenblicke mit Goethe allein. »Ich habe«, sagte er, »diesen Abend die Bemerkung gemacht, daß diese Lieder des ›Divans‹ gar kein Verhältnis mehr zu mir haben. Sowohl was darin orientalisch als was darin leidenschaftlich ist, hat aufgehört in mir fortzuleben; es ist wie eine abgestreifte Schlangenhaut am Wege liegen geblieben. Dagegen das Lied ›Um Mitternacht‹ hat sein Verhältnis zu mir nicht verloren, es ist von mir noch ein lebendiger Teil und lebt mit mir fort. Es geht mir übrigens öfter mit meinen Sachen so, daß sie mir gänzlich fremd werden. Ich las dieser Tage etwas Französisches und dachte im Lesen: der Mann spricht gescheit genug, du würdest es selbst nicht anders sagen. Und als ich es genau besehe, ist es eine übersetzte Stelle aus meinen eigenen Schriften.« Montag abend, den 15. Januar 1827 Nach Vollendung der ›Helena‹ hatte Goethe sich im vergangenen Sommer zur Fortsetzung der ›Wanderjahre‹ gewendet. Von dem Vorrücken dieser Arbeit erzählte er mir oft. »Um den vorhandenen Stoff besser zu benutzen,« sagte er mir eines Tags, »habe ich den ersten Teil ganz aufgelöset und werde nun so durch Vermischung des Alten und Neuen zwei Teile bilden. Ich lasse nun das Gedruckte ganz abschreiben; die Stellen, wo ich Neues auszuführen habe, sind angemerkt, und wenn der Schreibende an ein solches Zeichen kommt, so diktiere ich weiter und bin auf diese Weise genötigt, die Arbeit nicht in Stocken geraten zu lassen.« Eines anderen Tages sagte er mir so: »Das Gedruckte der ›Wanderjahre‹ ist nun ganz abgeschrieben; die Stellen, die ich noch neu zu machen habe, sind mit blauem Papier ausgefüllt, so daß ich sinnlich vor Augen habe, was noch zu tun ist. Sowie ich nun vorrücke, verschwinden die blauen Stellen immer mehr, und ich habe daran meine Freude.« Vor mehreren Wochen hörte ich nun von seinem Sekretär, daß er an einer neuen Novelle arbeite; ich hielt mich daher abends von Besuchen zurück und begnügte mich, ihn bloß alle acht Tage bei Tisch zu sehen. Diese Novelle war nun seit einiger Zeit vollendet, und er legte mir diesen Abend die ersten Bogen zur Ansicht vor. Ich war beglückt und las bis zu der bedeutenden Stelle, wo alle um den toten Tiger herumstehen und der Wärtel die Nachricht bringt, daß der Löwe oben an der Ruine sich in die Sonne gelegt habe. Während des Lesens hatte ich die außerordentliche Deutlichkeit zu bewundern, womit alle Gegenstände bis auf die kleinste Lokalität vor die Augen gebracht waren. Der Auszug zur Jagd, die Zeichnungen der alten Schloßruine, der Jahrmarkt, der Feldweg zur Ruine, alles trat entschieden vor die Anschauung, so daß man genötiget war, sich das Dargestellte gerade so zu denken, wie der Dichter es gewollt hatte. Zugleich war alles mit einer solchen Sicherheit, Besonnenheit und Herrschaft geschrieben, daß man vom Künftigen nichts vorausahnen und keine Zeile weiter blicken könnte, als man las. »Eure Exzellenz«, sagte ich, »müssen nach einem sehr bestimmten Schema gearbeitet haben.« »Allerdings habe ich das,« antwortete Goethe; »ich wollte das Sujet schon vor dreißig Jahren ausführen, und seit der Zeit trage ich es im Kopfe. Nun ging es mir mit der Arbeit wunderlich. Damals, gleich nach ›Hermann und Dorothea‹, wollte ich den Gegenstand in epischer Form und Hexametern behandeln und hatte auch zu diesem Zweck ein ausführliches Schema entworfen. Als ich nun jetzt das Sujet wieder vornehme, um es zu schreiben, kann ich jenes alte Schema nicht finden und bin also genötigt, ein neues zu machen, und zwar ganz gemäß der veränderten Form, die ich jetzt dem Gegenstande zu geben willens war. Nun aber nach vollendeter Arbeit findet sich jenes ältere Schema wieder, und ich freue mich nun, daß ich es nicht früher in Händen gehabt, denn es würde mich nur verwirrt haben. Die Handlung und der Gang der Entwickelung war zwar unverändert, allein im Detail war es doch ein ganz anderes; es war ganz für eine epische Behandlung in Hexametern gedacht und würde also für diese prosaische Darstellung gar nicht anwendbar gewesen sein.« Das Gespräch lenkte sich auf den Inhalt. »Eine schöne Situation«, sagte ich, »ist die, wo Honorio, der Fürstin gegenüber, am tot ausgestreckten Tiger steht, die klagende weinende Frau mit dem Knaben herzugekommen ist, und auch der Fürst mit dem Jagdgefolge zu der seltsamen Gruppe soeben herbeieilt. Das müßte ein treffliches Bild machen, und ich möchte es gemalt sehen.« »Gewiß,« sagte Goethe, »das wäre ein schönes Bild; – doch«, fuhr er nach einigem Bedenken fort, »der Gegenstand wäre fast zu reich und der Figuren zu viele, so daß die Gruppierung und Verteilung von Licht und Schatten dem Künstler sehr schwer werden würde. Allein den früheren Moment, wo Honorio auf dem Tiger kniet und die Fürstin am Pferde gegenüber steht, habe ich mir wohl als Bild gedacht; und das wäre zu machen.« Ich empfand, daß Goethe recht hatte, und fügte hinzu, daß ja dieser Moment auch eigentlich der Kern der ganzen Situation sei, worauf alles ankomme. Noch hatte ich an dem Gelesenen zu bemerken, daß diese Novelle von allen übrigen der ›Wanderjahre‹ einen ganz verschiedenen Charakter trage, indem darin alles Darstellung des Äußern, alles real sei. »Sie haben recht,« sagte Goethe, »Innerliches finden Sie in dem Gelesenen fast gar nicht, und in meinen übrigen Sachen ist davon fast zuviel.« »Nun bin ich neugierig, zu erfahren,« sagte ich, »wie man sich des Löwen bemeistern wird; daß dieses auf eine ganz andere Weise geschehen werde, ahne ich fast, doch das Wie ist mir gänzlich verborgen.« – »Es wäre auch nicht gut, wenn Sie es ahneten,« sagte Goethe, »und ich will es Ihnen heute nicht verraten. Donnerstag abend gebe ich Ihnen das Ende; bis dahin liegt der Löwe in der Sonne.« Ich brachte das Gespräch auf den zweiten Teil des ›Faust‹, insbesondere auf die ›Klassische Walpurgisnacht‹, die nur noch in der Skizze dalag, und wovon Goethe mir vor einiger Zeit gesagt hatte, daß er sie als Skizze wolle drucken lassen. Nun hatte ich mir vorgenommen, Goethen zu raten, dieses nicht zu tun, denn ich fürchtete, sie möchte, einmal gedruckt, für immer unausgeführt bleiben. Goethe mußte in der Zwischenzeit das bedacht haben, denn er kam mir sogleich entgegen, indem er sagte, daß er entschlossen sei, jene Skizze nicht drucken zu lassen. »Das ist mir sehr lieb,« sagte ich, »denn nun habe ich doch die Hoffnung, daß Sie sie ausführen werden.« – »In einem Vierteljahre«, sagte er, »wäre es getan, allein woher will die Ruhe kommen! Der Tag macht gar zu viele Ansprüche an mich; es hält schwer, mich so sehr abzusondern und zu isolieren. Diesen Morgen war der Erbgroßherzog bei mir, auf morgen mittag hat sich die Großherzogin melden lassen. Ich habe solche Besuche als eine hohe Gnade zu schätzen, sie verschönern mein Leben; allein sie nehmen doch mein Inneres in Anspruch, ich muß doch bedenken, was ich diesen hohen Personen immer Neues vorlegen und wie ich sie würdig unterhalten will.« »Und doch«, sagte ich, »haben Sie vorigen Winter die ›Helena‹ vollendet, und Sie waren doch nicht weniger gestört als jetzt.« – »Freilich,« sagte Goethe, »es geht auch, und muß auch gehen, allein es ist schwer.« – »Es ist nur gut,« sagte ich, »daß Sie ein so ausführliches Schema haben.« – »Das Schema ist wohl da«, sagte Goethe, »allein das Schwierigste ist noch zu tun; und bei der Ausführung hängt doch alles gar zu sehr vom Glück ab. Die ›Klassische Walpurgisnacht‹ muß in Reimen geschrieben werden, und doch muß alles einen antiken Charakter tragen. Eine solche Versart zu finden ist nicht leicht. Und nun den Dialog!« – »Ist denn der nicht im Schema mit erfunden?« sagte ich. »Wohl das Was,« antwortete Goethe, »aber nicht das Wie. Und dann bedenken Sie nur, was alles in jener tollen Nacht zur Sprache kommt! Fausts Rede an die Proserpina, um diese zu bewegen, daß sie die Helena herausgibt; was muß das nicht für eine Rede sein, da die Proserpina selbst zu Tränen davon gerührt wird! – Dieses alles ist nicht leicht zu machen und hängt sehr viel vom Glück ab, ja fast ganz von der Stimmung und Kraft des Augenblicks.« Mittwoch, den 17. Januar 1827 In der letzten Zeit, wo Goethe sich mitunter nicht ganz wohl befand, hatten wir in seiner nach dem Garten gehenden Arbeitsstube gesessen. Heute war wieder in dem sogenannten Urbino-Zimmer gedeckt, welches ich als ein gutes Zeichen nahm. Als ich hereintrat, fand ich Goethe und seinen Sohn; beide bewillkommten mich freundlich in ihrer naiven liebevollen Art – Goethe selbst schien in der heitersten Stimmung, wie dieses an seinem höchst belebten Gesicht zu bemerken war. Durch die offene Tür des angrenzenden sogenannten Deckenzimmers sah ich, über einen großen Kupferstich gebogen, den Herrn Kanzler von Müller; er trat bald zu uns herein, und ich freute mich, ihn als angenehme Tischgesellschaft zu begrüßen. Frau von Goethe wurde noch erwartet, doch setzten wir uns vorläufig zu Tisch. Es ward mit Bewunderung von dem Kupferstich gesprochen, und Goethe erzählte mir, es sei ein Werk des berühmten Gérard in Paris, womit dieser ihm in den letzten Tagen ein Geschenk gemacht. »Gehen Sie geschwind hin«, fügte er hinzu, »und nehmen Sie noch ein paar Augenvoll, ehe die Suppe kommt.« Ich tat nach seinem Wunsch und meiner Neigung; ich freute mich an dem Anblick des bewundernswürdigen Werkes, nicht weniger an der Unterschrift des Malers, wodurch er es Goethen als einen Beweis seiner Achtung zueignet. Ich konnte jedoch nicht lange betrachten, Frau von Goethe trat herein, und ich eilte nach meinem Platz zurück. »Nicht wahr?« sagte Goethe, »das ist etwas Großes! Man kann es tage- und wochenlang studieren, ehe man die reichen Gedanken und Vollkommenheiten alle herausfindet. Dieses«, sagte er, »soll Ihnen auf andere Tage vorbehalten bleiben.« Wir waren bei Tisch sehr heiter. Der Kanzler teilte einen Brief eines bedeutenden Mannes aus Paris mit, der zur Zeit der französischen Okkupation als Gesandter hier einen schweren Posten behauptet und von jener Zeit her mit Weimar ein freundliches Verhältnis fortgesetzt hatte. Er gedachte des Großherzogs und Goethes und pries Weimar glücklich, wo das Genie mit der höchsten Gewalt ein so vertrautes Verhältnis haben könne. Frau von Goethe brachte in die Unterhaltung große Anmut. Es war von einigen Anschaffungen die Rede, womit sie den jungen Goethe neckte und wozu dieser sich nicht verstehen wollte. »Man muß den schönen Frauen nicht gar zu viel angewöhnen,« sagte Goethe, »denn sie gehen leicht ins Grenzenlose. Napoleon erhielt noch auf Elba Rechnungen von Putzmacherinnen, die er bezahlen sollte. Doch mochte er in solchen Dingen leichter zu wenig tun als zu viel. Früher in den Tuilerien wurden einst in seinem Beisein seiner Gemahlin von einem Modehändler kostbare Sachen präsentiert. Als Napoleon aber keine Miene machte, etwas zu kaufen, gab ihm der Mann zu verstehen, daß er doch wenig in dieser Hinsicht für seine Gemahlin tue. Hierauf sagte Napoleon kein Wort, aber er sah ihn mit einem solchen Blick an, daß der Mann seine Sachen sogleich zusammenpackte und sich nie wieder sehen ließ.« – »Tat er dieses als Konsul?« fragte Frau von Goethe. – »Wahrscheinlich als Kaiser,« antwortete Goethe, »denn sonst wäre sein Blick wohl nicht so furchtbar gewesen. Aber ich muß über den Mann lachen, dem der Blick in die Glieder fuhr und der sich wahrscheinlich schon geköpft oder erschossen sah.« Wir waren in der heitersten Laune und sprachen über Napoleon weiter fort. »Ich möchte«, sagte der junge Goethe, »alle seine Taten in trefflichen Gemälden oder Kupferstichen besitzen und damit ein großes Zimmer dekorieren.« – »Das müßte sehr groß sein,« erwiderte Goethe, »und doch würden die Bilder nicht hineingehen, so groß sind seine Taten.« Der Kanzler brachte Ludens ›Geschichte der Deutschen‹ ins Gespräch, und ich hatte zu bewundern, mit welcher Gewandtheit und Eindringlichkeit der junge Goethe dasjenige, was öffentliche Blätter an dem Buche zu tadeln gefunden, aus der Zeit, in der es geschrieben, und den nationalen Empfindungen und Rücksichten, die dabei in dem Verfasser gelebt, herzuleiten wußte. Es ergab sich, daß Napoleons Kriege erst jene des Cäsars aufgeschlossen. »Früher«, sagte Goethe, »war Cäsars Buch freilich nicht viel mehr als ein bloßes Exerzitium gelehrter Schulen.« Von der altdeutschen Zeit kam das Gespräch auf die gotische. Es war von einem Bücherschranke die Rede, der einen gotischen Charakter habe; sodann kam man auf den neuesten Geschmack, ganze Zimmer in altdeutscher und gotischer Art einzurichten und in einer solchen Umgebung einer veralteten Zeit zu wohnen. »In einem Hause,« sagte Goethe, »wo so viele Zimmer sind, daß man einige derselben leer stehen läßt und im ganzen Jahr vielleicht nur drei-, viermal hineinkommt, mag eine solche Liebhaberei hingehen, und man mag auch ein gotisches Zimmer haben, so wie ich es ganz hübsch finde, daß Madame Panckoucke in Paris ein chinesisches hat. Allein sein Wohnzimmer mit so fremder und veralteter Umgebung auszustaffieren, kann ich gar nicht loben. Es ist immer eine Art von Maskerade, die auf die Länge in keiner Hinsicht wohltun kann, vielmehr auf den Menschen, der sich damit befaßt, einen nachteiligen Einfluß haben muß. Denn so etwas steht im Widerspruch mit dem lebendigen Tage, in welchen wir gesetzt sind, und wie es aus einer leeren und hohlen Gesinnungs- und Denkungsweise hervorgeht, so wird es darin bestärken. Es mag wohl einer an einem lustigen Winterabend als Türke zur Maskerade gehen, allein was würden wir von einem Menschen halten, der ein ganzes Jahr sich in einer solchen Maske zeigen wollte? Wir würden von ihm denken, daß er entweder schon verrückt sei oder daß er doch die größte Anlage habe, es sehr bald zu werden.« Wir fanden Goethes Worte über einen so sehr ins Leben eingreifenden Gegenstand durchaus überzeugend, und da keiner der Anwesenden etwas davon als leisen Vorwurf auf sich selbst beziehen konnte, so fühlten wir ihre Wahrheit in der heitersten Stimmung. Das Gespräch lenkte sich auf das Theater, und Goethe neckte mich, daß ich am letzten Montag abend es ihm geopfert. »Er ist nun drei Jahre hier,« sagte er, zu den übrigen gewendet, »und dies ist der erste Abend, wo er mir zuliebe im Theater gefehlt hat; ich muß ihm das hoch anrechnen. Ich hatte ihn eingeladen, und er hatte versprochen zu kommen, aber doch zweifelte ich, daß er Wort halten würde, besonders als es halb sieben schlug und er noch nicht da war. Ja ich hätte mich sogar gefreut, wenn er nicht gekommen wäre; ich hätte doch sagen können: Das ist ein ganz verrückter Mensch, dem das Theater über seine liebsten Freunde geht und der sich durch nichts von seiner hartnäckigen Neigung abwenden läßt. Aber ich habe Sie auch entschädigt! Nicht wahr? Habe ich Ihnen nicht schöne Sachen vorgelegt?« Goethe zielte mit diesen Worten auf die neue Novelle. Wir sprachen sodann über Schillers ›Fiesco‹, der am letzten Sonnabend war gegeben worden. »Ich habe das Stück zum ersten Male gesehen,« sagte ich, »und es hat mich nun sehr beschäftigt, ob man nicht die ganz rohen Szenen mildem könnte; allein ich finde, daß sich wenig daran tun läßt, ohne den Charakter des Ganzen zu verletzen.« »Sie haben ganz recht, es geht nicht,« erwiderte Goethe; »Schiller hat sehr oft mit mir darüber gesprochen, denn er selbst konnte seine ersten Stücke nicht leiden, und er ließ sie, während wir am Theater waren, nie spielen. Nun fehlte es uns aber an Stücken, und wir hätten gerne jene drei gewaltsamen Erstlinge dem Repertoire gewonnen. Es wollte aber nicht gehen, es war alles zu sehr miteinander verwachsen, so daß Schiller selbst an dem Unternehmen verzweifelte und sich genötigt sah, seinen Vorsatz aufzugeben und die Stücke zu lassen, wie sie waren.« »Es ist schade darum«, sagte ich; »denn trotz aller Roheiten sind sie mir doch tausendmal lieber als die schwachen, weichen, forcierten und unnatürlichen Stücke einiger unserer neuesten Tragiker. Bei Schiller spricht doch immer ein grandioser Geist und Charakter.« »Das wollte ich meinen«, sagte Goethe. »Schiller mochte sich stellen, wie er wollte, er konnte gar nichts machen, was nicht immer bei weitem größer herauskam als das Beste dieser neueren; ja wenn Schiller sich die Nägel beschnitt, war er größer als diese Herren.« Wir lachten und freuten uns des gewaltigen Gleichnisses. »Aber ich habe doch Personen gekannt,« fuhr Goethe fort, »die sich über die ersten Stücke Schillers gar nicht zufrieden geben konnten. Eines Sommers in einem Bade ging ich durch einen eingeschlossenen sehr schmalen Weg, der zu einer Mühle führte. Es begegnete mir der Fürst Putjatin, und da in demselben Augenblick einige mit Mehlsäcken beladene Maultiere auf uns zukamen, so mußten wir ausweichen und in ein kleines Haus treten. Hier, in einem engen Stübchen, gerieten wir nach Art dieses Fürsten sogleich in tiefe Gespräche über göttliche und menschliche Dinge – wir kamen auch auf Schillers ›Räuber‹, und der Fürst äußerte sich folgendermaßen: ›Wäre ich Gott gewesen,‹ sagte er, ›im Begriff die Welt zu erschaffen, und ich hätte in dem Augenblick vorausgesehen, daß Schillers ›Räuber‹ darin würden geschrieben werden, ich hätte die Welt nicht erschaffen.‹« Wir mußten lachen. »Was sagen Sie dazu ?« sagte Goethe; »das war doch eine Abneigung, die ein wenig weit ging und die man sich kaum erklären konnte.« »Von dieser Abneigung«, versetzte ich, »haben dagegen unsere jungen Leute, besonders unsere Studenten, gar nichts. Die trefflichsten, reifsten Stücke von Schiller und anderen können gegeben werden, und man sieht von jungen Leuten und Studierenden wenige oder gar keine im Theater; aber man gebe Schillers ›Räuber‹ oder Schillers ›Fiesco‹, und das Haus ist fast allein von Studenten gefüllt.« – »Das war«, versetzte Goethe, »vor funfzig Jahren wie jetzt und wird auch wahrscheinlich nach funfzig Jahren nicht anders sein. Was ein junger Mensch geschrieben hat, wird auch wieder am besten von jungen Leuten genossen werden. Und dann denke man nicht, daß die Welt so sehr in der Kultur und gutem Geschmack vorschritte, daß selbst die Jugend schon über eine solche rohere Epoche hinaus wäre! Wenn auch die Welt im ganzen vorschreitet, die Jugend muß doch immer wieder von vorne anfangen und als Individuum die Epochen der Weltkultur durchmachen. Mich irritiert das nicht mehr, und ich habe längst einen Vers darauf gemacht, der so lautet: Johannisfeuer sei unverwehrt, Die Freude nie verloren! Besen werden immer stumpf gekehrt Und Jungens immer geboren. Ich brauche nur zum Fenster hinauszusehen, um in straßenkehrenden Besen und herumlaufenden Kindern die Symbole der sich ewig abnutzenden und immer sich verjüngenden Welt beständig vor Augen zu haben. Kinderspiele und Jugendvergnügungen erhalten sich daher und pflanzen sich von Jahrhundert zu Jahrhundert fort; denn so absurd sie auch einem reiferen Alter erscheinen mögen, Kinder bleiben doch immer Kinder und sind sich zu allen Zeiten ähnlich. Deshalb soll man auch die Johannisfeuer nicht verbieten und den lieben Kindern die Freude daran nicht verderben.« Unter solchen und ähnlichen heiteren Unterhaltungen gingen die Stunden des Tisches schnell vorüber. Wir jüngeren Leute gingen sodann hinauf in die oberen Zimmer, während der Kanzler bei Goethe blieb. Donnerstag abend, den 18. Januar 1827 Auf diesen Abend hatte Goethe mir den Schluß der Novelle versprochen. Ich ging halb sieben Uhr zu ihm und fand ihn in seiner traulichen Arbeitsstube allein. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch, und nachdem wir die nächsten Tagesereignisse besprochen hatten, stand Goethe auf und gab mir die erwünschten letzten Bogen. »Da lesen Sie den Schluß«, sagte er. Ich begann. Goethe ging derweile im Zimmer auf und ab und stand abwechselnd am Ofen. Ich las wie gewöhnlich leise für mich. Die Bogen des letzten Abends hatten damit geschlossen, daß der Löwe außerhalb der Ringmauer der alten Ruine am Fuße einer hundertjährigen Buche in der Sonne liege und daß man Anstalten mache, sich seiner zu bemächtigen. Der Fürst will die Jäger nach ihm aussenden, der Fremdling aber bittet, seinen Löwen zu schonen, indem er gewiß sei, ihn durch sanftere Mittel in den eisernen Käfig zurückzuschaffen. Dieses Kind, sagt er, wird durch liebliche Lieder und den Ton seiner süßen Flöte das Werk vollbringen. Der Fürst gibt es zu, und nachdem er die nötigen Vorsichtsmaßregeln angeordnet, reitet er mit den Seinigen in die Stadt zurück. Honorio mit einer Anzahl Jäger besetzt den Hohlweg, um den Löwen, im Fall er herabkäme, durch ein anzuzündendes Feuer zurückzuscheuchen. Mutter und Kind, vom Schloßwärtel geführt, steigen die Ruine hinan, an deren anderen Seite, an der Ringmauer, der Löwe liegt. Das gewaltige Tier in den geräumigen Schloßhof hereinzulocken, ist die Absicht. Mutter und Wärtel verbergen sich oben in dem halbverfallenen Rittersaale, das Kind allein geht durch die dunkele Maueröffnung des Hofes zum Löwen hinaus. Eine erwartungsvolle Pause tritt ein, man weiß nicht, was aus dem Kinde wird, die Töne seiner Flöte verstummen. Der Wärtel macht sich Vorwürfe, daß er nicht mitgegangen; die Mutter ist ruhig. Endlich hört man die Töne der Flöte wieder; man hört sie näher und näher, das Kind tritt durch die Maueröffnung wieder in den Schloßhof herein, der Löwe folgsam mit schwerem Gange geht hinter ihm her. Sie ziehen einmal im Hofe herum, dann setzt sich das Kind in eine sonnige Stelle, der Löwe läßt sich friedlich bei ihm nieder und legt die eine seiner schweren Tatzen dem Kinde auf den Schoß. Ein Dorn hat sich hineingetreten, der Knabe zieht ihn heraus und nimmt sein seidenes Tüchlein vom Halse und verbindet damit die Tatze. Mutter und Wärtel, welche der ganzen Szene von oben aus dem Rittersaale zusehen, sind aufs höchste beglückt. Der Löwe ist in Sicherheit und gezähmt, und wie das Kind, abwechselnd mit seinen Tönen der Flöte, zur Beschwichtigung des Untieres hin und wieder liebliche fromme Lieder hat hören lassen, so beschließt auch das Kind singend mit folgenden Versen die Novelle: Und so geht mit guten Kindern Sel'ger Engel gern zu Rat, Böses Wollen zu verhindern, Zu befördern schöne Tat. So beschwören, fest zu bannen Liebem Sohn ans zarte Knie Ihn, des Waldes Hochtyrannen, Frommer Sinn und Melodie. Nicht ohne Rührung hatte ich die Handlung des Schlusses lesen können. Doch wußte ich nicht, was ich sagen sollte; ich war überrascht, aber nicht befriedigt. Es war mir, als wäre der Ausgang zu einsam, zu ideal, zu lyrisch, und als hätten wenigstens einige der übrigen Figuren wieder hervortreten und, das Ganze abschließend, dem Ende mehr Breite geben sollen. Goethe merkte, daß ich einen Zweifel im Herzen hatte, und suchte mich ins Gleiche zu bringen. »Hätte ich«, sagte er, »einige der übrigen Figuren am Ende wieder hervortreten lassen, so wäre der Schluß prosaisch geworden. Und was sollten sie handeln und sagen, da alles abgetan war? Der Fürst mit den Seinigen ist in die Stadt geritten, wo seine Hülfe nötig sein wird; Honorio, sobald er hört, daß der Löwe oben in Sicherheit ist, wird mit seinen Jägern folgen; der Mann aber wird sehr bald mit dem eisernen Käfig aus der Stadt da sein und den Löwen darin zurückführen. Dieses sind alles Dinge, die man voraussieht und die deshalb nicht gesagt und ausgeführt werden müssen. Täte man es, so würde man prosaisch werden. Aber ein ideeller, ja lyrischer Schluß war nötig und mußte folgen; denn nach der pathetischen Rede des Mannes, die schon poetische Prosa ist, mußte eine Steigerung kommen, ich mußte zur lyrischen Poesie, ja zum Liede selbst übergehen. Um für den Gang dieser Novelle ein Gleichnis zu haben,« fuhr Goethe fort, »so denken Sie sich aus der Wurzel hervorschießend ein grünes Gewächs, das eine Weile aus einem starken Stengel kräftige grüne Blätter nach den Seiten austreibt und zuletzt mit einer Blume endet. Die Blume war unerwartet, überraschend, aber sie mußte kommen; ja das grüne Blätterwerk war nur für sie da und wäre ohne sie nicht der Mühe wert gewesen.« Bei diesen Worten atmete ich leicht auf, es fiel mir wie Schuppen vom Auge, und eine Ahndung von der Trefflichkeit dieser wunderbaren Komposition fing an sich in mir zu regen. Goethe fuhr fort: »Zu zeigen, wie das Unbändige, Unüberwindliche oft besser durch Liebe und Frömmigkeit als durch Gewalt bezwungen werde, war die Aufgabe dieser Novelle, und dieses schöne Ziel, welches sich im Kinde und Löwen darstellt, reizte mich zur Ausführung. Dies ist das Ideelle, dies die Blume. Und das grüne Blätterwerk der durchaus realen Exposition ist nur dieserwegen da und nur dieserwegen etwas wert. Denn was soll das Reale an sich? Wir haben Freude daran, wenn es mit Wahrheit dargestellt ist, ja es kann uns auch von gewissen Dingen eine deutlichere Erkenntnis geben; aber der eigentliche Gewinn für unsere höhere Natur liegt doch allein im Idealen, das aus dem Herzen des Dichters hervorging.« Wie sehr Goethe recht hatte, empfand ich lebhaft, da der Schluß seiner Novelle noch in mir fortwirkte und eine Stimmung von Frömmigkeit in mir hervorgebracht hatte, wie ich sie lange nicht in dem Grade empfunden. Wie rein und innig, dachte ich bei mir selbst, müssen doch in einem so hohen Alter noch die Gefühle des Dichters sein, daß er etwas so Schönes hat machen können! Ich enthielt mich nicht, mich darüber gegen Goethe auszusprechen, sowie überhaupt mich zu freuen, daß diese in ihrer Art einzige Produktion doch nun existiere. »Es ist mir lieb,« sagte Goethe, »wenn Sie zufrieden sind, und ich freue mich nun selbst, daß ich einen Gegenstand, den ich seit dreißig Jahren in mir herumgetragen, nun endlich los bin. Schiller und Humboldt, denen ich damals mein Vorhaben mitteilte, rieten mir ab, weil sie nicht wissen konnten, was in der Sache lag, und weil nur der Dichter allein weiß, welche Reize er seinem Gegenstande zu geben fähig ist. Man sollte daher nie jemanden fragen, wenn man etwas schreiben will. Hätte Schiller mich vor seinem ›Wallenstein‹ gefragt, ob er ihn schreiben solle, ich hätte ihm sicherlich abgeraten, denn ich hätte nie denken können, daß aus solchem Gegenstande überhaupt ein so treffliches Theaterstück wäre zu machen gewesen. Schiller war gegen eine Behandlung meines Gegenstandes in Hexametern, wie ich es damals, gleich nach ›Hermann und Dorothea‹, willens war; er riet zu den achtzeiligen Stanzen. Sie sehen aber wohl, daß ich mit der Prosa jetzt am besten gefahren bin. Denn es kam sehr auf genaue Zeichnung der Lokalität an, wobei man doch in solchen Reimen wäre geniert gewesen. Und dann ließ sich auch der anfänglich ganz reale und am Schluß ganz ideelle Charakter der Novelle in Prosa am besten geben, sowie sich auch die Liederchen jetzt gar hübsch ausnehmen, welches doch so wenig in Hexametern als in den achtzeiligen Reimen möglich gewesen wäre.« Die übrigen einzelnen Erzählungen und Novellen der ›Wanderjahre‹ kamen zur Sprache, und es ward bemerkt, daß jede sich von der andern durch einen besonderen Charakter und Ton unterscheide. »Woher dieses entstanden», sagte Goethe, »will ich Ihnen erklären. Ich ging dabei zu Werke wie ein Maler, der bei gewissen Gegenständen gewisse Farben vermeidet und gewisse andere dagegen vorwalten läßt. Er wird z. B. bei einer Morgenlandschaft viel Blau auf seine Palette setzen, aber wenig Gelb. Malt er dagegen einen Abend, so wird er viel Gelb nehmen und die blaue Farbe fast ganz fehlen lassen. Auf eine ähnliche Weise verfuhr ich bei meinen verschiedenartigen schriftstellerischen Produktionen, und wenn man ihnen einen verschiedenen Charakter zugesteht, so mag es daher rühren.« Ich dachte bei mir, daß dies eine höchst kluge Maxime sei, und freute mich, daß Goethe sie ausgesprochen. Sodann hatte ich, vorzüglich bei dieser letzten Novelle, noch das Detail zu bewundern, womit besonders das Landschaftliche dargestellt war. »Ich habe«, sagte Goethe, »niemals die Natur poetischer Zwecke wegen betrachtet. Aber weil mein früheres Landschaftszeichnen und dann mein späteres Naturforschen mich zu einem beständigen genauen Ansehen der natürlichen Gegenstände trieb, so habe ich die Natur bis in ihre kleinsten Details nach und nach auswendig gelernt, dergestalt, daß, wenn ich als Poet etwas brauche, es mir zu Gebote steht und ich nicht leicht gegen die Wahrheit fehle. In Schillern lag dieses Naturbetrachten nicht. Was in seinem ›Tell‹ von Schweizer-Lokalität ist, habe ich ihm alles erzählt; aber er war ein so bewundernswürdiger Geist, daß er selbst nach solchen Erzählungen etwas machen konnte, das Realität hatte.« Das Gespräch lenkte sich nun ganz auf Schiller, und Goethe fuhr folgendermaßen fort: »Schillers eigentliche Produktivität lag im Idealen, und es läßt sich sagen, daß er so wenig in der deutschen als einer andern Literatur seinesgleichen hat. Von Lord Byron hat er noch das meiste; doch dieser ist ihm an Welt überlegen. Ich hätte gerne gesehen, daß Schiller den Lord Byron erlebt hätte, und da hätt es mich wundern sollen, was er zu einem so verwandten Geiste würde gesagt haben. Ob wohl Byron bei Schillers Leben schon etwas publiziert hat?« Ich zweifelte, konnte es aber nicht mit Gewißheit sagen. Goethe nahm daher das Konversations-Lexikon und las den Artikel über Byron vor, wobei er nicht fehlen ließ, manche flüchtige Bemerkung einzuschalten. Es fand sich, daß Lord Byron vor 1807 nichts hatte drucken lassen, und daß also Schiller nichts von ihm gesehen. »Durch Schillers alle Werke«, fuhr Goethe fort, »geht die Idee von Freiheit, und diese Idee nahm eine andere Gestalt an, sowie Schiller in seiner Kultur weiter ging und selbst ein anderer wurde. In seiner Jugend war es die physische Freiheit, die ihm zu schaffen machte und die in seine Dichtungen überging, in seinem spätern Leben die ideelle. Es ist mit der Freiheit ein wunderlich Ding, und jeder hat leicht genug, wenn er sich nur zu begnügen und zu finden weiß. Und was hilft uns ein Überfluß von Freiheit, die wir nicht gebrauchen können! Sehen Sie dieses Zimmer und diese angrenzende Kammer, in der Sie durch die offene Tür mein Bette sehen, beide sind nicht groß, sie sind ohnedies durch vielerlei Bedarf, Bücher, Manuskripte und Kunstsachen eingeengt, aber sie sind mir genug, ich habe den ganzen Winter darin gewohnt und meine vorderen Zimmer fast nicht betreten. Was habe ich nun von meinem geräumigen Hause gehabt und von der Freiheit, von einem Zimmer ins andere zu gehen, da ich nicht das Bedürfnis hatte, sie zu benutzen! Hat einer nur so viel Freiheit, um gesund zu leben und sein Gewerbe zu treiben, so hat er genug, und so viel hat leicht ein jeder. Und dann sind wir alle nur frei unter gewissen Bedingungen, die wir erfüllen müssen. Der Bürger ist so frei wie der Adelige, sobald er sich in den Grenzen hält, die ihm von Gott durch seinen Stand worin er geboren, angewiesen. Der Adelige ist so frei wie der Fürst; denn wenn er bei Hofe nur das wenige Zeremoniell beobachtet, so darf er sich als seinesgleichen fühlen. Nicht das macht frei, daß wir nichts über uns anerkennen wollen, sondern eben, daß wir etwas verehren, das über uns ist. Denn indem wir es verehren, heben wir uns zu ihm hinauf und legen durch unsere Anerkennung an den Tag, daß wir selber das Höhere in uns tragen und wert sind, seinesgleichen zu sein. Ich bin bei meinen Reisen oft auf norddeutsche Kaufleute gestoßen, welche glaubten, meinesgleichen zu sein, wenn sie sich roh zu mir an den Tisch setzten. Dadurch waren sie es nicht; allein sie wären es gewesen, wenn sie mich hätten zu schätzen und zu behandeln gewußt. Daß nun diese physische Freiheit Schillern in seiner Jugend so viel zu schaffen machte, lag zwar teils in der Natur seines Geistes, größernteils aber schrieb es sich von dem Drucke her, den er in der Militärschule hatte leiden müssen. Dann aber in seinem reiferen Leben, wo er der physischen Freiheit genug hatte, ging er zur ideellen über, und ich möchte fast sagen, daß diese Idee ihn getötet hat; denn er machte dadurch Anforderungen an seine physische Natur, die für seine Kräfte zu gewaltsam waren. Der Großherzog bestimmte Schillern bei seiner Hieherkunft einen Gehalt von jährlich tausend Talern und erbot sich, ihm das Doppelte zu geben, im Fall er durch Krankheit verhindert sein sollte, zu arbeiten. Schiller lehnte dieses letzte Anerbieten ab und machte nie davon Gebrauch. ›Ich habe das Talent‹, sagte er, ›und muß mir selber helfen können.‹ Nun aber, bei seiner vergrößerten Familie in den letzten Jahren, mußte er der Existenz wegen jährlich zwei Stücke schreiben, und um dieses zu vollbringen, trieb er sich, auch an solchen Tagen und Wochen zu arbeiten, in denen er nicht wohl war; sein Talent sollte ihm zu jeder Stunde gehorchen und zu Gebote stehen. Schiller hat nie viel getrunken, er war sehr mäßig; aber in solchen Augenblicken körperlicher Schwäche suchte er seine Kräfte durch etwas Likör oder ähnliches Spirituoses zu steigern. Dies aber zehrte an seiner Gesundheit und war auch den Produktionen selbst schädlich. Denn was gescheite Köpfe an seinen Sachen aussetzen, leite ich aus dieser Quelle her. Alle solche Stellen, von denen sie sagen, daß sie nicht just sind, möchte ich pathologische Stellen nennen, indem er sie nämlich an solchen Tagen geschrieben hat, wo es ihm an Kräften fehlte, um die rechten und wahren Motive zu finden. Ich habe vor dem kategorischen Imperativ allen Respekt, ich weiß, wie viel Gutes aus ihm hervorgehen kann, allein man muß es damit nicht zu weit treiben, denn sonst führet diese Idee der ideellen Freiheit sicher zu nichts Gutem.« Unter diesen interessanten Äußerungen und ähnlichen Gesprächen über Lord Byron und berühmte deutsche Literatoren, von denen Schiller gesagt, daß Kotzebue ihm lieber, weil er doch etwas hervorbringe, waren die Abendstunden schnell vorübergegangen, und Goethe gab mir die Novelle mit, um sie für mich zu Hause nochmals in der Stille zu betrachten. Sonntag abend, den 21. [?] Januar 1827 Ich ging diesen Abend halb achte zu Goethe und blieb ein Stündchen bei ihm. Er zeigte mir einen Band neuer französischer Gedichte der Demoiselle Gay und sprach darüber mit großem Lobe. »Die Franzosen«, sagte er, »machen sich heraus, und es ist der Mühe wert, daß man sich nach ihnen umsieht. Ich bin mit Fleiß darüber her, mir von dem Stande der neuesten französischen Literatur einen Begriff zu machen und, wenn es glückt, mich auch darüber auszusprechen. Es ist mir höchst interessant, zu sehen, daß diejenigen Elemente bei ihnen erst anfangen zu wirken, die bei uns längst durchgegangen sind. Das mittlere Talent ist freilich immer in der Zeit befangen und muß sich aus denjenigen Elementen nähren, die in ihr liegen. Es ist bei ihnen bis auf die neueste Frömmigkeit alles dasselbige wie bei uns, nur daß es bei ihnen ein wenig galanter und geistreicher zum Vorschein kommt.« »Was sagen aber Eure Exzellenz zu Béranger und dem Verfasser der Stücke der Clara Gazul?« »Diese nehme ich aus,« sagte Goethe, »das sind große Talente, die ein Fundament in sich selber haben und sich von der Gesinnungsweise des Tages frei erhalten.« – »Dieses zu hören, ist mir sehr lieb,« sagte ich, »denn ich hatte über diese beiden ungefähr dieselbige Empfindung.« Das Gespräch wendete sich von der französischen Literatur auf die deutsche. »Da will ich Ihnen doch etwas zeigen,« sagte Goethe, »das für Sie Interesse haben wird. Reichen Sie mir doch einen der beiden Bände, die vor Ihnen liegen. Solger ist Ihnen bekannt?« – »Allerdings,« sagte ich; »ich habe ihn sogar lieb. Ich besitze seine Übersetzung des Sophokles, und sowohl diese als die Vorrede dazu gaben mir längst von ihm eine hohe Meinung.« – »Sie wissen, er ist vor mehreren Jahren gestorben,« sagte Goethe, »und man hat jetzt eine Sammlung seiner nachgelassenen Schriften und Briefe herausgegeben. In seinen philosophischen Untersuchungen, die er in der Form der Platonischen Dialoge gibt, ist er nicht so glücklich; aber seine Briefe sind vortrefflich. In einem derselben schreibt er an Tieck über die ›Wahlverwandtschaften‹, und diesen muß ich Ihnen vorlesen, denn es ist nicht leicht etwas Besseres über jenen Roman gesagt worden.« Goethe las mir die treffliche Abhandlung vor, und wir besprachen sie punktweise, indem wir die von einem großen Charakter zeugenden Ansichten und die Konsequenz seiner Ableitungen und Folgerungen bewunderten. Obgleich Solger zugestand, daß das Faktum in den ›Wahlverwandtschaften‹ aus der Natur aller Charaktere hervorgehe, so tadelte er doch den Charakter des Eduard. »Ich kann ihm nicht verdenken,« sagte Goethe, »daß er den Eduard nicht leiden mag, ich mag ihn selber nicht leiden, aber ich mußte ihn so machen, um das Faktum hervorzubringen. Er hat übrigens viele Wahrheit, denn man findet in den höheren Ständen Leute genug, bei denen ganz wie bei ihm der Eigensinn an die Stelle des Charakters tritt.« Hoch vor allen stellte Solger den Architekten, denn wenn alle übrigen Personen des Romans sich liebend und schwach zeigten, so sei er der einzige, der sich stark und frei erhalte. Und eben das Schöne an seiner Natur sei nicht sowohl dieses, daß er in die Verirrungen der übrigen Charaktere nicht hineingerate, sondern daß der Dichter ihn so groß gemacht, daß er nicht hineingeraten könne . Wir freuten uns über dieses Wort. »Das ist freilich sehr schön«, sagte Goethe. – »Ich habe«, sagte ich, »den Charakter des Architekten auch immer sehr bedeutend und liebenswürdig gefunden, allein daß er eben deswegen so vortrefflich sei, daß er vermöge seiner Natur in jene Verwickelungen der Liebe nicht hineingeraten könne , daran habe ich freilich nicht gedacht.« – »Wundern Sie sich darüber nicht,« sagte Goethe, »denn ich habe selber nicht daran gedacht, als ich ihn machte. Aber Solger hat recht, es liegt allerdings in ihm. Dieser Aufsatz«, fuhr Goethe fort, »ist schon im Jahre 1809 geschrieben, und es hätte mich damals freuen können, ein so gutes Wort über die ›Wahlverwandtschaften‹ zu hören, während man in jener Zeit und später mir eben nicht viel Angenehmes über jenen Roman erzeigte. Solger hat, wie ich aus diesen Briefen sehe, viel Liebe zu mir gehabt; er beklagt sich in einem derselben, daß ich ihm auf den ›Sophokles‹, den er mir zugesendet, nicht einmal geantwortet. Lieber Gott – aber wie das bei mir geht! Es ist nicht zu verwundern. Ich habe große Herren gekannt, denen man viel zusendete. Diese machten sich gewisse Formulare und Redensarten, womit sie jedes erwiderten, und so schrieben sie Briefe zu Hunderten, die sich alle gleich und alle Phrase waren. In mir aber lag dieses nie. Wenn ich nicht jemanden etwas Besonderes und Gehöriges sagen konnte, wie es in der jedesmaligen Sache lag, so schrieb ich lieber gar nicht. Oberflächliche Redensarten hielt ich für unwürdig, und so ist es denn gekommen, daß ich manchem wackern Manne, dem ich gerne geschrieben hätte, nicht antworten konnte. Sie sehen ja selbst, wie das bei mir geht und welche Zusendungen von allen Ecken und Enden täglich bei mir einlaufen, und müssen gestehen, daß dazu mehr als ein Menschenleben gehören würde, wenn man alles nur flüchtig erwidern wollte. Aber um Solger tut es mir leid; er ist gar zu vortrefflich und hätte vor vielen andern etwas Freundliches verdient.« Ich brachte das Gespräch auf die Novelle, die ich nun zu Hause wiederholt gelesen und betrachtet hatte. »Der ganze Anfang«, sagte ich, »ist nichts als Exposition, aber es ist darin nichts vorgeführt als das Notwendige, und das Notwendige mit Anmut, so daß man nicht glaubt, es sei eines andern wegen da, sondern es wolle bloß für sich selber sein und für sich selber gelten.« »Es ist mir lieb,« sagte Goethe, »wenn Sie dieses so finden. Doch eins muß ich noch tun. Nach den Gesetzen einer guten Exposition nämlich muß ich die Besitzer der Tiere schon vorne auftreten lassen. Wenn die Fürstin und der Oheim an der Bude vorbereiten, müssen die Leute heraustreten und die Fürstin bitten, auch ihre Bude mit einem Besuch zu beglücken.« –»Gewiß,« sagte ich, »Sie haben recht; denn da alles übrige in der Exposition angedeutet ist, so müssen es auch diese Leute werden, und es liegt ganz in der Sache, da sie sich gewöhnlich an der Kasse aufhalten, daß sie die Fürstin nicht so unangefochten werden vorbereiten lassen.« – »Sie sehen,« sagte Goethe, »daß man an einer solchen Arbeit, wenn sie auch schon im ganzen fertig, daliegt, im einzelnen noch immer zu tun hat.« Goethe erzählte mir sodann von einem Ausländer, der in dieser Zeit ihn hin und wieder besucht und davon gesprochen, wie er dieses und jenes von seinen Werken übersetzen wolle. »Er ist ein guter Mensch,« sagte Goethe, »doch in literarischer Hinsicht bezeigt er sich als ein wahrer Dilettant. Denn er kann noch kein Deutsch und spricht schon von Übersetzungen, die er machen, und von Porträten, die er ihnen will vordrucken lassen. Das ist aber eben das Wesen der Dilettanten, daß sie die Schwierigkeiten nicht kennen, die in einer Sache liegen, und daß sie immer etwas unternehmen wollen wozu sie keine Kräfte haben.« Donnerstag abend, den 29. [25.] Januar 1827 Begleitet von dem Manuskript der Novelle und einer Ausgabe des Béranger ging ich gegen sieben Uhr zu Goethe. Ich fand Herrn Soret bei ihm in Gesprächen über die neue französische Literatur. Ich hörte mit Interesse zu, und es kam zur Sprache, daß die neuesten Talente hinsichtlich guter Verse sehr viel von Delille gelernt. Da Herrn Soret, als einem geborenen Genfer, das Deutsche nicht ganz geläufig war, Goethe aber im Französischen sich ziemlich bequem ausdrückt, so ging die Unterhaltung französisch, und nur an solchen Stellen deutsch, wo ich mich in das Gespräch mischte. Ich zog den Béranger aus der Tasche und überreichte ihn Goethe, der diese trefflichen Lieder von neuem zu lesen wünschte. Das den Gedichten vorstehende Porträt fand Herr Soret nicht ähnlich. Goethe freute sich, die zierliche Ausgabe in Händen zu halten. »Diese Lieder«, sagte er, »sind vollkommen und als das Beste in ihrer Art anzusehen, besonders wenn man sich das Gejodel des Refrains hinzudenkt, denn sonst sind sie als Lieder fast zu ernst, zu geistreich, zu epigrammatisch. Ich werde durch Béranger immer an den Horaz und Hafis erinnert, die beide auch über ihrer Zeit standen und die Sittenverderbnis spottend und spielend zur Sprache brachten. Béranger hat zu seiner Umgebung dieselbige Stellung. Weil er aber aus niederem Stande heraufgekommen, so ist ihm das Liederliche und Gemeine nicht allzu verhaßt, und er behandelt es noch mit einer gewissen Neigung.« Viel Ähnliches ward noch über Béranger und andere neuern Franzosen hin und her gesprochen, bis Herr Soret an den Hof ging und ich mit Goethe alleine blieb. Ein versiegeltes Paket lag auf dem Tisch. Goethe legte seine Hand darauf. »Was ist das?« sagte er. »Es ist die ›Helena‹, die an Cotta zum Druck abgeht.« Ich empfand bei diesen Worten mehr, als ich sagen konnte, ich fühlte die Bedeutung des Augenblickes. Denn wie bei einem neuerbauten Schiff, das zuerst in die See geht und wovon man nicht weiß, welche Schicksale es erleben wird, so ist es auch mit dem Gedankenwerk eines großen Meisters, das zuerst in die Welt hinaustritt, um für viele Zeiten zu wirken und mannigfaltige Schicksale zu erzeugen und zu erleben. »Ich habe«, sagte Goethe, »bis jetzt immer noch Kleinigkeiten daran zu tun und nachzuhelfen gefunden. Endlich aber muß es genug sein, und ich bin nun froh, daß es zur Post geht und ich mich mit befreiter Seele zu etwas anderem wenden kann. Es mag nun seine Schicksale erleben! Was mich tröstet, ist, daß die Kultur in Deutschland doch jetzt unglaublich hoch steht und man also nicht zu fürchten hat, daß eine solche Produktion lange unverstanden und ohne Wirkung bleiben werde.« »Es steckt ein ganzes Altertum darin«, sagte ich. – »Ja,« sagte Goethe, »die Philologen werden daran zu tun finden.« – »Für den antiken Teil«, sagte ich, »fürchte ich nicht, denn es ist da das große Detail, die gründlichste Entfaltung des einzelnen, wo jedes geradezu das sagt, was es sagen soll. Allein der moderne, romantische Teil ist sehr schwer, denn eine halbe Weltgeschichte steckt dahinter; die Behandlung ist bei so großem Stoff nur andeutend und macht sehr große Ansprüche an den Leser.« – »Aber doch«, sagte Goethe, »ist alles sinnlich und wird, auf dem Theater gedacht, jedem gut in die Augen fallen. Und mehr habe ich nicht gewollt. Wenn es nur so ist, daß die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen, wie es ja auch bei der ›Zauberflöte‹ und andern Dingen der Fall ist.« »Es wird«, sagte ich, »auf der Bühne einen ungewohnten Eindruck machen, daß ein Stück als Tragödie anfängt und als Oper endigt. Doch es gehört etwas dazu, die Großheit dieser Personen darzustellen und die erhabenen Reden und Verse zu sprechen.« – »Der erste Teil«, sagte Goethe, »erfordert die ersten Künstler der Tragödie, sowie nachher im Teile der Oper die Rollen mit den ersten Sängern und Sängerinnen besetzt werden müssen. Die Rolle der Helena kann nicht von einer, sondern sie muß von zwei großen Künstlerinnen gespielt werden; denn es ist ein seltener Fall, daß eine Sängerin zugleich als tragische Künstlerin von hinlänglicher Bedeutung ist.« »Das Ganze«, sagte ich, »wird zu großer Pracht und Mannigfaltigkeit in Dekorationen und Garderobe Anlaß geben, und ich kann nicht leugnen, ich freue mich darauf, es auf der Bühne zu sehen. Wenn nur ein recht großer Komponist sich daran machte!« – »Es müßte einer sein,« sagte Goethe, »der wie Meyerbeer lange in Italien gelebt hat, so daß er seine deutsche Natur mit der italienischen Art und Weise verbände. Doch das wird sich schon finden, und ich habe keinen Zweifel; ich freue mich nur, daß ich es los bin. Auf den Gedanken, daß der Chor nicht wieder in die Unterwelt hinab will, sondern auf der heiteren Oberfläche der Erde sich den Elementen zuwirft, tue ich mir wirklich etwas zugute.« – »Es ist eine neue Art von Unsterblichkeit«, sagte ich. »Nun,« fuhr Goethe fort, »wie steht es mit der Novelle?« – »Ich habe sie mitgebracht«, sagte ich. »Nachdem ich sie nochmals gelesen, finde ich, daß Eure Exzellenz die intendierte Änderung nicht machen dürfen. Es tut gar gute Wirkung, wenn die Leute beim getöteten Tiger zuerst als durchaus fremde neue Wesen mit ihren abweichenden wunderlichen Kleidungen und Manieren hervortreten und sich als Besitzer der Tiere ankündigen. Brächten Sie sie aber schon früher, in der Exposition, so würde diese Wirkung gänzlich geschwächt, ja vernichtet werden.« »Sie haben recht,« sagte Goethe, »ich muß es lassen, wie es ist. Ohne Frage, Sie haben ganz recht. Es muß auch beim ersten Entwurf in mir gelegen haben, die Leute nicht früher zu bringen, eben weil ich sie ausgelassen. Diese intendierte Änderung war eine Forderung des Verstandes, und ich wäre dadurch bald zu einem Fehler verleitet worden. Es ist aber dieses ein merkwürdiger ästhetischer Fall, daß man von einer Regel abweichen muß, um keinen Fehler zu begehen.« Es kam sodann zur Sprache, welchen Titel man der Novelle geben solle; wir taten manche Vorschläge, einige waren gut für den Anfang, andere für das Ende, doch fand sich keiner, der für das Ganze passend und also der rechte gewesen wäre. »Wissen Sie was,« sagte Goethe, »wir wollen es die ›Novelle‹ nennen; denn was ist eine Novelle anders als eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit. Dies ist der eigentliche Begriff, und so vieles, was in Deutschland unter dem Titel Novelle geht, ist gar keine Novelle, sondern bloß Erzählung oder was Sie sonst wollen. In jenem ursprünglichen Sinne einer unerhörten Begebenheit kommt auch die Novelle in den ›Wahlverwandtschaften‹ vor.« »Wenn man es recht bedenkt,« sagte ich, »so entsteht doch ein Gedicht immer ohne Titel und ist ohne Titel das, was es ist, so daß man also glauben sollte, der Titel gehöre gar nicht zur Sache.« – »Er gehört auch nicht dazu,« sagte Goethe; »die alten Gedichte hatten gar keine Titel, es ist dies ein Gebrauch der Neuern, von denen auch die Gedichte der Alten erst in einer späteren Zeit Titel erhalten haben. Doch dieser Gebrauch ist von der Notwendigkeit herbeigeführt, bei einer ausgebreiteten Literatur die Sachen zu nennen und voneinander zu unterscheiden. »Hier«, sagte Goethe, »haben Sie etwas Neues; lesen Sie.« Mit diesen Worten reichte er mir eine Übersetzung eines serbischen Gedichtes von Herrn Gerhard. Ich las mit großem Vergnügen, denn das Gedicht war sehr schön und die Übersetzung so einfach und klar, daß man im Anschauen des Gegenstandes nie gestört wurde. Das Gedicht führte den Titel ›Die Gefängnisschlüssel‹. Ich sage hier nichts von dem Gang der Handlung; der Schluß indes kam mir abgerissen und ein wenig unbefriedigend vor. »Das ist«, sagte Goethe, »eben das Schöne; denn dadurch läßt es einen Stachel im Herzen zurück, und die Phantasie des Lesers ist angeregt, sich selbst alle Möglichkeiten auszubilden, die nun folgen können. Der Schluß hinterläßt den Stoff zu einem ganzen Trauerspiele, allein er ist von der Art, wie schon vieles dagewesen ist. Dagegen das im Gedicht Dargestellte ist das eigentlich Neue und Schöne, und der Dichter verfuhr sehr weise, daß er nur dieses ausbildete und das andere dem Leser überließ. Ich teilte das Gedicht gerne in ›Kunst und Altertum‹ mit, allein es ist zu lang; dagegen habe ich mir diese drei gereimten von Gerhard ausgebeten, die ich im nächsten Heft werde abdrucken lassen. Was sagen Sie zu diesem? Hören Sie.« Goethe las nun zuerst das Lied vom Alten, der ein junges Mädchen liebt, sodann das Trinklied der Weiber, und zuletzt das energische ›Tanz uns vor, Theodor‹. Jedes las er in einem anderen Tone und andern Schwunge, vortrefflich, so daß man nicht leicht etwas Vollkommneres hören konnte. Wir mußten Herrn Gerhard loben, daß er die jedesmaligen Versarten und Refrains durchaus glücklich und im Charakter gewählt und alles leicht und vollkommen ausgeführt hatte, so daß man nicht wußte, wie er es hätte besser machen sollen. »Da sieht man,« sagte Goethe, »was bei einem solchen Talent wie Gerhard die große technische Übung tut. Und dann kommt ihm zugute, daß er kein eigentlich gelehrtes Metier, sondern ein solches treibt, das ihn täglich aufs praktische Leben weiset. Auch hat er die vielen Reisen in England und andern Ländern gemacht, wodurch er denn bei seinem auf das Reale gehenden Sinn über unsere gelehrten jungen Dichter manche Avantagen hat. Wenn er sich immer an gute Überlieferungen hält und nur diese bearbeitet, so wird er nicht leicht etwas Schlechtes machen. Alle eigenen Erfindungen dagegen erfordern sehr viel und sind eine schwere Sache.« Hieran knüpften sich manche Betrachtungen über die Produktionen unserer neuesten jungen Dichter, und es ward bemerkt, daß fast keiner von ihnen mit einer guten Prosa aufgetreten. »Die Sache ist sehr einfach,« sagte Goethe. »Um Prosa zu schreiben, muß man etwas zu sagen haben; wer aber nichts zu sagen hat, der kann doch Verse und Reime machen, wo denn ein Wort das andere gibt und zuletzt etwas herauskommt, das zwar nichts ist, aber doch aussieht, als wäre es was.« Mittwoch, den 31. Januar 1827 Bei Goethe zu Tisch. »In diesen Tagen, seit ich Sie nicht gesehen,« sagte er, »habe ich vieles und mancherlei gelesen, besonders auch einen chinesischen Roman, der mich noch beschäftiget und der mir im hohen Grade merkwürdig erscheint.« – »Chinesischen Roman?« sagte ich. »Der muß wohl sehr fremdartig aussehen.« – »Nicht so sehr, als man glauben sollte«, sagte Goethe. »Die Menschen denken, handeln und empfinden fast ebenso wie wir, und man fühlt sich sehr bald als ihresgleichen, – nur daß bei ihnen alles klarer, reinlicher und sittlicher zugeht. Es ist bei ihnen alles verständig, bürgerlich, ohne große Leidenschaft und poetischen Schwung und hat dadurch viele Ähnlichkeit mit meinem ›Hermann und Dorothea‹, sowie mit den englischen Romanen des Richardson. Es unterscheidet sich aber wieder dadurch, daß bei ihnen die äußere Natur neben den menschlichen Figuren immer mitlebt. Die Goldfische in den Teichen hört man immer plätschern, die Vögel auf den Zweigen singen immerfort, der Tag ist immer heiter und sonnig, die Nacht immer klar; vom Mond ist viel die Rede, allein er verändert die Landschaft nicht, sein Schein ist so helle gedacht wie der Tag selber. Und das Innere der Häuser so nett und zierlich wie ihre Bilder. Z. B.: ›Ich hörte die lieblichen Mädchen lachen, und als ich sie zu Gesichte bekam, saßen sie auf feinen Rohrstühlen.‹ Da haben Sie gleich die allerliebste Situation, denn Rohrstühle kann man sich gar nicht ohne die größte Leichtigkeit und Zierlichkeit denken. Und nun eine Unzahl von Legenden, die immer in der Erzählung nebenher gehen und gleichsam sprichwörtlich angewendet werden. Z. B. von einem Mädchen, das so leicht und zierlich von Füßen war, daß sie auf einer Blume balancieren konnte, ohne die Blume zu knicken. Und von einem jungen Manne, der sich so sittlich und brav hielt, daß er in seinem dreißigsten Jahre die Ehre hatte, mit dem Kaiser zu reden. Und ferner von Liebespaaren, die in einem langen Umgange sich so enthaltsam bewiesen, daß, als sie einst genötigt waren, eine Nacht in einem Zimmer miteinander zuzubringen, sie in Gesprächen die Stunden durchwachten, ohne sich zu berühren. Und so unzählige von Legenden, die alle auf das Sittliche und Schickliche gehen. Aber eben durch diese strenge Mäßigung in allem hat sich denn auch das Chinesische Reich seit Jahrtausenden erhalten und wird dadurch ferner bestehen. Einen höchst merkwürdigen Gegensatz zu diesem chinesischen Roman«, fuhr Goethe fort, »habe ich an den Liedern von Béranger, denen fast allen ein unsittlicher, liederlicher Stoff zum Grunde liegt und die mir im hohen Grade zuwider sein würden, wenn nicht ein so großes Talent wie Béranger die Gegenstände behandelt hätte, wodurch sie denn erträglich, ja sogar anmutig werden. Aber sagen Sie selbst, ist es nicht höchst merkwürdig, daß die Stoffe des chinesischen Dichters so durchaus sittlich und diejenigen des jetzigen ersten Dichters von Frankreich ganz das Gegenteil sind?« »Ein solches Talent wie Béranger«, sagte ich, »würde an sittlichen Stoffen nichts zu tun finden.« – »Sie haben recht,« sagte Goethe, »eben an den Verkehrtheiten der Zeit offenbart und entwickelt Béranger seine bessere Natur.« – »Aber«, sagte ich, »ist denn dieser chinesische Roman vielleicht einer ihrer vorzüglichsten?« – »Keineswegs,« sagte Goethe; »die Chinesen haben deren zu Tausenden und hatten ihrer schon, als unsere Vorfahren noch in den Wäldern lebten. Ich sehe immer mehr,« fuhr Goethe fort, »daß die Poesie ein Gemeingut der Menschheit ist und daß sie überall und zu allen Zeiten in Hunderten und aber Hunderten von Menschen hervortritt. Einer macht es ein wenig besser als der andere und schwimmt ein wenig länger oben als der andere, das ist alles. Der Herr von Matthisson muß daher nicht denken, er wäre es, und ich muß nicht denken, ich wäre es, sondern jeder muß sich eben sagen, daß es mit der poetischen Gabe keine so seltene Sache sei, und daß niemand eben besondere Ursache habe, sich viel darauf einzubilden, wenn er ein gutes Gedicht macht. Aber freilich, wenn wir Deutschen nicht ans dem engen Kreise unserer eigenen Umgebung hinausblicken, so kommen wir gar zu leicht in diesen pedantischen Dünkel. Ich sehe mich daher gerne bei fremden Nationen um und rate jedem, es auch seinerseits zu tun. Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muß jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen. Aber auch bei solcher Schätzung des Ausländischen dürfen wir nicht bei etwas Besonderem haften bleiben und dieses für musterhaft ansehen wollen. Wir müssen nicht denken, das Chinesische wäre es, oder das Serbische, oder Calderon, oder die Nibelungen; sondern im Bedürfnis von etwas Musterhaftem müssen wir immer zu den alten Griechen zurückgehen, in deren Werken stets der schöne Mensch dargestellt ist. Alles übrige müssen wir nur historisch betrachten und das Gute, so weit es gehen will, uns daraus aneignen.« Ich freute mich, Goethe in einer Folge über einen so wichtigen Gegenstand reden zu hören. Das Geklingel vorbeifahrender Schlitten lockte uns zum Fenster, denn wir erwarteten, daß der große Zug, der diesen Morgen nach Belvedere vorbeiging, wieder zurückkommen würde. Goethe setzte indes seine lehrreichen Äußerungen fort. Von Alexander Manzoni war die Rede, und er erzählte mir, daß Graf Reinhard Herrn Manzoni vor nicht langer Zeit in Paris gesehen, wo er als ein junger Autor von Namen in der Gesellschaft wohl aufgenommen gewesen sei, und daß er jetzt wieder in der Nähe von Mailand auf seinem Landgute mit einer jungen Familie und seiner Mutter glücklich lebe. »Manzoni«, fuhr Goethe fort, »fehlt weiter nichts, als daß er selbst nicht weiß, welch ein guter Poet er ist und welche Rechte ihm als solchem zustehen. Er hat gar zu viel Respekt vor der Geschichte und fügt aus diesem Grunde seinen Stücken immer gern einige Auseinandersetzungen hinzu, in denen er nachweiset, wie treu er den Einzelnheiten der Geschichte geblieben. Nun mögen seine Fakta historisch sein, aber seine Charaktere sind es doch nicht, so wenig es mein Thoas und meine Iphigenia sind. Kein Dichter hat je die historischen Charaktere gekannt, die er darstellte; hätte er sie aber gekannt, so hätte er sie schwerlich so gebrauchen können. Der Dichter muß wissen, welche Wirkungen er hervorbringen will, und danach die Natur seiner Charaktere einrichten. Hätte ich den Egmont so machen wollen, wie ihn die Geschichte meldet, als Vater von einem Dutzend Kindern, so würde sein leichtsinniges Handeln sehr absurd erschienen sein. Ich mußte also einen andern Egmont haben, wie er besser mit seinen Handlungen und meinen dichterischen Absichten in Harmonie stände; und dies ist, wie Klärchen sagt, mein Egmont. Und wozu wären denn die Poeten, wenn sie bloß die Geschichte eines Historikers wiederholen wollten! Der Dichter muß weiter gehen und uns womöglich etwas Höheres und Besseres geben. Die Charaktere des Sophokles tragen alle etwas von der hohen Seele des großen Dichters, so wie Charaktere des Shakespeare von der seinigen. Und so ist es recht, und so soll man es machen. Ja Shakespeare geht noch weiter und macht seine Römer zu Engländern, und zwar wieder mit Recht, denn sonst hätte ihn seine Nation nicht verstanden. Darin«, fuhr Goethe fort, »waren nun wieder die Griechen so groß, daß sie weniger auf die Treue eines historischen Faktums gingen, als darauf, wie es der Dichter behandelte. Zum Glück haben wir jetzt an den ›Philokteten‹ ein herrliches Beispiel, welches Sujet alle drei großen Tragiker behandelt haben, und Sophokles zuletzt und am besten. Dieses Dichters treffliches Stück ist glücklicherweise ganz auf uns gekommen; dagegen von den ›Philokteten‹ des Äschylus und Euripides hat man Bruchstücke aufgefunden, aus denen hinreichend zu sehen ist, wie sie ihren Gegenstand behandelt haben. Wollte es meine Zeit mir erlauben, so würde ich diese Stücke restaurieren, so wie ich es mit dem ›Phaëton‹ des Euripides getan, und es sollte mir keine unangenehme und unnütze Arbeit sein. Bei diesem Sujet war die Aufgabe ganz einfach: nämlich den Philoktet nebst dem Bogen von der Insel Lemnos zu holen. Aber die Art, wie dieses geschieht, das war nun die Sache der Dichter, und darin konnte jeder die Kraft seiner Erfindung zeigen und einer es dem andern zuvortun. Der Ulyß soll ihn holen; aber soll er vom Philoktet erkannt werden oder nicht, und wodurch soll er unkenntlich sein? Soll der Ulyß allein gehen, oder soll er Begleiter haben, und wer soll ihn begleiten? Beim Äschylus ist der Gefährte unbekannt, beim Euripides ist es der Diomed, beim Sophokles der Sohn des Achill. Ferner, in welchem Zustande soll man den Philoktet finden? Soll die Insel bewohnt sein oder nicht, und wenn bewohnt, soll sich eine mitleidige Seele seiner angenommen haben oder nicht? Und so hundert andere Dinge, die alle in der Willkür der Dichter lagen und in deren Wahl oder Nichtwahl der eine vor dem andern seine höhere Weisheit zeigen konnte. Hierin liegts, und so sollten es die jetzigen Dichter auch machen, und nicht immer fragen, ob ein Sujet schon behandelt worden oder nicht, wo sie denn immer in Süden und Norden nach unerhörten Begebenheiten suchen, die oft barbarisch genug sind und die dann auch bloß als Begebenheiten wirken. Aber freilich ein einfaches Sujet durch eine meisterhafte Behandlung zu etwas zu machen, erfordert Geist und großes Talent, und daran fehlt es.« Vorbeifahrende Schlitten zogen uns wieder ans Fenster; der erwartete Zug von Belvedere war es aber wieder nicht. Wir sprachen und scherzten unbedeutende Dinge hin und her, dann fragte ich Goethe, wie es mit der Novelle stehe. »Ich habe sie dieser Tage ruhen lassen,« sagte er, »aber eins muß doch noch in der Exposition geschehen. Der Löwe nämlich muß brüllen, wenn die Fürstin an der Bude vorbereitet, wobei ich denn einige gute Reflexionen über die Furchtbarkeit dieses gewaltigen Tieres anstellen lassen kann.« »Dieser Gedanke ist sehr glücklich,« sagte ich, »denn dadurch entsteht eine Exposition, die nicht allein an sich, an ihrer Stelle, gut und notwendig ist, sondern wodurch auch alles Folgende eine größere Wirkung gewinnt. Bis jetzt erschien der Löwe fast zu sanft, indem er gar keine Spuren von Wildheit zeigte. Dadurch aber, daß er brüllet, läßt er uns wenigstens seine Furchtbarkeit ahnden, und wenn er sodann später sanft der Flöte des Kindes folgt, so wird dieses eine desto größere Wirkung tun.« »Diese Art zu ändern und zu bessern,« sagte Goethe, »ist nun die rechte, wo man ein noch Unvollkommenes durch fortgesetzte Erfindungen zum Vollendeten steigert. Aber ein Gemachtes immer wieder neu zu machen und weiter zu treiben, wie z. B. Walter Scott mit meiner Mignon getan, die er außer ihren übrigen Eigenheiten noch taubstumm sein läßt: diese Art zu ändern kann ich nicht loben.« Donnerstag abend, den 1. Februar 1827 Goethe erzählte mir von einem Besuch des Kronprinzen von Preußen in Begleitung des Großherzogs. »Auch die Prinzen Karl und Wilhelm von Preußen«, sagte er, »waren diesen Morgen bei mir. Der Kronprinz blieb mit dem Großherzog gegen drei Stunden, und es kam mancherlei zur Sprache, welches mir von dem Geist, Geschmack, den Kenntnissen und der Denkweise dieses jungen Fürsten eine hohe Meinung gab –« Goethe hatte einen Band der ›Farbenlehre‹ vor sich liegen. »Ich bin«, sagte er, »Ihnen noch immer eine Antwort wegen des Phänomens der farbigen Schatten schuldig. Da dieses aber vieles voraussetzt und mit vielem andern zusammenhängt, so will ich Ihnen auch heute keine aus dem Ganzen herausgerissene Erklärung geben, vielmehr habe ich gedacht, daß es gut sein würde, wenn wir die Abende, die wir zusammenkommen, die ganze ›Farbenlehre‹ miteinander durchlesen. Dadurch haben wir immer einen soliden Gegenstand der Unterhaltung, und Sie selbst werden sich die ganze Lehre zu eigen machen, so daß Sie kaum merken, wie Sie dazu kommen. Das Überlieferte fängt bei Ihnen an zu leben und wieder produktiv zu werden, wodurch ich denn voraussehen daß diese Wissenschaft sehr bald Ihr Eigentum sein wird. Nun lesen Sie den ersten Abschnitt.« Mit diesen Worten legte Goethe mir das aufgeschlagene Buch vor. Ich fühlte mich sehr beglückt durch die gute Absicht, die er mit mir hatte. Ich las von den physiologischen Farben die ersten Paragraphen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »es ist nichts außer uns, was nicht zugleich in uns wäre, und wie die äußere Welt ihre Farben hat, so hat sie auch das Auge. Da es nun bei dieser Wissenschaft ganz vorzüglich auf scharfe Sonderung des Objektiven vom Subjektiven ankommt, so habe ich billig mit den Farben, die dem Auge gehören, den Anfang gemacht, damit wir bei allen Wahrnehmungen immer wohl unterscheiden, ob die Farbe auch wirklich außer uns existiere oder ob es eine bloße Scheinfarbe sei, die sich das Auge selbst erzeugt hat. Ich denke also, daß ich den Vortrag dieser Wissenschaft beim rechten Ende angefaßt habe, indem ich zunächst das Organ berichtige, durch welches alle Wahrnehmungen und Beobachtungen geschehen müssen.« Ich las weiter bis zu den interessanten Paragraphen von den geforderten Farben, wo gelehrt wird, daß das Auge das Bedürfnis des Wechsels habe, indem es nie gerne bei derselbigen Farbe verweile, sondern sogleich eine andere fordere, und zwar so lebhaft, daß es sich solche selbst erzeuge, wenn es sie nicht wirklich vorfinde. Dieses brachte ein großes Gesetz zur Sprache, das durch die ganze Natur geht und worauf alles Leben und alle Freude des Lebens beruhet. »Es ist dieses«, sagte Goethe, »nicht allein mit allen anderen Sinnen so, sondern auch mit unserem höheren geistigen Wesen; aber weil das Auge ein so vorzüglicher Sinn ist, so tritt dieses Gesetz des geforderten Wechsels so auffallend bei den Farben hervor und wird uns bei ihnen so vor allen deutlich bewußt. Wir haben Tänze, die uns im hohen Grade wohlgefallen, weil Dur und Moll in ihnen wechselt, wogegen aber Tänze aus bloßem Dur oder bloßem Moll sogleich ermüden.« »Dasselbe Gesetz«, sagte ich, »scheint einem guten Stil zum Grunde zu liegen, bei welchem wir gerne einen Klang vermeiden, der soeben gehört wurde. Auch beim Theater wäre mit diesem Gesetz viel zu machen, wenn man es gut anzuwenden wüßte. Stücke, besonders Trauerspiele, in denen ein einziger Ton ohne Wechsel durchgeht, haben etwas Lästiges und Ermüdendes, und wenn nun das Orchester bei einem traurigen Stück auch in den Zwischenakten traurige, niederschlagende Musik hören läßt, so wird man von einem unerträglichen Gefühl gepeinigt, dem man gern auf alle Weise entfliehen möchte.« »Vielleicht«, sagte Goethe, »beruhen auch die eingeflochtenen heiteren Szenen in den Shakespearischen Trauerspielen auf diesem Gesetz des geforderten Wechsels; allein auf die höhere Tragödie der Griechen scheint es nicht anwendbar, vielmehr geht bei dieser ein gewisser Grundton durch das Ganze.« »Die griechische Tragödie«, sagte ich, »ist auch nicht von solcher Länge, daß sie bei einem durchgehenden gleichen Ton ermüden könnte; und dann wechseln auch Chöre und Dialog, und der erhabene Sinn ist von solcher Art, daß er nicht lästig werden kann, indem immer eine gewisse tüchtige Realität zum Grunde liegt, die stets heiterer Natur ist.« »Sie mögen recht haben,« sagte Goethe, »und es wäre wohl der Mühe wert; zu untersuchen, inwiefern auch die griechische Tragödie dem allgemeinen Gesetz des geforderten Wechsels unterworfen ist. Aber Sie sehen, wie alles aneinander hängt, und wie sogar ein Gesetz der Farbenlehre auf eine Untersuchung der griechischen Tragödie führen kann. Nur muß man sich hüten, es mit einem solchen Gesetz zu weit treiben und es als Grundlage für vieles andere machen zu wollen; vielmehr geht man sicherer, wenn man es immer nur als ein Analogon, als ein Beispiel gebraucht und anwendet.« Wir sprachen über die Art, wie Goethe seine Farbenlehre vorgetragen, daß er nämlich dabei alles aus großen Urgesetzen abgeleitet und die einzelnen Erscheinungen immer darauf zurückgeführt habe, woraus denn das Faßliche und ein großer Gewinn für den Geist hervorgehe. »Dieses mag sein,« sagte Goethe, »und Sie mögen mich deshalb loben; aber diese Methode erfordert denn auch Schüler, die nicht in der Zerstreuung leben und die fähig sind, die Sache wieder im Grunde aufzufassen. Es sind einige recht hübsche Leute in meiner Farbenlehre heraufgekommen, allein das Unglück ist, sie bleiben nicht auf geradem Wege, sondern ehe ich es mir versehe, weichen sie ab und gehen einer Idee nach statt das Objekt immer gehörig im Auge zu behalten. Aber ein guter Kopf, dem es zugleich um die Wahrheit zu tun wäre, könnte noch immer viel leisten.« Wir sprachen von Professoren, die, nachdem das Bessere gefunden, immer noch die Newtonische Lehre vortragen. »Dies ist nicht zu verwundern,« sagte Goethe; »solche Leute gehen im Irrtum fort, weil sie ihm ihre Existenz verdanken. Sie müßten umlernen, und das wäre eine sehr unbequeme Sache.« – »Aber«, sagte ich, »wie können ihre Experimente die Wahrheit beweisen, da der Grund ihrer Lehre falsch ist?« – »Sie beweisen auch die Wahrheit nicht,« sagte Goethe, »und das ist auch keineswegs ihre Absicht, sondern es liegt ihnen bloß daran, ihre Meinung zu beweisen. Deshalb verbergen sie auch alle solche Experimente, wodurch die Wahrheit an den Tag kommen und die Unhaltbarkeit ihrer Lehre sich darlegen könnte. Und dann, um von den Schülern zu reden, welchem von ihnen wäre es denn um die Wahrheit zu tun? Das sind auch Leute wie andere und völlig zufrieden, wenn sie über die Sache empirisch mitschwatzen können. Das ist alles. Die Menschen sind überhaupt eigener Natur; sobald ein See zugefroren ist, sind sie gleich zu Hunderten darauf und amüsieren sich auf der glatten Oberfläche: aber wem fällt es ein, zu untersuchen, wie tief er ist und welche Arten von Fischen unter dem Eise hin und her schwimmen? Niebuhr hat jetzt einen Handelstraktat zwischen Rom und Karthago entdeckt aus einer sehr frühen Zeit, woraus es erwiesen ist, daß alle Geschichte des Livius vom frühen Zustande des römischen Volkes nichts als Fabeln sind, indem aus jenem Traktat ersichtlich, daß Rom schon sehr früh in einem weit höheren Zustande der Kultur sich befunden, als aus dem Livius hervorgeht. Aber wenn Sie nun glauben, daß dieser entdeckte Traktat in der bisherigen Lehrart der römischen Geschichte eine große Reform hervorbringen werde, so sind Sie im Irrtum. Denken Sie nur immer an den gefrorenen See; so sind die Leute, ich habe sie kennen gelernt, so sind sie und nicht anders.« »Aber doch«, sagte ich, »kann es Ihnen nicht gereuen, daß Sie die ›Farbenlehre‹ geschrieben; denn nicht allein, daß Sie dadurch ein festes Gebäude dieser trefflichen Wissenschaft gegründet, sondern Sie haben auch darin ein Muster wissenschaftlicher Behandlung aufgestellt, woran man sich bei Behandlung ähnlicher Gegenstände immer halten kann.« »Es gereut mich auch keineswegs,« sagte Goethe, »obgleich ich die Mühe eines halben Lebens hineingesteckt habe. Ich hätte vielleicht ein halb Dutzend Trauerspiele mehr geschrieben, das ist alles, und dazu werden sich noch Leute genug nach mir finden. Aber Sie haben recht, ich denke auch, die Behandlung wäre gut; es ist Methode darin. In derselbigen Art habe ich auch eine Tonlehre geschrieben, so wie auch meine ›Metamorphose der Pflanzen‹ auf derselbigen Anschauungs- und Ableitungsweise beruhet. Mit meiner ›Metamorphose der Pflanzen‹ ging es mir eigen; ich kam dazu wie Herschel zu seinen Entdeckungen. Herschel nämlich war so arm, daß er sich kein Fernrohr anschaffen konnte, sondern daß er genötiget war, sich selber eins zu machen. Aber dies war sein Glück; denn dieses selbstfabrizierte war besser als alle anderen, und er machte damit seine großen Entdeckungen. In die Botanik war ich auf empirischem Wege hereingekommen. Nun weiß ich noch recht gut, daß mir bei der Bildung der Geschlechter die Lehre zu weitläufig wurde, als daß ich den Mut hatte, sie zu fassen. Das trieb mich an, der Sache auf eigenem Wege nachzuspüren und dasjenige zu finden, was allen Pflanzen ohne Unterschied gemein wäre, und so entdeckte ich das Gesetz der Metamorphose. Der Botanik nun im einzelnen weiter nachzugehen, liegt gar nicht in meinem Wege, das überlasse ich andern, die es mir auch darin weit zuvortun. Mir lag bloß daran, die einzelnen Erscheinungen auf ein allgemeines Grundgesetz zurückzuführen. So auch hat die Mineralogie nur in einer doppelten Hinsicht Interesse für mich gehabt: zunächst nämlich ihres großen praktischen Nutzens wegen, und dann, um darin ein Dokument über die Bildung der Urwelt zu finden, wozu die Wernersche Lehre Hoffnung machte. Seit man nun aber nach des trefflichen Mannes Tode in dieser Wissenschaft das Oberste zu unterst kehrt, gehe ich in diesem Fache öffentlich nicht weiter mit, sondern halte mich im stillen in meiner Überzeugung fort. In der ›Farbenlehre‹ steht mir nun noch die Entwickelung des Regenbogens bevor, woran ich zunächst gehen werde. Es ist dieses eine äußerst schwierige Aufgabe, die ich jedoch zu lösen hoffe. Es ist mir aus diesem Grunde lieb, jetzt mit Ihnen die ›Farbenlehre‹ wieder durchzugehen, wodurch sich denn, zumal bei Ihrem Interesse für die Sache, alles wieder anfrischet. Ich habe mich«, fuhr Goethe fort, »in den Naturwissenschaften ziemlich nach allen Seiten hin versucht; jedoch gingen meine Richtungen immer nur auf solche Gegenstände, die mich irdisch umgaben und die unmittelbar durch die Sinne wahrgenommen werden konnten; weshalb ich mich denn auch nie mit Astronomie beschäftiget habe, weil hiebei die Sinne nicht mehr ausreichen, sondern weil man hier schon zu Instrumenten, Berechnungen und Mechanik seine Zuflucht nehmen muß, die ein eigenes Leben erfordern und die nicht meine Sache waren. Wenn ich aber in denen Gegenständen, die in meinem Wege lagen, etwas geleistet, so kam mir dabei zugute, daß mein Leben in eine Zeit fiel, die an großen Entdeckungen in der Natur reicher war als irgendeine andere. Schon als Kind begegnete mir Franklins Lehre von der Elektrizität, welches Gesetz er damals soeben gefunden hatte. Und so folgte durch mein ganzes Leben, bis zu dieser Stunde, eine große Entdeckung der andern; wodurch ich denn nicht allein früh auf die Natur hingeleitet, sondern auch später immer fort in der bedeutendsten Anregung gehalten wurde. Jetzt werden Vorschritte getan, auch auf den Wegen, die ich einleitete, wie ich sie nicht ahnden konnte, und es ist mir wie einem, der der Morgenröte entgegengeht und über den Glanz der Sonne erstaunt, wenn diese hervorleuchtet.« Unter den Deutschen nannte Goethe bei dieser Gelegenheit die Namen Carus, D'Alton, Meyer in Königsberg mit Bewunderung. »Wenn nur die Menschen«, fuhr Goethe fort, »das Rechte, nachdem es gefunden, nicht wieder umkehrten und verdüsterten, so wäre ich zufrieden; denn es täte der Menschheit ein Positives not, das man ihr von Generation zu Generation überlieferte, und es wäre doch gut, wenn das Positive zugleich das Rechte und Wahre wäre. In dieser Hinsicht sollte es mich freuen, wenn man in den Naturwissenschaften aufs Reine käme und sodann im Rechten beharrte, und nicht wieder transzendierte, nachdem im Faßlichen alles getan worden. Aber die Menschen können keine Ruhe halten, und ehe man es sich versieht, ist die Verwirrung wieder oben auf. So rütteln sie jetzt an den fünf Büchern Moses, und wenn die vernichtende Kritik irgend schädlich ist, so ist sie es in Religionssachen; denn hiebei beruht alles auf dem Glauben, zu welchem man nicht zurückkehren kann, wenn man ihn einmal verloren hat. In der Poesie ist die vernichtende Kritik nicht so schädlich. Wolf hat den Homer zerstört, doch dem Gedicht hat er nichts anhaben können; denn dieses Gedicht hat die Wunderkraft wie die Helden Walhallas, die sich des Morgens in Stücke hauen und mittags sich wieder mit heilen Gliedern zu Tische setzen.« Goethe war in der besten Laune, und ich war glücklich, ihn abermals über so bedeutende Dinge reden zu hören. »Wir wollen uns nur«, sagte er, »im stillen auf dem rechten Wege forthalten und die übrigen gehen lassen; das ist das Beste.« Mittwoch, den 7. Februar 1827 Goethe schalt heute auf gewisse Kritiker, die nicht mit Lessing zufrieden und an ihn ungehörige Forderungen machen. »Wenn man«, sagte er, »die Stücke von Lessing mit denen der Alten vergleicht und sie schlecht und miserabel findet, was soll man da sagen! – Bedauert doch den außerordentlichen Menschen, daß er in einer so erbärmlichen Zeit leben mußte, die ihm keine besseren Stoffe gab, als in seinen Stücken verarbeitet sind! – Bedauert ihn doch, daß er in seiner ›Minna von Barnhelm‹ an den Händeln der Sachsen und Preußen teilnehmen mußte, weil er nichts Besseres fand! – Auch daß er immerfort polemisch wirkte und wirken mußte, lag in der Schlechtigkeit seiner Zeit. In der ›Emilie Galotti‹ hatte er seine Piken auf die Fürsten, im ›Nathan‹ auf die Pfaffen.« Freitag, den 16. Februar 1827 Ich erzählte Goethen, daß ich in diesen Tagen Winckelmanns Schrift ›Über die Nachahmung griechischer Kunstwerke‹ gelesen, wobei ich gestand, daß es mir oft vorgekommen, als sei Winckelmann damals noch nicht völlig klar über seine Gegenstände gewesen. »Sie haben allerdings recht,« sagte Goethe, »man trifft ihn mitunter in einem gewissen Tasten; allein, was das Große ist, sein Tasten weiset immer auf etwas hin; er ist dem Kolumbus ähnlich, als er die Neue Welt zwar noch nicht entdeckt hatte, aber sie doch schon ahndungsvoll im Sinne trug. Man lernt nichts, wenn man ihn lieset, aber man wird etwas. Meyer ist nun weiter geschritten und hat die Kenntnis der Kunst auf ihren Gipfel gebracht. Seine ›Kunstgeschichte‹ ist ein ewiges Werk; allein er wäre das nicht geworden, wenn er sich nicht in der Jugend an Winckelmann hinaufgebildet hätte und auf dessen Wege fortgegangen wäre. Da sieht man abermals, was ein großer Vorgänger tut, und was es heißt, wenn man sich diesen gehörig zunutze macht.« Mittwoch, den 11. April 1827 Ich ging diesen Mittag um ein Uhr zu Goethe, der mich vor Tisch zu einer Spazierfahrt hatte einladen lassen. Wir fuhren die Straße nach Erfurt. Das Wetter war schön, die Kornfelder zu beiden Seiten des Weges erquickten das Auge mit dem lebhaftesten Grün; Goethe schien in seinen Empfindungen heiter und jung wie der beginnende Lenz, in seinen Worten aber alt an Weisheit. »Ich sage immer und wiederhole es,« begann er, »die Welt könnte nicht bestehen, wenn sie nicht so einfach wäre. Dieser elende Boden wird nun schon tausend Jahre bebaut, und seine Kräfte sind immer dieselbigen. Ein wenig Regen, ein wenig Sonne, und es wird jeden Frühling wieder grün, und so fort.« Ich fand auf diese Worte nichts zu erwidern und hinzuzusetzen. Goethe ließ seine Blicke über die grünenden Felder schweifen, sodann aber, wieder zu mir gewendet, fuhr er über andere Dinge folgendermaßen fort: »Ich habe in diesen Tagen eine wunderliche Lektüre gehabt, nämlich die ›Briefe Jacobis und seiner Freunde‹. Dies ist ein höchst merkwürdiges Buch, und Sie müssen es lesen, nicht um etwas daraus zu lernen, sondern um in den Zustand damaliger Kultur und Literatur hineinzublicken, von dem man keinen Begriff hat. Man sieht lauter gewissermaßen bedeutende Menschen, aber keine Spur von gleicher Richtung und gemeinsamem Interesse, sondern jeder rund abgeschlossen für sich und seinen eigenen Weg gehend, ohne im geringsten an den Bestrebungen des andern teilzunehmen. Sie sind mir vorgekommen wie die Billardkugeln, die auf der grünen Decke blind durcheinander laufen, ohne voneinander zu wissen, und die, sobald sie sich berühren, nur desto weiter auseinander fahren.« Ich lachte über das treffende Gleichnis. Ich erkundigte mich nach den korrespondierenden Personen, und Goethe nannte sie mir, indem er mir über jeden etwas Besonderes sagte. »Jacobi war eigentlich ein geborener Diplomat, ein schöner Mann von schlankem Wuchs, feinen, vornehmen Wesens, der als Gesandter ganz an seinem Platz gewesen wäre. Zum Poeten und Philosophen fehlte ihm etwas, um beides zu sein. Sein Verhältnis zu mir war eigener Art. Er hatte mich persönlich lieb, ohne an meinen Bestrebungen teilzunehmen oder sie wohl gar zu billigen. Es bedurfte daher der Freundschaft, um uns aneinander zu halten. Dagegen war mein Verhältnis mit Schiller so einzig, weil wir das herrlichste Bindungsmittel in unsern gemeinsamen Bestrebungen fanden und es für uns keiner sogenannten besonderen Freundschaft weiter bedurfte.« Ich fragte nach Lessing, ob auch dieser in den Briefen vorkomme. »Nein,« sagte Goethe, »aber Herder und Wieland. Herdern war es nicht wohl bei diesen Verbindungen; er stand zu hoch, als daß ihm das hohle Wesen auf die Länge nicht hätte lästig werden sollen, so wie auch Hamann diese Leute mit überlegenem Geiste behandelte. Wieland, wie immer, erscheint auch in diesen Briefen durchaus heiter und wie zu Hause. An keiner besonderen Meinung hängend, war er gewandt genug, um in alles einzugehen. Er war einem Rohre ähnlich, das der Wind der Meinungen hin und her bewegte, das aber auf seinem Wurzelchen immer feste blieb. Mein persönliches Verhältnis zu Wieland war immer sehr gut, besonders in der früheren Zeit, wo er mir allein gehörte. Seine kleinen Erzählungen hat er auf meine Anregung geschrieben. Als aber Herder nach Weimar kam, wurde Wieland mir ungetreu; Herder nahm ihn mir weg, denn dieses Mannes persönliche Anziehungskraft war sehr groß.« Der Wagen wendete sich zum Rückwege. Wir sahen gegen Osten vielfaches Regengewölk, das sich ineinander schob. »Diese Wolken«, sagte ich, »sind doch so weit gebildet, daß sie jeden Augenblick als Regen niederzugehen drohen. Wäre es möglich, daß sie sich wieder auflösten, wenn das Barometer stiege?« – »Ja,« sagte Goethe, »diese Wolken würden sogleich von oben herein verzehrt und aufgesponnen werden wie ein Rocken. So stark ist mein Glauben an das Barometer. Ja ich sage immer und behaupte: wäre in jener Nacht der großen Überschwemmung von Petersburg das Barometer gestiegen, die Welle hätte nicht herangekonnt. Mein Sohn glaubt beim Wetter an den Einfluß des Mondes, und Sie glauben vielleicht auch daran, und ich verdenke es euch nicht, denn der Mond erscheint als ein zu bedeutendes Gestirn, als daß man ihm nicht eine entschiedene Einwirkung auf unsere Erde zuschreiben sollte; allein die Veränderung des Wetters, der höhere oder tiefere Stand des Barometers rührt nicht vom Mondwechsel her, sondern ist rein tellurisch. Ich denke mir die Erde mit ihrem Dunstkreise gleichnisweise als ein großes lebendiges Wesen, das im ewigen Ein- und Ausatmen begriffen ist. Atmet die Erde ein, so zieht sie den Dunstkreis an sich, so daß er in die Nähe ihrer Oberfläche herankommt und sich verdichtet bis zu Wolken und Regen. Diesen Zustand nenne ich die Wasserbejahung; dauert er über alle Ordnung fort, so würde er die Erde ersäufen. Dies aber gibt sie nicht zu; sie atmet wieder aus und entläßt die Wasserdünste nach oben, wo sie sich in den ganzen Raum der hohen Atmosphäre ausbreiten und sich dergestalt verdünnen, daß nicht allein die Sonne glänzend herdurchgeht, sondern auch sogar die ewige Finsternis des unendlichen Raumes als frisches Blau herdurch gesehen wird. Diesen Zustand der Atmosphäre nenne ich die Wasserverneinung. Denn wie bei dem entgegengesetzten nicht allein häufiges Wasser von oben kommt, sondern auch die Feuchtigkeit der Erde nicht verdunsten und abtrocknen will, so kommt dagegen bei diesem Zustand nicht allein keine Feuchtigkeit von oben, sondern auch die Nässe der Erde selbst verfliegt und geht aufwärts, so daß bei einer Dauer über alle Ordnung hinaus die Erde, auch ohne Sonnenschein, zu vertrocknen und zu verdörren Gefahr liefe.« So sprach Goethe über diesen wichtigen Gegenstand, und ich hörte ihm mit großer Aufmerksamkeit zu. »Die Sache ist sehr einfach,« fuhr er fort, »und so am Einfachen, Durchgreifenden halte ich mich und gehe ihm nach, ohne mich durch einzelne Abweichungen irreleiten zu lassen. Hoher Barometer: Trockenheit, Ostwind; tiefer Barometer: Nässe, Westwind; dies ist das herrschende Gesetz, woran ich mich halte. Wehet aber einmal bei hohem Barometer und Ostwind ein nasser Nebel her, oder haben wir blauen Himmel bei Westwind, so kümmert mich dieses nicht und macht meinen Glauben an das herrschende Gesetz nicht irre, sondern ich sehe daraus bloß, daß auch manches Mitwirkende existiert, dem man nicht sogleich beikommen kann. Ich will Ihnen etwas sagen, woran Sie sich im Leben halten mögen. Es gibt in der Natur ein Zugängliches und ein Unzugängliches. Dieses unterscheide und bedenke man wohl und habe Respekt. Es ist uns schon geholfen, wenn wir es überhaupt nur wissen, wiewohl es immer sehr schwer bleibt, zu sehen, wo das eine aufhört und das andere beginnt. Wer es nicht weiß, quält sich vielleicht lebenslänglich am Unzugänglichen ab, ohne je der Wahrheit nahe zu kommen. Wer es aber weiß und klug ist, wird sich am Zugänglichen halten, und indem er in dieser Region nach allen Seiten geht und sich befestiget, wird er sogar auf diesem Wege dem Unzugänglichen etwas abgewinnen können, wiewohl er hier doch zuletzt gestehen wird, daß manchen Dingen nur bis zu einem gewissen Grade beizukommen ist und die Natur immer etwas Problematisches hinter sich behalte, welches zu ergründen die menschlichen Fähigkeiten nicht hinreichen.« Unter diesen Worten waren wir wieder in die Stadt hereingefahren. Das Gespräch lenkte sich auf unbedeutende Gegenstände, wobei jene hohen Ansichten noch eine Weile in meinem Innern fortleben konnten. Wir waren zu früh zurückgekehrt, um sogleich an Tisch zu gehen, und Goethe zeigte mir vorher noch eine Landschaft von Rubens, und zwar einen Sommerabend. Links im Vordergrunde sah man Feldarbeiter nach Hause gehen; in der Mitte des Bildes folgte eine Herde Schafe ihrem Hirten dem Dorfe zu; rechts tiefer im Bilde stand ein Heuwagen, um welchen Arbeiter mit Aufladen beschäftigt waren, abgespannte Pferde graseten nebenbei; sodann abseits in Wiesen und Gebüsch zerstreut weideten mehrere Stuten mit ihren Fohlen, denen man ansah, daß sie auch in der Nacht draußen bleiben würden. Verschiedene Dörfer und eine Stadt schlossen den hellen Horizont des Bildes, worin man den Begriff von Tätigkeit und Ruhe auf das anmutigste ausgedrückt fand. Das Ganze schien mir mit solcher Wahrheit zusammen zu hängen und das Einzelne lag mir mit solcher Treue vor Augen, daß ich die Meinung äußerte: Rubens habe dieses Bild wohl ganz nach der Natur abgeschrieben. »Keineswegs,« sagte Goethe, »ein so vollkommenes Bild ist niemals in der Natur gesehen worden, sondern wir verdanken diese Komposition dem poetischen Geiste des Malers. Aber der große Rubens hatte ein so außerordentliches Gedächtnis, daß er die ganze Natur im Kopfe trug und sie ihm in ihren Einzelnheiten immer zu Befehl war. Daher kommt diese Wahrheit des Ganzen und Einzelnen, so daß wir glauben, alles sei eine reine Kopie nach der Natur. Jetzt wird eine solche Landschaft gar nicht mehr gemacht, diese Art zu empfinden und die Natur zu sehen, ist ganz verschwunden, es mangelt unsern Malern an Poesie. Und dann sind unsere jungen Talente sich selber überlassen, es fehlen die lebendigen Meister, die sie in die Geheimnisse der Kunst einführen. Zwar ist auch von den Toten etwas zu lernen, allein dieses ist, wie es sich zeigt, mehr ein Absehen von Einzelnheiten als ein Eindringen in eines Meisters tiefere Art zu denken und zu verfahren.« Frau und Herr von Goethe traten herein, und wir setzten uns zu Tisch. Die Gespräche wechselten über heitere Gegenstände des Tages: Theater, Bälle und Hof, flüchtig hin und her. Bald aber waren wir wieder auf ernstere Dinge geraten, und wir sahen uns in einem Gespräch über Religionslehren in England tief befangen. »Ihr müßtet, wie ich,« sagte Goethe, »seit funfzig Jahren die Kirchengeschichte studiert haben, um zu begreifen, wie das alles zusammenhängt. Dagegen ist es höchst merkwürdig, mit welchen Lehren die Mohammedaner ihre Erziehung beginnen. Als Grundlage in der Religion befestigen sie ihre Jugend zunächst in der Überzeugung, daß dem Menschen nichts begegnen könne, als was ihm von einer alles leitenden Gottheit längst bestimmt worden; und somit sind sie denn für ihr ganzes Leben ausgerüstet und beruhigt und bedürfen kaum eines Weiteren. Ich will nicht untersuchen, was an dieser Lehre Wahres oder Falsches, Nützliches oder Schädliches sein mag, aber im Grunde liegt von diesem Glauben doch etwas in uns allen, auch ohne daß es uns gelehrt worden. Die Kugel, auf der mein Name nicht geschrieben steht, wird mich nicht treffen, sagt der Soldat in der Schlacht; und wie sollte er ohne diese Zuversicht in den dringendsten Gefahren Mut und Heiterkeit behalten! Die Lehre des christlichen Glaubens: kein Sperling fällt vom Dache ohne den Willen eures Vaters, ist aus derselbigen Quelle hervorgegangen und deutet auf eine Vorsehung, die das Kleinste im Auge hält und ohne deren Willen und Zulassen nichts geschehen kann. Sodann ihren Unterricht in der Philosophie beginnen die Mohammedaner mit der Lehre, daß nichts existiere, wovon sich nicht das Gegenteil sagen lasse; und so üben sie den Geist der Jugend, indem sie ihre Aufgaben darin bestehen lassen, von jeder aufgestellten Behauptung die entgegengesetzte Meinung zu finden und auszusprechen, woraus eine große Gewandtheit im Denken und Reden hervorgehen muß. Nun aber, nachdem von jedem aufgestellten Satze das Gegenteil behauptet worden, entsteht der Zweifel , welches denn von beiden das eigentlich Wahre sei. Im Zweifel aber ist kein Verharren, sondern er treibt den Geist zu näherer Untersuchung und Prüfung , woraus denn, wenn diese auf eine vollkommene Weise geschieht, die Gewißheit hervorgeht, welches das Ziel ist, worin der Mensch seine völlige Beruhigung findet. Sie sehen, daß dieser Lehre nichts fehlt und daß wir mit allen unsern Systemen nicht weiter sind und daß überhaupt niemand weiter gelangen kann.« »Ich werde dadurch«, sagte ich, »an die Griechen erinnert, deren philosophische Erziehungsweise eine ähnliche gewesen sein muß wie uns dieses ihre Tragödie beweiset, deren Wesen im Verlauf der Handlung auch ganz und gar auf dem Widerspruch beruhet, indem niemand der redenden Personen etwas behaupten kann, wovon der andere nicht ebenso klug das Gegenteil zu sagen wüßte.« »Sie haben vollkommen recht,« sagte Goethe; »auch fehlt der Zweifel nicht, welcher im Zuschauer oder Leser erweckt wird; so wie wir denn am Schluß durch das Schicksal zur Gewißheit gelangen, welches sich an das Sittliche anschließt und dessen Partei führt.« Wir standen von Tisch auf, und Goethe nahm mich mit hinab in den Garten, um unsere Gespräche fortzusetzen. »An Lessing«, sagte ich, »ist es merkwürdig, daß er in seinen theoretischen Schriften, z. B. im ›Laokoon‹, nie geradezu auf Resultate losgeht, sondern uns immer erst jenen philosophischen Weg durch Meinung, Gegenmeinung und Zweifel herumführt, ehe er uns endlich zu einer Art von Gewißheit gelangen läßt. Wir sehen mehr die Operation des Denkens und Findens, als daß wir große Ansichten und große Wahrheiten erhielten, die unser eigenes Denken anzuregen und uns selbst produktiv zu machen geeignet wären.« »Sie haben wohl recht«, sagte Goethe. »Lessing soll selbst einmal geäußert haben, daß, wenn Gott ihm die Wahrheit geben wolle, er sich dieses Geschenk verbitten, vielmehr die Mühe vorziehen würde, sie selber zu suchen. Jenes philosophische System der Mohammedaner ist ein artiger Maßstab, den man an sich und andere anlegen kann, um zu erfahren, auf welcher Stufe geistiger Tugend man denn eigentlich stehe. Lessing hält sich, seiner polemischen Natur nach, am liebsten in der Region der Widersprüche und Zweifel auf; das Unterscheiden ist seine Sache, und dabei kam ihm sein großer Verstand auf das herrlichste zustatten. Mich selbst werden Sie dagegen ganz anders finden; ich habe mich nie auf Widersprüche eingelassen, die Zweifel habe ich in meinem Innern auszugleichen gesucht, und nur die gefundenen Resultate habe ich ausgesprochen.« Ich fragte Goethe, welchen der neueren Philosophen er für den vorzüglichsten halte. »Kant«, sagte er, »ist der vorzüglichste, ohne allen Zweifel. Er ist auch derjenige, dessen Lehre sich fortwirkend erwiesen hat, und die in unsere deutsche Kultur am tiefsten eingedrungen ist. Er hat auch auf Sie gewirkt, ohne daß Sie ihn gelesen haben. Jetzt brauchen Sie ihn nicht mehr, denn was er Ihnen geben konnte, besitzen Sie schon. Wenn Sie einmal später etwas von ihm lesen wollen, so empfehle ich Ihnen seine ›Kritik der Urteilskraft‹, worin er die Rhetorik vortrefflich, die Poesie leidlich, die bildende Kunst aber unzulänglich behandelt hat.« »Haben Eure Exzellenz je zu Kant ein persönliches Verhältnis gehabt?« fragte ich. »Nein«, sagte Goethe. »Kant hat nie von mir Notiz genommen, wiewohl ich aus eigener Natur einen ähnlichen Weg ging als er. Meine ›Metamorphose der Pflanzen‹ habe ich geschrieben, ehe ich etwas von Kant wußte, und doch ist sie ganz im Sinne seiner Lehre. Die Unterscheidung des Subjekts vom Objekt, und ferner die Ansicht, daß jedes Geschöpf um sein selbst willen existiert, und nicht etwa der Korkbaum gewachsen ist, damit wir unsere Flaschen pfropfen können: dieses hatte Kant mit mir gemein, und ich freute mich, ihm hierin zu begegnen. Später schrieb ich die Lehre vom Versuch, welche als Kritik von Subjekt und Objekt und als Vermittlung von beiden anzusehen ist. Schiller pflegte mir immer das Studium der Kantischen Philosophie zu widerraten. Er sagte gewöhnlich, Kant könne mir nichts geben. Er selbst studierte ihn dagegen eifrig, und ich habe ihn auch studiert, und zwar nicht ohne Gewinn.« Unter diesen Gesprächen gingen wir im Garten auf und ab. Die Wolken hatten sich indes verdichtet, und es fing an zu tröpfeln, so daß wir genötiget waren, uns in das Haus zurückzuziehen, wo wir denn unsere Unterhaltungen noch eine Weile fortsetzten. Mittwoch, den 20. Juni 1827 Der Familientisch zu fünf Kuverts stand gedeckt, die Zimmer waren leer und kühl, welches bei der großen Hitze sehr wohl tat. Ich trat in das geräumige, an den Speisesaal angrenzende Zimmer, worin der gewirkte Fußteppich liegt und die kolossale Büste der Juno steht. Ich war nicht lange allein auf und ab gegangen, als Goethe, aus seinem Arbeitszimmer kommend, hereintrat und mich in seiner herzlichen Art liebevoll begrüßte und anredete. Er setzte sich auf einen Stuhl am Fenster. »Nehmen Sie sich auch ein Stühlchen,« sagte er, »und setzen Sie sich zu mir, wir wollen ein wenig reden, bis die übrigen kommen. Es ist mir lieb, daß Sie doch auch den Grafen Sternberg bei mir haben kennen gelernt; er ist wieder abgereiset, und ich bin nun ganz wieder in der gewohnten Tätigkeit und Ruhe.« »Die Persönlichkeit des Grafen«, sagte ich, »ist mir sehr bedeutend erschienen, nicht weniger seine großen Kenntnisse; denn das Gespräch mochte sich lenken, wohin es wollte, er war überall zu Hause und sprach über alles gründlich und umsichtig mit großer Leichtigkeit.« »Ja,« sagte Goethe, »er ist ein höchst bedeutender Mann, und sein Wirkungskreis und seine Verbindungen in Deutschland sind groß. Als Botaniker ist er durch seine ›Flora subterranea‹ in ganz Europa bekannt; so auch ist er als Mineraloge von großer Bedeutung. Kennen Sie seine Geschichte?« – »Nein,« sagte ich, »aber ich möchte gerne etwas über ihn erfahren. Ich sah ihn als Grafen und Weltmann, zugleich als vielseitigen tiefen Gelehrten: dieses ist mir ein Problem, das ich gerne möchte gelöset sehen.« Goethe erzählte mir darauf, wie der Graf, als Jüngling zum geistlichen Stande bestimmt, in Rom seine Studien begonnen, darauf aber, nachdem Östreich gewisse Vergünstigungen zurückgenommen, nach Neapel gegangen sei. Und so erzählte Goethe weiter, gründlich, interessant und bedeutend, ein merkwürdiges Leben, der Art, daß es die ›Wanderjahre‹ zieren würde, das ich aber hier zu wiederholen mich nicht geschickt fühle. Ich war höchst glücklich, ihm zuzuhören, und dankte ihm mit meiner ganzen Seele. Das Gespräch lenkte sich nun auf die böhmischen Schulen und ihre großen Vorzüge, besonders in bezug auf eine gründliche ästhetische Bildung. Herr und Frau von Goethe und Fräulein Ulrike von P. waren indessen auch hereingekommen, und wir setzten uns zu Tisch. Die Gespräche wechselten heiter und mannigfaltig, besonders aber waren die Frömmler einiger norddeutschen Städte ein oft wiederkehrender Gegenstand. Es ward bemerkt, daß diese pietistischen Absonderungen ganze Familien miteinander uneins gemacht und zersprengt hätten. Ich konnte einen ähnlichen Fall erzählen, wo ich fast einen trefflichen Freund verloren, weil es ihm nicht gelingen wollen, mich zu seiner Meinung zu bekehren. »Dieser«, sagte ich, »war ganz von dem Glauben durchdrungen, daß alles Verdienst und alle gute Werke nichts seien, und daß der Mensch bloß durch die Gnade Christi ein gutes Verhältnis zur Gottheit gewinnen könne.« – »Etwas Ähnliches«, sagte Frau von Goethe, »hat auch eine Freundin zu mir gesagt, aber ich weiß noch immer nicht, was es mit diesen guten Werken und dieser Gnade für eine Bewandtnis hat.« »So wie alle diese Dinge«, sagte Goethe, »heutiges Tages in der Welt in Kurs und Gespräch sind, ist es nichts als ein Mantsch, und vielleicht niemand von euch weiß, wo es herkommt. Ich will es euch sagen. Die Lehre von den guten Werken, daß nämlich der Mensch durch Gutestun, Vermächtnisse und milde Stiftungen eine Sünde abverdienen und sich überhaupt in der Gnade Gottes dadurch heben könne, ist katholisch. Die Reformatoren aber, aus Opposition, verwarfen diese Lehre und setzten dafür an die Stelle, daß der Mensch einzig und allein trachten müsse, die Verdienste Christi zu erkennen und sich seiner Gnaden teilhaftig zu machen, welches denn freilich auch zu guten Werken führe. So ist es; aber heutiges Tags wird alles durcheinander gemengt und verwechselt, und niemand weiß, woher die Dinge kommen.« Ich bemerkte mehr in Gedanken, als daß ich es aussprach, daß die verschiedene Meinung in Religionssachen doch von jeher die Menschen entzweit und zu Feinden gemacht habe, ja daß sogar der erste Mord durch eine Abweichung in der Verehrung Gottes herbeigeführet sei. Ich sagte, daß ich dieser Tage Byrons ›Kain‹ gelesen und besonders den dritten Akt und die Motivierung des Totschlages bewundert habe. »Nicht wahr,« sagte Goethe, »das ist vortrefflich motiviert! Es ist von so einziger Schönheit, daß es in der Welt nicht zum zweiten Male vorhanden ist.« »Der ›Kain‹«, sagte ich, »war doch anfänglich in England verboten, jetzt aber lieset ihn jedermann, und die reisenden jungen Engländer führen gewöhnlich einen kompletten Byron mit sich.« »Es ist auch Torheit,« sagte Goethe, »denn im Grunde steht im ganzen ›Kain‹ doch nichts, als was die englischen Bischöfe selber lehren.« Der Kanzler ließ sich melden und trat herein und setzte sich zu uns an den Tisch. So auch kamen Goethes Enkel, Walter und Wolfgang, nacheinander gesprungen. Wolf schmiegte sich an den Kanzler. »Hole dem Herrn Kanzler«, sagte Goethe, »dein Stammbuch und zeige ihm deine Prinzeß und was dir der Graf Sternberg geschrieben.« Wolf sprang hinauf und kam bald mit dem Buche zurück. Der Kanzler betrachtete das Porträt der Prinzeß mit beigeschriebenen Versen von Goethe. Er durchblätterte das Buch ferner und traf auf Zelters Inschrift und las laut heraus: Lerne gehorchen! »Das ist doch das einzige vernünftige Wort,« sagte Goethe lachend, »was im ganzen Buche steht. Ja, Zelter ist immer grandios und tüchtig! Ich gehe jetzt mit Riemer seine Briefe durch, die ganz unschätzbare Sachen enthalten. Besonders sind die Briefe, die er mir auf Reisen geschrieben, von vorzüglichem Wert; denn da hat er als tüchtiger Baumeister und Musikus den Vorteil, daß es ihm nie an bedeutenden Gegenständen des Urteils fehlt. Sowie er in eine Stadt eintritt, stehen die Gebäude vor ihm und sagen ihm, was sie Verdienstliches und Mangelhaftes an sich tragen. Sodann ziehen die Musikvereine ihn sogleich in ihre Mitte und zeigen sich dem Meister in ihren Tugenden und Schwächen. Wenn ein Geschwindschreiber seine Gespräche mit seinen musikalischen Schülern aufgeschrieben hätte, so besäßen wir etwas ganz Einziges in seiner Art. Denn in diesen Dingen ist Zelter genial und groß und trifft immer den Nagel auf den Kopf.« Donnerstag, den 5. Juli 1827 Heute gegen Abend begegnete Goethe mir am Park, von einer Spazierfahrt zurückkommend. Im Vorbeifahren winkte er mir mit der Hand, daß ich ihn besuchen möchte. Ich wendete daher sogleich um nach seinem Hause, wo ich den Oberbaudirektor Coudray fand. Goethe stieg aus, und wir gingen mit ihm die Treppen hinauf. Wir setzten uns in dem sogenannten Junozimmer um einen runden Tisch. Wir hatten nicht lange geredet, als auch der Kanzler hereintrat und sich zu uns gesellte. Das Gespräch wendete sich um politische Gegenstände: Wellingtons Gesandtschaft nach Petersburg und deren wahrscheinliche Folgen, Kapodistrias, die verzögerte Befreiung Griechenlands, die Beschränkung der Türken auf Konstantinopel und dergleichen. Auch frühere Zeiten unter Napoleon kamen zur Sprache, besonders aber über den Herzog von Enghien und sein unvorsichtiges revolutionäres Betragen ward viel geredet. Sodann kam man auf friedlichere Dinge, und Wielands Grab zu Oßmannstedt war ein vielbesprochener Gegenstand unserer Unterhaltung. Oberbaudirektor Coudray erzählte, daß er mit einer eisernen Einfassung des Grabes beschäftigt sei. Er gab uns von seiner Intention eine deutliche Idee, indem er die Form des eisernen Gitterwerks auf ein Stück Papier vor unsern Augen hinzeichnete. Als der Kanzler und Coudray gingen, bat Goethe mich, noch ein wenig bei ihm zu bleiben. »Da ich in Jahrtausenden lebe,« sagte er, »so kommt es mir immer wunderlich vor, wenn ich von Statuen und Monumenten höre. Ich kann nicht an eine Bildsäule denken, die einem verdienten Manne gesetzt wird, ohne sie im Geiste schon von künftigen Kriegern umgeworfen und zerschlagen zu sehen. Coudrays Eisenstäbe um das Wielandische Grab sehe ich schon als Hufeisen unter den Pferdefüßen einer künftigen Kavallerie blinken, und ich kann noch dazu sagen, daß ich bereits einen ähnlichen Fall in Frankfurt erlebt habe. Das Wielandische Grab liegt überdies viel zu nahe an der Ilm; der Fluß braucht in seiner raschen Biegung kaum einhundert Jahre am Ufer fortzuzehren, und er wird die Toten erreicht haben.« Wir scherzten mit gutem Humor über die entsetzliche Unbeständigkeit der irdischen Dinge und nahmen sodann Coudrays Zeichnung wieder zur Hand und freuten uns an den zarten und kräftigen Zügen der englischen Bleifeder, die dem Zeichner so zu Willen gewesen war, daß der Gedanke unmittelbar ohne den geringsten Verlust auf dem Papiere stand. Dies führte das Gespräch auf Handzeichnungen, und Goethe zeigte mir eine ganz vortreffliche eines italienischen Meisters, den Knaben Jesus darstellend im Tempel unter den Schriftgelehrten. Daneben zeigte er mir einen Kupferstich, der nach dem ausgeführten Bilde gemacht war, und man konnte viele Betrachtungen anstellen, die alle zugunsten der Handzeichnungen hinausliefen. »Ich bin in dieser Zeit so glücklich gewesen,« sagte Goethe, »viele treffliche Handzeichnungen berühmter Meister um ein Billiges zu kaufen. Solche Zeichnungen sind unschätzbar, nicht allein, weil sie die rein geistige Intention des Künstlers geben, sondern auch, weil sie uns unmittelbar in die Stimmung versetzen, in welcher der Künstler sich in dem Augenblick des Schaffens befand. Aus dieser Zeichnung des Jesusknaben im Tempel blickt aus allen Zügen große Klarheit und heitere, stille Entschiedenheit im Gemüte des Künstlers, welche wohltätige Stimmung in uns übergeht, sowie wir das Bild betrachten. Zudem hat die bildende Kunst den großen Vorteil, daß sie rein objektiver Natur ist und uns zu sich herannötiget, ohne unsere Empfindungen heftig anzuregen. Ein solches Werk steht da und spricht entweder gar nicht, oder auf eine ganz entschiedene Weise. Ein Gedicht dagegen macht einen weit vageren Eindruck, es erregt die Empfindungen, und bei jedem andere, nach der Natur und Fähigkeit des Hörers.« »Ich habe«, sagte ich, »dieser Tage den trefflichen englischen Roman ›Roderik Random‹ von Smollett gelesen; dieser kam dem Eindruck einer guten Handzeichnung sehr nahe. Eine unmittelbare Darstellung, keine Spur von einer Hinneigung zum Sentimentalen, sondern das wirkliche Leben steht vor uns, wie es ist, oft widerwärtig und abscheulich genug, aber im ganzen immer heiteren Eindruckes, wegen der ganz entschiedenen Realität.« »Ich habe den ›Roderik Random‹ oft rühmen hören,« sagte Goethe, »und glaube, was Sie mir von ihm erwähnen; doch ich habe ihn nie gelesen. Kennen Sie den ›Rasselas‹ von Johnson? Lesen Sie ihn doch auch einmal und sagen Sie mir, wie Sie ihn finden.« Ich versprach dieses zu tun. »Auch in Lord Byron«, sagte ich, »finde ich häufig Darstellungen, die ganz unmittelbar dastehen und uns rein den Gegenstand geben, ohne unser inneres Sentiment auf eine andere Weise anzuregen, als es eine unmittelbare Handzeichnung eines guten Malers tut. Besonders der ›Don Juan‹ ist an solchen Stellen reich.« »Ja,« sagte Goethe, »darin ist Lord Byron groß; seine Darstellungen haben eine so leicht hingeworfene Realität, als wären sie improvisiert. Von ›Don Juan‹ kenne ich wenig; allein aus seinen anderen Gedichten sind mir solche Stellen im Gedächtnis, besonders Seestücke, wo hin und wieder ein Segel herausblickt, ganz unschätzbar, so daß man sogar die Wasserlust mit zu empfinden glaubt.« »In seinem ›Don Juan‹«, sagte ich, »habe ich besonders die Darstellung der Stadt London bewundert, die man aus seinen leichten Versen heraus mit Augen zu sehen wähnt. Und dabei macht er sich keineswegs viele Skrupel, ob ein Gegenstand poetisch sei oder nicht, sondern er ergreift und gebraucht alles, wie es ihm vorkommt, bis auf die gekräuselten Perücken vor den Fenstern der Haarschneider und bis auf die Männer, welche die Straßenlaternen mit Öl versehen.« »Unsere deutschen Ästhetiker«, sagte Goethe, »reden zwar viel von poetischen und unpoetischen Gegenständen, und sie mögen auch in gewisser Hinsicht nicht ganz unrecht haben; allein im Grunde bleibt kein realer Gegenstand unpoetisch, sobald der Dichter ihn gehörig zu gebrauchen weiß.« »Sehr wahr!« sagte ich, »und ich möchte wohl, daß diese Ansicht zur allgemeinen Maxime würde.« Wir sprachen darauf über die beiden ›Foscari‹, wobei ich die Bemerkung machte, daß Byron ganz vortreffliche Frauen zeichne. »Seine Frauen«, sagte Goethe, »sind gut. Es ist aber auch das einzige Gefäß, was uns Neueren noch geblieben ist, um unsere Idealität hineinzugehen. Mit den Männern ist nichts zu tun. Im Achill und Odysseus, dem Tapfersten und Klügsten, hat der Homer alles vorweggenommen.« »Übrigens», fuhr ich fort, »haben die ›Foscari‹ wegen der durchgehenden Folterqualen etwas Apprehensives, und man begreift kaum, wie Byron im Innern dieses peinlichen Gegenstandes so lange leben konnte, um das Stück zu machen.« »Dergleichen war ganz Byrons Element,« sagte Goethe, »er war ein ewiger Selbstquäler; solche Gegenstände waren daher seine Lieblingsthemata, wie Sie aus allen seinen Sachen sehen, unter denen fast nicht ein einziges heiteres Sujet ist. Aber nicht wahr, die Darstellung ist auch bei den ›Foscari‹ zu loben?« »Sie ist vortrefflich,« sagte ich; »jedes Wort ist stark, bedeutend und zum Ziele führend, so wie ich überhaupt bis jetzt in Byron noch keine matte Zeile gefunden habe. Es ist mir immer, als sähe ich ihn aus den Meereswellen kommen, frisch und durchdrungen von schöpferischen Urkräften.« – »Sie haben ganz recht,« sagte Goethe, »es ist so.« – »Je mehr ich ihn lese,« fuhr ich fort, »je mehr bewundere ich die Größe seines Talents, und Sie haben ganz recht getan, ihm in der ›Helena‹ das unsterbliche Denkmal der Liebe zu setzen.« »Ich konnte als Repräsentanten der neuesten poetischen Zeit«, sagte Goethe, »niemanden gebrauchen als ihn, der ohne Frage als das größte Talent des Jahrhunderts anzusehen ist. Und dann, Byron ist nicht antik und ist nicht romantisch, sondern er ist wie der gegenwärtige Tag selbst. Einen solchen mußte ich haben. Auch paßte er übrigens ganz wegen seines unbefriedigten Naturells und seiner kriegerischen Tendenz, woran er in Missolunghi zugrunde ging. Eine Abhandlung über Byron zu schreiben, ist nicht bequem und rätlich, aber gelegentlich ihn zu ehren und auf ihn im einzelnen hinzuweisen, werde ich auch in der Folge nicht unterlassen.« Da die ›Helena‹ einmal zur Sprache gebracht war, so redete Goethe darüber weiter. »Ich hatte den Schluß«, sagte er, »früher ganz anders im Sinne, ich hatte ihn mir auf verschiedene Weise ausgebildet, und einmal auch recht gut; aber ich will es euch nicht verraten. Dann brachte mir die Zeit dieses mit Lord Byron und Missolunghi, und ich ließ gern alles übrige fahren. Aber haben Sie bemerkt, der Chor fällt bei dem Trauergesang ganz aus der Rolle; er ist früher und durchgehende antik gehalten oder verleugnet doch nie seine Mädchennatur, hier aber wird er mit einem Mal ernst und hoch reflektierend und spricht Dinge aus, woran er nie gedacht hat und auch nie hat denken können.« »Allerdings«, sagte ich, »habe ich dieses bemerkt; allein seitdem ich Rubens' Landschaft mit den doppelten Schatten gesehen, und seitdem der Begriff der Fiktionen mir aufgegangen ist, kann mich dergleichen nicht irre machen. Solche kleine Widersprüche können bei einer dadurch erreichten höheren Schönheit nicht in Betracht kommen. Das Lied mußte nun einmal gesungen werden, und da kein anderer Chor gegenwärtig war, so mußten es die Mädchen singen.« »Mich soll nur wundern,« sagte Goethe lachend, »was die deutschen Kritiker dazu sagen werden; ob sie werden Freiheit und Kühnheit genug haben, darüber hinwegzukommen. Den Franzosen wird der Verstand im Wege sein, und sie werden nicht bedenken, daß die Phantasie ihre eigenen Gesetze hat, denen der Verstand nicht beikommen kann und soll. Wenn durch die Phantasie nicht Dinge entständen, die für den Verstand ewig problematisch bleiben, so wäre überhaupt zu der Phantasie nicht viel. Dies ist es, wodurch sich die Poesie von der Prosa unterscheidet, bei welcher der Verstand immer zu Hause ist und sein mag und soll.« Ich freute mich dieses bedeutenden Wortes und merkte es mir. Darauf schickte ich mich an zum Gehen, denn es war gegen zehn Uhr geworden. Wir saßen ohne Licht, die helle Sommernacht leuchtete aus Norden über den Ettersberg herüber. Montag abend, den 9. Juli 1827 Ich fand Goethe allein, in Betrachtung der Gipspasten nach dem Stoschischen Kabinett. »Man ist in Berlin so freundlich gewesen,«sagte er, »mir diese ganze Sammlung zur Ansicht herzusenden; ich kenne die schönen Sachen schon dem größten Teile nach, hier aber sehe ich sie in der belehrenden Folge, wie Winckelmann sie geordnet hat; auch benutze ich seine Beschreibung und sehe seine Meinung nach in Fällen, wo ich selber zweifle.« Wir hatten nicht lange geredet, als der Kanzler hereintrat und sich zu uns setzte. Er erzählte uns Nachrichten aus öffentlichen Blättern, unter andern von einem Wärter einer Menagerie, der aus Gelüste nach Löwenfleisch einen Löwen getötet und sich ein gutes Stück davon zubereitet habe. »Mich wundert,« sagte Goethe, »daß er nicht einen Affen genommen hat, welches ein gar zarter schmackhafter Bissen sein soll.« Wir sprachen über die Häßlichkeit dieser Bestien, und daß sie desto unangenehmer, je ähnlicher die Rasse dem Menschen sei. »Ich begreife nicht,« sagte der Kanzler, »wie fürstliche Personen solche Tiere in ihrer Nähe dulden, ja vielleicht gar Gefallen daran finden können.« – »Fürstliche Personen«, sagte Goethe, »werden so viel mit widerwärtigen Menschen geplagt, daß sie die widerwärtigeren Tiere als Heilmittel gegen dergleichen unangenehme Eindrücke betrachten. Uns andern sind Affen und Geschrei der Papageien mit Recht widerwärtig, weil wir diese Tiere hier in einer Umgebung sehen, für die sie nicht gemacht sind. Wären wir aber in dem Fall, auf Elefanten unter Palmen zu reiten, so würden wir in einem solchen Element Affen und Papageien ganz gehörig, ja vielleicht gar erfreulich finden. Aber, wie gesagt, die Fürsten haben recht, etwas Widerwärtiges mit etwas noch Widerwärtigerem zu vertreiben.« – »Hiebei«, sagte ich, »fällt mir ein Vers ein, den Sie vielleicht selber nicht mehr wissen: Wollen die Menschen Bestien sein, So bringt nur Tiere zur Stube herein, Das Widerwärtige wird sich mindern; Wir sind eben alle von Adams Kindern.« Goethe lachte. »Ja,« sagte er, »es ist so. Eine Roheit kann nur durch eine andere ausgetrieben werden, die noch gewaltiger ist. Ich erinnere mich eines Falles aus meiner früheren Zeit, wo es unter den Adligen hin und wieder noch recht bestialische Herren gab, daß bei Tafel in einer vorzüglichen Gesellschaft und in Anwesenheit von Frauen ein reicher Edelmann sehr massive Reden führte zur Unbequemlichkeit und zum Ärgernis aller, die ihn hören mußten. Mit Worten war gegen ihn nichts auszurichten. Ein entschlossener ansehnlicher Herr, der ihm gegenübersaß, wählte daher ein anderes Mittel, indem er sehr laut eine grobe Unanständigkeit beging, worüber alle erschraken und jener Grobian mit, so daß er sich gedämpft fühlte und nicht wieder den Mund auftat. Das Gespräch nahm von diesem Augenblick an eine anmutige heitere Wendung zur Freude aller Anwesenden, und man wußte jenem entschlossenen Herrn für seine unerhörte Kühnheit vielen Dank in Erwägung der trefflichen Wirkung, die sie getan hatte.« Nachdem wir uns an dieser heiteren Anekdote ergötzt hatten, brachte der Kanzler das Gespräch auf die neuesten Zustände zwischen der Oppositions- und der ministeriellen Partei zu Paris, indem er eine kräftige Rede fast wörtlich rezitierte, die ein äußerst kühner Demokrat zu seiner Verteidigung vor Gericht gegen die Minister gehalten. Wir hatten Gelegenheit, das glückliche Gedächtnis des Kanzlers abermals zu bewundern. Über jene Angelegenheit und besonders das einschränkende Preßgesetz ward zwischen Goethe und dem Kanzler viel hin und wider gesprochen; es war ein reichhaltiges Thema, wobei sich Goethe wie immer als milder Aristokrat erwies, jener Freund aber wie bisher scheinbar auf der Seite des Volkes festhielt. »Mir ist für die Franzosen in keiner Hinsicht bange,« sagte Goethe; »sie stehen auf einer solchen Höhe welthistorischer Ansicht, daß der Geist auf keine Weise mehr zu unterdrücken ist. Das einschränkende Gesetz wird nur wohltätig wirken, zumal da die Einschränkungen nichts Wesentliches betreffen, sondern nur gegen Persönlichkeiten gehen. Eine Opposition, die keine Grenzen hat, wird platt. Die Einschränkung aber nötigt sie, geistreich zu sein, und dies ist ein sehr großer Vorteil. Direkt und grob seine Meinung herauszusagen, mag nur entschuldigt werden können und gut sein, wenn man durchaus recht hat. Eine Partei aber hat nicht durchaus recht, eben weil sie Partei ist, und ihr steht daher die indirekte Weise wohl, worin die Franzosen von je große Muster waren. Zu meinem Diener sage ich gradezu: ›Hans, zieh mir die Stiefel aus!‹ Das versteht er. Bin ich aber mit einem Freunde und ich wünsche von ihm diesen Dienst, so kann ich mich nicht so direkt ausdrücken, sondern ich muß auf eine anmutige, freundliche Wendung sinnen, wodurch ich ihn zu diesem Liebesdienst bewege. Die Nötigung regt den Geist auf, und aus diesem Grunde, wie gesagt, ist mir die Einschränkung der Preßfreiheit sogar lieb. Die Franzosen haben bisher immer den Ruhm gehabt, die geistreichste Nation zu sein, und sie verdienen es zu bleiben. Wir Deutschen fallen mit unserer Meinung gerne gerade heraus und haben es im Indirekten noch nicht sehr weit gebracht. Die Pariser Parteien«, fuhr Goethe fort, »könnten noch größer sein, als sie sind, wenn sie noch liberaler und freier wären und sich gegenseitig noch mehr zugeständen, als sie tun. Sie stehen auf einer höheren Stufe welthistorischer Ansicht als die Engländer, deren Parlament gegeneinander wirkende gewaltige Kräfte sind, die sich paralysieren und wo die große Einsicht eines einzelnen Mühe hat durchzudringen, wie wir an Canning und den vielen Quengeleien sehen, die man diesem großen Staatsmanne macht.« Wir standen auf, um zu gehen. Goethe aber war so voller Leben, daß das Gespräch noch eine Weile stehend fortgesetzt wurde. Dann entließ er uns liebevoll, und ich begleitete den Kanzler nach seiner Wohnung. Es war ein schöner Abend, und wir sprachen im Gehen viel über Goethe. Besonders aber wiederholten wir uns gerne jenes Wort, daß eine Opposition ohne Einschränkung platt werde. Sonntag, den 15. Juli 1827 Ich ging diesen Abend nach acht Uhr zu Goethe, den ich soeben aus seinem Garten zurückgekehrt fand. »Sehen Sie nur, was da liegt!« sagte er; »ein Roman in drei Bänden, und zwar von wem? von Manzoni!« Ich betrachtete die Bücher, die sehr schön eingebunden waren und eine Inschrift an Goethe enthielten. »Manzoni ist fleißig«, sagte ich. – »Ja, das regt sich«, sagte Goethe. – »Ich kenne nichts von Manzoni,« sagte ich, »als seine Ode auf Napoleon, die ich dieser Tage in Ihrer Übersetzung abermals gelesen und im hohen Grade bewundert habe. Jede Strophe ist ein Bild!« – »Sie haben recht,« sagte Goethe, »die Ode ist vortrefflich. Aber finden Sie, daß in Deutschland einer davon redet? Es ist so gut, als ob sie gar nicht da wäre, und doch ist sie das beste Gedicht, was über diesen Gegenstand gemacht worden.« Goethe fuhr fort, die englischen Zeitungen zu lesen, in welcher Beschäftigung ich ihn beim Hereintreten gefunden. Ich nahm einen Band von Carlyles Übersetzung deutscher Romane in die Hände, und zwar den Teil, welcher Musäus und Fouqué enthielt. Der mit unserer Literatur sehr vertraute Engländer hatte den übersetzten Werken selbst immer eine Einleitung, das Leben und eine Kritik des Dichters enthaltend, vorangehen lassen. Ich las die Einleitung zu Fouqué und konnte zu meiner Freude die Bemerkung machen, daß das Leben mit Geist und vieler Gründlichkeit geschrieben und der kritische Standpunkt, aus welchem dieser beliebte Schriftsteller zu betrachten, mit großem Verstand und vieler ruhiger, milder Einsicht in poetische Verdienste bezeichnet war. Bald vergleicht der geistreiche Engländer unsern Fouqué mit der Stimme eines Sängers, die zwar keinen großen Umfang habe und nur wenige Töne enthalte, aber die wenigen gut und vom schönsten Wohlklange. Dann, um seine Meinung ferner auszudrücken, nimmt er ein Gleichnis aus kirchlichen Verhältnissen her, indem er sagt, daß Fouqué an der poetischen Kirche zwar nicht die Stelle eines Bischofs oder eines andern Geistlichen vom ersten Range bekleide, vielmehr mit den Funktionen eines Kaplans sich begnüge, in diesem mittleren Amte aber sich sehr wohl ausnehme. Während ich dieses gelesen, hatte Goethe sich in seine hinteren Zimmer zurückgezogen. Er sendete mir seinen Bedienten mit der Einladung, ein wenig nachzukommen, welches ich tat. »Setzen Sie sich noch ein wenig zu mir,« sagte er, »daß wir noch einige Worte miteinander reden. Da ist auch eine Übersetzung des Sophokles angekommen, sie lieset sich gut und scheint sehr brav zu sein; ich will sie doch einmal mit Solger vergleichen. Nun, was sagen Sie zu Carlyle?« Ich erzählte ihm, was ich über Fouqué gelesen. »Ist das nicht sehr artig?« sagte Goethe – »Ja, überm Meere gibt es auch gescheite Leute, die uns kennen und zu würdigen wissen. Indessen« , fuhr Goethe fort, »fehlt es in anderen Fächern uns Deutschen auch nicht an guten Köpfen. Ich habe in den ›Berliner Jahrbüchern‹ die Rezension eines Historikers über Schlosser gelesen, die sehr groß ist. Sie ist Heinrich Leo unterschrieben, von welchem ich noch nichts gehört habe und nach welchem wir uns doch erkundigen müssen. Er steht höher als die Franzosen, welches in geschichtlicher Hinsicht doch etwas heißen will. Jene haften zu sehr am Realen und können das Ideelle nicht zu Kopf bringen, dieses aber besitzt der Deutsche in ganzer Freiheit. Über das indische Kastenwesen hat er die trefflichsten Ansichten. Man spricht immer viel von Aristokratie und Demokratie, die Sache ist ganz einfach diese: In der Jugend, wo wir nichts besitzen oder doch den ruhigen Besitz nicht zu schätzen wissen, sind wir Demokraten; sind wir aber in einem langen Leben zu Eigentum gekommen, so wünschen wir dieses nicht allein gesichert, sondern wir wünschen auch, daß unsere Kinder und Enkel das Erworbene ruhig genießen mögen. Deshalb sind wir im Alter immer Aristokraten ohne Ausnahme, wenn wir auch in der Jugend uns zu anderen Gesinnungen hinneigten. Leo spricht über diesen Punkt mit großem Geiste. Im ästhetischen Fach sieht es freilich bei uns am schwächsten aus, und wir können lange warten, bis wir auf einen Mann wie Carlyle stoßen. Es ist aber sehr artig, daß wir jetzt, bei dem engen Verkehr zwischen Franzosen, Engländern und Deutschen, in den Fall kommen, uns einander zu korrigieren. Das ist der große Nutzen, der bei einer Weltliteratur herauskommt und der sich immer mehr zeigen wird. Carlyle hat das Leben von Schiller geschrieben und ihn überhaupt so beurteilt, wie ihn nicht leicht ein Deutscher beurteilen wird. Dagegen sind wir über Shakespeare und Byron im klaren und wissen deren Verdienste vielleicht besser zu schätzen als die Engländer selber.« Mittwoch, den 18. Juli 1827 »Ich habe Ihnen zu verkündigen,« war heute Goethes erstes Wort bei Tisch, »daß Manzonis Roman alles überflügelt, was wir in dieser Art kennen. Ich brauche Ihnen nichts weiter zu sagen, als daß das Innere, alles was aus der Seele des Dichters kommt, durchaus vollkommen ist, und daß das Äußere, alle Zeichnung von Lokalitäten und dergleichen gegen die großen inneren Eigenschaften um kein Haar zurücksteht. Das will etwas heißen.« Ich war verwundert und erfreut, dieses zu hören. »Der Eindruck beim Lesen«, fuhr Goethe fort, »ist der Art, daß man immer von der Rührung in die Bewunderung fällt und von der Bewunderung wieder in die Rührung, so daß man aus einer von diesen beiden großen Wirkungen gar nicht herauskommt. Ich dächte, höher könnte man es nicht treiben. In diesem Roman sieht man erst recht, was Manzoni ist. Hier kommt sein vollendetes Innere zum Vorschein, welches er bei seinen dramatischen Sachen zu entwickeln keine Gelegenheit hatte. Ich will nun gleich hinterher den besten Roman von Walter Scott lesen, etwa den ›Waverley‹, den ich noch nicht kenne, und ich werde sehen, wie Manzoni sich gegen diesen großen englischen Schriftsteller ausnehmen wird. Manzonis innere Bildung erscheint hier auf einer solchen Höhe, daß ihm schwerlich etwas gleichkommen kann; sie beglückt uns als eine durchaus reife Frucht. Und eine Klarheit in der Behandlung und Darstellung des einzelnen, wie der italienische Himmel selber.« – »Sind auch Spuren von Sentimentalität in ihm?« fragte ich. – »Durchaus nicht«, antwortete Goethe. »Er hat Sentiment, aber er ist ohne alle Sentimentalität; die Zustände sind männlich und rein empfunden. Ich will heute nichts weiter sagen, ich bin noch im ersten Bande, bald aber sollen Sie mehr hören.« Sonnabend, den 21. Juli 1827 Als ich diesen Abend zu Goethe ins Zimmer trat, fand ich ihn im Lesen von Manzonis Roman. »Ich bin schon im dritten Bande,« sagte er, indem er das Buch an die Seite legte, »und komme dabei zu vielen neuen Gedanken. Sie wissen, Aristoteles sagt vom Trauerspiele, es müsse Furcht erregen, wenn es gut sein solle. Es gilt dieses jedoch nicht bloß von der Tragödie, sondern auch von mancher anderen Dichtung. Sie finden es in meinem ›Gott und die Bajadere‹, Sie finden es in jedem guten Lustspiele, und zwar bei der Verwickelung, ja Sie finden es sogar in den ›Sieben Mädchen in Uniform‹, indem wir doch immer nicht wissen können, wie der Spaß für die guten Dinger abläuft. Diese Furcht nun kann doppelter Art sein: sie kann bestehen in Angst, oder sie kann auch bestehen in Bangigkeit. Diese letztere Empfindung wird in uns rege, wenn wir ein moralisches Übel auf die handelnden Personen heranrücken und sich über sie verbreiten sehen, wie z. B. in den ›Wahlverwandtschaften‹. Die Angst aber entsteht im Leser oder Zuschauer, wenn die handelnden Personen von einer physischen Gefahr bedroht werden, z. B. in den ›Galeerensklaven‹ und im ›Freischütz‹; ja in der Szene der Wolfsschlucht bleibt es nicht einmal bei der Angst, sondern es erfolgt eine totale Vernichtung in allen, die es sehen. Von dieser Angst nun macht Manzoni Gebrauch, und zwar mit wunderbarem Glück, indem er sie in Rührung auflöset und uns durch diese Empfindung zur Bewunderung führt. Das Gefühl der Angst ist stoffartig und wird in jedem Leser entstehen; die Bewunderung aber entspringt aus der Einsicht, wie vortrefflich der Autor sich in jedem Falle benahm, und nur der Kenner wird mit dieser Empfindung beglückt werden. Was sagen Sie zu dieser Ästhetik? Wäre ich jünger, so würde ich nach dieser Theorie etwas schreiben, wenn auch nicht ein Werk von solchem Umfange wie dieses von Manzoni. Ich bin nun wirklich sehr begierig, was die Herren vom ›Globe‹ zu diesem Roman sagen werden; sie sind gescheit genug, um das Vortreffliche daran zu erkennen; auch ist die ganze Tendenz des Werkes ein rechtes Wasser auf die Mühle dieser Liberalen, wiewohl sich Manzoni sehr mäßig gehalten hat. Doch nehmen die Franzosen selten ein Werk mit so reiner Neigung auf wie wir; sie bequemen sich nicht gerne zu dem Standpunkte des Autors, sondern sie finden, selbst bei dem Besten, immer leicht etwas, das nicht nach ihrem Sinne ist und das der Autor hätte sollen anders machen.« Goethe erzählte mir sodann einige Stellen des Romans, um mir eine Probe zu geben, mit welchem Geiste er geschrieben. »Es kommen«, fuhr er sodann fort, »Manzoni vorzüglich vier Dinge zustatten, die zu der großen Vortrefflichkeit seines Werkes beigetragen. Zunächst daß er ein ausgezeichneter Historiker ist, wodurch denn seine Dichtung die große Würde und Tüchtigkeit bekommen hat, die sie über alles dasjenige weit hinaushebt, was man gewöhnlich sich unter Roman vorstellt. Zweitens ist ihm die katholische Religion vorteilhaft, aus der viele Verhältnisse poetischer Art hervorgehen, die er als Protestant nicht gehabt haben würde. So wie es drittens seinem Werke zugute kommt, daß der Autor in revolutionären Reibungen viel gelitten, die, wenn er auch persönlich nicht darin verflochten gewesen, doch seine Freunde getroffen und teils zugrunde gerichtet haben. Und endlich viertens ist es diesem Romane günstig, daß die Handlung in der reizenden Gegend am Comer See vorgeht, deren Eindrücke sich dem Dichter von Jugend auf eingeprägt haben und die er also in- und auswendig kennet. Daher entspringt nun auch ein großes Hauptverdienst des Werkes, nämlich die Deutlichkeit und das bewundernswürdige Detail in Zeichnung der Lokalität.« Montag, den 23. Juli 1827 Als ich diesen Abend gegen acht Uhr in Goethes Hause anfragte, hörte ich, er sei noch nicht vom Garten zurückgekehrt. Ich ging ihm daher entgegen und fand ihn im Park auf einer Bank unter kühlen Linden sitzen, seinen Enkel Wolfgang an seiner Seite. Goethe schien sich meiner Annäherung zu freuen und winkte mir, neben ihm Platz zu nehmen. Wir hatten kaum die ersten flüchtigen Reden des Zusammentreffens abgetan, als das Gespräch sich wieder auf Manzoni wendete. »Ich sagte Ihnen doch neulich,« begann Goethe, »daß unserm Dichter in diesem Roman der Historiker zugute käme, jetzt aber im dritten Bande finde ich, daß der Historiker dem Poeten einen bösen Streich spielt, indem Herr Manzoni mit einem Mal den Rock des Poeten auszieht und eine ganze Weile als nackter Historiker dasteht. Und zwar geschieht dieses bei einer Beschreibung von Krieg, Hungersnot und Pestilenz, welche Dinge schon an sich widerwärtiger Art sind und die nun durch das umständliche Detail einer trockenen chronikenhaften Schilderung unerträglich werden. Der deutsche Übersetzer muß diesen Fehler zu vermeiden suchen, er muß die Beschreibung des Kriegs und der Hungersnot um einen guten Teil, und die der Pest um zwei Dritteil zusammenschmelzen, so daß nur so viel übrig bleibt, als nötig ist, um die handelnden Personen darin zu verflechten. Hätte Manzoni einen ratgebenden Freund zur Seite gehabt, er hätte diesen Fehler sehr leicht vermeiden können. Aber er hatte als Historiker zu großen Respekt vor der Realität. Dies macht ihm schon bei seinen dramatischen Werken zu schaffen, wo er sich jedoch dadurch hilft, daß er den überflüssigen geschichtlichen Stoff als Noten beigibt. In diesem Falle aber hat er sich nicht so zu helfen gewußt und sich von dem historischen Vorrat nicht trennen können. Dies ist sehr merkwürdig. Doch sobald die Personen des Romans wieder auftreten, steht der Poet in voller Glorie wieder da und nötigt uns wieder zu der gewohnten Bewunderung. Wir standen auf und lenkten unsere Schritte dem Hause zu. »Man sollte kaum begreifen,« fuhr Goethe fort, »wie ein Dichter wie Manzoni, der eine so bewunderungswürdige Komposition zu machen versteht, nur einen Augenblick gegen die Poesie hat fehlen können. Doch die Sache ist einfach; sie ist diese. Manzoni ist ein geborener Poet, so wie Schiller einer war. Doch unsere Zeit ist so schlecht, daß dem Dichter im umgebenden menschlichen Leben keine brauchbare Natur mehr begegnet. Um sich nun aufzuerbauen, griff Schiller zu zwei großen Dingen: zu Philosophie und Geschichte; Manzoni zur Geschichte allein. Schillers ›Wallenstein‹ ist so groß, daß in seiner Art zum zweiten Mal nicht etwas Ähnliches vorhanden ist; aber Sie werden finden, daß eben diese beiden gewaltigen Hülfen, die Geschichte und Philosophie, dem Werke an verschiedenen Teilen im Wege sind und seinen reinen poetischen Sukzeß hindern. So leidet Manzoni durch ein Übergewicht der Geschichte.« »Euer Exzellenz«, sagte ich, »sprechen große Dinge aus, und ich bin glücklich, Ihnen zuzuhören.« – »Manzoni«, sagte Goethe, »hilft uns zu guten Gedanken.« Er wollte in Äußerung seiner Betrachtungen fortfahren, als der Kanzler an der Pforte von Goethes Hausgarten uns entgegentrat und so das Gespräch unterbrochen wurde. Er gesellte sich als ein Willkommener zu uns, und wir begleiteten Goethe die kleine Treppe hinauf durch das Büstenzimmer in den länglichen Saal, wo die Rouleaus niedergelassen waren und auf dem Tische am Fenster zwei Lichter brannten. Wir setzten uns um den Tisch, wo dann zwischen Goethe und dem Kanzler Gegenstände anderer Art verhandelt wurden. Mittwoch, den 24. September 1827 Mit Goethe nach Berka. Bald nach acht Uhr fuhren wir ab; der Morgen war sehr schön. Die Straße geht anfänglich bergan, und da wir in der Natur nichts zu betrachten fanden, so sprach Goethe von literarischen Dingen. Ein bekannter deutscher Dichter war dieser Tage durch Weimar gegangen und hatte Goethen sein Stammbuch gegeben. »Was darin für schwaches Zeug steht, glauben Sie nicht«, sagte Goethe. »Die Poeten schreiben alle, als wären sie krank und die ganze Welt ein Lazarett. Alle sprechen sie von dem Leiden und dem Jammer der Erde und von den Freuden des Jenseits und unzufrieden, wie schon alle sind, hetzt einer den andern in noch größere Unzufriedenheit hinein. Das ist ein wahrer Mißbrauch der Poesie, die uns doch eigentlich dazu gegeben ist, um die kleinen Zwiste des Lebens auszugleichen und den Menschen mit der Welt und seinem Zustand zufrieden zu machen. Aber die jetzige Generation fürchtet sich vor aller echten Kraft, und nur bei der Schwäche ist es ihr gemütlich und poetisch zu Sinne. Ich habe ein gutes Wort gefunden,« fuhr Goethe fort, »um diese Herren zu ärgern. Ich will ihre Poesie die ›Lazarett-Poesie‹ nennen; dagegen die echt ›tyrtäische‹ diejenige, die nicht bloß Schlachtlieder singt, sondern auch den Menschen mit Mut ausrüstet, die Kämpfe des Lebens zu bestehen.« Goethes Worte erhielten meine ganze Zustimmung. Im Wagen zu unsern Füßen lag ein aus Binsen geflochtener Korb mit zwei Handgriffen, der meine Aufmerksamkeit erregte. »Ich habe ihn«, sagte Goethe, »aus Marienbad mitgebracht, wo man solche Körbe in allen Größen hat, und ich bin so an ihn gewöhnt, daß ich nicht reisen kann, ohne ihn bei mir zu führen. Sie sehen, wenn er leer ist, legt er sich zusammen und nimmt wenig Raum ein; gefüllt dehnt er sich nach allen Seiten aus und faßt mehr, als man denken sollte. Er ist weich und biegsam, und dabei so zähe und stark, daß man die schwersten Sachen darin fortbringen kann.« »Er sieht sehr malerisch und sogar antik aus«, sagte ich. »Sie haben recht,« sagte Goethe, »er kommt der Antike nahe, denn er ist nicht allein so vernünftig und zweckmäßig als möglich, sondern er hat auch dabei die einfachste, gefälligste Form, so daß man also sagen kann: er steht auf dem höchsten Punkt der Vollendung. Auf meinen mineralogischen Exkursionen in den böhmischen Gebirgen ist er mir besonders zustatten gekommen. Jetzt enthält er unser Frühstück. Hätte ich einen Hammer mit, so möchte es auch heute nicht an Gelegenheit fehlen, hin und wieder ein Stückchen abzuschlagen und ihn mit Steinen gefüllt zurückzubringen.