Paul Ernst Saat auf Hoffnung Erstes Kapitel Der Ort Miltenberg liegt in einer angenehmen Landschaft Mitteldeutschlands; in seiner jetzigen Gestalt ist er erst seit Mitte der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts entstanden. Das mit Buchen und Fichten bewachsene kleine Gebirge läuft hier in eine weite fruchtbare Ebene aus. Das Gebirge erhebt sich fast rund; der höchste Gipfel, welcher ziemlich in der Mitte liegt, wird durch Basalt gebildet; an ihn schließt sich Granit, und die Ausläufer bestehen aus Sedimentgesteinen, Kalk und Sandstein. Man kann sich nach der Entstehung vorstellen, daß im Innern des Gebirges schroffe Abhänge sind, welche dann durch das Abfallen der Sedimente gegen den Granit, das Abfallen des Granits gegen den Basalt gebildet wurden; und daß die äußersten Berge nur eine geringe Neigung haben. Da, wo zwei dieser äußersten Berge zusammenstoßen und ein nach innen spitzes, nach außen in die Ebene übergehendes Tal bilden, liegt unsere Ortschaft. Ein kleiner Fluß zieht sich langsam in anmutigen Windungen durch das Tal und vereinigt sich in der Ferne mit dem großen Strom, der die weite Ebene durchfließt. Von alters her lagen in diesem Tal zwei Güter mit zusammen etwa viertausend Morgen, von denen etwa achthundert Ackerboden waren. Das obere Gut besaß eine Familie Steinbeißer, das untere eine Familie von Medem. Die Wälder, welche sich zu beiden Seiten fast von der Sohle des Tales die Berge hochzogen, gehörten den beiden Gütern und dem Staat. Anfang der achtziger Jahre waren die Besitzer des oberen Gutes zwei Brüder, Kurt und Heinrich; die des unteren ein altes Ehepaar, die eine einzige Tochter namens Angelika hatten. Kurt Steinbeißer vermählte sich damals mit Angelika von Medem, kurze Zeit nach der Hochzeit starben die alten Herrschaften, und so kamen denn die beiden Güter zusammen. Mitte der fünfziger Jahre hatte man auf dem linken der beiden Berge, dem Kohlberg, Manganerz gefunden, auf dem Steinbeißerschen Gebiet. Schon seit lange wurde hier in flachen Tagebauen Eisenstein von Eigenlöhnern gefördert, welche an die Grundbesitzer den Zehnten entrichten mußten; seit den großen wirtschaftlichen Veränderungen aber, welche den Preis des Eisens stark drückten, arbeiteten diese Betriebe zu teuer; die Bergleute verarmten, manche von ihnen wanderten aus; und als nun das Manganerzlager aufgefunden war, ließen sich nach und nach die Zurückbleibenden auf der Steinbeißerschen Braunsteingrube annehmen. Das Erz kam nesterweise vor, und der Vater der damaligen Besitzer hatte deshalb keinen großen Wert auf die Grube gelegt und sich auch wenig um den Betrieb gekümmert. Ein angestellter Direktor, den man später im Verdacht der Unredlichkeit hatte, konnte nach Gutdünken wirtschaften; und vor allem wirtschaftete er jedenfalls zu ungunsten der armen Bergleute, welche bei übermäßig langen Schichten sehr niedrige Löhne verdienten, so daß die Miltenbergischen Knappen in der ganzen Gegend bekannt waren als ein bedrücktes, kränkliches, diebisches und aufsässiges Volk und von den Gutsarbeitern als eine Art von tief unter ihnen stehenden Menschen betrachtet wurden. Heinrich Steinbeißer hatte durch Studieren an Hochschulen und Reisen im Ausland sich eine gründliche Kenntnis der bergmännischen Verhältnisse erworben; nach dem Tode seines Vaters schürfte er noch an anderen Stellen; es fand sich, daß die Nester durch den ganzen Berg verstreut waren und bei verständigem Betrieb einen guten Ertrag versprachen; so teilten nach der Heirat des älteren Bruders die Geschwister das Erbe dergestalt, daß Kurt das Gut übernahm und Heinrich die Grube. Aus der Ehe der jungen Leute entsproß ein Sohn, welcher auf den Namen seines Vaters getauft wurde, dann sechs Jahre später eine Tochter, welche man Angelika nannte. Als diese einige Monate alt war, wurde Kurt Steinbeißer erschossen im Walde auf dem Anstand aufgefunden. Nach Jahresfrist verheiratete sich die Witwe mit dem jüngeren Bruder Heinrich, welcher dergestalt nun den ganzen Besitz in die Hand bekam, diese Ehe blieb kinderlos. Heinrich Steinbeißer hatte bei seinen Reisen und Studien weitherzigere Gesinnungen in bezug auf die Arbeiter gefaßt. Er beschloß, sich ganz dem Betrieb des Bergwerkes zu widmen und die Äcker an die Bergleute und sonstigen Arbeiter dergestalt aufzuteilen, daß jede Familie drei oder vier Morgen Land erhielt, in dessen Mitte sie sich ein Häuschen baute mit einem Stall für zwei Schweine und zwei Ziegen, in ähnlicher Weise wie von alters her die Landarbeiter gewirtschaftet hatten, nur, daß diese im Dorf zusammengedrängt wohnten. Unsere Erzählung beginnt gegen Ende des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts. Wer Miltenberg jetzt aus der Vogelperspektive gesehen hätte, dem wäre vor allem die Unzahl kleiner Häuser aufgefallen, die inmitten von Gemüsegärten und Kartoffeläckern lagen, unter Obstbäumen, welche freundlich ihre Äste neigend die Früchte darboten, mit kleinen Blumenbeeten vor den Türen, mit freundlichen Fenstern, durch saubere weiße Gardinen geziert. Unübersehbar viele schmale Wege waren zwischen den Häusern, Gärten und Äckern und mündeten auf der linken Seite alle endlich auf die Landstraße, welche geradlinig sich durch das Tal zog, in der Richtung wie die geschlängelte Linie des Flusses; ihr zur Seite liefen die Gleise der Bahn; auf der rechten Seite des Flusses lag das alte Dorf, in dessen Mitte sich die Kirche befand und das Medemsche Gutshaus; dieses Gutshaus war in eine Schule verwandelt; die kleinen Wege zwischen den neuen Häuschen und Gärten hatten auf dieser Seite nicht eine so klare Richtung wie auf der anderen; sie schienen zum Teil auf das Dorf zu führen, zum Teil auf eine Art Triftweg zu laufen, der das Tal hinaufging, wo das Steinbeißersche Gutshaus lag und einige hundert Schritte davon der Bahnhof. Beim Dorf wie beim oberen Gutshaus führten stattliche steinerne Brücken über den Fluß. Aus den Buchenwipfeln des Kohlbergs ragten an mehreren Stellen die Dächer der Gaipel, der Gebäude über den Schächten; ein hohes eisernes Gerüst mit zwei entgegengesetzt laufenden Rädern war über den Förderschacht gebaut, um die Tonnen des geförderten Manganerzes auf einem Drahtseil durch die Luft in das Tal zu bringen, wo am Bahnhof die Wagen untergeschoben wurden, welche beladen dann nachher die Landstraße entlang, an den Häuschen und Gärten vorbei in die Ebene hineinfuhren zu fernen Fabriken. Und wer auf der Landstraße, dem Triftweg, im Dorf oder auf den engen netzartig verflochtenen Wegen gegangen wäre, zwischen den Gärten mit vollen Kohlköpfen, Kartoffelstauden, weiß- und rotblühenden Bohnen an hohen Stangen, wo alles sauber gepflegt war, gehackt, gejätet und gedüngt, wo selbst der Misthaufen an der Hinterwand des Schuppens erfreulich und ordentlich sich darbot, der hätte fast nur breitschultrige ruhige Menschen gesehen mit langsamem Gang und selbstbewußten Gesichtern. Hätte er dann gefragt, so hätten ihm die Leute erzählt von dem Aufschwung der Gegend durch die Gruben, wie Herr Steinbeißer höhere Löhne zahlen mußte, wie er sein Kapital aus dem Gute zog, indem er das Land aufteilte und an kleine Leute verkaufte, und wie in früheren Zeiten, wo man die Arbeiter noch in der Dummheit hinhalten konnte, alles ganz anders war wie heute. Schon die alten Eisensteiner waren zu einer Knappschaft vereinigt gewesen; die Ordnung war geblieben und nur den neueren Gesetzen entsprechend umgebildet. Herr Steinbeißer wollte die alten Sitten möglichst erhalten, um eine herzliche Verbindung mit den Leuten zu haben; so hatte er denn auch beibehalten, daß alle vier Jahre ein Knappschaftsfest gefeiert wurde. Am Tage vorher schon hatten die Frauen Kuchenteig gemengt, Zwetschen und Äpfel geschnitten und alles andere vorbereitet; am frühen Morgen, kurz nach drei Uhr zogen sie, das Notwendige in Leinentücher und Schüsseln gepackt in sauberen Kiepen auf dem Rücken, alle die kleinen Wege nach dem Dorf zu, wo die Bäcker wohnten; da drängten sie sich schwatzend und lachend in den heißen Backstuben, breiteten ihren Teig auf die Bleche, legten zierlich die Obstschnitzel darauf, gossen aus Töpfen den Solf aus Sahne und Eiern darüber; die nacktarmigen Bäckergesellen in ihren schlürfenden Pantoffeln ergriffen die Bleche, schwangen sie hoch und trugen sie zum Ofen, mit den jungen Frauen und Mädchen ihre derben Witze machend; die mitgebrachten Kinder steckten begierig den Zeigefinger in die ausgegossenen Töpfe und leckten aus, was etwa noch zurückgeblieben war. Die Frauen lachten und quiekten, liefen mit den leeren Kiepen nach Hause und holten die Kuchenbretter; nach einer Weile schwangen die Gesellen die Bleche aus dem Ofen und schoben den Frauen die dampfenden Kuchen auf die Bretter; die nahmen dann die Bretter auf den Kopf oder unter die beiden gespreizten Arme und gingen nach Hause, untereinander sich besprechend, daß der eine Kuchen etwas zu scharf gebacken war, der andere aber war gerade richtig, und daß dieser Geselle immer zu viel Bleche in den Ofen schob und jener die Kuchen immer nicht ausbuk, wenn man nicht aufpaßte; und zu Hause brummten dann die Männer, daß für die Weiber das Kuchenbacken die Hauptsache sei, und daß kein Kaffee auf dem Tisch stehe, dann aßen sie selber aber am meisten von dem Kuchen und lobten ihn auch mit Kennerschaft, indem sie beteuerten, wie sie wohl gemerkt hätten, daß in der letzten Zeit die Milch immer so mager gewesen sei. Nun zogen sich alle zum Kirchgang an. Die Frauen holten das frisch gestärkte Hemd vor, den Feiertagskittel, den guten Schachthut, welcher sorgfältig in ein Taschentuch eingeschlagen unten im Kleiderschrank lag; die Männer rieben das Hinterleder blank und polierten die messingene Gürtelschnalle, die mit Schlägel und Eisen verziert war; dann putzten die Frauen sich selber unter eifrigem Hin- und Herlaufen; von der Unruhe im Haus angesteckt, meckerten im Stall die Ziegen, die Schweine suchten grunzend den Rüssel durch die Koberklappe zu zwängen; die kleinen Mädchen bewunderten das gute schwarze Wollkleid der Mutter, strichen hier eine Falte glatt, freuten sich über die Weichheit des Stoffes, halfen der Mutter beim Zuschnüren des Leibchens; die Jungen sahen verstohlen auf Schachthut und Hinterleder und hätten sich so gern mit beidem geschmückt; im Garten flogen die Meisen zwischen den Kohlpflanzen, ein Fink setzte sich auf einen Ast vor den Fenstern und schmetterte, trotzdem es schon Herbst war, aufgeregt durch die allgemeine Unruhe, laut sein Liedchen; der Hund lief unruhig und neugierig herum, schnupperte an Kleidungsstücken, die auf dem Stuhl lagen, stieß leise mit der Nase den Mann ans Bein und sah ihn erwartungsvoll an; die Frau setzte in der Küche das Fleisch an zur Sonntagssuppe und sprach sorgenvoll darüber, ob auch die Predigt nicht zu lange dauern werde. Dann klangen aus dem Dorf die Glocken der alten Kirche, die Gesangbücher wurden vorgeholt, und aus allen Häusern kamen nun die Leute, Ehepaare und Unverheiratete, alte Leute, welche noch das bunte Taschentuch in der linken Hand trugen; alle gingen auf den verschlungenen Wegen zwischen den Kartoffelstücken und eingezäunten Gärten; sie zogen sich niederwärts auf die Landstraße, fanden sich truppweise zusammen mit stummem Händedruck, gingen über die Brücke, an schreienden und im Wasser flatternden Gänsen vorüber in das Dorf und in die Kirche. Herr Steinbeißer und seine Gattin, ihre Tochter Angelika und der junge Landrat des Kreises, der Freier Angelikas, welcher am Fest teilnehmen wollte, saßen in ihrem alten Kirchenstuhl, der von den Vorfahren auf sie vererbt war. Herr Steinbeißer war ein kleiner gebückter Mann mit kurzgeschnittenem schneeweißem Schnurrbart; er saß still in seiner Ecke, den Kopf in die Hand gestützt. Der Landrat wollte Angelika das Gesangbuch aufschlagen, sie riß es ihm mit einer fast ungezogenen Gebärde aus der Hand; die Mutter sah das und seufzte. Im Schiff sammelten sich die Frauen und Mädchen, auf der Empore die Männer; der Kantor begann das Vorspiel auf der Orgel, dann ertönte der Choral und die ganze Gemeinde sang. Der Pastor sprach von der Arbeit und dem Segen der Arbeit; Herr Steinbeißer vergrub sein Gesicht in die Hände, seine Gemahlin blickte starr geradeaus, aufrecht sitzend und die Hände im Schoß liegend. Der Pastor war ein alter Mann, der noch die früheren Zeiten gekannt hatte; er sprach von den großen Veränderungen, von dem Geist der Opferwilligkeit und Nächstenliebe, der durch den Bergherrn in die Gemeinde gekommen war, von der selbstlosen und aufreibenden Arbeit, durch welche er die Gruben in die Höhe gebracht, von dem treuen Gehorsam der Bergleute, von der Zufriedenheit und dem Glück im kleinen Besitz, den sie ihm verdankten. Als die Predigt zu Ende war, sagte der Landrat leise zu Angelika: »Sie können stolz sein auf Ihre Eltern.« Sie erwiderte nichts. Nun wurde noch das Schlußlied gesungen, dann erhoben sich die Herrschaften und gingen grüßend als die Ersten aus der Kirche, ihnen folgten die andern. Die Frauen eilten voraus, um in ihre Küche zu kommen, die Männer folgten langsam, sich über allerlei beredend, über die Ferkelpreise, über die neuen Mutungen im Staatsforst, über den Krieg in Afrika, über die Predigt, und daß der Pastor bei Herrn Steinbeißer zu Mittag geladen war, wo es gewiß Sekt geben werde wegen der Verlobung. Um ein Uhr war der festliche Aufzug. Die Männer hatten sich am untern Ende des Tales bei den letzten Häusern gesammelt und traten nun zum Zuge an. Voran ging die Bergmusikkapelle, welche die alten Märsche blies; in dem Zwischenraum zwischen den Musikern und dem eigentlichen Zug sprang, wie das seit undenklichen Zeiten Sitte war, der Bajazzo in buntscheckiger Tracht und mit der Pritsche in der Hand, welcher den Frauen und Mädchen, die am Straßenrande standen, Witze zurief, einmal ein altes Mütterchen erschreckte, indem er ihr mit der Pritsche auf die Schulter schlug, ein andermal ein hübsches Mädchen küßte, das sich lachend sträubte, dann einen schreienden Jungen aufgriff, übers Knie legte und auf strammgezogenen Hosen mit seiner Pritsche verprügelte; dann schritten in gleichmäßigem Tritt hinter der schwarzen Fahne, welche in Gold gestickt Schlägel und Eisen trug, die düstern Reihen der Bergleute in ihren schwarzen Kitteln, dunkelgrünen Schachthüten und blitzenden gewichsten Hinterledern; zuweilen nickte ein Mann freundlich seiner Frau zu, die mit den Kindern am Straßenrande stand, oder ein Bräutigam seiner Braut. Als die Kapelle das alte Bergmannslied anstimmte, fielen die Hunderte von Männerstimmen ein: Wohlauf, ihr Bergleut jung und alt, Seid frisch und wohlgemut; Erhebet eure Hände bald, Es wird noch werden gut. Gott hat uns all'n die Gnad gegeben, Daß wir vom edlen Bergwerk leben, So ruft mit uns der ganze Hauf: Glückauf, Glückauf, Glückauf! Da war der Zug auch schon vor dem Hause des Bergherrn angekommen. Alle ordneten sich, Herr Steinbeißer trat auf die Freitreppe, seine Angehörigen mit dem Landrat standen hinter ihm, er dankte allen mit wenigen kurzen Worten und sagte ihnen, daß im Wald bei dem Förderschacht die Tanzbühne und das Bierzelt aufgeschlagen seien. Alle riefen hoch und nahmen die Hüte ab, Herr Steinbeißer machte eine kurze Handbewegung und ging mit den Seinen ins Haus zurück. Inzwischen waren auch die Frauen und Kinder gekommen, es fand sich alles nach der Zusammengehörigkeit, und in kleinen Abteilungen zog die Menschenmasse durch den Wald nach dem Festplatz. Auf der Halde vor dem Förderschacht war aus Brettern das lange Zelt aufgeschlagen; im Innern gingen an den beiden Wänden zwei Reihen Bänke entlang und zwischen diesen auf eingerammten Pfählen die langen Tische; das obere Ende des Zeltes war für die Herrschaften bestimmt; da standen Rohrstühle und ein polierter Tisch mit weiß-rot gewirkter Decke. Die Wände waren mit Fichtenhecke beschlagen, der Fußboden mit trockenen Fichtennadeln bestreut. Hier reihten sich nun auf den Bänken die Familien und Freunde; bei den diensteifrigen Kellnern wurde Kaffee bestellt, mitgebrachte Päckchen wurden geöffnet, denen der frische Kuchen entnommen wurde; auf großen Brettern, welche die Kellner auf dem Kopf trugen, kamen die schweren gefüllten Kaffeekannen, die getürmten Tassen, die gefüllten Milchtöpfe; die Frauen verteilten klappernd die Tassen und gossen ein; der Kuchen wurde gegessen und gerühmt, befreundete Familien boten eine der andern Kuchenstreifen an, damit auch der andere schmecke, wie das Gebäck geraten war; nach dem ersten Ansturm zogen die Frauen ihre Strickzeuge hervor und strickten, sich eifrig unterhaltend über das Aussehen von Fräulein Angelika, den Landrat, die Milcherträge ihrer Ziegen; Kinder bettelten um mehr Kuchen, es wurde ihnen der Mund und die Finger abgewischt, sie krochen unter die Tische und Bänke und spielten Verstecken und Haschen; ältere Jungen tollten draußen, jagten sich am Haldenabhang zwischen den rollenden Steinen, suchten in den Gaipel zu dringen, beschlossen die Masten zu erklettern, welche das Förderseil leiteten; die Mädchen gingen in langen Reihen nebeneinander, untergefaßt, singend, sich durch Kichern, Tuscheln unter Zusammenstecken der Köpfe unterbrechend. Der Tanzboden war dem Bierzelt gegenüber auf der anderen Seite der Halde errichtet; man hatte feste Pfosten in die Erde gerammt, Balken auf sie gelegt und auf diese die Bohlen. In der Mitte erhöht befand sich das Gerüst für die Musiker, und das Ganze war mit Brettern umgeben; dieser Zaun, sowie das Gerüst für die Musiker, waren festlich mit Fichtenhecke beschlagen, gleich dem Innern des Bierzeltes; an den Ecken ragten hohe Masten mit bunten Wimpeln auf. Die jungen Burschen standen vor dem Tanzboden, besprachen die Stärke der Bohlen, das Gerüst, die Größe der ganzen Anlage, es rief wohl einmal einer den Mädchen zu: kommt her; sie antworteten: kommt ihr doch, dann lachten beide Teile. Der Bergherr kam mit seinen Angehörigen und ging mit ihnen grüßend in das Zelt; die Mädchen tuschelten und bewunderten die Kleider der Damen, die Burschen waren still und verlegen; im Zelt erhob sich alles, Herr Steinbeißer winkte ab; die Kellner rückten der Familie schnell und sorgfältig die Stühle zurecht, nahmen Hüte und Röcke der Herren, es wurde eine Flasche Wein gebracht; Herr Steinbeißer sprach mit einem alten Mann, der in seiner Nähe saß, aber es war, als sei alle Heiterkeit in der Versammlung nun plötzlich erloschen. Vielleicht sagte leise ein Mann zum andern: »Das Geld allein macht doch auch nicht glücklich.« Draußen begann die Musik zum Tanz zu spielen; der Obersteiger führte Frau Steinbeißer, Herr Steinbeißer führte die Frau des Obersteigers, der Landrat ging mit Angelika, dann folgten andere, Junge und Alte, langsam und ungeschickt entwickelte sich die Polonäse in der dichten Menge; am Schluß brachte Herr Steinbeißer seine Dame zu ihrer Stelle zurück, wo sie zwischen den übrigen Beamtenfamilien saß; seine Angehörigen fanden sich zu ihm; erst als die Herrschaften den Festplatz verlassen hatten, entwickelte sich wieder die Fröhlichkeit. Der Landrat ging mit Angelika allein. »Ich wußte, daß Sie mir etwas sagen wollten,« erklärte sie ihm offen, »deshalb habe ich es eingerichtet, daß uns niemand stört. Aber nun sprechen Sie, sprechen Sie.« »Wie kann ich zu Ihnen sprechen, wenn Sie mich in einem solchen Tone auffordern,« erwiderte er. Sie zuckte die Schultern, und die beiden schritten eine Weile stumm nebeneinander. Endlich begann der Landrat mit stockender Stimme: »Vielleicht muß ich mich vor einem Verdacht rechtfertigen. Sie haben einmal ein Millionenvermögen zu erwarten, und ich bin ein armer Teufel ...« Sie schüttelte den Kopf und sagte leise: »Es ist doch ein Zufall, daß in unserem Boden die Reichtümer gefunden sind ... Sie sehen doch, wie einfach die Eltern leben ... sie betrachten die Millionen nicht als ihr Eigentum.« Er fuhr fort: »Ich kann nicht anders sprechen. Ich wünsche mir ein Haus und Sie als Gattin; Kinder, und Sie als Mutter. Ich will meine Frau liebhaben, meine Kinder erziehen, wie ich es vermag, daß sie einmal tüchtige Menschen werden, und meine Kraft will ich nach Möglichkeit so anwenden, daß ich den Leuten nütze.« Sie wendete das Gesicht ab und nahm das Taschentuch vor ihr Gesicht. »Sie weinen!« rief er aus und ergriff ihre freie Hand; »lassen Sie mich, um Gottes willen, lassen Sie mich; ich darf nicht!« erwiderte sie und entzog ihm die Hand mit einer hastigen Bewegung. Eine Weile gingen sie wieder stumm nebeneinander. Sie sprach: »Meine Eltern billigen ja Ihre Werbung und denken sich, daß wir miteinander sprechen werden. Es macht nichts, wenn wir auch etwas später nach Hause kommen.« Damit führte sie ihn auf einen Seitenweg, der den Berg hinaufging. Schon stand die Sonne tief, ein roter Schein leuchtete durch die Buchenstämme. Der Weg führte zu einer verlassenen Eisensteingrube. In einem alten Schuppen, den sie sich für ihre rohen Bedürfnisse eingerichtet, wohnten hier zwei Männer, über die wir jetzt Näheres sagen müssen. Ein Gutstagelöhner namens Maurer hatte ungefähr um die Zeit geheiratet, wo Kurt Steinbeißer, der Bruder des jetzigen Herrn, ermordet war. Der Mann war früher heiter, arbeitsam, mäßig und ordentlich gewesen; dann waren aber in der jungen Ehe schnell aufeinander viele Kinder gekommen, er begann zu trinken; es wurde erzählt, daß er seine Frau schlage und die Kinder mißhandle; als die Frau das achte Kind bekommen sollte, hatte er lange in der Dorfwirtschaft gesessen unter allerhand wirren Reden vom Gewissenswurm, daß ein armer Mann seine Frau so gut für sich allein haben wolle wie ein reicher, daß er seinen Kindern keine Schuhe zu kaufen vermöge, früher seien alle Kinder barfuß gelaufen, daß er nicht mehr könne, wie sich abschinden den Tag über bis er umfalle; dann war er betrunken nach Hause gestolpert, hier hatte er die Hebamme gefunden, die Frau im Bett und neben ihr ein Neugeborenes; die Kinder hatten sich unter dem Tisch, dem Bett und den Stühlen verkrochen, die Hebamme war ihm entgegengetreten, die Arme in die Hüften gestemmt, um ihm Vorwürfe zu machen, er aber hatte sie beiseite geschoben, war zum Bett getreten, und wie er das kleine Wesen neben seiner Frau erblickt, hatte er es aus dem Bett gerissen, an den Füßen gepackt und mit dem Kopf gegen die Wand geschleudert. Er wurde zu längerem Gefängnis verurteilt; als er seine Strafe abgebüßt, kam er nach Miltenberg zurück, aber er ging nicht zu seiner Familie, sondern zog in den Wald, in den verlassenen Schuppen; man ließ ihn dort, und er ernährte sich, so gut es ging, durch allerhand verachtete Arbeiten, wie das Abfangen der Mäuse und Maulwürfe und das Abdecken und Einscharren des gestürzten Viehs. Das Trinken hatte er aufgegeben. Nach einiger Zelt zog ein anderer Mensch zu ihm, ein harmloser Narr namens Bötticher; dieser war während seiner Dienstzeit in den Verdacht geraten, daß er in der Kaserne einem Kameraden den Kasten aufgebrochen und Geld gestohlen; man hatte ihn zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt, er kam geistig gestört nach Miltenberg zurück und wurde hier von den Kindern verfolgt, die ihm nachriefen: »Du hast gestohlen, Bötticher«, worauf er denn sich umdrehte, die Hand aufs Herz legte und sagte: »Ich habe nicht gestohlen, bei Gott, ich habe nicht gestohlen«; dann ging er, indessen die Kinder ihn schreiend verfolgten, schwankend und mit den Armen fuchtelnd durch die Straßen, indem er immer vor sich hin beteuerte: »Ich habe nicht gestohlen, die Herren haben mir unrecht getan, sie haben ein himmelschreiendes Unrecht an mir getan.« Dieser Bötticher zog nach kurzer Zeit mit dem finstern und verschlossenen Maurer zusammen; er verdiente einiges durch Schnitzen von Holzlöffeln, Quirlen, Schinkenbrettern und ähnlichem Gerät, und in der gemeinsamen Wirtschaft, welche er mit dem anderen führte, besorgte er den Haushalt. Zu diesen beiden Männern führte Angelika den Landrat. Sie fanden sie, indem Bötticher, auf einem Baumstumpf sitzend, eine alte Ziehharmonika spielte, während Maurer, vor ihm auf dem Bauche liegend und finster ins Gras starrend, still zuhörte. Wie die Herrschaften kamen, standen sie auf; Maurer grüßte verdrossen und Bötticher schwenkte mit einer Art Begeisterung sein zerrissenes Hütchen, indem er schrie: »Ich habe es nicht gestohlen, Bötticher zwei ist ein ehrlicher Mann, Bötticher zwei hat es nicht gestohlen.« Maurer sagte stumpf: »Ich soll wohl vor dem Herrn Landrat mein Geständnis wiederholen. Meinetwegen, dann bin ich es los. Aber es hilft ja auch nichts. Es bleibt ja doch so.« Der Landrat sah verwundert auf seine schweigende Begleiterin. Diese setzte sich auf den Baumstumpf, den der Irrsinnige verlassen, barg ihr Gesicht in beide Hände, und Tränen liefen zwischen ihren Fingern durch über den Handrücken. Der Irre war in den Schuppen gelaufen und brachte einen Stuhl; er wischte ihn beständig mit dem zerlumpten Rockschoß ab und bot ihn dem Landrat, indem er rief: »Herr Landrat, Herr Landrat, es kommt an den Tag, es kommt an den Tag,« dabei liefen auch ihm die Tränen aus den Augen. Maurer schrie ihn an: »Schweig, deinetwegen ist er nicht gekommen, meinetwegen ist er gekommen.« Dann sagte er zu dem Landrat: »Aber ich kann ja auch gleich mitgehen, wenn der Herr Landrat es verlangen; ich brauche nicht gefesselt zu werden, ich gehe von selber mit.« Angelika rang die Hände und flehte ihn an: »Um Himmels willen, gesteht es, Maurer, Ihr habt zweimal geschossen. Wenn Ihr das andere gestanden habt, dann könnt Ihr das doch auch gestehen.« Störrisch erwiderte der Mann: »Nicht mehr wie recht ist, einmal habe ich geschossen.« »Nun, so helfe mir Gott,« rief verzweifelt Angelika und stürzte fort; der Landrat eilte hinter ihr her, er schrie in seiner Angst: »Sie fallen, Sie fallen über die Baumwurzeln, es wird schon dunkel im Wald.« Sie lief über die Lichtung zurück, den Weg hinab; wie sie ein paar Schritte tief im Walde war, stürzte sie wirklich; der Landrat war schon bei ihr, er suchte sie zu erheben, der Fuß war ihr gebrochen. Er wollte sie tragen; verzweifelt stemmte sie ihre Arme gegen seine Brust und flehte ihn an, sie niederzulegen und Träger zu holen. Er mußte ihr gehorchen; aus zusammengerollten Blättern vom vorigen Jahre machte er ein Lager, breitete seinen Sommerüberzieher darüber und verließ sie, eilig nach unten gehend. Die Tanzmusik vom Bergfest klang ihm entgegen; er wendete sich rechts, in einem dunklen Trieb, daß die Leute auf dem Fest nichts erfahren sollten; da lag unter ihm schon das Haus, Angelikas Eltern traten gerade in die Tür, mit fliegenden Worten berichtete er das Geschehene. Auf dem Bahnhof wurde eine Tragbahre aufbewahrt; man nahm zwei Streckenarbeiter mit, kehrte zu Angelika zurück und brachte sie ins Haus. Sie wollte den Landrat nicht mehr sehen, sie ließ ihn bitten, daß er sie lassen möge. Mit bekümmertem Herzen nahm er Abschied von den Eltern. Herr Steinbeißer sah ihm scharf in die Augen und fragte nach ihren Gesprächen; er antwortete stockend und in wunderlicher Weise befangen, daß er nichts verstanden habe von dem, was sie gesagt. »Sie sind bei Maurer mit ihr gewesen?« fragte Steinbeißer, und wie der Landrat bejahte, da fuhr er mit stillem und gequältem Lächeln fort: »So ist denn immer noch nicht genug geopfert.« Der Landrat ging. Unterwegs auf der Landstraße traf er gehende und kommende Bergmannsfamilien; es war um die Abendbrotzeit, viele waren nach Hause gegangen, um zu essen, und kehrten nun zurück zum Festplatz, viele gingen erst jetzt. Alle begrüßten ihn freundlich, traulich erklang von den Männern das Glückauf; als er über die Brücke schritt zum Dorf, wo er im Wirtshaus seinen Wagen gelassen, lief flügelschlagend eine verspätete Gans vor ihm her; aus einigen Schornsteinen kräuselte sich leiser Rauch in die stille Luft. »Ist es denn immer so, daß der Reichtum die Leute elend macht?« sagte er unbewußt halblaut vor sich hin; er wunderte sich über seine Stimme. Sein Kutscher hatte ihn gesehen und ging über den Hof zu den Pferden; der alte Mann war ihm vertraut, er hatte gedacht, daß heute die Verlobung sein müsse; so schaute er denn mit schlauem und vergnügtem Gesichtsausdruck zu ihm hin; als er aber die schwermütige Miene seines Herrn sah, da blickte er gleich fort zur Stalltür und pfiff scheinbar unbeteiligt ein Liedchen. Am andern Morgen kam Maurer auf das Amtszimmer des Landrates, stand vor dem langen aktenbelegten Tisch und erzählte, seine Mütze in der Hand drehend. Er sagte, nun sei alles über neunzehn Jahre her, und es sei ihm ganz recht, daß er nun gestehen müsse. Der Gerichtsschreiber war in das Zimmer geholt und saß an der Ecke des Tisches; Maurer wußte selber, wo der Gerichtsschreiber aufnehmen mußte, sprach dann langsam und machte Pausen, damit der Mann nachkommen konnte. Er begann damit, daß seine Eltern ordentliche Leute gewesen seien; er habe sich als Junge abends nicht herumtreiben dürfen, und wie er schon ein Bursche von zwanzig Jahren gewesen, da habe ihm sein Vater den letzten Schlag gegeben. Dann sei er mit seiner späteren Frau gegangen, mit dem Einverständnis seiner Eltern, weil sie gleichfalls von ordentlichen Leuten abstammte. Dann hätten ihn die anderen mit einem Male gehänselt; vom Kohlberg her habe einmal ein Kuckuck geschrien, da habe einer lachend zu ihm gesagt: »Da schreit der Kuckuck, der meint dich.« Ein anderer habe ihm zugerufen, wenn er heirate, so werde er ja wohl bald Hofmeister werden, ein anderer habe gestichelt, eine Kuh werde ihm der Herr doch wohl zur Hochzeit schenken; »aber eine kalbende«, habe ein anderer dazwischen geschrien, dann haben sie alle gelacht. Nun habe er alles seinem Vater erzählt und vor ihm geweint und gesprochen: »Ich sage den Kauf ab,« sein Vater aber sei zornig geworden und habe geantwortet, wenn er das erste Wort gesagt, so müsse er das zweite auch sagen; denn sein Vater habe nichts geglaubt von dem Gerede, weil sich keiner getraut, ihm mit so etwas zu kommen. Da sei es ihm gewesen, als wenn inwendig in ihm ein Riegel zurückgestoßen sei. Er habe wohl immer Lust zum Wildern gehabt, aber er habe gewußt, daß das verboten ist; nun aber habe er sich gefragt: »Was ist denn verboten?« Da sei er einmal geschickt, mit im Gutshaus zu helfen, weil das Dach ausgebessert werden mußte, da habe er in den Dachstuben ausräumen müssen. Unter dem alten Gerümpel habe er ein Gewehr gefunden, einen Doppelläufer, das dort vergessen war, es war noch ein gutes Gewehr, nur sehr verrostet. Er habe es auseinandergeschraubt, in ein Paket gewickelt und aus dem Fenster geworfen in die Brennesseln, die da hinten am Hause standen; dann habe er sich Pulver und Blei gekauft und sei losgegangen. Und wenn das einen erst mal hat, so läßt es ihn nicht wieder. Einmal sei er dem Herrn begegnet, der gleichfalls das Gewehr bei sich gehabt habe. Zuerst sei er erschrocken gewesen und habe das Gewehr fortwerfen und weglaufen wollen; aber da habe der Herr geschrien und auf ihn angelegt; und indem sei ihm der Gedanke gekommen: »Ich bin auch ein Mensch wie du, ich will meine Frau auch allein haben«; da habe er auch schon losgedrückt, ob er gezielt, das wisse er nicht, der Herr aber sei vornüber gestürzt, habe mit den Füßen gezappelt und mit den Händen im Moos gekratzt. Das sei ein so grausiger Anblick gewesen, besonders die Füße, denn er habe an ein Schwein denken müssen, das geschlachtet wird, dies aber war ein Mensch. Da habe er sein Gewehr fortgeworfen und sei gelaufen, bis er nicht mehr gekonnt und in einen Schlehdorn gestürzt sei, der ihn ganz zerkratzt habe. Ja, und nun, fuhr der Mann fort, habe man den Herrn nachher tot gefunden, aber er habe noch einen zweiten Schuß gehabt, und das Gewehr habe man auch bei ihm gefunden, das er fortgeworfen, aber auch der zweite Lauf sei abgeschossen gewesen. Aber er wisse genau, daß er nur einmal geschossen habe. Der Landrat fragte, um die Antwort in das Protokoll setzen zu lassen, aus welchem Grunde er sich jetzt angebe, ob er Reue fühle. Maurer antwortete, ihm sei alles nun gleich, weshalb solle er wohl Reue haben? Sein Leben sei verspielt, ein Hund lebe ja besser. Das Trinken habe er nur angefangen, weil ihm alles gleich gewesen sei. Und dann habe seine Frau jedes Jahr ein Kind bekommen, und er habe alles verdienen müssen. Er habe nun einmal kein Glück im Leben gehabt. Der Landrat sprach von Gott und dem göttlichen Gebot; Maurer sagte, ja, der Mord sei verboten, das lerne man schon in der Schule: du sollst nicht morden. Das wisse er wohl. Aber er habe nun einmal kein Glück im Leben gehabt. Mancher halte jetzt ein paar Schweine auf der Mast, der früher für sich selber nicht genug Kartoffeln gehabt habe. Der Mann stand da, den Blick düster zur Erde gerichtet, die Mütze in der Hand drehend. Der Landrat schwieg eine lange Weile; er dachte: »Mein Gott, ich bin ja schuld an dem Mann! – Wie? Ich habe ihn bis gestern nicht gesehen, ich kenne ihn ja nicht. – Mein Gott, ich bin schuld an dem Mann.« Der Mann wurde abgeführt. Der Gerichtsschreiber packte seine Schreibereien zusammen; wie er aus dem Zimmer ging, sprach er, um etwas zu sagen: »Das Gewissen läßt den Verbrecher doch nicht ruhen.