George Eliot Adam Bede – Erster Band Vorwort Der nachstehende Roman hat im Original einen der bedeutendsten Erfolge gehabt, welche die englische Roman-Litteratur in diesem Jahrhundert der Bulwer, Dickens und Thackeray kennt. In dem einen Jahre, seitdem er erschienen, sind sieben Auflagen nötig geworden. Ein solcher Erfolg würde an sich zur Einführung beim deutschen Publikum berechtigen. Der innere Wert stellt diese Berechtigung vollends außer Zweifel. Wenn nicht die erweiterte Anwendung von Bezeichnungen, die in ihrer Ursprünglichkeit scharf charakteristisch sind und daher nur ein kleines Gebiet umfassen, immer ihre Bedenken hätte, so könnte man versucht sein, diesen Roman eine englische Dorfgeschichte zu nennen. Anlage und Untergrund des darin gezeichneten Gemäldes sind durchaus im Charakter der Dorfgeschichten, und der knappe Rahmen, in welchem es gehalten ist, entspricht demselben ebenfalls. Auf dem Grunde und unter den Bedingungen ländlichen Lebens bewegt sich die Erzählung, nur für einen kurzen Augenblick verläßt die Geschichte das abgelegene Kirchspiel, in welchem sie sich vollzieht, und die Schilderung dörflicher Zustände nimmt einen großen Raum ein. Aber nach Seiten der psychologischen Entwicklung geht der vorliegende Roman so weit über die Art der Dorfgeschichten hinaus, daß diese Bezeichnung nicht als erschöpfend geltend kann und nur in einer Beziehung einen annähernden Maßstab für die richtige Würdigung an die Hand giebt. Die ländlichen Verhältnisse nämlich, an sich klein und unbedeutend, gewinnen Fülle und Interesse nur durch die genaue Schilderung des einzelnen. In dieser liebevollen Detailmalerei leistet der Roman »Adam Bede« bewunderungswürdiges; an Frische und Durchsichtigkeit der Darstellung braucht er keinen Vergleich zu scheuen; die Scenerie und die Personen stehen in lebensvoller Unmittelbarkeit vor unsern Augen. Mit gleichem Scharfblick erfaßt das Künstlerauge der Verfasserin – denn es ist das Werk einer Frau, womit wir es zu thun haben – die psychologischen Vorgänge und mit gleicher Wahrheit und Treue stellt sie dieselben dar. In die innerste Werkstatt der Seele blickt sie wie wenige; die kleinen Kunstgriffe, mit denen menschliche Schwäche sich selber täuscht, weiß sie aufzudecken und den Irrgängen genußsüchtiger Eitelkeit nachzugehen; für tüchtigen Menschenverstand und gesunden Humor hat sie den frisch empfänglichsten Sinn und dem Mittelschlag sanfterer Gemüter wird sie gerecht; die harten Kämpfe, in denen ein starker Charakter sich läutert, sind ihr vertraut, und für eine Natur, die ohne Kampf nichts ist als aufopfernde Hingebung, hat sie das liebevollste Verständnis. Die künstlerische Komposition endlich wird gewiß vor der Strenge unserer ästhetischen Kritik bestehen; die Grundsätze, welche Goethe und Schiller über den Charakter epischer Dichtung und die Bedeutung der retardierenden Momente für dieselbe aufgestellt haben, müssen der Verfasserin von Natur eigen sein oder durch Studium eigen geworden sein; wer ihren Roman mit Beziehung auf dieselben liest, wird die Übereinstimmung ihrer Praxis mit jener Theorie nicht verkennen. Die Einsicht in diese Vorzüge des Romans, auf die ich hier einleitend aufmerksam mache, ist mir, wie ich hinzufügen muß, erst bei der eingehenden Beschäftigung, die eine Übersetzung mit sich bringt, aufgegangen und hat sich je länger je mehr gesteigert und verstärkt. Mein Lob soll daher niemanden bestechen, nur gegen vorschnelles Urteil abmahnen. Eine möglichst durchgängige Begleitung des Textes mit erläuternden Anmerkungen habe ich als störend unterlassen. Der Unterschied zwischen der Stellung unserer freien deutschen Bauern und der der Pächter in England tritt in dem Roman selbst klar genug hervor. Das methodistische Element, welches in demselben eine so große Rolle spielt, wird der deutsche Leser zur Erleichterung des Verständnisses als im wesentlichen gleichbedeutend mit Pietismus im guten Sinne auffassen dürfen. In der Übersetzung hat ein großer Reiz des Originals – der häufige Gebrauch des provinziellen Dialekts (der Grafschaft Northumberland) – verschwinden müssen, weil mit einer entsprechenden Übertragung des Sprachlichen auch die Geschichte selbst in eine deutsche Provinz verlegt wäre. Bei diesem notwendigen Opfer möchte ich andere um so lieber vermieden haben, als uns Deutschen, die wir so viel aus fremden Litteraturen übersetzen, eine Besserung in dieser Beziehung dringend not thut: die schülerhaften, von Unkenntnis des Englischen strotzenden, Form und Geist der eigenen deutschen Sprache mißhandelnden Übersetzungen, von denen die glänzenden Schriften von Dickens, die ergreifenden Schilderungen von Currer Bell und die von feinster Poesie angehauchten Seelengemälde Thackeray's sich haben heimsuchen lassen müssen, sind eben so viele – ich weiß nicht, ob schwerere internationale oder ästhetische Sünden. Julius Frese. Erstes Buch Erster Abschnitt Die Werkstatt Mit einem einzigen Tropfen Tinte als Spiegel macht sich der egyptische Zauberer anheischig, jedem, der hineinguckt, weit entlegene Bilder der Vergangenheit zu zeigen. Dasselbe will ich, Leser, für euch versuchen. Mit diesem Tropfen Tinte in meiner Feder zeige ich euch die geräumige Werkstatt von Meister Jonathan Burge, Zimmermann und Baumeister in dem Dorfe Hayslope, wie sie am 18. Juni im Jahre unseres Herrn 1799 aussah. Die Nachmittagssonne schien warm herein auf die fünf Arbeitsleute, die an Thüren und Fensterrahmen und Täfelwerk eifrig beschäftigt waren. Der Harzgeruch von einem zeltartigen Haufen tannener Bretter vor der offenen Thür mischte sich mit dem Duft der Hollunderbüsche, die den sommerlichen Schnee ihrer Blüten bis nahe an das offene Fenster der Thür gegenüber streuten; die Sonnenstrahlen schienen schräg herein in die durchsichtigen Hobelspäne, die von dem fleißigen Hobel aufflogen, und beleuchteten deutlich die seinen Masern des eichenen Täfelwerks, welches an der Wand aufgerichtet stand. Auf einem Haufen dieser glatten Hobelspäne hatte sich ein rauhhaariger, grauer Schäferhund behaglich gebettet; die Nase zwischen den Vorderpfoten, zog er gelegentlich die Augenbrauen kraus, um einen Blick auf den größten der fünf Arbeiter zu werfen, der eben das Mittelstück zu einer Vertäfelung ausschnitt und seine Arbeit mit einer starken, tiefen Summe begleitete, welche das Geräusch des Hobelns und Hämmerns übertönte: »Wach' auf, mein Geist, zu Pflicht und Arbeit auf! Der Sonne gleich thu' deinen Lauf; Die dumpfe Trägheit schüttle ab ...« Hier mußte er etwas an seiner Arbeit genauer nachmessen und sich daher mehr zusammennehmen, und seine wohlklingende Stimme sank zu einem leisen Pfeifen herab; bald aber brach sie mit erneuter Stärke wieder vor: In allem, was du thust, sei wahr, Dein Herz wie Mittagssonne klar. Solch eine Stimme konnte nur aus einer breiten Brust kommen, und die breite Brust war die eines starkknochigen, muskulösen Mannes von fast sechs Fuß, mit einem so geraden Rücken und einem so wohlgesetzten Kopfe darüber, daß, wenn er bei seiner Arbeit sich aufrichtete, um sie besser zu übersehen, er wie ein Soldat außer Reih und Glied aussah. Der bis über den Ellbogen aufgestreifte Ärmel ließ einen Arm sehen, der wohl im Ring- und Faustkampf den Preis gewinnen konnte, aber die lange, feine Hand mit den breiten Fingerspitzen deutete mehr auf friedliche Arbeit. Groß und handfest, machte Adam Bede seinem sächsischen Namen Ehre, aber sein kohlschwarzes Haar, welches gegen die weiße Papiermütze noch besonders scharf abstach, und der scharfe Blick seiner schwarzen Augen, die unter stark gezeichneten, vorspringenden und beweglichen Brauen hervorblickten, verrieten eine Mischung von celtischem Blut. Sein Gesicht war groß und nicht fein geschnitten und hatte im Zustande der Ruhe keine weitere Schönheit, als die eines gutmütigen, ehrlichen, verständigen Ausdrucks. Der nächste Arbeiter, das erkennt man auf den ersten Blick, ist Adams Bruder. Er ist fast eben so groß, hat denselben Schnitt der Züge, dasselbe Haar, dieselbe Gesichtsfarbe, aber die starke Familienähnlichkeit scheint nur den bedeutenden Unterschied des Ausdrucks in Gestalt und Gesicht noch auffallender zu machen. Seths breite Schultern sind etwas eingefallen, seine Augen sind grau, die Augenbrauen treten weniger hervor und sind ruhiger als die seines Bruders, sein Blick ist nicht scharf, sondern gutmütig und milde. Die Papiermütze hat er abgelegt, und so sieht man, daß sein Haar nicht stark ist und nicht glatt anliegt, wie bei Adam, sondern dünn und gelockt, und die hohe Wölbung des Schädels blickt deutlich hindurch. Die Tagediebe im Dorfe waren immer sicher, aus Seth ein paar Pfennige herauszubekommen, aber Adam sprachen sie fast nie an. Das Konzert von dem Geräusch der Arbeit und dem Gesange Adams wurde endlich von Seth unterbrochen, der die Thür, an welcher er fleißig gearbeitet hatte, von seiner Hobelbank nahm, sie an die Wand stellte und sagte: »Da! mit meiner Thür wär' ich also heut fertig.« Die Arbeiter blickten von ihrer Arbeit auf; Hans Salt, ein dicker, rothaariger Bursch, hielt ein bißchen mit Hobeln inne, und Adam sagte mit einem raschen Blick der Verwunderung zu Seth: »Wie, meinst du, die Thüre wäre fertig?« »Na gewiß,« sagte Seth, nicht minder verwundert, »was fehlt denn dran?« Laut schallendes Gelächter von den andern drei Arbeitern war die Antwort, und Seth sah ganz konfus aus den Augen. Adam stimmte nicht in das Lachen ein, aber es spielte doch ein lächelnder Zug um seinen Mund, als er in sanfterem Tone antwortete: »Nun, du hast bloß die Füllung vergessen.« Von neuem brach das Gelächter aus, als Seth sich vor die Stirn schlug und bis über die Ohren rot wurde. »Hurrah!« rief der kleine lustige Benjamin, mit Spitznamen Borsten-Ben, und stürzte auf die Thür los: »die Thür wollen wir draußen an der Werkstatt aufhängen und drauf schreiben: »Seth Bede, dem Methodisten, seine Arbeit.« Da, Hans! gieb mal den Farbentopf her.« »Unsinn!« sagte Adam, »laß das bleiben, Ben; du kannst leicht auch mal so'n Versehen machen und da wird das Lachen dir sauer genug ankommen.« »Das hat gute Wege, Adam,« erwiderte Ben; »du kannst lange warten, ehe die Methodisten mir so den Kopf verdrehen.« »Ja freilich, aber das Trinken verdreht ihn dir, und das ist schlimmer.« Ben hatte aber schon den Farbentopf in der Hand und zog, um seine Inschrift anzufangen, ein großes S durch die Luft. »Laß das bleiben, sag' ich,« rief Adam aus, legte sein Arbeitszeug hin, ging auf Ben zu und packte ihn bei der rechten Schulter; »laß das bleiben oder ich schüttle dir die Seele aus dem Leibe.« Unter Adams eisernem Griff bebte der kleine Mann, aber er behielt doch Courage und wollte nicht nachgeben. Mit der linken Hand nahm er den Pinsel aus der rechten, die ihm Adam festhielt, und machte eine Bewegung, als wolle er sich den Triumph der Inschrift so verschaffen. Im Nu aber drehte ihn Adam hemm, packte ihn an der andern Schulter und drängte ihn vor sich her an die Wand. Aber nun legte sich Seth ins Mittel. »Nicht doch, Adämchen, nicht doch; Ben kann mal das Spotten nicht lassen, und hat er denn nicht ein Recht mich auszulachen? Kann ich's doch selbst kaum helfen!« »Ich lass ihn nicht los,« sagte Adam, als bis er verspricht, deine Thür in Ruhe zu lassen.« »Na, denn laß es doch, Ben, mein Junge,« redete ihm Seth zu; »warum sollen wir Streit anfangen über die Thür! du weißt doch, Adam giebt nicht nach; du könntest eben so gut versuchen, mit einem Kärrnerwagen in einem engen Gäßchen zu drehen. Sag' doch nur, daß du die Thür in Ruhe lassen willst, und die Sache ist aus.« »Ich bin nicht bange vor Adam,« sagte Ben, »aber da du mich drum bittest, Seth, so will ich das Versprechen geben.« »Das wollt' ich dir auch geraten haben,« meinte Adam lachend und ließ ihn los. Alle nahmen nun ihre Arbeit wieder auf, aber Borsten-Ben, der eben den Kürzeren gezogen hatte, war entschlossen, sich durch gelungene Spötteleien schadlos zu halten. »Sag' mal, Seth,« fing er an, »woran hast du eben gedacht, als du die Füllung vergaßest, an der hübschen Methodistin ihr Gesicht oder ihre Predigt?« »Du solltest mitkommen und sie hören, Ben,« war Seths gutmütige Antwort; »sie predigt heute Abend auf der Gemeindewiese; da bekommst du wohl bessere Dinge zu bedenken als die schlechten Lieder, die dir so im Kopf liegen. Religion könnt'st du da bekommen und einen so guten Verdienst hast du gewiß nie gehabt.« »Alles zu seiner Zeit, Seth; wenn ich mich mal häuslich niederlasse, will ich's mir überlegen; 'n Junggeselle braucht noch nicht so guten Verdienst. Vielleicht mache ich das Freien und das Frommwerden zusammen ab, so wie – so wie du, Seth; aber, wenn ich mich nun bekehren ließe und dir bei der hübschen Methodistin dazwischen käme und mit ihr durchginge – hm, wie würd' dir das gefallen!?« »Davor ist mir nicht bange, Ben; sie ist weder für dich noch für mich zu haben, glaub' ich. Komm nur mal erst und hör' sie, dann sprichst du gewiß nicht wieder von ihr so leichtfertig.« »Na, ich hab's so halb und halb vor, sie mir heut Abend anzusehen, wenn ich im Wirtshaus keine gute Gesellschaft finde. Was wird sie denn für'nen Text nehmen? Du könnt'st mir's wohl sagen, Seth; 's wäre doch möglich, daß ich nicht früh genug käme. Was meinst du? Etwa: »Was seid ihr hinausgekommen zu sehen? eine Prophetin? Wahrlich, ich sage euch, mehr denn eine Prophetin, – ein ungemein hübsches, junges Frauenzimmer.« »Ben, Ben!« sagte Adam mit ernstem Ton, »willst du die Worte der Schrift in Ruhe lassen? Du gehst da ein bißchen sehr weit.« »Was? Du machst auch kehrt, Adam? Bisher glaubt' ich immer, du hätt'st mit dem Predigen der Weiber nichts zu schaffen.« »Von Kehrtmachen ist hier keine Rede und von dem Predigen der Weiber hab' ich nichts gesagt; ich sage nur, du sollst die Bibel in Ruhe lassen. Du hast ja ein lustiges Geschichtenbuch, denke ich, mit dem du dich immer breit machst; das nimm zwischen deine schmutzigen Finger.« »Nu wahrhaftig, du wirst eben so 'n großer Heiliger wie Seth. Gehst du auch zu der Predigt heut Abend?! Kannst ja schön Vorsingen! Aber, fällt mir ein, was wird wohl unser Pastor Irwine sagen, wenn sein großer Liebling Adam Bede unter die Methodisten geht!« »Kümmere du dich nicht um meine Sachen, Ben; ich denke nicht daran, Methodist zu werden, ebensowenig wie du, obgleich du wahrscheinlich leider was schlimmeres wirst. Herr Irwine ist viel zu verständig und läßt es die Leute mit der Religion halten, wie sie wollen; das müßten sie mit Gott abmachen, hat er mir oft genug gesagt.« »Ja, ja; aber die Dissenter liebt er darum doch nicht.« »Mag sein, ich liebe auch das schwere Bier in unserm Wirtshaus nicht, und dich lasse ich doch ungehindert zum Narren daran werden.« Dieser Ausfall Adams wurde mit lautem Lachen aufgenommen, aber Seth sagte sehr ernst: »Nein, Bruder, so mußt du nicht sprechen; du mußt keines Menschen Religion mit schwerem Bier vergleichen. Du bist doch überzeugt, daß die Dissenter und die Methodisten im Grunde ebenso den rechten Glauben haben wie die Leute von der Hochkirche.« »Ganz recht, mein Junge; ich will auch keines Menschen Religion verspotten. Jeder soll nur seinem Gewissen folgen, das ist alles. Nur glaube ich, es wäre besser, wenn ihr Gewissen sie ruhig in der Kirche ließe; da giebt's genug zu lernen. Und dann giebt es noch so'n Ding wie Übertreibung, selbst in geistlichen Dingen; wir haben in dieser Welt noch etwas nötig außer dem Wort Gottes. Sieh dir nur die Kanäle an und die Wasserleitungen und die Maschinen in den Kohlengruben und Arkwrights Mühlen; wer so was machen will, der muß noch etwas anderes lernen, will mich bedünken, als bloß Gottes Wort. Wenn man aber einige von euren Reisepredigern hört, dann sollte man glauben, der Mensch brauche nichts zu thun sein ganzes Lebelang, als die Augen zuzumachen und auf das zu sehen, was in seinem Herzen vorgeht. Gewiß muß der Mensch Liebe zu Gott im Herzen tragen, und die Bibel ist Gottes Wort, das weiß ich. Aber was sagt die Bibel? Sie sagt: Gott habe den Arbeiter, der die Bundeslade baute, mit seinem Geiste erfüllt, so daß er all' die Schnitzereien machen konnte und was sonst eine geschickte Hand erfordert. Und wie ich die Sachen ansehe, so steht's so: Der Geist Gottes ist in allen Dingen und zu allen Zeiten – Werktag so gut wie Sonntag – und in den großen Erfindungen und Berechnungen und den mechanischen Künsten, und Gott hilft uns mit unserm Kopf und unserer Hand so gut wie mit unserm Herzen, und wenn einer ein übriges thut in seinen Freistunden – einen Backofen macht für seine Frau, damit sie nicht mehr zu dem Bäcker zu gehen braucht, oder sein Stück Gartenland bearbeitet, daß zwei Kartoffeln wachsen, wo bisher nur eine wuchs, dann thut er mehr Gutes und ist Gott gerade so nahe, als wenn er hinter einem Prediger herläuft und betet und stöhnt.« »Bravo, Adam!« sagte Hans, der bei Adams Worten sein Hobeln eingestellt hatte; »das ist die beste Predigt, die ich seit lange gehört habe. Meine Frau ist von demselben Glauben; das ganze Jahr hat sie mich schon gequält, ihr einen Ofen zu setzen.« »Ja,« bemerkte Seth nachdrücklich, »in dem, was du sagst, ist Grund; aber du weißt doch selbst, daß durch den Besuch der Predigten, auf die du so losziehst, manch fauler Bursch zum Fleiß bekehrt ist. Wer macht die Bierhäuser leer, wer anders als die Prediger? und wenn einer fromm wird, so thut er seine Arbeit darum nicht schlechter.« »Nur läßt er bisweilen die Füllung aus den Thüren, nicht wahr, Seth?« sagte Borsten-Ben. »Aha, Ben, da hast du also wieder einen Spott gegen mich, der dir wohl vorhält fürs ganze Leben. Aber die Frömmigkeit hat hier keine Schuld; die Schuld trifft bloß Seth Bede, der immer ein bißchen konfus gewesen ist, und den die Frömmigkeit nicht geheilt hat – leider Gottes!« »Laß dich das nicht anfechten, Seth,« sagte Borsten-Ben, »konfus oder nicht konfus, du bist von Grund des Herzens ein braver guter Kerl und wirst nicht gleich wild über jeden Scherz, wie gewisse Leute aus deiner Familie, die vielleicht mehr Grütze im Kopfe haben.« »Seth, mein Junge,« sagte Adam, als beachte er den Spott gegen sich selbst nicht, »es war nicht so böse gemeint, und was ich eben sagte, ging gar nicht auf dich; der eine sieht eben die Dinge anders an wie der andre.« »Gewiß, Adämchen,« erwiderte Seth, »war es nicht so böse gemeint, dazu kenn' ich dich ja zu gut; du bist wie dein Hund Gyp; bellst mich wohl bisweilen an, aber nachher leckst du mir immer die Hand.« Alle Arbeiter arbeiteten nun schweigend einige Minuten weiter, bis die Turmuhr sechs schlug. Ehe noch der erste Ton verhallt war, hatte Hans seinen Hobel ruhen lassen und griff nach seiner Jacke; Borsten-Ben ließ eine Schraube halb fertig stehen und warf das Arbeitszeug beiseite; ein dritter, welcher bei der eben geführten Unterhaltung ein stummer Zuhörer gewesen war, ließ den Hammer, mit den: er schon zum Schlage aushob, wieder sinken, und auch Seth richtete, sich von der Arbeit auf und faßte nach seiner Mütze. Adam allein fuhr bei der Arbeit fort, als ob nichts vorgefallen wäre. Als er aber die andern Feierabend machen hörte, blickte er auf und sagte entrüstet: »Nun sehe mir einer! Ich kann es nicht ausstehen, daß ihr so euer Handwerkszeug beiseite legt, so wie es Feierabend schlägt, als hättet ihr keine Freude an der Arbeit und wäret bange, einen Schlag zu viel zu thun!« Seth sah ein bißchen schuldbewußt aus und betrieb seine Vorbereitungen zum Abmarsch etwas langsamer, aber der Stumme brach nun sein Schweigen und sagte: »Ja, ja, Adam, du sprichst wie es sich für deine Jahre paßt, Junge; wenn du erst sechsundvierzig alt bist wie ich, statt sechsundzwanzig, dann bist du auch nicht mehr so flink zur Arbeit.« »Unsinn,« rief Adam, noch immer ärgerlich; »ich möchte wohl wissen, was Euer Alter damit zu thun hat; Ihr werdet doch noch nicht steif, sollt' ich meinen. Ich hasse es, wenn einer seine Arme so 'runtersinken läßt, als hätte er einen Schuß gekriegt, ehe noch die Uhr ausgeschlagen hat, grade als hätte er kein bißchen Stolz und Freude an seiner Arbeit. Der Schleifstein dreht sich doch auch noch ein paarmal, wenn man nicht mehr tritt.« »Papperlapapp, Adam,« rief Borsten-Ben aus, »laß uns damit ungeschoren. Eben bist du noch über die Prediger hergezogen, und jetzt scheint mir, du predigst selbst gern. Du hast die Arbeit lieber als die Erholung, bei mir ist's umgekehrt; das wird dir recht sein, um so mehr Arbeit bleibt ja für dich.« Mit dieser Schlußrede hielt Ben die Sache für abgemacht, nahm sein Handwerkszeug auf die Schulter und verließ die Werkstatt, Hans und der Stumme rasch hinter ihm her. Seth zögerte noch und blickte aufmerksam auf Adam, als erwarte er von ihm noch etwas zu hören. »Gehst du vor der Predigt erst nach Haus?« fragte Adam, indem er aufblickte. »Nein, ich habe meinen Hut und meine andern Sachen bei Will Maskery und werde wohl erst gegen zehn zu Haus sein. Wahrscheinlich bringe ich Dina Morris nach Haus, wenn sie's haben will; von Poysers begleitet sie keiner, weißt du.« »Dann werd' ich Mutter sagen, daß sie nicht auf dich wartet,« sagte Adam. »Gehst du vielleicht selbst heute Abend bei Poysers vor?« fragte Seth etwas schüchtern, indem er die Werkstatt verließ. »Nein, ich gehe in die Abendschule.« Bis dahin hatte Gyp sein behagliches Lager nicht verlassen, sondern nur den Kopf aufgerichtet und Adam aufmerksam angesehen, als die andern Arbeiter fortgingen. Aber kaum steckte Adam seinen Zollstock in die Tasche und band sich die Arbeitsschürze los, als Gyp aufsprang und seinem Herrn mit einem Ausdruck geduldiger Erwartung ins Gesicht sah. Hätte Gyp einen Schwanz gehabt, so hätte er gewiß damit gewedelt; da ihm aber dieses Mittel der Gefühlsäußerung abging, so teilte er das Schicksal mancher braven Leute, gefühlloser zu erscheinen, als er von Natur war. »Nun? fertig für deinen Korb? he Gyp?« sagte Adam mit demselben sanften Tone in der Stimme, als wenn er mit Seth sprach. Gyp sprang in die Höhe und bellte einmal kurz; das war seine bejahende Antwort. In dem Korbe pflegten Adam und Seth an Werktagen ihr Mittagessen mitzubringen, und Gyp trug ihn nun im Maule hinter seinem Herrn her, so würdevoll und in sich versunken, wie nur je ein Beamter bei einem öffentlichen Aufzuge. Als Adam die Werkstatt verließ, verschloß er die Thür, zog den Schlüssel ab und brachte ihn nach dem Hause auf der andern Seite des Holzplatzes. Es war ein niedriges Haus mit einem grauen Strohdach und bräunlichen Mauern, welches im Lichte der Abendsonne still und friedlich dalag. Die kleinen Bleifenster glänzten so blank und die steinerne Schwelle war so rein, wie ein weißer Kiesel zur Zeit der Ebbe. Auf der Schwelle stand eine reinliche alte Frau in einem dunkel gestreiften leinenen Rock, rotem Halstuch und einer leinenen Mütze. Ihr Auge schien etwas trübe zu sein, denn sie erkannte Adam nicht eher, als bis er sagte: »Hier ist der Schlüssel, Dorchen; gebt ihn im Hause ab, ja?« »Gewiß, Adam, aber wollt Ihr nicht hereinkommen? Jungfer Marie ist zu Hause und Meister Burge kommt auch bald; er behält Euch gewiß gern zum Abendbrot, dafür steh' ich.« »Ich danke Euch, Dorchen, aber ich muß nach Haus. Guten Abend.« Mit großen Schritten eilte Adam, und Gyp dicht hinter ihm her, aus dem Hofe die große Straße entlang, die von dem Dorfe abseits in ein Thal hinunterführte. Am Fuß des Abhangs begegnete er einem ältlichen Mann zu Pferde; als Adam an ihm vorbeigegangen war, hielt der Reiter sein Pferd an, wandte sich um und warf noch einen langen Blick auf den stattlichen Arbeitsmann mit der papiernen Mütze, den ledernen Hosen und dunkelblauen wollenen Strümpfen. Ohne eine Ahnung von der Bewunderung, die er erregte, schritt Adam querfeldein und stimmte das Lied an, welches ihm den ganzen Tag durch den Kopf gegangen war: In allem, was du thust, sei wahr, Dein Herz wie Mittagssonne klar; Denn Gott, der alles sieht, ist nicht verborgen Dein Thun und Treiben noch dein stilles Sorgen. Zweiter Abschnitt Die Predigt Kurz vor sieben Uhr zeigte sich eine ungewöhnliche Bewegung in dem Dörfchen Hayslope, und in der ganzen Länge seiner kleinen Straße, von dem Wirtshause zum Donnithorne-Wappen bis zur Thüre des Kirchhofs, standen die Einwohner vor ihren Häusern, augenscheinlich nicht bloß um in der Abendsonne herumzulungern. Das Wirtshaus lag am Eingang des Dorfes; das Schild hatte in Wind und Wetter schon manches Jahr gelitten und die Abzeichen der alten Familie Donnithorne waren kaum noch zu erkennen; aber der kleine Hof mit Ackergerät und Getreideschobern neben dem Wirtshause deutete an, daß auch Landwirtschaft da getrieben wurde, und gab den Reisenden im voraus die Hoffnung auf gute Verpflegung für Mensch und Tier. Meister Casson, der Wirt, stand schon eine Zeit lang in der Thür, wiegte sich, die Hände in den Hosentaschen, auf den Absätzen hin und her und blickte unverwandt nach der Gemeindewiese mit dem Ahornbaum, wohin er einige bedächtig aussehende Männer und Frauen hatte gehen sehen. Meister Casson gehörte durchaus nicht zu den gewöhnlich aussehenden Menschen, und seine Person verdient eine nähere Beschreibung. Sein Gesicht schien aus zwei Kreisen zu bestehen, die ungefähr in demselben Größenverhältnis zu einander standen wie die Erde und der Mond, so nämlich, daß der untere Kreis nach einer ungefähren Schätzung dreizehnmal größer war als der obere, welcher demnach als der bloße Trabant von jenem erschien. Aber damit hörte auch die Ähnlichkeit auf, denn Meister Casson war durchaus kein melancholischer Gesell, und sein Kopf keine »gefleckte Scheibe«, wie Milton respektwidrig den Mond genannt hat; im Gegenteil, kein Kopf und Gesicht konnte glatter und gesunder aussehen, und der Ausdruck, der hauptsächlich in einem Paar runder und derber Backen lag – die kleinen Unterbrechungen von Nase und Augen waren nicht der Rede wert – sprach von Zufriedenheit und Behagen, gemildert durch ein gewisses Bewußtsein persönlicher Würde, das sich fast immer in Haltung und Benehmen kundgab. Dieses würdevolle Bewußtsein konnte indes bei einem Manne, der fünfzehn Jahre lang Kellermeister auf dem Schlosse gewesen war und in seiner jetzigen hohen Stellung natürlich oft mit Leuten niederen Standes in Berührung kam, schwerlich für übertrieben gelten. Wie er unbeschadet dieser Würde seine Neugierde befriedigen und nach der Gemeindewiese gehen könnte, hatte Meister Casson in den letzten fünf Minuten bei sich hin und her überlegt, und indem er seine Hände aus den Hosentaschen nahm und die Daumen zwischen Weste und Rock steckte, den Kopf auf die eine Seite neigte und sich das Ansehen hochnäsigster Gleichgiltigkeit gegen alles um ihn her gab, hatte er die Schwierigkeit schon teilweise gelöst, als seine Gedanken durch die Ankunft des Reiters, den wir vorhin unsern Freund Adam betrachten sahen und der nun vor dem Wirtshause anhielt, wieder davon abgelenkt wurden. »Nehmt dem Pferd die Zügel ab, Hausknecht, und gebt ihm zu trinken,« sagte der Reisende, indem er abstieg. »Aber sagen Sie, Herr Wirt, was geht hier in Ihrem Dörfchen vor? Alle Welt ist ja auf den Beinen.« »Es giebt eine Methodistenpredigt, Herr; wie ich höre, wird ein junges Mädchen auf der Gemeindewiese predigen,« erwiderte Casson mit möglichst feiner Stimme und liebenswürdigem Tone. »Wollen Sie so freundlich sein hereinzutreten und etwas genießen?« »Nein, ich muß heute noch nach Rosseter; ich brauche nur etwas für mein Pferd. Aber, was sagt denn Ihr Pastor dazu, daß ihm eine Frauensperson so gerade unter der Nase predigt?« »Pastor Irwine wohnt nicht hier im Dorfe, Herr; er wohnt in Broxton, da hinter dem Hügel. Unsere Pfarrwohnung ist ganz verfallen, da kann kein anständiger Mensch drin wohnen. Er kommt Sonntags Nachmittags zur Predigt hergeritten und stellt sein Pferd bei mir in den Stall. Es ist ein kleiner grauer Hengst, Herr, und er hält große Stücke drauf. Er kehrt immer bei mir ein, Herr, all' die Zeit schon, wo ich die Wirtschaft hier geführt habe. Ich bin nicht aus dieser Gegend, das hören Sie mir wohl an der Sprache an. Die Leute hier herum sprechen ganz kurios, und ein gebildeter Mensch kann es oft schwer verstehen. Ich bin unter gebildeten Leuten aufgewachsen und habe mir die Sprache von Kindesbeinen angewöhnt. Wie glauben Sie z.B., daß die Leute hier sagen für: »Was habt'r g'sagt?« – wie wir gebildeten Leute sprechen. Ja, man sollt's nicht glauben: »Was hobt'r g'seit?« sagen sie. Es ist der Dijelekt, nennt man das, was sie hier sprechen. Der alte Herr Donnithore nannte es immer so; »der Dijelekt«, sagte er.« Der Fremde lächelte. »Ja, ja, das kenne ich schon. Aber habt Ihr denn so viele Methodisten hier herum, unter dieser ländlichen Bevölkerung? Ich hätte gedacht, es gäbe hier kaum einen einzigen; es sind doch fast alles Bauern hier und mit denen können die Methodisten so recht nichts anfangen.« »Na, es giebt hier doch auch manche Handwerker. Da ist z.B. Meister Burge, der den Holzhof da drüben hat; der hat viel Bauerei an der Hand, und dann sind die Steinbrüche nicht weit, und so giebt's hier allerlei Beschäftigung für Handwerker. In Treddleston, dem Marktflecken ungefähr eine Stunde von hier, wo Sie wohl durchgekommen sind, ist ein gutes Häufchen Methodisten; von daher sind wohl ein paar Dutzend auf der Gemeindewiese. Und von denen haben's die Leute hier; aber in ganz Hayslope giebt's eigentlich nur zwei; das ist Will Maskery, der Stellmacher, und Seth Bede, ein junger Zimmergeselle.« »Das junge Mädchen, welches predigt, ist also wohl aus Treddleston?« »Doch nicht, Herr; sie ist aus Stonyshire, beinahe zehn Stunden Weges. Aber sie ist hier zum Besuch bei Pachter Poyser auf dem Pachthof – da links hinüber, wo Sie die Scheunen sehen und die großen Wallnußbäume. Sie ist Poysers Frau ihre Nichte, und die werden nicht schlecht böse mit ihr sein, daß sie sich so zum Narren macht. Aber ich habe mir sagen lassen, wenn diese Methodisten es mal in den Kopf kriegen, da ist gar kein Halten mehr, und viele werden reinweg verrückt vor lauter Frömmigkeit. Dies junge Mädchen freilich sieht ganz still und ordentlich aus, wie ich höre; selbst gesehen habe ich sie noch nicht.« »Nun, ich wollte, ich hätte Zeit, sie mir anzusehen, aber ich muß weiter. Ich bin so schon die letzte Viertelstunde von meinem Wege abgeritten, um mir das Schloß da im Thale anzusehen. Es gehört Herrn Donnithorne, nicht wahr?« »Ja, mein Herr, es ist der Edelhof der Familie Donnithorne. Schönes Eichenholz, nicht wahr? Ich muß das wissen; ich bin da fünfzehn Jahre lang Kellermeister gewesen. Kaptän Donnithorne ist der Anerbe, der Enkel des jetzigen Herrn Donnithorne. Wenn die Heuernte ist, wird er großjährig, da wird's hoch hergehen. Zu dem Gute gehört das ganze Land hier herum, all die schönen Ländereien.« »Nun, eine hübsche Besitzung ist es, das muß wahr sein,« sagte der Reisende, indem er wieder zu Pferde stieg, »und hübsche Leute trifft man hier auch. Noch vor 'ner halben Stunde, ehe ich den Hügel heraufkam, traf ich einen so hübschen jungen Burschen, wie ich nur je einen gesehen habe; es war ein Zimmergesell, groß und breitschultrig, mit schwarzem Haar und schwarzen Augen, und einen Gang hatte er wie ein Soldat; solche Leute können wir gegen die Franzosen brauchen.« »Das war gewiß Adam Bede, Herr, Matthis Bede sein Sohn, den kennt hier jedermann. Das ist ein sehr gescheiter, fleißiger Bursch und mächtig stark. Auf Ehr' und Seligkeit, Herr – entschuldigen Sie den Ausdruck – der marschiert Ihnen den Tag seine zwölf, fünfzehn Stunden, und heben kann er ein paar hundert Pfund wie gar nichts. Die vornehmen Herrschaften halten große Stücke auf ihn; Kaptän Donnithorne und Pastor Irwine thun immer als ob wunders was an ihm wäre. Aber er trägt den Kopf ein wenig hoch und 's ist nicht gut Kirschenessen mit ihm.« »Nun, guten Abend, Herr Wirt; ich muß weiter.« »Gehorsamer Diener, Herr; glückliche Reise.« Der Reisende ritt in scharfem Schritt durch das Dorf, aber als er an die Gemeindewiese kam, fesselte ihn die Schönheit des Blicks zu seiner Rechten, der eigentümliche Gegensatz zwischen den Gruppen der Bauern vor ihren Häusern und dem Häuflein Methodisten am Ahornbaum, und vielleicht in noch höherem Grade die Neugier, das junge Mädchen zu sehen; seine Eile, die ihn noch soeben vorwärts getrieben, ließ nach und er hielt sein Pferd an. Die Gemeindewiese lag am Ende des Dorfes und von ihr aus verzweigte sich die große Straße in zwei Richtungen, eine den Hügel hinan bei der Kirche vorbei, die andere in sanfter Windung das Thal hinab. Auf der Seite der Wiese nach der Kirche zu standen einzelne strohbedeckte Hütten bis nahe an die Kirchhofsthür, aber gegenüber, nach Nordwesten hin, hemmte nichts den freien Blick auf sanft welliges Wiesenland und das waldige Thal und die dunkeln Massen ferner Hügel. Die reiche gesegnete, von Höhenzügen durchschnittene Gegend der Grafschaft Loamshire, zu welcher Hayslope gehört, stößt an einen wilden Grenzstrich von Stonyshire, unter dessen kahlen Hügeln sie daliegt wie eine hübsche blühende Schwester in den Armen ihres großen, derben, wettergebräunten Bruders, und in einem Ritt von zwei bis drei Stunden konnte der Reisende aus einer öden baumlosen, nur von Reihen grauer Felsen durchschnittenen Gegend, den Schauplatz unserer Geschichte erreichen, wo sein Weg bald unter dem Laubdach von Wäldern, bald über schwellende Hügel sich hinzog, die mit Hecken und langem Wiesengras und dickem Korn besetzt waren, und wo ihm bei jeder Wendung des Weges bald ein schöner alter Landsitz, im Thale versteckt oder einen Abhang krönend, bald ein Bauerhof mit seinen langen Scheunen und den goldgelben Getreideschobern rings umher, bald endlich ein grauer Kirchturm aufstieß, der aus einem hübschen Wirrsal von Bäumen und Strohdächern und dunkelroten Ziegeln hervorblickte. Genau ein solches Bild wie dieses letzte war die Dorfkirche von Hayslope unserm Reisenden erschienen, als er den sanften Abhang nach dem anmutigen Berglande hinauf zu reiten begann, und von seinem Standorte neben der Gemeindewiese hatte er nun fast alle andern charakteristischen Merkmale dieses hübschen Landstriches vor sich. Hoch hinauf gegen den Horizont waren mächtige Massen von kegelförmigen Hügeln gelagert, wie Riesendämme, welche dieses Land des Kornes und Grases gegen die scharfen und beißenden Nordwinde schützen sollten; nicht fern genug, um in purpurnes Geheimnis verhüllt zu sein, sondern mit einem trüben grünlichen Hauch bezogen, in welchem die weidenden Schafe noch zu erkennen waren. Unmittelbar darunter weilte das Auge auf einer vorgeschobenen Reihe waldiger Abhänge mit hellen Flecken von Weideland oder gefurchtem Acker dazwischen, an denen das Grün des Laubes noch nicht einförmig dunkel war wie im hohen Sommer, sondern wo die warmen Töne des jungen Eichenlaubes noch mit dem zarteren Grün der Esche und Linde wechselten. Dann endlich kam das Thal, wo das Gehölz dichter wurde, als wäre es von den Höhen herabgerollt und hätte sich enger geschart, um das stattliche Haus besser schützen zu können, das mit seinen Zinnen bis zum Gipfel der Bäume hinanstieg und den zarten blauen Rauch seines Herdes über ihre Kronen hinwegschickte. Gewiß zog sich auch eine große Fläche Parkland vor diesem Hause hin und es spiegelte sich in einem offenen Teiche, aber der hügelige Wiesenabhang vor dem Dorfe verdeckte unserm Reisenden diesen Anblick. Statt dessen sah er einen andern ebenso lieblichen Vordergrund: das Licht der untergehenden Sonne lag in schrägen Streifen wie durchsichtiges Gold zwischen den sanft gebogenen Halmen des Federgrases und dem hohen roten Klee und den weißen Dolden der Schierlingpflanzen an den dichtbelaubten Hecken. Hätte der Reisende sich etwas im Sattel gedreht und ostwärts über das Weideland und den Holzhof bei Meister Burges Hause hinweg nach den grünen Kornfeldern und Wallnußbäumen des Pachthofes hingeblickt, so hätte er noch andere landschaftliche Schönheiten sehen können; aber offenbar interessierte er sich mehr für die lebenden Gruppen dicht vor ihm. Jedes Alter war da vertreten, von dem greisen Vater Taft in seinem braunen wollenen Käppchen, der beinahe doppelt gekrümmt war, aber zähe genug schien, auf seinen kurzen Stock gelehnt sich noch eine gute Weile auf den Beinen zu halten, bis hinab zu den kleinen Kindern, deren Gesichtchen aus gesteppten leinenen Kapuzen hervorsahen. Ab und zu trat noch ein neuer Ankömmling heran, etwa ein Arbeiter vom Felde, der nach genossenem Abendbrot herbeischlenderte, um auf das ungewöhnliche Schauspiel mit blödem Auge hinzustieren, – sehr bereit zu hören, wenn einer ihm etwa die Sache erklären wollte, aber durchaus nicht so aufgeregt, um selbst zu fragen. Alle jedoch hüteten sich wohl, den Methodisten auf der Wiese selbst zu nahe zu kommen und sich so mit der wartenden Zuhörerschaft zu vermengen, denn nicht einer von ihnen hätte es auf sich sitzen lassen, daß er hergekommen sei, um die »Frauensperson« predigen zu hören; jeder wollte nur »sehen, was es gäbe.« Die Männer waren hauptsächlich bei der Schmiede versammelt. Aber nicht etwa in einem Haufen; Landleute stehen nie dicht gedrängt wie ein Bienenschwarm; was Flüstern ist, wissen sie nicht und leise Töne scheinen sie beinahe so wenig zu kennen wie eine Kuh oder ein Hirsch. Ein rechter Bauersmann dreht dem wohl den Rücken, mit dem er spricht, wirft ihm über die Schulter eine Frage zu, als wolle er vor der Antwort davonrennen, und tritt wohl ein oder zwei Schritt zurück, wenn das Gespräch am anziehendsten ist. So stand auch die Gruppe vor der Schmiede durchaus nicht dicht und verdeckte nicht den Schmied selbst, der, seine schwarzen sehnigen Arme über einander geschlagen, an den Thürpfosten sich lehnte und gelegentlich ein lautes Lachen ausprustete über seine eigenen Witze, in merklicher Überhebung gegen die Spöttereien des Borsten-Ben, der für den Abend auf die Freuden des Bierhauses verzichtet hatte, um sich das Leben draußen anzusehen. Aber beide Witzbolde wiederum wurden mit gleicher Verachtung behandelt von Meister Josua Rann. Meister Ranns ledernes Schurzfell und sein verbissener Grimm stellen es außer Zweifel, daß er der Dorfschuster ist, und wenn er das Kinn und den Bauch vorschiebt und die Daumen um einander dreht, so ist das eine etwas feinere Andeutung, daß er daneben auch die Würde des Küsters bekleidet. Der alte Josua ist in einem Zustande, daß er vor Ärger gelinde kocht, aber er hat bis jetzt nur seine Lippen geöffnet, um in einer tiefen schnarrenden Baßstimme zu brummen: »Sihon, König der Ammoniter, – denn seine Güte währet ewiglich« – und »Og, König von Basan – denn seine Güte währet ewiglich« – lauter Anführungen, die wenig mit der vorliegenden Sache zu thun zu haben scheinen, aber bei genauerer Prüfung sich doch als sehr zutreffend herausstellen. Meister Rann verteidigte nämlich in seinem Innern die Würde der Staatskirche gegen einen solchen empörenden Einbruch des Methodismus, und da diese Würde eng verknüpft war mit seiner eigenen wohlklingenden Beteiligung an der Liturgie, so führte ihn seine Beweisführung ganz natürlich auf einen Vers aus dem Psalm, der am letzten Sonntag Nachmittag in der Kirche gelesen war. Die Weiber waren von ihrer stärkeren Neugierde bis hart an den Rand der Gemeindewiese gelockt worden, wo sie die Quäkertracht und das absonderliche Benehmen der Methodistinnen noch genauer beobachten konnten. Unter dem Ahornbaum war ein kleiner Karren, den der Stellmacher hergegeben hatte, als Kanzel aufgestellt, und rings herum standen ein paar Bänke und Stühle. Einige Mitglieder der kleinen methodistischen Gemeinde saßen schon still da, die Augen geschlossen, wie versunken in Gebet oder Betrachtung. Andere standen umher und hielten ihre Blicke auf die Bauern mit einem Ausdruck tiefer Betrübnis gerichtet, der die muntere Tochter des Schmieds, Lieschen Cranage, so sehr belustigte, daß sie verwundert fragte, warum die Leute da solche Gesichter schnitten. Schmieds Lieschen war besonders der Gegenstand tiefsten Mitleids für die Methodistinnen; da sie nämlich ihr Haar zurückgekämmt unter der Mütze trug, so zeigte sie einen Schmuck, auf den sie viel stolzer war als auf ihre roten Backen, ein Paar große runde Ohrringe mit unechten Granaten, – ein Schmuck, den nicht bloß die Methodistinnen verachteten, sondern den auch ihre Kousine, Timothys Lieschen, mit echt verwandtschaftlicher Freundlichkeit schon oft verwünscht hatte. Timothys Lieschen, obgleich sie unter ihren Bekannten ihren Mädchennamen behalten hatte, war schon viele Jahre die Frau unseres Bekannten, des Zimmergesellen Hans, und erfreute sich einer hübschen Reihe jener Schmucksachen, auf welche die Mutter der Gracchen so stolz war; es genüge davon das starke Kind zu erwähnen, das sie in ihren Armen wiegte, und den derben fünfjährigen Jungen mit den Kniehosen und roten Beinen, der am Halse eine verrostete Milchkanne als Trommel trug und ein wahrer Schrecken war für des Schmieds kleinen Hund. Dieser olivenfarbene Junge, Lieschens Ben genannt, hatte sich ohne jede falsche Bescheidenheit über die Gruppe von Kindern und Frauen hinausgewagt und ging naseweis mitten unter den Methodisten umher, indem er ihnen mit weit offenem Munde ins Gesicht sah und auf seiner Milchkanne mit einem Stock Musik machte. Als aber eine von den ältern Methodistinnen ihn bei der Schulter faßte und ihm ernstliche Vorstellungen machte, schlug Ben erst kräftig aus, rannte dann davon und suchte Schutz hinter seines Vaters Beinen. »Du kleiner Galgenstrick,« sagte Hans mit väterlichem Stolze; »wenn du den Stock nicht ruhen lassen kannst, so nehm' ich ihn dir weg. Was soll das heißen, daß du die Leute schlägst?« »Heda, Hans, gieb mir den Jungen,« rief der Schmied; »ich will ihn anbinden und beschlagen wie ein Pferd. Nun, Meister Casson,« fuhr er fort, als er den Wirt herankommen sah, »wie geht's Euch heut Abend? Kommt Ihr auch, um mitzustöhnen? Wer die Methodisten anhört, soll ja immer anfangen zu stöhnen, als wär's ihm im Leibe nicht recht. Ich denke heut Abend so laut zu stöhnen, wie Eure Kuh neulich Abend; dann meint die Frauensperson gewiß, ich sei auf dem rechten Wege.« »Ich möchte Euch doch raten, den Unsinn zu lassen,« erwiderte Casson mit einiger Würde; »Poyser nähme es sehr übel, wenn die leibliche Nichte seiner Frau nicht mit aller Achtung behandelt würde, so wenig er es auch leiden mag, daß sie sich selbst ans Predigen giebt.« »Ja wohl,« fiel Borsten-Ben ein, »und hübsch ist sie auch; ich habe gar nichts dagegen, daß die hübschen Weiber predigen; die bekehren mich gewiß weit eher als die häßlichen Männer. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn ich noch heut Abend unter die Methodisten ginge und um ihre hübsche Pastorin freite wie Seth Bede.« »Nun, Seth will wohl ein bißchen zu hoch hinaus,« sagte der Wirt. »Die Verwandten des Mädchens würden nicht wenig unzufrieden sein, wenn sie sich mit einem gewöhnlichen Zimmermann einließe.« »Pah!« rief Ben verächtlich; »was geht das die Verwandten an? Nicht so viel. Poyser seine Frau mag ihre Nase so hoch tragen wie sie will und vergessen, wo sie herstammt, aber diese Dina Morris, das weiß ich bestimmt, ist so arm wie Hiob, sie arbeitet in einer Fabrik und ist froh, wenn sie das Leben hat. Ein tüchtiger junger Zimmermann und noch dazu Methodist wie Seth wäre keine schlechte Partie für sie. Poysers selbst machen ja ein Aufhebens von Adam Bede, als wenn er ihr eigener Neffe wäre.« »Was du wieder red'st!« sagte Meister Josua; Adam und Seth, das ist zweierlei; die beiden gehen nicht über einen Leisten!« »Mag sein,« erwiderte Borsten-Ben verächtlich, »aber Seth ist mein Mann und wär' er zehnmal Methodist. Ich bin ganz weg in den Seth; all die Zeit, daß wir zusammen arbeiten, neck' ich ihn in einem fort und er trägt's so geduldig wie ein Lamm. Und Kourage hat er auch und das Herz auf dem rechten Fleck. Als wir mal nachts übers Feld kamen und der alte Weidenbaum wie Feuer leuchtete und wir alle glaubten, es wär'n Gespenst, da ging Seth ohne weiteres drauf zu, wie ein Konstabler auf einen Dieb. Wahrhaftig, seht, da kommt er gerade aus dem Stellmacher seinem Hause, und der Stellmacher selbst auch, und der sieht so weichmütig aus, als könne er keinen Nagel auf den Kopf schlagen, weil er ihm nicht weh thun möchte. Und mein' Seel! da ist die hübsche Pastorin auch, ihren Hut in der Hand. Da muß ich etwas näher herangehen.« Einige von den Leuten folgten Bens Führung, und auch der Reisende ritt auf die Gemeindewiese vor, als Dina mit schnellen Schritten vor ihren Gefährten her auf den Karren unter dem Ahornbaum zuschritt. Neben Seths hoher Gestalt sah sie klein aus, aber als sie den Karren bestiegen hatte und nun keine Vergleichung mehr möglich war, erschien sie über Mittelgröße, obgleich sie in Wirklichkeit nur das gewöhnliche Frauenmaß hatte – eine Täuschung, die sich aus ihrer schlanken Figur und dem einfachen Umriß ihres schwarzen Kleides erklärte. Der Fremde war überrascht, als er sie herankommen und den Karren besteigen sah – überrascht nicht sowohl durch die weibliche Zartheit ihrer Erscheinung als durch den völligen Mangel an Selbstbewußtsein in ihrer Haltung. Er war darauf gefaßt gewesen, sie würde mit gemessenem Schritt und sittsam prüdem Ausdruck auftreten; er hatte ganz sicher gemeint, auf ihrem Gesicht würde das Lächeln selbstbewußter Heiligkeit schweben oder vorwurfsvolle Bitterkeit lasten. Er kannte bloß zwei Arten von Methodisten – Schwärmer und Sauertöpfe. Aber Dina ging so ruhig, als ginge sie zu Markte, und schien von ihrer äußeren Erscheinung so wenig ein Bewußtsein zu haben wie ein kleiner Junge; da war keine Spur von Erröten, von Zaghaftigkeit, die etwa hätte sagen sollen: »ich weiß, ihr haltet mich für ein hübsches Mädchen und glaubt, ich sei zum Predigen zu jung;« sie schlug nicht die Augenlider auf oder nieder, preßte nicht die Lippen zusammen, machte nichts mit ihren Armen, als wollte sie etwa sagen: »aber für eine Heilige müßt ihr mich doch halten.« Sie hatte kein Buch in ihren bloßen Händen, sondern ließ sie herunterhängen und hielt sie leicht verschlungen vor sich, als sie auf der einfachen Kanzel stand und ihre grauen Augen auf die Leute richtete. Nichts Scharfes in den Augen; sie schienen eher Liebe auszuströmen als Beobachtungen zu sammeln; sie hatten den feuchten Blick, welcher sagt, daß die Seele voll von dem ist, was sie geben will, und nicht unter äußeren Einflüssen steht. Sie stand links gegen die untergehende Sonne gewandt, vor deren Strahlen die laubigen Zweige des Baumes sie schützten, aber in dieser milden Beleuchtung schien ihre zarte Gesichtsfarbe eine stille Lebhaftigkeit anzunehmen wie Blumen am Abend. Ihr Gesicht war klein, ein hübsches Eirund von einer gleichförmigen durchsichtigen Weiße; Wange und Kinn sanft geschwungen, der Mund voll und fest, die Nase fein, die Stirn niedrig und gerade, ihr Haar rötlich blond und glatt anliegend. Sie trug das Haar scharf nach hinten gekämmt unter einer schlichten Quäkermütze; nur über der Stirn sah es einige Finger breit hervor. Die Augenbrauen, von derselben Farbe wie das Haar, waren völlig grade und fest gezeichnet; die Wimpern nicht eben dunkler, aber lang und reich; nichts Entstelltes, nichts Unfertiges war an ihr. Es war eins von den Gesichtern, die uns vorkommen wie weiße Blüten, deren reine Blätter mit einem Duft von Farbe eben nur angehaucht sind. Die Augen waren nicht besonders schön, außer im Ausdruck; sie blickten so einfach, so treu, so ernst und liebevoll; kein leichter Spott, kein bittrer Hohn, der nicht vor ihrem Glanze hätte schwinden müssen. Josua Rann räusperte sich mit einer Gründlichkeit, als wolle er im Innern mit allen alten Vorurteilen aufräumen; der Schmidt lüftete sein rußgeschwärztes Käppchen und kratzte sich den Kopf, und Borsten-Ben konnte sich nicht genug verwundern, wie Seth es nur wagen möge, um eine solche Schönheit zu freien. »Ein süßes Ding von einem Mädchen,« sagte der Fremde zu sich selbst, »aber gewiß, zum Predigen hat Natur sie nie bestimmt.« Vermutlich dachte er wie viele andere, die Natur spekuliere auf Bühneneffekte, und mit der Wohl überlegten Absicht, Kunst und Menschenkenntnis zu fördern, staffiere sie ihre Leute so aus, daß ein Verkennen unmöglich werde. Aber Dina begann zu sprechen. »Geliebte Freunde,« sagte sie mit klarer, aber nicht lauter Stimme, »laßt uns beten um den Segen Gottes.« Sie schloß ihre Augen, senkte den Kopf ein wenig und fuhr in demselben gedämpften Tone fort, als sei der, zu dem sie spreche, ganz nahe bei ihr: »Herr, der du die Sünder erlösest! Ein armes sündenbeladenes Weib ging zum Brunnen, Wasser zu schöpfen, da fand sie dich am Brunnen sitzen. Sie kannte dich nicht, sie hatte dich nicht gesucht, es war Nacht in ihrer Seele, ihr Wandel war sträflich. Aber du sprachest zu ihr, du unterwiesest sie, du zeigtest ihr, daß ihr Leben offen vor dir lag, und doch warst du bereit, ihr den Segen zu geben, den sie nie gesucht hatte! Jesus! Du bist mitten unter uns und kennest uns alle; sind hier einige, die jenem armen Weibe gleichen, ist es Nacht in ihrem Herzen, ihr Wandel sträflich, sind sie nicht herausgekommen, dich zu suchen, nicht begierig nach deiner Unterweisung – thue mit ihnen nach deiner freien Gnade, wie du sie jenem Weibe erwiesen. Sprich zu ihnen, Herr; öffne ihre Ohren der Botschaft, die ich ihnen bringe; führe ihre Sünden ihnen zu Gemüt und mache sie durstig nach der Erlösung, die du bereit bist zu geben.« »Herr! Du bist noch immer mit deinen Erwählten; sie sehen dich, wenn sie des Nachts wachen, und das Herz brennt ihnen, wenn du mit ihnen auf dem Wege redest. Und du bist denen nahe, die nicht gekannt haben: öffne ihre Augen, daß sie dich sehen mögen – dich sehen, wie du über sie weinst und sprichst: »Ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr möchtet Leben haben« – dich sehen wie du am Kreuze hängst und ausrufst: »Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun« – dich sehen, wie du wiederkommen wirst in deiner Herrlichkeit, sie zu richten am jüngsten Tage! Amen.« Dina öffnete ihre Augen wieder, hielt inne und blickte auf den Haufen der Bauern, die sich zu ihrer Rechten etwas näher herangedrängt hatten. »Geliebte Freunde!« begann sie und erhob die Stimme ein wenig, »ihr alle seid zur Kirche gewesen und müßt, meine ich, den Geistlichen die Worte haben lesen hören: »Der Geist des Herrn ist bei mir, derhalben er mich gesalbet hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen. Jesus Christus ist es, der diese Worte gesprochen hat; er sei gekommen, sagt er, den Armen das Evangelium zu verkündigen. Ich weiß nicht, ob ihr jemals viel über diese Worte nachgedacht habt, aber ich will euch erzählen, wann und wie ich sie zuerst gehört habe. Es war grade an einem solchen Abend wie der heutige, als ich noch ein kleines Mädchen war und meine Tante, die mich auferzogen hat, mich mitnahm, um einen frommen Mann im Freien predigen zu hören, grade wie wir jetzt hier versammelt sind. Ich erinnere mich seines Gesichtes noch gut: er war ein sehr alter Mann und hatte sehr langes weißes Haar, seine Stimme war sehr sanft und schön, wie keine andere Stimme, die ich je vorher gehört. Ich war ein kleines Mädchen und wußte noch von nichts, und dieser alte Mann schien mir so durchaus verschieden von allem, was ich bisher gesehen hatte, daß ich glaubte, er sei wohl vom Himmel heruntergekommen, um uns zu predigen, und ich sagte: »Tante, geht er diese Nacht wieder in den Himmel, wie der Mann auf dem Bilde in der Bibel?« »Dieser Mann Gottes war Herr Wesley, der sein Lebelang that, was der Herr Christus that – den Armen das Evangelium zu verkündigen – und vor acht Jahren ist er zur ewigen Ruhe eingegangen. In späteren Jahren habe ich mehr von ihm gelernt, aber damals war ich ein thörichtes, gedankenloses Kind und aus seiner Predigt behielt ich nur eins. Er sagte uns, Evangelium bedeute frohe Botschaft. Das Evangelium aber, wie ihr wißt, ist das, was uns die Bibel von Gott erzählt. »Und nun, meine Freunde, denkt nach! Jesus Christus kam wirklich vom Himmel herab, wie ich, ein thörichtes Kind, von Herrn Wesley glaubte, und weshalb er herabkam, war: den Armen frohe Botschaft von Gott zu bringen. Nun, ihr und ich, geliebte Freunde, wir sind arm. Wir sind aufgewachsen in armen Hütten und sind groß geworden bei Gerstenbrot und grober Speise und sind nicht viel zur Schule gegangen, haben auch keine Bücher gelesen und wissen nicht viel von der Welt, außer was grade nahe bei uns vorgeht. Wir sind so recht die Art Leute, die nach froher Botschaft verlangen. Denn wenn es jemandem wohl geht, so liegt ihm nicht viel daran, Neues aus der Ferne zu hören; wenn aber ein armer Mann oder eine arme Frau in Not sind und schwer arbeiten müssen um das tägliche Brot, dann lesen sie gern in einem Briefe, daß sie einen Freund haben, der ihnen helfen will. Gewiß, etwas von Gott wissen wir alle schon, auch ohne das Evangelium, ohne die gute Botschaft, die unser Erlöser uns gebracht hat. Denn wir wissen, alle Dinge kommen von Gott; sagt ihr nicht fast täglich: »will's Gott, so geschieht das und das,« oder »will's Gott, so haben wir bald Heuernte« – ? Wir wissen recht gut, wir sind allesamt in Gottes Hand; wir haben uns nicht selbst zur Welt gebracht, wir können uns nicht am Leben erhalten, wenn wir liegen und schlafen; das Tageslicht und der Wind und das Korn und die Kühe, die uns Milch geben – alles, was wir haben, kommt von Gott dem Herrn. Und unsre Seelen gab er uns und pflanzte Liebe zwischen Eltern und Kindern und Mann und Frau. Aber ist das alles, was wir von Gott zu wissen verlangen? Wir sehen, er ist groß und mächtig und kann thun, was er will; wir sind verloren, als kämpften wir in großen Wassern, wenn wir über ihn nachzudenken versuchen. »Aber vielleicht kommen Zweifel in eure Herzen, wie dieser: Kann Gott sich viel kümmern um uns arme Leute? Vielleicht hat er die Welt nur gemacht für die Großen und die Klugen und die Reichen? Es kostet ihn nicht viel, uns das bißchen Speise und Kleidung zu geben; aber wie wissen wir denn, daß er sich mehr um uns kümmert als wir um das Gewürm im Garten, wenn wir nur unsre Rüben und Zwiebeln ernten? Wird Gott für uns sorgen, wenn wir sterben? und wird er uns erquicken, wenn wir gebrechlich und krank sind? Vielleicht auch zürnt er mit uns; denn sonst, warum käme der Mehltau und die schlechten Ernten und das Fieber und all die mancherlei Plage und Not? Denn unser Leben ist voll Trübsal, und wenn Gott uns Gutes schickt, so scheint er uns Böses auch zu schicken. Wie ist das? wie steht's damit? »Ach, geliebte Freunde, wir sind bös in Not um gute Botschaft von Gott, und wenn wir die nicht haben, was will alle andere gute Botschaft bedeuten? Denn alles andere hat sein Ende, und wenn wir sterben, lassen wir das all dahinten. Gott aber bleibt, wenn alles andere dahin ist. Was sollen wir thun, wenn er nicht unser Freund ist?« Dann erzählte ihnen Dina, wie die gute Botschaft in die Welt gekommen sei, und wie Gott seine Liebe zu den Armen offenbar gemacht habe in dem Leben Jesu, erzählte ihnen von der Niedrigkeit dieses Lebens und von den Liebeswerken, an denen es so reich ist. »Ihr seht also, geliebte Freunde,« fuhr sie fort, »daß Jesus fast die ganze Zeit seines Lebens damit zubrachte, den Armen Gutes zu thun; er predigte zu ihnen und machte arme Handwerker zu seinen Freunden und unterwies sie und machte sich viel mit ihnen zu schaffen. Nicht zwar, daß er den Reichen kein Gutes erwiesen hätte, denn er war voll Liebe für alle Menschen; nur erkannte er, daß die Armen seiner Hülfe mehr bedurften. So heilte er die Lahmen und die Kranken und die Blinden und that Wunder, die Hungrigen zu speisen, »denn mich jammert des Volkes« sagte er, und er war sehr freundlich mit den kleinen Kindern und tröstete die, so ihre Freunde verloren hatten, und sprach sehr liebevoll den armen Sündern zu, die ihre Sünden aufrichtig bereuten. »O, würdet ihr solchen Mann nicht lieben, wenn ihr ihn sähet, wenn er hier in diesem Dorfe wäre? Was für ein gütiges Herz muß er haben! Was für ein Freund würde er sein, zu ihm zu gehen in der Not! Wie lieblich müßte es sein, von ihm sich unterweisen zu lassen! »Nun, geliebte Freunde, wer war dieser Mann? War er nur ein guter Mann, ein sehr guter Mann und nichts weiter, wie etwa unser lieber Herr Wesley, der von uns genommen ist? ... Er war der Sohn Gottes – »in des Vaters Bilde,« sagt die Schrift; das will sagen: grade wie Gott, der Anfang und Ende aller Dinge ist – der Gott, von dem wir etwas wissen möchten. All die Liebe also, die Jesus den Armen erwies, ist dieselbe Liebe, die Gott für uns hat. Wir können verstehen, was Jesus fühlte, weil er in einem Leibe kam wie der unsrige, und Worte sprach, wie wir zu einander sprechen. Früher fürchteten wir uns, zu denken was Gott sei – der Gott, der die Welt und den Himmel und den Donner und den Blitz gemacht hat. Wir konnten ihn niemals sehen, wir konnten nur die Dinge sehen, die er gemacht hat, und einige von diesen Dingen waren so furchtbar, daß wir wohl mit Zittern an ihn denken mochten. Aber unser geliebter Erlöser hat uns, was Gott ist, in einer Weise gezeigt, wie arme unwissende Leute es verstehen können; er hat uns gezeigt, was Gottes Herz ist, was er für uns empfindet. »Aber laßt uns etwas genauer zusehen, warum Jesus auf Erden kam. Ein andermal hat er gesagt: »ich bin gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist,« und wiederum: »Ich bin gekommen zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.« »Die Verlorenen! Die Sünder... ach, geliebte Freunde, geht das auf euch und mich?« Durch den Zauber von Dinas weicher heller Stimme, die so reich moduliert war wie ein schönes Instrument, war der Reisende wider Willen gefesselt. Wie eine altbekannte Melodie uns mit neuem Gefühl ergreift, wenn sie von einer reinen Knabenstimme ertönt, so schienen ihm die einfachen Sachen, die sie sagte, wie ganz neu; die ruhige Tiefe der Überzeugung, mit der sie sprach, schien in sich selbst ein Beweis für die Wahrheit ihrer Botschaft. Er sah, daß sie ihre Zuhörer vollständig gefesselt hielt. Die Bauern aus dem Dorfe hatten sich näher an sie herangedrängt, und auf allen Gesichtern sah man nur die ernsteste Aufmerksamkeit. Sie sprach langsam, obschon ganz fließend; nach einer Frage oder vor einem Übergange hielt sie oft inne. Ihre Haltung war immer dieselbe, sie rührte kein Glied; die Wirkung ihrer Rede beruhte lediglich auf dem Wechsel ihrer Stimme, und die Frage: »wird Gott für uns sorgen, wenn wir sterben?« sprach sie in solch einem Tone klagender Mahnung, daß manchen der Verhärtesten die Thränen in die Augen kamen. Nicht mehr zweifelte der Fremde, wie er zuerst gethan, daß sie die Aufmerksamkeit ihrer einfachen Zuhörer fesseln könne, aber noch fragte er sich im Stillen, ob sie die Kraft haben würde, jene heftigeren Erregungen zu bewirken, welche ihren Beruf als Methodisten-Predigerin notwendig beglaubigen mußten; da kam sie an die Worte: »die Verlorenen, die Sünder!« und nun trat in Stimme und Vortrag eine große Veränderung ein. Vor diesem Ausruf hatte sie eine lange Pause gemacht, und während derselben schien sie, wie das Spiel ihrer Züge verriet, von heftigen Gedanken bewegt. Ihr blasses Gesicht wurde noch blässer; die Ringe unter ihren Augen vertieften sich, wie wenn Thränen sich sammeln ohne zu fließen, und die milden lieben Augen nahmen einen Ausdruck erschütternden Mitleids an, als sähe sie plötzlich über den Häuptern ihrer Zuhörer einen Engel der Zerstörung lauern. Ihre Stimme wurde tief und bedeckt, aber noch immer blieben Arme und Hände ruhig. Sie hatte nicht das Geringste von der gewöhnlichen Art religiöser Schwärmer; sie predigte nicht wie sie's von andern gehört hatte, sondern sprach unmittelbar aus eigenster Empfindung, unter der Eingebung ihres eigenen einfachen Glaubens. Aber nun war sie in einem neuen Strome von Empfindungen. Ihre Haltung wurde unruhiger, ihre Sprache schneller und belebter, als sie den Leuten ihre Schuld ans Herz zu legen suchte, ihre trotzige Verstocktheit, ihren Ungehorsam gegen Gott, – als sie sich verbreitete über die Abscheulichkeit der Sünde, die Heiligkeit des Höchsten und die Leiden des Erlösers, durch die ihnen ein Weg zur Rettung geöffnet sei. Endlich schien es, als sei es ihr in dem heißen Verlangen, die Verirrten wieder zu sammeln, nicht genug, ihre Zuhörer im ganzen anzureden. Sie wandte sich bald an den einen, bald an den andern, beschwor sie mit Thränen, sich zu Gott zu wenden, so lange es noch Zeit sei, schilderte ihnen den trostlosen Zustand ihrer Seelen, die in Sünden verloren von der schalen Kost dieser elenden Welt lebten und sich weit von Gott ihrem Vater entfernt hätten, und schilderte ihnen dagegen die Liebe des Erlösers, welcher warte und harre, daß sie zu ihm kämen. Ihre methodistischen Brüder hatten schon mit manchem Seufzer und Schluchzen geantwortet, aber ein Bauernkopf fängt nicht so leicht Feuer, und etwas allgemeine Angst, die bald wieder verfliegen konnte, war bis jetzt die einzige Wirkung, welche Dinas Predigt bei den Bauern hervorgebracht hatte. Doch blieben sie alle am Platz, nur die Kinder gingen fort und der alte Vater Taft, der vor Taubheit vieles nicht verstehen konnte. Borsten-Ben war es nicht ganz geheuer zu Mute, und er wünschte beinahe, er hätte Dina gar nicht angehört; er glaubte, ihre Worte würden ihn verfolgen wie ein Geist. Und doch konnte er es nicht lassen, sie anzusehen und anzuhören, obschon er jeden Augenblick fürchtete, sie würde ihre Blicke auf ihn heften und ihre Worte an ihn richten. Den Zimmermann Hans, der gerade seine Frau abgelöst hatte und sein Jüngstes im Arm hielt, hatte sie schon angeredet, und der große weichmütige Mann hatte sich ein paar Thränen mit der Faust aus dem Gesicht gewischt und sich den Entschluß klar zu machen gesucht, er wolle sich bessern, weniger ins Wirtshaus gehen und sich Sonntags reinlicher halten. Grade vor ihm stand Schmieds Lieschen, die von Beginn der Predigt an eine ungewöhnliche Ruhe und Aufmerksamkeit gezeigt hatte. Nicht etwa weil der Inhalt sie sofort gefesselt hätte; vielmehr verlor sie sich in Verwunderung und Nachsinnen, was für Vergnügen und Genuß das Leben einem Mädchen bieten könne, die eine Haube trage wie Dina; dann verzweifelte sie an der Lösung dieses Rätsels und legte sich darauf, Dina's Augen, Nase, Mund und Haar zu studieren und sich klar zu machen, was besser sei, solch ein blasses Gesicht wie das, oder dicke rote Backen und runde schwarze Augen wie ihre eigenen. Aber allmählich teilte sich ihr die allgemeine ernste Aufmerksamkeit mit, und sie achtete auf Dina´s Worte. Die sanfteren Klänge, das liebevolle Zureden rührten sie nicht, aber bei den stärkeren Mahnungen wurde ihr angst und bang. Das arme Lieschen hatte immer für einen kleinen Nichtsnutz gegolten und sie wußte das; wenn es wirklich nötig war, sehr gut zu sein, dann, fühlte sie, war sie sicher übel dran. Beim Gottesdienst konnte sie sich in der Bibel nicht zurechtfinden, und wenn sie dem Pastor ihren Knix machte, hatte sie oft gekichert, und zu diesen kirchlichen Anstößigkeiten kamen noch einige entsprechende moralische Mängel: Lieschen nämlich gehörte unstreitig zu den unordentlichen und unsaubern Mädchen, mit denen man allenfalls wagen kann, »´n Ei, ´nen Apfel oder ´ne Nuß« zu essen. Alles dessen war sie sich im allgemeinen bewußt und bisher hatte sie sich nicht besonders darüber geschämt. Aber jetzt wurde es ihr grade im Sinne, als faßte sie der Konstabler beim Kragen und brächte sie wegen irgend eines unbestimmten Vergehens vor den Richter. In ihrem erschreckten Gemüt hatte sie den Eindruck, daß der liebe Gott, den sie sich immer recht weit entfernt vorgestellt hatte, ihr sehr nahe sei und daß der Herr Jesus sie ganz scharf ansehe, obgleich sie ihn nicht sehen könne. Denn Dina hatte jenen Glauben an sichtbare Erscheinungen Christi, der unter den Methodisten verbreitet ist, und verstand ihn auch ihren Zuhörern unwiderstehlich einzuflößen; sie gab ihnen das Gefühl, daß er leibhaftig unter ihnen sei und sich jeden Augenblick in einer Weise zeigen könne, die ihnen Entsetzen und Reue ins Herz jage. »Seht!« rief sie aus und wandte ihre Augen nach links auf einen Punkt über den Häuptern der Leute, »seht, wie der Gesegnete des Herrn dort steht und weint und seine Arme nach euch ausstreckt. Höret, wie er sagt: »Wie oft habe ich euch versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!« Und ihr habt nicht gewollt,« wiederholte sie in einem Tone vorwurfsvoller Klage, indem sie wieder die Leute anblickte. »Sehet die Nägelmale an seinen geliebten Händen und Füßen. Eure Sünden sind es, die sie gemacht haben! Ach, wie blaß und kümmerlich er aussieht! Er hat den bittern Kampf im Garten Gethsemane bestanden, wo seine Seele betrübt war bis in den Tod und sein Schweiß war wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde. Sie haben ihn angespieen und mit Fäusten geschlagen, sie haben ihn gegeißelt und verspottet, auf seine wunden Schultern haben sie ihm das schwere Kreuz gelegt und ihn dann an das Kreuz genagelt. Ach, welch bittres Leiden! Seine Lippen verschmachten vor Durst und noch immer verspotten sie ihn in seinem schweren Todeskampfe; aber mit diesen verschmachtenden Lippen betet er für sie: »Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.« Dann kam ein Schrecken über ihn wie eine große Finsternis, und er empfand, was Sünder empfinden, wenn sie für immer von Gottes Angesicht verwiesen werden. Das war der letzte Tropfen in dem Leidenskelche. »Mein Gott, mein Gott,« rief er aus, »warum hast du mich verlassen?« »All dieses trug er für euch! für euch, und ihr denkt nie an ihn; für euch, und ihr kehrt ihm den Rücken, ihr bekümmert euch nicht darum, was er für euch gelitten. Und doch wird er nicht müde, für euch zu wirken: er ist von den Toten auferstanden, er bittet für euch zur rechten Hand Gottes: »Vater, vergieb ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.« Und hier auf der Erde ist er auch, er ist unter uns, er ist da nahe bei euch, ich sehe die Wunden seines Leibes und seinen Blick voll Liebe.« Hier wandte sich Dina an Schmieds Lieschen, deren hübsches junges Gesicht und eitles Wesen ihr Mitleid einflößte. »Armes Kind! armes Kind! Er richtet seine Bitten auch an dich und du willst ihn nicht hören. An Ohrringe denkst du und schöne Kleider und Mützen, aber an den Erlöser denkst du nimmer, der für dich gestorben ist, um deine teure Seele zu retten. Dereinst werden deine Wangen eingefallen sein, dein Haar ergraut, dein kleiner Leib mager und kraftlos! Dann wirst du anfangen zu fühlen, daß deine Seele nicht gerettet ist; dann wirst du vor Gott stehen müssen, gekleidet in deine Sünden, deine bösen Launen und eitlen Gedanken. Und Jesus, der jetzt bereit ist, dir zu helfen, wird dir dann nicht helfen; du willst ihn nicht zum Erlöser haben, – so wird er dein Richter sein. Jetzt blickt er mit Liebe und Erbarmen dich an und spricht: »Komm zu mir, daß du Leben haben mögest;« dann aber wird er sich von dir abwenden und sagen: »Weiche von mir in die ewige Verdammnis!« Des armen Lieschens weitgeöffnete Augen begannen sich mit Thränen zu füllen, ihre großen roten Wangen und Lippen wurden ganz blaß, und sie verzerrte das Gesicht wie ein kleines Kind, das weinen will. »Ach, du armes verblendetes Kind!« fuhr Dina fort, »wenn es dir nun ginge, wie einst einer Dienerin des Herrn in den Tagen ihrer Eitelkeit! Sie dachte stets nur an ihre Spitzenhauben und gab alles Geld dafür aus; sie dachte nicht daran, wie sie ein reines Herz bekäme und den rechten Geist; ihr ganzer Wunsch war nur, bessere Spitzen zu haben als andere Mädchen. Und eines Tags, als sie sich eine neue Haube aufsetzte und in den Spiegel blickte, da sah sie ein blutendes Antlitz mit einer Dornenkrone auf dem Haupte. Und das Antlitz« – hier zeigte Dina auf einen Punkt dicht vor Lieschen – dasselbe Antlitz blickt jetzt dich an. O leg´ sie ab, diese weltlichen Thorheiten! Wirf sie weit von dir, als wären es stechende Nattern. Es sind stechende Nattern für dich, sie vergiften dir die Seele, sie zerren dich hinunter in einen finstern bodenlosen Abgrund, wo du sinken wirst immer tiefer und tiefer und tiefer, immer weiter von Gott und seinem Lichte.« Länger konnte es Lieschen nicht aushalten: ein großer Schrecken kam über sie, sie riß sich die Ohrringe aus und warf sie laut schluchzend vor sich nieder. Ihrem Vater erschien diese Wirkung auf seine störrige Tochter wie ein wahres Wunder, er bekam Angst, daß es »auch über ihn herginge,« und machte sich schleunigst weg, um sich bei seinem Ambos wieder zu erholen. »Hufeisen müssen die Leute doch haben, mag die predigen, was sie will; dafür kann mir der Teufel nichts anhaben,« so brummte er in sich hinein. Aber nun fing Dina an, von den Freuden zu erzählen, die auf den reuigen Sünder warten und in ihrer einfachen Art, den Frieden Gottes und die Fülle der Liebe zu schildern, die in gläubigen Herzen wohnt, – wie das Gefühl dieser Liebe Armut zu Reichtum verkehrt und die Seele stillt, daß kein störendes Verlangen sie quälen, keine Furcht sie schrecken kann; wie zuletzt selbst die Versuchung zur Sünde erlischt und ein Himmel auf Erden ist, weil keine Wolke zwischen der Seele steht und Gott dem Herrn, ihrer ewigen Sonne. »Liebe Freunde,« sagte sie zum Schluß, »Brüder und Schwestern, die ich liebe als solche, für die mein Herr gestorben ist, glaubet mir, ich weiß, was diese große Seligkeit ist, und weil ich es weiß, so möchte ich, daß auch ihr derselben teilhaftig würdet. Ich bin arm wie ihr; ich lebe von meiner Hände Arbeit, aber kein Reicher und Vornehmer kann so glücklich sein wie ich, wenn er nicht die Liebe Gottes im Herzen trägt. Denket doch, was das heißt – nichts zu hassen als die Sünde; voll Liebe zu sein zu jeder Kreatur; vor nichts sich zu fürchten; die Gewißheit zu haben, daß alles sich zum Guten wenden muß; kein Leiden zu fühlen, weil es unsres Vaters Wille ist; zu wissen, daß nichts – nein, nichts, und wenn die Erde in Feuer aufginge oder die Wasser über uns kämen und uns ertränkten – nichts uns scheiden kann von Gott, der uns liebt und unsre Seelen mit Friede und Freude füllt, weil wir gewiß sind, daß, was er will, heilig ist und gerecht und gut. »Liebe Freunde, kommt und werdet dieser Seligkeit teilhaftig; sie wird euch geboten, sie ist die frohe Botschaft, die Jesus den Armen zu verkündigen kam. Sie ist nicht wie die Schätze dieser Welt, daß, je mehr der eine hat, der andere desto weniger bekäme. Gott ist ohne Ende, seine Liebe ohne Ende – »Sie strömt so weit die Schöpfung reicht. Und Fülle ist bereit, Genug für all´ und jedermann, Genug in Ewigkeit.« Dina hatte eine volle Stunde gesprochen, und das rötliche Licht des scheidenden Tages schien ihren Schlußworten einen feierlichen Nachdruck zu geben. Der Fremde, den der Verlauf ihrer Rede gefesselt hatte, als sähe er ein Drama sich abwickeln – denn in jeder wahren Beredsamkeit, welche das innere Gefühlsleben des Redenden aufdeckt, ist ein Zauber – der Fremde wandte jetzt sein Pferd und ritt weiter, während Dina sagte: »laßt uns etwas singen, liebe Freunde!« und als er den Abhang hinunterritt, drangen noch die Stimmen der methodistischen Gemeinde an sein Ohr, die mit jener seltsamen Mischung von Erhebung und Trauer, wie sie geistlichem Gesänge eigen ist, sich hoben und senkten. Dritter Abschnitt. Nach der Predigt. Etwa eine Stunde nachher ging Seth Bede an Dina's Seite den Feldweg zwischen den beiden Hecken entlang, welche die Weiden und grünen Kornfelder von dem Dorfe nach dem Pachthofe hin einfaßten. Dina hatte wieder ihren kleinen Quäkerhut abgenommen und trug ihn in der Hand, um desto freier die kühle Dämmerstunde zu genießen; Seth konnte den Ausdruck ihres Gesichtes ganz deutlich sehen, indem er neben ihr herging und schüchtern etwas überlegte, was er auf dem Herzen hatte. Es war ein Ausdruck unbewußten friedlichen Ernstes; sie war wie versunken in Gedanken, die gar nichts zu thun hatten mit dem gegenwärtigen Augenblick oder ihrer eigenen Person, und dieser Ausdruck ist für einen Liebenden der allerentmutigendste. Ihr Gang sogar, konnte man sagen, war entmutigend: er hatte die Ruhe und Sicherheit, die keiner Unterstützung bedarf. Seth fühlte das dunkel; er sagte zu sich: »sie ist zu gut und heilig für jeden, geschweige denn für mich,« und die Worte, die ihm aus dem Herzen dringen wollten, strömten zurück, ehe sie ihm auf die Lippen gekommen. Aber ein andrer Gedanke gab ihm Mut: »niemand auf der Welt könnte sie mehr lieben und ihr mehr Freiheit lassen, das Werk des Herrn zu thun.« Sie waren eine ziemliche Strecke schweigend neben einander hergegangen, seitdem sie über Schmieds Lieschen sich ausgesprochen hatten; Dina schien Seths Anwesenheit fast vergessen zu haben und beschleunigte ihren Schritt so sehr, daß die Überlegung, sie seien nur noch wenige Minuten vom Pachthofe entfernt, Seth endlich Mut gab zu sprechen. »Ihr seid also entschlossen, Sonnabend nach Snowfield zurückzukehren, Dina?« »Ja,« erwiderte Dina ruhig, »meine Pflicht ruft mich dahin. Als ich Sonntag Abend nachdachte, gab mir der Geist es ein, daß Schwester Allen, mit der es zu Ende geht, mich nötig hat. Ich sah sie so klar, wie wir das feine weiße Wölkchen dort sehen; sie hob ihre kranke magere Hand auf und winkte mir. Und diesen Morgen, als ich die Bibel aufschlug um Rat, da waren die ersten Worte, die mir in die Augen fielen: »Als er aber das Gesicht gesehen hatte, da trachteten wir alsobald zu reisen in Macedonien.« Wäre nicht dieser deutliche Fingerzeig vom Herrn, so ginge ich ungern, denn mein Herz ist entbrannt für meine Tante und ihre Kinder und das arme verirrte Lamm, Hetty Sorrel; es hat mich in der letzten Zeit oft gedrängt, für sie zu beten, und ich sehe das als ein Zeichen an, daß der Herr noch Gnade für sie bereit hat.« »Das gebe Gott,« sagte Seth; »denn ich weiß, Adams Herz ist so versessen auf sie, daß es sich nie einem andern Mädchen zuwendet, und doch ginge es mir recht zu Herzen, wenn er sie heiratete; ich kann mir nicht denken, daß sie ihn glücklich macht. Es ist ein tiefes Geheimnis, wie das Herz eines Mannes zu einem Weibe vor allen andern in der Welt hinneigt, so daß er leichter sieben Jahre um sie arbeitet wie Jakob um Rahel, als eine andere umsonst zu nehmen. Ich muß oft nachdenken über die Worte: »Also diente Jakob um Rahel sieben Jahre, und däuchten ihn als wären es einzelne Tage, so lieb hatte er sie.« Gewiß würden diese Worte auch an mir in Erfüllung gehen, Dina, wenn Ihr mir die Hoffnung geben wolltet, daß ich Euch nach sieben Jahren gewinnen könnte. Ich weiß wohl, Ihr denkt, ein Mann würde Eure Gedanken zu sehr in Anspruch nehmen, weil St. Paulus sagt: »Die aber freit, die sorget, was der Welt angehört, wie sie dem Manne gefalle,« und vielleicht haltet Ihr mich für zu kühn, daß ich nach dem, was Ihr mir letzten Sonnabend gesagt, wieder davon anfange. Aber ich habe darüber nachgedacht Tag und Nacht, und habe gebetet, daß ich durch meine eigenen Wünsche nicht irre geführt werden möchte, zu meinen, was nur gut für mich ist, müsse auch gut für Euch sein. Und danach scheint mir, es giebt mehr Bibelstellen für Euer Heiraten, als dagegen. Denn St. Paulus sagt an einer andern Stelle so deutlich wie man's nur verlangen kann: »So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, haushalten und dem Widersacher keine Ursach geben zu schelten;« und wieder an einer andern Stelle: »zwei sind besser denn einer,« und das gilt von der Ehe so gut wie von andern Dingen. Wir würden ja ein Herz und eine Seele sein, Dina. Wir dienen beide demselben Herrn und streben nach demselben Ziele, und wenn ich Euer Mann wäre, würde ich Euch nie hinderlich sein in dem Werke, zu dem Euch Gott berufen hat. Ich würde schaffen und arbeiten im Hause und außer dem Hause, um Euch mehr Freiheit zu geben – mehr als Ihr jetzt haben könnt, wo Ihr selbst für Euren Unterhalt sorgen müßt, und ich bin stark genug, für uns beide zu arbeiten.« Als Seth einmal angefangen hatte, seine Werbung zu betreiben, sprach er sehr eifrig und beinahe hastig, damit Dina ihm nicht mit einem entscheidenden Worte dazwischen käme, ehe er alle seine Gründe vorgebracht hätte. Seine Wangen röteten sich, während er sprach; seine sanften grauen Augen füllten sich mit Thränen, und seine Stimme bebte bei den letzten Worten. Dina blieb stehen, wandte sich zu Seth und sagte mit zärtlicher, aber ruhiger Stimme: »Seth Bede, ich danke Euch für Eure Liebe zu mir, und wenn mir irgend ein Mann mehr sein könnte, als ein Bruder in Christo, so glaube ich, Ihr wäret es. Aber mein Herz ist nicht frei zu heiraten. Das ist gut für andere Frauen, und es ist ein großes und köstliches Ding, Ehefrau zu sein und Mutter, aber »wie Gott jedem sein Teil gegeben, wie der Herr einen jeden berufen hat, so möge er wandeln.« Mich hat Gott berufen, für andere zu sorgen, nicht Freuden oder Leiden für mich zu haben, sondern mich zu freuen mit den Fröhlichen und zu weinen mit den Weinenden. Er hat mich berufen, sein Wort zu verkünden und hat meine Arbeit gesegnet. Es müßte mir sehr klar gewiesen werden von oben, wenn ich die Brüder und Schwestern in Snowfield sollte lassen können, die nur sehr wenig haben von den Gütern dieser Welt, bei denen die Bäume so spärlich wachsen, daß ein Kind sie zählen könnte, und wo die Armen so schwer durchkommen im Winter. Der Herr hat mir gegeben, daß ich die kleine Herde da unterstützen, trösten und kräftigen und manche Verirrte heimbringen konnte, und meine Seele ist ganz voll von diesen Dingen, von des Morgens, wenn ich aufstehe, bis ich mich abends niederlege. Mein Leben ist zu kurz und das Werk Gottes zu groß für mich, als daß ich daran denken könnte, in dieser Welt mir selbst eine Stätte zu bereiten. Ich bin nicht taub gewesen bei Euren Worten, Seth; denn als ich Eure Liebe zu mir sah, da dachte ich, es könnte eine Fügung der Vorsehung sein, daß ich mein Leben ändern und wir uns gegenseitig helfen sollten, und ich legte die Sache dem Herrn vor. Aber sobald ich meinen Sinn auf die Ehe und unser Zusammenleben zu richten versuchte, kamen mir immer andere Gedanken; ich mußte denken an die Zeiten, wo ich mit den Kranken und Sterbenden betete, und an die glücklichen Stunden, die ich beim Predigen gehabt habe, wo mein Herz voll war von Liebe und das Wort mir reichlich zukam von oben. Und wenn ich die Bibel aufschlug um Rat, so traf ich immer auf ein Wort, welches mir klar meinen Weg wies. Ich glaube Euch, Seth, wenn Ihr sagt, Ihr wolltet versuchen mir zu helfen bei meinem Werk und nicht mich zu hindern; aber ich sehe, es ist nicht Gottes Wille, daß wir uns heiraten, er zieht mein Herz einen andern Weg. Ich wünsche, ohne Mann und Kinder zu leben und zu sterben. Mir scheint, es ist kein Raum in meiner Seele für eigne Bedürfnisse und Sorgen; es hat Gott gefallen, mein Herz ganz zu füllen mit den Bedürfnissen und Kümmernissen seines armen Volkes.« Seth war unfähig zu antworten, und sie gingen schweigend weiter; endlich als sie schon beinahe an der Hofthür waren, sagte er: »Wohl, Dina, ich muß nach Kraft suchen, um das zu ertragen. Aber ich fühle jetzt, wie schwach mein Glauben ist. Es kommt mir vor, als könnte ich mich über nichts mehr freuen, wenn Ihr fort seid. Ich glaube, wie ich für Euch fühle, das geht über die Liebe von euch Weibern hinaus; denn ich könnte zufrieden sein, ohne daß Ihr mich heiratet, wenn ich nur mit Euch gehen und in Snowfield wohnen und bei Euch sein könnte. Ich hegte das Vertrauen, die starke Liebe, die mir Gott zu Euch gegeben, sei eine Fügung für uns beide, aber nun scheint es, sie sollte nur eine Prüfung für mich sein. Vielleicht fühle ich mehr für Euch, als ich für eine Kreatur fühlen sollte, denn ich muß oft von Euch sagen, wie es im Liede heißt: So schwarz die Nacht, – wenn sie erscheint, Ist's Nacht mir länger nicht; Sie ist für mich der Morgenstern, Sie ist mir Sonnenlicht. Das mag unrecht sein, und ich muß eines Bessern belehrt werden. Aber Ihr würdet mir doch nicht böse sein, wenn es sich so machte, daß ich von hier wegziehen und mich in Snowfield niederlassen könnte?« »Nein, Seth, aber ich rate Euch, ruhig zu warten und nicht leichtsinnig Euren Geburtsort und Eure Verwandtschaft zu verlassen. Thut nichts ohne des Herrn klare Weisung. Es ist ein trauriges und unfruchtbares Land da drüben, nicht wie das Land Gosen hier, an das Ihr gewöhnt seid. Wir dürfen es nicht so eilig haben, unser Los uns selbst einzurichten; wir müssen warten auf des Herrn Führung. »Aber Ihr würdet einen Brief von mir annehmen, Dina, wenn ich Euch etwas zu sagen hätte?« »Ja gewiß; laßt mich wissen, wenn Euch Trübsal überkommt. Ich werde Euer unablässig in meinem Gebete gedenken.« Sie waren jetzt an die Hofthür gekommen, und Seth sagte: »Ich gehe nicht mit hinein; so lebt denn wohl, Dina.« Er hielt inne und zauderte unschlüssig, als sie ihm die Hand gegeben hatte; dann sagte er: »man kann nicht wissen, ob Ihr nicht nach einiger Zeit die Dinge anders anseht; es kann ein neuer Ruf an Euch ergehen.« »Lassen wir das jetzt, Seth. Man thut wohl, immer nur einen Augenblick auf einmal zu leben, wie ich in einem Buche von Herrn Wesley gelesen habe. Es ist nicht Eure Sache noch meine, Pläne zu machen; wir haben nur zu gehorchen und zu vertrauen. Lebt wohl.« Dina drückte seine Hand, indem sie ihn mit ihren liebevollen Augen wehmütig anblickte, und verschwand dann durch die Hofthür. Seth wandte sich langsam auf den Heimweg. Aber er nahm nicht den geraden Weg nach Hause, sondern ging zurück in die Felder, durch welche er und Dina eben gegangen waren, und ich glaube, sein blaues leinenes Taschentuch war längst naß von Thränen, als er sich endlich überlegte, daß es Zeit sei, graden Weges nach Hause zu gehen. Er war erst dreiundzwanzig Jahre alt und hatte eben erst gelernt, was lieben heißt, lieben mit der Verehrung, die ein junger Mann einem Mädchen widmet, das er für größer und besser erkennt, als sich selbst. Eine solche Liebe ist kaum zu unterscheiden von religiöser Empfindung. Und welche tiefe und würdige Liebe wäre das? Sei es Liebe zu einem Weibe oder einem Kinde oder zur Kunst oder Musik? Unsre Liebkosungen, unsre Zärtlichkeiten, unser stilles Entzücken bei herbstlichen Sonnenuntergängen oder in hohen Säulenhallen, bei der ruhigen Majestät schöner Bildsäulen oder bei Beethovenschen Symphonien – sie alle geben uns das Bewußtsein, daß sie nur das Wellengekräusel sind eines unergründlichen Meeres von Liebe und Schönheit; im Augenblicke ihrer größten Stärke hört unsere Empfindung auf, sich zu äußern, und verstummt; auf ihrem Höhepunkt stürzt unsere Liebe über ihren Gegenstand hinaus und verliert sich in dem Gefühle göttlichen Geheimnisses. Und diese köstliche Gabe verehrender Liebe ist seit den Tagen der Schöpfung schon so manchem einfachen Handwerksmann zuteil geworden, als daß wir überrascht sein könnten, sie in der Seele eines methodistischen Zimmermanns vor einem halben Jahrhundert zu finden, als noch ein schwacher Nachglanz spielte von jener Zeit, wo Wesley und seine Genossen, abgemattet vom Predigen des Wortes Gottes unter den Armen, die Hagebutten und Beeren an den Hecken von Cornwall lasen und davon lebten. Der Nachglanz ist lange verblichen, und auf dem Bilde, welches sich unsre Vorstellung wahrscheinlich vom Methodismus macht, zeigt sich nicht mehr ein Amphitheater von grünen Hügeln oder der tiefe Schatten breitblättriger Sycamoren, wo Scharen schlechtgekleideter Männer und gramgebeugter Weiber einen Glauben einsogen, der für sie die Anfänge der Bildung enthielt, ihre Gedanken mit der Vergangenheit verknüpfte, ihre Einbildung über den Schmutz ihrer eignen beschränkten Lebenskreise erhob und ihre Seelen erfüllte mit dem Gefühl einer erbarmenden, liebenden, unendlichen Gegenwart – einem Gefühle, so süß wie der Sommer dem obdachlosen Armen. Es ist nur zu möglich, daß einige von meinen Lesern bei Methodismus sich nichts anderes denken, als niedrige Giebel in schmutzigen Straßen, Schleicher von Gewürzkrämern, schmarotzende Pfaffen und heuchlerische Phrasen – denn aus diesen Elementen soll ja nach einer Analyse, die in manchen vornehmen Kreisen für erschöpfend gilt, der Methodismus bestehen. Schlimm freilich, wenn das wahr wäre; denn ich kann nicht behaupten, daß Seth und Dina etwas anderes waren, als Methodisten, zwar nicht von der modernen Art, welche litterarische Zeitschriften liest und Kapellen mit säulengetragenen Eingangshallen hat, sondern Methodisten von einem sehr alten Schnitt. Sie glaubten an fortdauernde Wunder, an plötzliche Bekehrungen, an Offenbarungen durch Träume und Gesichte; sie suchten nach Gottes Führung, indem sie die Bibel aufs Geratewohl aufschlugen, nahmen die heiligen Schriften in einer Weise buchstäblich, die durchaus nicht von anerkannten Autoritäten gebilligt wird, und sprachen – ich kann das beim besten Willen nicht leugnen – weder richtig noch auch hatten sie eine gebildete Erziehung genossen. Indeß, wenn ich die Geschichte der Religion recht gelesen habe, so haben ja Glaube, Hoffnung und Liebe zu der Neigung für die symbolischen Bücher nicht immer im graden Verhältnis gestanden, und man kann, gottlob, sehr falsche Ansichten haben und doch sehr erhabene Empfindungen. Unter diesen Umständen werden wir Dina und Seth kaum unter unserm Interesse halten, so sehr wir auch gewöhnt sein mögen, über die vornehmeren Leiden zu weinen von Heldinnen in seidenen Stiefelchen und Krinoline, und von Helden, die feurige Rosse reiten, während sie selbst von noch feurigeren Leidenschaften zum – geritten werden. Der arme Seth! Er war in seinem ganzen Leben nur einmal zu Pferde gewesen, als er ein kleiner Junge war und Meister Burge ihn hinten aufnahm, wo er sich festhalten mußte, und nun jetzt – statt in wilde Verwünschungen gegen Gott und sein Schicksal auszubrechen, faßte er, wie er unter dem feierlichen Sternenhimmel nach Hause geht, den Entschluß, seine Traurigkeit zu unterdrücken, weniger auf seinen eigenen Willen zu pochen und mehr für andere zu leben – wie Dina. Vierter Abschnitt Zu Hause und häusliche Sorgen Ein grünes Thal, – ein Bach, der hindurchfließt, vom letzten Regen fast zum Überströmen angeschwollen, – am Rande tief herabhängende Weiden. Quer über den Bach liegt ein Brett, und darüber hin schreitet Adam Bede mit seinem nie fehlenden Tritt, Gyp dicht hinter ihm; unser Freund nimmt offenbar seinen Weg nach dem strohbedeckten Häuschen mit dem Haufen Bauholz daneben, ungefähr zwanzig Schritte den Abhang hinauf. Die Thür des Hauses steht offen, und eine ältliche Frau sieht heraus, aber ihr Blick weilt nicht etwa ruhig auf dem Glanz der Abendröte, sondern sie hat mit ihrem trüben Auge den dunklen Fleck beobachtet, der immer größer und größer wurde, bis sie ihn mit Bestimmtheit für ihren Lieblingssohn Adam erkannte. Lisbeth Bede liebte ihren Sohn mit der Liebe einer Mutter, der ihr Erstgeborner erst spät im Leben geschenkt ist. Sie ist eine ängstliche, magere, aber kräftige alte Frau, und reinlich wie eine Schneeflocke. Ihr graues Haar ist sorgsam unter eine reine Linnenhaube mit schwarzem Bande zurückgekämmt; über ihre breite Brust trägt sie ein gelbliches Tuch und darunter eine blaugestreifte leinene Nachtjacke, an die sich unten ein halb leinener halb wollener Rock anschließt. Von Gestalt ist Lisbeth groß, und auch in anderen Stücken hat sie viel Ähnlichkeit mit ihrem Sohn Adam. Ihre schwarzen Augen sind nun schon etwas trübe, vielleicht von zu vielem Weinen, aber ihre stark markierten Augenbrauen sind noch schwarz, ihre Zähne gesund, und wie sie da vor der Thür steht und mit den harten Händen fleißig strickt, hält sie sich so stattlich grade, als wenn sie einen Eimer Wasser auf dem Kopfe von der Quelle holt. Es ist die gleiche Art Bildung und dieselbe Lebhaftigkeit des Temperaments in beiden, aber die schön gewölbte Stirn und den Ausdruck hochherziger Einsicht hat der Sohn nicht von seiner Mutter. Familienähnlichkeiten haben oft etwas tief Wehmütiges. Natur, die größte unter allen Tragödiendichtern, knüpft uns mit Fleisch und Bein zusammen und trennt uns wieder in dem feineren Gewebe unsres Kopfes, verschmilzt in eins Anziehen und Abstoßen, und fesselt uns mit den Fibern unsres Herzens an Wesen, die uns bei jeder Bewegung weh thun. Wir hören eine Stimme, die ganz den Tonfall von uns selbst hat, aber sie äußert Gedanken, die wir verachten; wir sehen Augen – ach! wie von unsrer Mutter, aber kalt und fremd wenden sie sich von uns ab, und an unserm jüngsten Lieblingskinde sehen wir mit Erstaunen die Züge und Bewegungen unsrer Schwester, von der wir vor langen Jahren in Bitterkeit schieden. Der Vater, von dem wir unser bestes Erbteil haben – unsre mechanischen Fähigkeiten, die geschickte Hand – verbittert uns das Leben und macht uns täglich erröten über seine Verirrungen; die längstverstorbene Mutter, deren Gesicht wir in unserm eigenen wieder erkennen, nun uns selbst die Runzeln kommen, hat einst unsre jungen Herzen gequält mit den Launen ihrer Besorgnis und ihrem unvernünftigen Eigensinn. Solch einer liebenden ängstlichen Mutter Stimme hat Lisbeth, als sie zu ihrem Sohne spricht: »Nun, mein Junge, es ist sieben vorbei; du bleibst immer am längsten bei der Arbeit. Aber jetzt wirst du aufs Abendbrot hungrig sein. Und wo ist Seth? Gewiß wieder hinter einer Predigt her?