« Wir waren auf die Höhe gekommen und hatten die freie Aussicht auf die Hügel, hinter denen Berka liegt. Ein wenig links sahen wir in das Tal, das nach Hetschburg führt und wo auf der andern Seite der Ilm ein Berg vorliegt, der uns seine Schattenseite zukehrte und wegen der vorschwebenden Dünste des Ilmtales meinen Augen blau erschien. Ich blickte durch mein Glas auf dieselbige Stelle, und das Blau verringerte sich auffallend. Ich machte Goethen diese Bemerkung. »Da sieht man doch,« sagte ich, »wie auch bei den rein objektiven Farben das Subjekt eine große Rolle spielt. Ein schwaches Auge befördert die Trübe, dagegen ein geschärftes treibt sie fort oder macht sie wenigstens geringer.« »Ihre Bemerkung ist vollkommen richtig,« sagte Goethe; »durch ein gutes Fernrohr kann man sogar das Blau der fernsten Gebirge verschwinden machen. Ja, das Subjekt ist bei allen Erscheinungen wichtiger, als man denkt. Schon Wieland wußte dieses sehr gut, denn er pflegte gewöhnlich zu sagen: Man könnte die Leute wohl amüsieren, wenn sie nur amüsabel wären. –« Wir lachten über den heiteren Geist dieser Worte. Wir waren indes das kleine Tal hinabgefahren, wo die Straße über eine hölzerne, mit einem Dach überbaute Brücke geht, unter welcher das nach Hetschburg hinabfließende Regenwasser sich ein Bette gebildet hat, das jetzt trocken lag. Chausseearbeiter waren beschäftigt, an den Seiten der Brücke einige aus rötlichem Sandsteine gehauene Steine zu errichten, die Goethes Aufmerksamkeit auf sich zogen. Etwa eine Wurfsweite über die Brücke hinaus, wo die Straße sich sachte an den Hügel hinanhebt, der den Reisenden von Berka trennet, ließ Goethe halten. »Wir wollen hier ein wenig aussteigen«, sagte er, »und sehen, ob ein kleines Frühstück in freier Luft uns schmecken wird.« Wir stiegen aus und sahen uns um. Der Bediente breitete eine Serviette über einen viereckigen Steinhaufen, wie sie an den Chausseen zu liegen pflegen, und holte aus dem Wagen den aus Binsen geflochtenen Korb, aus welchem er neben frischen Semmeln gebratene Rebhühner und saure Gurken auftischte. Goethe schnitt ein Rebhuhn durch und gab mir die eine Hälfte. Ich aß, indem ich stand und herumging; Goethe hatte sich dabei auf die Ecke eines Steinhaufens gesetzt. Die Kälte der Steine, woran noch der nächtliche Tau hängt, kann ihm unmöglich gut sein, dachte ich und machte meine Besorgnis bemerklich; Goethe aber versicherte, daß es ihm durchaus nicht schade, wodurch ich mich denn beruhigt fühlte und es als ein neues Zeichen ansah, wie kräftig er sich in seinem Innern empfinden müsse. Der Bediente hatte indes auch eine Flasche Wein aus dem Wagen geholt, wovon er uns einschenkte. »Unser Freund Schütze«, sagte Goethe, »hat nicht unrecht, wenn er jede Woche eine Ausflucht aufs Land macht; wir wollen ihn uns zum Muster nehmen, und wenn das Wetter sich nur einigermaßen hält, so soll dies auch unsere letzte Partie nicht gewesen sein.« Ich freute mich dieser Versicherung. Ich verlebte darauf mit Goethe, teils in Berka, teils in Tonndorf, einen höchst merkwürdigen Tag. Er war in den geistreichsten Mitteilungen unerschöpflich; auch über den zweiten Teil des ›Faust‹, woran er damals ernstlich zu arbeiten anfing, äußerte er viele Gedanken, und ich bedauere deshalb um so mehr, daß in meinem Tagebuche sich nichts weiter notiert findet als diese Einleitung. Zweiter Teil 1828 Sonntag, den 15. Juni 1828 Wir hatten nicht lange am Tisch gesessen, als Herr Seidel mit den Tirolern sich melden ließ. Die Sänger wurden ins Gartenzimmer gestellt, so daß sie durch die offenen Türen gut zu sehen und ihr Gesang aus dieser Ferne gut zu hören war. Herr Seidel setzte sich zu uns an den Tisch. Die Lieder und das Gejodel der heiteren Tiroler behagte uns jungen Leuten; Fräulein Ulrike und mir gefiel besonders der ›Strauß‹ und ›Du, du liegst mir im Herzen‹, wovon wir uns den Text ausbaten. Goethe selbst erschien keineswegs so entzückt als wir andern. »Wie Kirschen und Beeren behagen,« sagte er, »muß man Kinder und Sperlinge fragen.« Zwischen den Liedern spielten die Tiroler allerlei nationale Tänze auf einer Art von liegenden Zithern, von einer hellen Querflöte begleitet. Der junge Goethe wird hinausgerufen und kommt bald wieder zurück. Er geht zu den Tirolern und entläßt sie. Er setzt sich wieder zu uns an den Tisch. Wir sprechen von ›Oberon‹ und daß so viele Menschen von allen Ecken herbeigeströmt, um diese Oper zu sehen, so daß schon mittags keine Billetts mehr zu haben gewesen. Der junge Goethe hebt die Tafel auf. »Lieber Vater,« sagt er, »wenn wir aufstehen wollten! Die Herren und Damen wünschten vielleicht etwas früher ins Theater zu gehen.« Goethen erscheint diese Eile wunderlich, da es noch kaum vier Uhr ist, doch fügt er sich und steht auf, und wir verbreiten uns in den Zimmern. Herr Seidel tritt zu mir und einigen anderen und sagt leise und mit betrübtem Gesicht: »Eure Freude auf das Theater ist vergeblich, es ist keine Vorstellung, der Großherzog ist tot! Auf der Reise von Berlin hieher ist er gestorben.« Eine allgemeine Bestürzung verbreitete sich unter uns. Goethe kommt herein, wir tun, als ob nichts passiert wäre, und sprechen von gleichgültigen Dingen. Goethe tritt mit mir ans Fenster und spricht über die Tiroler und das Theater. »Sie gehen heut in meine Loge,« sagte er, »Sie haben Zeit bis sechs Uhr; lassen Sie die andern und bleiben Sie bei mir, wir schwätzen noch ein wenig.« Der junge Goethe sucht die Gesellschaft fortzutreiben, um seinem Vater die Eröffnung zu machen, ehe der Kanzler, der ihm vorhin die Botschaft gebracht, zurückkommt. Goethe kann das wunderliche Eilen und Drängen seines Sohnes nicht begreifen und wird darüber verdrießlich. »Wollt ihr denn nicht erst euren Kaffee trinken,« sagt er, »es ist ja kaum vier Uhr!« Indes gingen die übrigen, und auch ich nahm meinen Hut. »Nun, wollen Sie auch gehen?« sagte Goethe, indem er mich verwundert ansah. – »Ja,« sagte der junge Goethe, »Eckermann hat auch vor dem Theater noch etwas zu tun.« – »Ja,« sagte ich, »ich habe noch etwas vor.« – »So geht denn,« sagte Goethe, indem er bedenklich den Kopf schüttelte, »aber ich begreife euch nicht.« Wir gingen mit Fräulein Ulrike in die oberen Zimmer; der junge Goethe aber blieb unten, um seinem Vater die unselige Eröffnung zu machen.   Ich sah Goethe darauf spät am Abend. Schon ehe ich zu ihm ins Zimmer trat, hörte ich ihn seufzen und laut vor sich hinreden. Er schien zu fühlen, daß in sein Dasein eine unersetzliche Lücke gerissen worden. Allen Trost lehnte er ab und wollte von dergleichen nichts wissen. »Ich hatte gedacht,« sagte er, »ich wollte vor ihm hingehen; aber Gott fügt es, wie er es für gut findet, und uns armen Sterblichen bleibt weiter nichts, als zu tragen und uns emporzuhalten, so gut und so lange es gehen will.«   Die Großherzogin-Mutter traf die Todesnachricht in ihrem Sommeraufenthalte zu Wilhelmsthal, den jungen Hof in Rußland. Goethe ging bald nach Dornburg, um sich den täglichen betrübenden Eindrücken zu entziehen und sich in einer neuen Umgebung durch eine frische Tätigkeit wiederherzustellen. Durch bedeutende, ihn nahe berührende literarische Anregungen von seiten der Franzosen ward er von neuem in die Pflanzenlehre getrieben, bei welchen Studien ihm dieser ländliche Aufenthalt, wo ihn bei jedem Schritt ins Freie die üppigste Vegetation rankender Weinreben und sprossender Blumen umgab, sehr zustatten kam. Ich besuchte ihn dort einigemal in Begleitung seiner Schwiegertochter und Enkel. Er schien sehr glücklich zu sein und konnte nicht unterlassen, seinen Zustand und die herrliche Lage des Schlosses und der Gärten wiederholt zu preisen. Und in der Tat, man hatte aus den Fenstern von solcher Höhe hinab einen reizenden Anblick. Unten das mannigfaltig belebte Tal mit der durch Wiesen sich hinschlängelnden Saale. Gegenüber nach Osten waldige Hügel, über welche der Blick ins Weite schweifte, so daß man fühlte, es sei dieser Stand am Tag der Beobachtung vorbeiziehender und sich im Weiten verlierender Regenschauer, sowie bei Nacht der Betrachtung des östlichen Sternenheers und der aufgehenden Sonne, besonders günstig. »Ich verlebe hier«, sagte Goethe, »so gute Tage wie Nächte. Oft vor Tagesanbruch bin ich wach und liege im offenen Fenster, um mich an der Pracht der jetzt zusammenstehenden drei Planeten zu weiden und an dem wachsenden Glanz der Morgenröte zu erquicken. Fast den ganzen Tag bin ich sodann im Freien und halte geistige Zwiesprache mit den Ranken der Weinrebe, die mir gute Gedanken sagen und wovon ich euch wunderliche Dinge mitteilen könnte. Auch mache ich wieder Gedichte, die nicht schlecht sind, und möchte überhaupt, daß es mir vergönnt wäre, in diesem Zustande so fortzuleben.« Donnerstag, den 11. September 1828 Heute zwei Uhr, bei dem herrlichsten Wetter, kam Goethe von Dornburg zurück. Er war rüstig und ganz braun von der Sonne. Wir setzten uns bald zu Tisch, und zwar in dem Zimmer, das unmittelbar an den Garten stößt und dessen Türen offen standen. Er erzählte von mancherlei gehabten Besuchen und erhaltenen Geschenken und schien sich überall in zwischengestreuten leichten Scherzen zu gefallen. Blickte man aber tiefer, so konnte man eine gewisse Befangenheit nicht verkennen, wie sie derjenige empfindet, der in einen alten Zustand zurückkehrt, der durch mancherlei Verhältnisse, Rücksichten und Anforderungen bedingt ist. Wir waren noch bei den ersten Gerichten, als eine Sendung der Großherzogin-Mutter kam, die ihre Freude über Goethes Zurückkunft zu erkennen gab, mit der Meldung, daß sie nächsten Dienstag das Vergnügen haben werde, ihn zu besuchen. Seit dem Tode des Großherzogs hatte Goethe niemanden von der fürstlichen Familie gesehen. Er hatte zwar mit der Großherzogin-Mutter in fortwährendem Briefwechsel gestanden, so daß sie sich über den erlittenen Verlust gewiß hinlänglich ausgesprochen hatten. Allein jetzt stand das persönliche Wiedersehen bevor, das ohne einige schmerzliche Regungen von beiden Seiten nicht wohl abgehen konnte, und das demnach im voraus mit einiger Apprehension mochte empfunden werden. So auch hatte Goethe den jungen Hof noch nicht gesehen und als neuer Landesherrschaft gehuldigt. Dieses alles stand ihm bevor, und wenn es ihn auch als großen Weltmann keineswegs genieren konnte, so genierte es ihn doch als Talent, das immer in seinen angeborenen Richtungen und in seiner Tätigkeit leben möchte. Zudem drohten Besuche aus allen Gegenden. Das Zusammenkommen berühmter Naturforscher in Berlin hatte viele bedeutende Männer in Bewegung gesetzt, die, in ihren Wegen Weimar durchkreuzend, sich teils hatten melden lassen und deren Ankunft zu erwarten war. Wochenlange Störungen, die den inneren Sinn hinnahmen und aus der gewohnten Bahn lenkten, und was sonst für Unannehmlichkeiten mit übrigens so werten Besuchen in Verbindung stehen mochten, dieses alles mußte von Goethe gespenstisch vorausempfunden werden, sowie er wieder den Fuß auf die Schwelle setzte und die Räume seiner Zimmer durchschritt. Was aber alles dieses Bevorstehende noch lästiger machte, war ein Umstand, den ich nicht übergehen darf. Die fünfte Lieferung seiner Werke, welche auch die ›Wanderjahre‹ enthalten soll, muß auf Weihnachten zum Druck abgeliefert werden. Diesen früher in einem Bande erschienenen Roman hat Goethe gänzlich umzuarbeiten angefangen, und das Alte mit so viel Neuem verschmolzen, daß es als ein Werk in drei Bänden in der neuen Ausgabe hervorgehen soll. Hieran ist nun zwar bereits viel getan, aber noch sehr viel zu tun. Das Manuskript hat überall weiße Papierlücken, die noch ausgefüllt sein wollen. Hier fehlt etwas in der Exposition, hier ist ein geschickter Übergang zu finden, damit dem Leser weniger fühlbar werde, daß es ein kollektives Werk sei; hier sind Fragmente von großer Bedeutung, denen der Anfang, andere, denen das Ende mangelt: und so ist an allen drei Bänden noch sehr viel nachzuhelfen, um das bedeutende Buch zugleich annehmlich und anmutig zu machen. Goethe teilte mir vergangenes Frühjahr das Manuskript zur Durchsicht mit, wir verhandelten damals sehr viel über diesen wichtigen Gegenstand mündlich und schriftlich; ich riet ihm, den ganzen Sommer der Vollendung dieses Werkes zu widmen und alle anderen Arbeiten so lange zur Seite zu lassen, er war gleichfalls von dieser Notwendigkeit überzeugt und hatte den festen Entschluß, so zu tun. Dann aber starb der Großherzog; in Goethes ganze Existenz war dadurch eine ungeheure Lücke gerissen, an eine so viele Heiterkeit und ruhigen Sinn verlangende Komposition war nicht mehr zu denken, und er hatte nur zu sehen, wie er sich persönlich oben halten und wiederherstellen wollte. Jetzt aber, da er, mit Herbstesanfang von Dornburg zurückkehrend, die Zimmer seiner weimarischen Wohnung wieder betrat, mußte ihm auch der Gedanke an die Vollendung seiner ›Wanderjahre‹, wozu ihm nur noch die kurze Frist weniger Monate vergönnet war, lebendig vor die Seele treten, und zwar im Konflikt mit den mannigfaltigen Störungen, die ihm bevorstanden und einem reinen ruhigen Walten und Wirken seines Talentes im Wege waren. Faßt man nun alles Dargelegte zusammen, so wird man mich verstehen, wenn ich sage, daß in Goethe, trotz seiner leichten heiteren Scherze bei Tisch, eine tiefer liegende Befangenheit nicht zu verkennen gewesen. Warum ich aber diese Verhältnisse berühre, hat noch einen anderen Grund. Es steht mit einer Äußerung Goethes in Verbindung, die mir sehr merkwürdig erschien, die seinen Zustand und sein eigentümliches Wesen aussprach, und wovon ich nun reden will. Professor Abeken zu Osnabrück hatte mir in den Tagen vor dem 28. August einen Einschluß zugesendet, mit dem Ersuchen, ihn Goethe zu seinem Geburtstage zu schicklicher Stunde zu überreichen. Es sei ein Andenken in bezug auf Schiller, das gewiß Freude verursachen werde. Als nun Goethe heute bei Tisch von den mannigfaltigen Geschenken erzählte, die ihm zu seinem Geburtstag nach Dornburg gesendet worden, fragte ich ihn, was das Paket von Abeken enthalten. »Es war eine merkwürdige Sendung,« sagte Goethe, »die mir viel Freude gemacht hat. Ein liebenswürdiges Frauenzimmer, bei der Schiller den Tee getrunken, hat die Artigkeit gehabt, seine Äußerungen niederzuschreiben. Sie hat alles sehr hübsch aufgefaßt und treu wiedergegeben, und das lieset sich nun nach so langer Zeit gar gut, indem man dadurch unmittelbar in einen Zustand versetzt wird, der mit tausend anderen bedeutenden vorübergegangen ist, in diesem Fall aber glücklicherweise in seiner Lebendigkeit auf dem Papiere gefesselt worden. Schiller erscheint hier, wie immer, im absoluten Besitz seiner erhabenen Natur; er ist so groß am Teetisch, wie er es im Staatsrat gewesen sein würde. Nichts geniert ihn, nichts engt ihn ein, nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab; was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein! – Wir andern dagegen fühlen uns immer bedingt; die Personen, die Gegenstände, die uns umgeben, haben auf uns ihren Einfluß; der Teelöffel geniert uns, wenn er von Gold ist, da er von Silber sein sollte, und so, durch tausend Rücksichten paralysiert, kommen wir nicht dazu, was etwa Großes in unserer Natur sein möchte, frei auszulassen. Wir sind die Sklaven der Gegenstände und erscheinen geringe oder bedeutend, je nachdem uns diese zusammenziehen oder zu freier Ausdehnung Raum geben.« Goethe schwieg, das Gespräch mischte sich anders; ich aber bedachte diese merkwürdigen, auch mein eigenes Innere berührenden und aussprechenden Worte in meinem Herzen. Mittwoch, den 1. [?] Oktober 1828 Herr Hoenninghaus aus Krefeld, Chef eines großen Handelshauses, zugleich Liebhaber der Naturwissenschaften, besonders der Mineralogie, ein durch große Reisen und Studien vielseitig unterrichteter Mann, war heute bei Goethe zu Tisch. Er kam von der Versammlung der Naturforscher aus Berlin zurück, und es ward über dahinschlagende Dinge, besonders über mineralogische Gegenstände manches gesprochen. Auch von den Vulkanisten war die Rede und von der Art und Weise, wie die Menschen über die Natur zu Ansichten und Hypothesen kommen; bei welcher Gelegenheit denn großer Naturforscher und auch des Aristoteles gedacht wurde, über welchen sich Goethe also aussprach. »Aristoteles«, sagte er, »hat die Natur besser gesehen als irgendein Neuerer, aber er war zu rasch mit seinen Meinungen. Man muß mit der Natur langsam und läßlich verfahren, wenn man ihr etwas abgewinnen will. Wenn ich bei Erforschung naturwissenschaftlicher Gegenstände zu einer Meinung gekommen war, so verlangte ich nicht, daß die Natur mir sogleich recht geben sollte; vielmehr ging ich ihr in Beobachtungen und Versuchen prüfend nach, und war zufrieden, wenn sie sich so gefällig erweisen wollte, gelegentlich meine Meinung zu bestätigen. Tat sie es nicht, so brachte sie mich wohl auf ein anderes Aperçu, welchem ich nachging und welches zu bewahrheiten sie sich vielleicht williger fand.« Freitag, den 3. Oktober 1828 Ich sprach diesen Mittag bei Tisch mit Goethe über Fouqués ›Sängerkrieg auf der Wartburg‹, den ich auf seinen Wunsch gelesen. Wir kamen darin überein, daß dieser Dichter sich zeitlebens mit altdeutschen Studien beschäftiget, und daß am Ende keine Kultur für ihn daraus hervorgegangen. »Es ist in der altdeutschen düsteren Zeit«, sagte Goethe, »ebensowenig für uns zu holen, als wir aus den serbischen Liedern und ähnlichen barbarischen Volkspoesien gewonnen haben. Man liest es und interessiert sich wohl eine Zeitlang dafür, aber bloß um es abzutun und sodann hinter sich liegen zu lassen. Der Mensch wird überhaupt genug durch seine Leidenschaften und Schicksale verdüstert, als daß er nötig hätte, dieses noch durch die Dunkelheiten einer barbarischen Vorzeit zu tun. Er bedarf der Klarheit und der Aufheiterung, und es tut ihm not, daß er sich zu solchen Kunst- und Literaturepochen wende, in denen vorzügliche Menschen zu vollendeter Bildung gelangten, so daß es ihnen selber wohl war und sie die Seligkeit ihrer Kultur wieder auf andere auszugießen imstande sind. Wollen Sie aber von Fouqué eine gute Meinung bekommen, so lesen Sie seine ›Undine‹, die wirklich allerliebst ist. Freilich war es ein guter Stoff, und man kann nicht einmal sagen, daß der Dichter alles daraus gemacht hätte, was darinne lag aber doch, die ›Undine‹ ist gut und wird Ihnen gefallen.« »Es geht mir ungünstig mit der neuesten deutschen Literatur«, sagte ich. »Zu den Gedichten von Egon Ebert kam ich aus Voltaire, dessen erste Bekanntschaft ich gemacht, und zwar durch die kleinen Gedichte an Personen, die gewiß zu dem Besten gehören, was er je geschrieben. Nun mit Fouqué geht es mir nicht besser. Vertieft in Walter Scotts ›Fair Maid of Perth‹, gleichfalls das erste, was ich von diesem großen Schriftsteller lese, bin ich veranlaßt, dieses an die Seite zu legen und mich in den ›Sängerkrieg auf der Wartburg‹ zu begeben.« »Gegen so große Ausländer«, sagte Goethe, »können freilich die neueren Deutschen keine Probe halten; aber es ist gut, daß Sie sich nach und nach mit allem In- und Ausländischen bekannt machen, um zu sehen, wo denn eigentlich eine höhere Weltbildung, wie sie der Dichter bedarf, zu holen ist.« Frau von Goethe trat herein und setzte sich zu uns an den Tisch. »Aber nicht wahr,« fuhr Goethe heiter fort, »Walter Scotts ›Fair Maid of Perth‹ ist gut! – Das ist gemacht! Das ist eine Hand! – Im Ganzen die sichere Anlage, und im Einzelnen kein Strich, der nicht zum Ziele führte. Und welch ein Detail, sowohl im Dialog als in der beschreibenden Darstellung, die beide gleich vortrefflich sind. – Seine Szenen und Situationen gleichen Gemälden von Teniers; im Ganzen der Anordnung zeigen sie die Höhe der Kunst, die einzelnen Figuren haben eine sprechende Wahrheit, und die Ausführung erstreckt sich mit künstlerischer Liebe bis aufs Kleinste, so daß uns kein Strich geschenkt wird. – Bis wie weit haben Sie jetzt gelesen?« »Ich bin bis zu der Stelle gekommen,« sagte ich, »wo Henry Smith das schöne Zithermädchen durch Straßen und Umwege nach Hause führt, und wo ihm zu seinem Ärger der Mützenmacher Proudfute und der Apotheker Dwining begegnen.« »Ja,« sagte Goethe, »die Stelle ist gut. Daß der widerstrebende ehrliche Waffenschmied so weit gebracht wird, neben dem verdächtigen Mädchen zuletzt selbst das Hündchen mit aufzuhocken, ist einer der größten Züge, die irgend in Romanen anzutreffen sind. Es zeugt von einer Kenntnis der menschlichen Natur, der die tiefsten Geheimnisse offenbar liegen.« »Als einen höchst glücklichen Griff«, sagte ich, »muß ich auch bewundern, daß Walter Scott den Vater der Heldin einen Handschuhmacher sein läßt, der durch den Handel mit Fellen und Häuten mit den Hochländern seit lange in Verkehr gestanden und noch steht.« »Ja,« sagte Goethe, »das ist ein Zug der höchsten Art. Es entspringen daraus für das ganze Buch die günstigsten Verhältnisse und Zustände, die dadurch alle zugleich eine reale Basis erhalten, so daß sie die überzeugendste Wahrheit mit sich führen. Überhaupt finden Sie bei Walter Scott die große Sicherheit und Gründlichkeit der Zeichnung, die aus seiner umfassenden Kenntnis der realen Welt hervorgeht, wozu er durch lebenslängliche Studien und Beobachtungen und ein tägliches Durchsprechen der wichtigsten Verhältnisse gelangt ist. Und nun sein großes Talent und sein umfassendes Wesen! Sie erinnern sich des englischen Kritikers, der die Poeten mit menschlichen Sängerstimmen vergleicht, wo einigen nur wenig gute Töne zu Gebote ständen, während andere den höchsten Umfang von Tiefe und Höhe in vollkommener Gewalt hätten. Dieser letzteren Art ist Walter Scott. In dem ›Fair Maid of Perth‹ werden Sie nicht eine einzige schwache Stelle finden, wo es Ihnen fühlbar würde, es habe seine Kenntnis und sein Talent nicht ausgereicht. Er ist seinem Stoff nach allen Richtungen hin gewachsen. Der König, der königliche Bruder, der Kronprinz, das Haupt der Geistlichkeit, der Adel, der Magistrat, die Bürger und Handwerker, die Hochländer, sie sind alle mit gleich sicherer Hand gezeichnet und mit gleicher Wahrheit getroffen.« »Die Engländer«, sagte Frau von Goethe, »lieben besonders den Charakter des Henry Smith, und Walter Scott scheint ihn auch zum Helden des Buchs gemacht zu haben. Mein Favorit ist er nicht; mir könnte der Prinz gefallen.« »Der Prinz«, sagte ich, »bleibt bei aller Wildheit immer noch liebenswürdig genug, und er ist vollkommen so gut gezeichnet wie irgendein anderer.« »Wie er, zu Pferde sitzend,« sagte Goethe, »das hübsche Zithermädchen auf seinen Fuß treten läßt, um sie zu einem Kuß zu sich heranzuheben, ist ein Zug von der verwegensten englischen Art. Aber ihr Frauen habt unrecht, wenn ihr immer Partei macht; ihr leset gewöhnlich ein Buch, um darin Nahrung für euer Herz zu finden, einen Helden, den ihr lieben könntet! So soll man aber eigentlich nicht lesen, und es kommt gar nicht darauf an, daß euch dieser oder jener Charakter gefalle, sondern daß euch das Buch gefalle.« »Wir Frauen sind nun einmal so, lieber Vater«, sagte Frau von Goethe, indem sie über den Tisch neigend ihm die Hand drückte. – »Man muß euch schon in eurer Liebenswürdigkeit gewähren lassen«, erwiderte Goethe. Das neueste Stück des ›Globe‹ lag neben ihm, das er zur Hand nahm. Ich sprach derweile mit Frau von Goethe über junge Engländer, deren Bekanntschaft ich im Theater gemacht. »Was aber die Herren vom ›Globe‹ für Menschen sind,« begann Goethe wieder mit einigem Feuer, »wie die mit jedem Tage größer, bedeutender werden und alle wie von einem Sinne durchdrungen sind, davon hat man kaum einen Begriff. In Deutschland wäre ein solches Blatt rein unmöglich. Wir sind lauter Partikuliers, an Übereinstimmung ist nicht zu denken; jeder hat die Meinungen seiner Provinz, seiner Stadt, ja seines eigenen Individuums, und wir können noch lange warten, bis wir zu einer Art von allgemeiner Durchbildung kommen.« Dienstag, den 7. [Montag, den 6.] Oktober 1828 Heute bei Tisch war die heiterste Gesellschaft. Außer den weimarischen Freunden waren auch einige von Berlin zurückkehrende Naturforscher zugegen, unter denen Herr von Martius aus München, der an Goethes Seite saß, mir bekannt war. Über die mannigfaltigsten Dinge wurde hin und her gescherzt und gesprochen. Goethe war von besonders guter Laune und überaus mitteilend. Das Theater kam zur Sprache, die letzte Oper, ›Moses‹ von Rossini, ward viel beredet. Man tadelte das Sujet, man lobte und tadelte die Musik; Goethe äußerte sich folgendermaßen. »Ich begreife euch nicht, ihr guten Kinder,« sagte er, »wie ihr Sujet und Musik trennen und jedes für sich genießen könnt. Ihr sagt, das Sujet tauge nicht, aber ihr hättet es ignoriert und euch an der trefflichen Musik erfreuet. Ich bewundere wirklich die Einrichtung eurer Natur, und wie eure Ohren imstande sind, anmutigen Tönen zu lauschen, während der gewaltigste Sinn, das Auge, von den absurdesten Gegenständen geplagt wird. Und daß euer ›Moses‹ doch wirklich gar zu absurd ist, werdet ihr nicht leugnen. Sowie der Vorhang aufgeht, stehen die Leute da und beten! Dies ist sehr unpassend. Wenn du beten willst, steht geschrieben, so gehe in dein Kämmerlein und schleuß die Tür hinter dir zu. Aber auf dem Theater soll man nicht beten. Ich hätte euch einen ganz anderen ›Moses‹ machen wollen und das Stück ganz anders anfangen lassen. Ich hätte euch zuerst gezeigt, wie die Kinder Israel bei schwerem Frondienst von der Tyrannei der ägyptischen Vögte zu leiden haben, damit es nachher desto anschaulicher würde, welche Verdienste sich Moses um sein Volk erworben, das er aus so schändlichem Druck zu befreien gewußt.« Goethe fuhr fort, mit großer Heiterkeit die ganze Oper Schritt vor Schritt durch alle Szenen und Akte aufzubauen, immer geistreich und voller Leben im historischen Sinne des Sujets und zum freudigen Erstaunen der ganzen Gesellschaft, die den unaufhaltsamen Fluß seiner Gedanken und den heiteren Reichtum seiner Erfindungen zu bewundern hatte. Es ging alles zu rasch vorüber, um es aufzufassen, doch ist mir der Tanz der Ägyptier im Gedächtnis geblieben, den Goethe nach der überstandenen Finsternis als Freude über das wiedergegebene Licht eintreten ließ. Das Gespräch lenkte sich von Moses zurück auf die Sündflut, und so nahm es bald, durch den geistreichen Naturforscher angeregt, eine naturhistorische Wendung. »Man will«, sagte Herr von Martius, »auf dem Ararat ein Stück von der Arche Noahs versteinert gefunden haben, und es sollte mich wundern, wenn man nicht auch die versteinerten Schädel der ersten Menschen finden sollte.« Diese Äußerung gab zu ähnlichen Anlaß, und so kam die Unterhaltung auf die verschiedenen Menschenrassen, wie sie als Schwarze, Braune, Gelbe und Weiße die Länder der Erde bewohnen so daß man mit der Frage schloß, ob denn wirklich anzunehmen, daß alle Menschen von dem einzigen Paare Adam und Eva abstammen. Herr von Martius war für die Sage der Heiligen Schrift, die er als Naturforscher durch den Satz zu bestätigen suchte, daß die Natur in ihren Produktionen höchst ökonomisch zu Werke gehe. »Dieser Meinung«, sagte Goethe, »muß ich widersprechen. Ich behaupte vielmehr, daß die Natur sich immer reichlich, ja verschwenderisch erweise, und daß es weit mehr in ihrem Sinne sei, anzunehmen, sie habe statt eines einzigen armseligen Paares die Menschen gleich zu Dutzenden, ja zu Hunderten hervorgehen lassen. Als nämlich die Erde bis zu einem gewissen Punkt der Reife gediehen war, die Wasser sich verlaufen hatten und das Trockene genugsam grünete, trat die Epoche der Menschwerdung ein, und es entstanden die Menschen durch die Allmacht Gottes überall, wo der Boden es zuließ, und vielleicht auf den Höhen zuerst. Anzunehmen, daß dieses geschehen, halte ich für vernünftig; allein darüber nachzusinnen, wie es geschehen, halte ich für ein unnützes Geschäft, das wir denen überlassen wollen, die sich gerne mit unauflösbaren Problemen beschäftigen und die nichts Besseres zu tun haben.« »Wenn ich auch«, sagte Herr von Martius mit einiger Schalkheit, »mich als Naturforscher von der Ansicht Eurer Exzellenz gerne überzeugen ließ, so fühle ich mich doch als guter Christ in einiger Verlegenheit, zu einer Meinung überzutreten, die mit den Aussagen der Bibel nicht wohl zu vereinigen sein möchte.« »Die Heilige Schrift«, erwiderte Goethe, »redet allerdings nur von Einem Menschenpaare, das Gott am sechsten Tage erschaffen. Allein die begabten Männer, welche das Wort Gottes aufzeichneten, das uns die Bibel überliefert, hatten es zunächst mit ihrem auserwählten Volke zu tun, und so wollen wir auch diesem die Ehre seiner Abstammung von Adam keineswegs streitig machen. Wir andern aber, sowie auch die Neger und Lappländer, und schlanke Menschen, die schöner sind als wir alle, hatten gewiß auch andere Urväter; wie denn die werte Gesellschaft gewiß zugeben wird, daß wir uns von den echten Abkömmlingen Adams auf eine gar mannigfaltige Weise unterscheiden, und daß sie, besonders was das Geld betrifft, es uns allen zuvortun.« Wir lachten. Das Gespräch mischte sich allgemein; Goethe, durch Herrn von Martius zu Widersprüchen angeregt, sagte noch manches bedeutende Wort, das, den Schein des Scherzes tragend, dennoch aus dem Grund eines tieferen Hinterhaltes hervorging. Nach aufgehobener Tafel ließ sich der preußische Minister, Herr von Jordan, melden, und wir zogen uns in das angrenzende Zimmer. Mittwoch, den 8. Oktober 1828 Tieck mit Gemahlin und Töchtern und Gräfin Finkenstein, von seiner Rheinreise zurückkommend, wurde heute bei Goethe zu Tisch erwartet. Ich traf in den Vorzimmern mit ihnen zusammen. Tieck sah sehr wohl aus, die Rheinbäder schienen eine gute Wirkung auf ihn gehabt zu haben. Ich erzählte ihm, daß ich in der Zwischenzeit den ersten Roman von Walter Scott gelesen, und welche Freude ich über dieses außerordentliche Talent empfunden. »Ich zweifle,« sagte Tieck, »daß dieser neueste Roman, den ich noch nicht kenne, das Beste sei, was Walter Scott geschrieben; allein dieser Schriftsteller ist so bedeutend, daß das erste, was man von ihm lieset, immer in Erstaunen setzet, man mag zu ihm gelangen, von welcher Seite man wolle.« Professor Göttling trat herein, von seiner italienischen Reise ganz frisch zurückgekehrt. Ich hatte große Freude ihn wiederzusehen und zog ihn an ein Fenster, daß er mir erzählen möchte. »Nach Rom,« sagte er, »nach Rom müssen Sie, um etwas zu werden! Das ist eine Stadt! das ist ein Leben! das ist eine Welt! Alles, was in unserer Natur Kleines ist, kann in Deutschland nicht herausgebracht werden; aber sobald wir in Rom eintreten, geht eine Umwandlung mit uns vor, und wir fühlen uns groß wie die Umgebung.« – »Warum sind Sie nicht länger dort geblieben?« fragte ich. – »Geld und Urlaub«, entgegnete er, »waren zu Ende. Aber es ward mir wunderlich zumute, als ich das schöne Italien im Rücken, den Fuß wieder über die Alpen setzte.« Goethe kam und begrüßte die Anwesenden. Er sprach verschiedenes mit Tieck und den Seinigen und bot sodann der Gräfin den Arm, um sie zu Tisch zu führen. Wir andern folgten und machten, indem wir uns setzten, bunte Reihe. Die Unterhaltung war lebhaft und ungeniert; von dem jedoch, was gesprochen worden, weiß ich mich wenig zu erinnern. Nach aufgehobener Tafel ließen sich die Prinzen von Oldenburg melden. Wir gingen alle hinauf in die Zimmer der Frau von Goethe, wo Fräulein Agnes Tieck sich zum Flügel setzte und das schöne Lied ›Im Felde schleich ich still und wild‹ usw. mit einer trefflichen Altstimme so im Geiste der Situation vortrug, daß es einen Eindruck ganz eigener unvergeßlicher Art machte. Donnerstag, den 9. Oktober 1828 Diesen Mittag bei Tisch war ich mit Goethe und Frau von Goethe allein. Und wie ein Gespräch früherer Tage wohl wieder aufgenommen und fortgeführt wird, so geschah es auch heute. Der ›Moses‹ von Rossini kam abermals zur Sprache, und wir erinnerten uns gerne Goethes heiterer Erfindung von vorgestern. »Was ich in Scherz und guter Laune über den ›Moses‹ geäußert haben mag,« sagte Goethe, »weiß ich nicht mehr; denn so etwas geschieht ganz unbewußt. Aber so viel ist gewiß, daß ich eine Oper nur dann mit Freuden genießen kann, wenn das Sujet ebenso vollkommen ist wie die Musik, so daß beide miteinander gleichen Schritt gehen. Fragt ihr mich, welche Oper ich gut finde, so nenne ich euch den ›Wasserträger‹; denn hier ist das Sujet so vollkommen, daß man es ohne Musik als ein bloßes Stück geben könnte und man es mit Freuden sehen würde. Diese Wichtigkeit einer guten Unterlage begreifen entweder die Komponisten nicht, oder es fehlt ihnen durchaus an sachverständigen Poeten, die ihnen mit Bearbeitung guter Gegenstände zur Seite träten. Wäre der ›Freischütz‹ kein so gutes Sujet, so hätte die Musik zu tun gehabt, der Oper den Zulauf der Menge zu verschaffen, wie es nun der Fall ist, und man sollte daher dem Herrn Kind auch einige Ehre erzeigen.« Es ward noch verschiedenes über diesen Gegenstand gesprochen dann aber gedachten wir des Professor Göttling und seiner italienischen Reise. »Ich kann es dem Guten nicht verargen,« sagte Goethe, »daß er von Italien mit solcher Begeisterung redet; weiß ich doch, wie mir selber zumute gewesen ist! Ja ich kann sagen, daß ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen; ich bin, mit meinem Zustande in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wieder froh geworden. Doch wir wollen uns nicht melancholischen Betrachtungen hingeben«, fuhr Goethe nach einer Pause fort. »Wie geht es mit Ihrem ›Fair Maid of Perth‹? Wie hält es sich? Wie weit sind Sie? Erzählen Sie mir und geben Sie Rechenschaft.« »Ich lese langsam,« sagte ich; »ich bin jedoch bis zu der Szene vorgerückt, wo Proudfute in der Rüstung von Henry Smith, dessen Gang und dessen Art zu pfeifen er nachahmt, erschlagen und am andern Morgen von den Bürgern in den Straßen von Perth gefunden wird, die ihn für Henry Smith halten und darüber die ganze Stadt in Alarm setzen.« »Ja,« sagte Goethe, »die Szene ist bedeutend, sie ist eine der besten.« »Ich habe dabei besonders bewundert,« fuhr ich fort, »in wie hohem Grade Walter Scott das Talent besitzt, verworrene Zustände mit großer Klarheit auseinander zu setzen, so daß alles zu Massen und zu ruhigen Bildern sich absondert, die einen solchen Eindruck in uns hinterlassen, als hätten wir dasjenige, was zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten geschieht, gleich allwissenden Wesen von oben herab mit einem Male übersehen.« »Überhaupt«, sagte Goethe, »ist der Kunstverstand bei Walter Scott sehr groß, weshalb denn auch wir und unsersgleichen, die darauf, wie etwas gemacht ist, ein besonderes Augenmerk richten, an seinen Sachen ein doppeltes Interesse und davon den vorzüglichsten Gewinn haben. Ich will Ihnen nicht vorgreifen, aber Sie werden im dritten Teile noch einen Kunstpfiff der ersten Art finden. Daß der Prinz im Staatsrat den klugen Vorschlag getan, die rebellischen Hochländer sich untereinander totschlagen zu lassen, haben Sie bereits gelesen, auch daß der Palmsonntag festgesetzt worden, wo die beiden feindlichen Stämme der Hochländer nach Perth herabkommen sollen, um dreißig gegen dreißig auf Tod und Leben miteinander zu fechten. Nun sollen Sie bewundern, wie Walter Scott es macht und einleitet, daß am Tage der Schlacht an der einen Partei ein Mann fehlt, und mit welcher Kunst er es von fern her anzustellen weiß, seinen Helden Henry Smith an den Platz des fehlenden Mannes unter die Kämpfenden zu bringen. – Dieser Zug ist überaus groß, und Sie werden sich freuen, wenn Sie dahin kommen. Wenn Sie aber mit dem ›Fair Maid of Perth‹ zu Ende sind, so müssen Sie sogleich den ›Waverley‹ lesen, der freilich noch aus ganz anderen Augen sieht und der ohne Frage den besten Sachen an die Seite zu stellen ist, die je in der Welt geschrieben worden. Man sieht, es ist derselbige Mensch, der die ›Fair Maid of Perth‹ gemacht hat, aber es ist derjenige, der die Gunst des Publikums erst noch zu gewinnen hatte und der sich daher zusammennimmt, so daß er keinen Zug tut, der nicht vortrefflich wäre. Die ›Fair Maid of Perth‹ dagegen ist mit einer breiteren Feder geschrieben, der Autor ist schon seines Publikums gewiß, und er läßt sich schon etwas freier gehen. Wenn man den ›Waverley‹ gelesen hat, so begreift man freilich wohl, warum Walter Scott sich noch jetzt immer den Verfasser jener Produktion nennt; denn darin hat er gezeigt, was er konnte, und er hat später nie etwas geschrieben, das besser wäre oder das diesem zuerst publizierten Romane nur gleichkäme.« Donnerstag, den 9. Oktober 1828 Zu Ehren Tiecks war diesen Abend in den Zimmern der Frau von Goethe ein sehr unterhaltender Tee. Ich machte die Bekanntschaft des Grafen und der Gräfin Medem; letztere sagte mir, daß sie am Tage Goethe gesehen und wie sie von diesem Eindruck noch im Innersten beglückt sei. Der Graf interessierte sich besonders für den ›Faust‹ und dessen Fortsetzung, über welche Dinge er sich mit mir eine Weile lebhaft unterhielt. Man hatte uns Hoffnung gemacht, daß Tieck etwas lesen würde; und so geschah es auch. Die Gesellschaft begab sich sehr bald in ein entfernteres Zimmer, und nachdem jeder es sich in einem weiten Kreis auf Stühlen und Sofas zum Anhören bequem gemacht, las Tieck den ›Clavigo‹. Ich hatte das Stück oft gelesen und empfunden, doch jetzt erschien es mir durchaus neu und tat eine Wirkung wie fast nie zuvor. Es war mir, als hörte ich es vom Theater herunter, allein besser; die einzelnen Charaktere und Situationen waren vollkommener gefühlt; es machte den Eindruck einer Vorstellung, in der jede Rolle ganz vortrefflich besetzt worden. Man könnte kaum sagen, welche Partien des Stückes Tieck besser gelesen, ob solche, in denen sich Kraft und Leidenschaft der Männer entwickelt, ob ruhig-klare Verstandesszenen, oder ob Momente gequälter Liebe. Zu dem Vortrag letzterer Art standen ihm jedoch ganz besondere Mittel zu Gebot. Die Szene zwischen Marie und Clavigo tönet mir noch immer vor den Ohren; die gepreßte Brust, das Stocken und Zittern der Stimme, abgebrochene, halberstickte Worte und Laute, das Hauchen und Seufzen eines in Begleitung von Tränen heißen Atems, alles dieses ist mir noch vollkommen gegenwärtig und wird mir unvergeßlich sein. Jedermann war im Anhören versunken und davon hingerissen; die Lichter brannten trübe, niemand dachte daran oder wagte es, sie zu putzen, aus Furcht vor der leisesten Unterbrechung; Tränen in den Augen der Frauen, die immer wieder hervorquollen, zeugten von des Stückes tiefer Wirkung und waren wohl der gefühlteste Tribut, der dem Vorleser wie dem Dichter gezollt werden konnte. Tieck hatte geendigt und stand auf, sich den Schweiß von der Stirne wischend. Die Hörenden aber waren noch immer wie gefesselt auf ihren Stühlen; jeder schien in dem, was ihm soeben durch die Seele gegangen war, noch zu tief begriffen, als daß er passende Worte des Dankes für den hätte bereit haben sollen, der eine so wunderbare Wirkung auf alle hervorgebracht hatte. Nach und nach fand man sich wieder; man stand auf und sprach und ging erheitert durcheinander; dann aber begab man sich zu einem Souper, das in den Nebenzimmern auf kleinen Tischen bereit stand. Goethe selbst war diesen Abend nicht gegenwärtig, aber sein Geist und sein Andenken war unter uns allen lebendig. Er sendete Tieck seine Entschuldigung, dessen beiden Töchtern, Agnes und Dorothea, aber zwei Tuchnadeln mit seinem Bildnis und roten Bandschleifen, die Frau von Goethe überreichte und wie kleine Orden ihnen vorsteckte. Freitag, den 10. Oktober 1828 Von Herrn William Fraser in London, Herausgeber des ›Foreign Review‹, gelangten diesen Morgen zwei Exemplare des dritten Stücks jener periodischen Schrift zu mir, wovon ich das eine Exemplar diesen Mittag Goethen überreichte. Ich fand wieder eine heitere Tischgesellschaft geladen, zu Ehren Tiecks und der Gräfin, die auf das Bitten Goethes und der übrigen Freunde noch einen Tag zugegeben hatten, während der übrige Teil dieser Familie schon am Morgen nach Dresden vorausgereiset war. Ein besonderer Gegenstand der Unterhaltung bei Tisch war die englische Literatur und namentlich Walter Scott, bei welcher Gelegenheit Tieck unter andern sagte, daß er vor zehn Jahren das erste Exemplar des ›Waverley‹ nach Deutschland gebracht habe. Sonnabend, den 11. Oktober 1828 Das gedachte ›Foreign Review‹ des Herrn Fraser enthielt unter vielen bedeutenden und interessanten Gegenständen auch einen höchst würdigen Aufsatz über Goethe von Carlyle, den ich diesen Morgen studierte. Ich ging mittags ein wenig früher zu Tisch, um vor der Ankunft der übrigen Gäste mich mit Goethe darüber zu bereden. Ich fand ihn, wie ich wünschte, noch allein, in Erwartung der Gesellschaft. Er trug seinen schwarzen Frack und Stern, worin ich ihn so gerne sehe; er schien heute besonders jugendlich heiter, und wir fingen sogleich an, von unserm gemeinsamen Interesse zu reden. Goethe sagte mir, daß er Carlyles Aufsatz über ihn gleichfalls diesen Morgen betrachtet, und so waren wir denn imstande, über die Bestrebungen der Ausländer manche Worte des Lobes gegenseitig auszutauschen. »Es ist eine Freude, zu sehen,« sagte Goethe, »wie die frühere Pedanterie der Schotten sich in Ernst und Gründlichkeit verwandelt hat. Wenn ich bedenke, wie die Edinburger vor noch nicht langen Jahren meine Sachen behandelt haben, und ich jetzt dagegen Carlyles Verdienste um die deutsche Literatur erwäge, so ist es auffallend, welch ein bedeutender Vorschritt zum Besseren geschehen ist.« »An Carlyle«, sagte ich, »muß ich vor allem den Geist und Charakter verehren, der seinen Richtungen zum Grunde liegt. Es ist ihm um die Kultur seiner Nation zu tun, und da fragt er denn bei den literarischen Erzeugnissen des Auslandes, womit er seine Landsleute bekannt zu machen wünscht, weniger nach Künsten des Talents als nach der Höhe sittlicher Bildung, die aus solchen Werken zu gewinnen.« »Ja,« sagte Goethe, »die Gesinnung, aus der er handelt, ist besonders schätzbar. Und wie ist es ihm Ernst! und wie hat er uns Deutsche studiert! Er ist in unserer Literatur fast besser zu Hause als wir selbst; zum wenigsten können wir mit ihm in unsern Bemühungen um das Englische nicht wetteifern.« »Der Aufsatz«, sagte ich, »ist mit einem Feuer und Nachdruck geschrieben, daß man ihm wohl anmerkt, daß in England noch viele Vorurteile und Widersprüche zu bekämpfen sind. Den ›Wilhelm Meister‹ zumal scheinen übelwollende Kritiker und schlechte Übersetzer in kein günstiges Licht gebracht zu haben. Dagegen benimmt sich nun Carlyle sehr gut. Der dummen Nachrede, daß keine wahre Edelfrau den ›Meister‹ lesen dürfe, widerspricht er sehr heiter mit dem Beispiele der letzten Königin von Preußen, die sich mit dem Buche vertraut gemacht und die doch mit Recht für eine der ersten Frauen ihrer Zeit gelte.« Verschiedene Tischgäste traten herein, die Goethe begrüßte. Er wendete seine Aufmerksamkeit mir wieder zu, und ich fuhr fort. »Freilich«, sagte ich, »hat Carlyle den ›Meister‹ studiert, und so durchdrungen von dem Wert des Buches wie er ist, möchte er gerne, daß es sich allgemein verbreitete; er möchte gerne, daß jeder Gebildete davon gleichen Gewinn und Genuß hätte.« Goethe zog mich an ein Fenster, um mir zu antworten. »Liebes Kind,« sagte er, »ich will Ihnen etwas vertrauen, das Sie sogleich über vieles hinaushelfen und das Ihnen lebenslänglich zugute kommen soll. Meine Sachen können nicht popular werden ; wer daran denkt und dafür strebt, ist in einem Irrtum. Sie sind nicht für die Masse geschrieben, sondern nur für einzelne Menschen, die etwas Ähnliches wollen und suchen und die in ähnlichen Richtungen begriffen sind.« Er wollte weiterreden; eine junge Dame trat heran, ihn unterbrechend und ihn in ein Gespräch ziehend. Ich wendete mich zu anderen, worauf wir uns bald zu Tisch setzten. Von dem, was gesprochen wurde, wüßte ich nichts zu sagen; Goethes Worte lagen mir im Sinn und beschäftigten ganz mein Inneres. Freilich, dachte ich, ein Schriftsteller wie er, ein Geist von solcher Höhe, eine Natur von so unendlichem Umfang, wie soll der popular werden! Kann doch kaum ein kleiner Teil von ihm popular werden! Kaum ein Lied, das lustige Brüder und verliebte Mädchen singen und das für andere wiederum nicht da ist! Und, recht besehen, ist es nicht mit allen außerordentlichen Dingen so? Ist denn Mozart popular? Und ist es denn Raffael? Und verhält sich nicht die Welt gegen so große Quellen überschwenglichen geistigen Lebens überall nur wie Naschende, die froh sind, hin und wieder ein weniges zu erhaschen, das ihnen eine Weile eine höhere Nahrung gewähre? Ja, fuhr ich in meinen Gedanken fort, Goethe hat recht. Er kann seinem Umfange nach nicht popular werden, und seine Werke sind nur für einzelne Menschen, die etwas Ähnliches suchen und die in ähnlichen Richtungen begriffen sind. Sie sind im ganzen für betrachtende Naturen, die in die Tiefen der Welt und Menschheit zu dringen wünschen und seinen Pfaden nachgehen. Sie sind im einzelnen für leidenschaftlich Genießende, die des Herzens Wonne und Weh im Dichter suchen. Sie sind für junge Poeten, die lernen wollen, wie man sich ausdrücke und wie man einen Gegenstand kunstgemäß behandele. Sie sind für Kritiker, die darin ein Muster empfangen, nach welchen Maximen man urteilen solle, und wie man auch eine Rezension interessant und anmutig mache, so daß man sie mit Freuden lese. Seine Werke sind für den Künstler, weil sie ihm im allgemeinen den Geist aufklären und er im besonderen aus ihnen lernt, welche Gegenstände eine kunstgemäße Bedeutung haben, und was er demnach darstellen solle und was nicht. Sie sind für den Naturforscher, nicht allein, weil gefundene große Gesetze ihm überliefert werden, sondern auch vorzüglich, weil er darin eine Methode empfängt, wie ein guter Geist mit der Natur verfahren müsse, damit sie ihm ihre Geheimnisse offenbare. Und so gehen denn alle wissenschaftlich und künstlerisch Strebenden bei den reichbesetzten Tafeln seiner Werke zu Gaste, und in ihren Wirkungen zeugen sie von der allgemeinen Quelle eines großen Lichtes und Lebens, aus der sie geschöpft haben. Diese und ähnliche Gedanken gingen mir bei Tisch durch den Kopf. Ich dachte an einzelne Personen, an manchen wackeren deutschen Künstler, Naturforscher, Dichter und Kritiker, die einen großen Teil ihrer Bildung Goethen zu danken haben. Ich dachte an geistreiche Italiener, Franzosen und Engländer, die auf ihn ihre Augen richten und die in seinem Sinne handeln. Unterdessen hatte man um mich her heiter gescherzt und gesprochen und es sich an guten Gerichten wohl sein lassen. Ich hatte auch mitunter ein Wörtchen mit dreingeredet, aber alles, ohne eigentlich bei der Sache zu sein. Eine Dame hatte eine Frage an mich gerichtet, worauf ich vielleicht nicht die beste Antwort mochte gegeben haben. Ich wurde geneckt. »Laßt nur den Eckermann,« sagte Goethe, »er ist immer abwesend, außer wenn er im Theater sitzt.« Man lachte auf meine Kosten; doch war es mir nicht unlieb. Ich war heute in meinem Gemüt besonders glücklich. Ich segnete mein Geschick, das mich nach manchen wunderlichen Fügungen den wenigen zugesellet hatte, die den Umgang und das nähere Vertrauen eines Mannes genießen, dessen Größe mir noch vor wenig Augenblicken lebhaft durch die Seele gegangen war, und den ich nun in seiner vollen Liebenswürdigkeit persönlich vor Augen hatte. Biskuit und schöne Trauben wurden zum Nachtisch aufgetragen. Letztere waren aus der Ferne gesendet, und Goethe tat geheimnisvoll, woher sie gekommen. Er verteilte sie und reichte mir eine sehr reife über den Tisch. »Hier, mein Guter,« sagte er, »essen Sie von diesen Süßigkeiten und sei'n Sie vergnügt.« Ich ließ mir die Traube aus Goethes Händen wohlschmecken und war nun mit Leib und Seele völlig in seiner Nähe. Man sprach vom Theater, von Wolffs Verdiensten, und wie viel Gutes von diesem trefflichen Künstler ausgegangen. »Ich weiß sehr wohl,« sagte Goethe, »daß unsere hiesigen älteren Schauspieler manches von mir gelernt haben, aber im eigentlichen Sinne kann ich doch nur Wolff meinen Schüler nennen. Wie sehr er in meine Maximen eingedrungen war und wie er in meinem Sinne handelte, davon will ich einen Fall erzählen, den ich gerne wiederhole. Ich war einst gewisser anderer Ursachen wegen auf Wolff sehr böse. Er hatte abends zu spielen, und ich saß in meiner Loge. Jetzt, dachte ich, sollst du ihm doch einmal recht aufpassen; es ist doch heute nicht die Spur einer Neigung in dir, die für ihn sprechen und ihn entschuldigen könnte. – Wolff spielte, und ich wendete mein geschärftes Auge nicht von ihm! Aber wie spielte er! wie war er sicher! wie war er fest! – Es war mir unmöglich, ihm nur den Schein eines Verstoßes gegen die Regeln abzulisten, die ich ihm eingepflanzt hatte, und ich konnte nicht umhin, ich mußte ihm wieder gut sein.« Montag, den 20. Oktober 1828 Oberbergrat Noeggerath aus Bonn, von dem Verein der Naturforscher aus Berlin zurückkehrend, war heute an Goethes Tisch ein sehr willkommener Gast. Über Mineralogie ward viel verhandelt; der werte Fremde gab besonders gründliche Auskunft über die mineralogischen Vorkommen und Verhältnisse in der Nähe von Bonn. Nach aufgehobener Tafel traten wir in das Zimmer mit der kolossalen Büste der Juno. Goethe zeigte den Gästen einen langen Papierstreifen mit Konturen des Frieses vom Tempel zu Phigalia. Man betrachtete das Blatt und wollte bemerken, daß die Griechen bei ihren Darstellungen von Tieren sich weniger an die Natur gehalten, als daß sie dabei nach einer gewissen Konvenienz verfahren. Man wollte gefunden haben, daß sie in Darstellungen dieser Art hinter der Natur zurückgeblieben, und daß Widder, Opferstiere und Pferde, wie sie auf Basreliefs vorkommen, häufig sehr steife, unförmliche und unvollkommene Geschöpfe seien. »Ich will darüber nicht streiten,« sagte Goethe, »aber vor allen Dingen muß man unterscheiden, aus welcher Zeit und von welchem Künstler solche Werke herrühren. Denn so ließen sich wohl Musterstücke in Menge vorlegen, wo griechische Künstler in ihren Darstellungen von Tieren die Natur nicht allein erreicht, sondern sogar weit übertroffen haben. Die Engländer, die ersten Pferdekenner der Welt, müssen doch jetzt von zwei antiken Pferdeköpfen gestehen, daß sie in ihren Formen so vollkommen befunden werden, wie jetzt gar keine Rassen mehr auf der Erde existieren. Es sind diese Köpfe aus der besten griechischen Zeit; und wenn uns nun solche Werke in Erstaunen setzen, so haben wir nicht sowohl anzunehmen, daß jene Künstler nach einer mehr vollkommenen Natur gearbeitet haben, wie die jetzige ist, als vielmehr, daß sie im Fortschritte der Zeit und Kunst selber etwas geworden waren, so daß sie sich mit persönlicher Großheit an die Natur wandten.« Während dieses gesprochen wurde, stand ich mit einer Dame seitwärts an einem Tisch, um ein Kupferwerk zu betrachten, und ich konnte zu Goethes Worten nur ein halbes Ohr wenden; desto tiefer aber ergriff ich sie mit meiner Seele. Die Gesellschaft war nach und nach gegangen und ich mit Goethe allein gelassen, der sich zum Ofen stellte. Ich trat in seine Nähe. »Euer Exzellenz«, sagte ich, »haben vorhin in der Äußerung, daß die Griechen sich mit persönlicher Großheit an die Natur gewandt, ein gutes Wort gesprochen, und ich halte dafür, daß man sich von diesem Satz nicht tief genug durchdringen könne.« »Ja, mein Guter,« sagte Goethe, »hierauf kommt alles an. Man muß etwas sein , um etwas zu machen. Dante erscheint uns groß, aber er hatte eine Kultur von Jahrhunderten hinter sich; das Haus Rothschild ist reich, aber es hat mehr als ein Menschenalter gekostet, um zu solchen Schätzen zu gelangen. Diese Dinge liegen alle tiefer, als man denkt. Unsere guten altdeutschelnden Künstler wissen davon nichts, sie wenden sich mit persönlicher Schwäche und künstlerischem Unvermögen zur Nachahmung der Natur und meinen, es wäre was. Sie stehen unter der Natur. Wer aber etwas Großes machen will, muß seine Bildung so gesteigert haben, daß er gleich den Griechen imstande sei, die geringere reale Natur zu der Höhe seines Geistes heranzuheben und dasjenige wirklich zu machen, was in natürlichen Erscheinungen, aus innerer Schwäche oder aus äußerem Hindernis, nur Intention geblieben ist.« Mittwoch, den 22. Oktober 1828 Heute war bei Tisch von den Frauen die Rede, und Goethe äußerte sich darüber sehr schön. »Die Frauen«, sagte er, »sind silberne Schalen, in die wir goldene Äpfel legen. Meine Idee von den Frauen ist nicht von den Erscheinungen der Wirklichkeit abstrahiert, sondern sie ist mir angeboren, oder in mir entstanden, Gott weiß wie. Meine dargestellten Frauencharaktere sind daher auch alle gut weggekommen, sie sind alle besser, als sie in der Wirklichkeit anzutreffen sind.« Dienstag, den 18. November 1828 Goethe sprach von einem neuen Stück des ›Edinburgh Review‹. »Es ist eine Freude, zu sehen,« sagte er, »zu welcher Höhe und Tüchtigkeit die englischen Kritiker sich jetzt erheben. Von der früheren Pedanterie ist keine Spur mehr, und große Eigenschaften sind an deren Stelle getreten. In dem letzten Stück, in einem Aufsatz über deutsche Literatur, finden Sie folgende Äußerung: ›Es gibt Leute unter den Poeten, deren Neigung es ist, immer in solchen Dingen zu verkehren, die ein anderer sich gerne aus dem Sinne schlägt.‹ Nun, was sagen Sie? Da wissen wir mit einem Male, woran wir sind, und wissen, wohin wir eine große Zahl unserer neuesten Literatoren zu klassifizieren haben.« Dienstag, den 16. Dezember 1828 Ich war heute mit Goethe in seiner Arbeitsstube allein zu Tisch; wir sprachen über verschiedene literarische Dinge. »Die Deutschen«, sagte er, »können die Philisterei nicht loswerden. Da quengeln und streiten sie jetzt über verschiedene Distichen, die sich bei Schiller gedruckt finden und auch bei mir, und sie meinen, es wäre von Wichtigkeit, entschieden herauszubringen, welche denn wirklich Schillern gehören und welche mir. Als ob etwas darauf ankäme, als ob etwas damit gewonnen würde, und als ob es nicht genug wäre, daß die Sachen da sind! Freunde wie Schiller und ich, jahrelang verbunden, mit gleichen Interessen, in täglicher Berührung und gegenseitigem Austausch, lebten sich ineinander so sehr hinein, daß überhaupt bei einzelnen Gedanken gar nicht die Rede und Frage sein konnte, ob sie dem einen gehörten oder dem andern. Wir haben viele Distichen gemeinschaftlich gemacht, oft hatte ich den Gedanken und Schiller machte die Verse, oft war das Umgekehrte der Fall, und oft machte Schiller den einen Vers und ich den andern. Wie kann nun da von Mein und Dein die Rede sein! Man muß wirklich selbst noch tief in der Philisterei stecken, wenn man auf die Entscheidung solcher Zweifel nur die mindeste Wichtigkeit legen wollte.« »Etwas Ähnliches«, sagte ich, »kommt in der literarischen Welt häufig vor, indem man z. B. an dieses oder jenes berühmten Mannes Originalität zweifelt und die Quellen auszuspüren sucht, woher er seine Kultur hat.« »Das ist sehr lächerlich,« sagte Goethe »man könnte ebensogut einen wohlgenährten Mann nach den Ochsen, Schafen und Schweinen fragen, die er gegessen und die ihm Kräfte gegeben. Wir bringen wohl Fähigkeiten mit, aber unsere Entwickelung verdanken wir tausend Einwirkungen einer großen Welt, aus der wir uns aneignen, was wir können und was uns gemäß ist. Ich verdanke den Griechen und Franzosen viel, ich bin Shakespeare, Sterne und Goldsmith Unendliches schuldig geworden. Allein damit sind die Quellen meiner Kultur nicht nachgewiesen; es würde ins Grenzenlose gehen und wäre auch nicht nötig. Die Hauptsache ist, daß man eine Seele habe, die das Wahre liebt und die es aufnimmt, wo sie es findet. Überhaupt«, fuhr Goethe fort, »ist die Welt jetzt so alt, und es haben seit Jahrtausenden so viele bedeutende Menschen gelebt und gedacht, daß wenig Neues mehr zu finden und zu sagen ist. Meine Farbenlehre ist auch nicht durchaus neu. Plato, Leonardo da Vinci und viele andere Treffliche haben im einzelnen vor mir dasselbige gefunden und gesagt; aber daß ich es auch fand, daß ich es wieder sagte und daß ich dafür strebte, in einer konfusen Welt dem Wahren wieder Eingang zu verschaffen, das ist mein Verdienst. Und denn, man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder geprediget wird, und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse. In Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrtum obenauf, und es ist ihm wohl und behaglich, im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist. Oft lehret man auch Wahrheit und Irrtum zugleich, und hält sich an letzteren. So las ich vor einigen Tagen in einer englischen Enzyklopädie die Lehre von der Entstehung des Blauen . Obenan stand die wahre Ansicht von Leonardo da Vinci; mit der größten Ruhe aber folgte zugleich der Newtonische Irrtum, und zwar mit dem Bemerken, daß man sich an diesen zu halten habe, weil er das allgemein Angenommene sei.« Ich mußte mich lachend verwundern, als ich dieses hörte. »Jede Wachskerze,« sagte ich, »jeder erleuchtete Küchenrauch, der etwas Dunkeles hinter sich hat, jeder duftige Morgennebel, wenn er vor schattigen Stellen liegt, überzeugen mich täglich von der Entstehung der blauen Farbe und lehren mich die Bläue des Himmels begreifen. Was aber die Newtonischen Schüler sich dabei denken mögen, daß die Luft die Eigenschaft besitze, alle übrigen Farben zu verschlucken und nur die blaue zurückzuwerfen, dieses ist mir völlig unbegreiflich, und ich sehe nicht ein, welchen Nutzen und welche Freude man an einer Lehre haben kann, wobei jeder Gedanke völlig stille steht und jede gesunde Anschauung durchaus verschwindet.« »Gute Seele,« sagte Goethe, »um Gedanken und Anschauungen ist es den Leuten auch gar nicht zu tun. Sie sind zufrieden, wenn sie nur Worte haben, womit sie verkehren, welches schon mein Mephistopheles gewußt und nicht übel ausgesprochen hat: Vor allem haltet euch an Worte! Dann geht ihr durch die sichre Pforte Zum Tempel der Gewißheit ein; Denn eben wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.« Goethe rezitierte diese Stelle lachend und schien überall in der besten Laune. »Es ist nur gut«, sagte er, »daß schon alles gedruckt steht; und so will ich fortfahren, ferner drucken zu lassen, was ich gegen falsche Lehren und deren Verbreiter noch auf dem Herzen habe. Treffliche Menschen«, fuhr er nach einer Pause fort, »kommen jetzt in den Naturwissenschaften heran, und ich sehe ihnen mit Freuden zu. Andere fangen gut an, aber sie halten sich nicht; ihr vorwaltendes Subjektive führt sie in die Irre. Wiederum andere halten zu sehr auf Fakta und sammeln deren zu einer Unzahl, wodurch nichts bewiesen wird. Im ganzen fehlt der theoretische Geist, der fähig wäre, zu Urphänomenen durchzudringen und der einzelnen Erscheinungen Herr zu werden.« Ein kurzer Besuch unterbrach unsere Unterhaltung; bald aber wieder allein gelassen, lenkte sich das Gespräch auf die Poesie, und ich erzählte Goethen, daß ich dieser Tage seine kleinen Gedichte wieder betrachtet und besonders bei zweien verweilet habe, bei der Ballade nämlich von den Kindern und dem Alten, und bei den ›Glücklichen Gatten‹. »Ich halte auf diese beiden Gedichte selber etwas,« sagte Goethe, »wiewohl das deutsche Publikum bis jetzt nicht viel daraus hat machen können.« »In der Ballade«, sagte ich, »ist ein sehr reicher Gegenstand in große Enge zusammengebracht, mittels aller poetischen Formen und Künste und Kunstgriffe, worunter ich besonders den hochschätze, daß das Vergangene der Geschichte den Kindern von dem Alten bis zu dem Punkt erzählt wird, wo die Gegenwart eintritt und das übrige sich vor unsern Augen entwickelte »Ich habe die Ballade lange mit mir herumgetragen,« sagte Goethe, »ehe ich sie niederschrieb; es stecken Jahre von Nachdenken darin, und ich habe sie drei- bis viermal versucht, ehe sie mir so gelingen wollte, wie sie jetzt ist.« »Das Gedicht von den ›Glücklichen Gatten‹«, fuhr ich fort, »ist gleichfalls sehr reich an Motiven; es erscheinen darin ganze Landschaften und Menschenleben, durchwärmt von dem Sonnenschein eines anmutigen Frühlingshimmels, der sich über dem Ganzen ausbreitet.« »Ich habe das Gedicht immer lieb gehabt,« sagte Goethe, »und es freut mich, daß Sie ihm ein besonderes Interesse schenken. Und daß der Spaß zuletzt noch auf eine Doppelkindtaufe hinausgeht, dächte ich, wäre doch artig genug.« Wir kamen sodann auf den ›Bürgergeneral‹, wovon ich erzählte, daß ich dieses heitere Stück in diesen Tagen mit einem Engländer gelesen, und daß in uns beiden der lebhafte Wunsch entstanden, es auf dem Theater zu sehen. »Dem Geiste nach«, sagte ich, »ist darin nichts veraltet, und im einzelnen der dramatischen Entwickelung ist darin kein Zug, der nicht für die Bühne gedacht wäre.« »Es war zu seiner Zeit ein sehr gutes Stück,« sagte Goethe, »und es hat uns manchen heiteren Abend gemacht. Freilich, es war trefflich besetzt und so vortrefflich einstudiert, daß der Dialog Schlag auf Schlag ging, im völligsten Leben. Malkolmi spielte den Märten, man konnte nichts Vollkommneres sehen.« »Die Rolle des Schnaps«, sagte ich, »erscheint mir nicht weniger glücklich; ich dächte, das Repertoire hätte nicht viele aufzuweisen, die dankbarer und besser wären. Es ist in dieser Figur wie im ganzen Stück eine Deutlichkeit, eine Gegenwart, wie sie das Theater nur wünschen kann. Die Szene, wo er mit dem Felleisen kommt und nacheinander die Sachen hervorbringt, wo er Märten den Schnurrbart anklebt und sich selbst mit Freiheitsmütze, Uniform und Degen bekleidet, gehört zu den vorzüglichsten.« »Diese Szene«, sagte Goethe, »hat in früherer Zeit auf unserm Theater immer viel Glück gemacht. Es kam dazu noch der Umstand, daß das Felleisen mit den Sachen ein wirklich historisches war. Ich fand es nämlich zur Zeit der Revolution auf meiner Reise an der französischen Grenze, wo die Flucht der Emigrierten durchgegangen war, und wo es einer mochte verloren oder weggeworfen haben. Die Sachen, so wie sie im Stück vorkommen, waren alle darin, ich schrieb danach die Szene, und das Felleisen mit allem Zubehör spielte nachher, zu nicht geringem Vergnügen unserer Schauspieler, immer mit, sooft das Stück gegeben wurde.« Die Frage, ob man den ›Bürgergeneral‹ noch jetzt mit Interesse und Nutzen sehen könne, machte noch eine Weile den Gegenstand unserer Unterhaltung. Goethe erkundigte sich sodann nach meinen Fortschritten in der französischen Literatur, und ich erzählte ihm, daß ich mich abwechselnd noch immer mit Voltaire beschäftige, und daß das große Talent dieses Mannes mir das reinste Glück gewähre. »Ich kenne immer noch nur wenig von ihm,« sagte ich; »ich halte mich noch immer in dem Kreise seiner kleinen Gedichte an Personen, die ich lese und immer wieder lese und von denen ich mich nicht trennen kann.« »Eigentlich«, sagte Goethe, »ist alles gut, was ein so großes Talent wie Voltaire schreibt, wiewohl ich nicht alle seine Frechheiten gelten lassen möchte. Aber Sie haben nicht unrecht, wenn Sie so lange bei seinen kleinen Gedichten an Personen verweilen; sie gehören ohne Frage zu den liebenswürdigsten Sachen, die er geschrieben. Es ist darin keine Zeile, die nicht voller Geist, Klarheit, Heiterkeit und Anmut wäre.« »Und man sieht darin«, sagte ich, »seine Verhältnisse zu allen Großen und Mächtigen der Erde und bemerkt mit Freuden, welche vornehme Figur Voltaire selber spielt, indem er sich den Höchsten gleich zu empfinden scheint, und man ihm nie anmerkt, daß irgendeine Majestät seinen freien Geist nur einen Augenblick hat genieren können.« »Ja,« sagte Goethe, »vornehm war er. Und bei all seiner Freiheit und Verwegenheit hat er sich immer in den Grenzen des Schicklichen zu halten gewußt, welches fast noch mehr sagen will. Ich kann wohl die Kaiserin von Österreich als eine Autorität in solchen Dingen anführen, die sehr oft gegen mich wiederholt hat, daß in Voltaires Gedichten an fürstliche Personen keine Spur sei, daß er je die Linie der Konvenienz überschritten habe.« »Erinnern sich Euer Exzellenz«, sagte ich, »des kleinen Gedichtes, wo er der Prinzeß von Preußen, nachherigen Königin von Schweden, die artige Liebeserklärung macht, indem er sagt, daß er sich im Traum zum Rang der Könige habe erhoben gesehen?« »Es ist eins seiner vorzüglichsten«, sagte Goethe, indem er rezitierte: »Je vous aimais, princesse, et j'osais vous le dire. Les Dieux à mon réveil ne m'ont pas tout ôté, Je n'ai perdu que mon empire. Ja, das ist artig! Und dann«, fuhr Goethe fort, »hat es wohl nie einen Poeten gegeben, dem sein Talent jeden Augenblick so zur Hand war wie Voltaire. Ich erinnere mich einer Anekdote, wo er eine Zeitlang zum Besuch bei seiner Freundin Du Chatelet gewesen war und in dem Augenblick der Abreise, als schon der Wagen vor der Tür steht, einen Brief von einer großen Anzahl junger Mädchen eines benachbarten Klosters erhält, die zum Geburtstag ihrer Äbtissin den ›Tod Julius Cäsars‹ aufführen wollen und ihn um einen Prolog bitten. Der Fall war zu artig, als daß Voltaire ihn ablehnen konnte; schnell läßt er sich daher Feder und Papier geben und schreibt stehend auf dem Rande eines Kamins das Verlangte. Es ist ein Gedicht von etwa zwanzig Versen, durchaus durchdacht und vollendet, ganz für den gegebenen Fall passend, genug, von der besten Sorte.« »Ich hin sehr begierig, es zu lesen«, sagte ich. »Ich zweifle,« sagte Goethe, »daß es in Ihrer Sammlung steht, es ist erst kürzlich zum Vorschein gekommen, wie er denn solche Gedichte zu Hunderten gemacht hat, von denen noch manche hie und dort im Privatbesitz verborgen sein mögen.« »Ich fand dieser Tage eine Stelle in Lord Byron,« sagte ich, »woraus zu meiner Freude hervorging, welche außerordentliche Achtung auch Byron vor Voltaire gehabt. Auch sieht man es ihm wohl an, wie sehr er Voltaire mag gelesen, studiert und benutzt haben.« »Byron«, sagte Goethe, »wußte zu gut, wo etwas zu holen war, und er war zu gescheit, als daß er aus dieser allgemeinen Quelle des Lichts nicht auch hätte schöpfen sollen.« Das Gespräch wendete sich hiernächst ganz auf Byron und einzelne seiner Werke, wobei Goethe häufigen Anlaß fand, manche seiner früheren Äußerungen von Anerkennung und Bewunderung jenes großen Talentes zu wiederholen. »In alles, was Euer Exzellenz über Byron sagen,« erwiderte ich, »stimme ich von Herzen bei; allein wie bedeutend und groß jener Dichter als Talent auch sein mag, so möchte ich doch sehr zweifeln, daß aus seinen Schriften für reine Menschenbildung ein entschiedener Gewinn zu schöpfen.« »Da muß ich Ihnen widersprechen«, sagte Goethe. »Byrons Kühnheit, Keckheit und Grandiosität, ist das nicht alles bildend? – Wir müssen uns hüten, es stets im entschieden Reinen und Sittlichen suchen zu wollen. – Alles Große bildet, sobald wir es gewahr werden.« 1829 Mittwoch, den 4. Februar 1829 »Ich habe im Schubarth zu lesen fortgefahren,« sagte Goethe; »er ist freilich ein bedeutender Mensch, und er sagt sogar manches sehr Vorzügliche, wenn man es sich in seine eigene Sprache übersetzt. Die Hauptrichtung seines Buches geht darauf hinaus: daß es einen Standpunkt außerhalb der Philosophie gebe, nämlich den des gesunden Menschenverstandes, und daß Kunst und Wissenschaft, unabhängig von der Philosophie, mittels freier Wirkung natürlicher menschlicher Kräfte, immer am besten gediehen sei. Dies ist durchaus Wasser auf unsere Mühle. Von der Philosophie habe ich mich selbst immer frei erhalten, der Standpunkt des gesunden Menschenverstandes war auch der meinige, und Schubarth bestätigst also, was ich mein ganzes Leben selber gesagt und getan habe. Das einzige, was ich an ihm nicht durchaus loben kann, ist, daß er gewisse Dinge besser weiß, als er sie sagt, und daß er also nicht immer ganz ehrlich zu Werke geht. So wie Hegel zieht auch er die christliche Religion in die Philosophie herein, die doch nichts darin zu tun hat. Die christliche Religion ist ein mächtiges Wesen für sich, woran die gesunkene und leidende Menschheit von Zeit zu Zeit sich immer wieder emporgearbeitet hat; und indem man ihr diese Wirkung zugesteht, ist sie über aller Philosophie erhaben und bedarf von ihr keiner Stütze. So auch bedarf der Philosoph nicht das Ansehen der Religion, um gewisse Lehren zu beweisen, wie z. B. die, einer ewigen Fortdauer. Der Mensch soll an Unsterblichkeit glauben, er hat dazu ein Recht, es ist seiner Natur gemäß, und er darf auf religiöse Zusagen bauen; wenn aber der Philosoph den Beweis für die Unsterblichkeit unserer Seele aus einer Legende hernehmen will, so ist das sehr schwach und will nicht viel heißen. Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der Tätigkeit; denn wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag.« Mein Herz schlug bei diesen Worten vor Bewunderung und Liebe. Ist doch, dachte ich, nie eine Lehre ausgesprochen worden, die mehr zu edlen Taten reizt als diese; denn wer will nicht bis an sein Ende unermüdlich wirken und handeln, wenn er darin die Bürgschaft eines ewigen Lebens findet. Goethe ließ ein Portefeuille mit Handzeichnungen und Kupferstichen vorlegen. Nachdem er einige Blätter stille betrachtet und umgewendet, reichte er mir einen schönen Stich nach einem Gemälde von Ostade. »Hier«, sagte er, »haben Sie die Szene zu unserm ›Good man and good wife‹.« Ich betrachtete das Blatt mit großer Freude. Ich sah das Innere einer Bauernwohnung vorgestellt, wo Küche, Wohn- und Schlafzimmer alles in Einem und nur ein Raum war. Mann und Frau saßen sich nahe gegenüber, die Frau spinnend, der Mann Garn windend, ein Bube zu ihren Füßen. Im Hintergrunde sah man ein Bette, so wie überall nur das roheste, allernotwendigste Hausgeräte; die Tür ging unmittelbar ins Freie. Den Begriff beschränkten ehelichen Glückes gab dieses Blatt vollkommen; Zufriedenheit, Behagen und ein gewisses Schwelgen in liebenden ehelichen Empfindungen lag auf den Gesichtern vom Manne und der Frau, wie sie sich einander anblickten. »Es wird einem wohler zumute,« sagte ich, »je länger man dieses Blatt ansieht; es hat einen Reiz ganz eigener Art.« – »Es ist der Reiz der Sinnlichkeit,« sagte Goethe, »den keine Kunst entbehren kann und der in Gegenständen solcher Art in seiner ganzen Fülle herrscht. Bei Darstellungen höherer Richtung dagegen, wo der Künstler ins Ideelle geht, ist es schwer, daß die gehörige Sinnlichkeit mitgehe, und daß er nicht trocken und kalt werde. Da können nun Jugend oder Alter günstig oder hinderlich sein, und der Künstler muß daher seine Jahre bedenken und danach seine Gegenstände wählen. Meine ›Iphigenie‹ und mein ›Tasso‹ sind mir gelungen, weil ich jung genug war, um mit meiner Sinnlichkeit das Ideelle des Stoffes durchdringen und beleben zu können. Jetzt in meinem Alter wären so ideelle Gegenstände nicht für mich geeignet, und ich tue vielmehr wohl, solche zu wählen, wo eine gewisse Sinnlichkeit bereits im Stoffe liegt. Wenn Genasts hier bleiben, so schreibe ich euch zwei Stücke, jedes in einem Akt und in Prosa: das eine von der heitersten Art, mit einer Hochzeit endend, das andere grausam und erschütternd, so daß am Ende zwei Leichname zurückbleiben. Das erstere rührt noch aus Schillers Zeit her, und er hat auf mein Antreiben schon eine Szene davon geschrieben. Beide Sujets habe ich lange durchdacht, und sie sind mir so vollkommen gegenwärtig, daß ich jedes in acht Tagen diktieren wollte, wie ich es mit meinem ›Bürgergeneral‹ getan habe.« »Tun Sie es,« sagte ich, »schreiben Sie die beiden Stücke auf jeden Fall; es ist Ihnen nach den ›Wanderjahren‹ eine Erfrischung und wirkt wie eine kleine Reise. Und wie würde die Welt sich freuen, wenn Sie dem Theater noch etwas zuliebe täten, was niemand mehr erwartet!« »Wie gesagt,« fuhr Goethe fort, »wenn Genasts hier bleiben, so bin ich gar nicht sicher, daß ich euch nicht den Spaß mache. Aber ohne diese Aussicht wäre dazu wenig Reiz, denn ein Stück auf dem Papiere ist gar nichts. Der Dichter muß die Mittel kennen, mit denen er wirken will, und er muß seine Rolle denen Figuren auf den Leib schreiben, die sie spielen sollen. Habe ich also auf Genast und seine Frau zu rechnen, und nehme ich dazu La Roche, Herrn Winterberger und Madame Seidel, so weiß ich, was ich zu tun habe, und kann der Ausführung meiner Intentionen gewiß sein. Für das Theater zu schreiben,« fuhr Goethe fort, »ist ein eigenes Ding, und wer es nicht durch und durch kennet, der mag es unterlassen. Ein interessantes Faktum, denkt jeder, werde auch interessant auf den Brettern erscheinen; aber mitnichten! – Es können Dinge ganz hübsch zu lesen und hübsch zu denken sein, aber auf die Bretter gebracht, sieht das ganz anders aus, und was uns im Buche entzückte, wird uns von der Bühne herunter vielleicht kalt lassen. Wenn man meinen ›Hermann und Dorothea‹ lieset, so denkt man, das wäre auch auf dem Theater zu sehen. Töpfer hat sich verführen lassen, es hinauf zu bringen; allein was ist es, was wirkt es, zumal wenn es nicht ganz vorzüglich gespielt wird, und wer kann sagen, daß es in jeder Hinsicht ein gutes Stück sei? – Für das Theater zu schreiben ist ein Metier, das man kennen soll, und will ein Talent, das man besitzen muß. Beides ist selten, und wo es sich nicht vereinigt findet, wird schwerlich etwas Gutes an den Tag kommen.« Montag, den 9. [8.] Februar 1820 Goethe sprach viel über die ›Wahlverwandtschaften‹, besonders daß jemand sich in der Person des Mittler getroffen gefunden, den er früher im Leben nie gekannt und gesehen. »Der Charakter«, sagte er, »muß also wohl einige Wahrheit haben und in der Welt mehr als einmal existieren. Es ist in den ›Wahlverwandtschaften‹ überhaupt keine Zeile, die ich nicht selber erlebt hätte, und es steckt darin mehr, als irgend jemand bei einmaligem Lesen aufzunehmen imstande wäre.« Dienstag, den 10. [?] Februar 1829 Ich fand Goethe umringt von Karten und Plänen in bezug auf den Bremer Hafenbau, für welches großartige Unternehmen er ein besonderes Interesse zeigte. Sodann viel über Merck gesprochen, von welchem er mir eine poetische Epistel an Wieland vom Jahre 1776 vorlieset, in höchst geistreichen aber etwas derben Knittelversen. Der sehr heitere Inhalt geht besonders gegen Jacobi, den Wieland in einer zu günstigen Rezension im ›Merkur‹ überschätzt zu haben scheint, welches Merck ihm nicht verzeihen kann. Über den Zustand damaliger Kultur, und wie schwer es gehalten, aus der sogenannten Sturm- und Drangperiode sich zu einer höheren Bildung zu retten. Über seine ersten Jahre in Weimar. Das poetische Talent im Konflikt mit der Realität, die er durch seine Stellung zum Hof und verschiedenartige Zweige des Staatsdienstes zu höherem Vorteil in sich aufzunehmen genötigt ist. Deshalb in den ersten zehn Jahren nichts Poetisches von Bedeutung hervorgebracht. Fragmente vorgelesen. Durch Liebschaften verdüstert. Der Vater fortwährend ungeduldig gegen das Hofleben. Vorteile, daß er den Ort nicht verändert, und daß er dieselbigen Erfahrungen nicht nötig gehabt, zweimal zu machen. Flucht nach Italien, um sich zu poetischer Produktivität wieder herzustellen. Aberglaube, daß er nicht hinkomme, wenn jemand darum wisse. Deshalb tiefes Geheimnis. Von Rom aus an den Herzog geschrieben. Aus Italien zurück mit großen Anforderungen an sich selbst. Herzogin Amalie. Vollkommene Fürstin mit vollkommen menschlichem Sinne und Neigung zum Lebensgenuß. Sie hat große Liebe zu seiner Mutter und wünscht, daß sie für immer nach Weimar komme. Er ist dagegen. Über die ersten Anfänge des ›Faust‹: »Der ›Faust‹ entstand mit meinem ›Werther‹; ich brachte ihn im Jahre 1775 mit nach Weimar. Ich hatte ihn auf Postpapier geschrieben und nichts daran gestrichen; denn ich hütete mich, eine Zeile niederzuschreiben, die nicht gut war und die nicht bestehen konnte.« Mittwoch, den 11. Februar 1829 Mit Oberbaudirektor Coudray bei Goethe zu Tisch. Coudray erzählt viel von der weiblichen Industrieschule und dem Waiseninstitut als den besten Einrichtungen dieser Art des Landes; erstere von der Großfürstin, letzteres vom Großherzog Carl August gegründet. Mancherlei über Theaterdekoration und Wegebau. Coudray legt Goethen den Riß zu einer fürstlichen Kapelle vor. Über den Ort, wo der herrschaftliche Stuhl anzubringen; wogegen Goethe Einwendungen macht, die Coudray annimmt. Nach Tisch Soret. Goethe zeigt uns abermals die Bilder von Herrn von Reutern. Donnerstag, den 12. Februar 1829 Goethe lieset mir das frisch entstandene, überaus herrliche Gedicht: ›Kein Wesen kann zu nichts zerfallen – ‹. »Ich habe«, sagte er, »dieses Gedicht als Widerspruch der Verse: ›Denn alles muß zu nichts zerfallen, wenn es im Sein beharren will – ‹, geschrieben, welche dumm sind und welche meine Berliner Freunde bei Gelegenheit der Naturforschenden Versammlung zu meinem Ärger in goldenen Buchstaben ausgestellt haben.« Über den großen Mathematiker Lagrange, an welchem Goethe vorzüglich den trefflichen Charakter hervorhebt. »Er war ein guter Mensch,« sagte er, »und eben deswegen groß. Denn wenn ein guter Mensch mit Talent begabt ist, so wird er immer zum Heil der Welt sittlich wirken, sei es als Künstler, Naturforscher, Dichter oder was alles sonst. Es ist mir lieb,« fuhr Goethe fort, »daß Sie Coudray gestern näher kennen gelernt haben. Er spricht sich in Gesellschaft selten aus, aber so unter uns haben Sie gesehen, welch ein trefflicher Geist und Charakter in dem Manne wohnt. Er hat anfänglich vielen Widerspruch erlitten, aber jetzt hat er sich durchgekämpft und genießt vollkommene Gunst und Vertrauen des Hofes. Coudray ist einer der geschicktesten Architekten unserer Zeit. Er hat sich zu mir gehalten und ich mich zu ihm, und es ist uns beiden von Nutzen gewesen. Hätte ich den vor funfzig Jahren gehabt!« Über Goethes eigene architektonische Kenntnisse. Ich bemerke, er müsse viel in Italien gewonnen haben. »Es gab mir einen Begriff vom Ernsten und Großen,« antwortete er, »aber keine Gewandtheit. Der weimarische Schloßbau hat mich vor allem gefördert. Ich mußte mit einwirken und war sogar in dem Fall, Gesimse zeichnen zu müssen. Ich tat es den Leuten von Metier gewissermaßen zuvor, weil ich ihnen in der Intention überlegen war.« Das Gespräch kam auf Zelter. »Ich habe einen Brief von ihm,« sagte Goethe; »er schreibt unter andern, daß die Aufführung des ›Messias‹ ihm durch eine seiner Schülerinnen verdorben sei, die eine Arie zu weich, zu schwach, zu sentimental gesungen. Das Schwache ist ein Charakterzug unsers Jahrhunderts. Ich habe die Hypothese, daß es in Deutschland eine Folge der Anstrengung ist, die Franzosen loszuwerden. Maler, Naturforscher, Bildhauer, Musiker, Poeten, es ist mit wenigen Ausnahmen alles schwach, und in der Masse steht es nicht besser.« »Doch«, sagte ich, »gebe ich die Hoffnung nicht auf, zum ›Faust‹ eine passende Musik kommen zu sehen.« »Es ist ganz unmöglich«, sagte Goethe. »Das Abstoßende, Widerwärtige, Furchtbare, was sie stellenweise enthalten müßte, ist der Zeit zuwider. Die Musik müßte im Charakter des ›Don Juan‹ sein; Mozart hätte den ›Faust‹ komponieren müssen. Meyerbeer wäre vielleicht dazu fähig, allein der wird sich auf so etwas nicht einlassen; er ist zu sehr mit italienischen Theatern verflochten.« Sodann, ich weiß nicht mehr, in welcher Verbindung und welchem Bezug, sagte Goethe folgendes sehr Bedeutende. »Alles Große und Gescheite«, sagte er, »existiert in der Minorität. Es hat Minister gegeben, die Volk und König gegen sich hatten und die ihre großen Plane einsam durchführten. Es ist nie daran zu denken, daß die Vernunft popular werde. Leidenschaften und Gefühle mögen popular werden, aber die Vernunft wird immer nur im Besitz einzelner Vorzüglicher sein.« Freitag, den 13. Februar 1829 Mit Goethe allein zu Tisch. »Ich werde nach Beendigung der ›Wanderjahre‹«, sagte er, »mich wieder zur Botanik wenden, um mit Soret die Übersetzung weiter zu bringen. Nur fürchte ich, daß es mich wieder ins Weite führt und daß es zuletzt abermals ein Alp wird. Große Geheimnisse liegen noch verborgen; manches weiß ich, von vielem habe ich eine Ahndung. Etwas will ich Ihnen vertrauen und mich wunderlich ausdrücken: Die Pflanze geht von Knoten zu Knoten und schließt zuletzt ab mit der Blüte und dem Samen. In der Tierwelt ist es nicht anders. Die Raupe, der Bandwurm geht von Knoten zu Knoten und bildet zuletzt einen Kopf; bei den höher stehenden Tieren und Menschen sind es die Wirbelknochen, die sich anfügen und anfügen und mit dem Kopf abschließen, in welchem sich die Kräfte konzentrieren. Was so bei einzelnen geschieht, geschieht auch bei ganzen Korporationen. Die Bienen, auch eine Reihe von Einzelnheiten, die sich aneinander schließen, bringen als Gesamtheit etwas hervor, das auch den Schluß macht und als Kopf des Ganzen anzusehen ist, den Bienen-König. Wie dieses geschieht, ist geheimnisvoll, schwer auszusprechen, aber ich könnte sagen, daß ich darüber meine Gedanken habe. So bringt ein Volk seine Helden hervor, die gleich Halbgöttern zu Schutz und Heil an der Spitze stehen; und so vereinigten sich die poetischen Kräfte der Franzosen in Voltaire. Solche Häuptlinge eines Volkes sind groß in der Generation, in der sie wirken; manche dauren später hinaus, die meisten werden durch andere ersetzt und von der Folgezeit vergessen.« Ich freute mich dieser bedeutenden Gedanken. Goethe sprach sodann über Naturforscher, denen es vor allem nur daran liege, ihre Meinung zu beweisen. »Herr von Buch«, sagte er, »hat ein neues Werk herausgegeben, das gleich im Titel eine Hypothese enthält. Seine Schrift soll von Granitblöcken handeln, die hier und dort umherliegen, man weiß nicht wie und woher. Da aber Herr von Buch die Hypothese im Schilde führt, daß solche Granitblöcke durch etwas Gewaltsames von innen hervorgeworfen und zersprengt worden, so deutet er dieses gleich im Titel an, indem er schon dort von ›zerstreuten‹ Granitblöcken redet, wo denn der Schritt zur Zerstreuung sehr nahe liegt und dem arglosen Leser die Schlinge des Irrtums über den Kopf gezogen wird, er weiß nicht wie. Man muß alt werden, um dieses alles zu übersehen, und Geld genug haben, seine Erfahrungen bezahlen zu können. Jedes Bonmot, das ich sage, kostet mir eine Börse voll Gold; eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch meine Hände gegangen, um das zu lernen, was ich jetzt weiß, nicht allein das ganze Vermögen meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes literarisches Einkommen seit mehr als funfzig Jahren. Außerdem habe ich anderthalb Millionen zu großen Zwecken von fürstlichen Personen ausgeben sehen, denen ich nahe verbunden war und an deren Schritten, Gelingen und Mißlingen ich teilnahm. Es ist nicht genug, daß man Talent habe, es gehört mehr dazu, um gescheit zu werden; man muß auch in großen Verhältnissen leben und Gelegenheit haben, den spielenden Figuren der Zeit in die Karten zu sehen und selber zu Gewinn und Verlust mitzuspielen. Ohne meine Bemühungen in den Naturwissenschaften hätte ich jedoch die Menschen nie kennen gelernt, wie sie sind. In allen anderen Dingen kann man dem reinen Anschauen und Denken, den Irrtümern der Sinne wie des Verstandes, den Charakterschwächen und -stärken nicht so nachkommen; es ist alles mehr oder weniger biegsam und schwankend und läßt alles mehr oder weniger mit sich handeln, aber die Natur versteht gar keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen. Den Unzulänglichen verschmäht sie, und nur dem Zulänglichen, Wahren und Reinen ergibt sie sich und offenbart ihm ihre Geheimnisse. Der Verstand reicht zu ihr nicht hinauf, der Mensch muß fähig sein, sich zur höchsten Vernunft erheben zu können, um an die Gottheit zu rühren, die sich in Urphänomenen, physischen wie sittlichen, offenbaret, hinter denen sie sich hält und die von ihr ausgehen. Die Gottheit aber ist wirksam im Lebendigen, aber nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich Verwandelnden, aber nicht im Gewordenen und Erstarrten. Deshalb hat auch die Vernunft in ihrer Tendenz zum Göttlichen es nur mit dem Werdenden, Lebendigen zu tun, der Verstand mit dem Gewordenen, Erstarrten, daß er es nutze. Die Mineralogie ist daher eine Wissenschaft für den Verstand, für das praktische Leben, denn ihre Gegenstände sind etwas Totes, das nicht mehr entsteht, und an eine Synthese ist dabei nicht zu denken. Die Gegenstände der Meteorologie sind zwar etwas Lebendiges, das wir täglich wirken und schaffen sehen; sie setzen eine Synthese voraus; allein der Mitwirkungen sind so mannigfaltige, daß der Mensch dieser Synthese nicht gewachsen ist und er sich daher in seinen Beobachtungen und Forschungen unnütz abmühet. Wir steuern dabei auf Hypothesen los, auf imaginäre Inseln, aber die eigentliche Synthese wird wahrscheinlich ein unentdecktes Land bleiben. Und mich wundert es nicht, wenn ich bedenke, wie schwer es gehalten, selbst in so einfachen Dingen wie die Pflanze und die Farbe zu einiger Synthese zu gelangen.« Sonntag, den 15. Februar 1829 Goethe empfing mich mit großem Lobe wegen meiner Redaktion der naturhistorischen Aphorismen für die ›Wanderjahre‹. »Werfen Sie sich auf die Natur,« sagte er, »Sie sind dafür geboren, und schreiben Sie zunächst ein Kompendium der Farbenlehre.« Wir sprachen viel über diesen Gegenstand. Eine Kiste vom Niederrhein langte an, mit ausgegrabenen antiken Gefäßen, Mineralien, kleinen Dombildern und Gedichten des Karnevals, welches alles nach Tisch ausgepackt wurde. Dienstag, den 17. Februar 1829 Viel über den ›Groß-Cophta‹ gesprochen. »Lavater«, sagte Goethe, »glaubte an Cagliostro und dessen Wunder. Als man ihn als einen Betrüger entlarvt hatte, behauptete Lavater, dies sei ein anderer Cagliostro, der Wundertäter Cagliostro sei eine heilige Person. Lavater war ein herzlich guter Mann, allein er war gewaltigen Täuschungen unterworfen, und die ganz strenge Wahrheit war nicht seine Sache, er belog sich und andere. Es kam zwischen mir und ihm deshalb zum völligen Bruch. Zuletzt habe ich ihn noch in Zürich gesehen, ohne von ihm gesehen zu werden. Verkleidet ging ich in einer Allee, ich sah ihn auf mich zukommen, ich bog außerhalb, er ging an mir vorüber und kannte mich nicht. Sein Gang war wie der eines Kranichs, weswegen er auf dem Blocksberg als Kranich vorkommt.« Ich fragte Goethe, ob Lavater eine Tendenz zur Natur gehabt, wie man fast wegen seiner ›Physiognomik‹ schließen sollte. »Durchaus nicht,« antwortete Goethe, »seine Richtung ging bloß auf das Sittliche, Religiöse. Was in Lavaters ›Physiognomik‹ über Tierschädel vorkommt, ist von mir.« Das Gespräch lenkte sich auf die Franzosen, auf die Vorlesungen von Guizot, Villemain und Cousin, und Goethe sprach mit hoher Achtung über den Standpunkt dieser Männer, und wie sie alles von einer freien und neuen Seite betrachteten und überall gerade aufs Ziel losgingen. »Es ist,« sagte Goethe, »als wäre man bis jetzt in einen Garten auf Umwegen und durch Krümmungen gelangt; diese Männer aber sind kühn und frei genug, die Mauer dort einzureißen und eine Tür an derjenigen Stelle zu machen, wo man sogleich auf den breitesten Weg des Gartens tritt.« Von Cousin kamen wir auf indische Philosophie. »Diese Philosophie«, sagte Goethe, »hat, wenn die Nachrichten des Engländers wahr sind, durchaus nichts Fremdes, vielmehr wiederholen sich in ihr die Epochen, die wir alle selber durchmachen. Mir sind Sensualisten, solange wir Kinder sind; Idealisten, wenn wir lieben und in den geliebten Gegenstand Eigenschaften legen, die nicht eigentlich darin sind; die Liebe wankt, wir zweifeln an der Treue und sind Skeptiker, ehe wir es glaubten. Der Rest des Lebens ist gleichgültig, wir lassen es gehen, wie es will, und endigen mit dem Quietismus, wie die indischen Philosophen auch. In der deutschen Philosophie wären noch zwei große Dinge zu tun. Kant hat die ›Kritik der reinen Vernunft‹ geschrieben, womit unendlich viel geschehen, aber der Kreis nicht abgeschlossen ist. Jetzt müßte ein Fähiger, ein Bedeutender die Kritik der Sinne und des Menschenverstandes schreiben, und wir würden, wenn dieses gleich vortrefflich geschehen, in der deutschen Philosophie nicht viel mehr zu wünschen haben. Hegel«, fuhr Goethe fort, »hat in den ›Berliner Jahrbüchern‹ eine Rezension über Hamann geschrieben, die ich in diesen Tagen lese und wieder lese und die ich sehr loben muß. Hegels Urteile als Kritiker sind immer gut gewesen. Villemain steht in der Kritik gleichfalls sehr hoch. Die Franzosen werden zwar nie ein Talent wieder sehen, das dem von Voltaire gewachsen wäre. Von Villemain aber kann man sagen, daß er in seinem geistigen Standpunkt über Voltairen erhaben ist, so daß er ihn in seinen Tugenden und Fehlern beurteilen kann.« Mittwoch, den 18. Februar 1829 Wir sprachen über die Farbenlehre, unter andern über Trinkgläser, deren trübe Figuren gegen das Licht gelb und gegen das Dunkele blau erscheinen, und die also die Betrachtung eines Urphänomens gewähren. »Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann,« sagte Goethe bei dieser Gelegenheit, »ist das Erstaunen, und wenn ihn das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden; ein Höheres kann es ihm nicht gewähren, und ein Weiteres soll er nicht dahinter suchen; hier ist die Grenze. Aber den Menschen ist der Anblick eines Urphänomens gewöhnlich noch nicht genug, sie denken, es müsse noch weiter gehen, und sie sind den Kindern ähnlich, die, wenn sie in einen Spiegel geguckt, ihn sogleich umwenden, um zu sehen, was auf der anderen Seite ist.« Das Gespräch lenkte sich auf Merck, und ich fragte, ob Merck sich auch mit Naturstudien befaßt. »O ja,« sagte Goethe, »er besaß sogar bedeutende naturhistorische Sammlungen. Merck war überhaupt ein höchst vielseitiger Mensch. Er liebte auch die Kunst, und zwar ging dieses so weit, daß, wenn er ein gutes Stück in den Händen eines Philisters sah, von dem er glaubte, daß er es nicht zu schätzen wisse, er alles anwendete, um es in seine eigene Sammlung zu bringen. Er hatte in solchen Dingen gar kein Gewissen, jedes Mittel war ihm recht, und selbst eine Art von grandiosem Betrug wurde nicht verschmäht, wenn es nicht anders gehen wollte.« Goethe erzählte dieser Art einige sehr interessante Beispiele. »Ein Mensch wie Merck«, fuhr er fort, »wird gar nicht mehr geboren, und wenn er geboren würde, so würde die Welt ihn anders ziehen. Es war überhaupt eine gute Zeit, als ich mit Merck jung war. Die deutsche Literatur war noch eine reine Tafel, auf die man mit Lust viel Gutes zu malen hoffte. Jetzt ist sie so beschrieben und besudelt, daß man keine Freude hat sie anzublicken und daß ein gescheiter Mensch nicht weiß, wohin er noch etwas zeichnen soll.« Donnerstag, den 19. Februar 1829 Mit Goethe in seiner Arbeitsstube allein zu Tisch. – Er war sehr heiter und erzählte mir, daß ihm am Tage manches Gute widerfahren und daß er auch ein Geschäft mit Artaria und dem Hof glücklich beendigt sehe. Wir sprachen sodann viel über ›Egmont‹, der am Abend vorher nach der Bearbeitung von Schiller gegeben worden, und es kamen die Nachteile zur Erwähnung, die das Stück durch diese Redaktion zu leiden hat. »Es ist in vielfacher Hinsicht nicht gut,« sagte ich, »daß die Regentin fehlt; sie ist vielmehr dem Stücke durchaus notwendig. Denn nicht allein, daß das Ganze durch diese Fürstin einen höheren, vornehmeren Charakter erhält, sondern es treten auch die politischen Verhältnisse, besonders in bezug auf den spanischen Hof, durch ihre Dialoge mit Machiavell durchaus reiner und entschiedener hervor.« »Ganz ohne Frage«, sagte Goethe. »Und dann gewinnt auch Egmont an Bedeutung durch den Glanz, den die Neigung der Fürstin auf ihn wirft, so wie auch Klärchen gehoben erscheint, wenn wir sehen, daß sie, selbst über Fürstinnen siegend, Egmonts ganze Liebe allein besitzt. Dieses sind alles sehr delikate Wirkungen, die man freilich ohne Gefahr für das Ganze nicht verletzen darf.« »Auch will mir scheinen,« sagte ich, »daß bei den vielen bedeutenden Männerrollen eine einzige weibliche Figur wie Klärchen zu schwach und etwas gedrückt erscheint. Durch die Regentin aber erhält das ganze Gemälde mehr Gleichgewicht. Daß von ihr im Stücke gesprochen wird, will nicht viel sagen; das persönliche Auftreten macht den Eindruck.« »Sie empfinden das Verhältnis sehr richtig«, sagte Goethe. »Als ich das Stück schrieb, habe ich, wie Sie denken können, alles sehr wohl abgewogen, und es ist daher nicht zu verwundern, daß ein Ganzes sehr empfindlich leiden muß, wenn man eine Hauptfigur herausreißt, die ins Ganze gedacht worden und wodurch das Ganze besteht. Aber Schiller hatte in seiner Natur etwas Gewaltsames; er handelte oft zu sehr nach einer vorgefaßten Idee, ohne hinlängliche Achtung vor dem Gegenstande, der zu behandeln war.« »Man möchte auf Sie schelten,« sagte ich, »daß Sie es gelitten und daß Sie in einem so wichtigen Fall ihm so unbedingte Freiheit gegeben.« »Man ist oft gleichgültiger als billig«, antwortete Goethe. »Und dann war ich in jener Zeit mit anderen Dingen tief beschäftigt. Ich hatte so wenig ein Interesse für ›Egmont‹ wie für das Theater; ich ließ ihn gewähren. Jetzt ist es wenigstens ein Trost für mich, daß das Stück gedruckt dasteht und daß es Bühnen gibt, die verständig genug sind, es treu und ohne Verkürzung ganz so aufzuführen, wie ich es geschrieben.« Goethe erkundigte sich sodann nach der Farbenlehre, und ob ich seinem Vorschlage, ein Kompendium zu schreiben, weiter nachgedacht. Ich sagte ihm, wie es damit stehe, und so gerieten wir unvermutet in eine Differenz, die ich bei der Wichtigkeit des Gegenstandes mitteilen will. Wer es beobachtet hat, wird sich erinnern, daß bei heiteren Wintertagen und Sonnenschein die Schatten auf dem Schnee häufig blau gesehen werden. Dieses Phänomen bringt Goethe in seiner ›Farbenlehre‹ unter die subjektiven Erscheinungen, indem er als Grundlage annimmt, daß das Sonnenlicht zu uns, die wir nicht auf den Gipfeln hoher Berge wohnen, nicht durchaus weiß , sondern durch eine mehr oder weniger dunstreiche Atmosphäre dringend, in einem gelblichen Schein herabkomme; und daß also der Schnee, von der Sonne beschienen, nicht durchaus weiß, sondern eine gelblich tingierte Fläche sei, die das Auge zum Gegensatz und also zur Hervorbringung der blauen Farbe anreize. Der auf dem Schnee gesehen werdende blaue Schatten sei demnach eine geforderte Farbe, unter welcher Rubrik Goethe denn auch das Phänomen abhandelt und danach die von Saussure auf dem Montblanc gemachten Beobachtungen sehr konsequent zurechtlegt. Als ich nun in diesen Tagen die ersten Kapitel der ›Farbenlehre‹ abermals betrachtete, um mich zu prüfen, ob es mir gelingen möchte, Goethes freundlicher Aufforderung nachzukommen und ein Kompendium seiner Farbenlehre zu schreiben, war ich, durch Schnee und Sonnenschein begünstigt, in dem Fall, ebengedachtes Phänomen des blauen Schattens abermals näher in Augenschein zu nehmen, wo ich denn zu einiger Überraschung fand, daß Goethes Ableitung auf einem Irrtum beruhe. Wie ich aber zu diesem Aperçu gelangte, will ich sagen. Aus den Fenstern meines Wohnzimmers sehe ich grade gegen Süden, und zwar auf einen Garten, der durch ein Gebäude begrenzt wird, das bei dem niederen Stande der Sonne im Winter mir entgegen einen so großen Schatten wirft, daß er über die halbe Fläche des Gartens reicht. Auf diese Schattenfläche im Schnee blickte ich nun vor einigen Tagen bei völlig blauem Himmel und Sonnenscheine und war überrascht, die ganze Masse vollkommen blau zu sehen. Eine geforderte Farbe, sagte ich zu mir selber, kann dieses nicht sein, denn mein Auge wird von keiner von der Sonne beschienenen Schneefläche berührt, wodurch jener Gegensatz hervorgerufen werden könnte; ich sehe nichts als die schattige blaue Masse. Um aber durchaus sicher zu gehen und zu verhindern, daß der blendende Schein der benachbarten Dächer nicht etwa mein Auge berühre, rollte ich einen Bogen Papier zusammen und blickte durch solche Röhre auf die schattige Fläche, wo denn das Blau unverändert zu sehen blieb. Daß dieser blaue Schatten also nichts Subjektives sein konnte, darüber blieb mir nun weiter kein Zweifel. Die Farbe stand da außer mir, selbständig, mein Subjekt hatte darauf keinen Einfluß. Was aber war es? Und da sie nun einmal da war, wodurch konnte sie entstehen? Ich blickte noch einmal hin und umher, und siehe, die Auflösung des Rätsels kündigte sich mir an. Was kann es sein, sagte ich zu mir selber, als der Widerschein des blauen Himmels, den der Schatten herablockt und der Neigung hat, im Schatten sich anzusiedeln? Denn es steht geschrieben: die Farbe ist dem Schatten verwandt, sie verbindet sich gerne mit ihm und erscheint uns gerne in ihm und durch ihn, sobald der Anlaß nur gegeben ist. Die folgenden Tage gewährten Gelegenheit, meine Hypothese wahr zu machen. Ich ging in den Feldern, es war kein blauer Himmel, die Sonne schien durch Dünste, einem Heerrauch ähnlich, und verbreitete über den Schnee einen durchaus gelben Schein; sie wirkte mächtig genug, um entschiedene Schatten zu werfen, und es hätte in diesem Fall nach Goethes Lehre das frischeste Blau entstehen müssen. Es entstand aber nicht, die Schatten blieben grau . Am nächsten Vormittage bei bewölkter Atmosphäre blickte die Sonne von Zeit zu Zeit herdurch und warf auf dem Schnee entschiedene Schatten. Allein sie waren ebenfalls nicht blau , sondern grau . In beiden Fällen fehlte der Widerschein des blauen Himmels, um dem Schatten seine Färbung zu geben. Ich hatte demnach eine hinreichende Überzeugung gewonnen, daß Goethes Ableitung des mehrgedachten Phänomens von der Natur nicht als wahr bestätigt werde und daß seine diesen Gegenstand behandelnden Paragraphen der ›Farbenlehre‹ einer Umarbeitung dringend bedurften. Etwas Ähnliches begegnete mir mit den farbigen Doppelschatten, die mit Hülfe eines Kerzenlichtes morgens früh bei Tagesanbruch sowie abends in der ersten Dämmerung, desgleichen bei hellem Mondschein, besonders schön gesehen werden. Daß hiebei der eine Schatten, nämlich der vom Kerzenlichte erleuchtete, gelbe, objektiver Art sei und in die Lehre von den trüben Mitteln gehöre, hat Goethe nicht ausgesprochen, obgleich es so ist; den andern, vom schwachen Tages- oder Mondlichte erleuchteten, bläulichen oder bläulich-grünen Schatten aber erklärt er für subjektiv, für eine geforderte Farbe, die durch den auf dem weißen Papier verbreiteten gelben Schein des Kerzenlichtes im Auge hervorgerufen werde. Diese Lehre fand ich nun bei sorgfältigster Beobachtung des Phänomens gleichfalls nicht durchaus bestätigt; es wollte mir vielmehr erscheinen, als ob das von außen hereinwirkende schwache Tages- oder Mondlicht einen bläulich färbenden Ton bereits mit sich bringe, der denn teils durch den Schatten, teils durch den fordernden gelben Schein des Kerzenlichtes verstärkt werde, und daß also auch hiebei eine objektive Grundlage stattfinde und zu beachten sei. Daß das Licht des anbrechenden Tages wie des Mondes einen bleichen Schein werfe, ist bekannt. Ein bei Tagesanbruch oder im Mondschein angeblicktes Gesicht erscheint blaß, wie genugsame Erfahrungen bestätigen. Auch Shakespeare scheint dieses gekannt zu haben, denn jener merkwürdigen Stelle, wo Romeo bei Tagesanbruch von seiner Geliebten geht und in freier Luft eins dem andern plötzlich so bleich erscheint, liegt diese Wahrnehmung sicher zum Grunde. Die bleich machende Wirkung eines solchen Lichtes aber wäre schon genugsame Andeutung, daß es einen grünlichen oder bläulichen Schein mit sich führen müsse, indem ein solches Licht dieselbige Wirkung tut wie ein Spiegel aus bläulichem oder grünlichem Glase. Doch stehe noch folgendes zu weiterer Bestätigung. Das Licht, vom Auge des Geistes geschaut, mag als durchaus weiß gedacht werden. Allein das empirische, vom körperlichen Auge wahrgenommene Licht wird selten in solcher Reinheit gesehen; vielmehr hat es, durch Dünste oder sonst modifiziert, die Neigung, sich entweder für die Plus- oder Minusseite zu bestimmen, und entweder mit einem gelblichen oder bläulichen Ton zu erscheinen. Das unmittelbare Sonnenlicht neigt sich in solchem Fall entschieden zur Plusseite, zum gelblichen, das Kerzenlicht gleichfalls; das Licht des Mondes aber sowie das bei der Morgen- und Abenddämmerung wirkende Tageslicht, welches beides keine direkte, sondern reflektierte Lichter sind, die überdies durch Dämmerung und Nacht modifiziert werden, neigen sich auf die passive, auf die Minusseite und kommen zum Auge in einem bläulichen Ton. Man lege in der Dämmerung oder bei Mondenschein einen weißen Bogen Papier so, daß dessen eine Hälfte vom Mond- oder Tageslichte, dessen andere aber vom Kerzenlichte beschienen werde, so wird die eine Hälfte einen bläulichen, die andere einen gelblichen Ton haben, und so werden beide Lichter, ohne hinzugekommenen Schatten und ohne subjektive Steigerung, bereits auf der aktiven oder passiven Seite sich befinden. Das Resultat meiner Beobachtungen ging demnach dahin, daß auch Goethes Lehre von den farbigen Doppelschatten nicht durchaus richtig sei, daß bei diesem Phänomen mehr Objektives einwirke, als von ihm beobachtet worden, und daß das Gesetz der subjektiven Forderung dabei nur als etwas Sekundäres in Betracht komme. Wäre das menschliche Auge überall so empfindlich und empfänglich, daß es bei der leisesten Berührung von irgendeiner Farbe sogleich disponiert wäre, die entgegengesetzte hervorzubringen, so würde das Auge stets eine Farbe in die andere übertragen, und es würde das unangenehmste Gemisch entstehen. Dies ist aber glücklicherweise nicht so, vielmehr ist ein gesundes Auge so organisiert, daß es die geforderten Farben entweder gar nicht bemerkt, oder, darauf aufmerksam gemacht, sie doch nur mit Mühe hervorbringt, ja daß diese Operation sogar einige Übung und Geschicklichkeit verlangt, ehe sie, selbst unter günstigen Bedingungen, gelingen will. Das eigentlich Charakteristische solcher subjektiven Erscheinungen, daß nämlich das Auge zu ihrer Hervorbringung gewissermaßen einen mächtigen Reiz verlangt, und daß, wenn sie entstanden, sie keine Stetigkeit haben, sondern flüchtige, schnell verschwindende Wesen sind, ist bei den blauen Schatten im Schnee sowie bei den farbigen Doppelschatten von Goethe zu sehr außer acht gelassen; denn in beiden Fällen ist von einer kaum merklich tingierten Fläche die Rede, und in beiden Fällen steht die geforderte Farbe beim ersten Hinblick sogleich entschieden da. Aber Goethe, bei seinem Festhalten am einmal erkannten Gesetzlichen, und bei seiner Maxime, es selbst in solchen Fällen vorauszusetzen, wo es sich zu verbergen scheine, konnte sehr leicht verführt werden, eine Synthese zu weit greifen zu lassen und ein liebgewonnenes Gesetz auch da zu erblicken, wo ein ganz anderes wirkte. Als er nun heute seine ›Farbenlehre‹ zur Erwähnung brachte und sich erkundigte, wie es mit dem besprochenen Kompendium stehe, hätte ich die soeben entwickelten Punkte gerne verschweigen mögen, denn ich fühlte mich in einiger Verlegenheit, wie ich ihm die Wahrheit sagen sollte, ohne ihn zu verletzen. Allein da es mir mit dem Kompendium wirklich ernst war, so mußten, ehe ich in dem Unternehmen sicher vorschreiten konnte, zuvor alle Irrtümer beseitigt und alle Mißverständnisse besprochen und gehoben sein. Es blieb mir daher nichts übrig, als voll Vertrauen ihm zu bekennen, daß ich nach sorgfältigen Beobachtungen mich in dem Fall befinde, in einigen Punkten von ihm abweichen zu müssen, indem ich sowohl seine Ableitung der blauen Schatten im Schnee als auch seine Lehre von den farbigen Doppelschatten nicht durchaus bestätiget finde. Ich trug ihm meine Beobachtungen und Gedanken über diese Punkte vor; allein da es mir nicht gegeben ist, Gegenstände im mündlichen Gespräch mit einiger Klarheit umständlich zu entwickeln, so beschränkte ich mich darauf, bloß die Resultate meines Gewahrwerdens hinzustellen, ohne in eine nähere Erörterung des einzelnen einzugehen, die ich mir schriftlich vorbehielt. Ich hatte aber kaum zu reden angefangen, als Goethes erhaben-heiteres Wesen sich verfinsterte und ich nur zu deutlich sah, daß er meine Einwendungen nicht billige. »Freilich,« sagte ich, »wer gegen Euer Exzellenz recht haben will, muß früh aufstehen; allein doch kann es sich fügen, daß der Mündige sich übereilt und der Unmündige es findet.« »Als ob Ihr es gefunden hättet!« antwortete Goethe etwas ironisch spöttelnd; »mit Eurer Idee des farbigen Lichtes gehört Ihr in das vierzehnte Jahrhundert und im übrigen steckt Ihr in der tiefsten Dialektik. Das einzige, was an Euch Gutes ist, besteht darin, daß Ihr wenigstens ehrlich genug seid, um gerade herauszusagen, wie Ihr denket. Es geht mir mit meiner Farbenlehre«, fuhr er darauf etwas heiterer und milder fort, »grade wie mit der christlichen Religion. Man glaubt eine Weile, treue Schüler zu haben, und ehe man es sich versieht, weichen sie ab und bilden eine Sekte. Sie sind ein Ketzer wie die anderen auch, denn Sie sind der erste nicht, der von mir abgewichen ist. Mit den trefflichsten Menschen bin ich wegen bestrittener Punkte in der Farbenlehre auseinander gekommen. Mit *** wegen ... und mit *** wegen ...« Er nannte mir hier einige bedeutende Namen. Wir hatten indes abgespeist, das Gespräch stockte, Goethe stand auf und stellte sich ans Fenster. Ich trat zu ihm und drückte ihm die Hand; denn wie er auch schalt, ich liebte ihn, und dann hatte ich das Gefühl, daß das Recht auf meiner Seite und daß er der leidende Teil sei. Es währte auch nicht lange, so sprachen und scherzten wir wieder über gleichgültige Dinge; doch als ich ging und ihm sagte, daß er meine Widersprüche zu besserer Prüfung schriftlich haben solle, und daß bloß die Ungeschicklichkeit meines mündlichen Vortrages schuld sei, warum er mir nicht recht gebe, konnte er nicht umhin, einiges von Ketzern und Ketzerei mir noch in der Türe halb lachend, halb spottend zuzuwerfen,   Wenn es nun problematisch erscheinen mag, daß Goethe in seiner Farbenlehre nicht gut Widersprüche vertragen konnte, während er bei seinen poetischen Werken sich immer durchaus läßlich erwies und jede gegründete Einwendung mit Dank aufnahm, so löset sich vielleicht das Rätsel, wenn man bedenkt, daß ihm als Poet von außen her die völligste Genugtuung zuteil ward, während er bei der ›Farbenlehre‹, diesem größten und schwierigsten aller seiner Werke, nichts als Tadel und Mißbilligung zu erfahren hatte. Ein halbes Leben hindurch tönte ihm der unverständigste Widerspruch von allen Seiten entgegen, und so war es denn wohl natürlich, daß er sich immer in einer Art von gereiztem kriegerischen Zustand und zu leidenschaftlicher Opposition stets gerüstet befinden mußte. Es ging ihm in bezug auf seine Farbenlehre wie einer guten Mutter, die ein vortreffliches Kind nur desto mehr liebt, je weniger es von andern erkannt wird, »Auf alles, was ich als Poet geleistet habe,« pflegte er wiederholt zu sagen, »bilde ich mir gar nichts ein. Es haben treffliche Dichter mit mir gelebt, es lebten noch trefflichere vor mir, und es werden ihrer nach mir sein. Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewußtsein der Superiorität über viele.« Freitag, den 20. Februar 1829 Mit Goethe zu Tisch. Er ist froh über die Beendigung der ›Wanderjahre‹, die er morgen absenden will. In der Farbenlehre tritt er etwas herüber zu meiner Meinung hinsichtlich der blauen Schatten im Schnee. Er spricht von seiner ›Italienischen Reise‹, die er gleich wieder vorgenommen. »Es geht uns wie den Weibern,« sagte er; »wenn sie gebären, verreden sie es, wieder beim Manne zu schlafen, und ehe man sichs versieht, sind sie wieder schwanger.« Über den vierten Band seines ›Lebens‹, in welcher Art er ihn behandeln will, und daß dabei meine Notizen vom Jahre 1824 über das bereits Ausgeführte und Schematisierte ihm gute Dienste tuen. Er lieset mir das Tagebuch von Göttling vor, der mit großer Liebenswürdigkeit von früheren jenaischen Fechtmeistern handelt. Goethe spricht viel Gutes von Göttling, Montag, den 23. März 1829 »Ich habe unter meinen Papieren ein Blatt gefunden,« sagte Goethe heute, »wo ich die Baukunst eine erstarrte Musik nenne. Und wirklich, es hat etwas; die Stimmung, die von der Baukunst ausgeht, kommt dem Effekt der Musik nahe. Prächtige Gebäude und Zimmer sind für Fürsten und Reiche. Wenn man darin lebt, fühlt man sich beruhigt, man ist zufrieden und will nichts weiter. Meiner Natur ist es ganz zuwider. Ich bin in einer prächtigen Wohnung, wie ich sie in Karlsbad gehabt, sogleich faul und untätig. Geringe Wohnung dagegen, wie dieses schlechte Zimmer, worin wir sind, ein wenig unordentlich ordentlich, ein wenig zigeunerhaft, ist für mich das Rechte; es läßt meiner inneren Natur volle Freiheit, tätig zu sein und aus mir selber zu schaffen.« Wir sprachen von Schillers Briefen und dem Leben, das sie miteinander geführt, und wie sie sich täglich zu gegenseitigen Arbeiten gehetzt und getrieben. »Auch an dem ›Faust‹«, sagte ich, »schien Schiller ein großes Interesse zu nehmen; es ist hübsch, wie er Sie treibt, und sehr liebenswürdig, wie er sich durch seine Idee verleiten läßt, selber am ›Faust‹ fortzuerfinden. Ich habe dabei bemerkt, daß etwas Voreilendes in seiner Natur lag.« »Sie haben recht,« sagte Goethe, »er war so wie alle Menschen, die zu sehr von der Idee ausgehen. Auch hatte er keine Ruhe und konnte nie fertig werden, wie Sie an den Briefen über den ›Wilhelm Meister‹ sehen, den er bald so und bald anders haben will. Ich hatte nur immer zu tun, daß ich feststand und seine wie meine Sachen von solchen Einflüssen freihielt und schützte.« »Ich habe diesen Morgen«, sagte ich, »seine ›Nadowessische Totenklage‹ gelesen und mich gefreut, wie das Gedicht so vortrefflich ist.« »Sie sehen,« antwortete Goethe, »wie Schiller ein großer Künstler war und wie er auch das Objektive zu fassen wußte, wenn es ihm als Überlieferung vor Augen kam. Gewiß, die ›Nadowessische Totenklage‹ gehört zu seinen allerbesten Gedichten, und ich wollte nur, daß er ein Dutzend in dieser Art gemacht hätte. Aber können Sie denken, daß seine nächsten Freunde ihn dieses Gedichtes wegen tadelten, indem sie meinten, es trage nicht genug von seiner Idealität? – Ja, mein Guter, man hat von seinen Freunden zu leiden gehabt! – Tadelte doch Humboldt auch an meiner Dorothea, daß sie bei dem Überfall der Krieger zu den Waffen gegriffen und dreingeschlagen habe! Und doch, ohne jenen Zug ist ja der Charakter des außerordentlichen Mädchens, wie sie zu dieser Zeit und zu diesen Zuständen recht war, sogleich vernichtet, und sie sinkt in die Reihe des Gewöhnlichen herab. Aber Sie werden bei weiterem Leben immer mehr finden, wie wenige Menschen fähig sind, sich auf den Fuß dessen zu setzen, was sein muß, und daß vielmehr alle nur immer das loben und das hervorgebracht wissen wollen, was ihnen selber gemäß ist. Und das waren die Ersten und Besten, und Sie mögen nun denken, wie es um die Meinungen der Masse aussah, und wie man eigentlich immer allein stand. Hätte ich in der bildenden Kunst und in den Naturstudien kein Fundament gehabt, so hätte ich mich in der schlechten Zeit und deren täglichen Einwirkungen auch schwerlich oben gehalten; aber das hat mich geschützt, sowie ich auch Schillern von dieser Seite zu Hülfe kam.« Dienstag, den 24. März 1829 »Je höher ein Mensch,« sagte Goethe, »desto mehr steht er unter dem Einfluß der Dämonen, und er muß nur immer aufpassen, daß sein leitender Wille nicht auf Abwege gerate. So wartete bei meiner Bekanntschaft mit Schillern durchaus etwas Dämonisches ob; wir konnten früher, wir konnten später zusammengeführt werden, aber daß wir es grade in der Epoche wurden, wo ich die italienische Reise hinter mir hatte und Schiller der philosophischen Spekulationen müde zu werden anfing, war von Bedeutung und für beide von größtem Erfolg.« Donnerstag, den 2. April 1829 »Ich will Ihnen ein politisches Geheimnis entdecken,« sagte Goethe heute bei Tisch, »das sich über kurz oder lang offenbaren wird. Kapodistrias kann sich an der Spitze der griechischen Angelegenheiten auf die Länge nicht halten, denn ihm fehlet eine Qualität, die zu einer solchen Stelle unentbehrlich ist: er ist kein Soldat . Wir haben aber kein Beispiel, daß ein Kabinettsmann einen revolutionären Staat hätte organisieren und Militär und Feldherrn sich hätte unterwerfen können. Mit dem Säbel in der Faust, an der Spitze einer Armee, mag man befehlen und Gesetze geben, und man kann sicher sein, daß man gehorcht werde; aber ohne dieses ist es ein mißliches Ding. Napoleon, ohne Soldat zu sein, hätte nie zur höchsten Gewalt emporsteigen können, und so wird sich auch Kapodistrias als Erster auf die Dauer nicht behaupten, vielmehr wird er sehr bald eine sekundäre Rolle spielen. Ich sage Ihnen dieses voraus, und Sie werden es kommen sehen; es liegt in der Natur der Dinge und ist nicht anders möglich.« Goethe sprach darauf viel über die Franzosen, besonders über Cousin, Villemain und Guizot. »Die Einsicht, Umsicht und Durchsicht dieser Männer«, sagte er, »ist groß; sie verbinden vollkommene Kenntnis des Vergangenen mit dem Geist des 19. Jahrhunderts, welches denn freilich Wunder tut.« Von diesen kamen wir auf die neuesten französischen Dichter und auf die Bedeutung von klassisch und romantisch. »Mir ist ein neuer Ausdruck eingefallen,« sagte Goethe, »der das Verhältnis nicht übel bezeichnet. Das Klassische nenne ich das Gesunde, und das Romantische das Kranke. Und da sind die Nibelungen klassisch wie der Homer, denn beide sind gesund und tüchtig. Das meiste Neuere ist nicht romantisch, weil es neu, sondern weil es schwach, kränklich und krank ist, und das Alte ist nicht klassisch, weil es alt, sondern weil es stark, frisch, froh und gesund ist. Wenn wir nach solchen Qualitäten Klassisches und Romantisches unterscheiden, so werden wir bald im reinen sein.« Das Gespräch lenkte sich auf Bérangers Gefangenschaft. »Es geschieht ihm ganz recht«, sagte Goethe. »Seine letzten Gedichte sind wirklich ohne Zucht und Ordnung, und er hat gegen König, Staat und friedlichen Bürgersinn seine Strafe vollkommen verwirkt. Seine früheren Gedichte dagegen sind heiter und harmlos und ganz geeignet, einen Zirkel froher glücklicher Menschen zu machen, welches denn wohl das Beste ist, was man von Liedern sagen kann.« »Ich bin gewiß,« versetzte ich, »daß seine Umgebung nachteilig auf ihn gewirkt hat und daß er, um seinen revolutionären Freunden zu gefallen, manches gesagt hat, was er sonst nicht gesagt haben würde. Euer Exzellenz sollten Ihr Schema ausführen und das Kapitel von den Influenzen schreiben; der Gegenstand ist wichtiger und reicher, je mehr man darüber nachdenkt.« »Er ist nur zu reich,« sagte Goethe, »denn am Ende ist alles Influenz, insofern wir es nicht selber sind.« »Man hat nur darauf zu sehen,« sagte ich, »ob eine Influenz hinderlich oder förderlich, ob sie unserer Natur angemessen und begünstigend oder ob sie ihr zuwider ist.« »Das ist es freilich,« sagte Goethe, »worauf es ankommt; aber das ist auch eben das Schwere, daß unsere bessere Natur sich kräftig durchhalte und den Dämonen nicht mehr Gewalt einräume als billig.« Beim Nachtisch ließ Goethe einen blühenden Lorbeer und eine japanesische Pflanze vor uns auf den Tisch stellen. Ich bemerkte, daß von beiden Pflanzen eine verschiedene Stimmung ausgehe, daß der Anblick des Lorbeers heiter, leicht, milde und ruhig mache, die japanesische Pflanze dagegen barbarisch, melancholisch wirke. »Sie haben nicht unrecht,« sagte Goethe, »und daher kommt es denn auch, daß man der Pflanzenwelt eines Landes einen Einfluß auf die Gemütsart seiner Bewohner zugestanden hat. Und gewiß, wer sein Leben lang von hohen ernsten Eichen umgeben wäre, müßte ein anderer Mensch werden, als wer täglich unter luftigen Birken sich erginge. Nur muß man bedenken, daß die Menschen im allgemeinen nicht so sensibler Natur sind als wir andern, und daß sie im ganzen kräftig vor sich hin leben, ohne den äußeren Eindrücken so viele Gewalt einzuräumen. Aber so viel ist gewiß, daß außer dem Angeborenen der Rasse sowohl Boden und Klima als Nahrung und Beschäftigung einwirkt, um den Charakter eines Volkes zu vollenden. Auch ist zu bedenken, daß die frühesten Stämme meistenteils von einem Boden Besitz nahmen, wo es ihnen gefiel und wo also die Gegend mit dem angeborenen Charakter der Menschen bereits in Harmonie stand. »Sehen Sie sich einmal um,« fuhr Goethe fort, »hinter Ihnen auf dem Pult liegt ein Blatt, welches ich zu betrachten bitte.« »Dieses blaue Briefkuvert?« sagte ich. »Ja«, sagte Goethe. »Nun, was sagen Sie zu der Handschrift? Ist das nicht ein Mensch, dem es groß und frei zu Sinne war, als er die Adresse schrieb? Wem möchten Sie die Hand zutrauen?« Ich betrachtete das Blatt mit Neigung. Die Züge der Handschrift waren sehr frei und grandios. »Merck könnte so geschrieben haben«, sagte ich. »Nein,« sagte Goethe, »der war nicht edel und positiv genug. Es ist von Zelter. Papier und Feder hat ihn bei diesem Kuvert begünstigt, so daß die Schrift ganz seinen großen Charakter ausdrückt. Ich will das Blatt in meine Sammlung von Handschriften legen.« Freitag, den 3. April 1829 Mit Oberbaudirektor Coudray bei Goethe zu Tisch. Coudray erzählte von einer Treppe im großherzoglichen Schloß zu Belvedere, die man seit Jahren höchst unbequem gefunden, an deren Verbesserung der alte Herrscher immer gezweifelt habe, und die nun unter der Regierung des jungen Fürsten vollkommen gelinge. Auch von dem Fortgange verschiedener Chausseebauten gab Coudray Nachricht, und daß man den Weg über die Berge nach Blankenhain, wegen zwei Fuß Steigung auf die Rute, ein wenig umleiten müssen, wo man doch an einigen Stellen noch achtzehn Zoll auf die Rute habe. Ich fragte Coudray, wieviel Zoll die eigentliche Norm sei, welche man beim Chausseebau in hügeligen Gegenden zu erreichen trachte. »Zehn Zoll auf die Rute,« antwortete er, »das ist bequem.« »Aber,« sagte ich, »wenn man von Weimar aus irgendeine Straße nach Osten, Süden, Westen oder Norden fährt, so findet man sehr bald Stellen, wo die Chaussee weit mehr als zehn Zoll Steigung auf die Rute haben möchte.« »Das sind kurze unbedeutende Strecken,« antwortete Coudray, »und dann geht man oft beim Chausseebau über solche Stellen in der Nähe eines Ortes absichtlich hin, um demselben ein kleines Einkommen für Vorspann nicht zu nehmen.« Wir lachten über diese redliche Schelmerei. »Und im Grunde«, fuhr Coudray fort, »ists auch eine Kleinigkeit: die Reisewagen gehen über solche Stellen leicht hinaus, und die Frachtfahrer sind einmal an einige Plackerei gewöhnt. Zudem, da solcher Vorspann gewöhnlich bei Gastwirten genommen wird, so haben die Fuhrleute zugleich Gelegenheit, einmal zu trinken, und sie würden es einem nicht danken, wenn man ihnen den Spaß verdürbe.« »Ich möchte wissen,« sagte Goethe, »ob es in ganz ebenen flachen Gegenden nicht sogar besser wäre, die grade Straßenlinie dann und wann zu unterbrechen und die Chaussee künstlich hier und dort ein wenig steigen und fallen zu lassen; es würde das bequeme Fahren nicht hindern, und man gewönne, daß die Straße wegen besserem Abfluß des Regenwassers immer trocken wäre.« »Das ließe sich wohl machen«, antwortete Coudray, »und würde sich höchst wahrscheinlich sehr nützlich erweisen.« Coudray brachte darauf eine Schrift hervor, den Entwurf einer Instruktion für einen jungen Architekten, den die Oberbaubehörde zu seiner weiteren Ausbildung nach Paris zu schicken im Begriff stand. Er las die Instruktion, sie ward von Goethe gut befunden und gebilligt. Goethe hatte beim Ministerium die nötige Unterstützung ausgewirkt, man freute sich, daß die Sache gelungen, und sprach über die Vorsichtsmaßregeln, die man nehmen wolle, damit dem jungen Manne das Geld gehörig zugute komme und er auch ein Jahr damit ausreiche. Bei seiner Zurückkunft hatte man die Absicht, ihn an der neu zu errichtenden Gewerkschule als Lehrer anzustellen, wodurch denn einem talentreichen jungen Mann alsobald ein angemessener Wirkungskreis eröffnet sei. Es war alles gut, und ich gab dazu meinen Segen im stillen. Baurisse, Vorlegeblätter für Zimmerleute von Schinkel wurden darauf vorgezeigt und betrachtet. Coudray fand die Blätter bedeutend und zum Gebrauch für die künftige Gewerkschule vollkommen geeignet. Man sprach von Bauten, vom Schall und wie er zu vermeiden, und von großer Festigkeit der Gebäude der Jesuiten. »In Messina«, sagte Goethe, »waren alle Gebäude vom Erdbeben zusammengerüttelt, aber die Kirche und das Kloster der Jesuiten standen ungerührt, als wären sie gestern gebaut. Es war nicht die Spur an ihnen zu bemerken, daß die Erderschütterung den geringsten Effekt auf sie gehabt.« Von Jesuiten und deren Reichtümern lenkte sich das Gespräch auf Katholiken und die Emanzipation der Irländer. »Man sieht,« sagte Coudray, »die Emanzipation wird zugestanden werden, aber das Parlament wird die Sache so verklausulieren, daß dieser Schritt auf keine Weise für England gefährlich werden kann.« »Bei den Katholiken«, sagte Goethe, »sind alle Vorsichtsmaßregeln unnütz. Der päpstliche Stuhl hat Interessen, woran wir nicht denken, und Mittel, sie im stillen durchzuführen, wovon wir keinen Begriff haben. Säße ich jetzt im Parlament, ich würde auch die Emanzipation nicht hindern, aber ich würde zu Protokoll nehmen lassen, daß, wenn der erste Kopf eines bedeutenden Protestanten durch die Stimme eines Katholiken falle, man an mich denken möge.« Das Gespräch lenkte sich auf die neueste Literatur der Franzosen, und Goethe sprach abermals mit Bewunderung von den Vorlesungen der Herren Cousin, Villemain und Guizot. »Statt des Voltairischen leichten oberflächlichen Wesens«, sagte er, »ist bei ihnen eine Gelehrsamkeit, wie man sie früher nur bei Deutschen fand. Und nun ein Geist, ein Durchdringen und Auspressen des Gegenstandes, herrlich! es ist als ob sie die Kelter träten. Sie sind alle drei vortrefflich, aber dem Herrn Guizot möchte ich den Vorzug geben, er ist mir der liebste.« Wir sprachen darauf über Gegenstände der Weltgeschichte, und Goethe äußerte folgendes über Regenten. »Um popular zu sein,« sagte er, »braucht ein großer Regent weiter keine Mittel als seine Größe. Hat er so gestrebt und gewirkt, daß sein Staat im Innern glücklich und nach außen geachtet ist, so mag er mit allen seinen Orden im Staatswagen, oder er mag im Bärenfelle und die Zigarre im Munde auf einer schlechten Troschke fahren, es ist alles gleich, er hat einmal die Liebe seines Volkes und genießt immer dieselbige Achtung. Fehlt aber einem Fürsten die persönliche Größe und weiß er nicht durch gute Taten bei den Seinen sich in Liebe zu setzen, so muß er auf andere Vereinigungsmittel denken, und da gibt es kein besseres und wirksameres als die Religion und den Mitgenuß und die Mitübung derselbigen Gebräuche. Sonntäglich in der Kirche erscheinen, auf die Gemeinde herabsehen und von ihr ein Stündchen sich anblicken lassen, ist das trefflichste Mittel zur Popularität, das man jedem jungen Regenten anraten möchte, und das, bei aller Größe, selbst Napoleon nicht verschmähet hat.« Das Gespräch wendete sich nochmals zu den Katholiken, und wie groß der Geistlichen Einfluß und Wirken im stillen sei. Man erzählte von einem jungen Schriftsteller in Hanau, der vor kurzem in einer Zeitschrift, die er herausgegeben, ein wenig heiter über den Rosenkranz gesprochen. Diese Zeitschrift sei sogleich eingegangen, und zwar durch den Einfluß der Geistlichen in ihren verschiedenen Gemeinden. »Von meinem ›Werther‹«, sagte Goethe, »erschien sehr bald eine italienische Übersetzung in Mailand. Aber von der ganzen Auflage war in kurzem auch nicht ein einziges Exemplar mehr zu sehen. Der Bischof war dahinter gekommen und hatte die ganze Edition von den Geistlichen in den Gemeinden aufkaufen lassen. Es verdroß mich nicht, ich freute mich vielmehr über den klugen Herrn, der sogleich einsah, daß der ›Werther‹ für die Katholiken ein schlechtes Buch sei, und ich mußte ihn loben, daß er auf der Stelle die wirksamsten Mittel ergriffen, es ganz im stillen wieder aus der Welt zu schaffen.« Sonntag, den 5. April 1829 Goethe erzählte mir, daß er vor Tisch nach Belvedere gefahren sei, um Coudrays neue Treppe im Schloß in Augenschein zu nehmen, die er vortrefflich gefunden. Auch sagte er mir, daß ein großer versteinerter Klotz angekommen, den er mir zeigen wolle. »Solche versteinerte Stämme«, sagte er, »finden sich unter dem einundfunfzigsten Grade ganz herum bis nach Amerika, wie ein Erdgürtel. Man muß immer mehr erstaunen. Von der früheren Organisation der Erde hat man gar keinen Begriff, und ich kann es Herrn von Buch nicht verdenken, wenn er die Menschen endoktriniert, um seine Hypothesen zu verbreiten. Er weiß nichts, aber niemand weiß mehr, und da ist es denn am Ende einerlei, was gelehrt wird, wenn es nur einigermaßen einen Anschein von Vernunft hat.« Von Zelter grüßte mich Goethe, welches mir Freude machte. Dann sprachen wir von seiner italienischen Reise, und er sagte mir, daß er in einem seiner Briefe aus Italien ein Lied gefunden, das er mir zeigen wolle. Er bat mich, ihm ein Paket Schriften zu reichen. das mir gegenüber auf dem Pulte lag. Ich gab es ihm, es waren seine Briefe aus Italien; er suchte das Gedicht und las: Cupido, loser, eigensinniger Knabe! Du batst mich um Quartier auf einige Stunden. Wie viele Tag' und Nächte bist du geblieben! Und bist nun herrisch und Meister im Hause geworden. Von meinem breiten Lager bin ich vertrieben; Nun sitz ich an der Erde, Nächte gequälet. Dein Mutwill schüret Flamm' auf Flamme des Herdes, Verbrennet den Vorrat des Winters und senget mich Armen. Du hast mir mein Gerät verstellt und verschoben. Ich such und bin wie blind und irre geworden; Du lärmst so ungeschickt; ich fürchte, das Seelchen Entflieht, um dir zu entfliehn, und räumet die Hütte. Ich freute mich sehr über dies Gedicht, das mir vollkommen neu erschien. »Es kann Ihnen nicht fremd sein,« sagte Goethe, »denn es steht in der ›Claudina von Villa-Bella‹, wo es der Rugantino singt. Ich habe es jedoch dort zerstückelt, so daß man darüber hinauslieset und niemand merkt, was es heißen will. Ich dächte aber, es wäre gut. Es drückt den Zustand artig aus und bleibt hübsch im Gleichnis; es ist in Art der Anakreontischen. Eigentlich hätten wir dieses Lied und ähnliche andere aus meinen Opern unter den ›Gedichten‹ wieder sollen abdrucken lassen, damit der Komponist doch die Lieder beisammen hätte.« Ich fand dieses gut und vernünftig und merkte es mir für die Folge. Goethe hatte das Gedicht sehr schön gelesen – ich brachte es nicht wieder aus dem Sinne, und auch ihm schien es ferner im Kopfe zu liegen. Die letzten Verse: Du lärmst so ungeschickt; ich fürchte, das Seelchen Entflieht, um dir zu entfliehn, und räumet die Hütte – sprach er noch mitunter wie im Traume vor sich hin. Er erzählte mir sodann von einem neuerschienenen Buch über Napoleon, das von einem Jugendbekannten des Helden verfaßt sei und worin man die merkwürdigsten Aufschlüsse erhalte. »Das Buch«, sagte er, »ist ganz nüchtern, ohne Enthusiasmus geschrieben, aber man sieht dabei, welchen großartigen Charakter das Wahre hat, wenn es einer zu sagen wagt.« Auch von einem Trauerspiele eines jungen Dichters erzählte mir Goethe. »Es ist ein pathologisches Produkt«, sagte er; »die Säfte sind Teilen überflüssig zugeleitet, die sie nicht haben wollen, und andern, die sie bedurft hätten, sind sie entzogen. Das Sujet war gut, sehr gut, aber die Szenen, die ich erwartete, waren nicht da, und andere, die ich nicht erwartete, waren mit Fleiß und Liebe behandelt. Ich dächte, das wäre pathologisch oder auch romantisch, wenn Sie nach unserer neuen Theorie lieber wollen.« Wir waren darauf noch eine Weile heiter beisammen, und Goethe bewirtete mich zuletzt noch mit vielem Honig, auch mit einigen Datteln, die ich mitnahm. Montag, den 6. April 1829 Goethe gab mir einen Brief von Egon Ebert, den ich bei Tische las und der mir Freude machte. Wir sprachen viel Löbliches von Egon Ebert und Böhmen, und gedachten auch des Professors Zauper mit Liebe. »Das Böhmen ist ein eigenes Land,« sagte Goethe, »ich bin dort immer gerne gewesen. Die Bildung der Literatoren hat noch etwas Reines, welches im nördlichen Deutschland schon anfängt selten zu werden, indem hier jeder Lump schreibt, bei dem an ein sittliches Fundament und eine höhere Absicht nicht zu denken ist.« Goethe sprach sodann von Egon Eberts neuestem epischen Gedicht, desgleichen von der früheren Weiberherrschaft in Böhmen, und woher die Sage von den Amazonen entstanden. Dies brachte die Unterhaltung auf das Epos eines anderen Dichters, der sich viel Mühe gegeben, sein Werk in öffentlichen Blättern günstig beurteilt zu sehen. »Solche Urteile«, sagte Goethe, »sind denn auch hier und dort erschienen. Nun aber ist die ›Hallesche Literaturzeitung‹ dahinter gekommen und hat geradezu ausgesprochen, was von dem Gedicht eigentlich zu halten, wodurch denn alle günstigen Redensarten der übrigen Blätter vernichtet worden. Wer jetzt nicht das Rechte will, ist bald entdeckt; es ist nicht mehr die Zeit, das Publikum zum besten zu haben und es in die Irre zu führen.« »Ich bewundere,« sagte ich, »daß die Menschen um ein wenig Namen es sich so sauer werden lassen, so daß sie selbst zu falschen Mitteln ihre Zuflucht nehmen.« »Liebes Kind,« sagte Goethe, »ein Name ist nichts Geringes. Hat doch Napoleon eines großen Namens wegen fast die halbe Welt in Stücke geschlagen!« Es entstand eine kleine Pause im Gespräch. Dann aber erzählte Goethe mir Ferneres von dem neuen Buche über Napoleon. »Die Gewalt des Wahren ist groß«, sagte er. »Aller Nimbus, alle Illusion, die Journalisten, Geschichtsschreiber und Poeten über Napoleon gebracht haben, verschwindet vor der entsetzlichen Realität dieses Buchs; aber der Held wird dadurch nicht kleiner, vielmehr wächst er, so wie er an Wahrheit zunimmt.« »Eine eigene Zaubergewalt«, sagte ich, »mußte er in seiner Persönlichkeit haben, daß die Menschen ihm sogleich zufielen und anhingen und sich von ihm leiten ließen.« »Allerdings«, sagte Goethe, »war seine Persönlichkeit eine überlegene. Die Hauptsache aber bestand darin, daß die Menschen gewiß waren, ihre Zwecke unter ihm zu erreichen. Deshalb fielen sie ihm zu; so wie sie es jedem tun, der ihnen eine ähnliche Gewißheit einflößt. Fallen doch die Schauspieler einem neuen Regisseur zu, von dem sie glauben, daß er sie in gute Rollen bringen werde. Dies ist ein altes Märchen, das sich immer wiederholt; die menschliche Natur ist einmal so eingerichtet. Niemand dienet einem andern aus freien Stücken; weiß er aber, daß er damit sich selber dient, so tut er es gerne. Napoleon kannte die Menschen zu gut, und er wußte von ihren Schwächen den gehörigen Gebrauch zu machen.« Das Gespräch wendete sich auf Zelter. »Sie wissen,« sagte Goethe, »daß Zelter den preußischen Orden bekommen. Nun hatte er aber noch kein Wappen; aber eine große Nachkommenschaft ist da, und somit die Hoffnung auf eine weit hinaus dauernde Familie. Er mußte also ein Wappen haben, damit eine ehrenvolle Grundlage sei, und ich habe den lustigen Einfall gehabt, ihm eins zu machen. Ich schrieb an ihn, und er war es zufrieden; aber ein Pferd wollte er haben. Gut, sagte ich, ein Pferd sollst du haben, aber eins mit Flügeln. Sehen Sie sich einmal um, hinter Ihnen liegt ein Papier, ich habe darauf mit einer Bleifeder den Entwurf gemacht.