« Dieser Gerichtsschreiber war ein braver Mann, der seinen Sohn aufs Gymnasium schickte und ihm jeden Sonntag eine lange Ermahnungsrede hielt des Inhalts, daß er es einmal weiter bringen könne wie er, der Vater, und einmal Landrat werden könne. »Dieser Mensch ist geistig tot,« dachte der Landrat, als er in das gutmütige und leere Gesicht des Mannes blickte. Wie der Gerichtsschreiber aus dem Zimmer gegangen war, trat der Landrat ans Fenster; im Hof unten führte der Wachtmeister den Mörder in das Gefängnis; der Wachtmeister ging mit Schritten, wie ein früherer Unteroffizier geht; vor ihm, bald zögernd und bald laufend, mit gebücktem Kopf, der Verbrecher. »Auch der Wachtmeister weiß nichts,« dachte der Landrat. Unwillkürlich faltete er die Hände und flüsterte: »Ich danke dir, Gott, daß ich nicht Richter bin, ich könnte ihn nicht richten.« Dann lächelte er; er mußte an das Geschwätz des Pastors gestern denken. »Ja, wie denn? Wie kann ich denn zu Gott beten?« fiel ihm plötzlich ein. Er war nicht offen ungläubig, weil man in seiner Stellung das doch nicht zu sein pflegt; er hatte aber eigentlich nie daran gedacht, was das ist: Gott und Glaube, außer als ganz junger Student, wo er alle Religion verneint hatte. Und nun dachte er weiter daran, daß es ja doch eins war, ob er nun als Richter den Mann richten mußte oder nicht: es war ein Unrecht, daß er selber im Stuhl saß und geehrt wurde, und der Mann stand vor ihm und war ein Verbrecher: das war ein Unrecht. Plötzlich fiel ihm furchtbar auf das Herz der Gedanke: der Ermordete war ja Angelikas rechter Vater. Aber nicht das war der Zusammenhang zwischen Angelika und dem Morde; es war da noch etwas anderes, etwas Geheimnisvolles. Er ließ anspannen, um am Nachmittag zu Herrn Steinbeißer zu fahren. Wie er hinter dem alten Kutscher saß, da fiel ihm ein: was wußte er eigentlich von diesem Mann? Der kannte ihn, als er noch Junge war; er war schon bei seinem Vater gewesen; plötzlich erinnerte er sich, wie oft er als Kind in den Stall gelaufen, sich von Franz hatte Geschichten erzählen lassen, sein Vesperbrot geteilt, wie er dann selber sein Vesperbrot gegessen hatte wie Franz, mit dem Messer langsam Stücke abschneidend und in den Mund schiebend. Franz mußte doch wohl eine Art väterliche Liebe zu ihm haben; aber er hatte nie anders an ihn gedacht, wie an den Kutscher, der nun eben da war und nun anfing, nicht mehr ganz rüstig zu sein. Welches Recht hatte er eigentlich auf diesen Menschen? Und weshalb war Franz denn nicht ein Maurer? Er fragte ihn nach dem Verbrecher. Franz schüttelte bedächtig den Kopf und sagte dann: »Ja, wenn der Mensch die Direktion verliert, das ist schlimm.« Das also war die Auffassung von Franz: wenn der Mensch die Direktion verliert. Ob das nicht vielleicht die richtige Auffassung war? Denn war es nicht möglich, daß er selber, der Mann, welcher noch eben im Stuhl gesessen, einmal ebenso dastehen konnte vor seinem Richter? Und war das vielleicht der Grund des Gefühls »Ich bin schuld an dem Mann«? Er wurde in Herrn Steinbeißers Arbeitszimmer geführt. Das war ein großer kahler Raum mit Aktenständern an den Wänden, einem großen Tisch für das Ausbreiten der Zeichnungen, einem kahlen Schreibtisch und drei Stühlen; alle Möbel waren aus gewöhnlichem weichen Holz, unpoliert, durch den langen Gebrauch gebräunt und geglättet. Im Hintergrund, hinter einem Vorhang, sah man das Ende eines gewöhnlichen eisernen Feldbetts, wie man es oft für Dienstboten hat. In diesem Raum verbrachte Herr Steinbeißer sein Leben; er verließ ihn nur für die beiden Hauptmahlzeiten und wenn er draußen auf den Gruben etwas zu besorgen hatte. Herr Steinbeißer ging seinem Besuch mit schnellen Schritten entgegen, reichte ihm mit rascher Bewegung die Hand, zog sie dann aber plötzlich scheu wieder zurück; diese Art schien charakteristisch für ihn zu sein. »Auch er trägt den Kopf beständig gesenkt,« dachte der Landrat. Herr Steinbeißer sagte ihm, er wisse, daß er komme, um von Maurer zu berichten. »Haben Sie denn gewußt, daß er der Mörder Ihres Bruders war?« fragte ihn unwillkürlich der Landrat; Herr Steinbeißer nickte schweigend und sagte nach einer Weile: »Nun, wenn er selber das Bedürfnis hat, sich anzuzeigen, so mag er; ich habe wohl eine andere Meinung über die irdische Gerechtigkeit wie Sie.« Er schwieg wieder eine Weile und schloß dann mit den seltsamen Worten: »Mag denn nun alles seinen Lauf gehen.« Der Landrat erzählte, daß der Verbrecher darauf bestehe, nur einmal geschossen zu haben, und den zweiten Schuß abstreite; ihm schien das psychologisch merkwürdig zu sein, daß er alles gestand, und sogar freiwillig, und dann den einen Punkt gerade ableugnete. »Ja, psychologisch,« erwiderte Herr Steinbeißer mit schwermütigem Lächeln. Dann erzählte Herr Steinbeißer von dem ermordeten Bruder. Er sagte, daß er selber ihn damals wohl nicht richtig verstanden habe, er selber sei zu jener Zeit ein Puritaner gewesen, eine Art Asket – der Landrat sah sich im Zimmer um, und er fügte lächelnd hinzu: »Ja, in gewissem Sinne bin ich es noch,« – sein Bruder aber sei der heiterste, sonnigste Mensch gewesen, den er je gekannt, alle hätten ihn geliebt – »mich liebt keiner,« fügte er hinzu, und seine Lippen bebten einen kurzen Augenblick –; trotzdem er eine ganz egoistische Natur gewesen sei – »oder vielleicht war er nur sorglos? Ich war nie sorglos« – unterbrach sich der Erzähler. »Kurz, er war ein Lumpenhund, der seine Frau betrog, der kein Weib in Ruhe lassen konnte, ein Spieler, ein Trinker ...« schloß er plötzlich, ohne Grund in heftige Erregung verfallend, und ein alter Haß leuchtete in seinen Augen auf. Maurers Verlobte war damals Stubenmädchen im Gutshaus gewesen. Das skandalöse Verhältnis war im ganzen Dorf bekannt; das Mädchen weinte viel. Frau Steinbeißer hatte von nichts gewußt; aber als sie nach der Geburt Angelikas lag, merkte sie an dem Mädchen eine auffällige Erregung; sie fragte nach, erhielt keine Antwort, irgendwie kam ihr ein Verdacht, fieberhaft drang sie in das Mädchen ein, da sagte die: »Mein Kind kann ich nicht einmal auf Stroh legen, wenn es kommt, und dieses Kind hat zwei Menschen zur Bedienung.« »Nun, wie so Leute sind,« schloß Herr Steinbeißer. Der Gatte kam zurück; kniete am Bett, küßte seiner Frau die Hand und weinte; sie weinte gleichfalls; er versprach ihr Besserung, »wie ein großer Junge«, da lächelte sie, er küßte sie und sie sprach: »Ach, ich bin schwach dir gegenüber.« »Alle waren schwach ihm gegenüber,« schloß Herr Steinbeißer. Maurer hatte nicht erzählt, daß der Herr ihn gern hatte, daß er selber am Herrn hing. Einen Abend, er wußte schon alles, kam der Herr nicht nach Hause; es hatte Frühschnee gegeben und der Herr war auf die Jagd gegangen. Gegen elf nimmt Maurer den Hund und geht in den Wald; er findet den Herrn, wie er abgestürzt ist in eine verlassene Eisensteingrube, in der unten sich Wasser gesammelt hatte, so daß er bis über die Brust im Wasser stand. Wenn Maurer nicht gekommen wäre, so war er verloren. »Weshalb hat ihn denn der Mann gerettet, er wußte doch, was er ihm zugefügt hatte!« sprach Herr Steinbeißer fast für sich. »Ich begreife nicht, welche Macht er über die Menschen ausübte! Noch jetzt sprechen die Leute von ihm, und er hat nichts für sie getan, mir aber verdanken sie alles! Es ist merkwürdig, sehr merkwürdig.« Der schweigsame Mann sprach außergewöhnlich viel; der Landrat, welcher gern eine Aufklärung über Angelikas sonderbares Verhalten gehabt hätte, fragte ihn nach der Familie Maurers. Herr Steinbeißer hatte für die Frau und die Kinder gesorgt, in seiner Art, indem er ihnen behilflich war, sich selber in die Höhe zu bringen. Einige der Kinder waren frühzeitig gestorben, vier waren noch am Leben, es waren vier Töchter. Herr Steinbeißer hatte ihnen die Bergschenke in Pacht gegeben, und die Mutter mit den Töchtern besorgte die Wirtschaft fleißig und ordentlich. Der Landrat erinnerte sich, er war selber in der Schenke gewesen und dachte gern an die friedlichen und stillen Frauen zurück. »Aber Sie wollen wegen Angelika fragen?« sagte plötzlich unvermutet Steinbeißer. Der Landrat wurde rot und versuchte stotternd einen Scherz zu machen über den seelischen Scharfblick des anderen. Dieser sah ihn traurig an und erwiderte: »Ein Mensch in meiner Lage bekommt schon Scharfblick.« Der Landrat erschrak über den Ton dieser Worte, es wurde ihm klar, daß er vorhin schon einmal erschrocken war – als er eintrat und den gebückten Kopf Steinbeißers gesehen hatte. »Angelika ist ein sehr stolzes Mädchen,« sagte der alte Herr; »ich glaube, daß sie Sie schätzt. Von mir wissen Sie, daß ich Sie gern als meinen Nachfolger hier sähe; Sie haben davon gehört, daß ich auf meinen Stiefsohn nicht rechnen kann.« Als er von dem Stiefsohn sprach, kam wieder ein merkwürdiger Haß zum Vorschein. »Was habe ich denn gewollt?« sprach er für sich, im Zimmer auf und ab gehend. »Ich wollte den Menschen helfen. Ich habe nicht an mich gedacht – wahrhaftig, vor Gott kann ich es beschwören: Ich habe nicht an mich gedacht – doch: einmal, ein einziges Mal. Nun, habe ich denn den Menschen nicht geholfen? Als ich nach hier kam, war überall Elend, Not, Sorge und Liederlichkeit; heute ist Wohlstand, Ordnung und tüchtiges Wesen. Das wollte ich erreichen, das habe ich erreicht. Aber jetzt frage ich mich: war dieses Ziel nicht falsch? Habe ich den Menschen wirklich geholfen? Es muß noch etwas anderes sein, das ich nicht kenne, das not tut.« Eine Weile schwieg er, dann sagte er plötzlich: »Sie wünsche ich als meinen Nachfolger, weil ich weiß, Sie werden das erhalten und fortführen, was nun hier ist. Ich kann nicht anders, ich muß glauben, das ist richtig, was ich getan habe, deshalb muß es erhalten bleiben. Meinen Sie vielleicht, daß ich an mir selber zweifle? Ich habe doch schließlich mein Leben hergegeben, ich hätte ja in den Jahren etwas anderes tun können, wenn das richtiger gewesen wäre. Das wäre doch fürchterlich, nicht wahr, wenn ich mein Leben fortgeworfen hätte für etwas Falsches? Und mein Leben war ja doch auch nicht leicht. Unser Leben ist nicht leicht, Sie sind noch jung, Sie werden das noch verstehen, wenn überall Mißtrauen und Haß ist, und Sie wollen den Leuten helfen, weil das nun einmal nötig ist, und die Leute müßten zu dem Zwecke Ihnen glauben.« »Sie sind ein Despot,« entfuhr es dem Landrat. »Wirklich, meinen Sie? Ich habe einmal über eine Anekdote gelacht von einem König, er kommt zu Untertanen, die vor Schreck fortlaufen, er läuft hinter ihnen her, erreicht einen, prügelt ihn durch und schreit dabei: Lieben sollt ihr mich, ihr Canaillen! ... Ja, meinen Sie denn? – Nein, ich habe keine empfindsamen Bedürfnisse.« »Sie sind ein Despot, Sie verachten die Menschen,« erwiderte der andere. »Meinen Sie? Wirklich? Sollte ich die Menschen verachten?« Er ging langsam auf den Landrat zu, faßte seine beiden Hände, und seine bebenden Lippen sprachen: »Ich bin ja so allein!« Nie hatte der andere einen solchen Ausdruck des Leidens in einem Gesicht gesehen. Wie ein Blitz durchfuhr es ihn: »Was weißt du denn von ihm?«, dann wunderte er sich dieses Gedankens. Er hielt die eine der Hände mit den geschwollenen Adern fest; da sah er ein zweiflerisches Lächeln in dem Gesicht Steinbeißers; er schämte sich, wurde verwirrt und verließ mit einer ungeschickten Bemerkung das Zimmer. Zweites Kapitel Die Bergschenke, in welcher Maurers Familie lebte, lag im Walde dicht beim Förderschacht. Das Gebäude war alt und stammte noch aus der Zeit des Eisensteinbergbaues. Ein sehr großes schwarzes Schindeldach lag auf niedrigem Mauerwerk mit kleinen Fenstern, vor dem Hause stand eine alte und weitschattende Linde, unter welcher Tische und Bänke für Gäste angebracht waren, hinter dem Hause breitete sich ein weitläufiger Stall aus für ein Pferd, zwei Kühe, einige Schweine, Futtervorräte, Brennholz, und außerdem allerhand Gerät, das auf dem Schacht gebraucht wurde. Der Hauptraum im Haufe war die Zechenstube, in welcher sich die Bergleute morgens zu einer kurzen Andacht versammelten, ehe sie einfuhren. An dreien der geweißten Wände entlang liefen alte Sitztruhen, an der vierten stand ein erhöhtes Pult für den Vorbeter. Es war am Morgen nach dem Fest, an demselben Tage, wo Maurer zum Landrat ging, um sein altes Verbrechen anzuzeigen. Die Bergleute kamen, einer nach dem andern, die schmalen Waldwege herauf, strichen die Schuhe ab, traten in das Haus, öffneten mit kurzem Glückauf die Stube und setzten sich still. Frau Maurer mit ihren Töchtern kam herein und stellte sich an die Tür, der Vorbeter trat hinter das Pult, schlug bei dem Schein des kleinen Talglichtes die Bibel auf und las den Abschnitt, stimmte dann das Lied an, alle erhoben sich, fielen ein und sangen. Dann beteten alle laut das »Unsern Eingang segne Gott«, und gingen langsam und sich nicht drängend zum Förderschacht, denn die, welche hier arbeiteten, fuhren in Tonnen ein. Frau Maurer öffnete die Fenster, der Himmel rötete sich von der aufgehenden Sonne, und die kalte Morgenluft schlug in das dunkle Zimmer, mit dem Kehrbesen wurde die Stube gefegt, in der Küche stand noch getürmt das Geschirr vom Bergfest, Kannen, Tassen, Teller und Seidel; unter dem großen Kessel wurde Feuer angemacht, damit genügend warmes Wasser zur Hand war, und nun begannen in der engen Küche die fünf Frauen das Spülen, Scheuern und Abreiben; das Gesäuberte und Getrocknete wurde fortgeräumt für das nächste Fest, und gegen zehn Uhr war alles wieder in der gewohnten Ordnung. Es war das auch notwendig, denn der Metzger wurde erwartet, ein Schwein sollte geschlachtet werden. Margarete, die älteste Tochter, hatte bereits den Kaffee für ihn auf den Herd gestellt; er kam, setzte sich, trank und erzählte vom Fest und von allerhand kleinen Vorfällen, welche die Frauen nicht bemerkt hatten, da sie mit Anrichten und dem Beaufsichtigen der angenommenen Kellner eifrig beschäftigt gewesen. Der Metzger war ein junger unverheirateter Mann, mit offenem, rundem und gesundem Gesicht, in einem sauberen weißen Kittel. Nun ging der Metzger in den Stall, erwischte das Schwein am Hinterbein und geleitete es hinaus, draußen wurde es mit einem Strick am Hinterbein an einem Haken in der Stallwand festgebunden, durch einen Schlag mit einer Axt auf die Stirn betäubt, dann warf es der Metzger auf die Schlachtbank, stach, das Blut strömte aus in einen großen Topf unten, in welchem Frau Maurer beständig quirlte; das Schwein röchelte und blutete sich leer, indem der Metzger durch Kneten nachhalf; kochendes Wasser wurde über den toten Körper gegossen und die Borsten abgekratzt, die Hinterfüße durchstochen und das Querholz durchgesteckt; dann wurde der Körper am Querholz aufgehängt und geöffnet, das Innere herausgenommen und gereinigt und alles für sich gelegt; dann wurde aufgehackt, das Fett losgelöst und den Frauen in die Küche gegeben, damit es dort in Würfel geschnitten werden sollte, dann wurde weiter zerteilt. Margarete war allein bei dem Metzger auf dem Hof, die anderen schafften in der Küche. Es ging ihm alles flink von der Hand, wie er in dem weißen und roten Innern des Tieres arbeitete, sie sah ihm eine kurze Weile träumerisch zu, er blickte sich mit einem gutmütig-verwegenen Gesichtsausdruck nach ihr um, indem er den herkömmlichen Witz vorbrachte: »Das Schwein hat nun sein Testament gemacht, jetzt wird die Erbschaft verteilt.« Sie schien nicht auf ihn zu hören. Nach einer kleinen Weile begann er in anderem Ton: »Fräulein, ich kann jetzt ein Geschäft übernehmen im Ort. Wenn ich erst drin sitze, so soll es schon gehen. Ich baue mir einen Eiskeller. Hier ist ja keiner aus dem Nest herausgekommen, die wissen alle nicht, wie es in der Welt hergeht.« Sie schwieg. Nach einer Weile fuhr er fort: »Nun fehlt mir nur noch eine Frau, und eine anständige Frau muß das sein, wo die Kunden sicher sind, daß sie nicht die Finger mit wiegt. Denn reell muß es bei mir zugehen. Wer ein Geschäft machen will, der muß reell sein. Geborgt wird auch nicht bei mir. Die Borgkundschaft mag bei den andern bleiben. Hier Geld, hier Ware, heißt es bei mir.« Damit hängte er die nunmehr auseinandergeschlagenen Hälften ab und legte sie auf den großen, sauber gescheuerten Tisch an seiner Seite, bückte sich zum Eimer und wusch die blutigen Hände und das Messer. Im Bücken fuhr er fort: »Wüßten Sie vielleicht so eine Frau für mich, Fräulein?« Er hatte sich aufgerichtet, trocknete die Hände und sah sie sieghaft an. Sie begriff nicht recht, da sie noch tief in Gedanken versunken war, und fragte mechanisch: »So eine Frau ...« Plötzlich umarmte er sie und wollte sie küssen, erschreckt schob sie ihn mit beiden Händen von sich fort und schrie auf. »Na, ich bin doch ein ordentlicher Kerl,« rief er verwundert. »Lassen Sie mich, lassen Sie mich los,« sagte sie, indem sie sich von dem Erstaunten freimachte. Er wendete ihr den Rücken, ging zum Tische und zirkelte mit dem Messer auf der Schwarte der einen Hälfte, um den Schinken zu lösen; dabei pfiff er verdrießlich zwischen den Zähnen ein Lied. Plötzlich drehte er sich um, er hörte sie weinen. »Was ist denn, Fräulein? Ich hab' es doch nicht böse gemeint,« sagte er gutmütig. Wie sie ihm nicht antwortete, fuhr er fort: »Unsereins hat ja zu wenig Gelegenheit, daß man die feinen Manieren lernt. Aber Sie hätten es gut gehabt bei mir.« »Das weiß ich,« antwortete sie. »Es tut mir ja so leid, daß ich ...« sie stockte. »Ja, dem Herzen kann man nun eben nicht befehlen,« sagte er betrübt. »Wenn es einmal nicht will, dann will es nicht. Aber Sie hätten es gut gehabt bei mir. Ich verlange ja gar nicht die grobe Arbeit, nur im Laden muß die Frau sein. Das weiß ich ja, daß Sie gern lesen, das hätten Sie ruhig gedurft bei mir, denn mir macht's doch selber Spaß, wenn meine Frau bei mir zufrieden ist.« Stockend sagte sie: »Ich habe ja schon manche Vorschläge gehabt – aber Sie wissen doch das mit meinem Vater.« »Ja, das weiß ich wohl,« erwiderte er, »und auch was von Ihrer Mutter erzählt wird. Ich stamme ja nicht aus der Gegend, aber wenn man heiraten will, so erkundigt man sich doch vorher nach allem. Ich habe mir Ihren Vater angesehen und Ihre Mutter, und dann habe ich mir gesagt: was geschehen ist, das ist geschehen, und es wäre ja besser, wenn es nicht wäre, aber Sie sind doch unschuldig an allem.« »Ich habe es nicht deshalb gesagt,« sprach sie mit fester Stimme. »Meine Mutter hat einen Fehltritt getan und ist schwer genug dafür bestraft, und sonst kann ihr kein Mensch etwas nachsagen, und uns hat sie aufgezogen und hat uns alles geopfert, ich bin ihr Kind, und mir stände es nicht an, ihr Vorwürfe zu machen, und ich glaube, unser Vater im Himmel wird ihr auch vergeben, wenn er bedenkt, wie sie nachher gelebt hat. Und mein Vater ist verwirrt gewesen und seiner Sinne nicht mächtig, das ist mein fester Glaube, der geht jedem Wurm aus dem Weg, damit er ihn nicht zertritt. Ich kann ja nicht stolz sein auf meine Eltern, das weiß ich wohl; aber ich brauche auch nicht – deshalb brauche ich auch nicht – nein zu sagen.« Der junge Mann schöpfte neue Hoffnung; sie stand vor ihm in gesunder Schönheit, hochgewachsen und breitschultrig mit blitzenden Augen. »Wir gäben doch ein schönes Paar,« sagte er. Sie schüttelte traurig den Kopf und erwiderte: »Ich habe es mir ja schon überlegt. Ein Mädchen weiß es doch, wenn sie einer gern hat. Und ich hätte ja auch wohl den Mut, wenn das mit meinen Eltern nicht gewesen wäre, aber das ist es, was mich nachdenklich gemacht hat. Wie ist es denn mit meiner Mutter gegangen? Wenn sie meinen Vater so geliebt hätte, wie es eigentlich sein muß, so hätte sie doch den Herrn nicht lieb haben können, und dann wäre das ganze Unglück nicht gekommen. Deshalb meine ich, man muß den Ruf hören, und wenn man den Ruf nicht hört und nicht denkt: nun ist mir alles andere einerlei, dann ist es besser, man sagt nein.« Sie wischte sich mit der Schürze die Augen, reichte ihm die Hand und schloß: »Seien Sie mir nicht böse, ich habe den Mut nicht; ich habe Sie ja gern, aber ich höre den Ruf nicht.« Er wendete sich ab und ging zu seiner Arbeit. Sich bezwingend sagte er: »Das ist ja alles richtig, und Sie tun ja recht«; damit warf er den gelösten Schinken in das Pökelfaß und machte sich an die andere Hälfte. Dann fuhr er fort: »Ich habe ja den Ruf gehört, aber das ist ja nun wohl mein Unglück.« Er versuchte, sich stark zu machen, und schloß scheinbar gleichgültig: »Es gibt ja noch andere Mädchen.« Plötzlich warf er alles aus der Hand auf den Tisch, trat zu ihr, griff mit beiden Händen ihre Hände, die Tränen rollten ihm aus den Augen in das frische Gesicht, und er sagte: »Nein, ich bin Ihnen nicht böse, Fräulein, und vielleicht überlegen Sie sich's doch noch.« Das Mittagessen versammelte die Familie mit dem Metzger in der Küche. Jeder hatte ein Stück Kesselfleisch vor sich, Brot und Salz, und sie aßen alle schweigend. Die Mutter seufzte einige Male und sah Margareten an; diese verspürte, daß sie die mißglückte Werbung des jungen Mannes gemerkt hatte, der nun niedergeschlagen und stumm auf der Eimerbank zur Seite saß. Sie wurde rot und machte aufs Geratewohl eine Bemerkung über das geschlachtete Schwein. Die Mutter wischte sich die Tränen aus den Augen. Die Haustür klingelte, ein Gast trat ein. Es war ein Handwerksgeselle, der Arbeit suchte, ein Schneider. Er bestellte sich ein Glas Milch und zog ein mitgebrachtes Brot aus der Tasche. Unwillkürlich erweckte die eigentümliche Figur des Mannes die Aufmerksamkeit der anderen: er war lang, hager, mit eckigen Bewegungen, einem langen, bartlosen, blassen und sommersprossigen Gesicht. Frau Maurer sagte ihm, daß der Schneider unten im Dorf einen Gesellen suche. Der Fremde faltete die Hände und schien ein kurzes Gebet zu sprechen, auf die verwunderten Blicke der anderen erklärte er, Gott habe wieder einmal als Vater für sein Kind gesorgt, denn das Zehnpfennigstück, das er hier für das Glas Milch ausgeben müsse, sei sein letztes Geld. Verdrießlich, in dem unklaren Drang, seinem Kummer durch irgendwelche Händel Luft zu machen, erwiderte der Metzger, Gott werde sich wohl nicht um jeden wandernden Schneidergesellen bekümmern, der habe wichtigere Dinge zu tun, da seien die Kaiser, Könige, Minister und Reichstagsabgeordneten, von denen so viel in der Welt abhänge. Seufzend erwiderte der Schneider: »Gott hat Sie gestraft, Bruder, nehmen Sie seine Strafe in Demut an.« Der Metzger brauste auf, um seine Angelegenheiten habe sich keiner zu kümmern; Frau Maurer beschwichtigte, indem sie ruhig sagte, in ihrem Hause dulde sie seinen Streit. Die Gegner schwiegen, der Metzger hatte seine Mahlzeit beendet und ging mit kurzem Gruß in den Hof hinaus. Die Mutter sagte zu Margareten: »Es wäre mir eine große Sorge weniger gewesen,« Margarete schüttelte den Kopf. Der Schneider sprach: »Sorgen Sie sich nicht zuviel, das Fräulein geht seinen Weg«; und wie ihn die Mutter fragend ansah, erklärte er: »Ich sehe manches im Angesicht der Menschen geschrieben.« Die beiden jüngern Schwestern kicherten und stießen sich leise mit dem Ellbogen in die Seite. Der Schneider sah sie freundlich an und sprach: »Jugend hat ihre Zeit, lachen Sie und freuen Sie sich, aber vergessen Sie nicht das eine , das not tut.« Vorlaut fragte die Jüngste: »Was tut denn not?« Er sah sie wieder ruhig und lächelnd an, sie blickte zur Seite und zupfte an ihrem Schürzenband. Er antwortete: »Gott schickt jedem Menschen einmal einen Tag, wo er verzweifelt, denn er sieht ein: ich bin böse durch und durch. Da soll er denn denken, daß Gottes Sohn für uns am Kreuz gestorben ist und uns erlöst hat von unserer Schuld; aber wenn Christus nicht gewesen wäre, so wäre er verloren. Sie werden meinen, das ist das gewöhnliche Gerede, das ich hören kann, wenn ich in die Kirche gehe und der Mietling predigt der Gemeinde, der ein großes Gehalt dafür bekommt, daß er Gott verleugnet und macht, daß andere Gott verleugnen. So will ich Ihnen sagen, daß ich das selber erlebt habe an meinem eigenen Leibe, denn aus Zorn wäre ich beinahe ein Mörder geworden an einem Mitgesellen, indem ich ihm heimlich auflauerte und nach ihm stach, und nur durch einen Zufall verletzte ich ihn bloß leicht. Damals war ich auch ein Ungläubiger und Spötter. Aber dann wurde ich gefangen genommen und verurteilt und mußte meine Strafe abbüßen unter andern Verbrechern, und da fand ich, daß ich nicht besser war wie der Schlimmsten einer, und sagte mir: du bist ein Mensch mit gesunden Gliedern und gesundem Verstand, und hast einen Menschen ermorden wollen, und das nicht zufällig, sondern du bist in deinem Herzen ein Mörder; wie ist denn das möglich? Bist du denn dazu erschaffen? Und ich fand: Ja, ich bin dazu erschaffen. Da dachte ich an Jesus Christus, der Gottes Sohn war und unschuldig, und gekreuzigt wurde, und seinen Feinden vergeben hat, und da wurde ich wiedergeboren, und das erste war, daß ich demütig wurde. Und zuerst freilich hielten mich die Beamten für einen Heuchler, und das ist wohl natürlich, denn wie konnten sie mir glauben; aber ich bin wiedergeboren, weil Gott sich meiner angenommen hat, und wenn ich mich ansehe, so weiß ich selber nicht, weshalb, denn vorher war ich stolz, dumm, gedankenlos, rachsüchtig; und wie ein wildes Tier und nicht wie ein Mensch; aber wahrscheinlich hat Jesus Christus im Himmel dem Vater seine Wundmale gezeigt, seine Hände und Füße und Seite, und hat Gott für mich gebeten und hat gesagt: diesen Sünder will ich haben, und da hat Gott bewirkt, daß ich wiedergeboren bin, denn für den sein eingeborener Sohn bittet, dem hilft er. Dann hat der Pastor lange mit mir gesprochen, aber er hat mir auch nicht glauben wollen, und dann ist der Arzt gekommen, und ich habe ihm Rechenexempel lösen müssen, weil er meinte, ich sei geisteskrank. Aber die andern Gefangenen haben wohl zuerst über mich gespottet, aber nachher haben mir viele auch geglaubt; und dann war meine Zeit zu Ende, und ich wurde aus dem Gefängnis entlassen, und nun habe ich an manchen Stellen gearbeitet, denn es treibt mich, daß ich wandern muß und muß zeugen von Gott, und überall haben mir die Leute geglaubt, wenn ich zu ihnen spreche, und viele haben sich auch zu Gott bekehrt.« Die fünf Frauen hatten dem Schneider aufmerksam zugehört und waren bewegt von seinen Worten. Er aber klappte sein Taschenmesser zusammen, mit welchem er sein Brot gegessen, tupfte mit dem Finger die Brotkrumen auf und aß sie, trank sein Glas aus, suchte in seiner Geldtasche das Zehnpfennigstück, legte es vor die Wirtin und erhob sich zum Gehen. Wie er in der Tür stand, sagte er noch: »Alle Tage geschehen die Wunder Gottes und rührt Gott an das Herz der Menschen. Wie ich vorhin durch die Stadt kam, da standen die Leute vor dem Gefängnis und erzählten, daß ein Mann gekommen ist, den hat das Gewissen gedrückt, und er hat einen Mord gestanden, den er vor mehr wie neunzehn Jahren begangen. Aus diesem Dorf hier soll der Mann gewesen sein, und den Mord hat er an seinem Herrn begangen.« Margarete erhob sich kerzengerade, todbleich sagte sie: »Der Vater!« Die Mutter schrie laut auf, die anderen Mädchen waren stumm, dann warfen sie sich jammernd auf die Mutter. Der Metzger erschien in der Tür, und indem er nicht verstand, was vorgegangen, faßte er den Schneider am Arm und schüttelte ihn. »Laß ihn,« rief Margarete. Er ließ ihn los und sah ihn an, sah dann die anderen an. Der Schneider holte seinen Hut, der ihm vom Kopfe gefallen und unter die Bank gerollt war, und stand verlegen da. »Mein Vater hat sich selber angezeigt, daß er vor neunzehn Jahren seinen Herrn erschossen hat,« sagte Margarete zu dem Metzger. Dieser stand bestürzt, dann ging er auf sie zu, faßte ihre Hand und sprach: »Was ich gesagt habe, das habe ich gesagt, wenn Sie mich nehmen wollen, so gehe ich gleich zum Standesamt und melde das Aufgebot an.« Da stürzten zuerst auch Margareten die Tränen aus den Augen und sie sagte: »Ich will Ihnen wünschen, daß Sie eine bessere Frau bekommen, wie ich bin.« Der Schneider trat vor die Mutter, und man verspürte die Bewegung seines Herzens an seiner Stimme, indem er sagte: »Nehmen Sie es nicht für ungut, ich habe nicht gewußt, daß es Ihr Mann ist. Und nun beten Sie zum Herrn Jesus.« Niemand antwortete ihm. Da warf er sein Bündel wieder ab, legte seinen Hut auf den Stuhl, kniete mitten in die Küche nieder und begann selber zu beten: »Herr Jesus, du hast deinem himmlischen Vater beide Wunden gezeigt und hast ihn angefleht um mich, der ich ein Verlorener war, ein Mörder, und Gott hat mich lassen wiedergeboren werden. Nun flehe ich dich an für diese Frauen hier, die gute Leute sind, und auch für diesen Mann, der bei ihnen steht, bitte auch für sie bei deinem himmlischen Vater, denn sie sind es mehr wert, wie ich es damals war. Aber vielleicht ist es so, daß du dich nur der großen Sünder annimmst und die anderen lässest. Oh, so lasse diese hier in große Sünden verfallen und schone sie nicht, daß sie ganz zerknirscht werden, und dann nimm sie auf zu dir und führe sie zu deinem himmlischen Vater.« Nach diesem Gebet stand er still auf, nahm seine Sachen und ging aus dem Haus. Eine Weile blieb die Familie stumm beisammen. Dann sahen sich Margarete und Martha, die zweite Tochter, an; Margarete sagte: »Ihr müßt die Arbeit allein fertig machen, ich will mit Martha meinen Vater besuchen.« »Er ist nicht dein Vater,« sprach stumpf die Frau. »Ich weiß es, daß er es nicht ist, aber er hat als Vater an mir gehandelt,« erwiderte Margarete. »O Gott, du hast mich gestraft für meine Sünde, schone meine Kinder, schone meine Kinder!« schrie die Mutter. Margarete ging zu ihr und küßte sie auf die Stirn. Da sagte sie: »Tut, was ihr für recht haltet, du bist immer gut gewesen.« Die beiden stiegen die Treppe nach oben, ihren Arbeitsanzug abzulegen und sich für den Weg umzuziehen. »Wie kann mir denn Gott vergeben, wenn ich meinem Mann nicht vergebe? Aber ich kann ihm nicht vergeben,« jammerte die Frau. Der Metzger sagte: »Wo liegen die Rindsdärme? Sie müssen eingeweicht werden.« Die Frau ging zum Küchenschrank, holte ein Paket vor, schnürte es auf; der Metzger nahm die Därme heraus, zog sie lang, hielt sie prüfend gegen das Licht und verließ die Küche. Die jüngste Tochter wusch das Glas, aus dem der Schneider getrunken, und stellte es an seinen Ort, dann räumte sie die Holzteller und Messer zusammen, wusch und trocknete alles, die beiden andern Frauen wischten den Küchentisch ab und machten sich wieder an ihre Arbeit. * Herr Steinbeißer verließ das Haus, ging durch den Park zum Kohlberg hin und stieg in den Wald hinauf. Der Blick verlor sich zwischen den hellgrauen Säulen der alten und hohen Buchen, unter denen die rotbraunen Blätter des vorigen Jahres sich am Boden kräuselten, die Bäume trugen auf starken, emporstrebenden Ästen hoch oben das grüne sonnendurchleuchtete Gewölbe; runde Sonnenflecke spielten am Boden, kein Laut war. Ein Eichhörnchen huschelte langgestreckt über den Weg, sprang an einem Baume hoch und sah neugierig mit schwarzen Perlenaugen um den Stamm herum nach dem stillen Gänger; der hielt die Arme auf dem Rücken und schritt gebückt langsam weiter. Auf dem Wege vor ihm hatte ein großer Tausendfuß einen starken Regenwurm gepackt; er hielt ihn in der Mitte und saß festgebissen wie ein Raubtier auf dem krampfig sich windenden und weitergleitenden Wurm. Dieser Tausendfuß folgte nur seinem Trieb, er wußte nichts von den Schmerzen des Wurms, und dieser, waren dessen Schmerzen denn bedeutender, wie wenn Gras gemäht wird? Er hat vom Gesichtssinn so viel, daß er Hell und Dunkel unterscheiden kann, ist er mehr als ein belebtes Fleischstück? Ist nicht sein Zweck, daß er die Beute des andern ist? Und wenn ein gedankenloser Mensch die Beute eines Mannes wird, der Willen hat, ist das nicht auch sein Zweck, daß er von diesem getötet wird? Was wir Gewissen nennen, ist ja nur ein Reflex, nicht mehr wert, wie irgendein Trieb; nur unsere Gedanken machen ihn wichtig. Er ging langsam auf einem Holzabfuhrweg, zu beiden Seiten waren tief eingeschnittene Geleise, in denen klares Wasser bergab schoß, unter überhängendem, zartgefiedertem Moos. Seit dem Frühjahr war hier kein Wagen gefahren; wenn jetzt die Holzfuhren wieder begannen, so wurde das zarte Moos zerquetscht, das klare Wässerchen wurde lehmig, die Hufe der Pferde stampften sich tief ein, und trübes Wasser sammelte sich in den Spuren; nach Tagen noch, wenn längst schon das Knarren der Wagen, das Rufen der Fuhrknechte, das Knallen der Peitschen verstummt war, rann das Wasser lehmig in den zerrissenen Geleisen, es war eine Welt zerstört von zierlichen und anmutigen kleinen Pflanzen und wunderlichen Tierchen. Aber dann wurde das Wasser wieder klar, die zerquetschten Pflänzchen bekamen neue Sprossen, neue Tiere wimmelten wieder, und es war, als sei nichts gewesen. Wenn es einen Gott gäbe und er sähe das Leben der Menschen, und er sähe die Geschlechter sich ablösen in Minuten, die Jahrhunderte und Jahrtausende in Stunden, könnte ihm das denn wichtiger scheinen, wie uns die Radgeleise mit ihren Lebewesen? Aber wie? Wenn er sein Leben bedachte, so war es Arbeit, Sorge und Entsagung gewesen. Lohnte es sich denn zu leben, wenn das des Lebens Inhalt war und nichts weiter? So lange, seit so langen Jahren hatte er nie an solche Dinge gedacht, er hatte nur Risse und Berechnungen, Lohnlisten und Einnahmebücher durchgesehen; sein Körper hatte mechanisch gelebt, wie der Körper eines Pferdes, das morgens eingespannt wird und abends ausgesielt in den Stall stolpert; und sein Geist, das waren die Überlegungen und Sorgen gewesen um den Betrieb und um die Leute, ein äußerliches Bedenken, wie er den Betrieb ertragreicher machen, die Leute besser stellen konnte; er war nur der Verwalter der Bergleute, deren Arbeit und Lohn er verteilte, und der Fabriken, denen er Braunstein schickte, damit sie Sauerstoff herstellten. Hatte dieses Leben denn mehr Sinn wie das Leben des Wurms, der gegen Abend aus seinem Loch kommt, ein Blatt sucht, es zu sich hineinzieht und einem Tausendfuß zur Beute fällt als ein lebendiges Stückchen Fleisch? Zuletzt war auch bei ihm selber wohl alles nur ein Trieb gewesen, ein Trieb etwa, einzurichten, zu leiten und zu herrschen – der Landrat meinte ja, er sei ein Despot – und das war alles, was er in seinen jungen Jahren sich gedacht hatte: Menschen glücklich zu machen, das Gute zu tun, ohne an Gott und ein Fortdauern der Seele zu glauben, das war nur eine gedankliche Umhüllung eines Triebes, der an sich gleich war etwa dem Trieb eines Mörders. Eines Mörders – er hatte nie sein Gewissen gespürt. Er verachtete seinen Bruder zu sehr, es war vernünftig gewesen, daß dieser gänzlich überflüssige Mensch verschwand. Nun hatte Maurer gestanden; vielleicht verfolgte man die Spuren weiter, vielleicht deckte man jetzt noch, nach langen Jahren, alles auf: er wunderte sich, daß er gar keine Furcht hatte. Zwei von den zierlichen kleinen Meisen huschten vor ihm im Laub; plötzlich kam in sein Herz eine furchtbare Traurigkeit, ein grausiges Mitleiden mit sich selbst: Wie, so hatte er gelitten in diesen Jahren, daß er noch nicht einmal Furcht empfand, verurteilt zu werden! Er war doch ein Brudermörder. Und hier huschten zwei Meisen vor ihm – selbst jener Wurm hatte sich gewehrt wie er konnte für sein Leben, sein ganz gleichgültiges Leben, und er, ein Mensch, welcher auf der höchsten Höhe stand, hatte nicht Furcht! Da war es, als ob eine andere Stimme in ihm sprach: »Ich bin tot.