« »Ja, ja! bei was Bösem ist der Seth nicht, Mutter; da kannst du ruhig sein. Aber wo ist Vater?« fragte Adam eifrig, nachdem er in das Haus getreten und einen Blick in das Zimmer linker Hand geworfen hatte, das als Werkstatt benutzt wurde. »Hat er den Sarg für Tholer nicht fertig gemacht? Da stehen die Bretter grade noch so wie diesen Morgen.« »Den Sarg gemacht?!« erwiderte Lisbeth, die immerfort strickend, ihrem Sohn folgte und ihn besorgt anblickte; »nein, mein Junge; er ging diesen Morgen früh weg und ist seitdem nicht nach Hause gekommen; gewiß sitzt er wieder im Wirtshause.« Ein tiefer Ärger zog rasch über Adams Gesicht; ohne ein Wort zu sprechen warf er seine Jacke ab und schlug sich die Hemdsärmel zurück. »Was hast du vor, Adam? fragte die Mutter ängstlich; »du willst doch nicht schon wieder an die Arbeit ohne einen Bissen Abendbrot?!« Adam konnte vor Ärger kein Wort sprechen und ging in die Werkstatt. Aber nun legte die Mutter das Strickzeug beiseite, eilte hinter ihm her, faßte ihn beim Arm und machte ihm in klagendem Tone Vorstellungen: »Nein, mein Junge, nein! Du darfst dein Abendbrot nicht stehen lassen, die Kartoffeln in der Brühe sind fertig, grade wie du sie gern issest; ich habe sie dir so schön warm gestellt; nun komm und iß, thu mir den Gefallen.« »Laß mich, Mutter,« rief Adam ungeduldig, machte sich von ihr los und ergriff eins von den Brettern, die an der Wand standen; »es hat sich was Abendbrot zu essen, wenn der Sarg morgen früh um sieben Uhr fix und fertig in Broxton sein soll und eigentlich schon jetzt da sein müßte, und noch ist kein Nagel eingeschlagen. Ich kann nichts essen, es bliebe mir im Halse stecken.« »Was, du kannst doch nicht den Sarg fertig machen?« sagte Lisbeth; »du arbeitet dich ja zu Tode, du hättest die ganze Nacht dran zu thun.« »Und wenn ich die ganze Nacht arbeiten muß, was will das sagen? Haben wir den Sarg nicht versprochen? Können die Leute das Begräbnis halten ohne den Sarg? Ich arbeitete mir lieber die rechte Hand ab, ehe ich die Leute so anführte. Ich werde wild, wenn ich nur dran denke. Und lange halt' ich die Geschichte auch nicht mehr aus, ich hab's satt.« Es war nicht das erste Mal, daß die alte Lisbeth diese Drohung zu hören bekam, und wenn sie verständig gewesen wäre, so wäre sie ruhig weggegangen und hätte in der ersten Stunde nichts gesagt. Aber was eine Frau sich am seltensten merkt, ist die Lehre, nie mit einem Mann zu sprechen, der ärgerlich oder betrunken ist. Lisbeth setzte sich auf den Hauklotz nieder und fing an zu weinen, und als sie so viel geweint hatte, daß ihre Stimme recht kläglich klang, brach sie in Worte aus. »Nein, mein Herzensjunge, du wirst doch nicht weggehen wollen und deiner Mutter das Herz brechen und deinen Vater in Not bringen. Du wirst mich doch nicht auf den Kirchhof tragen lassen und nicht hinter dem Sarge hergehen. Ich hätte keine Ruhe im Grabe, wenn ich dich nicht in meiner letzten Stunde sähe, und wie sollst du's wohl erfahren, daß ich am Tode bin, wenn du in die Fremde gehst und arbeitest, und Seth geht dann auch wohl weg, und dein Vater kann vor Zittern keine Feder in der Hand halten und weiß auch wohl nicht mal, wo du bist. Du mußt Nachsicht haben mit deinem Vater, du darfst nicht so bitter gegen ihn sein. Er ist immer ein guter Vater gegen dich gewesen, ehe er sich ans Trinken gab. Er ist recht geschickt in seinem Handwerk, und dich hat er angelernt, das vergiß nicht, und nie hat er mir einen Schlag gegeben oder auch nur ein böses Wort – nein, nicht mal in der Trunkenheit. Du wirst ihn doch nicht im Arbeitshause enden lassen wollen – deinen eigenen Vater – der ein so hübscher Mann war und so geschickt beinahe wie du selbst, vor fünfundzwanzig Jahren, als du noch ein Kind an der Brust warst.« Lisbeths Stimme wurde immer lauter und erstickte fast unter Schluchzen, und ein solches Klagegeheul ist das allerunangenehmste, was es giebt, wenn man wahrhaften Kummer hat und tüchtig arbeiten muß. Adam unterbrach sie ungeduldig: »Aber, Mutter! wein' doch nicht so und sprich nicht so. Hab' ich nicht auch ohne das Ärger genug? Was brauchst du mir von diesen Dingen zu reden, an die ich Tag für Tag nur zu viel denke? Thät' ich das nicht, warum arbeitete ich wohl so, um unsre Wirtschaft in Ordnung zu halten? Aber ich hasse das Reden, wo es doch nichts nützt, und gebrauche meine Lungen lieber bei der Arbeit.« »Ja, ich weiß, mein Junge, du thust, was kein andrer thäte. Aber du bist immer so hart gegen deinen Vater, Adam. Für Seth ist dir nichts zu viel, und wenn ich mal mit dem Jungen schelte, dann fährst du mich an. Aber gegen deinen Vater bist du schlimmer, als gegen jeden andern.« »Das ist aber doch besser, sollt' ich meinen, als zu nachsichtig zu sein und ihn auf seinem schlechten Wege zu lassen, nicht wahr? Wäre ich nicht streng gegen ihn, er verkaufte uns jedes Stück Holz vom Hofe und vertränke das Geld. Ich weiß wohl, daß ich gegen Vater Pflichten habe, aber es ist gewiß nicht meine Pflicht, ihn noch darin zu bestärken, wenn er sich Hals über Kopf ins Verderben stürzt. Und was hat Seth damit zu schaffen? Der Junge thut doch niemand was zu Leide, so viel ich weiß. Aber laß mich jetzt in Ruhe, Mutter, und störe mich nicht bei der Arbeit.« Lisbeth wagte nun kein Wort mehr zu sagen, sondern stand auf und rief Gyp, um wenigstens den Hund gut zu füttern, da Adam selbst sein Abendbrot verschmähte und ihr so die gehoffte Freude nahm, ihn beim Essen ansehen zu können. Aber Gyp guckte seinen Herrn an, zog die Stirn kraus, spitzte die Ohren, – denn das Treiben heute Abend war ihm ganz unverständlich, und obschon er auf Lisbeths Rufen aufhorchte und bewegten Gemüts auf seinen Vorderpfoten hin und hertrippelte, da er wohl merkte, daß er was zu fressen haben sollte, so war er doch in geteilter Stimmung, blieb sitzen und heftete seine Augen immer wieder ängstlich auf seinen Herrn. Adam bemerkte diesen Streit der Empfindungen, und obgleich er im Ärger gegen die Mutter weniger zärtlicher gewesen war, als gewöhnlich, gegen den Hund blieb er gleich gut. Es liegt in Menschen Art, daß wir gegen die Tiere, die uns lieb haben, freundlicher sind, als gegen Frauen, die uns lieb haben. Kommt das vielleicht daher, daß die Tiere stumm sind? »Geh nur, Gyp, geh!« sagte Adam ermutigend, und Gyp, höchlich befriedigt, daß Pflicht und Vergnügen für ihn zusammenfielen, ging mit Lisbeth in die Küche. Doch verließ er sie bald wieder, um zu seinem Herrn zurückzukehren, und Liesbeth saß nun allein und weinte. Frauen, die niemals bitter und rachsüchtig sind, klagen oft am schlimmsten, und wenn Salomo's Weisheit wirklich so groß war wie ihr Ruf, so hat er bei dem Worte: »Ein zänkisches Weib und stetiges Triefen, wenn es sehr regnet, werden wohl mit einander verglichen« gewiß nicht an eine Furie mit langen Nägeln, eine bissige und selbstsüchtige Hexe gedacht, sondern vielmehr an so'n recht gutmütiges Geschöpf, das keine Freude hat, als das Glück seiner Geliebten, für die es sorgt und sich selbst alles entzieht – um bei Gelegenheit seinen gehörigen Regentag zu haben. Solch eine Frau war z. B. Lisbeth; sie war zugleich geduldig und klagte viel, zugleich aufopfernd und anspruchsvoll, brütete den lieben langen Tag über das, was gestern vorgefallen war und was wohl morgen kommen werde, und weinte sehr leicht, beides über Gutes und Böses. Ihr Sohn Adam jedoch flößte ihr neben vergötternder Liebe auch eine gewisse Scheu ein, und wenn er sagte: »laß mich zufrieden, Mutter!« so war sie immer gleich stille. Bei dem lauten Ticken der alten Wanduhr und dem Geräusch von Adams Arbeit vergingen die Stunden. Endlich bat er um Licht und einen Trunk Wasser (Bier gab es in dem Hause nur an Festtagen), und als Lisbeth es ihm hereinbrachte, sagte sie schüchtern: »dein Abendbrot steht noch fertig, wenn du jetzt essen willst.« »Bleib nicht so lange auf, Mutter,« erwiderte Adam mit sanfter Stimme; er hatte seinen Ärger weggearbeitet, und wenn er mit seiner Mutter besonders freundlich sein wollte, sprach er ganz in ihrem Provinzialdialekte und in besonders weichem Tone. »Ich will schon nach Vater sehen, wenn er nach Haus kommt; vielleicht kommt er die Nacht auch gar nicht. Es ist mir lieber, Mutter, wenn ich dich zu Bett weiß.« »Nein, ich will doch noch auf Seth warten, er bleibt gewiß nicht lange mehr aus.« Wieder verging eine Zeit, und es war fast zehn Uhr, als die Hausthür aufging und Seth eintrat. Schon draußen hatte er das Hämmern und Arbeiten gehört. »Mutter, sagte er, wie kommt das, daß Vater noch so spät arbeitet?« »Ja Vater! der ist nicht an der Arbeit; das könnest du selbst wohl wissen, wenn du den Kopf nicht immer voll hättest vom Kirchengehen; es ist dein Bruder, der alles besorgt; sonst thut ja keiner was.« Lisbeth wollte schon in diesem Zuge fortfahren, denn vor Seth war sie nicht bange, und er mußte gewöhnlich alles anhören, was sie zu klagen hatte, weil er ihr nie im Leben ein hartes Wort sagte und furchtsame Leute ihre bösen Launen immer an den sanften auslassen; aber Seth hatte schon mit besorgtem Blicke die Werkstatt betreten und sagte: »lieber Adam, was ist denn los? Wie! hat Vater den Sarg vergessen?« »Ja, Junge, immer die alte Geschichte; aber ich werde ihn schon fertig bekommen,« erwiderte Adam, indem er aufsah und einen seiner hellen scharfen Blicke auf den Bruder warf. »Aber, was ist denn mit dir vorgegangen? Du hast Kummer gehabt?« Seths Augen waren rot, und eine tiefe Niedergeschlagenheit lag auf seinem sanften Gesichte. »Ja, Adam, aber ich muß es tragen und du kannst mir nicht helfen. In der Abendschule bist du also wohl nicht gewesen?« »Abendschule? Nein, dazu war heut keine Zeit,« erwiderte Adam und hämmerte weiter. »Laß mich nun mein Teil auch thun und leg' dich schlafen,« sagte Seth. »Nein, mein Junge; ich will lieber weiter arbeiten, nun ich mal dran bin. Wenn ich den Sarg fertig habe, kannst du ihn mir nach Broxton tragen helfen; um Sonnenaufgang will ich dich wecken. Jetzt geh, iß dein Abendbrot und mach' die Thür zu, damit ich Mutter nicht reden höre.« Seth wußte wohl, daß Adam von seinen Worten nicht abging; er kehrte also mit schwerem Herzen in die Küche zurück. »Adam hat nicht 'nen Mund voll angerührt, als er nach Hause kam,« sagte Lisbeth; »du hast aber gewiß schon bei einem von den Methodisten gegessen.« »Nein, Mutter,« antwortete Seth, »ich habe noch kein Abendbrot gehabt.« »Na, dann setz' dich und iß,« erwiderte Lisbeth; aber iß die Kartoffeln nicht alle auf; vielleicht ißt sie Adam noch, wenn ich sie ihm stehen lasse; er mag gerne Brühkartoffeln. Aber er hat sich so schwer geärgert, daß er sie nicht mochte, und ich hatte sie ihm doch besonders zurecht gemacht. Und er hat mir auch wieder gedroht, er wolle weggehen«, fuhr sie weinerlich fort, »und ich sehe schon kommen, daß er wirklich mal eines Morgens weggeht, wenn ich noch nicht auf bin, ohne mir vorher was zu sagen, und wenn er mal weg ist, kommt er gewiß nie wieder. Ach Gott, mir wär' besser, ich hätte gar keinen Sohn gehabt, der so geschickt und tüchtig ist bei der Arbeit, wie keiner sonst, und auf den alle braven Leute so viel halten, und der so groß und aufrecht steht wie eine Pappel, und nun will er mich verlassen und ich soll ihn nie wiedersehen.« »Mutter, Mutter!« suchte sie Seth zu beruhigen, »gräme dich doch nicht so ohne Grund; es ist nicht halb so sicher, daß Adam weggeht, als daß er bei dir bleibt. Er spricht wohl so was daher, wenn er ärgerlich ist – und bisweilen hat er wohl Grund dazu –, aber sein Herz läßt es doch nie dazu kommen. Erinnere dich nur, wie er uns allen beigestanden hat in schweren, schweren Zeiten, mit seinem ersparten Gelde mich von den Soldaten loskaufte und seinen ganzen Lohn hergab zu Holz für den Vater; er hätte sein Geld ganz anders verwenden können, und mancher junge Bursch hätte in seiner Lage schon längst geheiratet und sich einen Hausstand gegründet. Der schlägt gewiß nicht um und zerstört das, was er selbst geschaffen, und läßt die im Stich, für die er sein ganzes Lebelang gearbeitet hat.« »Sei mir stille von dem Heiraten,« sagte Lisbeth und weinte von neuem, »er ist ja ganz versessen auf die Hetty Sorrel, und die würde ihm nie einen Groschen im Hause sparen und seine alte Mutter schön über die Schulter ansehen. Und dabei könnte er die Marie Burge haben und bei Meister Burge ins Geschäft treten und ein gemachter Mann werden und Arbeitsleute im Dienst haben – Dorchen hat mir das oft genug gesagt; aber er will ja nicht und hängt sein Herz an das Ding von einem Mädchen, mit dem er so wenig anfangen kann, wie mit dem Goldlack da an der Wand. Und dabei liest er Bücher und kann rechnen, und sieht's doch nicht ein!« »Aber, Mutter, du weißt doch, wir können nicht lieben, wie andre Leute wollen; Gott allein lenkt das Herz des Menschen. Ich selbst hätte wohl gewünscht, Adam träfe eine andere Wahl, aber ich kann ihm keinen Vorwurf daraus machen, was er nicht ändern kann. Und mich dünkt beinahe, er sucht seinen Sinn zu ändern. Aber er spricht nicht gern darüber und ich kann nur zu Gott beten, daß er ihn segne und leite.« »Ja wohl! Du bist immer mit deinem Beten bei der Hand, aber ich sehe nicht, daß viel dabei herauskommt. Die Methodisten werden niemals halb so 'nen Mann aus dir machen, wie dein Bruder; daß du ein Prediger wirst, bringen sie vielleicht noch fertig.« »Was du da sagst, ist zum Teil wahr, Mutter,« war Seths sanfte Antwort; »Adam ist mir weit voraus und hat mehr für mich gethan, als ich je für ihn thun kann. Gott verteilt die Gaben, wie er es für gut erkennt. Aber das Gebet darfst du nicht gering achten. Beten schafft vielleicht kein Geld; mag sein, aber es giebt uns, was für kein Geld zu laufen ist – Kraft, die Sünde zu meiden und in den Willen Gottes uns zu ergeben, was er auch über uns verhängen mag. Wenn du zu Gott um Hilfe beten möchtest und auf seine Güte vertrauen, du machtest dir manchmal nicht so viel Sorge im Leben.« »Sorge? ich habe wohl recht, mir Sorgen zu machen. Was es heißt, alles so leicht zu nehmen, das sieht man recht an dir; du könntest deinen ganzen Lohn weggeben und wärest doch nie besorgt, daß du nichts behieltest für die Tage der Not. »Sorget nicht für den andern Morgen« – sorget nicht, das sagst du ja wohl immer, und was kommt dabei heraus? Nun, daß Adam für dich sorgen muß.« »Das sind Worte der heiligen Schrift, Mutter,« sagte Seth; »es ist aber damit nicht gesagt, daß wir müßig gehen sollen; es heißt nur, wir sollen uns nicht ängstigen und quälen darüber, was morgen kommen mag, sondern unsere Pflicht thun und das andere Gott überlassen.« »Ja, ja, das ist so deine Art; du hast immer einen Bibelspruch bei der Hand für deine Ansicht. Ich verstehe nicht, woher du es wissen willst, daß der Spruch alles das bedeutet. Und da die Bibel so'n dickes Buch ist, und du sie ganz durchlesen und die Verse auswählen kannst, so begreife ich nicht, warum du nicht bessere Sprüche nimmst, wo der Sinn nicht länger ist, als die Worte. Adam nimmt keinen solchen Spruch; er sagt immer: »Helft euch selbst, so wird Gott euch helfen;« Das kann unsereins doch verstehen.« »Nein, Mutter,« erwiderte Seth, »das ist kein Bibelspruch, das stammt aus einem Buche, welches Adam mal von Treddleston mitgebracht hat. Es ist von einem verständigen Manne, aber ein bißchen zu weltlich, glaube ich. Indessen, das Wort ist teilweise wahr; denn die Bibel sagt, wir müßten Gottes Mithelfer sein.« »Na, was verstehe ich davon? Es klingt wie ein Bibelspruch. Aber, Junge, was ist das mit dir? Du issest ja kaum einen Mund voll. Du wirst doch nicht satt sein von dem bißchen Gerstenkuchen? Und weiß siehst du aus, wie ein Stück frischer Speck. Sag, was hast du?« »Nichts besonderes, Mutter; ich bin nur nicht hungrig. Aber ich muß mal wieder nach Adam sehen; vielleicht läßt er mich jetzt an die Arbeit.« »Iß erst 'nen Teller warme Suppe,« sagte Lisbeth, deren mütterliches Gefühl nun doch die Oberhand behielt über ihre Selbstsucht; »in ein paar Minuten soll sie fertig sein.« »Du bist sehr gütig, Mutter, aber ich danke,« sagte Seth, und ermutigt durch dieses Zeichen von Zärtlichkeit fügte er hinzu: »laß uns zusammen beten, Mutter, für Vater und Adam und für uns alle; du glaubst nicht wie einen das stärkt und tröstet.« »Nun gut, ich habe nichts dagegen.« So geneigt Lisbeth immer war, Seth in der Unterhaltung das Widerspiel zu halten, so hatte sie doch ein unbestimmtes Gefühl, in seiner Frömmigkeit liege eine gewisse Beruhigung und Trost, und es schien ihr, als habe sie nun selbst um so weniger nötig, sich mit geistlichen Dingen zu befassen. So knieten denn Mutter und Sohn zusammen nieder und Seth betete für den armen Vater draußen und für die, welche daheim um ihn sorgten. Und als er die Bitte aussprach, daß Adam nie genötigt sein möge, sich in der Fremde eine Hütte zu bauen, sondern daß die Mutter durch seine Nähe erheitert und getröstet werden möge bis an das Ende ihrer Pilgerfahrt, da flossen Lisbeths Thränen wieder und sie weinte laut. Als sie sich erhoben von ihren Knieen, ging Seth wieder zu Adam und sagte: »Leg dich doch nur ein oder zwei Stunden, bin und laß mich derweile arbeiten.« »Nein, nein, Seth; laß Mutter zu Bett gehen und geh du auch.« Unterdes hatte Lisbeth sich die Augen getrocknet und kam auch herbei; in der Hand hielt sie die irdene Schüssel mit den Kartoffeln und kleinen Stücken Fleisch, die sie dazwischen gemengt hatte; es war teure Zeit, und Weizenbrot und frisches Fleisch waren seltene Leckerbissen für Arbeitsleute. Sie setzte die Schüssel beinahe schüchtern neben Adam auf die Hobelbank und sprach: »Du kannst ja während der Arbeit ab und zu einen Bissen nehmen; ich bring' dir auch noch einen Schluck Wasser.« »Ja, Mutter, das thu',« sagte Adam freundlich; »mit der Zeit werde ich recht durstig.« In einer halben Stunde war alles still, kein Ton im Hause zu hören, als das laute Ticken der alten Wanduhr und das Geräusch von Adams Arbeit. Die Nacht war ganz still: als Adam um zwölf Uhr hinausblickte, schien sich nichts zu bewegen, als die leuchtenden blinkenden Sterne, kein Grashalm regte sich. Bei körperlicher Anstrengung werden unsere Gedanken gewöhnlich ein Spiel der Empfindungen und der Einbildungskraft, das erfuhr Adam in jener Nacht. Während seine Muskeln sich tapfer anstrengten, schien sein Geist so unthätig wie ein Zuschauer in einem Diorama. Scenen der traurigen Vergangenheit und wahrscheinlich traurigen Zukunft zogen an ihm vorüber und machten einander in schneller Folge Platz. Er sah, wie es am andern Morgen sein würde, wenn er den Sarg nach Broxton getragen hätte und wieder zu Hause beim Frühstück säße. Da käme sein Vater herein, schämte sich, seinem Sohne ins Auge zu sehen, setzte sich hin, sähe älter und wüster aus, als den Tag vorher, ließe den Kopf hängen und stierte die Flursteine an; dann würde die Mutter ihn fragen, wie er wohl glaube, daß der Sarg fertig geworden sei, da er selbst von den Brettern weg ins Wirtshaus gegangen, denn Lisbeth war mit ihren Vorwürfen gegen ihn immer zuerst bei der Hand, obschon sie über Adams Härte gegen seinen Vater weinte. »Und so wird es weitergehen immer schlimmer und schlimmer,« dachte Adam; »kann keiner den Abhang hinaufgleiten oder auch nur still halten, wenn er mal ins Rutschen gekommen ist.« Dann trat die Zeit ihm vor die Seele, wo er ein kleiner Junge war und neben seinem Vater herlief, stolz darauf, wenn ihn der mit an die Arbeit nahm, und noch stolzer, wenn er den Vater gegen die andern Arbeiter prahlen hörte, »der kleine Kerl habe schon unbändig viel Verstand von der Zimmerei.« Was für ein tüchtiger thätiger Mann war sein Vater damals! Wenn die Leute den kleinen Adam fragten, wem er denn gehöre, so antwortete er mit einem gewissen Selbstgefühl: »ich bin Matthis Bede sein Sohn« – denn natürlich mußte ja jeder den Matthis Bede kennen, der das wundervolle Taubenhaus für den Pastor in Broxton gemacht hatte. Was waren das für glückliche Tage! Zumal, als auch Seth, der drei Jahr' jünger war, mit an die Arbeit zu gehen anfing, und Adam zugleich lehrte und lernte. Aber dann kamen die bösen Zeiten, wo der Vater in den Wirtshäusern herumzuliegen und Lisbeth zu Haus zu weinen anfing und ihre Klagen gegen ihre Söhne ausließ. Adam erinnerte sich recht wohl der Nacht voll Schande und Entsetzen, als er zum erstenmal den Vater mitten unter seinen Kumpanen lärmen und sich zum Narren machen sah. Einmal, als er erst achtzehn Jahre zählte, war er davongelaufen, heimlich, in früher Morgenstunde, mit einem blauen Bündelchen auf der Schulter und sein Meßbuch in der Tasche, fest entschlossen, die Plackerei zu Hause nicht länger zu ertragen und in der Fremde sein Glück zu versuchen, wohin der Zufall ihn treibe. Aber schon nach dem kurzen Marsche bis Stoniton war der Gedanke an seine Mutter und Seth, die, von ihm verlassen, nun alles daheim aushalten müßten, zu mächtig in ihm geworden und er hatte nicht das Herz gehabt weiter zu gehen; er war den folgenden Tag zurückgekehrt, aber der Jammer und die Angst, die seine Mutter in den beiden Tagen ausgestanden hatte, verfolgten sie seitdem unaufhörlich wie ein Gespenst. »Nein!« sagte Adam jetzt zu sich selbst; »das darf nie wieder vorkommen. Es stände schlecht mit meiner Rechnung am letzten Ende, wenn meine arme alte Mutter mit auf die Schuldenseite käme. Mein Nacken ist breit genug und stark genug; ich wär' ja ein rechter Feigling, wenn ich mich davonmachte und die Not denen zu tragen überließe, die es nicht halb so gut können. »Die stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht Gefallen an sich selber haben,« – das ist ein Spruch, bei dem man kein Licht nötig hat: er hat das Licht in sich selber. Es liegt auf der Hand, daß man im Leben auf den falschen Weg kommt, wenn man diesem oder jenem nachjagt, bloß um es sich selbst angenehm zu machen. Ein Schwein mag seine Nase in den Trog stecken und sich um nichts anderes kümmern; aber wer ein menschliches Herz hat, der kann nicht ruhig sein, wenn er sich selbst warm bettet und die andern auf den Steinen schlafen läßt. Nein, nein, niemals werde ich meinen Nacken aus dem Joche ziehen und die Last den Schwachen zu tragen geben. Vater ist ein schweres Kreuz für mich und bleibt's wohl noch für viele Jahre. Aber was thut's? Ich habe die Gesundheit und die Gliedmaßen und den Geist, es zu tragen.« In diesem Augenblick geschah ein kurzer rascher Schlag wie mit einer Weidenrute an die Hausthür, und Gyp, statt wie gewöhnlich zu bellen, fing laut an zu heulen. Adam erschrak heftig, ging sofort an die Thür und öffnete. Da war nichts; alles war still, wie eine Stunde zuvor; kein Blättchen rührte sich, und das Sternenlicht zeigte auf den ruhigen Feldern zu beiden Seiten des Baches nichts lebendiges. Adam ging rings um das Haus und das einzige, was er sah, war eine Ratte, die sich unter den Holzstoß verkroch. Verwundert ging er wieder hinein; der Ton war so eigentümlich gewesen, daß ihm sofort die Vorstellung kam, eine Weidenrute schlüge gegen die Thür. Er konnte einen kleinen Schauder nicht unterdrücken, da ihm einfiel, wie oft seine Mutter ihm gesagt habe, gerade solch ein Ton zeige an, einer liege im Sterben. Adam war nicht so leicht abergläubisch, aber er hatte Bauernblut in den Adern, und ein Bauer kann es so wenig lassen, an einem hergebrachten Aberglauben zu hangen, wie ein Pferd beim Anblick eines Kameles zu zittern. Dabei gehörte er zu den Geistern, die auf dem Gebiete des Geheimnisvollen so schüchtern sind, wie kühn auf dem Gebiete des Wissens; an seiner Abneigung gegen starre kirchliche Dogmen hatte eine tiefe Frömmigkeit gerade so großen Anteil, wie sein derber gesunder Menschenverstand, und oft wies er die Grübeleien seines Bruders Seth mit den Worten zurück: »Ja! 's ist 'n tiefes Geheimnis, und du weißt nicht viel davon.« So kam es, daß Adam zugleich scharfsinnig und leichtgläubig war. Wenn ein neues Gebäude eingestürzt wäre und man hätte darin ein Gericht Gottes gefunden, so würde er geantwortet haben: »Mag sein, aber die Mauern und das Dach müssen nicht in Ordnung gewesen sein, sonst war' es nicht eingestürzt,« und dabei glaubte er wieder an Träume und Vorgeschichten, und wie wir sehen, schauderte ihm bei dem Gedanken an den Schlag mit der Weidenrute. Aber in der Notwendigkeit, an dem Sarge weiter zu arbeiten, hatte er das beste Gegenmittel gegen alle eingebildeten Schrecken, und die nächsten zehn Minuten klangen seine Hammerschläge so ununterbrochen, daß sie jedes etwaige andere Geräusch übertönt hätten. Doch trat eine Pause ein, als er den Zollstock anlegen mußte, und da geschah wieder der seltsame Schlag an die Thür, und wieder heulte Gyp. In einem Sprunge war Adam an der Thür, aber wieder war alles still, und die Sterne beleuchteten nur das taubedeckte Gras vor dem Häuschen. Einen Augenblick überkam Adam eine gewisse Unruhe wegen seines Vaters, aber in den letzten Jahren war dieser von Treddleston niemals im Dunkeln zurückgekehrt, und alles sprach für die Annahme, daß er um diese Stunde ruhig seinen Rausch im Wirtshause verschliefe. Zudem war für Adam das Bild seiner Zukunft so unzertrennlich von dem traurigen Bilde seines Vaters, daß die Furcht, diesem könne ein Unglück zustoßen, durch die tiefgewurzelte Befürchtung ausgeschlossen wurde, er werde immer tiefer sinken. Sein nächster Gedanke ging auf Seth und die Mutter; rasch legte er die Schuhe ab und ging leise die Treppe hinauf, um an ihren Schlafzimmern zu horchen; er hörte beide ruhig atmen. Und wieder ging Adam an die Arbeit. Er sagte sich: »die Thür mach' ich nicht wieder auf; es hilft nichts, daß einer sich umsieht, um ein Geräusch zu sehen. Möglich, daß es eine Welt um uns her giebt, die wir nicht sehen können, aber das Ohr ist rascher als das Auge, und erhascht dann und wann einen Ton, der von ihr herkommt. Manche Leute glauben zwar, sie thäten auch wohl auch mal einen Blick hinein, aber das sind meistens solche, deren Augen sonst zu nichts taugen. Ich für mein Teil halte es für besser, richtig zu sehen, ob das Lot gerade hängt, als einen Geist zu sehen.« Gedanken dieser Art werden natürlich stärker und stärker, wenn das Tageslicht heraufkommt und die Vögel ihr Lied anstimmen, und als erst das rote Sonnenlicht den Messingbeschlag auf dem Sargdeckel beschien, hatte Adam über der Befriedigung, daß die Arbeit fertig und das Versprechen erfüllt sei, alle Vorbedeutung von dem Schlag mit der Weidenrute vergessen. Seth ließ sich nicht erst rufen: es regte sich in seiner Kammer, und bald kam er hinunter. »Nun, mein Junge,« rief ihm Adam zu, »der Sarg ist fertig, und wir können ihn nach Broxton hinübertragen und vor halb sieben wieder hier sein. Ich will nur erst einen Mundvoll Gerstenkuchen essen und dann wollen wir fort.« Die beiden Brüder nahmen den Sarg auf ihre hohen Schultern und gingen, von Gyp begleitet, aus dem kleinen Holzhofe auf den Feldweg hinter dem Hause. Es war nur eine gute halbe Stunde nach Broxton über den Hügel hinüber, und der Weg zog sich sehr angenehm durch die Felder hin, wo die blassen Winden und die wilden Rosen die Hecken kränzten und die Vögel zwischen den mächtigen laubreichen Ästen der Eichen und Ulmen zwitscherten und trillerten. Es war ein seltsam gemischtes Bild – der frische junge Sommermorgen mit seiner paradiesischen Ruhe und Lieblichkeit, die stämmige Kraft der beiden Brüder in ihrem groben Arbeitszeuge, und der lange Sarg auf ihren Schultern. Bei einem kleinen Bauernhause vor dem Dorfe Broxton hielten sie an. Um sechs Uhr war ihre Arbeit gethan, der Sarg zugenagelt und die Brüder machten sich auf den Rückweg. Sie wählten jetzt einen kürzeren Weg, der sie über die Felder und den Bach vorn ins Haus zurückführte. Adam hatte gegen Seth nicht erwähnt, was er in der Nacht erlebt, aber der Eindruck in seinem Innern war doch noch so mächtig, daß er sagte: »Du, Seth! wenn Vater beim Frühstück noch nicht nach Hause kommt, so denk' ich, du thust gut und gehst nach Treddleston hinüber und siehst nach ihm; du kannst mir dann den Kupferdraht mitbringen, den ich gebrauche. Wenn du auch eine Stunde von der Arbeitszeit verlierst, das macht nichts; die bringen wir schon wieder ein. Was meinst du?« »Mir ist's recht,« sagte Seth. »Aber sieh' mal wie die Wolken sich zusammengezogen haben, seit wir unterwegs sind. Ich glaube, es giebt noch mehr Regen. Eine böse Heuernte, wenn die Wiesen wieder überschwemmt werden! Der Bach ist jetzt sehr hoch; noch ein Tag Regen und das Wasser geht über das Brett und wir werden den Umweg über die Chaussee machen müssen.« Sie durchschritten jetzt das Thal und waren auf dem Wiesengrunde, durch welchen der Bach floß. »Aber was ist das! was steckt da an der Weide fest?!« fuhr Seth fort, indem er seinen Schritt beschleunigte. Adams Herz schwoll auf: die unbestimmte Angst um seinen Vater wurde zum gewaltigen Schrecken; er antwortete dem Bruder nicht, sondern stürzte vorwärts, der Hund mit unruhigem Gebell vor ihm her, und in wenigen Sprüngen war er an der Brücke. Das also hatte das Zeichen bedeutet! Und sein greiser Vater, an den er vor wenigen Stunden mit Bitterkeit als an eine böse Last für viele kommende Jahre gedacht hatte, kämpfte vielleicht gerade in dem Augenblick mit dem nassen Tode! Das war der erste Gedanke, der Adam durchs Gewissen schoß, ehe er Zeit hatte, die Kleider des Ertrunkenen zu fassen und den großen, schweren Körper herauszuziehen. Seth war schon ihm zur Seite und half, und als sie den Leichnam auf das Ufer hingelegt hatten, knieten sie beide nieder und blickten mit stummem Schauder auf die gläsernen Augen, vergaßen, daß es hier zu handeln gelte, vergaßen alles außer – daß ihr Vater tot vor ihnen lag. Adam fand zuerst die Sprache wieder. »Ich will zur Mutter laufen,« sagte er laut flüsternd; »in einer Minute bin ich wieder bei dir.« Die arme Lisbeth war beschäftigt, ihren Söhnen das Frühstück zu bereiten, und die Suppe dampfte schon auf dem Feuer. Ihre Küche hielt Lisbeth immer sehr reinlich, aber diesen Morgen war sie noch mehr als sonst bemüht gewesen, dem Herde und dem Frühstückstisch ein einladendes Aussehen zu geben. »Die Jungen werden tüchtig hungrig sein,« sagte sie halblaut, indem sie die Suppe umrührte; »es ist ein gutes Stück Weg nach Broxton, und die Luft auf dem Hügel macht Appetit – und der schwere Sarg obendrein. Ja, jetzt wird er noch schwerer sein, da der arme Tholer drinnen liegt. Ich hab' diesen Morgen einen Teller Suppe mehr gekocht, als gewöhnlich. Der Vater kommt vielleicht auch bald nach Haus. Der ißt zwar just nicht viel Suppe. Er trinkt für ein paar Groschen Bier und spart 'nen Dreier an der Suppe – das ist so seine Art zu sparen, habe ich ihm oft gesagt und werde ich ihm auch heute wohl wieder sagen müssen. Aber ruhig genug nimmt's der Alte hin, daß muß man ihn lassen.« Aber nun hörte Lisbeth schwere Schritte auf dem Rasen, und schnell zur Thür sich wendend sah sie Adam hereinkommen, so blaß und entsetzt, daß sie laut aufschrie und auf ihn zustürzte, ehe er noch Zeit hatte zu sprechen.« »Still, Mutter,« rief Adam mit ganz heiserem Tone, »erschrick nicht. Vater ist ins Wasser gefallen. Vielleicht bringen wir ihn noch wieder zu sich. Seth und ich tragen ihn gleich her. Nimm 'ne wollene Decke und mach' sie am Feuer heiß.« In Wahrheit hatte Adam die Überzeugung, der Vater sei wirklich tot, aber er wußte, daß der ungestüme und laute Schmerz seiner Mutter sich nicht anders unterdrücken lassen würde, als indem er ihr etwas zu thun gäbe, woran sich ihre Hoffnung noch halten könnte. Er lief zu Seth zurück, und die beiden Söhne nahmen die traurige Last auf, schweigend mit zerrissenem Herzen. Die weit offenen gläsernen Augen waren grau wie die Seths, und hatten einst mit mildem Stolze auf die Knaben hingesehen, vor denen der Unglückliche nachher beschämt den Kopf mußte sinken lassen. Seth fühlte hauptsächlich Kummer und Entsetzen darüber, daß seines Vaters Seele so plötzlich hinweggerissen sei; aber Adam überflog im Geiste rasch die ganze Vergangenheit voll Wehmut und Mitleid. Wenn der große Versöhner Tod erscheint, dann bereuen wir nie unsere Milde, nur unsere Härte. Fünfter Abschnitt Der Rektor Starke Regengüsse fielen an dem Vormittage, und in tiefen Rinnen lief das Wasser die Sandwege entlang in dem Garten der Pastorei zu Broxton; die großen Provencer Rosen waren jämmerlich vom Winde zerzaust und vom Regen zerschlagen, und all die zartstämmigen Blumen auf den Beeten waren niedergedrückt und mit nasser Erde bespritzt. Ein trübseliger Morgen, denn die Heuernte sollte bald beginnen, und nun standen die Wiesen wahrscheinlich unter Wasser. Aber wer eine hübsche Häuslichkeit hat, findet an Regentagen im Hause Unterhaltung, an die er sonst nicht gedacht hätte. Wäre es nicht ein so regnichter Morgen gewesen, so hätte Pastor Irwine nicht im Eßzimmer mit seiner Mutter Schach gespielt, und er hat seine Mutter und sein Schachspiel lieb genug, um mit ihrer Hilfe einige trübe Stunden sehr vergnüglich hinzubringen. In dies Eßzimmer führe ich den Leser und stelle ihm den ehrwürdigen Herrn Adolph Irwine vor, Rektor von Broxton, Vikar von Hayslope und Vikar von Blythe, im Besitz also mehrerer Pfründen auf einmal, und doch würde auch der strengste Kirchenverbesserer ihm nicht gram sein können. Die Häufung mehrerer Pfründen auf einen Geistlichen, der sich dann einige, sprichwörtlich schlecht bezahlte, Vikare hält, ist ein vielbesprochener Übelstand der englischen Staatskirche. D. Übers. Wir wollen leise eintreten und in der offenen Thür stehen bleiben, damit wir den glatthaarigen braunen Hühnerhund nicht wecken, der mit seinen beiden Jungen da in der Ecke schläft, noch auch den kleinen Mopshund, der, das schwarze Maul emporgerichtet, schlummert wie ein schläfriger Präsident. Das Zimmer ist groß und hoch; an einem Ende ein breites vorspringendes Fenster; die Wände sind neu und noch nicht gemalt, die Möbel mögen ursprünglich kostbar gewesen sein, sind aber jetzt alt und abgebraucht, und das Fenster hat keine Vorhänge. Die rote Decke auf dem großen Eßtisch ist sehr fadenscheinig, obgleich sie gegen die toten Wände angenehm genug absticht; aber auf dieser Decke steht ein Präsentierteller von massivem Silber mit einer Wasserkaraffe, und zwei größere von derselben Arbeit auf dem Büffet tragen in der Mitte ein deutlich eingraviertes Wappen. Der Leser vermutet sogleich, daß die Bewohner dieses Hauses mehr altes Blut als alten Reichtum haben, und ist gewiß schon darauf gefaßt, der Herr Pastor habe eine feingeschnittene Nase und Oberlippe; für jetzt aber können wir nur sehen, daß er einen breiten, graden Rücken hat und einen Überfluß an gepudertem Haar, welches ganz zurückgekämmt ist und hinten in einen schwarzen Haarbeutel ausläuft – ein altmodischer Zug; der Herr ist also nicht mehr ganz jung. Vielleicht dreht er sich mit der Zeit mal um, und inzwischen können wir uns die stattliche Dame, seine Mutter, ansehen, eine schöne bejahrte Brünette, deren prächtig frischer Teint aus dem reinen weißen Battist und Spitzenwerk, welches Kopf und Hals ziemlich dicht umgiebt, sich recht gut abhebt. Trotz ihrer behaglichen Leibesfülle hält sie sich so grade wie eine Statue der Ceres, und ihr dunkles Gesicht mit der zart gebogenen Nase, dem festen stolzen Mund und den kleinen tiefen schwarzen Augen hatten einen so scharfen und sarkastischen Ausdruck, daß man sich leicht vorstellen kann, sie habe statt der Schachfiguren ein Spiel Karten vor sich und sei am Wahrsagen. Die kleine Hand, mit der sie grade die Königin anfaßt, ist reich geschmückt mit Perlen, Diamanten und Türkisen, und ein großes schwarzes Spitzentuch ist sorgfältig hinten über ihre Haube gebreitet und fällt in scharfem Kontrast auf das faltige Weißzeug am Halse. Es muß 'ne hübsche Zeit kosten, die alte Dame des Morgens anzukleiden! Aber es scheint ganz natürlich, daß sie sich so trägt: sie ist offenbar eine jener königlichen Erscheinungen, die nie an ihrem göttlichen Rechte gezweifelt haben und bei denen nie jemand so abgeschmackt gewesen ist, es zu bestreiten. »Da, Dauphin, was meinst du dazu?« sagt die prächtige alte Dame, indem sie ihre Königin sehr ruhig hinsetzt und die Arme kreuzt; »es sollte mir sehr leid thun, wenn ich dir mit irgend einem Worte zu nahe träte!« »O, du hast mich behext, du Zauberin! Wie soll ein Christenmensch je eine Partie von dir gewinnen? Ich hätte das Schachbrett mit Weihwasser besprengen sollen, ehe wir anfingen. Mit rechten Dingen ist es doch nicht zugegangen, das wirst du wohl selbst einräumen.« »Das kennt man, das haben die Besiegten von großen Eroberern immer gesagt. Aber sieh doch, da scheint uns die liebe Sonne auf das Schachbrett und zeigt dir noch deutlicher, was das für ein schlechter Zug war mit dem Bauer. Nun, willst du Revanche haben?« »Nein, Mutter, ich überlasse dich deinem eigenen Gewissen, nun sich's draußen aufklärt. Wir müssen hinaus und ein bißchen im Schmutz herumtraben – nicht wahr, Juno?« Das galt dem braunen Hühnerhund, der bei dem Klange der Stimmen aufgesprungen war und seinem Herrn die Schnauze einschmeichelnd aufs Bein gelegt hatte. »Aber erst muß ich hinaufgehen und Anna sprechen; als ich vorhin zu ihr wollte, mußte ich gerade zu Tholers Begräbnis.« »Das ist ganz nutzlos, Kind; sie kann dich nicht sehen; Käthchen sagt, ihr Kopfweh sei heute früh schlimmer als je.« »O, sie sieht und spricht mich trotzdem gern; dazu ist sie nie zu krank.« Wenn sich der Leser erinnert, wie manches Wort wir Menschen so ganz absichtslos oder gewohnheitsmäßig hinsprechen, so wird's ihn nicht sehr verwundern zu hören, daß in den fünfzehn Jahren, wo Irwines Schwester, Anna, leidend gewesen war, dieser selbe Einwand viele hundertmale genau so geäußert und mit derselben freundlichen Antwort zurückgewiesen wurde. Stattliche alte Damen, die des Morgens lange bei der Toilette sind, haben für kränkliche Töchter oft wenig übrig. Aber während Irwine noch ruhig dasaß, sich in seinem Stuhl zurücklehnte und dem Hunde den Kopf streichelte, trat der Bediente in die Thür und sagte: »Entschuldigen Sie, Herr Pastor, Josua Rann möchte Sie sprechen, wenn Sie einen Augenblick Zeit hätten.« »Führt ihn hier herein,« sagte Madame Irwine und nahm ihr Strickzeug; »ich höre immer gerne zu, wenn Meister Rann etwas zu sagen hat. Er hat gewiß schmutzige Füße; sorgt dafür, Carrol, daß er sich ordentlich abputzt.« Binnen zwei Minuten erschien Meister Rann mit sehr tiefen Verbeugungen an der Thür, doch rührte diese Höflichkeit den Mops wenig; er fing vielmehr scharf an zu bellen und beschnüffelte dem Fremden die Beine, während die beiden jungen Hunde Meister Ranns dicke Waden und seine groben wollenen Strümpfe mit großem Pläsir beknurrten und bekrabbelten. Inzwischen drehte sich der Pastor auf seinem Stuhle und sagte: »Nun, Josua, was giebt's neues in Hayflope, daß Ihr an diesem nassen Morgen herüberkommt? Setzt Euch, setzt Euch! die Hunde dürfen Euch nicht stören; stoßt sie gelinde aus dem Wege. Hier, Mops! willst du her?« Es ist ein wahres Vergnügen, gewisse Leute sich umdrehen zu sehen, so angenehm wie ein plötzlicher warmer Luftstrom im Winter oder wie das Aufflackern der Flamme im Kamin in kalter Dämmerstunde. Pastor Irwine gehörte zu diesen gewissen Leuten. Er hatte mit seiner Mutter dieselbe Art von Ähnlichkeit, wie das Bild eines Freundes, das wir in liebender Erinnerung tragen, oft mit dem Freunde selbst hat: die Züge waren alle edler, das Lächeln schöner, der Ausdruck herzlicher. Wäre sein Gesicht weniger fein geschnitten gewesen, so hätte man's ein lustiges Gesicht nennen können, aber für diese Mischung von Gutmütigkeit und Vornehmheit war das nicht das rechte Wort. Meister Rann suchte sich mit vieler Mühe das Ansehen zu geben, als wenn ihn seine Beine nichts angingen, obschon er sich bald von dem einen, bald von dem andern die jungen Hunde abschütteln mußte. Die Einladung Platz zu nehmen lehnte er ab. »Ich danke Ew. Ehrwürden; wenn Sie erlauben, bleibe ich lieber stehen, das paßt sich doch besser. Ich hoffe, Sie sind wohl, ja? und Madame Irwine auch und die Fräulein Schwestern ebenso?« »Danke, Josua; es geht. Ihr seht, wie blühend meine Mutter aussieht; wir jungen Leute sind nichts dagegen. Aber was bringt Ihr?« »Na, Herr Pastor, ich hatte so in Broxton was zu thun, und da hielt ich es doch für recht hier vorzusprechen und Ihnen anzuzeigen, was im Dorfe vorgeht. So was hab' ich mein Tage noch nicht erlebt und ich wohne doch schon nächsten St. Thomas sechzig Jahre da und habe den Osterzins für Pastor Blick eingesammelt, ehe Ew. Ehrwürden zu uns kamen, und bei jedem Glockenläuten bin ich gewesen und bei jedem Grabe und habe im Chor mitgesungen, lange ehe Barthel Massey hier war, von dem niemand weiß, wo er herstammt, mit seinem Wechselsingen und den schönen Liedern, wo niemand mitkann als er selbst. Ich weiß, was sich für einen Küster gehört und weiß auch, daß ich es an der Achtung für Ew. Ehrwürden und für die Kirche und den König fehlen ließe, wenn ich solche Dinge nicht zur Anzeige brächte. Ich war so überrascht darüber und wußte vorher nichts davon und war so ganz ratlos, als wenn ich mein Handwerkszeug verloren hätte, und die letzte Nacht habe ich nicht mehr als vier Stunden geschlafen, und so 'nen schlechten Schlaf hab' ich gehabt, daß ich besser wach geblieben wäre.« »Aber was ist denn nur los, Josua? Heraus mit der Sprache; sind die Diebe wieder in der Kirche gewesen?« »Diebe! das nicht, Herr – und doch kann ich wohl sagen, es sind Diebe gewesen und es ist ein Diebstahl an der Kirche. Die Methodisten meine ich, die gewiß noch die Oberhand gewinnen im Kirchspiel, wenn Ew. Ehrwürden und Seine Ehren Herr Donnithorne nicht ein Einsehen haben und dagegen auftreten. Nicht als ob ich Ihnen was vorschreiben wollte, Herr Pastor; so weit vergess´ ich mich nicht, daß ich klüger sein wollte, als die es besser verstehen müssen. Aber klug oder nicht klug – was ich zu sagen habe, das sage ich: die junge Methodistin bei Poysers hat gestern abend auf der Gemeindewiese gepredigt und gebetet, so gewiß wie ich hier vor Ew. Ehrwürden stehe.« »Auf der Gemeindewiese gepredigt!« erwiderte der Pastor, sichtlich überrascht, aber ohne jede Aufregung. »Wie? das blasse hübsche Mädchen, welches ich bei Poysers gesehen habe? Daß sie eine Methodistin oder Quäkerin oder so etwas ist, sah ich wohl an ihrer Kleidung, aber daß sie auch predigte, wußte ich nicht.« »Es ist aber so gewiß wahr wie was!« erwiderte Meister Rann und machte eine Pause, die für drei Ausrufungszeichen gelten konnte; »sie predigte gestern abend auf der Gemeindewiese und hat Schmieds Lieschen so ins Gewissen geredet, daß sie seitdem in einer Ohnmacht liegt.« »Nun, Schmieds Lieschen sieht so gesund aus, die wird sich schon wieder erholen. Fiel sonst noch wer in Ohnmacht?« »Das kann ich grade nicht sagen. Aber kein Mensch kann wissen, wie das noch kommt, wenn wir jede Woche so 'ne Predigt haben wie gestern; es wird nicht auszuhalten sein im Dorfe. Denn diese Methodisten reden ja den Leuten ein, wenn man einen Krug Bier extra tränke und sich's 'n bißchen gut sein ließe, dann führe man so sicher zur Hölle, wie zweimal zwei vier ist. Nun bin ich doch kein Zechbruder oder 'n Trinker – das kann mir keiner nachsagen – aber Ostern oder zur Weihnachtszeit habe ich gern 'n Quart extra, und das ist wohl natürlich, wenn wir das Rundsingen thun und man's umsonst haben kann; und wenn ich die Zinsen einsammle, und auch sonst trinke ich wohl ab und zu mein Glas Bier, rauche meine Pfeife dazu, und verplaudre die Zeit gemütlich bei Casson in der Wirtsstube; und ich bin doch in der wahren Kirche aufgewachsen, Gott sei Dank, und habe Küsterdienste gethan diese zweiunddreißig Jahre her, und muß wohl wissen, was Kirche und Religion ist.« »Nun, was ratet Ihr, Josua? Was müßte nach Eurer Meinung geschehen?« »Ja, Ew. Ehrwürden! daß wir gegen die junge Frauensperson etwas vornehmen, dafür bin ich grade nicht. Wenn sie nur das Predigen lassen wollte, so wär' sie ganz gut, und ich höre auch, daß sie bald wieder von hier fortgeht in ihre Heimat. Sie ist Poysers leibliche Nichte, und ich möchte nichts sagen was den Leuten auf dem Pachthof gegen ihre Ehre ginge, denn seitdem ich Schuhmachermeister bin, habe ich da jedem das Maß zu den Schuhen genommen, klein und groß. Aber da ist der Willem Maskery, Herr Pastor; das ist der aufrührerischste von der ganzen Sorte, und es ist mir ganz so, daß er das Mädchen gestern abend zum Predigen aufgehetzt hat, und gewiß bringt er uns auch noch anderes Predigervolk von Treddleston her, wenn man ihn nicht etwas unterduckt, und gut wäre es, meine ich, wenn man ihn wissen ließe, daß er für die Kirche und die Pfarre keine Arbeit mehr bekäme und daß er nicht mehr zur Miete bleiben könnte in dem Hause und Hofe, die unserm Gutsherrn gehören.« »Schön, aber Ihr sagt doch selbst, Josua, so viel Ihr wüßtet, habe bisher noch niemand auf der Gemeindewiese gepredigt, und warum glaubt Ihr denn jetzt, daß es in Zukunft wieder geschieht? Die Methodisten predigen gewöhnlich nicht in so kleinen Dörfern wie Hayslope, wo die paar Bauern des Abends viel zu müde sind, um sie anzuhören; ebensogut könnten sie auf den Hügeln predigen, wo kein Mensch wohnt. Und Willem Maskery kann doch selbst keine Predigt halten, so viel ich weiß.« »Nein, Herr Pastor; der hat nicht die Gabe, die Worte an einander zu reihen ohne ins Buch zu sehen; er würde so fest stecken bleiben, wie eine Kuh in nassem Lehm. Aber sonst ist seine Zunge lose genug; er spricht schlecht von seinen Nachbarn und hat von mir gesagt, ich wär' 'n blinder Pharisäer. Ein schöner Mißbrauch von Gottes Wort, solche Beinamen für Leute auszusuchen, die älter und würdiger sind als er selbst! Und was noch schlimmer ist, er hat sogar von Ew. Ehrwürden sehr unziemlich gesprochen, und ich könnte Ihnen Leute stellen, die es beschwören wollen, daß er Sie einen »stummen Hund« und einen »schlechten Hirten« genannt hat. Sie entschuldigen wohl, daß ich Ihnen so was wieder sage.« »Sagt's lieber nicht wieder, Josua, das ist besser. Böse Nachrede laßt lieber sterben. Der Wilhelm Maskery ist doch im Grunde kein schlechter Mensch. In früherer Zeit war er ein wüster, versoffener Nichtsnutz, wie man mir sagt, der seine Arbeit vernachlässigte und seine Frau prügelte; aber jetzt ist er fleißig und ordentlich, und er und seine Frau scheinen gut mit einander auszukommen. Könnt Ihr mir einen Beweis bringen, daß er sich in Dinge mischt, die ihn nichts angehen, und bei seinen Nachbarn Unfrieden stiftet, so würde ich es für meine Pflicht als Geistlicher und als obrigkeitliche Person halten, dagegen einzuschreiten. Aber es paßte sich schlecht für so verständige Leute wie Ihr und ich, viel Aufhebens von solchen Kleinigkeiten zu machen, als sähen wir die Kirche in Gefahr, weil Wilhelm Maskery seine Zunge nicht im Zaume hält oder weil ein junges Mädchen einer Handvoll Leuten auf der Gemeindewiese ins Gewissen redet. Leben und leben lassen, Josua – das gilt in der Religion so gut wie in andern Dingen. Fahrt Ihr nur fort, als Küster und Totengräber Eure Pflicht zu thun, so gut wie Ihr sie immer gethan habt, und macht solche vortreffliche dicke Stiefel für Eure Nachbarn, dann wird's in Hayslope wohl nicht so schlimm werden, darauf verlaßt Euch.« »Ew. Ehrwürden sind sehr freundlich, und ich fühle auch wohl, da Sie nicht in unserm Dorfe wohnen, so liegt mir um so mehr auf den Schultern.« »Gewiß, gewiß! und seht Euch ja vor, Josua, daß Ihr die Kirche in den Augen der Leute nicht herabsetzt, indem Ihr aus einer Kleinigkeit viel macht. Ich verlasse mich nun auf Eure gute Einsicht, daß Ihr durchaus keine Notiz nehmt von dem, was Wilhelm Maskery über Euch und mich sagen mag. Ihr und Eure Nachbarn könnt nach wie vor vernünftig Euer Glas Bier trinken, wenn die Arbeit des Tages vorbei ist, darin ist nichts Unrechtes, und wenn Wilhelm Maskery das nicht mitthun will, sondern lieber in die Betstunde nach Treddleston geht – nun gut, das geht Euch nichts an, wenn er nur Euch thun läßt, was Ihr wollt. Und wenn einer oder der andere über uns herzieht, darum müssen wir uns nicht kümmern, so wenig wie der alte Kirchturm um das Gekrächz der Raben. Wilhelm Maskery kommt jeden Sonntag Nachmittag in die Kirche und thut am Werktag fleißig seine Stellmacherarbeit, und so lange er das thut, müssen wir ihn in Ruhe lassen.« »Ja aber, Herr Pastor, in der Kirche sitzt er immer und schüttelt mit dem Kopfe, und bei unserm Singen sieht er immer so mürrisch und spöttisch drein, daß ich ihm gerne übers Maul führe – Gott verzeih mir und Madame Irwine auch und Sie, Herr Pastor, auch, daß ich mich in Ihrer Gegenwart so ausdrücke. Und er hat auch gesagt, unser Weihnachtssingen wäre nicht besser, als wenn Dornen unter einem Topfe knisterten« »Nun, er hat wohl ein schlechtes Ohr für Musik, Josua; wenn Leute ein Brett vorm Kopfe haben, dann wißt Ihr ja, ist nichts mit ihnen zu machen. Auch werden die andern Leute in Hayslope wohl nichts auf seine Meinung geben, so lange Ihr den Gesang so gut leitet wie bisher.« »Ja freilich, Herr, aber das Herz dreht sich einem im Leibe um, wenn mit der heiligen Schrift so'n Mißbrauch getrieben wird. Ich weiß so gut, was in der Bibel steht, wie er, und die Psalmen könnte ich im Schlafe hersagen ganz durch, wenn man mich in den Arm kniffe, aber mein eigenes Geschwätz da hinein zu mengen, das fände ich doch sehr unpassend. Das wäre grade, als wenn ich den Abendmahlskelch mit nach Hause nähme und beim Essen daraus tränke.« »Sehr verständig bemerkt, Josua, aber wie ich schon vorhin sagte« – Hier ließen sich Fußtritte und das Geklirr von Sporen auf dem steinernen Pflaster des Flurs vernehmen, und eine hellklingende Stimme rief an der Stubenthür: »Frau Pate, ich bin's! Arthur! Darf ich hineinkommen?« »Herein, geschwind herein!« antwortete Madame Irwine in dem tiefen halb männlichen Tone, der kräftigen alten Damen eigen ist, und herein trat ein junger Herr in einem Reitrock, der seinen rechten Arm in einer Binde trug, und nun ging's an jenes lustige Durcheinander von lachenden Ausrufen und freundlichen Begrüßungen und »wie geht's? wie geht's?« und von munterm Gebell und Schweifwedeln seitens der vierfüßigen Hausgenossen, welches alles beweist, daß der Besucher mit dem Wirt auf dem besten Fuße steht. Der junge Herr war Arthur Donnithorne, in Hayslope unter den verschiedenen Namen »der junge Herr«, »der Erbe« und »der Kaptän« bekannt. Er war nur Kapitän in der Grafschaftsmiliz, aber für die Bauern in Hayslope und der ganzen Umgegend war er in viel höherem Sinne Kapitän, als alle die jungen Herren von demselben Rang in der Armee; in ihren Augen überstrahlte er sie alle wie der Jupiter die Milchstraße. Wollt ihr etwas genauer wissen, wie er aussah, so nehmt das Bild von irgend einem jungen Engländer, den ihr auf dieser oder jener Seite des Kanals getroffen habt – mit rotbraunem Backenbart, bräunlichem Haar, klarer Gesichtsfarbe, rein gewaschen, wohl erzogen, mit zarten weißen Händen, aber doch danach aussehend, als könnte er die Arme gut gebrauchen und beim Boxen seinen Mann stehen; und was die Kleinigkeiten des Kostüms angeht, so bin ich nicht Schneider genug, um mit der gestreiften Weste, dem langschoßigen Rock und den niedrigen Stulpenstiefeln aufzuwarten. Der Kapitän nahm einen Stuhl und sagte: »Aber ich sehe zu meinem Bedauern, ich habe Josua unterbrochen; er hat noch was zu sagen.« »Wenn Ew. Ehren gnädigst erlauben wollen,« erwiderte Josua mit tiefer Verbeugung, »ich habe Sr. Ehrwürden noch etwas mitzuteilen, das mir vorher ganz aus dem Sinn gekommen war.« »Nur schnell heraus damit, Josua,« sagte der Pastor. »Vielleicht, Herr Pastor, haben Sie noch nicht gehört, daß Matthis Bede tot ist; er ist diesen Morgen ertrunken oder vielmehr letzte Nacht, im Weidenbach, an der Brücke grade vor seinem Hause.« »O, o,« riefen beide Herren zugleich ans, und zeigten großes Interesse an der Nachricht. »Und Seth Bede war diesen Morgen bei mir und bat mich, ich mochte Ew. Ehrwürden doch sagen, und sein Bruder Adam ließe Sie noch ganz besonders darum bitten, daß sie das Grab für ihren Vater bei dem Weißdorn graben dürften, weil ihre Mutter davon geträumt hat und es durchaus so zu haben wünscht; sie wären selbst zu Ihnen gekommen, aber sie haben so viel zu thun mit der Totenschau und dergleichen, und ihre Mutter ist so angegriffen und kann sich wegen des Begräbnisses gar nicht beruhigen. Und wenn Ew. Ehrwürden es so für gut finden und die Erlaubnis geben wollen, dann will ich es den Leuten, so wie ich nach Haus komme, durch meinen Jungen sagen lassen, und das ist der Grund, warum ich mir die Freiheit genommen habe, jetzt vor Sr. Ehren dem Herrn Kaptän davon zu sprechen.« »Gewiß, Josua, gewiß; sie mögen den Platz nur nehmen. Wenn ich ausreite, will ich selbst bei Adam vorsprechen. Aber schickt doch Euren Jungen nur hin und laßt es ihnen sagen, falls ich eine Abhaltung bekommen sollte. Und nun guten Morgen, Josua, geht in die Küche und laßt Euch ein Glas Bier geben.« »Der arme alte Matthis,« sagte Irwine, als Josua hinaus war; »ich fürchte sehr, er ist nicht bloß im Wasser ertrunken; der Branntwein hat dabei geholfen. Wäre Freund Adam die Last auf weniger traurige Weise abgenommen, so hätte ich mich gefreut; der brave Mensch hat seinen Vater die letzten fünf oder sechs Jahre vom Elend gerettet.« »Es ist ein wahrer Prachtkerl, dieser Adam,« fiel der Kapitän ein. »Als ich noch ein kleiner Junge war und Adam schon ein strammer fünfzehnjähriger Bursch, bei dem ich das Zimmern lernte, da dachte ich mir immer, wäre ich ein reicher Sultan, dann sollte er mein Großvezir sein. Und ich glaube, er trüge die Beförderung so gut wie der weiseste arme Mann in Tausend und eine Nacht. Wenn ich je in meinem Leben zu Grundbesitz komme und nicht mehr wie jetzt ein armer Teufel bin mit 'n bißchen Taschengeld, dann soll Adam meine rechte Hand sein, er soll mir die Forsten verwalten; davon scheint er mir mehr zu verstehen als alle, die mir sonst vorgekommen sind, und ich bin sicher, er würde noch mal so viel Geld herausschlagen als mein Großvater mit dem elenden alten Satchell, der von der Forstwirtschaft grade so viel versteht wie ein alter Karpfen. Ich habe ein paar Mal mit Großvater darüber gesprochen, aber er hat – weiß Gott warum – eine Abneigung gegen Adam, und ich habe ja noch nichts zu sagen. Aber wie steht's, Ihro Hochwürden? Haben Sie Lust, mit mir auszureiten? Es ist jetzt wunderschön draußen. Wenn's Ihnen recht ist, reiten wir zusammen hinüber; aber ich muß unterwegs auf dem Pachthof vorsprechen, um nach den jungen Hunden zu sehen, die ich bei Poyser in der Kost habe.« »Aber erst mußt du zum Frühstück hier bleiben, Arthur!« sagte Madame Irwine. »Es ist beinahe zwei Uhr; der Diener muß es gleich hereinbringen.« »Ich habe auch was auf dem Pachthofe zu thun,« bemerkte der Pastor; »ich muß mir die kleine Methodistin ansehen, die da wohnt; Josua sagte mir eben, sie habe auf der Gemeindewiese gepredigt.« »O wahrhaftig?!« sagte der Kapitän lachend; »die sieht ja so still aus, wie eine Maus. Sie hat übrigens ganz was Apartes. Das erste Mal als ich sie sah, kam ich ordentlich in Verlegenheit: sie saß vor dem Hause in der Sonne, über ihr Nähzeug gebückt, da ritt ich heran und rief, ohne zu bemerken, daß sie eine Fremde sei: »Ist Martin Poyser zu Haus?« und wahrhaftig, als sie aufstand und mich ansah und kurz antwortete: »er ist drinnen, glaub' ich, ich will gehen und ihn holen,« da fühlte ich mich ganz beschämt, gestehe ich, daß ich sie so kurzweg behandelt hatte. Sie sah aus wie eine heilige Katharina als Quäkerin; sie hat eine Art Gesicht, wie man's nur selten bei unsern gemeinen Leuten findet.« »Ich hätte große Lust, das Mädchen mal zu sehen, Dauphin!« bemerkte Madame Irwine; »laß sie doch unter irgend einem Vorwande herkommen.« »Ich weiß nicht, Mutter, ob sich das machen läßt; es ginge für mich nicht gut an, methodistische Reiseprediger zu patronisieren, selbst wenn sie geneigen sollte, sich von einem schlechten Hirten, wie Wilhelm Maskery mich nennt, patronisieren zu lassen. Sie hätten ein bißchen früher kommen sollen, Arthur, um Josuas Anklage gegen seinen Nachbar Maskery zu hören. Der alte Junge hätte mich gern dahin gebracht, daß ich den Stellmacher exkommunizierte und dem Arm der bürgerlichen Gerechtigkeit überlieferte, Ihrem Großvater nämlich, Arthur, der ihn dann von Haus und Hof jagte. Wirklich, wenn ich mich darein mischen wollte, so könnte ich eine so hübsche Geschichte von Haß und Verfolgung in Scene setzen, wie sie die Methodisten für die nächste Nummer ihrer Wochenschrift nur verlangen könnten. Den Schmied und ein halbes Dutzend andrer Dickköpfe zu überreden, sie würden ein gutes Werk für die Kirche thun, wenn sie Wilhelm Maskery mit Stricken und Gabeln aus dem Dorfe jagten, das sollte mir nicht schwer werden, und wenn ich ihnen dann noch ein kleines Goldstück gäbe, um sich nach ihrer Anstrengung tapfer zu betrinken, so wäre das die rechte Höhe für eine so hübsche Posse, wie sie je einer meiner geistlichen Brüder in den letzten dreißig Jahren aufgeführt hat.« »Aber unverschämt bleibt's doch von dem Manne, dich einen schlechten Hirten und stummen Hund zu nennen,« sagte Madame Irwine; »ich würde ihn in deiner Stelle etwas auf die Finger klopfen; du nimmst es etwas zu leicht, Dauphin.« »Nun, Mutter, du glaubst doch nicht, daß es meine Würde besonders wahren hieße, wenn ich mich gegen Wilhelm Maskerys Schmähungen verteidigen wollte? Und überdies, ich weiß nicht einmal, ob es Schmähungen sind. Ich bin wirklich etwas lässig geworden und hänge schrecklich schwer im Sattel, ganz zu geschweigen, daß ich immer mehr Geld verbaue, als ich übrig habe, und dann über jeden lahmen Bettler wild werde, der mich um einen Groschen bittet. Diese armen abgemagerten Kesselflicker, welche die Menschheit verjüngen zu können meinen, wenn sie des Morgens vor der Arbeit noch eine Predigt halten, haben ganz recht, wenn sie nicht viel von mir halten. Aber da ist unser Frühstück; setzen wir uns. Kommt meine Schwester Käthchen zum Frühstück herunter?« »Fräulein Katharina will sich ihr Frühstück durch das Mädchen hinaufbringen lassen,« antwortete der Bediente; »sie kann Fräulein Anna nicht allein lassen.« »Dann lassen Sie ihr sagen, ich käme gleich zu ihr. – Sie können Ihren rechten Arm jetzt wieder gut gebrauchen,« fuhr Pastor Irwine fort, da er sah, daß der Kapitän seinen Arm aus der Binde genommen hatte. »O ja, ziemlich gut, aber der Arzt besteht darauf, daß ich ihn noch eine Zeit lang in der Binde trage. Doch hoffe ich, zu Anfang August zum Regiment gehen zu können. Es ist eine verzweifelt langweilige Geschichte, im Sommer hier auf dem Gute stecken zu müssen, wo es gar nichts zu jagen giebt. Indes am dreißigsten Juli wollen wir schon Lärm machen. Einmal in seinem Leben hat mir mein Großvater Carte blanche gegeben, und ich versichere Sie, die Festlichkeit soll des Anlasses würdig sein. Die Welt wird den großen Tag meiner Mündigkeit nicht zweimal erleben. Und ich habe vor, Frau Patin, Ihnen einen hohen Thron errichten zu lassen, oder vielmehr zwei, einen draußen auf dem Rasen und einen im Tanzsaal; da können Sie denn sitzen und auf uns herabsehen wie eine Göttin des Olymps.« »Und ich will mein bestes Brokatkleid hervorholen, welches ich vor zwanzig Jahren auf deiner Taufe getragen habe,« antwortete Madame Irwine. »Ach, ich glaube, ich sehe noch deine arme Mutter in ihrem weißen Kleide herumgehen; an jenem Tage sah es mir beinahe wie ein Leichentuch aus, und drei Monate später war es auch ihr Leichentuch, und deine kleine Mütze und das Taufkleid wurden auch mit ihr begraben. Ihr ganzes Herz hing daran. Du kannst Gott danken, Arthur, daß du auf deine Mutter und ihre Familie artest! Wärst du ein schwächliches, schmächtiges, welkes Kind gewesen, ich hätte nie bei dir Gevatter gestanden; ich wäre überzeugt gewesen, du würdest ein Donnithorne; aber du warst solch ein kräftiger, stämmiger, lautschreiender Schelm, daß ich gleich sah, du seiest jeder Zoll ein Tradgett.« »Aber, da wärst du leicht ein bißchen voreilig gewesen, Mutter,« sagte der Pastor lächelnd; »erinnerst du dich nicht, wie es das letzte Mal mit Juno ihren Jungen war? Eins davon war das wahre Ebenbild seiner Mutter, und doch hatte es zwei oder drei Fehler vom Vater. Natur ist gescheit genug, selbst dich zu täuschen, Mutter.« »Unsinn, Kind! Die Natur macht nie ein Wiesel in Gestalt eines Bullenbeißers. Du wirst mich nie überzeugen, daß ich die Menschen nicht gleich nach ihrem Äußern taxieren kann. Wenn ich eines Menschen Äußeres nicht leiden kann, dann werde ich ihn selbst auch niemals leiden können, davon sei überzeugt. Ich mag so wenig mit Leuten zu thun haben, die häßlich und unangenehm aussehen, wie ich von Speisen esse, die schlecht aussehen. Wenn sie mich beim ersten Anblicke anwidern, dann laß ich sie ganz wegnehmen. Ein häßliches Schweins- oder Fischauge macht mir ganz übel; es ist wie ein schlechter Geruch.« »Da wir gerade von Augen sprechen,« bemerkte der Kapitän, – »mir fällt ein, ich habe ein Buch zu Haus, das ich Ihnen mitbringen wollte, Frau Pate. Ich bekam es neulich in einem Paket von London. Ich weiß ja, Sie lieben seltsame Zaubergeschichten. Es sind Gedichte, »lyrische Balladen;« die meisten scheinen mir reines Gewäsch; aber das erste Gedicht ist ganz was besonders, es ist überschrieben: »Der alte Matrose«. Ich kann eigentlich aus der Geschichte selbst nicht recht klug werden, aber sie ist ganz wundersam und ergreifend. Ich will es Ihnen herüberschicken, und noch ein Paar andere Bücher dabei, die Sie sich vielleicht ansehen, Irwine – Flugschriften über Antinomianismus und Evangelismus und so was daher. Was der Buchhändler sich nur dabei denkt, mir so was zuzuschicken! Ich habe ihm geschrieben, er soll mir von jetzt an nichts mehr schicken über etwas auf ismus.« »Nun, ich liebe diese »ismus« auch nicht sehr, aber ich will mir die Bücher doch ansehen. Man erfährt doch, was in der Welt vorgeht. Jetzt habe ich noch etwas zu besorgen,« fuhr der Pastor fort, indem er aufstand, »und dann bin ich bereit, Sie zu begleiten.« Das Etwas, welches Irwine zu besorgen hatte, führte ihn die alte steinerne Treppe hinauf. Vor einer Thür stand er still, und klopfte leise. Eine weibliche Stimme hieß ihn hereinkommen, und er trat in ein durch dichte Vorhänge so dunkel gemachtes Zimmer, daß Fräulein Käthchen, die magere Dame in mittleren Jahren, welche neben dem Bett stand, höchstens Licht genug hatte für das Strickzeug, welches neben ihr auf einem kleinen Tische lag. In dem Augenblick freilich hatte sie kaum Licht nötig; sie netzte das kranke Haupt, welches vor ihr auf dem Kissen lag, mit frischem Essig. Die arme Leidende hatte ein kleines, schmales Gesicht; einst vielleicht hübsch gewesen, aber jetzt war es matt und abgezehrt. Käthchen kam ihrem Bruder entgegen und flüsterte ihm zu: »sprich nicht mit ihr, sie kann heute kein Sprechen vertragen.« Annas Augen waren geschlossen, ihre Stirn vor Schmerz zusammengezogen. Der Pastor trat an das Bett, nahm eine von den zarten Händen und küßte sie; ein leiser Druck der kleinen Finger belohnte ihn reichlich für seinen Besuch. Er verweilte noch einen Augenblick, sah sie an und verließ dann das Zimmer mit leisen, leisen Schritten – er hatte die Stiefel ausgezogen und war in Pantoffeln hinaufgekommen. Und doch wußten alle Leute von Familie viele Meilen um Broxton und erklärten es laut, Pastor Irwines Schwestern seien so dumm und uninteressant, und recht schade sei es, daß die schöne kluge Madame Irwine so ganz gewöhnliche Töchter habe. Die prächtige alte Dame selbst verdiente wohl, daß man ihretwegen halbe Tagereisen weit fuhr; ihre Schönheit, ihre immer noch bedeutende geistige Befähigung und ihre etwas altmodische Würde paßten zur Abwechslung vollkommen ins Gespräch, neben dem Befinden des Königs, den reizenden neuen Mustern in baumwollenen Stoffen, den letzten Neuigkeiten aus Ägypten, und Lord Soundso's Ehescheidungsprozeß, von welchem Lady Soundso fast den Tod hatte. Aber von den Fräulein Töchtern sprach nie jemand. Nur freilich die armen Leute im Dorfe, welche ihre Hausmittel außerordentlich verehrten und sie immer mit dem allgemeinen Ausdrucke »die Herrschaften« bezeichneten. Fragte man den alten Hiob Dummilow, wer ihm die Flanelljacke geschenkt habe, so bekam man zur Antwort: »die Herrschaften, im vorigen Winter,« und die Witwe Steene wußte viel zu sagen von der Güte der Pillen, die ihr die Herrschaften gegen den Husten gegeben hätten. Für die vornehme Welt indes, wie schon angedeutet, waren die Fräulein Irwines ganz entbehrliche Wesen, unkünstlerische Figuren auf dem Bilde des Lebens, ohne alle Wirkung. Zwar Anna hätte wohl einiges romantische Interesse erregen können, wenn ihr stetes Kopfleiden sich auf eine unglückliche Liebe hätte zurückführen lassen, aber es gab von ihr keine solche Geschichte, weder eine wahre noch eine erfundene, und der allgemeine Eindruck stimmte ganz mit der wirklichen Thatsache überein, daß beide Schwestern alte Jungfern waren aus dem sehr prosaischen Grunde, weil ihnen nie ein annehmbarer Antrag gemacht worden war. Indes, um einen paradoxen Satz aufzustellen, die Existenz unbedeutender Leute hat doch in der Welt sehr bedeutende Folgen. Es läßt sich nachweisen, daß sie auf den Preis des Brotes und die Höhe des Arbeitslohnes einwirkt, daß sie bei selbstsüchtigen Seelen manche böse Launen, und bei gefühlvollen manche heroischen Thaten veranlaßt, und noch in mancher andern Weise in der Tragödie des Lebens eine ziemliche Rolle spielt. Wenn der schöne, vornehm geborene Pastor, der ehrwürdige Adolph Irwine, nicht diese beiden alten Jungfern zu Schwestern gehabt hätte, sein Los hätte sich ganz anders gestaltet: er hätte sehr wahrscheinlich in jungen Tagen ein hübsches Weib genommen und würde jetzt, wo sein Haar unter dem Puder grau wurde, große Söhne und blühende Töchter haben, – kurz alles das, worin Menschen für die ganze Mühe und Arbeit ihres Lebens reichen Ersatz sehen. Wie die Dinge aber wirklich standen, sah er bei seinen paar hundert Pfund jährlichen Einkommens keine Möglichkeit, die vornehme Dame, seine Mutter, und seine kränkliche Schwester und noch die andere Schwester, die gewöhnlich keine weitere Bezeichnung hatte, standesgemäß zu unterhalten und dabei noch zugleich für eine eigene Familie zu sorgen. Und so war er denn im Alter von achtundvierzig Jahren immer noch Junggeselle, ohne sich aus dieser Entsagung ein Verdienst zu machen; vielmehr pflegte er, wenn einer darauf anspielte, lachend zu antworten, er lasse sich dafür in vielen andern Stücken gehen, die ihm eine Frau nie erlaubt haben würde. Und vielleicht war er der einzige in der ganzen Welt, der seine Schwestern nicht für uninteressant und entbehrlich hielt; denn er gehörte zu den großherzigen, sanften Naturen, die nichts von kleinlicher Mißgunst wissen; genußsüchtig, wenn man will, ohne Begeisterung, ohne brennendes Pflichtgefühl, und doch, wie wir wissen, von einer so zarten sittlichen Empfindung, daß er eine nie ermüdende Zärtlichkeit für stille und einförmige Leiden hegte. Diese seine großherzige Milde ließ ihn auch die Härte seiner Mutter gegen ihre Töchter übersehen, die durch den Gegensatz mit ihrer fast übertriebenen Zärtlichkeit für ihn selbst noch auffallender wurde: er hielt es nicht für Tugend, über unheilbare Fehler zu zürnen. Welch ein Unterschied zwischen dem Eindruck, den ein Mann auf uns macht, wenn wir im vertraulichen Gespräch mit ihm umherschlendern oder ihn in seiner Häuslichkeit sehen, und der Figur, die er spielt, wenn man ihn von einem erhabenen historischen Gesichtspunkte auffaßt oder auch nur mit den Augen eines Kritikers ansieht, der in ihm mehr die Verkörperung eines Systems oder einer Ansicht sieht, als einen Menschen. Herr Roe z.B., der Reiseprediger in Treddleston, hatte unsern Pastor Irwine in einer allgemeinen Schilderung der hochkirchlichen Geistlichkeit des Bezirks eingeschlossen, wonach sie alle den Lüsten des Fleisches ergeben und hochmütig waren, auf die Jagd gingen, ihre Häuser prächtig schmückten, nur fragten, was werden wir essen, was werden wir trinken und womit werden wir uns kleiden, lässig waren, das Brot des Lebens ihren Gemeinden auszuteilen, im besten Falle eine schale, geistlose Moral predigten und mit den Seelen der Leute Schacher trieben, indem sie für die Besorgung ihrer geistlichen Geschäfte in Kirchspielen Geld nähmen, wo sie ihre Pfarrkinder höchstens einmal im Jahre eben zu Gesicht bekämen. Auch wer Kirchengeschichte schreibt, findet in den parlamentarischen Berichten jener Zeit von ehrenwerten Volksvertretern, die sehr für die Hochkirche eifern und ganz frei sind von jeder Sympathie für das »Geschwätz der Methodisten,« Schilderungen über den Zustand der Geistlichkeit, die kaum weniger trübe klingen als die des Herrn Roe. Und ich selbst kann unmöglich behaupten, Pastor Irwine habe in jene allgemeine Darstellung ganz und gar nicht hineingehört. Er hatte wirklich keine sehr hohen Ziele, keinen theologischen Enthusiasmus; wenn man mich scharf ins Verhör nähme, so würde ich gestehen müssen, daß er über die Seelen seiner Pfarrkinder nicht ernstlich in Angst war und es für eine reine Zeitverschwendung gehalten hätte, mit dem alten Vater Taft oder selbst mit dem Schmied erbauliche und dogmatische Gespräche zu führen. Wäre es seine Art gewesen zu theoretisieren, so hätte er sich vielleicht so ausgedrückt: »die einzige gesunde Form, welche die Religion in solchen Gemütern annehmen könne, sei die gewisser dunkler aber starker Empfindungen, die sich reinigend und verklärend über ihre häuslichen und nachbarlichen Pflichten ergössen.« Er hielt die Gewohnheit des Taufens für wichtiger als die Lehre von der Taufe, und nach seiner Ansicht hing der religiöse Gewinn, den der Bauer aus der Kirche heimbringe, wo seine Vorfahren angebetet haben, und von dem geweihten Fleckchen Erde, wo sie begraben liegen, außerordentlich wenig ab von einem klaren Verständnis der Liturgie oder der Predigt. Es ist unzweifelhaft: unser Rektor war nicht, was man heutzutage einen Mann von rechtem Geiste nennt; er trieb lieber Kirchengeschichte als Dogmatik und hatte viel mehr Verständnis für den Charakter der Leute als Interesse für ihre Ansichten; er war weder arbeitsam noch vor den Augen der Leute aufopfernd noch sehr freigebig mit Almosen, und seine Theologie, wie wir sehen, war eine laxe. Sein geistiger Geschmack war ziemlich heidnisch und fand in einem Citat aus Sophokles oder Theokrit eine Leckerei, wie in keinem Spruch aus Jesaias oder Amos. Aber wer einen jungen Hund mit rohem Fleisch füttert, darf sich der wundern, wenn das Tier in späteren Jahren eine feine Zunge hat für ungebratene Schnepfen? Und Irwines Erinnerungen an den Enthusiasmus und Ehrgeiz seiner Jugend waren alle verknüpft mit einer Poesie und Philosophie, die mit der Bibel nichts zu thun hat. Andrerseits muß ich anführen – denn ich bin ein liebevoller Anwalt für das Andenken des Rektors –, daß er nicht rachsüchtig war (und es hat Philanthropen gegeben, die es waren), daß er nicht unduldsam war (und es geht das Gerücht, gewisse eifrige Theologen seien von dem Fehler nicht ganz frei gewesen), daß er zwar es abgelehnt haben würde, sich für eine öffentliche Sache verbrennen zu lassen, und weit entfernt war, alle seine Habe den Armen zu geben, daß er dafür aber jene barmherzige Liebe hatte, die bisweilen bei sehr strahlender Tugend fehlt, – er war nachsichtig gegen anderer Fehler und sagte nicht gern Übles nach. Er gehörte zu denen – und sie sind nicht häufig – die wir von ihrer besten Seite erst dann kennen lernen, wenn wir sie vom Markt, von der Rednerbühne und der Kanzel in ihr eignes Haus begleiten, wenn wir da hören, mit welcher Stimme sie zu Jung und Alt an ihrem Herde sprechen, und Zeugen sind ihrer umsichtigen Sorgfalt für die täglichen Bedürfnisse ihrer täglichen Genossen, welche all diese Güte als etwas natürliches und selbstverständliches hinnehmen und an Lobreden nicht denken. Solche Männer haben glücklicherweise in Zeiten gelebt, wo große Mißbräuche wucherten, und sind bisweilen sogar die leibhaftigen Repräsentanten dieser Mißbräuche gewesen. Das ist ein Gedanke, der uns bei der entgegengesetzten Thatsache trösten mag, – daß es nämlich bisweilen besser ist, großen Reformern öffentlicher Mißbräuche nicht über die Schwelle ihres Hauses zu folgen. Was ihr aber auch jetzt vom Pastor Irwine halten mögt, – wenn ihr ihn an jenem Sommernachmittag auf seinem grauen Hengste, von seinen Hunden begleitet, hättet reiten sehen, stattlich, männlich, aufrecht, ein gutmütiges Lächeln auf den seinen Lippen, mit seinem eleganten jungen Freunde plaudernd, ihr hättet sicher gefühlt, so schlecht er auch zu einer »gesunden« Ansicht vom geistlichen Berufe stimmen möge, stimme er doch ganz vorzüglich zu der friedlichen Landschaft um ihn her. In hellem Sonnenschein, den ab und zu die Schatten mächtigen Gewölkes unterbrechen, reiten sie den Hügel hinan, wo die hohen Giebel und Ulmen der Pastorei über die kleine weiß angestrichene Kirche emporragen. Bald werden sie in dem Kirchspiel Hayslope sein; der graue Kirchturm und die Bauerhäuser liegen links vor ihnen, und weiter hinaus rechts können sie eben die Schornsteine des Pachthofes sehen. Sechster Abschnitt Der Pachthof Ob das Thor da wohl jemals geöffnet wird? Es scheint kaum; denn das lange Gras und die großen Nesseln wachsen dicht dran her, und wollte man es öffnen, – seine Angeln sind so eingerostet, daß wahrscheinlich eher die viereckigen steinernen Thorpfeiler einstürzen und die beiden steinernen Löwinnen obendarauf herabfallen würden, die mit einer bedenklichen menschenfresserischen Freundlichkeit über das Wappen hergrinsen, welches in ihren Pranken ruht. An den Einkerbungen in den Thorpfeilern könnten wir zwar leicht genug über die backsteinerne Mauer mit der Bedachung von Fliesen wegklettern, aber wir brauchen nur unser Auge nahe an den rostigen Riegel zu legen und sehen das Haus ganz gut und den Rasen davor bis beinahe in die Ecken. Es ist ein recht hübsches altes Haus von Ziegelsteinen, deren Rot gemildert wird durch mattgraues Moos, welches sich in glücklicher Unregelmäßigkeit so darüber hingebreitet hat, daß es einen freundlichen Übergang vermittelt zwischen den roten Ziegeln und den Sandsteinverzierungen an den drei Giebeln, den Fenstern und der großen Vorderthür. Aber die Fenster sind mit Läden verstellt, und die Thür, scheint's, wird wie das Hofthor, nie geöffnet; wie würde sie knarren und kratzen auf dem steinernen Flur, wenn man sie mal öffnen wollte! Es ist nämlich eine massive, schwere, stattliche Thür, und in früheren Zeiten ist sie gewiß oft lautschallend zugeschlagen hinter einem reich galonnierten Bedienten, der eben seinen Herrn und die Frau vom Hause in den Wagen gehoben hatte. Aber jetzt möchte man fast glauben, das Haus sei im ersten Stadium eines Konkurses, und die Wallnüsse von den großen doppeltgereihten Bäumen rechts neben dem Rasen könnten ruhig am Boden verfaulen. Glücklicherweise aber hören wir vom Hintergebäude her dumpfes Hundegebell, und nun kommen auch eine Anzahl junger Kälber aus einem Schuppen links an der Mauer hervorgesprungen und geben mit dummem Blöken Antwort auf jenes furchtbare Gebell, hinter dem sie vermutlich eine Ankündigung von Eimern Milch suchen. Das Haus ist also bewohnt, und nun wollen wir auch sehen von wem; die Einbildungskraft hat überall freien Eintritt, fürchtet sich nicht vor Hunden und klettert ungestraft über die Mauern und guckt in die Fenster. Legt also euer Gesicht an das Fenster rechter Hand: was seht ihr da? Einen großen offenen Herd mit verrosteten Feuerböcken, einen kahlen Fußboden, ganz hinten geschorene Wolle aufgestapelt, in der Mitte liegen leere Kornsäcke. So ist jetzt das alte Eßzimmer möbliert. Und durch das Fenster linker Hand, was seht ihr da? Einige Pferdedecken, ein Sattelkissen, ein Spinnrad und eine alte Kiste, die weit offen steht und voll bunter Lappen steckt. Auf dem Rande dieser Kiste liegt eine große hölzerne Puppe, die sehr stark an griechische Skulpturen erinnert – in ihrer Verstümmelung nämlich, zumal die Nase ganz fehlt. Daneben ein kleiner Stuhl und der Stiel von einer Kinderpeitsche. Nun ist uns die Geschichte des Hauses klar. Einst hat hier ein Gutsherr gewohnt, dessen Familie im Laufe der Zeit mit der Familie Donnithorne verschmolz. Einst »der Hof«, jetzt der Pachthof. Wie in einer Seestadt, die aus einem Badeort ein Hafenplatz geworden ist, in den vornehmen Straßen tiefe Stille herrscht und Gras wächst, während die Ladeplätze und Speicher von Leben widerhallen, so hat auch das Leben auf diesem Hofe seinen Mittelpunkt gewechselt: er liegt nicht mehr im Wohnzimmer, sondern in der Küche und auf dem Viehhof. Leben genug da! Und doch ist's die ruhigste Zeit im Jahre, die Zeit grade vor der Heuernte, und die ruhigste Stunde des Tages ist's auch, – fast drei Uhr nach der Sonne und halb vier nach Frau Poysers hübscher Wanduhr. Aber wenn die Sonne nach dem Regen scheint, ist immer Leben in der Welt, und jetzt schießen ja ihre Strahlen so grade herunter und machen es glitzern in dem nassen Stroh und beleben jedes Fleckchen des hellgrünen Mooses auf den roten Dachziegeln des Kuhstalls und verwandeln selbst das schmutzige Wasser im Abzugskanal in einen Spiegel für die gelbgeschnäbelten Enten, welche gierig die Gelegenheit ergreifen, endlich einmal den Leib so tief als möglich im Wasser zu haben. Es ist ein wahres Konzert von Leben: der große Bullenbeißer, der am Stalle angebunden ist, gerät durch die unvorsichtige Annäherung eines Hahns an das Loch seines Hundehäuschens in fürchterliche Wut und stößt ein donnerndes Gebell aus; zwei Dachshunde, die in dem Viehhause gegenüber eingesperrt sind, stimmen sofort ein; die alten Hennen mit der Tolle, die mit ihren Küken im Stroh kratzen, erheben ein teilnehmendes Geglucke, als der zurückgescheuchte Hahn wieder zu ihnen tritt; eine Sau mit Ferkeln, die an den Beinen sehr schmutzig sind und ein krauses Schwänzchen haben, grunzt einige tiefe Töne staccato dazwischen; unsere Freunde von vorhin, die Kälber, blöken von fern herein, und durch all dies Geräusch hört ein feines Ohr noch ein stetes Gesumm von Menschenstimmen. Die großen Scheunenthüren stehen nämlich weit offen, und unter der Oberaufsicht des Sattlermeisters Goby aus Treddleston, der bei der Arbeit die letzten Stadtneuigkeiten erzählt, sind Leute da beschäftigt, das Pferdegeschirr auszubessern. Man muß aber sagen, der Schäfer Alik hat keinen guten Tag gewählt für die Sattler: den Morgen hat es stark geregnet, und über den Schmutz, den die Leute zum Mittag ins Haus gebracht haben, hat Frau Poyser ihm sehr deutlich die Meinung gesagt. In der That, sie hat sich noch nicht ganz darüber beruhigt, obgleich jetzt schon drei Stunden seit Mittag vorüber sind und der Fußboden wieder ganz rein ist – so rein wie alles andere auf dem wundervollen Flur, wo höchstens der ein Stäubchen fände, der auf die Salzkiste kletterte und mit der Hand über das oberste Bort führe, auf der die blanken Messingleuchter ihre Sommerruhe halten; denn um diese Jahreszeit geht natürlich jeder zu Bett, wenn es noch hell ist oder wenigstens noch hell genug, um den Umriß der Gegenstände zu erkennen, nachdem er sich die Beine daran zerstoßen hat. Gewiß nirgendswo anders als auf einem so saubern Flur könnte der eichene Uhrkasten und der eichene Tisch so blank aussehen: echte »Ellbogenpolitur«, wie Frau Poyser sagt, denn Gottlob, von dem schlechten polierten Zeug, sagt sie, habe sie nichts im Hause. Hetty Sorrel nahm oft die Gelegenheit wahr, sich hinter dem Rücken ihrer Tante in dieser Politur ihr hübsches Spiegelbild anzusehen – denn der eichene Tisch war gewöhnlich an der Wand aufgeklappt und diente mehr zur Zierat als zum Gebrauch – und ebenso konnte sie sich bisweilen in den großen runden zinnernen Schüsseln sehen, welche auf den Borten über dem langen tannenen Eßtisch in Reih und Glied standen, oder auch in der messingenen Einfassung des Feuerrostes, die immer spiegelblank war. In diesem Augenblicke blinkte alles was blinken konnte aufs hellste, denn die Sonne schien grade herein auf die zinnernen Schüsseln, und hübsche Lichter strahlten von ihnen zurück auf das matte Eichenholz und das blanke Messing – und noch auf etwas viel Hübscheres: einige Strahlen nämlich fielen auf Dina's schön geformte Wange und liehen ihrem rötlich-blonden Haar einen bräunlichen Schein, während sie auf das grobe Leinenzeug sich bückte, das sie für ihre Tante ausbesserte. Die Stille dieser friedlichen Scene wurde nur dadurch gestört, daß Frau Poyser, welche bei den letzten Stücken von der Montagswäsche am Plätten war, mit ihrem Plätteisen oft klapperte und um es kalt zu machen, damit hin- und herging, indem sie zugleich den scharfen Blick ihrer blaugrauen Augen von der Küche nach der Milchkammer wandern ließ, wo Hetty am Buttern war, und von der Milchkammer nach der Backstube, wo Nanny den Obstkuchen aus dem Ofen nahm. Denkt aber nicht, liebe Leser, Frau Poyser habe etwa ältlich oder zänkisch ausgesehen; sie sah ganz gut aus, war erst achtunddreißig Jahre alt, blond, hatte rötlichgelbes Haar, war gut gewachsen und flink auf den Beinen. Bei ihrem Anzuge fiel am meisten eine weite karrierte leinene Schürze in die Augen, welche den Rock fast verdeckte; nichts dagegen war einfacher und fiel weniger in die Augen, als ihre Haube und ihr Kleid; denn von allen Schwächen war sie gegen weibliche Eitelkeit am unnachsichtigsten und konnte es nicht ausstehen, wenn man mehr auf das Putzen als auf den Nutzen sah. Die Familienähnlichkeit zwischen ihr und ihrer Nichte Dina Morris und zugleich der Gegensatz zwischen der Schärfe ihres Ausdrucks und der engelgleichen Milde in Dinas Gesicht hätte ein vorzügliches Motiv abgegeben zu einem Bilde von Martha und Maria. Ihre Augen waren genau von derselben Farbe, aber ihr Blick hätte nicht verschiedener sein können: Frau Poyser konnte eisig und schneidend aussehen, Dinas Augen waren wie mildes Sonnenlicht. Nicht weniger scharf als ihr Auge war die Zunge der Tante, die, sobald eins von den Dienstmädchen ihr nahe kam, eine unbeendigte Strafpredigt von früher wieder aufzunehmen schien, wie eine Drehorgel mit einer Melodie genau an dem Punkte wieder fortfährt, wo sie aufgehört hat. Daß sie gerade Buttertag hatte, war ein Grund mehr, weshalb ihr die Sattler unbequem kamen, und die richtige Folge davon war für Frau Poyser, daß sie das Hausmädchen Molly noch heftiger ausschalt als gewöhnlich. Allem Anschein nach hatte Molly ihre Arbeit nach Tisch ganz tadellos verrichtet, hatte sich sehr rasch gewaschen und fragte nun demütig an, ob sie bis zum Melken spinnen solle. Aber Frau Poyser witterte hinter dieser tadellosen Aufführung geheime unpassende Wünsche, und diese hielt sie nun dem Mädchen mit schneidender Beredsamkeit ganz offen vor. »So, spinnen?! sehe mal einer an! Da würde was Schönes draus werden, während du die Augen ganz wo anders hast. So etwas von Verdorbenheit ist mir doch noch nicht vorgekommen. Ein Mädchen von deinem Alter, und willst dich mit 'nem halb Dutzend Männer zusammensetzen! Ich würde mich doch schämen, mir so was über die Lippen kommen zu lassen. Und du – seit vorigem Michaelis bist du hier im Dienst und ohne jedes Zeugnis habe ich dich gemietet – du solltest doch Gott danken, daß du in so'n anständiges Haus gekommen bist, und was zur Arbeit gehört, davon wußtest du auch nicht mehr, wie du herkamst, als ein Strohwisch im Felde. So'n trauriges Ding mit zwei Händen hab' ich mein Lebtag nicht gesehen, und das weißt du auch selbst. Bei wem du nur das Ausscheuern gelernt haben magst? das möcht' ich wohl wissen. Wenn man nicht aufpaßte, du ließest den Schmutz haufenweise in den Ecken – man sollte reinweg glauben, du wärst gar nicht unter Christenmenschen aufgewachsen. Und dein Spinnen – nu, du hast mehr Flachs dabei verdorben, als du mit deinem Lohn bezahlen kannst. Das solltest du doch fühlen und nicht so Maulaffen feil haben und gedankenlos herumstehen, als hättest du gar nichts zu thun. Die Wolle kämmen für die Sattler – so?! Das wollst du thun, sieh' mal an! Aber so treibt ihr's alle, so stürzt ihr euch alle Hals über Kopf ins Unglück. Ihr ruht nicht eher, als bis ihr 'nen Liebsten habt, der eben so'n großer Narr ist wie ihr selbst, und ihr meint Wunders, wie gut ihr es hättet, wenn ihr erst verheiratet wäret – ja wohl verheiratet, mit 'nem dreibeinigen Stuhl zum Sitzen und keine Decke auf dem Bett und 'n Stück Gerstenkuchen zum Mittagbrot, wo drei Kinder drüber herfallen.