Alexander Dumas Zwanzig Jahre nachher. Erster Band Historischer Roman aus dem Französischen von Zoller, durchgesehen von M. Pannwitz. Fortsetzung von Die drei Musketiere. Stuttgarter Ausgabe. Richelieus Schatten In einem Zimmer des ehemaligen Palais Kardinal saß an einem mit Papieren und Büchern bedeckten Tisch ein Mann, den Kopf in beide Hände gestützt. Hinter ihm war ein gewaltiger Kamin, dessen Glut das prachtvolle Gewand dieses Träumers von hinten beleuchtete, während das Licht eines mit Kerzen besteckten Kandelabers ihn von vorn bestrahlte. Beim Anblick dieses roten Hausrockes und dieser reichen Spitzen, dieser bleichen, nachsinnend gebeugten Stirne, bei der Stille in den Vorzimmern und dem abgemessenen Tritt der Wachen auf dem Flur hätte man glauben können, der Schatten des Kardinals von Richelieu weile noch in diesem Gemach. Ach! es war allerdings nur der Schatten des großen Mannes. Frankreichs Schwäche, das gesunkene Ansehen des Königs, die Wiedererstarkung und erneute Unbotmäßigkeit der Großen, die Anwesenheit des Feindes innerhalb der Landesgrenzen, alles bewies, daß Richelieu nicht mehr war. Noch deutlicher erkannte man aber, daß das rote Hauskleid keineswegs das des alten Kardinals sein konnte, aus der herrschenden Ode, aus den von Höflingen leeren Vorzimmern, den von Wachen erfüllten Höfen, aus dem Gefühl von Hohn und Spott, das von der einmütig gegen den Minister gesinnten Stadt empor und durch die Scheiben drang, aus dem entfernten Knattern von Schüssen, die vom erbitterten Volke planlos gegen Garden, Schweizer, Musketiere und Soldaten in der Umgebung des jetzt auch nicht mehr Palais Kardinal, sondern Palais Royal genannten Schlosses abgegeben wurden. Dieser Schatten Richelieus war Mazarin. Mazarin aber war allein und fühlte sich schwach. Fremder! murmelte er, Italiener! das ist ihr großes Wort. Mit diesem Worte haben sie Concini ermordet, aufgehängt, in den Abgrund gestürzt. Und am liebsten würden sie auch mich vernichten, obgleich ich ihnen nie ein anderes Leid zugefügt habe, als daß ich von ihnen ein wenig Geld erpreßte. Ja, ja, fuhr der Minister mit seinem seinen Lächeln auf seinen bleichen Lippen fort, ja, euer Geschrei sagt mir, daß das Geschick der Günstlinge unsicher ist. Aber wenn ihr dies wißt, so müßt ihr auch wissen, daß ich kein gewöhnlicher Günstling bin! Der Graf von Essex besaß einen glänzenden Diamantring, den ihm seine königliche Geliebte geschenkt hatte. Ich besitze einen einfachen Ring mit einem Namenszeichen und einem Datum, aber dieser Ring ist in der Kapelle des Palais Royal gesegnet worden. Bekanntlich hatte Mazarin, der keine von den Weihen empfangen, welche die Ehe verbieten, Anna von Österreich geheiratet. Sie bemerken nicht, daß ich sie mit ihrem ewigen Geschrei: Nieder mit Mazarin! bald: Es lebe Herr von Beaufort! bald: Es lebe der Herr Prinz! bald: Es lebe das Parlament! schreien lasse. Nun wohl, Herr von Beaufort ist im Gefängnis zu Vincennes, der Herr Prinz wird demnächst zu ihm kommen, und das Parlament ... Hier nahm das Lächeln des Kardinals einen Ausdruck des Hasses an, dessen sein sanftes Gesicht unfähig zu sein schien ... Und das Parlament ... wir werden sehen, was wir damit machen; wir haben Orleans und Montargis! O, ich werde meine Zeit zu wählen wissen, die Reihe kommt an jeden. Richelieu, den sie haßten, solange er lebte, und von dem sie beständig sprechen, seit er tot ist, stand tiefer als ich, denn er ist oft fortgejagt worden. Die Königin wird mich nie fortjagen, und wenn ich gezwungen werde, dem Volk zu weichen, so wird sie mit mir weichen, und wir werden dann sehen, was die Rebellen ohne ihren König und ihre Königin sind. Oh! wenn ich nur kein Fremder, wenn ich nur Franzose, wenn ich nur Edelmann wäre! – Und er versank wieder in seine Träumerei. Die Lage war allerdings schwierig, und der soeben abgelaufene Tag hatte sie noch mehr verwickelt. Beständig von seinem schmutzigen Geiz angestachelt, erdrückte Mazarin das Volk mit Steuern, und dieses Volk hatte seit langer Zeit angefangen zu murren. Doch das war noch nicht alles, denn wenn nur das Volk murrt, so hört es der Hof nicht, da er von ihm durch die Bürgerschaft und die Edelleute getrennt ist. Aber Mazarin hatte die Unklugheit gehabt, sich, an den Beamten zu vergreifen! Er hatte zwölf Staatsratsstellen verkauft, und da diese Beamten ihre Stellen sehr teuer bezahlten und die Beiordnung dieser zwölf neuen Kollegen den Preis herabdrücken mußte, so vereinigten sie sich und schwuren auf das Evangelium, diese Vermehrung nicht zu dulden und allen Verfolgungen des Hofes zu widerstehen, mit dem gegenseitigen Versprechen, falls einer von ihnen durch diese Rebellion seine Stelle verlieren sollte, ihm gemeinschaftlich den Kaufpreis zurückzuzahlen. Am 7. Januar hatten sich sieben- bis achthundert Pariser Kaufleute versammelt und sich gegen eine neue Steuer erhoben, die man den Hausbesitzern auflegen wollte. Zehn von ihnen waren dann zum Herzog von Orleans geschickt worden. Diesem, der seiner Gewohnheit gemäß den Volksfreund spielte, erklärten sie, sie seien entschlossen, die Steuer nicht zu bezahlen, und müßten sie sich mit bewaffneter Hand dagegen wehren. Der Herzog hörte sie mit großer Leutseligkeit an, versprach, mit der Königin zu reden, und entließ sie mit dem gewöhnlichen Trostspruch der Fürsten: Man wird sehen! Dasselbe Versprechen gab Mazarin den bei ihm mit Festigkeit und Kühnheit Beschwerde führenden Staatsräten. Um zu sehen , versammelte man sodann den Rat und schickte nach dem Oberintendanten der Finanzen d'Emery. Dieser d'Emery wurde vom Volke sehr verabscheut, einmal weil jeder Oberintendant der Finanzen verabscheut wird, und dann, weil er es einigermaßen verdiente. Er kam, als man ihn rufen ließ, ganz bleich und bestürzt herbei und sagte, sein Sohn sei an demselben Tag auf der Place du Palais beinahe ermordet worden. Das Volk war ihm entgegengetreten und hatte ihm den Luxus seiner Frau vorgeworfen, welche ein mit rotem Samt und goldenen Fransen tapeziertes Zimmer besaß. Ihr Vater, Nicolas Lecamus, der 1617 Sekretär des Königs war, war mit zwanzig Livres nach Paris gekommen und hatte neun Millionen unter seine Kinder verteilt, nachdem er sich eine Leibrente von vierzigtausend Franken vorbehalten hatte. Der Sohn d'Emerys war beinahe erstickt worden. Einer von den Meuterern machte nämlich den Vorschlag, ihn zu pressen, bis er das Gold, welches er verschlungen, zurückgegeben hätte. Der Rat entschied an diesem Tage nichts, denn der Oberintendant war zu sehr von diesem Ereignis ergriffen, um den Kopf frei zu haben. Am andern Tag wurde der erste Präsident, Mathieu Molé, dessen Mut dem des Herzogs von Beaufort und des Prinzen von Condé, das heißt der beiden tapfersten Männer jener Zeit gleich kam, ebenfalls angegriffen. Das Volk drohte ihm; aber der erste Präsident antwortete mit seiner gewöhnlichen Ruhe, wenn die Aufrührer nicht dem Willen des Königs gehorchten, so werde er Galgen auf den öffentlichen Plätzen errichten und sogleich die ärgsten Schreier aufknüpfen lassen. Diese erwiderten hierauf, es wäre ihnen nichts lieber, als Galgen errichten zu sehen, dann könne man doch die schlechten Richter hängen, welche die Gunst des Hofes mit dem Elend des Volkes erkaufen. Das war noch nicht genug. Am 11. wurde die Königin, als sie zur Messe ging, von mehr als zweihundert Weibern verfolgt, welche schrieen und Gerechtigkeit forderten. Sie hatten indessen keine böse Absicht und wollten sich ihr nur zu Füßen werfen, um ihr Mitleid rege zu machen. Aber die Wachen verhinderten sie daran, und die Königin ging hochmütig und stolz, ohne auf ihr Geschrei zu hören, an ihnen vorüber. Am Nachmittag versammelte sich der Rat abermals, und es wurde beschlossen, das Ansehen des Königs aufrechtzuhalten. Infolgedessen berief man das Parlament auf den nächsten Tag. An diesem Tag, an dessen Abend unsere Geschichte beginnt, ließ der König, der damals zehn Jahre alt war, seine Garden, seine Schweizer und seine Musketiere ausrücken, stellte sie um das Palais Royal, auf den Quais und auf dem Pont Neuf auf und begab sich, nachdem er die Messe gehört hatte, in das Parlament, wo er nicht allein seine früheren Edikte bestätigte, sondern auch fünf bis sechs neue erließ, so daß der erste Präsident, der vorher für den Hof war, sich unerschrocken gegen diese Art der Gesetzgebung aussprach. Am entschiedensten protestierten aber gegen die neuen Steuern der Präsident Blanemesnil und der Rat Broussel. Nachdem die Edikte erlassen waren, kehrte der König nach dem Palais Royal zurück. Eine große Volksmenge befand sich auf seinem Wege. Da man aber noch nicht wußte, ob er im Parlament dem Volke habe Gerechtigkeit widerfahren lassen oder es aufs neue bedrückt habe, so ertönte nicht ein einziger Freudenruf, um ihn zu seiner Wiederherstellung zu beglückwünschen. Alle Gesichter waren im Gegenteil düster und unruhig, einige sogar drohend. Trotz seiner Rückkehr blieben die Truppen auf dem Platze, denn man befürchtete, es könnte eine Empörung ausbrechen, sobald man das Resultat der Parlamentssitzung erführe, und in der Tat hatte es kaum in den Straßen verlautet, daß der König die Steuern noch vermehrt habe, als sich Gruppen bildeten und von allen Seiten die Rufe erschollen: Nieder mit Mazarin! Es lebe Broussel! Es lebe Blancmesnil! Man wollte diese Gruppen zerstreuen und das Geschrei ersticken, aber, wie dies in solchen Fällen geschieht, die Gruppen wurden zahlreicher, und das Geschrei verdoppelte sich. Man hatte den Leibwachen des Königs und den Schweizerwachen soeben Befehl gegeben, nicht nur den Platz vor dem Schloß zu halten, sondern auch in den besonders aufgeregten Straßen Saint-Denis und Saint-Martin zu patrouillieren, als man im Palais Royal den Vorsteher der Kaufmannschaft meldete. Dieser erklärte, wenn man nicht auf der Stelle diese feindseligen Demonstrationen aufgebe, werde ganz Paris in zwei Stunden unter den Waffen sein. Man beratschlagte, was man tun solle, als Comminges, Leutnant bei den Garden, mit zerrissenen Kleidern und blutigem Gesicht erschien. Sobald die Königin ihn erblickte, stieß sie einen Schrei des Erstaunens aus und fragte ihn, was er habe. Beim Anblick der Garden waren die Geister gänzlich in Wut geraten. Man hatte sich der Glocken bemächtigt und Sturm geläutet. Comminges hatte den Hauptaufrührer verhaftet und, um ein Beispiel zu geben, befohlen, ihn an der Croix du Trahoir aufzuhängen. Demzufolge hatten ihn die Soldaten fortgeschleppt. Aber in den Hallen waren sie mit Steinwürfen und Hellebarden angegriffen worden. Der Rebell hatte diesen Augenblick benützt, um zu entfliehen. Er hatte die Rue Tiquetonne erreicht und sich in ein Haus geworfen, dessen Türen man sogleich einstieß. Man fand aber den Mann nicht. Während Comminges sich nach Zurücklassung eines Postens nach dem königlichen Schloß begab, war er angegriffen worden und hatte selbst einen Steinwurf an die Stirne bekommen. Die Erzählung des Leutnants bestätigte die Worte des Vorstehers der Kaufmannschaft. Man war nicht im stände, einer ernstlichen Empörung Trotz zu bieten. Der Kardinal ließ im Volk ausstreuen, die Truppen würden sich zurückziehen, und gegen vier Uhr abends konzentrierten sie sich wirklich nach dem Schlosse zu. Man stellte einen Posten an der Barriere des Sergens, einen andern bei den Quinze-Vingts, einen dritten bei der Butte Saint-Roch auf. Man füllte die Höfe und die Erdgeschosse mit Schweizern und Musketieren und wartete. So standen die Dinge, als wir unsere Leser in Mazarins Zimmer einführten. Wir haben gesehen, in welchem Gemütszustand er das bis zu ihm dringende Gemurmel des Volkes und das Echo der Flintenschüsse in seinem Zimmer hörte. Plötzlich erhob er das Haupt; die Stirne halb gefaltet, wie ein Mann, der seinen Entschluß gefaßt hat, heftete er seine Augen auf eine ungeheure Pendeluhr, die eben sechs schlug, nahm eine auf dem Tisch in seiner Nähe liegende Pfeife und pfiff zweimal. Eine geheime Tapetentüre öffnete sich geräuschlos, ein schwarz gekleideter Mann trat stillschweigend hervor und blieb aufrecht hinter dem Lehnstuhl stehen. Bernouin, sprach der Kardinal, ohne sich umzudrehen, denn da er zweimal gepfiffen hatte, so wußte er, daß es sein Kammerdiener sein mußte, welche Musketiere haben die Wache im Palais? – Die Kompagnie Treville von den schwarzen Musketieren, Monseigneur. – Gut. Ist ein Offizier dieser Kompagnie im Vorzimmer? – Der Leutnant d'Artagnan. – Ein guter, glaube ich. – Ja, Monseigneur. – Gib mir eine Musketieruniform und Hilf mir beim Ankleiden. Der Kammerdiener entfernte sich ebenso schweigend, als er eingetreten war, und kam nach einem Augenblick mit dem verlangten Anzug zurück. Still und nachdenklich begann nun der Kardinal sich zu entkleiden, und das militärische Kleid anzuziehen, das er, durch seine früheren Feldzüge in Italien geübt, mit ziemlicher Leichtigkeit trug. Als er vollständig angekleidet war, sagte er: Hole mir Herrn d'Artagnan. Als der Kardinal allein war, betrachtete er sich mit einer gewissen Zufriedenheit im Spiegel; er war noch jung, denn er zählte kaum sechsundvierzig Jahre; Mazarin war ein Mann von zierlicher Gestalt, wenn auch etwas unter der Mittlern Größe, hatte eine lebhafte, schöne Gesichtsfarbe, einen feurigen Blick, eine große, jedoch ziemlich proportionierte Nase, eine breite, majestätische Stirne, kastanienbraune, etwas krause Haare und einen sehr dunklen Bart. Dann zog er sein Wehrgehänge an, beschaute seine schönen, sorgfältig gepflegten Hände, warf die zu der Uniform gehörigen Handschuhe von Damhirschleder, die er bereits genommen hatte, beiseite und schlüpfte in einfache seidene Handschuhe. In diesem Augenblick öffnete sich die Türe wieder. Herr d'Artagnan, sprach der Kammerdiener. Der Eintretende war ein Mann von neununddreißig bis vierzig Jahren, von kleiner Gestalt, aber gut gebaut, mager, mit lebhaftem, geistreichem Blick, der Bart schwarz und die Haare mit Grau vermischt, wie dies immer geschieht, wenn man das Leben zu gut oder zu schlecht gefunden hat, und besonders wenn man sehr brünett ist. D'Artagnan trat vier Schritte vor; er erkannte das Zimmer, wo er einmal zu Richelieus Zeit gewesen war. Da er niemand erblickte, als einen Musketier von seiner Kompagnie, so heftete er seine Augen auf diesen, und bei dem ersten Blick war er überzeugt, daß er den Kardinal vor sich habe. Er blieb in ehrfurchtsvoller, aber würdiger Haltung stehen. Der Kardinal schaute ihn prüfend mit seinen mehr seinen, als tiefen Augen an und sagte nach kurzem Stillschweigen: Ihr seid Herr d'Artagnan? – Ja, Monseigneur, antwortete der Offizier. Der Kardinal betrachtete noch einen Augenblick den klugen Kopf und das Gesicht, dessen übermäßige Beweglichkeit durch die Jahre und die Erfahrung gemildert worden war; aber d'Artagnan ertrug die Prüfung wie ein Mann, der einst den forschenden Blick weit durchdringenderer Augen ausgehalten hatte. Mein Herr, sagte der Kardinal, Ihr werdet mit mir gehen, oder vielmehr, ich gehe mit Euch. Zu Euren Befehlen, Monseigneur, antwortete d'Artagnan. Ich will die Posten um das Palais Royal selbst visitieren; glaubt Ihr, daß Gefahr dabei ist? Gefahr, Monseigneur? fragte d'Artagnan, und welche? Das Volk soll äußerst aufgeregt sein. Die Uniform der Musketiere des Königs ist sehr geachtet, Monseigneur, und wäre sie es nicht, so machte ich mich dennoch anheischig, mit vier Mann hundert von diesen Lumpenkerlen in die Flucht zu schlagen. Ihr habt gesehen, was Comminges begegnet ist. Herr von Comminges ist bei den Garden und nicht bei den Musketieren. Womit Ihr sagen wollt, versetzte der Kardinal lächelnd, die Musketiere seien bessere Soldaten als die Garden. Jeder liebt seine Uniform, Monseigneur. Mich ausgenommen, sprach Mazarin, denn Ihr seht, daß ich die meinige abgelegt habe, um die eurige anzuziehen. Bernouin, meinen Hut! Der Kammerdiener brachte einen breitkrempigen Uniformhut; der Kardinal setzte ihn sehr unternehmend auf und wandte sich dann wieder zu d'Artagnan um. Ihr habt gesattelte Pferde im Stall, nicht wahr? – Ja, Monseigneur. – So gehen wir. – Wieviel Leute befiehlt Monseigneur? – Ihr sagtet, mit vier Mann würdet Ihr Euch anheischig machen, hundert solche Lumpenkerle in die Flucht zu schlagen; da wir zweihundert begegnen könnten, so nehmt acht. – Wann beliebt es Eurer Eminenz? – Ich folge Euch sogleich; leuchte uns, Bernouin. Eine Nachtrunde Zehn Minuten nachher entfernte sich die kleine Truppe durch die Rue des Bons-Enfants. Der Anblick der Stadt bot alle Merkmale großer Aufregung; zahlreiche Gruppen durchzogen die Straßen und blieben stille stehen, um die sechs Reiter mit drohenden und spöttischen Mienen vorüberziehen zu sehen. Von Zeit zu Zeit vernahm man Lärm aus der Gegend der Hallen. Flintenschüsse knallten in der Richtung der Rue Saint-Denis, und zuweilen begann plötzlich, ohne daß man wußte warum, von der Volkslaune in Bewegung gesetzt, eine Glocke zu läuten. D'Artagnan verfolgte seinen Weg mit der Sorglosigkeit eines Mannes, auf den dergleichen Lappalien keinen Eindruck machen. Hielt sich eine Gruppe mitten in der Straße, so spornte er sein Pferd gegen sie, ohne Achtung zu rufen, und siehe da, Rebellen oder Nichtrebellen, sie schienen zu wissen, mit wem sie es zu tun hatten, sie öffneten ihre Reihen und ließen die Patrouille durchziehen. Der Kardinal beneidete ihn um diese Ruhe, die er der Gewöhnung an Gefahren zuschrieb, aber er faßte darum nicht minder für den Offizier, unter dessen Befehle er sich für den Augenblick gestellt hatte, jene Achtung, welche selbst die Klugheit dem sorglosen Mute zugesteht. Als man sich dem Posten der Barriere des Sergens näherte, rief die Wache: Wer da? D'Artagnan antwortete und rückte, nachdem er den Kardinal um das Losungswort gefragt hatte, vor. Dort ist Herr von Comminges, der diesen Posten befehligt, sagte d'Artagnan zu dem Kardinal. Der Kardinal lenkte sein Pferd auf diesen Offizier zu, der mit einem anderen berittenen Offizier plauderte. D'Artagnan blieb aus Diskretion zurück. Bravo, Guitaut, sprach der Kardinal zu dem Reiter, ich sehe, haß Ihr trotz Eurer vierundsechzig Jahre immer noch derselbe seid, immer munter, immer rüstig; was sagtet Ihr zu diesem jungen Manne? Monseigneur, ich sagte ihm, daß der heutige Tag sehr einem aus der Zeit der Ligue gleiche, die ich in meinen Jugendjahren gesehen habe. Wißt Ihr, daß sie schon von Barrikadenbauen reden? Und was antwortete Euch Herr von Comminges, mein lieber Guitaut? Monseigneur, sprach Comminges, ich antwortete, zu einer Ligue fehlt heute etwas Wesentliches, nämlich ein Herzog von Guise; überdies macht man nicht zweimal das Gleiche. Nein, aber sie werden statt einer Ligue eine Fronde machen, sagte Guitaut. Was ist das, eine Fronde? Monseigneur, das ist der Name, den sie ihrer Partei geben. Und woher kommt dieser Name? Der Rat Bachaumont soll vor einigen Tagen im Palaste gesagt haben, alle Empörer gleichen den Burschen, welche in den Gräben von Paris mit der Schleuder spielen (französisch: fronder ) und sich zerstreuen, sobald der Polizeileutnant kommt, um sich abermals zu versammeln, wenn er vorübergegangen ist. Sie haben das Wort aufgeschnappt, und nennen sich Frondeurs; heute und gestern war alles à la Fronde , das Brot, die Hüte, die Handschuhe, die Muffe, die Fächer; doch halt, hört einmal. – Man hörte ganz deutlich singen: Ein Frondewind Bläst frisch und munter, Bläst Mazarin Den Hut herunter. Der Unverschämte! murmelte Comminges. Soll ich diesem Kerl eine Kugel zuschicken, um ihn besser singen zu lehren? Nein, nein, rief Mazarin. Diavolo , mein lieber Freund, Ihr würdet alles verderben; es geht im Gegenteil vortrefflich. Ich kenne Eure Franzosen vom ersten bis zum letzten, wie wenn ich sie gemacht hätte: sie singen und werden bezahlen. Komm, Guitaut, komm, wir wollen nachsehen, ob man bei Quinze-Vingts ebensogut Wache hält, als an der Barriere des Sergens. Das ist richtig, murmelte Comminges, als er ihn wegreiten sah, wenn man ihn nur bezahlt, mehr verlangt er nicht. Man schlug wieder den Weg in die Rue Saint Honoré ein, wobei man fortwährend Gruppen auseinander sprengte. In diesen Gruppen sprach man nur von den Edikten; man beklagte den jungen König, der auf diese Art, ohne es zu wissen, sein Volk zu Grunde richtete; man warf die ganze Schuld auf Mazarin; man sprach davon, sich an den Herzog von Orleans und an den Prinzen zu wenden; man pries Blancmesnil und Broussel. D'Artagnan ritt mitten durch diese Gruppen so sorglos, als ob er und sein Pferd von Eisen wären; Mazarin und Guitaut plauderten ganz leise miteinander; die übrigen Musketiere, die endlich den Kardinal erkannt hatten, folgten stillschweigend. Man kam in die Rue Saint-Thomas-du-Louvre, wo der Posten der Quinze-Vingts war, und ritt, da sich hier alles ruhig verhielt, zu dem dritten Posten an der Butte Saint Roch. Diesen befehligte der Kapitän der Garden des Königs, Villequier, der dem Kardinal heftig grollte. Er hatte sich besonders zurückgesetzt gefühlt, weil Mazarin seinerzeit die Verhaftung des Herzogs von Beaufort nicht durch ihn, obwohl er der einzig Berechtigte dazu gewesen sei, sondern durch Guitaut habe ausführen lassen. Auf Befehl Mazarins, der sich selbst zurückhielt, ritt sein Begleiter aus Villequier zu. Ah, Ihr seid es, Guitaut, sprach dieser mit seinem gewöhnlichen übellaunigen Tone. Was zum Teufel wollt Ihr hier? Ich komme, um Euch zu fragen, ob es hier etwas Neues gebe? Was zum Teufel soll es hier geben? Man ruft: Es lebe der König und nieder mit Mazarin! Das ist nichts Neues: wir sind schon seit geraumer Zeit an dieses Geschrei gewöhnt. Und Ihr macht Chorus dazu, erwiderte Guitaut lachend. Meiner Treu, ich fühle oft große Lust in mir, und ich finde, daß sie ganz recht haben, Guitaut. Gern gäbe ich fünf Jahre von meinem Gehalt, wenn der König fünf Jahre älter wäre. Wirklich! Und was würde geschehen, wenn der König fünf Jahre älter wäre? Dann käme doch der Augenblick, wo der König volljährig würde und seine Befehle selbst geben müßte, und, wahrlich, es ist doch mehr Vergnügen dabei, dem Enkel Heinrichs IV., als dem Sohne des Pietro Mazarin zu gehorchen. Für den König, Mord und Hölle, ließe ich mich mit Vergnügen töten; wenn ich aber für Mazarin getötet würde, wie dies heute Eurem Neffen beinahe widerfahren wäre, so könnte kein Paradies, so schön es auch wäre, mich je darüber trösten! Und er wandte sich auf den Fersen um und kehrte, eine Fronde-Melodie pfeifend, in die Wachtstube zurück. Mazarin kam ganz nachdenklich in seinen Palast zurück. Was er nach und nach von Comminges, von Guitaut und von Villequier gehört hatte, bestätigte ihn in der Ansicht, daß er im Fall ernster Ereignisse niemand für sich hätte, als die Königin, und auch die Königin hatte so oft ihre Freunde verlassen, daß ihre Unterstützung dem Minister, trotz der Vorsichtsmaßregeln, die er getroffen, sehr ungewiß und zweifelhaft erschien. Während dieses ganzen nächtlichen Rittes hafte der Kardinal einen Mann prüfend betrachtet. Dieser Mann, welcher bei dem Drohgeschrei des Volkes ganz gleichgültig geblieben war, und dessen Gesicht sich bei den Scherzen Mazarins, sowie den Anspielungen der andern nicht im mindesten verändert hatte, dieser Mensch erschien ihm ein ganz besonderes, in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft recht brauchbares Wesen. Überdies war ihm der Name d'Artagnan nicht ganz unbekannt, und obgleich er erst gegen 1634 oder 1635, d. h. sieben oder acht Jahre nach den von uns in den Drei Musketieren , erzählten Ereignissen, nach Frankreich gekommen war, so schien es dem Kardinal doch, als hätte er von ihm als von einem Manne gehört, der sich als ein Muster von Mut, Gewandtheit und Ergebenheit bemerkbar gemacht hatte. Dieser Gedanke bemächtigte sich seiner so sehr, daß er sich ungesäumt Licht zu verschaffen beschloß. Aber die Auskunft, die er über d'Artagnan zu erhalten wünschte, durfte er nicht von d'Artagnan selbst verlangen. An den wenigen Worten, die der Leutnant der Musketiere gesprochen hatte, erkannte der Kardinal seinen gascognischen Ursprung, und Italiener und Gascogner kennen einander zu gut und gleichen sich zu sehr, um gegenseitig an das zu glauben, was sie von sich sagen. Als er daher an den Garten des königlichen Schlosses gelangte, ersuchte er d'Artagnan, ihn im Schloßhofe zu erwarten, und machte Guitaut ein Zeichen, ihm in den Garten zu folgen. Mein lieber Guitaut, sprach er sodann, sich auf den Arm des alten Kapitäns der Garden stützend, ich nahm Euch mit, um Euch zu fragen, ob Ihr unsern Musketierleutnant bemerkt habt? – Ich habe nicht mehr nötig gehabt, ihn zu bemerken, denn ich kenne ihn seit geraumer Zeit. – Was ist er für ein Mensch? – Wie denn? sprach Guitaut, über diese Frage erstaunt. Er ist ein Gascogner. – Ja, ich weiß das, aber ich wollte Euch fragen, ob er ein Mann sei, in den man Vertrauen setzen könne? – Herr von Treville hält große Stücke auf ihn, und Herr von Treville ist, wie Ihr wißt, einer der ergebensten Freunde der Königin. – Ich wünschte zu wissen, ob er ein Mann ist, der seine Proben bestanden hat? – Wenn Ihr darunter versteht, ob er ein braver Soldat sei, so kann ich Euch mit ja antworten. Bei der Belagerung von La Rochelle und bei Perpignan hat er, wie ich hörte, mehr als seine Pflicht getan. – Aber Ihr wißt, Guitaut, wir armen Minister bedürfen oft noch anderer Männer, als der Tapferen. Wir brauchen geschickte Leute. War Herr d'Artagnan zur Zeit des Kardinals nicht in eine Intrigue verwickelt, in der er sich dem Gerüchte zufolge mit großer Gewandtheit benommen hat? – Monseigneur, sagte Guitaut, der wohl einsah, daß ihn der Kardinal zum Sprechen bringen wollte, in dieser Beziehung sehe ich mich genötigt, Eurer Eminenz zu sagen, daß ich nicht mehr weiß, als was Ihr selbst durch öffentliche Gerüchte erfahren konntet. Ich meinerseits habe mich nie in Intriguen gemischt und bin immer nur ein Kriegsmann gewesen. Wendet Euch an irgend einen Intriganten der Zeit, von der Ihr sprecht, und Ihr werdet bekommen, was Ihr haben wollt, wohl verstanden, wenn Ihr bezahlt. – Ei, bei Gott, versetzte Mazarin mit einer Grimasse, die er unwillkürlich zu machen pflegte, wenn man bei ihm die Geldfrage im Sinne Guitauts berührte ... man wird bezahlen ... wenn man es nicht anders machen kann. – Fordert mich Monseigneur im Ernste auf, ihm einen Mann zu nennen, der in alle Kabalen dieser Zeit verwickelt war? – Per Bacco ! versetzte Mazarin, der nachgerade ungeduldig wurde, wer ist dieser Mann? – Der Graf von Rochefort. – Der Graf von Rochefort? – Leider ist er seit bald vier oder fünf Jahren verschwunden, und ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. – Ich werde es erfahren, Guitaut, sprach Mazarin. Ihr glaubt also, Rochefort ... – Er war der ergebenste Anhänger des Kardinals, Monseigneur. Aber ich sage Euch zum voraus, es wird Euch viel kosten, der Kardinal war verschwenderisch gegen seine Kreatur. – Ja, ja. Guitaut, sagte Mazarin, er war ein großer Mann, aber er hatte diesen Fehler; ich danke, Guitaut, ich werde Euren Rat benutzen und zwar noch diesen Abend. Und da in diesem Augenblick die zwei Sprechenden zu dem Hof des Palais Royal gelangt waren, so grüßte der Kardinal Guitaut mit einem Zeichen der Hand und näherte sich einem Offizier, den er auf- und abgehen sah. Es war d'Artagnan, der nach dem Befehl des Kardinals ihn erwartete. Kommt, Herr d'Artagnan, sprach Mazarin mit seiner flötenweichsten Stimme, ich habe Euch einen Auftrag zu geben. Der Kardinal ging in sein Zimmer, schrieb ein paar Zeilen auf ein Blatt, faltete es zusammen, siegelte es und sprach: Herr d'Artagnan, Ihr tragt diese Depesche in die Bastille und bringt die Person zurück, auf die sie sich bezieht. Nehmt einen Wagen und berittene Begleitung und bewacht den Gefangenen sorgfältig. D'Artagnan nahm den Brief, legte die Hand an seinen Hut, drehte sich auf dem Absatz um, wie es nur der geschickteste Sergeant beim Vorexerzieren machen kann, ging hinaus, und einen Augenblick nachher hörte man ihn mit seinem kurzen Ton kommandieren: Vier Mann Eskorte, einen Wagen, mein Pferd! Fünf Minuten nachher vernahm man Wagengerassel und den Hufschlag der Pferde auf dem Pflaster des Hofes. Zwei ehemalige Feinde D'Artagnan kam um halb neun Uhr in die Bastille. Er ließ sich bei dem Gouverneur melden, der ihm, als er erfuhr, daß er im Namen und auf Befehl des Ministers kam, bis auf die Freitreppe entgegenging. Der Gouverneur der Bastille war damals Herr du Tremblay, ein Bruder des berüchtigten Kapuziners Joseph, dieses furchtbaren Günstlings von Richelieu, den man die graue Eminenz nannte. Herr du Tremblay empfing d'Artagnan mit der größten Höflichkeit und lud ihn ein, mit ihm zu Nacht zu speisen. Ich würde dies mit dem größten Vergnügen tun, sprach d'Artagnan; aber wenn ich mich nicht täusche, steht auf dem Umschlag des Briefes: sehr eilig . Das ist richtig, sagte Herr du Tremblay. Holla, Major, man lasse Nro. 256 herabkommen. Beim Eintritt in die Bastille hörte man auf, ein Mensch zu sein, und wurde eine Nummer. D'Artagnan schauderte beim Gerassel der Schlüssel. Er blieb zu Pferde, ohne absteigen zu wollen, und betrachtete die Gitterstangen, die tiefen Fenster und die ungeheuern Mauern. Ich verlasse Euch, sprach Herr du Tremblay, als ein Glockenschlag erklang. Man ruft mich, um den Entlassungsbefehl zu unterzeichnen. Auf Wiedersehen, Herr d'Artagnan. Der Teufel soll mich holen, wenn ich dir deinen Wunsch zurückgebe, murmelte d'Artagnan. Schon bei einem Aufenthalt von fünf Minuten fühle ich mich krank. Ich denke, daß ich lieber auf dem Stroh sterben, als auf dem Posten eines Bastillegouverneurs zehntausend Livres Renten sammeln möchte. Kaum hatte er diesen Monolog vollendet, als der Gefangene erschien. Sobald d'Artagnan ihn erblickte, machte er eine Bewegung des Erstaunens, die er aber sogleich wieder bewältigte. Der Gefangene stieg in den Wagen, ohne, wie es schien, d'Artagnan erkannt zu haben. Meine Herren, sagte d'Artagnan zu den vier Musketieren, man hat mir befohlen, den Gefangenen auf das schärfste zu bewachen. Ich will daher zu ihm hineinsteigen. Herr von Lillebonne, habt die Güte, mein Pferd am Zügel zu führen. Sehr gern, mein Leutnant, antwortete der Angeredete. D'Artagnan sprang vom Pferde, gab den Zügel dem Musketier, stieg in den Wagen und rief in einem Tone, in dem sich unmöglich auch nur die geringste Bewegung erkennen ließ: Ins Palais Royal, im Trab! Sogleich entfernte sich der Wagen, und d'Artagnan warf sich, die herrschende Dunkelheit benutzend, dem Gefangenen um den Hals. Rochefort! rief er, Ihr, Ihr seid es! Ich täusche mich nicht! – D'Artagnan! rief Rochefort erstaunt. – Ach, mein armer Freund, fuhr d'Artagnan fort; da ich Euch seit vier bis fünf Jahren nicht gesehen habe, so hielt ich Euch für tot. – Meiner Treu! erwiderte Rochefort, es ist kein großer Unterschied zwischen einem Toten und einem Begrabenen, und ich bin ein Begrabener. – Wegen welches Verbrechens seid Ihr in der Bastille? – Ich weiß es nicht. – Mißtrauen gegen mich, Rochefort? – Nein, auf Edelmannswort, denn ich kann unmöglich aus der Ursache hier sein, die man angibt. – Welche Ursache? – Als Dieb. – Ihr, Dieb? Rochefort, Ihr scherzt. – Nun, so hört, was geschehen ist. Eines Abends nach einer Orgie bei Reinard in den Tuilerien mit dem Herzog d'Harcourt, Fontrailles, von Rieux und anderen treiben wir in tollem Übermut das von dem Herzog von Orleans erfundene Vergnügen, in den Pariser Straßen den Leuten unvermerkt die Mäntel abzuziehen. Ich und Rieux hatten uns auf das eherne Pferd am Pont Neuf geschwungen, das Heinrich IV. trägt, als auf den Hilferuf eines Bestohlenen die Wache erscheint. Die andern entkommen, ich und Rieux werden, als wir vom Denkmal herunterspringen, gefaßt. Man steckt mich ins Gefängnis, und als ich nach acht Tagen an den Kardinal schreibe, holt man mich ab und führt mich in die Bastille, wo ich seit fünf Jahren sitze. Nun, was meint Ihr hierzu? – Nein, mein lieber Rochefort, das kann nicht der Grund Eurer Einkerkerung sein, Ihr werdet ihn übrigens wahrscheinlich jetzt erfahren. – Wohin führt Ihr mich denn? – Zu dem Kardinal. – Was will er von mir? Ihr müßt es wissen, denn daraus, daß Mazarin Euch gesandt hat, sehe ich, daß Ihr jetzt sein Günstling seid. – Ich weiß es nicht, ich befand mich zufällig im Vorzimmer, und der Kardinal wandte sich an mich, wie er sich an jeden andern gewendet hätte. Ich bin immer noch Leutnant bei den Musketieren, und dies, wenn ich richtig zähle, seit ungefähr einundzwanzig Jahren. – Es ist Euch doch kein Unglück widerfahren, und das ist schon viel. – Welches Unglück sollte mir widerfahren? Irgend ein lateinischer Vers sagt: Der Blitz trifft die Täler nicht; und ich bin ein Tal, mein lieber Rochefort, und zwar eines von den tiefsten. – Mazarin ist also immer noch Mazarin? – Mehr als je, mein Lieber; man sagt, er sei mit der Königin verheiratet. – Verheiratet! – Ist er nicht ihr Gemahl, so ist er sicherlich ihr Geliebter. – Einem Buckingham widerstehen und einem Mazarin nachgeben! – So sind die Frauen, versetzte d'Artagnan philosophisch. – Die Frauen Wohl, aber die Königinnen! – Ei, mein Gott, in dieser Hinsicht sind die Königinnen zweimal Frauen. – Und Herr von Beaufort ist immer noch im Gefängnis? – Immer noch, warum? – Da er mir wohlwollte, so hätte er mich herausbringen können. Und wie steht es mit dem Krieg? – Man wird ihn haben. – Mit Spanien? – Nein, mit Paris. – Was wollt Ihr damit sagen? – Hört Ihr die Flintenschüsse? – Ja. Nun? – Es sind aufrührerische Bürger. – Glaubt Ihr, man könnte aus den Bürgern etwas machen? – Gewiß, sie versprechen alles, und wenn sie einen Führer hätten ... – Es ist ein Unglück, nicht frei zu sein. – Ei, mein Gott, verzweifelt doch nicht. Wenn Mazarin Euch holen läßt, so geschieht es einfach, weil er Euch braucht, und wenn er Euch braucht, nun, so mache ich Euch mein Kompliment. Es ist lange her, daß niemand meiner mehr bedurft hat; Ihr seht auch, wie weit ich es gebracht habe. – Beklagt Euch doch bei ihm! – Hört, Rochefort, einen Vertrag ... – Welchen? – Ihr wißt, daß wir gute Freunde sind. – Bei Gott, ich trage die Male Eurer Freundschaft an mir: Drei Degenstiche! ... – Nun wohl, wenn Ihr wieder in Gunst kommt, vergeßt mich nicht. – So wahr ich Rochefort heiße, aber unter der Bedingung der Gegenseitigkeit. – Abgemacht: hier ist meine Hand. – Die erste Gelegenheit also, die Ihr findet, um von mir zu sprechen ... – Ich spreche von Euch: und Ihr? – Ebenso. – Und soll ich von Euren Freunden sprechen? – Von welchen Freunden? – Von Athos, Porthos und Aramis. Habt Ihr sie denn vergessen? – Beinahe. – Was ist aus ihnen geworden? – Ich weiß es nicht. – Wirklich? – Ah, mein Gott ja, wir haben uns verlassen, wie Ihr wißt; sie leben noch, das ist alles, was ich von ihnen sagen kann. Von Zeit zu Zeit erhalte ich mittelbare Nachrichten von ihnen; aber der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, in welchem Winkel der Erde sie sich aufhalten. Nein, auf Ehre! ich habe nur noch Euch zum Freunde, Rochefort. – Und der herrliche, wie nanntet Ihr doch den Burschen, den ich zum Sergeanten im Regimente Piemont machte? – Planchet. – Ja, so ist es, der herrliche Planchet; was ist aus ihm geworden? – Er hat einen Zuckerbäckerladen in der Rue des Lombards geheiratet. Der Bursche war stets ein großer Freund von Süßigkeiten. Er ist nun Pariser Bürger und treibt in diesem Augenblick wohl ohne Zweifel Aufruhr. Ihr werdet sehen, er ist Schöppe, ehe ich Kapitän bin. – Nur munter! mein lieber d'Artagnan, wenn man ganz unten am Rade ist, so dreht sich das Rad und hebt einen empor. Vielleicht ändert sich Euer Schicksal noch diesen Abend. – Amen, sprach d'Artagnan, den Wagen anhaltend. D'Artagnan stieg, da sie sich ihrem Ziele näherten, wieder zu Pferde und setzte sich an die Spitze der Eskorte. Fünf Minuten nachher gelangte man in den Hof des Palais Royal. D'Artagnan führte den Gefangenen über die große Treppe und ließ ihn durch das Vorzimmer in den Korridor gehen. Vor der Tür zu Mazarins Kabinett angelangt, wollte er eben sich melden lassen, als Rochefort die Hand auf seine Schulter legte und lächelnd zu ihm sagte: D'Artagnan, soll ich Euch eines sagen, woran ich auf dem ganzen Wege dachte, als ich die Gruppen von Bürgern sah, durch die wir fuhren und die Euch und Eure vier Leute mit flammenden Augen betrachteten? – Sprecht, antwortete d'Artagnan. – Ich durfte nur um Hilfe rufen, um Euch und Eure Eskorte in Stücke hauen zu lassen, und dann war ich frei. – Warum habt Ihr es nicht getan? – Geht doch! Geschworene Freundschaft! Aber wenn mich ein anderer als Ihr geführt hätte ... D'Artagnan neigte das Haupt, sprach zu sich: Sollte Rochefort besser geworden sein, als ich? und ließ sich bei dem Minister melden. Laßt Herrn Rochefort eintreten, rief mit ungeduldigem Tone Mazarin, sobald er die zwei Namen gehört hatte, und sagt Herrn d'Artagnan, er möchte warten; ich bin noch nicht mit ihm fertig. Diese Worte machten d'Artagnan ganz heiter. Lange Zeit hatte niemand seiner bedurft, und diese Aufforderung erschien ihm als ein glückliches Vorzeichen. Was Rochefort betrifft, so brachte sie auf diesen keine andere Wirkung hervor, als daß sie ihm seine vollständige Fassung verlieh. Er trat in das Kabinett ein und fand Mazarin am Tische sitzend in seiner gewöhnlichen Tracht, d. h. als Monsignore, was ungefähr die Kleidung der Abbés jener Zeit war, ausgenommen, daß er violette Strümpfe und einen violetten Mantel trug. Die Türen schlossen sich wieder. Rochefort sah Mazarin verstohlen an und ertappte den Minister auf einem Blick, der den seinigen kreuzte. Rochefort hatten die fünf Jahre, die er im Gefängnisse zugebracht, sehr alt gemacht. Seine schwarzen Haare waren ganz weiß geworden, und auf dem einst bronzefarbigen Gesicht lag eine Blässe, die auf Erschöpfung deutete. Bei seinem Anblick schüttelte Mazarin unmerklich den Kopf mit einer Miene, die wohl sagen wollte: Dieser Mensch scheint mir nicht mehr zu großen Dingen zu taugen. Nach einem kurzen Stillschweigen zog Mazarin aus einem Stoß Papiere einen offenen Brief hervor, zeigte ihn dem Edelmann und sagte: Ich habe hier einen Brief gefunden, worin Ihr um Eure Freiheit nachsucht, Herr von Rochefort. Ihr seid also im Gefängnis? Rochefort erwiderte bebend: Es scheint mir, Ew. Eminenz wußte das besser, als irgend jemand. – Ich? keineswegs. Es sind noch eine Menge von Gefangenen aus der Zeit des Herrn von Richelieu da, deren Namen ich nicht einmal weiß. – Wohl, doch bei mir ist es etwas anderes, Monseigneur, und Ihr wußtet den meinigen, denn auf einen Befehl von Ew. Eminenz bin ich nach der Bastille gebracht worden. – Ihr glaubt? – Ich weiß es gewiß. – Ja, in der Tat, ich glaube mich dessen zu erinnern. Habt Ihr Euch damals nicht geweigert, für die Königin eine Reise nach Brüssel zu machen? –Ah! ah! sprach Rochefort, das ist also die wahre Ursache. Ich suche sie seit fünf Jahren. Aber, Monseigneur, ich ging nicht nach Brüssel, weil ich der Königin dort nichts nützen konnte, ja, meine Anwesenheit dort ihr geradezu schaden mußte. – Ich sage nicht, daß dies die Ursache Eurer Verhaftung sei. Verstehen wir uns recht, ich stelle die Frage an Euch, und nicht mehr. Die Königin allerdings hat in Eurer Weigerung nichts anderes gesehen, als eine einfache Weigerung. Ihre Majestät die Königin hatte sich unter dem verstorbenen Kardinal sehr über Euch zu beklagen. Rochefort lächelte verächtlich und sagte: Gerade weil ich Richelieu gut gegen die Königin gedient hatte, mußtet Ihr, da er tot war, Monseigneur, begreifen, daß ich Euch gegen die ganze Welt gut dienen würde. Ich, Herr von Rochefort? sagte Mazarin, ich bin nicht wie Herr von Richelieu, der auf die Allmacht abzielte. Ich bin ein einfacher Minister, der keiner Diener bedarf, insofern ich selbst der Diener der Königin bin. Ihre Majestät aber ist sehr empfindlich, sie wird Eure Weigerung erfahren und für eine Kriegserklärung gehalten haben; da sie nun wußte, daß Ihr ein Mann von hervorragenden Eigenschaften und folglich sehr gefährlich seid, mein lieber Herr von Rochefort, so hat sie mir wohl den Befehl gegeben, mich Euer zu versichern. Auf diese Art befindet Ihr Euch in der Bastille. Gut, Monseigneur, sagte Rochefort, es scheint mir, wenn ich infolge eines Irrtums in der Bastille sitze ... Ja, ja, versetzte Mazarin, allerdings, das läßt sich ins reine bringen; Ihr seid ein Mann, um gewisse Sachen zu begreifen und, wenn Ihr sie einmal begriffen habt, sie gut zu betreiben. Das war die Meinung des Herrn Kardinals von Richelieu, und meine Bewunderung für diesen großen Mann vermehrt sich noch dadurch, daß Ihr die Güte habt, mir zu sagen, es sei auch die Eurige. Das ist wahr, versetzte Mazarin. Der Herr Kardinal hatte viel Politik, und darin bestand seine große Überlegenheit im Vergleich zu mir, der ich ein ganz einfacher, schlichter Mann bin. Was mir schadet, das ist der Umstand, daß ich eine ganz französische Offenherzigkeit besitze. Rochefort preßte die Lippen zusammen, um nicht zu lachen. Ich komme also zur Sache; ich bedarf guter Freunde, treuer Diener. Wenn ich sage, ich bedarf, so will ich damit sagen, die Königin bedarf. Ich tue alles nur auf Befehl der Königin, versteht mich wohl: es ist nicht wie bei dem Kardinal von Richelieu, der alles nur aus eigener Laune tat. Ich werde auch nie ein großer Mann sein, wie er; dagegen bin ich ein guter Mann, Herr von Rochefort, und hoffe Euch dies zu beweisen. Rochefort kannte diese seidenweiche Stimme, durch die zuweilen ein Zischen klang, das dem der Schlange glich. Ich bin ganz bereit, Monseigneur, zu glauben, sagte er, obgleich ich meinesteils wenig Beweise von der Gutmütigkeit habe, von der Ew. Eminenz spricht. Ah! Herr Rochefort, ich sagte Euch bereits, daß ich keinen Teil an Eurer Gefangenschaft hatte. Die Königin – Zorn einer Frau und einer Prinzessin, was wollt Ihr? Aber das geht, wie es kommt, und nachher denkt man nicht mehr daran ... Ich begreife, Monseigneur, daß sie nicht mehr daran denkt, da sie fünf Jahre im Palais Royal mitten unter Festen und Höflingen zubrachte; aber ich, der sie in der Bastille zubringen mußte ... Ei, mein Gott, Herr von Rochefort, glaubt Ihr, das Palais Royal sei ein so angenehmer Aufenthaltsort? Nein, nein, ich versichere Euch, wir haben auch gewaltiges Getöse gehabt. Doch sprechen wir nicht mehr hiervon. Ich spiele wie immer offenes Spiel und frage: Herr von Rochefort, seid Ihr von den Unseren? Ihr müßt begreifen, Monseigneur, daß ich nichts Besseres wünschen kann, aber ich bin mit allen gegenwärtigen Angelegenheiten nicht im mindesten vertraut. In der Bastille spricht man über Politik nur mit den Soldaten und den Gefängniswärtern, und Ihr habt keinen Begriff, Monseigneur, wie wenig diese Leute mit den Vorgängen auf dem laufenden sind. Ist Herr von Bassompierre immer noch einer von den siebzehn Seigneurs? Er ist tot, mein Herr, und das ist ein großer Verlust. Er war ein der Königin ergebener Mann, und die ergebenen Leute sind selten. Bei Gott, ich glaube wohl, sprach Rochefort. Wenn Ihr welche habt, so schickt Ihr sie in die Bastille. Aber wodurch beweist sich die Ergebenheit? sagte Mazarin. Durch die Tätigkeit, antwortete Rochefort. Ah! ja, durch die Tätigkeit, versetzte der Minister nachdenkend, aber wo finden sich Männer von Tätigkeit? Rochefort zuckte die Achseln und erwiderte: Es fehlt nie daran, Monseigneur; nur sucht Ihr schlecht. Richelieu hat immer treue und ergebene Diener gehabt, und doch habe ich Leute gekannt, fuhr er fort, denn er dachte, es sei jetzt die Zeit gekommen, d'Artagnan Wort zu halten, ich habe Leute gekannt, die durch ihre Gewandtheit hundertmal den Scharfsinn des Kardinals scheitern ließen, durch ihre Tapferkeit seine Leibwachen und seine Spione geschlagen haben, Leute, die ohne Geld, ohne Unterstützung, ohne Kredit einem gekrönten Haupt eine Krone erhielten und den Kardinal dahin brachten, daß er um Verzeihung bitten mußte. – Aber die Leute, von denen Ihr sprecht, sagte Mazarin, in seinem Innern lächelnd, daß Rochefort dahin gelangte, wohin er ihn führen wollte, diese Leute waren dem Kardinal nicht ergeben, da sie gegen ihn kämpften. – Nein, denn sie wären besser belohnt worden; aber sie hatten das Unglück, derselben Königin ergeben zu sein, für die Ihr soeben Diener verlangtet. – Ah! sprach Mazarin mit bewunderungswürdiger Gutmütigkeit, wenn ich solche Menschen kennen würde. – Ei! Monseigneur, Ihr habt einen seit sechs Jahren vor Eurer Türe und habt ihn seit sechs Jahren zu nichts gut geglaubt. – Wen denn? – Herrn d'Artagnan. – Den Gascogner? rief Mazarin mit vortrefflich gespielter Verwunderung. – Dieser Gascogner hat eine Königin gerettet, und Herr von Richelieu mußte gestehen, daß er ihm gegenüber an Geschicklichkeit, Gewandtheit und Politik nur ein Schüler sei. – Wirklich? – Wie ich es Ew. Exzellenz zu sagen die Ehre habe. – Erzählt mir das ein wenig, mein lieber Herr von Rochefort. – Das ist sehr schwierig, Monseigneur, sagte der Edelmann lächelnd. Aber ich kann Euch ein Märchen erzählen, ein wahres Feenmärchen, dafür stehe ich Euch, Monseigneur. – Oh! sprecht, Herr von Rochefort; ich liebe die Märchen ungemein. – Ihr wollt es? sagte Herr von Rochefort, indem er in diesem feinen, listigen Gesicht eine Absicht wahrzunehmen suchte. – Ja. Nun, so hört. Es war einmal eine Königin ... aber eine mächtige Königin, die Königin eines der mächtigsten Reiche der Welt, der ein Minister sehr übel wollte, weil er ihr zuvor zu wohl gewollt hatte. Sucht nicht, Monseigneur, Ihr könnt nicht erraten, wer. Alles das ereignete sich lange Zeit, ehe Ihr in das Reich kamt, wo diese Königin regierte. Es erschien aber am Hofe ein Botschafter, so tapfer, so reich und so artig, daß alle Frauen sich in ihn verliebten, und die Königin selbst, ohne Zweifel wegen der Art und Weise, wie er die Staatsangelegenheiten behandelt hatte, die Unklugheit beging, ihm einen Schmuck zu schenken, der so merkwürdig war, daß er sich nicht ersetzen ließ. Da dieser Schmuck vom König war, so forderte der Minister diesen auf, von der Fürstin zu verlangen, daß sie gerade die bezeichneten Juwelen bei dem nächsten Balle tragen solle. Es ist überflüssig, Euch zu bemerken, daß der Minister aus einer gewissen Quelle erfahren hatte, wie der Schmuck dem Botschafter gefolgt war, der in großer Entfernung jenseits des Meeres lebte. Die große Königin war verloren, wie die letzte ihrer Untertaninnen, denn sie stürzte augenscheinlich von ihrer höchsten Höhe herab. Wirklich? Nun gut, Monseigneur, vier Menschen entschlossen sich, sie zu retten. Diese vier Menschen waren keine Prinzen, keine Herzöge, keine mächtigen Männer, keine reichen Männer, es waren vier Soldaten mit großem Herzen, gutem Arm und flinkem Degen. Sie reisten ab. Der Minister erfuhr ihre Abreise und schickte Leute auf ihren Weg aus, um sie zu verhindern, zu ihrem Ziele zu gelangen. Drei wurden durch die zahlreichen Angriffe kampfunfähig gemacht, aber ein einziger gelangte in den Hafen, tötete oder verwundete die, welche ihn festnehmen wollten, schiffte über das Meer und brachte den Schmuck der großen Königin zurück, die ihn an dem bestimmten Tag an die Schulter heften konnte. Was sagt Ihr von diesem Zuge, Monseigneur? Das ist herrlich, sprach Mazarin träumerisch. Nun, ich weiß noch ähnliche. Mazarin sprach nicht mehr, er dachte nach. Ihr habt mich nichts mehr zu fragen, Monseigneur? sagte Rochefort nach einigen Minuten. – Doch, Herr d'Artagnan war einer von diesen vier Menschen, sagt Ihr? – Er war der, welcher das ganze Unternehmen leitete. – Und wer waren die anderen? – Monseigneur erlaube, daß ich Herrn d'Artagnan überlasse, sie Euch zu nennen. Es waren seine Freunde und nicht die meinigen; er allein hätte einigen Einfluß auf sie, und ich kenne sie nicht einmal unter ihren wahren Namen. Ihr mißtraut mir, Herr von Rochefort. Ich will ganz offenherzig sein: ich bedarf Euer, seiner, aller. – Fangen wir bei mir an, Monseigneur, da Ihr mich habt holen lassen und ich nun hier bin; dann möget Ihr zu ihnen übergehen. – Ihr, mein lieber Herr von Rochefort, sollt einen Vertrauensposten bekommen, Ihr geht nach Vincennes, wo Herr von Beaufort gefangen ist; Ihr bewacht ihn mir auf das schärfste. Nun, was habt Ihr denn? – Ihr schlagt mir etwas Unmögliches vor, sprach Rochefort und schüttelte mit betrübter Miene den Kopf. – Wie! etwas Unmögliches? Und warum ist diese Sache unmöglich? – Weil Herr von Beaufort einer meiner Freunde ist, oder vielmehr, weil ich einer der seinigen bin. Habt Ihr vergessen, Monseigneur, daß Beaufort bei der Königin für mich gut gestanden hat? – Herr von Beaufort ist seit jener Zeit der Feind des Staates. – Ja, Monseigneur, das ist möglich; aber da ich weder König noch Königin, noch Minister bin, so ist er nicht mein Feind, und ich kann Euer Anerbieten nicht annehmen. – Das nennt Ihr Ergebenheit? Ich wünsche Euch Glück: Eure Ergebenheit verpflichtet Euch nicht zu sehr bedeutenden Dingen, Herr von Rochefort. – Monseigneur, verwendet mich zu irgend etwas anderem, gebt mir eine Sendung, laßt mich tätig sein, aber auf der offenen Straße, wenn es möglich ist. – Mein lieber Herr von Rochefort, sagte Mazarin mit seiner spöttischen Miene, Euer Eifer reißt Euch fort, Ihr haltet Euch noch für einen jungen Mann, weil das Herz immer noch jung ist, aber die Kräfte fehlen Euch. Glaubt mir, Ihr bedürft jetzt vor allem der Ruhe. Holla! irgend jemand herein! – Ihr verfügt also nicht über mich? – Im Gegenteil, ich habe verfügt. Bernouin trat ein. Rufe einen Huissier, sprach Mazarin, und bleib' in meiner Nähe, fügte er mit leisem Tone bei. Ein Huissier trat ein, der Kardinal schrieb einige Worte, die er diesem Mann zustellte, grüßte sodann mit dem Kopf und sagte: Gott befohlen, Herr von Rochefort. Rochefort verbeugte sich ehrfurchtsvoll und sagte: Ich sehe, Monseigneur, man führt mich wieder in die Bastille. – Ihr seid gescheit. – Ich kehre dahin zurück, Monseigneur, aber ich wiederhole Euch, Ihr habt unrecht, daß Ihr mich nicht zu verwenden wißt. – Euch, den Freund meiner Feinde? – Warum nicht? Ihr hättet mich zum Feind Eurer Feinde machen sollen. – Glaubt Ihr, es gebe nur Euch allein? Seid überzeugt, Herr von Rochefort, ich werde Leute finden, welche so viel wert sind, als Ihr. Man führte Rochefort in den Hof, wo er seinen Wagen und seine vier Mann Eskorte fand; aber er suchte vergebens seinen Freund. Ah, ah! sagte Rochefort zu sich selbst, das verändert die Sache auf eine furchtbare Weise. Wenn jetzt noch so viel Volk auf den Straßen ist, so wollen wir Herrn von Mazarin zu beweisen suchen, daß wir, Gott sei Dank, noch zu etwas ganz anderem taugen, als zur Bewachung eines Gefangenen. Anna von Österreich im Alter von sechsundvierzig Jahren Allein mit Bernouin, blieb Mazarin einen Augenblick nachdenklich; er wußte viel, aber er wußte immer noch nicht genug. Mazarin war Betrüger im Spiel. Er beschloß, die Partie mit d'Artagnan nicht eher anzufangen, als bis er alle Karten seines Gegners genau kennen würde. Monseigneur hat nichts zu befehlen? sagte Bernouin. Allerdings, antwortete Mazarin, leuchte mir, ich gehe zu der Königin. Bernouin nahm eine Kerze und ging voraus. Es war ein geheimer Gang vorhanden, der von den Zimmern und dem Kabinett Mazarins nach den Zimmern der Königin führte, und den der Kardinal benutzte, so oft er sich zu Anna von Österreich begab. Als Bernouin in das Schlafzimmer gelangte, in dem dieser Gang mündete, traf er Madame Beauvais. Madame Beauvais und Bernouin waren die innigen Vertrauten dieser schon alten Liebe, und Madame Beauvais übernahm es, den Kardinal bei Anna von Österreich zu melden, die sich mit ihrem Sohne, König Ludwig XIV., in ihrem Betzimmer befand. In einem großen Lehnstuhl sitzend, den Ellbogen auf den Tisch und den Kopf auf die Hand gestützt, betrachtete Anna von Österreich das königliche Kind, das, auf dem Boden liegend, in einem großen Schlachtenbuch blätterte. Anna von Osterreich war die Königin, die sich am allerbesten mit Majestät zu langweilen wußte. Sie blieb zuweilen stundenlang in ihr Schlafgemach oder in ihr Betzimmer zurückgezogen, ohne zu lesen oder zu beten. Madame Beauvais erschien an der Türe des Betzimmers und meldete den Kardinal Mazarin. Das Kind erhob sich auf einem Knie und schaute, die Stirne runzelnd, seine Mutter an. Warum kommt er so, sagte es, ohne um Audienz zu bitten? Anna errötete leicht. Es ist wichtig, versetzte sie, daß ein erster Minister in Zeiten, wie sie jetzt sind, der Königin zu jeder Stunde über alles berichten kann, ohne daß er die Neugierde oder die Mutmaßungen des ganzen Hofes anzuregen braucht. Aber man hat mir auf meine Frage gesagt, daß der Herr von Richelieu nicht so kam, sprach das unbeugsame Kind. In diesem Augenblick trat Mazarin ein. Der König stand auf, nahm sein Buch, schloß es und trug es auf den Tisch, bei dem er aufrecht stehen blieb, um Mazarin zu nötigen, ebenfalls zu stehen. Mazarin bückte sich ehrfurchtsvoll vor der Königin und machte eine tiefe Verbeugung vor dem König, der ihm mit einem ziemlich stolzen Kopfnicken dankte; aber ein Blick seiner Mutter tadelte ihn, daß er sich den Gefühlen des Hasses hingab, die er seit seinen Kinderjahren gegen den Kardinal hegte, und er empfing mit lächelnden Lippen das Kompliment des Ministers. Anna von Österreich war bemüht, auf Mazarins Gesicht die Ursache dieses unvorhergesehenen Besuches zu erraten, denn der Kardinal kam gewöhnlich erst dann zu ihr, wenn sie allein war. Der Minister machte ein unmerkliches Zeichen mit dem Kopf, die Königin wandte sich an Madame Beauvais und sagte: Es ist Zeit, daß sich der König schlafen legt. Ruft Laporte. Ludwig XIV. biß sich in die Lippen und erbleichte. Als einen Augenblick nachher Laporte eintrat, ging er gerade auf ihn zu, ohne seine Mutter zu küssen. Nun, Louis, sagte Anna, warum küßt Ihr mich nicht? Ich glaubte, Ihr wäret böse auf mich, Madame, Ihr jagt mich fort. Ich jage Euch nicht fort. Ihr habt nur vor kurzem erst die Blattern gehabt, seid noch leidend, und ich fürchte, das lange Wachen könnte Euch anstrengen. Ihr habt das nicht gefürchtet, als Ihr mich heute in den Palast schicktet, um die abscheulichen Edikte zu erlassen, über die das Volk so sehr murrte. Und der König entfernte sich, ohne seine Mutter zu küssen und ohne den Kardinal zu grüßen. Ganz gut, sprach Mazarin, ich sehe es gerne, daß man Seine Majestät mit Abscheu vor der Heuchelei erzieht. – Wie meint Ihr dies? fragte die Königin mit beinahe schüchternem Tone. – Nun, Seine Majestät gibt sich keine Mühe zu verbergen, wie geringe Zuneigung er für mich hat, was mich indessen nicht abhält, seinem Dienste, so wie dem Eurer Majestät, völlig ergeben zu sein. – Ich bitte Euch für ihn um Vergebung, erwiderte die Königin. Er ist ein Kind, das noch nicht alle seine Verpflichtungen gegen Euch zu erkennen vermag. Der Kardinal lächelte. Aber, fuhr die Königin fort, Ihr seid ohne Zweifel in einer wichtigen Angelegenheit gekommen. Was gibt es? Mazarin setzte oder vielmehr lehnte sich in einen weiten Stuhl zurück und sprach in schwermütigem Ton: Was es gibt? Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir bald gezwungen sein, uns zu verlassen, wenn Ihr nicht Eure Ergebenheit für mich so weit treiben wollt, mir nach Italien zu folgen. – Und warum dies? fragte die Königin. Weil, wie es in der Oper Thisbe heißt: »Die ganze Welt verschworen ist, zu trennen unsre Liebe.« Ihr scherzt, Herr, sagte die Königin mit einem Versuch, ihre frühere Würde wieder anzunehmen. Ach nein, Madame, sprach Mazarin, ich scherze nicht im geringsten. Glaubt mir, ich möchte eher weinen, habe ich nicht Euch selbst eines Tages ganz freundlich dem Herzog von Orleans zulächeln sehen, als er sagte: Euer Mazarin ist der Stein des Anstoßes, er entferne sich, und alles wird gut gehen? – Was sollte ich machen? – Oh! Madame, es scheint mir, Ihr seid die Königin. – Ein schönes Königtum, der Gnade des ersten besten Tintenklecksers vom Palais Royal oder des elendesten Strohjunkers im Reich preisgegeben! – Ihr seid aber stark genug, um die Leute von Euch zu entfernen, die Euch mißfallen. – Das heißt, die Euch mißfallen, antwortete die Königin. – Mir? – Allerdings. Wer hat Frau von Chevreuse fortgeschickt? – Eine Intrigantin, welche gegen mich die Kabalen fortsetzen wollte, die sie gegen Herrn von Richelieu angefangen hatte. – Wer hat Frau von Hautefort fortgeschickt, die mir so sehr ergeben war, daß sie die Gnade des Königs ausschlug, um in der meinigen zu bleiben? – Eine Heuchlerin, die Euch jeden Abend beim Auskleiden sagte, einen Priester lieben, heiße seine Seele verderben; als ob man Priester sein müßte, weil man Kardinal ist! – Wer hat Herrn von Beaufort verhaften lassen? – Ein Brausekopf, der von nichts Geringerem sprach, als von meiner Ermordung. – Ihr seht wohl, Kardinal, versetzte die Königin, daß Eure Feinde auch die meinigen sind. – Das ist nicht genug, Madame. Eure Freunde müssen auch die meinigen sein. – Meine Freunde? Herr! sprach die Königin und schüttelte den Kopf. Ach, ich habe keine mehr! – Ja, sucht nur unter Euren ehemaligen Freunden, unter denen, die Euch gegen den Herzog von Richelieu kämpfen und ihn sogar besiegen halfen. Wo will er hinaus? murmelte die Königin und schaute den Kardinal unruhig an. Ja, fuhr dieser fort, unter gewissen Umständen wußtet Ihr mit dem mächtigen, feinen Geiste, der Eure Majestät charakterisiert, mit Hilfe Eurer Freunde die Angriffe dieses Gegners zurückzuschlagen. – Ich? sagte die Königin, ich habe nur gelitten. – Ja, sprach Mazarin, wie die Frauen leiden, indem sie sich rächen. Kommen wir zur Sache. Kennt Ihr Herrn d'Artagnan? fuhr Mazarin, der Königin ins Gesicht schauend, fort. Anna von Österreich empfing den Stoß mitten im Herzen. Sollte der Gascogner geschwatzt haben? murmelte sie. Dann fügte sie laut bei: D'Artagnan? wartet doch. Ja gewiß, dieser Name ist mir bekannt: d'Artagnan, ein Musketier, der eine meiner Frauen liebte. Ein armes Geschöpfchen, das meinetwegen an Gift starb. Ist dies alles? fragte Mazarin. Die Königin schaute den Kardinal erstaunt an. Aber, mein Herr, sagte sie, es scheint, Ihr unterwerft mich einem Verhör. – Bei dem Ihr jedenfalls, erwiderte Mazarin mit seinem ewigen Lächeln und seinem stets süßen Tone, nur nach Eurer Phantasie antwortet. – Drückt Euren Wunsch klar, aus, mein Herr, und ich werde ebenso antworten, sagte die Königin, die ungeduldig wurde. – Wohl, Madame, antwortete Mazarin, sich verbeugend. Ich wünschte, Ihr ließet mich an Euren Freunden Anteil nehmen, wie ich Euch an dem bißchen Gewandtheit und Talent Anteil nehmen ließ, womit mich der Himmel begabt hat. Die Umstände sind von ernster Bedeutung, und man muß energisch handeln. – Abermals! sprach die Königin, ich glaubte, mit Herrn von Beaufort wären wir quitt. – Ihr habt nur den Strom gesehen, der alles niederreißen wollte, und das stehende Wasser nicht wahrgenommen. – Vollendet! sagte die Königin. – Nun wohl, fuhr Mazarin fort; ich dulde alle Tage Unverschämtheiten, die sich Eure Prinzen und Eure betitelten Knechte gegen mich erlauben, lauter Automaten, die nicht sehen, daß ich ihren Faden in der Hand halte. Wir haben allerdings Herrn von Beaufort verhaften lassen, aber das war der ungefährlichste von allen. Noch ist der Prinz vorhanden. – Der Sieger von Rocroi? Daran könnt Ihr doch nicht denken! – Ja, Madame, und zwar sehr oft, aber Pazienza , wie wir Italiener sagen. Dann, nach Herrn von Condé, ist der Herzog von Orleans da. – Was sagt Ihr? der erste Prinz von Geblüt, der Oheim des Königs! – Nicht der erste Prinz von Geblüt, nicht der Oheim des Königs, sondern der feige Meuterer, der unter der vorigen Regierung, angetrieben von seinem launenhaften, phantastischen Charakter, gestachelt von erbärmlichem Ärger, verzehrt von einem platten Ehrgeiz, eifersüchtig auf alles, was ihn an ritterlichem Sinn und Mut übertraf, aufgebracht darüber, daß er wegen seiner inneren Hohlheit nichts war, sich zum Echo aller Verleumdungen, zur Seele aller Kabalen machte. Nicht der erste Prinz von Geblüt, nicht der Oheim des Königs, ich wiederhole es, sondern der Mörder eines Chalais, Montmorency und Cinq-Mars, der jetzt dasselbe Spiel zu spielen versucht und sich einbildet, er werde die Partie gewinnen, weil er jetzt nicht mehr einen drohenden, sondern einen lächelnden Mann sich gegenüberstehen hat. Aber er täuscht sich, er wird verlieren, und es liegt nicht in meinem Interesse, bei der Königin diesen Gärungsstoff der Uneinigkeit zu dulden, mit dem der verstorbene Kardinal die Galle des Königs zwanzig Jahre lang in Aufruhr erhalten hat. Anna errötete und barg ihren Kopf in beiden Händen. Ich will Eure Majestät nicht demütigen, fuhr Mazarin mit etwas ruhigerem Tone, aber zugleich mit seltsamer Festigkeit fort. Man soll die Königin ehren und ihren Minister achten, denn in aller Augen bin ich nur dieses. Was soll ich denn tun? fragte Anna von Österreich, gebeugt unter dieser gebietenden Stimme. Ihr sollt in Eurem Gedächtnis den Namen der treuen, ergebenen Männer suchen, die trotz Herrn von Richelieu über das Meer gefahren sind, Spuren ihres Blutes die ganze Straße entlang zurücklassend, um Ew. Majestät einen gewissen Schmuck zu bringen, den sie Herrn von Buckingham gegeben hatte. Anna von Österreich erhob sich, majestätisch und zornig, als ob eine Feder sie aufgeschnellt hätte, und schaute den Kardinal mit dem Stolz und der Würde an, wodurch sie in den Tagen ihrer Jugend so mächtig gewesen war. Ihr beleidigt mich, Herr, sagte sie. – Ich will, fuhr Mazarin unbeirrt fort, ich will, daß Ihr für Euern Gatten tut, was Ihr einst für Euern Liebhaber getan habt. – Abermals diese Verleumdung? rief die Königin; ich hielt sie für tot und erstickt, denn Ihr hattet sie mir bis jetzt erspart. Jetzt sprecht Ihr mir aber ebenfalls davon. Desto besser, denn die Frage wird jetzt ein für allemal unter uns abgemacht werden, versteht Ihr mich? – Aber, Madame, sprach Mazarin, erstaunt über diese Rückkehr der Kraft, ich verlange gar nicht, daß Ihr mir alles sagen sollt. – Und ich will Euch alles sagen, entgegnete Anna von Österreich. Hört also: Es gab wirklich zu jener Zeit vier ergebene Herzen, vier ritterliche Seelen, vier treue Degen, die mir mehr als das Leben, die mir die Ehre retteten. – Oh! Ihr gesteht! rief Mazarin.– Ist nur die Ehre der Schuldigen auf das Spiel gesetzt, mein Herr, und kann man nicht einen Menschen, eine Frau besonders, durch falschen Schein entehren? Ja, der Schein war gegen mich, und ich sollte entbehrt werden, und dennoch, ich schwöre es Euch, war ich nicht schuldig. Ich schwöre es ... Sie suchte nach etwas Heiligem, worauf sie schwören könnte, zog aus einem unter der Tapete verborgenem Schranke ein kleines, mit Silber eingelegtes Kistchen von Rosenholz hervor, stellte es auf den Altar und fuhr fort: Ich schwöre auf diese heilige Reliquie, ich liebte Herrn von Buckingham, aber Herr von Buckingham war nicht mein Liebhaber. Und was für eine Reliquie ist es, auf die Ihr diesen Eid leistet? sprach Mazarin lächelnd; denn ich muß gestehen, als Römer bin ich ungläubig; es ist ein Unterschied unter den Reliquien. Die Königin machte einen kleinen goldenen Schlüssel von ihrem Halse los und übergab ihn dem Kardinal. Öffnet, mein Herr, sprach sie, und seht selbst. Mazarin nahm erstaunt den Schlüssel und öffnete das Kistchen, worin er nur ein vom Rost zerfressenes Messer und zwei Briefe fand, von denen der eine mit Blut befleckt war. Was ist das? fragte Mazarin. Was das ist, mein Herr? sprach Anna von Österreich mit königlicher Gebärde und indem sie ihren immer noch vollkommen schönen Arm über das Kästchen streckte, ich will es Euch sagen; diese zwei Briefe sind die einzigen, die ich ihm je geschrieben habe; dieses Messer ist das, mit dem ihn Felton ermordet hat. Leset die Briefe, mein Herr, und Ihr werdet sehen, ob ich gelogen habe. Es ist gut, Madame, sagte Mazarin, indem er unwillkürlich nach dem Messer griff, es aber nach einem Blick auf seine blut- und rostzerfressene Scheide schaudernd in das Kästchen legte, ich baue auf Euern Eid. Ja, mein Herr, sprach die Königin, das Kistchen wieder verschließend und ihre Hand darauf legend; es ist allerdings wahr. Diese Reliquie klagt mich an, daß ich stets undankbar gegen die gewesen bin, welche mich gerettet haben, und alles taten, um ihn zu retten; daß ich dem braven d'Artagnan, von dem Ihr soeben spracht, nichts gegeben habe, als die Erlaubnis, meine Hand zu küssen, und diesen Diamanten. Die Königin streckte ihre schöne Hand gegen den Kardinal aus und zeigte ihm einen herrlichen Edelstein, der an ihrem Finger funkelte. Er hat ihn, wie es scheint, in einem Augenblick der Verlegenheit verkauft: er hat ihn verkauft, um mich zum zweitenmale zu retten, denn es geschah, um einen Boten an den Herzog zu schicken und ihn zu benachrichtigen, daß er ermordet werden solle. D'Artagnan wußte es also? Er wußte alles. Wie er dies machte, weiß ich nicht. Kurz, er verkaufte den Ring an Herrn des Essarts, an dessen Finger ich ihn sah, und von welchem ich ihn wieder kaufte; doch dieser Diamant gehört ihm, mein Herr, gebt ihm denselben in meinem Namen zurück, und da Ihr das Glück habt, einen solchen Menschen in Eurer Nähe zu besitzen, so sucht Vorteil daraus zu ziehen. Ich danke, Madame, sprach Mazarin, ich werde Euren Rat benützen. Und nun, sagte die Königin, als hätte die Aufregung sie völlig entkräftet, habt Ihr noch etwas anderes von mir zu fordern? Nichts, Madame, erwiderte Mazarin mit seinem einschmeichelndsten Tone, ich habe Euch nur zu bitten, mir meinen ungerechten Verdacht zu vergeben, aber ich liebe Euch so unendlich, daß man nicht staunen darf, wenn ich selbst über die Vergangenheit eifersüchtig bin. Ein Lächeln von unbeschreiblichem Ausdruck umspielte die Lippen der Königin. Der Kardinal nahm die Hand der Königin, küßte sie zärtlich und zog sich zurück. Kaum hatte er sich entfernt, als sich die Königin in das Gemach ihres Sohnes begab und Laporte fragte, ob der König zu Bette gegangen sei. Laporte deutete mit der Hand auf das schlafende Kind. Anna von Österreich stieg auf die Stufen des Bettes, näherte ihre Lippen der Stirn ihres Sohnes und drückte sanft einen Kuß darauf; dann ging sie stille, wie sie gekommen war, wieder weg und sagte bloß zu dem Kammerdiener: Sorget dafür, mein lieber Laporte, daß der König dem Kardinal, gegen den er und ich so große Verbindlichkeiten haben, ein freundlicheres Gesicht macht. Gascogner und Italiener Inzwischen war der Kardinal in sein Zimmer zurückgekehrt. Er fragte Bernouin, ob nichts Neues vorgefallen und ob keine Meldung gekommen sei, und hieß ihn auf seine verneinende Antwort abtreten. Sodann öffnete er die Türe des Korridors und hierauf die des Vorzimmers und sagte zu dem auf der Bank sitzenden und mühsam den Schlaf bekämpfenden Leutnant: Folgt mir, mein Herr! Vortrefflich, murmelte d'Artagnan, Rochefort hat mir Wort gehalten; das Gute kommt mir, scheint's, im Schlaf. Herr d'Artagnan, sagte Mazarin, nachdem er sich gesetzt und eine bequeme Stellung eingenommen hatte, Ihr seid mir immer als ein braver, mutiger Mann vorgekommen. Das ist möglich, dachte d'Artagnan, aber er hat sich Zeit gelassen, es mir zu sagen. Dessenungeachtet bückte er sich vor Mazarin bis auf den Boden, um sein Kompliment zu erwidern. Nun wohl, fuhr Mazarin fort, der Augenblick ist gekommen, um aus Eurem Talent und aus Eurem Mut Nutzen zu ziehen. Die Augen des Offiziers schleuderten gleichsam einen Freudenblitz, der sogleich wieder erlosch, denn er wußte nicht, wo Mazarin hinaus wollte. Befehlt, Monseigneur, ich bin bereit, Eurer Eminenz zu gehorchen. Herr d'Artagnan, fuhr Mazarin fort, Ihr habt unter der letzten Regierung gewisse Taten vollbracht ... Eure Eminenz ist zu gut, daß sie sich dessen erinnert ... Es ist wahr, ich habe den Krieg mit ziemlich günstigem Erfolg mitgemacht ... Ich spreche nicht von Euren Kriegstaten, entgegnete Mazarin, denn obgleich sie einiges Aussehen machten, so sind sie doch von andern übertroffen worden. D'Artagnan spielte den Erstaunten. Wie? sprach Mazarin, Ihr antwortet nicht? – Ich warte darauf, versetzte d'Artagnan, daß Monseigneur mir sage, von welchen Taten er zu sprechen die Gnade hat. – Ich spreche von den Abenteuern in ... Ihr wißt wohl, was ich sagen will? – Ach nein, Monseigneur, antwortete d'Artagnan ganz erstaunt. – Ihr seid verschwiegen? Desto besser! Ich spreche von jenem Abenteuer der Königin, von den Nestelstiften, von der Reise, die Ihr mit drei von Euren Freunden gemacht habt. – He, he! dachte der Gascogner, ist das eine Falle? Da müssen wir fest halten. Und seine Züge drückten ein Erstaunen aus, um das ihn Mondori und Bellerose, die besten Schauspieler jener Zeit, beneidet hätten. Sehr gut! rief Mazarin lachend. Bravo! man hat mir mit Recht gesagt, Ihr seiet der Mann, dessen ich bedürfe. Aber sprecht immerhin, denn die Königin selbst entbindet Euch Eures Schwures. – Die Königin! sagte d'Artagnan mit einem Erstaunen, das diesmal nicht gespielt war. – Ja, die Königin. Und zum Beweise, daß ich in ihrem Namen mit Euch spreche, hat sie mich beauftragt, Euch diesen Diamanten zu zeigen, von dem sie behauptet, Ihr kennt ihn, und den sie von Herrn des Essarts wieder erkauft hat. Mazarin streckte die Hand nach dem Offizier aus, und dieser seufzte, als er den Ring wiedererkannte, den ihm die Königin an jenem Ballabend im Stadthause geschenkt hatte. Es ist wahr, sagte d'Artagnan, ich erkenne diesen Diamanten, der der Königin gehört hat. – Ihr seht also wohl, daß ich in ihrem Namen mit Euch spreche. Antwortet mir, ohne weiter Komödie zu spielen. Ich habe Euch schon gesagt und wiederhole, daß Euer Glück davon abhängt. – Meiner Treu, Monseigneur, ich habe es sehr nötig, mein Glück zu machen. Ew. Eminenz vergaß mich so lange. – Das läßt sich in acht Tagen gut machen. Ihr seid hier; aber wo sind Eure Freunde? – Ich weiß es nicht, Monseigneur. – Wie, Ihr wißt es nicht? Wo werdet Ihr sie da wiederfinden? – Überall, wo sie sich aufhalten; das ist meine Sache. – Gut ... Eure Bedingung? – Geld, Monseigneur, so viel, als unsere Unternehmungen fordern. Ich erinnere mich zuweilen nur zu gut, wie sehr uns Geldmangel hemmte, und ohne diesen Diamanten wären wir auf dem Wege liegen geblieben. – Teufel! Geld, und zwar viel, sprach Mazarin. Wie rasch Ihr darauf losgeht, Herr Offizier! Wißt Ihr, daß in den Kassen des Königs kein Geld ist? – Macht es wie ich, Monseigneur, verkauft die Diamanten der Krone. Glaubt mir, man führt große Dinge nur schlecht aus mit kleinen Mitteln. – Nun wohl, sprach Mazarin, wir werden Euch zu befriedigen suchen. Richelieu, dachte d'Artagnan, hätte mir bereits fünfhundert Pistolen Handgeld gegeben. – Ihr gehört also mir? – Ja, wenn meine Freunde wollen. – Aber falls sie sich weigern, kann ich auf Euch zählen? – Ich habe nie etwas Gutes ganz allein getan, antwortete d'Artagnan, den Kopf schüttelnd.– Sucht sie also auf. – Was soll ich ihnen sagen, um sie zu bestimmen, Eurer Eminenz zu dienen? – Ihr kennt sie besser als ich; nach ihren Charakteren versprecht ihnen. – Was soll ich ihnen versprechen? – Sie mögen mir dienen, wie sie der Königin gedient haben, und meine Dankbarkeit wird glänzend sein. – Was sollen wir tun? – Alles, denn es scheint, Ihr wißt alles zu tun. Fürs erste, sucht Eure Freunde. – Monseigneur, vielleicht sind sie nicht in Paris; ja dies ist sogar wahrscheinlich, ich werde reisen müssen. Ich bin nur ein sehr armer Musketierleutnant, und die Reisen sind teuer. Mazarin blieb einen Augenblick nachdenklich, als ob sich ein gewaltiger Kampf in seinem Innern entspänne. Dann ging er auf einen dreifach geschlossenen Schrank zu und zog einen Sack hervor, den er wiederholt in der Hand wog, ehe er ihn d'Artagnan gab. Nehmt dies, sprach er mit einem Seufzer, es ist für die Reise. Wenn es spanische Dublonen oder Goldtaler sind, dachte d'Artagnan, so können wir noch ein Geschäft miteinander machen. Er verbeugte sich vor dem Kardinal und schob den Sack in seine weite Tasche. Nun, das ist abgemacht, versetzte der Kardinal, Ihr reist. – Ja, Monseigneur. – Schreibt mir alle Tage und gebt mir Nachricht von Euren Unterhandlungen. – Ich werde nicht ermangeln, Monseigneur. – Gut. Doch halt, der Name Eurer Freunde ...? – Nach kurzem Schweigen antwortete d'Artagnan entschlossen: Der Graf de la Fère, sonst Athos genannt, Herr du Ballon, sonst Porthos genannt, und der Chevalier d'Herblay, gegenwärtig Abbé d'Herblay, früher Aramis genannt. Der Kardinal lächelte. Junker, sprach er, die sich mit falschen Namen unter die Musketiere hatten aufnehmen lassen, um nicht ihre Familiennamen zu kompromittieren ... lange Stoßdegen, leichte Börsen. Man kennt das. Wenn es Gottes Wille ist, daß diese Stoßdegen in den Dienst Eurer Eminenz treten, erwiderte d'Artagnan, so wage ich den Wunsch auszudrücken, die Börse Eurer Eminenz möge leicht und die ihrige dafür schwer werden; denn mit diesen drei Männern und mit mir kann Eure Eminenz ganz Frankreich und sogar ganz Europa in Bewegung setzen, wenn es Euch beliebt. Diese Gascogner, sprach Mazarin lächelnd, kommen den Italienern in der Prahlerei gleich. In jedem Fall, sagte d'Artagnan mit einem ähnlichen Lächeln, in jedem Fall stehen sie, wenn es sich um das Schwert handelt, über ihnen. Und er trat ab, nachdem er um einen Urlaub gebeten hatte, der ihm sogleich bewilligt und von dem Kardinal selbst unterzeichnet wurde. Sobald der Kardinal allein war, rieb er sich die Hände. Hundert Pistolen! murmelte er, hundert Pistolen! Um hundert Pistolen habe ich ein Geheimnis erhandelt, wofür Herr Richelieu zwanzigtausend Taler bezahlt hätte. Diesen Diamanten nicht zu rechnen, fügte er bei und warf einen verliebten Blick auf den d'Artagnan vorenthaltenen Ring, der wenigstens zehntausend Livres wert ist. D'Artagnan aber näherte sich, kaum daß er draußen war, der ersten Laterne und schaute rasch in den Sack. Silbertaler! rief er verächtlich, ich vermutete es! Ach, Mazarin, Mazarin! Du hast kein Vertrauen zu mir. Desto schlimmer! Das wird dir Unglück bringen. Dann ging er in die Rue Tiquetonne, wo er in der Herberge zur Rehziege wohnte. Wir wollen kurz erzählen, wie d'Artagnan dazu gekommen war, diese Wohnung zu wählen. D'Artagnan mit vierzig Jahren Seit der Zeit, wo wir in unserer Erzählung Die drei Musketiere d'Artagnan in der Rue des Fossoyeurs No. 12 verließen, war vieles und besonders viele Jahre vorübergegangen. D'Artagnan hatte es nicht an sich fehlen lassen, wohl aber sein Glück. Viel hatte er auch durch den Verlust seiner Freunde verloren, denn wie alle feinen und geistreichen Naturen setzte er sich leicht mit allen guten Eigenschaften, die ihm entgegentraten, in Einklang. Athos verließ ihn zuerst, um sich auf ein kleines Landgut zurückzuziehen, das er in der Gegend von Blois geerbt hatte; sodann Porthos, um seine Prokuratorin zu heiraten, und endlich Aramis, um wirklich in den geistlichen Stand einzutreten und sich zum Abbé machen zu lassen. Obgleich jetzt Leutnant der Musketiere geworden, sah sich d'Artagnan nach dem Weggang der Freunde vereinzelt. Eine Zeit lang hatte die liebliche Erinnerung an Madame Bonacieux dem Geiste des jungen Leutnants noch eine ideale Richtung gegeben; aber wie die Erinnerung an alle Dinge dieser Welt vergänglich ist, so verwischte sich auch diese allmählich. Von den zwei entgegengesetzten Naturen, die in d'Artagnan lebten, trug die materielle endlich den Sieg davon, und so war d'Artagnan allmählich das geworden, was man jetzt einen echten Troupier nennt. Darum hatte d'Artagnan nicht gerade seine ursprüngliche Feinheit verloren, nein, durchaus nicht. Diese Feinheit hatte sich im Gegenteil vielleicht noch vermehrt oder war wenigstens doppelt auffallend unter einer etwas plumpen Hülle; aber diese Feinheit richtete sich nicht auf die großen Dinge des Lebens, sondern auf den materiellen Wohlstand, d. h. auf den Besitz eines guten Lagers, einer guten Tafel, einer guten Wirtin. Und d'Artagnan hatte dies alles seit sechs Jahren in der Rue Tiquetonne unter dem Schilde der Rehziege gefunden. In der ersten Zeit seines Aufenthalts in diesem Gasthofe verliebte sich die Wirtin, eine schöne, frische Flamänderin von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, sterblich in ihn. Der unbequeme Gatte, dem d'Artagnan zehnmal zum Schein gedroht hatte, er werde ihm seinen Degen durch den Leib rennen, war an einem schönen Morgen verschwunden, um für immer zu desertieren, nachdem er heimlicherweise einige Fässer Wein verkauft und das Geld und die Juwelen mitgenommen hatte. Man hielt ihn für tot; seine Frau besonders behauptete keck, er sei hinübergegangen. Endlich nach drei Jahren einer Verbindung, die d'Artagnan sich wohl hütete zu brechen, denn er fand jedes Jahr seine Geliebte und sein Lager angenehmer als zuvor, erhielt d'Artagnan Befehl, mit seiner Musketierkompanie an der Expedition nach Franche Comté teilzunehmen. Als er ausrückte, gab es großes Wehklagen, Tränen ohne Ende, feierliche Versprechungen, treu zu bleiben, alles von seiten der Wirtin, wohlverstanden. D'Artagnan war zu sehr vornehmer Mann, um etwas zu geloben; auch versprach er nur, alles zu tun, was in seinen Kräften liege, um den Ruhm seines Namens zu erhöhen. In dieser Hinsicht kennt man d'Artagnan. Er setzte sich auf eine bewundernswürdige Weise den Gefahren aus. Und als er an der Spitze seiner Kompanie angriff, erhielt er eine Kugel durch die Brust, die ihn auf das Schlachtfeld niederstreckte. Man sah ihn vom Pferde fallen, man sah, daß er sich nicht wieder erhob, man hielt ihn für tot, und alle, welche Hoffnung hatten, ihm in seinem Grad zu folgen, sagten auf gut Glück, er sei es. Aber d'Artagnan war nicht der Mann, der sich nur so töten ließ. Nachdem er während der Tageshitze ohnmächtig auf dem Schlachtfelde liegen geblieben war, bewirkte die Kühle der Nacht, daß er wieder zu sich kam. Er erreichte ein Dorf, klopfte an die Türe des schönsten Hauses und wurde aufgenommen, wie die Franzosen überall und immer aufgenommen werden, wenn sie verwundet sind; man verband, pflegte, heilte ihn, und als er sich wieder besser fühlte denn je, schlug er eines schönen Morgens den Weg nach Frankreich ein, in Frankreich die Straße nach Paris, und in Paris die Richtung nach der Rue Tiquetonne. Wer d'Artagnan fand sein Zimmer von einem vollständigen Männerkleiderständer besetzt, abgesehen von einem Degen, der an der Wand befestigt war. Er wird zurückgekommen sein, dachte er; desto schlimmer und desto besser. Es versteht sich, daß d'Artagnan immer an den Gatten dachte. Er erkundigte sich: neue Kellner, neue Magd, die Herrin des Hauses war spazierengegangen. Allein? fragte d'Artagnan. – Mit dem Herrn. – Der Herr ist also zurückgekehrt? – Allerdings, antwortete die Magd naiv. Wenn ich Geld hätte, sprach d'Artagnan zu sich selbst, so würde ich gehen, aber ich habe keines. Ich muß bleiben und bei Durchkreuzung der ehelichen Pläne dieses ungelegenen Gastes den Rat meiner Wirtin befolgen. Er vollendete eben diesen Monolog, da rief plötzlich die Magd: Ah! sieh da, hier kommt gerade die Madame mit dem Herrn. D'Artagnan warf einen Blick weit in die Straße hinaus und sah wirklich die Wirtin am Arme eines ungeheuren Schweizers zurückkehren. Der Schweizer wiegte sich im Gehen mit einer Miene, die d'Artagnan an seinen Freund Porthos erinnerte. Das ist der Herr? sprach d'Artagnan zu sich selbst. Oh! oh! er ist gewaltig gewachsen, wie mir scheint. Und er setzte sich in dem Saal an einen recht augenfälligen Platz. Die Wirtin bemerkte d'Artagnan bei ihrem Eintritte sogleich und stieß einen kurzen Schrei aus. Bei diesem Schrei stand d'Artagnan, der sich für erkannt hielt, rasch auf, lief auf sie zu und umarmte sie zärtlich. Der Schweizer schaute ganz verdutzt die Wirtin an, die todesbleich dastand. Ah, Ihr seid es, Herr! Was wollt Ihr von mir? fragte sie in der größten Unruhe. Der Herr ist Euer Vetter? der Herr ist Euer Bruder? sprach d'Artagnan, ohne sich im geringsten aus der Rolle bringen zu lassen, die er spielte; und ohne eine Antwort von ihr abzuwarten, warf er sich in die Arme des Helvetiers. Wer ist dieser Mensch? fragte dieser. Die Wirtin antwortete nur mit krampfhaften Zuckungen. Wer ist dieser Schweizer? fragte d'Artagnan. Der Herr will mich heiraten, antwortete die Wirtin zwischen zwei Krampfanfällen. Euer Gatte ist also endlich gestorben? Was geht das Euch an? entgegnete der Schweizer. Es geht mich viel an, sprach d'Artagnan, insofern Ihr diese Frau ohne meine Einwilligung nicht heiraten könnt, und insofern ich sie nicht gebe. Der Schweizer wurde purpurrot, wie eine Gichtrose. Er trug eine schöne, mit Gold besetzte Uniform; d'Artagnan war in einen grauen Mantel gehüllt. Der Schweizer maß sechs Fuß, d'Artagnan kaum über fünf. Der Schweizer glaubte sich zu Hause; d'Artagnan erschien ihm als ein Eindringling. Wollt Ihr Euch wohl von hier entfernen? sagte der Schweizer und stampfte heftig mit dem Fuße, wie ein Mensch, der im Ernst zornig zu werden anfängt. Ich? Keineswegs, sagte d'Artagnan. Aber man braucht nur die Wache herbeizuholen! rief ein Kellner, der nicht begreifen konnte, wie dieser kleine Mensch sich unterstand, dem großen Manne den Platz streitig zu machen. Du, sagte d'Artagnan, den der Zorn ebenfalls an den Haaren zu fassen anfing, indem er den Kellner beim Ohre nahm. Du bleibst auf dieser Stelle, oder ich reiße dir aus, was ich in der Hand halte. Ihr aber, erhabener Abkömmling von Wilhelm Tell, Ihr packt Eure Kleider, die in meinem Zimmer sind und mich belästigen, alsbald zusammen und sucht Euch schleunigst eine andere Herberge. Der Schweizer brach in ein schallendes Gelächter aus. Ich gehen? sagte er, und warum? Ah, das ist gut, erwiderte d'Artagnan, ich sehe, daß Ihr französisch versteht. Dann macht einen Gang mit mir, und ich werde Euch das übrige erklären. D'Artagnan führte den Schweizer fort, trotz der Wehklagen der Wirtin, die ihr Herz wieder zu ihrer alten Liebe sich hinneigen fühlte. Die zwei Gegner gingen geradezu nach den Fossés Montmartre. Es war Nacht, als sie dort ankamen. D'Artagnan bat den Schweizer höflich, ihm das Zimmer abzutreten und nicht mehr zurückzukommen. Dieser zog seinen Degen. Dann werdet Ihr hier ruhen, sprach d'Artagnan. Es ist eine garstige Lagerstätte, aber ich bin nicht schuld daran, denn Ihr habt es so gewollt. Bei diesen Worten zog er ebenfalls vom Leder und kreuzte den Degen mit seinem Gegner. Er hatte es mit einer rohen Faust zu tun, aber seine Geschmeidigkeit tat es jeder Kraft zuvor. Der Stoßdegen des Schweizers fand nie den des Musketiers. Der Schweizer erhielt zwei Degenstiche und nahm es anfangs nicht wahr; plötzlich aber nötigten ihn Blutverlust und Schwäche, sich zu setzen. Seht, sprach d'Artagnan, hab' ich es Euch nicht vorher gesagt? Ihr seid nun weit vorgerückt, Ihr halsstarriger Mensch. Zum Glück habt Ihr nur für vierzehn Tage. Bleibt hier, und ich werde Euch Eure Kleider durch den Aufwärter schicken. Adieu! Darauf kehrte er ganz heiter in die Wohnung zurück und schickte wirklich die Kleider an den Schweizer ab, den der Aufwärter auf demselben Platze sitzend fand, wo ihn d'Artagnan gelassen hatte, und noch ganz verblüfft über das kecke Benehmen seines Gegners. Der Aufwärter, die Wirtin und das ganze Haus legten gegen d'Artagnan die allergrößte Achtung an den Tag. Als er mit seiner Wirtin allein war, sagte er: Nun, schöne Madeleine, Ihr wißt, welcher Unterschied zwischen einem Schweizer und einem Edelmann besteht, Ihr aber habt Euch wie eine Schankwirtin benommen. Desto schlimmer für Euch; denn unter diesen Umständen verliert Ihr meine Achtung und meine Kundschaft. Ich habe den Schweizer fortgejagt, um Euch zu demütigen; aber ich werde hier nicht bleiben. Ich kann nicht weilen, wo ich verachte. Holla! Aufwärter! Man bringe mein Felleisen in die Liebestonne , Rue des Bourdonnais. Gott befohlen, Madame. D'Artagnan war, wie es scheint, während er diese Worte sprach, zugleich majestätisch und rührend. Die Wirtin warf sich ihm zu Füßen, bat ihn um Verzeihung und hielt ihn mit süßer Gewalt zurück. Was soll ich noch mehr sagen? Der Bratspieß drehte sich, der Ofen summte, die schöne Madeleine weinte; d'Artagnan fühlte, wie sich Hunger, Kälte und Liebe zu gleicher Zeit wieder in ihm regten; er vergab, und nachdem er vergeben hatte, blieb er. So kam es, daß d'Artagnan in der Rue Tiquetonne in der Herberge zur Rehziege wohnte. D'Artagnan trifft einen alten Bekannten D'Artagnan kehrte also, ganz in Gedanken versunken, zurück; er fand ein lebhaftes Vergnügen daran, den Sack mit den Talern des Kardinals zu tragen, und dachte an den schönen Diamanten, der ihm gehört, und den er einen Augenblick an dem Finger des ersten Ministers hatte glänzen sehen. Wenn dieser Diamant je wieder sein eigen würde, wollte er sich ein Stück Land um sein Ahnenschloß kaufen und auf das Erscheinen einer reichen Erbin warten und diese heiraten. Dann hätte ich, träumte er weiter, drei Knaben; aus dem einen würde ich einen vornehmen Herrn wie Athos, aus dem zweiten einen schönen Soldaten wie Porthos, und aus dem dritten einen leutseligen Abbé wie Aramis machen. Meiner Treu, das wäre weit besser als das Leben, das ich führe. Aber leider ist Monsignore Mazarin ein Filz, der sich seines Diamanten nicht zu meinen Gunsten entäußern wird. Als er in die Rue Tiquetonne kam, hörte er einen großen Lärm und bemerkte eine auffallende Zusammenrottung unweit seiner Wohnung. Als er sich näherte, sah er, daß die Zusammenrottung nicht vor seinem Gasthofe, sondern vor dem benachbarten Hause stattfand. Man stieß ein gewaltiges Geschrei aus, man lief mit Fackeln umher, und beim Schimmer dieser Fackeln gewahrte d'Artagnan Uniformen. Er fragte, was vorgehe. Man antwortete ihm, ein Bürger habe einen von den Garden des Kardinals eskortierten Wagen mit etwa zwanzig von seinen Freunden angegriffen; aber es sei eine Verstärkung hinzugekommen, und man habe die Bürger in die Flucht geschlagen. Der Anführer der Rotte habe sich in das nächste Haus geflüchtet, und man durchsuche nun dieses Haus. D'Artagnan, der nicht mehr so hitzig und unbesonnen war wie vor zehn Jahren und auch an seine Taler dachte, ging unbekümmert um den Lärm in die Rehziege zur schönen Madeleine, die ihn nicht erwartete und sich, voll Angst über den Straßenauflauf, doppelt seiner Ankunft freute. D'Artagnan befahl, ihm sein Abendessen nachzubringen, nahm seinen Schlüssel und seinen Leuchter und stieg in sein Zimmer hinauf. Um der Vermietung nicht zu schaden, hatte er sich mit einem Zimmer im vierten Stocke begnügt. Unsere Wahrheitsliebe nötigt uns sogar, zu bemerken, daß das Zimmer unmittelbar über der Dachrinne und unter dem Dache lag. Hier war seine erste Sorge, in einem alten Sekretär, an dem nichts als das Schloß neu war, seinen Sack zu verschließen. Als einen Augenblick nachher sein Abendbrot aufgetragen und die Flasche Wein herbeigebracht war, entließ er den Aufwärter, schloß die Türe und setzte sich zu Tische. Dies geschah nicht etwa, um ungestört nachdenken zu können. D'Artagnan war kein Grübler, der sich durch unnötige Sorgen den Genuß des Mahles und den Schlaf raubte. Er hatte Hunger und verzehrte sein Abendbrot; nach dem Abendbrot legte er sich nieder und schlief bis zum Tagesanbruch. Da erwachte er in voller körperlicher und geistiger Frische. Er sprang mit militärischer Entschlossenheit aus dem Bette und ging nachdenkend in seinem Zimmer umher. Im Jahre 43, sagte er, ungefähr sechs Monate vor dem Tode des seligen Kardinals habe ich einen Brief von Athos erhalten. Was schrieb er mir? Er wohne auf einem kleinen Landgut, ja, so ist es, auf einem kleinen Landgut; aber wo? So weit war ich gekommen, ich besinne mich, ich befand mich gerade im Laufgraben vor dem belagerten Besançon, als ein Windstoß den Brief fortnahm. Früher hätte ich ihn gesucht, obgleich ihn der Wind an einen sehr bedrohten Ort getragen hatte. Aber die Jugend ist ein großer Fehler ... wenn man nicht mehr jung ist. Ich kann also nicht an Athos denken. Weiter ... Porthos. Ich habe einen Brief von ihm erhalten. Er lud mich zu einer großen Jagd auf den Monat September 1646 ein. Da ich zu dieser Zeit wegen des Todes meines Vaters in Bearn war, so wurde mir der Brief unglückseligerweise nachgeschickt. Ich war abgereist, als er ankam. Aber er verfolgte mich und erreichte Montmedy einige Tage, nachdem ich diese Stadt verlassen hatte. Endlich traf er mich im Monat April. Da er mir aber erst im April 1647 zukam, und die Einladung für den Monat September 46 war, so konnte ich keinen Gebrauch davon machen. Wir wollen diesen Brief einmal holen; er muß bei meinen Papieren liegen. D'Artagnan öffnete eine kleine alte Truhe, fand bald den Brief, verlor aber keine Zeit mit dem Durchlesen, sondern beeilte sich, nach der angegebenen Adresse zu sehen. Die Adresse war Schloß du Ballon. Porthos hatte nichts weiter dazugesetzt. In seinem Stolz glaubte er, jeder kenne das Schloß, dem er seinen Namen gegeben hatte. Zum Teufel mit dem eitlen Burschen, sprach d'Artagnan. Immer derselbe! Es würde mir übrigens am besten passen, bei ihm anzufangen, da er wahrscheinlich Geld in Fülle besitzt, nachdem er 800 000 Livres von Herrn Coquenard geerbt hat. Das ist gerade das, was mir fehlt. Athos wird sich zum Narren getrunken, Aramis muß sich in seine Andachtsübungen versenkt haben. D'Artagnan warf noch einen Blick auf Porthos' Brief. Er hatte eine Nachschrift, und diese Nachschrift enthielt folgende Worte: Ich schreibe mit demselben Kurier an unsern würdigen Aramis in sein Kloster. Ja, in sein Kloster; aber in welchem Kloster ist er? Es gibt 200 in Paris und 3000 in Frankreich. Und als er sich ins Kloster begab, hat er vielleicht zum drittenmal seinen Namen gewechselt. Aber nur Geduld, wir wollen sehen. Ich habe von ihm, dem lieben Freunde, auch einen Brief bekommen. Er bat mich um einen kleinen Dienst, den ich ihm auch leistete. Aber wohin habe ich diesen Brief gelegt? D'Artagnan dachte einen Augenblick nach und ging dann an den Ständer, an welchem seine alten Kleider hingen. Er suchte sein Wams vom Jahre 1648, und da d'Artagnan ein ordnungsliebender Mann war, so fand er es an seinem Nagel. Er streckte die Hand in die Tasche und zog ein Papier heraus. Es war gerade der Brief von Aramis. Herr d'Artagnan, schrieb ihm dieser, Ihr wißt, daß ich Streit mit einem gewissen Edelmann gehabt habe, der heute abend mit mir auf der Place Royale zusammentreffen will. Da ich zu der Kirche gehöre und die Sache mir schaden könnte, wenn ich sie einem andern mitteilte, als einem so sichern Freunde, wie Ihr seid, so schreibe ich Euch, damit Ihr mir als Sekundant dienen möget. Ihr kommt durch die Rue Neuve-Sainte-Catherine; unter der zweiten Laterne rechts findet Ihr Euern Gegner. Unter der dritten werde ich mit dem meinigen sein. Ganz der Eurige, Aramis. Hier war nicht einmal ein Gott befohlen beigefügt. D'Artagnan erinnerte sich, er war nach dem bestimmten Orte der Zusammenkunft gegangen, hatte den bezeichneten Gegner gefunden, dessen Namen ihm nie bekannt wurde, und ihm einen schönen Degenstich in den Arm beigebracht. Dann war er aus Aramis zugeschritten, der ihm entgegenkam, denn er hatte seine Sache bereits abgemacht. Es ist geschehen, hatte Aramis gesagt. Ich glaube, ich habe den Unverschämten getötet. Doch, lieber Freund, wenn Ihr meiner bedürft, so wißt Ihr, daß ich Euch ganz ergeben bin. Darauf hatte Aramis ihm die Hand gedrückt und war verschwunden. Er wußte also ebensowenig, wo Aramis war, als wo Athos und Porthos sich aufhielten. Und die Sache fing an, ziemlich bedenklich zu werden, als er das Geräusch einer Glasscheibe, die man in seinem Zimmer zerbrach, zu hören glaubte. Er dachte sogleich an seinen Sack, der in seinen Sekretär eingeschlossen war, und stürzte aus seiner Kammer. Er hatte sich nicht getäuscht, in dem Augenblick, wo er durch die Türe eintrat, kam ein Mann durch das Fenster herein. Ah, Elender! rief d'Artagnan, der den Eindringling für einen Dieb hielt, und griff nach seinem Degen. Ums Himmels willen, Herr, rief der Mann, steckt Euern Degen in die Scheide und tötet mich nicht, ohne mich zu hören. Ich bin gewiß kein Dieb; ich bin ein ehrlicher Bürger, der sein Haus in der Straße hat, und heiße ... Doch ich täusche mich nicht, Ihr seid Herr d'Artagnan. Und du Planchet! rief der Leutnant. Euch zu dienen, Herr, sprach Planchet, im höchsten Grad entzückt, wenn es mir möglich wäre. Vielleicht, erwiderte d'Artagnan. Aber was zum Teufel läufst du um sieben Uhr morgens in dieser Jahreszeit auf den Dächern umher? Gnädiger Herr, sprach Planchet, Ihr müßt wissen ... doch nein, Ihr könnt es nicht wohl wissen ... Nun, was denn? sprach d'Artagnan. Aber zuerst stecke eine Serviette vor das Fenster und ziehe den Vorhang vor. Planchet gehorchte. Nun, so sprich, sagte d'Artagnan. – Gnädiger Herr, vor allen Dingen, sagte der kluge Planchet, wie steht Ihr mit Herrn von Rochefort? – Vortrefflich. Warum denn? Rochefort? Du weißt wohl, daß er jetzt einer meiner besten Freunde ist. – Ah, desto besser! – Aber was hat denn Rochefort damit zu tun, daß du so in mein Zimmer dringst? – Ah, gnädiger Herr, ich muß Euch zuerst sagen, Herr von Rochefort ist ... Planchet zögerte nur einen Augenblick, dann berichtete er, wie die Bürgergruppe, durch die sich die Eskorte bei der Rückführung Rocheforts in die Bastille einen Weg bahnte, unruhig geworden sei, wie Herr von Rochefort um Hilfe gerufen habe, wie er, Planchet, darauf herbeigeeilt sei und ihn befreit habe. Leider, fuhr Planchet fort, kam in diesem Augenblick eine Patrouille vorüber; sie vereinigte sich mit den eskortierenden Garden und rief uns an. Ich zog mich fechtend nach der Rue Tiquetonne zurück. Man verfolgte mich auf den Fersen, und ich flüchtete mich in das Haus hier nebenan. Man umzingelte und durchsuchte es, aber vergebens: ich hatte im fünften Stock eine mitleidige Person gefunden, die mich zwischen zwei Matratzen verbarg. In diesem Versteck blieb ich bis Tagesanbruch, und da ich dachte, man würde die Nachforschungen wieder anfangen, so wagte ich mich auf die Dachrinnen, um zuerst einen Eingang und dann einen Ausgang in irgend einem Hause zu finden, das nicht bewacht wäre. Dies ist meine Geschichte und auf Ehre, gnädiger Herr, ich würde in Verzweiflung geraten, wenn sie Euch unangenehm wäre. – Nein, sprach d'Artagnan, im Gegenteil, und bei meiner Treue, es freut mich sehr, daß Rochefort seine Freiheit erlangt hat. Aber weißt du auch, daß du, wenn du den Häschern in die Hände fällst, ohne Gnade und Barmherzigkeit gehenkt wirst? – Bei Gott, ich weiß es, rief Planchet; darum war ich auch so erfreut. Euch zu treffen. Wenn Ihr mich verbergen wollt, so kann dies niemand besser, als Ihr. – Ja, sagte d'Artagnan, das will ich auch, obgleich ich nicht mehr und nicht weniger wage, als meinen Grad, wenn es bekannt würde, daß ich einem Rebellen Zuflucht gegeben habe. – Ah! gnädiger Herr, Ihr wißt wohl, daß ich mein Leben für Euch wagen würde. – Du könntest sogar beifügen, du habest es gewagt, Planchet. Setze dich und speise in Ruhe, denn ich sehe, daß du die Überreste meines Abendbrots mit einem sehr ausdrucksvollen Blicke anschaust. – Ach, gnädiger Herr, Ihr rettet mir zweimal das Leben, denn ich habe seit gestern mittag kaum zwei Bissen gegessen. Und er setzte sich zu Tische und fing an zu schlingen, wie in den schönen Tagen der Rue des Fossoyeurs. Endlich stieß er jenen Befriedigungsseufzer des ausgehungerten Menschen aus, der besagt, daß er nach einer ernsten und soliden Abschlagszahlung einen Halt machen will. Nun sprich, sagte d'Artagnan, welcher dachte, der Augenblick sei gekommen, das Verhör zu beginnen. Verfahren wir der Ordnung nach: Weißt du, wo Athos ist? – Nein, gnädiger Herr, antwortete Planchet. – Teufel! Weißt du, wo Porthos ist? – Ebensowenig! – Teufel! Teufel! Und Aramis? – Auch nicht. – Teufel! Teufel! Teufel! – Aber, versetzte der kluge Planchet, ich weiß, wo Bazin ist. – Wie, du weißt, wo Bazin ist? – Ja, gnädiger Herr. – Und wo ist er? – In Notre-Dame. – Und was macht er in Notre-Dame? – Er ist Mesner. – Bazin Mesner in Notre-Dame? Weißt du es gewiß? – Ganz gewiß; ich habe ihn gesehen, ich habe ihn gesprochen. – Er muß wissen, wo sein Herr ist. – Ohne Zweifel. D'Artagnan dachte nach. Dann nahm er seinen Mantel und seinen Degen und schickte sich an, fortzugehen. Gnädiger Herr, sagte Planchet mit kläglicher Miene, wollt Ihr mich so verlassen? Bedenkt, daß ich nur auf Euch meine Hoffnung setze. – Man wird dich hier nicht suchen, entgegnete d'Artagnan. – Aber wenn man hierher käme, versetzte der kluge Planchet, bedenkt, daß ich für die Leute des Hauses, die mich nicht haben hereingehen sehen, ein Dieb wäre. – Das ist richtig. Sprichst du irgend ein Patois? – Ich spreche noch etwas Besseres, ich spreche eine Sprache, ich spreche Flamändisch. – Wo zum Teufel hast du es gelernt? – In Artois, wo ich zwei Jahre im Felde gewesen bin. Hört: Goeden Morgen, mynheer, ick ben begeerig te weeten hoe gezondheids omstand . – Das nennt er eine Sprache! Doch gleichviel, sagte d'Artagnan; es kommt ganz gelegen. D'Artagnan ging an die Türe, rief einen der Aufwärter und befahl ihm, der schönen Madeleine zu sagen, sie möge heraufkommen. Was macht Ihr, Herr? rief Planchet, Ihr wollt unser Geheimnis einer Frau anvertrauen! Sei ruhig, diese wird nichts verraten. In diesem Augenblick trat die Wirtin ein. Sie lief mit lachender Miene herbei, denn sie hoffte, d'Artagnan allein zu finden; als sie aber Planchet erblickte, wich sie erstaunt zurück. Meine liebe Wirtin, sagte d'Artagnan, ich stelle Euch hier Euern Herrn Bruder vor. Er kommt von Flandern, und ich nehme ihn einige Tage in meine Dienste. Meinen Bruder, sprach die Wirtin, immer erstaunter. Wünscht doch Eurer Schwester guten Morgen, Meister Peter. Wilkom zuster , sagte Planchet. Goeden dag, broeder, sprach die Wirtin voll Verwunderung. So ist es gut, sagte d'Artagnan, der Herr ist Euer Bruder. Er kommt von Amsterdam. Ihr kleidet ihn in meiner Abwesenheit. Wenn ich zurückkehre, das heißt in einer Stunde, stellt Ihr ihn mir vor, und obgleich er kein Wort Französisch spricht, nehme ich ihn doch auf Eure Empfehlung, da ich Euch nichts abschlagen kann, in meine Dienste. Ihr versteht? Das heißt, ich errate, was Ihr wünscht, und mehr bedarf es nicht, erwiderte Madeleine. Ihr seid eine kostbare Frau, meine schöne Wirtin, ich baue ganz auf Euch. Hierauf machte d'Artagnan Planchet ein Zeichen des Einverständnisses und verließ das Zimmer, um sich nach Notre-Dame zu begeben. Mesner und Chorknabe D'Artagnan schlug den Weg nach dem Pont-Neuf ein. Er war sehr erfreut, daß er Planchet wieder gefunden hatte, indem er zunächst einen guten Diener und später, wenn Planchet wieder seine frühere Stellung im bürgerlichen Leben einnahm, eine wertvolle Verbindung mit dem feindlichen Lager zu haben hoffte. Zufrieden mit dem Glück wie mit sich selbst, erreichte er also Notre-Dame. Er stieg die Freitreppe hinauf, trat in die Kirche, wandte sich an einen Sakristan, der eine Kapelle ausfegte, und fragte ihn, ob er Herrn Bazin kenne. Herrn Bazin, den Mesner? sprach der Sakristan. Ihn selbst. Er bedient da unten die Messe in der Kapelle der Jungfrau. D'Artagnan zitterte vor Freude. Jetzt, wo er wirklich ein Ende des Fadens in der Hand hatte, machte er sich wohl anheischig, das andere zu erreichen. Er kniete vor der Kapelle nieder, um seinen Mann nicht aus dem Gesicht zu verlieren. Es war zum Glück eine stille Messe, die bald endigen mußte. D'Artagnan, der seine Gebete vergessen und ein Meßbuch mitzunehmen versäumt hatte, benützte seine Muße, um Bazin prüfend zu betrachten. Man darf wohl behaupten, Bazin trug sein Gewand mit ebensoviel Majestät als Glückseligkeit. Man sah, daß er zum Gipfel seines Ehrgeizes gelangt war, und daß der mit Silber verzierte Fischbeinstab, den er in der Hand hielt, ihm ebenso ehrenvoll vorkam, als der Kommandostab, den Condé in der Schlacht von Freiburg in die feindlichen Reihen warf oder nicht warf. Sein Äußeres hatte eine seiner Tracht vollkommen entsprechende Veränderung erlitten. Sein ganzer Körper hatte sich abgerundet und gleichsam kanonisiert. Die hervorspringenden Teile seines Gesichtes schienen verschwunden zu sein. Er hatte immer noch seine Nase, aber jede seiner Wangen hatte aufschwellend einen Teil davon an sich gezogen. Das Kinn verlor sich unter dem Halse. Viereckig und heilig geschnittene Haare bedeckten die Stirne bis auf drei Linien von den Augenbrauen, wobei zu beachten ist, daß Bazins Stirne zur Zeit ihrer größten Entblößung nie über anderthalb Zoll hoch gewesen. Bald endigte der Geistliche seine Messe. Er sprach die Worte des Sakraments und zog sich zurück, indem er zum großen Erstaunen d'Artagnans seinen Segen gab, den jeder knieend empfing. Aber das Erstaunen d'Artagnans hörte auf, als er in dem Geistlichen den Coadjutor selbst erkannt hatte, das heißt, den bekannten Jean-François de Gondi, der zu dieser Zeit, die Rolle ahnend, die er spielen sollte, sich durch Almosen populär zu machen bemüht war. D'Artagnan warf sich auf die Knie, wie die andern, empfing seinen Teil vom Segen und machte das Zeichen des Kreuzes; aber in dem Augenblick, wo Bazin, die Augen zum Himmel aufschlagend und demütig als der letzte an ihm vorüberging, faßte ihn d'Artagnan unten an seinem Rocke. Bazin schaute nieder und machte einen Sprung rückwärts, als ob er eine Schlange gesehen hätte. Herr d'Artagnan! rief er, vade retro, Satanas ! ... Wie, mein lieber Bazin, sagte der Offizier lachend, so nehmt Ihr einen alten Freund auf! Herr, antwortete Bazin, die wahren Freunde des Christen sind die, welche ihm an seinem Heil arbeiten helfen, und nicht diejenigen, welche ihn davon abwenden. Mein lieber Bazin, versetzte d'Artagnan, Ihr müßt an dem Orte, wo Ihr mich findet, erkennen, daß ich mich in diesen Dingen bedeutend verändert habe, und da ich nicht daran zweifle, daß auch Euer Herr jetzt auf dem besten Wege ist, sein Heil zu gründen, so komme ich, um Euch zu fragen, wo er sich aufhält, damit er mir durch seinen Rat auch zu meinem Heile verhelfe. Sagt lieber, um ihn mit Euch in die Welt zurückzuführen. Zum Glücke, fügte Bazin bei, weiß ich nicht, wo er ist, denn da wir an einem heiligen Orte sind, würde ich keine Lüge wagen. Wie! rief d'Artagnan sehr ärgerlich, Ihr wißt nicht, wo Aramis ist? Einmal ist Aramis sein Name des Verderbens; in Aramis findet man Simara, und dies ist ein Teufelsname; zu seiner Ehre hat er diesen Namen für immer aufgegeben. Ich suchte auch nicht Aramis, erwiderte d'Artagnan, entschlossen, bis zum Ende geduldig zu bleiben, sondern den Abbé d'Herblay. Nun, mein lieber Bazin, sagt mir, wo er ist. Habt Ihr nicht gehört, Herr d'Artagnan, daß ich Euch antwortete, ich wisse es nicht? D'Artagnan sah ein, daß er von Bazin nichts herausbringen würde. Bazin log offenbar, aber er log mit so viel Eifer und Festigkeit, daß man leicht erraten konnte, er würde nicht von seiner Lüge abgehen. Wohl, Bazin, sagte d'Artagnan; da Ihr nicht wißt, wo Euer Herr sich aufhält, so sprechen wir nicht weiter davon. Wir wollen uns als gute Freunde trennen. Nehmt diese halbe Pistole und trinkt auf meine Gesundheit. Ich trinke nicht, Herr, sagte Bazin, majestätisch die Hand des Offiziers zurückstoßend, das ist gut für die Laien. Ärgerlich über das Mißglücken auch dieses Versuches, ließ d'Artagnan Bazins Rock los; dieser benützte sogleich die Gelegenheit und zog sich rasch in die Sakristei zurück, wo er sich nicht eher in Sicherheit glaubte, als bis er die Türe hinter sich zugeschlossen hatte. Während d'Artagnan zornig auf die geschlossene Tür schaute, fühlte er, daß jemand seine Schulter berührte, und als er sich umwandte, sah er zu seinem größten Erstaunen Rochefort vor sich stehen. Ihr hier, mein lieber Rochefort, sagte d'Artagnan halblaut. – St! erwiderte Rochefort. Wußtet Ihr, daß ich frei war? – Ich habe es aus erster Hand erfahren. – Von wem? – Von Planchet. –Wie, von Planchet? – Allerdings, er hat Euch gerettet. – Planchet? ... in der Tat, ich glaubte ihn wiederzuerkennen. Das beweist, mein Lieber, daß eine Wohltat nie verloren geht. – Was macht Ihr hier? – Ich habe Gott für meine glückliche Befreiung gedankt, sagte Rochefort. – Was weiter? denn ich nehme an, daß das nicht alles ist. – Und dann kam ich, um die Befehle des Coadjutors einzuholen und zu sehen, ob wir nicht etwas tun können, um den Mazarin in Wut zu bringen. – Unbesonnener! Ihr werdet machen, daß man Euch noch einmal in die Bastille steckt. – Oh! was das betrifft, so werde ich wohl auf meiner Hut sein; dafür stehe ich Euch. Die frische Luft ist so gut! Auch gedenke ich, fuhr Rochefort, mit voller Brust atmend, fort, eine Spazierfahrt auf das Land, eine Reise in die Provinz zu machen. – Ich ebenfalls, sagte d'Artagnan. – Darf man Euch, ohne unbescheiden zu sein, fragen, wohin Ihr geht? – Ich suche meine Freunde auf. – Welche Freunde? – Die, von denen ich Euch gestern Kunde geben sollte. – Athos, Porthos und Aramis? Ihr sucht sie? – Ja. – Auf Ehre? – Was ist denn darüber zu erstaunen? – Nichts ... Das ist komisch ... Und in welchem Auftrag sucht Ihr sie? – Ihr vermutet es nicht? – Allerdings. – Leider weiß ich nicht, wo sie sind. – Und Ihr habt kein Mittel, Nachricht von ihnen zu bekommen? Wartet acht Tage, und ich gebe Euch Auskunft. – Acht Tage, das ist zu viel; ich muß sie vor drei Tagen gefunden haben. – Drei Tage, das ist kurz, sagte Rochefort, und Frankreich ist groß. – Gleichviel. Ihr kennt das Wort: es muß sein. Mit diesem Wort macht man viele Dinge. – Und wann geht Ihr auf Nachforschungen aus? – Ich tue dies bereits. – Gut Glück! – Und Euch glückliche Reise! – Vielleicht treffen wir uns auf dem Wege. – Das ist nicht wahrscheinlich. – Wer weiß? der Zufall ist launenhaft. – Gott befohlen! – Auf Wiedersehen! Doch halt, wenn Mazarin mit Euch spricht, so sagt ihm, ich habe Euch beauftragt, ihm mitzuteilen, er werde binnen kurzem sehen, ob ich zum Handeln zu alt sei. Geh, geh, sprach d'Artagnan, als der Freund sich entfernte. Tu, was du willst. Mir liegt nichts daran: es gibt keine zweite Constance in der Welt! Hierauf entfernte er sich eilig aus der Kathedrale und legte sich an der Ecke der Rue des Canettes in den Hinterhalt. Von hier konnte er Bazin, der zweifellos bald die Kirche verließ, beobachten. Fünf Minuten nachher erschien Bazin auf dem Vorplatz. Er schaute rings umher, um sich zu versichern, ob er nicht gesehen würde, aber er erblickte unsern Offizier nicht. Dadurch beruhigt, wagte er sich in die Rue Notre-Dame. D'Artagnan stürzte aus seinem Versteck hervor und kam noch zeitig genug an, um ihn in die Rue de la Juiverie einbiegen und in der Rue de la Calandre in ein anständiges Haus eintreten zu sehen. Unser Offizier zweifelte nicht daran, daß der würdige Mesner in diesem Hause wohne. Er trat, da er es nicht für geraten hielt, in dem Hause selbst Erkundigungen einzuziehen, in eine kleine Schenke an der Ecke der Rue Saint-Eloi und der Rue de la Calandre und verlangte ein Maß Gewürzwein. Während das Getränk bereitet wurde, schaute sich d'Artagnan um. Er erblickte in der Schenke einen aufgeweckten kleinen Jungen von zwölf bis fünfzehn Jahren, in dem er einen Burschen zu erkennen glaubte, den er zwanzig Minuten vorher unter dem Gewande eines Chorknaben gesehen hatte. Er befragte ihn und erfuhr, daß der Befragte von sechs bis neun Uhr morgens den Beruf eines Chorknaben und von neun Uhr bis Mitternacht den eines Kellners betreibe. Während d'Artagnan mit dem Burschen plauderte, führte man ein Pferd vor Bazins Haus. Das Pferd war völlig gesattelt und gezäumt. Einen Augenblick nachher kam Bazin herab. Halt, sagte der Junge, unser Mesner begibt sich auf den Weg. – Wohin geht er? fragte d'Artagnan. – Bei Gott, ich weiß es nicht. – Eine halbe Pistole, wenn du es in Erfahrung bringst. – Für mich? rief der Knabe, dessen Augen vor Freude funkelten, wenn ich in Erfahrung bringe, wohin Herr Bazin geht? Das ist nicht schwierig! Ihr treibt keinen Spott mit mir? – Nein, auf Offizierswort; sieh, hier ist die halbe Pistole. Und er zeigte ihm die Münze, aber ohne sie ihm wirklich zu geben. Ich will ihn fragen. Das ist gerade das Mittel, um nichts zu erfahren, erwiderte d'Artagnan, warte, bis er weggeritten ist. Dann forsche, frage, unterrichte dich. Das ist deine Sache; die halbe Pistole wartet hier. Und er steckte sie wieder in seine Tasche. Als nach fünf Minuten Bazin, sein Pferd nach seiner Gewohnheit mit dem Regenschirm antreibend, in kurzem Trabe weggeritten war, stürzte sich der Junge wie ein Leithund auf seine Spur. Noch nicht zehn Minuten waren abgelaufen, als er wieder zurückkam. Nun? fragte d'Artagnan, wohin ist er geritten? – Die halbe Pistole ist immer noch für mich? – Ganz gewiß. Antworte. Hier