« Ich nahm das Blatt und betrachtete die Zeichnung. Das Wappen sah sehr stattlich aus, und die Erfindung mußte ich loben. Das untere Feld zeigte die Turmzinne einer Stadtmauer, um anzudeuten, daß Zelter in früherer Zeit ein tüchtiger Maurer gewesen. Ein geflügeltes Pferd hebt sich dahinter hervor, nach höheren Regionen strebend, wodurch sein Genius und Aufschwung zum Höheren ausgesprochen war. Dem Wappenschilde oben fügte sich eine Lyra auf, über welcher ein Stern leuchtete, als ein Symbol der Kunst, wodurch der treffliche Freund unter dem Einfluß und Schutz günstiger Gestirne sich Ruhm erworben. Unten, dem Wappen an, hing der Orden, womit sein König ihn beglückt und geehrt als Zeichen gerechter Anerkennung großer Verdienste. »Ich habe es von Facius stechen lassen,« sagte Goethe, »und Sie sollen einen Abdruck sehen. Ist es aber nicht artig, daß ein Freund dem andern ein Wappen macht und ihm dadurch gleichsam den Adel gibt?« Wir freuten uns über den heiteren Gedanken, und Goethe schickte zu Facius, um einen Abdruck holen zu lassen. Wir saßen noch eine Weile am Tisch, indem wir zu gutem Biskuit einige Gläser alten Rheinwein tranken. Goethe summte Undeutliches vor sich hin. Mir kam das Gedicht von gestern wieder in den Kopf, ich rezitierte: Du hast mir mein Gerät verstellt und verschoben; Ich such und bin wie blind und irre geworden – »Ich kann das Gedicht nicht wieder loswerden,« sagte ich, »es ist durchaus eigenartig und drückt die Unordnung so gut aus, die durch die Liebe in unser Leben gebracht wird.« »Es bringt uns einen düsteren Zustand vor Augen«, sagte Goethe. »Es macht mir den Eindruck eines Bildes,« sagte ich, »eines niederländischen.« »Es hat so etwas von ›Good man und good wife‹«, sagte Goethe. »Sie nehmen mir das Wort von der Zunge,« sagte ich, »denn ich habe schon fortwährend an jenes Schottische denken müssen, und das Bild von Ostade war mir vor Augen.« »Aber wunderlich ist es,« sagte Goethe, »daß sich beide Gedichte nicht malen lassen; sie geben wohl den Eindruck eines Bildes, eine ähnliche Stimmung, aber gemalt wären sie nichts.« »Es sind dieses schöne Beispiele,« sagte ich, »wo die Poesie der Malerei so nahe als möglich tritt, ohne aus ihrer eigentlichen Sphäre zu gehen. Solche Gedichte sind mir die liebsten, indem sie Anschauung und Empfindung zugleich gewähren. Wie Sie aber zu dem Gefühl eines solchen Zustandes gekommen sind, begreife ich kaum; das Gedicht ist wie aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt.« »Ich werde es auch nicht zum zweiten Male machen,« sagte Goethe, »und wüßte auch nicht zu sagen, wie ich dazu gekommen bin; wie uns denn dieses sehr oft geschieht.« »Noch etwas Eigenes«, sagte ich, »hat das Gedicht. Es ist mir immer, als wäre es gereimt, und doch ist es nicht so. Woher kommt das?« »Es liegt im Rhythmus«, sagte Goethe. »Die Verse beginnen mit einem Vorschlag, gehen trochäisch fort, wo denn der Daktylus gegen das Ende eintritt, welcher eigenartig wirkt und wodurch es einen düster klagenden Charakter bekommt.« Goethe nahm eine Bleifeder und teilte so ab: ◡ –   ◡ –   ◡ –   ◡ –   ◡   ◡ –   ◡ Von | meinem | breiten | Lager | bin ich ver | trieben. Wir sprachen über Rhythmus im allgemeinen und kamen darin überein, daß sich über solche Dinge nicht denken lasse. »Der Takt«, sagte Goethe, »kommt aus der poetischen Stimmung, wie unbewußt. Wollte man darüber denken, wenn man ein Gedicht macht, man würde verrückt und brächte nichts Gescheites zustande.« Ich wartete auf den Abdruck des Siegels. Goethe fing an über Guizot zu reden. »Ich gehe in seinen Vorlesungen fort,« sagte er, »und sie halten sich trefflich. Die diesjährigen gehen etwa bis ins achte Jahrhundert. Er besitzt einen Tiefblick und Durchblick, wie er mir bei keinem Geschichtsschreiber größer vorgekommen. Dinge, woran man nicht denkt, erhalten in seinen Augen die größte Wichtigkeit, als Quellen bedeutender Ereignisse. Welchen Einfluß z. B. das Vorwalten gewisser religiöser Meinungen auf die Geschichte gehabt, wie die Lehre von der Erbsünde, von der Gnade, von guten Werken gewissen Epochen eine solche und eine andere Gestalt gegeben, sehen wir deutlich hergeleitet und nachgewiesen. Auch das römische Recht, als ein fortlebendes, das gleich einer untertauchenden Ente sich zwar von Zeit zu Zeit verbirgt, aber nie ganz verloren geht und immer einmal wieder lebendig hervortritt, sehen wir sehr gut behandelt, bei welcher Gelegenheit denn auch unserm trefflichen Savigny volle Anerkennung zuteil wird. Wie Guizot von den Einflüssen redet, welche die Gallier in früher Zeit von fremden Nationen empfangen, ist mir besonders merkwürdig gewesen, was er von den Deutschen sagt. ›Die Germanen‹, sagt er, ›brachten uns die Idee der persönlichen Freiheit, welche diesem Volke vor allem eigen war.‹ Ist das nicht sehr artig und hat er nicht vollkommen recht, und ist nicht diese Idee noch bis auf den heutigen Tag unter uns wirksam? Die Reformation kam aus dieser Quelle wie die Burschenverschwörung auf der Wartburg, Gescheites wie Dummes. Auch das Buntscheckige unserer Literatur, die Sucht unserer Poeten nach Originalität, und daß jeder glaubt, eine neue Bahn machen zu müssen, sowie die Absonderung und Verisolierung unserer Gelehrten, wo jeder für sich steht und von seinem Punkte aus sein Wesen treibt: alles kommt daher. Franzosen und Engländer dagegen halten weit mehr zusammen und richten sich nacheinander. In Kleidung und Betragen haben sie etwas Übereinstimmendes. Sie fürchten, voneinander abzuweichen, um sich nicht auffallend oder gar lächerlich zu machen. Die Deutschen aber gehen jeder seinem Kopfe nach, jeder sucht sich selber genug zu tun er fragt nicht nach dem andern, denn in jedem lebt, wie Guizot richtig gefunden hat, die Idee der persönlichen Freiheit, woraus denn, wie gesagt, viel Treffliches hervorgeht, aber auch viel Absurdes.« Dienstag, den 7. April 1829 Ich fand, als ich hereintrat, Hofrat Meyer, der einige Zeit unpäßlich gewesen, mit Goethe am Tisch sitzen und freute mich, ihn wieder so weit hergestellt zu sehen. Sie sprachen von Kunstsachen, von Peel, der einen Claude Lorrain für viertausend Pfund gekauft, wodurch Peel sich denn besonders in Meyers Gunst gesetzt hatte. Die Zeitungen wurden gebracht, worein wir uns teilten, in Erwartung der Suppe. Als an der Tagesordnung kam die Emanzipation der Irländer sehr bald zur Erwähnung. »Das Lehrreiche für uns dabei ist,« sagte Goethe, »daß bei dieser Gelegenheit Dinge an den Tag kommen, woran niemand gedacht hat, und die ohne diese Veranlassung nie wären zur Sprache gebracht worden. Recht klar über den irländischen Zustand werden wir aber doch nicht, denn die Sache ist zu verwickelt. So viel aber sieht man, daß dieses Land an Übeln leidet, die durch kein Mittel und also auch nicht durch die Emanzipation gehoben werden können. War es bis jetzt ein Unglück, daß Irland seine Übel alleine trug, so ist es jetzt ein Unglück, daß England mit hineingezogen wird. Das ist die Sache. Und den Katholiken ist gar nicht zu trauen. Man sieht, welchen schlimmen Stand die zwei Millionen Protestanten gegen die Übermacht der fünf Millionen Katholiken bisher in Irland gehabt haben, und wie z. B. arme protestantische Pächter gedrückt, schikaniert und gequält worden, die von katholischen Nachbarn umgeben waren. Die Katholiken vertragen sich unter sich nicht, aber sie halten immer zusammen, wenn es gegen einen Protestanten geht. Sie sind einer Meute Hunden gleich, die sich untereinander beißen, aber, sobald sich ein Hirsch zeigt, sogleich einig sind und in Masse auf ihn losgehen.« Von den Irländern wendete sich das Gespräch zu den Händeln in der Türkei. Man wunderte sich, wie die Russen, bei ihrer Übermacht, im vorjährigen Feldzuge nicht weiter gekommen. »Die Sache ist die,« sagte Goethe, »die Mittel waren unzulänglich, und deshalb machte man zu große Anforderungen an einzelne, wodurch denn persönliche Großtaten und Aufopferungen geschahen, ohne die Angelegenheit im ganzen zu fördern.« »Es mag auch ein verwünschtes Lokal sein,« sagte Meyer; »man sieht in den ältesten Zeiten, daß es in dieser Gegend, wenn ein Feind von der Donau her zu dem nördlichen Gebirg eindringen wollte, immer Händel setzte, daß er immer den hartnäckigsten Widerstand gefunden und daß er fast nie hereingekommen ist. Wenn die Russen sich nur die Seeseite offen halten, um sich von dorther mit Proviant versehen zu können!« »Das ist zu hoffen«, sagte Goethe. »Ich lese jetzt ›Napoleons Feldzug in Ägypten‹, und zwar was der tägliche Begleiter des Helden, was Bourrienne davon sagt, wo denn das Abenteuerliche von vielen Dingen verschwindet und die Fakta in ihrer nackten erhabenen Wahrheit dastehen. Man sieht, er hatte bloß diesen Zug unternommen, um eine Epoche auszufüllen, wo er in Frankreich nichts tun konnte, um sich zum Herrn zu machen. Er war anfänglich unschlüssig, was zu tun sei; er besuchte alle französischen Häfen an der Küste des Atlantischen Meeres hinunter, um den Zustand der Schiffe zu sehen und sich zu überzeugen, ob eine Expedition nach England möglich oder nicht. Er fand aber, daß es nicht geraten sei, und entschloß sich daher zu dem Zuge nach Ägypten.« »Ich muß bewundern,« sagte ich, »wie Napoleon bei solcher Jugend mit den großen Angelegenheiten der Welt so leicht und sicher zu spielen wußte, als wäre eine vieljährige Praxis und Erfahrung vorangegangen.« »Liebes Kind,« sagte Goethe, »das ist das Angeborene des großen Talents. Napoleon behandelte die Welt wie Hummel seinen Flügel; beides erscheint uns wunderbar, wir begreifen das eine so wenig wie das andere, und doch ist es so und geschieht vor unsern Augen. Napoleon war darin besonders groß, daß er zu jeder Stunde derselbige war. Vor einer Schlacht, während einer Schlacht, nach einem Siege, nach einer Niederlage, er stand immer auf festen Füßen und war immer klar und entschieden, was zu tun sei. Er war immer in seinem Element und jedem Augenblick und jedem Zustande gewachsen, so wie es Hummeln gleichviel ist, ob er ein Adagio oder ein Allegro, ob er im Baß oder im Diskant spielt. Das ist die Fazilität, die sich überall findet, wo ein wirkliches Talent vorhanden ist, in Künsten des Friedens wie des Krieges, am Klavier wie hinter den Kanonen.« Man sieht aber an diesem Buch,« fuhr Goethe fort, »wie viele Märchen uns von seinem ägyptischen Feldzuge erzählet worden. Manches bestätiget sich zwar, allein vieles gar nicht, und das meiste ist anders. Daß er die achthundert türkischen Gefangenen hat erschießen lassen, ist wahr; aber es erscheint als reifer Beschluß eines langen Kriegsrates, indem nach Erwägung aller Umstände kein Mittel gewesen ist, sie zu retten. Daß er in die Pyramiden soll hinabgestiegen sein, ist ein Märchen. Er ist hübsch außerhalb stehen geblieben und hat sich von den andern erzählen lassen, was sie unten gesehen. So auch verhält sich die Sage, daß er orientalisches Kostüm angelegt, ein wenig anders. Er hat bloß ein einziges Mal im Hause diese Maskerade gespielt und ist so unter den Seinigen erschienen, zu sehen, wie es ihn kleide. Aber der Turban hat ihm nicht gestanden, wie er denn allen länglichen Köpfen nicht steht, und so hat er dieses Kostüm nie wieder angelegt. Die Pestkranken aber hat er wirklich besucht, und zwar um ein Beispiel zu geben, daß man die Pest überwinden könne, wenn man die Furcht zu überwinden fähig sei. Und er hat recht! Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum erzählen, wo ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte. Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen. Das kannte Napoleon zu gut, und er wußte, daß er nichts wagte, seiner Armee ein imposantes Beispiel zu geben. Aber«, fuhr Goethe sehr heiter scherzend fort, »habt Respekt! Napoleon hatte in seiner Feldbibliothek was für ein Buch? – meinen ›Werther‹! « » Daß er ihn gut studiert gehabt,« sagte ich, »sieht man bei seinem Lever in Erfurt.« »Er hatte ihn studiert wie ein Kriminalrichter seine Akten,« sagte Goethe, »und in diesem Sinne sprach er auch mit mir darüber. Es findet sich in dem Werke des Herrn Bourrienne eine Liste der Bücher, die Napoleon in Ägypten bei sich geführt, worunter denn auch der ›Werther‹ steht. Das Merkwürdige an dieser Liste aber ist, wie die Bücher unter verschiedenen Rubriken klassifiziert werden. Unter der Aufschrift ›Politique‹ z. B. finden wir aufgeführt: ›Le vieux testament‹, ›Le nouveau testament‹, ›Le coran‹ woraus man sieht, aus welchem Gesichtspunkt Napoleon die religiösen Dinge angesehen.« Goethe erzählte uns noch manches Interessante aus dem Buche, das ihn beschäftigte. Unter andern auch kam zur Sprache, wie Napoleon mit der Armee an der Spitze des Roten Meeres zur Zeit der Ebbe durch einen Teil des trockenen Meerbettes gegangen, aber von der Flut eingeholt worden sei, so daß die letzte Mannschaft bis unter die Arme im Wasser habe waten müssen und es also mit diesem Wagestück fast ein pharaonisches Ende genommen hätte. Bei dieser Gelegenheit sagte Goethe manches Neue über das Herankommen der Flut. Er verglich es mit den Wolken, die uns nicht aus weiter Ferne kommen, sondern die an allen Orten zugleich entstehen und sich überall gleichmäßig fortschieben. Mittwoch, den 8. April 1829 Goethe saß schon am gedeckten Tisch, als ich hereintrat, er empfing mich sehr heiter. »Ich habe einen Brief erhalten,« sagte er, »woher? – Von Rom! Aber von wem? – Vom König von Bayern! « »Ich teile Ihre Freude«, sagte ich. »Aber ist es nicht eigen, ich habe mich seit einer Stunde auf einem Spaziergange sehr lebhaft mit dem Könige von Bayern in Gedanken beschäftigt, und nun erfahre ich diese angenehme Nachricht.« »Es kündigt sich oft etwas in unserm Innern an«, sagte Goethe. »Dort liegt der Brief, nehmen Sie, setzen Sie sich zu mir her und lesen Sie!« Ich nahm den Brief, Goethe nahm die Zeitung, und so las ich denn ganz ungestört die königlichen Worte. Der Brief war datiert: Rom, den 26. März 1829, und mit einer stattlichen Hand sehr deutlich geschrieben. Der König meldete Goethen, daß er sich in Rom ein Besitztum gekauft, und zwar die Villa di Malta mit anliegenden Gärten, in der Nähe der Villa Ludovisi, am nordwestlichen Ende der Stadt, auf einem Hügel gelegen, so daß er das ganze Rom überschauen könne und gegen Nordost einen freien Anblick von Sankt Peter habe. »Es ist eine Aussicht,« schreibt er, »welche zu genießen man weit reisen würde, und die ich nun bequem zu jeder Stunde des Tages aus den Fenstern meines Eigentums habe.« Er fährt fort, sich glücklich zu preisen, nun in Rom auf eine so schöne Weise ansässig zu sein. »Ich hatte Rom in zwölf Jahren nicht gesehen,« schreibt er, »ich sehnte mich danach, wie man sich nach einer Geliebten sehnt; von nun an aber werde ich mit der beruhigten Empfindung zurückkehren, wie man zu einer geliebten Freundin geht.« Von den erhabenen Kunstschätzen und Gebäuden spricht er sodann mit der Begeisterung eines Kenners, dem das wahrhaft Schöne und dessen Förderung am Herzen liegt, und der jede Abweichung vom guten Geschmack lebhaft empfindet. Überall war der Brief durchweg so schön und menschlich empfunden und ausgedrückt, wie man es von so hohen Personen nicht erwartet. Ich äußerte meine Freude darüber gegen Goethe. »Da sehen Sie einen Monarchen,« sagte er, »der neben der königlichen Majestät seine angeborene schöne Menschennatur gerettet hat. Es ist eine seltene Erscheinung und deshalb um so erfreulicher.« Ich sah wieder in den Brief und fand noch einige treffliche Stellen. »Hier in Rom«, schreibt der König, »erhole ich mich von den Sorgen des Thrones; die Kunst, die Natur sind meine täglichen Genüsse, Künstler meine Tischgenossen.« Er schreibt auch, wie er oft an dem Hause vorbeigehe, wo Goethe gewohnt, und wie er dabei seiner gedenke. Aus den ›Römischen Elegien‹ sind einige Stellen angeführt, woraus man sieht, daß der König sie gut im Gedächtnis hat und sie in Rom, an Ort und Stelle, von Zeit zu Zeit wieder lesen mag. »Ja,« sagte Goethe, »die ›Elegien‹ liebt er besonders; er hat mich hier viel damit geplagt, ich sollte ihm sagen, was an dem Faktum sei, weil es in den Gedichten so anmutig erscheint, als wäre wirklich was Rechtes daran gewesen. Man bedenkt aber selten, daß der Poet meistens aus geringen Anlässen was Gutes zu machen weiß. Ich wollte nur,« fuhr Goethe fort, »daß des Königs ›Gedichte‹ jetzt da wären, damit ich in meiner Antwort etwas darüber sagen könnte. Nach dem wenigen zu schließen, was ich von ihm gelesen, werden die Gedichte gut sein. In der Form und Behandlung hat er viel von Schiller, und wenn er nun, in so prächtigem Gefäß, uns den Gehalt eines hohen Gemütes zu geben hat, so läßt sich mit Recht viel Treffliches erwarten. Indessen freue ich mich, daß der König sich in Rom so hübsch angekauft hat. Ich kenne die Villa, die Lage ist sehr schön, und die deutschen Künstler wohnen alle in der Nähe.« Der Bediente wechselte die Teller, und Goethe sagte ihm, daß er den großen Kupferstich von Rom im Deckenzimmer am Boden ausbreiten möge. »Ich will Ihnen doch zeigen, an welch einem schönen Platz der König sich angekauft hat, damit Sie sich die Lokalität gehörig denken mögen.« Ich fühlte mich Goethen sehr verbunden. »Gestern abend«, versetzte ich, »habe ich die ›Claudine von Villa Bella‹ gelesen und mich sehr daran erbauet. Es ist so gründlich in der Anlage und so verwegen, locker, frech und froh in der Erscheinung, daß ich den lebhaften Wunsch fühle, es auf dem Theater zu sehen.« »Wenn es gut gespielt wird,« sagte Goethe, »macht es sich gar nicht schlecht.« »Ich habe schon in Gedanken das Stück besetzt«, sagte ich, »und die Rollen verteilt. Herr Genast müßte den Rugantino machen, er ist für die Rolle wie geschaffen; Herr Franke den Don Pedro, denn er ist von einem ähnlichen Wuchs, und es ist gut, wenn zwei Brüder sich ein wenig gleich sind; Herr La Roche den Basko, der dieser Rolle durch treffliche Maske und Kunst den wilden Anstrich geben würde, dessen sie bedarf.« »Madame Eberwein«, fuhr Goethe fort, »dächte ich, wäre eine sehr gute Lucinde, und Demoiselle Schmidt machte die Claudine.« »Zum Alonzo«, sagte ich, »müßten wir eine stattliche Figur haben, mehr einen guten Schauspieler als Sänger, und ich dächte, Herr Oels oder Herr Graff würden da am Platze sein. Von wem ist denn die Oper komponiert, und wie ist die Musik?« »Von Reichardt,« antwortete Goethe, »und zwar ist die Musik vortrefflich. Nur ist die Instrumentierung, dem Geschmack der früheren Zeit gemäß, ein wenig schwach. Man müßte jetzt in dieser Hinsicht etwas nachhelfen und die Instrumentierung ein wenig stärker und voller machen. Unser Lied: ›Cupido, loser, eigensinniger Knabe‹ ist dem Komponisten ganz besonders gelungen.« »Es ist eigen an diesem Liede,« sagte ich, »daß es in eine Art behagliche träumerische Stimmung versetzt, wenn man es sich rezitiert.« »Es ist aus einer solchen Stimmung hervorgegangen,« sagte Goethe, »und da ist denn auch mit Recht die Wirkung eine solche.« Wir hatten abgespeist. Friedrich kam und meldete, daß er den Kupferstich von Rom im Deckenzimmer ausgebreitet habe. Wir gingen ihn zu betrachten. Das Bild der großen Weltstadt lag vor uns; Goethe fand sehr bald die Villa Ludovisi und in der Nähe den neuen Besitz des Königs, die Villa di Malta. »Sehen Sie,« sagte Goethe, »was das für eine Lage ist! Das ganze Rom streckt sich ausgebreitet vor Ihnen hin, der Hügel ist so hoch, daß Sie gegen Mittag und Morgen über die Stadt hinaussehen. Ich bin in dieser Villa gewesen und habe oft den Anblick aus diesen Fenstern genossen. Hier, wo die Stadt jenseit der Tiber gegen Nordost spitz ausläuft, liegt Sankt Peter, und hier der Vatikan in der Nähe. Sie sehen, der König hat aus den Fenstern seiner Villa den Fluß herüber eine freie Ansicht dieser Gebäude. Der lange Weg hier, von Norden herein zur Stadt, kommt aus Deutschland das ist die Porta del Popolo; in einer dieser ersten Straßen zum Tor herein wohnte ich, in einem Eckhause. Man zeigt jetzt ein anderes Gebäude in Rom, wo ich gewohnt haben soll, es ist aber nicht das rechte. Aber es tut nichts; solche Dinge sind im Grunde gleichgültig, und man muß der Tradition ihren Lauf lassen.« Wir gingen wieder in unser Zimmer zurück. – »Der Kanzler«, sagte ich, »wird sich über den Brief des Königs freuen.« »Er soll ihn sehen«, sagte Goethe. »Wenn ich in den Nachrichten von Paris die Reden und Debatten in den Kammern lese,« fuhr Goethe fort, »muß ich immer an den Kanzler denken, und zwar, daß er dort recht in seinem Element und an seinem Platz sein würde. Denn es gehört zu einer solchen Stelle nicht allein, daß man gescheit sei, sondern daß man auch den Trieb und die Lust zu reden habe, welches sich doch beides in unserm Kanzler vereinigt. Napoleon hatte auch diesen Trieb zu reden, und wenn er nicht reden konnte, mußte er schreiben oder diktieren. Auch bei Blücher finden wir, daß er gerne redete, und zwar gut und mit Nachdruck, welches Talent er in der Loge ausgebildet hatte. Auch unser Großherzog redete gerne, obgleich er lakonischer Natur war, und wenn er nicht reden konnte, so schrieb er. Er hat manche Abhandlung, manches Gesetz abgefaßt, und zwar meistenteils gut. Nur hat ein Fürst nicht die Zeit und die Ruhe, sich in allen Dingen die nötige Kenntnis des Details zu verschaffen. So hatte er in seiner letzten Zeit noch eine Ordnung gemacht, wie man restaurierte Gemälde bezahlen solle. Der Fall war sehr artig. Denn wie die Fürsten sind, so hatte er die Beurteilung der Restaurationskosten mathematisch auf Maß und Zahlen festgesetzt. Die Restauration, hatte er verordnet, soll fußweise bezahlt werden. Hält ein restauriertes Gemälde zwölf Quadratfuß, so sind zwölf Taler zu zahlen; hält es vier, so zahlet vier. Dies war fürstlich verordnet, aber nicht künstlerisch. Denn ein Gemälde von zwölf Quadratfuß kann in einem Zustande sein, daß es mit geringer Mühe an einem Tage zu restaurieren wäre; ein anderes aber von vier kann sich derart befinden, daß zu dessen Restauration kaum der Fleiß und die Mühe einer ganzen Woche hinreichen. Aber die Fürsten lieben als gute Militärs mathematische Bestimmungen und gehen gerne nach Maß und Zahl großartig zu Werke.« Ich freute mich dieser Anekdote. Sodann sprachen wir noch manches über Kunst und derartige Gegenstände. »Ich besitze Handzeichnungen«, sagte Goethe, »nach Gemälden von Raffael und Dominichin, worüber Meyer eine merkwürdige Äußerung gemacht hat, die ich Ihnen doch mitteilen will. ›Die Zeichnungen‹, sagte Meyer, ›haben etwas Ungeübtes, aber man sieht, daß derjenige, der sie machte, ein zartes richtiges Gefühl von den Bildern hatte, die vor ihm waren, welches denn in die Zeichnungen übergegangen ist, so daß sie uns das Original sehr treu vor die Seele rufen. Würde ein jetziger Künstler jene Bilder kopieren, so würde er alles weit besser und vielleicht auch richtiger zeichnen; aber es ist vorauszusagen, daß ihm jene treue Empfindung des Originals fehlen, und daß also seine bessere Zeichnung weit entfernt sein würde, uns von Raffael und Dominichin einen so reinen vollkommenen Begriff zu geben.‹ Ist das nicht ein sehr artiger Fall?« sagte Goethe. »Es könnte ein Ähnliches bei Übersetzungen stattfinden. Voß hat z. B. sicher eine treffliche Übersetzung vom Homer gemacht: aber es wäre zu denken, daß jemand eine naivere, wahrere Empfindung des Originals hätte besitzen und auch wiedergeben können, ohne im ganzen ein so meisterhafter Übersetzer wie Voß zu sein.« Ich fand dieses alles sehr gut und wahr und stimmte vollkommen bei. Da das Wetter schön und die Sonne noch hoch am Himmel war, so gingen wir ein wenig in den Garten hinab, wo Goethe zunächst einige Baumzweige in die Höhe binden ließ, die zu tief in die Wege herabhingen. Die gelben Krokus blühten sehr kräftig. Wir blickten auf die Blumen und dann auf den Weg, wo wir denn vollkommen violette Bilder hatten. »Sie meinten neulich,« sagte Goethe, »daß das Grüne und Rote sich gegenseitig besser hervorrufe als das Gelbe und Blaue, indem jene Farben auf einer höheren Stufe ständen und deshalb vollkommener, gesättigter und wirksamer wären als diese. Ich kann das nicht zugeben. Jede Farbe, sobald sie sich dem Auge entschieden darstellt, wirkt zur Hervorrufung der geforderten gleich kräftig; es kommt bloß darauf an, daß unser Auge in der rechten Stimmung, daß ein zu helles Sonnenlicht nicht hindere, und daß der Boden zur Aufnahme des geforderten Bildes nicht ungünstig sei. Überhaupt muß man sich hüten, bei den Farben zu zarte Unterscheidungen und Bestimmungen zu machen, indem man gar zu leicht der Gefahr ausgesetzt wird, vom Wesentlichen ins Unwesentliche, vom Wahren in die Irre und vom Einfachen in die Verwickelung geführt zu werden.« Ich merkte mir dieses als eine gute Lehre in meinen Studien. Indessen war die Zeit des Theaters herangerückt, und ich schickte mich an zu gehen. »Sehen Sie zu,« sagte Goethe lachend, indem er mich entließ, »daß Sie die Schrecknisse der ›Dreißig Jahre aus dem Leben eines Spielers‹ heute gut überstehen.« Freitag, den 10. April 1829 »In Erwartung der Suppe will ich Ihnen indes eine Erquickung der Augen geben.« Mit diesen freundlichen Worten legte Goethe mir einen Band vor mit Landschaften von Claude Lorrain. Es waren die ersten, die ich von diesem großen Meister gesehen. Der Eindruck war außerordentlich, und mein Erstaunen und Entzücken stieg, sowie ich ein folgendes und abermals ein folgendes Blatt umwendete. Die Gewalt der schattigen Massen hüben und drüben, nicht weniger das mächtige Sonnenlicht aus dem Hintergrunde hervor in der Luft und dessen Widerglanz im Wasser, woraus denn immer die große Klarheit und Entschiedenheit des Eindrucks hervorging, empfand ich als stets wiederkehrende Kunstmaxime des großen Meisters. So auch hatte ich mit Freude zu bewundern, wie jedes Bild durch und durch eine kleine Welt für sich ausmachte, in der nichts existierte, was nicht der herrschenden Stimmung gemäß war und sie beförderte. War es ein Seehafen mit ruhenden Schiffen, tätigen Fischern und dem Wasser angrenzenden Prachtgebäuden; war es eine einsame dürftige Hügelgegend mit naschenden Ziegen, kleinem Bach und Brücke, etwas Buschwerk und schattigem Baum, worunter ein ruhender Hirte die Schalmei bläst; oder war es eine tiefer liegende Bruchgegend mit stagnierendem Wasser, das bei mächtiger Sommerwärme die Empfindung behaglicher Kühle gibt; immer war das Bild durch und durch eins, nirgends die Spur von etwas Fremdem, das nicht zu diesem Element gehörte. »Da sehen Sie einmal einen vollkommenen Menschen,« sagte Goethe, »der schön gedacht und empfunden hat und in dessen Gemüt eine Welt lag, wie man sie nicht leicht irgendwo draußen antrifft. Die Bilder haben die höchste Wahrheit, aber keine Spur von Wirklichkeit. Claude Lorrain kannte die reale Welt bis ins kleinste Detail auswendig, und er gebrauchte sie als Mittel, um die Welt seiner schönen Seele auszudrücken. Und das ist eben die wahre Idealität, die sich realer Mittel so zu bedienen weiß, daß das erscheinende Wahre eine Täuschung hervorbringt als sei es wirklich.« »Ich dächte,« sagte ich, »das wäre ein gutes Wort, und zwar ebenso gültig in der Poesie wie in den bildenden Künsten.« »Ich sollte meinen«, sagte Goethe. »Indessen«, fuhr er fort, »wäre es wohl besser, Sie sparten sich den ferneren Genuß des trefflichen Claude zum Nachtisch, denn die Bilder sind wirklich zu gut, um viele davon hintereinander zu sehen.« »Ich fühle so,« sagte ich, »denn mich wandelt jedesmal eine gewisse Furcht an, wenn ich das folgende Blatt umwenden will. Es ist eine Furcht eigener Art, die ich vor diesem Schönen empfinde, so wie es uns wohl mit einem trefflichen Buche geht, wo gehäufte kostbare Stellen uns nötigen innezuhalten und wir nur mit einem gewissen Zaudern weiter gehen.« »Ich habe dem König von Bayern geantwortet,« versetzte Goethe nach einer Pause, »und Sie sollen den Brief lesen.« »Das wird sehr lehrreich für mich sein,« sagte ich, »und ich freue mich dazu.« »Indes«, sagte Goethe, »steht hier in der ›Allgemeinen Zeitung‹ ein Gedicht an den König, das der Kanzler mir gestern vorlas und das Sie doch auch sehen müssen.« Goethe gab mir das Blatt, und ich las das Gedicht im stillen. »Nun, was sagen Sie dazu?« sagte Goethe. »Es sind die Empfindungen eines Dilettanten,« sagte ich, »der mehr guten Willen als Talent hat und dem die Höhe der Literatur eine gemachte Sprache überliefert, die für ihn tönet und reimet, während er selber zu reden glaubt.« »Sie haben vollkommen recht,« sagte Goethe, »ich halte das Gedicht auch für ein sehr schwaches Produkt; es gibt nicht die Spur von äußerer Anschauung, es ist bloß mental, und das nicht im rechten Sinne.« »Um ein Gedicht gut zu machen,« sagte ich, »dazu gehören bekanntlich große Kenntnisse der Dinge, von denen man redet, und wem nicht, wie Claude Lorrain, eine ganze Welt zu Gebote steht, der wird, bei den besten ideellen Richtungen, selten etwas Gutes zutage bringen.« »Und das Eigene ist,« sagte Goethe, »daß nur das geborene Talent eigentlich weiß, worauf es ankommt, und daß alle übrigen mehr oder weniger in der Irre gehen.« »Das beweisen die Ästhetiker,« sagte ich, »von denen fast keiner weiß, was eigentlich gelehrt werden sollte, und welche die Verwirrung der jungen Poeten vollkommen machen. Statt vom Realen zu handeln, handeln sie vom Idealen, und statt den jungen Dichter darauf hinzuweisen, was er nicht hat, verwirren sie ihm das, was er besitzt. Wem z. B. von Haus aus einiger Witz und Humor angeboren wäre, wird sicher mit diesen Kräften am besten wirken, wenn er kaum weiß, daß er damit begabt ist; wer aber die gepriesenen Abhandlungen über so hohe Eigenschaften sich zu Gemüte führte, würde sogleich in dem unschuldigen Gebrauch dieser Kräfte gestört und gehindert werden, das Bewußtsein würde diese Kräfte paralysieren, und er würde, statt einer gehofften Förderung, sich unsäglich gehindert sehen.« »Sie haben vollkommen recht, und es wäre über dieses Kapitel vieles zu sagen. Ich habe indes«, fuhr er fort, »das neue Epos von Egon Ebert gelesen, und Sie sollen es auch tun, damit wir ihm vielleicht von hier aus ein wenig nachhelfen. Das ist nun wirklich ein recht erfreuliches Talent, aber diesem neuen Gedicht mangelt die eigentliche poetische Grundlage, die Grundlage des Realen. Landschaften, Sonnenauf- und -untergänge, Stellen, wo die äußere Welt die seinige war, sind vollkommen gut und nicht besser zu machen. Das übrige aber, was in vergangenen Jahrhunderten hinauslag, was der Sage angehörte, ist nicht in der gehörigen Wahrheit erschienen, und es mangelt diesem der eigentliche Kern. Die Amazonen und ihr Leben und Handeln sind ins Allgemeine gezogen, in das, was junge Leute für poetisch und romantisch halten und was dafür in der ästhetischen Welt gewöhnlich passiert.« »Es ist ein Fehler,« sagte ich, »der durch die ganze jetzige Literatur geht. Man vermeidet das spezielle Wahre, aus Furcht, es sei nicht poetisch, und verfällt dadurch in Gemeinplätze.« »Egon Ebert«, sagte Goethe, »hätte sich sollen an die Überlieferung der Chronik halten, da hätte aus seinem Gedicht etwas werden können. Wenn ich bedenke, wie Schiller die Überlieferung studierte, was er sich für Mühe mit der Schweiz gab, als er seinen ›Tell‹ schrieb, und wie Shakespeare die Chroniken benutzte und ganze Stellen daraus wörtlich in seine Stücke aufgenommen hat, so könnte man einem jetzigen jungen Dichter auch wohl dergleichen zumuten. In meinem ›Clavigo‹ habe ich aus den Memoiren des Beaumarchais ganze Stellen.« »Es ist aber so verarbeitet,« sagte ich, »daß man es nicht merkt, es ist nicht stoffartig geblieben.« »So ist es recht,« sagte Goethe, »wenn es so ist.« Goethe erzählte mir sodann einige Züge von Beaumarchais. »Er war ein toller Christ,« sagte er, »und Sie müssen seine Memoiren lesen. Prozesse waren sein Element, worin es ihm erst eigentlich wohl wurde. Es existieren noch Reden von Advokaten aus einem seiner Prozesse, die zu dem Merkwürdigsten, Talentreichsten und Verwegensten gehören, was je in dieser Art verhandelt worden. Eben diesen berühmten Prozeß verlor Beaumarchais. Als er die Treppe des Gerichtshofes hinabging, begegnete ihm der Kanzler, der hinauf wollte. Beaumarchais sollte ihm ausweichen, allein dieser weigerte sich und bestand darauf, daß jeder zur Hälfte Platz machen müsse. Der Kanzler, in seiner Würde beleidigt, befahl den Leuten seines Gefolges, Beaumarchais auf die Seite zu schieben, welches geschah; worauf denn Beaumarchais auf der Stelle wieder in den Gerichtssaal zurückging und einen Prozeß gegen den Kanzler anhängig machte, den er gewann.« Ich freute mich über diese Anekdote, und wir unterhielten uns bei Tisch heiter fort über verschiedene Dinge. »Ich habe meinen ›Zweiten Aufenthalt in Rom‹ wieder vorgenommen,« sagte Goethe, »damit ich ihn endlich los werde und an etwas anderes gehen kann. Meine gedruckte ›Italienische Reise‹ habe ich, wie Sie wissen, ganz aus Briefen redigiert. Die Briefe aber, die ich während meines zweiten Aufenthaltes in Rom geschrieben, sind nicht der Art, um davon vorzüglichen Gebrauch machen zu können; sie enthalten zu viele Bezüge nach Haus, auf meine weimarischen Verhältnisse, und zeigen zu wenig von meinem italienischen Leben. Aber es finden sich darin manche Äußerungen, die meinen damaligen inneren Zustand ausdrücken. Nun habe ich den Plan, solche Stellen auszuziehen und einzeln übereinander zu setzen, und sie so meiner Erzählung einzuschalten, auf welche dadurch eine Art von Ton und Stimmung übergehen wird.« Ich fand dieses vollkommen gut und bestätigte Goethe in dem Vorsatz. »Man hat zu allen Zeiten gesagt und wiederholt,« fuhr Goethe fort, »man solle trachten, sich selber zu kennen. Dies ist eine seltsame Forderung, der bis jetzt niemand genüget hat und der eigentlich auch niemand genügen soll. Der Mensch ist mit allem seinem Sinnen und Trachten aufs Äußere angewiesen, auf die Welt um ihn her, und er hat zu tun, diese insoweit zu kennen und sich insoweit dienstbar zu machen, als er es zu seinen Zwecken bedarf. Von sich selber weiß er bloß, wenn er genießt oder leidet, und so wird er auch bloß durch Leiden und Freuden über sich belehrt, was er zu suchen oder zu meiden hat. Übrigens aber ist der Mensch ein dunkeles Wesen, er weiß nicht, woher er kommt noch wohin er geht, er weiß wenig von der Welt und am wenigsten von sich selber. Ich kenne mich auch nicht, und Gott soll mich auch davor behüten. Was ich aber sagen wollte, ist dieses, daß ich in Italien in meinem vierzigsten Jahre klug genug war, um mich selber insoweit zu kennen, daß ich kein Talent zur bildenden Kunst habe, und daß diese meine Tendenz eine falsche sei. Wenn ich etwas zeichnete, so fehlte es mir an genugsamem Trieb für das Körperliche; ich hatte eine gewisse Furcht, die Gegenstände auf mich eindringend zu machen, vielmehr war das Schwächere, das Mäßige nach meinem Sinn. Machte ich eine Landschaft und kam ich aus den schwachen Fernen durch die Mittelgründe heran, so fürchtete ich immer, dem Vordergrund die gehörige Kraft zu geben, und so tat denn mein Bild nie die rechte Wirkung. Auch machte ich keine Fortschritte, ohne mich zu üben, und ich mußte immer wieder von vorne anfangen, wenn ich eine Zeitlang ausgesetzt hatte. Ganz ohne Talent war ich jedoch nicht, besonders zu Landschaften, und Hackert sagte sehr oft: ›Wenn Sie achtzehn Monate bei mir bleiben wollen, so sollen Sie etwas machen, woran Sie und andere Freude haben.‹« Ich hörte dieses mit großem Interesse. »Wie aber«, sagte ich, »soll man erkennen, daß einer zur bildenden Kunst ein wahrhaftes Talent habe?« »Das wirkliche Talent«, sagte Goethe, »besitzt einen angeborenen Sinn für die Gestalt, die Verhältnisse und die Farbe, so daß es alles dieses unter weniger Anleitung sehr bald und richtig macht. Besonders hat es den Sinn für das Körperliche, und den Trieb, es durch die Beleuchtung handgreiflich zu machen. Auch in den Zwischenpausen der Übung schreitet es fort und wächst im Innern. Ein solches Talent ist nicht schwer zu erkennen, am besten aber erkennt es der Meister. Ich habe diesen Morgen das Fürstenhaus besucht,« fuhr Goethe sehr heiter fort; »die Zimmer der Großherzogin sind höchst geschmackvoll geraten, und Coudray hat mit seinen Italienern neue Proben großer Geschicklichkeit abgelegt. Die Maler waren an den Wänden noch beschäftigt; es sind ein paar Mailänder; ich redete sie gleich italienisch an und merkte, daß ich die Sprache nicht vergessen hatte. Sie erzählten mir, daß sie zuletzt das Schloß des Königs von Württemberg gemalt, daß sie sodann nach Gotha verschrieben worden, wo sie indes nicht hätten einig werden können; man habe aber zur selben Zeit in Weimar von ihnen erfahren und sie hieher berufen, um die Zimmer der Großherzogin zu dekorieren. Ich hörte und sprach das Italienische einmal wieder gern, denn die Sprache bringt doch eine Art von Atmosphäre des Landes mit. Die guten Menschen sind seit drei Jahren aus Italien heraus; sie wollen aber wie sie sagten, von hier direkt nach Hause eilen, nachdem sie zuvor im Auftrag des Herrn von Spiegel noch eine Dekoration für unser Theater gemalt haben, worüber Ihr wahrscheinlich nicht böse sein werdet. Es sind sehr geschickte Leute; der eine ist ein Schüler des ersten Dekorationsmalers in Mailand, und Ihr könnt also eine gute Dekoration hoffen.« Nachdem Friedrich den Tisch abgeräumt hatte, ließ Goethe sich einen kleinen Plan von Rom vorlegen. »Für uns andere«, sagte er, »wäre Rom auf die Länge kein Aufenthalt; wer dort bleiben und sich ansiedeln will, muß heiraten und katholisch werden, sonst hält er es nicht aus und hat eine schlechte Existenz. Hackert tat sich nicht wenig darauf zugute, daß er sich als Protestant so lange dort erhalten.« Goethe zeigte mir sodann auch auf diesem Grundriß die merkwürdigsten Gebäude und Plätze. »Dies«, sagte er, »ist der Farnesische Garten.« »War es nicht hier,« sagte ich, »wo Sie die Hexenszene des ›Faust‹ geschrieben?« »Nein,« sagte er, »das war im Garten Borghese.« Ich erquickte mich darauf ferner an den Landschaften von Claude Lorrain, und wir sprachen noch manches über diesen großen Meister. »Sollte ein jetziger junger Künstler«, sagte ich, »sich nicht nach ihm bilden können?« »Wer ein ähnliches Gemüt hätte,« antwortete Goethe, »würde ohne Frage sich an Claude Lorrain auf das trefflichste entwickeln. Allein wen die Natur mit ähnlichen Gaben der Seele im Stiche gelassen, würde diesem Meister höchstens nur Einzelnheiten absehen und sich deren nur als Phrase bedienen.« Sonnabend, den 11. April 1829 Ich fand heute den Tisch im langen Saale gedeckt, und zwar für mehrere Personen. Goethe und Frau von Goethe empfingen mich sehr freundlich. Es traten nach und nach herein: Madame Schopenhauer, der junge Graf Reinhard von der französischen Gesandtschaft, dessen Schwager Herr von D., auf einer Durchreise begriffen, um gegen die Türken in russische Dienste zu gehen; Fräulein Ulrike und zuletzt Hofrat Vogel. Goethe war in besonders heiterer Stimmung; er unterhielt die Anwesenden, ehe man sich zu Tisch setzte, mit einigen guten Frankfurter Späßen, besonders zwischen Rothschild und Bethmann, wie der eine dem andern die Spekulationen verdorben. Graf Reinhard ging an Hof, wir andern setzten uns zu Tisch. Die Unterhaltung war anmutig belebt, man sprach von Reisen, von Bädern, und Madame Schopenhauer interessierte besonders für die Einrichtung ihres neuen Besitzes am Rhein, in der Nähe der Insel Nonnenwerth. Zum Nachtisch erschien Graf Reinhard wieder, der wegen seiner Schnelle gelobt wurde, womit er während der kurzen Zeit nicht allein bei Hofe gespeist, sondern sich auch zweimal umgekleidet hatte. Er brachte uns die Nachricht, daß der neue Papst gewählet sei, und zwar ein Castiglione, und Goethe erzählte der Gesellschaft die Förmlichkeiten, die man bei der Wahl herkömmlich beobachtet. Graf Reinhard der den Winter in Paris gelebt, konnte manche erwünschte Auskunft über bekannte Staatsmänner, Literatoren und Poeten geben. Man sprach über Chateaubriand, Guizot, Salvandy, Béranger, Mérimée und andere. Nach Tisch und als jedermann gegangen war, nahm Goethe mich in seine Arbeitsstube und zeigte mir zwei höchst merkwürdige Skripta, worüber ich große Freude hatte. Es waren zwei Briefe aus Goethes Jugendzeit, im Jahre 1770 aus Straßburg an seinen Freund Dr. Horn in Frankfurt geschrieben, der eine im Juli, der andere im Dezember. In beiden sprach sich ein junger Mensch aus, der von großen Dingen eine Ahndung hat, die ihm bevorstehen. In dem letzteren zeigten sich schon Spuren vom ›Werther‹; das Verhältnis in Sesenheim ist angeknüpft, und der glückliche Jüngling scheint sich in dem Taumel der süßesten Empfindungen zu wiegen und seine Tage halb träumerisch hinzuschlendern. Die Handschrift der Briefe war ruhig, rein und zierlich, und schon zu dem Charakter entschieden, den Goethes Hand später immer behalten hat. Ich konnte nicht aufhören, die liebenswürdigen Briefe wiederholt zu lesen, und verließ Goethe in der glücklichsten, dankbarsten Empfindung. Sonntag, den 12. April 1829 Goethe las mir seine Antwort an den König von Bayern. Er hatte sich dargestellt wie einen, der persönlich die Stufen der Villa hinaufgeht und sich in des Königs unmittelbarer Nähe mündlich äußert. »Es mag schwer sein,« sagte ich, »das richtige Verhältnis zu treffen, wie man sich in solchen Fällen zu halten habe.« »Wer wie ich«, antwortete Goethe, »sein ganzes Leben hindurch mit hohen Personen zu verkehren gehabt, für den ist es nicht schwer. Das einzige dabei ist, daß man sich nicht durchaus menschlich gehen lasse, vielmehr sich stets innerhalb einer gewissen Konvenienz halte.« Goethe sprach darauf von der Redaktion seines ›Zweiten Aufenthaltes in Rom‹, die ihn jetzt beschäftiget. »Bei den Briefen,« sagte er, »die ich in jener Periode geschrieben, sehe ich recht deutlich, wie man in jedem Lebensalter gewisse Avantagen und Desavantagen, in Vergleich zu früheren oder späteren Jahren hat. So war ich in meinem vierzigsten Jahre über einige Dinge vollkommen so klar und gescheit als jetzt und in manchen Hinsichten sogar besser, aber doch besitze ich jetzt in meinem achtzigsten Vorteile, die ich mit jenen nicht vertauschen möchte.« »Während Sie dieses reden,« sagte ich, »steht mir die Metamorphose der Pflanze vor Augen, und ich begreife sehr wohl, daß man aus der Periode der Blüte nicht in die der grünen Blätter, und aus der des Samens und der Früchte nicht in die des Blütenstandes zurücktreten möchte.« »Ihr Gleichnis«, sagte Goethe, »drückt meine Meinung vollkommen aus. Denken Sie sich ein recht ausgezacktes Blatt,« fuhr er lachend fort, »ob es aus dem Zustande der freiesten Entwickelung in die dumpfe Beschränktheit der Kotyledone zurückmöchte? Und nun ist es sehr artig, daß wir sogar eine Pflanze haben, die als Symbol des höchsten Alters gelten kann, indem sie, über die Periode der Blüte und der Frucht hinaus, ohne weitere Produktion noch munter fortwächst. Das Schlimme ist,« fuhr Goethe fort, »daß man im Leben so viel durch falsche Tendenzen ist gehindert worden und daß man nie eine solche Tendenz erkannt, als bis man sich bereits schon frei gemacht.« »Woran aber«, sagte ich, »soll man sehen und wissen, daß eine Tendenz eine falsche sei?« »Die falsche Tendenz«, antwortete Goethe, »ist nicht produktiv, und wenn sie es ist, so ist das Hervorgebrachte von keinem Wert. Dieses an andern gewahr zu werden, ist nicht so gar schwer, aber an sich selber, ist ein eigenes Ding und will eine große Freiheit des Geistes. Und selbst das Erkennen hilft nicht immer; man zaudert und zweifelt und kann sich nicht entschließen, so wie es schwer hält, sich von einem geliebten Mädchen loszumachen, von deren Untreue man längst wiederholte Beweise hat. Ich sage dieses, indem ich bedenke, wie viele Jahre es gebrauchte, bis ich einsah, daß meine Tendenz zur bildenden Kunst eine falsche sei, und wie viele andere, nachdem ich es erkannt, mich davon loszumachen.« »Aber doch«, sagte ich, »hat Ihnen diese Tendenz so vielen Vorteil gebracht, daß man sie kaum eine falsche nennen möchte.« »Ich habe an Einsicht gewonnen,« sagte Goethe, »weshalb ich mich auch darüber beruhigen kann. Und das ist der Vorteil, den wir aus jeder falschen Tendenz ziehen. Wer mit unzulänglichem Talent sich in der Musik bemühet, wird freilich nie ein Meister werden, aber er wird dabei lernen, dasjenige zu erkennen und zu schätzen, was der Meister gemacht hat. Trotz aller meiner Bestrebungen bin ich freilich kein Künstler geworden, aber indem ich mich in allen Teilen der Kunst versuchte, habe ich gelernt, von jedem Strich Rechenschaft zu geben und das Verdienstliche vom Mangelhaften zu unterscheiden. Dieses ist kein kleiner Gewinn, so wie denn selten eine falsche Tendenz ohne Gewinn bleibt. So z. B. waren die Kreuzzüge zur Befreiung des Heiligen Grabes offenbar eine falsche Tendenz; aber sie hat das Gute gehabt, daß dadurch die Türken immerfort geschwächt und gehindert worden sind, sich zu Herren von Europa zu machen.« Wir sprachen noch über verschiedene Dinge, und Goethe erzählte sodann von einem Werk über Peter den Großen von Ségur, das ihm interessant sei und ihm manchen Aufschluß gegeben. »Die Lage von Petersburg«, sagte er, »ist ganz unverzeihlich, um so mehr wenn man bedenkt, daß gleich in der Nähe der Boden sich hebt, und daß der Kaiser die eigentliche Stadt ganz von aller Wassersnot hätte freihalten können, wenn er mit ihr ein wenig höher hinaufgegangen wäre und bloß den Hafen in der Niederung gelassen hätte. Ein alter Schiffer machte ihm auch Gegenvorstellungen und sagte ihm voraus, daß die Population alle siebenzig Jahre ersaufen würde. Es stand auch ein alter Baum da mit verschiedenen Spuren eines hohen Wasserstandes. Aber es war alles umsonst, der Kaiser blieb bei seiner Grille, und den Baum ließ er umhauen, damit er nicht gegen ihn zeugen möchte. Sie werden gestehen, daß in diesem Verfahren eines so großen Charakters durchaus etwas Problematisches liege. Aber wissen Sie, wie ich es mir erkläre? Der Mensch kann seine Jugendeindrücke nicht los werden, und dieses geht so weit, daß selbst mangelhafte Dinge, woran er sich in solchen Jahren gewöhnt und in deren Umgebung er jene glückliche Zeit gelebt hat, ihm auch später in dem Grade lieb und wert bleiben, daß er darüber wie verblendet ist und er das Fehlerhafte daran nicht einsieht. So wollte denn Peter der Große das liebe Amsterdam seiner Jugend in einer Hauptstadt am Ausflusse der Newa wiederholen; so wie die Holländer immer versucht worden sind, in ihren entfernten Besitzungen ein neues Amsterdam wiederholt zu gründen.« Montag, den 13. April 1829 Heute, nachdem Goethe über Tisch mir manches gute Wort gesagt, erquickte ich mich zum Nachtisch noch an einigen Landschaften von Claude Lorrain. »Die Sammlung«, sagte Goethe, »führt den Titel ›Liber veritatis‹, sie könnte ebensogut Liber naturae et artis heißen, denn es findet sich hier die Natur und Kunst auf der höchsten Stufe und im schönsten Bunde.« Ich fragte Goethe nach dem Herkommen von Claude Lorrain, und in welcher Schule er sich gebildet. »Sein nächster Meister«, sagte Goethe, »war Agostino Tassi; dieser aber war ein Schüler von Paul Bril, so daß also dessen Schule und Maximen sein eigentliches Fundament ausmachten und in ihm gewissermaßen zur Blüte kamen; denn dasjenige, was bei diesen Meistern noch ernst und strenge erscheint, hat sich bei Claude Lorrain zur heitersten Anmut und lieblichsten Freiheit entfaltet. Über ihn konnte man nun weiter nicht hinaus. Übrigens ist von einem so großen Talent, das in einer so bedeutenden Zeit und Umgebung lebte, kaum zu sagen, von wem es gelernt. Es sieht sich um und eignet sich an, wo es für seine Intentionen Nahrung findet. Claude Lorrain verdankt ohne Frage der Schule der Carraccis ebensoviel wie seinen nächsten namhaften Meistern. So sagt man gewöhnlich: Julius Roman war ein Schüler von Raffael; aber man könnte ebensogut sagen, er war ein Schüler des Jahrhunderts. Nur Guido Reni hatte einen Schüler, der Geist, Gemüt und Kunst seines Meisters so in sich aufgenommen hatte, daß er fast dasselbige wurde und dasselbige machte, welches indes ein eigener Fall war, der sich kaum wiederholt hat. Die Schule der Carraccis dagegen war befreiender Art, so daß durch sie jedes Talent in seiner angebotenen Richtung entwickelt wurde und Meister hervorgingen, von denen keiner dem andern gleich sah. Die Carracci waren zu Lehrern der Kunst wie geboren, sie fielen in eine Zeit, wo nach allen Seiten hin bereits das Beste getan war und sie daher ihren Schülern das Musterhafteste aus allen Fächern überliefern konnten. Sie waren große Künstler, große Lehrer, aber ich könnte nicht sagen, daß sie eigentlich gewesen, was man geistreich nennt. Es ist ein wenig kühn, daß ich so sage, allein es will mir so vorkommen.« Nachdem ich noch einige Landschaften von Claude Lorrain betrachtet, schlug ich ein Künstler-Lexikon auf, um zu sehen, was über diesen großen Meister ausgesprochen. Wir fanden gedruckt: ›Sein Hauptverdienst bestand in der Palette‹. Wir sahen uns an und lachten. »Da sehen Sie,« sagte Goethe, »wie viel man lernen kann, wenn man sich an Bücher hält und sich dasjenige aneignet, was geschrieben steht!« Dienstag, den 14. April 1829 Als ich diesen Mittag hereintrat, saß Goethe mit Hofrat Meyer schon bei Tisch, in Gesprächen über Italien und Gegenstände der Kunst. Goethe ließ einen Band Claude Lorrain vorlegen, worin Meyer uns diejenige Landschaft aussuchte und zeigte, von der die Zeitungen gemeldet, daß Peel sich das Original für viertausend Pfund angeeignet. Man mußte gestehen, daß es ein schönes Stück sei, und daß Herr Peel keinen schlechten Kauf getan. An der rechten Seite des Bildes fiel der Blick auf eine Gruppe sitzender und stehender Menschen. Ein Hirte bückt sich zu einem Mädchen, das er zu unterrichten scheint, wie man die Schalmei blasen müsse. Mitten sah man auf einen See im Glanz der Sonne, und an der linken Seite des Bildes gewahrte man weidendes Vieh im Schatten eines Gehölzes. Beide Gruppen balancierten sich auf das beste, und der Zauber der Beleuchtung wirkte mächtig, nach gewohnter Art des Meisters. Es war die Rede, wo das Original sich seither befunden, und in wessen Besitz Meyer es in Italien gesehen. Das Gespräch lenkte sich sodann auf das neue Besitztum des Königs von Bayern in Rom. »Ich kenne die Villa sehr gut,« sagte Meyer, »ich bin oft darin gewesen und gedenke der schönen Lage mit Vergnügen. Es ist ein mäßiges Schloß, das der König nicht fehlen wird sich auszuschmücken und nach seinem Sinne höchst anmutig zu machen. Zu meiner Zeit wohnte die Herzogin Amalie darin und Herder in dem Nebengebäude. Später bewohnte es der Herzog von Sussex und der Graf Münster. Fremde hohe Herrschaften haben es immer wegen der gesunden Lage und herrlichen Aussicht besonders geliebt.« Ich fragte Hofrat Meyer, wie weit es von der Villa di Malta bis zum Vatikan sei.« Von Trinità di Monte, in der Nähe der Villa,« sagte Meyer, »wo wir Künstler wohnten, ist es bis zum Vatikan eine gute halbe Stunde. Wir machten täglich den Weg, und oft mehr als einmal.« »Der Weg über die Brücke«, sagte ich, »scheint etwas um zu sein; ich dächte, man käme näher, wenn man sich über die Tiber setzen ließe und durch das Feld ginge.« »Es ist nicht so,« sagte Meyer, »aber wir hatten auch diesen Glauben und ließen uns sehr oft übersetzen. Ich erinnere mich einer solchen Überfahrt, wo wir in einer schönen Nacht bei hellem Mondschein vom Vatikan zurückkamen. Von Bekannten waren Bury, Hirt und Lips unter uns, und es hatte sich der gewöhnliche Streit entsponnen, wer größer sei, Raffael oder Michel Angelo. So bestiegen wir die Fähre. Als wir das andere Ufer erreicht hatten und der Streit noch in vollem Gange war, schlug ein lustiger Vogel, ich glaube es war Bury, vor, das Wasser nicht eher zu verlassen, als bis der Streit völlig abgetan sei und die Parteien sich vereiniget hätten. Der Vorschlag wurde angenommen, der Fährmann mußte wieder abstoßen und zurückfahren. Aber nun wurde das Disputieren erst recht lebhaft, und wenn wir das Ufer erreicht hatten, mußten wir immer wieder zurück, denn der Streit war nicht entschieden. So fuhren wir stundenlang hinüber und herüber, wobei niemand sich besser stand als der Schiffer, dem sich die Bajokks bei jeder Überfahrt vermehrten. Er hatte einen zwölfjährigen Knaben bei sich, der ihm half und dem die Sache endlich gar zu wunderlich erscheinen mochte. ›Vater‹, sagte er, ›was haben denn die Männer, daß sie nicht ans Land wollen, und daß wir immer wieder zurück müssen, wenn wir sie ans Ufer gebracht?‹ – ›Ich weiß nicht, mein Sohn,‹ antwortete der Schiffer, ›aber ich glaube, sie sind toll.‹ Endlich, um nicht die ganze Nacht hin und her zu fahren, vereinigte man sich notdürftig, und wir gingen zu Lande.« Wir freuten uns und lachten über diese anmutige Anekdote von künstlerischer Verrücktheit. Hofrat Meyer war in der besten Laune, er fuhr fort, uns von Rom zu erzählen, und Goethe und ich hatten Genuß, ihn zu hören. »Der Streit über Raffael und Michel Angelo«, sagte Meyer, »war an der Ordnung und wurde täglich geführt, wo genugsame Künstler zusammentrafen, so daß von beiden Parteien sich einige anwesend fanden. In einer Osterie, wo man sehr billigen und guten Wein trank, pflegte er sich zu entspinnen; man berief sich auf Gemälde, auf einzelne Teile derselben, und wenn die Gegenpartei widerstritt und dies und jenes nicht zugeben wollte, entstand das Bedürfnis der unmittelbaren Anschauung der Bilder. Streitend verließ man die Osterie und ging raschen Schrittes zur Sixtinischen Kapelle, wozu ein Schuster den Schlüssel hatte, der immer für vier Groschen aufschloß. Hier, vor den Bildern, ging es nun an Demonstrationen, und wenn man lange genug gestritten, kehrte man in die Osterie zurück, um bei einer Flasche Wein sich zu versöhnen und alle Kontroversen zu vergessen. So ging es jeden Tag, und der Schuster an der Sixtinischen Kapelle erhielt manche vier Groschen.« Bei dieser heiteren Gelegenheit erinnerte man sich eines anderen Schusters, der auf einem antiken Marmorkopf gewöhnlich sein Leder geklopft. »Es war das Porträt eines römischen Kaisers,« sagte Meyer; »die Antike stand vor des Schusters Türe und wir haben ihn sehr oft in dieser löblichen Beschäftigung gesehen, wenn wir vorbeigingen.« Mittwoch, den 15. April 1829 Wir sprachen über Leute, die, ohne eigentliches Talent, zur Produktivität gerufen werden, und über andere, die über Dinge schreiben, die sie nicht verstehen. »Das Verführerische für junge Leute«, sagte Goethe, »ist dieses. Wir leben in einer Zeit, wo so viele Kultur verbreitet ist, daß sie sich gleichsam der Atmosphäre mitgeteilt hat, worin ein junger Mensch atmet. Poetische und philosophische Gedanken leben und regen sich in ihm, mit der Luft seiner Umgebung hat er sie eingezogen, aber er denkt, sie wären sein Eigentum, und so spricht er sie als das Seinige aus. Nachdem er aber der Zeit wiedergegeben hat, was er von ihr empfangen, ist er arm. Er gleicht einer Quelle, die von zugetragenem Wasser eine Weile gesprudelt hat und die aufhört zu rieseln, sobald der erborgte Vorrat erschöpft ist.« Dienstag, den 1. September 1829 [1. Januar 1830] Ich erzählte Goethe von einem Durchreisenden, der bei Hegeln ein Kollegium über den Beweis des Daseins Gottes gehört. Goethe stimmte mir bei, daß dergleichen Vorlesungen nicht mehr an der Zeit seien. »Die Periode des Zweifels«, sagte er, »ist vorüber; es zweifelt jetzt so wenig jemand an sich selber als an Gott. Zudem sind die Natur Gottes, die Unsterblichkeit, das Wesen unserer Seele und ihr Zusammenhang mit dem Körper ewige Probleme, worin uns die Philosophen nicht weiter bringen. Ein französischer Philosoph der neuesten Tage fängt sein Kapitel ganz getrost folgendermaßen an: ›Es ist bekannt, daß der Mensch aus zwei Teilen besteht, aus Leib und Seele. Wir wollen demnach mit dem Leibe anfangen und sodann von der Seele reden.‹ Fichte ging doch schon ein wenig weiter und zog sich etwas klüger aus der Sache, indem er sagte: ›Wir wollen handeln vom Menschen als Leib betrachtet, und vom Menschen als Seele betrachtet.‹ Er fühlte zu wohl, daß sich ein so enge verbundenes Ganzes nicht trennen lasse. Kant hat unstreitig am meisten genützt, indem er die Grenzen zog, wie weit der menschliche Geist zu dringen fähig sei, und daß er die unauflöslichen Probleme liegen ließ. Was hat man nicht alles über Unsterblichkeit philosophiert! und wie weit ist man gekommen! – Ich zweifle nicht an unserer Fortdauer, denn die Natur kann die Entelechie nicht entbehren; aber wir sind nicht auf gleiche Weise unsterblich, und um sich künftig als große Entelechie zu manifestieren, muß man auch eine sein. Während aber die Deutschen sich mit Auflösung philosophischer Probleme quälen, lachen uns die Engländer mit ihrem großen praktischen Verstande aus und gewinnen die Welt. Jedermann kennt ihre Deklamationen gegen den Sklavenhandel, und während sie uns weismachen wollen, was für humane Maximen solchem Verfahren zugrunde liegen, entdeckt sich jetzt, daß das wahre Motiv ein reales Objekt sei, ohne welches es die Engländer bekanntlich nie tun und welches man hätte wissen sollen. An der westlichen Küste von Afrika gebrauchen sie die Neger selbst in ihren großen Besitzungen, und es ist gegen ihr Interesse, daß man sie dort ausführe. In Amerika haben sie selbst große Negerkolonien angelegt, die sehr produktiv sind und jährlich einen großen Ertrag an Schwarzen liefern. Mit diesen versehen sie die nordamerikanischen Bedürfnisse, und indem sie auf solche Weise einen höchst einträglichen Handel treiben, wäre die Einfuhr von außen ihrem merkantilischen Interesse sehr im Wege, und sie predigen daher, nicht ohne Objekt, gegen den inhumanen Handel. Noch auf dem Wiener Kongreß argumentierte der englische Gesandte sehr lebhaft dagegen; aber der portugiesische war klug genug, in aller Ruhe zu antworten, daß er nicht wisse, daß man zusammengekommen sei, ein allgemeines Weltgericht abzugeben oder die Grundsätze der Moral festzusetzen. Er kannte das englische Objekt recht gut, und so hatte auch er das seinige, wofür er zu reden und welches er zu erlangen wußte.« Sonntag, den 6. Dezember 1829 Heute nach Tisch las Goethe mir die erste Szene vom zweiten Akt des ›Faust‹. Der Eindruck war groß und verbreitete in meinem Innern ein hohes Glück. Wir sind wieder in Fausts Studierzimmer versetzt, und Mephistopheles findet noch alles am alten Platze, wie er es verlassen hat. Fausts alten Studierpelz nimmt er vom Haken; tausend Motten und Insekten flattern heraus, und indem Mephistopheles ausspricht, wo diese sich wieder untertun, tritt uns die umgebende Lokalität sehr deutlich vor die Augen. Er zieht den Pelz an, um, während Faust hinter einem Vorhange im paralysierten Zustande liegt, wieder einmal den Herrn zu spielen. Er zieht die Klingel; die Glocke gibt in den einsamen alten Klosterhallen einen so fürchterlichen Ton, daß die Türen aufspringen und die Mauern erbeben. Der Famulus stürzt herbei und findet in Fausts Stuhle den Mephistopheles sitzen, den er nicht kennt, aber vor dem er Respekt hat. Auf Befragen gibt er Nachricht von Wagner, der unterdes ein berühmter Mann geworden und auf die Rückkehr seines Herrn hofft. Er ist, wie wir hören, in diesem Augenblick in seinem Laboratorium tief beschäftigt einen Homunkulus hervorzubringen. Der Famulus wird entlassen, es erscheint der Bakkalaureus, derselbige, den wir vor einigen Jahren als schüchternen jungen Studenten gesehen, wo Mephistopheles, in Fausts Rocke, ihn zum besten hatte. Er ist unterdes ein Mann geworden und so voller Dünkel, daß selbst Mephistopheles nicht mit ihm auskommen kann, der mit seinem Stuhle immer weiter rückt und sich zuletzt ans Parterre wendet. Goethe las die Szene bis zu Ende. Ich freute mich an der jugendlich produktiven Kraft, und wie alles so knapp beisammen war. »Da die Konzeption so alt ist«, sagte Goethe, »und ich seit funfzig Jahren darüber nachdenke, so hat sich das innere Material so sehr gehäuft, daß jetzt das Ausscheiden und Ablehnen die schwere Operation ist. Die Erfindung des ganzen zweiten Teiles ist wirklich so alt, wie ich sage. Aber daß ich ihn erst jetzt schreibe, nachdem ich über die weltlichen Dinge so viel klarer geworden, mag der Sache zugute kommen. Es geht mir damit wie einem, der in seiner Jugend sehr viel kleines Silber- und Kupfergeld hat, das er während dem Lauf seines Lebens immer bedeutender einwechselt, so daß er zuletzt seinen Jugendbesitz in reinen Goldstücken vor sich sieht.« Wir sprachen über die Figur des Bakkalaureus. »Ist in ihm«, sagte ich, »nicht eine gewisse Klasse ideeller Philosophen gemeint?« »Nein,« sagte Goethe, »es ist die Anmaßlichkeit in ihm personifiziert, die besonders der Jugend eigen ist, wovon wir in den ersten Jahren nach unserm Befreiungskriege so auffallende Beweise hatten. Auch glaubt jeder in seiner Jugend, daß die Welt eigentlich erst mit ihm angefangen und daß alles eigentlich um seinetwillen da sei. Sodann hat es im Orient wirklich einen Mann gegeben, der jeden Morgen seine Leute um sich versammelte und sie nicht eher an die Arbeit gehen ließ, als bis er der Sonne geheißen aufzugehen. Aber hiebei war er so klug, diesen Befehl nicht eher auszusprechen, als bis die Sonne wirklich auf dem Punkt stand, von selber zu erscheinen.« Wir sprachen noch vieles über den ›Faust‹ und dessen Komposition sowie über verwandte Dinge. Goethe war eine Weile in stilles Nachdenken versunken; dann begann er folgendermaßen. »Wenn man alt ist,« sagte er, »denkt man über die weltlichen Dinge anders, als da man jung war. So kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß die Dämonen, um die Menschheit zu necken und zum besten zu haben, mitunter einzelne Figuren hinstellen, die so anlockend sind, daß jeder nach ihnen strebt, und so groß, daß niemand sie erreicht. So stellten sie den Raffael hin, bei dem Denken und Tun gleich vollkommen war; einzelne treffliche Nachkommen haben sich ihm genähert, aber erreicht hat ihn niemand. So stellten sie den Mozart hin als etwas Unerreichbares in der Musik. Und so in der Poesie Shakespeare. Ich weiß, was Sie mir gegen diesen sagen können, aber ich meine nur das Naturell, das große Angeborene der Natur. So steht Napoleon unerreichbar da. Daß die Russen sich gemäßigt haben und nicht nach Konstantinopel hineingegangen sind, ist zwar sehr groß, aber auch ein solcher Zug findet sich in Napoleon, denn auch er hat sich gemäßigt und ist nicht nach Rom gegangen.« An dieses reiche Thema knüpfte sich viel Verwandtes; bei mir selbst aber dachte ich im stillen, daß auch mit Goethe die Dämonen so etwas möchten im Sinne haben, indem auch er eine Figur sei, zu anlockend, um ihm nicht nachzustreben, und zu groß, um ihn zu erreichen. Mittwoch, den 16. Dezember 1829 Heute nach Tisch las Goethe mir die zweite Szene des zweiten Akts von ›Faust‹, wo Mephistopheles zu Wagner geht, der durch chemische Künste einen Menschen zu machen im Begriff ist. Das Werk gelingt, der Homunkulus erscheint in der Flasche als leuchtendes Wesen und ist sogleich tätig. Wagners Fragen über unbegreifliche Dinge lehnt er ab, das Räsonieren ist nicht seine Sache; er will handeln , und da ist ihm das Nächste unser Held Faust, der in seinem paralysierten Zustande einer höheren Hülfe bedarf. Als ein Wesen, dem die Gegenwart durchaus klar und durchsichtig ist, sieht der Homunkulus das Innere des schlafenden Faust, den ein schöner Traum von der Leda beglückt, wie sie, in anmutiger Gegend badend, von Schwänen besucht wird. Indem der Homunkulus diesen Traum ausspricht, erscheint vor unserer Seele das reizendste Bild. Mephistopheles sieht davon nichts, und der Homunkulus verspottet ihn wegen seiner nordischen Natur. »Überhaupt«, sagte Goethe, »werden Sie bemerken, daß der Mephistopheles gegen den Homunkulus in Nachteil zu stehen kommt, der ihm an geistiger Klarheit gleicht und durch seine Tendenz zum Schönen und förderlich Tätigen so viel vor ihm voraus hat. Übrigens nennt er ihn Herr Vetter; denn solche geistige Wesen wie der Homunkulus, die durch eine vollkommene Menschwerdung noch nicht verdüstert und beschränkt worden, zählt man zu den Dämonen, wodurch denn unter beiden eine Art von Verwandtschaft existiert.« »Gewiß«, sagte ich, »erscheint der Mephistopheles hier in einer untergeordneten Stellung; allein ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß er zur Entstehung des Homunkulus heimlich gewirkt hat, so wie wir ihn bisher kennen und wie er auch in der Helena immer als heimlich wirkendes Wesen erscheint. Und so hebt er sich denn im ganzen wieder und kann sich in seiner superioren Ruhe im einzelnen wohl etwas gefallen lassen.« »Sie empfinden das Verhältnis sehr richtig,« sagte Goethe; »es ist so, und ich habe schon gedacht, ob ich nicht dem Mephistopheles, wie er zu Wagner geht und der Homunkulus im Werden ist, einige Verse in den Mund legen soll, wodurch seine Mitwirkung ausgesprochen und dem Leser deutlich würde.« »Das könnte nichts schaden«, sagte ich. »Angedeutet jedoch ist es schon, indem Mephistopheles die Szene mit den Worten schließt: Am Ende hängen wir doch ab Von Kreaturen, die wir machten.« »Sie haben recht,« sagte Goethe, »dies könnte dem Aufmerkenden fast genug sein; indes will ich doch noch auf einige Verse sinnen.« »Aber«, sagte ich, »jenes Schlußwort ist ein großes, das man nicht so leicht ausdenken wird.« »Ich dächte,« sagte Goethe, »man hätte eine Weile daran zu zehren. Ein Vater, der sechs Söhne hat, ist verloren, er mag sich stellen, wie er will. Auch Könige und Minister, die viele Personen zu großen Stellen gebracht haben, mögen aus ihrer Erfahrung sich etwas dabei denken können.« Fausts Traum von der Leda trat mir wieder vor die Seele, und ich übersah dieses im Geist als einen höchst bedeutenden Zug in der Komposition. »Es ist wunderbar,« sagte ich, »wie in einem solchen Werke die einzelnen Teile aufeinander sich beziehen, aufeinander wirken und einander ergänzen und heben. Durch diesen Traum von der Leda hier im zweiten Akt gewinnt später die Helena erst das eigentliche Fundament. Dort ist immer von Schwänen und einer Schwanerzeugten die Rede, aber hier erscheint diese Handlung selbst; und wenn man nun mit dem sinnlichen Eindruck solcher Situation später zur Helena kommt, wie wird dann alles deutlicher und vollständiger erscheinen!« Goethe gab mir recht, und es schien ihm lieb, daß ich dieses bemerkte. »So auch«, sagte er, »werden Sie finden, daß schon immer in diesen früheren Akten das Klassische und Romantische anklingt und zur Sprache gebracht wird, damit es, wie auf einem steigenden Terrain, zur Helena hinaufgehe, wo beide Dichtungsformen entschieden hervortreten und eine Art von Ausgleichung finden.« »Die Franzosen«, fuhr Goethe fort, »fangen nun auch an, über diese Verhältnisse richtig zu denken. ›Es ist alles gut und gleich,‹ sagen sie, ›Klassisches wie Romantisches, es kommt nur darauf an, daß man sich dieser Formen mit Verstand zu bedienen und darin vortrefflich zu sein vermöge. So kann man auch in beiden absurd sein, und dann taugt das eine so wenig wie das andere.‹ Ich dächte, das wäre vernünftig und ein gutes Wort, womit man sich eine Weile beruhigen könnte.« Sonntag, den 20. Dezember 1829 Bei Goethe zu Tisch. Wir sprachen vom Kanzler, und ich fragte Goethe, ob er ihm bei seiner Zurückkunft aus Italien keine Nachricht von Manzoni mitgebracht. »Er hat mir über ihn geschrieben«, sagte Goethe. »Der Kanzler hat Manzoni besucht, er lebt auf seinem Landgute in der Nähe von Mailand und ist zu meinem Bedauern fortwährend kränklich.« »Es ist eigen,« sagte ich, »daß man so häufig bei ausgezeichneten Talenten, besonders bei Poeten findet, daß sie eine schwächliche Konstitution haben.« »Das Außerordentliche, was solche Menschen leisten,« sagte Goethe, »setzt eine sehr zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig sein und die Stimme der Himmlischen vernehmen mögen. Nun ist eine solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen leicht gestört und verletzt, und wer nicht, wie Voltaire, mit großer Sensibilität eine außerordentliche Zäheit verbindet, ist leicht einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen. Schiller war auch beständig krank. Als ich ihn zuerst kennen lernte, glaubte ich, er lebte keine vier Wochen. Aber auch er hatte eine gewisse Zäheit; er hielt sich noch die vielen Jahre und hätte sich bei gesünderer Lebensweise noch länger halten können.« Wir sprachen vom Theater und inwiefern eine gewisse Vorstellung gelungen sei. »Ich habe Unzelmann in dieser Rolle gesehen,« sagte Goethe, »bei dem es einem immer wohl wurde, und zwar durch die große Freiheit seines Geistes, die er uns mitteilte. Denn es ist mit der Schauspielkunst wie mit allen übrigen Künsten. Was der Künstler tut oder getan hat, setzt uns in die Stimmung, in der er selber war, da er es machte. Eine freie Stimmung des Künstlers macht uns frei, dagegen eine beklommene macht uns bänglich. Diese Freiheit im Künstler ist gewöhnlich dort, wo er ganz seiner Sache gewachsen ist, weshalb es uns denn bei niederländischen Gemälden so wohl wird, indem jene Künstler das nächste Leben darstellten, wovon sie vollkommen Herr waren. Sollen wir nun im Schauspieler diese Freiheit des Geistes empfinden, so muß er durch Studium, Phantasie und Naturell vollkommen Herr seiner Rolle sein, alle körperlichen Mittel müssen ihm zu Gebote stehen, und eine gewisse jugendliche Energie muß ihn unterstützen. Das Studium ist indessen nicht genügend ohne Einbildungskraft, und Studium und Einbildungskraft nicht hinreichend ohne Naturell. Die Frauen tun das meiste durch Einbildungskraft und Temperament, wodurch denn die Wolff so vortrefflich war.« Wir unterhielten uns ferner über diesen Gegenstand, wobei die vorzüglichsten Schauspieler der weimarischen Bühne zur Sprache kamen und mancher einzelnen Rolle mit Anerkennung gedacht wurde. Mir trat indes der ›Faust‹ wieder vor die Seele, und ich gedachte des Homunkulus, und wie man diese Figur auf der Bühne deutlich machen wolle. »Wenn man auch das Persönchen selber nicht sähe,« sagte ich, »doch das Leuchtende in der Flasche müßte man sehen, und das Bedeutende, was er zu sagen hat, müßte doch so vorgetragen werden, wie es von einem Kinde nicht geschehen kann.« »Wagner«, sagte Goethe, »darf die Flasche nicht aus den Händen lassen, und die Stimme müßte so kommen, als wenn sie aus der Flasche käme. Es wäre eine Rolle für einen Bauchredner, wie ich deren gehört habe, und der sich gewiß gut aus der Affäre ziehen würde.« So auch gedachten wir des großen Karnevals und inwiefern es möglich, es auf der Bühne zur Erscheinung zu bringen. »Es wäre doch noch ein wenig mehr«, sagte ich, »wie der Markt von Neapel.« »Es würde ein sehr großes Theater erfordern,« sagte Goethe, »und es ist fast nicht denkbar.« »Ich hoffe es noch zu erleben«, war meine Antwort. »Besonders freue ich mich auf den Elefanten, von der Klugheit gelenkt, die Viktoria oben, und Furcht und Hoffnung in Ketten an den Seiten. Es ist doch eine Allegorie, wie sie nicht leicht besser existieren möchte.« »Es wäre auf der Bühne nicht der erste Elefant«, sagte Goethe. »In Paris spielt einer eine völlige Rolle; er ist von einer Volkspartei und nimmt dem einen König die Krone ab und setzt sie dem andern auf, welches freilich grandios sein muß. Sodann, wenn am Schlusse des Stücks der Elefant herausgerufen wird, erscheint er ganz alleine, macht seine Verbeugung und geht wieder zurück. Sie sehen also, daß bei unserm Karneval auf den Elefanten zu rechnen wäre. Aber das Ganze ist viel zu groß und erfordert einen Regisseur, wie es deren nicht leicht gibt.« »Es ist aber so voller Glanz und Wirkung,« sagte ich, »daß eine Bühne es sich nicht leicht wird entgehen lassen. Und wie es sich aufbaut und immer bedeutender wird! Zuerst schöne Gärtnerinnen und Gärtner, die das Theater dekorieren und zugleich eine Masse bilden, so daß es den immer bedeutender werdenden Erscheinungen nicht an Umgebung und Zuschauern mangelt. Dann, nach dem Elefanten, das Drachengespann aus dem Hintergrunde durch die Lüfte kommend, über den Köpfen hervor. Ferner die Erscheinung des großen Pan, und wie zuletzt alles in scheinbarem Feuer steht und schließlich von herbeiziehenden feuchten Nebelwolken gedämpft und gelöscht wird! Wenn das alles so zur Erscheinung käme, wie Sie es gedacht haben, das Publikum müßte vor Erstaunen dasitzen und gestehen, daß es ihm an Geist und Sinnen fehle, den Reichtum solcher Erscheinungen würdig aufzunehmen.« »Geht nur«, sagte Goethe, »und laßt mir das Publikum, von dem ich nichts hören mag. Die Hauptsache ist, daß es geschrieben steht; mag nun die Welt damit gebaren, so gut sie kann, und es benutzen, soweit sie es fähig ist.« Wir sprachen darauf über den Knaben Lenker. »Daß in der Maske des Plutus der Faust steckt, und in der Maske des Geizes der Mephistopheles, werden Sie gemerkt haben. Wer aber ist der Knabe Lenker?« Ich zauderte und wußte nicht zu antworten. »Es ist der Euphorion!« sagte Goethe. »Wie kann aber dieser«, fragte ich, »schon hier im Karneval erscheinen, da er doch erst im dritten Akt geboren wird?« »Der Euphorion«, antwortete Goethe, »ist kein menschliches, sondern nur ein allegorisches Wesen. Es ist in ihm die Poesie personifiziert, die an keine Zeit, an keinen Ort und an keine Person gebunden ist. Derselbige Geist, dem es später beliebt, Euphorion zu sein, erscheint jetzt als Knabe Lenker, und er ist darin den Gespenstern ähnlich, die überall gegenwärtig sein und zu jeder Stunde hervortreten können.« Sonntag, den 27. Dezember 1829 Heute nach Tisch las Goethe mir die Szene vom Papiergelde. »Sie erinnern sich,« sagte er, »daß bei der Reichsversammlung das Ende vom Liede ist, daß es an Geld fehlt, welches Mephistopheles zu verschaffen verspricht. Dieser Gegenstand geht durch die Maskerade fort, wo Mephistopheles es anzustellen weiß, daß der Kaiser in der Maske des großen Pan ein Papier unterschreibt, welches, dadurch zu Geldeswert erhoben, tausendmal vervielfältigt und verbreitet wird. In dieser Szene nun wird die Angelegenheit vor dem Kaiser zur Sprache gebracht, der noch nicht weiß, was er getan hat. Der Schatzmeister übergibt die Banknoten und macht das Verhältnis deutlich. Der Kaiser, anfänglich erzürnt, dann bei näherer Einsicht in den Gewinn hoch erfreut, macht mit der neuen Papiergabe seiner Umgebung reichliche Geschenke und läßt im Abgehen noch einige tausend Kronen fallen, die der dicke Narr zusammenrafft und sogleich geht, um das Papier in Grundbesitz zu verwandeln.« Indem Goethe die herrliche Szene las, freute ich mich über den glücklichen Griff, daß er das Papiergeld von Mephistopheles herleitet und dadurch ein Hauptinteresse des Tages so bedeutend verknüpft und verewigt. Kaum war die Szene gelesen und manches darüber hin und her gesprochen, als Goethes Sohn herunterkam und sich zu uns an den Tisch setzte. Er erzählte uns von Coopers letztem Roman, den er gelesen und den er in seiner anschaulichen Art auf das beste referierte. Von unserer gelesenen Szene verrieten wir nichts, aber er selbst fing sehr bald an, viel über preußische Tresorscheine zu reden, und daß man sie über den Wert bezahle. Während der junge Goethe so sprach, blickte ich den Vater an mit einigem Lächeln, welches er erwiderte und wodurch wir uns zu verstehen gaben, wie sehr das Dargestellte an der Zeit sei. Mittwoch, den 30. Dezember 1829 Heute nach Tisch las Goethe mir die fernere Szene. »Nachdem sie nun am Kaiserlichen Hofe Geld haben,« sagte er, »wollen sie amüsiert sein. Der Kaiser wünscht Paris und Helena zu sehen, und zwar sollen sie durch Zauberkünste in Person erscheinen. Da aber Mephistopheles mit dem griechischen Altertum nichts zu tun und über solche Figuren keine Gewalt hat, so bleibt dieses Werk Fausten zugeschoben, dem es auch vollkommen gelingt. Was aber Faust unternehmen muß, um die Erscheinung möglich zu machen, ist noch nicht ganz vollendet, und ich lese es Ihnen das nächste Mal. Die Erscheinung von Paris und Helena selbst aber sollen Sie heute hören.« Ich war glücklich im Vorgefühl des Kommenden, und Goethe fing an zu lesen. In dem alten Rittersaale sah ich Kaiser und Hof einziehen, um das Schauspiel zu sehen. Der Vorhang hebt sich, und das Theater, ein griechischer Tempel, ist mir vor Augen. Mephistopheles im Souffleurkasten, der Astrolog auf der einen Seite des Proszeniums, Faust auf der andern mit dem Dreifuß heraufsteigend. Er spricht die nötige Formel aus, und es erscheint, aus dem Weihrauchdampf der Schale sich entwickelnd, Paris. Indem der schöne Jüngling bei ätherischer Musik sich bewegt, wird er beschrieben. Er setzt sich, er lehnt sich, den Arm über den Kopf gebogen, wie wir ihn auf alten Bildwerken dargestellt finden. Er ist das Entzücken der Frauen, die die Reize seiner Jugendfülle aussprechen; er ist der Haß der Männer, in denen sich Neid und Eifersucht regt und die ihn herunterziehen, wie sie nur können. Paris entschläft, und es erscheint Helena. Sie naht sich dem Schlafenden, sie drückt einen Kuß auf seine Lippen; sie entfernt sich von ihm und wendet sich, nach ihm zurückzublicken. In dieser Wendung erscheint sie besonders reizend. Sie macht den Eindruck auf die Männer, wie Paris auf die Frauen. Die Männer zu Liebe und Lob entzündet, die Frauen zu Neid, Haß und Tadel. Faust selber ist ganz Entzücken und vergißt im Anblick der Schönheit, die er hervorgerufen, Zeit, Ort und Verhältnis, so daß Mephistopheles jeden Augenblick nötig findet, ihn zu erinnern daß er ja ganz aus der Rolle falle. Neigung und Einverständnis scheint zwischen Paris und Helena zuzunehmen, der Jüngling umfaßt sie, um sie zu entführen; Faust will sie ihm entreißen, aber indem er den Schlüssel gegen ihn wendet, erfolgt eine heftige Explosion, die Geister gehen in Dunst auf, und Faust liegt paralysiert am Boden. 1830 Sonntag, den 3. Januar 1830 Goethe zeigte mir das englische Taschenbuch ›Keepsake‹ für 1830, mit sehr schönen Kupfern und einigen höchst interessanten Briefen von Lord Byron, die ich zum Nachtische las. Er selbst hatte derweil die neueste französische Übersetzung seines ›Faust‹ von Gérard zur Hand genommen, worin er blätterte und mitunter zu lesen schien. »Es gehen mir wunderliche Gedanken durch den Kopf,« sagte er, »wenn ich bedenke, daß dieses Buch noch jetzt in einer Sprache gilt, in der vor funfzig Jahren Voltaire geherrscht hat. Sie können sich hiebei nicht denken, was ich mir denke, und haben keinen Begriff von der Bedeutung, die Voltaire und seine großen Zeitgenossen in meiner Jugend hatten, und wie sie die ganze sittliche Welt beherrschten. Es geht aus meiner Biographie nicht deutlich hervor, was diese Männer für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt, und was es mich gekostet, mich gegen sie zu wehren und mich auf eigene Füße in ein wahreres Verhältnis zur Natur zu stellen.« Wir sprachen über Voltaire Ferneres, und Goethe rezitierte mir das Gedicht ›Les Systèmes‹, woraus ich mir abnahm, wie sehr er solche Sachen in seiner Jugend mußte studiert und sich angeeignet haben. Die erwähnte Übersetzung von Gérard, obgleich größtenteils in Prosa, lobte Goethe als sehr gelungen. »Im Deutschen«, sagte er, »mag ich den ›Faust‹ nicht mehr lesen; aber in dieser französischen Übersetzung wirkt alles wieder durchaus frisch, neu und geistreich. Der ›Faust‹«, fuhr er fort, »ist doch ganz etwas Inkommensurabeles, und alle Versuche, ihn dem Verstand näher zu bringen, sind vergeblich. Auch muß man bedenken, daß der erste Teil aus einem etwas dunkelen Zustand des Individuums hervorgegangen. Aber eben dieses Dunkel reizt die Menschen, und sie mühen sich daran ab, wie an allen unauflösbaren Problemen.« Sonntag, den 10. Januar 1830 Heute zum Nachtisch bereitete Goethe mir einen hohen Genuß, indem er mir die Szene vorlas, wo Faust zu den Müttern geht. Das Neue, Ungeahndete des Gegenstandes, sowie die Art und Weise, wie Goethe mir die Szene vortrug, ergriff mich wundersam, so daß ich mich ganz in die Lage von Faust versetzt fühlte, den bei der Mitteilung des Mephistopheles gleichfalls ein Schauer überläuft. Ich hatte das Dargestellte wohl gehört und wohl empfunden, aber es blieb mir so vieles rätselhaft, daß ich mich gedrungen fühlte, Goethe um einigen Aufschluß zu bitten. Er aber, in seiner gewöhnlichen Art, hüllte sich in Geheimnisse, indem er mich mit großen Augen anblickte und mir die Worte wiederholte: Die Mütter! Mütter! – 's klingt so wunderlich! »Ich kann Ihnen weiter nichts verraten,« sagte er darauf, »als daß ich beim Plutarch gefunden, daß im griechischen Altertume von Müttern als Gottheiten die Rede gewesen. Dies ist alles, was ich der Überlieferung verdanke, das übrige ist meine eigene Erfindung. Ich gebe Ihnen das Manuskript mit nach Hause, studieren Sie alles wohl und sehen Sie zu, wie Sie zurecht kommen.« Ich war darauf glücklich bei wiederholter ruhiger Betrachtung dieser merkwürdigen Szene und entwickelte mir über der Mütter eigentliches Wesen und Wirken, über ihre Umgebung und Aufenthalt, die nachfolgende Ansicht. Könnte man sich den ungeheuren Weltkörper unserer Erde im Innern als leeren Raum denken, so daß man Hunderte von Meilen in einer Richtung darin fortzustreben vermöchte, ohne auf etwas Körperliches zu stoßen, so wäre dieses der Aufenthalt jener unbekannten Göttinnen, zu denen Faust hinabgeht. Sie leben gleichsam außer allem Ort, denn es ist nichts Festes, das sie in einiger Nähe umgibt; auch leben sie außer aller Zeit, denn es leuchtet ihnen kein Gestirn, welches auf- oder unterginge und den Wechsel von Tag und Nacht andeutete. So in ewiger Dämmerung und Einsamkeit beharrend, sind die Mütter schaffende Wesen, sie sind das schaffende und erhaltende Prinzip , von dem alles ausgeht, was auf der Oberfläche der Erde Gestalt und Leben hat. Was zu atmen aufhört, geht als geistige Natur zu ihnen zurück, und sie bewahren es, bis es wieder Gelegenheit findet, in ein neues Dasein zu treten. Alle Seelen und Formen von dem, was einst war und künftig sein wird, schweift in dem endlosen Raum ihres Aufenthaltes wolkenartig hin und her; es umgibt die Mütter, und der Magier muß also in ihr Reich gehen, wenn er durch die Macht seiner Kunst über die Form eines Wesens Gewalt haben und ein früheres Geschöpf zu einem Scheinleben hervorrufen will. Die ewige Metamorphose des irdischen Daseins, des Entstehens und Wachsens, des Zerstörens und Wiederbildens, ist also der Mütter nie aufhörende Beschäftigung. Und wie nun bei allem, was auf der Erde durch Fortzeugung ein neues Leben erhält, das Weibliche hauptsächlich wirksam ist, so mögen jene schaffenden Gottheiten mit Recht weiblich gedacht, und es mag der ehrwürdige Name Mütter ihnen nicht ohne Grund beigelegt werden. Freilich ist dieses alles nur eine poetische Schöpfung; allein der beschränkte Mensch vermag nicht viel weiter zu dringen, und er ist zufrieden, etwas zu finden, wobei er sich beruhigen möchte. Wir sehen auf Erden Erscheinungen und empfinden Wirkungen, von denen wir nicht wissen, woher sie kommen, und wohin sie gehen. Wir schließen auf einen geistigen Urquell, auf ein Göttliches, wofür wir keine Begriffe und keinen Ausdruck haben, und welches wir zu uns herabziehen und anthropomorphisieren müssen, um unsere dunkelen Ahndungen einigermaßen zu verkörpern und faßlich zu machen. So sind alle Mythen entstanden, die von Jahrhundert zu Jahrhundert in den Völkern fortlebten, und ebenso diese neue von Goethe, die wenigstens den Schein einiger Naturwahrheit hat und die wohl den besten gleichzustellen sein dürfte, die je gedacht worden. Sonntag, den 24. Januar 1830 »Ich habe dieser Tage einen Brief von unserm berühmten Salzbohrer in Stotternheim erhalten,« sagte Goethe, »der einen merkwürdigen Eingang hat und wovon ich Ihnen erzählen muß. ›Ich habe eine Erfahrung gemacht,‹ schreibt er, ›die mir nicht verloren sein soll.‹ Was aber folgt auf solchen Eingang? Es handelt sich um nichts Geringeres als den Verlust von wenigstens tausend Talern. Den Schacht, wo es durch weicheren Boden und Gestein zwölfhundert Fuß tief zum Steinsalz hinabgeht, hat er unvorsichtigerweise an den Seiten nicht unterstützt; der weichere Boden hat sich abgelöst und die Grube unten so verschlämmt, daß es jetzt einer höchst kostspieligen Operation bedarf, um den Schlamm herauszubringen. Er wird sodann, die zwölfhundert Fuß hinunter, metallene Röhren einsetzen, um für die Folge vor einem ähnlichen Unglück sicher zu sein. Er hätte es gleich tun sollen, und er hätte es auch sicher gleich getan, wenn solche Leute nicht eine Verwegenheit besäßen, wovon man keinen Begriff hat, die aber dazu gehört, um eine solche Unternehmung zu wagen. Er ist aber durchaus ruhig bei dem Unfall und schreibt ganz getrost: ›Ich habe eine Erfahrung gemacht, die mir nicht verloren sein soll.‹ Das nenne ich doch noch einen Menschen, an dem man Freude hat und der, ohne zu klagen, gleich wieder tätig ist und immer auf den Füßen steht. Was sagen Sie dazu, ist es nicht artig?« »Es erinnert mich an Sterne,« antwortete ich, »welcher beklagt, sein Leiden nicht wie ein vernünftiger Mann benutzt zu haben.« »Es ist etwas Ähnliches«, sagte Goethe. »Auch muß ich an Behrisch denken,« fuhr ich fort, »wie er Sie belehrt, was Erfahrung sei, welches Kapitel ich gerade dieser Tage zu abermaliger Erbauung gelesen: ›Erfahrung aber ist, daß man erfahrend erfährt, was erfahren zu haben man nicht gerne erfahren haben möchte‹.« »Ja,« sagte Goethe lachend, »das sind die alten Späße, womit wir so schändlich unsere Zeit verdarben!« »Behrisch«, fuhr ich fort, »scheint ein Mensch gewesen zu sein voller Anmut und Zierlichkeit. Wie artig ist der Spaß im Weinkeller, wo er abends den jungen Menschen verhindern will, zu seinem Liebchen zu gehen, und dieses auf die heiterste Weise vollbringt, indem er seinen Degen umschnallet, bald so und bald so, so daß er alle zum Lachen bringt und den jungen Menschen die Stunde des Rendezvous darüber vergessen macht.« »Ja,« sagte Goethe, »es war artig; es wäre eine der anmutigsten Szenen auf der Bühne, wie denn Behrisch überhaupt für das Theater ein guter Charakter war.« Wir wiederholten darauf gesprächsweise alle die Wunderlichkeiten, die von Behrisch in Goethes ›Leben‹ erzählt werden. Seine graue Kleidung, wo Seide, Samt und Wolle gegeneinander eine abstechende Schattierung gemacht, und wie er darauf studiert habe, immer noch ein neues Grau auf seinen Körper zu bringen. Dann wie er die Gedichte geschrieben, den Setzer nachgeäfft und den Anstand und die Würde des Schreibenden hervorgehoben. Auch wie es sein Lieblingszeitvertreib gewesen, im Fenster zu liegen, die Vorbeigehenden zu mustern und ihren Anzug in Gedanken so zu verändern, daß es höchst lächerlich gewesen sein würde, wenn die Leute sich so gekleidet hätten. »Und dann sein gewöhnlicher Spaß mit dem Postboten,« sagte Goethe, »wie gefällt Ihnen der, ist der nicht auch lustig?« »Der ist mir unbekannt,« sagte ich, »es steht davon nichts in Ihrem ›Leben‹.« »Wunderlich!« sagte Goethe. »So will ich es Ihnen denn erzählen. Wenn wir zusammen im Fenster lagen und Behrisch in der Straße den Briefträger kommen sah, wie er von einem Hause ins andere ging, nahm er gewöhnlich einen Groschen aus der Tasche und legte ihn bei sich ins Fenster. ›Siehst du den Briefträger?‹ sagte er dann zu mir gewendet, ›er kommt immer näher und wird gleich hier oben sein, das sehe ich ihm an. Er hat einen Brief an dich, und was für einen Brief, keinen gewöhnlichen Brief, er hat einen Brief mit einem Wechsel, – mit einem Wechsel! ich will nicht sagen, wie stark. – Siehst du, jetzt kommt er herein. Nein! Aber er wird gleich kommen. Da ist er wieder. Jetzt! – Hier, hier herein, mein Freund! hier herein! – Er geht vorbei! Wie dumm! O wie dumm! Wie kann einer nur so dumm sein und so unverantwortlich handeln! So unverantwortlich in doppelter Hinsicht: unverantwortlich gegen dich, indem er dir den Wechsel nicht bringt, den er für dich in Händen hat, und ganz unverantwortlich gegen sich selbst, indem er sich um einen Groschen bringt, den ich schon für ihn zurechtgelegt hatte und den ich nun wieder einstecke.‹ So steckte er denn den Groschen mit höchstem Anstande wieder in die Tasche, und wir hatten etwas zu lachen.« Ich freute mich dieses Scherzes, der den übrigen vollkommen gleich sah. Ich fragte Goethe, ob er Behrisch später nie wieder gesehen. »Ich habe ihn wieder gesehen,« sagte Goethe, »und zwar bald nach meiner Ankunft in Weimar, ungefähr im Jahre 1776, wo ich mit dem Herzog eine Reise nach Dessau machte, wohin Behrisch von Leipzig aus als Erzieher des Erbprinzen berufen war. Ich fand ihn noch ganz wie sonst, als feinen Hofmann und vom besten Humor.« »Was sagte er dazu,« fragte ich, »daß Sie in der Zwischenzeit so berühmt geworden?« »›Hab ich es dir nicht gesagt?‹ war sein Erstes, ›war es nicht gescheit, daß du damals die Verse nicht drucken ließest und daß du gewartet hast, bis du etwas ganz Gutes machtest? Freilich, schlecht waren damals die Sachen auch nicht, denn sonst hätte ich sie nicht geschrieben. Aber wären wir zusammengeblieben, so hättest du auch die andern nicht sollen drucken lassen; ich hätte sie dir auch geschrieben und es wäre ebensogut gewesen.‹ Sie sehen, er war noch ganz der alte. Er war bei Hof sehr gelitten, ich sah ihn immer an der fürstlichen Tafel. Zuletzt habe ich ihn im Jahre 1801 gesehen, wo er schon alt war, aber immer noch in der besten Laune. Er bewohnte einige sehr schöne Zimmer im Schloß, deren eines er ganz mit Geranien angefüllt hatte, womit man damals eine besondere Liebhaberei trieb. Nun hatten aber die Botaniker unter den Geranien einige Unterscheidungen und Abteilungen gemacht und einer gewissen Sorte den Namen Pelargonien beigelegt. Darüber konnte sich nun der alte Herr nicht zufrieden geben, und er schimpfte auf die Botaniker. ›Die dummen Kerle!‹ sagte er; ›ich denke, ich habe das ganze Zimmer voll Geranien, und nun kommen sie und sagen, es seien Pelargonien. Was tu ich aber damit, wenn es keine Geranien sind, und was soll ich mit Pelargonien!‹ So ging es nun halbe Stunden lang fort, und Sie sehen, er war sich vollkommen gleich geblieben.« Wir sprachen sodann über die ›Klassische Walpurgisnacht‹, deren Anfang Goethe mir vor einigen Tagen gelesen. »Der mythologischen Figuren, die sich hiebei zudrängen«, sagte er, »sind eine Unzahl; aber ich hüte mich und nehme bloß solche, die bildlich den gehörigen Eindruck machen. Faust ist jetzt mit dem Chiron zusammen, und ich hoffe, die Szene soll mir gelingen. Wenn ich mich fleißig dazuhalten kann ich in ein paar Monaten mit der ›Walpurgisnacht‹ fertig sein. Es soll mich nun aber auch nichts wieder vom ›Faust‹ abbringen; denn es wäre doch toll genug, wenn ich es erlebte, ihn zu vollenden! Und möglich ist es der fünfte Akt ist so gut wie fertig, und der vierte wird sich sodann wie von selber machen.« Goethe sprach darauf über seine Gesundheit und pries sich glücklich, sich fortwährend vollkommen wohl zu befinden. »Daß ich mich jetzt so gut halte,« sagte er, »verdanke ich Vogel; ohne ihn wäre ich längst abgefahren. Vogel ist zum Arzt wie geboren und überhaupt einer der genialsten Menschen, die mir je vorgekommen sind. Doch wir wollen nicht sagen, wie gut er ist, damit er uns nicht genommen werde.« Sonntag, den 31. Januar 1830 Bei Goethe zu Tisch. Wir sprachen über Milton. »Ich habe vor nicht langer Zeit seinen ›Simson‹ gelesen,« sagte Goethe, »der so im Sinne der Alten ist, wie kein anderes Stück irgendeines neueren Dichters. Es ist sehr groß; und seine eigene Blindheit ist ihm zustatten gekommen, um den Zustand Simsons mit solcher Wahrheit darzustellen. Milton war in der Tat ein Poet, und man muß vor ihm allen Respekt haben.« Es kommen verschiedene Zeitungen, und wir sehen in den Berliner Theaternachrichten, daß man Seeungeheuer und Walfische auf die dortige Bühne gebracht. Goethe liest in der französischen Zeitschrift ›Le Temps‹ einen Artikel über die enorme Besoldung der englischen Geistlichkeit, die mehr beträgt als die in der ganzen übrigen Christenheit zusammen. »Man hat behauptet,« sagte Goethe, »die Welt werde durch Zahlen regiert; das aber weiß ich, daß die Zahlen uns belehren, ob sie gut oder schlecht regiert werde.« Mittwoch, den 3. Februar 1830 Bei Goethe zu Tisch. Wir sprachen über Mozart. »Ich habe ihn als siebenjährigen Knaben gesehen,« sagte Goethe, »wo er auf einer Durchreise ein Konzert gab. Ich selber war etwa vierzehn Jahre alt, und ich erinnere mich des kleinen Mannes in seiner Frisur und Degen noch ganz deutlich.« Ich machte große Augen, und es war mir ein halbes Wunder, zu hören, daß Goethe alt genug sei, um Mozart als Kind gesehen zu haben. Sonntag, den 7. Februar 1830 Mit Goethe zu Tisch. Mancherlei Gespräche über Fürst Primas; daß er ihn an der Tafel der Kaiserin von Österreich durch eine geschickte Wendung zu verteidigen gewagt. Des Fürsten Unzulänglichkeit in der Philosophie, sein dilettantischer Trieb zur Malerei, ohne Geschmack. Bild, der Miß Gore geschenkt. Seine Gutherzigkeit und Weichheit, alles wegzugeben, so daß er zuletzt in Armut dagestanden. Gespräche über den Begriff des Desobligeanten. Nach Tisch stellte sich der junge Goethe, mit Walter und Wolf, in seinem Maskenanzuge als Klingsor dar und fährt an Hof. Mittwoch, den 10. Februar 1830 Mit Goethe zu Tisch. Er sprach mit wahrer Anerkennung über das Festgedicht Riemers zur Feier des 2. Februar. »Überhaupt,« fügte Goethe hinzu, »was Riemer macht, kann sich vor Meister und Gesellen sehen lassen.« Wir sprachen sodann über die ›Klassische Walpurgisnacht‹, und daß er dabei auf Dinge komme, die ihn selber überraschen. Auch gehe der Gegenstand mehr auseinander, als er gedacht. »Ich habe jetzt etwas über die Hälfte,« sagte er, »aber ich will mich dazuhalten und hoffe bis Ostern fertig zu sein. Sie sollen früher nichts weiter davon sehen, aber sobald es fertig ist, gebe ich es Ihnen mit nach Hause, damit Sie es in der Stille prüfen. Wenn Sie nun den achtunddreißigsten und neununddreißigsten Band zusammenstellten, so daß wir Ostern die letzte Lieferung absenden könnten, so wäre es hübsch, und wir hätten den Sommer zu etwas Großem frei. Ich würde im ›Faust‹ bleiben und den vierten Akt zu überwinden suchen.« Ich freute mich dazu und versprach ihm meinerseits jeden Beistand. Goethe schickte darauf seinen Bedienten, um sich nach der Großherzogin-Mutter zu erkundigen, die sehr krank geworden und deren Zustand ihm bedenklich schien. »Sie hätte den Maskenzug nicht sehen sollen,« sagte er, »aber fürstliche Personen sind gewohnt, ihren Willen zu haben, und so ist denn alles Protestieren des Hofes und der Ärzte vergeblich gewesen. Dieselbige Willenskraft, mit der sie Napoleon widerstand, setzt sie auch ihrer körperlichen Schwäche entgegen; und so sehe ich es schon kommen, sie wird hingehen, wie der Großherzog, in voller Kraft und Herrschaft des Geistes, wenn der Körper schon aufgehört haben wird zu gehorchen.« Goethe schien sichtbar betrübt und war eine Weile stille. Bald aber sprachen wir wieder über heitere Dinge, und er erzählte mir von einem Buch, zur Rechtfertigung von Hudson Lowe geschrieben. »Es sind darin Züge der kostbarsten Art,« sagte er, »die nur von unmittelbaren Augenzeugen herrühren können. Sie wissen, Napoleon trug gewöhnlich eine dunkelgrüne Uniform. Von vielem Tragen und Sonne war sie zuletzt völlig unscheinbar geworden, so daß die Notwendigkeit gefühlt wurde, sie durch eine andere zu ersetzen. Er wünschte dieselbe dunkelgrüne Farbe, allein auf der Insel waren keine Vorräte dieser Art; es fand sich zwar ein grünes Tuch, allein die Farbe war unrein und fiel ins Gelbliche. Eine solche Farbe auf seinen Leib zu nehmen, war nun dem Herrn der Welt unmöglich, und es blieb ihm nichts übrig, als seine alte Uniform wenden zu lassen und sie so zu tragen. Was sagen Sie dazu? Ist es nicht ein vollkommen tragischer Zug? Ist es nicht rührend, den Herrn der Könige zuletzt so weit reduziert zu sehen, daß er eine gewendete Uniform tragen muß? Und doch, wenn man bedenkt, daß ein solches Ende einen Mann traf, der das Leben und Glück von Millionen mit Füßen getreten hatte, so ist das Schicksal, das ihm widerfuhr, immer noch sehr milde; es ist eine Nemesis, die nicht umhin kann, in Erwägung der Größe des Helden, immer noch ein wenig galant zu sein. Napoleon gibt uns ein Beispiel, wie gefährlich es sei, sich ins Absolute zu erheben und alles der Ausführung einer Idee zu opfern.« Wir sprachen noch manches dahin Bezügliche, und ich ging darauf ins Theater, um den ›Stern von Sevilla‹ zu sehen. Sonntag, den 14. Februar 1830 Diesen Mittag auf meinem Wege zu Goethe, der mich zu Tisch eingeladen hatte, traf mich die Nachricht von dem soeben erfolgten Tode der Großherzogin-Mutter. Wie wird das bei seinem hohen Alter auf Goethe wirken! war mein erster Gedanke, und so betrat ich mit einiger Apprehension das Haus. Die Dienerschaft sagte mir, daß seine Schwiegertochter soeben zu ihm gegangen sei, um ihm die betrübende Botschaft mitzuteilen. Seit länger als funfzig Jahren, sagte ich mir, ist er dieser Fürstin verbunden gewesen, er hat ihrer besonderen Huld und Gnade sich zu erfreuen gehabt, ihr Tod muß ihn tief berühren. Mit solchen Gedanken trat ich zu ihm ins Zimmer; allein ich war nicht wenig überrascht, ihn vollkommen heiter und kräftig mit seiner Schwiegertochter und seinen Enkeln am Tisch sitzen und seine Suppe essen zu sehen, als ob eben nichts passiert wäre. Wir sprachen ganz heiter fort über gleichgültige Dinge. Nun fingen alle Glocken der Stadt an zu läuten; Frau von Goethe blickte mich an, und wir redeten lauter, damit die Töne der Todesglocken sein Inneres nicht berühren und erschüttern möchten denn wir dachten, er empfände wie wir. Er empfand aber nicht wie wir, es stand in seinem Innern gänzlich anders. Er saß vor uns, gleich einem Wesen höherer Art, von irdischen Leiden unberührbar. Hofrat Vogel ließ sich melden; er setzte sich zu uns und erzählte die einzelnen Umstände von dem Hinscheiden der hohen Verewigten, welches Goethe in seiner bisherigen vollkommensten Ruhe und Fassung aufnahm. Vogel ging wieder, und wir setzten unser Mittagessen und Gespräche fort. Auch vom ›Chaos‹ war viel die Rede, und Goethe pries die ›Betrachtungen über das Spiel‹ in der letzten Nummer als ganz vorzüglich. Als Frau von Goethe mit ihren Söhnen hinaufgegangen war, blieb ich mit Goethe allein. Er erzählte mir von seiner ›Klassischen Walpurgisnacht‹ daß er damit jeden Tag weiter komme und daß ihm wunderbare Dinge über die Erwartung gelängen. Dann zeigte er mir einen Brief des Königs von Bayern, den er heute erhalten und den ich mit großem Interesse las. Die edle treue Gesinnung des Königs sprach sich in jeder Zeile aus, und Goethen schien es besonders wohl zu tun, daß der König gegen ihn sich fortwährend so gleich bleibe. Hofrat Soret ließ sich melden und setzte sich zu uns. Er kam mit beruhigenden Trostesworten der kaiserlichen Hoheit an Goethe, die dazu beitrugen, dessen heiter gefaßte Stimmung noch zu erhöhen. Goethe setzt seine Gespräche fort; er erwähnt die berühmte Ninon de Lenclos, die in ihrem sechzehnten Jahre bei großer Schönheit dem Tode nahe gewesen und die Umstehenden in völliger Fassung mit den Worten getröstet habe: ›Was ists denn weiter? Lasse ich doch lauter Sterbliche zurück!‹ Übrigens habe sie fortgelebt und sei neunzig Jahr alt geworden, nachdem sie bis in ihr achtzigstes Hunderte von Liebhabern beglückt und zur Verzweiflung gebracht. Goethe spricht darauf über Gozzi und dessen Theater zu Venedig, wobei die improvisierenden Schauspieler bloß die Sujets erhielten. Gozzi habe die Meinung gehabt, es gebe nur sechsunddreißig tragische Situationen; Schiller habe geglaubt, es gebe mehr, allein es sei ihm nicht einmal gelungen, nur so viele zu finden. Sodann manches Interessante über Grimm, dessen Geist und Charakter und sehr geringes Vertrauen zum Papiergelde. Mittwoch, den 17. Februar 1830 Wir sprachen über das Theater, und zwar über die Farben der Dekorationen und Anzüge. Das Resultat war folgendes. Im allgemeinen sollen die Dekorationen einen für jede Farbe der Anzüge des Vordergrundes günstigen Ton haben, wie die Dekorationen von Beuther, welche mehr oder weniger ins Bräunliche fallen und die Farben der Gewänder in aller Frische heraussetzen. Ist aber der Dekorationsmaler von einem so günstigen unbestimmten Tone abzuweichen genötigt, und ist er in dem Fall, etwa ein rotes oder gelbes Zimmer, ein weißes Zelt oder einen grünen Garten darzustellen, so sollen die Schauspieler klug sein und in ihren Anzügen dergleichen Farben vermeiden. Tritt ein Schauspieler mit einer roten Uniform und grünen Beinkleidern in ein rotes Zimmer, so verschwindet der Oberkörper, und man sieht bloß die Beine; tritt er mit demselbigen Anzuge in einen grünen Garten, so verschwinden seine Beine und sein Oberkörper geht auffallend hervor. So sah ich einen Schauspieler mit weißer Uniform und ganz dunkelen Beinkleidern, dessen Oberkörper, in einem weißen Zelt, und dessen Beine, auf einem dunkelen Hintergrund, gänzlich verschwanden. »Und selbst,« fügte Goethe hinzu, »wenn der Dekorationsmaler in dem Fall wäre, ein rotes oder gelbes Zimmer oder einen grünen Garten oder Wald zu machen, so sollen diese Farben immer etwas schwach und duftig gehalten werden, damit jeder Anzug im Vordergrunde sich ablöse und die gehörige Wirkung tue.« Wir sprechen über die ›Ilias‹, und Goethe macht mich auf das schöne Motiv aufmerksam, daß der Achill eine Zeitlang in Untätigkeit versetzt werde, damit die übrigen Helden zum Vorschein kommen und sich entwickeln mögen. Von seinen ›Wahlverwandtschaften‹ sagt er, daß darin kein Strich enthalten, der nicht erlebt, aber kein Strich so, wie er erlebt worden. Dasselbe von der Geschichte in Sesenheim. Nach Tisch ein Portefeuille der niederländischen Schule durchgesehen. Ein Hafenstück, wo Männer auf der einen Seite frisches Wasser einnehmen und auf der andern Würfel auf einer Tonne spielen, gab Anlaß zu schönen Betrachtungen, wie das Reale vermieden, um der Wirkung der Kunst nicht zu schaden. Der Deckel der Tonne hat das Hauptlicht; die Würfel sind geworfen, wie man an den Gebärden der Männer sieht, aber sie sind auf der Fläche des Deckels nicht gezeichnet, weil sie das Licht unterbrochen und also nachteilig gewirkt haben würden. Sodann die Studien von Ruysdael zu seinem Kirchhof betrachtet, woraus man sah, welche Mühe sich ein solcher Meister gegeben. Sonntag, den 21. Februar 1830 Mit Goethe zu Tisch. Er zeigt mir die Luftpflanze, die ich mit großem Interesse betrachte. Ich bemerke darin ein Bestreben, ihre Existenz so lange wie möglich fortzusetzen, ehe sie einem folgenden Individuum erlaubt, sich zu manifestieren. »Ich habe mir vorgenommen,« sagte Goethe darauf, »in vier Wochen so wenig den ›Temps‹ als ›Globe‹ zu lesen. Die Sachen stehen so, daß sich innerhalb dieser Periode etwas ereignen muß, und so will ich die Zeit erwarten, bis mir von außen eine solche Nachricht kommt. Meine ›Klassische Walpurgisnacht‹ wird dabei gewinnen, und ohnehin sind jenes Interessen, wovon man nichts hat, welches in manchen Fällen nicht genug bedacht wird.« Er gibt mir sodann einen Brief von Boisserée aus München, der ihm Freude gemacht und den ich gleichfalls mit hohem Vergnügen lese. Boisserée spricht besonders über den ›Zweiten Aufenthalt in Rom‹, sowie über einige Punkte des letzten Heftes von ›Kunst und Altertum‹. Er urteilt über diese Dinge so wohlwollend als gründlich, und wir finden Veranlassung, über die seltene Bildung und Tätigkeit dieses bedeutenden Mannes viel zu reden. Goethe erzählt mir darauf von einem neuen Bilde von Cornelius als sehr brav durchdacht und ausgeführt, und es kommt zur Sprache, daß die Gelegenheit zur guten Färbung eines Bildes in der Komposition liege.   Später, auf einem Spaziergange, kommt mir die Luftpflanze wieder vor die Seele, und ich habe den Gedanken, daß ein Wesen seine Existenz fortsetzt, solange es geht, dann aber sich zusammennimmt, um wieder seinesgleichen hervorzubringen. Es erinnert mich dieses Naturgesetz an jene Legende, wo wir uns die Gottheit im Urbeginn der Dinge alleine denken, sodann aber den Sohn erschaffend, welcher ihr gleich ist. So auch haben gute Meister nichts Angelegentlicheres zu tun, als sich gute Schüler zu bilden, in denen sie ihre Grundsätze und Tätigkeiten fortgesetzt sehen. Nicht weniger ist jedes Werk eines Künstlers oder Dichters als seinesgleichen zu betrachten, und in demselbigen Grade wie ein solches Werk vortrefflich ist, wird der Künstler oder Dichter vortrefflich gewesen sein, da er es machte. Ein treffliches Werk eines andern soll daher niemals Neid in mir erregen, indem es mich auf einen vortrefflichen Menschen zurückschließen läßt, der es zu machen wert war. Mittwoch, den 24. Februar 1830 Mit Goethe zu Tisch. Wir sprechen über den Homer. Ich bemerke, daß sich die Einwirkung der Götter unmittelbar ans Reale anschließe. – »Es ist unendlich zart und menschlich,« sagte Goethe, »und ich danke Gott, daß wir aus den Zeiten heraus sind, wo die Franzosen diese Einwirkung der Götter Maschinerie nannten. Aber freilich, so ungeheuere Verdienste nachzuempfinden, bedurfte einiger Zeit, denn es erforderte eine gänzliche Umwandlung ihrer Kultur.« Goethe sagte mir sodann, daß er in die Erscheinung der Helena noch einen Zug hineingebracht, um ihre Schönheit zu erhöhen, welches durch eine Bemerkung von mir veranlaßt worden und meinem Gefühl zur Ehre gereiche. Nach Tisch zeigte Goethe mir den Umriß eines Bildes von Cornelius, den Orpheus vor Plutos Throne darstellend, um die Eurydice zu befreien. Das Bild erschien uns wohl überlegt und das einzelne vortrefflich gemacht, doch wollte es nicht recht befriedigen und dem Gemüt kein rechtes Behagen geben. Vielleicht, dachten wir, bringt die Färbung eine größere Harmonie hinein; vielleicht auch wäre der folgende Moment günstiger gewesen, wo Orpheus über das Herz des Pluto bereits gesiegt hat und ihm die Eurydice zurückgegeben wird. Die Situation hätte sodann nicht mehr das Gespannte, Erwartungsvolle, vielmehr würde sie vollkommene Befriedigung gewähren. Montag, den 1. März 1830 Bei Goethe zu Tisch mit Hofrat Voigt aus Jena. Die Unterhaltung geht um lauter naturhistorische Gegenstände, wobei Hofrat Voigt die vielseitigsten Kenntnisse entwickelt. Goethe erzählt, daß er einen Brief erhalten mit der Einwendung, daß die Kotyledonen keine Blätter seien, und zwar, weil sie kein Auge hinter sich hätten. Wir überzeugen uns aber an verschiedenen Pflanzen, daß die Kotyledonen allerdings Augen hinter sich haben, so gut wie jedes folgende Blatt. Voigt sagt, daß das Aperçu von der Metamorphose der Pflanze eine der fruchtbarsten Entdeckungen sei, welche die neuere Zeit im Fache der Naturforschung erfahren. Wir reden über Sammlungen ausgestopfter Vögel, wobei Goethe erzählt, daß ein Engländer mehrere Hunderte lebendiger Vögel in großen Behältern gefüttert habe. Von diesen seien einige gestorben, und er habe sie ausstopfen lassen. Diese ausgestopften hätten ihm nun so gefallen, daß ihm der Gedanke gekommen, ob es nicht besser sei, sie alle totschlagen und ausstopfen zu lassen; welchen Gedanken er denn auch alsobald ausgeführt habe. Hofrat Voigt erzählt, daß er im Begriff sei, Cuviers ›Naturgeschichte‹ in fünf Bänden zu übersetzen und mit Ergänzungen und Erweiterungen herauszugeben. Nach Tische, als Voigt gegangen war, zeigt Goethe mir das Manuskript seiner ›Walpurgisnacht‹, und ich bin erstaunt über die Stärke, zu der es in den wenigen Wochen herangewachsen. Mittwoch, den 3. März 1830 Mit Goethe vor Tisch spazieren gefahren. Er spricht günstig über mein Gedicht in bezug auf den König von Bayern, indem er bemerkt, daß Lord Byron vorteilhaft auf mich gewirkt. Mir fehle jedoch noch dasjenige, was man Konvenienz heiße, worin Voltaire so groß gewesen. Diesen wolle er mir zum Muster vorschlagen. Darauf bei Tisch reden wir viel über Wieland, besonders über den ›Oberon‹, und Goethe ist der Meinung, daß das Fundament schwach sei und der Plan vor der Ausführung nicht gehörig gegründet worden. Daß zur Herbeischaffung der Barthaare und Backenzähne ein Geist benutzt werde, sei gar nicht wohl erfunden, besonders weil der Held sich dabei ganz untätig verhalte. Die anmutige, sinnliche und geistreiche Ausführung des großen Dichters aber mache das Buch dem Leser so angenehm, daß er an das eigentliche Fundament nicht weiter denke und darüber hinauslese. Wir reden fort über viele Dinge, und so kommen wir auch wieder auf die Entelechie. »Die Hartnäckigkeit des Individuums, und daß der Mensch abschüttelt, was ihm nicht gemäß ist,« sagte Goethe, »ist mir ein Beweis, daß so etwas existiere.« Ich hatte seit einigen Minuten dasselbige gedacht und sagen wollen, und so war es mir doppelt lieb, daß Goethe es aussprach. »Leibniz«, fuhr er fort, »hat ähnliche Gedanken über solche selbständige Wesen gehabt, und zwar, was wir mit dem Ausdruck Entelechie bezeichnen, nannte er Monaden.« Ich nahm mir vor, das Weitere darüber in Leibniz an Ort und Stelle nachzulesen. Sonntag, den 7. März 1830 Um zwölf Uhr zu Goethe, den ich heute besonders frisch und kräftig fand. Er eröffnete mir, daß er seine ›Klassische Walpurgisnacht‹ habe zurücklegen müssen, um die letzte Lieferung fertig zu machen. »Hiebei aber«, sagte er, »bin ich klug gewesen, daß ich aufgehört habe, wo ich noch in gutem Zuge war und noch viel bereits Erfundenes zu sagen hatte. Auf diese Weise läßt sich viel leichter wieder anknüpfen, als wenn ich so lange fortgeschrieben hätte, bis es stockte.« Ich merkte mir dieses als eine gute Lehre. Es war die Absicht gewesen, vor Tisch eine Spazierfahrt zu machen; allein wir fanden es beiderseits so angenehm im Zimmer, daß die Pferde abbestellt wurden. Unterdessen hatte der Bediente Friedrich eine große von Paris angekommene Kiste ausgepackt. Es war eine Sendung vom Bildhauer David, in Gips abgegossene Porträts, Basreliefs, von siebenundfunfzig berühmten Personen. Friedrich trug die Abgüsse in verschiedenen Schiebläden herein, und es gab große Unterhaltung, alle die interessanten Persönlichkeiten zu betrachten. Besonders erwartungsvoll war ich auf Mérimée; der Kopf erschien so kräftig und verwegen wie sein Talent, und Goethe bemerkte, daß er etwas Humoristisches habe. Victor Hugo, Alfred de Vigny, Emile Deschamps zeigten sich als reine, freie, heitere Köpfe. Auch erfreuten uns die Porträts der Demoiselle Gay, der Madame Tastu und anderer junger Schriftstellerinnen. Das kräftige Bild von Fabvier erinnerte an Menschen früherer Jahrhunderte, und wir hatten Genuß, es wiederholt zu betrachten. So gingen wir von einer bedeutenden Person zur andern, und Goethe konnte nicht umhin, wiederholt zu äußern, daß er durch diese Sendung von David einen Schatz besitze, wofür er dem trefflichen Künstler nicht genug danken könne. Er werde nicht unterlassen, diese Sammlung Durchreisenden vorzuzeigen und sich mündlich über einzelne ihm noch unbekannte Personen unterrichten zu lassen. Auch Bücher waren in der Kiste verpackt gewesen, die er in die vorderen Zimmer tragen ließ, wohin wir folgten und uns zu Tisch setzten. Wir waren heiter und sprachen von Arbeiten und Vorsätzen hin und her. »Es ist nicht gut, daß der Mensch alleine sei,« sagte Goethe, »und besonders nicht, daß er alleine arbeite; vielmehr bedarf er der Teilnahme und Anregung, wenn etwas gelingen soll. Ich verdanke Schillern die ›Achilleïs‹ und viele meiner Balladen, wozu er mich getrieben, und Sie können es sich zurechnen, wenn ich den zweiten Teil des ›Faust‹ zustande bringe. Ich habe es Ihnen schon oft gesagt, aber ich muß es wiederholen, damit Sie es wissen.« Ich freute mich dieser Worte, im Gefühl, daß daran viel Wahres sein möge. Beim Nachtisch öffnete Goethe eins der Pakete. Es waren die Gedichte von Emile Deschamps, begleitet von einem Brief, den Goethe mir zu lesen gab. Hier sah ich nun zu meiner Freude, welcher Einfluß Goethen auf das neue Leben der französischen Literatur zugestanden wird, und wie die jungen Dichter ihn als ihr geistiges überhaupt verehren und lieben. So hatte in Goethes Jugend Shakespeare gewirkt. Von Voltaire läßt sich nicht sagen, daß er auf junge Poeten des Auslandes einen Einfluß der Art gehabt, daß sie sich in seinem Geist versammelten und ihn als ihren Herrn und Meister erkannten. Überall war der Brief von Emile Deschamps mit sehr liebenswürdiger herzlicher Freiheit geschrieben. »Man blickt in den Frühling eines schönen Gemüts«, sagte Goethe. Ferner befand sich unter der Sendung von David ein Blatt mit dem Hute Napoleons in den verschiedensten Stellungen. »Das ist etwas für meinen Sohn«, sagte Goethe, und sendete das Blatt schnell hinauf. Es verfehlte auch seine Wirkung nicht, indem der junge Goethe sehr bald herunterkam und voller Freude diese Hüte seines Helden für das Nonplusultra seiner Sammlung erklärte. Ehe fünf Minuten vergingen, befand sich das Bild unter Glas und Rahmen und an seinem Ort, unter den übrigen Attributen und Denkmälern des Helden. Dienstag, den 16. März 1830 Morgens besucht mich Herr von Goethe und eröffnet mir, daß seine lange beabsichtigte Reise nach Italien entschieden, daß von seinem Vater die nötigen Gelder bewilligt worden, und daß er wünsche, daß ich mitgehe. Wir freuen uns gemeinschaftlich über diese Nachricht und bereden viel wegen der Vorbereitung. Als ich darauf gegen Mittag bei Goethes Hause vorbeigehe, winkt Goethe mir am Fenster, und ich bin schnell zu ihm hinauf. Er ist in den vorderen Zimmern und sehr heiter und frisch. Er fängt sogleich an, von der Reise seines Sohnes zu reden, daß er sie billige, sie vernünftig finde und sich freue, daß ich mitgehe. »Es wird für euch beide gut sein,« sagte er, »und Ihre Kultur insbesondere wird sich nicht schlecht dabei befinden.« Er zeigt mir sodann einen Christus mit zwölf Aposteln, und wir reden über das Geistlose solcher Figuren als Gegenstände der Darstellung für den Bildhauer. »Der eine Apostel«, sagte Goethe, »ist immer ungefähr wie der andere, und die wenigsten haben Leben und Taten hinter sich, um ihnen Charakter und Bedeutung zu geben. Ich habe mir bei dieser Gelegenheit den Spaß gemacht, einen Zyklus von zwölf biblischen Figuren zu erfinden, wo jede bedeutend, jede anders, und daher jede ein dankbarer Gegenstand für den Künstler ist. Zuerst Adam, der schönste Mann, so vollkommen, wie man sich ihn nur zu denken fähig ist. Er mag die eine Hand auf einen Spaten legen, als ein Symbol, daß der Mensch berufen sei, die Erde zu bauen. Nach ihm Noah, womit wieder eine neue Schöpfung angeht. Er kultiviert den Weinstock, und man kann dieser Figur etwas von einem indischen Bacchus geben. Nächst diesem Moses, als ersten Gesetzgeber. Sodann David, als Krieger und König. Auf diesen Jesaias, ein Fürst und Prophet. Daniel sodann, der auf Christus, den künftigen, hindeutet. Christus. Ihm zunächst Johannes, der den gegenwärtigen liebt. Und so wäre denn Christus von zwei jugendlichen Figuren eingeschlossen, von denen der eine (Daniel) sanft und mit langen Haaren zu bilden wäre, der andere (Johannes) leidenschaftlich, mit kurzem Lockenhaar. Nun, auf den Johannes, wer kommt? Der Hauptmann von Kapernaum, als Repräsentant der Gläubigen, eine unmittelbare Hülfe Erwartenden. Auf diesen die Magdalena, als Symbol der reuigen, der Vergebung bedürfenden, der Besserung sich zuwendenden Menschheit. In welchen beiden Figuren der Inbegriff des Christentums enthalten wäre. Dann mag Paulus folgen, welcher die Lehre am kräftigsten verbreitet hat. Auf diesen Jakobus, der zu den entferntesten Völkern ging und die Missionäre repräsentiert. Petrus machte den Schluß. Der Künstler müßte ihn in die Nähe der Tür stellen und ihm einen Ausdruck geben, als ob er die Hereintretenden forschend betrachte, ob sie denn auch wert seien, das Heiligtum zu betreten. Was sagen Sie zu diesem Zyklus? Ich dächte, er wäre reicher als die zwölf Apostel, wo jeder aussieht wie der andere. Den Moses und die Magdalene würde ich sitzend bilden.« Ich war sehr glücklich, dieses alles zu hören, und bat Goethe, daß er es zu Papier bringen möge, welches er mir versprach. »Ich will es noch alles durchdenken«, sagte er, »und es dann nebst andern neuesten Dingen Ihnen zum neununddreißigsten Band geben.« Mittwoch, den 17. März 1830 Mit Goethe zu Tisch. Ich sprach mit ihm über eine Stelle in seinen Gedichten, ob es heißen müsse: »Wie es dein Priester Horaz in der Entzückung verhieß«, wie in allen älteren Ausgaben steht; oder: »Wie es dein Priester Properz etc.« welches die neue Ausgabe hat. »Zu dieser letzteren Lesart«, sagte Goethe, »habe ich mich durch Göttling verleiten lassen. Priester Properz klingt zudem schlecht, und ich bin daher für die frühere Lesart.« »So«, sagte ich, »stand auch in dem Manuskript Ihrer ›Helena‹, daß Theseus sie entführet als ein zehenjährig schlankes Reh. Auf Göttlings Einwendungen dagegen haben Sie nun drucken lassen: ein siebenjährig schlankes Reh, welches gar zu jung ist, sowohl für das schöne Mädchen als für die Zwillingsbrüder Kastor und Pollux, die sie befreien. Das Ganze liegt ja so in der Fabelzeit, daß niemand sagen kann, wie alt sie eigentlich war, und zudem ist die ganze Mythologie so versatil, daß man die Dinge brauchen kann, wie es am bequemsten und hübschesten ist.« »Sie haben recht,« sagte Goethe; »ich bin auch dafür, daß sie zehn Jahr alt gewesen sei, als Theseus sie entführet, und ich habe daher auch später geschrieben: vom zehnten Jahr an hat sie nichts getaugt. In der künftigen Ausgabe mögt Ihr daher aus dem siebenjährigen Reh immer wieder ein zehnjähriges machen.« Zum Nachtisch zeigte Goethe mir zwei frische Hefte von Neureuther, nach seinen Balladen, und wir bewunderten vor allem den freien heitern Geist des liebenswürdigen Künstlers. Sonntag, den 21. März 1830 Mit Goethe zu Tisch. Er spricht zunächst über die Reise seines Sohnes, und daß wir uns über den Erfolg keine zu große Illusion machen sollen. »Man kommt gewöhnlich zurück, wie man gegangen ist,« sagte er, »ja man muß sich hüten, nicht mit Gedanken zurückzukommen, die später für unsere Zustände nicht passen. So brachte ich aus Italien den Begriff der schönen Treppen zurück, und ich habe dadurch offenbar mein Haus verdorben, indem dadurch die Zimmer alle kleiner ausgefallen sind, als sie hätten sollen. Die Hauptsache ist, daß man lerne, sich selbst zu beherrschen. Wollte ich mich ungehindert gehen lassen, so läge es wohl in mir, mich selbst und meine Umgebung zugrunde zu richten.« Wir sprachen sodann über krankhafte körperliche Zustände und über die Wechselwirkung zwischen Körper und Geist. »Es ist unglaublich,« sagte Goethe, »wie viel der Geist zur Erhaltung des Körpers vermag. Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibes, allein der geistige Wille und die Kräfte des oberen Teiles halten mich im Gange. Der Geist muß nur dem Körper nicht nachgeben! So arbeite ich bei hohem Barometerstande leichter als bei tiefem; da ich nun dieses weiß, so suche ich bei tiefem Barometer durch größere Anstrengung die nachteilige Einwirkung aufzuheben, und es gelingt mir. In der Poesie jedoch lassen sich gewisse Dinge nicht zwingen, und man muß von guten Stunden erwarten, was durch geistigen Willen nicht zu erreichen ist. So lasse ich mir jetzt in meiner ›Walpurgisnacht‹ Zeit, damit alles die gehörige Kraft und Anmut erhalten möge. Ich bin gut vorgerückt und hoffe es zu vollenden, bevor Sie gehen. Was darin von Piken vorkommt, habe ich so von den besonderen Gegenständen abgelöst und ins Allgemeine gespielt, daß es zwar dem Leser nicht an Beziehungen fehlen, aber niemand wissen wird, worauf es eigentlich gemeint ist. Ich habe jedoch gestrebt, daß alles, im antiken Sinne, in bestimmten Umrissen dastehe, und daß nichts Vages, Ungewisses vorkomme, welches dem romantischen Verfahren gemäß sein mag. Der Begriff von klassischer und romantischer Poesie, der jetzt über die ganze Welt geht und so viel Streit und Spaltungen verursacht,« fuhr Goethe fort, »ist ursprünglich von mir und Schiller ausgegangen. Ich hatte in der Poesie die Maxime des objektiven Verfahrens und wollte nur dieses gelten lassen. Schiller aber, der ganz subjektiv wirkte, hielt seine Art für die rechte, und um sich gegen mich zu wehren, schrieb er den Aufsatz über naive und sentimentale Dichtung. Er bewies mir, daß ich selber wider Willen romantisch sei und meine ›Iphigenie‹, durch das Vorwalten der Empfindung, keineswegs so klassisch und im antiken Sinne sei, als man vielleicht glauben möchte. Die Schlegel ergriffen die Idee und trieben sie weiter, so daß sie sich denn jetzt über die ganze Welt ausgedehnt hat und nun jedermann von Klassizismus und Romantizismus redet, woran vor funfzig Jahren niemand dachte.« Ich lenkte das Gespräch wieder auf den Zyklus der zwölf Figuren, und Goethe sagte mir noch einiges zur Ergänzung. »Den Adam müßte man bilden, wie ich gesagt, jedoch nicht ganz nackt, indem ich ihn mir am besten nach dem Sündenfall denke – man müßte ihn mit einem dünnen Rehfellchen bekleiden. Und zugleich, um auszudrücken, daß er der Vater der Menschheit, so würde man wohl tun, ihm seinen ältesten Sohn beizugeben, einen trotzigen, kühn um sich blickenden Knaben, einen kleinen Herkules, in der Hand eine Schlange erdrückend. Auch wegen Noah habe ich einen anderen Gedanken gehabt, der mir besser gefällt, ich würde ihn nicht dem indischen Bacchus anähneln, sondern ich würde ihn als Winzer darstellen, wobei man sich eine Art von Erlöser denken könnte, der, als Pfleger des Weinstocks, die Menschheit von der Qual der Sorgen und Bedrängnisse freimachte.« Ich war beglückt über diese guten Gedanken und nahm mir vor, sie zu notieren. Goethe zeigte mir sodann das Blatt von Neureuther zu seiner Legende vom Hufeisen. »Der Künstler«, sagte ich, »hat dem Heiland nur acht Jünger beigegeben.« »Und schon diese acht«, fiel Goethe ein, »waren ihm zu viel, und er hat sehr klug getrachtet, sie durch zwei Gruppen zu trennen und die Monotonie eines geistlosen Zuges zu vermeiden.« Mittwoch, den 24. März 1830 Bei Goethe zu Tisch in den heitersten Gesprächen. Er erzählt mir von einem französischen Gedicht, das als Manuskript in der Sammlung von David mitgekommen, unter dem Titel ›Le rire de Mirabeau‹. »Das Gedicht ist voller Geist und Verwegenheit,« sagte Goethe, »und Sie müssen es sehen. Es ist, als hätte der Mephistopheles dem Poeten dazu die Tinte präpariert. Es ist groß, wenn er es geschrieben, ohne den ›Faust‹ gelesen zu haben, und ebenso groß, wenn er ihn gelesen.« Mittwoch, den 21. April 1830 Ich nahm heute Abschied von Goethe, indem die Abreise nach Italien mit seinem Sohn, dem Kammerherrn, auf morgen früh bestimmt war. Wir sprachen manches auf die Reise Bezügliche durch, besonders empfahl er mir, gut zu beobachten und ihm dann und wann zu schreiben. Ich fühlte eine gewisse Rührung, Goethe zu verlassen, doch tröstete mich der Anblick seiner festen Gesundheit und die Zuversicht, ihn glücklich wiederzusehen. Als ich ging, schenkte er mir ein Stammbuch, worin er sich mit folgenden Worten eingeschrieben: Es geht vorüber, eh' ichs gewahr werde, Und verwandelt sich, eh' ichs merke. Hiob. Den Reisenden Weimar, den 21. April 1830 Goethe. Frankfurt, Sonnabend, den 24. April 1830 Ich machte gegen eilf Uhr einen Spaziergang um die Stadt und durch die Gärten, nach dem Taunusgebirge zu, und freute mich an dieser herrlichen Natur und Vegetation. Vorgestern, in Weimar, waren die Bäume noch in Knospen; hier aber fand ich die neuen Triebe der Kastanien schon einen Fuß lang, die der Linden eine Viertelelle; das Laub der Birken war schon dunkelgrün, die Eichen waren alle ausgeschlagen. Das Gras sah ich einen Fuß hoch, so daß am Tor mir Mädchen begegneten, die schwere Graskörbe hereintrugen. Ich ging durch die Gärten, um eine freie Aussicht des Taunusgebirges zu gewinnen; es war ein muntrer Wind, die Wolken zogen aus Südwest und warfen ihre Schatten auf das Gebirge, sowie sie nach Nordost vorbeizogen. Zwischen den Gärten sah ich einige Störche niedergehen und sich wieder aufheben, welches in dem Sonnenschein, zwischen den ziehenden weißen Wolken und dem blauen Himmel, ein schöner Anblick war und den Charakter der Gegend vollendete. Als ich zurückging, kamen mir vor dem Tore die schönsten Kühe entgegen, braun, weiß, gefleckt und von glänzender Haut. Die hiesige Luft ist anmutig und wohltätig, das Wasser von süßlichem Geschmack. Beefsteaks habe ich seit Hamburg nicht so gute gegessen als hier; auch freue ich mich über das treffliche Weißbrot. Es ist Messe, und das Getreibe und Geleier und Gedudel auf der Straße geht vom Morgen bis spät in die Nacht. Ein Savoyardenknabe war mir merkwürdig, der eine Leier drehte und hinter sich einen Hund zog, auf welchem ein Affe ritt. Er pfiff und sang zu uns herauf und reizte uns lange, ihm etwas zu geben. Wir warfen ihm hinunter, mehr als er erwarten konnte, und ich dachte, er würde einen Blick des Dankes heraufsenden. Er tat aber nicht dergleichen, sondern steckte sein Geld ein und blickte sogleich nach anderen, die ihm geben sollten. Frankfurt, Sonntag, den 25. April 1830 Wir machten diesen Morgen eine Spazierfahrt um die Stadt in einem sehr eleganten Wagen unseres Wirtes. Die reizenden Anlagen, die prächtigen Gebäude, der schöne Strom, die Gärten und einladenden Gartenhäuser erquickten die Sinne – ich machte jedoch bald die Bemerkung, daß es ein Bedürfnis des Geistes sei, den Gegenständen einen Gedanken abzugewinnen, und daß, ohne dieses, am Ende alles gleichgültig und ohne Bedeutung an uns vorübergehe. Mittags, an Table d'hôte, sah ich viele Gesichter, allein wenige von solchem Ausdruck, daß sie mir merkwürdig sein konnten. Der Oberkellner jedoch interessierte mich in hohem Grade, so daß denn meine Augen nur ihm und seinen Bewegungen folgten. Und wirklich, er war ein merkwürdiger Mensch. Gegen zweihundert Gäste saßen wir an langen Tischen, und es klingt beinahe unglaublich, wenn ich sage, daß dieser Oberkellner fast allein die ganze Bedienung machte, indem er alle Gerichte aufsetzte und abnahm, und die übrigen Kellner ihm nur zureichten und aus den Händen nahmen. Dabei wurde nie etwas verschüttet, auch nie jemand der Speisenden berührt, sondern alles geschah luftartig, behende, wie durch Geistergewalt. Und so flogen Tausend von Schüsseln und Tellern aus seinen Händen auf den Tisch, und wiederum vom Tisch in die Hände ihm folgender Bedienung. Ganz in seine Intention vertieft, war der ganze Mensch bloß Blick und Hand, und er öffnete seine geschlossenen Lippen nur zu flüchtigen Antworten und Befehlen. Und er besorgte nicht bloß den Tisch, sondern auch die einzelnen Bestellungen an Wein und dergleichen; und dabei merkte er sich alles, so daß er am Ende der Tafel eines jeden Zeche wußte und das Geld einkassierte. Ich bewunderte den Überblick, die Gegenwart des Geistes und das große Gedächtnis dieses merkwürdigen jungen Mannes. Dabei war er immer vollkommen ruhig und sich bewußt, und immer bereit zu einem Scherz und einer geistreichen Erwiderung, so daß ein beständiges Lächeln auf seinen Lippen schwebte. Ein französischer Rittmeister der alten Garde beklagte ihn gegen Ende der Tafel, daß die Damen sich entfernten er antwortete schnell ablehnend: »C'est pour vous autres; nous sommes sans passion.« Das Französische sprach er vollkommen, ebenso das Englische, und man versicherte mich, daß er noch drei andere Sprachen in seiner Gewalt habe. Ich ließ mich später mit ihm in ein Gespräch ein und hatte nach allen Seiten hin eine seltene Bildung an ihm zu schätzen. Abends im ›Don Juan‹ hatten wir Ursache, mit Liebe an Weimar zu denken. Im Grunde waren alles gute Stimmen und hübsche Talente, allein sie spielten und redeten fast alle wie Naturalisten, die keinem Meister etwas schuldig geworden. Sie waren undeutlich und taten, als ob kein Publikum da wäre. Das Spiel einiger Personen gab zu der Bemerkung Anlaß, daß das Unedle ohne Charakter sogleich gemein und unerträglich werde, während es durch Charakter sich sogleich in die höhere Sphäre der Kunst erhebt. Das Publikum war sehr laut und ungestüm, und es fehlte nicht an vielfältigem Dacapo- und Hervorgerufe. Der Zerline ging es gut und übel zugleich, indem die eine Hälfte des Hauses zischte, während die andere applaudierte, so daß sich die Parteien steigerten und es jedesmal mit einem wüsten Lärm und Tumult endigte. Mailand, den 28. Mai 1830 Ich bin nun bald drei Wochen hier, und es ist wohl Zeit, daß ich einiges aufschreibe. Das große Theater della Scala ist zu unserm Bedauren geschlossen; wir waren darin und sahen es angefüllt mit Gerüsten. Man nimmt verschiedene Reparaturen vor und bauet, wie man sagt, noch eine Reihe Logen. Die ersten Sänger und Sängerinnen haben diesen Zeitpunkt wahrgenommen und sind auf Reisen gegangen. Einige, sagt man, sind in Wien, andere in Paris. Das Marionettentheater habe ich gleich nach meiner Ankunft besucht und habe mich gefreut an der außerordentlichen Deutlichkeit der redenden Personen. Dies Marionettentheater ist vielleicht das beste in der Welt; es ist berühmt, und man hört davon reden, sowie man Mailand nahe kommt. Das Theater della Canobiana, mit fünf Reihen Logen übereinander, ist nach der Scala das größte. Es faßt dreitausend Menschen. Es ist mir sehr angenehm; ich habe es oft besucht und immer dieselbige Oper und dasselbige Ballett gesehen. Man gibt seit drei Wochen ›Il Conte Ory‹, Oper von Rossini, und das Ballett ›L'Orfana di Genevra‹. Die Dekorationen, von San-Quirico oder unter dessen Anleitung gemacht, wirken durchaus angenehm und sind bescheiden genug, um sich von den Anzügen der spielenden Figuren überbieten zu lassen. San-Quirico, sagt man, hat viele geschickte Leute in seinem Dienst; alle Bestellungen gehen an ihn, er überträgt sie ferner und gibt die Anleitungen, so daß alles unter seinem Namen geht und er selbst sehr wenig macht. Er soll vielen geschickten Künstlern jährlich ein schönes Fixum geben und dieses auch bezahlen, wenn sie krank sind und das ganze Jahr nichts zu tun haben. Bei der Oper selbst war es mir zunächst lieb, keinen Souffleurkasten zu sehen, der sonst, so unangenehm, immer die Füße der handelnden Personen verdeckt. Sodann gefiel mir der Platz des Kapellmeisters. Er stand so, daß er sein ganzes Orchester übersieht, und rechts und links winken und leiten kann, und von allen gesehen wird, ein wenig erhöht, in der Mitte, zunächst am Parkett, so daß er über das Orchester hinaus frei auf die Bühne sieht. In Weimar dagegen steht der Kapellmeister so, daß er zwar frei auf die Bühne sieht, aber das Orchester im Rücken hat, so daß er sich immer umwenden muß, wenn er jemanden etwas bedeuten will. Das Orchester selbst ist sehr stark besetzt, ich zählte sechzehn Bässe, und zwar an jedem äußersten Ende acht. Das gegen hundert Personen sich belaufende Personal ist von beiden Seiten zu nach innen auf den Kapellmeister gewendet, und zwar so, daß sie den Rücken gegen die ins Proszenium hineingehenden Parterrelogen haben und mit dem einen Auge auf die Bühne und mit dem andern ins Parterre sehen, gradeaus aber auf den Kapellmeister. Die Stimmen der Sänger und Sängerinnen betreffend, so entzückte mich dieser reine Klang und die Stärke der Töne, dieses leichte Ansprechen und freie Herausgehen ohne die geringste Anstrengung. Ich dachte an Zelter und wünschte ihm, an meiner Seite zu sein. Vor allen beglückte mich die Stimme der Signora Corradi-Pantanelli, welche den Pagen sang. Ich sprach über diese treffliche Sängerin gegen andere und hörte, sie sei auf nächsten Winter für die Scala engagiert. Die Primadonna, als Contessa Adele, war eine junge Anfängerin, Signora Albertini; in ihrer Stimme liegt etwas sehr Zartes, Hellreines wie das Licht der Sonne. Jeden aus Deutschland Kommenden muß sie in hohem Grade erfreuen. Sodann ein junger Bassist ragte hervor. Seine Stimme hat den gewaltigsten Ton, ist jedoch noch ein wenig unbeholfen, so wie auch sein Spiel, obgleich frei, auf die Jugend seiner Kunst schließen ließ. Die Chöre gingen vortrefflich und mit dem Orchester auf das präziseste. Die Körperbewegung der spielenden Personen anlangend, so war mir eine gewisse Mäßigkeit und Ruhe merkwürdig, indem ich Äußerungen des lebhaften italienischen Charakters erwartet hatte. Die Schminke war nur ein Hauch von Röte, so wie man es in der Natur gerne sieht, und so, daß man nicht an geschminkte Wangen erinnert wird. Bei der starken Besetzung des Orchesters war es mir merkwürdig, daß es nie die Stimmen der Sänger übertönte, sondern daß diese immer die herrschenden blieben. Ich sprach darüber an Table d'hôte und hörte einen verständigen jungen Mann folgendes erwidern. »Die deutschen Orchester«, sagte er, »sind egoistisch und wollen als Orchester sich hervortun und etwas sein. Ein italienisches Orchester dagegen ist diskret. Es weiß recht gut, daß in der Oper der Gesang der menschlichen Stimmen die Hauptsache ist, und daß die Begleitung des Orchesters diesen nur tragen soll. Zudem hält der Italiener dafür, daß der Ton eines Instruments nur schön sei, wenn man ihn nicht forciert. Mögen daher in einem italienischen Orchester noch so viele Geigen, Klarinetten, Trompeten und Bässe gespielt und geblasen werden, der Totaleindruck des Ganzen wird immer sanft und angenehm bleiben, während ein deutsches Orchester bei dreifach schwächerer Besetzung sehr leicht laut und rauschend wird.