« Plötzlich blieb er stehen. Ein großer fast viereckiger Kalksteinblock lag da, halb vergraben unter den lockeren Blättern, an einigen Stellen bewachsen mit dünnem Schattengras, das an der Oberfläche glänzt. Vor langen, langen Jahren war er mit seinem Bruder und seiner jetzigen Frau hier gewesen, sie waren damals alle drei junge Menschen, noch nicht zwanzig Jahre alt. Alles hatte sich geändert, nur der Steinblock war geblieben. Damals waren die Buchen hier dünn, er erinnerte sich, man hatte wohl kurz zuvor geschlagen, und eine im Schatten allzu hoch gewachsene Buche hatte sich wie im Halbkreis über den Block gebogen, bis zur Erde fast. Es war Mittag gewesen, und die Stelle war blau von Leberblümchen; er hatte eine Blume pflücken wollen für Angelika, aber dann hatte er sich gescheut; Kurt eilte hin, er zertrat die zierlichen Blumen, riß gedankenlos Blüten ab mit der Wurzel und brachte sie zurück; Angelika dankte ihm und steckte das Sträußchen in ihren Gürtel; er sah, wie die Blütenblätter abfielen, sie sah es nicht und auch Kurt nicht; nach langer Zeit erst sagte sie: »Ach, mein schöner Strauß ist ganz entblättert«; er antwortete: »Man muß sie sehr vorsichtig anfassen.« Über diese Bemerkung lachte sie. Solange war das her, und es war ihm doch, als wäre es gestern gewesen. Er fuhr sich über das Gesicht und spürte die harte Haut, die Runzeln. Er trat näher an den Stein und tastete mit seinem Spazierstock, schob die dürren Blätter weg. Diese Jahre waren nun das Leben gewesen! Gleichgültig, gleichgültig war alles. Wie, wenn er jetzt plötzlich weinte? Es wäre doch merkwürdig, wenn er plötzlich weinte. »Ich bin ja ein alter Mann,« dachte er; vor einigen Tagen hatte er zufällig im Dorfe gehört, wie ein Fremder nach ihm gefragt hatte; der »alte Herr« hatte er gesagt. Damals hatten sie von weitem zwischen den Bäumen zwei Weiber erblickt, die Reisig sammelten; als die sie sahen, warfen sie alles Gesammelte fort und flohen. Heute war der Wald still und menschenleer, niemand im Ort war noch so arm, daß er im Walde Reisig sammeln mußte. Hätte er sich damals das so deutlich gemacht, daß das durch ihn selber geschehen würde, so hätte er gewiß gemeint, er müsse sich dann sehr freuen, daß ihm das so geglückt sei; aber nun freute er sich nicht, »gleichgültig, gleichgültig!« murmelte er. Er ging weiter und dachte, er wolle sich eine Erholung bereiten; aber wie? Reisen? Wohin? Er mochte auch nicht mit Menschen zusammen sein; es fiel ihm plötzlich auf, daß er keinen Menschen hatte, zu dem er irgendwelche Kleinigkeiten sprechen könnte. »Ein trauriges Leben, ein trauriges Leben,« sagte er kopfschüttelnd. Nun hörte der Buchenwald auf und es begann Fichtenwald. Hier waren die Stämme rot, der Boden war unbelebt, und glatt durch die Fichtennadeln, furchtbar einsam war es in dem Wald. Gleichmäßig erhoben sich die Bäume, ruhig, unbewegt. Da war es, als ob ein Entzücken plötzlich über ihn komme. »Was treibt mein Herz?« dachte er, »diese Bäume stehen und harren, ruhig, unbewegt,« und ihm war, als ob alles von ihm fortfließe und als ob er sich auflöse und gleich werde mit den Bäumen und eins mit allem, unter dem Himmel, wo jetzt wohl leichte Wolken ziehen; langsam steigt die Feuchtigkeit durch die Wurzeln hoch und verteilt sich in die Zweige und Nadeln, und entflieht aus den Nadeln in die sonnenscheindurchtränkte Luft, und ruhig setzt der Baum einen Jahresring an in jedem Jahre, schiebt seine Spitze höher, treibt neue Nadeln hervor, läßt alte braun werden und abfallen, verwesen und wieder Nahrung werden für seine Wurzeln. Und wenn seine Zeit kommt, so wird er geschlagen, und er sinkt um, er wird zersägt und gespalten, Fingerhut und Johanniskraut wachsen auf der Blöße, junge Bäumchen werden angepflanzt, breiten sich, schließen sich zusammen, wachsen in die Höhe, und langsam in langen Jahren werden sie zu so ruhigen Bäumen wie diese da. Ach, was kann mir denn geschehen, was ersehne ich, was fürchte ich? Ein Baum bin ich unter diesen Bäumen. Er ging weiter, die Höhe hinauf. Ein Köhlerpfad zweigte sich zur Rechten ab, wie er getreten wird, wenn der Köhler von seiner Bucht aus zu den entfernteren Meilern geht, um sie zu regieren. Wieder tauchte eine Jugenderinnerung in ihm auf, denn als Kind war er gern zu den Köhlern gegangen, hatte mit ihnen in ihrer Bucht gesessen und ihren Erzählungen gelauscht. Da kam er zu einer großen Lichtung, und im Hintergrunde lag eine Bucht. Fichtenstangen waren in einem Kreise schräg in die Erde geschlagen und an den Spitzen durch eine gedrehte Weidenschleife miteinander verbunden, über dieses Gerüst war frische Fichtenrinde gedeckt; vorn blieb eine Öffnung als Tür, vor welcher auf vier Stangen ein großer Borkenstreif angebracht war, um den Schlagregen aus dem Innern der Bucht abzuhalten. Ein lustiger hellblauer Rauch kam oben aus der Spitze, welche nicht ganz zugedeckt war. Vor der Tür saß auf einem Stufen ein alter Köhler und sprach zu einem Huhn, welches vor ihm stand und ihn ansah. Wie er die Schritte hörte, richtete er sich auf und spähte nach der Richtung, das Huhn ging mit gemessenen Schritten fort, kratzte dann und pickte. Ein struppiger Hund erhob sich, schnupperte nach der Richtung, schwieg aber, nachdem ihm klar geworden, daß der Fremde nichts Übles wollte. Der Köhler ging Herrn Steinbeißer entgegen, er war ein uralter Mann von wohl neunzig Jahren von riesenhafter Figur mit strammer Haltung; er reichte ihm die Hand und rief: »Erweist mir der junge Herr noch einmal die Ehre!« Steinbeißer erkannte ihn; als Kind war er oft bei diesem Manne gewesen, für den war er noch der junge Herr. Er schlug in die Hand des Köhlers, das schwarze Gesicht verzog sich zu einem freundlichen Lächeln, zwei Reihen weißer Zähne zeigten sich; er rieb sich das Kinn und sagte entschuldigend: »Die Stoppeln sind lang, es ist ja Sonnabend. Aber nun müssen Sie in die Bucht kommen und müssen eine Köhlersuppe mit essen.« Da war alles wie vor langen Jahren – damals, als er das erstemal zu dem Köhler gekommen, war er ein Kind gewesen und der Köhler ein Mann in dem Alter, wie jetzt er selber; und es war, als wenn die Jahre nicht gewesen. Er bückte sich und trat in die Bucht; da brannte in der Mitte zwischen drei großen Steinen das Feuer, an den Wänden entlang waren die Kästen, in welchen der Köhler und seine Hulpen ihre Sachen aufbewahrten, auf denen als Betten mit Moos und Heu ausgestopfte Säcke lagen. Er setzte sich. »Rechts von der Tür, das ist unser Ehrenplatz,« sagte der alte Mann zu ihm. Dann holte er aus dem Kasten den großen Eisenkessel vor, füllte ihn aus dem Eimer vor der Tür mit Wasser und setzte ihn auf die Steine über dem Feuer, holte das große runde Zehnpfundbrot, zog seinen Taschenknief; und wie er den Knust abgeschnitten hatte, fragte er mit schlauem Blinzeln: »Suppe oder Knust?« »Erst Suppe, dann Knust,« antwortete lachend Herr Steinbeißer. Es fiel ihm plötzlich auf, daß er lachte. »Das ist das Richtige,« erwiderte der Köhler. Dann fuhr er fort und erzählte, daß er sich jetzt immer Butter halte für die Suppe, denn den Rindertalg könne er nicht mehr so recht vertragen, auch habe er ein Huhn bei sich und schlage immer ein Ei hinein, er wolle sich doch auch pflegen auf seine alten Tage, man müsse etwas davon haben, wenn man so lange lebe. Inzwischen zerbrach er die geschnittenen Brotscheiben und warf sie in den großen irdenen Napf, holte die Butter vor, schnitt ein tüchtiges Stück ab und tat es dazu und wartete, daß das Wasser im Kessel kochen sollte. »Wissen Sie noch, junger Herr,« erzählte er, »damals hatte ich noch meine alte Schüssel, vor kurzem hat sie mein Bengel zerschlagen, das sind nun wohl auch schon so zwanzig Jahre her, wie die Zeit vergeht! – in der stand das Vaterunser von oben nach unten in Kreisen herumgeschrieben. Sie sagten immer: Geheiligt werde dein Name esse ich noch mit.« »Sie sind doch zufrieden?« fragte Steinbeißer. »Weshalb soll ich nicht zufrieden sein? Da wäre ich ja undankbar! Meine Kinder sind versorgt, auch meine Kindeskinder sogar, ich bin gesund unberufen und kann noch meiner Arbeit vorstehen, was will man mehr?« Hier begann der Kessel zu kochen, er nahm ihn mit den bloßen Händen vom Feuer, goß das Wasser über die Brotschnitten, stellte ihn fort, holte dann mit listigem Gesicht ein Ei, schlug es auf und tat es in die rauchende Suppe. Die Schale warf er vor die Tür, wo sich das Huhn eifrig auf sie losstürzte. Nun holte er zwei hölzerne Löffel, reichte den einen Herrn Steinbeißer, behielt den andern, rückte ihm die Schüssel auf dem Fußboden zurecht und sagte: »Bedienen Sie sich nur erst, junger Herr, ich esse dann nachher; inzwischen wird der Knust geröstet.« Und während Herr Steinbeißer aß, legte der andere einen Rost über das Feuer, bestrich den Knust mit Butter und Mete ihn. Dabei sprach er allerlei: »Ja, junger Herr, Sie sind nun auch grau geworden, das macht das Stubenleben. Sie können wohl alles haben, was Sie sich wünschen, aber ein jeder Stand hat seine Last, ein jeder Stand hat seine Plage. Wenn wir tot sind, dann sind wir alle gleich, und dann ist es einerlei, ob wir reich gewesen sind oder arm. Sie können ja nun alle Tage Braten essen, aber deshalb schmeckt Ihnen die Köhlersuppe dazwischen doch auch einmal gut.« Drei helle Schläge, dann ein kurzes helles Trommeln tönten durch den Wald. »Das ist meine Enkeltochter,« sagte der Alte, »die bringt mir das Brot für die Woche«; er ging an die Hillebille, das ist ein astloses Buchenbrett, das frei aufgehängt wird, und schlug mit dem Schlägel dagegen, es war die Antwort auf die Zeichen der Großtochter. »Nun ist sie in einer Viertelstunde hier,« sagte der Alte. Inzwischen war auch der Knust geröstet, und Herr Steinbeißer verzehrte ihn mit Genuß. Da stand plötzlich ein großer Hirsch mit stattlichem Geweih vor der Tür, den Kopf zurückgeworfen und sichernd. »Hans, willst du dich auch dem jungen Herrn zeigen?« rief ihm der Köhler zu; der Hirsch sah nach ihm hin, die Anwesenheit des Fremden schien ihn zu stören, er wendete sich ruhig und majestätisch, zeigte seine Blume und ging langsam zwischen die Bäume. »Vor uns hat das Wild keine Furcht, uns kennen sie am Geruch, besonders die Hirsche,« erklärte der Köhler. »Dieser da kommt alle paar Tage und sieht in die Bucht, ob ich auch da bin, er hat mir schon viel Spaß gemacht. Das Vieh ist nicht so unvernünftig, wie man denkt.« Plötzlich sah er aus der Tür, murmelte eine Entschuldigung und nahm seine Schürstange. Der Wind hatte sich etwas gewendet; Herr Steinbeißer folgte ihm, wie er zum Weiler ging; er verstopfte ein Loch mit Rasen und stieß ein anderes durch. Nun kam die Enkeltochter über den Hai. Sie war eine blühende junge Frau, im Mantel trug sie ein Kind sorgsam eingewickelt, das mit großen blauen Augen ins Weite sah, auf dem Rücken hatte sie in einer Kiepe die Sachen für ihren Großvater: Brot, Butter, auch ein Stück Speck und Wurst. »Sehen Sie, was ich für Zugebröte habe,« sagte lachend der Alte, indem er seinem Gaste Speck und Wurst zeigte. Die junge Frau setzte sich still auf den Stufen vor der Tür und reichte dem Kinde die Brust. Das Kind suchte mit dem Mündchen, verzog das Gesicht zu einem ungeduldigen Schreien, die Mutter half ihm ruhig nach, es bohrte sein Näschen in die Brust und saugte mit hörbarem Behagen. Glücklich blickte die junge Frau nieder; im Sonnenschein leuchteten die kleinen Härchen auf dem runden Kopfe des Kindes. Dann bog sie das Haupt etwas zurück, es war, als ob sie sich ganz dem Kinde hingeben wollte. Die beiden Männer standen schweigend da, der Großvater hatte mit glücklichem Gesicht die schwarzen Hände gefaltet; zwei Tränen kamen ihm aus den Augen und zogen langsam rinnend eine weiße Bahn durch das rußige Gesicht. Der Hund lag zu den Füßen der jungen Frau, den Kopf auf den Pfoten, als ob er durch die friedlichste Stellung, welche er hatte, die heitere Glückseligkeit des anmutigen Bildes vollenden wollte. »Der wird kein Köhler mehr,« sagte der Alte, »unser Beruf stirbt aus. Aber der liebe Gott hat die Welt groß geschaffen, und wenn einer arbeiten kann und ordentlich ist, so findet er immer seinen Ort.« Der Kleine setzte ab und machte eine Pause, indem er zu dem niedergebeugten Gesicht der Mutter aufsah. Sie tupfte ihm mit dem Finger auf das Näschen, die Bäckchen, das Kinn; sein Mund verzog sich zu einem breiten Lachen, es blieb einen Augenblick stehen; das Gesicht verfinsterte sich und ein kleines Aufstoßen folgte, dann kam das Lachen wieder; »du, du,« sagte die Mutter, er lachte laut; dann drehte er sich, als wollte er die beiden Männer ansehen; nach einem kurzen prüfenden Blick wendete er sich zurück und mit sachlicher Miene suchte er wieder nach der Stelle, wo er trinken konnte. »Ja, so ein kleines Kind ist man nun auch einmal gewesen,« sagte gerührt der riesengroße schwarze Alte; die Enkeltochter, welche bis jetzt immer ruhig gesessen, lachte laut und rief: »Dich möchte ich nicht so haben, du würdest mich schön schwarz machen.« Auch das Kleine schien erstaunt zu sein, es hörte wieder mit Trinken auf und sah prüfend zum Großvater hinüber. »Ja, das ist freilich lange her,« sagte der und kratzte sich den Kopf, »nun legen sie mich bald in den Sarg, und dann geht's unter die Erde.« Die Enkelin sprach zu dem Kinde: »Hör nur, was der Großvater schwatzt! Der spielt noch einmal Ball mit den Knochen von uns allen!« »Ja, ja,« seufzte der Alte, »sterben müssen wir Menschen; schön ist es ja hier oben, aber wenn mich der liebe Gott haben will, dann will ich ihm gerne folgen; zu fürchten brauche ich mich ja nicht. Nur, wenn ich ihn um etwas bitten dürfte, dann möchte ich gern hier sterben, in meiner Bucht, weil ich doch nun mein ganzes Leben im Wald gewesen bin, denn wie ich erst zehn Jahre alt war, da hat mich mein Vater schon als Hulpe mitgenommen.« Als Herr Steinbeißer nach Hause zurückwanderte, da wurde ihm zum ersten Male in seinem Leben klar, daß wir nicht nur für uns leben, sondern Doppelgänger von uns in der Meinung der andern Menschen haben, die wohl ein eigenes Leben führen mögen; er bedachte sich, daß manches Leiden kommen kann, wenn man diese Tatsache nicht beachtet, und daß mancher unbegreifliche menschliche Erfolg entsteht, wenn der Doppelgänger besonders liebenswürdig gestaltet ist. Und als er das eingesehen hatte, da fühlte er zu seinen alten Pflichten eine neue: ein solcher Mann wie der Köhler durfte doch nicht enttäuscht werden; und wenn nun alles zutage kam, wie es damals bei dem Tode des Bruders gewesen war, so wußte er jetzt, was er zu tun hatte: er mußte das schöne Bild des Doppelgängers schonen. Aber eine jede Pflicht gibt eine Begrenzung, jede Begrenzung macht uns ruhiger, denn am ruhigsten sind wir dann, wenn alle unsere Gedanken eine bestimmte und feste Bahn laufen. So fühlte er sich denn wieder als fester und bestimmter Mann, als er endlich den Weg zurück abwärts schritt, der ihn zu seinem Haustor leitete. Inzwischen hatte seine Gattin eine wichtige Auseinandersetzung mit ihrer Tochter gehabt, welche in Schmerzen auf ihrem Bett lag, den gebrochenen Fuß in starrem Verband, und in ohnmächtigen Sätzen sich beklagend über das ärgerliche Mißgeschick. Die Mutter saß aufrecht und steif am Bett, in allgemeinen Reden und Sprüchen zur Geduld ermahnend. »Du denkst ja gar nicht an mich bei deinen Worten, du denkst an ganz anderes,« rief ihr die Tochter ungeduldig zu. Die Mutter erschrak und beugte sich über sie. »Laß mich, beuge dich nicht zu mir,« sagte die Tochter. »Ich kenne ja deinen Haß gegen mich; ich weiß nicht, wodurch ich ihn verdient habe, und ich mag es auch nicht wissen, denn seit Jahren schon hast du selber dich mir fern gestellt. Aber bezwinge dich wenigstens der Leute wegen, das muß ich dir befehlen; denn zu bitten habe ich ja nichts mehr von meiner Tochter,« antwortete die Mutter. Angelika sah ihr ins Gesicht und sprach: »Weshalb hast du deinen zweiten Mann geheiratet?« »Was willst du damit sagen?« fragte mit bebender Stimme die Mutter. Angelika wendete ihr Gesicht zur Wand und suchte ein Schluchzen zu unterdrücken. Die Mutter nahm eine ihrer Hände, welche willenlos auf der Bettdecke lagen, hielt sie fest, und sprach: »Ich weiß es ja nicht, was zwischen uns getreten ist; und vielleicht bin ich selber schuldig, weil ich zu zurückhaltend war, um dich zu fragen; aber gegen ihr Kind sollte eine Mutter wohl nicht zurückhaltend sein, sie müßte auch ihren Stolz aufopfern, das habe ich nicht getan.« Plötzlich warf Angelika ihren Kopf herum, die Tränen überströmten ihr Gesicht, sie schlang den freien Arm um den Hals der Mutter. Mit einem Male aber nahm sie den Arm zurück, zog ihre Hand aus der Hand der Mutter, wendete das Gesicht wieder zur Wand und sprach: »Ich will nicht einem augenblicklichen Gefühl nachgeben, ich würde mich zur Mitschuldigen machen.« »Zur Mitschuldigen?« »Gestern hat ein Mann um meine Hand angehalten, ein Mann, den ich achte, und den ich – liebe; ich darf ihm ja nicht folgen, das wäre ehrlos von mir!« »Ehrlos?« »Ich würde ihn ja mit hineinziehen in – in unsere Familie!« Die Mutter erhob sich in höchster Bestürzung und sagte: »Was ist das? Was liegt vor? Wovon sprichst du?« Der Ausdruck im Gesicht der Mutter war so echt, daß Angelika erschrak; es wurde ihr klar, daß ihre Mutter nichts wußte von dem, auf das sie anspielte. »Verzeihe mir, Mutter,« schrie sie, »ich bin krank, ich weiß nicht, was ich rede.« Aber die Mutter faßte sie am Handgelenk und zwang sie, ihr in die Augen zu sehen, indem sie wiederholte: »Wovon sprichst du?« »Nun, von deiner Heirat mit diesem Mann,« antwortete Angelika trotzig. Die Mutter setzte sich wieder und sprach: »Ich bin ja niemandem Rechenschaft schuldig über meine Handlung, und am wenigsten dir. Indessen, ich brauche auch nichts zu verschweigen, es ist wohl besser für dich, wenn ich erzähle. Aber bedenke, daß ich erzähle, was eine Mutter ihrer Tochter sonst nicht erzählt, und schäme dich, daß du mich dazu zwingst; vielleicht wird dein hartes Gemüt erweicht, wenn du dich schämst.« Und nun begann sie von ihrer Jugendzeit zu berichten, wie schon seit der Kindheit Heinrich Steinbeißer eine Neigung zu ihr gehabt, wie sie in unbegreiflicher kindischer Verblendung, obwohl sie sich ihm freundlich gesinnt fühlte, ihn doch immer abgestoßen, selbst gekränkt habe, was denn auf das ehrgeizige und stolze Gemüt des jungen Mannes schlimm wirkte. »Du kennst ihn nicht,« unterbrach sie sich. »Ich habe noch keinen solchen Menschen gesehen, in ihm ist die reinste und selbstloseste Güte harter Stolz geworden.« Heinrich Steinbeißer verschloß sich immer mehr, und nur wer ihn ganz genau kannte, der konnte seine wirklichen Gefühle verstehen. Dies Zurückweichen, während sie doch wußte, daß er sie liebte, erzeugte in ihr einen kindischen Trotz; sie ließ sich die Werbungen Kurts gefallen, den sie immer nur als einen liebenswürdigen Knaben betrachtet hatte, welcher durch eine starke Hand geführt werden mußte. »Wie? Mein Vater ein Knabe, der geführt werden mußte?« rief Angelika aus. »Du hast ihn nicht selber gekannt. Er gehörte zu den Menschen, die oft sehr lästig sind, solange sie bei uns verweilen, aber in der Erinnerung außerordentlich gewinnen.« Die Mutter erzählte weiter und beschrieb ihre damalige Seelenverfassung so gut sie konnte. Sie hatte niemanden gehabt, dem sie sich anvertrauen mochte, der ihr das eigene Innere erklärte; aber ein unerfahrenes blutjunges Mädchen versteht sich selber nicht. Kurt war ihr angenehm, sie konnte mit ihm spielen, er ging auf alle ihre törichten Wünsche ein, und der Groll Heinrichs machte ihr Freude. So sagte sie denn, bei einer ganz zufälligen Gelegenheit, die für beide unerwartet kam, gedankenlos zu Kurt das bindende Wort. Heinrich reiste damals ab, seiner Studien wegen, wie er sagte. »Er war mir nachher immer ein treuer Freund,« fuhr sie fort, »und ohne ihn hätte ich manches nicht so nehmen können, wie es nötig war. Ich kann dir ja nicht mehr über deinen Vater sagen, aber das wenigstens sollst du wissen, daß ich nie zu ihm aufblicken konnte; zu deinem Stiefvater habe ich immer aufgeblickt.« Dann kam der plötzliche Tod. Kurt hatte viel Geld verbraucht in kurzer Zeit, Heinrich brachte mit großen Opfern alles wieder ins gleiche. Dann, nach Jahresfrist, heiratete er die Witwe seines Bruders. »Aber es stand etwas zwischen uns,« sagte sie, indem sie tief errötete. »Ich weiß es nicht, was es war; indessen, ich habe mir immer gedacht, daß ich ihn damals zu tief verletzt hatte, daß er nun mit allem Willen die Scheu nicht verwinden konnte, die er vor mir empfand. Ja, es war Scheu. Wenn er mir die Hand reichen wollte, plötzlich zuckte er zurück.« Sie sprach leise und verbarg das erglühende Gesicht in den Händen. »Vergiß nicht, was es mich kostet, so zu dir zu sprechen. Er ist mir immer nur der Freund gewesen, nie der Gatte.« Nun war es still im Zimmer. Nach einer langen Zeit fuhr die Mutter fort: »Ich weiß, daß gestern der Landrat mit dir gesprochen hat. Prüfe dich, ob nicht eine Unvernunft, ein Hochmut oder eine Lust zu Grausamkeit in dir ist. Was eine Frau Unrechtes begeht, das rächt sich schwerer, wie das Unrecht der Männer, denn für einen Mann ist es ja manches Mal Pflicht, ein Unrecht zu tun.« Sie stand schnell auf und verließ das Zimmer. Drittes Kapitel Kurt, der Stiefsohn Herrn Steinbeißers und Bruder Angelikas, wohnte im Osten Berlins in einem großen alten Mietshause, dessen unendlich viele Zimmer, Gänge und Flure mit armen und verkommenen Leuten angefüllt waren, welche hier als Mieter und Untermieter, Schlafburschen und zufällige Nachtgäste durcheinander wimmelten. Die Bohlen des Haupteinganges waren halb verfault, auf den ausgetretenen Treppenstufen ragten die Aststückchen und Nagelköpfe heraus, das Geländer war schmierig, die Wand schmutzig, neben der Treppe auf jedem Absatz befand sich ein Bedürfnisort, welcher halb offen stand und widerliche Gerüche von sich gab, indessen Menschen- und Küchendunst aus einer etwa geöffneten Gangtür strömten. Der Wohnraum Kurts war ein Teil eines größeren Zimmers, den man durch eine Papierwand abgeteilt hatte, die Papierwand ging zur Mitte des Fensters, damit beide Räume Licht bekommen sollten, und so konnte das Fenster nicht mehr geöffnet werden. Der Raum war so eng, daß nur ein Bett stand; dahinter, beim Fenster, war ein schmaler Tisch mit einem Stuhl. Kurt, der eben in der Genesung von einer langen Krankheit begriffen war, saß auf dem Stuhl am Fenster und sah auf die gegenüberliegende Wand, wo zwei Fenster in Zimmer gingen, die abgeteilt waren wie das seine. Sie waren weiß verhängt. Wie ein Schacht lief der Hof tief nach unten, von allen Seiten durch Mauern mit Fenstern eingeschlossen; Kurt konnte nur bis zur Hälfte eines zweiten unteren Fensterpaares gegenüber sehen, aber unter diesem Fensterpaare waren noch einige, bis der Erdboden kam. Es war Sonntag früh, viele der Leute im Hause schliefen wohl noch, müde durch die Vergnügungen des Sonnabends; so blieb es eine Weile ganz still in dem menschenerfüllten Gebäude. Die Sonne stand wohl am Himmel und spiegelte sich in irgendeinem Scherben auf dem Dach, denn ein Streifen mit Regenbogenfarben zog sich über den oberen Teil des einen weißverhängten Fensters gegenüber. Dann drang plötzlich das Trappeln von Kinderfüßchen aus dem gepflasterten Hof nach oben, zwei Kinder sprachen eifrig miteinander. »Hast du ihn gesehen?« »Ja, und du auch?« »Ja, ich habe ihn gleich gesehen.« Eine Frauenstimme rief von oben den Kindern zu und sie trappelten eilig wieder fort. Dann war es wieder still. Unbewegt lag der bunte Streifen gegenüber auf dem verhängten Fenster. Nach einer langen Zeit fuhr draußen auf der Straße eine eilige Droschke vorbei, auf dem Erdpech rollten die Räder, klappten die Hufe; es klang während eines Augenblicks durch das offene Haustor in den Hof hinein, und klang nach oben, an dem geschlossenen Fenster des Genesenden vorbei. Die Zimmerwirtin klopfte an und trat ein. Sie blieb an der Tür stehen, wischte sich die Nase mit dem Schürzenzipfel, legte dann die Hände übereinander unter der Schürze und blickte stumm auf Herrn Kurt hin. Dieser lächelte und sagte nach einer Weile: »Nun, Sie wollen mir doch etwas sagen, gute Frau.« Die Frau verschwor sich, daß sie ihm nichts sagen wollte, denn wie sollte sie denn wohl dazu kommen, sich um die Angelegenheiten ihrer Herren zu bekümmern! Mag ein jeder zusehen, wie er im Leben fertig wird, sie hatte auch fertig werden müssen. Dann kam sie weiter ins Zimmer hinein, setzte sich auf den Bettrand, und fuhr zuletzt zutraulich fort: »Ich meine nur, daß Sie es doch besser gewohnt sind, und wenn Sie wollten, so könnten Sie es doch auch feiner haben. Ich nehme immer nur anständige Leute, aber wenn auch, das ist doch keine Wohnung hier für einen Herrn wie Sie sind. Es ist ja nicht, daß ich Angst hätte um mein Geld, weil Sie in der Krankheit nichts haben verdienen können; Sie sind mir schon sicher, und wenn ich mein Geld bei Ihnen verlieren sollte, so wollte ich auch zufrieden sein, denn so einen Herrn wie Sie gibt es ja gar nicht wieder.« Hier brach sie in Weinen aus und wischte sich mit der Schürze die Augen. Dann fuhr sie fort: »Aber ich weiß es doch, Sie brauchen nur nach Hause zu schreiben, so bekommen Sie doch so viel geschickt wie Sie nur wollen, und können sich pflegen, denn die Pflege ist ja nun die Hauptsache, so weit haben wir es ja gebracht, daß die Krankheit vorüber ist.« Kurt antwortete lächelnd: »Liebe Frau, Sie meinen es ja gut mit mir, aber ein Mensch muß tun, was nötig ist, und Essen und Trinken kommt schon irgendwie von selber.« »Ja, ja, das sage ich ja auch immer,« erklärte die Frau, »aber weshalb wollen Sie denn nur nicht schreiben! So ein Herr wie Sie, der kann ja doch gar nichts Böses getan haben, daß die Eltern ihn nicht wieder annehmen sollten!« »Aber wenn die Eltern nun von ihm verlangten, daß er etwas tun solle, das für ihn böse wäre!« antwortete Kurt. Die Frau sah ihn betroffen an, dann schüttelte sie den Kopf und sprach: »Ach, das sind nun so wieder Ihre Reden, die kenne ich schon, das ist gar nicht so schlimm.« Hier klopfte es nun von neuem, und die Tochter der Wirtin trat ein. Sie fragte Kurt demütig, ob sie kommen dürfe, dann stellte sie sich neben ihre Mutter und sprach zu dieser: »Du kennst den Herrn immer noch nicht. Er kann alles, was er will, denn wenn er zu den Leuten spricht, so müssen sie ihm folgen, wie ich ihm gefolgt bin.« Kurt erhob die Hand abwehrend, sie brach in Tränen aus und kniete vor ihm nieder; er schüttelte leise den Kopf und befahl ihr aufzustehen, dann sagte er: »Sie sind ja immer noch krank, Ihre Seele ist noch nicht beruhigt, deshalb gehen Ihre Gedanken und Gefühle so auf und nieder; ruhig müssen Sie sein, vergessen Sie die Reue, vergessen Sie die Scham; was gewesen, kann niemand ändern, nur für die Zukunft haben wir Macht.« Die Mutter sagte bekümmert: »Sprechen Sie nur so zu ihr, ich spreche auch so; das ist doch nun einmal, kann denn ein Mädchen unschuldig bleiben heute? Ich habe sie ja getröstet, wie ich nur konnte, und habe ihr erzählt, daß ich mich doch auch nicht habe so halten können, wie ich jung war; es wird ja den armen Leuten zu schwer gemacht, weil sie doch keinen haben, der ihnen hilft, und sie wollen sich doch putzen und wollen ihr Vergnügen haben, solange sie jung sind; das habe ich ihr alles gesagt, und habe gesagt: die Hauptsache ist, daß du nun wieder ordentlich bist und nicht mehr auf die Straße gehst, nun wird schon alles gut werden, und deine Hüte und deine Kleider hast du ja auch verkauft, und wer weiß, ob du nicht noch einmal einen ordentlichen Mann bekommen kannst.« So und in ähnlicher Weise sprach die Mutter. Plötzlich lachte das Mädchen auf, zeigte nach dem Regenbogenstreifen auf dem weißverhängten Fenster gegenüber und rief: »Draußen scheint die Sonne, der Herr muß hinunter und auf die Straße gehen.« Die Mutter sah sie erstaunt und erschrocken an, Kurt stützte die Stirn in die Hand. Mit hysterischer Begeisterung fuhr sie fort: »Mir hat er gesagt, du kannst alles, was du willst, darum habe ich auch meine Hüte und Kleider verkauft und sitze nun und nähe für Levysohn Hemden, wo ich es doch besser haben könnte und mit feinen Herren gehen. Einmal habe ich einen Rechtsanwalt gehabt. Er kann alles, was er will, er soll auf die Straße in den Sonnenschein gehen, er wird nicht ohnmächtig, wenn er die Treppe hinuntersteigt.« Kurt ergriff ihre Hand und hielt sie fest; dann sagte er mit eindringlicher Betonung: »Sie wissen, was aus Ihnen spricht, es ist der Hochmut.« Die alte Frau schüttelte verwundert den Kopf; das Mädchen sah ihn wie irr an. Er fuhr fort: »Sie kennen mein Leben nicht, vielleicht bin ich einmal noch tiefer gesunken gewesen wie Sie; aber ich spreche nicht davon; denn wenn wir uns an unsere schlechten Taten erinnern, so wollen wir uns und andere quälen; Ihnen sage ich es jetzt, damit Sie es wissen und sich nicht mehr vor mir zu schämen brauchen. Denn das brauche ich Ihnen ja nicht zu sagen, daß wir nicht aus leerem Dünkel spielen sollen mit solchen Dingen. Wenn ich meine Natur zwingen müßte für irgendeinen vernünftigen Zweck, so würde ich tun, was Sie wollen, und vielleicht gelänge es mir, wenn ich einen reinen Willen hätte; so aber würde es mir nicht gelingen, das wissen Sie auch. Deshalb hüten Sie sich vor dem Hochmut, der aus dem Leiden eines bösen Herzens kommt.« Als er dies gesagt hatte, öffnete sich stürmisch die Tür und ein junger Arbeiter trat ein. In wirren Worten begann er, daß er die Nacht durch mit seinen Freunden zusammengesessen habe und habe mit ihnen geredet und ihnen klargemacht, wie alles nichtig sei, das sie erstrebten; und zwar könne er selber ja niemanden überzeugen, denn seine Worte seien zu schwach, aber sie seien aufmerksam geworden; und wenn Kurt erst wieder gesund sei, so solle eine Versammlung einberufen werden, und da solle Kurt zu allen sprechen. In dem übernächtigen, eingefallenen und durch flüchtige Röten überglühten Gesicht brannten zwei halbirre Augen; er fuhr fort: »Sie sind unser Meister, Sie sagen den Menschen, was sie tun müssen, und heute weiß ja niemand, was er tun muß, deshalb sind die Menschen so verzweifelt. Aber wenn Sie sprechen, dann folgen Ihnen alle, denn sie haben keinen, dem sie sonst folgen könnten, und alle sehnen sich nach einem solchen Mann wie Sie sind, wenn sie es auch nicht wissen, daß sie sich sehnen. Dann können Sie befehlen, wie Sie wollen, und alle tun, was Sie befohlen haben, wie ich alles tue, was Sie mir befohlen haben, dann haben Sie die Macht, niemand kann Ihnen widerstehen, und durch Ihre Befehle wird das Gute getan.« Mit schwermütigem Lächeln erwiderte ihm Kurt: »Nun wollen auch Sie mich versuchen? Habe ich Ihnen je gesagt, daß ich Macht will, daß ich Menschen befehlen will? Ich weiß ja nicht, wie es in den anderen menschlichen Verhältnissen geht, ob da die Macht und das Befehlen nicht gut ist, denn in den anderen menschlichen Verhältnissen habe ich keine Arbeit zu tun. Aber das weiß ich: die menschlichen Seelen müssen frei sein, und jeder, der über sie Macht ausübt und ihnen befiehlt, tut Böses; denn ein jeder Mensch muß seine Seele so gehen lassen, wie seiner Seele Art ist.