ist sie. Der Junge steckte die Münze in seine Tasche. Und nun, wohin ist er gegangen? sprach d'Artagnan lachend. – Nach Noisy. – Woher weißt du dies? – Ah! bei Gott, ich brauchte nicht viel Witz, um es zu erfahren. Ich erkannte in dem Pferde das eines Fleischers, der es zuweilen Herrn Bazin leiht. Ich dachte nun, der Fleischer leihe ihm sein Pferd nicht, ohne zu fragen, wohin er reite. – Und er antwortete dir, Herr Bazin ... – Er begebe sich nach Noisy. Dies scheint übrigens seine Gewohnheit zu sein, denn er reitet drei- bis viermal in der Woche dahin. – Kennst du Noisy? – Ganz gewiß; meine Amme ist dort. – Ist ein Kloster daselbst? – Ein prächtiges, ein Jesuitenkloster. – Gut, murmelte d'Artagnan; es unterliegt keinem Zweifel mehr. – Ihr seid also zufrieden? – Ja. – Wie heißt du? – Friquet. Und da unser Offizier jetzt wußte, was er wissen wollte, so bezahlte er den Gewürzwein, den er nicht getrunken hatte, und schlug rasch wieder den Weg nach der Rue Tiquetonne ein. D'Artagnan findet Aramis auf Planchets Pferde Als d'Artagnan eintrat, sah er einen Mann an der Ecke des Kamins sitzen; es war Planchet, aber so gut metamorphosiert durch die alten Kleider, die der Eheherr zurückgelassen hatte, daß er selbst Mühe hatte, ihn wieder zu erkennen. Madeleine stellte ihn allen Aufwärtern vor. Planchet wandte sich an den Offizier mit einer schönen flamändischen Phrase. Der Offizier antwortete ihm mit einigen Worten, die keiner Sprache angehörten, und der Handel war abgeschlossen. Madeleines Bruder trat in d'Artagnans Dienst. Da der Musketierleutnant nicht bei Tage in Noisy ankommen wollte, hatte er Zeit vor sich, denn Noisy lag nur drei bis vier Meilen von Paris auf der Straße nach Meaux. Er fing damit an, daß er ein tüchtiges Frühstück zu sich nahm, hierauf wechselte er seine Kleider, weil er fürchtete, die Kasake des Musketierleutnants könne Mißtrauen einflößen. Dann nahm er den stärksten und solidesten von seinen drei Degen, den er nur an festlichen Tages zu wählen pflegte, und endlich gegen zwei Uhr ließ er zwei Pferde satteln und ritt mit Planchet, nach dem die Polizei, auch in der Rehziege, immer noch eifrig gesucht hatte, davon. Anderthalb Meilen von Paris hielt d'Artagnan an, da er sah, daß er in seiner Ungeduld immer noch zu früh aufgebrochen war, und ließ die Pferde verschnaufen. Die Herberge, wo er hielt, war voll von Leuten von verdächtigem Aussehen. Sie schienen eine nächtliche Unternehmung vorzuhaben. Ein in einen Mantel gehüllter Mensch erschien an der Türe. Als er aber einen Fremden sah, machte er ein Zeichen mit der Hand, und zwei Trinker gingen mit ihm hinaus, um sich mit ihm zu besprechen. D'Artagnan näherte sich ganz gleichgültig der Wirtin, lobte ihren Wein und erfuhr, daß es in Noisy nur zwei stattlichere Häuser gebe; das eine gehöre dem Erzbischof von Paris und werde in diesem Augenblick von seiner Nichte, der Herzogin von Longueville, bewohnt: das andere sei ein Jesuitenkloster und das Eigentum dieser würdigen Väter. Man konnte sich also nicht täuschen. Um vier Uhr begab sich d'Artagnan wieder auf den Weg; er ließ sein Pferd nur noch im Schritt gehen, denn er wollte erst, wenn es völlig Nacht geworden wäre, an Ort und Stelle kommen. So hatte er Muße, die Lage noch einmal gehörig zu bedenken. Ein Wort der Wirtin hatte den Gedanken d'Artagnans eine besondere Richtung gegeben. Dieses Wort war der Name der Frau von Longueville. Diese hatte in der Tat alles, was zum Nachdenken veranlassen kann: sie war eine der vornehmsten Damen des Königreichs, eine der schönsten Frauen des Hofes. An den alten Herzog von Longueville verheiratet, den sie nicht liebte, galt sie anfangs für die Geliebte Colignys, der sich in einem Zweikampf auf der Place-Royale von dem Herzog von Guise für sie töten ließ. Dann sprach man von einer etwas zu zärtlichen Freundschaft, die sie für den Prinzen von Condé empfunden haben sollte, worüber sich die furchtsamen Seelen des Hofes skandalisierten. Ferner sagte man, ein wahrer und aufrichtiger Haß sei auf diese Freundschaft gefolgt, und die Herzogin von Longueville stehe in diesem Augenblick in politischer Verbindung mit dem Prinzen von Marsillac, dem ältesten Sohne des alten Herzogs de la Rochefoucault, den sie zu einem Feinde des Herzogs von Condé, ihres Bruders, zu machen bemüht sei. D'Artagnan dachte an alles dies. Er dachte an Aramis, der, ohne mehr zu sein als er, einst der Geliebte der Frau von Chevreuse gewesen. Er fragte sich, warum es in der Welt Menschen gebe, die alles erreichen, was sie wünschen, diese in der Politik, jene in der Liebe, während andere, sei es aus Zufall, sei es aus Ungeschick, mit allen ihren Hoffnungen auf dem halben Weg bleiben. Er mußte sich zugestehen, daß er trotz seines Geistes, trotz seiner Geschicklichkeit dieser letzteren Kategorie angehört habe und wohl immer angehören werde, als Planchet sich ihm näherte und sagte: Ich wette, gnädiger Herr, Ihr denkt an dasselbe, wie ich. – Ich zweifle, Planchet, erwiderte d'Artagnan lächelnd. Doch woran denkst du? Laß hören. – Ich denke an die verdächtig aussehenden Leute, die in der Herberge tranken. – Stets klug, Planchet. – Gnädiger Herr, das ist Instinkt. – Nun, sprich: Was sagt dein Instinkt in dieser Hinsicht? – Mein Instinkt sagte mir, diese Leute seien in einer schlimmen Absicht in der Herberge, und gerade als ich mir das, was mir mein Instinkt in dem dunkelsten Winkel des Stalles sagte, überlegte, trat ein in einen Mantel gehüllter Mann mit zwei andern in eben diesen Stall. – Ah, ah! rief d'Artagnan. Nur weiter! – Der eine von den zwei Männern sagte: Er muß sicherlich in Noisy sein oder heute abend dahin kommen, denn ich habe seinen Bedienten erkannt. – Du bist deiner Sache gewiß? fragte der Mann im Mantel. – Ja, mein Prinz. – Mein Prinz? unterbrach ihn d'Artagnan. – Ja, mein Prinz, doch hört: Wenn er dort ist, was sollen wir dann tun? sprach der andere Trinker. – Was man tun soll? sagte der Prinz. – Ja, er ist nicht der Mann, der sich so fangen läßt; er wird gehörig mit dem Degen spielen. – Nun, man muß es machen wie er, dabei aber bemüht sein, ihn lebendig zu bekommen. Habt Ihr Stricke, um ihn zu binden, und einen Knebel, um ihn in seinen Mund zu stecken? – Wir haben dies alles. – Seid auf Eurer Hut, aller Wahrscheinlichkeit nach ist er als Kavalier verkleidet. – Ja, ja, Monseigneur, seid unbesorgt. – Übrigens werde ich dabei sein und Euch führen. – Ihr steht dafür, daß die Gerichte ...? – Ich stehe für alles, sagte der Prinz. – Gut, wir werden unser möglichstes tun. – Und damit verließen sie den Stall. – Nun, sprach d'Artagnan, was geht das uns an? Das ist ein Unternehmen, wie es in unserer Zeit jeden Tag vorkommt. – Es ist gut, sprechen wir nicht mehr davon. Als sie eine Meile weitergeritten waren, näherte sich Planchet d'Artagnan und sagte zu ihm: Gnädiger Herr! – Was gibt's? – Schaut auf diese Seite. Kommt es Euch nicht vor, als erblicktet Ihr etwas wie Schatten, die mitten durch die Nacht hinziehen? Horch! es kommt mir vor, ich höre Pferdetritte. – Unmöglich, sagte d'Artagnan, die Erde ist durch den Regen aufgeweicht. Aber es scheint mir auch, als sähe ich etwas. Und er hielt an, um zu schauen und zu horchen. Wenn man keine Pferdetritte hört, so hört man wenigstens Gewieher. Wirklich schlug das Gewieher eines Pferdes an d'Artagnans Ohr. Unsere Leute sind im Feld, sagte er, aber das geht uns nichts an. Setzen wir unsern Weg fort. Eine halbe Stunde nachher erreichten sie die ersten Häuser von Noisy. Es mochte etwa halb neun Uhr abends sein. Nach den ländlichen Gewohnheiten hatte sich schon die gesamte Einwohnerschaft niedergelegt, und kein Licht glänzte mehr im Orte. D'Artagnan und Planchet setzten ihren Weg fort; rechts und links von ihrer Straße hob sich auf dem düstern Grau des Himmels der noch dunklere Umriß der Dächer hervor. Von Zeit zu Zeit kläffte ein aufgeweckter Hund hinter einer Türe, oder eine erschrockene Katze verließ eiligst die Mitte des Pflasters, um sich in einen Haufen von Reisbüscheln zu flüchten, wo man ihre Augen wie Karfunkel glänzen sah. Das waren die einzigen lebendigen Wesen, welche das Dorf zu bewohnen schienen. Ungefähr gegen die Mitte des Fleckens erhob sich, den Hauptplatz beherrschend und vereinzelt zwischen zwei Gassen liegend, eine dunkle Masse, vor der ungeheure Linden ihre entblätterten Äste ausbreiteten. D'Artagnan beschaute das Gebäude aufmerksam. Das muß das Schloß des Erzbischofs sein, sagte er zu Planchet. Hier wohnt die schöne Frau von Longueville. Aber wo ist das Kloster? Das Kloster? erwiderte Planchet, das Kloster ist am Ende des Dorfes, ich kenne es. Nun wohl, sprach d'Artagnan, im Galopp bis dahin, Planchet, während ich den Gurt meines Pferdes fester anziehe, und komm dann zurück, wenn du ein erleuchtetes Fenster siehst. Nach fünf Minuten kam Planchet zurück und sagte: Gnädiger Herr, es ist ein einziges Fenster gegen das Feld hinaus erleuchtet. Hm! wenn ich ein Frondeur wäre, so klopfte ich hier an und wäre überzeugt, daß ich ein gutes Lager bekäme; wenn ich ein Mönch wäre, klopfte ich da unten an und wäre ebenfalls überzeugt, daß ich ein gutes Abendbrot bekäme, während es im Gegenteil leicht möglich ist, daß wir zwischen dem Schlosse und dem Kloster vor Hunger und Durst verschmachtend auf der harten Erde liegen müssen. Ja, fügte Planchet bei, wie der berühmte Esel Buridans. Doch mittlerweile wollt Ihr, daß ich klopfe? St! sagte d'Artagnan, das einzige Fenster, welches erleuchtet war, ist dunkel geworden. Hört Ihr, gnädiger Herr, sprach Planchet. In der Tat, was für ein Geräusch ist dies? Es war wie das Tosen eines herannahenden Sturmes; in demselben Augenblick kamen zwei Reiterhaufen von je zehn Mann aus jeder von den zwei Gassen hervor, welche sich am Hause hinzogen, und umzingelten, alle Ausgänge verschließend, d'Artagnan und Planchet. Oho, sagte d'Artagnan, indem er seinen Degen zog und sich hinter sein Pferd zurückstellte, während Planchet dasselbe Manöver ausführte. Sollte man wirklich an uns wollen? Hier ist er, wir haben ihn! sprachen die Reiter, sich mit bloßem Degen auf d'Artagnan stürzend. – Verfehlt ihn nicht, rief eine hohe Stimme. – Nein, Monseigneur, seid unbesorgt. D'Artagnan glaubte den Augenblick gekommen, sich in das Gespräch zu mischen. Holla! meine Herren! rief er mit seinem gascognischen Akzente, was wollt Ihr? Was verlangt Ihr? – Du sollst es erfahren, brüllten die Reiter im Chor. – Halt, halt! schrie der, den sie Monseigneur genannt hatten, haltet ein, wenn Euch Euer Kopf lieb ist. Das ist nicht seine Stimme. Ei, meine Herren, sprach d'Artagnan, ist man in Noisy wahnsinnig geworden? Nehmt Euch wohl in acht, denn ich sage Euch, daß ich den ersten, der sich mir auf die Länge meines Degens nähert, und mein Degen ist lang, den Bauch aufschlitze. Der Anführer näherte sich. Was macht Ihr hier? sagte er mit einem hochmütigen und an das Befehlen gewöhnten Tone. – Was macht Ihr hier? entgegnete d'Artagnan. – Seid höflich, oder man wird auch auf die gehörige Weise striegeln, denn obgleich man sich nicht nennen will, wünscht man doch seinem Range gemäß respektiert zu werden. – Ihr wollt nicht erkannt sein, weil Ihr einen Hinterhalt leitet, sagte d'Artagnan; aber ich, der ich ruhig mit meinem Lakaien reise, ich habe keine Ursache, meinen Namen zu verschweigen. Kennt Ihr Herrn d'Artagnan? – Leutnant bei den Musketieren? fragte die Stimme. – Denselben. – Allerdings. – Nun wohl, fuhr der Gascogner fort, Ihr müßt gehört haben, daß er ein Mann von festem Faustgelenk und seiner Klinge ist. – Ihr seid Herr d'Artagnan? Dann kommt Ihr hierher, um ihn zu verteidigen. – Wen, ihn ? – Denjenigen, den wir suchen. – Es scheint, erwiderte d'Artagnan, daß ich, während ich nach Noisy zu kommen glaubte, ganz unvermutet ins Reich der Rätsel gelangt bin. – Gut, sprach die Stimme, entfernt Euch von hier, räumt uns den Platz. – Mich von hier entfernen, sagte d'Artagnan, dem dieser Befehl seine Pläne durchkreuzte, dies ist nicht so leicht, da ich vor Müdigkeit umsinke und mein Pferd ebenso. Ihr müßtet denn geneigt sein, mir ein Abendessen und ein Lager in der Gegend anzubieten. – Halunke! – Herr! rief d'Artagnan, nehmt Euch mit Euren Worten gefälligst in acht, denn wenn Ihr noch ein zweites Wort wie dieses gebrauchtet, so würde ich es Euch, und wäret Ihr nun Marquis, Herzog oder Prinz, in den Bauch zurückstoßen; versteht Ihr? – Ganz richtig, sprach der Anführer, man kann sich nicht täuschen, es ist ein Gascogner, der hier spricht, und folglich nicht der Mann, den wir suchen. Wir haben unsern Streich für diesen Abend verfehlt und können nichts Besseres tun, als uns zurückzuziehen ... Wir werden uns wiederfinden, Meister d'Artagnan, fügte der Anführer, den Ton verstärkend, bei. – Ja, aber nicht mit denselben Vorteilen, rief der Gascogner spottend dem fortsprengenden Trupp nach; denn wenn Ihr mich wieder findet, seid Ihr vielleicht allein und es ist Tag. Du siehst, sprach d'Artagnan, als das Geräusch der galoppierenden Pferde verhallt war, ruhig zu Planchet, daß sie nicht an uns wollten. Aber an wen denn sonst? Meiner Treu, ich weiß es nicht, und es liegt mir auch nichts daran. Für mich ist die Hauptsache, in das Jesuitenkloster zu kommen. Zu Pferde also und dann angeklopft. Es mag kosten, was es will, sie werden uns nicht fressen. Und d'Artagnan schwang sich wieder in den Sattel. Als Planchet dasselbe tat, fiel eine unerwartete Last auf das Hinterteil seines Pferdes. He, Herr! rief Planchet, ich habe einen Mann hinter mir! D'Artagnan wandte sich um und sah wirklich zwei menschliche Gestalten auf dem Pferde Planchets. Es scheint, der Teufel verfolgt uns, rief er, zog den Degen und war im Begriff, den Unerwarteten anzugreifen. Nein, nein, mein lieber d'Artagnan, sagte dieser, es ist nicht der Teufel; ich bin es, Aramis. Im Galopp, Planchet, und am Ende des Dorfes links gehalten. Der Abbé d'Herblay Am Ende des Dorfes wandte sich Planchet links und hielt unter dem erleuchteten Fenster. Aramis sprang zu Boden und schlug dreimal in seine Hände. Sogleich öffnete sich das Fenster, und eine Strickleiter fiel herab. Mein Lieber, sagte Aramis, wenn Ihr hinaufsteigen wollt, so wird es mich sehr freuen, Euch zu empfangen. Ah, so tritt man bei Euch ein? sprach d'Artagnan. Wenn es neun Uhr vorüber ist, muß man es bei Gott so machen, erwiderte Aramis. Die Klosterordnung ist äußerst streng. Aber Ihr steigt nicht hinauf? Steigt voraus, ich folge Euch. Wie der selige Kardinal zu dem seligen König sagte: Um Euch den Weg zu zeigen, Sire. Und Aramis stieg leicht die Leiter hinauf und hatte in einem Augenblick das Fenster erreicht. D'Artagnan folgte ihm, aber langsamer; er war offenbar mit solchen Wegen weniger vertraut als sein Freund. Gnädiger Herr, rief Planchet, als er sah, daß d'Artagnan auf dem Punkte war, den Aufstieg zu vollenden, das geht gut für Herrn Aramis, das geht auch gut für Euch, es ginge wohl auch für mich, aber die Pferde können nicht wohl an der Strickleiter hinaufsteigen. Führt sie unter jenen Schuppen, mein Freund, sagte Aramis und deutete auf eine Hütte, welche in der Ebene sichtbar war. Ihr findet dort Stroh und Hafer für sie. Aber für mich? Ihr kommt unter dieses Fenster, klatscht dreimal in Eure Hände, und wir lassen Euch Lebensmittel hinab. Mord und Tod! Seid unbesorgt, man verhungert hier nicht. Aramis zog die Leiter zurück und schloß das Fenster. D'Artagnan betrachtete das Zimmer. Nie hatte er eine zugleich kriegerischere und elegantere Stube gesehen. In jeder Ecke des Zimmers waren Waffentrophäen, welche dem Blicke und der Hand Schwerter aller Art boten, und vier große Gemälde stellten in ihren Schlachtrüstungen den Kardinal von Lothringen, den Kardinal von Richelieu, den Kardinal von Lavalette und den Erzbischof von Bordeaux dar. Die Tapeten waren von Damast, die Teppiche kamen aus Alençon, und das Bett glich mehr der Lagerstätte einer Favoritin, als der eines Mannes, der das Gelübde getan hatte, den Himmel durch Geißelung und Enthaltsamkeit zu gewinnen. Ihr schaut mein Kämmerchen an? sagte Aramis. Ah, mein Lieber, entschuldigt, ich wohne wie ein Karthäuser. Aber was sucht Ihr denn mit Euren Augen? – Ich suche die Person, die Euch die Leiter zugeworfen hat; ich sehe niemand, und sie kann doch nicht ganz allein herabgekommen sein. – Nein, nein, Bazin hat es getan. – Ah, ah! rief d'Artagnan. – Mein Bazin ist ein guter, wohlabgerichteter Bursche, fuhr Aramis fort; da er sah, daß ich nicht allein kam, zog er sich aus Diskretion zurück. Bazin, mein Freund, komm her! Die Türe öffnete sich, und Bazin erschien. Als er aber d'Artagnan gewahr wurde, gab er einen Ausruf von sich, der einem Schrei der Verzweiflung glich. Mein lieber Bazin, sprach d'Artagnan, ich sehe mit Vergnügen, mit welcher bewunderungswürdigen Haltung Ihr selbst in der Kirche lügt. Gnädiger Herr, erwiderte Bazin, ich habe von den würdigen Vätern Jesu gelernt, daß das Lügen erlaubt sei, wenn man in einer guten Absicht lüge. Schon gut, Bazin, d'Artagnan hat großen Hunger, und ich auch. Trage uns ein Abendbrot auf, so gut du immer kannst, und bring uns vor allen Dingen vom besten Wein, der sich findet. Bazin verbeugte sich zum Zeichen des Gehorsams, stieß einen schweren Seufzer aus und entfernte sich. Jetzt, da wir allein sind, mein lieber Aramis, sagte d'Artagnan, seine Augen vom Zimmer auf den Eigentümer wendend, sagt mir, wo zum Teufel Ihr herkamt, als Ihr hinter Planchet auf sein Pferd spranget? Ei, Ihr seht wohl, vom Himmel herab! erwiderte Aramis. Vom Himmel? versetzte d'Artagnan, den Kopf schüttelnd. Ihr scheint ebensowenig von dort zu kommen, als dahin zu gehen. Nun, sagte Aramis, wenn ich nicht vom Himmel kam, so kam ich wenigstens aus dem Paradies, was beinahe dasselbe besagen will. Das Paradies, über dessen Lage sich die Gelehrten schon so viel gestritten haben, ist also in Noisy-le-Sec auf der Stelle, wo das Schloß des Herrn Erzbischofs von Paris liegt. Man verläßt es nicht durch die Türe, sondern durch das Fenster. Man steigt nicht auf den Marmorstufen eines Säulenganges, sondern an den Ästen einer Linde herab, und der Engel mit dem feurigen Schwerte, der es bewacht, hat ganz das Aussehen, als hätte er seinen himmlischen Namen Gabriel in den irdischeren des Prinzen von Marsillac verwandelt. Aramis brach in ein schallendes Gelächter aus. Ihr seid immer noch der lustige Kamerad, mein Lieber, sprach er, und Eure vortreffliche gascognische Laune hat Euch noch nicht verlassen. Es ist wohl etwas an dem, was Ihr da sagt. Nur wollt nicht glauben, ich sei in Frau von Longueville verliebt. Den Teufel, ich werde mich wohl hüten, sagte d'Artagnan. Nachdem Ihr so lange in Frau von Chevreuse verliebt gewesen seid, werdet Ihr nicht versucht sein. Euer Herz ihrer tödlichsten Feindin darzubringen. Ja, das ist wahr, sagte Aramis mit einer treuherzigen Miene. Ja, ich habe diese arme Herzogin einst sehr geliebt, und ich muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, sie ist uns äußerst nützlich gewesen. Aber was wollt Ihr? Sie wurde genötigt, Frankreich zu verlassen. Es war ein schlimmer Gegner, dieser verdammte Kardinal, fuhr Aramis fort und warf einen Blick auf das Bild des ehemaligen Ministers. Er hatte den Befehl gegeben, sie zu verhaften und nach dem Schlosse Loches zu führen. Aber sie flüchtete sich, als Mann verkleidet, mit ihrer Kammerfrau, der armen Ketty. Wie ich sagen hörte, ist ihr in irgend einem Dorf ein seltsames Abenteuer mit irgend einem Geistlichen begegnet, von dem sie Gastfreundschaft forderte, und der, da er nur ein Zimmer hatte und sie für einen Kavalier hielt, ihr das Anerbieten machte, dieses Zimmer mit ihr zu teilen. Sie trug mit unglaublicher Gewandtheit Männerkleider, diese arme Marie. Ich kenne nur eine einzige Frau, die sie ebensogut trägt. Man hat auch einen Vers auf sie gemacht. Und Aramis stimmte das Lied an: »Labboisière, sagt mir doch, Geh' ich nicht wie ein Mann? Bravo! rief d'Artagnan, Ihr singt immer noch vortrefflich, mein Lieber, und ich sehe, daß die Messe Eure Stimme nicht verdorben hat. Mein Lieber, Ihr begreift wohl, zur Zeit, wo ich Musketier war, bezog ich die Wache so wenig, als ich nur konnte; heute, wo ich Abbé bin, lese ich so wenig Messen, als ich kann. Doch auf die arme Herzogin zurückzukommen ... Auf welche? Auf die Herzogin von Chevreuse oder auf die Herzogin von Longueville? Mein Lieber, ich habe Euch bereits gesagt, daß zwischen mir und der Herzogin von Longueville kein Verhältnis stattfindet. Koketterien vielleicht, nicht mehr. Habt Ihr sie seit ihrer Rückkehr von Brüssel nach dem Tode des Königs gesehen? Ja, gewiß, und sie war noch sehr schön. Allerdings, sagte Aramis, ich habe sie zu dieser Zeit auch ein wenig gesehen und ihr vortreffliche Ratschläge gegeben. Ich schwor bei meinem Leben, Mazarin sei der Geliebte der Königin. Sie wollte mir nicht glauben und sagte, sie kenne Anna von Österreich, sie sei zu stolz, um einen solchen Schurken zu lieben. Mittlerweile stürzte sie sich in die Kabalen des Herzogs von Beaufort, der Schurke ließ den Herzog verhaften und verbannte Frau von Chevreuse. Ihr wißt, sagte d'Artagnan, daß sie die Erlaubnis erhalten hat, zurückzukehren? Ja und auch, daß sie zurückgekommen ist ... Sie wird abermals dumme Streiche machen. Oh, diesmal wird sie wohl Euern Rat befolgen. Diesmal habe ich sie nicht wieder gesehen; sie hat sich gewaltig verändert. Es ist nicht wie bei Euch, mein lieber Aramis, denn Ihr seid immer derselbe. Ihr habt immer noch Eure schönen schwarzen Haare, Eure zierliche Taille, Eure Frauenhände, die bewundernswürdige Prälatenhände geworden sind. Ja, sagte Aramis, das ist wahr, ich pflege mich. Aber was macht denn das Vieh von Bazin? Bazin, tummle dich doch! Wir werden wütend vor Hunger und Durst. Bazin, der in diesem Augenblick eintrat, hob seine Hände, von denen jede eine Flasche trug, zum Himmel empor. Endlich, sagte Aramis, sind wir einmal fertig? Ja, gnädiger Herr, sogleich, sagte Bazin. Aber ich brauchte Zeit um alle diese... Weil du immer glaubst, du habest deine Mesnerkutte auf dem Rücken, unterbrach ihn Aramis, und weil du dein ganzes Leben damit hinbringst, dein Brevier zu lesen. Aber ich sage dir, daß ich, wenn du bei deinem fortwährenden Putzen der Gegenstände in den Kapellen meinen Degen zu putzen verlernst, aus allen deinen geweihten Bildern ein großes Feuer mache und dich darauf rösten lasse. Voll frommen Ärgers machte Bazin das Zeichen des Kreuzes mit der Flasche, die er in der Hand hielt. Mehr als je erstaunt über den Ton und die Manieren des Abbé d'Herblay, die so sehr mit denen des Musketiers Aramis kontrastierten, blieb d'Artagnan mit aufgesperrten Augen seinem Freunde gegenüber sitzen. Bazin bedeckte rasch den Tisch mit einem Damasttuch und legte darauf so viele vergoldete, duftende und leckere Dinge, daß d'Artagnan ganz verblüfft war. Ihr wartet auf jemand? fragte der Offizier. – Ah! ich habe immer einigen Vorrat. Dann wußte ich auch, daß Ihr mich aufsuchen würdet. – Von wem? – Von Meister Bazin, der Euch für den Teufel hielt, mein Lieber, und herbeilief, um mich von der Gefahr zu benachrichtigen, die meine Seele bedrohte, wenn ich so schlechte Gesellschaft, wie die eines Musketieroffiziers, sehen würde. – Ach, gnädiger Herr! rief Bazin mit gefalteten Händen und flehender Miene. – Still, keine Heuchelei, du weißt, daß ich sie nicht liebe. Du wirst besser daran tun, ein Fenster zu öffnen und ein Brot, ein Huhn und eine Flasche Wein deinem Freunde Planchet hinabzulassen, der sich seit einer Stunde zu Tode klatscht. Bazin gehorchte, band die drei genannten Gegenstände an einen Strick und ließ sie Planchet hinab, der sich ganz zufrieden unter seinen Schuppen zurückzog. Nun wollen wir zu Nacht speisen, sagte Aramis. Die zwei Freunde setzten sich zu Tische, und Aramis begann mit vollendeter gastronomischer Geschicklichkeit junge Feldhühner und Schinken zu zerlegen. Teufel, sagte d'Artagnan, wie Ihr Euch füttert! Ja, ziemlich gut. Ich habe für die Festtage Dispense von Rom, die mir der Herr Coadjutor meiner Gesundheit wegen verschafft hat. Dann habe ich zum Koch den Exkoch von Lafollone genommen, Ihr wißt, von dem ehemaligen Freunde des Kardinals, dem berühmten Gourmand, der statt jedes Gebetes nach seinem Mittagsmahle sagte: Mein Gott, habe die Gnade, mich gut verdauen zu lassen, was ich so gut gegessen habe. – Was ihn indessen nicht abhielt, an einer Unverdaulichkeit zu sterben. – Was wollt Ihr? versetzte Aramis mit ergebener Miene, man kann seinem Geschicke nicht entfliehen. – Mein Lieber, vergebt die Frage, die ich an Euch machen will, versetzte d'Artagnan. – Macht sie immerhin, Ihr wißt, unter Freunden gibt es keine Indiskretion. – Ihr seid also reich geworden? – Oh! mein Gott, nein; ich bringe es auf ein Dutzend tausend Livres jährlich, abgesehen von einer kleinen Rente von tausend Talern, die mir der Herr Prinz hat zukommen lassen. – Und womit verdient Ihr Euch diese 12000 Livres? sagte d'Artagnan. Mit Euren Gedichten? – Nein, ich habe auf die Poesie Verzicht geleistet, wenn ich nicht zuweilen einige Trinklieder, einige galante Sonette oder ein unschuldiges Epigramm dichte. Ich mache Predigten, mein Lieber. – Wie, Predigten? – Ja, aber vortreffliche Predigten, wenigstens scheint es so. – Die Ihr abhaltet? – Nein, die ich verkaufe. – An wen? – An die von meinen Kollegen, die durchaus große Redner sein wollen. – Wirklich! Und Ihr habt nicht nach diesem Ruhme gestrebt? – Allerdings, mein Lieber. Wer die Natur hat den Sieg davongetragen. Wenn ich auf der Kanzel stehe, und es schaut mich zufällig eine Frau an, so schaue ich sie auch an; wenn sie lächelt, lächle ich auch. Dann fange ich an zu faseln. Statt von den Qualen der Hölle zu reden, spreche ich von den Freuden des Paradieses. Dies ist mir eines Tages in der Kirche Saint Louis im Marais begegnet. Ein Kavalier lachte mir in das Gesicht, ich unterbrach mich, um ihm zu sagen, er sei ein alberner Tropf. Das Volk ging hinaus, um Steine zusammenzuraffen; aber während dieser Zeit bekehrte ich die Anwesenden, daß sie ihn nicht steinigten. Allerdings fand er sich am andern Tag bei mir ein; er glaubte, er habe es mit einem Abbé zu tun, wie alle andern Abbés sind. – Und was war der Erfolg seines Besuches? sprach d'Artagnan, sich vor Lachen die Hüften haltend. – Der Erfolg war, daß wir uns den andern Tag auf die Place Royale bestellten. Bei Gott, Ihr wißt davon. – Sollte ich zufällig gegen diesen Unverschämten Euch als Sekundant gedient haben? fragte d'Artagnan. – Allerdings, Ihr wißt, wie ich ihn zurichtete. Bazin, fuhr er fort, du wirst jetzt so gut sein, uns spanischen Wein zu servieren und dich zurückzuziehen, denn mein Freund d'Artagnan hat mir etwas Geheimes mitzuteilen! Nicht wahr, d'Artagnan? D'Artagnan machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zeichen, und Bazin zog sich zurück, nachdem er den spanischen Wein auf den Tisch gestellt hatte. Die zwei Hüte Als sie allein waren, brach Aramis zuerst das Stillschweigen mit den Worten: Woran denkt Ihr, d'Artagnan, und welcher Gedanke macht Euch lächeln? – Ich denke, mein Lieber, daß Ihr Euch, solange Ihr Musketier waret, stets dem Abbé zuneigtet, und jetzt, da Ihr Abbé seid, Euch bedeutend dem Musketier zuzuneigen scheint. – Das ist wahr, sagte Aramis lachend. Der Mensch ist, wie Ihr wißt, ein seltsames Wesen und besteht ganz aus Kontrasten. Seitdem ich Abbé bin, denke ich nur an Schlachten. – Nun, mein lieber Aramis, Ihr fragtet mich, warum ich Euch aufgesucht habe? sagte d'Artagnan, den es drängte, zum Ziele zu kommen.– Nein, mein Lieber, ich fragte Euch nicht, sondern ich erwartete, daß Ihr es mir sagen würdet. – Wohl, ich suchte Euch auf, um Euch ganz einfach ein Mittel zu bieten, Herrn von Marsillac zu töten, wenn Ihr das wünscht, obgleich er ein Prinz ist. – Halt, halt, halt! sagte Aramis, das ist ein Gedanke. – Den ich Euch zu benutzen einlade, mein Lieber. Laßt hören, seid Ihr bei Eurer Pfründe von tausend Talern und bei den zwölftausend Livres, die Ihr Euch verdient, reich? Sprecht offenherzig. – Ich bin arm, wie Hiob, und wenn Ihr alle Taschen und Koffer durchwühlt, werdet Ihr, glaube ich, keine hundert Pistolen hier finden. – Pest! hundert Pistolen! sagte d'Artagnan ganz leise zu sich selbst. Er nennt das arm wie Hiob. Ich würde mich für so reich halten wie Krösus, wenn ich sie immer vor mir hätte. Dann ganz laut: Seid Ihr ehrgeizig? – Wie Enceladus. – Nun wohl, mein Freund, ich bringe Euch etwas, wodurch Ihr reich, mächtig werden und Euch die Freiheit verschaffen könnt, alles zu tun, was ihr wollt. Ein Schatten zog über die Stirne von Aramis hin, so rasch wie die Wolke, die im August über den Getreidefeldern schwebt; aber so rasch er auch war, so entging er doch d'Artagnan nicht. Sprecht, sagte Aramis. – Vorher noch eine Frage. Beschäftigt Ihr Euch mit Politik? Ein Blitz zuckte aus Aramis' Augen, rasch wie der Schatten, der über seine Stirne gezogen war, aber nicht so rasch, daß d'Artagnan es nicht gesehen hätte. Nein, antwortete Aramis. – Dann werden Euch alle Vorschläge genehm sein, da Ihr für den Augenblick keinen andern Herrn habt, als Gott, sagte lachend der Gascogner. – Das ist möglich. – Mein lieber Aramis, habt Ihr zuweilen an die schönen Tage unserer Jugend gedacht, die wir lachend, trinkend und uns schlagend zubrachten? – Ja, gewiß, ich habe sie mehr als einmal zurückgewünscht. Es war eine glückliche Zeit. – Ei, mein Lieber, diese schönen Tage können wiederkommen, diese glückliche Zeit kann zurückkehren. Ich habe den Auftrag erhalten, meine Kameraden aufzusuchen, und fing bei Euch an, der Ihr die Seele unserer Verbindung waret. Aramis verbeugte sich mehr höflich, als freundlich. Ich soll mich wieder in die Politik mengen? sprach er mit leiser Stimme und sich in seinen Stuhl zurücklehnend. Ah, lieber d'Artagnan, seht doch, wie regelmäßig und bequem ich lebe. Wir haben Undankbarkeit von den Großen erfahren, wie Ihr wißt. – Das ist wahr, erwiderte d'Artagnan; vielleicht bereuen die Großen ihren Undank. – In diesem Fall wäre es etwas anderes, sprach Aramis. Barmherzigkeit jedem Sünder. Überdies habt Ihr in einem Punkte recht; wenn uns die Lust erfaßte, uns in die Staatsangelegenheiten zu mischen, so wäre, glaube ich, der rechte Augenblick gekommen. – Woher wißt Ihr dies, da Ihr Euch nicht mit Politik beschäftigt? – Mein Gott, während ich mich mit Liebesgeschichten unterhielt, war ich mit einigen tätigen Freunden in Verbindung. So ist mir die politische Bewegung nicht ganz entgangen. – Ich vermutete es wohl, sagte d'Artagnan. – Übrigens, mein Lieber, nehmt das, was ich Euch sage, nur für Worte eines Klosterpfaffen, eines Mannes, der wie ein Echo spricht und nur wiederholt, was er hat sagen hören, versetzte Aramis. Ich habe nämlich gehört, der Kardinal Mazarin sei in diesem Augenblick sehr unruhig über den Gang der Dinge. Es scheint, man widmet seinen Befehlen nicht alle Achtung, die man einst für die Befehle unserer seligen Vogelscheuche hatte, deren Porträt Ihr hier seht; denn was man auch sagen mag, mein Lieber, man muß gestehen: Richelieu war ein großer Mann. – Ich widerspreche Euch in dieser Hinsicht nicht, versetzte d'Artagnan, er hat mich zum Leutnant gemacht. – Meine erste Meinung war ganz für den Kardinal gewesen: ich hatte mir gesagt, ein Minister sei nie geliebt, aber mit dem Genie, das man ihm nachsagt, müsse er am Ende über seine Feinde triumphieren. Dies war also meine erste Meinung. Ich habe mich aber in meiner Unwissenheit und Demut eines andern belehren lassen. Nun, mein lieber Freund ... Aramis machte eine Pause. Was nun? fragte d'Artagnan. – Nun wohl, versetzte Aramis, Personen von verschiedenartigem Geschmack und Ehrgeiz antworteten mir, Herr von Mazarin sei kein Mann von Genie, wie ich es glaubte. – Bah! rief d'Artagnan. – Nein, er ist ein unbedeutender Bursche, der Bedienter des Kardinals Bentivoglio war und sich durch Intrigen hinaufgearbeitet hat, ein Emporkömmling, ein Mann ohne Namen, der in Frankreich nur das Los eines Parteigängers haben wird. Er wird viele Taler aufhäufen, die Einkünfte des Königs verschleudern, sich selbst alle Pensionen bezahlen, welche der verstorbene Kardinal Richelieu an alle Welt bezahlte, aber nie durch das Recht des Stärksten, des Größten oder des Geehrtesten herrschen. Es scheint überdies, dieser Minister ist nicht Edelmann von Manier und von Herz; er ist eine Art von Bouffon, von Pulcinell, von Pantalon. Kennt Ihr ihn? ich kenne ihn nicht. – Gewiß, sprach d'Artagnan, es ist etwas Wahres an dem, was Ihr sagt. Aber Ihr habt von ihm persönlich und nicht von seiner Partei und seinen Mitteln gesprochen. – Es ist wahr. Er hat die Königin für sich. – Das ist etwas, wie es mir scheint. – Aber er hat den König nicht für sich. – Ein Kind! – Das in vier Jahren volljährig sein wird. – Das ist nicht die Gegenwart. – Ja, aber es ist die Zukunft, und in der Gegenwart hat er weder das Parlament, noch das Volk, das heißt, er hat das Geld nicht für sich; er hat weder den Adel, noch die Prinzen, das heißt, er hat das Schwert nicht für sich. D'Artagnan kratzte sich hinter dem Ohr; er mußte sich selbst zugestehen, daß dies nicht nur weitsichtig, sondern auch richtig gedacht war. Seht, mein armer Freund, ob ich immer noch mit meinem gewöhnlichen Scharfsinn ausgerüstet bin. Es ist vielleicht unrecht von mir, so offenherzig mit Euch zu sprechen, denn es scheint mir, Ihr neigt Euch auf die Seite Mazarins. – Ich! rief d'Artagnan: ich! ganz und gar nicht! – Ihr spracht von einem Auftrage. – Sprach ich von einem Auftrage? Ich hatte unrecht. Nein, ich sagte mir, wie Ihr es tut: die Angelegenheiten verwickeln sich. Wohl, werfen wir die Feder in die Luft, gehen wir in der Richtung, in der der Wind sie fortträgt, fangen wir unser abenteuerliches Leben wieder an. Wir waren vier mutige Ritter, vier zärtlich vereinigte Herzen; vereinigen wir abermals, nicht unsere Herzen, denn diese waren nie getrennt, sondern unser Glück und unsern Mut. Die Gelegenheit ist günstig, um etwas Besseres zu erobern, als einen Diamanten. Ihr hattet recht, d'Artagnan, immer recht, erwiderte Aramis; alle Welt bedarf gegenwärtig der Hilfstruppen; man hat mir Anträge gemacht, es verlautete etwas von unseren früheren Waffentaten, und ich muß Euch frei gestehen, daß mich der Koadjutor zum Sprechen brachte. – Herr von Conti, der Feind des Kardinals! rief d'Artagnan. – Nein, der Freund des Königs, versteht Ihr! – Der König hält es mit Herrn von Mazarin, mein Lieber. – Der Tat, nicht dem Willen nach, dem Scheine, nicht dem Herzen nach, und das ist gerade die Falle, welche die Feinde des Königs dem armen Kinde stellen. – Was Ihr mir da vorschlagt, ist ganz einfach der Bürgerkrieg, mein lieber Aramis. – Der Krieg für den König. – Aber der König wird an der Spitze der Armee stehen, bei der auch Mazarin ist. – Er wird mit dem Herzen bei dem Heere sein, das Herr von Beaufort befehligt. – Herr von Beaufort? Er ist in Vincennes. – Habe ich Herr von Beaufort gesagt? versetzte Aramis; Herr von Beaufort oder ein anderer. Herr von Beaufort oder der Prinz. – Der Prinz geht zu der Armee ab und ist ganz auf der Seite des Kardinals. Seht Ihr übrigens große Vorteile bei dieser Partei? – Ich sehe darin die Protektion mächtiger Prinzen. – Mit der Proskription der Regierung. – Für nichtig erklärt durch die Parlamente und die Meutereien. – Alles könnte sich so machen, wie Ihr sagt, wenn es gelänge, den König von seiner Mutter zu trennen. – Dazu wird es kommen. – Nie! rief d'Artagnan, diesmal zu seiner Überzeugung zurückkehrend. Ich berufe mich auf Euch, Aramis, auf Euch, der Ihr Anna von Österreich so gut kennt, wie ich. Glaubt Ihr, sie könnte je vergessen, daß ihr Sohn ihre Sicherheit, ihr Palladium, das Pfand ihrer Achtung, ihres Glückes, ihres Lebens ist? Wenn sie Mazarin verließe, müßte sie mit dem König auf die Partei der Prinzen übergehen, aber Ihr wißt besser, als irgend jemand, daß sie mächtige Gründe hat, ihn nie zu verlassen. – Ihr habt vielleicht recht, sagte Aramis nachsinnend; ich werde mich also zu nichts verpflichten. – Gegen diese Leute, versetzte d'Artagnan; aber gegen mich? – Gegen niemand. Ich bin Priester, was habe ich mit der Politik zu tun? Ich lese kein Brevier, aber ich habe eine kleine Kundschaft von geistreichen, spitzbübischen Abbés und reizenden Damen. Je mehr sich die Angelegenheiten verwirren, desto weniger werden meine Streiche Aufsehen machen; alles geht vortrefflich, ohne daß ich mich darein mische, und, mein lieber Freund, ich bin entschieden, mich nicht darein zu mischen. – Schön, mein Wertester, sprach d'Artagnan; auf Ehre, Eure Philosophie steckt mich an, und ich will mich auch den Reizen des Privatlebens ergeben; ich werde also Porthos' Einladung annehmen und auf seinen Gütern jagen; Ihr wißt, daß Porthos Güter besitzt? – Ganz gewiß weiß ich es; er besitzt zehn Meilen Wälder, Sümpfe und Täler und prozessiert über Lehensrechte mit dem Bischof von Noyon. – Gut, sagte d'Artagnan zu sich selbst, das wollte ich wissen, Porthos ist in der Picardie. Dann fügte er laut bei: Und er hat seinen alten Namen du Vallon wieder angenommen. – Und ihm den Namen Bracieux beigefügt, von einem Gute, das baronisiert worden ist. – Also werden wir Porthos als Baron sehen. – Ich zweifle nicht daran; besonders die Baronin Porthos wird bewundernswürdig sein. Die zwei Freunde brachen in ein schallendes Gelächter aus. Ihr wollt also nicht zu Mazarin übergehen? fragte d'Artagnan. – Und Ihr nicht zu den Prinzen? – Nein. Gehen wir zu niemand über und bleiben wir Freunde. Wir wollen weder Kardinalisten, noch Frondeurs werden. – Ja, sagte Aramis, seien wir Musketiere. – Gott befohlen also, sprach d'Artagnan. – Ich halte Euch nicht zurück, mein Lieber, erwiderte Aramis, da ich nicht wüßte, wo ich Euch eine Lagerstätte geben sollte, und ich Euch schicklicherweise nicht die Hälfte von Planchets Schuppen anbieten kann. – Überdies bin ich nur drei Meilen von Paris entfernt. Die Pferde sind ausgeruht, und in weniger als einer Stunde bin ich zurück. Und d'Artagnan schenkte sich ein letztes Glas Wein ein und sprach: Auf unsere alte Zeit! – Ja, versetzte Aramis, leider ist es eine vergangene Zeit. – Bah! rief d'Artagnan, sie wird wiederkehren. In jedem Fall, wenn Ihr meiner bedürft, Rue Tiquetonne, Gasthaus zur Rehziege. – Und mich findet Ihr im Jesuitenkloster; von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends durch die Türe, von acht Uhr abends bis sechs Uhr morgens durch das Fenster. – Adieu, mein Lieber. Aramis pfiff Bazin und rief ihm, als er endlich schlaftrunken erschien, zu: Auf, auf! Siebenschläfer, die Leiter! Aber, sagte Bazin mit einem Gähnen, das ihm die Kinnbacken auszurenken drohte, die Leiter ist am Fenster geblieben. Die andere, die vom Gärtner; hast du nicht bemerkt, daß Herr d'Artagnan Mühe hatte, heraufzusteigen, und daß es ihm noch größere Mühe machen wird, hinabzusteigen. D'Artagnan wollte Aramis versichern, er würde sehr gut hinabkommen, als ihm ein Gedanke kam; dieser Gedanke ließ ihn schweigen. Bazin stieß einen tiefen Seufzer aus und entfernte sich, um die Leiter zu suchen. Einen Augenblick nachher stand eine feste hölzerne Leiter am Fenster. Vorwärts, sprach d'Artagnan; das ist ein solides Verbindungsmittel; eine Frau würde an einer solchen Leiter auf- und absteigen. Ein durchdringender Blick von Aramis schien den Gedanken seines Freundes bis in die Tiefe seines Herzens suchen zu wollen, aber d'Artagnan hielt den Blick mit bewundernswürdiger Naivität aus. In zwei Sekunden war er auf dem Boden. Bazin blieb am Fenster. Bleib hier, sagte Aramis, ich komme zurück. Alle beide gingen auf den Schuppen zu; als sie sich demselben näherten, kam Planchet, die zwei Pferde an den Zügeln haltend, heraus. Schön, sagte Aramis, das ist ein tätiger, wachsamer Diener, nicht wie der träge Bazin, der zu nichts mehr taugt, seitdem er Kirchenmann geworden ist. Folgt uns, Planchet, wir gehen plaudernd bis ans Ende des Dorfes. Die zwei Freunde durchwanderten wirklich, über gleichgültige Dinge plaudernd, das ganze Dorf. Als sie die letzten Häuser erreicht hatten, sagte Aramis: Geht, lieber Freund, verfolgt Eure Laufbahn, das Glück lächelt Euch, laßt es nicht entschlüpfen, erinnert Euch, daß es eine Kurtisane ist, und behandelt es danach; ich bleibe in meiner Niedrigkeit und Trägheit; Gott befohlen. Es ist also entschieden, versetzte d'Artagnan, mein Anerbieten sagt Euch nicht zu? Es würde mir im Gegenteil sehr zusagen, wenn ich ein Mensch wäre, wie andere; aber ich wiederhole Euch, ich bin aus Kontrasten zusammengesetzt; was ich heute hasse, werde ich morgen anbeten, und umgekehrt ... Ihr seht wohl, daß ich mich nicht verpflichten kann, wie Ihr zum Beispiel, da Ihr feste Ansichten habt. Du lügst, Duckmäuser, sagte d'Artagnan zu sich selbst; du bist im Gegenteil der einzige, der sich ein Ziel zu wählen weiß und im finstern darauf losgeht. Sie umarmten sich. Planchet war bereits zu Pferde, d'Artagnan schwang sich ebenfalls in den Sattel, und sie drückten sich noch einmal die Hand. Aramis blieb unbeweglich mitten aus der Straße stehen, bis er sie aus dem Angesicht verloren hatte. Aber nach zweihundert Schritten hielt d'Artagnan plötzlich an, sprang zu Boden, warf den Zügel seines Pferdes Planchet über den Arm, nahm seine Pistolen aus den Halftern und steckte sie in den Gürtel. Was habt Ihr, gnädiger Herr? fragte Planchet ganz erschrocken. Was ich habe? sagte d'Artagnan; so schlau er auch sein mag, so lasse ich mich doch nicht von ihm an der Nase herumführen. Bleib hier und rühre dich nicht; stelle dich nur auf die Feldseite des Weges und erwarte mich. Bei diesen Worten sprang d'Artagnan auf die andere Seite des Grabens und eilte durch die Ebene, um das Dorf zu umgehen. Er hatte zwischen dem von Frau von Longueville bewohnten Hause und dem Jesuitenkloster einen leeren Raum bemerkt, der nur von einer Hecke umgeben war. Eine Stunde vorher hätte er vielleicht Mühe gehabt, diese Hecke wieder aufzufinden, aber der Mond war soeben ausgegangen, und obgleich er von Zeit zu Zeit von den Wolken bedeckt wurde, so sah man doch sogar während dieser Verdunkelungen genug, um den Weg wiederzufinden. D'Artagnan erreichte die Hecke und verbarg sich dahinter. Als er an dem Hause vorüberkam, wo die von uns erzählte Scene stattgefunden hatte, bemerkte er, daß dasselbe Fenster abermals erleuchtet war, und er war überzeugt, daß Aramis noch nicht in seine Wohnung zurückgekehrt sein konnte, und daß er, wenn er zurückkehrte, nicht allein zurückkehren würde. Nach ein paar Minuten hörte er wirklich Tritte, die sich näherten, und etwas wie ein Geräusch von Stimmen, die halblaut miteinander sprachen. Am Anfang der Hecke hielten die Tritte an. D'Artagnan kniete mit einem Fuße nieder und suchte die dickste Stelle der Hecke, um sich dahinter zu verbergen. In diesem Augenblick erschienen zwei Männer, zum großen Erstaunen d'Artagnans; bald aber verschwand sein Erstaunen, denn er hörte eine weiche, harmonische Stimme vibrieren; der eine von den zwei Männern war eine als Kavalier verkleidete Frau. Seid ruhig, mein lieber René, sprach die weiche Stimme, dieselbe Sache wird sich nicht wiederholen; ich habe eine Art von Gang entdeckt, der unter der Erde hinläuft, und wir dürfen nur eine von den Platten, die vor der Türe sind, wegnehmen, um Euch einen Eingang und einen Ausgang zu öffnen. Oh! sprach eine andere Stimme, in welcher d'Artagnan die von Aramis erkannte; ich schwöre Euch, Prinzessin, wenn Euer Ruf nicht von all diesen Vorsichtsmaßregeln abhinge und ich nur mein Leben dabei wagte ... Ja, ich weiß, daß Ihr mutig und verwegen seid, wie irgend ein Weltmann; aber Ihr gehört nicht mir allein, Ihr gehört unserer Partei. Seid also klug, seid behutsam. Ich gehorche immer, Madame, sagte Aramis, wenn man mir mit einer so süßen Stimme zu befehlen weiß. Und er küßte ihr zärtlich die Hand. Ah! rief der Kavalier mit der weichen Stimme. Was gibt es? fragte Aramis. Seht Ihr denn nicht, daß der Wind meinen Hut fortgenommen hat? Aramis stürzte dem flüchtigen Hute nach. D'Artagnan benutzte diesen Umstand, um eine minder dichte Stelle der Hecke zu suchen, von wo sein Blick frei bis zu dem problematischen Kavalier dringen konnte. Vielleicht ebenso neugierig, wie der Offizier, trat der Mond gerade in diesem Moment hinter einer Wolke hervor, und bei seiner indiskreten Helle erkannte d'Artagnan die großen blauen Augen, die goldenen Haare und den edlen Kopf der Herzogin von Longueville. Aramis kehrte lachend, einen Hut auf dem Kopf und einen unter dem Arm, zurück, und beide setzten ihren Weg nach dem Jesuitenkloster fort. Gut! sagte d'Artagnan, sich erhebend und sein Knie abwischend, als die beiden sich in der Richtung nach dem Jesuiten-Kloster zu entfernten, nun habe ich dich, du bist Frondeur und der Geliebte der Frau von Longueville. Herr Porthos du Vallon de Bracieux de Pierrefonds Von Aramis hatte d'Artagnan erfahren, daß Porthos sich nach dem Namen eines seiner Güter de Bracieux nannte und wegen dieses Gutes einen Prozeß mit dem Bischof von Noyon führte. Er mußte also dieses Gut in der Gegend von Noyon, das heißt an der Grenze der Picardie suchen. Planchet, der sich noch nicht ohne Gefahr glaubte in Paris wieder zeigen zu dürfen, erklärte, er werde d'Artagnan bis ans Ende der Welt folgen. Er bat nur seinen ehemaligen Herrn, abends abzureisen, weil die Finsternis mehr Sicherheit biete. So schlugen sie abends acht Uhr von der Rehziege die Straße nach Dammartin ein, wo der Weg sich gabelte und also Erkundigungen eingezogen werden mußten. Sie erhielten auch in der Herberge die bereitwillige Auskunft, das Gut Bracieux liege einige Meilen von Villers-Cotterets entfernt. D'Artagnan kannte Villers-Cotterets, wohin er zwei- oder dreimal dem Hof gefolgt war; denn zu jener Zeit war Villers-Cotterets eine königliche Residenz. Er ritt also nach dieser Stadt zu und stieg in seinem gewöhnlichen Gasthause, das heißt im Goldenen Delphin , ab. Hier teilte man ihm mit, bis Bracieux habe er noch einen Weg von vier Meilen, daß er aber Porthos dort nicht suchen dürfe. Porthos lag wirklich im Streite mit dem Bischof wegen des Gutes Pierrefonds, das an das seinige grenzte. Um allen Prozessen, von denen er nichts verstand, ein Ende zu bereiten, hatte er Pierrefonds gekauft und daher diesen neuen Namen seinen alten beigefügt. Er nannte sich nun du Vallon de Bracieux de Pierrefonds und wohnte auf seinem neuen Eigentum. Man mußte bis zum andern Morgen warten. Die Pferde hatten zehn Meilen in einem Tage zurückgelegt und waren müde. Allerdings hätte man andere nehmen können, aber man mußte durch einen großen Wald reiten, und Planchet liebte bekanntlich die Wälder bei Nacht nicht. Außerdem liebte er auch nicht das Reisen mit nüchternem Magen, und als d'Artagnan aufwachte, fand er daher sein Frühstück völlig bereit. Sie brachen also erst um neun Uhr auf. Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Die Vögel sangen in den großen Bäumen, breite Sonnenstrahlen schossen durch die Lichtungen und erschienen wie Vorhänge von Goldgaze. An andern Stellen drang das Licht kaum durch das dicke Gewölbe der Blätter, und die Stämme der alten Eichen waren in Schatten getaucht. Ein herzerquickender Wohlgeruch von Kräutern, Blumen und Blättern stieg empor, und d'Artagnan dachte, wenn man drei aufeinandergepfropfte Herrschaftsnamen führe, müsse man in einem solchen Paradiese sehr glücklich sein. Dann schüttelte er den Kopf und sprach: Wenn ich Porthos wäre und d'Artagnan käme zu mir und machte mir einen Vorschlag, wie ich ihn Porthos machen will, so wüßte ich wohl, was ich d'Artagnan antworten würde. Planchet dachte nichts, er verdaute. Am Saume des Waldes gewahrte d'Artagnan den Weg, den man ihm bezeichnet hatte, und am Ende des Weges die Türme eines ungeheuren feudalen Schlosses. Oh, oh! murmelte er, es scheint mir, dieses Schloß gehörte dem älteren Zweige der Orleans. Sollte Porthos mit dem Herzog von Longueville unterhandelt haben? Meiner Treu, gnädiger Herr, sagte Planchet, das sind gut gebaute Anwesen, und wenn sie Herrn Porthos gehören, so werde ich ihm mein Kompliment machen. Pest! rief d'Artagnan, nenne ihn nicht Porthos, auch nicht einmal du Vallon, sondern de Bracieux oder de Pierrefonds. Meine Botschaft ist sonst verfehlt. Am Ende des Weges eröffnete sich vor d'Artagnan ein reizendes Tal, in dessen Hintergrund man an einem niedlichen kleinen See einige zerstreute Häuser ruhen sah, die niedrig und teils mit Ziegeln, teils mit Stroh bedeckt, als souveränen Gebieter ein hübsches, in der Zeit Heinrichs IV. erbautes, von Wetterfahnen überragtes Schloß anzuerkennen schienen. Diesmal zweifelte d'Artagnan nicht, daß er Porthos' Wohnung vor Augen hatte. Der Weg führte geradezu nach dem hübschen Schlosse, das sich zu seinem Ahnherrn, dem Schlosse auf dem Berg, ungefähr so verhielt wie ein Modeherr zu einem eisengeharnischten Ritter. D'Artagnan setzte sein Pferd in Trab und folgte dem Weg; Planchet regelte den Schritt seines Kleppers nach dem seines Herrn. Nach zehn Minuten fand sich d'Artagnan am Ende einer regelmäßig gepflanzten Allee von schönen Pappelbäumen, die nach einem eisernen Gitter ausmündete, dessen Spieße und Querbänder vergoldet waren. Mitten in dieser Allee erblickte man einen Herrn, der grün und golden anzuschauen war, wie das Gitter. Er saß auf einem dicken Rosse. Zu seiner Rechten und zu seiner Linken waren zwei galonierte Bediente. Eine große Anzahl von Leuten, die sich um ihn versammelt hatten, machten ehrfurchtsvolle Verbeugungen vor ihm. Ah, sagte d'Artagnan zu sich selbst, sollte dies der edle Herr du Vallon de Bracieux de Pierrefonds sein? Ei, mein Gott, wie er zusammengeschrumpft ist, seit er sich nicht mehr Porthos nennt! Vielleicht ist er es nicht, sprach Planchet, die Frage beantwortend, die d'Artagnan an sich selbst gestellt hatte. Herr Porthos war beinahe sechs Fuß hoch, und dieser hat kaum fünf. Man macht indessen sehr tiefe Verbeugungen vor diesem Herrn, versetzte d'Artagnan. Als die beiden Reiter näher kamen, wandte sich der Mann zu Pferde langsam und mit sehr vornehmer Miene um, und die Reisenden konnten die großen funkelnden Augen, das pausbackige Gesicht und das so beredte Lächeln Mousquetons sehen. Es war wirklich Mousqueton, der speckfette und von Gesundheit strotzende Mousqueton. Ganz das Widerspiel von dem heuchlerischen Bazin, glitt er, sobald er d'Artagnan erkannte, flugs von seinem Pferd herab und ging, mit dem Hut in der Hand, auf den Offizier zu, so daß die Ehrfurchtserweisungen der Versammelten sich der neuen Sonne zuwandten, welche die alte verdunkelte. Herr d'Artagnan, Herr d'Artagnan! rief Mousqueton fortwährend mit seinen dicken Backen und schweißtriefend vor Eifer. Ah, welche Freude für meinen gnädigen Herrn und Meister, Herrn du Vallon de Bracieux de Pierrefonds! Der gute Mousqueton! Dein Herr ist also hier! Ihr seid auf seinen Besitzungen. Aber wie schön, wie fett, wie blühend du aussiehst! sprach d'Artagnan, immer noch erstaunt den ehemaligen Ausgehungerten betrachtend. Ah, ja, Gott sei Dank, gnädiger Herr, ich befinde mich ziemlich wohl, sprach Mousqueton. Aber sagst du gar nichts zu deinem Freunde Planchet? Zu meinem Freunde Planchet! Planchet, solltest du es etwa sein? rief Mousqueton, die Arme öffnend und die Augen voll Tränen. Planchet und Mousqueton umarmten sich mit rührender Innigkeit. Und nun, gnädiger Herr, sagte Mousqueton, sich von der Umarmung Planchets losmachend, der vergebens versucht hatte, seine Hände hinter dem Rücken seines Freundes zusammenzubringen, erlaubt mir, Euch zu verlassen, denn mein Gebieter soll die Kunde von Eurer Ankunft von keinem andern, als von mir erhalten. Er würde mir nie vergeben, wenn ich einen andern zuvorkommen ließe. Dieser liebe Freund, sagte d'Artagnan, hat mich also nicht vergessen? Vergessen! er! rief Mousqueton, das heißt, es ist kein Tag vergangen, wo wir nicht die Nachricht erwarteten, Ihr seiet entweder für Herrn von Gassion oder für Herrn von Bassompierre zum Marschall ernannt worden. Und ihr, Bauern, fuhr Mousqueton, sein Pferd besteigend, fort, bleibt bei dem Herrn Grafen d'Artagnan und erweist ihm jede Ehre, während ich den gnädigen Herrn auf seine Ankunft vorbereite. Ah, das kündigt sich gut an, sagte d'Artagnan. Hier finden sich keine Geheimnisse, keine Politik. Man lacht aus vollem Halse, man weint vor Freude. Die Natur selbst kommt mir festtäglich vor, es ist mir, als wären die Bäume, statt mit Blüten und Blättern, mit grünen und rosenfarbigen Bändchen bedeckt. Und mir, sagte Planchet, mir kommt es vor, als röche ich von hier aus den köstlichsten Bratenduft, als erblickte ich Küchenjungen, die sich in Reihe und Glied aufstellen, um uns vorüberziehen zu sehen. Ah! gnädiger Herr, welchen Koch muß Herr de Pierrefonds haben, der schon so gern gut und viel aß, als man ihn nur Herr Porthos nannte. Halt! sagte d'Artagnan, du machst mir bange. Wenn die Wirklichkeit dem Anschein entspricht, so bin ich verloren. Ein so glücklicher Mann wird seine herrliche Lage nie verlassen, und ich scheitere bei ihm, wie ich bei Aramis gescheitert bin. D'Artagnan ritt durch das Gitter und befand sich vor dem Schlosse. Er sprang zu Boden, als eine riesige Gestalt auf der Freitreppe erschien. Zu d'Artagnans Ehre müssen wir mitteilen, daß ihm, mit Hintansetzung aller selbstsüchtigen Ideen, beim Anblick dieser hohen Gestalt und des martialischen Gesichtes, das ihn an einen braven, guten Kerl erinnerte, das Herz gewaltig schlug. Er lief auf Porthos zu und stürzte sich in seine Arme. In ehrerbietiger Entfernung einen Kreis bildend, schaute das ganze Gesinde mit demütiger Neugierde zu. Mousqueton trocknete sich in der ersten Reihe die Augen. Der arme Bursche weinte unaufhörlich, seitdem er d'Artagnan und Planchet wiedererkannt hatte. Porthos nahm seinen Freund beim Arme. Ah! welche Freude, Euch wieder zu sehen, lieber d'Artagnan! rief er mit einer Stimme, die sich vom Bariton in Baß verwandelt hatte. Ihr habt mich also nicht vergessen? Euch vergessen! Ach, lieber du Vallon, vergißt man die schönsten Tage seiner Jugend, seine ergebensten Freunde und die gemeinschaftlich bestandenen Gefahren? Während ich Euch wiedersehe, gibt es keinen Augenblick unserer alten Freundschaft, der mir nicht vor die Augen träte. Ja, ja, sprach Porthos und versuchte es, seinem Schnurrbart die kokette Drehung zu geben, die er in der Einsamkeit verloren hatte. Ja, wir haben unserer Zeit schöne Dinge gemacht und dem Kardinal Nüsse aufzuknacken gegeben. Und er stieß einen Seufzer aus. D'Artagnan schaute ihn an. In jedem Fall, fuhr Porthos mit betrübtem Tone fort; seid mir willkommen, mein Freund. Ihr werdet mir wieder zu einiger Fröhlichkeit verhelfen. Wir jagen morgen den Hasen in meinen schönen Feldern oder das Reh in meinen herrlichen Waldungen. Ich besitze vier Windhunde, welche für die leichtesten der Provinz gelten, und eine Meute, die ihresgleichen auf zwanzig Meilen in der Runde nicht hat. Und Porthos stieß einen zweiten Seufzer aus. Oh! oh! sagte d'Artagnan ganz leise zu sich selbst, sollte mein Bruder minder glücklich sein, als es den Anschein hat? Dann fügte er laut bei: Vor allem werdet Ihr mich Madame du Vallon vorstellen; denn ich erinnere mich eines gewissen sehr verbindlichen Einladungsschreibens von Eurer Hand, dem sie unten einige Zeilen beizufügen die Güte hatte. Dritter Seufzer von Porthos. Ich habe Madame du Vallon vor zwei Jahren verloren, sprach er, worüber ich noch ganz betrübt bin. Deshalb verließ ich mein Schloß du Vallon bei Corbeil, um auf dem Gute Bracieux zu wohnen, eine Veränderung, welche mich veranlaßte, dieses Gut hier zu kaufen. Ihr seid also reich und frei? sprach d'Artagnan. Ach, erwiderte Porthos, ich bin Witwer und habe vierzigtausend Livres Renten. Wollen wir frühstücken? Sehr gerne, sagte d'Artagnan, die Morgenluft hat mir Appetit gemacht. Ja, versetzte Porthos, die Luft hier ist vortrefflich. Sie traten in das Schloß. Es war nichts als Gold von oben bis unten. Die Karniese waren vergoldet, die Gesimse waren vergoldet, die Gestelle der Lehnstühle waren vergoldet. Die Tafel war mit allem, was man sich wünschen mochte, bedeckt. Speisen und Wein waren von erlesenstem Geschmack und hätten sich auf einer königlichen Tafel sehen lassen können. Trotzdem stieß Porthos einen neuen Seufzer aus; es war, wie d'Artagnan gezählt hatte, der fünfte. Mein Freund, sagte d'Artagnan, begierig das Rätsel zu ergründen, man sollte glauben, es betrübe Euch etwas. Solltet Ihr leidend sein? ... Ist Eure Gesundheit ... – Vortrefflich, besser als je. Ich würde einen Ochsen mit einem Faustschlag töten. – Familienkummer also? – Familienkummer? Zum Glück habe ich nur mich auf dieser Welt. – Was macht Euch dann seufzen? – Mein Lieber, sagte Porthos, ich werde offenherzig gegen Euch sein: ich bin nicht glücklich. – Ihr nicht glücklich, Porthos? Ihr, der Ihr ein Schloß, Wiesgründe, Berge, Wälder besitzt; Ihr, der Ihr vierzigtausend Livres Renten habt, Ihr seid nicht glücklich? – Mein Lieber, ich habe alles dies, es ist wahr, aber ich bin allein mitten unter diesen Dingen. Madame du Ballon, fuhr er fort, war von zweifelhaftem Adel. Sie hatte in erster Ehe, wie Ihr wißt, einen Prokurator geheiratet. Sie fanden das ekelhaft. Ihr begreift, das war ein Ausdruck, für den man dreißigtausend Mann umbringen könnte. Ich habe zwei getötet; das bewog die andern, zu schweigen. Ich wurde dadurch aber nicht ihr Freund. Auf diese Weise habe ich keine Gesellschaft mehr, ich lebe allein, ich langweile mich, ich kümmere mich ab. D'Artagnan lächelte; er sah den Fehler am Küraß und schickte sich zum Stoße an. Nun aber, sagte er, seid Ihr für Euch allein, und Eure Frau kann Euch nicht mehr Eintrag tun. Ja, aber alle diese Leute, die Vicomtes oder Grafen sind, haben den Vortritt vor mir in der Kirche, bei öffentlichen Feierlichkeiten, überall, und ich kann nichts dagegen sagen. Wäre ich nur ... Baron, nicht wahr? sprach d'Artagnan, den Satz seines Freundes vollendend. Ah! rief Porthos, dessen Züge sich ausdehnten, ah, wenn ich Baron wäre! Gut! dachte d'Artagnan, es wird mir gelingen. Als beide hinreichend gefrühstückt hatten, machten sie einen Gang in einem herrlichen Garten; Alleen von Kastanienbäumen und Linden schlossen einen Raum von wenigstens dreißig Morgen ein. Um die dicht verwachsenen Büsche sah man Kaninchen laufen, die von Zeit zu Zeit spielend unter dem hohen Gras verschwanden. Meiner Treu, rief d'Artagnan, der Park entspricht allem übrigen, und wenn es so viele Fische in Eurem Teich als Kaninchen in Euren Gehegen gibt, so seid Ihr ein glücklicher Mann, mein lieber Porthos, vorausgesetzt, Ihr habt den Sinn für Jagd bewahrt und an Fischen Geschmack gefunden. Mein Freund, erwiderte Porthos, ich überlasse die Fischerei Mousqueton; das ist ein Vergnügen für gemeine Leute. Aber ich jage zuweilen, das heißt, wenn ich mich langweile, setze ich mich auf eine von diesen Marmorbänken, lasse mir meine Flinte bringen, Gredinet, meinen Lieblingshund, herbeiführen und schieße Kaninchen. Das ist sehr unterhaltend, sprach d'Artagnan. Ja, antwortete Porthos mit einem Seufzer, das ist sehr unterhaltend. D'Artagnan zählte die Seufzer nicht mehr. Dann sucht Gredinet die Kaninchen, fügte Porthos bei, und bringt sie dem Koch; er ist dazu dressiert. – Ach, das vortreffliche Tier! rief d'Artagnan. Doch kommen wir auf unser früheres Gespräch zurück. Ihr wünscht den Baronstitel zu erlangen. Was würdet Ihr tun, wenn ich ihn Euch verschaffte?