« Molly war ganz überwältigt von diesem grausigen Bilde ihrer Zukunft und antwortete weinerlich: »Ich habe gewiß nicht dran gedacht, mich bei den Sattlern hinzusetzen; bloß weil wir bei Pachter Ottley immer die Wolle für sie kämmten, darum habe ich gefragt. Ich will die Sattler gar nicht mehr ansehen, und ich will kein Glied wieder rühren, wenn ich's thue.« »Pachter Ottley, so?! das geht mich wohl was recht's an, wie der es gehalten hat. Deine Madam da hat sicherlich nichts drin gefunden, wenn ihr die Sattler den Fußboden schmutzig machten. Es ist gar nicht zu glauben, was manche Leute aushalten können; ich kann's nicht fassen! Ich habe noch kein einziges Mal ein neues Mädchen ins Haus bekommen, welches wußte, was reinmachen heißt. Es giebt Leute, die leben nicht besser als die Schweine. Da war die Betty, die hier im Dorfe nebenan als Milchmädchen gedient hatte, ehe sie zu mir kam, die ließ die Käse ruhig liegen, ohne sie jede Woche umzudrehen, und die Borte in der Milchkammer – da lag der Staub so dick drauf, daß ich meinen Namen hätte hineinschreiben können, als ich nach meiner Krankheit wieder im Hause mich umsah, wo der Doktor sagte, es war' 'ne Entzündung – ein rechtes Glück, daß ich noch so davon kam. Und daß du deine Sache auch noch nicht besser verstehst, Molly, und bist doch schon gegen dreiviertel Jahr hier, und an guten Worten hab' ich's doch auch nicht fehlen lassen – und was stehst du nun wieder hier, wie 'ne abgelaufene Uhr, statt dein Spinnrad zu nehmen?! Du bist mir grade die rechte; setz'st dich an die Arbeit, wenn es eben Zeit ist, wieder aufzuhören.« Hier fiel der Mutter ein kleines goldhaariges Mädchen zwischen drei und vier Jahren in die Rede, welches auf einem hohen Stuhle an einem Ende des Plättbrettes saß und mit dem kleinen dicken Händchen den Griff eines Miniatur-Plätteisens fest umklammert hielt und bunte Lappen mit solchem Eifer plättete, daß sie ihr rotes Züngelchen so weit ausstreckte, wie die Natur nur erlaubte: »Mama«, sagte sie, »mein Plätteisen ist ganz kalt; mach es wieder warm.« »Kalt ist es geworden, mein kleines Ding, du süßes kleines Ding, du Herzblatt?« erwiderte Frau Poyser, die mit merkwürdiger Leichtigkeit aus ihrer amtlichen Vorwurfstonart in Zärtlichkeit oder Freundlichkeit übergehen konnte. »Kalt ist dein Plätteisen? das thut nichts; Mama ist jetzt mit Plätten fertig und will nun wieder aufräumen.« »Mama, ich möchte zu Thoms in die Scheune, bei die Sattler.« »Nein, das geht nicht, Totty bekäme ganz nasse Füße,« sagte Frau Poyser und machte sich ans Wegräumen. »Lauf lieber in die Milchkammer und sieh zu, wie Hetty buttert.« »Ich möchte 'n Stück Pflaumenkuchen,« erwiderte Totty, die überhaupt immer verschiedene Wünsche in Reserve zu haben schien. Zugleich benutzte sie die Gelegenheit ihrer augenblicklichen Muße, faßte mit den Fingern in eine Schale voll Stärke und kippte sie so um, daß der Inhalt ziemlich vollständig auf das Plättbrett floß. »Es ist doch nicht zum Aushalten!« schrie Frau Poyser und stürzte nach dem Tische, sobald sie den bläulichen Strom fließen sah. »Das Kind macht immer Unsinn, wenn man ihm nur einen Augenblick den Rücken dreht. Was soll ich nur mit dir aufstellen, du unartiges, unartiges Ding!« Totty war aber schnell von ihrem Stuhle heruntergestiegen und schon auf dem Rückzuge nach der Milchkammer; sie watschelte im Laufen und zeigte dabei einen fetten Nacken beinahe wie ein kleines Milchschweinchen. Mit Mollys Hilfe wurde die Stärke wieder gerettet und alle Plättsachen weggeräumt; dann nahm Frau Poyser das Strickzeug zur Hand, welches immer in ihrer Nähe lag und eigentlich ihre liebste Arbeit war, weil sie dabei auf und ab gehen konnte, ohne viel darauf zu achten. Aber dieses Mal setzte sie sich Dina gegenüber und betrachtete sie nachdenklich, während sie an dem grauwollenen Strumpfe strickte. »Du bist ganz das Ebenbild deiner seligen Tante Judith, Dina, wenn du so beim Nähen sitzest. Ich könnte beinahe glauben, es wäre heute vor dreißig Jahren und ich ein kleines Mädchen in Vater seinem Hause und sähe Judith an, wie sie bei ihrer Handarbeit saß, wenn sie ihre häuslichen Arbeiten gethan hatte, nur daß Vater bloß 'n kleines Häuschen hatte und nicht 'n großes, wüstes, wie unsres, das in einer Ecke schmutzig wird, wenn man in der andern rein gemacht hat. Wenn das nicht wäre, könnt' ich wirklich glauben, du wärst Tante Judith; sie hatte bloß viel dunkleres Haar als du und war stärker und breiter in den Schultern. Judith und ich wir hielten immer zusammen, obgleich sie was absonderliches hatte, aber deine Mutter und sie konnten sich nicht vertragen. Ach, deine Mutter hatte keine Ahnung davon, daß sie mal 'ne Tochter haben würde, die so ganz Judiths Ebenbild wäre, und daß sie von ihr wegsterben würde noch dazu und Judith sich ihrer annehmen und sie groß ziehen müßte, während sie auf dem Kirchhof in Stoniton läge. Ich habe Judith immer das Zeugnis gegeben, sie nähme lieber ein Pfund Gewicht selbst auf die Schultern, als daß sie andere ein Lot tragen ließe. Und so ist sie ihr Lebelang gewesen von der ersten Stunde bis zur letzten; und soviel ich sehen konnte, blieb sie sich auch gleich als sie sich den Methodisten anschloß, nur sprach sie ein bißchen anders und trug eine andere Art Haube; aber nie in ihrem Leben gab sie einen Pfennig mehr für sich aus, als sich anständigerweise schickte.« »Sie war eine fromme Frau,« erwiderte Dina; »Gott hatte ihr ein liebevolles aufopferndes Herz gegeben und machte es durch seine Gnade immer vollkommener. Und Euch hat sie recht lieb gehabt, Tante Rahel; ich habe sie oft von Euch reden hören und immer in demselben Sinne. Als es mit ihr zu Ende ging und ich erst elf Jahr' alt war, pflegte sie zu sagen: »wenn ich von dir genommen bin, wirst du an Tante Rahel eine Freundin haben für diese Welt; sie hat ein gütiges Herz.« Und das ist auch wahr geworden.« »Ja, Kind, ich weiß nicht wie es zugeht; ich glaube, für dich thäte jeder gern was er kann; du bist wie die Vögel unter dem Himmel, du lebst, kein Mensch weiß wie. Ich wäre dir so gern eine zweite Mutter, wenn du nur ganz herziehen und hier bei uns wohnen wolltest, wo man doch Obdach hat und Nahrung für Menschen und Vieh und nicht auf den kahlen Hügeln zu leben braucht, wie Hühner, die im Sande kratzen. Dann könntest du 'nen braven Mann heiraten und es gäbe Leute genug, die dich nähmen, wenn du nur das Predigen lassen wolltest, denn das ist zehnmal schlimmer, als was deine Tante Judith je gethan hat. Ja, wenn du selbst Seth Bede nähmest, der ein trauriger konfuser Methodist ist und schwerlich jemals einen Groschen übersparen kann, der Onkel würde dir doch beistehen mit 'nem Schwein oder vielleicht gar mit 'ner Kuh, denn er ist immer sehr freundlich gewesen mit meinen Verwandten, wenn sie auch nichts haben, und hat ihnen immer sein Haus offen gehalten, und für dich, das bin ich sicher, thäte er gewiß eben so viel, wie für Hetty, die doch seine leibliche Nichte ist. Und Leinen habe ich genug im Hause für dich übrig, Laken und Tischzeug und Handtücher; es ist bloß noch nicht zugeschnitten. Das Spinnen im Hause geht ja immer seinen Gang, weißt du, und wir lassen unser neues Leinen noch mal so rasch weben, als das alte abgeht. Aber was hilft mir alles Sprechen! Du läßt dich doch nicht überzeugen und thust wie andere vernünftige Mädchen, sondern quälst dich ab und gehst herum und predigst und giebst jeden Groschen weg, den du verdienst, und hast nichts, wenn du mal krank wirst, und ich glaube wirklich, deine ganze Habe, die du auf der Welt hast, ginge in ein Bündel, nicht größer als zwei Käse. Und alles bloß, weil du über die Religion Dinge im Kopfe hast, die weder im Katechismus noch im Gesangbuch stehen.« »Aber in der Bibel stehen sie, Tante,« sagte Dina. »Ja, und ob sie in der Bibel stehen, das ist auch noch so 'ne Sache,« war Frau Poysers etwas scharfe Antwort: »warum sollten sonst die, welche in der Bibel am besten Bescheid wissen, die Pastöre und andere Leute, die nichts anderes zu thun haben als darin zu lesen – warum sollten denn die nicht ebenso handeln wie du? Aber, Kind, wenn jeder thäte wie du, dann stände die Welt bald still; wenn jeder sich ohne Haus und Hof behelfen wollte und bloß kümmerlich essen und trinken, und immer davon spräche, wir müßten verachten, was von dieser Welt ist, so wie du sprichst, dann möchte ich wohl wissen, was aus dem Viehstand und dem Roggen und Weizen und all dem schönen Milchkäse würde. Jeder liefe hinter dem andern her, um ihm was vorzupredigen, statt seine Kinder zu ernähren und für die Tage der Not zu sparen. Das kann doch ein Kind einsehen, daß das nicht die rechte Religion ist.« »Aber, liebe Tante, Ihr habt mich doch nie sagen hören, daß alle berufen seien, ihre Arbeit und ihre Familie zu verlassen. Es ist ganz recht, daß man das Land pflügt und besäet und das schöne Korn sammelt in die Scheunen und für die Bedürfnisse dieses Lebens sorgt, und es ist auch recht, daß die Menschen häusliches Glück suchen und für ihre Kinder sorgen, wenn es nämlich in der Furcht des Herrn geschieht und man über der Sorge für den Leib nicht die Seele vergißt. Gott können wir alle dienen, wie unser Los auch fällt, aber er giebt uns verschiedene Arbeit, je nachdem er uns dazu geschickt macht und beruft. Ich kann es so wenig lassen, daß ich immerfort für die Seelen anderer zu thun suche, was ich kann, als Ihr es lassen könntet gleich hinzulaufen, wenn Ihr Eure kleine Totty am andern Ende des Hauses weinen hört; die Stimme geht Euch ins Herz, Ihr glaubt, das liebe Kind ist in Not oder Gefahr, und Ihr habt keine Ruhe, sondern müßt ihr zu Hilfe eilen.« »Da haben wir's,« sagte Frau Poyser, indem sie aufstand und nach der Thür ging; »wenn ich auch Stunden lang auf dich einspräche, es wäre immer dieselbe Geschichte, ich bekäme doch keine andere Antwort, ich könnte ebensogut auf den fließenden Bach einsprechen und ihn still stehen heißen.« Der Dammweg vor der Küchenthür draußen war mittlerweile wieder abgetrocknet und Frau Poyser stellte sich behaglich dahin und sah sich an was auf dem Hofe vorging, während der grauwollene Strumpf in ihren Händen dabei immer weiter vorrückte. Aber kaum hatte sie fünf Minuten dagestanden, als sie wieder ins Haus zurückeilte und hastig, beinahe ängstlich zu Dina sagte: »Da kommen wahrhaftig Kaptän Donnithorne und Pastor Irwine auf den Hof geritten! Ich lasse meinen Kopf, wenn sie nicht über dein Predigen auf der Gemeindewiese sprechen wollen, Dina; und du mußt dich verantworten; ich sage kein Wort: ich habe schon genug darüber gesagt, daß du solche Schande über deinen Onkel und seine Familie bringst. Es könnte noch hingehen, wenn du meinem Mann seine Nichte wärst; mit seinen eigenen Verwandten muß man sich abfinden so gut wie mit seiner eigenen Nase, sie sind unser eigen Fleisch und Blut. Aber daß ich das erlebe, daß mein Mann wegen einer Nichte von mir seine Pachtung verliert, und ich hab' ihm keinen Pfennig zugebracht, bloß mein bißchen Ersparnisse –« »Nein, liebe Tante Rahel,« antwortete Dina sanft, »Ihr habt keinen Grund zu solchen Befürchtungen; ich habe die feste Gewißheit, Euch und Onkel und die Kinder wird meinetwegen kein Leid treffen, ich habe nicht gepredigt ohne Weisung von oben.« »Weisung von oben! Ich weiß recht gut, was du damit meinst,« sagte Frau Poyser, indem sie aufgeregt rasch weiter strickte; »wenn du mal besonders starke Mucken im Kopfe hast, dann nennst du das Weisung von oben und dann ist dir alles andere gleichgiltig; du siehst dann aus wie die Steinfigur an der Kirche in Treddleston, die immer lächelt und lächelt, es mag gutes Wetter sein oder schlechtes. Aber meine Geduld ist zu Ende.« Mittlerweile waren die beiden Herren abgestiegen, und es war klar, sie wollten einen Besuch machen. Frau Poyser ging ihnen bis zur Thür entgegen, machte einen tiefen Knix und zitterte vor Ärger über Dina und vor Unruhe, sich ganz so zu benehmen, wie sich's bei dieser Gelegenheit gebührte. Denn in jener Zeit fühlte auch der beste Bauersmann noch eine stille Scheu, wenn er mit vornehmen Leuten in Berührung kam, wie sie in alten Zeiten die Menschen fühlten, wenn sie sich auf die Zehen stellten, um die Götter in menschlicher Gestalt vorüberwandeln zu sehen. »Nun, Frau Poyser, wie geht's Ihnen nach dem stürmischen Morgen?« sagte der Pastor mit seiner würdevollen Herzlichkeit. »Wir haben ganz trockene Füße und werden Ihnen den schönen Flur nicht schmutzig machen.« »O, Herr Pastor, das hätte ja nichts zu sagen!« antwortete Frau Poyser; »wollen Sie und der Herr Kaptän so freundlich sein und ins Wohnzimmer treten?« »Nein, nein, Frau Poyser, ich danke Ihnen,« antwortete der Kapitän und sah sich begierig um, als suchten seine Augen etwas, was nicht da war. »Ich habe recht meine Freude an Ihrer Küche; es sitzt sich hier allerliebst; wenn doch jede Pachtersfrau sie sich ansähe und ein Muster dran nähme!« »O, Sie sind gar zu freundlich, Herr; aber bitte, nehmen Sie Platz,« sagte Frau Poyser, die sich durch das Kompliment und die offenbare gute Laune des Kapitäns etwas erleichtert fühlte, aber doch noch ängstlich auf den Pastor blickte, der, wie sie sah, Dina ins Auge gefaßt hatte und auf sie zuging. »Poyser ist wohl nicht zu Haus, oder doch?« fragte der Kapitän und setzte sich so, daß er die kurze Strecke bis zu der offen stehenden Thür der Milchkammer übersehen konnte. »Nein, Herr, zu Haus ist er nicht, er ist nach Rosseter wegen der Wolle. Aber Vater ist in der Scheune, wenn der es vielleicht ausrichten kann.« »Bitte, bemühen Sie sich nicht; ich will nur nach meinen jungen Hunden sehen und Ihrem Schäfer etwas darüber sagen. Ich muß 'n ander Mal wieder kommen und Ihren Mann sprechen, ich habe etwas über Pferde mit ihm zu reden. Können Sie mir vielleicht sagen, wann ich ihn am sichersten treffe?« »Gewiß, Herr Kaptän; Sie treffen ihn fast immer außer Freitags, wo er nach Treddleston auf den Markt geht. Wenn er bloß auf dem Felde ist, können wir ihn in einer Minute holen lassen. Wären wir nur das Brachland da hinten los, dann lägen alle unsere Äcker hübsch beisammen, und mich sollt' es freuen, denn wenn was vorfällt, ist er gewiß immer nach dem Brachland. Und 's ist doch ganz unnatürlich, daß man ein Stück Ackerland in einer Grafschaft hat und alle übrigen in einer andern.« »Nun, das Brachland paßt viel besser nach dem Vorwerk, besonders weil da Weideland fehlt und Sie hier reichlich haben. Übrigens scheint mir doch, Ihres ist die hübschste Pacht beim ganzen Gut, und wissen Sie was, Frau Poyser? Wenn ich mich verheiratete und häuslich niederließe, würde ich mich stark versucht fühlen, Sie hier wegzubringen und dies hübsche alte Haus auszubauen und selbst Landwirt zu werden.« »O, Herr Kapitän!« antwortete Frau Poyser höchlich erschrocken, »das würde Ihnen gar nicht gefallen. Landwirtschaft treiben, das heißt Geld mit der rechten Hand in die Tasche stecken und mit der linken wieder herausnehmen. Nach meiner Meinung schafft ein Landwirt Brot für andre Leute und hat dabei grade einen Mund voll für sich und seine Kinder eben über. Sie sind freilich nicht so wie arme Leute, die ihr Brot verdienen müssen; Sie können bei der Landwirtschaft so viel Geld zusetzen, wie Sie wollen, aber 's doch 'n schlechter Spaß, Geld zusetzen, sollt' ich meinen, obschon die vornehmen Leute in London wie ich höre so recht ihr Pläsir dran haben. Wie sich mein Mann am Markttage hat erzählen lassen, hat Lord Daceys ältester Sohn an den Prinzen von Wales Tausende und Tausende verloren, und seine Mutter will ihre Juwelen versetzen; doch das müssen Sie besser wissen als ich. Aber um auf die Landwirtschaft zurückzukommen, Herr Kaptän, ich kann mir nicht denken, daß Ihnen das gefallen wird, und dies Haus – ich sage Ihnen, es zieht drin, daß es einem durch Mark und Bein geht, und die Fußböden im oberen Stock sind fast verfault, und die Ratten im Keller – das ist gar nicht zu glauben!« »Das ist ja ein recht angenehmes Bild, Frau Poyser,« rief der Kapitän lachend; »dann thät' ich Ihnen wohl einen rechten Dienst, wenn ich Sie aus einem solchen Hause herausbrächte. Aber sobald hat das nichts zu sagen. Für die nächsten zwanzig Jahre lasse ich mich wohl nicht häuslich nieder, und Großvater würde gewiß nie Ja dazu sagen, sich von so guten Pächtern zu trennen, wie Sie sind.« »Nun, Herr Kaptän, wenn er auf meinen Mann als Pächter so viel hält, dann möcht' ich Sie wohl bitten; Sie legten ein gutes Wort für uns ein, daß er uns neue Stakete um die Wiesen machen läßt; mein Mann hat schon drum gebeten und immer wieder gebeten, bis er's müde ist, und er hat doch so viel in das Gut hineingesteckt und nie ist ihm wieder ein Groschen zu gute gekommen, mochten die Zeiten gut sein oder schlecht. Ich habe meinem Manne so oft gesagt, wenn der Kaptän etwas drüber zu sagen hatte, dann stände es gewiß anders. Ich will zwar nichts gegen den Respekt sagen über die, welche zu befehlen haben, aber Fleisch und Blut können's doch bisweilen nicht aushalten, daß man sich quält und plagt und früh aufsteht und spät zu Bett geht und kaum etwas Schlaf hat vor lauter Gedanken, ob der Käse auch gut aufgeht oder die Kuh vielleicht kalbt oder der Weizen in den Garben wieder auswächst – und wenn das Jahr herum ist, dann ist am Ende nichts dabei 'rausgekommen, als hätte man einen schönen Braten gemacht und bekäme für seine Mühe nichts als den Geruch.« Wenn Frau Poyser mal ins Reden gekommen war, dann blieb sie auch munter im Zuge und fühlte gar keine Scheu mehr vor den vornehmen Leuten. Das Vertrauen auf ihre eigene Gabe der Darstellung war eine treibende Kraft, die allen Widerstand überwand. »Ich fürchte sehr, ich würde nur schaden statt zu nützen,« erwiderte der Kapitän, »wenn ich etwas über die Stakete sagte, Frau Poyser, und doch versichere ich Sie, wir haben keinen Pächter auf dem Gut, für den ich lieber ein Wort einlegte als für Ihren Mann. Ich weiß, sein Hof ist besser in Ordnung, als irgend einer zehn Meilen in die Runde, und gar die Küche,« fügte er lächelnd hinzu, »da ist im ganzen Königreich wohl keine, welche die übertrifft. Aber da fällt mir ein, ich habe Ihre Milchkammer noch nicht gesehen; ich muß Ihre Milchkammer sehen, Frau Poyser.« »O, ich bitte Sie, Herr Kaptän, die ist jetzt nicht in solchem Stande, daß ich sie Ihnen zeigen könnte; Hetty ist grade beim Buttern; die Butter wollte heute gar nicht kommen und ich muß mich ordentlich schämen.« Bei diesen Worten errötete Frau Poyser; sie glaubte, der Kapitän interessiere sich wirklich für ihre Milchsatten und seine Meinung von ihr selbst würde sich danach richten, wie er ihre Milchkammer fände. »O, ich bin sicher, Sie haben alles in bester Ordnung. Führen Sie mich nur hin,« sagte der Kapitän, und beide gingen hinüber. Siebenter Abschnitt Die Milchkammer Wohl verdiente die Milchkammer gesehen zu werden; es war ein Anblick, an den man im heißen Sommer nur wieder zu denken brauchte, um sich zu erfrischen, so kühl war es da, so reinlich, so frisch roch es nach neuem Käse, nach fester Butter und nach den hölzernen Gefäßen, die immer in reinem Wasser gebadet wurden, so hübsch spielten da die Farben von den irdenen Satten und Töpfen und dem weißen Rahm darin, vom braunen Holz und blanken Zinn, vom grauen Sandstein und orangeroten Rost an den eisernen Gewichten und Haken und Thürangeln. Aber alle diese Einzelheiten sieht man nur unklar, wenn mitten dazwischen ein zum Vernarren hübsches siebzehnjähriges Mädchen in kleinen Holzschuhen steht, das ein Pfund Butter von der Wagschale nimmt und dabei einen runden Arm mit niedlichen Grübchen zeigt. Hetty errötete rosenrot, als Kapitän Donnithorne hereintrat und sie anredete; aber sie sah dabei gar nicht unglücklich aus, denn in das Erröten verschlangen sich anmutig lächelnde Grübchen und blitzten Funken unter langen dunklen Wimpern hervor, und während die Tante ihren Gast über den beschränkten Milchvorrat unterhielt, den sie für Butter und Käse übrig habe, so lange die Kälber noch mit Milch gefüttert werden müßten, und ihm auseinandersetzte, daß die Kurzhörner zwar sehr viele, aber nicht sehr gute Milch gäben und nur zum Versuch gekauft seien, und ähnliches dergleichen mehr, was für einen jungen Herrn, der einmal Landwirt werden wollte, sehr interessant sein mußte, – klopfte Hetty ihre Butter mit so viel Selbstgefühl und Coquetterie, als wisse sie recht gut, daß jede Wendung ihres kleinen Köpfchens beachtet werde. Es giebt verschiedene Arten von Schönheiten, in welche die Männer entsprechend verschieden sich vernarren, vom Verzweifeln bis zum völligen Verdummen; aber eine Art von Schönheit giebt es, die nicht bloß den Männern, sondern allen mit Verstand begabten Säugetieren, selbst den Frauen, die Köpfe verdreht. Es ist eine Schönheit nach Art der Kätzchen oder ganz kleiner zartgefiederter Enten, die mit ihren Schnäbelchen leise schnatternd kleine Wellenkreise schlagen, oder wie von kleinen Kindern, die eben zu gehen anfangen und ihren ersten kleinen Unsinn machen, – eine Schönheit, mit der man nie böse sein kann, bei der man sich völlig unfähig fühlt, den geistigen Zustand zu begreifen, in den sie einen versetzt. Eine solche Schönheit war Hetty Sorrel. Ihre Tante Poyser, die alle persönlichen Reize mit Verachtung behandelte und bei ihrer Erziehung möglichst strenge verfuhr, fühlte sich durch Hettys Reize wider Willen gefesselt und sah sie unvermerkt immer an, und nach mancher Strafpredigt, die mit natürlichem Fluß aus ihrer Sorge um die Erziehung der Nichte ihres Mannes – das arme Ding hatte ja keine Mutter, die sie ausschelten konnte – hervorging, gestand sie ihrem Manne, wenn sie allein waren, oft genug, je unartiger die kleine Hexe sei, desto hübscher sehe sie aus. Es kann wenig nutzen, wenn ich dem Leser sage, daß Hetty eine Wange hatte wie ein Rosenblatt, daß um ihre vollen Lippen Grübchen spielten, daß in ihren großen dunkeln Augen unter langen Wimpern eine sanfte Schelmerei lag, daß ihr lockiges Haar unter der runden Haube, wohin sie es zurückgekämmt hatte, sich bei der Arbeit wieder hervorstahl und die dunklen zarten Ringeln ihr um die Stirn und die weißen Muscheln von Ohren spielten; es hilft – mir und ihm – ebensowenig, zu schildern, wie hübsch ihr das rot und weiße Halstuch stand, dessen Zipfel sie in die kleine grobe Schnürbrust gesteckt hatte, oder wie die leinene Butterschürze mit dem Lätzchen in so hübschen Linien fiel, daß eine Fürstin sie in Seide hätte tragen können, oder wie die braunen Strümpfe und die Schnallenschuhe mit den dicken Sohlen, die gewiß sonst so plump waren, ihr an Fuß und Änkel so zierlich saßen; – das alles, sage ich, hilft dem Leser wenig, wenn er nicht selbst ein Mädchen kennt, dessen Anblick so auf ihn gewirkt hat, wie Hetty auf jeden, der sie erblickte; denn sonst möchte er immerhin das Bild eines schönen Mädchens sich vor die Seele rufen, unserm reizenden Kätzchen hier gliche es doch nicht. Wenn ich alle himmlischen Reize eines schönen Frühlingstages anführte, und ihr hättet euch nie im Leben völlig verloren in den Flug der aufsteigenden Lerche oder abseits in die stillen Wege durch Wald und Feld, wenn die frisch geöffneten Blüten sie mit heiliger schweigender Schönheit erfüllen, als wäret ihr in einem alten Dome – was nützte euch all mein Schildern und Herzählen? ich könnte euch ja doch nicht klar machen, was ein schöner Frühlingstag heißt. Hettys Schönheit hatte etwas vom Frühling, war wie die Schönheit muntrer junger Tierchen, die rundlich-glatt und spielerig durch einen falschen Schein von Unschuld bestechen und betrügen – der Unschuld etwa eines jungen Kälbchens mit einer Blässe, das zu einer Promenade im Freien aufgelegt einen über Hecken und Gräben bös herumhetzt und erst mitten in einem Morast stehen bleibt. Und dazu giebt's beim Buttermachen die hübschesten Stellungen und Bewegungen, die ein hübsches Mädchen machen kann: sie muß stoßen und schütteln – das giebt dem Arm eine reizende Biegung und der runde weiße Hals neigt sich seitwärts; sie klopft und rollt mit der zierlichen Patschhand, und die letzten Feinheiten beim Kneten und Formen lassen sich gar nicht machen, ohne daß die aufgeworfenen Lippen und die dunkeln Augen auf das lebhafteste mitspielen. Auch scheint die Butter selbst dem Mädchen einen neuen Reiz zu geben, so rein ist sie und duftet so süß, und wenn sie aus der Form kommt, sieht sie so fest aus und glänzt wie Marmor in mattgelber Beleuchtung. Überdies war Hetty im Buttermachen ganz besonders geschickt; es war ihre einzige Verrichtung, bei der die Tante nicht viel auszusetzen fand, und sie betrieb es mit der ganzen Anmut der Meisterschaft. »Ich hoffe, Frau Poyser, Sie halten sich zum dreißigsten Juli auf einen großen Festtag bereit,« sagte der Kapitän, nachdem er die Milchkammer hinlänglich bewundert und sich über schwedische Rüben und kurzgehörntes Rindvieh aus dem Stehgreif geäußert hatte. »Sie wissen doch, was es dann giebt, und ich bitte mir aus, daß Sie zu den Gästen gehören, die am frühesten kommen und am spätesten weggehen. Wollen Sie mir zwei Tänze versprechen, Jungfer Hetty? Wenn ich mich nicht jetzt gleich vorsehe, nachher gehe ich sicher leer aus, denn alle hübschen Bursche im Dorf werden mit Ihnen tanzen wollen.« Hetty lächelte und errötete, aber ehe sie noch antworten konnte, fiel schon Frau Poyser ein, ganz empört bei dem bloßen Gedanken, daß der junge Herr zurückstehen könnte hinter gewöhnlichen Tänzern. »Wirklich, Herr Kaptän, Sie sind gar zu freundlich gegen das Kind, und sie wird gewiß jedesmal, wenn Sie so gnädig sind, mit ihr zu tanzen, stolz und dankbar sein, wenn sie auch den ganzen übrigen Abend sitzen bliebe.« »O nicht doch, nicht doch! das wäre zu grausam gegen all die andern jungen Tänzer. Aber Sie versprechen mir doch, zweimal mit mir zu tanzen, ja?« fuhr der Kapitän fort, entschlossen, daß Hetty ihn ansehen und anreden sollte. Hetty machte den niedlichsten kleinen Knix und antwortete mit einem halb scheuen, halb koketten Blick: »ja, Herr Kaptän, recht gern.« »Und alle Ihre Kinder müssen Sie mitbringen, Frau Poyser, das versteht sich, die kleine Totty so gut wie die Jungens. Die allerkleinsten Kinder müssen dabei sein, alle, die nachher fixe junge Leute sind, wenn ich ein alter Kahlkopf bin.« »O Herr Kaptän, Herr Kaptän, das hat noch gute Wege,« sagte Frau Poyser, ganz überwältigt, daß der junge Herr so lustig über sich selbst scherzte, und überlegte sich schon, mit welchem Interesse ihr Mann sie von der guten Laune dieses vornehmen Besuchs würde erzählen hören. Der Kapitän galt für einen sehr lustigen Herrn und war auf dem ganzen Gute wegen seiner Leutseligkeit beliebt. Jeder Bauer war überzeugt, wenn er erst die Zügel in der Hand habe, dann würde alles anders – das tausendjährige Reich stand in Aussicht mit endlosen neuen Staketen und Thorwegen und Fudern Holz und zehn Prozent Nachlaß an der Pacht. »Aber wo ist Totty heute?« fragte der Kapitän; »ich möchte sie mal sehen.« »Hetty, wo ist das Kind?« sagte Frau Poyser; »sie ging erst eben hier hinüber.« »Ich weiß es nicht; ich glaube, sie ist in die Brauerei gegangen.« Frau Poyser, deren mütterlicher Stolz der Versuchung nicht widerstehen konnte, dem vornehmen Herrn ihre Tochter zu zeigen, ging sofort in die Backstube, um sie zu suchen. »Und bringen sie die Butter selbst zu Markte, wenn sie fertig ist?« sagte der Kapitän inzwischen zu Hetty. »O nein, Herr; wenn es recht viel und schwer ist, dann kann ich das nicht, dann reitet der Knecht damit hin.« »Ja, das will ich glauben, Ihre hübschen Arme sind nicht für so schwere Last. Aber gehen Sie nicht bisweilen mal abends spazieren bei dem schönen Wetter? Warum kommen Sie nie in den Park? es ist da jetzt so grün und hübsch. Ich habe Sie fast nur hier zu Hause und in der Kirche gesehen.« »Tante läßt mich nicht gern ausgehen, nur wenn ich was zu besorgen habe,« antwortete Hetty. »Aber durch den Park komm ich bisweilen.« »Und gehen Sie denn nie zu unsrer Haushälterin? Ich glaube, ich habe Sie da mal gesehen.« »Nein, zu Frau Best gehe ich nicht, aber zu Frau Pomfret, der Kammerfrau bei Fräulein Lidia; ich lerne bei ihr fein nähen und sticken. Morgen nachmittag soll ich zum Thee kommen.« Wie es kam, daß zu diesem Gespräch unter vier Augen Zeit blieb, werden wir gleich einsehen, wenn wir einen Blick in die Hinterstube werfen. Totty hatte da einen Beutel mit Blaue herumliegen sehen, sich damit die Nase gerieben und auch ihrer Nachmittagsschürze freigebig einigen Indigo zukommen lassen. Ihr kleiner Nasenbuckel war noch ganz rot von einer sehr eifrigen Bearbeitung mit Wasser und Seife, als sie nun an der Hand ihrer Mutter erschien. »Da ist sie ja!« sagte der Kapitän, indem er sie aufhob und auf einen steinernen Aufsatz an der Wand setzte. »Da ist unsre Totty. Aber wie heißt sie denn sonst noch? Sie ist doch nicht Totty getauft?« »O, Herr Kaptän, mit dem Namen ist's ihr schlimm gegangen; sie heißt eigentlich Charlotte nach meinem Mann seiner Großmutter; dann haben wir sie Lotty genannt und nun hat sie selbst Totty draus gemacht. Es ist eigentlich mehr ein Name für 'nen Hund als für ehrlicher Leute Kind.« »Bewahre! Totty ist ein sehr schöner Name; sie sieht grade aus wie eine rechte Totty. Hast du denn auch 'ne Tasche in deinem Kleidchen?« fragte der Kapitän und faßte in die Westentasche. Sogleich nahm Totty mit vieler Würde ihr Kleidchen in die Höhe und zeigte ein ganz kleines, augenblicklich ganz zusammengefallenes Täschchen. »Habe nix drin,« sagte sie und blickte sehr ernsthaft hinein. »Nichts drin! Das ist ja schade, so 'ne hübsche, kleine Tasche! Ich glaube beinahe, ich habe was in meiner Tasche, was recht hübsch klingt. Ja, siehst du, fünf kleine runde weiße Pfennige – da, und hör' mal, wie hübsch die in Totty ihrer kleinen Tasche klingen.« Nun schüttelte er die Tasche mit den fünf Silbermünzen, und Totty lachte vergnügt; da sie aber wohl einsah, nun sei nichts mehr zu holen, so sprang sie hinunter und lief weg, um Nanny ihre Schätze zu zeigen, während die Mutter hinter ihr drein rief: »So schäm' dich doch, du unartiges Mädchen! dich nicht mal bei dem Kaptän zu bedanken! Wirklich, Herr Kaptän, Sie sind gar zu gütig, aber unsre Kleine ist schändlich verzogen; ihr Vater läßt ihr immer den Willen und da soll einer mal was anfangen. Aber sie ist ja das jüngste Kind und das einzige Mädchen.« »O, sie ist ein komisches dickes Ding, und so gefällt sie mir grade recht. Aber ich glaube, ich muß gehen; der Rektor wartet gewiß schon auf mich.« Mit einem freundlichen Guten Morgen und einem noch freundlicheren Blick für Hetty verließ Arthur die Milchkammer, aber zu lange war er nicht geblieben, darin irrte er sich; das Gespräch mit Dina hatte den Rektor so interessiert, daß er es ungern abgebrochen haben würde, und was sie mit einander gesprochen hatten, will ich jetzt erzählen. Achter Abschnitt. Der Ruf des Herrn. Beim Eintritt der beiden Herren war Dina aufgestanden, ohne jedoch das Leinen, an welchem sie nähte, aus der Hand zu legen; als sie bemerkte, daß Pastor Irwine sie ansah und auf sie zukam, verneigte sie sich ehrerbietig. Er hatte noch nie mit ihr gesprochen oder ihr so nahe gegenüber gestanden, und als jetzt ihre Blicke sich trafen, war ihr erster Gedanke: »welch' ein angenehmes Gesicht! O wenn doch der gute Same auf den Boden fiele; gewiß trüge er reichliche Frucht.« Der angenehme Eindruck mußte gegenseitig gewesen sein, denn der Pastor verneigte sich gegen sie so freundlich und achtungsvoll, als wäre sie die vornehmste Dame seiner Bekanntschaft. »Sie sind nur zum Besuch in dieser Gegend, wenn ich nicht irre?« waren seine ersten Worte, als er ihr gegenüber Platz nahm. »Nein, Herr Pastor, ich bin aus Snowfield in Stonyshire. Meine Tante war so freundlich, mich zu sich einzuladen; ich bin krank gewesen und sollte mich erholen.« »O, ich kenne Snowfield recht gut; ich hatte mal da zu thun. Es ist ein trauriger Ort. Man baute damals eine Baumwollenspinnerei dort; es ist freilich viele Jahre her, und ich glaube, es hat sich seitdem infolge der Fabrikanlage manches geändert.« »Ja, die Fabrik hat viele hingezogen, die drin arbeiten und etwas mehr Verkehr hingebracht haben. Ich arbeite auch in der Fabrik und muß dankbar dafür sein, denn nun kann ich genug verdienen und habe noch etwas übrig. Aber die Gegend ist immer noch so traurig, wie Sie sagen, Herr Pastor; hier bei Ihnen ist es ganz anders.« »Sie haben wohl Verwandte dort und sind da wie zu Hause?« »Früher hatte ich dort eine Tante, bei der ich aufgewachsen bin, denn ich war ein Waisenkind. Aber vor sieben Jahren wurde sie von mir genommen, und jetzt habe ich, so viel ich weiß, keine andern Verwandten als Tante Poyser, die sehr gut gegen mich ist und mich gern hierher ziehen möchte, in diese gute Gegend, wo die Leute reichlich ihr Brot haben. Aber ich bin nicht frei von Snowfield wegzugehen; da wurde ich zuerst gepflanzt und habe tief Wurzel geschlagen, wie feines Gras auf dem Hügel.« »Ich kann mir denken, Sie haben da viele kirchliche Freunde und Genossen; Sie sind eine Methodistin, eine Wesleyanerin, nicht wahr?« »Ja; meine Tante in Snowfield gehörte zu der Brüdergemeinde, und ich habe allen Grund, für den Segen dankbar zu sein, den ich dadurch von meiner Kindheit an gehabt habe.« »Und haben Sie sich schon lange mit Predigen befaßt? – wie ich höre, haben Sie gestern abend in Hayslope gepredigt.« »Zum erstenmal hab' ich's vor vier Jahren versucht, als ich einundzwanzig Jahr' alt war.« »Ihre Gemeinde billigt es also, daß Frauen predigen?« »Sie verbietet es wenigstens nicht, Herr Pastor, wenn die Frauen den rechten Beruf dazu haben und ihr Amt bewähren durch die Bekehrung von Sündern und die Stärkung der Gläubigen im Glauben. Wie Sie vielleicht gehört haben, war Madame Fletcher die erste Predigerin unter den Methodisten – vor ihrer Verheiratung, als sie noch Fräulein Bosanquet hieß, – und Wesley billigte es damals ausdrücklich. Sie hatte recht die Gabe, und auch jetzt sind manche Frauen gesegnete Diener des Wortes. In der letzten Zeit haben sich, wie ich höre, in der Gemeinde einige Stimmen dagegen erhoben, aber ich glaube, das wird nichts ändern. Es ist nicht Menschensache, Gottes Geist die Wege zu weisen, wie man dem Wasser seinen Weg weist und sagt: »hier sollst du fließen und nicht dort.« »Aber finden Sie nicht eine Gefahr dabei – ich meine nicht für sich selbst, das sei ferne –, sondern finden Sie nicht bisweilen, daß sowohl Männer wie Frauen sich für Werkzeuge des Geistes Gottes halten und sich darin völlig täuschen, daß sie also etwas unternehmen, wozu sie gar nicht taugen, und dadurch das Heilige herabwürdigen?« »Gewiß ist das bisweilen der Fall; es hat Übelthäter unter uns gegeben, welche die Brüder zu täuschen versuchten, und andere wieder täuschen sich selbst. Aber wir entbehren nicht der Zucht und Zurechtweisung gegen den Mißbrauch; wir halten strenge Ordnung unter uns, und die Brüder und Schwestern wachen einer über des andern Seele wie die, so da Rechenschaft geben müssen. Sie gehen nicht jeder seinen eignen Weg und sprechen: »soll ich meines Bruders Hüter sein?« »Aber erzählen Sie mir doch – wenn ich fragen darf, und ich nehme ein wirkliches Interesse daran –, wie war es, als Sie das erste Mal predigten?« »Wie es kam, Herr Pastor? Es kam ohne mein Zuthun. Von meinem sechzehnten Jahre an pflegte ich mich mit den Kindern zu unterhalten und sie zu unterrichten, und bisweilen schwoll mir das Herz so, daß ich zu der ganzen Klasse sprach, und wenn ich an einem Krankenbette betete, so riß es mich mächtig fort. Aber zum Predigen hatte ich noch keinen Beruf gefühlt; denn wenn es mich nicht mächtig treibt, sitze ich gar zu gern still und bin für mich allein; es ist mir, als könnte ich den ganzen Tag stillsitzen und meine Seele von dem Gedanken an Gott überströmen lassen, wie Kieselsteine im Bach, über die das Wasser fließt. Gedanken sind ja so mächtig – finden Sie das nicht auch, Herr Pastor? Sie scheinen über uns zu kommen wie hohe Flut, und bei mir ist es dann so, daß ich vergesse, wo ich bin und was um mich her ist, und mich in Gedanken verliere, über die ich weiter keine Rechenschaft geben könnte, und wenn ich darüber sprechen wollte, fände ich nicht Anfang noch Ende. So ist es mit mir gewesen, seit ich denken kann; aber zu Zeiten ist es wieder, als ob mir die Sprache käme ganz ohne meinen Willen, und als ob mir Worte gegeben würden, die mir aus dem Munde kommen, wie die Thränen aus den Augen, wenn das Herz voll ist und man nicht anders kann. Und das waren immer Zeiten von rechtem Segen für mich, obschon ich nie glaubte, vor einer großen Versammlung würde es mir auch so gehen. Aber, Herr Pastor, der Herr führt uns wie kleine Kinder auf Wegen, die wir nicht kennen. Er hat mich zum Predigen ganz plötzlich berufen, und seitdem bin ich nie im Zweifel gewesen, wozu mich der Herr bestimmt hat.« »Aber die näheren Umstände! Erzählen Sie mir doch genau, wie es war, als Sie das erste Mal predigten.« »Eines Sonntags ging ich mit Bruder Marlowe, einem unserer Reiseprediger, einem schon bejahrten Manne, den ganzen Weg nach Hetton-Deeps – das ist ein Dorf, wo die Arbeiter von den Bleigruben wohnen; sie haben keine Kirche und keinen Prediger, sondern sind wie eine Herde ohne Hirten. Es sind wohl vier Stunden von Snowfield, und wir machten uns früh am Morgen auf; es war Sommertag, und ein wunderbares Gefühl von der Liebe Gottes kam über mich, als wir über die Hügel gingen, die so kahl sind und ganz ohne Bäume; ganz anders wie hier; hier sieht das Firmament kleiner aus, dort sieht man den Himmel ausgebreitet wie ein Zelt und fühlt sich wie umschlossen von den ewigen Armen des Herrn. Aber ehe wir nach Hetton kamen, wurde Bruder Marlowe vom Schwindel befallen, daß er kaum noch gehen konnte; er hatte sich böse überarbeitet für seine Jahre, mit Nachtwachen und Beten und dem vielen Umherwandern, um das Wort Gottes zu predigen, und dabei hatte er noch sein Weberhandwerk betrieben. Als wir in das Dorf kamen, erwarteten ihn die Leute schon, weil er ihnen das letzte Mal Zeit und Ort im voraus angegeben hatte, wann er wiederkäme, und die, so da Verlangen trugen nach dem Worte des Lebens, waren schon versammelt, wo die Hütten am dichtesten stehen, so daß andere leicht hinzukommen konnten. Aber er konnte sich nicht auf den Beinen halten und mußte sich in der ersten Hütte, an die wir kamen, niederlegen. So ging ich denn, um es den Leuten zu sagen und vielleicht mit ihnen in ein Haus zu gehen, dort aus der Bibel vorzulesen und mit ihnen zu beten. Als ich aber die Hütten entlang ging und die alten Mütterchen an den Thüren sah und die Männer so verhärtet, als ginge sie der schöne Sonntagmorgen so wenig was an wie das dumme Vieh, das nie zum Himmel aufblickt, da fühlte ich eine große Bewegung in meiner Seele und ich zitterte, als schüttelte meinen schwachen Leib ein starker Geist. Und ich ging hin, wo das kleine Häuflein beisammen stand und trat auf die niedrige Mauer dort am Hügel und sprach die Worte zu ihnen, die mir reichlich gegeben wurden. Und aus all den Hütten kamen sie herbei und sammelten sich um mich und viele weinten über ihre Sünden und sind seitdem dem Herrn gewonnen worden. Das war meine erste Predigt, Herr Pastor, und seitdem habe ich immer gepredigt.« Dina hatte ihre Handarbeit fallen lassen während dieser Erzählung, die sie in ihrer gewöhnlichen, einfachen Art, aber mit der herzlichen, festen und hellen Stimme sprach, mit der sie immer ihre Zuhörer beherrschte. Sie beugte sich jetzt nieder, nahm das Leinen wieder auf und nähte weiter wie vorher. Irwine war rief ergriffen. »Das müßte ein elender Geck sein, sagte er zu sich selbst, der hier den Weisen spielen wollte: man könnte ebensogut hingehen und die Bäume ausschelten, daß sie wachsen wie Gott sie wachsen läßt.« »Und macht Sie,« sagte er laut, »niemals das Gefühl Ihrer Jugend verlegen, daß Sie mit Ihrem guten Aussehen den Blicken der Männer sich aussetzen?« »Nein, für solche Empfindungen ist in mir kein Raum und ich glaube nicht, daß die Leute sich je darum kümmern. Wenn Gott durch uns seine Gegenwart zu erkennen giebt, dann sind wir, scheint es, wie der feurige Busch: Moses achtete nicht darauf, was für ein Busch das war – er sah nur den Glanz des Herrn. Ich habe in den Dörfern bei Snowfield vor dem rohesten und unwissendsten Volk gepredigt; die Leute sehen recht hart und wild aus; aber niemals haben sie mir ein schlechtes Wort gesagt und sich oft freundlich bei mir bedankt, wenn sie mir Platz machten, damit ich zwischen ihnen durchgehen könnte.« »Das will ich glauben – das will ich gern glauben,« sagte Irwine mit Nachdruck. »Und wie fanden Sie gestern abend Ihre Zuhörer? ruhig und aufmerksam?« »Sehr ruhig, Herr Pastor, und ich sah kein Zeichen von großer Wirkung, außer an einem jungen Mädchen, Lieschen Cranage, nach der mein Herz mächtig verlangte, als ich sie zuerst in so blühender Jugend, ganz in Eitelkeit verkommen sah. Ich sprach sie nachher noch allein und betete mit ihr, und ich glaube, ihr Herz ist getroffen. Aber in diesen Dörfern, habe ich bemerkt, wo die Leute unter grünen Weiden und an stillen Bächen bei Ackerbau und Viehzucht ein ruhiges Leben führen, da sind sie ausnehmend tot für das Wort Gottes, so ganz anders als in den großen Städten, wie z. B. Leeds, wo ich mal eine fromme Frau besucht habe, die da predigt. Es ist ganz wunderbar, wie reich die Ernte ist in den Straßen mit den hohen Häusern, wo man geht wie in dem Hofe eines Gefängnisses und wo das Ohr betäubt wird von dem Geräusche des irdischen Treibens. Es mag wohl sein, daß die Verheißung jenes Lebens da willkommener ist, wo dieses Leben so düster und traurig ist, und daß die Seele mehr hungert, wo der Leib es schlecht hat.« »Nun ja, unsre ländlichen Arbeiter sind nicht so leicht anzuregen; sie leben beinahe so träge wie ihre Schafe und Kühe. Aber wir haben hier herum auch einige aufgeweckte Handwerker. Die Bedes sind Ihnen doch wohl bekannt; Seth Bede ist ja auch Methodist.« »Ja, Seth kenn' ich recht gut und seinen Bruder Adam so eben. Seth ist ein lieber junger Mensch, an dem kein Falsch ist, und Adam gleicht dem Patriarchen Joseph, so geschickt ist er und klug und so freundlich gegen Bruder und Eltern.« »Vielleicht wissen Sie noch nicht, welches Unglück sie heute betroffen hat? ihr Vater Matthias ist diese Nacht im Weidenbach nicht weit von seinem Hause ertrunken; ich will nachher Adam besuchen.« »Ach die arme alte Mutter!« rief Dina aus, ließ die Hände sinken und blickte mitleidig vor sich hin, als sähe sie den Gegenstand ihres Bedauerns vor Augen; »Seth hat mir gesagt, sie hat ein ungeduldiges und bekümmertes Herz. Ich muß zu ihr und sehen, ob ich ihr helfen kann.« Als sie sich erhob und ihre Arbeit zusammenlegte, kam der junge Herr, nachdem er alle möglichen Vorwände, um noch länger in der Milchkammer zu bleiben, erschöpft hatte, mit Frau Poyser in die Küche zurück. Der Pastor stand nun auch auf, ging auf Dina zu, reichte ihr die Hand und sagte: »Leben Sie wohl; Sie gehen bald wieder fort, wie ich höre, aber dies ist wohl nicht Ihr letzter Besuch bei der Tante, und wir sehen uns hoffentlich wieder.« Seine Herzlichkeit gegen Dina schlug die letzten Besorgnisse der Tante vollends nieder, und mit ungewöhnlich heiterm Gesichte sagte sie: »ich habe noch gar nicht nach Madame Irwine und Ihren Schwestern gefragt, Herr Pastor; sie sind doch alle wohl?« »Danke, Frau Poyser, ja ganz wohl: nur hat meine Schwester Anna heute recht schlimmes Kopfweh. Wir haben uns noch zu bedanken für Ihren schönen Rahmkäse; er hat uns sehr gut geschmeckt, vorzüglich meiner Mutter.« »Das freut mich, Herr Pastor, das freut mich! Ich mache nur selten einen, aber ich erinnerte mich, daß Madame Irwine ihn gern ißt. Bitte, bestellen Sie ihr doch meine Empfehlung und Ihren Schwestern auch. Sie haben sich so lange meinen Hühnerhof nicht angesehen, und ich habe jetzt wunderschöne, schwarz und weiß gefleckte Küken; vielleicht gefallen die Fräulein Katharine.« »Schön, das will ich ihr sagen; sie muß herkommen und sie sich ansehen; und nun Adieu;« erwiderte der Rektor, indem er sein Pferd bestieg. »Reiten Sie nur langsam vorauf, Irwine,« sagte der Kapitän, indem er sich in den Sattel schwang. In drei Minuten hol' ich Sie wieder ein. Ich will nur wegen der Hunde mit dem Schäfer sprechen. Guten Tag, Frau Poyser; sagen Sie Ihrem Mann, ich käme bald wieder und hätte viel mit ihm zu reden.« Frau Poyser machte ihre gehörigen Knixe und sah den beiden Herren nach, wie sie vom Hofe hinunterritten – unter großer Aufregung der Schweine und des Geflügels und dem wütenden Gebell des Bullenbeißers, der an seiner Kette so wild hin- und hersprang, daß sie jeden Augenblick zu reißen drohte. Frau Poyser hatte ihre Freude an dem Lärm; sie sah darin einen neuen Beweis, daß der Hof gut bewacht sei und daß sich kein müßiges Volk unbemerkt einschleichen könne. Erst als sich das Thor hinter dem Kapitän geschlossen hatte, wandte sie sich wieder in die Küche, wo Dina schon ihren Hut in der Hand hielt und auf die Tante wartete, um ihr zu sagen, daß sie die alte Lisbeth Bede besuchen wolle. Indessen, Frau Poyser bemerkte zwar den Hut, hatte aber ihr Herz noch viel zu voll von der Überraschung über das freundliche Benehmen des Pastors; darüber mußte sie sich erst aussprechen. »Pastor Irwine war also gar nicht böse? Was hat er dir denn eigentlich gesagt, Dina? Schalt er dich wegen der Predigt nicht aus?« »Nein, er war gar nicht böse, er war sehr freundlich gegen mich. Es drängte mich ordentlich, mich gegen ihn auszusprechen; ich weiß selbst nicht, wie es kam, da ich ihn bisher immer für einen weltlich gesinnten Sadducäer gehalten hatte. Aber sein Gesicht ist so angenehm wie Morgensonnenschein.« »Angenehm! Und wie sollte er sonst wohl anders aussehen als angenehm?« sagte Frau Poyser ungeduldig und nahm ihr Strickzeug wieder vor. »Gewiß hat er ein angenehmes Gesicht, das sollt' ich meinen! Er ist ja von vornehmer Herkunft und hat 'ne Mutter, die ist ein wahres Bild. Kannst lange suchen, bis du eine solche Frau von sechsundsechzig Jahren wiederfindest. Ja! es ist ein wahrer Staat, so 'nen Mann Sonntags auf der Kanzel zu sehen! Es ist grade so, hab' ich schon zu meinem Manne gesagt, als sähe man so 'n recht volles Weizenfeld oder 'ne Wiese mit 'nem hübschen Trupp Kühe drauf; die ganze Welt sieht einem dann behaglich aus. Aber solche Leute, denen ihr Methodisten nachlauft – da geb' ich nicht mehr drum als um eine magere Kuh, an der man die Rippen zählen kann. Und die wollen einem lehren, was recht ist! Das sind mir auch die rechten! Sehen aus, als hätten sie ihr Lebelang nichts andres gegessen wie Speckschwarte und Schwarzbrot. Aber sprich doch, was hat dir Herr Irwine über die Narrerei von Predigt gesagt?« »Er sagte bloß, er habe davon gehört, und schien gar nicht ungehalten. Aber, liebe Tante, denkt jetzt daran nicht mehr. Er hat mir etwas erzählt, das Euch gewiß ebenso zu Herzen gehen wird wie mir; Matthis Bede ist diese Nacht im Weidenbach ertrunken, und ich glaube, die alte Frau Lisbeth wird sehr des Trostes bedürfen. Vielleicht kann ich ihr helfen, darum hab' ich meinen Hut genommen und will zu ihr.« »Du liebe Zeit, du liebe Zeit! Aber erst muß du 'ne Tasse Thee trinken,« sagte Frau Poyser und ging sofort aus ihrer scharfen Tonart in eine sanfte und freundliche über. »Das Wasser kocht schon, in 'ner Minute ist der Thee fertig, und die Kleinen werden auch gleich kommen und durstig sein; gewiß kannst du gehen und die alte Frau besuchen; Methodistin oder nicht, du bist immer willkommen, wo es schlecht geht; aber das liegt dir mal im Blut, dein Glauben hat damit nichts zu thun. Eine Sorte Käse wird aus abgerahmter Milch gemacht und andern macht man aus frischer Milch, und auf den Namen kommt's gar nicht an, unterscheiden kann man sie doch, man braucht sie bloß anzusehen und zu riechen. Aber der Matthis Bede! es ist besser, daß der über Seit' ist – Gott verzeih' mir meine Sünde! Die letzten zehn Jahre hat er Frau und Kindern fast nur Sorge gemacht, und – wäre es nicht gut, du nähmest für die alte Frau eine kleine Flasche Rum mit? die hat gewiß keinen Tropfen zur Herzensstärkung. Setz' dich, Kind, setz' dich und sei ganz ruhig; du sollst nicht eher fort, als bis du eine Tasse Thee getrunken hast, das sag' ich dir.« Während des letzten Teils dieser Ansprache hatte Frau Poyser das Theezeug von dem Bort heruntergelangt und ging eben, von Totty begleitet, welche das Klappern der Theetassen herbeigezogen hatte, nach Brot in die Vorratskammer, als Hetty aus der Milchkammer kam und ihre müden Arme zur Erholung in die Höhe hob und die Hände mitten auf den Kopf legte. »Molly,« sagte sie mit träger Summe, »hole mir rasch ein paar Kohlblätter; die Butter ist zum Einpacken fertig.« »Hast du gehört was vorgefallen ist, Hetty?« fragte die Tante. »Nein, wer sollte mir wohl etwas sagen?« antwortete sie schnippisch. »Freilich nichts, worauf du recht acht gäbest, wenn du's auch hörtest; du bist so leichtsinnig, alle Leute könnten sterben, wenn du nur oben bleiben darfst und dich ganze zwei Stunden lang anziehen. Aber jeder andre fragt doch wohl danach, was denen passiert, die viel mehr von dir halten, als du verdienst. Deinetwegen könnte Adam Bede und seine ganze Verwandtschaft ertrunken sein – du gucktest doch die nächste Minute wieder in den Spiegel.« »Adam Bede ertrunken?« rief Hetty, indem sie die Arme sinken ließ; sie sah sehr bestürzt aus, vermutete jedoch im Stillen, ihre Tante übertreibe wie gewöhnlich, wenn auch in der besten Absicht. »Nein, liebste Hetty, nein!« antwortete Dina liebevoll, denn Frau Poyser war, ohne sie einer genaueren Nachricht zu würdigen, in die Vorratskammer verschwunden. »Adam ist nicht ertrunken, aber Adams Vater ist diese Nacht in den Weidenbach gefallen und so ums Leben gekommen. Herr Irwine hat es mir eben erzählt.« »Das ist ja recht schrecklich,« sagte Hetty und sah ernst, aber nicht gerade tief ergriffen aus, und als Molly jetzt mit den Kohlblättern eintrat, nahm sie dieselben schweigend in die Hand und ging nach der Milchkammer zurück, ohne sich weiter zu erkundigen. Neunter Abschnitt Hettys kleine Welt Während sie die breiten Blätter zurechtlegte, von denen die blaßgelbe duftige Butter sich abhob wie Primeln von ihren Blattkelchen, dachte Hetty, fürchte ich, viel viel mehr an die Blicke, welche ihr Kapitän Donnithorne zugeworfen hatte, als an Adam und sein Unglück. Leuchtende Blicke der Bewunderung von einem hübschen jungen Herrn mit weißen Händen und einer goldenen Kette, der dann und wann sogar Uniform trug und ganz unermeßlich reich und vornehm war – das waren die warmen Strahlen, in deren Scheine ihr kleines Herz zitterte und seine thörichten Melodien immer wieder von vorn spielte. Auch die Memnonssäule tönte nicht von dem Stoß mächtiger Winde, sondern nur bei einigen wenigen, rasch enteilenden Strahlen der Morgensonne, und so müssen wir uns auch an die Entdeckung gewöhnen lernen, daß von den so künstlich gearbeiteten Instrumenten, die man Menschenseelen nennt, einige nur eine sehr beschränkte Reihe von Tönen umfassen und bei manchen Griffen gar nicht anschlagen, bei denen andere vor Entzücken beben oder in Verzweiflung zusammenschrecken. Für Hetty war es ganz etwas gewöhnliches, daß die Leute sie gern sahen; sie durchschaute es recht gut, daß der junge Pachter Lucas aus Broxton eines Sonntags nachmittags nach Hayslope in die Kirche kam, bloß um sie zu sehen, und sich ihr viel entschiedener genähert haben würde, wenn Onkel Poyser, der von des alten Lucas' Pachtung keine besondere Meinung hatte, seiner Frau nicht verboten hätte, ihm mit der geringsten Höflichkeit entgegenzukommen; sie wußte ebenso, daß der herrschaftliche Gärtner Craig bis über die Ohren in sie verliebt sei und in der letzten Zeit mit köstlichen Erdbeeren und ganz übertriebenen Sendungen Erbsen ihr die unverkennbarsten Geständnisse gemacht hatte. Und noch besser wußte sie, daß Adam Bede, der große stattliche gescheite brave Adam Bede, der bei allen Leuten ringsum so viel galt und den ihr Onkel abends so gern zum Besuch hatte, weil, wie er sagte, Adam von dem Grunde der Dinge ein gut Stück mehr wisse als viele andere, die sich besser dünkten – sie wußte, sage ich, daß sie diesen Adam, der oft gegen andere Leute recht mürrisch war und den Mädchen nicht gerade viel nachlief, in jedem Augenblick durch ein bloßes Wort oder einen Blick erbleichen oder erröten machen konnte. Hetty hatte keinen großen Kreis von Bekanntschaften, so daß sie viele Vergleiche hätte anstellen können, aber sie konnte doch nicht verkennen, daß Adam ein Stück von einem Mann sei, daß er immer etwas zu sagen wußte, den Schuppen auf dem Hofe gegen drohenden Einsturz geschützt und die Buttermilch in kürzester Frist verbessert hatte, daß er mit einem Blick den Wert eines umgefallenen Wallnußbaumes richtig schätzte, den Grund erkannte, warum die Wände feucht wurden, und Mittel gegen die Ratten hatte, daß er eine schöne Hand schrieb, die jeder lesen konnte, und im Kopfrechnen etwas leistete – ein Grad von Bildung, der unter den reichsten Bauersöhnen der Gegend durchaus vereinzelt dastand. Wie war er so ganz verschieden von dem schläfrigen Lucas, der einmal den ganzen Weg von Broxton nach Hayslope neben ihr geschwiegen und nur die eine Bemerkung gemacht hatte, die grauen Gänse legten schon Eier! Und der Gärtner Craig – nun, er war wohl ein ganz verständiger Mensch, aber doch auch ein bißchen knickbeinig und leierte so kurios mit seiner Sprache; zudem war er, milde gerechnet, sehr nahe an die Vierzig. Hetty war überzeugt, ihr Onkel wünsche, daß sie Adam Hoffnung machen sollte, und würde es gern sehen, wenn sie ihn heiratete. Denn damals war der Rangunterschied zwischen Pächtern und anständigen Handwerkern noch nicht so scharf gezogen, und am eigenen Herd so gut wie im Wirtshause tranken sie zusammen ihren Krug Bier, wobei die Pächter im stillen Bewußtsein ihres größeren Vermögens und bedeutenderen Ansehens in der Gemeinde über ihren handgreiflichen Mangel an Unterhaltungsgabe sich trösteten. Martin Poyser ging nicht gern ins Wirtshaus, sondern plauderte lieber gemütlich zu Haus bei seinem eigenen Dünnbier, und so angenehm er es fand, einem dummen Nachbar, der keinen Begriff von der bestmöglichen Bewirtschaftung seines Hofes hatte, die Sache gründlich auseinanderzusetzen, so war es ihm doch auch eine willkommene Abwechslung, von einem klugen Burschen wie Adam Bede etwas zu lernen. Darum war Adam in den letzten drei Jahren – seitdem er den Bau der neuen Scheune geleitet hatte – immer ein willkommener Gast auf dem Pachthofe gewesen, besonders an Winterabenden, wo in guter alter Weise die ganze Familie, der Herr und die Hausfrau, die Kinder und das Gesinde, in der herrlichen Küche in wohlabgemessenen Abständen um das helle Feuer zusammensaßen. Und die letzten zwei Jahre wenigstens hatte Hetty zu wiederholten Malen ihren Onkel sagen hören: »wenn der Adam auch noch jetzt als Geselle um Lohn arbeitet, sein eigner Herr wird er doch mal, so gewiß wie ich hier auf dem Stuhl sitze; Meister Burge hat ganz recht, daß er ihn ins Geschäft nehmen und ihm seine Tochter zur Frau geben will, wenn's wahr ist, was man sich erzählt; die den kriegt, wird gewiß nicht betrogen.« Und Frau Poyser hatte dieser Bemerkung immer herzlich beigestimmt: »Ja«, pflegte sie zu sagen, »das ist alles recht schön, wenn man einen heiratet, der ein gemachter Mann ist, aber es kommt auch vor, daß es ein ausgemachter Narr ist, und die Tasche voll Geld zu stecken, ist ganz unnütz, wenn man ein Loch drin hat. Es hilft einem nichts, sich in seinen eigenen Wagen zu setzen, wenn einer fährt, dem's am Besten fehlt: er wirft doch bald um, und man liegt im Graben. Ich habe immer gesagt, ich heiratete keinen Mann, der nicht Grütze im Kopfe hätte; denn was nützt es einer Frau, daß sie selbst nicht auf den Kopf gefallen ist, wenn sie einen Hansnarren neben sich hat, den alle Leute auslachen? Sie könnte sich ebensogut ihre besten Kleider anziehen und verkehrt auf 'nem Esel reiten.« So bildlich all diese Worte waren, sie zeigten doch deutlich genug, was Frau Poyser von Adam hielt, und obgleich sie so gut wie ihr Mann vielleicht anders gedacht hätten, wenn Hetty ihre eigene Tochter gewesen wäre, – für ihre arme Nichte hätten sie offenbar eine Heirat mit Adam sehr gern gesehen. Denn Hetty wäre nichts anders übrig geblieben, als Dienstmagd zu sein und zu bleiben, wenn ihr Onkel sie nicht zur Hilfe für seine Frau ins Haus genommen hätte, deren Gesundheit ihr seit Tottys Geburt jede schwerere Arbeit verbot und nur noch die Aufsicht über die Kinder und das Gesinde erlaubte. Eine feste Hoffnung hatte indes Hetty dem Adam nie gegeben. Selbst in solchen Augenblicken, wo ihr seine Überlegenheit über ihre andern Anbeter am meisten einleuchtete, hatte sie sich nie zu dem Gedanken entschließen können, seine Bewerbung anzunehmen. Sie freute sich in dem Bewußtsein, daß dieser starke, geschickte, verständige Mann in ihrer Gewalt sei, und wäre außer sich gewesen, wenn er nur die leiseste Absicht gezeigt hätte, das Joch der Herrschaft ihrer Koketterie abzustreifen und sich der sanften Marie Burge zuzuwenden, die ihm für das kleinste Zeichen von Aufmerksamkeit höchst dankbar gewesen sein würde. »Marie Burge?! wirklich! So 'n Milchgesicht! Wenn Sie ein Stück rotes Band trüge, dann säh' sie so gelb aus wie 'ne Butterblume, und ihr Haar ist so schlicht, wie ein Packen Baumwolle.« Und so oft einmal Adam mehrere Wochen hintereinander vom Pachthofe wegblieb oder sonst durch ein Zeichen verriet, daß er seine Leidenschaft für thöricht erkenne und darum zu unterdrücken suche, dann war Hetty darauf bedacht, ihn wieder durch ein sanftes schüchternes Wesen in ihr Netz zu ziehen, als wäre sie traurig über seine Vernachlässigung. Aber Adam heiraten – das war ganz was anders! Nichts in der Welt konnte sie dazu verlocken. Ihre Wangen röteten sich nie auch nur einen Schatten tiefer, wenn sein Name genannt wurde; sie schauerte nicht freudig zusammen, wenn sie ihn auf den Hof kommen oder auf dem Fußwege über die Wiese unerwartet auf sich zuschreiten sah; wenn seine Augen auf ihr ruhten, fühlte sie nur den kalten Triumph, zu wissen, daß er sie liebe und nicht daran denke, Marie Burge anzusehen; die Empfindungen, welche den süßen Rausch der jungen Liebe ausmachen, konnte er in ihr so wenig hervorrufen, wie das bloße Bild der Sonne den Saft in den zarten Fasern der Pflanzen emportreiben kann. Sie sah in ihm nur den armen Handwerker, der seine alten Eltern zu ernähren hatte und ihr gewiß für lange Zeit noch nicht einmal die Annehmlichkeiten des Lebens geben konnte, die ihr im Hause ihres Onkels geboten wurden. Und alle Träume der kleinen Hetty gingen nur auf die Annehmlichkeiten des Lebens; ein Wohnzimmer zu haben mit einem Teppich, immer weiße Strümpfe zu tragen, große schöne Ohrringe nach der neuesten Mode zu haben, ihr Kleid am Halse mit feinen Spitzen zu besetzen, sich etwas ins Taschentuch zu thun – sie wußte nicht recht was – wovon es so schön röche, wie der alten Lydia Donnithorne ihres, wenn sie es in der Kirche herauszog, und nicht früh aufstehen und sich von keinem ausschelten lassen zu müssen – ja, dachte sie, wenn Adam so reich wäre und ihr das bieten könnte, dann hätte sie ihn wohl lieb genug zum Heiraten. Aber in den letzten paar Wochen war eine neue Gewalt über Hetty gekommen. Ein unbestimmtes Etwas, das nur in der Luft lag, noch nicht die Gestalt eingestandener Hoffnungen oder Aussichten annahm, aber eine angenehme betäubende Wirkung übte, so daß sie herumging und ihre Arbeit that wie im Traum und ohne jedes Gefühl von Last oder Anstrengung, und alles um sich her wie durch einen zarten fließenden Schleier sah, als lebte sie nicht in dieser harten Welt von Holz und Stein, sondern in einer verklärten Welt, wie sie das Sonnenlicht im feuchten Blau der Gewässer zeigt – was war es, dies Etwas? Sie hatte bemerkt, daß der junge Herr Arthur sich außerordentlich viel Mühe gab, um nur ihren Anblick zu haben, daß er in der Kirche immer den Platz einnahm, wo er sie sowohl im Sitzen als im Stehen am besten sehen konnte, daß er fortwährend Gründe zu finden wußte, um auf dem Pachthofe vorzusprechen, und immer ein Wort an sie zu richten verstand, worauf sie ihn ansehen und anreden mußte. Das arme Kind dachte einstweilen so wenig, der junge Herr könne je ihr Liebhaber werden, wie eine hübsche Bäckerstochter mitten im festlichen Gedränge, die ein junger Kaiser durch ein fürstliches Lächeln der Bewunderung auszeichnet, daran denkt, daß sie je Kaiserin sein werde. Aber die Bäckerstochter geht nach Haus und träumt von dem hübschen jungen Kaiser und irrt sich vielleicht beim Abwiegen des Mehls, während sie daran denkt, was für ein himmlisches Los es sein müsse, ihn zum Manne zu haben; und so hat auch unsre arme Hetty ein Gesicht und eine Gestalt, die sie wachend und schlafend in ihren Träumen verfolgen; helle, sanfte Blicke sind in sie eingedrungen und haben ihr Leben mit einem wundersamen, seligen Verlangen erfüllt. Die Augen, welche diese Blicke schossen, waren in Wirklichkeit nicht halb so schön wie die Adams, welche sie bisweilen mit einer wehmütigen, flehenden Zärtlichkeit ansahen, aber sie fanden willige Fürsprache an Hettys kleiner, thörichter Einbildung, in deren Kreis die liebevollsten Blicke Adams nie Eingang fanden. Drei Wochen lang wenigstens hatte ihr inneres Leben kaum in etwas anderem bestanden, als in der Erinnerung die Blicke und Worte wieder durchzuleben, welche Arthur an sie gerichtet hatte, – kaum in etwas anderem, als die Empfindungen sich wieder vorzuführen, wie sie seine Stimme draußen vor dem Hause gehört und ihn hereinkommen gesehen hatte und sich bewußt geworden war, daß seine Blicke an ihr hingen, und dann sich bewußt geworden war, daß seine große Gestalt auf sie herabsah mit Augen, die sie zu berühren schienen, und immer dichter und dichter an sie herankam in wunderbaren Kleidern und so süß duftend wie ein Blumenbeet im Hauch des Abendwindes. Thörichte Gedanken, lieber Leser! So ganz verschieden, nicht wahr, von der Liebe, die in unsern Tagen hübsche Kinder von achtzehn Jahren fühlen; aber unsre Geschichte spielt ja, vergeßt das nicht, vor sechzig Jahren, und Hetty war ganz ungebildet, ein einfaches Bauermädchen, für welches ein vornehmer Herr mit einer weißen Hand eine so blendende Erscheinung war wie der olympischen Götter einer. Bis heute hatte sie nie weiter in die Zukunft geblickt, als bis zu dem nächsten Besuch, den Kapitän Donnithorne auf dem Pachthofe machen würde, oder bis zum nächsten Sonntag, wo sie ihn in der Kirche sähe; aber jetzt gingen ihre Gedanken weiter: vielleicht suchte er ihr zu begegnen, wenn sie morgen durch den Park ginge, und wenn er dann mit ihr spräche und sie etwas begleitete, ohne daß jemand dabei wäre, – das hatte sie noch nicht erlebt, und nun ging ihre Einbildungskraft, statt zurück in die Vergangenheit, hastig vorwärts auf morgen: – an welcher Stelle im Park sie ihn wohl auf sich zukommen sähe; wie sie ihr neues Rosaband anstecken wolle, welches er noch gar nicht kenne, und was er wohl sagen würde, damit sie seinen Blick erwidern müsse – einen Blick, o! den sie in der Erinnerung wieder durchleben würde, immer und immer wieder, den ganzen Tag. In diesem Seelenzustande – wie konnte Hetty Mitgefühl haben für Adams Unglück oder viel daran denken, daß der arme, alte Matthis ertrunken sei? Junge Gemüter, in einem so lieblichen Rausch wie der ihrige, nehmen so wenig Anteil an andern wie Schmetterlinge, die Nektar schlürfen; von jeder Möglichkeit des Mitgefühls sind sie geschieden durch eine Schranke von Träumen, durch unsichtbare Blicke und ungreifbare Arme. Während Hettys Hände fleißig Butter kneteten und ihr Kopf voll war von diesen Bildern des kommenden Tages, hatte auch Arthur, als er neben seinem Freunde nach dem Thale des Weidenbaches hinritt, einige unbestimmte Vorgefühle, die auf dem Grunde seiner Seele hin und her wogten, während sein Ohr Irwines Bericht über Dina vernahm; aber so unbestimmt diese Vorgefühle auch sein mochten, sie waren doch stark genug, daß es ihn überkam wie ein Gefühl von Schuld, als ihn der Pastor plötzlich fragte: »Was hat Sie denn heute so in Frau Poysers Milchkammer bezaubert, Arthur? Haben Sie plötzlich eine Leidenschaft für feuchte Wände und Rahmsatten?« Arthur kannte den Rektor zu gut, um einen kleinen Vorwand für ausreichend zu halten, und sagte daher mit gewohnter Offenheit: »Nein, ich wollte mir das hübsche Milchmädchen, die Hetty Sorrel, ansehen. Sie ist eine wahre Hebe, und wenn ich ein Künstler wäre, ich müßte sie malen. Es ist erstaunlich, was für hübsche Mädchen man unter den Pachterstöchtern sieht, während die Männer so plumpe Kerls sind. So 'n gewöhnliches rundes rotes Gesicht, wie man's bisweilen bei den Männern sieht – das ganze Gesicht eine Backe ohne alle Züge wie Martin Poyser sein's – wird bei den Frauen oft das reizendste Antlitz, das sich denken läßt.« »Nun, ich habe nichts dagegen, wenn Sie Hetty vom künstlerischen Gesichtspunkte betrachten, aber daß Sie mir ja nicht ihrer Eitelkeit schmeicheln und dem kleinen Dinge in den Kopf setzen, sie sei eine große Schönheit, der vornehme Herren nachgehen, sonst ist sie für gewöhnliche Leute zur Frau verdorben, für den guten Craig z. B., der ihr, wie ich bemerkt habe, oft schmachtende Blicke zuwirft. Die kleine Katze scheint so schon genug im Kopfe zu haben, um ihren künftigen Mann das Leben so sauer zu machen, wie es nach dem natürlichen Gange der Dinge jeden ruhigen Mann erwartet, der eine Schönheit heiratet. Aber beim Heiraten fällt mir ein, hoffentlich gründet sich unser Freund Adam jetzt seinen eigenen Herd, da sein alter Vater tot ist; in Zukunft braucht er bloß für seine Mutter zu sorgen, und es kommt mir so vor, als spiele da so 'n zartes Verhältnis zwischen ihm und der netten, bescheidnen Marie Burge; wenigstens schließ' ich das aus einer Andeutung, die der alte Meister Jonathan einmal im Gespräch gegen mich fallen ließ. Aber als ich es gegen Adam selbst erwähnte, schien es ihm unangenehm zu sein, und er gab dem Gespräch eine andere Wendung. Vielleicht geht die Geschichte nicht so ganz glatt ab, oder Adam hält sich auch zurück, bis sich seine Lage verbessert. Er hat Unabhängigkeit des Sinnes genug für zwei; sein Stolz ist sogar etwas übertrieben.« »Das wär' 'ne vorzügliche Partie für Adam. Er würde so ganz unvermerkt Burges Nachfolger und machte gewiß etwas tüchtiges aus dem Geschäft, dafür stehe ich. Es wäre mir eine rechte Freude, wenn er sich hier bei uns gut bettete; ich hätte ihn dann gleich als Großvezir bei der Hand, wenn ich einen brauchte. Was würden wir alles zusammen verbessern und wie viel neue Anlagen machen! Ich habe übrigens das Mädchen, so viel ich weiß, nie gesehen, wenigstens habe ich sie nie angesehen.« »Sie können sie sich nächsten Sonntag in der Kirche ansehen; sie sitzt bei ihrem Vater links von der Kanzel. Und, Arthur – Sie brauchen dann auch die Hetty Sorrel nicht so oft anzusehen. Wenn ich mir mal überlegt habe, daß es über meine Kräfte geht, einen Hund, der mir gefällt, zu kaufen, so sehe ich ihn auch nicht weiter an; denn wenn er mich nun gern leiden möchte und mich freundlich ansähe, so könnte der Kampf zwischen Rechnung und Neigung unangenehm hart werden. Ich thue mir auf diese meine Weisheit etwas zu gute, Arthur, und da mir in meinen Jahren das Weisesein leichter wird, so will ich sie Ihnen abtreten.« »Danke freundlich; vielleicht kommt sie mir in Zukunft mal zu passe; für jetzt wüßte ich nicht, daß ich davon Gebrauch machen könnte. Aber sehen Sie nur, wie der Bach ausgetreten ist! Und da sind wir am Fuß des Hügels; wie wär's mit einem kurzen Galopp?« Das ist ein großer Vorteil des Gesprächs beim Reiten: jeden Augenblick kann man's durch einen Trab oder einen Galopp abbrechen, und im Sattel hätte man sich vor Sokrates selbst retten können. Die beiden Freunde waren von jedem Zwange einer weiteren Unterhaltung frei, bis sie an der Hinterthür von Adam Bedes Hütte hielten. Zehnter Abschnitt Dina besucht Lisbeth Um fünf Uhr kam Lisbeth mit einem großen Schlüssel in der Hand die Treppe hinunter; es war der Schlüssel von der Kammer, wo ihr Mann tot lag. Den ganzen Tag war sie nur selten in laute, schmerzliche Klagen ausgebrochen, war beständig in Bewegung gewesen und hatte die Vorbereitungen zum Begräbnis so andächtig und sorgsam getroffen, als wäre es eine gottesdienstliche Handlung. Sie hatte ihren kleinen Vorrat von gebleichtem Leinen hervorgeholt, welches sie seit Jahren für diesen äußersten Fall bereit hielt; es schien ihr wie gestern, jener Tag, seit welchem schon so viele, viele Sommer verstrichen waren: als sie ihrem Matthis gesagt hatte, wo dies Leinen läge, damit er es ja finden und herausnehmen könnte nach ihrem Tode, denn sie war älter als er. Dann hatte sie mit der äußersten Sauberkeit die geweihte Kammer gereinigt und jede Spur des täglichen Lebens daraus entfernt. Das kleine Fenster, welches bisher das kalte Mondlicht wie die warme Morgensonne ungehindert den Schlummer des Arbeitsmannes hatte bescheinen lassen, mußte nun durch ein schneeweißes Laken verdunkelt werden; denn jetzt schlief der Mann den Schlaf, der unter dem nackten Dache des Armen so heilig gilt wie unter den Plafonds reicher Paläste. Selbst einen lang vernachlässigten und unmerklichen Riß in dem bunten Stück von Bettbehang hatte Lisbeth ausgebessert; denn die Augenblicke waren gezählt und kostbar, wo sie dem stillen Leichnam, den sie in allen ihren Gedanken eine Art Bewußtsein zuschrieb, durch kleine Dienste ihre Achtung und Liebe beweisen konnte. Unsre Toten sind nie tot für uns, so lange wir sie nicht vergessen haben; wir können sie noch betrüben und verletzen; sie wissen von unsrem Schmerz und unsrer Trauer, daß ihr Platz nun leer ist, von jedem Kusse, den wir dem kleinsten Zeichen der Erinnerung an sie geben. Und alte Bauerfrauen glauben am allermeisten, daß ihre Toten Bewußtsein haben. An ein anständiges Begräbnis für sich selbst hatte Lisbeth Jahre lang gedacht und dabei die unbestimmte Erwartung gehegt, sie würde es wissen, wenn man sie auf den Kirchhof trüge und ihr Mann mit den Söhnen ihrer Leiche folgte, und nun sah sie es als etwas großes an, daß ihr Matthis vor ihr anständig begraben würde – dort unter dem Weißdornbusch, wo sie einst im Traume sich im Sarge gesehen und dabei doch in das Sonnenlicht geblickt und die weißen Blüten gerochen hatte, die so dicht standen an jenem Sonntag, wo sie nach Adams Geburt ihren Kirchgang hielt. Aber nun war sie mit allem fertig, was heute in der Totenkammer geschehen konnte, und alles hatte sie selbst gethan; nur ihre Söhne hatten ihr etwas dabei geholfen, denn aus dem Dorfe wollte sie bei Leibe keinen haben, und ihr Liebling Dorchen, die alte Haushälterin bei Meister Burge, welche bei der ersten Nachricht von Matthis' Tode hergekommen war, um sie zu trösten, konnte nicht mehr klar aus den Augen sehen und also auch nur wenig helfen. Lisbeth hatte die Thür zugeschlossen und, den Schlüssel noch in der Hand, warf sie sich müde auf einen Stuhl mitten auf dem Flur, wo sie in gewöhnlichen Zeiten sich nie hingesetzt haben würde. Um die Küche hatte sie sich den Tag gar nicht bekümmert; sie war schmutzig von vielen Fußtritten, und Kleider und andere Sachen lagen unordentlich umher. Aber was zu jeder andern Zeit für Lisbeths Ordnungsliebe und Reinlichkeit unerträglich gewesen wäre, das schien ihr jetzt grade in Ordnung; es war ganz recht, daß es auffallend und unordentlich und unglücklich im Hause aussah, nun ihr alter Mann ein so trauriges Ende gefunden hatte: die Küche durfte nicht so aussehen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre. Adam war von der Aufregung und Anstrengung des Tages und der harten Arbeit der vorigen Nacht überwältigt, auf einer Bank in der Werkstatt eingeschlafen, und Seth machte in der kleinen Hinterstube Feuer an, um seiner Mutter eine Tasse Thee zu bereiten. Lisbeth war ganz allein in ihrer Küche. Mit starren Augen blickte sie um sich her auf den Schmutz und die Unordnung, wo die helle Nachmittagssonne traurig hereinschien; es stimmte das zu der traurigen Verwirrung in ihrem Innern – jener Verwirrung, welche die ersten Stunden nach einem plötzlichen Schicksalsschlage bezeichnet. Zu jeder andern Zeit wäre Lisbeths erster Gedanke gewesen »wo ist Adam?« Aber der plötzliche Tod ihres Mannes hatte diesem für jetzt wieder den ersten Platz in ihrem Herzen gegeben, den er vor sechsundzwanzig Jahren einnahm: sie hatte seine Fehler vergessen, wie wir die kleinen Leiden unserer entschwundenen Kindheit vergessen, und dachte nur noch an seine Freundlichkeit in den ersten Jahren ihrer Ehe und an seine Geduld im Alter. So schaute sie mit leeren Blicken um sich, als Seth hereinkam, einige Ordnung machte und den kleinen runden Küchentisch säuberte, um den Thee für seine Mutter darauf zu setzen. »Was schaffst du da?« fragte sie beinahe verdrießlich. »Ich bring' dir 'ne Tasse Thee,« antwortete Seth zärtlich; »die wird dir gut thun, und dann will ich hier ein bißchen aufräumen, damit es etwas freundlicher aussieht.« »Freundlicher aussieht! Wie kannst du nur davon sprechen? Laß es sein, laß es gut sein. Für mich giebt's nichts freundliches mehr,« fuhr sie fort und die Thränen kamen ihr in die Augen, »nun dein armer Vater tot ist, für den ich genäht habe und gewaschen und gekocht dreißig Jahre lang, und immer war er so mit allem zufrieden, was ich für ihn that, und so geschickt war er und that meine Arbeit, wenn ich selbst krank war, und brachte mir alles oben ans Bett, so schön wie's nur sein konnte, und den Jungen, der so schwer war wie zwei andre Kinder, trug er ein paar Stunden weit, ohne zu murren, weil ich meine Schwester besuchen wollte, die Weihnachten darauf starb. Und der ist nun ertrunken in dem Bache, wo wir an unserm Hochzeitstage herübergegangen sind hier nach Hause, und gestorben ist er, und ich war nicht dabei, sondern schlief ruhig in meinem Bett, als wenn's mich nichts anginge. Ach, daß ich das erleben muß – laß mich zufrieden, Kind, laß mich, ich will keinen Thee; es ist mir einerlei, ob ich je wieder esse oder trinke. Wenn eine Brücke an einem Ende einstürzt, warum soll das andere Ende noch stehen bleiben? Am besten, ich sterbe auch und folge meinem Alten. Er hat mich gewiß nötig.« Hier ging Lisbeth von Worten in Klagen und Stöhnen über und wiegte sich auf ihrem Stuhle hin und her. Da Seth seiner Mutter gegenüber immer schon etwas schüchtern war, weil er wohl fühlte, daß er keinen Einfluß auf sie habe, so versuchte er gar nicht, ihr zuzureden oder sie zu beruhigen; er sah ein, das helfe doch nichts, bis dieser Anfall vorüber sei, und ging wieder leise in das Hinterstübchen zurück, wo er seines Vaters Kleider, die seit dem Morgen zum Trocknen aushingen, zusammenlegte und sich sonst zu schaffen machte, immer möglichst geräuschlos, um seine Mutter nicht noch mehr zu reizen. Nachdem Lisbeth einige Minuten laut gestöhnt hatte, hielt sie plötzlich inne und sagte laut zu sich selbst: »Ich muß mich doch nach Adam umsehen, ich weiß gar nicht, wo er hingekommen ist, und er muß mit mir vor Dunkelwerden nach oben gehen; die Minuten, wo wir den Mann noch im Hause haben und ansehen können, gehen hin wie schmelzender Schnee.« Seth hörte das, trat wieder in die Küche zu seiner Mutter und sagte: »Adam schläft in der Werkstatt, Mutter; wecke ihn lieber nicht; er ist ganz angegriffen von aller Arbeit und Trübsal.« »Ihn wecken? Wer will ihn denn wecken? Wenn ich ihn ansehe, davon wacht er doch nicht auf! Ich habe den Jungen ganze zwei Stunden nicht gesehen und weiß beinah' nicht mehr, ob er gewachsen ist, seitdem sein Vater ihn trug.« Adam saß auf einer Bank, den Kopf in die Hand gestützt, sein Oberarm ruhte auf der langen Hobelbank. Es schien, als habe er sich einige Minuten ausruhen wollen und sei sofort fest eingeschlafen in dieser Stellung wehmütigen, abgespannten Nachdenkens. Sein Gesicht, noch ungewaschen, sah blaß und schmutzig aus, das Haar hing ihm wüst um die Stirn, und die geschlossenen Augen waren eingefallen vom Nachtwachen und Leiden. Die Augenbrauen waren zusammengekniffen, und sein ganzes Gesicht trug den Ausdruck der Ermattung und des Schmerzes. Gyp war offenbar besorgt, er saß auf den Hinterbeinen, hatte die Schnauze auf das ausgestreckte Bein seines Herrn gelegt und leckte abwechselnd die regungslos herabhängende Hand und blickte horchend nach der Thür. Das arme Tier war hungrig und unruhig, wollte aber doch seinen Herrn nicht verlassen und wartete ungeduldig auf irgend eine Änderung der Lage. Als nun Lisbeth in die Werkstatt trat und so leise sie konnte auf Adam zuging, wurde ihre Absicht, den Sohn nicht zu wecken, sofort durch den Hund vereitelt; in seiner Aufregung konnte er es nicht lassen, einmal laut zu bellen, und sogleich öffnete Adam die Augen und sah seine Mutter vor sich stehen. Er glaubte noch zu träumen, denn sein Schlaf war kaum etwas anderes gewesen, als daß er, fieberhaft und wüst, alles wieder durchlebte, was seit Tagesanbruch vorgefallen war, und seine Mutter mit ihrem grämlichen Jammer war ihm nicht einen Augenblick aus dem Sinn gekommen. Der Hauptunterschied zwischen der Wirklichkeit und dem Traumbild war, daß ihm im Traume unaufhörlich Hetty leibhaftig entgegentrat und sich seltsam verschlang mit Vorgängen, wobei sie nichts zu thun hatte. Selbst am Weidenbach war sie; sie ärgerte seine Mutter, indem sie ins Haus kam, und als er im Regen nach Treddleston zum Totenbeschauer ging, traf er sie in ganz nassen Kleidern. Aber wo ihm auch Hetty erschien, seine Mutter kam bald dazu, und er war daher gar nicht überrascht, daß sie vor ihm stand, als er die Augen aufschlug. »Ach, mein Sohn, mein Sohn!« brach Lisbeth sofort von neuem schluchzend aus – denn frischer Schmerz fühlt sich gedrungen, seinen Verlust und seine Klagen an jeden neuen Vorgang anzuknüpfen – »jetzt hast du bloß noch deine alte Mutter zur Last und Plage: dein armer Vater wird dich nicht mehr ärgern, und deine Mutter thut auch am besten, ihm zu folgen – je eher je besser; ich bin ja doch zu nichts mehr nutz; ein alter Rock paßt wohl einen andern zu flicken, aber zu was anderm ist er nicht zu gebrauchen. Du nimmst nun gewiß gern 'ne Frau, die für dich kocht und sorgt, und ich bin dann doch bloß 'ne Last und muß in der Ecke sitzen. (Adam drehte und wand sich unbehaglich hin und her; er fürchtete nichts mehr, als seine Mutter von Hetty sprechen zu hören.) Wenn aber dein alter Vater am Leben geblieben wäre, der hätte mich nie zurückgesetzt gegen eine andere; er hätte ja ohne mich so wenig fertig werden können, wie die eine Hälfte der Schere ohne die andere. Ach, wir hätten beide zusammen sterben sollen, dann hätt' ich den heutigen Tag nicht erlebt, und ihr hättet uns zusammen begraben können.« Lisbeth hielt inne, aber Adam saß in schmerzlichem Schweigen: er durfte heute mit seiner Mutter nur zärtlich sprechen, aber dies Klagen mußte ihn doch verdrießen. Die arme Lisbeth konnte unmöglich wissen, wie ihre Worte Adam berührten, konnte das so wenig wissen, wie ein verwundeter Hund weiß, was die Nerven seines Herrn bei seinem Gewimmer leiden. Wie alle Frauen in solchen Fällen, klagte sie in der Erwartung, getröstet zu werden, und als Adam gar nicht antwortete, trieb sie das nur noch bitterlicher zu klagen. »Ich weiß wohl, ohne mich wärst du viel besser dran; dann könntest du gehen, wohin du wolltest und heiraten, wen du wolltest. Aber ich will dir nicht hinderlich sein; bringe ins Haus, wen du willst; ich werde den Mund nicht aufthun, gegen keinen; denn wenn man alt wird und nichts mehr kann, dann mag man wohl von Glück sagen, wenn man zu leben und zu essen hat, wenn man auch manches mit hinunterschlucken muß, was einem nicht schmeckt. Und wenn auch dein Herz an einem Mädchen hängt, das dir nichts zubringt und das deinige noch verschwendet, obschon du's viel besser haben könntest, – ich will doch nichts dagegen sagen, nun Vater tot und ertrunken ist; ich tauge ja nicht mehr, als ein altes Heft, wenn die Klinge weg ist.« »Das konnte Adam nicht länger ertragen; schweigend stand er von der Bank auf und ging aus der Werkstatt in die Küche, aber Lisbeth folgte ihm. Willst du nicht hinaufgehen und Vater noch mal sehen? Ich bin jetzt oben fertig und er freut sich gewiß, wenn du ihn mal ansiehst; er freute sich immer so, wenn du gut zu ihm warst.« Adam wandte sich um und sagte: »Ja, Mutter, laß uns hinaufgehen; komm, Seth, wir gehen zusammen.« Sie gingen hinauf, und die nächsten fünf Minuten war alles still; dann hörte man Fußtritte die Treppe hinunter. Aber Adam blieb oben, er war zu müde und erschöpft, um sich noch dem geschwätzigen Jammer seiner Mutter auszusetzen, und hatte sich zu Bett gelegt. Lisbeth war kaum wieder in der Küche, als sie sich niedersetzte, die Schürze übers Gesicht nahm und wieder zu weinen und zu stöhnen begann und sich hin und her zu wiegen wie vorher. Seth dachte, nun sie oben gewesen seien, würde sie sich wohl allmählich beruhigen, und ging wieder in sein Hinterstübchen, um den Thee bereit zu halten, den zu trinken die Mutter sich nun doch bald entschließen würde. Einige Minuten hatte sich Lisbeth so hin und her geschaukelt und bei jeder Bewegung vornüber ein dumpfes Stöhnen ausgestoßen, da fühlte sie plötzlich wie sich eine Hand sanft auf die ihrige legte, und hörte eine sanfte, feine Stimme sagen: »liebe Schwester, der Herr hat mich gesandt, damit ich nachsehe, ob ich Euch Trost bringen kann.« Lisbeth saß still und horchte, ohne sich die Schürze vom Gesicht zu nehmen. Die Stimme war ihr fremd. War es vielleicht ihrer Schwester Geist, der nach so langen Jahren von den Toten wieder zu ihr kam? Sie zitterte und wagte nicht aufzublicken. Dina glaubte, diese Pause des Erstaunens sei schon an sich eine Erleichterung für die betrübte Frau und sagte zunächst kein Wort, sondern legte ruhig den Hut ab, winkte Seth, der auf den Klang ihrer Stimme mit klopfendem Herzen hereingetreten war, er möge schweigen, und legte ihre Hand hinten aus Lisbeths Stuhl und beugte sich über sie, damit sie merke, es sei ein Freund bei ihr. Langsam nahm Lisbeth die Schürze herunter und schlug schüchtern ihre trüben, dunklen Augen auf. Zuerst sah sie nichts als ein Gesicht, ein feines, blasses Gesicht mit liebevollen, grauen Augen, welches ihr ganz unbekannt war. Ihre Verwunderung stieg: vielleicht war es ein Engel. Aber in demselben Augenblick hatte Dina ihre Hand wieder auf die Lisbeths gelegt, und die alte Frau blickte auf diese Hand hinab. Sie war viel kleiner als ihre eigene, aber nicht weiß und zart, denn Dina hatte nie in ihrem Leben Handschuhe getragen, und man sah ihren Händen an, daß sie von Jugend auf gearbeitet hatte. Lisbeth betrachtete sich die Hand einen Augenblick genau, richtete dann ihren Blick wieder auf Dinas Gesicht und sagte mit etwas mehr Mut, aber noch immer im Tone der Überraschung: »Ei, Ihr seid ja von unserm Stande!« »Ja, ich bin Dina Morris und zu Hause arbeit' ich in der Baumwollenspinnerei.« »Aha!« erwiderte Lisbeth langsam und noch immer verwundert; »Ihr kamt so leise herein wie der Schatten an der Wand und spracht mir ins Ohr, daß ich glaubte, Ihr wärt ein Geist. Ihr habt beinahe ein Gesicht wie der Engel, der auf dem Grabe sitzt in Adam seiner neuen Bibel.« »Ich komme vom Pachthof. Ihr kennt doch Frau Poyser; sie ist meine Tante und hat mit rechter Betrübnis von Eurem großen Unglück gehört, und ich bin gekommen, um zu sehen, ob ich Euch in Eurer Not beistehen kann; denn ich kenne Eure Söhne Adam und Seth und weiß, daß Ihr keine Tochter habt, und als mir Pastor Irwine erzählte, wie schwer die Hand des Herrn auf Euch liegt, da zog mich das Herz zu Euch, und ich fühlte mich getrieben vom Geiste, herzukommen und Euch in diesem Schmerz eine Tochter zu sein, wenn Ihr mir das erlauben wollt.