« Betroffen und niedergeschlagen erwiderte der junge Mann: »Aber ich gehorche Ihnen doch, über mich haben Sie doch Macht.« »Ich habe wohl Macht über Sie, aber Sie gehorchen mir, weil ich Sie genau kenne und Ihnen sagen kann, was Ihnen fehlt, und weil ich nicht um meinetwillen Macht über Sie haben will, das wissen Sie genau. Doch es wird einmal die Zeit kommen, und sie muß bald kommen, wo Sie selbständig sind und nicht auf mich zu hören brauchen und nicht auf einen anderen Menschen. Dazu will ich Sie führen, wenn Sie mir so lange folgen wollen, – folgen können, das wissen Sie auch. Aber Sie wollen ja anderes, Guter, ohne daß Sie es denken. Sie sehen in der Welt, wie immer einer über dem anderen steht und herrscht, und wie das verwickelte Getriebe unserer Gesellschaft überall im Grunde durch Gehorsam und Befehl geht, und nun wollen Sie, es soll eine Sekte geschaffen werden oder eine Partei, ich soll das Haupt werden und Sie ein Jünger, ein unterer Befehlshaber, Redner, Zeitungsschreiber oder ähnliches. Ist es nicht so?« Er sah ihn scharf, aber gütig an. Der andere senkte die Augen und sprach: »Es ist so.« »Und meinen Sie,« fuhr Kurt fort, »daß unsere Partei oder Sekte oder Kirche, gesetzt ich hätte die Fähigkeit, derartiges zu gründen, durch ein Wunder eine Ausnahme machen würde von dem allgemeinen Zustand der Menschen? Wunder gibt es nicht und hat es nie gegeben. Wenn ich zu Tausenden spreche, so kann ich nicht die Wahrheit sagen, wie ich sie Ihnen sage, denn ich kenne nicht die einzelnen, und Wahrheit ist das Sprechen einer Seele zu einer vertrauten Seele; ich könnte die Tausende aber vielleicht zu einem Rausch bringen, wenn ich unehrlich genug wäre, so, daß sie mir glauben, denn der Mensch in seiner natürlichen Trägheit will ja gar nicht die Wahrheit; denn Wahrheit ist kein Ding, sondern ein Vorgang, sie ist das Einsehen, sie muß also jeden Augenblick neu von uns geschaffen werden; sondern er will den Rausch; er will nicht die Freiheit, sondern die Knechtschaft.« »Aber was soll ich denn tun?« rief der junge Mensch. »Trachten Sie nach dem Frieden Ihrer Seele, so werden Sie nicht mehr tun wollen, sondern durch das, was Sie sind, werden Sie den Menschen nützen, nämlich dadurch, daß die Leute sagen: Hier ist ein Mensch, der immer nach der Wahrheit suchte. Und daß ihnen klar wird: auch wir müssen unsere Trägheit abwerfen und uns mühen, daß wir Einsicht gewinnen.« Auf dem offenen Gesichte des jungen Mannes drückte sich der innere Kampf aus. »Ich will nicht,« sprach er, wie von etwas Fremdem getrieben, wie als Erwiderung auf einen inneren Befehl. »Ich wußte, daß Sie das antworten mußten,« entgegnete ihm lächelnd Kurt. »Aber besinnen Sie sich, wer sagte eben noch zu mir: Sie haben die Macht, ich tue alles, was Sie befohlen haben.« Der junge Mann stutzte; dann nahm er den Hut in die andere Hand, rief aus: »Ich bin kein Kind mehr,« und lief erregt aus dem Zimmer. »Er sitzt am Angelhaken, er kommt wieder,« sagte das Mädchen. »Ich weiß es von mir.« »Vielleicht kommt er wieder, vielleicht kommen auch Sie immer wieder,« sprach leise Kurt. »Aber wenn er nicht wieder kommt, so wollen wir ihm nicht grollen, er ist einer von denen, welche suchen, aber nicht jeder findet, der da sucht.« »Und ich, werde ich finden?« fragte sie. »Ich will mir alle Mühe geben, die ich kann,« antwortete er. In lohendem Zorn schrie sie: »Sie glauben, daß Sie ein Heiliger sind und daß Sie alles können, was Sie wollen. Aber auch Sie sind nur ein Mensch. Ich kann Sie ja nicht mit mir vergleichen, aber vielleicht kommt es auch einmal über Sie, und ist stärker wie alles, so wie mich damals der Ekel an diesem elenden Leben ergriffen hat, und ich habe mir gesagt: ein Vierteljahr Glück, und dann alles zu Ende. Denken Sie an mich, daß ich Ihnen das vorhergesagt habe.« »Sie sagen mir nichts Neues,« erwiderte er schwermütig, »ich weiß doch, daß es schon einmal über mich gekommen war, und ich bin noch jung, und vielleicht kommt noch einmal etwas über mich, das stärker ist wie meine Einsicht. Ich bin ja nur ein Mensch.« »Ja,« sagte kopfschüttelnd die alte Frau, »ich bleibe doch bei meiner Rede, der Herr sollte an seine Eltern schreiben. Wenn man so lange im Leben gestanden hat wie ich, dann weiß man, worauf es ankommt; es ist doch zuletzt immer wieder das liebe Geld.« »Nun, so gehen wir denn alle zu unserem Anfang zurück,« erwiderte heiter Kurt, »und jeder von uns vier ist bei seiner Rede geblieben.« Das Mädchen biß sich auf die Lippen und herrschte die Mutter an: »Komm, der Herr ist müde.« Damit verließen sie das Zimmer, und es war wieder der vorige Friede. Kurt blickte durch die Fensterscheiben auf die Wand gegenüber, die weißverhängten Fenster und den Regenbogenstreifen, der sich indessen verschoben hatte. »Vielleicht ist es ein Scherben von einer schmutzigen alten Flasche, der oben auf dem Dache liegt,« sagte er leise. Das Befinden Kurts besserte sich sehr schnell. Da erhielt er einen Brief seiner Schwester, welche ihn mit dringenden Bitten nach Hause rief. Wie er sich seiner ganzen Familie entfremdet, so war auch zu der Schwester lange keine nähere Beziehung gewesen. Nun erfuhr er, daß seine Rückkehr notwendig war, daß wichtige Aufklärungen und Entschlüsse bevorstanden, bei denen man seine Betätigung wünschte. So entschloß er sich denn zur Reise. Mit einem kleinen dürftigen Handkoffer, welcher seine ganze Habe barg, betrat er ein Wagenabteil der vierten Klasse. Da saßen und standen die Menschen; der Schaffner schlug die Türe zu, der Zug fuhr, bei dem Ruck wurden alle zusammengerüttelt, Gelächter und mißmutiges Schelten war; einer öffnete ein Fenster, ein anderer schloß es brummend; Streit entstand, Vermittlung; ein polnischer Arbeiter schloß seinen Kasten auf, holte eine Ziehharmonika hervor und spielte; in der Mitte des Abteils versuchte sich ein Paar im Tanz zu drehen; hohe Häuserreihen zogen an den Fenstern vorbei, die unratbedeckten Felder vor der großen Stadt, der Zug hielt an dem kleinen Bahnhof eines vornehmen Vorortes, eilig lief ein Mann zur Tür mit einem großen Packen, schrie aus dem Fenster, daß der Schaffner öffnen solle, die anderen lachten über seine ungeduldige Angst, die Tür wurde geöffnet, der Mann kroch hinaus, die Tür wurde wieder zugeschlagen, dann war wieder der Ruck; die anmutigen Häuserchen des Vorortes zwischen behängten Obstbäumen verschwanden, Felder kamen, die langen verschiedenfarbigen Streifen des Ackerlandes tanzten vorüber; die Leute wurden still im Abteil. Durch die weite Ebene klapperte und rasselte der Zug; da waren flache Seen mit leise sich kräuselndem Wasser, dort stand noch Hafer in Mandeln, ein Flug Spatzen schwirrte hoch, irgendwo lagen die Dörfer zu diesen Äckern, in denen Menschen lebten, gleich diesen hier in dem Wagen, die von diesen nicht wußten wie diese nicht von ihnen, die Telegraphendrähte gingen hoch und nieder; jeder der Menschen in dem Wagen dachte: ich fahre hierhin, oder dorthin, und er dachte nicht, daß er gefahren wurde, wie ein Warenballen oder eine Kiste; jeder dachte: ich will und ich werde, und dieses wird schön werden und jenes wird mir Freude machen, aber der Zug fuhr mit ihm von einer Station zur anderen, wie das Geleis leitete, die Lokomotive zog, der Führer den Dampf regelte und der Heizer heizte; und der Führer dachte: an dieser Stelle muß ich Dampf ablassen, der Heizer: nun muß ich Kohlen einschaufeln. Kurt lachte: wer das eingesehen hatte, daß die Reisenden wollen und sich freuen, und daß die unbelebte Lokomotive sie zieht auf den stählernen Schienen, der war befreit. Aber schwer ist die Einsicht, schwer zu erlangen und schwer zu erhalten. Der Zug hielt, Leute stiegen aus und Leute stiegen ein; frische kühle Luft kam in den stickigen Wagen und machte den üblen Geruch für eine Weile noch mehr bemerkbar; dann fuhr der Zug wieder weiter; die Leute sprachen miteinander; die, welche zusammen eingestiegen waren, von Geschäften oder von dem Leben und den Schicksalen ihrer Bekannten; die, welche einander fremd waren, erzählten von sich, von ihrer Reise, von ihren Leiden; merkwürdig, nie erzählten sie von Freuden; aber was sie in der Gegenwart fühlten, das war entweder Gleichgültigkeit oder Freude, wie diese jungen Burschen dort, welche mit dem Mädchen scherzten, wie der Alte, der sich schmunzelnd seine Pfeife stopfte, wie die Handelsfrau, welche streng und zufrieden ihre Groschen in der Hand zählte. Das Aussehen der Gegend veränderte sich; Kurt verließ an einer Haltestelle das Abteil und löste sich ein Billett dritter Klasse, um seine Angehörigen nicht zu kränken. Da war ein Beamter seines Vaters, der ihn kannte und liebedienernd zu ihm allerhand schwatzte. Kurt dachte bei sich: »Liebe ich denn die Menschen? Mir scheint, sie sind mir lästig; auch die Menschen in Berlin waren mir doch lästig. Dennoch lieben mich viele; sie merken wohl, daß ich nichts von ihnen will, und das genügt ihnen, sie sind so bescheiden.« Die letzte Strecke kam, die Kleinbahn, welche an der Landstraße entlang, neben dem Fluß, der sich in Windungen schlängelte, das Tal in die Höhe fuhr, zwischen den vielen kleinen Häusern und Gärten, den verschlungenen schmalen Wegen, unter den beiden waldigen Bergen, zum Stationshaus und zu dem Hause der Eltern. Das eine Dienstmädchen des Elternhauses erwartete Kurt und wollte ihm sein Köfferchen abnehmen; er wehrte ab, sie sagte: »Aber das schickt sich doch nicht, daß Sie das tragen, und ich gehe nebenher«; lachend gab er ihr das leichte Stück. Vor der Tür empfingen ihn Mutter und Schwester; er küßte der Mutter die Hand, sie nahm seinen Kopf in die Hände und blickte ihm ins Gesicht, dann sagte sie: »Er ist gut«, seine Schwester küßte er auf die Stirn; als er sich wieder zur Mutter wendete, merkte er, daß sie verlegen war über die Worte, welche sie gesprochen; er streichelte ihr freundlich über die Backen und sprach: »Laß, ich bin ja doch dein Sohn.« »Du bist so – anders geworden,« sagte sie; sie fand das richtige Wort nicht; dann fügte sie hinzu: »Aber ich glaube, du kannst uns allen helfen, ich will dir auch folgen.« Erstaunt sah Angelika ihre Mutter an; einen solchen Ton hatte sie von ihr noch nie gehört. Er wurde in das Zimmer geführt, das er als Knabe und Jüngling bewohnt hatte. Alles stand noch so, wie er es damals verlassen, vor Jahren, und plötzlich überkam ihn Erinnern und Vergleichen. In dem großen Bücherbrett, welches die eine Wand völlig einnahm, waren aufgereiht beieinander alle seine Bücher, in denen er damals gesucht: die Dichter und Denker. Jetzt wußte er, was er damals in den Dichtern und Denkern gesucht hatte, ohne es zu wissen. Und zuweilen hatte er Glück gefunden in dem Selbstvergessen durch die schönen Worte und Bilder eines Dichters, durch den klaren Aufbau der Gedanken eines Denkers. Da hatte er gedacht: »Nichts will ich sonst, wie hier sitzen in meinem Stübchen, durch das Fenster sehen zum bewaldeten Kohlberg, wo die eisernen Räder des Förderschachtes, sich im Gegensinne drehend, aus den Bäumen aufragen; und träumen über schönen Bildern, den Klang schöner Worte hören, den Bau der Gedanken eines Denkers verfolgend, unbekümmert um Wahr oder Falsch.« Aber dann war die furchtbare Schwermut gekommen, das Grauen gleich dem Grauen eines Gespenstergläubigen in der dunklen Nacht, der gedankenlose und unsinnige Schwindel, wie der Schwindel eines Mannes, der am Abgrund steht. Wie er die Schwermut hatte bekämpfen wollen, das wollte er nicht mehr wissen; das waren die Jahre der Betäubung und des Lasters gewesen; die wollte er vergessen, denn die Erinnerung demütigte ihn. Dann hatte er eingesehen, daß das ein falscher Weg für ihn gewesen war, daß er das Glück suchen wollte, daß er einen anderen Weg gehen mußte. Nun hatte er den anderen Weg gefunden, er hatte die Einsicht; so war ihm Glück und Leid nun gleichgültig geworden, er war sich selber wie ein anderer, der sich selber zur Seite stand. Er ging zu seinem Stiefvater. Der alte Mann erhob sich, reichte ihm gleichgültig die Hand, sah dann in sein Gesicht und stutzte. Er zog ihn zum Fenster und betrachtete ihn prüfend. »Du bist ein anderer geworden,« sagte er. »Ja,« antwortete der Sohn, »vielleicht verstehen wir uns heute besser wie damals« – er stockte, dann fuhr er fort: »ich wenigstens denke, daß ich dich heute verstehe, damals verstand ich dich nicht.« »Du warst damals ein verworfener Mensch,« sagte mit finsterem Gesicht der Vater. Kurt sah ihn mit hellem Gesicht an, dann schüttelte er den Kopf und sprach: »Ich hatte meinen Weg noch nicht gefunden.« Wieder blickte ihm der Alte prüfend in die Augen; lächelnd hielt Kurt den Blick aus, bis der Vater verwirrt die Augen senkte. »Wir stehen uns heute als Gleiche gegenüber, ich bin nun in meiner Art ein Mann, wie du einer bist in deiner Art,« sagte Kurt, um ihm in seiner Verlegenheit zu helfen. Sie setzten sich einander gegenüber an dem großen Schreibtisch. Der Vater begann: »Deine Schwester hat dich gerufen; du wirst den Grund von ihr wohl im Lauf der nächsten Tage erfahren; sie hat offenbar Dinge erkundet, die ich für gänzlich unbekannt hielt. Wie du alles auffassen wirst, weiß ich ja nicht; aber wenigstens bist du ein Mann und wirst dich von vernünftigen Überlegungen leiten lassen, nicht von törichten Antrieben. Jetzt aber muß ich dich um eines fragen: wenn ich plötzlich abberufen werden sollte« – er sagte »abberufen«, Kurt wunderte sich über den Ausdruck bei ihm –, »würdest du dann die Leitung der Werke übernehmen?« Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Du wirst mich verstehen. Es muß ein Mensch da sein, es darf nicht ein gemeiner Geschäftsmann sein. Alles Geschäftliche ist ganz einfach, in einem halben Jahre beherrschest du es. Aber es muß ein Mensch sein. Ich bin ein Mensch gewesen. Willst du deine Pflicht tun?« »Ich tue meine Pflicht. Aber die Leitung werde ich nicht übernehmen.« Herr Steinbeißer sprang erregt auf. »Ich dachte es mir ja doch vorher,« rief er aus. Ruhig erwiderte der Sohn: »Ich bleibe eine Weile hier. Vielleicht verstehst du, was ich meine, wenn wir länger zusammen waren; jetzt kannst du es nicht verstehen, denn du kennst mich nicht.« Damit stand er auf und verabschiedete sich vom Vater. Am anderen Morgen forderte Angelika den Bruder auf, mit ihr in den Wald zu gehen. Als sie allein zwischen den Bäumen waren, begann sie zu sprechen. »Du weißt, wie uns der Tod unseres Vaters erzählt wurde. Man sagte, er sei im Wald von einem Wilderer erschossen. Er wurde gefunden, an einen Stamm gelehnt, neben ihm die geladene Büchse; einige Schritte von ihm lag ein abgeschossenes zweiläufiges Gewehr, das dem Großvater gehört hatte. Er war von zwei Kugeln aus diesem Gewehr getroffen, von denen die eine tödlich gewesen war. Zwischen unserem Stiefvater und unserer Mutter war es nicht so, wie es sein sollte. Jahrelang habe ich unsere Mutter gehaßt um diese Heirat – du hast ja auch unter ihm gelitten.« Der Bruder schüttelte den Kopf und sprach nachdenklich: »Vielleicht unter ihm, aber nicht durch ihn, wenigstens nicht so, daß ich ihm einen Vorwurf machen dürfte. Er war ein anderer Mensch wie ich.« »Gut,« fuhr die Schwester ungeduldig fort. »Seit Jahren schon habe ich meine Spur verfolgt. Du weißt, der Stiefvater hat den Zweiläufer in seinem Zimmer an der Wand aufgehängt; er ist kein Jäger, und schon das fiel mir auf, wie ich noch beinahe Kind war. Einmal hatte ich bei ihm zu tun, da kam die Frau des Maurer, der damals sein Kind ermordet hatte; er hat sie immer unterstützt; sie sah den Doppelläufer an der Wand und rief erstaunt aus: »Ach, das ist das Gewehr meines Mannes, das ihm damals gestohlen ist.« Ich schrak zusammen, unser Stiefvater wurde blaß, die Frau empfand, daß sie etwas Bedenkliches gesagt hatte, und verstummte; unser Stiefvater sprach gleichgültig von der Angelegenheit, die sie hergeführt, ohne auf den Ausruf einzugehen. Da wurde mir plötzlich alles hell, aber ich deutete es mir noch falsch; ich fühlte wohl, aber ich wußte noch nichts Bestimmtes. Nun machte ich mich mit Maurer bekannt, indem ich öfter zu ihm ging, ihn nach allerhand fragte, Fallen von ihm kaufte und ihm Aufträge gab. Mit großer Geduld brachte ich es so weit, daß er mir vertraute.« Kurt sah seine Schwester an. Sie fragte heftig: »Weshalb siehst du mich so mitleidig an? Was denkst du von mir?« »Daß wir uns selbst unsere Leiden schaffen, und andere quälen, damit wir selber gequält werden,« erwiderte er ernst. Sie warf den Kopf zurück und erwiderte: »Ich verstehe dich nicht. Aber ich denke, du bist ein Mann und wirst deine Pflicht tun.« Er lächelte, wie er wiederum das Wort »Pflicht« hörte, das die Menschen so gerne anwenden, wenn sie von uns verlangen, wir sollen tun, was sie wollen; und sie fuhr fort: »Es ist wohl nicht richtig, wenn ich sage: er vertraute mir. Sein Gewissen trieb ihn um. Er kam mir immer vor wie eine Maus, die sich in der Falle gefangen hat und nicht weiß, wie das alles zusammenhängt, daß sie plötzlich von Drahtgitter umgeben ist. Er gestand mir, daß er beim Wildern von unserm Vater überrascht sei und auf ihn geschossen habe; dann habe er das Gewehr fortgeworfen und sei geflohen, ohne sich umzusehen nach dem Gefallenen. Das Gewehr habe er früher einmal bei uns gestohlen, und es sei dasselbe, das man bei dem Toten gefunden. Aber, und nun kommt das Wichtige, er habe nur einmal geschossen. Unser toter Vater hatte aber zwei Schüsse erhalten, und in der gefundenen Waffe waren beide Läufe leer. Ich weiß jetzt nicht mehr, wie mir plötzlich die Überzeugung kam: der andere Schuß, der tödliche, wurde von unserem Stiefvater abgefeuert. Ich ging zu ihm auf sein Zimmer, während er über seinen Papieren saß, nahm das Gewehr von der Wand und machte mir allerlei mit ihm zu schaffen, indem ich die Hähne spannte und wieder zuschnappen ließ, in die Rohre sah und ähnliches, wie ein kindliches junges Mädchen wohl in Gedankenlosigkeit tut. Er schrieb weiter und gab sich den Anschein, als bemerke er mich nicht. Ich wendete ihm den Rücken, spielte weiter mit dem Gewehr und drehte mich dann plötzlich um; da überraschte ich ihn, daß er mich mit angstvollen Blicken angesehen hatte. Ja, ich hasse ihn, ich habe ihn immer gehaßt, ich weiß nicht, weshalb. Scheinbar verwundert fragte ich ihn: ›Weshalb siehst du mich so sonderbar an?‹ Er antwortete, indem er sich zusammennahm: ›Du wirst das Piston zersprengen.‹ ›Was ist das? Zeige es mir,‹ bat ich ihn, indem ich ihm das Gewehr in die Hand legte. Seine Hand zitterte etwas. ›Deine Hand zittert ja,‹ sagte ich. Er antwortete nicht, zeigte mir das Piston und befahl mir, das Gewehr wieder an die Wand zu hängen.« »Bist du ein Weib?« fragte Kurt seine Schwester. Sie zog die Augenbrauen in ihrem blassen Gesicht in die Höhe und fragte zurück: »Bist du ein Mann?« Er lächelte und sprach: »Seit Jahrtausenden ist das die Formel, durch welche die Frauen die Männer zum Bösen aufreizen.« Sie fuhr fort: »Von meinem Fenster aus sah ich, wie er in den Wald ging. Da wußte ich, daß er Maurer aufsuchen werde. Er blieb lange fort, als er wiederkam, hatte er also erfahren, daß Maurer mir gestanden. Aber er fragte mich nie.« Sie schwieg eine Weile. Dann sagte Kurt: »Woher kommt dein Haß gegen ihn?« Sie erwiderte: »Ich habe oft darüber nachgedacht, aber ich kann keine klare Antwort geben. Ich kann nur sagen: ich habe den Blutgeruch gewittert, der von ihm ausging.« »Ja, er hat es in seinem Gesicht, in seiner Haltung,« stimmte Kurt ihr nachdenklich bei. »Er ist ein furchtbar unglücklicher Mensch.« »Der Mörder deines Vaters tut dir leid?« fragte sie. »Ja,« entgegnete er. »Fast alle Menschen haben mir leid getan, die ich getroffen. Auch du tust mir leid, du noch mehr wie unser Stiefvater.« »Wenn das so ist, so denke, daß ich auch ein Opfer bin, wie es unser Vater war. Was soll aus einem Kinde werden, dessen Mutter den Mörder seines Vaters geheiratet hat!« »Auch ich bin ein solches Kind. Aber ich bin freilich ein Mann, und vielleicht hat jener dumpfe Druck in unserm Elternhaus bei mir die andere Wirkung hervorgebracht, daß ich nun so geworden bin, wie ich bin. Aber weshalb hast du mir plötzlich jetzt geschrieben, denn alles das ist doch schon früher geschehen; was ist das Neue?« Sie blieb stehen und sah ihn an: »Darf ein Weib, wie ich bin, einen Ehrenmann heiraten und ihm Kinder gebären?« »Nein,« antwortete er. »Du hast recht,« sprach sie, »ich habe mir selber diese Antwort gegeben. Aber eher finde ich nicht Ruhe, bis ich diesen Menschen vernichtet habe.« »Auch dann findest du nicht Ruhe, denn dein Leiden sitzt in deiner Seele,« sagte er. »Vielleicht fändest du Ruhe, wenn du ihm verzeihen könntest.« »Verzeihen?« »Verzeihen, ja, von Herzen verzeihen, so, daß du seine Tat gar nicht mehr sähest. Aber du müßtest dir nicht sagen: ich will ihm verzeihen; sondern du müßtest dir sagen: ich werde durch eine Leidenschaft umhergetrieben, welche sinnlos und zerstörend ist; ich will suchen, ihre Ursachen zu erforschen, die ja in mir sind; und wenn ich eingesehen habe, daß die Ursachen in einer falschen Auffassung seiner Handlung liegen, so wird meine Leidenschaft schwinden. Du sprachst von Maurer. Er ist ein dumpfer Mensch, der bewegt wird von bloßen Antrieben, in die er nie Einsicht gewinnen kann. Unendlich hoch stehst du über ihm, denn dich treibt eine bewußte Leidenschaft. Nun gibt es eine dritte Stufe...« »Die du erreicht hast?« »Ja.« »Dich wird nie eine Leidenschaft treiben?« »Das habe ich nicht gesagt. Wer sich vor der Leidenschaft fürchtet, der fürchtet sich vor dem Leben, der soll ein Asket werden und in seine Zelle gehen. Aber wenn ich eine sinnlose und zerstörende Leidenschaft in mir spüre, wie es die Rache ist, so werde ich aus allen Kräften gegen sie arbeiten.« »Also auch du bist mein Feind,« rief sie aus, »du stehst zu dem Mörder deines Vaters gegen deine Schwester.« Er ergriff ihre Hand und sprach zu ihr: »Liebst du den Mann, von dem du fragtest, ob du ihn heiraten darfst? Du liebst ihn nicht, sonst hättest du alles andere vergessen, du bist ja Weib, und die Natur hat dich zur Mutter bestimmt. Aber denke an ihn; ich weiß nichts von ihm, aber er wird allein sein und sich nach einem Weib sehnen, das ihn mit freundlichem Lächeln empfängt, wenn er in sein Haus kommt; könntest du dir nicht denken, daß du ihn freundlich lächelnd erwartest? Er sehnt sich danach, daß in seinem Zimmer leichte Tritte einer gütigen Frau sind, er möchte ein frohes und glückliches Wesen haben, für dessen Frohsinn und Glück er sorgen kann; er möchte denken können: dies wird ihr Freude machen, mit dem will ich sie überraschen; er denkt: die tiefste Sehnsucht des Weibes ist das Kind, sie wird mein Kind liebhaben, es im Arm halten, seine Füßchen leiten bei den ersten Schritten und ihm die ersten Worte vorsprechen. Und wenn du an alles solches denkst, kannst du dann nicht vergessen, daß ein Mensch einen andern Menschen ermordet hat; daß er gelitten unter seiner Tat fast ein Menschenleben lang, gebückt und weißhaarig geworden ist; daß er die Mordwaffe in sein Zimmer gehängt, um sie immer vor Augen zu haben als eine stetige Erinnerung an seine Tat; und vielleicht, wenn du selber recht liebst, dann kommst du auf den letzten Grund in der Seele dieses Mannes: er muß unsere Mutter unendlich geliebt haben.« Sie riß ihre Hand aus der seinen, hielt die Hände schluchzend vor ihr Gesicht und entfloh vor ihm in den Wald hinein. Da begegnete ihr der arme Irre, der mit Maurer zusammen gelebt hatte; er suchte seinen Freund, und immer kamen ihm wieder seine alten Erlebnisse vor die verfinsterte Seele; er redete sie an mit undeutlichen Worten: »Wo ... wo ... ich habe es nicht gestohlen, Böttcher zwei ist kein Dieb, aber es kommt noch an den Tag, es kommt noch an den Tag.« Da sah sie ihren eigenen Wahnsinn in dem Bild dieses Unglücklichen, wie sie selber jahrelang über dem einen gebrütet, und sie schrie entsetzt auf, daß dem Mann der Mund offen stehen blieb und die Mütze aus der Hand fiel. Sie eilte weiter, an ihm vorbei, in den Buchenwald hinein, wo der Weg sich hinaufzog zwischen den hohen, glatten Stämmen, auf dem blätterbedeckten Grund. Ihr Herz klopfte, der Atem stockte ihr, sie blieb stehen. Was dieser Mann nicht vergessen konnte, das war sein Unglück; und was sie nicht vergessen konnte, das war ihr Haß. »Bin ich denn so schlecht?« rief es in ihr. Sie dachte an die gramverzehrten Augen ihres Stiefvaters, an die traurigen Augen ihrer Mutter, an die tiefen Mundwinkel, den müden Gang. Was war denn das in ihr gewesen, das sie gezwungen hatte, diesen Kummer zu vermehren, das sie verhindert hatte zu sehen: sie mußte diese leidenden Menschen lieben? »Er muß unsere Mutter unendlich geliebt haben,« hatte der Bruder gesagt; und nun hatte ihre Mutter erzählt: »es war etwas zwischen uns,« sie hatte sich selber gegrollt mit Vorwürfen; und was zwischen ihnen gewesen, das war die Tat des Mannes, die er so lange Jahre in seiner Seele verschlossen hatte, täglich das Gewehr an der Wand anblickend, versuchend, der geliebten Frau, die nun ihm gehörte, die Hand zu reichen; und beständig sich sorgend und mühend für fremde Menschen. Wie hatte sie nur dieses Leiden nicht sehen können; und sie hatte sich noch rächen wollen! »Ich will versuchen an das zu denken, was ein Mann von mir erhofft, der mich liebt; ich hatte gedacht, auch ich liebe ihn, aber mein Bruder hat recht, ich liebe ihn noch nicht. Ich will es versuchen.« So sprach sie vor sich hin und stieg weiter hinauf in den stillen Wald. Als sie nach Hause zurückgekehrt war, ging sie in ihres Stiefvaters Arbeitszimmer. Das Zimmer war verlassen; da hing an der Wand das Gewehr; sie nahm es herunter; merkwürdig, es war nur ein altes Gewehr, wie irgendeine andere alte Waffe; nichts war an ihm davon zu spüren, daß aus diesen Läufen die Kugeln gekommen waren, die ihren Vater getötet hatten, daß ein Bruder mit ihm den Bruder erschossen. Damals, als sie es von der Wand nahm, um den Stiefvater zu einer Äußerung zu bringen, hatten ihre Hände gezittert, ja, sie hatte sich zwingen müssen, daß ihre Zähne nicht klapperten. Heute hielt sie die alte Waffe gleichgültig in der Hand, und sie fragte sich erstaunt: was waren denn eigentlich meine leidenschaftlichen Gefühle, wenn sie durch die wenigen Worte meines Bruders dergestalt völlig verstummt sind? Sollte ihre Ursache nur in den Gedanken gewesen sein? Die Gedanken, welche wir denken, sind vielleicht oft die Gedanken anderer Leute? Ist denn wirklich alles so einfach und klar? Sie nahm das Gewehr nach oben in eine Kammer zu anderem alten Gerät und verschloß es in einer großen Truhe. Dann ging sie mit ruhigem Herzen die Treppe hinab. Wie, wäre es möglich, daß sie einmal als Frau diese Treppe hinabging so ruhigen Herzens, an Mann und Kinder dachte, wie sie die erfreuen wollte? Eine heiße Welle von Glück durchflutete sie; sie blieb stehen und wußte, daß sie jetzt dankbar war. Später ging sie zu dem Stiefvater, als er an seiner gewohnten Stelle saß; und beide Hände hinten am Kopf, um eine lose gewordene Haarnadel festzustecken, sagte sie in gleichmütigem Ton: »Entschuldige, Vater, daß ich das alte Gewehr fortgenommen; ich habe es zur Seite gestellt; du bist ja doch nicht Jäger, und es wirkte nur störend in deinem Zimmer.« Er sah sie an, mit aufeinandergepreßten Lippen, und nickte zu ihren Worten; er verstand sie nicht. Am Nachmittag aber, als er wieder allein saß, rechnete und schrieb, kam sie zum zweiten Male und sprach: »Vater, ich glaube, die Mutter würde sich sehr freuen, wenn du zu uns kämest in das Wohnzimmer und eine Weile bei uns bliebest.« Da schlug er sein Buch zu und ging mit ihr. Die Frau stand verwirrt auf, wie er kam; Angelika aber schob einen großen Stuhl mit Rückenlehne zu dem Tisch, auf dem die Teemaschine brannte, holte ihm Tasse, Löffel und Mundtuch und legte alles auf seinen Platz; die Eltern setzten sich, und sie goß dem Stiefvater Tee ein, reichte ihm die Schale mit Backwerk, goß der Mutter ein und reichte ihr und setzte sich dann zu ihnen. Da hing an der Wand ein altes abgeblaßtes Bildchen von ihm in schwarzem, eirundem Rahmen, mit einer vertrockneten Blume unter dem Bildchen. Das sah er und sprach zu der Mutter: »Damals war ich fünfzehn Jahre alt, als ich dir das schenkte, hast du das aufgehoben?« Die Mutter nickte. »Vierzig Jahre ist das nun her,« sagte sie. »Ja, wir sind nun alte Leute,« erwiderte er. »Erkennst du nicht auch das Teekästchen?« fragte ihn Angelika. »Die Mutter hat uns erzählt, daß du es ihr einmal geschenkt hast.« »Das ist nun auch länger her wie ein Menschenalter. Hast du das nicht vergessen? Es freut mich, daß du es nicht vergessen hast,« sprach er. »Damals war ich Student, und hoffte so viel. Ich wollte zu Weihnachten nach Hause fahren; weißt du noch, wir kamen immer am ersten Feiertag zu euch und freuten uns über euren Weihnachtsbaum. Ich wollte dir etwas recht Schönes schenken und war so ungeschickt, ich wußte nicht, was ich dir kaufen sollte. Da sah ich in einem Schaufenster dieses Kästchen. Ich kaufte es, nahm es mit und stellte es heimlich unter den Weihnachtsbaum auf den Platz, wo deine Geschenke lagen. Du sahst es nach einer Weile und riefst aus: »Ach, das ist von Heinrich!« Eine lange Zeit schwiegen die drei, dann sagte Angelika zu dem Vater: »Möchtest du nicht öfters zu uns kommen um diese Zeit? Du bist so viel allein.« Die Lippen der Mutter öffneten sich zaghaft und sie sprach: »Auch ich bitte dich darum.« »Ich komme gern,« erwiderte er. »Wir sind ja nun alte Leute. Vielleicht sind uns nicht viele Jahre mehr übriggeblieben.« »Ich habe gedacht,« begann Angelika, »daß deine Arbeit sich immer vermehrt hat. Ich habe so viele müßige Zeit. Wenn du wolltest, könnte ich dir vielleicht einiges abnehmen? Ich will mir Mühe geben, es dir recht zu machen.« »Ihr seid gut zu mir, ihr seid gut zu mir,« murmelte er. Dann erhob er sich, küßte Angelika auf die Stirn, dann küßte er seine Gattin auf die Stirn. Als er sich schon zum Gehen gewendet hatte, drehte er sich noch einmal um und sprach zu der Tochter: »Wäre es dir recht, wenn du mit mir kämest?« Sie ging mit ihm aus dem Zimmer; die Mutter blieb allein zurück, faltete die Hände und betete leise. Auf dem Wege fragte er die Tochter: »Du hast mit Kurt gesprochen?« Sie bejahte. Er sagte sehr nachdenklich: »Ich kenne ihn doch nicht.« »Wir kennen ihn alle nicht,« erwiderte sie. Als sie im Zimmer sich allein gegenübersaßen, begann sie: »Du weißt, der Landrat hat um meine Hand angehalten. Aber ich sehe nicht in mein Inneres, ich weiß nichts von mir. Was soll ich tun?« Er antwortete: »Es gibt nur eine Art für uns, zu leben, nämlich so, als ob wir das Leben eines anderen Menschen lebten, nicht unser eigenes. Das gilt für dich und mich, für andere Menschen gilt etwas anderes. Aber du kannst dies Leben nicht anders ertragen.« Sie sagte zögernd zu ihm: »Ich kann nicht zu ihm sprechen. Aber willst du ihm nicht schreiben und ihn bitten, daß er oft kommen soll in seiner freien Zeit und dir zur Hand gehen? Ich will dann mit ihm zusammen arbeiten, was du uns aufträgst, und ich will mir Mühe geben in allem.« Er versprach zu schreiben. Sie ließ sich ein Aktenheft von ihm reichen und erklären; es mußten Rechnungen durchgesehen und mit einem Kostenanschlag verglichen werden; die Überschreitungen sollte sie auf einem besonderen Bogen vermerken. Bald saß sie eifrig an ihrer Arbeit, spähend, zusammenzählend und vergleichend. Er sah auf den Kopf vor ihm, das glattgescheitelte Haar, hörte das ganz leise Flüstern bei ihrer Arbeit. Ungewollt sagte er: »Ich habe ja doch keine anderen Kinder, ihr seid immer meine Kinder gewesen. Ein Vater liebt doch seine Kinder.