– Kein Opfer wäre mir zu groß dafür. – Nur sage ich Euch, lieber Freund, damit Ihr nicht behauptet, ich habe Euch als Verräter überfallen, Ihr müßt Euer Leben völlig verändern. – Wieso? – Ihr müßt den Harnisch wieder nehmen, den Degen umschnallen, Abenteuern nachlaufen, etwas Fleisch auf den Straßen lassen, wie in vergangenen Zeiten; Ihr wißt unsere Art und Weise von ehemals. – Ah, Teufel! rief Porthos. – Ja, ich begreife, Ihr seid verweichlicht, Ihr habt einen Bauch bekommen, und die Faust hat nicht mehr die Elastizität, von der die Leibwachen des Kardinals so viele Proben erhielten. – Ah! die Faust ist noch gut, das schwöre ich Euch, erwiderte Porthos und streckte eine Hand aus, ähnlich einem Hammelsbug. – Desto besser. – Wir sollen also Krieg machen? – Ei, mein Gott, ja. – Und gegen wen? – Seine Eminenz will Euch in seinen Diensten haben. – Und wer hat von mir bei Seiner Eminenz gesprochen? – Rochefort. Ihr erinnert Euch, unser Gegner, der dann unser Freund geworden ist? – Nein, ich erinnere mich nicht. Ah, er hat keinen Groll mehr? – Ihr täuscht Euch, Porthos, versetzte d'Artagnan, ich habe keinen mehr. Porthos begriff nicht ganz, aber man erinnert sich, das Begreifen war nicht seine Stärke. Ihr sagt also, der Graf von Rochefort habe von mir mit dem Kardinal gesprochen? – Ja, und dann die Königin. – Wie, die Königin? Und Ihr sagt, Ihr habt gewisse Bedingungen für mich gemacht? – Herrliche, mein Lieber, herrliche, Ihr habt Geld, nicht wahr? Vierzigtausend Livres Renten, wie Ihr sagt. Porthos wurde mißtrauisch. Ei, mein Gott, versetzte er, man besitzt nie genug Geld. Madame du Ballon hat eine etwas verwickelte Erbschaft hinterlassen. Ich verstehe mich wenig auf die Rechnerei und lebe so gewissermaßen von einem Tag in den andern. Also, sprach d'Artagnan, trotz Eurer vierzigtausend Livres Renten und vielleicht gerade wegen Eurer vierzigtausend Livres Renten scheint es mir, als ob sich eine kleine Krone gar nicht übel auf Eurer Karrosse machen würde. Wie? – Allerdings, antwortete Porthos. – Nun wohl, mein Lieber, gewinnt sie, sie hängt an Eurer Degenspitze. Wir werden uns nicht schaden. Euer Ziel ist ein Titel, mein Ziel ist Geld. Wenn ich genug erwerbe, um d'Artagnan wieder aufzubauen, das meine durch die Kreuzzüge verarmten Voreltern seit jener Zeit in Trümmer zerfallen ließen, und um etliche dreißig Morgen Landes umher zu kaufen, so brauche ich nicht mehr; ich ziehe mich zurück und sterbe in Ruhe. – Und ich, sprach Porthos, ich will Baron sein. – Ihr werdet es. – Habt Ihr nicht auch an unsere andern Freunde gedacht? fragte Porthos. – Allerdings, ich habe Aramis gesehen. – Und was will er? Bischof werden? – Aramis, erwiderte d'Artagnan, welcher Porthos nicht entzaubern wollte, Aramis ist, denkt Euch nur, Mönch und Jesuit geworden. Er lebt wie ein Bär und denkt nur an sein Seelenheil. Meine Anerbietungen konnten ihn nicht bestimmen. – Desto schlimmer, sagte Porthos. Er hatte Geist. Und Athos? – Ich habe ihn noch nicht gesehen, werde ihn aber besuchen, wenn ich Euch verlasse. Wißt Ihr, wo ich ihn finden kann? – Bei Blois, auf einem kleinen Landgut, das er, ich weiß nicht von welchem Verwandten, geerbt hat. – Und dieses heißt? – Bragelonne. Begreift Ihr wohl, mein Lieber, Athos, welcher adelig war, wie der Kaiser, und ein Gut erbt, das den Grafschaftstitel hat! Was wird er mit allen diesen Grafschaften machen? Grafschaft La Fère, Grafschaft Bragelonne? – Dabei hat er keine Kinder? fragte d'Artagnan. – O! rief Porthos, man hat mir gesagt, er habe einen jungen Menschen angenommen, der ihm von Gesicht ungemein ähnlich sei. Ich werde ihm morgen Kunde von Euch bringen. Unter uns gesagt, ich fürchte, der Wein hat ihn sehr alt gemacht und entartet. – Ja, sprach Porthos, es ist wahr, er trank viel. – Und dann war er älter, als wir alle. – Nur um einige Jahre, versetzte Porthos. Seine ernste Miene gab ihm ein so altes Aussehen. – Ihr habt recht. Wenn wir Athos haben, desto besser; wenn nicht, so werden wir ihn zu entbehren wissen. Wir zwei sind so viel wert, als zehn. – Ja, sprach Porthos lächelnd bei der Erinnerung an seine alten Heldentaten; aber wir vier wären so viel wert gewesen, als sechsunddreißig, um so mehr, als das Handwerk rauh sein wird, wie Ihr sagt. – Rauh für Rekruten, ja, aber für uns, nein. – Wird es lange währen? – Gott verdamm mich, es kann drei bis vier Jahre dauern. – Wird man sich viel schlagen? – Ich hoffe es. – Desto besser! rief Porthos. Ihr habt keinen Begriff, mein Lieber, wie mir die Knochen jucken, seitdem ich hier bin. Damit schlugen die Freunde den Weg nach dem Schlosse ein. Nachdem Porthos seinen Gast hatte ein Reh erjagen lassen, nachdem er ihn von seinen Waldungen auf seinen Berg, von seinem Berg an seine Teiche geführt, nachdem er ihm seine Windhunde, seine Meute, Gredinet, kurz alles, was er besaß, gezeigt und darauf weitere verschwenderische Mahle gegeben hatte, forderte er von d'Artagnan, der ihn nun verlassen mußte, um seinen Weg fortzusetzen, bestimmte Instruktionen. So hört, mein Freund, erwiderte der Abgesandte, ich brauche vier Tage von hier nach Blois, einen Tag bleibe ich dort, drei bis vier Tage brauche ich zur Rückkehr nach Paris. Reist also in einer Woche mit Eurer Equipage ab; nehmt Euer Absteigquartier in der Rue Tiquetonne im Gasthof zur Rehziege und erwartet dort meine Rückkehr. – Abgemacht, sprach Porthos. Ich mache eine hoffnungslose Reise zu Athos, sagte d'Artagnan; aber obgleich ich fürchte, daß ihn Wein und Alter unfähig gemacht haben, so muß man doch gewisse Rücksichten gegen seine Freunde beobachten. Wenn ich mit Euch ginge, versetzte Porthos, das würde mich vielleicht zerstreuen. Es ist möglich, antwortete d'Artagnan, und mich auch; aber Ihr hättet keine Zeit mehr, um Eure Vorbereitungen zutreffen. Das ist wahr. Geht also und guten Mut. Ich für meinen Teil bin voll Eifer. Vortrefflich! sprach d'Artagnan. Und sie trennten sich auf der Grenze des Gebietes von Pierrefonds, bis wohin Porthos seinen Freund begleitete. Wenigstens, sprach d'Artagnan, den Weg nach Villers-Cotterets einschlagend, wenigstens werde ich nicht allein sein. Dieser Teufel von einem Porthos besitzt noch tüchtige Kräfte. Kommt Athos hinzu, so sind wir zu drei und können über Aramis, diesen kleinen Glücksjäger, spotten. In Villers-Cotterets schrieb er an den Kardinal: Monseigneur, ich kann Ew. Eminenz bereits einen anbieten, und dieser eine ist zwanzig Mann wert. – Ich reise nach Blois ab, der Graf de la Fère wohnt in der Nähe dieser Stadt im Schlosse Bragelonne. Darauf schlug er nach einer Beratung mit Planchet den Weg nach Blois ein. Zwei Engelsköpfe Der Weg war lang, das kümmerte aber d'Artagnan nicht; er wußte, daß sich seine Pferde an den reichen Raufen des Gebieters von Bracieux gestärkt hatten. Er ging also getrost an die vier oder fünf Tagemärsche, die er mit seinem treuen Planchet zu machen hatte. Um die Langeweile zu vertreiben, ritten die beiden Männer beständig nebeneinander und plauderten. D'Artagnan fiel es nicht ein, den Herrn herauszukehren, und Planchet hatte die Lakaienhaut gänzlich abgestreift. Er war ein Schlaukopf, der sich als Bürger sehr oft nach den leckern Mahlen der Landstraße, sowie nach den Gesprächen und der glänzenden Gesellschaft von Edelleuten zurückgesehnt hatte und in einem Gefühl persönlicher Würde darunter litt, daß er durch die beständige Berührung mit Leuten von platten Lebensanschauungen selbst herunterkam. Er erhob sich also bald bei dem, den er noch seinen Herrn nannte, zum Rang eines Vertrauten. D'Artagnan seinerseits hatte seit langen Jahren sein Herz nicht erschlossen. So kam es, daß die zwei Männer, als sie sich wiederfanden, sich aufs vortrefflichste zu verständigen wußten. Auf dem Wege sagte d'Artagnan, den Kopf schüttelnd und auf den Gedanken zurückkommend, der ihn beständig beschäftigte: Ich weiß wohl, daß mein Schritt bei Athos vergeblich und töricht ist, aber ich schulde diesen Versuch einem alten Freund, einem Manne, der den Stoff zu dem hochherzigsten, edelmütigsten Menschen in sich trug. Oh, Athos war ein tüchtiger, stolzer Edelmann! rief Planchet. – Nicht wahr? versetzte d'Artagnan. Ein Herr, der Geld ausstreute, wie der Himmel hageln läßt, fuhr Planchet fort, ein Mann, der das Schwert mit königlichem Ansehen in die Hand nahm. Erinnert Ihr Euch, Herr, des Zweikampfes mit den Engländern in der Umfriedung des Karmeliterklosters? Ach, wie schön und herrlich anzuschauen war Herr Athos an diesem Tage, als er zu seinem Gegner sagte: Ihr habt verlangt, daß ich Euch meinen Namen sage, mein Herr, desto schlimmer für Euch, denn ich werde genötigt sein, Euch zu töten. Ach, gnädiger Herr, ich wiederhole, er war ein tüchtiger, stolzer Edelmann. Ja, versetzte d'Artagnan, das ist wohl wahr; aber durch einen einzigen Fehler wird er alle seine schönen Eigenschaften verloren haben. Ich erinnere mich, erwiderte Planchet. Er liebte den Trunk, oder vielmehr: er trank. Aber er trank nicht wie andere. Seine Augen sagten alles, wenn er das Glas an die Lippen setzte. In der Tat, nie war ein Stillschweigen so sprechend. Mir kam es vor, als hörte ich ihn murmeln: Tritt ein, Trank, und verjage meinen Kummer. Und wenn er den Fuß eines Glases oder den Hals einer Flasche zerbrach, so tat er dies auf eine so vornehme Weise, daß kein anderer es ihm gleichtun konnte. Wohl, versetzte d'Artagnan, aber welch ein trauriges Schauspiel harrt unser heute! Dieser treffliche Edelmann mit dem stolzen Auge, dieser schöne Kavalier, der unter den Waffen so glänzend aussah, daß man sich stets wunderte, daß er einen einfachen Degen statt eines Kommandostabes in der Hand hielt, er wird sich in einen krummbuckeligen, rotnasigen und triefäugigen alten Mann verwandelt haben. Wir werden ihn auf irgend einem Rasen liegend finden, von wo er uns mit seinen matten Augen anschaut und vielleicht nicht erkennt. Gott ist mein Zeuge, fügte d'Artagnan bei, ich würde dieses traurige Schauspiel fliehen, wenn mir nicht alles daran läge, dem glorreichen Schatten des erhabenen Grafen de la Fère, den wir so sehr liebten, meine Achtung zu bezeugen. Planchet schüttelte den Kopf und sagte nichts; man sah, daß er die Befürchtungen seines Herrn teilte. Und dann, fuhr d'Artagnan fort, diese Hinfälligkeit, denn Athos ist jetzt alt; auch Armut vielleicht ... er wird das wenige, was er besaß, vernachlässigt haben. Und dann der schmutzige Grimaud, stummer als je und noch trunksüchtiger als sein Herr ... Höre, Planchet, alles dies schneidet mir ins Herz. Es ist mir, als sähe ich ihn lallend und taumelnd vor mir, sprach Planchet in kläglichem Tone. Jedenfalls, gnädiger Herr, werden wir bald hierüber Licht bekommen, denn ich glaube, jene hohen Mauern, welche die untergehende Sonne rötet, sind die Mauern von Blois. In diesem Augenblick stießen die beiden Reiter auf einen von den schweren, mit Ochsen bespannten Wagen, die das in den schönen Waldungen der Gegend gefällte Holz bis nach den Häfen der Loire führen. Der den Wagen begleitende Mann sagte ihnen in dem reinen Französisch, das den Leuten dieser Gegend eigen ist, auf d'Artagnans Frage: Wenn Ihr diesem Weg hier folgt, so werdet Ihr nach einer halben Meile rechts ein Schloß erblicken. Man sieht es hier noch nicht wegen einer Wand von Pappelbäumen, die es verbirgt. Dieses Schloß ist nicht Bragelonne, sondern La Balliere. Ihr reitet daran vorbei; aber drei Büchsenschüsse weiter ist ein großes weißes Haus mit einem Schieferdache, auf einem von ungeheuren Maulbeerfeigenbäumen beschatteten Hügel. Dies ist das Schloß des Herrn Grafen de la Fère. D'Artagnan dankte dem Ochsentreiber und gab seinem Rosse die Sporen. Aber unwillkürlich beunruhigt durch den Gedanken, den seltsamen Mann wiederzusehen, den er so sehr geliebt, der durch seine Ratschläge und sein Beispiel so viel zu seiner Erziehung als Edelmann beigetragen hatte, ließ er sein Pferd wieder langsamer gehen und senkte träumerisch den Kopf. An der Biegung des Weges erschien das Schloß La Vallière, wie der Ochsentreiber gesagt hatte, vor den Augen der Reisenden, dann eine Viertelmeile weiter hob sich das weiße Haus, umgeben von seinen Maulbeerfeigenbäumen, auf dem Grunde einer dichten Gruppe von Bäumen hervor, welche der Frühling mit einem Blütenschnee bestreut hatte. Bei diesem Anblick fühlte d'Artagnan, der gewöhnlich nur sehr wenig in Aufregung geriet, eine seltsame Unruhe in der Tiefe seines Herzens. So mächtig sind das ganze Leben hindurch die Jugenderinnerungen. Planchet, der nicht dieselben Motive zu solchen Eindrücken hatte, schaute, voll Verwunderung über die Bewegung seines Herrn, bald d'Artagnan, bald wieder das Haus an. Der Musketier ritt noch einige Schritte vorwärts und befand sich vor einem geschmackvoll gearbeiteten Gitter, durch das man einen sorgfältig gepflegten Küchengarten, einen geräumigen Hof, in dem mehrere von Bedienten in verschiedenen Livreen gehaltene Reitpferde stampften, und einen mit zwei Pferden bespannten Wagen erblickte. Wir täuschen uns, oder dieser Mann hat uns getäuscht, sagte d'Artagnan, hier kann Athos nicht wohnen. Mein Gott, sollte er tot sein und dieses Gut einem seines Namens gehören? Steig ab, Planchet, und erkundige dich. Ich gestehe, daß ich meinesteils nicht den Mut dazu habe. Planchet stieg ab. Du erklärst, sagte d'Artagnan, ein vorüberziehender Edelmann wünsche die Ehre zu haben, den Herrn Grafen de la Fère zu begrüßen, und wenn du mit der Auskunft, die du erhältst, zufrieden bist, so nennst du mich. Wohnt hier der Herr Graf de la Fère? fragte Planchet, nachdem auf das von ihm gegebene Glockenzeichen ein weißhaariger Diener erschienen war. – Ja, Herr. – Ein Seigneur, der sich vom Dienst zurückgezogen hat, nicht wahr? – Ganz richtig. – Und der einen Lakaien namens Grimaud hatte, versetzte Planchet, der mit seiner gewöhnlichen Klugheit nicht genug Erkundigungen einziehen zu können glaubte. – Herr Grimaud ist in diesem Augenblick vom Schlosse abwesend, erwiderte der Diener und begann, an solche Verhöre nicht gewöhnt, Planchet vom Kopf bis zu den Füßen zu betrachten. – Dann sehe ich, rief Planchet strahlend, daß es derselbe Graf de la Fère ist, den wir suchen. Wollt mir also öffnen, denn ich wünsche dem Herrn Grafen meinen Herrn, einen ihm befreundeten Edelmann, zu melden, der ihn zu begrüßen beabsichtigt. – Warum sagtet Ihr mir das nicht früher? sprach der Diener, das Gitter öffnend. Aber wo ist Euer Herr? – Hinter mir, er folgt mir. Der Diener ging Planchet voraus, und dieser winkte d'Artagnan, der mit pochendem Herzen in den Hof einritt. Als Planchet auf der Freitreppe war, hörte er eine Stimme, die aus einem untern Saale kam und sagte: Nun, wo ist denn dieser Edelmann, und warum wird er nicht hierhergeführt? Diese Stimme, die bis zu d'Artagnan drang, erweckte in seinem Innern tausend vergessene Erinnerungen, tausend Gefühle. Er sprang rasch vom Pferde, während Planchet lächelnd aus den Herrn des Hauses zuging. Ah, ich kenne diesen Burschen, sagte Athos, als er Planchet auf der Schwelle erblickte. Oh ja, Herr Graf, Ihr kennt mich, und ich kenne Euch auch sehr gut. Ich bin Planchet, Herr Graf, Planchet, Ihr wißt wohl... Der ehrliche Diener konnte nicht mehr sprechen, so verblüfft war er von dem unerwarteten Anblick des Edelmanns. Wie, Planchet! rief Athos. Sollte Herr d'Artagnan hier sein? Hier bin ich, Freund, hier bin ich, teurer Athos, rief d'Artagnan stammelnd und beinahe wankend. Bei diesen Worten trat eine sichtbare Bewegung auf Athos' schönem Antlitz und ruhigen Zügen hervor. Er machte rasch zwei Schritte gegen d'Artagnan, ohne ihn aus dem Blicke zu verlieren, und schloß ihn zärtlich in seine Arme. D'Artagnan, welcher sich etwas von seiner Unruhe erholte, drückte ihn mit einer Herzlichkeit, die aus den Tränen seiner Augen leuchtete, an seine Brust. Athos nahm ihn nun an der Hand und führte ihn in den Salon, wo mehrere Personen versammelt waren. Alle Anwesenden standen auf. Ich stelle Euch, sprach Athos, den Herrn Chevalier d'Artagnan, Leutnant bei den Musketieren Seiner Majestät des Königs, vor, einen sehr ergebenen Freund und einen der bravsten und liebenswürdigsten Edelleute, die ich kennengelernt habe. Dem Gebrauche gemäß empfing d'Artagnan die Komplimente der Versammelten, gab sie nach Kräften zurück, nahm im Kreise Platz und fing an, Athos prüfend anzuschauen, während das einen Augenblick unterbrochene Gespräch wieder allgemein wurde. Seltsamerweise hatte Athos kaum gealtert. Frei von den blauen Ringen, den Spuren von Nachtwachen und Orgien, schienen seine schönen Augen größer und von reinerem Glanze, als zuvor; sein etwas verlängertes Gesicht hatte an Majestät gewonnen; seine trotz der Weiße und Weichheit noch bewundernswürdig nervige Hand trat blendend unter der Manschette hervor, wie gewisse Hände von Titian und Van Dyk; er war schlanker, als früher; seine breiten, gut geformten Schultern kündigten ungewöhnliche Stärke an; seine nun langen, leicht mit Grau vermischten, schwarzen Haare fielen zierlich und wellenförmig in natürlicher Biegung auf die Schultern herab; seine Stimme war so frisch, wie die eines fünfundzwanzigjährigen Mannes, und seine prächtigen, weiß und unverletzt erhaltenen Zähne verliehen seinem Lächeln einen unaussprechlichen Zauber. Die Gäste des Grafen, welche merkten, daß die zwei Freunde allein zu sein verlangten, schickten sich mit der ganzen Kunst und Artigkeit früherer Zeiten zum Weggehen an, als man im Hofe Hundegebell vernahm und mehrere Personen zu gleicher Zeit sagten: Ah! Raoul kommt heim. Athos schaute bei dem Namen Raoul d'Artagnan an und schien die Neugierde zu beobachten, die dieser Name auf seinem Gesicht hervorbringen müßte. Aber d'Artagnan begriff noch nichts; er hatte sich von seinem Staunen noch nicht erholt und wandte sich daher beinahe mechanisch um, als ein hübscher junger Mann, einfach, aber geschmackvoll gekleidet, seinen mit langen roten Federn geschmückten Hut anmutig abnehmend, in den Salon eintrat. Diese neue, ganz unerwartete Erscheinung berührte ihn übrigens ungemein. Eine ganze Welt von Gedanken stellte sich vor seinen Geist und erläuterte ihm durch alle Quellen seines Verstandes die Veränderung von Athos, die ihm unerklärlich vorgekommen war. Eine auffallende Ähnlichkeit zwischen dem Edelmann und dem Jüngling enträtselte ihm das Geheimnis dieses wiedergeborenen Lebens. Er wartete schauend und horchend. Ihr seid zurück, Raoul, sprach der Graf. Ja, Herr, antwortete der Jüngling ehrfurchtsvoll, und ich habe mich des Auftrags entledigt, den Ihr mir gegeben. Aber was habt Ihr? fragte Athos besorgt; Ihr seid bleich und scheint aufgeregt? Es kommt daher, erwiderte der Jüngling, daß unserer kleinen Nachbarin ein Unglück widerfahren ist. Dem Fräulein de la Vallière? versetzte Athos lebhaft. Was denn? fragten mehrere Stimmen. Sie ging mit ihrer guten Marcelline in der Einfriedigung spazieren, wo die Holzfäller ihre Bäume abvieren, als ich im Vorüberreiten sie wahrnahm und anhielt. Sie bemerkte mich ebenfalls und wollte von einem Holzstoß, auf den sie gestiegen war, herabspringen, aber das arme Kind knickte, als es die Erde berührte, mit einem Fuße um, und konnte sich nicht mehr erheben. Sie hat sich, glaube ich, den Knöchel verstaucht. Oh! mein Gott! rief Athos, und ist Frau von Saint-Remy, ihre Mutter, davon benachrichtigt? Nein, Herr. Frau von Saint-Remy ist in Blois bei der Frau Herzogin von Orleans. Ich fürchtete, die erste Hilfe könnte nicht richtig geleistet werden, und eilte hierher, um Euch um Rat zu fragen. Schickt geschwind nach Blois, Raoul, oder vielmehr, nehmt Euer Pferd und reitet schleunigst selbst dahin. Raoul verbeugte sich. Aber wo ist Luise? fuhr der Graf fort. Ich habe sie bis hierher gebracht und bei der Frau von Charlot untergebracht, welche sie mittlerweile den Fuß in Eiswasser stellen ließ. Nach dieser Erklärung, welche eine Gelegenheit zum Aufbruch bot, nahmen die Gäste Abschied von Athos; der alte Herzog von Barbé allein, der infolge einer zwanzigjährigen Freundschaft auf vertrautem Fuße mit dem Hause de la Vallière stand, suchte die kleine Luise auf, die weinte, aber beim Anblick Raouls ihre schönen Augen trocknete und wieder lächelte. Der Herzog machte nun den Vorschlag, sie in seinem Wagen nach Blois zu führen. Ihr habt recht, gnädiger Herr, sagte Athos, sie wird früher bei ihrer Mutter sein; Ihr, Raoul, werdet wohl unbesonnen gehandelt haben und seid an diesem Unfall schuld. Oh! nein, nein, Herr, ich schwöre es Euch! rief das Mädchen, während der junge Mann bei dem Gedanken, vielleicht die Ursache dieses Unfalls zu sein, erbleichte. Oh! Herr, ich versichere Euch, murmelte Raoul. Ihr geht nichtsdestoweniger nach Blois, fuhr der Graf wohlwollend fort, und entschuldigt Euch und mich bei Frau von Saint-Remy; dann kehrt Ihr zurück. Die Farben erschienen wieder auf den Wangen des Jünglings; nachdem er mit den Augen den Grafen gefragt hatte, nahm er das kleine Mädchen, dessen hübscher, vom Schmerz bewegter und zugleich lächelnder Kopf auf seinen Schultern ruhte, in seine kräftigen Arme und trug es sacht in den Wagen; dann sprang er mit der Leichtigkeit und Eleganz eines vollendeten Stallmeisters zu Pferde, begrüßte Athos und d'Artagnan und entfernte sich rasch, neben dem Schlage des Wagens reitend, in dessen Inneres seine Blicke beständig geheftet blieben. Das Schloß Bragelonne D'Artagnan hatte während dieser ganzen Scene mit aufgesperrten Augen und offenem Munde dagestanden; alles entsprach seinen Voraussetzungen so wenig, daß er sich von seinem Erstaunen gar nicht erholen konnte. Athos reichte ihm den Arm und führte ihn in den Garten. Während man uns ein Abendessen bereitet, sagte er lächelnd, wird es Euch, lieber Freund, gewiß nicht unangenehm sein, ein wenig Licht über dieses ganze Geheimnis zu bekommen, das Euch in Träume versenkt? Allerdings, Herr Graf, erwiderte d'Artagnan, der fühlte, wie Athos allmählich die ungeheure aristokratische Überlegenheit wieder über ihn gewann, die er immer gehabt hatte. Athos schaute ihn mit seinem sanften Lächeln an. Vor allem, mein lieber d'Artagnan, sprach er, gibt es hier keinen Herrn Grafen. Wenn ich Euch Chevalier nannte, so geschah es, weil ich Euch meinen Gästen vorstellte und damit sie wußten, wer Ihr seid, aber für Euch bin ich hoffentlich stets Athos, Euer Gefährte, Euer Freund. Wir wollen zu unseren Gewohnheiten zurückkehren und vor allen Dingen offenherzig sein. Alles setzt Euch hier in Erstaunen? – In ein tiefes Erstaunen. – Aber worüber Ihr Euch am meisten wundert, sagte Athos lächelnd, das bin ich, gesteht es nur. – Ich gestehe es. – Ich bin noch jung, nicht wahr, trotz meiner neunundvierzig Jahre? Ich bin noch zu erkennen. – Ganz im Gegenteil, erwiderte d'Artagnan, bereit, die von ihm verlangte Offenherzigkeit zu übertreiben. Ihr seid es nicht mehr. – Ah! ich begreife, sprach Athos leicht errötend, alles hat sein Ende, d'Artagnan, die Narrheit, wie jede andere Sache. – Sodann ist eine Veränderung in Euren Vermögensumständen vorgegangen. Ihr seid herrlich quartiert; dieses Haus gehört Euch, wie ich voraussetze. – Ja, das ist das kleine Gut, Ihr wißt, mein Freund, von dem ich, als ich den Dienst verließ, Euch sagte, daß ich es geerbt hatte. – Ihr habt einen Park, Pferde, Equipagen. Athos lächelte und erwiderte: Der Park hat zwanzig Morgen, wozu der Küchengarten und die Gesindewohnungen gehören. Die Zahl meiner Pferde beläuft sich auf zwei, wobei ich, wohlverstanden, den Stumpfohr meines Bedienten nicht rechne. Meine Equipagen beschränken sich auf vier Leithunde, zwei Windhunde und einen Hühnerhund. Und dieser ganze Meuteluxus ist nicht einmal für mich, fügte Athos lächelnd bei. Ich begreife, versetzte d'Artagnan, er ist für den jungen Menschen, für Raoul. Und d'Artagnan schaute Athos mit unwillkürlichem Lächeln an. Ihr habt es erraten, mein Freund, sprach Athos. Und der junge Mensch ist Euer Tischgenosse, Euer Taufpate, vielleicht Euer Vetter! Ah! wie habt Ihr Euch doch verändert, mein lieber Athos. – Dieser junge Mensch, erwiderte Athos ruhig, dieser junge Mensch ist eine Waise, d'Artagnan, den seine Mutter bei einem armen Landpfarrer zurückgelassen hatte; ich habe ihn aufgezogen. – Der Knabe muß sehr anhänglich an Euch sein? – Ich glaube, er liebt mich, als wäre ich sein Vater. – Er ist sehr dankbar? – Oh! was die Dankbarkeit betrifft, versetzte Athos, so ist sie gegenseitig, ich bin ihm ebensoviel schuldig, als er mir, und, ich sage es ihm nicht, aber Euch, ich bin ihm noch verpflichtet. – Wie dies? fragte der Musketier erstaunt. – Ei, mein Gott, ja! Er hat in mir die Veränderung hervorgebracht, die Ihr wahrnehmt. Ich verdorrte wie ein armer, alter Baum, der durch kein Band mehr mit der Erde zusammenhängt; nur eine tiefe Neigung konnte mich wieder im Leben Wurzel schlagen lassen. Eine Geliebte? ich war zu alt. Freunde? ich hatte Euch nicht mehr bei mir. Dieser Knabe ließ mich nun alles wiederfinden, was ich verloren hatte; ich hatte nicht mehr den Mut, für mich zu leben, ich lebte für ihn. Gute Lehren sind viel für ein Kind; das Beispiel ist noch mehr wert. Ich gab ihm das Beispiel, d'Artagnan. Die Fehler, welche ich hatte, legte ich ab, die Tugenden, die ich nicht hatte, gab ich mir den Anschein zu besitzen. Ich glaube nicht, daß ich mich täusche, d'Artagnan, Raoul ist bestimmt, ein so vollkommener Edelmann zu sein, wie unser verarmtes Zeitalter nur immer zu liefern vermag. D'Artagnan schaute Athos mit steigender Bewunderung an; sie wandelten unter einer schattigen, kühlen Allee, durch die einige Strahlen der untergehenden Sonne schräg hereinfielen. Einer dieser goldenen Strahlen beleuchtete Athos, und seine Augen schienen die abendliche Glut, welche sie beschien, wieder auszustrahlen. Der Gedanke an Mylady regte sich in d'Artagnan. Und Ihr seid glücklich? sagte er zu seinem Freunde. Das scharfe Auge von Athos drang bis in die Tiefe von d'Artagnans Herzen und schien darin seine Gedanken zu lesen. So glücklich, als es einem Geschöpfe Gottes auf Erden zu sein gestattet ist. Aber vollendet Euren Gedanken, d'Artagnan, Ihr habt ihn mir nicht ganz gesagt. – Ihr seid furchtbar, Athos, und man kann Euch nichts verbergen. Nun wohl, ja, ich wollte Euch fragen, ob Ihr nicht zuweilen plötzliche Beängstigungen habt, die ... – Gewissensbissen gleichen? fuhr Athos fort. Ich vollende Euern Satz, mein Freund. Ja oder nein, ich habe keine Gewissensbisse, weil jene Frau nach meiner festen Überzeugung die Strafe verdiente, die sie ausstehen mußte. Ich habe keine Gewissensbisse, denn wenn wir sie am Leben gelassen hätten, so würde sie ohne Zweifel ihr Zerstörungswerk fortgesetzt haben; damit ist aber nicht gesagt, mein Freund, daß wir zu unserer Tat berechtigt waren. Vielleicht heischt jedes vergossene Blut eine Sühnung; sie hat die ihrige vollendet, möglicherweise kommt die Reihe auch noch an uns. – Zuweilen dachte ich wie Ihr, Athos. – Diese Frau hat einen Sohn? – Ja. – Habt Ihr von ihm sprechen hören? – Nie. – Er muß dreiundzwanzig Jahre alt sein, murmelte Athos. Ich denke oft an diesen jungen Mann, d'Artagnan. – Das ist sonderbar. Ich hatte ihn vergessen. Athos lächelte schwermütig. Und Lord Winter, habt Ihr Nachricht von ihm? – Ich weiß, daß er bei Karl I. sehr in Gunst war. – Er wird seinem Glücke gefolgt sein, und dieses ist zur Zeit schlecht. Halt, d'Artagnan, fuhr Athos fort; hier trifft wieder zu, was ich Euch soeben sagte: er ließ das Blut Straffords vergießen; Blut heischt Blut. Und die Königin? – Welche Königin? – Henriette von England, die Tochter Heinrichs IV.? – Sie ist im Louvre, wie Ihr wißt. – Ja, wo es ihr an allem gebricht, nicht wahr? Während der großen Kälte in diesem Winter war ihre kranke Tochter, wie man mir gesagt hat, in Ermangelung von Holz genötigt, im Bette liegen zu bleiben. Begreift Ihr das? fügte Athos, die Achseln zuckend, bei. Die Tochter Heinrichs IV. zähneklappernd, weil es ihr an Holz gebricht! Warum hat sie nicht den ersten besten von uns um Gastfreundschaft gebeten, statt Mazarin darum zu bitten? Es würde ihr an nichts gefehlt haben. – Kennt Ihr sie denn, Athos? – Nein, meine Mutter hat sie als Kind gesehen. Habe ich Euch nie gesagt, daß meine Mutter Ehrendame der Maria von Medici gewesen ist? – Nie. Ihr sprecht von dergleichen Dingen nicht. – Ah! mein Gott, doch, wie Ihr seht, versetzte Athos, aber es muß sich eine Gelegenheit dazu bieten. – Porthos würde nicht so geduldig warten, sagte d'Artagnan lächelnd. – Jeder hat seine eigene Natur, mein lieber d'Artagnan. Porthos besitzt trotz einiger Eitelkeit vortreffliche Eigenschaften. Habt Ihr ihn wiedergesehen? – Ich verließ ihn vor fünf Tagen, antwortete d'Artagnan. Und nun erzählte er mit dem Erguß seiner gascognischen Laune, wie herrlich und in Freuden Porthos in seinem Schlosse Pierrefonds lebe. Ich bewundere, sprach Athos, durch des Freundes Lebhaftigkeit in die alte Zeit zurückversetzt, ich bewundere, daß wir durch Zufall eine Gemeinschaft gebildet haben, welche trotz zwanzigjähriger Trennung noch so eng zusammenhält. Die Freundschaft schlägt tiefe Wurzeln in redlichen Herzen, d'Artagnan; glaubt mir, nur schlechte Menschen leugnen die Freundschaft, weil sie sie nicht kennen. Und Aramis? Ich habe ihn auch gesehen, antwortete d'Artagnan, aber er ist mir sehr kalt vorgekommen. Ah! Ihr habt ihn auch gesehen, versetzte Athos, indem er d'Artagnan forschend ansah. Ihr macht ja eine wahre Pilgerfahrt nach dem Tempel der Freundschaft. Allerdings, erwiderte d'Artagnan verlegen. Aramis, fuhr Athos fort, ist, wie Ihr wißt, von Natur kalt; dann ist er immer in Weiberintrigen verwickelt. Ich glaube, gerade in diesem Augenblick in eine sehr ausgedehnte, sprach d'Artagnan. Athos gab dem Gespräch geflissentlich eine andere Richtung. Ihr seht, sagte er, indem er d'Artagnan darauf aufmerksam machte, daß sie nach einem Spaziergang von einer Stunde zu dem Schlosse zurückgekommen waren, wir haben die Runde auf allen meinen Besitzungen gemacht. Alles ist hier reizend, und besonders hat alles ein adeliges Aussehen, erwiderte d'Artagnan. In diesem Augenblick hörte man den Tritt eines Pferdes. Raoul kehrt zurück, sprach Athos, wir bekommen Nachricht von der armen Kleinen. Der junge Mensch erschien wirklich am Gitter und ritt, ganz mit Staub bedeckt, in den Hof ein, sprang dann von seinem Pferd, das er einem Knecht überließ, und begrüßte den Grafen und d'Artagnan mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit. Dieser Herr, sagte Athos, seine Hand auf d'Artagnans Schulter legend, dieser Herr ist der Chevalier d'Artagnan, von dem Ihr mich so oft sprechen hörtet, Raoul. Gnädiger Herr, sprach Raoul, sich abermals und noch tiefer verbeugend, der Herr Graf hat mir Euern Namen als Beispiel genannt, so oft er einen unerschrockenen, hochherzigen Edelmann bezeichnen wollte. Dieses kleine Kompliment machte einen angenehmen Eindruck auf d'Artagnan, sein Herz geriet in eine sanfte Bewegung; er reichte Raoul eine Hand und sprach: Alle Lobeserhebungen, die man mir spenden mag, fallen auf den Herrn Grafen zurück, denn ihm verdanke ich meine Erziehung in allen Dingen, und es ist nicht seine Schuld, wenn der Zögling sie schlecht benutzte. Aber ich bin überzeugt, es wird ihm bei Euch besser gelingen. Eure Erscheinung gefällt mir, Raoul, und Eure Höflichkeit hat mich gerührt. Athos war unbeschreiblich entzückt; er schaute d'Artagnan dankbar an und heftete dann auf Raoul ein befriedigtes Lächeln. Nun, sagte d'Artagnan zu sich selbst, denn das stumme Mienenspiel war ihm nicht entgangen, nun bin ich meiner Sache gewiß. Laß hören, sprach Athos, der Unfall wird hoffentlich keine Folge haben? Man weiß es noch nicht, Herr; der Arzt konnte wegen der Geschwulst nichts sagen; er fürchtet jedoch, es werde ein Nerv verletzt sein. Ihr seid nicht länger bei Frau von Saint-Remy geblieben? Ich fürchtete, zur Stunde Eures Abendessens nicht zurück zu sein, erwiderte Raoul, und Euch folglich warten zu lassen. In diesem Augenblick meldete ein kleiner Junge, halb Bauer, halb Lakai, das Abendbrot sei aufgetragen. Athos führte seinen Gast in einen sehr einfachen Speisesaal, dessen Fenster jedoch auf der einen Seite nach dem Garten, auf der andern nach einem Gewächshause gingen, in dem herrliche Pflanzen blühten. D'Artagnan warf einen Blick auf den Tisch; das Geschirr war prachtvoll; man sah, es war von dem alten Silberzeug der Familie. Das Mahl war sehr belebt. Athos und d'Artagnan tauschten alte Erinnerungen, und Raoul hörte, bewundernd und mit allen Fibern nach gleichen Abenteuern und gleichem Ruhme lechzend, von den Heldentaten der Freunde in der Bastei von Saint-Gervais und den bewundernswerten Duellen d'Artagnans. Der Jüngling hätte gerne das Gespräch die ganze Nacht hindurch ausgedehnt, aber Athos bemerkte, ihr Gast müsse müde sein und der Ruhe bedürfen. D'Artagnan legte sich zu Bette, weniger um zu schlafen, als um allein zu sein und an alles zu denken, was er an diesem Abend gesehen und gehört hatte. Da er gutmütiger Natur war und gleich im Anfang zu Athos eine instinktartige Zuneigung gefaßt hatte, welche in aufrichtige Freundschaft übergegangen war, so war er entzückt, einen Mann von glänzendem Geist und ungeschwächter Körperkraft statt des Trunkenbolds zu finden, den er zu sehen erwartet hatte. Er unterwarf sich sogar ohne alles Sträuben der beständigen Überlegenheit von Athos, und statt Eifersucht und Ärger darüber zu fühlen, wie dies bei einer minder edelmütigen Natur der Fall gewesen sein dürfte, hegte er eine aufrichtige Freude und die günstigsten Hoffnungen für sein Unternehmen. Indessen kam es ihm vor, als fände er Athos nicht offenherzig und klar über alle Punkte. Wer war der junge Mensch, den er adoptiert zu haben behauptete, und der eine so große Ähnlichkeit mit ihm hatte? Was bedeutete diese Rückkehr zum geselligen Leben und diese übertriebene Mäßigkeit, die er bei Tisch wahrgenommen hatte? Eine scheinbar geringfügige Sache, die Abwesenheit Grimauds, von dem sich Athos ehedem nicht trennen konnte, und dessen Name trotz wiederholter Anspielungen nicht einmal genannt worden war ... alles dies beunruhigte d'Artagnan. Er besaß also das Vertrauen seines Freundes nicht mehr, oder Athos war durch eine unsichtbare Kette gebunden oder gar zum voraus gegen den Besuch, den er ihm machte, eingenommen. Unwillkürlich dachte er an Rochefort und an das, was ihm dieser in Notre-Dame gesagt hatte. Sollte Rochefort ihm bei Athos zuvorgekommen sein? D'Artagnan hatte keine Zeit mit langen Studien zu verlieren. Er beschloß auch, schon am andern Tag eine Erklärung herbeizuführen. Er entwarf seinen Angriffsplan, und obgleich er wußte, daß Athos ein hartnäckiger Gegner war, so stellte er doch den entscheidenden Vorstoß auf den folgenden Tag nach dem Frühstück fest. Athos' Diplomatie D'Artagnan war kein Langschläfer. Kaum hatte die Morgenröte seine Vorhänge vergoldet, als er aus dem Bette sprang und seine Fenster öffnete: es kam ihm vor, als sähe er durch den Laden einen Menschen im Hof umhergehen, der es vermeide, Lärm zu machen. Gemäß seiner Gewohnheit, nichts, was in seinen Bereich kam, vorübergehen zu lassen, ohne sich zu versichern, was es sei, beobachtete d'Artagnan aufmerksam, aber geräuschlos und erkannte das dunkelrote Wams und die braunen Haare Raouls. Der junge Mensch, denn er war es wirklich, öffnete die Stalltüre, zog das braunrote Pferd heraus, das er am Tag vorher geritten hatte, sattelte und zäumte es mit ebensoviel Geschicklichkeit als Geschwindigkeit, ließ das Tier sodann durch den geraden Gang des Gemüsegartens gehen, stieß eine kleine Seitentüre auf, die nach einem Fußpfad führte, zog sein Pferd hinaus, verschloß die Türe wieder, und d'Artagnan sah ihn nun wie einen Pfeil, sich bückend unter den herabhängenden und blütenbedeckten Zweigen der Akazien und Ahornbäume, hinschießen. D'Artagnan hatte am Tage zuvor bemerkt, daß dieser Pfad nach Blois führen mußte. Ei, ei, sagte der Gascogner, das ist ein Spitzbube, der bereits seine eigenen Wege geht und mir Athos' Haß gegen das schöne Geschlecht nicht zu teilen scheint. Er zieht nicht auf die Jagd, denn er hat weder Gewehr noch Hunde. Er vollzieht keinen Auftrag, denn er verbirgt sich. Vor wem verbirgt er sich? ... Vor mir oder vor seinem Vater? Denn ich bin überzeugt, der Graf ist sein Vater. Bei Gott, was das betrifft, so werde ich es erfahren, denn ich spreche ohne alle Umstände mit Athos. Der Tag nahm zu. Alles Geräusch, das d'Artagnan in der Nacht nach und nach hatte erlöschen hören, erwachte wieder. D'Artagnan blieb am Fenster, um niemand zu erwecken; als er aber die Türen und die Läden des Schlosses sich öffnen gehört hatte, gab er seinen Haaren einen letzten Strich, seinem Schnurrbart eine letzte Biegung, bürstete aus Gewohnheit die Aufschläge seines Hutes mit dem Ärmel seines Wamses und ging hinab. Kaum war er die letzte Stufe der Freitreppe hinabgestiegen, als er Athos gegen den Boden gebückt und in der Stellung eines Mannes, der einen Taler im Sande sucht, erblickte. Ei, guten Morgen, lieber Wirt, sagte d'Artagnan. Guten Morgen, lieber Freund; war die Nacht gut? Vortrefflich, Athos, wie Euer Bett, wie Euer Abendbrot gestern, das mich zum Schlafe führen mußte, wie Euer Empfang bei meiner Ankunft. Aber was betrachtet Ihr so aufmerksam? Solltet Ihr etwa Liebhaber von Tulpen geworden sein? Ihr müßt deshalb meiner nicht spotten. Auf dem Lande verändert sich der Geschmack, und man gelangt am Ende ganz unvermerkt dazu, die schönen Dinge zu lieben, welche der Blick Gottes aus dem Erdboden hervorkommen läßt, und die man in den Städten verachtet. Ich betrachte ganz einfach einige Iris, welche ich bei diesem Beete gepflanzt hatte, und die mir diesen Morgen niedergetreten worden sind. Diese Gärtner sind doch die ungeschicktesten Leute von der Welt. Nachdem sie das Pferd zum Trinken geführt, ließen sie es ohne Zweifel in die Beete treten. D'Artagnan lächelte. Ah, sagte er, Ihr glaubt? Und er erzählte, was er gesehen hatte, und schaute dabei forschend seinem Wirte ins Gesicht. Ah, ich errate jetzt alles, sagte Athos mit einer leichten Bewegung der Schultern. Der arme Junge ist nach Blois geritten. – Was dort tun? – Ei, mein Gott, um sich nach der kleinen La Vallière zu erkundigen. Ihr wißt, das Kind, das sich den Fuß verstaucht hat. – Ihr meint? versetzte d'Artagnan ungläubig. – Ich meine nicht nur, sondern ich weiß es gewiß. Habt Ihr nicht bemerkt, daß Raoul verliebt ist? – Gut! In wen? In dieses siebenjährige Kind? – Mein Lieber, in Raouls Alter ist das Herz so voll, daß man es auf irgend etwas, sei es Traum oder Wirklichkeit, ausströmen lassen muß. Nun, seine Liebe gehört halb dem einen, halb der andern an. – Ihr scherzt! Dieses kleine Mädchen ... – Habt Ihr es nicht angeschaut? Es ist das niedlichste kleine Geschöpf der Welt. Silberblonde Haare und blaue Augen, bereits herausfordernd und schmachtend zugleich. – Aber was sagt Ihr zu dieser Liebe? – Ich sage nichts, ich lache und spotte über Raoul; aber diese ersten Bedürfnisse des Herzens sind so gebieterisch, dieses Aufkeimen der verliebten Schwermut ist so süß und so bitter, daß es zuweilen alle Kennzeichen der Leidenschaft zu haben scheint. Ich erinnere mich, daß ich mich in Raouls Alter in eine griechische Statue verliebte, die der gute König Heinrich IV. meinem Vater geschenkt hatte, und daß ich vor Schmerz verrückt zu werden glaubte, als man mir sagte, die Geschichte von Pygmalion sei nur eine Fabel. – Das ist Folge des Müßiggangs. Ihr beschäftigt Raoul nicht genug, und er sucht sich seinerseits zu beschäftigen. – Nichts anderes. Auch gedenke ich ihn von hier zu entfernen. – Und Ihr tut wohl daran. – Allerdings, aber es wird ihm das Herz brechen, und er wird so viel leiden, wie bei einer wahren Liebe. Seit drei bis vier Jahren und gleichsam selbst noch ein Kind, hat er sich daran gewöhnt, das kleine Idol, das er eines Tags anbeten würde, wenn er hier bliebe, zu schmücken und zu bewundern. Diese Kinder träumen jeden Tag miteinander und plaudern über tausend ernsthafte Dinge, als ob sie ein zwanzigjähriges Liebespaar wären. Lange Zeit hat diese Geschichte den Eltern La Vallière Spaß gemacht. Aber ich glaube, sie fangen an, die Stirne zu runzeln. – Kinderei, Raoul bedarf der Zerstreuung. Entfernt ihn rasch von hier, oder Ihr macht nie einen Mann aus ihm. – Ich glaube, sprach Athos, ich werde ihn nach Paris schicken. – Ah! rief d'Artagnan. Und er dachte, der Augenblick zur Eröffnung der Feindseligkeiten sei gekommen. Wenn Ihr wollt, sprach er, so können wir diesem jungen Menschen ein Schicksal machen. – Ah! rief Athos ebenfalls. – Ich will Euch sogar über etwas um Rat fragen, was mir im Kopf herumgeht. – Tut es. – Glaubt Ihr, die Zeit sei gekommen, um Dienst zu nehmen? – Aber Ihr seid ja noch im Dienste, d'Artagnan. – Verstehen wir uns recht, tätigen Dienst. Hat das ehemalige Leben nichts Verlockendes mehr für Euch und wenn Euch wirklich Vorteile erwarten, würdet Ihr nicht gern in meiner und unseres Freundes Porthos Gesellschaft die Unternehmungen unserer Jugend wieder ausnehmen? – Macht Ihr mir einen Vorschlag? sagte Athos. – Frei und offenherzig. – Wieder ins Feld zu ziehen? – Ja. – Von wem und gegen wen? fragte Athos plötzlich und heftete sein so klares und so wohlwollendes Auge auf den Gascogner. Hört mich wohl, d'Artagnan. Es gibt nur eine Person, oder vielmehr eine Sache, der ein Mann wie ich nützlich sein kann: die Sache des Königs. – Das ist es gerade, sprach der Musketier. – Aber verständigen wir uns, versetzte Athos ernst. Wenn Ihr unter der Sache des Königs die des Herrn von Mazarin versteht, so hören wir auf, uns zu begreifen. – Ich sage das nicht gerade, antwortete der Gascogner verlegen. – Hört, d'Artagnan, sprach Athos, spielen wir nicht weiter. Euer Zögern, Eure Umwege sagen mir, von welcher Seite Ihr kommt. Diese Sache wagt man allerdings nicht laut zu gestehen, und wenn man für dieselbe wirbt, so tut man es mit gesenktem Ohr und mit verlegnem Ton. – Ah, mein lieber Athos! rief d'Artagnan. – Ei, Ihr wißt wohl, versetzte Athos, daß ich nicht von Euch spreche, der Ihr die Perle der braven und kühnen Männer seid. Ich spreche von dem schmutzigen, intriganten Italiener, von dem Pedanten, der eine Krone auf sein Haupt zu setzen versucht, die er unter einem Kopfkissen gestohlen hat, von dem Schurken, der seine Partei die Partei des Königs nennt und die Prinzen von Geblüt in das Gefängnis zu stecken trachtet, da er es nicht wagt, sie zu töten, wie es unser Kardinal machte, der große Kardinal; ein Wucherer, der seine Goldtaler abwägt und die beschnittenen behält, weil er, obschon ein Betrüger, sie am nächsten Tag beim Spiel zu verlieren fürchtet; ein Schuft, der, wie man versichert, die Königin mißhandelt, was ihr übrigens recht geschähe, und der in drei Monaten einen Bürgerkrieg anfangen wird, um seine Pensionen zu behalten. Das ist der Herr, den Ihr mir vorschlagt, d'Artagnan? Großen Dank! – Gott vergebe mir, Ihr seid lebhafter, als früher, sprach d'Artagnan, und die Jahre haben Euer Blut erhitzt, statt es abzukühlen. Wer sagt Euch, daß dies mein Herr ist, und daß ich Euch denselben aufdringen will? Teufel! hatte der Gascogner zu sich gesagt, einem so schlecht gestimmten Manne wollen wir unsere Geheimnisse nicht anvertrauen. Gut, sagte dagegen Athos bei sich, d'Artagnan ist Mazarin. Von diesem Augenblick an beobachtete er ihn mit außerordentlicher Klugheit. D'Artagnan seinerseits spielte verschlossener, als je. Was ist dann eigentlich Euer Wunsch? sprach Athos laut. – Ich wollte Euren Rat hören und dann erst handeln, denn ohne einander sind wir immer unvollständig. – Allerdings. Wie ist's mit Porthos; habt Ihr ihn bestimmt, Glück zu suchen? Er besitzt doch Vermögen? – Ganz gewiß. Doch der Mensch ist einmal so, er wünscht immer etwas anderes. – Und was wünscht Porthos? – Den Baronstitel! – Ah, das ist wahr; ich hatte es vergessen, sprach Athos lachend. Es ist wahr? dachte d'Artagnan, und woher hat er es erfahren? Sollte er mit Aramis im Briefwechsel stehen? Ah, wenn ich das wüßte, so wüßte ich alles. Hier endigte die Unterredung, denn gerade in diesem Augenblick erschien Raoul. Athos wollte ihn ohne Bitterkeit tadeln, aber der junge Mensch sah so betrübt aus, daß er nicht den Mut hatte und sich unterbrach, um ihn zu fragen, was ihm sei. Sollte es bei unserer jungen Nachbarin schlimmer gehen? sprach d'Artagnan. Ach! Herr, versetzte Raoul, vom Schmerz fast erstickt, ihr Fall ist sehr ernster Art, und der Arzt befürchtet, sie werde, wenn auch ohne sichtbare Verunstaltung, ihr ganzes Leben lang hinken. Ah, das wäre furchtbar! sprach Athos. D'Artagnan hatte einen Scherz auf den Lippen; als er aber sah, welchen Anteil Athos an dem Unglück nahm, hielt er ihn zurück. O, Herr, was mich am meisten hierbei in Verzweiflung bringt, versetzte Raoul, ist der Umstand, daß ich die Ursache dieses Unglücks bin. Wie, du, Raoul? fragte Athos. Allerdings: ist sie nicht, um zu mir zu laufen, von dem Holzstoß herabgesprungen? Es bleibt Euch kein anderes Mittel, mein lieber Raoul, als sie zur Sühne zu heiraten, sagte d'Artagnan. Mein Herr, entgegnete Raoul, Ihr scherzt mit einem wahren Kummer; das ist nicht recht! Und Raoul, der der Einsamkeit bedurfte, um nach Herzenslust weinen zu können, ging in sein Zimmer, das er erst zur Frühstücksstunde wieder verließ. Das gute Einverständnis der zwei Freunde hatte durch das Scharmützel am Morgen nicht im mindesten gelitten; sie frühstückten mit dem besten Appetit und schauten von Zeit zu Zeit den armen Raoul an, der, mit feuchten Augen und schwerem Herzen, die Speisen kaum berührte. Gegen Ende des Frühstücks kamen zwei Briefe, die Athos mit der größten Aufmerksamkeit las, ohne sich eines wiederholten Bebens enthalten zu können. D'Artagnan, der ihn über den Tisch hinüber diese Briefe lesen sah und ein äußerst scharfes Gesicht besaß, glaubte ganz deutlich Aramis' kleine Handschrift zu erkennen. Beim andern Brief nahm er eine lange, schwankende Frauenhand wahr. Kommt, sagte d'Artagnan zu Raoul, als er sah, daß Athos allein zu bleiben wünschte, entweder um die Briefe zu beantworten oder um darüber nachzudenken; kommt, wir wollen im Fechtsaale einen Gang miteinander tun, das wird Euch zerstreuen. Der junge Mensch schaute Athos an, der seinen Blick mit einem Zeichen der Beistimmung beantwortete. D'Artagnan und Raoul gingen in einen Saal, in welchem Rappiere, Handschuhe, Bruststücke und ähnliche zum Fechten gehörige Gegenstände hingen. Nun? fragte Athos, als er nach einer Viertelstunde im Saale erschien. Er hat bereits Euere Hand, mein lieber Athos, antwortete d'Artagnan, und wenn er auch Euer kaltes Blut bekommt, so habe ich Euch nur mein Kompliment zu machen. Der junge Mensch war etwas beschämt. Für die paar Male, die er d'Artagnan am Arm oder am Schenkel berührt hatte, hatte ihn dieser zwanzigmal auf den vollen Leib getroffen. In diesem Augenblick trat Charlot ein und überbrachte einen sehr eiligen Brief für d'Artagnan, den ein Bote soeben abgegeben hatte. Nun war die Reihe an Athos, aus einem Winkel des Auges zu beobachten. D'Artagnan las den Brief ohne eine sichtbare Bewegung und sagte, nachdem er ihn gelesen hatte, mit leichtem Kopfschütteln: Seht, mein lieber Freund, was der Dienst ist, und Ihr habt meiner Treu recht, nicht wieder eintreten zu wollen: Herr von Treville ist krank geworden, die Kompagnie kann mich nicht entbehren, und mein Urlaub geht somit verloren. – Ihr kehrt nach Paris zurück? sprach Athos lebhaft. – Ei, mein Gott! ja, erwiderte d'Artagnan; aber kommt Ihr nicht auch selbst dahin? Athos errötete ein wenig und antwortete: Wenn ich dahin käme, würde ich mich sehr glücklich schätzen. Euch zu sehen. Holla! Planchet! rief d'Artagnan aus der Tür, wir reisen in zehn Minuten; gib den Pferden Hafer. Dann sich gegen Athos umwendend: Es ist mir, als fesselte mich etwas hier, und es tut mir in der Tat unendlich leid. Euch verlassen zu müssen, ohne den guten schweigsamen Grimaud gesehen zu haben. Grimaud? versetzte Athos. Ach! es ist wahr, ich wunderte mich, daß Ihr Euch nicht nach ihm erkundigtet. Ich habe ihn einem meiner Freunde geliehen. Der seine Zeichen versteht? sagte d'Artagnan. Ich hoffe es. Die zwei Freunde umarmten sich herzlich. D'Artagnan drückte Raoul die Hand, nahm Athos das Versprechen ab, ihn zu besuchen, wenn er nach Paris käme, und ihm zu schreiben, wenn er nicht käme. Planchet, pünktlich wie immer, saß bereits im Sattel. Kommt Ihr nicht mit mir? sprach d'Artagnan lachend zu Raoul; ich reite durch Blois. Raoul wandte sich gegen Athos um, der ihn durch ein unmerkliches Zeichen zurückhielt. Mein Herr, antwortete der Jüngling, ich bleibe bei dem Herrn Grafen. In diesem Falle lebt alle beide wohl, sprach d'Artagnan und drückte ihnen zum letztenmal die Hand, und Gott beschütze Euch, wie wir zu sagen pflegten, wenn wir uns zur Zeit des seligen Kardinals trennten. Athos machte ihm ein Zeichen mit der Hand, Raoul eine Verbeugung, und d'Artagnan entfernte sich mit Planchet. Der Graf folgte ihnen mit den Augen, die Hand auf die Schulter des jungen Menschen gestützt, dessen Höhe beinahe der seinigen gleichkam, aber sobald sie hinter der Mauer verschwunden waren, sagte Athos: Raoul, wir reisen heute abend nach Paris. Wie! rief der Jüngling erbleichend. Du kannst