Hermann Essig 12 Novellen Dem Dichter Hermann Essig mit einem Gruß ins Feld von seiner Frau Zum 28. August. Im Kriegsjahr 1916. Inhalt         Ein Weltereignis Aus den Erinnerungen eines Gelähmten »Mehr, mehr« Hippodrom Der Hundsbiß Aphrodite Berta Gnädig Die schwarze Katze Der schöne Beck Heiraten oder Xilinde Holly! Schwester Veronika Lucie Ein Weltereignis Ein Mäusepaar sah einem freudigen Ereignis entgegen. »Geh hin,« sprach die Mäusin zum Mäuserich, »und kundschafte, ob du irgendwo einen fetten Ort findest, der mich mit meinen kleinen Mäuslein lange gut ernähren wird.« Der Mäuserich drückte ihr einen Kuß auf die Schnauze und begab sich auf die Reise. »Daß du nicht zu lange ausbleibst,« sagte sie noch, »und gehe ja nicht in die Falle.« »Nein, nein, ich komme gleich wieder,« sprach er. Er kletterte und rutschte durch alle Engpässe und Fluren des Hauses Nr. 96 empor, schließlich roch und duftete es in der dritten Etage bei Stanges nach einer Unmenge schöner Blumen, dem reichen Abfall von Küche und Tisch, der überall zerstreut lag. Freudig erglänzten Mäuserichs Augen, hier wollte er seine Traute herbringen, damit sie die Kleinen zur Welt brächte. Schleunigst wollte er umkehren und seiner Frau von dem Lande künden, damit sie mit ihm herzöge. Wie's aber so geht, an einem Punkte dieser Landschaft blieb er stehen, um sich noch einmal umzuschauen. Da floß ein rauschendes Wasser, das gurgelnd in die Untiefe kollerte. Auch fiel ein helles Licht neben ihn. Er verkroch sich in den Schatten, da sah er eine Riesengestalt vor sich, die schnell wieder verschwand. Er zitterte über diese Erscheinung und blieb in stillem Bangen sitzen, ob hier wirklich so gute Stätte sein würde. Während ihm alles übrige recht wohl gefallen hätte, hier war es wild romantisch; das grelle Licht und die tosenden Wasser. Endlich wollte er wieder fürbaß gehen und seiner Frau Meinung darüber hören, aber da erschien wieder die Riesengestalt, und es hielt ihn fest in Angst und Bangen. Nun zog aber, wie von Zephyrdüften gefächelt, plötzlich ein süßer Duft um seine Nase. Bald stellte er fest, daß hier in der Nähe das ihm bis jetzt verborgen gebliebene Eden liegen mußte. Als die Riesengestalt auch diesmal glücklich wieder verschwand, wurde er beherzt und neugierig, dem Ursprung des Duftes nachzuziehen. Wohl überkam ihn ein Gefühl, als hörte er die Worte, die seine Traute beim Abschied zu ihm gesprochen hatte, »Artur, gehe mir ja nicht in die Falle, gelt, geh mir nicht in die Falle, passe gut auf.« »Nein, nein, was denkst du, ich gehe doch nicht in die Falle,« hatte er dann gesagt. Komisch, daß er's jetzt im schönsten Augenblick so sehr lebhaft dachte. Er machte eine die jetzige Wirklichkeit klarstellende Bewegung, indem er den Kopf durch die beiden Vorderfüße strich. Und da stieß er auch schon an etwas, ganz leis, das ein großer Speck war, das war es, ja, der Speck hypnotisierte ihn, es schauerte ihn, es knickte und klatschte, er wollte den Schwanz einziehen. Das ging nicht, er stürzte zu Boden und hörte das tosende Wasser. So lag er eine Weile gerade ausgestreckt mit eingeklemmtem Schwanz, ganz unbewußt. – – – Da erschien wieder die Riesengestalt, er wendete nicht den Kopf nach ihr, denn jetzt erkannte er sie, sie hatte ihm das Unglück gebracht. Es war Frau Stange, die gerade ins Bad steigen wollte. Frau Stange drehte den Wasserhahn ab, das Tosen verstummte. Der Mäuserich fühlte sich angehoben wie auf schwankendem Aeroplan. Frau Stanges Stimme gellte schrill: »Die Maus, die Maus, ich hab sie, ich hatte mich doch nicht getäuscht, es war eine Maus.« Und ein Haufen kleinerer und größerer Riesengestalten kam. Frau Stange warf ein Badetuch um sich. Ein Geschrei und Lärmen wurde, es ging in die Lüfte gehoben durch Räume und Hände, Augen, Brillen, bis wieder ein Stillstand kam. Da sah sich der Mäuserich umgeben von Tellern und Tassen, in seiner Nähe sah er eine blaue Flamme, worauf ein Kessel mit Wasser kochte. Ob dies ihn betraf –? Es überkam ihn ein Zustand von Wursthaftigkeit, er begann sich seine Lage anzusehen. Allerdings, er war in die Falle gegangen. Da heraus kommen! Er biß um sich, das war harter Draht, so ging's nicht. Sein Schwanz war freigemacht, offenbar von Frau Stange selber. Vielleicht konnte er auch hoffen –! Er setzte sich recht timid hin und wartete, er gab sich als einen, der nicht auf drei zählen kann, dem man ruhig die Zellentür öffnen könnte, der selbst dann nicht entflöhe aus der süßen – verwünschten – Nähe des Speckes jener dummen Sau. Frau Stange kam von neuem auf ihn zu, er sah sie recht treuherzig an und putzte sich sogar. Frau Stange lächelte ihm zu. Oh, wie er jetzt hoffte und an seine Traute, an dieses Wiedersehen dachte! Aber bald verlor er wieder die Hoffnung, Frau Stange löschte die Flamme aus, hob den Kessel vom Herd und schrie laut: »Wer will noch einmal die Maus sehen!« Es lärmte und gröhlte ein Haufen daher, ein Eimer wurde auf den Boden gesetzt, der Kessel wurde hineingeschüttet, es qualmte und dampfte. Die Stimme: »Tötet das süße Mäuslein nicht!« wurde überhört. Dem Mäuserich krampfte es das Herz; »wenn das ihn betraf – o Traute!«, währenddem ihm viele vergnügte Gesichter Liebesworte zuflüsterten: »du süßes Mäuschen.« Ach, beim Blick in den Dampf des Eimers auf dem Boden mißtraute er dieser Liebkosung der Riesen. Wahrhaftig, es galt ihm, es ging in den Abgrund, er fühlte die Nähe des heißen Pfuhls, kletterte verzweifelt in die oberste Ecke der Falle, ein Pfiff entrang sich ihm »Traute süße«, ein kalter Ruck, und ein glatter Leichnam wurde aus dem heißen Sud gezogen. Wie abscheulich! alles schüttelte sich in Grausen vor dem, welchen man soeben noch süßes Mäuschen genannt hatte. Die Klappe der Falle wurde geöffnet und Arturs Kadaver aus der dritten Etage in den Hof geschleudert, nächsten Morgen beim Kehren vom Portier – mit einem Fluch gegen oben – gefunden, mit einer Zange in den Müllkasten getragen, wo er sein Grab fand. Frau Stange badete selbige Nacht ihren Lebensnam, schneeweiß, gedachte beim Erinnern an die Maus nur der einzigen Interessantheit, daß am Leichnam die Maus deutlich als Mann zu erkennen war, um den es immerhin schade war. *           * * Die Mäusin grämte sich, warum Artur nicht zurückkam. Spätestens um zehn sollte er wieder da sein, weil man das Haus schloß. Sie fühlte schon die zwanzigbeinigen Stöße der Kleinen in ihrem Bauch, und es hatte not, bald das Nest zu finden. Trübselig hing sie den Kopf. Die letzten Straßenbahnen rollten schon vorüber, er kam nicht. Sie konnte ja nicht ahnen, daß ihr schöner Mann nicht allzu weit von ihr in so schaudervollem Ansehen auf dem Hofpflaster lag. Aber da ihm doch irgend etwas zugestoßen sein mußte, machte sie sich schließlich auf, ihn zu suchen. Leicht fand sie den Weg, den er hingegangen war, an vielen Orten hatte er ein Exkrement als Wegzeichen und Andenken hingesetzt. Mit Freuden passierte sie immer wieder so eine Stelle, wo etwas von ihm lag. So war er also doch so weit gekommen! Da fand sie ihn vielleicht noch, am Ende hatte er sie bloß geschwind aus Freßsucht, die sie an ihm kannte, vergessen. Irgendwo hockte er und schlemmte! Immer mehr vermutete sie dies, und ihre Sorge, er könnte in die Falle gegangen sein, schwand. Wie sie hoch oben bis zur dritten Etage gewandert war, verloren sich des Liebsten Spuren in der Ebene. Mit einer gewissen ehrfürchtigen Scheu trat sie in das Land ein, wo sie ihn bei leckerem Mahle zu finden ganz bestimmt hoffte. Sie fand bald viele Plätze, wo er gewesen war. Aber ihn selbst fand sie nirgends. Sie pfiff ihm in dünnem, nur seinem Ohr vernehmlichem Ton. Da wuchs ihre Sorge wieder, da gar nie eine Antwort erfolgte. Besonders an einer Stelle, wo sie jetzt ankam, befiel sie tiefe Angst. Da bog ein Wasserrohr ab in die Wand, da lagen Haare, wie er sie hatte. Eine getrocknete winzige Pfütze, als wenn er hier nach ihr geweint haben müßte. Sie wimmerte, daß ihre zappelnde Brut in ihr bebte, hastete unruhig herum, ging gedankenlos an allen Schönheiten und Verlockungen vorbei, trübe den Kopf hinabhängend. Schließlich gab sie's auf, ihn zu suchen. Sie mußte sich ein Nest zurichten an einem Ort, wo sie niemand vermuten und stören konnte. Dazu erwählte sie sich einen großen Schrank. Mit fieberhaftem Eifer begann sie ein Loch in den Schrank zu nagen, dann wollte sie innen irgendeine Rocktasche benutzen, um in ihr das Wochenbett durchzumachen. Das Loch gedieh erfreulich rasch, und sie konnte hoffen, in zwei Nächten freien Eingang zu haben. Plötzlich fiel ein Lichtschein an ihr vorüber, und sie wurde ganz still. Es liefen schwere Tritte wie von Riesen, dann wurde die Schranktür laut knarrend geöffnet. Das Licht erlosch wieder, und sie wollte gerade das Nagewerk fortsetzen, als eine süße Speckluft sich um sie legte und sie umkreiste. Da war eine Falle hingestellt worden! Woher sonst sollte auf einmal der Speck kommen?! Sie horchte gespannt und hörte nun flüstern. Herr Stange sagte zu Frau Stange: »Ich glaube, daß sie so nicht in die Falle geht, das merkt sie. Es war für die Katze, extra in die Küche zu gehen, den Speck anzubrotscheln, die Falle zu stellen, nur um sich kalte Füße zu holen.« Aber obgleich Traute auf der Hut war, so bangte sie doch vor der Gefahr, denn ob sie vom Geruch weglief oder ihm entgegen, vermochte sie nicht zu unterscheiden. Eines wußte sie jetzt, dieser Duft war ihres armen Mannes Verhängnis geworden. Mit Enttäuschung sah die gespannte Mausefalle unter Frau Stanges Schrank hinab, als sagte sie: »Gott, kommst du nicht endlich.« Die Falle stand offenbar hier nicht richtig, sie blieb leer. Im Stangeschen Haushalt irrte nun Traute, wohl reichlich Nahrung, aber schlechten Unterschlupf findend, umher. Kein Mensch bemerkte unter Tags ihre schwangere Anwesenheit, die sonst im Leben mit so viel Anstoßen und Naserümpfen schleunigst an holden Repräsentantinnen bemäkelt wird. Trotz dieser Ungestörtheit wurde es der irrenden Traute immer verzweifelter zu Mut. Die Kleinen in ihr wollten gar nimmer Ruhe geben, oft fiel sie geschwinde hin. Es wurde Zeit zum Neste. Herr Stange setzte sich der Küche gegenüber gerade an den Tisch und feierte Halbmond, indem er in der dunklen Seite saß und die Küche erleuchtet war. Er dachte so gut wie nichts, sah vielmehr ins Helle. Seine Frau näherte sich ihm tastbar, es wäre vielleicht zum Kusse gekommen. Aber Herr Stange stand auf mit Empörung: »Soeben lief in aller gemütlichen Frechheit langsam eine riesengroße Maus von der Eimerbank zum Abwaschschrank, es ist doch unerhört! Wir haben jetzt also richtig Mäuse. Nicht mehr ausnahmsweise eine Maus, nein, ›Mäuse‹ haben wir!« Frau Stange schlug entsetzt an ihre Brust. Man lief zur Falle und präparierte den Speck. Mit Jägergenie stellte Herr Stange die Falle auf »den Wechsel« der Maus. Da mußte sie in Sekunden gefangen sein! In der Küche roch es zufällig sehr stark nach verbranntem Pflaumenkuchen, daß jeder andere Geruch darin ersticken mußte. Frau Stange bezweifelte darum die Wirkung des Specks, aber Herr Stange hielt daran fest: »Mit Speck fängt man Mäuse.« Die Falle stand. Die Rettung des verbrannten Pflaumenkuchens nahm alle Hände sodann in Anspruch. Es mußte verhext sein, es schnappte und klappte, es schien kein Augenblick. Die Maus mußte direkt auf den Speck gewartet haben. Herr Stange frohlockte mit hocherhobener Jagdtrophäe, die zur schweren Hälfte aus der Falle heraushing. Die Gefangene ächzte: »Verfluchter Pflaumenkuchen, der mir die Witterung genommen hat!« Aber mit Speck fängt man Mäuse, frohlockte der Jäger, hab ich's nicht gesagt?! Im Glücke seiner Einfalt befreite er durch leises Anheben der Klappe die Maus – die eine Kapitalmaus war – aus ihrer Schmerzenslage und Traute huschte vollends in den Käfig hinein. Frau Stange, welche durch ihre Kunst im Pflaumenkuchenbacken eigentlich die Schuldige an der Maus Schicksal geworden war, hatte den Pflaumenkuchen vom Blech gelöst und eilte nun herbei. Traute und Frau Stange sahen sich an. Mit einem Blick – –! Er hieß: »Wir sind schwanger.« Eine Maus, die Junge kriegt, ist es, erhob sich ein Jubel. Die sperrt man diesmal ein! Die Kinder freuten sich schon der jungen Mäuslein. Und man wünschte nur den getöteten Mäuserich wieder zurück! Hätte man ihn nicht getötet, jetzt hätte man die schönste Familie Maus beieinander. Traute schien zu verstehen und hockte mit ihrem dicken Leib in der Falle. Es war am dritten Tage, nachdem sie ihren Mann verloren hatte. Frau Stange sah recht oft und innig zu ihr in die Falle: »Dein armes Männel erlebt deine Freude an deinen Kinderchen nicht mehr.« Es wurde den beiden Frauen recht weh ums Herz und sie schlossen schnell Freundschaft. Traute ließ die Zuckungen ihres Leibes beobachten und ließ ausrechnen, wie lange es ungefähr noch dauern werde. In einem alten Einmachglas, das mit einem durchlochten Bohnerwachsdeckel zugedeckt war, stand sie schließlich mitten auf dem Tisch beim Abendbrot, Frühstück, Mittagessen. Zum Schein freute man und ergötzte sich an ihren reizenden Bewegungen, in Wahrheit warf man gierige Blicke auf den Bauch der Gefangenen, ob's bald losginge. Traute bekam die besten Sachen kredenzt, aber sie nahm außer einem kleinen Bröckelchen mit Milch keine Nahrung zu sich. Ein Extra-Aufzug für Milch, der ins Glas gearbeitet wurde, machte nicht einmal Eindruck auf sie. Dann drückte sie oft so eigentümlich, als müßte sie husten, saß immer trübseliger und zwinkerte mit den Augen. Frau Stange ließ kein Auge mehr von ihrer Gefangenen, sie zweifelte nicht, daß die Maus in Wehen lag. Und es fügte sich, daß man zu Tische saß und die Tischgenossin im Glas das erste Junge zutage förderte. – Gerade, wie wenn eine Katze auf einem Sandhaufen sitzt und – – –! war der Anblick. »Das geht aber einfach,« rief Frau Stange. Die Maus fraß nur nach dem Ereignis die Blutteile vom Jungen ab und beleckte es. So ging es fünfmal. Es war das ›appetitlichste‹ Spektakulum im Stangeschen [Haushalt]. Den Kindern war das Ereignis durchaus so am verständlichsten, um so mehr, als die Andeutungen, daß es beim Menschen gerade so gehe, nicht fehlten. Mit der Zeit fiel es jedoch auf, daß die Jungen sich gar nicht rührten. Man schritt zu ihrer näheren Untersuchung. Da ergab sich, daß Trautes Kleinen alle erst halb entwickelt und sie sämtlich Fehlgeburten waren. Da schmeckte das Essen denn doch nicht mehr recht in der Nähe dieser Kindsleichen. Jedoch hielt Herr Stange es für ganz falsch, sich den Appetit verderben zu lassen, sondern erklärte vielmehr, daß dies ganz einfach »eine Frühgeburt sei, welche Erscheinung auf die Quetschung der Maus durch den Deckel der Falle zurückzuführen sei – wie bekanntlich auch beim Menschen, wenn Unglücksfälle usw. . .« Es schmeckte nach solcher Offenbarung zwar nicht besser, immerhin konnte man wenigstens die Maus abtragen, denn die medizinische Wißbegier war vollauf befriedigt. Das Theater war für diesen Abend gänzlich überflüssig geworden. Traute beschäftigte sich mit Aufräumungsarbeiten, die Jungen stopfte sie unter die Holzspäne, welche man ihr ins Glas gegeben hatte. Nur das Erbärmlichste von ihnen ließ sie in seinem embryonalen Aussehen an dem Rand des Glases kleben, wahrscheinlich zum Hohn der Beschauer. Mühselig und geschwächt kletterte sie herum, so daß sie Erbarmen genug für sich erweckte, sie, die arme Mutter, nicht den Tod durch Ersäufen sterben zu lassen wie den Herrn Gemahl. Dieser Maus, die man leiden gesehen hatte, mußte die Freiheit geschenkt werden. Für sie war die Freiheit ein Recht geworden, lautete der Beschluß der menschlichen Gesellschaft. Also gut. Fräulein Stange wurde beauftragt, den Inhalt des Einmacheglases auf die neue Rasenpflanzung der Parkstraße auszuschütten. Dreiviertel neun Uhr, es war schon Nacht geworden, stieg sie mit Wonnegefühl hinab, Jemanden, wenn's auch bloß eine Maus war, die Freiheit schenken zu dürfen. Vom hohen Balkon schauten die andern hinab. Jetzt schüttelte sie! Sofort rannte die Maus davon, weg von ihren Frühgeburten. Aber was war's! – – – Eine Katze! Niemals war sonst hier eine Katze zu sehen. Jetzt war sie da, aus dem Bauzaun herausgekommen wie von der Vorsehung hierhergesetzt, die Maus, für die voll Großmut die Freiheit präludiert war, zu haschen. Die Katze trug die Entbundene im Maul in den Neubau hinein, ihr dort den Garaus zu machen, und so die erste Leiche dort niederzulegen. Nur noch mit schwachen Zuckungen seufzte Traute das letzte Gedenken an die schöne Flitterzeit einst mit Artur samt den dabei gehegten Hoffnungen. Es war vorbei. Am nächsten Morgen zogen die Besenweiber auf, den Rasen zu kehren. Eine von ihnen klaubte das Holz, worauf die Maus geboren hatte, in ihre Schürze. Vielleicht wurde auf dieses Holz später noch ein Zuckerhase geklebt, da das Brettchen schon einmal rot war. Dann kehrte das Weib den Rasen, und die Mäusebrut spritzte vom Besen in den Rinnstein der Straße. Herr Stange philosophierte darüber, ob es Zufall war, daß hier die Katze dem Menschenwillen in die Quere kam, oder ob die allgemeine Weltweisheit hier gescheiter gewesen sei als der Mensch. Wenn die Herzen dieser Mauseleben auch wirklich für einander schlugen, so war dieser Ausgang diesmal das Beste. Aus den Erinnerungen eines Gelähmten. Lieber Freund! Ist es mein Schicksal, daß ich in jedem der drei vergangenen Jahre einen Freund verlieren mußte? Obgleich in unserer Zeit sich viele selbst töten, so werden doch die nicht zu häufig sein, welche ihren nächsten Freund durch Selbstmord verloren haben. Um Gottes willen, Du bist jetzt mein neuer und innigster Freund, lege nicht Hand an Dich, sonst habe ich vier, die's getan haben. Ich würde sonst denken müssen, es liegt am Umgang mit meiner Person, daß sich meine Freunde töten müssen. Ich wäre somit der von den Dichtern verwendeten symbolischen Figur des Todes ähnlich, und wie schauerlich wäre das! Denke Dir, alle die, welche sich zu meiner Person hingezogen fühlen, müssen sterben. Wäre es dann nicht meine Pflicht, auch zu sterben? Doch ich bin so lebensfroh und begreife nicht, warum es immer meine Freunde sind, welche Selbstmord begehen. Verwundere Dich nicht, daß ich gerade heute davon an Dich schreibe, aber es liegt wieder der große, schwarzgeränderte Briefbogen vor mir. Er heißt: ». . . Unser heißgeliebter . . . ist am 26. März plötzlich verschieden.« Ich frage gar nicht lange an, ob er sich selbst entleibt hat. Bei den beiden anderen bestätigte sich meine schreckliche Ahnung. Ich weiß gewiß, sie bestätigt sich auch diesmal. Warum soll ich durch eine lange Anfrage noch einmal das Schreckliche seinen Angehörigen mitteilen. Es ist schon so. Das eine bitte ich Dich vorweg, unsere Freundschaft ist erst drei Wochen alt, ehe Du so was tun würdest, hättest Du die Pflicht, es mir mitzuteilen. Damit ich Dich zurückhalten könnte! Denn ich will nicht der »Tod« sein. Vielleicht wäre es rücksichtsvoller von mir, ich würde schweigen. Aber was wäre das für eine Freundschaft, wo man das furchtbarste, was sich einem auf die Seele legt, verschwiege. Ja, weil sie, die drei, immer alles verschwiegen haben, darum mußten sie sterben. Ich wälze jede Schuld von mir. Ich wußte bei keinem, was ihn drückte. Darum verlange ich jetzt von Dir dasselbe, was ich tue, offene gegenseitige Aussprache, damit es nicht wieder so geht. Denn ich habe Angst, es liegt doch an meiner Person. Und diesmal, wenn Du auch so stürbest, müßte ich Dir folgen. Du hast mir schon die Ruhe Deiner Nerven versichert, und so hoffe ich, wirst Du kein solcher Esel sein und gleich jetzt in Deinen Waffenschrank greifen und die Jagdflinte hervorholen. Aber was heißt »ruhige Nerven«! Die drei Lieben, die ich verlor, kamen mir absolut verständig vor, und ich halte sie auch heute noch für keine Esel. Dich benenne ich bloß so, damit Du gewiß ernüchtert wirst, wenn Dich meine vorangegangenen Zeilen in Aufregung gebracht haben. Das eine versichere ich Dir noch, daß ich keinem von den Hingegangenen je gesagt habe, mein Freund L. habe sich erschossen. Ich sagte es meinem Freunde B. nie, trotzdem tat er dasselbe. Ich sagte es auch nicht meinem Freunde M., »meine beiden Freunde L. und B. haben sich erschossen«. Trotzdem tat er dasselbe. Dir endlich, Freund H., Dir sage ich's. Du siehst also daran, daß ich wirklich vorbeugen will, ernstlich bestrebt bin, Dich zu erhalten. Ich sage Dir's mit vollem Ernst, ich habe furchtbare Angst. Darum schreibe ich Dir. Gestehe mir jetzt, hast Du je schon einen leisen Gedanken an solches Tun gehabt, Dich etwa zum Beispiel mit Deiner Jagdflinte zu erschießen? Schreibe mir das umgehend, damit ich Dir noch vorher die Freundschaft aufsagen kann. Denn dann, wenn ich wüßte, daß es nicht durch die Freundschaft mit mir in Dir gewachsen ist, dann könnte ich allenfalls auf die Pflicht, auch abzufahren, verzichten. Ich habe ja innerlich gar nicht das Gefühl, der »Tod« zu sein. Übrigens, damit ich schnell Deine Antwort auf die letzte Frage habe, will ich für heute schließen. Der Brief soll rasch auf den D-Zug 158, dann antwortest Du mir ebenso rasch. Hast Du schon früher Selbstmordgedanken gehabt, ehe du mich kanntest? Ich lache, ich stelle diese Frage etwa, wie sie Versicherungsgesellschaften tun, damit sie wissen, ob sie einen aufnehmen können oder nicht. Verzeihe also meinen raschen Schluß! Gib mir sofort Antwort, ich bin jetzt, durch meine eigenen Zeilen, aufs höchste gespannt! Es genügt bloß ja oder nein. Dein Dich innig liebender Freund E . . . Rasch auf den Zug!   