« »O, jetzt weiß ich, wer Ihr seid; Ihr gehört zu den Methodisten, wie Seth; er hat mir von Euch erzählt,« sagte Lisbeth unmutig, denn nun, wo das Erstaunen vorüber war, überwältigte sie wieder das Gefühl des Schmerzes. »Ihr werdet auch sagen, diese Trübsal sei etwas Gutes, wie er immer sagt. Aber was hilft es, wenn Ihr mir das vorredet? Mit Eurem Sprechen könnt Ihr meine Wunden nicht heilen. Ihr werdet mich doch nicht überreden, es sei besser für mich, daß mein Alter nicht in seinem Bette starb, wenn er mal sterben mußte, wo der Pastor mit ihm beten und ich bei ihm sitzen und ihm sagen konnte, er solle nicht gedenken der bösen Worte, die ich ihm bisweilen gab, wenn ich ärgerlich war, und ihn erquicken konnte mit Speise und Trank, so lange er noch schlucken konnte. Aber so! Du mein Gott! Umzukommen im kalten Wasser und wir nahe dabei, und wußten doch nichts davon, und ich im Schlaf, als ginge er mich nicht mehr an, als ein Bettler und Herumtreiber, der keine Heimat hat!« Wieder begann Lisbeth zu weinen und sich auf ihrem Stuhle hin und her zu bewegen, und Dina antwortete: »Ja, liebe Freundin, Eure Trübsal ist groß. Es wäre Herzenshärtigkeit zu behaupten, Ihr hättet nicht schwer daran zu tragen. Gott hat mich nicht hergeschickt, daß ich es leicht nähme mit Eurer Not, sondern daß ich mit Euch trauerte, wenn Ihr es mir gestatten wollt. Hättet Ihr ein frohes Mahl bereitet und wäret vergnügt mit Euren Freunden, so hieltet Ihr es wohl für eine Freundlichkeit, wenn Ihr mich hereinkommen und Platz nehmen und mit Euch fröhlich sein ließet, denn ihr würdet glauben, ich hätte gern was mit von diesen guten Dingen; aber ich nehme wahrlich lieber teil an Eurer Trübsal und Not, und mir wäre es härter, wenn Ihr mir das verweigertet. Ihr schickt mich doch nicht fort? Ihr seid doch nicht böse, daß ich gekommen bin?« »Nein, nein; böse?! Wer sagt denn, ich sei böse? Es ist freundlich von Euch, daß Ihr hergekommen seid. Und du, Seth, warum machst du nicht Thee für sie? Du hattest es so eilig, welchen für mich zu machen, ohne daß ich's bedurfte, aber für Leute, die es nötig haben, da denkst du nicht dran. Setzt Euch doch, setzt Euch. Ich danke Euch freundlich für Euren Besuch; Ihr werdet nicht viel davon haben, daß Ihr durch die nassen Felder herkommt wegen so 'ner alten Frau... Nein, eine Tochter hab' ich nicht, habe nie eine gehabt und bin auch nicht unglücklich darüber gewesen; es sind arme, schwache Geschöpfe die Mädchen; ich habe mir immer Jungens gewünscht, die für sich selbst sorgen können. Und die Bursche verheiraten sich ja auch; ich bekomme noch Töchter genug, vielleicht mehr als genug. Aber nun macht Euch den Thee selbst, wie Ihr ihn gern trinkt, denn ich habe heute keinen Geschmack im Munde, es ist mir ganz einerlei, was ich trinke; es hat alles einen bittern Beigeschmack.« Dina hütete sich wohl zu sagen, sie hätte schon ihren Thee gehabt; sie nahm Lisbeths Einladung sehr willig an, um desto eher die alte Frau zu überreden, daß sie selbst Speise und Trank zu sich nähme, deren sie nach der harten Arbeit und dem langen Fasten bedurfte. Seth war über Dinas Besuch so glücklich, daß er unwillkürlich dachte, ihre Nähe verdiene mit einem Leben erkauft zu werden, in welchem Kummer auf Kummer unaufhörlich folge; aber schon im nächsten Augenblick machte er sich Vorwürfe; es kam ihm vor, als freue er sich über den traurigen Tod seines Vaters. Indes die Freude über Dinas Nähe behauptete ihr Recht und mußte es behaupten: sie war wie der Einfluß von Luft und Klima, dem nichts wiederstehen kann. Die Empfindung war ihm sogar im Gesicht so deutlich zu lesen, daß seine Mutter darauf aufmerksam wurde und beim Theetrinken bemerkte: »Du hast wohl recht zu sagen, Trübsal sei gut für uns, Seth, denn du gedeihst dabei. Du siehst aus, als wüßtest du von Kummer und Sorge so wenig, wie damals, wo du als Kind wach in der Wiege lagst. Ja, du lagst immer still mit offenen Augen, und Adam wollte keine Minute still liegen, wenn er erst aufgewacht war. Du warst immer wie ein Beutel mit Mehl, immer glatt, grade wie dein armer Vater. Aber Ihr habt auch denselben Ausdruck,« wandte sich Lisbeth an Dina. »Das kommt wohl daher, daß Ihr beide zu den Methodisten gehört. Ich tadle Euch deshalb nicht; warum solltet Ihr mißmutig sein? und doch, ein bißchen traurig seht Ihr auch aus. Je nun, wenn die Methodisten gern in Not sind, denn kann ja Rat werden; es ist nur schade, daß sie nicht alle Trübsal auf sich nehmen und denen abnehmen können, die nicht so viel Gefallen daran finden. Ich für mein Teil hätte viel übrig gehabt; als mein Alter noch lebte, mußte ich mich plagen von früh bis spät, und nun er mir genommen ist, wär' ich glücklich, wenn ich wieder alles von vorne durchmachen könnte.« Dina hütete sich wohl, Lisbeths Gefühl irgendwie zu widersprechen; daß sie sich bei den kleinsten Worten und Handlungen auf eine göttliche Führung verließ, gab ihr stets jenen feinen Takt der Frauen, der auf zartem und regem Mitgefühl beruht. »Ja wohl,« antwortete sie, »das pflegt so zu sein; ich erinnere mich selbst, wie mich nach dem Tode meiner Tante sehnsüchtig verlangte, nachts ihren bösen Husten wiederzuhören, statt der Stille, die mich nun in der Einsamkeit umgab. Aber, liebe Freundin, Ihr müßt noch 'ne Tasse Thee trinken und etwas mehr essen.« »Wie?« fragte Lisbeth, indem sie die Tasse nahm und schon weniger verdrießlich wurde, »hattet Ihr denn nicht Vater oder Mutter, daß Ihr so trauertet um Eure Tante?« »Nein, ich habe Vater und Mutter nie gekannt; meine Tante nahm mich schon als ganz kleines Kind zu sich. Sie hatte selbst keine Kinder, da sie nie verheiratet war, und erzog mich mit so viel Liebe, als war' ich ihr eigenes Kind gewesen.« »Nun, da hat sie gewiß ihre liebe Not mit Euch gehabt, wenn Ihr noch so klein wart und sie ganz allein stand. Aber Ihr wart wohl auch kein wildes Kind; Ihr seht ja aus, als wärt Ihr in Eurem ganzen Leben nicht böse gewesen. Aber was fingt Ihr denn an, als Eure Tante tot war, und warum kamt Ihr nicht hierher, da Frau Poyser ja auch Eure Tante ist?« Dina merkte, daß Lisbeths Aufmerksamkeit angeregt sei, und erzählte ihr nun die Geschichte ihres früheren Lebens, – wie sie von Jugend auf an schwere Arbeit gewöhnt sei, was für ein Ort Snowfield sei und wie viele Leute sich dort mühsam ernährten, kurz alles, wovon sie glaubte, daß es Lisbeth interessierte. Die alte Frau hörte zu und verlor unter dem milden Einfluß von Dinas Gesicht und Stimme ganz unvermerkt ihren Mißmut. Nach einiger Zeit ließ sie sich auch überreden, daß die Küche in Ordnung gebracht werden durfte; denn Dina hielt darauf, weil sie glaubte, das Gefühl der Ordnung und Ruhe um sie her würde Lisbeth günstig stimmen helfen für das Gebet, welches sie mit ihr zu Gott zu erheben sich sehnte. Seth machte sich draußen zu thun und ließ sie allein, weil er merkte, Dina wünsche es so. Lisbeth saß und sah ihr zu, wie sie nach ihrer Art ruhig und schnell in der Küche geschäftig war, und sagte endlich: »Ihr versteht wirklich, was Aufräumen heißt, das muß man Euch lassen. Wenn Ihr meine Tochter sein könntet, das wäre mir schon recht: Ihr würdet nicht für schöne Kleider verschwenden, was meine Söhne verdienen. Ihr seid gar nicht wie die Mädchen hier bei uns. Die Leute in Snowfield sind ganz anders, scheint es, als hier herum.« »Eine andere Lebensweise haben wohl viele da drüben,« antwortete Dina; »ihre Geschäfte sind sehr verschieden, einige arbeiten in der Spinnerei, andere in den umliegenden Gruben und Bergwerken. Aber das Herz des Menschen ist überall dasselbe, und Kinder dieser Welt und Kinder des Lichts giebt es dort so gut wie anderswo. Aber wir haben viel mehr Methodisten da als in dieser Gegend.« »Nun, ich glaubte nicht, die Methodistenfrauen wären wie Ihr; da ist Willem Maskery seine Frau, eine große Methodistin, wie es heißt, die ist nicht nett anzusehen, gar nicht; ich sähe eben so gern eine Kröte. Und hört mal, es wäre mir ganz recht, wenn Ihr heute Nacht hier bliebet und hier schliefet; ich möchte Euch gern morgen früh im Hause haben. Aber Poysers erwarten Euch wohl heute abend zurück?« »Nein,« antwortete Dina, »sie erwarten mich nicht, und wenn Ihr's erlaubt, will ich gerne hier bleiben.« »Schön, und Platz haben wir auch; ich habe mir oben in der kleinen Hinterkammer mein Bett gemacht, da könnt Ihr bei mir schlafen. Ich hätte Euch so gern bei mir, um in der Nacht mit Euch zu sprechen; Ihr habt so 'ne hübsche Art zu reden; sie erinnert mich an die Schwalben, die letztes Jahr unter dem Strohdache nisteten, wenn sie des Morgens zuerst so leise und sanft anfingen zu singen. Ach, was mochte mein Alter die Vögel gern! Und Adam auch, aber dies Jahr sind sie nicht wiedergekommen. Vielleicht sind sie auch tot.« »Da!« sagte Dina, »jetzt sieht die Küche wieder ordentlich aus, und nun, liebe Mutter – denn heute Nacht bin ich Eure Tochter, wißt Ihr – thut mir den Gefallen und wascht Euch das Gesicht und setzt 'ne reine Haube auf. Erinnert Ihr Euch, was David that, als Gott ihm sein Kind genommen hatte? So lange das Kind noch lebte, fastete er und betete zu Gott, daß er's am Leben ließe, und wollte weder essen noch trinken, sondern lag die ganze Nacht auf der Erde und betete zu Gott um sein Kind. Aber als er hörte, es sei tot, da stand er von der Erde auf und wusch sich und salbte sich und that frische Kleider an und aß und trank; und als sie ihn fragten, wie das komme, daß er aufhöre zu trauern, da das Kind tot sei, da sprach er: »Um das Kind fastete ich und weinte, da es lebte; denn ich gedachte: wer weiß ob mir der Herr gnädig wird, daß das Kind lebendig bleibe. Nun es aber tot ist, was soll ich fasten? kann ich es auch wiederum holen? Ich werde wohl zu ihm fahren, es kommt aber nicht wieder zu mir.« »Ja, das ist ein wahres Wort,« sagte Lisbeth. »Ja, mein Alter kommt auch nicht wieder zu mir, aber ich werde zu ihm fahren – je eher, je besser. Nun, Kind, mache mit mir was du willst: da in der Schublade ist eine reine Haube, und ich will mir in der Kammer das Gesicht waschen. Und du, Seth, gieb uns Adam seine neue Bibel herunter mit den Bildern; Dina soll uns was vorlesen. Ja, ja, das höre ich gern: ich werde zu ihm fahren, aber er kommt nicht wieder zu mir.« Dina und Seth dankten Gott in ihrem Herzen für die größere Ruhe, die über Lisbeth gekommen war. Das war es, was Dina mit ihrer Teilnahme und zugleich ihrer Enthaltung von jedem tröstenden Zuspruch bezweckt hatte. Von früh auf hatte sie viel Erfahrung gehabt unter den Kranken und Leidtragenden, unter Menschen, deren Sinn durch Armut und Unwissenheit verhärtet war, und hatte so das feinste Gefühl gewonnen, wie man sie am besten behandle und erweiche und empfänglich mache für die Worte geistlichen Trostes oder geistlicher Nahrung. Sie pflegte zu sagen, sie sei nie sich selbst überlassen, sondern es werde ihr immer von oben gegeben, wann sie schweigen und wann sprechen müsse. Und stimmen wir nicht alle darin überein, rasche Gedanken und edle Impulse Eingebung oder Inspiration zu nennen? Untersuchen wir die geistigen Vorgänge noch so genau, wir müssen doch mit Dina sagen, daß unsere höchsten Gedanken und unsere besten Thaten lauter Eingebung sind. Ernstes Gebet, Glaube, Liebe und Hoffnung strömten den Abend in der kleinen Küche aus. Und ohne grade einen bestimmten Gedanken zu erfassen, ohne viele religiöse Empfindungen durchzumachen, hatte die arme, alte, mißmutige Lisbeth ein allgemeines Gefühl von Güte und Liebe und empfand, daß Gerechtigkeit diesem Leben zu Grunde liege und darüber walte. Sie konnte ihren Schmerz noch nicht fassen, aber unter dem milden Einflusse von Dinas Geist fühlte sie in jenen Augenblicken, sie müsse geduldig und still sein. Elfter Abschnitt. In der Hütte. Am andern Morgen war Dina um vier Uhr schon wach und hörte die Vögel singen und beobachtete durch das kleine Fenster ihres Dachkämmerchens den wachsenden Lichtschein; endlich konnte sie es nicht länger aushalten, stand auf und kleidete sich recht leise an, um Lisbeth nicht zu stören. Aber schon rührte sich jemand anders im Hause und ging mit Gyp die Treppe hinunter. Der geräuschvolle Tritt des Hundes war ein sicherer Beweis, daß Adam es war, der hinunterging, aber Dina wußte das nicht und glaubte um so mehr, es sei Seth, als sie gehört hatte, Adam habe die ganze Nacht vorher gearbeitet. Seth war indes noch nicht unten, sondern eben erst aufgewacht. Die Aufregung des vorigen Tages, durch Dinas unerwarteten Besuch noch erhöht, hatte bei ihm kein Gegengewicht an körperlicher Ermüdung, da er nicht sein gewöhnliches Maß von schwerer Arbeit gehabt hatte, und er mußte sich erst Stunden lang wach im Bett herumwälzen, ehe er schläfrig wurde, und erst gegen Morgen war er in einen schweren bleiernen Schlaf gesunken. Aber Adam war durch die lange Ruhe erfrischt, und mit seiner gewohnten Abneigung gegen alle Unthätigkeit drängte es ihn nun, den neuen Tag zu beginnen und durch seinen starken Willen und starken Arm die Trauer zu überwinden. Der weiße Nebel lag im Thale; es versprach ein schöner warmer Tag zu werden, und nach dem Frühstück wollte er gleich wieder an die Arbeit. »Alles in der Welt ist zu ertragen, so lange der Mensch arbeiten kann,« sprach er zu sich selbst; »die Natur der Dinge ändert sich nicht, wenn auch das Leben nichts anders zu sein scheint als ein steter Wechsel. Das Quadrat von vier ist sechzehn, die Länge des Hebels steht im Verhältnis zur Last – das ist so gut wahr, wenn's einem schlecht geht, als wenn's einem gut geht, und das beste an der Arbeit ist, sie bringt uns Dinge in Hand und Herz, die mit unserm Schicksal nichts zu thun haben.« Er stürzte sich das kalte Wasser über das Gesicht und war nun wieder ganz er selbst; die schwarzen Augen so klar wie je und das dicke schwarze Haar noch glänzend von der frischen Feuchtigkeit, ging er in die Werkstatt, um das Holz zu des Vaters Sarge auszusuchen; er und Seth, dachte er, wollten es dann zu Meister Burge mitnehmen und den Sarg da von einem Arbeiter machen lassen, damit die Mutter das traurige Geschäft nicht im Hause sehe und höre. Er war grade in die Werkstatt getreten, als sein scharfes Ohr einen leichten, raschen Gang auf der Treppe hörte – sicher nicht seiner Mutter Gang. Er hatte schon im Bette gelegen und geschlafen, als Dina des Abends gekommen war, und verwunderte sich nun, wer da wohl gehen möge. Ein thörichter Gedanke kam ihm und regte ihn sonderbar auf. Als ob es Hetty sein könnte! Sie war gewiß die letzte, die zum Besuch her käme. Und doch hatte er keine Lust nachzusehen und sich den klaren Beweis zu verschaffen, es sei jemand anders. Er lehnte sich an ein Brett, das er von der Wand genommen hatte, und lauschte auf Töne, denen seine Einbildungskraft eine so liebliche Deutung gab, daß das strenge, scharfe Gesicht ein Anhauch von schüchterner Zärtlichkeit überflog. Der leichte Schritt bewegte sich in der Küche umher, dann ließ sich der Kehrbesen hören, der kaum so viel Geräusch machte, wie das Spiel des Abendwindes in den herbstlichen Blättern den staubigen Pfad entlang, und Adams Einbildungskraft zeigte ihm ein hübsches Gesicht mit Grübchen, das mit schönen dunklen Augen und schelmischem Lächeln nach dem Besen zurückblickte, und eine zierliche Gestalt, die sich ein ganz klein wenig neigte, um den Stiel fester zu halten. Ein recht thörichter Gedanke – Hetty konnte es ja nicht sein, aber um sich den Unsinn aus dem Kopfe zu treiben, gab es nur den einzigen Weg, nachzusehen, wer es denn wirklich sei; so lange er stehen blieb und horchte, redete er sich immer tiefer und tiefer in seine Vorstellung hinein. Er ließ das Brett los und trat in die Küchenthür. »Wie geht es Euch, Adam Bede?« redete ihn Dina mit ihrer ruhigen Stimme an, indem sie mit dem Fegen einhielt und ihre sanften, ernsten Augen auf ihn richtete. »Ich hoffe, Ihr fühlt Euch gekräftigt und seid wieder stark genug, die Last und Hitze des Tages zu tragen.« Das hieß vom Sonnenschein träumen und im Mondschein erwachen. Adam hatte Dina mehrmals gesehen, aber immer auf dem Pachthof, wo er auf jedes andere Mädchen außer Hetty nicht besonders achtete, und daß Seth in sie verliebt sei, hatte er erst in den letzten ein oder zwei Tagen angefangen zu vermuten; seine Aufmerksamkeit war also bisher auch nicht seines Bruders wegen auf sie hingezogen worden. Aber nun wirkte der Eindruck ihrer schlanken Gestalt, ihres einfachen, schwarzen Kleides und ihres blassen, heitern Gesichtes auf ihn mit all der Kraft, welche die Wirklichkeit einer vorgefaßten Einbildung gegenüber besitzt. Er gab ihr zuerst gar keine Antwort, sondern betrachtete sie nur mit dem scharfen, prüfenden Blick eines Mannes, der sich plötzlich für etwas interessiert. Zum erstenmal in ihrem Leben fuhr Dina peinlich ergriffen zusammen; in dem dunkeln, durchdringenden Blick dieses kräftigen Mannes war etwas so ganz verschiedenes von der Sanftheit und Schüchternheit seines Bruders Seth. Sie errötete leicht und errötete noch mehr, indem sie sich darüber verwunderte. Dieses Erröten brachte Adam wieder zu sich. »Ihr habt mich ganz überrascht; es ist so freundlich von Euch, daß Ihr Mutter in ihrer Trübsal besucht,« sagte er mit sanftem Ton und einem Ausdruck von Dankbarkeit, denn sein rascher Verstand sagte ihm sofort, warum sie gekommen sei, »und«, fügte er hinzu, »hoffentlich ist meine Mutter Euch auch dankbar dafür gewesen;« denn er war etwas besorgt, welche Aufnahme sie wohl gefunden hätte. »Ja wohl,« antwortete Dina, indem sie mit ihrer Arbeit fortfuhr; »als ich erst einige Zeit hier war, schien sie recht getröstet, und diese Nacht hat sie doch viel geschlafen; sie schlief ganz fest, als ich herunterkam.« »Wer hat Euch denn die Nachricht auf den Pachthof gebracht?« fragte Adam, dessen Gedanken immer wieder auf den einen Punkt zurückkehrten; er war begierig, ob sie wohl etwas dabei empfunden hätte. »Pastor Irwine sagte es mir, und meine Tante war Eurer Mutter wegen sehr bekümmert, als sie es hörte, und hieß mich hergehen, und mein Onkel wird gewiß auch recht betrübt sein, wenn er es hört; er war gestern den ganzen Tag fort nach Rosseter. Ihr werdet bei Poysers erwartet, sobald Ihr nur Zeit habt; da ist niemand, der Euch nicht gern sähe.« In ihrer liebevollen Ahnung wußte Dina recht gut, daß Adam begierig war zu hören, ob Hetty über den Trauerfall etwas gesagt habe; zu einer freundlichen Erfindung von zu strenger Wahrheitsliebe, hatte sie es doch fertig gebracht, etwas zu sagen, worin Hetty schweigend einbegriffen war. Die Liebe hat eine Art, sich selbst mit Bewußtsein zu täuschen, wie ein Kind, das mit sich selbst Verstecken spielt; sie freut sich über Versicherungen, an die sie doch zugleich nicht glaubt. Adam freute sich über Dinas Worte so sehr, daß sein Geist sofort voll war von dem nächsten Besuche auf dem Pachthof, wo Hetty vielleicht freundlicher gegen ihn sein würde als je zuvor. »Aber Ihr selbst werdet nicht mehr lange auf dem Pachthof bleiben,« sagte er zu Dina. »Nein, ich gehe am Sonnabend nach Snowfield zurück, und ich muß früh aufbrechen nach Treddleston, um den Boten nach Oakbourne nicht zu versäumen. Darum muß ich heute abend auf den Pachthof zurück, damit ich noch den letzten Tag mit der Tante und den Kindern zusammen bin. Aber den Tag über kann ich hier bleiben, wenn Eure Mutter mich behalten will, und gestern abend schien sich ihr Herz mir zuzuwenden.« »O, dann wird sie Euch gewiß gern behalten. Wen Mutter gleich zu Anfang leiden mag, den behält sie nachher recht lieb; aber sie hat eine ganz kuriose Abneigung gegen junge Mädchen. Freilich,« fügte er lächelnd hinzu, »wenn sie auch sonst junge Mädchen nicht leiden mag, so ist das noch kein Grund, daß sie Euch nicht gern haben sollte.« Bisher hatte Gyp dieser Unterhaltung in regungslosem Schweigen beigewohnt; auf den Hinterbeinen sitzend, hatte er abwechselnd seinem Herrn ins Gesicht gesehen und dessen Ausdruck beobachtet und wieder Dinas Bewegungen in der Küche umher verfolgt. Das freundliche Lächeln, womit Adam die letzten Worte begleitete, war offenbar für Gyp entscheidend; er wußte nun, was er von der Fremden zu halten habe, und als sie ihren Besen beiseite stellte und sich umdrehte, trabte er auf sie zu und legte seinen Kopf freundlich an ihre Hand. »Gyp heißt Euch willkommen, seht Ihr!« sagte Adam, »und sonst beeilt er sich bei Fremden nicht damit.« »Guter Hund,« sagte Dina und streichelte ihm das rauhe Fell; »ich habe immer ein sonderbares Gefühl bei den stummen Tieren, als ob sie sprechen wollten und sich ängstigten, daß sie es nicht können. Aber wir selbst mit allen unsern Worten können ja nicht einmal zur Hälfte sagen, was wir empfinden.« Nun kam Seth herunter und freute sich, Adam mit Dina im Gespräch zu finden; so konnte sich der Bruder überzeugen, wie viel besser sie sei als alle andern Mädchen. Aber nach kurzer Begrüßung zog ihn Adam in die Werkstatt, um wegen des Sarges zu verhandeln, und Dina fuhr fort, die Küche in Stand zu setzen. Um sechs Uhr waren sie alle mit Lisbeth am Frühstück, und die Küche so rein, wie die Mutter nur selbst sie hätte machen können. Fenster und Thür standen offen, und der Morgenwind wehte aus dem kleinen Gärtchen neben der Hütte den Duft von Thymian und Rosen herein. Dina setzte sich nicht gleich mit an den Tisch, sondern ging umher und trug den andern die warme Suppe und das geröstete Gerstenbrot auf; sie hatte sich von Seth genau sagen lassen, wie die Mutter das Frühstück machte, und hatte es nun ebenso bereitet. Lisbeth war zuerst ungewöhnlich still; offenbar bedurfte sie etwas Zeit, um sich an einen Zustand der Dinge zu gewöhnen, wo sie beim Aufstehen die erste Arbeit schon gethan fand und sich aufwarten ließ ganz wie eine Dame. Vor diesen neuen Eindrücken schien die Erinnerung an ihren Kummer zurückzutreten. Endlich, nachdem sie die Suppe gekostet, brach sie das Schweigen. »Die Suppe könnte schlechter sein,« sagte sie zu Dina; »ich kann sie essen, ohne daß sich mir der Magen umdreht. Vielleicht könnte sie eine Kleinigkeit dicker sein, das würde nichts schaden, und ich thue immer etwas Pfeffermünze hinein; aber wie sollt'st du das wissen? Die Jungens werden so leicht keine finden, die ihnen ihre Suppe so kocht wie ich; es ist schon viel, wenn sie jemand finden, der ihnen überhaupt Suppe kocht. Aber du könnest es, wenn ich's dir noch ein bißchen zeigte; du bist des Morgens früh auf und bist leicht auf den Füßen und hast das Haus ganz gut rein gemacht – für den Notbehelf ganz gut.« »Notbehelf, Mutter?« rief Adam; »wirklich, ich finde, das Haus sieht ordentlich schön aus; ich wüßte nicht, wie es besser aussehen könnte.« »Natürlich weißt du das nicht; woher sollt'st du's auch wissen? Die Mannsleute wissen nie, ob ein Flur gründlich gescheuert ist oder nur so obenhin. Aber lernen wirst du es schon, wenn du erst die Suppe verbrannt bekommst, was wohl nicht lange dauern wird, wenn ich sie dir nicht mehr mache. Ja, dann wirst du schon einsehen, daß deine Mutter doch zu was gut war.« »Dina!« sagte Seth, »aber nun müßt Ihr Euch auch setzen und frühstücken. Wir haben jetzt alles.« »Ja, ja, Kind, setz' dich,« sagte Lisbeth, »und iß etwas; du bist ja schon anderthalb Stunden auf und hast es nötig,« und als Dina sich neben sie setzte, fügte sie mit zärtlich klagendem Tone hinzu: »Ich lasse dich ungern gehen, aber du kannst wohl nicht viel länger bleiben, dünkt mich. Mit dir könnte ich es schon in einem Hause aushalten, viel eher als mit mancher andern.« »Ich will bis heute abend bleiben, wenn's Euch recht ist,« sagte Dina, »und bliebe wohl noch länger, aber am Sonnabend geh' ich nach Snowfield zurück und morgen muß ich noch bei meiner Tante sein.« »O, in die Gegend ginge ich nicht wieder zurück. Mein Alter war von da drüben, aus Stonyshire, aber schon in jungen Jahren zog er hierher, und daran that er ganz recht; er sagte, es gäbe da gar kein Holz, und das ist doch für 'nen Zimmermann eine böse Geschichte.« »Ja wohl,« sagte Adam; »ich weiß noch, daß ich Vater als kleiner Junge sagen hörte, wenn er jemals von hier fortzöge, dann müsse es weiter nach Süden sein. Aber ich weiß doch nicht recht. Barthel Massey sagt – und der ist im Süden bekannt – die Leute hier im Norden wären ein hübscherer Schlag Menschen als im Süden, stärker an Kopf und kräftiger am Leibe und ein gut Teil größer. Und er sagt auch, im Süden sei es in manchen Gegenden so eben wie meine flache Hand, und wenn man sich umsehen wolle, müsse man auf einen Baum klettern. Das könnte ich nicht aushalten: wenn ich an die Arbeit gehe, dann gehe ich gern einen Hügel hinauf und sehe die Felder umher stundenweit und eine Brücke und ein Städtchen und hier und da einen Kirchturm. Man fühlt dann, daß die Welt groß ist und daß noch andere Leute mit Kopf und Hand drin arbeiten. »Ich habe die Hügel am liebsten,« sagte Seth, »wenn die Wolken über einem hinziehen, und man die Sonne so weit, weit weg scheinen sieht, da nach Loamford hinüber, wie ich in der letzten Zeit an den Regentagen oft gethan habe; mich will bedünken, als wenn das der Himmel wäre, wo immer Freude ist und Sonnenschein, wenn auch das Leben dunkel und umwölkt ist.« »O, ich liebe unser Stonyshire,« sagte Dina; »ich zöge nicht gern nach einer Gegend, wo Korn und Vieh im Überfluß ist und der Boden so eben und bequem zum Gehen, und kehrte nicht gern den Hügeln den Rücken, wo die armen Leute ein so hartes Leben führen und die Männer bei Tage in den Gruben arbeiten, wo die Sonne nicht hineinscheint. Es ist ein solcher Segen, an einem traurigen, kalten Tage, wenn der Himmel dunkel über den Hügeln hängt, die Liebe Gottes im Herzen zu fühlen und sie in die einsamen, kahlen, steinernen Hütten zu tragen, wo die Menschen sonst nichts haben sich zu freuen.« »Ja,« sagte Lisbeth, »du magst wohl so reden; du siehst aus wie so 'n Schneeglöckchen, die sich manchen lieben Tag halten, wenn man ihnen bloß 'nen Tropfen Wasser und ein bißchen Tageslicht giebt; aber die hungrigen Leute sollten doch wegziehen aus der hungrigen Gegend; das bißchen Brot ginge dann in weniger Teile. Aber,« fuhr sie fort und sah Adam an, »sprich du mir nicht vom Wegziehen, nach Süden oder Norden, du darfst Vater und Mutter auf dem Kirchhof nicht allein lassen und in eine Gegend ziehen, die wir gar nicht kennen. Ich bleibe nicht in meinem Grabe, wenn ich dich nicht jeden Sonntag über den Kirchhof gehen sehe.« »Sei unbesorgt, Mutter,« erwiderte Adam; »hätt' ich nicht den Entschluß gefaßt, hier zu bleiben, so wäre ich längst fort.« Er hatte sein Frühstück beendet und erhob sich bei diesen Worten. »Wo willst du denn jetzt hin?« fragte Lisbeth; an Vater seinen Sarg?« »Nein, Mutter,« erwiderte Adam; »wir wollen die Bretter ins Dorf bringen und den Sarg da machen lassen.« »Nein, mein Junge, nein!« brach Lisbeth heftig jammernd aus, »du wirst doch keinen andern den Sarg für Vater machen lassen? Kann das einer so gut wie du selbst? Und er verstand sich ja auf gute Arbeit und hat einen Sohn, der so geschickt ist, wie kein andrer im Dorfe und in Treddleston auch nicht.« »Nun gut, Mutter; wenn du es wünschst, so will ich den Sarg hier machen, aber ich glaubte, du würdest die Arbeit nicht gern im Hause hören.« »Und warum sollt' ich es nicht gerne hören? Es ist doch so in der Ordnung. Und ob ich es mag oder nicht, was hat das damit zu schaffen? Ich habe auf dieser Welt doch nichts andres, als was ich nicht mag; wenn im Munde mal kein Geschmack ist, dann ist ein Bissen so gut und so schlecht wie der andre. Du kannst nur gleich diesen Morgen drangehen; es soll mir keiner den Sarg anrühren als du.« Seth blickte von Dina bedeutungsvoll zu Adam hinüber; Adam verstand ihn. »Nein, Mutter,« sagte er; »Seth muß auch mit Hand anlegen, wenn der Sarg im Hause gemacht werden soll. Ich will den Vormittag ins Dorf gehen, weil Meister Burge mir was zu sagen hat, und Seth soll zu Hause bleiben und den Sarg anfangen. Ich kann auf Mittag zurück sein und dann mag er gehen.« Aber Lisbeth bestand auf ihrem Willen, fing wieder an zu weinen und sagte: »Nein, nein! ich habe mein Herz drauf gesetzt, daß du den Sarg für Vater machen sollst. Du bist so störrisch und eigensinnig und willst nie thun, was deine Mutter wünscht. Du warst oft ärgerlich gegen deinen Vater, als er noch lebte, und mußt jetzt um so besser gegen ihn sein, da er tot ist. Daß Seth ihm seinen Sarg macht, darum hätt' er nichts gegeben.« »Laß es gut sein, Adam, ich bitte dich,« sagte Seth sanft, obwohl man ihm anhörte, daß es ihm schwer wurde zu sprechen; »laß es gut sein, Mutter hat recht. Ich will an die Arbeit gehen, bleib' du zu Haus.« Er ging sofort hinaus in die Werkstatt, Adam folgte ihm. Aus alter Gewohnheit machte sich Lisbeth wieder ans Aufräumen, als wolle sie sich nicht länger von Dina vertreten lassen. Dina sagte nichts, sondern benutzte sogleich die Gelegenheit, ruhig zu den Brüdern in die Werkstatt zu gehen. Sie hatten sich schon das Schurzfell vorgebunden und die Arbeitsmützen aufgesetzt, und Adam hatte seine linke Hand dem Bruder auf die Schulter gelegt, während er mit dem Hammer in seiner Rechten auf einige Bretter zeigte, die sie sich ansahen. Sie standen mit dem Rücken gegen die Thür, und Dina trat so leise ein, daß sie von ihrer Anwesenheit nichts merkten, bis sie den Ton ihrer Stimme hörten; »Seth Bede!« sagte sie. Seth fuhr zusammen, und beide Brüder wandten sich um. Dina that, als sähe sie Adam gar nicht, und blickte Seth fest ins Gesicht, indem sie mit ruhiger Freundlichkeit sagte: »Ich nehme noch keinen Abschied von Euch; ich sehe Euch noch, wenn Ihr von der Arbeit zurückkommt. Wenn ich nur vor Dunkelwerden bei der Tante bin, dann ist es früh genug.« »Ich danke Euch, Dina; ich würde Euch gern wieder nach Haus begleiten, es ist vielleicht das letzte Mal« – und seine Stimme zitterte. Dina reichte ihm die Hand und sagte: »es wird heute ein schöner Frieden sein in Eurer Seele, Seth, zum Lohn für Eure Zärtlichkeit und Langmut gegen Eure alte Mutter.« Sie wandte sich um und verließ die Werkstatt so schnell und so ruhig, wie sie gekommen war. Adam hatte sie die ganze Zeit genau beobachtet, aber sie hatte ihn nicht angesehen So wie sie fort war, sagte er: »ich wundre mich nicht, daß du sie lieb hast, Seth; sie hat ein Gesicht wie die Lilien auf dem Felde.« Dem armen Seth stürzte das Herz nach Auge und Lippe; noch hatte er sein Geheimnis Adam nicht anvertraut, aber jetzt empfand er es wie eine köstliche Erleichterung, als er antwortete; »ja, Bruder, ich liebe sie, habe sie, fürchte ich, viel zu lieb. Aber sie liebt mich nicht wieder, mein Junge, nicht mehr, als wie die Kinder Gottes sich unter einander lieben. Sie wird nie einen Mann haben wollen, das bin ich fest überzeugt.« »Nein, Bruder, das kann keiner wissen; du mußt nur den Mut nicht verlieren. Sie ist von feinerer Art als die meisten Mädchen, das ist klar genug. Wenn sie aber die andern in allen Stücken übertrifft, dann wird sie wohl in der Liebe nicht hinter ihnen zurückbleiben.« Weiter wurde kein Wort gesprochen. Seth ging ins Dorf und Adam arbeitete an dem Sarge. »Gott steh' dem Jungen bei und mir auch,« dachte er, indem er sich an die Arbeit machte. »Das Leben sieht uns böse genug an – Mühsal hier im Hause und Mühsal draußen. Es ist doch seltsam, wenn man's bedenkt, wie ein starker Mann, der einen Stuhl mit den Zähnen aufhebt und seine sechzehn Stunden den Tag marschiert, zittern kann und heiß und kalt werden bei einem einzigen Blick von einem Mädchen. Das ist ein Geheimnis, wovon wir uns keine Rechenschaft geben können; indessen, wir können ja nicht einmal ergründen, wie ein Samenkorn keimt und sproßt.« Zwölfter Abschnitt. Im Wäldchen. An demselben Donnerstag Morgen befand sich Arthur Donnithorne in seinem Ankleidezimmer, sah seine hübsche Figur in den altmodischen Spiegeln sich vervielfältigen und ging mit sich selbst zu Rate; als ihm endlich der Diener die schwarzseidene Armbinde über die Schulter legte, war er zu einem bestimmten Entschluß gekommen. »Ich will nach Eagledale und angeln, – auf acht Tage,« sagte er laut; »Ihr sollt mich begleiten, Pym, und ich will gleich heute früh abreisen; um halb zwölf muß alles fertig sein.« Das leise Pfeifen, welches ihm bei diesem Entschluß behilflich gewesen, erhob sich jetzt zu lautem Singen, und als er durch den Korridor eilte, hallten die Wände wieder von seiner Lieblingsmelodie aus der Bettleroper: »Wenn den Menschen im Herzen die Sorge bedrückt.« Gewiß keine Heldenarie, aber doch kam sich Arthur sehr heldenmütig vor, als er dies Lied singend nach dem Stalle ging, um wegen der Pferde das nötige zu befehlen. Es war ihm Bedürfnis, mit sich selbst zufrieden zu sein, und diese Zufriedenheit war keineswegs umsonst zu haben; er mußte sie sich sauer abverdienen. Noch hatte er sie nie eingebüßt, und er setzte großes Vertrauen in seine eigenen Tugenden. Konnte doch kein junger Mann seine Fehler offener eingestehen; war doch Offenherzigkeit einer seiner Hauptvorzüge, und wie kann sich eines Menschen Offenherzigkeit wohl in ihrem vollen Glanze zeigen, wenn er nicht ein paar Schwächen hat, über die er reden kann? Aber er hatte das angenehme Vertrauen, seine Fehler seien alle von edler Art – Fehler von heißem Blut, von hitziger Gemütsart, von einer Löwennatur, nichts schleichendes, listiges, kriechendes. Daß Arthur Donnithorne etwas gemeines, feiges oder grausames thue, war ganz unmöglich. »Nein, ich bin wohl ein Teufelskerl und bringe mich oft genug in die Patsche, aber ich sorge doch immer dafür, daß die Verantwortlichkeit auf meine eigenen Schultern fällt.« Unglücklicherweise ist aber in dem, was man eine Patsche nennt, keine innere poetische Gerechtigkeit, und solch 'ne Patsche ist oft so hartnäckig, ihre schlimmsten Folgen nicht auf den Hauptübelthäter fallen zu lassen, mag er es auch noch so laut gewünscht haben. Wenn also Arthur jemals einen andern statt sich selbst in Verlegenheit gebracht hatte, so war es lediglich die Schuld dieser mangelhaften Einrichtung der Verhältnisse. Er war so durch und durch gutherzig, und auf den Bildern, die er sich von der Zukunft entwarf, wenn er erst das Gut übernommen hätte, war die ganze Welt glücklich: wohlhabende, zufriedene Pächter, die ihren Gutsherrn anbeteten – der Gutsherr selbst das Muster eines englischen Gentleman – das Haus in bester Ordnung, alles elegant und im feinsten Geschmack – lustige Gesellschaften – die schönsten Pferde in der ganzen Grafschaft – eine offene Börse für alle öffentlichen Zwecke – kurz, alles möglichst anders als unter dem jetzigen Gutsherrn. Und eine seiner ersten guten Handlungen in dieser Zukunft sollte sein, Irwines Einkommen für die Vikarei Hayslope zu erhöhen, damit er für Mutter und Schwestern Pferde und Wagen halten könnte. Seine herzliche Zuneigung für den Rektor stammte aus den frühesten Kinderjahren; es war eine halb kindliche, halb brüderliche Neigung, brüderlich genug, um ihm Irwines Gesellschaft angenehmer zu machen als jede andere, und kindlich genug, daß er vor Irwines Tadel einen tüchtigen Respekt hatte. Gewiß, dieser Arthur Donnithorne war ein »guter Kerl«; das sagten auch alle seine Universitätsfreunde: er konnte niemanden in Not sehen; er wäre sogar in seiner schlimmsten Laune unglücklich gewesen, wenn seinen alten Großvater ein Leid betroffen hätte, und selbst seiner Tante Lydia kam die Weichherzigkeit zu gute, mit der er ihr ganzes Geschlecht behandelte. Ob er Selbstbeherrschung genug haben würde, um immer so gutmütig und wohlthätig zu bleiben, wie seine gute Natur ihn trieb, das war eine Frage, die noch niemand gegen ihn entschieden hatte; er war ja erst einundzwanzig Jahre alt, und wer wird es wohl mit der Prüfung des Charakters so genau nehmen bei einem hübschen prächtigen jungen Menschen, der mal reich genug wird, um viele kleine Sünden gut zu machen, der z. B., wenn er unglücklicherweise beim raschen Fahren einem das Bein bricht, ihm ein hübsches Jahrgeld aussetzen kann, oder wenn er vielleicht mal eine Frau ruiniert, sie hinlänglich entschädigt durch kostbare Geschenke, die er mit eigner Hand einpackt und adressiert. Es wäre ja lächerlich, in solchen Fällen so genau zu untersuchen als handle es sich um Erkundigungen wegen eines Geheimsekretärs. Bei einem jungen Mann von Familie und Vermögen nimmt man allgemeine anständige Prädikate, und die Damen erkennen dann sogleich mit dem seinen Blick, der das auszeichnende Merkmal ihres Geschlechts ist, der junge Mann sei »sehr nett.« Die Wahrscheinlichkeit ist auch, daß er, ohne großes Ärgernis zu geben, durch's Leben geht, – ein seetüchtiges Fahrzeug, auf welches jede Gesellschaft eine Versicherung nimmt. Schiffe sind freilich Zufällen unterworfen, die bisweilen einen kleinen Fehler im Bau, welcher bei ruhiger See nie entdeckt wäre, zu schrecklicher Kunde bringen, und mancher »gute Kerl« ist schon durch eine unglückliche Verwicklung der Verhältnisse in gleicher Weise bloßgestellt worden. Aber zu trüben Besorgnissen wegen Arthur Donnithornes ist kein rechter Grund; heute zeigt er ja, daß er fähig ist, einen klugen, gewissenhaften Entschluß zu fassen. Eins ist gewiß; die Natur hat dafür gesorgt, daß er nicht weit in die Irre gehen kann, ohne seine Ruhe und Selbstzufriedenheit zu verlieren; er wird nie über das Grenzland, so zu sagen, der Sünde hinauskommen und selbst da noch steten Angriffen von jenseits der Grenze ausgesetzt sein. Er wird nie ein Höfling des Lasters werden und dessen Ordensband im Knopfloch tragen. Es war ungefähr zehn Uhr, die Sonne glänzte am Himmel und alles sah hübscher aus nach dem Regen des gestrigen Tages. Es ist angenehm, an einem solchen Morgen über den wohlgepflegten Kiesweg nach dem Stalle zu gehen und an einen Ausflug zu denken. Aber der Geruch von dem Stalle, der im gewöhnlichen Lauf der Dinge beruhigend auf einen Mann wirken müßte, regte in Arthur immer etwas Ärger auf. Es ging in dem Stalle durchaus nicht nach seinem Willen; in der ganzen Einrichtung herrschte der schmutzigste Geiz. Sein Großvater behielt hartnäckig einen alten Tölpel als ersten Stallknecht, den keine Gewalt der Erde von seiner altfränkischen Art abbrachte, und der noch dazu das Recht hatte, einige rohe Bauernbursche als Stalljungen anzunehmen. Das mußte natürlich den jungen Herrn ärgern; Unannehmlichkeiten im Hause – die mochten hingehen, aber sich im Pferdestalle ärgern zu müssen, das konnte Fleisch und Blut nicht vertragen, das war empörend. Der alte Johann mit seinem hölzernen tiefrunzeligen Gesicht war das erste, was Arthur auf dem Hofe sah, und dieser Anblick verdarb ihm die ganze Freude über das Gebell der beiden Schweißhunde, die dort Wache hielten. Mit dem alten Dummkopf konnte er nie recht ruhig reden. »Um halb zwölf Uhr muß Gretchen gesattelt an der Thür sein und ebenso Rattler für meinen Bedienten – hört Ihr, Johann?« »Ja wohl, Herr Kaptän, ganz wie Sie befehlen,« sagte der alte Johann sehr langsam und folgte dem jungen Herrn in den Stall. In Johanns Augen war ein junger Herr der natürliche Feind eines alten Dieners und paßten junge Leute überhaupt nicht recht dazu, die Welt zu regieren. Arthur trat in den Stall, um sein Lieblingspferd freundlich auf den Rücken zu klopfen, und sah sich sonst so wenig wie möglich um, damit er sich nicht schon vor dem Frühstück ärgere. Das hübsche Tier stand in einem der inneren Ställe und wandte seinen zarten Kopf dem eintretenden Herrn zu. Ein kleiner Wachtelhund, sein unzertrennlicher Freund im Stalle, hatte sich auf seinem Rücken behaglich zusammengekauert. »Nun, mein hübsches Gretchen!« sagte Arthur und streichelte ihr den Hals, »wir werden diesen Morgen einen prächtigen Galopp machen.« »Ja, Ihre Ehren werden entschuldigen, das geht doch nicht gut an.« »Nicht gut angehen? Warum nicht?« »Nu, Gretchen ist ein bißchen lahm.« »Lahm, hol's der Henker! Wie geht das zu?« »Nu, der Junge kam ihr mit den Kutschpferden zu nahe, und eins schlug aus, und da hat sie sich im Vorderbein etwas beschädigt.« Was nun folgte, enthält sich der gewissenhafte Geschichtschreiber genau zu berichten. Es mag genügen, daß etwas stark geflucht wurde, daß der alte Johann dem jungen Herrn bei der Untersuchung des Beines so ruhig zusah, als wär' er ein künstlich geschnitzter Spazierstock aus Apfelholz, und daß Arthur bald wieder durch das Gärtchen am Hause zurückschritt, ohne wie vorher zu singen. Er war in einer Hoffnung getäuscht und sehr verdrießlich. Außer Gretchen und Rattler waren keine andern Pferde für ihn und seinen Diener im Stalle. Es war sehr ärgerlich. Und grade, als er vorhatte, auf ein oder zwei Wochen zu verschwinden! Es war förmlich strafbar von der Vorsehung, die Verhältnisse sich so machen zu lassen. Eingeschlossen zu sein auf dem Gute mit einem noch nicht ganz geheilten Armbruch, während alle Regimentskameraden sich in Windsor amüsierten, – allein zu sein mit dem Großvater, der für ihn ungefähr so viel Gefühl übrig hatte wie für seine Hypotheken! Und sich auf Schritt und Tritt über die Einrichtungen des Hauses und des Gutes ärgern zu müssen! In einer solchen Lage gerät der Mensch notwendig in eine böse Laune und schafft sich den Ärger durch irgend eine Tollheit vom Halse. »Kamerad Salkeld tränke hier jeden Tag seine ganze Flasche Portwein,« brummte Arthur in sich hinein, »aber dazu bin ich doch nicht ausgepicht genug. Nun, da ich nicht nach Eagledale kann, so will ich mit Rattler nach Norburne galoppieren und bei Gawaine frühstücken.« Dieser bestimmte Entschluß hatte seinen Hintergedanken. Wenn er bei Gawaine frühstückte und nachher noch ein bißchen die Zeit verschwatzte, dann kam er erst gegen fünf nach dem Gute zurück, und dann – war Hetty schon ganz ruhig bei der Haushälterin im Zimmer, und nachher, wenn sie wieder nach Hause ging, hielt er sein Mittagsschläfchen nach Tisch und blieb ihr so den ganzen Tag aus den Augen. Zwar sei ja eigentlich gar nichts dabei, meinte er, daß er gegen das kleine Ding freundlich wäre, und Hetty eine halbe Stunde anzusehen sei mehr wert, als mit einem halben Dutzend Ballschönheiten zu tanzen; indes, vielleicht sei es doch besser, wenn er sich gar nicht mehr um sie bekümmere; sie könnte sich was in den Kopf setzen, wie Irwine angedeutet hatte, obschon Arthur seinerseits die Mädchen durchaus nicht für so einfältig hielt, sie vielmehr im allgemeinen doppelt so kalt und berechnend gefunden hatte, als er selbst war. Und an wirklich schlimme Folgen war ja für Hetty gar nicht zu denken; da war Arthur sich doch selbst sicher genug, und diese seine eigene Sicherheit nahm er mit vollkommenem Vertrauen an. So sah ihn denn die Mittagssonne nach Norburne galoppieren, und zum guten Glück lag ihm noch eine große Weide auf dem Wege, wo er sein Pferd einige tüchtige Sprünge machen lassen konnte. Ein paar Hecken und Gräben zu »nehmen« – da geht nichts drüber, um einen bösen Geist auszutreiben, und es ist wirklich zu verwundern, daß die Centauren, die doch in dieser Beziehung so viel voraus hatten, einen so schlechten Ruf in der Geschichte zurückgelassen haben. Nach diesen Bemerkungen wird der Leser vielleicht überrascht sein zu hören, daß obgleich Gawaine zu Haus war, die große Hofuhr kaum drei geschlagen hatte, als Arthur schon wieder auf den Hof ritt, von dem keuchenden Pferde abstieg und hastig einige Bissen zum zweiten Frühstück nahm. Aber es hat auch wohl seit jenem Tage noch Leute gegeben, sollte ich denken, die eine weite Strecke geritten sind, um einem Rendezvous aus dem Wege zu gehen, und dann ebenso eilig zurückgaloppiert sind, um es nicht zu verpassen. Es ist ein beliebtes Manöver unsrer Leidenschaften, scheinbar den Rückzug anzutreten und dann scharf kehrt zu machen, wenn wir eben glauben, der Tag sei unser. »Der Kaptän hat einen wahren Teufelsritt gethan,« sagte der Kutscher, der vor dem Stalle seine Pfeife rauchte, als Johann den Rattler am Zügel hereinführte. »Und ich wollte, er hätte den Teufel zum Stallknecht,« fluchte Johann. »I ja, da hart' er einen viel liebenswürdigern Stallknecht als jetzt,« antwortete der Kutscher, und sein eigener Witz gefiel ihm so gut, daß er noch lange nachher seine Pfeife aus dem Munde behielt und still vergnügt grinste und lachte. Als Arthur wieder in sein Ankleidezimmer trat, ging ihm der Kampf, den er dort einige Stunden vorher in seinem Innern durchgemacht hatte, unwillkürlich wieder durch den Kopf; aber jetzt war es ihm unmöglich, bei dieser Erinnerung zu verweilen, unmöglich, die Empfindungen und Gedanken sich wieder zurückzurufen, welche damals für ihn entscheidend gewesen waren. Das Verlangen, Hetty zu sehen, war wie ein schlecht gestauter Strom auf ihn zurückgestürzt; er war selbst erstaunt, mit welcher Gewalt diese »harmlose Spielerei« ihn zu packen schien; ja und zitterte er nicht förmlich, als er sich das Haar bürstete? Pah, das kam von dem halsbrechenden Galoppieren! Oder vielleicht auch daher, daß er eine unbedeutende Sache so ernst genommen, daß er darüber nachgedacht hatte, als hätte sie irgend was zu bedeuten. Er wollte sich amüsieren, wollte Hetty heute sehen und sich dann die ganze Geschichte aus dem Kopfe schlagen. Eigentlich hatte Irwine die ganze Schuld. »Wenn Irwine gar nichts gesagt hätte, ich hätte sicher nicht halb so viel an Hetty gedacht als an Gretchens lahmes Bein.« Indes es war so recht ein Tag, um in der Einsiedelei zu faulenzen; er wollte hingehen und vor Tisch seinen Roman zu Ende lesen. Die Einsiedelei lag im Tannenwäldchen, und Hetty mußte da vorbei, wenn sie vom Pachthof kam. Nichts war also einfacher und natürlicher: das Zusammentreffen mit Hetty war bei seinem Spaziergange bloßer Zufall und nicht Zweck. Arthurs Schatten glitt unter den stämmigen Eichen des Parkes etwas schneller dahin, als man von dem Schatten eines ermüdeten Menschen an einem warmen Nachmittage hätte erwarten sollen, und es war kaum vier Uhr, als er schon vor der hohen, schmalen Pforte am Eingange des reizenden, dicht verwachsenen Waldgeheges stand, welches das Gut von einer Seite begrenzte und das Tannenwäldchen hieß, nicht weil so viele Tannen drein gestanden hätten, sondern weil es so wenige waren. Es war ein Gehölz von Buchen und Linden, hier und da eine helle Birke mit silbernem Stamm dazwischen – so recht ein Wäldchen, wie es die Nymphen lieben: man sieht ihre weißen, sonnenbeschienenen Glieder durch die Büsche leuchten oder hinter dem moosigen Stamm einer hohen Linde hervorlauschen; man hört ihr sanftes, helles Lachen, – aber wenn wir gar zu neugierig und frech hinblicken, dann verschwinden sie hinter den Silberbirken und machen uns glauben, die Stimmen, die wir gehört, seien von dem murmelnden Bach gekommen, oder sie verwandeln sich wohl gar in ein braunes Eichhörnchen, welches munter davonhüpft und uns oben aus dem Baum spöttisch anblickt. Es war nicht ein Hain mit scharfkantigem Rasen und wohlgehegten Kieswegen zum Spazierengehen, sondern ein Gehölz mit schmalen, hohlen Fußwegen, die mit spärlichen Fleckchen zarten Mooses eingefaßt sind und beinahe aussehen, als hätten die Bäume und das Gebüsch sie selbst gemacht, seien etwa ehrfurchtsvoll ausgewichen, um die schlanke Königin der weißfüßigen Nymphen durchzulassen. Auf dem breitesten dieser Fußwege ging Arthur Donnithorne, unter einem hohen Laubengang von Linden und Buchen. Es war ein stiller Nachmittag; das goldne Licht weilte lässig oben in den Zweigen und blickte nur hier und da auf die rötliche Erde des Fußweges und die Einfassung von zart gesprenkeltem Moose herab; es war ein Nachmittag, an welchem das Schicksal sein kaltes, furchtbares Antlitz hinter einem Schleier von Strahlendunst verbirgt, uns mit warmem, weichem Fittig umfängt und mit duftigem Veilchenhauch vergiftet. Arthur schlenderte sorglos dahin; er trug ein Buch unter dem Arm, sah aber nicht auf den Boden, wie einer beim Nachdenken wohl thut; unwillkürlich hefteten sich seine Augen auf die Biegung des Weges weit vor ihm, wo eine kleine Gestalt gewiß bald hervorkommen mußte. Ah, da kommt sie: zuerst ist's nur ein heller, farbiger Fleck, als wenn ein tropischer Vogel zwischen den Zweigen durchhuschte; dann eine trippelnde Gestalt mit einem runden Hute und einem kleinen Korbe im Arm; und endlich ein tief errötendes, beinah furchtsames, aber lieblich lächelndes Mädchen, das mit einem scheuen, aber vergnügten Blick ihren Knix macht, als Arthur zu ihr tritt. Hätte Arthur Zeit gehabt, überhaupt etwas zu denken, so hätte er es gewiß seltsam gefunden, daß auch er sich verlegen fühlte, auch er, wie er wohl merkte, errötete – kurz, daß er so thöricht aussah und sich selbst so thöricht vorkam, als sei er überrascht worden, während er doch die Zusammenkunft gerade so erwartet hatte. Die armen Dinger! Wie schade, daß sie nicht mehr in den goldenen Tagen der Kindheit waren; dann hätten sie sich mit schüchterner Neigung angesehen, hätten sich geküßt wie Schmetterlinge und wären davon gehüpft, um zusammen zu spielen; dann wäre Arthur nach Haus gegangen in sein Bettchen mit den seidenen Vorhängen und Hetty auf ihr Kissen mit dem groben Leinen, und beide hätten geschlafen ohne zu träumen und morgen hätten sie kaum an das Gestern wieder gedacht. Arthur kehrte um und ging neben Hetty her, ohne ein Wort zu sagen. Zum erstenmal waren sie allein. Wie überwältigend diese erste Vertraulichkeit war! Die ersten paar Minuten wagte er förmlich nicht, das kleine Milchmädchen anzusehen, und Hetty! – ihre Füße schwebten wie auf Wolken, und milde Lüfte trugen sie vorwärts; sie hatte ihre Rosabänder vergessen; sie hatte so wenig ein Gefühl von ihren Gliedern, als wäre ihre junge Seele in eine Wasserlilie eingezogen, die auf flüssigem Grunde ruht und von den Strahlen der Sommersonne erwärmt wird. Es klingt vielleicht wie ein Widerspruch, aber Arthur erhielt durch seine Schüchternheit eine gewisse Sorglosigkeit und Ruhe; sein geistiger Zustand war ganz anders, als er bei einer solchen Zusammenkunft mit Hetty erwartet hatte, und so sehr ihn unbestimmte Ahnungen erfüllten, so hatte er doch in diesen Augenblicken des Stillschweigens Raum für den Gedanken, wie ganz überflüssig seine Bedenken von heute früh gewesen seien. »Sie thun recht, diesen Weg nach dem Schlosse zu nehmen,« sagte er endlich und blickte auf Hetty nieder; »er ist sehr viel hübscher und auch kürzer als die Fahrwege.« »Ja wohl, Herr,« antwortete Hetty mit bebender, fast flüsternder Stimme. Sie wußte nicht im mindesten, wie man mit einem solchen Herrn sprechen müsse, und aus bloßer Eitelkeit wurde sie noch verlegener beim Sprechen. »Besuchen Sie Frau Pomfret jede Woche?« »Ja, jeden Donnerstag, Herr, ausgenommen, wenn sie mit Fräulein Donnithorne ausgehen muß.« »Und sie unterrichtet Sie, nicht wahr?« »Ja, Herr; ich lerne bei ihr Spitzen ausbessern und strickstopfen; es sieht gerade so aus, wie der Strumpf selbst, man sieht gar nicht, daß es gestopft ist; und zuschneiden lehrt sie mich auch.« »Wie, wollen Sie denn Kammerfrau werden?« »O ja, das würde ich sehr gern.« Hetty sprach schon etwas lauter, aber immer noch mit zitternder Stimme; sie dachte, der junge Herr müsse sie gerade so dumm finden, wie sie den jungen Pachter Lucas. »Und Frau Pomfret erwartet Sie immer um diese Zeit?« »Ja, sie erwartet mich um vier Uhr. Heut' hab' ich mich etwas verspätet, weil meine Tante mich nicht so früh entbehren konnte; aber die gewöhnliche Stunde ist vier Uhr; wir haben dann Zeit, bis Fräulein Donnithorne klingelt.« »O, dann darf ich Sie jetzt nicht aufhalten; ich zeigte Ihnen sonst gern die Einsiedelei. Haben Sie die schon gesehen?« »Nein, Herr, noch nicht.« »Dieser Weg hier führt dahin. Aber jetzt dürfen wir nicht hingehen. Ich zeige sie Ihnen ein andermal, wenn Sie Vergnügen daran finden.« »Ja wohl, Herr, wenn Sie so freundlich sein wollen.« »Kommen Sie diesen Weg immer des Abends zurück, oder sind Sie bange und ist er Ihnen zu einsam?« »O nein, Herr, es ist dann noch nicht spät; ich gehe immer um acht Uhr wieder fort, und jetzt ist es des Abends so hell. Tante würde böse, wenn ich nicht vor neun Uhr wieder zu Hause wäre.« »Gärtner Craig kommt wohl und begleitet Sie, ja?« Eine tiefe Röte verbreitete sich über Hettys Gesicht und Nacken. »Nein, ganz gewiß nicht; er hat es noch nie gethan; ich würd' ihm das nicht erlauben; ich mag ihn gar nicht leiden,« sagte sie hastig und die Thränen waren ihr vor Ärger so rasch gekommen, daß noch während sie sprach, die hellen Tropfen ihr die heiße Wange hinunterliefen. Dann fühlte sie sich tödlich beschämt über ihr Weinen, und einen langen Augenblick war all ihr Glück dahin. Aber im nächsten Augenblick fühlte sie sich von einem Arme umfaßt und eine sanfte Stimme sagte: »Nun, Hetty, warum weinen Sie denn? Ich wollte Sie ja nicht kränken. Nicht für die ganze Welt möcht' ich das, Sie kleine Knospe. Nur still, weinen müssen Sie nicht; sehen Sie mich an, sonst muß ich glauben, Sie wollen mir nicht vergeben.« Arthur hatte seine Hand auf den zarten Arm gelegt, der ihm am nächsten lag und beugte sich mit schmeichelnd flehendem Blick zu Hetty nieder. Hetty schlug ihre langen, feuchten Wimpern auf und sah ihm in die Augen, die so süß und schüchtern und flehend auf sie gerichtet waren. Welch' eine Ewigkeit waren die drei Augenblicke, als ihre Augen sich trafen und seine Arme sie berührten! Die Liebe ist ein so einfältig Ding, wenn wir erst einundzwanzig Jahre alt sind und ein liebliches Mädchen von siebzehn Jahren unter unserm Blicke zittert, als wäre sie eine Knospe, die zum erstenmal ihr Herz mit staunendem Entzücken dem Morgen erschließt. Solche junge frische Seelen fließen so leicht in einander wie zwei Bäche, die nichts wollen als sich vereinigen und mit stets verschwimmendem Gekräusel dahinrieselnd unter dem dichtesten Laube sich verstecken. Als Arthur der kleinen Hetty in die dunkeln, bittenden Augen sah, da war es ihm einerlei, was für ein Englisch sie sprach, und wären selbst Reifröcke und Puder Mode gewesen, er hätte damals gewiß nicht bemerkt, daß Hetty diese Feinheiten entbehrte. Aber plötzlich fuhren sie mit klopfenden Herzen von einander: laut raschelnd war etwas zur Erde gefallen, es war Hettys Körbchen; all ihr kleines Nähzeug war auf dem Wege verstreut. Es nahm viel Zeit weg, alles wieder zusammenzusuchen, und nicht ein Wort wurde dabei gesprochen, und als Arthur ihr das Körbchen wieder auf den Arm hing, merkte das arme Kind an ihm einen sonderbaren Wechsel in Blick und Haltung. Er drückte ihr nur eben die Hand und sagte mit einem Blick und Tone, daß es sie beinahe kalt überlief: »Ich habe Sie aufgehalten und darf Sie jetzt nicht länger stören. Man erwartet Sie im Schloß. Guten Tag.« Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte er sich ab und eilte den Weg nach der Einsiedelei zurück. Hetty ging ihres Weges weiter wie in einem Traume, der mit einem Rausch von Entzücken angefangen zu haben schien und nun in Widerwärtigkeit und Trauer überging. Ob er ihr wohl wieder entgegenkäme, wenn sie nach Haus ginge? Und warum hatte er beinahe so gesprochen, als wäre er ihr böse? Und warum war er so plötzlich weggestürzt? Sie weinte und wußte kaum warum. Auch Arthur fühlte sich seinerseits recht unbehaglich, sah aber seine Empfindungen im Lichte eines klareren Bewußtseins. Er stürzte nach der Einsiedelei, die mitten im Gehölze stand, schloß die Thür mit heftigem Griffe auf, warf sie hinter sich zu, schleuderte seinen Roman in die hinterste Ecke und ging, die rechte Hand in der Tasche, einigemale in dem kleinen Zimmer auf und ab und setzte sich dann steif und unbequem auf das Sofa, wie man wohl zu thun pflegt, wenn man sich seinen Gefühlen überlassen will. Er war verliebt in Hetty – das war ganz klar. Er war bereit, alles andere zum – dahin zu schicken, wo der Pfeffer wächst, um sich ganz dem köstlichen Gefühle hinzugeben, das er eben entdeckt hatte. Es half nichts mehr, sich gegen die Thatsache zu verschließen, daß sie sich zu lieb bekommen würden, wenn er sich noch länger um sie bekümmere – und was würde die Folge sein? Er selbst ginge in einigen Wochen fort und das liebe kleine Ding wäre unglücklich. Er durfte sie nicht wieder allein sehen, er mußte sie vermeiden. Was für 'ne Narrheit, nicht bei Gawaine zu bleiben! Arthur stand auf und öffnete das Fenster, um die weiche Nachmittagsluft hereinzulassen und den gesunden Duft der Tannen, welche die Einsiedelei ringsum einfaßten. Die weiche Luft half ihm nicht bei seinen Entschlüssen, als er sich hinauslehnte und durch das Laub in die Ferne blickte. Aber sein Entschluß stand ihm ganz fest; er brauchte nicht länger zu überlegen. Er hatte mit sich ausgemacht, Hetty nicht wieder zu sehen, und so konnte er sich jetzt dem Gedanken hingeben, wie außerordentlich angenehm es wäre, wenn die Verhältnisse anders lägen, – wie hübsch es gewesen wäre, sie diesen Abend auf dem Rückweg wieder zu treffen und sie in den Arm zu schließen und ihr in das süße Gesicht zu sehen. Ob das liebe kleine Ding auch wohl an ihn dächte? Zwanzig gegen eins, gewiß. Wie schön ihre Augen waren mit den Thränen in den Wimpern! Ach, einmal mochte er seine Seele sättigen und sie einen ganzen Tag ansehen, und er müsse sie auch wiedersehen! – natürlich müsse er sie wiedersehen, schon um ihr jeden falschen Eindruck zu benehmen über die Art, wie er sich eben gegen sie benommen. Er wollte ganz ruhig und freundlich mit ihr sein, – er mußte sie nur sprechen, ehe sie nach Hause ginge, damit sie sich nichts in den Kopf setze. Ja, ja, alles in allem genommen war das doch gewiß das beste. Es hatte lange gedauert, länger als eine Stunde, ehe Arthur mit seiner Überlegung so weit gekommen war, und nun, da er einmal so weit gekommen, ließ es ihn nicht länger in der Einsiedelei. Die Zeit, bis er Hetty wiedersähe, konnte er nicht still sitzen. Auch war es schon spät genug, er mußte sich noch zu Tische ankleiden, und um sechs Uhr wurde bei seinem Großvater gegessen. Dreizehnter Abschnitt Abend im Wäldchen Frau Pomfret hatte gerade an dem Donnerstag Morgen mit der Haushälterin Frau Best einen kleinen Zank gehabt, und daraus entsprangen für Hetty zwei große Annehmlichkeiten. Einmal ließ sich Frau Pomfret ihren Thee aufs Zimmer bringen, und dann gab dieser Streit der musterhaften Kammerfrau eine äußerst lebendige Erinnerung ein an frühere Beispiele von Frau Best ihrem Auftreten und an Unterredungen, in denen dieselbe ganz entschieden gegen Frau Pomfret zu kurz gekommen war. Hetty brauchte also ihre Gedanken nur so weit zusammen zu halten, daß sie am Nähen blieb und dann und wann ein Ja oder Nein dazwischen warf. Gern wäre sie früher fortgegangen als sonst; aber sie hatte dem jungen Herrn gesagt, sie mache sich gewöhnlich um acht Uhr auf den Rückweg, und wenn er nun wieder in das Wäldchen käme und sie da erwarte, und sie wäre schon fort! Ob er wohl käme? Ihr kleines Schmetterlingsherz flatterte unaufhörlich hin und her zwischen Erinnerung und zweifelnder Erwartung. Endlich war der Minutenzeiger der altmodischen Uhr im letzten Viertel vor acht und nun durfte sie sich zum Heimweg rüsten. Selbst Frau Pomfret war durch ihre vielen Gedanken an die Haushälterin nicht so in Anspruch genommen, daß sie den neuen Anhauch von Schönheit übersehen hätte, als das kleine Ding sich vor dem Spiegel den Hut aufsetzte. »Das Kind wird alle Tage hübscher, scheint mir,« bemerkte sie für sich; »desto schlimmer für sie; darum bekommt sie weder eher eine Stelle noch einen Mann. Verständige, wohlhabende Männer mögen so hübsche Weiber nicht. Als ich noch ein Mädchen war, bewunderte man mich mehr, als wenn ich so sehr hübsch gewesen wäre. Aber sie muß mir's doch danken, daß ich ihr etwas beibringe, womit sie sich besser ihr Brot verdienen kann als mit der Bauernarbeit. Ich habe immer für gutmütig gegolten, und das mit Recht, leider mit Recht, möchte ich fast sagen, sonst würden wohl gewisse Leute hier im Schloß sich nicht so viel gegen mich herausnehmen.« Hetty schritt hastig durch das kleine Gärtchen, welches auf ihrem Wege lag; sie fürchtete dem Gärtner zu begegnen, für den sie kaum ein freundliches Wort übrig hatte. Wie erleichtert fühlte sie sich, als sie glücklich unter die Eichen und in das Gebüsch des Parks gekommen war! Selbst da war sie noch so zaghaft wie die Rehe, die vor ihr davonsprangen. Sie dachte nicht an das Abendlicht, welches in den grasbewachsenen Wegen auf den Halmen lag und die Schönheit ihres frischen Grün noch mehr hob als der übermächtige Lichtstrom der Mittagssonne; sie dachte an nichts Gegenwärtiges. Sie sah nur etwas Zukünftiges, Mögliches – Arthur Donnithorne, der ihr wieder im Tannenwäldchen begegnete. Das war der Vordergrund in Hettys Gemälde: dahinter lag es wie lichter Nebel – Tage, die nicht so wären, wie bisher ihre Lebenstage gewesen. Es war ihr, als werbe ein Flußgott um sie, der sie jeden Augenblick in seinen herrlichen Palast unter dem Wasserhimmel führen könne. Was war nicht alles möglich, da diese wunderbare, hinreißende Entzückung über sie gekommen war?! Wenn ihr ein Koffer mit Spitzen und Seide und Juwelen von unbekannter Hand zugeschickt wäre, hätte sie nicht glauben dürfen, ihr ganzes Schicksal werde sich ändern und morgen stehe ihr noch herrlichere Freude bevor? Sie hatte nie einen Roman gelesen; wenn ihr einer in die Hände gekommen wäre, das Lesen würde ihr, glaube ich, zu schwer geworden sein; wie sollte sie also eine Form für ihre Erwartungen finden? Sie waren so formlos wie die süßen Düfte aus dem Schloßgarten, die an ihr vorbeigezogen waren, als sie an dem Pförtchen entlang ging. Nun ist sie an einer andern Pforte, am Eingange in das Tannenwäldchen. Sie geht hinein; da ist es schon Dämmerung, und bei jedem Schritt beschleicht eisigere Furcht ihr das Herz. Wenn er nicht käme! O, wie traurig war der Gedanke, wenn sie am andern Ende des Wäldchens hinaustreten müßte auf die offene Straße, ohne ihn gesehen zu haben! Als sie an die Stelle kommt, wo der Weg die erste Biegung nach der Einsiedelei macht, geht sie langsam – er ist nicht da. Sie haßt das Häschen, welches ihr über den Weg läuft; sie haßt alles, was nicht er ist, nach dem sie verlangt. Sie geht weiter und freut sich über jede Biegung des Weges, denn vielleicht ist er dahinter. Nein, wieder nicht. Sie fängt an zu weinen; ihr Herz dehnt sich mächtig, die Thränen stehen ihr in den Augen; sie stößt einen schweren Seufzer aus, ihre Mundwinkel zittern, und ihre Thränen fließen. Sie weiß nicht, daß es noch einen andern Seitenweg nach der Einsiedelei giebt, daß sie nahe dabei ist und daß Arthur nur wenige Schritt von ihr steht, auch er ganz erfüllt von einem Gedanken, und dieser Gedanke ist sie, sie ganz allein. Er will Hetty wiedersehen – das ist die Sehnsucht, die in den letzten drei Stunden zu fieberhafter Qual angewachsen ist. Natürlich nicht, um in der zärtlichen Weise mit ihr zu sprechen, in die er vorhin unversehens gefallen ist, sondern nur, um sich liebevoll mit ihr auseinander zu setzen, freundlich und höflich gegen sie zu sein und ihr jede falsche Vorstellung über ihr Verhältnis auszureden. Wenn Hetty gewußt hätte, daß er da sei, so hätte sie nicht geweint, und das wäre besser gewesen; dann hätte sich Arthur wahrscheinlich so verständig benommen, wie es in seiner Absicht lag. So jedoch fuhr sie zusammen, als sie ihn aus einem Nebenwege herankommen sah, und als sie zu ihm aufblickte, liefen ihr zwei große Tropfen über die Wange. Mußte er da nicht sanft und freundlich mit ihr sprechen? »Hat Sie etwas erschreckt, Hetty? Ist Ihnen unterwegs etwas zugestoßen? Aber jetzt ängstigen Sie sich nicht; ich werde Sie beschützen.« Hetty errötete so, sie wußte nicht, ob vor Glückseligkeit oder Elend. Sie weinte schon wieder, – was die Herren wohl von Mädchen dächten, die so weinten? Sie fühlte sich unfähig, auch nur ein Nein zu antworten; sie konnte nur von ihm wegsehen und sich die Thränen von den Wangen trocknen. Doch fiel erst noch ein großer Tropfen auf ihre Rosaschleife, das merkte sie recht gut. »Nun, sein Sie wieder vergnügt. Sehen Sie mich freundlich an und sagen Sie mir, was Ihnen fehlt. Nun, sagen Sie's mir.« Hetty wandte den Kopf nach ihm hin, flüsterte: »Ich glaubte, Sie kämen nicht« und faßte allmählich Mut, die Augen zu ihm aufzuschlagen. Der Blick war zu viel für ihn. Er hätte Augen von Granit haben müssen, wenn er sie nicht wieder voll Liebe angeblickt hätte. »Sie kleines, banges Vögelchen! Sie kleines Röschen in Thränen! Sie liebe, kleine Thorheit – wollen Sie wohl nicht wieder weinen, nun ich bei Ihnen bin?« Ach, er weiß nicht, was er sagt. Und das ist's nicht, was er sagen wollte. Sein Arm legt sich leise um ihre Brust, faßt sie stärker und stärker; er neigt sein Gesicht näher und näher an die runde Wange, seine Lippen begegnen den vollen kindlichen Lippen, und für einen langen Augenblick ist jede Zeit verschwunden. Er könnte ein Hirt in Arkadien sein, der erste Jüngling, der das erste Mädchen küßt. Eros selbst, der an Psyches Munde hängt – es ist all eins. Lange sprachen sie kein Wort. Mit klopfendem Herzen gingen sie weiter, bis ihnen das Pförtchen am Ende des Wäldchens zu Gesicht kam. Dann sahen sie einander an; es war anders als zuvor: in ihren Augen lag die Erinnerung an einen Kuß. Aber schon hatte sich Bitterkeit in den süßen Kelch gemischt; Arthur fühlte sich unbehaglich. Er ließ Hetty aus seinem Arme los und sagte: »Da sind wir, fast am Ende des Parks. Wie spät es schon sein mag,« fügte er hinzu und zog die Uhr heraus. »Zwanzig Minuten über acht, aber meine Uhr geht vor. Indes, weiter darf ich doch nicht mitgehen. Machen Sie sich munter auf den Weg mit ihren kleinen Füßen und kommen Sie gut nach Haus. Gute Nacht, Hetty.« Er nahm ihre Hand und sah sie halb wehmütig, halb mit erzwungenem Lächeln an. Hettys Augen schienen ihn anzuflehen, er möge noch bleiben, aber er streichelte ihr die Wangen und sagte wieder: »Gute Nacht.« So mußte sie sich von ihm wenden und weiter gehen. Arthur stürzte zurück in das Wäldchen, als solle ein möglichst weiter Zwischenraum ihn und Hetty trennen. In die Einsiedelei wollte er nicht wieder: er erinnerte sich, wie er vor wenigen Stunden dort mit sich gekämpft und wie all sein Überlegen zu nichts geführt habe – zu was schlimmerem als nichts. Er ging gerades Weges in den Park; denn in dem Wäldchen hauste sicher sein böser Genius. Diese Buchen und glatten Linden – der bloße Anblick hatte etwas entnervendes; in den stämmigen, knorrigen alten Eichen lag schon an sich Energie. Er verlor sich unter den Bäumen, ohne des Weges zu achten, bis die Dämmerung fast zur Nacht wurde unter den dichten Zweigen, und die Hasen, welche über den Weg sprangen, schwarz aussahen. Sein Gefühl war viel erregter als am Morgen; es war ihm, als hätte ihm sein Pferd einen Sprung versagt und sich herausgenommen, seine Herrschaft zu bestreiten. Er war unzufrieden mit sich selbst, ärgerlich, gedemütigt. Nicht so bald überlegte er sich die wahrscheinlichen Folgen, wenn er sich den Gefühlen überließe, die ihn heute beschlichen hatten, wenn er fortführe, gegen Hetty aufmerksam zu sein, und sich jede Gelegenheit für solche kleine Liebkosungen zu nutze mache, zu denen er sich heute habe hinreißen lassen – und es wollte ihm schlechterdings nicht in den Sinn, daß eine solche Zukunft für ihn möglich sei. Eine Liebelei mit Hetty war ganz etwas anderes als mit einem hübschen Mädchen von seinem Stande; dabei würden sich beide Teile amüsieren, oder wenn die Sache ernsthaft würde, so stände ja nichts im Wege, daß man sich heirate; aber dies kleine Ding, die Hetty, käme sofort in üblen Ruf, wenn man sie nur mit ihm gehen sähe, und dann, die braven Menschen, die Poysers, denen ihr guter Name so wert war, als hätten sie das vornehmste Blut im ganzen Lande in den Adern – nein, nein, er müsse sich ja hassen, wenn er solch ein Ärgernis gäbe, hier auf diesem Gute, welches er einst sein eigen nennen würde, und mitten unter seinen Bauern, von denen er vor allem geachtet sein wollte. So zu sinken in seiner eigenen Achtung, schien ihm so ganz unmöglich, wie daß er sich beide Beine brechen und sein Lebenlang auf Krücken gehen sollte. Er konnte sich gar nicht in dieser Lage denken; sie war zu widerwärtig, sah ihm so gar nicht ähnlich. Und selbst wenn niemand etwas davon erführe, – sie würden einander zu lieb gewinnen und hätten am Ende doch nichts davon als den Schmerz der Trennung. Daß ein junger Mann von Stande ein Bauermädchen heirate, das sei nur in Gedichten möglich. Er müsse mit der Geschichte sofort ein Ende machen; sie sei doch zu thöricht. Ja, aber war er nicht heut' früh auch so entschlossen gewesen, ehe er zu Gawaine ritt? Und während er bei dem war, hatte es ihn gepackt und im Galopp zurückgetrieben. Es schien doch, als könne er sich auf seinen eigenen Entschluß nicht so ganz verlassen, wie er bisher geglaubt; er wünschte beinahe, sein Arm möchte wieder schlimmer werden, dann würde er nur an die Freude der künftigen Genesung denken. Und konnte er denn wissen, was morgen über ihn kommen würde, in dieser verfluchten Einsamkeit, wo er den lieben langen Tag gar nichts dringendes zu thun hatte?! Was konnte er nur thun, um sich gegen weitere Thorheit zu sichern? Hier half nur eines. Er wollte zu Irwine gehen und es dem sagen, ihm alles sagen. Schon durch das bloße Wiedererzählen würde aus der Geschichte etwas ganz gewöhnliches; die Versuchung würde schwinden, wie der Reiz von Liebesworten vergeht, wenn man sie vor gleichartigen Leuten wiederholt. Auf alle Weise würde es ihm gut sein, mit Irwine davon zu sprechen. Morgen früh gleich nach dem Frühstück wollte er zu ihm reiten. Sobald Arthur zu diesem Entschluß gekommen war, suchte er sich im Park zurechtzufinden und nahm den kürzesten Rückweg nach Haus. Jetzt würde er gut schlafen, war er überzeugt; er hatte genug durchgemacht, und zu überlegen gab's ja nichts mehr. Vierzehnter Abschnitt Die Heimkehr Während jener Abschied im Wäldchen stattfand, gab es in der Hütte auch einen Abschied, und Lisbeth stand mit Adam in der Thür und strengte ihre alten Augen an, um den letzten Blick von Seth und Dina zu erhaschen, die den gegenüberliegenden Abhang hinaufgingen. »Ach, ich sehe sie ungern weggehen,« sprach sie zu Adam, indem sie wieder ins Haus traten. »Ich hätte sie gern bei mir behalten, bis ich auch sterbe und zu meinem Alten in die Erde gelegt werde. Sie muß einem das Sterben leicht machen; sie spricht so sanft und geht so leise. Ich könnte beinahe glauben, das Bild in deiner neuen Bibel solle sie sein, der Engel auf dem großen Stein beim Grabe. Wenn ich eine Tochter haben könnte wie sie, da hält' ich nichts gegen, aber die was wert sind, die heiratet ja keiner.« »Nun, Mutter, ich hoffe, sie wird noch deine Tochter; Seth mag sie gern leiden, und hoffentlich gewinnt sie ihn mit der Zeit auch noch lieb.« »Was sprichst du da wieder her? Sie fragt gar nichts nach Seth. Sie geht stundenweit weg. Wie soll sie ihn da wohl lieb gewinnen, möcht' ich wissen. Grade als wenn das Brot aufgehen sollte ohne Sauerteig! Das hättest du doch aus deinen Rechenbüchern lernen können, dünkt mich; sonst könnest du ebensogut gewöhnliche Bücher lesen wie Seth.« »Nein, Mutter,« antwortete Adam lachend, »die Zahlen sagen einem wohl mancherlei, und ohne sie könnten wir nicht viel anfangen, aber von des Menschen Herz sagen sie nichts. Das Herz ist ein ganz apartes Exempel. Aber Seth ist ein so braver Bursch, wie je einer den Hammer geführt hat, und Verstand hat er auch genug und sieht auch gut aus und hat dieselben Ansichten wie Dina. Er verdient wohl sie zu bekommen, obschon sie ein fein Stück Arbeit ist, das ist nicht zu leugnen. Solche Mädchen kommen nicht jeden Tag aus der Werkstatt.« »Ja, du nimmst immer Seth seine Partie. So bist du stets gewesen von Kindesbeinen an; immer mußte er die Hälfte von allem abhaben. Aber was braucht Seth ans Heiraten zu denken? Er ist erst dreiundzwanzig Jahr und sollte lieber noch etwas lernen und sich 'nen Groschen ersparen. Und was das betrifft, daß er sie verdient, – sie ist zwei Jahr älter als Seth, beinah so alt wie du. Aber so geht's in der Welt: die Menschen wählen immer das Entgegengesetzte, grade wie man's beim Schweinefleisch macht – zu jedem Stück gutes Fleisch eine schlechte Beilage.« Frauen sind bisweilen so gestimmt, daß alles was sein könnte, in ihren Augen einen vorübergehenden Reiz hat gegen das was ist, und da Adam nicht selbst Lust hatte, Dina zu heiraten, so war Lisbeth sehr ungehalten darüber – so ungehalten wie sie gewesen sein würde, wenn er sie wirklich hätte heiraten wollen und sich so um Meister Jonathans Tochter und sein Geschäft gebracht hätte. Es war halb neun vorbei, als Adam und seine Mutter sich so unterhielten, und als Hetty zehn Minuten darauf in die Einfahrt zum Pachthof einbog, sah sie Dina und Seth von der andern Seite herankommen und blieb stehen, um auf sie zu warten. Auch sie hatten sich wie Hetty auf dem Rückwege aufgehalten, weil Dina in der Stunde des Abschieds Seth durch tröstenden Zuspruch aufzurichten versuchte. Als sie aber Hetty sahen, blieben sie stehen und gaben sich die Hand; Seth wandte sich nach Hause zurück und Dina ging allein weiter. »Seth Bede würde mitgekommen sein und dich angesprochen haben, liebe Hetty,« sagte sie als sie näher kam, »aber er war zu betrübt.« Hetty antwortete mit einem zierlichen Lächeln, als hätte sie die Worte nicht recht gehört. Ein sonderbarer Gegensatz, diese strahlende, selbstbewußte Schönheit, und Dinas ruhiges, liebevolles Gesicht mit dem offenen Blick, welcher sagte, daß ihr Herz keine stillen Geheimnisse für sich habe, sondern in Empfindungen lebe, die es der ganzen Welt mitzuteilen sich sehne. Hetty mochte Dina so gern, wie sie überhaupt ein Mädchen haben konnte; wie sollte sie auch anders, da Dina immer ein freundliches Wort für sie einlegte, wenn die Tante sie ausschalt, und immer bereit war, ihr Totty abzunehmen, den kleinen Plagegeist, den alle verzogen und an dem Hetty doch auch gar nichts finden konnte? Während ihres ganzen Besuchs auf dem Pachthof hatte Dina gegen Hetty nie einen Tadel oder Vorwurf geäußert; wohl hatte sie ernsthaft mit ihr gesprochen, aber daraus machte sich Hetty nicht viel, ja sie hörte kaum darauf, und was Dina ihr auch sagen mochte, sie streichelte ihr nachher fast jedesmal die hübschen Backen und nähte für sie. Dina war ihr ein Rätsel; Hetty blickte zu ihr auf, wie etwa ein kleines Nestvögelchen, das nur von Zweig zu Zweig flattern kann, den raschen Stößen einer Schwalbe zusehen mag oder dem Aufflug der Lerche; aber solche Rätsel zu lösen, daran lag ihr so wenig wie an der Bedeutung der Bilder in der »Pilgerreise« oder in der alten großen Bibel, mit denen Martinchen und der kleine Thoms sie immer Sonntags quälten. Dina ergriff Hettys Hand und nahm sie in ihren Arm. »Du siehst heute abend so glücklich aus, liebes Kind,« sagte sie. »Ich werde oft an dich denken, wenn ich wieder in Snowfield bin und dein Gesicht gerade so vor mir sehe wie jetzt. Es geht mir recht sonderbar: bisweilen wenn ich ganz allein im Zimmer sitze und die Augen geschlossen habe, oder über die Hügel gehe, dann treten die Menschen, die ich gesehen und gekannt habe, und wenn's auch nur wenige Tage waren, vor mich hin und ich höre ihre Stimmen und sehe ihre Blicke und Bewegungen, deutlicher fast als da ich wirklich bei ihnen war und sie mit Händen greifen konnte. Und dann zieht es mich im Herzen mächtig zu ihnen hin, und ich fühle ihr Los wie mein eigenes, und suche Trost, indem ich es vor dem Herrn bringe und sie und mich seiner Liebe anheimgebe. Und darum bin ich gewiß, du wirst mir auch erscheinen im Geiste.« Sie hielt einen Augenblick inne, aber Hetty sagte nichts. »Ich habe köstliche Stunden gehabt,« fuhr Dina fort, »gestern abend und heute, zwei so gute Söhne zu sehen, wie Adam und Seth Bede. Sie sind so zärtlich und sorglich gegen ihre alte Mutter. Und sie hat mir erzählt, was Adam all diese Jahre her für seinen Vater und seinen Bruder gethan hat; es ist ganz herrlich, was für ein Geist der Weisheit und Einsicht in ihm ist und wie gern er ihn gebraucht für die Schwachen. Liebe ist auch in ihm, das bin ich gewiß. Ich habe oft unter meinen Bekannten in Snowfield bemerkt, daß die starken und geschickten Männer gegen Frauen und Kinder meist am freundlichsten sind, und es sieht so hübsch aus, wenn sie die kleinen Kinder tragen, als wären sie leicht wie Vögelchen. Und die Kinder scheinen immer einen starken Arm am liebsten zu haben. So wird es auch mit Adam Bede sein. Meinst du nicht auch, Hetty?« »Ja wohl,« antwortete Hetty zerstreut; ihre Seele war die ganze Zeit im Wäldchen gewesen, und es wäre ihr schwer geworden, zu sagen um was es sich handelte. Dina merkte, daß sie zum Sprechen nicht aufgelegt sei, und da waren sie auch schon an dem Thor des Pachthofs. Das stille Zwielicht mit der scheidenden Abendröte und den wenigen, schwach flimmernden Sternen lag auf dem Pachthof; kein Laut war zu hören als das Scharren der Ackerpferde im Stall. Es war etwa eine Viertelstunde nach Sonnenuntergang; die Hühner waren alle schlafen gegangen, und der Bullenbeißer lag auf dem Stroh vor seinem Häuschen, mit dem schwarzbraunen Dachshund zur Seite, als das Zuschlagen des Thores sie aufstörte; mit lautem Gebell gaben die treuen Wächter Antwort, ohne recht zu wissen worauf. Man mußte das Gebell im Hause gehört haben; als Dina und Hetty näher kamen, trat eine stattliche Figur mit einem roten Gesicht und schwarzen Augen in die Hausthür und füllte sie in der ganzen Breite aus. An Markttagen mochte dies Gesicht ungeheuer gescheit aussehen, bisweilen sogar überlegen verächtlich blicken können; jetzt aber überwog der Ausdruck herzlicher Gutmütigkeit und es schien die Aufschrift zu tragen: »nach genossener Mahlzeit.« Bekanntlich sind große Gelehrte, welche in ihrer Kritik über anderer Leute Gelehrsamkeit die schonungsloseste Härte zeigten, im Privatleben oft nachgiebig und nachsichtig gewesen, und ich habe mir von einem Gelehrten erzählen lassen, der mit der linken Hand sanft seine Zwillinge wiegte, während er mit der rechten die vernichtendsten Spöttereien über einen Gegner ausschüttete, der eine grobe Unkenntnis des Hebräischen verraten hatte. Schwächen und Irrtümer muß man verzeihen – ach, sie sind uns nicht fremd! – aber wer in der wichtigen Frage der hebräischen Accente Unrecht hat, der muß wie ein Feind des Menschengeschlechts behandelt werden. Eine ähnliche Mischung von Gegensätzen fand sich bei Martin Poyser; er hatte eine so vortreffliche Natur, daß er gegen seinen alten Vater freundlicher und ehrerbietiger geworden war als je, seit dieser ihm sein ganzes Vermögen abgetreten hatte, und in allen persönlichen Fragen war niemand nachsichtiger gegen seine Nachbarn als er; aber gegen einen Landwirt, wie der alte Lucas z. B., der seinen Acker nicht gehörig in Ordnung hielt, der vom Anlegen der Hecken und Gräben nicht die Anfangsgründe verstand und beim Ankauf seiner Wintervorräte nur wenig Einsicht bewies, gegen den war Martin Poyser so schneidend und unerbittlich wie der Nordostwind. Der arme Lucas konnte nicht eine Bemerkung machen, nicht einmal übers Wetter, in der nicht Martin Poyser einen Anflug von der Urteilslosigkeit und allgemeinen Unwissenheit gefunden hätte, die sein ganzes landwirtschaftliches Thun und Treiben bezeichnete. Am Markttage mochte er den Menschen nicht seinen Krug Bier an den Mund nehmen sehen, und wenn er ihn nur auf der andern Seite des Weges erblickte, nahmen seine schwarzen Augen sofort einen strengen und kritischen Ausdruck an, der sehr stark abstach gegen den väterlichen Blick, mit dem er jetzt seine beiden Nichten begrüßte. Pachter Poyser hatte sein Abendpfeifchen geraucht und hielt jetzt die Hände in den Taschen, – die einzige Beschäftigung für einen Mann, der nach der Arbeit des Tages noch aufsitzt. »Ei, ei, Mädel! Ihr seid heut' ein bißchen lange ausgeblieben,« sagte er; »Mutter hat sich schon um euch geängstigt, und unsere Kleine ist dazu noch ein bißchen krank. Und wie hast du die alte Frau Bede verlassen, Dina? Ist sie sehr herunter wegen des Alten? Die letzten fünf Jahre ist er ihr doch eine böse Last gewesen.« »Sein Tod hat sie sehr angegriffen,« antwortete Dina, »aber heute schien sie schon etwas gefaßt zu sein. Adam war den ganzen Tag zu Haus und arbeitete an dem Sarge für den Vater, und die Mutter hat ihn auch gern in der Nähe. Fast den ganzen Tag hat sie mir von ihm erzählt. Sie hat ein liebevolles Herz, wird aber leider leicht verdrießlich und mißmutig. Ich wollte, sie hätte einen festeren Halt, an dem sie sich in ihren alten Tagen aufrichten könnte.« »Adam ist fest genug,« sagte Poyser, welcher diesen Wunsch mißdeutete. »Der gehört nicht zu denen, wo bloß Stroh ist und kein Korn; der wird sich bewähren, wenn es zum Klappen kommt. Für den bürge ich, der bleibt ein guter Sohn bis ans Ende. Hat er nicht gesagt, ob er uns bald besuchen will? Aber herein mit euch,« fügte er hinzu und trat aus der Thür zurück, »ich brauche euch nicht noch länger aufzuhalten.« Die hohen Gebäude rings um den Hof verdeckten zwar ein gut Stück vom Himmel, aber das große Fenster ließ noch Licht genug herein und jeder Winkel des Flurs war zu sehen. Frau Poyser saß in dem Wiegestuhl, der aus dem vorderen Wohnzimmer herbeigeholt war, und versuchte Totty in Schlaf zu lullen. Aber Totty hatte nicht die geringste Neigung zu schlafen, und als ihre Cousinen eintraten, richtete sie sich auf und zeigte ein Paar hochrote Backen, die in der leinenen Nachtmütze dicker aussahen als je. In dem großen von Rohr geflochtenen Lehnstuhl, links vom Kamin, saß der alte Martin Poyser, ein gesundes, wenn auch etwas verfallenes und verblaßtes Ebenbild seines stattlichen, schwarzhaarigen Sohnes, – den Kopf etwas vornüber geneigt und die Ellbogen zurückgeschoben, so daß sein ganzer Vorderarm auf der Stuhllehne ruhen konnte. Sein blaues Taschentuch hatte er sich über die Knie gebreitet, wie er im Hause zu thun pflegte, wenn er es sich nämlich nicht über den Kopf hing, und so sitzend beobachtete er, was um ihn vorging, mit dem ruhigen, ganz nach außen gerichteten Blick eines gesunden Alten, der, nicht mehr beteiligt an innerlichen Vorgängen, die kleinste Nadel auf dem Boden sieht, den kleinsten Bewegungen seiner Umgebung mit einer völlig zwecklosen und absichtslosen Ausdauer folgt, das Flackern der Flamme und die Sonnenstrahlen an der Wand beobachtet, die Quadersteine des Fußbodens zählt, selbst den Zeiger an der Uhr langsam vorrücken sieht und seine Freude daran hat, wenn er in dem Tick-Tack einen Rhythmus oder eine Melodie findet. »Ist das die Zeit, abends nach Haus zu kommen, Hetty?« fuhr Frau Poyser auf. »Sieh mal, was die Uhr ist; nun? Es geht schon auf halb zehn, und die Mädchen hab' ich vor einer halben Stunde zu Bett geschickt, und das war schon spät genug, da sie um halb fünf wieder 'raus sollen und den Mähern die Suppe geben und backen; und dies liebe Kind hier hat das Fieber, das soll mal einer sehen, und ist noch so wach als wär's Mittagszeit, und keiner konnte mir helfen, ihr die Medizin einzugeben, als dein Onkel, und Mühe genug hat's gemacht, und halb hat sie's noch auf den Nachtrock gegossen, und wenn sie von dem bißchen nicht noch schlimmer wird statt besser, dann will ich's loben. Aber wer sich mal nicht nützlich machen will, der hat immer das Glück und ist aus dem Wege, wenn's was zu thun giebt.« »Ich bin vor acht Uhr weggegangen, Tante,« erwiderte Hetty etwas schnippisch und warf das Köpfchen in die Höhe. »Aber unsere Uhr geht so viel vor gegen die Uhr auf dem Schlosse, daß ich gar nicht weiß, um welche Zeit ich wohl hier sein werde.« »Wie? wolltest wohl gar unsre Uhr nach vornehmer Leute Zeit stellen, so?! Und bei der Lampe möchtest du aufsitzen und im Bett liegen, daß die Sonne dich brät wie die Gurken im Glaskasten? Und die Uhr geht doch heute nicht zum erstenmal vor, sollte ich glauben.« Die Sache war, Hetty hatte wirklich den Unterschied zwischen den beiden Uhren vergessen, als sie dem Kapitän sagte, sie mache sich um acht Uhr auf den Rückweg, und da sie noch dazu langsamer gegangen war, hatte sie sich fast eine halbe Stunde verspätet. Glücklicherweise wurde jetzt die Aufmerksamkeit ihrer Tante von dieser häkeligen Frage durch Totty abgelenkt, die sich endlich überzeugte, daß sie von der Ankunft ihrer Cousinen nichts besonderes zu erwarten hätte, und nun wieder sehr ungestüm zu weinen und Mama, Mama zu schreien anfing. »Hier, mein Herzchen; Mutter nimmt Totty und bleibt bei ihr; Totty ist auch ein gutes Kind und schläft hübsch ein,« sagte Frau Poyser, lehnte sich zurück und schaukelte sich hin und her, während sie ihr Kindchen fest an sich hielt. Aber Totty weinte nur noch lauter und rief: nicht schaukeln, nicht schaukeln!« und mit der wunderbaren Geduld, welche die Liebe auch dem unruhigsten Temperament giebt, richtete sich die Mutter nun in die Höhe, drückte das kleine Köpfchen gegen ihr Gesicht, küßte es und vergaß Hetty auszuschelten. »Komm, Hetty,« sagte Martin Poyser in versöhnlichem Tone, »komm und hol' dir dein Abendbrot aus der Vorratskammer, und dann kannst du die Kleine etwas nehmen, während die Tante sich auszieht, denn Totty will ohne ihre Mutter nicht zu Bett. Und ich glaube, du könntest auch ein bißchen essen, Dina; da unten die Leute hatten wohl nichts recht's im Hause.« »Nein, Onkel, ich danke,« erwiderte Dina; »ich habe ganz tüchtig gegessen, ehe ich wegging; Frau Bede hat mir einen Topfkuchen gemacht.« »Ich brauche kein Abendbrot,« sagte Hetty und nahm ihren Hut ab; »wenn Tante will, kann ich jetzt Totty nehmen.« »Was ist das nun wieder für ein Unsinn!« fuhr Frau Poyser auf. »Meinst du, du brauchst nicht zu essen und wirst fett von den roten Bändern, die du dir an den Kopf steckst? Den Augenblick holst du dir dein Abendbrot, Kind; ich habe dir ein hübsch Stück kalten Pudding hingestellt, gerade wie du's gern magst.« Hetty fügte sich schweigend und ging nach der Vorratskammer. Nun wandte sich Frau Poyser an Dina: »Setz' dich, liebes Kind, und thu' so, als wüßtest du was Bequemlichkeit ist. Die alte Frau freute sich gewiß recht über deinen Besuch, da du so lange geblieben bist?