« Ich konnte so überzeugenden Worten nicht widersprechen und freute mich, mein Problem so klar gelöst zu sehen. »Aber sollten nicht auch«, versetzte ich, »die neuesten Komponisten schuld sein, indem sie die Orchesterbegleitung der Oper zu stark instrumentieren?« »Allerdings«, erwiderte der Fremde, »sind neuere Komponisten in diesen Fehler gefallen; allein niemals wirklich große Meister wie Mozart und Rossini. Ja es findet sich sogar bei diesen, daß sie in der Begleitung eigene, von der Melodie des Gesanges unabhängige Motive ausgeführt haben; allein demungeachtet haben sie sich immer so mäßig gehalten, daß die Stimme des Gesanges immer das Herrschende und Vorwaltende geblieben ist. Neueste Meister dagegen übertönen, bei wirklicher Armut an Motiven in der Begleitung, durch eine gewaltsame Instrumentierung sehr oft den Gesang.« Ich gab dem verständigen jungen Fremden meinen Beifall. Mein Tischnachbar sagte mir, es sei ein junger livländischer Baron, der sich lange in Paris und London aufgehalten und nun seit fünf Jahren hier sei und viel studiere. Noch etwas muß ich erwähnen, das ich in der Oper bemerkt, und welches mir Freude machte zu bemerken. Es ist nämlich dieses, daß die Italiener auf dem Theater die Nacht nicht als wirkliche Nacht, sondern nur symbolisch behandeln. Auf deutschen Theatern war es mir immer unangenehm, daß in nächtlichen Szenen eine vollkommene Nacht eintrat, wo denn der Ausdruck der handelnden Figuren, ja oft die Personen selber ganz verschwanden, und man eben nichts mehr sah als die leere Nacht. Die Italiener behandeln das weiser. Ihre Theaternacht ist nie eine wirkliche, sondern nur eine Andeutung. Nur der Hintergrund des Theaters verdunkelte sich ein weniges, und die spielenden Personen zogen sich so sehr in den Vordergrund, daß sie durchaus beleuchtet blieben und kein Zug in dem Ausdruck ihrer Gesichter uns entging. In der Malerei sollte es billig auch so sein, und es soll mich wundern, ob ich Bilder finden werde, wo die Nacht die Gesichter so verdunkelt hat, daß der Ausdruck unkenntlich wird. Ich hoffe von guten Meistern kein solches Bild zu finden. Dieselbige schöne Maxime fand ich auch im Ballett angewendet. Eine nächtliche Szene war vorgestellt, wo ein Mädchen von einem Räuber überfallen wird. Das Theater ist nur ein weniges verdunkelt, so daß man alle Bewegungen und den Ausdruck der Gesichter vollkommen sieht. Auf das Geschrei des Mädchens entflieht der Mörder, und die Landleute eilen aus ihren Hütten herzu mit Lichtern. Aber nicht mit Lichtern von trüber Flamme, sondern dem Weißfeuer ähnlichen, so daß uns durch diesen Kontrast der hellesten Beleuchtung erst fühlbar wird, daß es in der vorigen Szene Nacht war. Was man mir in Deutschland von dem lauten italienischen Publikum voraussagte, habe ich bestätigt gefunden, und zwar nimmt die Unruhe des Publikums zu, je länger eine Oper gegeben wird. Vor vierzehn Tagen sah ich eine der ersten Vorstellungen von dem ›Conte Ory‹. Die besten Sänger und Sängerinnen empfing man bei ihrem Auftreten mit Applaus; man sprach wohl in gleichgültigen Szenen, allein bei dem Eintritt guter Arien wurde alles stille, und ein allgemeiner Beifall lohnte den Sänger. Die Chöre gingen vortrefflich, und ich bewunderte die Präzision, wie Orchester und Stimmen stets zusammentrafen. Jetzt aber, nachdem man die Oper seit der Zeit jeden Abend gegeben hat, ist beim Publikum jede Aufmerksamkeit hin, so daß alles redet und das Haus von einem lauten Getöse summet. Es regt sich kaum eine Hand mehr, und man begreift kaum, wie man auf der Bühne noch die Lippen öffnen und im Orchester noch einen Strich tun mag. Man bemerkt auch keinen Eifer und keine Präzision mehr, und der Fremde, der gerne etwas hören möchte, wäre in Verzweiflung, wenn man in so heiterer Umgebung überall verzweifeln könnte. Mailand, den 30. Mai 1830, am ersten Pfingsttage Ich will noch einiges notieren, was mir bis jetzt in Italien zu bemerken Freude machte oder sonst ein Interesse erweckte. Oben auf dem Simplon, in der Einöde von Schnee und Nebel, in der Nähe einer Refuge, kam ein Knabe mit seinem Schwesterchen den Berg herauf an unsern Wagen. Beide hatten kleine Körbe auf dem Rücken, mit Holz, das sie in dem untern Gebirge, wo noch einige Vegetation ist, geholt hatten. Der Knabe reichte uns einige Bergkristalle und sonstiges Gestein, wofür wir ihm einige kleine Münze gaben. Nun hat sich mir als unvergeßlich eingeprägt, mit welcher Wonne er verstohlen auf sein Geld blickte, indem er an unserm Wagen herging. Diesen himmlischen Ausdruck von Glückseligkeit habe ich nie vorher gesehen. Ich hatte zu bedenken, daß Gott alle Quellen und alle Fähigkeiten des Glücks in das menschliche Gemüt gelegt hat, und daß es zum Glück völlig gleich ist, wo und wie einer wohnt.   Ich wollte in meinen Mitteilungen fortfahren, allein ich ward unterbrochen und kam während meines ferneren Aufenthaltes in Italien, wo freilich kein Tag ohne bedeutende Eindrücke und Beobachtungen verging, nicht wieder zum Schreiben. Erst nachdem ich mich von Goethe dem Sohne getrennt und die Alpen im Rücken hatte, richtete ich folgendes wieder an Goethe. Genf, Sonntag, den 12. September 1830 Ich habe Ihnen diesmal so viel mitzuteilen, daß ich nicht weiß, wo ich anfangen und wo ich endigen soll. Eure Exzellenz haben oft im Scherz gesagt, daß das Fortreisen eine recht gute Sache sei, wenn nur das Wiederkommen nicht wäre. Ich finde dies nun zu meiner Qual bestätigt, indem ich mich an einer Art von Scheideweg befinde und nicht weiß, welchen ich einschlagen soll. Mein Aufenthalt in Italien, so kurz er auch war, ist doch, wie billig, nicht ohne große Wirkung für mich gewesen. Eine reiche Natur hat mit ihren Wundern zu mir gesprochen und mich gefragt, wie weit ich denn gekommen, um solche Sprache zu vernehmen. Große Werke der Menschen, große Tätigkeiten haben mich angeregt und mich auf meine eigenen Hände blicken lassen, um zu sehen, was denn ich selbst vermöge. Existenzen tausendfacher Art haben mich berührt und mich gefragt, wie denn die meinige beschaffen. Und so sind drei große Bedürfnisse in mir lebendig: mein Wissen zu vermehren, meine Existenz zu verbessern, und, daß beides möglich sei, vor allen Dingen etwas zu tun. Was nun dieses letztere betrifft, so bin ich über das, was zu tun sei, keineswegs im Zweifel. Es liegt mir seit lange ein Werk am Herzen, womit ich mich diese Jahre her in freien Stunden beschäftiget habe, und das so weit fertig ist wie ungefähr ein neugebautes Schiff, dem noch das Tauwerk und die Segel fehlen, um in die See zu gehen. Es sind dies jene Gespräche über große Maximen in allen Fächern des Wissens und der Kunst, sowie Aufschlüsse über höhere menschliche Interessen, Werke des Geistes und vorzügliche Personen des Jahrhunderts, wozu sich im Laufe der sechs Jahre, die ich in Ihrer Nähe zu sein das Glück hatte, die häufigsten Anlässe fanden. Es sind diese Gespräche für mich ein Fundament von unendlicher Kultur geworden, und wie ich im höchsten Grade beglückt war, sie zu hören und in mich aufzunehmen, so wollte ich auch anderen Guten dieses Glück bereiten, indem ich sie niederschrieb und sie der besseren Menschheit bewahrte. Eure Exzellenz haben von diesen Konversationen hin und wieder einige Bogen gesehen, Sie haben selbigen Ihren Beifall geschenkt und mich wiederholt aufgemuntert, in diesem Unternehmen fortzufahren. Solches ist denn periodenweise geschehen, wie mein zerstreutes Leben in Weimar es zuließ, so daß sich etwa zu zwei Bänden reichliche Materialien gesammelt finden. Vor meiner Abreise nach Italien habe ich diese wichtigen Manuskripte nicht mit meinen übrigen Schriften und Sachen in meine Koffer verpackt, sondern ich habe sie, in einem besonderen Paket versiegelt, unserm Freunde Soret zur Aufbewahrung vertraut, mit dem Ersuchen, im Fall mir auf der Reise ein Unheil zustieße und ich nicht zurückkäme, sie in Ihre Hände zu geben. Nach dem Besuche in Venedig, bei unserm zweiten Aufenthalt in Mailand, überfiel mich ein Fieber, so daß ich einige Nächte sehr krank war und eine ganze Woche, ohne Neigung zu der geringsten Nahrung, ganz schmählich daniederlag. In diesen einsamen verlassenen Stunden gedachte ich vorzüglich jenes Manuskripts, und es beunruhigte mich, daß es sich nicht in einem so klaren abgeschlossenen Zustand befinde, um davon entschieden Gebrauch zu machen. Es trat mir vor Augen, daß es häufig nur mit der Bleifeder geschrieben, daß einige Stellen undeutlich und nicht gehörig ausgedrückt, daß manches sich nur in Andeutungen befinde und, mit einem Wort, eine gehörige Redaktion und die letzte Hand fehle. In solchen Zuständen und bei solchem Gefühl erwachte in mir ein dringendes Verlangen nach jenen Papieren. Die Freude, Neapel und Rom zu sehen, verschwand, und eine Sehnsucht ergriff mich, nach Deutschland zurückzukehren, um, von allem zurückgezogen, einsam, jenes Manuskript zu vollenden. Ohne von dem, was tiefer in mir vorging, zu reden, sprach ich mit Ihrem Herrn Sohn über meine körperlichen Zustände; er empfand das Gefährliche, mich in der großen Hitze weiter mitzuschleppen, und wir wurden eins, daß ich noch Genua versuchen, und wenn dort mein Befinden sich nicht bessern sollte, es meiner Wahl überlassen sei, nach Deutschland zurückzugehen. So hatten wir uns einige Zeit in Genua aufgehalten, als ein Brief von Ihnen uns erreichte, worin Sie aus der Ferne her zu empfinden schienen, wie es ungefähr mit uns stehen möchte, und worin Sie aussprachen, daß, im Fall ich etwa Neigung hätte zurückzukehren, ich Ihnen willkommen sein solle. Wir verehrten Ihren Blick und waren erfreut, daß Sie jenseits der Alpen Ihre Zustimmung zu einer Angelegenheit gaben, die soeben unter uns ausgemacht worden. Ich war entschlossen, sogleich zu gehen, Ihr Herr Sohn jedoch fand es artig, wenn ich noch bleiben und an demselbigen Tage mit ihm zugleich abreisen wollte. Dieses tat ich mit Freuden, und so war es denn Sonntag, den 25. Juli, morgens vier Uhr, als wir uns auf der Straße in Genua zum Lebewohl umarmten. Zwei Wagen standen, der eine, um an der Küste hinauf nach Livorno zu gehen, welchen Ihr Herr Sohn bestieg, der andere, über das Gebirge nach Turin bereit, worin ich mich zu anderen Gefährten setzte. So fuhren wir auseinander, in entgegengesetzten Richtungen, beide gerührt und mit den treuesten Wünschen für unser wechselseitiges Wohl. Nach einer dreitägigen Reise in großer Hitze und Staub, über Novi, Alessandria und Asti, kam ich nach Turin, wo es nötig war, mich einige Tage zu erholen und umzusehen, und eine weitere passende Gelegenheit über die Alpen zu erwarten. Diese fand sich Montag, den 2. August, über den Mont-Cenis nach Chambery, wo wir abends den 6. ankamen. Am 7. nachmittags fand ich weitere Gelegenheit nach Aix, und am 8. spät in Dunkelheit und Regen erreichte ich Genf, wo ich im Gasthof zur Krone ein Unterkommen fand. Hier war alles voll von Engländern, die, von Paris geflohen, als Augenzeugen der dortigen außerordentlichen Auftritte viel zu erzählen hatten. Sie können denken, welchen Eindruck das erste Erfahren jener welterschütternden Begebenheiten auf mich machte, mit welchem Interesse ich die Zeitungen las, die im Piemontesischen unterdrückt waren, und wie ich den Erzählungen der täglich neu Ankommenden, sowie dem Hin- und Widerreden und Streiten politisierender Menschen an Table d'hôte zuhörte. Alles war in der höchsten Aufregung, und man versuchte die Folgen zu übersehen, die aus so großen Gewaltschritten für das übrige Europa hervorgehen könnten. Ich besuchte Freundin Sylvestre, Sorets Eltern und Bruder; und da jeder in so aufgeregten Tagen eine Meinung haben mußte, so bildete ich mir die, daß die französischen Minister vorzüglich deswegen strafbar seien, weil sie den Monarchen zu Schritten verleitet, wodurch beim Volke das Vertrauen und das königliche Ansehen verletzt worden. Es war meine Absicht gewesen, Ihnen bei meiner Ankunft in Genf sogleich ausführlich zu schreiben; allein die Aufregung und Zerstreuung der ersten Tage war zu groß, als daß ich die Sammlung finden konnte, um mich Ihnen mitzuteilen, wie ich es wollte. Sodann am 15. August erreichte mich ein Brief unsers Freundes Sterling aus Genua, mit einer Nachricht. die mich im Tiefsten betrübte und mir jede Kommunikation nach Weimar untersagte. Jener Freund meldete, daß Ihr Herr Sohn am Tage seiner Trennung von mir bei einem Umsturz mit dem Wagen das Schlüsselbein gebrochen habe und in Spezia daniederliege. Ich schrieb sogleich als Erwiderung, daß ich bereit sei, auf den ersten Wink über die Alpen zurückzukommen, und daß ich Genf auf keinen Fall zur Fortsetzung meiner Reise nach Deutschland verlassen würde, bis nicht durchaus beruhigende Nachrichten aus Genua bei mir eingegangen. In Erwartung solcher richtete ich mich in einem Privatlogis wirtschaftlich ein und benutzte meinen Aufenthalt zu meiner weiteren Ausbildung in der französischen Sprache. Endlich, am 28. August, ward mir ein doppelter Festtag bereitet, indem an diesem Tage ein zweiter Brief von Sterling des Inhalts mich beglückte, daß Ihr Herr Sohn von seinem Unfall in kurzer Zeit völlig hergestellt sei und durchaus heiter, wohl und stark sich in Livorno befinde. So waren denn alle meine Besorgnisse von jener Seite mit einemmal völlig gehoben, und ich betete in der Stille meines Herzens die Verse: Du, danke Gott, wenn er dich preßt, Und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt. Ich schickte mich nun ernstlich an, Ihnen Nachricht von mir zu geben; ich wollte Ihnen sagen, was ungefähr auf den vorliegenden Blättern enthalten; ich wollte ferner ersuchen, ob es mir nicht vergönnt sein wolle, jenes Manuskript, das mir so am Herzen liegt, von Weimar entfernt, in stiller Zurückgezogenheit zu vollenden, indem ich nicht eher völlig frei und froh zu werden glaube, als bis ich Ihnen jenes lange gehegte Werk in deutlicher Reinschrift, geheftet, zur Genehmigung der Publikation vorlegen könne. Nun aber erhalte ich Briefe aus Weimar, woraus ich sehe, daß meine baldige Zurückkunft erwartet wird, und daß man die Absicht hat, mir eine Stelle zu geben. Solches Wohlwollen habe ich zwar mit Dank zu erkennen, allein es durchkreuzt meine jetzigen Pläne und bringt mich in einen wunderlichen Zwiespalt mit mir selber. Käme ich jetzt nach Weimar zurück, so wäre an eine schnelle Vollendung meiner nächsten literarischen Vorsätze gar nicht zu denken. Ich käme dort sogleich wieder in die alte Zerstreuung; ich wäre in der kleinen Stadt, wo einer dem andern auf dem Halse liegt, sogleich wieder von verschiedenen kleinen Verhältnissen hin und her gezerrt, die mich zerstören, ohne mir und andern entschieden zu nutzen. Zwar enthält sie viel Gutes und Treffliches, das ich seit lange geliebt habe und das ich ewig lieben werde; denke ich aber daran zurück, so ist es mir, als sähe ich vor den Toren der Stadt einen Engel mit einem feurigen Schwert, um mir den Eingang zu wehren und mich davon hinwegzutreiben. Ich bin, wie ich mich kenne, ein wunderliches Wesen von einem Menschen. An gewissen Dingen hänge ich treu und fest, ich halte an Vorsätzen durch viele Jahre hindurch und führe sie aus, hartnäckig, durch tausend Umwege und Schwierigkeiten; aber in einzelnen Berührungen des täglichen Lebens ist niemand abhängiger, wankender, bestimmbarer, allerlei Eindrücke fähiger als ich, welches beides denn das höchst veränderliche und wiederum feste Geschick meines Lebens bildet. Sehe ich auf meine durchlaufene Bahn zurück, so sind die Verhältnisse und Zustände, durch die ich gegangen, höchst bunt und verschieden; blicke ich aber tiefer, so sehe ich durch alle hindurch einen gewissen einfachen Zug eines höheren Hinaufstrebens hindurchgehen, so daß es mir denn auch gelungen ist, von Stufe zu Stufe mich zu veredeln und zu verbessern. Aber eben jene große Bestimmbarkeit und Fügsamkeit meines Wesens macht es von Zeit zu Zeit nötig, meine Lebensverhältnisse zu rektifizieren; so wie ein Schiffer, den die Launen verschiedener Winde von seiner Bahn gebracht, immer wieder die alte Richtung sucht. Eine Stelle anzunehmen, ist mit meinen so lange zurückgedrängten literarischen Zwecken jetzt nicht zu vereinigen. Stunden an junge Engländer zu geben, ist nicht ferner meine Absicht. Ich habe die Sprache gewonnen, und das ist alles, was mir fehlte, und worüber ich nun froh bin. Ich verkenne nicht das Gute, das mir aus dem langen Verkehr mit den jungen Fremdlingen erwachsen ist; allein jedes Ding hat seine Zeit und seinen Wechsel. Überall ist das mündliche Lehren und Wirken gar nicht meine Sache. Es ist ein Metier, wozu ich so wenig Talent als Ausbildung besitze. Es fehlt mir alle rednerische Gabe, indem jedes lebendige vis-à-vis gewöhnlich eine solche Gewalt über mich ausübt, daß ich mich selber vergesse, daß es mich in sein Wesen und Interesse zieht, daß ich mich dadurch bedingt fühle und selten zur Freiheit und zu kräftigem Hinwirken des Gedankens gelange. Dagegen dem Papiere gegenüber fühle ich mich durchaus frei und ganz im Besitz meiner selbst; das schriftliche Entwickeln meiner Gedanken ist daher auch meine eigentliche Lust und mein eigentliches Leben, und ich halte jeden Tag für verloren, an dem ich nicht einige Seiten geschrieben habe, die mir Freude machen. Meine ganze Natur drängt mich jetzt, aus mir selber heraus auf einen größeren Kreis zu wirken, in der Literatur Einfluß zu gewinnen und zu weiterem Glück mir endlich einigen Namen zu machen. Zwar ist der literarische Ruhm, an sich betrachtet, kaum der Mühe wert, ja ich habe gesehen, daß er etwas sehr Lästiges und Störendes sein kann; allein doch hat er das Gute, daß er den Tätig-Strebenden gewahr werden läßt, daß seine Wirkungen einen Boden gefunden, und dies ist ein Gefühl göttlicher Art, welches erhebt und Gedanken und Kräfte gibt, wozu man sonst nicht gekommen wäre. Wenn man sich dagegen zu lange in engen kleinen Verhältnissen herumdrückt, so leidet der Geist und Charakter, man wird zuletzt großer Dinge unfähig und hat Mühe, sich zu erheben. Hat die Frau Großherzogin wirklich die Absicht, etwas für mich zu tun, so finden so hohe Personen sehr leicht eine Form, um ihre gnädigen Gesinnungen auszulassen. Will sie meine nächsten literarischen Schritte unterstützen und begünstigen, so wird sie ein gutes Werk tun, dessen Früchte nicht verloren sein sollen. Vom Prinzen kann ich sagen, daß er eine besondere Stelle in meinem Herzen hat. Ich hoffe viel Gutes von seinen geistigen Fähigkeiten und seinem Charakter und werde gern meine wenigen Kenntnisse zu seiner Disposition stellen. Ich werde mich immer weiter auszubilden suchen, und er wird immer älter werden, um das empfangen zu können, was ich etwa Besseres zu geben hätte. Zunächst aber liegt mir vor allen Dingen die völlige Ausarbeitung jenes mehr erwähnten Manuskripts am Herzen. Ich möchte einige Monate in stiller Zurückgezogenheit, bei meiner Geliebten und deren Verwandten in der Nähe von Göttingen, mich dieser Sache widmen, damit ich, von einer alten Bürde mich befreiend, zu künftigen neuen mich wieder geneigt und bereit machte. Mein Leben ist seit einigen Jahren in Stocken geraten, und ich möchte gern, daß es noch einmal einigen frischen Kurs bekäme. Zudem ist meine Gesundheit schwach und wankend, ich bin meines langen Bleibens nicht sicher, und ich möchte gern etwas Gutes zurücklassen, das meinen Namen in dem Andenken der Menschen eine Weile erhielte. Nun aber vermag ich nichts ohne Sie, ohne Ihre Zustimmung und Ihren Segen. Ihre ferneren Wünsche in bezug auf mich sind mir verborgen, auch weiß ich nicht, was man höchstens Orts vielleicht Gutes mit mir im Sinne hat. So aber, wie ich es ausgesprochen, steht es mit mir, und da ich Ihnen nun klar vorliege, so werden Sie leicht sehen, ob wichtigere Gründe zu meinem Glück meine nächste Zurückkunft wünschen lassen, oder ob ich getrost vorderhand meinen eigenen geistigen Vorsätzen folgen kann. Ich gehe in einigen Tagen von hier über Neufchâtel, Colmar und Straßburg, mit gehöriger Muße und Umherschauung, nach Frankfurt, sowie ich die Reisegelegenheit finde. Nun würde es mich sehr beglücken, wenn ich in Frankfurt einige Zeilen von Ihnen erwarten könnte, die ich dorthin poste restante an mich gehen zu lassen bitte. Ich bin nun froh, daß ich diese schwere Beichte von der Seele habe, und freue mich, in einem nächsten Brief über Dinge leichterer Art mich Euer Exzellenz mitzuteilen. Ich bitte um einen herzlichen Gruß an Hofrat Meyer, Oberbaudirektor Coudray, Professor Riemer, Kanzler von Müller und was Ihnen sonst nahe ist und meiner gedenken mag. Sie selbst aber drücke ich zu meinem Herzen und verharre in den Gesinnungen der höchsten Verehrung und Liebe, wo ich auch sei, ganz der Ihrige. E. Genf, den 14. September 1830 Zu meiner großen Freude habe ich aus einem Ihrer letzten Briefe in Genua ersehen, daß die Lücken und das Ende der ›Klassischen Walpurgisnacht‹ glücklich erobert worden. Die drei ersten Akte wären also vollkommen fertig, die ›Helena‹ verbunden, und demnach das Schwierigste getan. Das Ende ist, wie Sie mir sagten, schon da, und so wird, wie ich hoffe, der vierte Akt sich Ihnen bald überwunden ergeben, und etwas Großes wäre zustande gebracht, woran künftige Jahrhunderte sich erbauen und üben möchten. Ich freue mich dazu ganz außerordentlich und werde jede Nachricht, die mir das Vorrücken der poetischen Mächte vermeldet, mit Jubel empfangen. Ich habe auf meiner Reise häufige Gelegenheit gehabt, des ›Faust‹ zu gedenken und daraus einige klassische Stellen anzuwenden. Wenn ich in Italien die schönen Menschen und das Gedeihen der frischen Kinder sah, waren mir die Verse zugegen: Hier ist das Wohlbehagen erblich! Die Wange heitert wie der Mund; Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich, Sie sind zufrieden und gesund. Und so entwickelt sich am reinen Tage Zu Vaterkraft das holde Kind. Wir staunen drob; noch immer bleibt die Frage: Obs Götter, ob es Menschen sind. Dagegen wenn ich, von dem Anblick der schönen Natur hingerissen, Herz und Augen an Seen, Bergen und Tälern weidete, schien irgendein unsichtbarer kleiner Teufel sein Spiel mit mir zu treiben, indem er mir jedesmal die Verse zuflüsterte: Und hätt ich nicht gerüttelt und geschüttelt, Wie wäre diese Welt so schön? Alle vernünftige Anschauung war sodann mit einem Mal verschwunden, die Absurdität fing an zu herrschen, ich fühlte eine Art Umwälzung in meinem Innern, und es war keine Hülfe, als jedesmal mit Lachen zu endigen. Bei solchen Gelegenheiten habe ich recht empfunden, daß der Poet eigentlich immer positiv sein sollte. Der Mensch gebraucht den Dichter, um das auszusprechen, was er selbst nicht auszudrücken vermag. Von einer Erscheinung, von einer Empfindung wird er ergriffen, er sucht nach Worten, seinen eigenen Vorrat findet er unzulänglich, und so muß ihm der Dichter zu Hülfe kommen, der ihn frei macht, indem er ihn befriedigt. In diesem Gefühl habe ich denn jene ersteren Verse wiederholt gesegnet und die letzteren täglich lachend verwünscht. Wer aber möchte sie an der Stelle entbehren, für die sie gemacht sind und wo sie im schönsten Sinne wirken! Ein eigentliches Tagebuch habe ich in Italien nicht geführt; die Erscheinungen waren zu groß, zu viel, zu schnell wechselnd, als daß man sich ihrer im nächsten Augenblick hätte bemächtigen mögen und können. Ich habe jedoch meine Augen und Ohren immer offen gehabt und mir vieles gemerkt. Solche Erinnerungen will ich nun zueinander gruppieren und unter einzelnen Rubriken behandeln. Besonders habe ich hübsche Bemerkungen zur Farbenlehre gemacht, auf deren nächste Darstellung ich mich freue. Es ist natürlich nichts Neues, allein immer ist es erwünscht, neue Manifestationen des alten Gesetzes zu finden. In Genua hat Sterling für die Lehre ein großes Interesse gezeigt. Was ihm von Newtons Theorie überliefert worden, hat ihm nicht genügt, und so hatte er denn offene Ohren für die Grundzüge, die ich ihm von Ihrer Lehre in wiederholten Gesprächen habe geben können. Wenn man Gelegenheit hätte, ein Exemplar des Werks nach Genua zu spedieren, so könnte ich wohl sagen, daß ihm ein solches Geschenk nicht unwillkommen sein würde. Hier in Genf habe ich seit drei Wochen eine wißbegierige Schülerin an Freundin Sylvestre gefunden. Ich habe dabei die Bemerkung gemacht, daß das Einfache schwerer zu fassen ist, als man denkt, und daß es eine große Übung erfordert, in den mannigfaltigsten Einzelnheiten der Erscheinung immer das Grundgesetz zu finden. Dem Geist aber gibt es eine große Gewandtheit, indem die Natur sehr delikat ist und man immer auf der Hut sein muß, durch einen zu raschen Ausspruch ihr nicht Gewalt zu tun. Übrigens findet man hier in Genf an einer so großen Sache auch nicht die Spur einer Teilnahme. Nicht allein, daß man auf hiesiger Bibliothek Ihre ›Farbenlehre‹ nicht hat, ja man weiß nicht einmal, daß so etwas in der Welt ist. Hieran mögen nun die Deutschen mehr schuld sein als die Genfer, allein es verdrießt mich doch und reizt mich zu schalkhaften Bemerkungen. Bekanntlich hat Lord Byron einige Zeit sich hier aufgehalten, und da er die Gesellschaft nicht liebte, so hat er sein Wesen bei Tag und Nacht in der Natur und auf dem See getrieben, wovon man hier noch zu erzählen hat und wovon in seinem ›Childe Harold‹ ein schönes Denkmal geblieben. Auch die Farbe der Rhone hat er bemerkt, und wenn er auch die Ursache nicht ahnen konnte, so hat er doch ein empfängliches Auge gezeigt. Er sagt in seiner Bemerkung zum dritten Gesange: »The colour of the Rhone at Geneva is blue, to a depth of tint which I have never seen equalled in water, salt or fresh, except in the Mediterranean and Archipelago.« Die Rhone, wie sie sich zusammendrängt, um durch Genf zu gehen, teilt sich in zwei Arme, über welche vier Brücken führen, auf denen hin und her gehend man die Farbe des Wassers recht gut beobachten kann. Nun ist merkwürdig, daß das Wasser des einen Armes blau ist, wie Byron es gesehen hat, das des andern aber grün. Der Arm, wo das Wasser blau erscheint, ist reißender und hat den Grund so tief gehöhlt, daß kein Licht hinabdringen kann und also unten vollkommene Finsternis herrschet. Das sehr klare Wasser wirkt als ein trübes Mittel, und es entsteht aus den bekannten Gesetzen das schönste Blau. Das Wasser des anderen Armes geht nicht so tief, das Licht erreicht noch den Grund, so daß man Steine sieht, und da es unten nicht finster genug ist, um blau zu werden, aber nicht flach und der Boden nicht rein, weiß und glänzend genug, um gelb zu sein, so bleibt die Farbe in der Mitte und manifestiert sich als grün. Wäre ich nun, wie Byron, zu tollen Streichen aufgelegt und hätte ich die Mittel, sie auszuführen, so würde ich folgendes Experiment machen. Ich würde in dem grünen Arm der Rhone, in der Nähe der Brücke, wo täglich Tausende von Menschen passieren, ein großes schwarzes Brett, oder so etwas, so tief befestigen lassen, daß ein reines Blau entstände, und nicht weit davon ein sehr großes Stück weißes glänzendes Blech in solcher Tiefe des Wassers, daß im Schein der Sonne ein entschiedenes Gelb erglänzte. Wenn nun die Menschen vorbeigingen und in dem grünen Wasser den gelben und blauen Fleck erblickten, so würde ihnen das ein Rätsel sein, das sie neckte und das sie nicht lösen könnten. Man kommt auf Reisen zu allerlei Späßen; dieser aber scheint mir zu den guten zu gehören, worin einiger Sinn vorhanden ist und einiger Nutzen sein könnte. Vor einiger Zeit war ich in einem Buchladen, wo in dem ersten kleinen Duodezbändchen, das ich zur Hand nahm, mir eine Stelle vor Augen trat, die in meiner Übersetzung also lautet: »Aber jetzt saget mir: wenn man eine Wahrheit entdeckt hat, muß man sie den anderen Menschen mitteilen? Wenn ihr sie bekannt macht, so werdet ihr von einer Unzahl von Leuten verfolgt, die von dem entgegengesetzten Irrtum leben, indem sie versichern, daß eben dieser Irrtum die Wahrheit, und alles, was dahin geht, ihn zu zerstören, der größte Irrtum selber sei.« Diese Stelle schien mir auf die Art, wie die Männer vom Fach Ihre ›Farbenlehre‹ aufgenommen, eine Anwendung zu finden, als wäre sie dafür geschrieben worden, und sie gefiel mir dermaßen, daß ich ihr zuliebe das ganze Buch kaufte. Es enthielt ›Paul und Virginia‹ und ›La Chaumière indienne‹ von Bernardin de Saint-Pierre, und ich hatte also auch übrigens meinen Kauf nicht zu bereuen. Ich las das Buch mit Freuden; der reine herrliche Sinn des Verfassers erquickte mich, und seine zarte Kunst, besonders wie er bekannte Gleichnisse schicklich anwendet, wußte ich zu erkennen und zu schätzen. Auch die erste Bekanntschaft mit Rousseau und Montesquieu habe ich hier gemacht; damit aber mein Brief nicht selbst zum Buche werde, so will ich über diese sowie über vieles andere, das ich noch sagen möchte, für heute hinweggehen. Seitdem ich den langen Brief von vorgestern von der Seele habe, fühle ich mich heiter und frei wie nicht seit Jahren, und ich möchte immer schreiben und reden. Es ist mir wirklich das höchste Bedürfnis, mich wenigstens vorderhand von Weimar entfernt zu halten; ich hoffe, daß Sie es billigen, und sehe schon die Zeit, wo Sie sagen werden, daß ich recht getan. Morgen wird das hiesige Theater mit dem ›Barbier von Sevilla‹ eröffnet, welches ich noch sehen will; dann aber gedenke ich ernstlich abzureisen. Das Wetter scheint sich auch aufzuklären und mich begünstigen zu wollen. Es hat hier geregnet seit Ihrem Geburtstage, wo es schon morgens früh mit Gewittern anfing, die den ganzen Tag, in der Richtung von Lyon her, die Rhone herauf über den See zogen nach Lausanne zu, so daß es fast den ganzen Tag donnerte. Ich habe ein Zimmer für sechzehn Sous täglich, das mir die schönste Aussicht auf den See und das Gebirge gewährt. Gestern regnete es unten, es war kalt, und die höchsten Spitzen des Jura zeigten sich nach vorbeigezogenem Schauer zum ersten Mal weiß mit Schnee, der aber heute schon wieder verschwunden ist. Die Vorgebirge des Montblanc fangen schon an, sich mit bleibendem Weiß zu umhüllen; an der Küste des Sees hinauf, in dem Grün der reichen Vegetation, stehen schon einige Bäume gelb und braun; die Nächte werden kalt, und man sieht, daß der Herbst vor der Tür ist. Ich grüße Frau von Goethe, Fräulein Ulrike und Walter Wolf und die Alma herzlich. Ich habe an Frau von Goethe vieles über Sterling zu schreiben, welches morgen geschehen soll. Ich freue mich von Euer Exzellenz einen Brief in Frankfurt zu erhalten, und bin glücklich in dieser Hoffnung Mit den besten Wünschen und treuesten Gesinnungen verharrend E.   Ich reiste am 21. September von Genf ab, und nachdem ich mich in Bern ein paar Tage aufgehalten, kam ich am 27. nach Straßburg, wo ich abermals einige Tage verweilte. Hier, an dem Fenster eines Friseurs vorbeigehend, sah ich eine kleine Büste Napoleons, die, von der Straße zu gegen das Dunkel des Zimmers betrachtet, alle Abstufungen von Blau zeigte, vom milchigen Hellblau bis zum tiefen Violett. Ich hatte eine Ahndung, daß, vom Innern des Zimmers gegen das Licht angesehen, die Büste mir alle Abstufungen des Gelben gewähren würde, und so konnte ich einem augenblicklichen lebhaften Trieb nicht widerstehen, zu den mir ganz unbekannten Personen geradezu hineinzutreten. Mein erster Blick war nach der Büste, wo mir denn die herrlichsten Farben der aktiven Seite, vom blassesten Gelb bis zum dunkelen Rubinrot, zu großer Freude entgegenglänzten. Ich fragte lebhaft, ob man nicht geneigt sein wolle, mir dieses Brustbild des großen Helden zu überlassen. Der Wirt erwiderte mir, daß er, aus gleicher Anhänglichkeit für den Kaiser, sich vor kurzem die Büste aus Paris mitgebracht habe; da jedoch meine Liebe die seinige noch um ein gutes Teil zu übertreffen scheine, wie er aus meiner enthusiastischen Freude schließe, so gebühre mir auch der Vorzug des Besitzes, und er wolle sie mir gerne überlassen. In meinen Augen hatte dies gläserne Bild einen unschätzbaren Wert, und ich konnte daher nicht umhin, den guten Eigentümer mit einiger Verwunderung anzusehen, als er es für wenige Franken in meine Hände gab. Ich schickte es, nebst einer in Mailand gekauften gleichfalls merkwürdigen Medaille, als ein kleines Reisegeschenk an Goethe, der es denn nach Verdienst zu schätzen wußte. In Frankfurt und später erhielt ich von ihm folgende Briefe. Erster Brief »Nur mit dem Wenigsten vermelde, daß Ihre beiden Schreiben von Genf glücklich angekommen sind, freilich erst am 26. September. Ich eile daher nur, so viel zu sagen: bleiben Sie ja in Frankfurt, bis wir wohl überlegt haben, wo Sie Ihren künftigen Winter zubringen wollen. Ich lege für diesmal nur ein Blättchen an Herrn und Frau Geh. Rat von Willemer bei, welches ich baldigst abzugeben bitte. Sie werden ein paar Freunde finden, die im edelsten Sinne mit mir verbunden sind und Ihnen den Aufenthalt in Frankfurt nützlich und angenehm machen können. Soviel also für diesmal. Schreiben Sie mir alsobald, wenn Sie diesen Brief erhalten haben. Weimar, den 26. Septbr. 1830 Unwandelbar Goethe.« Zweiter Brief »Zum allerschönsten begrüße ich Sie, mein Teuerster, in meiner Vaterstadt und hoffe, Sie werden die wenigen Tage in vertraulichem Vergnügen mit meinen vortrefflichen Freunden zugebracht haben. Wenn Sie nach Nordheim abzugehen und daselbst einige Zeit zu verweilen wünschen, so wüßt ich nichts entgegenzusetzen. Wollen Sie sich in stiller Zeit mit dem Manuskripte beschäftigen, das in Sorets Händen ist, so soll es mir um desto angenehmer sein, weil ich zwar keine baldige Publikation desselben wünsche, es aber gern mit Ihnen durchgehen und rektifizieren möchte. Es wird seinen Wert erhöhen, wenn ich bezeugen kann, daß es ganz in meinem Sinne aufgefaßt sei. Mehr sage ich nicht, überlasse Ihnen und erwarte das Weitere. Man grüßt Sie freundlich aus meinem Hause; von den übrigen Teilnehmern habe seit dem Empfang Ihres Briefes niemand gesprochen. Alles Gute wünschend Weimar, den 12. Oktbr. 1830 treulichst J. W. v. Goethe.« Dritter Brief »Der lebhafte Eindruck, den Sie beim Anblick des merkwürdigen, Farbe vermittelnden Brustbildes erfuhren, die Begierde, sich solches anzueignen, das artige Abenteuer, welches Sie deshalb bestanden, und der gute Gedanke, mir solches als Reisegabe zu verehren, das alles deutet darauf: wie durchdrungen Sie sind von dem herrlichen Urphänomen, welches hier in allen seinen Äußerungen hervortritt. Dieser Begriff, dieses Gefühl wird Sie mit seiner Fruchtbarkeit durch Ihr ganzes Leben begleiten und sich noch auf manche produktive Weise bei Ihnen legitimieren. Der Irrtum gehört den Bibliotheken an, das Wahre dem menschlichen Geiste; Bücher mögen sich durch Bücher vermehren, indessen der Verkehr mit lebendigen Urgesetzen dem Geiste gefällt, der das Einfache zu erfassen weiß, das Verwickelte sich entwirrt und das Dunkle sich aufklärt. Wenn Ihr Dämon Sie wieder nach Weimar führt, sollen Sie jenes Bild in der heftigen klaren Sonne stehen sehen, wo, unter dem ruhigen Blau des durchscheinenden Angesichts, die derbe Masse der Brust und der Epauletten von dem mächtigsten Rubinrot in allen Schattierungen auf- und abwärts leuchtet, und wie das Granitbild Memnons in Tönen, so sich hier das trübe Glasbild in Farbenpracht manifestiert. Man sieht hier wirklich den Helden auch für die Farbenlehre sieghaft. Haben Sie den schönsten Dank für diese unerwartete Bekräftigung der mir so werten Lehre. Auch mit der Medaille haben Sie mein Kabinett doppelt und dreifach bereichert; ich bin auf einen Mann aufmerksam worden mit Namen Dupré. Ein vortrefflicher Bildhauer, Erzgießer, Medailleur; er war es, der das Bildnis Heinrichs des Vierten auf dem Pontneuf modellierte und goß. Durch die gesendete Medaille angeregt, sah ich meine übrigen durch, fand noch sehr vorzügliche mit demselben Namen, andere vermutlich von ihm, und so hat Ihre Gabe auch hier eine schöne Anregung veranlaßt. Mit meiner ›Metamorphose‹, die Soretsche Übersetzung an der Seite, sind wir erst am fünften Bogen; ich wußte lange nicht, ob ich diesem Unternehmen mit Fluch oder Segen gedenken sollte. Nun aber, da es mich wieder in die Betrachtung der organischen Natur hineindrängt, freu ich mich daran und folge dem Berufe willig. Die für mich nun über vierzig Jahr alte Maxime gilt noch immer fort; man wird durch sie in dem ganzen labyrinthischen Kreise des Begreiflichen glücklich umhergeleitet und bis an die Grenze des Unbegreiflichen geführt, wo man sich denn, nach großem Gewinn, gar wohl bescheiden kann. Alle Philosophen der alten und neuen Welt vermochten auch nicht weiter zu gelangen. Mehr darf man sich in Schriften auszusprechen kaum anmaßen. J. W. v. Goethe.«   Bei meinem Aufenthalte zu Nordheim, wo ich, nach einigem Verweilen zu Frankfurt und Kassel, erst gegen Ende Oktobers angekommen war, vereinigten sich alle Umstände dahin, um meine Rückkehr nach Weimar erwünscht zu machen. Die baldige Herausgabe meiner Konversationen hatte Goethe nicht gebilligt, und somit war denn an eine erfolgreiche Eröffnung einer rein literarischen Laufbahn nicht mehr zu denken. Sodann das Wiedersehen meiner seit Jahren innigst Geliebten und das täglich erneute Gefühl ihrer großen Tugenden erregten den Wunsch ihres baldigen Besitzes und das Verlangen nach einer sichern Existenz auf das lebhafteste. Unter solchen Umständen erreichte mich eine Botschaft aus Weimar, von der Frau Großherzogin befohlen, die ich mit Freuden ergriff, wie aus folgendem Brief an Goethe näher hervorgeht. Nordheim, den 6. November 1830 Der Mensch denkt – und Gott lenkt, und ehe man eine Hand umwendet, sind unsere Zustände und Wünsche anders, als wir es voraus dachten. Vor einigen Wochen hatte ich eine gewisse Furcht, nach Weimar zurückzukehren, und jetzt stehen die Sachen so, daß ich nicht allein bald und gerne zurückkomme, sondern auch mit Gedanken umgehe, mich dort häuslich einzurichten und für immer zu befestigen. Ich habe vor einigen Tagen ein Schreiben von Soret erhalten, mit dem Anerbieten eines fixen Gehaltes von seiten der Frau Großherzogin, wenn ich zurückkommen und in meinem bisherigen Unterricht mit dem Prinzen fortfahren wolle. Noch anderes Gute will Soret mir mündlich mitteilen, und so sehe ich denn aus allem, daß man gnädige Gesinnungen gegen mich hegen mag. Ich schriebe nun gerne eine zustimmende Antwort an Soret; allein ich höre, er ist zu den Seinigen nach Genf gereiset, und so bleibt mir weiter nichts übrig, als mich an Eure Exzellenz mit der Bitte zu wenden: der Kaiserlichen Hoheit den Entschluß meiner baldigen Zurückkunft geneigtest mitzuteilen. Ihnen selbst hoffe ich zugleich durch diese Nachricht einige Freude zu machen, indem doch mein Glück und meine Beruhigung Ihnen seit lange am Herzen liegt. Ich sende die schönsten Grüße allen lieben Ihrigen und hoffe ein baldiges frohes Wiedersehen. E.   Am 20. November nachmittags reiste ich von Nordheim ab, auf dem Wege nach Göttingen, das ich in der Dunkelheit erreichte. Abends an Table d'hôte, als der Wirt hörte, daß ich aus Weimar sei und dahin zurück wolle, äußerte er in gemütlicher Ruhe, daß doch der große Dichter Goethe in seinem hohen Alter noch ein schweres Leid habe erfahren müssen, indem, wie er heut in den Zeitungen gelesen, sein einziger Sohn in Italien am Schlage gestorben sei. Man mag denken, was ich bei diesen Worten empfand. Ich nahm ein Licht und ging auf mein Zimmer, um nicht die anwesenden Fremden zu Zeugen meiner inneren Bewegung zu machen. Ich verbrachte die Nacht schlaflos. Das mich so nahe berührende Ereignis war mir beständig vor der Seele. Die folgenden Tage und Nächte unterwegs und in Mühlhausen und Gotha vergingen mir nicht besser. Einsam im Wagen, bei den trüben Novembertagen und in den öden Feldern, wo nichts Äußeres mich zu zerstreuen und aufzuheitern geeignet war, bemühte ich mich vergebens, andere Gedanken zu fassen, und in den Gasthöfen unter Menschen hörte ich, als von einer Neuigkeit des Tages, immer von dem mich so nahe betreffenden traurigen Fall. Meine größte Besorgnis war, daß Goethe in seinem hohen Alter den heftigen Sturm väterlicher Empfindungen nicht überstehen möchte. Und welchen Eindruck – sagte ich mir – wird deine Ankunft machen, da du mit seinem Sohn gegangen bist und nun alleine zurückkommst! Er wird ihn erst zu verlieren glauben, wenn er dich wiedersieht. Unter solchen Gedanken und Empfindungen erreichte ich Dienstag, den 23. November, abends sechs Uhr, das letzte Chausseehaus vor Weimar. Ich fühlte abermals in meinem Leben, daß das menschliche Dasein schwere Momente habe, durch die man hindurch müsse. Meine Gedanken verkehrten mit höheren Wesen über mir, als mich ein Blick des Mondes traf, der auf einige Sekunden aus dichtem Gewölk glänzend hervortrat und sich dann wieder finster verhüllte wie zuvor. War dieses nun Zufall, oder war es etwas mehr, genug, ich nahm es als ein günstiges Zeichen von oben und gewann daraus eine unerwartete Stärkung. Kaum daß ich meine Wirtsleute begrüßt hatte, so war mein erster Weg in das Goethesche Haus. Ich ging zuerst zu Frau von Goethe. Ich fand sie bereits in tiefer Trauerkleidung, jedoch ruhig und gefaßt, und wir hatten viel gegeneinander auszusprechen. Ich ging sodann zu Goethe hinunter. Er stand aufrecht und fest und schloß mich in seine Arme. Ich fand ihn vollkommen heiter und ruhig. Wir setzten uns und sprachen sogleich von gescheiten Dingen, und ich war höchst beglückt, wieder bei ihm zu sein. Er zeigte mir zwei angefangene Briefe, die er nach Nordheim an mich geschrieben, aber nicht hatte abgehen lassen. Wir sprachen sodann über die Frau Großherzogin, über den Prinzen und manches andere, seines Sohnes jedoch ward mit keiner Silbe gedacht. Donnerstag, den 25. November 1830 Goethe sendete mir am Morgen einige Bücher, die als Geschenk englischer und deutscher Autoren für mich angekommen waren. Mittags ging ich zu ihm zu Tisch. Ich fand ihn eine Mappe mit Kupferstichen und Handzeichnungen betrachtend, die ihm zum Verkauf zugesendet waren. Er erzählte mir, daß die Frau Großherzogin ihn am Morgen mit einem Besuche erfreut, und daß er ihr meine Ankunft verkündiget habe. Frau von Goethe gesellte sich zu uns, und wir setzten uns zu Tisch. Ich mußte von meiner Reise erzählen. Ich sprach über Venedig, über Mailand, über Genua, und es schien ihm besonders interessant, nähere Nachrichten über die Familie des dortigen englischen Konsuls zu vernehmen. Ich erzählte sodann von Genf, und er erkundigte sich teilnehmend nach der Familie Soret und Herrn von Bonstetten. Von letzterem wünschte er eine nähere Schilderung, die ich ihm gab, so gut es gelingen wollte. Nach Tisch war es mir lieb, daß Goethe von meinen Konversationen zu reden anfing. »Es muß Ihre erste Arbeit sein,« sagte er, »und wir wollen nicht eher nachlassen, als bis alles vollkommen getan und im reinen ist.« Übrigens erschien Goethe mir heute besonders stille und oft in sich verloren, welches mir kein gutes Zeichen war. Dienstag, den 30. November 1830 Goethe setzte uns vorigen Freitag in nicht geringe Sorge, indem er in der Nacht von einem heftigen Blutsturz überfallen wurde und den ganzen Tag nicht weit vom Tode war. Er verlor, einen Aderlaß mit eingerechnet, sechs Pfund Blut, welches bei seinem achtzigjährigen Alter viel sagen will. Die große Geschicklichkeit seines Arztes, des Hofrats Vogel, verbunden mit seiner unvergleichlichen Natur, haben jedoch auch diesmal gesiegt, so daß er mit raschen Schritten seiner Genesung entgegengeht, schon wieder den besten Appetit zeigt und auch die ganze Nacht wieder schläft. Es darf niemand zu ihm, das Reden ist ihm verboten, doch sein ewig reger Geist kann nicht ruhen, er denkt schon wieder an seine Arbeiten. Diesen Morgen erhielt ich von ihm folgendes Billett, das er mit der Bleifeder im Bette geschrieben: »Haben Sie die Güte, mein bester Doktor, beikommende schon bekannte Gedichte nochmals durchzugehen und die voranliegenden neuen einzuordnen, damit es sich zum Ganzen schicke. ›Faust‹ folgt hierauf! W., d. 30. Nov. 1830 Ein frohes Wiedersehen! Goethe.«   Nach Goethes rasch erfolgender völligen Genesung wendete er sein ganzes Interesse auf den vierten Akt des ›Faust‹, sowie auf die Vollendung des vierten Bandes von ›Wahrheit und Dichtung‹. Mir empfahl er die Redaktion seiner kleinen bis dahin ungedruckten Schriften, desgleichen eine Durchsicht seiner Tagebücher und abgegangenen Briefe, damit es uns klar werden möchte, wie damit bei künftiger Herausgabe zu verfahren. An eine Redaktion meiner Gespräche mit ihm war nicht mehr zu denken; auch hielt ich es für vernünftiger, anstatt mich mit dem bereits Geschriebenen zu befassen, den Vorrat ferner durch Neues zu vermehren, so lange ein gütiges Geschick geneigt sein wolle, es mir zu vergönnen. 1831/1832 Sonnabend, den 1. Januar 1831 Von Goethes Briefen an verschiedene Personen, wovon die Konzepte seit dem Jahre 1807 geheftet aufbewahrt und vorhanden sind, habe ich in den letzten Wochen einige Jahrgänge sorgfältig betrachtet, und will nunmehr in nachstehenden Paragraphen einige allgemeine Bemerkungen niederschreiben, die bei einer künftigen Redaktion und Herausgabe vielleicht möchten genutzt werden. § 1 Zunächst ist die Frage entstanden, ob es geraten sei, diese Briefe stellenweise und gleichsam im Auszuge mitzuteilen. Hierauf sage ich, daß es im allgemeinen Goethes Natur und Verfahren ist, auch bei den kleinsten Gegenständen mit einiger Intention zu Werke zu gehen, welches denn auch vorzüglich in diesen Briefen erscheint, wo der Verfasser immer als ganzer Mensch bei der Sache gewesen, so daß jedes Blatt von Anfang bis zu Ende nicht allein vollkommen gut geschrieben ist, sondern auch darin eine superiore Natur und vollendete Bildung sich in keiner Zeile verleugnet hat. Ich bin demnach dafür, die Briefe ganz zu geben von Anfang bis zu Ende, zumal da einzelne bedeutende Stellen durch das Vorhergehende und Nachfolgende oft erst ihren wahren Glanz und wirksamstes Verständnis erhalten. Und genau besehen und diese Briefe vis-à-vis einer mannigfaltigen großen Welt betrachtet, wer wollte sich denn anmaßen und sagen, welche Stelle bedeutend und also mitzuteilen sei, und welche nicht? Hat doch der Grammatiker, der Biograph, der Philosoph, der Ethiker, der Naturforscher, der Künstler, der Poet, der Akademiker, der Schauspieler, und so ins Unendliche, hat doch jeder seine verschiedenen Interessen, so daß der eine grade über die Stelle hinauslieset, die der andere als höchst bedeutend ergreift und sich aneignet. So findet sich z. B. in dem ersten Hefte von 1807 ein Brief an einen Freund, dessen Sohn sich dem Forstfache widmen will, und dem Goethe die Karriere verzeichnet, die der junge Mann zu machen hat. Einen solchen Brief wird vielleicht ein junger Literator überschlagen, während ein Forstmann sicher mit Freuden bemerken wird, daß der Dichter auch in sein Fach hineingeblickt und auch darin guten Rat hat erteilen wollen. Ich wiederhole daher, daß ich dafür bin, diese Briefe ohne Zerstückelung ganz so zu geben, wie sie sind, und zwar um so mehr, als sie in der Welt in solcher Gestalt verbreitet existieren, und man sicher darauf rechnen kann, daß die Personen, die sie erhalten, sie einst ganz so werden drucken lassen, wie sie geschrieben worden. § 2 Fänden sich jedoch Briefe, deren unzerstückte Publikation bedenklich wäre, die aber im einzelnen gute Sachen enthielten, so ließe man diese Stellen ausschreiben und verteilte sie entweder in das Jahr, wohin sie gehören, oder machte auch daraus nach Gutbefinden eine besondere Sammlung. § 3 Es könnte der Fall vorkommen, daß ein Brief uns in dem ersten Hefte, wo wir ihm begegnen, von keiner sonderlichen Bedeutung erschiene und wir also nicht für seine Mitteilung gestimmt wären. Fände sich nun aber in den späteren Jahrgängen, daß ein solcher Brief Folge gehabt und also als Anfangsglied einer ferneren Kette zu betrachten wäre, so würde er durch diesen Umstand bedeutend werden und unter die mitzuteilenden aufzunehmen sein. § 4 Man könnte zweifeln, ob es besser sei, die Briefe nach den Personen zusammenzustellen, an die sie geschrieben worden, oder sie nach den verschiedenen Jahren bunt durcheinander fortlaufen zu lassen. Ich bin für dieses letztere, zunächst, weil es eine schöne immer wieder anfrischende Abwechselung gewähren würde, indem, einer anderen Person gegenüber, nicht allein immer ein anders nüancierter Ton des Vortrages eintritt, sondern auch stets andere Sachen zur Sprache gebracht werden, so daß denn Theater, poetische Arbeiten, Naturstudien, Familienangelegenheiten, Bezüge zu höchsten Personen, freundschaftliche Verhältnisse usw. sich abwechselnd darstellen. Sodann aber bin ich für eine gemischte Herausgabe nach Jahren auch aus dem Grunde, weil die Briefe eines Jahres durch die Berührung dessen, was gleichzeitig lebte und wirkte, nicht allein den Charakter des Jahres tragen, sondern auch die Zustände und Beschäftigungen der schreibenden Person nach allen Seiten und Richtungen hin zur Sprache bringen, so daß denn solche Jahresbriefe ganz geeignet sein möchten, die bereits gedruckte summarische Biographie der ›Tag- und Jahreshefte‹ mit dem frischen Detail des Augenblicks zu ergänzen. § 5 Briefe, die andere Personen bereits haben drucken lassen, indem sie vielleicht eine Anerkennung ihrer Verdienste oder sonst ein Lob und eine Merkwürdigkeit enthalten, soll man in dieser Sammlung noch einmal bringen, indem sie teils in die Reihe gehören, andernteils aber jenen Personen damit ein Wille geschehen möchte, indem sie dadurch vor der Welt bestätigst sehen, daß ihre Dokumente echt waren. § 6 Die Frage, ob ein Empfehlungsbrief in die Sammlung aufzunehmen sei oder nicht, soll in Erwägung der empfohlenen Person entschieden werden. Ist aus ihr nichts geworden, so soll man den Brief, im Fall er nicht sonstige gute Dinge enthält, nicht aufnehmen; hat aber die empfohlene Person sich in der Welt einen rühmlichen Namen gemacht, so soll man den Brief aufnehmen. § 7 Briefe an Personen, die aus Goethes ›Leben‹ bekannt sind wie z. B. Lavater, Jung, Behrisch, Kniep, Hackert und andere, haben an sich Interesse, und ein solcher Brief wäre mitzuteilen, wenn er auch außerdem eben nichts Bedeutendes enthalten sollte. § 8 Man soll überhaupt in Mitteilung dieser Briefe nicht zu ängstlich sein, indem sie uns von Goethes breiter Existenz und mannigfaltiger Wirkung nach allen Ecken und Enden einen Begriff geben, und indem sein Benehmen gegen die verschiedensten Personen und in den mannigfaltigsten Lagen als im hohen Grade lehrreich zu betrachten ist. § 9 Wenn verschiedene Briefe über eine und dieselbe Tatsache reden, so soll man die vorzüglichsten auswählen; und wenn ein gewisser Punkt in verschiedenen Briefen vorkommt, so soll man ihn in einigen unterdrücken und ihn dort stehen lassen, wo er am besten ausgesprochen ist. § 10 In den Briefen von 1811 und 1812 dagegen kommen vielleicht zwanzig Stellen vor, wo um Handschriften merkwürdiger Menschen gebeten wird. Solche und ähnliche Stellen müssen nicht unterdrückt werden, indem sie als durchaus charakterisierend und liebenswürdig erscheinen.   Vorstehende Paragraphen sind durch Betrachtung der Briefe von den Jahren 1807, 1808 und 1809 angeregt. Was sich im ferneren Verlauf der Arbeit an allgemeinen Bemerkungen noch ergeben möchte, soll Gegenwärtigem nachträglich hinzugefügt werden. W., d. 1. Januar 1831 E.   Heute nach Tisch besprach ich mit Goethe die vorstehende Angelegenheit punktweise, wo er denn diesen meinen Vorschlägen seine beifällige Zustimmung gab. »Ich werde«, sagte er, »in meinem Testament Sie zum Herausgeber dieser Briefe ernennen und darauf hindeuten, daß wir über das dabei zu beobachtende Verfahren im allgemeinen miteinander einig geworden.« Mittwoch, den 9. Februar 1831 Ich las gestern mit dem Prinzen in Vossens ›Luise‹ weiter und hatte über das Buch für mich im stillen manches zu bemerken. Die großen Verdienste der Darstellung der Lokalität und äußeren Zustände der Personen entzückten mich; jedoch wollte mir erscheinen, daß das Gedicht eines höheren Gehaltes entbehre, welche Bemerkung sich mir besonders an solchen Stellen aufdrang, wo die Personen in wechselseitigen Reden ihr Inneres auszusprechen in dem Fall sind. Im ›Vicar of Wakefield‹ ist auch ein Landprediger mit seiner Familie dargestellt, allein der Poet besaß eine höhere Weltkultur, und so hat sich dieses auch seinen Personen mitgeteilt, die alle ein mannigfaltigeres Innere an den Tag legen. In der ›Luise‹ steht alles auf dem Niveau einer beschränkten mittleren Kultur, und so ist freilich immer genug da, um einen gewissen Kreis von Lesern durchaus zu befriedigen. Die Verse betreffend, so wollte es mir vorkommen, als ob der Hexameter für solche beschränkte Zustände viel zu prätentiös, auch oft ein wenig gezwungen und geziert sei, und daß die Perioden nicht immer natürlich genug hinfließen, um bequem gelesen zu werden. Ich äußerte mich über diesen Punkt heute mittag bei Tisch gegen Goethe. »Die früheren Ausgaben jenes Gedichts«, sagte er, »sind in solcher Hinsicht weit besser, so daß ich mich erinnere, es mit Freuden vorgelesen zu haben. Später jedoch hat Voß viel daran gekünstelt und aus technischen Grillen das Leichte, Natürliche der Verse verdorben. Überhaupt geht alles jetzt aufs Technische aus, und die Herren Kritiker fangen an zu quengeln, ob in einem Reim ein s auch wieder auf ein s komme und nicht etwa ein ß auf ein s. Wäre ich noch jung und verwegen genug, so würde ich absichtlich gegen alle solche technischen Grillen verstoßen, ich würde Alliterationen, Assonanzen und falsche Reime, alles gebrauchen, wie es mir käme und bequem wäre; aber ich würde auf die Hauptsache losgehen und so gute Dinge zu sagen suchen, daß jeder gereizt werden sollte, es zu lesen und auswendig zu lernen.« Freitag, den 11. Februar 1831 Heute bei Tisch erzählte mir Goethe, daß er den vierten Akt des ›Faust‹ angefangen habe und so fortzufahren gedenke, welches mich sehr beglückte. Sodann sprach er mit großem Lob über Schön, einen jungen Philologen in Leipzig, der ein Werk über die Kostüme in den Stücken des Euripides geschrieben und, bei großer Gelehrsamkeit, doch davon nicht mehr entwickelt habe, als eben zu seinen Zwecken nötig. »Ich freute mich,« sagte Goethe, »wie er mit produktivem Sinn auf die Sache losgeht, während andere Philologen der letzten Zeit sich gar zu viel mit dem Technischen und mit langen und kurzen Silben zu schaffen gemacht haben. Es ist immer ein Zeichen einer unproduktiven Zeit, wenn sie so ins Kleinliche des Technischen geht, und ebenso ist es ein Zeichen eines unproduktiven Individuums, wenn es sich mit dergleichen befaßt. Und dann sind auch wieder andere Mängel hinderlich. So finden sich z. B. im Grafen Platen fast alle Haupterfordernisse eines guten Poeten: Einbildungskraft, Erfindung, Geist, Produktivität besitzt er im hohen Grade; auch findet sich bei ihm eine vollkommene technische Ausbildung und ein Studium und ein Ernst wie bei wenigen andern; allein ihn hindert seine unselige polemische Richtung. Daß er in der großen Umgebung von Neapel und Rom die Erbärmlichkeiten der deutschen Literatur nicht vergessen kann, ist einem so hohen Talent gar nicht zu verzeihen. ›Der romantische Ödipus‹ trägt Spuren, daß, besonders was das Technische betrifft, grade Platen der Mann war, um die beste deutsche Tragödie zu schreiben; allein, nachdem er in gedachtem Stück die tragischen Motive parodistisch gebraucht hat, wie will er jetzt noch in allem Ernst eine Tragödie machen! Und dann, was nie genug bedacht wird, solche Händel okkupieren das Gemüt, die Bilder unserer Feinde werden zu Gespenstern, die zwischen aller freien Produktion ihren Spuk treiben und in einer ohnehin zarten Natur große Unordnung anrichten. Lord Byron ist an seiner polemischen Richtung zugrunde gegangen, und Platen hat Ursache, zur Ehre der deutschen Literatur von einer so unerfreulichen Bahn für immer abzulenken.« Sonnabend; den 12. Februar 1831 Ich lese im Neuen Testament und gedenke eines Bildes, das Goethe mir in diesen Tagen zeigte, wo Christus auf dem Meere wandelt, und Petrus, ihm auf den Wellen entgegenkommend, in einem Augenblick anwandelnder Mutlosigkeit sogleich einzusinken anfängt. »Es ist dies eine der schönsten Legenden,« sagte Goethe, »die ich vor allen lieb habe. Es ist darin die hohe Lehre ausgesprochen, daß der Mensch durch Glauben und frischen Mut im schwierigsten Unternehmen siegen werde, dagegen bei anwandelndem geringsten Zweifel sogleich verloren sei.« Sonntag, den 13. Februar 1831 Bei Goethe zu Tisch. Er erzählt mir, daß er im vierten Akt des ›Faust‹ fortfahre und daß ihm jetzt der Anfang so gelungen, wie er es gewünscht. »Das, was geschehen sollte,« sagte er, »hatte ich, wie Sie wissen, längst; allein mit dem Wie war ich noch nicht ganz zufrieden, und da ist es mir nun lieb, daß mir gute Gedanken gekommen sind. Ich werde nun diese ganze Lücke, von der Helena bis zum fertigen fünften Akt, durcherfinden und in einem ausführlichen Schema niederschreiben, damit ich sodann mit völligem Behagen und Sicherheit ausführen und an den Stellen arbeiten kann, die mich zunächst anmuten. Dieser Akt bekommt wieder einen ganz eigenen Charakter, so daß er, wie eine für sich bestehende kleine Welt, das übrige nicht berührt und nur durch einen leisen Bezug zu dem Vorhergehenden und Folgenden sich dem Ganzen anschließt.« »Er wird also«, sagte ich, »völlig im Charakter des übrigen sein; denn im Grunde sind doch der Auerbachsche Keller, die Hexenküche, der Blocksberg, der Reichstag, die Maskerade, das Papiergeld, das Laboratorium, die Klassische Walpurgisnacht, die Helena, lauter für sich bestehende kleine Weltenkreise, die, in sich abgeschlossen, wohl aufeinander wirken, aber doch einander wenig angehen. Dem Dichter liegt daran, eine mannigfaltige Welt auszusprechen, und er benutzt die Fabel eines berühmten Helden bloß als eine Art von durchgehender Schnur, um darauf aneinander zu reihen, was er Lust hat. Es ist mit der ›Odyssee‹ und dem ›Gil-Blas‹ auch nicht anders.« »Sie haben vollkommen recht,« sagte Goethe; »auch kommt es bei einer solchen Komposition bloß darauf an, daß die einzelnen Massen bedeutend und klar seien, während es als ein Ganzes immer inkommensurabel bleibt, aber eben deswegen, gleich einem unaufgelösten Problem, die Menschen zu wiederholter Betrachtung immer wieder anlockt.« Ich erzählte sodann von dem Brief eines jungen Militärs, dem ich, nebst anderen Freunden, geraten hatte, in ausländische Dienste zu gehen, und der nun, da er die fremden Zustände nicht nach seinem Sinne gefunden, auf alle diejenigen schilt, die ihm geraten. »Es ist mit dem Ratgeben ein eigenes Ding,« sagte Goethe, »und wenn man eine Weile in der Welt gesehen hat, wie die gescheitesten Dinge mißlingen und das Absurdeste oft zu einem glücklichen Ziele führt, so kommt man wohl davon zurück, jemanden einen Rat erteilen zu wollen. Im Grunde ist es auch von dem, der einen Rat verlangt, eine Beschränktheit, und von dem, der ihn gibt, eine Anmaßung. Man sollte nur Rat geben in Dingen, in denen man selber mitwirken will. Bittet mich ein anderer um guten Rat, so sage ich wohl, daß ich bereit sei, ihn zu geben, jedoch nur mit dem Beding, daß er versprechen wolle, nicht danach zu handeln.« Das Gespräch lenkte sich auf das Neue Testament, indem ich erzählte, daß ich die Stelle nachgelesen, wo Christus auf dem Meere wandelt und Petrus ihm entgegengeht. »Wenn man die Evangelisten lange nicht gelesen,« sagte ich, »so erstaunt man immer wieder über die sittliche Großheit der Figuren. Man findet in den hohen Anforderungen an unsere moralische Willenskraft auch eine Art von kategorischem Imperativ.« »Besonders«, sagte Goethe, »finden Sie den kategorischen Imperativ des Glaubens, welches sodann Mahomet noch weiter getrieben hat.« »Übrigens«, sagte ich, »sind die Evangelisten, wenn man sie näher ansieht, voller Abweichungen und Widersprüche, und die Bücher müssen wunderliche Schicksale gehabt haben, ehe sie so beisammen gebracht sind, wie wir sie nun haben.« » Es ist ein Meer auszutrinken ,« sagte Goethe, »wenn man sich in eine historische und kritische Untersuchung dieserhalb einläßt. Man tut immer besser, sich ohne weiteres an das zu halten, was wirklich da ist, und sich davon anzueignen, was man für seine sittliche Kultur und Stärkung gebrauchen kann. Übrigens ist es hübsch, sich die Lokalität deutlich zu machen, und da kann ich Ihnen nichts Besseres empfehlen, als das herrliche Buch von Röhr über Palästina. Der verstorbene Großherzog hatte über dieses Buch eine solche Freude, daß er es zweimal kaufte, indem er das erste Exemplar, nachdem er es gelesen, der Bibliothek schenkte und das andere für sich behielt, um es immer in seiner Nähe zu haben.« Ich wunderte mich über des Großherzogs Teilnahme an solchen Dingen. »Darin«, sagte Goethe, »war er groß. Er hatte Interesse für alles, wenn es einigermaßen bedeutend war, es mochte nun in ein Fach schlagen, in welches es wollte. Er war immer vorschreitend, und was in der Zeit irgend an guten neuen Erfindungen und Einrichtungen hervortrat, suchte er bei sich einheimisch zu machen. Wenn etwas mißlang, so war davon weiter nicht die Rede. Ich dachte oft, wie ich dies oder jenes Verfehlte bei ihm entschuldigen wollte, allein er ignorierte jedes Mißlingen auf die heiterste Weise und ging immer sogleich wieder auf etwas Neues los. Es war dieses eine eigene Größe seines Wesens, und zwar nicht durch Bildung gewonnen, sondern angeboren.« Zum Nachtisch betrachteten wir einige Kupfer nach neuesten Meistern, besonders im landschaftlichen Fach, wobei mit Freuden bemerkt wurde, daß daran nichts Falsches wahrzunehmen. »Es ist seit Jahrhunderten so viel Gutes in der Welt,« sagte Goethe, »daß man sich billig nicht wundern sollte. wenn es wirkt und wieder Gutes hervorruft.« »Es ist nur das Üble,« sagte ich, »daß es so viele falsche Lehren gibt, und daß ein junges Talent nicht weiß, welchem Heiligen es sich widmen soll.« »Davon haben wir Proben,« sagte Goethe »wir haben ganze Generationen an falschen Maximen verloren gehen und leiden sehen, und haben selber darunter gelitten. Und nun in unsern Tagen die Leichtigkeit, jeden Irrtum durch den Druck sogleich allgemein predigen zu können! Mag ein solcher Kunstrichter nach einigen Jahren auch besser denken, und mag er auch seine bessere Überzeugung öffentlich verbreiten, seine Irrlehre hat doch unterdes gewirkt und wird auch künftig gleich einem Schlingkraut neben dem Guten immer fortwirken. Mein Trost ist nur, daß ein wirklich großes Talent nicht irrezuleiten und nicht zu verderben ist.« Wir betrachteten die Kupfer weiter. »Es sind wirklich gute Sachen,« sagte Goethe; »Sie sehen reine hübsche Talente, die was gelernt und die sich Geschmack und Kunst in bedeutendem Grade angeeignet haben. Allein doch fehlet diesen Bildern allen etwas, und zwar: das Männliche . – Merken Sie sich dieses Wort, und unterstreichen Sie es. Es fehlt den Bildern eine gewisse zudringliche Kraft, die in früheren Jahrhunderten sich überall aussprach und die dem jetzigen fehlt, und zwar nicht bloß in Werken der Malerei, sondern auch in allen übrigen Künsten. Es lebt ein schwächeres Geschlecht, von dem sich nicht sagen läßt, ob es so ist durch die Zeugung oder durch eine schwächere Erziehung und Nahrung.« »Man sieht aber dabei,« sagte ich, »wie viel in den Künsten auf eine große Persönlichkeit ankommt, die freilich in früheren Jahrhunderten besonders zu Hause war. Wenn man in Venedig vor den Werken von Tizian und Paul Veronese steht, so empfindet man den gewaltigen Geist dieser Männer in ihrem ersten Aperçu von dem Gegenstande, wie in der letzten Ausführung. Ihr großes energisches Empfinden hat die Glieder des ganzen Bildes durchdrungen, und diese höhere Gewalt der künstlerischen Persönlichkeit dehnet unser eigenes Wesen aus und erhebt uns über uns selbst, wenn wir solche Werke betrachten. Dieser männliche Geist, von dem Sie sagen, findet sich auch ganz besonders in den Rubensschen Landschaften. Es sind freilich auch nur Bäume, Erdboden, Wasser, Felsen und Wolken, allein seine kräftige Gesinnung ist in die Formen gefahren, und so sehen wir zwar immer die bekannte Natur, allein wir sehen sie von der Gewalt des Künstlers durchdrungen und nach seinem Sinne von neuem hervorgebracht.« »Allerdings«, sagte Goethe, »ist in der Kunst und Poesie die Persönlichkeit alles; allein doch hat es unter den Kritikern und Kunstrichtern der neuesten Zeit schwache Personnagen gegeben, die dieses nicht zugestehen und die eine große Persönlichkeit, bei einem Werke der Poesie oder Kunst, nur als eine Art von geringer Zugabe wollten betrachtet wissen. Aber freilich, um eine große Persönlichkeit zu empfinden und zu ehren, muß man auch wiederum selber etwas sein. Alle, die dem Euripides das Erhabene abgesprochen, waren arme Heringe und einer solchen Erhebung nicht fähig; oder sie waren unverschämte Scharlatane, die durch Anmaßlichkeit in den Augen einer schwachen Welt mehr aus sich machen wollten und auch wirklich machten, als sie waren.« Montag, den 14. Februar 1831 Mit Goethe zu Tisch. Er hatte die ›Memoiren‹ des General Rapp gelesen, wodurch das Gespräch auf Napoleon kam, und welch ein Gefühl die Madame Lätitia müsse gehabt haben, sich als Mutter so vieler Helden und einer so gewaltigen Familie zu wissen. »Sie hatte Napoleon, ihren zweiten Sohn, geboren, als sie achtzehn Jahre alt war und ihr Gemahl dreiundzwanzig, so daß also die frischeste Jugendkraft der Eltern seinem physischen Teile zugute kam. Neben ihm gebiert sie drei andere Söhne, alle bedeutend begabt, tüchtig und energisch in weltlichen Dingen und alle mit einem gewissen poetischen Talent. Auf solche vier Söhne folgen drei Töchter, und zuletzt Jérôme, der am schwächsten von allen ausgestattet gewesen zu sein scheint. Das Talent ist freilich nicht erblich, allein es will eine tüchtige physische Unterlage, und da ist es denn keineswegs einerlei, ob jemand der Erst- oder Letztgeborene, und ob er von kräftigen und jungen, oder von schwachen und alten Eltern ist gezeugt worden.« »Merkwürdig ist,« sagte ich, »daß sich von allen Talenten das musikalische am frühesten zeigt, so daß Mozart in seinem fünften, Beethoven in seinem achten und Hummel in seinem neunten Jahre schon die nächste Umgebung durch Spiel und Kompositionen in Erstaunen setzten.« »Das musikalische Talent«, sagte Goethe, »kann sich wohl am frühesten zeigen, indem die Musik ganz etwas Angeborenes, Inneres ist, das von außen keiner großen Nahrung und keiner aus dem Leben gezogenen Erfahrung bedarf. Aber freilich, eine Erscheinung wie Mozart bleibt immer ein Wunder, das nicht weiter zu erklären ist. Doch wie wollte die Gottheit überall Wunder zu tun Gelegenheit finden, wenn sie es nicht zuweilen in außerordentlichen Individuen versuchte, die wir anstaunen, und nicht begreifen, woher sie kommen.« Dienstag, den 15. Februar 1831 Mit Goethe zu Tisch. Ich erzähle ihm vom Theater; er lobt das gestrige Stück, ›Heinrich der Dritte‹ von Dumas, als ganz vortrefflich, findet jedoch natürlich, daß es für das Publikum nicht die rechte Speise gewesen. »Ich hätte es unter meiner Direktion nicht zu bringen gewagt,« sagte er, »denn ich erinnere mich noch gar wohl, was wir mit dem ›Standhaften Prinzen‹ für Not gehabt, um ihn beim Publikum einzuschwärzen, der doch noch weit menschlicher und poetischer ist und im Grunde weit näher liegt als ›Heinrich der Dritte‹.« Ich rede vom ›Groß-Cophta‹, den ich in diesen Tagen abermals gelesen. Ich gehe die einzelnen Szenen gesprächsweise durch und schließe mit dem Wunsch, es einmal auf der Bühne zu sehen. »Es ist mir lieb«, sagte Goethe, »daß Ihnen das Stück gefällt, und daß Sie herausfinden, was ich hineingearbeitet habe. Es war im Grunde keine geringe Operation, ein ganz reales Faktum erst poetisch und dann theatralisch zu machen. Und doch werden Sie zugeben, daß das Ganze recht eigentlich für die Bühne gedacht ist. Schiller war auch sehr für das Stück, und wir haben es einmal gegeben, wo es sich denn für höhere Menschen wirklich brillant machte. Für das Publikum im allgemeinen jedoch ist es nicht; die behandelten Verbrechen behalten immer etwas Apprehensives, wobei es den Leuten nicht heimlich ist. Es fällt, seinem verwegenen Charakter nach, ganz in den Kreis der ›Clara Gazul‹, und der französische Dichter könnte mich wirklich beneiden, daß ich ihm ein so gutes Sujet vorweggenommen. Ich sage ein so gutes Sujet, denn im Grunde ist es nicht bloß von sittlicher, sondern auch von großer historischer Bedeutung; das Faktum geht der Französischen Revolution unmittelbar voran und ist davon gewissermaßen das Fundament. Die Königin, der fatalen Halsbandsgeschichte so nahe verflochten, verlor ihre Würde, ja ihre Achtung, und so hatte sie denn in der Meinung des Volkes den Standpunkt verloren, um unantastbar zu sein. Der Haß schadet niemanden, aber die Verachtung ist es, was den Menschen stürzet. Kotzebue wurde lange gehaßt, aber damit der Dolch des Studenten sich an ihn wagen konnte, mußten ihn gewisse Journale erst verächtlich machen.« Donnerstag, den 17. Februar 1831 Mit Goethe zu Tisch. Ich bringe ihm seinen ›Aufenthalt in Karlsbad‹ vom Jahre 1807, dessen Redaktion ich am Morgen beendigt. Wir reden über kluge Stellen, die darin als flüchtige Tagesbemerkungen vorkommen. »Man meint immer,« sagte Goethe lachend, »man müsse alt werden, um gescheit zu sein; im Grunde aber hat man bei zunehmenden Jahren zu tun, sich so klug zu erhalten, als man gewesen ist. Der Mensch wird in seinen verschiedenen Lebensstufen wohl ein anderer, aber er kann nicht sagen, daß er ein besserer werde, und er kann in gewissen Dingen so gut in seinem zwanzigsten Jahre recht haben, als in seinem sechzigsten. Man sieht freilich die Welt anders in der Ebene, anders auf den Höhen des Vorgebirgs, und anders auf den Gletschern des Urgebirgs. Man sieht auf dem einen Standpunkt ein Stück Welt mehr als auf dem andern; aber das ist auch alles, und man kann nicht sagen, daß man auf dem einen mehr recht hätte, als auf dem andern. Wenn daher ein Schriftsteller aus verschiedenen Stufen seines Lebens Denkmale zurückläßt, so kommt es vorzüglich darauf an, daß er ein angeborenes Fundament und Wohlwollen besitze, daß er auf jeder Stufe rein gesehen und empfunden, und daß er ohne Nebenzwecke grade und treu gesagt habe, wie er gedacht. Dann wird sein Geschriebenes, wenn es auf der Stufe recht war, wo es entstanden, auch ferner recht bleiben, der Autor mag sich auch später entwickeln und verändern, wie er wolle.« Ich gab diesen guten Worten meine vollkommene Beistimmung. »Es kam mir in diesen Tagen ein Blatt Makulatur in die Hände,« fuhr Goethe fort, »das ich las. Hm! sagte ich zu mir selber, was da geschrieben steht, ist gar nicht so unrecht, du denkst auch nicht anders und würdest es auch nicht viel anders gesagt haben. Als ich aber das Blatt recht besehe, war es ein Stück aus meinen eigenen Werken. Denn da ich immer vorwärts strebe, so vergesse ich, was ich geschrieben habe, wo ich denn sehr bald in den Fall komme, meine Sachen als etwas durchaus Fremdes anzusehen.« Ich erkundigte mich nach dem ›Faust‹ und wie er vorrücke. »Der läßt mich nun nicht wieder los,« sagte Goethe, »ich denke und erfinde täglich daran fort. Ich habe nun auch das ganze Manuskript des zweiten Teiles heute heften lassen, damit es mir als eine sinnliche Masse vor Augen sei. Die Stelle des fehlenden vierten Aktes habe ich mit weißem Papier ausgefüllt, und es ist keine Frage, daß das Fertige anlocket und reizet, um das zu vollenden, was noch zu tun ist. Es liegt in solchen sinnlichen Dingen mehr, als man denkt, und man muß dem Geistigen mit allerlei Künsten zu Hülfe kommen.« Goethe ließ den gehefteten neuen ›Faust‹ hereinbringen, und ich war erstaunt über die Masse des Geschriebenen, das im Manuskript als ein guter Folioband mir vor Augen war. »Es ist doch alles«, sagte ich, »seit den sechs Jahren gemacht, die ich hier bin, und doch haben Sie bei dem andern Vielen, was seitdem geschehen, nur sehr wenige Zeit darauf verwenden können. Man sieht aber, wie etwas heranwächst, wenn man auch nur hin und wieder etwas hinzutut.« »Davon überzeugt man sich besonders, wenn man älter wird,« sagte Goethe, »während die Jugend glaubt, es müsse alles an einem Tage geschehen. Wenn aber das Glück mir günstig ist, und ich mich ferner wohl befinde, so hoffe ich in den nächsten Frühlingsmonaten am vierten Akt sehr weit zu kommen. Es war auch dieser Akt, wie Sie wissen, längst erfunden; allein da sich das übrige während der Ausführung so sehr gesteigert hat, so kann ich jetzt von der früheren Erfindung nur das Allgemeinste brauchen, und ich muß nun auch dieses Zwischenstück durch neue Erfindungen so heranheben, daß es dem anderen gleich werde.« »Es kommt doch in diesem zweiten Teil«, sagte ich, »eine weit reichere Welt zur Erscheinung als im ersten.« »Ich sollte denken«, sagte Goethe. »Der erste Teil ist fast ganz subjektiv; es ist alles aus einem befangeneren, leidenschaftlicheren Individuum hervorgegangen, welches Halbdunkel den Menschen auch so wohltun mag. Im zweiten Teile aber ist fast gar nichts Subjektives, es erscheint hier eine höhere, breitere, hellere, leidenschaftslosere Welt, und wer sich nicht etwas umgetan und einiges erlebt hat, wird nichts damit anzufangen wissen.« »Es sind darin einige Denkübungen,« sagte ich, »und es möchte auch mitunter einige Gelehrsamkeit erfordert werden. Es ist mir nur lieb, daß ich Schellings Büchlein über die Kabiren gelesen und daß ich nun weiß, wohin Sie in jener famösen Stelle der ›Klassischen Walpurgisnacht‹ deuten.« »Ich habe immer gefunden,« sagte Goethe lachend, »daß es gut sei, etwas zu wissen.« Freitag, den 18. Februar 1831 Mit Goethe zu Tisch. Wir reden über verschiedene Regierungsformen, und es kommt zur Sprache, welche Schwierigkeiten ein zu großer Liberalismus habe, indem er die Anforderungen der einzelnen hervorrufe, und man vor lauter Wünschen zuletzt nicht mehr wisse, welche man befriedigen solle. Man werde finden, daß man von oben herab mit zu großer Güte, Milde und moralischer Delikatesse auf die Länge nicht durchkomme, indem man eine gemischte und mitunter verruchte Welt zu behandeln und in Respekt zu erhalten habe. Es wird zugleich erwähnt, daß das Regierungsgeschäft ein sehr großes Metier sei, das den ganzen Menschen verlange, und daß es daher nicht gut, wenn ein Regent zu große Nebenrichtungen, wie z. B. eine vorwaltende Tendenz zu den Künsten, habe, wodurch nicht allein das Interesse des Fürsten, sondern auch die Kräfte des Staates gewissen nötigeren Dingen entzogen würden. Eine vorwaltende Neigung zu den Künsten sei mehr die Sache reicher Privatleute. Goethe erzählte mir sodann, daß seine ›Metamorphose der Pflanzen‹ mit Sorets Übersetzung gut vorrücke, und daß ihm bei der jetzigen nachträglichen Bearbeitung dieses Gegenstandes, besonders der Spirale, ganz unerwartet günstige Dinge von außen zu Hülfe kommen. »Wir beschäftigen uns,« sagte er, »wie Sie wissen, mit dieser Übersetzung schon länger als seit einem Jahre, es sind tausend Hindernisse dazwischen getreten, das Unternehmen hat oft ganz widerwärtig gestockt, und ich habe es oft im stillen verwünscht. Nun aber komme ich in den Fall, alle diese Hindernisse zu verehren, indem im Laufe dieser Zögerungen außerhalb, bei andern trefflichen Menschen, Dinge herangereift sind, die jetzt als das schönste Wasser auf meine Mühle mich über alle Begriffe weiter bringen und meine Arbeit einen Abschluß erlangen lassen, wie es vor einem Jahre nicht wäre denkbar gewesen. Dergleichen ist mir in meinem Leben öfter begegnet, und man kommt dahin, in solchen Fällen an eine höhere Einwirkung, an etwas Dämonisches zu glauben, das man anbetet, ohne sich anzumaßen, es weiter erklären zu wollen.« Sonnabend, den 19. Februar 1831 Bei Goethe zu Tisch mit Hofrat Vogel. Goethen war eine Broschüre über die Insel Helgoland zugekommen, worin er mit großem Interesse las und uns das Wesentlichste daraus mitteilte. Nach den Gesprächen über eine so eigentümliche Lokalität kamen ärztliche Dinge an die Reihe, und Vogel erzählte als das Neueste des Tages von den natürlichen Blattern, die trotz aller Impfung mit einem Male wieder in Eisenach hervorgebrochen seien und in kurzer Zeit bereits viele Menschen hingerafft hätten. »Die Natur«, sagte Vogel, »spielt einem doch immer einmal wieder einen Streich, und man muß sehr aufpassen, wenn eine Theorie gegen sie ausreichen soll. Man hielt die Schutzblattern so sicher und so untrüglich, daß man ihre Einimpfung zum Gesetz machte. Nun aber dieser Vorfall in Eisenach, wo die Geimpften von den natürlichen dennoch befallen worden, macht die Unfehlbarkeit der Schutzblattern verdächtig und schwächt die Motive für das Ansehen des Gesetzes.« »Dennoch aber«, sagte Goethe, »bin ich dafür, daß man von dem strengen Gebot der Impfung auch ferner nicht abgehe, in dem solche kleine Ausnahmen gegen die unübersehbaren Wohltaten des Gesetzes gar nicht in Betracht kommen.« »Ich bin auch der Meinung«, sagte Vogel, »und möchte sogar behaupten, daß in allen solchen Fällen, wo die Schutzblattern vor den natürlichen nicht gesichert, die Impfung mangelhaft gewesen ist. Soll nämlich die Impfung schützen, so muß sie so stark sein, daß Fieber entsteht; ein bloßer Hautreiz ohne Fieber schützt nicht. Ich habe daher heute in der Session den Vorschlag getan, eine verstärkte Impfung der Schutzblattern allen im Lande damit Beauftragten zur Pflicht zu machen.« »Ich hoffe, daß Ihr Vorschlag durchgegangen ist,« sagte Goethe, »so wie ich immer dafür bin, strenge auf ein Gesetz zu halten, zumal in einer Zeit wie die jetzige, wo man aus Schwäche und übertriebener Liberalität überall mehr nachgibt als billig.« Es kam sodann zur Sprache, daß man jetzt auch in der Zurechnungsfähigkeit der Verbrecher anfange weich und schlaff zu werden, und daß ärztliche Zeugnisse und Gutachten oft dahin gehen, den Verbrecher an der verwirkten Strafe vorbei zu helfen. Bei dieser Gelegenheit lobte Vogel einen jungen Physikus, der in ähnlichen Fällen immer Charakter zeige und der noch kürzlich, bei dem Zweifel eines Gerichtes, ob eine gewisse Kindesmörderin für zurechnungsfähig zu halten, sein Zeugnis dahin ausgestellt habe, daß sie es allerdings sei. Sonntag, den 20. Februar 1831 Mit Goethe zu Tisch. Er eröffnete mir, daß er meine Beobachtung über die blauen Schatten im Schnee, daß sie nämlich aus dem Widerschein des blauen Himmels entstehen, geprüft habe und für richtig anerkenne. »Es kann jedoch beides zugleich wirken,« sagte er, »und die durch das gelbliche Licht erregte Forderung kann die blaue Erscheinung verstärken.« Ich gebe dieses vollkommen zu und freue mich, daß Goethe mir endlich beistimmet. »Es ärgert mich nur,« sagte ich, »daß ich meine Farbenbeobachtungen am Monte Rosa und Montblanc nicht an Ort und Stelle im Detail niedergeschrieben habe. Das Hauptresultat jedoch war, daß in einer Entfernung von achtzehn bis zwanzig Stunden, mittags bei der hellesten Sonne, der Schnee gelb, ja rötlichgelb erschien, während die schneefreien dunkelen Teile des Gebirgs im entschiedensten Blau herübersahen. Das Phänomen überraschte mich nicht, indem ich mir hätte vorhersagen können, daß die gehörige Masse von zwischenliegender Trübe dem, die Mittagssonne reflektierenden, weißen Schnee einen tiefgelben Ton geben würde; aber das Phänomen freute mich besonders aus dem Grunde, weil es die irrige Ansicht einiger Naturforscher, daß die Luft eine blaufärbende Eigenschaft besitze, so ganz entschieden widerlegt. Denn wäre die Luft in sich bläulich, so hätte eine Masse von zwanzig Stunden, wie sie zwischen mir und dem Monte Rosa lag, den Schnee müssen hellblau oder weißbläulich durchscheinen lassen, aber nicht gelb und gelbrötlich.« »Die Beobachtung«, sagte Goethe, »ist von Bedeutung und widerlegt jenen Irrtum durchaus.« »Im Grunde«, sagte ich, »ist die Lehre vom Trüben sehr einfach, so daß man gar zu leicht zu dem Glauben verführt wird, man könnte sie einem andern in wenig Tagen und Stunden überliefern. Das Schwierige aber ist, nun mit dem Gesetz zu operieren und ein Urphänomen in tausendfältig bedingten und verhüllten Erscheinungen immer wieder zu erkennen.« »Ich möchte es dem Whist vergleichen,« sagte Goethe, »dessen Gesetze und Regeln auch gar leicht zu überliefern sind, das man aber sehr lange gespielt haben muß, um darin ein Meister zu sein. Überhaupt lernet niemand etwas durch bloßes Anhören, und wer sich in gewissen Dingen nicht selbst tätig bemühet, weiß die Sachen nur oberflächlich und halb.« Goethe erzählte mir sodann von dem Buche eines jungen Physikers, das er loben müsse wegen der Klarheit, mit der es geschrieben, und dem er die teleologische Richtung gerne nachsehe. »Es ist dem Menschen natürlich,« sagte Goethe, »sich als das Ziel der Schöpfung zu betrachten und alle übrigen Dinge nur in bezug auf sich und insofern sie ihm dienen und nützen. Er bemächtiget sich der vegetabilischen und animalischen Welt, und indem er andere Geschöpfe als passende Nahrung verschlingt, erkennet er seinen Gott und preiset dessen Güte, die so väterlich für ihn gesorget. Der Kuh nimmt er die Milch, der Biene den Honig, dem Schaf die Wolle, und indem er den Dingen einen ihm nützlichen Zweck gibt, glaubt er auch, daß sie dazu sind geschaffen worden. Ja er kann sich nicht denken, daß nicht auch das kleinste Kraut für ihn da sei, und wenn er dessen Nutzen noch gegenwärtig nicht erkannt hat, so glaubt er doch, daß solches sich künftig ihm gewiß entdecken werde. Und wie der Mensch nun im allgemeinen denkt, so denkt er auch im besonderen, und er unterläßt nicht, seine gewohnte Ansicht aus dem Leben auch in die Wissenschaft zu tragen und auch bei den einzelnen Teilen eines organischen Wesens nach deren Zweck und Nutzen zu fragen. Dies mag auch eine Weile gehen, und er mag auch in der Wissenschaft eine Weile damit durchkommen; allein gar bald wird er auf Erscheinungen stoßen, wo er mit einer so kleinen Ansicht nicht ausreicht und wo er, ohne höheren Halt, sich in lauter Widersprüchen verwickelt. Solche Nützlichkeitslehrer sagen wohl: der Ochse habe Hörner, um sich damit zu wehren. Nun frage ich aber: warum hat das Schaf keine? und wenn es welche hat, warum sind sie ihm um die Ohren gewickelt, so daß sie ihm zu nichts dienen? Etwas anderes aber ist es, wenn ich sage: der Ochse wehrt sich mit seinen Hörnern, weil er sie hat. Die Frage nach dem Zweck, die Frage Warum? ist durchaus nicht wissenschaftlich. Etwas weiter aber kommt man mit der Frage Wie? Denn wenn ich frage: wie hat der Ochse Hörner? so führet mich das auf die Betrachtung seiner Organisation und belehret mich zugleich, warum der Löwe keine Hörner hat und haben kann. So hat der Mensch in seinem Schädel zwei unausgefüllte hohle Stellen. Die Frage Warum? würde hier nicht weit reichen, wogegen aber die Frage Wie? mich belehret, daß diese Höhlen Reste des tierischen Schädels sind, die sich bei solchen geringeren Organisationen in stärkerem Maße befinden und die sich beim Menschen, trotz seiner Höhe, noch nicht ganz verloren haben. Die Nützlichkeitslehrer würden glauben, ihren Gott zu verlieren, wenn sie nicht den anbeten sollen, der dem Ochsen die Hörner gab, damit er sich verteidige. Mir aber möge man erlauben, daß ich den verehre, der in dem Reichtum seiner Schöpfung so groß war, nach tausendfältigen Pflanzen noch eine zu machen, worin alle übrigen enthalten, und nach tausendfältigen Tieren ein Wesen, das sie alle enthält: den Menschen. Man verehre ferner den , der dem Vieh sein Futter gibt und dem Menschen Speise und Trank, so viel er genießen mag; ich aber bete den an, der eine solche Produktionskraft in die Welt gelegt hat, daß, wenn nur der millionteste Teil davon ins Leben tritt, die Welt von Geschöpfen wimmelt, so daß Krieg, Pest, Wasser und Brand ihr nichts anzuhaben vermögen. Das ist mein Gott!« Montag, den 21. Februar 1831 Goethe lobte sehr die neueste Rede von Schelling, womit dieser die Münchener Studenten beruhigt. »Die Rede«, sagte er, »ist durch und durch gut, und man freuet sich einmal wieder über das vorzügliche Talent, das wir lange kannten und verehrten. Es war in diesem Falle ein trefflicher Gegenstand und ein redlicher Zweck, wo ihm denn das Vorzüglichste gelungen ist. Könnte man von dem Gegenstande und Zweck seiner Kabirenschrift dasselbige sagen, so würden wir ihn auch da rühmen müssen, denn seine rhetorischen Talente und Künste hat er auch da bewiesen.« Schellings ›Kabiren‹ brachten das Gespräch auf die ›Klassische Walpurgisnacht‹, und wie sich diese von den Brockenszenen des ersten Teiles unterscheide. »Die alte Walpurgisnacht«, sagte Goethe, »ist monarchisch, indem der Teufel dort überall als entschiedenes Oberhaupt respektiert wird; die klassische aber ist durchaus republikanisch, indem alles in der Breite nebeneinander steht, so daß der eine so viel gilt wie der andere, und niemand sich subordiniert und sich um den andern bekümmert.« »Auch«, sagte ich, »sondert sich in der klassischen alles in scharf umrissene Individualitäten, während auf dem deutschen Blocksberg jedes einzelne sich in eine allgemeine Hexenmasse auflöset.« »Deshalb«, sagte Goethe, »weiß auch der Mephistopheles, was es zu bedeuten hat, wenn der Homunkulus ihm von thessalischen Hexen redet. Ein guter Kenner des Altertums wird bei dem Wort thessalische Hexen sich auch einiges zu denken vermögen, während es dem Ungelehrten ein bloßer Name bleibt.« »Das Altertum«, sagte ich, »mußte Ihnen doch sehr lebendig sein, um alle jene Figuren wieder so frisch ins Leben treten zu lassen und sie mit solcher Freiheit zu gebrauchen und zu behandeln, wie Sie es getan haben.« »Ohne eine lebenslängliche Beschäftigung mit der bildenden Kunst«, sagte Goethe, »wäre es mir nicht möglich gewesen. Das Schwierige indessen war, sich bei so großer Fülle mäßig zu halten und alle solche Figuren abzulehnen, die nicht durchaus zu meiner Intention paßten. So habe ich z. B. von dem Minotaurus, den Harpyien und einigen andern Ungeheuern keinen Gebrauch gemacht.« »Aber was Sie in jener Nacht erscheinen lassen,« sagte ich, »ist alles so zusammengehörig und so gruppiert, daß man es sich in der Einbildungskraft leicht und gerne zurückruft und alles willig ein Bild macht. Die Maler werden sich so gute Anlässe auch gewiß nicht entgehen lassen; besonders freue ich mich, den Mephistopheles bei den Phorkyaden zu sehen, wo er im Profil die famöse Maske probiert.« »Es stecken darin einige gute Späße,« sagte Goethe, »welche die Welt über kurz oder lang auf manche Weise benutzen wird. Wenn die Franzosen nur erst die ›Helena‹ gewahr werden und sehen, was daraus für ihr Theater zu machen ist! Sie werden das Stück, wie es ist, verderben; aber sie werden es zu ihren Zwecken klug gebrauchen, und das ist alles, was man erwarten und wünschen kann. Der Phorkyas werden sie sicher einen Chor von Ungeheuern beigeben, wie es an einer Stelle auch bereits angedeutet ist.« »Es käme darauf an,« sagte ich, »daß ein tüchtiger Poet von der romantischen Schule das Stück durchweg als Oper behandelte, und Rossini sein großes Talent zu einer bedeutenden Komposition zusammennähme, um mit der ›Helena‹ Wirkung zu tun. Denn es sind darin Anlässe zu prächtigen Dekorationen, überraschenden Verwandlungen, glänzenden Kostümen und reizenden Balletten, wie nicht leicht in einem anderen Stück, ohne zu erwähnen, daß eine solche Fülle von Sinnlichkeit sich auf dem Fundament einer geistreichen Fabel bewegt, wie sie nicht leicht besser erfunden werden dürfte.« »Wir wollen erwarten,« sagte Goethe, »was uns die Götter Weiteres bringen. Es läßt sich in solchen Dingen nichts beschleunigen. Es kommt darauf an, daß es den Menschen aufgehe, und daß Theaterdirektoren, Poeten und Komponisten darin ihren Vorteil gewahr werden.« Dienstag, den 22. Februar 1831 Oberkonsistorialrat Schwabe begegnet mir in den Straßen; ich begleite ihn eine Strecke, wo er mir von seinen mannigfaltigen Geschäften erzählt und ich in den bedeutenden Wirkungskreis dieses vorzüglichen Mannes hineinblicke. Er sagt, daß er in den Nebenstunden sich mit Herausgabe eines Bändchens neuer Predigten beschäftige, daß eins seiner Schulbücher kürzlich ins Dänische übersetzt, daß davon vierzigtausend Exemplare verkauft worden und man es in Preußen in den vorzüglichsten Schulen eingeführt habe. Er bittet mich, ihn zu besuchen, welches ich mit Freuden verspreche. Darauf mit Goethe zu Tisch rede ich über Schwabe, und Goethe stimmt in dessen Lob vollkommen ein. »Die Großherzogin«, sagte er, »schätzet ihn auch im hohen Grade, wie denn diese Dame überhaupt recht gut weiß, was sie an den Leuten hat. Ich werde ihn zu meiner Porträtsammlung zeichnen lassen, und Sie tun sehr wohl, ihn zu besuchen und ihn vorläufig um diese Erlaubnis zu bitten. Besuchen Sie ihn ja, zeigen Sie ihm Teilnahme an dem, was er tut und vorhat. Es wird für Sie von Interesse sein, in einen Wirkungskreis eigener Art hineinzublicken, wovon man doch, ohne einen näheren Verkehr mit einem solchen Mann, keinen rechten Begriff hat.« Ich verspreche, dieses zu tun, indem die Kenntnis praktisch tätiger, das Nützliche befördernder Menschen meine wahre Neigung ist. Mittwoch, den 23. Februar 1831 Vor Tisch, bei einem Spaziergange auf der Erfurter Chaussee, begegnet mir Goethe, welcher halten läßt und mich in seinen Wagen nimmt. Wir fahren eine gute Strecke hinaus bis auf die Höhe neben das Tannenhölzchen und reden über naturhistorische Dinge. Die Hügel und Berge waren mit Schnee bedeckt, und ich erwähne die große Zartheit des Gelben, und daß in der Entfernung von einigen Meilen, mittelst zwischenliegender Trübe, ein Dunkeles eher blau erscheine, als ein Weißes gelb. Goethe stimmet mir zu, und wir sprechen sodann von der hohen Bedeutung der Urphänomene, hinter welchen man unmittelbar die Gottheit zu gewahren glaube. »Ich frage nicht,« sagte Goethe, »ob dieses höchste Wesen Verstand und Vernunft habe, sondern ich fühle: es ist der Verstand, es ist die Vernunft selber. Alle Geschöpfe sind davon durchdrungen, und der Mensch hat davon soviel, daß er Teile des Höchsten erkennen mag.« Bei Tisch kam das Bestreben gewisser Naturforscher zur Erwähnung, die, um die organische Welt zu durchschreiten, von der Mineralogie aufwärts gehen wollen. »Dieses ist ein großer Irrtum«, sagte Goethe. »In der mineralogischen Welt ist das Einfachste das Herrlichste, und in der organischen ist es das Komplizierteste. Man sieht also, daß beide Welten ganz verschiedene Tendenzen haben, und daß von der einen zur andern keineswegs ein stufenartiges Fortschreiten stattfindet.« Ich merkte mir dieses als von großer Bedeutung. Donnerstag, den 24. Februar 1831 Ich lese Goethes Aufsatz über Zahn in den ›Wiener Jahrbüchern‹, den ich bewundere, indem ich die Prämissen bedenke, die es voraussetzte, um ihn zu schreiben. Bei Tisch erzählet mir Goethe, daß Soret bei ihm gewesen, und daß sie in der Übersetzung der ›Metamorphose‹ einen hübschen Fortschritt gemacht. »Das Schwierige bei der Natur«, sagte Goethe, »ist: das Gesetz auch da zu sehen, wo es sich uns verbirgt, und sich nicht durch Erscheinungen irre machen zu lassen, die unsern Sinnen widersprechen. Denn es widerspricht in der Natur manches den Sinnen und ist doch wahr. Daß die Sonne still stehe, daß sie nicht auf- und untergehe, sondern daß die Erde sich täglich in undenkbarer Geschwindigkeit herumwälze, widerspricht den Sinnen, so stark wie etwas, aber doch zweifelt kein Unterrichteter, daß es so sei. Und so kommen auch widersprechende Erscheinungen im Pflanzenreiche vor, wobei man sehr auf seiner Hut sein muß, sich dadurch nicht auf falsche Wege leiten zu lassen.« Sonnabend, den 26. Februar 1831 Ich las heute viel in Goethes ›Farbenlehre‹ und freute mich, zu bemerken, daß ich diese Jahre her, durch vielfache Übung mit den Phänomenen, in das Werk so hineingewachsen, um jetzt seine großen Verdienste mit einiger Klarheit empfinden zu können. Ich bewundere, was es gekostet hat, ein solches Werk zusammenzubringen, indem mir nicht bloß die letzten Resultate erscheinen, sondern indem ich tiefer blicke, was alles durchgemacht worden, um zu festen Resultaten zu gelangen. Nur ein Mensch von großer moralischer Kraft konnte das durchführen, und wer es ihm nachtun wollte, müßte sich daran sehr hoch hinaufbringen. Alles Unzarte, Unwahre, Egoistische würde aus der Seele verschwinden müssen, oder die reine wahre Natur würde ihn verschmähen. Bedächten dieses die Menschen, so würden sie gern einige Jahre ihres Lebens daran wenden und den Kreis einer solchen Wissenschaft auf solche Weise durchmachen, um daran Sinne, Geist und Charakter zu prüfen und zu erbauen. Sie würden Respekt vor dem Gesetzlichen gewinnen und dem Göttlichen so nahe treten, als es einem irdischen Geiste überall nur möglich. Dagegen beschäftiget man sich viel zu viel mit Poesie und übersinnlichen Mysterien, welche subjektive nachgiebige Dinge sind, die an den Menschen weiter keine Anforderungen machen, sondern ihm schmeicheln und im günstigen Fall ihn lassen, wie er ist. In der Poesie ist nur das wahrhaft Große und Reine förderlich, was wiederum wie eine zweite Natur dasteht und uns entweder zu sich heraufhebt oder uns verschmäht. Eine mangelhafte Poesie hingegen entwickelt unsere Fehler, indem wir die ansteckenden Schwächen des Poeten in uns aufnehmen. Und zwar in uns aufnehmen, ohne es zu wissen, weil wir das unserer Natur Zusagende nicht für mangelhaft erkennen. Um aber in der Poesie aus Gutem wie aus Schlechtem einigen Vorteil zu ziehen, müßte man bereits auf einer sehr hohen Stufe stehen und ein solches Fundament besitzen um dergleichen Dinge als außer uns liegende Gegenstände zu betrachten. Deshalb lobe ich mir den Verkehr mit der Natur, die unsere Schwächen auf keine Weise begünstigt, und die entweder etwas aus uns macht, oder überall nichts mit uns zu tun hat. Montag, den 28. Februar 1831 Ich beschäftige mich den ganzen Tag mit dem Manuskript des vierten Bandes von Goethes ›Leben‹, das er mir gestern zusandte, um zu prüfen, was daran etwa noch zu tun sein möchte. Ich bin glücklich über dieses Werk, indem ich bedenke, was es schon ist und was es noch werden kann. Einige Bücher erscheinen ganz vollendet und lassen nichts Weiteres wünschen. An andern dagegen ist noch ein gewisser Mangel an Kongruenz wahrzunehmen, welches daher entstanden sein mag, daß zu sehr verschiedenen Epochen daran ist gearbeitet worden. Dieser ganze vierte Band ist sehr verschieden von den drei früheren. Jene sind durchaus fortschreitend in einer gewissen gegebenen Richtung, so daß denn auch der Weg durch viele Jahre geht. Bei diesem dagegen scheint die Zeit kaum zu rücken, auch sieht man kein entschiedenes Bestreben der Hauptperson. Manches wird unternommen, aber nicht vollendet, manches gewollt, aber anders geleitet, und so empfindet man überall eine heimlich einwirkende Gewalt, eine Art von Schicksal, das mannigfaltige Fäden zu einem Gewebe aufzieht, das erst künftige Jahre vollenden sollen. Es war daher in diesem Bande am Ort, von jener geheimen problematischen Gewalt zu reden, die alle empfinden, die kein Philosoph erklärt, und über die der Religiöse sich mit einem tröstlichen Worte hinaushilft. Goethe nennet dieses unaussprechliche Welt- und Lebensrätsel das Dämonische , und indem er sein Wesen bezeichnet, fühlen wir, daß es so ist, und es kommt uns vor, als würden vor gewissen Hintergründen unsers Lebens die Vorhänge weggezogen. Wir glauben weiter und deutlicher zu sehen, werden aber bald gewahr, daß der Gegenstand zu groß und mannigfaltig ist, und daß unsere Augen nur bis zu einer gewissen Grenze reichen. Der Mensch ist überall nur für das Kleine geboren, und er begreift nur und hat nur Freude an dem, was ihm bekannt ist. Ein großer Kenner begreift ein Gemälde, er weiß das verschiedene Einzelne dem ihm bekannten Allgemeinen zu verknüpfen, und das Ganze wie das Einzelne ist ihm lebendig. Er hat auch keine Vorliebe für gewisse einzelne Teile, er fragt nicht, ob ein Gesicht garstig oder schön, ob eine Stelle hell oder dunkel, sondern er fragt, ob alles an seinem Ort stehe und gesetzlich und recht sei. Führen wir aber einen Unkundigen vor ein Gemälde von einigem Umfang, so werden wir sehen, wie ihn das Ganze unberührt lässet oder verwirret, wie einzelne Teile ihn anziehen, andere ihn abstoßen, und wie er am Ende bei ihm bekannten oder kleinen Dingen stehen bleibt, indem er etwa lobt, wie doch dieser Helm und diese Feder so gut gemacht sei. Im Grunde aber spielen wir Menschen vor dem großen Schicksalsgemälde der Welt mehr oder weniger alle die Rolle dieses Unkundigen. Die Lichtpartien, das Anmutige zieht uns an, die schattigen und widerwärtigen Stellen stoßen uns zurück, das Ganze verwirrt uns, und wir suchen vergebens nach der Idee eines einzigen Wesens, dem wir so Widersprechendes zuschreiben. Nun kann wohl einer in menschlichen Dingen ein großer Kenner werden, indem es denkbar ist, daß er sich die Kunst und das Wissen eines Meisters vollkommen aneigne, allein in göttlichen Dingen könnte es nur ein Wesen, das dem Höchsten selber gleich wäre. Ja und wenn nun dieses uns solche Geheimnisse überliefern und offenbaren wollte, so würden wir sie nicht zu fassen und nichts damit anzufangen wissen, und wir würden wiederum jenem Unkundigen vor dem Gemälde gleichen, dem der Kenner seine Prämissen, nach denen er urteilt, durch alles Einreden nicht mitzuteilen imstande wäre. In dieser Hinsicht ist es denn schon ganz recht, daß alle Religionen nicht unmittelbar von Gott selber gegeben worden, sondern daß sie, als das Werk vorzüglicher Menschen, für das Bedürfnis und die Faßlichkeit einer großen Masse ihresgleichen berechnet sind. Wären sie ein Werk Gottes, so würde sie niemand begreifen; da sie aber ein Werk der Menschen sind, so sprechen sie das Unerforschliche nicht aus. Die Religion der hochgebildeten alten Griechen kam nicht weiter, als daß sie einzelne Äußerungen des Unerforschlichen durch besondere Gottheiten versinnlichte. Da aber solche Einzelnheiten beschränkte Wesen waren und im Ganzen des Zusammenhangs eine Lücke blieb, so erfanden sie die Idee des Fatums, das sie über alle setzten, wodurch denn, da dieses wiederum ein vielseitig Unerforschliches blieb, die Angelegenheit mehr abgetan als abgeschlossen wurde. Christus dachte einen alleinigen Gott, dem er alle die Eigenschaften beilegte, die er in sich selbst als Vollkommenheiten empfand. Er ward das Wesen seines eigenen schönen Innern, voll Güte und Liebe wie er selber, und ganz geeignet, daß gute Menschen sich ihm vertrauensvoll hingeben und diese Idee, als die süßeste Verknüpfung nach oben, in sich aufnehmen. Da nun aber das große Wesen, welches wir die Gottheit nennen, sich nicht bloß im Menschen, sondern auch in einer reichen gewaltigen Natur und in mächtigen Weltbegebenheiten ausspricht, so kann auch natürlich eine nach menschlichen Eigenschaften von ihm gebildete Vorstellung nicht ausreichen, und der Aufmerkende wird bald auf Unzulänglichkeiten und Widersprüche stoßen, die ihn in Zweifel, ja in Verzweiflung bringen, wenn er nicht entweder klein genug ist, sich durch eine künstliche Ausrede beschwichtigen zu lassen, oder groß genug, sich auf den Standpunkt einer höheren Ansicht zu erheben. Einen solchen Standpunkt fand Goethe früh in Spinoza, und er erkennet mit Freuden, wie sehr die Ansichten dieses großen Denkers den Bedürfnissen seiner Jugend gemäß gewesen. Er fand in ihm sich selber, und so konnte er sich auch an ihm auf das schönste befestigen. Und da nun solche Ansichten nicht subjektiver Art waren, sondern in den Werken und Äußerungen Gottes durch die Welt ein Fundament hatten, so waren es nicht Schalen, die er bei seiner eigenen spätern tiefen Welt- und Naturforschung als unbrauchbar abzuwerfen in den Fall kam, sondern es war das anfängliche Keimen und Wurzeln einer Pflanze, die durch viele Jahre in gleich gesunder Richtung fortwuchs und sich zuletzt zu der Blüte einer reichen Erkenntnis entfaltete. Widersacher haben ihn oft beschuldigt, er habe keinen Glauben. Er hatte aber bloß den ihrigen nicht, weil er ihm zu klein war. Wollte er den seinigen aussprechen, so würden sie erstaunen, aber sie würden nicht fähig sein, ihn zu fassen. Goethe selbst aber ist weit entfernt zu glauben, daß er das höchste Wesen erkenne, wie es ist. Alle seine schriftlichen und mündlichen Äußerungen gehen darauf hin, daß es ein Unerforschliches sei, wovon der Mensch nur annähernde Spuren und Ahndungen habe. Übrigens ist die Natur und sind wir Menschen alle vom Göttlichen so durchdrungen, daß es uns hält, daß wir darin leben, weben und sind, daß wir nach ewigen Gesetzen leiden und uns erfreuen, daß wir sie ausüben und daß sie an uns ausgeübt werden, gleichviel ob wir sie erkennen oder nicht. Schmeckt doch dem Kinde der Kuchen, ohne daß es vom Bäcker weiß, und dem Sperling die Kirsche, ohne daß er daran denkt, wie sie gewachsen ist. Mittwoch, den 2. März 1831 Heute bei Goethe zu Tisch kam das Gespräch bald wieder auf das Dämonische, und er fügte zu dessen näheren Bezeichnung noch folgendes hinzu. »Das Dämonische«, sagte er, »ist dasjenige, was durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen ist. In meiner Natur liegt es nicht, aber ich bin ihm unterworfen.« »Napoleon«, sagte ich, »scheint dämonischer Art gewesen zu sein.« »Er war es durchaus«, sagte Goethe, »im höchsten Grade, so daß kaum ein anderer ihm zu vergleichen ist. Auch der verstorbene Großherzog war eine dämonische Natur, voll unbegrenzter Tatkraft und Unruhe, so daß sein eigenes Reich ihm zu klein war, und das größte ihm zu klein gewesen wäre. Dämonische Wesen solcher Art rechneten die Griechen unter die Halbgötter.« »Erscheint nicht auch«, sagte ich, »das Dämonische in den Begebenheiten?« »Ganz besonders,« sagte Goethe, »und zwar in allen, die wir durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen vermögen. Überhaupt manifestiert es sich auf die verschiedenste Weise in der ganzen Natur, in der unsichtbaren wie in der sichtbaren. Manche Geschöpfe sind ganz dämonischer Art, in manchen sind Teile von ihm wirksam.« »Hat nicht auch«, sagte ich, »der Mephistopheles dämonische Züge?« »Nein,« sagte Goethe, »der Mephistopheles ist ein viel zu negatives Wesen, das Dämonische aber äußert sich in einer durchaus positiven Tatkraft. »Unter den Künstlern«, fuhr Goethe fort, »findet es sich mehr bei Musikern, weniger bei Malern. Bei Paganini zeigt es sich im hohen Grade, wodurch er denn auch so große Wirkungen hervorbringt.« Ich war sehr erfreut über alle diese Bezeichnungen, wodurch es mir nun deutlicher wurde, was Goethe sich unter dem Begriff des Dämonischen dachte. Wir reden sodann viel über den vierten Band, und Goethe bittet mich aufzuzeichnen, was noch daran möchte zu tun sein. Donnerstag, den 3. März 1831 Mittags mit Goethe. Er sah einige architektonische Hefte durch und meinte, es gehöre einiger Übermut dazu, Paläste zu bauen, indem man nie sicher sei, wie lange ein Stein auf dem andern bleiben würde. »Wer in Zelten leben kann,« sagte er, »steht sich am besten. Oder wie gewisse Engländer tun, die von einer Stadt und einem Wirtshaus ins andere ziehen und überall eine hübsche Tafel gedeckt finden.« Sonntag, den 6. März 1831 Mit Goethe zu Tisch in mancherlei Unterhaltungen. Wir reden auch von Kindern und deren Unarten, und er vergleicht sie den Stengelblättern einer Pflanze, die nach und nach von selber abfallen, und wobei man es nicht so genau und so strenge zu nehmen brauche. »Der Mensch«, sagte er, »hat verschiedene Stufen, die er durchlaufen muß, und jede Stufe führt ihre besonderen Tugenden und Fehler mit sich, die in der Epoche, wo sie kommen, durchaus als naturgemäß zu betrachten und gewissermaßen recht sind. Auf der folgenden Stufe ist er wieder ein anderer, von den früheren Tugenden und Fehlern ist keine Spur mehr, aber andere Arten und Unarten sind an deren Stelle getreten. Und so geht es fort, bis zu der letzten Verwandlung, von der wir noch nicht wissen, wie wir sein werden.« Zum Nachtisch las Goethe mir sodann einige seit 1775 sich erhaltene Fragmente von ›Hanswursts Hochzeit‹. Kilian Brustfleck eröffnet das Stück mit einem Monolog, worin er sich beklagt, daß ihm Hanswursts Erziehung trotz aller Mühe so schlecht geglückt sei. Die Szene sowie alles übrige war ganz im Tone des ›Faust‹ geschrieben. Eine gewaltige produktive Kraft bis zum Übermut sprach sich in jeder Zeile aus, und ich bedauerte bloß, daß es so über alle Grenzen hinausgehe, daß selbst die Fragmente sich nicht mitteilen lassen. Goethe las mir darauf den Zettel der im Stück spielenden Personen, die fast drei Seiten füllten und sich gegen hundert belaufen mochten. Es waren alle erdenklichen Schimpfnamen, mitunter von der derbsten lustigsten Sorte, so daß man nicht aus dem Lachen kam. Manche gingen auf körperliche Fehler und zeichneten eine Figur dermaßen, daß sie lebendig vor die Augen trat; andere deuteten auf die mannigfaltigsten Unarten und Laster und ließen einen tiefen Blick in die Breite der unsittlichen Welt voraussetzen. Wäre das Stück zustande gekommen, so hätte man die Erfindung bewundern müssen, der es geglückt, so mannigfaltige symbolische Figuren in eine einzige lebendige Handlung zu verknüpfen. »Es war nicht zu denken, daß ich das Stück hätte fertig machen können,« sagte Goethe, »indem es einen Gipfel von Mutwillen voraussetzte, der mich wohl augenblicklich anwandelte, aber im Grunde nicht in dem Ernst meiner Natur lag, und auf dem ich mich also nicht halten konnte. Und dann sind in Deutschland unsere Kreise zu beschränkt, als daß man mit so etwas hätte hervortreten können. Auf einem breiten Terrain wie Paris mag dergleichen sich herumtummeln, so wie man auch dort wohl ein Béranger sein kann, welches in Frankfurt oder Weimar gleichfalls nicht zu denken wäre.« Dienstag, den 8. März 1831 Heute mit Goethe zu Tisch erzählte er mir zunächst, daß er den ›Ivanhoe‹ lese. »Walter Scott ist ein großes Talent,« sagte er, »das nicht seinesgleichen hat, und man darf sich billig nicht verwundern, daß er auf die ganze Lesewelt so außerordentliche Wirkungen hervorbringt. Er gibt mir viel zu denken, und ich entdecke in ihm eine ganze neue Kunst, die ihre eigenen Gesetze hat.« Wir sprachen sodann über den vierten Band der Biographie und waren im Hin- und Widerreden über das Dämonische begriffen, ehe wir es uns versahen. »In der Poesie« sagte Goethe, »ist durchaus etwas Dämonisches, und zwar vorzüglich in der unbewußten, bei der aller Verstand und alle Vernunft zu kurz kommt, und die daher auch so über alle Begriffe wirkt. Desgleichen ist es in der Musik im höchsten Grade, denn sie steht so hoch, daß kein Verstand ihr beikommen kann, und es geht von ihr eine Wirkung aus, die alles beherrscht und von der niemand imstande ist, sich Rechenschaft zu geben. Der religiöse Kultus kann sie daher auch nicht entbehren; sie ist eins der ersten Mittel, um auf die Menschen wunderbar zu wirken. So wirft sich auch das Dämonische gern in bedeutende Individuen, vorzüglich wenn sie eine hohe Stellung haben, wie Friedrich und Peter der Große. Beim verstorbenen Großherzog war es in dem Grade, daß niemand ihm widerstehen konnte. Er übte auf die Menschen eine Anziehung durch seine ruhige Gegenwart, ohne daß er sich eben gütig und freundlich zu erweisen brauchte. Alles, was ich auf seinen Rat unternahm, glückte mir, so daß ich in Fällen, wo mein Verstand und meine Vernunft nicht hinreichte, ihn nur zu fragen brauchte, was zu tun sei, wo er es denn instinktmäßig aussprach und ich immer im voraus eines guten Erfolgs gewiß sein konnte. Ihm wäre zu gönnen gewesen, daß er sich meiner Ideen und höheren Bestrebungen hätte bemächtigen können; denn wenn ihn der dämonische Geist verließ und nur das Menschliche zurückblieb, so wußte er mit sich nichts anzufangen, und er war übel daran. Auch in Byron mag das Dämonische in hohem Grade wirksam gewesen sein, weshalb er auch die Attrattiva in großer Maße besessen, so daß ihm denn besonders die Frauen nicht haben widerstehen können.« »In die Idee vom Göttlichen«, sagte ich versuchend, »scheint die wirkende Kraft, die wir das Dämonische nennen, nicht einzugehen.« »Liebes Kind,« sagte Goethe, »was wissen wir denn von der Idee des Göttlichen, und was wollen denn unsere engen Begriffe vom höchsten Wesen sagen! Wollte ich es, gleich einem Türken, mit hundert Namen nennen, so würde ich doch noch zu kurz kommen und im Vergleich so grenzenloser Eigenschaften noch nichts gesagt haben.« Mittwoch, den 9. März 1831 Goethe fuhr heute fort, mit der höchsten Anerkennung über Walter Scott zu reden. »Man liest viel zu viel geringe Sachen,« sagte er, »womit man die Zeit verdirbt und wovon man weiter nichts hat. Man sollte eigentlich immer nur das lesen, was man bewundert, wie ich in meiner Jugend tat und wie ich es nun an Walter Scott erfahre. Ich habe jetzt den ›Rob Roy‹ angefangen und will so seine besten Romane hintereinander durchlesen. Da ist freilich alles groß, Stoff, Gehalt, Charaktere, Behandlung, und dann der unendliche Fleiß in den Vorstudien, so wie in der Ausführung die große Wahrheit des Details! Man sieht aber, was die englische Geschichte ist, und was es sagen will, wenn einem tüchtigen Poeten eine solche Erbschaft zuteil wird. Unsere deutsche Geschichte in fünf Bänden ist dagegen eine wahre Armut, so daß man auch nach dem ›Götz von Berlichingen‹ sogleich ins Privatleben ging und eine ›Agnes Bernauerin‹ und einen ›Otto von Wittelsbach‹ schrieb, womit freilich nicht viel getan war.« Ich erzählte, daß ich ›Daphnis und Chloe‹ lese, und zwar in der Übersetzung von Courier. »Das ist auch ein Meisterstück,« sagte Goethe, »das ich oft gelesen und bewundert habe, worin Verstand, Kunst und Geschmack auf ihrem höchsten Gipfel erscheinen, und wogegen der gute Virgil freilich ein wenig zurücktritt. Das landschaftliche Lokal ist ganz im Poussinischen Stil und erscheint hinter den Personen mit sehr wenigen Zügen vollendet. Sie wissen, Courier hat in der Bibliothek zu Florenz eine neue Handschrift gefunden mit der Hauptstelle des Gedichts, welche die bisherigen Ausgaben nicht hatten. Nun muß ich bekennen, daß ich immer das Gedicht in seiner mangelhaften Gestalt gelesen und bewundert habe, ohne zu fühlen und zu bemerken, daß der eigentliche Gipfel fehlte. Es mag aber dieses für die Vortrefflichkeit des Gedichts zeugen, indem das Gegenwärtige uns so befriedigte, daß man an ein Abwesendes gar nicht dachte.« Nach Tisch zeigte Goethe mir eine von Coudray gezeichnete höchst geschmackvolle Tür des Dornburger Schlosses, mit einer lateinischen Inschrift, ungefähr dahin lautend, daß der Einkehrende freundlich empfangen und bewirtet werden solle und man dem Vorbeiziehenden die glücklichsten Pfade wünsche. Goethe hatte diese Inschrift in ein deutsches Distichon verwandelt und als Motto über einen Brief gesetzt, den er im Sommer 1828, nach dem Tode des Großherzogs, bei seinem Aufenthalte in Dornburg an den Obersten von Beulwitz geschrieben. Ich hatte von diesem Brief damals viel im Publikum reden hören, und es war mir nun sehr lieb, daß Goethe mir ihn heute mit jener gezeichneten Tür vorlegte. Ich las den Brief mit großem Interesse und hatte daran zu bewundern, wie er die Lokalität des Dornburger Schlosses sowohl als das untere Terrain im Tale benutzt, um daran die größten Ansichten zu knüpfen, und zwar Ansichten solcher Art, um den Menschen nach einem erlittenen großen Verlust durchaus wieder aufzurichten und auf die frischesten Füße zu stellen. Ich war über diesen Brief sehr glücklich, indem ich für mich bemerkte, daß man nach einem guten Stoff nicht weit zu reisen brauche, sondern daß alles auf einen tüchtigen Gehalt im Innern des Dichters ankomme, um aus den geringsten Anlässen etwas Bedeutendes zu machen. Goethe legte den Brief und die Zeichnung in eine besondere Mappe zusammen, um beides für die Zukunft zu erhalten. Donnerstag, den 10. März 1831 Ich las heute mit dem Prinzen Goethes Novelle vom Tiger und Löwen, worüber der Prinz sehr glücklich war, indem er den Effekt einer großen Kunst empfand, und ich nicht weniger glücklich, indem ich in das geheime Gewebe einer vollendeten Komposition deutlich hineinsah. Ich empfand daran eine gewisse Allgegenwart des Gedankens, welches daher entstanden sein mag, daß der Dichter den Gegenstand so viele Jahre in seinem Innern hegte und dadurch so sehr Herr seines Stoffes ward, daß er das Ganze wie das Einzelne in höchster Klarheit zugleich übersehen und jede einzelne Partie geschickt dahin stellen konnte, wo sie für sich notwendig war und zugleich das Kommende vorbereitete und darauf hinwirkte. Nun bezieht sich alles vorwärts und rückwärts und ist zugleich an seiner Stelle recht, so daß man als Komposition sich nicht leicht etwas Vollkommeneres denken kann. Indem wir weiter lasen, empfand ich den lebhaften Wunsch, daß Goethe selbst dieses Juwel einer Novelle als ein fremdes Werk möchte betrachten können. Zugleich bedachte ich, daß der Umfang des Gegenstandes grade ein sehr günstiges Maß habe, sowohl für den Poeten, um alles klug durcheinander zu verarbeiten, als für den Leser, um dem Ganzen wie dem Einzelnen mit einiger Vernunft wieder beizukommen. Freitag, den 11. März 1831 Mit Goethe zu Tisch in mannigfaltigen Gesprächen. »Bei Walter Scott«, sagte er, »ist es eigen, daß eben sein großes Verdienst in Darstellung des Details ihn oft zu Fehlern verleitet. So kommt im ›Ivanhoe‹ eine Szene vor, wo man nachts in der Halle eines Schlosses zu Tische sitzt und ein Fremder hereintritt. Nun ist es zwar recht, daß er den Fremden von oben herab beschrieben hat, wie er aussieht und wie er gekleidet ist, allein es ist ein Fehler, daß er auch seine Füße, seine Schuhe und Strümpfe beschreibt. Wenn man abends am Tisch sitzt und jemand hereintritt, so sieht man nur seinen obern Körper. Beschreibe ich aber die Füße, so tritt sogleich das Licht des Tages herein, und die Szene verliert ihren nächtlichen Charakter.« Ich fühlte das Überzeugende solcher Worte und merkte sie mir für künftige Fälle. Goethe fuhr sodann fort, mit großer Bewunderung über Walter Scott zu reden. Ich ersuchte ihn, seine Ansichten zu Papiere zu bringen, welches er jedoch mit dem Bemerken ablehnte, daß die Kunst in jenem Schriftsteller so hoch stehe, daß es schwer sei, sich darüber öffentlich mitzuteilen. Montag, den 14. März 1831 Mit Goethe zu Tisch, mit dem ich mancherlei berede. Ich muß ihm von der ›Stummen von Portici‹ erzählen, die vorgestern gegeben worden, und es kommt zur Sprache, daß darin eigentlich gegründete Motive zu einer Revolution gar nicht zur Anschauung gebracht worden, welches jedoch den Leuten gefalle, indem nun jeder in die leer gelassene Stelle das hineintrage, was ihm selber in seiner Stadt und seinem Lande nicht behagen mag. »Die ganze Oper«, sagte Goethe, »ist im Grunde eine Satire auf das Volk, denn wenn es den Liebeshandel eines Fischermädchens zur öffentlichen Angelegenheit macht und den Fürsten einen Tyrannen nennt, weil er eine Fürstin heiratet, so erscheint es doch wohl so absurd und so lächerlich wie möglich.« Zum Nachtisch zeigte Goethe mir Zeichnungen nach Berliner Redensarten, worunter die heitersten Dinge vorkommen, und woran die Mäßigkeit des Künstlers gelobt wurde, der an die Karikatur nur heran-, aber nicht wirklich hineingegangen. Dienstag, den 15. März 1831 Ich beschäftige mich den ganzen Morgen mit dem Manuskript des vierten Bandes von ›Wahrheit und Dichtung‹ und schreibe darüber folgende Notiz an Goethe: Das zweite, vierte und fünfte Buch sind als vollendet anzusehen, bis auf einige Kleinigkeiten, die bei einer letzten Durchsicht sehr leicht werden abzutun sein. Über das erste und dritte Buch folgen hier einige Bemerkungen.   Erstes Buch Die Erzählung von Junos verunglückter Augenkur ist von so ernster Bedeutung, daß es die Menschen auf innere tiefe Betrachtungen führt und daß, wenn in Gesellschaft erzählt, darauf sicherlich eine Pause im Gespräch entstehen würde. Ich rate daher, das erste Buch damit zu schließen, damit auch auf solche Weise eine Art von Pause eintrete. Die artigen Anekdoten vom Feuer in der Judengasse und Schlittschuhlaufen im roten Sammetpelz der Mutter, die jetzt am Ende des ersten Buches liegen und da nicht an passender Stelle sind, würden sehr schicklich dort zu verknüpfen sein, wo von dem bewußtlosen, ganz unvorbedachten poetischen Produzieren die Rede ist. Denn jene Fälle deuten auf einen ähnlichen glücklichen Zustand des Gemüts, das auch handelnd sich nicht lange fragt und besinnt, was zu tun sei, sondern schon getan hat, ehe noch der Gedanke kommt. Drittes Buch Dieses würde nach der Verabredung dasjenige aufnehmen, was über den äußeren politischen Zustand von 1775 sowie über den inneren von Deutschland, die Bildung des Adels usw., noch zu diktieren sein möchte. Was über ›Hanswursts Hochzeit‹ sowie über andere zustande gekommene und nicht zustande gekommene poetische Unternehmungen zu sagen wäre, könnte, im Fall es sich in dem bereits sehr starken vierten Buche nicht besser anschlösse oder vielleicht gar dort den sehr gut verknüpften Zusammenhang unterbräche, sich gleichfalls diesem dritten Buche anfügen. Ich habe alle Schemata und Fragmente zu diesem Zweck im dritten Buche zusammengelegt und wünsche nun Glück und Neigung, auch dieses noch Fehlende mit frischem Geist und gewohnter Anmut zu diktieren. E.   Mittags zu Tisch mit dem Prinzen und Herrn Soret. Wir reden viel über Courier und sodann über den Schluß von Goethes Novelle, wobei ich die Bemerkung mache, daß Gehalt und Kunst darin viel zu hoch stehen, als daß die Menschen wüßten, was sie damit anzufangen haben. Man will immer wieder hören und wieder sehen, was man schon einmal gehört und gesehen hat; und wie man gewohnt ist, die Blume Poesie in durchaus poetischen Gefilden anzutreffen, so ist man in diesem Falle erstaunt, sie aus einem durchaus realen Boden hervorwachsen zu sehen. In der poetischen Region läßt man sich alles gefallen und ist kein Wunder zu unerhört, als daß man es nicht glauben möchte, hier aber in diesem hellen Lichte des wirklichen Tages macht uns das Geringste stutzen, was nur ein weniges vom gewöhnlichen Gange der Dinge abweicht, und von tausend Wundern umgeben, an die wir gewohnt sind, ist uns ein einziges unbequem, das uns bis jetzt neu war. Auch fällt es dem Menschen durchaus nicht schwer, an Wunder einer früheren Zeit zu glauben; allein einem Wunder, das heute geschieht, eine Art von Realität zu geben und es neben dem sichtbar Wirklichen als eine höhere Wirklichkeit zu verehren, dieses scheint nicht mehr im Menschen zu liegen, oder wenn es in ihm liegt, durch Erziehung ausgetrieben zu werden. Unser Jahrhundert wird daher auch immer prosaischer werden, und es wird, mit der Abnahme des Verkehrs und Glaubens an das Übersinnliche, alle Poesie auch immer mehr verschwinden. Zu dem Schluß von Goethes Novelle wird im Grunde weiter nichts verlangt als die Empfindung, daß der Mensch von höheren Wesen nicht ganz verlassen sei, daß sie ihn vielmehr im Auge haben, an ihm teilnehmen und in der Not ihm helfend zur Seite sind. Dieser Glaube ist etwas so Natürliches, daß er zum Menschen gehört, daß er einen Bestandteil seines Wesens ausmacht und, als das Fundament aller Religion, allen Völkern angeboren ist. In den ersten menschlichen Anfängen zeigt er sich stark; er weicht aber auch der höchsten Kultur nicht, so daß wir ihn unter den Griechen noch groß in Plato sehen und zuletzt noch ebenso glänzend in dem Verfasser von ›Daphnis und Chloe‹. In diesem liebenswürdigen Gedicht waltet das Göttliche unter der Form von Pan und den Nymphen, die an frommen Hirten und Liebenden teilnehmen, welche sie am Tage schützen und retten, und denen sie nachts im Traum erscheinen und ihnen sagen, was zu tun sei. In Goethes Novelle ist dieses behütende Unsichtbare unter der Form des Ewigen und der Engel gedacht, die einst in der Grube unter grimmigen Löwen den Propheten bewahrten und die hier in der Nähe eines ähnlichen Ungeheuers ein gutes Kind schützend umgeben. Der Löwe zerreißt den Knaben nicht, er zeigt sich vielmehr sanft und willig; denn die in alle Ewigkeit fort tätigen höheren Wesen sind vermittelnd im Spiele. Damit aber dieses einem ungläubigen neunzehnten Jahrhundert nicht zu wunderbar erscheine, so benutzt der Dichter noch ein zweites mächtiges Motiv, nämlich das der Musik, deren magische Gewalt die Menschen von den ältesten Zeiten her empfunden haben, und von der auch wir uns noch täglich beherrschen lassen, ohne zu wissen, wie uns geschieht. Und wie nun Orpheus durch eine solche Magie alle Tiere des Waldes zu sich heranzog, und in dem letzten griechischen Dichter ein junger Hirt mit seiner Flöte die Ziegen leitet, so daß sie auf verschiedene Melodien sich zerstreuen und versammeln, vor dem Feind fliehen und ruhig hinweiden, so übt auch in Goethes Novelle die Musik auf den Löwen ihre Macht aus, indem das gewaltige Tier den Melodien der süßen Flöte nachgeht und überall folget, wohin die Unschuld des Knaben ihn leiten will. Indem ich nun über so unerklärliche Dinge mit verschiedenen Leuten gesprochen, habe ich die Bemerkung gemacht, daß der Mensch von seinen trefflichen Vorzügen so sehr eingenommen ist, daß er sie den Göttern beizulegen gar kein Bedenken trägt, allein den Tieren daran einen Anteil zu vergönnen sich nicht gerne entschließen mag. Mittwoch, den 16. März 1831 Mit Goethe zu Tisch, dem ich das Manuskript vom vierten Band seines ›Lebens‹ zurückbringe und darüber mancherlei Gespräche habe. Wir reden auch über den Schluß des ›Tell‹, und ich gebe mein Verwundern zu erkennen, wie Schiller den Fehler habe machen können, seinen Helden durch das unedle Benehmen gegen den flüchtigen Herzog von Schwaben so herabsinken zu lassen, indem er über diesen ein hartes Gericht hält, während er sich selbst mit seiner eigenen Tat brüstet. »Es ist kaum begreiflich,« sagte Goethe; »allein Schiller war dem Einfluß von Frauen unterworfen wie andere auch, und wenn er in diesem Fall so fehlen konnte, so geschah es mehr aus solchen Einwirkungen als aus seiner eigenen guten Natur.« Freitag, den 18. März 1831 Mit Goethe zu Tisch. Ich bringe ihm ›Daphnis und Chloe‹, welches er einmal wieder zu lesen wünscht. Wir reden über höhere Maximen, und ob es gut und ob es möglich sei, sie anderen Menschen zu überliefern. »Die Anlage, das Höhere aufzunehmen,« sagte Goethe, »ist sehr selten, und man tut daher im Gewöhnlichen Leben immer wohl, solche Dinge für sich zu behalten und davon nur so viel hervorzukehren, als nötig ist, um gegen die andern in einiger Avantage zu sein.« Wir berühren sodann den Punkt, daß viele Menschen, besonders Kritiker und Poeten, das eigentlich Große ganz ignorieren und dagegen auf das Mittlere einen außerordentlichen Wert legen. »Der Mensch«, sagte Goethe, »erkennet nur das an und preiset nur das, was er selber zu machen fähig ist; und da nun gewisse Leute in dem Mittleren ihre eigentliche Existenz haben, so gebrauchen sie den Pfiff, daß sie das wirklich Tadelnswürdige in der Literatur, was jedoch immer einiges Gute haben mag, durchaus schelten und ganz tief herabsetzen, damit das Mittlere, was sie anpreisen, auf einer desto größeren Höhe erscheine.« Ich merke mir dieses, damit ich wissen möchte, was ich von dergleichen Verfahren künftig zu denken. Wir sprachen sodann von der ›Farbenlehre‹, und daß gewisse deutsche Professoren noch immer fortfahren, ihre Schüler davor als vor einem großen Irrtum zu warnen. »Es tut mir nur um manchen guten Schüler leid,« sagte Goethe; »mir selbst aber kann es völlig einerlei sein, denn meine Farbenlehre ist so alt wie die Welt und wird auf die Länge nicht zu verleugnen und beiseite zu bringen sein.« Goethe erzählte mir sodann, daß er mit seiner neuen Ausgabe der ›Metamorphose der Pflanzen‹ und Sorets immer besser gelingenden Übersetzung gut fortschreite. »Es wird ein merkwürdiges Buch werden,« sagte er, »indem darin die verschiedensten Elemente zu einem Ganzen verarbeitet werden. Ich lasse darin einige Stellen von bedeutenden jungen Naturforschern eintreten, wobei es erfreulich ist zu sehen, daß sich jetzt in Deutschland unter den Besseren ein so guter Stil gebildet hat, daß man nicht mehr weiß, ob der eine redet oder der andere. Das Buch macht mir indes mehr Mühe, als ich dachte; auch bin ich anfangs fast wider Willen in das Unternehmen hereingezogen, allein es herrschte dabei etwas Dämonisches ob, dem nicht zu widerstehen war.« »Sie haben wohl getan,« sagte ich, »solchen Einwirkungen nachzugeben, denn das Dämonische scheint so mächtiger Natur zu sein, daß es am Ende doch recht behält.« »Nur muß der Mensch«, versetzte Goethe, »auch wiederum gegen das Dämonische recht zu behalten suchen, und ich muß in gegenwärtigem Fall dahin trachten, durch allen Fleiß und Mühe meine Arbeit so gut zu machen, als in meinen Kräften steht und die Umstände es mir anbieten. Es ist in solchen Dingen wie mit dem Spiel, was die Franzosen Codille nennen, wobei zwar die geworfenen Würfel viel entscheiden, allein wo es der Klugheit des Spielenden überlassen bleibt, nun auch die Steine im Brett geschickt zu setzen.« Ich verehrte dieses gute Wort und nahm es als eine treffliche Lehre an mein Herz, um danach zu handeln. Sonntag, den 20. März 1831 Goethe erzählte mir bei Tisch, daß er in diesen Tagen ›Daphnis und Chloe‹ gelesen. »Das Gedicht ist so schön,« sagte er, »daß man den Eindruck davon, bei den schlechten Zuständen, in denen man lebt, nicht in sich behalten kann und daß man immer von neuem erstaunt, wenn man es wieder liest. Es ist darin der helleste Tag, und man glaubt lauter herkulanische Bilder zu sehen, so wie auch diese Gemälde auf das Buch zurückwirken und unserer Phantasie beim Lesen zu Hülfe kommen.« »Mir hat«, sagte ich, »eine gewisse Abgeschlossenheit sehr wohl getan, worin alles gehalten ist. Es kommt kaum eine fremde Anspielung vor, die uns aus dem glücklichen Kreise herausführte. Von Gottheiten sind bloß Pan und Nymphen wirksam, eine andere wird kaum genannt, und man sieht auch, daß das Bedürfnis der Hirten an diesen Gottheiten genug hat.« »Und doch, bei aller mäßigen Abgeschlossenheit«, sagte Goethe, »ist darin eine vollständige Welt entwickelt. Wir sehen Hirten aller Art, Feldbautreibende, Gärtner, Winzer, Schiffer, Räuber, Krieger und vornehme Städter, große Herren und Leibeigene.« »Auch erblicken wir darin«, sagte ich, »den Menschen auf allen seinen Lebensstufen, von der Geburt herauf bis ins Alter; auch alle häuslichen Zustände, wie die wechselnden Jahreszeiten sie mit sich führen, gehen an unseren Augen vorüber.« »Und nun die Landschaft!« sagte Goethe, »die mit wenigen Strichen so entschieden gezeichnet ist, daß wir in der Höhe hinter den Personen Weinberge, Äcker und Obstgärten sehen, unten die Weideplätze mit dem Fluß und ein wenig Waldung, sowie das ausgedehnte Meer in der Ferne. Und keine Spur von trüben Tagen, von Nebel, Wolken und Feuchtigkeit, sondern immer der blaueste reinste Himmel, die anmutigste Luft und ein beständig trockener Boden, so daß man sich überall nackend hinlegen möchte. Das ganze Gedicht«, fuhr Goethe fort, »verrät die höchste Kunst und Kultur. Es ist so durchdacht, daß darin kein Motiv fehlt und alle von der gründlichsten besten Art sind, wie z. B. das von dem Schatz bei dem stinkenden Delphin am Meeresufer. Und ein Geschmack und eine Vollkommenheit und Delikatesse der Empfindung, die sich dem Besten gleichstellt, das je gemacht worden! Alles Widerwärtige, was von außen in die glücklichen Zustände des Gedichts störend hereintritt, wie Überfall, Raub und Krieg, ist immer auf das schnellste abgetan und hinterläßt kaum eine Spur. Sodann das Laster erscheint im Gefolg der Städter, und zwar auch dort nicht in den Hauptpersonen, sondern in einer Nebenfigur, in einem Untergebenen. Das ist alles von der ersten Schönheit.« »Und dann«, sagte ich, »hat mir so wohl gefallen, wie das Verhältnis der Herren und Diener sich ausspricht. In ersteren die humanste Behandlung, und in letzteren, bei aller naiven Freiheit, doch der große Respekt und das Bestreben, sich bei dem Herrn auf alle Weise in Gunst zu setzen. So sucht denn auch der junge Städter, der sich dem Daphnis durch das Ansinnen einer unnatürlichen Liebe verhaßt gemacht hat, sich bei diesem, da er als Sohn des Herrn erkannt ist, wieder in Gnade zu bringen, indem er den Ochsenhirten die geraubte Chloe auf eine kühne Weise wieder abjagt und zu Daphnis zurückführt.« »In allen diesen Dingen«, sagte Goethe, »ist ein großer Verstand; so auch, daß Chloe gegen den beiderseitigen Willen der Liebenden, die nichts Besseres kennen, als nackt nebeneinander zu ruhen, durch den ganzen Roman bis ans Ende ihre Jungfrauschaft behält, ist gleichfalls vortrefflich und so schön motiviert, daß dabei die größten menschlichen Dinge zur Sprache kommen. Man müßte ein ganzes Buch schreiben, um alle großen Verdienste dieses Gedichts nach Würden zu schätzen. Man tut wohl, es alle Jahr einmal zu lesen, um immer wieder daran zu lernen und den Eindruck seiner großen Schönheit aufs neue zu empfinden.« Montag, den 21. März 1831 Wir sprachen über politische Dinge, über die noch immer fortwährenden Unruhen in Paris und den Wahn der jungen Leute, in die höchsten Angelegenheiten des Staates mit einwirken zu wollen. »Auch in England«, sagte ich, »haben die Studenten vor einigen Jahren bei Entscheidung der katholischen Frage durch Einreichung von Bittschriften einen Einfluß zu erlangen versucht, allein man hat sie ausgelacht und nicht weiter davon Notiz genommen.« »Das Beispiel von Napoleon«, sagte Goethe, »hat besonders in den jungen Leuten von Frankreich, die unter jenem Helden heraufwuchsen, den Egoismus aufgeregt, und sie werden nicht eher ruhen, als bis wieder ein großer Despot unter ihnen aufsteht, in welchem sie das auf der höchsten Stufe sehen, was sie selber zu sein wünschen. Es ist nur das Schlimme, daß ein Mann wie Napoleon nicht so bald wieder geboren wird, und ich fürchte fast, daß noch einige hunderttausend Menschen darauf gehen, ehe die Welt wieder zur Ruhe kommt. An literarische Wirkung ist auf einige Jahre gar nicht zu denken, und man kann jetzt weiter nichts tun, als für eine friedlichere Zukunft im Stillen manches Gute vorzubereiten.