Antwort: Liebes Schaf! Du nanntest mich Esel, ich versichere Dir kurz und bündig, daß ich noch nie in meinem Leben Selbstmordgedanken hatte, dazu habe ich die Weiber viel zu gern. Rein aus mathematischen Verpflichtungen ihnen gegenüber könnte ich so was nicht tun. Aus Deinem Brief entnehme ich, daß Du Gott sei Dank auch noch nie Selbstmordgedanken hattest und Dich rein das Schicksal mit solch unglücklichen Freunden verkettet hatte. Ich gebe Dir schon heute das Versprechen, daß ich niemals nachdenklich sein werde. Freuet euch des Lebens, jodeldideldom! Doch, daß Du siehst, ich bin Dein würd'ger Freund, lege einen Lorbeerkranz, sei es geistig oder wirklich, auf das Grab von jedem Deiner armen drei Freunde L., B. und M. Eventuell schicke mir die Rechnung darüber zu. Dein treu ergebener Esel.   Lieber Freund! Du hast einen schweren Druck – ja, ich glaube, Du hast ihn von mir genommen. Du gibst mir die tröstliche Antwort, daß ich Deinetwegen keine Angst zu haben brauche. Du bist somit in die »Freundschaftsversicherung« von heute ab aufgenommen. Und da ich ebenso lebensfroh bin wie Du, hoffe ich, daß wir , ich unterstreiche es, Freunde bleiben dürfen und sein werden, bis der natürliche Tod uns begegnet. Die Lorbeerkränze habe ich gekauft, und damit Du erheitert wirst, liegt hier die Rechnung bei. Jeder mit sieben Mark, macht zusammen einundzwanzig Mark. Ich mache das, erstens, damit Du eine Wut kriegst, sie ist nämlich das gesündeste Gegengift gegen Nachdenklichkeit. Zweitens, tust Du's gerne, denn Du wirst dadurch das Andenken an eine schöne Zeit meines Lebens, wie ich es damals mit den dreien lebte, nicht verlieren. Ich meine doch, Du bist gewiß auch der Ansicht, Freunde haben einander alles teilhaftig zu machen. Also zahle ruhig die Rechnung. Sonst hätte ja die Unterschrift Deines Briefes gar keinen Sinn gehabt. Nun, gestern brachte ich den ganzen Tag mit Gräberbesuchen zu, jeder liegt auf einem anderen Kirchhof. Einer sogar im Grunewald. Ich mußte immer Autos nehmen, so kam ich beinahe auf ebendasselbe, was Du auch zahlen mußt. Im Norden liegt mein Freund L., der nie ein Weib berührte. Er versicherte mir dies, und ich glaubte es ihm. Aber wahrscheinlich steckte darin eine Art Krankhaftigkeit, die ihm den Revolver in die Hand gab. Er saß oft auf der Kneipe und machte ein trockenes Gesicht. Er beteiligte sich nicht an den Scherzen der Kneiptafel. Nachträglich kann ich wohl sagen, daß ich mich darüber verwunderte. Aber damals fiel mir es doch nicht so auf, daß ich ihn darüber zur Rede stellte. Weil er von Zeit zu Zeit so tollustige Gazetten verfaßte und sie so ulkig vortrug, dachte ich eher, sein ruhiges Hinhocken beweist eben seinen tiefen Humor. Dieses Humors wegen war er mein besonderer Freund. Aber wahrhaftig, wenn ich's geahnt hätte, warum er so ruhig war, ich hätte ihm meine Alwine auf die Bude geschickt, um ihn gewaltsam zu kurieren von seiner fixen Idee: »er werde bei Vollendung eines bestialischen ersten Versuches ausgelacht«. Bedenke, sich deswegen totschießen?! Notabene! In seinem letzten hinterlassenen Brief steht es schwarz auf weiß drin, und warum sollte das letzte Wort gelogen sein! Oder war dieser letzte hinterlassene Satz bloß wieder sein toller Humor? Hier komme ich zum Stutzen. Wenn es ihn gedrückt hätte, daß er mich, seinen besten Freund, aus unbekannten Gründen damit belog, daß er Weiberfeind sei? Ich hatte ihn nämlich an diesem Tag von fern eingehängt gesehen. Jedenfalls die holde Weiblichkeit war sein Verhängnis. In Lichtenberg liegt der andere. Von ihm weiß ich gar nichts. Er hat keinen Zettel hinterlassen. Ich hatte noch mit ihm die neue Brücke besichtigt, und dabei hatte ich das Wunderbare dieses Baues vor ihm gepriesen. Weiter nichts. Ob er vielleicht nachdenklich wurde, daß er nicht genug arbeitete? Am traurigsten wurde ich im Grunewald gestimmt. Dieser Ort, mitten im Walde! Da wurde M. begraben, zehn Jahre später, als er bei mir bis in die Mitternacht hinein, oft bis morgens um drei Uhr, Violine gespielt hatte. Er war Schweizer und ein Kunstliebhaber. Das siehst Du daran, daß er mir um drei Uhr nachts Geige vorspielte, obgleich ich gänzlich unmusikalisch war. Vielleicht war ich deswegen sein auserlesener Freund, weil ich sein Spiel herrlich fand. Nun kam er gerade in seinem bürgerlichen Berufe prächtig vorwärts, verdiente Geld wie Heu. Am Tage, wo er in den Grunewald hinausfuhr, traf ich ihn noch vor dem Bechsteinsaal – ich kam nur zufällig vorbei – und fragte ihn ganz lustig, weil er den Geigenkasten trug: »Ah, Du gibst wohl jetzt Konzerte?« Da lachte er herzlich und sagte: »So weit bin ich doch noch nicht.« Hatte er vielleicht im stillen den Ehrgeiz, es im Violinspiel so weit zu bringen, daß er öffentlich auftreten konnte? Er schätzte seine Liebhaberei immer höher als seinen Beruf. Er schrieb mir durch die Post: »damals« (er meinte vor zehn Jahren) »war es doch fein.« Ich las die Zeile und hörte ihn den Satz in seinem Schweizerdeutsch reden, da stürzten mir Ströme von Tränen herab. Und auch gestern, wie ich vor den Gräbern stand und jedem Deinen Lorbeerkranz schenkte, vor seinem Grabe mußte ich wieder laut weinen. Er war gewiß der Unglücklichste, weil er äußerlich gar nichts versäumte. Doch innerlich, nach seiner Meinung, versäumte er sein Talent. Da Du jedem von ihnen einen Lorbeerkranz weihtest, so durfte ich Dir ihre Geschichte erzählen. Es verschlüge auch nichts, wenn das Mitleid mit ihnen ein allgemeines würde. So arm wie sie sind viele Menschen. Nun, ich wollte ja auch von Dir Dein Urteil hören, ob ich vielleicht doch mit im Spiele war oder ein Anstoß zu ihren Taten. Es wird Dir auffallen, daß ich jedem von meinen Freunden auf der Straße begegnete. War es vielleicht taktlos, was ich zu dem Geiger sagte? Hätte ich die Brücke nicht rühmen sollen? Hätte ich ihn nicht eingehängt sehen sollen? Innerlich komme ich mir ganz unschuldig vor, aber vielleicht weißt Du mich doch zu rügen, ich wäre Dir dankbar, ich könnte mich mehr in acht nehmen. Denn noch einmal, wenn ich etwas wäre wie der Tod! –? Wenn Du mich ganz frei weißt von Schuld, so will ich Dir endgültig glauben und ganz getrost weiter leben und mir das ewige Bangen vor einem Wahngedanken, ich könnte etwas sein wie der »Tod«, gänzlich – total – aus dem Kopf schlagen. Für diesmal sei es genug, von den Alltäglichkeiten um mich erfährst Du schon morgen. Dein Dich treu liebender Freund E . . .   Antwort: Lieber Freund! Du bist ganz frei von Schuld. Ganz seltsam ist die Geschichte Deines Freundes von der Kneipe. Dieses Ausgelachtwerden ist mir nämlich einmal passiert. Nun könnte es doch sein, daß Du ihm unrecht tust, wenn Du den hinterlassenen Zeilen nicht vollen Glauben schenkst. Aber daß ich Dir's gleich schreibe, meine Freude am Leben ist doch nicht so groß, wie ich Dir gegenüber vorgab. Ich schrieb letzthin im Galgenhumor, bloß damit Du nicht trübsinnig würdest, damit ich nicht Schuld an Dir kriegte. Ich merke, Du bist übel daran, mit Deiner Angst. Es sind jetzt acht Tage, daß es mir passiert ist, da sah ich sie mit einem andern. Ich war so helle und schnelle und suchte mir eine andere, aber es verläßt mich der schleichende Grimm doch nicht so recht. Nicht, daß Du nun denkst, »da, es ist, seit er mein Freund ist«, es kann ja unmöglich zusammenhängen, weil ich hier bin und Du dort. Es ist eben scheußlich, daß es Eifersucht gibt und solche Sachen. Das müßte einem ganz Wurst sein. Lebe wohl!               Dein treuer Freund H . . . Anliegend 21 Mark. Telegramm: Kopf hoch! beim Teufel! Esel, Schaf, Ochse!!   Antwort: »Unser heißgeliebter . . . plötzlich verschieden.« Als E. den schwarzen Druck gelesen hatte, trat er unwillkürlich vor den Spiegel und besah sich, ob er der »Tod« wäre. Er fand nichts und doch kannte er sein Gesicht nicht recht, das ihm aus dem Facetteglas entgegen sah. Ueber dem Spiegel kreuzten sich zwei Flinten. Diese waren so auffällig deutlich, daß neben ihnen alles zurücktrat. Er wollte sie erlangen, aber er vermochte seine Arme nicht hochzurecken. Er war gelähmt. »Mehr, mehr!« Zwei Brüder, Fettle und Jäckle, hatten eine Katze und einen Vater. Alles übrige war ihnen Wurst. Den Vater konnten sie nicht ignorieren, weil er beiden die Arschprügel verabsolvierte. Die Katze – es war ein junges Frühlingswetter, die Schneeglöckchen blühten zum erstenmal – lag wohlig gesonnt im Gartenweg vor einer Hecke, weiß und grau mit Rosalippe. Die zwei Brüder spielten um einen Baum herum »Specht« mit zwei handfesten, gespitzten Prügeln. Sie warfen sie kreuzweise mit den Spitzen in die Erde. Wer des anderen Prügel dabei umwarf, durfte ihn zum Teufel schmeißen. Fettle war zwei Jahre älter und hatte den dickeren Prügel. Jäckles Prügel fiel darum ständig um und wurde von Fettle zum Teufel geschmissen. Jäckle konnte nicht genug hetzen und rennen nach seinem fortgeworfenen Specht. Dabei zerkratzte er die kleinen Hände, wenn er den Prügel aus der Hecke herauszog. In der Hecke, da wohnte der Teufel, ganz nahe bei der Katze. Jäckle blieb geduldig und ließ sich's nicht verdrießen, immer wieder den Prügel aus der Hecke zu ziehen. Sagte er einmal: »Werf ihn doch nicht bloß immer in die Hecke!«, Fettle konnte ihn nicht zum Teufel schmeißen, als in die Hecke. Jedesmal, wenn der Prügel einschlug, hob die Katze erschreckt den Kopf, legte ihn dann wieder hinab, wenn die Gefahr vorbei war. Im Genuß des Sonnenscheins konnte sie bloß so lange behaglich aus den Augen blinzeln, als der Prügel nicht gesaust kam. Das Plätzchen, wo sie in der Frühlingswärme lag, war so auserkoren sonnig, daß sie trotz der fortwährenden Beunruhigung zu träge blieb, wo anders hinzugehen. Um so hartnäckiger bestand Fettle darauf, die Katze zu treffen, damit sie aufstehen mußte. Jäckle schien allmählich die Absicht zu erraten, warum der Bruder immer nach der Hecke warf. Er lief nicht mehr hinaus, sondern zeigte seine zerkratzten Hände. »Nur noch einmal!« Jäckle gab um des Friedens willen das einemal noch zu und setzte seinen Specht. Fettle hatte ihn bald aus dem Boden und schleuderte ihn wohlgezielt, die Katze mußte er treffen, das letztemal hinaus. Und er traf. Die Katze schrie auf und verschwand blitzend im Dickicht der Hecke. »Warte nur!« Jäckle ging mit vorwurfsvollem Blick zur Hecke hin und Fettle bohrte seine Hände in die Hosentaschen, nachdem er seinen Specht auf den glatt getretenen, den nackt gespießten Rasen unter dem Baume hatte hinfallen lassen. Mit befriedigter Gier, aber hämmerndem Herzen, lief er von dannen. Auf der Miste, hart an Nachbars Zaun, blieb er stehen, um abzuwarten, ob die Katze hin war oder nicht. Von dem erhöhten Standort aus konnte er schnell vollends zum Nachbar hinübersetzen, wenn es die Flucht galt. Er sah von weitem zu, wie Jäckle in die Hecke wühlte, um die »arme« Katze herauszuziehen. Zwischen den beiden Brüdern erschien der Vater aus dem Hause mit dem schneeweißen Kopfhaar. Es war Gott aufgefallen, daß die Spechtelei plötzlich aufhörte. Jäckles Blicke schwammen sanft zum Vater hinüber, voll Mitleid um die arme Katze, die jetzt Arschprügel wert wäre. Fettles Hosen dagegen gaben ihm ein stechendes Gefühl in den Schenkeln, als müßte er sie naß machen. Zum Glück erschien die Katze mit den Rosalippen lebendig aus der Hecke, von Jäckle zärtlich an den Mund gedrückt. Der Vater war kurzsichtig und Gott wollte diesmal seine zarte Kopfhaut unter den schneeweißen Haaren nicht zornrot schwellen. Da es bloß ein Katzenfell zu betreffen schien, schloß sich das Ausfallstor des Himmels, die Haustür, wieder. Aber drüben beim Nachbar brach zugleich ein schwarzer Geist zwischen den Ästen der Bäume durch und fiel als plumper Körper zur Erde. Das schwarze Vieh schien dem nahestehenden Fettle, der soeben die Katze gequält hatte, wie ein Sendbote der Hölle. Er erschrak jäh, wie es flatterte, das Maul aufriß, riesengroß, und krächzte. Wie sein sündenbeladenes Gewissen zuerst Furcht vor dem schwarzen Geist empfand, so sah es ihn, nachdem die Himmelstür wieder zugefallen war, allmählich als deutlichen Schreiheld und Raben an. Ein Rabe! Es war doch kein Spuk! Ein wirklicher Rabe konnte beim Nachbar erbeutet werden. Fettle kletterte über den Zaun und bald hinter ihm Jäckle, der seine Katze aus den Retterarmen hinabrutschen ließ. Wer packte ihn zuerst an? Wer wagte es, das Vieh mit den runden Stielaugen und dem weitaufgerissenen Krächzschnabel, mit den gesträubten Kopffedern, mit den schlagenden Flügeln anzurühren? Beide standen ratlos davor. Fettle fühlte immer noch eine gewisse übersinnliche Erscheinung in dem Raben, und für Jäckle war, so geschwind in die Nähe gerückt, ein Rabe, ein lieber Rabe, doch ein exotisch fremder Vogel. Zwischen den Zaunlatten streckte die Katze den Kopf hindurch, kroch auch zum Nachbar herein, schritt auf den Schreier zu, strich dann aber ab, in einem Bogen um ihn herum. Es war klar, hier war den Brüdern etwas geboren, das ihnen nie mehr Wurst wurde. Die Reihenfolge war jetzt: »Rabe, Vater, Katze.« Mit den Füßen zum Hüpfen veranlassend, deichselten sie das Vieh schließlich auf das eigene Grundstück, indem sie es zwischen den Zaunlatten hindurchzwängten. Der Rabe schrie und krächzte aus vollem Halse, immer weiter, bis sich der Himmel auftat und Gott Vater zu ihm herauskam. »Oh, oh, was willst du hier?« sprach dieser zu dem Schreier. »Ich habe entsetzlich Hunger,« lärmte der Rabe. »Da kann man ja abhelfen.« Fettle und Jäckle gerieten in höchste Ekstase, sie zerwühlten den Grasboden und zogen mit den Fingern Würmer, so viele es nur gab, aus der Erde. Und ihr erfahrener, weiser, guter Vater stopfte sie dem Tier in den Schlund. So war es gut. »Mehr, mehr!« »Warum schreit er denn immer weiter?« frugen sich die Brüder. »Mehr, mehr! Versteht ihr denn nicht?« Der Vater konnte rabisch, großartig. Die Brüder wühlten nach Würmern und der Rabe schrie immer weiter: »Mehr, mehr!« Der Rabe fraß wie ein Scheunendrescher. Damit war er eingeführt, und es schien ihm recht, der Rabe erklärte: »Hier bleibe ich.« Er hüpfte in den Himmel hinein, die Treppen hinauf, bis oben hinauf in die Bodenkammer. Dort richtete er sich seine Klause ein. Ab und zu krächzte er zum Dachladen hinaus: »Mehr, mehr!« Dann stiegen die Brüder, auch der Vater mit ihnen, hinauf und stopften ihn voll. Bald hatte er sich so weit erholt, daß er vom Dachladen aus in den Garten herabflog. Wenn er dann »Mehr!« schrie, brauchte man nicht mehr Treppen hinaufzusteigen. Die Katze führte in der Zeit ein recht verlassenes Dasein. Sie schien vor Gram blind zu werden. Es war eigentümlich, seit der Rabe da war, bemerkte man, daß die Katze alt wurde. Wenn sie auf den Hocker, wo sie immer früher gesessen hatte, hinaufspringen wollte, hopste sie, fast regelmäßig, daneben. Fettle konnte die Katze, weil sie oft so hilflos täppisch war, nun vollends nicht mehr ausstehen. Da ging das Gerede: »Wenn eine Katze aus der Höhe zu Boden fällt, so fällt sie stets auf die Füße.« Die Katze kniete eines Tages draußen vor dem Fenster auf dem schmalen Fenstersims, bei offenem Fensterflügel. Dies sah zufällig Fettle. Er ging hin, schloß das Fenster und die Katze stürzte, obwohl sie sich anklammern wollte, in die Tiefe. Wieder hämmerte Fettles Herz. Mit Scheu sah er hinab, er traute sich kaum, die tote Katze anzusehen. Aber wirklich, die Katze war auf die Füße gefallen und lebte. Der Rabe machte sogleich von hinten einen Angriff auf sie, die sich langsam hinschleppte. Jäckle lachte wohl über den Raben, er fand sich aber noch einmal zu der alten Katze hin und riß sie an sich, aus Erbarmen. Fettle aber und der Rabe, die fühlten gleich. Der Rabe bekam zur Belohnung dafür, daß er die Katze, die auf die Füße gefallen war, noch obendrein in das Fell pickte, einen dicken Wurm. Es kam vor Gott, und Fettle empfing Arschprügel. Der Rabe hockte sich tröstend auf den Rand des Regenfasses, in welches Fettle hineinheulte, und raunte ihm zu: »Die Katze wollen wir schon hinmachen.« Fortan war Verschwörung gegen die Katze, obgleich sie keine Schuld hatte als die, alt zu werden. Für den Raben bot sich zur Katzenplage eine feine Gelegenheit. Obgleich das Gartenland groß war, lieferte es nicht genug Würmer für den Raben, und man begann, ihm zugleich mit der Katze die Abfälle der Mahlzeit zu kredenzen. Gewöhnlich wurde die weite niedere Schüssel vors Haus gestellt, und wie Katze oder Rabe dazu kamen, so hielten sie eben Tisch. Das schwarze Federvieh sah stets gemütvoll zu, wie die Katze zur Schüssel lief. Sobald sie aber einen Bissen genommen hatte, hüpfte er, Hans Stelzbein, hin und pickte sie in den Schwanz. Dann, wenn sie noch nicht wegging, kriegte sie einen Hieb auf den Kopf. Ging sie dann, genügend belehrt, so drückte er sich den gesamten Inhalt der Schüssel in den Hals, hüpfte damit weg und versteckte, indem er es wieder hervorquorkste, das Mittagessen in Löchern im Grasboden, die er sorgsam mit Blättern zudeckte. Er wollte eben alles für sich. Jäckle dachte manchmal und sprach es: »Wer alles will für sich allein, wird in der Not verlassen sein.« Aber wie würde über ihn Not kommen können, dachte der Rabe, denn er war der Liebling beim Vater im Himmel und kriegte alles. Ging er hie und da durch, im Wahn, draußen noch Besseres zu finden, so kam er gewiß wieder, wenn er das weiße Haupt Gottes von weitem nur leuchten sah. Fettle billigte des Raben Handlungsweise an der Katze vollständig, begriff aber dennoch schlecht, daß sein Schildbürger zuweilen untreu wurde und entfloh. Dabei hatte er doch ein wahrhaftiges Herrenleben. Sogar wenn der Vater seine beiden Söhne zu ernstem Unterricht in den Grammatiken der alten Sprachen versammelte, durfte der Rabe auf dem grünen Tisch sitzen und erntete nur heiteres Lob, wenn er mitten in die Regel ins Buch schiß oder dem Vater seinen goldenen Ehering anpickte. Immer durfte er seine Hanswurstiaden aufspielen. Wenn der Vater durch den Garten schritt, den langen Flaus mit hinten nachschleifender Troddel, so wollte er sich daranhängen, und mit Wohlgefallen und Entzücken gewährte man es ihm. Aber so war er, oft mitten im Scherz fiel es ihm ein, auszubrennen und auf die hohe Pappel am See zu fliegen. Bestimmt war er jedoch anwesend, wenn er die Katze plagen sollte. Das fand Fettle als seinen schönsten und teuersten Zug. Wenn der Rabe von hinten heranhüpfte und die Katze pickte, so wünschte er nur immer, daß sein scharfer langer Schnabel eines Tages wie ein Dolch in das Herz der Katze stieße, damit er endlich das Vieh mit dem weiß und grauen Fell nicht mehr sehen müßte. Worauf sein Haß gegen die Katze eigentlich beruhte, konnte Fettle nicht aussprechen. Er konnte sie eben nicht leiden. Vielleicht verhinderte die Katze sein Interesse an der Weiblichkeit des Hauses, insofern, als sich die ganze weibliche Liebe auf die Katze richtete. Doch leider bis zum Herzstoß oder zum Stoß in der Katze ihre Augen kam es nie. Auch verreckte die Katze nicht von selbst. Wenn einmal an einem Tag die Katze nicht zu Tisch kommen wollte, so schleifte sie Fettle herbei, damit sie nicht »zu kurz« kam. Jäckle schnitt es oft wehmütig in die Seele, daß der Rabe, den er um seiner Scherze willen auch so heiß liebte, die unschuldige, taube, halbblinde, alte Katze so plagte. Er wartete schon immer auf dem Regenfaß, dessen offenes Wasser er gewandt überhüpfte, bis die Katze herbeigeschleift war. So stürzte er sich eines Tages mit ausgebreiteten Flügeln herab und flog scharf auf die Katze los. Es war ein bulgarischer Angriff. Er riß der Katze ein gutes Stück Fell aus, so daß sie gequält aufschrie und flüchtete. Wie Fettles Herz ob dieser Grausamkeit stärker klopfte, so trug Jäckle das Stück Katzenfell vor den Vater. Dieser kam heraus und kümmerte sich um die Sache. »Wie steht es?« sah er den Raben an. Der Rabe schrie »Mehr, mehr!« und quorkste das ganze Mittagessen in den Kropf. So sah man klar, daß neben diesem Egoisten die Katze unmöglich wurde. Fettle befehlen, die Katze dem Raben nicht mehr zuzutragen, wäre wenig pädagogisch gewesen. Dieses Gebot hätte er zu leicht übertreten. Was blieb übrig? Die Katze aus der Welt zu schaffen, wurde beschlossen. Wo war ein Scharfrichter? Der Vater ermittelte ihn im Müller. Draußen auf der Wiese, eine Viertelstunde weit, klapperte seine Mühle. Fettle erbot sich, die Katze dem Müller hinzuschaffen. Alles Weibliche im Hause weinte, wie die Katze so geduldig und still in den offenen Korb hineinsaß, in welchem sie Fettle zum Müller trug. Nur Fettles Herz wallte in höchster Erwartung, wie die Katze sterben würde. Aber ganz allein behagte ihm der letzte Gang mit der Katze auch nicht. Jäckle, kein Arg im Herzen, mehr beigegeben als Vollstreckungszeuge, begleitete seine arme Katze. Der Rabe hockte sich auf den Gartenzaun und schaute beiden nach, wie sie die Katze wegtrugen, in seinem Bauche verdaute er »Mehr, mehr.« »Guten Tag, Buben.« »Guten Tag, Herr Müller.« Weiter keinen Umstand, nahm der Müller die weiß und graue Katze, packte sie an den Hinterbeinen, diese zusammenpressend. Als sie sich zurückbäumen wollte und um sein Handgelenk surren, trat er ihr mit dem rechten Fuß schnell auf den Kopf und streckte die Katze mit angestrengter Kraft auf die doppelte Länge. Fettle hörte das Krachen der Kreuzknochen und Jäckle zitterte seine Seele. Beide scheuten vor dem Müller. Ohne sich weiter um der Katze gehabte Not aufzuregen, rannte der Müller mit der Katze dem Mühlrad zu und warf sie hinein. Fettle rannte mit und hörte die Wasser stürzen und tosen. Es klapperte die Mühle. Sie mahlte, das Rad die Katze und der Mahlgang das Mehl für das ganze Dorf. Jäckle sah seinen Bruder bang an, wie er ins Rad nachschauen konnte. Miteinander schritten sie schweigend beide dem Hause zu. Der Rabe brüllte ihnen entgegen: »Mehr, mehr!