« Sie beugte sich tiefer auf ihre Papiere; er erhob sich und ging aus dem Zimmer. Viertes Kapitel Herr Steinbeißer ging mit Kurt in das Dorf, um ihm Einrichtungen zu zeigen. Er setzte seinem Stiefsohn seine Gedanken auseinander. Nach seiner Ansicht war einer der Grundfehler unserer heutigen Wirtschaftsverfassung die Trennung der Gewerbearbeiter vom Boden, der Landarbeiter vom Gewerbe. Auf dem Lande waren die unheilvollen Ergebnisse schon klar zutage getreten. Mit der Einführung der Maschinen in der Landwirtschaft, besonders der Dreschmaschinen, hatten die Landarbeiter auf den Gütern ihre Winterarbeit verloren. In der Zeit der steigenden Körnerpreise hatten die Landwirte es für vorteilhafter gefunden, ihren Leuten das Land zu entziehen, das sie ihnen früher für den eigenen Bedarf überlassen, und sie nur auf Geldlohn zu setzen; so fiel auch die Arbeit in der eigenen Wirtschaft fort, welche die Leute früher in der toten Zeit etwas beschäftigt hatte; nachdem die Arbeiter sich erst an das reine Geldlohn gewöhnt und dadurch die völlige Unabhängigkeit namentlich für die Unverheirateten kennen gelernt, wollten sie dann selber nicht mehr den eigenen kleinen Betrieb haben. Als nächste Folge kam, daß die verheiratete Frau, die ja in diesen Klassen mit der Kinderzucht und Hauswirtschaft nicht voll beschäftigt wird, kein Arbeitsgebiet mehr hatte, daß die Kinder, welche früher spielend bei den Eltern die schwere landwirtschaftliche Arbeit lernten, nicht mehr angemessen erzogen wurden. Da gleichzeitig das Gewerbe sich mit unerhörter Schnelligkeit entwickelte und hohe Löhne zahlen konnte und, um Arbeiter anzulocken, auch zahlen mußte, so zogen die Leute vom Land in die Stadt, und die Gutsbesitzer waren genötigt, fremde Wanderarbeiter anzunehmen. Dadurch wurde der unterste nährende Boden des Volkes vernichtet. Im Laufe der Zeit stellte sich dann auch heraus, daß die fremden Arbeiter, da sie nur auf das Geld sahen, unzuverlässiger und dadurch teuerer arbeiteten, wie die früheren angesessenen Leute, so daß die Grundbesitzer nun sehr oft die alten Zustände, wenn sie wieder möglich wären, herbeizuführen wünschten. Das Gewerbe hatte zunächst die tüchtigen, vom Lande gezogenen Arbeiter zur Verfügung gehabt, denn die Landarbeit erzieht nicht nur zu Fleiß, Ordnung und Umsicht, erhält nicht nur den Körper gesund und leistungsfähig, sondern erzeugt auch durch die mannigfaltigen Ansprüche, die sie an den einzelnen Arbeiter stellt, Arbeitsverstand. Im Gewerbe wird der Arbeiter einseitig ausgebildet und dadurch im ganzen beschränkt; man darf sich nicht durch den größeren formhaften Verstand und größere geistige Beweglichkeit täuschen lassen; Freude an seiner Arbeit kann der Gewerbearbeiter nicht haben, da er nur ein Mittel bleibt; die Frau, welche in der kleinen städtischen Wohnung nicht genügend beschäftigt ist, wird gleich ihm von der Fabrik angezogen; die Erziehung der Kinder wird dadurch vernachlässigt, die Haushaltungsbedürfnisse kommen teuerer, dabei wird die Ernährung schlechter und allerhand ungesunde Reizmittel werden nötig. So löst sich schließlich die Familie auf, es wächst eine rohe, zuchtlose, vergnügungssüchtige und schwächliche Generation heran, und der allgemeine Zustand des Volkes sinkt. Die Sozialdemokratie hat eine Zeitlang den Leuten ein sittliches und religiöses Ziel gegeben, mit der niedrigeren Gesittung des jüngeren Geschlechts aber ist die geistige Kraft in ihr zu unverstandenem Geschwätz geworden. Die herrschenden Klassen sehen seit langer Zeit ein, daß die ganze Entwicklung unheilvoll ist, aber sie sind mit ihren Besserungsgedanken ebenso machtlos wie die Arbeiter mit ihrem Umsturzwollen: wahrscheinlich steht uns, in Verbindung mit großen weltpolitischen Ereignissen, ein furchtbarer Zusammenbruch bevor. Die Geschichte der Menschheit entwickelt sich in derartigen Brüchen, und es wäre töricht, das zu beklagen. Aber der einzelne kann an der Stelle, wo er steht, einiges tun, um aus diesem künftigen Zusammenbruch dieses und jenes zu retten; von solchen Inseln aus, die ihrer Zeit von Menschen gegen die künftige Sturmflut befestigt sind, kann dann später wieder die Erneuerung ausgehen. »Mag meine Ansicht nun richtig sein oder nicht,« sagte Steinbeißer, »jedenfalls halte ich für meine Person sie für richtig und habe nach ihr gehandelt. Ich betrachte mich für einen Angestellten, der die Aufgabe erfüllt, wegen deren er angestellt ist; die Menschen selber sind mir gleichgültig.« Er erklärte dann weiter, daß die Manganerzgruben große Ausbeute gegeben haben und daß nach seiner Ansicht auch noch für lange Zeiten Erz vorhanden sei; zudem habe er auch bereits neue Lager entdeckt, die er aber absichtlich nicht in Angriff nehme, um den Betrieb nicht allzusehr zu vergrößern. Alles ruhe nämlich darauf, daß man das Mangan brauche für die Sauerstofferzeugung. Wenn man billigere Arten für diese finde, den Sauerstoff etwa durch Elektrizität aus der Luft ziehe, so seien sämtliche Gruben mit einem Schlag wertlos, und er könne alle seine Arbeiter ablohnen. Nun habe er alles so eingerichtet, daß die Arbeiter im allerschlimmsten Fall immer ein Dach über dem Kopfe hatten und einen großen Teil ihres Nahrungsbedarfs aus ihrer kleinen Wirtschaft decken konnten. Außerdem habe er aber die Einführung von zwei neuen Gewerben vorbereitet. Sollte der allgemeine wirtschaftliche Zusammenbruch kommen, so konnten wenigstens nicht alle zugrunde gehen. Kurt stimmte ihm in allem zu. Für die heutigen Zustände war die Lage so, daß die Leute ein reichliches Geldlohn verdienten und in ihrer Art sehr gut und ordentlich leben konnten; unerwünschte Menschen hatte er im Laufe der Zeit nach Möglichkeit rücksichtslos entfernt; denn ein Unternehmer heute hat ja eine Macht, wie sie in früheren Zeiten nie ein Mensch besaß. Gänzlich fern zu halten waren üble Kräfte freilich nicht. Die Leute selber hatten die Vorstellung, daß sie alles wiederholten Aufständen und ihrer zusammenschließenden Ordnung verdankten, die von dem jetzigen Verkäufer des Konsumvereins geleitet wurde; diese Vorstellung war ihm, was seine Person betraf, gleichgültig, sie schien ihm sogar für die Leute gut zu sein, da diese geglaubten Erfolge ihr sittliches Selbstgefühl stärkten, so daß sie aus ihrer Arbeitsgenossenschaft wenigstens schlechte Bestandteile schon von selber entfernten. Der Vater ging mit Kurt in das Haus des Konsumvereins, den er für die Arbeiter begründet hatte. Sie traten in eine backsteingepflasterte Diele, wo vor dem Tresen Frauen, Kinder, auch zwei Männer auf Abfertigung warteten; hinter dem Tresen bewegte sich der Verkäufer mit seiner Frau. Als er die Herren sah, schlüpfte er vor und begann, sie in seine gute Stube zu nötigen. Die Wände des Zimmers waren mit einer roten Tapete beklebt; über dem roten Plüschsofa hingen die Öldruckbilder von Marx und Lassalle. »Den beiden Männern hat das Volk viel zu verdanken,« sagte der Verkäufer zu Kurt und fuhr fort: »Ja, ja, aus eigener Kraft hat das Proletariat sich entwickelt! Die Wissenschaft hat uns freigemacht! Die Wissenschaft und die Arbeiter!« Herr Steinbeißer erkundigte sich nach einigen Familien, welche durch ihre Neigung zum Borgen bekannt waren; der Verkäufer sprach von dem erzieherischen Einfluß des Konsumvereins, Herr Steinbeißer fragte, ob sie noch beim Fleischer borgten. Der Verkäufer war ein kleiner, beweglicher und fetter Mann mit etwas unruhigen Augen; nach allerhand Umschweifen kam er auf eine Sache, die ihn drückte: es war ein Schneidergeselle zugezogen, der unter den Leuten eine religiöse Bewegung zu erzeugen gedachte und nun in diesen Tagen sogar eine Volksversammlung einberufen wollte. Er sprach von Aberglauben, unwissenschaftlichen Ansichten und überwundener Weltanschauung, und zuletzt fragte er Herrn Steinbeißer, ob man den Mann nicht aus der Gemeinde entfernen könne. Herr Steinbeißer lächelte und erinnerte ihn daran, daß er doch immer für Gedankenfreiheit eingetreten sei; entrüstet erwiderte er, das hier sei doch ganz etwas anderes, das gehe gegen die Aufklärung, das sei eine Verdummung der Masse, und alle freiheitlich Gesinnten müßten gegen solche rückschrittliche Gesinnung zusammenhalten. Herr Steinbeißer erwiderte, daß er kein Mittel wisse, den Mann zu entfernen. Sie gingen hinaus und sahen sich den Verkauf an. Da waren Kästen mit Kaffee, Kakao, Zucker, Salz, Gewürzen; da standen Tonnen mit Schmierseife, Sirup und Heringen; aus einem blechernen Behälter wurde Petroleum abgelassen; auf Brettern lagen aufgewickelte Zeuge aller Art. Eine Frau stritt darüber, daß ihr Zucker in zu dickes Papier gewickelt sei, sie müsse das Papier doch bezahlen; ein Kind zupfte seine Mutter am Rock und erinnerte sie an den Sirup; eine Frau fragte den Verkäufer, ob das Öl noch nicht abgeschlagen sei; die Männer brummten, sie müßten zur Arbeit und wollten nur ihr Schnapsfläschchen gefüllt haben; in der Haustür stand eine Frau mit einem Stück Biberstoff in der Hand, das sie prüfte. Der Verkäufer war wieder unter dem Tresen durch zurückgeschlüpft und holte flink von allen Seiten her das Verlangte, schrieb mit Kreide auf dem Tresen die Preise auf, zog zusammen, wechselte das gereichte Geld und gab Marken aus, wendete sich dann schnell zum nächsten Käufer, warf den Männern einige Worte zu über die Versammlung des Schneiders; diese spuckten bedächtig aus und zertraten das Ausgespuckte, antworteten dann, daß man sich den Kerl ja anhören könne; eine Frau beteuerte, er habe ihr krankes Kind geheilt durch Handauflegen; der Verkäufer sprang vor Wut fast in die Höhe hinter seinem Tresen und rief Herrn Steinbeißer zu: »Da haben wir es, da haben wir es! An die Gesundheitslehre wird nicht geglaubt, aber an den Schneider!« Der eine Mann sagte: »Was wahr ist, muß wahr bleiben, das Kind ist wieder gesund geworden.« »Schulbildung, Schulbildung!« rief der Verkäufer. Eine Frau erzählte, sie habe ein Gerstenkorn im Auge gehabt und habe bei abnehmendem Mond drei Gerstenkörner über die Schulter hinweg in den Fluß geworfen. Der Verkäufer schrie: »Woher kommt das? Der Arbeiter kann seine Kinder nicht in die gute Schule schicken. Da liegt der Fehler.« Hier trat plötzlich der besprochene Schneider selber in die Haustür mit einem Töpfchen in der Hand, in welchem er Sirup holen wollte. Alle sahen auf ihn hin, er beugte grüßend demütig das Haupt. Der Verkäufer rief: »Verkauf nur an Mitglieder.« »Ich wollte höflichst ersuchen, als Mitglied aufgenommen zu werden,« sagte der Schneider. Der Verkäufer holte ein großes Buch herbei, die Leute am Tresen machten Platz, und der Verkäufer schrieb nach Angaben des Mannes. Ein Kind stellte sich vor den Schneider, den Finger im Mund, und sah aufmerksam an ihm in die Höhe. Er legte seine Hand leicht auf das flachshaarige Köpfchen. Man hörte in der schweigenden Menschenmenge nur noch die Schritte der Verkäuferin, das Klappern ihrer Wage und das Knittern und Hinlegen der Tüten. Die Feder des Mannes kritzelte auf dem Papier. Eine der Frauen faßte sich Mut, trat zu dem Schneider und erzählte: »Mein Mann liegt nun schon seit sechs Wochen, kein Arzt kann ihm helfen; wenn Sie ihn einmal besuchen wollten.« Er sah die verlegene Frau an und sprach: »Ich will kommen.« Dann diktierte er dem Verkäufer zu Ende: » ... geboren zu Bunzlau den sechsten November achtzehnhundertundfünfundachtzig.« Der Verkäufer sah wütend auf die bittende Frau, dann sagte er barsch zu dem Schneider, der nun auch sein Töpfchen auf den Tresen setzte: »Hier wird nach der Reihe bedient.« Der Schneider entschuldigte sich, nahm sein Töpfchen zurück und ging nach hinten, wo Steinbeißer mit seinem Sohne stand. Da begegnete er dem forschenden Blicke Kurts und senkte betroffen die Augen. Nach einer Weile sagte er zu ihm: »Sie müssen nicht denken, daß ich mich den Menschen aufdränge. Mich jammert die Kreatur.« »Das glaube ich Ihnen schon,« erwiderte trocken Kurt. Erstaunt sah ihn der Schneider an und fragte: »Sie hassen mich nicht?« »Weshalb sollte ich das?« fragte der andere. Herr Steinbeißer verließ mit seinem Sohne das Haus. Nachdenklich sagte Kurt: »Wir sind ja von diesen Leuten verschieden; aber worin besteht eigentlich die Verschiedenheit? Das will mir nie klar werden.« »Dieser Schneider ist wirklich ein sonderbarer Mensch,« sagte langsam der Vater. Kurt lachte. »Er hat eingesehen, daß man an sich glauben muß, das ist das Ganze. Ob er wirklich an sich glaubt, weiß ich nicht. Der Verkäufer glaubt gewiß nicht an sich, und die anderen Leute sind noch nicht einmal so weit, daß sie nicht an sich glauben.« »Bist du ein guter Mensch?« fragte ihn plötzlich stehenbleibend der Vater. »Ja,« antwortete er ernst. »Dann bist du also sehr klug?« fragte der Vater weiter. »Wenn ich denke, dann denke nicht ich, sondern es denkt in mir. Das ist alles,« erwiderte er. »Wer das erreicht hat, der ist frei. Ich bin der einzige freie Mensch von allen, die ich bis nun kennen gelernt habe.« »Willst du erfahren, wie es war, als ich deinen Vater niederschoß?« fragte Herr Steinbeißer plötzlich. Sie standen auf dem Dorfplatz, vor dem Teiche, welcher durch den Fluß gespeist wurde. Enten schwammen hier, tauchten den Kopf zum Grunde, um im Schlamm zu suchen, ruderten hin und her; eine stand am Ufer, aufgerichtet und schlug die Flügel. »Es wäre gut für dich, wenn du es erzähltest, du hast sehr lange an schweren Vorstellungen getragen,« erwiderte ihm Kurt. Steinbeißer begann: »Ich war bei deiner Mutter gewesen. Sie hatte mir etwas erzählt von deinem Vater und mich um Rat gefragt. Sie weinte sehr, ich glaube, sie war verzweifelt. Ich redete ihr so gut zu wie ich konnte, sagte ihr: ›er ist ein Kind, du darfst ihm seine Taten nicht so zurechnen.‹ Im Innern aber empfand ich einen unbändigen Haß gegen ihn. Sie antwortete mir: ›Ich weiß es, er ist ein großes Kind, und was er auch tut, er tut es immer mit gutem Gewissen und denkt, alle Menschen sind nur für ihn da.‹ Mein Geist war zu erregt, ich konnte nicht arbeiten und ging in den Wald. Aber es beruhigte mich nichts. Aber ich wollte doch deinem Vater nichts Böses antun, ich hatte ja gerade zum Guten geredet! Ich dachte wohl: wenn er stürbe, das wäre gut; er könnte irgendeine plötzliche Krankheit bekommen. Nun, solche Gedanken haben viele Menschen. Zuweilen habe ich auch gedacht: es wäre gut, wenn ich selber stürbe. Da sah ich ihn plötzlich vor mir, an einen Baumstamm gelehnt, ich merkte, daß er verwundet war. Ich strauchelte über das Gewehr, das auf dem Weg lag, nahm es in die Hand, zielte ihm aufs Herz und schoß. Ich habe es nicht gewollt, aber mein Gewissen hat mir immer gesagt: ich habe es doch gewollt.« Gegenüber dem Ententeich lag der alte Gutshof, in dem jetzt die Schule war. Aus dem Tor kamen plötzlich die Kinder; zuerst drei mittlere, die sich jagten; sie ergriffen den ersten am Jackenkragen, zogen ihn von hinten nieder und wollten ihn mit den Fäusten knuffen; aber seine Tafel war ihm bei dem Fall fortgeglitten, auf einen Stein geschlagen und zerbrochen. Er weinte, die anderen ließen ihn bestürzt los, er rieb sich heulend um seine Tafel beide Augen; der eine der beiden hob die Tafel auf, um sie zu besehen, der andere lief fort. Nun drängte sich ein großer Kinderhaufe durchs Tor; sie umstanden den Weinenden und den mit der Tafel. Ein kleines Mädchen wischte dem Weinenden die Tränen ab, die Jungen weissagten dem mit der Tafel Prügel durch den Lehrer. Dann rief plötzlich einer: »Ach was, das geht uns nichts an«; alle waren glücklich, daß sie nicht betroffen waren, und liefen lustig schreiend auseinander, nur das tröstende Mädchen blieb zurück. Plötzlich besann sich der andere Junge, warf die Tafel fort und entlief gleichfalls. Andere Kinder kamen, hoben die Tafel auf und besahen sie, besahen den weinenden Jungen mit dem Mädchen, legten die Tafel wieder hin und gingen gleichgültig pfeifend ihren Weg. Zuletzt blieben die beiden allein; das Mädchen steckte dem Jungen die zerbrochene Tafel unter den Arm, faßte ihn an der Hand und zog ihn vorwärts, der sich weigerte und seine Hand immer wieder losriß, indem er dabei die Tafel unter dem Arm festgepreßt hielt. »Es war ein furchtbares Unglück für dich,« sagte Kurt. Der Vater faßte wie außer sich seine Hand und rief: »Ein Unglück, sprichst du, ein Unglück? Ja, du hast recht, ein Unglück war es. Das habe ich immer gesagt. Ja, du bist ein guter Mensch. Es war ein Unglück. Bin ich denn ein Mörder? – Ja, aber ich habe doch den Willen im Innern gehabt!« »Ich denke, daß deine Auffassung falsch ist,« erwiderte der Sohn. »Aber es ist freilich schwer, da etwas zu sagen, für einen, der das nicht selber erlebt hat. Jetzt steht die Sonne fast über uns, und der Schatten zu unsern Füßen ist ganz klein; wenn sie sich neigt, so wächst er, und wenn sie untergeht, so ist er riesengroß. Wir wissen, daß wir unseren Schatten nicht größer machen können. Wie geschehen unsere Handlungen? Wir glauben, daß wir sie tun, und wir müssen das ja wohl glauben. Du hast einen Mord begangen, würde ich sagen, wenn ich Richter wäre; denn der Richter ist ja eingesetzt, um dafür zu sorgen, daß die menschliche Gesellschaft bestehen kann in der Art, wie sie heute besteht; aber wenn ich Priester wäre, so würde ich sprechen: du hast den Mord nicht begangen. Ich will dir ein Bild sagen. Der Weltlauf wird von Gott regiert zu einem Endzweck, welchen wir nicht kennen, da wir nur die unwissenden Diener sind, welchen befohlen wird. Dein Plan, den du mit den Menschen hier ausgeführt hast, scheint mir gut. Gott wollte ihn, und er brauchte einen Menschen, der ihn ausführte. Deshalb ließ er dich das Verbrechen begehen, denn nur ein Mensch, der so litt wie du, konnte so gleichgültig gegen sich selber seine Arbeit machen. Hier verschlingen sich aber noch mehr Fäden. Er wollte aus dir selber einen wesentlichen Menschen machen, deshalb hat er dir das Leid zugefügt. Er wußte, daß mein Vater innerlich sein Leben beendet hatte, deshalb ließ er es ihn auch äußerlich beenden. Er wollte meine Mutter durch Leiden bilden, meine Schwester durch Kämpfe. Aber das alles ist ein Bild, denn ›wozu‹ und ›warum‹ sind menschliche Fragen, auf die Gott uns nicht antwortet, denn die Sprache der Menschen ist nicht die Sprache Gottes. Wenn wir bei dem Bilde bleiben, so gelangen wir zu der Lüge, in welcher jener Schneider lebt, der noch viele verstricken wird. Nur kann ich, was ich meine, nicht anders ausdrücken, wie durch dieses Bild.« »Ja,« murmelte der Vater, »du hast recht. Ich bin meinen Weg gegangen und habe getan, was mir richtig schien, ohne auf Lob und Tadel zu achten, ohne an mich zu denken oder an andere, ohne an Glück zu denken oder an Leid. Ich bin diesem Lande wie der Regen gewesen, der niederfällt auf alle Äcker und Frucht hervorbringt für alle Menschen, und ich habe mir gedacht: was kümmern mich die Menschen, ob sie gut sind oder nicht gut; ich muß sie nur so haben, daß sie auch säen und ernten. Und das hätte ich nicht gekonnt, wenn ich nicht verzweifelt gewesen wäre.« »Du hast etwas Großes gesagt,« erwiderte der Sohn, »und du hattest recht, es zu sagen. Aber weshalb hältst du deinen Nacken gebeugt und wendest deinen Blick auf die Erde? Kannst du dich jetzt nicht befreien von deiner Tat? Das Korn ist gewachsen, wird gemahlen und gegessen von Menschen, und du selber bist ein Mensch wie die anderen; du atmest, weil es Lust ist zu atmen, die Sonne bescheint dich, es ist eine Lust, die bewegte, sonnendurchwärmte Luft zu spüren, an diesem herbstlichen Mittag an dem Dorfteich zu gehen, wo Enten schreien und die Flügel schlagen, weil sie die Lust des Lebens spüren. Weshalb willst du traurig sein, da du doch lebst! Wenn auch dieses dein Leben nicht tiefe Lust wäre, so würdest du ja nicht leben. Dein Leid war ja nur ein Gedanke; hättest du im Kriege getötet, so hättest du nicht gelitten, denn im Kriege mag es selbst vorkommen, daß der Sterbende stolz ist auf den Mann, der ihm den Todesstoß gab. Dein Gedanke hat gewirkt, was er wirken mußte, er hat dich zu einem Mann gemacht, der frei sein kann von sich selbst. Nun laß ihn, öffne deine Augen und sieh, wie die Berge sich jubelnd breiten, um die Ebene zu empfangen, die Ebene sich jubelnd in die Arme der Berge stürzt, wie diese alten Bäume sich recken, um den Himmel zu tragen, wie der Fluß schäumend sich wild zum Tale drängt: Bist du nicht mehr wie Berge, Ebene, Bäume und Fluß? Diese Leute, welche wir eben im Krämerladen sahen, sorgen für ihre tägliche Notdurft, geduldig und heiter wie das Vieh auf der Weide, wie die Pflanze, welche durch Wurzeln und Blätter sich nährt. Bist du nicht mehr wie diese Menschen, dieses Vieh auf der Weide, diese Pflanze? Um mehr zu werden, mußtest du leiden; aber nun ist dein Leiden nicht mehr notwendig, nun stehst du ja auf der Höhe, welche dir angemessen.« »Du weißt eines noch nicht,« sprach der Vater. »Ich habe es nicht erzählt, weil es an sich ein gleichgültiges äußeres Geschehen ist, auch in den Folgen, die es haben kann, denn daß ich mich nicht fürchte vor den Folgen, das wirst du ja wissen. Als ich damals in den Wald ging, begegnete ich dem verstörten Maurer, wie er eben von dem Ort kam, wo er auf meinen Bruder geschossen hatte. Ich sah ihn und er sah mich. Nun hat er sich selber angezeigt, man wird ihn verhören und er wird die Begegnung erzählen. Dann wird man auch mich vorladen und fragen. Ich kann doch nicht lügen, ich muß sagen: Ja, ich habe den Verwundeten ermordet.« »Wenn du gefragt würdest, so müßtest du das sagen,« erwiderte Kurt. Dann besann er sich; er sah zur Erde und fuhr mit leiser Stimme fort: »Aber du weißt ja, was du zu tun hast.« Mit sehr leiser Stimme sagte Kurt das. Eine Pause entstand. »Ich weiß es seit kurzem,« erwiderte der Vater. »Ich weiß, daß niemand das von mir glauben darf.« * Kurt saß in dem kleinen Gaststübchen der Bergschenke, auf dem erhöhten Tritt am Fenster, vor dem sauber gedeckten Tischchen, welches die Kanne und Tasse trug. Im Fenster stand eine Reihe Blumentöpfe mit blühenden Alpenveilchen, draußen hinter den Scheiben dehnte sich der Wald aus mit goldbraun gefärbten Blättern der Bäume. Martha, die zweite Tochter, war im Zimmer geblieben, um dem Gast Gesellschaft zu leisten. Sie saß auf dem Stuhl neben dem runden Tisch, im Schoß eine braune Schüssel, in welche sie mit geschwinden Fingern Bohnen schnitzelte; in einer anderen großen Schüssel auf dem Tisch lagen die Bohnen. Das bräunliche und anmutige Gesicht war auf die Arbeit gerichtet, in den heiteren Zügen zuckte es von jenem heimlichen Lachen, das junge Mädchen so oft haben ohne weiteren Grund als die Freudigkeit des jungen und gesunden Lebens. Das dunkle Haar war in schweren, glatten Zöpfen auf dem Kopf aufgewunden. »Ach, was ein armes Mädchen alles glauben soll,« sagte sie. »Uns wird viel weisgemacht.« Dabei sah sie lachend mit klaren braunen Augen zu Kurt hin. »Ihr Mädchen seid Kinder,« antwortete er, und seine Stimme bebte leise. Sie vernahm das Beben, und ohne zu wissen, was es bedeutete, ohne daß die inhaltlosen und spielenden Worte des Gespräches eine Veranlassung gaben, errötete sie plötzlich. »Sie erröten bis hinter die Ohren,« rief er; »das macht, weil ich hier sitze und es sehen kann, säßen wir uns gegenüber, so würden Sie nur im Gesicht erröten.« »Pfui!« sagte sie und machte ein schmollendes Mündchen. »So sind alle Männer! Wenn sie nur den Mädchen etwas aufhängen können!« Dann lachte sie plötzlich wieder ganz ohne Grund, die Schüssel wollte ihr vom Schoß gleiten, sie ergriff sie aber noch rechtzeitig und sagte: »Nun wären mir fast alle meine schönen Bohnenschnitzel auf die Erde gefallen. Das wollen Sie aber nur.« Und wieder lachte sie. »Ach, wenn Sie wüßten, wie hübsch Sie aussehen! Bleiben Sie so sitzen!« sagte er, aber sie rückte sich mit gemachtem Unwillen um und antwortete: »Jetzt machen Sie sich schon wieder über mich lustig, ich gehe gleich aus dem Zimmer.« »Das sagen Sie ja nur, Sie gehen ja nicht,« scherzte er. Sie nahm ihre Schüssel in die Hand, stand auf, ergriff die andere Schüssel und wendete sich rot und mit beleidigtem Gesicht zur Tür. Er sprang auf und sagte: »Ach, liebes Fräulein Martha, bleiben Sie doch.« Seine Stimme klang warm und bittend, sie wischte sich mit dem Handrücken eine Träne aus dem Auge, lachte dann heiter auf. setzte sich wieder und sagte: »Nun müssen Sie aber auch nicht mehr so sein.« Ernsthaft fuhr sie fort: »Ich bin ein richtiges Schaf, daß ich Ihnen nicht böse bin.« Eine sehr lange Pause entstand, die heiter und ruhig war. Er freute sich über das zierliche Ohrläppchen, das blutdurchströmt war, das anmutige Handgelenk, die leicht geöffneten Lippen und jenen Gesichtsausdruck, der so erstaunt und fragend ist, noch kindlich und schon weiblich; über die Güte und harmlose Heiterkeit des Gesichtchens, ja über den zierlichen kleinen Fuß. Sie verspürte, daß er ihren Fuß gesehen hatte, zog ihn zurück und zupfte an ihrem Kleid, ohne eine Überlegung. Sie dachte nur: Er kann doch gewiß schön erzählen, wenn er doch nur erzählen wollte! »Ich sehe ja nur die Bäume aus dem Fenster,« entschlüpfte es ihr unbeabsichtigt mit einem kleinen Seufzer. Sie wurde verlegen, daß sie das gesagt hatte, und sprach dann: »Daran haben Sie schuld, daß man solchen Unsinn sagt. Ich bin zufrieden, was soll ich mir wohl wünschen!« Und sie dachte sich dabei, wenn nun plötzlich ein wunderschöner reicher und vornehmer Jüngling käme, draußen seinen Wagen mit Kutscher und Diener hätte und sie heiraten wollte. »Ich bin ja erst sechsundzwanzig Jahre alt,« sagte plötzlich Kurt laut; er antwortete auf einen inneren Vorwurf. »Ach? Und ich hielt Sie fast für vierzig,« erwiderte Martha. »Dann könnten Sie ja ...« sie sprach nicht fertig, aber jetzt zum ersten Male sah sie sich Kurt heimlich genauer an. Er hielt sich gebückt, auch war ihm das Haar vorn an der Stirn schon etwas licht geworden. »Was könnte ich denn?« fragte Kurt. Sie erhob sich plötzlich mit ihrer Schüssel, ging zur Tür und rief im Hinausgehen: »Ich muß schnell in die Küche gehen.« Nun war es ganz still in der Stube. Eine Fliege summte. »Da summt eine Fliege,« dachte er, und er empfand das Glück des lebenden Tieres. Dann lachte er laut auf, behaglich und zufrieden, und trällerte eine Melodie vor sich hin. Martha machte sich unbewußt ein Gewerbchen im Zimmer. Es war ihr eingefallen, daß im Glasschrank die Flaschen unordentlich standen. Sie kam, schloß den Glasschrank auf und stellte die Flaschen richtig in die Reihe, mit den Aufschriften nach vorn; die ganze Zeit sah sie nicht nach Kurt hin und war ganz in ihre Flaschen vertieft. Da ging es wie ein elektrischer Strom zwischen den beiden. Kurt fühlte eine gedankenlose Seligkeit in seinem ganzen Wesen, wie eine Auflösung, wie ein Bach fühlen mag, der sich mit dem Flusse vereint; er stand auf und fast schwankte er; Martha schien auf nichts zu achten wie auf ihre Flaschen; laufend kam er zu ihr, hatte sie im Arm und küßte sie; sie hatte die Augen geschlossen und lag willenlos in seinem Arm, plötzlich richtete sie sich auf, ihre Augen sprühten, sie holte aus und gab ihm mit aller Kraft eine Ohrfeige. Er prallte zurück, hielt sich mit beiden Händen die Backe; sie weinte laut auf und stürzte aus dem Zimmer. Einige Augenblicke stand er verdutzt da, plötzlich lachte er heiter und glücklich; er wollte ihr nacheilen, dann besann er sich, kehrte langsam um und setzte sich mit glückseligem Gesicht an seinen Platz. Langsam erhob er die Kaffeekanne, und den Deckel festhaltend goß er den nicht allzu dunklen Trank in die Tasse. »Sechsundzwanzig Jahre bin ich alt,« dachte er, »o Gott, wie herrlich ist die Welt. Vor mir liegt das Leben, über Klippen und an Abgründen, zwischen Wiesen und Feldern, an reißenden Strömen und durch gefährliche Wälder geht mein Weg – wie herrlich ist die Welt!« Hier öffnete sich die Tür und der Schneider trat ein, in seinem Sonntagsanzug, bescheiden grüßend, und sich mit einer Entschuldigung an den Tisch setzend, an welchem Martha vorhin die Bohnen geschnitten hatte. Er erzählte, da Sonntag sei und er nun stundenlang im Walde umhergegangen, so wolle er sich hier etwas erholen und erfrischen. Kurt antwortete einsilbig, der andere betrachtete ihn verstohlen neugierig. Martha brachte still, mit niedergeschlagenen Augen, dem neuen Gast den bestellten Kaffee und verließ gleich wieder das Zimmer. In der Stille vergaß Kurt beinahe den Menschen, er saß in gedankenlosem Träumen am Fenster, in das goldbraune Laub hinaussehend, dessen Schein sich in der schnell wechselnden Herbstsonne fast zusehends änderte, indem er stumpfer und dunkler wurde. »Ich denke, daß ich den Herrn in Berlin gesehen habe,« begann plötzlich der Schneider, »in einer Heilsarmeeversammlung.« Kurt blickte auf und entsann sich nun dunkel eines Ereignisses aus der Zeit seiner inneren Unruhe. Das war ein niedriger Raum gewesen voller Menschen, mit stickiger Luft, mit vieler tieferregter Seelen aufreizenden Einflüssen, die wir mit dem ganzen Körper aufzunehmen scheinen, daß wir ihre Wirkung bis in die Fingerspitzen fühlen. Auf einer Erhöhung stand ein Mann mit listigem Gesicht und redete, immer wenige Sätze nur, die er immer mit demselben Satze schloß: »Wachet und betet, denn das Himmelreich ist nahe gekommen.« Er sah einen zerlumpten Menschen an, der in der vorderen Reihe saß, und wendete sich zu ihm: »Woher kommst du, Bruder? Du hast mit wüsten Gesellen getrunken, um zu vergessen dein Leid, denn dein Glück hast du dir vertrunken, deine Ehre, dein Gewissen.« Zwei Menschen in der Tracht der Armee setzten sich neben ihn und sagten zu ihm: »Das Himmelreich ist nahe gekommen.« »Du hast Eltern gehabt,« fuhr der Redner fort, »sie sind gestorben, vielleicht waren sie schon in Schande und Schmutz verkommen. Vielleicht hast du ein Weib gehabt, und sie ist in Verzweiflung von dir gegangen, vielleicht hast du Kinder, die jetzt frierend und hungernd auf der eisigen Straße sind«; – erfragte einen anderen Mann: »Bruder, wie hoch steht das Thermometer?« – Fünfundzwanzig Grad. – »Bei fünfundzwanzig Grad Kälte sind deine Kinder auf der Straße, in zerrissenen Schuhen, durch welche der Schnee an die bloßen Füße dringt« – – »Wache und bete, denn das Himmelreich ist nahe gekommen,« sagten die beiden Männer, welche dem Menschen zur Seite saßen, einer faltete seine willenlosen Hände, das gedunsene Trinkergesicht sank kraftlos nach vorn – der Redner schrie plötzlich auf: »Ich sehe deine Tochter, geputzt und geschmückt, in einer hellen Straße, zwei Polizisten haben sie gefaßt und ziehen sie durch den Straßenkot zu einer Droschke; ihre feinen Stiefelchen, ihre seidenen Kleiderchen schleifen im Schmutz, sie schreit: »Helft mir, helft mir!« »Helft ihm, helft ihm!« schrien die beiden Männer neben dem Trunkenbold, »Helft ihm, helft ihm!« schrie die ganze Versammlung. Einige stürzten auf die Knie und hoben die Hände hoch, und von oben donnerte der Redner herab: »Wachet und betet, denn das Himmelreich ist nahe gekommen.« Ein Weib kreischte auf, stürzte vor, kniete vor dem Redner und schrie: »Ich will Buße tun,« ein Knabe drängte sich schreiend vor und jammerte: »Buße, Buße;« der Trunkenbold wackelte gedankenlos mit dem Kopf, riß die verblödeten Augen auf; die beiden unterstützten ihn, schwerfällig erhob er sich, ging unterstützt die Schritte und kniete neben den beiden, indem er murmelte: »Buße, Buße.« »Tut Buße und bekehret euch, wachet und betet, denn das Himmelreich ist nahe gekommen!« schrie der Redner, indem er, die Hände in den Hosentaschen, auf seiner Erhöhung auf und ab ging. Plötzlich blieb er stehen, zog eine Hand aus der Tasche, machte eine befehlende Bewegung zur Versammlung und begann zu singen: »Halleluja!« »Halleluja!« stimmte die Versammlung ein, und in einem furchtbar rasenden Tempo, in aufregender Melodie, kreischend und heulend sangen alle eine Weile das Wort. Dann streckte der Redner seine Hand wieder aus, plötzlich entstand Totenstille. Da löste sich aus der Masse ein Arbeiter, ein gesunder und ordentlich gekleideter Mann, ging mit festen Schritten nach vorn, zögerte einen Augenblick und kniete dann mit kräftigem Entschluß zu den andern, die vor dem Redner knieten. »Keiner mehr?« rief dieser in die Versammlung, indem er, wieder die Hände in den Taschen, auf und ab ging. Sein langer grauer Bart bewegte sich, seine listigen grauen Augen funkelten. »Keiner mehr?« schrie er. »Auktion wird gehalten. Vier Seelen sind geboten. Keiner mehr? Wer bietet die fünfte?« Überall sprachen Heilsarmeeleute auf die Neuen ein. »Wer bietet, wer bietet, wer bietet dem Herrn Jesus?« schrie der Redner. »Wachet und betet, denn das Himmelreich ist nahe gekommen.« Er sah nach seiner Uhr. »Noch fünf Minuten, und das Himmelreich geht vorüber.« Ein furchtbarer Schrei ertönte aus dem Hintergrunde, ein junger Mensch mit verlebtem Gesicht, rotumränderten Augen, kotbespritzt, den Hut hinten auf dem Kopf, stürzte vor und warf sich krachend mit dem ganzen Körper zur Erde. Der Schneider hatte damals neben Kurt gesessen, Kurt erinnerte sich jetzt des Gesichtes, das gierig nach vorn starrte, so daß ihm schauderte vor seinem Ausdruck. Da sah er durch die Züge die Seele des Menschen, er war ein Mörder, einer von denen, die morden müssen. Der Mensch ekelte ihn an, das Geschrei, die Aufregung; er erhob sich, um zu gehen. Der Schneider hatte sich mit erhoben und hatte ihn begleitet. Sie gingen durch den Hof, durch die Torfahrt auf die Straße. Die Sterne glitzerten am kalten Himmel, vom schneidenden Winde zusammengewehter Schnee lag in den Ecken, hinter den Laternenpfählen; in zwei Reihen liefen die Laternen die öde Straße hinunter, Schutzleute schritten vor dem Hause auf und ab, mit den Füßen stampfend und klopfend. Kurt ging seinen Weg, frierend in seinem dünnen Überzieher, der Schneider neben ihm her. – Kurt hatte aus jenen schweren Zeiten viel vergessen; er wußte nicht mehr, was der Schneider ihm damals gesagt hatte. Nun sah er nachdenklich nieder auf ihn, der da vor ihm saß; er hatte schon seit einer Weile gesprochen. »Einen Glauben suchen die Menschen,« sagte der Schneider, »es ist ihnen einerlei, was es für ein Glaube ist; sie wollen nur glauben. Deshalb müssen sie Einen haben, dem sie folgen, und sie folgen, wenn sie Einer führt.« »Sie sind ein sehr kluger Mensch, daß Sie es eingesehen haben,« erwiderte ihm Kurt. »Wer das eingesehen hat, der kann viel leisten.« »Nicht wahr?« sagte der Schneider erfreut. »Ich wußte ja, daß Sie mich verstehen würden. Es gibt ja für mich sonst immer nur zweierlei. Entweder die Leute glauben mir gleich, und dann kann ich mit ihnen machen was ich will; oder sie verstehen mich gar nicht und verachten mich. Aber Sie verstehen mich und glauben mir doch nicht. Das ist das Neue.