« »Zuletzt schien sie mich wirklich gerne bei sich zu haben, aber ihre Söhne sagen, für gewöhnlich habe sie junge Mädchen nicht gern um sich, und ganz zu Anfang glaubte ich beinahe, sie wäre böse über meinen Besuch.« »I, das ist 'ne böse Geschichte, wenn alte Leute die jungen nicht leiden mögen,« bemerkte der alte Martin, indem er seinen Kopf etwas tiefer senkte und das Muster auf dem Steinpflaster des Fußbodens zu studieren schien. »Ja, wer Flöhe nicht gern hat, ist in einem Hühnerstall übel dran,« meinte Frau Poyser; »wir haben alle unsre junge Zeit gehabt, dünkt mich, – wohl oder übel.« »Aber sie wird sich schon an junge Frauen gewöhnen müssen,« sagte der Hausherr; »darauf ist doch nicht zu rechnen, daß Adam und Seth ihrer Mutter zu Gefallen die nächsten zehn Jahre noch unverheiratet bleiben. Das wäre unverständig. Es ist nicht recht, weder für Alte noch für Junge, daß sie alles nach ihrem Willen haben wollen. Was für den einen gut ist, ist zuletzt auch für die andern gut. Ich bin gerade auch kein Freund von dem frühen Heiraten, wenn das junge Volk noch keinen Apfel vom Holzapfel unterscheiden kann; aber man kann auch zu lange warten.« »Gewiß das,« sagte Frau Poyser; »wenn man über die Essenszeit wartet, da hat man keine rechte Freude am Essen; man dreht es mit der Gabel hin und her und endlich ißt man's doch nicht; und dann soll das Essen die Schuld haben, und doch hat sie bloß der Magen.« Hetty kam jetzt aus der Vorratskammer zurück und sagte: »jetzt kann ich Totty nehmen, Tante, wenn Ihr wollt.« »Nun, Frau,« sagte Martin, als diese zu zögern schien, weil Totty endlich still war, »laß sie doch von Hetty hinaufbringen, während du dich fertig machst. Du bist müde; es ist hohe Zeit, daß du zu Bett kommst; du holst dir gewiß wieder dein Seitenstechen.« »Nun ja, sie kann sie hinnehmen, wenn das Kind zu ihr gehen will,« erwiderte Frau Poyser. Hetty trat nahe an den Lehnstuhl heran, aber ohne ihr gewöhnliches Lächeln und ohne den geringsten Versuch, Totty an sich zu locken; sie wartete einfach, daß die Tante ihr das Kind auf den Arm gebe. »Willst du zu Hetty gehen, Herzchen, damit Mutter sich fertig machen kann? Dann soll Totty in Mutter ihr Bett und die ganze Nacht da schlafen.« Aber ehe noch die Mutter geendet hatte, gab Totty schon in der unzweideutigsten Weise ihre Antwort; sie zog die Stirn kraus, kniff ihre kleinen Zähnchen auf die Unterlippe, beugte sich vornüber und schlug Hetty mit ganzer Kraft auf den Arm; dann duckte sie sich wieder an ihre Mutter, ohne ein Wort zu sprechen. »Ei, ei!« rief der Vater, während Hetty sich nicht rührte, »nicht zu Hetty gehen? das ist ja wie ein kleines Kind; Totty ist ein kleines Mädchen und kein Kind mehr.« »Es hilft doch nichts, ihr zuzureden,« sagte Frau Poyser; »wenn ihr was fehlt, hat sie immer was gegen Hetty. Vielleicht geht sie zu Dina.« Dina hatte Hut und Tuch abgelegt und bisher ruhig im Hintergrunde gesessen; sie wollte Hetty bei dem, was ihr eigentlich zukam, nicht gern in den Weg treten. Aber jetzt kam sie hervor, hielt dem Kinde die Arme entgegen und sagte: »komm, Totty, komm zu Dina; ich bringe dich mit Mutter die Treppe hinauf; die arme, arme Mama! Sie ist so müde, sie muß zu Bett.« Totty wandte ihr Gesicht nach Dina und sah sie einen Augenblick an; dann richtete sie sich auf, streckte die kleinen Ärmchen aus und ließ sich von Dina ihrer Mutter vom Schoß nehmen. Hetty wandte sich ohne jedes Zeichen von Unzufriedenheit ab, nahm ihren Hut vom Tisch und stellte sich hin und wartete gleichgültig, ob ihr noch irgend etwas geheißen würde. »Du kannst jetzt die Thür abschließen, Poyser; Alick ist schon lange zu Haus,« sagte Frau Poyser, und stand sichtlich erleichtert von ihrem niedrigen Stuhle auf. »Gieb mir das Feuerzeug, Hetty, ich muß das Nachtlicht in meiner Kammer anstecken. Kommt, Vater; Ihr müßt auch zu Bett.« Die schweren hölzernen Riegel knarrten an den Hausthüren, und der alte Großvater rüstete sich zum Gehen, indem er das blaue Taschentuch zusammenlegte und seinen glänzenden Knotenstock von Wallnußholz aus der Ecke nahm. Frau Poyser verließ nun die Küche, der Großvater und Dina – mit Totty auf dem Arm – folgten, alle gingen im Dunkelwerden zu Bett wie die Vögel. Frau Poyser warf erst noch einen Blick in die Kammer, wo ihre beiden Knaben schliefen, nur um ihre roten, runden Backen in den Kissen zu sehen und einen Augenblick ihr leises, gleichmäßiges Atmen zu hören. »Nun, Hetty, geh' du auch zu Bett,« sagte Onkel Poyser freundlich, indem er sich nach der Treppe wandte; »du hast gewiß nicht gewußt, daß es schon so spät sei, davon bin ich überzeugt, aber Tante hat sich heute viel quälen müssen. Gute Nacht. Mädchen, gute Nacht.« Fünfzehnter Abschnitt Die beiden Schlafkammern Hetty und Dina schliefen beide im zweiten Stock, ihre Kammern stießen an einander, – dürftig möblierte Kammern ohne Vorhänge gegen das Licht, welches nun durch den aufgehenden Mond wieder heller zu werden anfing, wenigstens hell genug, daß Hetty sich bequem dabei entkleiden konnte. Sie konnte die Pflöcke in dem alten angestrichenen Leinenschrank, an welche sie Hut und Kleid hing, ganz gut sehen, sie sah den Kopf jeder Nadel auf ihrem roten Nadelkissen. Sie konnte ihr eignes Bild in dem altmodischen Spiegel so deutlich als nötig sehen; denn sie brauchte sich ja nur das Haar zu kämmen und die Nachtmütze aufzusetzen. Ein kurioser alter Spiegel! Fast jedesmal beim Ankleiden ärgerte sich Hetty darüber. Er hatte seine Zeit gehabt, wo er für hübsch galt, und war vermutlich vor einem Menschenalter bei irgend einer vornehmen Auktion in den Poserschen Familienbesitz gekommen. Auch jetzt ließ sich noch manches für ihn sagen; es war noch ein gut Stück blanker Vergoldung daran und ein fester Untersatz von Mahagoni mit verschiedenen Auszügen, die immer mit einem Ruck aufgingen, daß einem die Sachen, die drin lagen, aus der hintersten Ecke entgegenflogen, so daß man nicht danach zu suchen brauchte, und vor allem: auf beiden Seiten hatte er messingene Leuchter, die ihm für alle Zeit ein vornehmes Ansehen gaben. Aber Hetty konnte den Spiegel nicht leiden, weil er eine Menge dunkler Stellen hatte, die durch kein Reiben wegzubringen waren, und weil er sich nicht vor und zurück stellen ließ, sondern ganz gerade feststand, so daß sie nur einen einzigen guten Blick auf Kopf und Nacken hatte und um den zu haben, mußte sie sich auf einen niedrigen Stuhl vor ihrem Toilettentisch setzen. Der Toilettentisch aber war gar kein Tisch, sondern eine kleine alte Kommode, das ungeschickteste Ding von der Welt, um davor zu sitzen; denn an den großen, metallenen Griffen zerstieß sich die kleine Hetty die Knie, und so hatte sie es recht unbequem, an ihren Spiegel zu kommen. Indes, andächtige Gläubige lassen sich bei der Verrichtung ihrer religiösen Gebräuche nicht von Unbequemlichkeiten abhalten, und Hetty war heute abend auf ihre besondere Art von Gottesdienst mehr als gewöhnlich versessen. Nachdem sie ihr Kleid und ihr weißes Halstuch abgelegt hatte, zog sie aus der großen Tasche an ihrem Unterrock einen Schlüssel, schloß einen Auszug der Kommode auf, nahm zwei kurze Endchen Wachslichter heraus – sie hatte sie heimlich in Treddleston gekauft –, steckte sie in die beiden Leuchter am Spiegel und zündete sie an; und ganz zuletzt holte sie einen kleinen rot eingerahmten Handspiegel hervor ohne alle Flecke. In diesen kleinen Spiegel blickte sie zuerst, nachdem sie sich gesetzt hatte. Sie sah hinein, lächelte und neigte den Kopf einen Augenblick auf die Seite; dann legte sie ihn hin und nahm aus einem andern Auszuge Bürste und Kamm. Sie wollte sich das Haar ganz los machen; sie wollte so aussehen wie die Dame auf dem Bilde in Fräulein Lydia Donnithornes Ankleidezimmer. Es war bald geschehen, und die dunkeln Locken fielen ihr auf den Nacken. Ihr Haar war nicht schwer, dick und nur eben gekräuselt, sondern weich und seiden lief es in hundert zarten Ringeln. Aber um auszusehen wie das Bild, schob sie es ganz zurück; so machte es einen dunkeln Vorhang, aus dem ihr runder weißer Hals desto besser hervortrat. Dann legte sie Bürste und Kamm beiseite, schlug die Arme unter, ganz wie die Dame auf dem Bilde, und sah sich an. Selbst der alte, fleckige Spiegel mußte ihr wohl oder übel ein liebliches Bild zurückgeben, welches selbst dadurch nichts verlor, daß Hettys Schnürbrust statt von weißer Seide – so tragen sich doch Romanheldinnen gewöhnlich?! – nur von dunkelgrünem Stoff war. O ja, hübsch war sie, sehr hübsch: Arthur Donnithorne fand das. Hübscher als sonst jemand in und bei Hayslope, – hübscher als alle Damen, die jemals im Schlosse zum Besuch kamen – es wollte ihr beinahe scheinen, vornehme Damen seien immer etwas alt und häßlich – und hübscher auch als die Müllerstochter, welche in der ganzen Gegend die Schöne von Treddleston hieß. Und heute abend sah sich Hetty mit einer ganz andern Empfindung an, als sie je zuvor gehabt; ein unsichtbarer Zuschauer war bei ihr, dessen Auge auf ihr ruhte, wie der Morgen auf den Blumen. Seine sanfte Stimme sagte immer und immer wieder die hübschen Sachen, die sie im Wäldchen gehört hatte, sein Arm hielt sie umfaßt, und der zarte Rosenduft von seinem Haar umspielte sie noch immer. Selbst die eitelste Frau ist sich ihrer Schönheit nie ganz bewußt, als bis sie von dem Manne geliebt wird, der auch sie zur Leidenschaft entflammt. Aber nun schien Hetty einzufallen, ihr fehle noch etwas; sie stand auf und nahm aus dem Leinenschrank ein altes schwarzes Spitzentuch und aus dem geweihten Auszuge, der ihre Lichter enthielt, ein Paar große Ohrringe. Das Tuch war alt, sehr alt, hatte schon manchen Riß, aber es faßte ihr die Schultern hübsch ein und stach ab gegen ihren weißen Oberarm. Die kleinen Ohrringe, die sie gewöhnlich trug, – wie hatte die Tante gescholten, als sie sich diese einsetzen ließ! – nahm sie heraus und machte die großen ein; sie waren nur von farbigem Glas und vergoldet; wer das aber nicht wußte, fand sie gerade so hübsch wie die von vornehmen Damen. Und so setzte sie sich wieder hin, mit den großen Ohrringen geputzt und das schwarze Spitzentuch um die Schultern gelegt. Sie sah auf ihre Arme: bis etwas unter den Ellbogen waren sie ganz hübsch, weiß und voll und Grübchen drin wie in den Wangen, aber unten, nahe am Handgelenk, da waren sie zu ihrem großen Ärger grob geworden vom Buttermachen und anderer Arbeit, welche vornehme Damen nie thaten. Kapitän Donnithorne, dachte sie, lasse sie gewiß nicht mehr arbeiten, sähe sie gewiß am liebsten in schönen Kleidern und dünnen Schuhen und weißen Strümpfen, vielleicht mit seidenen Zwickeln drin; er hatte sie ja so lieb; nie hatte sie ein anderer so in den Arm genommen und geküßt. Sicher heiratete er sie und machte sie zu einer Dame – sie wagte den Gedanken kaum zu denken, aber anders konnte es ja nicht sein! Ganz heimlich würde er sie heiraten, wie des Doktors Gehilfe des Doktors Nichte geheiratet hatte, und das war eine ganze Zeit verborgen geblieben, und als man dahinter kam, da half kein Ärgern mehr. Der Doktor hatte ihrer Tante die ganze Geschichte erzählt, wo sie dabei war. Sie wußte nicht recht, wie die Sache kommen werde, aber das war ganz klar, der alte Herr durfte nie was davon erfahren; denn wenn ihm Hetty nur im Park begegnete, war sie schon vor Angst und Schrecken einer Ohnmacht nahe. Daß er jemals jung gewesen sei wie andre Leute, konnte sie sich gar nicht vorstellen; so lange sie denken konnte, war er der alte Herr gewesen, vor dem sich jeder fürchtete. O, es war gar nicht zu sagen, wie die Sache kommen würde! Aber der Kapitän, der würd' es schon wissen; der war ein großer Herr, konnte in allem seinen Willen haben und alles kaufen, was er nur wollte. Und alles mußte anders werden als es jetzt war! Sie sah sich schon als große Dame, fuhr in einer Kutsche und machte Toilette zum Diner, Federn ins Haar und ein Brokatkleid, dessen Rock auf dem Boden nachschleppte, wie bei Fräulein Lydia und Lady Dacey, die sie eines Abends ins Eßzimmer hatte gehen sehen, als sie durch das kleine runde Fenster im Korridor guckte; nur nicht so alt und häßlich würde sie sein wie Fräulein Lydia, und nicht so dick wie Lady Dacey, sondern im Gegenteil sehr hübsch, und ihr Haar wollte sie heute so, morgen so tragen, und bisweilen ein blaßrotes, bisweilen ein weißes Kleid anziehen – sie wußte selbst nicht, welches sie am liebsten leiden mochte; und Meister Burge und Marie Burge und alle Welt sähen sie dann in der Kutsche fahren, oder vielmehr, sie hörten davon; denn daß diese Dinge in Hayslope unter den Augen ihrer Tante vorgingen, konnte sie sich unmöglich denken. Bei dem Gedanken an all diesen Glanz erhob sich Hetty vom Stuhl; dabei faßte ihr Spitzentuch das Häkchen an dem kleinen Spiegel, und dieser fiel laut zur Erde. Aber sie war zu eifrig mit ihrem Glücksbilde beschäftigt, um sich danach zu bücken, und nach kurzem Schreck fing sie an, sich wie eine Taube in die Brust zu werfen und in der Kammer auf und ab zu schreiten, in der farbigen Schnürbrust und dem bunten Rock, das große schwarze Spitzentuch um die Schultern und die großen Glasohrringe in den Ohren. Wie hübsch das kleine Kätzchen aussieht in dem seltsamen Aufzuge! Nichts leichter als sich in sie zu verlieben: an ihrem Gesicht und ihrer Gestalt ist alles so hübsch rund, wie bei kleinen Kindern; die zarten, dunkeln Ringeln ihres Haars fallen so reizend um Ohren und Hals; ihre großen, dunkeln Augen mit den langen Wimpern machen einen so wunderbaren Eindruck, als sitze da ein lustiger Kobold gefangen und schaue draus hervor. O, welch' köstlichen Preis gewinnt ein Mann an einer süßen Braut wie Hetty! Wie die Männer ihn beneiden, die zur Hochzeit kommen und sie im weißen Spitzenschleier und Myrtenkranz an seinem Arm hängen sehen. Das liebe, junge, rundliche, sanfte, geschmeidige Ding! Grade so sanft muß ihr Herz sein, grade so frei von allen scharfen Ecken ihr Gemüt, grade so fügsam ihr Charakter; wenn da nicht alles gut geht, dann ist es des Mannes Schuld; er kann ja aus ihr machen was er will. Und der Bräutigam selbst denkt auch so; das kleine Herzblatt hat ihn so lieb, ihre kleinen Koketterien sind so bezaubernd, ihre Blicke und Bewegungen sind grade das, was ihm die Häuslichkeit zum Paradiese machen wird. In einer solchen Lage ist jeder Mann überzeugt, er verstehe sich vorzüglich auf Physiognomien. Die Natur hat ihre eigene Sprache, das weiß er, und die Natur ist immer wahr, und er glaubt diese Sprache zu kennen. Den Charakter seiner Braut hat ihm die Natur gezeichnet in diesen wunderschönen Linien an Wange, Mund und Kinn, diesen Augenlidern, die so zart sind wie Blütenblätter, diesen langen Wimpern, die sich kräuseln wie Staubfäden, und der dunkeln, feuchten Tiefe dieser wunderbaren Augen. Wie wird sie ihre Kinder vergöttern! sie ist selbst fast noch Kind, und die kleinen roten Dinger werden um sie herumhängen wie Knöspchen um die Blüte, und der Mann wird das sehen und freundlich lächeln und, wenn er sich satt gesehen, sich zurückziehen in das Heiligtum seiner Weisheit, zu welchem sein liebes Weibchen wohl ehrerbietig hinblickt, aber nie hineinguckt. Es ist eine Ehe wie im goldnen Zeitalter, wo die Männer alle weise und erhaben waren und die Frauen alle lieblich und liebevoll. Ziemlich genau so dachte unser Freund Adam Bede von Hetty, nur sagte er's »mit ein bißchen andern Worten.« Wenn sie ihn kalt und hochmütig behandelte, so sagte er sich, sie liebe ihn nur nicht genug, und war dabei überzeugt, wem sie ihre Liebe gäbe – der besitze das größte Kleinod auf der Welt. Ehe der Leser wegen dieses Mangels an Scharfsinn von Adam verächtlich denkt, möge er sich selbst fragen, ob er je geneigt war, von einer hübschen Frau übel zu denken, und ob er je ohne unwidersprechlichen Beweis von der einen allerhübschesten Frau, die ihn behext hat, übel zu denken imstande war. Nein! Wer zarte Pfirsiche liebt, vergißt leicht den Stein und beißt bisweilen darauf, daß ihm die Zähne weh thun. Auch Arthur Donnithorne hatte ungefähr dieselbe Vorstellung von Hetty, so weit er nämlich über ihr Wesen überhaupt nachgedacht hatte. Er war überzeugt, sie sei ein liebes, zärtliches gutes kleines Ding. Wer die schüchterne, zitternde Leidenschaft eines jungen Mädchens wachruft, hält das Mädchen immer für zärtlich, und wenn er einmal einen Blick in die Zukunft wirft, so erscheint er sich in seiner Vorstellung selbst als rechtschaffen zärtlich gegen sie, weil das arme Ding so liebevoll an ihm hängt. Gott hat diese guten Geschöpfe mal so gemacht und in Krankheitsfällen ist's eine sehr bequeme Einrichtung. Am Ende glaube ich doch, auch die verständigsten unter uns müssen bisweilen so angeführt werden und von den Menschen das eine Mal besser, das andre Mal schlechter denken, als sie verdienen. Die Natur hat ihre Sprache und kann nicht lügen, – gewiß, aber noch kennen wir nicht alle ihre sprachlichen Feinheiten und beim schnellen Überfliegen lesen wir vielleicht das grade Gegenteil von dem heraus, was sie eigentlich will. Lange, dunkle Wimpern z.B. – kann es wohl was schöneres geben? Ich für mein Teil muß mir hinter einem dunkeln, grauen Auge mit langen, dunkeln Wimpern unwillkürlich etwas Tiefsinn denken, und doch hat mich Erfahrung gelehrt, daß sie sich auch mit Falschheit, Untreue und Dummheit vertragen. Habe ich mich dann aber aus bloßem Widerwillen an Fischaugen gehalten, so hat sich eine überraschende Ähnlichkeit im Ergebnis herausgestellt. So steigt einem endlich der Verdacht auf, daß es zwischen Augenwimpern und Sittlichkeit keine unmittelbare Beziehung giebt, oder anders ausgedrückt, daß die Wimpern unserer Schönen eigentlich die Sinnesart ihrer Großmutter ausdrücken, die uns im ganzen doch nicht so viel angeht. Hettys Wimpern konnten nicht schöner sein, und jetzt, wo sie stolzierend wie eine Taube in ihrer Kammer auf- und abgeht und auf ihre Schultern mit der schwarzen Spitzeneinfassung herabblickt, macht sich der dunkle »Fransenvorhang« (wie Shakespeare es nennt) auf ihrer blaßroten Wange vollendet schön. Es sind nur matte, unbestimmte Bilder der Zukunft, die ihr bißchen Einbildungskraft fertig bringt, aber auf jedem Bilde ist sie die schöngeputzte Hauptfigur; Arthur ist immer in ihrer Nähe, nimmt sie in den Arm, küßt sie auch wohl, und alle Welt bewundert und beneidet sie, namentlich Marie Burge, deren neues Kattunkleid sich neben Hettys glänzender Toilette recht dürftig ausnimmt. Mischt sich in diesen Zukunftstraum irgend eine liebe oder wehmütige Erinnerung? Ein Gedanke der Liebe an ihre zweiten Eltern, an die Kinder, die sie mitgepflegt hat, an irgend einen Genossen ihrer Jugend, oder auch nur an ein Lieblingstier oder ein totes Andenken aus ihrer eigenen Kindheit?! Nein, nichts der Art. Es giebt Pflanzen, die haben so gut wie gar keine Wurzeln; man reiße sie aus von dem Stein oder der Mauer, wo sie gewachsen sind, und lege sie auf seinen Blumentopf im Zimmer, sie blühen grade so gut weiter. Für die alte Pächterwohnung hatte, glaube ich, Hetty gar kein Gefühl, und die Jakobsleiter und die lange Reihe von Stockrosen im Garten hatte sie nicht lieber als andere Blumen, vielleicht nicht mal ganz so lieb. Wie gänzlich ihr der Sinn abging, ihrem Onkel, der ihr ein zweiter Vater gewesen war, kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen, das war gradezu unbegreiflich; sie hatte fast nie daran gedacht, ihm zu rechter Zeit seine Pfeife zu geben, ohne es sich erst sagen zu lassen, – ausgenommen freilich, wenn jemand zum Besuch da war, dem sie sich mehr in der Nähe zeigen wollte. Wie man ältere Leute sehr lieb haben könne, vermochte sie gar nicht zu fassen, und gar diese langweiligen Kinder Martinchen und Thoms und Totty, die waren so recht die Qual ihres Lebens gewesen, ganz wie summende Insekten, die einen am heißen Tage quälen, wenn man so gern ruhig säße. Der älteste, Martinchen, war noch ein Säugling, als sie zuerst auf den Pachthof kam – die früheren Kinder waren bald wieder gestorben –, und so hatte sie Hetty alle drei eins nach dem andern aufwachsen sehen, hatte sie auf die Wiese nehmen müssen, als sie kaum gehen konnten, oder an nassen Tagen in den halb leeren Gemächern des großen, leeren Hauses mit ihnen spielen müssen. Die Knaben waren nun zwar der weiblichen Pflege entwachsen, aber Totty quälte sie noch den langen lieben Tag und schlimmer als die andern je gethan, weil man von ihr mehr Aufhebens machte, und das Nähen und Ausbessern für sie nahm gar kein Ende. Mit wahrer Freude würde Hetty gehört haben, sie werde nie wieder ein Kind zu sehen bekommen; Kinder waren ja schlimmer als die häßlichen kleinen Lämmer, welche der Schäfer zu bessrer Pflege immer hereinbrachte, wenn die Schafe lammten; die Lämmer wurde man doch früher oder später wieder los. Was die kleinen Hühner oder Puten anging, so wäre ihr das bloße Wort »brüten« verhaßt gewesen, wenn ihre Tante sie nicht für die Pflege des jungen Geflügels dadurch interessiert hätte, daß sie ihr den Ertrag von je einem Jungen aus jeder Brut zusicherte. Die Küchlein mit ihren zarten Flaumfedern, die unter ihrer Mutter Flügel hervorguckten, machten Hetty nicht die geringste Freude; für diese Art von Schönheit hatte sie keinen Sinn, desto mehr aber für die hübschen neuen Sachen, welche sie sich mit dem gelösten Gelde auf dem Jahrmarkte in Treddleston kaufte. Und doch sah sie so reizend aus, wenn sie sich niederbückte und das durchgeweichte Brot in den Hühnerkorb legte, daß man sehr scharfsinnig hätte sein müssen, um eine solche Gefühllosigkeit bei ihr zu vermuten. Das Hausmädchen Molly mit ihrer Stupsnase und dem stark vorstehenden Kinn war wirklich ein weichherziges Mädchen, und wie Frau Poyser sagte, ein wahres Juwel für den Hühnerhof, aber auch auf ihrem dummen Gesichte war nichts von dieser mütterlichen Freude zu sehen, so wenig wie man durch einen braunen irdenen Krug das Licht einer Lampe sieht, die darin brennt. Es ist gewöhnlich ein Weiberauge, welches zuerst die innern Mängel entdeckt, die sich unter der trügerischen Hülle der Schönheit verstecken; es kann daher auch nicht überraschen, daß Frau Poyser mit ihrem scharfen Blick und der reichlichen Gelegenheit zum Beobachten sich ein ziemlich richtiges Urteil gebildet hatte, was von Hetty an Gefühl zu erwarten sei, und in Augenblicken der Entrüstung hatte sie sich bisweilen mit großer Offenheit gegen ihren Mann darüber ausgesprochen. »Sie ist grade wie ein Pfau, der auf der Mauer herumstolziert und sein Rad in der Sonne ausbreitet, wenn auch alle Leute im Dorfe im Sterben lägen; nicht das geringste nimmt sie sich zu Herzen; es hat sie nicht einmal gerührt, als wir glaubten, Totty wär' in den Teich gefallen. Der süße Engel! Sie saß mit ihren kleinen Schuhen im Schlamme fest, da hinten beim Pferdeteiche, und schrie sich beinahe das Herz ab. Aber Hetty, das konnte ich sehen, kümmerte sich gar nichts drum und sie hat doch das Kind mit groß gezogen von seiner Geburt an. Ich glaube, ihr Herz ist so hart wie ein Kiesel.« »Nein, nein!« erwiderte ihr Mann, »du mußt Hetty nicht zu hart beurteilen. Die jungen Mädchen sind wie unreifes Korn; mit der Zeit geben sie gutes Mehl, aber noch sind sie weich und wässrig. Du sollst sehen, wenn Hetty erst einen guten Mann und selbst Kinder hat, dann geht alles gut.« »Ich will gar nicht hart sein gegen das Mädchen. Sie ist recht anstellig und kann tüchtig helfen, wenn sie will, und beim Buttern würd' ich sie recht entbehren, denn darauf versteht sie sich. Und wie das auch sein mag, ich werde immer meine Pflicht thun gegen eine Nichte von dir und habe sie schon gethan; alles was zum Haushalt gehört, hab' ich ihr gezeigt, und ihre Pflicht hab' ich ihr oft genug vorgehalten, wenn ich auch, Gott weiß, keinen Atem übrig habe und oft genug das schreckliche Seitenstechen kriege. Mit den drei Mädchen im Hause müßte ich noch einmal so viel Kräfte haben, um die bei der Arbeit zu halten. Das ist grade, als wenn man drei Braten, jeden an seinem besonderen Feuer hat; wenn man den einen begießt, brennt der andere an.« Hetty hatte vor ihrer Tante Respekt genug, um ihre Eitelkeit, so weit es sich ohne zu große Opfer thun ließ, vor ihren Blicken ängstlich zu verbergen. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihr Geld für Putz auszugeben, den Frau Poyser nicht leiden mochte, aber sie wäre vor Scham, Ärger und Angst gestorben, wenn die Tante in dem Augenblick in ihre Kammer getreten wäre und die Stümpfchen Licht hätte brennen und sie selbst mit Spitzentuch und Ohrringen hätte herumstolzieren sehen. Um sich vor einer solchen Überraschung zu schützen, verriegelte sie stets die Thür, und auch heute hatte sie es nicht unterlassen. Das war wohlgethan; denn ein leises Klopfen ließ sich hören, und in wahrer Herzensangst stürzte Hetty nach den Lichtern, blies sie aus und warf sie in den Auszug. Sie wagte nicht zu warten, bis sie ihre Ohrringe herausgenommen hatte; eilig warf sie das Tuch ab und ließ es auf die Erde fallen, ehe das Klopfen sich wiederholte. Woher das Klopfen kam, werden wir gleich hören, wenn wir Hetty auf kurze Zeit verlassen und zu Dina in dem Augenblick zurückkehren, wo sie Totty wieder ihrer Mutter übergab und in ihre Schlafkammer neben der Hettys ging. Dina hatte ihre Freude an dem Fenster ihrer Schlafkammer. Im zweiten Stock des hohen Hauses gelegen gestattete es einen weiten Blick über die Felder. Ungefähr zwei Fuß darunter war in der dicken Wand ein breiter Tritt, wo sie einen Stuhl hinsetzen konnte. Und das erste, was sie in ihrer Schlafkammer that, war, daß sie sich auf diesen Stuhl setzte und auf die friedlichen Felder hinblickte, über die der Mond, grade hinter der Reihe Ulmen, groß heraufstieg. Am meisten liebte sie das Weideland, wo die Milchkühe sich gelagert hatten, und danach die Wiese, wo das Gras halb gemäht war und in silberglänzenden Halbkreisen lag. Das Herz war ihr so voll; nur noch einen Abend, und sie sah für lange Zeit zum letztenmal auf diese Felder hinaus. Aber bloß diese Landschaft zu verlassen, das focht sie wenig an, denn für sie hatte das öde Snowfield eben so viele Reize: an alle die lieben Menschen dachte sie, die ihr in diesen friedlichen Gefilden nahe getreten waren und die nun in ihrer liebenden Erinnerung für immer einen Platz hatten. Sie dachte an die Kämpfe und Not, die vielleicht ihrer warteten auf ihrer künftigen Lebensreise, wenn sie fern von ihnen sein würde und nicht erführe, was ihnen zustieße, und mit so starkem Druck beängstigte sie dieser Gedanke bald, daß sie an der schweigenden Stille der mondbeglänzten Felder sich nicht länger erfreuen konnte. Sie schloß die Augen, um desto schärfer die Nähe einer tieferen und innigeren Liebe und Güte zu empfinden, als Erde und Himmel vor ihr atmeten. So pflegte Dina oft im stillen zu beten, und wenn sie die Augen schloß und sich umfangen fühlte von der Nähe Gottes, dann schwanden allmählich ihre Befürchtungen und ihr sehnendes Sorgen um andere hinweg, wie Stücke Eis im warmen Meer. So hatte sie völlig still, die Hände auf den Schoß zusammengelegt, das blasse Mondlicht auf ihrem ruhigen Antlitz, wenigstens zehn Minuten gesessen, als sie durch ein lautes Geräusch, offenbar von einem herabfallenden Gegenstande in Hettys Kammer, aufgeschreckt wurde. Aber wie jedes Geräusch, das wir in der Zerstreuung hören, war es ganz unbestimmt, nur laut und überraschend, und Dina wußte nicht recht, ob sie es auch richtig gedeutet habe. Sie stand auf und horchte, aber schon war alles wieder still, und sie überlegte sich, Hetty habe wohl nur etwas auf die Erde geworfen, indem sie ins Bett stieg. Langsam begann sie sich zu entkleiden, aber nun knüpften sich ihre Gedanken an jenes Geräusch und richteten sich ganz auf Hetty – auf das liebe junge Ding, vor dem das Leben mit all seinen Prüfungen lag, auf welches die heiligen, täglichen Pflichten des Weibes und der Mutter warteten, und das in seinem Innern auf das alles so wenig vorbereitet war, dessen Sinn lediglich auf kleine, thörichte, selbstsüchtige Freuden ging, das ihr vorkam, wie ein Kind, welches am Beginn einer langen, mühseligen Reise, auf der es Hunger und Kälte und obdachlose Finsternis zu tragen haben wird, mit seinen Puppen spielt. Dina war aus zwiefachem Grunde um Hetty bekümmert: sie teilte Seths ängstliche Sorge um seines Bruders Schicksal, und hatte sich nicht überzeugen können, daß Hetty nur Adam noch nicht genug liebe, um ihn zu heiraten; der Mangel jeder warmen, hingebenden Liebe in Hettys Wesen war ihr zu deutlich, als daß sie in ihrer Kälte gegen Adam einen Beweis hätte sehen können, sie wolle ihn nur nicht grade zum Manne haben. Und diese Lücke in Hettys Natur erregte nicht Dinas Abneigung, sondern rührte sie nur zu tieferem Mitleid; das liebliche Gesicht und die hübsche Gestalt ergriffen sie, wie Schönheit immer eine reine und zarte Seele ergreift, die von selbstischer Eifersucht frei ist; sie sah in dieser Schönheit eine köstliche Himmelsgabe, gegen welche die Not, Sünde und Sorge, die sich daran knüpften, nur um so schmerzlich erschütternder abstachen, – grade wie der Wurm in einer Lilienknospe trauriger anzusehen ist als in einer gemeinen Feldblume. Bis sich Dina ganz entkleidet und ihren Nachtrock angezogen hatte, war diese Empfindung für Hetty peinlich stark geworden; ihre Einbildungskraft zeigte ihr ein dorniges Dickicht von Sünde und Leid, und das arme Ding darin, wie es blutend und zerrissen sich loszumachen strebte, mit Thränen in den Augen nach Hilfe blickte und keine Hilfe fand. In dieser Weise pflegten Dinas Einbildung und Mitgefühl herüber und hinüber zu wogen und eins das andere zu verstärken. Sie fühlte ein tiefes Verlangen, jetzt gleich hinzugehen und in Hettys Ohr alle die Worte liebevoller Mahnung und Warnung auszuströmen, die auf ihre Seele einstürzten. Aber vielleicht schlief Hetty schon. Dina legte das Ohr an die Zwischenwand und hörte immer noch einiges leise Geräusch, woraus sie schloß, Hetty sei nicht im Bett. Doch zögerte sie noch; sie war noch nicht ganz sicher, daß es so Gottes Wille sei; die Stimme, die sie zu Hetty gehen hieß, schien nicht stärker als die andere Stimme, welche sagte, Hetty sei müde, und wenn sie jetzt zu ungelegener Zeit zu ihr ginge, so könne sich ihr Herz nur noch mehr verhärten und ganz verschließen. Sie mußte ein deutlicheres Gebot haben als diese inneren Stimmen. Noch war es hell genug, um in der Bibel zu lesen; sie kannte jede Seite darin aufs genaueste und konnte, ohne Überschrift oder Seitenzahl zu sehen, angeben, welches Buch sie aufgeschlagen, bisweilen welches Kapitel sie vor sich habe. Es war eine kleine, dicke Bibel, die Ränder vom vielen Gebrauch ganz abgegriffen. Dina legte sie auf die Fensterbank, wo es am hellsten war, und schlug sie mit dem Zeigefinger auf. Die ersten Worte, die ihr ins Auge fielen, standen oben links auf der Seite: »Es ward aber viel Weinens unter ihnen allen und fielen Paulus um den Hals und küßten ihn.« Das war Dina genug; sie hatte das Kapitel aufgeschlagen von dem merkwürdigen Abschied von den Ältesten der Gemeinde zu Ephesus, wo es Paulus drängt, sein Herz zu einer letzten Ermahnung und Warnung zu öffnen. Nun zögerte sie nicht länger, sondern öffnete leise ihre Thür, ging an Hettys Kammer und klopfte. Wie wir schon wissen, mußte sie zweimal klopfen, weil Hetty erst ihre Lichter auslöschen und das schwarze Spitzentuch abwerfen mußte; aber auf das zweite Klopfen öffnete sich sogleich die Thür. Dina sagte: »Darf ich hereinkommen, Hetty?« und ohne zu antworten, denn sie war verwirrt und verdrießlich, machte Hetty die Thür noch weiter auf und ließ sie herein. Welch ein wunderbarer Gegensatz, diese beiden Gestalten! Dämmerlicht und Mondschein ließen sie deutlich genug erkennen. Hettys Wangen brannten und ihre Augen leuchteten von ihrer aufgeregten Träumerei, der schöne Hals und die Arme waren nackt, das Haar hing ihr in lockiger Verwirrung über den Nacken herunter, in ihren Ohren glänzte der flitterhafte Putz. Dina dagegen, in ihrem langen, weißen Nachtgewande ganz verhüllt, das blasse Antlitz voll unterdrückter Erregung, sah fast aus wie eine schöne Leiche, in welche die Seele, mit erhabeneren Geheimnissen und einer erhabeneren Liebe erfüllt, zurückgekehrt ist. Sie waren fast von gleicher Gestalt, doch erschien Dina als die größere, als sie Hettys Brust umschlang und sie auf die Stirn küßte. »Ich wußte, daß du noch nicht zu Bett warst, liebe Hetty,« sprach sie mit ihrer süßen, klaren Stimme, über die Hetty sich ärgerte, da sie in ihre eigene verdrießliche Laune hineinklang wie Musik in Kettengeklirr, – »ich wußte, daß du noch nicht zu Bett warst; ich hörte dich noch gehen, und mich verlangte recht, heute nacht noch einmal mit dir zu sprechen; es ist die vorletzte Nacht, daß ich hier bin, und morgen kann manches dazwischenkommen, daß wir allein sind. Darf ich mich zu dir setzen, während du dir das Haar machst?« »O gewiß,« sagte Hetty, wandte sich rasch um und reichte ihr den zweiten Stuhl in der Kammer, ganz froh, daß Dina ihre Ohrringe gar nicht zu bemerken schien. Dina setzte sich, und Hetty bürstete und flocht sich das Haar mit jener Miene übertriebener Gleichgiltigkeit, die von einem bösen Gewissen zu zeugen pflegt; aber der Ausdruck in Dinas Augen beruhigte sie allmählich. Sie schienen das Einzelne gar nicht zu bemerken. »Liebe Hetty,« sprach sie, »der Geist hat mir heute abend eingegeben, es könne in Zukunft Trübsal über dich kommen; Trübsal ist uns allen hienieden bestimmt, und es kommt eine Zeit, wo wir mehr Trost und Hilfe bedürfen, als die Dinge dieser Welt uns geben können. Ich komme, dir zu sagen, daß, wenn du je in Trübsal gerätst und einen Freund nötig hast, der dich immer lieb haben wird, daß du dann an Dina Morris in Snowfield eine Freundin hast, und wenn du zu ihr gehst oder nach ihr schickst, so wird sie nie diese Nacht vergessen und die Worte, welche sie jetzt zu dir spricht. Willst du das behalten, Hetty?« »Ja,« erwiderte Hetty etwas erschrocken. »Aber warum glaubst du, daß Trübsal über mich kommt? Weißt du irgend was?« Hetty hatte sich hingesetzt, indem sie sich die Haube festband, und nun beugte sich Dina zu ihr nieder, faßte ihre Hände und antwortete: »Weil Trübsal in diesem Leben uns allen bevorsteht. Wir hängen unser Herz an Dinge, die wir nach Gottes Willen nicht haben sollen, und dann haben wir Kummer; die wir lieb haben, werden von uns genommen, und wir haben an nichts mehr Freude, weil sie nicht bei uns sind; Krankheit kommt über uns, und wir erliegen unter der Last unsres schwachen Leibes; wir gehen fehl und thun Unrecht und kommen so in Unfrieden mit unsern Mitmenschen. Es kommt niemand auf diese Welt, nicht Mann noch Weib, dem nicht eine oder die andere dieser Prüfungen bereitet würde. Und darum glaube ich, auch du mußt solche bestehen, und ich bitte dich ernstlich, du mögest nach Kraft suchen bei deinem himmlischen Vater in den Tagen deiner Jugend, auf daß du eine Stütze habest, die dich nicht verläßt am bösen Tage.« Dina hielt inne und ließ Hettys Hände los. Hetty saß ganz still, ihr Herz gab keine Antwort auf Dinas freundliche Neigung, aber bei den Worten, die ihre Freundin mit feierlicher Bestimmtheit aussprach, durchschauerte sie kalte Furcht. Ihre Röte war beinahe der Blässe gewichen; sie hatte die Feigheit einer weichlichen, vergnügungssüchtigen Natur, die vor jeder Möglichkeit des Schmerzes zurückbebt. Dina bemerkte diese Wirkung, und ihre zärtlich besorgte Mahnung wurde um so dringender, bis Hetty, ganz erfüllt von einer unbestimmten Furcht, irgend ein Unglück würde irgend einmal über sie kommen, zu weinen anfing. Wir pflegen zu sagen, die niedrigere Natur könne nie die höhere begreifen, die höhere dagegen überschaue jene vollkommen. Aber nach meiner Ansicht muß die höhere Natur dieses Verständnis erst lernen, wie wir in der Kindheit sehen lernen unter manchen harten Erfahrungen, oft unter Wunden und Rissen, wenn wir die Dinge am verkehrten Ende anfassen und die Entfernungen nicht richtig schätzen. Noch nie hatte Dina Hetty so ergriffen gesehen, und in ihrem liebevollen Vertrauen hoffte sie auch diesmal, es sei die Wirkung eines göttlichen Anstoßes. Sie küßte das schluchzende Mädchen und weinte mit ihr vor dankbarer Freude. Aber Hetty war lediglich in der reizbaren Stimmung, wo sich gar nicht berechnen läßt, welche Wendung die Empfindungen von einem Augenblick zum andern nehmen, und zum erstenmal im Leben wurde sie über Dinas Liebkosungen verdrießlich. Sie stieß sie ungeduldig von sich und sagte unter kindischem Schluchzen: »Sag' mir so was nicht, Dina. Warum kommst du her und ängstigst mich? Ich hab' dir nie etwas gethan. Warum läßt du mich nicht in Ruhe?« Der armen Dina fuhr es wie ein Stich durchs Herz. Sie war zu verständig, um weiter in sie zu dringen, und sagte nur milde: »du bist müde, liebes Kind; ich will dich nicht länger aufhalten. Mach nur rasch, daß du zu Bett kommst. Gute Nacht.« Sie ging fast so leise und schnell hinaus als wäre sie ein Geist gewesen; aber so bald sie wieder in ihrer eigenen Kammer war, warf sie sich auf die Knie und strömte in tiefem Schweigen all das heiße Erbarmen aus, dessen ihr Herz voll war. Und Hetty – sie war bald wieder im Wäldchen; ihre wachen Träume versanken nun in ein wirkliches Traumleben, welches kaum zusammenhangsloser und verwirrter war als jene. Sechzehnter Abschnitt Fesseln Wie der Leser sich erinnert, hat Arthur Donnithorne sich das Versprechen gegeben, am Freitag früh mit Pastor Irwine zu sprechen, und nun ist er schon so früh auf und angekleidet, daß er sich entschließt, noch vor dem Frühstück hinzugehen. Der Rektor frühstückt, wie ihm bekannt ist, um halb zehn Uhr allein, ohne seine Damen; Arthur will also einen Morgenritt über den Hügel machen und mit ihm frühstücken. Beim Essen sagt sich alles viel besser. Durch den Fortschritt der Civilisation sind Frühstücke oder Mittagessen ein leichter und heitrer Ersatz für die langweiligen und angenehmen Ceremonien von ehemals geworden. Jetzt, wo unser Beichtvater uns bei Kaffee und Eiern anhört, sehen wir unsre Irrtümer in einem viel weniger düstern Lichte; wir wissen mit Bestimmtheit, daß in einem erleuchteten Zeitalter grobe Bußen für anständige Herren ganz außer Frage sind und daß eine Todsünde gar nicht unverträglich ist mit einem Appetit auf Buttersemmel; ein Angriff auf unsre Taschen, der in Zeiten der Barbarei in der rohen Form eines Pistolenschusses gemacht wäre, ist jetzt ein fein gesitteter, höflicher Vorgang in Form einer Bitte um ein Darlehn, die man zwischen dem zweiten und dritten Glas Rotwein in einer leichten Parenthese hinwirft. Indes die alten, harten Formen hatten den Vorteil, daß sie zur Ausführung eines Entschlusses eine äußere That erheischten: wenn man vor ein Loch in einer steinernen Wand seinen Mund an das eine Ende hält und weiß, daß am andern Ende ein Ohr wartet, so sagt man gewiß eher, was man zu sagen gekommen ist, als wenn man auf einem bequemen Stuhle bei Tisch neben einem Freunde sitzt, der gar nichts überraschendes darin findet, wenn man ihm nichts besonderes zu sagen hat. Aber Arthur Donnithorne ist wirklich aufrichtig entschlossen, sein Herz dem Rektor zu öffnen, und in dieser rechtschaffenen Stimmung klingen ihm die Sensen auf der Wiese, wo er in der heiteren Morgensonne vorbeireitet, doppelt angenehm. Er freut sich der Aussicht auf beständiges Wetter in der Heuernte, welches den Bauern so viel Sorge gemacht hat, und in der Teilnahme an einer allgemeinen und nicht bloß persönlichen Freude ist etwas so gesundes, daß dieser Gedanke an die Heuernte ihn heitrer stimmt und ihm seinen Entschluß etwas leichter erscheinen läßt. Arthur war eben über das Dorf Hayslope hinaus und näherte sich der andern Seite des Hügels, als er bei einer Wendung des Weges ungefähr hundert Schritte vor sich eine Gestalt erblickte, die nur Adam Bede sein konnte, auch wenn kein grauer Schäferhund ohne Schwanz hinter ihm hergegangen wäre. Adam ging mit seinem gewohnten, raschen Schritte, und Arthur trieb sein Pferd an, um ihn einzuholen; er hatte für ihn noch ganz das Gefühl aus seiner Knabenzeit und versäumte nicht gern eine Gelegenheit, mit ihm zu plaudern. Dabei will ich indes nicht sagen, daß seine Neigung für den braven Burschen gar nichts zu thun gehabt hätte mit der Freude am Patronisieren; Freund Arthur war in allem seinen Thun immer anständig und sah das auch gern anerkannt. Als Adam das rasche Pferdegetrappel hinter sich hörte, wandte er sich um und wartete auf den Reiter, indem er zum Zeichen des Erkennens freundlich lächelte und die Mütze abnahm. Nach seinem eigenen Bruder Seth hielt Adam auf Arthur Donnithorne mehr als auf jeden andern jungen Mann. Nicht um alles hätte er den Zollstock verlieren mögen, den er immer in der Tasche bei sich trug; es war ein Geschenk; welches ihm Arthur als blonder Junge von elf Jahren von seinem Taschengelde gemacht hatte, als er es im Zimmern und Drechseln bei Adam schon so weit gebracht hatte, daß er allen Frauen und Mädchen im Hause mit überflüssigen Garnrollen und Nadelbüchsen lästig wurde. In jenen jungen Jahren war Adam ganz stolz gewesen auf seinen kleinen Herrn, und diese Empfindung hatte sich nur wenig geändert, als der blonde Junge zum backenbärtigen Jüngling herangewachsen war. Ich gebe zu, Adam war sehr empfänglich für den Einfluß von Rang und Stand und gern geneigt, gegen jeden Höherstehenden ganz besonders respektvoll zu sein; er war nämlich durchaus kein Gleichheitsmann, kein Proletarier mit demokratischen Ideen, sondern lediglich ein breitschultriger, geschickter Zimmermann, und in seiner Natur lag so viel Ehrerbietung, daß er alle hergebrachten Unterschiede und Vorrechte willig anerkannte, wenn nicht sehr klare Gründe vorlagen, sie zu bestreiten. Er hatte keine besondere Theorie, wie die Welt in Ordnung zu bringen sei, aber er sah recht wohl, daß viel Unheil geschehe durch Bauen mit schlechtem Bauholz, – Unheil, wenn unwissende Leute in seinen Kleidern Werkstätten und Arbeitsschuppen und dergleichen anlegten, ohne die Tragkraft der Balken und Ständer zu kennen, – Unheil durch lüderliche Tischlerarbeit und durch übereilte Kontrakte, die nie erfüllt werden konnten, ohne daß sich einer oder der andere dabei ruinierte, und dagegen war er seinerseits entschlossen sich zu wehren. In dieser Beziehung würde er seine Ansicht gegen den größten Grundbesitzer in der ganzen Gegend verteidigt haben, aber darüber hinaus, fühlte er, lasse er besser andere Leute sorgen, die mehr davon verständen als er selbst. Er durchschaute vollkommen, wie schlecht die Forsten des Gutes verwaltet wurden und in wie erbärmlichem Zustande die Bauerhöfe seien, und wenn ihn der alte Herr Donnithorne nach den Folgen dieser schlechten Wirtschaft gefragt hätte, so würde er ihm seine Meinung schon grade heraus gesagt haben, aber die Pflicht der Ehrerbietung gegen den vornehmen Herrn hätte er dabei doch immer gleich stark gefühlt. Das Wort »vornehmer Herr« hatte einen Zauber für Adam, und er pflegte oft zu sagen, er könne niemand leiden, der sich ein Ansehen damit geben wolle, daß er naseweis sei gegen Höherstehende. Der Leser muß sich dabei wieder erinnern, daß Adam Bauernblut in seinen Adern hatte und daß die Blüte seines Lebens in den Anfang dieses Jahrhunderts fiel; daher ist manches an ihm wohl schon veraltet. In seinem Verhältnisse zu dem jungen Herrn kamen zu dieser natürlichen Ehrerbietung Erinnerungen der Kindheit und persönliche Achtung; man kann sich also denken, daß er sich fast ausschließlich an Arthurs gute Eigenschaften hielt und selbst seinen unbedeutenden Handlungen mehr Wert beilegte, als er bei einem gewöhnlichen Arbeitsmann, wie er selbst war, gethan hätte. Er war überzeugt, es würde eine schöne Zeit für ganz Hayslope, wenn der junge Herr erst das Gut übernähme, – so edel gesinnt und gutmütig war er und hatte einen so »unbändigen« Sinn für Anlagen und Verbesserungen, noch dazu in so jungen Jahren. So mischten sich denn Achtung und Liebe in dem Lächeln, womit er Arthur begrüßte, als dieser an ihn heranritt. »Nun, Adam, wie geht's?« fragte Arthur und reichte ihm die Hand; er that das bei keinem andern Bauern, und Adam fühlte diese Ehre tief. »Ich hätte auf Euren Rücken wetten können, schon eine gute Strecke Wegs. Es ist ganz der alte Rücken, nur noch etwas breiter, auf dem Ihr mich so oft getragen habt. Ihr erinnert Euch doch?« »Ja gewiß, Herr; das wär' schlimm, wenn man sich nicht daran erinnerte, was man als Junge gesagt und gethan hat; dann hielte man ja von seinen alten Freunden nicht mehr als von neuen Bekannten.« »Ihr geht wohl nach Broxton?« fragte Arthur und ließ sein Pferd langsamer gehen, damit Adam Schritt halten konnte. »Geht's nach der Pastorei?« »Nein, Herr, ich muß mir mal Bradwells Scheune ansehen. Das Dach drückt zu schwer auf die Mauern, und ich will nachsehen, was dabei zu thun ist, ehe wir die Arbeitsleute und das Material hinschicken.« »Nun, Burge überläßt Euch wohl jetzt sein ganzes Geschäft, Adam? Er macht Euch gewiß bald zum Compagnon; es wäre gescheit, wenn er es thäte.« »Ich sehe doch nicht recht, Herr, was er davon hätte. Ein Werkmeister, der ein Gewissen hat und Freude an der Arbeit, thut seine Pflicht so gut, als hätte er teil am Geschäft. Ich gebe keinen Heller auf jemanden, der einen Nagel deshalb langsamer einschlägt, weil er nicht besonders dafür bezahlt wird.« »Ja, das weiß ich, Adam; Ihr arbeitet für ihn so gut, als wär's für Euch selbst. Aber Ihr hättet dann mehr zu sagen und könntet vielleicht mehr aus dem Geschäft machen. Der Alte muß doch sein Geschäft bald dran geben, und einen Sohn hat er nicht. Da kann er einen Schwiegersohn gebrauchen, der sich auf die Sache versteht. Aber er ist wohl ein bißchen zäh' und geizig, scheint's, und nimmt lieber jemand, der etwas Geld ins Geschäft bringt. Wär' ich nicht so arm wie 'ne Kirchenmaus, ich gäbe gern was her, damit Ihr Euch ordentlich festsetztet; schließlich käme es mir doch selbst zu gute. Und in ein oder zwei Jahren bin ich vielleicht besser dran. Wenn ich großjährig werde, bekomme ich ein größeres Jahrgeld, und habe ich erst ein paar Schulden abgezahlt, so wollen wir schon sehen.« »Sie sind gar zu freundlich, Herr, und Sie müssen mich nicht für undankbar halten; aber« – fuhr Adam mit entschiedenem Tone fort – »ich würde weder gern selbst bei Meister Burge anfragen noch andere anfragen lassen. Ich sehe nicht recht klar bei einem Anteil am Geschäfte. Wenn er sein Geschäft abtreten wollte, das wäre was andres; dann nähme ich gern etwas Geld gegen anständige Zinsen, denn ich bin gewiß, ich könnt' es mit der Zeit abbezahlen.« »Nun gut, Adam,« sagte Arthur, dem die Andeutung des Pastors einfiel, die Sache zwischen Adam und Marie Burge habe wahrscheinlich ihren Haken, – »nun gut, wir wollen jetzt nicht weiter davon reden. Wann wird Euer Vater begraben?« »Am Sonntag, Herr; Pastor Irwine will dazu etwas früher herauskommen. Ich werde mich freuen, wenn's erst vorbei ist; Mutter wird sich dann hoffentlich etwas beruhigen. Es schneidet einem ins Herz, den Kummer von so alten Leuten zu sehen; sie können ihn nicht wegarbeiten, und der neue Frühling bringt keine neuen Zweige an dem vertrockneten Stamm.« »Ja, Ihr habt viel Trübsal und Not in Eurem Leben gehabt, Adam. Ihr seid wohl nie wild und leichtsinnig gewesen wie andre junge Leute. Ihr habt immer Sorge auf dem Herzen gehabt, nicht wahr?« »Wohl wahr, Herr, aber das ist ja nicht der Rede wert. Wir sind Menschen und fühlen wie Menschen, da müssen wir auch wohl leiden wie Menschen. Wir können ja nicht sein wie die Vögel, die aus ihrem Neste ausfliegen, sobald sie flügge sind, und die von Verwandtschaft nichts wissen und jedes Jahr wo anders nisten. Ich habe genug auf der Welt, wofür ich dankbar sein muß: ich bin immer gesund und kräftig gewesen und verstehe meine Arbeit und habe Freude daran, und ich halte es für etwas großes, daß ich bei Barthel Massey habe in die Abendschule gehen können. Ich habe da manches gelernt, was ich für mich allein nie hätte lernen können.« »Was für ein Prachtkerl ihr seid, Adam!« sagte Arthur nach einer Pause, in der er sich den starken Burschen neben sich nachdenklich betrachtet hatte. »Ich führte eine bessere Faust als die meisten andern in Oxford und doch glaube ich, Ihr schlüget mich, daß ich davonflöge, wenn ich's je mit Euch versuchte.« »Gott verhüte, daß mir das je passierte, Herr,« erwiderte Adam und blickte lächelnd zu Arthur auf. »Ich schlug mich früher wohl zum Spaß, aber seit ich mal meinen Gegner vierzehn Tage aufs Bett brachte, habe ich's nie wieder gethan, und werde mich auch nie wieder mit einem schlagen, der sich nicht benimmt wie ein Schurke. Wenn man's mit einem Kerl zu thun hat, den nicht sein eigenes Gewissen und Schamgefühl vom Schlechten abhält, dann darf man wohl versuchen, ob es nicht hilft, wenn man ihm die Augen etwas zerbläut.« Arthur lachte nicht; es ging ihm ein Gedanke durch den Kopf, der ihn zu der Äußerung veranlaßte: »Ihr habt gewiß niemals innere Kämpfe zu bestehen gehabt, Adam. Es kommt mir vor, Ihr würdet einen Wunsch, von dem Ihr einsähet, daß es nicht ganz recht sei ihm nachzuhängen, so leicht bezwingen, wie Ihr einen Betrunknen zu Boden schlüget, der mit Euch Streit anfinge. Ich meine, Ihr seid nie wankelmütig, erst fest entschlossen, eine Sache nicht zu thun, und thut sie am Ende doch.« »Nun,« antwortete Adam langsam nach kurzem Zögern, – »nein. Ich kann mich nicht entsinnen, daß ich jemals so wankelmütig gewesen wäre, wenn ich mal eingesehen habe, das und das sei Unrecht. Wenn ich weiß, daß mir etwas nachher schwer auf der Seele liegt, dann vergeht mir der Geschmack daran. Schon in der Schule habe ich ziemlich deutlich eingesehen, daß man nie etwas unrechtes thun kann, ohne daß mehr Sünde und Elend daraus entsteht, als sich absehen läßt. Es ist wie mit schlechter Arbeit; man sieht nie das Ende ab vom Schaden. Und 's ist doch 'ne schlechte Geschichte, wenn man in die Welt kommt und macht seine Mitmenschen unglücklich statt glücklich. Aber es ist ganz verschieden, was die Leute für Unrecht halten. Ich bin nicht dafür, aus jedem kleinen lustigen Streiche oder Unsinn, zu dem einer kommt, er weiß nicht wie, eine Sünde zu machen, wie manche von den Dissenters thun. Und auch darüber kann man verschieden denken, ob ein bißchen Spaß nicht eine kleine Schramme verlohnt. Aber meine Art ist's nicht, in irgend einer Sache wankelmütig zu sein; ich habe eher den entgegengesetzten Fehler. Wenn ich mal etwas gesagt habe und wär's auch nur zu mir selbst, dann wird's mir schwer, davon zu lassen.« »Ja, das habe ich von Euch erwartet,« sagte Arthur; »Euer Wille ist so eisern wie Euer Arm. Aber wenn ein Entschluß auch noch so stark ist, die Ausführung wird einem doch zuweilen schwer. Wir mögen uns entschließen, keine Kirschen zu pflücken, und die Hände fest in der Tasche halten, aber der Mund wässert uns doch, das können wir nicht verhindern.« »Wohl wahr, Herr, aber es geht nichts drüber, mit sich selbst ins Reine zu kommen: es giebt so viel in dieser Welt, was wir uns versagen müssen. Wir dürfen das Leben nicht ansehen, als wär' es der Jahrmarkt in Treddleston, wo die Leute bloß hingehen, um Merkwürdigkeiten zu besehen und sich was zu kaufen. Wer das thut, wird sich gut umsehen. Aber was nützt es, daß ich Ihnen das sage, Herr? Sie wissen's ja besser als ich.« »Dessen bin ich doch nicht ganz sicher, Adam. Ihr habt vier oder fünf Jahre Erfahrung mehr gehabt als ich, und Euer Leben ist, glaube ich, eine bessere Schule gewesen als die Universität für mich.« »Ei, Herr, Sie scheinen von der Universität ja grade so zu denken wie Bartel Massey; der sagt, auf der Universität würden die Leute wie Blasen, so daß sie zu nichts taugten, als das aufzunehmen, was man in sie hineingießt. Indes, der Barthel hat eine Zunge wie ein scharfes Messer; was er damit anrührt, da schneidet er hinein. Aber hier geht mein Weg ab, Herr; ich muß Ihnen guten Morgen sagen.« »Adieu, Adam, Adieu!« Arthur gab dem Diener auf dem Hofe der Pastorei sein Pferd und ging nach der Hausthür an der Gartenseite. Er wußte, der Pastor frühstücke immer in seinem Studierzimmer, und das lag links von dieser Thür, dem Eßzimmer gegenüber. Es war ein kleines, niedriges Zimmer, ein wenig finster von den dunkeln Einbänden der Bücher, mit denen die Wände besetzt waren, aber als Arthur durch das offene Fenster hineinblickte, sah es hell und heiter genug aus. Die Morgensonne fiel auf die große Glaskugel mit Goldfischen, die auf einem kleinen Postament vor dem gedeckten Frühstückstisch stand, und neben dem Frühstückstisch war eine Gruppe, die jedes Zimmer verschönert hätte. In dem rotseidenen Lehnstuhl saß Pastor Irwine, strahlend und frisch wie immer, wenn er vom Ankleiden kam; seine feingeformte, fleischige Hand spielte in dem braunen, krausen Haar seines Lieblingshundes Juno, und dicht hinter ihrem Schwanz, mit dem sie stillvergnügt hin und her wedelte, wälzten sich ihre beiden braunen Jungen unter einem begeisterten Duett von fürchterlichem Lärm übereinander. Ein wenig abseits ruhte auf einem Kissen der Mops und blickte mit der Miene einer alten Jungfer auf diese Vertraulichkeiten, als seien es tierische Schwächen, denen er möglichst wenig Beachtung schenkte. Auf dem Tische neben Irwines Arm lag der erste Band des alten Äschylus, den Arthur beim ersten Blick wiedererkannte, und von der silbernen Kaffeekanne, welche der Diener eben hereintrug, stieg ein gewürziger Dampf auf, der die Freuden eines Junggesellenfrühstücks vollständig machte. »Halloh, Arthur, das ist ja vortrefflich! Sie kommen zu rechter Zeit,« rief der Pastor, als Arthur zur Gartenthür hereinkam. »Carroll! noch etwas Kaffee und ein paar Eier, und ist nicht auch ein kaltes Huhn da? Ei, das ist grade wie in alter Zeit, Arthur; ich glaube, es sind ganze fünf Jahre, daß Sie nicht bei mir gefrühstückt haben.« »Es war heute so verlockend schön zu einem Morgenritt,« erwiderte Arthur, »und ich frühstückte früher so gern bei Ihnen, als Sie mich zur Universität vorbereiteten. Auch ist mein Großvater des Morgens immer noch ein paar Grad kälter als den ganzen übrigen Tag. Ich glaube, das frühe Baden bekommt ihm nicht gut.« Arthur wollte vor allen Dingen nicht merken lassen, daß er in einer besonderen Absicht hergekommen sei. Nicht so bald hatte er sich seinem alten Lehrer und Freunde gegenüber gesehen, als das Geständnis, welches er sich vorher ganz leicht gedacht hatte, ihm auch sofort das schwierigste von der Welt schien, und grade als er ihm die Hand reichte, sah er die Absicht seines Besuches plötzlich in einem ganz neuen Lichte. Wie konnte er Irwine seine Lage begreiflich machen, wenn er ihm nicht die kleinen Scenen im Wäldchen erzählte, und wie konnte er sie erzählen, ohne dazustehen wie ein Narr? Und dann seine Schwäche, von Gawaine zurückzukommen und genau das Gegenteil von dem zu thun, was er gewollt hatte! Irwine mußte ihn ja hinfort für den wankelmütigsten Menschen halten. Indes, er wolle so ganz unversehens damit herauskommen; im Laufe des Gesprächs werde sich das schon machen. »Mir ist die Frühstückszeit die liebste Stunde vom ganzen Tage,« sagte Irwine. »Da liegt einem noch kein Staub auf der Seele, und unser Inneres ist wie ein klarer Spiegel für die Dinge um uns her. Ich habe immer ein Lieblingsbuch beim Frühstück, und über das bißchen, was ich dabei aufgable, habe ich eine solche Freude, daß es mir regelmäßig jeden Morgen vorkommt, als würde ich wieder ganz ins Studieren hineingeraten. Aber dann wird mir plötzlich ein armer Kerl vorgeführt, der einen Hasen gewilddiebt hat, und wenn ich mit dem Rechtsfall fertig bin, dann kommt mir die Lust zum Ausreiten, und auf dem Rückwege begegne ich dem Vorsteher des Armenhauses, und der hat eine lange Geschichte von einem widerspenstigen Armen zu erzählen, und so geht der Tag hin, und wenn es Abend wird, hab' ich wieder nichts gethan. Übrigens gehört auch der Antrieb von einem zweiten dazu, und seit mein armer Kollege in Treddleston starb, habe ich den nicht gehabt. Wenn Sie sich mehr an die Bücher gehalten hätten, Sie Nichtsnutz, dann hätte sich die Sache leicht gemacht. Aber studieren liegt Ihnen nicht im Blute.« »Nein, das weiß Gott. Wenn ich über sechs oder sieben Jahre meine Jungfernrede im Parlament noch mit 'n bißchen Latein ausputzen kann, so will ich's loben. Cras ingens iterabimus aequor und noch so' n paar Brocken, die werde ich vielleicht behalten, und ich richte meine Rede dann so ein, daß ich sie anbringen kann. Aber ich kann nicht finden, daß eine klassische Bildung für einen Gutsbesitzer so besonders nötig ist; so weit ich sehe, ist eine andere Art Bildung für ihn viel wünschenswerter. Ich habe kürzlich die Schriften ihres Freundes Arthur Young gelesen, und nichts thäte ich lieber, als einige seiner Gedanken über die Anleitung der Bauern zu einer bessern Landwirtschaft auszuführen und wie er sagt, einen wüsten, einförmig öden Landstrich zu verschönern und mit Korn und Vieh mannigfaltig zu beleben. Mein Großvater wird mir, so lange er lebt, nirgends freie Hand lassen, sonst machte ich mich gern an den Strich nach Stonyshire hin, der ganz elend vernachlässigt ist, und brächte Verbesserungen in Gang und ritte überall herum und führte die Aufsicht. Alle Arbeiter müßte ich kennen, und wenn sie mich grüßten, müßten sie mich freundlich dabei ansehen, das wäre so recht, was ich wünschte.« »Bravo, Arthur; wer für die Klassiker nichts übrig hat, könnte sich darüber, daß er überhaupt in der Welt ist, nicht besser rechtfertigen, als indem er die Nahrungsmittel vermehren hilft, von denen die Gelehrten leben und – die würdigen Pastoren, welche für Gelehrsamkeit Sinn haben. Und wann Sie auch als Musterlandwirt sich aufthun, möge ich dabei sein! Um das Bild vollständig zu machen, haben Sie einen stattlichen Pastor nötig, der von allem Respekt und allen Ehren, die Sie sich sauer verdienen, seinen Zehnten nimmt. Nur setzen Sie Ihr Herz nicht zu sehr auf den freundlichen Dank, den Ihnen das einbringen soll. Die Menschen haben nicht immer die am liebsten, die ihnen zu nützen suchen. Sie wissen doch, Gawaine hat es durch die Einzäunung mit seiner ganzen Nachbarschaft verdorben. Sie müssen sich wohl überlegen, mein Sohn, was Ihnen am meisten am Herzen liegt, beliebt zu sein oder gemeinnützig; sonst entgeht Ihnen leicht beides.« »O, Gawaine ist rauh und abstoßend; er macht sich bei seinen Bauern nicht persönlich beliebt. Ich glaube, mit Güte läßt sich bei den Leuten alles durchsetzen. Ich für mein Teil könnte nirgends leben, wo ich nicht die Achtung und Liebe der Leute hätte, und hier mache ich mir so gern mit unsern Bauern zu schaffen; sie scheinen mir alle gut zu sein; es ist ihnen noch wie gestern, daß ich ein kleiner Junge war und auf einem Pony herumritt so groß wie ein Schaf. Und wenn man ihnen gäbe und nachließe was recht ist und ihnen Häuser und Scheunen in Ordnung hielte, dann könnte man sie schon bereden, nach einem bessern Plane zu wirtschaften, so dumm sie auch sind.« »Dann rat' ich Ihnen, Arthur, sehen Sie sich beim Verlieben vor und nehmen Sie keine Frau, die Ihnen das Geld abzieht und Sie trotz des besten Willens geizig macht. Meine Mutter und ich haben Ihretwegen bisweilen einen kleinen Streit; sie sagt: »über Arthur wage ich keine Prophezeiung, als bis ich sehe, in wen er sich verliebt,« und sie glaubt, Ihre Herzenskönigin werde über Sie herrschen wie der Mond über Ebbe und Flut. Aber ich fühle mich verpflichtet, für Sie aufzutreten, schon weil ich Ihr Lehrer gewesen bin und behaupte, mit dem Wasser hätten Sie nichts gemein. Also, lieber Arthur! daß Sie meinem Urteil keine Schande machen!« Arthur zuckte bei diesen Worten zusammen; die Äußerung der scharfsinnigen alten Mama machte ihm den unangenehmen Eindruck eines bösen Omens. Das war denn ein Grund mehr, seine Absicht bei diesem Morgenbesuch auszuführen und bei dem Freunde eine weitere Sicherheit gegen sich selbst zu suchen. Nichts destoweniger fühlte er sich gerade an diesem Punkte des Gesprächs doppelt abgeneigt, seine Geschichte mit Hetty zu erzählen. Er war bestimmbar und lebte viel in dem, was andre Menschen von ihm hielten, und der bloße Umstand, daß selbst der vertraute Freund, bei dem er war, nicht die geringste Ahnung von einem so ernsten, inneren Kampfe habe, den ihm zu eröffnen er gekommen sei, erschütterte förmlich seinen eigenen Glauben an die Ernsthaftigkeit dieses Kampfes. Was war denn am Ende an der Geschichte, um so viel Aufhebens davon zu machen, und konnte denn Irwine irgend etwas für ihn thun, was er nicht selbst auch thun konnte? Er wollte nach Eagledale gehen trotz Gretchens lahmem Bein, wollte das andere Pferd reiten; sein Diener könnte zusehen, wie er nachkäme. Das war sein Gedanke, als er sich den Zucker in den Kaffee that, aber im nächsten Augenblicke, als er die Tasse an den Mund setzte, fiel ihm wieder ein, wie fest er gestern abend entschlossen gewesen sei, Irwine alles zu sagen. Nein, er wollte nicht wieder schwanken; diesmal wollte er thun, weswegen er gekommen. Und am besten, wenn er die persönliche Wendung benutze, welche das Gespräch genommen hatte; sobald sie auf ganz andere Dinge kämen, würde die Sache viel schwieriger. Ein solches Hin- und Herwogen von Meinungen bedurfte bei Arthur keiner langen Zeit, und es war noch keine merkliche Pause eingetreten, als er antwortete: »Aber nach meiner Meinung spricht es kaum gegen die Charakterstärke eines Menschen im allgemeinen, wenn er sich von der Liebe beherrschen läßt. Eine gesunde Konstitution sichert einen nicht gegen die Blattern oder sonst eine unvermeidliche Krankheit. Man kann in andern Dingen sehr fest und doch von einer Frau wie verhext sein.« »Ja wohl, aber zwischen der Liebe und den Pocken oder auch der Hexerei ist der Unterschied, daß wenn man das Übel zeitig genug entdeckt und eine Luftveränderung versucht, alle Aussicht auf völlige Genesung vorhanden ist, ohne daß sich die Symptome weiter entwickeln. Und dann giebt es auch gewisse blutreinigende Getränke, so nämlich, daß man sich die unangenehmen Folgen gegenwärtig hält; das ist dann sozusagen ein angelaufenes Glas, wodurch man in den Glanz seiner schönen Sonne hineinsehen und ihre Umrisse genau unterscheiden kann; freilich fehlt leider das angelaufene Glas leicht, wenn man's am meisten nötig hat. Es sollte mich sogar nicht wundern, wenn jemand, der seine Klassiker studiert hat, sich zu einer unverständigen Heirat hinreißen ließe trotz der Warnung des Chors im Prometheus.« Über Arthurs Gesicht zog nur ein schwaches Lächeln, und statt in den heitern Ton des Pastors einzugehen, sagte er ganz ernst: »Ja, das ist das allerschlimmste und kann einen zur Verzweiflung bringen, daß man nach allen Betrachtungen und ruhigen Entschlüssen von Stimmungen beherrscht wird, die sich vorher gar nicht berechnen lassen. Wer in dieser Weise trotz aller Entschlüsse sich fortreißen läßt, der verdient doch eigentlich keinen Tadel.« »Oho, aber die Stimmungen liegen in seiner Natur, mein Junge, grade so gut wie seine Betrachtungen und wohl noch mehr. Der Mensch kann nie etwas thun, was mit seiner Natur im Widerspruch stünde. Er trägt den Keim der verwerflichsten Handlung in sich, und wenn wir verständigen Leute in einem besondern Falle ausbündig thöricht sind, so müssen wir uns den Schluß als berechtigt gefallen lassen, daß wir zu unserm Pfunde Weisheit ein paar Lot Thorheit haben.« »Ja, aber man kann durch eine Verwicklung der Verhältnisse sich zu Dingen hinreißen lassen, die man sonst nie gethan hätte.« »Sicher; einer kann nicht gut eine Banknote stehlen, wenn ihm die Banknote nicht ziemlich bequem in den Wurf kommt; aber wir halten ihn doch nicht für einen ehrlichen Mann, weil er etwa die Banknote anheult, daß sie ihm in den Weg gekommen sei.« »Aber, Irwine, wenn jemand sich gegen eine Versuchung wehrt und doch zuletzt erliegt, den werden Sie doch nicht für so schlecht hatten, wie den, der gar nicht dagegen ankämpft?« »Nein, Arthur; ich habe Mitleid mit ihm, je nachdem er gekämpft hat; denn diese Kämpfe sind die Vorzeichen seiner späteren innern Leiden – der schrecklichsten Form, in welche das Schicksal seine Rache kleidet. Die Folgen sind unerbittlich; die Folgen unsrer Thaten fragen nicht nach dem Wechsel der vorhergegangenen Empfindungen und nur selten beschränken sie sich auf uns allein. Diese Gewißheit muß man ins Auge fassen, nicht aber sich überlegen, was für Entschuldigungsgründe man vielleicht vorzubringen imstande sein werde. Indes, ich hätte nie geglaubt, daß Sie zu so moralischen Untersuchungen hinneigen; denken Sie bei dieser allgemeinen Betrachtung vielleicht an eine persönliche Gefahr?« Indem der Pastor diese Frage that, schob er seinen Teller weg, lehnte sich im Stuhle zurück und sah Arthur gerade an. Er vermutete wirklich, dieser habe ihm etwas zu sagen, und mit seiner bestimmten Frage meinte er ihm den Weg dazu zu ebnen. Aber er täuschte sich. So plötzlich und unfreiwillig vor sein Geständnis gestellt, wich Arthur zurück und fühlte sich weniger als je dazu aufgelegt. Das Gespräch, überlegte er sich rasch, habe einen viel ernsteren Ton angenommen, als er gewollt; Irwine würde sich eine ganz falsche Vorstellung machen, würde glauben, es handle sich um eine tiefe Leidenschaft für Hetty, und von der sei doch gar keine Rede. Er fühlte, daß er rot wurde, und ärgerte sich über diesen kindischen Zug. »Gefahr für mich? nicht im mindesten!« antwortete er so gleichgiltig wie möglich. »Ich wüßte nicht, daß ich mehr zur Unschlüssigkeit neigte als andre Leute; es fällt nur manchmal allerlei vor, was einen auf den Gedanken bringt, wie es wohl in Zukunft werden mag.« Was war der Grund dieser sonderbaren Zurückhaltung Arthurs? Gab es etwa in seinem Innern sozusagen eine Hintertreppe, durch welche Einflüsse sich geltend machten, die bei ihm selbst nicht zugelassen wurden? Unsre Geistesgeschäfte werden so ziemlich in derselben Art geführt, wie die Staatsgeschäfte: viel schwere Arbeit wird von Agenten gethan, die man nicht anerkennt. Möglich, daß einer von diesen nicht anerkannten Agenten grade in dem Augenblick in Arthurs Seele insgeheim thätig war; möglich, daß es die Besorgnis war, ein Geständnis an den Rektor könne später ernstlich unangenehm werden, falls er seine guten Entschlüsse ganz auszuführen doch nicht imstande sei. Möglich; – ich wage das Gegenteil nicht zu behaupten. Des Menschen Seele ist ein gar zu verwickelt Ding. Der Gedanke an Hetty war grade in dem Pastor aufgestiegen, als er Arthur forschend anblickte, aber die gleichgiltig ablehnende Antwort bestärkte ihn wieder in dem Gedanken, der jenem sogleich gefolgt war, an etwas ernsthaftes sei in dieser Beziehung nicht zu denken. Es war keine Wahrscheinlichkeit, daß Arthur sie jemals anders als in der Kirche und in ihrem eigenen Hause unter der Aufsicht von Frau Poyser sähe, und der Wink, den er ihm neulich über sie gegeben hatte, sollte ihn nur abhalten, durch zu große Aufmerksamkeit die Eitelkeit des kleinen Kätzchens zu erregen und so die ländliche Idylle ihres Lebens zu stören. Auch würde ja Arthur bald zu seinem Regiment gehen und weit weg sein – nein, da konnte keine Gefahr sein, selbst wenn Arthurs Charakter nicht eine so starke Sicherheit dagegen wäre. Sein ehrlicher Stolz auf die Zuneigung und Achtung seiner ganzen Umgebung war ein sichrer Schutz gegen alle thörichte Liebelei, geschweige denn gegen schlimmeres. Hatte Arthur bei der vorhergehenden Unterhaltung etwas besonderes auf dem Herzen gehabt, so war er offenbar nicht geneigt, auf Einzelheiten einzugehen, und der Pastor war zu zartfühlend selbst für eine noch so freundlich gemeinte Neugierde. Er bemerkte, daß seinem Gaste eine Wendung des Gesprächs willkommen sein würde, und sagte: »Apropos, Arthur! am Geburtstage Ihres Obersten haben einige Transparentbilder große Wirkung gethan, – Britannia und Pitt und die Grafschaftsmiliz und vor allem der tapfere Mann, der Held des Tages. Wie wär's, wenn Sie uns auch so was zum besten gäben?« Die günstige Gelegenheit war vorüber. Während Arthur noch schwankte, war das Seil, an dem er sich hätte halten können, hinweggetrieben; jetzt hieß es schwimmen oder sinken. Zehn Minuten nachher rief den Pastor ein Geschäft ab, und Arthur bestieg sein Pferd in der unbefriedigtsten Stimmung, die er durch den Entschluß, noch in dieser Stunde nach Eagledale abzureisen, zu bewältigen suchte. Zweites Buch Siebzehnter Abschnitt. Die Geschichte steht ein wenig stille. »Dieser Pastor von Broxton ist ja ein rechter Heide!« höre ich eine von meinen Leserinnen ausrufen. »Wie viel erbaulicher, wenn ihn der Verfasser dem jungen Herrn wahrhaft geistlichen Rat hätte geben lassen; er hätte ihm die schönsten Dinge in den Mund legen können, eine förmliche Predigt!« Gewiß hätte ich das gekonnt, liebe Leserin, wenn ich ein geschickter Romanschreiber wäre und mich nicht verpflichtet fühlte, der Natur und den Thatsachen getreu nachzugehen, sondern mir die Freiheit nähme, die Dinge so darzustellen, wie sie nie gewesen sind und nie sein werden. Dann hätte ich mir natürlich meine Charaktere lediglich selbst wählen, den tadellosesten Geistlichen auslesen und ihm bei jeder Gelegenheit meine eigenen vortrefflichen Ansichten in den Mund legen können. Aber meine Leser und Leserinnen haben gewiß längst gemerkt, daß ich keinen so hohen Beruf habe und nach nichts höherem strebe, als von Menschen und Dingen, wie sie sich in meinem Geiste spiegeln, treuen Bericht zu erstatten. Der Spiegel ist zweifellos mangelhaft, die Umrisse manchmal etwas verwischt, der Widerschein matt oder trübe, aber so genau wie möglich zu sagen, was das Spiegelbild ist, dazu fühle ich mich so fest verpflichtet, als wäre ich Zeuge vor Gericht und spräche auf meinen Eid. Vor sechzig Jahren – es ist lange her, und kein Wunder, wenn die Dinge sich seitdem geändert haben – vor sechzig Jahren waren nicht alle Geistlichen Glaubenseiferer; ja, es ist Grund zu glauben, daß die Zahl der glaubenseifrigen Geistlichen nur klein war, und wenn einer aus dieser kleinen Zahl die Pfarrstelle in Broxton und Hayslope im Jahre 1799 bekleidet hätte, so würden ihn meine Leser wahrscheinlich nicht lieber leiden mögen als den Pastor Irwine. Zehn gegen eins, sie hätten ihn für einen geschmacklosen, ungebildeten Pedanten gehalten. Die Thatsachen treffen ja so selten jene zarte Mitte, die unsern eignen erleuchteten Ansichten und unserm gebildeten Geschmack entspricht! Man antwortet mir vielleicht: »dann ändere doch die Thatsachen ein wenig zum Bessern; bring' sie mehr in Übereinstimmung mit den richtigeren Ansichten, die wir jetzt zu haben so glücklich sind. Die Welt ist nicht grade wie wir sie möchten, putze sie mit einem geschmackvollen Pinsel etwas heraus und bring' etwas Einheit in die verwickelte, verworrene Geschichte. Laß jeden, der tadellos denkt, auch tadellos handeln. Setze deine schlimmsten Charaktere immer ins Unrecht und deine tugendhaften laß immer recht thun. Dann kann man auf einen Blick sehen, wen man verurteilen und wen man hochstellen muß; dann wird man bewundern dürfen, ohne in seinen Vorurteilen gestört zu werden, und hassen und verachten mit der rechten unerschöpflichen Lust unzweifelhafter Gewißheit.« Aber, liebe Leserin, was willst du denn mit dem Nachbar anfangen, der deinen Mann im Gemeinderat angreift? mit dem neuen Pastor, dessen Predigten betrübt weit zurückstehen hinter denen seines tiefbetrauerten Vorgängers? mit deinem ehrlichen Dienstmädchen, bei deren Versehen dir beinahe die Geduld ausgeht? mit deiner Nachbarin, die in deiner letzten Krankheit wahrhaft liebevoll gegen dich gewesen ist, aber nach deiner Genesung sich einigemale sehr unfreundlich über dich geäußert hat? und was endlich mit deinem vortrefflichen Mann selbst, der noch ganz andere ärgerliche Gewohnheiten hat, als sich die Stiefel nicht abzuputzen? All diese Mitmenschen vom ersten bis zum letzten mußt du nehmen, wie sie sind, kannst ihre Nasen nicht grade machen, ihren Witz nicht schärfen, ihre Anlagen nicht bessern; und diese Mitmenschen, unter denen du dein Leben verbringst, die mußt du ertragen, bemitleiden und lieben; an diesen mehr oder weniger häßlichen, dummen, ungereimten Mitmenschen mußt du fähig bleiben die guten Regungen zu bewundern; gegen sie sollst du nicht verlernen, alle Hoffnung, alle Geduld zu üben. Und darum, selbst wenn ich die Wahl hätte, möchte ich nicht der geschickte Romanschreiber sein, der eine viel bessere Welt als die unsres täglichen Lebens schaffen könnte, weil du dann versucht wärest, die staubigen Straßen und die grünen Felder und die wirklichen lebendigen Menschen kälter und gefühlloser anzusehen, die unter deiner Gleichgültigkeit leiden und von deinen Vorurteilen verletzt werden können, und die andrerseits dein Mitgefühl, deine Nachsicht, dein ausgesprochenes tapferes Rechtsgefühl aufmuntern und fördern kann. Und so begnüge ich mich denn, meine einfache Geschichte zu erzählen, ohne den Dingen einen bessern Anstrich geben zu wollen, als sie wirklich haben, ohne etwas anderes zu fürchten als das Falsche, wovor man beim besten Willen allen Grund hat auf der Hut zu sein. Das Falsche ist so leicht und das Wahre so schwer. Der Griffel geht so köstlich leicht, wenn man einen Greif zeichnet, – je länger die Klauen und je größer die Flügel, desto besser; aber diese wunderbare Leichtigkeit, die wir fälschlich für Genie hielten, läßt uns bös im Stich, wenn wir einen natürlichen Löwen ohne Übertreibung zeichnen wollen. Man prüfe seine Worte genau und man wird finden, daß es selbst, wenn man keinen Grund hat falsch zu sein, außerordentlich schwer ist, haarscharf die Wahrheit zu sagen und wäre es auch über die eigene unmittelbare Empfindung – viel schwerer, als etwas hübsches darüber zu sagen, was nicht die genaue Wahrheit ist. Wegen dieser seltnen kostbaren Wahrhaftigkeit sind viele niederländische Bilder, welche hochfliegende Geister verachten, für mich eine Freude. Mit entzückender Sympathie sprechen diese treuen Abbilder eines einförmigen, einfachen Lebens mich an, wie es bei weitem mehr Mitmenschen geführt haben, als ein Leben der Pracht oder völligen Armut, tragischen Leidens oder welterschütternder Thaten. Von wolkengetragenen Engeln, von Propheten, Sibyllen und Kriegshelden wende ich mich ohne Widerstreben zu einer alten Frau, die sich auf ihren Blumentopf bückt oder ihr einsames Mittagsbrot verzehrt, während die Mittagssonne, vielleicht ein wenig gemildert durch einen Schirm von grünen Blättern, auf ihre Morgenmütze fällt und den Rand ihres Spinnrades und ihren steinernen Krug und all den einfachen Hausrat eben streift, der für sie so kostbar ist und zu ihrem Leben gehört; oder ich wende mich zu jener Bauernhochzeit, die zwischen vier braunen Wänden gehalten wird, wo ein Taps von jungem Ehemann mit seiner hochschultrigen, dickköpfigen jungen Frau den Tanz eröffnet, während die älteren Freunde zusehen mit sehr unregelmäßigen Nasen und Lippen, und wahrscheinlich mit großen Bierkrügen in der Hand, aber mit einem unverkennbaren Ausdruck von Zufriedenheit und Herzlichkeit. »Puh,« fällt mir hier ein Idealist ins Wort, »welche Gewöhnlichkeiten! Was hat der Maler davon, daß er sich die viele Mühe giebt, um ein ganz richtiges Bild von alten Weibern und dummen Tölpeln herauszubringen? Wie niedrig ist diese Sphäre des Lebens! Wie häßlich und plump die Menschen!« Aber, mein Lieber, es giebt doch hoffentlich Dinge, die unsre Liebe verdienen, ohne hübsch zu sein? Es ist mir einigermaßen zweifelhaft, ob nicht die Mehrzahl der Menschen überhaupt häßlich ist, und selbst unter den »Göttern dieser Erde,« den Britten, ist eine untersetzte Gestalt, eine häßliche Nase und eine schmutzige Gesichtsfarbe keineswegs eine überraschende Ausnahme. Und doch steht bei uns Verwandtenliebe in hoher Blüte. Ich selbst habe ein paar Freunde, zu deren Zügen eine Apollolocke über der Stirn sehr schlecht stehen würde, und doch haben, wie ich bestimmt weiß, weibliche Herzen für sie geschlagen und mütterliche Lippen küssen im stillen ihre kleinen – zwar etwas geschmeichelten und doch noch nicht hübschen – Abbilder. Auch ist mir manche vortreffliche Matrone vorgekommen, die selbst in ihren besten Jahren nicht hübsch gewesen sein konnte, und doch hatte sie in ihrem geheimen Auszuge ein Päckchen vergilbter Liebesbriefe, und auf ihre eingefallenen Wangen regnete es Küsse von lieben Kindern. Und unzweifelhaft ist mir endlich, daß es eine Menge junger Helden gegeben hat, die sich, kaum ausgewachsen und schwachbärtig, verschwuren, sie könnten nie ein Mädchen unter einer Diana lieben, und die sich doch im spätern Leben sehr glücklich gefunden haben bei einer Frau mit watschelndem Gange. Ja, gottlob! die Empfindung der Menschen gleicht den mächtigen Strömen, den Segenspendern der Erde: sie wartet nicht auf Schönheit – sie strömt mit unwiderstehlicher Gewalt und trägt die Schönheit in sich. Alle Ehre und Achtung der göttlichen Schönheit der Form! Pflegen wir sie aufs höchste bei Männern, Frauen, Kindern, in unsern Gärten und Häusern. Aber lieben wir auch jene andere Schönheit, die nicht in dem Geheimnis der Verhältnisse liegt, sondern in dem Geheimnis tiefer, menschlicher Sympathie. Malt uns, wenn ihr könnt, einen Engel mit fliegendem, violettem Gewande und einem Antlitz, das gebleicht ist vom himmlischen Lichte; malt uns noch öfter eine Madonna, die ihr mildes Antlitz emporwendet und ihre Arme öffnet der Glorie des Herrn entgegen; aber zwingt uns keine ästhetischen Regeln auf, welche aus dem Gebiete der Kunst jene alten Weiber verbannen würden, die mit ihren schwieligen Händen Rüben schälen, jene derben Bauernschlingel, die sich in einer schmutzigen Bierstube einen lustigen Tag machen, jene gekrümmten Rücken und dummen abgehärteten Gesichter, die sich auf den Spaten gebückt und grobe Arbeit gethan haben, jene Hütten mit den Blechpfannen, den braunen Krügen, den zottigen Hunden und den Haufen von Zwiebeln. Es gibt ja auf der Erde so viele von diesem gewöhnlichen, derben Volk ohne malerisches, sentimentales Elend, und nie sollten wir aus den Augen verlieren, daß sie da sind; sonst lassen wir sie auch leicht aus unserer Religion und Philosophie fort und machen uns erhabene Theorien zurecht, die nur für eine Welt von Extremen passen. Möge uns denn die Kunst immer an sie erinnern; möge es immer Männer geben, welche die Mühe eines Lebens daran setzen, die Dinge des gewöhnlichen Lebens treu darzustellen, – Männer, welche in diesen alltäglichen Dingen Schönheit sehen und ihre Freude daran haben, zu zeigen, wie freundlich auf sie das Licht des Himmels fällt. Propheten giebt es wenige auf der Welt, herrlich schöne Frauen wenige, Helden wenige, und solchen Seltenheiten all meine Liebe und Verehrung zu geben, das geht über meine Mittel: ein gut Teil dieser Empfindungen habe ich für meine gewöhnlichen Mitmenschen nötig, und namentlich für die wenigen, die im Vordergrund der großen Menge stehen, deren Gesicht ich kenne, die ich bei der Hand fasse, denen ich freundlich und höflich Platz machen muß. Auch sind malerische Lazzaronis und interessante Verbrecher nicht halb so häufig wie der gewöhnliche Arbeitsmann, der sich selbst sein Brot verdient und es plump, aber ehrlich, mit seinem eignen Taschenmesser verzehrt. Es ist viel nötiger, durch Sympathie mit dem gewöhnlichen Bürgersmann verbunden zu sein, der in schlechter Halsbinde und Weste uns den Zucker abwiegt, als mit dem hübschesten Schurken in roter Schärpe und grünen Federn; – viel nötiger, daß unser Herz in liebender Bewunderung aufgeht über einen Zug von sanfter Güte an den unvollkommenen Menschen, die mit uns um denselben Herd sitzen, oder an dem Geistlichen unsres eignen Kirchspiels, wenn er auch etwas zu dick ist und sonst nicht grade ein zweiter Oberlin und Tillotson, als über die Thaten von Helden, die wir niemals kennen werden als nur von Hörensagen, oder über das vollkommenste Muster aller liebenswürdigen Geistlichen, welches je ein geschickter Romanschreiber erdacht hat. Und damit komme ich auf Pastor Irwine zurück, mit welchem ich meine Leser im besten Einvernehmen zu sein bitte, so weit er auch entfernt sein mag, alle ihre Ansprüche an den geistlichen Stand zu befriedigen. Vielleicht war er nach ihrer Ansicht nicht grade – was er hätte sein müssen – ein lebendiger Beweis für die Segnungen einer Staatskirche. Ich teile indessen diese Ansicht nicht ganz; wenigstens weiß ich, daß seine Pfarrkinder in Broxton und Hayslope ihn sehr ungern hätten scheiden sehen und daß die meisten Gesichter sich aufheiterten, wenn sie ihn kommen sahen, und bis mir jemand beweist, Haß sei für das menschliche Herz besser als Liebe, muß ich schon glauben, daß Irwines Einfluß in seinem Kirchspiel wohlthätiger war, als der des Glaubenseiferers Ryde, der zwanzig Jahre später hinkam, nachdem Irwine zu seinen Vätern versammelt war. Zwar ist es richtig, daß Pastor Ryde auf die Glaubenssätze der Reformation streng hielt, seinen Pfarrkindern viel in die Häuser kam und die Schwachheiten des Fleisches streng tadelte, ja sogar das Rundsingen der Chorschüler um Weihnachten beseitigte, weil es das heilige Fest entwürdige und zum Trinken verleite; aber ich habe mir doch von Adam Bede, mit dem ich in späteren Jahren die Sache besprach, sagen lassen, wenigen Geistlichen sei es schlechter gelungen, die Herzen ihrer Pfarrkinder zu gewinnen als dem Pastor Ryde. In der Glaubenslehre machte er ihnen manche Begriffe klar; fast jeder Kirchgänger unter fünfzig lernte zwischen dem echten Worte Gottes und den weniger wichtigen Lehren so gut unterscheiden, als wäre er als Dissenter geboren und erzogen, und die erste Zeit nach seiner Einführung daselbst schien in dem ruhigen ländlichen Bezirk förmlich eine religiöse Erweckung vorzugehen. »Aber,« sagte mir Adam, »schon in meiner Jugend habe ich ziemlich klar eingesehen, daß zur Religion noch etwas anderes gehört als Begriffe. Was den Menschen antreibt, recht zu thun, das sind nicht Begriffe, das ist sein Gefühl. Mit den Begriffen in der Religion ist es grade so, wie in der Mathematik; es kann einer seine Aufgabe frischweg aus dem Kopfe lösen, wenn er am Feuer sitzt und seine Pfeife raucht; wenn er aber eine Maschine machen oder einen Bau führen soll, dann muß er einen Willen haben und einen Entschluß, und seine Bequemlichkeit muß ihm nicht das höchste sein. Mit der Zeit ließ die Gemeinde nach, und die Leute hielten nicht mehr so viel auf Pastor Ryde. Im Grunde wollte er, glaube ich, das rechte; aber, sehen Sie, er hatte eine mürrische Art mit den Leuten, zog ihnen wohl was ab, wenn sie für ihn arbeiteten, und dazu wollte sein Predigen doch nicht recht stimmen. Und dann spielte er auch gern den Oberrichter im Dorfe und bestrafte die Leute, wenn sie mal Unrecht thaten, und schelten konnte er auf der Kanzel, als hätte er zu den Schwärmern gehört, und doch mochte er die Dissenter nicht leiden und war viel aufsässiger gegen sie als Pastor Irwine. Auch wirtschaftete er schlecht und ging über sein Vermögen; als er ins Amt kam, glaubte er nämlich, mit seinen sechshundert Pfund jährlich könne er's so groß treiben wie der Gutsherr, – eine böse Geschichte das, die ich schon oft erlebt habe, wenn einer plötzlich eine gute Stelle bekam. Auswärts galt er ziemlich viel, glaub' ich, und er schrieb auch Bücher, aber von Mathematik und dergleichen verstand er so wenig wie ein Frauenzimmer. In unsern Glaubenslehren wußte er sehr Bescheid und pflegte sie das Bollwerk der Reformation zu nennen, aber von der Sorte Gelehrsamkeit, wobei die Leute im gewöhnlichen Leben thöricht und unverständig bleiben, hab' ich immer nur wenig gehalten. Da war Pastor Irwine ganz anders! So klug! In einem Augenblick begriff er, was man wollte, und aufs Bauen verstand er sich auch. Und gegen die Bauern und die alten Frauen und die Arbeitsleute war er eben so anständig und höflich wie gegen die Vornehmen. Er mischte sich nicht in alles und schimpfte nicht und suchte den Großen zu spielen. Ja, das war ein so prächtiger Mann, wie man nicht leicht einen sieht. Und so gut gegen Mutter und Schwestern; die arme, kränkliche Fräulein Anna – die schien ihm mehr ans Herz zu gehen als alles andere. In dem ganzen Kirchspiel wußte ihm auch kein Mensch etwas böses nachzusagen, und seine Dienstleute blieben bei ihm, bis sie alt und gebrechlich waren und er ihnen andere zu Hilfe nehmen mußte.« »Nun,« erwiderte ich, »das war für die Wochentage eine recht gute Art zu predigen; aber ich glaube doch, wenn Euer alter Freund Irwine wieder ins Leben käme und nächsten Sonntag die Kanzel bestiege, Ihr würdet Euch doch ein bißchen schämen, daß er nicht besser predigt, nachdem Ihr ihn so gelobt habt.« »Nein, nein,« sagte Adam und hob seine Brust heraus und lehnte sich im Stuhl zurück, als sei er bereit, alle Einwendungen zurückzuschlagen, »nein, für einen großen Redner habe ich Irwine nie gehalten. Er ging nicht tief in das geistliche Leben, und es giebt doch vieles im innern Leben des Menschen, was man nicht nach Fußen und Zollen messen kann und dabei sagen: wenn man so thut, dann folgt dies, und wenn man wieder so thut, dann folgt das. Es gehen Dinge in der Seele vor, und es giebt Zeiten, wo Gefühle über uns kommen wie ein starkes Brausen des Windes (wie die Schrift sagt), die unser Leben fast in zwei Hälften scheiden, daß man auf die eine Hälfte zurückblickt, wie auf etwas ganz fremdes. Das geht in kein Rechenexempel, und in dieser Beziehung halte ich es ganz mit den Methodisten. Das ist das tiefe, geistliche Leben, von dem ich sprach; mit Reden läßt sich da nicht viel machen, aber man fühlt es. Und auf so etwas ging Pastor Irwine allerdings nicht ein: er hielt kurze moralische Predigten, das war alles. Aber er handelte so wie er sprach; er that nicht heute, als stände er hoch über andern, und war ihnen doch morgen so ähnlich wie eine Erbse der andern. Er flößte den Leuten Liebe und Achtung ein, und das war besser, als wenn er ihnen durch viel Mängeln und Quengeln die Galle erregt hätte. Frau Poyser pflegte zu sagen – wie sie denn über alles was zu sagen hatte – sie sagte, Pastor Irwine sei wie eine gute Mahlzeit, die einem gut bekommt, ohne daß man weiter daran denkt, und Pastor Ryde sei wie Medizin, die einen peinigt und quält und von der man doch nicht viel besser wird.