« Nach diesem wenigen Politischen waren wir bald wieder in Gesprächen über ›Daphnis und Chloe‹. Goethe lobte die Übersetzung von Courier als ganz vollkommen. »Courier hat wohl getan,« sagte er, »die alte Übersetzung von Amyot zu respektieren und beizubehalten und sie nur an einigen Stellen zu verbessern und zu reinigen und näher an das Original hinanzutreiben. Dieses alte Französisch ist so naiv und paßt so durchaus für diesen Gegenstand, daß man nicht leicht eine vollkommnere Übersetzung in irgendeiner anderen Sprache von diesem Buche machen wird.« Wir redeten sodann von Couriers eigenen Werken, von seinen kleinen Flugschriften und der Verteidigung des berüchtigten Tintenflecks auf dem Manuskript zu Florenz. »Courier ist ein großes Naturtalent,« sagte Goethe, »das Züge von Byron hat, sowie von Beaumarchais und Diderot. Er hat von Byron die große Gegenwart aller Dinge, die ihm als Argument dienen; von Beaumarchais die große advokatische Gewandtheit, von Diderot das Dialektische; und zudem ist er so geistreich, daß man es nicht in höherem Grade sein kann. Von der Beschuldigung des Tintenflecks scheint er sich indes nicht ganz zu reinigen; auch ist er in seiner ganzen Richtung nicht positiv genug, als daß man ihn durchaus loben könnte. Er liegt mit der ganzen Welt im Streit, und es ist nicht wohl anzunehmen, daß nicht auch etwas Schuld und etwas Unrecht an ihm selber sein sollte.« Wir redeten sodann über den Unterschied des deutschen Begriffes von Geist und des französischen esprit. »Das französische esprit«, sagte Goethe, »kommt dem nahe, was wir Deutschen Witz nennen. Unser Geist würden die Franzosen vielleicht durch esprit und âme ausdrücken; es liegt darin zugleich der Begriff von Produktivität, welchen das französische esprit nicht hat.« »Voltaire«, sagte ich, »hat doch nach deutschen Begriffen dasjenige, was wir Geist nennen. Und da nun das französische esprit nicht hinreicht, was sagen nun die Franzosen?« »In diesem hohen Falle«, sagte Goethe, »drücken sie es durch génie aus.« »Ich lese jetzt einen Band von Diderot«, sagte ich, »und bin erstaunt über das außerordentliche Talent dieses Mannes. Und welche Kenntnisse, und welche Gewalt der Rede! Man sieht in eine große bewegte Welt, wo einer dem andern zu schaffen machte und Geist und Charakter so in beständiger Übung erhalten wurden, daß beide gewandt und stark werden mußten. Was aber die Franzosen im vorigen Jahrhundert in der Literatur für Männer hatten, erscheint ganz außerordentlich. Ich muß schon erstaunen, wie ich nur eben hineinblicke.« »Es war die Metamorphose einer hundertjährigen Literatur,« sagte Goethe, »die seit Ludwig dem Vierzehnten heranwuchs und zuletzt in voller Blüte stand. Voltaire hetzte aber eigentlich Geister wie Diderot, d'Alembert, Beaumarchais und andere herauf, denn um neben ihm nur etwas zu sein, mußte man viel sein, und es galt kein Feiern.« Goethe erzählte mir sodann von einem jungen Professor der orientalischen Sprache und Literatur in Jena, der eine Zeitlang in Paris gelebt und eine so schöne Bildung habe, daß er wünsche, ich möchte ihn kennen lernen. Als ich ging, gab er mir einen Aufsatz von Schrön über den zunächst kommenden Kometen, damit ich in solchen Dingen nicht ganz fremd sein möchte. Dienstag, den 22. März 1831 Goethe las mir zum Nachtisch Stellen aus einem Briefe eines jungen Freundes aus Rom. Einige deutsche Künstler erscheinen darin mit langen Haaren, Schnurrbärten, übergeklappten Hemdkragen auf altdeutschen Röcken, Tabakspfeifen und Bullenbeißern. Der großen Meister wegen und um etwas zu lernen, scheinen sie nicht nach Rom gekommen zu sein. Raffael dünkt ihnen schwach, und Tizian bloß ein guter Kolorist. »Niebuhr hat recht gehabt,« sagte Goethe, »wenn er eine barbarische Zeit kommen sah. Sie ist schon da, wir sind schon mitten darinne; denn worin besteht die Barbarei anders als darin, daß man das Vortreffliche nicht anerkennt.« Der junge Freund erzählt sodann vom Karneval, von der Wahl des neuen Papstes und der gleich hintendrein ausbrechenden Revolution. Wir sehen Horace Vernet, welcher sich ritterlich verschanzet; einige deutsche Künstler dagegen sich ruhig zu Hause halten und ihre Bärte abschneiden, woraus zu bemerken, daß sie sich bei den Römern durch ihr Betragen nicht eben sehr beliebt mögen gemacht haben. Es kommt zur Sprache, ob die Verirrung, wie sie an einigen jungen deutschen Künstlern wahrzunehmen, von einzelnen Personen ausgegangen sei und sich als eine geistige Ansteckung verbreitet habe, oder ob sie in der ganzen Zeit ihren Ursprung gehabt. »Sie ist von wenigen einzelnen ausgegangen«, sagte Goethe, »und wirkt nun schon seit vierzig Jahren fort. Die Lehre war: der Künstler brauche vorzüglich Frömmigkeit und Genie, um es den Besten gleichzutun. Eine solche Lehre war sehr einschmeichelnd, und man ergriff sie mit beiden Händen. Denn um fromm zu sein, brauchte man nichts zu lernen, und das eigene Genie brachte jeder schon von seiner Frau Mutter. Man kann nur etwas aussprechen, was dem Eigendünkel und der Bequemlichkeit schmeichelt, um eines großen Anhanges in der mittelmäßigen Menge gewiß zu sein!« Freitag, den 25. März 1831 Goethe zeigte mir einen eleganten grünen Lehnstuhl, den er dieser Tage in einer Auktion sich hatte kaufen lassen. »Ich werde ihn jedoch wenig oder gar nicht gebrauchen,« sagte er, »denn alle Arten von Bequemlichkeit sind eigentlich ganz gegen meine Natur. Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem alten hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anfügen lassen. Eine Umgebung von bequemen geschmackvollen Meublen hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen behaglichen passiven Zustand. Ausgenommen, daß man von Jugend auf daran gewöhnt sei, sind prächtige Zimmer und elegantes Hausgeräte etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen.« Sonntag, den 27. März 1831 Das heiterste Frühlingswetter ist nach langem Erwarten endlich eingetreten; am durchaus blauen Himmel schwebt nur hin und wieder ein weißes Wölkchen, und es ist warm genug, um wieder in Sommerkleidern zu gehen. Goethe ließ in einem Pavillon am Garten decken, und so aßen wir denn heute wieder im Freien. Wir sprachen über die Großfürstin, wie sie im stillen überall hinwirke und Gutes tue und sich die Herzen aller Untertanen zu eigen mache. »Die Großherzogin«, sagte Goethe, »hat so viel Geist und Güte als guten Willen; sie ist ein wahrer Segen für das Land. Und wie nun der Mensch überhaupt bald empfindet, woher ihm Gutes kommt, und wie er die Sonne verehrt und die übrigen wohltätigen Elemente, so wundert es mich auch nicht, daß alle Herzen sich ihr mit Liebe zuwenden und daß sie schnell erkannt wird, wie sie es verdient.« Ich sagte, daß ich mit dem Prinzen ›Minna von Barnhelm‹ angefangen, und wie vortrefflich mir dieses Stück erscheine. »Man hat von Lessing behauptet,« sagte ich, »er sei ein kalter Verstandesmensch; ich finde aber in diesem Stück so viel Gemüt, liebenswürdige Natürlichkeit, Herz und freie Weltbildung eines heiteren frischen Lebemenschen, als man nur wünschen kann.« »Sie mögen denken,« sagte Goethe, »wie das Stück auf uns jungen Leute wirkte, als es in jener dunkelen Zeit hervortrat! Es war wirklich ein glänzendes Meteor. Es machte uns aufmerksam, daß noch etwas Höheres existiere, als wovon die damalige schwache literarische Epoche einen Begriff hatte. Die beiden ersten Akte sind wirklich ein Meisterstück von Exposition, wovon man viel lernte und wovon man noch immer lernen kann. Heutzutage will freilich niemand mehr etwas von Exposition wissen; die Wirkung, die man sonst im dritten Akt erwartete, will man jetzt schon in der ersten Szene haben, und man bedenkt nicht, daß es mit der Poesie wie mit dem Seefahren ist, wo man erst vom Ufer stoßen und erst auf einer gewissen Höhe sein muß, bevor man mit vollen Segeln gehen kann.« Goethe ließ etwas trefflichen Rheinwein kommen, womit Frankfurter Freunde ihm zu seinem letzten Geburtstag ein Geschenk gemacht. Er erzählte mir dabei einige Anekdoten von Merck, der dem verstorbenen Großherzog nicht habe verzeihen können, daß er in der Ruhl bei Eisenach eines Tages einen mittelmäßigen Wein vortrefflich gefunden. »Merck und ich«, fuhr Goethe fort, »waren immer miteinander wie Faust und Mephistopheles. So mokierte er sich über einen Brief meines Vaters aus Italien, worin dieser sich über die schlechte Lebensweise, das ungewohnte Essen, den schweren Wein und die Moskitos beklagt, und er konnte ihm nicht verzeihen, daß in dem herrlichen Lande und der prächtigen Umgebung ihn so kleine Dinge wie Essen, Trinken und Fliegen hätten inkommodieren können. Alle solche Neckereien gingen bei Merck unstreitig aus dem Fundament einer hohen Kultur hervor; allein da er nicht produktiv war, sondern im Gegenteil eine entschieden negative Richtung hatte, so war er immer weniger zum Lobe bereit, als zum Tadel, und er suchte unwillkürlich alles hervor, um solchem Kitzel zu genügen.« Wir sprachen über Vogel und seine administrativen Talente, sowie über Gille und dessen Persönlichkeit. »Gille«, sagte Goethe, »ist ein Mann für sich, den man mit keinem andern vergleichen kann. Er war der einzige, der mit mir gegen den Unfug der Preßfreiheit stimmte; er steht fest, man kann sich an ihm halten, er wird immer auf der Seite des Gesetzlichen sein.« Wir gingen nach Tisch ein wenig im Garten auf und ab und hatten unsere Freude an den blühenden weißen Schneeglöckchen und gelben Krokus. Auch die Tulpen kamen hervor, und wir sprachen über die Pracht und Kostbarkeit der holländischen Gewächse solcher Art. »Ein großer Blumenmaler«, sagte Goethe, »ist gar nicht mehr denkbar; es wird jetzt zu große wissenschaftliche Wahrheit verlangt und der Botaniker zählt dem Künstler die Staubfäden nach, während er für malerische Gruppierung und Beleuchtung kein Auge hat.« Montag, den 28. März 1831 Ich verlebte heute mit Goethe wieder sehr schöne Stunden. »Mit meiner ›Metamorphose der Pflanzen‹«, sagte er, »habe ich so gut wie abgeschlossen. Dasjenige, was ich über die Spirale und Herrn von Martius noch zu sagen hatte, ist auch so gut wie fertig, und ich habe mich diesen Morgen schon wieder dem vierten Bande meiner Biographie zugewendet und ein Schema von dem geschrieben, was noch zu tun ist. Ich kann es gewissermaßen beneidenswürdig nennen, daß mir noch in meinem hohen Alter vergönnt ist, die Geschichte meiner Jugend zu schreiben, und zwar eine Epoche, die in mancher Hinsicht von großer Bedeutung ist.« Wir sprachen die einzelnen Teile durch, die mir wie ihm vollkommen gegenwärtig waren. »Bei dem dargestellten Liebesverhältnis mit Lili«, sagte ich, »vermißt man Ihre Jugend keineswegs, vielmehr haben solche Szenen den vollkommenen Hauch der frühen Jahre.« »Das kommt daher,« sagte Goethe, »weil solche Szenen poetisch sind und ich durch die Kraft der Poesie das mangelnde Liebesgefühl der Jugend mag ersetzt haben.« Wir gedachten sodann der merkwürdigen Stelle, wo Goethe über den Zustand seiner Schwester redet. »Dieses Kapitel«, sagte er, »wird von gebildeten Frauen mit Interesse gelesen werden; denn es werden viele sein, die meiner Schwester darin gleichen, daß sie bei vorzüglichen geistigen und sittlichen Eigenschaften nicht zugleich das Glück eines schönen Körpers empfinden.« »Daß sie«, sagte ich, »bei bevorstehenden Festlichkeiten und Bällen gewöhnlich von einem Ausschlag im Gesicht heimgesucht wurde, ist etwas so Wunderliches, daß man es der Einwirkung von etwas Dämonischem zuschreiben möchte.« »Sie war ein merkwürdiges Wesen,« sagte Goethe, »sie stand sittlich sehr hoch und hatte nicht die Spur von etwas Sinnlichem. Der Gedanke, sich einem Manne hinzugeben, war ihr widerwärtig, und man mag denken, daß aus dieser Eigenheit in der Ehe manche unangenehme Stunde hervorging. Frauen, die eine gleiche Abneigung haben oder ihre Männer nicht lieben, werden empfinden, was dieses sagen will. Ich konnte daher meine Schwester auch nie als verheiratet denken, vielmehr wäre sie als Äbtissin in einem Kloster recht eigentlich an ihrem Platze gewesen. Und da sie nun, obgleich mit einem der bravsten Männer verheiratet, in der Ehe nicht glücklich war, so widerriet sie so leidenschaftlich meine beabsichtigten Verbindung mit Lili« Dienstag, den 29. März 1831 Wir sprechen heute über Merck, und Goethe erzählte mir noch einige charakteristische Züge. »Der verstorbene Großherzog«, sagte er, »war Mercken sehr günstig, so daß er sich einst für eine Schuld von viertausend Talern für ihn verbürgte. Nun dauerte es nicht langte, so schickte Merck zu unserer Verwunderung die Bürgschaft zurück. Seine Umstände hatten sich nicht verbessert, und es war rätselhaft, welche Art von Negoziation er mochte gemacht haben. Als ich ihn wiedersah, löste er mir das Rätsel in folgenden Worten. ›Der Herzog‹, sagte er, ›ist ein freigebiger, trefflicher Herr, der Zutrauen hat und den Menschen hilft, wo er kann. Nun dachte ich mir: betrügst du diesen Herrn um das Geld, so wirket das nachteilig für tausend andere; denn er wird sein köstliches Zutrauen verlieren, und viele unglückliche gute Menschen werden darunter leiden, daß einer ein schlechter Kerl war. Was habe ich nun getan? Ich habe spekuliert und das Geld von einem Schurken geliehen. Denn wenn ich diesen darum betrüge, so tuts nichts; hätte ich aber den guten Herrn darum betrogen, so wäre es schade gewesen.‹« Wir lachten über die wunderliche Großheit dieses Mannes. »Merck hatte das Eigene,« fuhr Goethe fort, »daß er im Gespräch mitunter he! he! herauszustoßen pflegte. Dieses Angewöhnen steigerte sich, wie er älter wurde, so daß es endlich dem Bellen eines Hundes glich. Er fiel zuletzt in eine tiefe Hypochondrie, als Folge seiner vielen Spekulationen, und endigte damit, sich zu erschießen. Er bildete sich ein, er müsse bankerott machen; allein es fand sich, daß seine Sachen keineswegs so schlecht standen, wie er es sich gedacht hatte.« Mittwoch, den 30. März 1831 Wir reden wieder über das Dämonische. »Es wirft sich gern an bedeutende Figuren,« sagte Goethe; »auch wählt es sich gerne etwas dunkele Zeiten. In einer klaren prosaischen Stadt, wie Berlin, fände es kaum Gelegenheit, sich zu manifestieren.« Goethe sprach hierdurch aus, was ich selber vor einigen Tagen gedacht hatte, welches mir angenehm war, so wie es immer Freude macht, unsere Gedanken bestätigt zu sehen. Gestern und diesen Morgen las ich den dritten Band seiner Biographie, wobei es mir war wie bei einer fremden Sprache, wo wir nach gemachten Fortschritten ein Buch wieder lesen, das wir früher zu verstehen glaubten, das aber erst jetzt in seinen kleinsten Teilen und Nüancen uns entgegentritt. »Ihre Biographie ist ein Buch,« sagte ich, »wodurch wir in unserer Kultur uns auf die entschiedenste Weise gefördert sehen.« »Es sind lauter Resultate meines Lebens,« sagte Goethe, »und die erzählten einzelnen Fakta dienen bloß, um eine allgemeine Beobachtung, eine höhere Wahrheit zu bestätigen.« »Was Sie unter andern von Basedow erwähnten,« sagte ich, »wie er nämlich zur Erreichung höherer Zwecke die Menschen nötig hat und ihre Gunst erwerben möchte, aber nicht bedenkt, daß er es mit allen verderben muß, wenn er so ohne alle Rücksicht seine abstoßenden religiösen Ansichten äußert und den Menschen dasjenige, woran sie mit Liebe hängen, verdächtig macht – solche und ähnliche Züge erscheinen mir von großer Bedeutung.« »Ich dächte,« sagte Goethe, »es steckten darin einige Symbole des Menschenlebens. Ich nannte das Buch ›Wahrheit und Dichtung‹, weil es sich durch höhere Tendenzen aus der Region einer niedern Realität erhebt. Jean Paul hat nun, aus Geist des Widerspruchs, ›Wahrheit‹ aus seinem Leben geschrieben. Als ob die Wahrheit aus dem Leben eines solchen Mannes etwas anderes sein könnte, als daß der Autor ein Philister gewesen! Aber die Deutschen wissen nicht leicht, wie sie etwas Ungewohntes zu nehmen haben, und das Höhere geht oft an ihnen vorüber, ohne daß sie es gewahr werden. Ein Faktum unseres Lebens gilt nicht, insofern es wahr ist, sondern insofern es etwas zu bedeuten hatte.« Donnerstag, den 31. März 1831 Zu Tafel beim Prinzen mit Soret und Meyer. Wir redeten über literarische Dinge, und Meyer erzählte uns seine erste Bekanntschaft mit Schiller. »Ich ging«, sagte er, »mit Goethe in dem sogenannten Paradies bei Jena spazieren, wo Schiller uns begegnete und wo wir zuerst miteinander redeten. Er hatte seinen ›Don Carlos‹ noch nicht beendigt; er war eben aus Schwaben zurückgekehrt und schien sehr krank und an den Nerven leidend. Sein Gesicht glich dem Bilde des Gekreuzigten. Goethe dachte, er würde keine vierzehn Tage leben; allein als er zu größerem Behagen kam, erholte er sich wieder und schrieb dann erst alle seine bedeutenden Sachen.« Meyer erzählte sodann einige Züge von Jean Paul und Schlegel, die er beide in einem Wirtshause zu Heidelberg getroffen, sowie einiges aus seinem Aufenthalte in Italien, heitere Sachen, die uns sehr behagten. In Meyers Nähe wird es mir immer wohl, welches daher kommen mag, daß er ein in sich abgeschlossenes zufriedenes Wesen ist, das von der Umgebung wenig Notiz nimmt und dagegen sein eigenes behagliches Innere in schicklichen Pausen hervorkehrt. Dabei ist er in allem fundiert, besitzt den höchsten Schatz von Kenntnissen und ein Gedächtnis, dem die entferntesten Dinge gegenwärtig sind, als wären sie gestern geschehen. Er hat ein Übergewicht von Verstand, den man fürchten müßte, wenn er nicht auf der edelsten Kultur ruhte; aber so ist seine stille Gegenwart immer angenehm, immer belehrend. Freitag, den 1. April 1831 Mit Goethe zu Tisch in mannigfaltigen Gesprächen. Er zeigte mir ein Aquarellgemälde von Herrn von Reutern, einen jungen Bauern darstellend, der auf dem Markt einer kleinen Stadt bei einer Korb- und Deckenverkäuferin steht. Der junge Mensch sieht die vor ihm liegenden Körbe an, während zwei sitzende Frauen und ein dabeistehendes derbes Mädchen den hübschen jungen Menschen mit Wohlgefallen anblicken. Das Bild komponiert so artig, und der Ausdruck der Figuren ist so wahr und naiv, daß man nicht satt wird es zu betrachten. »Die Aquarellmalerei«, sagte Goethe, »steht in diesem Bilde auf einer sehr hohen Stufe. Nun sagen die einfältigen Menschen, Herr von Reutern habe in der Kunst niemanden etwas zu verdanken, sondern habe alles von sich selber. Als ob der Mensch etwas anderes aus sich selber hätte als die Dummheit und das Ungeschick! Wenn dieser Künstler auch keinen namhaften Meister gehabt, so hat er doch mit trefflichen Meistern verkehrt und hat ihnen und großen Vorgängern und der überall gegenwärtigen Natur das Seinige abgelernt. Die Natur hat ihm ein treffliches Talent gegeben, und Kunst und Natur haben ihn ausgebildet. Er ist vortrefflich und in manchen Dingen einzig, aber man kann nicht sagen, daß er alles von sich selber habe. Von einem durchaus verrückten und fehlerhaften Künstler ließe sich allenfalls sagen, er habe alles von sich selber, allein von einem trefflichen nicht.« Goethe zeigte mir darauf, von demselbigen Künstler, einen reich mit Gold und bunten Farben gemalten Rahmen mit einer in der Mitte freigelassenen Stelle zu einer Inschrift. Oben sah man ein Gebäude im gotischen Stil; reiche Arabesken, mit eingeflochtenen Landschaften und häuslichen Szenen, liefen zu beiden Seiten hinab; unten schloß eine anmutige Waldpartie mit dem frischesten Grün und Rasen. »Herr von Reutern wünscht,« sagte Goethe, »daß ich ihm in die freigelassene Stelle etwas hineinschreibe; allein sein Rahmen ist so prächtig und kunstreich, daß ich mit meiner Handschrift das Bild zu verderben fürchte. Ich habe zu diesem Zweck einige Verse gedichtet und schon gedacht, ob es nicht besser sei, sie durch die Hand eines Schönschreibers eintragen zu lassen. Ich wollte es dann eigenhändig unterschreiben. Was sagen Sie dazu, und was raten Sie mir?« »Wenn ich Herr von Reutern wäre.« sagte ich, »so würde ich unglücklich sein, wenn das Gedicht in einer fremden Handschrift käme, aber glücklich, wenn es von Ihrer eigenen Hand geschrieben wäre. Der Maler hat Kunst genug in der Umgebung entwickelt, in der Schrift braucht keine zu sein, es kommt bloß darauf an, daß sie echt, daß sie die Ihrige sei. Und dann rate ich sogar, es nicht mit lateinischen, sondern mit deutschen Lettern zu schreiben, weil Ihre Hand darin mehr eigentümlichen Charakter hat und es auch besser zu der gotischen Umgebung paßt.« »Sie mögen recht haben,« sagte Goethe, »und es ist am Ende der kürzeste Weg, daß ich so tue. Vielleicht kommt mir in diesen Tagen ein mutiger Augenblick, daß ich es wage. Wenn ich aber auf das schöne Bild einen Klecks mache,« fügte er lachend hinzu, »so mögt Ihr es verantworten.« »Schreiben Sie nur,« sagte ich, »es wird recht sein, wie es auch werde.« Dienstag, den 5. April 1831 Mittags mit Goethe. »In der Kunst«, sagte er, »ist mir nicht leicht ein erfreulicheres Talent vorgekommen als das von Neureuther. Es beschränkt sich selten ein Künstler auf das, was er vermag, die meisten wollen mehr tun, als sie können, und gehen gar zu gern über den Kreis hinaus, den die Natur ihrem Talente gesetzt hat. Von Neureuther jedoch läßt sich sagen, daß er über seinem Talent stehe. Die Gegenstände aus allen Reichen der Natur sind ihm geläufig, er zeichnet ebensowohl Gründe, Felsen und Bäume, wie Tiere und Menschen; Erfindung, Kunst und Geschmack besitzt er im hohen Grade, und indem er eine solche Fülle in leichten Randzeichnungen gewissermaßen vergeudet, scheint er mit seinen Fähigkeiten zu spielen, und es geht auf den Beschauer das Behagen über, welches die bequeme freie Spende eines reichen Vermögens immer zu begleiten pflegt. In Randzeichnungen hat es auch niemand zu der Höhe gebracht wie er, und selbst das große Talent von Albrecht Dürer war ihm darin weniger ein Muster als eine Anregung. Ich werde«, fuhr Goethe fort, »ein Exemplar dieser Zeichnungen von Neureuther an Herrn Carlyle nach Schottland senden, und hoffe, jenem Freunde damit kein unwillkommenes Geschenk zu machen.« Montag, den 2. Mai 1831 Goethe erfreute mich mit der Nachricht, daß es ihm in diesen Tagen gelungen, den bisher fehlenden Anfang des fünften Aktes von ›Faust‹ so gut wie fertig zu machen. »Die Intention auch dieser Szenen«, sagte er, »ist über dreißig Jahre alt; sie war von solcher Bedeutung, daß ich daran das Interesse nicht verloren, allein so schwer auszuführen, daß ich mich davor fürchtete. Ich bin nun durch manche Künste wieder in Zug gekommen, und wenn das Glück gut ist, so schreibe ich jetzt den vierten Akt hintereinander weg.« Bei Tisch sprach Goethe mit mir über Börne. »Es ist ein Talent,« sagte er, »dem der Parteihaß als Alliance dient, und das ohne ihn keine Wirkung getan haben würde. Man findet häufige Proben in der Literatur, wo der Haß das Genie ersetzet, und wo geringe Talente bedeutend erscheinen, indem sie als Organ einer Partei auftreten. So auch findet man im Leben eine Masse von Personen, die nicht Charakter genug haben, um alleine zu stehen; diese werfen sich gleichfalls an eine Partei, wodurch sie sich gestärkt fühlen und nun eine Figur machen. Béranger dagegen ist ein Talent, das sich selber genug ist. Er hat daher auch nie einer Partei gedient. Er empfindet zu viele Satisfaktion in seinem Innern, als daß ihm die Welt etwas geben oder nehmen könnte.« Sonntag, den 15. Mai 1831 Mit Goethe in seiner Arbeitsstube alleine zu Tisch. Nach manchen heiteren Unterhaltungen brachte er zuletzt das Gespräch auf seine persönlichen Angelegenheiten, indem er aufstand und von seinem Pulte ein beschriebenes Papier nahm. »Wenn einer, wie ich, über die achtzig hinaus ist,« sagte er, »hat er kaum noch ein Recht zu leben; er muß jeden Tag darauf gefaßt sein, abgerufen zu werden, und daran denken, sein Haus zu bestellen. Ich habe, wie ich Ihnen schon neulich eröffnete, Sie in meinem Testament zum Herausgeber meines literarischen Nachlasses ernannt und habe diesen Morgen, als eine Art von Kontrakt, eine kleine Schrift aufgesetzt, die Sie mit mir unterzeichnen sollen.« Mit diesen Worten legte Goethe mir den Aufsatz vor, worin ich die nach seinem Tode herauszugebenden, teils vollendeten, teils noch nicht vollendeten Schriften namentlich aufgeführt und überhaupt die näheren Bestimmungen und Bedingungen ausgesprochen fand. Ich war im wesentlichen einverstanden, und wir unterzeichneten darauf beiderseitig. Das benannte Material, mit dessen Redaktion ich mich bisher schon von Zeit zu Zeit beschäftigt hatte, schätzte ich zu etwa funfzehn Bänden; wir besprachen darauf einzelne noch nicht ganz entschiedene Punkte. »Es könnte der Fall eintreten,« sagte Goethe, »daß der Verleger über eine gewisse Bogenzahl hinauszugehen Bedenken trüge, und daß demnach von dem mitteilbaren Material verschiedenes zurückbleiben müßte. In diesem Fall könnten Sie etwa den polemischen Teil der ›Farbenlehre‹ weglassen. Meine eigentliche Lehre ist in dem theoretischen Teile enthalten, und da nun auch schon der historische vielfach polemischer Art ist, so daß die Hauptirrtümer der Newtonischen Lehre darin zur Sprache kommen, so wäre des Polemischen damit fast genug. Ich desavouiere meine etwas scharfe Zergliederung der Newtonischen Sätze zwar keineswegs, sie war zu ihrer Zeit notwendig und wird auch in der Folge ihren Wert behalten; allein im Grunde ist alles polemische Wirken gegen meine eigentliche Natur, und ich habe daran wenig Freude.« Ein zweiter Punkt, der von uns näher besprochen wurde, waren die Maximen und Reflexionen, die am Ende des zweiten und dritten Teiles der ›Wanderjahre‹ abgedruckt stehen. Bei der begonnenen Umarbeitung und Vervollständigung dieses früher in einem Bande erschienen Romans hatte Goethe nämlich seinen Anschlag auf zwei Bände gemacht, wie auch in der Ankündigung der neuen Ausgabe der sämtlichen Werke gedruckt steht. Im Fortgange der Arbeit jedoch wuchs ihm das Manuskript über die Erwartung, und da sein Schreiber etwas weitläufig geschrieben, so täuschte sich Goethe und glaubte, statt zu zwei Bänden zu dreien genug zu haben, und das Manuskript ging in drei Bänden an die Verlagshandlung ab. Als nun aber der Druck bis zu einem gewissen Punkte gediehen war, fand es sich, daß Goethe sich verrechnet hatte, und daß besonders die beiden letzten Bände zu klein ausfielen. Man bat um weiteres Manuskript, und da nun in dem Gang des Romans nichts mehr geändert, auch in dem Drange der Zeit keine neue Novelle mehr erfunden, geschrieben und eingeschaltet werden konnte, so befand sich Goethe wirklich in einiger Verlegenheit. Unter diesen Umständen ließ er mich rufen; er erzählte mir den Hergang und eröffnete mir zugleich, wie er sich zu helfen gedenke, indem er mir zwei starke Manuskriptbündel vorlegte, die er zu diesem Zweck hatte herbeiholen lassen. »In diesen beiden Paketen«, sagte er, »werden Sie verschiedene bisher ungedruckte Schriften finden, Einzelnheiten, vollendete und unvollendete Sachen, Aussprüche über Naturforschung, Kunst, Literatur und Leben, alles durcheinander. Wie wäre es nun, wenn Sie davon sechs bis acht gedruckte Bogen zusammenredigierten, um damit vorläufig die Lücke der ›Wanderjahre‹ zu füllen. Genau genommen gehört es zwar nicht dahin, allein es läßt sich damit rechtfertigen, daß bei Makarien von einem Archiv gesprochen wird, worin sich dergleichen Einzelnheiten befinden. Wir kommen dadurch für den Augenblick über eine große Verlegenheit hinaus und haben zugleich den Vorteil, durch dieses Vehikel eine Masse sehr bedeutender Dinge schicklich in die Welt zu bringen.« Ich billigte den Vorschlag und machte mich sogleich an die Arbeit und vollendete die Redaktion solcher Einzelnheiten in weniger Zeit. Goethe schien sehr zufrieden. Ich hatte das Ganze in zwei Hauptmassen zusammengestellt; wir gaben der einen den Titel »Aus Makariens Archiv«, und der anderen die Aufschrift »Im Sinne der Wanderer«, und da Goethe gerade zu dieser Zeit zwei bedeutende Gedichte vollendet hatte, eins »Auf Schillers Schädel«, und ein anderes: »Kein Wesen kann zu nichts zerfallen«, so hatte er den Wunsch, auch diese Gedichte sogleich in die Welt zu bringen, und wir fügten sie also dem Schlusse der beiden Abteilungen an. Als nun aber die ›Wanderjahre‹ erschienen, wußte niemand. wie ihm geschah. Den Gang des Romans sah man durch eine Menge rätselhafter Sprüche unterbrochen, deren Lösung nur von Männern vom Fach, d. h. von Künstlern, Naturforschern und Literatoren zu erwarten war, und die allen übrigen Lesern, zumal Leserinnen, sehr unbequem fallen mußten. Auch wurden die beiden Gedichte so wenig verstanden, als es geahnet werden konnte, wie sie nur möchten an solche Stellen gekommen sein. Goethe lachte dazu. »Es ist nun einmal geschehen,« sagte er heute, »und es bleibt jetzt weiter nichts, als daß Sie bei Herausgabe meines Nachlasses diese einzelnen Sachen dahin stellen, wohin sie gehören; damit sie, bei einem abermaligen Abdruck meiner Werke, schon an ihrem Orte verteilt stehen, und die ›Wanderjahre‹ sodann, ohne die Einzelnheiten und die beiden Gedichte, in zwei Bänden zusammenrücken mögen, wie anfänglich die Intention war.« Wir wurden einig, daß ich alle auf Kunst bezüglichen Aphorismen in einen Band über Kunstgegenstände, alle auf die Natur bezüglichen in einen Band über Naturwissenschaften im allgemeinen, sowie alles Ethische und Literarische in einen gleichfalls passenden Band dereinst zu verteilen habe. Mittwoch, den 25. [Montag, den 23.] Mai 1831 Wir sprachen über ›Wallensteins Lager‹. Ich hatte nämlich häufig erwähnen hören, daß Goethe an diesem Stücke teilgehabt, und daß besonders die Kapuzinerpredigt von ihm herrühre. Ich fragte ihn deshalb heute bei Tisch, und er gab mir folgende Antwort. »Im Grunde«, sagte er, »ist alles Schillers eigene Arbeit. Da wir jedoch in so engem Verhältnis miteinander lebten, und Schiller mir nicht allein den Plan mitteilte und mit mir durchsprach, sondern auch die Ausführung, so wie sie täglich heranwuchs, kommunizierte und meine Bemerkungen hörte und nutzte, so mag ich auch wohl daran einigen Teil haben. Zu der Kapuzinerpredigt schickte ich ihm die Reden des Abraham a Sancta Clara, woraus er denn sogleich jene Predigt mit großem Geiste zusammenstellte. Daß einzelne Stellen von mir herrühren, erinnere ich mich kaum, außer jenen zwei Versen: Ein Hauptmann, den ein andrer erstach, Ließ mir ein paar glückliche Würfel nach. Denn da ich gerne motiviert wissen wollte, wie der Bauer zu den falschen Würfeln gekommen, so schrieb ich diese Verse eigenhändig in das Manuskript hinein. Schiller hatte daran nicht gedacht, sondern in seiner kühnen Art dem Bauer geradezu die Würfel gegeben, ohne viel zu fragen, wie er dazu gekommen. Ein sorgfältiges Motivieren war, wie ich schon gesagt, nicht seine Sache, woher denn auch die größere Theaterwirkung seiner Stücke kommen mag.« Sonntag, den 29. Mai 1831 Goethe erzählte mir von einem Knaben, der sich über einen begangenen kleinen Fehler nicht habe beruhigen können. »Es war mir nicht lieb, dieses zu bemerken,« sagte er, »denn es zeugt von einem zu zarten Gewissen, welches das eigene moralische Selbst so hoch schätzet, daß es ihm nichts verzeihen will. Ein solches Gewissen macht hypochondrische Menschen, wenn es nicht durch eine große Tätigkeit balanciert wird.« Man hatte mir in diesen Tagen ein Nest junger Grasemücken gebracht, nebst einem der Alten, den man in Leimruten gefangen. Nun hatte ich zu bewundern, wie der Vogel nicht allein im Zimmer fortfuhr seine Jungen zu füttern, sondern wie er sogar, aus dem Fenster freigelassen, wieder zu den Jungen zurückkehrte. Eine solche, Gefahr und Gefangenschaft überwindende, elterliche Liebe rührte mich innig, und ich äußerte mein Erstaunen darüber heute gegen Goethe. »Närrischer Mensch!« antwortete er mir lächelnd bedeutungsvoll, »wenn Ihr an Gott glaubtet, so würdet Ihr Euch nicht verwundern. Ihm ziemts, die Welt im Innern zu bewegen, Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, So daß, was in Ihm lebt und webt und ist, Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt. Beseelte Gott den Vogel nicht mit diesem allmächtigen Trieb gegen seine Jungen, und ginge das gleiche nicht durch alles Lebendige der ganzen Natur, die Welt würde nicht bestehen können! – So aber ist die göttliche Kraft überall verbreitet und die ewige Liebe überall wirksam.« Eine ähnliche Äußerung tat Goethe vor einiger Zeit, als ihm von einem jungen Bildhauer das Modell von Myrons Kuh mit dem saugenden Kalbe gesendet wurde. »Hier«, sagte er, »haben wir einen Gegenstand der höchsten Art; das die Welt erhaltende, durch die ganze Natur gehende, ernährende Prinzip ist uns hier in einem schönen Gleichnis vor Augen; dieses und ähnliche Bilder nenne ich die wahren Symbole der Allgegenwart Gottes.« Montag, den 6. Juni 1831 Goethe zeigte mir heute den bisher noch fehlenden Anfang des fünften Aktes von ›Faust‹. Ich las bis zu der Stelle, wo die Hütte von Philemon und Baucis verbrannt ist, und Faust in der Nacht, auf dem Balkon seines Palastes stehend, den Rauch riecht, den ein leiser Wind ihm zuwehet. »Die Namen Philemon und Baucis«, sagte ich, »versetzen mich an die phrygische Küste und lassen mich jenes berühmten altertümlichen Paares gedenken; aber doch spielet unsere Szene in der neueren Zeit und in einer christlichen Landschaft.« »Mein Philemon und Baucis«, sagte Goethe, »hat mit jenem berühmten Paare des Altertums und der sich daran knüpfenden Sage nichts zu tun. Ich gab meinem Paare bloß jene Namen, um die Charaktere dadurch zu heben. Es sind ähnliche Personen und ähnliche Verhältnisse, und da wirken denn die ähnlichen Namen durchaus günstig.« Wir redeten sodann über den Faust, den das Erbteil seines Charakters, die Unzufriedenheit, auch im Alter nicht verlassen hat und den, bei allen Schätzen der Welt und in einem selbstgeschaffenen neuen Reiche, ein paar Linden, eine Hütte und ein Glöckchen genieren, die nicht sein sind. Er ist darin dem isrealitischen König Ahab nicht unähnlich, der nichts zu besitzen wähnte, wenn er nicht auch den Weinberg Naboths hätte. »Der Faust, wie er im fünften Akt erscheint,« sagte Goethe ferner, »soll nach meiner Intention gerade hundert Jahre alt sein, und ich bin nicht gewiß, ob es nicht etwa gut wäre, dieses irgendwo ausdrücklich zu bemerken.« Wir sprachen sodann über den Schluß, und Goethe machte mich auf die Stelle aufmerksam, wo es heißt: Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen: Wer immer strebend sich bemüht, Den können wir erlösen, Und hat an ihm die Liebe gar Von oben teilgenommen, Begegnet ihm die selige Schar Mit herzlichem Willkommen. »In diesen Versen«, sagte er, »ist der Schlüssel zu Fausts Rettung enthalten: in Faust selber eine immer höhere und reinere Tätigkeit bis ans Ende, und von oben die ihm zu Hülfe kommende ewige Liebe. Es steht dieses mit unserer religiösen Vorstellung durchaus in Harmonie, nach welcher wir nicht bloß durch eigene Kraft selig werden, sondern durch die hinzukommende göttliche Gnade. Übrigens werden Sie zugeben, daß der Schluß, wo es mit der geretteten Seele nach oben geht, sehr schwer zu machen war und daß ich, bei so übersinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen, mich sehr leicht im Vagen hätte verlieren können, wenn ich nicht meinen poetischen Intentionen durch die scharf umrissenen christlich-kirchlichen Figuren und Vorstellungen eine wohltätig beschränkende Form und Festigkeit gegeben hätte.«   Den noch fehlenden vierten Akt vollendete Goethe darauf in den nächsten Wochen, so daß im August der ganze zweite Teil geheftet und vollkommen fertig dalag. Dieses Ziel, wonach er so lange gestrebt, endlich erreicht zu haben, machte Goethe überaus glücklich. »Mein ferneres Leben«, sagte er, »kann ich nunmehr als ein reines Geschenk ansehen, und es ist jetzt im Grunde ganz einerlei, ob und was ich noch etwa tue.« Mittwoch, den 21. Dezember 1831 Mit Goethe zu Tisch. Wir sprachen, woher es gekommen, daß seine ›Farbenlehre‹ sich so wenig verbreitet habe. »Sie ist sehr schwer zu überliefern,« sagte er, »denn sie will, wie Sie wissen, nicht bloß gelesen und studiert, sondern sie will getan sein, und das hat seine Schwierigkeit. Die Gesetze der Poesie und Malerei sind gleichfalls bis auf einen gewissen Grad mitzuteilen, allein um ein guter Poet und Maler zu sein, bedarf es Genie, das sich nicht überliefern läßt. Ein einfaches Urphänomen aufzunehmen, es in seiner hohen Bedeutung zu erkennen und damit zu wirken, erfordert einen produktiven Geist, der vieles zu übersehen vermag, und ist eine seltene Gabe, die sich nur bei ganz vorzüglichen Naturen findet. Und auch damit ist es noch nicht getan. Denn wie einer mit allen Regeln und allem Genie noch kein Maler ist, sondern wie eine unausgesetzte Übung hinzukommen muß, so ist es auch bei der Farbenlehre nicht genug, daß einer die vorzüglichsten Gesetze kenne und den geeigneten Geist habe, sondern er muß sich immerfort mit den einzelnen oft sehr geheimnisvollen Phänomenen und ihrer Ableitung und Verknüpfung zu tun machen. »So wissen wir z. B. im allgemeinen recht gut, daß die grüne Farbe durch eine Mischung des Gelben und Blauen entsteht: allein bis einer sagen kann, er begreife das Grün des Regenbogens, oder das Grün des Laubes, oder das Grün des Meerwassers, dieses erfordert ein so allseitiges Durchschreiten des Farbenreiches und eine daraus entspringende solche Höhe von Einsicht, zu welcher bis jetzt kaum jemand gelangt ist.« Zum Nachtisch betrachteten wir darauf einige Landschaften von Poussin. »Diejenigen Stellen,« sagte Goethe bei dieser Gelegenheit, »worauf der Maler das höchste Licht fallen läßt, lassen kein Detail in der Ausführung zu; weshalb denn Wasser, Felsstücke, nackter Erdboden und Gebäude für solche Träger des Hauptlichtes die günstigsten Gegenstände sind. Dinge dagegen, die in der Zeichnung ein größeres Detail erfordern, kann der Künstler nicht wohl an solchen Lichtstellen gebrauchen. Ein Landschaftsmaler«, sagte Goethe ferner, »muß viele Kenntnisse haben. Es ist nicht genug, daß er Perspektive, Architektur und die Anatomie des Menschen und der Tiere verstehe, sondern er muß sogar auch einige Einsichten in die Botanik und Mineralogie besitzen. Erstere, damit er das Charakteristische der Bäume und Pflanzen, und letztere, damit er den Charakter der verschiedenen Gebirgsarten gehörig auszudrücken verstehe. Doch ist deshalb nicht nötig, daß er ein Mineralog vom Fache sei, indem er es vorzüglich nur mit Kalk-, Tonschiefer- und Sandsteingebirgen zu tun hat und er nur zu wissen braucht, in welchen Formen es liegt, wie es sich bei der Verwitterung spaltet, und welche Baumarten darauf gedeihen oder verkrüppeln.« Goethe zeigte mir sodann einige Landschaften von Hermann von Schwanefeld, wobei er über die Kunst und Persönlichkeit dieses vorzüglichen Menschen verschiedenes aussprach. »Man findet bei ihm«, sagte er, »die Kunst als Neigung und die Neigung als Kunst, wie bei keinem andern. Er besitzt eine innige Liebe zur Natur und einen göttlichen Frieden, der sich uns mitteilt, wenn wir seine Bilder betrachten. In den Niederlanden geboren, studierte er in Rom unter Claude Lorrain, durch welchen Meister er sich auf das vollkommenste ausbildete und seine schöne Eigentümlichkeit auf das freieste entwickelte.« Wir schlugen darauf in einem Künstlerlexikon nach, um zu sehen, was über Hermann von Schwanefeld gesagt ward, wo man ihm denn vorwarf, daß er seinen Meister nicht erreicht habe. »Die Narren!« sagte Goethe. »Schwanefeld war ein anderer als Claude Lorrain, und dieser kann nicht sagen, daß er ein besserer gewesen. Wenn man aber weiter nichts vom Leben hätte, als was unsere Biographen und Lexikonschreiber von uns sagen, so wäre es ein schlechtes Metier und überhaupt nicht der Mühe wert.«   Am Schlusse dieses und zu Anfange des nächsten Jahres wandte sich Goethe ganz wieder seinen Lieblingsstudien, den Naturwissenschaften, zu und beschäftigte sich, teils auf Anregung von Boisserée, mit fernerer Ergründung der Gesetze des Regenbogens, sowie besonders auch, aus Teilnahme an dem Streit zwischen Cuvier und Saint-Hilaire, mit Gegenständen der Metamorphose der Pflanzen- und Tierwelt. Auch redigierte er mit mir gemeinschaftlich den historischen Teil der ›Farbenlehre‹, sowie er auch an einem Kapitel über die Mischung der Farben innigen Anteil nahm, das ich auf seine Anregung, um in den theoretischen Band aufgenommen zu werden, bearbeitete. Es fehlte in dieser Zeit nicht an mannigfachen interessanten Unterhaltungen und geistreichen Äußerungen seinerseits. Allein, wie er in völliger Kraft und Frische mir täglich vor Augen war, so dachte ich, es würde immer so fortgehen, und war in Auffassung seiner Worte gleichgültiger als billig, bis es denn endlich zu spät war und ich am 22. März 1832 mit Tausenden von edlen Deutschen seinen unersetzlichen Verlust zu beweinen hatte. Folgendes notierte ich nicht lange darauf aus der nächsten Erinnerung.   Anfangs März [?] 1832 Goethe erzählte bei Tisch, daß der Baron Karl von Spiegel ihn besucht, und daß er ihm über die Maßen wohl gefallen. »Er ist ein sehr hübscher junger Mann,« sagte Goethe; »er hat in seiner Art, in seinem Benehmen ein Etwas, woran man sogleich den Edelmann erkennet. Seine Abkunft könnte er ebensowenig verleugnen, als jemand einen höheren Geist verleugnen könnte. Denn beides, Geburt und Geist, geben dem, der sie einmal besitzet, ein Gepräge, das sich durch kein Inkognito verbergen läßt. Es sind Gewalten wie die Schönheit, denen man nicht nahe kommen kann, ohne zu empfinden, daß sie höherer Art sind.«   Einige Tage später Wir sprachen über die tragische Schicksalsidee der Griechen. »Dergleichen«, sagte Goethe, »ist unserer jetzigen Denkungsweise nicht mehr gemäß, es ist veraltet und überhaupt mit unseren religiösen Vorstellungen in Widerspruch. Verarbeitet ein moderner Poet solche frühere Ideen zu einem Theaterstück, so sieht es immer aus wie eine Art von Affektation. Es ist ein Anzug, der längst aus der Mode gekommen ist, und der uns, gleich der römischen Toga, nicht mehr zu Gesichte steht. Wir Neueren sagen jetzt besser mit Napoleon: die Politik ist das Schicksal. Hüten wir uns aber mit unseren neuesten Literatoren zu sagen, die Politik sei die Poesie , oder sie sei für den Poeten ein passender Gegenstand. Der englische Dichter Thomson schrieb ein sehr gutes Gedicht über die Jahreszeiten, allein ein sehr schlechtes über die Freiheit, und zwar nicht aus Mangel an Poesie im Poeten, sondern aus Mangel an Poesie im Gegenstande. Sowie ein Dichter politisch wirken will, muß er sich einer Partei hingeben, und sowie er dieses tut, ist er als Poet verloren; er muß seinem freien Geiste, seinem unbefangenen Überblick Lebewohl sagen und dagegen die Kappe der Borniertheit und des blinden Hasses über die Ohren ziehen. Der Dichter wird als Mensch und Bürger sein Vaterland lieben, aber das Vaterland seiner poetischen Kräfte und seines poetischen Wirkens ist das Gute, Edle und Schöne, das an keine besondere Provinz und an kein besonderes Land gebunden ist, und das er ergreift und bildet, wo er es findet. Er ist darin dem Adler gleich, der mit freiem Blick über Ländern schwebt und dem es gleichviel ist, ob der Hase, auf den er hinabschießt, in Preußen oder in Sachsen läuft. Und was heißt denn: sein Vaterland lieben, und was heißt denn: patriotisch wirken? Wenn ein Dichter lebenslänglich bemüht war, schädliche Vorurteile zu bekämpfen, engherzige Ansichten zu beseitigen, den Geist seines Volkes aufzuklären, dessen Geschmack zu reinigen und dessen Gesinnungs- und Denkweise zu veredeln, was soll er denn da Besseres tun? und wie soll er denn da patriotischer wirken? – An einen Dichter so ungehörige und undankbare Anforderungen zu machen, wäre ebenso, als wenn man von einem Regimentschef verlangen wolle: er müsse, um ein rechter Patriot zu sein, sich in politische Neuerungen verflechten und darüber seinen nächsten Beruf vernachlässigen. Das Vaterland eines Regimentschefs aber ist sein Regiment , und er wird ein ganz vortrefflicher Patriot sein, wenn er sich um politische Dinge gar nicht bemüht, als soweit sie ihn angehen, und wenn er dagegen seinen ganzen Sinn und seine ganze Sorge auf die ihm untergebenen Bataillons richtet und sie so gut einzuexerzieren und in so guter Zucht und Ordnung zu erhalten sucht, daß sie, wenn das Vaterland einst in Gefahr kommt, als tüchtige Leute ihren Mann stehen. Ich hasse alle Pfuscherei wie die Sünde, besonders aber die Pfuscherei in Staatsangelegenheiten, woraus für Tausende und Millionen nichts als Unheil hervorgeht. Sie wissen, ich bekümmere mich im ganzen wenig um das, was über mich geschrieben wird, aber es kommt mir doch zu Ohren, und ich weiß recht gut, daß, so sauer ich es mir auch mein lebelang habe werden lassen, all mein Wirken in den Augen gewisser Leute für nichts geachtet wird, eben weil ich verschmäht habe, mich in politische Parteiungen zu mengen. Um diesen Leuten recht zu sein, hätte ich müssen Mitglied eines Jakobinerklubs werden und Mord und Blutvergießen predigen! – Doch kein Wort mehr über diesen schlechten Gegenstand, damit ich nicht unvernünftig werde, indem ich das Unvernünftige bekämpfe.« Gleicherweise tadelte Goethe die von anderen so sehr gepriesene politische Richtung in Uhland. »Geben Sie acht,« sagte er, »der Politiker wird den Poeten aufzehren. Mitglied der Stände sein und in täglichen Reibungen und Aufregungen leben, ist keine Sache für die zarte Natur eines Dichters. Mit seinem Gesange wird es aus sein, und das ist gewissermaßen zu bedauern. Schwaben besitzt Männer genug, die hinlänglich unterrichtet, wohlmeinend, tüchtig und beredt sind, um Mitglied der Stände zu sein, aber es hat nur einen Dichter der Art wie Uhland.«   Der letzte Fremde, den Goethe gastfreundlich bei sich bewirtete, war der älteste Sohn der Frau von Arnim; das Letzte, was er geschrieben, waren einige Verse in das Stammbuch des gedachten jungen Freundes.   Am andern Morgen nach Goethes Tode ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloß mir das Zimmer auf, wo man ihn hingelegt hatte. Auf dem Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender: tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhaben-edlen Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht verhinderte mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Bettuch gehüllet, große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und sanft muskulös, die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, daß der unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf sein Herz – es war überall eine tiefe Stille – und ich wendete mich abwärts, um meinen verhaltenen Tränen freien Lauf zu lassen. Dritter Teil Vorrede Indem ich endlich diesen längst versprochenen dritten Teil meiner »Gespräche mit Goethe« abgeschlossen vor mir sehe, beglückt mich das freudige Gefühl überwundener großer Hindernisse. Mein Fall war sehr schwierig. Er glich dem eines Schiffers, der nicht mit dem Winde segeln kann, der heute weht, sondern mit großer Geduld oft wochen- und monatelang einen Fahrwind erwarten muß, wie er vor Jahren geweht hat. – Als ich so glücklich war, die beiden ersten Teile zu schreiben, konnte ich gewissermaßen mit gutem Winde gehen, weil mir damals das frischgesprochene Wort noch in den Ohren klang und der lebendige Verkehr mit jenem wunderbaren Manne mich in dem Element einer Begeisterung erhielt, wodurch ich mich zum Ziele getragen fühlte wie auf Flügeln. Jetzt aber, wo jene Stimme schon seit so viel Jahren verstummt ist und das Glück jener persönlichen Berührungen so weit hinter mir liegt, konnte ich die so nötige Begeisterung nur in solchen Stunden erlangen, wo es mir vergönnt war, in mein eigenes Innere zu gehen und in ungestörter Vertiefung das Vergangene wieder zu frischen Farben zu beleben, wo es denn anfing, sich zu regen, und ich große Gedanken und große Charakterzüge vor mir liegen sah, gleich Gebirgen, fernen zwar, aber deutlich und wie von der Sonne des wirklichen Tages beschienen. So kam mir denn die Begeisterung aus der Freude am Großen; das einzelne des Ideenganges und mündlichen Ausdrucks ward wieder frisch, als ob ich es gestern erlebt hätte. Der lebendige Goethe war wieder da; ich hörte wieder den besonderen lieben Klang seiner Stimme, die mit keines anderen zu vergleichen. Ich sah ihn wieder abends in schwarzem Frack und Stern bei heller Erleuchtung seiner Zimmer in geselligem Kreise scherzen und lachen und heiteres Gespräch führen. Dann anderen Tages bei schönem Wetter war er im Wagen neben mir, im braunen Oberrock und blauer Tuchmütze, den hellgrauen Mantel über seine Kniee gelegt. Seine Gesichtsfarbe braun-gesund wie die frische Luft; sein Gespräch geistreich in die freie Welt hinein, das Geräusch des Wagens übertönend. Oder ich sah mich abends bei stillem Kerzenlicht wieder in sein Studierzimmer versetzt, wo er im weißen flanellenen Schlafrock am Tische mir gegenübersaß, milde wie die Stimmung eines gut verlebten Tages. Wir sprachen über große und gute Dinge, er kehrte das Edelste, was in seiner Natur lag, mir entgegen; mein Geist entzündete sich an dem seinigen. Es war zwischen uns die innigste Harmonie; er reichte mir über den Tisch herüber seine Hand, die ich drückte. Dann ergriff ich wohl ein neben mir stehendes gefülltes Glas, das ich, ohne etwas zu sagen, ihm zutrank, indem meine Blicke über den Wein hin in seinen Augen ruhten. So war ich ihm in voller Lebendigkeit wieder zugesellt, und seine Worte klangen wieder wie ehemals. Aber wie es auch sonst im Leben zu gehen pflegt, daß wir wohl eines geliebten Toten gedenken, doch bei dem Geräusch des fordernden Tages oft wochen- und monatelang nur flüchtig, und daß die stillen Augenblicke einer solchen Vertiefung, wo wir ein vor uns dahingegangenes Geliebte in der ganzen Frische des Lebens wieder zu besitzen glauben, zu den seltenen schönen Stunden gehören, so erging es mir auch mit Goethe. Es vergingen oft Monate, wo meine Seele, durch Berührungen des täglichen Lebens hingenommen, für ihn tot war und er meinem Geiste mit keinem Worte zusprach. Und wiederum traten andere Wochen und Monate unfruchtbarer Stimmung ein, wo in meinem Gemüt nichts keimen und nichts blühen wollte. Solche nichtige Zeiten mußte ich mit großer Geduld nutzlos vorübergehen lassen, denn das in solchen Zuständen Geschriebene wäre nichts wert gewesen. Ich mußte vom guten Glück die Wiederkehr von Stunden erwarten, wo das Vergangene mir in voller Lebendigkeit gegenwärtig und mein Inneres an geistiger Kraft und sinnlichem Behagen auf einer Höhe stand, um zur Einkehr Goethescher Gedanken und Empfindungen eine würdige Behausung zu sein. Denn ich hatte es mit einem Helden zu tun, den ich nicht durfte sinken lassen. In der ganzen Milde der Gesinnung, in der vollen Klarheit und Kraft des Geistes und in der gewohnten Würde einer hohen Persönlichkeit mußte er erscheinen, um wahr zu sein – und das war keineswegs etwas Geringes! Mein Verhältnis zu ihm war eigentümlicher Art und sehr zarter Natur. Es war das des Schülers zum Meister, das des Sohnes zum Vater, das des Bildungsbedürftigen zum Bildungsreichen. Er zog mich in seine Kreise und ließ mich an den geistigen und leiblichen Genüssen eines höheren Daseins teilnehmen. Oft sah ich ihn nur alle acht Tage, wo ich ihn in den Abendstunden besuchte; oft auch jeden Tag, wo ich mittags mit ihm, bald in größerer Gesellschaft, bald tête-à-tête zu Tisch zu sein das Glück hatte. Seine Unterhaltung war mannigfaltig wie seine Werke. Er war immer derselbige und immer ein anderer. Bald okkupierte ihn irgendeine große Idee, und seine Worte quollen reich und unerschöpflich. Sie glichen oft einem Garten im Frühling, wo alles in Blüte stand und man, von dem allgemeinen Glanz geblendet, nicht daran dachte, sich einen Strauß zu pflücken. Zu anderen Zeiten dagegen fand man ihn stumm und einsilbig, als lagerte ein Nebel auf seiner Seele; ja es konnten Tage kommen, wo es war, als wäre er voll eisiger Kälte und als striche ein scharfer Wind über Reif- und Schneefelder. Und wiederum, wenn man ihn sah, war er wieder wie ein lachender Sommertag, wo alle Sänger des Waldes uns aus Büschen und Hecken entgegenjubeln, der Kuckuk durch blaue Lüfte ruft und der Bach durch blumige Auen rieselt. Dann war es eine Lust, ihn zu hören seine Nähe war dann beseligend, und das Herz erweiterte sich bei seinen Worten. Winter und Sommer, Alter und Jugend schienen bei ihm im ewigen Kampf und Wechsel zu sein doch war es an ihm, dem Siebzig- bis Achtzigjährigen, wohl zu bewundern, daß die Jugend immer wieder obenauf war und jene angedeuteten Herbst- und Wintertage zu seltenen Ausnahmen gehörten. Seine Selbstbeherrschung war groß, ja sie bildete eine hervorragende Eigentümlichkeit seines Wesens. Sie war eine Schwester jener hohen Besonnenheit, wodurch es ihm gelang, immer Herr seines Stoffes zu sein und seinen einzelnen Werken diejenige Kunstvollendung zu geben, die wir an ihnen bewundern. Durch eben jene Eigenschaft aber ward er, so wie in manchen seiner Schriften, so auch in manchen seiner mündlichen Äußerungen, oft gebunden und voller Rücksicht. Sobald aber in glücklichen Momenten ein mächtigerer Dämon in ihm rege wurde und jene Selbstbeherrschung ihn verließ, dann ward sein Gespräch jugendlich frei dahinbrausend, gleich einem aus der Höhe herabkommenden Bergstrome. In solchen Augenblicken sagte er das Größte und Beste, was in seiner reichen Natur lag, und von solchen Augenblicken ist es wohl zu verstehen, wenn seine früheren Freunde über ihn geäußert, daß sein gesprochenes Wort besser sei als sein geschriebenes und gedrucktes. So sagte Marmontel von Diderot, daß, wer diesen nur aus seinen Schriften gekannt, ihn nur halb gekannt, daß er aber, sobald er bei mündlicher Unterhaltung lebhaft geworden, einzig und hinreißend gewesen. Darf ich nun hoffen, daß von jenen glücklichen Momenten in diesen Gesprächen manches festzuhalten mir gelungen, so mag es diesem Bande nicht weniger zugute kommen, daß darin an einigen Stellen eine doppelte Spiegelung von Goethes Persönlichkeit stattfindet, einmal nämlich gegen mich und dann gegen einen jungen Freund. Herr Soret aus Genf, als freisinniger Republikaner zur Leitung der Erziehung Sr. Königlichen Hoheit des Erbgroßherzogs im Jahre 1822 nach Weimar berufen, hatte von gedachtem Jahre bis zu Goethes Tode zu ihm gleichfalls ein sehr nahes Verhältnis. Er war in Goethes Hause ein häufiger Tischgenosse, auch in seinen Abendgesellschaften ein oft und gerne gesehener Gast. Außerdem boten seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse vielfache Berührungspunkte zu einem dauernden Umgange. Als gründlicher Mineraloge ordnete er Goethes Kristalle, sowie seine Kenntnisse der Botanik ihn fähig machten, Goethes ›Metamorphose der Pflanze‹ ins Französische zu übersetzen und dadurch jener wichtigen Schrift eine größere Verbreitung zu geben. Seine Stellung am Hofe ferner führte ihn gleichfalls oft in Goethes Nähe, indem er bald den Prinzen zu ihm begleitete, bald Aufträge Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs und Ihrer Kaiserlichen Hoheit der Frau Großherzogin ihm zu Besuchen bei Goethe Veranlassung gaben. Von solchen persönlichen Berührungen hat nun Herr Soret in seinen Tagebüchern häufig Notiz genommen und vor einigen Jahren die Güte gehabt, ein daraus zusammengestelltes kleines Manuskript mir in dem Sinne zu übergeben, daß es mir gestattet sein solle, daraus das Beste und Interessanteste in meinem dritten Band chronologisch zu verweben. Diese in französischer Sprache abgefaßten Notizen waren bald ausführlich, bald aber nur flüchtig und lückenhaft, so wie die eiligen, oft sehr geschäftreichen Tage des Verfassers es ihm hatten erlauben wollen. Da jedoch in dem ganzen Manuskript kein Gegenstand vorgekommen, der nicht zwischen Goethe und mir wiederholt und ausführlich wäre besprochen worden, so waren meine eigenen Tagebücher ganz geeignet, das von Soret Geschriebene zu ergänzen, dort gelassene Lücken auszufüllen und das oft nur Angedeutete in hinlänglicher Entwickelung darzustellen. Alle Gespräche jedoch, bei denen das Manuskript von Soret zugrunde liegt oder stark benutzt worden, wie es besonders in den beiden ersten Jahren der Fall, sind oben am Datum mit einem Sternchen bezeichnet, um sie von denen, die bloß von mir sind, und welche, bis auf weniges, die Jahre 1824 bis 1829 und einen großen Teil von 1830, 31 und 32 ausmachen, zu unterscheiden.   Und so wüßte ich nun weiter nichts hinzuzufügen, als daß ich diesem lange und mit Liebe gehegten dritten Band dieselbe gute Aufnahme wünsche, wie sie in so reichlichem Maße den beiden ersten zuteil geworden.   Weimar, den 21. Dezember 1847. 1822 Sonnabend, den 21. September 1822* Diesen Abend bei Goethe mit Hofrat Meyer. Die Unterhaltung drehte sich hauptsächlich um Mineralogie, Chemie und Physik. Die Phänomene der Polarisation des Lichts schienen ihn besonders zu interessieren. Er zeigte mir verschiedene Vorrichtungen, größtenteils nach seinen eigenen Angaben konstruiert, und äußerte den Wunsch, mit mir einige Experimente zu machen. Goethe ward im Laufe des Gesprächs immer freier und mitteilender. Ich blieb länger als eine Stunde, und er sagte mir beim Abschiede viel Gutes. Seine Gestalt ist noch schön zu nennen, seine Stirn und Augen sind besonders majestätisch. Er ist groß und wohl gebaut und von so rüstigem Ansehen, daß man nicht wohl begreift, wie er sich schon seit Jahren hat für zu alt erklären können, um noch in Gesellschaft und an Hof zu gehen. Dienstag, den 24. September 1822* Den Abend bei Goethe zugebracht mit Meyer, Goethes Sohn, Frau von Goethe und seinem Arzt, Hofrat Rehbein. Goethe war heute besonders lebhaft. Er zeigte mir prächtige Lithographien aus Stuttgart, etwas so Vollkommenes in dieser Art, wie ich noch nicht gesehen. Darauf sprachen wir über wissenschaftliche Dinge, besonders über die Fortschritte der Chemie. Das Jod und das Chlor beschäftigten Goethe vorzugsweise; er sprach über diese Substanzen mit einem Erstaunen, als ob ihn die neuen Entdeckungen der Chemie ganz unvermutet überrascht hätten. Er ließ sich etwas Jod hereinbringen und verflüchtigte es vor unsern Augen an der Flamme einer Wachskerze, wobei er nicht verfehlte, uns den violetten Dunst bewundern zu lassen, als freudige Bestätigung eines Gesetzes seiner Theorie der Farben. Dienstag, den 1. Oktober 1822* Bei Goethe zu einer Abendgesellschaft. Ich fand unter den Anwesenden auch Herrn Kanzler von Müller, Präsidenten Peucer, Dr. Stephan Schütze und Regierungsrat Schmidt, welcher letztere einige Sonaten von Beethoven mit einer seltenen Vollkommenheit vortrug. Hohen Genuß gewährte mir auch die Unterhaltung Goethes und seiner Schwiegertochter, die, jugendlich heiter, mit einem liebenswürdigen Naturell unendlich viel Geist verbindet. Donnerstag, den 10. Oktober 1822* In einer Abendgesellschaft bei Goethe mit dem berühmten Blumenbach aus Göttingen. Blumenbach ist alt, aber von lebhaftem und heiterem Ausdruck; er hat sich die ganze Beweglichkeit der Jugend zu bewahren gewußt. Sein Benehmen ist der Art, daß man nicht denkt, daß man einen Gelehrten vor sich habe. Seine Herzlichkeit ist frei und froh; er macht keine Umstände, und man ist bald mit ihm auf einem sehr bequemen Fuß. Seine Bekanntschaft war mir so interessant wie angenehm. Dienstag, den 5. November 1822* Abendgesellschaft bei Goethe. Unter den Anwesenden befand sich auch der Maler Kolbe. Man zeigte uns von ihm ein trefflich ausgeführtes großes Gemälde, eine Kopie der Venus von Tizian der Dresdener Galerie. Auch Herrn von Eschwege und den berühmten Hummel fand ich diesen Abend bei Goethe. Hummel improvisierte fast eine Stunde lang auf dem Piano, mit einer Kraft und einem Talent, wovon es unmöglich ist sich einen Begriff zu machen, wenn man ihn nicht gehört hat. Ich fand seine Unterhaltung einfach und natürlich und ihn selbst, für einen Virtuosen von so großer Berühmtheit, auffallend bescheiden. Dienstag, den 3. Dezember 1822* Bei Goethe in einer Abendgesellschaft. Die Herren Riemer, Coudray, Meyer, Goethes Sohn und Frau von Goethe waren unter den Anwesenden. Die Studenten zu Jena sind in Aufstand begriffen; man hat eine Kompagnie Artillerie hingeschickt, um sie zu beruhigen. Riemer las eine Sammlung von Liedern, die man ihnen verboten und die dadurch Anlaß oder Vorwand der Revolte geworden. Alle diese Lieder erhielten beim Vorlesen entschiedenen Beifall, besonders wegen des Talentes, das darin sichtbar; Goethe selbst fand sie gut und versprach sie mir zur ruhigen Durchsicht. Nachdem wir darauf eine Zeitlang Kupferstiche und kostbare Bücher betrachtet hatten, machte Goethe uns die Freude, das Gedicht ›Charon‹ zu lesen. Die klare, deutliche und energische Art mußte ich bewundern, womit Goethe das Gedicht vortrug. Nie habe ich eine so schöne Deklamation gehört. Welches Feuer! Welche Blicke! Und welche Stimme! abwechselnd donnernd und dann wieder sanft und milde. Vielleicht entwickelte er an einigen Stellen zu viele Kraft für den kleinen Raum, in dem wir uns befanden; aber doch war in seinem Vortrage nichts, was man hätte hinwegwünschen mögen. Goethe sprach darauf über Literatur und seine Werke, sowie über Frau von Staël und Verwandtes. Er beschäftigt sich gegenwärtig mit der Übersetzung und Zusammenstellung der Fragmente vom ›Phaëton‹ des Euripides. Er hat diese Arbeit bereits vor einem Jahre angefangen und in diesen Tagen wieder vorgenommen. Donnerstag, den 5. Dezember 1822* Diesen Abend bei Goethe hörte ich die Probe des ersten Akts einer im Entstehen begriffenen Oper: ›Der Graf von Gleichen‹, von Eberwein. Seit Goethe die Direktion des Theaters niedergelegt, sei dies das erste Mal, sagte man mir, daß er ein so großes Personal der Oper bei sich sehe. Herr Eberwein dirigierte den Gesang. Bei den Chören assistierten auch einige Damen aus der Bekanntschaft Goethes, während die Solopartien durch Mitglieder der Oper gesungen wurden. Einige Stücke erschienen mir sehr merkwürdig, besonders ein Kanon zu vier Stimmen. Dienstag, den 17. Dezember 1822* Abends bei Goethe. Er war sehr heiter und behandelte das Thema, daß die Torheiten der Väter für ihre Kinder verloren seien, mit vielem Geist. Die Nachsuchungen, die man jetzt zur Entdeckung von Salzquellen anstellt, interessierten ihn sichtbar. Er schalt auf die Dummheit gewisser Unternehmer, welche die äußeren Spuren und die Lage und Folge der Schichten, unter denen Steinsalz liegt und durch die der Bohrer gehen muß, ganz außer acht lassen, und die, ohne den rechten Fleck zu wissen und zu finden, immer ein einziges Bohrloch an einer und derselbigen Stelle aufs Geratewohl hartnäckig verfolgen. 1823 Sonntag, den 9. Februar 1823* Abends bei Goethe, den ich allein fand in Gesprächen mit Meyer. Ich durchblätterte ein Album vergangener Jahrhunderte mit einigen sehr berühmten Handschriften, wie z. B. von Luther, Erasmus, Mosheim und anderen. Der letztere hatte in lateinischer Sprache folgendes merkwürdige Wort geschrieben: Der Ruhm eine Quelle von Mühe und Leiden; die Dunkelheit eine Quelle des Glücks. Sonntag, den 23. Februar 1823* Goethe ist seit einigen Tagen gefährlich krank geworden; gestern lag er ohne Hoffnung. Doch hat sich heute eine Krisis eingestellt, wodurch er gerettet zu werden scheint. Noch diesen Morgen äußerte er, daß er sich für verloren halte; später, mittags, schöpfte er Hoffnung, daß er es überwinden werde; und wieder abends meinte er, wenn er davon komme, so müsse man gestehen, daß er für einen Greis ein zu hohes Spiel gespielt. Montag, den 24. Februar 1823* Der heutige Tag war in bezug auf Goethe noch sehr beunruhigend, indem diesen Mittag die Besserung nicht erfolgte wie gestern. In einem Anfall von Schwäche sagte er zu seiner Schwiegertochter: »Ich fühle, daß der Moment gekommen, wo in mir der Kampf zwischen Leben und Tod beginnt.« Doch hatte der Kranke am Abend sein volles geistiges Bewußtsein und zeigte schon wieder einigen scherzhaften Übermut. »Ihr seid zu furchtsam mit Euren Mitteln,« sagte er zu Rehbein, »Ihr schonet mich zu sehr! Wenn man einen Kranken vor sich hat, wie ich es bin, so muß man ein wenig napoleontisch mit ihm zu Werke gehen.« Er trank darauf eine Tasse eines Dekokts von Arnika, welche gestern, im gefährlichsten Moment von Huschke angewendet, die glückliche Krisis bewirkt hatte. Goethe machte eine graziöse Beschreibung dieser Pflanze und erhob ihre energischen Wirkungen in den Himmel. Man sagte ihm, daß die Ärzte nicht hätten zugeben wollen, daß der Großherzog ihn sehe. »Wäre ich der Großherzog,« rief Goethe, »so würde ich viel gefragt und mich viel um euch gekümmert haben!« In einem Augenblick, wo er sich besser befand und wo seine Brust freier zu sein schien, sprach er mit Leichtigkeit und klarem Geiste, worauf Rehbein einem der Nahestehenden ins Ohr flüsterte: »Eine bessere Respiration pflegt eine bessere Inspiration mit sich zu führen.« Goethe, der es gehört, rief darauf mit großer Heiterkeit: »Das weiß ich längst; aber diese Wahrheit paßt nicht auf Euch, Ihr Schelm!« Goethe saß aufrecht in seinem Bette, der offenen Tür seines Arbeitszimmers gegenüber, wo seine näheren Freunde versammelt waren, ohne daß er es wußte. Seine Züge erschienen mir wenig verändert; seine Stimme war rein und deutlich, doch war darin ein feierlicher Ton, wie der eines Sterbenden. »Ihr scheint zu glauben,« sagte er zu seinen Kindern, »daß ich besser bin; aber ihr betrügt euch.« Man suchte ihm jedoch seine Apprehensionen scherzend auszureden, welches er sich denn auch gefallen zu lassen schien. Es waren indes immer noch mehr Personen in das Zimmer hereingetreten, welches ich keineswegs für gut finden konnte, indem die Gegenwart so vieler Menschen unnötigerweise die Luft verschlechterte und der Bedienung des Kranken im Wege war. Ich konnte nicht unterlassen mich darüber auszusprechen, und ging hinab in das untere Zimmer, von wo aus ich meine Bulletins der Kaiserlichen Hoheit zuschickte. Dienstag, den 25. Februar 1823* Goethe hat sich Rechenschaft ablegen lassen über das Verfahren, das man bisher mit ihm beobachtet, auch hat er die Listen der Personen gelesen, die sich bisher nach seinem Befinden erkundiget und deren Zahl täglich sehr groß war. Er empfing darauf den Großherzog und schien später von dem Besuch nicht angegriffen. In seinem Arbeitszimmer fand ich heute weniger Personen, woraus ich zu meiner Freude schloß, daß meine gestrige Bemerkung etwas gefruchtet hatte. Nun aber, da die Krankheit gehoben ist, scheint man die Folgen zu fürchten. Seine linke Hand ist geschwollen, und es zeigen sich drohende Vorboten der Wassersucht. Erst in einigen Tagen wird man wissen, was man von dem endlichen Ausgang der Krankheit zu halten hat. Goethe hat heute das erste Mal nach einem seiner Freunde verlangt, nämlich nach seinem ältesten Freunde Meyer. Er wollte ihm eine seltene Medaille zeigen, die er aus Böhmen erhalten hat und worüber er entzückt ist. Ich kam um zwölf Uhr, und da Goethe hörte, daß ich dort war, ließ er mich in seine Nähe rufen. Er reichte mir die Hand, indem er mir sagte: »Sie sehen in mir einen vom Tode Erstandenen.« Er beauftragte mich sodann, Ihrer Kaiserlichen Hoheit für die Teilnahme zu danken, die sie ihm während seiner Krankheit bewiesen. »Meine Genesung wird sehr langsam sein,« fügte er darauf hinzu, »aber den Herren Ärzten bleibt doch nichtsdestoweniger die Ehre, ein kleines Wunder an mir getan zu haben.« Nach ein paar Minuten zog ich mich zurück. Seine Farbe ist gut, allein er ist sehr abgemagert und atmet noch mit einiger Beschwerde. Es kam mir vor, als würde ihm das Sprechen schwieriger als gestern. Die Geschwulst des linken Armes ist sehr sichtbar; er hält die Augen geschlossen und öffnet sie nur, wenn er spricht. Sonntag, den 2. [Sonnabend, den 1.] März 1823* Diesen Abend bei Goethe, den ich in mehreren Tagen nicht gesehen. Er saß in seinem Lehnstuhl und hatte seine Schwiegertochter und Riemer bei sich. Er war auffallend besser. Seine Stimme hatte wieder ihren natürlichen Klang, sein Atemholen war frei, seine Hand nicht mehr geschwollen, sein Aussehen wieder wie in gesundem Zustand, und seine Unterhaltung leicht. Er stand auf und ging ohne Umstände in sein Schlafzimmer und wieder zurück. Man trank den Tee bei ihm, und da es heute wieder das erste Mal war, so machte ich Frau von Goethe scherzhaft Vorwürfe, daß sie vergessen habe, einen Blumenstrauß auf das Teebrett zu stellen. Frau von Goethe nahm sogleich ein farbiges Band von ihrem Hut und band es an die Teemaschine. Dieser Scherz schien Goethen viel Vergnügen zu machen. Wir betrachteten darauf eine Sammlung nachgemachter Edelsteine, die der Großherzog hatte von Paris kommen lassen. Sonnabend, den 22. März 1823* Man hat heute im Theater Goethes ›Tasso‹ zur Feier seiner Genesung gegeben, mit einem Prolog von Riemer, den Frau von Heygendorf gesprochen. Seine Büste ward unter lautem Beifall der gerührten Zuschauer mit einem Lorbeerkranze geschmückt. Nach beendigter Vorstellung ging Frau von Heygendorf zu Goethe. Sie war noch im Kostüm der Leonore und überreichte ihm den Kranz des Tasso, den Goethe nahm, um damit die Büste der Großfürstin Alexandra zu schmücken. Dienstag, den 1. April 1823* Ich brachte Goethen von seiten Ihrer Kaiserlichen Hoheit eine Nummer des französischen Modejournals, worin von einer Übersetzung seiner Werke die Rede war. Wir sprachen bei dieser Gelegenheit über ›Rameaus Neffen‹, wovon das Original lange verloren gewesen. Verschiedene Deutsche glauben, daß jenes Original nie existiert habe und daß alles Goethes eigene Erfindung sei. Goethe aber versichert, daß es ihm durchaus unmöglich gewesen sein würde, Diderots geistreiche Darstellung und Schreibart nachzuahmen, und daß der deutsche ›Rameau‹ nichts weiter sei als eine sehr treue Übersetzung. Donnerstag, den 3. April 1823* Einen Teil des Abends bei Goethe zugebracht in Gesellschaft des Herrn Oberbaudirektor Coudray. Wir sprachen über das Theater und die Verbesserungen, die dabei seit einiger Zeit eingetreten sind. »Ich bemerke es, ohne hinzugehen,« sagte Goethe lachend. »Noch vor zwei Monaten kamen meine Kinder des Abends immer mißvergnügt nach Hause; sie waren nie mit dem Pläsier zufrieden, das man ihnen hatte bereiten wollen. Aber jetzt hat sich das Blatt gewendet sie kommen mit freudeglänzenden Gesichtern, weil sie doch einmal sich recht hätten satt weinen können. Gestern haben sie diese ›Wonne der Tränen‹ einem Drama von Kotzebue zu verdanken gehabt.« Sonntag, den 13. April 1823* Abends mit Goethe allein. Wir sprachen über Literatur, Lord Byron, dessen ›Sardanapal‹ und ›Werner‹. Sodann kamen wir auf den ›Faust‹, über den Goethe oft und gerne redet. Er möchte, daß man ihn ins Französische übersetzte, und zwar im Charakter der Zeit des Marot. Er betrachtet ihn als die Quelle, aus der Byron die Stimmung zu seinem ›Manfred‹ geschöpft. Goethe findet, daß Byron in seinen beiden letzten Tragödien entschiedene Fortschritte gemacht, indem er darin weniger düster und misanthropisch erscheint. Wir sprachen sodann über den Text der ›Zauberflöte‹, wovon Goethe die Fortsetzung gemacht, aber noch keinen Komponisten gefunden hat, um den Gegenstand gehörig zu behandeln. Er gibt zu, daß der bekannte erste Teil voller Unwahrscheinlichkeiten und Späße sei, die nicht jeder zurechtzulegen und zu würdigen wisse; aber man müsse doch auf alle Fälle dem Autor zugestehen, daß er im hohen Grade die Kunst verstanden habe, durch Kontraste zu wirken und große theatralische Effekte herbeizuführen. Dienstag, den 15. April 1823* Abends bei Goethe mit Gräfin Karoline Egloffstein. Goethe scherzte über die deutschen Almanache und andere periodische Erscheinungen, alle von einer lächerlichen Sentimentalität durchdrungen, die an der Ordnung des Tages zu sein scheine. Die Gräfin bemerkte, daß die deutschen Romanschreiber den Anfang gemacht, den Geschmack ihrer zahlreichen Leser zu verderben, und daß nun wiederum die Leser die Romanschreiber verderben, die, um für ihre Manuskripte einen Verleger zu finden, sich jetzt ihrerseits dem herrschenden schlechten Geschmack des Publikums bequemen müßten. Sonnabend, den 26. April 1823* Ich fand Coudray und Meyer bei Goethe. Man sprach über verschiedene Dinge. »Die Großherzogliche Bibliothek«, sagte Goethe unter andern, »besitzt einen Globus, der unter der Regierung Karls V. von einem Spanier verfertiget worden. Es finden sich auf ihm einige merkwürdige Inschriften, wie z. B. die folgende: ›Die Chinesen sind ein Volk, das sehr viele Ähnlichkeit mit den Deutschen hat.‹ In älteren Zeiten«, fuhr Goethe fort, »waren auf den Landkarten die afrikanischen Wüsten mit Abbildungen wilder Tiere bezeichnet. Heutzutage aber tut man dergleichen nicht; vielmehr ziehen die Geographen vor, uns carte blanche zu lassen.« Dienstag, den 6. Mai 1823* Abends bei Goethe. Er suchte mir einen Begriff seiner Farbenlehre zu geben. Das Licht, sagte er, sei keineswegs eine Zusammensetzung verschiedener Farben; auch könne das Licht allein keine Farben hervorbringen, vielmehr gehöre immer dazu eine gewisse Modifikation und Mischung von Licht und Schatten. Dienstag, den 13. Mai 1823* Ich fand Goethe beschäftigt, seine kleinen Gedichtchen und Blättchen an Personen zusammen zu suchen. »In früheren Zeiten,« sagte er, »wo ich leichtsinniger mit meinen Sachen umging und Abschriften zu nehmen unterließ, sind Hunderte solcher Gedichte verloren gegangen.« Montag, den 2. Juni 1823* Der Kanzler, Riemer und Meyer waren bei Goethe. Man sprach über die Gedichte von Béranger, und Goethe kommentierte und paraphrasierte einige derselben mit großer Originalität und guter Laune. Sodann war von Physik und Meteorologie die Rede. Goethe ist im Begriff, die Theorie einer Witterungslehre auszuarbeiten, wobei er das Steigen und Fallen des Barometers gänzlich den Wirkungen des Erdballes und dessen Anziehung und Entlassung der Atmosphäre zuschreiben wird. »Die Herren Gelehrten und namentlich die Herren Mathematiker«, fuhr Goethe fort, »werden nicht verfehlen, meine Ideen durchaus lächerlich zu finden; oder auch, sie werden noch besser tun, sie werden sie vornehmerweise völlig ignorieren. Wissen Sie aber warum? Weil sie sagen, ich sei kein Mann vom Fache.« »Der Kastengeist der Gelehrten«, erwiderte ich, »wäre wohl zu verzeihen. Wenn sich in ihre Theorien einige Irrtümer eingeschlichen haben und darin fortgeschleppt werden, so muß man die Ursache darin suchen, daß sie dergleichen zu einer Zeit als Dogmen überliefert bekommen haben, wo sie selber noch auf den Schulbänken saßen.« »Das ists eben!« rief Goethe. »Eure Gelehrten machen es wie unsere weimarischen Buchbinder. Das Meisterstück, das man von ihnen verlangt, um in die Gilde aufgenommen zu werden, ist keineswegs ein hübscher Einband nach dem neuesten Geschmack. Nein, weit entfernt! Es muß noch immer eine dicke Bibel in Folio geliefert werden, ganz wie sie vor zwei bis drei Jahrhunderten Mode war, mit plumpen Deckeln und in starkem Leder. Die Aufgabe ist eine Absurdität. Aber es würde dem armen Handwerker schlecht gehen, wenn er behaupten wollte, seine Examinatoren wären dumme Leute.« Freitag, den 24. Oktober 1823* Abends bei Goethe. Madame Szymanowska, deren Bekanntschaft er diesen Sommer in Marienbad gemacht, phantasierte auf dem Flügel. Goethe, im Anhören verloren, schien mitunter sehr ergriffen und bewegt. Dienstag, den 11. November 1823* Kleine Abendgesellschaft bei Goethe, der seit längerer Zeit wieder leidend ist. Seine Füße hatte er in eine wollene Decke gewickelt, die ihn seit dem Feldzuge in der Champagne überallhin begleitet. Bei Gelegenheit dieser Decke erzählte er uns eine Anekdote aus dem Jahre 1806, wo die Franzosen Jena okkupiert hatten und der Kaplan eines französischen Regiments Behänge zum Schmuck seines Altars requirierte. »Man hatte ihm ein Stück glänzend karmesinrotes Zeug geliefert,« sagte Goethe, »das ihm aber noch nicht gut genug war. Er beschwerte sich darüber bei mir. ›Schicken Sie mir jenes Zeug,‹ antwortete ich ihm, ›ich will sehen, ob ich Ihnen etwas Besseres verschaffen kann.‹ Indessen hatten wir auf unserm Theater ein neues Stück zu geben, und ich benutzte den prächtigen roten Stoff, um damit meine Schauspieler herauszuputzen. Was aber meinen Kaplan betraf, so erhielt er weiter nichts; er ward vergessen, und er hat sehen müssen, wie er sich selber half.« Sonntag, den 16. [Sonnabend, den 15.] November 1823* Goethe ist immer noch nicht besser. Die Frau Großfürstin schickte ihm diesen Abend durch mich einige sehr schöne Medaillen, deren Betrachtung ihm vielleicht einige Zerstreuung und Aufheiterung gewähren möchte. Goethe war über diese zarte Aufmerksamkeit seiner hohen Fürstin sichtbar erfreut. Er klagte mir darauf, daß er denselbigen Schmerz an der Seite des Herzens fühle, wie er seiner schweren Krankheit vom vorigen Winter vorangegangen. »Ich kann nicht arbeiten,« sagte er, »ich kann nicht lesen, und selbst das Denken gelingt mir nur in glücklichen Augenblicken der Erleichterung.« Montag, den 17. [Sonntag, den 16.] November 1823* Humboldt ist hier. Ich war heute einen Augenblick bei Goethe, wo es mir schien, als ob die Gegenwart und die Unterhaltung Humboldts einen günstigen Einfluß auf ihn gehabt habe. Sein Übel scheint nicht bloß physischer Art zu sein. Es scheint vielmehr, daß die leidenschaftliche Neigung, die er diesen Sommer in Marienbad zu einer jungen Dame gefaßt und die er jetzt zu bekämpfen sucht, als Hauptursache seiner jetzigen Krankheit zu betrachten ist. Freitag, den 28. [27.] November 1823* Der erste Teil von Meyers ›Kunstgeschichte‹, der soeben erschienen, scheint Goethe sehr angenehm zu beschäftigen. Er sprach darüber heute in Ausdrücken des höchsten Lobes. Freitag, den 5. Dezember 1823* Ich brachte Goethen einige Mineralien, besonders ein Stück tonigen Ocker, den Deschamps zu Cormayan gefunden, und wovon Herr Massot viel Rühmens macht. Wie sehr aber war Goethe erstaunt, als er in dieser Farbe ganz dieselbige erkannte, die Angelika Kauffmann zu den Fleischpartien ihrer Gemälde zu benutzen pflegte. »Sie schätzte das Wenige, das sie davon besaß«, sagte er, »nach dem Gewicht des Goldes. Der Ort indes, wo es herstammte und wo es zu finden, war ihr unbekannt.« Goethe meinte gegen seine Tochter, ich behandle ihn wie einen Sultan, dem man täglich neue Geschenke bringe. »Er behandelt Sie vielmehr wie ein Kind!« erwiderte Frau von Goethe; worüber er sich denn nicht enthalten konnte zu lächeln. Sonntag, den 7. [Montag, den 8.] Dezember 1823* Ich fragte Goethen, wie er sich heute befinde. »Nicht ganz so schlecht als Napoleon auf seiner Insel«, war die seufzende Antwort. Der sich sehr in die Länge ziehende krankhafte Zustand scheint denn doch nach und nach sehr auf ihn zu wirken. Sonntag, den 21. Dezember 1823* Goethes gute Laune war heute wieder glänzend. Wir haben den kürzesten Tag erreicht, und die Hoffnung, jetzt mit jeder Woche die Tage wieder bedeutend zunehmen zu sehen, scheint auf seine Stimmung den günstigsten Einfluß auszuüben. »Heute feiern wir die Wiedergeburt der Sonne!« rief er mir froh entgegen, als ich diesen Vormittag bei ihm eintrat. Ich hörte, daß er jedes Jahr die Wochen vor dem kürzesten Tage in deprimierter Stimmung zu verbringen und zu verseufzen pflegt. Frau von Goethe trat herein, um ihren Schwiegerpapa zu benachrichtigen, daß sie nach Berlin zu reisen im Begriff sei, um dort mit ihrer nächstens zurückkommenden Mutter zusammenzutreffen. Als Frau von Goethe gegangen war, scherzte Goethe mit mir über die lebendige Einbildungskraft, welche die Jugend charakterisiere. »Ich bin zu alt,« sagte er, »um ihr zu widersprechen und ihr begreiflich zu machen, daß die Freude, ihre Mutter dort oder hier zuerst wiederzusehen, ganz dieselbige sein würde. Diese Winterreise ist viel Mühe um nichts; aber ein solches Nichts ist der Jugend oft unendlich viel. – Und im ganzen genommen, was tuts! Man muß oft etwas Tolles unternehmen, um nur wieder eine Zeitlang leben zu können. In meiner Jugend habe ich es nicht besser gemacht, und doch bin ich noch ziemlich mit heiler Haut davongekommen.« Dienstag, den 30. Dezember 1823* Abends mit Goethe allein, in allerlei Gesprächen. Er sagte mir, daß er die Absicht habe, seine ›Reise in die Schweiz vom Jahre 1797‹ in seine Werke aufzunehmen. Sodann war die Rede vom ›Werther‹, den er nicht wieder gelesen habe als einmal, ungefähr zehn Jahre nach seinem Erscheinen. Auch mit seinen anderen Schriften habe er es so gemacht. Wir sprachen darauf von Übersetzungen, wobei er mir sagte, daß es ihm sehr schwer werde, englische Gedichte in deutschen Versen wiederzugeben. »Wenn man die schlagenden einsilbigen Worte der Engländer«, sagte er, »mit vielsilbigen oder zusammengesetzten deutschen ausdrücken will, so ist gleich alle Kraft und Wirkung verloren.« Von seinem ›Rameau‹ sagte er, daß er die Übersetzung in vier Wochen gemacht und alles diktiert habe. Wir sprachen sodann über Naturwissenschaften, insbesondere über die Kleingeisterei, womit diese und jene Gelehrten sich um die Priorität streiten. »Ich habe durch nichts die Menschen besser kennen gelernt,« sagte Goethe, »als durch meine wissenschaftlichen Bestrebungen. Ich habe es mich viel kosten lassen, und es ist mit manchen Leiden verknüpft gewesen; aber ich freue mich dennoch, die Erfahrung gemacht zu haben.« »In den Wissenschaften«, bemerkte ich, »scheint auf eine besondere Weise der Egoismus der Menschen angeregt zu werden; und wenn dieser einmal in Bewegung gesetzt ist, so pflegen sehr bald alle Schwächen des Charakters zum Vorschein zu kommen.« »Die Fragen der Wissenschaft«, versetzte Goethe, »sind sehr häufig Fragen der Existenz. Eine einzige Entdeckung kann einen Mann berühmt machen und sein bürgerliches Glück begründen. Deshalb herrscht auch in den Wissenschaften diese große Strenge und dieses Festhalten und diese Eifersucht auf das Aperçu eines anderen. Im Reich der Ästhetik dagegen ist alles weit läßlicher, die Gedanken sind mehr oder weniger ein angeborenes Eigentum aller Menschen, wobei alles auf die Behandlung und Ausführung ankommt und billigerweise wenig Neid stattfindet. Ein einziger Gedanke kann das Fundament zu hundert Epigrammen hergeben, und es fragt sich bloß, welcher Poet denn nun diesen Gedanken auf die wirksamste und schönste Weise zu versinnlichen gewußt habe. Bei der Wissenschaft aber ist die Behandlung null, und alle Wirkung liegt im Aperçu. Es ist dabei wenig Allgemeines und Subjektives, sondern die einzelnen Manifestationen der Naturgesetze liegen alle sphinxartig, starr, fest und stumm außer uns da. Jedes wahrgenommene neue Phänomen ist eine Entdeckung, jede Entdeckung ein Eigentum. Taste aber nur einer das Eigentum an, und der Mensch mit seinen Leidenschaften wird sogleich da sein. Es wird aber«, fuhr Goethe fort, »in den Wissenschaften auch zugleich dasjenige als Eigentum angesehen, was man auf Akademien überliefert erhalten und gelernt hat. Kommt nun einer, der etwas Neues bringt, das mit unserm Credo, das wir seit Jahren nachbeten und wiederum anderen überliefern, in Widerspruch steht und es wohl gar zu stürzen droht, so regt man alle Leidenschaften gegen ihn auf und sucht ihn auf alle Weise zu unterdrücken. Man sträubt sich dagegen, wie man nur kann; man tut, als höre man nicht, als verstände man nicht; man spricht darüber mit Geringschätzung, als wäre es gar nicht der Mühe wert, es nur anzusehen und zu untersuchen; und so kann eine neue Wahrheit lange warten, bis sie sich Bahn macht. Ein Franzose sagte zu einem meiner Freunde in bezug auf meine Farbenlehre: Wir haben funfzig Jahre lang gearbeitet, um das Reich Newtons zu gründen und zu befestigen; es werden andere funfzig Jahre nötig sein, um es zu stürzen. Die mathematische Gilde hat meinen Namen in der Wissenschaft so verdächtig zu machen gesucht, daß man sich scheut, ihn nur zu nennen. Es kam mir vor einiger Zeit eine Broschüre in die Hand, worin Gegenstände der Farbenlehre behandelt waren, und zwar schien der Verfasser ganz durchdrungen von meiner Lehre zu sein und hatte alles auf dieselben Fundamente gebaut und zurückgeführt. Ich las die Schrift mit großer Freude; allein zu meiner nicht geringen Überraschung mußte ich sehen, daß der Verfasser mich nicht einmal genannt hatte. Später ward mir das Rätsel gelöst. Ein gemeinschaftlicher Freund besuchte mich und gestand mir, der talentreiche junge Verfasser habe durch jene Schrift seinen Ruf zu gründen gesucht und habe mit Recht gefürchtet, sich bei der gelehrten Welt zu schaden, wenn er es gewagt hätte, seine vorgetragenen Ansichten durch meinen Namen zu stützen. Die kleine Schrift machte Glück, und der geistreiche junge Verfasser hat sich mir später persönlich vorgestellt und sich entschuldigt.« »Der Fall erscheint mir um so merkwürdiger,« versetzte ich, »da man in allen anderen Dingen auf Ihre Autorität stolz zu sein Ursache hat und jedermann sich glücklich schätzet, in Ihrer Zustimmung vor der Welt einen mächtigen Schutz zu finden. Bei Ihrer Farbenlehre scheint mir das Schlimme zu sein, daß Sie es dabei nicht bloß mit dem berühmten, von allen anerkannten Newton, sondern auch mit seinen in der ganzen Welt verbreiteten Schülern zu tun haben, die ihrem Meister anhängen und deren Zahl Legion ist. Gesetzt auch, daß Sie am Ende recht behalten, so werden Sie gewiß noch eine geraume Zeit mit Ihrer neuen Lehre allein stehen.« »Ich bin es gewohnt und bin darauf gefaßt«, erwiderte Goethe. »Aber sagen Sie selbst,« fuhr er fort, »konnte ich nicht stolz sein, wenn ich mir seit zwanzig Jahren gestehen mußte, daß der große Newton und alle Mathematiker und erhabenen Rechner mit ihm in bezug auf die Farbenlehre sich in einem entschiedenen Irrtum befänden, und daß ich unter Millionen der einzige sei, der in diesem großen Naturgegenstande allein das Rechte wisse? Mit diesem Gefühl der Superiorität war es mir denn möglich, die stupide Anmaßlichkeit meiner Gegner zu ertragen. Man suchte mich und meine Lehre auf alle Weise anzufeinden und meine Ideen lächerlich zu machen, aber ich hatte nichtsdestoweniger über mein vollendetes Werk eine große Freude. Alle Angriffe meiner Gegner dienten mir nur, um die Menschen in ihrer Schwäche zu sehen.« Während Goethe so mit einer Kraft und einem Reichtum des Ausdruckes sprach, wie ich in ganzer Wahrheit wiederzugeben nicht imstande bin, glänzten seine Augen von einem außerordentlichen Feuer. Man sah darin den Ausdruck des Triumphes, während ein ironisches Lächeln um seine Lippen spielte. Die Züge seines schönen Gesichtes waren imposanter als je. Mittwoch, den 31. Dezember 1823 Bei Goethe zu Tisch in mancherlei Gesprächen. Er zeigte mir ein Portefeuille mit Handzeichnungen, unter denen besonders die Anfänge von Heinrich Füßli merkwürdig. Wir sprachen sodann über religiöse Dinge und den Mißbrauch des göttlichen Namens. »Die Leute traktieren ihn«, sagte Goethe, »als wäre das unbegreifliche, gar nicht auszudenkende höchste Wesen nicht viel mehr als ihresgleichen. Sie würden sonst nicht sagen: der Herr Gott, der liebe Gott, der gute Gott. Er wird ihnen, besonders den Geistlichen, die ihn täglich im Munde führen, zu einer Phrase, zu einem bloßen Namen, wobei sie sich auch gar nichts denken. Wären sie aber durchdrungen von seiner Größe, sie würden verstummen und ihn vor Verehrung nicht nennen mögen.« 1824 Freitag, den 2. Januar 1824 Bei Goethe zu Tisch in heiteren Gesprächen. Eine junge Schönheit der weimarischen Gesellschaft kam zur Erwähnung, wobei einer der Anwesenden bemerkte, daß er fast auf dem Punkt stehe sie zu lieben, obgleich ihr Verstand nicht eben glänzend zu nennen. »Pah!« sagte Goethe lachend, »als ob die Liebe etwas mit dem Verstande zu tun hätte! Wir lieben an einem jungen Frauenzimmer ganz andere Dinge als den Verstand. Wir lieben an ihr das Schöne, das Jugendliche, das Neckische, das Zutrauliche, den Charakter, ihre Fehler, ihre Kapricen, und Gott weiß was alles Unaussprechliche sonst; aber wir lieben nicht ihren Verstand. Ihren Verstand achten wir, wenn er glänzend ist, und ein Mädchen kann dadurch in unsern Augen unendlich an Wert gewinnen. Auch mag der Verstand gut sein, uns zu fesseln, wenn wir bereits lieben. Allein der Verstand ist nicht dasjenige, was fähig wäre, uns zu entzünden und eine Leidenschaft zu erwecken.« Man fand an Goethes Worten viel Wahres und Überzeugendes und war sehr bereit, den Gegenstand ebenfalls von dieser Seite zu betrachten. Nach Tisch und als die übrigen gegangen waren, blieb ich bei Goethe sitzen und verhandelte mit ihm noch mancherlei Gutes. Wir sprachen über die englische Literatur, über die Größe Shakespeares, und welch einen ungünstigen Stand alle englischen dramatischen Schriftsteller gehabt, die nach jenem poetischen Riesen gekommen. »Ein dramatisches Talent,« fuhr Goethe fort, »wenn es bedeutend war, konnte nicht umhin, von Shakespeare Notiz zu nehmen, ja es konnte nicht umhin, ihn zu studieren. Studierte es ihn aber, so mußte ihm bewußt werden, daß Shakespeare die ganze Menschennatur nach allen Richtungen hin und in allen Tiefen und Höhen bereits erschöpft habe, und daß im Grunde für ihn, den Nachkömmling, nichts mehr zu tun übrig bleibe. Und woher hätte einer den Mut nehmen sollen, nur die Feder anzusetzen, wenn er sich solcher bereits vorhandener unergründlicher und unerreichbarer Vortrefflichkeiten in ernster anerkennender Seele bewußt war! Da hatte ich es freilich vor funfzig Jahren in meinem lieben Deutschland besser. Ich konnte mich sehr bald mit dem Vorhandenen abfinden, es konnte mir nicht lange imponieren und mich nicht sehr aufhalten. Ich ließ die deutsche Literatur und das Studium derselben sehr bald hinter mir und wendete mich zum Leben und zur Produktion. So nach und nach vorschreitend, ging ich in meiner natürlichen Entwickelung fort und bildete mich nach und nach zu den Produktionen heran, die mir von Epoche zu Epoche gelangen. Und meine Idee vom Vortrefflichen war auf jeder meiner Lebens- und Entwickelungsstufen nie viel größer, als was ich auch auf jeder Stufe zu machen imstande war. Wäre ich aber als Engländer geboren, und wären alle jene vielfältigen Meisterwerke bei meinem ersten jugendlichen Erwachen mit all ihrer Gewalt auf mich eingedrungen, es hätte mich überwältigt, und ich hätte nicht gewußt, was ich hätte tun wollen. Ich hätte nicht so leichten frischen Mutes vorschreiten können, sondern mich sicher erst lange besinnen und umsehen müssen, um irgendwo einen neuen Ausweg zu finden.« Ich lenkte das Gespräch auf Shakespeare zurück. »Wenn man ihn«, sagte ich, »aus der englischen Literatur gewissermaßen herausreißt und als einen einzelnen nach Deutschland versetzt und betrachtet, so kann man nicht umhin, seine riesenhafte Größe als ein Wunder anzustaunen. Sucht man ihn aber in seiner Heimat auf, versetzt man sich auf den Boden seines Landes und in die Atmosphäre des Jahrhunderts, in dem er lebte, studiert man ferner seine Mitlebenden und unmittelbaren Nachfolger, atmet man die Kraft, die uns aus Ben Jonson, Massinger, Marlowe und Beaumont und Fletcher anweht, so bleibt zwar Shakespeare immer noch eine gewaltig hervorragende Größe, aber man kommt doch zu der Überzeugung, daß viele Wunder seines Geistes einigermaßen zugänglich werden und daß vieles von ihm in der kräftigen produktiven Luft seines Jahrhunderts und seiner Zeit lag.« »Sie haben vollkommen recht«, erwiderte Goethe. »Es ist mit Shakespeare wie mit den Gebirgen der Schweiz. Verpflanzen Sie den Montblanc unmittelbar in die große Ebene der Lüneburger Heide, und Sie werden vor Erstaunen über seine Größe keine Worte finden. Besuchen Sie ihn aber in seiner riesigen Heimat, kommen Sie zu ihm über seine großen Nachbarn: die Jungfrau, das Finsteraarhorn, den Eiger, das Wetterhorn, den Gotthard und Monte Rosa, so wird zwar der Montblanc immer ein Riese bleiben, allein er wird uns nicht mehr in ein solches Erstaunen setzen. Wer übrigens nicht glauben will,« fuhr Goethe fort, »daß vieles von der Größe Shakespeares seiner großen kräftigen Zeit angehört, der stelle sich nur die Frage, ob er denn eine solche staunenerregende Erscheinung in dem heutigen England von 1824, in diesen schlechten Tagen kritisierender und zersplitternder Journale für möglich halte. Jenes ungestörte, unschuldige, nachtwandlerische Schaffen, wodurch allein etwas Großes gedeihen kann, ist gar nicht mehr möglich. Unsere jetzigen Talente liegen alle auf dem Präsentierteller der Öffentlichkeit. Die täglich an funfzig verschiedenen Orten erscheinenden kritischen Blätter und der dadurch im Publikum bewirkte Klatsch lassen nichts Gesundes aufkommen. Wer sich heutzutage nicht ganz davon zurückhält und sich nicht mit Gewalt isoliert, ist verloren. Es kommt zwar durch das schlechte, größtenteils negative ästhetisierende und kritisierende Zeitungswesen eine Art Halbkultur in die Massen, allein dem hervorbringenden Talent ist es ein böser Nebel, ein fallendes Gift, das den Baum seiner Schöpfungskraft zerstört, vom grünen Schmuck der Blätter bis in das tiefste Mark und die verborgenste Faser. Und dann, wie zahm und schwach ist seit den lumpigen paar hundert Jahren nicht das Leben selber geworden! Wo kommt uns noch eine originelle Natur unverhüllt entgegen! Und wo hat einer die Kraft, wahr zu sein und sich zu zeigen, wie er ist! Das wirkt aber zurück auf den Poeten, der alles in sich selber finden soll, während von außen ihn alles in Stich läßt.« Das Gespräch wendete sich auf den ›Werther‹. »Das ist auch so ein Geschöpf,« sagte Goethe, »das ich gleich dem Pelikan mit dem Blut meines eigenen Herzens gefüttert habe. Es ist darin so viel Innerliches aus meiner eigenen Brust, so viel von Empfindungen und Gedanken, um damit wohl einen Roman von zehn solcher Bändchen auszustatten. Übrigens habe ich das Buch, wie ich schon öfter gesagt, seit seinem Erscheinen nur ein einziges Mal wieder gelesen und mich gehütet, es abermals zu tun. Es sind lauter Brandraketen! Es wird mir unheimlich dabei, und ich fürchte, den pathologischen Zustand wieder durchzuempfinden, aus dem es hervorging.« Ich erinnerte an sein Gespräch mit Napoleon, das ich aus der Skizze kenne, die unter seinen ungedruckten Papieren vorhanden und die ich ihn wiederholt ersucht habe, weiter auszuführen. »Napoleon«, sagte ich, »bezeichnet gegen Sie im ›Werther‹ eine Stelle, die ihm, einer scharfen Prüfung gegenüber, nicht Stich zu halten scheine, welches Sie ihm auch zugeben. Ich möchte sehr gerne wissen, welche Stelle er gemeint hat.« – »Raten Sie!« sagte Goethe mit einem geheimnisvollen Lächeln. – »Nun,« sagte ich, »ich dächte fast, es wäre die, wo Lotte Werthern die Pistolen schickt, ohne gegen Alberten ein Wort zu sagen und ohne ihm ihre Ahnungen und Befürchtungen mitzuteilen. Sie haben sich zwar alle Mühe gegeben, dieses Schweigen zu motivieren, allein es scheint doch alles gegen die dringende Notwendigkeit, wo es das Leben des Freundes galt, nicht Stich zu halten.« – »Ihre Bemerkung«, erwiderte Goethe, »ist freilich nicht schlecht. Ob aber Napoleon dieselbe Stelle gemeint hat oder eine andere, halte ich für gut nicht zu verraten. Aber wie gesagt, Ihre Beobachtung ist ebenso richtig wie die seinige.« Ich brachte zur Erwähnung, ob denn die große Wirkung, die der ›Werther‹ bei seinem Erscheinen gemacht, wirklich in der Zeit gelegen. »Ich kann mich«, sagte ich, »nicht zu dieser allgemein verbreiteten Ansicht bekennen. Der ›Werther‹ hat Epoche gemacht, weil er erschien, nicht weil er in einer gewissen Zeit erschien. Es liegt in jeder Zeit so viel unausgesprochenes Leiden, so viel heimliche Unzufriedenheit und Lebensüberdruß, und in einzelnen Menschen so viele Mißverhältnisse zur Welt, so viele Konflikte ihrer Natur mit bürgerlichen Einrichtungen, daß der ›Werther‹ Epoche machen würde und wenn er erst heute erschiene.« »Sie haben wohl recht,« erwiderte Goethe, »weshalb denn auch das Buch auf ein gewisses Jünglingsalter noch heute wirkt wie damals. Auch hätte ich kaum nötig gehabt, meinen eigenen jugendlichen Trübsinn aus allgemeinen Einflüssen meiner Zeit und aus der Lektüre einzelner englischer Autoren herzuleiten. Es waren vielmehr individuelle nahe liegende Verhältnisse, die mir auf die Nägel brannten und mir zu schaffen machten, und die mich in jenen Gemütszustand brachten, aus dem der ›Werther‹ hervorging. Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten! – Das war es. Die vielbesprochene Wertherzeit gehört, wenn man es näher betrachtet, freilich nicht dem Gange der Weltkultur an, sondern dem Lebensgange jedes einzelnen, der mit angeborenem freiem Natursinn sich in die beschränkenden Formen einer veralteten Welt finden und schicken lernen soll. Gehindertes Glück, gehemmte Tätigkeit, unbefriedigte Wünsche sind nicht Gebrechen einer besonderen Zeit, sondern jedes einzelnen Menschen, und es müßte schlimm sein, wenn nicht jeder einmal in seinem Leben eine Epoche haben sollte, wo ihm der ›Werther‹ käme, als wäre er bloß für ihn geschrieben.« Sonntag, den 4. Januar 1824 Heute nach Tische ging Goethe mit mir das Portefeuille von Raffael durch. Er beschäftigt sich mit Raffael sehr oft, um sich immerfort im Verkehr mit dem Besten zu erhalten und sich immerfort zu üben, die Gedanken eines hohen Menschen nachzudenken. Dabei macht es ihm Freude, mich in ähnliche Dinge einzuführen. Hernach sprachen wir über den ›Divan‹, besonders über das ›Buch des Unmuts‹, worin manches ausgeschüttet, was er gegen seine Feinde auf dem Herzen hatte. »Ich habe mich übrigens sehr mäßig gehalten,« fügte er hinzu; »wenn ich alles hätte aussprechen wollen, was mich wurmte und mir zu schaffen machte, so hätten die wenigen Seiten wohl zu einem ganzen Bande anwachsen können. Man war im Grunde nie mit mir zufrieden und wollte mich immer anders, als es Gott gefallen hatte mich zu machen. Auch war man selten mit dem zufrieden, was ich hervorbrachte. Wenn ich mich Jahr und Tag mit ganzer Seele abgemüht hatte, der Welt mit einem neuen Werke etwas zuliebe zu tun, so verlangte sie, daß ich mich noch obendrein bei ihr bedanken sollte, daß sie es nur erträglich fand. Lobte man mich, so sollte ich das nicht in freudigem Selbstgefühl als einen schuldigen Tribut hinnehmen, sondern man erwartete von mir irgendeine ablehnende bescheidene Phrase, worin ich demütig den völligen Unwert meiner Person und meines Werkes an den Tag lege. Das aber widerstrebte meiner Natur, und ich hätte müssen ein elender Lump sein, wenn ich so hätte heucheln und lügen wollen. Da ich nun aber stark genug war, mich in ganzer Wahrheit so zu zeigen, wie ich fühlte, so galt ich für stolz und gelte noch so bis auf den heutigen Tag. In religiösen Dingen, in wissenschaftlichen und politischen, überall machte es mir zu schaffen, daß ich nicht heuchelte, und daß ich den Mut hatte, mich auszusprechen wie ich empfand. Ich glaubte an Gott und die Natur und an den Sieg des Edlen über das Schlechte; aber das war den frommen Seelen nicht genug, ich sollte auch glauben, daß Drei Eins sei und Eins Drei; das aber widerstrebte dem Wahrheitsgefühl meiner Seele; auch sah ich nicht ein, daß mir damit auch nur im mindesten wäre geholfen gewesen. Ferner bekam es mir schlecht, daß ich einsah, die Newtonische Lehre vom Licht und der Farbe sei ein Irrtum, und daß ich den Mut hatte, dem allgemeinen Credo zu widersprechen. Ich erkannte das Licht in seiner Reinheit und Wahrheit, und ich hielt es meines Amtes, dafür zu streiten. Jene Partei aber trachtete in allem Ernst, das Licht zu verfinstern, denn sie behauptete: das Schattige sei ein Teil des Lichtes . Es klingt absurd, wenn ich es so ausspreche, aber doch ist es so. Denn man sagte: die Farben , welche doch ein Schattiges und Durchschattetes sind, seien das Licht selber , oder, was auf eins hinauskommt, sie seien des Lichtes bald so und bald so gebrochene Strahlen .« Goethe schwieg, während auf seinem bedeutenden Gesicht ein ironisches Lächeln verbreitet war. Er fuhr fort: »Und nun gar in politischen Dingen! Was ich da für Not und was ich da zu leiden gehabt, mag ich gar nicht sagen. Kennen Sie meine ›Aufgeregten‹?« »Erst gestern«, erwiderte ich, »habe ich wegen der neuen Ausgabe Ihrer Werke das Stück gelesen und von Herzen bedauert, daß es unvollendet geblieben. Aber wie es auch ist, so wird sich jeder Wohldenkende zu Ihrer Gesinnung bekennen.« »Ich schrieb es zur Zeit der Französischen Revolution,« fuhr Goethe fort, »und man kann es gewissermaßen als mein politisches Glaubensbekenntnis jener Zeit ansehen. Als Repräsentanten des Adels hatte ich die Gräfin hingestellt und mit den Worten, die ich ihr in den Mund gelegt, ausgesprochen, wie der Adel eigentlich denken soll. Die Gräfin kommt soeben aus Paris zurück, sie ist dort Zeuge der revolutionären Vorgänge gewesen und hat daraus für sich selbst keine schlechte Lehre gezogen. Sie hat sich überzeugt, daß das Volk wohl zu drücken, aber nicht zu unterdrücken ist, und daß die revolutionären Aufstände der unteren Klassen eine Folge der Ungerechtigkeiten der Großen sind. Jede Handlung, die mir unbillig scheint, sagt sie, will ich künftig streng vermeiden, auch werde ich über solche Handlungen anderer, in der Gesellschaft und bei Hofe, meine Meinung laut sagen. Zu keiner Ungerechtigkeit will ich mehr schweigen, und wenn ich auch unter dem Namen einer Demokratin verschrieen werden sollte. Ich dächte,« fuhr Goethe fort, »diese Gesinnung wäre durchaus respektabel. Sie war damals die meinige und ist es noch jetzt. Zum Lohne dafür aber belegte man mich mit allerlei Titeln, die ich nicht wiederholen mag.« »Man braucht nur den ›Egmont‹ zu lesen,« versetzte ich, »um zu erfahren, wie Sie denken. Ich kenne kein deutsches Stück, wo der Freiheit des Volkes mehr das Wort geredet würde als in diesem.« »Man beliebt einmal«, erwiderte Goethe, »mich nicht so sehen zu wollen, wie ich bin, und wendet die Blicke von allem hinweg, was mich in meinem wahren Lichte zeigen könnte. Dagegen hat Schiller, der, unter uns, weit mehr ein Aristokrat war als ich, der aber weit mehr bedachte, was er sagte, als ich, das merkwürdige Glück, als besonderer Freund des Volkes zu gelten. Ich gönne es ihm von Herzen und tröste mich damit, daß es anderen vor mir nicht besser gegangen. Es ist wahr, ich konnte kein Freund der Französischen Revolution sein, denn ihre Greuel standen mir zu nahe und empörten mich täglich und stündlich, während ihre wohltätigen Folgen damals noch nicht zu ersehen waren. Auch konnte ich nicht gleichgültig dabei sein, daß man in Deutschland künstlicher Weise ähnliche Szenen herbeizuführen trachtete, die in Frankreich Folge einer großen Notwendigkeit waren. Ebensowenig aber war ich ein Freund herrischer Willkür. Auch war ich vollkommen überzeugt, daß irgendeine große Revolution nie Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung. Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Notwendige von unten her erzwungen wird. Weil ich nun aber die Revolutionen haßte, so nannte man mich einen Freund des Bestehenden . Das ist aber ein sehr zweideutiger Titel, den ich mir verbitten möchte. Wenn das Bestehende alles vortrefflich, gut und gerecht wäre, so hätte ich gar nichts dawider. Da aber neben vielem Guten zugleich viel Schlechtes, Ungerechtes und Unvollkommenes besteht, so heißt ein Freund des Bestehenden oft nicht viel weniger als ein Freund des Veralteten und Schlechten. Die Zeit aber ist in ewigem Fortschreiten begriffen, und die menschlichen Dinge haben alle funfzig Jahre eine andere Gestalt, so daß eine Einrichtung, die im Jahre 1800 eine Vollkommenheit war, schon im Jahre 1850 vielleicht ein Gebrechen ist. Und wiederum ist für eine Nation nur das gut, was aus ihrem eigenen Kern und ihrem eigenen allgemeinen Bedürfnis hervorgegangen, ohne Nachäffung einer anderen. Denn was dem einen Volk auf einer gewissen Altersstufe eine wohltätige Nahrung sein kann, erweist sich vielleicht für ein anderes als ein Gift. Alle Versuche, irgendeine ausländische Neuerung einzuführen, wozu das Bedürfnis nicht im tiefen Kern der eigenen Nation wurzelt, sind daher töricht und alle beabsichtigten Revolutionen solcher Art ohne Erfolg; denn sie sind ohne Gott, der sich von solchen Pfuschereien zurückhält . Ist aber ein wirkliches Bedürfnis zu einer großen Reform in einem Volke vorhanden, so ist Gott mit ihm und sie gelingt. Er war sichtbar mit Christus und seinen ersten Anhängern, denn die Erscheinung der neuen Lehre der Liebe war den Völkern ein Bedürfnis; er war ebenso sichtbar mit Luthern, denn die Reinigung jener durch Pfaffenwesen verunstalteten Lehre war es nicht weniger. Beide genannten großen Kräfte aber waren nicht Freunde des Bestehenden; vielmehr waren beide lebhaft durchdrungen, daß der alte Sauerteig ausgekehrt werden müsse, und daß es nicht ferner im Unwahren, Ungerechten und Mangelhaften so fortgehen und bleiben könne.« Mittwoch, den 5. [?] Mai 1824 Die Papiere, welche die Studien enthalten, die Goethe mit den Schauspielern Wolff und Grüner gemacht, haben mich diese Tage lebhaft beschäftigt, und es ist mir gelungen, diese höchst zerstückelten Notizen in eine Art Form zu bringen, so daß daraus etwas entstanden ist, das wohl für den Anfang eines Katechismus für Schauspieler gelten könnte. Ich sprach heute mit Goethe über diese Arbeit, und wir gingen die einzelnen Gegenstände durch. Besonders wichtig wollte uns erscheinen, was über die Aussprache und Ablegung von Provinzialismen angedeutet worden. »Ich habe in meiner langen Praxis«, sagte Goethe, »Anfänger aus allen Gegenden Deutschlands kennen gelernt. Die Aussprache der Norddeutschen ließ im ganzen wenig zu wünschen übrig; sie ist rein und kann in mancher Hinsieht als musterhaft gelten. Dagegen habe ich mit geborenen Schwaben, Östreichern und Sachsen oft meine Not gehabt. Auch Eingeborne unserer lieben Stadt Weimar haben mir viel zu schaffen gemacht. Bei diesen entstehen die lächerlichsten Mißgriffe daraus, daß sie in den hiesigen Schulen nicht angehalten werden, das B von P und das D von T durch eine markierte Aussprache stark zu unterscheiden. Man sollte kaum glauben, daß sie B, P, D und T überhaupt für vier verschiedene Buchstaben halten, denn sie sprechen nur immer von einem weichen und einem harten B und von einem weichen und einem harten D und scheinen dadurch stillschweigend anzudeuten, daß P und T gar nicht existieren. Aus einem solchen Munde klingt denn Pein wie Bein, Paß wie Baß, und Teckel wie Deckel.« »Ein hiesiger Schauspieler,« versetzte ich, »der das T und D gleichfalls nicht gehörig unterschied, machte in diesen Tagen einen Fehler ähnlicher Art, der sehr auffallend erschien. Er spielte einen Liebhaber, der sich eine kleine Untreue hatte zuschulden kommen lassen, worüber ihm das erzürnte junge Frauenzimmer allerlei heftige Vorwürfe macht. Ungeduldig, hatte er zuletzt auszurufen: ›O ende!‹ Er konnte aber das T von D nicht unterscheiden und rief: ›O ente!‹ (O Ente!), welches denn ein allgemeines Lachen erregte.« »Der Fall ist sehr artig«, erwiderte Goethe, »und verdiente wohl, in unserm Theaterkatechismus mit aufgenommen zu werden.« »Eine hiesige junge Sängerin,« fuhr ich fort, »die das T und D gleichfalls nicht unterscheiden konnte, hatte neulich zu sagen: ›Ich will dich den Eingeweihten übergeben.‹ Da sie aber das T wie D sprach, so klang es, als sagte sie: ›Ich will dich den Eingeweiden übergeben.‹ So hatte neulich«, fuhr ich fort, »ein hiesiger Schauspieler, der eine Bedientenrolle spielte, einem Fremden zu sagen: ›Mein Herr ist nicht zu Haus, er sitzt im Rate.‹ Da er aber das T von D nicht unterschied, so klang es, als sagte er: ›Mein Herr ist nicht zu Haus, er sitzt im Rade.« »Auch diese Fälle«, sagte Goethe, »sind nicht schlecht, und wir wollen sie uns merken. So wenn einer das P und B nicht unterscheidet und ausrufen soll: ›Packe ihn an!‹ aber statt dessen ruft: ›Backe ihn an!‹ so ist es abermals lächerlich. Gleicherweise«, fuhr Goethe fort, »wird hier das ü häufig wie i ausgesprochen, wodurch nicht weniger die schändlichsten Mißverständnisse veranlaßt werden. So habe ich nicht selten statt Küstenbewohner – Kistenbewohner, statt Türstück – Tierstück, statt gründlich – grindlich, statt Trübe – Triebe, und statt Ihr müßt – Ihr mißt vernehmen müssen, nicht ohne Anwandlung von einigem Lachen.« »Dieser Art«, versetzte ich, »ist mir neulich im Theater ein sehr spaßhafter Fall vorgekommen, wo eine Dame in einer mißlichen Lage einem Manne folgen soll, den sie vorher nie gesehen. Sie hatte zu sagen: ›Ich kenne dich zwar nicht, aber ich setze mein ganzes Vertrauen in den Edelmut deiner Züge.‹ Da sie aber das ü wie i sprach, so sagte sie: ›Ich kenne dich zwar nicht, aber ich setze mein ganzes Vertrauen in den Edelmut deiner Ziege.‹ Es entstand ein großes Gelächter.« »Dieser Fall ist abermals gar nicht schlecht,« erwiderte Goethe, »und wir wollen ihn uns gleichfalls merken. So auch«, fuhr er fort, »wird hier das G und K häufig miteinander verwechselt und statt G – K und statt K – G gesprochen, wahrscheinlich abermals aus der Ungewißheit, ob ein Buchstabe weich oder hart sei, eine Folge der hier so beliebten Lehre. Sie werden im hiesigen Theater wahrscheinlich sehr oft Kartenhaus für Gartenhaus, Kasse für Gasse, klauben für glauben, bekränzen für begrenzen, und Kunst für Gunst bereits gehört haben oder noch künftig hören.« »Etwas Ähnliches«, erwiderte ich, »ist mir allerdings vorgekommen. Ein hiesiger Schauspieler hatte zu sagen: ›Dein Gram geht mir zu Herzen.‹ Er sprach aber das G wie K und sagte sehr deutlich: ›Dein Kram geht mir zu Herzen.‹« »Dergleichen Verwechselungen von G und K«, versetzte Goethe, »hören wir übrigens nicht bloß von Schauspielern, sondern auch wohl von sehr gelehrten Theologen. Mir passierte einst persönlich ein Fall der Art, den ich Ihnen doch erzählen will. Als ich nämlich vor einigen Jahren mich einige Zeit in Jena aufhielt und im Gasthof ›Zur Tanne‹ logierte, ließ sich eines Morgens ein Studiosus der Theologie bei mir melden. Nachdem er sich eine Weile mit mir ganz hübsch unterhalten, rückte er beim Abschiede gegen mich mit einem Anliegen ganz eigener Art hervor. Er bat mich nämlich, ihm doch am nächsten Sonntage zu erlauben, statt meiner predigen zu dürfen . Ich merkte sogleich, woher der Wind wehte, und daß der hoffnungsvolle Jüngling einer von denen sei, die das G und K verwechseln. Ich erwiderte ihm also mit aller Freundlichkeit, daß ich ihm in dieser Angelegenheit zwar persönlich nicht helfen könne, daß er aber sicher seinen Zweck erreichen würde, wenn er die Güte haben wolle, sich an den Herrn Archidiakonus Koethe zu wenden.« Dienstag, den 18. [25.] Mai 1824 Abends bei Goethe in Gesellschaft mit Riemer. Goethe unterhielt uns von einem englischen Gedicht, das die Geologie zum Gegenstande hat. Er machte uns davon erzählungsweise eine improvisierte Übersetzung mit so vielem Geist, Einbildungskraft und guter Laune, daß jede Einzelnheit lebendig vor Augen trat, als wäre alles eine im Moment entstehende Erfindung von ihm selber. Man sah den Helden des Gedichts, den König Coal , in glänzendem Audienzsaal auf seinem Throne sitzen, seine Gemahlin Pyrites an seiner Seite, in Erwartung der Großen des Reichs. Nach ihrer Rangordnung eintretend, erschienen nach und nach und wurden dem Könige vorgestellt: Herzog Granit , Marquis Schiefer , Gräfin Porphyry , und so die übrigen, die alle mit einigen treffenden Beiwörtern und Späßen charakterisiert wurden. Es tritt ferner ein: Sir Lorenz Urkalk , ein Mann von großen Besitzungen und bei Hofe wohlgelitten. Er entschuldigt seine Mutter, die Lady Marmor , weil ihre Wohnung etwas entfernt sei; übrigens wäre sie eine Dame von großer Kultur- und Politurfähigkeit. Daß sie heute nicht bei Hofe erscheine, hätte übrigens wohl einen Grund in einer Intrige, in welche sie sich mit Canova eingelassen, der ihr sehr schön tue. Tuffstein , mit Eidechsen und Fischen sein Haar verziert, schien etwas betrunken. Hans Mergel und Jakob Thon kommen erst gegen das Ende; letzterer der Königin besonders lieb, weil er ihr eine Muschelsammlung versprochen. Und so ging die Darstellung in dem heitersten Tone eine ganze Weile fort, doch war das Detail zu groß, als daß ich mir den weiteren Verlauf hätte merken können. »Ein solches Gedichte, sagte Goethe, »ist ganz darauf berechnet, die Weltleute zu amüsieren, indem es zugleich eine Menge nützlicher Kenntnisse verbreitet, die eigentlich niemanden fehlen sollten. Es wird dadurch in den höheren Kreisen der Geschmack für die Wissenschaft angeregt, und man weiß immer nicht, wieviel Gutes in der Folge aus einem so unterhaltenden Halbscherz entstehen kann. Mancher gute Kopf wird vielleicht veranlaßt, im Kreise seines persönlichen Bereichs selber zu beobachten; und solche individuelle Wahrnehmungen aus der uns umgebenden nächsten Natur sind oft um so schätzbarer, je weniger der Beobachtende ein eigentlicher Mann vom Fache war.« »Sie scheinen also andeuten zu wollen,« versetzte ich, »daß man um so schlechter beobachte, je mehr man wisse?« »Wenn das überlieferte Wissen mit Irrtümern verbunden,« erwiderte Goethe, »allerdings! Sobald man in der Wissenschaft einer gewissen beschränkten Konfession angehört, ist sogleich jede unbefangene treue Auffassung dahin. Der entschiedene Vulkanist wird immer nur durch die Brille des Vulkanisten sehen, so wie der Neptunist und der Bekenner der neuesten Hebungstheorie durch die seinige. Die Weltanschauung aller solcher in einer einzigen ausschließenden Richtung befangener Theoretiker hat ihre Unschuld verloren, und die Objekte erscheinen nicht mehr in ihrer natürlichen Reinheit. Geben sodann diese Gelehrten von ihren Wahrnehmungen Rechenschaft, so erhalten wir, ungeachtet der höchsten persönlichen Wahrheitsliebe des einzelnen, dennoch keineswegs die Wahrheit der Objekte; sondern wir empfangen die Gegenstände immer nur mit dem Geschmack einer sehr starken subjektiven Beimischung. Weit entfernt aber bin ich, zu behaupten, daß ein unbefangenes rechtes Wissen der Beobachtung hinderlich wäre, vielmehr behält die alte Wahrheit ihr Recht, daß wir eigentlich nur Augen und Ohren für das haben, was wir kennen . Der Musiker vom Fach hört beim Zusammenspiel des Orchesters jedes Instrument und jeden einzelnen Ton heraus, während der Nichtkenner in der massenhaften Wirkung des Ganzen befangen ist. So sieht ferner der bloß genießende Mensch nur die anmutige Fläche einer grünen oder blumigen Wiese, während dem beobachtenden Botaniker ein unendliches Detail der verschiedenartigsten einzelnen Pflänzchen und Gräser in die Augen fällt. Doch hat alles sein Maß und Ziel, und wie es schon in meinem ›Götz‹ heißt, daß das Söhnlein vor lauter Gelehrsamkeit seinen eigenen Vater nicht erkennt, so stoßen wir auch in der Wissenschaft auf Leute, die vor lauter Gelehrsamkeit und Hypothesen nicht mehr zum Sehen und Hören kommen. Es geht bei solchen Leuten alles rasch nach innen; sie sind von dem, was sie in sich herumwälzen, so okkupiert, daß es ihnen geht, wie einem Menschen in Leidenschaft, der in der Straße seinen liebsten Freunden vorbeirennt, ohne sie zu sehen. Es gehört zur Naturbeobachtung eine gewisse ruhige Reinheit des Innern, das von gar nichts gestört und präokkupiert ist. Dem Kinde entgeht der Käfer an der Blume nicht, es hat alle seine Sinne für ein einziges einfaches Interesse beisammen, und es fällt ihm durchaus nicht ein, daß zu gleicher Zeit etwa auch in der Bildung der Wolken sich etwas Merkwürdiges ereignen könne, um seine Blicke zugleich auch dorthin zu wenden.« »Da könnten also«, erwiderte ich, »die Kinder und ihresgleichen recht gute Handlanger in der Wissenschaft abgeben.« »Wollte Gott,« fiel Goethe ein, »wir wären alle nichts weiter als gute Handlanger! Eben weil wir mehr sein wollen und überall einen großen Apparat von Philosophie und Hypothesen mit uns herumführen, verderben wir es.« Es entstand eine Pause im Gespräch, die Riemer unterbrach, indem er den Lord Byron und dessen Tod zur Erwähnung brachte. Goethe machte darauf eine glänzende Auseinandersetzung seiner Schriften und war voll des höchsten Lobes und der reinsten Anerkennung. »Übrigens,« fuhr er fort, »obgleich Byron so jung gestorben ist, so hat doch die Literatur hinsichtlich einer gehinderten weiteren Ausdehnung nicht wesentlich verloren. Byron konnte gewissermaßen nicht weiter gehen. Er hatte den Gipfel seiner schöpferischen Kraft erreicht, und was er auch in der Folge noch gemacht haben würde, so hätte er doch die seinem Talent gezogenen Grenzen nicht erweitern können. In dem unbegreiflichen Gedicht seines ›Jüngsten Gerichts‹ hat er das Äußerste getan, was er zu tun fähig war.« Das Gespräch lenkte sich sodann auf den italienischen Dichter Torquato Tasso, und wie sich dieser zu Lord Byron verhalte; wo denn Goethe die große Überlegenheit des Engländers an Geist, Welt und produktiver Kraft nicht verhehlen konnte. »Man darf«, fügte er hinzu, »beide Dichter nicht miteinander vergleichen, ohne den einen durch den andern zu vernichten. Byron ist der brennende Dornstrauch, der die heilige Zeder des Libanon in Asche legt. Das große Epos des Italieners hat seinen Ruhm durch Jahrhunderte behauptet; aber mit einer einzigen Zeile des ›Don Juan‹ könnte man das ganze ›Befreite Jerusalem‹ vergiften.« Mittwoch, den 26. Mai 1824 Ich nahm heute Abschied von Goethe, um meine Lieben in Hannover und sodann den Rhein zu besuchen, wie es längst meine Absicht gewesen. Goethe war sehr herzlich und schloß mich in seine Arme. »Wenn Sie in Hannover bei Rehbergs«, sagte er, »vielleicht meine alte Jugendfreundin Charlotte Kestner sehen, so sagen Sie ihr Gutes von mir. In Frankfurt werde ich Sie meinen Freunden Willemers, dem Grafen Reinhard und Schlossers empfehlen. Auch in Heidelberg und Bonn finden Sie Freunde, die mir treu ergeben sind und bei denen Sie die beste Aufnahme finden werden. Ich hatte vor, diesen Sommer wieder einige Zeit in Marienbad zuzubringen, doch werde ich nicht eher gehen, als bis Sie zurück sind.« Der Abschied von Goethe ward mir schwer; doch ging ich mit der festen Zuversicht, ihn nach zwei Monaten gesund und froh wiederzusehen. Indes war ich am andern Tage glücklich, als der Wagen mich meiner lieben hannöverschen Heimat entgegenführte, nach der meine innigste Sehnsucht fortwährend gerichtet ist. 1825 Dienstag, den 22. März 1825 Diese Nacht, bald nach zwölf Uhr, wurden wir durch Feuerlärm geweckt; man rief: es brenne im Theater! Ich warf mich sogleich in meine Kleider und eilte an Ort und Stelle. Die allgemeine Bestürzung war groß. Noch vor wenigen Stunden waren wir durch das treffliche Spiel von La Roche im ›Juden‹ von Cumberland entzückt worden, und Seidel hatte durch gute Laune und Späße allgemeines Lachen erregt. Und jetzt raste an dieser selbigen Stelle kaum genossener geistiger Freuden das schrecklichste Element der Vernichtung. Das Feuer schien, durch Heizung veranlaßt, im Parterre ausgebrochen zu sein, hatte bald die Bühne und das dürre Lattenwerk der Kulissen ergriffen, und so, durch die reichlichste Nahrung brennbarer Stoffe schnell zum Ungeheuer erwachsen, dauerte es nicht lange, bis die Flamme überall zum Dache herausschlug und die Sparren zusammenkrachten. In den Anstalten zum Löschen war kein Mangel. Das Gebäude war nach und nach ganz mit Spritzen umstellt, die eine Unmasse von Wasser in die Glut gossen. Allein es war alles ohne Erfolg. Die Flamme raste nach wie vor aufwärts und trieb unerschöpflich eine Masse glühender Funken und brennende Stücke leichter Stoffe gegen den dunkelen Himmel, die sodann mit geringem Lufthauche seitwärts über die Stadt zogen. Der Lärm und das Rufen und Schreien der an den Feuerleitern und Spritzen arbeitenden Menschenmasse war groß. Alle Kräfte waren in Aufregung, man schien mit Gewalt siegen zu wollen. Ein wenig seitwärts, so nahe die Glut es erlaubte, stand ein Mann im Mantel und Militärmütze, in der ruhigsten Fassung eine Zigarre rauchend. Er schien beim ersten Anblick ein müßiger Zuschauer zu sein; allein er war es nicht. Personen gingen von ihm aus, denen er mit wenigen Worten Befehle erteilte, die sogleich vollzogen wurden. Es war der Großherzog Carl August. Er hatte bald gesehen, daß das Gebäude selbst nicht zu retten war; er befahl daher, es in sich zusammenzustürzen und alle nur entbehrlichen Spritzen gegen die Nachbarhäuser zu wenden, die von der nahen Glut sehr zu leiden hatten. Er schien in fürstlicher Resignation zu denken: Das brenne nieder! – Schöner baut sichs wieder auf. Er hatte nicht unrecht. Das Theater war alt, keineswegs schön und lange nicht geräumig genug, um ein sich mit jedem Jahre vergrößerndes Publikum zu fassen. Allein immerhin war es zu bedauern, gerade dieses Gebäude, an das sich für Weimar so viele Erinnerungen einer großen und lieben Vergangenheit knüpften, rettungslos verloren zu zu sehen. Ich sah in schönen Augen viele Tränen, die seinem Untergange flossen. Nicht weniger rührte mich ein Mitglied der Kapelle; er weinte um seine verbrannte Geige. Als der Tag anbrach, sah ich viele bleiche Gesichter. Ich bemerkte verschiedene junge Mädchen und Frauen der höheren Stände, die den Verlauf des Brandes die ganze Nacht abgewartet hatten und nun in der kalten Morgenluft einiges Frösteln verspürten. Ich ging nach Hause, um ein wenig zu ruhen, dann im Laufe des Vormittags zu Goethe. Der Bediente sagte mir, er sei unwohl und im Bette. Doch ließ Goethe mich in seine Nähe rufen. Er streckte mir seine Hand entgegen. »Wir haben alle verloren,« sagte er, »allein was ist zu tun! Mein Wölfchen kam diesen Morgen früh an mein Bette; er faßte meine Hand, und indem er mich mit großen Augen ansah, sagte er: ›So gehts den Menschen!‹ Was läßt sich weiter sagen als dieses Wort meines lieben Wolf, womit er mich zu trösten suchte. Der Schauplatz meiner fast dreißigjährigen liebevollen Mühe liegt in Schutt und Trümmer. Allein, wie Wolf sagt; so gehts den Menschen. Ich habe die ganze Nacht wenig geschlafen; ich sah aus meinen vorderen Fenstern die Flamme unaufhörlich gegen den Himmel steigen. Sie mögen denken, daß mir mancher Gedanke an die alten Zeiten, an meine vieljährigen Wirkungen mit Schiller und an das Herankommen und Wachsen manches lieben Zöglings durch die Seele gegangen ist, und daß ich nicht ohne einige innere Bewegung davongekommen bin. Ich denke mich daher heute auch ganz weislich zu Bette zu halten.« Ich lobte ihn wegen seiner Vorsicht. Doch schien er mir nicht im geringsten schwach und angegriffen, vielmehr ganz behaglich und heiterer Seele. Es schien mir vielmehr dieses im Bette liegen eine alte Kriegslist zu sein, die er bei irgendeinem außerordentlichen Ereignis anzuwenden pflegt, wo er den Zudrang vieler Besuche fürchtet. Goethe bat mich, auf einem Stuhl vor seinem Bette Platz zu nehmen und ein wenig dazubleiben. »Ich habe viel an Euch gedacht und Euch bedauert«, sagte er. »Was wollt Ihr nun mit Euren Abenden anfangen!« »Sie wissen,« erwiderte ich, »wie leidenschaftlich ich das Theater liebe. Als ich vor zwei Jahren hierher kam, kannte ich außer drei bis vier Stücken, die ich in Hannover gesehen, so gut wie gar nichts. Nun war mir alles neu, Personal wie Stücke; und da ich nun nach Ihrem Rat mich ganz den Eindrücken der Gegenstände hingab, ohne darüber viel denken und reflektieren zu wollen, so kann ich in Wahrheit sagen, daß ich diese beiden Winter im Theater die harmlosesten, lieblichsten Stunden verlebt habe, die mir je zuteil geworden. Auch war ich in das Theater so vernarrt, daß ich nicht allein keine Vorstellung versäumte, sondern mir auch Zutritt zu den Proben verschaffte; ja, auch damit noch nicht zufrieden, konnte ich wohl am Tage, wenn ich im Vorbeigehen zufällig die Türen offen fand, mich halbe Stunden lang auf die leeren Bänke des Parterr's setzen und mir Szenen imaginieren, die man etwa jetzt spielen könnte.« »Ihr seid eben ein verrückter Mensch,« erwiderte Goethe lachend; »aber so hab ichs gerne. Wollte Gott, das ganze Publikum bestände aus solchen Kindern! – Und im Grunde habt Ihr recht, es ist was. Wer nicht ganz verwöhnt und hinlänglich jung ist, findet nicht leicht einen Ort, wo es ihm so wohl sein könnte als im Theater. Man macht an Euch gar keine Ansprüche, Ihr braucht den Mund nicht aufzutun, wenn Ihr nicht wollt; vielmehr sitzt Ihr im völligen Behagen wie ein König und laßt Euch alles bequem vorführen und Euch Geist und Sinne traktieren, wie Ihr es nur wünschen könnt. Da ist Poesie, da ist Malerei, da ist Gesang und Musik, da ist Schauspielkunst, und was nicht noch alles! Wenn alle diese Künste und Reize von Jugend und Schönheit an einem einzigen Abend, und zwar auf bedeutender Stufe zusammenwirken, so gibt es ein Fest, das mit keinem andern zu vergleichen. Wäre aber auch einiges schlecht und nur einiges gut, so ist es immer noch mehr, als ob man zum Fenster hinaussähe oder in irgendeiner geschlossenen Gesellschaft beim Dampf von Zigarren eine Partie Whist spielte. Das Weimarische Theater ist, wie Sie fühlen, noch keineswegs zu verachten; es ist immer noch ein alter Stamm aus unserer besten Zeit da, dem sich neuere frische Talente zugebildet haben, und wir können immer noch etwas produzieren, das reizt und gefällt und wenigstens den Schein eines Ganzen bietet.« »Ich hätte es vor zwanzig, dreißig Jahren sehen mögen!« versetzte ich. »Das war freilich eine Zeit,« erwiderte Goethe, »die uns mit großen Avantagen zu Hilfe kam. Denken Sie sich, daß die langweilige Periode des französischen Geschmacks damals noch nicht gar lange vorbei und das Publikum noch keineswegs überreizt war, daß Shakespeare noch in seiner ersten Frische wirkte, daß die Opern von Mozart jung, und endlich, daß die Schillerschen Stücke erst von Jahr zu Jahr hier entstanden und auf dem Weimarischen Theater, durch ihn selber einstudiert, in ihrer ersten Glorie gegeben wurden – und Sie können sich vorstellen, daß mit solchen Gerichten Alte und Junge zu traktieren waren und daß wir immer ein dankbares Publikum hatten.« »Ältere Personen,« bemerkte ich, »die jene Zeit erlebt haben, können mir nicht genug rühmen, auf welcher Höhe das Weimarische Theater damals gestanden.« »Ich will nicht leugnen,« erwiderte Goethe, »es war etwas. Die Hauptsache aber war dieses, daß der Großherzog mir die Hände durchaus frei ließ und ich schalten und machen konnte, wie ich wollte. Ich sah nicht auf prächtige Dekorationen und eine glänzende Garderobe, aber ich sah auf gute Stücke. Von der Tragödie bis zur Posse, mir war jedes Genre recht; aber ein Stück mußte etwas sein, um Gnade zu finden. Es mußte groß und tüchtig, heiter und graziös, auf alle Fälle aber gesund sein und einen gewissen Kern haben. Alles Krankhafte, Schwache, Weinerliche und Sentimentale, sowie alles Schreckliche, Greuelhafte und die gute Sitte Verletzende war ein für allemal ausgeschlossen; ich hätte gefürchtet, Schauspieler und Publikum damit zu verderben. Durch die guten Stücke aber hob ich die Schauspieler. Denn das Studium des Vortrefflichen und die fortwährende Ausübung des Vortrefflichen mußte notwendig aus einem Menschen, den die Natur nicht im Stich gelassen, etwas machen. Auch war ich mit den Schauspielern in beständiger persönlicher Berührung. Ich leitete die Leseproben und machte jedem seine Rolle deutlich; ich war bei den Hauptproben gegenwärtig und besprach mit ihnen, wie etwas besser zu tun; ich fehlte nicht bei den Vorstellungen und bemerkte am andern Tage alles, was mir nicht recht erschienen. Dadurch brachte ich sie in ihrer Kunst weiter. – Aber ich suchte auch den ganzen Stand in der äußern Achtung zu heben, indem ich die Besten und Hoffnungsvollsten in meine Kreise zog und dadurch der Welt zeigte, daß ich sie eines geselligen Verkehrs mit mir wert achtete. Hiedurch geschah aber, daß auch die übrige höhere weimarische Gesellschaft hinter mir nicht zurückblieb und daß Schauspieler und Schauspielerinnen in die besten Zirkel bald einen ehrenvollen Zutritt gewannen. Durch alles mußte für sie eine große innere wie äußere Kultur hervorgehen. Meine Schüler Wolff in Berlin sowie unser Durand sind Leute von dem feinsten geselligen Takt. Herr Oels und Graff haben hinreichende höhere Bildung, um der besten Gesellschaft Ehre zu machen. Schiller verfuhr in demselbigen Sinne wie ich. Er verkehrte mit Schauspielern und Schauspielerinnen sehr viel. Er war gleich mir bei allen Proben gegenwärtig, und nach jeder gelungenen Vorstellung von einem seiner Stücke pflegte er sie zu sich einzuladen und sich mit ihnen einen guten Tag zu machen. Man freute sich gemeinsam an dem, was gelungen, und besprach sich über das, was etwa das nächste Mal besser zu tun sei. Aber schon als Schiller bei uns eintrat, fand er Schauspieler wie Publikum bereits im hohen Grade gebildet vor, und es ist nicht zu leugnen, daß es dem raschen Erfolg seiner Stücke zugute kam.« Es machte mir viele Freude, Goethe so ausführlich über einen Gegenstand sprechen zu hören, der für mich immer ein großes Interesse hatte und der besonders durch das Unglück dieser Nacht bei mir obenauf war. »Der heutige Brand des Hauses,« sagte ich, »in welchem Sie und Schiller eine lange Reihe von Jahren so viel Gutes gewirkt, beschließt gewissermaßen auch äußerlich eine große Epoche, die für Weimar so bald nicht zurückkommen dürfte. Sie müssen doch in jener Zeit bei Ihrer Leitung des Theaters und bei dem außerordentlichen Erfolg, den es hatte, viele Freude erlebt haben!« »Auch nicht geringe Last und Not!« erwiderte Goethe mit einem Seufzer. »Es mag schwer sein,« sagte ich, »ein so vielköpfiges Wesen in gehöriger Ordnung zu halten.« »Sehr viel«, erwiderte Goethe, »ist zu erreichen durch Strenge, mehr durch Liebe, das meiste aber durch Einsicht und eine unparteiische Gerechtigkeit, bei der kein Ansehn der Person gilt. Ich hatte mich vor zwei Feinden zu hüten, die mir hätten gefährlich werden können. Das eine war meine leidenschaftliche Liebe des Talents, das leicht in den Fall kommen konnte, mich parteiisch zu machen. Das andere will ich nicht aussprechen, aber Sie werden es erraten. Es fehlte bei unserm Theater nicht an Frauenzimmern, die schön und jung und dabei von großer Anmut der Seele waren. – Ich fühlte mich zu mancher leidenschaftlich hingezogen; auch fehlte es nicht, daß man mir auf halbem Wege entgegenkam. Allein ich faßte mich und sagte: Nicht weiter! – Ich kannte meine Stellung und wußte, was ich ihr schuldig war. Ich stand hier nicht als Privatmann, sondern als Chef einer Anstalt, deren Gedeihen mir mehr galt als mein augenblickliches persönliches Glück. Hätte ich mich in irgendeinen Liebeshandel eingelassen, so würde ich geworden sein wie ein Kompaß, der unmöglich recht zeigen kann, wenn er einen einwirkenden Magneten an seiner Seite hat. Dadurch aber, daß ich mich durchaus rein erhielt und immer Herr meiner selbst blieb, blieb ich auch Herr des Theaters, und es fehlte mir nie die nötige Achtung, ohne welche jede Autorität sehr bald dahin ist.