« Das erstemal überhörte man ihn. Es kamen ein paar schweigsame Tage zwischen den beiden Brüdern. Wenn der Rabe brüllte, so mußte sich der Vater um ihn kümmern. Doch mit der Zeit heilte die Wunde in den Knabenherzen und der Rabe trieb wieder seine alte Lust. Mit recht tollen Narrheiten vertrieb er schnell die letzte dunkle Wolke aus den Brüdern. Und je mehr der Katzenmord vergessen wurde, desto innig lieber wurde man wieder dem Raben, der doch als liebendes Tier im Hause geblieben war. »Mehr, mehr!« schrie er, und man beachtete es bald wieder allgemein, namentlich weil er sein »Mehr, mehr«jetzt noch viel aufdringlicher krächzte als früher. Nach jedem Mittagessen erhielt er seinen Fraß, ganz für sich allein. Es schien ihm recht zu behagen, ohne die Katze, denn er flüchtete seltener oder gar nicht mehr. Solange die Katze dagewesen war, wartete er in aller Geduld auf seinen Fraß. Jetzt aber, als er allein war, erwartete er ihn mit größerer Unruhe. Fast regelmäßig erhob er jetzt, als seine Fütterung herankam, ein lärmendes Geschrei: »Mehr, mehr!« Seine Ungeduld wuchs täglich. Offenbar, weil die Katze nicht mehr da war, fürchtete er, man könnte ihn vergessen. Die Katze hielt er also doch für so hoch bewertet, daß er sicher war, um ihretwillen nie vergessen zu werden. Das war das einzige, weswegen er die Katze vermißte. Aber diesen Fehler konnte er durch immer aufdringlicheres Geschrei ersetzen. So trieb er es in seiner Ungeduld so weit, daß er schon »Mehr, mehr, mehr!« krächzte unaufhörlich, als man drinnen erst die Mahlzeit begann und noch gar kein Drandenken an ihn sein konnte, da er den Überrest bekam. »Er soll warten,« meinte der Vater. Und Jäckle erinnerte sich der Katze, wie der Rabe ihr immer alles weggefressen hatte, jetzt sollte er nur ein wenig zappeln, bis er etwas bekam. Und er sprach weise: »Wer alles will für sich allein, wird in der Not verlassen sein.« »Verlassen sein«, warum soll ein Rabe verlassen sein, dachte Fettle und brachte seinem Schreihals einen Beruhigungsbissen voraus hinaus. »Dann aber schweig!« sagte er zum Raben. Der Rabe empfing diese Vorkost mit höchlicher Dankesfreude, er flog rasch mit dem Bissen auf das Regenfaß, wo er geduldig zu warten früher gewohnt gewesen war. Er schwieg wirklich. Mit dem Bissen beschäftigte er sich auf der scharfen Reifenkante des Fasses. Es war ihm das Fressen über dem Wasserspiegel ein ganz neuer, köstlicher Genuß. Fettle war satt und dachte kaum mehr an den Raben. Wenn er dann wieder schrie, wollte er zu ihm hinausgehen. Aber es blieb still. Wollte er gar nicht »mehr«? Man mußte einmal nachgucken. Die beiden waren gespannt, wie er sich heute benahm, wo die Unregelmäßigkeit der Vorfütterung gewesen war. Wie erstaunten sie, als kein Rabe zu sehen war. Nirgends. Er war wohl ausgerissen. Oder war er versteckt? Sie suchten überall. Sie riefen ihn beim Namen: »Hänsel, Hänsel!« Es war nutzlos. Der Vater mußte im Garten recht auffällig promenieren, um den Raben durch das Mittel seines weißen Haupthaares zur Umkehr zu bewegen. Es war nutzlos. So war er wohl endgültig ausgerissen. Aha! Man wollte es klug wissen. Der Schlaumeier hatte deswegen sein Essen früher wollen? Aber nein. Als Jäckle zufällig am Regenfaß vorbeirannte, kam ihm der Wasserspiegel so seltsam ins Gesicht. Er sah näher hin und erblaßte jäh. Im Faß schwamm der Rabe, tot, mit ausgebreiteten Flügeln. »Fettle! Fettle! Vater Vater! Alle! Alle!« Alles kam herbei und sah den lieben Raben schwimmen. Ein herzzerreißendes Klagen und Weinen hob an. Fettle, der gegen die Katze solch ein hartes, tränenloses Folterherz gehabt hatte, er mußte viele, viele Tränen weinen. Beide Brüder verwünschten ihr Mittagessen. Wären sie nur beim Raben geblieben, dann wäre er nicht ertrunken! Wie konnte er aber nur ertrinken? Auf dem Fasse hockte er ja immer und hüpfte sogar mit Vorliebe von Rand zu Rand. Freilich hatte er dort gesessen, aber nie hatte er dort gefressen! Wer wollte das wissen? Der Vater, der alles auf der Erde wußte, sprach es. Jäckle staunte ihm wie Gott selber träumend mit nassen Augen ins Gesicht. »Wahrscheinlich, wenn der Rabe der Katze etwas gegönnt hatte, wäre er nicht ertrunken!« Fettle starrte auf den toten Raben, es gab ihm beim Schluchzen heftige Stöße. – Warum? Wenn die Katze noch da wäre, wärest du wirklich nicht ertrunken? – Oh! Jäckle wollte es einleuchten, wie es zusammenhing. Früher hatte der Rabe immer geduldig gewartet. Ja, ja, er war verlassen und in Not gekommen, ohne die Katze. Niemand war bei ihm, als er im Fasse zappelte. Was hatte er von dem Bissen, der seinen heißen Magen beruhigte! Ja, du Fettle! Dein Rabe! So fühlte Fettle die Blicke auf sich gerichtet. Daß er beim Fressen starb und gerade Fettle dazu mitgeholfen hatte, schien so schicksalsgewollt. Es war wie ein leises Bedenken bei allem Weinen und Schluchzen um den Liebling. Fettle rannte herum, ballte die Fäuste vor Wut. Er hätte der Katze einen noch viel grauenvolleren Tod gewünscht. Dann rannte er wieder an das schreckensvolle Wasserfaß. War denn der Rabe wirklich tot? Wahr, er war tot, er blieb tot, und es mußte sein, um der Katze und Fettles willen. Mit Grausen mußte er sehen, daß auch der Geliebte wie jene im Wasser lag. Wie die Katze damals in des Mühlbachs Tiefen verschwand, wie der Rabe mit seinen schwarzen Flügeln auf dem Wasser ruhte, wie prägte es sich ihm ein! Und nicht einmal anzurühren wagte er den Raben. Nur der Vater, der mit seinem weißen Haupte eine Zaubergewalt über den Raben ausgeübt hatte, offenbar weil er ihn damals, als er abgehungert vor die Himmelstür gekommen war, zuerst geätzt hatte, der Vater legte auch die letzte Hand an ihn. Er grub das Grab, hob den Raben aus dem Wasser und legte ihn hinein. Fettle konnte dabei nichts mehr tun als bloß tief und erschüttert aufschluchzen. Jäckle half seinem Fettle gern bei seinem erschütternden Weinen am Grabe des Lieblings. Hippodrom. Hippodrom ist eine Reitschule. Zusammengesetzt aus hippos = Pferd und Dromedar = Kamel. Hippodrom ist eine Dame. Pferdekamel oder Reitschule? Sie wohnt im Boarding-House. Seht, wie unglücklich sie in den Räumen ihres Appartements umhergeht. Sie strauchelt am Smyrna, sie will Luft holen und kriegt sie nicht. Zwei Kisten fetter Speck liegen auf ihren Brüsten. Ihr Teint ist allein brauchbar, alles andere ist gleich wie bei der Base, beim Nilpferd. Das Rennen ist abgesagt. Heute ist Empfang eines anderen Herrn. Der Liftboy hat ihn bereits im Käfig und Hippodrom ist sehr erregt, denn sie fühlt »nur noch wenige Stunden Leben«. Der Besuch ist höchst notwendig. Sie geht ihm entgegen. Natürlich ist es ein Herr, der mit geschäftskundiger Evolvente Hippodrom am Arme führt. Sie ist sehr schüchtern und war schon gewohnt gewesen, es nicht mehr zu sein. Drum war es auch ein Arzt. Nur sein sachverständiger Blick vermochte ihr Verlegenheit zu bereiten. Und sie standen nach einer halben Minute bereits im Boudoir, eben in dem Raum, wo Damen tun, was sie belieben, wenn sie allein sind oder mit dem Geliebten. Natürlich wäre es im Interesse einer genauen Feststellung besser, wenn sich Hippodrom keinen Zwang antun würde und sich allen Zwangs entledigen würde. »Gelt, es ist besser.« Der Arzt äußert es geniert in der muckenfrechsten Absicht. Er will nämlich keine Dame beleidigen und auf Bestimmtes verzichten. »Wissen Sie, für Nüsse in der Schale habe ich keine Prädilektion,« meinte er. Hippodrom, man hat sie noch nirgends gemalt gesehen, weil die Maler »Stümper« sind, nach ihrer Ansicht, steht bald in delikaten Konturen. Der Arzt naht den Tastsinn auf den Fingerballen und stellt fest: »nur noch wenige Stunden Leben«, wenn hier nicht sofort per Rohrpost eingegriffen wird. – Eine Firma, welche sich mit der Entfettung der gesamten Menschheit beschäftigt, ist wie gepfiffen zur Hand. Noch am Abend wird eine Bestellung auf siebenunddreißig Brunnen ausgeführt. Noch vor zehn Uhr abends sind sie bereits malerisch im Kreise aufgestellt. Hippodrom hatte sich vorgestellt, Brunnen seien Pumpmaschinen, nun waren die Brunnen winzige Pulverchen. Sie waren alle umfangreich etikettiert und verkapselt. Da war der erste Brunnen, welchen Hippodrom enthüllte, bestimmt »zur Entfettung des Magens«. Herzverfettung hatte der Arzt gesagt. Sie verzweifelte und enthüllte die Brunnen rasch nacheinander, keiner für das Herz. Schweißperlen rollten das Euphrattal hinab. Wo war der Brunnen für das Herz? Sie platzte vor Atemnot beinahe wie ein überheizter Ofen. Sie ordnete zornentbrannt an, daß alle die schwindelhaften Brunnen das Lokal zu verlassen hatten, sie öffnete das Fenster und wollte »die Brunnen« hinausfracken. Als ihr die Nachtluft oben hineinschlüpfte, hatte sie das Gefühl wie bei einem Vorzünder. Es explodierte etwas in ihr, worauf ihr Herz plötzlich eine rasselnde Tätigkeit aufnahm. Draußen war es Nacht, die Baumallee mit den Straßenlaternen; wenn sie hereinblickte, glotzte sie Brunnen an, nichts als Brunnen. Der Arzt hatte gesagt: »Nur noch wenige Stunden Leben.« Wenn das Rasseln ihres Herzens das Ende war, im Geiste gab sie schon den Geist auf. In der Verzweiflung nahm sie den nächsten besten Brunnen. Das heißt, sie verläpperte eine Tablette mit einem Glase Wasser und trank es hinab. Aha! Das entfettete. Zunächst freilich mußte sie nach Luft ringen, aber nach einer Weile wartete sie auf die Fettschmelze wie auf den schmelzenden Schnee. Der Trunk schuf ihr spürbares Behagen. Sie schickte sich an, die Brunnenreklamen einmal nacheinander zu studieren. Das gab eine neue Überraschung. Einen direkten Herzbrunnen schien es nicht zu geben. Ein Brunnen schrie: »Darmkatarrh«. Einer »Verstopfung«. Ein dritter, vierter: »Blutandrang im Unterleib«, »Leberschwellung«. »Gicht«, »Rheumatismus« und »Frauenleiden«. Ob sie die Krankheiten alle hatte? Frauenleiden, ja, die hatte sie, sie fühlte sich so grenzenlos unglücklich. Und nach Befragen vom Konservationslexikon mußte sie entdecken, daß sie tatsächlich mit allen den Brunnenleiden behaftet war. Sie ordnete sorgfältig auch alle übrigen Brunnen dem Alphabet nach und entwarf sich einen sorgfältigen Angriffsplan auf ihr Körperfett. Sie war mit zwanzig Jahren so ein schlankes Füllen gewesen. Wie sie sich nun umsah und die Brunnen sie anlachten und ihr zunickten, träumte sie sich ihre Wohlgestalt aus, die sie zurückerlangen würde. Sie wollte sich durch sinnvollen Gebrauch so gestalten, daß nur auf besonderen Teilen noch einiger Nachdruck blieb. Jetzt bin ich so. So war ich. So werde ich mich bringen. Sie nahm einen Bleistift zur Hand und zeichnete diese drei Figuren unter Benutzung des Spiegels und alter Photographien auf ein Blatt Papier. Auf dies Blatt Papier legte sie einen schwörenden Finger. Die Brunnen der ganzen Welt sollten versiegen, wenn es ihr nicht gelang. Der Arzt hatte ihr genaue Vorschriften über die Mahlzeiten noch dazu gegeben. Der Brunnen für Verstopfung wurde zuerst angewendet. In der Hinsicht mußte einmal Bahn gebrochen werden. Zehn Tabletten für heute nacht waren nicht zu viel. Wie wollte sie die Welt überraschen! Ihre Freunde, die sie schon mehr roh behandelten, sollten einmal kuschen. Ein neues Leben wollte sie erbauen. Darum vor allem das Schild am Entree herabgerissen! Morgen wurde das durch ein Pseudonym ersetzt. Die Boarding-House-Leitung wurde verständigt, daß Hippodrom ausgezogen sei und hier eine Kleopatra wohne. Der Entwurf war vorzüglich, die Durchführung geschah mit äußerster Energie. In der ersten Nacht wurde ihre Nachtruhe recht häufig gestört. Aber es verdroß sie nicht. Nur so war das Ziel erreichbar. Ihre Zeichnung heftete sie mit Reißzwecken neben den Spiegel, um das Ideal nicht aus den Augen zu verlieren. Nach vier Wochen! Wenn sie ihre Freunde je zu Gesicht gekriegt hätten! Wie hätten sie gestaunt! Kein Gletscher schmilzt so rasch. Hippodrom konnte bereits wieder zwischen die Stützen der Salonsessel sitzen. Sie vermochte, Seil zu hopfen. Als Schulmädchen war sie Seil gehopft! Und wie! Diesen Sport vermochte sie wieder aufzunehmen. Im Boarding-House begann eine Turnerei, daß jedermann zu erraten glaubte, warum die Dame »Hippodrom« genannt wurde. Sie war vom Zirkus und ihrer Dimensionen wegen wahrscheinlich entlassen worden. Kleopatra-Hippodrom war aufs höchste befriedigt. Ihr Arzt begann sie schon weniger aus den Augen zu verlieren, es eröffneten sich Perspektiven, denn er war Junggeselle. Sein Entfettungsobjekt machte den Eindruck großer Fähigkeit zu vollendeter Schönheit. Nach sechs Wochen prüfte Hippodrom doch einmal ihre Umrisse, ob sie eigentlich mit einigem Glück ihrem Ideal zustrebte. Mit Skepsis bemerkte sie, daß gerade dasjenige, was am unnötigsten war und unschönsten, am wenigsten abschmolz, eine gewisse vordere verschwartete Lagerung, wo hingegen die hintere zu sehr in Abnahme geriet. Wohl oder übel mußte ihr neuer enger Freund, der Arzt, konsultiert werden. Er kam. »So, so. Ja, ja. Das wollen wir so machen. –« Der Inhaber einer Brunnenfirma überzeugte sich auch selber von der windschiefen Bahn, auf die man bei Verfolgung des Fetts gekommen war. Es galt, einen Brunnen zu finden, der bei Schonung aller anderen Körperteile nur die vorderen Lagerungen entfernte. Aber, o Jammer, es entstand eine überlappte Hängung, daß Hippodrom wünschte: dann lieber wieder fett! Der Arzt kam und wischte die Nase. Was tun? Messer! Wegschneiden! »Geht das?« Hippodrom zitterte um ihr Leben, sie hielt den Freund für einen Schurken, der sie nur zu Studienzwecken à la Clinique mißbrauchte. Sie glaubte ihm nicht mehr. Eines Tages, noch vor Abschluß der Kur, rannte sie stürmisch ans dem Hause, sie wurde gesehen und eine Hetzjagd mit Auto begann nach ihr, die sich unter dem Pseudonym bisher verborgen hatte. In der medizinischen Klinik verlor man ihre Spur. Mau schüttelte die Köpfe. »Hippodrom alias Kleopatra war übergeschnappt.« Wenn nicht, so wußten die Freunde wenigstens, daß ihr Hippodrom noch existierte. Die strategisch wichtigsten Appartements im Boarding-House wurden gemietet, Hippodrom bei Gelegenheit gemeinsam abzufangen. In der Klinik, der Geheimrat meinte: »Wegschneiden.« »Ohne Lebensgefahr?« wimmerte Hippodrom. Am nächsten Tag lag ihr Bauch auf der Freibank. Beinah. Hippodrom, nein Kleopatra, kam nach Wochen ins Boarding-House zurück, mit einer breiten Naht über die Gefilde. Aber sie war brillant schlank. Die Freunde monokelten! »Kaum zu glauben!« Sie wetteten, wer zuerst in die renovierte Burg Bresche schießen würde. Dem Frechsten gelangs. Kleopatra schwor, nicht Hippodrom zu sein. Aber man glaubte ihr nicht. Sie trug einen Schleier über der Naht. Wenn den einer lüften würde, den würde sie zum Fenster hinauswerfen. Es wagte keiner, denn sie fauchte dann furchtbar. Ihre Schönheit hatte sie gerettet, aber von den alten Affen kam sie nicht los. Hippodrom wurde melancholisch. Sie bemühte sich mit ihren Reizen nach neuen, solideren Männern. Warum gelang es ihr nicht? Wenn sie tatsächlich auszog? Es ging nicht weg von ihr. Wer war sie? Warum blieb sie Hippodrom? Der Hundsbiß. Die neueste Kolonie in der Umgegend von Berlin heißt »Imwalde«. Der Name wird noch vom Landrat geprüft, aber es ist kein Zweifel, daß auch dieses . . walde genehmigt werden wird. Es ist kein Spekulationsterrain, denn man spekuliert hier nur auf die Einsamkeit. Durch beinahe undurchdringlichen Wald gelangt man dahin. Der Weg ist gerade so breit, daß ein Jagdwagen hindurch kann. Die Insassen müssen sich nur hie und da unter den Ästen ducken, damit sie nicht nacheinander wie Absalom an den Bäumen hängen. Der Wald lichtet sich plötzlich in eine freie, ausgeholzte Bodenkultur. Unter dem Waldesdickicht ist man wie durch unterirdische Höhlen hier herausgeschlüpft. Man dünkt sich mitten in China. Ein gelbes Gärtnereigebäude erhebt sich aus einer neun Morgen großen Umzäunung. Und dieses Gebäude ziert ein Turm ganz chinesischen Stils. Innerhalb des Zaunes ist der Boden klarer Sandboden, eine Bepflanzung ist von weitem schwach erkennbar. Außerhalb wieder der gleiche eintönige Kiefernwald, undurchdringlich wie der, welchen man hinter sich hat. Doch ist vom Koloniekopf aus, welchen die Gärtnerei darstellt, wenigstens eine breite Gasse geradeaus mitten durch die zukünftige Kolonie ausrasiert. In dieser Straße sieht das Auge in der Ferne noch ein weißes niedriges Stallgebäude. Damit ist aber »Imwalde« dann erledigt. Das ganze andere ist noch Kiefernwald. Der Interessent kehrt trotzdem nicht gleich wieder um, sondern er schreitet auf den chinesischen Turm zu, die Hoffnung im Herzen, seine Zukunft wenigstens auf einen Plan gezeichnet beginnen zu können. Da ändert sich das Bild mit einem Schlage. Der Interessent wird sofort zum willkommenen Freund und selbstverständlichen Käufer. Die ganze Kolonie »Imwalde« ist fröhlich im Hause beieinander. Viele haben sich angekauft, aber keiner denkt auch nur von ferne daran, das erworbene Land zu kolonisieren. In dem Gestrüpp des Waldes würde man sich nur die Kleider zerreißen und Dornen in die Hosen sitzen. Es würde nur die Einsamkeit stören, wenn man in dem Wald mit der Axt vorginge. Man ist viel bequemer Landbesitzer und lebt auf Kosten, jahraus, jahrein, des Kolonieerfinders und Gründers, des mutigen Pioniers, der umfangreichen Frau Justizrätin. Die Frau Justizrätin erglänzt freudig, wieder einen »Käufer« begrüßen zu können, und der Chorus der »Imwalder Siedelung« stimmt (Hühnerknochen im Maule) noch freudigeren Willkomm an. Man ist sofort mit allen bekannt. Da ist der Herr Justizrat, welcher zu lachen, hier der Sohn, welcher überzeugend zu reden, dort die Tochter, welche die Schmorhand zur Reklame an die Schürze abzuwischen hat, Herr Mollkopf, welcher soeben neun bis zehn Morgen bis hinaus zum Siebenbürger Weg erworben hat, alles für vier Mark die Rute, Frau Mollkopf, eine angenehme warme Erscheinung, und beider blendende Tochter mit goldenem Gelock, ein Neffe der Frau Justizrätin, welcher, obgleich er es sonst Fremden nie tut, auch mit die Hand gibt, ein Diener, welcher durch die Küche streicht wie ein langschwänziger Kater, ein Herr Maß endlich in einem feinen Schneideranzug, der »Vertreter«. Es ist so ein herrlicher Frühlingssonntag, der Interessent hat seine Frau und seine Kinder schon mitgebracht, auch das Dienstmädchen ist schon dabei. Es wird ihr gewiß hier draußen gefallen, wenn es auch keine Metzger- und Bäckerläden gibt, keine Vergnügungssäle und dergleichen. Aber lockt nicht der Diener hier? die herrliche Kurluft? Bierflaschen stehen da, eisig kalt ohne Zuhilfenahme von Eis, alles schmiert vereint Brote und belegt sie. Daß die Neugekommenen ja von der weiten Reise keinen Schaden nehmen und, was die Hauptsache ist, nach dem Essen gleich kaufen können. Man spricht nur: »Wenn Sie dann hier wohnen!« Und wahrhaftig, warum soll man nicht wie Mollkopfs auch hier wohnen können? Es ist einem zumute wie angekommen bei einer guten Tante, man legt Mantel und Stab von sich, entledigt sich aller Lasten, sitzt da wie verwandt, längst hier zu Hause. »Haben sie einen Bebauungsplan?« »Es ist alles felsenfest und beim Herrn Landrat, aber wir haben das gar nicht. Herr Maß, sehen Sie, ach Sie haben in ihm einen wohlbewanderten Kolonisten, er hat schon einmal wo anders eine Kolonie ins Leben gerufen, er ist mein Vertreter,« spricht die Frau Rätin. »Haben Sie eine Wasserleitung?« Es erhebt sich ein staunendes Lachen, daß man eine Wasserleitung sucht. »Draußen steht der Brunnen. Wenn Sie einmal da wohnen, holen Sie einstweilen bei uns das Wasser. Wir zogen vorigen Sommer täglich dreihundert Eimer Wasser. Nein, darüber braucht es keine Schmerzen.« Aber, es könnte doch sein, daß man sich eine Druckpumpe anschaffen müßte?!« »Dann machen Sie ein Reservoir, und dann haben Sie auch stets Wasser.« Es geht alles so einfach, daß man sich beinahe fragen möchte, warum nicht alle Menschen irgendwo in die Erde stoßen und sich bei kühler Quelle niederlassen. »Das Essen beziehen Sie von uns, Milch, alles; leben wir etwa schlecht?« – In der Tat, sie essen alle so stark, daß sie die Hüften weiter gürten müssen. Insbesondere die Frau Rätin, welche auch im Winter in ihrem selbstgezimmerten Hause gewohnt zu haben behauptet, ist eine wahrhafte Reklame für Koloniewohlstand. »Auf Gas und elektrisches Licht werden Sie doch verzichten?« wird mit einem gewissen Hohn auf die überwundenen Bequemlichkeiten der hinter dem Kiefernwald liegenden Großstadt gefragt. Und um nicht seinen umgebrachten Nimbus, auch ein Flüchtiger aus dem Radau der Straßen zu sein, gänzlich zu verlieren, spottet man bereitwilligst über diese Dinge mit, denn das Holz schlägt man künftig selber und hat auf Jahre hinaus Vorrat. Die Kinder haben sich satt gestopft und das Kolonistenmahl ist beendet. Man kann aufbrechen, um seine Überzeugung, daß es hier richtig sei, zu wohnen. »Sehen Sie einmal das Haus an! Das ist der Salon.« Die Tür stammt aus einem abgebrochenen Gefängnis, die Fenster aus einer ebensolchen Kaserne, die Teppiche aus einer Zirkusmanege, die Polstermöbel von einem Althändler, die Sprungfedern jauchzen ein Loblied auf manche ertragene Konversation, ein Schreibtisch sogar aus einem gepfändeten Schlosse. Das ist alles ganz von selber nach »Imwalde« gelaufen. »Daneben die Glasveranda, wo wir soeben gegessen haben.