« »Sie waren früher Trinker?« fragte ihn unvermittelt Kurt. »Woher wissen Sie das?« entschlüpfte es dem Schneider. »Man spürt es so,« sagte der andere; und er fühlte einen haßerfüllten Blick des Menschen. »Sie sind sehr klug,« erwiderte er, und lachend fügte er hinzu: »Ich gebe Ihnen Ihre Höflichkeit zurück.« »Ja, die Klugen haben miteinander viel gemein, hat ein Dichter gesagt,« entgegnete ihm gleichgültig Kurt. »Hat das ein Dichter gesagt? Ei, wie sonderbar! Auch ein kluger Mann, nicht wahr?« antwortete der Schneider kichernd. »War es nicht merkwürdig,« fuhr er ernsthaft nach einer Pause fort, »wie der Redner beschrieb, er sehe das Mädchen, das mit den Füßen durch den Kot gezogen wurde; und es war doch alles gefroren auf der Straße, dennoch machte es so starken Eindruck auf die Menschen.« »Er glaubte es eben selber,« erwiderte Kurt. »Ja, er glaubte es selber. Das ist der Punkt. Man muß selber glauben. Wie schön Sie das wieder gesagt haben.« »Es gibt Menschen, welche diese Fähigkeit haben.« Der Schneider sah ihn mit haßerfülltem Blick an. Dann sagte er: »Wissen Sie schon, daß Maurer erzählt hat, daß Ihr Vater ihm begegnet ist, wie er von dem Ermordeten weglief? – Weshalb hat Ihr Vater den Mörder damals nicht angezeigt?« fuhr er frech fort. Kurt war erschüttert durch die Mitteilung, erschreckt durch den Ausdruck und vergaß die Antwort; Martha trat ins Zimmer; er stand auf, wollte gehen, riß sich zusammen, bezahlte an Martha und ging mit kurzem Gruß. Martha stand sinnend im Zimmer; ein eigener Glanz lag in ihren Augen. Dann besann sie sich, seufzte unbewußt glücklich und räumte Kurts Geschirr ab. Der Schneider fing ein Gespräch an über die Ernte, dann fragte er nach Kurt, und zuletzt sagte er: »Er soll ja wohl sehr für die Mädchen sein, heißt es?« Sie erwiderte unschuldig, sie habe nichts davon gehört, aber man könne sich ja wohl denken, daß so ein reicher und vornehmer junger Herr sich schon ein lustiges Leben machen werde. »Der wäre kein Bräutigam für Sie!« sagte der Schneider. Sie sah ihn verwundert an und antwortete: »Ach, wie kann denn wohl ein armes Mädchen an so etwas denken, und die so einen Vater hat.« Damit wischte sie sich eine Träne aus dem Auge. »Es geschehen zuweilen wunderliche Dinge in der Welt,« erwiderte der Schneider ablenkend. Andere Besucher kamen; die Gaststube füllte sich, die Zechenstube; nach einer Weile brach auch der Schneider auf. Der Landrat besuchte in dieser Zeit oft Herrn Steinbeißer, und nach kurzem schien der ruhige und verständige Mann unentbehrlich geworden zu sein. Er war viel mit Angelika im Arbeitszimmer; und wenn Angelika ihm gegenübersaß am Tisch und auf den runden Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar vor ihr blickte, die festen Hände beobachtete beim Umwenden der Blätter, Einkniffen, Schreiben, die energischen Bewegungen der Arme, die Ruhe und Gleichmäßigkeit seines ganzen Arbeitens, so dachte sie oft: hier wäre eine Möglichkeit zu leben; arbeiten, müde werden, schlafen und wieder arbeiten; so müßte das Leben angemessen verfließen. Wundervoll ruhig war jetzt auch die kurze Zeit, während die Familie im Zimmer der Mutter zusammensaß. Die Mutter hatte ihren Lehnstuhl in der Fensternische, ihre Teetasse auf der Fensterbank neben sich. Dann war der große, runde Tisch; da saß der Vater, oft heiter und gesprächig, allerhand Scherze erzählend, die man von dem ernsten Mann nie erwartet hätte; der Bruder, ruhig und mit freundlichem Gesicht, wenig sprechend, aber seine Gegenwart allein erzeugte schon ein Gefühl der Freiheit; man spürte, daß man sich nicht vor Mißverständnissen zu fürchten brauchte; der Landrat, zuweilen etwas geräuschvoll und zu laut lachend, aber immer fest und sicher in klaren, vorurteilslosen Gedanken; und endlich Angelika, noch oft ungleich in ihrer Stimmung, aber allmählich ruhiger und gleichmütiger werdend. Es war ein merkwürdiges Gefühl der Zusammengehörigkeit entstanden, als sei hier eine Insel im Meer. Vor den Fenstern hingen weiße Vorhänge von alters her, Stühle, Tische und Schränke waren alte Familienstücke; nun mit einem Male schien aus alledem Behaglichkeit zu strömen. Die Abende wurden länger, man sprach davon, daß man in einigen Wochen werde die Lampe brennen müssen bei der Teestunde. Da lag auf dem Tisch eine gehäkelte Decke, eine Handarbeit der Großmutter, oft gewaschen und an manchen Stellen geflickt; das Teekästchen stand da; Angelika spürte, wie der Landrat ihre Bewegungen oft heimlich mit den Augen verfolgte, aber nun freute sie sich über seine Zuneigung. »Was ist das alles?« fragte sie sich oft. »Ist es meines Bruders Persönlichkeit, die so wirkt? Was sagt er denn? Er scheint doch nicht anders wie andere Menschen; aber vielleicht ist es, daß man wahrer wird und natürlicher durch ihn. Ob mein Leiden nicht in Unnatur und Unwahrheit seinen Ursprung hatte? Habe ich denn meinen Vater gekannt? Dieser ist mir doch Vater gewesen und ist immer gut zu mir gewesen. Weshalb habe ich ihn denn gequält? Bin ich vielleicht denn schlecht? Würde ich vielleicht auch meinen Gatten quälen? Das wäre ein großes Unrecht, er ist ein guter Mensch, und ein Mann, den man achten muß.« Da überraschte sie sich, daß sie an den Landrat dachte als an ihren Gatten, erschrak und wurde rot; sie sah ihn sitzen, etwas zu ruhig und selbstbewußt, etwas zu breitschultrig; plötzlich verspürte sie einen Haß gegen ihn. Sie hörte den Schluß eines Gespräches von ihm: »... wenn sie nicht im guten wollen.« Er war ja in Wirklichkeit etwas, wie man es nennt, schneidig; ihr erschien er plötzlich plump und gewöhnlich; sie dachte gar nicht mehr daran, daß solche Reden nur eine üble Angewohnheit waren; sie verspürte mit einem Male einen Haß gegen ihn und erhob sich; wie durch einen magnetischen Einfluß schien plötzlich alles geändert, der Frieden zerstört. Da begann der Vater zu sprechen, wie er sich alles gedacht habe, wenn er sterben sollte. Er wollte den Kindern nur hinterlassen, was den Wert der beiden Güter betragen mochte, wie er etwa heute wäre; diese Summen hatte er festgelegt, indem er zwei andere Güter gekauft hatte. Das war für jedes Kind ein Vermögen, welches sie freimachte von der Notwendigkeit des sklavischen Broterwerbs, wenn sie ihr Leben für höhere Aufgaben verwenden wollten, und ihnen doch nicht erlaubte, nach der Art vornehmer Müßiggänger mit gesellschaftlichen Ansprüchen ein inhaltloses Leben zu führen; sondern wenn sie nicht einer höheren Leistung ihre Tage opfern und dann auch äußerlich auf vieles, was sonst als nötig gilt, Verzicht leisten wollten, so mußten sich Kurt sowohl wie Angelikas künftiger Gatte eine Berufsarbeit wählen. Die großen Summen, welche er mit dem Bergwerk erworben, wollte er für die Aufgaben verwenden, welche ihm die wichtigsten schienen, nämlich in einem weiteren Kreise Leute ansässig machen; die Verwaltung dieses Vermögens und seine Verwendung gedachte er dem Landrat zu übertragen. »Nicht auch mir?« fragte Kurt. »Wolltest du denn?« erwiderte ihm verwundert der Vater. »Ich könnte jetzt noch nicht darauf antworten,« sprach Kurt. »Ich weiß noch nicht, ob eine solche Arbeit richtig für mich wäre, so daß ich sie gut machen könnte. Vielleicht kann ich andern Menschen doch nicht helfen.« Er sah seine Schwester an. Die wurde rot und rief: »Du kannst ihnen helfen, du kannst.« Dann ging sie schnell zum Flügel und öffnete ihn. Der Landrat liebte eine Sonate von Mozart besonders; sie stellte das Notenheft auf, der Landrat zündete die Lichter an, da es in dem Winkel schon dunkel war; sie setzte sich und spielte; der Landrat blieb hinter ihr stehen, um die Notenblätter umzuwenden. Nun löste sich alles auf in den Verschlingungen der Klänge: ihrem Suchen und Finden, Erwarten, Hoffen und Vorbereiten, Ausweichen, Entgegenkommen und Entfliehen; alle wurden heiter und sorgenlos, sie fühlten ihr Blut anders rollen, und das Gewöhnliche, das sie bis dahin gespürt, fiel von ihnen ab. Wenn Seligkeit möglich wäre, so müßten wir sie uns vorstellen. Aber sie ist nicht möglich, und das ist gut, denn nun erstreben wir Höheres, und nur kurze Minuten wollen wir Rast machen auf unserer Wanderschaft an einem sprudelnden Quell, dem heiteren Rasen und den schönen Bäumen, welche ihn umgeben. Die Sonate war beendet, Angelika schlug den Deckel des Flügels zu und nickte dankend, wie der Landrat ihr behilflich war. Herr Steinbeißer stand auf, um das Zimmer zu verlassen, die anderen beiden folgten ihm; draußen sagte der Landrat zu ihm: »Fast hätte ich es vergessen, heute sprach ich mit dem Untersuchungsrichter; er wird Sie bitten müssen, aufs Gericht zu kommen, um eine Aussage abzugeben im Prozeß Maurer.« Herr Steinbeißer nickte still. Kurt fragte nach dem Stand der Untersuchung. »Es ist ja kein Geheimnis, das gewahrt werden müßte,« sagte der Landrat. »Maurer geht von seiner Behauptung nicht ab, daß er nur einen Schuß abgegeben habe, und es ist kein Beweis zu führen, daß er die Unwahrheit sagt, so märchenhaft seine Erzählung auch klingt. Der Staatsanwalt wird natürlich trotzdem die Anklage auf Mord erheben, aber die Geschworenen müssen ihn ja freisprechen. Eine Anklage wegen schwerer Körperverletzung ist nicht mehr möglich, da für diese die Verjährungsfrist abgelaufen ist. So wird man ihn also in kurzem wieder freilassen müssen. Die Vernehmung des Herrn Steinbeißer ist eine reine Formsache.« »Eine reine Formsache,« sagte Herr Steinbeißer, indem er die Tür zu seinem Arbeitszimmer aufstieß. Fünftes Kapitel Herr Steinbeißer ging mit Kurt zum Förderschacht. Ein heftiger Sturm wehte in den hohen Buchen; sich reibende Zweige knarrten, trockenes Holz brach ab und stürzte nieder, Blätter wirbelten und sanken. Wie die beiden in das Gaipelhaus traten, kam ihnen der Aufseher entgegen und begrüßte sie; sie sahen, wie er mit verlegenem Gesichtsausdruck ein Neues Testament in die Tasche steckte. Herr Steinbeißer sagte, es komme ihm vor, als ob das linke Rad oben trocken laufe; er nahm die Ölkanne und ging mit Kurt zur Treppe. Der Aufseher trat vor ihn hin, wollte ihm die Kanne aus der Hand nehmen und sprach: »Wem die Kuh gehört, der packt sie beim Schwanz.« »Na, mir gehört ja eben die Kuh,« sagte lächelnd Herr Steinbeißer. »Hier bin ich der Aufseher, und wenn etwas nachzusehen ist, so ist das meine Sache,« erwiderte der Mann. »Es ist gut, ich weiß, daß Sie Ihre Pflicht tun,« sagte Herr Steinbeißer und wollte ihn aus dem Wege schieben; aber der Aufseher wich nicht und erklärte: »Das ist keine Arbeit für Sie. Der Turm pendelt oben zehn Zoll; wenn Sie heruntergeblasen werden, dann bin ich schuld daran.« »Sie können auch nichts weiter, wie sich festhalten,« sagte der Herr. »Wenn mir mein Herr den Vorwurf macht, daß ich das Rad trocken laufen lasse, so muß ich nach oben, das ist meine Pflicht,« erwiderte der Mann hartnäckig und fuhr fort: »Wenn ich in meinem Beruf sterbe, so hat das so sein sollen, dafür bin ich der Aufseher hier, und meine Familie ist versorgt.« Herrn Steinbeißer schwoll die Ader auf der Stirn über den Widerspruch, er stampfte mit dem Fuß auf und rief: »Holen Sie sich Ihren Abkehrschein.« »Gut,« erwiderte der Mann und ließ die beiden nun vorbei; »wenn ich entlassen bin, so habe ich ja hier nichts mehr zu sagen«; dann ging er in seine Stube, deren Tür er krachend zuschlug, indessen die beiden hochstiegen. »Du mußt den Mann wiedereinstellen, nachher; er ist ja im Recht, und er ist immer ein ordentlicher Kerl gewesen,« sagte Herr Steinbeißer zu Kurt. Auf der halben Höhe des eisernen Turmes, über dem Dach des Gaipels, war in das eiserne Gerüst eine kleine Kammer aus gewelltem Eisenblech mit Glasscheiben an allen vier Seiten vernietet. Hier ruhten die beiden eine Weile aus von dem anstrengenden Steigen. Schon waren sie über den Wipfeln der Buchen; der Sturm drückte mit furchtbarer Gewalt auf den kleinen Kasten, in welchem sie standen; sie fühlten das leise Schwanken des Gerüstes, hörten das Surren der Räder oben, das Rasseln und Klappen in den eisernen Stangen und Trägern, das Heulen, Zischen und Pfeifen des Sturmes. Sie konnten sehr weit sehen von ihrer schwankenden Stelle aus; über die kleinen Häuser und Gärten im Tal, wo die Arbeiter wohnten, in die Ebene hinaus bis zu einem entfernten Gebirgszug, auf dessen äußerster Höhe die Ruine einer alten Kaiserpfalz deutlich zu erkennen war. Lange sah sich Steinbeißer das alles an; darauf ging er zu einem anderen Fenster, aus dem er in den Wald hineinblicken konnte; losgerissene trockene Blätter wirbelten in der Luft; auch das dritte Fenster ging auf den Wald; vom vierten Fenster aus sah man in den oberen Abschnitt des Tales, die beiden Drahtseile entlang, zu dem Hause, in welchem seit vielen Geschlechtern die Familie gewohnt, in welchem er selber den größten Teil seines Lebens verbracht hatte. »Ich bin doch undankbar gewesen,« sagte er. »Mein Leben war mir gleichgültig geworden. Aber ich habe doch etwas schaffen können, und ich glaube, daß es richtig ist, was ich gemacht habe. Man muß vom Zufälligen und Einzelnen loskommen. Wir sind ja doch alle zufällig, und ich bin nicht anders, wie jeder einzelne von diesen Leuten, die da unten wohnen. Aber wenn man irgendwie in eine bedeutende Stellung kommt, so überschätzt man leicht seine eigene Wichtigkeit, und was man durch die Tatsache geleistet hat, daß man nun einmal in dieser Stellung war, das hält man für eigene Leistung. Dankbar muß man sein, wenn man in solcher Stellung hat sein dürfen, ich aber bin doch eigentlich im Grunde hochmütig gewesen. Wie wunderbar ist das nicht; vor tausend Jahren lebten hier einige rohe Menschen, die vielleicht gebändigt wurden durch einen Aberglauben, der von ihrem Priester ausging; denn was eigentlich das Christentum sagen wollte, das verstand ja wahrscheinlich noch nicht einmal der Priester. Dort in der Ferne, in jener Burg, war zuweilen der Kaiser mit seinen Beamten; er mußte wohl weite Gedanken haben, damals sind wohl die Herrscher die bedeutendsten Menschen ihrer Zeit gewesen, denn sie waren die einzigen, die viel zu überblicken hatten. Wie einsam mag ihm zwischen den ungebildeten Rittern, dem rohen Volk gewesen sein! Ob er sich seiner Aufgabe bewußt war, daß er auf vielen Wegen die Menschen einsichtiger machen sollte? Damals rollten plumpe Wagen mit Rädern aus einem Bohlenstück geschnitten, von Kühen gezogen; heute jagt dort unten ein Kraftwagen vorbei. Ich habe wohl früher gedacht: das bedeutet ja doch nichts; macht denn das äußere Wohlergehen einen Unterschied aus! Ich hatte gedacht: Meine Arbeit ist doch eigentlich einerlei; sind denn die Menschen anders, wenn sie sich besser ernähren können, haben sie dann eine andere Seele? Und auf die Seele kommt es ja doch an. Zuweilen schien mir sogar, daß das Wohlergehen ihrer Seele schädlich ist. Aber jetzt sehe ich ein: das waren falsche Gedanken. Wir müssen das Zufällige und Einzelne vergessen. Wie die Menschen reicher geworden sind, haben sie doch auch angefangen, das Christentum zu verstehen, dann sind sogar Menschen über das Christentum hinausgekommen. Es sind heute so freie Menschen möglich, wie selbst noch vor hundert Jahren nicht möglich waren. Und wenn meine Arbeit auch nur war, daß einige tausend Menschen, die früher in Unordnung lebten, nun in Ordnung leben und kleinem Behagen; aus ihnen wird doch irgend etwas Höheres wieder kommen, das ich nicht ahnen kann, aber für das meine kleine Arbeit eine Voraussetzung gewesen ist. Nun sieh« – und er zeigte Kurt mit der Hand weit in die Ebene hinaus – »dort sollen Güter gekauft werden und aufgeteilt, viele neue Häuser sollen gebaut werden, in jedem soll eine Familie wohnen und ordentlich leben, die Kinder ehrlich erziehen und suchen weiterzukommen. Das hilft, das hilft. Die Menschen kommen doch höher. Sie steigen langsam, aber sie steigen. Ja, ich habe nicht umsonst gelebt. Ohne mich wohnte hier ein elendes Volk ohne Hoffnung und Zukunft, ohne mich würde dort in der Ebene keine Ansiedlung geschehen; heimatlose Polen würden da weiter pflügen und hacken, ohne zu wissen, weshalb sie arbeiten. Aber nun werden dort Leute leben, die höher kommen können. Ja, ich bin undankbar gewesen, daß ich nicht immer glücklich war; ich habe ein glückliches Leben geführt, und alles Leid, das ich getragen, das sehe ich mit dankbarem Gemüte nun ein, war nötig für mich, daß ich eine solche Arbeit ergriff, denn sonst hätte ich gelebt wie andere auch, die viel Geld verdienen und töricht ausgeben. Ich bin dankbar, Kurt, ich bin dankbar, denn ich habe ein Leben führen dürfen, wie es selten einem Menschen beschieden ist.« Er reichte Kurt zum Abschied die Hand. Kurt sprach: »Segne mich« und kniete vor ihm hin; Steinbeißer legte ihm beide Hände aufs Haupt und sagte: »Lebe so, daß du einst so in den Tod gehen kannst wie ich.« Kurt erhob sich, sie waren beide plötzlich verlegen geworden darüber, daß sie ihre Gefühle laut geäußert hatten. Steinbeißer öffnete die Tür nach außen; der Wind drückte gegen sie; er stemmte sich mit der Schulter; sie flog auf und schlug krachend gegen die äußere Wand. Er trat hinaus, der Sturm riß ihm den Hut vom Haupt; Kurt versuchte ihm zu helfen, die Tür wieder zu schließen. Sie wußten beide nicht, weshalb sie sich so mühten, die Tür wieder zu schließen. Die Tür blieb offen, durch die Gewalt des Sturmes an die Wand gepreßt, gegen die sie geschlagen war. Die Glasscheiben waren gesprungen. Da reichte ihm Kurt die Ölkanne, die er vergessen hatte. Steinbeißer nahm sie; aber in dem Augenblick, da sein Finger den Henkel berührte, wurde sein Gesicht totenbleich, die Augen ganz groß und stier; er stieß die Kanne heftig zurück; einen kleinen Augenblick standen sich die beiden still gegenüber, sie waren beide in Angst; dann lachte Steinbeißer gezwungen auf und sagte: »Jedes Leben will sich erhalten,« und nun nahm er die Kanne mit festem Griff, ging außen auf der Plattform von der Tür zu der schmalen eisernen Treppe, die sich innerhalb der vier eisernen Pfeiler des Turmes zwischen den vernieteten Stangen nach oben wand bis zu dem schmalen Eisenblech neben den Achsenlagern der Räder. Kurt sah ihn vor dem Fenster vorbei in die Höhe steigen; die Ölkanne hielt er mit dem kleinen Finger, denn mit beiden Händen mußte er sich am Geländer festklammern. Der Sturm trieb ihm das weiße Haar zur Seite, die Schöße des Mantels; auf seinem Gesicht war nichts zu lesen wie der Gedanke, den Sturm zu überwinden. So ging er nach oben durch das Heulen, Pfeifen, Zischen, Klirren, Schlagen und Klappern zu den sausenden ungeheuren Rädern. Kurt lauschte, er wußte nicht wie lange, Minuten oder Stunden. Sein Herz klopfte ihm laut. Zuletzt knöpfte er den Mantel fest zu, nahm den Hut in die Hand und ging wieder nach unten, den Weg allein zurück, den er vorhin mit dem Vater gegangen. Wie er unten im Gaipel angekommen war, zögerte er einen Augenblick, dann raffte er sich zusammen, trat aus der Tür und schritt um das Haus. Da lag vor ihm der abgestürzte Körper seines Stiefvaters; unentstellt; der kleine Finger hielt noch die Ölkanne fest; die Kapsel hatte sich gelöst und das Öl war aus der Öffnung gequollen. Das Gesicht des Toten sah friedlich aus. Er drückte ihm die Augen zu, ging in den Gaipel zurück, in die Stube des Aufsehers. Die beiden holten die Butze vor, welche bestimmt ist für Verunglückte, legten den Toten hinein, nachdem sie den Finger von der Ölkanne gelöst, und trugen ihn schweigend zu Tal. Wie die Kunde sich verbreitet hatte, daß Herr Steinbeißer auf dem Förderturm verunglückt war, da geschah etwas Merkwürdiges. Es hatte ihn bis dahin niemand geliebt, und jeder war ihm, wenn er konnte, aus dem Wege gegangen. Nun aber hieß es plötzlich unter allen Leuten: »Er war strenge, aber er war gerecht.« »Er war gut zu den armen Leuten.« »Er war für jeden zu sprechen.« Ja, einige sagten schon: »Wie hat es früher in Miltenberg ausgesehen, und wie sieht es jetzt aus!« »Er hat sich selber nichts gegönnt, seinen alten Sommermantel hat er zwanzig Jahre getragen.« Alle sagten: »Er war immer auf dem Posten, er wußte überall Bescheid, er ließ sich keine Brille aufsetzen.« »Er ist auf dem Schacht verunglückt, er war ein reicher Mann, aber er hat doch den Bergmannstod gehabt.« »Sie haben ihn in der Butze nach Hause gebracht, wie unsereinen.« »Das hätte nicht jeder getan, der so reich war, er hat mehr gearbeitet wie mancher andere, und die Kopfarbeit strengt auch an.« Die Leute hatten bislang immer geglaubt, daß es ihnen so gut gehe, das komme von ihrem Zusammenhalten, Herr Steinbeißer habe ihnen nachgegeben, weil er habe nachgeben müssen. Nun, wo sie nicht wußten, wem die Gruben jetzt gehören würden und wer sein Nachfolger werde, bekamen sie allerhand Besorgnisse. »Wie wird es nun sein, wenn so ein Hochnäsiger kommt, der den Bergmann nicht kennt!« Es wurde ihnen klar, daß sie oft ungezogen gegen ihn gewesen waren, und sie sagten: »Der Bergmann spricht gerade aus, Steinbeißer hat das gewußt und hat gewußt, daß es nicht böse gemeint war; aber ob der Nachfolger den Bergmann versteht, das weiß man noch nicht, das wird sich erst zeigen.« Und schon wurden manche recht verzagt, denn in ihrem tiefsten Innern hatten sie ja wohl geahnt, wie alles zusammenhing und daß sie sich nur um die Dankbarkeit hatten drücken wollen. Sie sagten schon: »Er hat uns wohl gekannt, er hat gewußt, wie es uns ums Herz ist, auch wenn wir ihm nicht immer schöne Worte gemacht haben.« Solche und ähnliche Reden hörte Kurt ruhig an, er hörte auch an, wenn man ihn aufreizte. Entfernte Verwandte, Gutsnachbarn, Geschäftsfreunde stellten sich ein, und unter ihnen war mancher, der ihm vorhielt, wie wenig Dank sein Stiefvater doch für seine Bemühungen geerntet habe. Dann sagte er wohl lächelnd: »Gott tut den Menschen auch Gutes und sie danken ihm nicht, sondern sie führen über ihn dieselben Reden, wie die Leute über meinen Stiefvater geführt haben, wie wohl jeder normalerweise über seinen Wohltäter führt – und wir zwei, die wir darüber sprechen, sind ja doch auch selber Menschen; ich glaube nicht, daß wir besser sind wie die Leute.« Allerhand Besprechungen waren bei der Arbeit, auf den Wegen und abends in den Häusern. Am Begräbnistag hatten die Bergleute gebeten, sie wollten den ganzen Tag aussetzen, weil sie am Vormittag eine Volksversammlung abhalten wollten. Man hatte keinen Raum für die Versammlung im Dorf, deshalb wurde sie auf dem Platz vor dem Förderschacht angesagt, wo vor sechs Wochen das Knappschaftsfest abgehalten war. Wieder holten die Frauen die Bergmannsuniform vor, bürsteten und klopften, holten ihre eigenen guten Kleider und setzten instand, was nötig war. Aber kein lustiges Pfeifen der jungen Burschen hörte man, kein Singen der Mädchen; mancher Seufzer stieg aus beklemmter Brust, denn immer mehr kam den Leuten zum Bewußtsein: »Was wird nun werden?« Wieder gingen die Menschen in den verschlungenen Wegen, aber nur die Männer hatten dieselbe Festtracht wie damals; von Frauen und Mädchen sah man nur solche, welche schwarze Kleider besaßen. Wo man sich begegnete, begrüßte man sich stumm mit Händedruck, die Gruppen vereinigten sich, alles zog in der Richtung zum Förderschacht. Auf dem Platz war eine Rednertribüne gebaut, um sie versammelten sich die Menschen: Männer, Frauen und Kinder. Alle standen ruhig und warteten. Der Verkäufer des Konsumvereins, im schwarzen Rock und mit weißer Binde, stieg auf die Tribüne und begann: da die Reaktion es ihnen verbiete, als klassenbewußte Arbeiter ihre Gesinnungen am Grabe des verunglückten Kameraden an den Tag zu legen – sie hatten sich das Wort »Kameraden« ausgedacht, um ein Zeichen ihrer Liebe zu geben –, so habe er hier eine Volksversammlung in der freien Natur einberufen, wo kein Diener der Kirche sie mit seinen Unterdrückungsmaßregeln behelligen könne. Der Proletarier sei vom Produktionsmittel getrennt, das sei die Signatur unserer Zeit – und nun dachte er so fortzufahren, als plötzlich, wie die vielen Augen auf ihn gerichtet waren und die ängstliche Spannung der vielen Menschen auf ihn wirkte, sich alle seine Gedanken verwirrten; er stotterte, suchte nach dem Anfang seiner Rede, wiederholte den letzten Satz; und dann, als ob das, was alle dachten, plötzlich in ihm Sprache würde, rief er unvermittelt, ohne es, selber zu wollen: »Was wird nun aus uns werden?« Die Männer murmelten: »Was wird nun aus uns werden?« Die Frauen schluchzten, Kinder weinten laut. Der Verkäufer auf seiner Rednerkanzel sah sich ratlos um, dann zuckte er verlegen die Achseln und stieg herunter. Die Versammelten standen lautlos und blickten nach der leeren Kanzel. Vielen von den Leuten war ja wohl alles nicht so recht klar gewesen; aber nun wirkte die allgemeine Bedrückung auch auf sie, und traurig und bekümmert standen nun alle und starrten. Da machten sie einem betagten, hochgewachsenen Manne eine Gasse, dem alten Köhler, den Herr Steinbeißer damals besucht hatte. Nach uralter Sitte gehen die Köhler zu allen Feiern in ihrer Arbeitstracht, mit dem geschwärzten Gesicht und Händen. So stieg er denn zur Kanzel hinauf, nahm die Kappe ab, faltete die schwarzen Hände, sah über die Versammelten hin; indem das Weiße in seinen Augen leuchtete, und begann zu singen: Wer nur den lieben Gott läßt walten. Den ersten Vers sang er allein, auch noch die Hälfte des zweiten Verses, aber da fielen die Frauen ein, beim dritten Vers sangen die Männer mit, und so sang denn die ganze Versammlung, indessen oben in der Luft die Räder sausten: Und hoffet auf ihn alle Zeit Den wird er wunderbar erhalten In aller Not und Traurigkeit. Wer auf den Allerhöchsten traut, Der hat auf keinen Sand gebaut. Wie die Strophe zu Ende war, sagte der Köhler laut »Amen«, setzte seine Kappe wieder auf und ging die Treppe hinunter. Wieder stand die Versammlung still und harrte, als müsse noch etwas kommen. Da sahen alle, wie Kurt die Treppe hinaufstieg. Er trat auf die Kanzel und redete sie an, indem er ihnen dankte, daß sie den Verstorbenen durch ihr Zusammenkommen haben ehren wollen. Dann fuhr er fort, daß sie keine Sorgen haben dürften; es sei ein Testament vorhanden, nach welchem der Betrieb in derselben Weise fortgesetzt werden solle wie bisher und noch weitere Anordnungen für sie getroffen seien, von denen später Mitteilung gemacht werde. Nach diesen Worten schloß er, daß sie nun in ihre Häuser zurückgehen möchten, und wenn sie den Verstorbenen zum Begräbnis begleiten wollten, sich zur bestimmten Zeit vor dem Hause einfinden. Dann rief er ihnen das gewohnte Glückauf zu und ging die Treppe wieder hinunter. Die Leute wendeten sich still und gingen zurück, jeder mit seinen Freunden und Bekannten, leise untereinander das Gehörte besprechend. In den Familien war Fichtenhecke geholt zu Kränzen; hier blühten noch die letzten Astern im Garten, dort im Fenster ein Alpenveilchen oder eine andere Lieblingspflanze; was ein jeder an Blumen hatte, das band er mit in den dunklen Kranz; und als nun die Beerdigungsstunde kam, da gingen die Männer, Frauen und Kinder, jedes mit seinem Kranz zum Gutshaus. Sechs Männer, die angesehensten Beamten, in Bergmannstracht, mit verschnürten Jacken und weißen Handschuhen, trugen den Sarg auf den Schultern; die Angehörigen des Toten mit dem Prediger folgten, dann schloß sich die große Menge an. Langsam zog sich der Zug die Landstraße hinunter bis zum Dorf, wo auf dem alten Gottesacker vor der Kirche das Erbbegräbnis lag; schon war der Sarg auf dem Kirchhof, als die letzten Folgenden noch unter dem Hoftor hervorgingen. Langsam füllte sich der kleine Kirchhof, lange stand der Prediger; als alle zusammen waren, wurde der Sarg niedergelassen, der Prediger sprach seine Rede, die Hinterbliebenen warfen ihre drei Hände voll Erde in das Grab und traten zur Seite; dann kam aber ein alter Bergmann, legte seinen Kranz auf einen Hügel nebenan und warf gleichfalls drei Hände voll Erde hinab; ihm folgten alle anderen; die Kränze häuften sich auf dem Hügel, die Erde im Grabe mehrte sich; Angelika brach in Weinen aus, die Familie mußte sie nach Hause bringen; aber die Bergleute, die Frauen und Kinder blieben, bis der Letzte seinen Kranz niedergelegt, seine Hände voll Erde in das Grab geworfen hatte, das nun fast dem Boden gleich geworden war. Dann gingen alle still nach Hause. Kurt sagte zu Angelika: »Die Menschen sind gut; wir würden unser Leben falsch aufbauen, wenn wir das nicht glaubten. Unser Stiefvater hat es nicht geglaubt, dennoch hat er durch sein Leben das Gute in den Menschen befördert, als eine Nebenwirkung; denn was er wollte, war ja doch zunächst etwas anderes. Aber ich glaube, jeder, der nicht für sich will, sondern für etwas, das außer ihm ist, erzielt diese Nebenwirkung.« »Du darfst mich nicht verlassen,« sagte Angelika zu ihm; »denn wenn du nicht bei mir bist, dann kann ich mich der Gewissensbisse nicht erwehren.« »Du hast aus Unkenntnis gehandelt und nach einer falschen Leidenschaft,« erwiderte ihr Kurt. »Nun du die Einsicht hast, wirst du anders handeln.« »Ich will; und hoffe, daß ich es kann,« sagte sie leise. Die laufenden Geschäfte mußten nun erledigt werden, begonnene Unternehmungen weiter geleitet, Geplantes ausgeführt und Neues geplant; die drei, welche in der letzten Zeit Herrn Steinbeißer geholfen hatten, teilten sich in die Arbeiten: Kurt, der Landrat und Angelika. Sie wußten, daß das nur eine vorläufige Einrichtung war; aber noch schwebte alles zu sehr im Ungewissen, als daß sie etwas hätten endgültig regeln können. Kurt hatte Unterhandlungen über den Ankauf eines Gutes zu Ende zu führen, welche Herr Steinbeißer noch begonnen. Das Gut lag in der Ebene, auf welche der Verstorbene wenige Minuten vor seinem Tode geblickt hatte. Es gehörte seit alters her einer adeligen Familie, welche in vielen Generationen tüchtige und ordentliche Menschen hervorgebracht, nun aber im Laufe der Zeit äußerlich wie innerlich gesunken war. Kurt besuchte den Besitzer, einen Mann Mitte der Fünfziger von dem Aussehen und Gehaben eines wohllebenden und gedankenlosen Menschen: mit Bauch, ausdruckslosem und zerfahrenem Gesicht und burschikosen Manieren, welche die innere Unsicherheit verbergen sollten. Es war Mist gefahren, und auf dem ganzen Weg waren Mistzotteln verstreut, die von dem Wagen gefallen; im Hof saß der Melker vor dem Kuhstall und pfiff ein Lied; das eine Scheunendach wies einen heruntergeglittenen Ziegel auf, welcher als beständige Drohung für die unten Gehenden überhing; auf der Treppe zum Herrenhaus lag Stroh, und im Flur sah man schmutzige Fußtapfen. Der Besitzer redete beständig, allerlei Törichtes: »Ihr alter Herr hat gute Jahre gehabt, bei uns in der Landwirtschaft ist inzwischen alles zurückgegangen. Ich habe meinem Sohn gesagt: Immer in die Industrie hineinheiraten, da steckt heutzutage das Geld. Habe ich recht? Na, was macht er? Bringt mir eine jüdische Schwiegertochter angeschleift. Ist seine Sache, er muß sich ja nachher, von der Kalle unterhenkeln lassen. Ich habe gar nichts gesagt. Aber denken Sie, holt sich da so eine Geschichte, Sie wissen, Schlachtfeld der Liebe; was macht der Judenvater? Löst die Verlobung auf. Na, ich sage ja, nichts wie Ärger. Mir war's doch auch nicht angenehm, immer die Doktorrechnungen zu bezahlen.« Kurt erkundigte sich nach den Belastungen, die ihm nicht ganz klar geworden waren. Der Besitzer erzählte: »Ja, viel bleibt mir ja nicht, und dabei muß ich noch verdammt schlau vorgehen, daß die Gläubiger nicht die Hand darauf legen. Na, daß ich nach Berlin abschwimmen soll und Schneeschipper werden, das kann doch nun schließlich keiner von mir verlangen.« »Wir in unseren Kreisen denken ja, Arbeit schändet nicht,« bemerkte trocken Kurt. Der andere sah ihn erstaunt an, dann erwiderte er: »Natürlich, ganz meine Meinung, den Standpunkt habe ich immer vertreten. Zwanzigstes Jahrhundert!« Kurt unterbrach ihn und verlangte den Lageplan zu sehen. Der Herr führte ihn in sein Arbeitszimmer, einen staubigen und unbewohnten Raum, holte eine zerdrückte Rolle hinter einer Reihe von Konversationslexikon-Bänden hervor, breitete sie auf dem Tisch aus, indem er sie mit einem eingetrockneten Tintenfaß, einem Sandstreuer und einem Band des Lexikons festlegte, und erklärte. Durch die Fragen Kurts wurde ihm klar, daß dieser eine Aufteilung des Gutes beabsichtigte. Erstaunt sah er ihn an, dann sprach er: »Den Profit kann ich auch selber machen. Ich denke, Sie wollen sich eine Herrschaft zusammenkaufen.« Kaltblütig erwiderte Kurt: »Wenn Sie glauben, daß Sie mehr bekommen, wenn Sie aufteilen, so treten wir gern von dem Geschäft zurück.« Der Herr überlegte sich schnell, daß er ja schon mit einem Güterschlächter unterhandelt hatte, der ihm viel weniger geboten wie Kurt, dann fragte er mit betonter Treuherzigkeit: »Aber wozu wollen Sie denn solche Geschäfte übernehmen! Wenn Sie wollen, so fahren Sie morgen nach Monte, na, ein junger Mensch will doch auch sein Leben genießen, Sie können nach Paris, Sie können sich doch alles leisten! Wozu ist denn das Geld da, als daß man es ausgibt. Unsereins ist froh, wenn man einmal zum Kreistag fährt; aber die Herren von der Industrie, die brauchen doch nicht jeden blauen Lappen zehnmal vors Licht zu halten.