« »Aber predigte Ryde nicht ein gut Teil mehr über das innere religiöse Leben, von dem Ihr sprecht, Adam? Hattet Ihr nicht mehr von seinen Predigten als von Pastor Irwines?« »Na, das weiß ich doch nicht; er predigte viel über die Glaubenslehren, aber wie ich schon vorhin sagte, zur Religion gehört noch was anderes als Glaubenslehren und Begriffe. Es kommt mir grade so vor, als wären die Glaubenssätze ein Namensregister für das, was man fühlt, so daß man sich gegenseitig dabei versteht, grade wie einer über das Arbeitszeug sprechen kann, wenn er die verschiedenen Namen kennt, wenn er die Sachen selbst auch kaum gesehen, geschweige gebraucht hat. Ich habe mein Leben lang genug von Glaubenslehren gehört; schon als ich siebzehn Jahr alt war, ging ich mit Seth zu den Dissenterpredigern und zerbrach mir den Kopf über Arminianer und Calvinisten. Die Wesleyaner sind strenge Arminianer, wie Sie wissen, und Seth hielt sich gleich von Anfang an zu ihnen; aber ich glaubte, ich könne in ihren Lehren wohl hie und da ein Loch finden, und so stritt ich mich denn mal mit einem von ihren Lehrern in Treddleston und griff ihn bald von der einen, bald von der andern Seite so an, bis er am Ende sagte: »Junger Mann, der Teufel gebraucht Euren Hochmut und Eure Eitelkeit, um gegen die Einfalt des Glaubens zu streiten.« Damals mußte ich darüber lachen, aber auf dem Rückwege schien mir doch, der Mann habe nicht so ganz Unrecht. Ich fing an, einzusehen, all dies Abwägen und Sichten, was wohl der Spruch meine und was jener, und ob die Menschen nur durch Gottes Gnade selig werden oder ob auch eine Kleinigkeit von ihrem eigenen Willen dazu gehört, das habe mit der wirklichen Religion gar nichts zu thun; man kann Stunden lang darüber sprechen und wird immer nur noch eitler und eingebildeter davon. So hielt ich mich denn fortan nur an unsre Kirche und hörte keinen als Pastor Irwine, denn der sagte nur, was gut war und was man klug that sich zu merken. Und ich fand es besser für meine Seele, demütig zu sein vor den Geheimnissen der Wege Gottes und nicht unnütz zu plappern über Dinge, die ich doch nie begreifen könnte. Am Ende sind's auch armselige und thörichte Fragen; denn was wäre in uns oder außer uns, was nicht von Gott käme! Wenn wir die Kraft haben, das Rechte zu wollen, so ist er es doch, der sie uns gegeben, denk' ich, aber so viel ist mir klar, wir werden nie Recht thun ohne Kraft und Entschluß, und das ist für mich genug.« Adam war augenscheinlich ein warmer Verehrer von Irwine, vielleicht sogar ein parteiischer Richter, wie zum Glück wohl auch einige von uns gegenüber den Leuten sind, die wir genau gekannt haben. Unzweifelhaft wird das von jenen hochstrebenden Geistern als eine Schwäche verachtet werden, die nach dem Idealen streben und im allgemeinen von dem Gefühl bedrückt sind, ihre Empfindungen seien zu zarter Natur, um unter ihren täglichen Genossen würdige Gegenstände zu finden. Diese auserwählten Herren haben mich oft mit ihrem Vertrauen beehrt, und wie ich da fand, waren sie einstimmig der Ansicht, große Männer würden überschätzt und kleine seien unerträglich, und wenn man eine Frau liebte, ohne daß einem diese Liebe späterhin jemals als eine Narrheit erschiene, so müsse eine solche Courmacherei für die Frau zum Sterben langweilig sein, und wer auch nur den geringsten Glauben an ein Heldentum unter den Menschen sich bewahren wollte, dürfe niemals eine Pilgerfahrt machen, um sich den Helden anzusehen. Ich muß bekennen, ich habe oft feige damit zurückgehalten, diesen gebildeten und scharfsinnigen Herren zu gestehen, was meine eigne Erfahrung gewesen ist: ich fürchte sehr, ich habe oft heuchlerisch zustimmend gelächelt und sie mit einem Witzwort über die Flüchtigkeit unsrer Illusionen unterhalten, welches jedem oberflächlichen Kenner der französischen Litteratur geläufig sein wird. Wir Menschen sind ja, wie ein weiser Mann bemerkt hat, im Verkehr unter einander nicht streng aufrichtig. Aber jetzt entlaste ich hiermit mein Gewissen und erkläre feierlich, daß ich Augenblicke der begeistertsten Bewunderung für alte Herren gehabt habe, welche das schlechteste Englisch sprachen, ab und zu sehr mürrischer Laune waren und nie eine höhere Stellung einnahmen, als die eines Gemeindevorstehers; und ich erkläre ferner, daß ich zu dem Schlusse, die Menschennatur sei liebenswürdig, und zu meiner geringen Kenntnis von der tiefen Leidenschaft und den erhabenen Geheimnissen dieser Natur dadurch gekommen bin, daß ich viel unter mehr oder weniger alltäglichen, ja gewöhnlichen Leuten gelebt habe, von denen man vielleicht nichts besonderes hören würde, wenn man in ihrer Umgebung nachforschte. Zehn gegen eins, die meisten von den kleinen Krämern in ihrer Nachbarschaft fanden an ihnen rein gar nichts Denn es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß die Auserwählten, die nach dem Idealen streben und denen nichts in Hosen und Unterröcken für ihre Ehrerbietung und Liebe gut genug ist, ganz auffallend übereinstimmen mit den beschränktesten, kleinlichsten Leuten. Der Wirt in der Königseiche z.B. im Dorfe Shepperton pflegte seine Ansicht über seine Mitbürger – er kannte keine andern – oft genug in die nachdrücklichen Worte zusammenzufassen: »ich habe es immer gesagt und werde es immer sagen, es sind ganz armselige Kreaturen, die Leute hier im Dorf – ganz armselig, groß und klein.« Er hatte, schien's, die dunkle Vorstellung, wenn er nach einem entfernten Orte ziehen könne, dann würde er dort Nachbarn finden, die seiner würdig wären, und in der That zog er nachher in den Türkenkopf, ein blühendes Geschäft in einer Nebengasse des benachbarten Städtchens. Aber seltsam genug, er fand die Leute in dieser Nebenstraße genau von derselben Art wie die Einwohner von Shepperton – »armselige Kreaturen, groß und klein, und die ein Quart Schnaps holen sind nicht besser, als die ein halbes holen – lauter armselige Kreaturen.« Achtzehnter Abschnitt Ein Sonntag »Hetty, Hetty, weißt du nicht, daß die Kirche um zwei Uhr anfängt und daß es schon halb zwei vorbei ist? Du solltest doch bedenken, daß der arme alte Matthis Bede begraben wird und wie er in der dunklen Nacht ertrunken ist – es läuft einem dabei ordentlich kalt über den Rücken, aber da machst du so lange und putzest dich auf, als ging's zur Hochzeit statt zum Begräbnis.« »Ja, Tante,« sagte Hetty, »ich kann auch nicht so rasch fertig werden wie die andern; ich muß immer erst Totty anziehen, und sie will nie still halten.« Hetty kam die Treppe herunter, wo Frau Poyser in ihrem einfachen Hut und Umschlagtuch schon wartete. Sah je ein Mädchen aus wie lauter Rosen, so that's Hetty in ihrem Sonntagshut und Kleide: ihr Hut hatte blaßroten Besatz und ihr Kleid war von weißem Grund mit blaßroten Pünktchen. Außer ihrem dunklen Haar und Augen und ihren kleinen Schnallenschuhen war alles an ihr weiß und blaßrot. Frau Poyser mußte sich über sich selbst ärgern, sie konnte sich kaum enthalten zu lächeln, wie jeder andere Sterbliche bei dem Anblick des hübschen, kleinen Dinges gelächelt haben würde. Indes sagte sie kein Wort, wandte sich um und trat zu der Gruppe vor der Hausthür; Hetty folgte; ihr kleines Herz zitterte bei dem Gedanken an jemanden, den sie in der Kirche zu sehen hoffte, vor freudiger Aufregung so sehr, daß sie kaum die Erde fühlte, die sie betrat. Und nun setzte sich der kleine Zug in Bewegung. Martin Poyser trug seinen Sonntags-Tuchrock und -Hosen und eine rot und grüne Weste; an seinem grünen Uhrband hing ein großes Petschaft aus Karneol wie ein Senkblei von dem Vorgebirge herunter, wo seine Uhrtasche saß; ein gelbseidnes Taschentuch trug er um den Hals, und vortreffliche graue gerippte Strümpfe, eigenhändig von seiner Frau gestrickt, umschlossen seine Beine vom Knie abwärts. Poyser brauchte sich seines Beines nicht zu schämen und hatte überhaupt den Verdacht, der zunehmende Mißbrauch mit den hohen Stiefeln und ähnlichen Moden, welche das Unterbein verhüllten, rühre von einer bedauerlichen Entartung der menschlichen Wade her. Noch weniger brauchte er sich seines runden, vergnügten Gesichtes zu schämen; es war die Gutmütigkeit selbst, als er sagte: »Komm, Hetty! kommt, ihr kleines Volk!« Dann gab er seiner Frau den Arm und schritt voran in den Hof. Das kleine Volk waren Martinchen und Thoms, Jungen von neun und sieben Jahren, in kleinen Parchentjacken und Kniehosen, gegen welche ihre hochroten Backen und grauen Augen gut abstachen, – wahre Ebenbilder ihres Vaters, so weit ein sehr kleiner Elefant einem sehr großen gleichen kann. Hetty ging zwischen ihnen und zuletzt kam die geduldige Molly, welche die Aufgabe hatte, Totty über den Hof und alle feuchten Stellen des Weges zu tragen; Totty hatte sich nämlich von ihrem drohenden Fieber rasch erholt und darauf bestanden, heute zur Kirche zu gehen, vor allem aber ihr rot und schwarzes Halsband über den Kragen zu tragen. Und feuchte Stellen, über die sie diesen Nachmittag getragen werden mußte, gab es genug, da am Morgen noch schwere Regenschauer gewesen waren: jetzt freilich hatten sich die Wolken verzogen und lagen in silberweißen Massen getürmt am Horizont. Daß es Sonntag sei, bewies ein einziger Blick auf den Viehhof. Die Hähne und Hühner schienen es zu wissen und machten nur ein dumpfes, unterdrücktes Geräusch, sogar der Bullenbeißer sah weniger wild aus, als wolle er sich an einem kleineren Biß genügen lassen. Das Sonnenlicht schien alles zur Ruhe und nicht zur Arbeit einzuladen; es schlief selbst auf dem moosbewachsenen Kuhstall, auf dem Häuflein weißer Enten, die ihre Schnäbel unter die Flügel geduckt zusammenhockten, auf der alten schwarzen Sau, die sich träge auf das Stroh gestreckt hatte, während das größte von ihren Ferkeln auf den fetten Rippen der Alten eine vorzügliche Springmatratze fand, und auf den Schäfer Alick der in seinem neuen Kittel, halb sitzend halb stehend, auf der Treppe des Kornspeichers ein unbequemes Schläfchen hielt. Alick war der Ansicht, wer auf das Wetter und die Mutterschafe zu achten habe, dürfe sich der Kirche und dergleichen Luxus nicht so oft hingeben. »In die Kirche?! Nein, ich hab' was andres zu bedenken,« antwortete er oft in einem so bittern Tone, daß alles Fragen ein Ende hatte. Gewiß wollte er nichts schlimmes damit sagen, auch war er nicht sehr von Zweifeln geplagt oder gar ein Grübler und Leugner, und unter keiner Bedingung hätte er es sich nehmen lassen, Weihnachten, Ostern und Pfingsten zur Kirche zu gehen; aber im allgemeinen hielt er dafür, Gottesdienst und religiöse Gebräuche seien wie andere unproduktive Geschäfte für die Leute, welche nichts zu thun hätten. »Da steht Vater am Hofthor,« sagte Pachter Poyser; »er wird uns wohl das Feld entlang nachsehen wollen. Wunderbar, was er noch für Augen hat, und ist doch über fünfundsiebzig.« »O, mir scheint oft, es ist mit den alten Leuten wie mit den kleinen Kindern,« erwiderte Frau Poyser; »sie freuen sich am Sehen; was sie sehen, darauf kommt's nicht an. Es ist wohl Gottes Wille, sie so einzuschläfern, ehe sie zur ewigen Ruhe gehen.« Der alte Martin öffnete das Thor, sobald er die Familie herankommen sah, und hielt es weit offen, indem er sich auf seinen Stock lehnte. Wenn das Abendmahl ausgeteilt wurde, ging er stets zur Kirche, aber sonst nicht sehr regelmäßig; an nassen Sonntagen oder wenn er einen kleinen Anfall von Rheumatismus hatte, pflegte er die drei ersten Kapitel der Genesis zu lesen. »Sie werden mit Matthis Bede seinem Begräbnis fertig sein, ehe ihr auf den Kirchhof kommt,« sagte er, als sein Sohn herankam. »Es wäre besser gewesen, sie hätten ihn heute vormittag während des Regens begraben; jetzt fällt kein Tropfen, und der Mond, siehst du, liegt da wie ein Kahn. Das ist ein bestimmtes Anzeichen fürs Wetter. Es giebt zwar manche falsche Zeichen, aber dies ist verläßlich.« »Ja, ja,« erwiderte der Sohn, »ich hoffe, das Wetter hält sich jetzt.« »Nun, paßt auf, was der Herr Pastor sagt, Jungens, paßt ja auf,« sagte der Großpapa zu den beiden Schwarzaugen in Kniehosen, denen man es halb und halb ansah, daß sie ein paar Murmeln in der Tasche hatten, mit denen sie wahrend der Predigt ganz im stillen ein bißchen spielen wollten. »Adieu, Großpapa,« sagte Totty, »ich gehe auch nach der Kirche. Ich habe mein Halsband um. Gieb mir ein bißchen Pfeffermünz.« Großpapa schüttelte sich vor Lachen über das kluge kleine Ding, nahm seinen Stock in die linke Hand, mit der er das Thor offen hielt, und steckte langsam seine Finger in die rechte Westentasche, auf welche Totty in vertrauensvollster Erwartung ihre Augen gerichtet hielt. Und als sie alle vorbei waren, lehnte sich der alte Mann wieder gegen das Thor, sah ihnen nach den Feldweg entlang, bis sie hinter einer Biegung in der Hecke verschwanden. Denn damals hemmten die Hecken selbst auf den best bewirtschafteten Bauerhöfen die Aussicht, und grade an dem Nachmittag schüttelten die wilden Rosen ihre roten Kränze, stand der Nachtschatten in aller Glorie von Gelb und Purpur, wuchs das blasse Geisblatt hoch über die Stechpalmbüsche hinaus, und hier und da warf eine Esche oder Sycamore ihren Schatten über den Weg. Noch an andern Gitterthoren trafen die Kirchgänger auf Bekannte, die ihnen aus dem Wege gehen mußten: am Gitter auf der Wiese standen die Milchkühe eine hinter der andern und begriffen äußerst schwer, daß ihre großen Leiber im Wege sein könnten; am nächsten Gitter hielt die Stute ihren Kopf über die Umzäunung und neben ihr stand das leberfarbige Fohlen, den Kopf nach der Weiche seiner Mutter gerichtet, offenbar noch sehr geniert in seiner sperrbeinigen Existenz. Der Weg führte ganz über Poysers eigenes Feld, bis sie an die große Straße nach dem Dorfe hin kamen, und wie sie so entlang gingen, hatte er ein scharfes Auge auf alles, auf den Viehstand und die Saaten, während seine Frau mit ihren fortlaufenden Bemerkungen über alles und jedes bei der Hand war. Eine Bäurin, die eine Milchkammer führt, sorgt für einen guten Teil der Einnahme und darf daher wohl ihre Meinung über den Viehstand und was dazu gehört, haben, und diese Übung schärft dann ihren Verstand so, daß sie ihrem Manne auch in den meisten andern Dingen Rat zu geben sich befähigt fühlt. »Da ist das Kurzhorn,« die Sally,« sagte sie, als sie auf die Wiese kamen und ihr das stille Tier in die Augen fiel, welches dalag und wiederkäute und sie träge und schläfrig ansah; »ich mag die Kuh gar nicht mehr sehen, und ich sage heute was ich vor drei Wochen gesagt habe, je eher wir sie los werden, desto besser; die kleine gelbe Kuh da giebt nicht halb so viel Milch, aber noch mal so viel Butter.« »I, du bist ja ganz anders als sonst die Weiber,« erwiderte ihr Mann; »die haben die Kurzhörner gern, die so viel Milch geben. Nachbar Steffen seine Frau will gar keine andern haben.« »Nachbar Steffen seine Frau! das will wohl was bedeuten! die ist ja so dämlich und hat ein Gehirn nicht größer als ein Sperling; die könnte wohl einen Durchschlag mit großen Löchern nehmen, um ihr Schweineschmalz durchzusieben, und würde sich noch wundern, daß die dicken Fettklumpen auch mit durchgehen. Von der mag ich nichts mehr hören und nehme gewiß nie wieder 'nen Dienstboten aus ihrem Hause – so 'ne Wirtschaft ist das da; wenn man zu ihr kommt, weiß man nie, ob's Montag oder Freitag ist, die Wäsche schleppt sich die ganze Woche hin; und ihr Käse – vergang'nes Jahr ging er auf wie ein Laib Brot auf einer zinnernen Schüssel. Und dann redet sie noch, das Wetter wäre schuld! Grade als wenn einer sich auf den Kopf stellte und sagte, seine Stiefel wären schuld.« »Nun, Steffen will die Sally gern kaufen; wir können sie also los werden, wenn du willst,« antwortete ihr Mann, der im stillen ganz stolz war, daß seine Frau so vorzüglich rechnen könne, und auf den letzten Markttagen schon einige Male mit ihrem Urteil in Sachen der Kurzhörner geprahlt hatte. »Ja, ja, wer eine Gans zur Frau hat, der mag die Kurzhörner kaufen; wenn man mal mit dem Kopf im Sumpf steckt, dann können die Beine auch hinterdrein. Aha, das sind mir auch Beine!« fuhr Frau Poyser fort, als Totty auf dem nun ganz trockenen, breiten Wege vor Mutter und Vater hertrippelte. »Das laß ich mir noch gefallen! Und einen hübschen langen Fuß hat sie, die wird mal ganz wie ihr Vater.« »Ja, in zehn Jahren wird sie wohl so sein wie Hetty; nur hat sie die Augen von dir. In meiner Familie haben wir keine blauen Augen; meine Mutter hatte Augen so schwarz wie Schlehen, gerade wie Hetty.« »Na, das wird dem Kinde nicht schaden, wenn sie nicht in allen Stücken ist wie Hetty; und wenn sie auch nicht gar zu hübsch wird, mir soll's recht sein. Aber das muß ich doch noch sagen, es giebt Leute mit hellem Haar und blauen Augen, die eben so hübsch sind wie die mit schwarzen. Hätte Dina ein bißchen Farbe im Gesicht und trüge nicht diese Quäkermütze auf dem Kopf, vor der die Krähen bange werden, so fände sie jeder so hübsch wie Hetty.« »Nein, nein,« sagte der Mann beinahe verächtlich, »darauf verstehst du dich nicht: die Männer würden nicht so hinter Dina her sein wie hinter Hetty.« »Was frag' ich danach, hinter wem die Männer herlaufen? Wie sie sich meistens aufs Wählen verstehen, das steht man ja an den Schlumpen von Weibsleuten, die grade sind wie Florband, – gar nichts mehr nutz, wenn die Farbe erst davon ist.« »Nun, nun, du mußt doch sagen, daß ich mich aufs Wählen verstanden habe,« erwiderte Poyser, der kleine eheliche Zwistigkeiten gewöhnlich mit einem Kompliment dieser Art beilegte, »und vor zehn Jahren warst du noch mal so fix und munter als Dina.« »Ich sage auch nicht, eine müsse häßlich sein, um 'ne gute Hausfrau zu werden. Da ist Steffen seine Frau, die ist so häßlich, daß sie die Milch sauer macht und das Käselab sparen kann, aber sonst wird sie wohl nie etwas sparen. Und Dina, das arme Kind, die wird ihr Lebtag nicht fix und munter, so lange sie mittags von Gerstenbrot und Wasser lebt, um für andere was übrig zu haben, die in Not sind. Sie hat mich bisweilen geärgert, daß mir die Geduld ausging, und ich habe ihr auch gesagt, sie handle ganz gegen die Schrift, denn da heißt es: »liebe deinen Nächsten wie dich selbst,« aber, sagte ich, »wenn du deinen Nächsten nicht mehr liebtest als dich selbst, dann würdest du wenig genug für ihn thun. Du würdest dir einreden, er könne ganz gut bestehen mit halbleerem Magen.« Wo sie wohl heute sein mag an diesem schönen Sonntage?! Gewiß sitzt sie wieder bei der kranken Frau, zu der ihr Herz sie so plötzlich hintrieb.« »Es ist doch schade, daß sie sich so was in den Kopf setzt; den ganzen Sommer hätte sie bei uns bleiben können und noch mal so viel essen als sie bedurfte, und es wäre doch drüber gewesen. Man merkte sie gar nicht im Hause; sie saß so still bei ihrem Nähen wie ein Vogel auf dem Nest, und war doch so ungemein flink, wenn sie was holen mußte Wenn Hetty sich verheiratet, dann nimmst du gewiß Dina gern für immer ins Haus.« »Daran ist kein Gedanke,« sagte Frau Poyser; »wir könnten eben so gut eine Schwalbe hereinwinken, wenn sie vorbeifliegt, als Dina bitten, behaglich bei uns zu leben wie andere Leute. Wenn ihr einer den Sinn ändern könnte, dann hätt' ich's gethan; eine ganze Stunde lang hab' ich ihr zugeredet und ausgescholten hab' ich sie auch; sie ist ja meiner leiblichen Schwester Kind, und es schickt sich wohl, daß ich für sie thue, was ich kann. Aber du meine Zeit, sobald sie uns Adieu gesagt hatte und auf den Karren gestiegen war und mit ihrem blassen Gesichte auf mich zurückblickte, grade als wäre ihre Tante Judith wieder vom Himmel heruntergekommen, da fing ich an, mich zu ängstigen über meine harten Ausputzer; denn bisweilen kommt's einem vor, als wüßte sie besser, was recht ist, als andere Leute. Aber daß das von der Methodisterei herkommt, das laß ich mir nicht einreden, – so wenig wie ein weißes Kalb weiß ist, weil es mit einem schwarzen aus einem Eimer säuft.« »Nein,« erwiderte der Mann, und seine Stimme kam einem Brummen so nahe, wie seine Gutmütigkeit es nur zuließ; »ich halte auch nicht viel von den Methodisten. Es sind immer nur Handwerker, die Methodisten werden; von einem Bauern hört man nicht, der die Grillen in den Kopf kriegte. Bisweilen geht auch wohl ein Arbeitsmann, der nicht gar zu geschickt ist bei der Arbeit, zu ihnen, wie der Seth Bede. Aber Adam, siehst du, der einen so guten Kopf hat wie nur einer in der ganzen Gegend, der ist verständiger; der gehört zu unserer Kirche, sonst würd' ich ihm auch bei seiner Freierei um Hetty keinen Vorschub leisten.« »Aber um des Himmels willen!« rief Frau Poyser, die während der Worte ihres Mannes sich umgesehen hatte, »sieh nur mal wo die Molly mit den Jungens ist; das ganze Feld sind sie hinter uns. Wie konntest du das nur erlauben, Hetty? Aber man könnte eben so gut ein Bild nehmen und auf die Kinder achten lassen wie dich. Lauf zurück und sag' ihnen, sie sollen gleich kommen.« Poyser und seine Frau waren grade am Ende der zweiten Feldflur; sie setzten Totty auf einen der großen Steine des nächsten Steges und warteten auf die Nachzügler, während Totty über die ungezogenen Jungen schalt und sich selbst wohlgefällig ein artiges Kind nannte. Die Sache war die: der Sonntagsspaziergang durch die Felder war für Martinchen und Thoms außerordentlich reich an Aufregung; sie sahen in den Hecken unaufhörlich die interessantesten Dinge vor sich gehen und konnten sich so wenig enthalten, alle Augenblicke stehen zu bleiben und sich umzugucken, als wenn sie ein paar kleine Hunde gewesen wären. Martinchen sah ganz bestimmt eine Goldammer in den Zweigen der großen Esche, und während er sich nach ihr umsah, entging ihm der Anblick eines weißgefleckten Wiesels, das grade über den Weg gelaufen war und nun von dem kleinen Thoms sehr lebendig beschrieben wurde; dann kam wieder ein kleiner Buchfink, eben erst flügge geworden, der am Boden hinflatterte und den es sehr möglich schien zu fangen, bis er sich leider unter einem Brombeerstrauch verkroch. Hetty schenkte natürlich all diesen Dingen keine Beachtung und die Knaben wandten sich deshalb an Molly, die sofort ein großes Interesse entwickelte, mit offenem Munde hinguckte, wohin sie sollte, und jedesmal Herrjeh rief, wenn sie sich wundern mußte. Als Hetty zurückkam und ihnen zurief, die Mutter wäre sehr böse, eilte Molly bestürzt vorwärts, aber Martinchen lief ihr voran und schrie schon von weitem: »Mutter! wir haben der gesprenkelten Truthenne ihr Nest gefunden;« sein Instinkt sagte ihm, daß wer gute Nachricht bringt, nie im Unrechte ist. »Ah,« sagte Frau Poyser und vergaß über der angenehmen Überraschung alle Regeln der Erziehung, »du bist ein braver Junge; wo denn?« »Ganz tief unter der Hecke in einem ganz tiefen Loch; ich sah es zuerst, als ich hinter dem Buchfinken her war, da saß die Henne auf dem Nest.« »Du hast sie doch nicht gestört, will ich hoffen; sonst geht sie davon.« »Nein, ich ging ganz leise, leise weg und flüsterte es Molly zu; nicht wahr, Molly?« »Nun, das ist alles recht gut,« sagte Frau Poyser, »aber jetzt kommt und geht vor Vater und Mutter vorauf und nehmt eure kleine Schwester bei der Hand. Wir müssen uns dazu halten. Artige Kinder sehen Sonntags nicht nach den Vögeln.« »Aber Mutter!« erwiderte Martinchen, »du sagtest doch, du wollt'st einen halben Kronthaler geben, wer das Putennest fände. Du giebst mir doch nun das Geld in meine Sparbüchse?« »Das wird sich finden, mein Junge; jetzt geh hübsch vorauf und sei artig.« Vater und Mutter wechselten einen bezeichnenden Blick und amüsierten sich, daß ihr Ältester so gut aufpaßte; aber dem kleinen Thoms trat eine Wolke auf sein rundes Gesicht. »Mutter,« sagte er fast weinerlich, »Martinchen hat schon so viel Geld in seiner Büchse, viel mehr als ich.« Auch Totty äußerte ihren Wunsch nach dem halben Kronthaler. Da fuhr Frau Poyser dazwischen: »Stille, stille! Sind mir je so unartige Kinder vorgekommen? Kein einziger bekommt seine Sparbüchse je wieder zu sehen, wenn ihr jetzt nicht schnell macht und zur Kirche geht.« Diese furchtbare Drohung hatte den gewünschten Erfolg, und durch die beiden letzten Felder trabten die drei Paar kleinen Beinchen ohne besondere Unterbrechung weiter, trotzdem sie eine kleine Pfütze voll von Kaulquappen passieren mußten, in welche die Jungens sehr neugierig hineinsahen. Das nasse Heu, das morgen wieder ausgebreitet und gewendet werden mußte, war kein sehr erfreulicher Anblick für Poyser, der während der Heu- und Kornernte oft innere Kämpfe über die Zweckmäßigkeit eines Ruhetages hatte; aber keine Versuchung hätte ihn vermocht, an einem Sonntage, und wenn's noch so früh wäre, auf dem Felde arbeiten zu lassen; waren doch dem Nachbar Michel ein paar Ochsen vor Hitze gestürzt, als er am Charfreitag pflügte! Das war ein Beweis, daß Arbeiten am Sonn- oder Festtage Sünde sei, und mit keiner Sünde, darüber war er mit sich einig, wollte Martin Poyser etwas zu thun haben; denn so erworbenes Gut würde nie gedeihen. »Es juckt einem beinahe in den Fingern, so gern möchte man bei dem schönen Sonnenschein am Heuen sein,« bemerkte er, als sie durch die große Wiese kamen. »Aber es ist ja dumme Narrerei, wenn man gegen sein eigenes Gewissen was sparen oder verdienen will. Da war der Hans Wakefield, den sie immer Musjö Wakefield nannten, der arbeitete Sonntag wie Wochentag und kümmerte sich nicht um Recht oder Unrecht, als gäb's weder Gott noch Teufel. Und was ist nun aus ihm geworden? Letzten Markttag sah ich ihn, wie er mit einem Korb Apfelsinen herumging und die verkaufte.« »Ja, da hast du recht,« sagte Frau Poyser mit Nachdruck; »wenn einer das Glück mit Sünde fangen will, da macht er einen schlechten Fang. Das Geld, was man damit verdient, könnte einem ja Löcher in die Tasche brennen. Lieber wollt' ich unsern Kindern keinen Groschen hinterlassen, als was mit Recht und Ehren verdient ist. Und was das Wetter angeht, das macht der da oben, und wir müssen uns drein schicken: es ist lange nicht so 'ne Plage als die Dienstmädchen.« Trotz der Unterbrechung und der dadurch entstandenen Versäumnis während des Spazierganges war es doch – dank der ausgezeichneten Gewohnheit vorzugehen, welche Frau Poysers Uhr hatte – erst ein Viertel vor zwei, als sie im Dorfe ankamen; freilich waren fast alle, die überhaupt zur Kirche wollten, schon auf dem Kirchhof versammelt. Und nicht bloß um Matthis Bedes Begräbnis zu sehen, waren die Leute so lange vor Anfang des Gottesdienstes erschienen; so war's immer ihre Gewohnheit. Die Frauen gingen gewöhnlich alle auf einmal in die Kirche, und die Bäuerinnen plauderten dann halblaut, über die hohen Kirchenstühle weg, von ihren Krankheiten und wie schlecht dem Doktor seine Medizin helfe und wie die und die Hausmittel viel besser seien – und von den Dienstboten und ihren steigenden Ansprüchen auf hohen Lohn, während ihre Dienste von Jahr zu Jahr weniger taugten und es jetzt kaum noch ein Mädchen gäbe, das man nur einen Augenblick aus den Augen lassen könne, – und wie schlecht der Krämer in Treddleston jetzt die Butter bezahle, und wie man wohl Grund habe, an seiner Zahlungsfähigkeit zu zweifeln, obgleich seine Frau eine ganz verständige Frau sei, und sie werde natürlich von jedermann bedauert, sie stamme ja auch von guten Leuten. Unterdeß blieben die Männer draußen stehen, und außer den Sängern, die noch eine kleine Probe hatten, ging fast keiner in die Kirche, ehe nicht der Pastor am Chorpulte stand. Sie sahen gar keinen Grund, weshalb sie so früh hineingehen sollten; was konnten sie vor Anfang des Gottesdienstes in der Kirche beginnen? Und daß irgend eine Macht in der ganzen weiten Welt es ihnen übel nehmen könne, wenn sie draußen blieben und ein bißchen von der Wirtschaft plauderten, das kam ihnen nicht in den Sinn. Der Hufschmied sieht heut ganz wie ein neuer Bekannter aus; er hat sein reines Sonntagsgesicht, worüber seine kleine Enkelin immer ins Weinen kommt, da sie ihn dann für einen Fremden hält. Aber ein erfahrenes Auge würde in ihm doch sofort den Hufschmied des Dorfes herausgefunden haben; mit solcher demütigen Ehrerbietung nahm der starke, sonst so kecke Mann seinen Hut vor den Pächtern ab; er pflegte wohl zu sagen, ein Handwerker müsse freundlich sein, selbst gegen den – gegen einen gewissen jemand, der für so schwarz gilt, wie der Schmied selbst an Wochentagen war, und was er mit dieser Regel sagen wollte, war viel besser als die Worte klangen, nämlich, alle Leute, die Pferde beschlagen lassen können, müsse man mit Achtung behandeln. Der Schmied und die roheren Handwerksleute hielten sich von dem Grabe unter dem Weißdorn fern, wo das Begräbnis vor sich ging; aber der rote Hans und verschiedene Feldarbeiter hatten sich rings herum gestellt und nahmen, die Hüte in der Hand, an dem traurigen Vorgang mit der Mutter und den Söhnen teil. Andere hielten sich in einer mittleren Stellung, sahen bisweilen auf die Leidtragenden am Grabe und horchten bisweilen auf die Unterhaltung der Pächter, die in einem Haufen nahe an der Kirchthür standen und zu denen jetzt auch Martin Poyser trat, während seine Familie in die Kirche voranging. Am äußern Rande dieses Haufens stand Meister Casson, der Wirt, in höchst auffallender Haltung – den Zeigefinger der rechten Hand zwischen den Knöpfen seiner Weste durchgesteckt, die linke in der Hosentasche und den Kopf sehr auf eine Seite geneigt; kurz, er glich so ziemlich einem Schauspieler, der nur eine Rolle von wenigen Worten hat, aber doch überzeugt ist, daß die Zuschauer seine Befähigung für die Hauptrolle erkennen. Einen seltsamen Gegensatz zu ihm machte der alte Jonathan Burge, der die Hände auf den Rücken hielt und sich, krampfhaft hustend, vornüber beugte, innerlich voll tiefer Verachtung gegen alles Wissen, das sich nicht zu Geld machen ließe. Die Unterhaltung wurde heute in einem etwas gedämpfteren Tone geführt als gewöhnlich und dann und wann von der Stimme des Pastors übertönt, der grade das Schlußgebet der Begräbnisfeier sprach. Sie hatten alle ein Wort des Mitleids für den armen Matthis gehabt, aber jetzt waren sie bei einem Gegenstande, der sie persönlich näher anging; sie beklagten sich über Satchell, den Verwalter des Gutsherrn, der bei jedermann unbeliebt war. In diesem Gegenstande der Unterhaltung lag ein weiterer Grund, nicht laut zu sein, da Satchell selbst jeden Augenblick dazu kommen konnte. Nicht lange, und sie wurden plötzlich ganz still; der Pastor hatte aufgehört zu sprechen, und die kleine Gruppe um den Weißdorn zerstreute sich nach der Kirche hin. Alle traten beiseit und nahmen die Hüte ab, als Pastor Irwine vorbeiging. Dann kamen Adam und Seth, ihre Mutter zwischen sich; denn Josua Rann war sowohl erster Totengräber als Küster und konnte daher dem Pastor noch nicht in die Sakristei folgen. Aber ehe die drei leidtragenden Verwandten an die Kirchthür kamen, trat eine kleine Zögerung ein: Lisbeth hatte sich umgedreht und wieder das Grab angesehen. Ach, jetzt war nichts da als der Weißdorn! Doch weinte sie heute weniger, als sie je seit ihres Mannes Tode gethan; in all' ihren Schmerz mischte sich ein ungewöhnliches Bewußtsein ihrer eigenen Wichtigkeit; sie hatte ja ein »Begräbnis,« und der Pastor hatte für ihren Mann eine besondere Rede gehalten, und nun sollte auch noch, wie sie wußte, das Totenlied für ihn in der Kirche gesungen werden. Sie empfand diese Aufregung im Gegensatz zu ihrem Schmerz noch stärker, als sie mit ihren Söhnen in die Kirchthür trat und merkte, wie Nachbarn und Bekannte mit freundlicher Teilnahme ihr zunickten. Die Mutter und Söhne gingen in die Kirche, die Bauern folgten allmählich; sie sahen die Kutsche des Gutsherrn langsam den Hügel heraufkommen und wußten also, sie brauchten sich noch nicht zu beeilen. Aber nun erklang die Musik der Kircheninstrumente; das Abendlied, womit der Gottesdienst immer begann, wurde angestimmt, und jeder mußte seinen Platz einnehmen. Das Innere der Kirche in Hayslope hatte nichts bemerkenswertes, außer etwa die altersgrauen eichenen Kirchenstühle – große viereckige Kirchenstühle, die auf beiden Seiten des schmalen Schiffes sich hinzogen. Von neumodischen Emporkirchen war sie nicht verunstaltet. Der Sängerchor hatte zwei kleine Stühle mitten in der Reihe rechts für sich, so daß Josua Rann von seinem Platze als Hauptbassist bequem an sein Lesepult treten konnte, wenn das Singen vorbei war. Die Kanzel und das Betpult, so altersgrau wie die Kirchenstühle, waren neben dem Bogen, der nach dem Chor führte, und auf dem Chor selbst hatte die Gutsherrschaft für sich und ihre Dienstleute ihre grauen viereckigen Stühle. Aber ich kann versichern, diese grauen Stühle mit den gelblich-braunen Wänden gaben dem dürftigen Innern der Kirche einen sehr angenehmen Ton und paßten vortrefflich zu den roten Gesichtern und blanken Westen der Bauern. Gegen das Chor zu kam noch ein starker hochroter Schein, denn die Kanzel und der Stuhl des Gutsherrn hatten schöne rote Tuchkissen, und endlich schloß der Blick mit einer hochroten Altardecke, die mit ihren goldenen Strahlen von Fräulein Lydia eigenhändig gestickt war. Aber selbst ohne die rote Altardecke muß es ein freundlicher und angenehmer Anblick gewesen sein, wenn Pastor Irwine am Betpult stand und liebevoll die einfache Versammlung überblickte – die harten, alten Männer, die an Knien und Schultern wohl gebeugt, aber zur ländlichen Arbeit noch kräftig genug waren, – die großen stattlichen Gestalten und derb geschnittenen, gebräunten Gesichter der Steinmetzen und Zimmerleute, – das halbe Dutzend wohlhabender Pächter und ihre Familien mit den Gesichtern rot und rund wie Äpfel, – die reinlichen alten Frauen der Feldarbeiter mit dem schmalen, vorstehenden Rande der schneeweißen Haube unter den schwarzen Hüten und mit den welken, vom Ellbogen an nackten Armen, die sie träge über der Brust kreuzten. Denn von diesen alten Leuten hatte niemand Gesangbuch oder Bibel. Wozu auch? sie konnten alle nicht lesen: aber sie wußten manche guten Sprüche auswendig, und ihre welken Lippen bewegten sich bisweilen schweigend, indem sie dem Gottesdienste zwar ohne sehr klares Verständnis, aber mit dem einfachen Glauben folgten, er vermöge Böses abzuwehren und Segen zu bringen. Und jetzt konnte man alle Gesichter sehen; die ganze Versammlung stand auf, die kleinen Kinder auf den Sitzen guckten über den Rand der Kirchenstühle hervor; denn das Abendlied des guten alten Bischof Ken ertönte zu einer der munteren Psalmenmelodien, die mit der letzten Generation von Küstern und Pastoren ausgestorben sind. Gleich der Pansflöte sterben Melodien aus mit den Menschen, die sie lieben und auf sie hören. Adam war heute nicht auf seinem gewöhnlichen Platze unter den Sängern; er saß bei seiner Mutter und Seth und bemerkte mit Überraschung, daß auch Barthel Massey fehle – sehr zur Freude von Meister Josua Rann, der seinen Paß mit ganz ungewöhnlichem Behagen sang und in die Blicke, die er über die Brille weg auf den abtrünnigen Will Maskery schleuderte, noch mehr Strenge legte als sonst. Der Leser denke sich also Pastor Irwine, wie er in seinem weiten weißen Chorhemd, das ihm so gut stand, das gepuderte Haar zurückgeschlagen, das frische Braun der Gesundheit im Gesicht, Nase und Oberlippe fein geschnitten, diese Versammlung überblickte; Güte und Tugend lag auf dem freundlichen und doch scharfen Gesichte, wie auf allen Menschengesichtern, aus denen eine edle Seele strahlt. Und über das alles strömte die köstliche Junisonne herein durch die alten Fenster mit ihren paar gelb, rot und blau gemalten Scheiben und malte auf der gegenüberliegenden Wand hübsche Farbenflecke. Als der Pastor heute um sich blickte, verweilten seine Augen wohl etwas länger als gewöhnlich auf dem Stuhl der Familie Poyser, und noch ein zweites Paar dunkler Augen konnte es nicht lassen, dahin zu blicken und auf der jugendlichen rot und weißen Gestalt zu ruhen. Aber Hetty kümmerte sich in dem Augenblick um keine Blicke; sie war ganz versunken in den Gedanken, Arthur würde gleich in die Kirche kommen, denn die Kutsche mußte nun schon an der Kirchthür sein. Seit sie am Donnerstag abend im Wäldchen von ihm geschieden, hatte sie ihn nicht wieder gesehen, – o wie lang war ihr die Zeit geworden! Es hatte sich nichts verändert seit jenem Abend: die Wunder, die sie da erlebt, hatten noch gar keine Wirkung geäußert; sie schienen ihr schon wie ein Traum. Endlich hörte sie die Kirchthür gehen; ihr Herz schlug so, daß sie nicht aufzusehen wagte. Sie merkte, ihre Tante mache einen Knix; sie that desgleichen. Das mußte der alte Herr Donnithorne sein; er ging immer voran, der runzlige, kleine, alte Herr, der mit seinen kurzsichtigen Augen die grüßende Versammlung anblinzelte; dann, wußte sie, kam Fräulein Lydia, und obgleich sie sonst so gern ihren modischen kleinen Hut mit dem Kranze von kleinen Rosen darum ansah, heute hatte sie keinen Sinn dafür. Aber nun hörte das Grüßen auf – er war also nicht mitgekommen; sie wußte mit Gewißheit, jetzt komme an ihrem Stuhle nur noch der schwarze Hut der Haushälterin vorbei und der schöne Strohhut der Kammerjungfer, den Fräulein Lydia sonst getragen hatte, und endlich die gepuderten Köpfe des Kellermeisters und der Bedienten. Nein, er war nicht mit da; doch wollte sie nachsehen, sie konnte sich ja irren, sie hatte ja gar nicht aufgeblickt. Sie schlug die Augen auf und blickte schüchtern nach dem Kirchenstuhl auf dem Chor hinüber – da war niemand als der alte Herr, der sich mit dem weißen Taschentuch die Brille abwischte, und Fräulein Lydia, die ihr großes Gebetbuch mit dem goldenen Rande aufschlug. Die bittere Enttäuschung war zu viel für die kleine Hetty; sie fühlte, wie sie blaß wurde, wie ihre Lippen zitterten; sie war nahe dran zu weinen. Aber das durfte sie nicht! Alle Leute hätten sofort den Grund gewußt, hätten gemerkt, daß sie nur weine, weil Arthur nicht da sei. Und Gärtner Craig, mit der wundervollen ausländischen Blume im Knopfloch, starrte sie an, das fühlte sie deutlich. Es dauerte schrecklich lange bis der Pastor die allgemeine Beichte las; da konnte sie endlich niederknien. Nun drängten sich ihr zwei große Thränen gewaltsam aus den Augen, aber niemand sah es außer der gutmütigen Molly, denn Onkel und Tante knieten vor ihr und drehten ihr den Rücken zu. Um in der Kirche zu weinen, konnte sich Molly keinen andern Grund denken, als daß man ohnmächtig würde, wovon sie mal hatte reden hören; rasch holte sie daher aus ihrer Tasche ein seltsames, plattes, blaues Riechfläschchen, zog mit vieler Mühe den Stöpsel heraus und hielt den engen Hals der kleinen Hetty unter die Nase. »Es riecht nicht,« flüsterte sie dabei; sie glaubte, das sei ein großer Vorzug von altem Riechsalz gegen frisches, daß es einem gut thue, ohne in die Nase zu beißen. Hetty schob das Fläschchen trotzig zurück, aber dieser kleine Ausbruch von Ärger hatte eine Wirkung, welche das Salz selbst nicht gehabt hätte: sie entschloß sich, die Thränen abzuwischen und mit aller Kraft zu versuchen, keine mehr zu weinen. Bei aller kleinlichen Eitelkeit hatte sie eine gewisse Geistesstärke; sie hätte lieber alles ertragen, als ausgelacht oder anders als mit Bewunderung angesehen zu werden; sie hätte sich eher die Nägel in das zarte Fleisch gedrückt, als den Leuten ein Geheimnis zu verraten, das sie vor ihnen verbergen wollte. Wie wogten ihre Gedanken und Gefühle geschäftig auf und nieder, während Pastor Irwine die feierliche Absolution vor ihren tauben Ohren sprach und während der Sätze der Bitte, die dann folgten! Der Enttäuschung folgte der Ärger auf dem Fuß, und bald siegte er über die Vermutungen, mit denen ihr kleiner Scharfsinn das Ausbleiben Arthurs zu erklären versuchte, immer unter der Voraussetzung, daß er wirklich habe kommen wollen, sie wirklich wiedersehen wolle. Und als sie mechanisch sich von ihren Knien erhob, weil alle übrigen sich auch erhoben, da war schon die Farbe auf ihre Wangen zurückgekehrt, und sie glänzten selbst mehr als vorher, denn nun dachte sie sich kleine vorwurfsvolle Reden aus und sagte sich, sie hasse Arthur, daß er ihr solchen Schmerz bereite, und sie würde ihn selbst auch gern leiden sehen. Aber während dieser selbstsüchtige Aufruhr in ihrer Seele stattfand, hielt sie die Augen stets auf das Gebetbuch gerichtet und die Augenlider mit dem dunkeln Besatz sahen so lieblich aus wie je. Adam Bede fand das, als er beim Aufstehen einen Augenblick nach ihr hinüberblickte. Aber diese Gedanken an Hetty machten Adam nicht taub für den Gottesdienst; sie verschmolzen vielmehr mit all den andern tiefen Empfindungen, die heute nachmittag in der Kirche auf ihn eindrangen. Der Gottesdienst paßte so recht zu seiner aus Trauer, Sehnsucht und Ergebung gemischten Stimmung; ängstliche Rufe um Hilfe, Ausbrüche von gläubigem Dank und Lob wechselten in der Liturgie und den allbekannten kurzen Gebeten, und das schien ihm ein Ausdruck seines Innern, wie keine andere Form religiöser Verehrung es hätte sein können, – grade wie den ersten Christen, die von Jugend auf ihren Gottesdienst in Katakomben verrichteten, Fackelglanz und Dunkelheit heiliger geschienen haben müssen als das heidnische Tageslicht auf Markt und Straßen. Das Geheimnis unserer Empfindungen liegt niemals in dem bloßen Gegenstande, sondern in den seinen Beziehungen desselben zu unserer Vergangenheit; kein Wunder also, wenn das Geheimnis dem unbeteiligten Beobachter entgeht, der eben so gut seine Brille aufsetzen könnte, um Gerüche zu erkennen. Aber einen Grund gab es, weshalb selbst auf einen zufälligen Besucher der Gottesdienst in der Kirche in Hayslope mehr Eindruck gemacht hätte, als in den meisten Dörfern des Königreichs, und von diesem Grunde hat der Leser gewiß nicht die leiseste Ahnung: es war nämlich der Vortrag unseres Freundes Josua Rann. Woher der gute Schuhmacher seine Art vorzulesen hatte, war selbst seinen vertrautesten Bekannten ein Geheimnis. Am Ende, glaube ich, hatte er sie wohl zumeist von der Natur, die ihm etwas von ihrer Musik in seine ehrliche, etwas eitle Seele geflößt hatte, wie sie das ja auch in andere kleinliche Seelen vor ihm gethan hat. Zum wenigsten hatte sie ihm eine schöne Baßstimme und ein gutes musikalisches Gehör gegeben, aber ob diese allein zu dem vollen Klange, womit er in der Liturgie die Antworten sprach, hingereicht hätten, ist mir doch zweifelhaft. Die Art, wie er aus einem vollen, tiefen Forte in eine melancholische Cadenz überging und endlich das letzte Wort sanft verhallen ließ, gleich den Schwingungen eines schönen Violoncells, läßt sich in ihrer kräftigen und doch ruhigen Melancholie nur mit dem Rauschen und Fallen des Herbstwindes in den Zweigen der Bäume vergleichen. Es mag seltsam scheinen, über den Vortrag eines Dorfküsters so zu sprechen, eines Menschen mit einer verrosteten Brille, struppigem Haar, dickem Hinterkopf und einem spitzgebauten Schädel. Aber das ist einmal die Weise der Natur: einen vornehmen Herrn mit prächtigem Gesicht und poetischem Anfluge läßt sie ohne jede Melodie singen und giebt ihm nicht die leiseste Ahnung von Musik, und wieder bei einem Burschen mit niedriger Stirn, der in der Kneipe eine Räubergeschichte vorträgt, sorgt sie dafür, daß er so richtig singt wie ein Vogel. Josua selbst war weniger stolz auf sein Lesen als auf sein Singen, und mit erhöhtem Selbstgefühl trat er immer von dem Lesepulte wieder unter die Sänger. Zumal heute bei einer so besondern Gelegenheit: ein alter Mann, den das ganze Dorf kannte, war eines traurigen Todes gestorben – nicht in seinem Bett, was für die Bauern immer am schmerzlichsten ist – und nun sollte der Totengesang zum Gedächtnis an sein plötzliches Ende gesungen werden. Zudem war auch Barthel Massey nicht in der Kirche, und Josuas Wichtigkeit für den Chorgesang strahlte im hellsten Glanz. Eine feierliche Melodie in Moll wurde gesungen. In den alten Psalmenmelodien ist mancher schmerzliche Klagelaut, und die Worte: »Du kehrst uns weg wie Wassersflut; Wir schwinden wie ein Traum« schienen auf den Tod des armen Matthis wie gemacht. Die Mutter und die Söhne hörten jeder mit besonderen Empfindungen zu. Lisbeth hatte die unbestimmte Vorstellung, der Psalm thue ihrem Manne gut; er gehörte zu dem anständigen Begräbnis, welches ihm zu versagen sie für ein größeres Unrecht gehalten hätte, als ihm bei Lebzeiten viele böse Tage gemacht zu haben. Je mehr über ihren Mann gesagt wurde, je mehr für ihn geschah, in desto größerer Sicherheit mußte er sein. Seth, der überhaupt leicht gerührt wurde, vergoß Thränen und rief sich, wie er seit seines Vaters Tode stets gethan, alles ins Gedächtnis zurück, was er über die Möglichkeit gehört hatte, daß ein einziger bewußter Augenblick vor dem Ende ein Augenblick der Vergebung und Versöhnung sein könne. Hieß es nicht in demselben Psalm, den sie grade sangen, Gottes Wege seien nicht an Zeit gebunden? – Adam hatte sonst immer in jeden Psalm einstimmen können. Er hatte viel Trübsal und Verdruß in seinen jungen Jahren gehabt; aber heute hemmte ihm zum erstenmale der Schmerz die Stimme, und zwar, seltsam genug, der Schmerz darüber, daß das, was ihm bisher den meisten Verdruß und die meiste Trübsal bereitet hatte, nun für immer dahin sei. Er hatte seinem Vater vor dem letzten Scheiden nicht die Hand drücken können und sagen: »Vater, Ihr wißt, zwischen uns ist alles in Ordnung; ich habe nie vergessen, was ich Euch von meiner Kindheit her zu danken habe, und Ihr vergebt mir, wenn ich bisweilen zu hitzig und heftig gewesen bin.« Adam dachte heute nur wenig an die Opfer an Arbeit und Geld, die er für seinen Vater gebracht hatte; seine Gedanken kamen immer wieder darauf zurück, was wohl der alte Mann in den Augenblicken der Demütigung empfunden haben müsse, wo er vor den Vorwürfen seines Sohnes den Kopf sinken ließ. Wenn einer unsre Entrüstung mit schweigender Ergebung trägt, so fühlen wir nachher leicht Zweifel, ob wir wohl großmütig, ja auch nur gerecht gewesen sind; und wie viel mehr ist das der Fall, wenn der Gegenstand unsres Ärgers hinübergegangen ist zu ewigem Schweigen und wir sein Gesicht zum letztenmale in der Sanftheit des Todes gesehen haben. »Ach, ich bin stets zu hart gewesen!« sagte Adam zu sich selbst. »Es ist ein schlimmer Fehler, daß ich immer so heftig werde und die Geduld verliere, wenn jemand Unrecht thut, und daß sich mein Herz verschließt und nicht vergeben kann. Ich erkenne deutlich genug, in meiner Seele ist mehr Stolz als Liebe; ich konnte eher tausend Hammerschläge für den Vater thun, als mir ein freundliches Wort für ihn abgewinnen. Und in den Hammerschlägen war auch noch Stolz und böser Wille genug; der Teufel muß ja immer bei unsern Pflichten so gut wie in unsern Sünden seine Hand haben. Vielleicht ist gar das beste, was ich je in meinem Leben gethan habe, nicht mehr gewesen, als daß ich that, was mir am leichtesten wurde. Arbeiten wurde mir ja immer leichter als still sitzen; das schwerste Stück Arbeit wäre für mich, meine eigene Laune und meinen Willen zu überwinden und gegen meinen Stolz gradean zu gehen. Wenn ich heute abend Vater zu Haus fände, würde ich wohl anders gegen ihn sein, wie mich bedünken will, aber wissen kann man's doch nicht; für uns ist so leicht nichts eine Lehre als was zu spät kommt. Möchten wir doch lernen, daß das Leben ein Exempel ist, das wir nicht noch einmal überrechnen können; wirklich wieder gut machen kann man in dieser Welt so wenig, wie man eine falsche Subtraktion besser machen kann durch eine richtige Addition.« Das war seit seines Vaters Tode immerfort der Grundton in Adams Gedanken gewesen, und die feierliche Klage des Totenpsalms brachte diese Gedanken mit stärkerem Gewicht zurück. Auch die Predigt, welche der Pastor beim Begräbnis gehalten, hatte das gethan; kurz und einfach hatte sie die Worte behandelt: »mitten im Leben sind wir im Tode,« und hatte ausgeführt, wie der gegenwärtige Augenblick das einzige ist, was wir unser eigen nennen und zu Werken der Liebe, der Rechtschaffenheit und der zärtlichen Fürsorge zu benutzen vermögen. Lauter sehr alte Wahrheiten, aber wenn wir jemandem, der einen Teil unsres Lebens ausgemacht hat, in das tote Antlitz blicken, dann ergreift uns was die älteste Wahrheit schien, mit der Gewalt der Neuheit. Um die Wirkung eines neuen und außerordentlich lebhaften Lichtes zu erkennen, läßt man es ja am besten auf ganz bekannte Gegenstände fallen; an der früheren Trübheit oder Unklarheit messen wir dann seine Stärke. Dann kam der Schlußsegen; die ewig erhabenen Worte: »Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft« schienen mit dem ruhigen Schein der Nachmittagssonne sich zu vereinigen, welcher auf die gesenkten Häupter der Versammlung fiel, und endlich erhoben sich alle still, die Mütter banden den kleinen Mädchen, die während der Predigt geschlafen hatten, die Hüte fest, die Väter nahmen die Gebetbücher zusammen, und alles strömte durch die alte, gewölbte Kirchthür auf den grünen Kirchhof, und das nachbarliche Geplauder begann wieder und die schlichten Höflichkeiten und Einladungen zum Thee; denn am Sonntage hatte jeder gern seinen Gast; es war ja der Tag, wo jeder in den besten Kleidern und in der besten Laune sein mußte. Poyser und seine Frau blieben einen Augenblick an der Kirchthür stehen; sie warteten auf Adam und mochten nicht fortgehen, ohne der Mutter und ihren Söhnen ein freundliches Wort gesagt zu haben. »Nun, Frau Bede,« sagte Frau Poyser, indem sie zusammen weitergingen, »Ihr müßt den Kopf oben halten; Mann und Frau müssen schon zufrieden sein, wenn sie lang' genug zusammen leben, um ihre Kinder aufzuziehen und sich in grauen Haaren zu sehen.« »Ja, ja!« sagte der Mann, »dann haben sie auf keinen Fall lange auf einander zu warten. Und Ihr habt zwei der tüchtigsten Söhne in der ganzen Grafschaft; und das ist freilich kein Wunder, denn ich erinnere mich noch recht gut, der arme Matthis war mal ein so hübscher breitschultriger Bursch, wie man's nur verlangen kann, und Ihr selbst, Frau Bede, – nun, Ihr habt noch einen so graden Rücken, wie nicht viele junge Frauen jetzt.« »Ach!« erwiderte Lisbeth, »was hilft es, daß die Schüssel noch hält, wenn sie erst entzwei gebrochen ist! Je eher man mich unter den Weißdorn legt, desto besser. Ich bin jetzt für keinen mehr was nütze.« Adam achtete niemals auf die kleinen, ungerechten Klagen seiner Mutter, aber Seth sagte: »Nein, Mutter, so mußt du nicht sprechen; deine Söhne bekommen keine andere Mutter wieder.« »Da habt Ihr recht, mein Junge, da habt Ihr recht,« bemerkte Martin Poyser, »und es ist Unrecht von uns, Frau Bede, wenn wir dem Schmerze Gewalt über uns geben; das ist grade, als wenn die Kinder weinen, wenn ihnen Vater und Mutter was wegnimmt. Der über uns weiß alles besser als wir.« »Ja wohl,« sagte Frau Poyser, »und es kommt nichts dabei 'raus, wenn man die Toten über die Lebenden setzt. Einmal müssen wir doch alle sterben, meine ich, und besser wäre es, die Leute machten sich vorher viel aus uns, statt erst anzufangen, wenn wir hinüber sind. Es nutzt doch nichts, die Saat vom vorigen Jahre zu begießen.« Poyser fühlte, daß die Worte seiner Frau wie gewöhnlich eher verletzend als besänftigend waren und daß es daher besser sei, von etwas anderem zu sprechen. »Ihr werdet doch nun hoffentlich wieder zu uns kommen und uns besuchen, Adam,« sagte er. »Es ist schon eine ganze Weile, daß ich kein ordentliches Gespräch mit Euch geführt habe, und meine Frau möchte gern, daß Ihr Euch mal ihr bestes Spinnrad ansähet; es ist entzweigegangen, und gewiß giebt's viel daran zu thun; es wird wohl was dran gedrechselt werden müssen, glaube ich. Ihr kommt also, sobald Ihr könnt, nicht wahr?« Poyser blieb stehen und sah sich, während er sprach, nach Hetty um; die Kinder waren schon vorangelaufen. Hetty war nicht allein und hatte noch mehr Rot und Weiß an sich als vorher; denn in der Hand hielt sie die wunderschöne rot und weiße ausländische Blume mit einem langen, langen Namen, einem schottischen Namen, wie sie vermutete, da ja der Gärtner Craig selbst ein Schottländer war. Adam benutzte die Gelegenheit, um sich auch umzusehen, und gewiß wird niemand von ihm verlangen, daß er sich hätte ärgern sollen, als er bei der Unterhaltung des Gärtners an Hetty einen etwas unzufriedenen, schmollenden Ausdruck bemerkte. Im Herzen jedoch freute sie sich, ihn bei sich zu haben; von ihm konnte sie vielleicht erfahren, warum Arthur nicht zur Kirche gekommen sei. Nicht etwa, als hätte sie daran gedacht, ihn zu fragen, sondern sie hoffte, er würde ihr von selbst sagen, was er wisse; denn Gärtner Craig als ein höherstehender Mann teilte andern Leuten gern mit, was er wußte. Der Gärtner bemerkte niemals, daß seine Unterhaltung und seine Aufmerksamkeiten eine kalte Aufnahme fanden; seine Neigung war eben nicht sehr leidenschaftlich, und seit nicht weniger als zehn Jahren beschäftigte er sich damit, die Vorteile des ehelichen und des Junggesellenstandes gegen einander abzuwägen. Zwar ist es richtig, daß er ab und zu, wenn er durch ein Glas Grog extra ein wenig aufgeregt war, von Hetty gesagt hatte, das Mädchen sei nicht ganz übel und »es sei noch nicht das schlimmste, was einem Menschen passieren könne,« aber beim Trinken gebrauchen die Männer leicht starke Ausdrücke. Martin Poyser hielt viel auf den Gärtner, weil er sein Geschäft verstände und vom Erdboden und der Düngung große Einsicht hätte; aber bei Frau Poyser war er nichts weniger als beliebt; sie hatte mehr als einmal im Vertrauen zu ihrem Manne gesagt: »du hast ja den Craig mächtig gern, aber mir für meine Person kommt er grade vor wie ein Hahn, der glaubt die Sonne sei aufgegangen um ihn krähen zu hören.« Übrigens war Craig ein recht guter Gärtner und hatte wohl Grund, eine hohe Meinung von sich selbst zu haben. Daneben hatte er auch hohe Schultern und hohe Backenknochen, und hielt seinen Kopf etwas vornüber, wenn er, die Hände in den Hosentaschen, einherging. Den Vorzug, schottisch zu sein, hatte übrigens nur seine Abstammung und nicht seine Erziehung; denn abgesehen davon, daß er etwas stärker schnarrte, unterschied sich seine Aussprache wenig von der seiner jetzigen Umgebung. Aber in England ist ein Gärtner immer aus Schottland, wie ein französischer Lehrer immer aus Paris ist. »Nun, Herr Poyser,« sagte er, ehe der gute, langsame Pachter Zeit fand zu sprechen, »ich glaube nicht, daß Sie morgen Ihr Heu hereinbringen; das Wetterglas steht auf veränderlich, und Sie können sich auf mein Wort verlassen daß noch mehr Regen vom Himmel kommt, ehe wir vierundzwanzig Stunden weiter sind. Sie sehen doch die dunkelblaue Wolke da hinten am Orizont – Sie wissen, was das heißt Orizont, nämlich, wo Erde und Himmel sich zu treffen scheinen.« »Ja, ja, die Wolke seh' ich wohl,« erwiderte Poyser, »Orizont oder nicht, das ist einerlei; sie steht grade über Nachbar Michael seinem Brachfeld und einem schlechten Brachfeld noch dazu.« »Nun, merken Sie wohl, was ich sage; die Wolke wird sich bald über den ganzen Himmel hinziehen, beinahe so rasch wie Sie Ihr Segeltuch über einen Heuschober spannen. Es ist etwas großes, wenn man die Wolken ordentlich studiert hat. Wahrhaftig, mir können die Wetterkalender nichts lehren, aber ich könnte ihnen hübsch was zeigen, wenn sie sich nur an mich wenden wollten. Und wie geht es Ihnen denn, Frau Poyser? Sie denken gewiß schon dran, die Johannisbeeren abnehmen zu lassen. Sie thun viel besser nicht zu warten, bis sie überreif sind, bei dem Wetter noch dazu, wie wir's zu erwarten haben. Und Ihr, Frau Bede, wie befindet Ihr Euch?« fuhr der Gärtner ohne inne zu halten fort und winkte dabei Adam und Seth zu. »Hoffentlich kamen Euch der Spinat und die Stachelbeeren recht, die ich Euch neulich schickte. Wenn Ihr mal Gemüse haben wollt, um Euch etwas zu erquicken, dann wißt Ihr ja, an wen Ihr Euch wenden könnt. Ich gebe nichts weg, was andern gehört, das weiß jeder; wenn ich die Herrschaft versorgt habe, dann geht das übrige auf meine eigene Rechnung, und dazu könnte der alte Herr nicht jeden gebrauchen. Ich sage Ihnen, ich muß schon gut rechnen, wenn ich das Geld wieder heraushaben will, was ich dem Herrn bezahle. Die Kalendermacher könnten sich freuen, wenn sie so weit sehen könnten, wie ich jedes Jahr sehen muß, das Gott werden läßt.« »Die sehen aber doch ziemlich weit,« erwiderte Martin Poyser, indem er den Kopf etwas zur Seite wandte und fast ehrerbietig leise sprach. »Ist das Bild nicht eingetroffen von dem Hahn mit den großen Sporen, dem ein Anker den Kopf einschlägt und mit all dem Feuern und den Schiffen dahinter? Und das Bild war doch vor Weihnachten gemacht, und heute ist's so wahr geworden wie die Bibel: der Hahn, das ist Frankreich, und der Anker, das ist Nelson, Geht auf die Schlacht von Abukir (1798), wo Nelson die französische Flotte vernichtete. und das haben die Kalenderleute auch gleich dabei gesagt.« »Pah, pah!« entgegnete der Gärtner. »Darum braucht einer noch nicht weit zu sehen, um zu wissen, daß die Engländer die Franzosen schlagen werden. Ich weiß es von guter Hand: wenn ein Franzose fünf Fuß hoch ist, dann ist er bei ihnen ein großer Kerl, und sie leben fast nur von Suppen. Ich kannte einen Mann, dem sein Vater kannte die Franzosen ganz genau. Was diese Grashüpfer gegen so hübsche Leute wie unsern jungen Kaptän Arthur ausrichten wollen, das möcht' ich wohl wissen. So'n Franzose würde sich rein verwundern, wenn er ihn bloß ansähe; sein Arm ist dicker als ein Franzose im Leibe, dafür steh' ich, denn sie schnüren sich und kneifen sich zusammen, und leicht genug wird ihnen das, denn sie haben nichts im Leibe.« »Wo ist der Kaptän? Er war ja heute nicht in der Kirche?« fragte Adam. »Ich sah ihn am Freitag und da sagte er nichts von Verreisen.« »O, er ist bloß nach Eagledale hinüber, um zu fischen, kommt aber gewiß bald wieder; er muß ja bei all den Vorbereitungen sein für den dreißigsten Juli, wo er großjährig wird. Aber ab und zu geht er gern ein bißchen weg. Er und der alte Herr vertragen sich wie Nachtfrost und Blumen.« Der Gärtner lächelte bei dieser letzten Bemerkung und blinzelte langsam mit den Augen, aber man ging nicht weiter auf die Sache ein, da man schon an die Wendung des Weges gekommen war, wo Adam und die Seinigen abgingen. Auch der Gärtner würde mit ihnen denselben Weg gegangen sein, wenn er nicht Poysers Einladung zum Thee angenommen hätte. Frau Poyser unterstützte die Einladung in bester Form; sie hätte es für eine große Schande gehalten, nicht gastfrei gegen ihre Nachbarn zu sein; persönliche Neigungen und Abneigungen hatten mit dieser ehrwürdigen Gewohnheit nichts zu thun. Zudem war der Gärtner immer sehr aufmerksam gegen die Familie auf dem Pachthof gewesen, und Frau Poyser war gewissenhaft genug, zu erklären, sie habe eigentlich nichts gegen ihn, nur sei es schade, daß er nicht noch mal aus dem Ei kriechen könne, und zwar etwas anders. So gingen denn Adam und Seth, die Mutter zwischen sich, ihren Weg das Thal hinab und an der andern Seite des Baches wieder hinauf nach dem alten Häuschen, wo hinfort eine traurige Erinnerung an die Stelle trat von jahrelangem Verdruß, wo Adam nie wieder zu fragen hatte, wenn er nach Haus kam »wo ist Vater?« Und die andere Gesellschaft mit Gärtner Craig ging wieder nach dem hübschen, hellen Hausflur auf dem Pachthof, alle ruhig und zufrieden, nur Hetty nicht, die jetzt freilich wußte, wo Arthur sei, aber um nur so verwirrter und unruhiger war. Denn seine Abwesenheit war ja offenbar ganz freiwillig; er brauchte gar nicht fortzugehen, und – er würde gar nicht fortgegangen sein, wenn er sie hätte sehen wollen. Das traurige Gefühl überkam sie, daß sie nie wieder mit ihrem Schicksal zufrieden sein könne, wenn nicht ihr Traum vom Donnerstag Abend in Erfüllung ginge, und in diesem Augenblick der Enttäuschung und erkältenden Zweifels sah sie der Aussicht, wieder bei Arthur zu sein, seinem liebenden Blicke zu begegnen und seine sanften Worte zu hören, mit der sehnsüchtigen Begierde entgegen, welche man den wachsenden Schmerz der Leidenschaft nennen könnte. Neunzehnter Abschnitt. Adam am Werkeltage Trotz der Prophezeiung des Gärtners verzog sich die dunkelblaue Wolke ohne die angedrohten Folgen. Herr Craig tröstete sich dafür am andern Morgen mit der Bemerkung: mit dem Wetter ist's 'ne kitzliche Sache; ein Narr trifft's bisweilen und ein verständiger Mann irrt sich; darum geht's den Kalendermachern auch so gut; das Wetter ist so eins von den Zufallsdingern, wo die Narren von leben.« Indessen, mit diesem unverständigen Benehmen des Wetters war außer dem Gärtner ganz Hayslope sehr wohl zufrieden. Alle Arbeiter waren seit dem frühsten Morgen auf den Wiesen; in jedem Hause thaten die Frauen und Töchter doppelte Arbeit, damit die Dienstmädchen das Heu aufschütteln helfen könnten, und als Adam mit seinem Arbeitszeuge in dem Korbe auf der Schulter durch die Feldwege ging, hörte er lustiges Schwatzen und schallendes Gelächter hinter den Hecken hervor. Das lustige Geplauder beim Heumachen gewinnt in der Ferne; gleich den plumpen Glocken am Halse der Kühe klingt es in der Nähe etwas derb und kann einem sogar schmerzhaft in den Ohren kratzen; aber, aus der Ferne gehört, stimmt es hübsch lustig in die andern lustigen Klänge der Natur. Die Menschen können ihre Muskeln besser gebrauchen, wenn ihr Herz lustige Musik macht, mag die Lust auch gewöhnlich und tappig sein und gar nichts haben von der zierlichen Lustigkeit der Vögel. Die schönste Stunde eines Sommertags ist vielleicht die, wo die Wärme der Sonne grade über die Frische des Morgens zu siegen anfängt und noch ein Hauch von der Morgenkühle zurückgeblieben ist, der die köstliche Wärme nicht ermattend werden läßt. Der Grund, warum Adam um diese Zeit durch die Felder ging, war der, daß er für den übrigen Teil des Tages in einem Landhause, eine Stunde Weges weit, zu thun hatte, welches für den Sohn eines benachbarten Gutsherrn in Stand gesetzt wurde, und seit den frühen Morgen hatte er fleißig zu thun gehabt, Täfelwerk, Thüren, Fensterbeschläge und dergleichen auf einen Wagen zu verpacken, der ihm nun voraus gefahren war, während Jonathan Burge selbst zu Pferde hinritt, um beim Eintreffen des Wagens die Arbeitsleute anzuleiten. Der kleine Spaziergang war für Adam ein Ausruhen, und sich selbst unbewußt, stand er unter dem Zauber des Augenblicks. Es war Sommermorgen in seinem Herzen, und in dem Sonnenscheine sah er Hetty – in diesem Sonnenschein, der nicht blendete, dessen schräge Strahlen zwischen den zarten Schatten der Blätter spielten. Er dachte, als er ihr gestern beim Herausgehen aus der Kirche die Hand gereicht hatte, da sei ein Zug von Schwermut und Güte in ihrem Gesicht gewesen, den er früher nie gesehen, und er nahm das als ein Zeichen, daß sie mit seinem häuslichen Unglück Mitgefühl habe. Der Arme! Jener Zug von Schwermut stammte ganz wo anders her; aber wie sollte er das wissen? In das hübsche Mädchengesicht, das wir lieben, sehen wir hinein, wie wir unsrer Mutter Erde ins Antlitz sehen: auf all unser Sehnen und Verlangen lesen wir uns die Antwort heraus. Adam konnte unmöglich übersehen, daß der Trauerfall in der letzten Woche ihm die Aussicht auf eine Heirat näher gebracht habe. Bisher hatte er deutlich die Gefahr erkannt, ein anderer könne zwischen ihn und Hetty treten und Herz und Hand des Mädchens in Besitz nehmen, während ihn selbst seine Lage noch von offener Bewerbung zurückhielt. Selbst wenn seine Hoffnung auf Gegenliebe stärker gewesen wäre, lasteten doch andere Verpflichtungen zu schwer auf ihm, als daß er Hetty eine Häuslichkeit hätte bieten können, wie sie nach dem guten Leben auf dem Pachthof vielleicht beanspruchen durfte. Wie alle starken Naturen, hatte Adam zu sich das Vertrauen, er werde aus eigener Kraft sich eine Zukunft gründen; er war überzeugt, er werde einst eine Familie zu erhalten imstande sein und etwas tüchtiges hinter sich bringen, aber er hatte einen zu klaren Kopf, um nicht die Hindernisse, die ihm dabei entgegenstanden, in ihrer vollen Größe zu würdigen. Wie lang die Zeit bis dahin! Und all die Zeit hing die kleine Hetty wie ein rotwangiger Apfel über die Mauer des Obstgartens und jeder konnte sie sehen und jeden mußte nach ihr verlangen! Ja freilich, wenn sie ihn sehr lieb hätte, dann wartete sie Wohl auf ihn; aber hatte sie ihn denn lieb? Daß er gewagt hätte, sie selbst zu fragen, so hoch hatte er sich nie verstiegen. Er war scharfblickend genug, um zu bemerken, daß ihr Onkel und ihre Tante seine Bewerbung mit günstigen Augen ansahen, und ohne diese Ermutigung wäre er in seinen Besuchen auf dem Pachthof wohl nicht so ausdauernd gewesen, aber was Hetty selbst fühlte, darüber war es ihm unmöglich zu einer Gewißheit zu kommen. Sie war wie ein Kätzchen und hatte für jeden, der ihr nahe kam, dieselben verzweifelt hübschen, nichtssagenden Blicke. Aber jetzt, mußte er sich gestehen, war die schwerste Last von ihm genommen, und ehe noch ein Jahr herum war, konnten seine Verhältnisse sich so gestaltet haben, daß er ans Heiraten denken durfte. Es blieb immer ein harter Kampf mit seiner Mutter, das wußte er; auf jede Frau, die er wählen mochte, würde sie eifersüchtig sein, und namentlich war sie eingenommen gegen Hetty – aus dem einzigen Grunde wahrscheinlich, weil sie vermutete, er habe Hetty gewählt. Es würde nie angehen, fürchtete er, daß seine Mutter bei ihm wohne, wenn er erst verheiratet sei, und doch, wie hart würde sie es empfinden, wenn er sie bäte, von ihm zu ziehen. Ja, es war noch viel schmerzliches durchzumachen mit seiner Mutter, aber es ging nicht anders: er mußte ihr zeigen, daß sein Wille stark sei, und am Ende war es ja auch für sie das beste. Am liebsten hätte er gesehen, daß sie alle zusammenwohnten, bis Seth sich verheiratete; sie konnten ja etwas anbauen an das alte Haus und mehr Raum gewinnen. Er wollte sich nicht gern von dem Jungen trennen, sie waren in ihrem ganzen Leben kaum länger als einen Tag von einander gewesen. Adam ertappte seine Einbildungskraft kaum auf diesen Sprüngen, diesen Vorkehrungen auf eine ungewisse Zukunft, als er ihr auch sofort Halt gebot. »Ein hübsches Häuschen bau' ich da – ohne Bucksteine, ohne Bauholz; ich bin wirklich schon bei den Dachstuben und hab' noch nicht mal den Grund gelegt.« Wenn Adam von einer Sache fest überzeugt war, so nahm diese Überzeugung sogleich die Form eines Grundsatzes an; er wußte dann, wie er handeln müsse, so gut wie er wußte, daß Feuchtigkeit Rost erzeugt. Hier lag vielleicht das Geheimnis der Härte, deren er sich selbst beschuldigte: er hatte zu wenig Nachsicht mit der Schwäche, welche fehl geht, wenn sie auch die Folgen übersieht. Ohne diese Nachsicht aber, wie sollen wir die nötige Geduld und Barmherzigkeit erlangen für unsre strauchelnden, fallenden Gefährten auf dem langen und vielfach wechselnden Lebenswege? Für einen entschlossenen, starken Geist giebt es nur einen Weg dazu: sein Herz muß verwachsen mit schwachen und irrenden Mitmenschen, so daß er nicht bloß die äußeren Folgen ihres Fehltritts, sondern auch ihr inneres Leiden teilt. Eine lange, eine harte Lektion, und für jetzt hatte Adam davon erst das ABC gelernt durch den plötzlichen Tod seines Vaters, der in einem Augenblick alles hinwegnahm, was seine Entrüstung erregt hatte, und damit zugleich alles, was sein Mitleid und seine Zärtlichkeit beanspruchen durfte, ihm auf einmal wieder in Gedächtnis und Gedanken führte. Aber was heute morgen auf Adams Betrachtungen wirkte, das war seine Kraft, nicht die damit verwandte Härte. Er war längst zu der Überzeugung gekommen, daß es so unrecht wie thöricht sein würde, wenn er ein blühendes, junges Mädchen heirate, so lange er nur wachsende Armut und einen Zuwachs an Familie vor sich sähe. Und alle seine Ersparnisse waren – ganz abgesehen von dem schweren Posten für Seths Ersatzmann in der Miliz – so beständig drauf gegangen, daß er nicht einmal Geld genug in Händen hatte zur Einrichtung eines kleinen Häuschens und zum Notpfennig in bösen Tagen. Zwar war alle Aussicht, er werde mit der Zeit etwas fester auf den Beinen stehen, aber an einem unbestimmten Vertrauen auf Arm und Kopf konnte er sich nicht genügen lassen; er mußte bestimmte Pläne haben und sofort daran gehen. An den Eintritt ins Geschäft bei Jonathan Burge war für den Augenblick nicht zu denken, weil das seine geheimen Haken von Bedingungen hatte, die er nicht annehmen konnte; aber Adam überlegte sich, er und Seth könnten neben ihrer täglichen Arbeit noch ein kleines Geschäft für sich führen, indem sie nämlich einen kleinen Vorrat von feinem Holz kauften und allerlei kleine Sachen für den Haushalt machten, für welche Adam eine große Erfindungsgabe besaß. Seth konnte durch besondere Arbeit unter Adams Leitung mehr verdienen als im Tagelohn, und Adam konnte in seinen freien Stunden all die feine Arbeit machen, welche besondere Geschicklichkeit erforderte. Mit dem so gewonnenen Gelde und seinem guten Lohn als Werkführer würden sie bald imstande sein, in der Welt voran zu kommen, um so mehr, als sie jetzt auch sparsamer leben würden. Kaum hatte dieser kleine Plan in seinem Geiste Gestalt gewonnen, als er sofort an die genaue Berechnung ging, was für Holz er kaufen und welches Möbel er zuerst machen wolle – einen Küchenschrank nämlich von seiner eigenen Erfindung, mit einer so geschickten Einrichtung von Schiebethüren und Riegeln, so bequemen Ecken für häusliche Vorräte und durchweg so symmetrisch und dem Auge gefällig, daß jede gute Hausfrau davon entzückt sein und alle Stufen schwermütiger Sehnsucht durchlaufen würde, bis ihr Mann ihr verspräche, er wolle ihr so einen Schrank kaufen. Adam sah schon im Geiste Frau Poyser davor stehen und ihn mit scharfem Auge prüfen und vergebens nach einem Fehler suchen; dicht neben Frau Poyser stand natürlich Hetty, und Adam fand sich wieder von Berechnungen und Erfindungen hinweggelockt in seine Träume und Hoffnungen. Ja, noch heute abend mußte er sie sehen; es war schon so lange her, daß er keinen Besuch auf dem Pachthof gemacht hatte. Er wäre zwar auch gern in die Abendschule gegangen und hätte sich erkundigt, warum Barthel Massey gestern nicht in der Kirche war, denn er fürchtete, sein alter Freund sei krank; aber wenn er nicht zu beiden Besuchen an demselben Abend käme, so mußte er den letzten bis morgen verschieben; das Verlangen, bei Hetty zu sein und sie wieder zu sprechen, war ihm zu mächtig. Als er sich dies überlegt hatte, war er beinahe ans Ende seines Weges gekommen und hörte den Schlag der Hämmer von dem alten Hause her. Das Geräusch der Arbeit ist für einen geschickten Arbeiter, der seine Arbeit liebt, so verführerisch wie die Töne aus dem Orchester für den Violinspieler, der in der Ouverture zu thun hat. Die Fibern seines Leibes klingen an bei dem gewohnten Klang, und was einen Augenblick vorher noch Freude, Ärger oder Ehrgeiz war, setzt sich um in Thatkraft. Alle Leidenschaft wird Kraft, wenn sie aus den engen Grenzen unsres persönlichen Kreises einen Ausgang hat in der Arbeit unsres rechten Arms, der Geschicklichkeit unsrer rechten Hand oder der stillen schöpferischen Thätigkeit unsres Gedankens. Den Rest des Tages steht nun Adam auf dem Gerüst mit dem zweifußigen Zollstock in der Hand; bisweilen pfeift er leise, wenn er eine Schwierigkeit bei einem Querbalken oder Fensterrahmen überdenkt; dann wieder schiebt er einen jüngern Arbeitsmann beiseite und stellt sich an seinen Platz, wenn ein schwer Stück Bauholz zu heben ist, und sagt: »da laß die Hand von, mein Junge, dazu sind deine Knochen noch nicht stark genug,« und wieder ein andermal heftet er seine scharfen, schwarzen Augen auf einen Arbeiter, der am andern Ende des Hauses beschäftigt ist, und mahnt ihn, richtige Distanz zu halten. Seht ihn euch an, den breitschultrigen Mann mit dem nackten, muskulösen Arm und dem dicken, starken, schwarzen Haar, das sich wie zertretenes Gras umherwirft, sobald er seine Papiermütze abnimmt, und hört ihm zu, wie er mit starker, halb tiefer Stimme dann und wann in laute und feierliche Psalmmelodien ausbricht, als suche die überströmende Kraft in seinem Innern einen Ausweg, und wie er dann plötzlich wieder aufhört, offenbar von einem Gedanken getroffen, der schlecht zum Singen stimmt. Wäret ihr nicht bereits im Geheimnis, ihr würdet schwerlich von selbst vermuten, welch' wehmütige Erinnerung, welch' warme Neigung, welch' zärtliche, schüchtern sich regende Hoffnungen in diesem athletischen Körper mit den schwieligen Händen und den zerarbeiteten Nägeln wohnten, in diesem schlichten Mann, der keine feineren Gedichte kannte als die in seinem Gesangbuch, der von weltlicher Geschichte so viel wie gar nichts wußte, und für den die Bewegung und die Gestalt der Erde, der Lauf der Sonne und der Wechsel der Jahreszeiten in der Region des Geheimnisses lag, an die seine lückenhafte Bildung eben hinanreichte. Mit großer Mühe und Arbeit hatte Adam in seinen Freistunden gelernt, was er außer seinem Handwerk verstand, und über Mechanik und Arithmetik und die Natur seiner Arbeitsstoffe sich unterrichtet; mit vieler Mühe und Arbeit hatte er lernen müssen, seine Feder zu handhaben, eine deutliche Handschrift zu schreiben, leidlich orthographisch richtig zu schreiben und nach Noten zu singen. Daneben hatte er seine Bibel einschließlich der apokryphischen Bücher gelesen, ferner eine Anzahl der populärsten religiösen Werke, darunter natürlich Bunyans Pilgerreise, einen großen Teil von Baileys Wörterbuch, Valentin und Orson und einen Teil einer Geschichte von Babylon, welche Barthel Massey ihm geliehen hatte. Er hätte noch manche andere Bücher von Barthel Massey haben können, hatte aber keine Zeit sie zu lesen, so fleißig war er immer am Rechnen, wenn ihm seine Arbeit und Extraarbeit nur einen Augenblick frei ließen. Adam war keineswegs ein wunderbarer Mensch, oder richtig gesagt ein Genie, aber gewiß auch kein gewöhnlicher Handwerker, und unzweifelhaft ginge man sehr in die Irre, wenn man in dem ersten besten Zimmergesellen, der sein Arbeitszeug in einem Korbe auf der Schulter trägt und eine Papiermütze auf dem Kopfe hat, das starke Selbstgefühl und den starken Sinn unsres Freundes Adam und diese Mischung von Reizbarkeit und Selbstbeherrschung suchen wollte. Er gehörte nicht zu dem Mittelschlag der Menschen. Aber Männer wie er wachsen hie und da in jeder Generation unsrer ländlichen Bevölkerung auf, ausgestattet mit Neigungen, die ein einfaches Familienleben voll hergebrachter Sorge und hergebrachten Fleißes pflegt und nährt, und ausgestattet mit Fähigkeiten, welche durch geschickte, kräftige Arbeit herangebildet werden; sie kommen in der Welt selten als Genies, meistens als ausdauernde, rechtschaffene Menschen vorwärts, welche die ihnen gestellten Aufgaben geschickt und gewissenhaft angreifen. Ihr Leben findet keinen Widerhall über ihre unmittelbare Umgebung hinaus, aber fast immer giebt's einen guten Weg, ein Gebäude, ein Bergwerk oder eine Quelle, eine landwirtschaftliche Verbesserung oder eine Neuerung in Gemeindesachen, womit ihr Namen für ein oder zwei Geschlechter verknüpft ist. Ihre Dienstherren sind durch sie bereichert worden, das Werk ihrer Hände ist gut gediehen, und die Arbeit ihres Kopfes hat anderer Hände richtig geleitet. In ihrer Jugend haben sie wollne oder Papiermützen getragen, und ihre Röcke sind schwarz von Kohlenstaub gewesen oder mit Leim und roter Farbe bestrichen. Im Alter hat ihr weißes Haar den Ehrenplatz in der Kirche und auf dem Markt, und an Winterabenden um das helle Feuer sitzend erzählen sie ihren wohlgekleideten Söhnen und Töchtern, wie froh sie einst waren, als sie zum erstenmal zwei Groschen des Tags verdienten. Andere sterben arm und legen an Werktagen nie das Arbeitszeug ab; sie haben die Kunst reich zu werden nicht verstanden, aber es sind treue Menschen, und wenn sie sterben, ehe ihre Kraft noch ganz erschöpft ist, so ist es, als wäre in einer Maschine eine Hauptschraube los; und der Herr, bei dem sie gearbeitet haben, ruft aus: »wo bekomme ich so einen wieder?« Zwanzigster Abschnitt. Adam macht einen Besuch auf dem Pachthof. Auf dem leeren Wagen fuhr Adam von seiner Arbeit zurück, und es war daher noch nicht sieben Uhr, als er schon die Kleider gewechselt hatte und zu seinem Besuch auf dem Pachthof sich anschickte. »Warum hast du denn Sonntagskleider angezogen?« fragte Lisbeth fast vorwurfsvoll, als er aus seiner Schlafkammer herunterkam. »Du wirst doch nach der Schule nicht deinen besten Rock anziehen?« »Nein, Mutter,« erwiderte Adam ruhig; »ich gehe nach dem Pachthof, und vielleicht nachher noch nach der Schule; mußt dich daher nicht ängstigen, wenn's mir ein bißchen spät wird. Seth wird in 'ner halben Stunde wieder zu Haus sein, er ist bloß ins Dorf gegangen; du wirst mich also nicht entbehren.« »Ja, aber warum hast du denn deine besten Kleider für den Pachthof angezogen? Poysers haben dich doch gestern darin gesehen, sollte ich meinen. Was soll das nun wieder heißen, daß du den Werktag so zum Sonntag machst? Wer dich nicht in der Arbeitsjacke sehen mag, mit dem sollt'st du gar keinen Verkehr haben.« »Guten Abend, Mutter, ich darf nicht länger warten,« sagte Adam, setzte seinen Hut auf und ging hinaus. Aber er war kaum ein paar Schritte aus der Thür, als Lisbeth der Gedanke quälte, sie habe ihn geärgert. Natürlich war der geheime Grund ihrer Vorwürfe wegen der Sonntagskleider nichts anderes als der Verdacht, daß er sie Hettys wegen angezogen habe, aber die Sorge um die Liebe ihres Sohnes ging ihr doch näher als alle üble Laune. Sie eilte hinter ihm her, faßte ihn am Arm und sagte: »Nein, mein Junge, du wirst doch nicht im Ärger von deiner alten Mutter weggehen, wenn sie nichts zu thun hat als stille zu sitzen und an dich zu denken?« »Nein, nein,« erwiderte Adam ernst, indem er stehen blieb und ihr die Hand auf die Schultern legte, »ich habe mich gar nicht geärgert. Aber ich möchte dich um deiner selbst willen bitten, daß du mich ruhig thun läßt, was ich mir zu thun vorgenommen habe. Ich werde mein Lebelang immer ein guter Sohn gegen dich sein. Aber ein Mann hat noch andere Gefühle als gegen Vater und Mutter, und du mußt mir nicht Leib und Seele beherrschen wollen. Darin mußt du dich schon ergeben, daß ich dir nicht nachgeben werde, wenn ich ein Recht habe, nach meinem Willen zu handeln. Laß uns also darüber nicht weiter reden.« »Ei!« sagte Lisbeth und stellte sich als fühlte sie nicht, worauf die Worte ihres Sohnes zielten – »ei, wer sieht dich denn lieber in deinem besten Zeuge als deine Mutter? Und wenn du dir das Gesicht gewaschen hast so rein wie die weißen, glatten Kieselsteine im Bache und dir das Haar so glatt gekämmt hast und die Augen dir glänzen – was sollte deine alte Mutter wohl lieber sehen? Und deine Sonntagskleider kannst du meinetwegen anziehen, wann du willst; ich werde dir kein Wort mehr darüber sagen.« »Schon gut, Mutter, schon gut; guten Abend also,« sagte Adam, küßte sie und eilte fort. Er sah, daß es unmöglich sei, dies Gespräch anders zu beenden. Lisbeth blieb stehen, hielt sich die Hand übers Auge und sah ihm nach, bis er ihr aus dem Gesicht verschwunden war. Sie verstand vollkommen was Adam mit seinen Worten gemeint hatte, und als sie sich nun langsam ins Haus zurückwandte, sagte sie laut zu sich – sie sprach immer laut mit sich in den langen Tagen, wo ihr Mann und ihre Söhne an der Arbeit waren –: »Ach ja, ich werde wohl bald zu hören bekommen, daß er sie eines Tags hier ins Haus bringen will, und sie wird dann Herr sein über mich, und ich muß vielleicht zusehen, daß sie die Schüsseln mit dem blauen Rande in Gebrauch nimmt und entzwei bricht, und ist noch nie eine entzwei gegangen, seit mein Alter und ich sie auf dem Jahrmarkt kauften, nächsten Pfingsten werden's zwanzig Jahr. Ja,« fuhr sie lauter fort, indem sie ihr Strickzeug vom Tisch nahm, »aber so lange ich lebe, soll sie keine Strümpfe stricken für die Jungen, und wenn ich erst tot bin, dann wird er schon dran denken, daß ihm keiner die Strümpfe so recht machen kann für sein Bein und seinen Fuß wie seine alte Mutter. Die versteht gewiß nichts vom Abnehmen und Hackeneinstricken, dafür steh' ich, und die Zehen wird sie ihm so lang stricken, daß er keinen Stiefel darüber ziehen kann. Das kommt davon, wenn einer so 'n Kind von einem Mädchen heiratet. Ich war über dreißig und mein Alter auch, als wir uns heirateten, und wir waren doch noch jung genug. Wenn die erst dreißig ist, dann wird sie 'ne alte Schachtel sein, weil sie so früh geheiratet hat, ehe sie mal alle Zähne hatte.« Adam ging so rasch, daß er noch vor sieben Uhr am Hofthore war. Martin Poyser und der Großvater waren noch nicht wieder von der Wiese zurück; alle Welt war auf der Wiese, selbst der schwarzbraune Dachshund, und der Bullenbeißer hielt Wache auf dem Hofe, und als Adam an die Hausthür kam, stand sie weit offen, und auf dem schönen, reinlichen Flur war keine Seele. Aber er konnte sich schon denken, wo Frau Poyser und noch jemand anders sein würden, gewiß ganz nahebei; er klopfte also an die Thür und fragte ziemlich laut: »Frau Poyser zu Haus?« »Nur herein, Herr Bede,« rief Frau Poyser aus der Milchkammer; so redete sie ihn immer an, wenn er sie in ihrem Hause besuchte. »Kommen Sie nur in die Milchkammer, wenn Sie wollen, ich kann jetzt grade nicht vom Käse weg.« Adam trat in die Milchkammer, wo Frau Poyser und Nanny den ersten Abendkäse auspreßten. »Nun, das Haus kommt Ihnen wohl vor wie rein ausgestorben,« sagte Frau Poyser, als er in der Thür stehen blieb; »es ist alles auf der Wiese, aber mein Mann muß bald hereinkommen; sie wollen das Heu heute nacht in Haufen stehen lassen und es morgen mit dem früh'sten hereinholen Ich habe Nanny hier behalten müssen, weil Hetty heute abend Johannisbeeren pflücken muß; mit dem Obst geht's einem immer verkehrt, man muß es abnehmen, wenn man alle Hände voll zu thun hat. Und den Kindern kann man das Abpflücken nicht anvertrauen, bei denen geht mehr in den Mund als in den Korb; eben so gut könnte man das Obst von den Wespen pflücken lassen.« Adam hätte gern gesagt, er wolle bis Poyser zurückkäme, in den Garten gehen, aber er hatte doch nicht ganz den Mut und erwiderte daher: »dann könnt' ich wohl in der Zeit Ihr Spinnrad vornehmen und nachsehen, was daran zu thun ist. Vielleicht steht's im Hause, an einer Stelle, wo ich's finden kann?« »Nein, ich hab's weggestellt, ins Wohnzimmer, aber Sie können's überhaupt lassen, bis ich es Ihnen selbst zeigen kann. Jetzt möchte ich lieber, Sie gingen in den Garten und sagten Hetty, daß sie mir Totty herschickt. Das Kind kommt gewiß herein, wenn mans ihr sagt, und Hetty, das seh' ich schon, läßt sie zu viel Johannisbeeren essen. Sie thäten mir einen rechten Gefallen, Herr Bede, wenn Sie hingingen und sie mir herschickten; auch stehen die York- und Lancasterrosen grade so schön im Garten, Sie werden recht Ihre Freude daran haben. Aber vorher nehmen Sie wohl ein Glas Molken; ich weiß, Sie trinken gern Molken; ja, das thun so ziemlich alle Leute, die sie nicht selbst auszupressen brauchen.« »Das nehm' ich mit Dank an, Frau Poyser,« erwiderte Adam; »ein Schluck Molken ist mir immer eine Erquickung; ich trinke sie lieber als Bier.« »Ja, ja,« sagte Frau Poyser, nahm eine kleine, weiße Schale von dem Bort und faßte damit in das Molkenfaß; »Brot riecht jeder gern, nur der Bäcker nicht. Fräulein Irwine sagt immer zu mir: »O, Frau Poyser, wie beneide ich Sie um Ihre Milchkammer und um Ihre Hühner; wirklich so 'n Bauernhaus ist doch ganz wunderschön.« Und ich antworte ihr denn: »Ja wohl, ein Bauernhaus ist ganz wunderschön für den, der's bloß von außen ansieht und das Heben und Herumstehen und Abhetzen drinnen nicht kennt, was dazu gehört.« »Nun, Frau Poyser, Sie würden doch nirgends wo anders leben mögen als in einem Bauernhause, so gut haben Sie Ihres im Stande,« erwiderte Adam und nahm die Schale, »und was hübscheres kann man doch nicht sehen, als eine schöne Milchkuh, die bis an die Knie im Grase weidet, und die frische Milch, die im Eimer schäumt, und die frische Butter, die zum Verkauf fertig steht, und die Kälber und den Hühnerhof. Da, dies trink' ich auf Ihre Gesundheit; mögen Sie immer kräftig genug sein, selbst nach Ihrer Milchkammer zu sehen und allen Pachterfrauen der Grafschaft ein Beispiel zu geben.« Frau Poyser war nicht so schwach, sich dabei ertappen zu lassen, daß sie zu einer Schmeichelei gelächelt hätte, aber über ihr Gesicht stahl sich doch ein behagliches Selbstgefühl wie ein Sonnenstrahl und gab ihren blaugrauen Augen einen sanfteren Ausdruck, als sie Adam beim Molkentrinken ansah. O, den Trank glaube ich jetzt noch zu schmecken; er hat einen so zarten Wohlgeschmack, daß man ihn kaum von einem Duft unterscheiden kann, und gleitet einem so glatt und wohlthuend herunter, daß sich die Einbildungskraft mit einer stillen, glücklichen Träumerei erfüllt. Und vor meinen Ohren ertönt die leise Musik der durchsickernden Tropfen, die sich mit dem Gezwitscher eines Vogels draußen vor dem Drahtfenster mischt; denn das Fenster geht nach dem Garten und ist von hochstämmigen Schneebällen überschattet. »Nehmen Sie nicht noch ein wenig, Herr Bede?« fragte Frau Poyser, als Adam die Schale hinsetzte. »Nein, ich danke; ich will jetzt in den Garten gehen und Ihnen die Kleine herschicken.« »Ja, thun Sie das; sagen Sie ihr, sie sollte zu Mama in die Milchkammer kommen.