Frau von Saint-Remy in deinem und meinem Namen Lebewohl sagen. Ich erwarte dich hier um sieben Uhr. Der Jüngling verbeugte sich mit einem von Schmerz und Dankbarkeit gemischten Ausdruck und ging weg, um sein Pferd zu satteln. D'Artagnan war kaum aus der Sehweite, als er den Brief aus der Tasche zog, um ihn noch einmal zu lesen: Kommt auf der Stelle nach Paris zurück. J. M. Der Brief ist trocken, murmelte d'Artagnan, und wenn nicht eine Nachschrift dabei wäre, hätte ich ihn vielleicht nicht verstanden, aber zum Glück findet sich eine Nachschrift. Und er las die herrliche Nachschrift, die ihn die Trockenheit des Briefes vergessen ließ. N. S. Geht zu dem Schatzmeister des Königs in Blois; nennt ihm Euern Namen und zeigt ihm diesen Brief; Ihr werdet zweihundert Pistolen erhalten. Diese Prosa liebe ich, sprach d'Artagnan, und der Kardinal schreibt besser, als ich glaubte. Vorwärts, Planchet, wir wollen dem Schatzmeister des Königs einen Besuch machen, und dann die Sporen eingesetzt! Nach Paris! Und beide ritten in starkem Trab die Straße entlang. Herr von Beaufort Was hatte sich inzwischen in Paris ereignet und d'Artagnans Rückkehr dorthin notwendig gemacht? Als Mazarin seiner Gewohnheit gemäß eines Abends, als alle Welt sich entfernt hatte, zu der Königin ging und am Saale der Wachen vorüberkam, dessen eine Türe nach dem Vorzimmer ging, hörte er drinnen laut sprechen; er wollte wissen, worüber die Soldaten sich unterhielten, näherte sich, ebenfalls seiner Gewohnheit gemäß, mit Wolfstritten, stieß die Türe etwas auf und steckte durch die Öffnung den Kopf hinein. Es war ein Streit unter den Wachen über die Erfüllung einer Vorhersagung Coysels, über deren Inhalt der neugierige Kardinal erst Auskunft erhielt, als einer sagte: Ei, mein Gott, glaubt Ihr, die Menschen können ihrem Geschicke entgehen? Wenn es da oben geschrieben steht, daß Herr von Beaufort sich flüchten soll, so wird er sich flüchten, und alle Vorsichtsmaßregeln des Kardinals können es nicht verhindern. Mazarin bebte. Er war Italiener, das heißt, abergläubisch. Rasch trat er mitten unter die Wachen, die bei seinem Anblick ihr Gespräch abbrachen. Was sagtet Ihr, meine Herren? sprach er mit seinem schmeichelnden Lächeln. Ich glaubte zu hören, Herr von Beaufort sei entwichen. O! nein, Monseigneur, sprach ein Soldat, für den Augenblick ist noch keine Gefahr. Man sagt nur, er werde entweichen. Und wer sagt dies? Wiederholt Eure Geschichte, Saint-Laurent, sagte der Gefragte, sich zu dem früheren Erzähler wendend. Monseigneur, sprach dieser, ich erzählte nur diesen Herren, was ich von der Weissagung eines gewissen Coysel gehört habe, der behauptet, so gut auch Herr von Beaufort bewacht sei, so werde er doch vor Pfingsten entkommen. Und dieser Coysel ist ein Träumer? ein Narr? versetzte der Kardinal, beständig lächelnd. Nein, antwortete der Mann. Er weissagte viele Dinge, die geschehen sind, z. B., die Königin werde einen Sohn gebären, Coligny in einem Duell mit dem Herzog von Guise getötet, der Koadjutor zum Kardinal ernannt werden. Die Königin gebar nicht nur einen ersten Sohn, sondern auch zwei Jahre später einen zweiten, und Herr von Coligny wurde getötet. Ja, sagte Mazarin, aber der Herr Koadjutor ist noch nicht Kardinal. Nein, Monseigneur, aber er wird es werden. Mazarin machte eine Grimasse, welche sagen wollte: er hat das Barett noch nicht. Dann fügte er bei: Es ist also Eure Meinung, mein Freund, Herr von Beaufort werde sich flüchten? Ich glaube dies so fest, Monseigneur, sprach der Soldat, daß ich, wenn Ew. Eminenz mir zu dieser Stunde die Stelle des Herrn von Chavigny, das heißt, die Gouverneursstelle vom Schloß Vincennens anböte, dieselbe nicht annehmen würde. Ja, am Tage nach Pfingsten wäre es etwas anderes. Es gibt nichts Überzeugenderes, als eine feste Überzeugung. Mazarin entfernte sich also ganz in Gedanken versunken. Statt seinen Weg nach dem Zimmer der Königin fortzusetzen, kehrte er wirklich nach seinem Zimmer zurück, rief Bernouin und gab Befehl, man solle ihm am andern Morgen bei Tagesanbruch den Gefreiten holen, den er Herrn von Beaufort beigegeben habe, und ihn wecken, sobald er kommen würde. Der Soldat hatte die schmerzlichste Wunde des Kardinals mit dem Finger berührt. Seit den fünf Jahren, die Herr von Beaufort im Gefängnisse saß, verging kein Tag, an dem Mazarin nicht dachte, Herr von Beaufort werde früher oder später entkommen. Man konnte einen Enkel Heinrichs IV. nicht sein ganzes Leben lang gefangen halten, besonders wenn dieser Enkel Heinrichs IV. kaum dreißig Jahre alt war. Und welchen Haß mußte er nicht in seiner Gefangenschaft gegen den angehäuft haben, dem er sie zu danken hatte, ... der ihn, den reichen, tapfern, berühmten Prinzen, den Liebling der Damen und den Schrecken der Männer, festgenommen hatte, um von seinem Leben die schönsten Jahre abzuschneiden, denn im Gefängnis leben ist kein Dasein. Mittlerweile verdoppelte Mazarin seine Wachsamkeit gegen Herrn von Beaufort, nur glich er dem Geizigen in der Fabel, der neben seinem Schatze nicht schlafen konnte. Oft erwachte er plötzlich in der Nacht bei dem Traum, man habe ihm Herrn von Beaufort gestohlen. Dann erkundigte er sich nach ihm, und bei jeder Erkundigung, die er einzog, mußte er zu seinem Schmerz erfahren, der Gefangene spiele, trinke, singe und befinde sich ganz vortrefflich. Aber mitten im Spielen, Trinken und Singen unterbreche er sich immer wieder, um zu schwören, Mazarin solle ihm das Vergnügen, das er ihn in Vincennes zu genießen nötige, teuer bezahlen. Als man ihn am nächsten Morgen um 7 Uhr weckte, fuhr er erschreckt auf und fragte, ob Herr von Beaufort ausgebrochen sei. Nein, antwortete ihm Bernouin, aber sein Wächter La Ramée aus Vincennes, den Ihr herbefohlen habt, ist da. Der Offizier trat auf Mazarins Wink ein. Es war ein großer, dicker, pausbäckiger Mann von gutem Aussehen. Er hatte eine zuversichtliche Miene, die Mazarin beunruhigte. Dieser Bursche sieht aus wie ein Dummkopf, murmelte er. La Ramée blieb aufrecht und still an der Türe stehen. Nähert Euch, mein Herr, sagte Mazarin. Wißt Ihr, was man hier sagt? Nein, Monseigneur. Nun wohl, man sagt, Herr von Beaufort werde aus Vincennes entweichen, wenn er es nicht bereits getan hat. Das Gesicht des Offiziers drückte das tiefste Erstaunen aus. Er öffnete zugleich seine kleinen Augen und seinen großen Mund, um den Scherz besser zu kosten, den Se. Eminenz an ihn zu richten beliebte. Da er bei einer solchen Voraussetzung den Ernst nicht länger behaupten konnte, so brach er in ein so mächtiges Gelächter aus, daß seine dicken Glieder wie von einem heftigen Fieber bei dieser Heiterkeit geschüttelt wurden. Mazarin war entzückt über diesen nicht sehr respektvollen Ausbruch; aber er behielt dessenungeachtet seine ernste Miene bei. Als La Ramée genug gelacht und sich die Augen abgetrocknet hatte, dachte er, es sei Zeit zu sprechen, um die Unschicklichkeit seines Lachens zu entschuldigen. Entweichen, sprach er, entweichen? Ew. Eminenz weiß also nicht, wo Herr von Beaufort ist? – Allerdings, mein Herr, ich weiß, daß er im Kerker von Vincennes ist. – Ja, Monseigneur, in einem Zimmer, dessen Mauern sieben Fuß tief sind, mit Fenstern mit gekreuzten Gittern, an denen jede Stange armsdick ist. – Mein Herr, sagte Mazarin, mit Geduld dringt man durch alle Mauern, und mit einer Uhrfeile durchsägt man eine eiserne Stange. – Aber Monseigneur weiß nicht, daß er acht Wachen bei sich hat, vier in seinem Vorzimmer und vier in seinem Zimmer, und daß diese Wachen ihn nie verlassen. – Aber er verläßt sein Zimmer, treibt das Kolbenspiel oder das Ballspiel. – Monseigneur, solche Unterhaltungen sind den Gefangenen gestattet; wenn jedoch Seine Eminenz will, so wird man ihm dieselben entziehen. – Nein, nein. Ich frage nur, mit wem er spielt? – Monseigneur, er spielt mit dem Offizier von der Wache, oder mit mir, oder auch mit den andern Gefangenen. – Aber nähert er sich beim Spiele nicht den Mauern? – Monseigneur, Ew. Eminenz kennt die Mauern nicht? Die Mauern sind sechzig Fuß hoch, und ich bezweifle, daß Herr von Beaufort so lebensmüde ist, daß er es wagen würde, von oben herabzuspringen und den Hals zu brechen. – Hm, sagte der Kardinal, der nun ruhiger zu werden anfing, Ihr meint also, mein lieber La Ramée ... – Wenn Herr von Beaufort nicht Mittel findet, sich in ein Vögelchen zu verwandeln, so stehe ich für ihn. – Nehmt Euch in acht, Ihr behauptet zu viel, versetzte Mazarin. Herr von Beaufort sagte zu den Wachen, welche ihn nach Vincennes führten, er habe oft an den Fall einer Einkerkerung gedacht und habe für diesen Fall vierzigerlei Arten gefunden, aus dem Gefängnis zu entkommen. – Monseigneur, wenn unter den vierzig Arten eine einzige gute wäre, antwortete La Ramée, glaubt mir, so wäre er längst heraus. – Aber, wenn sich Herr von Chavigny entfernt? – Wenn er sich entfernt, bin ich da. – Aber wenn Ihr Euch selbst entfernt? – O, wenn ich mich selbst entferne, so ist an meiner Stelle ein kluger Bursche da, der Gefreiter Seiner Majestät zu werden trachtet und gute Wache hält, dafür stehe ich. Seit ich ihn vor drei Wochen in meinen Dienst genommen habe, kann ich ihm nur zum Vorwurf machen, daß er zu hart gegen den Prinzen ist. – Und wer ist dieser Cerberus? fragte der Kardinal. – Ein gewisser Grimaud, Monseigneur. – Was machte er, ehe er zu Euch nach Vincennes kam? – Er war in der Provinz, wie mir der sagte, der mir ihn empfohlen hat. Er hat sich dort wegen eines bösen Streites irgend eine schlimme Geschichte zugezogen, und es wäre ihm vielleicht erwünscht, sich Straflosigkeit unter der Uniform des Königs zu erwerben. – Und wer hat ihn Euch empfohlen? – Der Intendant des Herrn Herzogs von Grammont. – Man kann also Eurer Meinung nach auf ihn vertrauen? – Wie auf mich selbst, Monseigneur. – Er ist kein Schwätzer? – Jesus Christus, Monseigneur, ich glaubte lange, er sei stumm. Er spricht und antwortet nur durch Zeichen. Es scheint, sein früherer Herr hat ihn so abgerichtet. – Nun wohl, sagt ihm, mein lieber La Ramée, versetzte der Kardinal, wenn er gut und getreulich Wache halte, so werde man die Augen über seinen Streichen in der Provinz schließen, ihm eine Uniform aus den Rücken legen, um ihm Achtung zu verschaffen, und in die Taschen dieser Uniform einige Pistolen stecken, daß er auf die Gesundheit des Königs trinken könne. Mazarin ging sehr weit in Versprechungen. Er war das gerade Gegenteil des von La Ramée gerühmten guten Grimaud, der wenig sprach und viel handelte. Nach vielen weiteren Fragen entließ der Kardinal, einigermaßen beruhigt, den Offizier, kleidete sich an und eilte zur Königin, um ihr, die nicht minder abergläubisch war, haarklein den Bericht La Ramées zu wiederholen. Ach! sagte die Königin, als er zu Ende war, daß wir nicht bei dem Prinzen einen Grimaud haben! Geduld, sprach Mazarin mit seinem italienischen Lächeln; das wird vielleicht eines Tages kommen, aber mittlerweile ... Nun mittlerweile? Werde ich immerhin meine Vorsichtsmaßregeln nehmen. Und daraufhin hatte er d'Artagnan geschrieben, er möge seine Rückkehr beschleunigen. Der Herzog von Beaufort im Kerker Der Gefangene, der dem Herrn Kardinal so bange machte, und dessen geweissagte Entweichung die Ruhe des ganzen Hofes störten, hatte schwerlich eine Ahnung von der Angst, die man seinetwegen im Palais Royal empfand. Er sah sich so bewundernswürdig bewacht, daß er die Fruchtlosigkeit seiner Versuche erkannte; seine ganze Rache bestand darin, daß er zahllose Verwünschungen und Schmähworte gegen Mazarin ausstieß. Der Herzog war der Enkel Heinrichs IV. und Gabrieles d'Estrées, ebensogut, ebenso brav und besonders ebensosehr Gascogner, wie sein Großvater, aber bedeutend weniger in den Wissenschaften bewandert. Nachdem er eine Zeitlang nach dem Tode König Ludwigs XIII. der Erste am Hofe gewesen war, mußte er eines Tages seinen Platz an Mazarin abtreten und wurde der Zweite. Und am folgenden Tag, da er so wahnsinnig war, seinen Ärger über diese Herabsetzung laut zu äußern, ließ ihn die Königin verhaften, durch Guitaut nach Vincennes führen und dort fünf Jahre in einem nichts weniger als königlichen Turmzimmer festhalten. In dieser langen Zeit befestigte sich in seinem stolzen Herzen der Trotz gegen den verachteten Kardinal nur noch mehr. Nachdem er sich vergeblich in Epigrammen an Mazarin zu rächen versucht hatte, griff er zur Malerei, und da ihm seine ziemlich mittelmäßigen Talente in dieser Kunst nicht gestatteten, eine große Ähnlichkeit zu erreichen, so schrieb er, um keinen Zweifel über das Original des Porträts zu lassen, darunter: » Ritratto dell' illustrissimo Facchino Mazarini. « Bildnis des erlauchten Lumpenhundes Mazarini. Als Herr von Chavigny dies erfuhr, machte er dem Herzog einen Besuch und bat ihn, sich einen andern Zeitvertreib zu wählen oder wenigstens Porträte ohne Kommentar zu malen. Am andern Tag war das Zimmer voll von Bildern mit Erklärungen. Herr von Beaufort glich, wie alle Gefangenen, den Kindern, die das am liebsten tun, was man ihnen verbietet. Herrn von Chavigny wurde von dieser Profilsammlung – an Bildnisse en face wagte sich des Herzogs junge Kunst noch nicht – Mitteilung gemacht, worauf er, als Herr von Beaufort draußen Ball spielte, alle Zeichnungen abwaschen und das Zimmer übermalen ließ. Herr von Beaufort dankte Herrn von Chavigny, teilte diesmal seine Wände in Felder und widmete jedes einem Zuge aus dem Leben des berühmten Kardinals von Mazarin. Das erste Feld sollte den hochwürdigsten Schurken Mazarin darstellen, wie er eine Tracht Prügel von dem Kardinal Bentivoglio empfing, dessen Bedienter er gewesen war. Das zweite den hochwürdigsten Schurken Mazarini, wie er die Rolle des Ignaz von Loyola in der Tragödie dieses Namens spielte. Das dritte den hochwürdigsten Schurken Mazarini, wie er das Portefeuille des ersten Ministers Herrn von Chavigny stahl, der es bereits in den Händen zu haben glaubte. Das vierte endlich den hochwürdigsten Schurken Mazarini, wie er La Porte, dem Kammerdiener Ludwigs XIV., Leintücher verweigert und behauptet, es sei für einen König von Frankreich hinreichend, alle Vierteljahre die Leintücher zu wechseln. Es waren dies großartige Entwürfe, die offenbar den Umfang des Talents des Gefangenen überstiegen, und so begnügte er sich, die Rahmen zu zeichnen und die Inschriften hineinzusetzen. Aber diese Rahmen und die Inschriften genügten, um die Empfindlichkeit des Herrn von Chavigny zu erregen, der ihm, als er eines Tages im Gefängnisgarten spazieren ging, sein Feuer, mit dem Feuer seine Kohle, mit der Kohle seine Asche wegnahm, so daß er nicht das geringste mehr fand, woraus er einen Zeichenstift hätte machen können. Herr von Beaufort fluchte, tobte, heulte und sagte, man wolle ihn vor Kälte und Feuchtigkeit sterben lassen, worauf Herr von Chavigny antwortete, er habe nur sein Wort zu geben, daß er auf das Zeichnen Verzicht leiste. Herr von Beaufort gab sein Wort nicht und blieb die übrige Zeit des Winters ohne Feuer. Herr von Beaufort kaufte nun einem seiner Wächter einen Hund, namens Pistache, ab; da es den Gefangenen nicht verboten war, Hunde zu besitzen, so gab Herr von Chavigny Erlaubnis, daß das vierfüßige Tier seinen Herrn wechsle. Herr von Beaufort blieb oft stundenlang mit seinem Hunde eingeschlossen. Als Pistache hinreichend abgerichtet war, lud sein Herr eines Tages Herrn von Chavigny und die Offiziere von Vincennes zu einer großen Vorstellung ein, die er in seinem Zimmer gab. Die Eingeladenen erschienen, das Zimmer war mit so vielen Kerzen beleuchtet, als Herr von Beaufort sich hatte verschaffen können. Die Übungen begannen. Der Gefangene hatte mit einem von der Mauer abgelösten Stück Gips mitten durch das Zimmer eine lange Linie gezogen, die einen Strick darstellte. Pistache setzte sich auf den ersten Befehl seines Herrn auf diese Linie, stellte sich sodann auf seine Hinterpfoten und fing an, einen Kleiderausklopfstock zwischen seinen Vorderpfoten haltend, der Linie mit allen Windungen zu folgen, die ein Seiltänzer macht. Nachdem er die Länge der Linie zwei- oder dreimal vor- und rückwärts durchlaufen hatte, gab er den Stock Herrn von Beaufort zurück und machte dieselben Bewegungen ohne Balancierstange. Das gescheite Tier wurde mit Beifallsbezeigungen überhäuft. Hierauf zeigte Herr von Chavigny Pistache seine Uhr. Es war halb sieben Uhr. Pistache hob und senkte die Pfote sechsmal, und bei dem siebenten Mal blieb dieselbe in der Luft. Man konnte unmöglich deutlicher sein. Eine Sonnenuhr hätte nicht besser geantwortet. Dann handelte es sich darum, zu erkennen, wer der beste Kerkermeister aller Gefängnisse von Frankreich sei. Der Hund machte dreimal die Runde und legte sich auf die ehrfurchtvollste Weise Herrn Chavigny zu Füßen. Herr von Chavigny stellte sich, als fände er den Scherz vortrefflich, und lachte aus vollem Halse. Als er genug gelacht hatte, biß er sich auf die Lippen und fing an die Stirne zu runzeln. Endlich legte Herr von Beaufort Pistache die so schwer zu lösende Frage vor, wer der größte Dieb in der Welt sei? Pistache machte die Runde im Zimmer, hielt aber vor niemand stille, sondern ging an die Türe und fing an zu kratzen und zu winseln. Seht, meine Herren, sprach der Prinz, da dieses interessante Tier hier nicht findet, was es will, so beabsichtigt es außen zu suchen. Aber seid unbesorgt, seine Antwort soll Euch deshalb nicht entzogen sein. Pistache, mein Freund, fuhr Her Herzog fort, kommt hierher. Der Hund gehorchte. Ist der größte Dieb der bekannten Welt, sprach der Prinz, der Herr Sekretär des Königs, Le Camus, der mit zwanzig Livres nach Paris gekommen ist und jetzt sechs Millionen besitzt? Der Hund schüttelte den Kopf zum Zeichen der Verneinung. Ist es, fuhr der Prinz fort, Herr d'Emery, der seinem Sohne, Herrn Thoré, bei seiner Verheiratung 300,000 Livres Renten und einen Palast gegeben hat, neben dem die Tuilerien eine Baracke und der Louvre ein Rattennest sind? Der Hund schüttelte abermals den Kopf. Der ist es auch nicht, sprach der Prinz. Nun, wir wollen suchen. Sollte es zufällig der hochwürdigste Facchino Mazarini di Piscina sein? Pistache machte die eifrigsten Zeichen der Bejahung, indem er den Kopf acht- bis neunmal hob und senkte. Meine Herren, Ihr seht, sprach Herr von Beaufort zu den Anwesenden, die diesmal nicht zu lachen wagten, der hochwürdigste Facchino Mazarino di Piscina ist der größte Dieb der bekannten Welt. Pistache behauptet es wenigstens. Gehen wir zu einer andern Übung über. Meine Herren, fuhr Herr von Beaufort fort, indem er das Stillschweigen seiner Gäste benutzte und das Programm der dritten Abteilung der Abendunterhaltung verkündigte, Ihr wißt, daß der Herzog von Guise alle Hunde von Paris für Fräulein de Pons, die er für die Schönste der Schönen erklärte, springen lehrte. Nun, meine Herren, das war nichts; denn diese Tiere gehorchten mechanisch und sprangen für jeden. Pistache wird Euch, sowie dem Herrn Gouverneur zeigen, daß er hoch über seinen Genossen steht. Herr von Chavigny, habt die Güte, mir Euern Stock zu leihen. Herr von Chavigny reichte Herrn von Beaufort seinen Stock. Herr von Beaufort hielt ihn wagrecht einen Fuß hoch. Pistache, mein Freund, sagte er, mache mir das Vergnügen und springe für Frau von Montbazon. Jedermann lachte. Man wußte, daß der Herzog von Beaufort im Augenblick seiner Verhaftung der erklärte Liebhaber der Frau von Montbazon gewesen war. Pistache, mein Freund, fuhr Beaufort fort, springe für die Königin, und er hob den Stock sechs Zoll höher. Der Hund sprang ehrfurchtsvoll über den Stock. Pistache, mein Freund, sagte der Herzog und erhöhte den Stock abermals um sechs Zoll, springe für den König. Der Hund nahm einen Ansatz und sprang trotz der Höhe leicht hinüber. Und nun, aufgemerkt, sagte der Herzog und erniedrigte den Stock beinahe bis zum Boden. Pistache, mein Freund, springe für den hochwürdigsten Facchino Mazarini di Piscina. Der Hund wandte dem Stock den Rücken zu. Nun, was ist das? sagte Herr von Beaufort, indem er einen Halbkreis vom Schweif zum Kopfe des Tieres beschrieb und ihm abermals den Stock vorhielt. Spring doch, Pistache! Aber Pistache machte abermals eine halbe Wendung und bot dem Stock den Rücken. Herr von Beaufort wiederholte seine Bewegung und seine Worte. Doch diesmal war die Geduld des Tieres zu Ende. Er warf sich wütend auf den Stock, riß ihn dem Prinzen aus den Händen und zerbrach ihn zwischen seinen Zähnen. Herr von Beaufort nahm ihm die zwei Stücke aus der Schnauze, überreichte sie Herrn von Chavigny unter tausend Entschuldigungen und sagte, die Abendunterhaltung sei nun geschlossen; wenn er aber in drei Monaten einer zweiten Vorstellung beiwohnen wolle, so würde Pistache neue Stücke gelernt haben. Drei Tage nachher war Pistache vergiftet – niemals erfuhr man, von wem. Herr von Beaufort ließ ihm ein Grabmal mit folgender Inschrift errichten: Hier ruht Pistache, einer der gescheitesten Hunde, welche je gelebt haben. Herr von Chavigny, der ziemlich rachsüchtiger Natur war, fing jetzt an, Herrn von Beaufort seine Kränkungen zurückzugeben. Er nahm ihm die ihm bis jetzt gelassenen eisernen Messer und die silbernen Gabeln und ließ ihm dafür silberne Messer und hölzerne Gabeln geben. Herr von Beaufort beklagte sich, aber Herr von Chavigny ließ ihm antworten: er sei benachrichtigt worden, der Kardinal habe zu Frau von Vendome gesagt, ihr Sohn müsse sein ganzes Leben im Kerker von Vincennes bleiben, und er habe befürchtet, bei dieser unglücklichen Kunde könnte sein Gefangener sich zu einem Selbstmordsversuch verleiten lassen. Vierzehn Tage nachher fand Herr von Beaufort zwei Reihen Bäume, so dick wie ein kleiner Finger, an den Weg gepflanzt, der zum Ballspielplatz führte. Er fragte, was dies zu bedeuten habe, und man antwortete ihm, es sei, um ihm eines Tages Schatten zu geben. Eines Morgens endlich suchte ihn der Gärtner auf und meldete ihm, wie wenn er etwas Angenehmes zu berichten hätte, man lege Spargelbeete für ihn an. Es ist bekannt, daß diese Pflanzungen erst in vier bis fünf Jahren genießbares Gemüse liefern. Diese Höflichkeit versetzte Herrn von Beaufort in Wut. Herr von Beaufort dachte nun zu einem seiner vierzig Mittel zu greifen und versuchte es zuerst mit dem einfachsten, nämlich La Ramée zu bestechen. Aber La Ramée, der seine Stelle um 1500 Taler gekauft hatte, hielt große Stücke auf sein Amt. Statt auf die Absicht des Gefangenen einzugehen, eilte er stehenden Fußes zu Herrn von Chavigny und machte ihm Meldung. Sogleich stellte Herr von Chavigny acht Mann in das Zimmer des Prinzen, verdoppelte die Wachen und verdreifachte die Posten. Von diesem Augenblick an ging der Prinz nur noch wie ein Theaterkönig einher, nämlich mit vier Mann vor sich und vier Mann hinter sich, die nicht zu rechnen, die in einem Hinterglied marschierten. Herr von Beaufort lachte anfangs über diese Strenge, die ihm eine Zerstreuung bereitete. Er wiederholte so oft als möglich: Das belustigt mich, das ergötzt mich! Dann fügte er bei: Wenn ich mich übrigens Euern Ehrenbezeigungen entziehen wollte, so hätte ich noch neununddreißig andere Mittel. Aber diese Zerstreuung wurde am Ende eine Langweile. Aus Prahlerei hielt es Herr von Beaufort sechs Monate aus. Als er aber nach Ablauf von sechs Monaten sah, daß die acht Mann sich setzten, wenn er sich setzte, aufstanden, wenn er aufstand, stehen blieben, wenn er stehen blieb, so fing er an, die Stirne zu runzeln und die Tage zu zählen. Diese neue Verfolgung führte einen verdoppelten Haß gegen Mazarin herbei. Der Prinz fluchte vom Morgen bis zum Abend und sprach nur vom Zerhacken und Einmachen Mazarinischer Ohren. Es war schaudererregend. Der Kardinal, der alles erfuhr, was in Vincennes vorging, drückte unwillkürlich sein Barett bis zum Halse hinab. Eines Tages versammelte Herr von Beaufort die Wächter und hielt, obwohl seine Unfähigkeit, sich fließend auszudrücken, sprichwörtlich war, folgende Rede, die er allerdings einstudiert hatte: Meine Herren, werdet Ihr es dulden, daß ein Enkel des guten Heinrich IV. mit Beleidigungen und Schmach überhäuft wird? Ventre-saint-gris! wie mein Großvater sagte, ich habe in Paris beinahe geherrscht, wißt Ihr! Die Königin schmeichelte mir damals und nannte mich den rechtschaffensten Mann des Reiches. Meine Herren Bürger, bringt mich jetzt hinaus: ich gehe geradeswegs nach dem Louvre. Ich drehe Mazarin den Hals um. Ihr werdet meine Leibwache, ich mache Euch alle zu Offizieren, und zwar mit guten Pensionen. Ventre-saint-gris! vorwärts, marsch! Aber so pathetisch auch die Beredsamkeit des Enkels von Heinrich IV. war, so rührte sie doch diese Steinherzen nicht; nicht einer bewegte sich von der Stelle. Als Herr von Beaufort dies sah, sagte er zu ihnen, sie seien insgesamt Lumpenkerle, und machte sie sich dadurch zu grausamen Feinden. Wenn ihn zuweilen Herr von Chavigny besuchte, was er regelmäßig zwei- bis dreimal in der Woche tat, so benutzte der Herzog diese Gelegenheit, ihm zu drohen. Was werdet Ihr tun, mein Herr, sprach er zu ihm, wenn Ihr eines Tages ein Heer bis unter die Zähne bewaffneter Pariser erscheinen seht, um mich zu befreien? Monseigneur, antwortete Herr von Chavigny, indem er sich tief vor dem Prinzen verbeugte, ich habe auf meinen Wällen zwanzig Feldstücke und in meinen Kasematten dreißigtausend Schüsse: ich werde sie nach Kräften mit meinen Kanonen bearbeiten. Ja, aber wenn Ihr Eure dreißigtausend Schüsse abgefeuert habt, so werden sie den Turm nehmen, und wenn sie den Turm genommen haben, so bin ich genötigt, Euch von ihnen hängen zu lassen, was mir allerdings sehr leid tun wird. Und der Prinz verbeugte sich ebenfalls mit der größten Höflichkeit vor Herrn von Chavigny. Ich aber, Monseigneur, versetzte Herr von Chavigny, wäre, sobald der erste die Schwelle meiner Schloßpforten betreten oder den Fuß auf meinen Wall setzen würde, zu meinem größten Bedauern genötigt, Euch mit eigener Hand zu töten, da Ihr mir ganz besonders anvertraut seid und ich Euch tot oder lebendig zurückgeben muß. Und er verbeugte sich abermals vor Sr. Hoheit. Ja, fuhr der Herzog fort; da aber diese braven Leute sicherlich nicht hierherkommen würden, ohne vorher Herrn Giulio Mazarini gehenkt zu haben, so würdet Ihr Euch wohl hüten, Hand an mich zu legen, und ließet mich wohl leben, um nicht auf Befehl der Pariser von vier Pferden zerrissen zu werden, was noch viel unangenehmer ist, als das Hängen. Diese süßsauren Scherze gingen so zehn Minuten, eine Viertelstunde, zwanzig Minuten höchstens fort und endigten stets auf folgende Weise. Herr von Chavigny wandte sich nach der Türe um und rief: Holla, La Ramée! La Ramée trat ein. La Ramée! fuhr Herr von Chavigny fort, ich empfehle Euch Herrn von Beaufort ganz besonders. Behandelt ihn mit aller seinem Namen und Range schuldigen Rücksicht und verliert ihn zu diesem Zwecke nicht einen Augenblick aus dem Gesicht. Dann entfernte er sich, Herrn von Beaufort mit einer ironischen Höflichkeit grüßend, die diesen so zornig machte, daß er blau wurde. La Ramée war also der unvermeidliche Tischgenosse des Prinzen, sein ewiger Wächter, der Schatten seines Leibes geworden. Man muß aber dabei gestehen, die Gesellschaft La Ramées, eines heitern Lebemannes, eines angenehmen Kumpans, eines trinkfesten Mannes, eines großen Ballspielers, kurz eines Burschen, der im Grund seines Herzens ein guter Kerl war und für Herrn von Beaufort keinen andern Fehler hatte, als daß er sich nicht bestechen ließ, war für den Prinzen mehr eine Zerstreuung, als eine Pein. Mit dem Offizier stand es aber ganz anders. La Ramée war verheiratet und ein sehr zärtlicher Gatte und Vater. Er fand daher seine unaufhörliche Fesselung an den Gefangenen außerordentlich lästig und schließlich unerträglich und ergriff mit erklärlichem Eifer das Anerbieten seines Freundes, des Intendanten des Marschalls von Grammont, ihm einen Gehilfen zu verschaffen. Herr von Chavigny erklärte sich mit dem Plan einverstanden, wenn sich eine passende und zuverlässige Person finde, und als solche wurde eben der unsern Lesern aus den Drei Musketieren wohlbekannte Diener von Athos, der schweigend beredte Grimaud empfohlen. Grimaud tritt sein Amt an Grimaud fand sich also im Turme von Vincennes ein. Herr von Chavigny glaubte, ein unfehlbares Auge zu haben. Er prüfte also aufmerksam den Bewerber und kam zu dem Schluß, daß die nahe zusammenlaufenden Augenbrauen, die dünnen Lippen, die hakenförmige Nase und die hervorstehenden Backenknochen vollkommen genügende Anzeichen der Befähigung zum Wächteramt seien. Er richtete nur zwölf Worte an ihn, Grimaud antwortete vier. Das ist ein ausgezeichneter Bursche, und so habe ich ihn auch sogleich beurteilt, sprach Herr von Chavigny. Geht zu Herrn La Ramée und sagt ihm, Ihr entsprechet mir in jeder Beziehung. Grimaud besaß gerade die Eigenschaften, welche einen Offizier veranlassen können, ihn zum Unteroffizier zu haben. Nach tausend Fragen, die je nur zum Viertel Antwort erhielten, rieb sich La Ramée, bezaubert durch diese Mäßigkeit in Worten, die Hände und nahm Grimaud an. Der Befehl? fragte Grimaud. Folgendes: den Gefangenen nie allein lassen, ihm jedes stechende oder schneidende Instrument nehmen, ihn verhindern, den Leuten außen Zeichen zu machen oder zu lange mit seinen Wächtern zu sprechen. Dies ist alles? fragte Grimaud. Für den Augenblick ja, antwortete La Ramée. Neu eintretende Umstände führen neue Befehle herbei. Gut, antwortete Grimaud. Und er trat bei dem Herzog von Beaufort ein. Der Herzog war eben im Begriff, seinen Bart zu kämmen, den er, wie auch seine Haupthaare, wachsen ließ, um Mazarin mit der Schaustellung seines Elends und seines schlechten Aussehens zu ängstigen. Da er aber einige Tage vorher von der Höhe seines Turmes herab die schöne Frau von Montbazon, deren Andenken ihm immer noch teuer war, in einem Wagen zu sehen geglaubt hatte, so wollte er für sie nicht das sein, was er für Mazarin war, und verlangte einen bleiernen Kamm, der ihm auch bewilligt wurde. Grimaud sah bei seinem Eintritt den Kamm, den der Prinz soeben auf den Tisch gelegt hatte, und nahm ihn mit einer Verbeugung weg. Der Herzog schaute die seltsame Person staunend an, die den Kamm in ihre Tasche steckte. Holla, he! was ist das? rief der Herzog. Wer ist dieser Bursche? Grimaud antwortete nicht, sondern verbeugte sich zum zweiten Male. Bist du stumm? rief der Herzog. Grimaud machte ein verneinendes Zeichen. Was bist du denn? Antwort! Ich befehle es dir, sagte der Herzog. Wächter, antwortete Grimaud. Wächter! rief der Herzog, gut, es fehlte mir nur noch dieses Galgengesicht zu meiner Sammlung. Holla! La Ramée! Herbei! La Ramée erschien. Zum Unglück für den Prinzen wollte er sich, im Vertrauen auf Grimaud, eben nach Paris begeben. Er befand sich bereits im Hofe und kam ärgerlich zurück. Was gibt es, mein Prinz? fragte er. – Wer ist dieser Halunke, der meinen Kamm nimmt und ihn in seine Tasche steckt? fragte Herr von Beaufort. – Einer von Euern Wächtern, Monseigneur, ein sehr wackerer Bursche, den Ihr sicherlich schätzen werdet, wie Herr von Chavigny und ich. – Warum nimmt er mir meinen Kamm? – In der Tat, sagte La Ramée, warum nehmt Ihr Monseigneurs Kamm? Grimaud zog den Kamm aus seiner Tasche, strich mit dem Finger darüber, betrachtete und zeigte den dicken Zahn und sprach nur das einzige Wort: Stechend! – Das ist wahr, sagte La Ramée. – Was sagt dieses Vieh? fragte der Herzog. – Es sei von dem König jedes stechende Instrument für Monseigneur verboten. – Ei, seid Ihr verrückt, La Ramée? Ihr selbst habt mir diesen Kamm gegeben. – Und ich hatte großes Unrecht, Monseigneur, denn ich setzte mich dadurch in Widerspruch mit dem Befehl. Der Herzog schaute Grimaud, der den Kamm La Ramée übergeben hatte, wütend an. Ich sehe voraus, daß mir dieser Bursche ungeheuer mißfallen wird, murmelte der Prinz. Grimaud aber wollte nicht schon am ersten Tage unmittelbar mit dem Gefangenen brechen. Er entfernte sich also, um vier Wachen Platz zu machen, die, vom Frühstück zurückkommend, ihren Dienst wieder bei dem Prinzen versehen konnten. Der Prinz dachte seinerseits an einen neuen Spaß, der ihn ganz in Anspruch nahm. Er hatte für sein Frühstück am nächsten Tage Krebse verlangt und gedachte am heutigen einen kleinen Galgen zu verfertigen, an dem er den schönsten mitten im Zimmer hängen wollte. Die rote Farbe, die ihm das Sieden geben mußte, konnte keinen Zweifel über die Anspielung übrig lassen, und so hatte er das Vergnügen, den Kardinal in effigie zu hängen, bis er einmal in Person gehenkt würde, ohne daß man ihm zum Vorwurf machen konnte, etwas anderes als einen Krebs gehenkt zu haben. Der Tag verstrich unter den Vorbereitungen zur Hinrichtung. Der Prinz ging wie gewöhnlich spazieren, brach einige kleine Zweige ab, die dazu bestimmt waren, eine Rolle bei der Hinrichtung zu spielen, und fand nach langem Suchen ein Stück zerbrochenes Glas, was ihm das größte Vergnügen machte. In sein Zimmer zurückgekehrt, faserte er sein Sacktuch aus. Nichts hiervon entging dem beobachtenden Auge Grimauds. Am andern Morgen war der Galgen bereit; um ihn mitten in seinem Zimmer aufschlagen zu können, schabte Herr von Beaufort ein Ende mit seinem zerbrochenen Glase ab. La Ramée schaute seinem Treiben mit der Neugierde eines Vaters zu, der seine Kinder mit einem neuen Spielzeug spielen sieht. Grimaud trat ein, als der Prinz soeben sein Stück Glas niedergelegt hatte, obgleich das Zuspitzen des Galgenfußes noch nicht vollendet war; er hatte sich unterbrochen, um den Faden an das entgegengesetzte Ende des Galgens zu binden. Als er hiermit fertig war und mit dem Glase fortfahren wollte, bemerkte er, daß dieses verschwunden war. Wer hat mir mein Glas genommen? fragte der Prinz, die Stirne runzelnd. Grimaud machte ein Zeichen, daß er es sei. Wie? Du abermals! Warum hast du es mir genommen? Ja, fragte La Ramée, warum habt Ihr Seiner Hoheit das Stück Glas genommen? Grimaud, der das Glasstück in der Hand hielt, fuhr mit dem Finger darüber und sagte: Schneidend. Das ist richtig, Monseigneur, sprach La Ramée. Teufel, was für einen kostbaren Gehilfen haben wir da bekommen! Herr Grimaud, rief der Prinz, in Eurem eigenen Interesse beschwöre ich Euch, seid darauf bedacht, nie in den Bereich meiner Hand zu kommen. Grimaud machte eine Verbeugung und zog sich ans Ende des Zimmers zurück. Still, still, Monseigneur, sagte La Ramée, gebt mir Euren Galgen, ich will ihn mit meinem Messer zuspitzen. – Ihr? sagte der Herzog lachend. – Ja, ich; war das nicht Euer Wunsch? – Allerdings. – Schön, das wird nur noch drolliger werden, sprach der Herzog. Hier, mein lieber La Ramée. La Ramée spitzte den Fuß des Galgens auf das niedlichste zu. Gut, sagte der Herzog; macht mir nun ein kleines Loch in den Boden, während ich den armen Sünder hole. La Ramée kniete mit einem Fuße nieder und höhlte den Boden aus. Während dieser Zeit hing der Prinz seinen Krebs an den Faden. Dann pflanzte er den Galgen mitten im Zimmer aus und brach in ein lautes Gelächter aus. La Ramée lachte auch aus vollem Herzen, ohne recht zu wissen, warum er lachte, und die Wachen machten Chorus. Grimaud allein lachte nicht. Er näherte sich La Ramée, deutete auf den Krebs, der sich am Ende des Fadens drehte, und sagte: Kardinal. Gehenkt von Sr. Hoheit, dem Herzog von Beaufort, versetzte der Prinz, immer stärker lachend, und von Meister Jacques Chrysostomo La Ramée, Gefreitem des Königs. La Ramée stieß einen Schrei des Schreckens aus und stürzte nach dem Galgen, den er aus der Erde riß und in kleine Stücke zerbrach, die er zum Fenster hinauswarf. Er hatte so gänzlich den Kopf verloren, daß er auch den Krebs hinauswerfen wollte, als Grimaud ihm denselben aus den Händen nahm und sagte: Gut zum Essen. Und er steckte den Krebs in seine Tasche. Aber die Geschichte von dem Krebs machte zur größten Verzweiflung La Ramées bald im Innern des Gefängnisses die Runde und durch Herrn von Chavigny, der in der Tiefe seines Herzens den Kardinal verabscheute, auch außerhalb. Mittlerweile hatte der Herzog unter seinen Wachen einen Mann von ziemlich gutem Aussehen bemerkt, den er um so freundlicher behandelte, als ihm Grimaud jeden Augenblick mehr mißfiel. Eines Morgens, als er diesen Mann beiseite genommen hatte und mit ihm einige Zeit allein sprach, trat Grimaud ein, betrachtete, was vorging, näherte sich ehrfurchtsvoll der Wache und dem Prinzen und nahm die Wache beim Arme. Was wollt Ihr? fragte der Prinz mit hartem Tone. Grimaud führte die Wache einige Schritte weg, deutete auf die Türe und sagte: Geht. Die Wache gehorchte. Ihr seid mir ganz unerträglich! rief der Prinz. Grimaud verbeugte sich ehrfurchtsvoll. Ich breche Euch die Knochen entzwei, schrie der Prinz in Verzweiflung. Grimaud verbeugte sich und wich zurück. Herr Spion, fuhr der Herzog fort, ich erdroßle Euch mit meinen Händen. Grimaud verbeugte sich abermals und wich immer mehr zurück. Und zwar, versetzte der Prinz, der es für das beste hielt, sogleich ein Ende zu machen, sofort, in diesem Augenblick. Und er streckte seine krampfhaft geballten Hände gegen Grimaud aus, der nun die Wache hinausstieß und die Türe hinter ihr schloß. In diesem Augenblick fühlte er, wie die Hände des Prinzen sich auf seine eisernen Schultern herabsenkten. Aber statt zu rufen oder sich zu verteidigen, beschränkte er sich darauf, langsam seinen Zeigefinger in die Höhe seiner Lippen zu führen und mit dem freundlichsten Lächeln leise das Wort: Stille! zu sagen. Ein Lächeln, eine Gebärde und ein Wort von Grimaud war etwas so Seltenes, daß Seine Hoheit plötzlich, voll Staunen inne hielt. Grimaud benutzte diesen Augenblick, um aus dem Futter seines Wamses ein zierliches Briefchen mit aristokratischem Siegel hervorzuziehen, dem sein langer Aufenthalt in Grimauds Kleidern seinen früheren Wohlgeruch nicht hatte benehmen können, und reichte es dem Herzog, ohne ein Wort zu sprechen. Immer mehr erstaunt, ließ der Herzog Grimaud los, nahm den Brief und rief, die Handschrift erkennend: Von Frau von Montbazon! Grimaud machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopfe. Der Herzog zerriß rasch den Umschlag, fuhr mit der Hand über die Augen und las: Mein lieber Herzog! Ihr könnt Euch vollkommen dem braven Burschen anvertrauen, der Euch dieses Billett zustellt, denn er ist der Bediente eines Edelmannes, der zu uns gehört und für ihn als einen durch zwanzigjährige Treue erprobten Mann bürgt. Er hat sich dazu verstanden, in den Dienst Eures Gefreiten zu treten und sich mit Euch in Vincennes einzuschließen, um Eure Flucht, die wir planen, vorzubereiten und zu unterstützen. Der Augenblick der Befreiung ist nahe; faßt Geduld und Mut und bedenkt, daß trotz Zeit und Abwesenheit alle Eure Freunde die Gefühle bewahrt haben, die sie für Euch hegten. Euere stets und immer wohlgeneigte Marie von Montbazon. Der Herzog blieb einen Augenblick wie betäubt. Was er seit fünf Jahren suchte, ohne es zu finden, einen Diener, einen Beistand, einen Freund, das fiel ihm plötzlich vom Himmel zu und zwar in einem Augenblick, wo er es am wenigsten erwartete. Er schaute Grimaud erstaunt an, nahm dann den Brief wieder vor und las ihn noch einmal von Anfang bis zu Ende. Oh! teure Marie, murmelte er dann, sie ist es also gewesen, die ich im Hintergrunde ihres Wagens wahrgenommen habe. Wie, sie denkt noch an mich nach einer Trennung von fünf Jahren! Bei Gott, das ist eine himmlische Beständigkeit. Dann fügte er, sich gegen Grimaud umwendend, bei: Und du, mein braver Junge, du willst uns also helfen? – Grimaud machte ein bejahendes Zeichen. – Du bist nur deshalb hierhergekommen? – Grimaud wiederholte sein Zeichen. – Und ich wollte dich erdrosseln! rief der Herzog. – Grimaud lächelte. – Doch halt, sprach der Herzog und suchte in seinen Taschen. – Warte, fuhr er dann, seinen fruchtlosen Versuch erneuernd, fort, man soll nicht sagen, eine solche Aufopferung für einen Enkel Heinrichs IV. bleibe unbelohnt. Als Grimaud die Enttäuschung und den Ärger des Herzogs bemerkte, zog er aus seiner Tasche eine Börse voll Gold, überreichte sie ihm und sagte: Das ist es, was Ihr sucht. Der Herzog öffnete die Börse und wollte sie in Grimauds Hände leeren, Grimaud aber schüttelte den Kopf und sprach zurückweichend: Ich danke, Monseigneur, ich bin bezahlt. Der Herzog fiel aus einem Erstaunen ins andere. Er reichte ihm die Hand; Grimaud näherte sich und küßte sie ehrfurchtsvoll. Athos' vornehme Manieren waren eine Schule für Grimaud gewesen. Und nun, fragte der Herzog, was werden wir tun? Es ist elf Uhr, versetzte Grimaud. Um zwei Uhr verlange Monseigneur eine Partie Ball mit La Ramée zu spielen und schleudere zwei bis drei Bälle über den Wall. Wohl, und dann? Dann ... wird sich Monseigneur der Mauer nähern und einem Manne, der im Graben arbeitet, zurufen, er solle sie ihm zurückwerfen. Ich begreife, sagte der Herzog. Grimauds Gesicht schien eine lebhafte Befriedigung auszudrücken; bei dem geringen Gebrauch, den er von der Gewohnheit der Sprache machte, wurde ihm das Reden schwer, doch bat er noch den Herzog, ihn weiter so verächtlich zu behandeln wie zuvor. Da klopfte man an die Türe. Der Herzog steckte den Brief und die Börse in die Tasche und warf sich auf sein Bett. Man wußte, daß dies seine Zuflucht in seinen großen Augenblicken des Ärgers und der Langweile war. Grimaud öffnete; es war La Ramée, der vom Kardinal zurückkehrte, wo die von uns erzählte Scene vorgefallen war. La Ramée warf einen forschenden Blick um sich her, und als er immer noch dieselben Symptome des Widerwillens zwischen dem Gefangenen und seinem Wächter wahrnahm, lächelte er voll innerer Zufriedenheit und sagte zu Grimaud: Gut, mein Freund, gut; man hat geeigneten Orts von Euch gesprochen, und ich hoffe, Ihr sollt bald eine Neuigkeit erfahren, die Euch nicht unangenehm sein wird. Grimaud grüßte mit einer Miene, die er freundlich zu machen suchte, und entfernte sich. Nun, Monseigneur, sprach La Ramée mit seinem plumpen Lachen, Ihr schmollt immer noch mit diesem armen Burschen? Ah! Ihr seid es, La Ramse, sagte der Herzog; meiner Treu, es war Zeit, daß Ihr kamet. Ich hatte mich auf mein Bett geworfen und die Nase der Wand zugedreht, um der Versuchung nicht nachzugeben, mein Wort zu halten und diesen Schurken Grimaud zu erdrosseln. – Ich zweifle, erwiderte La Ramée, daß der mundfaule Bursche Eurer Hoheit etwas Unangenehmes gesagt hat. – Bei Gott, ich glaube wohl; ein Stummer aus dem Orient. Ich schwöre Euch, es war Zeit, daß Ihr zurückkamet, La Ramée, und es drängte mich. Euch wiederzusehen. – Monseigneur ist zu gütig, versetzte La Ramée, von dem Komplimente geschmeichelt. – Ja, fuhr der Herzog fort, in der Tat, ich fühle mich heute von einer Ungeschicklichkeit, die Euch Vergnügen gewähren wird. – Wir machen also eine Partie Ball? sagte La Ramée mechanisch; nur bitte ich Eure Hoheit um Vergebung, ich bedarf einer halben Stunde Frist. – Und warum dies? – Weil Monseigneur Mazarin, von dem ich komme, obgleich nicht von so hoher Geburt, doch viel stolzer ist, als Ihr, und mich zum Frühstück einzuladen vergessen hat. – Nun wohl, so will ich Dir ein Frühstück hierher bringen lassen. – Nein, Monseigneur, ich muß Euch sagen, daß der Pastetenbäcker, der dem Schlosse gegenüber wohnte, und den man den Vater Marteau nannte ... – Nun? – Vor acht Tagen sein Besitztum an einen Pastetenbäcker von Paris verkauft hat, dem die Ärzte, wie es scheint, die Landluft anrieten. – Was geht das mich an? – Wartet doch, Monseigneur. Dieser verdammte Pastetenbäcker hat vor seiner Bude eine Masse von Dingen, die einem den Mund wässerig machen. – Leckermaul! – Ei, mein Gott, Monseigneur, versetzte La Ramée, man ist doch kein Leckermaul, wenn man gern gut ißt. Es liegt in der Natur des Menschen, daß er in Pasteten, wie in allen andern Dingen möglichst Vollkommenes sucht. Dieser Spitzbube von einem Pastetenbäcker, Monseigneur, kam nun, als er mich vor seiner Bude still stehen sah, dummdreist auf mich zu und sagte mir: Herr La Ramée, ich muß die Kundschaft der Gefangenen bekommen. Ich habe dieses Etablissement von meinem Vorgänger gekauft, weil er mir die Versicherung gab, er liefere für das Schloß, und auf meine Ehre, Herr von Chavigny hat seit den acht Tagen, die ich hier bin, noch kein Törtchen bei mir holen lassen. – Dies ist ohne Zweifel der Fall, antwortete ich ihm, weil Herr von Chavigny befürchtet. Euer Gebäck sei nicht gut. – Nicht gut, mein Gebäck! Nun wohl, Herr La Ramée, Ihr sollt selbst Richter sein, und zwar auf der Stelle! – Ich kann nicht, antwortete ich, denn ich muß sogleich ins Schloß zurückkehren. – Nun wohl, sagte er, so macht Eure Geschäfte ab, da Ihr Eile zu haben scheint, und kommt in einer halben Stunde wieder. – In einer halben Stunde? – Ja. Habt Ihr gefrühstückt? – Meiner Treu, nein! – Seht, hier ist eine Pastete, die Euch mit einer Flasche Burgunder erwartet. – Und Ihr begreift, Monseigneur, da ich noch ganz nüchtern bin, so möchte ich mit Erlaubnis Ew. Hoheit ... Und La Ramée verbeugte sich. Geh also, Vieh, sprach der Herzog, aber merke dir wohl, ich gebe dir nur eine halbe Stunde. – Darf ich dem Nachfolger von Vater Marteau Eure Kundschaft versprechen? – Ja, vorausgesetzt, daß er mir keine giftigen Schwämme in seine Pasteten tut. La Ramse entfernte sich in größter Eile. Die Pasteten des Pariser Bäckers Eine halbe Stunde nachher kehrte La Ramée munter und vergnügt zurück, wie ein Mensch, der gut gegessen und besonders gut getrunken hat. Er hatte vortreffliche Pasteten und köstlichen Wein gefunden. Das Wetter war schön und gestattete die beabsichtigte Partie, bei der es dem Herzog, da sie das sogenannte Langballspiel betrieben, leicht fallen mußte, das zu tun, was ihm Grimaud empfohlen hatte, das heißt, die Bälle in den Graben zu schleudern. Solange es indessen nicht zwei Uhr geschlagen hatte, war der Herzog nicht zu ungeschickt, denn zwei Uhr war die bestimmte Stunde. Er verlor jedoch die bis dahin eingegangenen Partien, wodurch er ein Recht erhielt, zornig zu werden und Fehler auf Fehler zu machen. Als es zwei Uhr schlug, fingen die Bälle an, den Weg nach dem Graben zu nehmen und zwar zur großen Freude La Ramées, der bei jedem Hinaus, das der Prinz machte, fünfzehn Punkte gewann. Die Hinaus nahmen so zu, daß es bald an Bällen fehlte. La Ramée schlug nun vor, jemand hinabzuschicken, um sie aus dem Graben zu holen. Aber der Herzog bemerkte, das wäre verlorene Zeit, näherte sich dem Walle, der an dieser Stelle wenigstens fünfzig Fuß hoch war, und erblickte einen Mann, der in einem der tausend Gärtchen jenseit des Grabens arbeitete. He, Freund! rief der Herzog. Der Mann schaute empor, und der Prinz war im Begriff, einen Schrei des Erstaunens auszustoßen. Dieser Mann, dieser Bauer, dieser Gärtner war Rochefort, den der Prinz in der Bastille vermutete. Nun, was gibt es da oben? fragte der Mann. Habt die Gefälligkeit, unsere Bälle zurückzuwerfen, rief der Herzog. Der Gärtner machte ein Zeichen mit dem Kopf und begann die Bälle zurückzuwerfen, die La Ramée und die Wachen aufhoben. Einer fiel vor die Füße des Herzogs, und da dieser offenbar für ihn bestimmt war, so steckte er ihn in seine Tasche. Dann machte er dem Gärtner ein Zeichen des Dankes und kehrte zu seiner Partie zurück. Er erklärte aber, er schäme sich so großer Ungeschicklichkeit und wolle nicht weiter spielen. La Ramée war entzückt, einen Prinzen von Geblüt völlig geschlagen zu haben. Der Prinz kehrte in sein Zimmer zurück und legte sich nieder. Das tat er beinahe den ganzen Tag, seitdem man ihm seine Bücher genommen hatte. La Ramée nahm die Kleider des Prinzen, unter dem Vorwand, sie seien mit Staub bedeckt und er müsse sie ausbürsten lassen, in Wirklichkeit aber, um sicher zu sein, daß sich der Prinz nicht von der Stelle bewegte. Er war ein vorsichtiger Mann, dieser La Ramée. Glücklicherweise hatte der Prinz Zeit gehabt, den Ball unter seinem Kopfpfühl zu verbergen. Sobald die Türe geschlossen war, zerriß der Herzog den Umschlag des Balles mit seinen Zähnen, denn man ließ ihm kein schneidendes Instrument; zum Essen hatte er nur Messer mit silbernen Klingen, die nicht schnitten. In dem Umschlag steckte ein Brief, der folgende Zeilen enthielt: »Monseigneur, Eure Freunde wachen, und die Stunde Eurer Befreiung naht. Verlangt übermorgen eine Pastete zu essen von dem neuen Pastetenbäcker, der den Laden des früheren gekauft hat und niemand anders ist, als Noirmont, Euer Hausmeister. Öffnet die Pastete erst, wenn Ihr allein seid. Ich hoffe, Ihr werdet mit ihrem Inhalt zufrieden sein. Ew. Hoheit stets ergebener Diener, in der Bastille wie anderswo, Graf von Rochefort.« Der Herzog von Beaufort verbrannte den Brief, wie er dies zu seinem großen Bedauern mit dem Billet der Frau von Montbazon getan hatte. Kaum daß er es getan hatte, so trat der wachsame La Ramée ein und fragte: Bedarf Monseigneur etwas? Mit großer Kunst wußte der Herzog das sich zwischen ihm und Ramée entspinnende Zwiegespräch so zu lenken, daß sein Wächter selbst die Fragen stellte, die er hören wollte. So lud er La Ramée, von dem wir wissen, daß er ein Feinschmecker war, für den übernächsten Tag, den Pfingsttag, zu einem leckeren Mahle unter vier Augen ein, ohne daß sein Partner seine Absicht merken konnte. Das Anerbieten war verführerisch, aber La Ramée war ein alter Pfiffikus, der alle Fallen kannte, die ein Gefangener stellen kann. Herr von Beaufort hatte, wie er sagte, vierzig Mittel vorbereitet, um aus dem Gefängnis zu entfliehen. Verbarg dieser Schmaus nicht etwa doch eine List? Er dachte einen Augenblick nach. Nun, fragte der Herzog, geht es? – Ja, Monseigneur, unter einer Bedingung. – Unter welcher? – Daß uns Grimaud bei Tafel serviert. Nichts konnte dem Prinzen angenehmer sein. Er hatte sich jedoch so weit in der Gewalt, daß er seinem Gesicht einen starken Anflug übler Laune gab. Zum Teufel mit Eurem Grimaud! rief er, er wird mir den ganzen Schmaus verderben. – Ich befehle ihm, sich hinter Eurer Hoheit zu halten, und da er kein Wort spricht, so wird ihn Eure Hoheit weder sehen noch hören und mit etwas gutem Willen sich einbilden, er sei hundert Meilen entfernt. – Mein Lieber, entgegnete der Herzog, wißt Ihr, was ich am klarsten in allem dem sehe? Daß Ihr mir mißtraut. – Monseigneur, es ist übermorgen Pfingsten. – Was geht mich Pfingsten an? Ist Euch bange, der heilige Geist könnte in der Gestalt einer feurigen Zunge herabsteigen, um mir die Türe meines Kerkers zu öffnen? – Nein, Monseigneur, aber Ihr wißt, was der Magier prophezeit hat. – Und was hat er prophezeit? – Der Pfingsttag werde nicht vorübergehen, ohne daß Eure Hoheit sich außerhalb Vincennes befinde. – Du glaubst also an Magier, Dummkopf? – Ich? sagte La Ramée, ich kümmere mich nicht so viel darum, und er schnalzte mit den Fingern, aber Monsignor Giulio kümmert sich darum; als Italiener ist er abergläubisch. Der Herzog zuckte die Achseln. Nun wohl, es sei, sagte er mit vortrefflich gespielter Nachgiebigkeit, ich nehme Grimaud an, denn sonst würde die Sache nie zu stande kommen; aber ich will niemand außer Grimaud. Ihr besorgt alles und bestellt ein Abendbrot, wie Ihr es für gut findet; das einzige Gericht, das ich bezeichne, ist eine von den Pasteten, von denen Ihr gesprochen habt. Ihr bestellt sie für mich, damit der Nachfolger von Vater Marteau sich selbst übertrifft, und Ihr versprecht ihm meine Kundschaft für die ganze Zeit, die ich im Kerker bleibe. Monseigneur, sagte La Ramée, ich will das Abendessen bestellen. – Und Ihr glaubt, Ihr werdet etwas aus Eurem Zögling machen können? – Ich hoffe es, antwortete La Ramée. An der Tür blieb er stehen und fragte: Wen befiehlt Monseigneur hierherzuschicken? – Wen Ihr wollt, nur Grimaud nicht. – Den Offizier der Wache also. Mit seinem Schachspiel? – Ja. La Ramée entfernte sich. Fünf Minuten nachher trat der Offizier der Wache ein, und der Herzog schien sich ganz in die seltsamen Kombinationen des Schachspiels zu vertiefen. Es ist ein eigentümliches Ding um den Geist! Welche Wirkungen bringen darin manchmal ein Zeichen, ein Wort, eine Hoffnung hervor! Der Herzog war seit fünf Jahren im Gefängnis, und ein Blick rückwärts ließ ihm diese fünf Jahre minder lang erscheinen, als die achtundvierzig Stunden, die ihn noch von der zu seiner Entweichung bestimmten Stunde trennten. Alle Hoffnung und alle Zweifel stürmten zugleich auf ihn ein. Kein Wunder, daß es beim Schach ging wie beim Ballspiel: der Herzog machte Fehler über Fehler, und der Offizier der Wache schlug ihn am Abend, wie La Ramée am Morgen. Aber seine fortwährenden Niederlagen hatten einen Vorteil; es waren drei Stunden gewonnen, dann sollte die Nacht kommen und mit der Nacht der Schlaf. So dachte der Herzog wenigstens, aber der Schlaf ist eine sehr launenhafte Gottheit, und als sie sich ihm endlich hingab, wurde sein Schlummer durch die unruhigsten Träume gestört. Als am nächsten Morgen La Ramée eintrat, fand er ihn so bleich und abgemattet, daß er ihn fragte, ob er krank sei. In der Tat, sprach eine der Wachen, die im Zimmer gelegen hatte und wegen eines Zahnwehs infolge der Feuchtigkeit nicht hatte schlafen können, Monseigneur hat eine sehr unruhige Nacht gehabt und zwei- oder dreimal im Traum um Hilfe gerufen. Was fehlt denn Monseigneur? fragte La Ramée. Du bist es, Dummkopf, sagte der Herzog, der mir mit seinem albernen Entweichungsgeschwätz gestern den Kopf verwirrt hat; du bist schuld, daß mir träumte, ich fliehe und breche auf der Flucht den Hals. La Ramée brach in ein Gelächter aus. Ihr seht, Monseigneur, sprach La Ramée, das ist eine Stimme vom Himmel; ich hoffe auch, Monseigneur wird nie die Unklugheit begehen, die Eure Hoheit geträumt hat. – Und Ihr habt recht, mein lieber La Ramée, erwiderte der Herzog, den Schweiß abtrocknend, der noch über seine Stirne lief, obgleich er völlig wach war, ich will nur noch an Essen und Trinken denken. – St! flüsterte La Ramée. Und er entfernte die Wachen eine nach der andern unter irgend einem Vorwand. Nun? fragte der Herzog, als sie allein waren. – Euer Mahl ist bestellt, antwortete La Ramée. – Und worin wird es bestehen? laßt hören, mein Herr Obersthofmeister. – Monseigneur hat versprochen, sich auf mich zu verlassen. – Es wird eine Pastete dabei sein? – Ich glaube wohl, so dick wie ein Turm. – Von dem Nachfolger des Vaters Marteau? – Wie befohlen. – Und du hast gesagt, sie sei für mich? – Ich habe es ihm gesagt. – Und was antwortete er? – Er wolle tun, was in seinen Kräften stehe, um Eure Hoheit zufriedenzustellen. – Vortrefflich! rief der Herzog, sich die Hände reibend. – Teufel! Monseigneur, sprach La Ramée, wie Ihr Euch Plötzlich auf ein leckeres Mahl freut; seit fünf Jahren habe ich Euch nie so vergnügt gesehen, wie in diesem Augenblick. Der Herzog sah, daß er sich nicht genug bemeistert hatte; aber da Grimaud gehorcht und begriffen hatte, daß La Ramée von seinen Gedanken abgebracht werden müsse, trat er in diesem Augenblick ein und bedeutete La Ramée durch ein Zeichen, er habe ihm etwas zu sagen. La Ramée näherte sich Grimaud, der ganz leise mit ihm sprach. Der Herzog gewann mittlerweile seine Ruhe wieder und sagte: Ich habe diesem Menschen bereits verboten, sich ohne meine Erlaubnis hier zu zeigen. – Monseigneur, erwiderte La Ramée, man muß ihm vergeben, denn ich habe ihn bestellt. – Warum habt Ihr ihn bestellt?... weil Ihr wißt, daß er mir mißfällt? – Monseigneur erinnert sich, was verabredet worden ist, erwiderte La Ramée, und daß er uns bei dem bekannten Abendessen bedienen muß. Monseigneur hat das Abendessen vergessen. – Nein. Aber ich hatte Herrn Grimaud vergessen. – Monseigneur weiß, daß es ohne ihn kein Abendessen gibt. – Nun, so macht, wie Ihr wollt. – Tretet näher, mein Lieber, sprach La Ramée, und hört, was ich Euch sage. Grimaud näherte sich mit seinem griesgrämigsten Gesicht. La Ramée fuhr fort: Monseigneur erweist mir die Ehre, mich auf morgen zum Abendessen unter vier Augen einzuladen. Grimaud machte ein Zeichen, durch das er sagen wollte, er wisse nicht, was ihn das angehe. Doch, doch, erwiderte La Ramée, die Sache geht Euch allerdings an, denn Ihr sollt die Ehre haben, uns zu servieren, abgesehen davon, daß, so guten Appetit und so großen Durst wir auch haben werden, immer noch etwas auf dem Grunde der Schüsseln und auf dem Boden der Flaschen zurückbleiben wird, und dieses Etwas ist für Euch. Grimaud verbeugte sich zum Danke. Und nun, Monseigneur, sprach La Ramée, bitte ich Eure Hoheit um Entschuldigung. Es scheint, Herr von Chavigny entfernt sich auf einige Tage, und er läßt mir sagen, er habe vor seiner Abreise noch einige Befehle zu geben. Geht, sagte der Herzog zu La Ramée, und kommt bald zurück. Will Monseigneur Revanche für die Ballpartie von gestern haben? Grimaud machte ein unmerkliches Zeichen von oben nach unten. Ja, sagte der Herzog, aber nehmt Euch in acht, mein lieber La Ramée, die Tage folgen sich, aber sie gleichen sich nicht. La Ramée entfernte sich, Grimaud folgte ihm mit den Augen, ohne daß sein übriger Körper nur um eine Linie von seiner Richtung abging; als er die Türe wieder geschlossen sah, zog er rasch einen Bleistift und ein Blatt Papier aus seiner Tasche und sagte: Schreibt, Monseigneur. Und was soll ich schreiben? Grimaud machte ein Zeichen mit dem Finger und diktierte: Alles ist für morgen abend bereit; habt acht von sieben bis neun Uhr, bringt zwei Reitpferde mit, wir steigen durch das erste Fenster der Galerie hinab. Der Herzog unterzeichnete. Hat Monseigneur den Ball verloren? fragte Grimaud. – Welchen Ball? – Den, der den Brief enthielt. – Nein, ich dachte, er könnte uns nützlich sein. Hier ist er. Und der Herzog zog den Ball unter dem Kopfpfühl hervor und reichte ihn Grimaud. Grimaud lächelte so angenehm, als es ihm nur immer möglich war. Nun? fragte der Herzog. – Ich nähe das Papier in den Ball, und wenn Ihr spielt, werft Ihr ihn in den Graben. – Aber vielleicht geht er verloren? – Seid unbesorgt, es ist einer da, der ihn aufhebt. – Ein Gärtner? – Grimaud machte ein bejahendes Zeichen. – Der von gestern?