« Hier sitzt schon Sohn und Neffe und Herr Mollkopf beim Skat. »Hier die Küche,« wo die Tochter jetzt mit Amazonenarmen das Geschirr handhabt. Es hat fest zu sein und darf nicht zerbrechen. »Hier das Schlafzimmer mit zwei Betten.« Wenn Frau Justizrätin zu Bett will, muß Herr Justizrat mindestens schon vorher im Bett liegen, weil sie zu zweit nicht zwischen den Betten stehen könnten. »Hier geht eine Treppe hinauf,« da schläft der Sohn, welcher seine Studentenfarben an die Wand genagelt hat. Man tritt auf die Galerie, welche im Viereck um den chinesischen Turm geht. »Bemerken Sie, die Aussicht über die Kolonie, die Geflügelzucht dort in der Ferne, den weißen Stall!« Zwar schon bemerkt. »Aber hier unter uns die Gewächshäuser, selbst gebaut, ebenfalls von mir und mit Heizung angelegt.« Prächtig, prächtig! Es entringt sich lobend den Beschauern, was Frau Justizrätin mit einem Zimmermannsgesellen zusammen aufzubauen vermochte. Tausende von Rosen und Chrysanthemen wandern bereits auf den Stadtmarkt beziehungsweise werden wandern. »Ach, wie die Göhren mit dem Vierräderwagen spielen und umherkutschieren, sehen Sie, wenn Sie einmal da wohnen, wie werden Ihre Kinder aufleben, obgleich sie jetzt auch schon ganz blühend aussehen.« Schon stupft man sich insgeheim, daß die Gesichter des Interessenten ganz nach Kauf aussehen. Herr Maß, der bis jetzt dem Kartenspiel in der Glasveranda zugesehen hat, kommt und fordert zur Besichtung der Waldparzellen auf. »Halt, vorher noch in den Keller und in die Gewächshäuser, in die Garage, das müssen die Herrschaften alles noch sehen!« Die Frau Justizrätin weiß, daß es darauf ankommt, Quantitäten zu zeigen, denn wo viel ist, da ist die Zukunft. So dauert es noch eine Weile, bis man endlich in den Wald kommt. Herr Maß trampelt unruhig auf der Stelle. Er will verkaufen, es gilt seine Spesen. Als man dann vor dem Gebäude steht, fegt eine Meute Hunde heraus, daß der Wald zu bellen scheint. Es ist Jagdgelände, der Sohn schießt Hirsche und Rehe, davon wird später ein Stück für einen abfallen. Für ganz billiges Geld. Was ist billiges Geld? – Ist das Geld in »Imwalde« billiger als in der Stadt? – Wird man gewissermaßen ein Jahrtausend zurückversetzt hier leben, wo man ein Huhn für dreißig Pfennig kaufte, einen Rehbock für einen Taler? Ah, und nun avanciert man in das Waldinnere. Entgegen kommt Herr Mollkopf und der Herr Justizrat. Herr Mollkopf hat doch soeben noch gespielt, wie begegnet er schon? »Nun, Herr Mollkopf, sind Sie jetzt ganz einig?« fragt die Rätin. – »Einig bin ich ja schon längst, ich wollte nur noch einmal die Grenze etwas festlegen,« antwortet Herr Mollkopf, vorsichtig hinzusetzend, »der Landvermesser muß es ja vorher unbedingt genauestens abstecken.« Herr Mollkopf ist klug genug, seinen Kauf nicht unumwunden zuzugeben, er kann nicht wissen, ob man nicht ihn fangen will, statt den neuen Interessenten. Frau Justizrat bekundet, daß der Landvermesser morgen die notwendigen Messungen beginnen werde. »Wie groß ist zum Beispiel dieses Stück bis zu dem Baumstumpf dort?« »Schreiten Sie einmal ab, Herr Maß!« Herr Maß langt mit Riesenschritten aus und hat zwei Morgen rasch zwischen den Beinen. »Also das würde Ihnen gefallen?« Man stupft sich, hält den Kauf für perfekt und wendet sich jetzt zur Geflügelzucht. Schon rennen die Kinder hinzu, um diesen zoologischen Garten mit zu besichtigen. »Mama, da sitzt ein Habicht in einem Käfig! Papa, da ist ein Hund an der Kette!« »Es sind entzückende Kinder, Ihre Kleinen,« findet die Rätin, die vorhin ein mürrisch-ängstliches Gesicht versteckt hatte, ob die Kinder in der Kultur nichts zusammentreten. Der Interessent sieht dreiviertelhundert gesunde Hühner und sieht ein Dutzend diphtheriekranke in einem Stall. Diese nimmt der Händler wieder zurück. Es ist eine reine Rentabilität, die Hühnerzucht. Krankheit kommt nur vom Einkauf, und nie geht einem ein Stück unersetzt aus. »Aber Mama, da kriegst du die Eier ganz umsonst, wir müssen für eine Mandel eine Mark und neunzig Pfennig zahlen,« ruft eines der Kinder. Frau Justizrat schließt diese Gescheite in dicke Wonnearme. Es ist riesig einleuchtend und schon nähert sich Herr Maß, um die letzte Entscheidung beim Interessenten etwas zu beschleunigen. Da schreit es plötzlich auf: »Ich bin gebissen!« Ein Kind ist dem Kettenhund zu nahe gekommen, es wollte ihn streicheln, da schnappte das Vieh und biß ihm tief zwei Wunden in den Unterarm. Ein gelber Geifer liegt auf den Wunden, noch dringt kein Blut heraus. Nur einige Fetzen Fleisch hängen aus den Rissen. Entsetzt wendet sich alles zum Kinde. Die Mutter und der Vater stürzen mit ihren Kindern in wilder Flucht davon. Die ganze Kolonie rennt hinterher. Der Schrecken verbreitet sich durch das chinesische Haus. In allen Winkeln wird nach Medikamenten gesucht. Der eine findet Lysol, der andere Alaun, der dritte Tonerde, der vierte Watte, die Tochter das Waschbecken. Frau Mollkopf schreit entsetzt auf: »Das Wasser ist zu kalt, das Kind bekommt ja die Hitze in den Arm!« Schnell kommt Warmwasser. Zwei Dutzend Taschentücher werden sinnlos vergeudet. Herr Maß radelt zum Bahnhof und holt das Gespann. Der Interessent hat keine Lust mehr zunächst. Er verlangt eine Umsonstfahrt nach den nahen Heilstätten, denn nirgends rundum ist ein Arzt, der ja höchstens die Raubtiere des Waldes zu kurieren hätte. Wen trifft die Schuld an dem Unfall? Es wird in vorsichtigen Reden geprüft. Man will die gütigen Gastgeber nicht verletzen, und der Interessent soll doch nach Möglichkeit warmgehalten werden. Im Nebenraum hört man die Rätin ausführlich entwerfen, daß künftig alle Hunde weggesteckt würden, wie überhaupt so manches gerissener anzustellen wäre, um die Annehmlichkeiten der Interessenten durchaus perfekt zu machen, daß auch das erste, was herausgebracht werden müsse, eine Hausapotheke sei. Mit dem Ruhm auf das Kind, welches so ungewöhnlich verständig war, nicht einmal zu schreien, hält sich die Stimmung in barometrischem Gleichgewicht. Die Zeit bis zum Eintreffen des Fuhrwerks ist ungemein schwierig zu vollbringen, denn von einer Parzelle wagt niemand mehr das Wort zu sagen. Zur Ablenkung muß noch einmal das Essen herhalten. Ein Aufsatz Pfannkuchen marschiert auf, und die Kinder, auch das gebissene, verschlingen schnell die ganze Platte. Darin sieht man ein günstiges Vorzeichen für die Heilung der Hundswunde. Und als endlich das Fuhrwerk draußen steht, rüstet man sich und scheidet in angenehmster Zuneigung, die allmählich aus der geschäftlichen eine rein persönliche geworden ist. »Sind alle Kinder im Wagen?« Das Dienstmädchen hockt auf dem Boden der Kutsche, der Herr auf dem Bock, man schüttelt sich die Hand und bedankt sich, nicht für den Hundsbiß, aber für die gastreiche Bewirtung. Man winkt sich zu, und beim letzten Einstich in das Waldesdunkel lüftet der Interessent noch einmal den Hut, mit aller Hochachtung vor den Reizen der chinesischen Kolonie. Die Kolonisten verziehen sich in das Hausinnere, nur die Erfinderin von »Imwalde«, die Justizrätin, bleibt als brütende Heroine stehen. Sie begibt sich mit nassem Auge auf die Zinne des chinesischen Turmes und sieht in die Landschaft. Wer wird ihr »Imwalde« abkaufen? Wer wird mit ihr auf die Einsamkeit spekulieren? Das Terrain unter ihr, das Waldmeer, hat eine Ausdehnung von vielen hundert Morgen. Obgleich der Morgen fast nichts kostet, wer wird so vernünftig sein und eine Parzelle der herrlichen Natureinsamkeit kaufen? Sie schüttelt ihr Medusenhaupt, und ein schmerzliches Wehe spürt sie in ihren Umfängen. Aber störte nicht ein jeder weitere Kolonist die Einsamkeit, an der sich die Frau Rätin im vorigen Lenze entzückte, als sie hier das erste Dach aufführte? Wäre nicht beim geringsten Zuspruch ihre Spekulation auf diese idyllische Ruhe gänzlich verkracht?! »Dieser Hund, dieser Hund, dieser verfluchte Hund!« Er allein ist schuld. Sie durchlegt die Strecke bis zum Hühnerstall wie ein keuchendes Frachtschiff. Als sie vor dem Hunde ankommt, hüpft er vergnügt an ihr in die Höhe. Es ist ein rätselvolles Walten, sie kann ihn nicht züchtigen, der Hund macht so ein unschuldsvolles Gesicht. Und die nach den Heilstätten karossierende Familie kann nicht weinen; Vater, Mutter, Kinder lachen vergnügt. Wenn nur nicht die Chaise noch umhagelt! Denn die Pferde, meint der Kutscher, laufen diesen Weg zum erstenmal, und wenn nur der Hund nicht Tollwut hatte, so war man durch ihn geschickt aus der Spekulation gezogen. Nächsten Sonntag, der Herr Interessent nimmt es sich fest vor, fahren sie wieder sieben Mann hoch auf eine andere Kolonie; vielleicht gibt es da auch Freibier und Hühner. Aphrodite. Aphrodite, die Meerschaumgeborene, entstieg dem Fußwasser. Es war doch ein bißchen kalt ohne alles, obgleich es heißer Hochsommer war. O was war das! – drüben sah ja der Maler aus dem Fenster und zu ihr herein! – O wie furchtbar peinlich! – Sie grinste meerschaumerregt und sprang schnell, sie konnte nichts dafür, wenn er sie dabei mehr sah, an die Vorhängchen und zog sie zu. Alsdann verschwand des Malers Lockenhaupt drüben und zog den photographischen Apparat befriedigt zurück. Das merkte Aphrodite aber hinter dem Vorhang. Sie schlug entsetzt auf die hohe Gänsebrust. Das war unverschämt. Das verbat sie sich, das ging zu weit. Mit den Bildern konnte er Mißbrauch treiben. Das mußte sie anzeigen, daß die Platten vernichtet wurden. Sofort morgen früh. Während sie ein Hemd aus der Kommode nahm und die von Stärke zusammengebackene Stickerei auseinanderzog, arbeitete der Maler fieberhaft versteckt unter Anwendung aller Finessen moderner Photographie, um im Zeitraum von einer Stunde so viel Bilder und anzügliche Situationen von Aphroditen zu haben, daß er sie noch selbigen Abend der »unzuchtlüsternen, paradiessehnsüchtigen« Dorfjugend verkaufen konnte. Hernach konnten die Platten beschlagnahmt werden, getrost. Es war immer so schade, daß ein Fußwasser nicht ewig dauern konnte. Sie wäre eigentlich lieber wie die Statuen des Praxiteles gewandelt. Aber in der gemäßigten Zone, wo sie nun einmal zu Hause war, da zwang der leidige rauhe Luftzug immer wieder in die Kleider. Daher kam es eben, daß sie so mißverstanden wurde. Ihre Sehnsucht war eine reine, vollständig harmlose. Nur dieses malitiöse Visavis, der Maler, peinigte sie. Immer fand er etwas, ihre nur auf die vier Wände berechneten Situationen und Szenen unter die Jugend zu bringen. Sie hing gerade das Medaillon um den fetten Hals und schlüpfte in die Strümpfe, als sie notwendig wieder die Gardinen lüpfen mußte. Da war etwas los. Drüben beim Maler befestigte der Lehrling eine Stange. Aphroditens Augen rundeten sich wie Pflugräder. An der Stange befestigte er am Ende eine Art Sparbüchse. Und nun schob er die Sparbüchse zu ihr herüber bis nahe an den Fenstersims. Was war mit dieser Verhöhnung gemeint? Sie konnte das nicht dulden, daß der Maler eine Sparbüchse gegen ihr Fenster bewegte. Sie riß die Vorhänge zurück und die Fenster auf und ballte die Faust aus den noch unbekleideten glatten Armen, die im Korsettschoner steckten. Und was tat der Lehrling! Er ließ die Stange liegen, und sie konnte in den Schlitz der Büchse hineinsehen. Gemütlich lachte er, und der Maler trat zu ihm. Aphrodite bekam eine Brustkontraktion. Wenn sie ihm auf der Straße begegnete, so hob sie ihn an den langen borstenhochstehenden Stachelschweinhaaren in die Höhe! Der Wutatem preßte ihren Brustkorb zu einer frischlingfarbenen Büste. Der Maler grüßte freundlich. Alles zum Hohn! Dieser Schuft, wie er sich mit betreten erstauntem Gesicht zurückzog, Ahnungslosigkeit heuchelnd! Da sah man den Zionisten! Das war die Heiligenmaske des Teufels! Es ging ihn doch rein nichts an, was sie in ihrer Wohnung trieb. Ja, sie sagte ja nicht einmal etwas, wenn er ihr ruhig zusah, ohne es öffentlich jemand wissen oder merken zu lassen. Wenn er aber so kam, so war's der Beginn eines Vergehens gegen die Behütung der Sittlichkeit. Mit einem Gesicht, als hätte sie saure Butter im Mund, kam sie wieder herein und zog sich einen Sommermantel über, um den Abendspaziergang zu machen. Während sie vor dem Schrank stand, dem einige Motten entflogen, ging ein Menschenhaufen vor ihrem Hause vorbei. Schnell ans Fenster! Aha, die Stange war gesenkt, und die Sparbüchse stand in Hüfthöhe eines Mannes von der Straße entfernt. Und von oben ließ der Maler an einem Bindfaden weiße Zettelchen am Hause hinabrutschen. Diesem Spiel schaute Aphrodite aufgeregt zu in der Meinung, sie wäre eine Katze, und sie müßte damit barren. Das geschah alles zu ihrem persönlichen Ärger. Und nun kamen die Zettelchen unten an. Sofort stürzten sich die jungen Burschen darauf, um sie zu erhaschen. Aber sogleich schnellten sie wieder in die Höhe. Jetzt schimpften die Burschen. Da machte der Lehrling mit deutlichem Zwinkern und einem Stoß abwärts und aufwärts mit der Stange auf die Sparbüchse aufmerksam. Das mußte Aphrodite nun haarscharf beobachten, denn es war nicht sicher, ob der Maler Gewerbesteuer als Photograph bezahlte. Die jungen Burschen zogen ihre Geldbeutel und warfen Geld in die Büchse. Und was geschah nun? Aphrodite mußte genau hinsehen, sonst wäre ihr alles entgangen. Nun wurde die Büchse heraufgezogen und entleert, der Inhalt gezählt. Jetzt kam der Bindfaden wieder in Tätigkeit mit den Zettelchen. Mit wilder Leidenschaft rissen sie die Burschen an sich und gröhlten laut auf und sahen herauf zu dem Fenster, in dem sie – Aphrodite – stand. Aphrodite war es erwiesen. Das Vergehen war zum Verbrechen vollendet und der Tatbestand des § . . vorhanden. Aber sie schämte sich dessen nicht, nein im Gegenteil, nun galt's zu kämpfen. Sie holte das Klistierrohr und spritzte, sie hatte es Gott sei Dank schon vorher benutzt, damit in die satten Begaffer der verschwommenen Unterbelichtungen. Des Malers Heldenkopf leuchtete. Er schrie hinab: »Was kümmert uns ein Wasserstrahl, die neue Serie zeigt eine verfängliche Steigerung. Nur bitte opfern, meine Herren!« Die Büchse füllte sich, und das Zettelgehopse drüben ging trotzdem weiter, und zwar brach jetzt ein solch satanisches Geheule unter den Dorflümmeln aus, daß Aphrodite doch etwas erblaßte. Wenn sie nun tatsächlich gerade etwas Ungeschicktes getan hätte? Sie entwich über den Garten zum Amtsdiener Brodhag. Diesmal mußte er einschreiten. Sie kam so vollständig aufgelöst bei Brodhag an, daß Brodhag vorzog, seinen Dienstsäbel umzuschnallen. Er bummelte wie schon so oft mit ihr zum Tatort der verbrecherischen Verhöhnung, die Zehenspitzen einwärts, mit den Sohlen auf die Straße tretend, wie über die Sprossen einer umgelegten Leiter. Er sprach nie etwas, weil er keine Phantasie für Entdeckung von Verstößen wider das Gesetz hatte, sondern sein Gesicht glich viel eher dem eines toujours Gehängten, so zwickte ihn der Hunger nach Welschkorn im Bauche. Mit einem ruhigen Tatzengriff hatte Brodhag das erste beste Bild dem Nächststehenden weggenommen. Aphrodite stand mit verschämten Gefühlen den Blicken der Burschen ausgesetzt. Brodhag blickte das Bild an und entzifferte vergebens darauf die Landschaft. »Sie halten es verkehrt,« mußte erst Aphrodite sagen. Natürlich lachten da alle. Jetzt begann Brodhag endlich die Landschaft zu verstehen. Da schien jemand Nacktes undeutlich zu stehen, er grinste wohlgefällig und ließ das Bild hinter seinem zweireihigen Rock verschwinden. »Und was sagen Sie dazu?« stieß die Beleidigte hervor. »Er sagt gar nichts,« schrieen alle zusammen. »Und die vielen andern Bilder, was tun sie damit?« »Die sind unser Eigentum, verstehen Sie,« stellten sich die Burschen drohend entgegen. »Und die Platten, die jener Herr da oben hergestellt hat?« »Warum haben Sie's nötig, sich faselnackt auszuziehen, wenn Sie bloß die Zehen baden wollen?« flog es von oben herab. Brodhag juckte hilflos mit den Schultern, unter dem Gelächter der Bilderstürmer. Das versetzte Aphrodite in solch heiligen Zorn, daß sie ausholte und dem Amtsdiener eine Ohrfeige gab. »Das geht zu weit, mein Fräulein,« glättete sich der Amtsdiener den Backen. »Hauen Sie nicht wieder!« schrie der Maler von oben dazwischen, »diesmal hat sie etwas Sicheres begangen.« »Das bringt sie ins Zellengefängnis! Das ist ein Vergehen gegen die Staatsgewalt!« schrieen die Burschen. »Und Sie kommen ins Zuchthaus!« schrie Aphrodite zum Maler hinauf. Bei diesem furchtbaren Wort verstummte unwillkürlich alles, und Aphrodite zog vor, rasch in ihr Haus zurückzutreten. Indem der Zionist, Photograph und Maler vom Lehrling die Stange einziehen ließ, setzten sich die Burschen von der Art, wie man Aphrodite wieder einmal angelassen hatte, höchlichst befriedigt in Bewegung nach ihrem beabsichtigten Ziele, nach der Bäch, wo sie vorhatten, ihre Hünenleiber zu baden. Brodhag bummelte zehenspitzeneinwärts mit seinem Eiertritt nach Hause, um die Wehr wieder aufzuhängen. Es begann die eigentliche Abendstimmung im Dorfe. Das Ereignis bedeutete nicht einmal so große Störung in Aphroditens Gehirne, denn es verschaffte ihr tiefinneres Wohlbehagen, daß ihr Bild in der warmen Tasche so manchen Dorflümmels so tief und heiß nahe dem Symbol vergraben war. Sie hoffte im stillen, daß der Maler unbewußt für sie kuppelte. Berta Gnädig. Der Maurer Jakob Hutt und die Schneidertochter Berta Gnädig hatten bald Hochzeit. Er war lang und schwarz, sie kurz, dick und strohblond. Das paßte gut, denn der Nachwuchs wurde dann höchstwahrscheinlich die goldene Mitte. Jakob war dumm in der Kunst, dagegen Berta Gnädig vermessen gescheit. So kaufte sie zur Aussteuer nicht einfach fertige Möbel, sondern ließ sie nach auserwähltem Brauch beim Tischler fertigen. Der Tischler war geschickt und sprach viel von Jugendstil. Das verhinderte aber nicht, daß er den festgesetzten Termin zur Lieferung der Möbel nicht einhielt. Jakob und Berta waren darüber sehr muckisch. Jakob knurrte: »Hättest du fertiges Meublement gekauft!« Berta dagegen gluckste: »Es wäre ja alles fertig bis auf die ausgeschnittenen Herzen.« An den ausgeschnittenen Herzen hing es also, daß der Tischler nicht zur Zeit lieferte und sogar neu gesetzte Termine versäumte. Jakob meinte nun eben, das beste wäre, auf die Herzen zu verzichten und die Einrichtung ohne sie anzutreten. Aber daran sah man gerade, was für ein Kaffer er war. Seine Braut hatte die Herzen nun einmal erdacht, und ohne sie waren die Ehebetten keine Betten. Wenn sie es durchsetzte, daß in den Bettstellen aus Kopf- und Fußteil sowohl als aus den Langseiten Herzen ausgesägt wurden, so war für sie das ganze künftige Eheglück gegründet. Jakob schimpfte immer heftiger auf den Tischler und auf sie, warum sie die verfluchten Herzen drin haben müsse. Da lief sie endlich zornig zum Tischler hin und nahm sich vor, seine Werkstätte nicht eher zu verlassen, als bis er die Herzen vor ihr ausgesägt hatte. Der Tischler wollte ihr sagen »morgen«. Aber die kurze Dicke quälte ihn solange, bis er nachgab. Die Herzen aus den zölligen Bettteilen herauszusägen, war eine harte Schwitzarbeit, um die sich der Tischler gerne gedrückt hätte. Nun mußte er sägen, und die energische Braut hockte krampfhaft darauf, bis das letzte herausfiel. Die Füllung jedes Ausschnittes hob Berta bewundernd auf und verwahrte sie bei sich. Sie sah in den Holzherzen heilige Reliquien, die sie daheim in die Truhe legen würde. Und wie eigen wurde es ihr zu Mute, wenn der Tischler nach jedem Male, wo wieder eins fertig war, sie lange und bedeutungsvoll ansah. Es war so, daß sie es Jakob gar nicht gestehen durfte. Zwischen ihr, die auf dem Brett saß, und dem Tischler, der Herzen sägte, webte die Liebe . Berta wurde es immer schwüler, denn wenn der Tischler zuletzt mit den heftigen Griffen seiner Augen Ernst machte, so konnte sie sich nicht wehren, weil sie ja dasselbe verspürte wie er. Aber der Tischler war ein Mann, der gegen Versuchungen kämpfte. Als das letzte Herze daran war und es auch in Bertas Schoß ruhte, ging er weg und ließ sie sitzen. Wie's alle Weiber tun müssen, wenn das Erwartete nicht gekommen ist, so mußte auch Berta des Wegs gehen, satt von dem, das sie nicht genossen hatte. Unterwegs, auf dem Heimwege, erwog sie hin und her zwischen ihrem Jakob und dem Tischler. Sie hielt den Tischler für die unerreichbare Perle und ihren Jakob für den dummen Hammel. Sie trug acht ansehnliche Holzherzen bei sich, die ihre Tasche hinabzogen, und morgen kamen gewiß die Betten mit den entsprechenden acht Herzhöhlungen; dann heirateten sie, aber warum war nicht der Tischler der Bräutigam, der Ehgemahl?! An Jakob war alles so gemein und ordinär, der Tischler war so fein und gebildet. Das lag schon am Handwerk. Maurer sein! es schüttelte sie. Tischler sein! es kitzelte sie. Jakob spürte, während seine Berta heimlief, von diesen ihren Erwägungen Gott sei Dank nicht die Bohne. Er hockte in einem Schuppen und goß aus Gips Götter – Liebesgötter, die er seiner Braut zur Überraschung am Hochzeitstag unter die Nase halten wollte, damit sie staunte und sich in einem Salon fühlte. Wie oft hatte sie ihm eine gelinde Ohrfeige gegeben: »Du verstehst halt nichts von Kunst.