« Adam ging über den Hof nach dem kleinen hölzernen Pförtchen, welches in den Garten führte. Einst der wohlgepflegte Küchengarten eines Edelhofes, war er jetzt – wenn man von der hübschen, steinernen Mauer mit der steinernen Bedachung, die ihn auf einer Seite einschloß, absah – ein rechter Bauerngarten mit tüchtigen Winterblumen, unbeschnittenen Obstbäumen und allerlei Gemüse, die in ungeordnetem Überfluß wuchsen. In der damaligen Jahreszeit, wo Büsche, Laub und Blumen in voller Üppigkeit standen, einen in diesem Garten zu suchen, hieß beinahe verstecken spielen. Die hohen Stockrosen begannen eben zu blühen und stachen einem mit ihrem Rot, Weiß und Gelb ins Auge, Flieder und Schneebälle wuchsen groß und unordentlich umher, weil sie nie gezogen wurden; hochrote Bohnen und späte Erbsen bildeten wahre Laubwände; hier zog sich eine Hecke von buschigen Lambertsnüssen entlang, und da hinaus stand wieder ein ungeheurer Apfelbaum, unter dessen tief herabhängenden Zweigen nichts wachsen konnte. Aber was kam drauf an, ob hier und da auf einem Fleckchen Land nichts wuchs. Der Garten war ja so groß. Große Bohnen gab's immer im Überfluß – neun oder zehn Schritte mußte Adam machen, bis er den Grasweg zu Ende war, der neben den Beeten herlief, und für andere Gemüse war so überflüssig viel Platz da, daß bei der wechselnden Bebauung sich jedes Jahr ein stattliches Beet von Kreuzkraut fand. Die Rosenstöcke selbst, bei denen Adam stehen blieb, um eine Rose zu pflücken, sahen aus, als ob sie wild wüchsen; sie standen alle in Büschen unordentlich zusammen und prunkten grade mit weit offener Blütenkrone; meist waren sie von der weiß und rot gestreiften Art, die unstreitig von der Vereinigung der beiden Häuser York und Lancaster herrührt. Adam wählte verständig eine noch feste Provencerrose, die zwischen den voll aufgeblühten, geruchlosen Blumen wie halb erstickt hervorsah, und indem er auf das Ende des Gartens zuschritt, wo, wie er sich erinnerte, die größte Reihe von Johannisbeerbüschen, nicht weit von der großen Taxuslaube, war, hielt er sie in der Hand, weil er ungenierter auftreten zu können meinte, wenn er etwas in der Hand habe. Aber er war noch nicht weit von den Rosen weg, als er einen Zweig schütteln und eine Knabenstimme sagen hörte: »Da, Totty, hier! halt deine Schürze auf! So, das ist ein artig Kind.« Die Stimme kam oben aus den Zweigen eines großen Kirschbaums, wo Adam ohne Schwierigkeit eine kleine Gestalt in einem blauen Kittel entdeckte, die, wo der Baum am vollsten saß, sich bequem hingehockt hatte. Gewiß stand Totty unter dem Baum, hinter den Erbsen. Ja wohl stand sie da; der Hut hing ihr hinten auf den Nacken, ihr dickes Gesicht, mit rotem Saft schrecklich beschmiert, war nach dem Kirschbaum hinauf gerichtet, ihr kleines, rundes Mundstück und die rotbesteckte Schürze hielt sie weit auf, um die versprochene Sendung von oben aufzufangen. Leider muß ich gestehen, mehr als die Hälfte der Kirschen waren nicht saftig und rot, sondern hart und gelb, aber Totty hielt sich bei nutzlosem Bedauern nicht weiter auf und sog schon die drittbeste Kirsche aus, als Adam sagte: »Da, Totty, du hast nun deine Kirschen; lauf jetzt damit ins Haus zur Mutter, sie will dich sehen, sie ist in der Milchkammer. Da, lauf jetzt gleich hin; bist auch ein artig Kind.« Bei diesen Worten hob er sie auf und küßte sie, was Totty für eine langweilige Unterbrechung ihres Kirschenessens hielt, und als er sie niedersetzte, trabte sie ganz still nach dem Hause und aß unterwegs ihre Kirschen. »Und du Thoms! sieh dich vor, Junge; du bestiehlst den Kirschbaum wie ein Vogel; daß man nicht nach dir schießt!« rief ihm Adam zu, indem er nach den Johannisbeeren weiter ging. Am Ende der Hecke sah er einen großen Korb; Hetty konnte also nicht weit sein, und Adam war es schon zu Mut, als sähe sie ihn an. Als er aber um die Ecke bog, stand sie mit dem Rücken gegen ihn und beugte sich nach den untersten Zweigen hinab. Auffallend, daß sie ihn nicht hatte kommen hören! Aber vielleicht hatte sie selbst zu viel Geräusch gemacht in den Blättern. Als sie bemerkte, daß jemand bei ihr sei, fuhr sie zusammen, so heftig, daß sie das Gefäß mit den Johannisbeeren fallen ließ und dann, als sie Adam erkannte, ging ihre Blässe plötzlich in tiefe Röte über. Bei diesem Erröten schlug sein Herz vor neuer Seligkeit. Nie zuvor war Hetty sonst bei seinem Anblick rot geworden. »Ich habe Euch erschreckt,« sagte er in dem herrlichen Gefühle, daß es ganz einerlei sei, was er sage, da ihm Hetty eben so zu fühlen schien, wie er selbst; »laßt mich auch die Johannisbeeren wieder auflesen.« Das war bald geschehen, da sie dicht zusammen ins Gras gefallen waren, und als Adam sich erhob und ihr das Gefäß zurückgab, sah er ihr mit der unterdrückten Zärtlichkeit, die den ersten Augenblicken hoffnungsreicher Liebe eigen ist, grade in die Augen. Hetty wandte ihre Augen nicht ab, das Erröten war gewichen, und sie begegnete seinem Blick mit einer stillen Wehmut, die Adam gern sah, weil er auch diese nie zuvor an ihr bemerkt hatte. »Es sind nicht viel Johannisbeeren mehr übrig,« sagte sie; »ich bin gleich fertig.« »Ich will Euch helfen,« erwiderte Adam und holte den großen schon fast ganz gefüllten Korb näher heran. Nicht ein Wort weiter sprachen sie, wahrend sie die Beeren lasen. Adams Herz war zu voll, um zu sprechen, und er glaubte, Hetty wisse alles, was er darin habe. Seine Nähe war ihr doch nicht gleichgültig: sie war rot geworden bei seinem Anblick und dann dieser Zug von Wehmut – konnte der etwas anderes bedeuten als Liebe? Er war ja das Gegenteil von ihrer gewöhnlichen Art, die ihm so oft den Eindruck der Gleichgiltigkeit gemacht hatte. Während sie die Beeren pflückte, konnte er immer nach ihr hinblicken und sehen, wie die Strahlen der Abendsonne am Boden entlang durch die dichten Zweige des Apfelbaums sich stahlen und ihr auf den runden Wangen und dem vollen Nacken ruhten, als wären sie selbst in sie verliebt. Es war für Adam die Zeit, welche ein Mann im spätem Leben am wenigsten vergessen kann – die Zeit, wo er glaubt, daß das erste Mädchen, welches er je geliebt, durch ein kleines Etwas, ein Wort, einen Ton, einen Blick, ein Zittern der Lippe oder ein Zucken des Augenlides verrät, daß sie ihn zum wenigsten wiederzulieben anfängt. Das Zeichen ist so unbedeutend, kaum bemerkbar für Ohr oder Auge, keinem dritten zu beschreiben, es ist nur, als wenn eine Feder sich rührt, und doch scheint es das ganze Sein des Mannes verändert, sein unruhiges Sehnen in ein süßes Vergessen alles anderen, nur des seligen Augenblickes nicht, getaucht zu haben. So manches von dem Glück unsrer Jugend verschwindet uns gänzlich aus dem Gedächtnis: nie können wir die Freude uns wieder vor die Seele führen, mit der wir unser Köpfchen an der Mutter Brust legten oder auf dem Rücken unsres Vaters ritten; und wenn auch diese Freude gewiß mit verwebt ist in unsre Natur, wie das Sonnenlicht längst vergangener Morgenstunden verwebt ist in die zarte Reife der Aprikose, – aus unserer Erinnerung ist sie für immer verschwunden und an eine solche Freude der Kindheit können wir nur glauben. Aber der erste glückliche Augenblick in unsrer ersten Liebe ist eine Vision, die uns immer und immer wiederkehrt und unsre ganze Empfindung so tief und eigen durchschauert, wie die Wiederkehr eines süßen Duftes, den wir in längst entschwundener glücklicher Stunde eingesogen haben. Es ist eine Erinnerung, die unsre Zärtlichkeit verschönt, die Raserei der Eifersucht nährt und dem Todeskampfe der Verzweiflung den letzten Stachel giebt. Hetty, über die roten Traubenbüschel gebeugt, die Sonnenstrahlen durch der Zweige Grün, das lange Ende des dicht bewachsenen Gartens dahinter, er selbst so bewegt, als er auf sie hinsah und glaubte, daß sie an ihn denke und daß es des Redens nicht bedürfe – alles behielt Adam bis an sein Lebensende im Gedächtnis. Und Hetty? Wir wissen schon, daß Adam sich über sie täuschte. Gleich manchem andern glaubte er, die Zeichen der Liebe für einen andern seien Zeichen der Liebe für ihn selbst. Als Adam sich ihr näherte, ohne daß sie ihn bemerkte, war sie wie gewöhnlich ganz versunken in den Gedanken, wann Arthur wohl zurückkäme; jeder Fußtritt eines Mannes hätte grade so auf sie gewirkt; sie würde geglaubt haben, es sei Arthur, ehe sie hätte hinsehen können, und das Blut, welches in der Aufregung dieses plötzlichen Gefühls ihre Wange verließ, wäre bei dem Anblick jedes andern eben so gut zurückgeströmt, als da sie Adam vor sich sah. Er glaubte nicht mit Unrecht, daß eine Veränderung über sie gekommen sei: die Ängstlichkeiten und Besorgnisse einer ersten Leidenschaft, die sie durchbebte, waren stärker geworden als ihre Eitelkeit und hatten ihr zum erstenmal jenes Gefühl hilfloser Abhängigkeit von der Empfindung eines andern gegeben, welches selbst in dem oberflächlichsten Mädchen den Sinn der Frauen für Anhänglichkeit und Verehrung gegen die Männer wach ruft und es für die Freundlichkeit, gegen die es vorher so hart war, empfänglich macht. Zum erstenmal fühlte Hetty, daß in Adams schüchterner und doch männlicher Zärtlichkeit etwas beruhigendes für sie liege; sie wünschte liebevoll behandelt zu werden – o, es war so schwer, nach jenen Augenblicken glühender Liebe diese Leerheit der Trennung, des Schweigens, der scheinbaren Gleichgiltigkeit zu tragen! Sie fürchtete nicht, daß Adam sie mit Liebesworten und Schmeichelreden belästigen werde wie ihre andern Verehrer, er war ja immer so zurückhaltend gegen sie gewesen; ohne jede Befürchtung konnte sie sich an dem Bewußtsein erfreuen, daß dieser starke, brave Mann sie liebe und bei ihr sei. Es kam ihr nicht entfernt in den Sinn, daß Adam auch bemitleidenswert sei, daß Adam auch einst leiden müsse. Hetty war nicht das erste Mädchen, wie wir alle wissen, welches gegen den Mann, der sie vergeblich liebte, freundlicher wurde, weil sie selbst einen andern zu lieben begonnen hatte. Das ist eine alte Geschichte, sehr alt, aber Adam wußte nichts davon, und so trank er die süße Täuschung in sich hinein. »So, nun ist's genug,« sagte Hetty nach kurzer Weile. »Einige will Tante noch an den Büschen sitzen lassen. Jetzt will ich sie hineintragen.« »Es ist doch gut, daß ich hier bin und den Korb tragen kann,« sagte Adam; »für Eure kleinen Arme wär' er viel zu schwer.« »Doch nicht, mit beiden Händen könnt' ich ihn tragen.« »O sicher,« sagte Adam lächelnd, »und Ihr würdet damit so langsam ins Haus schleichen wie eine kleine Ameise, die eine Raupe trägt. Habt Ihr je diesen kleinen Tierchen zugesehen, wenn sie sich mit Dingen schleppen, viermal so groß wie sie selbst?« »Nein,« antwortete Hetty gleichgiltig; was ging sie das Leben der Ameisen an? »Ich habe sie oft beobachtet, als ich noch ein Junge war. Aber jetzt, seht Ihr, kann ich den Korb mit einem Arme tragen so leicht wie eine leere Nußschale, und mit dem andern Arm Euch stützen. Wollt Ihr meinen Arm nehmen? Solche starke Arme wie meine sind dazu gemacht, daß so kleine wie Eure sich darauf stützen.« Hetty lächelte matt und legte ihren Arm in seinen. Adam blickte zu ihr nieder, aber ihre Augen waren träumerisch nach einer andern Ecke des Gartens gerichtet. »Seid Ihr je nach Eagledale gewesen?« fragte sie, indem sie langsam weiter gingen. »Ja wohl,« antwortete Adam erfreut, daß sie ihn etwas fragte, was ihn selbst betraf; »vor zehn Jahren bin ich mal mit Vater hingewesen, der da was zu thun hatte. Es ist 'ne merkwürdige Gegend, Felsen und Höhlen, so was habt Ihr Euer Lebtag noch nicht gesehen. Eh' ich dagewesen war, wußte ich gar nicht, was Felsen sind.« »Wie lange wart Ihr unterwegs?« »Nun, wir mußten doch beinahe zwei Tage marschieren. Aber für einen, der ein gutes Pferd hat, ist's nur 'ne Tagereise. Der Kaptän braucht gewiß nur zehn Stunden, so 'n guter Reiter wie der ist. Und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er morgen schon zurückkäme; er ist zu thätig und hält's in dem einsamen Orte nicht lange allein aus, denn da wo er angeln will, ist bloß ein ganz kleines Wirtshaus. Ich wollte, er hätte erst das Gut übernommen; das wäre so recht was für ihn, er hätte dann viel zu thun und würde seine Sache gut machen trotz seiner jungen Jahre; auf vieles versteht er sich besser als mancher andere der doppelt so alt ist. Neulich war er sehr freundlich gegen mich und sagte, er wolle mir Geld leihen, damit ich selbst ein Geschäft anfangen könnte, und wenn es sich so machen sollte, so würde ich es lieber ihm zu danken haben als irgend wem sonst auf der Welt.« Der arme Adam! Es trieb ihn von Arthur zu sprechen, weil er glaubte, Hetty würde mit Vergnügen hören, daß der junge Herr so freundlich gegen ihn sei und ihn unterstützen wolle; es hing ja mit seiner eigenen Zukunft zusammen, und die wollte er ihr gern in günstigem Lichte zeigen. Und wirklich hörte Hetty auch mit einer Teilnahme zu, die ihren Augen neuen Glanz gab, und ein leises Lächeln auf ihre Lippen rief. »Wie hübsch die Rosen jetzt sind!« fuhr Adam fort und blieb bei den Blumen stehen. »Da, seht! Ich habe mir die hübscheste gestohlen, aber nicht für mich selbst. Ich glaube, die ganz roten hier mit den zarten grünen Blättern sind hübscher als die gestreiften, nicht wahr?« Er setzte den Korb auf die Erde und nahm die Rose aus dem Knopfloch. »Sie riecht so schön,« sagte er; »diese gestreiften riechen gar nicht. Steckt sie Euch ans Kleid, und nachher könnt Ihr sie ins Wasser stellen; es wäre schade, wenn sie verwelkte.« Hetty nahm die Rose und lächelte dabei vor Freude, daß Arthur sobald zurück sein könne, wenn er wolle. Ein Strahl von Hoffnung und Glück leuchtete ihr durch die Seele, und mit einem plötzlichen Anfluge von munterster Laune that sie, was sie schon oft gethan – sie steckte sich die Rose über dem linken Ohr ins Haar. In die zärtliche Bewunderung auf Adams Gesicht mischte sich ein leiser Schatten von widerstrebendem Tadel. Hettys Putzsucht war grade das, worüber sich seine Mutter am meisten ärgern würde, und ihm selbst mißfiel sie auch, soweit ihm etwas an ihr mißfallen konnte. »Aha,« sagte er, »das ist grade wie die vornehmen Damen auf den Bildern im Schlosse; sie habe meist alle Blumen oder Federn oder goldene Geschichten im Haar, aber mir gefällt das nicht recht; sie erinnern mich immer an die gemalten Weiber vor den Buden auf dem Jahrmarkte in Treddleston. Womit könnte sich ein Mädchen wohl besser putzen als mit seinem eigenen Haar, wenn es sich so kräuselt wie Eures, Hetty? Wenn eine jung und hübsch ist, dann sieht sie um so hübscher aus, je einfacher sie sich kleidet. Dina Morris z. B. sieht sehr nett aus, obschon sie Haube und Kleid so schlicht trägt. Mir kommt vor, ein Mädchengesicht braucht keine Blumen. Es ist selbst beinahe wie eine Blume. Eures gewiß, Hetty.« »Nun, meinetwegen,« sagte Hetty und nahm zierlich schmollend die Rose wieder ans dem Haar; »ich will mir eine Haube von Dina aufsetzen, wenn wir ins Haus kommen; Ihr könnt dann selbst urteilen, ob ich besser aussehe. Sie hat eine hier gelassen; danach kann ich dann das Muster nehmen.« »Nein, nein, Ihr braucht gar keine Methodistenhauben zu tragen wie Dina. Wirklich, die Haube ist recht häßlich, und als ich Dina hier im Hause sah, dachte ich, es wäre Unsinn, daß sie sich so absonderlich kleide; aber so recht hab' ich sie mir doch erst angesehen, als sie in voriger Woche Mutter besuchte, und da schien mir, die Haube passe so gut zu ihrem Gesicht wie der Kelch einer Eichel auf die Eichel paßt, und nun möcht' ich sie gar nicht mehr ohne Mütze sehen. Aber Ihr habt ein ganz andres Gesicht, Hetty; ich finde Euch am besten so wie Ihr jetzt seid, ohne allen störenden Schmuck. Es ist grade, als wenn jemand eine gute Melodie singt; da hört man auch nicht gern die Glocken hineinbimmeln.« Er nahm ihren Arm wieder in seinen und sah zärtlich zu ihr nieder. Er fürchtete, sie werde glauben, er habe sie zurechtweisen wollen, und redete sich ein, wie man so leicht thut, sie habe alle Gedanken, die er nur halb ausgedrückt, ganz durchschaut. Das Glück dieses Abends sollte kein Wölkchen trüben! Nicht um die Welt hätte er schon jetzt zu Hetty von seiner Liebe sprechen mögen; diese aufkeimende Freundlichkeit gegen ihn sollte erst zu unverkennbarer Liebe heranwachsen. In seiner Vorstellung sah er eine lange Zukunft vor sich liegen, gesegnet durch das Glück, daß er Hetty die seine nennen durfte; darum wollte er jetzt mit sehr wenigem zufrieden sein. Er nahm den Korb mit den Johannisbeeren wieder auf, und sie gingen ins Haus. In der halben Stunde, wo Adam im Garten gewesen war, hatte sich die Scene ganz verändert. Auf dem Hofe war alles lebendig; Martinchen ließ die kreischenden Gänse ins Thor und reizte den Gänserich schändlich durch sein Zischen; die Thür des Speichers knarrte in den Angeln, als Alick, der das Korn ausgeteilt hatte, sie schloß; die Pferde wurden unter vielem Gebell von allen drei Hunden und manchem Peitschenhieb des Pferdeknechts in die Schwemme getrieben, als wenn die großen Tiere, die ihre sanften, klugen Köpfe senkten und mit den zottigen Füßen so vorsichtig auftraten, sich versucht fühlen würden, nach allen Richtungen wild durcheinander zu rennen. Alle Leute waren von der Wiese zurück, und als Hetty und Adam auf den Flur traten, saß der Hausherr auf seinem dreieckigen Stuhl und der Großvater in dem großen Lehnsessel ihm gegenüber, beide in behaglicher Erwartung des Abendbrots, welches schon auf dem Eichentische aufgetragen wurde. Frau Poyser hatte selbst das Tischtuch aufgelegt, ein Tischtuch von hausmachenem Drell mit einem glänzenden karrierten Muster, nicht so glattgebleichtes Zeug, wie man's im Laden kauft, das im Handumdrehen sich verwäscht und vergeht, sondern von selbstgesponnenem Garn mit dem bräunlich weißen Schimmer, den alle verständigen Hausfrauen lieben, weil er für zwei Generationen Dauer verspricht. Der kalte Kalbsbraten, der frische Salat und das gefüllte Rippenstück sahen für hungrige Leute, die um halb eins zu Mittag gegessen hatten, mit Recht verlockend genug aus. Auf dem großen tannenen Tische an der Wand standen blanke, zinnerne Teller und Löffel und Kannen für Alick und die andern Knechte; denn die Herrschaft und das Gesinde genossen ihre Mahlzeit nahe bei einander, was um so angenehmer war, als jede Bemerkung über die Arbeit des kommenden Tages, die etwa der Hausherr fallen ließ, Alick gleich zu hören bekam. »Nun, Adam, ich freue mich, Euch zu sehen,« sagte der Hausherr. »Ihr habt also Hetty bei den Johannisbeeren geholfen, he? Nun kommt, setzt Euch, setzt Euch. Es ist wirklich beinahe schon drei Wochen her, daß Ihr nicht mit uns zu Abend gegessen habt, und meine Frau hat wieder so 'n schön gefülltes Rippenstück. Ich freue mich recht, daß Ihr da seid.« Frau Poyser sah unterdessen im Korbe nach ob die Johannisbeeren auch gut seien. »Hetty, sagte sie, geh' hinauf und schicke mir Molly herunter; sie bringt Totty zu Bett, und ich muß sie jetzt in den Keller nach Bier schicken; Nanny hat noch in der Milchkammer zu thun. Du kannst nach dem Kinde sehen. Aber wie hast du sie nur so herumlaufen lassen können mit Thoms? Sie hat sich ganz vollgegessen an dem Obst und mochte ihr Abendbrot nicht.« Frau Poyser sagte dies leiser als gewöhnlich, während ihr Mann mit Adam sprach; denn sie hielt strenge auf Anstand, und nach ihrer Ansicht durfte ein junges Mädchen in Gegenwart eines braven Mannes, der sich um sie bewarb, nicht scharf angelassen werden. Das wäre nicht ehrlich Spiel gewesen; jedes Mädchen war einmal jung und hatte ihre Aussichten zum Heiraten; die durften ihr andere Frauen Ehren halber nicht verderben, ebensowenig wie eine Marktfrau, die ihre eigenen Eier losgeworden, einer andern ihre Kunden abspenstig machen darf. Hetty fand auf die Frage ihrer Tante nicht gleich eine Antwort und lief daher eiligst die Treppe hinauf; Frau Poyser ging hinaus, um nach Martinchen und Thoms zu sehen und sie zum Abendbrot hereinzuholen. Bald saßen sie alle am Tisch, zwischen den rotwangigen Jungen die blaß aussehende Mutter, zwischen Adam und dem Hausherrn war für Hetty Platz gelassen. Auch Alick war hereingekommen, hatte sich abseits in seine Ecke gesetzt und aß mit seinem Taschenmesser aus einer weiten Schüssel kalte, große Bohnen, die ihm schöner rochen und schmeckten, als die feinste Ananas gethan hätte. »Wie lang das Mädchen macht, um das Bier abzuzapfen!« sagte Frau Poyser, indem sie das gefüllte Rippenstück vorlegte. »Vielleicht setzt sie den Krug hin und vergißt den Hahn aufzudrehen; bei diesen Mädchens muß man auf alles gefaßt sein; die sind imstande und setzen den Kessel leer aufs Feuer, und 'ne Stunde nachher sehen sie nach, ob's Wasser kocht.« »Sie holt für die Leute auch,« bemerkte der Hausherr; du hätt'st ihr sagen sollen, sie möchte unsern Krug zuerst bringen.« »Ihr sagen sollen?« rief Frau Poyser; »ja, ich könnte allen Wind aus meiner Lunge verbrauchen und 'nen Blasebalg dazu nehmen, wenn ich den Mädchens alles sagen wollte, worauf sie in ihrer eigenen Dummheit nicht kommen. Herr Bede, nehmen Sie nicht etwas Essig zu Ihrem Salat? Nein? Ah, da haben Sie recht. Es nimmt dem Fleisch seinen feinen Geschmack. Ja, es sieht schlecht aus mit dem Essen, wenn die Zuthaten das beste sind am Fleisch. Manche Leute machen schlechte Butter und denken, das Salz soll's wieder gut machen.« Hier wurde Frau Poysers Aufmerksamkeit durch die Ankunft Mollys in Anspruch genommen, die einen großen Henkelkrug, zwei kleine Krüge und vier Kannen trug, alle voll Ale oder Dünnbier – ein interessantes Beispiel, wie viel eine Menschenhand fassen kann. Die gute Molly hatte ihren Mund noch weiter offen als gewöhnlich und hielt beim Gehen die Augen auf das viele Gerät gerichtet, welches sie in der Hand trug, und hatte daher von dem Ausdruck in dem Gesicht ihrer Herrin gar keine Ahnung. »Molly, so 'n Mädchen wie du ist mir doch noch nicht vorgekommen! Deine Mutter ist 'ne arme Witwe, und ein Zeugnis hast du so gut wie gar nicht gehabt, und mehr als hundertmal hab' ich dir schon gesagt ...« Molly hatte es nicht blitzen sehen, und der Donner überraschte und erschütterte sie daher doppelt. Ein unbestimmter Schrecken überfiel sie, als habe sie etwas – sie wußte freilich nicht was – nicht recht gemacht; sie wandte sich eilig nach dem tannenen Tische zu, um die Gefäße hinzusetzen, verwickelte sich in ihre Schürze, die losgegangen war, und fiel mit Ach und Krach in eine wahre Sündflut von Bier, worauf Martinchen und Thoms in Lachen ausbrachen und der Hausherr, der seinen Schluck Bier ungern in die Ferne gerückt sah, ein ernsthaftes Halloh ausstieß. »Da hast du die Bescherung,« ging Frau Poyser in ihrem schneidendsten Tone los, indem sie aufstand und nach dem Schrank ging, während Molly sehr betrübt die zerbrochenen Scherben auflas. »Hab' ich's dir nicht gesagt, daß es so kommen würde? oft genug gesagt? da geht dein ganzer Monatslohn hin, und reicht noch nicht mal für den schönen Krug, den ich zehn Jahr im Hause gehabt habe, und nie ist was damit passiert; aber was du schon für Geschirr zerbrochen hast, seit du hier im Hause bist, das könnte einen Pastor zum Fluchen bringen – Gott verzeih' mir die Sünde; und wenn du Kraut gekocht hättest in einem kupfernen Geschirr, dann wär's dir nicht besser gegangen und du hätt'st dich verbrannt und wärst vielleicht lahm für dein ganzes Leben, und man weiß auch so noch nicht, was dir mal passiert, wenn das so weiter geht; man sollte glauben, du hättest den Veitstanz, wenn man sieht, daß du alles entzwei machst. Es ist eigentlich schade, daß wir dir nicht die Stücke alle aufgehoben haben, damit du sie dir ansehen könntest; freilich was du auch siehst oder hörst, für dich macht's keinen Unterschied; man sollte glauben, du wärst im Feuer gewesen und hart geschmiedet.« Die arme Molly vergoß reichliche Thränen, und in ihrer Verzweiflung über die schnelle Bewegung, mit der die Bierflut auf Alicks Füße zufloß, wollte sie schon ihre Schürze zum Scheuertuch benutzen, als Frau Poyser, die eben den Schrank öffnete, ihr wieder einen bösen Blick zuwarf. »Ei was da!« fuhr sie fort, »das Weinen hilft nichts. Du machst nur noch mehr Nässe, die du aufwischen mußt. Ich sage dir, es ist alles bloß dein eigener Leichtsinn; denn keiner braucht was zu zerbrechen, wenn er's nur recht anfaßt. Aber wer von Holz ist, sollte auch bloß mit hölzernen Sachen zu thun haben. Und da muß ich nun den braun und weißen Krug nehmen, den wir das ganze Jahr noch nicht dreimal gebraucht haben, und selbst in den Keller gehen und erkälte mich vielleicht auf den Tod und hole mir 'ne Entzündung ...« Frau Poyser hatte eben den braun und weißen Krug aus dem Schrank genommen und hielt ihn in der Hand, als ihr etwas am andern Ende der Küche ins Auge fiel. Mochte nun die Erscheinung sie so stark angreifen, weil sie so schon vor nervöser Aufregung zitterte, oder war das Zerbrechen von Krügen ansteckend wie andre Verbrechen – genug sie erschrak und fuhr zusammen, als hätte sie einen Geist gesehen, und der kostbare braun und weiße Krug fiel auf die Erde und Henkel und Gieße waren für immer dahin. »Ist einem je so was vorgekommen?« sagte sie mit plötzlich herabgestimmtem Tone, nachdem sie sich einen Augenblick ganz entsetzt umgesehen hatte. »Die Krüge müssen behext sein. Es sind diese elenden glattlackierten Henkel, die gleiten einem aus den Fingern wie ein Aal.« »Nun, da hast du dir hübsch selbst ins Gesicht geschlagen,« rief ihr Mann und stimmte herzlich in das Lachen seiner Jungens ein. »Du hast gut zusehen und mich auslachen,« erwiderte Frau Poyser; »aber 's ist bisweilen, als wenn das irdene Geschirr lebendig würde und dann fliegt's einem aus der Hand wie ein Vogel. Es ist beinahe wie Glas, das springt auch Wohl, wenn's ganz ruhig dasteht. Was mal entzweigehen soll, das geht entzwei, und ich habe noch nie in meinem Leben etwas zerbrochen, weil ich's nicht fest gehalten hätte; sonst hätte das irdene Geschirr nicht all die Jahre gehalten, was noch von meiner Hochzeit herstammt. Und Hetty, bist du toll? Was soll das heißen, so herunterzukommen, daß man meinen sollte, ein Geist ginge im Hause um?« Bei diesen Worten der Frau Poyser brach ein neues Gelächter aus, weniger über ihre plötzliche Bekehrung zu einer fatalistischen Ansicht vom Zerbrechen der Krüge, als über die seltsame Erscheinung Hettys, die ihre Tante vorhin erschreckt hatte. Die kleine Hexe hatte ein schwarzes Kleid von ihrer Tante angezogen und es sich rings am Halse festgesteckt, damit sie aussehe wie Dina, hatte sich ihr Haar so glatt wie möglich gekämmt und eine von Dinas Quäkerhauben aufgesetzt. Zu Dinas blassem ernstem Gesicht und sanften, grauen Augen, an welche Kleid und Haube lebhaft erinnerten, standen Hettys runde, rosige Backen und die neckischen schwarzen Augen in einem wirklich lächerlichen Gegensatz. Die beiden Knaben standen von ihren Stühlen auf und sprangen um sie herum und klatschten mit den Händen, und selbst Alick lachte im stillen am ganzen Leibe, als er von seinen Bohnen aufsah. Frau Poyser benutzte diesen Lärm, um Nanny aus der Milchkammer mit dem großen zinnernen Quartmaß in den Keller zu schicken, welches doch einige Aussicht hatte, nicht behext zu sein. »I, Hetty, bist du Methodistin geworden?« sagte Martin Poyser, der sein langsames, behagliches Lachen so recht genoß, wie das dicken Leuten eigen ist. »Du mußt aber dein Gesicht noch ein gut Teil länger ziehen, ehe du dafür passieren kannst, nicht wahr, Adam?« Aber wie kommst du nur dazu, dich so anzuziehen?« »Adam sagte, er möchte Dinas Tracht lieber leiden als meine,« erwiderte Hetty und setzte sich zimperlich nieder; »er sagte, häßliche Kleider ständen den Leuten besser.« »Nein, nein!« sagte Adam und sah sie bewundernd an, »ich sagte bloß, mir scheine, sie ständen Dina gut. Aber wenn ich auch gesagt hätte, Ihr sehet gut drin aus, Hetty, so hätte ich nur die Wahrheit gesagt.« »Nun, und du glaubtest, Hetty wäre ein Geist, he?« sagte Poyser zu seiner Frau, die wieder hereintrat und Platz nahm; »du sähest ja fürchterlich erschrocken aus.« »Wie ich aussah, darauf kommt wenig an,« erwiderte Frau Poyser; »das Aussehen hilft nichts gegen zerbrochene Krüge und auch gegen das Lachen nicht, wie ich wohl sehe. Herr Bede, es thut mir recht leid, daß Sie so lange auf Ihr Ale warten müssen, aber es kommt diesen Augenblick. Da sind die Kartoffeln, greifen Sie frisch zu; ich weiß, Sie mögen sie gern. Thoms, den Augenblick gehst du zu Bett, wenn du nicht mit dem Lachen aufhörst. Ich mochte überhaupt wohl wissen, was es hier zu lachen giebt. Mir ist das Weinen näher als das Lachen, wenn ich Dina ihre Haube ansehe, und gewissen Leuten würde es nicht schaden, wenn sie ihr noch in andern Stücken ähnlich werden könnten, als daß sie ihre Haube aufsetzen. Es paßt sich für keinen hier im Hause, über meiner Schwester Kind Witze zu machen, die uns eben erst verlassen hat, und von der mir der Abschied recht schwer geworden ist, und das weiß ich, wenn Trübsal über uns käme und ich krank im Bette liegen müßte und die Kinder ins Sterben kämen, – und kein Mensch kann wissen, ob's ihnen nicht einfällt – und die Viehseuche wieder ausbräche und alles drunter und drüber ginge – ja, dann würden wir uns wohl alle freuen, wenn wir Dinas Haube wieder zu sehen bekämen und ihr eigenes Gesicht darunter, ob nun ein Strich dran sitzt oder nicht. Denn sie gehört zu den Dingen, die an einem trüben Tage am hübschesten aussehen und einen am liebsten haben, wenn man sie am meisten bedarf.« Frau Poyser wußte, wie es scheint, aus Erfahrung, daß das sicherste Gegenmittel gegen das Lächerliche das Schreckliche ist. Der kleine Thoms, der ein sehr weiches Herz hatte und seine Mutter zärtlich liebte und außerdem so viel Kirschen gegessen hatte, daß er seine Gefühle noch weniger beherrschen konnte als gewöhnlich, war von dem fürchterlichen Gemälde der Zukunft so ergriffen, daß er anfing zu weinen, und der gutmütige Vater, der mit allen Schwächen, nur nicht mit denen unordentlicher Landwirte, Nachsicht hatte, sagte zu Hetty: »Zieh' die Sachen lieber aus, Kind; der Anblick thut deiner Tante weh.« Hetty ging wieder hinauf, und die Ankunft des Ales brachte einen angenehmen Wechsel in die Unterhaltung; Adam mußte über das frische Faß seine Meinung abgeben, die natürlich sehr schmeichelhaft für Frau Poyser ausfiel, und dann folgte eine Erörterung über die Geheimnisse eines guten Brauens, über die Thorheit, mit dem Hopfen zu geizen, und die zweifelhaften Ersparnisse, wenn ein Pächter sein eigenes Malz mache. Frau Poyser hatte so manche Gelegenheit, über diese Fragen sich mit Nachdruck zu äußern, daß, als das Abendbrot gegessen, der Bierkrug von neuem gefüllt war und der Hausherr sich seine Pfeife angesteckt hatte, sie wieder in der allerbesten Laune war und auf Adams Wunsch ihm das zerbrochne Spinnrad bereitwillig zur Ansicht holte. »Aha,« sagte Adam, nachdem er es sorgfältig geprüft hatte, »da muß ein gut Stück dran gedrechselt werden. Es ist ein hübsches Rad. Ich muß es an die Drechselbank hier im Dorfe nehmen und da zurecht machen; bei mir zu Hause habe ich nichts zum Drechseln. Wenn Sie's morgen früh zu Meister Bürge in die Werkstatt schicken, dann will ich's bis Mittwoch fertig machen. Ich habe mir überlegt,« fuhr er fort und sah den Hausherrn an, »ich möchte mich wohl zu Hause ein bißchen darauf einrichten, daß wir etwas feine Tischlerarbeit machen könnten. Ich habe immer in meinen Nebenstunden viel an so kleinen Geschichten gethan und sie bringen viel Geld ein; es ist mehr Arbeit dran als Material. Ich sehe mich für mich und Seth nach so 'nem kleinen Geschäfte um; ich kenne schon jemand in Rosseter, der uns so viel abnimmt, wie wir nur machen können: auch könnten wir ja hier in der Gegend Bestellungen bekommen.« Pachter Poyser ging lebhaft in diesen Plan ein, durch den Adam allmählich sein eigener Herr werden konnte, und Frau Poyser gab ihre ganze Zustimmung zu dem Plan des beweglichen Küchenschrankes, der Spezereien, Eingemachtes, Küchengerät und Leinenzeug mit der äußersten Raumersparnis, und doch ohne alle Konfusion enthalten sollte. Hetty, nun wieder in ihrer eigenen Kleidung, das Halstuch wegen des warmen Abends ein wenig zurückgeschoben, saß, mit dem Auslesen der Johannisbeeren beschäftigt, nahe am Fenster, wo Adam sie recht gut sehen konnte. Und so ging die Zeit angenehm hin, bis Adam aufstand, um wegzugehen. Man drängte ihn, bald wiederzukommen, aber nicht, länger zu bleiben, denn in dieser arbeitsvollen Zeit wollten die verständigen Leute sich nicht der Gefahr aussetzen, daß sie am andern Morgen um fünf Uhr noch schläfrig wären. »Ich gehe noch etwas weiter,« sagte Adam; »ich will noch Barthel Massey besuchen; er war gestern nicht in der Kirche, und ich habe ihn die ganze vorige Woche nicht gesehen; ich wüßte mich kaum zu erinnern, daß er jemals die Kirche versäumt hat.« Wir haben auch nichts von ihm gehört,« bemerkte der Pächter; »die Jungens haben jetzt Ferien, wir können Euch daher nichts sagen.« »Aber Sie denken doch nicht dran, in dieser späten Stunde noch hinzugehen?« fragte Frau Poyser, indem sie ihr Strickzeug zusammenlegte. »O, Massey bleibt lange auf,« antwortete Adam. »Jetzt ist noch nicht mal die Abendschule aus. Einige von den Leuten kommen erst spät; sie haben so weit zu gehen. Und Barthel selbst geht nie vor elf Uhr zu Bett.« »Dann dürfte er nicht bei mir wohnen,« sagte Frau Poyser, »mit all dem Talg, das von den Lichtem auf die Erde läuft, daß man des Morgens ausglitscht, so wie man aufsteht.« »Ja, elf Uhr ist spät, recht spät,« bemerkte der alte Großvater; »ich habe mein Lebtage nicht so lange aufgesessen, wenn's nicht bei 'ner Hochzeit war oder Kindtaufe oder Kirchweih oder bei Erntebier. Elf Uhr ist spät.« »Nun, ich bleibe oft bis nach zwölf auf,« sagte Adam lachend, »aber nicht um extra zu essen und zu trinken, sondern um extra zu arbeiten. Gute Nacht, Frau Poyser, gute Nacht, Hetty.« Hetty konnte ihm bloß zulächeln, aber nicht die Hand geben, denn die war feucht und rot von Johannisbeersaft; die andern aber schüttelten alle herzlich die große Hand, die er ihnen hinhielt, und baten ihn noch zum Abschied, er möge bald wiederkommen. »Habt ihr das gehört?« sagte Pachter Poyser, als Adam aus der Thür war. »Er bleibt auf bis nach Mitternacht, um Extraarbeit zu thun, das denkt mal! Ihr werdet nicht viele Leute von sechsundzwanzig Jahren finden, die sich mit ihm messen können. Wenn du Adam zum Mann bekommen kannst, Hetty, dann fährst du noch mal in deinem eigenen Korbwagen mit Springfedern, das sollst du sehen.« Hetty ging gerade mit den Johannisbeeren durch die Küche, und ihr Onkel bemerkte daher nicht, wie sie statt aller Antwort den Kopf ein wenig in die Höhe warf. In einem Korbwagen mit Springfedern zu fahren, das schien ihr jetzt ein ziemlich erbärmliches Los. Einundzwanzigster Abschnitt. Die Abendschule und der Schulmeister. Barthel Massey bewohnte eins von den paar zerstreut liegenden Häusern am Rande einer kleinen Haide, über welche der Fahrweg nach Treddleston mitten hindurch ging. Adam gebrauchte nur eine Viertelstunde, um vom Pachthof dahin zu kommen, und als er die Hand an der Thürklinke hatte, konnte er durch das nicht verhängte Fenster acht oder neun Köpfe sehen, die sich bei dem Scheine kleiner Lichtstümpfchen über ihre Schreibpulte beugten. Als er eintrat, war grade Lesestunde, und Barthel Massey nickte ihm bloß zu und ließ ihn Platz nehmen, wie und wo er wollte. Adam war heute nicht zum Lernen hergekommen, und sein Geist war zu sehr mit persönlichen Angelegenheiten beschäftigt, zu voll von den letzten beiden Stunden, die er in Hettys Nähe verlebt hatte, als daß er sich bis zum Schluß der Stunde mit einem Buche hätte unterhalten können; er setzte sich also in eine Ecke und sah sich in halber Zerstreutheit um. Was er vor sich sah, hatte er seit Jahren fast jede Woche gesehen; er hatte jede Schnörkelei im Kopf auf der eingerahmten Vorschrift von Barthels eigener Hand, die über dem Kopfe des Schulmeisters hing, damit seine Schüler stets ein erhabenes Vorbild vor Augen hatten; er kannte die Rücken aller Bücher auf dem Bort, die über den Pflöcken für die Schreibtafeln an der Weißen Kalkwand entlang lief; er wußte genau, wie viele Körner schon aus der Maiskolbe gefallen waren, die von einem Balken herunterhing; er hatte schon längst seine Einbildungskraft erschöpft bei dem Versuche, sich vorzustellen, wie das Bündel vertrockneter Seetang in seinem ursprünglichen Element ausgesehen haben und gewachsen sein möge, und von dem Platze, wo er saß, konnte er auf der alten Karte von England, die an der Wand ihm gegenüber hing, gar nichts sehen, weil sie vor Alter statt wie früher schön gelbbraun, nunmehr wie ein gut angerauchter Meerschaumkopf aussah. Fast ebenso bekannt wie der Schauplatz war ihm das Schauspiel, welches er vor sich sah; doch hatte ihn Gewohnheit nicht gleichgiltig dagegen gemacht, und selbst in seiner gegenwärtigen Stimmung, in sich selbst versunken wie er war, regte sich in ihm vorübergehend ein altes Mitgefühl, als er auf die derben Gestalten hinblickte, die mit den steifen Fingern mühsam Feder oder Griffel hielten oder sich bescheiden beim Lesen abquälten. Die Leseklasse, die grade auf der Bank vor dem Schreibpult des Schulmeisters saß, bestand aus den drei Schülern, die am meisten zurück waren. Um das zu erkennen, brauchte Adam bloß dem Schulmeister selbst ins Gesicht zu blicken, wie er über seine Brille wegsah, die er jetzt nicht gebrauchte und daher bis vorn auf die Nase vorgeschoben hatte. Das Gesicht hatte seinen sanftesten Ausdruck: in den grauen, buschigen Augenbrauen lag Güte und Mitleid, und der Mund, der gewöhnlich mit trotzig vorstehender Unterlippe fest zusammengepreßt war, schien heute nachlässig gelöst, um mit einem Worte oder einer Silbe zur Aushilfe rasch bei der Hand zu sein. Dieser sanfte Ausdruck war um so auffallender, als die Nase des Schulmeisters, eine unregelmäßige Adlernase, die etwas nach einer Seite stand, eigentlich sehr furchtbar aussah, und seine Stirn überdies jene eigentümliche Straffheit hatte, die immer ein Zeichen von hitzigem, ungeduldigem Temperament ist: die blauen Adern zogen sich wie dicke Stränge unter der durchsichtigen, gelblichen Haut her, und der einschüchternde Ausdruck dieser Stirn war nicht durch die leiseste Anlage zur Kahlheit gemildert; denn das graue, borstige, ziemlich kurz geschnittene Haar stand in so dichten Reihen darum her, wie je. »Nein, Wilhelm, nein,« sagte Barthel mit freundlicher Stimme, indem er Adam zunickte, »macht das noch mal; dann findet Ihr vielleicht, welches Wort a, l, t, geschrieben wird. Es ist derselbe Satz, den Ihr schon vorige Woche gelesen habt.« Wilhelm war ein stämmiger Bursch von vierundzwanzig Jahren, ein vorzüglicher Steinsäger, der bei seiner Arbeit so viel verdiente, wie nur einer in seinen Jahren, aber eine Lesestunde mit lauter einsilbigen Worten war für ihn eine härtere Arbeit als der härteste Stein, den er je hatte durchsägen müssen. Die Buchstaben, klagte er, seien so unbändig ähnlich, man könne gar nicht den einen vom andern unterscheiden; natürlich, bei seinem Sägen hatte er mit so feinen Unterschieden nichts zu thun, wie zwischen zwei Buchstaben, wo bei einem der Strich über die Linie, bei dem andern unter die Linie geht. Aber Wilhelm war fest entschlossen, lesen zu lernen, und zwar aus zwei Gründen: erstens nämlich konnte sein Vetter Thoms alles vom Blatt weg lesen, Geschriebenes wie Gedrucktes, und hatte ihm neulich einen Brief geschrieben, daß es ihm recht gut gehe und daß er als Aufseher angestellt sei; zweitens hatte Sam Philipps, der mit ihm sägte, lesen gelernt, als er schon über zwanzig Jahre war, und was so 'n kleiner Knirps wie Sam konnte, den er, wenn's drauf ankam, zu Brei schlagen wollte, das mußte er auch können. Und so war er denn hier und zeigte mit seinem dicken Finger auf drei Worte auf einmal und hielt den Kopf ganz auf die Seite, um desto besser mit dem Auge das eine Wort festzuhalten, welches er grade aus der Reihe hervorheben sollte. Wie groß Barthel Masseys »Wissenschaft« sei, das war für ihn etwas so Ungeheures, daß seine Vorstellung davor zurückbebte; er würde kaum zu bestreiten gewagt haben, der Schulmeister habe bei der regelmäßigen Wiederkehr des Tages und den Veränderungen des Wetters etwas zu sagen. Wilhelms nächster Nachbar war ein Mann von ganz anderem Schlage: er war ein Ziegelbrenner und gehörte zu den Methodisten; nachdem er dreißig Jahre seines Lebens sich bei seiner Unwissenheit vollkommen zufrieden gefühlt hatte, war er kürzlich fromm geworden und damit war das Verlangen in ihm erwacht, die Bibel lesen zu können. Aber auch ihm wurde das Lernen schwer, und auf dem Wege zur Schule hatte er heute abend wie gewöhnlich besonders um Hilfe gebetet, da er ja dies schwere Werk nur zu seiner Seelenstärkung unternommen habe, damit er mehr Sprüche und Lieder auswendig lernen könne, um böse Erinnerungen und böse Gewohnheiten oder kurz gesagt den Teufel zu bannen. Denn der Ziegelbrenner war ein berüchtigter Wilddieb gewesen und sollte sogar mal einen Förster ins Bein geschossen haben. Wie dem aber auch sein möchte, gewiß ist, daß kurz nach diesem Vorfall und kurz nach der gleichzeitigen Ankunft eines tüchtigen Methodistenpredigers in Treddleston eine große Veränderung über den Ziegelbrenner gekommen war, und obgleich er in der ganzen Gegend immer noch mit seinem alten Spitznamen »Schwefel« hieß, so verabscheute er doch jetzt nichts mehr als eine Berührung mit diesem übelriechenden Stoffe. Er war ein breitgebauter Mensch und hatte ein hitziges Temperament, welches ihm bei der Aufnahme religiöser Ideen mehr half als bei der trocknen Arbeit, einfach das ABC zu lernen. Ja, er war in seinem Entschluß, die Abendschule zu besuchen, schon wieder etwas wankend geworden, da ihm ein andrer Methodist versichert hatte, der Buchstabe töte nur den Geist, und er befürchte, Freund Schwefel sei zu begierig nach Kenntnissen, die den Menschen nur aufblähen. Der dritte Anfänger war vielversprechender. Er war ein großer, magerer Mensch, fast so alt wie »Schwefel«, mit einem sehr blassen Gesicht und tief blaugefärbten Händen. Er war Färber, und bei dem Färben von grober Wolle und alten Weiberröcken hatte ihn der Ehrgeiz gefaßt, sich über die wundersamen Geheimnisse der Farbe näher zu unterrichten. Er hatte wegen seiner Färberei schon einen großen Ruf in der Gegend und wollte nun durchaus eine Methode entdecken zur billigeren Herstellung von Carmoisin und Scharlach. Der Materialwarenhändler in Treddleston hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, er könne sich viel Arbeit und Kosten sparen, wenn er lesen lerne, und seitdem widmete er seine Feierstunden der Abendschule und erklärte seinen Entschluß, sein kleiner Junge solle Masseys gewöhnliche Schule besuchen, sobald er nur eben alt genug sei. Es war rührend zu sehen, wie diese drei großen Männer, denen man die harte Arbeit ansah, sich sorgsam über die abgegriffenen Bücher beugten und mühsam herausbrachten: »das Brot ist alt, das Bier ist gut, der Rock ist neu.« Ein schwer Stück Arbeit nach ganzen Seiten voll einzelner Worte, die nur im ersten Buchstaben verschieden waren! Barthel Massey rührte es in tiefster Seele; solche ausgewachsene Kinder wie diese waren die einzigen Zöglinge, für die er keine scharfen Beiworte, keine Ausbrüche der Ungeduld hatte. Er hatte sonst durchaus kein ruhiges Temperament, und in den Singstunden zeigte es sich deutlich, daß geduldig sein ihm nicht leicht wurde, aber heute abend, wo er über seine Brille weg dem Steinsäger Wilhelm zusieht, der ganz verzweifelt vor den Buchstaben a-l-t sitzt und sie bald von der einen, bald von der andern Seite anstarrt, da glänzen seine Augen in ihrem sanftesten und freundlichsten Lichte. Nach der Lesestunde kamen zwei junge Leute zwischen sechzehn und neunzehn Jahren mit ihren Rechenexempeln, die sie auf der Schiefertafel gerechnet hatten; sie sollten nun kopfrechnen, bestanden aber diese Probe so unvollkommen, daß Barthel Massey sie erst einige Minuten sehr bedenklich durch seine Brille anstarrte und zuletzt in bitterm, scharfen Tone anfuhr, indem er zwischen jedem Satze einhielt und mit einem Knotenstock, den er zwischen den Knien hatte, auf die Erde stieß. »Da seht ihr! Ihr könnt's nicht besser als vor vierzehn Tagen, und ich will euch sagen warum. Ihr wollt rechnen lernen; schön und gut. Aber ihr meint, um rechnen zu lernen, brauchtet ihr nur zu mir zu kommen und wöchentlich zwei- oder dreimal eine Stunde oder so zu rechnen, und kaum habt ihr eure Mützen aufgesetzt und die Thür hinter euch, dann schlagt ihr euch die ganze Geschichte aus dem Sinn. Ihr geht herum und pfeift ein Stückchen, und was ihr denkt, ist euch so einerlei, als waren eure Köpfe Rinnsteine für jeden Quark, der grade durch will, und habt ihr mal was Gutes drin, dann wird es bald genug wieder weggespült. Ihr meint, lernen sei billig zu haben; ihr brauchtet nur hinzugehen und Barthel Massey wöchentlich seine paar Groschen zu bezahlen, dann bringe der euch das Rechnen bei, ohne daß es euch Mühe macht. Aber ich will euch sagen, mit dem Geldbezahlen lernt man nichts; wenn ihr rechnen lernen wollt, dann müht ihr die Zahlen im Kopfe behalten und eure Gedanken darauf richten. Zu zählen und zu rechnen giebts bei jeder Sache, wenn man will; eine Zahl ist bei allen Dingen, selbst bei den Narren. Ihr könnt zu euch selbst sagen: »Ich bin einer und Hans ist auch einer; wenn mein Narrenkopf vier Pfund wiegt und Hans seiner drei Pfund drei und drei Viertel Lot, wie viel Gran wiegt dann mein Kopf mehr als Hans seiner?« Wer ernstlich rechnen lernen will, der kann sich immer ein Stempel aufgeben und im Kopfe ausrechnen: bei der Schuhmacherarbeit z. B. kann er seine Stiche immer nach fünfen zählen und sich einen Preis dafür stellen – ich will mal sagen, einen halben Pfennig – und dann ausrechnen, wie viel Geld er in einer Stunde verdienen kann, und dann weiter, wie viel an einem Tage und dann endlich, wie viel zehn Arbeiter in drei oder zwanzig oder hundert Jahren verdienen können, und dabei kann er den Pfriemen doch so fleißig gebrauchen, als wenn er nichts im Kopfe hat und den Teufel drin herumtanzen läßt. Aber das kurze und lange an der Sache ist dies: Ich will keinen in meiner Abendschule haben, der sich bei dem, was er lernen will, nicht eben so viel Mühe giebt als wollte er sich aus einem dunklen Loche ans helle Tageslicht emporarbeiten. Ich schicke keinen weg, weil er dumm ist; wenn der blödsinnige Christoph etwas lernen wollte, so würde ich versuchen, es ihm beizubringen. Aber ich will nicht meinen Unterricht an Leute wegwerfen, die glauben, das Lernen sei mit ein paar Groschen abgemacht und es lasse sich nach Hause nehmen wie ein Lot Schnupftabak. Kommt mir also nicht wieder, oder beweist mir, daß ihr mit eurem eigenen Kopfe gearbeitet habt, statt zu glauben, ihr könntet für Geld meinen für euren arbeiten lassen. Das ist das letzte Wort, was ich euch zu sagen habe.« Bei diesem Schlußsatze stieß Barthel Massey mit seinem Knotenstock noch stärker auf als vorher, und die armen Bursche standen ganz niedergeschlagen auf und gingen brummig fort. Die andern Schüler hatten glücklicherweise nur ihre Schreibbücher zu zeigen, die von den ersten Anfängen bis zu ganz ausgeschriebener Handschrift gingen. Und bloße Schriftzüge, wenn sie auch noch so falsch waren, reizten den Schulmeister nicht so wie falsche Exempel. Nur war er ein wenig strenger als gewöhnlich bei dem großen Z eines Schülers, der eine ganze Seite voll geschrieben hatte, denen sämtlich der Kopf verkehrt stand. Der alte Knabe selbst meinte, es werde wohl damit nicht ganz in Ordnung sein, bemerkte indes zu seiner Verteidigung, diesen Buchstaben gebrauche man fast gar nicht und er sei bloß so an den Schluß des ABC gesetzt; eigentlich könne man das Und-Zeichen (\&) eben so gut gebrauchen. Endlich hatten alle Schüler ihre Mützen genommen und »gute Nacht« gesagt; nun stand Adam auf, der seines Lehrers Gewohnheit kannte, und sagte: »soll ich die Lichter ausmachen, Herr Massey?« »Ja, mein Junge; bloß dies eine will ich mit ins Haus nehmen; und da du grade in der Nähe bist, so verschließe auch die Hausthür,« antwortete Barthel und stieg mit Hilfe seines Stocks von dem kleinen Katheder. Zu ebener Erde erkannte man sofort, daß er den Stock nötig brauchte; sein linkes Bein war nämlich viel kürzer als das rechte. Aber bei aller Lahmheit war der Schulmeister so rüstig, daß man sie kaum für ein Unglück hielt, und wer ihn durch die Schulstube und den Tritt nach seiner Küche hinauf hätte gehen sehen, der würde leicht begriffen haben, warum die ungezogenen Schuljungen bisweilen überzeugt waren, er könne so rasch gehen wie er wolle und sie mit seinem Stocke einholen, wenn sie auch noch so schnell liefen. So wie er mit dem Lichte in der Hand in die Küchenthür trat, ließ sich in der Ecke neben dem Kamin ein leises Gewinsel hören, und eine schwarzbraune Hündin, von jener verständig aussehenden Rasse mit kurzen Beinen und langem Leibe, die in früherer Zeit zum Drehen des Bratspießes gebraucht wurde, kroch ihm entgegen, wedelte mit dem Schwanze und blieb bei jedem zweiten Schritt stehen, als seien ihre Neigungen schmerzlich geteilt zwischen dem Korbe in der Ecke und ihrem Herrn, den sie doch begrüßen mußte. »Nun, Füchschen, was machen deine Jungen?« fragte der Schulmeister und ging eilig nach der Ecke und leuchtete in einen niedrigen Korb hinein, wo zwei noch ganz blinde junge Hunde aus einem Nest von Flanell und Wolle ihren Kopf dem Lichte zuwandten. Die alte konnte nicht einmal ihren Herrn sie ruhig ansehen lassen; sie trat in den Korb und gleich wieder heraus und benahm sich mit der ganzen Thorheit eines Weibes, obschon sie dabei immer so klug aussah wie ein Zwerg mit einem seltsam großen Kopf und Leibe auf möglichst kurzen Beinen. »Ei, sieh da, Sie haben Familie, Herr Massey?« sagte Adam lächelnd, als er in die Küche trat. »Wie geht das zu? Ich glaubte, das sei hier gegen das Gesetz.« »Gesetz?! Was nutzt ein Gesetz, wenn ein Mann einmal so thöricht ist, eine Frau ins Haus zu lassen?« antwortete Barthel und wandte sich mit einer gewissen Bitterkeit von dem Korbe weg. Er nannte die Hündin immer eine Frau und schien gar nicht mehr zu wissen, daß er nur bildlich spreche. »Hätte ich gewußt, Füchschen sei ein Frauenzimmer, so hätte ich sie ruhig von den Jungens ersäufen lassen; aber da ich sie mal mir angeeignet hatte, mußte ich sie auch behalten. Und nun sieh, was sie mir gebracht hat – das listige, heuchlerische Frauenzimmer,« fügte er in einem so schneidenden Tone hinzu, daß das Tier den Kopf senkte und die Augen zu ihm emporrichtete, als fühlte es den Vorwurf tief – »und noch dazu an 'nem Sonntag grade vor der Kirche hat sie sich gelegt. Wie oft hab' ich nicht gewünscht, blutdürstig zu sein! dann hätte ich die Alte und ihre Jungen mit einem Strick umgebracht.« »Es ist mir lieb, daß Sie aus keiner schlimmeren Ursache in der Kirche fehlten,« sagte Adam. »Ich war schon bange, Sie wären zum erstenmal in Ihrem Leben krank. Und grade gestern hätt' ich Sie so besonders gern in der Kirche gesehen.« »Ach, mein Junge, das glaub' ich, das glaub' ich,« erwiderte Barthel freundlich, ging zu Adam heran und legte ihm die Hand auf die Schulter, an die er mit seinem Kopfe eben hinanreichte. »Du hast es sauer gehabt in den letzten Tagen. Aber ich hoffe, nun kommen bessere Zeiten für dich. Ich hab' dir was neues zu sagen. Aber erst muß ich was essen, ich bin ganz ausgehungert. Setz' dich, setz' dich.« Barthel ging in seine kleine Vorratskammer und holte ein vorzügliches selbst gebackenes Brot hervor; es war nämlich sein einziger Luxus in diesen teuren Zeiten, einmal täglich Brot statt Gerstenkuchen zu essen, und er rechtfertigte das damit, ein Schulmeister müsse für sein Gehirn sorgen und Gerstenkuchen gehe in die Knochen und nicht ins Gehirn. Dann kam ein Stück Käse und ein Krug Bier mit einer wahren Krone von Schaum darauf. Er stellte alles auf den runden, tannenen Tisch vor den großen Lehnstuhl, der in der Ecke am Kamin, zwischen dem Hundekorb und einem Fenstervorsatz mit Büchern stand. Der Tisch war so reinlich, als wäre Füchschen eine vorzügliche Hausfrau mit einer karrierten Schürze gewesen; ebenso der steinerne Flur und die alten, aus Eichenholz geschnitzten Möbeln, Tisch, Schrank und Stühle, die heutzutage in vornehmen Häusern teuer bezahlt würden, den Schulmeister aber nur ein altes Lied gekostet hatten, waren so frei von Staub, wie es an einem Sommertage nur möglich war. »Nun, mein Junge, rück näher. Von Geschäften wollen wir erst nach dem Abendbrot sprechen: mit leerem Magen ist kein Mensch verständig. Aber« – hier stand Barthel wieder auf – »Füchschen muß auch ihr Abendbrot haben, hol' sie dieser und jener! Sie thut zwar nichts damit, als ihre überflüssigen Jungen zu ernähren. So sind diese Weiber; einen Kopf haben sie nicht, für den sie zu sorgen brauchen, und darum geht bei ihnen alles ins Fett oder in die Jungen.« Er holte aus der Vorratskammer eine Schüssel mit allerlei Resten vom Mittag, über die Füchschen sogleich herfiel und sie mit der äußersten Geschwindigkeit aufleckte. »Ich habe schon Abendbrot gehabt, Herr Massey,« sagte Adam; »ich will zusehen, während Sie essen. Ich bin auf dem Pachthofe gewesen, und da ißt man immer früh Abendbrot wie Sie wissen; man sitzt da nicht so lange auf wie hier im Hause.« »Ich weiß nicht, wie sie es da halten,« erwiderte Barthel trocken, indem er sich Brot schnitt. »Ich gehe selten hin, obgleich ich die Jungens gern habe und der Pächter selbst ein guter Kerl ist. Mir sind da zu viel Frauenzimmer im Hause; ich hasse das Geräusch von Weiberstimmen; die Weiber summen immer oder quieken, ja, summen immer oder quieken. Frau Poyser stets voran wie eine Pfeife, und die jungen Mädchen – na, das ist mir grade als wenn ich Wasserwürmer ansähe; denn was wird draus? Stechende Mücken, stechende Mücken. Da, trink' etwas Bier, mein Junge; ich hab' es für dich abgezogen, ganz appart für dich.« »Nein, Herr Massey,« erwiderte Adam, der die Einfälle seines Freundes heute ungewöhnlich ernst nahm, »sein Sie nicht so hart gegen die Geschöpfe, die Gott uns zu Gefährten bestimmt hat. Ein Arbeitsmann wäre übel dran, wenn ihm nicht 'ne Frau das Haus und das Essen besorgte und alles rein und in Ordnung hielte.« »Unsinn! Es ist die albernste Lüge, die ein verständiger Mann wie du glauben kann, daß eine Frau ein Haus in Ordnung hält. Die Geschichte ist erfunden, weil die Frauen doch mal da sind und zu etwas gut sein müssen. Ich sage dir, es giebt nichts unter der Sonne – nichts wirklich nötiges, was ein Mann nicht besser machen kann als 'ne Frau, außer etwa Kinder kriegen, und auch das machen sie schlecht genug; besser, es wäre den Männern überlassen. Ich sage dir, eine Frau kann ihr ganzes Leben lang jede Woche ihre Pastete backen und sieht doch nie ein, daß es um so rascher geht, je heißer der Ofen ist. Ich sage dir, eine Frau macht dir deine Suppe jeden Tag zwanzig Jahre lang und denkt nie dran, das Verhältnis zwischen Mehl und Milch abzumessen; ein bißchen mehr oder weniger, denkt sie, macht keinen Unterschied, und wenn die Suppe denn mal schlecht wird, wie das oft genug vorkommt, dann liegt's am Mehl, oder es liegt an der Milch, oder es liegt am Wasser. Sieh' mich an! Ich backe mir mein Brot selbst und das ganze Jahr durch ist's immer ein Gebäck; nähme ich aber noch 'ne Frau außer Füchschen ins Haus, so müßte ich bei jedem Backen Gott um Geduld bitten, falls das Brot steif würde und nicht aufginge. Und was Reinlichkeit angeht – mein Haus ist reinlicher als jedes andere im Dorfe, und doch ist mehr als die Hälfte davon mit Frauen reichlich gesegnet. Nachbars kleiner Junge kommt des Morgens zu mir und hilft, und in einer Stunde machen wir so viel rein, wie eine Frau in dreien, und die ganze Zeit schleudert sie einem noch das Wasser eimerweise um die Füße und läßt den Vorsatz vorm Kamin und die Feuerzange und alles mitten im Zimmer stehen, daß man sich die Beine dran zerstößt. Rede mir nicht davon, daß Gott solche Kreaturen uns zu Gefährtinnen bestimmt hat! Daß er Eva im Paradiese dem Adam zur Gefährtin gegeben – meinetwegen! da gab's kein Essen zu verderben und kein andres Weib, mit dem sie hätte schwatzen oder Unheil anrichten können, und was für Unheil sie doch anrichtete, zeigt sich bei der ersten Gelegenheit. Aber es ist ganz gottlos und gegen die Bibel, daß eine Frau ein Segen für den Mann sei; man könnte ebensogut sagen, Nattern und Wespen und Schweine und wilde Tiere seien ein Segen, da sie doch nur Übel sind, die zu unserm jetzigen Prüfungsstande gehören und die sich ein Mann mit Recht so weit wie möglich vom Leibe hält, in der Hoffnung, daß er sie im andern Leben ganz los wird – daß er sie im andern Leben ganz los wird.« Barthel war bei diesem Ausfall so aufgeregt und ärgerlich geworden, daß er sein Abendbrot ganz vergaß und das Messer nur gebrauchte, um mit dem Heft auf den Tisch zu schlagen; gegen den Schluß seiner Worte waren die Schläge so scharf und häufig und seine Stimme so keifend geworden, daß Füchschen sich verpflichtet fühlte, aus dem Korbe zu springen und zu bellen. »Stille, Füchschen!« brummte Barthel und wandte sich nach ihr um; »du bist wie die andern Weiber auch – fährst immer dazwischen, ohne zu wissen warum.« Gedemütigt kehrte Füchschen in ihren Korb zurück, und ihr Herr fuhr mit seinem Abendbrot schweigend fort; Adam unterbrach ihn nicht; er wußte, der alte Mann würde schon in bessere Laune kommen, wenn er sein Abendbrot genossen und sich die Pfeife angezündet hätte. Adam war schon gewohnt, ihn so sprechen zu hören, hatte aber über Barthels vergangenes Leben nie so viel erfahren, um zu wissen, ob seine Ansicht über den Ehestand auf eigner Erfahrung beruhe. Auf diesem Punkte war Barthel stumm; es war sogar ein Geheimnis, wo er vor den zwanzig Jahren gelebt hatte, die er nun schon in dieser Gegend zum großen Glück für die Bauern und Handwerker als ihr einziger Schulmeister verlebte. Auf jede Frage, die man in dieser Beziehung wagte, antwortete Barthel immer: »O, ich bin viel herumgekommen – ich bin viel im Süden gewesen« und die Bauern hätten sich eben so leicht nach 'ner besondern Stadt oder Dorfe in Afrika erkundigt als im Süden. »Nun, mein Junge,« sagte Barthel endlich, als er sich zum zweitenmale eingeschenkt und seine Pfeife angezündet hatte, »nun wollen wir etwas plaudern. Aber zunächst sag' mir, hast du etwas neues gehört?« »Nicht, daß ich wüßte,« antwortete Adam. »Aha, sie halten es geheim, sie halten es geheim, das konnt' ich mir denken. Aber ich hab' es zufällig herausgebracht, und die Neuigkeit betrifft dich, Adam, oder ich kann keinen Quadratfuß von einem Kubikfuß unterscheiden.« Barthel paffte dabei in derben, schnellen Zügen und sah Adam ernst an. So ein ungeduldiger, gesprächiger Mann wie er, versteht nie seine Pfeife mit leisen, gleichmäßigen Zügen im Gange zu halten; er läßt sie immer fast ausgehen und bestraft sie dann für diese Nachlässigkeit. Endlich sagte er: »Satchell hat 'nen Schlaganfall gehabt. Ich hab' es aus dem Jungen herausbekommen, der heute schon vor sieben Uhr morgens nach Treddleston zum Doktor mußte. Er ist hoch über sechzig, weißt du, und wird den Anfall nicht leicht überwinden.« »Nun, sagte Adam, dann wird wohl mehr Freude als Kummer im Kirchspiel sein, wenn's mit ihm zu Ende geht. Er ist immer selbstsüchtig und schadenfroh gewesen und 'n Klatschmaul obendrein, aber am Ende hat er doch keinem so viel Schaden gethan wie dem alten Herrn. Freilich ist der Herr selbst drum zu tadeln; giebt so 'nem dummen Kerl alle Gewalt in die Hände, bloß um die Kosten für einen tüchtigen Rentmeister zu sparen. Und ich wette doch, durch die schlechte Verwaltung der Forsten allein hat er mehr verloren, als ihm zwei Geschäftsführer gekostet hätten. Wenn es mit Satchell zu Ende geht, so kommt hoffentlich ein bessrer Mann an seine Stelle; aber, was mich das angeht, seh' ich doch nicht ein.« »Aber ich, ich sehe es ein,« entgegnete Barthel, »und andere auch noch. Der Kaptän wird jetzt großjährig – das weißt du so gut wie ich – und 's ist zu erwarten, daß er etwas mehr zu sagen bekommt und ich weiß – und du weißt's ebensogut – wie's der Kaptän mit den Forsten zu halten wünscht, wenn sich eine gute Gelegenheit zu einer Änderung bietet. Er hat vor vielen Leuten gesagt, wenn er die Macht hätte, würde er dir die Verwaltung der Forsten übergeben. Noch vor kurzem hat der Bediente beim Pastor gehört, wie er so zu seinem Herrn gesprochen hat. Als wir am Sonnabend Abend bei Casson unsere Pfeife rauchten, kam der Bediente auch hinzu und erzählte es uns, und wenn einer gut über dich spricht, dann stimmt der Pastor immer bei, darauf kannst du dich verlassen. Wir haben es bei Casson hin und her besprochen, sage ich dir, und einer und der andere wollte dir was anhängen, denn wenn die Esel zu singen anfangen, da kannst du dir wohl denken, was für 'ne Melodie herauskommt.« »Wie? Habt ihr's in Meister Burge seiner Gegenwart verhandelt, oder war er Sonnabend nicht da?« »O, er ging weg, ehe der Diener kam, und Casson, der ja immer für andere mitsprechen muß, weißt du, stellte die Meinung auf, Burge sei der rechte Mann für die Verwaltung der Forsten. »Ein angesehener, wohlhabender Mann, sagte er, der beinahe eine sechzigjährige Erfahrung vom Bauholz hat; es wäre recht schön, wenn Adam Bede unter ihm stände, aber es ist nicht anzunehmen, daß der Herr einen jungen Menschen wie Adam anstellt, wenn ältere und bessere Leute dazu da sind.« Aber ich sagte: »Das wär' 'ne schöne Geschichte, Casson. Meister Burge kauft ja Bauholz; wollt Ihr ihm die Forsten in die Hand geben, und mit sich selbst Geschäfte machen lassen? Ihr laßt doch auch nicht Eure Kunden selbst aufschreiben; was sie schuldig sind, nicht wahr? Und was das Alter einer Sache wert ist, das hängt doch davon ab, ob der Stoff selbst was taugt. Wer aber in Meister Burge seinem Geschäft die eigentliche Stütze ist, das weiß ja jedes Kind.« »Ich danke Ihnen, Herr Massey, daß Sie so freundlich für mich gesprochen haben,« sagte Adam. »Aber trotz alledem hat Casson dies eine Mal nicht ganz Unrecht gehabt. Es ist nicht recht wahrscheinlich, daß der alte Herr mich jemals anstellt; ich habe ihn vor zwei Jahren beleidigt und das hat er mir nie vergeben.« »Nun, und wie war das? Davon hast du mir nie etwas gesagt,« fragte Barthel. »O, es war eigentlich Unsinn. Ich hatte einen Rahmen zu einem kleinen Wandschirm für Fräulein Lydia gearbeitet – sie macht ja immer so Stickerei – und sie hatte mir alles besonders vorgeschrieben, und es war so viel geredet und ausgemessen, als gäb's ein ganzes Haus zu bauen. Indes es war ein niedlich Stück Arbeit und ich that es gern für das Fräulein. Aber Sie kennen das ja, Herr Massey, diese kleinen knifflichen Geschichten kosten viel Zeit. Ich arbeitete nur in den Feierstunden daran, oft spät in der Nacht, und mußte manch liebes mal nach Treddleston gehen wegen kleiner Messingnägel und solch Zeug, und ich drechselte die kleinen Knöpfe und die Verzierungen und schnitzte die durchbrochene Arbeit nach einem besondern Muster so niedlich wie was sein konnte, und als es fertig war, gefiel es mir sehr. Ich brachte es dem Fräulein, damit sie mir noch angäbe, wie die Stickerei befestigt werden müßte – eine sehr hübsche Arbeit, Jakob und Rahel, wie sie sich bei der Herde küssen, ein wahres Bild – und der alte Herr saß dabei, wie er meist zu thun pflegt. Nun, ihr gefiel der Rahmen auch sehr und sie fragte mich, was sie mir dafür schuldig sei. Ich forderte nun nicht aufs Geratewohl, das ist nicht meine Art, wissen Sie; ich hatte es sehr genau berechnet und verlangte ein Pfund dreizehn Schilling. Das war nämlich für das Material und auch für meine Arbeit, und war gewiß nicht zu viel. Da sah der alte Herr groß auf, betrachtete sich so nach seiner Art den Rahmen und sagte: »ein Pfund dreizehn Schilling für so 'ne Spielerei wie das! Liebe Lydia, wenn du mal Geld für so was ausgeben willst, warum kaufst du's nicht in Rosseter, statt daß du hier für plumpe Arbeit doppelt so viel bezahlst? Das ist keine Arbeit für einen Zimmermann; gieb ihm ein Pfund und nicht mehr.« Das Fräulein glaubte natürlich, was er ihr sagte, und sie kann sich auch nicht recht von ihrem Gelde trennen – im Grunde ist sie so schlimm nicht, aber er hat sie unter der Fuchtel gehabt – und nun zerrte sie an ihrer Börse herum und wurde so rot wie ihr Band. Aber ich machte eine Verbeugung und sagte: »nein, Fräulein, ich danke Ihnen; ich will Ihnen den Rahmen verehren, wenn Sie mir erlauben. Ich habe für meine Arbeit den gewöhnlichen Preis gefordert und ich weiß, daß sie gut gemacht ist, und so 'nen Rahmen wie den kaufen Sie – ich bitte Se. Ehren um Entschuldigung – in Rosseter nicht unter zwei Pfund. Ich will Ihnen gern meine Arbeit geben; ich habe sie ganz in meinen Freistunden gemacht, und kein andrer hat was dabei zu sagen als ich; aber wenn Sie mich dafür bezahlen, so kann ich nicht weniger nehmen als ich gefordert habe; das hieße ja, ich hätte mehr gefordert als recht war. Entschuldigen Sie, Fräulein; ich wünsche Ihnen einen guten Morgen.« Ich verbeugte mich und war zur Thür hinaus, ehe sie noch was erwidern konnte; sie stand da mit ihrer Börse in der Hand und sah recht einfältig aus. Ich wollte nichts gegen den Respekt sagen, und sprach so höflich wie ich konnte. Aber wenn mir jemand nachsagen will, ich wollte ihn übervorteilen, das kann ich mir nicht gefallen lassen. Und am Abend brachte mir der Bediente richtig mein Pfund und die dreizehn Schilling in Papier gewickelt. Aber von der Zeit an habe ich deutlich gemerkt, daß mich der alte Herr nicht leiden kann.« »Sehr wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich,« bemerkte Barthel nachdenklich. »Man kann ihn nur herumbringen, wenn man ihm zeigt, was am meisten in seinem eigenen Interesse ist, und das muß der Kaptän thun – das muß der Kaptän thun.« »Ich weiß doch nicht,« sagte Adam; »der alte Herr ist schlau genug, aber es muß noch was anderes da sein als Schlauheit, wenn Leute begreifen sollen, was am letzten Ende ihr wirkliches Interesse ist. Sie müssen ein Gewissen haben und den Glauben an Recht und Unrecht, das ist mir unzweifelhaft. Daß der alte Herr glauben sollte, er würde auf dem graden Wege ebensoviel Vorteil haben wie durch Kniffe und Schliche – dazu ist er in seinem Leben nicht zu bringen. Überdies, ich habe nicht viel Lust, in seinen Dienst zu treten; ich mag mich mit keinem vornehmen Herrn zanken, am wenigsten mit einem alten Herrn über achtzig, und sicher würden wir uns nicht lange vertragen. Wär' der Kaptän erst Herr, dann wär's was andres; er hat ein Gewissen und den rechten Willen, und für ihn arbeitete ich lieber als für jeden andern.« »Nun, nun, mein Junge; wenn das Glück an deine Thür klopft, steck' nicht den Kopf zum Fenster hinaus und heiß' es seiner Wege gehn, das rat' ich dir. Im Leben giebt's auch Grades und Ungrades, so gut wie bei den Zahlen, und damit muß man sich auch befassen lernen. Ich sage dir jetzt, was ich dir vor zehn Jahren gesagt habe, als du den kleinen Michel, weil er dir einen schlechten Schilling anhängen wollte, so durchprügeltest, ehe du noch wußtest, ob er spaßte oder Ernst machte – ich sage dir, du bist sehr vorschnell und stolz und leicht aufsässig gegen Leute, die dir nicht in den Kram passen. Wenn ich ein bißchen wild und steifnäckig bin, das schadet nichts; ich bin ein alter Schulmeister und verlange nie höher zu steigen. Aber was soll es nutzen, daß ich all die schöne Zeit verwendet habe um dich schreiben und zeichnen und messen zu lehren, wenn du nicht vorwärts kommst in der Welt und den Leuten zeigst, daß es wirklich seinen Vorteil hat, wenn man einen Kopf auf der Schulter hat und keine Rübe? Denkst du wirklich bei allem, was sich dir bietet, die Nase hoch zu halten, weil es vielleicht einen Geruch hat, den keiner herausriecht als du selbst? Das ist grade solche Thorheit wie die, daß eine Frau einem Arbeiter das Leben behaglich macht. Dummes Zeug und Unsinn! Barer, blanker Unsinn! Überlaß das Narren, die niemals über das einfache Addieren hinauskommen. Ja wahrhaftig, einfaches Addieren! Ein Narr und noch ein Narr, und in sechs Jahren sind es sechs Narren mehr – das ist immer dieselbe Geschichte; groß oder klein, das ist dabei einerlei.« Während dieser etwas hitzigen Ermahnung zur Kälte und Mäßigung war ihm die Pfeife ausgegangen und Barthel setzte seiner Rede die Krone auf, indem er ein Zündholz wütend am Kaminfeuer ansteckte; dann paffte er wieder ganz ingrimmig und hielt seine Augen immer fest auf Adam gerichtet, welcher sich alle Mühe gab, nicht zu lachen. »Das ist recht verständig, was Sie da sagen, Herr Massey,« erwiderte Adam, sobald er sich ganz ernst fühlte, – »so verständig wie Sie immer sprechen. Aber Sie werden doch zugeben, daß es mir nicht zukommt, auf Möglichkeiten zu bauen, die vielleicht nie eintreten. Was ich zu thun habe, ist, so gut ich kann mit meinem Handwerkszeug und meinem Material zu arbeiten. Kommt mir mal eine gute Gelegenheit, so werde ich an Ihre Worte denken; aber bis dahin kann ich nichts thun, als mich auf meine Hände und meinen Kopf zu verlassen. Ich trage mich mit einem kleinen Plan für Seth und mich herum, daß wir auf eigne Hand etwas feine Tischlerarbeit machen und uns so etwas beiher verdienen. Aber es ist schon spät geworden; es wird ziemlich elf Uhr ehe ich nach Hause komme und Mutter liegt vielleicht wach im Bett; sie ist jetzt unruhiger als sonst. Gute Nacht also, Herr Massey.« »Gut denn; ich bringe dich ans Thor, es ist 'ne schöne Nacht,« sagte Barthel und nahm seinen Stock. Füchschen war sofort wieder auf den Beinen und die drei gingen hinaus in die Sternennacht, bei Barthels Kartoffelbeeten vorbei an das kleine Pförtchen. »Komm Freitag Abend in die Singstunde, wenn du kannst, mein Junge,« sagte der alte Mann, indem er die Thür hinter Adam schloß und daran gelehnt stehen blieb. »Gewiß, wenn ich kann,« antwortete Adam und schritt auf dem blaßschimmernden Wege dahin. Er war das einzige, was sich auf der großen Fläche bewegte. Die beiden grauen Esel, grade vor den Ginsterbüschen eben sichtbar, standen so still, daß sie aussahen wie aus Sandstein gehauen – so still wie das graue Strohdach der Lehmhütte nicht weit davon. Barthel behielt die wandernde Gestalt im Auge, bis sie in der Dunkelheit verschwand, während Füchschen schon zweimal ins Haus zurückgelaufen war, um ihre Jungen zu belecken. »Ja, ja,« brummte der Schulmeister, als Adam verschwand, »da gehst du mit deinen großen Schritten; aber du wärest nicht was du bist, wenn du nicht ein Stück von dem alten, lahmen Barthel in dir hättest. Auch das stärkste Kalb muß was zu saugen haben. Da ist mancher große plumpe Kerl, der wüßte nichts vom ABC, wenn Barthel Massey nicht wäre. Nun, nun, Füchschen, du närrisch Tier, was giebt's, was giebt's? Ich soll hineingehen? Ja so, ich darf nicht mehr meinen eigenen Willen haben. Und diese Jungen, was meinst du, daß ich damit anfange, wenn sie erst doppelt so groß sind wie du? – ich weiß ja doch, der große Köter hier nebenan ist Vater dazu, nicht wahr, du kleine schlaue Hexe?« – Füchschen kniff den Schwanz zwischen die Beine und lief rasch ins Haus; das hieß auch Dinge berühren, die ein wohlerzogenes Frauenzimmer überhören muß. »Aber was hilft es, mit einer Frau zu sprechen, die kleine Kinder hat?« fuhr Barthel fort; »sie hat kein Gewissen, kein Gewissen, es ist alles in die Milch gegangen.« Drittes Buch Zweiundzwanzigster Abschnitt Der Anfang des Festes Der dreißigste Juli war gekommen, einer von den halb Dutzend warmen Tagen, die es bisweilen mitten in einem regnichten, englischen Sommer giebt. Die letzten drei oder vier Tage war kein Regen gefallen, und das Wetter war vollkommen schön: auf den dunkelgrünen Hecken und den wilden Kamillen, die am Wege wuchsen, lag weniger Staub als gewöhnlich; doch war das Gras trocken genug, daß sich die Kinder drin wälzen konnten, und keine Wolke war zu sehen, als ein langer Zug heller, zarter Schäfchen hoch, hoch oben am fernen Himmel. Vollkommenes Wetter für einen Festtag im Freien, aber gewiß nicht die beste Jahreszeit für einen Geburtstag. Die Natur scheint grade eine heiße Pause zu machen; die schönsten Blumen sind alle dahin; die süße Zeit des ersten Wachsens und der unbestimmten Hoffnung ist vorbei, und wieder die Erntezeit ist noch nicht da, und man ängstigt sich vor den Gewittern, welche vielleicht die kostbare Frucht im Augenblick der Reife zerstören. Die Wälder sind alle ein dunkles, einförmiges Grün; die schwer beladnen Heuwagen knarren nicht mehr langsam über die Feldwege und verstreuen im Fahren süßduftende Büschel auf die Brombeersträuche; die Wiesen sind oft ein wenig gelblich, aber das Korn hat noch nicht seinen letzten rotgoldnen Glanz. Die Lämmer und Kälber haben ihre unschuldige, muntere Zierlichkeit schon ganz verloren und sind dumme, junge Schafe und Kühe geworden. Aber der Landwirt kann sich ausruhen in dieser Pause zwischen Heu- und Kornernte, und darum meinten die Bauern und Arbeiter in Hayslope und Broxton, es sei recht gut von dem Kaptän, daß er grade jetzt großjährig werde, wo sie sich ganz ungeteilt dem großen Faß Bier hingeben könnten, welches den Herbst nach der Geburt des Erben gebraut war und an seinem einundzwanzigsten Geburtstage ausgeschenkt werden sollte. Schon früh am Morgen hatten die Kirchenglocken lustig geläutet, und jeder beeilte sich, mit der nötigsten Arbeit vor Mittag fertig zu werden, wo man sich dann ankleiden müsse, aufs Schloß zu gehen. Die Mittagssonne strömte in Hettys Schlafkammer, und kein Vorhang milderte den heißen Schein auf ihrem Kopfe, als sie sich in dem alten, fleckigen Spiegel besah. Doch war das der einzige Spiegel, in welchem sie Hals und Arme sehen konnte; in dem kleinen Wandspiegel, den sie aus Dinas früherer Schlafkammer nebenan geholt hatte, konnte sie sich nur bis ans Kinn sehen und bis an die hübsche Stelle ihres Halses, wo die Rundung der Wangen in eine andere Rundung überging, welche von dunkeln zarten Locken überschattet wurde. Und heute grade kam es ihr mehr auf Hals und Arme an als sonst; denn abends beim Tanzen wollte sie kein Halstuch tragen, und ihr weißes Kleid mit den roten Punkten hatte sie sich den Tag vorher so zurecht gemacht, daß sie die Ärmel lang oder kurz tragen konnte. Sie war schon jetzt so gekleidet, wie sie am Abend sein wollte, und trug ein Vorhemdchen von wirklichen Spitzen, welches die Tante ihr für diesen höchsten Festtag geliehen hatte. Aber gar keinen Schmuck; selbst die kleinen runden Ohrringe, die sie täglich trug, hatte sie abgelegt. Indes hatte sie offenbar noch etwas anderes vor, ehe sie das Halstuch und die langen Ärmel anlegte, die sie bis zum Abend tragen wollte; denn nun öffnete sie den Auszug, der ihre geheimen Schätze enthielt. Es ist länger als einen Monat her, daß wir sie diesen Auszug öffnen sahen, und jetzt enthält er neue Schätze, so viel kostbarer als die alten, daß diese hinten in der Ecke liegen müssen. Die großen Ohrringe von farbigem Glas reizten Hetty jetzt nicht mehr; sie hatte ein viel schöneres, goldenes Paar mit Perlen und Granaten in einem kleinen hübschen, mit weißer Seide gefütterten Etui. Welch eine Freude, das kleine Kästchen heraus zu nehmen und die Ohrringe zu besehen! Philosophiere nicht darüber, lieber Leser; sag' nicht, Hetty, die so hübsch war, müsse gewußt haben, daß es gar nichts ausmache, ob sie Schmucksachen trüge oder nicht, und zudem könne es ihr kaum ein Genuß gewesen sein, sich Ohrringe anzusehen, die sie nur in ihrer Schlafkammer tragen durfte; denn das Wesen der Eitelkeit liege grade in der Beziehung auf die Eindrücke, die man auf andere mache; – Leser, so lange du so verständig theoretisierst, wirst du nie die Weiber verstehen. Versuche lieber, dich all deiner theoretischen Vorurteile zu entschlagen, als wolltest du die Psychologie eines Kanarienvogels studieren, und sieh' dir nur die Bewegungen dieses hübschen, runden Dinges an, wie sie, mit einem unbewußten Lächeln auf die Ohrringe in dem kleinen Kästchen, ihr Köpfchen seitwärts neigt. Du glaubst, das Lächeln gilt dem, der sie gegeben hat, und ihre Gedanken weilen bei jenem Augenblicke, wo er sie ihr in die Hand gab –?! Nein, warum hätte sie sonst die Ohrringe lieber genommen als was anderes? Und ich weiß bestimmt, daß sie vor allem andern Schmuck Ohrringe zu haben wünschte. »Die lieben kleinen Öhrchen!« hatte Arthur eines Abends gesagt und dabei leise hineingekniffen. Hetty saß neben ihm im Grase und hatte ihren Hut abgelegt. »Ich wollte, ich hätte ein Paar hübsche Ohrringe!« fuhr sie heraus, noch ehe sie wußte, was sie sagte; aber der Wunsch lag ihr so auf der Zunge, daß er mit dem leisesten Atem über die Lippe flog. Und am folgenden Tage – es war erst vorige Woche gewesen – war Arthur nach Rosseter hinübergeritten und hatte ein Paar gekauft. Der kleine Wunsch, den sie so naiv geäußert hatte, schien ihm so reizend kindlich; so etwas hatte er noch nie gehört, und er wickelte das kleine Etui viele Male in Papier, damit er es Hetty mit wachsender Neugier loswickeln sähe, bis endlich ihre Augen ihr neues Entzücken in seine zurückstrahlten. Nein, sie denkt nicht zumeist an den Geber, als sie die Ohrringe anlächelt; denn jetzt nimmt sie sie aus dem Kästchen, nicht um sie an die Lippen zu pressen, sondern sie im Ohr zu befestigen – nur für einen Augenblick will sie sehen, wie hübsch sie sind und sie guckt sie in dem Spiegel an, indem sie das Köpfchen erst dahin, dann dorthin wendet, grade wie ein Vögelchen, welches aufhorcht. Wenn man das Mädchen ansieht, dann soll einer verständig bleiben in Sachen der Ohrringe; wofür wären denn diese zarten Perlen und Steine da, wenn nicht für solche Ohren? Selbst gegen das kleine, runde Loch kann man nichts haben, welches sie im Ohrläppchen machen; vielleicht haben Wassernixen und dergleichen liebliche Wesen ohne Seelen diese kleinen runden Löcher von Natur in den Ohren, um gleich Juwelen hineinhängen zu können. Und Hetty muß so ein Wesen sein; es ist zu schmerzlich zu denken, daß sie ein Weib ist und das Schicksal des Weibes ihr bevorsteht, daß sie sich in jugendlicher Unwissenheit ein leichtes Gewebe von thörichten, eitlen Hoffnungen webt, welches sie vielleicht einst umgarnt und unterdrückt, ein vergiftetes, tückisches Gewand, das plötzlich all ihre flatternden, leichtfertigen Empfindungen in ein Leben voll tiefen Jammers umwandelt. Aber nicht lange kann sie die Ohrringe anbehalten, Onkel und Tante möchten sonst warten; sie legt sie schnell wieder in das Etui und schließt es ein. In Zukunft wird sie mal alle Ohrringe tragen dürfen, welche sie will, und schon jetzt lebt sie in einer unsichtbaren Welt von glänzenden Kleidern, schimmernder Gaze, glatter Seide und weichem Samt, alles wie's ihr die Kammerjungfer auf dem Schloß in Fräulein Lydias Ankleidezimmer gezeigt hat; sie fühlt die Armbänder an ihrem Arm und tritt auf einem weichen Teppich vor einen großen Spiegel. Aber etwas hat sie in dem Auszug, was sie heute wagen kann zu tragen, weil sie es an das Halsband von dunkelbraunen Beeren hängen kann, welches sie an großen Festtagen immer trägt, und die braunen Beeren muß sie anlegen; ihr Hals sähe sonst zu kahl aus. Es war ein hübsches kleines Medaillon mit Email-Blumen auf der Rückseite und einem schönen goldnen Rande vorne um das Glas, welches zwei kleine, dunkle Ringel und dahinter eine hellbraune, leicht gekräuselte Locke sehen ließ. Hetty mochte das Medaillon nicht ganz so gern leiden als die Ohrringe, aber sie konnte es unter ihren Kleidern tragen, wo es keiner sah. Indes hatte Hetty noch eine andre Leidenschaft, die nur etwas schwächer war als ihre Putzsucht, und wegen dieser andern Leidenschaft trug sie das Medaillon gern, selbst in ihrem Busen versteckt. Sie hätte es immer getragen, wenn sie nicht die Fragen ihrer Tante gescheut hätte, weshalb sie ein Band um den Hals trüge. Heute schlang sie die Kette von dunkelbraunen Beeren hindurch und machte sich das Halsband um. Es war nicht sehr lang, und das Medaillon hing nur ein klein wenig in ihren Busen unter das Kleid hinab. Und nun brauchte sie nur noch ihre langen Ärmel anzuziehen, ihr neues, weißes Flortuch um den Hals zu legen und den Strohhut aufzusetzen, der heute weiß eingefaßt war, weil der Rosabesatz in der Julisonne etwas gelitten hatte. Dieser Hut war heute in Hettys Freudenkelch der bittere Tropfen; er war nicht ganz neu, gegen das weiße Band gesehen ein wenig bräunlich, und das würde jeder bemerken, fürchtete sie, während Marie Burge gewiß einen ganz neuen Hut aufhätte. Um sich zu trösten, sah sie ihre feinen weißen baumwollenen Strümpfe an; sie waren wirklich sehr nett, und sie hatte fast all ihr Taschengeld dafür ausgegeben. Hettys Zukunftstraum machte sie nicht gleichgiltig gegen einen Triumph in der Gegenwart; Kapitän Donnithorne freilich liebte sie so, daß er andere Leute gewiß gar nicht ansehen würde, aber diese andern Leute wußten nicht, wie lieb er sie hatte, und in ihren Augen wollte sie selbst für eine kurze Zeit nicht schäbig und unbedeutend aussehen. Als Hetty hinunterkam, war die ganze Gesellschaft schon auf dem Flur versammelt, alle natürlich in ihren Sonntagskleidern, und die Glocken hatten den ganzen Morgen zu Ehren des jungen Herrn so geläutet und alle Arbeit war so früh geschehen, daß Martinchen und Thoms doch etwas unruhig wurden, ob es nicht bloß zur Kirche ginge, bis ihre Mutter sie versicherte, das gehöre nicht zu den Festlichkeiten des heutigen Tages. Pachter Poyser hatte gemeint, man brauche das Haus nur zuzuschließen und könne es sich selbst überlassen; es sei keine Gefahr, hatte er gesagt, daß jemand einbreche, denn alle Welt werde im Schlosse sein, Diebe und alles. »Wenn wir das Haus zuschließen,« meinte er, »dann können die Leute auch alle hingehen; so 'nen Tag bekommen sie ihr Lebelang nicht noch mal zu sehen.« Aber Frau Poyser antwortete mit großer Entschiedenheit: »ich habe nie das Haus allein gelassen, seitdem ich verheiratet bin, und werde es auch nie thun. Es hat schlechtes Gesindel genug die letzte Woche her um den Hof herumgelungert, die uns jeden Schinken und jeden Löffel wegtragen könnten, und all das schlechte Volk hängt immer zusammen, und wir können noch von Glück sagen, daß sie nicht schon mal hergekommen sind und die Hunde vergiftet haben und uns alle im Bett umgebracht, ehe wir's merkten, so Freitag Nacht, wenn wir das Geld zum Wochenlohn für die Leute im Hause haben. Und sicher wissen die Vagabonden grade so gut wo wir hingehen, wie wir selbst; wenn der Böse etwas vorhat, dann findet er gewiß die Mittel.« »Uns im Bette umbringen?! Unsinn!« rief der Mann, »ich habe doch meine Flinte in unserer Kammer, sollte ich meinen, und du hast Ohren, die es gleich hören, wenn eine Maus am Speck knabbert. Aber wenn es dich beunruhigt, dann kann lieber Alick zuerst zu Hause bleiben und Gottlieb nachher um fünf Uhr nach Hause gehen, damit Alick doch auch etwas vom Feste hat. Sie können auch die Hunde loslassen, wenn's zum schlimmsten käme.« Diesen Vorschlag zur Güte nahm Frau Poyser an, hielt es aber doch für geraten, alles nach Kräften zu verschließen und zu verriegeln, und jetzt im letzten Augenblick vor dem Aufbruch verschloß Nanny die Läden im Flur, obgleich grade hier, unmittelbar unter den Augen Alicks und seiner Hunde, ein Einbruch am allerwenigsten zu erwarten war. Der bedeckte Karren ohne Federn stand bereit, die ganze Familie ohne die Knechte aufzunehmen. Der Pachter und sein Vater saßen auf dem vordersten Sitz, und drinnen war Platz für alle Frauen und Kinder; je voller der Karren, desto besser: man fühlte dann das Stoßen des Wagens weniger, und die breite Nanny mit ihren dicken Armen war ein vorzügliches Kissen, um drauf zu fallen. Aber der Pachter fuhr nur im langsamen Schritt, damit der Wagen an dem warmen Tage so wenig wie möglich stieße, und so konnte man bequem Grüße und Bemerkungen mit den Fußgängern austauschen, die desselben Weges gingen und zwischen den grünen Wiesen und den goldnen Kornfeldern wie bewegliche Farbenflecke aussahen, hier eine ganz rote Weste, genau von der Farbe der Mohnrosen, die etwas zu dick im Korn standen, dort ein dunkelblaues Halstuch, dessen Zipfel über einen funkelnagelneuen, weißen Kittel hinwehten. Ganz Broxton und ganz Hayslope sollte auf das Schloß kommen und da zur Feier des Erben lustig sein, und die alten Männer und Frauen, welche die letzten zwanzig Jahre nie mehr so weit den Hügel hinabgekommen waren, wurden auf den Vorschlag des Pastors von Broxton und Hayslope auf einem besonderen Leiterwagen hergefahren. Die Kirchenglocken läuteten wieder, zum letztenmal ehe die Leute, welche sie in Bewegung setzten, den Hügel hinabkamen, um auch an dem Feste teilzunehmen, und ehe die Glocken noch verklungen waren, hörte man andere Musik herankommen, so daß selbst der alte Braune vor Poysers Wagen das Ohr spitzte. Es war die Musikbande des Wohlthätigkeitsklubs, der in aller Pracht aufzog, in hellblauen Schärpen nämlich und mit blauen Bandschleifen und mit seiner großen Fahne, auf der ein Steinbruch abgebildet war mit der Umschrift: »Bruderliebe walte immer.« Die Karren durften natürlich nicht in den Park; alle mußten an den Eingangspforten aussteigen und das Gefährt zurückschicken. »Wirklich, der Park sieht schon aus wie ein Jahrmarkt,« sagte Frau Poyser, als sie vom Karren abgestiegen war und die Leute haufenweise unter den großen Eichen zerstreut sah, während die Jungen im heißen Sonnenschein umherliefen, um sich die hohen Kletterstangen anzusehen mit den flatternden Kleidungsstücken oben daran, den Preisen für die glücklichen Sieger. »Ich hätte nicht gedacht, daß es in den beiden Dörfern so viel Leute gäbe. Himmel, wie heiß ist's in der Sonne! Totty, komm hier in den Schatten, oder du verbrennst dir dein kleines Gesicht über und über. Sie hätten das Essen auf dem offenen Platze da kochen können und das Feuer sparen. Ich muß ein bißchen in Frau Best ihr Zimmer gehen und mich ausruhen.