– Grimaud wiederholte sein Zeichen. Der Graf von Rochefort also? Grimaud machte zum drittenmal ein bejahendes Zeichen. Aber sage mir doch etwas über die Art und Weise, wie wir fliehen sollen, sprach der Herzog. – Es ist mir vor dem Augenblick der Ausführung verboten. – Wer sind die, welche mich auf der andern Seite des Grabens erwarten werden? – Ich weiß es nicht, Monseigneur. – Aber teile mir doch wenigstens mit, was die Pastete enthalten wird, wenn du nicht willst, daß ich verrückt werden soll. – Monseigneur, sie wird zwei Dolche, einen Strick mit Knoten und eine Maulbirne (einen Knebel mit Sprungfeder) enthalten. – Gut, ich begreife. – Monseigneur sieht, daß für alles gesorgt ist. – Wir nehmen für uns die Dolche und den Strick, sagte der Herzog. – Und lassen La Ramée die Birne essen, versetzte Grimaud. – Mein lieber Grimaud, sprach der Herzog, du sprichst nicht oft, aber man muß dir Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn du sprichst, sprichst du goldene Worte. Marie Michons Abenteuer Ungefähr um dieselbe Stunde, wo die Fluchtpläne zwischen dem Herzog von Beaufort und Grimaud entworfen wurden, ritten zwei Männer, gefolgt von einem Bedienten, durch die Rue du Faubourg Saint-Marcel in Paris ein. Diese zwei Männer waren der Graf de la Fère und der Vicomte von Bragelonne. Die Reisenden hielten in der Rue du Vieux-Colombier vor dem Gasthof Zum grünen Fuchs an. Athos kannte die Taverne seit geraumer Zeit. Hundertmal war er mit seinen Freunden dahingekommen; aber seit zwanzig Jahren waren, bei den Wirtsleuten anzufangen, vielfache Veränderungen in diesem Hotel vorgegangen. Die Reisenden überließen ihre Pferde den Knechten, und da es edle Tiere waren, so befahlen sie, ihnen nur Stroh und Hafer zu geben und die Brust und die Beine mit warmem Weine zu waschen. Sie hatten zwanzig Meilen in einem Tage zurückgelegt. Nachdem sie sich, wie sich's für echte Kavaliere ziemt, zuerst mit ihren Pferden beschäftigt hatten, verlangten sie zwei Zimmer für sich. Ihr werdet Toilette machen, Raoul, sprach Athos, ich stelle Euch jemand vor. Heute, Herr? fragte der Jüngling. Der Jüngling verbeugte sich. Nicht so ausdauernd wie Athos, der von Eisen zu sein schien, würde er vielleicht ein Bad in der Seine vorgezogen haben. Dann wäre ihm wohl ein Bett willkommener gewesen, aber der Graf de la Fère hatte gesprochen, und er dachte nur daran, ihm zu gehorchen. Kleidet Euch sorgfältig, Raoul, sagte Athos, man soll Euch schön finden. Ich hoffe, Herr, erwiderte der Jüngling lächelnd. Es handelt sich doch nicht um eine Heirat? Ihr kennt meine Verbindung mit Luise. Athos lächelte ebenfalls. Nein, seid ruhig, sprach er, obgleich ich Euch einer Dame vorstellen werde. Einer Dame? sagte Raoul. Ja, ich wünsche sogar, daß Ihr sie liebt. Der junge Mensch schaute den Grafen mit einer gewissen Unruhe an; aber Athos' Lächeln beruhigte ihn bald wieder. Und wie alt ist sie? fragte der Vicomte von Bragelonne. Mein lieber Raoul, sagte Athos, vernehmet ein- für allemal, daß dies eine Frage ist, die man nie tut. Wenn Ihr auf dem Gesicht einer Frau ihr Alter lesen könnt, so ist es unnütz, sie zu fragen; könnt Ihr es nicht, so ist es indiskret. Ist sie schön? Vor sechzehn Jahren galt sie nicht nur für die schönste, sondern auch für die anmutigste Frau Frankreichs. Diese Antwort beruhigte den Vicomte völlig. Athos konnte ihn nicht mit einer Frau verbinden wollen, die schon ein Jahr vor seiner Geburt für die hübscheste und anmutigste Dame Frankreichs gegolten hatte. Er zog sich also in sein Zimmer zurück und bemühte sich, mit der Koketterie, die der Jugend so gut steht, Athos' Auftrag Folge zu leisten, das heißt, sich so schön als möglich zu machen. Bei dem aber, was die Natur für ihn getan hatte, war dies ein Leichtes. Als er wieder erschien, empfing ihn Athos mit dem väterlichen Lächeln, mit dem er einst d'Artagnan empfangen hatte, das aber Raoul gegenüber eine noch tiefere Zärtlichkeit abspiegelte. Athos warf einen Blick auf Füße, auf Hände und Haare des Jünglings, diese drei aristokratischen Kennzeichen. Seine schwarzen Haare waren gleichmäßig abgeteilt, wie man sie in jener Zeit trug, und fielen, sein Gesicht umrahmend, auf die Schultern herab. Handschuhe von grauem Damhirschleder, welche mit seinem Hute im Einklang standen, hoben eine feine, elegante Hand hervor, während seine Stiefel von derselben Farbe, wie seine Handschuhe und sein Hut, einen Fuß umspannten, der einem zehnjährigen Kinde zu gehören schien. Gut, murmelte er; wenn sie nicht stolz auf ihn ist, so muß sie sehr anspruchsvoll sein. Es war drei Uhr nachmittags, das heißt, die schickliche Stunde zu Besuchen. Die zwei Reisenden gingen nach der Rue de Grenelle, schlugen den Weg nach der Rue des Rosiers ein, traten in die Rue Saint-Dominique und hielten vor einem prachtvollen Hotel an, das den Jakobinern gegenüber lag und mit dem Wappen des Hauses Luynes geschmückt war. Hier ist es, sprach Athos. Er trat in den Palast mit dem festen, sichern Schritte, der dem Portier andeutet, daß der Eintretende das Recht hat, so zu handeln. Er stieg die Treppe hinauf, wandte sich an einen Bedienten, der in großer Livree wartete, und fragte, ob die Frau Herzogin von Chevreuse den Herrn Grafen de la Fère empfangen könne. Einen Augenblick nachher kam der Lakai zurück und sagte, obgleich die Frau Herzogin von Chevreuse nicht die Ehre habe, den Herrn Grafen de la Fère zu kennen, so bitte sie ihn doch, eintreten zu wollen. Athos folgte dem Bedienten, der ihn eine lange Reihe von Zimmern durchwandern ließ, und blieb endlich vor einer geschlossenen Türe stehen. Man fand sich in einem Salon. Athos machte dem Vicomte von Bragelonne ein Zeichen, da zu verweilen, wo er war. Der Lakai öffnete und meldete den Herrn Grafen de la Fère. Frau von Chevreuse, von der wir so oft in den Drei Musketieren gesprochen haben, ohne sie selbst unsern Lesern vorzustellen, galt immer noch für eine sehr schöne Frau. Obgleich sie zu dieser Zeit 44 bis 45 Jahre alt war, so schien sie doch kaum 38 bis 39 zu zählen. Sie besaß immer noch ihre schönen blonden Haare, ihre großen, lebhaften, verständigen Augen, welche die Intrige so oft geöffnet und die Liebe so oft geschlossen hatte, und ihren Nymphenwuchs, der sie, wenn man sie von hinten erblickte, immer wie ein junges Mädchen erscheinen ließ. Sie war übrigens immer noch das tolle Geschöpf, das seinen Liebschaften ein solches Gepräge von Originalität verliehen hatte, daß ganz Frankreich davon erfüllt war. Die Herzogin befand sich in einem überaus prächtigen kleinen Boudoir, dessen Fenster aus den Garten ging. Sie hielt in der Hand ein halb geöffnetes Buch, und der Arm, der das Buch hielt, ruhte auf einem Kissen. Bei der Meldung des Bedienten erhob sie sich ein wenig und reckte neugierig den Kopf vor. Athos erschien. Er war in veilchenblauen Samt mit ähnlichen Posamenten gekleidet. Die Nesteln waren von mattem Silber, seine Mantel hatte eine goldene Stickerei, und eine einzige veilchenblaue Feder schwankte an seinem schwarzen Hut. Er trug Stiefel von schwarzem Leder, und an seinem Gürtel hing der Degen mit dem prachtvollen Griffe, den Porthos so oft in der Rue Feron bewundert hatte. Herrliche Spitzen bildeten den zurückgeschlagenen Kragen seines Hemdes, Spitzen fielen auch an seinen Stiefeln herab. In der ganzen Person des Mannes, den man unter einem Frau von Chevreuse völlig unbekannten Namen gemeldet hatte, kam so sehr der vollkommene Edelmann zum Ausdruck, daß sie sich halb erhob und ihm mit einem anmutigen Zeichen bedeutete, er möge sich in ihrer Nähe niedersetzen. Athos grüßte und gehorchte. Der Lakai war im Begriff, sich zurückzuziehen, als ihn Athos durch ein Zeichen bleiben hieß. Madame, sprach er zu der Herzogin, ich habe nie Kühnheit gehabt, mich in Eurem Hotel einzufinden, ohne Euch bekannt zu sein. Diese Kühnheit ist mir gelungen, denn Ihr hattet die Gnade, mich zu empfangen; nun wage ich es noch, Euch um eine Unterredung von einer halben Stunde zu bitten. Ich bewillige sie Euch, mein Herr, antwortete Frau von Chevreuse mit ihrem anmutigsten Lächeln. Doch das ist noch nicht alles, Madame; oh! ich bin ein gewaltig ehrgeiziger Mensch, ich weiß es wohl. Die Unterredung, die ich mir von Euch erbitte, ist eine Unterredung unter vier Augen, in der ich wünschen muß, nicht unterbrochen zu werden. Ich bin für niemand zu Hause, sagte die Herzogin von Chevreuse zu dem Bedienten; geht! Die Herzogin von Chevreuse unterbrach zuerst das Stillschweigen, das nach der Entfernung des Lakaien eingetreten war. Nun, mein Herr, sagte sie lächelnd, seht Ihr nicht, daß ich mit Ungeduld warte? – Und ich, Madame, erwiderte Athos, schaue mit Bewunderung. – Mein Herr, sprach Frau von Chevreuse, entschuldigt mich, aber ich wünschte sogleich zu wissen, mit wem ich spreche. Ihr seid ein Mann vom Hofe, das ist unbestreitbar, und dennoch habe ich Euch nie bei Hofe gesehen. Kommt Ihr etwa aus der Bastille? – Nein, Madame, antwortete Athos lächelnd, aber vielleicht bin ich aus dem Wege, der dahin führt. – Ah, dann sagt mir geschwind, wer Ihr seid, und geht, erwiderte die Herzogin mit dem lustigen Tone, der bei ihr einen so großen Zauber ausübte; denn ich bin in dieser Beziehung bereits arg genug kompromittiert und kann mich nicht noch mehr kompromittieren. – Wer ich bin, Madame? Man hat Euch meinen Namen gesagt: der Graf de la Fère. Diesen Namen habt Ihr nie gekannt; ich führte einst einen andern, den Ihr vielleicht gewußt, aber sicherlich vergessen habt. – Nennt ihn immerhin, mein Herr. – Früher, versetzte der Graf de la Fère, nannte ich mich Athos. Frau von Chevreuse machte große, verwunderte Augen. Offenbar hatte sich dieser Name in ihrem Gedächtnisse nicht ganz verwischt, obgleich er mit vielen alten Erinnerungen vermengt war. Athos? sagte sie, wartet doch ein wenig ... Und sie legte ihre Hände an die Stirne. Soll ich Euch helfen, Madame? sagte Athos lächelnd. – Ja doch, erwiderte die Herzogin, des Suchens bereits müde; Ihr tut mir einen Gefallen damit. – Dieser Athos stand in Verbindung mit drei jungen Musketieren, und diese drei Musketiere hießen d'Artagnan, Porthos und ... Und Aramis, sprach die Herzogin lebhaft. – Und Aramis, so ist es, versetzte Athos. Ihr habt also diesen Namen nicht gänzlich vergessen? – Nein, sprach sie, nein! Armer Aramis! er war ein reizender Kavalier, elegant, verschwiegen und machte artige Verse. Ich glaube, es hat eine schlimme Wendung mit ihm genommen. – Äußerst schlimm: er ist Abbé geworden. – Ah, welch ein Unglück! rief Frau von Chevreuse, nachlässig mit ihrem Fächer spielend. In der Tat, mein Herr, ich danke Euch. – Wofür, Madame? – Daß Ihr diese Erinnerung in mir zurückgerufen habt, denn sie gehört zu den angenehmsten Erinnerungen meiner Jugend. – Dann erlaubt Ihr mir also, eine zweite in Euch zurückzurufen? – Welche mit dieser in Verbindung steht? – Ja oder nein. – Meiner Treu, versetzte Frau von Chevreuse, sprecht immerhin. Bei einem Manne, wie Ihr seid, wage ich alles. Athos verbeugte sich. Aramis, fuhr er fort, stand in Verbindung mit einer Näherin in Tours. – Mit einer Näherin in Tours? fragte Frau von Chevreuse. – Ja, einer Verwandten von ihm, die Marie Michon hieß. – Ah, ich kenne sie! rief Frau von Chevreuse; es ist diejenige, an welche er aus dem Lager vor La Rochelle schrieb, um sie von einem Komplott in Kenntnis zu setzen, das man gegen den armen Buckingham angesponnen hatte. – Ganz richtig; wollt Ihr mir erlauben, von ihr zu sprechen? Frau von Chevreuse schaute Athos an und sagte nach kurzem Stillschweigen: Ja, vorausgesetzt, daß Ihr mir nicht zu viel Schlimmes von ihr sagt. – Ich wäre ein Undankbarer, erwiderte Athos. – Ihr, undankbar gegen Marie Michon! rief Frau von Chevreuse, und suchte in Athos' Augen zu lesen. Wie könnte dies sein? Ihr habt sie nie persönlich gekannt. – Ei, Madame, wer weiß! versetzte Athos. – Oh! fahrt fort, mein Herr, fahrt fort, sagte Frau von Chevreuse lebhaft. Ihr könnt nicht glauben, wie angenehm mir diese Unterhaltung ist. – Ihr ermutigt mich, und ich fahre fort. Diese Base von Aramis, diese junge Näherin hatte trotz ihres niedrigen Standes die höchsten Bekanntschaften. Sie nannte die vornehmsten Damen des Hofes ihre Freundinnen, und die Königin, so stolz sie auch in ihrer doppelten Eigenschaft als Österreicherin und Spanierin war, nannte sie ihre Freundin. Oh! sprach Frau von Chevreuse mit einem leisen Seufzer und einer kleinen Bewegung der Augenbrauen, die nur ihr eigentümlich war, die Dinge haben sich seit jener Zeit gewaltig verändert. Und die Königin hatte recht, fuhr Athos fort, denn sie war ihr sehr ergeben, so ergeben, daß sie ihr als Vermittlerin bei ihrem Bruder, dem König von Spanien, diente. Was ihr jetzt als ein großes Verbrechen angerechnet wird, versetzte die Herzogin. So groß, fuhr Athos fort, daß der Kardinal, der wahre Kardinal, der andere, an einem schönen Morgen beschloß, die arme Marie Michon verhaften und nach dem Schlosse Loges führen zu lassen. Glücklicherweise ließ sich die Sache nicht so geheim ausführen, daß der Plan nicht ruchbar geworden wäre. Man hatte den Fall vorhergesehen: wenn Marie Michon von irgend einer Gefahr bedroht wäre, sollte ihr die Königin ein in grünen Samt gebundenes Gebetbuch zuschicken. So ist es, mein Herr, Ihr seid gut unterrichtet. Eines Morgens kam das Buch, überbracht von dem Prinzen von Marsillac. Es war keine Zeit zu verlieren. Glücklicherweise wußten Marie Michon und ihre Dienerin, eine gewisse Ketty, sich auf eine bewundernswürdige Weise in Männerkleidern zu bewegen. Der Prinz verschaffte ihnen solche, Marie Michon eine Kavalierstracht und Ketty einen Lakaienanzug und übergab ihnen zwei Pferde. Die Flüchtigen verließen rasch Tours und erreichten Spanien, zitternd bei dem geringsten Geräusche, auf Fußpfaden im Walde, weil sie es nicht wagten, auf der Landstraße zu reisen, und Gastfreundschaft ansprechend, wenn sie keine Herberge fanden. In der Tat, es ist durchaus so, rief Frau von Chevreuse, in die Hände klatschend; es wäre wirklich seltsam ... sie hielt inne. Wenn ich den zwei Flüchtlingen bis ans Ende ihrer Reise folgte? sprach Athos. Nein, Madame, ich werde Ihre Augenblicke nicht so sehr mißbrauchen, und wir begleiten sie nur bis in ein kleines Dorf im Limousin zwischen Tulle und Angoulème, in ein kleines Dorf, das man Roche-l'Abeille nennt. Frau von Chevreuse stieß einen Schrei des Erstaunens aus und betrachtete Athos mit einem Ausdruck von Verwunderung, der den ehemaligen Musketier lächeln ließ. Geduld, Madame, fuhr Athos fort; denn was ich Euch noch zu sagen habe, ist viel seltsamer, als das bereits Gesagte. Mein Herr, sprach Frau von Chevreuse, ich halte Euch für einen Zauberer und bin auf alles gefaßt. Aber gleichviel, fahrt nur fort. Diesmal war die Tagereise lang und ermüdend gewesen. Es herrschte bereits eine lästige Kälte, denn es war am 11. Oktober. Das Dorf, das die beiden Flüchtenden erreicht hatten, bot weder ein Schloß noch eine Herberge. Die Bauernhöfe sahen armselig und schmutzig aus. Marie Michon war eine sehr aristokratische Person und, wie die Königin, ihre Schwester, an gute Gerüche und seine Wäsche gewöhnt. Sie beschloß also, sich Gastfreundschaft im Pfarrhause zu erbitten. Athos machte eine Pause. Oh, fahrt fort, sprach die Herzogin, ich sagte Euch bereits, ich sei auf alles gefaßt. Die Reisenden klopften an die Türe. Es war spät, der Priester hatte sich bereits zu Bette gelegt, er rief ihnen zu, sie möchten eintreten. Sie traten ein, denn die Türe war nicht geschlossen. Es brannte eine Lampe in dem Zimmer, wo sich der Priester befand; Marie Michon, die den reizendsten Kavalier der Welt vorstellte, stieß die Türe auf, steckte den Kopf hinein und verlangte Gastfreundschaft. Sehr gern, mein junger Kavalier, sprach der Priester, wenn Ihr Euch mit den Überresten meines Abendessens und der Hälfte meines Zimmers begnügen wollt. Die Reisenden berieten sich einen Augenblick. Der Priester hörte, wie sie in ein Gelächter ausbrachen: dann erwiderte der Herr oder vielmehr die Herrin: Ich danke, Herr Pfarrer, und nehme es an. Dann speist und macht so wenig als möglich Geräusch, versetzte der Priester, denn ich bin auch den ganzen Tag umhergelaufen, und es wäre mir nicht unangenehm, diese Nacht schlafen zu können. Frau von Chevreuse ging augenscheinlich von Verwunderung zu Erstaunen und von Erstaunen zu Verwunderung über. Ihr Gesicht nahm, während sie Athos anschaute, einen Ausdruck an, der sich nicht wohl beschreiben läßt. Man sah, daß sie gern gesprochen hätte, und dennoch schwieg sie, um nicht ein einziges von seinen Worten zu verlieren. Hernach? fragte sie. Hernach, sagte Athos, ah! das ist gerade das Schwierige. Sprecht, sprecht, sprecht! man kann mir alles sagen. Überdies geht es mich nicht an; es ist Marie Michons Geschichte. Ah, das ist richtig, versetzte Athos ... Nun, also Marie Michon verzehrte die Überreste des Abendbrotes mit ihrer Dienerin und kehrte, nachdem sie gegessen hatte, der ihr gegebenen Erlaubnis zufolge in das Zimmer zurück, wo ihr Wirt ruhte, während Ketty es sich in einem Lehnstuhl, im ersten Zimmer, das heißt in dem, wo man gespeist hatte, bequem machte. In der Tat, mein Herr, sprach Frau von Chevreuse, wenn Ihr nicht der Teufel in Person seid, so weiß ich nicht, wie Ihr alle diese einzelnen Umstände zu kennen vermöget. Es war eine reizende Frau, diese Marie Michon, fuhr Athos fort, eines von den tollen Geschöpfen, denen unablässig die seltsamsten Gedanken in den Kopf kommen, eines von den Wesen, die geboren sind, uns allen die Verdammnis zu bringen. Während sie nun bedachte, daß ihr Wirt ein Priester war, kam es dem koketten Ding in den Kopf, es möchte neben so vielen lustigen Erinnerungen, die sie hatte, eine sehr lustige Erinnerung für ihr Alter sein, einen Abbé in die Verdammnis gebracht zu haben. Graf! rief die Herzogin, auf mein Ehrenwort, Ihr erschreckt mich! Ach, versetzte Athos, der arme Abbé war kein heiliger Ambrosius, und ich wiederhole, Marie Michon war ein anbetungswürdiges Geschöpf. Mein Herr, sprach die Herzogin und ergriff Athos bei den Händen, sagt mir sogleich, woher Ihr alle diese Umstände wißt, oder ich lasse einen Mönch aus dem Augustinerkloster kommen und Euch beschwören. Athos brach in ein Gelächter aus. Nichts leichter, Madame. Ein Kavalier, der mit einer wichtigen Sendung beauftragt war, kam eine Stunde vor Marie Michon in das Pfarrhaus und erbat sich Gastfreundschaft, und zwar in dem Augenblick, wo der Pfarrer, zu einem Sterbenden gerufen, nicht nur sein Haus, sondern das Dorf für die ganze Nacht verließ. Voll Vertrauen zu seinem Gaste, der übrigens ein Edelmann war, hatte der Geistliche diesem sein Haus, sein Mahl und sein Zimmer überlassen. Marie Michon hatte also vom Gast des guten Abbé und nicht vom Abbé selbst Gastfreundschaft gefordert. Und dieser Kavalier, dieser Gast, dieser Edelmann, der vor ihr ankam? War ich, der Graf de la Fère, sprach Athos aufstehend und sich ehrfurchtsvoll vor der Herzogin von Chevreuse verbeugend. Die Herzogin blieb einen Augenblick ganz verblüfft; dann fing sie plötzlich an, laut zu lachen. Ah! meiner Treue, sagte sie, das ist drollig. Und diese tolle Marie Michon fand es besser, als sie erwartet hatte. Setzt Euch, lieber Graf, und fahrt in Eurer Erzählung fort. Nun bleibt mir nur noch übrig, mich anzuklagen, Madame. Ich sagte Euch vorhin, daß ich selbst in einer dringenden Sendung reiste. Schon bei Tagesanbruch ging ich geräuschlos aus dem Zimmer und ließ meinen reizenden Lagergefährten schlafen. Im ersten Zimmer schlief ebenfalls, den Kopf auf einen Lehnstuhl zurückgelegt, die Kammerfrau, in allem ihrer Gebieterin würdig. Ihr hübsches Gesicht fiel mir auf, ich näherte mich ihr und erkannte die kleine Ketty, die unser Freund Aramis bei ihr untergebracht hatte. So erfuhr ich, die schöne Reisende sei ... Marie Michon, fiel Frau von Chevreuse lebhaft ein. Marie Michon, versetzte Athos. Ich verließ nun das Haus, ging in den Stall, fand mein Pferd gesattelt und meinen Bedienten bereit; wir reisten ab. Und Ihr seid nie mehr durch dieses Dorf gekommen? fragte Frau von Chevreuse. Ein Jahr nachher, Madame. Nun? Nun, ich wollte den guten Pfarrer wieder besuchen. Er war sehr bekümmert wegen eines Ereignisses, das er nicht begreifen konnte. Er hatte acht Tage vorher in einer kleinen Wiege einen reizenden Knaben von drei Monaten nebst einer wohlgespickten Börse und einem Billett erhalten, auf dem nur die einfachen Worte standen: 11. Oktober 1633. Das war das Ende des seltsamen Abenteuers, versetzte Frau von Chevreuse. Ja, aber er begriff nichts davon, denn er wußte nur, daß er diese Nacht bei einem Sterbenden zugebracht hatte; Marie Michon hatte das Pfarrhaus vor seiner Rückkehr wieder verlassen. Ihr wißt, mein Herr, daß Marie Michon, als sie im Jahr 1643 wieder nach Frankreich kam, sogleich Kunde über dieses Kind einziehen ließ. Auf ihrer Flucht konnte sie es nicht behalten; aber nun, in Paris, wollte sie es bei sich erziehen lassen. Und was sagte ihr der Abbé? fragte Athos. Ein vornehmer Herr, den er nicht kenne, habe sich für die Zukunft des Kindes verbürgt und es mitgenommen. Es war die Wahrheit. Ah, dann begreife ich. Dieser Herr waret Ihr, es war sein Vater. Stille, sprecht nicht so laut, Madame. Er ist da! Er ist da! rief Frau von Chevreuse rasch aufstehend, er ist da, mein Sohn, der Sohn der Marie Michon ist da! Ich will ihn sogleich sehen. Gebt wohl acht, Madame, er kennt weder seinen Vater, noch seine Mutter. Ihr habt das Geheimnis bewahrt und bringt ihn mir hierher, weil Ihr denkt, Ihr macht mich sehr glücklich. Oh! ich danke, ich danke, mein Herr, rief Frau von Chevreuse, faßte seine Hand und suchte sie an ihre Lippen zu führen, ich danke. Ihr habt ein edles Herz. Ich bringe ihn Euch, sagte Athos, seine Hand zurückziehend, damit Ihr ebenfalls etwas für ihn tun möget. Bis jetzt sorgte ich allein für seine Erziehung, und ich habe, glaube ich, einen vollendeten Edelmann aus ihm gemacht; aber der Augenblick ist gekommen, wo ich mich abermals genötigt sehe, das umherirrende, gefährliche Leben eines Parteigängers zu ergreifen. Schon morgen stürze ich mich in ein gefährliches Unternehmen; dann hat er niemand mehr als Euch, der ihn fördern und hüten könnte Oh! seid ruhig, rief die Herzogin; leider habe ich nicht mehr viel Ansehen, aber was mir davon übrig geblieben ist, gehört ihm. Was sein Vermögen und seinen Titel betrifft ... Darüber beunruhigt Euch nicht, Madame. Ich habe ihn zum Erben von Bragelonne eingesetzt, wodurch er den Titel Vicomte und 10 000 Livres Renten bekommt. Bei meiner Seele, mein Herr, sprach die Herzogin, Ihr seid ein wahrhafter Edelmann. Aber es drängt mich, unsern jungen Vicomte zu sehen; wo ist er denn? Dort in dem Salon; ich will ihn holen, wenn Ihr wollt. Athos machte eine Bewegung nach der Türe. Frau von Chevreuse hielt ihn zurück. Ist er hübsch? fragte sie. Athos lächelte und erwiderte: Er gleicht seiner Mutter. Hierauf machte er dem jungen Menschen ein Zeichen, und dieser erschien aus der Schwelle. Frau von Chevreuse konnte sich eines Freudenschreis nicht enthalten, als sie einen so reizenden Kavalier erblickte, der ihre stolzesten Hoffnungen übertraf. Vicomte, nähert Euch, sagte Athos; Frau von Chevreuse erlaubt Euch, ihr die Hand zu küssen. Der Jüngling näherte sich mit seinem anmutsvollen Lächeln und mit entblößtem Kopf, setzte ein Knie aus die Erde und küßte die Hand der Frau von Chevreuse. Nun, Herr Graf, sprach er, sich gegen Athos umwendend, habt Ihr mir nicht, um meine Schüchternheit zu schonen, gesagt, Madame sei die Herzogin von Chevreuse, und ist es nicht vielmehr die Königin? Nein, Vicomte, erwiderte Frau von Chevreuse, nahm ihn ebenfalls bei der Hand, hieß ihn zu sich sitzen und schaute ihn mit Augen an, die vor Vergnügen glänzten. Nein, leider bin ich nicht die Königin, denn wenn ich es wäre, so würde ich sogleich alles für Euch tun, was Ihr verdient. Aber sagt mir, so wie ich bin, fügte sie bei, indem sie sich kaum enthalten konnte, ihre Lippen auf seine so reine Stirne zu drücken, sagt mir, welche Laufbahn wünscht Ihr einzuschlagen? Athos schaute, dabei stehend, beide mit einem Ausdruck unaussprechlichen Glückes an. Madame, sagte der Jüngling mit seiner zugleich weichen und sonoren Stimme, es scheint mir, es gibt für einen Edelmann nur eine Laufbahn, die der Waffen. Der Herr Graf hat mich, wie ich glaube, in der Absicht erzogen, einen Soldaten aus mir zu machen, und er machte mir Hoffnung, mich in Paris jemand vorzustellen, der mich vielleicht dem Herrn Prinzen empfehlen könnte. Ja, ich begreife, es steht einem jungen Soldaten, wie Ihr seid, gut an, unter einem jungen General zu dienen, wie er ist. Doch Geduld ... persönlich bin ich durchaus nicht mit ihm befreundet, wegen der Streitigkeiten der Frau von Montbazon, meiner Schwiegermutter, mit Frau von Longueville. Aber durch den Prinzen von Marsillac ... Ei, wahrhaftig, Graf, so geht es. Der Herr Prinz von Marsillac ist ein alter Freund von mir, er wird unsern jungen Freund an Frau von Longueville empfehlen, die ihm einen Brief an ihren Bruder, den Prinzen, gibt, welcher sie zu zärtlich liebt, um nicht sogleich für sie alles zu tun, was sie von ihm verlangt. Nun wohl, das geht vortrefflich, sprach der Graf; nur nehme ich mir die Freiheit, Euch den größten Eifer anzuempfehlen. Ich habe Gründe, zu wünschen, daß der Vicomte morgen abend nicht mehr in Paris sei. Soll man wissen, daß Ihr Euch für ihn interessiert, Herr Graf? Es wäre vielleicht besser für seine Zukunft, wenn man gar nicht wüßte, daß er mich je gekannt hat. O! Herr, rief der Jüngling. Ihr wißt, Bragelonne, sprach der Graf, daß ich nie etwas ohne Grund tue. Ja, antwortete der Jüngling, ich weiß, daß die höchste Weisheit in Euch herrscht, und werde Euch gehorchen, wie ich dies gewohnt bin. Nun wohl, Graf, überlaßt ihn mir, sagte die Herzogin; ich will Befehl geben, daß man den Prinzen von Marsillac aufsuche, der glücklicherweise in diesem Augenblick in Paris ist, und ich gehe nicht eher von ihm, als bis die Angelegenheit zu Ende gebracht ist. Schön, Frau Herzogin, tausend Dank. Ich habe selbst heute mehrere Gänge zu machen, und bei meiner Rückkehr, das heißt gegen sechs Uhr abends, erwarte ich ihn im Hotel. Was macht Ihr heute abend? Wir gehen zu dem Abbé Scarron, an den ich einen Brief habe, und bei dem ich einen von meinen Freunden finden soll. Das ist gut, sagte die Herzogin von Chevreuse, ich werde selbst einen Augenblick dahin kommen; verlaßt also seinen Salon nicht eher, als bis Ihr mich gesehen habt. Athos verbeugte sich vor Frau von Chevreuse und schickte sich an, wegzugehen. Wie, Herr Graf, sagte die Herzogin lachend, verläßt man seine alten Freunde auf eine so zeremoniöse Weise? Ah, murmelte Athos, ihr die Hand küssend, wenn ich früher gewußt hätte, daß Marie Michon ein so reizendes Geschöpf sei ... Und er entfernte sich seufzend. Der Abbé Scarron Es gab in der Rue des Tournelles eine Wohnung, die alle Sänftenträger und alle Lakaien von Paris kannten, und dennoch gehörte diese Wohnung weder einem vornehmen, noch einem reichen Herrn. Man speiste da nicht, man spielte nicht und man tanzte wohl auch nicht. Dennoch war es der Sammelplatz der schönen Welt, und ganz Paris begab sich dahin. Diese Wohnung war die des kleinen Scarron. Man lachte so viel bei diesem witzigen Scarron, man gab so viele Neuigkeiten zum besten, diese Neuigkeiten waren in Märchen oder Epigramme verwandelt, daß jeder den Wunsch hatte, eine Stunde bei dem kleinen Scarron zuzubringen, zu hören, was er sagte, und was er gesagt hatte, weiterzuerzählen. Viele brannten vor Begierde, ihren Witz dort anzubringen; war er gut, so konnten sie sich auf eine freundliche Aufnahme gefaßt machen. Der kleine Abbé Scarron, dessen Abbéschaft übrigens nicht von dem Besitz einer geistlichen Pfründe oder der Zugehörigkeit zu einem geistlichen Orden herstammte, war einst einer der zierlichsten Präbendare der Stadt Mans gewesen, wo er wohnte. An einem Karnevalstage aber wollte er dieser guten Stadt, deren Seele er war, einen ganz außerordentlichen Genuß bereiten. Er ließ sich daher von seinem Bedienten mit Honig überstreichen, öffnete sodann ein Federbett, in welchem er sich umwälzte, und wurde so der groteskeste Vogel, den man sehen konnte. Dann machte er in diesem seltsamen Aufzug Besuche bei seinen Freunden und Freundinnen. Anfangs folgte man ihm mit Verwunderung, dann mit Gezisch, dann beleidigten ihn die Arbeiter auf den Straßen, dann warfen die Kinder Steine nach ihm, und endlich war er genötigt, die Flucht zu ergreifen, um den Wurfgeschossen zu entgehen. Vom Augenblick an, wo er floh, wurde er von allen Seiten verfolgt, gedrängt, beworfen. Scarron fand kein anderes Mittel, seinen Verfolgern zu entkommen, als daß er sich in den Fluß warf. Er schwamm wie ein Fisch, aber das Wasser war eisig. Scarron troff von Schweiß. Er erkältete sich, und als er das andere Ufer erreichte, war er gliederlahm. Man versuchte ihm durch alle möglichen bekannten Mittel den Gebrauch seiner Glieder wiederzugeben; er hatte durch die Behandlung so viel auszustehen, daß er alle Ärzte fortschickte, mit der Erklärung, er wolle lieber krank sein und krank bleiben. Dann kam er nach Paris, wo sein Ruf als Mann von Geist bereits gegründet war. Hier ließ er sich einen Stuhl nach seiner eigenen Erfindung verfertigen, und als er eines Tages in diesem Stuhle der Königin Anna von Österreich einen Besuch machte, fragte ihn diese, entzückt über seinen Witz, ob er nicht irgend einen Titel wünsche? Ja, Eure Majestät, es gibt einen, nach dem ich von ganzer Seele verlange, antwortete Scarron. Und welcher ist dies? fragte Anna von Österreich. Der Eures Kranken, erwiderte der Abbé. Und Scarron wurde zum Kranken der Königin mit einer Pension von 1500 Livres ernannt. Von diesem Augenblick an führte Scarron, dem seine Zukunft keine Sorgen mehr machte, ein lustiges Leben. Eines Tags jedoch gab ihm ein Emissär des Kardinals zu verstehen, er habe unrecht, den Herrn Koadjutor zu empfangen. Und warum dies? fragte Scarron. Ist er nicht ein Mann von Geburt? – Allerdings. – Liebenswürdig? – Unbestreitbar. – Witzig? – Er hat leider nur zu viel Witz. – Nun wohl, versetzte Scarron, warum soll ich einen solchen Mann nicht ferner sehen? – Weil er schlecht denkt. – Wirklich? und von wem? – Vom Kardinal. – Wie! rief Scarron; ich sehe fortwährend Herrn Gilles Despréaux, und Ihr wollt, ich solle den Herrn Koadjutor nicht mehr sehen, weil er schlecht von einem andern denkt? Unmöglich! Hiermit endigte das Gespräch, und Scarron sah aus Widerspruchsgeist Herrn von Conti nur noch öfter. An dem Morgen aber, bei welchem wir angelangt sind, war der Verfalltag seiner vierteljährlichen Pension. Scarron schickte seiner Gewohnheit gemäß durch seinen Bedienten den Empfangschein ab, um das betreffende Geld bei der Pensionskasse einziehen zu lassen; aber man antwortete ihm: Der Staat hat kein Geld für den Herrn Abbé Scarron. Als der Lakai Scarron diese Antwort brachte, war gerade der Herzog von Longneville bei ihm, der ihm das Doppelte der von Mazarin entzogenen Pension anbot; aber der schlaue Gliederlahme hütete sich wohl, es anzunehmen. Er machte seine Sache so gut, daß um vier Uhr nachmittags die ganze Stadt die Weigerung des Kardinals kannte. Es war gerade Donnerstag, Empfangstag bei dem Abbé. Man kam in Masse zu ihm, und in der ganzen Stadt entrüstete man sich höchlichst über diese neuste Knauserei Mazarins. Es trifft sich gut, daß wir heute abend dahin gehen, sprach Athos zu dem Vicomte; wir machen dem armen Mann unser Kompliment. Aber wer ist denn dieser Herr Scarron, der ganz Paris in Aufruhr bringt? fragte Raoul. Ein in Ungnade gefallener Minister? Nein, o mein Gott, nein, Vicomte, er ist nichts als ein kleiner Edelmann von großem Geist, der wahrscheinlich bei dem Kardinal in Ungnade gefallen ist, weil er irgend eine gereimte Strophe gegen ihn geschrieben hat. Schreiben denn Edelleute Verse? fragte Raoul naiv; ich glaubte, das verstoße gegen die Standesehre. Ja, mein lieber Vicomte, versetzte Athos lachend, wenn man sie schlecht macht; aber wenn man sie gut macht, so adelt es noch mehr. Herr Scarron ist also Dichter? sagte Raoul. Ja, Vicomte. Gebt wohl acht in diesem Hause. Sprecht wenig und hört lieber zu. Ja, Herr, antwortete Raoul. Ihr werdet mich viel mit einem mir befreundeten Edelmann plaudern sehen: das ist der Abbé d'Herblay, von dem ich oft mit Euch sprach. Ich erinnere mich. Nähert Euch zuweilen, als ob Ihr mit uns sprechen wolltet, sprecht aber nicht, hört auch nicht. Es soll dies nur dazu dienen, daß uns nicht mißliebige Personen stören. Sehr gut, ich werde Euch Punkt für Punkt gehorchen. Athos machte noch zwei Besuche in Paris. Um sieben Uhr wandten sie sich zur Rue des Tournelles. Die Straße war beinahe versperrt durch Sänftenträger, Pferde und Bedienten. Athos bahnte sich einen Weg und trat mit Raoul ein. Die erste Person, die er beim Eintritt erblickte, war Aramis, der sich neben einem weiten, mit einem Tapetenhimmel bedeckten Rollstuhl aufhielt, unter dem sich, in eine Brokatdecke gehüllt, ein ziemlich junges, ziemlich fröhliches Gesicht bewegte, das jedoch zuweilen erbleichte, ohne daß seine Augen aufhörten, einen lebhaften, witzigen oder anmutigen Ausdruck zu zeigen. Das war der Abbé Scarron, beständig lachend, spottend, komplimentierend, leidend und sich mit einem kleinen Stäbchen kratzend. Sobald Aramis Athos erblickte, ging er auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand und stellte ihn Herrn Scarron vor, der dem neuen Gast ebensoviel Freude als Achtung bezeigte und ihm ein sehr geistreiches Kompliment über den Vicomte machte. Raoul war verblüfft von der geistvollen Art des Mannes, er verbeugte sich jedoch mit viel Anmut. Athos empfing sodann die Komplimente von mehreren adligen Herren, denen Aramis ihn vorstellte. Bald aber verlor sich das bei seinem Eintritt entstandene kleine Geräusch wieder, das Gespräch wurde allgemein und erlitt erst wieder eine Unterbrechung, als Fräulein Paulet eintrat, eine vielgerühmte Schönheit, die zu besuchen Heinrich IV. eben im Begriff war, als er ermordet wurde, und der man wegen ihrer machtvollen Stellung in der Gesellschaft den Beinamen »die Löwin« gegeben hatte. In diesem Augenblick öffnete sich die Türe, und der Lakai kündigte den Herrn Koadjutor an. Bei diesem Namen wandten sich alle um, denn es war ein Name, der sehr berühmt zu werden anfing. Athos machte es wie die andern. Er kannte den Abbé von Conti nur dem Namen nach. Er sah einen kleinen, schwarzen, schlecht gewachsenen Mann eintreten, dessen Hände zu allem ungeschickt waren, außer den Degen zu führen und die Pistole zu gebrauchen. Der Ankömmling ging anfangs gerade auf den Tisch zu, den er beinahe umgeworfen hätte. Scarron wandte sich nach ihm um und kam ihm in seinem Stuhle entgegen. Fräulein Paulet begrüßte ihn von ihrem Platz aus mit der Hand. Nun, sprach der Koadjutor, der Scarron erst erblickte, als er dicht vor ihm stand, Ihr seid also in Ungnade, Abbé? Dies war eine Phrase, die man an diesem Abend wohl hundertmal ausgesprochen hatte, und die Scarron hundertmal zu einer geistreichen Erwiderung veranlaßt hatte. Er antwortete beim hundert und ersten Male: Der Herr Kardinal hat die Güte gehabt, an mich zu denken. – Aber wie wollt ihr uns noch fernerhin empfangen? fuhr der Koadjutor fort. Wenn Eure Renten sinken, so werde ich genötigt sein, Euch zum Kanonikus von Notre-Dame zu ernennen. – O! nun, versetzte Scarron, ich würde Euch zu sehr kompromittieren. – Dann habt Ihr Quellen, die wir nicht kennen. – Ich entlehne von der Königin. – Aber Ihre Majestät hat selbst nichts, sprach Aramis. Lebt sie nicht unter der Verwaltung der Gemeinheit? Der Koadjutor wandte sich um und lächelte Aramis zu, indem er ihm zugleich mit der Fingerspitze ein Freundschaftszeichen machte. Verzeiht, mein lieber Abbe, sagte er zu ihm, Ihr seid im Rückstand, und ich muß Euch ein Geschenk machen. Womit? fragte Aramis. Mit einer Hutschnur. Jedermann wandte sich nach dem Koadjutor um, der aus seiner Tasche eine seidene Schnur von sonderbarer Form zog. Das ist eine Schleuder (fronde) sagte Scarron. Ganz richtig erwiderte der Koadjutor, man macht gegenwärtig alles à la fronde . Fräulein Paulet, ich habe für Euch einen Fächer à la fronde . Ich überlasse Euch meinen Handschuhhändler, d'Herblay, er macht Handschuhe à la fronde ; und Euch, Scarron, meinen Bäcker mit unbeschränktem Kredit, er macht vortreffliche Brote à la fronde . Aramis nahm das Band und knüpfte es um seinen Hut. In diesem Augenblick öffnete sich die Türe, und der Lakai rief mit lauter Stimme: Die Frau Herzogin von Chevreuse. Beim Namen der Frau von Chevreuse erhoben sich alle Anwesenden. Scarron wandte rasch seinen Stuhl der Türe zu. Athos machte Aramis ein Zeichen, und dieser stellte sich in eine Fenstervertiefung. Während sie von allen Seiten achtungsvoll begrüßt wurde, schien sie etwas zu suchen. Endlich bemerkte sie Raoul, und ihre Augen funkelten; sie erblickte Athos und wurde nachdenklich; sie sah Aramis in seiner Fenstervertiefung und machte hinter ihrem Fächer eine kaum wahrnehmbare Bewegung des Erstaunens. Ei, sagt, sprach sie, als wollte sie die Gedanken vertreiben, die sich ihrer unwillkürlich bemeisterten, wie geht es dem armen Voiture? Wißt Ihr es vielleicht, Scarron? Wie, Herr Voiture ist krank? fragte einer der Umstehenden; wie ist das gekommen? Er hat bei leidenschaftlichem Spiel vierhundert Taler verloren und hat sich dann, als er sich aufgeregt in die kalte Nachtluft begab, auf den Tod erkältet. Steht es so schlimm mit dem lieben Voiture? fragte Aramis, halb hinter seinem Fenstervorhang verborgen. Ach! antwortete ein Herr Menage, der in diesem Kreise eine große Rolle spielte, es steht sehr schlimm, der große Mann wird uns wahrscheinlich verlassen. Ah bah! sprach Fräulein Paulet mit einer gewissen Bitterkeit; er sterben? Das hat keine Not! Er ist umgeben von Sultaninnen, wie ein Türke. Frau von Saintot ist herbeigelaufen und gibt ihm Fleischbrühe, die Renaudot wärmt ihm seine Tücher, und alle Welt, unsere Freundin, die Marquise von Rambouillet, nicht ausgenommen, schickt ihm Tisanen. Ihr liebt ihn nicht, meine liebe Parthenie, sagte Scarron lachend. O! welche Ungerechtigkeit, mein lieber Kranker! Ich hasse ihn so wenig, daß ich mit Vergnügen Messen für die Ruhe seiner Seele lesen ließe. Nicht umsonst nennt man Euch die Löwin, meine Liebe, sagte Frau von Chevreuse, Ihr beißt scharf. In dieser Weise mußte der kranke Dichter noch lange den Stoff für zahlreiche mehr oder minder witzige Bemerkungen liefern. Raoul war dem Gespräch mit Spannung gefolgt, jetzt wurde aber seine ganze Aufmerksamkeit durch eine junge Person, die in Scarrons Nähe stand, gefesselt; sie war reizend, aber schwächlich und traurig, von hübschen schwarzen Haaren umrahmt, mit blauen, sammetartigen Augen. Raoul gelobte sich, den Salon nicht zu verlassen, ohne das hübsche junge Mädchen mit den Sammetaugen gesprochen zu haben, das ihn infolge eines seltsamen Gedankenspiels, obschon keine Ähnlichkeit vorhanden war, an seine arme kleine Louise erinnerte, die er leidend im Schlosse la Balliere zurückgelassen und inmitten dieser Gesellschaft einen Augenblick vergessen hatte. Während dieser Scene näherte sich Aramis dem Koadjutor, der ihm mit lachender Miene ein paar Worte ins Ohr sagte. Aramis konnte sich trotz seiner Selbstbeherrschung einer leichten Bewegung nicht enthalten. Lacht doch, sagte Herr von Retz, man beobachtet uns. Und er verließ ihn, um mit Frau von Chevreuse zu plaudern, die einen großen Kreis um sich versammelt hatte. Aramis stellte sich, als lache er, um die Aufmerksamkeit einiger neugieriger Zuhörer abzulenken, und da er bemerkte, daß Athos sich in die Vertiefung des Fensters zurückgezogen hatte, so warf er rechts und links ein paar Worte hin und ging dann wieder zu ihm, auf eine Art, wie wenn dies ohne irgend eine Absicht geschähe. Sobald sie wieder beisammen waren, knüpften sie ein offenbar sehr inhaltreiches Gespräch an. Raoul näherte sich ihnen, wie ihm Athos aufgetragen hatte. Der Herr Abbé gibt mir ein Ringelgedicht von Voiture zum besten, sagte Athos mit lauter Stimme, und ich finde es ganz unvergleichlich. Raoul blieb einige Augenblicke in ihrer Nähe und gesellte sich dann zu der Gruppe der Frau von Chevreuse. Ich meinesteils, sagte der Koadjutor, möchte mir die Freiheit nehmen, nicht ganz der Meinung des Herrn von Scudery zu sein; ich finde im Gegenteil, daß Herr von Voiture ein Dichter ist; aber ein reiner Dichter. Die politischen Gedanken fehlen ihm ganz und gar. – Also? fragte Athos. – Morgen, erwiderte Aramis hastig. – Um wieviel Uhr? – Um sechs Uhr. – Wo? – In Saint-Mandè. – Wer hat es Euch gesagt? – Der Graf von Rochefort. Es näherte sich jemand. Und die philosophischen Ideen? Sie fehlen diesem armen Voiture ebenfalls. Ich schließe mich der Ansicht des Herrn Koadjutors an: ein reiner Dichter. Raoul erfuhr inzwischen von Scarron, daß das reizvolle Mädchen mit den blauen Augen ein Fräulein d'Aubigné sei und aus Martinique stamme, weshalb er sie nur die Indianerin nannte. Ruft doch den Herrn Grafen de la Fère, sagte Frau von Chevreuse zu dem Koadjutor, ich muß ihn sprechen. Und ich, erwiderte der Koadjutor, muß mir den Anschein geben, als spreche ich nicht mit ihm. Ich liebe und bewundere ihn, denn ich kenne seine früheren Abenteuer, wenigstens zum Teil; aber ich kann ihn nicht wohl vor übermorgen begrüßen. Und warum übermorgen? fragte Frau von Chevreuse. Ihr sollt es morgen abend erfahren, antwortete der Koadjutor lachend. In der Tat, mein lieber Conti, sagte die Herzogin, Ihr sprecht wie die Apokalypse. Herr d'Herblay, fügte sie, sich nach Aramis umwendend, bei: wollt Ihr wohl heute abend noch einmal mein Diener sein? ... Wie, Herzogin, sagte Aramis, heute abend? Morgen, immer, befehlt! Wohl, so holt mir den Grafen de la Fère, ich will mit ihm sprechen. Aramis näherte sich Athos und kehrte mit ihm zurück. Mein Herr Graf, sagte die Herzogin, Athos einen Brief zustellend, hier ist das, was ich Euch versprochen habe. Unser Schützling wird eine vortreffliche Aufnahme finden. Madame, sprach Athos, er ist sehr glücklich, daß er Euch etwas zu verdanken hat. Ihr habt ihn in dieser Beziehung nicht zu beneiden; denn ich verdanke Euch seine Bekanntschaft, versetzte die boshafte Frau mit einem Lächeln, das Athos und Aramis an Marie Michon erinnerte. Und bei diesen Worten stand sie auf und befahl ihren Wagen. Fräulein Paulet war bereits weggegangen, Fräulein von Scudery ging eben weg. Vicomte, sagte Athos, sich an Raoul wendend, folgt der Frau Herzogin von Chevreuse, bittet sie um die Gnade, beim Hinabsteigen Eure Hand zu nehmen, und bedankt Euch bei ihr. Die schöne Indianerin näherte sich Scarron, um sich von ihm zu verabschieden. Ihr geht schon? sagte er. Ich bin eine von den Letzten, wie Ihr seht. Wenn Ihr Nachricht von Herrn Voiture bekommt und dieselbe erfreulich ist, so habt die Güte, mir sie morgen zukommen zu lassen. O, nun kann er sterben! rief Scarron. Wieso? sagte das Mädchen mit den Sammetaugen. Ganz gewiß; seine Lobrede ist gemacht. Und man trennte sich lachend. Das junge Mädchen wandte sich, um den armen Lahmen teilnehmend anzuschauen. Der arme Lahme folgte ihr voll Liebe in den Augen. Allmählich lichteten sich die Gruppen. Scarron stellte sich, als bemerkte er nicht, daß einige von seinen Gästen geheimnisvoll miteinander gesprochen hatten, daß Briefe für mehrere gekommen waren und daß seine Abendgesellschaft überhaupt einen geheimen Zweck gehabt zu haben schien, der sich weit von der Literatur entfernte, über die man so viel Worte gemacht hatte. Aber was lag Scarron daran? Man konnte jetzt in seinem Hause nach Gefallen schmähen und intrigieren, seit diesem Morgen war er, wie er gesagt hatte, nicht mehr der Kranke der Königin. Raoul begleitete wirklich die Herzogin bis zu ihrem Wagen, wo sie Platz nahm, indem sie ihm ihre Hand zu küssen gab. Dann aber ergriff sie ihn in einer jener tollen Launen, die sie so anbetungswürdig und besonders so gefährlich machten, plötzlich beim Kopf, küßte ihn auf die Stirne und sprach: Vicomte, möchten Euch meine Wünsche und dieser Kuß Glück bringen. Hierauf stieß sie ihn wieder zurück und befahl ihrem Kutscher, nach dem Hotel Luynes zu fahren. Der Wagen entfernte sich. Frau von Chevreuse machte dem jungen Manne ein letztes Zeichen durch den Schlag, und Raoul stieg ganz verblüfft wieder die Treppe hinauf. Athos begriff, was vorgegangen war. Kommt, Vicomte, sagte er, es ist Zeit zum Rückzüge. Ihr reist morgen zur Armee des Prinzen ab; schlaft Eure letzte bürgerliche Nacht gut. Ich werde also Soldat, sagte der Jüngling. O Herr, Dank! Aus vollem Herzen Dank! Adieu, Graf, sprach der Abbe d'Herblay; ich kehre in mein Kloster zurück. Adieu, Abbé, sagte der Koadjutor; ich predige morgen und habe mich heute abend noch über zwanzig Texte zu besinnen. Adieu, meine Herren, rief der Graf, ich werde vierundzwanzig Stunden hintereinander schlafen, denn ich sinke vor Müdigkeit beinahe um. Die drei Männer begrüßten sich und gingen weg, nachdem sie einen letzten Blick gewechselt hatten. Scarron sah ihnen verstohlen durch die Türvorhänge seines Salons nach. Keiner von ihnen tut, was er sagte, murmelte er mit seinem affenartigen Lächeln; aber sie mögen es so halten, die braven Leute! Wer weiß, ob sie nicht arbeiten, daß ich meine Pension zurückbekomme? Sie können die Arme bewegen, das ist viel! Ach! ich habe nur die Zunge, aber ich werde zu beweisen suchen, daß dies auch etwas ist. Holla! Champenois; es hat elf Uhr geschlagen; rolle mich nach meinen, Bette. In der Tat, Fräulein d'Aubigné ist sehr reizend! Hierauf verschwand der arme Lahme in seinem Schlafzimmer, dessen Türe sich hinter ihm schloß, und die Lichter erloschen allmählich im Salon der Rue des Tournelles. Saint-Denis Der Tag graute, als Athos aufstand und sich ankleiden ließ; an seiner außergewöhnlichen Blässe und einem ruhelosen Ausdruck in seinen Augen ließ sich leicht erkennen, daß er beinahe die ganze Nacht schlaflos zugebracht haben mußte. Gegen die Gewohnheit des sonst so festen und entschiedenen Mannes lag an diesem Morgen etwas Langsames, Unentschlossenes in seinem ganzen Wesen. Dies kam daher, daß er sich mit den Vorbereitungen zur Abreise Raouls beschäftigte und Zeit zu gewinnen suchte. Zuerst putzte er selbst ein Schwert, das er aus einer Scheide von seinem Leder nahm, untersuchte, ob der Griff gehörig lag und ob die Klinge gut am Griffe befestigt war. Dann warf er in ein für den jungen Mann bestimmtes Felleisen ein Säckchen voll Louisd'or, rief Olivain – so hieß der Lakai, der ihm von Blois gefolgt war – und ließ ihn den Mantelsack in seiner Gegenwart packen, wobei er genau darüber wachte, daß alle für einen ins Feld ziehenden jungen Menschen erforderlichen Gegenstände hineingelegt wurden. Nachdem er beinahe eine Stunde auf alle diese Dinge verwendet hatte, öffnete er die Tür, die in das Zimmer des Vicomte führte, und trat sachte ein. Die bereits strahlende Sonne drang in das Zimmer durch die breiten Fensterflügel, deren Vorhänge zu schließen Raoul, da er spät zurückgekehrt war, vergessen hatte. Den Kopf anmutig auf den Arm gelehnt, schlief er noch. Seine langen, schwarzen Haare bedeckten halb seine reizende Stirne, die feucht war von dem Schweiß, der in Perlen an den Wangen des müden Jungen herabrollte. Athos näherte sich und schaute, den Körper vorbeugend, in schwermütiger Haltung lange den Jüngling mit dem lächelnden Munde, mit den halbgeschlossenen Augenlidern an, dessen Traum süß, dessen Schlaf leicht sein mußte, so viel Liebe und Sorgfalt verwandte sein Schutzengel auf seine stumme Bewachung. Allmählich versank Athos im Angesicht dieser so reichen, so reinen Jugend in eine zauberhafte Träumerei. Seine Jugend tauchte wieder in seinem Innern auf, mit allen ihren süßen Erinnerungen, welche mehr Wohlgerüche sind, als Gedanken. Aber dann dachte er daran, daß der ganze erste Teil seines Lebens von einer Frau zertrümmert worden war, und er überlegte sich mit Schrecken, wie verhängnisvoll die Liebe auf eine zugleich so zarte und so kräftige Organisation wirken könnte. In diesem Augenblick erwachte Raoul; seine Augen hefteten sich auf die von Athos, und er begriff ohne Zweifel alles, was in dem Herzen dieses Mannes vorging, der sein Erwachen erwartete, wie ein Liebender auf das Erwachen der Geliebten harrt, denn sein Blick nahm nun ebenfalls den Ausdruck unendlicher Liebe an. Ihr wart hier? sprach er ehrfurchtsvoll. – Ja, Raoul, ich war hier, erwiderte der Graf. – Und Ihr wecktet mich nicht? – Ich wollte Euch noch einige Augenblicke diesem guten Schlaf überlassen, mein Freund. Ihr müßt müde sein von dem gestrigen Tage her, der sich bis in die Nacht hinein verlängert hat. – O Herr, wie gut seid Ihr! rief Raoul. Athos lächelte und sagte: Wie befindet Ihr Euch? – Vollkommen wohl, Herr, und völlig ausgeruht und heiter. – Ihr wachset noch, fuhr Athos mit der väterlichen Teilnahme des reifen Mannes für den Jüngling fort, und die Anstrengungen wirken doppelt in Eurem Alter. – Ah! Herr, ich bitte um Vergebung, sprach Raoul, beschämt durch so große Zuvorkommenheit, aber ich werde im Augenblick angekleidet sein. Athos rief Olivain, und nach Verlauf von zehn Minuten war der Jüngling mit der Pünktlichkeit, die ihn Athos gelehrt hatte, zum Aufbruch bereit. Nun besorge mein Gepäck, sagte Raoul zu dem Lakaien. Euer Gepäck erwartet Euch, Raoul, sprach Athos; ich habe Euer Felleisen unter meinen Augen packen lassen, und es wird Euch nichts fehlen. Es muß bereits nebst dem Mantelsack des Lakaien auf den Pferden sein, wenn man die Befehle, die ich gegeben, befolgt hat. Alles ist nach dem Willen des Herrn Grafen geschehen, sagte Olivain, und die Pferde harren unten. Und ich schlief! rief Raoul, während Ihr, Herr, die Güte hattet, Euch mit allen diesen kleinen Sorgen zu bemühen! O! in der Tat, Ihr überhäuft mich mit Wohltaten! Ihr liebt mich also ein wenig, wie ich hoffe? versetzte Athos mit beinahe gerührtem Tone. O Herr! rief Raoul, der, um seine innere Erschütterung nicht durch einen Ausbruch von Zärtlichkeit kundzugeben, sich bis zum Ersticken zusammennahm. O! Gott ist mein Zeuge, daß ich Euch liebe und verehre! Seht, ob nichts vergessen ist, sprach Athos und gab sich den Anschein, als suche er noch etwas, um seine Rührung zu verbergen. Nein, Herr, sprach Raoul. Der Lakai näherte sich Athos zögernd und sagte leise zu ihm: Der Herr Vicomte hat keinen Degen, denn der Herr Graf hieß mich gestern den, welchen er ablegte, wegnehmen. Schon gut, antwortete Athos, das ist meine Sache. Raoul schien dieses Zwiegespräch nicht zu bemerken. Er stieg hinab