« Wenn er die Gipsgötter ansah, so schwante ihm eher, daß an ihm ein Genie tot lag. Jetzt hörte er sie kommen, schnell versteckte er Gips und Modelle. So übler Laune hatte die Braut den Bräutigam noch nie aufgesucht. »Was hast du? Wird die Möblierung nicht fertig?« »Dummer Affe!« Dabei kramte sie die Herzen hervor und warf sie ihm vor die Füße. »Ah! Fertig! Dann kann's ja frischmang losgehen zur Hochzeit!« Mit den Worten hob er eines der Herzen auf und grinste es an, dann wollte er, wie angefeuert durch das Symbol der Liebe, welches er in der Hand hielt, seine Berta umschlingen. Aber giftig, unausstehlich schüttelte sie ihn ab, daß Jakob jäh fühlte, wie hölzern das Herz war. Er wollte es zum Teufel schmeißen, voll auflodernder Wut, aber da klaubte sie rasch die acht Hölzer zusammen, lief hinaus und verwahrte sie beim Weißzeug. Jakob waren seine Gipsgötter auf einmal zuwider. Er ließ sie halbfertig liegen und trank einen Schnaps. Das war die erste unsittliche Stimmung vor der Hochzeit. Natürlich gegen Abend, wenn sich die Paare die Stündlein weihen, war Berta wieder katzenlieb zu ihm. Sie erklärte ihr Mißvergnügen so: »Wie ich zum Tischler hinkam und losschimpfte, stand bereits die ganze Aussteuer fix und fertig da, so fein und sauber gemacht, daß ich mich ordentlich habe schämen müssen.« »Fix und fertig?« frug Jakob. »Und auch die Herzen?« »Selbstverständlich!« Das log sie, während Jakobs heißeste Liebe zu ihr hinüberging. Darin ließ er sich nicht stören, aber bei ernüchterten, abgekühlten Sinnen verwunderte es ihn doch, daß Berta die acht Herzfüllungen mitgebracht hatte; denn wenn der Tischler die Herzen bereits früher ausgesägt hatte, so waren doch die acht Abfälle entweder schon verbrannt oder in den Kutter gekehrt, aus dem Berta sie schwerlich hervorgekramt hätte. Und die lange Zeit, die Berta beim Tischler gesäumt hatte, deutete ihm eher an, daß sie beim Heraussägen dabei gewesen war. Jedenfalls: soviel stand fest, daß Jakob die ganze Möblierung, die der Tischler zu Bertas so großer Zufriedenheit gemacht hatte, gar nicht gefiel. An allem nörgelte er herum. Und besonders die Bettstellen mit den Herzausschnitten würdigte er herab. »Du verstehst halt nichts,« setzte ihn das junge Weib zurecht. »Aber wie?« Jawohl, Jakob hatte Recht. Der Tischler hatte da wirklich etwas schlecht gemacht. Jakobs Nörgelei gab ihr willkommenen Anlaß, hie und da in lächerlichen Reklamationen, die ihr nicht einmal ernst waren, beim Tischler vorzusprechen. Desto mehr verfluchte Jakob das Mobiliar und den Tischler. Leider, je mehr er ihn verfluchte, desto wahrscheinlicher trieb er sein Weib mit ihm zusammen. Als ihm die Eifersucht schon wie Ameiseneier im Bauche lag, war er noch Manns genug über sich, wenigstens dem Maule den Zaum anzulegen. Noch war nichts gewiß zwischen den Beiden, und wenn er sein Weib unschuldig verklagte, hatte er erst die ganze Ehe mit ihr verpfuscht. *           * * An einem Montag Morgen fuhr Jakob aus dem Bette und stieß sich die große Fußzehe in einer der verfluchten Herzlücken seines Bettes. Er verbiß zwar den Schmerz und verschwieg seine Ursache, weil er den Tag nicht gleich wieder mit Krach und Tischler anfangen wollte. Aber als sein Weib in der Truhe kramte und wie immer beim Anblick der darin versteckten Holzherzen einen kurzen Augenblick besinnlich stillhielt, wollte er losschlagen. Doch noch einmal hielt's ihn. Er ging auf den Bau, an dem er arbeitete, aber voll blauer Montagsgefühle. Mit der schmerzenden Zehe wollte er bloß die eine Taghälfte arbeiten. Er war auch im Gemüte unruhig, und so beschloß er, die andere Hälfte zu feiern. Um elf Uhr kam er schon wieder von der Arbeit heim. Sein Weib war nicht da. Jakob hegte grausamen Verdacht auf Frau Berta. Er hinkte mit der Zehe etwas, und das Herumlaufen und Herumspionieren nach der Frau war ihm zu einfältig. Dagegen verfiel er auf den Gedanken, die Herzlücken seines Bettes zu verstopfen. Er nahm von den acht Holzherzen in der Truhe die viere heraus, holte den Gips aus dem Schuppen, wo er hatte die Götter formen wollen. Dann kittete er mit Gips die vier Herzen in ihre Lücken in sein Bett hinein. Er machte alles schön glatt, daß er sich nicht mehr stoßen konnte. Als an allen vier Stellen nur noch die weiße Gipslinie das ehemalige Dasein von Herzen bezeichnete, fand er, wie viel einfacher es gewesen wäre, die Herzen auf den Bettstellen einfach aufzumalen, und kurz entschlossen, mit einem geheimen Triumph über Bertas Unverstand, verkittete er auch das Bette seines Weibes. Es gefiel ihm ausgezeichnet so, und seine Hinkerei vergessend, etwas schwül im Gewissen, was Berta sagen würde, wenn sie heimkam, kehrte er zur Arbeitsstelle zurück, als hätte ihn der blaue Montag gereut. Schon um 12 Uhr war er wieder auf dem Bau und warf den Mörtel mit der Schippe. Wenn er sonst finster arbeitete, heute lachte er erleichtert und vergnügt, als wäre ihm ein besonderer Witz, ein Kunststück gelungen. Nur hie und da kratzte er sich am Kopf, was wohl Berta sagte, wenn sie die Bescherung sah. Kurz vor zwölf Uhr war das junge Weib wieder heimgekommen. Mit ihr der Tischler. Berta hatte es diesmal verstanden, den Tischler unter dem Vorwand zu sich zu bewegen, daß der Spiegelschrank knacke und er von ihm gestellt werden müsse. Wenn sie dann den Tischler einmal da hatte, wollte sie sich verfänglich aufs Bett setzen und ihn schon herumkriegen. Den Eintritt in die Wohnung tat sie mit stürmischem Herzklopfen. Wenn Jakob unerwartet heimkehrte! Und überhaupt die Ungewißheit des Abenteuers! Aber einmal mußte es sich entscheiden. Die Flamme für den Tischler konnte nur erlöschen, wenn das Feuer, nicht weiter geschürt, niederbrannte. Ehe sie ihn hatte, erhielt es stets nur neue Nahrung. Dem Tischler war es auch nicht recht geheuer, daß ihn das Weib mitgenommen hatte, und wenn er seine dummen, kalten Gegenerwägungen wegließ, so gestand er sich, daß es für ihn keine Sünde war, eine zu lieben, die ihn nun einmal haben wollte. Kaum war die Haustür ins Schloß gefallen, drückten sie sich schon, und sie schritten nicht mehr wegen wackelnder Schränke vorwärts, sondern wegen ihren erbärmlich nach einander klappernden Herzen. Den Tischler freute im Gefühle die Wohnung, deren Einrichtung er geschaffen hatte. Namentlich nach den Betten suchten seine Augen. Sie kamen schon. Jetzt, wenn sie in die Schlafkammer traten. Berta wurde es summend und brummend. In die Schlafkammer! Sie öffnete die Tür. Sie sah erst noch einmal zum Tischler hin. Schon wollte es ihr nicht mehr so heiß darum zu tun sein. Der Tischler verschrumpfte etwas vor ihr. Am Ziel der Erfüllung wollte das Idealbild von ihm nicht mehr Stich halten. Aber dennoch, es mußte geschehen. Die Sünde war im Gange, und in ihr gibt es keinen Aufenthalt. Da standen sie vor den Betten. Der Tischler stieß plötzlich mit Falkenaugen vorwärts und sah aus nächster Entfernung auf die Herzen. »Was habt Ihr – – –?« Noch ehe er es endete, taumelte Berta und brach zusammen. Jakob hatte die Herzen verkittet, heute. Er wußte es, daß sie heute mit dem Tischler kam. So etwas geschah nicht zufällig. Sie sah den Tischler nicht mehr. Er schrumpfte immer kleiner werdend zusammen, bis er endlich als winziger Punkt ganz nahe seiner Werkstätte schlenderte. Berta war allein. – Wie gehetzt sprang sie auf und wollte zu Jakob auf den Bauplatz rennen. Allmählich wurde sie wieder besonnen. Sie durfte nichts zugeben. Im Gegenteil, Jakob war ein Flegel, die Betten so zu verunzieren. Jakob erhielt eine Tracht Prügel! – aber das war endlich die innige Liebe, welche er bisher bei Berta vergebens gesucht hatte. Die Nacht half Beiden. Jakob und Berta gefiel es in den »herzlosen« Betten besser. Die schwarze Katze. Der Pfarrer von Schwabach hatte es eingeführt, daß er jeden Sonntag mit dem Kirchenpfleger das Opfer zählte, weil er bemerkt hatte, daß dieser ein ungläubiges Gesicht machte zu dem immerwährenden Tiefstand der Opfersumme von rund um fünf Mark. So erschien fortab der Kirchenpfleger Kutruff jeden Sonntag im Pfarramt und zählte mit dem Pfarrer gemeinsam das Sonntagsopfer. Kutruff war schon stark Asthmatiker und schnaufte immer sehr, bis er die vielen Pfennige zusammengezählt und den Betrag von rund um fünf Mark, nun selbst, mit seinen Zitterfingern unterschrieben hatte. Der Pfarrer rügte gern die geringe Opferwilligkeit der Kirchengänger, daß eben gar nie ein »wirkliches Opfer,« etwa ein Goldstückchen zwischen dem Kupfer liege, ein Goldstückchen, das man dann der Gemeinde verkündigen konnte. Kutruff stimmte in die Rüge ein mit einem ächzenden »Hja« und einem pfiffigen Lachen unter der Brille hervor »der Herr Pfarrer opfert halt auch nicht selber«. Das Einvernehmen zwischen Pfarrer und Kirchenpfleger war ein gleichmäßiges, ohne gegenseitigen Enthusiasmus. Das Einvernehmen war gut, bis wieder einmal des Pfarrers Sohn in die Ferien heimkam. Dieser brachte allerhand ungöttliche Hantierungen mit aufs Land. Auch einen Revolver. Mit diesem knallte er in der Nachbarschaft herum nach Spatzen und Raben, Lattenzäunen und sonstigen Zielscheiben. Im Übermut traf er in der Spätdämmerung eines Hochsommertags noch eine schwarze Katze. Er verschwieg die Schützentat, da es seinem Gewissen nicht ganz wohl dabei war. Aber die Sonne des nächsten Morgens brachte die Missetat schon an den Tag. Auf dem grünen Tisch des Pfarramts lag ein zitterig gekritzelter Brief vom Nachbar und Kirchenpfleger Kutruff. Kutruff erkannte eine böswillige Schadenzufügung vom Pfarrerle, wie man den Sohn nannte, und übertrug sie auf den Vater, den Pfarrer selber. Seine tote Katze gab ihm Gelegenheit, den Nachbar Pfarrer einmal hineinzuverschlingen. Er überlegte lange, wie. Er schrieb einen Brief, obgleich er hätte über die Gartenmauer reden können. Der Brief lag auf des Pfarrers Grüntisch. In ihm schlug Kutruff einen seinem Pfarrherrn ganz ungewohnten, auf Gericht gestimmten Ton an mit dem Ausklang: »Ich verlange zehn Mark für meine schwarze Katze.« Hinter seiner Namensunterschrift stand noch: »Nächste Sonntag kann nicht zum Opferzählen kommen, weil ich sehr krank liege.« Dem Pfarrherrn schnitt er ganz klug damit die mündliche Ansprache ab, bei der es der Pfarrer, wie Kutruff meinte, immer verstand, den Vorteil auf seine Seite zu bringen. Sein Brief traf besser. Dem Pfarrer tat der gehässige Brief des Kirchenpflegers ordentlich in der Seele weh. Immer sonst hatte er sich mit seiner anvertrauten Herde gut ausgesprochen, wenn auch einmal das Unrecht von ihm kam. Der Brief lag nun einmal da, man mußte sich mit ihm abfinden. Zehn Mark für eine Katze, die obendrein die Singvögel aus dem Garten fängt, ein bißchen viel. Den Frieden liebend, ein Prediger nicht bloß mit dem Mund, schickte der Nachbar dem Nachbarn – was wollte er auch machen – zehn Mark hinüber, mit dem Wunsche guter Besserung für den sehr krank liegenden Herrn Kutruff. Der Sohn bekam eine scharfe Standrede und Entzug der Mordwaffe. Damit schien der Fall beigelegt. Am Sonntag bimmelten die Glocken. Der Pfarrer predigte mit versöhnlichem Herzen. Den Gottesdienst beschloß das Kirchenlied und die Gläubigen opferten ihre Scherflein. Am Opferstock vorbei schritt auch des Kirchenpflegers Enkeltochter und opferte mit niedergeschlagenen Augen. Der Kirchenpfleger kam, wie versprochen, nicht zum Opferzählen. So mußte dies der Pfarrer allein tun. Er schüttelte die Büchsen auf den Tisch und zählte. Er stieß auf etwas Eingewickeltes. Zwischen dem Kupfer lag in dem Papierchen ein seltener Schatz, ein Zehnmarkstück. Dem Pfarrer klopfte das Herz. Ein Schaf seiner Gemeinde wollte ihn versuchen, ein Schaf seiner Gemeinde opferte alles (!), was es besaß. Und er erkannte als ein guter Hirte das Schaf und schrieb in das Verkündigungsbuch: »Nächsten Sonntag der Gemeinde verkündigen, zehn Mark im Opfer.« Der nächste Sonntag kam. Kutruff war wieder gesund und in der Kirche. Er wartete nur aufs Verkündigen. Der Pfarrer schlug jetzt das Verkündigungsbuch auf, Kutruff horchte genau. Die Reihe war am Opfer. Es hieß: »Vorsonntägliches Opfer fünfzehn Mark neun Pfennige. Darunter besonders zu nennen: zehn Mark von einem verschämten Geber, der nicht genannt sein will.« Es ging wie ein Rauschen durch die Gemeinde. So etwas war lange nicht mehr gewesen, und der wiedergenesene Kutruff rückte sich auf seiner Kirchenpflegerbank. Er schnaufte stark und wurde vom Asthma schier erdrückt. Er hatte gehofft, von der Kanzel seinen Namen zu hören, denn der Pfarrer mußte wohl wissen, wer das güldene Scherflein gestiftet hatte. Wohl oder übel mußte er sich den verschämten Geber gefallen lassen. Da war's zu denken, daß er diesen Sonntag nicht gern zum Opferzählen kam. Es war ihm nicht recht wohl, wie er in Pfarrers Stube eintrat. Ein bißchen stach es ihm in den Augen, und ein bißchen auffallend zitterte seine Stimme beim »Guten Tag«. Klar wie immer lud ihn der Herr Pfarrer zum Sitzen ein: »Nehmen Sie Platz, Herr Kutruff!« Das Opfer wurde gezählt und machte wieder rund um fünf Mark. Kein Sterbenswort wurde mehr vom letzten Kirchenopfer vom Pfarrer geredet, so wenig wie von der schwarzen Katze. So hielten Pfarrer und Kirchenpfleger Gericht miteinander über die schwarze Katze, ohne Anrufung der öffentlichen Justiz. Der schöne Beck. Der schöne Beck war verlobt! Wie ein Orkan brauste es durch alle Kneipen und Ballsäle. Wie hieß die Glückliche, welche das entzückende Bärtchen Henri quatre kratzen fühlen durfte? Eine Dame der Halbwelt natürlich. Man konnte sich denken, daß Beck, ein schöner Mann, Lumpengeschmack hatte. Eine krause Wut zeichnete nach dem Bekanntwerden so manches Mädchenantlitz der Oberwelt. Ein Beweis, wie beneidenswert eigentlich die Unterwelt war. Und man zweifelte nicht, daß dieser schöne Beck es fertig bringen würde, die berüchtigte Elena in der Oberwelt heimisch zu machen. Elena saß dann mit ihrem bukettierten Rufe wie ein Schatten mitten unter den Frauen des unantastbaren Leumunds. Es war nicht auszudenken. Und doch war Beck so schön, daß keine einzige gegen ihn Stellung zu nehmen wagte, er konnte sich einfach alles erlauben. Man murrte in der Stille, und bewunderte seine Schönheit nach wie vor laut. Ganz anders stand die Sache mit Beck selbst. Wohl hatte er sich verlobt, aber nur, um scheinbar zu heiraten. Er wollte es prüfen, wie der Wirbelwind in die Krinolinen fuhr. Deshalb hatte er sich Elena ausgesucht. Er hoffte, diese Person ebenso leicht, wie er sie genommen hatte, wieder abschieben zu können. Dann wäre die Frauenwelt noch rasender um ihn geworden, wenn er wieder frei war. Beck war ein dämonischer Kavalier und hatte sich dieses Programm ohne Mephistos Hilfe zurechtgelegt. Elena hatte in ihrem Leben schon wahrhaft viel hinter sich und hatte energische Nüstern. Freilich, der schöne Beck war kühn genug, ein Scherzspiel mit ihr zu wagen. Elena, war sie so unerfahren geblieben, daß sie dies nicht von der ersten Stunde an merkte, wie er mit wohlgesetzten Liebesschwüren nahte, heißes Begehren in den Augen? Offenbar ließ sie sich von Beck anbeten nach Herzensnöten und war der Spielball seiner Liebesleidenschaft. Man glaubte, ein Kindchen zu sehen, so verändert war Elena. Sie gab sich ganz ihrem Heiland, dem schönen Beck, hin und sie zeigte sich hingegeben, unwiderstrebend allem, was er von ihr begehrte. So kam es, daß der schöne Beck viel von ihr hatte und genug hatte, ganz wie er es ahnte. Er wußte, diese Hingabe an mich ist so groß, daß ich die Hingabe auch nicht einbüße, wenn ich Elena zu Boden trete. Er erschien eines Tages bei ihr und erklärte ihr, daß ein Ende sein müsse, müsse. Er hatte erwartet, Elena würde in Ohnmacht fallen, und er würde sie ein letztesmal, in Krämpfen liegend, besitzen, aber es war anders gekommen, der schöne Beck erhielt eine glatte Ohrfeige. Also so einfach kam er nicht los von ihr. Der schöne Beck mußte krank werden, er, der Held, mußte in eine sieche Krankenstube flüchten, um Elena zu entgehen. Er mußte tun, als wollte er seine Schönheit aufgeben, nur um ihr zu entrinnen. Über Elena regneten die Flüche der ganzen weiblichen Einwohnerschaft. Wahrscheinlich hatte sie ihn krank gemacht. Sie war verrucht! Aber Elena blieb ruhig und trocken, mit energischen Nüstern. Beck wurde immer kränker, da die Braut ihn täglich besuchte. Er verfiel in Fieber, und er deutete dem Arzte an, daß die Besuche der Braut für ihn aufregend und schädlich sein würden. Natürlich wurden die Besuche sofort verboten. Elena lächelte, sie wußte schon. Es genügte ihr, wenn sie sich künftig beim Pförtner des Krankenhauses nach dem Geliebten erkundigte. Beck frug, ob die Braut es aufgegeben habe, sich für ihn zu interessieren. Doch er erfuhr, daß sie sich täglich zwei- bis dreimal sogar, unabwendbar, nach dem Befinden des todkranken Bräutigams erkundigte. Beck schwitzte furchtbar, und seine Taktik mußte durchdringen. Er verfiel in Delirium. Elena, eine Dame der Unterwelt, mußte es zu dumm werden, sich mit einem kranken Kerl herumzuschlagen. Leider, Beck verrechnete sich gründlich. Er bat darum den Arzt, der Braut ja seinen Zustand ungeschminkt mit der vollen erschütternden Wahrheit seines nahen Todes zu berichten. Der Arzt berichtete einfach pflichtgemäß, daß es immer und immer, selbst den vereinten Anstrengungen von Professor, Medizinalrat und Assistenzarzt nicht gelingen könne, die Diagnose über die Krankheit des Herrn Beck richtig und präzis zu stellen. Die Krankheit war ein absonderlicher Fall. Immerhin. Ein gewisses Fieber war da. Vielleicht Entlobungswahnsinn. Wenn die Ärzte zum schönen Beck hineintraten, so lag er meist im Delirium, schließlich. Er delirierte von Ameisen, von Oxalsäure, von Büffeljagd, Tanzbeinen, Glasbläsern, Nordlandsreisen, Hauswirten, angenommenen Hühnern, überschwemmten Kellern, Orchideenzucht und Kletteraffen. Ach, es war interessant, ihm zuzuhören. Der Medizinalrat ahnte bald, daß dieses Delirium nicht echt sein konnte. Das erstemal blieb die Visite zwei Minuten bei Beck und hörte nur kurz zu, was er faselte. Man verschrieb ihm eine Morphiumspritze mit leichtester Dosis. Beck war entzückt, und er versäumte nicht, es Elena wissen zu lassen, damit sie Furcht kriegen würde, später einen Morphinisten zu besitzen, wenn sie ihn nicht endlich aufgab. Das zweitemal verweilte der Rat eine Minute länger, und er flüsterte laut »Morphium«, sagte aber leiser »Wasser« in die Ohren der Assistenz. Mit Beck wurde jetzt einfach Schindluder getrieben. Jedesmal, wenn die Ärzte mit grimmigem Gesicht bei dem Patienten verweilt hatten, mußten sie sich nachher krampfhaft zusammennehmen, beim Verlassen des Zimmers nicht laut hinauszulachen. Und der Medizinalrat war so perfid, täglich eine gezählte Minute länger bei ihm zu bleiben. Beck mußte auf diese Weise täglich länger delirieren. Der Medizinalrat sagte scherzend zu seinem Begleiter: »Merken Sie genau auf, unser Lieber wird bald nichts mehr zu reden wissen, ich glaube nicht, daß er ein so vorzüglicher Dichter sein wird, bei jedem Tage seine Phantasie eine Minute länger zu dehnen.« Beck schwitzte allmählich Pein bei seinem Delirium, nun sollte er schon während der Dauer von ganzen langen fünfzehn Minuten immer neue Einfälle haben. Er merkte, daß er versagen würde und änderte seine Taktik. Er war ja unter Anwendung von Wasserspritzen bereits ein verzweifelter Morphinist geworden. Er beschloß, von jetzt ab in Apathie still zu liegen. Der Medizinalrat hatte gewonnen. Als sie eintraten und Beck still lag, schlaff, scherzte er laut: »Sehen Sie, meine Herren, Herr Beck weiß nichts mehr.« In diesem Augenblick wäre er beinahe aufgeschnellt und aus dem Bett gesprungen, um das Krankenhaus, das keinen Erfolg verbürgte, zu verlassen. Aber er beherrschte sich noch einmal und blieb regungslos liegen. Doch eine gewisse leise Zuckung seines Mundes und ein bißchen Farbe der Wangen war dem geübten Auge des Arztes nicht entgangen. Da man allmählich längst erkannt hatte, worauf das Krankenspiel hinauslief, verschwor man sich nunmehr mit der Braut. Man wollte sehen, ob die Krankheit eine Besserung zum Guten nahm, wenn sie sich nicht mehr nach dem Herren Bräutigam erkundigte. Zwar am Tage nach der Entlarvung delirierte Beck wieder etwas, doch nur, indem er ein, zwei Worte lallte. Der Medizinale äußerte leise: »Meine Herren, der Fall scheint doch nicht ohne Bedenken.« Die Assistenz meinte, es wäre wichtig, endlich ein abschließendes Urteil zu bekommen, denn die Braut des Kranken habe nachdrücklich schon in der Frühe vorgesprochen, »sie müsse nun endlich wissen, ob er je wieder gesund würde, sie könne – er setzte es ganz leise hinzu – nicht ewig auf einen hoffnungslosen Menschen warten.« Beck, als er es hörte, hämmerten die Pulse, endlich sollte wirklich die Befreiung kommen? Dann war es der Segen seiner Hartnäckigkeit im Simulieren. Der Medizinalrat trat, durch den Bericht seines Assistenzarztes offenbar bestimmt, näher an das Bett und fühlte den Puls: »Sehr frequent und Deliriumerscheinungen äußerst bedenklich.