« »Wart' noch ein bißchen, warte doch noch,« sagte ihr Mann; »da kommt der Wagen mit den alten Leuten; wenn die absteigen und alle zusammen hineingehen, so was sieht man nicht wieder. Ihr habt wohl noch welche davon in jungen Jahren gekannt, he, Vater?« »Ja, ja,« antwortete der alte Großvater und stellte sich langsam in den Schatten der Portierwohnung, von wo er die Alten absteigen sehen konnte. »Ich weiß noch, wie Jakob Taft zwanzig Stunden hinter den schottischen Rebellen hermarschierte, als sie von Stoniton umkehrten.« Er fühlte sich selbst ganz jung, als er den Patriarchen von Hayslope, den alten Vater Taft, vom Wagen steigen und in seiner braunen Nachtmütze und auf zwei Stöcke gestützt auf sich zukommen sah. »Nun, Meister Taft,« rief er mit äußerster Kraftanstrengung – denn obschon er wußte, der alte Mann sei stocktaub, hielt er es doch für schicklich, ihn anzusprechen – »nun, Ihr haltet Euch noch gut; Ihr könnt Euch heut amüsieren, trotz Eurer neunzig und drüber.« »Guten Tag, Meisters, guten Tag,« antwortete Vater Taft mit zitternder Stimme, da er die Leute um sich her bemerkte. Von ihren Söhnen oder Töchtern geführt, die selbst schon alt und grau waren, gingen diese Greise auf dem Fahrwege nach dem Hause, wo ein besondrer Tisch für sie bereit stand; Poysers dagegen nahmen verständig ihren Weg über das Gras und ließen sich im Schatten der großen Bäume nieder, wo sie zugleich die Vorderseite des Hauses mit dem sanft geneigten Rasenplatze und den Blumenbeeten davor, so wie das hübsche gestreifte Zelt am Rande des Rasens überblickten, an welches sich im rechten Winkel zwei größere Zelte auf beiden Seiten der offenen Lichtung anschlossen, wo nachher die Spiele gehalten werden sollten. Das Haus war eigentlich nur ein einfaches Viereck aus der Zeit der Königin Anna, aber an einer Seite war es an das Überbleibsel einer alten Abtei angebaut, wie sich wohl ein neues Bauernhaus hoch und stattlich neben alten und niedrigen Wirtschaftsgebäuden erhebt. Der schöne, alte Bau lag ein wenig zurück und im Schatten hoher Buchen, aber die Sonne stand jetzt auf der höheren und vorspringenden Front, alle Vorhänge waren heruntergelassen und das Haus schien am heißen Mittag zu schlafen. Der Anblick machte Hetty ganz traurig: Arthur war gewiß in einem der Hinterzimmer bei der vornehmen Gesellschaft und erfuhr vielleicht gar nicht, daß sie da sei, und es würde lange, lange dauern, ehe sie ihn zu sehen bekäme, – wohl bis nach Tisch, wo er den Pächtern eine Rede halten sollte, wie es hieß. Aber Hetty hatte mit ihrer Vermutung nur zum Teil recht. Es war gar keine vornehme Gesellschaft da, nur Irwines, die schon früh im Wagen geholt waren; und Arthur war in jenem Augenblick nicht in einem Hinterzimmer, sondern ging mit dem Pastor in die großen Kreuzgänge der alten Abtei, wo für alle kleinen Leute vom Gute und für die Dienstboten der Bauern lange Tafeln gedeckt waren. Ein recht hübscher, junger Britte war er heute, in bester Stimmung und sein hellblauer Frack nach der besten Mode; den Arm trug er nicht mehr in der Binde. Und wie offenherzig und aufrichtig sah er aus! aber offenherzige Leute haben ihre Geheimnisse, und Geheimnisse hinterlassen auf jungen Gesichtern keine Spuren. »Wahrhaftig,« sagte er, als sie in den kühlen Kreuzgang traten, »die kleinen Leute haben es am besten; dieser Kreuzgang ist an so einem heißen Tage ein köstliches Eßzimmer. Das war ein vorzüglicher Rat von Ihnen, Irwine, daß das Essen so ordentlich und behaglich als möglich sein sollte und nur für die Gutsleute, zumal ich doch nur über eine kleine Summe verfügen konnte; denn wenn mein Großvater auch davon sprach, mir freie Hand zu lassen, – als es zum Klappen kam, konnte er sich doch nicht dazu entschließen.« »Lassen Sie das gut sein, Arthur,« erwiderte Irwine; »mit dieser Einfachheit werden Sie den Leuten mehr Vergnügen machen. Man verwechselt bei solchen Gelegenheiten beständig Gastfreiheit mit Lärm und Unordnung. Es klingt sehr großartig, so und so viele Schafe und Ochsen wurden ganz gebraten und jeder konnte mitessen, der grade kam, aber am Ende kommt's gewöhnlich heraus, daß keiner ein genießbares Essen gehabt hat. Wenn die Leute mittags ein gutes Essen und eine leidliche Quantität Bier bekommen, dann haben sie nachher, wenn es kühler wird, noch Freude am Spiel. Daß gegen Abend mancher etwas über den Durst trinkt, kann man nie verhindern, aber Trunkenheit und Dunkelheit passen besser zusammen als Trunkenheit und Tageslicht.« »Nun, ich hoffe, so schlimm wird's nicht werden. Den Leuten von Treddleston gebe ich ein besonderes Fest in der Stadt, so bleiben sie uns hier vom Halse, und Casson und Adam Bede und noch einige zuverlässige Leute werden nachher beim Bierausschenken aufpassen, daß alles in Ordnung abgeht. Aber kommen Sie, lassen Sie uns jetzt hinaufgehen und uns die Tische für die Pächter ansehen.« Sie gingen die steinerne Treppe hinauf, welche in die lange Galerie über dem Kreuzgang führte, wohin seit hundert Jahren alle staubigen, wertlosen, alten Bilder verbannt waren – modrige Porträts der Königin Elisabeth und ihrer Hofdamen, General Monk mit einem ausgeschlagenen Auge, Daniel in der Löwengrube – kaum sichtbar, und Julius Cäsar zu Pferde mit einer großen Nase und einem Lorbeerkranze, seine Schriften in der Hand. »Wie vortrefflich, daß dieses Stück der alten Abtei erhalten ist!« sagte Arthur. Wenn ich erst Herr im Hause bin, dann lasse ich die Galerie prächtig restaurieren; wir haben kein Zimmer im Hause, das nur ein Drittel so groß wäre wie dies. Der zweite Tisch ist für die Pachterfrauen und die Kinder. Frau Best meinte, die Mutter und Kinder säßen am liebsten unter sich. Die Kinder mußte ich hier haben, es sollte recht ein Familienfest sein. Für diese kleinen Jungen und Mädchen werde ich mal der alte Herr sein, und sie werden ihren Kindern sagen, wie viel hübscher ich als junger Mensch gewesen sei, als mein eigner Sohn. Unten ist auch ein Tisch für die Frauen und Kinder. Aber Sie werden sie nachher alle sehen; Sie gehen doch hoffentlich nach Tisch mit mir hinauf?« »Ja gewiß,« erwiderte der Pastor; »ich werde ihre Jungfernrede nicht versäumen.« »Und es giebt noch etwas, was Sie gern hören werden,« sagte Arthur. »Kommen Sie mit in die Bibliothek und ich will Ihnen alles erzählen, während Großvater noch bei den Damen ist. Es wird Sie überraschen,« fuhr er fort, indem sie sich niedersetzten. »Großvater hat endlich nachgegeben.« »Was? Wegen Adams?« »Ja; ich wäre schon zu Ihnen hinübergeritten und hätt's Ihnen erzählt, aber ich hatte zuviel zu thun. Sie erinnern sich doch, daß ich es ganz aufgegeben hatte, über die Sache mit ihm zu reden; ich hielt sie für hoffnungslos; aber gestern morgen ließ er mich auf sein Zimmer kommen und eröffnete mir zu meiner großen Überraschung, daß er sich wegen der neuen Einrichtungen entschieden habe, die wegen Satchells Arbeitsunfähigkeit getroffen werden müßten; er wolle Adam als Forstaufseher anstellen mit einem Pfund Gehalt die Woche, und ein Pony sollte ihm hier bei uns gehalten werden. Ich glaube indes, das Rätsel ist nicht schwer zu lösen; er sah von Anfang an, der Plan sei vorteilhaft, aber er hatte erst eine besondere Abneigung gegen Adam zu überwinden, und überdies, wenn ich etwas vorschlage, so ist das gewöhnlich für ihn Grund genug, es zu verwerfen. Großvater ist voll seltsamer Widersprüche: ich weiß, er wird mir all sein Geld hinterlassen, was er gespart hat, und es soll mich gar nicht wundern, wenn er die arme Tante Lydia, die er ihr Lebelang tyrannysiert hat, mit fünfhundert Pfund jährlich abfindet, nur um mir desto mehr geben zu können, und doch kommt's mir bisweilen so vor, als wenn er mich förmlich haßt, weil ich sein Erbe bin. Ich glaube, wenn ich den Hals bräche, so hielte er das für das größte Unglück, was ihn treffen könnte, und doch scheint's ihm eine Lust, mir das Leben zu einer Reihe von kleinlichen Widerwärtigkeiten zu machen.« »Ach, mein Junge, nicht bloß Frauenliebe ist lieblose Liebe, wie Äschylus es nennt. Auch bei Männern giebt's viel lieblose Liebe auf der Welt. Aber erzählen Sie mir doch von Adam. Hat er die Stelle angenommen? Sie wird ihm zwar, soviel ich sehe, nicht viel mehr einbringen, als er jetzt verdient, aber er behält doch gewiß viel freie Zeit für sich.« »Ja, mir war's auch zweifelhaft, als ich mit ihm drüber sprach und zuerst wollte er nicht recht dran. Er wandte ein, er fürchte meinen Großvater nicht befriedigen zu können. Aber ich erbat es mir als eine persönliche Gunst, er möge sich durch keine Gründe abhalten lassen, die Stelle anzunehmen, vorausgesetzt nämlich, daß er wirklich die Beschäftigung gern habe und nicht etwas vorteilhafteres aufgäbe. Und er versicherte mich, es wäre ihm die liebste Beschäftigung, und auch in anderer Beziehung brächte es ihn einen guten Schritt weiter; er würde dann den langgehegten Wunsch erfüllen können, Meister Burge zu kündigen. Er sagte auch, er würde reichlich Zeit haben, ein kleines Geschäft für sich selbst daneben zu führen, welches er mit Seth betreiben will und vielleicht allmählich auszudehnen denkt. So hat er denn endlich eingewilligt und heute soll er mit den großen Pächtern zusammen essen; ich will dann seine Anstellung ankündigen, und die Leute sollen mit mir auf Adams Gesundheit trinken. Das ist 'ne kleine Scene, die ich zu Ehren meines Freundes Adam aufführe. Er ist ein tüchtiger Kerl, und ich will bei dieser Gelegenheit gern den Leuten zeigen, daß ich ihn dafür halte.« »Eine Scene,« sagte der Pastor lächelnd, »worin Freund Arthur auch eine hübsche Rolle zu spielen denkt.« Aber als er Arthur erröten sah, fuhr er milder fort: »Meine Rolle, das wissen Sie ja, ist immer die eines alten Brummbären, der an jungen Leuten nichts zu bewundern findet; ich gebe nicht gern zu, daß ich auf meinen Schüler stolz bin, wenn er den liebenswürdigen macht. Aber heute muß ich schon den liebenswürdigen Alten spielen und Ihren Toast auf Adam unterstützen. Hat Ihr Großvater auf dem andern Punkte auch nachgegeben und eingewilligt, einen anständigen Rentmeister zu nehmen?« »Nein, das nicht,« sagte Arthur, indem er sich ungeduldig von seinem Stuhle erhob und, die Hände in den Taschen, im Zimmer auf und abging. »Er hat da einen Plan im Kopfe, das Vorwerk hier am Gute zu verpachten, wo dann der Pächter Milch und Butter für das Schloß liefern soll. Aber ich frage ihn gar nicht danach, ich ärgere mich zu sehr. Ich glaube beinahe, er will alle Geschäfte selbst thun und gar keinen Rentmeister annehmen. Übrigens ist's erstaunlich, wie viel Energie der alte Mann noch hat.« »Nun, es wird Zeit, daß wir zu den Damen gehen,« sagte der Pastor und erhob sich ebenfalls. »Ich muß doch meiner Mutter sagen, was für einen prächtigen Thron Sie ihr unter dem Zelte errichtet haben.« »Ja wohl, gehen wir, wir müssen auch frühstücken,« erwiderte Arthur. »Es wird zwei Uhr sein; da läutet schon die Glocke für die Pächter zu Tisch.« Dreiundzwanzigster Abschnitt. Das Festessen. Als Adam erfuhr, er solle oben bei den großen Pächtern essen, fühlte er sich etwas unbehaglich bei dem Gedanken, so über Mutter und Bruder erhöht zu werden, die unten im Kreuzgange essen sollten. Aber der Kellermeister versicherte ihn, der junge Herr habe es ganz besonders befohlen und werde sehr böse sein, wenn Adam nicht oben erscheine. Adam nickte ihm zu und ging zu Seth heran, der ein paar Schritte davon stand. »Mein Junge,« sagte er, »der Kaptän hat mir sagen lassen, ich solle mit oben essen, und wie der Kellermeister sagt, wünscht er es ganz besonders; ich glaube daher, es wäre nicht recht von mir, wenn ich wegbliebe. Aber ich mag mich doch nicht über dich und die Mutter setzen, als wäre ich besser als mein eigenes Fleisch und Blut. Du nimmst es doch nicht übel?« »Nein, nein, Bruder!« sagte Seth; »deine Ehre ist unsre Ehre und wenn man dir Achtung erweist, die hast du dir selbst verdient. Je weiter ich dich über mir sehe, desto besser, so lange du mir noch ein rechter Bruder bleibst. Es ist wegen deiner Anstellung bei den Forsten, und darum ist's auch ganz in der Ordnung. Das ist ein Vertrauensposten und du bist jetzt mehr als ein gewöhnlicher Handwerker.« »Ja,« erwiderte Adam, »aber noch weiß niemand ein Wort davon. Ich habe Meister Burge noch nicht gekündigt und mag mit keinem andern davon sprechen, ehe er es weiß; denn ihn wird's ein bißchen wurmen, denk' ich mir. Die Leute werden sich wohl wundern, wenn sie mich da sehen, und werden den Grund leicht raten und mich ausfragen; man hat ja diese ganzen drei Wochen so viel hin und hergeredet, daß ich die Stelle haben müßte.« »Nun, du kannst sagen, du wärst dahin bestellt, ohne daß man dir den Grund angegeben hätte. Das ist die Wahrheit. Und Mutter wird sich recht darüber freuen. Ich will gleich hingehen und 's ihr sagen.« Adam war nicht der einzige Gast, der nicht wegen seines hohen Pachtzinses zur oberen Tafel eingeladen war. Es gab in den beiden Dörfern noch andre Leute, die mehr ihres Amtes als ihres Geldes wegen in Ansehen standen, und einer davon war Barthel Massey. Sein lahmer Gang war heute an dem warmen Tage langsamer als gewöhnlich; Adam blieb daher etwas zurück, als die Eßglocke läutete, damit er mit seinem alten Freund hinaufgehen könnte; denn bei einer so öffentlichen Gelegenheit sich Poysers anzuschließen, dazu war er etwas zu schüchtern. Um an Hettys Seite zu kommen, dazu sollten sich die Gelegenheiten im Lauf des Tages schon finden, und damit gab sich Adam zufrieden; er haßte es, sich mit Hetty aufziehen zu lassen; der große, offenherzige, furchtlose Mann – beim Freien war er sehr schüchtern und zurückhaltend. »Nun, Herr Massey,« sagte Adam, als Barthel herankam, »ich werde heute mit Ihnen oben essen; der Kaptän hat's so gewollt.« »Aha!« sagte Barthel, und blieb einen Augenblick mit der Hand auf dem Rücken stehen; »dann ist was in der Luft, dann ist was in der Luft. Hast du etwas gehört, was der alte Herr vorhat? »Nun ja,« antwortete Adam, »und Ihnen will ich's sagen, weil ich glaube, Sie können Ihre Zunge still halten, wenn Sie wollen, und ich bitte Sie, kein Wort darüber fallen zu lassen, bis es allgemein bekannt ist; ich habe meine besondern Gründe, es jetzt noch zu verschweigen.« »Verlaß dich auf mich, mein Junge, verlaß dich auf mich. Ich habe keine Frau, die mir ein Geheimnis herauslockt und dann fortrennt und es allen Leuten wiederklatscht. Mußt nur 'nem Junggesellen trauen – nur 'nem Junggesellen.« »Nun, hören Sie also; es ist gestern soweit abgemacht, daß ich die Forsten unter mich bekomme. Der Kaptän schickte nach mir und bot mir die Stelle an, als ich nach den Kletterstangen und den andern Geschichten sah, und ich habe zugesagt. Aber wenn oben jemand fragt, dann achten Sie nicht drauf und wenden Sie das Gespräch auf etwas anderes; Sie thun mir einen rechten Gefallen. Aber nun müssen wir gehen; wir sind, glaub' ich, so ziemlich die letzten.« »Keine Angst; ich weiß schon was ich zu thun habe,« sagte Barthel und hinkte weiter. »Auf die Nachricht soll mir das Essen schmecken. Ja, ja, mein Junge, du kommst schon vorwärts. Du hast ein Auge zum Messen und 'nen Kopf zum Rechnen, besser als sonst jemand in der Grafschaft, darauf will ich wetten, und guten Unterricht hast du auch gehabt, das hast du.« Als sie hinaufkamen, wurde die Frage, welche Arthur unentschieden gelassen hatte, wer nämlich bei Tisch den Vorsitz führen und wer Vicepräsident sein sollte, noch beraten, so daß Adams Eintritt nicht weiter bemerkt wurde. »Es ist doch wohl verständig,« sagte Meister Casson, »daß unser alter Poyser als der älteste hier bei Tische obenan sitzt. Ich bin nicht umsonst fünfzehn Jahre Kellermeister gewesen, ohne zu wissen, was sich bei Tische paßt.« »Nein, nein!« erwiderte der alte Martin, »ich habe alles meinem Sohn abgetreten, ich bin kein Pächter mehr; laßt meinen Sohn meinen Platz einnehmen. Die alten Leute haben ihre Zeit gehabt; sie müssen jetzt den jungen Platz machen.« »Ich sollte meinen, der größte Pächter hätte das Recht, mehr als der älteste,« sagte der Pächter Lucas, der den jungen Poyser wegen seiner Ausfälle nicht liebte; »da ist Meister Holdsworth, der hat mehr Land als sonst jemand auf dem Gute.« »Ei,« bemerkte der junge Poyser, »wie wär's, wenn wir den obenan sitzen ließen, der das schlechteste Land hat; wer dann die Ehre hat, den wird man gewiß nicht beneiden.« »O, da ist der Schulmeister!« sagte der Gärtner Craig, der, bei dem Streite nicht persönlich interessiert, nur auf gütlichen Ausgang bedacht war; »der Schulmeister muß uns sagen können, was recht ist. Wer soll bei Tisch obenansitzen, Herr Massey?« »Nun natürlich, wer die breitesten Schultern hat,« antwortete Barthel; »dann nimmt er andern Leuten keinen Platz weg; und der nächstbreiteste muß untenan sitzen.« Diese glückliche Art, den Streit zu schlichten, erregte viel Gelächter – freilich dazu hätte der Witz auch weniger gut sein können. Der Gastwirt hielt es indes nicht mit seiner Würde und höheren Einsicht für vereinbar, in das Lachen einzustimmen, bis es sich ergab, daß er der zweitbreiteste Mann war. Der jüngere Poyser übernahm als der breiteste den Vorsitz, und Gastwirt Casson wurde Vicepräsident. Bei dieser Einrichtung kam Adam, der natürlich am untern Ende der Tafel saß, in die unmittelbare Nähe des Gastwirts, der bisher zu sehr mit der Frage des Vorsitzes beschäftigt, seinen Eintritt noch nicht gemerkt hatte. Herr Casson hielt Adam, wie wir schon wissen, für etwas hochnäsig und fand, es sei nicht gut mit ihm Kirschen essen; nach seiner Ansicht machten die vornehmen Leute von dem jungen Zimmermann viel mehr Aufhebens als nötig war, – sie machten nämlich von Herrn Casson gar kein Aufhebens, obgleich er fünfzehn Jahre lang ein vorzüglicher Kellermeister gewesen war. »Aha, Herr Bede! Sie gehören zu den Leuten, die allmählich höher steigen,« sagte er, als Adam sich setzte. »Sie haben früher nie hier oben gespeist, so viel ich mich erinnere?« »Nein, Herr Casson,« antwortete Adam mit seiner starken Stimme, die man über den ganzen Tisch hinhören konnte, »ich habe früher nie hier gegessen, aber ich komme auf den Wunsch des jungen Herrn und hoffentlich ist es niemandem unangenehm.« »Nein, nein,« riefen mehrere Stimmen zugleich, »wir freuen uns, daß Ihr hier seid. Wer hat denn was dagegen zu sagen?« »Und nach Tisch singt Ihr uns ›Über die Hügel weit hinweg‹ – nicht wahr?« rief ein anderer; »das Lied mag ich unbändig gern leiden.« »Pah,« sagte Gärtner Craig, »neben den schottischen Liedern kann es sich nicht sehen lassen. Ich habe mich selbst nicht viel ums Singen bekümmert, ich hatte was besseres zu thun. Wer die Namen und die Art von Pflanzen im Kopfe haben muß, der hält sich nicht leicht eine leere Stelle für Melodien. Aber ein Vetter von einem Vetter von mir, ein Viehhändler, der verstand sich recht auf die schottischen Lieder; er brauchte auch an nichts anderes zu denken.« »Die schottischen Lieder!« rief Barthel Massey verächtlich aus; »davon habe ich genug auf Lebenszeit. Die taugen zu gar nichts, als die Vögel bange zu machen – ich meine die englischen Vögel, denn die Vögel in Schottland singen wohl auch schottisch. Gebt unsern Jungens einen Dudelsack statt einer Klapper und die Vögel bleiben uns gewiß aus dem Korn.« »Ja, ja, es giebt Leute, die ein Vergnügen dran haben, alles zu unterschätzen, wovon sie nicht viel verstehen,« bemerkte der Gärtner. »Die schottischen Lieder sind gerade wie ein zänkisches, keifendes Weib,« fuhr Barthel fort, ohne die Bemerkung des Gärtners einer Beachtung zu würdigen; »sie wiederholen immer ein und dieselbe Geschichte und kommen nie zu einem vernünftigen Ende. Man sollte beinahe glauben, die Schotten richteten bei ihrem Singen immer eine Frage an jemand, der so taub ist wie der alte Taft, und bekämen nie eine Antwort.« Für Adam war der Platz neben dem Gastwirt um so weniger unangenehm, als er da Hetty sehen konnte, die am nächsten Tisch nicht weit von ihm saß. Aber sie hatte seine Anwesenheit bis jetzt noch gar nicht beachtet, weil sie zu ihrem Ärger sehr viel mit Totty zu schaffen hatte, welche hartnäckig ihre Beine auf die Bank hinaufzog und dabei Hettys hübsches Kleid staubig zu machen drohte. Kaum hatte sie die kleinen, dicken Beine hinuntergeschoben, und schon waren sie wieder oben; denn Totty hatte zu viel zu thun, die großen Schüsseln anzuglotzen und nachzusehen, wo der Plumpudding wäre, als daß sie sich um ihre Beine noch irgendwie hätte bekümmern können. Hetty verlor die Geduld und sagte endlich ganz ärgerlich und fast mit Thränen: »O, bitte, Tante, sprecht doch mal mit Totty: sie zieht immer ihre Beine so hinauf und beschmutzt mir das Kleid.« »Was giebt's mit dem Kinde?« fragte die Mutter; »ihr habt immer was mit einander; laß sie lieber zu mir kommen; ich kann schon mit ihr fertig werden.« Adam sah grade Hetty an und bemerkte ihren Zorn, und wie ihre dunkeln Augen sich vor übler Laune mit Thränen füllten. Die ruhige Marie Burge, die nahe genug saß, um zu sehen, daß Hetty ärgerlich sei und daß Adam sie anblicke, war der Meinung, ein so verständiger Mensch wie Adam müsse sich doch überlegen, wie wenig die Schönheit bei einem Mädchen wert sei, welches so böse Launen habe. Marie war ein gutes Mädchen und sonst durchaus nicht schadenfroh, aber sie sagte sich, da Hetty so launisch sei, so sei es ganz gut, daß Adam es erfahre. Und sicherlich, wäre Hetty häßlich gewesen, so hätte sie in dem Augenblick sehr garstig und unliebenswürdig ausgesehen, und keines Menschen sittliches Urteil über sie wäre im geringsten getäuscht worden. Aber in ihrem eigensinnigen Trotz war wirklich etwas ganz reizendes; er sah bei weitem mehr nach kindlicher Betrübnis als nach schlechter Laune aus, und der strenge Adam empfand keine Mißbilligung, nur eine Art heitres Mitleid, als hätte er ein Kätzchen zornig den Rücken krümmen oder ein kleines Vögelchen seine Federn sträuben sehen. Er konnte nicht herausbringen, worüber sie sich ärgerte; er konnte nur sich eingestehen, sie sei das hübscheste Ding von der Welt, und wenn es nach ihm ginge, sollte sie sich über nichts mehr ärgern. Und in dem Augenblick, so wie sie Totty los war, traf sie sein Blick und ein helles Lächeln überzog ihr Gesicht, als sie ihm zunickte. Es war ein bißchen Koketterie: sie wußte, daß Marie Burge sie beide ansähe. Aber für Adam war das Lächeln wie Wein. Vierundzwanzigster Abschnitt. Die Gesundheiten. Als das Essen vorbei war und die ersten Krüge von dem großen Faß Geburtstagsbier heraufgebracht waren, wurde für den breiten Poyser an der Langseite des Tisches Platz gemacht und zwei Stühle obenan gestellt. Es war festgesetzt, was Poyser thun sollte, sobald der junge Herr käme, und die letzten fünf Minuten hatte er wie abwesend dagesessen, die Augen auf das dunkle Bild gegenüber gerichtet, und seine Hände spielten in den Hosentaschen mit den Geldstücken und was sonst drin war. Der junge Herr kam mit dem Pastor herein; alle standen auf, und diese Huldigung war Arthur sehr angenehm. Er liebte es, seine eigene Wichtigkeit zu fühlen, und hielt auch sehr viel auf die Zuneigung der Leute; er dachte so gern, sie hätten eine herzliche besondere Vorliebe für ihn. Die Freude leuchtete ihm aus den Augen, als er sagte: »Mein Großvater und ich, wir hoffen, alle unsre Freunde hier haben sich das Essen schmecken lassen und finden mein Geburtstagsbier gut. Pastor Irwine und ich wollens mit euch probieren, und gewiß schmeckt es uns allen besser, wenn unser Pastor mit dran teilnimmt.« Jetzt richteten sich aller Augen auf Pachter Poyser, der mit seinen Händen noch in den Taschen klimpernd so bedächtig ausholte wie eine langsam schlagende Wanduhr. »Herr Kaptän,« sagte er, »meine Nachbarn haben mir heute aufgetragen, für sie das Wort zu führen, denn wenn Leute ziemlich eines Sinnes sind, so ist ein Sprecher genug und es braucht keine zwanzig. Und wenn wir auch wohl über mancherlei verschieden denken – der eine bestellt sein Land so und der andere so, und ich mag für keines Menschen Wirtschaft einstehen als für meine eigene – so darf ich doch so viel sagen: über unsern jungen Herrn denken wir alle überein. Wir haben Sie fast alle gekannt, als Sie noch klein waren, und nie haben wir von Ihnen etwas andres erfahren als Gutes und Ehrenhaftes. Sie reden anständig und Sie handeln anständig, und mit Freuden denken wir daran, wenn Sie erst unser Gutsherr sein werden, da wir glauben, Sie werden gegen jeden gerecht sein und keinem sein Brot verbittern, wenn es irgend angeht. Das ist meine Meinung und das ist die Meinung von uns allen, und wenn einer seine Meinung gesagt hat, dann hört er am besten auf, denn vom Stehen wird das Bier nicht besser. Und wie uns das Bier schmeckt, das kann ich noch nicht sagen, denn wir wollten es nicht eher kosten, als bis wir Ihre Gesundheit tränken; aber das Essen war gut, und wenn's einem nicht geschmeckt haben sollte, dann ist's seine eigene Schuld. Und was den Herrn Pastor angeht, so weiß ja jeder, daß der im ganzen Kirchspiel willkommen ist, wo es auch sein mag, und ich hoffe und wir alle hoffen, daß er noch lange lebt, wenn wir schon alt sind und unsre Kinder herangewachsen sind und Euer Ehren Frau und Kinder hat. So, nun hab' ich für jetzt nichts weiter zu sagen, und wir wollen die Gesundheit unsres jungen Herrn trinken – er lebe dreimal dreimal hoch!« Und nun ging ein herrliches Schreien und Klopfen und Klingeln und Klappern los, und »noch mal hoch« wiederholte sich über und über – die angenehmste Musik für ein Ohr, welches solche Huldigung zum erstenmale empfängt. Arthurn hatte während Poysers Rede das Gewissen etwas gezuckt, aber es war zu schwach gewesen, um gegen die Freude aufzukommen, mit der er sich loben hörte. Im ganzen verdiente er ja doch dies Lob! Und wenn er etwas gethan hätte, was Poyser nicht gefiele, wenn er es erführe, – nun, eine zu genaue Prüfung erträgt keines Menschen Wandel, und Poyser erfuhr es ja so leicht nicht, und am Ende – was hatte er denn gethan? Vielleicht war er in seiner Liebelei ein bißchen zu weit gegangen, aber jeder andere hätte an seiner Stelle viel schlechter gehandelt und schlimme Folgen konnte es ja nicht haben – nein, durfte und sollte es nicht haben; das nächste Mal, wo er mit Hetty allein wäre, wollte er ihr auseinander setzen, sie dürfe die Sache nicht ernsthaft nehmen. Es war für Arthur offenbar ein Bedürfnis, mit sich selbst zufrieden zu sein; er mußte die störenden Gedanken durch gute Vorsätze für die Zukunft los werden, und so rasch lassen sich diese guten Vorsätze fassen, daß er Zeit hatte, unruhig und wieder ruhig zu werden, ehe noch Poyser seine langsame Rede beendet hatte, und als er seine Gegenrede anfing, war es ihm ganz leicht ums Herz. »Meine guten Freunde und Nachbarn, sagte Arthur, ich danke euch allen für eure gute Meinung von mir und für die freundlichen Gesinnungen, die Herr Poyser in eurem und seinem Namen ausgesprochen hat, und stets wird es mein herzlichster Wunsch sein, sie zu verdienen. Im Laufe der Zeit werde ich wohl, wenn ich am Leben bleibe, euer Gutsherr werden, ja, ausdrücklich in dieser Erwartung hat mein Großvater gewünscht, daß ich den heutigen Tag feiern und hier unter euch erscheinen möge, und ich sehe dieser Stellung nicht bloß in dem Sinne entgegen, daß sie mir selbst Ansehen und Vergnügen gewährt, sondern daß sie mir die Mittel geben wird, meinen Nachbarn Gutes zu thun. Für einen so jungen Mann wie ich bin, paßt es sich kaum, viel von Landwirtschaft zu euch zu reden, die ihr so viel älter seid und so viel mehr Erfahrung habt; indes hab' ich mich doch viel darum bekümmert und so viel davon gelernt, als mir die Verhältnisse erlaubt haben, und wenn im Laufe der Ereignisse das Gut in meine Hand kommt, so wird es mein erstes Bestreben sein, meinen Pächtern jede Unterstützung zu gewähren, die ein Gutsherr ihnen geben kann, indem er ihr Land verbessert und eine bessere Bewirtschaftung einzuführen sich bestrebt. Ich werde lebhaft wünschen, allen tüchtigen Pächtern der beste Freund zu sein, und nichts würde mich so glücklich machen, als wenn ich jedermann auf dem Gute achten könnte und von jedem wieder geachtet würde. Es ist jetzt nicht meine Aufgabe, mehr ins Einzelne zu gehen; ich erwidre nur eure guten Hoffnungen für mich, indem ich euch sage, daß meine eigenen Hoffnungen ihnen entsprechen, daß ich, was ihr von mir erwartet, meinerseits zu erfüllen wünsche, und ich bin ganz Poysers Ansicht, daß wenn einer seine Meinung gesagt hat, er am besten aufhört. Aber meine Freude über die Gesundheit, die ihr mir eben ausgebracht habt, wäre nicht vollkommen, wenn wir nicht die Gesundheit meines Großvaters tränken, der Vater- und Mutterstelle an mir vertreten hat. Darum kein Wort mehr, und trinkt mit mir seine Gesundheit an dem heutigen Tage, wo ich auf seinen Wunsch zu euch gekommen bin als der künftige Vertreter seines Namens und seiner Familie.« In der ganzen Gesellschaft verstand und billigte vielleicht nur Pastor Irwine vollkommen die hübsche Art, mit der Arthur seines Großvaters Gesundheit ausbrachte. Die Pächter meinten, der junge Herr wisse gut genug, daß sie den alten Herrn haßten, und Frau Poyser sagte: »er hätte besser die faule Suppe nicht aufgerührt.« Bauernverstand begreift nicht leicht die Feinheiten des guten Geschmacks. Aber die Gesundheit konnte nicht ausgeschlagen werden, und als man sie getrunken hatte, fuhr Arthur fort: »Ich danke euch für meinen Großvater und für mich selbst, und jetzt habe ich euch noch etwas zu sagen, worüber ihr, wie ich hoffe und glaube, euch mit mir freuen werdet. Es ist wohl keiner unter uns, der nicht Achtung hegte vor meinem Freunde Adam Bede, und bei vielen von euch, das weiß ich, steht er in sehr hohem Ansehen. In unsrer ganzen Gegend weiß jeder, daß man sich auf keinen mehr verlassen kann als auf ihn, daß er alles gut macht, was er auch anfaßt, und auf das Interesse der Leute, für die er arbeitet, so bedacht ist, als wär's sein eigenes. Ich bin stolz darauf, daß ich schon als kleiner Junge Adam sehr gern hatte und meine alte Neigung für ihn nie verloren habe – das beweist, denke ich, daß ich einen tüchtigen Mann zu schätzen weiß, wo ich ihn finde. Längst ist es mein Wunsch gewesen, daß er Aufseher über unsere wertvollen Forsten würde, nicht bloß, weil ich seinen Charakter so hoch halte, sondern weil er, wie ich glaube, die Einsicht und den Verstand besitzt, welche für die Stelle nötig sind. Und ich freue mich, euch sagen zu können, daß es mein Großvater auch wünscht, und daß Adams Anstellung als Forstaufseher jetzt eine abgemachte Sache ist. Gewiß wird das dem Gute sehr zum Vorteil gereichen, und ich hoffe, ihr trinkt nachher mit mir auf seine Gesundheit und wünscht ihm alles Glück im Leben, das er verdient. Aber es ist noch ein ältrer Freund von mir unter uns als Adam Bede, und ich brauche euch nicht zu sagen, daß es Pastor Irwine ist. Ihr alle stimmt gewiß mit mir überein, daß wir keinen andern leben lassen dürfen, ehe wir seine Gesundheit getrunken haben. Ich weiß, ihr alle habt Ursache, ihn zu lieben, aber keiner hat so viel Grund dazu wie ich. Und nun füllt eure Gläser und trinkt mit mir die Gesundheit unseres vortrefflichen Pastors; er lebe dreimal dreimal hoch!« Diese Gesundheit wurde mit all der Begeisterung getrunken, welche bei der vorigen fehlte, und gewiß war es der hübscheste Anblick in der ganzen Scene, als Irwine sich erhob, um zu sprechen, und aller Augen in dem großen Saal sich auf ihn richteten. Die Feinheit und der Adel seines Gesichts stach gegen das der Landleute noch mehr ab als bei Arthur. Arthur hatte ein viel gewöhnlicheres englisches Gesicht, und der Glanz seiner neumodischen Kleider paßte mehr zu der Tracht der jungen Pächter als Pastor Irwines gepudertes Haar und das sauber gebürstete, aber schon etwas abgetragene Schwarz, welches er bei großen Gelegenheiten zu tragen pflegte; denn er hatte das tiefe Geheimnis, niemals einen neu aussehenden Rock zu tragen. »Schon manch' liebes Mal,« sagte er, »habe ich mich bei meinen Pfarrkindern für Beweise ihrer Freundlichkeit bedanken können, aber die Liebe unserer Mitmenschen gehört zu den Dingen, die desto kostbarer sind, je älter sie werden. Unsere heutige Zusammenkunft selbst ist ein Beweis, daß wir, wenn etwas Gutes zu Jahren kommt und weiter zu leben verspricht, Grund zur Freude haben, und unser Verhältnis als Pfarrer und Pfarrkinder ist vor zwei Jahren großjährig geworden; es ist dreiundzwanzig Jahre her, daß ich zu euch kam, und ich sehe manchen großen, hübschen jungen Mann unter uns und manches blühende, junge Mädchen, deren Anblick bei weitem nicht so erfreulich war, wie ich sie taufte, als sie zu meiner Freude jetzt aussehen. Aber gewiß wird sich keiner wundern, wenn ich sage, daß ich unter all den jungen Männern das stärkste Interesse für meinen Freund, den jungen Herrn Arthur hege, dem ihr soeben eure Achtung bezeugt habt. Ich hatte das Vergnügen, mehrere Jahre sein Erzieher zu sein, und habe natürlich Gelegenheit gehabt, ihn kennen zu lernen, wie wohl keiner sonst unter uns, und mit Stolz und mit Freude versichere ich euch, daß ich eure großen Hoffnungen auf ihn und euer Vertrauen teile, er besitze die Eigenschaften, die zu einem vortrefflichen Gutsherrn gehören, wenn er erst diese bedeutende Stellung unter uns einnehmen wird. Wir stimmen in den meisten Sachen überein, in denen ein Mann, der auf die fünfzig zugeht, mit einem Jüngling von einundzwanzig Jahren übereinstimmen kann, und eben jetzt hat er ein Gefühl ausgesprochen, das ich von ganzem Herzen teile, und nicht gern ließe ich die Gelegenheit vorbei, dies zu erklären. Ich spreche von der Wertschätzung und der Achtung vor Adam Bede. Über hochgestellte Leute spricht man natürlich mehr und lobt ihre Vorzüge mehr, als wenn einer ein bescheidenes Tagewerk hat; aber alle verständigen Leute wissen, wie notwendig dieses bescheidene Tagewerk ist und wie wichtig für uns alle, daß es gut gethan wird. Und darin stimme ich nun mit meinem Freunde Arthur überein, daß wenn jemand in einer solchen bescheidenen Lebensstellung einen Charakter bekundet, der ihn in jeder Stellung zum Muster machen würde, daß dann sein Verdienst Anerkennung verdient. Er gehört zu denen, denen Ehre gebührt, und seine Freunde sollten ihn mit Freuden ehren. Ich kenne Adam Bede, ich weiß sehr wohl, was er als Handwerker ist und was er als Sohn und Bruder gewesen ist, und ich sage die einfachste Wahrheit, wenn ich erkläre, daß ich ihn eben so sehr achte wie irgend wen sonst. Aber ich spreche ja nicht von einem Fremden zu euch; manche von euch sind seine vertrauten Freunde, und ich glaube, wir alle hier kennen ihn gut genug, um von Herzen auf seine Gesundheit zu trinken.« Als der Pastor inne hielt, sprang Arthur auf, füllte sein Glas und rief: »Ein großes volles Glas auf Adam Bede, und möge er Söhne haben, die so treu und geschickt sind wie er selbst!« Unter den Zuhörern war niemand von dieser Gesundheit so entzückt wie Martin Poyser, selbst Barthel Massey nicht; so sauer dem braven Pächter seine erste Rede geworden war, er wäre aufgesprungen und hätte eine zweite gehalten, wenn so etwas nicht gegen alle Regel gewesen wäre. So fand er für den Drang seiner Gefühle nur den Ausweg, sein Ale ungewöhnlich schnell zu trinken und das leere Glas mit einem kräftigen Schwunge hinzusetzen und sehr stark aufzuschlagen. Wenn Meister Burge und ein paar andere nicht so ganz erbaut waren, so thaten sie doch ihr bestes, um es nicht merken zu lassen, und die Gesundheit wurde scheinbar unter allgemeinster Zustimmung getrunken. Adam war etwas blasser als gewöhnlich als er sich erhob, um seinen Freunden zu danken. Er war natürlich sehr bewegt durch diese öffentliche Huldigung, denn alles, was seine kleine Welt ausmachte, hatte an dieser Ehrenbezeugung teilgenommen. Aber er war zum Reden nicht zu schüchtern, denn kleinliche Eitelkeit war ihm fern und die Worte fehlten ihm nicht; er sah weder ungeschickt noch verlegen aus, sondern stand wie gewöhnlich fest und aufrecht da, den Kopf ein wenig zurückgeworfen, und die Hände vollkommen ruhig, mit jenem rauhen, würdevollen Anstande, der klugen, braven, hübschen Handwerkern eigen ist, weil sie recht gut wissen, was sie in der Welt zu thun haben. »Ich bin ganz überrascht, sagte er. Ich habe nichts der Art erwartet, denn das geht weit über meinen Arbeitslohn hinaus. Aber um so mehr Grund habe ich, Ihnen dankbar zu sein, Herr Kaptän, und Ihnen, Herr Pastor, und allen meinen Freunden hier, die meine Gesundheit getrunken und mir Gutes gewünscht haben. Nun wäre es Unsinn, wenn ich sagen wollte, ich verdiene durchaus die Meinung nicht, die Sie von mir haben; das hieße Ihnen schlecht danken, wenn ich sagte, Sie kennten mich schon so viele Jahre und hätten doch nicht Verstand genug, über mich recht ins klare zu kommen. Sie glauben, wenn ich ein Stück Arbeit annehme, dann mach' ich es gut, ich mag wenig oder viel dabei verdienen – und das ist die Wahrheit. Ich würde mich schämen, hier vor Ihnen zu stehen, wenn es nicht wahr wäre. Aber mir scheint, das ist bloß Pflicht und Schuldigkeit, und man braucht sich nichts drauf einzubilden, und ich weiß recht gut, daß ich nie mehr gethan habe als meine Pflicht; denn wir mögen thun, was wir wollen, wir gebrauchen doch nur die Gaben und Kräfte, die uns von Gott gegeben sind. Und darum ist auch diese Ihre Freundlichkeit nichts, was Sie mir schuldig wären, sondern Ihr freies Geschenk, und als solches nehme ich sie an und bin Ihnen dankbar dafür. Und was meine neue Anstellung angeht, so will ich nur sagen, daß ich sie auf den Wunsch des Herrn Kaptäns angenommen habe und mich bestreben werde, die Erwartungen zu erfüllen, welche er in mich setzt. Ich wünsche mir nichts besseres, als unter ihm zu arbeiten und indem ich mein eigenes Brot verdiene, das Bewußtsein zu haben, daß ich auch für seine Interessen sorge. Denn nach meiner Meinung gehört er zu den vornehmen Herren, die das Rechte wollen und die Welt ein bißchen vorwärts bringen und besser machen möchten, und ich glaube auch, so muß ein jeder handeln, sei er vornehm oder gering, er habe ein großes Geschäft und andere in seinem Dienst, oder er arbeite mit seinen eigenen Händen. Ich brauche jetzt nicht weiter zu sagen, was ich für unsern jungen Herrn fühle; ich hoffe, es mein ganzes übriges Leben durch Thaten zu beweisen.« Adams Rede wurde sehr verschieden beurteilt; von den Frauen flüsterten sich einige zu, er habe sich nicht dankbar genug gezeigt und recht stolz gesprochen; aber die meisten Männer waren der Ansicht, keiner könnte mehr grade von der Leber weg sprechen, und Adam sei der prächtigste Bursch von der Welt. Während diese Bemerkungen hin- und hersummten, und manches »es soll mich doch wundern« dazwischen klang, ob der alte Herr einen Verwalter oder Rentmeister anstellen werde, waren die beiden Herren aufgestanden und an den Tisch getreten, wo die Frauen und Kinder saßen. Hier gab's natürlich kein starkes Ale, sondern Wein – moussierenden Stachelbeerwein für die Kleinen, und guten Sherry für die Mütter. Frau Poyser saß bei Tische obenan und hatte Totty auf dem Schoße, die ihr kleines Näschen tief in ein Weinglas steckte und die Mandelkerne suchte, die darin herumschwammen. »Wie geht's, Frau Poyser?« fragte Arthur; »haben Sie sich nicht gefreut, Ihren Mann heute eine so gute Rede halten zu hören?« »O, Herr Kaptän, den Männern sitzt meist die Zunge so fest; man muß immer zum Teil raten, was sie wollen, grade wie bei den Tieren, die nicht sprechen können.« »Wie? Sie glauben also, Sie hätten's besser machen können als er?« fragte der Pastor lachend. »Ei nun, Herr Pastor, wenn ich etwas sagen will, so kann ich Gottlob die Worte schon finden. Nicht als ob ich meinen Mann herabsetzen wollte; wenn er auch ein Mann von wenig Worten ist, es ist Verlaß drauf, was er sagt.« »Wahrhaftig, eine hübschere Gesellschaft habe ich nie gesehen,« sagte Arthur und blickte vergnügt auf die Kinder mit den apfelroten, apfelrunden Backen. »Meine Tante und die Fräulein Irwines werden gleich auch zu Ihnen kommen. Sie waren bange vor dem Lärm bei den Gesundheiten, aber es wäre ewig schade, wenn sie die Gesellschaft nicht bei Tische sähen.« Er ging weiter, sprach mit den Müttern und streichelte die Kinder; der Pastor hielt sich etwas zurück und nickte den Leuten nur aus der Ferne zu, um die Aufmerksamkeit nicht von dem jungen Herrn, dem Helden des Tages, abzuziehen. Bei Hetty stehen zu bleiben wagte Arthur nicht; er grüßte sie nur, als er ihr gegenüber entlang ging. Dem thörichten Kinde schwoll das Herz vor Verdruß; welches Mädchen ließe sich auch gefallen, scheinbar vernachlässigt zu werden, selbst wenn sie weiß, daß sich Liebe darunter verbirgt? Hetty glaubte, dies würde der unglücklichste Tag werden, den sie seit lange gehabt; einen Augenblick lang schien die Wirklichkeit mit kaltem Lichte in ihren goldenen Traum hinein: Arthur, der ihr noch vor wenigen Stunden so nahe geschienen hatte, stand ihr mit einemmale so fern, wie der Held eines öffentlichen Schaugepränges einem unbedeutenden Zuschauer in der Menge. Fünfundzwanzigster Abschnitt. Die Spiele. Der allgemeine Tanz sollte erst um acht Uhr beginnen, aber schon vorher war immer Musik genug da für alle Bursche und Mädchen, die etwa auf dem schattigen Rasenplatz tanzen wollten. Die Musik des Wohlthätigkeitsklubs konnte die vorzüglichsten Tänze, schottische, irländische und welsche Melodien spielen; dann waren da eine Menge Musikanten aus Rosseter, die mit ihren wundervollen Blasinstrumenten und aufgetriebenen Backen schon ein rechtes Gaudium für die kleinen Jungen und Mädchen waren; und endlich hatte Josua Rann aus reinem Edelmut seine Fiedel mitgebracht, falls jemand einen hinlänglich reinen Geschmack haben sollte, lieber ein Violin-Solo zu hören als zu tanzen. Inzwischen begannen die Spiele, sobald die Sonne von dem freien großen Platz vor dem Hause gewichen war. Natürlich gab es wohlgeseifte Kletterstangen für die Knaben und Bursche, Wettlaufen für die alten Frauen, Sacklaufen, Hebeproben für starke Männer und eine ganze Reihe so ehrgeiziger Unternehmungen wie die: möglichst lange auf einem Bein zu gehen; bei Spielen dieser Art versprach man im voraus dem Borsten-Ben, als dem gewandtesten und gelenkigsten Burschen in der ganzen Grafschaft, ziemlich allgemein den Sieg. Die Krone von allem sollte ein Eselrennen sein, das großartigste von allen Rennen, welches in der herrlichen Art betrieben wird, daß jeder jedes andern Esel antreibt, und daß der störrischste Esel gewinnt. Bald nach vier Uhr führte Adam die stattliche, alte Madame Irwine in ihrem Damastkleide und Juwelen und schwarzen Spitzen auf den erhöhten Sitz unter dem gestreiften Zelte, wo sie die Preise verteilen sollte. Die übrigen Mitglieder der Familie folgten. Die nüchterne, förmliche Fräulein Lydia hatte das königliche Amt der Preisverteilung der fürstlichen alten Dame überlassen, und Arthur freute sich, daß er so den Geschmack seiner Gevatterin für vornehmes Repräsentieren befriedigen konnte. Der alte Herr Donnithorne, sauber zum äußersten, auf das feinste duftend trotz seines gebrechlichen Alters, führte das älteste Fräulein Irwine mit der abgemessensten Höflichkeit; Arthurs Freund Gawaine folgte mit Fräulein Lydia, die in ihrem eleganten seidnen Kleide von Pfirsichblütenfarbe kalt und steif aussah, und zuletzt kam Pastor Irwine mit seiner bleichen Schwester Anna. Außer Gawaine war heute kein Freund der Familie eingeladen; am folgenden Tage sollte für die vornehme Welt aus der ganzen Umgegend ein großes Diner sein, aber heute waren alle Kräfte nötig für die Unterhaltung der Bauern. Vor dem Zelte trennte ein Graben den Rasenplatz vom Park, aber für den heurigen Tag war eine Brücke herübergeschlagen, so daß die Sieger ins Zelt treten konnten, und auf beiden Seiten des freien Platzes standen die Leute in Gruppen zusammen oder saßen auf Bänken umher. »Das ist wirklich ein allerliebster Anblick,« sagte die alte Dame mit ihrer tiefen Stimme, als sie Platz genommen hatte und den hellen Rasen mit seinem dunkelgrünen Hintergrunde überblickte, »und wahrscheinlich ist es die letzte Festlichkeit, die ich hier erlebe, wenn du dich nicht bald verheiratest, Arthur. Aber daß du mir ja eine hübsche Frau nimmst; sonst möchte ich sie lieber gar nicht sehen.« »Sie sind so schrecklich schwer zu befriedigen, liebe Pate,« erwiderte Arthur; »ich verzweifle, daß es mir gelingt.« »Nun, wenn sie nicht wenigstens hübsch ist, das würd' ich dir nie vergeben. Mit Liebenswürdigkeit laß ich mich nicht abspeisen; das ist immer nur 'ne Entschuldigung für häßliche Leute. Und dumm darf sie auch nicht sein, das gäbe ein Unglück; du mußt ein bißchen geleitet werden, und das bringt eine dumme Frau nicht fertig. Dauphin, wer ist der große, junge Mensch mit dem sanften Gesicht? Da, hier rechts, mit dem bloßen Kopfe; er bemüht sich so um die große, alte Frau neben ihm – seine Mutter natürlich. So was seh' ich gern.« »Wie, Mutter, kennst du den nicht?« antwortete der Pastor. »Das ist Seth Bede, Adams Bruder, ein Methodist, aber ein sehr guter Mensch. Der arme Kerl sah in der letzten Zeit sehr niedergeschlagen aus; ich glaubte, es sei wegen des traurigen Todes seines Vaters, aber Josua Rann hat mir gesagt, er habe die hübsche, kleine Methodistin heiraten wollen, die vor 'nem Monat hier war, und sie hat ihn vermutlich ausgeschlagen.« »Aha, ich erinnere mich, von ihr gehört zu haben; aber es sind eine ganze Menge Leute hier, die ich nicht kenne, so sind sie gewachsen und haben sich verändert, seit ich nicht mehr ausgehe.« »Was für gute Augen Sie noch haben!« sagte der alte Donnithorne, der selbst ein doppeltes Augenglas gebrauchte; »in so weiter Ferne erkennen Sie noch den Ausdruck in dem Gesicht des jungen Mannes. Für mich ist sein Gesicht nur ein unklarer, blasser Fleck. Aber in der Nähe sehe ich, glaub' ich, besser. Ich kann kleinen Druck ohne Brille lesen.« »Ja, lieber Herr, Sie sind immer kurzsichtig gewesen, und so kurzsichtige Augen halten am besten vor. Lesen kann ich nur durch eine sehr scharfe Brille, aber für die Ferne werden meine Augen immer besser. Wenn ich noch fünfzig Jahre leben könnte, würde ich wohl nur noch das sehen können, was für alle andern zu weit ist, grade wie man auf dem Grunde eines Brunnens nur noch die Sterne sieht.« »Aha, sehen Sie!« rief Arthur, »die alten Weiber stellen sich an zum Wettlauf. Auf welche wetten Sie, Gawaine?« »Auf die mit den langen Beinen, wenn sie nicht mehrmal laufen müssen: dann gewinnt vielleicht die kleine magere.« »Da sind Poysers, Mutter, hier rechts, nicht weit ab,« sagte Fräulein Irwine. »Frau Poyser sieht dich grade an. Grüß' sie doch.« »Gewiß, gewiß,« antwortete die alte Dame und verbeugte sich gnädig gegen Frau Poyser. »Eine Frau, die so vorzüglichen Rahmkäse schickt, darf man nicht vernachlässigen. Aber um des Himmels willen, was für ein dickes Kind hat sie da auf dem Schoße! Und wer ist das hübsche Mädchen bei ihr mit den dunkeln Augen?« »Das ist Hetty Sorrel,« erwiderte Fräulein Lydia, »die Nichte von Pachter Poyser, eine sehr nette Person, und sieht auch gut aus. Sie lernt bei meinem Kammermädchen feine Stickerei, und einige Spitzen hat sie mir recht gut ausgebessert, wirklich recht gut.« »Ei, sie ist ja schon sechs oder sieben Jahre bei Poysers, Mutter; du mußt sie schon gesehen haben,« meinte Fräulein Irwine. »Nein, Kind, niemals; wenigstens nicht wie sie jetzt ist,« entgegnete Madame Irwine und sah fortwährend Hetty an. »Sie sähe gut aus, sagen Sie, Fräulein Lydia?! Nun freilich, sie ist eine vollkommene Schönheit! So etwas hübsches habe ich seit meinen jungen Jahren nicht gesehn. Wie schade, daß so viel Schönheit sich unter Bauersleute verirrt; wie könnten arme Familien von Stande das gebrauchen! Und die nimmt nun 'nen Mann, für den sie grade so hübsch wäre, wenn sie kugelrunde Augen und rotes Haar hätte.« Arthur wagte nicht, Hetty anzusehen, während Madame Irwine so von ihr sprach; er that, als höre er's nicht und blickte ganz nach der andern Seite. Aber auch ohne hinzusehen, sah er sie deutlich genug, sah sie schöner als je, weil er ihre Schönheit rühmen hörte; denn anderer Leute Meinung war, wie wir wissen, sein Lebenselement, war die Luft, in der seine Empfindungen am besten gediehen und stark wurden. Ja! Sie konnte einem den Kopf verdrehen; an seiner Stelle hätte jeder andre ebenso empfunden und gehandelt. Und sie doch aufzugeben, wie er entschlossen war zu thun, das schien ihm eine That, auf die er immer mit Stolz zurückblicken würde. »Nein, Mutter,« erwiderte der Pastor auf die letzte Bemerkung der alten Dame, »nein, Mutter, darin kann ich dir doch nicht recht geben. Die gewöhnlichen Leute sind durchaus nicht so dumm, wie du meinst. Der gemeinste Mann, der nur einen Funken Verstand und Gefühl hat, fühlt gar wohl den Unterschied zwischen einer hübschen, feinen Frau und einer häßlichen. Selbst ein Hund bemerkt den Unterschied, wenn sie beide zusammen sind. Zwar kann der gemeine Mann die Wirkung, welche die Schönheit auf ihn ausübt, sich vielleicht eben so wenig deutlich machen wie der Hund, aber er fühlt sie jedenfalls.« »Aber, Dauphin, was versteht ein alter Junggesell wie du davon?« »O, das gehört zu den Dingen, auf die sich ein alter Junggesell besser versteht als verheiratete Leute, weil er Zeit zu umfassenderm Betrachtungen hat. Wer Frauen recht aus dem Grunde beurteilen will, darf sein Urteil nie durch die Wahl einer einzigen Frau beschränken. Um dir indessen meine Worte mit einem Beispiel zu erläutern: die junge Methodistin, von der ich eben sprach, sagte mir, sie habe vor den rohesten Grubenarbeitern gepredigt und sei von ihnen immer mit der äußersten Hochachtung und Freundlichkeit behandelt. Der Grund ist, – was sie freilich nicht weiß – daß sie so was zartes, feines und reines an sich hat. Solch ein Mädchen wie die bringt »Himmelslüfte«, gegen welche auch der gröbste Mensch nicht unempfänglich ist.« »Da kommt so ein zartes Ding von einer Frau oder einem Mädchen, wohl um sich ihren Preis zu holen,« sagte Gawaine; »wahrscheinlich vom Sacklaufen, das schon angefangen hatte, ehe wir hier waren.« Das Ding von einem Mädchen war unsre alte Bekannte, Schmieds Lieschen, deren große runde Backen und dicke Figur von dem heißen Rennen hochrot geworden waren. Lieschen hatte, wie ich leider bekennen muß, nach Dinas Abreise ihre Ohrringe wieder angelegt und trug auch sonst so viel Putzsachen wie sie nur auftreiben konnte. Wer dem armen Lieschen hätte ins Herz sehen können, der würde eine überraschende Ähnlichkeit zwischen ihren kleinen Wünschen und Hoffnungen und denen Hettys gefunden haben, und was wirkliches Gefühl angeht, hätte Lieschen vielleicht den Vorzug gehabt. Aber sie waren ja äußerlich so sehr verschieden! Lieschens Ohr hätte man klatschen mögen, Hettys gern geküßt. Lieschen hatte das beschwerliche Sacklaufen teils aus reiner ausgelassener Lustigkeit, teils des Preises wegen mitgemacht; sie hatte gehört, unter den Preisen seien Mäntel und hübsche Kleider, und als sie nun an das Zelt herantrat, leuchtete ihr der Triumph aus den runden Augen, während sie sich vor Hitze mit dem Taschentuche fächelte. »Hier ist der Preis für das erste Sacklaufen,« sagte Fräulein Lydia und reichte Madame Irwine, ehe noch Lieschen da war, ein großes Paket: »ein sehr guter Rock von Kamelgarn und ein Stück Flanell.« »Du hast wohl nicht gedacht, Tante, der Preis würde einem so jungen Mädchen zufallen,« bemerkte Arthur. »Könntest du nicht etwas andres für sie hergeben und den schweren Rock für eine alte Frau zurücklegen?« »Ich habe nur gekauft, was nützlich und dauerhaft ist,« antwortete die Tante und zog sich das Spitzentuch zurecht; »ich mag junge Mädchen von diesem Stande durchaus nicht in ihrer Putzsucht bestärken. Ich habe noch einen roten Mantel, aber der ist für 'ne alte Frau bestimmt.« Madame Irwine sah bei dieser Antwort etwas spöttisch zu Arthur hinauf; inzwischen kam Lieschen heran und knixte einmal über das andere. »Mutter, da ist Lieschen,« sagte der Pastor freundlich, »Schmieds Lieschen; du kennst doch noch den Schmied?« »Gewiß kenn' ich ihn,« antwortete die alte Dame. »Hier, Lieschen, ist Ihr Preis, schöne warme Sachen für den Winter. Es ist Ihr in der Hitze gewiß recht sauer geworden.« Als Lieschen den häßlichen, schweren Rock sah, ließ sie den Mund hängen; das Zeug fühlte sich an dem Julitage so heiß und unangenehm an und war so schwer zu tragen. Ohne aufzublicken machte sie wieder ihren Knix und wandte sich um, indem ihre Mundwinkel immer stärker zuckten. »Das arme Ding,« sagte Arthur; »die ist bös getäuscht; ich wollte, sie hätte etwas bekommen, was ihr besser gefiele.« »Sie sieht recht unverschämt aus, diese junge Person,« bemerkte Fräulein Lydia; »die muß man gar nicht in ihrem Sinne bestärken.« Arthur beschloß bei sich, noch im Laufe des Tages Lieschen ein Geldgeschenk zu machen, wofür sie sich etwas nach ihrem Geschmack kaufen könne; aber das Mädchen, welches von dieser neuen Aussicht keine Ahnung hatte, verließ inzwischen den Rasenplatz, wo man sie von dem Zelte aus sehen konnte, warf das verhaßte Zeug unter einen Baum und fing an zu weinen, sehr zum Ergötzen der kleinen Jungen, die sie laut auslachten. In dieser Lage fand sie ihre alte geizige Cousine. »Was fehlt dir?« fragte die alte Lise, indem sie das Zeug aufnahm und mit den Händen befühlte. »Du bist wohl halb erstickt von dem verrückten Laufen. Und da hast du nun so hübsches Zeug zum Rock und Flanell bekommen; das käme doch eher denen zu, die verständig genug gewesen sind, die Narrheit nicht mitzumachen. Du könnt'st mir von dem Zeug wohl ein bißchen abgeben zu Kleidern für meinen Jungen; bist ja immer gutherzig, Lieschen; das hab' ich immer gesagt.« »Ihr könnt meinetwegen alles nehmen,« antwortete das kleine Lieschen trotzig und fing an sich die Thränen abzuwischen und sich etwas zu erholen. »Nun, ich könnt's schon gebrauchen, wenn du es los sein willst,« sagte die uneigennützige Cousine und machte sich mit dem Bündel rasch davon, ehe Lieschen sich anders besänne. Aber das rotbackige Mädchen hatte einen so leichten und frischen Sinn, daß sie ihren Kummer bald abschüttelte, und als die Krone des Festes, das Eselrennen herankam, verflog ihre Enttäuschung gänzlich in der lustigen Aufregung des Versuchs, den letzten Esel durch Zischen und Lärmen vorwärts zu treiben, während die Jungen die Überzeugungskraft ihrer Stöcke versuchten. Aber eines Esels Sinn hat seine Stärke darin, daß er allen Gründen gerade entgegen handelt, wozu genau genommen eine eben so große Geisteskraft gehört als zum einfachen Nachgeben, und der Esel hier bekundete die ganze Höhe seines Geistes dadurch, daß er gerade, als die Schläge am dichtesten regneten, unbeweglich stehen blieb. Die Menge jauchzte und schrie und herrlich grinste der Steinsäger Wilhelm, der glückliche Reiter dieses vorzüglichen Tieres, welches mitten in seinem Triumph ruhig und steifbeinig dastand. Die Preise für die Männer hatte Arthur selbst besorgt, und er machte nun den Wilhelm mit einem prächtigen Taschenmesser glücklich, mit so viel Klingen und Stiften und Bohrern, daß man sich auf einer wüsten Insel damit hätte einrichten können. Kaum hatte der Sieger, seinen Preis in der Hand, das Zelt verlassen, als sich das Gerücht verbreitete, Borsten-Ben wolle, ehe die vornehmen Herrschaften zu Tische gingen, die Gesellschaft mit einer Extra-Vorstellung aus dem Stegreif unterhalten, einem Hornpipe nämlich, den er der Hauptsache nach unzweifelhaft entlehnte, aber durch eigene Zuthaten so eigentümlich und mannigfaltig machen wollte, daß ihm niemand das Lob der Originalität versagen könne. Auf sein Tanzen, womit er jedes Jahr auf der Kirchweih große Wirkung machte, war Borsten-Ben so stolz, daß es nur einer kleinen Beihilfe durch ein paar Gläser gutes Bier bedurfte, um ihn zu überzeugen, den vornehmen Herrschaften würde seine Hornpipe außerordentlich gefallen, und Josua Rann hatte ihn darin durch die Bemerkung bestärkt, es sei nicht mehr als billig, daß man dem jungen Herrn zum Dank für seine vielen Bemühungen auch ein Vergnügen mache. Diese Ansicht wird bei dem würdigen Manne etwas weniger überraschen, wenn man erfährt, daß Ben den Meister Josua aufgefordert hatte, ihn auf der Fiedel zu begleiten. Und Josua war überzeugt, wenn auch am Tanzen nicht viel sein würde, sein Spielen würde das schon wieder gut machen. Als noch dazu Adam Bede, welcher der Beratung in einem der großen Zelte beiwohnte, zu Ben sagte, er solle sich doch nicht zum Narren machen, da stand der Entschluß des tanzlustigen Ben unerschütterlich fest; er durfte doch nichts aufgeben, weil Adam Bede die Nase dazu rümpfte. »Was wird das, was wird das?« fragte der alte Herr Donnithorne. »Hast du das angeordnet, Arthur? Da kommt ja der Küster mit seiner Fidel und ein schmucker Bursch mit einem Blumenstrauß im Knopfloch.« »Nein,« erwiderte Arthur, »ich weiß nichts davon. Wahrhaftig, er will uns was vortanzen. Er ist einer von den Zimmerleuten – ich weiß im Augenblick nicht mal, wie er heißt.« »Es ist Schmieds Benjamin, Borsten-Ben, wie sie ihn nennen,« sagte der Pastor; »ein etwas loser Vogel, wenn ich nicht irre. Liebe Anna, das Kratzen auf der Violine greift dich an, wie ich sehe; du wirst müde. Komm, ich will dich hineinführen, damit du vor Tisch noch etwas ruhen kannst« – und der gute Bruder führte die kranke Schwester ins Haus. Mittlerweile fiel Josua nach einigen einleitenden Griffen in die Melodie von der »weißen Cocarde«, aus der er dann mittelst verschiedener Übergänge, die er bei seinem guten Gehör wirklich nicht ungeschickt ausführte, in viele andere Melodien überzugehen gedachte. Daß Ben mit seinem Tanzen alle Aufmerksamkeit verschlang und niemand auf die Musik achtete, davon hatte er natürlich keine Ahnung; der Schmerz wurde seiner Künstlerseele erspart. Habt ihr je einen wirklichen englischen Bauern Solo tanzen sehen? Wahrscheinlich nur im Ballett, und da lächelte er dann wie ein lustiger Bauer von Porzellan und drechselte zierlich mit den Hüften und machte einschmeichelnde Bewegungen mit dem Kopf. Aber das verhält sich zur Wirklichkeit wie der »Vogelwalzer« zum Gesang der Vögel. Borsten-Ben lächelte nie; er sah so ernst aus wie ein Tanzaffe, so ernst als sei er ein Naturforscher, der etwa an seiner eigenen Person Versuche anstellt, wie viel Schütteln und Schwenken und Biegen der menschliche Körper ertragen kann. Aus dem gestreiften Zelte erscholl ein so übermäßiges Lachen, daß Arthur zur Entschädigung dafür fortwährend Beifall klatschte und Bravo rief. Aber Ben hatte einen andern Verehrer, der seinen Bewegungen mit einem so glühenden Ernste folgte, wie der Tänzer selbst sie machte. Das war Pachter Poyser, der, Thoms zwischen den Knien, auf einer Bank saß. »Was meinst du dazu?« sagte er zu seiner Frau, »er geht so genau nach der Musik, als wenn er ein Uhrwerk wäre. Als ich noch nicht so schwer wog, ging's mit meinem Tanzen doch auch nicht schlecht, aber es so grade aufs Haar zu treffen wie der, das hätt' ich nicht gekonnt.« »Wie es mit seinen Gliedmaßen steht, darauf kommt wenig an, will mich dünken,« entgegnete Frau Poyser; »jedenfalls ist sein Oberstübchen ziemlich leer, sonst käme er wohl nicht her und hopste und spränge vor den Herrschaften herum wie ein tollgewordener Grashüpfer. Man kann ja sehen, wie die Herrschaften vor Lachen beinahe umkommen.« »Nun, um so besser, dann haben sie doch ihr Pläsir dran,« erwiderte der Mann, der die Dinge nicht leicht schlimm nahm. »Aber jetzt brechen sie auf, wahrscheinlich zu Tisch. Wir wollen ein bißchen herumspazieren, nicht? und nachsehen, was Adam Bede macht. Er muß nach dem Trinken und solchen Geschichten sehen; dabei hat er gewiß nicht viel Vergnügen.« Sechsundzwanzigster Abschnitt. Der Tanz. Sehr verständig hatte Arthur den großen Flur zum Ballsaal gewählt; es war da so luftig wie nirgendwo anders, und man hatte den Vorteil der großen, offenen Thüren nach dem Garten und konnte auch bequem in die andern Zimmer kommen. Freilich ist ein steinerner Flur nicht der angenehmste Tanzboden, aber die meisten Tänzer heute waren schon bei einem Weihnachtstanz in einer gepflasterten Küche lustig gewesen. Der Flur war eine von den Hallen, neben denen die anstoßenden Zimmer wie kleine Kabinette erschienen; an der hohen Decke sah man Engel, Trompeten und Blumengewinde von Stuckaturarbeit, und an den Wänden wechselten große Reliefbilder von verschiedenen Helden und Statuen in Nischen. Es war so recht ein Raum zum Ausschmücken mit Blumen und Sträuchern, und Gärtner Craig hatte seinen Stolz darin gesetzt, bei dieser Gelegenheit sowohl seinen Geschmack wie seine Treibhauspflanzen zu zeigen. Die breiten Stufen der steinernen Treppe waren mit Kissen belegt, damit die Kinder, die mit ihren Kindermädchen bis halb zehn bleiben durften, sich von da das Tanzen ansehen könnten, und da der kleine Ball auf die vornehmsten Pächter und Bauern beschränkt war, so hatten alle reichlich Platz. Die Lichter waren oben zwischen den grünen Zweigen in bunten Papierlampen reizend verteilt, und die Bauerfrauen und Mädchen hielten das für ein unübertrefflich prächtiges Schauspiel: so mußten der König und die Königin wohnen, das war ihnen jetzt ganz klar, und voll Mitleid dachten sie an ihre Verwandten und Bekannten, die keine so schöne Gelegenheit hätten, zu erfahren, wie es in der großen Welt zuginge. Die Lichter waren schon angesteckt, obschon die Sonne eben erst untergegangen war, und draußen herrschte jene sanfte Beleuchtung, in der alle Gegenstände deutlicher erscheinen als am hellen Tage. Es war ein hübsches Schauspiel draußen vor dem Hause: die Bauern bewegten sich mit ihren Familien auf dem freien Platze unter Blumen und Büschen auf und ab, oder gingen auf dem breiten Fahrwege, der von der Ostseite des Schlosses wegführte, wo auf beiden Seiten ein Teppich von moosigem Grase sich dehnte, hie und da besetzt mit einer dunkeln, niedrig verzweigten Ceder oder einer stolzen Tanne, deren blaßgrün geränderte Zweige am Boden hinstrichen. Die großen Haufen der gemeinen Bauern im Parke lichteten sich allmählich, die jüngeren wurden von den Lichtern angezogen, welche schon durch die Fenster der Galerie in der Abtei, wo sie tanzen sollten, herüberleuchteten, und von den älteren fanden es manche der ruhigeren hoch an der Zeit, nach Hause zu gehen. Zu ihnen gehörte Lisbeth Bede, und Seth begleitete sie nicht bloß aus kindlicher Aufmerksamkeit, sondern auch weil ihm sein Gewissen verbot, am Tanzen teilzunehmen. Für Seth war es ein ziemlich trauriger Tag gewesen: nie hatte ihm Dina so unaufhörlich vor Augen geschwebt als bei diesem Schauspiel, wo ihr alles so unähnlich war. Wenn er diese leeren, gedankenlosen Gesichter und die bunten Kleider der jungen Frauen sich ansah, dann trat sie ihm nur um so lebendiger vor die Seele – grade wie man die Schönheit und Größe eines Madonnabildes um so mehr empfindet, wenn ein alltägliches Gesicht in einem gewöhnlichen Hute es einen Augenblick verdeckt hat. Aber diese geistige Nähe Dinas half ihm zugleich die Laune seiner Mutter besser ertragen, die in der letzten Stunde immer mürrischer geworden war. Die arme Lisbeth litt unter einem seltsamen Streit von Empfindungen. Die Freude und der Stolz über die Ehre, die ihrem Lieblingssohne Adam widerfahren war, unterlag allmählich ihrer Eifersucht und Unzufriedenheit, als Adam ihr mitteilte, er solle auf den Wunsch des Kapitäns sich unter die Tänzer in der Halle mischen. Adam kam immer weiter aus ihrem Bereich, so fühlte sie, und fast wünschte sie sich all die früheren Sorgen zurück, weil dann Adam sich mehr darum kümmern würde, was seine Mutter sage und thue. »Ah, du hast gut tanzen,« sagte sie, »und dein Vater liegt noch nicht mal fünf Wochen im Grabe. Und ich wollt', ich wäre auch da, statt daß ich hier auf der Erde lustigeren Leuten im Wege bin.« »Nein, Mutter! so mußt du's nicht nehmen,« erwiderte Adam, der heute möglichst freundlich gegen sie bleiben wollte. »Tanzen will ich nicht, bloß zusehen. Und da der Kaptän wünscht, ich solle dabei sein, so sähe es so aus, als glaubte ich es besser zu wissen als er, wenn ich sagte, ich wollte lieber doch nicht bleiben. Du weißt ja, wie freundlich er heute gegen mich gewesen ist.« »Na, thu' wie du willst; deine Mutter hat doch kein Recht, dich dran zu hindern. Sie ist bloß noch die alte Schale, und du bist 'raus geschlüpft wie 'ne reife Nuß.« »Nun denn, Mutter,« meinte Adam, »ich will hingehen und es dem Kaptän sagen, daß es gegen dein Gefühl ist, wenn ich noch bleibe, und daß ich deshalb lieber nach Haus gehe; dann nimmt er's nicht übel, und ich thu's recht gern.« Er sagte das mit einiger Anstrengung, denn in Wahrheit sehnte er sich danach, den Abend bei Hetty zu bleiben. »Nein, nein, das will ich nicht haben; der junge Herr würde böse werden. Geh' lieber hin und thu', was er dir gesagt hat; ich gehe mit Seth nach Hause. Es ist ja 'ne große Ehre, daß man so viel auf dich hält, und wer kann stolzer darauf sein, als deine Mutter? Hab' ich nicht all die Last gehabt, dich groß zu ziehen und zu erhalten die vielen Jahre?« »Na, denn adieu, Mutter, – adieu, mein Junge – und sorgt für Gyp, wenn ihr nach Haus kommt,« sagte Adam und wandte sich in den Teil des Parks, wo er Poysers zu treffen hoffte; denn er war den ganzen Nachmittag so beschäftigt gewesen, daß er noch keine Zeit gehabt hatte, mit Hetty zu sprechen. Bald unterschied sein Auge in der Ferne eine Gruppe, die auf dem breiten Kieswege nach dem Hause zurückging, und er eilte zu ihnen. »Sieh' da, Adam! ich freue mich, daß ich Euch endlich wiedersehe,« sagte Martin Poyser, der Totty auf dem Arme trug. »Jetzt werdet Ihr hoffentlich etwas Vergnügen haben; bisher habt Ihr nur Arbeit gehabt. Und Hetty wird auch tüchtig tanzen; und als ich sie eben fragte, ob sie Euch auch einen Tanz zugesagt habe, sagte sie nein.« »Ich habe gar nicht dran gedacht, heute zu tanzen,« sagte Adam, der bei Hettys Anblick schon halb und halb anderes Sinnes geworden war. »Unsinn!« rief Poyser; »heute tanzt alle Welt, bloß der alte Herr und dem Pastor seine Mutter nicht. Frau Best hat uns erzählt, Fräulein Lydia und das alte Fräulein Irwine würden auch tanzen und der junge Herr wolle mit meiner Frau den Ball eröffnen; sie muß also wieder mal tanzen, obschon sie es seit den Weihnachten, ehe unser Jüngstes geboren wurde, nicht mehr gethan hat. Ihr dürft nicht still sitzen, Adam; das paßte sich nicht; so 'n fixer junger Bursch, und könnt ja so gut tanzen wie einer!« »Nein, nein,« meinte Frau Poyser; »das paßte sich nicht. Ich weiß wohl, tanzen ist Unsinn, aber wer sich an alles stößt, was Unsinn ist, der kommt nicht weit in der Welt. Wenn die Suppe mal fertig ist, dann muß man das Dicke mitnehmen oder die Suppe ganz stehen lassen.« »Nun denn, wenn Hetty mit mir tanzen will,« sagte Adam, der entweder Frau Poysers Gründen oder etwas anderem nachgab, »dann will ich den Tanz mit ihr tanzen, den sie noch frei hat.« »Ich bin noch für den vierten Tanz frei,« erwiderte Hetty, »und den will ich mit Euch tanzen, wenn Ihr wollt.« »Aber,« bemerkte Poyser, Ihr müßt den ersten Tanz auch tanzen, Adam, sonst sieht das kurios aus. Es sind 'ne Masse netter Mädels zur Auswahl da, und 's ist immer hart für die armen Dinger, wenn die Männer dabeistehen und sie nicht auffordern.« Adam fühlte, daß Poyser recht hatte; er durfte nicht mit Hetty allein tanzen, und da ihm einfiel, daß sich Jonathan Burge heute wohl verletzt fühlen könne, so beschloß er, seine Tochter Marie zum ersten Tanz aufzufordern. »Da schlägt die große Glocke acht,« sagte Poyser; »jetzt müssen wir schnell hinein, sonst sind die Herrschaften eher da als wir, und das sähe nicht gut aus.« Sie waren kaum in der Halle und hatten die drei Kinder unter Mollys Aufsicht auf die Treppe gesetzt, als die Flügelthüren des Gesellschaftszimmers aufgingen und Arthur in voller Uniform, die alte Madame Irwine am Arm, hereintrat; er führte sie zu einer mit Teppichen belegten und mit schönen Blumen reichlich verzierten Estrade, wo sie und das Fräulein und der alte Herr Donnithorne sitzen und das Tanzen sich ansehen sollten, wie Könige und Königinnen auf der Bühne. Die Uniform hatte Arthur den Pächtern zu Gefallen angelegt, wie er sagte, die auf seinen Rang in der Miliz so viel hielten, als wäre er Premier-Minister des Landes. Übrigens hatte er seinerseits nichts dagegen einzuwenden, ihnen den Gefallen zu thun: die Uniform stand ihm sehr gut. Ehe der alte Herr sich setzte, ging er in der Halle umher, grüßte die Pächter und sprach höflich mit ihren Frauen; er war immer höflich, aber die Pächter hatten nach langem Überlegen herausgebracht, diese Glätte sei ein Zeichen von Härte. Es fiel auf, daß er heute abend ganz ausgesucht höflich gegen Frau Poyser war, sich genau nach ihrer Gesundheit erkundigte und ihr empfahl, zur Stärkung kaltes Wasser zu gebrauchen, wie er selbst thue, und alle Medizin zu vermeiden. Frau Poyser knixte und dankte ihm mit großer Selbstbeherrschung, aber als er weiter gegangen war, flüsterte sie ihrem Manne zu: »ich lasse meinen Kopf drauf, daß er Unheil gegen uns braut; der Teufel wedelt nicht so mit dem Schwanze um gar nichts.« Ihr Mann hatte keine Zeit zu antworten, da Arthur herantrat und sagte: »Frau Poyser, ich bitte um Ihre Hand für den ersten Tanz, und Herr Poyser, Sie müssen mir erlauben, daß ich Sie zu meiner Tante führe; sie möchte mit Ihnen tanzen.« Frau Poysers blasses Gesicht errötete vor Aufregung über diese seltene Ehre, als Arthur sich mit ihr obenan stellte; aber ihr Mann, dem ein Glas Bier extra sein jugendliches Vertrauen auf sein gutes Aussehen und gutes Tanzen wiedergegeben hatte, schritt ganz stolz neben ihnen her und schmeichelte sich im stillen, Fräulein Lydia hätte gewiß noch mit keinem getanzt, der sie so herumschwenken könnte wie er. Um die Ehre auf die beiden Dörfer gleichmäßig zu verteilen, tanzte Fräulein Irwine mit Lucas, als dem größten Pächter in Broxton und Gawaine mit dessen Frau. Der Pastor war, nachdem er seine Schwester Anna zu ihrer Mutter gesetzt hatte, in die Galerie der Abtei hinaufgegangen, um dort, wie er Arthur versprochen, nachzusehen, wie die kleinen Leute sich amüsierten. Inzwischen hatten auch all' die andern Paare sich aufgestellt, Hetty mit dem unvermeidlichen Gärtner Craig, Marie Burge mit Adam und nun ertönte Musik; und der herrliche Contretanz begann, der beste von allen Tänzen. Wie schade, daß es kein hölzerner Fußboden war, dann hätte das taktmäßige Stampfen mit den dicken Schuhen alles Trommeln überboten. Das lustige Stampfen, das anmutige Neigen des Kopfes, das Reichen der Hand im Bogen – wo sieht man das jetzt noch? Das einfache Tanzen wohl eingehüllter Matronen, welche auf eine Stunde die Sorgen des Hauses und der Milchkammer ablegen, jugendlich fühlen, aber nicht jung scheinen wollen, auf die jungen Mädchen neben sich stolz, aber nicht eifersüchtig sind, – die Festtagslust stattlicher Ehemänner, die ihren Frauen niedliche Komplimente machen, als gingen sie wieder auf Freiersfüßen, – die Bursche und Mädchen, die gegenseitig nichts rechts mit sich anzufangen wissen, da sie sich nichts zu sagen haben, – ach, es wär' 'ne hübsche Abwechslung, all das bisweilen zu sehen, statt der ausgeschnittenen Kleider und der unendlich weiten Röcke und der spöttischen Musterung fremder Toiletten und der langweiligen, gelangweilten Herren mit lackierten Stiefeln und zweideutigem Lächeln! Pachter Poysers Vergnügen bei diesem Tanze wurde nur durch eins gestört: er kam fortdauernd in unmittelbare Berührung mit dem Lucas, diesem unordentlichen Landwirt. Er wollte schon etwas eisige Kälte in seine Blicke legen, wenn's zum Avancieren käme; da aber Fräulein Irwine ihm ebenfalls gegenüberstand, so fiel die Kälte vielleicht nicht auf den Rechten allein und so ließ er sein Gesicht lustig aussehen, ungetrübt von moralischen Bedenken. Wie Hetty das Herz schlug, als Arthur ihr nahe kam! Er hatte sie heute kaum angesehen; nun mußte er sie bei der Hand fassen. Ob er sie wohl drücken würde? ob er ihr wohl ins Gesicht sähe? Sie glaubte, sie würde weinen, wenn er ihr mit keinem Zeichen sein Gefühl bewiese. Jetzt war er da, jetzt faßte er sie bei der Hand, – ja und drückte sie leise. Hetty wurde blaß, als sie rasch zu ihm aufblickte und seinen Augen begegnete, ehe der Tanz ihn wieder entführte. Diese Blässe überschlich Arthur wie der Anfang eines dumpfen Schmerzes, und der Schmerz ließ ihn nicht los, obschon er weiter tanzen mußte und weiter lächeln und weiter scherzen. So würde Hetty aussehen, wenn er ihr sagte, was er ihr sagen müsse, und das würde er nicht ertragen können, würde wieder ein Narr sein und wieder schwach! In Wahrheit bedeutete Hettys Blick nicht soviel, als er dachte; er war nur das Zeichen eines Kampfes zwischen dem Wunsche, er möge ihr Aufmerksamkeiten erweisen, und der Furcht, sie könne diesen Wunsch andern verraten. Aber Hettys Gesicht hatte eine Sprache, die über ihre Empfindungen hinausging. Es giebt Gesichter, in welche die Natur eine Bedeutung und eine Leidenschaft hineinlegt, die nicht der einzelnen Menschenseele angehören, welche darunter weilt, sondern die Freuden und Leiden entschwundener Geschlechter ausdrücken; es giebt Augen aus denen tiefe Liebe spricht, welche gewiß irgendwo gewesen ist und noch ist, aber nicht zu diesen Augen gehört, sondern vielleicht zu andern matten Augen ohne jeden Ausdruck; – grade wie eine Sprache mit Poesie gesättigt sein kann, ohne daß die Lippen, welche sie sprechen, das empfinden. Jener Blick Hettys erfüllte Arthur mit Angst und doch wieder mit dem halb unbewußten Entzücken, daß sie ihn unbeschreiblich liebe. Eine schwere Aufgabe sah er vor sich; denn in dem Augenblicke fühlte er, daß er drei Jahre seiner Jugend für das Glück geben könne, sich seiner Leidenschaft für Hetty ohne Gewissensbisse zu überlassen. Diese widerstreitenden Gedanken kreuzten sich in seiner Seele, als er Frau Poyser, die vor Ermüdung keuchte und sich im stillen gelobte, keine Macht der Welt solle sie zu einem zweiten Tanze vermögen, an ein ruhiges Plätzchen im Eßzimmer geleitete, wo das Abendbrot für die Gäste zu freier Auswahl bereitstand. »Ich habe Hetty daran erinnert, daß sie Ihnen einen Tanz versprochen hat, Herr Kaptän,« sagte die gute, arglose Frau; »sie ist so vergeßlich, daß sie sich leicht für alle Tänze versagen könnte. Darum hab' ich ihr gesagt, sie möchte sich einige freihalten. »Sehr freundlich, Frau Poyser,« antwortete Arthur, und sein Gewissen zuckte ein wenig zusammen. »Nun setzen Sie sich hier in diesen bequemen Stuhl, und der Bediente soll Ihnen herbringen, was Sie am liebsten essen.« Er eilte fort, um mit einer andern Frau zu tanzen; denn erst mußte er den Verheirateten die gebührende Ehre erweisen, ehe er an die jungen Mädchen denken durfte, und die Contretänze und das Stampfen und das hübsche Neigen des Kopfes und das Händereichen – alles ging lustig seinen Gang. Endlich kam der vierte Tanz, der Tanz, nach dem der starke, ernste Adam sich so gesehnt hatte, als wär' er ein zartes Bürschchen von achtzehn Jahren; denn bei unsrer ersten Liebe sind wir alle so ziemlich einer wie der andere, und Adam hatte Hettys Hand kaum je anders als zu einem flüchtigen Gruß berührt, hatte bisher nur einmal mit ihr getanzt. Wider Willen hatten seine Augen sie heute abend begierig verfolgt und immer tiefere Liebe eingesogen. Sie benahm sich so hübsch, fand er, so ruhig; schien durchaus nicht zu kokettieren, lächelte weniger als sonst, hatte fast etwas Liebes, Wehmütiges an sich. »Gottes Segen über sie!« sprach er zu sich; »ich wollte ihr ein glückliches Leben bereiten, wenn ein starker Arm, der für sie arbeitet, und ein Herz, das sie liebt, dazu ausreicht.« Und dann beschlichen ihn süße Gedanken, wie er von der Arbeit nach Hause käme und Hetty an die Brust zöge und den sanften Druck ihrer Wange an seiner fühle, bis er vergaß, wo er war, und die Musik und das Stampfen der Füße ebensogut fallender Regen und rauschender Wind hätte sein können, – er hatte kein Bewußtsein davon. Aber nun war der dritte Tanz zu Ende und er konnte zu ihr gehen und sie um ihre Hand bitten. Sie stand am andern Ende der Halle nahe an der Treppe und sprach mit Molly, die ihr grade die schlafende Totty auf den Arm gegeben hatte und nun nach den Tüchern und Hüten für die Kinder gegangen war. Die beiden Jungen hatte Frau Poyser ins Eßzimmer geholt und gab ihnen etwas Kuchen, ehe sie mit dem Großvater nach Hause zurückführen, und Molly sollte sobald als möglich nachfolgen. »Laßt mich sie halten,« sagte Adam, als Molly fort war; »Kinder sind im Schlafe so schwer.« Hetty war froh über diese Erleichterung; denn zu stehen und Totty auf dem Arme zu haben war keine angenehme Erholung. Aber bei diesem neuen Wechsel wachte Totty unglücklicherweise auf und zeigte sich nun so verdrießlich, wie alle Kinder von ihrem Alter, wenn man sie zur Unzeit weckt. Während Hetty sie Adam auf den Arm gab und selbst noch nicht ganz losgelassen hatte, schlug Totty die Augen auf und hieb sofort mit ihrem linken Händchen Adam auf den Arm und faßte mit der rechten in die braune Schnur an Hettys Halse. Das Medaillon sprang ihr aus dem Busen und im nächsten Augenblick war die Schnur zerrissen und Hetty sah Perlen und Medaillon auf dem Boden weit verstreut. »Mein Medaillon, mein Medaillon!« flüsterte sie erschrocken halblaut Adam zu; »an den Perlen liegt mir nichts!« Adam hatte schon gesehen, wo das Medaillon hingefallen war, da es beim ersten Anblick seine Aufmerksamkeit erregte. Es war auf die hölzerne Estrade gefallen, wo die Musikanten saßen, nicht auf den steinernen Flur, und als er es aufhob, sah er hinter dem Glase die dunkeln und hellen Haarlocken. Es war auf die andere Seite gefallen und das Glas daher nicht zerbrochen. Er drehte es in der Hand um und sah die emaillierte goldene Rückseite. »Es hat keinen Schaden genommen,« sagte er und hielt es Hetty hin; da sie aber beide Hände voll mit Totty zu thun hatte, konnte sie es nicht an sich nehmen. »O, es ist mir ganz einerlei,« antwortete sie, nun so rot wie sie vorher blaß gewesen. »Einerlei?« fragte Adam verwundert. »Vorher schient Ihr so ängstlich. Ich will es Euch halten, bis Ihr es nehmen könnt,« fügte er hinzu und machte ruhig die Hand zu, damit sie nicht etwa glaube, er wolle es noch einmal besehen. Jetzt kam Molly mit Hüten und Tüchern zurück, und sobald sie Totty wieder genommen hatte, gab Adam Hetty das Medaillon in die Hand. Sie nahm es gleichgültig hin und steckte es in die Tasche, im Herzen ärgerlich und böse auf Adam, weil er es gesehen hatte, aber entschlossen, nun kein Zeichen von Aufregung mehr zu geben. »Da seht!« sagte sie, »man tritt schon an zum Tanzen; wollen wir auch anfangen?« Adam folgte ihr schweigend. Eine unbestimmte Unruhe hatte ihn ergriffen. Hatte Hetty einen Liebhaber, von dem er nichts wußte? Von ihren Verwandten konnte ihr keiner ein solches Medaillon schenken, dessen war er sicher, und von ihren Verehrern, so weit sie ihm bekannt waren, war keiner ein angenommener Bewerber, und das mußte doch der Geber eines solchen Geschenkes sein. Adam war in der vollständigsten Unmöglichkeit, irgend jemand zu finden, auf den seine Befürchtungen gepaßt hätten; er empfand nur mit furchtbarem Schmerz, daß in Hettys Leben etwas sei, was sich vor ihm verberge, daß während er sich in der Hoffnung gewiegt habe, sie würde ihn allmählich lieben lernen, sie schon einen andern liebte. Das Vergnügen, mit Hetty zu tanzen, war dahin; wenn seine Augen auf ihr ruhten, hatten sie einen ängstlich forschenden Ausdruck; es fiel ihm nichts ein, was er ihr hätte sagen können, und sie war ebenfalls in schlechter Laune und nicht zum Sprechen aufgelegt. Beide waren froh, als der Tanz endlich vorbei war. Adam war entschlossen, nicht länger zu bleiben; keiner verlangte nach ihm, keiner würde ihn vermissen, wenn er still fortginge. Sobald er draußen war, nahm er seinen gewohnten, raschen Schritt an und eilte fort, ohne zu wissen warum, nur voll von dem peinlichen Gedanken, daß die Erinnerung an diesen Tag trotz aller Ehren und Aussichten ihm für immer vergiftet sei. Plötzlich, als er schon tief im Park war, stand er still: ein Strahl von neu belebter Hoffnung hatte ihn getroffen. War er denn nicht ein Thor, aus einer Kleinigkeit sich ein großes Elend zu machen?! Hetty, putzsüchtig wie sie mal war, konnte sich das Ding ja selbst gekauft haben. Zwar sah es dafür etwas zu kostspielig aus, sah ganz so aus wie die Sachen auf weißer Seide in dem großen Goldschmiedsladen in Rosseter; aber von dem Wert solcher Sachen hatte Adam sehr ungenaue Vorstellungen, und nach seiner Meinung konnte es doch gewiß höchstens ein Pfund kosten. So viel konnte Hetty aus ihrer Sparbüchse und ihren Weihnachtsgeschenken zusammen gehabt haben; und daß sie kindisch genug gewesen sei, ihr ganzes Geld dafür auszugeben, war gar nicht undenkbar; sie war ja so 'n junges Ding und mußte den Putz wohl lieben! Aber warum war sie denn zuerst so ängstlich gewesen und hatte die Farbe gewechselt und nachher gethan als sei's ihr einerlei? O, ganz natürlich! Sie hatte sich geschämt, daß er solchen Putz bei ihr gesehen habe; sie war sich bewußt, wie unrecht es von ihr sei, ihr ganzes Geld dafür auszugeben, und sie wußte, daß Adam solchen Putz nicht leiden mochte; es war nur ein Beweis, daß ihr etwas daran lag, was er leiden mochte und was ihm mißfiel. Bei seinem nachherigen Schweigen und seiner ernsten Stimmung mußte sie gedacht haben, er sei sehr böse auf sie und werde gegen ihre Schwächen leicht hart und strenge sein. Und als er nun ruhiger weiter ging und diese neue Hoffnung immer wieder überdachte, da war seine einzige Besorgnis, sein Benehmen gegen Hetty könne ihre Neigung zu ihm herabstimmen. Denn seine letzte Ansicht von der Sache mußte doch die richtige sein. Wie konnte Hetty einen Liebhaber haben, den er gar nicht kannte? Aus ihres Onkels Hause war sie nie länger als einen Tag fort; sie konnte nur Bekanntschaften haben, die dort im Hause verkehrten, und keine Vertraulichkeiten konnten vorkommen, ohne daß Onkel und Tante drum wußten. Es war ja reine Thorheit zu glauben, ein Liebhaber habe ihr das Medaillon geschenkt. Der kleine Ring von schwarzem Haar war gewiß ihr eignes; über das helle Haar darunter hatte er keine Vermutung, da er es nicht genau gesehen hatte; möglich, daß es von ihrem Vater oder ihrer Mutter war, die sie beide schon als Kind verloren hatte, und natürlich hatte sie von ihrem eigenen etwas hinzugethan. So ging Adam zu Bett, nachdem er sich ein feines Gewebe von Möglichkeiten gewebt hatte – der beste Schirm, den ein kluger Mann zwischen sich und die Wahrheit stellen kann. Seine letzten, wachen Gedanken flossen hinüber in einen Traum, wo er wieder bei Hetty auf dem Pachthof war und sie um Verzeihung bat, daß er so kalt und schweigsam gewesen. Und während er das träumte, führte Arthur Hetty zum Tanz und flüsterte ihr leise und verstohlen zu: »Übermorgen um sieben bin ich im Wäldchen; komm so früh du kannst.« Und Hettys thörichte Freuden und Hoffnungen, die vor einem bloßen Nichts eine kurze Strecke weggeflogen waren, kamen nun alle zurückgeflattert ohne Ahnung der wirklichen Gefahr. Zum erstenmal an diesem langen Tage war sie glücklich und wünschte, der Tanz möchte Stunden lang dauern. Arthur wünschte das auch; es war die letzte Schwäche, die er sich zu gestatten dachte, und niemals erliegt der Mensch einer Leidenschaft mit schwelgenderem Entzücken, als wenn er sich eingeredet hat, morgen werde er sie bezwingen. Aber Frau Poysers Wünsche waren das grade Gegenteil davon; ihr schwebten düstere Ahnungen vor der Seele, wie sehr sich nach diesem späten Aufbleiben morgen früh das Käsemachen hinschleppen könne. Nun Hetty ihre Pflicht gethan und einen Tanz mit dem jungen Herrn getanzt hatte, mußte ihr Mann hinausgehen und nachsehen, ob der Karren schon wieder zurück sei, denn es war halb elf, und obschon Poyser leise andeutete, es sei doch unschicklich, wenn sie zuerst weggingen, bestand Frau Poyser auf ihrem Willen, »unschicklich oder nicht.« »Wie? Sie wollen schon fort, Frau Poyser?« sagte der alte Donnithorne, als sie sich ihm zum Abschied empfahl. »Ich hoffte, keiner von unsern Gästen würde vor elf Uhr aufbrechen; Madame Irwine und ich wollen trotz unsrer Jahre dem Tanzen so lange zusehen.« »O Ew. Ehren, für vornehme Leute ist das alles recht schön und gut, bei Licht aufzubleiben; die haben keinen Käse auf dem Herzen. Es ist so schon spät genug für uns, und den Kühen kann man nicht sagen, morgen früh müßten sie auf das Melken ein bißchen warten. Wenn Sie uns also entschuldigen wollten, so möchten wir uns wohl empfehlen.« »Na,« sagte sie zu ihrem Mann, als sie fortfuhren, »ich möchte lieber das Brauen und das Waschen an einem Tage zusammen haben, als wieder so 'nen lustigen Tag. Was das angreift, so herumziehen und angaffen und nicht recht wissen, was nun kommt, und immer ein Lächeln auf dem Gesicht haben wie ein Krämer am Markttag, weil sonst die Leute meinen könnten, man sei nicht höflich genug –! Und wenn's vorbei ist, hat man nichts davon als vielleicht ein gelbes Gesicht von all dem vielen Essen, was einem nicht bekommt.« »Nein, nein,« erwiderte ihr Mann, der in seiner lustigsten Laune war und das Bewußtsein hatte, er habe einen großen Tag hinter sich, »ein bißchen Pläsir ist dir bisweilen ganz gut. Und tanzen kannst du auch wie eine; was leichte Füße und Beine angeht, da bestehst du gegen alle Frauen im Kirchspiel, dafür bin ich gut. Und 'ne große Ehre war's doch, daß der junge Herr dich zuerst aufforderte; es war wohl deshalb, weil ich bei Tische obenan saß und seine Gesundheit ausbrachte. Na, und du Hetty! So 'nen Tänzer hast du doch noch nie gehabt, einen hübschen jungen Offizier in Uniform. Davon kannst du noch sprechen, wenn du ein altes Mütterchen bist, Hetty, wie du mit dem jungen Herrn getanzt hast an dem Tag als er großjährig wurde.« Ende.