und schaute dabei jeden Augenblick den Grafen an, um zu sehen, ob der Augenblick des Scheidens gekommen sei. Aber Athos' Gesicht veränderte sich nicht im geringsten. Als Raoul die Freitreppe erreichte, erblickte er drei Pferde. O Herr! rief er ganz strahlend, Ihr begleitet mich also? Ich will Euch ein wenig führen, antwortete Athos. Die Freude glänzte in Raouls Augen, und er schwang sich leicht auf sein Pferd. Athos bestieg langsam das seinige, nachdem er zuvor leise ein Wort zu dem Lakaien gesagt hatte, der, statt unmittelbar zu folgen, sich wieder in die Wohnung zurück begab. Entzückt, in der Gesellschaft des Grafen zu sein, bemerkte Raoul nichts oder stellte sich wenigstens, als bemerke er nichts. Die Edelleute schlugen den Weg nach dem Pont neuf ein und gelangten eben an die Rue Saint-Denis, als der Lakai sie wieder einholte. Der Weg wurde stillschweigend zurückgelegt. Raoul fühlte wohl, daß der Augenblick der Trennung herannahte. Die Blicke des Grafen waren noch zärtlicher und liebevoller. Von Zeit zu Zeit entschlüpften ihm eine Betrachtung oder ein Rat, und seine Worte waren voll wohlwollender Fürsorge. Als sie den Pont Saint-Denis hinter sich hatten und auf die Höhe des Rekollektenklosters gelangt waren, warf Athos einen Blick auf das Pferd des Vicomte und sagte: Nehmt Euch wohl in acht, Raoul, Ihr habt eine schwere Hand, ich hab' es Euch oft gesagt, Ihr müßt das nicht vergessen, denn das ist ein großer Fehler für einen Reiter. Seht, Euer Pferd ist bereits müde, es schäumt, während das meinige gerade aus dem Stalle zu kommen scheint. Ihr macht ihm ein hartes Maul, wenn Ihr das Gebiß so stark anzieht, und könnt es dann nicht mit der erforderlichen Behendigkeit manövrieren lassen. Das Glück eines Reiters hängt zuweilen von dem raschen Gehorsam seines Pferdes ab. Bedenkt wohl, in acht Tagen manövriert Ihr nicht mehr in einer Reitschule, sondern auf einem Schlachtfelde. Ich habe noch etwas anderes bemerkt, fuhr er fort, Ihr haltet beim Pistolenschießen den Arm zu gestreckt; durch diese Spannung verliert der Schuß die Pünktlichkeit. Unter zwölfmal verfehlt Ihr dreimal das Ziel. Das Ihr zwölfmal träfet, erwiderte Raoul lächelnd. Weil ich den Arm etwas bog und so die Hand auf meinem Ellenbogen ruhen ließ. Begreift Ihr wohl, was ich damit sagen will? Ja, Herr, ich habe seitdem, wenn ich allein schoß, Euern Rat beachtet, und meine Bemühungen waren vom günstigsten Erfolg begleitet. Seht, versetzte Athos, das ist gerade wie beim Fechten: Ihr greift Euern Gegner zu sehr an. Ich weiß wohl, das ist ein Fehler Eures Alters, aber die Bewegung des Körpers beim Angreifen bringt stets den Degen von der Linie ab, und wenn Ihr es mit einem Manne von kaltem Blut zu tun hättet, so würde er Euch bei Eurem ersten Schritt durch einfaches Losmachen Eurer Klinge oder durch einen geraden Stoß überwinden. Ja, Herr, wie Ihr es oft getan habt. Aber nicht jeder besitzt Eure Geschicklichkeit und Euren Mut. Welch ein frischer Wind! sprach Athos. Doch hört, wenn Ihr ins Feuer geht; und das wird nicht ausbleiben, denn Ihr seid einem jungen General empfohlen, der das Pulver ungemein liebt, so erinnert Euch wohl: im Einzelkampfe schießt nie zuerst; wer zuerst schießt, trifft selten seinen Mann, denn er schießt mit der Furcht, einem bewaffneten Feind gegenüber entwaffnet zu bleiben. Dann wenn Euer Gegner schießt, laßt Euer Pferd sich bäumen; dieses Manöver hat mir zwei- oder dreimal das Leben gerettet. Ich werde es anwenden, und wäre es nur aus Dankbarkeit. Dann noch etwas Wichtiges, Raoul: wenn Ihr bei einem Angriff verwundet werdet, wenn Ihr vom Pferde fallt und es bleibt Euch noch etwas Kraft, so schleppt Euch von der Linie ab, die Euer Regiment verfolgt hat; denn es kann zurückgeführt werden, und die Pferde zertreten Euch mit den Hufen. Jedenfalls schreibt mir sogleich oder laßt mir schreiben, wenn Ihr verwundet seid; wir verstehen uns auf Wunden, fügte Athos bei. Ich danke Euch, Herr, antwortete der junge Mensch ganz bewegt. Ah, wir sind in Saint-Denis, murmelte Athos. Sie gelangten wirklich zu dem Tore dieser Stadt, an dem zwei Soldaten Wache standen. Der eine sagte zum andern: Das ist ein junger Edelmann, der aussieht, als wollte er sich zum Heere begeben. Sie zogen durch die Straßen der Stadt, die des Festtags wegen voll Menschen waren, und man gelangte vor die alte Basilika, in der die erste Messe gelesen wurde. Steigt ab, Raoul, sprach Athos. Du, Olivain, bewache unsere Pferde und gib mir den Degen. Athos nahm den Degen in die Hand, den ihm der Lakai reichte, und die beiden Edelleute traten in die Kirche. Athos bot Raoul Weihwasser. Der Jüngling berührte Athos' Hand und bekreuzte sich. Athos sagte ein Wort zu einem der Wächter; dieser verbeugte sich und schritt der Gruft zu. Kommt, Raoul, sagte Athos, wir wollen diesem Manne folgen. Der Wächter öffnete das Gitter der königlichen Gräber und blieb auf der obersten Stufe stehen, während Athos und Raoul hinabstiegen. Die Grufttreppe war in der Tiefe von einer silbernen Lampe beleuchtet, die auf der untersten Stufe brannte, und gerade über dieser Lampe ruhte, in einen weiten, mit goldenen Lilien bestreuten Mantel von veilchenblauem Sammet gehüllt, ein von eichenen Gestellen getragener Katafalk. Der Jüngling war langsamen, feierlichen Schritts hinabgestiegen und stand mit entblößtem Haupte vor dieser sterblichen Hülle des letzten Königs. Es herrschte einen Augenblick Stillschweigen. Dann hob Athos die Hand auf und deutete mit dem Finger auf den Sarg. Dieses unsichere Grab, sprach er, ist das eines schwachen, aller Größe ermangelnden Menschen, dessen Regierung jedoch voll ungeheurer Ereignisse war, denn über diesem König wachte der Geist eines andern Mannes, wie die Lampe hier über diesem Sarge wacht und ihn beleuchtet. Dies war der wahre König, Raoul; der andere war nur ein Phantom, in das er seine Seele legte. Und dennoch ist die monarchische Majestät so mächtig bei uns, daß dieser Mann nicht einmal die Ehre eines Grabes zu den Füßen dessen genießt, für den er sein ganzes Leben aufgebraucht hat. Denn, vergeßt nicht, Raoul, wenn dieser Mann den König klein gemacht hat, so hat er das Königtum groß gemacht; zweierlei gibt es im Louvre: den König, der stirbt, und das Königtum, das nicht stirbt. Diese Regierung ist vorüber. Raoul, es ist mir, als erblickte ich Eure Zukunft wie durch eine Wolke; sie ist, glaube ich, besser als die unsere. Während wir einen Minister ohne König hatten, werdet Ihr einen König ohne Minister haben. Ihr könnt also dem König dienen, ihn lieben und achten. Ist dieser König aber ein Tyrann, was leicht sein könnte, so dient dem Königtum, das heißt, der unfehlbaren Sache, dem Geiste Gottes auf Erden, diesem himmlischen Funken, der den Staub so groß und so heilig macht, daß wir Edelleute, wenn auch von hoher Geburt, doch vor diesem auf der obersten Stufe der Leiter weilenden Körper so wenig sind, als dieser Körper selbst vor dem Throne Gottes. Ich werde Gott anbeten, Herr, sprach Raoul; ich werde das Königtum ehren, dem König dienen und danach trachten, daß ich, wenn ich sterbe, für den König, für das Königtum oder für Gott sterbe. Habe ich Euch wohl begriffen? Athos lächelte und sprach: Ihr seid eine edle Natur, hier ist Euer Degen. Raoul setzte ein Knie auf die Erde. Er wurde von meinem Vater, einem wackern Edelmanne, getragen; ich habe ihn ebenfalls getragen und ihm zuweilen Ehre gemacht, wenn sein Griff in meiner Hand lag und seine Scheide an meiner Seite hing. Herr, sprach Raoul, den Degen aus den Hand des Grafen empfangend, ich habe Euch alles zu verdanken, doch dieses Schwert ist das kostbarste Geschenk, das Ihr mir gemacht habt. Ich schwöre Euch, ich werde es mit dankerfülltem Herzen tragen. Und er näherte seine Lippen dem Griff, den er ehrfurchtsvoll küßte. Gut, sprach Athos. Steht auf, Vicomte, und umarmen wir uns. Raoul stand auf und warf sich mit der vollen Glut seiner Gefühle Athos in die Arme. Gott befohlen, murmelte der Graf, der sein Herz zerschmelzen fühlte, Gott befohlen und denkt an mich. O! ewig! ewig! rief der Jüngling. O! ich schwöre Euch, Herr, wenn mir Unglück widerfährt, ist Euer Name der letzte, den ich ausspreche, die Erinnerung an Euch mein letzter Gedanke. Athos stieg rasch wieder die Treppe hinauf, um die heftige Bewegung seines Gemütes zu verbergen, gab dem Wächter der Gräber ein Goldstück, verbeugte sich vor dem Altar und erreichte mit großen Schritten die Kirchenpforte, vor der Olivain mit den zwei andern Pferden wartete. Olivain, sagte er, du begleitest jetzt den Herrn Vicomte, bis Grimaud Euch eingeholt hat; ist er gekommen, so verläßt du den Herrn Vicomte. Ihr versteht, Raoul, Grimaud ist ein alter Diener, voll Mut und Klugheit; Grimaud wird Euch folgen. Ja, Herr, sprach Raoul. Auf, zu Pferde, daß ich Euch wegreiten sehe. Raoul gehorchte. Gott befohlen, Raoul, Gott befohlen, mein lieber Junge! Gott befohlen, Herr! rief Raoul, Gott befohlen, geliebter Beschützer! Eines der vierzig Fluchtmittel des Herrn von Beaufort La Ramée erwartete am Pfingsttage die sechste Abendstunde mit ebensoviel Ungeduld, als der Prinz. Schon am Morgen beschäftigte er sich mit allen Einzelheiten, und da er sich in dieser Beziehung nur auf sich selbst verließ, so machte er dem Nachfolger des Vaters Marteau einen persönlichen Besuch. Dieser hatte sich selbst übertroffen, er zeigte ihm eine wahre Ungeheuerpastete, auf dem Deckel verziert mit dem Wappen des Herrn von Beaufort. Die Pastete war noch leer, aber neben ihr lagen ein Fasan und zwei Feldhühner, so niedlich gespickt, daß sie aussahen, wie Nadelkissen. Das Wasser lief La Ramée im Munde zusammen, und er kehrte, sich die Hände reibend, ins Zimmer des Herzogs zurück. Um das Maß des Glückes voll zu machen, hatte Herr von Chavigny, wie wir erzählt haben, im vollen Vertrauen auf La Ramée, eine kleine Reise unternommen und sich auch bereits an demselben Morgen entfernt, wodurch La Ramée Untergouverneur des Schlosses geworden war. Grimaud sah verdrießlicher als je aus. Herr von Beaufort hatte am Morgen mit La Ramée eine Partie Ball gespielt, und Grimaud hatte ihm hierbei durch ein Zeichen zu verstehen gegeben, er möge auf alles acht geben. Vorwärts marschierend bezeichnete Grimaud den Weg, den man am Abend verfolgen sollte. Der Ort, an dem das Ballspiel stattfand, hieß der innere Schloßhof. Es war ein ziemlich verlassener Platz, der nur in dem Augenblick, wo Herr von Beaufort seine Partie machte, mit Wachen besetzt wurde. Bei der Höhe der Mauer schien sogar diese Vorsichtsmaßregel überflüssig. Man hatte drei Türen zu öffnen, ehe man zu diesem Hofe gelangte. Jede Türe wurde mit einem andern Schlüssel geöffnet, und La Ramée trug diese drei Schlüssel bei sich. Als Grimaud in den Hof kam, setzte er sich wie zufällig in eine Schießscharte und ließ die Beine außen an der Mauer hinabhängen. Offenbar sollte hier die Strickleiter befestigt werden. Dieses, für den Herzog von Beaufort leichtbegreifliche Manöver war natürlich für La Ramée nicht verständlich. Die Partie begann. Diesmal war Herr von Beaufort im Zuge, und man hätte glauben sollen, er lege mit der Hand die Bälle dahin, wohin sie nach seinem Willen fallen sollten. La Ramée wurde gänzlich geschlagen. Vier von den Wachen waren Herrn von Beaufort gefolgt und hoben die Bälle auf. Als das Spiel vorüber war, machte sich Herr von Beaufort über die Ungeschicklichkeit La Ramées lustig und bot ihm für die Wachen zwei Louisd'or an, um mit ihren vier andern Kameraden auf seine Gesundheit zu trinken. Die Wachen baten um die Erlaubnis hierzu, und La Ramée erteilte sie ihnen auch, aber erst für den Abend. Bis dahin mußte sich La Ramée mit wichtigen Dingen beschäftigen. Da er Gänge zu machen hatte, so wünschte er, daß man während seiner Abwesenheit den Gefangenen nicht aus dem Gesichte verliere. Endlich schlug es sechs Uhr; obgleich man sich erst um sieben Uhr zu Tische setzen sollte, so war das Abendessen doch schon bereit und aufgetragen. Auf einem Schenktisch stand die kolossale Pastete mit dem Wappen des Herzogs, und nach der goldenen Farbe der Kruste zu urteilen, schön gar gebacken. Die übrigen Bestandteile des Mahles standen ganz im Verhältnis zu der Pastete. Alle waren ungeduldig: die Wachen wollten trinken gehen, La Ramée wollte sich zu Tische setzen, und Herr von Beaufort wollte entweichen. Grimaud allein blieb immer gleich geduldig. Man hätte glauben sollen, Athos habe ihn nur in der Voraussicht dieses großen Ereignisses erzogen. Es gab Augenblicke, wo der Herzog von Beaufort, wenn er ihn anschaute, sich fragte, ob er nicht träume, und ob dieses Marmorgesicht wirklich ihm zu Dienste sei und sich im gegebenen Moment beleben würde. La Ramée entließ die Wachen, indem er ihnen noch anempfahl, auf die Gesundheit des Prinzen zu trinken. Sobald sie weggegangen waren, schloß er die Türen, steckte die Schlüssel in seine Tasche und deutete, gegen den Prinzen gewendet, mit einer Miene aus den Tisch, die sagen wollte: Wenn es Monseigneur gefällig wäre? Der Prinz schaute Grimaud an. Grimaud schaute die Uhr an. Es war erst ein Viertel auf sieben Uhr, die Flucht war auf sieben Uhr bestimmt. Man hatte also noch drei Viertelstunden zu warten. Um eine Viertelstunde Zeit zu gewinnen, schützte der Prinz eine Lektüre vor, die ihn sehr anspreche, und bat, das Kapitel vollenden zu dürfen. La Ramée näherte sich und schaute ihm über die Schultern, um zu sehen, was für ein Buch so anziehend für den Prinzen sei, daß es ihn abhielt, sich zu Tische zu setzen, wenn die Mahlzeit schon aufgetragen war. Es waren die Kommentare Cäsars, die er selbst, gegen die Befehle Chavignys, dem Prinzen vor drei Tagen verschafft hatte. La Ramée gelobte sich, nie mehr der Gefängnisordnung zuwiderzuhandeln. Mittlerweile öffnete er die Flaschen und roch an der Pastete. Um halb sieben Uhr erhob sich der Prinz und sagte mit großem Ernste: Cäsar war entschieden der größte Mann des Altertums. – Ihr findet dies, Monseigneur? sprach La Ramée. – Ja. – Nun wohl, und ich, versetzte La Ramée, ich ziehe Hannibal vor. – Und warum dies, Meister La Ramée? fragte der Herzog. – Weil er keine Kommentare hinterlassen hat, erwiderte La Ramée mit einem schweren Seufzer. Der Herzog begriff die Anspielung, setzte sich zu Tische und bedeutete La Ramée, er möge ihm gegenüber Platz nehmen. Der Gefreite ließ sich dies nicht zweimal sagen. Es gibt kein so ausdrucksvolles Gesicht, wie das eines Gourmands, der sich vor einer guten Tafel befindet. Als La Ramée aus den Händen Grimauds seinen Suppenteller empfing, malte sich auf seinem Gesicht das Gefühl vollkommener Glückseligkeit. Der Herzog schaute ihn lächelnd an. Ventre-saint-gris ! La Ramse! rief er; wißt Ihr, daß ich, wenn man mir sagte, es gebe in diesem Frankreich einen glücklicheren Menschen, als Ihr, es nicht glauben würde? Und meiner Treu'! Ihr hättet recht, Monseigneur, sprach La Ramée; ich gestehe, daß ich Hunger habe. Ich kenne keinen lieblicheren Anblick, als eine wohlbestellte Tafel, und wenn Ihr beifügt, fuhr La Ramée fort, daß der, welcher die Honneurs dieser Tafel macht, der Enkel Heinrichs des Großen ist, so werdet Ihr begreifen, Monseigneur, daß die Ehre, die einem zu teil wird, das Vergnügen, das man genießt, verdoppelt. Der Prinz verbeugte sich, und ein unmerkliches Lächeln erschien auf dem Antlitz Grimauds, der hinter La Ramée stand. Mein lieber La Ramée, sprach der Herzog, in der Tat, nur Ihr versteht es, ein Kompliment zu drehen. – Nein, Monseigneur, erwiderte La Ramée aus übervollem, ehrlichem Herzen, nein, ich spreche wahrhaftig bloß, was ich denke. Es liegt kein Kompliment in dem, was ich Euch hier sage. – Also seid Ihr mir zugetan? fragte der Prinz. – Das heißt, erwiderte La Ramée, ich wäre untröstlich, wenn Eure Hoheit Vincennes verließe. – Eine sonderbare Manier, Eure Zuneigung kundzugeben. – Aber, Monseigneur, entgegnete La Ramée, was würdet Ihr außen machen? Irgend eine Tollheit, durch die Ihr Euch mit dem Hofe überwerfen würdet, brächte Euch in die Bastille, statt nach Vincennes. Herr von Chavigny ist, ich gebe es zu, nicht liebenswürdig, fuhr La Ramée, ein Glas Madeira schlürfend, fort? aber Herr du Tremblay ist noch viel schlimmer. – In der Tat? sprach der Herzog, der sich über die Wendung belustigte, die das Gespräch nahm, und von Zeit zu Zeit auf die Pendeluhr schaute, deren Zeiger mit verzweiflungsvoller Langsamkeit vorrückte. – Was wollt Ihr von dem Bruder eines in der Schule des Kardinals von Richelieu gefütterten Kapuziners mehr erwarten? Ah, Monseigneur, es ist ein großes Glück, daß die Königin, die Euch stets wohlwollte, wie ich wenigstens sagen hörte, die Idee hatte, Euch hierher zu schicken, wo es einen schönen Spaziergang, Ballspiel, gute Tafel, gute Lust gibt. – In der Tat, sprach der Herzog, wenn man Euch hört, La Ramée, bin ich sehr undankbar, daß ich einen Augenblick den Gedanken gehabt habe, mich von hier zu entfernen. – O! Monseigneur, das ist der höchste Grad von Undankbarkeit, versetzte La Ramée; aber Eure Hoheit hat wohl nie im Ernste daran gedacht. – Allerdings, sprach der Herzog, und ich muß Euch gestehen, es ist vielleicht eine Torheit, ich leugne es nicht, aber ich denke von Zeit zu Zeit noch daran. – Immer durch eines von Euren vierzig Mitteln, Monseigneur? – Gewiß, versetzte der Herzog. – Monseigneur, sagte La Ramée, da wir unsere Herzen gerade so erschließen, so nennt mir doch eines von den vierzig Mitteln, die Eure Hoheit ersonnen hat. – Gern, sprach der Herzog. Grimaud, gebt mir die Pastete. – Ich höre, sagte La Ramée, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, hob sein Glas in die Höhe und blinzelte mit dem Auge, um die untergehende Sonne durch den flüssigen Rubin zu sehen, den es enthielt. Der Herzog warf einen Blick auf die Pendeluhr. Noch zehn Minuten, und es schlug sieben Uhr. Grimaud stellte die Pastete vor den Prinzen, der sein Messer mit der silbernen Klinge nahm, um den Deckel abzuheben. Aber La Ramée reichte, voll Besorgnis, es könnte dem schönen Stück ein Unheil widerfahren, dem Herzog sein eigenes Messer, das eine eiserne Klinge hatte. Ich danke, La Ramée, sprach der Herzog und griff nach dem Messer. Nun, Monseigneur, sagte der Wächter, das ausgezeichnete Mittel? Soll ich es Euch nennen? versetzte der Herzog, dasjenige, auf das ich am meisten rechnete, das Mittel, das ich zuerst anzuwenden entschlossen war? Ja, gerade dieses, antwortete La Ramée. Gut, sprach der Herzog, mit einer Hand die Pastete aufhebend und mit der andern mittelst seines Messers Kreise beschreibend. Ich hoffte vor allem zum Wächter einen braven Burschen zu haben, wie Ihr seid, Herr La Ramée. Schön, sagte La Ramée, Ihr habt ihn, Monseigneur. Hernach? Und ich freue mich darüber. La Ramée verbeugte sich. Ich sagte mir, fuhr der Prinz fort, habe ich einmal in meiner Nähe einen braven Burschen, wie La Ramée, so werde ich danach trachten, ihm durch einen Freund von mir, von dem er nicht weiß, daß ich in Verbindung mit ihm stehe, einen Menschen empfehlen zu lassen, der mir ergeben ist, und mit dem ich mich über die Vorkehrungen zu meiner Flucht verständigen kann. Gut, gut, sagte La Ramée, gar nicht übel ersonnen. Nicht wahr? versetzte der Prinz, zum Beispiel den Diener irgend eines braven Edelmannes, eines Feindes von Mazarin. Still, Monseigneur, sprechen wir nicht über Politik. Habe ich diesen Menschen bei mir, fuhr der Herzog fort, und er ist geschickt und weiß meinem Wächter Vertrauen einzuflößen, so wird dieser sich auf ihn verlassen, und ich erhalte Nachricht von außen. Ah ja, aber wie dies, Nachricht von außen? fragte La Ramée. O! nichts leichter, antwortete der Herzog von Beaufort, bei einer Ballpartie zum Beispiel. Beim Ballspiel! rief La Ramée, der mit der größten Aufmerksamkeit dem Herzog zuzuhören anfing. Ja, hört. Ich schleudere einen Ball in den Graben; es ist ein Mensch da, der ihn aufhebt. Der Ball enthält einen Brief. Statt den Ball zurückzuwerfen, um den ich ihn gebeten habe, wirft er mir einen andern zurück. Dieser Ball enthält auch einen Brief. Auf diese Art tauschen wir unsere Gedanken aus, und niemand hat etwas davon gesehen. Teufel! Teufel! sagte La Ramée, sich hinter den Ohren kratzend, Ihr tut wohl daran, es mir zu sagen. Ich werde die Ballaufheber überwachen. Der Herzog lächelte. Aber, fuhr La Ramée fort, das ist am Ende doch nur ein Mittel, zu korrespondieren. – Mir scheint, das ist schon viel. – Doch noch nicht genug. – Ich bitte um Vergebung. Zum Beispiel, ich schreibe meinen Freunden: Findet Euch an dem und dem Tag, zu der und der Stunde mit zwei Reitpferden jenseits des Grabens ein. – Nun, und hernach, sagte La Ramée mit einer gewissen Unruhe, wenn diese Pferde nicht Flügel haben, um den Wall zu ersteigen und Euch abzuholen? – Ei mein Gott, erwiderte der Prinz in nachlässigem Tone, es ist nicht nötig, daß die Pferde Flügel haben, um den Wall zu ersteigen, es genügt, daß ich ein Mittel habe, um hinabzukommen. – Welches? – Eine Strickleiter. – Jawohl, versetzte La Ramée und suchte zu lachen; aber eine Strickleiter kann man nicht wie einen Brief in einem Balle schicken. – Nein, aber man schickt sie in etwas anderem. – In etwas anderem? In was denn? – In einer Pastete zum Beispiel. – In einer Pastete? – Ja; denkt Euch einmal, mein Haushofmeister Noirmont habe den Laden des Vaters Marteau gekauft. – Und dann? fragte La Ramée schaudernd. – La Ramée, ein Gourmand, erblickt seine Pasteten, findet, daß sie besser aussehen, als die seiner Vorgänger, und erbietet sich, mich davon kosten zu lassen. Ich nehme es an, unter der Bedingung, daß La Ramée mit mir davon kostet. Zu größerer Bequemlichkeit entfernt La Ramée die Wachen und behält nur Grimaud, um uns zu bedienen. Grimaud ist der Mann, den mir einer meiner Freunde gegeben hat, der treue Diener, mit dem ich mich verständige, bereit, mich in jeder Beziehung zu unterstützen. Als Augenblick meiner Flucht ist sieben Uhr bezeichnet. Einige Minuten vor sieben Uhr ... – Einige Minuten vor sieben Uhr? versetzte La Ramée, dem der Schweiß auf der Stirne zu perlen anfing. – Einige Minuten vor sieben Uhr, antwortete der Herzog, die Tat mit dem Worte verbindend, nehme ich den Deckel von der Pastete ab. Ich finde darin zwei Dolche, eine Strickleiter und einen Knebel. Ich setze einen der Dolche La Ramée auf die Brust und sage zu ihm: Mein Freund, es tut mir unendlich leid, aber wenn du nur eine Gebärde wagst, wenn du den geringsten Schrei ausstößt, bist du verloren. Der Herzog hatte, wie gesagt, seinen Worten unmittelbar die Tat folgen lassen. Er stand bei La Ramse und hielt ihm die Spitze seines Dolches mit einem Ausdruck auf die Brust, der keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit übrig ließ. Währenddessen zog der allezeit schweigsame Grimaud aus der Pastete einen zweiten Dolch, die Strickleiter und die Maulbirne hervor. La Ramée folgte jedem dieser Gegenstände mit wachsendem Schrecken. O, Monseigneur! rief er und schaute den Herzog mit einem erstaunten Entsetzen an, das diesen unter allen andern Verhältnissen hätte laut auflachen lassen, Ihr seid nicht der Mann, mich zu töten. – Nein, wenn du dich nicht meiner Flucht widersetzt. – Aber Monseigneur, wenn ich Euch fliehen lasse, bin ich verloren. – Ich zahle dir den Preis deiner Stelle zurück. – Ihr seid fest entschlossen, den Turm zu verlassen? – Bei Gott! – Alles, was ich Euch zu sagen vermag, ist nicht im stände, eine Änderung in Eurem Entschluß herbeizuführen? – Ich will noch diesen Abend frei sein. – Und wenn ich mich verteidige, wenn ich rufe, wenn ich schreie? – So töte ich dich, so wahr ich ein Edelmann bin. In diesem Augenblick schlug die Uhr. Sieben Uhr! sagte Grimaud, der noch kein Wort gesprochen hatte. Sieben Uhr! rief der Herzog, du siehst, ich bin noch zurück. La Ramée machte eine Bewegung, die sein Gewissen beschwichtigen sollte. Der Herzog runzelte die Stirne, und der Gefreite fühlte, daß die Klinge des Dolches, die seine Kleider durchdrungen hatte, nun auch seine Brust durchdringen wollte. Gut, Monseigneur, sagte er, das genügt, ich werde mich nicht rühren. – Beeilen wir uns, sprach der Herzog. – Monseigneur, eine letzte Gnade. – Welche? Sprich geschwind! – Bindet mich gut, Monseigneur. – Warum dich binden? Damit man mich nicht für Euern Schuldgenossen hält. – Die Hände, sagte Grimaud. – Nicht von vorn, von hinten. – Aber womit? sagte der Herzog. – Mit Eurem Gürtel, Monseigneur, versetzte La Ramée. Der Herzog machte seinen Gürtel los und gab ihn Grimaud, der La Ramée auf die gewünschte Weise die Hände band. Die Füße, sprach Grimaud. La Ramée streckte die Beine aus. Grimaud nahm eine Serviette, zerriß sie in Streifen und band La Ramée. Nun meinen Degen, sprach La Ramée, bindet den Griff. Der Herzog riß seinen Hosenträger ab und erfüllte das Verlangen seines Wärters. Jetzt die Maulbirne, sprach der arme La Ramée; ich verlange sie, denn man würde mir sonst den Prozeß machen, weil ich nicht geschrieen habe. Drückt sie hinein, Monseigneur, drückt sie hinein! Grimaud schickte sich an, den Wunsch des Gefreiten zu erfüllen, welcher durch eine Bewegung andeutete, er habe noch etwas zu sagen. Sprecht, rief der Herzog. Monseigneur, antwortete La Ramée, wenn mir Euretwegen ein Unglück widerfährt, so vergeßt nicht, daß ich eine Frau und vier Kinder habe. Sei ruhig. Stopf zu, Grimaud! In einer Minute war La Ramée geknebelt und auf den Boden gelegt. Einige Stühle wurden umgeworfen, als hätte ein Kampf stattgefunden. Grimaud nahm aus den Taschen des Gefreiten alle Schlüssel, welche sie enthielten, öffnete zuerst die Türe des Zimmers, verschloß sie dann wieder doppelt, als sie hinausgegangen waren, und beide schlugen den Weg nach der Galerie ein, die in den kleinen Hof führte. Die drei Türen wurden hintereinander mit einer Behendigkeit geöffnet und geschlossen, die Grimaud alle Ehre machte. Endlich gelangte man auf den Ballspielplatz; er war völlig verlassen, keine Wachen, niemand am Fenster. Der Herzog lief nach dem Walle und erblickte jenseits des Grabens drei Reiter mit zwei Handpferden. Er wechselte ein Zeichen mit ihnen: sie waren also seinetwegen da. Inzwischen band Grimaud die Strickleiter an. Vorwärts, sprach der Herzog. Ich zuerst, Monseigneur? fragte Grimaud. Allerdings, antwortete der Herzog. Wenn man mich erwischt, so wage ich nicht mehr, als das Gefängnis. Erwischt man dich, so wirst du gehenkt. Das ist richtig, sagte Grimaud und fing sogleich das gefahrvolle Hinabsteigen an. Der Herzog sah ihm mit unwillkürlicher Bangigkeit nach; er hatte bereits drei Vierteile der Mauer hinter sich, als plötzlich der Strick zerriß ... Grimaud stürzte in den Graben. Der Herzog stieß einen Schrei aus; aber Grimaud ließ keinen Seufzer vernehmen, und dennoch mußte er schwer verwundet sein, denn er blieb auf der Stelle liegen, auf die er gefallen war. Sogleich glitt einer der Männer, die jenseits warteten, in den Graben herab, band unter den Schultern Grimauds das Ende eines Strickes an, und die zwei andern, welche das entgegengesetzte Ende hielten, zogen Grimaud zu sich hinauf. Steigt herab, Monseigneur! rief der Mensch, der im Graben war. Die Entfernung beträgt nicht über fünfzehn Fuß, und der Rasen ist weich. Der Herzog war bereits am Werke. Er hatte eine schwierige Arbeit, denn durch den Bruch waren die Stützpunkte teilweise verloren gegangen; er konnte nur mit Hilfe seiner Faustgelenke herabkommen, und dies aus einer Höhe von mehr als fünfzig Fuß. Aber der Prinz war, wie gesagt, geschickt, kräftig und kaltblütig; in weniger als fünf Minuten befand er sich am Ende des Strickes. Er ließ los und fiel auf seine Füße, ohne sich zu beschädigen. Sogleich stieg er die Böschung des Grabens hinan, auf dessen Höhe er Rochefort fand; die zwei andern Edelleute waren ihm unbekannt. Den ohnmächtigen Grimaud hatte man bereits auf ein Pferd gebunden. Meine Herren, sprach der Prinz, ich werde Euch später danken, aber jetzt ist kein Augenblick zu verlieren. Vorwärts also, vorwärts, wer mich liebt, folge mir! Und er schwang sich auf ein Pferd, ritt im gestreckten Galopp von dannen, atmete mit voller Brust und rief mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Freude: Frei... frei!... frei... D'Artagnan kommt gerade zur rechten Zeit D'Artagnan nahm in Blois die Summe in Empfang, die Mazarin, in dem Verlangen, ihn wieder bei sich zu sehen, ihm für seine zukünftigen Dienste zu geben sich entschlossen hatte. Von Blois nach Paris waren es vier Tagereisen für einen gewöhnlichen Reiter. D'Artagnan langte um vier Uhr nachmittags am dritten Tage vor der Barrière Saint-Denis an. In früheren Zeiten hätte er nur zwei gebraucht. Wir haben bereits gesehen, daß Athos drei Stunden nach ihm abgereist, aber vierundzwanzig Stunden vor ihm angekommen war. Planchet hatte die Gewohnheit scharfer Ritte verloren, d'Artagnan machte ihm seine Weichlichkeit zum Vorwurf. Ei, Herr, vierzig Meilen in drei Tagen, ich finde, das ist sehr anständig für einen Menschen, der mit gerösteten Mandeln handelt. Bist du wirklich Kaufmann geworden, Planchet, und gedenkst du im Ernste, jetzt, da wir uns wiedergefunden haben, in deinem Laden fortzuvegetieren? Ach, versetzte Planchet, Ihr allein seid für ein tätiges Leben geschaffen. Seht Herrn Athos an; wer würde in ihm den abenteuerlichen Rittersmann wiedererkennen? Er lebt jetzt als wahrer Landedelmann, als wahrer Herrenbauer. Gnädiger Herr, es gibt in der Tat nichts Wünschenswerteres, als ein ruhiges Dasein. Heuchler, sprach d'Artagnan, man sieht wohl, daß du dich Paris näherst, und daß es in Paris für dich einen Galgen und einen Strick gibt. Als sie jetzt in Paris einritten, drückte Planchet seinen Hut ins Gesicht, da er durch Straßen ziehen sollte, wo er sehr bekannt war, und d'Artagnan strich seinen Bart in die Höhe. Sie bogen in die Rue Tiquetonne, wo Porthos in der Rehziege des Freundes harren sollte. Der Herr von Bracienx, der gelangweilt zum Fenster hinausschaute, bemerkte auch die beiden Reiter sofort und stand augenblicks auf der Schwelle des Gasthauses. Ah, mein Freund, sagte er, wie schlecht haben's meine Pferde hier! In der Tat! versetzte d'Artagnan, es tut mir unendlich leid um diese schönen Tiere. Und ich auch, sprach Porthos, ich habe es auch schlecht hier, und wäre nicht die Wirtin, fuhr er, sich mit seiner selbstzufriedenen Miene auf den Beinen wiegend, fort, die ziemlich zuvorkommend ist und einen Spaß versteht, so würde ich anderswo ein Lager gesucht haben. Die schöne Madeleine, die sich während dieses Gespräches genähert hatte, machte einen Schritt rückwärts und wurde bleich wie der Tod, als sie Porthos' Worte hörte. Sie glaubte, die Scene mit dem Schweizer würde sich wiederholen; aber zu ihrem großen Erstaunen änderte d'Artagnan keine Miene und sagte, statt sich zu ärgern, lachend zu Porthos: Ja, ich begreife, lieber Freund, die Luft der Rue Tiquetonne ist nicht so gut wie die im Tale von Pierrefonds. Aber beruhigt Euch, Ihr sollt eine bessere bekommen. – Wann dies? – Meiner Treu bald, hoffe ich. – Ah, desto besser! Mein lieber Du Vallon, da Ihr in voller Kleidung seid, so führe ich Euch auf der Stelle zum Kardinal. – Bah! wirklich? fragte Porthos, die Augen weit aufreißend. – Ja, mein Freund. – Eine Vorstellung? – Erschreckt Euch das? – Nein, aber es bringt mich in Verwirrung. – O! seid unbesorgt, Ihr habt es nicht mehr mit dem früheren Kardinal zu tun, und dieser wird Euch nicht durch seine Majestät niederschmettern. – Gleichviel, Ihr begreift, d'Artagnan, der Hof! – Ei, mein Freund, es gibt keinen Hof mehr. – Die Königin! – Ich wollte sagen, es gibt keine Königin mehr. Die Königin? Beruhigt Euch, wir werden sie nicht sehen. – Und Ihr sagt, wir gehen auf der Stelle ins Palais Royal? – Auf der Stelle. Nur werde ich, um nicht zögern zu müssen, eines von Euern Pferden entlehnen. – Nach Belieben, sie stehen Euch alle vier zu Diensten. – Ah, ich bedarf in diesem Augenblick nur eines. – Nehmen wir unsere Bedienten nicht mit? – Ja, nehmt Mousqueton, das wird nicht übel sein. Planchet hat seine Gründe, nicht an den Hof zu gehen. – Mouston, sprach Porthos – seit der Erhöhung Porthos' zum Großgrundbesitzer, die diesen veranlaßt hatte, seinen Namen ungewöhnlich zu verlängern. hatte Mousqueton den seinen durch Kürze verfeinert – sattelt Vulkan und Bayard! Ihr habt recht, fuhr Porthos fort, der mit Wohlgefallen seinem alten Diener nachschaute; Ihr habt recht, d'Artagnan, Mouston genügt, Mouston sieht hübsch aus. D'Artagnan lächelte. Und Ihr? sagte Porthos, kleidet Ihr Euch nicht um? – Nein, ich bleibe, wie ich bin. – Aber Ihr seid mit Schweiß und Staub überzogen, und Eure Stiefel sind ganz schmutzig. – Dieses Reisenegligé wird zum Beweis für den Eifer dienen, mit dem ich dem Befehle des Kardinals Folge leistete. In diesem Augenblick kam Mousqueton mit den drei Pferden zurück. D'Artagnan schwang sich in den Sattel, als ob er seit drei Tagen ausgeruht hätte. Sie entfernten sich rasch und gelangten gegen ein Viertel auf acht Uhr zu dem Palais-Kardinal. Eine Menge von Menschen trieb sich in den Straßen umher, denn es war gerade das Pfingstfest. Und diese Menge sah mit Erstaunen die zwei Kavaliere vorüberziehen, von denen der eine so frisch aussah, als käme er aus einer Kleiderhandlung, und der andere so bestaubt, als kehre er unmittelbar vom Schlachtfeld zurück. Mousqueton zog ebenfalls die Blicke der Müßiggänger auf sich, und da der Roman Don Quixote damals sehr viel gelesen wurde, so sagten einige, er sei Sancho Pansa, der, nachdem er einen Herrn verloren, zwei gefunden habe. Als sie in das Vorzimmer gelangten, fand sich d'Artagnan wieder im bekannten Lande. Musketiere von seiner Kompagnie hielten gerade Wache. Er ließ den Huissier rufen und zeigte ihm den Brief des Kardinals, der ihm einschärfte, unverzüglich zurückzukehren. Der Huissier verbeugte sich und trat bei Seiner Eminenz ein. D'Artagnan wandte sich gegen Porthos um und glaubte ein leichtes Zittern an ihm wahrzunehmen. Er lächelte, näherte sich seinem Ohr und sagte zu ihm: Guten Mut, mein braver Freund, laßt Euch nicht einschüchtern; glaubt mir, das Auge des Adlers ist geschossen, und wir haben es nur mit einem einfachen Reiher zu tun. Haltet Euch aufrecht, wie damals in der Bastei Saint-Gervais, und verbeugt Euch nicht zu tief vor diesem Italiener; das würde ihm einen armseligen Begriff von Euch geben. Gut, gut, antwortete Porthos. Der Huissier erschien wieder und sagte: Tretet ein, meine Herren, seine Eminenz erwartet Euch. Mazarin war dabei, so viele Namen als immer möglich von einer Pensions- und Unterstützungsliste zu streichen. Er sah aus einem Winkel seines Auges d'Artagnan und Porthos eintreten, und obgleich sein Blick bei der Meldung des Huissiers gefunkelt hatte, so schien er doch nicht im geringsten bewegt. Ah, Ihr seid es, mein Herr Leutnant? sagte er. Ihr habt Euch beeilt; gut, seid willkommen. Ich danke, Monseigneur. Ich bin hier auf Befehl Eurer Eminenz, und ebenso Herr Du Ballon, einer von meinen ehemaligen Freunden, der seinen Adel unter dem Namen Porthos verbarg. Porthos verbeugte sich vor dem Kardinal. Ein herrlicher Kavalier, sprach Mazarin. Porthos drehte den Kopf rechts und links und machte Schulterbewegungen voll Würde. Der beste Degen des Königreichs, Monseigneur, sprach d'Artagnan. Dies wissen viele Leute, die es nicht sagen und nicht sagen können. Porthos verbeugte sich vor d'Artagnan. Mazarin liebte die schönen Soldaten beinahe ebensosehr, wie später der König Friedrich von Preußen. Er bewunderte die nervigen Hände, die breiten Schultern und das feste Auge von Porthos. Es kam ihm vor, als hätte er das Heil seines Ministeriums und des Königreichs aus Fleisch und Knochen geschnitten vor sich. Und Eure zwei anderen Freunde? sagte er. Porthos öffnete den Mund, denn er glaubte, es sei für ihn jetzt Zeit, auch ein Wort anzubringen. D'Artagnan machte ihm aus dem Augenwinkel ein Zeichen. Unsere anderen Freunde sind in diesem Augenblick verhindert, sie werden später mit uns zusammentreffen. Mazarin hustete leicht. Und dieser Herr ist wohl freier als sie und tritt gerne wieder in den Dienst? fragte Mazarin. – Ja, Monseigneur, und zwar aus reiner Ergebenheit, denn Herr de Bracieux ist reich. – Reich? sagte Mazarin, dem dieses einzige Wort stets große Achtung einflößte. – Fünfzigtausend Livres Renten, sagte Porthos. Dies war das erste Wort, das er aussprach. Aus reiner Ergebenheit, versetzte Mazarin mit seinem feinen Lächeln, aus reiner Ergebenheit? – Monseigneur glaubt vielleicht nicht recht an dieses Wort? fragte d'Artagnan. – Und Ihr, Herr Gascogner? sagt Mazarin, seine Ellenbogen auf seinen Schreibtisch und sein Kinn aus seine zwei Hände stützend. – Ich, erwiderte d'Artagnan, glaube an die Ergebenheit, wie z. B. an einen Taufnamen, auf den natürlich ein irdischer Name folgen muß. Es gibt ja mehr oder minder ergebene Naturen; aber am Ende jeder Ergebenheit muß immer irgend etwas sein. – Und Euer Freund, was würde er am Ende seiner Ergebenheit wünschen? – Monseigneur, mein Freund hat drei herrliche Güter. Er wünschte nun, Monseigneur, daß eines von diesen drei Gütern zu einer Baronie erhoben würde. – Weiter nichts? sagte Mazarin, dessen Augen vor Freude glänzten, als er sah, daß er Porthos' Ergebenheit belohnen konnte, ohne die Börse zu öffnen. Weiter nichts? Die Sache wird sich machen lassen. – Ich werde Baron! rief Porthos und tat einen Schritt vorwärts. – Ich habe es Euch gesagt, versetzte d'Artagnan, indem er ihn bei der Hand zurückhielt, und Monseigneur wiederholt es Euch. – Und Ihr, Herr d'Artagnan, was wünscht Ihr? – Monseigneur, sprach d'Artagnan, im September sind es zwanzig Jahre, daß mich der Herr Kardinal von Richelieu zum Leutnant bei den Musketieren gemacht hat. – Und Ihr wollt, daß Euch der Kardinal Mazarin zum Kapitän mache? D'Artagnan verbeugte sich. Nun wohl, dies ist nicht unmöglich. Man wird sehen, meine Herren, man wird sehen. Sagt nun, Herr Du Ballon, sprach Mazarin, welchen Dienst zieht Ihr vor? den in der Stadt? den im Felde? Porthos öffnete den Mund, um zu antworten. Monseigneur, sagte d'Artagnan, Herr Du Ballon ist wie ich, er liebt den außerordentlichen Dienst, d. h. die Unternehmungen, welche man für tollkühn und unmöglich hält. Diese Gasconnade mißfiel Mazarin nicht. Ich muß aber gestehen, ich habe Euch kommen lassen, um Euch einen sitzenden Posten zu geben. Ich hege eine gewisse Unruhe. Aber was ist das? sprach Mazarin. Man vernahm in der Tat einen gewaltigen Lärm im Vorzimmer; beinahe zu gleicher Zeit öffnete sich die Türe des Kabinetts, und ein mit Staub bedeckter Mann stürzte herein und schrie: Herr Kardinal! Wo ist der Herr Kardinal? Mazarin glaubte, man wolle ihn ermorden, und mich, seinen Stuhl vor sich schiebend, zurück. D'Artagnan und Porthos machten eine schnelle Bewegung, die sie zwischen den Eindringling und den Kardinal brachte. Ei, mein Herr, sagte der Kardinal, was gibt es denn, daß Ihr hier eintretet, wie in die Hallen? Monseigneur, erwiderte der Offizier, an welchen dieser Vorwurf gerichtet war, ich wünschte Euch sogleich und insgeheim zu sprechen. Ich bin Herr de Poms, Offizier bei den Wachen im Dienste des Gefängnisses von Vincennes. Der Offizier war so bleich, so entstellt, daß Mazarin, überzeugt, den Überbringer einer wichtigen Nachricht vor sich zu sehen, d'Artagnan und Porthos durch ein Zeichen bedeutete, sie sollten dem Boten Platz machen. D'Artagnan und Porthos zogen sich in einen Winkel des Kabinetts zurück. Sprecht, mein Herr, sprecht geschwind, sagte Mazarin, was gibt es? – Monseigneur, antwortete der Bote, Herr von Beaufort ist soeben aus dem Schlosse Vincennes entwichen. Mazarin stieß einen Schrei aus und wurde noch bleicher, als der Überbringer der Nachricht. Er fiel wie vernichtet in seinen Lehnstuhl zurück. Entwichen! sagte er, Herr von Beaufort entwichen? – Monseigneur, ich habe ihn von der Terrasse herab entfliehen sehen. – Und Ihr habt nicht auf ihn schießen lassen? – Er war außerhalb der Schußweite. – Aber was tat Herr von Chavigny? – Er war abwesend. – Und La Ramée? – Man fand ihn gebunden im Zimmer des Gefangenen, einen Knebel in seinem Munde und einen Dolch neben ihm. – Aber der Mensch, den er sich beigegeben hatte? – Er war ein Genosse des Herzogs und entsprang mit ihm. Mazarin stieß einen Seufzer aus. Monseigneur, sagte d'Artagnan und machte einen Schritt gegen den Kardinal. – Was? fragte Mazarin. – Es scheint mir, Eure Eminenz verliert eine kostbare Zeit. – Wieso? – Wenn Eure Eminenz Befehl erteilte, dem Gefangenen nachzusetzen, so könnte man ihn vielleicht noch einholen. Frankreich ist groß und die nächste Grenze sechzig Meilen entfernt. – Und wer wird ihm nachsetzen? rief Mazarin. – Ich, bei Gott! – Und Ihr würdet ihn festnehmen? – Warum nicht? – Ihr würdet den Herzog im Felde bewaffnet festnehmen? – Wenn Monseigneur mir Befehl erteilte, den Teufel zu verhaften, so faßte ich ihn bei den Hörnern und führte ihn hierher. – Ich auch, sprach Porthos. – Ihr auch? versetzte Mazarin und schaute die zwei Männer voll Anstaunen an. Aber der Herzog wird sich nicht ohne blutigen Kampf ergeben? – Es sei! rief d'Artagnan, dessen Augen sich entflammten. Zur Schlacht! Wir haben uns seit langer Zeit nicht mehr geschlagen? nicht wahr. Porthos? – Zum Kampfe! sprach Porthos. – Und Ihr glaubt, Ihr könnt ihn wieder einholen? – Ja, wenn wir besser beritten sind, als er. – Dann nehmt, was Ihr von Wachen hier findet, und eilt ihm nach. – Ihr befehlt es, Monseigneur? – Ich unterzeichne, sprach Mazarin, nahm ein Papier und schrieb einige Zeilen. – Fügt bei, Monseigneur, daß wir alle Pferde nehmen können, die wir auf dem Wege treffen. – Ja, ja, sagte Mazarin, Dienst des Königs. Nehmt und eilt! – Gut, Monseigneur. – Herr Du Vallon, fügte Mazarin bei, Eure Baronie sitzt hinter dem Herzog von Beaufort auf dem Rosse; Ihr braucht ihn nur zu fassen. Was Euch betrifft, mein lieber d'Artagnan, Euch verspreche ich nichts, aber wenn Ihr ihn tot oder lebendig zurückbringt, so mögt Ihr fordern, was Ihr haben wollt. – Zu Pferde, Porthos! rief d'Artagnan und faßte seinen Freund bei der Hand. – Hier, antwortete Porthos mit erhabener Kaltblütigkeit. Und sie stiegen die große Treppe hinab, nahmen die Wachen mit, die sie auf ihrem Wege fanden, es waren etwa zehn Mann, und riefen: Zu Pferd! Zu Pferd! D'Artagnan und Porthos schwangen sich, der eine auf Vulcan, der andere auf Bayard, Mousqueton setzte sich auf Phöbus. Folgt mir, rief d'Artagnan. Marsch, sprach Porthos. Und sie stießen die Sporen in die Flanken ihrer edlen Renner, und diese flogen wie der Sturmwind durch die Rue Saint-Honors. Nun, Herr Baron, ich hatte Euch Leibesübung versprochen, Ihr seht, daß ich Wort halte. Ja, mein Kapitän, antwortete Porthos. Sie wandten sich um; Mousqueton hielt sich, mehr schwitzend als sein Pferd, in schuldiger Entfernung. Hinter Mousqueton galoppierten die zehn Garden. Erstaunt traten die Bewohner der anliegenden Häuser auf die Türschwellen, und aufgejagte Hunde folgten bellend den Reitern. An der Ecke des Saint-Jean-Kirchhofes warf d'Artagnan einen Mann nieder, aber es war dies ein zu geringfügiges Ereignis, um Leute, die so große Eile hatten, aufzuhalten. Die galoppierende Truppe setzte ihren Weg fort, als hätten ihre Pferde Flügel. Ach! nichts auf der Welt ist geringfügig, und wir werden sehen, daß durch diesen scheinbar nichtsbedeutenden Unfall beinahe die Monarchie verloren gegangen wäre. Die lange Straße Sie ritten in gleicher Eile durch das ganze Faubourg Saint-Antoine und den Weg nach Vincennes entlang. Bald befanden sie sich außerhalb der Stadt, bald im Walde, bald im Angesichte des Dorfes. Die Pferde schienen sich bei jedem Schritt immer mehr zu beleben, und ihre Nüstern fingen an, rot zu werden, wie glühende Öfen. D'Artagnan, der seinem Pferd beständig die Sporen eindrückte, war höchstens zwei Fuß vor Porthos voraus. Mousqueton folgte auf zwei Pferdelängen, die Garden ritten in einer Entfernung je nach der Tüchtigkeit ihrer Tiere. Von einer Anhöhe herab erblickte d'Artagnan eine Gruppe von Personen, die auf der andern Seite des Grabens standen, vor dem Teile des Turmes, der eine Aussicht nach Saint-Maur bot. Er sagte sich, daß der Gefangene in dieser Richtung entflohen sei, und daß er hier Auskunft erhalten würde. In fünf Minuten gelangte er zu diesem Punkte, wo ihn nach und nach die Garden wieder einholten. Die Menschen, welche die erwähnte Gruppe bildeten, waren sehr geschäftig. Sie betrachteten die nahe an der Schießscharte hängende und zwanzig Fuß vom Boden abgebrochene Strickleiter; sie maßen mit ihren Augen die Höhe und tauschten allerlei Vermutungen aus. Oben auf dem Walle gingen Wachen mit bestürzter Miene auf und ab. Ein Posten von Soldaten, von einem Sergeanten befehligt, entfernte die Bürger von der Stelle, wo der Herzog zu Pferde gestiegen war. D'Artagnan ritt gerade auf den Sergeanten zu. Mein Offizier, sprach der Sergeant, man darf sich nicht hier aufhalten. – Dieser Befehl ist nicht für mich, erwiderte d'Artagnan. Hat man die Flüchtlinge verfolgt? – Ja, mein Offizier; aber leider sind sie gut beritten. – Wie viele sind es? – Vier Gesunde und ein Fünfter, den sie verwundet mitgenommen haben. – Vier! sprach d'Artagnan und schaute dabei Porthos an. Hört Ihr, Baron, es sind ihrer nur vier. Ein freundliches Lächeln erleuchtete Porthos' Antlitz. Und wieviel haben sie Vorsprung? – Zwei und eine Viertelstunde, mein Offizier. – Zwei und eine Viertelstunde? das ist nichts. Wir sind gut beritten, nicht wahr. Porthos? Porthos stieß einen Seufzer aus; er dachte an das, was seiner armen Pferde harrte. Sehr gut, sagte d'Artagnan; und nun sprecht, in welcher Richtung sind sie weggeritten? Was das betrifft, mein Offizier, so hat man verboten, es zu sagen. D'Artagnan zog aus seiner Tasche ein Papier und erwiderte: Befehl des Königs! – Dann sprecht mit dem Gouverneur. – Und wo ist der Gouverneur? – Im Felde. Der Zorn stieg d'Artagnan ins Gesicht, seine Stirne faltete sich; seine Schläfe wurden blutrot. Ha, Elender! sagte er zu dem Sergeanten. Er öffnete das Papier, bot es mit einer Hand dem Sergeanten und nahm mit der andern aus seinen Halftern eine Pistole, die er spannte. Befehl des Königs, sage ich dir. Lies und antworte, oder ich schieße dich über den Haufen. Welchen Weg haben sie eingeschlagen? Der Sergeant sah, daß d'Artagnan ernsthaft sprach. Straße nach Vendome, antwortete er. Und durch welches Tor sind sie entflohen? Durch das Tor von Saint-Maur. Wenn du mich täuschest, Elender, sprach d'Artagnan, so wirst du morgen gehenkt. Und wenn Ihr sie einholt, so kommt Ihr nicht wieder, um mich hängen zu lassen. D'Artagnan zuckte die Achseln, machte seiner Eskorte ein Zeichen und ritt weiter. Hier durch, meine Herren, hier durch, rief er und wandte sich nach dem Tor des bezeichneten Parkes. Aber nun, da der Herzog entkommen war, hatte es der Torwächter für geeignet erachtet, das Tor doppelt zu verschließen. Man mußte ihn zwingen, es zu öffnen, wie man den Sergeanten gezwungen hatte, und dadurch gingen wieder zehn Minuten verloren. Als das letzte Hindernis überwunden war, setzte die Truppe ihren Ritt mit derselben Geschwindigkeit fort. Doch nicht alle Pferde bewährten sich gleich gut; einige konnten den zügellosen Lauf nicht lange aushalten. Drei hielten nach einer Stunde inne; eines fiel. D'Artagnan, der den Kopf nicht umwandte, bemerkte es nicht einmal. Porthos sagte es ihm mit ruhiger Miene. Wenn wir nur zu zwei ankommen, erwiderte d'Artagnan, das genügt, da sie nur zu vier sind. Das ist wahr, sprach Porthos. Und er stieß seinem Pferde wieder die Sporen in den Bauch. Nach zwei Stunden hatten die Pferde zwölf Meilen, ohne anzuhalten, zurückgelegt. Ihre Beine fingen an zu zittern, und der Schaum, den sie schnaubten, befleckte die Wämser der Reiter, während der Schweiß durch ihre Hosen drang. Ruhen wir einen Augenblick, um die unglücklichen Tiere Atem holen zu lassen, sagte Porthos. Nein, reiten wir sie zu Tode, rief d'Artagnan, und erreichen so das Ziel. Ich sehe frische Spuren; erst vor einer Viertelstunde sind sie hier vorübergekommen. Die Oberfläche der Straße war wirklich von Pferdehufen zerstampft, wie man bei den letzten Strahlen der Sonne bemerkte. Sie setzten sich wieder in Marsch; aber nach zwei Meilen stürzte das Pferd Mousquetons. Gut! sprach Porthos, Phöbus ist verloren. – Der Kardinal wird ihn mit tausend Pistolen bezahlen. – O, rief Porthos, darüber bin ich weg. – Reiten wir vorwärts und das im Galopp, – ja, wenn wir können. D'Artagnans Pferd weigerte sich tatsächlich, weiterzugehen; es atmete nicht mehr. Ein letzter Spornstreich ließ es zusammenbrechen. Ah, Teufel, sagte Porthos, Vulkan ist verschlagen. Mord und Teufel! schrie d'Artagnan und faßte sich mit der Faust bei den Haaren. Man soll also hier stille halten! Gebt mir Euer Pferd, Porthos. Doch, was zum Teufel macht Ihr? Bei Gott! ich falle, erwiderte Porthos, oder vielmehr Bayard bricht zusammen. D'Artagnan wollte das Pferd zum Aufstehen bringen, während sich Porthos, so gut er konnte, aus den Steigbügeln zog; aber er bemerkte, daß dem Tiere das Blut aus den Nüstern schoß. Drei sind hin! sagte er. Nun ist alles vorbei! In diesem Augenblick ließ sich ein Wiehern vernehmen. Stille! sprach d'Artagnan. – Was gibt es? – Ich höre ein Pferd. – Es ist das eines unserer Kameraden, die uns einzuholen suchen. – Nein, versetzte d'Artagnan, es ist voraus. – Dann ist es etwas anderes, sprach Porthos, und er horchte ebenfalls, das Ohr in der von d'Artagnan angegebenen Richtung vorstreckend. Gnädiger Herr, sagte Mousqueton, der, nachdem er sein Pferd auf der Straße zurückgelassen hatte, seinen Herrn zu Fuß einholte, gnädiger Herr, Phöbus konnte nicht wieder stehen, und... Stille doch, versetzte Porthos. In diesem Augenblick drang wirklich ein zweites Gewieher, von dem Nachtwind herbeigetragen, zu der kleinen Gruppe. Es ist fünfhundert Schritte von hier! Vorwärts! rief d'Artagnan. – In der Tat, gnädiger Herr, sagte Mousqueton, fünfhundert Schritte von uns liegt ein kleines Jägerhaus. – Mousqueton, deine Pistolen! – Ich habe sie in der Hand. – Porthos, nehmt die Eurigen aus Euern Halftern. – Ich habe sie. – Gut, sprach d'Artagnan, indem ei ebenfalls nach den seinigen griff. – Ihr versteht nun Porthos? – Nicht ganz. – Wir reisen im Dienste des Königs. – Nun? – Für den Dienst des Königs verlangen wir diese Pferde. – So ist es, sprach Porthos. – Darum kein Wort mehr und ans Werk! Alle drei rückten in der Nacht schweigsam wie Gespenster vor. An einer Wendung der Straße sahen sie ein Licht mitten unter Bäumen glänzen. Hier ist das Hans, sprach d'Artagnan ganz leise; laßt mich gewähren, Porthos, und macht es mir nach. Sie schlichen von Baum zu Baum und gelangten, ohne gesehen zu werden, bis auf zwanzig Schritte zu dem Hause. In dieser Entfernung erblickten sie beim Scheine einer unter einem Schuppen hängenden Laterne vier stattliche Pferde. Ein Knecht striegelte sie. Neben ihm lagen ihre Sättel und Zäume. D'Artagnan näherte sich rasch und machte dabei seinen zwei Gefährten ein Zeichen, sich einige Schritte hinter ihm zu halten. Ich kaufe diese Pferde, sagte er zu dem Knecht. Dieser wandte sich erstaunt um, jedoch ohne etwas zu sprechen. Hast du nicht gehört, Bursche? versetzte d'Artagnan. – Allerdings, erwiderte er. – Warum antwortest du nicht? – Weil diese Pferde nicht zu verkaufen find. – Dann nehme ich sie. Und er legte die Hand an das, welches in seinem Bereiche war. Seine Gefährten erschienen in diesem Augenblick und taten dasselbe. Aber, meine Herren, rief der Lakai, sie haben eine Strecke von sechs Meilen zurückgelegt und sind kaum eine halbe Stunde abgesattelt. Eine halbe Stunde Ruhe genügt, versetzte d'Artagnan, und sie sind dann nur um so besser im Atem. Der Knecht rief um Hilfe. Eine Art von Verwalter kam gerade in dem Augenblick heraus, wo d'Artagnan und seine Genossen den Pferden die Sättel auf den Rücken legten. Der Verwalter wollte Lärm machen. Mein lieber Freund, sagte d'Artagnan, wenn Ihr ein Wort sprecht, schieße ich Euch zusammen. Und er zeigte ihm den Lauf einer Pistole, die er sogleich wieder unter seinen Arm steckte, um sein Geschäft fortzusetzen. Aber mein Herr, sagte der Verwalter, wißt Ihr, daß diese Pferde dem Herrn von Montbazon gehören? Desto besser, erwiderte d'Artagnan, es müssen gute Tiere sein! Herr, sprach der Verwalter, während er Schritt für Schritt zurückwich und die Tür zu erreichen suchte, ich sage Euch, daß ich meine Leute rufe. Und ich die meinigen, antwortete d'Artagnan, ich bin Leutnant bei den Musketieren des Königs, habe zehn Wachen, die mir folgen, und Ihr ... holt ... hört Ihr sie galoppieren? Wir wollen doch sehen! Seid Ihr fertig. Porthos? fuhr er fort. – Ich bin fertig. – Und Ihr, Mouston? – Ich auch. – Dann zu Pferde und vorwärts! Alle drei schwangen sich auf ihre Rosse. Herbei! rief der Verwalter. Herbei, Bediente, und die Karabiner heraus! Vorwärts! sprach d'Artagnan; es könnte hier Musketenfeuer geben. Und alle drei ritten wie der Wind davon. Zu Hilfe! brüllte der Verwalter, während der Knecht nach dem benachbarten Hause lief. Hütet Euch, Eure Pferde zu töten! rief d'Artagnan und brach in ein schallendes Gelächter aus. Feuer! antwortete der Verwalter. Ein Schimmer, dem eines Blitzes ähnlich, beleuchtete den Weg, und zu gleicher Zeit mit dem Knalle hörten die drei Reiter die Kugeln Pfeifen, welche sich in der Luft verloren. Sie schießen wie Bedientenvolk, sagte Porthos; zur Zeit des Kardinals von Richelieu schoß man besser. Erinnert Ihr Euch der Straße nach Grevecoeur, Mousqueton? – Ja, gnädiger Herr, die rechte Hinterbacke tut mir noch weh. – Wißt Ihr gewiß, daß wir auf der Spur sind, d'Artagnan? fragte Porthos. – Bei Gott! habt Ihr denn nicht gehört? Was? – Daß diese Pferde Herrn von Montbazon gehören? – Nun! Herr von Montbazon ist der Gatte der Frau von Montzabon. – Weiter? – Und Frau von Montzabon ist die Geliebte des Herrn von Beaufort. – Ah, ich? begreife, sagte Porthos, sie hatte Relais gelegt. – Richtig. – Und wir eilen dem Herzog mit den Pferden nach, die er zurückgelassen hat. – Mein lieber Porthos, Ihr besitzt wirklich einen erhabenen Verstand, sprach d'Artagnan mit seiner halb süßen, halb sauren Miene. – Bah! sagte Porthos, wie ich bin, so bin ich. So ritt man eine Stunde, die Pferde waren weiß vom Schaum, und das Blut floß ihnen vom Bauch. He! was habe ich da unten gesehen? sagte d'Artagnan. – Ihr