« Damit verließ er den Kranken. Für Beck schien eine neue Sonne aufzugehen. Als sie draußen waren, richtete er sich auf und lachte in seinen Taschenspiegel neue verliebte Faungesichter für Weiber, Weiber, andere als Elena. Und wirklich schon am Nachmittag hatte sich Elena nicht mehr nach ihm erkundigt. Nun fragte es sich, sollte er sehr rasch gesund werden oder noch eine Weile Delirium mimen. Um die Meinung vor den Ärzten nicht zu verlieren, entschied er sich für das letztere. Er war in der Not seiner knappen Phantasie allmählich auf die Idee verfallen, nicht mehr von Elefantenabenteuern zu delirieren, sondern lieber die nächste Umgebung des Zimmers nacheinander in absonderliche Betrachtung zu ziehen, etwa die Wände anzusehen mit dem Blicke des Futuristen. Er erfand damit reizende Dinge, und er freute sich der Wirkung auf die Ärzte. Namentlich ein großer Globus, der im Zimmer stand und seine liebe teure Mutter Erde darstellte, gab ihm eine Menge Gelegenheit zu astrologischen Viechereien. Der Medizinalrat zeigte ein ganz besonderes Interesse für diese neue Epoche. Er ließ deshalb den Globus herausnehmen. Über das Fehlen des Globus delirierte dann Beck in der genialen Abstraktion: »Ich sehe den Mond nicht.« Der Medizinalrat schmunzelte und dachte: »Warte, ein zweites Mal werde ich dich entlarven, aber so, daß du mir nicht entrinnen kannst.« Er ließ vom Assistenzarzt die Erdkugel umdrehen, so daß der Südpol oben war und der Nordpol unten, sodann den Globus dem Kranken wieder ins Zimmer in seiner Verkehrtheit zurückstellen. Zur Visite ging er diesmal mit ganz besonderer Stimmung, ließ sich natürlich äußerlich nichts anmerken. Und es war prachtvoll, dieses Delirium! Eine vollständige abgerundete Sinfonie. Herr Beck sprach: »Butterstullen, Erde dreht sich verkehrt um die Sonne, pr Mauseschwänzchen.« Dann war er still. Der Medizinalrat wiederholte laut: »Butterstullen,« noch lauter, »die Erde dreht sich verkehrt um die Sonne,« »Herr Doktor, geben Sie einmal den Globus her! heda, Herr Beck, wollen Sie den Schwindel nicht eingestehen? der Globus ist allerdings verkehrt aufgesteckt.« Ein Riesengelächter. Die ganze Pflegerinnen- und Schwesternschar stürmte an das umlachte Bett des Herrn Beck. Der schöne Beck saß aufrecht und verlegen im Hemde vor all den Damen. Ihn tätschelnd, meinte der Medizinalrat weiter: »Herr Beck, wir danken Ihnen im Namen der Krankenhauskasse sehr für Ihren langen Besuch, doch, da sie Ihre Braut schon mehrere Tage los sind, so würde ich Sie bitten, anzuerkennen, daß die Erde noch gleich wie bisher umläuft, damit Ihr Bett für ernstere Patienten frei wird. Adieu, Herr Beck. Sie sind gesund und können gleich aufstehen und uns, ich hoffe, als geheilt verlassen.« Damit reichte er ihm die Hand und befahl das Personal hinaus Beck sah in seinen Taschenspiegel, klingelte und ließ sich vom Portier die Kleider beschaffen. Während der Portier die Kleider herkommandierte und Elena die Entlassung des Herren Bräutigams telephonisch mitteilte, machte Beck herrliche gymnastische Übungen, um seinen bettlägerigen Körper wieder apollisch zu fühlen. Er erkannte zu seiner ungewöhnlichen Freude, daß, wenn er einige Filetbeefsteaks gegessen haben würde, er wieder der alte magnifique schöne Beck war. Und wie würden die Weiber, Weiber, neue Weiber bezaubert, wenn es herumlief, daß er wieder herumkavalierte! Der Portier brachte die Kleider und erhielt ein klotziges Trinkgeld, worauf er die Mütze zog bis zu den Waden und stramm abtrat. Der schöne Beck stopfte sich seit fünf Wochen das erstemal wieder die Hosen. Er sah dabei hinaus über die Platanen vor dem Portal des Krankenhauses. Er bemerkte jetzt erst, wie er sich selber freiwillig zu einem Gefangenen gemacht hatte. Aber der Preis war es wert. Für fünf Wochen Simulieren Freiheit von einem lästigen Weibe. Den Leichtsinn einer Verlobung wollte er ja nie wieder begehen! Verlobt war schneller als entlobt. Er klingelte noch einmal, das letztemal. Die bedienende Schwester kam mit lächelndem Antlitz. Sie empfing den Obolus: »Ich werde es in die Opferkasse legen.« In angenehmer Laune sollte ihn das ganze Krankenhaus gehen sehen. Man sollte Respekt vor ihm haben. Er machte eine Schenkung. Der Medizinalrat kam noch einmal und lobte ihn und Beck befahl, um die Protzerei rund abzuschließen, eine Autodroschke. Seltsam, der schöne Beck wußte doch überall alles um ihn herum auf die Beine zu bringen. Sein Abgang aus dem Spitale gestaltete sich zu einer Art Triumphzug. Die Fenster waren von Kranken belagert, um den Mann mit dem verkehrten Globus und der versagenden Deliriumsphantasie zu sehen, Beck, den schönen, den großen Heuchler. Er schritt dem Tor zu. »Portier, wo ist die Droschke?« *           * * Der Portier, es sauste gerade ein Auto vor, rannte an das Portal, öffnete weit, aber das Auto stoppte vorher ab und hielt. Der Chauffeur winkte gegen den Wagenschlag, der Portier lüpfte die Mütze und öffnete dienstbeflissen. Eine Dame entstieg mit prachtvollem Bukett. Unter Beck wankte der Boden. Elena beglückwünschte ihn zur Genesung. Was sollte er anfangen? Angesichts des lachenden Hauses mußte er sich von Elena, von der alten Geliebten, der er nicht mehr entrinnen konnte, in das Auto hineinküssen lassen. Tut, tut und schwumms, schwang es sich im Galopp um die Ecke über eine der vielen Tiergartenbrücken. Dort entschwanden Beck und Elena der Welt. Das vom Portier bestellte Auto lotterte unbeschäftigt trübselig davon. Heiraten oder Xilinde Holly! Xilinde Holly beschäftigte sich mit Heiraten. Sie war jetzt fünfundvierzig Jahre alt. Vor ihr lag auf einem wackelnden dreifüßigen Tischchen ein Buch aufgeschlagen. Sie selbst erfüllte eine Sofaecke und zog ab und zu den Inhalt der Nase wieder hinein. Weil sie sehr scharf dachte, so hatte sie keine Zeit, aufzustehen, um ein Taschentuch aus der Kommode zu holen. In der andern Sofaecke saß der Mops und tat wie seine Herrin. Ein asthmatisches Stöhnen ging im Zweitakt durch den Raum. Die Kaffeetasse auf dem achteckigen Salontisch rauchte dazu wie eine Fabrik in ferner Landschaft. Weit weg lag alles für Xilinde. Ihre blauen Augen träumten zwischen zwei Butterkissen, lediglich durch eine kleine Stülpnase getrennt, von dem platzenden Auftrieb des Busens, bis allemal der Stöhner kam, längst nicht mehr behelligt. Ja, Xilinde stöhnte, sie war in sechs Tagen fünfundvierzig Jahre alt, und heute war Montag. In dem vor ihr aufgeschlagenen Buche stand der Satz: ›Die Gebärfähigkeit hört bei Frauen – bei Männern nämlich nicht – mit dem fünfundvierzigsten Lebensjahre auf!‹ Es war zum Heiraten! Dieser Satz verlangte ungeheure Beschleunigung aller Unternehmungen Xilindes. Sie stand vom Sofa auf, ihre Fußsöhlchen fanden den Boden, und der Mops schüttelte sich. Wo ging die Reise hin? Zunächst einen Schluck heißen Kaffee, dann nachsehen, ob die Heiratszeitung schon durch den Schlitz gesteckt war. Sie stak! Xilinde orgelte es im Busen. Der Mops nieste, und war zuerst wieder in der Sofaecke. Ein blitzend schlaues Lächeln ringelte sich von den keuschen Rebenhügeln-Wangen herab und verhuschte in Xilindes Augen. Das Sofa federte gummiartig gegen die daraufgeworfene Doppelhemisphäre Xilindes, welche ohne jede künstliche Nachhilfe bei tadelloser Unberührtheit wundervoll nächtlich vor dem Spiegel leuchtete. Augenblicklich war es noch Tag. Xilinde hatte mit langtrainierter Geschwindigkeit die Heiratszeitung durchflogen. Es schien wieder nichts Brauchbares darinzustehen. Lauter Offerten, welche sie samt und sonders schon hinter sich hatte. Nur wieder das eine Inserat war auffällig: Begegnung im Bade erwünscht . Wie sollte sie es anstellen, daß der Interessent sie in der Badewanne sehen konnte!? Es war ihr das zu arrangieren immer unmöglich vorgekommen. Aber da das Inserat öfters so lautete, so mußte diese Art doch da und dort im Gebrauch und von Erfolg gewesen sein! Begegnung im Bade erwünscht. Xilinde brütete vor sich hin. Wie das arrangieren! Bis zum fünfundvierzigsten Lebensjahr, nur noch sechs Tage hatte sie Gelegenheit – oder wenigstens Möglichkeit – erfolgbegleitet zu heiraten. Es war Montag, und am Sonntag waren die sechs Tage um, da war's aus für alle Ewigkeit. Sie hatte Geld und konnte sich den Luxus auch außerehelichen Sprößlings leisten, wenn sie nur erst den Mann dazu hatte. Es war nicht zu glauben, in welcher Unangefochtenheit Xilinde bis hierher gealtert war. Was manchem Weibeswesen eine Unbegreiflichkeit war, hatte sie ohne Zutun mit genialer Leichtigkeit im Zeitraum von siebzehn Möpsen fertig gekriegt. Nur von dem Gesichtspunkt aus war das Glück überhaupt noch erreichbar – das aufgeschlagene Buch klappte sie energisch zu –, nur von dem Gesichtspunkt aus, daß sie sofort eventuell ohne Einhaltung konventioneller Zeremonien heiratete. Aha, jetzt! – Darauf ging ja auch die Spekulation des Inserats! Denn, anzunehmen war, daß ein Mann, welcher im Badezimmer seine Antrittsvisite machte, solcher Mann . . . Xilinde stöhnte so furchtbar, daß sie diesmal einen wahrhaftigen Stich spürte, und ihr eine Röte hinaufschoß. Sie begab sich an das polierte Schreibtischchen. Sie entnahm hastig einen Bogen Briefpapier und schrieb. Ach, dachte sie, wie oft hatte sie, aber natürlich, vergebens, geschrieben! Diesmal war ja der Erfolg schon im voraus verbürgt, das heißt, – eine dunkle Wolke stieg in ihr auf: Wenn der betreffende Herr kein absonderlicher Mensch war. – Aber sie schrieb mit tapferer Entschlossenheit: ›Sehr geehrter Herr! In Bezugnahme auf Ihr Inserat bin ich bereit, Sie morgen um 11 Uhr im Bade zu empfangen. Mit vorläufigem Gruß Xilinde Holly, Geranienstraße 1, gleich Ecke.‹ Mit einem teuflischen Triumph war der Brief versiegelt und zur Post gegeben. Nie kam einer? – diesmal kommt 'r! Sie verbrachte den Abend und beinahe die ganze Nacht vor dem Spiegel in fleischlichen Equilibrationen. Ob von vorne oder hinten! sie sich zuerst zeigen sollte, wenn er hereinkam, oder ob sie gerade die Dusche nahm? Sie nahm ein Versuchsbad vorher und ließ ein Trumeau ins Badezimmer schaffen. Sie fand sich entzückend. * Durch die furchtbare Erregung, in welcher sich Xilinde befand, wurde sie tatsächlich über Nacht hübsch und wie der Philosoph sagt: ›Größen haben nur Geltung durch Verhältnis‹. Xilinde war wohl dick, aber bei der famosen Harmonie aller Teile doch niemals fett oder unförmig. Der Mops bekam diesen Tag Ohrfeigen und Küsse, wahllos. In robbenhafter Behendigkeit spielte Xilinde mit dem plumpen Tier. Um Zehn wollte sie in das Bad steigen, damit sie gewiß darin war, wenn er je schon ein paar Minuten früher käme. Es war ein prachtvoll schöner Morgen. Und die Stunde kam. Xilinde gähnte und betrat die Badestube. Zunächst setzte sie sich in ruhiger Erwartung auf den Grund der Wanne. Dann aber rückte die Uhr bedenklich auf die Elf. Xilinde, wenn es jetzt läutet! wo wirst du hinfliehen? oder wirst du sitzen bleiben? wirst du's wagen oder wirst du die Badestube vorher noch abriegeln? Begegnung im Bade erwünscht. Was mußte das für ein Mann sein! Einer, der noch keine gesehen hat, oder der schon zu viele gesehen hat! Einer, der Angst hat, oder einer der – sicher gehen will, daß sie schön ist? – dann war es ein Wüstling! Oder einer, der foppt. Wenn es zum Beispiel einer wäre, welcher unter der Badetür stünde, dort ein Monocle aufsetzte und damit genug hätte! Xilinde schraubte dann einfach die Brause auf und würde sich seinen Augen, unter dem gießenden Wasserschleier, sehr verbergen. Bisher war sie ganz still gesessen, aber jetzt plantschte sie ab und zu Wellen vor sich auf. Auf einmal klopfte es an die Türe. Xilinde blieb still. Es klopfte wieder. Xilinde rief. »Wer ist draußen?« Es antwortete: »Ein Herr, der das gnädige Fräulein sprechen will.« Schematisch rief Xilinde zurück: »Führen Sie den Herrn in den Salon!« – Die Schritte des Mädchens entfernten sich von der Türe. Xilinde stockte alles Blut. Sie stieg aus der Wanne und warf ein Badetuch über. – Sie fühlte, der Empfang im Bade war unmöglich. Auf diese einfache Art ging die Sache nun doch nicht. Schon wollte sie sich rasch ankleiden, als plötzlich das Mädchen gestürzt kam. »Gnädiges Fräulein, der Herr will auf das Klosett!« Schnurstracks flüchtete Xilinde, unangezogen, in das nebenliegende Schlafzimmer und wußte in der Verzweiflung nichts zu tun, als das Bett aufzuwerfen und sich unter die Bettdecke in Sicherheit zu bringen. Einstweilen trat der Herr in die Badestube und fand dort zu seiner Freude und zu seinem Erstaunen ein benutztes Bad. Es roch nach köstlicher Seife. Wo aber war die Schöne, welche ihn empfangen wollte? Er hustete. Xilinde schwitzte unter der Decke. Wie hatte der Entwurf gegen die Wirklichkeit ausgesehen! Alles war plötzlich wie in einem Melkkübel. Der Stil der Gedanken was weg. Plötzlich waren Menschen da, die sprachen, die etwas von ihr wollten. Im Fieber liegend, hätte der Anruf ihres Mädchens an der Türe nicht schrecklicher getönt, als jetzt. Xilinde hörte den Mann reden. Der Herr redete: »Wollen Sie ihrem gnädigen Fräulein doch sagen, ich sei der Herr, welcher durch einen Brief schon vorbereitet sei, ich würde durchaus die Bekanntschaft wünschen.« Das Mädchen lief, wohin lief sie – Xilinde biß die Decke – das Mädchen lief zu ihr herein! ins Schlafzimmer. Auf alles, was das Mädchen redete, antwortete Xilinde kein Wort. Es vergingen zehn volle Minuten. Nur der Mann trottete und nieste zwischen Schlafzimmer, Korridor und Badestube herum. Endlich besann sich der Herr nicht länger, er schritt der Korridortür zu und schimpfte: »Elende Gemeinheit! Man hat seine Zeit doch nicht gestohlen! Ich wollte ja auch erst in Norderney! – –« Die Korridortür flog zu. »Nein, nein!« kam ein schriller Schrei aus dem Schlafzimmer. Xilinde vergaß sich gänzlich, sprang, wie sie war, aus dem Bette und lehnte sich schwer ringend auf das Fußende des Bettes, während das Mädchen ratlos unter der offenen Türe stand und nur sah, was es nicht begreifen konnte. Was wollte es tun! Es schritt in der guten Absicht, Trost zu spenden, auf Xilinde von hinten her zu. Aber Xilinde kam plötzlich die entblößte Stellung zu gräßlichem Bewußtsein. Sie schrie das Mädchen an: »Gehen Sie weg! Sie Schwein!!« »Aber ich habe es ganz gewiß nicht so aufgefaßt,« schlich sich das Mädchen langsam verschüchtert hinaus. Es war Xilinde, als wäre sie ihrer ganzen Würde beraubt. Als sie längst wieder angekleidet war, konnte sie nicht einmal mehr den Mops ansehen. Und noch war nicht das Geringste, Schamverletzende geschehen! Sie schlug das Buch auf und las den Satz nach, ob nicht sechsundvierzig statt fünfundvierzig da geschrieben stand. Sie schlug hinten die Berichtigungen auf, aber es war ein Schauder. Mit fünfundvierzig war alles vorbei. * »Ich wollte ja auch erst in Norderney – –« Was bedeutete das? Xilinde sann, sich anstrengend. Norderney war ein Bad, wollte der Herr etwa in Norderney –? war so die Begegnung im Bade zu verstehen? Xilinde war ein unglückliches Geschöpf. Sie trat wiederholt vor den Spiegel und kam sich wie ein ganz nettes rundes Busselchen vor. Trotzdem, das Gefühl, daß sie neben andern, zwischen andern im offenen Becken der Nordsee badend, nicht als Schönheit zur Schätzung kam, dieses Gefühl konnte sie nicht verscheuchen. Sie beschäftigte sich darum gar nicht lange damit, das Inserat nach dieser Seite hin zu prüfen. Sie blieb dabei: »Begegnung im Bade« war »Begegnung in der Badewanne«, ebensogut. Als die Woche dem Ende zuging, war die bittere Erfahrung vom Dienstag wieder vergessen, und bei Xilinde war das Heiraten wieder im Zenith der Sinne. Sie entschloß sich. Dem Herrn schrieb sie noch einmal. Sein Inserat war am Donnerstag wieder erschienen. Seltsam, der Herr hatte nichts gefunden, es war schon, als wenn er für sie da wäre. Sie schrieb: »Sehr geehrter Herr! Ich weiß, Sie haben mein Benehmen sehr sonderbar gefunden, aber ich hatte nicht den Mut, mich zu zeigen. Aber wenn Sie noch einmal die Güte haben wollten, so würde ich Sie bitten, doch zu kommen. Ich werde das Mädchen instruieren, daß sie Sie einfach hereinläßt. Dann weiß ich nicht, wann Sie kommen. Sie sind dann in der Wohnung und können tun, was Sie wollen. Mit der Bitte um Entschuldigung Ihre Xilinde Holly, Geranienstraße 1.« So kam's. Xilinde setzte sich wie ein Opferlamm ins Bad. Sie wollte nichts tun und alles in Ergebung erwarten. Daß Geduld die schönste Eigenschaft der Frau war, wußte sie ja, denn sie war vierundvierzig Jahre geduldig gewesen. Und auch jetzt würde sie nicht so pressiert haben, wenn nicht die berühmte Autorität in jenem Buch jenen Satz geschrieben hätte: »Die Gebärfähigkeit hört bei der Frau mit dem fünfundvierzigsten Lebensjahr auf.« Es ging alles zu, wie das letztemal. Nur trat der Herr kurz entschlossen in die Badestube ein. Xilinde drückte sich mit den Händen schamhaft die Augen zu. Der Herr stand leise im Baderaum, dann hantierte er an sich herum. Xilinde, welche die Augen nicht aufzudecken wagte, war des festen Glaubens, daß sich der Herr entkleidete bis auf einen etwaigen Rest. Aber auf einmal klangen die ganz nüchternen Worte: »Nun 's ist gut, ich habe Augenschein genommen.« Der Herr hustete und wollte gehen. Xilinde deckte die Augen rasch auf. Die Hände wurden ihr gleichsam vom Gesicht geschlagen. Sie rief entschlossen: »Und nun ist's gut, nun wollen Sie gehen?« »Gewiß meine Gnädige,« tönte es spöttisch zurück. Jetzt vergaß sich Xilinde wieder ganz. Sie sprang aus der Wanne. Wie gewandt das dicke Maßchen klettern konnte! Durch die Schlafzimmertüre sprang sie quer hinüber zur Korridortüre und hatte einen Vorsprung vor dem in den unbekannten Räumen unbehilflich Fliehenden gewonnen. Sie konnte die Türe gerade noch recht verschließen und sich entgegenwerfen. Xilinde erhielt einen Stoß vor die Brust. Jetzt sah sie den Mann mit furchtsamen Augen an und begann sich wieder zu verstecken. Aber dabei erschien sie doch in der Tat viel schöner, als sie sich im Bade ausgenommen hatte. Es wurde dem Manne, nachdem er die Faust gebraucht hatte, wie Reue. Er trat Xilinde näher und bat sie um Verzeihung. »Lassen Sie, ich werde mich ankleiden.« Spielend gelangen ihr in ihrem Verletztsein alle die Dinge, wie sie andern Frauen gelingen, um den Geliebten festzuhalten. Zeigen und verbergen. Xilinde wurde ein unerwartet reizvolles Wesen. Der Herr begann zu bekennen, daß er schon seit zwanzig Jahren die Begegnung im Bade suche, er aber bei der großen Wahl nie zu wählen imstande gewesen sei. Aber er würde Xilinde nicht einmal sehr korpulent finden, es liege im Gegenteil eine gewisse weiche Geschmeidigkeit trotz allem in allem. Am Sonntag stand der Mops mit einer rosa Schleife im Halsband da und einer blauen am Schwanzende. Xilinde schlug verschämt das Buch auf und führte Knollenbergs Finger auf die Stelle, so daß er verlegen laut auflachte, weil er den Abschnitt wohl kannte und wußte, daß zehn Zeilen weiter ein bedenkliches Alter auch für den Mann angestrichen war. So war Eile doppelt am Platze. Schwester Veronika. Schwester Veronika stand auf der Treppe des Armenhauses, sie hatte den Rock hochgeschürzt, damit die Wasserbrühe, welche die Stufen herablief, nicht den Saum ihres Kleides beschmutzte. Es war Abend vor Sonntag, da pflegte sie den Armen des Ortes, die hier zusammengepfercht untergebracht waren, ihr schmutziges Haus gründlich reine zu machen. Ehe Veronika dieses Amt freiwillig auf sich genommen hatte, war das Armenhaus schlimmer als ein Aashaufen gewesen. Wegen ihrer freiwilligen Aufopferung, die allgemeines Kopfschütteln in der Gemeinde verursacht hatte, wurde sie denn auch wie eine Heilige angesehen. Veronika war die Tochter des reichen Hofbauern im Dorfe. Ihr Tun wurde namentlich unter den reichen Bauern der Gegend als ein öffentlicher Skandal angesehen. Man konnte sich nicht erklären, wie das in dies hübsche Mädchen gefahren war. Während ihrer Kinderzeit war sie vergnügt und munter mit den lieben Tierchen aufgewachsen. Bloß das Vernünftigste war bei denen zu erlernen – Natur. Wenn ihr junger Vetter Leutnant seine paar Tage Urlaub bei der Kusine verlebte, da wurde alle Tollheit getrieben. Es war nur immer schade, wenn er wieder zur Linie mußte, da hängte sie allemal eine Zeitlang das Köpfchen. Das war aber selbstverständlich und gewiß kein so auffälliger Idealismus wie der, dem sie jetzt verfallen war, Menschen ihren Stall zu reinigen. Anderes war's nichts, dieses Gutleuthaus. Derjenige Bauernsohn, welcher Veronikas Eltern die Freude machte, sie zur Umkehr zu bringen, der kriegte sie sofort mit einer reichen Mitgift geschenkt. Hege, der Sohn des Domänenpächters, arbeitete unermüdlich an diesem Ziel. Veronika bürstete gerade die unterste Treppenstufe, welche mit der Hausschwelle in gleicher Höhe lag. Die Haustür stand offen, um einen Luftzug in das ärmliche Gebäude herein zu lassen. Da hielt ein Wagen mit Pferden scharf an, und bald stand Hege hinter ihr. Er rief sie an: »Sag' einmal, willst du nun tatsächlich so verrückt bleiben?« Veronika richtete den ermüdeten Rücken auf, und unter dem Stirnband der Schwesternkapuze schaute ein hübsches Antlitz den jungen Burschen an. Dieser trat jetzt zutraulich auf sie zu und sprach mit einer liebevolleren Stimme: »Was willst du denn damit bezwecken? Das ist doch deiner ganz unwürdig, daß du dich so herabgibst. Man muß sich ja richtig an dir schämen.« Er blickte wie verlegen um sich, ob ihn auch niemand stehen sähe unter der Armenhaustüre. Die Pferde an seinem kleinen Jagdwagen stampften Feuer, steig auf, wir wollen nach Hause, davonrennen! »Veronika,« frug er zum dritten Male, »gib den Unsinn auf. Wenn du's aufgibst, da ist schon alles ausgemacht mit deiner Mutter und deinem Vater. Du kriegst eine Vorzugsmitgift vor deiner Schwester und beim Teufel! Hör' meine Pferde stampfen, oh die nicht Feuer haben vom Haber, den sie bei mir fressen. Zum Kuckuck! Ob das arme Pack da vermodert oder verschimmelt!