« Dieses Bekenntnis Goethes war mir sehr merkwürdig. Ich hatte bereits von andern etwas Ähnliches über ihn vernommen und freute mich, jetzt aus seinem eigenen Munde die Bestätigung zu hören. Ich liebte ihn mehr als je und verließ ihn mit einem herzlichen Händedruck. Ich ging nach der Brandstelle zurück, wo aus dem großen Trümmerhaufen noch Flammen und Qualmsäulen emporstiegen. Man war noch fortwährend mit Löschen und Auseinanderzerren beschäftigt. Ich fand in der Nähe angebrannte Stücke einer geschriebenen Rolle. Es waren Stellen aus Goethes ›Tasso‹. Donnerstag den 24. [Mittwoch, den 23.] März 1825 Bei Goethe zu Tisch. Der Verlust des Theaters bildete fast den ausschließlichen Gegenstand des Gesprächs. Frau von Goethe und Fräulein Ulrike lebten in Erinnerung glücklicher Stunden, die sie in dem alten Hause genossen. Sie hatten sich aus dem Schutt einige Reliquien gesucht, die sie für unschätzbar hielten; es war aber am Ende weiter nichts als einige Steine und angebrannte Stücke einer Tapete. Aber diese Stücke sollten gerade von der Stelle sein, wo sie auf dem Balkon ihre Plätze gehabt! »Die Hauptsache ist,« sagte Goethe, »daß man sich schnell fasse und sich so schnell als möglich wieder einrichte. – Ich würde schon in nächster Woche wieder spielen lassen. Im Fürstenhause, oder im großen Saale des Stadthauses, gleichviel. Nur darf keine zu lange Pause eintreten, damit das Publikum für seine langweiligen Abende sich nicht erst andere Ressourcen suche.« »Aber von Dekorationen ist ja so gut wie gar nichts gerettet!« bemerkte man. »Es bedarf keiner vielen Dekorationen«, erwiderte Goethe. »Auch bedarf es keiner großen Stücke. Auch ist gar nicht nötig, daß man ein Ganzes gebe, noch weniger ein großes Ganze. Die Hauptsache ist, daß man Sachen wähle, bei denen kein großer Ortswechsel stattfindet. Irgendein einaktiges Lustspiel, oder eine einaktige Posse oder Operette. Dann irgendeine Arie, irgendein Duett, irgendein Finale einer beliebten Oper – und ihr werdet schon ganz passabel zufrieden sein. Es ist nur, daß der April leidlich vorübergehe, im Mai habt ihr schon die Sänger des Waldes. Indessen«, fuhr Goethe fort, »werdet ihr das Schauspiel haben, im Laufe der Sommermonate ein neues Haus hervorsteigen zu sehen. Dieser Brand ist mir sehr merkwürdig. Ich will euch nur verraten, daß ich die langen Abendstunden des Winters mich mit Coudray beschäftigt habe, den Riß eines für Weimar passenden neuen sehr schönen Theaters zu machen. Wir hatten uns von einigen der vorzüglichsten deutschen Theater Grund- und Durchschnittsrisse kommen lassen, und indem wir daraus das Beste benutzten und das uns fehlerhaft Scheinende vermieden, haben wir einen Riß zustande gebracht, der sich wird können sehen lassen. Sobald der Großherzog ihn genehmigt, kann mit dem Bau begonnen werden, und es ist keine Kleinigkeit, daß dieses Unheil uns sehr merkwürdigerweise so durchaus vorbereitet findet.« Wir begrüßten diese Nachricht Goethes mit großer Freude. »In dem alten Hause«, fuhr Goethe fort, »war für den Adel gesorgt durch den Balkon, und für die dienende Klasse und jungen Handwerker durch die Galerie. Die große Zahl des wohlhabenden und vornehmen Mittelstandes aber war oft übel daran; denn wenn bei gewissen Stücken das Parterre durch die Studenten eingenommen war, so wußten jene nicht wohin. Die paar kleinen Logen hinter dem Parterre und die wenigen Bänke des Parkett waren nicht hinreichend. Jetzt haben wir besser gesorgt. Wir lassen eine ganze Reihe Logen um das Parterre laufen und bringen zwischen Balkon und Galerie noch eine Reihe Logen zweiten Ranges. Dadurch gewinnen wir sehr viel Platz, ohne das Haus sonderlich zu vergrößern.« Wir freuten uns dieser Nachricht und lobten Goethe, daß er es so gut mit dem Theater und Publikum im Sinne habe. Um auch meinerseits für das hübsche künftige Theater etwas zu tun, ging ich nach Tisch mit meinem Freunde Robert Doolan nach Oberweimar, wo wir in der dortigen Schenke bei einer Tasse Kaffee anfingen, nach der ›Issipile‹ des Metastasio einen Operntext zu bilden. Unser erstes war, vor allen Dingen den Komödienzettel zu schreiben und das Stück mit den beliebtesten Sängern und Sängerinnen des Weimarischen Theaters zu besetzen. Große Freude machte uns dies. Es war fast, als säßen wir schon wieder vor dem Orchester. Dann fingen wir wirklich in allem Ernste an und vollendeten einen großen Teil des ersten Aktes. Sonntag, den 27. März 1825 Bei Goethe zu Tisch in größerer Gesellschaft. Er zeigte uns den Riß des neuen Theaters. Es war so, wie er uns vor einigen Tagen gesagt hatte; der Riß versprach sowohl für das Äußere als das Innere ein sehr schönes Haus. Es ward bemerkt, daß ein so hübsches Theater auch schöne Dekorationen und bessere Anzüge als bisher verlange. Auch war man der Meinung, daß auch das Personal anfange, nach und nach lückenhaft zu werden, und daß sowohl für das Schauspiel als die Oper einige ausgezeichnete junge Mitglieder müßten engagiert werden. Zugleich aber verhehlte man sich nicht, daß alles dieses mit einem bedeutenden Kostenaufwande verbunden sei, wozu die bisherigen Mittel der Kasse nicht reichen dürften. »Ich weiß recht gut,« fiel Goethe ein, »man wird, unter dem Vorwand, die Kasse zu schonen, einige Persönchen engagieren, die nicht viel kosten. Aber man denke nur nicht, mit solchen Maßregeln der Kasse zu nützen. Nichts schadet der Kasse mehr, als in solchen wesentlichen Dingen sparen zu wollen. Man muß daran denken, jeden Abend ein volles Haus zu bekommen. Und da tut ein junger Sänger, eine junge Sängerin, ein tüchtiger Held und eine tüchtige junge Heldin von ausgezeichnetem Talent und einiger Schönheit sehr viel. Ja stände ich noch an der Spitze der Leitung, ich würde jetzt zum Besten der Kasse noch einen Schritt weiter gehen, und ihr solltet erfahren, daß mir das nötige Geld nicht ausbliebe.« Man fragte Goethe, was er zu tun im Sinne habe. »Ein ganz einfaches Mittel würde ich anwenden«, erwiderte er. »Ich würde auch die Sonntage spielen lassen. Dadurch hätte ich die Einnahme von wenigstens vierzig Theaterabenden mehr, und es müßte schlimm sein, wenn die Kasse dabei nicht jährlich zehn- bis funfzehntausend Taler gewinnen sollte.« Diesen Ausweg fand man sehr praktisch. Es kam zur Erwähnung, daß die große arbeitende Klasse, die an den Wochentagen gewöhnlich bis spät in die Nacht beschäftiget sei, den Sonntag als einzigen Erholungstag habe, wo sie denn das edlere Vergnügen des Schauspiels dem Tanz und Bier in einer Dorfschenke sicher vorziehen würde. Auch war man der Meinung, daß sämtliche Pächter und Gutsbesitzer, sowie die Beamten und wohlhabenden Einwohner der kleinen Städte in der Umgegend den Sonntag als einen erwünschten Tag ansehen würden, um in das Weimarische Theater zu fahren. Auch sei bisher der Sonntagabend in Weimar für jeden, der nicht an Hof gehe oder nicht Mitglied eines glücklichen Familienkreises oder einer geschlossenen Gesellschaft sei, sehr schlimm und langweilig; denn der einzelne wisse nicht wohin. Und doch mache man Ansprüche, als müsse am Abend eines Sonntags sich irgendein Ort finden lassen, wo es einem wohl sei und man die Plage der Woche vergesse. Goethes Gedanke, auch die Sonntage spielen zu lassen, wie es in den übrigen deutschen Städten üblich, fand also die vollkommenste Zustimmung und ward als ein sehr glücklicher begrüßt. Nur erhob sich ein leiser Zweifel, ob es auch dem Hofe recht sein würde. »Der weimarische Hof«, erwiderte Goethe, »ist zu gut und weise, als daß er eine Maßregel hindern sollte, die zum Wohl der Stadt und einer bedeutenden Anstalt gereicht. Der Hof wird gewiß gerne das kleine Opfer bringen und seine Sonntagssoireen auf einen anderen Tag verlegen. Wäre dies aber nicht annehmlich, so gäbe es ja für die Sonntage Stücke genug, die der Hof ohnedies nicht gerne sieht, die aber für das eigentliche Volk durchaus geeignet sind und ganz trefflich die Kasse füllen.« Das Gespräch wendete sich auf die Schauspieler, und es ward über den Gebrauch und Mißbrauch ihrer Kräfte sehr viel hin und wider geredet. »Ich habe in meiner langen Praxis«, sagte Goethe, »als Hauptsache gefunden, daß man nie ein Stück oder gar eine Oper einstudieren lassen solle, wovon man nicht einen guten Sukzeß auf Jahre hin mit einiger Bestimmtheit voraussieht. Niemand bedenkt hinreichend das Aufgebot von Kräften, die das Einstudieren eines fünfaktigen Stückes oder gar einer Oper von gleicher Länge in Anspruch nimmt. Ja, ihr Lieben, es gehört viel dazu, ehe ein Sänger eine Partie durch alle Szenen und Akte durchaus inne habe, und sehr viel, ehe die Chöre gehen, wie sie gehen müssen. Es kann mich gelegentlich ein Grauen überfallen, wenn ich höre, wie leichtsinnig man oft den Befehl zum Einstudieren einer Oper gibt, von deren Sukzeß man eigentlich durchaus nichts weiß und wovon man nur durch einige sehr unsichere Zeitungsnachrichten gehört hat. Da wir in Deutschland schon ganz leidliche Posten besitzen, ja sogar anfangen, Schnellposten zu bekommen, so würde ich bei der Nachricht von irgendeiner auswärts gegebenen und gepriesenen neuen Oper den Regisseur oder ein anderes zuverlässiges Mitglied der Bühne an Ort und Stelle schicken, damit er sich durch seine persönliche Gegenwart bei einer wirklichen Aufführung überzeuge, inwiefern die gepriesene neue Oper gut und tüchtig, und inwiefern unsere Kräfte dazu hinreichen oder nicht. Die Kosten einer solchen Reise kommen gar nicht in Betracht in Vergleich der enormen Vorteile, die dadurch erreicht, und der unseligen Mißgriffe, die dadurch verhütet werden. Und dann, ist einmal ein gutes Stück oder eine gute Oper einstudiert, so soll man sie in kurzen Zwischenpausen so lange hintereinander geben, als sie irgend zieht und irgend das Haus füllet. Dasselbe gilt von einem guten älteren Stück oder einer guten älteren Oper, die vielleicht seit Jahr und Tag geruhet hat und nun gleichfalls eines nicht ganz geringen erneuten Studiums bedurfte, um wieder mit Sukzeß gegeben werden zu können. Eine solche Vorstellung soll man in kurzen Zwischenpausen gleichfalls so oft wiederholen, als das Publikum irgend sein Interesse daran zu erkennen gibt. Die Sucht, immer etwas Neues haben und ein mit unsäglicher Mühe einstudiertes gutes Stück oder Oper nur einmal, höchstens zweimal sehen zu wollen, oder auch zwischen solchen Wiederholungen lange Zeiträume von sechs bis acht Wochen verstreichen zu lassen, wo denn immer wieder ein neues Studium nötig wird, ist ein wahrer Verderb des Theaters und ein Mißbrauch der Kräfte des ausübenden Personals, der gar nicht zu verzeihen ist.« Goethe schien diese Angelegenheit so wichtig zu halten und sie schien ihm so sehr am Herzen zu liegen, daß er darüber in eine Wärme geriet, wie sie ihn bei seiner großen Ruhe selten anwandelt. »In Italien«, fuhr Goethe fort, »gibt man eine und dieselbige Oper vier bis sechs Wochen lang jeden Abend, und die italienischen großen Kinder verlangen darin keineswegs eine Änderung. Der gebildete Pariser sieht die klassischen Stücke seiner großen Dichter so oft, daß er sie auswendig weiß und für die Betonung einer jeden Silbe ein geübtes Ohr hat. Hier in Weimar hat man mir wohl die Ehre erzeigt, meine ›Iphigenie‹ und meinen ›Tasso‹ zu geben; allein wie oft ? Kaum alle drei bis vier Jahre einmal. Das Publikum findet sie langweilig. Sehr begreiflich. Die Schauspieler sind nicht geübt, die Stücke zu spielen, und das Publikum ist nicht geübt, sie zu hören. Würden die Schauspieler durch öftere Wiederholung sich in ihre Rolle so hineinspielen, daß die Darstellung ein Leben gewönne, als wäre es nicht eingelernt, sondern als entquölle alles aus ihrem eigenen Herzen, so würde das Publikum sicher auch nicht ohne Interesse und ohne Empfindung bleiben. Ich hatte wirklich einmal den Wahn, als sei es möglich, ein deutsches Theater zu bilden. Ja ich hatte den Wahn, als könne ich selber dazu beitragen und als könne ich zu einem solchen Bau einige Grundsteine legen. Ich schrieb meine ›Iphigenie‹ und meinen ›Tasso‹ und dachte in kindischer Hoffnung, so würde es gehen. Allein es regte sich nicht und rührte sich nicht und blieb alles wie zuvor. Hätte ich Wirkung gemacht und Beifall gefunden, so würde ich euch ein ganzes Dutzend Stücke wie die ›Iphigenie‹ und den ›Tasso‹ geschrieben haben. An Stoff war kein Mangel. Allein, wie gesagt, es fehlten die Schauspieler, um dergleichen mit Geist und Leben darzustellen, und es fehlte das Publikum, dergleichen mit Empfindung zu hören und aufzunehmen.« Mittwoch, den 30. [Dienstag, den 29.] März 1825 Abends großer Tee bei Goethe, wo ich außer den hiesigen jungen Engländern auch einen jungen Amerikaner fand. Auch hatte ich die Freude, Gräfin Julie von Egloffstein zu sehen und mit ihr allerlei gute Unterhaltung zu führen. Mittwoch, den 6. April 1825 Man hatte Goethes Rat befolgt und spielte heute abend zuerst im großen Saale des Stadthauses, und zwar gab man kleine Sachen und Bruchstücke, wie das beschränkte Lokal und der Mangel an Dekorationen es bedingte. Die kleine Oper ›Das Hausgesinde‹ gelang vollkommen so gut wie im Theater. Sodann ein beliebtes Quartett aus der Oper ›Graf von Gleichen‹ von Eberwein ward mit entschiedenem Beifall aufgenommen. Unser erster Tenor, Herr Moltke, sang darauf ein oft vernommenes Lied aus der ›Zauberflöte‹, worauf, nach einer Pause, das große Finale des ersten Aktes von ›Don Juan‹ mächtig eintrat und so dieses heutige erste Surrogat eines Abends im Theater grandios und würdig beschloß. Sonntag, den 10. April 1825 Bei Goethe zu Tisch. »Ich habe Euch die gute Nachricht zu vermelden,« sagte er, »daß der Großherzog unsern Riß des neuen Theaters genehmigt hat und daß mit Legung des Grundes ungesäumt begonnen wird.« Ich war über diese Eröffnung sehr froh. »Wir hatten mit allerlei Gegenwirkungen zu kämpfen,« fuhr Goethe fort, »allein wir sind zuletzt glücklich durchgedrungen. Wir haben dabei sehr viel dem Geheimenrat Schweitzer zu verdanken, der, wie sich von ihm erwarten ließ, mit tüchtiger Gesinnung treu auf unserer Seite stand. Der Riß ist vom Großherzog eigenhändig unterschrieben und erleidet nunmehr keine weitere Änderung. Freuet Euch also, denn Ihr bekommt ein sehr gutes Theater.« Donnerstag, den 14. April 1825 Abends bei Goethe. Da unsere Gespräche über Theater und Theaterleitung einmal an der Zeit waren, so fragte ich ihn, nach welchen Maximen er bei der Wahl eines neuen Mitgliedes verfahren. »Ich könnte es kaum sagen«, erwiderte Goethe. »Ich verfuhr sehr verschieden. Ging dem neuen Schauspieler ein bedeutender Ruf voran, so ließ ich ihn spielen und sah, wie er sich zu den andern passe, ob seine Art und Weise unser Ensemble nicht störe, und ob durch ihn überhaupt bei uns eine Lücke ausgefüllt werde. War es aber ein junger Mensch, der zuvor noch keine Bühne betreten, so sah ich zunächst auf seine Persönlichkeit, ob ihm etwas für sich Einnehmendes, Anziehendes inwohne, und vor allen Dingen, ob er sich in der Gewalt habe. Denn ein Schauspieler, der keine Selbstbeherrschung besitzt und sich einem Fremden gegenüber nicht so zeigen kann, wie er es für sich am günstigsten hält, hat überhaupt wenig Talent. Sein ganzes Metier verlangt ja ein fortwährendes Verleugnen seiner selbst und ein fortwährendes Eingehen und Leben in einer fremden Maske! – Wenn mir nun sein Äußeres und sein Benehmen gefiel, so ließ ich ihn lesen, um sowohl die Kraft und den Umfang seines Organs als auch die Fähigkeiten seiner Seele zu erfahren. Ich gab ihm etwas Erhabenes eines großen Dichters, um zu sehen, ob er das wirklich Große zu empfinden und auszudrücken fähig; dann etwas Leidenschaftliches, Wildes, um seine Kraft zu prüfen. Dann ging ich wohl zu etwas klar Verständigem, Geistreichen, Ironischen, Witzigen über, um zu sehen, wie er sich bei solchen Dingen benehme, und ob er hinlängliche Freiheit des Geistes besitze. Dann gab ich ihm etwas, worin der Schmerz eines verwundeten Herzens, das Leiden einer großen Seele dargestellt war, damit ich erführe, ob er auch den Ausdruck des Rührenden in seiner Gewalt habe. Genügte er mir nun in allen diesen mannigfaltigen Richtungen, so hatte ich gegründete Hoffnung, aus ihm einen sehr bedeutenden Schauspieler zu machen. War er in einigen Richtungen entschieden besser als in andern, so merkte ich mir das Fach, für welches er sich vorzugsweise eigne. Auch kannte ich jetzt seine schwachen Seiten und suchte bei ihm vor allen dahin zu wirken, daß er diese stärke und ausbilde. Bemerkte ich Fehler des Dialekts und sogenannte Provinzialismen, so drang ich darauf, daß er sie ablege, und empfahl ihm zu geselligem Umgange und freundlicher Übung ein Mitglied der Bühne, das davon durchaus frei war. Dann fragte ich ihn, ob er tanzen und fechten könne, und wenn dieses nicht der Fall, so übergab ich ihn auf einige Zeit dem Tanz- und Fechtmeister. War er nun so weit, um auftreten zu können, so gab ich ihm zunächst solche Rollen, die seiner Individualität gemäß waren, und ich verlangte vorläufig nichts weiter, als daß er sich selber spiele. Erschien er mir nun etwas zu feuriger Natur, so gab ich ihm phlegmatische, erschien er mir aber zu ruhig und langsam, so gab ich ihm feurige, rasche Charaktere, damit er lernte, sich selber abzulegen und in eine fremde Persönlichkeit einzugehen.« Die Unterhaltung wendete sich auf die Besetzung von Stücken, wobei Goethe unter andern folgendes aussprach, welches mir merkwürdig erschien. »Es ist ein großer Irrtum,« sagte er, »wenn man denkt, ein mittelmäßiges Stück auch mit mittelmäßigen Schauspielern besetzen zu können. Ein Stück zweiten, dritten Ranges kann durch Besetzung mit Kräften ersten Ranges unglaublich gehoben und wirklich zu etwas Gutem werden. Wenn ich aber ein Stück zweiten, dritten Ranges auch mit Schauspielern zweiten, dritten Ranges besetze, so wundere man sich nicht, wenn die Wirkung vollkommen null ist. Schauspieler sekondärer Art sind ganz vortrefflich in großen Stücken. Sie wirken dann wie in einem Gemälde, wo die Figuren im Halbschatten ganz herrliche Dienste tun, um diejenigen, welche das volle Licht haben, noch mächtiger erscheinen zu lassen.« Sonnabend, den 16. [Dienstag, den 12.] April 1825 Bei Goethe zu Tisch mit D'Alton, dessen Bekanntschaft ich vorigen Sommer in Bonn gemacht und welchen wiederzusehen ich große Freude hatte. D'Alton ist ganz ein Mann nach Goethes Sinne; auch findet zwischen beiden ein sehr schönes Verhältnis statt. In seiner Wissenschaft erscheint er von großer Bedeutung, so daß Goethe seine Äußerungen wert hält und jedes seiner Worte beachtet. Dabei ist D'Alton als Mensch liebenswürdig, geistreich und von einer Redegabe und einer Fülle hervorquellender Gedanken, daß er wohl wenige seinesgleichen hat und man nicht satt wird ihm zuzuhören. Goethe, der in seinen Bestrebungen, die Natur zu ergründen, gern das All umfassen möchte, steht gleichwohl gegen jeden einzelnen Naturforscher von Bedeutung, der ein ganzes Leben einer speziellen Richtung widmet, im Nachteil. Bei diesem findet sich die Beherrschung eines Reiches unendlichen Details, während Goethe mehr in der Anschauung allgemeiner großer Gesetze lebt. Daher kommt nun, daß Goethe, der immer irgendeiner großen Synthese auf der Spur ist, dem aber, aus Mangel an Kenntnis der einzelnen Fakta, die Bestätigung seiner Ahndungen fehlt, mit so entschiedener Liebe jedes Verhältnis zu bedeutenden Naturforschern ergreift und festhält. Denn bei ihnen findet er, was ihm mangelt; bei ihnen findet er die Ergänzung dessen, was bei ihm selber lückenhaft geblieben. Er wird nun in wenigen Jahren achtzig Jahre alt, aber des Forschens und Erfahrens wird er nicht satt. In keiner seiner Richtungen ist er fertig und abgetan; er will immer weiter, immer weiter! immer lernen, immer lernen! und zeigt sich eben dadurch als ein Mensch von einer ewigen, ganz unverwüstlichen Jugend. Diese Betrachtungen wurden bei mir diesen Mittag bei seiner lebhaften Unterhaltung mit D'Alton angeregt. D'Alton sprach über die Nagetiere und die Bildungen und Modifikationen ihrer Skelette, und Goethe konnte nicht satt werden, immer noch mehr einzelne Fakta zu vernehmen. Mittwoch, den 27. April 1825 Gegen Abend zu Goethe, der mich zu einer Spazierfahrt in den untern Garten hatte einladen lassen. »Ehe wir fahren,« sagte er, »will ich Ihnen doch einen Brief von Zelter geben, den ich gestern erhalten und worin er auch unsere Theaterangelegenheit berührt.« »Daß Du der Mann nicht bist,« schreibt Zelter unter andern, »dem Volk in Weimar ein Theater zu bauen, hätte ich Dir schon eher angesehen. Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen. Das möchten nur auch andere Hoheiten bedenken, die den Wein in der Gohre pfropfen wollen. ›Freunde, wir habens erlebt‹ , ja erleben es.« Goethe sah mich an, und wir lachten. »Zelter ist brav und tüchtig,« sagte er, »aber er kommt mitunter in den Fall, mich nicht ganz zu verstehen und meinen Worten eine falsche Auslegung zu geben. Ich habe dem Volk und dessen Bildung mein ganzes Leben gewidmet, warum sollte ich ihm nicht auch ein Theater bauen! Allein hier in Weimar, in dieser kleinen Residenz, die, wie man scherzhafterweise sagt, zehntausend Poeten und einige Einwohner hat, wie kann da viel von Volk die Rede sein – und nun gar von einem Volkstheater! Weimar wird ohne Zweifel einmal eine recht große Stadt werden, allein wir können immer noch einige Jahrhunderte warten, bis das weimarische Volk eine hinlängliche Masse bildet, um ein Theater füllen und ein Theater bauen und erhalten zu können.« Es war indessen angespannt, und wir fuhren in den untern Garten. Der Abend war still und milde, fast etwas schwül, und es zeigten sich große Wolken, die sich gewitterhaft zu Massen zusammenzogen. Wir gingen in dem trockenen Sandwege auf und ab, Goethe still neben mir, scheinbar von allerlei Gedanken bewegt. Ich horchte indes auf die Töne der Amsel und Drossel, die auf den Spitzen der noch unbelaubten Eschen jenseit der Ilm dem sich bildenden Gewitter entgegensangen. Goethe ließ seine Blicke umherschweifen, bald an den Wolken, bald über das Grün hin, das überall an den Seiten des Wegs und auf der Wiese wie an Büschen und Hecken mächtig hervorquoll. »Ein warmer Gewitterregen, wie der Abend es verspricht,« sagte er, »und der Frühling wird in der ganzen Pracht und Fülle abermals wieder da sein.« Indessen ward das Gewölk drohender, man hörte ein dumpfes Donnern, auch einige Tropfen fielen, und Goethe fand es geraten, wieder in die Stadt zurückzufahren. »Wenn Sie nichts vorhaben,« sagte er, als wir an seiner Wohnung abstiegen, »so gehen Sie wohl mit hinauf und bleiben noch ein Stündchen bei mir.« Welches denn mit großer Freude von mir geschah. Zelters Brief lag noch auf dem Tische. »Es ist wunderlich, gar wunderlich,« sagte Goethe, »wie leicht man zu der öffentlichen Meinung in eine falsche Stellung gerät! Ich wüßte nicht, daß ich je etwas gegen das Volk gesündigt, aber ich soll nun ein für allemal kein Freund des Volkes sein. Freilich bin ich kein Freund des revolutionären Pöbels, der auf Raub, Mord und Brand ausgeht und hinter dem falschen Schilde des öffentlichen Wohles nur die gemeinsten egoistischen Zwecke im Auge hat. Ich bin kein Freund solcher Leute, ebensowenig als ich ein Freund eines Ludwigs des Funfzehnten bin. Ich hasse jeden gewaltsamen Umsturz, weil dabei ebensoviel Gutes vernichtet als gewonnen wird. Ich hasse die, welche ihn ausführen, wie die, welche dazu Ursache geben. Aber bin ich darum kein Freund des Volkes? Denkt denn jeder rechtlich gesinnte Mann etwa anders? Sie wissen, wie sehr ich mich über jede Verbesserung freue, welche die Zukunft uns etwa in Aussicht stellt. Aber, wie gesagt, jedes Gewaltsame, Sprunghafte ist mir in der Seele zuwider, denn es ist nicht naturgemäß . Ich bin ein Freund der Pflanze, ich liebe die Rose als das Vollkommenste, was unsere deutsche Natur als Blume gewähren kann; aber ich bin nicht Tor genug, um zu verlangen, daß mein Garten sie mir schon jetzt, Ende April, gewähren soll. Ich bin zufrieden, wenn ich jetzt die ersten grünen Blätter finde, zufrieden, wenn ich sehe, wie ein Blatt nach dem andern den Stengel von Woche zu Woche weiter bildet; ich freue mich, wenn ich im Mai die Knospe sehe, und bin glücklich, wenn endlich der Juni mir die Rose selbst in aller Pracht und in allem Duft entgegenreicht. Kann aber jemand die Zeit nicht erwarten, der wende sich an die Treibhäuser. Nun heißt es wieder, ich sei ein Fürstendiener, ich sei ein Fürstenknecht. Als ob damit etwas gesagt wäre! – Diene ich denn etwa einem Tyrannen? einem Despoten? – Diene ich denn etwa einem solchen, der auf Kosten des Volkes nur seinen eigenen Lüsten lebt? – Solche Fürsten und solche Zeiten liegen gottlob längst hinter uns. Ich bin dem Großherzog seit einem halben Jahrhundert auf das innigste verbunden und habe ein halbes Jahrhundert mit ihm gestrebt und gearbeitet; aber lügen müßte ich, wenn ich sagen wollte, ich wüßte einen einzigen Tag, wo der Großherzog nicht daran gedacht hätte, etwas zu tun und auszuführen, das dem Lande zum Wohl gereichte und das geeignet wäre, den Zustand des einzelnen zu verbessern. – Für sich persönlich, was hatte er denn von seinem Fürstenstande als Last und Mühe! – Ist seine Wohnung, seine Kleidung und seine Tafel etwa besser bestellt als die eines wohlhabenden Privatmannes? – Man gehe nur in unsere Seestädte und man wird Küche und Keller eines angesehenen Kaufmannes besser bestellt finden als die seinigen. Wir werden«, fuhr Goethe fort, »diesen Herbst den Tag feiern, an welchem der Großherzog seit funfzig Jahren regiert und geherrscht hat. Allein, wenn ich es recht bedenke, dieses sein Herrschen, was war es weiter als ein beständiges Dienen? Was war es als ein Dienen in Erreichung großer Zwecke, ein Dienen zum Wohl seines Volkes! – Soll ich denn also mit Gewalt ein Fürstenknecht sein, so ist es wenigstens mein Trost, daß ich doch nur der Knecht eines solchen bin, der selber ein Knecht des allgemeinen Besten ist.« Freitag, den 29. April 1825 Der Bau des neuen Theaters war diese Zeit her rasch vorgeschritten, die Grundmauern stiegen schon überall empor und ließen ein baldiges, sehr schönes Gebäude hoffen. Heute aber, als ich den Bauplatz besuchte, sah ich zu meinem Schrecken daß die Arbeit eingestellt war; auch hörte ich gerüchtweise, daß eine andere Partei gegen Goethes und Coudrays Plan noch endlich obgesiegt habe, daß Coudray von der Leitung des Baues zurücktrete und daß ein anderer Architekt nach einem neuen Riß den Bau ausführen und den bereits gelegten Grund danach ändern würde. Dieses zu sehen und zu hören, betrübte mich tief denn ich hatte mich mit vielen darauf gefreut, in Weimar ein Theater entstehen zu sehen, das nach Goethes praktischer Ansicht von einer zweckmäßigen innern Einrichtung ausgeführt und hinsichtlich der Schönheit seinem hochgebildeten Geschmack gemäß sein würde. Aber auch wegen Goethe und Coudray betrübte es mich, die durch dieses weimarische Ereignis sich beide mehr oder weniger verletzt fühlen mußten. Sonntag, den 1. Mai 1825 Bei Goethe zu Tisch. Es ist zu denken, daß der veränderte Theaterbau das erste war, das zwischen uns zur Sprache kam. Ich hatte, wie gesagt, gefürchtet, daß die höchst unerwartete Maßregel Goethe tief verletzen würde. Allein keine Spur! Ich fand ihn in der mildesten, heitersten Stimmung, durchaus über jede kleine Empfindlichkeit erhaben. »Man hat«, sagte er, »dem Großherzog von seiten des Kostenpunktes und großer Ersparungen, die bei dem veränderten Bauplan zu machen, beizukommen gesucht, und es ist ihnen gelungen. Mir kann es ganz recht sein. Ein neues Theater ist am Ende doch immer nur ein neuer Scheiterhaufen, den irgendein Ungefähr über kurz oder lang wieder in Brand steckt. Damit tröste ich mich. Übrigens ein bißchen mehr oder weniger, ein bißchen auf oder ab ist nicht der Rede wert. Ihr werdet immerhin ein ganz leidliches Haus bekommen, wenn auch nicht gerade so, wie ich es mir gewünscht und mir gedacht hatte. Ihr werdet hineingehen, und ich werde auch hineingehen, und es wird am Ende alles ganz artig ausfallen. Der Großherzog«, fuhr Goethe fort, »äußerte gegen mich die Meinung, ein Theater brauche keineswegs ein architektonisches Prachtwerk zu sein; wogegen im ganzen freilich nichts einzuwenden. Er meinte ferner, es sei doch immer nur ein Haus, das den Zweck habe, Geld zu verdienen . Diese Ansicht klingt beim ersten Anhören etwas materiell; allein es fehlt ihr, recht bedacht, auch keineswegs eine höhere Seite. Denn will ein Theater nicht bloß zu seinen Kosten kommen, sondern obendrein noch Geld erübrigen und Geld verdienen, so muß eben alles durchaus ganz vortrefflich sein. Es muß die beste Leitung an der Spitze haben, die Schauspieler müssen durchweg zu den besten gehören, und man muß fortwährend so gute Stücke geben, daß nie die Anziehungskraft ausgehe, welche dazu gehört, um jeden Abend ein volles Haus zu machen. Das ist aber mit wenigen Worten sehr viel gesagt und fast das Unmögliche.« »Die Ansicht des Großherzogs,« sagte ich, »mit dem Theater Geld verdienen zu wollen, scheint also eine durchaus praktische zu sein, indem in ihr eine Nötigung liegt, sich fortwährend auf der Höhe des Vortrefflichen zu erhalten.« »Shakespeare und Molière«, erwiderte Goethe, »hatten auch keine andere. Beide wollten auch vor allen Dingen mit ihren Theatern Geld verdienen. Damit sie aber diesen ihren Hauptzweck erreichten, mußten sie dahin trachten, daß fortwährend alles im besten Stande und neben dem alten Guten immer von Zeit zu Zeit etwas tüchtiges Neues da sei, das reize und anlocke. Das Verbot des ›Tartuffe‹ war für Molière ein Donnerschlag – aber nicht sowohl für den Poeten als für den Direktor Molière, der für das Wohl einer bedeutenden Truppe zu sorgen hatte und der sehen mußte, wie er für sich und die Seinigen Brot schaffe. Nichts«, fuhr Goethe fort, »ist für das Wohl eines Theaters gefährlicher, als wenn die Direktion so gestellt ist, daß eine größere oder geringere Einnahme der Kasse sie persönlich nicht weiter berührt und sie in der sorglosen Gewißheit hinleben kann, daß dasjenige, was im Laufe des Jahres an der Einnahme der Theaterkasse gefehlt hat, am Ende desselben aus irgendeiner anderen Quelle ersetzt wird. Es liegt einmal in der menschlichen Natur, daß sie leicht erschlafft, wenn persönliche Vorteile oder Nachteile sie nicht nötigen. Nun ist zwar nicht zu verlangen, daß ein Theater in einer Stadt wie Weimar sich selbst erhalten solle und daß kein jährlicher Zuschuß aus der fürstlichen Kasse nötig sei. Allein es hat doch alles sein Ziel und seine Grenze, und einige tausend Taler jährlich mehr oder weniger sind doch keineswegs eine gleichgültige Sache, besonders da die geringere Einnahme und das Schlechterwerden des Theaters natürliche Gefährten sind, und also nicht bloß das Geld verloren geht, sondern die Ehre zugleich. Wäre ich der Großherzog, so würde ich künftig, bei einer etwa eintretenden Veränderung der Direktion, als jährlichen Zuschuß ein für allemal eine feste Summe bestimmen; ich würde etwa den Durchschnitt der Zuschüsse der letzten zehn Jahre ermitteln lassen und danach eine Summe ermäßigen, die zu einer anständigen Erhaltung als hinreichend zu achten wäre. Mit dieser Summe müßte man haushalten. – Dann würde ich aber einen Schritt weiter gehen und sagen: wenn der Direktor mit seinen Regisseuren durch eine kluge und energische Leitung es dahin bringt, daß die Kasse am Ende des Jahres einen Überschuß hat, so soll von diesem Überschuß dem Direktor, den Regisseuren und den vorzüglichsten Mitgliedern der Bühne eine Remuneration zuteil werden. Da solltet Ihr einmal sehen, wie es sich regen und wie die Anstalt aus dem Halbschlafe, in welchen sie nach und nach geraten muß, erwachen würde. Unsere Theatergesetze«, fuhr Goethe fort, »haben zwar allerlei Strafbestimmungen, allein sie haben kein einziges Gesetz, das auf Ermunterung und Belohnung ausgezeichneter Verdienste ginge. Dies ist ein großer Mangel. Denn wenn mir bei jedem Versehen ein Abzug von meiner Gage in Aussicht steht, so muß mir auch eine Ermunterung in Aussicht stehen, wenn ich mehr tue, als man eigentlich von mir verlangen kann. Dadurch aber, daß alle mehr tun als zu erwarten und zu verlangen, kommt ein Theater in die Höhe.« Frau von Goethe und Fräulein Ulrike traten herein, beide wegen des schönen Wetters sehr anmutig sommerhaft gekleidet. Die Unterhaltung über Tisch war leicht und heiter. Man sprach über allerlei Vergnügungspartien der vergangenen Woche sowie über Aussichten ähnlicher Art für die nächste. »Wenn wir die schönen Abende behalten,« sagte Frau von Goethe, »so hätte ich große Lust, in diesen Tagen im Park beim Gesang der Nachtigallen einen Tee zu geben. Was sagen Sie, lieber Vater?« – »Das könnte sehr artig sein!« erwiderte Goethe. – »Und Sie, Eckermann,« sagte Frau von Goethe, »wie stehts mit Ihnen? Darf man Sie einladen?« – »Aber Ottilie!« fiel Fräulein Ulrike ein, »wie kannst du nur den Doktor einladen! Er kommt ja doch nicht; und wenn er kommt, so sitzt er wie auf Kohlen, und man sieht es ihm an, daß seine Seele wo anders ist und daß er je eher je lieber wieder fort möchte.« – »Wenn ich ehrlich sagen soll,« erwiderte ich, »so streife ich freilich lieber mit Doolan im Felde umher. Tee und Teegesellschaft und Teegespräch widerstrebt meiner Natur so sehr, daß es mir schon unheimlich wird, wenn ich nur daran denke.« – »Aber, Eckermann!« sagte Frau von Goethe, »bei einem Tee im Park sind Sie ja im Freien und ganz in Ihrem Element.« – »Im Gegenteil!« sagte ich. »Wenn ich der Natur so nahe bin, daß ich alle Düfte wittere und doch nicht eigentlich hinein kann, so wird es mir ungeduldig wie einer Ente, die man in die Nähe des Wassers bringt, aber am Hineintauchen hindert.« – »Sie könnten auch sagen,« bemerkte Goethe lachend, »es würde Ihnen zu Sinne wie einem Pferde, das seinen Kopf zum Stalle hinausstreckt und auf einer gedehnten Weidefläche vor sich andere Pferde frei umherjagen sieht. Es riecht zwar alle Wonne und Freiheit der frischen Natur, aber es kann nicht hinein. Doch laßt nur den Eckermann, er ist wie er ist, und ihr macht ihn nicht anders. Aber sagen Sie, mein Allerbester, was treiben Sie denn mit Ihrem Doolan die schönen langen Nachmittage im freien Felde?« – »Wir suchen irgendein einsames Tal«, sagte ich, »und schießen mit Pfeil und Bogen.« – »Hm!« sagte Goethe, »das mag kein schlechtes Vergnügen sein.« – »Es ist herrlich,« sagte ich, »um die Gebrechen des Winters los zu werden.« – »Wie aber in aller Welt«, sagte Goethe, »sind Sie hier in Weimar zu Pfeil und Bogen gekommen?« – »Zu den Pfeilen«, erwiderte ich, »habe ich mir in dem Feldzuge von 1814 ein Modell aus Brabant mitgebracht. Das Schießen mit Pfeil und Bogen ist dort allgemein. Es ist keine Stadt so gering, die nicht ihre Bogengesellschaften hätte. Sie haben ihren Stand in irgendeiner Schenke, ähnlich unseren Kegelbahnen, und vereinigen sich gewöhnlich spät am Nachmittage, wo ich ihnen oft mit dem größten Vergnügen zugesehen. Was waren das für wohlgewachsene Männer und was für malerische Stellungen, wenn sie die Senne zogen! Wie waren die Kräfte entwickelt, und wie waren sie geschickte Treffer! Sie schossen gewöhnlich in einer Entfernung von sechzig bis achtzig Schritt nach einer Papierscheibe auf einer nassen Lehmwand; sie schossen rasch hintereinander und ließen die Pfeile stecken. Und da war es nicht selten, daß von funfzehn Pfeilen fünf im Zentrum staken, von der Größe eines Talers, und die übrigen in der Nähe umher. Wenn alle geschossen hatten, gingen sie hin, und jeder zog seinen Pfeil aus der weichen Wand, und das Spiel ging von vorne. Ich war damals für dieses Bogenschießen so begeistert, daß ich dachte, es sei etwas Großes es in Deutschland einzuführen, und ich war so dumm, daß ich glaubte, es sei möglich. Ich handelte wiederholt auf einen Bogen; allein unter zwanzig Franken war keiner zu haben, und wie sollte ich armer Feldjäger so viel Geld auftreiben! Ich beschränkte mich daher auf einen Pfeil als das Wichtigere und Künstlichere, den ich in einer Fabrik zu Brüssel für einen Franken kaufte und neben einer Zeichnung als meine einzige Eroberung mit in meine Heimat brachte.« »Das sieht Ihnen ähnlich«, erwiderte Goethe. »Aber denken Sie nur nicht, man könnte etwas Natürliches und Schönes populär machen. Zum wenigsten will es Zeit haben und verlangt verzweifelte Künste. Aber ich kann mir denken, es mag schön sein dieses Brabanter Schießen. Unser deutsches Kegelbahnvergnügen erscheint dagegen roh und ordinär und hat sehr viel vom Philister.« »Das Schöne beim Bogenschießen ist,« erwiderte ich, »daß es den Körper gleichmäßig entwickelt und die Kräfte gleichmäßig in Anspruch nimmt. Da ist der linke Arm, der den Bogen hinaushält, straff, stark und ohne Wanken; da ist der rechte, der mit dem Pfeil die Senne zieht und nicht weniger kräftig sein muß. Zugleich beide Füße und Schenkel strack zum Boden gestreckt, dem Oberkörper als feste Basis. Das zielende Auge, die Muskeln des Halses und Nackens, alles in hoher Spannung und Tätigkeit. Und nun das Gefühl und die Freude, wenn der Pfeil hinauszischt und im erwünschten Ziele steckt! Ich kenne keine körperliche Übung, die nur irgend damit zu vergleichen.« »Es wäre etwas für unsere Turnanstalten«, versetzte Goethe. »Und da sollte es mich nicht wundern, wenn wir nach zwanzig Jahren in Deutschland tüchtige Bogenschützen zu Tausenden hätten. Überhaupt mit einer erwachsenen Generation ist nie viel zu machen, in körperlichen Dingen wie in geistigen, in Dingen des Geschmacks wie des Charakters. Seid aber klug und fanget in den Schulen an, und es wird gehen.« »Aber unsere deutschen Turnlehrer«, erwiderte ich, »wissen mit Pfeil und Bogen nicht umzugehen.« »Nun,« antwortete Goethe, »da mögen sich einige Turnanstalten vereinigen und einen tüchtigen Schützen aus Flandern oder Brabant kommen lassen. Oder sie mögen auch einige hübsche wohlgewachsene junge Turner nach Brabant schicken, daß sie sich dort zu guten Schützen ausbilden und auch lernen, wie man die Bogen schnitze und die Pfeile mache. Diese könnten dann in deutschen Turnanstalten als Lehrer eintreten, als wandernde Lehrer, die sich bald bei dieser Anstalt eine Zeitlang aufhielten und bald bei einer andern. Ich bin«, fuhr Goethe fort, »den deutschen Turnübungen durchaus nicht abgeneigt. Um so mehr hat es mir leid getan, daß sich sehr bald allerlei Politisches dabei einschlich, so daß die Behörden sich genötigt sahen, sie zu beschränken oder wohl gar zu verbieten und aufzuheben. Dadurch ist nun das Kind mit dem Bade verschüttet. Aber ich hoffe, daß man die Turnanstalten wieder herstelle, denn unsere deutsche Jugend bedarf es, besonders die studierende, der bei dem vielen geistigen und gelehrten Treiben alles körperliche Gleichgewicht fehlt und somit jede nötige Tatkraft zugleich. Aber sagen Sie mir noch etwas von Ihrem Pfeil und Bogen. Also einen Pfeil haben Sie sich aus Brabant mitgebracht? Ich möchte ihn sehen.« »Er ist längst verloren«, erwiderte ich. »Aber ich hatte ihn so gut in Gedanken, daß es mir gelungen ist, ihn wieder herzustellen, und zwar statt des einen ein ganzes Dutzend. Das war aber gar nicht so leicht, als ich mir dachte, und ich habe dabei allerlei vergebliche Versuche gemacht und allerlei Mißgriffe getan, aber eben dadurch endlich auch allerlei gelernt. Zuerst kam es auf den Schaft an, und zwar daß dieser grade sei und nach einiger Zeit sich nicht werfe; sodann daß er leicht sei und zugleich so fest, daß er bei dem Anprallen an einen harten Gegenstand nicht zersplittere. Ich machte Versuche mit dem Holz der Pappel, dann der Fichte, dann der Birke; aber es erwies sich alles in einer oder der anderen Hinsicht als mangelhaft und war nicht das, was es sein sollte. Dann machte ich Versuche mit dem Holz der Linde, und zwar aus einem schlanken, grade gewachsenen Stammende, und ich fand durchaus, was ich wünschte und suchte. Ein solcher Pfeilschaft war leicht, grade, und fest wegen sehr feiner Faser. Nun war das Nächste, das untere Ende mit einer Hornspitze zu versehen; aber es zeigte sich bald, daß nicht jedes Horn tauglich und daß es aus dem Kerne geschnitten sein müsse, um beim Schuß auf einen harten Gegenstand nicht zu zersplittern. Das Schwierigste und Künstlichste war aber jetzt noch zu tun, nämlich den Pfeil zu befiedern. Was habe ich da gepfuscht und für Mißgriffe getan, ehe es mir gelang und ich es darin zu einiger Geschicklichkeit brachte!« »Nicht wahr,« sagte Goethe, »die Federn werden nicht in den Schaft eingelassen, sondern aufgeleimt?« »Sie werden aufgeleimt,« erwiderte ich; »aber das muß so fest, zierlich und gut geschehen, daß es aussieht, als wären sie mit dem Schafte eins und aus ihm hervorgewachsen. Auch ist es nicht gleichgültig, welches Leim man nimmt. Ich habe gefunden, daß Hausenblase, einige Stunden in Wasser eingeweicht und dann mit etwas hinzugegossenem Spiritus über gelindem Kohlenfeuer schleimartig aufgelöst, das Beste war; auch sind die aufzuleimenden Federn nicht von einerlei Brauchbarkeit. Zwar sind die abgezogenen Fahnen der Schwungfedern jedes großen Vogels gut, doch habe ich die roten Flügelfedern des Pfau, die großen Federn des Truthahn, besonders aber die starken und prächtigen von Adler und Trappe als die vorzüglichsten gefunden.« »Ich höre dieses alles mit großem Interesse«, sagte Goethe. »Wer Sie nicht kennt, sollte kaum glauben, daß Ihre Richtungen so lebendig wären. Aber sagen Sie mir nun auch, wie Sie zu einem Bogen gekommen.« »Ich habe mir selber einige gemacht,« erwiderte ich, »aber dabei anfänglich auch wieder ganz entsetzlich gepfuscht. Dann habe ich mich mit Tischlern und Wagnern beraten, alle Holzarten der hiesigen Gegend durchprobiert, und bin nun endlich zu ganz guten Resultaten gekommen. Ich hatte bei der Wahl des Holzes dahin zu trachten, daß der Bogen sich weich aufziehe, daß er rasch und stark zurückschnelle und daß die Federkraft von Dauer. Ich machte zuerst Versuche mit der Esche, und zwar dem astlosen Stamm einer etwa zehnjährigen von der Dicke eines mäßigen Armes. Ich kam aber beim Ausarbeiten auf den Kern, welches nicht gut war und wo ich das Holz grob und lose fand. Man riet mir darauf, einen Stamm zu nehmen, der stark genug sei, um ihn schlachten zu können, und zwar zu vier Teilen.« »Schlachten,« fragte Goethe, »was ist das?« »Es ist ein Kunstausdruck der Wagner«, erwiderte ich, »und heißt soviel als spalten, und zwar wird dabei ein Keil durch den Stamm der Länge nach von einem Ende bis zum andern durchgetrieben. War nun der Stamm grade gewachsen, ich meine: strebte die Faser in grader Richtung aufwärts, so werden auch die geschlachteten Stücke grade sein und sich durchaus zum Bogen eignen. War aber der Stamm gewunden, so werden die geschlachteten Stücke, indem der Keil der Faser nachgeht, eine gekrümmte, gewundene Richtung haben und zum Bogen nicht zu gebrauchen sein.« »Wie wäre es aber,« sagte Goethe, »wenn man einen solchen Stamm mit der Säge in vier Teile schnitte? da bekäme man doch auf jeden Fall grade Stücke.« »Man würde«, erwiderte ich, »bei einem Stamm mit etwas gewundener Richtung die Faser durchschneiden, und das würde die Teile zu einem Bogen durchaus unbrauchbar machen.« »Ich begreife,« sagte Goethe, »ein Bogen mit durchschnittener Faser würde brechen. Doch erzählen Sie weiter, die Sache interessiert mich.« »Ich machte also«, fuhr ich fort, »meinen zweiten Bogen aus einem Stück geschlachteter Esche. Es war an der Rückseite keine Faser durchschnitten, der Bogen war stark und fest, aber es zeigte sich der Fehler, daß er beim Aufziehen nicht weich, sondern hart war. ›Sie werden‹, sagte der Wagner, ›ein Stück Samenesche genommen haben, welches immer ein sehr steifes Holz ist; nehmen Sie aber von der zähen , wie sie bei Hopfgarten und Zimmern wächst, so wird es besser gehen.‹ Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß zwischen Esche und Esche ein großer Unterschied, und daß bei allen Holzarten sehr viel auf den Ort und auf den Boden ankomme, wo sie gewachsen. Ich erfuhr, daß das Holz des Ettersberges als Nutzholz wenigen Wert habe, daß dagegen das Holz aus der Umgegend von Nohra eine besondere Festigkeit besitze, weshalb denn die weimarischen Fuhrleute zu Wagenreparaturen, die in Nohra gemacht, ein ganz besonderes Vertrauen hätten. Ich machte im Lauf meiner weiteren Bemühungen ferner die Erfahrung, daß alles auf der Winterseite eines Abhanges gewachsene Holz fester und von graderer Faser befunden wird als das auf der Sommerseite gewachsene. Auch ist es begreiflich. Denn ein junger Stamm, der in der schattigen Nordseite eines Abhanges aufwächst, hat nur Licht und Sonne nach oben zu suchen, weshalb er denn, sonnenbegierig, fortwährend aufwärts strebt und die Faser in grader Richtung mit emporzieht. Auch ist ein schattiger Stand der Bildung einer feineren Faser günstig, welches sehr auffallend an solchen Bäumen zu sehen ist, die einen so freien Stand hatten, daß ihre Südseite lebenslänglich der Sonne ausgesetzt war, während ihre Nordseite fortwährend im Schatten blieb. Liegt ein solcher Stamm in Teile zersägt vor uns da, so bemerkt man, daß der Punkt des Kernes sich keineswegs in der Mitte befindet, sondern bedeutend nach der einen Seite zu. Und diese Verschiebung des Mittelpunktes rührt daher, daß die Jahresringe der Südseite durch fortwährende Sonnenwirkung sich bedeutend stärker entwickelt haben und daher breiter sind als die Jahresringe der schattigen Nordseite. Tischler und Wagner, wenn es ihnen um ein festes feines Holz zu tun ist, wählen daher lieber die feiner entwickelte Nordseite eines Stammes, welches sie die Winterseite nennen, und dazu ein besonderes Vertrauen haben.« »Sie können denken,« sagte Goethe, »daß Ihre Beobachtungen für mich, der sich ein halbes Leben mit dem Wachstum der Pflanzen und Bäume beschäftiget hat, von besonderem Interesse sind. Doch erzählen Sie weiter! Sie machten also wahrscheinlich darauf einen Bogen von der zähen Esche.« »Ich tat so,« erwiderte ich, »und zwar nahm ich ein gut geschlachtetes Stück von der Winterseite, wo ich auch eine ziemlich feine Faser fand. Auch war der Bogen weich im Aufziehen und von guter Schnellkraft. Allein nachdem er einige Monate im Gebrauch gewesen, zeigte sich bereits eine merkliche Krümmung, und es war deutlich, daß die Spannkraft nicht Stich halte. Ich machte dann Versuche mit dem Stamm einer jungen Eiche, welches auch ganz gutes Holz war, wobei ich aber nach einiger Zeit denselbigen Fehler fand; dann mit dem Stamm der Walnuß, welches besser, und zuletzt mit dem Stamm des feinblättrigen Ahorn, des sogenannten Maßholder, welches das beste war und nichts weiter zu wünschen übrig ließ.« »Ich kenne das Holz,« erwiderte Goethe, »man findet es auch häufig in Hecken. Ich kann mir denken, daß es gut ist. Doch habe ich selten einen jungen Stamm gefunden, der ohne Äste war, und Sie bedürfen doch wohl zum Bogen ein Holz, das ganz frei von Ästen ist?« »Ein junger Stamm«, erwiderte ich, »ist freilich nicht ohne Äste; doch wenn man ihn zum Baume aufzieht, so werden ihm die Äste genommen; oder wenn er im Dickicht aufwächst, so verlieren sie sich mit der Zeit von selber. War nun ein Stamm, als man ihm die Äste nahm, etwa drei bis vier Zoll im Durchmesser, und läßt man ihn nun fortwachsen und jährlich neues Holz von außen sich anbilden, so wird nach Verlauf von funfzig bis achtzig Jahren das astreiche Innere mit mehr als einem halben Fuß gesunden astfreien Holzes überwachsen sein. Ein solcher Stamm steht dann mit der glattesten Außenseite vor uns; aber man weiß freilich nicht, was er im Innern für Tücke hat. Man wird daher auf jeden Fall sicher gehen, wenn man bei einer aus solchem Stamm gesägten Bohle sich gleichfalls an die Außenseite hält und einige Zoll von demjenigen Stück sich abschneiden läßt, was zunächst unter der Rinde war, also den Splint und was ihm folgt, welches überhaupt das jüngste, zäheste und zu einem Bogen das tauglichste Holz ist.« »Ich meinte,« versetzte Goethe »das Holz zu einem Bogen dürfte nicht gesägt, sondern müßte gespalten oder, wie Sie es nennen, geschlachtet werden.« »Wenn es sich schlachten läßt,« erwiderte ich, »allerdings. Die Esche, die Eiche, auch wohl der Walnuß, läßt sich schlachten, weil es Holz von grober Faser ist. Der Maßholder aber nicht; denn es ist ein Holz von so feiner, fest ineinander gewachsener Faser, daß es sich in der Faserrichtung durchaus nicht trennet, sondern herüber und hinüber reißt, ganz gegen alle Faser und alle natürlich gewachsene Richtung. Das Holz des Maßholder muß daher mit der Säge getrennt werden, und zwar ohne alle Gefahr für die Kraft des Bogens.« »Hm! Hm!« sagte Goethe. »Sie sind übrigens durch Ihre Bogentendenz zu ganz hübschen Kenntnissen gekommen, und zwar zu lebendigen, die man nur auf praktischem Wege erlangt. Das ist aber immer der Vorteil irgendeiner leidenschaftlichen Richtung, daß sie uns in das Innere der Dinge treibt. Auch ist das Suchen und Irren gut, denn durch Suchen und Irren lernt man. Und zwar lernt man nicht bloß die Sache, sondern den ganzen Umfang. Was wüßte ich von der Pflanze und der Farbe, wenn man meine Theorie mir fertig überliefert und ich beides auswendig gelernt hätte! Aber daß ich eben alles selber suchen und finden und auch gelegentlich irren mußte, dadurch kann ich sagen, daß ich von beiden Dingen etwas weiß, und zwar mehr als auf dem Papiere steht. – Aber sagen Sie mir noch eins von Ihrem Bogen. Ich habe schottische gesehen, die bis zu den Spitzen hinaus ganz grade, andere dagegen, deren Spitzen gekrümmt waren. Welche halten Sie für die besten?« »Ich halte dafür,« erwiderte ich, »daß bei einem Bogen mit rückwärts geschweiften Enden die Federkraft bei weitem mächtiger ist. Anfangs machte ich sie grade, weil ich nicht verstand, die Enden zu biegen. Nachdem ich aber gelernt damit umzugehen, mache ich die Enden geschweift, und ich finde, daß der Bogen dadurch nicht allein ein schöneres Ansehen, sondern auch eine größere Gewalt erlangt.« »Nicht wahr,« sagte Goethe, »man bewirkt die Krümmung durch Hitze?« »Durch feuchte Hitze«, erwiderte ich. »Wenn der Bogen so weit fertig, daß die Spannkraft gleichmäßig verteilt und er nirgendwo mehr schwächer oder stärker ist, als er sein soll, so stelle ich ihn mit dem einen Ende in kochendes Wasser, etwa sechs bis acht Zoll tief, und lasse ihn eine Stunde kochen. Dieses erweichte Ende schraube ich dann in voller Hitze zwischen zwei kleine Klötze, deren innere Linie die Form der Biegung hat, die ich dem Bogen zu geben wünsche. In solcher Klemme lasse ich ihn sodann wenigstens einen ganzen Tag und eine Nacht stehen, damit er völlig austrockne, und verfahre darauf mit dem anderen Ende auf gleiche Weise. So behandelte Spitzen stehen sodann unverwüstlich, als wären sie in solcher Krümmung gewachsen.« »Wissen Sie was?« versetzte Goethe mit einem geheimnisvollen Lächeln. »Ich glaube, ich habe etwas für Sie, das Ihnen nicht unlieb wäre. Was dächten Sie, wenn wir zusammen hinuntergingen und ich Ihnen einen echten Baschkirenbogen in die Hände legte!« »Einen Baschkirenbogen?« rief ich voll Begeisterung, »und einen echten?« »Ja, närrischer Kerl, einen echten!« sagte Goethe. »Kommen Sie nur.« Wir gingen hinab in den Garten. Goethe öffnete das untere Zimmer eines kleinen Nebengebäudes, das auf den Tischen und an den Wänden umher mit Seltenheiten und Merkwürdigkeiten aller Art vollgepfropft erschien. Ich überlief alle diese Schätze nur flüchtig, meine Augen suchten den Bogen. »Hier haben Sie ihn«, sagte Goethe, indem er ihn in einem Winkel aus einem Haufen von allerlei seltsamen Gerätschaften hervornahm. »Ich sehe, er ist noch in demselbigen Stande, wie er im Jahre 1814 von einem Baschkirenhäuptling mir verehrt wurde. Nun, was sagen Sie?« Ich war voller Freude, die liebe Waffe in meinen Händen zu halten. Es schien alles unversehrt und auch die Senne noch vollkommen brauchbar. Ich probierte ihn in meinen Händen und fand ihn auch noch von leidlicher Schnellkraft. »Es ist ein guter Bogen«, sagte ich. »Besonders aber gefällt mir die Form, die mir künftig als Modell dienen soll.« »Von welchem Holz, denken Sie, ist er gemacht?« sagte Goethe. »Er ist, wie Sie sehen,« erwiderte ich, »mit feiner Birkenschale so überdeckt, daß von dem Holz wenig sichtbar und nur die gekrümmten Enden frei geblieben. Und auch diese sind durch die Zeit so angebräunt, daß man nicht recht sehen kann, was es ist. Auf den ersten Anblick sieht es aus wie junge Eiche, und dann wieder wie Nußbaum. Ich denke, es ist Nußbaum, oder ein Holz, das dem ähnlich. Ahorn oder Maßholder ist es nicht. Es ist ein Holz von grober Faser, auch sehe ich Merkmale, daß es geschlachtet worden.« »Wie wäre es,« sagte Goethe, »wenn Sie ihn einmal probierten! Hier haben Sie auch einen Pfeil. Doch hüten Sie sich vor der eisernen Spitze, sie könnte vergiftet sein.« Wir gingen wieder in den Garten, und ich spannte den Bogen. »Nun wohin?« sagte Goethe. – »Ich dächte, erst einmal in die Luft«, erwiderte ich. – »Nur zu!« sagte Goethe. Ich schoß hoch liegen die sonnigen Wolken in blauer Luft. Der Pfeil hielt sich gut, dann bog er sich und sauste wieder herab und fuhr in die Erde. »Nun lassen Sie mich einmal«, sagte Goethe. Ich war glücklich, daß er auch schießen wollte. Ich gab ihm den Bogen und holte den Pfeil. Goethe schob die Kerbe des Pfeiles in die Senne, auch faßte er den Bogen richtig, doch dauerte es ein Weilchen, bis er damit zurechte kam. Nun zielte er nach oben und zog die Senne. Er stand da wie der Apoll, mit unverwüstlicher innerer Jugend, doch alt an Körper. Der Pfeil erreichte nur eine sehr mäßige Höhe und senkte sich wieder zur Erde. Ich lief und holte den Pfeil. »Noch einmal!« sagte Goethe. Er zielte jetzt in horizontaler Richtung den sandigen Weg des Gartens hinab. Der Pfeil hielt sich etwa dreißig Schritt ziemlich gut, dann senkte er sich und schwirrte am Boden hin. Goethe gefiel mir bei diesem Schießen mit Pfeil und Bogen über die Maßen. Ich dachte an die Verse: Läßt mich das Alter im Stich? Bin ich wieder ein Kind? Ich brachte ihm den Pfeil zurück. Er bat mich, auch einmal in horizontaler Richtung zu schießen, und gab mir zum Ziel einen Fleck im Fensterladen seines Arbeitszimmers. Ich schoß. Der Pfeil war nicht weit vom Ziele, aber so tief in das weiche Holz gefahren, daß es mir nicht gelang, ihn wieder herauszubringen. »Lassen Sie ihn stecken,« sagte Goethe, »er soll mir einige Tage als eine Erinnerung an unsere Späße dienen.« Wir gingen bei dem schönen Wetter im Garten auf und ab; dann setzten wir uns auf eine Bank, mit dem Rücken gegen das junge Laub einer dicken Hecke. Wir sprachen über den Bogen des Odysseus, über die Helden des Homer, dann über die griechischen Tragiker, und endlich über die vielverbreitete Meinung, daß das griechische Theater durch Euripides in Verfall geraten. Goethe war dieser Meinung keineswegs. »Überhaupt«, sagte er, »bin ich nicht der Ansicht, daß eine Kunst durch irgendeinen einzelnen Mann in Verfall geraten könne. Es muß dabei sehr vieles zusammenwirken, was aber nicht so leicht zu sagen. Die tragische Kunst der Griechen konnte so wenig durch Euripides in Verfall geraten, als die bildende Kunst durch irgendeinen großen Bildhauer, der neben Phidias lebte, aber geringer war. Denn die Zeit, wenn sie groß ist, geht auf dem Wege des Besseren fort, und das Geringere bleibt ohne Folge. Was war aber die Zeit des Euripides für eine große Zeit! Es war nicht die Zeit eines rückschreitenden, sondern die Zeit eines vorschreitenden Geschmackes. Die Bildhauerei hatte ihren höchsten Gipfel noch nicht erreicht, und die Malerei war noch im früheren Werden. Hatten die Stücke des Euripides, gegen die des Sophokles gehalten, große Fehler, so war damit nicht gesagt, daß die nachkommenden Dichter diese Fehler nachahmen und an diesen Fehlern zugrunde gehen mußten. Hatten sie aber große Tugenden, so daß man einige sogar den Stücken des Sophokles vorziehen mochte, warum strebten denn die nachkommenden Dichter nicht diesen Tugenden nach, und warum wurden sie denn nicht wenigstens so groß als Euripides selber! – Erschien aber nach den bekannten drei großen Tragikern dennoch kein ebenso großer vierter, fünfter und sechster, so ist das freilich eine Sache, die nicht so leicht zu beantworten ist, worüber man jedoch seine Vermutungen haben und der man wohl einigermaßen nahe kommen kann. Der Mensch ist ein einfaches Wesen. Und wie reich, mannigfaltig und unergründlich er auch sein mag, so ist doch der Kreis seiner Zustände bald durchlaufen. »Wären es Umstände gewesen wie bei uns armen Deutschen, wo Lessing zwei bis drei, ich selber drei bis vier, und Schiller fünf bis sechs passable Theaterstücke geschrieben, so wäre auch wohl noch für einen vierten, fünften und sechsten tragischen Poeten Raum gewesen. Allein bei den Griechen und dieser Fülle ihrer Produktion, wo jeder der drei Großen über hundert oder nahe an hundert Stücke geschrieben hatte und die tragischen Sujets des Homer und der Heldensage zum Teil drei- bis viermal behandelt waren, bei solcher Fülle des Vorhandenen, sage ich, kann man wohl annehmen, daß Stoff und Gehalt nach und nach erschöpft war und ein auf die drei Großen folgender Dichter nicht mehr recht wußte, wo hinaus. Und im Grunde, wozu auch! – War es denn nicht endlich für eine Weile genug! Und war das von Äschylos, Sophokles und Euripides Hervorgebrachte nicht der Art und Tiefe, daß man es hören und immer wieder hören konnte, ohne es trivial zu machen und zu töten? – Sind doch diese auf uns gekommenen wenigen grandiosen Trümmer schon von solchem Umfang und solcher Bedeutung, daß wir armen Europäer uns bereits seit Jahrhunderten damit beschäftigen und noch einige Jahrhunderte daran werden zu zehren und zu tun haben.« 1826 Montag, den 5. Juni 1826 Goethe erzählte mir, daß Preller bei ihm gewesen und Abschied genommen, um auf einige Jahre nach Italien zu gehen. »Als Reisesegen«, sagte Goethe, »habe ich ihm geraten, sich nicht verwirren zu lassen, sich besonders an Poussin und Claude Lorrain zu halten und vor allen die Werke dieser beiden Großen zu studieren, damit ihm deutlich werde, wie sie die Natur angesehen und zum Ausdruck ihrer künstlerischen Anschauungen und Empfindungen gebraucht haben. Preller ist ein bedeutendes Talent, und mir ist für ihn nicht bange. Er erscheint mir übrigens von sehr ernstem Charakter, und ich bin fast gewiß, daß er sich eher zu Poussin als zu Claude Lorrain neigen wird. Doch habe ich ihm den letzteren zu besonderem Studium empfohlen, und zwar nicht ohne Grund. Denn es ist mit der Ausbildung des Künstlers wie mit der Ausbildung jedes anderen Talentes. Unsere Stärken bilden sich gewissermaßen von selber, aber diejenigen Keime und Anlagen unserer Natur, die nicht unsere tägliche Richtung und nicht so mächtig sind, wollen eine besondere Pflege, damit sie gleichfalls zu Stärken werden. So können einem jungen Sänger, wie ich schon oft gesagt, gewisse Töne angeboren sein, die ganz vortrefflich sind und die nichts weiter zu wünschen übrig lassen; andere Töne seiner Stimme aber können weniger stark, rein und voll befunden werden. Aber eben diese muß er durch besondere Übung dahin zu bringen suchen, daß sie den anderen gleich werden. Ich bin gewiß, daß Prellern einst das Ernste, Großartige, vielleicht auch das Wilde, ganz vortrefflich gelingen wird. Ob er aber im Heiteren, Anmutigen und Lieblichen gleich glücklich sein werde, ist eine andere Frage, und deshalb habe ich ihm den Claude Lorrain ganz besonders ans Herz gelegt, damit er sich durch Studium dasjenige aneigne, was vielleicht nicht in der eigentlichen Richtung seines Naturells liegt. Sodann war noch eins, worauf ich ihn aufmerksam gemacht. Ich habe bisher viele Studien nach der Natur von ihm gesehen. Sie waren vortrefflich und mit Energie und Leben aufgefaßt; aber es waren alles nur Einzelnheiten, womit später bei eigenen Erfindungen wenig zu machen ist. Ich habe ihm nun geraten, künftig in der Natur nie einen einzelnen Gegenstand alleine herauszuzeichnen, nie einen einzelnen Baum, einen einzelnen Steinhaufen, eine einzelne Hütte, sondern immer zugleich einigen Hintergrund und einige Umgebung mit. Und zwar aus folgenden Ursachen. Wir sehen in der Natur nie etwas als Einzelnheit, sondern wir sehen alles in Verbindung mit etwas anderem, das vor ihm, neben ihm, hinter ihm, unter ihm und über ihm sich befindet. Auch fällt uns wohl ein einzelner Gegenstand als besonders schön und malerisch auf; es ist aber nicht der Gegenstand allein, der diese Wirkung hervorbringt, sondern es ist die Verbindung, in der wir ihn sehen mit dem, was neben, hinter und über ihm ist, und welches alles zu jener Wirkung beiträgt. So kann ich bei einem Spaziergange auf eine Eiche stoßen, deren malerischer Effekt mich überrascht. Zeichne ich sie aber alleine heraus, so wird sie vielleicht gar nicht mehr erscheinen, was sie war, weil dasjenige fehlt, was zu ihrem malerischen Effekt in der Natur beitrug und ihn steigerte. So kann ferner ein Stück Wald schön sein, weil grade dieser Himmel, dieses Licht und dieser Stand der Sonne einwirkt. Lasse ich aber in meiner Zeichnung dieses alles hinweg, so wird sie vielleicht ohne alle Kraft als etwas Gleichgültiges dastehen, dem der eigentliche Zauber fehlt. Und dann noch dieses. Es ist in der Natur nichts schön, was nicht naturgesetzlich als wahr motiviert wäre. Damit aber jene Naturwahrheit auch im Bilde wahr erscheine, so muß sie durch Hinstellung der einwirkenden Dinge begründet werden. Ich treffe an einem Bach wohlgeformte Steine, deren der Luft ausgesetzte Stellen mit grünem Moos malerisch überzogen sind. Es ist aber nicht die Feuchtigkeit des Wassers allein, was diese Moosbildung verursachte, sondern es ist etwa ein nördlicher Abhang oder schattende Bäume und Gebüsch, was an dieser Stelle des Baches auf jene Bildung einwirkte. Lasse ich aber diese einwirkenden Ursachen in meinem Bilde hinweg, so wird es ohne Wahrheit sein und ohne die eigentliche überzeugende Kraft. So hat der Stand eines Baumes, die Art des Bodens unter ihm, andere Bäume hinter und neben ihm, einen großen Einfluß auf seine Bildung. Eine Eiche, die auf der windigen westlichen Spitze eines felsigen Hügels steht, wird eine ganz andere Form erlangen als eine andere, die unten im weichen Boden eines geschützten Tales grünt. Beide können in ihrer Art schön sein, aber sie werden einen sehr verschiedenen Charakter haben und können daher in einer künstlerisch erfundenen Landschaft wiederum nur für einen solchen Stand gebraucht werden, wie sie ihn in der Natur hatten. Und deshalb ist dem Künstler die mitgezeichnete Umgebung, wodurch der jedesmalige Stand ausgedrückt worden, von großer Bedeutung. Wiederum aber würde es töricht sein, allerlei prosaische Zufälligkeiten mitzeichnen zu wollen, die so wenig auf die Form und Bildung des Hauptgegenstandes als auf dessen augenblickliche malerische Erscheinung Einfluß hatten. Von allen diesen kleinen Andeutungen habe ich Prellern die Hauptsachen mitgeteilt, und ich bin gewiß, daß es bei ihm als einem geborenen Talent Wurzel schlagen und gedeihen werde.« 1827 Mittwoch, den 21. Februar 1827 Bei Goethe zu Tisch. – Er sprach viel und mit Bewunderung über Alexander von Humboldt, dessen Werk über Kuba und Kolumbien er zu lesen angefangen und dessen Ansichten über das Projekt eines Durchstiches der Landenge von Panama für ihn ein ganz besonderes Interesse zu haben schienen. »Humboldt«, sagte Goethe, »hat mit großer Sachkenntnis noch andere Punkte angegeben, wo man mit Benutzung einiger in den Mexikanischen Meerbusen fließenden Ströme vielleicht noch vorteilhafter zum Ziele käme als bei Panama. Dies ist nun alles der Zukunft und einem großen Unternehmungsgeiste vorbehalten. So viel ist aber gewiß, gelänge ein Durchstich der Art, daß man mit Schiffen von jeder Ladung und jeder Größe durch solchen Kanal aus dem Mexikanischen Meerbusen in den Stillen Ozean fahren könnte, so würden daraus für die ganze zivilisierte und nichtzivilisierte Menschheit ganz unberechenbare Resultate hervorgehen. Wundern sollte es mich aber, wenn die Vereinigten Staaten es sich sollten entgehen lassen, ein solches Werk in ihre Hände zu bekommen. Es ist vorauszusehen, daß dieser jugendliche Staat, bei seiner entschiedenen Tendenz nach Westen, in dreißig bis vierzig Jahren auch die großen Landstrecken jenseits der Felsengebirge in Besitz genommen und bevölkert haben wird. – Es ist ferner vorauszusehen, daß an dieser ganzen Küste des Stillen Ozeans, wo die Natur bereits die geräumigsten und sichersten Häfen gebildet hat, nach und nach sehr bedeutende Handelsstädte entstehen werden, zur Vermittelung eines großen Verkehrs zwischen China nebst Ostindien und den Vereinigten Staaten. In solchem Fall wäre es aber nicht bloß wünschenswert, sondern fast notwendig, daß sowohl Handels- als Kriegsschiffe zwischen der nordamerikanischen westlichen und östlichen Küste eine raschere Verbindung unterhielten, als es bisher durch die langweilige, widerwärtige und kostspielige Fahrt um das Kap Horn möglich gewesen. Ich wiederhole also: es ist für die Vereinigten Staaten durchaus unerläßlich, daß sie sich eine Durchfahrt aus dem Mexikanischen Meerbusen in den Stillen Ozean bewerkstelligen, und ich bin gewiß, daß sie es erreichen. Dieses möchte ich erleben; aber ich werde es nicht. Zweitens möchte ich erleben, eine Verbindung der Donau mit dem Rhein hergestellt zu sehen. Aber dieses Unternehmen ist gleichfalls so riesenhaft, daß ich an der Ausführung zweifle, zumal in Erwägung unserer deutschen Mittel. Und endlich drittens möchte ich die Engländer im Besitz eines Kanals von Suez sehen. Diese drei großen Dinge möchte ich erleben, und es wäre wohl der Mühe wert, ihnen zuliebe es noch einige funfzig Jahre auszuhalten.« Donnerstag, den 1. März 1827 Bei Goethe zu Tisch. – Er erzählte mir, daß er eine Sendung vom Grafen Sternberg und Zauper erhalten, die ihm Freude mache. Sodann verhandelten wir viel über die Farbenlehre, über die subjektiven prismatischen Versuche und über die Gesetze, nach denen der Regenbogen sich bildet. Er freute sich über meine fortwährend sich vergrößernde Teilnahme an diesen schwierigen Gegenständen. Mittwoch, den 21. März 1827 Goethe zeigte mir ein Büchelchen von Hinrichs über das Wesen der antiken Tragödie. »Ich habe es mit großem Interesse gelesen«, sagte er. »Hinrichs hat besonders den ›Ödip‹ und die ›Antigone‹ von Sophokles als Grundlage genommen, um daran seine Ansichten zu entwickeln. Es ist sehr merkwürdig, und ich will es Ihnen mitgeben, damit Sie es auch lesen und wir darüber sprechen können. Ich bin nun keineswegs seiner Meinung; aber es ist im hohen Grade lehrreich, zu sehen, wie ein so durch und durch philosophisch gebildeter Mensch von dem eigentümlichen Standpunkt seiner Schule aus ein dichterisches Kunstwerk ansieht. Ich will heute nichts weit er sagen, um Ihnen nicht vorzugreifen. Lesen Sie nur, und Sie werden sehen, daß man dabei zu allerlei Gedanken kommt.« Mittwoch, den 28. März 1827 Ich brachte Goethen das Buch von Hinrichs zurück, das ich indes eifrig gelesen. Auch hatte ich sämtliche Stücke des Sophokles abermals durchgenommen, um im vollkommenen Besitz des Gegenstandes zu sein. »Nun,« sagte Goethe, »wie haben Sie ihn gefunden? Nicht wahr, er geht den Dingen zu Leibe.« »Ganz wunderlich«, sagte ich, »geht es mir mit diesem Buche. Es hat keins so viele Gedanken in mir angeregt als dieses, und doch bin ich mit keinem so oft in Widerspruch geraten als grade mit diesem.« »Das ists eben!« sagte Goethe. – »Das Gleiche läßt uns in Ruhe; aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht.« »Seine Intentionen«, sagte ich, »sind mir im hohen Grade respektabel erschienen; auch haftet er keineswegs an der Oberfläche der Dinge. Allein er verliert sich oft so sehr im Feinen und Innerlichen der Verhältnisse, und zwar auf so subjektive Weise, daß er darüber die wahre Anschauung des Gegenstandes im einzelnen wie die Übersicht des Ganzen verliert und man in den Fall kommt, sich und den Gegenständen Gewalt antun zu müssen, um so zu denken wie er. Auch ist es mir oft vorgekommen, als wären meine Organe zu grob, um die ungewöhnliche Subtilität seiner Unterscheidungen aufzufassen.« »Wären Sie philosophisch präpariert wie er,« sagte Goethe, »so würde es besser gehen. Wenn ich aber ehrlich sagen soll, so tut es mir leid, daß ein ohne Zweifel kräftig geborener Mensch von der norddeutschen Seeküste wie Hinrichs durch die Hegelsche Philosophie so zugerichtet worden, daß ein unbefangenes natürliches Anschauen und Denken bei ihm ausgetrieben und eine künstliche und schwerfällige Art und Weise sowohl des Denkens wie des Ausdruckes ihm nach und nach angebildet worden, so daß wir in seinem Buch auf Stellen geraten, wo unser Verstand durchaus stille steht und man nicht mehr weiß, was man lieset.« »Das ist mir nicht besser gegangen«, sagte ich. »Doch habe ich mich gefreut, auch auf Stellen zu stoßen, die mir durchaus menschlich und klar erschienen sind, wie z. B. seine Relation der Fabel des ›Ödip‹.« »Hiebei«, sagte Goethe, »mußte er sich freilich scharf an der Sache halten. Es gibt aber in seinem Buche nicht wenige Stellen, bei denen der Gedanke nicht rückt und fortschreitet und wobei sich die dunkele Sprache immer auf demselbigen Fleck und immer in demselbigen Kreise bewegt, völlig so wie das Einmaleins der Hexe in meinem ›Faust‹. Geben Sie mir doch einmal das Buch. Von seiner sechsten Vorlesung, über den Chor, habe ich so viel wie gar nichts verstanden. Was sagen Sie z. B. zu diesem, welches nahe am Ende steht: ›Diese Wirklichkeit (nämlich des Volkslebens) ist als die wahre Bedeutung derselben deshalb auch allein nur ihre wahrhafte Wirklichkeit, die zugleich als sich selber die Wahrheit und Gewißheit, darum die allgemein geistige Gewißheit ausmacht, welche Gewißheit zugleich die versöhnende Gewißheit des Chors ist, so daß allein in dieser Gewißheit, die sich als das Resultat der gesamten Bewegung der tragischen Handlung erwiesen, der Chor erst wahrhaft dem allgemeinen Volksbewußtsein gemäß sich verhält und als solcher nicht bloß das Volk mehr vorstellt, sondern selbst an und für sich dasselbe seiner Gewißheit nach ist.‹ Ich dächte, wir hätten genug! – Was sollen erst die Engländer und Franzosen von der Sprache unserer Philosophen denken, wenn wir Deutschen sie selber nicht verstehen.« »Und trotz alledem«, sagte ich, »sind wir darüber einig, daß dem Buch ein edles Wollen zugrunde liege und daß es die Eigenschaft habe, Gedanken zu erregen.« »Seine Idee von Familie und Staat«, sagte Goethe, »und daraus hervorgehen könnenden tragischen Konflikten ist allerdings gut und fruchtbar; doch kann ich nicht zugeben, daß sie für die tragische Kunst die beste oder gar die einzig richtige sei. Freilich leben wir alle in Familien und im Staat, und es trifft uns nicht leicht ein tragisches Schicksal, das uns nicht als Glieder von beiden träfe. Doch können wir auch ganz gut tragische Personen sein, und wären wir bloße Familien- oder wären wir bloße Staatsglieder. Denn es kommt im Grunde bloß auf den Konflikt an, der keine Auflösung zuläßt, und dieser kann entstehen aus dem Widerspruch welcher Verhältnisse er wolle, wenn er nur einen echten Naturgrund hinter sich hat und nur ein echt tragischer ist. So geht der Ajas zugrunde an dem Dämon verletzten Ehrgefühls, und der Herkules an dem Dämon liebender Eifersucht. In beiden Fällen ist nicht der geringste Konflikt von Familienpietät und Staatstugend vorhanden, welches doch nach Hinrichs die Elemente der griechischen Tragödie sein sollen.« »Man sieht deutlich,« sagte ich, »daß er bei dieser Theorie bloß die ›Antigone‹ im Sinne hatte. Auch scheint er bloß den Charakter und die Handlungsweise dieser Heldin vor Augen gehabt zu haben, als er die Behauptung hinstellte, daß die Familienpietät am reinsten im Weibe erscheine und am allerreinsten in der Schwester, und daß die Schwester nur den Bruder ganz rein und geschlechtslos lieben könne.« »Ich dächte,« erwiderte Goethe, »daß die Liebe von Schwester zu Schwester noch reiner und geschlechtsloser wäre! Wir müßten denn nicht wissen, daß unzählige Fälle vorgekommen sind, wo zwischen Schwester und Bruder, bekannter- und unbekannterweise, die sinnlichste Neigung stattgefunden. Überhaupt«, fuhr Goethe fort, »werden Sie bemerkt haben, daß Hinrichs bei Betrachtung der griechischen Tragödie ganz von der Idee ausgeht und daß er sich auch den Sophokles als einen solchen denkt, der bei Erfindung und Anordnung seiner Stücke gleichfalls von einer Idee ausging und danach seine Charaktere und deren Geschlecht und Stand bestimmte. Sophokles ging aber bei seinen Stücken keineswegs von einer Idee aus, vielmehr ergriff er irgendeine längst fertige Sage seines Volkes, worin bereits eine gute Idee vorhanden, und dachte nur darauf, diese für das Theater so gut und wirksam als möglich darzustellen. Den Ajas wollen die Atreiden auch nicht beerdigen lassen; aber so wie in der ›Antigone‹ die Schwester für den Bruder strebt, so strebt im ›Ajas‹ der Bruder für den Bruder. Daß sich des unbeerdigten Polyneikes die Schwester und des gefallenen Ajas der Bruder annimmt, ist zufällig und gehört nicht der Erfindung des Dichters, sondern der Überlieferung, welcher der Dichter folgte und folgen mußte.« »Auch was er über die Handlungsweise des Kreon sagt,« versetzte ich, »scheint ebensowenig Stich zu halten. Er sucht durchzuführen, daß dieser bei dem Verbot der Beerdigung des Polyneikes aus reiner Staatstugend handle: und da nun Kreon nicht bloß ein Mann, sondern auch ein Fürst ist, so stellte er den Satz auf, daß, da der Mann die tragische Macht des Staates vorstelle, dieses kein anderer sein könne als derjenige, welcher die Persönlichkeit des Staates selber sei , nämlich der Fürst, und daß von allen Personen der Mann als Fürst diejenige Person sei, welche die sittlichste Staatstugend übe.« »Das sind Behauptungen,« erwiderte Goethe mit einigem Lächeln, »an die wohl niemand glauben wird. Kreon handelt auch keineswegs aus Staatstugend, sondern aus Haß gegen den Toten. Wenn Polyneikes sein väterliches Erbteil, woraus man ihn gewaltsam vertrieben, wieder zu erobern suchte, so lag darin keineswegs ein so unerhörtes Vergehen gegen den Staat, daß sein Tod nicht genug gewesen wäre und daß es noch der Bestrafung des unschuldigen Leichnams bedurft hätte. Man sollte überhaupt nie eine Handlungsweise eine Staatstugend nennen, die gegen die Tugend im allgemeinen geht. Wenn Kreon den Polyneikes zu beerdigen verbietet und durch den verwesenden Leichnam nicht bloß die Luft verpestet, sondern auch Ursache ist, daß Hunde und Raubvögel die abgerissenen Stücke des Toten umherschleppen und damit sogar die Altäre besudeln, so ist eine solche Menschen und Götter beleidigende Handlungsweise keineswegs eine Staats-Tugend, sondern vielmehr ein Staats- Verbrechen . Auch hat er das ganze Stück gegen sich: er hat die Ältesten des Staats, welche den Chor bilden, gegen sich; er hat das Volk im allgemeinen gegen sich; er hat den Teiresias gegen sich; er hat seine eigene Familie gegen sich. Er aber hört nicht, sondern frevelt eigensinnig fort, bis er alle die Seinigen zugrunde gerichtet hat und er selber am Ende nur noch ein Schatten ist.« »Und doch,« sagte ich, »wenn man ihn reden hört, so sollte man glauben, daß er einiges Recht habe.« »Das ists eben,« erwiderte Goethe, »worin Sophokles ein Meister ist und worin überhaupt das Leben des Dramatischen besteht. Seine Charaktere besitzen alle eine solche Redegabe und wissen die Motive ihrer Handlungsweise so überzeugend darzulegen, daß der Zuhörer fast immer auf der Seite dessen ist, der zuletzt gesprochen hat. Man sieht, er hat in seiner Jugend eine sehr tüchtige rhetorische Bildung genossen, wodurch er denn geübt worden, alle in einer Sache liegenden Gründe und Scheingründe aufzusuchen. Doch verleitete ihn diese seine große Fähigkeit auch zu Fehlern, indem er mitunter in den Fall kam, zu weit zu gehen. So kommt in der ›Antigone‹ eine Stelle vor, die mir immer als ein Flecken erscheint, und worum ich vieles geben möchte, wenn ein tüchtiger Philologe uns bewiese, sie wäre eingeschoben und unecht. Nachdem nämlich die Heldin im Laufe des Stückes die herrlichsten Gründe für ihre Handlung ausgesprochen und den Edelmut der reinsten Seele entwickelt hat, bringt sie zuletzt, als sie zum Tode geht, ein Motiv vor, das ganz schlecht ist und fast ans Komische streift. Sie sagt, daß sie das, was sie für ihren Bruder getan, wenn sie Mutter gewesen wäre, nicht für ihre gestorbenen Kinder und nicht für ihren gestorbenen Gatten getan haben würde. Denn, sagt sie, wäre mir ein Gatte gestorben, so hätte ich einen anderen genommen, und wären mir Kinder gestorben, so hätte ich mir von dem neuen Gatten andere Kinder zeugen lassen. Allein mit meinem Bruder ist es ein anderes. Einen Bruder kann ich nicht wieder bekommen, denn da mein Vater und meine Mutter tot sind, so ist niemand da, der ihn zeugen könnte. Dies ist wenigstens der nackte Sinn dieser Stelle, die nach meinem Gefühl in dem Munde einer zum Tode gehenden Heldin die tragische Stimmung stört und die mir überhaupt sehr gesucht und gar zu sehr als ein dialektisches Kalkül erscheint. – Wie gesagt, ich möchte sehr gerne, daß ein guter Philologe uns bewiese, die Stelle sei unecht.« Wir sprachen darauf über Sophokles weiter, und daß er bei seinen Stücken weniger eine sittliche Tendenz vor Augen gehabt, als eine tüchtige Behandlung seines jedesmaligen Gegenstandes, besonders mit Rücksicht auf theatralische Wirkung. »Ich habe nichts dawider,« sagte Goethe, »daß ein dramatischer Dichter eine sittliche Wirkung vor Augen habe; allein wenn es sich darum handelt, seinen Gegenstand klar und wirksam vor den Augen des Zuschauers vorüberzuführen, so können ihm dabei seine sittlichen Endzwecke wenig helfen, und er muß vielmehr ein großes Vermögen der Darstellung und Kenntnis der Bretter besitzen, um zu wissen, was zu tun und zu lassen. Liegt im Gegenstande eine sittliche Wirkung, so wird sie auch hervorgehen, und hätte der Dichter weiter nichts im Auge als seines Gegenstandes wirksame und kunstgemäße Behandlung. Hat ein Poet den hohen Gehalt der Seele wie Sophokles, so wird seine Wirkung immer sittlich sein, er mag sich stellen wie er wolle. Übrigens kannte er die Bretter und verstand sein Metier wie einer.« »Wie sehr er das Theater kannte«, versetzte ich, »und wie sehr er eine theatralische Wirkung im Auge hatte, sieht man an seinem ›Philoktet‹ und der großen Ähnlichkeit, die dieses Stück in der Anordnung und dem Gange der Handlung mit dem ›Ödip in Kolonos‹ hat. In beiden Stücken sehen wir den Helden in einem hülflosen Zustande, beide alt und an körperlichen Gebrechen leidend. Der Ödip hat als Stütze die führende Tochter zur Seite, der Philoktet den Bogen. Nun geht die Ähnlichkeit weiter. Beide hat man in ihrem Leiden verstoßen; aber nachdem das Orakel über beide ausgesagt, daß nur mit ihrer Hülfe der Sieg erlangt werden könne, so sucht man beider wieder habhaft zu werden. Zum Philoktet kommt der Odysseus, zum Ödip der Kreon. Beide beginnen ihre Reden mit List und süßen Worten; als aber diese nichts fruchten, so brauchen sie Gewalt, und wir sehen den Philoktet des Bogens und den Ödip der Tochter beraubt.« »Solche Gewalttätigkeiten«, sagte Goethe, »gaben Anlaß zu trefflichen Wechselreden, und solche hülflose Zustände erregten die Gemüter des hörenden und schauenden Volkes, weshalb denn solche Situationen vom Dichter, dem es um Wirkung auf sein Publikum zu tun war, gerne herbeigeführt wurden. Um diese Wirkung beim Ödip zu verstärken, läßt ihn Sophokles als schwachen Greis auftreten, da er doch allen Umständen nach noch ein Mann in seiner besten Blüte sein mußte. Aber in so rüstigem Alter konnte ihn der Dichter in diesem Stück nicht gebrauchen, er hätte keine Wirkung getan, und er machte ihn daher zu einem schwachen hülfsbedürftigen Greise.« »Die Ähnlichkeit mit dem Philoktet«, fuhr ich fort, »geht weiter. Beide Helden des Stückes sind nicht handelnd, sondern duldend . Dagegen hat jeder dieser passiven Helden der handelnden Figuren zwei gegen sich: der Ödip den Kreon und Polyneikes, der Philoktet den Neoptolemos und Odyß. Und zwei solcher gegenwirkenden Figuren waren nötig, um den Gegenstand von allen Seiten zur Sprache zu bringen und um auch für das Stück selbst die gehörige Fülle und Körperlichkeit zu gewinnen.« »Sie könnten noch hinzufügen,« nahm Goethe das Wort, »daß beide Stücke auch darin Ähnlichkeit haben, daß wir in beiden die höchst wirksame Situation eines freudigen Wechsels sehen, indem dem einen Helden in seiner Trostlosigkeit die geliebte Tochter und dem andern der nicht weniger geliebte Bogen zurückgegeben wird. Auch sind die versöhnenden Ausgänge beider Stücke sich ähnlich, indem beide Helden aus ihrem Leiden Erlösung erlangen: der Ödip, indem er selig entrückt wird, der Philoktet aber, indem wir durch Götterspruch seine Heilung vor Ilion durch den Äskulap voraussehen. Wenn wir übrigens«, fuhr Goethe fort, »für unsere modernen Zwecke lernen wollen, uns auf dem Theater zu benehmen, so wäre Molière der Mann, an den wir uns zu wenden hätten. Kennen Sie seinen ›Malade imaginaire‹? Es ist darin eine Szene, die mir, sooft ich das Stück lese, immer als Symbol einer vollkommenen Bretterkenntnis erscheint. Ich meine die Szene, wo der eingebildete Kranke seine kleine Tochter Louison befragt, ob nicht in dem Zimmer ihrer älteren Schwester ein junger Mann gewesen. Nun hätte ein anderer, der das Metier nicht so gut verstand wie Molière, die kleine Louison das Faktum sogleich ganz einfach erzählen lassen, und es wäre getan gewesen. Was bringt aber Molière durch allerlei retardierende Motive in diese Examination für Leben und Wirkung, indem er die kleine Louison zuerst tun läßt, als verstehe sie ihren Vater nicht; dann leugnet, daß sie etwas wisse; dann, von der Rute bedroht, wie tot hinfällt; dann, als der Vater in Verzweiflung ausbricht, aus ihrer fingierten Ohnmacht wieder schelmisch-heiter aufspringt, und zuletzt nach und nach alles gesteht. Diese meine Andeutung gibt Ihnen von dem Leben jenes Auftritts nur den allermagersten Begriff; aber lesen Sie die Szene selbst und durchdringen Sie sich von ihrem theatralischen Werte, und Sie werden gestehen, daß darin mehr praktische Lehre enthalten als in sämtlichen Theorien. Ich kenne und liebe Molière«, fuhr Goethe fort, »seit meiner Jugend und habe während meines ganzen Lebens von ihm gelernt. Ich unterlasse nicht, jährlich von ihm einige Stücke zu lesen, um mich immer im Verkehr des Vortrefflichen zu erhalten. Es ist nicht bloß das vollendete künstlerische Verfahren, was mich an ihm entzückt, sondern vorzüglich auch das liebenswürdige Naturell, das hochgebildete Innere des Dichters. Es ist in ihm eine Grazie und ein Takt für das Schickliche und ein Ton des feinen Umgangs, wie es seine angeborene schöne Natur nur im täglichen Verkehr mit den vorzüglichsten Menschen seines Jahrhunderts erreichen konnte. – Von Menander kenne ich nur die wenigen Bruchstücke, aber diese geben mir von ihm gleichfalls eine so hohe Idee, daß ich diesen großen Griechen für den einzigen Menschen halte, der mit Molière wäre zu vergleichen gewesen.« »Ich bin glücklich,« erwiderte ich, »Sie so gut über Molière reden zu hören. Das klingt freilich ein wenig anders als Herr von Schlegel! Ich habe noch in diesen Tagen in seinen ›Vorlesungen über dramatische Poesie‹ mit großem Widerwillen verschluckt, was er über Molière sagt. Er behandelt ihn, wie Sie wissen, ganz von oben herab, als einen gemeinen Possenreißer, der die gute Gesellschaft nur aus der Ferne gesehen und dessen Gewerbe es gewesen, zur Ergötzung seines Herrn allerlei Schwänke zu erfinden. In solchen niedrig-lustigen Schwänken sei er noch am glücklichsten gewesen, doch habe er das Beste gestohlen. Zu der höheren Gattung des Lustspiels habe er sich zwingen müssen, und es sei ihm nie damit gelungen.« »Einem Menschen wie Schlegel«, erwiderte Goethe, »ist freilich eine so tüchtige Natur wie Molière ein wahrer Dorn im Auge; er fühlt, daß er von ihm keine Ader hat, er kann ihn nicht ausstehen. Der ›Misanthrop‹, den ich, als eins meiner liebsten Stücke in der Welt, immer wieder lese, ist ihm zuwider; den ›Tartüff‹ lobt er gezwungenerweise ein bißchen, aber er setzt ihn sogleich wieder herab, soviel er nur kann. Daß Molière die Affektationen gelehrter Frauen lächerlich macht, kann Schlegel ihm nicht verzeihen; er fühlt wahrscheinlich, wie einer meiner Freunde bemerkte, daß er ihn selbst lächerlich gemacht haben würde, wenn er mit ihm gelebt hätte. Es ist nicht zu leugnen,« fuhr Goethe fort, »Schlegel weiß unendlich viel, und man erschrickt fast über seine außerordentlichen Kenntnisse und seine große Belesenheit. Allein damit ist es nicht getan. Alle Gelehrsamkeit ist noch kein Urteil. Seine Kritik ist durchaus einseitig, indem er fast bei allen Theaterstücken bloß das Skelett der Fabel und Anordnung vor Augen hat und immer nur kleine Ähnlichkeiten mit großen Vorgängern nachweiset, ohne sich im mindesten darum zu bekümmern, was der Autor uns von anmutigem Leben und Bildung einer hohen Seele entgegenbringt. Was helfen aber alle Künste des Talents, wenn aus einem Theaterstücke uns nicht eine liebenswürdige oder große Persönlichkeit des Autors entgegenkommt, dieses Einzige, was in die Kultur des Volkes übergeht. In der Art und Weise, wie Schlegel das französische Theater behandelt, finde ich das Rezept zu einem schlechten Rezensenten, dem jedes Organ für die Verehrung des Vortrefflichen mangelt und der über eine tüchtige Natur und einen großen Charakter hingeht, als wäre es Spreu und Stoppel.« »Den Shakespeare und Calderon dagegen«, versetzte ich, »behandelt er gerecht und sogar mit entschiedener Neigung.« »Beide«, erwiderte Goethe, »sind freilich der Art, daß man über sie nicht Gutes genug sagen kann, wiewohl ich mich auch nicht wundern würde, wenn Schlegel sie gleichfalls ganz schmählich herabgesetzt hätte. So ist er auch gegen Äschylus und Sophokles gerecht, allein dies scheint nicht sowohl zu geschehen, weil er von ihrem ganz außerordentlichen Werte lebendig durchdrungen wäre, als weil es bei den Philologen herkömmlich ist, beide sehr hoch zu stellen. Denn im Grunde reicht doch Schlegels eigenes Persönchen nicht hin, so hohe Naturen zu begreifen und gehörig zu schätzen. Wäre dies, so müßte er auch gegen Euripides gerecht sein und auch gegen diesen ganz anders zu Werke gehen, als er getan. Von diesem weiß er aber, daß die Philologen ihn nicht eben sonderlich hochhalten, und er verspürt daher kein geringes Behagen, daß es ihm, auf so große Autorität hin, vergönnt ist, über diesen großen Alten ganz schändlich herzufallen und ihn zu schulmeistern, wie er nur kann. Ich habe nichts dawider, daß Euripides seine Fehler habe; allein er war von Sophokles und Äschylus doch immerhin ein sehr ehrenwerter Mitstreiter. Wenn er nicht den hohen Ernst und die strenge Kunstvollendung seiner beiden Vorgänger besaß und dagegen als Theaterdichter die Dinge ein wenig läßlicher und menschlicher traktierte, so kannte er wahrscheinlich seine Athenienser hinreichend, um zu wissen, daß der von ihm angestimmte Ton für seine Zeitgenossen eben der rechte sei. Ein Dichter aber, den Sokrates seinen Freund nannte, den Aristoteles hochstellte, den Menander bewunderte und um den Sophokles und die Stadt Athen bei der Nachricht von seinem Tode Trauerkleider anlegte, mußte doch wohl in der Tat etwas sein. Wenn ein moderner Mensch wie Schlegel an einem so großen Alten Fehler zu rügen hätte, so sollte es billig nicht anders geschehen als auf den Knien.« Sonntag, den 1. April 1827 Abends bei Goethe. Ich sprach mit ihm über die gestrige Vorstellung seiner ›Iphigenie‹, worin Herr Krüger vom Königlichen Theater zu Berlin den Orest spielte, und zwar zu großem Beifall. »Das Stück«, sagte Goethe, »hat seine Schwierigkeiten. Es ist reich an innerem Leben, aber arm an äußerem. Daß aber das innere Leben hervorgekehrt werde, darin liegts. Es ist voll der wirksamsten Mittel, die aus den mannigfaltigsten Greueln hervorwachsen, die dem Stück zugrunde liegen. Das gedruckte Wort ist freilich nur ein matter Widerschein von dem Leben, das in mir bei der Erfindung rege war. Aber der Schauspieler muß uns zu dieser ersten Glut, die den Dichter seinem Sujet gegenüber beseelte, wieder zurück bringen. Wir wollen von der Meerluft frisch angewehte, kraftvolle Griechen und Helden sehen, die, von mannigfaltigen Übeln und Gefahren geängstigt und bedrängt, stark herausreden, was ihnen das Herz im Busen gebietet; aber wir wollen keine schwächlich empfindenden Schauspieler, die ihre Rollen nur so obenhin auswendig gelernt haben, am wenigsten aber solche, die ihre Rollen nicht einmal können. Ich muß gestehen, es hat mir noch nie gelingen wollen, eine vollendete Aufführung meiner ›Iphigenie‹ zu erleben. Das war auch die Ursache, warum ich gestern nicht hineinging. Denn ich leide entsetzlich, wenn ich mich mit diesen Gespenstern herumschlagen muß, die nicht so zur Erscheinung kommen, wie sie sollten.« »Mit dem Orest, wie Herr Krüger ihn gab,« sagte ich, »würden Sie wahrscheinlich zufrieden gewesen sein. Sein Spiel hatte eine Deutlichkeit, daß nichts begreiflicher, nichts faßlicher war als seine Rolle. Es drang sich alles ein, und ich werde seine Bewegungen und Worte nicht vergessen. Dasjenige, was in dieser Rolle der exaltierten Anschauung, der Vision gehört, trat durch seine körperlichen Bewegungen und den veränderten abwechselnden Ton seiner Stimme so aus seinem Innern heraus, daß man es mit leiblichen Augen zu sehen glaubte. Beim Anblick dieses Orest hätte Schiller die Furien sicher nicht vermißt; sie waren hinter ihm her, sie waren um ihn herum. Die bedeutende Stelle, wo Orest, aus seiner Ermattung erwachend, sich in die Unterwelt versetzt glaubt, gelang zu hohem Erstaunen. Man sah die Reihen der Ahnherrn in Gesprächen wandeln, man sah Orest sich ihnen gesellen, sie befragen und sich an sie anschließen. Man fühlte sich selbst versetzt und in die Mitte dieser Seligen mit aufgenommen: so rein und tief war die Empfindung des Künstlers und so groß sein Vermögen, das Unfaßlichste uns vor die Augen zu bringen.« »Ihr seid doch noch Leute, auf die sich wirken läßt!« erwiderte Goethe lachend. »Aber fahren Sie fort und sagen Sie weiter. Er scheint also wirklich gut gewesen zu sein und seine körperlichen Mittel von Bedeutung?« »Sein Organ«, sagte ich, »war rein und wohltönend, auch viel geübt und dadurch der höchsten Biegsamkeit und Mannigfaltigkeit fähig. Physische Kraft und körperliche Gewandtheit standen ihm sodann bei Ausführung aller Schwierigkeiten zur Seite; es schien, daß er es sein lebelang an der mannigfaltigsten körperlichen Ausbildung und Übung nicht hatte fehlen lassen.« »Ein Schauspieler«, sagte Goethe, »sollte eigentlich auch bei einem Bildhauer und Maler in die Lehre gehen. So ist ihm, um einen Griechischen Helden darzustellen, durchaus nötig, daß er die auf uns gekommenen antiken Bildwerke wohl studiert und sich die ungesuchte Grazie ihres Sitzens, Stehens und Gehens wohl eingeprägt habe. Auch ist es mit dem Körperlichen noch nicht getan. Er muß auch durch ein fleißiges Studium der besten alten und neuen Schriftsteller seinem Geiste eine große Ausbildung geben, welches ihm denn nicht bloß zum Verständnis seiner Rolle zugute kommen, sondern auch seinem ganzen Wesen und seiner ganzen Haltung einen höheren Anstrich geben wird. Doch erzählen Sie weiter! Was war denn noch sonst Gutes an ihm zu bemerken?« »Es schien mir,« sagte ich, »als habe ihm eine große Liebe für seinen Gegenstand beigewohnt. Er hatte durch ein emsiges Studium sich alles einzelne klar gemacht, so daß er in seinem Helden mit großer Freiheit lebte und webte und nichts übrig blieb, was nicht durchaus wäre das Seinige geworden. Hieraus entstand denn ein richtiger Ausdruck und eine richtige Betonung jedes einzelnen Wortes, und eine solche Sicherheit, daß für ihn der Souffleur eine ganz überflüssige Person war.« »Das freut mich,« sagte Goethe, »und so ist es recht. Nichts ist schrecklicher, als wenn die Schauspieler nicht Herr ihrer Rolle sind und bei jedem neuen Satz nach dem Souffleur horchen müssen, wodurch ihr Spiel sogleich null ist und sogleich ohne alle Kraft und Leben. Wenn bei einem Stück wie meine ›Iphigenie‹ die Schauspieler in ihren Rollen nicht durchaus fest sind, so ist es besser, die Aufführung zu unterlassen. Denn das Stück kann bloß Erfolg haben, wenn alles sicher, rasch und lebendig geht. Nun, nun! – Es ist mir lieb, daß es mit Krügern so gut abgelaufen. Zelter hatte ihn mir empfohlen, und es wäre mir fatal gewesen, wenn es mit ihm nicht so gut gegangen wäre, wie es ist. Ich werde ihm auch meinerseits einen kleinen Spaß machen und ihm ein hübsch eingebundenes Exemplar der ›Iphigenie‹ zum Andenken verehren mit einigen eingeschriebenen Versen in bezug auf sein Spiel.« Das Gespräch lenkte sich auf die ›Antigone‹ von Sophokles, auf die darin waltende hohe Sittlichkeit und endlich auf die Frage: wie das Sittliche in die Welt gekommen. »Durch Gott selber,« erwiderte Goethe, »wie alles andere Gute. Es ist kein Produkt menschlicher Reflexion, sondern es ist angeschaffene und angebotene schöne Natur. Es ist mehr oder weniger den Menschen im allgemeinen angeschaffen, im hohen Grade aber einzelnen ganz vorzüglich begabten Gemütern. Diese haben durch große Taten oder Lehren ihr göttliches Innere offenbart, welches sodann durch die Schönheit seiner Erscheinung die Liebe der Menschen ergriff und zur Verehrung und Nacheiferung gewaltig fortzog. Der Wert des Sittlich-Schönen und Guten aber konnte durch Erfahrung und Weisheit zum Bewußtsein gelangen, indem das Schlechte sich in seinen Folgen als ein solches erwies, welches das Glück des Einzelnen wie des Ganzen zerstörte, dagegen das Edle und Rechte als ein solches, welches das besondere und allgemeine Glück herbeiführte und befestigte. So konnte das Sittlich-Schöne zur Lehre werden und sich als ein Ausgesprochenes über ganze Völkerschaften verbreiten.« »Ich las neulich irgendwo die Meinung ausgesprochen,« versetzte ich, »die griechische Tragödie habe sich die Schönheit des Sittlichen zum besonderen Gegenstand gemacht.« »Nicht sowohl das Sittliche,« erwiderte Goethe, »als das Rein-Menschliche in seinem ganzen Umfange; besonders aber in den Richtungen, wo es, mit einer rohen Macht und Satzung in Konflikt geratend, tragischer Natur werden konnte. In dieser Region lag denn freilich auch das Sittliche, als ein Hauptteil der menschlichen Natur. Das Sittliche der ›Antigone‹ ist übrigens nicht von Sophokles erfunden, sondern es lag im Sujet, welches aber Sophokles um so lieber wählen mochte, als es neben der sittlichen Schönheit so viel Dramatisch-Wirksames in sich hatte.« Goethe sprach sodann über den Charakter des Kreon und der Ismene und über die Notwendigkeit dieser beiden Figuren zur Entwickelung der schönen Seele der Heldin. »Alles Edle«, sagte er, »ist an sich stiller Natur und scheint zu schlafen, bis es durch Widerspruch geweckt und herausgefordert wird. Ein solcher Widerspruch ist Kreon, welcher teils der Antigone wegen da ist, damit sich ihre edle Natur und das Recht, was auf ihrer Seite liegt, an ihm hervorkehre, teils aber um sein selbst willen, damit sein unseliger Irrtum uns als ein Hassenswürdiges erscheine. Da aber Sophokles uns das hohe Innere seiner Heldin auch vor der Tat zeigen wollte, so mußte noch ein anderer Widerspruch da sein, woran sich ihr Charakter entwickeln konnte, und das ist die Schwester Ismene. In dieser hat der Dichter uns nebenbei ein schönes Maß des Gewöhnlichen gegeben, woran uns die ein solches Maß weit übersteigende Höhe der Antigone desto auffallender sichtbar wird.« Das Gespräch wendete sich auf dramatische Schriftsteller im allgemeinen, und welche bedeutende Wirkung auf die große Masse des Volkes von ihnen ausgehe und ausgehen könne. »Ein großer dramatischer Dichter,« sagte Goethe, »wenn er zugleich produktiv ist und ihm eine mächtige edle Gesinnung beiwohnt, die alle seine Werke durchdringt, kann erreichen, daß die Seele seiner Stücke zur Seele des Volkes wird. Ich dächte, das wäre etwas, das wohl der Mühe wert wäre. Von Corneille ging eine Wirkung aus, die fähig war, Heldenseelen zu bilden. Das war etwas für Napoleon, der ein Heldenvolk nötig hatte; weshalb er denn von Corneille sagte, daß, wenn er noch lebte, er ihn zum Fürsten machen würde. Ein dramatischer Dichter, der seine Bestimmung kennt, soll daher unablässig an seiner höheren Entwickelung arbeiten, damit die Wirkung, die von ihm auf das Volk ausgeht, eine wohltätige und edle sei. Man studiere nicht die Mitgeborenen und Mitstrebenden, sondern große Menschen der Vorzeit, deren Werke seit Jahrhunderte gleichen Wert und gleiches Ansehen behalten haben. Ein wirklich hochbegabter Mensch wird das Bedürfnis dazu ohnedies in sich fühlen, und gerade dieses Bedürfnis des Umgangs mit großen Vorgängern ist das Zeichen einer höheren Anlage. Man studiere Molière, man studiere Shakespeare, aber vor allen Dingen die alten Griechen und immer die Griechen.« »Für hochbegabte Naturen«, bemerkte ich, »mag das Studium der Schriften des Altertums allerdings ganz unschätzbar sein; allein im allgemeinen scheint es auf den persönlichen Charakter wenig Einfluß auszuüben. Wenn das wäre, so müßten ja alle Philologen und Theologen die vortrefflichsten Menschen sein. Dies ist aber keineswegs der Fall, und es sind solche Kenner der Griechischen und lateinischen Schriften des Altertums eben tüchtige Leute oder auch arme Wichte, je nach den guten oder schlechten Eigenschaften, die Gott in ihre Natur gelegt oder die sie von Vater und Mutter mitbrachten.« »Dagegen ist nichts zu erinnern,« erwiderte Goethe; »aber damit ist durchaus nicht gesagt, daß das Studium der Schriften des Altertums für die Bildung eines Charakters überhaupt ohne Wirkung wäre. Ein Lump bleibt freilich ein Lump, und eine kleinliche Natur wird durch einen selbst täglichen Verkehr mit der Großheit antiker Gesinnung um keinen Zoll größer werden. Allein ein edler Mensch, in dessen Seele Gott die Fähigkeit künftiger Charaktergröße und Geisteshoheit gelegt, wird durch die Bekanntschaft und den vertraulichen Umgang mit den erhabenen Naturen griechischer und römischer Vorzeit sich auf das herrlichste entwickeln und mit jedem Tage zusehends zu ähnlicher Größe heranwachsen.« Mittwoch, den 18. April 1827 Mit Goethe vor Tisch spazieren gefahren eine Strecke die Straße nach Erfurt hinaus. Es begegnete uns allerhand Frachtfuhrwerk mit Waren für die Leipziger Messe. Auch einige Züge Koppelpferde, worunter sehr schöne Tiere. »Ich muß über die Ästhetiker lachen,« sagte Goethe, »welche sich abquälen, dasjenige Unaussprechliche, wofür wir den Ausdruck ›schön‹ gebrauchen, durch einige abstrakte Worte in einen Begriff zu bringen. Das Schöne ist ein Urphänomen, das zwar nie selber zur Erscheinung kommt, dessen Abglanz aber in tausend verschiedenen Äußerungen des schaffenden Geistes sichtbar wird und so mannigfaltig und so verschiedenartig ist, als die Natur selber.« »Ich habe oft aussprechen hören,« sagte ich, »die Natur sei immer schön; sie sei die Verzweiflung des Künstlers, indem er selten fähig sei, sie ganz zu erreichen.« »Ich weiß wohl,« erwiderte Goethe, »daß die Natur oft einen unerreichbaren Zauber entfaltet; allein ich bin keineswegs der Meinung, daß sie in allen ihren Äußerungen schön sei. Ihre Intentionen sind zwar immer gut, allein die Bedingungen sind es nicht, die dazu gehören, sie stets vollkommen zur Erscheinung gelangen zu lassen. So ist die Eiche ein Baum, der sehr schön sein kann. Doch wie viele günstige Umstände müssen zusammentreffen, ehe es der Natur einmal gelingt, ihn wahrhaft schön hervorzubringen. Wächst die Eiche im Dickicht des Waldes heran, von bedeutenden Nachbarstämmen umgeben, so wird ihre Tendenz immer nach oben gehen, immer nach freier Luft und Licht. Nach den Seiten hin wird sie nur wenige schwache Äste treiben, und auch diese werden im Laufe des Jahrhunderts wieder verkümmern und abfallen. Hat sie aber endlich erreicht, sich mit ihrem Gipfel oben im Freien zu fühlen, so wird sie sich beruhigen und nun anfangen, sich nach den Seiten hin auszubreiten und eine Krone zu bilden. Allein sie ist auf dieser Stufe bereits über ihr mittleres Alter hinaus, ihr vieljähriger Trieb nach oben hat ihre frischesten Kräfte hingenommen, und ihr Bestreben, sich jetzt noch nach der Breite hin mächtig zu erweisen, wird nicht mehr den rechten Erfolg haben. Hoch, stark und schlankstämmig wird sie nach vollendetem Wuchse dastehen, doch ohne ein solches Verhältnis zwischen Stamm und Krone, um in der Tat schön zu sein. Wächst hinwieder die Eiche an feuchten, sumpfigen Orten und ist der Boden zu nahrhaft, so wird sie, bei gehörigem Raum, frühzeitig viele Äste und Zweige nach allen Seiten treiben; es werden jedoch die widerstrebenden, retardierenden Einwirkungen fehlen, das Knorrige, Eigensinnige, Zackige wird sich nicht entwickeln, und, aus einiger Ferne gesehen, wird der Baum ein schwaches, lindenartiges Ansehen gewinnen, und er wird nicht schön sein, wenigstens nicht als Eiche. Wächst sie endlich an bergigen Abhängen, auf dürftigem, steinichtem Erdreich, so wird sie zwar im Übermaß zackig und knorrig erscheinen, allein es wird ihr an freier Entwickelung fehlen, sie wird in ihrem Wuchs frühzeitig kümmern und stocken, und sie wird nie erreichen, daß man von ihr sage: es walte in ihr etwas, das fähig sei, uns in Erstaunen zu setzen.« Ich freute mich dieser guten Worte. »Sehr schöne Eichen«, sagte ich, »habe ich gesehen, als ich vor einigen Jahren von Göttingen aus mitunter kleine Touren ins Wesertal machte. Besonders mächtig fand ich sie im Solling in der Gegend von Höxter.« »Ein sandiger oder mit Sand gemischter Boden,« fuhr Goethe fort, »wo ihr nach allen Richtungen hin mächtige Wurzeln zu treiben vergönnt ist, scheint ihr am günstigsten zu sein. Und dann will sie einen Stand, der ihr gehörigen Raum gewährt, alle Einwirkungen von Licht und Sonne und Regen und Wind von allen Seiten her in sich aufzunehmen. Im behaglichen Schutz vor Wind und Wetter herangewachsen, wird aus ihr nichts; aber ein hundertjähriger Kampf mit den Elementen macht sie stark und mächtig, so daß nach vollendetem Wuchs ihre Gegenwart uns Erstaunen und Bewunderung einflößt.« »Könnte man nicht aus diesen Ihren Andeutungen«, versetzte ich, »ein Resultat ziehen und sagen: ein Geschöpf sei dann schön, wenn es zu dem Gipfel seiner natürlichen Entwickelung gelangt sei?« »Recht wohl,« erwiderte Goethe; »doch müßte man zuvor aussprechen, was man unter dem Gipfel der natürlichen Entwickelung wolle verstanden haben.« »Ich würde damit«, erwiderte ich, »diejenige Periode des Wachstums bezeichnen, wo der Charakter, der diesem oder jenem Geschöpf eigentümlich ist, vollkommen ausgeprägt erscheint.« »In diesem Sinne«, erwiderte Goethe, »wäre nichts dagegen einzuwenden, besonders wenn man noch hinzufügte, daß zu solchem vollkommen ausgeprägten Charakter zugleich gehöre, daß der Bau der verschiedenen Glieder eines Geschöpfes dessen Naturbestimmung angemessen und also zweckmäßig sei. So wäre z. B. ein mannbares Mädchen, dessen Naturbestimmung ist, Kinder zu gebären und Kinder zu säugen, nicht schön ohne gehörige Breite des Beckens und ohne gehörige Fülle der Brüste. Doch wäre auch ein Zuviel nicht schön, denn das würde über das Zweckmäßige hinausgehen. Warum konnten wir vorhin einige der Reitpferde, die uns begegneten, schön nennen, als eben wegen der Zweckmäßigkeit ihres Baues? Es war nicht bloß das Zierliche, Leichte, Graziöse ihrer Bewegungen, sondern noch etwas mehr, worüber ein guter Reuter und Pferdekenner reden müßte und wovon wir anderen bloß den allgemeinen Eindruck empfinden.« »Könnte man nicht auch«, sagte ich, »einen Karrengaul schön nennen, wie uns vorhin einige sehr starke vor den Frachtwagen der Brabanter Fuhrleute begegneten?« »Allerdings,« erwiderte Goethe; »und warum nicht? Ein Maler fände an dem stark ausgeprägten Charakter, an dem mächtigen Ausdruck von Knochen, Sehnen und Muskeln eines solchen Tieres wahrscheinlich noch ein weit mannigfaltigeres Spiel von allerlei Schönheiten, als an dem milderen, egaleren Charakter eines zierlichen Reitpferdes. Die Hauptsache ist immer,« fuhr Goethe fort, »daß die Rasse rein und der Mensch nicht seine verstümmelnde Hand angelegt hat. Ein Pferd, dem Schweif und Mähne abgeschnitten, ein Hund mit gestutzen Ohren, ein Baum, dem man die mächtigsten Zweige genommen und das übrige kugelförmig geschnitzelt hat, und über alles eine Jungfrau, deren Leib von Jugend auf durch Schnürbrüste verdorben und entstellt worden, alles dieses sind Dinge, von denen sich der gute Geschmack abwendet und die bloß in dem Schönheits-Katechismus der Philister ihre Stelle haben.« Unter diesen und ähnlichen Gesprächen waren wir wieder zurückgekehrt. Wir machten vor Tisch noch einige Gänge im Hausgarten. Das Wetter war sehr schön; die Frühlingssonne fing an mächtig zu werden und an Büschen und Hecken schon allerlei Laub und Blüten hervorzulocken. Goethe war voller Gedanken und Hoffnungen eines genußreichen Sommers. Darauf bei Tisch waren wir sehr heiter. Der junge Goethe hatte die ›Helena‹ seines Vaters gelesen und sprach darüber mit vieler Einsicht eines natürlichen Verstandes. Über den im antiken Sinne gedichteten Teil ließ er eine entschiedene Freude blicken, während ihm die opernartige romantische Hälfte, wie man merken konnte, beim Lesen nicht lebendig geworden. »Du hast im Grunde recht, und es ist ein eigenes Ding«, sagte Goethe. »Man kann zwar nicht sagen, daß das Vernünftige immer schön sei; allein das Schöne ist doch immer vernünftig, oder wenigstens es sollte so sein. Der antike Teil gefällt dir aus dem Grunde, weil er faßlich ist, weil du die einzelnen Teile übersehen und du meiner Vernunft mit der deinigen beikommen kannst. In der zweiten Hälfte ist zwar auch allerlei Verstand und Vernunft gebraucht und verarbeitet worden, allein es ist schwer und erfordert einiges Studium, ehe man den Dingen beikommt und ehe man mit eigener Vernunft die Vernunft des Autors wieder herausfindet.« Goethe sprach darauf mit allerlei Lob und Anerkennung über die Gedichte der Madame Tastü, mit deren Lektüre er sich in diesen Tagen beschäftiget. Als die übrigen gingen und ich mich auch anschickte zu gehen, bat er mich, noch ein wenig zu bleiben. Er ließ ein Portefeuille mit Kupferstichen und Radierungen niederländischer Meister herbeibringen. »Ich will Sie doch«, sagte er, »zum Nachtisch noch mit etwas Gutem traktieren.« Mit diesen Worten legte er mir ein Blatt vor, eine Landschaft von Rubens. »Sie haben«, sagte er, »dieses Bild zwar schon bei mir gesehen; allein man kann etwas Vortreffliches nicht oft genug betrachten, und diesmal handelt es sich noch dazu um etwas ganz Besonderes. Möchten Sie mir wohl sagen, was Sie sehen?« »Nun,« sagte ich, »wenn ich von der Tiefe anfange, so haben wir im äußersten Hintergrunde einen sehr hellen Himmel, wie eben nach Sonnenuntergang. Dann gleichfalls in der äußersten Ferne ein Dorf und eine Stadt in der Helle des Abendlichtes. In der Mitte des Bildes sodann einen Weg, worauf eine Herde Schafe dem Dorfe zueilet. Rechts im Bilde allerlei Heuhaufen und einen Wagen, der soeben vollgeladen worden. Angeschirrte Pferde grasen in der Nähe. Ferner, seitwärts in Gebüschen zerstreut, mehrere weidende Stuten mit ihren Fohlen, die das Ansehen haben, als würden sie in der Nacht draußen bleiben. Sodann, näher dem Vordergrunde zu, eine Gruppe großer Bäume; und zuletzt, ganz im Vordergrunde links, verschiedene nach Hause gehende Arbeiter.« »Gut,« sagte Goethe, »das wäre wohl alles. Aber die Hauptsache fehlt noch. Alle diese Dinge, die wir dargestellt sehen: die Herde Schafe, der Wagen mit Heu, die Pferde, die nach Hause gehenden Feldarbeiter, von welcher Seite sind sie beleuchtet?« »Sie haben das Licht«, sagte ich, »auf der uns zugekehrten Seite und werfen die Schatten in das Bild hinein. Besonders die nach Hause gehenden Feldarbeiter im Vordergrunde sind sehr im Hellen, welches einen trefflichen Effekt tut.« »Wodurch hat aber Rubens diese schöne Wirkung hervorgebracht »Dadurch,« antwortete ich, »daß er diese hellen Figuren auf einem dunkelen Grunde erscheinen läßt.« »Aber dieser dunkele Grund,« erwiderte Goethe, »wodurch entsteht er?« »Es ist der mächtige Schatten,« sagte ich, »den die Baumgruppe den Figuren entgegenwirft. – Aber wie,« fuhr ich mit Überraschung fort, »die Figuren werfen die Schatten in das Bild hinein, die Baumgruppe dagegen wirft den Schatten den Beschauer entgegen! – Da haben wir ja das Licht von zwei entgegengesetzten Seiten, welches aber ja gegen alle Natur ist!« »Das ist eben der Punkt,« erwiderte Goethe mit einigem Lächeln. »Das ist es, wodurch Rubens sich groß erweiset und an den Tag legt, daß er mit freiem Geiste über der Natur steht und sie seinen höheren Zwecken gemäß traktiert. Das doppelte Licht ist allerdings gewaltsam und Sie können immerhin sagen, es sei gegen die Natur. Allein wenn es gegen die Natur ist, so sage ich zugleich, es sei höher als die Natur, so sage ich, es sei der kühne Griff des Meisters, wodurch er auf geniale Weise an den Tag legt, daß die Kunst der natürlichen Notwendigkeit nicht durchaus unterworfen ist, sondern ihre eigenen Gesetze hat. Der Künstler«, fuhr Goethe fort, »muß freilich die Natur im einzelnen treu und fromm nachbilden, er darf in dem Knochenbau und der Lage von Sehnen und Muskeln eines Tieres nichts willkürlich ändern, so daß dadurch der eigentümliche Charakter verletzt würde; denn das hieße die Natur vernichten. Allein in den höheren Regionen des künstlerischen Verfahrens, wodurch ein Bild zum eigentlichen Bilde wird, hat er ein freieres Spiel, und er darf hier sogar zu Fiktionen schreiten, wie Rubens in dieser Landschaft mit dem doppelten Lichte getan. Der Künstler bat zur Natur ein zwiefaches Verhältnis: er ist ihr Herr und ihr Sklave zugleich. Er ist ihr Sklave, insofern er mit irdischen Mitteln wirken muß, um verstanden zu werden; ihr Herr aber, insofern er diese irdischen Mittel seinen höheren Intentionen unterwirft und ihnen dienstbar macht. Der Künstler will zur Welt durch ein Ganzes sprechen; dieses Ganze aber findet er nicht in der Natur, sondern es ist die Frucht seines eigenen Geistes oder, wenn Sie wollen, des Anwehens eines befruchtenden göttlichen Odems. Betrachten wir diese Landschaft von Rubens nur so obenhin, so kommt uns alles so natürlich vor, als sei es nur geradezu von der Natur abgeschrieben. Es ist aber nicht so. Ein so schönes Bild ist nie in der Natur gesehen worden, ebensowenig als eine Landschaft von Poussin oder Claude Lorrain, die uns auch sehr natürlich erscheint, die wir aber gleichfalls in der Wirklichkeit vergebens suchen.« »Ließen sich nicht auch«, sagte ich, »ähnliche kühne Züge künstlerischer Fiktion, wie dieses doppelte Licht von Rubens, in der Literatur finden?« »Da brauchen wir nicht eben weit zu gehen,« erwiderte Goethe nach einigem Nachdenken. »Ich könnte sie Ihnen im Shakespeare zu Dutzenden nachweisen. Nehmen Sie nur den ›Macbeth‹. Als die Lady ihren Gemahl zur Tat begeistern will, sagt sie: Ich habe Kinder aufgesäugt – Ob dieses wahr ist oder nicht, kommt gar nicht darauf an; aber die Lady sagt es, und sie muß es sagen, um ihrer Rede dadurch Nachdruck zu geben. Im späteren Verlauf des Stückes aber, als Macduff die Nachricht von dem Untergange der Seinen erfährt, ruft er im wilden Grimme aus: Er hat keine Kinder! Diese Worte des Macduff kommen also mit denen der Lady in Widerspruch – aber das kümmert Shakespeare nicht. Ihm kommt es auf die Kraft der jedesmaligen Rede an, und so wie die Lady zum höchsten Nachdruck ihrer Worte sagen mußte: ›Ich habe Kinder aufgesäugt‹, so mußte auch zu eben diesem Zweck Macduff sagen: ›Er hat keine Kinder!‹ Überhaupt«, fuhr Goethe fort, »sollen wir es mit dem Pinselstriche eines Malers oder dem Worte eines Dichters nicht so genau und kleinlich nehmen; vielmehr sollen wir ein Kunstwerk, das mit kühnem und freiem Geiste gemacht worden, auch wo möglich mit ebensolchem Geiste wieder anschauen und genießen. So wäre es töricht, wenn man aus den Worten des Macbeth: Gebier mir keine Töchter – den Schluß ziehen wollte, die Lady sei ein ganz jugendliches Wesen, das noch nicht geboren habe. Und ebenso töricht wäre es, wenn man weiter gehen und verlangen wollte, die Lady müsse auf der Bühne als eine solche sehr jugendliche Person dargestellt werden. Shakespeare läßt den Macbeth diese Worte keineswegs sagen, um damit die Jugend der Lady zu beweisen, sondern diese Worte, wie die vorhin angeführten der Lady und des Macduff, sind bloß rhetorischer Zwecke wegen da und wollen weiter nichts beweisen, als daß der Dichter seine Personen jedesmal das reden läßt, was eben an dieser Stelle gehörig, wirksam und gut ist, ohne sich viel und ängstlich zu bekümmern und zu kalkulieren, ob diese Worte vielleicht mit einer anderen Stelle in scheinbaren Widerspruch geraten möchten. Überhaupt hat Shakespeare bei seinen Stücken schwerlich daran gedacht, daß sie als gedruckte Buchstaben vorliegen würden, die man überzählen und gegeneinander vergleichen und berechnen möchte; vielmehr hatte er die Bühne vor Augen, als er schrieb; er sah seine Stücke als ein Bewegliches, Lebendiges an, das von den Brettern herab den Augen und Ohren rasch vorüberfließen würde, das man nicht festhalten und im einzelnen bekritteln könnte, und wobei es bloß darauf ankam, immer nur im gegenwärtigen Moment wirksam und bedeutend zu sein.« Dienstag, den 24. April 1827 August Wilhelm von Schlegel ist hier. Goethe machte mit ihm vor Tisch eine Spazierfahrt ums Webicht und gab ihm zu Ehren diesen Abend einen großen Tee, wobei auch Schlegels Reisegefährte, Herr Doktor Lassen, gegenwärtig. Alles in Weimar, was irgend Namen und Rang hatte, war dazu eingeladen, so daß das Getreibe in Goethes Zimmern groß war. Herr von Schlegel war ganz von Damen umringt, denen er aufgerollte, schmale Streifen mit indischen Götterbildern vorzeigte, sowie den ganzen Text von zwei großen indischen Gedichten, von denen außer ihm selbst und Dr. Lassen wahrscheinlich niemand etwas verstand. Schlegel war höchst sauber angezogen und höchst jugendlichen, blühenden Ansehens, so daß einige der Anwesenden behaupten wollten, er scheine nicht unerfahren in Anwendung kosmetischer Mittel. Goethe zog mich in ein Fenster. »Nun, wie gefällt er Ihnen?« – »Noch ganz so wie sonst«, erwiderte ich. – »Er ist freilich in vieler Hinsicht kein Mann,« fuhr Goethe fort »aber doch kann man ihm seiner vielseitigen gelehrten Kenntnisse und seiner großen Verdienste wegen schon etwas zugute halten.« Mittwoch, den 25. April 1827 Bei Goethe zu Tisch mit Herrn Dr. Lassen. Schlegel war heute abermals an Hof zur Tafel gezogen. Herr Lassen entwickelte große Kenntnisse der indischen Poesie, die Goethen höchst willkommen zu sein schienen, um sein eigenes, immerhin nur sehr lückenhaftes Wissen in diesen Dingen zu ergänzen. Ich war abends wieder einige Augenblicke bei Goethe. Er erzählte mir, daß Schlegel in der Dämmerung bei ihm gewesen und daß er mit ihm ein höchst bedeutendes Gespräch über literarische und historische Gegenstände geführt, das für ihn sehr belehrend gewesen. »Nur muß man«, fügte er hinzu, »keine Trauben von den Dornen und keine Feigen von den Disteln verlangen; übrigens ist alles ganz vortrefflich.« Donnerstag, den 3. Mai 1827 Die höchst gelungene Übersetzung der dramatischen Werke Goethes von Stapfer hat in dem zu Paris erscheinenden ›Globe‹ des vorigen Jahres durch Herrn J. J. Ampère eine Beurteilung gefunden, die nicht weniger vortrefflich ist und die Goethen so angenehm berührte, daß er sehr oft darauf zurückkam und sich sehr oft mit großer Anerkennung darüber ausließ. »Der Standpunkt des Herrn Ampère«, sagte er, »ist ein sehr hoher. Wenn deutsche Rezensenten bei ähnlichen Anlässen gern von der Philosophie ausgehen und bei Betrachtung und Besprechung eines dichterischen Erzeugnisses auf eine Weise verfahren, daß dasjenige, was sie zu dessen Aufklärung beibringen, nur Philosophen ihrer eigenen Schule zugänglich, für andere Leute aber weit dunkeler ist als das Werk, das sie erläutern wollen, selber, so benimmt sich daliegen Herr Ampère durchaus praktisch und menschlich. Als einer, der das Metier aus dem Grunde kennt, zeigt er die Verwandtschaft des Erzeugten mit dem Erzeuger und beurteilt die verschiedenen poetischen Produktionen als verschiedene Früchte verschiedener Lebensepochen des Dichters. Er hat den abwechselnden Gang meiner irdischen Laufbahn und meiner Seelenzustände im tiefsten studiert und sogar die Fähigkeit gehabt, das zu sehen, was ich nicht ausgesprochen und was sozusagen nur zwischen den Zeilen zu lesen war. Wie richtig hat er bemerkt, daß ich in den ersten zehn Jahren meines weimarischen Dienst- und Hoflebens so gut wie gar nichts gemacht, daß die Verzweiflung mich nach Italien getrieben, und daß ich dort, mit neuer Lust zum Schaffen, die Geschichte des Tasso ergriffen, um mich in Behandlung dieses angemessenen Stoffes von demjenigen freizumachen, was mir noch aus meinen weimarischen Eindrücken und Erinnerungen Schmerzliches und Lästiges anklebte. Sehr treffend nennt er daher auch den ›Tasso‹ einen gesteigerten ›Werther‹. Sodann über den ›Faust‹ äußerte er sich nicht weniger geistreich, indem er nicht bloß das düstere, unbefriedigte Streben der Hauptfigur, sondern auch den Hohn und die herbe Ironie des Mephistopheles als Teile meines eigenen Wesens bezeichnet.« In dieser und ähnlicher anerkennender Weise sprach Goethe über Herrn Ampère sehr oft; wir faßten für ihn ein entschiedenes Interesse, wir suchten uns seine Persönlichkeit klar zu machen, und wenn uns dieses auch nicht gelingen konnte, so waren wir doch darüber einig, daß es ein Mann von mittleren Jahren sein müsse, um die Wechselwirkung von Leben und Dichten so aus dem Grunde zu verstehen. Sehr überrascht waren wir daher, als Herr Ampère vor einigen Tagen in Weimar eintraf und sich uns als ein lebensfroher Jüngling von einigen zwanzig Jahren darstellte; und nicht weniger überrascht waren wir, als er gegen uns im Laufe eines weiteren Verkehrs äußerte, daß sämtliche Mitarbeiter des ›Globe‹, dessen Weisheit, Mäßigung und hohe Bildungsstufe wir oft bewundert, lauter junge Leute wären wie er. »Ich begreife wohl,« sagte ich, »daß einer jung sein kann, um Bedeutendes zu produzieren und, gleich Mérimée, im zwanzigsten Jahre treffliche Stücke zu schreiben; allein daß einem bei ähnlich jungen Jahren eine solche Übersicht und so tiefe Einblicke zu Gebote stehen, um eine solche Höhe des Urteils zu besitzen wie die Herren des ›Globe‹, das ist mir durchaus etwas Neues.« »Ihnen in Ihrer Heide«, erwiderte Goethe, »ist es freilich nicht so leicht geworden, und auch wir andern im mittleren Deutschland haben unser bißchen Weisheit schwer genug erkaufen müssen. Denn wir führen doch im Grunde alle ein isoliertes armseliges Leben! Aus dem eigentlichen Volke kommt uns sehr wenig Kultur entgegen, und unsere sämtlichen Talente und guten Köpfe sind über ganz Deutschland ausgesäet. Da sitzt einer in Wien, ein anderer in Berlin, ein anderer in Königsberg, ein anderer in Bonn oder Düsseldorf, alle durch funfzig bis hundert Meilen voneinander getrennt, so daß persönliche Berührungen und ein persönlicher Austausch von Gedanken zu den Seltenheiten gehört. Was dies aber wäre, empfinde ich, wenn Männer wie Alexander von Humboldt hier durchkommen und mich in dem, was ich suche und mir zu wissen nötig, in einem einzigen Tage weiter bringen, als ich sonst auf meinem einsamen Wege in Jahren nicht erreicht hätte. Nun aber denken Sie sich eine Stadt wie Paris, wo die vorzüglichsten Köpfe eines großen Reiches auf einem einzigen Fleck beisammen sind und in täglichem Verkehr, Kampf und Wetteifer sich gegenseitig belehren und steigern, wo das Beste aus allen Reichen der Natur und Kunst des ganzen Erdbodens der täglichen Anschauung offen steht; diese Weltstadt denken Sie sich, wo jeder Gang über eine Brücke oder einen Platz an eine große Vergangenheit erinnert und wo an jeder Straßenecke ein Stück Geschichte sich entwickelt hat. Und zu diesem allen denken Sie sich nicht das Paris einer dumpfen geistlosen Zeit, sondern das Paris des neunzehnten Jahrhunderts, in welchem seit drei Menschenaltern durch Männer wie Molière, Voltaire, Diderot und ihresgleichen eine solche Fülle von Geist in Kurs gesetzt ist, wie sie sich auf der ganzen Erde auf einem einzigen Fleck nicht zum zweiten Male findet, und Sie werden begreifen, daß ein guter Kopf wie Ampère, in solcher Fülle aufgewachsen, in seinem vierundzwanzigsten Jahre wohl etwas sein kann. Sie sagten doch vorhin,« fuhr Goethe fort, »Sie könnten sich sehr wohl denken, daß einer in seinem zwanzigsten Jahre so gute Stücke schreiben könne wie Mérimée. Ich habe gar nichts dawider und bin auch im ganzen recht wohl Ihrer Meinung, daß eine jugendlich-tüchtige Produktion leichter sei, als ein jugendlich-tüchtiges Urteil. Allein in Deutschland soll einer es wohl bleiben lassen, so jung wie Mérimée etwas so Reifes hervorzubringen, als er in den Stücken seiner ›Clara Gazul‹ getan. Es ist wahr, Schiller war recht jung, als er seine ›Räuber‹, seine ›Kabale und Liebe‹ und seinen ›Fiesco‹ schrieb; allein wenn wir aufrichtig sein wollen, so sind doch alle diese Stücke mehr Äußerungen eines außergewöhnlichen Talents, als daß sie von großer Bildungsreife des Autors zeugten. Daran ist aber nicht Schiller schuld, sondern der Kulturzustand seiner Nation und die große Schwierigkeit, die wir alle erfahren, uns auf einsamen Wegen durchzuhelfen. Nehmen Sie dagegen Béranger. Er ist der Sohn armer Eltern, der Abkömmling eines armen Schneiders, dann armer Buchdruckerlehrling, dann mit kleinem Gehalt angestellt in irgendeinem Bureau, er hat nie eine gelehrte Schule, nie eine Universität besucht, und doch sind seine Lieder so voll reifer Bildung, so voll Grazie, so voll Geist und feinster Ironie und von einer solchen Kunstvollendung und meisterhaften Behandlung der Sprache, daß er nicht bloß die Bewunderung von Frankreich, sondern des ganzen gebildeten Europas ist. Denken Sie sich aber diesen selben Béranger, anstatt in Paris geboren und in dieser Weltstadt herangekommen, als den Sohn eines armen Schneiders zu Jena oder Weimar, und lassen Sie ihn seine Laufbahn an gedachten kleinen Orten gleich kümmerlich fortsetzen, und fragen Sie sich, welcher Früchte dieser selbe Baum, in einem solchen Boden und in einer solchen Atmosphäre aufgewachsen, wohl würde getragen haben. Also, mein Guter, ich wiederhole: es kommt darauf an, daß in einer Nation viel Geist und tüchtige Bildung im Kurs sei, wenn ein Talent sich schnell und freudig entwickeln soll. Wir bewundern die Tragödien der alten Griechen; allein recht besehen, sollten wir mehr die Zeit und die Nation bewundern, in der sie möglich waren, als die einzelnen Verfasser. Denn wenn auch diese Stücke unter sich ein wenig verschieden, und wenn auch der eine dieser Poeten ein wenig größer und vollendeter erscheint als der andere, so trägt doch, im groben und ganzen betrachtet, alles nur einen einzigen durchgehenden Charakter. Dies ist der Charakter des Großartigen, des Tüchtigen, des Gesunden, des Menschlich-Vollendeten, der hohen Lebensweisheit, der erhabenen Denkungsweise, der rein-kräftigen Anschauung, und welche Eigenschaften man noch sonst aufzählen könnte. Finden sich nun aber alle diese Eigenschaften nicht bloß in den auf uns gekommenen dramatischen, sondern auch in den lyrischen und epischen Werken; finden wir sie ferner bei den Philosophen, Rhetoren und Geschichtschreibern, und in gleich hohem Grade in den auf uns gekommenen Werken der bildenden Kunst: so muß man sich wohl überzeugen, daß solche Eigenschaften nicht bloß einzelnen Personen anhaften, sondern daß sie der Nation und der ganzen Zeit angehörten und in ihr in Kurs waren. Nehmen Sie Burns. Wodurch ist er groß, als daß die alten Lieder seiner Vorfahren im Munde des Volkes lebten, daß sie ihm sozusagen bei der Wiege gesungen wurden, daß er als Knabe unter ihnen heranwuchs und die hohe Vortrefflichkeit dieser Muster sich ihm so einlebte, daß er darin eine lebendige Basis hatte, worauf er weiterschreiten konnte. Und ferner, wodurch ist er groß, als daß seine eigenen Lieder in seinem Volke sogleich empfängliche Ohren fanden, daß sie ihm alsobald im Felde von Schnittern und Binderinnen entgegenklangen und er in der Schenke von heiteren Gesellen damit begrüßt wurde. Da konnte es freilich etwas werden! Wie ärmlich sieht es dagegen bei uns Deutschen aus! – Was lebte denn in meiner Jugend von unsern nicht weniger bedeutenden alten Liedern im eigentlichen Volke? Herder und seine Nachfolger mußten erst anfangen sie zu sammeln und der Vergessenheit zu entreißen: dann hatte man sie doch wenigstens gedruckt in Bibliotheken. Und später, was haben nicht Bürger und Voß für Lieder gedichtet! Wer wollte sagen, daß sie geringer und weniger volkstümlich wären als die des vortrefflichen Burns! Allein was ist davon lebendig geworden, so daß es uns aus dem Volke wieder entgegenklänge? – Sie sind geschrieben und gedruckt worden und stehen in Bibliotheken, ganz gemäß dem allgemeinen Lose deutscher Dichter. Von meinen eigenen Liedern, was lebt denn? Es wird wohl eins und das andere einmal von einem hübschen Mädchen am Klaviere gesungen, allein im eigentlichen Volke ist alles stille. Mit welchen Empfindungen muß ich der Zeit gedenken, wo italienische Schiffer mir Stellen des ›Tasso‹ sangen! Wir Deutschen sind von gestern. Wir haben zwar seit einem Jahrhundert ganz tüchtig kultiviert, allein es können noch ein paar Jahrhunderte hingehen, ehe bei unseren Landsleuten so viel Geist und höhere Kultur eindringe und allgemein werde, daß sie gleich den Griechen der Schönheit huldigen, daß sie sich für ein hübsches Lied begeistern, und daß man von ihnen wird sagen können, es sei lange her, daß sie Barbaren gewesen.« Freitag, den 4. Mai 1827 Zu Ehren Ampères und seines Freundes Stapfer großes Diner bei Goethe. Die Unterhaltung war laut, heiter und bunt durcheinander. Ampère erzählte Goethe viel von Mérimée, Alfred de Vigny und anderen bedeutenden Talenten. Auch ward sehr viel über Béranger gesprochen, dessen unvergleichliche Lieder Goethe täglich in Gedanken hat. Es kam zur Erwähnung, ob Bérangers heitere Liebeslieder vor seinen politischen den Vorzug verdienten; wobei Goethe seine Meinung dahin entwickelte, daß im allgemeinen ein rein poetischer Stoff einem politischen so sehr voranstehe, als die reine, ewige Naturwahrheit der Parteiansicht. »Übrigens«, fuhr er fort, »hat Béranger in seinen politischen Gedichten sich als Wohltäter seiner Nation erwiesen. Nach der Invasion der Alliierten fanden die Franzosen in ihm das beste Organ ihrer gedrückten Gefühle. Er richtete sie auf durch vielfache Erinnerungen an den Ruhm der Waffen unter dem Kaiser, dessen Andenken noch in jeder Hütte lebendig und dessen große Eigenschaften der Dichter liebt, ohne jedoch eine Fortsetzung seiner despotischen Herrschaft zu wünschen. Jetzt, unter den Bourbonen, scheint es ihm nicht zu behagen. Es ist freilich ein schwach gewordenes Geschlecht! Und der jetzige Franzose will auf dem Throne große Eigenschaften, obgleich er selber gerne mitherrscht und selber gerne ein Wort mitredet.« Nach Tisch verbreitete sich die Gesellschaft im Garten, und Goethe winkte mir zu einer Spazierfahrt um das Gehölz auf dem Wege nach Tiefurt. Er war im Wagen sehr gut und liebevoll. Er freute sich, daß mit Ampère ein so hübsches Verhältnis angeknüpft worden, wovon er sich für die Anerkennung und Verbreitung der deutschen Literatur in Frankreich die schönsten Folgen verspreche. »Ampère«, fügte er hinzu, »steht freilich in seiner Bildung so hoch, daß die nationalen Vorurteile, Apprehensionen und Borniertheiten vieler seiner Landsleute weit hinter ihm liegen und er seinem Geiste nach weit mehr ein Weltbürger ist als ein Bürger von Paris. Ich sehe übrigens die Zeit kommen, wo er in Frankreich Tausende haben wird, die ihm gleich denken.« Sonntag, den 6. Mai 1827 Abermalige Tischgesellschaft bei Goethe, wobei dieselbigen Personen zugegen wie vorgestern. Man sprach sehr viel über die ›Helena‹ und den ›Tasso‹. Goethe erzählte uns darauf, wie er im Jahre 1797 den Plan gehabt, die Sage vom ›Tell‹ als episches Gedicht in Hexametern zu behandeln. »Ich besuchte«, sagte er, »im gedachten Jahre noch einmal die kleinen Kantone und den Vierwaldstätter See, und diese reizende, herrliche und großartige Natur machte auf mich abermals einen solchen Eindruck, daß es mich anlockte, die Abwechselung und Fülle einer so unvergleichlichen Landschaft in einem Gedicht darzustellen. Um aber in meine Darstellung mehr Reiz, Interesse und Leben zu bringen, hielt ich es für gut, den höchst bedeutenden Grund und Boden mit ebenso bedeutenden menschlichen Figuren zu staffieren, wo denn die Sage vom ›Tell‹ mir als sehr erwünscht zustatten kam. Den Tell dachte ich mir als einen urkräftigen, in sich selbst zufriedenen, kindlich-unbewußten Heldenmenschen, der als Lastträger die Kantone durchwandert, überall gekannt und geliebt ist, überall hilfreich, übrigens ruhig sein Gewerbe treibend, für Weib und Kinder sorgend, und sich nicht kümmernd, wer Herr oder Knecht sei. Den Geßler dachte ich mir dagegen zwar als einen Tyrannen, aber als einen von der behaglichen Sorte, der gelegentlich Gutes tut, wenn es ihm Spaß macht, und gelegentlich Schlechtes tut, wenn es ihm Spaß macht, und dem übrigens das Volk und dessen Wohl und Wehe so völlig gleichgültige Dinge sind, als ob sie gar nicht existierten. Das Höhere und Bessere der menschlichen Natur dagegen, die Liebe zum heimatlichen Boden, das Gefühl der Freiheit und Sicherheit unter dem Schutze vaterländischer Gesetze, das Gefühl ferner der Schmach, sich von einem fremden Wüstling unterjocht und gelegentlich mißhandelt zu sehen, und endlich die zum Entschluß reifende Willenskraft, ein so verhaßtes Joch abzuwerfen, alles dieses Höhere und Gute hatte ich den bekannten edlen Männern Walther Fürst, Stauffacher, Melchthal und anderen zugeteilt, und dieses waren meine eigentlichen Helden, meine mit Bewußtsein handelnden höheren Kräfte, während der Tell und Geßler zwar auch gelegentlich handelnd auftraten, aber im ganzen mehr Figuren passiver Natur waren. Von diesem schönen Gegenstande war ich ganz voll, und ich summte dazu schon gelegentlich meine Hexameter. Ich sah den See im ruhigen Mondschein, erleuchtete Nebel in den Tiefen der Gebirge. Ich sah ihn im Glanz der lieblichsten Morgensonne, ein Jauchzen und Leben in Wald und Wiesen. Dann stellte ich einen Sturm dar, einen Gewittersturm, der sich aus den Schluchten auf den See wirft. Auch fehlte es nicht an nächtlicher Stille und an heimlichen Zusammenkünften über Brücken und Stegen. Von allem diesem erzählte ich Schillern, in dessen Seele sich meine Landschaften und meine handelnden Figuren zu einem Drama bildeten. Und da ich andere Dinge zu tun hatte und die Ausführung meines Vorsatzes sich immer weiter verschob, so trat ich meinen Gegenstand Schillern völlig ab, der denn darauf sein bewundernswürdiges Gedicht schrieb.« Wir freuten uns dieser Mitteilung, die allen interessant zu hören war. Ich machte bemerklich, daß es mir vorkomme, als ob die in Terzinen geschriebene prächtige Beschreibung des Sonnenaufgangs in der ersten Szene vom zweiten Teile des ›Faust‹ aus der Erinnerung jener Natureindrücke des Vierwaldstätter Sees entstanden sein möchte. »Ich will es nicht leugnen,« sagte Goethe, »daß diese Anschauungen dort herrühren; ja ich hätte ohne die frischen Eindrücke jener wundervollen Natur den Inhalt der erwähnten Terzinen gar nicht denken können. Das ist aber auch alles, was ich aus dem Golde meiner Tell-Lokalitäten mir gemünzt habe. Das übrige ließ ich Schillern, der denn auch davon, wie wir wissen, den schönsten Gebrauch gemacht.