« Kurt antwortete nicht; er sah, wie der andere alle seine Geisteskräfte anstrengte, um auszufinden, was er eigentlich beabsichtigte; indessen gingen die nötigen Erklärungen weiter. Plötzlich bemerkte Kurt ein Aufleuchten im Gesicht des Besitzers. Während er vorher immer recht gedrängt und empfohlen hatte, wurde er mit einem Male zurückhaltend, dann sagte er: »Es handelt sich ja natürlich zunächst nur um Vorbesprechungen. Vielleicht überlege ich mir die ganze Geschichte noch.« Kurt sah ihn fragend an; er fuhr fort: »Na ja, mancher weiß nicht was er hat, das muß ihm erst ein anderer ausschnüffeln. Ich bin ja nicht gerade übermäßig schlau, aber auf den Kopf gefallen bin ich auch nicht. Unter der Erde steckt was! Das hat unsereins ja nicht gelernt, aber die Leute, die das verstehen, die sehen das gleich dem Boden an. Ihr alter Herr ist ja früh aufgestanden, aber man kann doch noch hinter ihm her kommen.« Kurt mußte lachen, mit kurzen Worten erklärte er ihm seine Absicht, aber der Mann verstand ihn nicht; nur zuletzt sagte er: »An unsereinen denkt keiner, wir sind doch schließlich auch Menschen.« Die Tür öffnete sich, und die Dame des Hauses trat ein. Sie schlug die Augen schräg auf und sagte: »Sollen wir denn nun unser teueres Rinteln in fremde Hände geben? Sie wissen ja nicht, Herr Steinbeißer, wie es mir ans Herz gewachsen ist. Aber nicht wahr, darüber kann ich beruhigt sein, auch Sie werden es lieben! Wie werde ich die Bäume unseres Parks vermissen, unter denen ich so oft mit poetischen Gedanken gegangen bin, unter denen meine süßen Kinder aufgewachsen sind.« – »Na,« unterbrach sie grob der Herr, »das eine süße Kind kannst du ja nun mit Zwischendeckbillett nach Amerika schicken, und das andere schreibt mir, sie will sich nicht mehr halten lassen, es treibt sie zur Kunst, und sie tritt nächste Woche als Martha, ich weiß nicht, als was für eine, in Chemnitz auf.« Die Frau sank weinend auf einen der staubbedeckten Stühle; Kurt empfahl sich mit kurzen Worten, nachdem er dem Herrn noch eine Woche Bedenkzeit zugestanden hatte. »Mußt du denn unser Leid allen Menschen erzählen! Die Schwester wäre doch so eine gute Partie für unsern Heinz!« sagte die Frau zu dem Gatten. »Halte doch die Menschen nicht für so dumm,« erwiderte der; »die Steinbeißers sind gescheiter wie wir alle zusammen; aber ich komme doch noch dahinter, was er mit Rinteln machen will.« Kurt besuchte noch einen anderen Grundbesitzer. Er fand einen hochgewachsenen energischen Mann mit frischem Gesicht, der ihn mit förmlicher Höflichkeit empfing. Im Arbeitszimmer war eine peinliche Ordnung; jede Angabe, jede Zahl, welche Kurt verlangte, wurde gleich gefunden. In ganz kurzer Zeit waren alle Fragen erledigt; als Kurt sich empfehlen wollte, zögerte der Herr erst eine Weile, dann sagte er: »Es geht mich nichts an, was Sie mit dem Gut zu machen gedenken, und Sie sind ja auch ein reicher Mann. Aber ich halte mich für verpflichtet, als anständiger Mensch Ihnen reinen Wein einzugießen. Vor zwanzig Jahren, als ich das Gut kaufte, hatte ich ein Vermögen von zweimalhunderttausend Mark, heute bin ich ein Bettler, und wenn Sie nicht einen so guten Preis zahlten, so könnte ich noch nicht einmal als ehrlicher Mann herausgehen.« Er schwieg; Kurt sagte: »Soweit ich es übersehen kann, haben Sie zuviel in den Boden hineingesteckt, man mußte extensiver wirtschaften.« Der andere schüttelte heftig den Kopf und brach dann in die heftigsten Verwünschungen gegen die Leute aus, deren Trägheit und böser Wille habe ihn ins Unglück gestürzt. Er holte ein Buch aus der Reihe und zeigte Kurt: »Hier im ersten Jahre sind mir hundertundzwanzig Kühe gestürzt; die Ansteckung ist mir durch den eigenen Kuhmeister in den Stall geschleppt. Im zweiten Jahre wurde der Damm des Flusses nachts durchstochen und fünfhundert Morgen Weizen überschwemmt, der eben gemäht werden sollte; er hatte viel Lager, weil ich reichlichen Kunstdünger angewendet hatte, und dreiviertel der Ernte wuchs aus und konnte verfüttert werden. Nächstes Jahr – ja, da war der große Brand, gerade, wie die Versicherung abgelaufen war; ich hatte sie durch eingeschriebenen Brief erneuert, der Brief war zu spät abgegeben. So ist jedes Jahr etwas gewesen.« Er schwieg und starrte ins Leere. Es war ihm nicht zu antworten. Haß erzeugt Haß, aber nie will der Haß sich nach dieser Wahrheit richten. Kurt fragte ihn, was er zu tun gedenke; er wollte zu einer Versicherung gehen; Kurt dankte ihm mit gezwungenen Worten für seine Mitteilungen und ging. Ein anderes Gut war zur Zwangsversteigerung angesetzt, und Kurt mußte an einem der nächsten Tage zu dieser Versteigerung fahren. Der Besitzer war ein tüchtiger und redlicher Mann, der die Absicht gehabt hatte, sich den heutigen Zeitverhältnissen anzupassen. Ein berühmter Baumeister, dem ein wichtiger und großer Bau in der Hauptstadt aufgetragen war, hatte ihn besucht; das Gut lag noch in den äußersten Verbergen des Gebirges; hier fand sich ein fester und doch leicht zu bearbeitender Kalkstein, der dem Baumeister für seinen Zweck geeignet schien; der Fluß bot eine günstige Beförderungsgelegenheit, und nachdem der Baumeister mit dem Besitzer des Gutes alle Kosten berechnet und ihm einen billigen Gewinn zugeschlagen hatte, schien ihm der Preis für die Steine angemessen zu sein. Er reiste ab, und der erfreute Gutsherr ließ Steinbrucharbeiter kommen, bestellte die nötigen Maschinen und begann brechen und behauen zu lassen. Bald türmten sich am Ufer die aufgeschichteten Steine, Kähne kamen, wurden beladen und zur Hauptstadt geschleppt; dort war in der Nähe der Baustelle ein Lagerplatz gemietet, und der Gutsherr ging nun zu dem Baumeister, um ihm die Steine abzuliefern und sein Geld zu empfangen. Der aber machte Ausreden, zog die Sache in die Länge; es war nichts Schriftliches abgemacht; der Herr hatte seine Mittel erschöpft und konnte die Miete für den Lagerplatz nicht bezahlen; man nahm ihm die Steine ab und versteigerte sie, bei der Versteigerung erstand sie der Baumeister um billiges Geld und baute mit ihnen sein Haus, der Gutsherr aber hatte sein gesamtes Vermögen eingebüßt, und nun wurde ihm sein Gut zwangsweise verkauft. Kurt war schon vor der angesetzten Zeit des Verkaufes gekommen und ließ sich bei Herrn von Riemann, so hieß der Besitzer, melden. Er wurde mit ruhiger Freundlichkeit von einem stattlichen Herrn empfangen, der ihm bereitwillig alles zeigte, was er zu sehen wünschte. Im großen blumengeschmückten Saal waren zwei lange Tische gedeckt und bereitet, wie wenn es ein Festmahl gelte: mit schönem Porzellan, geschliffenen Gläsern, Silber, Blumen und sauber gefalteten Servietten. Die Frau des Hauses warf noch einen letzten Blick auf die Einrichtung; die Tochter stand neben ihr. Die ersten Männer erschienen, welche dem Verkauf beiwohnen wollten; allmählich sammelten sich alle, meistens Leute aus dem mittleren Bürgerstande, einige Hypothekengläubiger, zwei jüdische Geschäftsleute. Die Männer traten gewöhnlich rücksichtslos ein, etwa wie in ein Gasthaus, wurden dann bestürzt durch den Anblick der Tafeln, drückten sich verlegen zusammen und wagten nur verstohlen miteinander zu flüstern; nur einer der jüdischen Kaufleute trat zum Tisch, nahm eine silberne Gabel in die Hand, wog sie und besah den Stempel, legte sie dann aber scheu wieder hin. Herr von Riemann sagte: »Darf ich die Herren bitten, uns die Ehre zu geben?« und wies mit einladender Handbewegung auf die gedeckten Tische. Der Vertreter der Hypothekenbank, ein Herr in schwarzem Rock und farbiger Weste, trat auf Herrn von Riemann zu und bat, ihn den Damen vorzustellen, einige andere der Fremden folgten ihm; die Damen setzten sich, der Herr im schwarzen Rock setzte sich gleichfalls, ihm folgten allmählich die andere; Kurt bekam seine Stelle zwischen dem Hausherrn und der Tochter. Nun wurde ein Mittagessen aufgetragen; den Gästen wurden die Suppenteller vorgesetzt, sie entfalteten die Mundtücher, zuversichtlich oder verlegen, steckten sie in den Kragen, banden sie im Nacken mit den Zipfeln zusammen oder legten sie auf die Knie, sie nahmen die Suppe mit hörbarem Schlürfen oder unhörbar; ein Südwein in kleinen Gläsern wurde gereicht, einige der Fremden brockten ihre Semmel ein; ein leises Gespräch am unteren Ende entstand, wurde lauter, ging über den Tisch hinüber; die einzelnen erzählten sich, was sie zu erstehen gedachten, drückten ihre Ansichten darüber aus, ob die Preise hochgetrieben werden würden, lobten die nahrhafte Suppe; die Teller wurden fortgenommen und ein Braten herumgereicht; ein neuer Wein wurde eingegossen, das Gespräch belebte sich; der Herr im schwarzen Rock sprach mit Frau von Riemann über die Frauenfrage. Herr von Riemann bemerkte ein leises Lächeln Kurts und lächelte nun selber; die beiden spürten, daß sie einander verstanden. Herr von Riemann erzählte, da er fühlte, daß Kurt Näheres wissen wollte. »Mein Großvater war einfacher Tischlermeister, der durch seine Tüchtigkeit es dahin brachte, daß sein Sohn studieren konnte. Mein Vater war ein berühmter Gelehrter und erwarb so viel, daß er dieses Gut hier zu kaufen vermochte. Ich kann mir das Zeugnis geben, daß ich ein guter Landwirt war; ich habe meine Sache gelernt und die Arbeit machte mir Freude. Die Leute hier haben mich auch gern gehabt. Sie sehen, es ist kein einziger aus dem Dorf gekommen, um mitzubieten. Mein Unglück mit dem Baumeister werden Sie ja gehört haben. Ich bin selber an allem schuld. Natürlich dachte ich daran, daß man etwas Schriftliches haben muß, aber dann sagte ich mir, daß ich doch mit keinem Geschäftsmann zu tun habe, sondern mit einem Angehörigen unserer Gesellschaftskreise – pardon!« unterbrach er sich plötzlich und wurde feuerrot. Kurt lachte, er wurde noch röter. Kurt sagte: »Der Ausdruck ist ja ganz richtig, ich nehme ihn auch nicht übel, denn ich rechne mich ja zu Ihrem Gesellschaftskreis.« Herr von Riemann fuhr sich mit dem Finger zwischen Hals und Kragen durch und sprach: »Ich habe aus dem Gefühl der Gleichheit der Gesinnung heraus gesprochen, und das Gefühl war richtig; dann fiel mir ein, daß heutzutage ja der Begriff des Geschäftlichen einen anderen Wert bekommen hat – na, kurz und gut, der Baumeister ist nach meinem Gefühl doch ein – ein, nun, ein Herr, wie ich nicht bin.« »Nach meinem auch,« sagte Kurt. »Ja,« erwiderte der andere nachdenklich, »viele finden, daß er ganz richtig gehandelt hat. Nun, jeder nach seinem Gewissen.« Er sah Kurt aufmerksam an und fuhr fort: »Sie halten mich für einen schlechten Vater. Ich habe meinen beiden Kindern ihr Vermögen vertan ...« Hier erhob sich am untern Ende des Tisches einer von den Gästen, ein reicher Fleischermeister; er klingelte an sein Glas und begann eine Rede: »Meine Herren, wir sind hier ungeladen gekommen, und nun wird uns so ein seines Essen vorgesetzt, und die Herrschaften sind so höflich zu uns. Meine Herren, wir wissen ja doch alle – nehmen Sie es nicht übel, Herr von Riemann, daß ich es so grob heraussage, aber ich bin nur ein einfacher Mann – Meine Herren, wir wissen doch, wie das Unglück geschehen ist. Für Unglück kann keiner. Wir können auch einmal Unglück haben. Meine Herren, ich habe fünftausend Mark zu fordern, ich begnüge mich mit zwanzig Prozent.« Er wischte sich gerührt die Augen. Die anderen Männer tauschten verlegene Blicke, denn sie dachten, nun müßten sie auch verzichten, das Essen schmeckte ihnen plötzlich nicht mehr, einige rückten etwas vom Tisch ab; der Fleischermeister setzte sich, ein allgemeines Schweigen entstand. Herr von Riemann erhob sich, dankte dem Redner für seine freundlichen Absichten, dankte auch den anderen und erklärte, daß er ihre Freundlichkeit nicht annehmen könne. Alle atmeten erleichtert auf. Kurts Nachbarin zog in ihrem blassen Gesicht die Augenbrauen hoch. »Mein armer Vater,« sagte sie. Kurt schwieg, sie fuhr heftig fort: »Sie billigen dieses Gastmahl nicht, das Ganze erscheint Ihnen theatralisch. Aber Sie kennen meinen Vater nicht.« Er antwortete ihr: »Sie beurteilen mein Schweigen falsch. Ein jeder Mensch hat seine besondere Art, sich auszudrücken. Ich würde niemals einen Menschen deshalb anders beurteilen, weil er sich anders ausdrückt wie ich.« Sie sah ihn erstaunt an, dann sprach sie: »Ich danke Ihnen,« und er wußte, daß er nun auch mit der Tochter vertraut geworden war. Herr von Riemann erzählte ihm weiter, sein Sohn habe sich habilitiert und verdiene durch seine Vorlesungen so viel, wie er für seine geringen Bedürfnisse gebrauche, die Tochter nehme eine Stelle als Erzieherin an, und er selber mit seiner Gattin werde schon irgendwo ein Unterkommen finden, wo er den gemeinsamen Unterhalt erwerben könne. Er verlasse ohne Bedauern das Gut, es sei ihm immer ein peinliches Gefühl gewesen, wenn er auf dem Felde die Leute habe arbeiten sehen, indessen er selber müßig gegangen. »Die Zeiten des Adels sind vorbei,« schloß er, »die anständigen Menschen von heute arbeiten alle. Es war eine Unklugheit von meinem guten Vater, daß er dieses Gut hier kaufte.« Die Tafel wurde aufgehoben; Kurt besprach sich mit den Hypothekengläubigern, Herr von Riemann wurde zugezogen, dann fand die Versteigerung statt, Kurt machte das höchste Gebot, er bot auch auf das Inventar im ganzen, die Forderungen waren gedeckt und alle nicht zum Gut und dessen Betrieb gehörenden Gegenstände blieben im Besitze der Familie. Eine Aufteilung, wie der verstorbene Steinbeißer sie geplant hatte, erforderte gründliche landwirtschaftliche Kenntnisse und verständige Auswahl der anzusetzenden Leute. Kurt machte Herrn von Riemann den Vorschlag, sich an diesen Arbeiten zu beteiligen gegen ein angemessenes Gehalt; der Vorschlag wurde gern angenommen. »Es ist wohl Raum für einen Adel,« sagte Kurt, »nur müssen wir bei dem Wort an das denken, was es eigentlich bedeutet, und nicht, was die Eitelkeit der Menschen aus ihm gemacht hat. Die Menschen sind ungleich, deshalb sollen die Besseren den Geringeren helfen. Früher haben sie das als Herren getan und in selbstsüchtigen Absichten; aber das alte Verhältnis von Herr und Diener wird immer weniger möglich, denn den Menschen wird klar, daß größer wie die Ungleichheit die Gleichheit ist; so sollen sie es denn von nun an als Diener tun und die selbstsüchtigen Absichten vergessen. Es fehlt nicht viel, und innerhalb der Völker stehen sich jetzt die Klassen als Feinde gegenüber mit einem Haß, wie ihn die Menschen früher gegen Stammesfeinde hatten. Kommt es zu Kämpfen, so kann die gesamte gesittete Menschheit zugrunde gehen, und alle Errungenschaften, welche soviel Arbeit und Blut gekostet haben, werden auf lange Jahrhunderte verloren. Deshalb sollten sich die Reichen und Vornehmen zuerst besinnen, auf die törichten und wertlosen äußeren Vorzüge verzichten und sich durch Arbeit jeder Art für ihre Mitmenschen die allein wichtigen inneren Vorzüge zu erwerben suchen. Wenn das geschieht, dann wird den Menschen klar werden, daß alle, hoch und niedrig, heute auf falschen Wegen suchen, daß die Vereinzelung ein Fehler war und daß die ganze Menschheit lebendig zusammengehört, wie die Zellen eines Körpers den Menschen bilden und für sich allein wertlos sind. Alle Menschen leiden heute, weil sie den Sinn des Lebens verloren haben, denn an das Christentum vermögen wir, die wir ehrlich sind, nicht mehr zu glauben; wenn sie eine solche Gesinnung erstreben würden, so könnten sie das Leiden überwinden, denn dann hätte der einzelne wieder einen Sinn für sein Leben gefunden. Das Leben der Menschheit aber, in dem er nun aufgeht, das ist ein großer Fluß, der aus kleinen Quellen begann, immer breiter wird und tiefer, und dessen Sinn ist, daß er immer breiter und tiefer wird und endlich in ein Meer fließt, das wir nicht kennen.« Die Zeit war vergangen mit der Versteigerung, dann mit den Besprechungen, welche Kurt mit Herrn von Riemann hatte. Es war zu spät geworden für Kurt, nach Hause zurückzukehren, so nahm er die Einladung an, für die Nacht im Gutshause zu verweilen. Er saß mit der Familie des Hausherrn in dem behaglichen Wohnzimmer; im Ofen knisterte, knackte und fauchte das Holzfeuer, eine Uhr tickte an der Wand. Die Damen hatten eine Handarbeit vorgenommen, Herr von Riemann ging im Zimmer auf und ab, ein ruhiges und inhaltsloses Gespräch floß dahin: Erkundigungen nach gemeinschaftlichen Bekannten, die Erzählung eines Versuches mit einem neuen Düngemittel; ein großer Hund lag zufrieden am Ofen, hob zuweilen den Kopf und sah nach irgend etwas in der Stube, legte ihn dann wieder auf die Pfoten; an die dunkeln Fenster klatschte von außen der Herbstregen; es wurde davon gesprochen, daß es besser sei, wenn der Frost noch nicht eintrete, weil noch nicht genug Feuchtigkeit im Boden sei; im vorigen Jahr hatte es auf den gefrorenen Boden geschneit, dann war im Lenz plötzliches Tauwetter gekommen und das Wasser war abgelaufen, nur die Mauseplage hatte sich verringert; das junge Mädchen steckte die Nadel in das Knäuel, wickelte etwas Garn ab und sah dabei nachdenklich Kurt an, der versonnen dasaß. Kurt war freundlich in den Familienkreis einbezogen, dennoch fühlte er sich einsam, und eine leichte Sehnsucht zog durch sein Herz, eine Sehnsucht, die fast Rührung war. Wie? Kann denn ein Mensch allein sein, erstarrt er nicht in der Einsamkeit? Er dachte an Martha und lächelte in einem körperlichen Glück, er fühlte, wie ihm die Tochter des Gastfreundes nahe saß. »Den Tag arbeiten, dann müde sein, mit Frau und Kind still in der Stube sitzen, schlafen und wieder arbeiten,« dachte er, »das müßte ein ruhiges Gemüt verschaffen.« »Sie haben recht,« sprach Herr von Riemann. »Eine neue Art von Menschen kommt auf. Dieses Hasten, Betrügen, Arbeiten um des Gewinns wegen ist nur äußerlich, es bereitet sich Neues vor. Wie oft habe ich es gesehen, wenn Männer viel erworben hatten, daß sie dann ratlos waren. Die Menschen können nicht mehr auf Kosten anderer genießen, wie sie früher taten. Ich kannte einen Geschäftsmann, einen Fabrikanten, der sich fast von unten auf hochgearbeitet hatte und sehr reich geworden war. Er kommt in Berlin zufällig in eine Kunstausstellung, hört von Leuten, welche Bilder kauften und damit gute Geschäfte machten, kauft auf gut Glück einige Bilder, die ihm gefallen, die natürlich elend sind; er wird mit Malern bekannt, lernt gerade einen guten Maler kennen, sein Blick schärft sich, er erfährt eigentlich wohl zum ersten Male in seinem Leben von Leuten, für die es noch Höheres gibt als das Geldverdienen, allmählich bekommt er Achtung vor Kunst und Künstlern, er kauft nur noch vorzügliche Bilder und nützt dadurch der Kunst, bekommt in zwanzig, dreißig Jahren eine Sammlung ersten Ranges zusammen, die Millionen wert ist, und schenkt die an ein Museum, weil er sich sagt, daß er kein Recht hat an diese Bilder. So etwas geschah früher nicht, denn der Mann hofft weder auf seine Vergeltung im Jenseits, noch handelt er aus Eitelkeit. Was bedeutet das?« »Die Welt ist heute bürgerlich geworden und ruht auf der Arbeit. Es gibt nur noch eine Ungleichheit, die Ungleichheit des Besitzes,« erwiderte Kurt. »Diese aber kann keine Herrenklasse erzeugen, welche sich einbildet, von Natur mehr Recht zu haben wie die anderen Menschen. Wir sind heute alle Arbeiter; und wenn auch noch entartete und entartende Überbleibsel der alten Herrenkaste vorhanden sind und manches alte Vorurteil von dem reichgewordenen Bürgertum aufgenommen sein mag: das alles geht doch gegen die tiefsten Triebe unserer Gesellschaft, die tiefsten Triebe in uns selbst; denn wenn wir nur genau zusehen, so werden wir finden, daß in der höheren Gesellschaft von heute dort, wo sie tüchtig ist, überall Arbeiterblut fließt und überall das Gefühl ist: es gibt nur sittliche Unterschiede unter den Menschen, und jemand, der Höheres fühlt, muß Höheres leisten. Erst wir Heutigen, die nicht mehr Christen sind, machen mit dem Christentum Ernst.« »Hol' mich der Teufel, wenn nicht mein Vater ein Narr gewesen ist und ich dazu,« sagte Herr von Riemann. »Meine Stellung war hier von Anfang an schief. Ich hätte Gelehrter werden sollen, aber ich paßte nicht dazu, die Leute zu kujonieren und Geld aus ihnen herauszuschinden.« Die Damen erhoben sich, es war Zeit zum Schlafengehen. Man verabschiedete sich und Kurt wurde auf sein Zimmer geführt. Kurt trat ans Fenster und starrte in das Dunkel hinaus. Es wurde ihm plötzlich klar: die Worte, welche er heute gesprochen, waren doch ganz andere, wie er vor Wochen gesprochen hätte; wer redete denn aus ihm? War das der Wille des Stiefvaters, der durch ihn sprach? Er hatte früher nur immer gedacht: frei sein und die Einsicht habe«; deshalb hatte er sich auch nie dem Willen der Eltern fügen wollen und die Arbeit übernehmen, welche sie ihm zumuteten; nun sprach er heute fast so, wie der Stiefvater gesprochen hätte. Und dann kam ihm plötzlich das Gefühl der Einsamkeit. Hier war er nun allein in dem fremden Gastzimmer; die Kälte sollte durch einen stark geheizten Ofen überwunden werden; aber er spürte körperlich, daß das Zimmer gewöhnlich unbewohnt war, und nach dem Familienzimmer unten war ihm nun die Einsamkeit doppelt schwer. Hatte er sich denn früher einsam gefühlt? Die Tür des Zimmers in seinem Rücken öffnete sich leise und schloß sich; dann blieb alles still. Er wendete sich um, da stand vor der weißen Tür im dunklen Kleid die Tochter seiner Gastfreunde. »Fräulein Anna!« rief er aus. Sie trat langsam näher, ergriff seine Hand und sprach: »Ich habe allem, was Sie gesagt, genau zugehört. Sie sind sehr hoch gestiegen, Sie wollen immer noch weiter steigen. Aber Sie sind ganz allein, Sie gehen in den Schneebergen. Ich weiß, daß ich nur ein gewöhnlicher Mensch bin im Vergleich zu Ihnen, aber ich habe etwas, das Sie nicht haben und das Sie gebrauchen. Sie haben keine Liebe. Ich weiß auch genau, was Ihr Stiefvater geleistet hat, ich habe begriffen, was nun, nach seinem Tode, in seinem Auftrage durch Sie ausgeführt werden soll. Aber auch er hatte keine Liebe. Ich habe in meinem Leben, schon von Kindheit an, viele Liebe empfangen, ich habe sie nie ausgegeben. Ihnen will ich sie geben, Sie sollen sie haben, denn Sie gebrauchen sie.« Sie stand vor ihm mit geöffneten Händen und sah ihm leise errötend und mit halb offenen Lippen ins Gesicht. Er wich zurück bis ans Fenster, schlug die Hände vor das Gesicht und schwieg. Nach langer Zeit sagte er: »Sie wissen ja nicht, was das für mich bedeutet, Sie wissen das ja nicht.« »Doch, ich weiß es,« sagte sie. »Ich habe mich ja so gesehnt, Sie wissen nicht, wie furchtbar die Sehnsucht ist,« rief er. »Vielleicht kenne auch ich die Sehnsucht,« erwiderte sie errötend. Er ging auf sie zu, ergriff ihre Hände und sagte: »Haben Sie gefühlt, was ich selber nicht wußte, was ich erst jetzt weiß – wie ist das denn möglich?« Er ließ ihre Hände los, wendete sich ab und fuhr fort: »Ach, wie ist das denn möglich, wie darf ich mich an einen Menschen ketten, wie darf ich einen Menschen an mich ketten! Ich bin ja ruhelos, ich fühle es. Ich muß ja ruhelos sein. Ich weiß nicht, weshalb das so ist.« Er schob sie von sich und rief: »Gehen Sie, gehen Sie, Sie sollen glücklich werden, aber ich würde Sie verlassen.« »Was ist Glück?« fragte sie achselzuckend. »Hören Sie nicht? Ich werde Sie verlassen. Ich gehöre nicht mir, sondern irgendeiner Macht in mir, die ich selber nicht kenne, die mir befiehlt, ich weiß heute noch nicht, was sie mir morgen befiehlt. Ich weiß nur: ich muß ihr gehorchen, sonst bin ich ein gemeiner Mensch. Nüchterne Leute müssen sagen, daß das Wahnsinn ist, vielleicht ist es Wahnsinn, vielleicht ist es das Höhere, das den andern nur nicht zum Bewußtsein kommt. – Übrigens drücke ich mich immer falsch aus,« sagte er nach einer Pause. »Wo ist meine Sicherheit? Ich wußte doch so genau, was ich tun muß, nun weiß ich noch nicht einmal, was ich fühle. Habe ich denn eben gelogen? Ist das denn alles so? Oder kann ich das nur nicht ausdrücken, was in mir ist?« Er schrie laut: »Ach, ich verstehe jetzt, wie ich einen Menschen ermorden könnte.« Er kniete nieder vor ihr, hielt ihre weichen warmen Hände vor sein Gesicht, das Tränen überströmten. »Ich bin ja schwach, ich muß einen Menschen haben,« rief er, »aber nicht Sie, nicht Sie, ich würde Sie zu sehr lieben, ich muß ja die Menschen verbrauchen.« Sie küßte ihn aus die Stirn und sprach leise: »Wenn es so ist, so sollen Sie mich verbrauchen, denn ich weiß, daß ich für mich allein nichts leisten kann, so bin ich denn doch für etwas nütze, denn Sie sollen etwas leisten.« Damit ging sie aus dem Zimmer. Sechstes Kapitel In der kleinen Zelle Maurers im Untersuchungsgefängnis befand sich ein schmales eisernes Bett, ein Tisch und ein Stuhl. Auf dem Tisch lag eine Bibel, in welcher er viel las. Das Fenster war hoch an der Wand, aber wenn er auf den Stuhl trat, so konnte er ins Freie sehen. Es war Spätherbst. Der schieferblaue Himmel lastete von oben. Die Luft aber war noch klar und durchsichtig, wenn nicht gerade strömender Regen niedergoß. Entblätterte Pappeln säumten die Landstraße ein, welche sich in gerader Linie über Hügel und Senkungen hinzog bis zu dem dunkeln Gebirge in der Ferne, man sah die verschiedenen Radspuren im Straßenkot, die Felder zu beiden Seiten waren mit Wintersaat bestellt, sie waren schwarz von der Feuchtigkeit, in den trennenden Furchen blitzte zuweilen stehendes Wasser auf, und hier und da war ein leichter grüner Schein zu sehen, die jungen Keime des Korns. »Es muß bald Schnee kommen,« dachte Maurer, »sonst wintert die Saat aus.« Zuweilen einmal fuhr ein Wagen auf der Landstraße, ein Fleischer, der unter einem Netz Schweine brachte, die er auf dem Dorfe gekauft; ein Bauer, der Stroh in die Stadt fuhr, vielleicht für den Arzt, welcher Pferde hielt, die bis oben mit Schmutz bespritzte alte Kutsche des Arztes mit den beiden alten Pferden davor, die jeder in der Umgegend kannte; auch einzelne Leute gingen: Landfrauen mit Kiepen auf dem Rücken, Männer mit dem Stock und der kurzen Pfeife, zwei Mausefallenhändler, ein junger und ein alter, wahrscheinlich Vater und Sohn, ein Herr aus der Stadt, der dem Schmutz auszuweichen suchte, oft die Straße kreuzte und ratlos vor einer Pfütze stand, die er mit dem Spazierstock untersuchte. Drückender und drückender fühlte Maurer die Gefangenschaft. Drei Schritte konnte er gehen von der Tür zum Fenster, vom Fenster zur Tür, aber er konnte nicht ausschreiten, die Brust konnte sich nicht weiten, es fehlte die frische, feuchte Kälte, das Brennen der Luft auf den Händen, der Wind, die Sonne, hier war eine eisige Kälte, welche nicht erfreute, sondern matt machte, die Glieder absterben ließ. Und eine sonderbare Weichmütigkeit kam über ihn. Da war eine Fliege in der Zelle; sie flog zuweilen durch den Raum, klappte gegen das Fenster, kroch auf dem Glas oder saß auf der Fensterbank, sich mit den Vorderfüßen den Kopf putzend. Wenn er seinen Eßtopf durch die Türklappe durchgereicht bekam, sich auf den Stuhl setzte, ihn zwischen den Knien hielt und löffelte, so kam sie auf den Tisch; er ließ einen Tropfen der Suppe auf den Tisch fallen; sie flog fort, dann später aber bemerkte er, wie sie am Rande des Tropfens stand und gierig mit dem Rüssel saugte. »Du Fliege,« dachte er und wurde so gerührt über das Lebendige, daß ihm die Tränen kamen. »Ich will dir nichts tun, du sollst keine Angst haben,« sagte er laut. Sie hatte sich satt gesaugt, rückte von dem Tropfen zurück, putzte sich mit den Vorderfüßen den Kopf, mit den Hinterfüßen die Flügel, stand dann eine Weile lang unbeweglich, als ob sie über etwas nachdenke, plötzlich flog sie. Sie war nicht mehr zu sehen, wahrscheinlich saß sie irgendwo auf der grauen Wand. »Wo bist du?« rief er, »willst du mich denn allein lassen?« Er erschrak, daß er so sprach, und fragte sich: »Bin ich denn wahnsinnig?« Es fiel ihm ein, daß er die Fliege töten müsse, damit er nicht wahnsinnig werde; da kamen ihm wieder die Tränen. »Nun habe ich doch nicht mehr geweint, seit ich Kind war, weshalb weine ich denn jetzt über die Fliege?« dachte er. Und da war es ihm, als ob seine Sinne sich änderten, Gehör, Gesicht und Gefühl, als ob er plötzlich ganz stark ein ungeheures Leben um sich spürte, wie von Wesen, die wir mit Sinnen eigentlich nicht wahrnehmen können, und die er nun doch wahrnahm, die in ihn eindringen wollten; es war, als ob er selber sich weitete, seine Grenzen verlor, in die Luft aufging, alles umfaßte, dieses eiserne Bett mit dem blaugewürfelten Bezug, den groben Tisch, den hölzernen Stuhl, den Schmutzeimer in der Ecke; und ein wunderbares Glück war dieses Aufgehen, trotzdem es schmerzhaft war, denn er war ja nun nicht mehr selbst, er war der Raum und alles in dem Raum, nun stürzten die Tränen über sein borkiges Gesicht, er faltete die Hände, »das ist die Verklärung,« murmelte er. Die Schlüssel rasselten an der Tür, der Verteidiger trat ein. Plötzlich stand Maurer stramm wie ein Soldat. »Lassen Sie nur,« sagte der Verteidiger; er hatte einen Pelz an, legte seine Aktenmappe auf den Tisch; es fröstelte ihn und er fuhr fort: »Verdammt kalt haben Sie es hier. Hängt hier kein Thermometer?« Maurer verneinte. »Sie müssen sich beschweren, das geht doch nicht, Sie können sich ja hier den Tod holen in Ihrem dünnen Leinenanzug.« Maurer sagte nichts. Der Verteidiger setzte sich, knipste die Aktenmappe auf, nahm den Akt heraus und fragte: »Haben Sie mir etwas Besonderes zu sagen?« »Nein, ich habe alles gesagt,« erwiderte Maurer. »Sie wissen doch, der Verteidiger ist zum Schweigen verpflichtet über etwaige Geständnisse des Angeklagten; vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren.« Er lehnte sich hintenüber, ließ einen Arm über die Lehne hängen, mit der anderen Hand spielte er an der goldenen Uhrkette; er sah Maurer an. Maurer schüttelte den Kopf. »Na, ein Vergnügen ist mir die Verteidigung natürlich nicht,« sagte der Anwalt geärgert und blätterte in seinem Akt. Maurer faltete die Hände. »Also Sie wollen auch mir gegenüber nicht mit der Sprache heraus,« fuhr er fort. »Schließlich ist es ja einerlei, ich kann Ihnen als Verteidiger auch weiter nichts raten, als daß Sie Ihre Position beibehalten. Wenn Sie sich nicht in Widersprüche verwickeln lassen, so ist sie gar nicht schlecht.« Maurer fühlte einen heftigen Haß gegen den Mann, er dachte: »So ein Jude!« »Also es ist nichts aus Ihnen herauszukriegen,« schloß der Verteidiger, indem er sein Aktenstück wieder in die Mappe schob; »die Sache ist ja schließlich ziemlich einfach; na, Sie können überzeugt sein, daß ich meine Schuldigkeit tue.« Gegen seinen Willen nickte Maurer, der Anwalt sah ihn aufmerksam an. »Vor allen Dingen rate ich Ihnen eins! Reden Sie so wenig wie möglich, lieber zuwenig gesagt als zuviel! Alles andere lassen Sie mich machen. Leben Sie wohl.« Er erhob sich, öffnete die Klappe an der Tür und rief den Schließer; dieser kam und ließ ihn heraus. Der Schließer sagte zu Maurer: »Du hast Glück, der hat schon manchen losgekriegt.« Maurer sah ihn verständnislos an, der Schließer fuhr ärgerlich fort: »Die Herrschaft bezahlt ihn doch für dich.« »Herr Kurt?« schrie Maurer. »Wer denn sonst!« antwortete ihm der Schließer und schlug die Tür zu. Maurer rang die Hände: So gut sind die Menschen, so gut. Das ist der Sohn des Mannes, auf den er geschossen hat! So gut sind die Menschen! Und wieder wurde es ihm, daß seine Grenzen schwanden, daß sein Ich verloren war und daß er in einer unendlichen Wonne das All war, das ihn umgab – und da wachte er plötzlich auf aus der Verzückung, die Fliege summte durch das Zimmer zu dem sonnendurchleuchteten Fenster. »Wie schön ist alles, wie gut ist alles,« murmelte er. Nun kam die Gerichtssitzung. Maurer wurde in den Saal geführt zu einer Bank; der Schließer setzte sich neben ihn, vor ihm war eine bretterne Schranke, an der lehnte der Verteidiger mit dem Rücken; er hatte den Kneifer auf der Nase, hielt das Aktenstück in den Händen und las. Da war auch ein Briefumschlag in das Aktenstück eingeheftet. Hinter einem schwarzbehängten Tisch saßen die Richter in schwarzen Gewändern; in der Mitte des Tisches stand ein Kruzifix. Dann war da der Staatsanwalt. Gegenüber saßen die Geschworenen. Im Grunde des Saales murmelten Menschen, Zuhörer. Er mußte aufstehen, der Vorsitzende fragte, er antwortete. Aber gerade gegenüber dem Angeklagten war ein großes Fenster, durch welches man auf ein Dach sah. Da waren alte, dunkle Ziegel; ein einziger Ziegel war neu, wohl im Frühjahr eingesetzt. Dieser neue Ziegel zog immer wieder den Blick an. Maurer zählte die Reihen der Ziegel herunter; wenn er sich zur Seite gebeugt hätte, so hätte er auch eine Reihe quer zählen können, und wenn er dann die beiden Zahlen multipliziert hätte, so hätte er gewußt, wieviel Ziegel auf dem Dach waren, den neuen einbegriffen. Da setzte sich ein Sperling auf den Dachfirst und schülpte; man hörte den Laut bis hier in den Saal, trotzdem der Staatsanwalt sprach: – Ja, wie denn? Der Staatsanwalt sprach: »... tiefgesunkener Mensch, der schon einmal hier erschienen ist für ein Verbrechen, das uns erschaudern macht ...