« Es trieb ihm eine ganze Röte ins Gesicht. Er meinte, jetzt müsse er das Mädel wegbringen. Veronika bewegte kurz überlegend die Augen, dann wandte sie sich gleichgültig wieder ab zu ihrer Arbeit. »Nun zum viertenmal! Wie ist denn diese Narrheit in dich gefahren? Es verlacht dich ja alle Welt. Der verdrehte Pfarrvikar, hat der die bornierten Ideen? Ei die Feix! Ist es am Ende deine teuflische Heuchelei, daß du glaubst, dich zur Pfarrfrau hinaufzuscheuern?« Jetzt endlich sprach sie, aber mit einer seltsamen Ruhe, die darauf schließen ließ, daß sie sich wirklich in die Gemeinschaft der Heiligen eingegangen vorkam: »Ich hoffe nicht, daß ich heuchle.« Der junge Mann schaute sie verdutzt an. So heilig war sie, daß sie schon über das Pharisäertum hinaus war. Aber gerade deshalb hoffte er wieder frisch. Er hatte wirklich Mitleid mit ihr und sagte: »Ich hoffe, daß noch einmal in deinem Leben ein Einsehen über dich kommt, und zwar bald. Das wünsch' ich.« Damit wankte er auf seinen Wagen zu, nahm die Zügel und kletterte auf den Bock. Noch ehe er saß, rannten die Satanspferde los. Als er saß, nahm er die Peitsche und knallte in die Pferde hinein, daß sie ihn mitsamt dem Kütschlein durch Wolken von Staub schleuderten, dahin, woher er gekommen war. So war er schon hundertmal dahergekommen und hatte Veronika von der Armutsarbeit wegzubringen versucht. Aber heute nach beinahe zehn Jahren, seitdem sie's angefangen hatte, mit dem gleichen Mißerfolg wie das erstemal. Veronika kam jetzt mit dem Scheuereimer vors Haus heraus und scheuerte die Platten. Die alte Ernstin wackelte daher mit dem gelben Armenrunzelgesicht und ihren 82 Jahren, einen Riesentopf in den schwanken Zitterhänden balancierend, damit das bißchen Milch, welches sie in den großen Topf hineingebettelt hatte, nicht verschütte. Veronika lächelte ihr freundlich zu. Die Alte beantwortete das freundliche Lachen mit Ausspucken. Die Armen revoltierten dagegen, daß sie ihnen täglich die Betten machte, in die sie bisher die Speisen voreinander versteckt hatten. Trotz der bissigen Wut der Armen verrichtete Veronika ihre Tat. Jedem, der Verstand hatte, erschien es als eine Heldentat, jedem Vernünftigen als ein Unsinn. Geldenbot , ein geistiger Narr, der noch im Dorfe bis zu zwanzig Pfennig im Tage mit Holzspalten verdiente, lebte in diesem Hause als reiner Partikulier. Der kam hinter der alten Ernstin dahergehopst, das Beil über dem Kopf schwingend, »schöne Schwester«, als wenn er die schöne Schwester am liebsten abmurkste, weil sie ihm hochhing wie eine Kronbirne. Auch er bekam ihren freundlichen Gruß. Es strahlte aus ihrem Wesen wirklich so viele tiefe Liebe, daß ein Gedenken daran die Tränen aus den Augen treiben möchte. Die große Reinigung war beendet. Veronika schüttete den Eimer in die Gosse. Der Pfarrvikar kam die Straße herauf, auf das Haus zu. Er grüßte Veronika und tat sehr amtswürdig. Er unterwarf das Haus seiner »Inspektion«. Es war leicht inspizieren. Veronika hatte alles sauber gemacht. Früher war auch immer »Inspektion« gewesen, aber mitten im Dreck und Schmutz, ohne daß die Inspektion eine Schaufel davon abtrug. Dabei folgte Veronika den Schritten des Vikars wie die Schwestern in den Spitälern dem Arzte bei der Visite folgten. Es war ihr peinlich, wenn er das geringste beanstandete. Daß er beanstandete, war nichts als sein geistiger Hochmut. Er sah Schwester Veronika einfach als Armenhauspflege an, die Hofbauerntochter war gestorben oder verbrannt. Es war unmöglich, Grund zu Verdacht zwischen den beiden zu finden. Der Vikar stand da wie ein Feldmarschall und die Schwester wie ein Mädchen in der Christenlehre. Sie traten oben über die Treppe in den »Weibersaal« ein. In den Betten hockten zwei kretinenhafte Weibchen, die einander kratzten, bissen und schlugen. Sie huschten, als der Vikar eintrat, auseinander und maulten unter die Decke. Die anderen lehnten abscheulich herum und machten ein dumm grinsendes Gesicht, wenn ein »Wort der Schrift« an sie erging. Acht Betten und ein Tisch waren in der Stube. Sobald eine Arme hereinkam, mußte sie wohl oder übel ins Bett hocken. Auf dem Tisch wurde gekocht, daß heißt, wenn eine ihren Betteltopf darauf stehen hatte, so kochte sie und die sieben andern mußten den ihrigen ins Bett hereinziehen. »Da liegt noch was,« grinsend entdeckte es der Vikar. Es schien ihn sichtlich zu freuen, wenn er seine scharfen Augen beweisen konnte, denen nichts entging. – Ein Strohhalm. Er wird nachträglich aus einem Bette gefallen sein, Veronika hob ihn auf und errötete. Früher – Veronika dachte es nur, sagte aber nichts. Früher war ein Strohhalm auf dem Boden noch ein Segen gewesen, denn man hatte gestreut genau wie in den Viehställen. Es plagte Veronika tief, daß der Strohhalm beanstandet wurde. Wie herzlich gern hätte sie dem Vikar geschildert, wie's ausgesehen hatte, als sie zum erstenmal hier hereintrat. So schwieg sie eben. Sie gingen herunter zu ebener Erde in den »Männersaal«, zwanzig Quadratmeter groß. Hier lag man auf Strohsäcken direkt auf dem Boden. Geldenbot, als sie eintraten, rief großartig: »Was wollen Sie von mir, haben Sie etwas zu verkaufen?« Der alte Kienle kam heran und beklagte sich, daß ihm alles weggegessen werde. Da ging ein Geschrei los wie in einem Affenhause, alle über den Anzeiger her. Und wie ein ausgeblasenes Licht verkroch sich der Neunundsiebzigjährige in die dunkelste Ecke. Geldenbot führte hier das Scepter mit einer unzurechnungsfähigen gefährlichen Narrheit. Dann war noch eine dritte Stube, wieder oben. Da röchelte ein alter Mann zum Himmel hin, zur Erlösung. Der Vikar schritt an seine Bettstatt heran mit seinem immer gleichen festen Tritt. Veronika schloß leise die Tür. Hier war das einzige Heiligtum, weil hier ein schöner Jüngling erwartet wurde, der Erlöser Tod. Die Inspektion war zu Ende, wie rasch. Der Vikar schüttelte der Schwester mit kräftigem Druck die Hand und ging. Veronika lief eine Träne über die Wange. Sie begleitete den Vikar nicht hinaus, sondern blieb in dem kleinen Zimmerchen bei dem röchelnden Manne stehen, ein Gefühl im Herzen, als ob hier ein Ort wäre, wo bald eine Liebesbegegnung stattfinden würde. Liebe, Liebe, wo war Liebe auf Erden? Sie dachte an ihren Vetter Leutnant, der seinen Dienst schon mit fünfundzwanzig Jahren quittieren mußte, aus einem kleinlichen Anlaß. Seitdem irrte der Mensch auf der Erde umher von einem Beruf zum andern, von einer Stellung zur andern. Wer wußte, was aus ihm geworden war. Sie fühlte, daß er ein armer Mensch sein müsse, da wollte sie nicht reich sein. Barg sich dahinter der Grund, warum sie sich zur Armenhausschwester selbst gemacht hatte? Wenn sie sich ihres Vetters Timling erinnerte, warum brachte er es denn zu nichts auf der Welt? Oft dachte sie, wenn er nur jetzt hier wäre, an meinem Beispiel könnte er zur Tatkraft gesunden. Wenn ihre ganze Verwandtschaft den Stab über ihn gebrochen hatte, sie liebte ihn, erst jetzt, weil er ein Armer war, ein Hilfloser. Oh, käme er zu ihr! Doch niemand wußte, wo er war. Zeigte sich denn, daß Veronika ein tiefernstes Mädchen war, daß bei ihr aus dem leichten Flirt eine solche Liebe reifen konnte, die Zeit und Raum überwand, und fortwährend nach dem unglücklichen Offizier suchte? Das Röcheln des alten Mannes wurde heftiger. Sie beugte sich über sein Gesicht, ob er noch an etwas teilnähme. Da glaubte sie ein Lachen auf den Augen des Mannes zu sehen, es krampfte sie zusammen und sie schluchzte laut auf vor Glück, daß jetzt, im letzten Augenblick wenigstens, doch der alte Mann einen Dank für sie hatte. Kein Mensch dankte ihr, was sie an diesen Armenhäuslern tat, nicht einmal sie selber dankten es. Das gab ihr während der ganzen Zeit immer das volle Herz, voll von Jammer und Glück zugleich. Das bestimmte Gefühl, Undank zu ernten, erhielt sie am kräftigsten aufrecht, nicht nachzulassen im Eifer der Pflicht, die sie übernommen hatte. Sie wollte den Tag erleben, da es ihr doch einmal gedankt würde. Ihre Ausdauer und ihr Beharren waren unerschütterlich, damit sie das Ziel, auf das sie lossteuerte, nicht verlor, zuletzt Dank und wäre es in der letzten Stunde vor dem Tode. Das was sie jetzt bei dem röchelnden Manne erlebte, war ihr das Abbild ihres eigenen Endes, das sie vor sich sah, ganz nahe gerückt. Sie beugte sich noch einmal mit ihren tränengefüllten Augen über das Antlitz des dem Tode stillhaltenden Mannes, und siehe, es war immer wieder das Lächeln auf dem Gesicht. Veronika jubelte innerlich in das höchste Entzücken hinaus. Sie war so entzückt, daß sie den Kopf des Sterbenden zwischen beide Hände nahm und den Mund leise auf seine Lippen legte. Dann ging sie weg. Sie stand in völliger Ruhe neben dem Bette. Es wurde immer leiser, das Röcheln wurde ganz ganz leise. Es war, als träte jemand zu dem erschlafften Manne hin und machte ihn wieder fest, richtete den Mann gerade und glättete ihm Stirne und Wangen – das war der schöne Jüngling, der kein Wehe sehen kann, der überall, wo er hinkommt, Friede und Ruhe verbreitet. Er ging auf Veronika zu, sollte sie stehen bleiben? Er war so schön, aber von so seltenem Stoff wie Wachsblumen und Lilien! Sie trat zurück und legte die Hand auf die Türklinke. Da bat er sie, wenigstens zu melden, daß der alte Mann tot sei. Im Dorfe lief das Vieh zum Brunnen und gingen die Futtermaschinen. Auf dem Rathause strich der Schultheiß den Armen, mit seiner Armenlast, gerne aus dem Buche des Lebens aus. Veronika wünschte so heiß in ihrem Herzen, daß er drüben wieder eingetragen werde. Das geschah sogleich. Der Schultheiß zog das Totenbuch, da standen alle. Als letzter nun der alte Remm. Wenn man die noch weißen leeren Seiten ins rechte Licht hielt, so waren sie alle schon voraus beschrieben. Die Tinte, welche der Schultheiß anwandte, machte die Namen bloß irdischen Augen leserlich. Als Veronika durch den Ort ging und dem und jenem sagen mußte: »Der alte Remm ist gestorben,« da hieß die Antwort bei allen: »No, 's ist ihm z' genne.« Es war ihm zu gönnen. Wie gut die Menschen auf der ganzen Erde wissen, daß der Tod eine Erlösung ist und doch, warum das Zaudern und Zögern vor ihm. Wie das Kalb ungern vom Schlächter gezogen wird, so ist das Leben etwas krampfhaft Feiges. Veronika dachte es und ihr Gesicht war wie von einem Lichte verklärt. So trug sie die Botschaft von Remms Tod. Sie stand unter ihren Armen nur noch fester und sicherer. Sie wurden ihr alle zu noch hilfloseren Kindern, selbst Geldenbot, vor dem sie noch ab und zu geheime Angst gehabt hatte, er könnte einmal wirklich in der Narrheit das Beil, das er stets am Stiele in der Hand trug, über sie schwingen, wenn sie an seinen Strohsack herantrat und ihn ausschüttelte. Als Veronika heute noch vor der Nacht in den Männersaal eintrat, um gute Nacht zu wünschen, bemerkte sie dennoch erstaunt, daß Geldenbot noch nicht auf dem Sacke lag, sondern aufrecht saß, das Beil in der herabhängenden Hand. Sie fragte ihn: »Warum schlafen Sie nicht?«, da warf er ihr einen wütenden Blick zu und sagte scharf: »Der Herr Kienle kommt nicht in die andere Stube.« Er meinte den alten neunundsiebzigjährigen »Herrn«, dem sie alles wegessen konnten. Veronika mußte unwillkürlich lachen, weil sie Geldenbot durchschaute. Immer der Älteste hatte das Anrecht auf die Einzelstube. Somit war das Ableben des alten Remm von einschneidender Bedeutung für den Nährstand im Männersaal. So hilflos wie Kienle war keiner mehr, alle außer ihm wußten ihre Nahrung gegeneinander zu verteidigen. Geldenbot war somit der einzige Mensch auf Erden, welcher dem alten Remm die Erlösung nicht gönnte. Ihn ärgerte es heillos, daß er gestorben war. Das wurde gefährlich für die Schwester, wenn sie Kienle unten herausnahm und in die Einzelstube brachte. Und daß die Schwester lachte, sagte Geldenbot nichts Gutes. Er hockte steif wie ein überlegener Aristokrat, mit scheinbar beleidigtem Kopfe, was hieß: »Nimm dich in Acht.« Da hätte Veronika besser nicht gelacht. Aber sie war ja in keinem Irrenhaus angestellt und nicht auf den Menschen geschult. Der Irrenarzt hätte die Stirne in Falten gezogen, woraus Geldenbot das Gegenteil von der Absicht geschlossen hätte. Genau betrachtet, war es ein unerhörter Leichtsinn, daß Geldenbot frei und bewaffnet umhergehen durfte. Und der Leichtsinn noch größer, daß hier ein Geschöpf, ein so wertvolles Mädchen, das nur seinem frommen Herzenstrieb folgte, als Pflege sein durfte. Der Hofbauer, Veronikas Vater, unterredete sich wohl darüber mit dem Schultheißen, aber dieser grinste geschäftstüchtig: »Der Geldenbot macht nichts.« Es hätte ja die Gemeinde gekostet, denn von Staatswegen wurde er nirgends untergebracht, weil er nicht nachweisbar gemeingefährlich war. Veronika schloß die Tür und sagte: »Gute Nacht!« Geldenbot wachte aufrecht, die Augen auf Kienles Lagerstatt geheftet, daß dieser nicht herausgenommen werde. Es war Veronika leid, daß sie gelacht hatte, weil, wie sie glaubte, der Arme sich beleidigt fühlte. Die Komik der Situation zwang sie aber auch noch jetzt zum Lachen, wie Geldenbot so hübsch gestand, daß er es war, welcher den alten Kienle immer beraubte. Das war sein Herrenrecht. Am liebsten wäre sie umgekehrt und hätte Geldenbot geliebkost, weil er das Herrengefühl auf Erden ewig nicht verlieren konnte. Er war aber selbst schuld, wenn sich in das Mitgefühl mit ihm fortwährend das Vergnügen an ihm mischte. Dazu trug seine absonderliche »Weltanschauung« bei. Doch zu ihm umzukehren, hielt es sie zurück. Vielmehr begab sie sich hinauf in die Stube, wo der tote Remm lag. Bald hinter ihr polterten Stiefel die Stiege hinauf, um ihre Betrachtung des Toten zu stören. Der alte Remm wurde abgeholt. Veronika sah gleichgültig zu. Totengräber gehen eben gewohnt mit derlei um. Ein Wunder, daß sie selbst noch sterben können. Der Transport rutschte die enge Armenhaustreppe hinab, und Veronika wartete keinen Augenblick. Sofort zog sie das Bett ab und nahm das Leinentuch heraus. Sie wühlte den Strohsack durch, ob kein Testament darin war, in Gestalt eines versteckten Speiserestes. Sie fand nichts, sie hatte den Kranken ja wohl gepflegt bis zuletzt. Die leeren Betten brauchten keine Desinfektion; man begnügte sich, nicht bloß auf dem Lande, auch in vornehmeren Verhältnissen damit, daß man aus den Betten der Verstorbenen nur die Wäsche entfernte. Früher war das im Armenhause nicht einmal geschehen. Da wußte jeder, der in das Einzelbett hineinkam, ob Mann oder Frau, daß es das Totenbett war. Veronika öffnete das Fenster und legte das Bett für den andern Tag zum frischen Überziehen auf den Sims. Sie drehte den Schlüssel der Stube hinter sich ab und nahm ihn an sich. Die Stube hatte eine Nacht Ferien. Sie ging die Treppe hinab und freute sich, daß es Abend wurde. Bald läuteten die Abendglocken den Sonntag ein. Diesmal hatte sie die Erholung zu Hause besonders notwendig. Sie fühlte sich sehr abgespannt. Sonnabend Abend. Da kam sie immer daheim an, so müde. Der Hofbauer, ihr Vater, trat am Wochenschluß immer mit einer gewissen Ehrfurcht zu ihr heran und legte ihr seine schwere Hand auf den Kopf. Wollte er sie auch lieber verheiratet mit Kindern sehen, so sprach er doch längst nicht mehr davon. Er hatte Respekt vor seiner Tochter. Veronika aß und sprach mit den andern, wenn die Knechte und Mägde zu Tisch kamen. Ohne den jungen Hege wäre der Gedanke an etwas Absonderliches nicht mehr gewesen. Aber er hegte ihn so richtig, daß er lebendig blieb. Veronika begegnete im Hauseingang des Armenhauses Gelderbot. Natürlich war er herausgekommen, wo man die Leiche fortschaffte. Sie ging an ihm vorüber, und er machte einen erschrockenen Schritt zur Seite. Offenbar war er überrascht, daß sie noch im Hause war. Sie wollte ihm nichts sagen, er solle in die Stube hineingehen. Vielleicht war ihm das Kühlerwerden beim Hereinbrechen der Dunkelheit eine Erquickung. Sie war, über die Schwelle springend, schnell auf der Mitte der Straße. Sie streifte mit dem Gewande einen armen Landstreicher, den sie vorher nicht bemerkt hatte. Dieser schien sogar ihretwegen plötzlich in den Weg getreten zu sein, denn er sprach sie gleichzeitig an: »Schwester, bitte . . .« Veronika blieb sogleich stehen und ermunterte den Mann dadurch zum Reden. Sie kannte das, es geschah nicht zum erstenmal. »Ich bitt um ein Nachtquartier, Schwester, für einen weitgelaufenen Mann,« stammelte der Straßenfahrer. »Ich habe keinen Kreuzer Geld und ohne einen Pfennig nimmt man mich nirgends auf.« Veronika pflegte, zum Verdruß ihres Großknechts, neuerdings solche Vagabunden auf den Hof mitzunehmen. Häufig vermittelte sie dadurch noch die nachgesuchte Arbeit. Der Großknecht war ein roher Mensch, dem kam es nicht darauf an, mit der Peitsche zu knallen, wenn er sie gerade in der Hand hatte. Mürrisch fügte er sich den Gästen, welche Veronika daher schleifte. Dahin wollte aber dieser heute nicht mitgehen. Veronika dachte, der Großknecht wird ihn gepeitscht haben. Der Fremde sah sie recht mitleiderweckend an. Sie wollte keinen abweisen. Deswegen kamen sie doch zu ihr, weil sie allen half. Sie besann sich. Schon wollte sie sagen: »Leider weiß ich dann gar nicht . . .« Da fiel ihr das leergewordene Armenhausbett ein. Sie sagte: »Wenn es an einem andern Tag wäre, hätte ich Sie möglicherweise in unserem Armenhause unterbringen können, aber heute, da geht es nicht. Ich weiß auch nicht, ob Sie das überhaupt wollten.« »O freilich wollte ich das!« klang es wie aus höchstem stillem Entzücken und bitterster Not zugleich, aus des Landstreichers Mund. Veronika schwankte. Sie dachte, in dem Bett ist ja ganz kurz einer gestorben, da darf ich ihn nicht hineinbetten. Der Landstreicher merkte ihr Schwanken und frug: »Warum soll es denn heute nicht gehen?« Veronika sagte es ungern: »Es ist wohl ein Bett frei, aber . . .« »Ein Bett frei!« rief er erstaunt aus. Wie man da zögern konnte. »Aber es ist in dem Bett vor kaum einer Stunde einer gestorben. Das ist doch unmöglich,« setzte sie, eine gewisse Entrüstung im Tone, hinzu. Sie wollte dem Fremden dadurch sagen, wenn du das Bett annimmst, so geht es auf deine Verantwortung. »Das nehme ich auch,« gurgelte der Landstreicher. Veronika merkte, daß es ihm schwer wurde, das Bett anzunehmen. Weil er es dennoch annahm, so wußte sie, hier steht einer vor dir, der in der Not am höchsten angekommen ist. Sie tröstete: »Die Wäsche habe ich abgezogen. Ich würde es frisch beziehen.« Als sie das sagte, zuckte etwas wie Leidenschaft über das Gesicht des Fremden. Der Gedanke an die frische Wäsche schaffte ihm, scheints, selten gewordenes Wohlbehagen. Veronika zauderte darum gar nicht mehr, sie bat ihn zu warten, sie gehe nur geschwind aufs Rathaus, um aus dem Armenhausschrank das frische Zeug zu holen. »Aufs Rathaus?« Der Fremde frug es mit tiefem Mißtrauen. Wollte man ihn anzeigen? »Haben Sie keine Angst, ich verrate Sie nicht,« damit eilte Veronika lächelnd davon. Der Fremde wartete. Er sah Veronika nach. Bald stand er allein und wendete seinen Blick auf das Armenhaus. Ja, das war's. Es waren zwölf Jahre verflossen seitdem. »Ich verrate Sie nicht,« hatte sie gesagt. Oh, wenn sie wüßte, wer ich bin! Er preßte die Hand auf seine Brust und rang schwer nach Atem. Jetzt konnte er die furchtbare Erregung aus sich herauskämpfen, welche ihr Anblick in ihm hervorgerufen hatte; ehe sie wieder zurück kam. Die getünchte weiße zerbröckelte Hauswand des Armenhauses und die bläulich grauen Läden waren noch ganz gleich. Es war keine Zeit vergangen. Die Zeit stand still. Veronika kam mit der Wäsche zurück. Sie ging mit ihm in die Stube hinauf. Sein Herz hämmerte laut. Sie mußten an Geldenbot vorbei. Der blickte, er war noch derselbe, wie eine staräugige Taube. »Geldenbot, gehen Sie doch in die Stube,« sagte die Schwester im Vorbeigehen. »Wenn's Abend läut't,« gab dieser zurück. Veronika kletterte dem Landstreicher voraus die Treppe hinauf. Dieser tatzte sich am Geländer hoch; voll Scheu, er könnte mit dem Kopfe Veronika anstoßen, hielt er sich in ziemlichem Abstand. Oben in das Zimmer wagte er gar nicht einzutreten. Er sah Veronika von weitem zu, wie sie mit starken Armen die Betten in die Überzüge stieß. Er wagte nicht zu glauben, daß er in einem Bette schlafen werde, das sie zurechtgemacht hatte. Doch das war heute anders gegen früher, wenn Veronika wußte, daß er Timling war. Zu sehr schämte er sich aber, sich ihr zu verraten. Und vielleicht scheuchte er sie davon wie ein Reh. Unerkannt hatte er den Genuß, jeder ihrer herrlichen Bewegungen zu folgen, wenigstens solange sie notwendig hier zu tun hatte. Das Bett war fertig. Timling war zu feige, einzutreten. Er zitterte am ganzen Leibe. Seine Gedanken waren nicht rein. Und er war nichts mehr, daß er wagen durfte. Ohne Glauben an sich selber, hegte er auch keine hohen Gedanken von ihr, sie war ja doch erhaben über das Gesindel, für welches sie sorgte. Doch, er fühlte eine stechende Qual in der Kehle, wenn sie aus dem Zimmer fort war, so war er die ganze Nacht allein und war zermartert, mit ihr im gleichen Flecken zu sein, in einer Nähe, die schrecklicher war als Trennung durch Meere und Länder. Sie mußte an ihm vorbei. Da fiel ihr auf, wie sie der Fremde mit so eindringlichem Vorwurf ansah. Sie dachte, hat er Hunger? Sie frug: »Haben Sie Hunger?« Timling brachte keine Antwort von seinen Lippen. Warum geht er bloß nicht in das Zimmer hinein, dachte sie. Hatte er Furcht, weil einer darin gestorben war? »Fürchten Sie sich?