« Das Gespräch wendete sich auf den ›Tasso‹, und welche Idee Goethe darin zur Anschauung zu bringen gesucht. » Idee? « sagte Goethe – »daß ich nicht wüßte! Ich hatte das Leben Tassos, ich hatte mein eigenes Leben, und indem ich zwei so wunderliche Figuren mit ihren Eigenheiten zusammenwarf, entstand in mir das Bild des Tasso, dem ich als prosaischen Kontrast den Antonio entgegenstellte, wozu es mir auch nicht an Vorbildern fehlte. Die weiteren Hof-, Lebens- und Liebesverhältnisse waren übrigens in Weimar wie in Ferrara, und ich kann mit Recht von meiner Darstellung sagen: sie ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! – Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hineinlegen, das Leben schwerer als billig. – Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen, ja euch belehren und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen – aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel, wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre! Da kommen sie und fragen, welche Idee ich in meinem ›Faust‹ zu verkörpern gesucht. Als ob ich das selber wüßte und aussprechen könnte! – Vom Himmel durch die Welt zur Hölle , das wäre zur Not etwas; aber das ist keine Idee, sondern Gang der Handlung. Und ferner, daß der Teufel die Wette verliert, und daß ein aus schweren Verirrungen immerfort zum Besseren aufstrebender Mensch zu erlösen sei, das ist zwar ein wirksamer, manches erklärender guter Gedanke, aber es ist keine Idee , die dem Ganzen und jeder einzelnen Szene im besonderen zugrunde liege. Es hätte auch in der Tat ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und höchst mannigfaltiges Leben, wie ich es im ›Faust‹ zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen durchgehenden Idee hätte reihen wollen! »Es war im ganzen«, fuhr Goethe fort, »nicht meine Art, als Poet nach Verkörperung von etwas Abstraktem zu streben. Ich empfing in meinem Innern Eindrücke , und zwar Eindrücke sinnlicher, lebensvoller, lieblicher, bunter, hundertfältiger Art, wie eine rege Einbildungskraft es mir darbot; und ich hatte als Poet weiter nichts zu tun, als solche Anschauungen und Eindrücke in mir künstlerisch zu ründen und auszubilden und durch eine lebendige Darstellung so zum Vorschein zu bringen, daß andere dieselbigen Eindrücke erhielten, wenn sie mein Dargestelltes hörten oder lasen. Wollte ich jedoch einmal als Poet irgendeine Idee darstellen, so tat ich es in kleinen Gedichten, wo eine entschiedene Einheit herrschen konnte und welches zu übersehen war, wie z. B. ›Die Metamorphose der Tiere‹, die ›der Pflanze‹, das Gedicht ›Vermächtnis‹ und viele andere. Das einzige Produkt von größerem Umfang, wo ich mir bewußt bin, nach Darstellung einer durchgreifenden Idee gearbeitet zu haben, wären etwa meine ›Wahlverwandtschaften‹. Der Roman ist dadurch für den Verstand faßlich geworden; aber ich will nicht sagen, daß er dadurch besser geworden wäre. Vielmehr bin ich der Meinung: je inkommensurabeler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische Produktion, desto besser .« Dienstag, den 15. Mai 1827 Herr von Holtei, aus Paris kommend, ist seit einiger Zeit hier und wegen seiner Person und Talente überall herzlich empfangen. Auch zwischen ihm und Goethe und dessen Familie hat sich ein sehr freundliches Verhältnis gebildet. Goethe ist seit einigen Tagen auf seinen Garten gezogen, wo er in stiller Tätigkeit sich sehr beglückt findet. Ich besuchte ihn heute dort mit Herrn von Holtei und Grafen Schulenburg, welcher erstere Abschied nahm, um mit Ampère nach Berlin zu gehen. Mittwoch, den 25. Juli 1827 Goethe hat in diesen Tagen einen Brief von Walter Scott erhalten, der ihm große Freude machte. Er zeigte ihn mir heute, und da ihm die englische Handschrift etwas sehr unleserlich vorkam, so bat er mich, ihm den Inhalt zu übersetzen. Es scheint, daß Goethe dem berühmten englischen Dichter zuerst geschrieben hatte und daß dieser Brief darauf eine Erwiderung ist. »Ich fühle mich sehr geehrt,« schreibt Walter Scott, »daß irgendeine meiner Produktionen so glücklich gewesen ist, die Beachtung Goethes auf sich zu ziehen, zu dessen Bewunderern ich seit dem Jahre 1798 gehöre, wo ich trotz meiner geringen Bekanntschaft mit der deutschen Sprache kühn genug war, den ›Götz von Berlichingen‹ ins Englische zu übertragen. Ich hatte bei diesem jugendlichen Unternehmen ganz vergessen, daß es nicht genug sei, die Schönheit eines genialen Werkes zu fühlen, sondern daß man auch die Sprache, worin es geschrieben, aus dem Grunde verstehen müsse, ehe es uns gelingen könne, solche Schönheit auch anderen fühlbar zu machen. Dennoch lege ich auf jenen jugendlichen Versuch noch jetzt einigen Wert, weil er doch wenigstens zeigt, daß ich einen Gegenstand zu wählen wußte, der der Bewunderung würdig war. Ich habe oft von Ihnen gehört, und zwar durch meinen Schwiegersohn Lockhart, einen jungen Mann von literarischer Bedeutung, der vor einigen Jahren, ehe er meiner Familie verbunden war, die Ehre hatte, dem Vater der deutschen Literatur vorgestellt zu werden. Es ist unmöglich, daß Sie unter der großen Zahl derer, die sich gedrängt fühlen, Ihnen ihre Ehrfurcht zu bezeigen, sich jedes einzelnen erinnern sollten; aber ich glaube, es ist ihnen niemand inniger ergeben als eben jenes junge Mitglied meiner Familie. Mein Freund Sir John Hope von Pinkie hat kürzlich die Ehre gehabt, Sie zu sehen, und ich hoffte Ihnen zu schreiben, und nahm auch später mir wirklich diese Freiheit durch zwei seiner Verwandten, die Deutschland zu bereisen die Absicht hatten; allein sie wurden durch Krankheit behindert, ihr Vorhaben auszuführen, so daß mir denn mein Brief nach zwei bis drei Monaten zurückkam. Ich habe also Goethes Bekanntschaft schon früher zu suchen mich erdreistet, und zwar noch vor jener schmeichelhaften Notiz, die er so freundlich gewesen ist, von mir zu nehmen. Es gibt allen Bewunderern des Genies ein wohltätiges Gefühl, zu wissen, daß eins der größten europäischen Vorbilder einer glücklichen und ehrenvollen Zurückgezogenheit in einem Alter genießt, in welchem er auf eine so ausgezeichnete Weise sich geehrt sieht. Dem armen Lord Byron ward leider vom Schicksal kein so günstiges Los zuteil, indem es ihn in der Blüte seiner Jahre hinwegnahm und so vieles, was noch von ihm gehofft und erwartet wurde, für immer zerschnitt. Er schätzte sich glücklich in der Ehre, die Sie ihm erzeugten, und fühlte, was er einem Dichter schuldig war, dem alle Schriftsteller der lebenden Generation so viel verdanken, daß sie sich verpflichtet fühlen, mit kindlicher Verehrung zu ihm hinaufzublicken. Ich habe mir die Freiheit genommen, die Herren Treuttel und Würtz zu ersuchen, Ihnen meinen Versuch einer Lebensgeschichte jenes merkwürdigen Mannes zu senden, der so viele Jahre lang einen so fürchterlichen Einfluß auf die Welt hatte, die er beherrschte. Ich weiß übrigens nicht, ob ich ihm nicht irgend einige Verbindlichkeiten schuldig geworden, da er mich zwölf Jahre lang unter die Waffen brachte, während welcher Zeit ich in einem Korps unserer Landmiliz diente und trotz einer frühen Lahmheit ein guter Reuter, Jäger und Schütze wurde. Diese guten Fähigkeiten haben jedoch in der letzten Zeit mich ein wenig verlassen, indem der Rheumatismus, diese traurige Plage unseres nördlichen Klimas, seinen Einfluß auf meine Glieder gelegt hat. Doch klage ich nicht, da ich meine Söhne jetzt die Jagdvergnügungen treiben sehe, seitdem ich sie habe aufgeben müssen. Mein ältester Sohn hat eine Schwadron Husaren, welches für einen fünfundzwanzigjährigen jungen Mann immer viel ist. Mein jüngerer Sohn hat neulich zu Oxford den Grad eines Bakkalaureus der schönen Wissenschaften erhalten und wird jetzt einige Monate zu Hause zubringen, ehe er in die Welt geht. Da es Gott gefallen hat, mir ihre Mutter zu nehmen, so führt meine jüngste Tochter mein Hauswesen. Meine älteste ist verheiratet und hat eine Familie für sich. Dies sind die häuslichen Zustände eines Mannes, nach dem Sie so gütig sich erkundiget haben. Übrigens besitze ich genug, um ganz so zu leben, wie ich wünsche, ungeachtet einiger sehr schwerer Verluste. Ich bewohne ein stattliches altes Schloß, in welchem jeder Freund Goethes zu jeder Zeit willkommen sein wird. Die Vorhalle ist mit Rüstungen angefüllt, die selbst für Jaxthausen gepaßt haben würden; ein großer Schweißhund bewacht den Eingang. Ich habe übrigens den vergessen, der dafür zu sorgen wußte, daß man ihn nicht vergaß, während er lebte. Ich hoffe, Sie werden die Fehler des Werkes verzeihen, indem Sie berücksichtigen, daß der Autor von dem Wunsch beseelt war, gegen das Andenken jenes außerordentlichen Mannes so aufrichtig zu verfahren, wie seine insularischen Vorurteile nur immer erlauben wollten. Da diese Gelegenheit, Ihnen zu schreiben, sich mir plötzlich und zufällig durch einen Reisenden darbietet und keinen Aufschub erleidet, so fehlt mir die Zeit, etwas Weiteres zu sagen, als daß ich Ihnen eine fortgesetzte gute Gesundheit und Ruhe wünsche und mich mit der aufrichtigsten und tiefsten Hochachtung unterzeichne. Edinburgh, den 9. Juli 1827. Walter Scott.«   Goethe hatte, wie gesagt, über diesen Brief große Freude. Er war übrigens der Meinung, als enthalte er zu viel Ehrenvolles für ihn, als daß er nicht sehr vieles davon auf Rechnung der Höflichkeit eines Mannes von Rang und hoher Weltbildung zu setzen habe. Er erwähnte sodann die gute und herzliche Art, womit Walter Scott seine Familienverhältnisse zur Sprache bringe, welches ihn, als Zeichen eines brüderlichen Vertrauens, im hohen Grade beglücke. »Ich bin nun wirklich«, fuhr er fort, »auf sein ›Leben Napoleons‹ begierig, welches er mir ankündigt. Ich höre so viel Widersprechendes und Leidenschaftliches über das Buch, daß ich im voraus gewiß bin, es wird auf jeden Fall sehr bedeutend sein.« Ich fragte nach Lockhart, und ob er sich seiner noch erinnere. »Noch sehr wohl«, erwiderte Goethe. »Seine Persönlichkeit macht einen entschiedenen Eindruck, so daß man ihn so bald nicht wieder vergißt. Er soll, wie ich von reisenden Engländern und meiner Schwiegertochter höre, ein junger Mann sein, von dem man in der Literatur gute Dinge erwartet. Übrigens wundere ich mich fast, daß Walter Scott kein Wort über Carlyle sagt, der doch eine so entschiedene Richtung auf das Deutsche hat, daß er ihm sicher bekannt sein muß. An Carlyle ist es bewundernswürdig, daß er bei Beurteilung unserer deutschen Schriftsteller besonders den geistigen und sittlichen Kern als das eigentlich Wirksame im Auge hat. Carlyle ist eine moralische Macht von großer Bedeutung. Es ist in ihm viel Zukunft vorhanden, und es ist gar nicht abzusehen, was er alles leisten und wirken wird.« Mittwoch, den 26. September 1827 Goethe hatte mich auf diesen Morgen zu einer Spazierfahrt nach der Hottelstedter Ecke, der westlichsten Höhe des Ettersberges, und von da nach dem Jagdschloß Ettersburg einladen lassen. Der Tag war überaus schön, und wir fuhren zeitig zum Jakobstore hinaus. Hinter Lützendorf, wo es stark bergan geht und wir nur Schritt fahren konnten, hatten wir zu allerlei Beobachtungen Gelegenheit. Goethe bemerkte rechts in den Hecken hinter dem Kammergut eine Menge Vögel und fragte mich, ob es Lerchen wären. Du Großer und Lieber, dachte ich, der du die ganze Natur wie wenig andere durchforschet hast, in der Ornithologie scheinst du ein Kind zu sein. »Es sind Ammern und Sperlinge,« erwiderte ich, »auch wohl einige verspätete Grasmücken, die nach abgewarteter Mauser aus dem Dickicht des Ettersberges herab in die Gärten und Felder kommen und sich zum Fortzuge anschicken; aber Lerchen sind es nicht. Es ist nicht in der Natur der Lerche, sich auf Büsche zu setzen. Die Feld- oder Himmelslerche steigt in die Luft aufwärts und geht wieder zur Erde herab, zieht auch wohl im Herbst scharenweis durch die Luft hin und wirft sich wiederum auf irgendein Stoppelfeld nieder, aber sie geht nicht auf Hecken und Gebüsche. Die Baumlerche dagegen liebt sich den Gipfel hoher Bäume, von wo aus sie singend in die Luft steigt und wieder auf ihren Baumgipfel herabfällt. Dann gibt es noch eine andere Lerche, die man in einsamen Gegenden an der Mittagsseite von Waldblößen antrifft und die einen sehr weichen, flötenartigen, doch etwas melancholischen Gesang hat. Sie hält sich nicht am Ettersberge auf, der ihr zu lebhaft und zu nahe von Menschen umwohnt ist; aber auch sie geht nicht in Gebüsche.« »Hm!« sagte Goethe, »Sie scheinen in diesen Dingen nicht eben ein Neuling zu sein.« »Ich habe das Fach von Jugend auf mit Liebe getrieben«, erwiderte ich, »und immer die Augen und Ohren dafür offen gehabt. Der ganze Wald des Ettersberges hat wenige Stellen, die ich nicht zu wiederholten Malen durchstreift bin. Wenn ich jetzt einen einzigen Ton höre, so getraue ich mir zu sagen, von welchem Vogel er kommt. Auch bin ich so weit, daß, wenn man mir irgendeinen Vogel bringt, der in der Gefangenschaft durch verkehrte Behandlung das Gefieder verloren hat, ich mir getraue, ihn sehr bald vollkommen gesund und wohlbefiedert wiederherzustellen.« »Das zeigt allerdings,« erwiderte Goethe, »daß Sie in diesen Dingen bereits vieles durchgemacht haben. Ich möchte Ihnen raten, das Studium ernstlich fortzutreiben; es muß bei Ihrer entschiedenen Richtung zu sehr guten Resultaten führen. Aber sagen Sie mir etwas über die Mauser. Sie sprachen vorhin von verspäteten Grasmücken, die nach vollendeter Mauser aus dem Dickicht des Ettersberges in die Felder herabgekommen. Ist denn die Mauser an eine gewisse Epoche gebunden, und mausern sich alle Vögel zugleich?« »Bei den meisten Vögeln«, erwiderte ich, »tritt sie sogleich nach vollendeter Brütezeit ein, das heißt, sobald die Jungen des letzten Geheckes so weit sind, daß sie sich selber helfen können. Nun fragt es sich aber, ob der Vogel von diesem Zeitpunkte des fertigen letzten Geheckes, bis zu dem seines Wegzugs, zur Mauser noch den gehörigen Raum hat. Hat er ihn, so mausert er sich hier und zieht mit frischem Gefieder fort. Hat er ihn nicht, so zieht er mit seinem alten Gefieder fort und mausert sich später im warmen Süden. Denn die Vögel kommen im Frühling nicht zu gleicher Zeit zu uns, auch ziehen sie im Herbst nicht zu gleicher Zeit fort. Und dieses rührt daher, daß die eine Art sich aus einiger Kälte und rauhem Wetter weniger macht und sie mehr ertragen kann als eine andere. Ein Vogel aber, der früh bei uns ankommt, zieht spät weg, und ein Vogel, der spät bei uns ankommt, zieht früh weg. So ist schon unter den Grasmücken, die doch zu einem Geschlecht gehören, ein großer Unterschied. Die klappernde Grasmücke oder das Müllerchen läßt sich schon Ende März bei uns hören; vierzehn Tage später kommt die schwarzköpfige oder der Mönch; sodann etwa nach einer Woche die Nachtigall, und erst ganz zu Ende April oder anfangs Mai die graue. Alle diese Vögel mausern sich im August bei uns, so auch die Jungen ihres ersten Geheckes; weshalb man denn Ende August junge Mönche fängt, die schon das schwarze Köpfchen haben. Die Jungen des letzten Geheckes aber ziehen mit ihrem ersten Gefieder fort und mausern sich später in südlichen Ländern; aus welchem Grunde man denn anfangs September junge Mönche fangen kann, und zwar junge Männchen, die noch das rote Köpfchen haben wie ihre Mutter.« »Ist denn die graue Grasmücke«, fragte Goethe, »der späteste bei uns ankommende Vogel, oder kommen andere noch später?« »Der sogenannte gelbe Spottvogel und der prächtige goldgelbe Pirol«, erwiderte ich, »kommen erst gegen Pfingsten. Beide ziehen nach vollendeter Brütezeit, gegen die Mitte August, schon wieder fort und mausern sich mit ihren Jungen im Süden. Hat man sie im Käfig, so mausern sie sich bei uns im Winter, weshalb denn diese Vögel sehr schwer durchzubringen sind. Sie verlangen sehr viel Wärme. Hängt man sie aber in die Nähe des Ofens, so verkümmern sie aus Mangel an fruchtbarer Luft; bringt man sie dagegen in die Nähe des Fensters, so verkümmern sie in der Kälte der langen Nächte.« »Man hält dafür,« sagte Goethe,»daß die Mauser eine Krankheit oder wenigstens von körperlicher Schwäche begleitet sei.« »Das möchte ich nicht sagen,« erwiderte ich. »Es ist ein Zustand gesteigerter Produktivität, der in freier Luft herrlich vonstatten geht, ohne die geringste Beschwerde, ja bei einigermaßen kräftigen Individuen auch vollkommen gut im Zimmer. Ich habe Grasmücken gehabt, die während der ganzen Mauser ihren Gesang nicht aussetzten: ein Zeichen, daß es ihnen durchaus wohl war. Zeigt sich aber ein Vogel im Zimmer während der Mauser kränklich, so ist daraus zu schließen, daß er mit dem Futter oder frischer Luft und Wasser nicht gehörig behandelt worden. Ist er im Zimmer im Lauf der Zeit aus Mangel an Luft und Freiheit so schwach geworden, daß ihm die produktive Kraft fehlt, um in die Mauser zu kommen, so bringe man ihn an die fruchtbare frische Luft, und die Mauser wird sogleich auf das beste vonstatten gehen. Bei einem Vogel in freier Wildnis dagegen verläuft sie sich so sanft und so allmählich, daß er es kaum gewahr wird.« »Aber doch schienen Sie vorhin anzudeuten,« versetzte Goethe, »daß die Grasmücken sich während der Mauser in das Dickicht der Wälder ziehen.« »Sie bedürfen während dieser Zeit«, erwiderte ich, »allerdings einiges Schutzes. Zwar verfährt die Natur auch in diesem Falle mit solcher Weisheit und Mäßigung, daß ein Vogel während der Mauser nie mit einem Male so viele Federn verliert, daß er unfähig würde so gut zu fliegen, als die Erreichung seines Futters es verlangt. Allein es kann doch kommen, daß er z. B. mit einem Male die vierte, fünfte und sechste Schwungfeder des linken und die vierte, fünfte und sechste Schwungfeder des rechten Flügels verliert, wobei er zwar immer noch ganz gut fliegen kann, allein nicht so gut, um dem verfolgenden Raubvogel, besonders aber dem sehr schnellen und gewandten Baumfalken zu entgehen, und da kommt ihm denn ein buschiges Dickicht sehr zustatten.« »Das läßt sich hören«, erwiderte Goethe. »Schreitet aber die Mauser«, fuhr er fort, »an beiden Flügeln gleichmäßig und gewissermaßen symmetrisch vor?« »Soweit meine Beobachtungen reichen, allerdings«, erwiderte ich. »Und das ist sehr wohltätig. Denn verlöre ein Vogel z. B. drei Schwungfedern des linken Flügels und nicht zugleich dieselben Federn des rechten, so würde den Flügeln alles Gleichgewicht fehlen, und der Vogel würde sich und seine Bewegung nicht mehr in gehöriger Gewalt haben. Er würde sein wie ein Schiff, dem an der einen Seite die Segel zu schwer und an der andern zu leicht sind.« »Ich sehe,« erwiderte Goethe »man mag in die Natur eindringen, von welcher Seite man wolle, man kommt immer auf einige Weisheit.« Wir waren indes immerfort mühsam bergan gefahren und waren nun nach und nach oben, am Rande der Fichten. Wir kam an einer Stelle vorbei, wo Steine gebrochen waren und ein Haufen lag. Goethe ließ halten und bat mich, abzusteigen und ein wenig nachzusehen, ob ich nichts von Versteinerungen entdeckte. Ich fand einige Muscheln, auch einige zerbrochene Ammonshörner, die ich ihm zureichte, indem ich mich wieder einsetzte. Wir fuhren weiter. »Immer die alte Geschichte!« sagte Goethe. »Immer der alte Meeresboden! – Wenn man von dieser Höhe auf Weimar hinabblickt, und auf die mancherlei Dörfer umher, so kommt es einem vor wie ein Wunder, wenn man sich sagt, daß es eine Zeit gegeben, wo in dem weiten Tale dort unten die Walfische ihr Spiel getrieben. Und doch ist es so, wenigstens höchst wahrscheinlich. Die Möwe aber, die damals über dem Meere flog, das diesen Berg bedeckte, hat sicher nicht daran gedacht, daß wir beide heute hier fahren würden. Und wer weiß, ob nach vielen Jahrtausenden die Möwe nicht abermals über diesem Berge fliegt.« Wir waren jetzt oben auf der Höhe und fuhren rasch weiter. Rechts an unserer Seite hatten wir Eichen und Buchen und anderes Laubholz. Weimar war rückwärts nicht mehr zu sehen. Wir waren auf der westlichen Höhe angelangt; das breite Tal der Unstrut mit vielen Dörfern und kleinen Städten lag in der heitersten Morgensonne vor uns. »Hier ist gut sein!« sagte Goethe, indem er halten ließ. »Ich dächte, wir versuchten, wie in dieser guten Luft uns etwa ein kleines Frühstück behagen möchte.« Wir stiegen aus und gingen auf trockenem Boden am Fuße halbwüchsiger, von vielen Stürmen verkrüppelter Eichen einige Minuten auf und ab, während Friedrich das mitgenommene Frühstück auspackte und auf einer Rasenerhöhung ausbreitete. Die Aussicht von dieser Stelle, in der klaren Morgenbeleuchtung der reinsten Herbstsonne, war in der Tat herrlich. Nach Süden und Südwesten hin übersah man die ganze Reihe des Thüringerwaldgebirges; nach Westen, über Erfurt hinaus, das hochliegende Schloß Gotha und den Inselsberg; weiter nördlich sodann die Berge hinter Langensalza und Mühlhausen, bis sich die Aussicht, nach Norden zu, durch die blauen Harzgebirge abschloß. Ich dachte an die Verse: Weit, hoch, herrlich der Blick Rings ins Leben hinein! Von Gebirg zu Gebirg Schwebet der ewige Geist, Ewigen Lebens ahndevoll! Wir setzten uns mit dem Rücken nach den Eichen zu, so daß wir während dem Frühstück die weite Aussicht über das halbe Thüringen immer vor uns hatten. Wir verzehrten indes ein paar gebratene Rebhühner mit frischem Weißbrot und tranken dazu eine Flasche sehr guten Wein, und zwar aus einer biegsamen feinen goldenen Schale, die Goethe in einem gelben Lederfutteral bei solchen Ausflügen gewöhnlich bei sich führt. »Ich war sehr oft an dieser Stelle«, sagte er, »und dachte in späteren Jahren sehr oft, es würde das letzte Mal sein, daß ich von hier aus die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeiten überblickte. Allein es hält immer noch einmal zusammen, und ich hoffe, daß es auch heute nicht das letzte Mal ist, daß wir beide uns hier einen guten Tag machen. Wir wollen künftig öfter hieher kommen. Man verschrumpft in dem engen Hauswesen. Hier fühlt man sich groß und frei wie die große Natur, die man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein sollte. Ich übersehe von hier aus«, fuhr Goethe fort, »eine Menge Punkte, an die sich die reichsten Erinnerungen eines langen Lebens knüpfen. Was habe ich nicht drüben in den Bergen von Ilmenau in meiner Jugend alles durchgemacht! Dann dort unten im lieben Erfurt wie manches gute Abenteuer erlebt! Auch in Gotha war ich in frühester Zeit oft und gerne; doch seit langen Jahren so gut wie gar nicht.« »Seit ich in Weimar bin,« bemerkte ich, »erinnere ich mich nicht, daß Sie dort waren.« »Das hat so seine Bewandtnis«, erwiderte Goethe lachend »Ich bin dort nicht zum besten angeschrieben. Ich will Ihnen davon eine Geschichte erzählen. Als die Mutter des zuletzt regierenden Herrn noch in hübscher Jugend war, befand ich mich dort sehr oft. Ich saß eines Abends bei ihr alleine am Teetisch, als die beiden zehn- bis zwölfjährigen Prinzen, zwei hübsche blondlockige Knaben, hereinsprangen und zu uns an den Tisch kamen. Übermütig wie ich sein konnte, fuhr ich den beiden Prinzen mit meinen Händen in die Haare mit den Worten: ›Nun, ihr Semmelköpfe, was macht ihr?‹ Die Buben sahen mich mit großen Augen an, im höchsten Erstaunen über meine Kühnheit – und haben es mir später nie vergessen. Ich will nun just eben nicht damit prahlen, aber es war so und lag tief in meiner Natur: ich hatte vor der bloßen Fürstlichkeit als solcher, wenn nicht zugleich eine tüchtige Menschennatur und ein tüchtiger Menschenwert dahintersteckte, nie viel Respekt. Ja es war mir selber so wohl in meiner Haut, und ich fühlte mich selber so vornehm, daß, wenn man mich zum Fürsten gemacht hätte, ich es nicht eben sonderlich merkwürdig gefunden haben würde. Als man mir das Adelsdiplom gab, glaubten viele, wie ich mich dadurch möchte erhoben fühlen. Allein, unter uns, es war mir nichts, gar nichts! Wir Frankfurter Patrizier hielten uns immer dem Adel gleich, und als ich das Diplom in Händen hielt, hatte ich in meinen Gedanken eben nichts weiter, als was ich längst besessen.« Wir taten noch einen guten Trunk aus der goldenen Schale und fuhren dann um die nördliche Seite des Ettersberges herum nach dem Jagdschlosse Ettersburg. Goethe ließ sämtliche Zimmer aufschließen, die mit heiteren Tapeten und Bildern behängt waren. In dem westlichen Eckzimmer des ersten Stockes sagte er mir, daß Schiller dort einige Zeit gewohnt. »Wir haben überhaupt«, fuhr er fort, »in frühester Zeit hier manchen guten Tag gehabt und manchen unten Tag vertan. Wir waren alle jung und voll Übermut, und es fehlte uns im Sommer nicht an allerlei improvisiertem Komödienspiel und im Winter nicht an allerlei Tanz und Schlittenfahrten mit Fackeln.« Wir gingen wieder ins Freie, und Goethe führte mich in westlicher Richtung einen Fußweg ins Holz. »Ich will Ihnen doch auch die Buche zeigen,« sagte er, »worin wir vor funfzig Jahren unsere Namen geschnitten. – Aber wie hat sich das verändert, und wie ist das alles herangewachsen! – Das wäre denn der Baum! Sie sehen, er ist noch in der vollesten Pracht. – Auch unsere Namen sind noch zu spüren, doch so verquollen und verwachsen, daß sie kaum noch herauszubringen. Damals stand diese Buche auf einem freien trockenen Platz. Es war durchaus sonnig und anmutig umher, und wir spielten hier an schönen Sommertagen unsere improvisierten Possen. Jetzt ist es hier feucht und unfreundlich. Was sonst nur niederes Gebüsch war, ist indes zu schattigen Bäumen herangewachsen, so daß man die prächtige Buche unserer Jugend kaum noch aus dem Dickicht herausfindet.« Wir gingen wieder nach dem Schlosse, und nachdem wir noch die ziemlich reiche Waffensammlung besehen, fuhren wir nach Weimar zurück. Donnerstag, den 27. September 1827 Nachmittags einen Augenblick bei Goethe, wo ich Herrn Geheimerat Streckfuß aus Berlin kennen lernte, der diesen Vormittag mit ihm eine Spazierfahrt gemacht und dann zu Tisch geblieben war. Als Streckfuß ging, begleitete ich ihn und machte noch einen Gang durch den Park. Bei meiner Zurückkunft über den Markt begegnete ich dem Kanzler und Raupach, mit denen ich in den Elefanten ging. Abends wieder bei Goethe, der mit mir ein neues Heft von ›Kunst und Altertum‹ besprach, desgleichen zwölf Blätter Bleistiftumrisse, in welchen die Gebrüder Riepenhausen die Gemälde Polygnots in der Lesche zu Delphi nach einer Beschreibung des Pausanias wieder herzustellen versucht; ein Unternehmen, welches Goethe nicht genug anzuerkennen wußte. Montag, den 1. Oktober 1827 Im Theater ›Das Bild‹ von Houwald. Ich sah zwei Akte und ging dann zu Goethe, der mir die zweite Szene seines neuen ›Faust‹ vorlas. »Ich habe in dem Kaiser«, sagte er, »einen Fürsten darzustellen gesucht, der alle möglichen Eigenschaften hat, sein Land zu verlieren, welches ihm denn auch später wirklich gelingt. Das Wohl des Reichs und seiner Untertanen macht ihm keine Sorge; er denkt nur an sich und wie er sich von Tag zu Tag mit etwas Neuem amüsiere. Das Land ist ohne Recht und Gerechtigkeit, der Richter selber mitschuldig und auf der Seite der Verbrecher, die unerhörtesten Frevel geschehen ungehindert und ungestraft. Das Heer ist ohne Sold, ohne Disziplin und streift raubend umher, um sich seinen Sold selber zu verschaffen und sich selber zu helfen, wie es kann. Die Staatskasse ist ohne Geld und ohne Hoffnung weiterer Zuflüsse. Im eigenen Haushalte des Kaisers sieht es nicht besser aus: es fehlt in Küche und Keller. Der Marschall, der von Tag zu Tag nicht mehr Rat zu schaffen weiß, ist bereits in den Händen wuchernder Juden, denen alles verpfändet ist, so daß auf den kaiserlichen Tisch vorweggegessenes Brot kommt. Der Staatsrat will Sr. Majestät über alle diese Gebrechen Vorstellungen tun und ihre Abhülfe beraten; allein der gnädigste Herr ist sehr ungeneigt, solchen unangenehmen Dingen sein hohes Ohr zu leihen; er möchte sich lieber amüsieren. Hier ist nun das wahre Element für Mephisto, der den bisherigen Narren schnell beseitigt und als neuer Narr und Ratgeber sogleich an der Seite des Kaisers ist.« Goethe las die Szene und das Zwischen-Gemurmel der Menge ganz vortrefflich, und ich hatte einen sehr guten Abend. Sonntag, den 7. Oktober 1827 Diesen Morgen bei sehr schönem Wetter befand ich mich mit Goethe bereits vor acht Uhr im Wagen und auf dem Wege nach Jena, wo er bis morgen abend zu verweilen die Absicht hatte. Dort zeitig angekommen, fuhren wir zunächst am Botanischen Garten vor, wo Goethe alle Sträucher und Gewächse in Augenschein nahm und alles in schönster Ordnung und im besten Gedeihen fand. Wir besahen ferner das Mineralogische Kabinett und einige andere naturwissenschaftliche Sammlungen und fuhren darauf zu Herrn von Knebel, der uns zu Tisch erwartete. Knebel, im höchsten Alter, eilte Goethen halb stolpernd an der Tür entgegen, um ihn in seine Arme zu schließen. Darauf bei Tisch ging alles sehr herzlich und munter zu; von Gesprächen jedoch entwickelte sich nichts von einiger Bedeutung. Die beiden alten Freunde hatten genug am beiderseitigen menschlich nahen Beisammensein. Nach Tisch machten wir eine Spazierfahrt in südlicher Richtung an der Saale hinauf. Ich kannte diese reizende Gegend bereits aus früherer Zeit, doch wirkte alles wieder so frisch. als hätte ich es vorher nie gesehen. Als wir uns wieder in den Straßen von Jena befanden, ließ Goethe an einem Bach hinauffahren und an einem Hause halten, das äußerlich eben kein bedeutendes Ansehn hatte. »Hier hat Voß gewohnt,« sagte er, »und ich will Sie doch auch auf diesem klassischen Boden einführen.« Wir durchschritten das Haus und traten in den Garten. Von Blumen und anderer Art feiner Kultur war wenig zu spüren, wir gingen auf Rasen unter lauter Obstbäumen. »Das war etwas für Ernestine,« sagte Goethe, »die auch hier ihre trefflichen Eutiner Äpfel nicht vergessen konnte, und die sie mir rühmte als etwas ohnegleichen. Es waren aber die Äpfel ihrer Kindheit gewesen – darin lags! Ich habe übrigens hier mit Voß und seiner trefflichen Ernestine manchen schönen Tag gehabt und gedenke der alten Zeit sehr gerne. Ein Mann wie Voß wird übrigens so bald nicht wieder kommen. Es haben wenig andere auf die höhere deutsche Kultur einen solchen Einfluß gehabt als er. Es war an ihm alles gesund und derbe, weshalb er auch zu den Griechen kein künstliches, sondern ein rein natürliches Verhältnis hatte, woraus denn für uns anderen die herrlichsten Früchte erwachsen sind. Wer von seinem Werte durchdrungen ist wie ich, weiß gar nicht, wie er sein Andenken würdig genug ehren soll.« Es war indes gegen sechs Uhr geworden, und Goethe fand es an der Zeit, in unser Nachtquartier zu gehen, das er im ›Gasthof zum Bären‹ hatte bestellen lassen. Man gab uns ein geräumiges Zimmer nebst einem Alkoven mit zwei Betten. Die Sonne war noch nicht lange hinab, der Abendschein lag auf unsern Fenstern, und es war uns gemütlich, noch eine Zeitlang ohne Licht zu sitzen. Goethe lenkte das Gespräch auf Voß zurück. »Er war mir sehr wert,« sagte er, »und ich hätte ihn gerne der Akademie und mir erhalten. Allein die Vorteile, die man ihm von Heidelberg her anbot, waren zu bedeutend, als daß wir bei unsern geringen Mitteln sie hätten aufwiegen können. Ich mußte ihn mit schmerzlicher Resignation ziehen lassen. Ein Glück für mich war es indes,« fuhr Goethe fort, »daß ich Schillern hatte. Denn so verschieden unsere beiderseitigen Naturen auch waren, so gingen doch unsere Richtungen auf Eins, welches denn unser Verhältnis so innig machte, daß im Grunde keiner ohne den andern leben konnte.« Goethe erzählte mir darauf von seinem Freunde einige Anekdoten, die mir sehr charakteristisch erschienen. »Schiller war, wie sich bei seinem großartigen Charakter denken läßt,« sagte er, »ein entschiedener Feind aller hohlen Ehrenbezeigungen und aller faden Vergötterung, die man mit ihm trieb oder treiben wollte. Als Kotzebue vorhatte, eine öffentliche Demonstration zu seinem Ruhme zu veranstalten, war es ihm so zuwider, daß er vor innerem Ekel darüber fast krank wurde. Ebenso war es ihm zuwider, wenn ein Fremder sich bei ihm melden ließ. Wenn er augenblicklich behindert war, ihn zu sehen, und er ihn etwa auf den Nachmittag vier Uhr bestellte, so war in der Regel anzunehmen, daß er um die bestimmte Stunde vor lauter Apprehension krank war. Auch konnte er in solchen Fällen gelegentlich sehr ungeduldig und auch wohl grob werden. Ich war Zeuge, wie er einst einen fremden Chirurgus, der, um ihm seinen Besuch zu machen, bei ihm unangemeldet eintrat, sehr heftig anfuhr, so daß der arme Mensch, ganz verblüfft, nicht wußte, wie schnell er sich sollte zurückziehen. Wir waren, wie gesagt und wie wir alle wissen,« fuhr Goethe fort, »bei aller Gleichheit unserer Richtungen Naturen sehr verschiedener Art, und zwar nicht bloß in geistigen Dingen, sondern auch in physischen. Eine Luft, die Schillern wohltätig war, wirkte auf mich wie Gift. Ich besuchte ihn eines Tages, und da ich ihn nicht zu Hause fand und seine Frau mir sagte, daß er bald zurückkommen würde, so setzte ich mich an seinen Arbeitstisch, um mir dieses und jenes zu notieren. Ich hatte aber nicht lange gesessen, als ich von einem heimlichen Übelbefinden mich überschlichen fühlte, welches sich nach und nach steigerte, so daß ich endlich einer Ohnmacht nahe war. Ich wußte anfänglich nicht, welcher Ursache ich diesen elenden, mir ganz ungewöhnlichen Zustand zuschreiben sollte, bis ich endlich bemerkte, daß aus einer Schieblade neben mir ein sehr fataler Geruch strömte. Als ich sie öffnete, fand ich zu meinem Erstaunen, daß sie voll fauler Äpfel war. Ich trat sogleich an ein Fenster und schöpfte frische Luft, worauf ich mich denn augenblicklich wiederhergestellt fühlte. Indes war seine Frau wieder hereingetreten, die mir sagte, daß die Schieblade immer mit faulen Äpfeln gefüllt sein müsse, indem dieser Geruch Schillern wohl tue und er ohne ihn nicht leben und arbeiten könne. Morgen früh«, fuhr Goethe fort, »will ich Ihnen auch zeigen, wo Schiller hier in Jena gewohnt hat.« Es war indes Licht gebracht, wir nahmen ein kleines Abendessen und saßen nachher noch eine Weile in allerlei Erinnerungen und Gesprächen. Ich erzählte Goethen einen merkwürdigen Traum aus meinen Knabenjahren, der am andern Morgen buchstäblich in Erfüllung ging. »Ich hatte«, sagte ich, »mir drei junge Hänflinge erzogen, woran ich mit ganzer Seele hing und die ich über alles liebte. Sie flogen frei in meiner Kammer umher und flogen mir entgegen und auf meine Hand, sowie ich in die Tür hereintrat. Ich hatte eines Mittags das Unglück, daß bei meinem Hereintreten in die Kammer einer dieser Vögel über mich hinweg und zum Hause hinausflog, ich wußte nicht wohin. Ich suchte ihn den ganzen Nachmittag auf allen Dächern und war untröstlich, als es Abend ward und ich von ihm keine Spur gefunden hatte. Mit betrübten herzlichen Gedanken an ihn schlief ich ein und hatte gegen Morgen folgenden Traum. Ich sah mich nämlich, wie ich an unsern Nachbarshäusern umherging und meinen verlorenen Vogel suchte. Auf einmal höre ich den Ton seiner Stimme und sehe ihn hinter dem Gärtchen unserer Hütte auf dem Dache eines Nachbarhauses sitzen; ich sehe, wie ich ihn locke und wie er näher zu mir herabkommt, wie er futterbegierig die Flügel gegen mich bewegt, aber doch sich nicht entschließen kann, auf meine Hand herabzufliegen. Ich sehe darauf, wie ich schnell durch unser Gärtchen in meine Kammer laufe und die Tasse mit gequollenem Rübsamen herbeihole; ich sehe, wie ich ihm sein beliebtes Futter entgegenreiche, wie er herab auf meine Hand kommt und ich ihn voller Freude zu den beiden andern zurück in meine Kammer trage. Mit diesem Traum wache ich auf. Und da es bereits vollkommen Tag war, so werfe ich mich schnell in meine Kleider und habe nichts Eiligeres zu tun, als durch unser Gärtchen zu laufen nach dem Hause hin, wo ich den Vogel gesehen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als der Vogel wirklich da war! Es geschah nun buchstäblich alles, wie ich es im Traume gesehen. Ich locke ihn, er kommt näher; aber er zögert, auf meine Hand zu fliegen. Ich laufe zurück und hole das Futter, und er fliegt auf meine Hand, und ich bringe ihn wieder zu den andern.« »Dieses Ihr Knabenereignis«, sagte Goethe, »ist allerdings höchst merkwürdig. Aber dergleichen liegt sehr wohl in der Natur, wenn wir auch dazu noch nicht den rechten Schlüssel haben. Wir wandeln alle in Geheimnissen. Wir sind von einer Atmosphäre umgeben, von der wir noch gar nicht wissen, was sich alles in ihr regt und wie es mit unserm Geiste in Verbindung steht. So viel ist wohl gewiß, daß in besonderen Zuständen die Fühlfäden unserer Seele über ihre körperlichen Grenzen hinausreichen können und ihr ein Vorgefühl, ja auch ein wirklicher Blick in die nächste Zukunft gestattet ist.« »Etwas Ähnliches«, erwiderte ich, »habe ich erst neulich erlebt, wo ich von einem Spaziergange auf der Erfurter Chaussee zurückkam und ich etwa zehn Minuten vor Weimar den geistigen Eindruck hatte, wie an der Ecke des Theaters mir eine Person begegnete, die ich seit Jahr und Tag nicht gesehen und an die ich sehr lange ebensowenig gedacht. Es beunruhigte mich, zu denken, daß sie mir begegnen könnte, und mein Erstaunen war daher nicht gering, als sie mir, sowie ich um die Ecke biegen wollte, wirklich an derselbigen Stelle so entgegentrat, wie ich es vor etwa zehn Minuten im Geiste gesehen hatte.« »Das ist gleichfalls sehr merkwürdig und mehr als Zufall«, erwiderte Goethe. »Wie gesagt, wir tappen alle in Geheimnissen und Wundern. Auch kann eine Seele auf die andere durch bloße stille Gegenwart entschieden einwirken, wovon ich mehrere Beispiele erzählen könnte. Es ist mir sehr oft passiert, daß, wenn ich mit einem guten Bekannten ging und lebhaft an etwas dachte, dieser über das, was ich im Sinne hatte, sogleich an zu reden fing. So habe ich einen Mann gekannt, der, ohne ein Wort zu sagen, durch bloße Geistesgewalt eine im heitern Gespräch begriffene Gesellschaft plötzlich stille zu machen imstande war. Ja er konnte auch eine Verstimmung hineinbringen, so daß es allen unheimlich wurde. Wir haben alle etwas von elektrischen und magnetischen Kräften in uns und üben wie der Magnet selber eine anziehende und abstoßende Gewalt aus, je nachdem wir mit etwas Gleichem oder Ungleichem in Berührung kommen. Es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß, wenn ein junges Mädchen in einem dunkelen Zimmer sich, ohne es zu wissen, mit einem Manne befände, der die Absicht hätte, sie zu ermorden, sie von seiner ihr unbewußten Gegenwart ein unheimliches Gefühl hätte, und daß eine Angst über sie käme, die sie zum Zimmer hinaus und zu ihren Hausgenossen triebe.« »Ich kenne eine Opernszene,« entgegnete ich, »worin zwei Liebende, die lange Zeit durch große Entfernung getrennt waren, sich, ohne es zu wissen, in einem dunkelen Zimmer zusammen befinden. Sie sind aber nicht lange beisammen, so fängt die magnetische Kraft an zu wirken: eins ahnet des andern Nähe, sie werden unwillkürlich zueinander hingezogen, und es dauert nicht lange, so liegt das junge Mädchen in den Armen des Jünglings.« »Unter Liebenden«, versetzte Goethe, »ist diese magnetische Kraft besonders stark und wirkt sogar sehr in die Ferne. Ich habe in meinen Jünglingsjahren Fälle genug erlebt, wo auf einsamen Spaziergängen ein mächtiges Verlangen nach einem geliebten Mädchen mich überfiel und ich so lange an sie dachte, bis sie mir wirklich entgegenkam. ›Es wurde mir in meinem Stübchen unruhig,‹ sagte sie, ›ich konnte mir nicht helfen, ich mußte hieher.‹ So erinnere ich mich eines Falles aus den ersten Jahren meines Hierseins, wo ich sehr bald wieder in leidenschaftliche Zustände geraten war. Ich hatte eine größere Reise gemacht und war schon seit einigen Tagen zurückgekehrt, aber durch Hofverhältnisse, die mich spät bis in die Nacht hielten, immer behindert gewesen, die Geliebte zu besuchen. Auch hatte unsere Neigung bereits die Aufmerksamkeit der Leute auf sich gezogen, und ich trug daher Scheu, am offenen Tage hinzugehen, um das Gerede nicht zu vergrößern. Am vierten oder fünften Abend aber konnte ich es nicht länger aushalten, und ich war auf dem Wege zu ihr und stand vor ihrem Hause, ehe ich es dachte. Ich ging leise die Treppe hinauf und war im Begriff, in ihr Zimmer zu treten, als ich an verschiedenen Stimmen hörte, daß sie nicht alleine war. Ich ging unbemerkt wieder hinab und war schnell wieder in den dunkelen Straßen, die damals noch keine Beleuchtung hatten. Unmutig und leidenschaftlich durchstreifte ich die Stadt in allen Richtungen wohl eine Stunde lang, und immer einmal wieder vor ihrem Hause vorbei, voll sehnsüchtiger Gedanken an die Geliebte. Ich war endlich auf dem Punkt, wieder in mein einsames Zimmer zurückzukehren, als ich noch einmal an ihrem Hause vorbeiging und bemerkte, daß sie kein Licht mehr hatte. Sie wird ausgegangen sein, sagte ich zu mir selber; aber wohin in dieser Dunkelheit der Nacht? Und wo soll ich ihr begegnen? Ich ging abermals durch mehrere Straßen, es begegneten mir viele Menschen, und ich war oft getäuscht, indem ich ihre Gestalt und ihre Größe zu sehen glaubte, aber bei näherem Hinzukommen immer fand, daß sie es nicht war. Ich glaubte schon damals fest an eine gegenseitige Einwirkung, und daß ich durch ein mächtiges Verlangen sie herbeiziehen könne. Auch glaubte ich mich unsichtbar von höheren Wesen umgeben, die ich anflehte, ihre Schritte zu mir oder die meinigen zu ihr zu lenken. Aber was bist du für ein Tor! sagte ich dann wieder zu mir selber; noch einmal es versuchen und noch einmal zu ihr gehen wolltest du nicht, und jetzt verlangst du Zeichen und Wunder! Indessen war ich an der Esplanade hinunter gegangen und bis an das kleine Haus gekommen, das in späteren Jahren Schiller bewohnte, als es mich anwandelte, umzukehren und zurück nach dem Palais und von dort eine kleine Straße rechts zu gehen. Ich hatte kaum hundert Schritte in dieser Richtung getan, als ich eine weibliche Gestalt mir entgegenkommen sah, die der ersehnten vollkommen gleich war. Die Straße war nur von dem schwachen Licht ein wenig dämmerig, das hin und wieder durch ein Fenster drang, und da mich diesen Abend eine scheinbare Ähnlichkeit schon oft getäuscht hatte, so fühlte ich nicht den Mut, sie aufs ungewisse anzureden. Wir gingen dicht aneinander vorbei, so daß unsere Arme sich berührten; ich stand still und blickte mich um, sie auch. ›Sind Sie es?‹ sagte sie, und ich erkannte ihre liebe Stimme. ›Endlich!‹ sagte ich und war beglückt bis zu Tränen. Unsere Hände ergriffen sich. ›Nun,‹ sagte ich, ›meine Hoffnung hat mich nicht betrogen. Mit dem größten Verlangen habe ich Sie gesucht, mein Gefühl sagte mir, daß ich Sie sicher finden würde, und nun bin ich glücklich und danke Gott, daß es wahr geworden.‹ ›Aber Sie Böser!‹ sagte sie, ›warum sind Sie nicht gekommen? Ich erfuhr heute zufällig, daß Sie schon seit drei Tagen zurück, und habe den ganzen Nachmittag geweint, weil ich dachte, Sie hätten mich vergessen. Dann vor einer Stunde ergriff mich ein Verlangen und eine Unruhe nach Ihnen, ich kann es nicht sagen. Es waren ein paar Freundinnen bei mir, deren Besuch mir eine Ewigkeit dauerte. Endlich, als sie fort waren, griff ich unwillkürlich nach meinem Hut und Mäntelchen, es trieb mich, in die Luft zu gehen, in die Dunkelheit hinaus, ich wußte nicht wohin. Dabei lagen Sie mir immer im Sinn, und es war mir nicht anders, als müßten Sie mir begegnen.‹ Indem sie so aus treuem Herzen sprach, hielten wir unsere Hände noch immer gefaßt und drückten uns und gaben uns zu verstehen, daß die Abwesenheit unsere Liebe nicht erkaltet. Ich begleitete sie bis vor die Tür, bis in ihr Haus. Sie ging auf der finstern Treppe mir voran, wobei sie meine Hand hielt und mich ihr gewissermaßen nachzog. Mein Glück war unbeschreiblich, sowohl über das endliche Wiedersehen als auch darüber, daß mein Glaube mich nicht betrogen und mein Gefühl von einer unsichtbaren Einwirkung mich nicht getäuscht hatte.« Goethe war in der liebevollsten Stimmung, ich hätte ihm noch Stunden lang zuhören mögen. Allein er schien nach und nach müde zu werden, und so gingen wir denn in unserm Alkoven sehr bald zu Bette. Jena, Montag, den 8. Oktober 1827 Wir standen frühzeitig auf. Während dem Ankleiden erzählte Goethe mir einen Traum der vorigen Nacht, wo er sich nach Göttingen versetzt gesehen und mit dortigen Professoren seiner Bekanntschaft allerlei gute Unterhaltung gehabt. Wir tranken einige Tassen Kaffee und fuhren sodann an dem Gebäude vor, welches die naturwissenschaftlichen Sammlungen enthält. Wir besahen das Anatomische Kabinett, allerlei Skelette von Tieren und Urtieren, auch Skelette von Menschen früherer Jahrhunderte, bei welchen Goethe die Bemerkung machte, daß ihre Zähne eine sehr moralische Rasse andeuteten. Er ließ darauf nach der Sternwarte fahren, wo Herr Dr. Schrön uns die bedeutendsten Instrumente vorzeigte und erklärte. Auch das anstoßende Meteorologische Kabinett ward mit besonderem Interesse betrachtet, und Goethe lobte Herrn Dr. Schrön wegen der in allen diesen Dingen herrschenden großen Ordnung. Wir gingen sodann in den Garten hinab, wo Goethe auf einem Steintisch in einer Laube ein kleines Frühstück hatte arrangieren lassen. »Sie wissen wohl kaum,« sagte er, »an welcher merkwürdigen Stelle wir uns eigentlich befinden. Hier hat Schiller gewohnt. In dieser Laube, auf diesen jetzt fast zusammengebrochenen Bänken haben wir oft an diesem alten Steintisch gesessen und manches gute und große Wort miteinander gewechselt. Er war damals noch in den Dreißigen, ich selber noch in den Vierzigen, beide noch im vollesten Aufstreben, und es war etwas. Das geht alles hin und vorüber; ich bin auch nicht mehr, der ich gewesen, aber die alte Erde hält Stich, und Luft und Wasser und Boden sind noch immer dieselbigen. Gehen Sie doch nachher einmal mit Schrön hinauf und lassen sich von ihm in der Mansarde die Zimmer zeigen, die Schiller bewohnt hat.« Wir ließen uns indes in dieser anmutigen Luft und an diesem guten Orte das Frühstück sehr wohl schmecken. Schiller war dabei wenigstens in unserm Geiste gegenwärtig, und Goethe widmete ihm noch manches gute Wort eines liebevollen Andenkens. Ich ging darauf mit Schrön in die Mansarde und genoß aus Schillers Fenstern die herrlichste Aussicht. Die Richtung war ganz nach Süden, so daß man Stunden weit den schönen Strom, durch Gebüsch und Krümmungen unterbrochen, heranfliegen sah. Auch hatte man einen weiten Horizont. Der Aufgang und Untergang der Planeten war von hier aus herrlich zu beobachten, und man mußte sich sagen, daß dies Lokal durchaus günstig sei, um das Astronomische und Astrologische im ›Wallenstein‹ zu dichten. Ich ging wieder zu Goethe hinab, der zu Herrn Hofrat Döbereiner fahren ließ, den er sehr hochschätzt und der ihm einige neue chemische Experimente zeigte. Es war indes Mittag geworden. Wir saßen wieder im Wagen. »Ich dächte,« sagte Goethe, »wir führen nicht zu Tisch nach dem Bären, sondern genössen den herrlichen Tag im Freien. Ich dächte, wir gingen nach Burgau. Wein haben wir bei uns, und dort finden wir auf jeden Fall einen guten Fisch, den man entweder sieden oder braten mag.« Wir taten so, und es war gar herrlich. Wir fuhren an den Ufern der Saale hinauf, an Gebüschen und Krümmungen vorbei, den anmutigsten Weg, wie ich ihn vorhin aus Schillers Mansarde gesehen. Wir waren sehr bald in Burgau. Wir stiegen an dem kleinen Gasthofe ab, nahe am Fluß und an der Brücke, wo es hinüber nach Lobeda geht, welches Städtchen wir, über Wiesen hin, nahe vor Augen hatten. In dem kleinen Gasthofe war es so, wie Goethe gesagt. Die Wirtin entschuldigte, daß sie auf nichts eingerichtet sei, daß es uns aber an einer Suppe und an einem guten Fisch nicht fehlen solle. Wir promenierten indes im Sonnenschein auf der Brücke hin und her und freuten uns des Flusses, der durch Flößer belebt war, die auf zusammengebundenen fichtenen Bohlen von Zeit zu Zeit unter der Brücke hinglitten und bei ihrem mühsamen nassen Geschäft überaus heiter und laut waren. Wir aßen unsern Fisch im Freien und blieben sodann noch bei einer Flasche Wein sitzen und hatten allerlei gute Unterhaltung. Ein kleiner Falke flog vorbei, der in seinem Flug und seiner Gestalt große Ähnlichkeit mit dem Kuckuck hatte. »Es gab eine Zeit,« sagte Goethe, »wo das Studium der Naturgeschichte noch so weit zurück war, daß man die Meinung allgemein verbreitet fand, der Kuckuck sei nur im Sommer ein Kuckuck, im Winter aber ein Raubvogel.« »Diese Ansicht«, erwiderte ich, »existiert im Volke auch jetzt noch. Ja man dichtet dem guten Vogel auch an, daß, sobald er völlig ausgewachsen sei, er seine eigenen Eltern verschlucke. Und so gebraucht man ihn denn als ein Gleichnis des schändlichsten Undanks. Ich kenne noch im gegenwärtigen Augenblick Leute, die sich diese Absurditäten durchaus nicht wollen ausreden lassen und die daran so fest hängen wie an irgendeinem Artikel ihres christlichen Glaubens.« »Soviel ich weiß,« sagte Goethe, »klassifiziert man den Kuckuck zu den Spechten.« »Man tut so mitunter,« erwiderte ich, »wahrscheinlich aus dem Grunde, weil zwei Zehen seiner schwachen Füße eine Richtung nach hinten haben. Ich möchte ihn aber nicht dahin stellen. Er hat für die Lebensart der Spechte so wenig den starken Schnabel, der fähig wäre, irgendeine abgestorbene Baumrinde zu brechen, als die scharfen, sehr starken Schwanzfedern, die geeignet wären, ihn bei einer solchen Operation zu stützen. Auch fehlen seinen Zehen die zum Anhalten nötigen scharfen Krallen, und ich halte daher seine kleinen Füße nicht für wirkliche Kletterfüße, sondern nur für scheinbare.« »Die Herren Ornithologen«, versetzte Goethe, »sind wahrscheinlich froh, wenn sie irgendeinen eigentümlichen Vogel nur einigermaßen schicklich untergebracht haben; wogegen aber die Natur ihr freies Spiel treibt und sich um die von beschränkten Menschen gemachten Fächer wenig kümmert.« »So wird die Nachtigall«, fuhr ich fort, »zu den Grasmücken gezählt, während sie in der Energie ihres Naturells, ihren Bewegungen und ihrer Lebensweise weit mehr Ähnlichkeit mit den Drosseln hat. Aber auch zu den Drosseln möchte ich sie nicht zählen. Sie ist ein Vogel, der zwischen beiden steht, ein Vogel für sich, so wie auch der Kuckuck ein Vogel für sich ist, mit so scharf ausgesprochener Individualität wie einer.« »Alles, was ich über den Kuckuck gehört habe,« sagte Goethe, »gibt mir für diesen merkwürdigen Vogel ein großes Interesse. Er ist eine höchst problematische Natur, ein offenbares Geheimnis, das aber nichtsdestoweniger schwer zu lösen, weil es so offenbar ist. Und bei wie vielen Dingen finden wir uns nicht in demselbigen Falle! – Wir stecken in lauter Wundern, und das Letzte und Beste der Dinge ist uns verschlossen. Nehmen wir nur die Bienen. Wir sehen sie nach Honig fliegen, stundenweit, und zwar immer einmal in einer anderen Richtung. Jetzt fliegen sie wochenlang westlich nach einem Felde von blühendem Rübsamen. Dann ebenso lange nördlich nach blühender Heide. Dann wieder in einer anderen Richtung nach der Blüte des Buchweizens. Dann irgendwohin auf ein blühendes Kleefeld. Und endlich wieder in einer anderen Richtung nach blühenden Linden. Wer hat ihnen aber gesagt: jetzt fliegt dorthin, da gibt es etwas für euch! Und dann wieder dort, da gibt es etwas Neues! Und wer führt sie zurück nach ihrem Dorf und ihrer Zelle! Sie gehen wie an einem unsichtbaren Gängelband hierhin und dorthin; was es aber eigentlich sei, wissen wir nicht. Ebenso die Lerche. Sie steigt singend auf über einem Halmenfeld, sie schwebt über einem Meer von Halmen, das der Wind hin und her wiegt, und wo die eine Welle aussieht wie die andere; sie fährt wieder hinab zu ihren Jungen und trifft, ohne zu fehlen, den kleinen Fleck, wo sie ihr Nest hat. Alle diese äußeren Dinge liegen klar vor uns wie der Tag, aber ihr inneres geistiges Band ist uns verschlossen.« »Mit dem Kuckuck«, sagte ich, »ist es nicht anders. Wir wissen von ihm, daß er nicht selber brütet, sondern sein Ei in das Nest irgendeines anderen Vogels legt. Wir wissen ferner, daß er es legt: in das Nest der Grasemücke, der gelben Bachstelze, des Mönches, ferner in das Nest der Braunelle, in das Nest des Rotkehlchens und in das Nest des Zaunskönigs. Dieses wissen wir. Auch wissen wir gleichfalls, daß dieses alles Insektenvögel sind und es sein müssen, weil der Kuckuck selber ein Insektenvogel ist und der junge Kuckuck von einem Samen fressenden Vogel nicht könnte erzogen werden. Woran aber erkennt der Kuckuck, daß dieses alles auch wirklich Insektenvögel sind, da doch alle diese genannten, sowohl in ihrer Gestalt als in ihrer Farbe, voneinander so äußerst abweichen. Und auch in ihrer Stimme und in ihren Locktönen so äußerst abweichen! Und ferner: wie kommt es, daß der Kuckuck sein Ei und sein zartes Junges Nestern anvertrauen kann, die in Hinsicht auf Struktur und Temperatur, auf Trockenheit und Feuchte so verschieden sind wie nur immer möglich! Das Nest der Grasemücke ist von dürren Grashälmchen und einigen Pferdehaaren so leicht gebaut, daß jede Kälte eindringt und jeder Luftzug hindurchweht, auch von oben offen und ohne Schutz, aber der junge Kuckuck gedeiht darin vortrefflich. Das Nest des Zaunskönigs dagegen ist äußerlich von Moos, Halmen und Blättern dicht und fest gebaut und innen von allerlei Wolle und Federn sorgfältig ausgefüttert, so daß kein Lüftchen hindurchdringen kann. Auch ist es oben gedeckt und gewölbt und nur eine kleine Öffnung zum Hinein- und Hinausschlüpfen des sehr kleinen Vogels gelassen. Man sollte denken, es müßte in heißen Junitagen in solcher geschlossenen Höhle eine Hitze zum Ersticken sein. Allein der junge Kuckuck gedeiht darin aufs beste. Und wiederum wie anders ist das Nest der gelben Bachstelze! Der Vogel lebt am Wasser, an Bächen und in allerlei Nassem. Er baut sein Nest auf feuchten Triften, in einem Büschel von Binsen. Er scharrt ein Loch in die feuchte Erde und legt es dürftig mit einigen Grashälmchen aus, so daß der junge Kuckuck durchaus im Feuchten und Kühlen gebrütet wird und heranwachsen muß. Und dennoch gedeiht er wiederum vortrefflich. Was ist das aber für ein Vogel, für den im zartesten Kindesalter Feuchtes und Trockenes, Hitze und Kälte, Abweichungen, die für jeden anderen Vogel tödlich wären, durchaus gleichgültige Dinge sind. Und wie weiß der alte Kuckuck, daß sie es sind, da er doch selber im erwachsenen Alter für Nässe und Kälte so sehr empfindlich ist.« »Wir stehen hier«, erwiderte Goethe, »eben vor einem Geheimnis. Aber sagen Sie mir doch, wenn Sie es beobachtet haben, wie bringt der Kuckuck sein Ei in das Nest des Zaunskönigs, da es doch nur eine so geringe Öffnung hat, daß er nicht hineinkommen und er sich nicht selber darauf setzen kann.« »Er legt es auf irgendeine trockene Stelle«, erwiderte ich, »und bringt es mit dem Schnabel hinein. Auch glaube ich, daß er nicht bloß beim Zaunskönig, sondern auch bei allen übrigen Nestern so tut. Denn auch die Nester der andern Insektenvögel, wenn sie auch oben offen, sind doch so klein oder so nahe von Zweigen umgeben, daß der große langschwänzige Kuckuck sich nicht darauf setzen könnte. Dies ist sehr wohl zu denken. Allein wie es kommen mag, daß der Kuckuck ein so außerordentlich kleines Ei legt, ja so klein, als wäre es das Ei eines kleinen Insektenvogels, das ist ein neues Rätsel, das man im stillen bewundert, ohne es lösen zu können. Das Ei des Kuckucks ist nur um ein weniges größer als das der Grasemücke, und es darf im Grunde nicht größer sein, wenn die kleinen Insektenvögel es brüten sollen. Dies ist durchaus gut und vernünftig. Allein daß die Natur, um im speziellen Fall weise zu sein, von einem durchgehenden großen Gesetz abweicht, wonach vom Kolibri bis zum Strauß zwischen der Größe des Eies und der Größe des Vogels ein entschiedenes Verhältnis stattfindet, dieses willkürliche Verfahren, sage ich, ist durchaus geeignet, uns zu überraschen und in Erstaunen zu setzen.« »Es setzt uns allerdings in Erstaunen,« erwiderte Goethe, »weil unser Standpunkt zu klein ist, als daß wir es übersehen könnten. Wäre uns mehr eröffnet, so würden wir auch diese scheinbaren Abweichungen wahrscheinlich im Umfange des Gesetzes finden. Doch fahren Sie fort und sagen Sie mir mehr. Weiß man denn nicht, wie viele Eier der Kuckuck legen mag?« »Wer darüber etwas mit Bestimmtheit sagen wollte,« antwortete ich, »wäre ein großer Tor. Der Vogel ist sehr flüchtig, er ist bald hier und bald dort. Man findet von ihm in einem einzigen Nest immer nur ein einziges Ei. Er legt sicherlich mehrere; allein wer weiß, wo sie hingeraten, und wer kann ihm nachkommen! Gesetzt aber, er legte fünf Eier, und diese würden alle fünf glücklich ausgebrütet und von liebevollen Pflegeeltern herangezogen, so hat man wiederum zu bewundern, daß die Natur sich entschließen mag, für fünf junge Kuckucke wenigstens funfzig Junge unserer besten Singvögel zu opfern.« »In dergleichen Dingen«, erwiderte Goethe, »pflegt die Natur auch in anderen Fällen nicht eben skrupulös zu sein. Sie hat einen großen Etat von Leben zu vergeuden, und sie tut es gelegentlich ohne sonderliches Bedenken. Wie aber kommt es, daß für einen einzigen Jungen Kuckuck so viele junge Singvögel verloren gehen?« »Zunächst«, erwiderte ich, »geht die erste Brut verloren. Denn im Fall auch die Eier des Singvogels neben dem Kuckucksei, wie es wohl geschieht, mit ausgebrütet würden, so haben doch die Eltern über den entstandenen größeren Vogel eine solche Freude und für ihn eine solche Zärtlichkeit, daß sie nur an ihn denken und nur ihn füttern, worüber denn ihre eigenen kleineren Jungen zugrunde gehen und aus dem Neste verschwinden. Auch ist der junge Kuckuck immer begierig und bedarf so viel Nahrung, als die kleinen Insektenvögel nur immer herbeischleppen können. Es dauert sehr lange, ehe er seine vollständige Größe und sein vollständiges Gefieder erreicht und ehe er fähig ist, das Nest zu verlassen und sich zum Gipfel eines Baumes zu erheben. Ist er aber auch längst ausgeflogen, so verlangt er doch noch fortwährend gefüttert zu werden, so daß der ganze Sommer darüber hingeht und die liebevollen Pflegeeltern ihrem großen Kinde immer nachziehen und auch an eine zweite Brut nicht denken. Aus diesem Grunde gehen denn über einen einzigen jungen Kuckuck so viele andere junge Vögel verloren.« »Das ist sehr überzeugend«, erwiderte Goethe. »Doch sagen Sie mir, wird denn der junge Kuckuck, sobald er ausgeflogen ist, auch von anderen Vögeln gefüttert, die ihn nicht gebrütet haben? Es ist mir, als hätte ich dergleichen gehört.« »Es ist so«, antwortete ich. »Sobald der junge Kuckuck sein niederes Nest verlassen und seinen Sitz etwa in dem Gipfel einer hohen Eiche genommen hat, läßt er einen lauten Ton hören, welcher sagt, daß er da sei. Nun kommen alle kleinen Vögel der Nachbarschaft, die ihn gehört haben, herbei, um ihn zu begrüßen. Es kommt die Grasemücke, es kommt der Mönch, die gelbe Bachstelze fliegt hinauf, ja der Zaunskönig, dessen Naturell es ist, beständig in niederen Hecken und dichten Gebüschen zu schlüpfen, überwindet seine Natur und erhebt sich, dem geliebten Ankömmling entgegen, zum Gipfel der hohen Eiche. Das Paar aber, das ihn erzogen hat, ist mit dem Füttern treuer, während die übrigen nur gelegentlich mit einem guten Bissen herzufliegen.« »Es scheint also«, sagte Goethe, »zwischen dem jungen Kuckuck und den kleinen Insektenvögeln eine große Liebe zu bestehen.« »Die Liebe der kleinen Insektenvögel zum jungen Kuckuck«, erwiderte ich, »ist so groß, daß, wenn man einem Neste nahe kommt, in welchem ein junger Kuckuck gehegt wird, die kleinen Pflegeeltern vor Schreck und Furcht und Sorge nicht wissen, wie sie sich gebärden sollen. Besonders der Mönch drückt eine große Verzweiflung aus, so daß er fast wie in Krämpfen am Boden flattert.« »Merkwürdig genug,« erwiderte Goethe; »aber es läßt sich denken. Allein etwas sehr problematisch erscheint mir, daß z. B. ein Grasemückenpaar, das im Begriff ist die eigenen Eier zu brüten, dem alten Kuckuck erlaubt, ihrem Neste nahe zu kommen und sein Ei hineinzulegen.« »Das ist freilich sehr rätselhaft,« erwiderte ich; »doch nicht so ganz. Denn eben dadurch, daß alle kleinen Insektenvögel den ausgeflogenen Kuckuck füttern, und daß ihn also auch die füttern, die ihn nicht gebrütet haben, dadurch entsteht und erhält sich zwischen beiden eine Art Verwandtschaft, so daß sie sich fortwährend kennen und als Glieder einer einzigen großen Familie betrachten. Ja es kann sogar kommen, daß derselbige Kuckuck, den ein Paar Grasemücken im vorigen Jahre ausgebrütet und erzogen haben, ihnen in diesem Jahre sein Ei bringt.« »Das läßt sich allerdings hören,« erwiderte Goethe, »sowenig man es auch begreift. Ein Wunder aber bleibt es mir immer, daß der junge Kuckuck auch von solchen Vögeln gefüttert wird, die ihn nicht gebrütet und erzogen.« »Es ist freilich ein Wunder,« erwiderte ich »doch gibt es wohl etwas Analoges. Ja, ich ahne in dieser Richtung sogar ein großes Gesetz, das tief durch die ganze Natur geht. Ich hatte einen jungen Hänfling gefangen, der schon zu groß war, um sich von Menschen füttern zu lassen, aber noch zu jung, um alleine zu fressen. Ich gab mir mit ihm einen halben Tag viele Mühe; da er aber durchaus nichts annehmen wollte, so setzte ich ihn zu einem alten Hänfling hinein, einem guten Sänger, den ich schon seit Jahr und Tag im Käfig gehabt und der außen vor meinem Fenster hing. Ich dachte: wenn der Junge sieht, wie der Alte frißt, so wird er vielleicht auch ans Futter gehen und es ihm nachmachen. Er tat aber nicht so, sondern er öffnete seinen Schnabel gegen den Alten und bewegte mit bittenden Tönen die Flügel gegen ihn, worauf denn der alte Hänfling sich seiner sogleich erbarmte und ihn als Kind annahm und ihn fütterte, als wäre es sein eigenes. Ferner brachte man mir eine graue Grasemücke und drei Junge, die ich zusammen in einen großen Käfig tat und die die Alte fütterte. Am andern Tage brachte man mir zwei bereits ausgezogene junge Nachtigallen, die ich auch zu der Grasemücke tat und die von ihr gleichfalls adoptiert und gefüttert wurden. Darauf nach einigen Tagen setzte ich noch ein Nest mit beinahe flüggen jungen Müllerchen hinein, und ferner noch ein Nest mit fünf jungen Plattmönchen. Diese alle nahm die Grasemücke an und fütterte sie und sorgte für sie als treue Mutter. Sie hatte immer den Schnabel voll Ameiseneier und war bald in der einen Ecke des geräumigen Käfigs und bald in der andern, und wo nur immer eine hungrige Kehle sich öffnete, da war sie da. Ja noch mehr! Auch das eine indes herangewachsene Junge der Grasemücke fing an, einige der Kleineren zu füttern, zwar noch spielend und etwas kinderhaft, aber doch schon mit entschiedenem Trieb, es der trefflichen Mutter nachzutun.« »Da stehen wir allerdings vor etwas Göttlichem,« sagte Goethe, »das mich in ein freudiges Erstaunen setzt. Wäre es wirklich, daß dieses Füttern eines Fremden als etwas Allgemein-Gesetzliches durch die Natur ginge, so wäre damit manches Rätsel gelöst, und man könnte mit Überzeugung sagen, daß Gott sich der verwaisten jungen Raben erbarme, die ihn anrufen.« »Etwas Allgemein-Gesetzliches«, erwiderte ich, »scheint es allerdings zu sein; denn ich habe auch im wilden Zustande dieses hülfreiche Füttern und dieses Erbarmen gegen Verlassene beobachtet. Ich hatte im vorigen Sommer in der Nähe von Tiefurt zwei junge Zaunskönige gefangen, die wahrscheinlich erst ganz kürzlich ihr Nest verlassen hatten, denn sie saßen in einem Busch auf einem Zweig nebst sieben Geschwistern in einer Reihe und ließen sich von ihren Alten füttern. Ich nahm die beiden jungen Vögel in mein seidenes Taschentuch und ging in der Richtung nach Weimar bis ans Schießhaus, dann rechts nach der Wiese an der Ilm hinunter und an dem Badeplatz vorüber, und dann wieder links in das kleine Gehölz. Hier, dachte ich, hast du Ruhe, um einmal nach deinen Zaunskönigen zu sehen. Als ich aber das Tuch öffnete, entschlüpften sie mir beide und waren sogleich im Gebüsch und Grase verschwunden, so daß mein Suchen nach ihnen vergebens war. Am dritten Tage kam ich zufällig wieder an dieselbige Stelle, und da ich die Locktöne eines Rotkehlchens hörte, so vermutete ich ein Nest in der Nähe, welches ich nach einigem Umherspähen auch wirklich fand. Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich in diesem Nest neben beinahe flüggen jungen Rotkehlchen auch meine beiden jungen Zaunskönige fand, die sich hier ganz gemütlich untergetan hatten und sich von den alten Rotkehlchen füttern ließen. Ich war im hohen Grade glücklich über diesen höchst merkwürdigen Fund. Da ihr so klug seid, dachte ich bei mir selber, und euch so hübsch habt zu helfen gewußt, und da auch die guten Rotkehlchen sich eurer so hilfreich angenommen, so bin ich weit entfernt, so gastfreundliche Verhältnisse zu stören, im Gegenteil wünsche ich euch das allerbeste Gedeihen.« »Das ist eine der besten ornithologischen Geschichten, die mir je zu Ohren gekommen«, sagte Goethe. »Stoßen Sie an, Sie sollen leben, und Ihre glücklichen Beobachtungen mit! Wer das hört und nicht an Gott glaubt, dem helfen nicht Moses und die Propheten. Das ist es nun, was ich die Allgegenwart Gottes nenne, der einen Teil seiner unendlichen Liebe überall verbreitet und eingepflanzt hat und schon im Tiere dasjenige als Knospe andeutet, was im edlen Menschen zur schönsten Blüte kommt. Führen Sie ja in Ihren Studien und Ihren Beobachtungen fort! Sie scheinen darin ein besonderes Glück zu haben und können noch ferner zu ganz unschätzbaren Resultaten kommen.« Indes wir nun so an unserm Tische in freier Natur uns über gute und tiefe Dinge unterhielten, neigte sich die Sonne den Gipfeln der westlichen Hügel zu, und Goethe fand es an der Zeit, unsern Rückweg anzutreten. Wir fuhren rasch durch Jena, und nachdem wir im Bären bezahlt und noch einen kurzen Besuch bei Frommanns gemacht, ging es im scharfen Trab nach Weimar. Donnerstag, den 18. Oktober 1827 Hegel ist hier, den Goethe persönlich sehr hochschätzt, wenn auch einige seiner Philosophie entsprossene Früchte ihm nicht sonderlich munden wollen. Goethe gab ihm zu Ehren diesen Abend einen Tee, wobei auch Zelter gegenwärtig, der aber noch diese Nacht wieder abzureisen im Sinne hatte. Man sprach sehr viel über Hamann, wobei besonders Hegel das Wort führte und über jenen außerordentlichen Geist so gründliche Ansichten entwickelte, wie sie nur aus dem ernstesten und Gewissenhaftesten Studium des Gegenstandes hervorgehen konnten. Sodann wendete sich das Gespräch auf das Wesen der Dialektik. »Es ist im Grunde nichts weiter«; sagte Hegel, »als der geregelte, methodisch ausgebildete Widerspruchsgeist, der jedem Menschen inwohnt, und welche Gabe sich groß erweiset in Unterscheidung des Wahren vom Falschen.« »Wenn nur«, fiel Goethe ein, »solche geistigen Künste und Gewandtheiten nicht häufig gemißbraucht und dazu verwendet würden, um das Falsche wahr und das Wahre falsch zu machen!« »Dergleichen geschieht wohl«, erwiderte Hegel, »aber nur von Leuten, die geistig krank sind.« »Da lobe ich mir«, sagte Goethe, »das Studium der Natur, das eine solche Krankheit nicht aufkommen läßt! Denn hier haben wir es mit dem unendlich und ewig Wahren zu tun, das jeden, der nicht durchaus rein und ehrlich bei Beobachtung und Behandlung seines Gegenstandes verfährt, sogleich als unzulänglich verwirft. Auch bin ich gewiß, daß mancher dialektisch Kranke im Studium der Natur eine wohltätige Heilung finden könnte.« Wir waren noch im besten Gespräch und in der heitersten Unterhaltung, als Zelter aufstand und, ohne ein Wort zu sagen, hinausging. Wir wußten, es tat ihm leid, von Goethen Abschied zu nehmen, und daß er diesen zarten Ausweg wähle, um über einen schmerzlichen Moment hinwegzukommen. 1828 Dienstag, den 11. März 1828 Ich bin seit mehreren Wochen nicht ganz wohl. Ich schlafe schlecht, und zwar in den unruhigsten Träumen vom Abend bis zum Morgen, wo ich mich in sehr verschiedenartigen Zuständen sehe, allerlei Gespräche mit bekannten und unbekannten Personen führe, mich herumstreite und zanke, und zwar alles so lebendig, daß ich mir jeder Einzelnheit am andern Morgen noch deutlich bewußt bin. Dieses Traumleben aber zehrt von den Kräften meines Gehirns, so daß ich mich am Tage schlaff und abgespannt fühle, zu jeder geistigen Tätigkeit ohne Lust und Gedanken. Ich hatte Goethen wiederholt meinen Zustand geklagt, und er hatte mich wiederholt getrieben, mich doch meinem Arzt zu vertrauen. »Was Euch fehlt,« sagte er, »ist gewiß nicht der Mühe wert; wahrscheinlich nichts als eine kleine Stockung, die durch einige Gläser Mineralwasser oder ein wenig Salz zu heben ist. Aber laßt es nicht länger so fortschlendern, sondern tut dazu!« Goethe mochte ganz recht haben, und ich sagte mir selber, daß er recht habe; allein jene Unentschlossenheit und Unlust wirkte auch in diesem Fall, und ich ließ wiederum unruhige Nächte und schlechte Tage verstreichen, ohne das mindeste zur Abstellung meines Übels zu tun. Als ich nun heute nach Tisch abermals nicht ganz frei und heiter vor Goethe erschien, riß ihm die Geduld, und er konnte nicht umhin, mich ironisch anzulächeln und mich ein wenig zu verhöhnen. »Ihr seid der zweite Shandy,« sagte er, »der Vater jenes berühmten Tristram, den ein halbes Leben eine knarrende Tür ärgerte und der nicht zu dem Entschluß kommen konnte, seinen täglichen Verdruß durch ein paar Tropfen Öl zu beseitigen. Aber so ists mit uns allen! Des Menschen Verdüsterungen und Erleuchtungen machen sein Schicksal! Es täte uns not, daß der Dämon uns täglich am Gängelband führte und uns sagte und triebe, was immer zu tun sei. Aber der gute Geist verläßt uns, und wir sind schlaff und tappen im Dunkeln. Da war Napoleon ein Kerl! Immer erleuchtet, immer klar und entschieden, und zu jeder Stunde mit der hinreichenden Energie begabt, um das, was er als vorteilhaft und notwendig erkannt hatte, sogleich ins Werk zu setzen. Sein Leben war das Schreiten eines Halbgottes von Schlacht zu Schlacht und von Sieg zu Sieg. Von ihm könnte man sehr wohl sagen, daß er sich in dem Zustand einer fortwährenden Erleuchtung befunden; weshalb auch sein Geschick ein so glänzendes war, wie es die Welt vor ihm nicht sah und vielleicht auch nach ihm nicht sehen wird. Ja, ja, mein Guter, das war ein Kerl, dem wir es freilich nicht nachmachen können!« Goethe schritt im Zimmer auf und ab. Ich hatte mich an den Tisch gesetzt, der zwar bereits abgeräumt war, aber auf dem sich noch einige Reste Wein befanden, nebst einigem Biskuit und Früchten. Goethe schenkte mir ein und nötigte mich, von beiden etwas zu genießen. »Sie haben zwar verschmäht,« sagte er, »diesen Mittag unser Gast zu sein, doch dürfte ein Glas von diesem Geschenk lieber Freunde Ihnen ganz wohl tun!« Ich ließ mir so gute Dinge gefallen, während Goethe fortfuhr, im Zimmer auf und ab zu gehen und aufgeregten Geistes vor sich hinzubrummen und von Zeit zu Zeit unverständliche Worte herauszustoßen. Das, was er soeben über Napoleon gesagt, lag mir im Sinn, und ich suchte das Gespräch auf jenen Gegenstand zurückzuführen. »Doch scheint es mir,« begann ich, »daß Napoleon sich besonders in dem Zustand jener fortwährenden Erleuchtung befunden, als er noch jung und in aufsteigender Kraft war, wo wir denn auch einen göttlichen Schutz und ein beständiges Glück ihm zur Seite sehen. In späteren Jahren dagegen scheint ihn jene Erleuchtung verlassen zu haben, so wie sein Glück und sein guter Stern.« »Was wollt Ihr!« erwiderte Goethe. »Ich habe auch meine Liebeslieder und meinen ›Werther‹ nicht zum zweiten Mal gemacht. Jene göttliche Erleuchtung, wodurch das Außerordentliche entsteht, werden wir immer mit der Jugend und der Produktivität im Bunde finden, wie denn Napoleon einer der produktivsten Menschen war, die je gelebt haben. Ja, ja, mein Guter, man braucht nicht bloß Gedichte und Schauspiele zu machen, um produktiv zu sein, es gibt auch eine Produktivität der Taten , und die in manchen Fällen noch um ein Bedeutendes höher steht. – Selbst der Arzt muß produktiv sein, wenn er wahrhaft heilen will, ist er es nicht, so wird ihm nur hin und wieder wie durch Zufall etwas gelingen, im ganzen aber wird er nur Pfuscherei machen.« »Sie scheinen«, versetzte ich, »in diesem Fall Produktivität zu nennen, was man sonst Genie nannte.« »Beides sind auch sehr naheliegende Dinge«, erwiderte Goethe. »Denn was ist Genie anders als jene produktive Kraft, wodurch Taten entstehen, die vor Gott und der Natur sich zeigen können und die eben deswegen Folge haben und von Dauer sind. Alle Werke Mozarts sind dieser Art; es liegt in ihnen eine zeugende Kraft, die von Geschlecht zu Geschlecht fortwirket und so bald nicht erschöpft und verzehrt sein dürfte. Von anderen großen Komponisten und Künstlern gilt dasselbe. Wie haben nicht Phidias und Raffael auf nachfolgende Jahrhunderte gewirkt, und wie nicht Dürer und Holbein! Derjenige, der zuerst die Formen und Verhältnisse der altdeutschen Baukunst erfand, so daß im Laufe der Zeit ein Straßburger Münster und ein Kölner Dom möglich wurde, war auch ein Genie, denn seine Gedanken haben fortwährend produktive Kraft behalten und wirken bis auf die heutige Stunde. Luther war ein Genie sehr bedeutender Art; er wirkt nun schon manchen guten Tag, und die Zahl der Tage, wo er in fernen Jahrhunderten aufhören wird produktiv zu sein, ist nicht abzusehen. Lessing wollte den hohen Titel eines Genies ablehnen, allein seine dauernden Wirkungen zeugen wider ihn selber. Dagegen haben wir in der Literatur andere, und zwar bedeutende Namen, die, als sie lebten, für große Genies gehalten wurden, deren Wirken aber mit ihrem Leben endete, und die also weniger waren, als sie und andere dachten. Denn, wie gesagt, es gibt kein Genie ohne produktiv fortwirkende Kraft, und ferner, es kommt dabei gar nicht auf das Geschäft, die Kunst und das Metier an, das einer treibt: es ist alles dasselbige. Ob einer sich in der Wissenschaft genial erweiset wie Oken und Humboldt, oder im Krieg und der Staatsverwaltung wie Friedrich, Peter der Große und Napoleon, oder ob einer ein Lied macht wie Béranger, es ist alles gleich und kommt bloß darauf an, ob der Gedanke, das Aperçu, die Tat lebendig sei und fortzuleben vermöge. Und dann muß ich noch sagen: nicht die Masse der Erzeugnisse und Taten, die von jemanden ausgehen, deuten auf einen produktiven Menschen. Wir haben in der Literatur Poeten, die für sehr produktiv gehalten werden, weil von ihnen ein Band Gedichte nach dem andern erschienen ist. Nach meinem Begriff aber sind diese Leute durchaus unproduktiv zu nennen, denn was sie machten, ist ohne Leben und Dauer. Goldsmith dagegen hat so wenige Gedichte gemacht, daß ihre Zahl nicht der Rede wert, allein dennoch muß ich ihn als Poeten für durchaus produktiv erklären, und zwar eben deswegen, weil das Wenige, was er machte, ein inwohnendes Leben hat, das sich zu erhalten weiß.« Es entstand eine Pause, während welcher Goethe fortfuhr im Zimmer auf und ab zu gehen. Ich war indes begierig über diesen wichtigen Punkt noch etwas weiteres zu hören, und suchte daher Goethen wieder in Anregung zu bringen. »Liegt denn«, sagte ich, »diese geniale Produktivität bloß im Geiste eines bedeutenden Menschen, oder liegt sie auch im Körper?« »Wenigstens«, erwiderte Goethe, »hat der Körper darauf den größten Einfluß. Es gab zwar eine Zeit, wo man in Deutschland sich ein Genie als klein, schwach, wohl gar bucklig dachte; allein ich lobe mir ein Genie, das den gehörigen Körper hat. Wenn man von Napoleon gesagt, er sei ein Mensch aus Granit, so gilt dieses besonders auch von seinem Körper. Was hat sich der nicht alles zugemutet und zumuten können! Von dem brennenden Sand der Syrischen Wüste bis zu den Schneefeldern von Moskau, welche Unsumme von Märschen, Schlachten und nächtlichen Biwaks liegen da nicht in der Mitte! Und welche Strapazen und körperliche Entbehrungen hat er dabei nicht aushalten müssen! Wenig Schlaf, wenig Nahrung, und dabei immer in der höchsten geistigen Tätigkeit! Bei der fürchterlichen Anstrengung und Aufregung des 18. Brumaire ward es Mitternacht, und er hatte den ganzen Tau noch nichts genossen; und ohne nun an seine körperliche Stärkung zu denken, fühlte er sich Kraft genug, um noch tief in der Nacht die bekannte Proklamation an das französische Volk zu entwerfen. – Wenn man erwägt, was der alles durchgemacht und ausgestanden, so sollte man denken, es wäre in seinem vierzigsten Jahre kein heiles Stück mehr an ihm gewesen; allein er stand in jenem Alter noch auf den Füßen eines vollkommenen Helden. Aber Sie haben ganz recht, der eigentliche Glanzpunkt seiner Taten fällt in die Zeit seiner Jugend. Und es wollte etwas heißen, daß einer aus dunkler Herkunft und in einer Zeit, die alle Kapazitäten in Bewegung setzte, sich so herausmachte, um in seinem siebenundzwanzigsten Jahre der Abgott einer Nation von dreißig Millionen zu sein! Ja, ja, mein Guter, man muß jung sein, um große Dinge zu tun. Und Napoleon ist nicht der einzige.« »Sein Bruder Lucian«, bemerkte ich, »war auch schon früh sehr hohen Dingen gewachsen. Wir sehen ihn als Präsidenten der Fünfhundert und darauf als Minister des Innern im kaum vollendeten fünfundzwanzigsten Jahre.« »Was wollen Sie mit Lucian?« fiel Goethe ein. »Die Geschichte bietet uns der tüchtigsten Leute zu Hunderten, die sowohl im Kabinett als im Felde im noch jugendlichen Alter den bedeutendsten Dingen mit großem Ruhme vorstanden. Wäre ich ein Fürst,« fuhr er lebhaft fort, »so würde ich zu meinen ersten Stellen nie Leute nehmen, die bloß durch Geburt und Anciennität nach und nach heraufgekommen sind und nun in ihrem Alter im gewohnten Gleise langsam gemächlich fortgehen, wobei denn freilich nicht viel Gescheutes zutage kommt. Junge Männer wollte ich haben – aber es müßten Kapazitäten sein, mit Klarheit und Energie ausgerüstet, und dabei vom besten Wollen und edelsten Charakter. Da wäre es eine Lust zu herrschen und sein Volk vorwärts zu bringen! Aber wo ist ein Fürst, dem es so wohl würde und der so gut bedient wäre! Große Hoffnung setze ich auf den jetzigen Kronprinzen von Preußen. Nach allem, was ich von ihm kenne und höre, ist er ein sehr bedeutender Mensch; und das gehört dazu, um wieder tüchtige und talentvolle Leute zu erkennen und zu wählen. Denn man sage, was man will, das Gleiche kann nur vom Gleichen erkannt werden, und nur ein Fürst, der selber große Fähigkeiten besitzt, wird wiederum große Fähigkeiten in seinen Untertanen und Dienern gehörig erkennen und schätzen. ›Dem Talente offene Bahn!‹ war der bekannte Spruch Napoleons, der freilich in der Wahl seiner Leute einen ganz besonderen Takt hatte, der jede bedeutende Kraft an die Stelle zu setzen wußte, wo sie in ihrer eigentlichen Sphäre erschien, und der daher auch in seinem Leben bei allen großen Unternehmungen bedient war, wie kaum ein anderer.« Goethe gefiel mir diesen Abend ganz besonders. Das Edelste seiner Natur schien in ihm rege zu sein; dabei war der Klang seiner Stimme und das Feuer seiner Augen von solcher Kraft, als wäre er von einem frischen Auflodern seiner besten Jugend durchglüht. Merkwürdig war es mir, daß er, der selbst in so hohen Jahren noch einem bedeutenden Posten vorstand, so ganz entschieden der Jugend das Wort redete und die ersten Stellen im Staat, wenn auch nicht von Jünglingen, doch von Männern in noch jugendlichem Alter besetzt haben wollte. Ich konnte nicht umhin, einige hochstehende deutsche Männer zu erwähnen, denen im hohen Alter die nötige Energie und jugendliche Beweglichkeit zum Betrieb der bedeutendsten und mannigfaltigsten Geschäfte doch keineswegs zu fehlen scheine. »Solche Männer und ihresgleichen«, erwiderte Goethe, »sind geniale Naturen, mit denen es eine eigene Bewandtnis hat; sie erleben eine wiederholte Pubertät , während andere Leute nur einmal jung sind. Jede Entelechie nämlich ist ein Stück Ewigkeit, und die paar Jahre, die sie mit dem irdischen Körper verbunden ist, machen sie nicht alt. Ist diese Entelechie geringer Art, so wird sie während ihrer körperlichen Verdüsterung wenig Herrschaft ausüben, vielmehr wird der Körper vorherrschen, und wie er altert, wird sie ihn nicht halten und hindern. Ist aber die Entelechie mächtiger Art, wie es bei allen genialen Naturen der Fall ist, so wird sie bei ihrer belebenden Durchdringung des Körpers nicht allein auf dessen Organisation kräftigend und veredelnd einwirken, sondern sie wird auch, bei ihrer geistigen Übermacht, ihr Vorrecht einer ewigen Jugend fortwährend geltend zu machen suchen. Daher kommt es denn, daß wir bei vorzüglich begabten Menschen auch während ihres Alters immer noch frische Epochen besonderer Produktivität wahrnehmen es scheint bei ihnen immer einmal wieder eine temporäre Verjüngung einzutreten, und das ist es, was ich eine wiederholte Pubertät nennen möchte. Aber jung ist jung, und wie mächtig auch eine Entelechie sich erweise, sie wird doch über das Körperliche nie ganz Herr werden, und es ist ein gewaltiger Unterschied, ob sie an ihm einen Alliierten oder einen Gegner findet. Ich hatte in meinem Leben eine Zeit, wo ich täglich einen gedruckten Bogen von mir fordern konnte, und es gelang mir mit Leichtigkeit. Meine ›Geschwister‹ habe ich in drei Tagen geschrieben, meinen ›Clavigo‹, wie Sie wissen, in acht. Jetzt soll ich dergleichen wohl bleiben lassen; und doch kann ich über Mangel an Produktivität selbst in meinem hohen Alter mich keineswegs beklagen. Was mir aber in meinen jungen Jahren täglich und unter allen Umständen gelang, gelingt mir jetzt nur periodenweise und unter gewissen günstigen Bedingungen. Als mich vor zehn, zwölf Jahren, in der glücklichen Zeit nach dem Befreiungskriege, die Gedichte des ›Divan‹ in ihrer Gewalt hatten, war ich produktiv genug, um oft an einem Tage zwei bis drei zu machen; und auf freiem Felde, im Wagen oder im Gasthof, es war mir alles gleich. Jetzt, am zweiten Teil meines ›Faust‹, kann ich nur in den frühen Stunden des Tags arbeiten, wo ich mich vom Schlaf erquickt und gestärkt fühle und die Fratzen des täglichen Lebens mich noch nicht verwirrt haben. Und doch, was ist es, das ich ausführe! Im allerglücklichsten Fall eine geschriebene Seite, in der Regel aber nur so viel, als man auf den Raum einer Handbreit schreiben könnte, und oft, bei unproduktiver Stimmung, noch weniger.« »Gibt es denn im allgemeinen«, sagte ich, »kein Mittel, um eine produktive Stimmung hervorzubringen oder, wenn sie nicht mächtig genug wäre, sie zu steigern?« »Um diesen Punkt«, erwiderte Goethe, »steht es gar wunderlich und wäre darüber allerlei zu denken und zu sagen. Jede Produktivität höchster Art , jedes bedeutende Aperçu, jede Erfindung, jeder große Gedanke, der Früchte bringt und Folge hat, steht in niemandes Gewalt und ist über aller irdischen Macht erhaben. Dergleichen hat der Mensch als unverhoffte Geschenke von oben, als reine Kinder Gottes zu betrachten, die er mit freudigem Dank zu empfangen und zu verehren hat. Es ist dem Dämonischen verwandt, das übermächtig mit ihm tut, wie es beliebt, und dem er sich bewußtlos hingibt, während er glaubt, er handle aus eigenem Antriebe. In solchen Fällen ist der Mensch oftmals als ein Werkzeug einer höheren Weltregierung zu betrachten, als ein würdig befundenes Gefäß zur Aufnahme eines göttlichen Einflusses. – Ich sage dies, indem ich erwäge, wie oft ein einziger Gedanke ganzen Jahrhunderten eine andere Gestalt gab, und wie einzelne Menschen durch das, was von ihnen ausging, ihrem Zeitalter ein Gepräge aufdrückten, das noch in nachfolgenden Geschlechtern kenntlich blieb und wohltätig fortwirkte. Sodann aber gibt es jene Produktivität anderer Art, die schon eher irdischen Einflüssen unterworfen ist und die der Mensch schon mehr in seiner Gewalt hat, obgleich er auch hier immer noch sich vor etwas Göttlichem zu beugen Ursache findet. In diese Region zähle ich alles zur Ausführung eines Planes Gehörige, alle Mittelglieder einer Gedankenkette, deren Endpunkte bereits leuchtend dastehen; ich zähle dahin alles dasjenige, was den sichtbaren Leib und Körper eines Kunstwerkes ausmacht. So kam Shakespearen der erste Gedanke zu seinem ›Hamlet‹, wo sich ihm der Geist des Ganzen als unerwarteter Eindruck vor die Seele stellte und er die einzelnen Situationen, Charaktere und Ausgang des Ganzen in erhöhter Stimmung übersah, als ein reines Geschenk von oben, worauf er keinen unmittelbaren Einfluß gehabt hatte, obgleich die Möglichkeit, ein solches Aperçu zu haben, immer einen Geist wie den seinigen voraussetzte. – Die spätere Ausführung der einzelnen Szenen aber und die Wechselreden der Personen hatte er vollkommen in seiner Gewalt, so daß er sie täglich und stündlich machen und daran wochenlang fortarbeiten konnte, wie es ihm nur beliebte. Und zwar sehen wir an allem, was er ausführte, immer die gleiche Kraft der Produktion, und wir kommen in allen seinen Stücken nirgend auf eine Stelle, von der man sagen könnte, sie sei nicht in der rechten Stimmung und nicht mit dem vollkommensten Vermögen geschrieben. Indem wir ihn lesen, erhalten wir von ihm den Eindruck eines geistig wie körperlich durchaus und stets gesunden kräftigen Menschen. Gesetzt aber, eines dramatischen Dichters körperliche Konstitution wäre nicht so fest und vortrefflich, und er wäre vielmehr häufigen Kränklichkeiten und Schwächlichkeiten unterworfen, so würde die zur täglichen Ausführung seiner Szenen nötige Produktivität sicher sehr häufig stocken und oft wohl tagelang gänzlich mangeln. Wollte er nun etwa durch geistige Getränke die mangelnde Produktivität herbeinötigen und die unzulängliche dadurch steigern, so würde das allenfalls auch wohl angehen, allein man würde es allen Szenen, die er auf solche Weise gewissermaßen forciert hätte, zu ihrem großen Nachteil anmerken. Mein Rat ist daher, nichts zu forcieren und alle unproduktiven Tage und Stunden lieber zu vertändeln und zu verschlafen, als in solchen Tagen etwas machen zu wollen, woran man später keine Freude hat.« »Sie sprechen«, erwiderte ich, »etwas aus, was ich selber sehr oft erfahren und empfunden und was man sicher als durchaus wahr und richtig zu verehren hat. Aber doch will mir scheinen, als ob wohl jemand durch natürliche Mittel seine produktive Stimmung steigern könnte, ohne sie grade zu forcieren. Ich war in meinem Leben sehr oft in dem Fall, bei gewissen komplizierten Zuständen zu keinem rechten Entschluß kommen zu können. Trank ich aber in solchen Fällen einige Gläser Wein, so war es mir sogleich klar, was zu tun sei, und ich war auf der Stelle entschieden. Das Fassen eines Entschlusses ist aber doch auch eine Art Produktivität, und wenn nun einige Gläser Wein diese Tugend bewirkten, so dürfte ein solches Mittel doch nicht ganz zu verwerfen sein.« »Ihrer Bemerkung«, erwiderte Goethe, »will ich nicht widersprechen; was ich aber vorhin sagte, hat auch seine Richtigkeit, woraus wir denn sehen, daß die Wahrheit wohl einem Diamant zu vergleichen wäre, dessen Strahlen nicht nach einer Seite gehen, sondern nach vielen . – Da Sie übrigens meinen ›Divan‹ so gut kennen, so wissen Sie, daß ich selber gesagt habe: Wenn man getrunken hat, Weiß man das Rechte – und daß ich Ihnen also vollkommen beistimme. Es liegen im Wein allerdings produktivmachende Kräfte sehr bedeutender Art; aber es kommt dabei alles auf Zustände und Zeit und Stunde an, und was dem einen nützet, schadet dem andern. Es liegen ferner produktivmachende Kräfte in der Ruhe und im Schlaf; sie liegen aber auch in der Bewegung. Es liegen solche Kräfte im Wasser und ganz besonders in der Atmosphäre. Die frische Luft des freien Feldes ist der eigentliche Ort, wo wir hingehören; es ist, als ob der Geist Gottes dort den Menschen unmittelbar anwehte und eine göttliche Kraft ihren Einfluß ausübte. Lord Byron, der täglich mehrere Stunden im Freien lebte, bald zu Pferde am Strande des Meeres reitend, bald im Boote seglend oder rudernd, dann sich im Meere badend und seine Körperkraft im Schwimmen übend, war einer der produktivsten Menschen, die je gelebt haben.« Goethe hatte sich mir gegenüber gesetzt, und wir sprachen noch über allerlei Dinge. Dann verweilten wir wieder bei Lord Byron, und es kamen die mancherlei Unfälle zur Erwähnung die sein späteres Leben getrübt, bis zuletzt ein zwar edles Wollen, aber ein unseliges Geschick ihn nach Griechenland geführt und vollends zugrunde gerichtet. »Überhaupt«, fuhr Goethe fort, »werden Sie finden, daß im mittleren Leben eines Menschen häufig eine Wendung eintritt und daß, wie ihn in seiner Jugend alles begünstigte und alles ihm glückte, nun mit einem Mal alles ganz anders wird, und ein Unfall und ein Mißgeschick sich auf das andere häuft. Wissen Sie aber, wie ich es mir denke? – Der Mensch muß wieder ruiniert werden! – Jeder außerordentliche Mensch hat eine gewisse Sendung, die er zu vollführen berufen ist. Hat er sie vollbracht, so ist er auf Erden in dieser Gestalt nicht weiter vonnöten, und die Vorsehung verwendet ihn wieder zu etwas anderem. Da aber hienieden alles auf natürlichem Wege geschieht, so stellen ihm die Dämonen ein Bein nach dem andern, bis er zuletzt unterliegt. So ging es Napoleon und vielen anderen. Mozart starb in seinem sechsunddreißigsten Jahre, Raffael in fast gleichem Alter, Byron nur um weniges älter. Alle aber hatten ihre Mission auf das vollkommenste erfüllt, und es war wohl Zeit, daß sie gingen, damit auch anderen Leuten in dieser auf eine lange Dauer berechneten Welt noch etwas zu tun übrig bliebe.« Es war indes tief Abend geworden, Goethe reichte mir seine liebe Hand, und ich ging. Mittwoch, den 12. März 1828 Nachdem ich Goethe gestern abend verlassen hatte, lag mir das mit ihm geführte bedeutende Gespräch fortwährend im Sinne. Auch von den Kräften des Meeres und der Seeluft war die Rede gewesen, wo denn Goethe die Meinung äußerte, daß er alle Insulaner und Meeranwohner des gemäßigten Klimas bei weitem für produktiver und tatkräftiger halte als die Völker im Innern großer Kontinente. War es nun, daß ich mit diesen Gedanken und mit einer gewissen Sehnsucht nach den belebenden Kräften des Meeres einschlief, genug, ich hatte in der Nacht folgenden anmutigen und mir sehr merkwürdigen Traum. Ich sah mich nämlich in einer unbekannten Gegend unter fremden Menschen überaus heiter und glücklich. Der schönste Sommertag umgab mich in einer reizenden Natur, wie es etwa an der Küste des Mittelländischen Meeres, im südlichen Spanien oder Frankreich oder in der Nähe von Genua sein möchte. Wir hatten mittags an einer lustigen Tafel gezecht, und ich ging mit anderen, etwas jüngeren Leuten, um eine weitere Nachmittagspartie zu machen. Wir waren durch buschige angenehme Niederungen geschlendert, als wir uns mit einem Male im Meer auf der kleinsten Insel sahen, auf einem herausragenden Felsstück, wo kaum fünf bis sechs Menschen Platz hatten und wo man sich nicht rühren konnte ohne Furcht, ins Wasser zu gleiten. Rückwärts, wo wir hergekommen waren, erblickte man nichts als die See; vor uns aber lag die Küste in der Entfernung einer Viertelstunde auf das einladendste ausgebreitet. Das Ufer war an einigen Stellen flach, an anderen felsig und mäßig erhöht, und man erblickte zwischen grünen Lauben und weißen Zelten ein Gewimmel lustiger Menschen in hellfarbigen Kleidern, die sich bei schöner Musik, die aus den Zelten herübertönte, einen guten Tag machten. »Da ist nun weiter nichts zu tun,« sagte einer zum andern, »wir müssen uns entkleiden und hinüberschwimmen.« – »Ihr habt gut reden,« sagte ich, »ihr seid jung und schön und überdies gute Schwimmer. Ich aber schwimme schlecht, und es fehlt mir die ansehnliche Gestalt, um mit Lust und Behagen vor den fremden Leuten am Ufer zu erscheinen.« – »Du bist ein Tor,« sagte einer der schönsten; »entkleide dich nur und gib mir deine Gestalt, du sollst indes die meinige haben.« Auf dieses Wort entkleidete ich mich schnell und war im Wasser und fühlte mich im Körper des anderen sofort als einen kräftigen Schwimmer. Ich hatte bald die Küste erreicht und trat mit dem heitersten Vertrauen nackt und triefend unter die Menschen. Ich war glücklich im Gefühl dieser schönen Glieder, mein Benehmen war ohne Zwang, und ich war sogleich vertraut mit den Fremden vor einer Laube an einem Tisch, wo es lustig herging. Meine Kameraden waren auch nach und nach ans Land gekommen und hatten sich zu uns gesellt, und es fehlte nur noch der Jüngling mit meiner Gestalt, in dessen Gliedern ich mich so wohl fühlte. Endlich kam auch er in die Nähe des Ufers, und man fragte mich, ob ich denn nicht Lust habe, mein früheres Ich zu sehen. Bei diesen Worten wandelte mich ein gewisses Unbehagen an, teils weil ich keine große Freude an mir selber zu haben glaubte, teils auch weil ich fürchtete, jener Freund möchte seinen eigenen Körper sogleich zurückverlangen. Dennoch wandte ich mich zum Wasser und sah mein zweites Selbst ganz nahe heranschwimmen und, indem er den Kopf etwas seitwärts wandte, lachend zu mir herauf blicken. »Es steckt keine Schwimmkraft in deinen Gliedern,« rief er mir zu; »ich habe gegen Wellen und Brandung gut zu kämpfen gehabt, und es ist nicht zu verwundern, daß ich so spät komme und von allen der letzte bin.« Ich erkannte sogleich das Gesicht, es war das meinige, aber verjüngt und etwas voller und breiter und von der frischesten Farbe. Jetzt trat er ans Land, und indem er, sich aufrichtend, auf dem Sande die ersten Schritte tat, hatte ich den Überblick seines Rückens und seiner Schenkel und freute mich über die Vollkommenheit seiner Gestalt. Er kam das Felsufer herauf zu uns anderen, und als er neben mich trat, hatte er vollkommen meine neue Größe. Wie ist doch, dachte ich bei mir selbst, dein kleiner Körper so schön herangewachsen Haben die Urkräfte des Meeres so wunderbar auf ihn gewirkt, oder ist es, weil der jugendliche Geist des Freundes die Glieder durchdrungen hat? Indem wir darauf eine gute Weile vergnügt beisammen gewesen, wunderte ich mich im stillen, daß der Freund nicht tat, als ob er seinen eigenen Körper wieder einzutauschen Neigung habe. Wirklich, dachte ich, sieht er auch so recht stattlich aus, und es könnte ihm im Grunde einerlei sein; mir aber ist es nicht einerlei, denn ich bin nicht sicher, ob ich in jenem Leibe nicht wieder zusammengehe und nicht wieder so klein werde wie zuvor. Um über diese Angelegenheit ins Gewisse zu kommen, nahm ich meinen Freund auf die Seite und fragte ihn, wie er sich in meinen Gliedern fühle. »Vollkommen gut,« sagte er; »ich habe dieselbe Empfindung meines Wesens und meiner Kraft wie sonst. Ich weiß nicht, was du gegen deine Glieder hast, sie sind mir völlig recht, und du siehst, man muß nur etwas aus sich machen. Bleibe in meinem Körper, solange du Lust hast, denn ich bin vollkommen zufrieden, für alle Zukunft in dem deinigen zu verharren.« Über diese Erklärung war ich sehr froh, und indem auch ich in allen meinen Empfindungen, Gedanken und Erinnerungen mich völlig wie sonst fühlte, kam mir im Traum der Eindruck einer vollkommenen Unabhängigkeit unserer Seele und der Möglichkeit einer künftigen Existenz in einem anderen Leibe. »Ihr Traum ist sehr artig,« sagte Goethe, als ich ihm heute nach Tisch die Hauptzüge davon mitteilte. »Man sieht«, fuhr er fort, »daß die Musen Sie auch im Schlaf besuchen, und zwar mit besonderer Gunst; denn Sie werden gestehen, daß es Ihnen im wachen Zustande schwer werden würde, etwas so Eigentümliches und Hübsches zu erfinden.« »Ich begreife kaum, wie ich dazu gekommen bin,« erwiderte ich, »denn ich fühlte mich alle die Tage her so niedergeschlagenen Geistes, daß die Anschauung eines so frischen Lebens mir sehr ferne stand.« »Es liegen in der menschlichen Natur wunderbare Kräfte,« erwiderte Goethe, »und eben wenn wir es am wenigsten hoffen, hat sie etwas Gutes für uns in Bereitschaft. Ich habe in meinem Leben Zeiten gehabt, wo ich mit Tränen einschlief; aber in meinen Träumen kamen nun die lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und zu beglücken, und ich stand am andern Morgen wieder frisch und froh auf den Füßen. Es geht uns alten Europäern übrigens mehr oder weniger allen herzlich schlecht; unsere Zustände sind viel zu künstlich und kompliziert, unsere Nahrung und Lebensweise ist ohne die rechte Natur, und unser geselliger Verkehr ohne eigentliche Liebe und Wohlwollen. Jedermann ist fein und höflich, aber niemand hat den Mut, gemütlich und wahr zu sein, so daß ein redlicher Mensch mit natürlicher Neigung und Gesinnung einen recht bösen Stand hat. Man sollte oft wünschen, auf einer der Südseeinseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das menschliche Dasein ohne falschen Beigeschmack, durchaus rein zu genießen. Denkt man sich bei deprimierter Stimmung recht tief in das Elend unserer Zeit hinein, so kommt es einem oft vor, als wäre die Welt nach und nach zum Jüngsten Tage reif. Und das Übel häuft sich von Generation zu Generation! Denn nicht genug, daß wir an den Sünden unserer Väter zu leiden haben, sondern wir überliefern auch diese geerbten Gebrechen, mit unseren eigenen vermehrt, unsern Nachkommen.« »Mir gehen oft ähnliche Gedanken durch den Kopf,« versetzte ich; »allein wenn ich sodann irgendein Regiment deutscher Dragoner an mir vorüberreiten sehe und die Schönheit und Kraft der jungen Leute erwäge, so schöpfe ich wieder einigen Trost, und ich sage mir, daß es denn doch um die Dauer der Menschheit noch nicht so gar schlecht stehe.« »Unser Landvolk«, erwiderte Goethe, »hat sich freilich fortwährend in guter Kraft erhalten und wird hoffentlich noch lange imstande sein, uns nicht allein tüchtige Reuter zu liefern, sondern uns auch vor gänzlichem Verfall und Verderben zu sichern. Es ist als ein Depot zu betrachten, aus dem sich die Kräfte der sinkenden Menschheit immer wieder ergänzen und anfrischen. – Aber gehen Sie einmal in unsere großen Städte, und es wird Ihnen anders zumute werden. Halten Sie einmal einen Umgang an der Seite eines zweiten Hinkenden Teufels oder eines Arztes von ausgedehnter Praxis, und er wird Ihnen Geschichten zuflüstern, daß Sie über das Elend erschrecken und über die Gebrechen erstaunen, von denen die menschliche Natur heimgesucht ist und an denen die Gesellschaft leidet. Doch wir wollen uns der hypochondrischen Gedanken entschlagen. Wie geht es Ihnen? Was machen Sie? Wie haben Sie sonst heute gelebt? Erzählen Sie mir und geben Sie mir gute Gedanken.« »Ich habe in Sterne gelesen,« erwiderte ich, »wo Yorik in den Straßen von Paris umherschlendert und die Bemerkung macht, daß der zehnte Mensch ein Zwerg sei. Ich dachte soeben daran, als Sie die Gebrechen der großen Städte erwähnten. Auch erinnere ich mich, zur Zeit Napoleons unter der französischen Infanterie ein Bataillon gesehen zu haben, das aus lauter Parisern bestand und welches alles so schmächtige kleine Leute waren, daß man nicht wohl begriff, was man im Kriege mit ihnen wolle ausrichten.« »Die Bergschotten des Herzogs von Wellington«, versetzte Goethe, »mögen freilich andere Helden gewesen sein!« »Ich habe sie ein Jahr vor der Waterlooschlacht in Brüssel gesehen«, erwiderte ich. »Das waren in der Tat schöne Leute! Alle stark, frisch und behende, wie aus der ersten Hand Gottes. Sie trugen alle den Kopf so frei und froh und schritten mit ihren kräftigen nackten Schenkeln so leicht einher, als gebe es für sie keine Erbsünde und keine Gebrechen der Väter.« »Es ist ein eigenes Ding,« erwiderte Goethe, »liegt es in der Abstammung, liegt es im Boden, liegt es in der freien Verfassung, liegt es in der gesunden Erziehung – genug, die Engländer überhaupt scheinen vor vielen anderen etwas voraus zu haben. – Wir sehen hier in Weimar ja nur ein Minimum von ihnen, und wahrscheinlich keineswegs die besten; aber was sind das alles für tüchtige, hübsche Leute! – Und so jung und siebzehnjährig sie hier auch ankommen, so fühlen sie sich doch in dieser deutschen Fremde keineswegs fremd und verlegen; vielmehr ist ihr Auftreten und ihr Benehmen in der Gesellschaft so voller Zuversicht und so bequem, als wären sie überall die Herren und als gehöre die Welt überall ihnen. Das ist es denn auch, was unsern Weibern gefällt und wodurch sie in den Herzen unserer jungen Dämchen so viele Verwüstungen anrichten. Als deutscher Hausvater, dem die Ruhe der Seinigen lieb ist, empfinde ich oft ein kleines Grauen, wenn meine Schwiegertochter mir die erwartete baldige Ankunft irgendeines neuen jungen Insulaners ankündigt. Ich sehe im Geiste immer schon die Tränen, die ihm dereinst bei seinem Abgange fließen werden. – Es sind gefährliche junge Leute; aber freilich, daß sie gefährlich sind, das ist eben ihre Tugend.« »Ich möchte jedoch nicht behaupten,« versetzte ich, »daß unsere weimarischen jungen Engländer gescheuter, geistreicher, unterrichteter und von Herzen vortrefflicher wären als andere Leute auch.« »In solchen Dingen, mein Bester,« erwiderte Goethe, »liegts nicht. Es liegt auch nicht in der Geburt und im Reichtum; sondern es liegt darin, daß sie eben die Courage haben, das zu sein, wozu die Natur sie gemacht hat. Es ist an ihnen nichts verbildet und verbogen, es sind an ihnen keine Halbheiten und Schiefheiten; sondern wie sie auch sind, es sind immer durchaus komplette Menschen. Auch komplette Narren mitunter, das gebe ich von Herzen zu; allein es ist doch was und hat doch auf der Waage der Natur immer einiges Gewicht. Das Glück der persönlichen Freiheit, das Bewußtsein des englischen Namens und welche Bedeutung ihm bei andern Nationen beiwohnt, kommt schon den Kindern zugute, so daß sie sowohl in der Familie, als in den Unterrichtsanstalten mit weit größerer Achtung behandelt werden und einer weit glücklich-freieren Entwickelung genießen als bei uns Deutschen. Ich brauche nur in unserm lieben Weimar zum Fenster hinauszusehen, um gewahr zu werden, wie es bei uns steht. – Als neulich der Schnee lag und meine Nachbarskinder ihre kleinen Schlitten auf der Straße probieren wollten, sogleich war ein Polizeidiener nahe, und ich sah die armen Dingerchen fliehen, so schnell sie konnten. Jetzt, wo die Frühlingssonne sie aus den Häusern lockt und sie mit ihresgleichen vor ihren Türen gerne ein Spielchen machten, sehe ich sie immer geniert, als wären sie nicht sicher und als fürchteten sie das Herannahen irgendeines polizeilichen Machthabers. Es darf kein Bube mit der Peitsche knallen, oder singen, oder rufen, sogleich ist die Polizei da, es ihm zu verbieten. Es geht bei uns alles dahin, die liebe Jugend frühzeitig zahm zu machen und alle Natur, alle Originalität und alle Wildheit auszutreiben, so daß am Ende nichts übrig bleibt als der Philister. Sie wissen, es vergeht bei mir kaum ein Tag, wo ich nicht von durchreisenden Fremden besucht werde. Wenn ich aber sagen sollte, daß ich an den persönlichen Erscheinungen, besonders junger deutscher Gelehrten aus einer gewissen nordöstlichen Richtung, große Freude hätte, so müßte ich lügen. – Kurzsichtig, blaß, mit eingefallener Brust, jung ohne Jugend: das ist das Bild der meisten, wie sie sich mir darstellen. Und wie ich mit ihnen mich in ein Gespräch einlasse, habe ich sogleich zu bemerken, daß ihnen dasjenige, woran unsereiner Freude hat, nichtig und trivial erscheint, daß sie ganz in der Idee stecken und nur die höchsten Probleme der Spekulation sie zu interessieren geeignet sind. Von gesunden Sinnen und Freude am Sinnlichen ist bei ihnen keine Spur, alles Jugendgefühl und alle Jugendlust ist bei ihnen ausgetrieben, und zwar unwiederbringlich; denn wenn einer in seinem zwanzigsten Jahre nicht jung ist, wie soll er es in seinem vierzigsten sein.« Goethe seufzte und schwieg. Ich dachte an die glückliche Zeit des vorigen Jahrhunderts, in welche Goethes Jugend fiel; es trat mir die Sommerluft von Sesenheim vor die Seele, und ich erinnerte ihn an die Verse: Nach Mittage saßen wir, Junges Volk im Kühlen. »Ach,« seufzte Goethe, »das waren freilich schöne Zeiten! Doch wir wollen sie uns aus dem Sinne schlagen, damit uns die grauen Nebeltage der Gegenwart nicht ganz unerträglich werden.« »Es täte not,« sagte ich, »daß ein zweiter Erlöser käme, um den Ernst, das Unbehagen und den ungeheuren Druck der jetzigen Zustände uns abzunehmen.« »Käme er,« antwortete Goethe, »man würde ihn zum zweiten Male kreuzigen. Doch wir brauchten keineswegs ein so Großes. Könnte man nur den Deutschen, nach dem Vorbilde der Engländer, weniger Philosophie und mehr Tatkraft, weniger Theorie und mehr Praxis beibringen, so würde uns schon ein gutes Stück Erlösung zuteil werden, ohne daß wir auf das Erscheinen der persönlichen Hoheit eines zweiten Christus zu warten brauchten. Sehr viel könnte geschehen von unten, vom Volke, durch Schulen und häusliche Erziehung, sehr viel von oben durch die Herrscher und ihre Nächsten. So z. B. kann ich nicht billigen, daß man von den studierenden künftigen Staatsdienern gar zu viele theoretisch-gelehrte Kenntnisse verlangt, wodurch die jungen Leute vor der Zeit geistig wie körperlich ruiniert werden. Treten sie nun hierauf in den praktischen Dienst, so besitzen sie zwar einen ungeheuren Vorrat an philosophischen und gelehrten Dingen, allein er kann in dem beschränkten Kreise ihres Berufes gar nicht zur Anwendung kommen und muß daher als unnütz wieder vergessen werden. Dagegen aber, was sie am meisten bedurften, haben sie eingebüßt: es fehlt ihnen die nötige geistige wie körperliche Energie, die bei einem tüchtigen Auftreten im praktischen Verkehr ganz unerläßlich ist. Und dann, bedarf es denn im Leben eines Staatsdieners, in Behandlung der Menschen, nicht auch der Liebe und des Wohlwollens? – Und wie soll einer gegen andere Wohlwollen empfinden und ausüben, wenn es ihm selber nicht wohl ist? Es ist aber den Leuten allen herzlich schlecht! Der dritte Teil der an den Schreibtisch gefesselten Gelehrten und Staatsdiener ist körperlich anbrüchig und dem Dämon der Hypochondrie verfallen. Hier täte es not, von oben her einzuwirken, um wenigstens künftige Generationen vor ähnlichem Verderben zu schützen. Wir wollen indes«, fügte Goethe lächelnd hinzu, »hoffen und erwarten, wie es etwa in einem Jahrhundert mit uns Deutschen aussieht, und ob wir es sodann dahin werden gebracht haben, nicht mehr abstrakte Gelehrte und Philosophen, sondern Menschen zu sein.« Freitag, den 16. Mai 1828* Mit Goethe spazieren gefahren. Er amüsierte sich an der Erinnerung seiner Streitigkeiten mit Kotzebue, Böttiger und Konsorten und rezitierte einige sehr lustige Epigramme gegen den ersteren, die übrigens mehr spaßhaft als verletzend waren. Ich fragte ihn, warum er sie nicht in seine Werke aufgenommen. »Ich habe eine ganze Sammlung solcher Gedichtchen,« erwiderte Goethe, »die ich geheim halte und nur gelegentlich den vertrautesten meiner Freunde zeige. Es war dies die einzige unschuldige Waffe, die mir gegen die Angriffe meiner Feinde zu Gebote stand. Ich machte mir dadurch im stillen Luft und befreite und reinigte mich dadurch von dem fatalen Gefühl des Mißwollens, das ich sonst gegen die öffentlichen und oft boshaften Häkeleien meiner Gegner hätte empfinden und nähren müssen. Durch jene Gedichtchen habe ich mir also persönlich einen wesentlichen Dienst geleistet. Aber ich will nicht das Publikum mit meinen Privathändeln beschäftigen oder noch lebende Personen dadurch verletzen. In späterer Zeit jedoch wird sich davon dies oder jenes ganz ohne Bedenken mitteilen lassen.« Freitag, den 6. Juni 1828* Der König von Bayern sandte vor einiger Zeit seinen Hofmaler Stieler nach Weimar, um das Porträt Goethes zu machen. Als eine Art Empfehlungsbrief und als Zeugnis seiner Geschicklichkeit brachte Stieler das vollendete lebensgroße Bildnis eines sehr schönen jungen Frauenzimmers mit, nämlich das der Münchener Schauspielerin Fräulein von Hagn. Goethe gewährte darauf Herrn Stieler alle gewünschten Sitzungen, und sein Bild ward nun vor einigen Tagen fertig. Diesen Mittag war ich bei ihm zu Tisch, und zwar alleine. Beim Dessert stand er auf und führte mich in das den Speisesaal angrenzende Kabinett und zeigte mir die jüngst vollendete Arbeit Stielers. – Darauf, sehr geheimnisvoll, führte er mich weiter in das sogenannte Majolikazimmer, wo sich das Bild der schönen Schauspielerin befand. »Nicht wahr,« sagte er, nachdem wir es eine Weile betrachtet, »das ist der Mühe wert! – Stieler war gar nicht dumm! – Er brauchte diesen schönen Bissen bei mir als Lockspeise, und indem er mich durch solche Künste zum Sitzen brachte, schmeichelte er meiner Hoffnung, daß auch jetzt unter seinem Pinsel ein Engel entstehen würde, indem er den Kopf eines Alten malte.« Freitag, den 26. September 1828* Goethe zeigte mir heute seine reiche Fossiliensammlung, die sich in dem freistehenden Pavillon an seinem Hausgarten befindet. Die Sammlung ist durch ihn selber angelegt, durch seinen Sohn stark vermehrt, und besonders merkwürdig durch eine zahlreiche Folge versteinerter Knochen, die alle in der Umgebung von Weimar gefunden worden. Montag, den 6. Oktober 1828* Bei Goethe zu Tisch mit Herrn von Martius, der seit einigen Tagen hier ist und sich mit Goethe über botanische Gegenstände bespricht. Besonders ist es die Spiraltendenz der Pflanzen, worin Herr von Martius wichtige Entdeckungen gemacht, die er Goethen mitteilt, dem sich dadurch ein neues Feld eröffnet. Goethe schien die Idee seines Freundes mit einer Art jugendlicher Leidenschaftlichkeit aufzunehmen. »Für die Physiologie der Pflanzen«, sagte er, »ist damit sehr viel gewonnen. Das neue Aperçu der Spiraltendenz ist meiner Metamorphosenlehre durchaus gemäß, es ist auf demselbigen Wege gefunden, aber es ist damit ein ungeheurer Schritt vorwärts getan.« Freitag, den 17. Oktober 1828* Goethe liest seit einiger Zeit sehr eifrig den ›Globe‹ und macht dieses Blatt sehr oft zum Gegenstand seines Gesprächs. Die Bemühungen Cousins und seiner Schule erscheinen ihm besonders wichtig. »Diese Männer«, sagte er, »sind ganz auf dem Wege, eine Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland zu bewirken, indem sie eine Sprache bilden, die durchaus geeignet ist, den Ideenverkehr zwischen beiden Nationen zu erleichtern.« Auch hat der ›Globe‹ für Goethe dadurch noch ein besonderes Interesse, daß die neuesten Produkte der schönen Literatur Frankreichs darin besprochen und die Freiheiten der romantischen Schule, oder vielmehr die Befreiung von den Fesseln nichtssagender Regeln, darin oft sehr lebhaft verteidigt werden. »Was will der ganze Plunder gewisser Regeln einer steifen veralteten Zeit!« sagte er heute, »und was will all der Lärm über klassisch und romantisch! Es kommt darauf an, daß ein Werk durch und durch gut und tüchtig sei, und es wird auch wohl klassisch sein.« Donnerstag, den 23. Oktober 1828 Goethe sprach heute mit großer Anerkennung über eine kleine Schrift des Kanzlers, die den Großherzog Carl August zum Gegenstande hat und das tatenreiche Leben dieses seltenen Fürsten in gedrängter Kürze vorüberführt. »Die kleine Schrift ist wirklich sehr gelungen,« sagte Goethe, »das Material mit großer Umsicht und großem Fleiß zusammengebracht, sodann alles vom Hauch der innigsten Liebe beseelt, und zugleich die Darstellung so knapp und kurz, daß Tat auf Tat sich drängt und bei dem Anblick einer solchen Fülle von Leben und Tun es uns zumute wird, als würden wir von einem geistigen Schwindel ergriffen. Der Kanzler hat seine Schrift auch nach Berlin geschickt und darauf vor einiger Zeit einen höchst merkwürdigen Brief von Alexander von Humboldt erhalten, den ich nicht ohne tiefe Rührung habe lesen können. Humboldt war dem Großherzog während eines langen Lebens auf das innigste befreundet, welches freilich nicht zu verwundern, indem die reich angelegte tiefe Natur des Fürsten immer nach neuem Wissen bedürftig, und grade Humboldt der Mann war, der bei seiner großen Universalität auf jede Frage die beste und gründlichste Antwort immer bereit hatte. Nun fügte es sich in der Tat wunderbar, daß der Großherzog grade die letzten Tage vor seinem Tode in Berlin in fast beständiger Gesellschaft mit Humboldt verleben und daß er über manches wichtige Problem, was ihm am Herzen lag, noch zuletzt von seinem Freunde Aufschluß erhalten konnte; und wiederum war es nicht ohne höhere günstige Einwirkung, daß einer der größten Fürsten, die Deutschland je besessen, einen Mann wie Humboldt zum Zeugen seiner letzten Tage und Stunden hatte. Ich habe mir von dem Brief eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch einiges daraus mitteilen.« Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah Tränen in seinen Augen. »Lesen Sie es für sich«, sagte er dann, indem er mir den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab, während ich las. »Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten erschüttert werden,« schreibt Humboldt, »als ich, den er seit dreißig Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung, ich darf sagen, mit so aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte. Auch hier wollte er mich fast zu jeder Stunde um sich haben; und als sei eine solche Lucidität, wie bei den erhabenen schneebedeckten Alpen, der Vorbote des scheidenden Lichtes, nie habe ich den großen menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher, milder und an aller ferneren Entwickelung des Volkslebens teilnehmender gesehen, als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaßen. Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll und geängstigt, daß diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle Klarheit des Geistes bei so viel körperlicher Schwäche mir ein schreckhaftes Phänomen sei. Er selbst oszillierte sichtbar zwischen Hoffnung der Genesung und Erwartung der großen Katastrophe. Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser zuletzt sah beim Frühstück, er krank und ohne Neigung, etwas zu genießen, fragte er noch lebendig nach den von Schweden herübergekommenen Granitgeschieben baltischer Länder, nach Kometschweifen, welche sich unserer Atmosphäre trübend einmischen könnten, nach der Ursache der großen Winterkälte an allen östlichen Küsten. Als ich ihn zuletzt sah, drückte er mir zum Abschied die Hand mit den heiteren Worten: ›Sie glauben, Humboldt, Töplitz und alle warmen Quellen seien wie Wasser, die man künstlich erwärmt? Das ist nicht Küchenfeuer! Darüber streiten wir in Töplitz, wenn Sie mit dem König kommen. Sie sollen sehen, Ihr altes Küchenfeuer wird mich doch noch einmal wieder zusammenhalten.‹ Sonderbar! denn alles wird bedeutend bei so einem Manne. In Potsdam saß ich mehrere Stunden allein mit ihm auf dem Kanapee; er trank und schlief abwechselnd, trank wieder, stand auf, um an seine Gemahlin zu schreiben, dann schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr erschöpft. In den Intervallen bedrängte er mich mit den schwierigsten Fragen über Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie, über Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, über Mondatmosphäre, über die farbigen Doppelsterne, über Einfluß der Sonnenflecke auf Temperatur, Erscheinen der organischen Formen in der Urwelt, innere Erdwärme. Er schlief mitten in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und sagte dann, über seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und freundlich um Verzeihung bittend: ›Sie sehen, Humboldt, es ist aus mit mir!‹ Auf einmal ging er desultorisch in religiöse Gespräche über. Er klagte über den einreißenden Pietismus und den Zusammenhang dieser Schwärmerei mit politischen Tendenzen nach Absolutismus und Niederschlagen aller freieren Geistesregungen. ›Dazu sind es unwahre Bursche,‹ rief er aus, ›die sich dadurch den Fürsten angenehm zu machen glauben, um Stellen und Bänder zu erhalten! Mit der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben sie sich eingeschlichen.‹ Bald legte sich sein Zorn, und nun sagte er, wie er jetzt viel Tröstliches in der christlichen Religion fände. ›Das ist eine menschenfreundliche Lehre,‹ sagte er; ›aber von Anfang an hat man sie verunstaltet. Die ersten Christen waren die Freigesinnten unter den Ultras.‹« Ich gab Goethen über diesen herrlichen Brief meine innige Freude zu erkennen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »was für ein bedeutender Mensch er war. Aber wie gut ist es von Humboldt, daß er diese wenigen letzten Züge aufgefaßt, die wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur des vorzüglichen Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! – Ich kann es am besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch wie ich selber. Ist es aber nicht ein Jammer, daß kein Unterschied ist und daß auch ein solcher Mensch so früh dahin muß! Nur ein lumpiges Jahrhundert länger, und wie würde er an so hoher Stelle seine Zeit vorwärts gebracht haben! – Aber wissen Sie was? Die Welt soll nicht so rasch zum Ziele, als wir denken und wünschen. Immer sind die retardierenden Dämonen da, die überall dazwischen- und überall entgegentreten, so daß es zwar im ganzen vorwärts geht, aber sehr langsam. Leben Sie nur fort, und Sie werden schon finden, daß ich recht habe.« »Die Entwickelung der Menschheit«, sagte ich, »scheint auf Jahrtausende angelegt.« »Wer weiß,« erwiderte Goethe, »vielleicht auf Millionen! Aber laß die Menschheit dauern so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen fehlen, die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Not, damit sie ihre Kräfte entwickele. Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber besser, glücklicher und tatkräftiger nicht, oder doch nur auf Epochen. Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat, und er abermals alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung. Ich bin gewiß, es ist alles danach angelegt, und es steht in der fernen Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann diese Verjüngungsepoche eintritt. Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können noch Jahrtausende und aber Jahrtausende auch auf dieser lieben alten Fläche, wie sie ist, allerlei Spaß haben.« Goethe war in besonders guter, erhöhter Stimmung. Er ließ eine Flasche Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte. Unser Gespräch ging wieder auf den Großherzog Carl August zurück. »Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein außerordentlicher Geist das ganze Reich der Natur umfaßte. Physik, Astronomie, Geognosie, Meteorologie, Pflanzen und Tierformen der Urwelt, und was sonst dazu gehört, er hatte für alles Sinn und für alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt, als ich nach Weimar kam, aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen, was einst der Baum sein würde. Er schloß sich bald auf das innigste an mich an und nahm an allem, was ich trieb, gründlichen Anteil. Daß ich fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. Er saß ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände der Kunst und Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam. Wir saßen oft tief in die Nacht hinein, und es war nicht selten, daß wir nebeneinander auf meinem Sofa einschliefen. Funfzig Jahre lang haben wir es miteinander fortgetrieben, und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas gebracht hätten.« »Eine so gründliche Bildung,« sagte ich, »wie sie der Großherzog gehabt zu haben scheint, mag bei fürstlichen Personen selten vorkommen.« »Sehr selten«, erwiderte Goethe. »Es gibt zwar viele, die fähig sind, über alles sehr geschickt mitzureden; aber sie haben es nicht im Innern und krabbeln nur an den Oberflächen. Und es ist kein Wunder, wenn man die entsetzlichen Zerstreuungen und Zerstückelungen bedenkt, die das Hofleben mit sich führt und denen ein junger Fürst ausgesetzt ist. Von allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bißchen das kennen und ein bißchen das, und dann ein bißchen das und wieder ein bißchen das. Dabei kann sich aber nichts setzen und nichts Wurzel schlagen, und es gehört der Fonds einer gewaltigen Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in Rauch aufzugehen. Der Großherzog war freilich ein geborener großer Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.« »Bei allen seinen höheren wissenschaftlichen und geistigen Richtungen«, sagte ich, »scheint er doch auch das Regieren verstanden zu haben.« »Er war ein Mensch aus dem Ganzen,« erwiderte Goethe, »und es kam bei ihm alles aus einer einzigen großen Quelle. Und wie das Ganze gut war, so war das Einzelne gut, er mochte tun und treiben, was er wollte. Übrigens kamen ihm zur Führung des Regiments besonders drei Dinge zustatten. Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann hatte er noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: er war beseelt von dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe, und wollte mit ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen, war seine Hand immer bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches. Er hätte die ganze Menschheit beglücken mögen. Liebe aber erzeugt Liebe. Wer aber geliebt ist, hat leicht regieren. Und drittens: er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte, bessere, in sich selber. Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab, und er kam nicht leicht in den Fall, etwas Unfürstliches zu begehen, indem er das zweideutig gemachte Verdienst zurücksetzte und empfohlene Lumpe in Schutz nahm. Er sah überall selber, urteilte selber und hatte in allen Fällen in sich selber die sicherste Basis. Dabei war er schweigsamer Natur, und seinen Worten folgte die Handlung.« »Wie leid tut es mir,« sagte ich, »daß ich nicht viel mehr von ihm gekannt habe als sein Äußeres; doch das hat sich mir tief eingeprägt. Ich sehe ihn noch immer auf seiner alten Droschke, im abgetragenen grauen Mantel und Militärmütze und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd fuhr, seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders fahren sehen als auf dieser unansehnlichen alten Droschke, auch nie anders als zweispännig. Ein Gepränge mit sechs Pferden und Röcke mit Ordenssternen scheint nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein.« »Das ist«, erwiderte Goethe, »jetzt bei Fürsten überhaupt kaum mehr an der Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was einer auf der Waage der Menschheit wiegt; alles übrige ist eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit sechs Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse, und kaum dieser. Übrigens hing die alte Droschke des Großherzogs kaum in Federn. Wer mit ihm fuhr, hatte verzweifelte Stöße auszuhalten. Aber das war ihm eben recht. Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind aller Verweichlichung.« »Spuren davon«, sagte ich, »sieht man schon in Ihrem Gedicht ›Ilmenau‹, wo Sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben scheinen.« »Er war damals sehr jung« erwiderte Goethe; »doch ging es mit uns freilich etwas toll her. Er war wie ein edler Wein, aber noch in gewaltiger Gärung. Er wußte mit seinen Kräften nicht wohinaus, und wir waren oft sehr nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden über Hecken, Gräben und durch Flüsse, und bergauf bergein sich tagelang abarbeiten, und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im Walde: das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben, war ihm nichts, aber hätte er sich eins erringen, erjagen und erstürmen können, das wäre ihm etwas gewesen. Das Ilmenauer Gedicht«, fuhr Goethe fort, »enthält als Episode eine Epoche, die im Jahre 1783, als ich es schrieb, bereits mehrere Jahre hinter uns lag, so daß ich mich selber darin als eine historische Figur zeichnen und mit meinem eigenen Ich früherer Jahre eine Unterhaltung führen konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine nächtliche Szene vorgeführt, etwa nach einer solchen halsbrechenden Jagd im Gebirge. Wir hatten uns am Fuße eines Felsen kleine Hütten gebaut und mit Tannenreisern gedeckt, um darin auf trockenem Boden zu übernachten. Vor den Hütten brannten mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die Jagd gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife nicht kalt wurde, saß dem Feuer zunächst und ergötzte die Gesellschaft mit allerlei trockenen Späßen, während die Weinflasche von Hand zu Hand ging. Seckendorf, der schlanke, mit den langen feinen Gliedern, hatte sich behaglich am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei Poetisches. Abseits in einer ähnlichen kleinen Hütte lag der Herzog im tiefen Schlaf. Ich selber saß davor, bei glimmenden Kohlen, in allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen von Bedauern über mancherlei Unheil, das meine Schriften angerichtet. Knebel und Seckendorf erscheinen mir noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und auch der junge Fürst nicht, in diesem düstern Ungestüm seines zwanzigsten Jahres: Der Vorwitz lockt ihn in die Weite, Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal; Der Unfall lauert an der Seite Und stürzt ihn in den Arm der Qual. Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung Gewaltsam ihn bald da, bald dort hinaus, Und von unmutiger Bewegung Ruht er unmutig wieder aus. Und düster wild an heitern Tagen, Unbändig, ohne froh zu sein, Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen, Auf einem harten Lager ein. So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste Zug übertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode hatte sich der Herzog bald zu wohltätiger Klarheit durchgearbeitet, so daß ich ihn zu seinem Geburtstage im Jahre 1783 an diese Gestalt seiner früheren Jahre sehr wohl erinnern mochte. Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht. Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.« »Sie machten«, bemerkte ich, »in dieser ersten Zeit mit ihm eine einsame Reise durch die Schweiz.« »Er liebte überhaupt das Reisen,« erwiderte Goethe »doch war es nicht sowohl um sich zu amüsieren und zu zerstreuen, als um überall die Augen und Ohren offen zu haben und auf allerlei Gutes und Nützliches zu achten, das er in seinem Lande einführen könnte. Ackerbau, Viehzucht und Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig geworden. Überhaupt waren seine Tendenzen nicht persönlich, egoistisch, sondern rein produktiver Art, und zwar produktiv für das allgemeine Beste. Dadurch hat er sich denn auch einen Namen gemacht, der über dieses kleine Land weit hinausgeht.« »Sein sorgloses einfaches Äußere«, sagte ich, »schien anzudeuten, daß er den Ruhm nicht suche und daß er sich wenig aus ihm mache. Es schien, als sei er berühmt geworden ohne sein weiteres Zutun, bloß wegen seiner stillen Tüchtigkeit.« »Es ist damit ein eigenes Ding«, erwiderte Goethe. »Ein Holz brennt, weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch wird berühmt, weil der Stoff dazu in ihm vorhanden. Suchen läßt sich der Ruhm nicht, und alles Jagen danach ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen und allerlei künstliche Mittel eine Art von Namen machen; fehlt aber dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hält nicht auf den anderen Tag. Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie nicht und tat den Leuten keineswegs schön; aber das Volk liebte ihn, weil es fühlte, daß er ein Herz für sie habe.« Goethe erwähnte sodann die übrigen Glieder des großherzoglichen Hauses, und wie durch alle der Zug eines edlen Charakters gehe. Er sprach über die Herzensgüte des jetzigen Regenten, über die großen Hoffnungen, zu denen der junge Prinz berechtige, und verbreitete sich mit sichtbarer Liebe über die seltenen Eigenschaften der jetzt regierenden lieben Fürstin, welche im edelsten Sinne große Mittel verwende, um überall Leiden zu lindern und gute Keime zu wecken. »Sie ist von jeher für das Land ein guter Engel gewesen«, sagte er, »und wird es mehr und mehr, je länger sie ihm verbunden ist. Ich kenne die Großherzogin seit dem Jahre 1805 und habe Gelegenheit in Menge gehabt, ihren Geist und Charakter zu bewundern. Sie ist eine der besten und bedeutendsten Frauen unserer Zeit, und würde es sein, wenn sie auch keine Fürstin wäre. Und das ists eben, worauf es ankommt, daß, wenn auch der Purpur abgelegt werden, noch sehr viel Großes, ja eigentlich noch das Beste übrig bleibe.« Wir sprachen sodann über die Einheit Deutschlands und in welchem Sinne sie möglich und wünschenswert. »Mir ist nicht bange,« sagte Goethe, »daß Deutschland nicht eins werde; unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das ihrige tun. Vor allen aber sei es eins in Liebe untereinander, und immer sei es eins gegen den auswärtigen Feind. Es sei eins, daß der deutsche Taler und Groschen im ganzen Reich gleichen Wert habe; eins, daß mein Reisekoffer durch alle sechsunddreißig Staaten ungeöffnet passieren könne. Es sei eins, daß der städtische Reisepaß eines weimarischen Bürgers von dem Grenzbeamten eines großen Nachbarstaates nicht für unzulänglich gehalten werde, als der Paß eines Ausländers . Es sei von Inland und Ausland unter deutschen Staaten überhaupt keine Rede mehr. Deutschland sei ferner eins in Maß und Gewicht, in Handel und Wandel und hundert ähnlichen Dingen, die ich nicht alle nennen kann und mag. Wenn man aber denkt, die Einheit Deutschlands bestehe darin, daß das sehr große Reich eine einzige große Residenz habe, und daß diese eine große Residenz, wie zum Wohl der Entwickelung einzelner großer Talente, so auch zum Wohl der großen Masse des Volkes gereiche, so ist man im Irrtum. Man hat einen Staat wohl einem lebendigen Körper mit vielen Gliedern verglichen, und so ließe sich wohl die Residenz eines Staates dem Herzen vergleichen, von welchem aus Leben und Wohlsein in die einzelnen nahen und fernen Glieder strömt. Sind aber die Glieder sehr ferne vom Herzen, so wird das zuströmende Leben schwach und immer schwächer empfunden werden. Ein geistreicher Franzose, ich glaube Dupin, hat eine Karte über den Kulturzustand Frankreichs entworfen und die größere oder geringere Aufklärung der verschiedenen Departements mit helleren oder dunkleren Farben zur Anschauung gebracht. Da finden sich nun besonders in südlichen, weit von der Residenz entlegenen Provinzen, einzelne Departements, die in ganz schwarzer Farbe daliegen, als Zeichen einer dort herrschenden großen Finsternis. Würde das aber wohl sein, wenn das schöne Frankreich statt des einen großen Mittelpunktes zehn Mittelpunkte hätte, von denen Licht und Leben ausginge? Wodurch ist Deutschland groß als durch eine bewundernswürdige Volkskultur, die alle Teile des Reichs gleichmäßig durchdrungen hat. Sind es aber nicht die einzelnen Fürstensitze, von denen sie ausgeht und welche ihre Träger und Pfleger sind? – Gesetzt, wir hätten in Deutschland seit Jahrhunderten nur die beiden Residenzstädte Wien und Berlin, oder gar nur eine, da möchte ich doch sehen, wie es um die deutsche Kultur stände, ja auch um einen überall verbreiteten Wohlstand, der mit der Kultur Hand in Hand geht! Deutschland hat über zwanzig im ganzen Reich verteilte Universitäten und über hundert ebenso verbreitete öffentliche Bibliotheken, an Kunstsammlungen und Sammlungen von Gegenständen aller Naturreiche gleichfalls eine große Zahl; denn jeder Fürst hat dafür gesorgt, dergleichen Schönes und Gutes in seine Nähe heranzuziehen. Gymnasien und Schulen für Technik und Industrie sind im Überfluß da, ja es ist kaum ein deutsches Dorf, das nicht seine Schule hätte. Wie steht es aber um diesen letzten Punkt in Frankreich! Und wiederum die Menge deutscher Theater, deren Zahl über siebenzig hinausgeht und die doch auch als Träger und Beförderer höherer Volksbildung keineswegs zu verachten. Der Sinn für Musik und Gesang und ihre Ausübung ist in keinem Lande verbreitet wie in Deutschland, und das ist auch etwas! Nun denken Sie aber an Städte wie Dresden, München, Stuttgart, Kassel, Braunschweig, Hannover und ähnliche; denken Sie an die großen Lebenselemente, die diese Städte in sich selber tragen; denken Sie an die Wirkungen, die von ihnen auf die benachbarten Provinzen ausgehen, und fragen Sie sich, ob das alles sein würde, wenn sie nicht seit langen Zeiten die Sitze von Fürsten gewesen? Frankfurt, Bremen, Hamburg, Lübeck sind groß und glänzend, ihre Wirkungen auf den Wohlstand von Deutschland gar nicht zu berechnen. Würden sie aber wohl bleiben, was sie sind, wenn sie ihre eigene Souveränität verlieren und irgendeinem großen deutschen Reich als Provinzialstädte einverleibt werden sollten? – Ich habe Ursache, daran zu zweifeln.