seid sehr glücklich, wenn Ihr in einer solchen Nacht etwas seht! versetzte Porthos. – Funken! – Ich habe sie auch gesehen, sprach Mousqueton. – Ah, ah! sollten wir sie eingeholt haben? – Gut, ein totes Pferd, sagte d'Artagnan, indem er sein Roß von einer Wendung zurücklenkte, die es gemacht hatte. Es scheint, sie sind auch mit ihrem Atem zu Ende. – Es kommt mir vor, als hörte ich das Geräusch einer Truppe von Reitern, sprach Porthos, auf die Mähne seines Pferdes vorgebeugt. – Unmöglich; sie sind zahlreich. Dann ist es etwas anderes. – Noch ein Pferd, sagte Porthos. – Tot? – Nein, verendend. – Gesattelt oder abgesattelt? – Gesattelt. – Dann sind sie es! – Mut! Wir haben sie! – Aber sie sind zahlreich, sprach Mousqueton. Wir haben sie nicht, sondern sie haben uns. – Bah, versetzte d'Artagnan, sie werden uns für stärker halten, da wir sie verfolgen; dann werden sie Furcht bekommen, und wir werden sie zerstreuen. – Das ist sicher, sagte Porthos. –, Ah! seht Ihr! rief d'Artagnan. – Ja, abermals Funken. Diesmal habe ich sie auch wahrgenommen, sprach Porthos. – Vorwärts, vorwärts! sagte d'Artagnan mit seiner scharfen Stimme, und in fünf Minuten werden wir lachen. Und sie jagten abermals fort. Wütend vor Schmerz, flogen die Pferde auf der finstern Landstraße hin, auf deren Mitte man eine Masse, düsterer, dunkler, als der übrige Horizont, zu erblicken anfing. Das Zusammentreffen So rasten sie noch ungefähr zehn Minuten vorwärts. Plötzlich lösten sich zwei schwarze Punkte von der Masse, traten hervor, wurden immer dicker und nahmen, je dicker sie wurden, immer mehr die Form von zwei Reitern an. Oho! sprach d'Artagnan, man kommt uns entgegen. Desto schlimmer für die Kommenden, versetzte Porthos. Wer da? rief eine rauhe Stimme. Die drei Reiter hielten nicht an und antworteten auch nicht. Man hörte nur das Geklirre von Degen, die aus der Scheide gezogen wurden, und das Knarren von Pistolenhähnen, welche die zwei schwarzen Gestalten spannten. Zügel in die Zähne! sagte d'Artagnan. Porthos begriff; d'Artagnan und er zogen jeder mit der linken Hand eine Pistole aus ihren Halftern und spannten ebenfalls. Wer da? rief man zum zweiten Male. Keinen Schritt mehr, oder Ihr seid des Todes! Bah! antwortete Porthos, beinahe erstickt durch den Staub und an seinem Zügel kauend wie sein Pferd am Gebiß. Bah! wir haben schon andere gesehen. Bei diesen Worten versperrten die zwei Schatten den Weg, und man sah beim Mondenschein den Lauf ihrer gesenkten Pistolen glänzen. Zurück! rief d'Artagnan, oder Ihr seid des Todes! Zwei Pistolenschüsse antworteten auf diese Drohung. Aber die zwei Angreifenden kamen mit einer solchen Geschwindigkeit heran, daß sie in demselben Augenblick vor ihren Gegnern waren. Es krachte ein dritter Pistolenschuß, von d'Artagnan abgefeuert, und sein Feind fiel. Porthos stieß mit solcher Heftigkeit auf den andern, daß er, obgleich sein Degen abgeglitten war, ihn mit einem Stoße zehn Schritte vom Pferde schleuderte. Mach fertig, Mousqueton, sagte Porthos. Und er jagte vorwärts an der Seite seines Freundes, der bereits seine Verfolgung wieder fortgesetzt hatte. Nun? fragte Porthos. Ich habe ihm den Kopf zerschmettert, erwiderte d'Artagnan; und Ihr? Ich habe ihn nur niedergeworfen. Doch halt! Man hörte einen Karabinerschuß. Es war Mousqueton, der im Vorüberreiten den Befehl seines Herrn vollstreckte. Frisch auf! sprach d'Artagnan. Das geht gut; die erste Partie haben wir gewonnen! Ah, ah! versetzte Porthos; hier sind neue Spieler. Es erschienen in der Tat zwei Reiter, die sich von der Hauptgruppe getrennt hatten, um abermals den Weg zu versperren. Jetzt wartete d'Artagnan nicht einmal, bis man das Wort an ihn richtete. Platz! rief er, Platz! Was wollt Ihr? fragte eine Stimme. Den Herzog! brüllten Porthos und d'Artagnan zugleich. Ein schallendes Gelächter antwortete, endigte jedoch in einem Seufzer. D'Artagnan hatte den Lacher mit seinem Degen durchbohrt. Zu gleicher Zeit machten zwei Knalle nur einen Schlag; es waren Porthos und sein Gegner, welche aufeinander schossen. D'Artagnan wandte sich um und sah Porthos ganz in seiner Nähe. Bravo, Porthos, sagte er, es scheint mir, Ihr habt ihn getötet. Ich habe nur das Pferd getroffen, antwortete Porthos. Was wollt Ihr, mein Lieber? Man trifft nicht mit jedem Schlag eine Fliege, und darf sich nicht beklagen, wenn einmal ein Stich verloren geht. Was Teufels hat Euer Pferd? sagte Porthos und hielt das seinige an. Das Pferd d'Artagnans stolperte und fiel auf die Knie, röchelte sodann und streckte sich nieder. Es hatte die Kugel des ersten Gegners von d'Artagnan in die Brust erhalten. D'Artagnan stieß einen Fluch aus, daß der Himmel hätte bersten sollen. Will der gnädige Herr ein Pferd? sagte Mousqueton. – Bei Gott! ob ich eines will? rief d'Artagnan. – Hier, versetzte Mousqueton. – Wie Teufels kommst du zu zwei Handpferden? fragte d'Artagnan und schwang sich auf eines derselben. – Ihre Herren sind tot; ich dachte, sie könnten uns nützlich sein und nahm sie mit. Während dieser Zeit hatte Porthos seine Pistolen wieder geladen. Rasch! sprach d'Artagnan, hier sind wieder zwei. – Bei Gott, mir scheint, das geht bis morgen so fort, rief Porthos. Wirklich rückten zwei weitere Reiter in Eile heran. He, gnädiger Herr, sagte Mousqueton, der, den Ihr niedergeworfen habt, erhebt sich wieder. Warum hast du es nicht gemacht, wie mit dem ersten? Ich hatte keine Hand frei, weil ich zwei Pferde hielt. Es wurde ein Schuß abgefeuert. Mousqueton stieß ein Schmerzgeschrei aus. Ah, gnädiger Herr, rief er, in den andern, gerade in den andern! Dieser Schuß ist das Seitenstück zu dem auf der Straße von Amiens. Porthos wandte sich wie ein Löwe um und jagte auf den abgesessenen Reiter zu, der seinen Degen zu ziehen versuchte; aber ehe er aus der Scheide war, hatte ihm Porthos einen so furchtbaren Schlag mit seinem Schwertknaufe beigebracht, daß er zusammenstürzte, wie der Ochse unter der Axt des Fleischers. Seufzend hatte sich Mousqueton von seinem Pferde herabgelassen, denn die Wunde, die er erhalten, gestattete ihm nicht mehr, auf dem Sattel zu bleiben. Als d'Artagnan die Reiter erblickte, hielt er stille und lud seine Pistolen wieder. Überdies hatte sein neues Pferd einen Karabiner am Sattel befestigt. Hier bin ich, sagte Porthos, warten wir, oder greifen wir an? Greifen wir an! sprach d'Artagnan. Angegriffen! wiederholte Porthos. Sie stießen ihren Pferden die Sporen in den Bauch. Die Reiter waren nur noch zwanzig Schritte von ihnen entfernt. Im Namen des Königs! rief d'Artagnan, laßt uns vorüber. Der König hat hier nichts zu tun, erwiderte eine düstere, vibrierende Stimme, die aus einer Wolke zu kommen schien, denn der Reiter war von oben bis unten in Staub gehüllt. Es ist gut, wir werden sehen, ob der König nicht überall durchkommt, versetzte d'Artagnan. Seht immerhin! rief dieselbe Stimme. Zwei Pistolenschüsse gingen beinahe gleichzeitig los, der eine von d'Artagnan, der andere von Porthos' Gegner abgefeuert. Die Kugel d'Artagnans riß seinem Feinde den Hut fort, die Kugel des Gegners von Porthos drang in den Hals seines Pferdes, das einen Seufzer ausstieß und tot niederstürzte. Zum letzten Male, wohin wollt Ihr? fragte dieselbe Stimme. Zum Teufel! antwortete d'Artagnan. Gut, dann seid ruhig, Ihr werdet zu ihm kommen. D'Artagnan sah, wie sich der Lauf einer Muskete gegen ihn senkte. Er hatte nicht Zeit, in seine Halfter zu greifen, erinnerte sich jedoch eines Rates, den ihm Athos einst gegeben hatte, und ließ sein Pferd sich bäumen. Die Kugel schlug dem Tier in den vollen Bauch. D'Artagnan fühlte, daß es unter ihm zusammenbrach, und warf sich mit wunderbarer Behendigkeit auf die Seite. Ei, bei Gott! sprach dieselbe vibrierende, spöttische Stimme, das ist eine Pferdeschlächterei und kein Männerkampf. Heraus mit dem Schwerte, mein Herr! Und er sprang von seinem Pferde. Mit zwei Sprüngen war d'Artagnan seinem Feinde gegenüber, dessen Eisen er an dem seinigen fühlte. D'Artagnan hatte mit seiner gewöhnlichen Geschicklichkeit den Degen in Terz gelegt, was seine Lieblingslage war. Während dieser Zeit hielt Porthos, hinter seinem sich im Todeskampfe wälzenden Pferde knieend, in jeder Hand eine Pistole. Mittlerweile hatte der Kampf zwischen d'Artagnan und seinem Gegner begonnen. D'Artagnan griff seiner Gewohnheit gemäß heftig an; aber er fand diesmal einen so meisterlichen Gegner, daß er bedenklich wurde. Zweimal im Quart gefaßt, machte d'Artagnan einen Schritt rückwärts; sein Gegner rührte sich nicht. D'Artagnan kehrte zurück und legte abermals in Terz aus. Es wurden mehrere Stöße von beiden Seiten ohne Resultate geführt. Die Funken sprangen in Garben von den Degen auf. Endlich dachte d'Artagnan, es sei der geeignete Augenblick, seine Lieblingsfinte zu benutzen. Er leitete sie geschickt ein und stieß mit Blitzesgeschwindigkeit und mit solcher Kraft, daß er sich für unwiderstehlich hielt. Der Stoß wurde pariert. » Mordious !« rief er mit seinem gascognischen Accent. Bei diesem Ausruf sprang sein Gegner zurück, neigte das entblößte Haupt und bemühte sich, durch die Finsternis das Gesicht d'Artagnans zu unterscheiden. Dieser, der eine Finte befürchtete, hielt sich in der Defensive. Nehmt Euch in acht, sprach Porthos zu seinem Gegner, ich habe noch meine zwei Pistolen geladen. Ein Grund mehr für Euch, zuerst zu schießen, antwortete dieser. Porthos schoß; ein Blitz erleuchtete die Walstätte. Bei diesem Schimmer stießen die zwei andern Kämpfer jeder einen Schrei aus. Athos! sagte d'Artagnan. D'Artagnan! sprach Athos. Athos hob seinen Degen in die Höhe, d'Artagnan senkte den seinen. Aramis! rief Athos, schießt nicht! Ah! ah! Ihr seid es, Aramis? sagte Porthos. Und er warf seine Pistolen weg, während Aramis die seinigen in seine Halfter steckte. Mein Sohn, sprach Athos und reichte d'Artagnan die Hand. Athos, erwiderte d'Artagnan, die Hände ringend. Ihr verteidigt ihn also? Und ich habe geschworen, ihn tot oder lebendig zurückzubringen. Ah! ich bin entehrt! Tötet mich! entgegnete Athos, seine Brust entblößend, wenn Eure Ehre meines Todes bedarf. O! wehe mir! wehe mir! Es gab nur einen Menschen auf dieser Welt, der mich aufhalten konnte, und das Unglück bringt mir gerade diesen in den Weg! Ah! was werde ich dem Kardinal sagen! Ihr werdet ihm sagen, mein Herr, antwortete eine mächtige, gebieterische Stimme, er habe gegen mich die zwei einzigen Menschen geschickt, welche die vier Gegner niederwerfen, mit dem Grafen de la Fère und dem Chevalier d'Herblay unbesiegt kämpfen und nur von fünfzig Mann zur Ergebung gebracht werden können. Der Prinz! sprachen zu gleicher Zeit Athos und Aramis und wandten sich etwas seitwärts, um dem Prinzen Raum zu geben, während d'Artagnan und Porthos einen Schritt rückwärts machten. Fünfzig Reiter! murmelte d'Artagnan und Porthos. Schaut um Euch her, wenn Ihr daran zweifelt, sagte der Herzog. D'Artagnan und Porthos schauten umher; sie waren tatsächlich von einer Truppe berittener Männer umringt. Bei dem Lärm, den Euer Kampf, mein Herr, verursachte, sagte der Herzog, glaubte ich, Ihr wäret wenigstens zu zwanzig Mann, und ich bin mit allen, die mich umgaben, zurückgekehrt, weil ich nicht immer fliehen, sondern auch einmal das Schwert ziehen wollte; Ihr wäret Euer aber nur zwei? Ja, Monseigneur, versetzte Athos; aber, wie Ihr gesagt habt, zwei, die so viel wert sind, als zwanzig. Vorwärts, meine Herren, Eure Degen, sprach der Herzog. Unsere Degen! rief d'Artagnan, den Kopf erhebend und wieder erwachend. Unsere Degen? Nie! Nie! wiederholte Porthos. Einige von den Reitern machten eine Bewegung. Einen Augenblick, Monseigneur, sprach Athos, nur zwei Worte. Und er näherte sich dem Prinzen, der sich zu ihm herabneigte, und sagte ihm leise einige Worte ins Ohr. Wie Ihr wollt, Graf, sprach der Prinz, ich habe zu große Verbindlichkeiten gegen Euch, um Euch Eure erste Bitte abzuschlagen. Entfernt Euch, meine Herren, sagte er zu seiner Eskorte. Meine Herren, d'Artagnan und du Vallon, Ihr seid frei. Der Befehl wurde sogleich ausgeführt, und d'Artagnan und Porthos bildeten den Mittelpunkt eines weiten Kreises. Nun d'Herblay, sprach Athos, steigt vom Pferde und kommt. Aramis stieg ab und näherte sich Porthos, während Athos sich d'Artagnan näherte. Freund, sagte Athos, bedauert Ihr immer noch, unser Blut nicht vergossen zu haben? Nein, antwortete d'Artagnan; ich bedaure, uns als Gegner zu sehen, nachdem wir stets so schön vereinigt waren. Ah, fortan wird uns nichts mehr gelingen! O, mein Gott, nein! Das ist vorbei! versetzte Porthos. Wohl, so tretet zu uns über! sprach Aramis. Still, d'Herblay! sagte Athos. Man macht Männern, wie diese hier, keine solchen Vorschläge. Sind sie auf Mazarins Seite getreten, so geschah es, weil ihr Gewissen sie aus diese Seite trieb, wie uns das unsrige auf die Seite des Prinzen trieb. So sind wir Feinde! rief Porthos. Gottes Blut! wer hätte dies je geglaubt! D'Artagnan sprach nichts, aber er stieß einen Seufzer aus. Athos schaute sie an und nahm ihre Hände in die seinigen. Meine Herren, sprach er, das ist eine recht ernste Sache, und mein Herz leidet, als ob Ihr es durchstochen hättet. Ja, wir sind getrennt, das ist die große, die traurige Wahrheit. Aber Wir haben uns noch nicht den Krieg erklärt; vielleicht haben wir uns noch Bedingungen zu machen; eine letzte Unterredung ist unerläßlich. Die drei andern stimmten bei. Wählen wir einen Versammlungsort, fuhr Athos fort, der im Bereich von uns allen liegt, und verabreden wir einfürallemal unser künftiges gegenseitiges Verhältnis. – Place Royale, wenn es Euch zusagt, versetzte d'Artagnan. Place Royale, es sei! sprach Athos als die andern zustimmend nickten. – Und wann? – Morgen abend, wenn Ihr wollt. – Seid Ihr bis dahin zurück? – Ja. – Um welche Stunde? – Um zehn Uhr nachts, wenn es Euch genehm ist. – Ganz recht. – Davon, versetzte Athos, wird Krieg oder Friede abhängen, aber unsere Ehre, meine Freunde, ist dann wenigstens unverletzt. – Ach, murmelte d'Artagnan, unsere Soldatenehre ist verloren! –D'Artagnan, sprach Athos ernst, ich schwöre Euch, es tut mir wehe, daß Ihr daran denkt, während ich nur an eines denke, nämlich, daß wir gegeneinander die Schwerter gekreuzt haben. Ja, fuhr er, schmerzlich den Kopf schüttelnd, fort, ja, Ihr habt es gesagt, das Unglück ist über uns. Kommt, Aramis. – Und wir, Porthos? sagte d'Artagnan, kehren wir zurück und bringen wir dem Kardinal unsere Schande? – Und sagt ihm vor allem, rief eine Stimme, daß ich noch nicht zu alt zur Tätigkeit sei. D'Artagnan erkannte die Stimme Rocheforts. Vermag ich etwas für Euch zu tun? fragte der Prinz. – Zeugnis davon ablegen, daß wir getan haben, was wir konnten, Monseigneur. – Seid unbesorgt, es wird geschehen. Gott befohlen, meine Herren. In einiger Zeit sehen wir uns wieder, wie ich hoffe ... vor Paris oder vielleicht in Paris, und dann könnt Ihr Eure Revanche nehmen. Bei diesen Worten grüßte der Herzog mit der Hand, setzte sein Pferd wieder in Galopp und verschwand mit seiner Eskorte in der Dunkelheit. D'Artagnan und Porthos befanden sich allein auf der Landstraße, mit einem Manne, der zwei Pferde in der Hand hielt. Sie glaubten, es sei Mousqueton, und näherten sich ihm. Was sehe ich! rief d'Artagnan. Du bist es Grimaud? Grimaud! sagte Porthos. Grimaud bedeutete den zwei Freunden durch ein Zeichen, daß sie sich nicht täuschten. Und wem gehören die Pferde? fragte d'Artagnan. Wer gibt sie uns? fragte Porthos. Der Herr Graf de la Fère. Athos, Athos! murmelte d'Artagnan, Ihr denkt an alles und seid bei Gott der wahre Edelmann. Vortrefflich, sagte Porthos. Mir war schon bange, den Marsch zu Fuß machen zu müssen. Und er schwang sich in den Sattel. D'Artagnan saß bereits zu Pferde. Nun, wo gehst du hin, Grimaud? Du verläßt deinen Herrn? Ja, antwortete Grimaud, ich begebe mich wieder zu dem Herrn Vicomte von Bragelonne bei der Armee in Flandern. Sie machten nun schweigend einige Schritte auf der Landstraße nach Paris; aber Plötzlich hörten sie Klagen, die aus einem Graben zu kommen schienen. Was ist das? fragte d'Artagnan. – Das ist Mousqueton, antwortete Porthos. – Jawohl, gnädiger Herr, ich bin es, rief eine klägliche Stimme, während sich ein Schatten am Rande der Straße erhob. Porthos ritt auf seinen Intendanten zu und sagte: Solltest du gefährlich verwundet sein, mein lieber Mouston? – Nein, gnädiger Herr, ich glaube nicht: aber ich bin auf eine sehr unbequeme Weise verwundet. – Du kannst also nicht zu Pferde steigen? – Ah, was schlagt Ihr mir da vor? – Kannst du zu Fuß gehen? – Ich werde es versuchen bis zum ersten Hause. – Was ist zu tun? sprach d'Artagnan. Wir müssen doch nach Paris zurückkehren. – Ich übernehme Mousqueton, versetzte Grimaud. – Ich danke, mein guter Grimaud, sagte Porthos und schlug, einigermaßen über die erste Fürsorge für seinen lieben Intendanten beruhigt, mit d'Artagnan den Weg nach Paris ein. Drei Stunden nachher wurden sie von einem mit Staub bedeckten Eilboten überholt; es war ein Bote des Herzogs mit einem Briefe, in dem der Prinz seinem Versprechen gemäß Mazarin von dem, was Porthos und d'Artagnan getan hatten, Mitteilung machte. Mazarin brachte eine sehr schlimme Nacht zu, als er diesen Brief empfing, worin ihm der Prinz ankündigte, er sei frei und stehe im Begriff, einen Krieg auf Leben und Tod mit ihm zu beginnen. Der Kardinal las ihn zwei- bis dreimal, faltete ihn dann zusammen und steckte ihn in seine Tasche. Was mich bei der verfehlten Expedition d'Artagnans tröstet, sagte er, ist, daß er wenigstens in seiner Hast diesen Broussel niedergeritten hat. Der Gascogner ist offenbar ein kostbarer Mann und dient mir sogar bei seinen Ungeschicklichkeiten. Der Mann nämlich, den d'Artagnan bei seinem Ausritt aus Paris niedergeworfen hatte, war niemand anders als der Rat Broussel. Der gute Broussel Aber zum Unglück für den Kardinal war der gute Broussel nicht zu Tode getreten worden. Er ging ruhig durch die Rue-Saint-Honoré, als d'Artagnans Pferd ihn scharf an der Schulter streifte und in den Kot warf. Die Leute, die den Unfall mit angesehen hatten, liefen herbei, fragten den stöhnenden Mann nach seinem Namen, und sobald er gesagt hatte, er heiße Broussel, sei Rat im Parlament und wohne in der Rue Saint-Landry, erhob sich ein Schrei aus der Menge, ein furchtbar drohender Schrei. Broussel! rief man, Broussel, unser Vater! Der Mann, der unsere Rechte gegen Mazarin verteidigt! Broussel, der Freund des Volkes, getötet, mit den Füßen zerstampft von diesen Schurken von Kardinalisten! Zu Hilfe! Zu den Waffen! Tod diesen Schurken! Im Nu war der Haufen lawinenartig geschwollen; man hielt einen Wagen an, um den kleinen Rat hineinzulegen; aber ein Mann aus dem Volke machte eine Bemerkung, bei dem Zustand des Verwundeten müsse die Bewegung der Karrosse das Übel nur noch verschlimmern; Fanatiker erboten sich, ihn auf den Armen zu tragen, und dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung begrüßt und einstimmig angenommen. Gesagt, getan! Das Volk hob ihn drohend und sanft zugleich auf und trug ihn fort. Der Rat war stolz auf diese Anhänglichkeit des Volkes, die er in solchem Maße nicht vermutet hatte. Zugleich fürchtete er aber an jeder Ecke, es möchte ein neuer Reitertrupp kommen und ihn völlig zermalmen. Mehrmals wiederholte er daher mit erloschener Stimme: Eilen wir, Kinder, denn in der Tat, ich leide sehr. Nicht ohne Mühe gelangte man an Broussels Haus. Die Menge hatte bereits das ganze Viertel in Aufregung gebracht. Am Fenster eines Hauses mit sehr schmalem Eingang bemerkte man eine alte Dienerin, die sich aufs heftigste gebärdete und aus Leibeskräften schrie, und eine betagte Frau, die in Tränen ausgebrochen war. Diese beiden Personen befragten mit sichtbarer Unruhe das Volk, das nur mit verworrenem, unverständlichem Geschrei antwortete. Als aber der Rat von acht Männern getragen, ganz bleich zum Vorschein kam und mit scheinbar brechendem Auge seine Wohnung, seine Frau und seine Dienerin betrachtete, da fiel die gute Dame Broussel in Ohnmacht, und die Magd stürzte, die Arme zum Himmel erhebend, auf die Treppe, um ihrem Herrn entgegenzugehen, und schrie: O mein Gott! mein Gott! Wenn nur Friquet da wäre, um einen Wundarzt zu holen! Friquet war da, denn wo ist ein Pariser Straßenjunge nicht? Friquet hatte natürlich den Pfingsttag benutzt, um sich vom Herrn der Taverne einen Urlaub zu erbitten; er war an der Spitze des Zuges. Wohl kam ihm gleich anfangs der Gedanke, einen Wundarzt zu holen, aber er fand es belustigender, aus vollem Halse zu schreien: Sie haben Herrn Broussel getötet! Herrn Broussel, den Vater des Volkes! Es lebe Herr Broussel! Zum Unglück für Friquet, der eine wichtige Rolle bei dem Zug spielte, beging er die Unklugheit, sich an die Fenstergitter im Erdgeschoß anzuklammern, um die Menge zu leiten. Dieser Ehrgeiz richtete ihn zu Grunde. Seine Mutter bemerkte ihn und schickte ihn nach dem Arzt. Dann nahm sie den guten Mann in ihre Arme und wollte ihn ins oberste Stockwerk tragen; aber unten an der Treppe stellte sich der Rat wieder aus seine Beine und erklärte, er fühle sich stark genug, um allein hinaufzusteigen. Er bat daher Gervaise (so hieß die Magd), sie möge das Volk zum Rückzug zu bewegen suchen, aber Gervaise hörte nicht auf ihn. O mein armer Herr! mein lieber Herr! rief sie. – Ja, meine Gute, ja, Gervaise, murmelte Broussel, um sie zu beschwichtigen; sei unbesorgt, es wird nichts sein. – Ich soll mich beruhigen, während Ihr gerädert, zertreten und zermalmt seid! – Nein, nein, entgegnete Broussel, es ist nichts, beinahe nichts. – Nichts? und Ihr seid mit Kot bedeckt! Nichts, und Ihr, habt Blut an Euren Haaren! Ah, mein Gott, mein Gott! mein armer Herr! – Still doch! sagte Broussel, still! – Blut, mein Gott, Blut! rief Gervaise. – Einen Arzt! einen Wundarzt! einen Doktor! brüllte die Menge. Der Rat Broussel stirbt! Die Mazariner haben ihn getötet! – Mein Gott! sprach Broussel voll Verzweiflung, die Unglücklichen werden machen, daß mein Haus abgebrannt wird. – Stellt Euch ans Fenster und zeigt Euch! – Zum Henker! ich werde mich wohl hüten; das paßt für den König gut, sich zu zeigen. Sage ihnen, Gervaise, es gehe besser mit mir. Sage ihnen, ich wolle nicht ans Fenster kommen, sondern mich ins Bett legen, und sie möchten sich entfernen. – Aber, warum sollen sie sich entfernen? Es macht Euch Ehre, wenn sie da sind. – O! siehst du nicht, sprach Broussel, dessen Verzweiflung immer mehr zunahm, sie machen, daß man mich verhaftet, daß man mich hängt! Ach, sieh da, meine Frau ist unwohl. – Broussel! Broussel! rief die Menge. Es lebe Broussel! Einen Wundarzt für Broussel! Sie machten einen solchen Lärm, daß das, was Broussel vorhergesehen hatte, wirklich geschah. Eine Abteilung von Wachen trieb den übrigens harmlosen Haufen mit Musketenkolben auseinander. Aber beim ersten Geschrei: Die Wache, die Soldaten! schlüpfte Broussel, der fürchtete, man könnte ihn für den Anstifter dieses Auflaufes halten, ganz angekleidet in sein Bett. Kaum war durch die Wachen einigermaßen in der Straße die Ruhe wiederhergestellt, so klopfte es stark an der Türe. Seht, wer klopft, sagte Broussel; öffnet aber nur vertrauten Freunden, Gervaise. Gervaise sah nach. Es ist der Herr Präsident Blancmesnil, sprach sie. Dann ist es gut, erwiderte Broussel, öffnet nur! Laßt hören! sprach der Präsident, als er eintrat. Was haben sie Euch getan, mein lieber Broussel? Man sagt, Ihr wäret beinahe ermordet worden. Es ist nicht zu leugnen, man führte ohne Zweifel etwas gegen mein Leben im Schilde, antwortete Broussel mit der Festigkeit eines Stoikers. Mein armer Freund, sie wollten mit Euch anfangen; aber die Reihe wird an jeden von uns kommen, und da sie uns nicht in Masse besiegen können, so werden sie einen nach dem andern zu vernichten suchen. Wenn ich davonkomme, sagte Broussel, so will ich sie alle unter dem Gewicht meines Wortes zermalmen. Ihr werdet davonkommen, erwiderte Blancmesnil, um sie ihren Angriff teuer büßen zu lassen. Frau Broussel weinte heiße Tränen. Gervaise war in Verzweiflung. Was gibt es denn? rief ein hübscher junger Mann mit kräftigen Formen, in das Zimmer stürzend. Mein Vater verwundet! Ihr seht ein Opfer der Tyrannei, junger Mensch, sprach Blancmesnil, als wahrer Spartaner. Wehe denen, die Euch berührt haben, mein Vater, versetzte der junge Mann und wandte sich nach der Türe. Jacques, sprach der Rat, hole lieber einen Arzt. Ich höre das Geschrei des Volkes, rief die Alte, ohne Zweifel ist es Friquet, der einen bringt. Aber nein, es ist eine Karrosse! Blancmesnil schaute durchs Fenster. Der Koadjutor, sagte er. Der Herr Koadjutor! wiederholte Broussel. Ei, mein Gott, wartet doch, daß ich ihm entgegengehe! Und seine Wunde vergessend, wäre der Rat Herrn von Retz entgegengelaufen, wenn ihn Blancmesnil nicht aufgehalten hätte. Nun, mein lieber Broussel, sagte der Koadjutor eintretend, was gibt es denn? Man spricht von Hinterhalt, von Ermordung. Guten Morgen, Herr Blancmesnil. Ich habe im Vorüberfahren einen Arzt mitgenommen und bringe ihn. Ah, gnädiger Herr, sagte Broussel, wieviel Gnade bin ich Euch schuldig! Es ist wahr, ich bin schrecklich niedergeworfen und von den Musketieren des Königs mit Füßen getreten worden. Sagt des Kardinals, sprach der Koadjutor, sagt Mazarins. Aber wir wollen ihn alles teuer bezahlen lassen, seid unbesorgt. Nicht wahr, Herr von Blancmesnil? Blancmesnil verbeugte sich, als die Türe von einem Läufer aufgestoßen wurde. Ein Lakai in großer Livree folgte ihm und meldete: Der Herr Herzog von Longueville. Wie! rief Broussel, der Herr Herzog hier! Welche Ehre für mich! Ah, Monseigneur! Mein Herr, sagte der Herzog, ich komme seufzend über das Schicksal unseres bravsten Verteidigers. Seid Ihr denn verwundet, mein lieber Rat? – Wenn ich es wäre, Monseigneur, so würde mich Euer Besuch heilen. – Ihr leidet jedoch? – Sehr, sagte Broussel. – Ich habe einen Arzt mitgebracht, versetzte der Herzog; erlaubt Ihr ihm einzutreten? – Ganz gewiß. Der Herzog machte seinem Lakaien ein Zeichen, und dieser führte einen schwarzen Mann ein. Ich hatte denselben Gedanken, wie Ihr, mein Prinz, sprach der Koadjutor. Die beiden Ärzte schauten sich an. Ah, Ihr seid's, mein Herr Koadjutor, sagte der Herzog. Die Freunde des Volkes treffen sich auf dem rechten Gebiet. – Das Geschrei hatte mich erschreckt, und ich eilte herbei. Aber ich glaube, es wäre das dringendste, daß die Ärzte unsern braven Rat untersuchten. – Vor Euch, meine Herren? sprach Broussel ganz schüchtern. – Warum nicht, mein Lieber? – Wir wollen eiligst erfahren, wie es mit Euch steht. – Ei, mein Gott, sagte Frau Broussel, was soll dieser neue Lärm bedeuten? Man sollte glauben, es wäre Beifallsgeschrei, sprach Blancmesnil und lief ans Fenster. Wie! rief Broussel erbleichend, was gibt es denn noch? Die Livree des Herrn Prinzen von Conti, sprach Blancmesnil. Der Herr Prinz von Conti selbst. Ah, meine Herren, sagte der Prinz eintretend, als er den Koadjutor erblickte, Ihr seid mir zuvorgekommen. Doch Ihr müßt mir deshalb nicht grollen, mein lieber Herr Broussel. Als ich Euren Unfall erfuhr, glaubte ich, es würde Euch vielleicht an einem Arzt fehlen, und machte einen Umweg, um den meinigen mitzunehmen. Doch wie ist es mit dem Mordversuch? Broussel wollte sprechen, aber es fehlte ihm an Worten. Er erstickte beinahe unter dem Gewicht der Ehrenbezeigungen, mit denen man ihn überhäufte. Ei, mein guter Doktor, seht nach, sagte der Prinz zu einem schwarzen Manne, der ihn begleitete. Meine Herren, sprach einer der Ärzte, es handelt sich also um eine Konsultation. Wie Ihr wollt, doch beruhigt mich geschwind über den Zustand des lieben Rates. Die drei Ärzte näherten sich dem Bette, Broussel zog die Decke mit aller Gewalt an sich, wurde aber trotz seines Widerstandes entblößt und untersucht. Er hatte nur eine Quetschung am Arm und eine andere am Schenkel. Die drei Ärzte schauten sich an, denn sie begriffen nicht, wie man die drei gelehrtesten Männer der Pariser Fakultät wegen einer solchen Lappalie hatte zusammenrufen können. Nun, sagte der Koadjutor. – Nun? sagte der Herzog. – Nun? sagte der Prinz. – Wir hoffen, der Unfall wird keine Folgen haben, sprach einer der drei Ärzte, und wollen uns zum Behuf einer Verordnung ins nächste Zimmer zurückziehen. Broussel! Kunde von Broussel! rief das Volk. Wie geht es Broussel? Der Koadjutor lief ans Fenster; bei seinem Anblick schwieg das Volk. Meine Freunde, sagte er, beruhigt Euch. Herr Broussel ist außer Gefahr. Seine Wunde ist jedoch bedeutend, und die Ruhe sehr notwendig für ihn. Der Ruf: Es lebe Broussel! Es lebe der Koadjutor! erscholl sogleich aus der Straße. Herr von Longueville war eifersüchtig und ging auch ans Fenster. Es lebe Herr von Longueville! rief man ebenfalls. Meine Freunde, sagte der Herzog, mit der Hand grüßend, entfernt Euch im Frieden und gönnt unsern Feinden nicht das Vergnügen, von einer Zusammenrottung zu reden. Schön, Herr Herzog, sprach Broussel von seinem Bette aus. Das heiße ich als guter Franzose sprechen. Ja, meine Herren Pariser, rief der Prinz von Conti, ebenfalls ans Fenster tretend, um seinen Anteil an dem Beifall zu bekommen. Ja, Herr Broussel bittet Euch. Überdies bedarf er der Ruhe, und der Lärm könnte ihm schaden. Es lebe der Prinz von Conti! schrie die Menge, und der Prinz verneigte sich. Alle drei verabschiedeten sich nun von dem Rat, und die Menge, die sie in Broussels Namen weggeschickt hatten, geleitete sie. Sie waren bereits auf dem Quai, als Broussel immer noch von seinem Bette aus Komplimente machte. Die alte Magd schaute ihren Herrn mit Bewunderung an. Er war in ihren Augen um einen Fuß größer geworden. So geht es, wenn man seinem Vaterland nach seinem Gewissen dient, sagte Broussel mit Befriedigung. Die Ärzte entfernten sich, nachdem sie sich eine Stunde lang beraten und für die Quetschungen Umschläge mit Wasser und Salz verordnet hatten. Es war den ganzen Tag eine Wallfahrt von Karossen. Die ganze Fronde ließ sich bei Broussel einschreiben. Friquet kehrte um Mitternacht zurück; er hatte keinen Arzt finden können. Die Vorbereitungen zum Wiedersehn Nun? sagte, im Hofe des Gasthauses zur Rehziege sitzend, Porthos zu seinem Freund d'Artagnan, der mit langem, verdrießlichem Gesicht aus dem Palais-Kardinal zurückkehrte, nun, er hat Euch übel empfangen, mein braver d'Artagnan? Meiner Treu, ja! dieser Mensch ist offenbar ein abscheuliches Geschöpf. Was eßt Ihr da, Porthos? Ihr seht ja, ich tauche etwas Zwieback in spanischen Wein. Macht es ebenso. Ihr habt recht. Gimblou, ein Glas! Der mit diesem harmonischen Namen angerufene Kellner brachte das verlangte Glas, und d'Artagnan setzte sich zu seinem Freunde. Wie ist die Sache abgelaufen? – Gott verdamm' mich, es war nicht möglich, die Sache auf zweierlei Arten darzustellen; ich trat ein, er schaute mich von der Seite an, ich zuckte die Schultern und sagte: Monseigneur, wir sind nicht die Stärkeren gewesen. – Ja, ich weiß alles, aber erzählt mir die einzelnen Umstände. – Ihr begreift, Porthos, ich konnte die Einzelheiten nicht erzählen, ohne unsere Freunde zu nennen, und wenn ich sie nannte, so richtete ich sie zu Grunde. – Bei Gott! – Monseigneur, sagte ich, sie waren zu fünfzig, und wir waren zu zwei. – Ja, antwortete er, aber das verhinderte keineswegs einen Austausch von Pistolenschüssen, wie ich gehört habe. – Allerdings sind von der einen, wie von der andern Seite einige Patronen verbrannt worden. – Und die Schwerter haben den Tag gesehen? fügte er bei. – Oder vielmehr die Nacht, Monseigneur, antwortete ich. – Ah! ja, fuhr der Kardinal fort; ich hielt Euch für einen Gascogner, mein Lieber. – Ich bin nur Gascogner, wenn ich siege, Monseigneur. – Diese Antwort gefiel ihm, denn er lachte. – Das dient mir zur Lehre, sprach er, daß ich meinen Garden bessere Pferde gebe, denn wenn sie Euch hätten folgen können, und jeder so viel getan hätte, wie Ihr und Euer Freund, so hättet Ihr Euer Wort gehalten und mir ihn tot oder lebendig gebracht. Das kommt mir gar nicht so schlimm vor, versetzte Porthos. Ich war im Begriff, mich zu entfernen, als er mich zurückrief. – Drei von Euern Pferden sind tot oder verschlagen? fragte er. – Ja, Monseigneur. – Wieviel waren sie wert? – Das war, scheint mir, ein guter Klang, sprach Porthos. – Tausend Pistolen, antwortete ich. – Tausend Pistolen? sagte Porthos, oh! oh! das ist viel, er versteht sich auf die Pferde und wird wohl gehandelt haben. – Meiner Treu, er hatte Lust dazu, der Filz, denn er machte einen furchtbaren Sprung und schaute mich an. Ich schaute ihn auch an; dann begriff er die Sache, steckte die Hand in einen Schrank und zog Anweisungen auf die Bank von Lyon heraus. – Für tausend Pistolen? – Für tausend Pistolen ... der Knauser, nicht eine einzige mehr. – Ihr habt sie? – Hier sind sie. – Meiner Treu, ich finde das anständig, sprach Porthos. – Anständig, gegen Leute, die nicht nur unmittelbar vorher ihre Haut gewagt, sondern ihm einen großen Dienst geleistet haben! – Einen großen Dienst! und welchen? fragte Porthos. – Bei Gott, es scheint, ich habe ihm einen Parlamentsrat zertreten. – Wie, das schwarze Männchen, das wir an der Ecke des Saint-Jean-Kirchhofes niedergeworfen haben? – Ganz richtig, mein Lieber. Dieser Mensch war ihm unbequem. Leider habe ich ihn nicht ganz platt getreten, er wird davonkommen und ihm abermals unbequem sein. – Ei, ei, sagte Porthos, und ich habe erst noch mein Pferd zurückgerissen, das gerade aus ihn losrennen wollte. Ein andermal will ich's besser machen. – Der Knicker hätte mir den Rat jedenfalls bezahlen müssen. – Ei, meinte Porthos, er war ja nicht ganz zertreten. – Ah! Herr von Richelieu hätte gesagt: Fünfhundert Taler für den Rat! Doch sprechen wir nicht mehr davon. Wieviel kosten Euch Euere Tiere, Porthos? – Ach, mein Freund, wenn der arme Mousqueton da wäre, er könnte es Euch bei Heller und Pfennig sagen. – Gleichviel, schätzt sie zehn Taler mehr oder weniger. – Vulkan und Bayard kosteten mich jeder ungefähr zweihundert Pistolen; schlage ich Phöbus auf hundertundfünfzig an, so wird die Rechnung ungefähr herauskommen. – Dann bleiben also vierhundertundfünfzig Pistolen, sprach d'Artagnan ziemlich zufrieden. – Ja, versetzte Porthos, aber Sattel und Zeug. – Das ist bei Gott wahr. Wieviel hierfür? – Wenn ich hundert Pistolen für alle drei rechne ... – Gut, hundert Pistolen, sprach d'Artagnan. Dann bleiben noch dreihundert und fünfzig Pistolen. Porthos nickte beifällig mit dem Kopfe. Geben wir die fünfzig Pistolen unserer Wirtin für unsere ganze Zeche, sprach d'Artagnan, und teilen wir die übrigen dreihundert. Teilen wir sie. In diesem Augenblick schlug es neun Uhr auf der benachbarten Kirche. D'Artagnan bebte. Ach, es ist wahr, sagte Porthos, es schlägt neun Uhr, und um zehn Uhr sollen wir aus der Place Royale zusammentreffen. Ach! Porthos, schweigt! rief d'Artagnan mit einer Bewegung der Ungeduld; erinnert mich nicht hieran, das hat mich seit gestern verdrießlich gemacht. Ich gehe nicht hin. Und warum? fragte Porthos. Weil es eine schmerzliche Sache ist, zwei Männer zu sehen, die unsere Unternehmung zum Scheitern gebracht haben, und diese Zusammenkunft etwas verbirgt! Oho! entgegnete Porthos, das glaubt Ihr selbst nicht, d'Artagnan. Es war so. D'Artagnan hielt Athos nicht für fähig, sich einer List zu bedienen; aber er suchte einen Vorwand, diese Zusammenkunft zu vermeiden. Wir müssen hingehen, fuhr der stolze Grundherr von Bracieux fort; sie würden glauben, wir haben Angst. Ei, mein lieber Freund, wir haben wohl fünfzig Feinden auf der Landstraße Trotz geboten, wir werden wohl auch zwei Freunden auf der Place Royale stand halten. Ja, ja, sagte d'Artagnan, ich weiß es; aber sie haben die Partei des Prinzen ergriffen, ohne uns davon in Kenntnis zu setzen; Athos und Aramis trieben ein Spiel mit mir, das mich empört. Gestern haben wir die Wahrheit entdeckt; wozu soll es dienen, heute noch etwas anderes zu erfahren? Ihr mißtraut also wirklich? Aramis allerdings, seitdem er Abbé geworden ist. Ihr glaubt gar nicht, mein Lieber, wie er sich verändert hat. Er sieht uns auf dem Wege, der ihn zum Bistum führen soll, und es wäre ihm vielleicht nicht unangenehm, uns auf die Seite zu schaffen. Ah! bei Aramis ist es etwas anderes, sprach Porthos, das würde mich nicht wundern. Herr von Beaufort kann auch einen Versuch machen, uns festnehmen zu lassen. Bah! er hatte uns in der Hand und ließ uns wieder ziehen, übrigens wollen wir aus der Hut sein, uns bewaffnen und Planchet mit einem Karabiner mitnehmen. Planchet ist Frondeur, sagte d'Artagnan. Zum Teufel mit den Bürgerkriegen! rief Porthos, man kann weder auf seine Freunde noch auf seine Lakaien mehr rechnen. Ah! wenn der arme Mousqueton da wäre! Das ist ein Mensch, der mich nie verlassen wird. Ja, solange Ihr reich seid. Ja, Ihr habt recht, Porthos, gehen wir hin, aber wohl bewaffnet. Gingen wir nicht, so würden sie sagen, wir hätten Angst. Holla! Planchet, rief d'Artagnan. Planchet erschien. – Laß die Pferde satteln und nimm deinen Karabiner. – Aber, gnädiger Herr, gegen wen ziehen wir? – Wir ziehen gegen niemand, antwortete d'Artagnan, es ist eine reine Vorsichtsmaßregel, falls wir angegriffen würden. – Ihr wißt, gnädiger Herr, daß man den guten Rat Broussel, den Vater des Volkes, umbringen wollte. – Wirklich? rief d'Artagnan. – Ja, aber er wurde schön gerächt. Das Volk hat ihn auf seinen Armen nach Hause getragen, und wenn er jetzt wollte ... – Nun, wenn er wollte ... Planchet fing an zu trällern: Ein Frondewind Bläst frisch und munter, Bläst Mazarin Den Hut herunter. Zur selben Zeit ritten Athos und Aramis durch das Faubourg Saint-Antoine in Paris ein. Sie hatten sich auf dem Wege gestärkt und eilten, um nicht zu spät zum Rendezvous zu kommen. Bazin allein folgte ihnen, denn Grimaud war, wie gesagt, zurückgeblieben, um Mousqueton zu pflegen, und sollte sich dann unmittelbar zu dem jungen Grafen Bragelonne begeben, der zu dem Heere nach Flandern ging. Nun müssen wir irgend eine Herberge aussuchen, sagte Athos, um ein städtisches Gewand anzuziehen, Pistolen und Raufdegen abzulegen und unsern Bedienten zu entwaffnen. – O! keineswegs, mein lieber Graf; erlaubt mir, nicht nur nicht Euerer Meinung zu sein, sondern Euch zu der meinigen zu bringen. – Und warum dies? – Weil wir zu einer Kriegsverhandlung gehen. – Was wollt Ihr damit sagen, Aramis? – Daß sich auf der Place Royale die Landstraße von Vendome fortsetzt. – Wie, unsere Freunde ... – Sind unsere gefährlichsten Feinde geworden; Athos, glaubt mir, wir dürfen nicht trauen. – O! d'Herblay! – Wer sagt Euch, daß d'Artagnan nicht seine Niederlage uns schuld gegeben und den Kardinal davon in Kenntnis gesetzt hat? Wer sagt Euch, daß der Kardinal nicht diese Zusammenkunft benutzen wird, um uns fassen zu lassen? – Wie, Aramis, könnt Ihr denken, d'Artagnan und Porthos würden zu einer solchen Niederträchtigkeit die Hand bieten? – Ihr habt recht, unter Freunden wäre es eine Niederträchtigkeit, aber unter Feinden ist es eine List. Athos kreuzte die Arme und ließ sein schönes Haupt auf die Brust fallen. Was wollt Ihr, Athos, die Menschen sind einmal so beschaffen und zählen nicht immer zwanzig Jahre, sagte Aramis. Wir haben grausam die Eitelkeit verletzt, von der sich dieser Mann blindlings leiten läßt. Er ist besiegt worden. Habt Ihr nicht gesehen, wie groß seine Verzweiflung war? Was Porthos betrifft, so hing vielleicht sein Baronstitel vom Gelingen dieser Angelegenheit ab. Wir sind ihm im Wege gewesen, und er wird für diesmal noch nicht Baron. Wer weiß, ob diese Baronie nicht in Verbindung mit unserer Zusammenkunft steht! Wir wollen auf unserer Hut sein, Athos. Aber wenn sie ohne Waffen kämen? Welche Schmach für uns, Aramis! O! seid unbesorgt, mein Lieber, ich stehe Euch dafür, es wird nicht so sein. Überdies haben wir eine Entschuldigung: wir kommen von der Reise und sind Rebellen. O! Aramis, Aramis, sagte Athos mit traurigem Kopfschütteln, bei meiner Seele, Ihr macht mich zum unglücklichsten Menschen! Ihr entzaubert ein Herz, das für die Freundschaft nicht ganz abgestorben war; seht, Aramis, es wäre mir beinahe ebenso lieb, wenn man es mir aus der Brust risse, das schwöre ich Euch. Geht hin, wie Ihr wollt, Aramis; ich gehe ohne Waffen. Nein, ich lasse Euch so nicht gehen. Es handelt sich nicht um einen einzelnen, um Athos allein oder den Grafen de la Fère, durch diese Schwäche verratet Ihr eine ganze Partei, der Ihr angehört und die auf Euch zählt. Es geschehe, wie Ihr sagt, antwortete Athos. Und sie setzten in trüber Stimmung ihren Weg fort. Kaum gelangten sie durch die Rue du Pas-de-la-Mule zu den Gittern des verlassenen Platzes, als sie unter der Arkade an der Mündung der Rue Sainte-Catherine drei Reiter erblickten. Es waren d'Artagnan und Porthos, die, in ihre Mäntel gehüllt, unter denen die Schwerter hervorsahen, herbeiritten. Hinter ihnen kam Planchet, die Muskete am Schenkel. Athos und Aramis stiegen vom Pferde, als sie d'Artagnan und Porthos erblickten. D'Artagnan bemerkte, daß die drei Pferde, statt von Bazin gehalten zu werden, an die Ringe der Arkaden gebunden wurden. Er befahl Planchet das gleiche zu tun wie Bazin. Dann gingen sie zwei und zwei, von den Bedienten gefolgt, einander entgegen und grüßten sich höflich. Sie beschlossen, um ungestört zu sein, sich in den Garten der Palais Rohan zu begeben, zu dem sich Aramis anheischig machte, den Schlüssel zu holen. Aramis entfernte sich sogleich, forderte aber Athos zuvor noch auf, nicht so allein im Bereich von d'Artagnan und Porthos zu bleiben; aber Athos lächelte nur verächtlich und machte einen Schritt auf seine alten Freunde zu, die beide auf ihrem Platz blieben. Aramis klopfte nun am Hotel Rohan an; bald erschien er wieder mit einem Manne, welcher sagte: Ihr schwört mir, Herr? – Nehmt, erwiderte Aramis und gab ihm einen Louisd'or. – Ah! Ihr wollt nicht schwören, gnädiger Herr? versetzte der Haushofmeister, den Kopf schüttelnd. – Ei! kann man denn wegen gar nichts schwören? sprach Aramis. Ich versichere Euch nur, daß zu dieser Stunde diese Herren unsere Freunde sind. – Ja, gewiß, sagten mit kaltem Tone Athos, d'Artagnan und Porthos. D'Artagnan hatte das Gespräch gehört und verstanden. Ihr seht, sagte er zu Porthos. – Was sehe ich? – Daß er nicht schwören wollte. – Schwören, worauf? – Dieser Mann wollte, Aramis solle ihm schwören, daß wir uns nicht schlagen wollen. – Und Aramis wollte nicht schwören? – Nein. – Dann wohl acht gegeben! Athos verlor die zwei Redenden nicht aus dem Auge. Aramis öffnete das Tor und ging auf die Seite, damit d'Artagnan und Porthos eintreten konnten. Beim Eintreten brachte d'Artagnan den Griff seines Degens in das Gitter und war genötigt, seinen Mantel wegzuschieben. Bei dieser Gelegenheit entblößte er die glänzenden Kolben seiner Pistolen, auf denen sich ein Strahl des Mondes abspiegelte. Seht Ihr, sagte Aramis, indem er mit der einen Hand Athos' Schulter berührte und mit der andern auf d'Artagnans Gürtel deutete. Ach! ja, sprach Athos mit einem tiefen Seufzer. Die Place Royale Alle vier gingen stillschweigend bis in die Mitte des Platzes. Da aber in diesem Augenblick der Mond aus den Wolken hervortrat, dachten sie, sie könnten an dieser entblößten Stelle zu leicht gesehen werden, und zogen sich unter die Linden, wo der Schatten stärker war, zurück. Es waren Bänke in bestimmter Entfernung voneinander aufgestellt. Athos machte ein Zeichen; d'Artagnan und Porthos setzten sich auf eine Bank, Athos und Aramis blieben vor ihnen stehen. Nach einem kurzen verlegenen Schweigen sprach Athos: Meine Herren, ein Beweis der Macht unserer alten Freundschaft ist unsere Gegenwart an diesem Ort. Keiner hat gefehlt, keiner hat sich also einen Vorwurf zu machen. Hört, Herr Graf, erwiderte d'Artagnan, statt uns Komplimente zu sagen, die wir vielleicht beiderseits nicht verdienen, wollen wir uns als Leute von Herz erklären. Das ist ganz mein Wunsch, antwortete Athos. Ich weiß, daß Ihr offenherzig seid; sprecht also mit Eurer ganzen Offenherzigkeit; habt Ihr mir oder dem Herrn Abbé d'Herblay etwas vorzuwerfen? Ja, sprach d'Artagnan. Als ich die Ehre hatte, Euch in Euerm Schlosse Bragelonne zu besuchen, überbrachte ich Euch Anträge, die Ihr wohl begriffen habt. Statt mir wie einem Freunde zu antworten, spieltet Ihr mit mir wie mit einem Kinde, und diese Freundschaft, die Ihr so sehr preist, ist nicht durch den gestrigen Zusammenstoß unserer Schwerter, sondern durch Eure Heuchelei in Eurem Schlosse gebrochen worden. D'Artagnan! sagte Athos im Tone sanften Vorwurfs. Ihr habt Offenherzigkeit von mir verlangt, sprach d'Artagnan, hier ist sie. Ihr fragt mich, was ich denke, ich sage es Euch. Und nun habe ich Euch, Herr Abbé d'Herblay, dasselbe zu eröffnen. Ich handelte ebenso bei Euch, und Ihr habt mich ebenfalls getäuscht. In der Tat, mein Herr, Ihr seid seltsam, sprach Aramis. Ihr kamt zu mir, um mir Vorschläge zu machen. Aber habt Ihr mir sie auch gemacht? Nein; Ihr habt mich nur ausgeforscht, und weiter nichts. Nun, was habe ich Euch gesagt? Mazarin sei ein Knauser, und ich würde Mazarin nicht dienen. Das ist das Ganze. Sagte ich Euch, ich würde keinem andern dienen? Im Gegenteil, ich gab Euch, glaube ich, zu verstehen, daß ich dem Prinzen angehörte. Wir haben sogar, wenn ich mich nicht täusche, ganz angenehm über den sehr wahrscheinlichen Fall gescherzt, daß Ihr von dem Kardinal den Auftrag erhalten würdet, mich zu verhaften. Wart Ihr Parteimann? Ja, allerdings. Nun wohl, warum sollten wir unsererseits nicht auch Parteimänner sein? Ihr hattet Euer Geheimnis, wie wir das unsere hatten. Wir haben dieselben nicht ausgetauscht; desto besser. Das beweist, daß wir unsere Geheimnisse zu bewahren wissen. Ich mache Euch keinen Vorwurf, mein Herr, sagte d'Artagnan; nur weil der Graf de la Fère von Freundschaft gesprochen hat, unterwerfe ich Euer Benehmen einer Prüfung. Und was findet Ihr dabei? fragte Aramis stolz. Das Blut stieg d'Artagnan sogleich in den Kopf; er erhob sich und antwortete: Ich finde, daß es das Benehmen eines Jesuiten-Zöglings ist. Als Porthos d'Artagnan sich erheben sah, erhob er sich ebenfalls. Die vier Männer standen also einander aufrecht und drohend gegenüber. Bei d'Artagnans Antwort machte Aramis eine Bewegung, als wollte er die Hand an sein Schwert legen. Athos hielt ihn zurück und sprach: D'Artagnan, Ihr kommt heute noch ganz empört über unser gestriges Abenteuer hierher. D'Artagnan, ich hielt Euch für so hochherzig, daß eine zwanzigjährige Freundschaft bei Euch eine viertelstündige Niederlage der Eitelkeit überdauern müßte. Laßt hören, sagt: glaubt Ihr mir also etwas vorwerfen zu können? Habe ich gefehlt, so werde ich meinen Fehler gestehen. Die ernste klangreiche Stimme von Athos übte immer noch auf d'Artagnan ihren alten Einfluß aus, während ihn Aramis' durch die Aufregung schrill und kreischend gewordenen Töne aufbrachten. Er antwortete daher: Ich glaube, mein Herr Graf, Ihr hättet mir in Eurem Schlosse Bragelonne eine vertrauliche Mitteilung machen sollen, und dieser Herr eine ähnliche in seinem Kloster. Ich würde mich dann nicht in ein Abenteuer eingelassen haben, wo Ihr mir den Weg versperren mußtet. Weil ich jedoch diskret war, muß man mich nicht ganz und gar für einen Dummkopf halten. Hätte ich den Unterschied zwischen den Leuten, die Herr d'Herblay auf einer Strickleiter empfängt, und denen, die er auf einer hölzernen Leiter empfängt, ergründen wollen, so würde ich ihn wohl zum Sprechen genötigt haben. Worein mischt Ihr Euch? rief Aramis, bleich vor Zorn, weil ihm auf einmal die Ahnung aufstieg, d'Artagnan könnte ihn bespäht und mit Frau von Longueville gesehen haben. Ich mische mich in das, was mich angeht, und gebe mir das Ansehen, als hätte ich nicht bemerkt, was mich nicht angeht. Aber ich hasse die Heuchler, und in diese Kategorie setze ich die Musketiere, welche die Abbés spielen. Und dieser Herr, fügte er, sich gegen Porthos wendend, bei, dieser Herr ist meiner Meinung. Porthos, der noch nicht gesprochen hatte, antwortete nur mit einer Silbe und mit einer Gebärde. Er sagte: Ja! und legte die Hand an den Degen. Aramis machte einen Sprung rückwärts und zog den seinigen. D'Artagnan beugte sich, bereit zur Verteidigung oder zum Angriff. Nun streckte Athos mit der majestätischen Gebärde, die nur ihm eigentümlich war, die Hand aus, zog langsam den Degen aus der Scheide, zerbrach das Eisen über seinem Knie und warf die Stücke beiseite. Dann wandte er sich gegen Aramis und sagte: Zerbrecht Euern Degen. Aramis zögerte. Es muß sein, sprach Athos und fügte mit leiserem, sanfterem Tone bei: Ich will es. Noch bleicher, aber dem beherrschenden Einfluß des erhabenen Geistes folgend, zerbrach Aramis in seinen Händen die biegsame Klinge, kreuzte die Arme und wartete, bebend vor Wut. Dieser Vorgang veranlaßte d'Artagnan und Porthos, zurückzuweichen. D'Artagnan zog seinen Degen nicht, Porthos steckte den seinen wieder in die Scheide. Nie, sprach Athos, langsam seine rechte Hand zum Himmel erhebend, nie, ich schwöre es vor Gott, der uns in dieser feierlichen Pacht hört und sieht, nie wird mein Schwert die Eurigen berühren; nie wird mein Auge einen Blick des Zornes, nie mein Herz einen Schlag des Hasses für Euch haben. Wir haben miteinander gelebt, miteinander gehaßt und geliebt. Wir haben unser Blut vergossen und vermischt, und vielleicht besteht zwischen uns ein noch mächtigeres Band, als das der Freundschaft, nämlich das Band des gemeinsamen Verbrechens; denn wir haben alle vier ein menschliches Wesen verurteilt und hingerichtet, das wir von dieser Welt auszutilgen Wohl nicht berechtigt waren, obgleich es mehr der Hölle als dieser Welt anzugehören schien. D'Artagnan, ich habe Euch immer wie einen Sohn geliebt. Porthos, wir haben zehn Jahre Seite an Seite geschlafen; Aramis ist Euer Bruder, wie der meinige, denn Aramis hat Euch geliebt, wie ich Euch noch liebe, wie ich Euch stets lieben werde. Was kann der Kardinal Mazarin für uns sein, die wir die Hand und das Herz eines Mannes wie Richelieu bezwungen haben? Was kann dieser oder jener Prinz für uns sein, die wir die Krone auf dem Haupte eines Königs befestigt haben? D'Artagnan, ich bitte Euch um Verzeihung, daß ich gestern den Degen mit Euch gekreuzt habe. Aramis tut dasselbe gegenüber Porthos. Und nun haßt mich, wenn Ihr könnt; aber ich, ich schwöre Euch, daß ich trotz Eures Hasses nur Achtung und Freundschaft für Euch haben werde. Nun, wiederholt meine Worte, Aramis, und wenn sie wollen und Ihr wollt, so verlassen wir unsere alten Freunde auf immer. Es herrschte einen Augenblick ein feierliches Stillschweigen, das von Aramis unterbrochen wurde. Ich schwöre, sagte er mit ruhiger Miene und redlichem Blick, aber mit einer Stimme, in der ein letztes Zittern der Ausregung nachklang, ich schwöre, daß ich keinen Haß mehr gegen die hege, die meine Freunde waren; ich schwöre, daß ich es bedaure, Euren Degen berührt zu haben, Porthos; ich schwöre endlich, daß sich nicht nur der meinige nicht mehr gegen Eure Brust wenden, sondern daß in der Tiefe meiner geheimsten Gedanken für die Zukunft nicht einmal ein Schein von feindseligen Gefühlen gegen Euch mehr übrig bleiben wird. Kommt, Athos. Athos machte eine Bewegung, um sich zu entfernen. O! nein, nein! geht nicht! rief d'Artagnan, hingerissen von einer unwiderstehlichen Aufwallung, welche die Wärme seines Blutes und die angeborene Rechtschaffenheit seiner Seele verriet; geht nicht, denn ich habe auch einen Eid zu leisten. Ich schwöre, daß ich den letzten Tropfen meines Blutes, den letzten Fetzen meines Fleisches geben würde, um die Achtung eines Mannes, wie Ihr, Athos, die Freundschaft eines Mannes, wie Ihr, Aramis, zu erhalten. Und er stürzte in Athos' Arme. Mein Sohn! rief Athos, ihn an sein Herz drückend. Und ich, sagte Porthos, schwöre nichts; aber ich ersticke, hol' mich der Teufel! Wenn ich mich gegen Euch schlagen müßte, ich glaube, ich würde mich durchbohren lassen, denn ich habe auf der ganzen Welt nur Euch geliebt. Und der ehrliche Porthos zerfloß in Tränen, während er sich Aramis in die Arme warf. Meine Freunde, sprach Athos, das ist es, was ich erwartete, was ich von zwei Herzen wie die Eurigen hoffte; ja, ich habe es gesagt und wiederhole es, unsere Geschicke sind unwiderruflich verbunden, obgleich wir auf verschiedenen Wegen wandeln. Ich achte Eure Meinung, d'Artagnan; ich ehre Eure Überzeugung, Porthos; aber obgleich wir uns auf entgegengesetzten Seiten schlagen, bleiben wir doch Freunde. Die Minister, die Prinzen werden wie ein Strom dahingehen, der Bürgerkrieg wird wie eine Flamme erlöschen, aber wir, wir werden bleiben, das sagt mir ein Vorgefühl. Ja, sprach d'Artagnan, seien wir stets Musketiere und behalten wir als einzige Fahne die berühmte Serviette der Bastei Saint-Gervais, auf die der große Kardinal drei Lilien sticken ließ. Ja, sagte Aramis, Kardinalisten oder Frondeurs, was liegt uns daran? Halten wir fest an unsern ergebenen Freunden, unsern lustigen Brüdern. Und jedesmal, rief Athos, so oft wir uns im Gefechte treffen, nehmen wir bei dem einzigen Worte: Place Royale! den Degen in die linke Hand und reichen uns die Rechte, und wäre es mitten im Blutbad! Dies ist also abgemacht, fuhr er fort. Auf, meine Herren, Eure Hand. Seid Ihr ein wenig Christen? Bei Gott! versetzte d'Artagnan. Wir werden es bei dieser Gelegenheit sein, um unserem Schwur treu zu bleiben, sagte Aramis. Ah, ich bin bereit, bei allem zu schwören, was man nur will, selbst bei Mohammed! Der Teufel soll mich holen, wenn ich je so glücklich gewesen bin, als in diesem Augenblick. Und der gute Porthos trocknete seine noch feuchten Augen. Hat einer von Euch ein Kreuz? fragte Athos. Porthos und d'Artagnan schauten sich an, wie Menschen, denen man mit einer ganz unerwarteten Frage kommt. Aramis lächelte und zog aus seiner Brust ein diamantenes Kreuz, das an einer Perlenschnur an seinem Halse hing. Hier ist eines, sagte er. Nun wohl, versetzte Athos, schwören wir auf dieses Kreuz, das trotz seines Stoffes immerhin ein Kreuz ist, schwören wir, unter allen Umständen und immer einig zu sein, und möchte dieser Schwur nicht nur uns allein, sondern auch unsere Nachkommen binden. Ist dieser Eid Euch genehm? Ja, antworteten sie einstimmig. Ah! Verräter, flüsterte d'Artagnan ganz leise Aramis ins Ohr, Ihr habt uns auf das Kruzifix einer Frondeuse schwören lassen.