« frug sie. Da heulten seine Augen laut auf, ohne daß eine Träne hervortrat. Veronika suchte ihn zu ermutigen. Sie sagte: »Wenn es Ihnen recht ist, so bleibe ich einige Zeit auf der Treppe sitzen, bis Sie ruhiger geworden sind.« Sie fühlte seine Erregung. Wenn er hoffen durfte, daß sie ein Herz auch für einen heruntergekommenen Strolch haben konnte. Er blickte in das Zimmer. Veronika folgte seinem Blick und bemerkte auf dem Fenstersims das Wasserglas. Schnell schritt sie darauf zu, um es fortzunehmen. Timling trat jetzt ebenso rasch ins Zimmer und stellte sich an das Fußteil der Bettstelle. Veronika stand hinter dem Bett am Fenster und wenn sie wieder herauswollte, so mußte Timling ausweichen. Sie bemerkte das und sah darum den Fremden das erstemal ganz durchdringend an. Sein Gesicht war gegen das geöffnete Fenster gerichtet und dadurch genügend erhellt. Sie fühlte einen plötzlichen furchtbaren Stich im Herzen. Timling stand vor ihr! Er war's! Er hatte ihr so schmerzlich wehgetan. Das war seine letzte und größte Sünde. Sie wollte an ihm vorbei. Er wich nicht zur Seite. Alles begann sich im Kreise zu drehen. In dem Halbdunkel war es, als kreisten die Lumpenkleider um den Fremden, und wechselten seine Züge in fortwährendem Durcheinander. Es gab gar keinen Stillstand in diesem Kreisen und Drehen um die Augen des Fremden, welche den Mittelpunkt bildeten. Sie setzte sich voll Schwäche auf das Bett nieder und die Augen kamen riesenhaft näher auf sie zu. Sie schlug in der letzten Zusammenraffung ihrer Kraft die Augen jäh auf und stierte in die großen Pferdeaugen, vor ihr. Er sprach kein Wort. Es drückte sich ein Kuß auf ihre Lippen. Es gab einen Ruck und die Augen vor ihr waren klein und erkannt. »Veronika.« Aus ihrem Zusammenbruch gewann Timling endlich wieder Kraft. Veronika lag in einem wirren Zustand. Er war nicht mehr Leutnant und er war Leutnant, in dieser auf- und abwogenden Vorstellung lag Veronika auf dem frischen Bette. Die Schwesternkleidung neben ihr. Es keimte in ihnen wie ein verbrecherischer Plan, Timling unentdeckt hier im Armenhause unterzubringen. Ihr Einfluß auf dem Rathaus würde es durchsetzen, daß er hier aufgenommen würde, namentlich wenn er ein paar Pfennige Miete für die Stube zahlte, die sie verschaffte. Dann war sein Leben doch nicht verfehlt, auch nicht das ihrige. Sie konnten hier geheim der Liebe dienen. Ihre Vernunft schien gestorben. Veronika kam plötzlich jäh zum Bewußtsein, sie mußte nach Hause. Es läuteten die Abendglocken in vollen Schwingungen den Sonntag ein. Beide erwachten schaudernd in die Wirklichkeit. Veronika war voll Entsetzen, man suche daheim nach ihr und alles war entdeckt. Sie warf die Kapuze über den Kopf. Ihre Gestalt stemmte sich in trotziger Kraft. Ohne ein Wort weiter mit ihm, mit einer schnellen Umarmung schritt sie hinaus, daß die Dielen des alten Gebäudes und die Treppe unter ihren Füßen krachten. Timling sah ihr vom Bette aus nach, in ihren Händen lag sein Schicksal. Was dachten deine Armen, Veronika. Sie horchte kurz am Weibersaal, dann unten am Männersaal. Sie legte die Hand auf die Klinke der Armenhaustüre. Sie strauchelte an einem Geräusch. Sie wendete den Kopf, es fuchtelte etwas über ihr. Ein schwerer Beilhieb sank auf ihre Kapuze. Sie taumelte und fiel. Kein Schrei von ihr, nur ein dumpfes Summen in ihr, Timling komme! Eine Art Wunsch, er möchte zur Tatkraft erwachen um der Armen willen. Sie hörte noch ein Aufbrüllen, dann nur noch ein allgemeines Sausen und Rauschen. Geldenbot raste im Armenhaus herum und schwang das Beil von Kopf auf Kopf. Timling stürzte heraus, zu spät. Der losgelassene Narr in Geldenbot feierte bereits einen glänzenden Sieg. Er konnte sich nur noch dem gegen ihn geführten Hieb entgegenwerfen. Das Armenhaus wurde frei. Männersaal, Weibersaal und Einzelstube. Lucie. – – Nachdem Lucie das Kind geboren hatte, lag sie elend auf dem Bette. Sie sah hinüber auf die Kommode, wo der Junge ohne Leben lag. Ohne Leben, noch vor einer kleinen Weile hatte er sie mit den Füßchen gestoßen, daß sie laut aufschrie vor Schmerz. Ein paar trübe Tränen standen in ihren glanzlosen Augen. Es erfüllte sie mit Angst, daß durch den Knaben, auf den sie immer gehofft hatte, das feste Band zwischen ihr und dem Geliebten nun doch nicht geknüpft war. Sie schluchzte auf und versank in die Tiefe des Kissens. Endlich kamen rasche Schritte ihrem Bette näher. – Das war er. Oh, er wollte seinen Buben anpacken und als seinen Besitz, ihr stolzes Geschenk, empfangen. Sie wagte nicht, sich zu rühren. – Er trat ein mit dem Arzt und der Hebamme. Sie horchte gespannt, was er zu dem Jungen sagte. Sie hörte kein Wort, sondern fühlte, wie sich der Mann, ein unwägbares Gewicht, zu ihr aufs Bett setzte, seine Finger über ihre Wangen streichelnd hingleiten ließ. Eine Weile stockte ihr Atem, dann heulte sie wild die letzten Geburtswehen hinaus. – – Die nächsten Tage vergingen durch viel Geschwätz der Hebamme, die den Jungen mit müheloser Unterhaltsamkeit unter die Erde auf sein stilles Plätzchen draußen auf dem St. Matthäi-Friedhof plauderte. Für die Wöchnerin kam es vor allem darauf an, wieder ein schönes Weib zu werden, das den Mann entzückte, darum sagte die weise Frau: »damit er Ihnen nicht davon davonläuft«, und schnürte und wickelte ihren Leib. Es war herb, einen Mann zu haben, wie den Zigeunerbaron. In den Maientagen summte es sich so leicht und süß: »Der Mond und die Störche, die haben uns getraut.« Aber jetzt, wo kein Junge da war, schien es zum Verzweifeln. Wenn er sie genug hatte?! Auch lief ihr Gatte mit ernster Stirne und trotzigen Backen herum. Es schien, daß er nur gezwungen zum Bette kam, als scheute er sich, den leisesten Geruch von ihr zu bekommen. Äußerlich verlief das Wochenbett ganz sorgenlos. Was die junge Frau nur wünschte, war da. Außer ihm. Nie fand er Zeit für sie, und dann, wenn er kam, saß er nicht länger als fünf Minuten neben dem Bette. Was sprach er dann. Er redete von dem Jungen, von dem kleinen Grab, welches er nach seinem Geschmack schmückte. Da der Knabe zum Namen nicht mehr gekommen war, die Zange hatte ihm den Halswirbel gebrochen, so konnte man ihm keinen Grabstein errichten. Aber einen Baum pflanzte ihm sein Vater. Einen Goldregen mit kräftigem Stamm und guten Aussichten in den Zweigen. Was sollte es bedeuten, daß er einen Goldregen auf ein Grab wählte!? Wohl, er wird schön blühen im Frühling. Denn niemals war der weichherzige Mann so hart, daß er das Fehlen des Kindes einem Goldregen vergleichen wollte. Oder vielleicht doch? Die Mutter besann sich darüber heftig. Wenn der Umstand, daß sie für kein Kind zu sorgen hatte, einem Goldregen gleich kam, dann wußte sie, hatte er die Absicht, sie jetzt im Stich zu lassen. Lucie fieberten die Schläfen. Was hatte sie für eine Zukunft vor sich, wenn das glänzende Leben mit diesem Manne ein Ende nahm. Sie wäre nur gerne rasch aufgestanden, um durch die Schönheit ihrer Erscheinung ihn wieder zu fesseln. Sie fühlte es, er strebte fort, wenn er von dem Gräblein draußen so versunken redete. Es war gewiß, daß er die ganze Kraft seiner Liebe mit dem Baum an dem Kindergrab einwurzelte. Ihr mit großem wirrem Haar umbauschtes Haupt brannte. Sie mußte wissen, ob er sie noch liebte. Am heutigen Abend frug sie ihn, sobald er nur so nahe bei ihr war, daß sie sich an ihn hängen und ihn zu sich herabziehen konnte. Mit diesem festen Vorsatz erwartete sie den Abend. Der Abend kam langsam und schleichend. Sie lag in der Dämmerung in einem schneeweißen Bette, das sich fahl aus dem Dunkel heraushob wie leuchtender Phosphor. Und nichts rührte sich im Zimmer. Schon die kleine Arbeit, am elektrischen Knopf drehen, um Licht im Zimmer zu haben, war zu viel Ablenkung von der Erwartung. Das grelle Abbild des Fensters durch die Straßenlaternen oben an der Decke war die einzige betäubende Helle. Sonst blieb es dunkel und wurde finstere Nacht, bis er kam. Als sie ihn endlich vom Flur eintreten hörte, zitterten ihre Finger, als suchten sie mit irgendeinem Dinge Beschäftigung. Ihr Blut wurde aufgeregt, mit scharfen Augen lauerte sie gegen die Türöffnung des Nebenzimmers. Sie machte sich fertig für seine Umarmung, die sie ganz im Dunkeln haben wollte. Sie stellte sich vor, daß sie ihn hierbei gleich fragen konnte, ob er sie noch wirklich lieb habe. Es waren schon einige Wochen seit der Entbindung verstrichen und sie fühlte die Kraft in ihren langen Armmuskeln. Wenn er die Worte in sein Ohr geflüstert bekam, so mußten sich seine Gedanken wild vor ihr aufbäumen, dann zog sie ihn herab. Wie er jetzt unter der Türfüllung in schwarzem, großem Umriß sichtbar wurde, fühlte sie eine ihr Blut anhaltende Angst, ihr Plan würde mißlingen und es überkam sie eine Scheu, den Mann nach seiner Liebe zu fragen. Auch schritt er gleich auf den Kontakt zur Lampe los, setzte einen Gegenstand auf das Bett. Die entstandene Helle blendete ihre Augen, und ganz fad gestaltete sich die Ankunft des Geliebten. Die Umarmung war formell und steif. Als sie sich über »sein Mitgebrachtes« freuen sollte, schnitt Lucie ein enttäuschtes Gesicht. Unter diesem Sachverhalt war das beste, von Kartoffeln und Obst zu reden – –. Dem widerstrebte ihr Eigensinn, die Erinnerung daran, was sie heute von ihm beantwortet haben wollte, stellte sich langsam wieder in magnetische Richtung. Und mit der Gewaltsamkeit ihres ganzen Willens lenkte sie das Gespräch zur Liebe hinüber. Bald stand er erbarmungslos im Examen. Und sein Weib glühte neben ihm, an ihm, voll Entzücken, daß er so herrlich bestand und der Mann sie so wahnsinnig liebte. Aber warum wollte er ihren Küssen immer ausweichen, warum wollte er es nicht merken, was sie von ihm wünschte. Es war noch ein Hinterhalt in ihm, den mußte sie erforschen. Da. Nun kam sie an die letzte Pforte. Der Mann reckte sich, als hätte er bis jetzt geschlafen. Dann frug er sie. Das war die einzige Möglichkeit, dem letzten Bekenntnis seiner ewigen Liebe und Treue auszuweichen. Lucie wurde unruhig und der Mann wurde immer interessierter. Es ging schließlich zu, wie in einem lebhaften Feuergefecht. Das Ende war furchtbar. Lucie heulte erschütternde Reuetränen und der schwarze Mann zerstörte seine Haare wild, daß er aussah wie ein zürnender Prophet. Er schrie mit zischenden Worten: »Wir sind geschieden,« betrachtete noch den wehzerkrampften Leib des schönen Weibes, ging dann mit entschlossenen Schritten zum Zimmer hinaus. Lucie horchte auf, entsetzt, mitten aus dem Schmerz des Weinens; wahrhaftig, er nahm draußen den Hut und den Mantel. Sie sprang aus dem Bett. Das Zufallen der Korridortüre stärkte ihre wankenden Beine. Sie schrie ihm nach: »Hans«, laut, daß das Mädchen aus der Küche herausstürzte. Im Hemd trat sie auf den Treppenflur hinaus und schrie dem Weggehenden verzweifelt seinen Kosenamen durch das Treppenhaus. Aber er stand darauf nicht still. Er ging. Lucie brach in Ohnmacht zusammen. Hausbewohner trugen die arme Verlassene zurück ins Bett. Die folgende Nacht saß das Dienstmädchen bei ihr. Die Beiden fürchteten sich, er könnte in der Nacht zurückkommen und schießen. Die Nacht verging bei elektrischem Licht und gespanntem Horchen nach der Korridortüre. Und der Morgen kam nur wie ein Lichtverdunkler. Grau und düster war draußen das Wetter. Ach, die Einsamkeit war so alle Phantasie ernüchternd. Was sollte in Zukunft werden?! – – – Darüber sprach sich bald seine letzte Geldsendung aus. Damit konnte sie wie bisher ein Jahr weiterleben und in dieser Zeit sollte sie sich nach etwas umsehen, das ihr das Fortkommen sicherte. Sein Brief lautete: »Du hast ja kein Kind, für das du zu sorgen hättest. Du wirst darum auch keine weiteren Geldopfer von mir verlangen . . .« Es war zum Einsehen, was er argumentierte. Aber warum konnte er nicht bei ihr bleiben? War es denn so schlimm, daß sie jene frühere Beziehung, welche sie bisher hartnäckig geleugnet, ihm endlich eingestanden hatte?! Ja, es war ihre Dummheit, offen zu sein. Wie mußte sie diese Dummheit büßen! Das Glück ihres Lebens war von ihrer Ausdauer im Leugnen, in der Beharrung, in der Lüge, abhängig geblieben. Und sie grollte dem Manne nicht. Ein Weib ist nur um ihrer Verschlossenheit willen zu achten, sagte sie sich. Was ist es für ein Weib, das dem Manne das Ertragen einer Unkeuschheit zumutet. Was ist es für ein Mann, der sie erträgt! Dieses Überlegen kam ihr zu spät. Nun sah sie voraus, daß sie bald wieder nichts war, als die arme Trine, welche ein reicher Baron hinter den Lumpensäcken für sich hervorgeholt hatte. Sie fühlte sich als Romanfigur. Und in diesem schönen Gefühl lag ihr einziger Trost. *           * * Einmal in ihrem Leben war sie doch reich und glücklich gewesen, davon hatte sie jetzt das harte Drücken und Schluchzen in der Kehle, das Heulen über alles, was ihr zustieß. Man hielt sie nicht gerade für verrückt, aber doch hielt man sie reif zum Irrenhaus. Weil sie beim geringsten Dinge gleich heulte. Suchte sie irgendwo Arbeit, fragte sie: »Haben sie keine Arbeit für mich?« und gleich schluchzte sie so laut hinaus, daß ihre Bewerbung nur selten Erfolg hatte. Wie mußte sie oft hungern, daß sich der Nabel einzog, an dem das schöne Kind ernährt worden war zu dem schönen prächtigen Jungen, dem der Arzt und die Hebamme zusammen den Halswirbel bei der Geburt abgerissen hatten. Es war ihr Wahnsinn, daß die beiden ihr Schicksal verschuldeten. Es war nicht ihr Wahnsinn, sondern es war ihr Schicksal. Auf dem St. Matthäi-Friedhof lag es, das Kind. Sie fuchtelte es jedermann ins Gesicht, so daß es bald das ganze Stadtviertel, wo die Lucie wohnte, wußte. Die arme Lucie. Ein Weib mit einer Haarwarze zuletzt auf der Backe, damals ein junges Liebchen mit einem Schönheitsfleck auf der Wange. Die Alte hatte oft tagelang nichts zu essen und lief doch immer hinaus auf den Friedhof an die wild umwucherte verdeckte Stelle, wo vom Goldregenbaum im Frühling die schweren goldenen Trauben herabhingen. Dort sah sie niemand, wie sie als »schöne junge Frau, den innigen Liebeskuß auf die Lockenstirn des Knaben drückte« – so wähnte sie ihn im Geist vor sich –. Verblühte der Baum, so hingen lange Schoten an den Zweigen. Auch dann war sie draußen und sah den Schoten zu, wie sie reiften. Sie war eifrig im Besuch des Grabes, man konnte ihr keine Gleichgültigkeit nachsagen. Wie aber, wenn sie ein unbekannter Grund so häufig auf den Friedhof gehen hieß? Einem Aufmerksamen hätte es auffallen können, daß sie gerade in der Zeit, wo die Schoten reiften, besonders häufig hinausging. Aus Lucies Küchenstube drang in dieser Jahreszeit immer ein starker Bohnengeruch, und Lucie lachte vergnügt, wenn sie die Nachbarin wegen des Bohnendampfes beneidete. Jedes Jahr, wenn sie auch sonst viel Hunger hatte, kam doch die satte Bohnenzeit, und von den Goldregenfrüchten brauchte man nur ganz wenig zu essen, um sich gänzlich gesättigt zu fühlen. Das Mitnehmen von allem, was auf den Gräbern wuchs, war freilich verboten. Aber Lucie pflückte doch täglich eine ganze Handvoll von den Zweigen. Die Schoten versteckte sie unter die Schürze und in den Taschen, so daß sie Tag für Tag und Jahr für Jahr unbemerkt und unbeirrt an der Friedhofsaufsicht vorbei zum Gottesacker hinauskam. Der Baum war ein reicher Geber, und die arme Mannverlassene glaubte es zu begreifen, warum er dem Knaben den Goldregenbaum gepflanzt hatte. Für sie zu ihrer Nährung. Je größer der Baum wurde, desto reichlicher trug er Früchte. Es war ihr, als wenn der Mann in die geheime Tiefe des Grabes, wo die Wurzeln des Baumes den Saft holten, ein Kapital eingelegt hätte, das sich mit Zinseszins vermehrte. Ebenso, je älter Lucie wurde, desto mehr war ihr Denken nur auf die Sorge um die Nahrung gerichtet, und das ganz leise Grollen gegen den Mann, der irgendwo sein Schloß gebaut haben werde, verschwand vollends, so groß war ihre Freude alle Jahre, wenn es die guten Bohnen zu essen gab. Sie hütete sich zwar gewissenhaft, irgend jemand das Geheimnis dieser Herkunft ihres Gemüses zu verraten. Die Nachbarin hätte es sogleich dem Friedhofsverwalter hinterbracht, und dieser war ihr sowieso wenig wohlgesinnt, weil sie ihm niemals eine Münze in die Hand drücken konnte. – – Es war ein prachtvoller Sommertag. Auf dem Friedhof war es wie im Paradies. Lucie stand unter dem Baum, hochgereckt auf den Zehenspitzen, sie langte nach den Zweigen, die sie herabbog und emsig mit flinken Händen ausbeutete. Sie hatte es immer sehr eilig beim Schotenpflücken, weil man nie wissen konnte, ob jemand kam. Obgleich das Gräblein tief versteckt lag, gab es doch solche, welche die schönste Wildnis auf der weiten Totenstätte wohl kannten. Lucie blickte deshalb wiederholt scheu um sich. So sah sie aus wie eine Diebin. Niemand hätte es dem alten Weibe mit den kauenden Kiefern und der Haarwarze auch nur leise geglaubt, daß dies ihr Paradies war, welches sie da plünderte. Die Scham vor sich selber war ihr seit den Tagen des Reichtums dicht auf der Ferse geblieben. Sie wußte, daß sie ein gemeines ärmliches Weib war. Darum erst recht leuchtete es aus ihrem Blick, wie sie sich beim Schotenbrechen um und um sah, wie genommener Almosen und Diebstahl. Innerlich log es sie an, daß sie das gute Recht hatte, von ihrem Baume zu essen. Äußerlich auf ihrem Gesicht kämpfte die fortwährende Furcht, ertappt zu werden. Sie war fertig mit Pflücken und hatte alle Taschen dick voll. Noch einmal blickte sie an dem Baum hinauf, um abzuschätzen, in wieviel Tagen sie die nächste Ernte einheimsen könnte. Ihr Gesicht bekam einen befriedigt behaglichen Ausdruck, und ohne Vorsicht und scheues Umsichblicken tatzte sie durch die Äste und spreitete sie mit den Armen. Sie freute sich, wie dicht der Nachschub stand. Ganz unten am Zweige erblickte sie noch eine Schote, die sie zu pflücken vergessen hatte. Schnell griff sie danach, steckte sie ein und wollte gehen. Plötzlich sah sie vor sich die Nachbarin , welche ihr freundlich den Gruß zunickte. Lucie war es, als bohrte man ihr zwei spitze Messer in die Achselhöhlen, daß die Arme abfielen, als schlüge man ihr die Kniescheiben mit Äxten entzwei. Sie wußte nichts zu sagen, sie konnte nur mit den Augen den Dolchstoß aus der Nachbarin Augen erwidern. Die Nachbarin tat aber gar nicht unfreundlich, und ihr ruhiges Wesen gab vor, daß sie Lucie habe etwas tun sehen, das sie für ganz selbstverständlich hielt. Mit keinem Wort sprach sie von den Schoten, und mit unauffälliger Unterhaltung schloß sie sich Lucie beim Nachhauseweg an. Diese vollzog gleich wie bisher das Kochen des Gemüses und ließ sich, sie hatte Hunger genug, beim Verzehren der sättigenden Goldregenschoten weiter nicht stören. Nur fürchtete sie, die Nachbarin könnte es herumschwätzen, daß es der Friedhof erführe, dann war es aus mit den Zinsen seines Kapitals. Dann war auch der letzte Segensschimmer jener glänzenden Zeit seiner Bekanntschaft verblichen. Was sollte sie dann noch auf der Welt anfangen?! Der Tag zu neuer Ernte war da. Mit Diebesfurcht und Frechheit, die eine links, die andere rechts, unsichtbar eingehängt, ging Lucie hinaus auf den Friedhof. Der stille Platz dahinten kam ihr entweiht vor, er ging sie fast nichts mehr an, sie ging bloß hin, sich dort das Essen zu rauben. Sie besann sich krampfhaft, ob sie's wagte, als sie unter dem Goldregen stand. Ihre Augen sprühten rot umrändert die helle Raubgier von sich. Ihre Finger rasten über die Äste und krallten die Schoten herunter. Niemand erwischte sie. Der Friedhofsverwalter hielt sie aber vielleicht unter dem Tore an. Sie erinnerte sich, daß sie noch einmal das junge elastische Weib werden und stramm aufrecht schreiten mußte. Das Friedhofsgebäude kam näher. Richtig stand der Verwalter davor. Aber sie ging darauf los und keck vorbei, mit schotengefüllten Taschen. Der Verwalter sah sie lachend an, aha, er wußte, sie sah ihn frech an, junges Weib. Und schritt unbehelligt zum Tore hinaus. Sie jagte nach Hause, ruderte mit den Armen in der Luft und sprach wirres unverständliches Zeug. Als sie in den Hof zum zweiten Quergebäude hineinlief, erwartete sie die Nachbarin, lachend, freundlich. Diese fragte mit harmloser Stimme: »Haben Sie wieder die schönen Bohnen geholt? . . . So, guten Morgen.« Lucie antwortete nichts, stürzte vorbei, verschloß die Türe hinter sich und kochte vor sich hinmurmelnd das Gemüse. Bald stand es fertig auf dem Tisch, und das behagliche Glück, den Hunger zu stillen, setzte sich zu ihr an den Tisch. Wie sie gerade den ersten Löffel genommen hatte, klopfte es an die Türe. Lucie erschrak und schwieg. Da klopfte es zum zweiten Male und es rief: »Frau Nachbarin, sind Sie schon am Essen? Ich wünsche guten Appetit. Wissen Sie auch, was Sie essen? – Nichts Gestohlenes, aber den Leib von Ihrem Jungen. Ihr ganzer Junge ist von dem Baum aufgesogen, und von dem Baum fressen Sie jetzt schon viele Jahre die Schoten, jahrelang fressen Sie schon an ihrem Jungen herum. Guten Appetit, bis Sie ihn alle haben.« Damit ging die Ruferin von der Türe weg. Lucie biß auf die Bohnen, und sie fühlte die Beinchen des Knaben, sie grillte schrill auf und spuckte die Bohnen aus dem Mund. Dann saß sie regungslos vor der dampfenden Bohnenschüssel, die allmählich erkaltete. Hinter dem Dampfe wurde es langsam klar und wie steinernes Fleisch. Lucie stierte unbeweglich darauf, was sich vor ihren Augen in der Schüssel formte. Als die Schüssel schon lange kalt war, saß Lucie noch davor und verhungerte vor den Augen ihres Jungen, der in der Schüssel hockte und deutlich atmete.