« Mittwoch, den 3. Dezember 1828* Heute hatte ich mit Goethen einen anmutigen Spaß ganz besonderer Art. Madame Duval zu Cartigny im Kanton Genf nämlich, die sehr geschickt in Zubereitung von Konfitüren ist, hatte mir als Produkte ihrer Kunst einige Zedraten für die Frau Großfürstin und Goethe geschickt, völlig überzeugt, daß ihre Konfitüren alle anderen so weit übertreffen, als die Gedichte Goethes diejenigen der meisten seiner deutschen Mitbewerber. Die älteste Tochter jener Dame hatte nun schon längst eine Handschrift Goethes gewünscht, worauf es mir einfiel, daß es klug sein würde, durch die süße Lockspeise der Zedraten Goethen zu einem Gedicht für meine junge Freundin anzukörnen. Mit der Miene eines mit einem wichtigen Geschäft beauftragten Diplomaten ging ich daher zu ihm und unterhandelte mit ihm als Macht gegen Macht, indem ich für die offerierten Zedraten ein Originalgedicht seiner Hand zur Bedingung machte. Goethe lachte über diesen Scherz, den er sehr wohl aufnahm, und sich sogleich die Zedraten erbat, die er ganz vortrefflich fand. Wenige Stunden darauf war ich sehr überrascht, folgende Verse als ein Weihnachtsgeschenk für meine junge Freundin ankommen zu sehen: Glücklich Land, allwo Zedraten Zur Vollkommenheit geraten! Und zu reizendem Genießen Kluge Frauen sie durchsüßen! usw. Als ich ihn wiedersah, scherzte er über den Vorteil, den er jetzt aus seinem poetischen Metier zu ziehen imstande sei, während er in seiner Jugend zu seinem ›Götz‹ keinen Verleger habe finden können. »Ihren Handelsvertrag«, sagte er, »nehme ich an; wenn meine Zedraten verschmaust sein werden, vergessen Sie ja nicht andere zu kommandieren, ich werde pünktlich mit meinen poetischen Wechseln zahlen.« Sonntag, den 21. Dezember 1828 Ich hatte in voriger Nacht einen wunderlichen Traum, den ich diesen Abend Goethen erzählte und den er sehr artig fand. Ich sah mich nämlich in einer fremden Stadt, in einer breiten Straße gegen Südost, wo ich mit einer Menge Menschen stand und den Himmel betrachtete, der wie mit leisen Dünsten bedeckt schien und im hellsten Gelb leuchtete. Jedermann war erwartungsvoll, was sich ereignen würde, als sich zwei feurige Punkte bildeten, die gleich Meteorsteinen mit Krachen vor uns niederfuhren, nicht weit von der Stelle, wo wir standen. Man eilte hin, um zu sehen, was herabgekommen war, und siehe, es trat mir entgegen Faust und Mephistopheles. – Ich war erfreut-verwundert, und gesellte mich zu ihnen als zu Bekannten, und ging neben ihnen her in heiterer Unterhaltung, indem wir um die nächste Straßenecke bogen. Was wir sprachen, ist mir nicht geblieben; doch der Eindruck ihres körperlichen Wesens war so eigener Art, daß er mir vollkommen deutlich und nicht leicht zu vergessen ist. Beide waren jünger, als man sie gewöhnlich zu denken pflegt, und zwar mochte Mephistopheles einundzwanzig Jahre sein, wenn Faust siebenundzwanzig haben konnte. Ersterer erschien durchaus vornehm, heiter und frei; er schritt so leicht einher, wie man sich etwa den Merkur denkt. Sein Gesicht war schön, ohne bösen Zug, und man hätte nicht erkennen mögen, daß es der Teufel sei, wenn nicht von seiner jugendlichen Stirn zwei zierliche Hörner sich erhoben und seitwärts gebogen hätten, so wie wohl ein schöner Haarwuchs sich erhebt und zu beiden Seiten umbiegt. Als Faust im Gehen sein Gesicht redend mir zuwandte, war ich erstaunt über den eigenartigen Ausdruck. Die edelste Sittlichkeit und Herzensgüte sprach aus jedem Zug als das Vorwaltende, Ursprüngliche seiner Natur. Man sah ihm an, als wären alle menschlichen Freuden, Leiden und Gedanken, trotz seiner Jugend, bereits durch seine Seele gegangen: so durchgearbeitet war sein Gesicht. Er war ein wenig blaß und so anziehend, daß man sich nicht satt an ihm sehen konnte; ich suchte mir seine Züge einzuprägen, um sie zu zeichnen. Faust ging rechts, Mephistopheles zwischen uns beiden, und es ist mir der Eindruck geblieben, wie Faust sein schönes eigenartiges Gesicht herumwandte, um mit Mephistopheles oder mit mir zu reden. Wir gingen durch die Straßen, und die Menge verlief sich, ohne weiter auf uns zu achten. 1830-1832 Montag, den 18. Januar 1830* Goethe sprach über Lavater und sagte mir viel Gutes von seinem Charakter. Auch Züge von ihrer früheren intimen Freundschaft erzählte mir Goethe, und wie sie zu jener Zeit oft brüderlich zusammen in einem und demselbigen Bette geschlafen. »Es ist zu bedauern,« fügte er hinzu, »daß ein schwacher Mystizismus dem Aufflug seines Genies so bald Grenzen setzte.« Freitag, den 22. Januar 1830* Wir sprachen über die ›Geschichte Napoleons‹ von Walter Scott. »Es ist wahr,« sagte Goethe, »man kann dem Verfasser dabei große Ungenauigkeiten und eine ebenso große Parteilichkeit vorwerfen; allein grade diese beiden Mängel geben seinem Werk in meinen Augen einen ganz besonderen Wert. – Der Erfolg des Buches war in England über alle Begriffe groß, und man sieht also, daß Walter Scott eben in seinem Haß gegen Napoleon und die Franzosen der wahre Dolmetscher und Repräsentant der englischen Volksmeinung und des englischen Nationalgefühls gewesen ist. Sein Buch wird keineswegs ein Dokument für die Geschichte Frankreichs, allein es wird eins für die Geschichte Englands sein. Auf jeden Fall aber ist es eine Stimme, die bei diesem wichtigen historischen Prozeß nicht fehlen durfte. Überhaupt ist es mir angenehm, über Napoleon die entgegengesetztesten Meinungen zu hören. Ich lese jetzt das Werk von Bignon, welches mir einen ganz besonderen Wert zu haben scheint.« Montag, den 25. Januar 1830* Ich brachte Goethen die Verzeichnisse, die ich über die hinterlassenen Schriften Dumonts als Vorbereitung einer Herausgabe derselben gemacht hatte. – Goethe las sie mit vieler Sorgfalt und schien erstaunt über die Masse von Kenntnissen, Interessen und Ideen, die er bei dem Autor so verschiedener und reichhaltiger Manuskripte vorauszusetzen Ursache habe. »Dumont«, sagte er, »muß ein Geist von großem Umfange gewesen sein. Unter den Gegenständen, die er behandelt hat, ist nicht ein einziger, der nicht an sich interessant und bedeutend wäre, und die Wahl der Gegenstände zeigt immer, was einer für ein Mann und wes Geistes Kind er ist. Nun kann man zwar nicht verlangen, daß der menschliche Geist eine solche Universalität besitze, um alle Gegenstände mit einem gleichen Talent und Glück zu behandeln; aber wenn es auch dem Autor mit allen nicht auf gleiche Weise gelungen sein sollte, so gibt schon der bloße Vorsatz und Wille, sie zu behandeln, mir von ihm eine sehr hohe Meinung. Ich finde besonders merkwürdig und schätzbar, daß bei ihm überall eine praktische, nützliche und wohlwollende Tendenz vorwaltet.« Ich hatte ihm zugleich die ersten Kapitel der ›Reise nach Paris‹ mitgebracht, die ich ihm vorlesen wollte, die er aber vorzog alleine zu betrachten. Er scherzte darauf über die Schwierigkeit des Lesens und den Dünkel vieler Leute, die ohne alle Vorstudien und vorbereitende Kenntnisse sogleich jedes philosophische und wissenschaftliche Werk lesen möchten, als wenn es eben nichts weiter als ein Roman wäre. »Die guten Leutchen«, fuhr er fort, »wissen nicht, was es einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen . Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre.« Mittwoch, den 27. Januar 1830 Mittags mit Goethe sehr vergnügt bei Tisch. Er sprach mit großer Anerkennung über Herrn von Martius. »Sein Aperçu der Spiraltendenz«, sagte er, »ist von der höchsten Bedeutung. Hätte ich bei ihm noch etwas zu wünschen, so wäre es, daß er sein entdecktes Urphänomen mit entschiedener Kühnheit durchführte und daß er die Courage hätte, ein Faktum als Gesetz auszusprechen, ohne die Bestätigung allzusehr im Weiten zu suchen.« Er zeigte mir darauf die Verhandlungen der Naturforschenden Versammlung zu Heidelberg, mit hintergedruckten Faksimiles der Handschriften, die wir betrachten und auf den Charakter schließen. »Ich weiß recht gut,« sagte Goethe, »daß bei diesen Versammlungen für die Wissenschaft nicht so viel herauskommt, als man sich denken mag; aber sie sind vortrefflich, daß man sich gegenseitig kennen und möglicherweise lieben lerne, woraus denn folgt, daß man irgendeine neue Lehre eines bedeutenden Menschen wird gelten lassen, und dieser wiederum geneigt sein wird, uns in unseren Richtungen eines anderen Faches anzuerkennen und zu fördern. Auf jeden Fall sehen wir, daß etwas geschieht, und niemand kann wissen, was dabei herauskommt.« Goethe zeigte mir sodann einen Brief eines englischen Schriftstellers mit der Adresse: An Se. Durchlaucht den Fürsten Goethe. »Diesen Titel«, sagte Goethe lachend, »habe ich wahrscheinlich den deutschen Journalisten zu danken, die mich aus allzu großer Liebe wohl den deutschen Dichterfürsten genannt haben. Und so hat denn der unschuldige deutsche Irrtum den ebenso unschuldigen Irrtum des Engländers zur Folge gehabt.« Goethe kam darauf wieder auf Herrn von Martius zurück und rühmte an ihm, daß er Einbildungskraft besitze. »Im Grunde«, fuhr er fort, »ist ohne diese hohe Gabe ein wirklich großer Naturforscher gar nicht zu denken. Und zwar meine ich nicht eine Einbildungskraft, die ins Vage geht und sich Dinge imaginiert, die nicht existieren; sondern ich meine eine solche, die den wirklichen Boden der Erde nicht verläßt und mit dem Maßstab des Wirklichen und Erkannten zu geahndeten vermuteten Dingen schreitet. Da mag sie denn prüfen, ob denn dieses Geahndete auch möglich sei und ob es nicht im Widerspruch mit anderen bewußten Gesetzen komme. Eine solche Einbildungskraft setzt aber freilich einen weiten ruhigen Kopf voraus, dem eine große Übersicht der lebendigen Welt und ihrer Gesetze zu Gebote steht.« Während wir sprachen, kam ein Paket mit einer Übersetzung der ›Geschwister‹ ins Böhmische, die Goethen große Freude zu machen schien. Sonntag, den 31. Januar 1830* Besuch bei Goethe in Begleitung des Prinzen. Er empfing uns in seinem Arbeitszimmer. Wir sprachen über die verschiedenen Ausgaben seiner Werke, wobei es mir auffallend war, von ihm zu hören, daß er den größten Teil seiner Editionen selber nicht besitze. Auch die erste Ausgabe seines ›Römischen Karnevals‹, mit Kupfern nach eigenen Originalzeichnungen, besitze er nicht. Er habe, sagte er, in einer Auktion sechs Taler dafür geboten, ohne sie zu erhalten. Er zeigte uns darauf das erste Manuskript seines ›Götz von Berlichingen‹, ganz in der ursprünglichen Gestalt, wie er es vor länger als funfzig Jahren auf Anregung seiner Schwester in wenigen Wochen geschrieben. Die schlanken Züge der Handschrift trugen schon ganz den freien klaren Charakter, wie ihn seine deutsche Schrift später immer behalten und auch noch jetzt hat. Das Manuskript war sehr reinlich, man las ganze Seiten ohne die geringste Korrektur, so daß man es eher für eine Kopie, als für einen ersten raschen Entwurf hätte halten sollen. Seine frühesten Werke hat Goethe, wie er uns sagte, alle mit eigener Hand geschrieben, auch seinen ›Werther‹; doch ist das Manuskript verloren gegangen. In späterer Zeit dagegen hat er fast alles diktiert, und nur Gedichte und flüchtig notierte Pläne finden sich von seiner eigenen Hand. Sehr oft hat er nicht daran gedacht, von einem neuen Produkt eine Abschrift nehmen zu lassen; vielmehr hat er häufig die kostbarste Dichtung dem Zufall preisgegeben, indem er öfter als einmal das einzige Exemplar, das er besaß, nach Stuttgart in die Druckerei schickte. Nachdem wir das Manuskript des ›Berlichingen‹ genugsam betrachtet, zeigte Goethe uns das Original seiner ›Italienischen Reise‹. In diesen täglich niedergeschriebenen Beobachtungen und Bemerkungen finden sich in bezug auf die Handschrift dieselbigen guten Eigenschaften wie bei seinem ›Götz‹. Alles ist entschieden, fest und sicher, nichts ist korrigiert, und man sieht, daß dem Schreibenden das Detail seiner augenblicklichen Notizen immer frisch und klar vor der Seele stand. Nichts ist veränderlich und wandelbar, ausgenommen das Papier, das in jeder Stadt, wo der Reisende sich aufhielt, in Format und Farbe stets ein anderes wurde. Gegen das Ende dieses Manuskripts fand sich eine geistreich hingeworfene Federzeichnung von Goethe, nämlich die Abbildung eines italienischen Advokaten, wie er in seiner großen Amtskleidung vor Gericht eine Rede hält. Es war die merkwürdigste Figur, die man sich denken konnte, und sein Anzug so auffallend, daß man hätte glauben sollen, er habe ihn gewählt, um auf eine Maskerade zu gehen. Und doch war alles nur eine treue Darstellung nach dem wirklichen Leben. Den Zeigefinger auf die Spitze des Daumens und die übrigen Finger ausgestreckt haltend, stand der dicke Redner behaglich da, und diese wenige Bewegung paßte recht gut zu der großen Perücke, womit er sich behängt hatte. Mittwoch, den 3. Februar 1831* Wir sprechen über den ›Globe‹ und ›Temps‹, und dies führte auf die französische Literatur und Literatoren. »Guizot«, sagte Goethe unter anderen, »ist ein Mann nach meinem Sinne, er ist solide. Er besitzt tiefe Kenntnisse, verbunden mit einem aufgeklärten Liberalismus, der, über den Parteien stehend, seinen eigenen Weg geht. Ich bin begierig zu sehen, welche Rolle er in den Kammern spielen wird, wozu man ihn jetzt gewählt hat.« »Leute, die ihn nur oberflächlich zu kennen scheinen,« erwiderte ich, »haben mir ihn als etwas pedantisch geschildert.« »Es bleibt zu wissen übrig,« entgegnete Goethe, »welche Sorte von Pedanterie man ihm vorwirft. Alle bedeutenden Menschen, die in ihrer Lebensweise eine gewisse Regelmäßigkeit und feste Grundsätze besitzen, die viel nachgedacht haben und mit den Angelegenheiten des Lebens kein Spiel treiben, können sehr leicht in den Augen oberflächlicher Beobachter als Pedanten erscheinen. Guizot ist ein weitgehender, ruhiger, festhaltender Mann, der der französischen Beweglichkeit gegenüber gar nicht genug zu schätzen und gerade ein solcher ist, wie sie ihn brauchen. Villemain«, fuhr Goethe fort, »ist vielleicht glänzender als Redner. Er besitzt die Kunst einer gewandten Entwickelung aus dem Grunde, er ist nie verlegen um schlagende Ausdrücke, wodurch er die Aufmerksamkeit fesselt und seine Hörer zu lautem Beifall fortreißt; aber er ist weit oberflächlicher als Guizot und weit weniger praktisch. Was Cousin betrifft, so kann er zwar uns Deutschen wenig geben, indem die Philosophie, die er seinen Landsleuten als etwas Neues bringt, uns seit vielen Jahren bekannt ist. Allein er ist für die Franzosen von großer Bedeutung; er wird ihnen eine ganz neue Richtung geben. Cuvier, der große Naturkenner, ist bewundernswürdig durch seine Darstellung und seinen Stil; niemand exponiert ein Faktum besser als er. Allein er besitzt fast gar keine Philosophie; er wird sehr unterrichtete Schüler erziehen, aber wenig tiefe.« Alles dieses zu hören war mir um so interessanter, als es mit den Ansichten Dumonts über die gedachten Männer sehr nahe zusammentraf. Ich versprach Goethen, ihm die betreffenden Stellen aus dessen Manuskripten abzuschreiben, damit er sie mit seiner eigenen Meinung gelegentlich vergleichen möge. Die Erwähnung Dumonts brachte das Gespräch auf dessen Verhältnis zu Bentham, worüber sich Goethe also äußerte: »Es ist für mich ein interessantes Problem,« sagte er, »wenn ich sehe, daß ein so vernünftiger, so gemäßigter und so praktischer Mann wie Dumont der Schüler und treue Verehrer dieses Narren Bentham sein konnte.« »Bentham«, erwiderte ich, »ist gewissermaßen als eine doppelte Person zu betrachten. Ich unterscheide Bentham das Genie, das die Prinzipien ersann, die Dumont der Vergessenheit entzog, indem er sie ausarbeitete, und Bentham den leidenschaftlichen Mann, der aus übertriebenem Nützlichkeitseifer die Grenzen seiner eigenen Lehre überschritt und dadurch sowohl in der Politik als in der Religion zum Radikalen ward.« »Das aber«, erwiderte Goethe, »ist eben ein neues Problem für mich, daß ein Greis die Laufbahn eines langen Lebens damit beschließen kann, in seinen letzten Tagen noch ein Radikaler zu werden.« Ich suchte diesen Widerspruch zu lösen, indem ich bemerkte, daß Bentham, in der Überzeugung von der Vortrefflichkeit seiner Lehre und seiner Gesetzgebung, und bei der Unmöglichkeit, sie ohne eine völlige Veränderung des herrschenden Systems in England einzuführen, sich um so mehr von seinem leidenschaftlichen Eifer habe fortreißen lassen, als er mit der äußeren Welt wenig in Berührung komme und die Gefahr eines gewaltsamen Umsturzes nicht zu beurteilen vermöge. »Dumont dagegen,« fuhr ich fort, »der weniger Leidenschaft und mehr Klarheit besitzt, hat die Überspannung Benthams nie gebilligt und ist weit entfernt gewesen, selber in einen ähnlichen Fehler zu fallen. Er hat überdies den Vorteil gehabt, die Prinzipien Benthams in einem Lande in Anwendung zu bringen, das infolge politischer Ereignisse zu jener Zeit gewissermaßen als ein neues zu betrachten war, nämlich in Genf, wo denn auch alles vollkommen gelang und der glückliche Erfolg den Wert des Prinzips an den Tag legte.« »Dumont,« erwiderte Goethe, »ist eben ein gemäßigter Liberaler, wie es alle vernünftigen Leute sind und sein sollen, und wie ich selber es bin und in welchem Sinne zu wirken ich während eines langen Lebens mich bemüht habe. Der wahre Liberale«, fuhr er fort, »sucht mit den Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, so viel Gutes zu bewirken, als er nur immer kann; aber er hütet sich, die oft unvermeidlichen Mängel sogleich mit Feuer und Schwert vertilgen zu wollen. Er ist bemüht, durch ein kluges Vorschreiten die öffentlichen Gebrechen nach und nach zu verdrängen, ohne durch gewaltsame Maßregeln zugleich oft ebensoviel Gutes mit zu verderben. Er begnügt sich in dieser stets unvollkommenen Welt so lange mit dem Guten, bis ihn, das Bessere zu erreichen, Zeit und Umstände begünstigen.« Sonnabend, den 6. Februar 1830 Bei Frau von Goethe zu Tisch. Der junge Goethe erzählte einiges Artige von seiner Großmutter, der Frau Rat Goethe zu Frankfurt, die er vor zwanzig Jahren als Student besucht habe, und mit der er eines Mittags beim Fürsten Primas zur Tafel geladen worden. Der Fürst sei der Frau Rat aus besonderer Höflichkeit auf der Treppe entgegen gekommen; da er aber seine gewöhnliche geistliche Kleidung getragen, so habe sie ihn für einen Abbé gehalten und nicht sonderlich auf ihn geachtet. Auch habe sie anfänglich bei Tafel, an seiner Seite sitzend, nicht eben das freundlichste Gesicht gemacht. Im Laufe des Gesprächs aber sei ihr an dem Benehmen der übrigen Anwesenden nach und nach beigegangen, daß es der Primas sei. Der Fürst habe darauf ihre und ihres Sohnes Gesundheit getrunken, worauf denn die Frau Rat aufgestanden und die Gesundheit Sr. Hoheit ausgebracht. Mittwoch, den 10. Februar 1830* Heute nach Tisch war ich einen Augenblick bei Goethe. Er freute sich des herannahenden Frühlings und der wieder länger werdenden Tage. Dann sprachen wir über die Farbenlehre. Er schien an der Möglichkeit zu zweifeln, seiner einfachen Theorie Bahn zu machen. »Die Irrtümer meiner Gegner«, sagte er, »sind seit einem Jahrhundert zu allgemein verbreitet, als daß ich auf meinem einsamen Wege hoffen könnte, noch diesen oder jenen Gefährten zu finden. Ich werde allein bleiben! – Ich komme mir oft vor wie ein Mann in einem Schiffbruch, der ein Brett ergreift, das nur einen einzigen zu tragen imstande ist. Dieser eine rettet sich, während alle übrigen jämmerlich ersaufen.« Sonntag, den 14. Februar 1830* Der heutige Tag war für Weimar ein Tag der Trauer: die Großherzogin Luise starb diesen Mittag halb zwei Uhr. Die regierende Frau Großherzogin befahl mir, bei Fräulein von Waldner und Goethe in ihrem Namen einen Kondolenzbesuch zu machen. Ich ging zuerst zu Fräulein von Waldner. – Ich fand sie in Tränen und tiefer Betrübnis und sich ganz dem Gefühl ihres erlittenen Verlustes überlassend. »Ich war«, sagte sie, »seit länger als funfzig Jahren im Dienst der verewigten Fürstin. Sie hatte mich selbst zu ihrer Ehrendame erwählt, und diese freie Wahl ihrerseits war mein Stolz und mein Glück. Ich habe mein Vaterland verlassen, um ihrem Dienste zu leben. Hätte sie mich doch auch jetzt mit sich genommen, damit ich nicht nach einer Wiedervereinigung mit ihr so lange zu seufzen brauchte!« Ich ging darauf zu Goethe. Aber wie ganz anders waren die Zustände bei ihm! – Er fühlte den ihn betroffenen Verlust gewiß nicht weniger tief, allein er schien seiner Empfindungen auf alle Weise Herr bleiben zu wollen. Ich fand ihn noch mit einem guten Freunde bei Tisch sitzen und eine Flasche Wein trinken. Er sprach lebhaft und schien überhaupt in sehr heiterer Stimmung. »Wohlan,« sagte er, als er mich sah, »kommen Sie her, nehmen Sie Platz! Der Schlag, der uns lange gedroht, hat endlich getroffen, und wir haben wenigstens nicht mehr mit der grausamen Ungewißheit zu kämpfen. Wir müssen nun sehen, wie wir uns mit dem Leben wieder zurechtsetzen.« »Dort sind Ihre Tröster«, sagte ich, indem ich auf sein Papiere zeigte. »Die Arbeit ist ein treffliches Mittel, uns in Leiden wieder emporzurichten.« »Solange es Tag ist,« erwiderte Goethe, »wollen wir den Kopf schon oben halten, und solange wir noch hervorbringen können, werden wir nicht nachlassen.« Er sprach darauf über Personen, die ein hohes Alter erreicht, und erwähnte auch die berühmte Ninon. »Noch in ihrem neunzigsten Jahre«, sagte er, »war sie jung; aber sie verstand es auch, sich im Gleichgewicht zu erhalten, und machte sich aus den irdischen Dingen nicht mehr als billig. Selbst der Tod konnte ihr keinen übermäßigen Respekt einflößen. Als sie in ihrem achtzehnten Jahre von einer schweren Krankheit genas und die Umstehenden ihr die Gefahr schilderten, in der sie geschwebt, sagte sie ganz ruhig: ›Was wäre es denn weiter gewesen! Hätte ich doch lauter Sterbliche zurückgelassen!‹ – Sie lebte darauf noch über siebenzig Jahre, liebenswürdig und geliebt und alle Freuden des Lebens genießend; aber bei diesem ihr eigentümlichen Gleichmut sich stets über jeder verzehrenden Leidenschaftlichkeit erhaben haltend. Ninon verstand es; es gibt wenige, die es ihr nachtun.« Er reichte mir sodann einen Brief des Königs von Bayern, den er heute erhalten hatte und der zu seiner heiteren Stimmung wahrscheinlich nicht wenig beigetragen. »Lesen Sie«, sagte er, »und gestehen Sie, daß das Wohlwollen, das der König mir fortwährend bewahrt, und das lebhafte Interesse, das er an den Fortschritten der Literatur und höheren menschlichen Entwickelung nimmt, durchaus geeignet ist, mir Freude zu machen. Und daß ich diesen Brief gerade heute erhielt, dafür danke ich dem Himmel als für eine besondere Gunst.« Wir sprachen darauf über das Theater und dramatische Poesie. »Gozzi«, sagte Goethe, »wollte behaupten, daß es nur sechsunddreißig tragische Situationen gebe. Schiller gab sich alle Mühe noch mehrere zu finden, allein er fand nicht einmal so viele als Gozzi.« Dies führte auf einen Artikel des ›Globe‹, und zwar auf eine kritische Beleuchtung des ›Gustav Adolf‹ von Arnault. Die Art und Weise, wie der Rezensent sich dabei benommen, machte Goethen viel Vergnügen und fand seinen vollkommenen Beifall. Der Beurteilende hatte sich nämlich damit begnügt, alle Reminiszenzen des Autors namhaft zu machen, ohne ihn selber und seine poetischen Grundsätze weiter anzugreifen. »Der ›Temps‹«, fügte Goethe hinzu, »hat sich in seiner Kritik nicht so weise benommen. Er maßt sich an, dem Dichter den Weg vorschreiben zu wollen, den er hätte gehen müssen. Dies ist ein großer Fehler, denn damit erreicht man nicht, ihn zu bessern. Es gibt überhaupt nichts Dümmeres, als einem Dichter zu sagen: dies hättest du müssen so machen, und dieses so! Ich spreche als alter Kenner. Man wird aus einem Dichter nie etwas anderes machen, als was die Natur in ihn gelegt hat. Wollt ihr ihn zwingen ein anderer zu sein, so werdet ihr ihn vernichten. Meine Freunde, die Herren vom ›Globe‹, wie gesagt, machen es sehr klug: sie drucken eine lange Liste aller Gemeinplätze, die der Herr Arnault aus allen Ecken und Enden her geliehen hat; und indem sie dieses tun, deuten sie sehr geschickt die Klippe an, vor welcher der Autor sich künftig zu hüten hat. Es ist fast unmöglich, heutzutage noch eine Situation zu finden, die durchaus neu wäre. Bloß die Anschauungsweise und die Kunst, sie zu behandeln und darzustellen, kann neu sein, und hiebei muß man um so mehr vor jeder Nachahmung sich in acht nehmen.« Goethe erzählte uns darauf die Art und Weise, wie Gozzi sein Theater del Arte zu Venedig eingerichtet hatte, und wie seine improvisierende Truppe beliebt gewesen. »Ich habe«, sagte er, »zu Venedig noch zwei Aktricen jener Truppe gesehen, besonders die Brighella, und habe noch mehreren solcher improvisierten Stücke mit beigewohnt. Die Wirkung, die diese Leute hervorbrachten, war außerordentlich.« Goethe sprach sodann über den neapolitanischen Pulcinell. »Ein Hauptspaß dieser niedrig-komischen Personnage«, sagte er, »bestand darin, daß er zuweilen auf der Bühne seine Rolle als Schauspieler auf einmal ganz zu vergessen schien. Er tat als wäre er wieder nach Hause gekommen, sprach vertraulich mit seiner Familie, erzählte von dem Stücke, in welchem er soeben gespielt, und von einem anderen, worin er noch spielen solle; auch genierte er sich nicht, kleinen Naturbedürfnissen ungehinderte Freiheit zu lassen. ›Aber, lieber Mann,‹ rief ihm sodann seine Frau zu, ›du scheinst dich ja ganz zu vergessen; bedenke doch die werte Versammlung, vor welcher du dich befindest!‹ – ›E vero! E vero!‹ erwiderte darauf Pulcinell, sich wieder besinnend, und kehrte unter großem Applaus der Zuschauer in sein voriges Spiel zurück. Das Theater des Pulcinell ist übrigens von solchem Ruf, daß niemand in guter Gesellschaft sich rühmt, darin gewesen zu sein. Frauen, wie man denken kann, gehen überhaupt nicht hin. es wird nur von Männern besucht. Der Pulcinell ist in der Regel eine Art lebendiger Zeitung. Alles, was den Tag über sich in Neapel Auffallendes zugetragen hat, kann man abends von ihm hören. Diese Lokalinteressen, verbunden mit dem niedern Volksdialekt, machen es jedoch dem Fremden fast unmöglich, ihn zu verstehen.« Goethe lenkte das Gespräch auf andere Erinnerungen seiner früheren Zeit. Er sprach über sein geringes Vertrauen zum Papiergelde, und welche Erfahrungen er in dieser Art gemacht. Als Bestätigung erzählte er uns eine Anekdote von Grimm, und zwar aus der Zeit der Französischen Revolution, wo dieser, es in Paris nicht mehr für sicher haltend, wieder nach Deutschland zurückgekehrt war und in Gotha lebte. »Wir waren«, sagte Goethe, »eines Tages bei Grimm zu Tisch. Ich weiß nicht mehr, wie das Gespräch es herbeiführte, genug, Grimm rief mit einem Mal: ›Ich wette, daß kein Monarch in Europa ein Paar so kostbare Handmanschetten besitzt als ich, und daß keiner dafür einen so hohen Preis bezahlt hat, als ich es habe.‹ – Es läßt sich denken, daß wir ein lautes ungläubiges Erstaunen ausdrückten, besonders die Damen, und daß wir alle sehr neugierig waren, ein Paar so wunderbare Handmanschetten zu sehen. Grimm stand also auf und holte aus seinem Schränkchen ein Paar Spitzenmanschetten von so großer Pracht, daß wir alle in laute Verwunderung ausbrachen. Wir versuchten es, sie zu schätzen, konnten sie jedoch nicht höher halten als etwa zu hundert bis zweihundert Louisdor. Grimm lachte und rief: ›Ihr seid sehr weit vom Ziele! Ich habe sie mit zweimalhundertundfunfzigtausend Franken bezahlt und war noch glücklich, meine Assignaten so gut angebracht zu haben. Am nächsten Tage galten sie keinen Groschen mehr.‹« Montag, den 15. Februar 1830* Ich war diesen Vormittag einen Augenblick bei Goethe, um mich im Namen der Frau Großherzogin nach seinem Befinden zu erkundigen. Ich fand ihn betrübt und gedankenvoll und von der gestrigen etwas gewaltsamen Aufgeregtheit keine Spur. Er schien die Lücke, die der Tod in ein funfzigjähriges freundschaftliches Verhältnis gerissen, heute tief zu empfinden. »Ich muß mit Gewalt arbeiten,« sagte er, »um mich oben zu halten und mich in diese plötzliche Trennung zu schicken. Der Tod ist doch etwas so Seltsames, daß man ihn, unerachtet aller Erfahrung, bei einem uns teuren Gegenstande nicht für möglich hält und er immer als etwas Unglaubliches und Unerwartetes eintritt. Er ist gewissermaßen eine Unmöglichkeit, die plötzlich zur Wirklichkeit wird. Und dieser Übergang aus einer uns bekannten Existenz in eine andere, von der wir auch gar nichts wissen, ist etwas so Gewaltsames, daß es für die Zurückbleibenden nicht ohne die tiefste Erschütterung abgeht.« Freitag, den 5. März 1830* Eine nahe Verwandte der Jugendgeliebten Goethes, Fräulein von Türkheim, war einige Zeit in Weimar. Ich drückte heute gegen Goethe mein Bedauern über ihre Abreise aus. »Sie ist so jung«, sagte ich, »und zeigt eine so erhabene Gesinnung und einen so reifen Geist, wie man ihn bei solchem Alter selten findet. Ihr Erscheinen hat überhaupt in Weimar großen Eindruck gemacht. Wäre sie länger geblieben, sie hätte für manchen gefährlich werden können.« »Wie sehr tut es mir leid,« erwiderte Goethe, »daß ich sie nicht öfter gesehen und daß ich anfänglich immer verschoben habe sie einzuladen, um mich ungestört mit ihr zu unterhalten und die geliebten Züge ihrer Verwandten in ihr wieder aufzusuchen. Der vierte Band von ›Wahrheit und Dichtung‹,« fuhr er fort, »wo Sie die jugendliche Glücks- und Leidensgeschichte meiner Liebe zu Lili erzählt finden werden, ist seit einiger Zeit vollendet. Ich hätte ihn längst früher geschrieben und herausgegeben, wenn mich nicht gewisse zarte Rücksichten gehindert hätten, und zwar nicht Rücksichten gegen mich selber, sondern gegen die damals noch lebende Geliebte. Ich wäre stolz gewesen, es der ganzen Welt zu sagen, wie sehr ich sie geliebt; und ich glaube, sie wäre nicht errötet zu gestehen, daß meine Neigung erwidert wurde. Aber hatte ich das Recht, es öffentlich zu sagen ohne ihre Zustimmung? Ich hatte immer die Absicht, sie darum zu bitten; doch zögerte ich damit hin, bis es denn endlich nicht mehr nötig war. Indem Sie«, fuhr Goethe fort, »mit solchem Anteil über das liebenswürdige junge Mädchen reden, das uns jetzt verläßt, erwecken Sie in mir alle meine alten Erinnerungen. Ich sehe die reizende Lili wieder in aller Lebendigkeit vor mir, und es ist mir, als fühlte ich wieder den Hauch ihrer beglückenden Nähe. Sie war in der Tat die erste, die ich tief und wahrhaft liebte. Auch kann ich sagen, daß sie die letzte gewesen; denn alle kleinen Neigungen, die mich in der Folge meines Lebens berührten, waren, mit jener verglichen, nur leicht und oberflächlich. Ich bin«, fuhr Goethe fort, »meinem eigentlichen Glücke nie so nahe gewesen, als in der Zeit jener Liebe zu Lili. Die Hindernisse, die uns auseinander hielten, waren im Grunde nicht unübersteiglich, – und doch ging sie mir verloren. Meine Neigung zu ihr hatte etwas so Delikates und etwas so Eigentümliches, daß es jetzt in Darstellung jener schmerzlich-glücklichen Epoche auf meinen Stil Einfluß gehabt hat. Wenn Sie künftig den vierten Band von ›Wahrheit und Dichtung‹ lesen, so werden Sie finden, daß jene Liebe etwas ganz anderes ist, als eine Liebe in Romanen.« »Dasselbige«, erwiderte ich, »könnte man auch von Ihrer Liebe zu Gretchen und Friederike sagen. Die Darstellung von beiden ist gleichfalls so neu und originell, wie die Romanschreiber dergleichen nicht erfinden und ausdenken. Es scheint dieses von der großen Wahrhaftigkeit des Erzählers herzurühren, der das Erlebte nicht zu bemänteln gesucht, um es zu größerem Vorteil erscheinen zu lassen, und der jede empfindsam Phrase vermieden, wo schon die einfache Darlegung der Ereignisse genügte. Auch ist die Liebe selbst«, fügte ich hinzu, »sich niemals gleich; sie ist stets original und modifiziert sich stets nach dem Charakter und der Persönlichkeit derjenigen, die wir lieben.« »Sie haben vollkommen recht,« erwiderte Goethe; »denn nicht bloß wir sind die Liebe, sondern es ist auch das uns anreizende liebe Objekt. Und dann, was nicht zu vergessen, kommt als ein mächtiges Drittes noch das Dämonische hinzu, das jede Leidenschaft zu begleiten pflegt und das in der Liebe sein eigentliches Element findet. In meinem Verhältnis zu Lili war es besonders wirksam; es gab meinem ganzen Leben eine andere Richtung, und ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß meine Herkunft nach Weimar und mein jetziges Hiersein davon eine unmittelbare Folge war.« Sonnabend, den 6. [Freitag, den 5.] März 1830* Goethe liest seit einiger Zeit die ›Memoiren‹ von Saint-Simon. »Mit dem Tode von Ludwig dem Vierzehnten«, sagte er mir vor einigen Tagen, »habe ich jetzt Halt gemacht. Bis dahin hat mich das Dutzend Bände im hohen Grade interessiert, und zwar durch den Kontrast der Willensrichtungen des Herrn und der aristokratischen Tugend des Dieners. Aber von dem Augenblick an, wo jener Monarch abgeht und eine andere Personnage auftritt, die zu schlecht ist, als daß Saint-Simon sich zu seinem Vorteil neben ihr ausnehmen könnte, machte die Lektüre mir keine Freude mehr; der Widerwille trat ein, und ich verließ das Buch da, wo mich der ›Tyrann‹ verließ.« Auch den ›Globe‹ und ›Temps‹, den Goethe seit mehreren Monaten mit dem größten Eifer las, hat er seit etwa vierzehn Tagen zu lesen aufgehört. So wie die Nummern bei ihm unter Kreuzband ankommen, legt er sie uneröffnet beiseite. Indes bittet er seine Freunde, ihm zu erzählen, was in der Welt vorgeht. Er ist seit einiger Zeit sehr produktiv und ganz vertieft im zweiten Teile seines ›Faust‹. Besonders ist es die ›Klassische Walpurgisnacht‹, die ihn seit einigen Wochen ganz hinnimmt und die dadurch auch rasch und bedeutend heranwächst. In solchen durchaus produktiven Epochen liebt Goethe die Lektüre überhaupt nicht, es wäre denn, daß sie als etwas Leichtes und Heiteres ihm als ein wohltätiges Ausruhen diente, oder auch, daß sie mit dem Gegenstande, den er eben unter Händen hat, in Harmonie stände und dazu behilflich wäre. Er meidet sie dagegen ganz entschieden, wenn sie so bedeutend und aufregend wirkte, daß sie seine ruhige Produktion stören und sein tätiges Interesse zersplittern und ablenken könnte. Das letztere scheint jetzt mit dem ›Globe‹ und ›Temps‹ der Fall zu sein. »Ich sehe,« sagte er, »es bereiten sich in Paris bedeutende Dinge vor; wir sind am Vorabend einer großen Explosion. Da ich aber darauf keinen Einfluß habe, so will ich es ruhig abwarten, ohne mich von dem spannenden Gang des Dramas unnützerweise täglich aufregen zu lassen. Ich lese jetzt so wenig den ›Globe‹ als den ›Temps‹, und meine ›Walpurgisnacht‹ rückt dabei gar nicht schlecht vorwärts.« Er sprach darauf über den Zustand der neuesten französischen Literatur, die ihn sehr interessiert. »Was die Franzosen«, sagte er, »bei ihrer jetzigen literarischen Richtung für etwas Neues halten, ist im Grunde weiter nichts als der Widerschein desjenigen, was die deutsche Literatur seit funfzig Jahren gewollt und geworden. Der Keim der historischen Stücke, die bei ihnen jetzt etwas Neues sind, findet sich schon seit einem halben Jahrhundert in meinem ›Götz‹. Übrigens«, fügte er hinzu, »haben die deutschen Schriftsteller niemals daran gedacht und nie in der Absicht geschrieben, auf die Franzosen einen Einfluß ausüben zu wollen. Ich selbst habe immer nur mein Deutschland vor Augen gehabt, und es ist erst seit gestern oder ehegestern, daß es mir einfällt, meine Blicke westwärts zu wenden, um auch zu sehen, wie unsere Nachbarn jenseits des Rheines von mir denken. Aber auch jetzt haben sie auf meine Produktionen keinen Einfluß. Selbst Wieland, der die französischen Formen und Darstellungsweisen nachgeahmt, ist im Grunde durchaus immer deutsch geblieben und würde sich in einer Übertragung schlecht ausnehmen.« Sonntag, den 14. [Mittwoch, den 10.] März 1830 Abends bei Goethe. Er zeigte mir alle jetzt geordneten Schätze der Kiste von David, mit deren Auspackung ich ihn vor einigen Tagen beschäftigt fand. Die Gipsmedaillons mit den Profilen der vorzüglichsten jungen Dichter Frankreichs hatte er in großer Ordnung auf Tischen nebeneinander gelegt. Er sprach dabei abermals über das außerordentliche Talent Davids, das ebenso groß sei in der Auffassung als in der Ausführung. Auch zeigte er mir eine Menge der neuesten Werke, die ihm durch die Vermittelung Davids von den ausgezeichnetsten Talenten der romantischen Schule als Autorgeschenke verehrt worden. Ich sah Werke von Sainte-Beuve, Ballanche, Victor Hugo, Balzac, Alfred de Vigny, Jules Janin und anderen. »David«, sagte er, »hat mir durch diese Sendung schöne Tage bereitet. Die jungen Dichter beschäftigen mich nun schon die ganze Woche und gewähren mir durch die frischen Eindrücke, die ich von ihnen empfange, ein neues Leben. Ich werde über die mir sehr lieben Porträts und Bücher einen eigenen Katalog machen und beiden in meiner Kunstsammlung und Bibliothek einen besonderen Platz geben.« Man sah es Goethen an, daß diese Huldigung der jungen Dichter Frankreichs ihn innerlichst beglückte. Er las darauf einiges in den ›Studien‹ von Emile Deschamps. Die Übersetzung der ›Braut von Korinth‹ lobte er als treu und sehr gelungen. »Ich besitze«, sagte er, »das Manuskript einer italienischen Übersetzung dieses Gedichts, welches das Original bis zum Rhythmus wiedergibt.« Die ›Braut von Korinth‹ gab Goethen Anlaß, auch von seinen übrigen Balladen zu reden. »Ich verdanke sie größtenteils Schillern,« sagte er, »der mich dazu trieb, weil er immer etwas Neues für seine ›Horen‹ brauchte. Ich hatte sie alle schon seit vielen Jahren im Kopf, sie beschäftigten meinen Geist als anmutige Bilder, als schöne Träume, die kamen und gingen, und womit die Phantasie mich spielend beglückte. Ich entschloß mich ungern dazu, diesen mir seit so lange befreundeten glänzenden Erscheinungen ein Lebewohl zu sagen, indem ich ihnen durch das ungenügende dürftige Wort einen Körper verlieh. Als sie auf dem Papiere standen, betrachtete ich sie mit einem Gemisch von Wehmut; es war mir, als sollte ich mich auf immer von einem geliebten Freunde trennen. Zu anderen Zeiten«, fuhr Goethe fort, »ging es mir mit meinen Gedichten gänzlich anders. Ich hatte davon vorher durchaus keine Eindrücke und keine Ahnung, sondern sie kamen plötzlich über mich und wollten augenblicklich gemacht sein, so daß ich sie auf der Stelle instinktmäßig und traumartig niederzuschreiben mich getrieben fühlte. In solchem nachtwandlerischen Zustande geschah es oft, daß ich einen ganz schief liegenden Papierbogen vor mir hatte und daß ich dieses erst bemerkte, wenn alles geschrieben war, oder wenn ich zum Weiterschreiben keinen Platz fand. Ich habe mehrere solcher in der Diagonale geschriebene Blätter besessen; sie sind mir jedoch nach und nach abhanden gekommen, so daß es mir leid tut, keine Proben solcher poetischen Vertiefung mehr vorzeigen zu können.« Das Gespräch lenkte sich sodann auf die französische Literatur zurück, und zwar auf die allerneueste ultraromantische Richtung einiger nicht unbedeutender Talente. Goethe war der Meinung, daß diese im Werden begriffene poetische Revolution der Literatur selber im hohen Grade günstig, den einzelnen Schriftstellern aber, die sie bewirken, nachteilig sei. »Bei keiner Revolution«, sagte er, »sind die Extreme zu vermeiden. Bei der politischen will man anfänglich gewöhnlich nichts weiter als die Abstellung von allerlei Mißbräuchen, aber ehe man es sich versieht, steckt man tief in Blutvergießen und Greueln. So wollten auch die Franzosen bei ihrer jetzigen literarischen Umwälzung anfänglich nichts weiter als eine freiere Form, aber dabei bleiben sie jetzt nicht stehen, sondern sie verwerfen neben der Form auch den bisherigen Inhalt. Die Darstellung edler Gesinnungen und Taten fängt man an für langweilig zu erklären, und man versucht sich in Behandlung von allerlei Verruchtheiten. An die Stelle des schönen Inhalts griechischer Mythologie treten Teufel, Hexen und Vampire, und die erhabenen Helden der Vorzeit müssen Gaunern und Galeerensklaven Platz machen. Dergleichen ist pikant! Das wirkt! – Nachdem aber das Publikum diese stark gepfefferte Speise einmal gekostet und sich daran gewöhnt hat, wird es nur immer nach Mehrerem und Stärkerem begierig. Ein junges Talent, das wirken und anerkannt sein will, und nicht groß genug ist, auf eigenem Wege zu gehen, muß sich dem Geschmack des Tages bequemen, ja es muß seine Vorgänger im Schreck- und Schauerlichen noch zu überbieten suchen. In diesem Jagen nach äußeren Effektmitteln aber wird jedes tiefere Studium und jedes stufenweise gründliche Entwickeln des Talentes und Menschen von innen heraus ganz außer acht gelassen. Das ist aber der größte Schaden, der dem Talent begegnen kann, wiewohl die Literatur im allgemeinen bei dieser augenblicklichen Richtung gewinnen wird.« »Wie kann aber«, versetzte ich, »ein Bestreben, das die einzelnen Talente zugrunde richtet, der Literatur im allgemeinen günstig sein?« »Die Extreme und Auswüchse, die ich bezeichnet habe,« erwiderte Goethe, »werden nach und nach verschwinden, aber zuletzt wird der sehr große Vorteil bleiben, daß man neben einer freieren Form auch einen reicheren verschiedenartigeren Inhalt wird erreicht haben und man keinen Gegenstand der breitesten Welt und des mannigfaltigsten Lebens als unpoetisch mehr wird ausschließen. Ich vergleiche die jetzige literarische Epoche dem Zustande eines heftigen Fiebers, das zwar an sich nicht gut und wünschenswert ist, aber eine bessere Gesundheit als heitere Folge hat. Dasjenige wirklich Verruchte, was jetzt oft den ganzen Inhalt eines poetischen Werkes ausmacht, wird künftig nur als wohltätiges Ingrediens eintreten; ja man wird das augenblicklich verbannte durchaus Reine und Edle bald mit desto größerem Verlangen wieder hervorsuchen.« »Es ist mir auffallend,« bemerkte ich, »daß auch Mérimée, der doch zu Ihren Lieblingen gehört, durch die abscheulichen Gegenstände seiner ›Guzla‹ gleichfalls jene ultraromantische Bahn betreten hat.« »Mérimée«, erwiderte Goethe, »hat diese Dinge ganz anders traktiert als seine Mitgesellen. Es fehlt freilich diesen Gedichten nicht an allerlei schauerlichen Motiven von Kirchhöfen, nächtlichen Kreuzwegen, Gespenstern und Vampiren; allein alle diese Widerwärtigkeiten berühren nicht das Innere des Dichters, er behandelt sie vielmehr aus einer gewissen objektiven Ferne und gleichsam mit Ironie. Er geht dabei ganz zu Werke wie ein Künstler, dem es Spaß macht, auch einmal so etwas zu versuchen. Er hat sein eigenes Innere, wie gesagt, dabei gänzlich verleugnet, ja er hat dabei sogar den Franzosen verleugnet, und zwar so sehr, daß man diese Gedichte der ›Guzla‹ anfänglich für wirklich illyrische Volksgedichte gehalten und also nur wenig gefehlt hat, daß ihm die beabsichtigte Mystifikation gelungen wäre. Mérimée«, fuhr Goethe fort, »ist freilich ein ganzer Kerl; wie denn überhaupt zum objektiven Behandeln eines Gegenstandes mehr Kraft und Genie gehört, als man denkt. So hat auch Byron trotz seiner stark vorwaltenden Persönlichkeit zuweilen die Kraft gehabt, sich gänzlich zu verleugnen, wie dieses an einigen seiner dramatischen Sachen und besonders an seinem ›Marino Faliero‹ zu sehen. Bei diesem Stück vergißt man ganz, daß Byron, ja daß ein Engländer es geschrieben. Wir leben darin ganz und gar zu Venedig und ganz und gar in der Zeit, in der die Handlung vorgeht. Die Personen reden ganz aus sich selber und aus ihrem eigenen Zustande heraus, ohne etwas von subjektiven Gefühlen, Gedanken und Meinungen des Dichters an sich zu haben. Das ist die rechte Art. – Von unsern jungen französischen Romantikern der übertriebenen Sorte ist das freilich nicht zu rühmen. Was ich auch von ihnen gelesen: Gedichte, Romane, dramatische Arbeiten, es trug alles die persönliche Farbe des Autors, und es machte mich nie vergessen, daß ein Pariser, daß ein Franzose es geschrieben; ja selbst bei behandelten ausländischen Stoffen blieb man doch immer in Frankreich und Paris, durchaus befangen in allen Wünschen, Bedürfnissen, Konflikten und Gärungen des augenblicklichen Tages.« »Auch Béranger«, warf ich versuchend ein, »hat nur Zustände der großen Hauptstadt und nur sein eigenes Innere ausgesprochen.« »Das ist auch ein Mensch danach,« erwiderte Goethe, »dessen Darstellung und dessen Inneres etwas wert ist. Bei ihm findet sich der Gehalt einer bedeutenden Persönlichkeit. Béranger ist eine durchaus glücklich begabte Natur, fest in sich selber begründet, rein aus sich selber entwickelt und durchaus mit sich selber in Harmonie. Er hat nie gefragt: was ist an der Zeit? was wirkt? was gefällt? und was machen die anderen? damit er es ihnen nachmache. Er hat immer nur aus dem Kern seiner eigenen Natur heraus gewirkt, ohne sich zu bekümmern, was das Publikum oder was diese oder jene Partei erwarte. Er hat freilich in verschiedenen bedenklichen Epochen nach den Stimmungen, Wünschen und Bedürfnissen des Volkes hingehorcht; allein das hat ihn nur in sich selber befestigt, indem es ihm sagte, daß sein eigenes Innere mit dem des Volkes in Harmonie stand, aber es hat ihn nie verleitet, etwas anderes auszusprechen, als was bereits in seinem eigenen Herzen lebte. Sie wissen, ich bin im ganzen kein Freund von sogenannten politischen Gedichten; allein solche, wie Béranger sie gemacht hat, lasse ich mir gefallen. Es ist bei ihm nichts aus der Luft gegriffen, nichts von bloß imaginierten oder imaginären Interessen, er schießt nie ins Blaue hinein, vielmehr hat er stets die entschiedensten, und zwar immer bedeutende Gegenstände. Seine liebende Bewunderung Napoleons und das Zurückdenken an die großen Waffentaten, die unter ihm geschehen, und zwar zu einer Zeit, wo diese Erinnerung den etwas gedrückten Franzosen ein Trost war; dann sein Haß gegen die Herrschaft der Pfaffen und gegen die Verfinsterung, die mit den Jesuiten wieder einzubrechen droht: das sind denn doch Dinge, denen man wohl seine völlige Zustimmung nicht versagen kann. – Und wie meisterhaft ist bei ihm die jedesmalige Behandlung! Wie wälzt und rundet er den Gegenstand in seinem Innern, ehe er ihn ausspricht! Und dann, wenn alles reif ist, welcher Witz, Geist, Ironie und Persiflage, und welche Herzlichkeit, Naivität und Grazie werden nicht von ihm bei jedem Schritt entfaltet! Seine Lieder haben jahraus jahrein Millionen froher Menschen gemacht; sie sind durchaus mundrecht auch für die arbeitende Klasse, während sie sich über das Niveau des Gewöhnlichen so sehr erheben, daß das Volk im Umgange mit diesen anmutigen Geistern gewöhnt und genötiget wird, selbst edler und besser zu denken. Was wollen Sie mehr? Und was läßt sich überhaupt Besseres von einem Poeten rühmen?« »Er ist vortrefflich, ohne Frage«, erwiderte ich. »Sie wissen selbst, wie sehr ich ihn seit Jahren liebe; auch können Sie denken, wie wohl es mir tut, Sie so über ihn reden zu hören. Soll ich aber sagen, welche von seinen Liedern ich vorziehe, so gefallen mir denn doch seine Liebesgedichte besser als seine politischen, bei denen mir ohnehin die speziellen Bezüge und Anspielungen nicht immer deutlich sind.« »Das ist Ihre Sache,« erwiderte Goethe; »auch sind die politischen gar nicht für Sie geschrieben; fragen Sie aber die Franzosen, und sie werden Ihnen sagen, was daran Gutes ist. Ein politisches Gedicht ist überhaupt im glücklichsten Falle immer nur als Organ einer einzelnen Nation, und in den meisten Fällen nur als Organ einer gewissen Partei zu betrachten; aber von dieser Nation und dieser Partei wird es auch, wenn es gut ist, mit Enthusiasmus ergriffen werden. Auch ist ein politisches Gedicht immer nur als Produkt eines gewissen Zeitzustandes anzusehen, der aber freilich vorübergeht und dem Gedicht für die Folge denjenigen Wert nimmt, den es vom Gegenstande hat. – Béranger hatte übrigens gut machen! Paris ist Frankreich, alle bedeutenden Interessen seines großen Vaterlandes konzentrieren sich in der Hauptstadt und haben dort ihr eigentliches Leben und ihren eigentlichen Widerhall. Auch ist er in den meisten seiner politischen Lieder keineswegs als bloßes Organ einer einzelnen Partei zu betrachten, vielmehr sind die Dinge, denen er entgegenwirkt, größtenteils von so allgemein nationalem Interesse, daß der Dichter fast immer als große Volksstimme vernommen wird. Bei uns in Deutschland ist dergleichen nicht möglich. Wir haben keine Stadt, ja wir haben nicht einmal ein Land, von dem wir entschieden sagen könnten: hier ist Deutschland . Fragen wir in Wien, so heißt es: hier ist Östreich! und fragen wir in Berlin, so heißt es: hier ist Preußen! – Bloß vor sechzehn Jahren, als wir endlich die Franzosen los sein wollten, war Deutschland überall; hier hätte ein politischer Dichter allgemein wirken können. Allein es bedurfte seiner nicht. Die allgemeine Not und das allgemeine Gefühl der Schmach hatte die Nation als etwas Dämonisches ergriffen; das begeisternde Feuer, das der Dichter hätte entzünden können, brannte bereits überall von selber. Doch will ich nicht leugnen, daß Arndt, Körner und Rückert einiges gewirkt haben.« »Man hat Ihnen vorgeworfen,« bemerkte ich etwas unvorsichtig, »daß Sie in jener großen Zeit nicht auch die Waffen ergriffen oder wenigstens nicht als Dichter eingewirkt haben.« »Lassen wir das, mein Guter!« erwiderte Goethe. »Es ist eine absurde Welt, die nicht weiß, was sie will, und die man muß reden und gewähren lassen. – Wie hätte ich die Waffen ergreifen können ohne Haß! Und wie hätte ich hassen können ohne Jugend! Hätte jenes Ereignis mich als einen Zwanzigjährigen getroffen, so wäre ich sicher nicht der letzte geblieben; allein es fand mich als einen, der bereits über die ersten Sechzig hinaus war. Auch können wir dem Vaterlande nicht alle auf gleiche Weise dienen, sondern jeder tut sein Bestes, je nachdem Gott es ihm gegeben. Ich habe es mir ein halbes Jahrhundert lang sauer genug werden lassen. Ich kann sagen, ich habe in den Dingen, die die Natur mir zum Tagewerk bestimmt, mir Tag und Nacht keine Ruhe gelassen und mir keine Erholung gegönnt, sondern immer gestrebt und geforscht und getan, so gut und so viel ich konnte. Wenn jeder von sich dasselbe sagen kann, so wird es um alle gut stehen.« »Im Grunde«, versetzte ich begütigend, »sollte Sie jener Vorwurf nicht verdrießen, vielmehr könnten Sie sich darauf etwas einbilden. Denn was will das anders sagen, als daß die Meinung der Welt von Ihnen so groß ist, daß sie verlangen, daß derjenige, der für die Kultur seiner Nation mehr getan als irgendein anderer, nun endlich alles hätte tun sollen.« »Ich mag nicht sagen, wie ich denke«, erwiderte Goethe. »Es versteckt sich hinter jedem Gerede mehr böser Wille gegen mich, als Sie wissen. Ich fühle darin eine neue Form des alten Hasses, mit dem man mich seit Jahren verfolgt und mir im stillen beizukommen sucht. Ich weiß recht gut, ich bin vielen ein Dorn im Auge, sie wären mich alle sehr gerne los; und da man nun an meinem Talent nicht rühren kann, so will man an meinen Charakter. Bald soll ich stolz sein, bald egoistisch, bald voller Neid gegen junge Talente, bald in Sinnenlust versunken, bald ohne Christentum, und nun endlich gar ohne Liebe zu meinem Vaterlande und meinen lieben Deutschen. – Sie kennen mich nun seit Jahren hinlänglich und fühlen, was an all dem Gerede ist. Wollen Sie aber wissen, was ich gelitten habe, so lesen Sie meine ›Xenien‹, und es wird Ihnen aus meinen Gegenwirkungen klar werden, womit man mir abwechselnd das Leben zu verbittern gesucht hat. Ein deutscher Schriftsteller, ein deutscher Märtyrer! – Ja, mein Guter, Sie werden es nicht anders finden. Und ich selbst kann mich noch kaum beklagen; es ist allen andern nicht besser gegangen, den meisten sogar schlechter, und in England und Frankreich ganz wie bei uns. Was hat nicht Molière zu leiden gehabt, und was nicht Rousseau und Voltaire! Byron ward durch die bösen Zungen aus England getrieben und würde zuletzt ans Ende der Welt geflohen sein, wenn ein früher Tod ihn nicht den Philistern und ihrem Haß enthoben hätte. Und wenn noch die bornierte Masse höhere Menschen verfolgte! Nein, ein Begabter und ein Talent verfolgt das andere. Platen ärgert Heine, und Heine Platen, und jeder sucht den andern schlecht und verhaßt zu machen, da doch zu einem friedlichen Hinleben und Hinwirken die Welt groß und weit genug ist, und jeder schon an seinem eigenen Talent einen Feind hat, der ihm hinlänglich zu schaffen macht. Kriegslieder schreiben und im Zimmer sitzen! – Das wäre meine Art gewesen! – Aus dem Biwak heraus, wo man nachts die Pferde der feindlichen Vorposten wiehern hört: da hätte ich es mir gefallen lassen! Aber das war nicht mein Leben und nicht meine Sache, sondern die von Theodor Körner. Ihm kleiden seine Kriegslieder auch ganz vollkommen. Bei mir aber, der ich keine kriegerische Natur bin und keinen kriegerischen Sinn habe, würden Kriegslieder eine Maske gewesen sein, die mir sehr schlecht zu Gesicht gestanden hätte. Ich habe in meiner Poesie nie affektiert. – Was ich nicht lebte und was mir nicht auf die Nägel brannte und zu schaffen machte, habe ich auch nicht gedichtet und ausgesprochen. Liebesgedichte habe ich nur gemacht, wenn ich liebte. Wie hätte ich nun Lieder des Hasses schreiben können ohne Haß! – Und, unter uns, ich haßte die Franzosen nicht, wiewohl ich Gott dankte, als wir sie los waren. Wie hätte auch ich, dem nur Kultur und Barbarei Dinge von Bedeutung sind, eine Nation hassen können, die zu den kultiviertesten der Erde gehört und der ich einen so großen Teil meiner eigenen Bildung verdankte! »Überhaupt«, fuhr Goethe fort, »ist es mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. – Auf den untersten Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht, und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet. Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß, und ich hatte mich daran lange befestigt, ehe ich mein sechzigstes Jahr erreicht hatte.« Montag, den 15. März 1830 Abends ein Stündchen bei Goethe. Er sprach viel über Jena und die Einrichtungen und Verbesserungen, die er in den verschiedenen Branchen der Universität zustande gebracht. Für Chemie, Botanik und Mineralogie, die früher nur insoweit sie zur Pharmazie gehörig behandelt worden, habe er besondere Lehrstühle eingeführt. Vor allem sei für das Naturwissenschaftliche Museum und die Bibliothek von ihm manches Gute bewirkt worden. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir mit vielem Selbstbehagen und guter Laune die Geschichte seiner gewaltsamen Besitzergreifung eines an die Bibliothek grenzenden Saales, den die medizinische Fakultät inne gehabt, aber nicht habe hergeben wollen. »Die Bibliothek«, sagte er, »befand sich in einem sehr schlechten Zustande. Das Lokal war feucht und enge und bei weitem nicht geeignet, seine Schätze gehörigerweise zu fassen, besonders seit durch den Ankauf der Büttnerschen Bibliothek von seiten des Großherzogs abermals 13 000 Bände hinzugekommen waren, die in großen Haufen am Boden umherlagen, weil es, wie gesagt, an Raum fehlte, sie gehörig zu placieren. Ich war wirklich dieserhalb in einiger Not. Man hätte zu einem neuen Anbau schreiten müssen, allein dazu fehlten die Mittel; auch konnte ein neuer Anbau noch recht gut vermieden werden, indem unmittelbar an die Räume der Bibliothek ein großer Saal grenzte, der leer stand und ganz geeignet war, allen unseren Bedürfnissen auf das herrlichste abzuhelfen. Allein dieser Saal war nicht im Besitz der Bibliothek, sondern im Gebrauch der Fakultät der Mediziner, die ihn mitunter zu ihren Konferenzen benutzten. Ich wendete mich also an diese Herren mit der sehr höflichen Bitte, mir diesen Saal für die Bibliothek abzutreten. Dazu aber wollten die Herren sich nicht verstehen. Allenfalls seien sie geneigt nachzugeben, wenn ich ihnen für den Zweck ihrer Konferenzen einen neuen Saal wolle bauen lassen, und zwar sogleich. Ich erwiderte ihnen, daß ich sehr bereit sei, ein anderes Lokal für sie herrichten zu lassen, daß ich aber einen sofortigen Neubau nicht versprechen könne. Diese meine Antwort schien aber den Herren nicht genügt zu haben; denn als ich am andern Morgen hinschickte, um mir den Schlüssel ausbitten zu lassen, hieß es: er sei nicht zu finden. Da blieb nun weiter nichts zu tun, als eroberungsweise einzuschreiten. Ich ließ also einen Maurer kommen und führte ihn in die Bibliothek vor die Wand des angrenzenden gedachten Saales. ›Diese Mauer, mein Freund,‹ sagte ich, ›muß sehr dick sein, denn sie trennet zwei verschiedene Wohnungspartien. Versuchet doch einmal und prüfet, wie stark sie ist.‹ Der Maurer schritt zu Werke; und kaum hatte er fünf bis sechs herzhafte Schläge getan, als Kalk und Backsteine fielen und man durch die entstandene Öffnung schon einige ehrwürdige Porträts alter Perücken herdurchschimmern sah, womit man den Saal dekoriert hatte. ›Fahret nur fort, mein Freund,‹ sagte ich, ›ich sehe noch nicht helle genug. Geniert Euch nicht und tut ganz, als ob Ihr zu Hause wäret.‹ Diese freundliche Ermunterung wirkte auf den Maurer so belebend, daß die Öffnung bald groß genug ward, um vollkommen als Tür zu gelten, worauf denn meine Bibliotheksleute in den Saal drangen, jeder mit einem Arm voll Bücher, die sie als Zeichen der Besitzergreifung auf den Boden warfen. Bänke, Stühle und Pulte verschwanden in einem Augenblick, und meine Getreuen hielten sich so rasch und tätig dazu, daß schon in wenigen Tagen sämtliche Bücher in ihren Reposituren in schönster Ordnung an den Wänden umherstanden. Die Herren Mediziner, die bald darauf durch ihre gewohnte Tür in corpore in den Saal traten, waren ganz verblüfft, eine so große und unerwartete Verwandlung zu finden. Sie wußten nicht, was sie sagen sollten, und zogen sich stille wieder zurück; aber sie bewahrten mir alle einen heimlichen Groll. Doch wenn ich sie einzeln sehe, und besonders wenn ich einen oder den andern von ihnen bei mir zu Tisch habe, so sind sie ganz scharmant und meine sehr lieben Freunde. Als ich dem Großherzog den Verlauf dieses Abenteuers erzählte, das freilich mit seinem Einverständnis und seiner völligen Zustimmung eingeleitet war, amüsierte es ihn königlich, und wir haben später recht oft darüber gelacht.« Goethe war in sehr guter Laune und glücklich in diesen Erinnerungen. »Ja, mein Freund,« fuhr er fort, »man hat seine Not gehabt, um gute Dinge durchzusetzen. Später, als ich wegen großer Feuchtigkeit der Bibliothek einen schädlichen Teil der ganz nutzlosen alten Stadtmauer wollte abreißen und hinwegräumen lassen, ging es mir nicht besser. Meine Bitten, guten Gründe und vernünftigen Vorstellungen fanden kein Gehör, und ich mußte auch hier endlich eroberungsweise zu Werke gehen. Als nun die Herren der Stadtverwaltung meine Arbeiter an ihrer alten Mauer im Werke sahen, schickten sie eine Deputation an den Großherzog, der sich damals in Dornburg aufhielt, mit der ganz untertänigen Bitte: daß es doch Seiner Hoheit gefallen möge, durch ein Machtwort mir in dem gewaltsamen Einreißen ihrer alten ehrwürdigen Stadtmauer Einhalt zu tun. Aber der Großherzog, der mich auch zu diesem Schritt heimlich autorisiert hatte, antwortete sehr weise: ›Ich mische mich nicht in Goethes Angelegenheiten. Er weiß schon, was er zu tun hat, und muß sehen, wie er zurechte kommt. Geht doch hin und sagt es ihm selbst, wenn ihr die Courage habt!‹ Es ließ sich aber niemand bei mir blicken,« fügte Goethe lachend hinzu »ich fuhr fort von der alten Mauer niederreißen zu lassen, was mir im Wege stand, und hatte die Freude, meine Bibliothek endlich trocken zu sehen.« Mittwoch, den 17. [Freitag, den 19.] März 1830* Abends ein paar Stündchen bei Goethe. Ich brachte ihm im Auftrag der Frau Großfürstin ›Gemma von Art‹ zurück und äußerte gegen ihn über dieses Stück alles Gute, was ich darüber in Gedanken hatte. »Ich freue mich immer,« erwiderte er, »wenn etwas hervorgebracht worden, das in der Erfindung neu ist und überhaupt den Stempel des Talentes trägt.« Darauf, indem er den Band zwischen beide Hände nahm und ihn ein wenig von der Seite ansah, fügte er hinzu: »Aber es will mir nie recht gefallen, wenn ich sehe, daß dramatische Schriftsteller Stücke machen, die durchaus zu lang sind, um so gegeben werden zu können, wie sie geschrieben. Diese Unvollkommenheit nimmt mir die Hälfte des Vergnügens, das ich sonst darüber empfinden würde. Sehen Sie nur, was ›Gemma von Art‹ für ein dicker Band ist.« »Schiller«, erwiderte ich, »hat es nicht viel besser gemacht, und doch ist er ein sehr großer dramatischer Schriftsteller.« »Auch er hat freilich darin gefehlt«, erwiderte Goethe. »Besonders seine ersten Stücke, die er in der ganzen Fülle der Jugend schrieb, wollen gar kein Ende nehmen. Er hatte zu viel auf dem Herzen und zu viel zu sagen, als daß er es hätte beherrschen können. Später, als er sich dieses Fehlers bewußt war, gab er sich unendliche Mühe und suchte ihn durch Studium und Arbeit zu überwinden, aber es hat ihm damit nie recht gelingen wollen. Seinen Gegenstand gehörig beherrschen und sich vom Leibe zu halten und sich nur auf das durchaus Notwendige zu konzentrieren, erfordert freilich die Kräfte eines poetischen Riesen und ist schwerer, als man denkt.« Hofrat Riemer ließ sich melden und trat herein. Ich schickte mich an zu gehen, weil ich wußte, daß es der Abend war, wo Goethe mit Riemer zu arbeiten pflegt. Allein Goethe bat mich zu bleiben, welches ich denn sehr gerne tat und wodurch ich Zeuge einer Unterhaltung wurde voll Übermut, Ironie und mephistophelischer Laune von seiten Goethes. »Da ist der Sömmering gestorben,« fing Goethe an, »kaum elende fünfundsiebzig Jahr alt. Was doch die Menschen für Lumpe sind, daß sie nicht die Courage haben, länger auszuhalten als das! Da lobe ich mir meinen Freund Bentham, diesen höchst radikalen Narren; er hält sich gut, und doch ist er noch einige Wochen älter als ich.« »Man könnte hinzufügen,« erwiderte ich, »daß er Ihnen noch in einem anderen Punkte gleicht, denn er arbeitet noch immer mit der ganzen Tätigkeit der Jugend.« »Das mag sein,« erwiderte Goethe »aber wir befinden uns an den beiden entgegengesetzten Enden der Kette: er will niederreißen, und ich möchte erhalten und aufbauen. In seinem Alter so radikal zu sein, ist der Gipfel aller Tollheit.« »Ich denke,« entgegnete ich, »man muß zwei Arten von Radikalismus unterscheiden. Der eine, um künftig aufzubauen, will vorher reine Bahn machen und alles niederreißen, während der andere sich begnügt, auf die schwachen Partien und Fehler einer Staatsverwaltung hinzudeuten, in Hoffnung das Gute zu erreichen ohne die Anwendung gewaltsamer Mittel. In England geboren, würden Sie dieser letzten Art sicher nicht entgangen sein.« »Wofür halten Sie mich?« erwiderte Goethe, der nun ganz die Miene und den Ton seines Mephisto annahm. »Ich hätte sollen Mißbräuchen nachspüren, und noch obendrein sie aufdecken und sie namhaft machen, ich, der ich in England von Mißbräuchen würde gelebt haben? – In England geboren, wäre ich ein reicher Herzog gewesen, oder vielmehr ein Bischof mit jährlichen 30 000 Pfund Sterling Einkünfte.« »Recht hübsch!« erwiderte ich; »aber wenn Sie zufällig nicht das große Los, sondern eine Niete gezogen hätten? Es gibt so unendlich viele Nieten.« »Nicht jeder, mein Allerbester,« erwiderte Goethe, »ist für das große Los gemacht. Glauben Sie denn, daß ich die Sottise begangen haben würde, auf eine Niete zu fallen? – Ich hätte vor allen Dingen die Partie der 39 Artikel ergriffen, ich hätte sie nach allen Seiten und Richtungen hin verfochten, besonders den Artikel 9, der für mich ein Gegenstand einer ganz besonderen Aufmerksamkeit und zärtlichen Hingebung gewesen sein würde. Ich hätte in Reimen und Prosa so lange und so viel geheuchelt und gelogen, daß meine 30 000 Pfund jährlich mir nicht hätten entgehen sollen. Und dann, einmal zu dieser Höhe gelangt, würde ich nichts unterlassen haben, mich oben zu erhalten. Besonders würde ich alles getan haben, die Nacht der Unwissenheit wo möglich noch finsterer zu machen. O wie hätte ich die gute einfältige Masse kajolieren wollen, und wie hätte ich die liebe Schuljugend wollen zurichten lassen, damit ja niemand hätte wahrnehmen, ja nicht einmal den Mut hätte haben sollen zu bemerken, daß mein glänzender Zustand auf der Basis der schändlichsten Mißbräuche fundiert sei!« »Bei Ihnen«, versetzte ich, »hätte man doch wenigstens den Trost gehabt zu denken, daß Sie durch ein vorzügliches Talent zu solcher Höhe gelangt; in England aber sind oft grade die Dümmsten und Unfähigsten im Genuß der höchsten irdischen Güter, die sie keineswegs dem eigenen Verdienst, sondern der Protektion, dem Zufall und vor allem der Geburt zu verdanken haben.« »Im Grunde«, erwiderte Goethe, »ist es gleichviel, ob einem die glänzenden Güter der Erde durch eigene Eroberung oder durch Erbschaft zugefallen. Die ersten Besitzergreifer waren doch auf jeden Fall Leute von Genie, welche die Unwissenheit und Schwäche der anderen sich zunutze machten. – Die Welt ist so voller Schwachköpfe und Narren, daß man nicht nötig hat, sie im Tollhause zu suchen. Hiebei fällt mir ein, daß der verstorbene Großherzog, der meinen Widerwillen gegen Tollhäuser kannte, mich durch List und Überraschung einst in ein solches einführen wollte. Ich roch aber den Braten noch zeitig genug und sagte ihm, daß ich keineswegs ein Bedürfnis verspüre, auch noch diejenigen Narren zu sehen, die man einsperre, vielmehr schon an denen vollkommen genug habe, die frei umhergehen. ›Ich bin sehr bereit,‹ sagte ich, ›Eurer Hoheit, wenn es sein muß, in die Hölle zu folgen, aber nur nicht in die Tollhäuser.‹ O welch ein Spaß würde es für mich sein, die 39 Artikel auf meine Weise zu traktieren und die einfältige Masse in Erstaunen zu setzen!« »Auch ohne Bischof zu sein,« sagte ich, »könnten Sie sich dieses Vergnügen machen.« »Nein,« erwiderte Goethe, »ich werde mich ruhig verhalten; man muß sehr gut bezahlt sein, um so zu lügen. Ohne Aussicht auf die Bischofsmütze und meine 30 000 Pfund jährlich könnte ich mich nicht dazu verstehen. Übrigens habe ich schon ein Pröbchen in diesem Genre abgelegt. Ich habe als sechzehnjähriger Knabe ein dithyrambisches Gedicht über die Höllenfahrt Christi geschrieben, das sogar gedruckt, aber nicht bekannt geworden, und das erst in diesen Tagen mir wieder in die Hände kommt. Das Gedicht ist voll orthodoxer Borniertheit und wird mir als herrlicher Paß in den Himmel dienen. Nicht wahr, Riemer, Sie kennen es?« »Nein, Exzellenz,« erwiderte Riemer, »ich kenne es nicht. Aber ich erinnere mich, daß Sie im ersten Jahre nach meiner Ankunft schwer krank waren und in Ihrem Phantasieren mir einmal die schönsten Verse über denselbigen Gegenstand rezitierten. Es waren dies ohne Zweifel Erinnerungen aus jenem Gedicht Ihrer frühen Jugend.« »Die Sache ist sehr wahrscheinlich«, sagte Goethe. »Es ist mir ein Fall bekannt, wo ein alter Mann geringen Standes, der in den letzten Zügen lag, ganz unerwartet die schönsten griechischen Sentenzen rezitierte. Man war vollkommen überzeugt, daß dieser Mann kein Wort Griechisch verstehe, und schrie daher Wunder über Wunder, ja die Klugen fingen schon an, aus dieser Leichtgläubigkeit der Toren Vorteil zu ziehen, als man unglücklicherweise entdeckte, daß jener Alte in seiner frühen Jugend war genötigt worden, allerlei griechische Sprüche auswendig zu lernen, und zwar in Gegenwart eines Knaben von hoher Familie, den man durch sein Beispiel anzuspornen trachtete. Er hatte jenes wirklich klassische Griechisch ganz maschinenmäßig gelernt, ohne es zu verstehen, und hatte seit funfzig Jahren nicht wieder daran gedacht, bis endlich in seiner letzten Krankheit jener Wortkram mit einem Mal wieder anfing, sich zu regen und lebendig zu werden.« Goethe kam darauf mit derselbigen Malice und Ironie nochmals auf die enorme Besoldung der englischen hohen Geistlichkeit zurück und erzählte sodann sein Abenteuer mit dem Lord Bristol, Bischof von Derby. »Lord Bristol«, sagte Goethe, »kam durch Jena, wünschte meine Bekanntschaft zu machen und veranlaßte mich, ihn eines Abends zu besuchen. Er gefiel sich darin, gelegentlich grob zu sein; wenn man ihm aber ebenso grob entgegentrat, so war er ganz traktabel. Er wollte mir im Lauf unseres Gesprächs eine Predigt über den ›Werther‹ halten und es mir ins Gewissen schieben, daß ich dadurch die Menschen zum Selbstmord verleitet habe. ›Der Werther‹, sagte er, ›ist ein ganz unmoralisches, verdammungswürdiges Buch.‹ – ›Halt!‹ rief ich. ›Wenn Ihr so über den armen ›Werther‹ redet, welchen Ton wollt Ihr denn gegen die Großen dieser Erde anstimmen, die durch einen einzigen Federzug hunderttausend Menschen ins Feld schicken, wovon achtzigtausend sich töten und sich gegenseitig zu Mord, Brand und Plünderung anreizen. Ihr danket Gott nach solchen Greueln und singet ein Tedeum darauf! Und ferner, wenn Ihr durch Eure Predigten über die Schrecken der Höllenstrafen die schwachen Seelen Eurer Gemeinden ängstiget, so daß sie darüber den Verstand verlieren und ihr armseliges Dasein zuletzt in einem Tollhause endigen! Oder wenn Ihr durch manche Eurer orthodoxen, vor der Vernunft unhaltbaren Lehrsätze in die Gemüter Eurer christlichen Zuhörer die verderbliche Saat des Zweifels säet, so daß diese halb starken, halb schwachen Seelen in einem Labyrinth sich verlieren, aus dem für sie kein Ausweg ist als der Tod! Was sagt Ihr da zu Euch selber, und welche Strafrede haltet Ihr Euch da? – Und nun wollt Ihr einen Schriftsteller zur Rechenschaft ziehen und ein Werk verdammen, das, durch einige beschränkte Geister falsch aufgefaßt, die Welt höchstens von einem Dutzend Dummköpfen und Taugenichtsen befreit hat, die gar nichts Besseres tun konnten, als den schwachen Rest ihres bißchen Lichtes vollends auszublasen! Ich dachte, ich hätte der Menschheit einen wirklichen Dienst geleistet und ihren Dank verdient, und nun kommt Ihr und wollt mir diese gute kleine Waffentat zum Verbrechen machen, während Ihr anderen, Ihr Priester und Fürsten, Euch so Großes und Starkes erlaubt!‹ Dieser Ausfall tat auf meinen Bischof eine herrliche Wirkung. Er ward so sanft wie ein Lamm und benahm sich von nun an gegen mich in unserer weiteren Unterhaltung mit der größten Höflichkeit und dem feinsten Takt. Ich verlebte darauf mit ihm einen sehr guten Abend. Denn Lord Bristol, so grob er sein konnte, war ein Mann von Geist und Welt, und durchaus fähig, in die verschiedenartigsten Gegenstände einzugehen. Bei meinem Abschied gab er mir das Geleit und ließ darauf durch seinen Abbé die Honneurs fortsetzen. Als ich mit diesem auf die Straße gelangt war, rief er mir zu: ›O Herr von Goethe, wie vortrefflich haben Sie gesprochen, und wie haben Sie dem Lord gefallen und das Geheimnis verstanden, den Weg zu seinem Herzen zu finden. Mit etwas weniger Derbheit und Entschiedenheit würden Sie von Ihrem Besuch sicher nicht so zufrieden nach Hause gehen, wie Sie es jetzt tun.‹« »Sie haben wegen Ihres ›Werther‹ allerlei zu ertragen gehabt«, bemerkte ich. »Ihr Abenteuer mit Lord Bristol erinnert mich an Ihre Unterredung mit Napoleon über diesen Gegenstand. War nicht auch Talleyrand dabei?« »Er war zugegen«, erwiderte Goethe. »Ich hatte mich jedoch über Napoleon nicht zu beklagen. Er war äußerst liebenswürdig gegen mich und traktierte den Gegenstand, wie es sich von einem so grandiosen Geiste erwarten ließ.« Vom ›Werther‹ lenkte sich das Gespräch auf Romane und Schauspiele im allgemeinen und ihre moralische oder unmoralische Wirkung auf das Publikum. »Es müßte schlimm zugehen,« sagte Goethe, »wenn ein Buch unmoralischer wirken sollte als das Leben selber, das täglich der skandalösen Szenen im Überfluß, wo nicht vor unseren Augen, doch vor unseren Ohren entwickelt. Selbst bei Kindern braucht man wegen der Wirkungen eines Buches oder Theaterstückes keineswegs so ängstlich zu sein. Das tägliche Leben ist, wie gesagt, lehrreicher als das wirksamste Buch.« »Aber doch«, bemerkte ich, »sucht man sich bei Kindern in acht zu nehmen, daß man in ihrer Gegenwart nicht Dinge spricht, welche zu hören wir für sie nicht gut halten.« »Das ist recht löblich,« erwiderte Goethe, »und ich tue es selbst nicht anders; allein ich halte diese Vorsicht durchaus für unnütz. Die Kinder haben, wie die Hunde, einen so scharfen und feinen Geruch, daß sie alles entdecken und auswittern, und das Schlimme vor allem anderen. Sie wissen auch immer ganz genau, wie dieser oder jener Hausfreund zu ihren Eltern steht, und da sie nun in der Regel noch keine Verstellung üben, so können sie uns als die trefflichsten Barometer dienen, um an ihnen den Grad unserer Gunst oder Ungunst bei den Ihrigen wahrzunehmen. Man hatte einst in der Gesellschaft schlecht von mir gesprochen, und zwar erschien die Sache für mich von solcher Bedeutung, daß mir sehr viel daran liegen mußte zu erfahren, woher der Schlag kam. Im allgemeinen war man hier überaus wohlwollend gegen mich gesinnt; ich dachte hin und her und konnte gar nicht herausbringen, von wem jenes gehässige Gerede könne ausgegangen sein. Mit einemmal bekomme ich Licht. Es begegneten mir nämlich eines Tages in der Straße einige kleine Knaben meiner Bekanntschaft, die mich nicht grüßten, wie sie sonst zu tun pflegten. Dies war mir genug, und ich entdeckte auf dieser Fährte sehr bald, daß es ihre lieben Eltern waren, die ihre Zungen auf meine Kosten auf eine so arge Weise in Bewegung gesetzt hatten.« Montag, den 29. März 1830* Abends einige Augenblicke bei Goethe. Er schien sehr ruhig und heiter und in der mildesten Stimmung. Ich fand ihn umgeben von seinem Enkel Wolf und Gräfin Karoline Egloffstein, seiner intimen Freundin. Wolf machte seinem lieben Großvater viel zu schaffen. Er kletterte auf ihm herum und saß bald auf der einen Schulter und bald auf der anderen. Goethe erduldete alles mit der größten Zärtlichkeit, so unbequem das Gewicht des zehnjährigen Knaben seinem Alter auch sein mochte. »Aber lieber Wolf,« sagte die Gräfin, »plage doch deinen guten Großvater nicht so entsetzlich! er muß ja von deiner Last ganz ermüdet werden.« – »Das hat gar nichts zu sagen,« erwiderte Wolf – »wir gehen bald zu Bette, und da wird der Großvater Zeit haben, sich von dieser Fatigue ganz vollkommen wieder auszuruhen.« – »Sie sehen,« nahm Goethe das Wort, »daß die Liebe immer ein wenig impertinenter Natur ist.« Das Gespräch wendete sich auf Campe und dessen Kinderschriften. »Ich bin mit Campen«, sagte Goethe, »nur zweimal in meinem Leben zusammengetroffen. Nach einem Zwischenraum von vierzig Jahren sah ich ihn zuletzt in Karlsbad. Ich fand ihn damals sehr alt, dürr, steif und abgemessen. Er hatte sein ganzes Leben lang nur für Kinder geschrieben; ich dagegen gar nichts für Kinder, ja nicht einmal für große Kinder von zwanzig Jahren. Auch konnte er mich nicht ausstehen. Ich war ihm ein Dorn im Auge, ein Stein des Anstoßes, und er tat alles, um mich zu vermeiden. Doch führte das Geschick mich eines Tages ganz unerwartet an seine Seite, so daß er nicht umhin konnte, einige Worte an mich zu wenden. ›Ich habe‹, sagte er, ›vor den Fähigkeiten Ihres Geistes allen Respekt! Sie haben in verschiedenen Fächern eine erstaunliche Höhe erreicht. Aber, sehen Sie, das sind alles Dinge, die mich nichts angehen und auf die ich gar nicht den Wert legen kann, den andere Leute darauf legen.‹ Diese etwas ungalante Freimütigkeit verdroß mich keineswegs, und ich sagte ihm dagegen allerlei Verbindliches. Auch halte ich in der Tat ein großes Stück auf Campe. Er hat den Kindern unglaubliche Dienste geleistet; er ist ihr Entzücken und sozusagen ihr Evangelium. Bloß wegen zwei oder drei ganz schrecklicher Geschichten, die er nicht bloß die Ungeschicklichkeit gehabt hat zu schreiben, sondern auch in seine Sammlung für Kinder mit aufzunehmen, möchte ich ihn ein wenig gezüchtiget sehen. Warum soll man die heitere, frische, unschuldige Phantasie der Kinder so ganz unnötigerweise mit den Eindrücken solcher Greuel belasten!« Montag, den 5. April 1830 Es ist bekannt, daß Goethe kein Freund von Brillen ist. »Es mag eine Wunderlichkeit von mir sein,« sagte er mir bei wiederholten Anlässen, »aber ich kann es einmal nicht überwinden. Sowie ein Fremder mit der Brille auf der Nase zu mir hereintritt, kommt sogleich eine Verstimmung über mich, der ich nicht Herr werden kann. Es geniert mich so sehr, daß es einen großen Teil meines Wohlwollens sogleich auf der Schwelle hinwegnimmt und meine Gedanken so verdirbt, daß an eine unbefangene natürliche Entwickelung meines eigenen Innern nicht mehr zu denken ist. Es macht mir immer den Eindruck des Desobligeanten, ungefähr so, als wollte ein Fremder mir bei der ersten Begrüßung sogleich eine Grobheit sagen. Ich empfinde dieses noch stärker, nachdem ich seit Jahren es habe drucken lassen, wie fatal mir die Brillen sind. Kommt nun ein Fremder mit der Brille, so denke ich gleich: er hat deine neuesten Gedichte nicht gelesen – und das ist schon ein wenig zu seinem Nachteil; oder er hat sie gelesen, er kennt deine Eigenheit und setzt sich darüber hinaus – und das ist noch schlimmer. Der einzige Mensch, bei dem die Brille mich nicht geniert, ist Zelter; bei allen anderen ist sie mir fatal. Es kommt mir immer vor, als sollte ich den Fremden zum Gegenstand genauer Untersuchung dienen, und als wollten sie durch ihre gewaffneten Blicke in mein geheimstes Innere dringen und jedes Fältchen meines alten Gesichtes erspähen. Während sie aber so meine Bekanntschaft zu machen suchen, stören sie alle billige Gleichheit zwischen uns, indem sie mich hindern, zu meiner Entschädigung auch die ihrige zu machen. Denn was habe ich von einem Menschen, dem ich bei seinen mündlichen Äußerungen nicht ins Auge sehen kann und dessen Seelenspiegel durch ein paar Gläser, die mich blenden, verschleiert ist!« »Es hat jemand bemerken wollen,« versetzte ich, »daß das Brillentragen die Menschen dünkelhaft mache, indem die Brille sie auf eine Stufe sinnlicher Vollkommenheit hebe, die weit über das Vermögen ihrer eigenen Natur erhaben, wodurch denn zuletzt sich die Täuschung bei ihnen einschleiche, daß diese künstliche Höhe die Kraft ihrer eigenen Natur sei.« »Die Bemerkung ist sehr artig,« erwiderte Goethe, »sie scheint von einem Naturforscher herzurühren. Doch genau besehen, ist sie nicht haltbar. Denn wäre es wirklich so, so müßten ja alle Blinden sehr bescheidene Menschen sein, dagegen alle mit trefflichen Augen begabten dünkelhaft. Dies ist aber durchaus nicht so; vielmehr finden wir, daß alle geistig wie körperlich durchaus naturkräftig ausgestatteten Menschen in der Regel die bescheidensten sind, dagegen alle besonders geistig verfehlten weit eher einbilderischer Art. Es scheint, daß die gütige Natur allen denen, die bei ihr in höherer Hinsicht zu kurz gekommen sind, die Einbildung und den Dünkel als versöhnendes Ausgleichungs- und Ergänzungsmittel gegeben hat. Übrigens sind Bescheidenheit und Dünkel sittliche Dinge so geistiger Art, daß sie wenig mit dem Körper zu schaffen haben. Bei Bornierten und geistig Dunkelen findet sich der Dünkel; bei geistig Klaren und Hochbegabten aber findet er sich nie. Bei solchen findet sich höchstens ein freudiges Gefühl ihrer Kraft; da aber diese Kraft wirklich ist, so ist dieses Gefühl auch alles andere, aber kein Dünkel.« Wir unterhielten uns noch über verschiedene andere Gegenstände und kamen zuletzt auch auf das ›Chaos‹, dieser von Frau von Goethe geleiteten weimarischen Zeitschrift, woran nicht bloß hiesige deutsche Herren und Damen, sondern vorzüglich auch die hier sich aufhaltenden jungen Engländer, Franzosen und andere Fremdlinge teilnehmen, so daß denn fast jede Nummer ein Gemisch fast aller bekanntesten europäischen Sprachen darbietet. »Es ist doch hübsch von meiner Tochter,« sagte Goethe, »und man muß sie loben und es ihr Dank wissen, daß sie das höchst originelle Journal zustande gebracht und die einzelnen Mitglieder unserer Gesellschaft so in Anregung zu erhalten weiß, daß es doch nun bald ein Jahr besteht. Es ist freilich nur ein dilettantischer Spaß, und ich weiß recht gut, daß nichts Großes und Dauerhaftes dabei herauskommt; allein es ist doch artig und gewissermaßen ein Spiegel der geistigen Höhe unserer jetzigen weimarischen Gesellschaft. Und dann, was die Hauptsache ist, es gibt unseren jungen Herren und Damen, die oft gar nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen, etwas zu tun; auch haben sie dadurch einen geistigen Mittelpunkt, der ihnen Gegenstände der Besprechung und Unterhaltung bietet und sie also gegen den ganz nichtigen und hohlen Klatsch schützet. Ich lese jedes Blatt, sowie es frisch aus der Presse kommt, und kann sagen, daß mir im ganzen noch nichts Ungeschicktes vorgekommen ist, vielmehr mitunter sogar einiges recht Hübsche. Was wollen Sie z. B. gegen die Elegie der Frau von Bechtolsheim auf den Tod der Frau Großherzogin-Mutter einwenden? Ist das Gedicht nicht sehr artig? Das einzige, was sich gegen dieses sowie gegen das meiste unserer jungen Damen und Herren sagen ließe, wäre etwa, daß sie, gleich zu saftreichen Bäumen, die eine Menge Schmarotzerschößlinge treiben, einen Überfluß von Gedanken und Empfindungen haben, deren sie nicht Herr sind, so daß sie sich selten zu beschränken und da aufzuhören wissen, wo es gut wäre. Dieses ist auch der Frau von Bechtolsheim passiert. Um einen Reim zu bewahren, hatte sie einen anderen Vers hinzugefügt, der dem Gedicht durchaus zum Nachteil gereichte, ja es gewissermaßen verdarb. Ich sah diesen Fehler im Manuskript und konnte ihn noch zeitig genug ausmerzen. Man muß ein alter Praktikus sein«, fügte er lachend hinzu, »um das Streichen zu verstehen. Schiller war hierin besonders groß. Ich sah ihn einmal bei Gelegenheit seines ›Musenalmanachs‹ ein pompöses Gedicht von zweiundzwanzig Strophen auf sieben reduzieren, und zwar hatte das Produkt durch diese furchtbare Operation keineswegs verloren, vielmehr enthielten diese sieben Strophen noch alle guten und wirksamen Gedanken jener zweiundzwanzig.« Montag, den 19. [12.] April 1830* Goethe erzählte mir von dem Besuch zweier Russen, die heute bei ihm gewesen. »Es waren im ganzen recht hübsche Leute,« sagte er; »aber der eine zeigte sich mir nicht eben liebenswürdig, indem er während der ganzen Visite kein einziges Wort hervorbrachte. Er kam mit einer stummen Verbeugung herein, öffnete während seiner Anwesenheit nicht die Lippen und nahm nach einem halben Stündchen mit einer stummen Verbeugung wieder Abschied. Er schien bloß gekommen zu sein, mich anzusehen und zu beobachten. Er ließ, während ich ihnen gegenüber saß, seine Blicke nicht von mir. Das ennuyierte mich; weshalb ich denn anfing, das tollste Zeug hin und her zu schwatzen, so wie es mir grade in den Kopf fuhr. Ich glaube, ich hatte die Vereinigten Staaten von Nordamerika mir zum Thema genommen, das ich auf die leichtsinnigste Weise behandelte und davon sagte, was ich wußte und was ich nicht wußte, immer grade in den Tag hinein. Das schien aber meinen beiden Fremden eben recht zu sein, denn sie verließen mich dem Anscheine nach durchaus nicht unzufrieden.« Donnerstag, den 22. [Freitag, den 23.] April 1830* Bei Goethe zu Tisch. Frau von Goethe war gegenwärtig und die Unterhaltung angenehm belebt; doch ist mir davon wenig oder nichts geblieben. Während der Tafel ließ ein durchreisender Fremder sich melden, mit dem Bemerken, daß er keine Zeit habe sich aufzuhalten und morgen früh wieder abreisen müsse. Goethe ließ ihm sagen, daß er sehr bedaure, heute niemanden sehen zu können; vielleicht aber morgen mittag. »Ich denke,« fügte er lächelnd hinzu, »das wird genug sein.« Zu gleicher Zeit aber versprach er seiner Tochter, daß er den Besuch des von ihr empfohlenen jungen Henning nach Tisch erwarten wolle, und zwar in Rücksicht seiner braunen Augen, die denen seiner Mutter gleichen sollten. Mittwoch, den 12. Mai 1830* Vor Goethes Fenster stand ein kleiner bronzener Moses, eine Nachbildung des berühmten Originals von Michel Angelo. Die Arme erschienen mir im Verhältnis zum übrigen Körper zu lang und zu stark, welche meine Meinung ich gegen Goethe offen aussprach. »Aber die beiden schweren Tafeln mit den zehn Geboten!« rief er lebhaft; »glaubt Ihr denn, daß es eine Kleinigkeit war, die zu tragen? Und glaubt Ihr denn ferner, daß Moses, der eine Armee Juden zu kommandieren und zu bändigen hatte, sich mit ganz ordinären Armen hätte begnügen können?« Goethe lachte, indem er dieses sagte, so daß ich nicht erfuhr, ob ich wirklich unrecht hatte, oder ob er sich mit der Verteidigung seines Künstlers nur einen Spaß machte. Montag, den 2. [?] August 1830* Die Nachrichten von der begonnenen Julirevolution gelangten heute nach Weimar und setzten alles in Aufregung. Ich ging im Laufe des Nachmittags zu Goethe. »Nun,« rief er mir entgegen, »was denken Sie von dieser großen Begebenheit? Der Vulkan ist zum Ausbruch gekommen; alles steht in Flammen, und es ist nicht ferner eine Verhandlung bei geschlossenen Türen!« »Eine furchtbare Geschichte!« erwiderte ich. »Aber was ließ sich bei den bekannten Zuständen und bei einem solchen Ministerium anderes erwarten, als daß man mit der Vertreibung der bisherigen königlichen Familie endigen würde.« »Wir scheinen uns nicht zu verstehen, mein Allerbester«, erwiderte Goethe. »Ich rede gar nicht von jenen Leuten; es handelt sich bei mir um ganz andere Dinge. Ich rede von dem in der Akademie zum öffentlichen Ausbruch gekommenen, für die Wissenschaft so höchst bedeutenden Streit zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire!« Diese Äußerung Goethes war mir so unerwartet, daß ich nicht wußte, was ich sagen sollte, und daß ich während einiger Minuten einen völligen Stillstand in meinen Gedanken verspürte. »Die Sache ist von der höchsten Bedeutung,« fuhr Goethe fort, »und Sie können sich keinen Begriff machen, was ich bei der Nachricht von der Sitzung des 19. Juli empfinde. Wir haben jetzt an Geoffroy de Saint-Hilaire einen mächtigen Alliierten auf die Dauer. Ich sehe aber zugleich daraus, wie groß die Teilnahme der französischen wissenschaftlichen Welt an dieser Angelegenheit sein muß, indem, trotz der furchtbaren politischen Aufregung, die Sitzung des 19. Juli dennoch bei einem gefüllten Hause stattfand. Das Beste aber ist, daß die von Geoffroy in Frankreich eingeführte synthetische Behandlungsweise der Natur jetzt nicht mehr rückgängig zu machen ist. Die Angelegenheit ist durch die freien Diskussionen in der Akademie, und zwar in Gegenwart eines großen Publikums, jetzt öffentlich geworden, sie läßt sich nicht mehr an geheime Ausschüsse verweisen und bei geschlossenen Türen abtun und unterdrücken. Von nun an wird auch in Frankreich bei der Naturforschung der Geist herrschen und über die Materie Herr sein. Man wird Blicke in große Schöpfungsmaximen tun, in die geheimnisvolle Werkstatt Gottes! – Was ist auch im Grunde aller Verkehr mit der Natur, wenn wir auf analytischem Wege bloß mit einzelnen materiellen Teilen uns zu schaffen machen, und wir nicht das Atmen des Geistes empfinden, der jedem Teile die Richtung vorschreibt und jede Ausschweifung durch ein inwohnendes Gesetz bändigt oder sanktioniert! Ich habe mich seit funfzig Jahren in dieser großen Angelegenheit abgemüht; anfänglich einsam, dann unterstützt und zuletzt zu meiner großen Freude überragt durch verwandte Geister. Als ich mein erstes Aperçu vom Zwischenknochen an Peter Camper schickte, ward ich zu meiner innigsten Betrübnis völlig ignoriert. Mit Blumenbach ging es mir nicht besser, obgleich er nach persönlichem Verkehr auf meine Seite trat. Dann aber gewann ich Gleichgesinnte an Sömmering, Oken, D'Alton, Carus und anderen gleich trefflichen Männern. Jetzt ist nun auch Geoffroy de Saint-Hilaire entschieden auf unserer Seite und mit ihm alle seine bedeutenden Schüler und Anhänger Frankreichs. Dieses Ereignis ist für mich von ganz unglaublichem Wert, und ich jubele mit Recht über den endlich erlebten allgemeinen Sieg einer Sache, der ich mein Leben gewidmet habe und die ganz vorzüglich auch die meinige ist.« Sonnabend, den 21. August 1830* Ich empfahl Goethen einen hoffnungsvollen jungen Menschen. Er versprach, etwas für ihn zu tun, doch schien er wenig Vertrauen zu haben. »Wer wie ich«, sagte er, »ein ganzes Leben lang kostbare Zeit und Geld mit der Protektion junger Talente verloren hat, und zwar Talente, die anfänglich die höchsten Hoffnungen erweckten, aus denen aber am Ende gar nichts geworden ist, dem muß wohl der Enthusiasmus und die Lust, in solcher Richtung zu wirken, nach und nach vergehen. Es ist nun an Euch jüngeren Leuten, den Mäzen zu spielen und meine Rolle zu übernehmen.« Ich verglich bei dieser Äußerung Goethes die täuschenden Versprechungen der Jugend mit Bäumen, die doppelte Blüten, aber keine Früchte tragen. Mittwoch, den 13. Oktober 1830* Goethe zeigte mir Tabellen, wohinein er in lateinischer und deutscher Sprache viele Namen von Pflanzen geschrieben hatte, um sie auswendig zu lernen. Er sagte mir, daß er ein Zimmer gehabt, das ganz mit solchen Tabellen austapeziert gewesen, und worin er, an den Wänden umhergehend, studiert und gelernt habe. »Es tut mir leid,« fügte er hinzu, »daß es später überweißt worden. Auch hatte ich ein anderes, das mit chronologischen Notizen meiner Arbeiten während einer langen Reihe von Jahren beschrieben war, und worauf ich das Neueste immer nachtrug. Auch dieses ist leider übertüncht worden, welches ich nicht wenig bedaure, indem es mir gerade jetzt herrliche Dienste tun könnte.« Mittwoch, den 20. Oktober 1830* Ein Stündchen bei Goethe, um mit ihm im Auftrag der Frau Großherzogin wegen eines silbernen Wappenschildes Rücksprache zu nehmen, das der Prinz der hiesigen Armbrustschützengesellschaft verehren soll, deren Mitglied er geworden. Unsere Unterhaltung wendete sich bald auf andere Dinge, und Goethe bat mich, ihm meine Meinung über die Saint-Simonisten zu sagen. »Die Hauptrichtung ihrer Lehre«, erwiderte ich, »scheint dahin zu gehen, daß jeder für das Glück des Ganzen arbeiten solle, als unerläßliche Bedingung seines eigenen Glückes.« »Ich dächte,« erwiderte Goethe, »jeder müsse bei sich selber anfangen und zunächst sein eigenes Glück machen, woraus denn zuletzt das Glück des Ganzen unfehlbar entstehen wird. Übrigens erscheint jene Lehre mir durchaus unpraktisch und unausführbar. Sie widerspricht aller Natur, aller Erfahrung und allem Gang der Dinge seit Jahrtausenden. Wenn jeder nur als einzelner seine Pflicht tut und jeder nur in dem Kreise seines nächsten Berufes brav und tüchtig ist, so wird es um das Wohl des Ganzen gut stehen. Ich habe in meinem Beruf als Schriftsteller nie gefragt: was will die große Masse, und wie nütze ich dem Ganzen? sondern ich habe immer nur dahin getrachtet, mich selbst einsichtiger und besser zu machen, den Gehalt meiner eigenen Persönlichkeit zu steigern, und dann immer nur auszusprechen, was ich als gut und wahr erkannt hatte. Dieses hat freilich, wie ich nicht leugnen will, in einem großen Kreise gewirkt und genützt; aber dies war nicht Zweck, sondern ganz notwendige Folge, wie sie bei allen Wirkungen natürlicher Kräfte stattfindet. Hätte ich als Schriftsteller die Wünsche des großen Haufens mir zum Ziel machen und diese zu befriedigen trachten wollen, so hätte ich ihnen Histörchen erzählen und sie zum besten haben müssen, wie der selige Kotzebue getan.« »Dagegen ist nichts zu sagen«, erwiderte ich. »Es gibt aber nicht bloß ein Glück, was ich als einzelnes Individuum, sondern auch ein solches, was ich als Staatsbürger und Mitglied einer großen Gesamtheit genieße. Wenn man nun die Erreichung des möglichsten Glückes für ein ganzes Volk nicht zum Prinzip macht, von welcher Basis soll da die Gesetzgebung ausgehen!« »Wenn Sie dahinaus wollen,« erwiderte Goethe, »so habe ich freilich gar nichts einzuwenden. In solchem Fall könnten aber nur sehr wenige Auserwählte von Ihrem Prinzip Gebrauch machen. Es wäre nur ein Rezept für Fürsten und Gesetzgeber; wiewohl es mir auch da scheinen will, als ob die Gesetze mehr trachten müßten, die Masse der Übel zu vermindern, als sich anmaßen zu wollen, die Masse des Glückes herbeizuführen.« »Beides«, entgegnete ich, »würde wohl ziemlich auf eins hinauskommen. Schlechte Wege erscheinen mir z. B. als ein großes Übel. Wenn nun der Fürst in seinem Staate, bis auf die letzte Dorfgemeinde, gute Wege einführt, so ist nicht bloß ein großes Übel gehoben, sondern zugleich für sein Volk ein großes Glück erreicht. Ferner ist eine langsame Justiz ein großes Unglück. Wenn aber der Fürst durch Anordnung eines öffentlichen mündlichen Verfahrens seinem Volke eine rasche Justiz gewährt, so ist abermals nicht bloß ein großes Übel beseitigt, sondern abermals ein großes Glück da.« »Aus diesem Tone«, fiel Goethe ein, »wollte ich Euch noch ganz andere Lieder pfeifen. Aber wir wollen noch einige Übel unangedeutet lassen, damit der Menschheit etwas bleibe, woran sie ihre Kräfte ferner entwickele. Meine Hauptlehre aber ist vorläufig diese: der Vater sorge für sein Haus, der Handwerker für seine Kunden, der Geistliche für gegenseitige Liebe, und die Polizei störe die Freude nicht!« Dienstag, den 4. Januar 1831* Ich durchblätterte mit Goethe einige Hefte Zeichnungen meines Freundes Töpffer in Genf, dessen Talent als Schriftsteller wie als bildender Künstler gleich groß ist, der es aber bis jetzt vorzuziehen scheint, die lebendigen Anschauungen seines Geistes durch sichtbare Gestalten statt durch flüchtige Worte auszudrücken. Das Heft, welches in leichten Federzeichnungen die ›Abenteuer des Doktor Festus‹ enthielt, machte vollkommen den Eindruck eines komischen Romans und gefiel Goethen ganz besonders. »Es ist wirklich zu toll!« rief er von Zeit zu Zeit, indem er ein Blatt nach dem andern umwendete; »es funkelt alles von Talent und Geist! Einige Blätter sind ganz unübertrefflich! Wenn er künftig einen weniger frivolen Gegenstand wählte und sich noch ein bißchen mehr zusammennähme, so würde er Dinge machen, die über alle Begriffe wären.« »Man hat ihn mit Rabelais vergleichen und ihm vorwerfen wollen,« bemerkte ich, »daß er jenen nachgeahmt und von ihm Ideen entlehnt habe.« »Die Leute wissen nicht, was sie wollen,« erwiderte Goethe; »ich finde durchaus nichts von dergleichen. Töpffer scheint mir im Gegenteil ganz auf eigenen Füßen zu stehen und so durchaus originell zu sein, wie mir nur je ein Talent vorgekommen.« Montag, den 17. Januar 1831* Ich fand Coudray bei Goethe in Betrachtung architektonischer Zeichnungen. Ich hatte ein Fünffrankenstück von 1830 mit dem Bildnis Karls X. bei mir, das ich vorzeigte. Goethe scherzte über den zugespitzten Kopf. »Das Organ der Religiosität erscheint bei ihm sehr entwickelt«, bemerkte er. »Ohne Zweifel hat er aus übergroßer Frömmigkeit nicht für nötig gehalten, seine Schuld zu bezahlen; dagegen sind wir sehr tief in die seinige geraten, indem wir es seinem Geniestreich verdanken, daß man jetzt in Europa so bald nicht wieder zur Ruhe kommen wird.« Wir sprachen darauf über ›Rouge et Noir‹, welches Goethe für das beste Werk von Stendhal hält. »Doch kann ich nicht leugnen,« fügte er hinzu, »daß einige seiner Frauencharaktere ein wenig zu romantisch sind. Indes zeugen sie alle von großer Beobachtung und psychologischem Tiefblick, so daß man denn dem Autor einige Unwahrscheinlichkeiten des Details gerne verzeihen mag.« Sonntag, den 23. Januar 1831* Mit dem Prinzen bei Goethe. Seine Enkel amüsierten sich mit Taschenspielerkunststückchen, worin besonders Walther geübt ist. »Ich habe nichts dawider,« sagte Goethe, »daß die Knaben ihre müßigen Stunden mit solchen Torheiten ausfüllen. Es ist, besonders in Gegenwart eines kleinen Publikums, ein herrliches Mittel zur Übung in freier Rede und Erlangung einiger körperlichen und geistigen Gewandtheit, woran wir Deutschen ohnehin keinen Überfluß haben. Der Nachteil allenfalls entstehender kleiner Eitelkeit wird durch solchen Gewinn vollkommen aufgewogen.« »Auch sorgen schon die Zuschauer für die Dämpfung solcher Regungen,« bemerkte ich, »indem sie dem kleinen Künstler gewöhnlich sehr scharf auf die Finger sehen und schadenfroh genug sind, seine Fehlgriffe zu verhöhnen und seine kleinen Geheimnisse zu seinem Verdruß öffentlich aufzudecken.« »Es geht ihnen wie den Schauspielern,« versetzte Goethe, »die heute gerufen und morgen gepfiffen werden, wodurch denn alles im schönsten Gleise bleibt.« Donnerstag, den 10. März 1831* Diesen Mittag ein halbes Stündchen bei Goethe. Ich hatte ihm die Nachricht zu bringen, daß die Frau Großherzogin beschlossen habe, der Direktion des hiesigen Theaters ein Geschenk von tausend Talern zustellen zu lassen, um zur Ausbildung hoffnungsvoller junger Talente verwandt zu werden. Diese Nachricht machte Goethen, dem das fernere Gedeihen des Theaters am Herzen liegt, sichtbare Freude. Sodann hatte ich einen Auftrag anderer Art mit ihm zu bereden. Es ist nämlich die Absicht der Frau Großherzogin, den jetzigen besten deutschen Schriftsteller, insofern er ohne Amt und Vermögen wäre und bloß von den Früchten seines Talentes leben müßte, nach Weimar berufen zu lassen und ihm hier eine sorgenfreie Lage zu bereiten, dergestalt, daß er die gehörige Muße fände, jedes seiner Werke zu möglichstes Vollendung heranreifen zu lassen, und nicht in den traurigen Fall käme, aus Not flüchtig und übereilt zu arbeiten, zum Nachteil seines eigenen Talents und der Literatur. »Die Intention der Frau Großherzogin«, erwiderte Goethe, »ist wahrhaft fürstlich, und ich beuge mich vor ihrer edlen Gesinnung; allein es wird sehr schwer halten, irgendeine passende Wahl zu treffen. Die vorzüglichsten unserer jetzigen Talente sind bereits durch Anstellung im Staatsdienst, Pensionen oder eigenes Vermögen in einer sorgenfreien Lage. Auch paßt nicht jeder hieher, und nicht jedem wäre wirklich damit geholfen. Ich werde indes die edle Absicht im Auge behalten und sehen, was die nächsten Jahre uns etwa Gutes bringen.« Donnerstag, den 31. März 1831* Goethe war in der letzten Zeit abermals sehr unwohl, so daß er nur seine vertrautesten Freunde bei sich sehen konnte. Vor einigen Wochen mußte ihm ein Aderlaß verordnet werden; dann zeigten sich Beschwerden und Schmerzen im rechten Beine, bis denn zuletzt sein inneres Übel durch eine Wunde am Fuß sich Luft machte, worauf sehr schnelle Besserung erfolgte. Auch diese Wunde ist nun seit einigen Tagen wieder heil, und er ist wieder heiter und graziös wie vorher. Heute hatte die Frau Großherzogin ihm einen Besuch gemacht und kam sehr zufrieden von ihm zurück. Sie hatte nach seinem Befinden gefragt, worauf er denn sehr galant geantwortet, daß er bis heute seine Genesung noch nicht gespürt, daß aber ihre Gegenwart ihm das Glück der wiedererlangten Gesundheit aufs neue empfinden lasse. Donnerstag, den 14. April 1831* Soirée beim Prinzen. Einer der älteren anwesenden Herren, der sich noch mancher Dinge aus den ersten Jahren von Goethes Hiersein erinnerte, erzählte uns folgendes sehr Charakteristische. »Ich war dabei,« sagte er, »als Goethe im Jahre 1784 seine bekannte Rede bei der feierlichen Eröffnung des Ilmenauer Bergwerks hielt, wozu er alle Beamten und Interessenten aus der Stadt und Umgegend eingeladen hatte. Er schien seine Rede gut im Kopf zu haben, denn er sprach eine Zeitlang ohne allen Anstoß und vollkommen geläufig. Mit einemmal aber schien er wie von seinem guten Geist gänzlich verlassen, der Faden seiner Gedanken war wie abgeschnitten, und er schien den Überblick des ferner zu Sagenden gänzlich verloren zu haben. Dies hätte jeden andern in große Verlegenheit gesetzt, ihn aber keineswegs. Er blickte vielmehr wenigstens zehn Minuten lang fest und ruhig in dem Kreis seiner zahlreichen Zuhörer umher, die durch die Macht seiner Persönlichkeit wie gebannt waren, so daß während der sehr langen, ja fast lächerlichen Pause jeder vollkommen ruhig blieb. Endlich schien er wieder Herr seines Gegenstandes geworden zu sein, er fuhr in seiner Rede fort und führte sie sehr geschickt ohne Anstoß bis zu Ende, und zwar so frei und heiter, als ob gar nichts passiert wäre.« Montag, den 20. Juni 1831 Diesen Nachmittag ein halbes Stündchen bei Goethe, den ich noch bei Tisch fand. Wir verhandelten über einige Gegenstände der Naturwissenschaft, besonders über die Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit der Sprache, wodurch Irrtümer und falsche Anschauungen verbreitet würden, die später so leicht nicht wieder zu überwinden wären. »Die Sache ist ganz einfach diese«, sagte Goethe. »Alle Sprachen sind aus nahe liegenden menschlichen Bedürfnissen, menschlichen Beschäftigungen und allgemein menschlichen Empfindungen und Anschauungen entstanden. Wenn nun ein höherer Mensch über das geheime Wirken und Walten der Natur eine Ahndung und Einsicht gewinnt, so reicht seine ihm überlieferte Sprache nicht hin, um ein solches von menschlichen Dingen durchaus Fernliegende auszudrücken. Es müßte ihm die Sprache der Geister zu Gebote stehen, um seinen eigentümlichen Wahrnehmungen zu genügen. Da dieses aber nicht ist, so muß er bei seiner Anschauung ungewöhnlicher Naturverhältnisse stets nach menschlichen Ausdrücken greifen, wobei er denn fast überall zu kurz kommt, seinen Gegenstand herabzieht oder wohl gar verletzt und vernichtet.« »Wenn Sie das sagen,« erwiderte ich, »der Sie doch Ihren Gegenständen jedesmal sehr scharf auf den Leib gehen und, als Feind aller Phrase, für Ihre höheren Wahrnehmungen stets den bezeichnendsten Ausdruck zu finden wissen, so will das etwas heißen. Ich dächte aber, wir Deutschen könnten überhaupt noch allenfalls zufrieden sein. Unsere Sprache ist so außerordentlich reich, ausgebildet und fortbildungsfähig, daß, wenn wir auch mitunter zu einem Tropus unsere Zuflucht nehmen müssen, wir doch ziemlich nahe an das eigentlich Auszusprechende herankommen. Die Franzosen aber stehen gegen uns sehr im Nachteil. Bei ihnen wird der Ausdruck eines angeschauten höheren Naturverhältnisses durch einen gewöhnlich aus der Technik hergenommenen Tropus sogleich materiell und gemein, so daß er der höheren Anschauung keineswegs mehr genügt.« »Wie sehr Sie recht haben,« fiel Goethe ein, »ist mir noch neulich bei dem Streit zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire vorgekommen. Geoffroy de Saint-Hilaire ist ein Mensch, der wirklich in das geistige Walten und Schaffen der Natur eine hohe Einsicht hat; allein seine französische Sprache, insofern er sich herkömmlicher Ausdrücke zu bedienen gezwungen ist, läßt ihn durchaus im Stich. Und zwar nicht bloß bei geheimnisvoll-geistigen, sondern auch bei ganz sichtbaren, rein körperlichen Gegenständen und Verhältnissen. Will er die einzelnen Teile eines organischen Wesens ausdrücken, so hat er dafür kein anderes Wort als Materialien, wodurch denn z. B. die Knochen, welche als gleichartige Teile das organische Ganze eines Armes bilden, mit den Steinen, Balken und Brettern, woraus man ein Haus macht, auf eine Stufe des Ausdrucks kommen. Ebenso ungehörig«, fuhr Goethe fort, »gebrauchen die Franzosen, wenn sie von Erzeugnissen der Natur reden, den Ausdruck Komposition. Ich kann aber wohl die einzelnen Teile einer stückweise gemachten Maschine zusammensetzen und bei einem solchen Gegenstande von Komposition reden, aber nicht, wenn ich die einzelnen lebendig sich bildenden und von einer gemeinsamen Seele durchdrungenen Teile eines organischen Ganzen im Sinne habe.« »Es will mir sogar scheinen,« versetzte ich, »als ob der Ausdruck Komposition auch bei echten Erzeugnissen der Kunst und Poesie ungehörig und herabwürdigend wäre.« »Es ist ein ganz niederträchtiges Wort,« erwiderte Goethe, »das wir den Franzosen zu danken haben und das wir sobald wie möglich wieder los zu werden suchen sollten. Wie kann man sagen, Mozart habe seinen ›Don Juan‹ komponiert! – Komposition! – Als ob es ein Stück Kuchen oder Biskuit wäre, das man aus Eiern, Mehl und Zucker zusammenrührt! Eine geistige Schöpfung ist es, das Einzelne wie das Ganze aus Einem Geiste und Guß und von dem Hauche Eines Lebens durchdrungen, wobei der Produzierende keineswegs versuchte und stückelte und nach Willkür verfuhr, sondern wobei der dämonische Geist seines Genies ihn in der Gewalt hatte, so daß er ausführen mußte, was jener gebot.« Montag, den 27. Juni 1831* Wir sprachen über Victor Hugo. »Er ist ein schönes Talent,« sagte Goethe, »aber ganz in der unselig-romantischen Richtung seiner Zeit befangen, wodurch er denn neben dem Schönen auch das Allerunerträglichste und Häßlichste darzustellen verführt wird. Ich habe in diesen Tagen seine ›Notre-Dame de Paris‹ gelesen und nicht geringe Geduld gebraucht, um die Qualen auszustehen, die diese Lektüre mir gemacht hat. Es ist das abscheulichste Buch, das je geschrieben worden! Auch wird man für die Folterqualen, die man auszustehen hat, nicht einmal durch die Freude entschädigt, die man etwa an der dargestellten Wahrheit menschlicher Natur und menschlicher Charaktere empfinden könnte. Sein Buch ist im Gegenteil ohne alle Natur und ohne alle Wahrheit! Seine vorgeführten sogenannten handelnden Personen sind keine Menschen mit lebendigem Fleisch und Blut, sondern elende hölzerne Puppen, mit denen er umspringt, wie er Belieben hat, und die er allerlei Verzerrungen und Fratzen machen läßt, so wie er es für seine beabsichtigten Effekte eben braucht. Was ist das aber für eine Zeit, die ein solches Buch nicht allein möglich macht und hervorruft, sondern es sogar ganz erträglich und ergötzlich findet!« Donnerstag, den 14. Juli 1831* Ich begleitete mit dem Prinzen Se. Majestät den König von Württemberg zu Goethe. Der König schien bei unserer Zurückkunft sehr befriedigt und trug mir auf, Goethen für das Vergnügen zu danken, das dieser Besuch ihm gemacht habe. Freitag, den 15. Juli 1831* Einen Augenblick bei Goethe, dem ich meine gestrige Kommission des Königs ausrichtete. Ich fand ihn beschäftigt in Studien in bezug auf die Spiraltendenz der Pflanze, von welcher neuen Entdeckung er der Meinung ist, daß sie sehr weit führen und auf die Wissenschaft großen Einfluß ausüben werde. »Es geht doch nichts über die Freude,« fügte er hinzu, »die uns das Studium der Natur gewährt. Ihre Geheimnisse sind von einer unergründlichen Tiefe, aber es ist uns Menschen erlaubt und gegeben, immer weitere Blicke hineinzutun. Und grade, daß sie am Ende doch unergründlich bleibt, hat für uns einen ewigen Reiz, immer wieder zu ihr heranzugehen und immer wieder neue Einblicke und neue Entdeckungen zu versuchen.« Mittwoch, den 20. Juli 1831* Nach Tisch ein halbes Stündchen bei Goethe, den ich sehr heiterer milder Stimmung fand. Wir sprachen über allerlei Dinge, zuletzt auch über Karlsbad, und er scherzte über die mancherlei Herzensabenteuer, die er daselbst erlebt. »Eine kleine Liebschaft«, sagte er, »ist das einzige, was uns einen Badeaufenthalt erträglich machen kann; sonst stirbt man vor Langerweile. Auch war ich fast jedesmal so glücklich, dort irgendeine kleine Wahlverwandtschaft zu finden, die mir während der wenigen Wochen einige Unterhaltung gab. Besonders erinnere ich mich eines Falles, der mir noch jetzt Vergnügen macht. Ich besuchte nämlich eines Tages Frau von der Recke. Nachdem wir uns eine Weile nicht sonderlich unterhalten und ich wieder Abschied genommen hatte, begegnete mir im Hinausgehen eine Dame mit zwei sehr hübschen jungen Mädchen. ›Wer war der Herr, der soeben von Ihnen ging?‹ fragte die Dame. ›Es war Goethe‹, antwortete Frau von Recke. ›O wie leid tut es mir,‹ erwiderte die Dame, ›daß er nicht geblieben ist, und daß ich nicht das Glück gehabt habe, seine Bekanntschaft zu machen!‹ – ›O, daran haben Sie durchaus nichts verloren, meine Liebe‹, sagte die Recke. ›Er ist sehr langweilig unter Damen, es sei denn, daß sie hübsch genug wären, ihm einiges Interesse einzuflößen. Frauen unseres Alters dürfen nicht daran denken, ihn beredt und liebenswürdig zu machen.‹ Als die beiden Mädchen mit ihrer Mutter nach Hause gingen, gedachten sie der Worte der Frau von Recke. ›Wir sind jung, wir sind hübsch,‹ sagten sie, ›laßt doch sehen, ob es uns nicht gelingt, jenen berühmten Wilden einzufangen und zu zähmen!‹ Am anderen Morgen auf der Promenade am Sprudel machten sie mir im Vorübergehen wiederholt die graziösesten lieblichsten Verbeugungen, worauf ich denn nicht unterlassen konnte, mich gelegentlich ihnen zu nähern und sie anzureden. Sie waren scharmant! Ich sprach sie wieder und wieder, sie führten mich zu ihrer Mutter, und so war ich denn gefangen. Von nun an sahen wir uns täglich, ja wir verlebten ganze Tage miteinander. Um unser Verhältnis noch inniger zu machen, ereignete es sich, daß der Verlobte der einen ankam, worauf ich mich denn um so ungeteilter an die andere schloß. Auch gegen die Mutter war ich, wie man denken kann, sehr liebenswürdig. Genug, wir waren alle miteinander überaus zufrieden, und ich verlebte mit dieser Familie so glückliche Tage, daß sie mir noch jetzt eine höchst angenehme Erinnerung sind. Die beiden Mädchen erzählten mir sehr bald die Unterredung zwischen ihrer Mutter und Frau von Recke, und welche Verschwörung sie zu meiner Eroberung angezettelt und zu glücklicher Ausführung gebracht.« Hiebei fällt mir eine Anekdote anderer Art ein, die Goethe mir früher erzählte und die hier einen Platz finden mag. »Ich ging«, sagte er mir, »mit einem guten Bekannten einst in einem Schloßgarten gegen Abend spazieren, als wir unerwartet am Ende der Allee zwei andere Personen unseres Kreises bemerkten, die in ruhigen Gesprächen aneinander hingingen. Ich kann Ihnen so wenig den Herrn als die Dame nennen, aber es tut nichts zur Sache. Sie unterhielten sich also und schienen an nichts zu denken, als mit einem Mal ihre Köpfe sich gegeneinander neigten und sie sich gegenseitig einen herzhaften Kuß gaben. Sie schlugen darauf ihre erste Richtung wieder ein und setzten sehr ernst ihre Unterhaltung fort, als ob nichts passiert wäre. ›Haben Sie es gesehen?‹ rief mein Freund voll Erstaunen ›darf ich meinen Augen trauen?‹ Ich habe es gesehen, erwiderte ich ganz ruhig – aber ich glaube es nicht!« Dienstag, den 2. August 1831* Wir sprachen über die Metamorphose der Pflanze, und namentlich über de Candolles Lehre von der Symmetrie, die Goethe für eine bloße Illusion hält. »Die Natur«, fügte er hinzu, »ergibt sich nicht einem jeden. Sie erweiset sich vielmehr gegen viele wie ein neckisches junges Mädchen, das uns durch tausend Reize anlockt, aber in dem Augenblick, wo wir es zu fassen und zu besitzen glauben, unsern Armen entschlüpft.« Mittwoch, den 19. Oktober 1831* Heute war zu Belvedere die Versammlung der Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues; auch erste Ausstellung von Früchten und Gegenständen der Industrie, welche reicher war, als man erwartet hatte. Darauf großes Diner der zahlreich anwesenden Mitglieder. Goethe trat herein, zu freudiger Überraschung aller Anwesenden. Er verweilte einige Zeit und betrachtete sodann die ausgestellten Gegenstände mit sichtbarem Interesse. Sein Erscheinen machte den glücklichsten Eindruck, besonders auch auf solche, die ihn früher noch nicht gesehen. Donnerstag, den 1. Dezember [Mittwoch, den 30. November] 1831 Ein Stündchen bei Goethe in allerlei Gesprächen. Dann kamen wir auch auf Soret. »Ich habe«, sagte Goethe, »in diesen Tagen ein sehr hübsches Gedicht von ihm gelesen, und zwar eine Trilogie, deren beide erste Teile einen heiter ländlichen, der letzte aber, unter dem Titel ›Mitternacht‹, einen schauerlich-düstern Charakter trägt. Diese ›Mitternacht‹ ist ihm ganz vorzüglich gelungen. Man atmet darin wirklich den Hauch der Nacht, fast wie in den Bildern von Rembrandt, in denen man auch die nächtliche Luft zu empfinden glaubt. Victor Hugo hat ähnliche Gegenstände behandelt, allein nicht mit solchem Glück. In den nächtlichen Darstellungen dieses unstreitig sehr großen Talents wird es nie wirklich Nacht, vielmehr bleiben die Gegenstände immer noch so deutlich und so sichtbar, als ob es in der Tat noch Tag und die dargestellte Nacht bloß eine erlogene wäre. Soret hat den berühmten Victor Hugo in seiner ›Mitternacht‹ ohne Frage übertroffen.« Ich freute mich dieses Lobes und nahm mir vor, die gedachte Trilogie von Soret baldmöglichst zu lesen. »Wir besitzen in unserer Literatur sehr wenige Trilogien«, bemerkte ich. »Diese Form«, erwiderte Goethe, »ist bei den Modernen überhaupt selten. Es kommt darauf an, daß man einen Stoff finde, der sich naturgemäß in drei Partien behandeln lasse, so daß in der ersten eine Art Exposition, in der zweiten eine Art Katastrophe, und in der dritten eine versöhnende Ausgleichung stattfinde. In meinen Gedichten vom Junggesellen und der Müllerin finden sich diese Erfordernisse beisammen, wiewohl ich damals, als ich sie schrieb, keineswegs daran dachte, eine Trilogie zu machen. Auch mein ›Paria‹ ist eine vollkommene Trilogie, und zwar habe ich diesen Zyklus sogleich mit Intention als Trilogie gedacht und behandelt. Meine sogenannte ›Trilogie der Leidenschaft‹ dagegen ist ursprünglich nicht als Trilogie konzipiert, vielmehr erst nach und nach und gewissermaßen zufällig zur Trilogie geworden. Zuerst hatte ich, wie Sie wissen, bloß die ›Elegie‹ als selbständiges Gedicht für sich. Dann besuchte mich die Szymanowska, die denselbigen Sommer mit mir in Marienbad gewesen war und durch ihre reizenden Melodien einen Nachklang jener jugendlich-seligen Tage in mir erweckte. Die Strophen, die ich dieser Freundin widmete, sind daher auch ganz im Versmaß und Ton jener ›Elegie‹ gedichtet und fügen sich dieser wie von selbst als versöhnender Ausgang. Dann wollte Weygand eine neue Ausgabe meines ›Werther‹ veranstalten und bat mich um eine Vorrede, welches mir denn ein höchst willkommener Anlaß war, mein Gedicht ›An Werther‹ zu schreiben. Da ich aber immer noch einen Rest jener Leidenschaft im Herzen hatte, so gestaltete sich das Gedicht wie von selbst als Introduktion zu jener ›Elegie‹. So kam es denn, daß alle drei jetzt beisammenstehenden Gedichte von demselbigen liebesschmerzlichen Gefühle durchdrungen worden und jene ›Trilogie der Leidenschaft‹ sich bildete, ich wußte nicht wie. Ich habe Soret geraten, mehr Trilogien zu schreiben, und zwar soll er es auch machen, wie ich eben erzählt. Er soll sich nicht die Mühe nehmen, zu irgendeiner Trilogie einen eigenen Stoff zu suchen, vielmehr soll er aus dem reichen Vorrat seiner ungedruckten Poesien irgendein prägnantes Stück auswählen und gelegentlich eine Art Introduktion und versöhnenden Abschluß hinzudichten, doch so, daß zwischen jeder der drei Produktionen eine fühlbare Lücke bleibe. Auf diese Weise kommt man weit leichter zum Ziele und erspart sich viel Denken, welches bekanntlich, wie Meyer sagt, eine gar schwierige Sache ist.« Wir sprachen darauf über Victor Hugo, und daß seine zu große Fruchtbarkeit seinem Talent im hohen Grade nachteilig. »Wie soll einer nicht schlechter werden und das schönste Talent zugrunde richten,« sagte Goethe, »wenn er die Verwegenheit hat, in einem einzigen Jahre zwei Tragödien und einen Roman zu schreiben, und ferner, wenn er nur zu arbeiten scheint, um ungeheure Geldsummen zusammen zu schlagen. Ich schelte ihn keineswegs, daß er reich zu werden, auch nicht, daß er den Ruhm des Tages zu ernten bemüht ist; allein wenn er lange in der Nachwelt zu leben gedenkt, so muß er anfangen, weniger zu schreiben und mehr zu arbeiten.« Goethe ging darauf die ›Marion Delorme‹ durch und suchte mir deutlich zu machen, daß der Gegenstand nur Stoff zu einem einzigen guten, und zwar recht tragischen Akt enthalten habe, daß aber der Autor durch Rücksichten ganz sekundärer Art sich habe verführen lassen, seinen Gegenstand auf fünf lange Akte übermäßig auszudehnen. »Hiebei«, fügte Goethe hinzu, »haben wir bloß den Vorteil gehabt, zu sehen, daß der Dichter auch in Darstellung des Details bedeutend ist, welches freilich auch nichts Geringes und allerdings etwas heißen will.« Donnerstag, den 5. Januar 1832* Von meinem Freunde Töpffer in Genf waren einige neue Hefte Federzeichnungen und Aquarellbilder eingegangen, größtenteils landschaftliche Ansichten aus der Schweiz und Italien, die er auf seinen Fußreisen nach und nach zusammengebracht. Goethe war von der Schönheit dieser Zeichnungen, besonders der Aquarellbilder, so sehr frappiert, daß er sagte, es sei ihm, als sähe er Werke des berühmten Lory. Ich bemerkte, daß dies noch keineswegs das Beste von Töpffer sei und daß er noch ganz andere Dinge zu senden habe. »Ich weiß nicht, was Ihr wollt!« erwiderte Goethe. »Was sollte es denn noch besser sein! Und was hätte es zu sagen, wenn es auch wirklich noch etwas besser wäre! Sobald ein Künstler zu einer gewissen Höhe von Vortrefflichkeit gelangt ist, wird es ziemlich gleichgültig, ob eins seiner Werke etwas vollkommener geraten ist als ein anderes. Der Kenner sieht in jedem doch immer die Hand des Meisters und den ganzen Umfang seines Talentes und seiner Mittel.« Freitag, den 17. Februar 1832* Ich hatte Goethen ein in England gestochenes Porträt von Dumont zugeschickt, das ihn sehr zu interessieren schien. »Ich habe das Bild des bedeutenden Mannes oft und wiederholt betrachtet«, sagte er, als ich ihn heute gegen Abend besuchte. »Anfangs hatte es etwas Zurückstoßendes für mich, welches ich jedoch der Behandlung des Künstlers zuschreiben möchte, der die Züge etwas zu hart und tief eingegraben. Aber je länger ich den im hohen Grade merkwürdigen Kopf ansah, desto mehr verschwanden alle Härten, und es trat aus dem dunkelen Grunde ein schöner Ausdruck von Ruhe, Güte und geistreich-feiner Milde hervor, wie sie den klugen, wohlwollenden und für das allgemeine Beste tätigen Mann charakterisieren und der Seele des Beschauers so wohl tun.« Wir sprachen darauf weiter über Dumont, besonders aber über die Memoiren, die er in bezug auf Mirabeau geschrieben, und worin er die mannigfaltigen Hülfsquellen aufdeckt, die Mirabeau zu benutzen verstanden, auch die vielen Leute von Talent namhaft macht, die er zu seinen Zwecken in Bewegung gesetzt und mit deren Kräften er gearbeitet. »Ich kenne kein lehrreicheres Buch,« sagte Goethe, »als diese Memoiren, wodurch wir in die geheimsten Winkel jener Zeit tiefe Blicke tun und wodurch uns das Wunder Mirabeau natürlich wird, ohne daß dieser Held dadurch irgend etwas von seiner Größe verliert. Nun kommen aber die neuesten Rezensenten der französischen Journale, die über diesen Punkt ein wenig anders denken. Die guten Leute glauben, der Verfasser jener Memoiren wolle ihnen ihren Mirabeau verderben, indem er das Geheimnis seiner übermenschlichen Tätigkeit enthüllt und auch anderen Leuten einigen Anteil an dem großen Verdienst vindiziert, das bisher der Name Mirabeau alleine verschlang. Die Franzosen erblicken in Mirabeau ihren Herkules, und sie haben vollkommen recht. Allein sie vergessen, daß auch der Koloß aus einzelnen Teilen besteht und daß auch der Herkules des Altertums ein kollektives Wesen ist, ein großer Träger seiner eigenen Taten und der Taten anderer. Im Grunde aber sind wir alle kollektive Wesen, wir mögen uns stellen, wie wir wollen. Denn wie weniges haben und sind wir, das wir im reinsten Sinne unser Eigentum nennen! Wir müssen alle empfangen und lernen, sowohl von denen, die vor uns waren, als von denen, die mit uns sind. Selbst das größte Genie würde nicht weit kommen, wenn es alles seinem eigenen Innern verdanken wollte. Das begreifen aber viele sehr gute Menschen nicht und tappen mit ihren Träumen von Originalität ein halbes Leben im Dunkeln. Ich habe Künstler gekannt, die sich rühmten, keinem Meister gefolgt zu sein, vielmehr alles ihrem eigenen Genie zu danken zu haben. Die Narren! Als ob das überhaupt anginge! Und als ob sich die Welt ihnen nicht bei jedem Schritt aufdränge und aus ihnen, trotz ihrer eigenen Dummheit, etwas machte! Ja ich behaupte, wenn ein solcher Künstler nur an den Wänden dieses Zimmers vorüberginge und auf die Handzeichnungen einiger großer Meister, womit ich sie behängt habe, nur flüchtige Blicke würfe, er müßte, wenn er überhaupt einiges Genie hätte, als ein anderer und Höherer von hier gehen. Und was ist denn überhaupt Gutes an uns, wenn es nicht die Kraft und Neigung ist, die Mittel der äußeren Welt an uns heranzuziehen und unseren höheren Zwecken dienstbar zu machen. Ich darf wohl von mir selber reden und bescheiden sagen, wie ich fühle. Es ist wahr, ich habe in meinem langen Leben mancherlei getan und zustande gebracht, dessen ich mich allenfalls rühmen könnte. Was hatte ich aber, wenn wir ehrlich sein wollen, das eigentlich mein war, als die Fähigkeit und Neigung, zu sehen und zu hören, zu unterscheiden und zu wählen, und das Gesehene und Gehörte mit einigem Geist zu beleben und mit einiger Geschicklichkeit wiederzugeben. Ich verdanke meine Werke keineswegs meiner eigenen Weisheit allein, sondern Tausenden von Dingen und Personen außer mir, die mir dazu das Material boten. Es kamen Narren und Weise, helle Köpfe und bornierte, Kindheit und Jugend wie das reife Alter; alle sagten mir, wie es ihnen zu Sinne sei, was sie dachten, wie sie lebten und wirkten und welche Erfahrungen sie sich gesammelt, und ich hatte weiter nichts zu tun, als zuzugreifen und das zu ernten, was andere für mich gesäet hatten. Es ist im Grunde auch alles Torheit, ob einer etwas aus sich habe oder ob er es von andern habe; ob einer durch sich wirke oder ob er durch andere wirke; die Hauptsache ist, daß man ein großes Wollen habe und Geschick und Beharrlichkeit besitze es auszuführen; alles übrige ist gleichgültig. – Mirabeau hatte daher vollkommen recht, wenn er sich der äußeren Welt und ihrer Kräfte bediente, wie er konnte. Er besaß die Gabe, das Talent zu unterscheiden, und das Talent fühlte sich von dem Dämon seiner gewaltigen Natur angezogen, so daß es sich ihm und seiner Leitung willig hingab. So war er von einer Masse ausgezeichneter Kräfte umgeben, die er mit seinem Feuer durchdrang und zu seinen höheren Zwecken in Tätigkeit setzte. Und eben, daß er es verstand, mit anderen und durch andere zu wirken, das war sein Genie, das war seine Originalität, das war seine Größe.« Sonntag, den 11. März 1832 Abends ein Stündchen bei Goethe in allerlei guten Gesprächen. Ich hatte mir eine englische Bibel gekauft, in der ich zu meinem großen Bedauern die apokryphischen Bücher nicht enthalten fand; und zwar waren sie nicht aufgenommen als nicht für echt gehalten und als nicht göttlichen Ursprungs. Ich vermißte den durch und durch edlen Tobias, dieses Musterbild eines frommen Wandels, ferner die Weisheit Salomonis und Jesus Sirach, alles Schriften von so großer geistiger und sittlicher Höhe, daß wenige andere ihnen gleichkommen. Ich sprach gegen Goethe mein Bedauern aus über die höchst enge Ansicht, wonach einige Schriften des Alten Testaments als unmittelbar von Gott eingegeben betrachtet werden, andere gleich treffliche aber nicht und als ob denn überhaupt etwas Edles und Großes entstehen könne, das nicht von Gott komme und das nicht eine Frucht seiner Einwirkung. »Ich bin durchaus Ihrer Meinung«, erwiderte Goethe. »Doch gibt es zwei Standpunkte, von welchen aus die biblischen Dinge zu betrachten. Es gibt den Standpunkt einer Art Urreligion, den der reinen Natur und Vernunft, welcher göttlicher Abkunft. Dieser wird ewig derselbige bleiben und wird dauern und gelten, solange gottbegabte Wesen vorhanden. Doch ist er nur für Auserwählte und viel zu hoch und edel, um allgemein zu werden. Sodann gibt es den Standpunkt der Kirche, welcher mehr menschlicher Art. Er ist gebrechlich, wandelbar und im Wandel begriffen; doch auch er wird in ewiger Umwandlung dauern, solange schwache menschliche Wesen sein werden. Das Licht ungetrübter göttlicher Offenbarung ist viel zu rein und glänzend, als daß es den armen, gar schwachen Menschen gemäß und erträglich wäre. Die Kirche aber tritt als wohltätige Vermittlerin ein, um zu dämpfen und zu ermäßigen, damit allen geholfen und damit vielen wohl werde. Dadurch, daß der christlichen Kirche der Glaube beiwohnt, daß sie als Nachfolgerin Christi von der Last menschlicher Sünde befreien könne, ist sie eine sehr große Macht. Und sich in dieser Macht und diesem Ansehn zu erhalten und so das kirchliche Gebäude zu sichern, ist der christlichen Priesterschaft vorzügliches Augenmerk. Sie hat daher weniger zu fragen, ob dieses oder jenes biblische Buch eine große Aufklärung des Geistes bewirke und ob es Lehren hoher Sittlichkeit und edler Menschennatur enthalte, als daß sie vielmehr in den Büchern Mose auf die Geschichte des Sündenfalles und die Entstehung des Bedürfnisses nach dem Erlöser Bedeutung zu legen, ferner in den Propheten die wiederholte Hinweisung auf Ihn, den Erwarteten, sowie in den Evangelien sein wirkliches irdisches Erscheinen und seinen Tod am Kreuze, als unserer menschlichen Sünden Sühnung, im Auge zu halten hat. Sie sehen also, daß für solche Zwecke und Richtungen, und auf solcher Waage gewogen, so wenig der edle Tobias, als die Weisheit Salomonis und die Sprüche Sirachs, einiges bedeutende Gewicht haben können. Übrigens, echt oder unecht sind bei Dingen der Bibel gar wunderliche Fragen. Was ist echt als das ganz Vortreffliche, das mit der reinsten Natur und Vernunft in Harmonie steht und noch heute unserer höchsten Entwickelung dient! Und was ist unecht als das Absurde, Hohle und Dumme, was keine Frucht bringt, wenigstens keine gute! Sollte die Echtheit einer biblischen Schrift durch die Frage entschieden werden, ob uns durchaus Wahres überliefert worden, so könnte man sogar in einigen Punkten die Echtheit der Evangelien bezweifeln, wovon Markus und Lukas nicht aus unmittelbarer Ansicht und Erfahrung, sondern erst spät nach mündlicher Überlieferung geschrieben, und das letzte, von dem Jünger Johannes, erst im höchsten Alter. Dennoch halte ich die Evangelien alle vier für durchaus echt, denn es ist in ihnen der Abglanz einer Hoheit wirksam, die von der Person Christi ausging und die so göttlicher Art, wie nur je auf Erden das Göttliche erschienen ist. Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, ihm anbetende Ehrfurcht zu erweisen, so sage ich: durchaus! – Ich beuge mich vor ihm, als der göttlichen Offenbarung des höchsten Prinzips der Sittlichkeit. – Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, so sage ich abermals: durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, und zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern wahrzunehmen vergönnt ist. Ich anbete in ihr das Licht und die zeugende Kraft Gottes, wodurch allein wir leben, weben und sind und alle Pflanzen und Tiere mit uns. Fragt man mich aber, ob ich geneigt sei, mich vor einem Daumenknochen des Apostels Petri oder Pauli zu bücken, so sage ich: verschont mich und bleibt mir mit euren Absurditäten vom Leibe! Den Geist dämpfet nicht! sagt der Apostel. Es ist gar viel Dummes in den Satzungen der Kirche. Aber sie will herrschen, und da muß sie eine bornierte Masse haben, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen. Die hohe reichdotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die Aufklärung der untern Massen. Sie hat ihnen auch die Bibel lange genug vorenthalten, so lange als irgend möglich. Was sollte auch ein armes christliches Gemeindeglied von der fürstlichen Pracht eines reichdotierten Bischofes denken, wenn es dagegen in den Evangelien die Armut und Dürftigkeit Christi sieht, der mit seinen Jüngern in Demut zu Fuße ging, während der fürstliche Bischof in einer von sechs Pferden gezogenen Karosse einherbrauset! Wir wissen gar nicht«, fuhr Goethe fort, »was wir Luthern und der Reformation im allgemeinen alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind infolge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zur Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen. Wir haben wieder den Mut, mit festen Füßen auf Gottes Erde zu stehen und uns in unserer gottbegabten Menschennatur zu fühlen. Mag die geistige Kultur nun immer fortschreiten, mögen die Naturwissenschaften in immer breiterer Ausdehnung und Tiefe wachsen, und der menschliche Geist sich erweitern, wie er will, – über die Hoheit und sittliche Kultur des Christentums, wie es in den Evangelien schimmert und leuchtet, wird er nicht hinauskommen! Je tüchtiger aber wir Protestanten in edler Entwickelung voranschreiten, desto schneller werden die Katholiken folgen. Sobald sie sich von der immer weiter um sich greifenden großen Aufklärung der Zeit ergriffen fühlen, müssen sie nach, sie mögen sich stellen, wie sie wollen, und es wird dahin kommen, daß endlich alles nur Eins ist. Auch das leidige protestantische Sektenwesen wird aufhören, und mit ihm Haß und feindliches Ansehen zwischen Vater und Sohn, zwischen Bruder und Schwester. Denn sobald man die reine Lehre und Liebe Christi, wie sie ist, wird begriffen und in sich eingelebt haben, so wird man sich als Mensch groß und frei fühlen und auf ein bißchen so oder so im äußeren Kultus nicht mehr sonderlichen Wert legen. Auch werden wir alle nach und nach aus einem Christentum des Wortes und Glaubens immer mehr zu einem Christentum der Gesinnung und Tat kommen.« Das Gespräch wendete sich auf große Menschen, die vor Christus gelebt, unter Chinesen, Indiern, Persern und Griechen, und daß die Kraft Gottes in ihnen ebenso wirksam gewesen als in einigen großen Juden des Alten Testamentes. Auch kamen wir auf die Frage, wie es mit Gottes Wirkungen stehe in großen Naturen der jetzigen Welt, in der wir leben. »Wenn man die Leute reden hört,« sagte Goethe, »so sollte man fast glauben, sie seien der Meinung, Gott habe sich seit jener alten Zeit ganz in die Stille zurückgezogen, und der Mensch wäre jetzt ganz auf eigene Füße gestellt und müsse sehen, wie er ohne Gott und sein tägliches unsichtbares Anhauchen zurechtkomme. In religiösen und moralischen Dingen gibt man noch allenfalls eine göttliche Einwirkung zu, allein in Dingen der Wissenschaft und Künste glaubt man, es sei lauter Irdisches und nichts weiter als ein Produkt rein menschlicher Kräfte. Versuche es aber doch nur einer und bringe mit menschlichem Wollen und menschlichen Kräften etwas hervor, das den Schöpfungen, die den Namen Mozart, Raffael oder Shakespeare tragen, sich an die Seite setzen lasse. Ich weiß recht wohl, daß diese drei Edlen keineswegs die einzigen sind, und daß in allen Gebieten der Kunst eine Unzahl trefflicher Geister gewirkt hat, die vollkommen so Gutes hervorgebracht als jene Genannten. Allein, waren sie so groß als jene, so überragten sie die gewöhnliche Menschennatur in eben dem Verhältnis und waren ebenso gottbegabt als jene. Und überhaupt, was ist es und was soll es? – Gott hat sich nach den bekannten imaginierten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben, vielmehr ist er noch fortwährend wirksam wie am ersten. Diese plumpe Welt aus einfachen Elementen zusammenzusetzen und sie jahraus jahrein in den Strahlen der Sonne rollen zu lassen, hätte ihm sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht den Plan gehabt hätte, sich auf dieser materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen. So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die geringeren heranzuziehen.« Goethe schwieg. Ich aber bewahrte seine großen und guten Worte in meinem Herzen.