« Ach ja, er sprach wohl davon, wie er das Kind damals ... Ja, wie denn? Er hatte das Kind an den Beinen aus dem Bett gerissen und gegen die Wand geschlagen. Es hatte nicht geschrien. Der Schlag klang, wie wenn man ein nasses Tuch gegen die Wand klatscht. Seine Frau hatte den Mund weit aufgerissen, hatte nicht geschrien, hatte ihn nur entsetzt angestarrt. Und er, sein Entsetzen hatte er überbrüllt, er hatte geschrien: »Wo sind die anderen Bankerte, sie sollen alle hinüber.« Das Herz stand ihm still, es war, als ob die Seele sich von außen zurückzog nach innen, als er daran dachte, daß es gewesen war, als ob man ein nasses Tuch gegen die Wand klatschte. Wie denn? Sein eigenes Kind hatte er gemordet? Das hatte er ja noch gar nicht gewußt bis nun; der Staatsanwalt sagte: »neugeborene Kind«, der Sperling schülpte, dann war da der neue Ziegel. Nein, das war zu schwer alles – wenn er doch nur hätte schreien dürfen! Aber das durfte er ja nicht, er war ja vor Gericht, da saßen die Herren, er mußte sich manierlich betragen. Und seine Frau war gut gewesen, sie war eine fleißige, saubere Frau und aus einer anständigen Familie. Was sprach denn der Staatsanwalt? »... unglaubhaftes Vorgeben. Meine Herrn, derartige Widersprüche sind durchaus nicht selten bei Verbrechern. Der Mann kommt, ohne daß man Verdacht auf ihn hat, und gibt sich selber an, aber er behauptet, er habe nur einen Schuß abgegeben und dann das Gewehr fortgeworfen ...« Ja, der Staatsanwalt glaubte nicht; der Verteidiger glaubte ja auch nicht; weshalb glaubten denn die Menschen nicht? War das denn überhaupt für die anderen Menschen wichtig? Es war ihnen ja gleichgültig; nur ihm war es wichtig, nur ihm; aber weshalb? »... Zwei Möglichkeiten. Entweder Maurer lügt bewußt, oder aber er hat, was nicht selten vorkommt, in seiner Aufregung den zweiten Schuß vergessen und glaubt, die Wahrheit zu sagen ...« Wie? Den zweiten Schuß vergessen? Hatte nicht Herr Steinbeißer den zweiten Schuß abgegeben? Das hatte er doch immer gedacht? Sollte das wirklich möglich sein, daß er den zweiten Schuß vergessen hätte? »... Vorgebliche Begegnung mit dem Bruder des Ermordeten. Meine Herren, Sie haben von dem tragischen Tod Herrn Steinbeißers gehört, dem Tod im Beruf ... Soldat auf seinem Posten ... für Kaiser und Reich ...« Ja, das war ja nun richtig, nun konnte Herr Steinbeißer hier nicht mehr auftreten als Zeuge, nun war er allein und niemand glaubte ihm. Er sah sich um, aller Augen waren auf den redenden, schreienden, donnernden, handbewegenden, sich windenden Staatsanwalt gerichtet. Nur der Verteidiger vor ihm blätterte in seinen Akten, machte Kniffe und Striche. Was war denn das alles? Was wollten denn die Menschen von ihm? Er erhob sich zerstreut, um zu gehen, der Schließer zog ihn an der Jacke wieder auf den Sitz. Vielleicht hatte er ja auch den zweiten Schuß abgegeben, es war ja möglich. Aber war denn das nicht gleichgültig? Er wunderte sich jetzt, daß er zum Landrat gegangen war. Das war doch zwecklos gewesen. Waren denn das Gewissensbisse gewesen, diese Gedanken in den Jahren? Nein, das alles war doch so gleichgültig, als ob ein anderer die Tat getan hätte. Er wußte ja auch nicht, weshalb er eigentlich geschossen hatte; und dann war es doch so lange Zeit her. »... Anklage auf vorbedachten Mord. Ich würde, meine Herren, falls Sie zu einem verneinenden Resultat kommen sollten, weil Ihnen der zweite Schuß nicht genügend bewiesen zu sein scheint, Anklage auf schwere Körperverletzung ...« Da flog wirklich eine Fliege durch den Saal, ein dicker Brummer, merkwürdig, daß niemand auf die Fliege achtete! »... Körperverletzung ist verjährt.« Der Staatsanwalt setzte sich und ordnete seine Papiere. Ein Räuspern, Rücken der Stühle, leises Flüstern begann. Der Vorsitzende gebot Stille; Maurer hing mit seinen Blicken am Gesicht des Vorsitzenden; da wurde er aufgerufen, ob er etwas zu bemerken habe. Er stand auf, schwieg eine Weile, dann sagte er stotternd: »Ja, wenn die Herren nicht glauben wollen ...« Mehr sagte er nicht, er setzte sich schnell wieder. Der Vorsitzende winkte dem Verteidiger. Der Verteidiger erhob sich und begann seine Rede. »Meine Herren, sehen Sie sich den Angeklagten an, sehen Sie sich ihn genau an, Sie haben ein unglückliches Opfer herrschaftlicher Frivolität und Genußsucht vor sich, einen Mann, dessen Ehre mit Füßen getreten wurde, dessen bescheidenes Glück zerstört wurde durch einen ausschweifenden Herrn. Noch immer sind die mittelalterlichen Instinkte nicht erloschen, das Recht der ersten Nacht fordert noch immer seine schuldlosen Opfer – und in das finsterste Mittelalter in der Tat glauben wir uns zurückversetzt, wenn wir die Handlung des Angeklagten, seine Motive, ihn selber, seine ganze Umgebung betrachten. Da ist das Mädchen aus dem Volk, ehrlich, fleißig, tugendhaft, ihrem Verlobten in treuer Liebe zugetan, aber der Herr wirft das Schnupftuch, es gibt kein Widerstreben. Da ist der junge Mann, der in schwerer Arbeit auf dem Felde in der Hitze des Sommers und in der eisigen Kälte des Winters die paar Groschen zu verdienen sucht, um sich ein Heim zu gründen, in das er seine Verlobte zu führen gedenkt ...« Der Verteidiger sprach bald leise, bald laut, zuweilen langsam und zuweilen schnell; er machte viele Bewegungen mit den Händen, schmatzte mit den dicken Lippen, rückte den Kneifer zurecht, wendete sich zu Maurer um und wies auf ihn. »... Meine Herren! Der Angeklagte hat sich selbst angezeigt. Niemand hatte einen Verdacht. In mehr als neunzehn Jahren war so viel Wasser den Kohlberg hinuntergelaufen, so viel Gras auf dem Grabhügel des stillen Friedhofs von Miltenberg gewachsen, daß nur selten noch in dem Gedächtnis der Menschen die Figur des damaligen Gutsherrn auftauchte, des auf so rätselhafte, so unheimliche Weise ermordeten Gutsherrn. Still, von niemandem beachtet, von keinem beargwöhnt, lebte der Angeklagte inmitten der unermeßlichen schweigenden Wälder seiner Heimat. Was kann ihn bewogen haben zu seinem Geständnis?« Der Verteidiger machte eine Pause und blickte ringsum; er wendete sich und sah Maurer ins Gesicht. Dann nahm er wieder seine alte Stellung ein, schlug mit der rechten Hand flach auf seinen Tisch und rief donnernd den Geschworenen zu: »das Gewissen!« Maurer schneuzte sich und wischte sich die Tränen aus den Augen. Der Verteidiger hatte recht, das Gewissen war es gewesen, das ihn getrieben hatte. Aber nun mußte ihm doch irgendwie geholfen werden! Er sah sich um; da saßen die Richter, scheinbar in Gedanken versunken, mit untergeschlagenen Armen; die Geschworenen folgten mit den Augen den Bewegungen des Verteidigers; der Staatsanwalt hatte den Kopf in die Hand gestützt und kritzelte zerstreut auf einem Blatt Papier – ach, spürte denn kein Mensch etwas, daß man ihm helfen mußte! Ein furchtbares Mitleid mit sich selbst überkam ihn, aufschluchzend legte er seine Stirn auf die Bretterschranke, hielt sich die Hände vor das Gesicht. Wenn ein Huhn krank ist, so laufen die anderen Hühner zusammen und hacken auf das kranke los; aber die Menschen, wenn einer unglücklich ist, so tun sie, als sehen sie nichts, sprechen Überflüssiges und wenden sich dann von ihm ab. Da gab er sich Mühe wie er konnte und stellte sich Christus vor, wie er am Kreuze hing. Der Verteidiger redete: »... Nehmen wir einmal an, der Angeklagte habe, wie der Herr Staatsanwalt behauptet, wirklich auch den zweiten Schuß abgegeben. Meine Herren! Wissen Sie, weshalb er schoß? Denken Sie sich in seine Lage, wer von Ihnen würde anders handeln?« Die Geschworenen wurden unruhig; sie waren meistens einfache Bürger; der Verteidiger spürte sofort, daß er einen Fehler begangen hatte, und machte ihn gleich wieder gut: »Meine Herren, auf der Anklagebank sitzt ein Verbrecher, ein ungebildeter Mann, ich werde ihn nie mit einem Gebildeten vergleichen, mit einem Mann, der mit Abscheu alles von sich weist ...« Maurer kannte die Geschworenen. Da war ein Kaufmann, der den Krieg gegen Frankreich mitgemacht hatte; es hieß, daß er in einem Landhaus Geld gefunden und mitgenommen. Da saß ein Bauer, dessen erste Frau merkwürdig schnell gestorben war. Da ein Rentner, von dem es hieß, daß er auf Wucherzinsen lieh... noch zwei oder drei solche Leute waren unter den Geschworenen; »die haben sich nur nicht erwischen lassen,« dachte Maurer, »die sind schlimmer wie ich. Aber wer Geld hat, der kann tun, was er will, beim Armen kommt alles an die große Glocke.« »... Aber vergessen Sie nicht, meine Herren, der Angeklagte ist der einzige Zeuge der Tat, und er hat nur den ersten Schuß bezeugt. Sie fragen: von wem soll denn dann der zweite herrühren? Meine Herren, nur Gott ist allwissend, nur Gott kann in die Herzen der Menschen sehen ...« »Er denkt: vielleicht hat Herr Steinbeißer den zweiten Schuß abgegeben,« dachte Maurer. »... Beinahe zwei Jahrzehnte sind verflossen seit der Tat; wir können den Einzelheiten nicht mehr nachkommen. Aber wenn Sie Ihr Urteil fällen, so vergessen Sie nicht, sich zu sagen: Vielleicht ist noch ein anderer Mann im Walde gewesen, der gleichfalls ein Interesse am Mord hatte, ein Wilderer, ein Beleidigter, vielleicht auch einer, der auf Börse und Uhr des Toten rechnete...« »Er glaubt mir auch nicht, er lügt nur, daß er mir glaubt,« dachte Maurer. Der Verteidiger setzte sich, der Vorsitzende fragte Maurer, der schüttelte den Kopf; der Vorsitzende sprach zu den Geschworenen; die Geschworenen erhoben sich und gingen in ihr Zimmer. Dann war Geräusch, Sprechen, Kommen und Gehen. »Ich habe doch nicht den Herrn gemordet,« dachte Maurer. Der Schließer führte ihn hinaus und trat mit ihm in ein leeres Zimmer. Dort warteten beide eine lange Zeit; dann wurden sie gerufen, sie gingen wieder in den Sitzungssaal, alles schien wie vorher, aber eine große Aufregung unter den Zuhörern war zu spüren. Maurer blieb stehen, der Schließer stand neben ihm. Der Sprecher der Geschworenen erhob sich, die Richter erhoben sich, es wurde gesprochen, Maurer verstand, daß der Sprecher sagte: »einstimmig verneint«. Plötzlich war ein großes Geschrei bei den Zuhörern, Taschentücher winkten, der Vorsitzende schrie gegen die Zuhörer, Maurer erschrak und fragte den Schließer: »Ist denn Revolution?« »Sie haben dich freigesprochen,« antwortete der Schließer. »Was soll ich denn nun machen?« fragte ihn Maurer. Der Verteidiger kam und reichte ihm die Hand, er mußte ihm die Hand drücken. »Das ist gut abgelaufen,« sagte der Verteidiger. Maurer wollte ihm sagen: »Es ist doch die Wahrheit,« aber der Vorsitzende sprach noch etwas, dann öffnete der Schließer die Tür und schob ihn hinaus. »Du kannst doch nicht im Gefängnisanzuge gehen,« sagte er ihm und ging mit ihm über Gänge und Treppen, um ihm seine eigenen Kleidungsstücke wiederzugeben, die man ihm abgenommen, als er ins Gefängnis kam. »Damals war noch das Laub an den Bäumen,« dachte er, als er sich wieder angekleidet hatte. Dann führte ihn der Schließer zurück, die Treppe hinunter, er ging über den Hof und trat aus dem Tor. Er erschrak und prallte zurück. Da stand ein Korbwagen vor dem Tor, seine Frau saß auf dem Bock und hielt die Zügel. »Steig auf,« sagte sie zu ihm, »ich kann das Pferd nicht loslassen.« »Darf ich denn?« fragte er furchtsam. Ihr rollten die Tränen über das Gesicht; Menschen kamen aus dem Tor, er kletterte über Nabe und Radkranz zu ihr auf den Bock, sie hatte das Spritzleder zurückgeschlagen; er knöpfte es fest, das Pferd zog an; sie fuhren um das Gefängnisgebäude herum, kamen auf die Landstraße und fuhren zwischen den entblätterten Pappeln. »Ich habe die Straße übersehen können aus meinem Fenster,« sagte er. Ein starker Sturmwind hatte sich aufgemacht; die Pappeln wurden gebogen, Blätter wirbelten in der Luft, der Sturm riß an ihren Kleidern, klappte das Spritzleder um, trieb Schwanz und Mähne des Gauls zur Seite; Maurer hatte die Zügel genommen, die Mütze hatte er über die Ohren gezogen, damit sie festsaß; seine Frau hielt ihre Haube mit der Hand; der Sturm pfiff und heulte, der Kot spritzte, man konnte nicht sprechen. Seine Brust weitete sich im Sturm; es wurde ihm freier im Kopf und er dachte: »Ich hätte es nicht mehr länger ausgehalten im Gefängnis, ich bin zu sehr an die Luft gewöhnt.« Neben ihm saß die Frau, mit geröteten Wangen, die Haube haltend, unbeirrt nach vorwärts schauend. »Weshalb sieht sie denn nicht einmal nach mir zur Seite?« dachte er. Das magere Pferd schien Mühe zu haben, sich gegen den Sturm zu halten, er wollte die Peitsche ihm leise auf dem Rücken tänzeln lassen, aber selbst die dünne Peitschenschnur wurde vom Sturm abgetrieben. Bis auf die Haut ging die frische Kälte, wohlig streckte er sich. »Der Sturm wirft uns noch die Karre über den Haufen,« dachte er, »das Schindluder muss ordentlich anziehen,« und er gab dem Pferde einen leichten Schmitz; das Pferd spitzte die Ohren und setzte sich in Trab. »Wenn sich der Sturm legt, dann gibt es Schnee,« dachte er. Nun versank er auf lange Zeit in gedankenloses Träumen; die Pappeln liefen vorbei, die Pferdehufe trappten und klatschten auf den Weg; es ging bergab, und der Wagen lief schnell, bergauf, und das Pferd ging im Schritt; die Berge waren nah, die Straße stieg nun beständig, das Pferd ging langsamer; der Wald umfing sie, das Heulen des Windes in den Bäumen umgab sie, abgebrochene dürre Äste lagen auf der Landstraße und knackten unter den Rädern; Geruch verwesenden Laubes, faulender Pilze, feuchten Waldbodens flog ihnen ins Gesicht. »Wohin soll ich denn fahren?« fiel ihm plötzlich ein; vor Schreck blieb ihm das Herz stehen, es wurde ihm klar, baß er eine Weile alles vergessen. Er hielt das Pferd an, fragte seine Frau, die sich den Kopf mit dem Tuch verwickelt hatte: »Wohin?« »Zur Bergschenke,« sagte sie. Wie? Zur Bergschenke? Das Pferdchen zottelte mühselig vor ihm, die Hüftknochen hoben sich abwechselnd, es hängte den Kopf, die Ohren hingen traurig vornüber. »Ja, dann steige ich an der Ecke ab,« sagte er, »und gebe dir die Zügel wieder.« »Willst du denn nicht mit zu uns kommen?« fragte sie. Er hielt das Pferd wieder an; es scharrte mit dem einen Vorderfuß, neigte den Kopf ganz nach vorn. Nach einer langen Weile sagte er: »Das kannst du doch nicht, das bin ich doch nicht wert.« »Ich habe mich an dir versündigt,« antwortete sie und sah zur Seite. Er fuhr wieder weiter. Nach einer langen Zeit hielt er von neuem an und sprach: »Es ist ja wahr, die erste Schuld hast du gehabt, aber nachher bin ich es gewesen, ich bin ein schlechter Mensch gewesen.« »So ein kleines Kind hat man doch auch schon lieb, wenn es erst einmal geboren ist,« erwiderte sie, indem sie sich die Tränen trocknete. Er peitschte auf das Pferd, daß es hochsprang und loszog. Sie machte ihre Hand aus der Umhüllung frei und zupfte ihn am Ärmel, er verspürte es nicht; sie zupfte stärker, da sah er sie an, ließ das Pferd wieder halten; in dem Heulen des Sturmes sagte sie leise: »Ich hatte es ja nicht so gemeint.« Er konnte ihre Worte nicht verstehen, aber er verspürte, was sie gesagt hatte; er wickelte die Leinen um seine linke Hand, faßte mit der rechten Hand ihren Arm und fragte, laut den Sturm überschreiend: »Kannst du mir denn vergeben?« Sie faltete die Hände und sagte: »Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.« Er erriet, was sie gesagt hatte, nahm mit der freien Rechten seine Mütze ab, faltete seine Hände gleichfalls, so gut es ging, und sagte gleichfalls: »Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.« Die Leinen hatten sich gelockert, das Pferd zog von selber an und ging in gleichmäßigem Schritt weiter, seinem Stall zu. Er schrie der Frau in die Ohren und fragte nach den Kindern. Sie nickte, daß es ihnen gut gehe. Nun bogen sie um die Ecke, nach kurzer Zeit stand der Wagen auf der Hinterseite der Bergschenke, vor dem Stall. Margarete hatte sie erwartet, die Hand über die Augen gelegt. Der Vater kletterte vom Bock, steif durch die Kälte, sie ging auf ihn zu und küßte ihn. Martha stand da, trat vor und küßte ihn; die beiden Jüngsten kamen gelaufen und küßten ihn. Er stand stumm da. Ihm gegenüber stand seine Frau und sah vor sich nieder. Er ging auf sie zu, ergriff ihre niederhängende Hand; sie ließ ihm die Hand, er drückte sie. Margarete hatte das Pferd ausgehängt; es ging klirrend zu seiner Stalltür und stolperte über die Schwelle. Maurer ergriff die Gabel und schob den Wagen in den Schuppen, legte dann die Gabel hoch. Die Frau holte noch Pakete, die sie unter dem Sitz liegen hatte; Margarete machte sich mit dem Pferd im Stall zu schaffen; er ging zu ihr und sagte: »Laß, das ist meine Arbeit«, da war er allein mit ihr im Stall, es überwältigte ihn, er zog sie an sich und küßte sie vielmals auf Stirn und Scheitel. Sie sagte: »Du sollst es nun auch gut haben.« Er sprach nur: »Es ist meine Arbeit,« schob sie aus dem Stall, nahm dem Pferd das Geschirr ab und hängte es an, warf ihm einen Arm voll Heu vor, sah in der Haferkiste nach, fand etwas nicht in Ordnung und brummte »Weiberwirtschaft«. Dann holte ihn Martha. In der Stube war der Tisch mit einer weißen Serviette gedeckt, Kaffee stand da, Tassen, und ein Teller Mit Kuchen, den die Frau vom Bäcker in der Stadt mitgebracht. Der Vater sollte sich ins Sofa setzen, er war verlegen, die Mädchen lachten, er setzte sich, sie schoben die Mutter, daß sie sich neben ihn setzen mußte. Fragend sah Maurer sich um bei allen, zuletzt sagte Margarete: »Herr Kurt hat mir etwas erzählt, was nicht alle Leute zu wissen brauchen. Er hat uns auch gesagt, wie Frauen sein müssen.« Auf den Sturm folgte ein starker Schneefall. Bei völliger Windstille fielen die großen Flocken, es schien wunderbar, daß sie so lautlos fielen. Auf den schwarzen Ackerstreifen schmolzen sie zuerst, dann aber sogen sie nur Wasser auf, zuletzt blieb eine gleichmäßige weiße Schicht liegen, auf der Landstraße vermischte sich der Schnee durch die Spuren der Räder, Pferde und Fußgänger mit dem Schmutz, nur an wenigen kleinen Stellen hielt sich der reine Schnee. Immer weiter fielen die großen Flocken aus dem Unsichtbaren von oben, sie blieben auf den schwarzen Ästen und Zweigen der Buchen liegen, auf den abgestorbenen Blättern der Eichen, den breiten, nadelbesetzten Zweigen der Fichten. Ein merkwürdiges Schweigen war in der ganzen schleierverhängten Landschaft. Kurt ging allein im Walde, weit oberhalb der Bergschenke und des Förderschachtes, das Schnurren der Räder drang zu ihm in die Höhe. Die breiten Kufen eines Holzschlittens hatten einen schmalen doppelten Weg gebahnt; auf ihm hielt er sich. Nur das Schnurren der Räder von tief unten herauf war zu hören. Es hatte aufgehört zu schneien, die Sonne schien blitzend vom blauen Himmel auf den lockeren Schnee, die Oberfläche schmelzend und eine leichte Eiskruste bildend. Zuweilen glitt ein Schneeklumpen von einem kahlen Zweig herab und fiel still in die harrende Schneedecke, die dünne Eiskruste durchschlagend. War denn alles Leben tot? Der leise Ton der unsichtbaren Meisen im Walde war zu hören, welche in den Zweigen herumkletterten; vor Kurt flatterte plötzlich eine Goldammer auf, flog ein paar Schritte vor, setzte sich auf einen Zweig, sah neugierig nach ihm hin, flog wieder vor, wie er näherkam, und begleitete ihn lange Zeit so durch die tiefe Stille. Kurt verspürte das Jubeln des Körpers, welches der erste Schneefall hervorruft, die klare Luft, die tiefe Stille; die Bäume beugten sich unter ihrer Last. Da, bei einer Biegung des Weges, stand Martha vor ihm. Sie hatte ein Tuch um den Kopf gebunden, krause braune Haare kamen unter dem Tuch zum Vorschein, das Gesicht glühte durch den Winter, die braunen Augen leuchteten, die weißen Zähne blitzten in dem lachenden Mund. Kurt streckte ihr die Hand entgegen zum Gruß, sie barg ihre beiden Hände neckend hinter sich; er ergriff ihre Arme, sie schüttelte sich kräftig, auf der glatten Spur der Schlittenkufe glitt er aus, er griff um sich, aber er fiel in den lockeren Schnee; lachend stäubte sie mit beiden Armen Schnee auf den Liegenden, warf ihn wieder zurück, wie er sich ungeschickt erheben wollte; da glitt sie selber aus auf der Schlittenspur und fiel in den hohen stäubenden Schnee; nun schüttelte er auf sie Schnee, sie hielt die Hände vor das Gesicht, ihre Wangen glühten durch den Schnee, plötzlich besann sie sich, richtete sich auf die Knie; er bückte sich gerade, sie gab ihm wieder einen Stoß, und wie er lag, wusch sie ihm das Gesicht mit dem kalten Schnee, daß auch seine Wangen glühten. Durch den ganzen Wald schallte ihr Lachen und Rufen, Echo weckend an den grauen Säulen der Buchen und zum blitzenden Himmel aufsteigend. Plötzlich sah sie, wie er neben ihr kniete, er umarmte sie, seine glühende, nasse Wange war an ihrer Wange, er küßte sie, sie vergaß alles, umarmte ihn, ihr war, als müsse sie versinken in Lust, als sei kein Boden unter ihr, sie küßte ihn wieder. Sie erhoben sich, gingen nebeneinander im tiefen Schnee, einer den Arm um den andern geschlungen, der Schnee drang in die Schuhe und wurde fest, drang durch die Strümpfe und taute auf, ihre Kleider wurden steif von getautem und gefrorenem Schnee, sie gingen zusammen weiter nach oben, stolpernd und fallend, lachend; sie blieben stehen, sahen sich in die Augen, sagten: liebe Martha, lieber Kurt; dann lachten sie, gingen weiter, sie wußten nicht, wohin. Martha sang, Kurt fiel ein, und sie sangen zusammen. Der Weg war seit alten Zeiten hohl durch die Holzwagen, welche hier fuhren, durch das Wasser, das in den Radspuren talwärts rinnend Erde und kleine Steine fortspülte; nun kamen sie über eine felsige Stelle, wo nur die Schlittenspuren allein den Weg bezeichneten, weil er hier nicht in den Boden eingeschnitten war. Hier standen Fichten, welche nach der Seite des Weges hin ihre Zweige bis unten behalten hatten, die nun schwer bedeckt mit Schnee waren und einer über dem anderen hingen, so daß von beiden Seiten eine Wand schien; an einer Stelle war eine Lücke, wahrscheinlich hatte hier der Schnee einmal eine Fichte gebrochen; durch diese Lücke gingen sie in den Wald, der durch die Wand abgeschlossen war; bis hoch hinauf hatten die Fichten sich gereinigt, nun standen da die alten hohen Stämme, glatt und rotbraun, unter der Decke oben von zusammengewachsenen Wipfeln, die mit Schnee bedeckt waren; am Boden lag der Schnee hier flacher, sie konnten nun ohne Mühe gehen. Sie gingen im Tanzschritt und lachten, sie blieben stehen, sahen sich in die Augen und küßten sich. »Du Lieber,« sagte sie, er sagte: »Du Gute.« Dann lachten sie darüber, daß sie so sprachen. »Nun muß ich vernünftig sein,« sagte sie, dann bog sie sich zusammen und lachte; er küßte sie und sagte: »Das ist Vernunft, wenn man sich küßt!« Sie blieb stehen, warf ihre Arme um seinen Hals und rief: »Wie ist denn das, wie ist denn das, ich bin ja gar nicht mehr ich, ich bin ja nur noch, was du willst. Aber ich fürchte mich nicht, daß das so ist, das ist ja die Seligkeit.« Sie kamen an eine Dickung, junge Fichtenbäumchen, eng aneinandergeschlossen, bis unten grün, standen beieinander, auf ihnen lag in breiter Lage der Schnee, noch konnte man den nadelbedeckten Boden unten durch die dichten Zweige sehen. Plötzlich war ein Klappen, ein Rauschen, ein Reh war aufgesprungen und eilte flüchtig durch den Hochwald, gerade vor ihnen war es aufgesprungen, sie standen vor dem Lager, fühlten es noch warm, unter den dichten, schneebedeckten Zweigen auf den glatten Nadeln. Nun war alles wieder ruhig und unbewegt. Sie gingen weiter, an der Dickung entlang, in ein Tal hinab, da floß unten ein kleiner Bach, zwischen runden Steinen, die mit einer Schneehaube bedeckt waren, unter Schneebrücken, aus der Dickung hervor, eine dünne, abgebrochene Eisscheibe, durchsichtig und mit kristallinischen Linien, war am Ufer, klirrte, als Kurt sie berührte. Martha lachte über die dünne klirrende Eisscheibe. Nun gingen sie an dem eilenden, glatten Bach entlang, dem dunkelklaren Wasser zwischen den runden Schneekuppen. Der Grund des Tales war bruchig, Erlen standen da, welche die Rispen ihrer Blütenknospen an den durchsichtigen dünnen Zweigen hängen hatten. Unter dem klarblauen Himmel schwebten einige zerfaserte weiße kleine Wolken. Martha schrie leise auf, sie war durch den gefrorenen Boden getreten, Kurt lachte, nahm sie in die Arme und trug sie, sie ließ sich ruhig und still tragen, hatte die Arme um seinen Hals gelegt, ihre braunen Augen sahen ins Leere in gedankenlosem Glück. Er trug sie ein paar Schritte aufwärts, bis sie wieder den festen Waldboden unter sich hatten, die glatten Fichtenstämme um sich. Da setzte er sie auf die Erde. »Ach, wenn du mich doch immer so tragen könntest,« sagte sie, ich bin so sicher, wenn du mich trägst.« Sie saß auf einem Baumstumpf, um den Moos gewachsen war, jenes zierliche Moos, welches einen Fichtenwald im kleinen zu bilden scheint und alte Baumstümpfe bekleidet wie der Fichtenwald den Berg. Er saß zu ihren Füßen, hielt ihre Hände, die rot und warm waren von der Kälte, fest von der Arbeit und hart; er legte die Hände an seine Wangen, sie beugte ihr Gesicht zu seinem Gesicht nieder. Eine gedankenlose und willenlose Wohligkeit strömte durch sie von den Füßen bis zum Kopfe, eine süße Sehnsucht, Vergessen, Glück; sie lag in seinen Armen, er lag in ihren Armen; leise glitt das Wässerchen zwischen den Steinen, die Stimme einer Meise war zu hören, still standen die hohen Bäume über ihnen; sie weinte an seiner Brust. »Du weinst?« fragte er erschrocken. »Ich bin so selig, so selig,« schluchzte sie, »du Guter, du Lieber,« sagte sie, und ihre tränennasse Wange preßte sich an sein Gesicht. »Wir sind doch nicht schlecht, wir sind doch nicht schlecht?« fragte sie, »ich will ja auch meinen Vater lieb haben, er hat es doch schwer gehabt im Leben, und ich will nie mehr ungehorsam gegen meine Mutter sein, sie hat doch viel erdulden müssen, und ich will immer gut gegen meine Schwestern sein, und ich will gut zu unserm Pferd sein,« sagte sie. Er sah sie glücklich an, dann lachte er. Sie wurde verlegen und sprach: »Das verstehst du nicht, du denkst immer, ich bin noch ein Kind«; und indem sie sich ganz an ihn drängte und errötete und nach unten sah, fuhr sie fort: »Ich bin doch jetzt eine Frau.« Sie gingen weiter, den Berg hinauf, durch den lockern Schnee auf die glatten Nadeln tretend. Sie sahen beide vor sich nieder, auf den Weg achtend und in glücklicher Vergessenheit. Da erhob sie plötzlich den Blick, sie standen vor einem halb eingesunkenen, moosbedeckten steinernen Kreuz. Es war das Kreuz an der Stelle, wo Kurts Vater ermordet war, wo Marthas Vater auf ihn geschossen hatte. Martha erschrak vor dem plötzlich veränderten Ausdruck in Kurts Gesicht, die Tränen wollten ihr kommen, aber sie bezwang sich, sprach ihm kniend zu. »Quäle dich doch nicht, sieh, ich bin doch glücklich, ich bin doch froh durch dich. Denke nicht an deinen Vater, du bist doch ein anderer Mensch; und wenn ich alles könnte ungeschehen machen, so wollte ich es nicht, und wenn ich auf der Stelle sterben müßte für dich, so sagte ich ja. Lache doch, Lieber, lache doch. Ich bin ja nicht kindisch, ich weiß doch, daß ich dich nicht behalten kann, und wenn du mir jetzt sagst: Geh, so gehe ich. Aber glaubst du, daß ich darum traurig bin? Nein, ich bin stolz, daß du mich liebst. Und wir werden doch auch keinen Menschen betrügen; sieh, das ist doch die Schuld deines Vaters und meiner Mutter gewesen, daß sie meinen Vater betrogen haben. Das ist unrecht, das darf man nicht. Ich weiß ja auch, daß die Menschen sagen, daß ich unrecht getan habe, weil ich mich dir gegeben, aber mein Gewissen sagt, ich habe recht getan.« »Sagt dein Gewissen das?« rief er aus, dann sprach er: »Ach, du kannst nicht lügen, du bist klar wie ein reiner Bach, wenn du das sagst, so ist es die Wahrheit. Dein Gewissen sagt dir das.« Er legte sein Gesicht der Sitzenden in den Schoß, die Tränen rollten ihm aus den Augen, wie zwei Bäche flossen die Tränen, nicht tropfend, unaufhaltsam, wie aus der Tiefe des Herzens. »Mein Herz weint vor Glück,« rief er, »ich habe mich immer bezwingen müssen, du hast mich frei gemacht, nun bin ich frei; laß mich weinen vor Glück, daß ich frei bin.« Zaghaft strich sie mit ihrer Hand über sein Haupt. »Ich bin ja so ruhig«, sagte sie. »Es ist gut, daß du frei bist«, und wie sie das sagte, verstand sie, was er meinte mit dem Freisein, denn sie waren beide in einem jener Augenblicke, wo uns alles offenbar ist. Dann weinte er lange, sie schwieg lange. Endlich sagte sie: »Nun schließen sich langsam die Pforten des Himmels, aber wenigstens stehen wir noch vor den Pforten. Deshalb kann ich jetzt noch sagen, was mir später vielleicht unmöglich ist. Wenn die Menschen Unrecht nennen, was wir getan, so ist das ja richtig von ihnen. Wenn mir etwas auferlegt wird, so will ich es deshalb tragen, weil sie von sich aus richtig handeln, und will nicht murren; du darfst mich auch später in deinem Herzen vergessen, das ist nun so, aber mit dem Kopf wirst du mich nicht vergessen, nicht wahr, weil du ein guter Mensch bist.« Da hörten sie plötzlich über sich, in den Lüften, einen Laut wie den Ton einer schönen Orgel; eine kurze Weile war es still, dann war es wie ein Akkord, auf einer Orgel gegriffen, der langsam anschwoll, sich auf der Höhe hielt und dann wieder abschwoll. Sie sprangen auf und lauschten dem Ton, durch welchen alles plötzlich ein Märchen schien. Es war eine Weile still in den Lüften, dann klang es wieder, wie die ersten Töne eines Chorals. Kurt eilte nach der Richtung des Klanges, zog Martha mit sich; sie eilten, gleitend, fallend, sich aufraffend auf dem glatten Boden zwischen den rotbraunen Fichtenstämmen. Ein verlassener Tagbau lag dort aus den Zeiten des Eisensteinbergbaues. Die Wasser, welche nicht mehr von den Menschen abgeführt wurden, hatten sich in der Grube gesammelt, und so hatte sich ein fast kreisrunder kleiner See gebildet, ähnlich in seiner Form den Seen, welche sich in alten Vulkanen entwickeln. Von allen Seiten umstanden ihn hundertjährige Fichten, bis unten mit lebenden Ästen, die sich bogen unter der Last der zierlichen, nadelbesetzten Zweige und Zweig lein, die mit lockerem Schnee bedeckt waren, zwischen denen von höheren Ästen graugrüne Bärte von Flechten herabhingen; sie spiegelten sich in dem runden See, das klare Wasser gab ihr Ebenbild wieder: die hängenden Äste mit den nadelbesetzten, hängenden Zweigen, den Schnee, die Flechten; und in der Mitte spiegelte sich der klare Himmel. Vor diesem See standen die beiden. Da schwamm ein wilder Schwan, weiß, mit geblähten Flügeln, gerade gestrecktem Hals, mit grimmigem Ausdruck des Gesichtes, wie ein scharf blickender alter Jäger; vor ihm rauschte ungestüm das Wasser, hinter ihm zog eine glänzende Furche; die Spiegelbilder der Bäume verschwanden, wo er schwamm, wurden undeutlich weithin und erzitterten in den leise verflachenden Wellen. Plötzlich schrie er auf, aus seiner Kehle strömten die harmonischen, vollen Töne, die anschwollen und versanken, sich bildeten zu einem choralmäßigen Vogellied. War eine Schar Schwäne über den Wald geflogen, hatte dieser müde die Freunde verlassen, um nun hier allein auf dem kleinen, dunkel spiegelnden See zu sterben? Er war allein, kein Wesen seiner Art war in der Nähe, er ruderte auf dem einsamen See und stieß seine Töne aus, die wie eine Klage waren und wie ein Jubel. Zitternd schmiegte sich Martha an Kurt; das stolze grimmige Tier schien sie nicht zu sehen, es fühlte den Tod und nichts war in ihm wie das Gefühl des Todes. Plötzlich schoß der Schwan in den Grund. Die Wellen schlugen plätschernd ans Ufer, verebbten sich; undeutlich erst, zitternd, dann deutlich, klarer und endlich ruhig spiegelten sich die dunkeln Fichten und der runde Kreis Heller Himmel im Wasser. »Er hat sich auf dem Grund festgebissen, damit die Menschen seinen. Leichnam nicht finden,« sagte Kurt leise. Siebentes Kapitel der Landrat war einer von jenen jüngern Beamten, welche auf eine große Laufbahn rechnen. Er stammte aus einer angesehenen und früher auch wohlhabenden Familie, besaß eine Bildung, die weit über die durchschnittliche Bildung seiner Amtsgenossen hinausging; durch seine Familienbeziehungen und persönliche Tüchtigkeit kannten ihn die leitenden Persönlichkeiten auf das beste. Nun hatte er einige Jahre als Landrat in der Gegend unserer Erzählung verharren wollen, um gewisse Verhältnisse gründlicher kennen zu lernen, nämlich sinnlich und nicht durch bloßes Studieren von Akten und Büchern. Er gedachte dann später noch einige Zeit in einer reinen Gewerbegegend des Westens zu bleiben, vielleicht noch mit Hilfe einer kleinen Erbschaft, auf die er hoffen konnte, ein Jahr oder zwei auf Reisen zu verwenden und endlich eine Berufung als Vortragender Rat in einem Ministerium mit der Aussicht auf eine Ministerstellung zu erwarten, wobei er denn entweder unverheiratet bleiben oder nur eine begüterte Frau heimführen mußte. Der Gedanke an eine Ehe war bei diesen Zukunftsplänen also nur nebenbei aufgetaucht; so war die Verlobung, dann die allmähliche, und nunmehr scheinbar endgültige Fesselung an Wittenberg eigentlich nicht Folge eines bewußt leitenden Willens und keine beabsichtigte Stufe in seinem geplanten Lebensgang; sondern das war alles von selber über seinen Kopf gekommen. Es ist zu verstehen, daß unter diesen Umständen nun Bedenklichkeiten in ihm auftauchten und daß er sich überlegte, ob er nicht seine gegenwärtigen Verhältnisse als eine Fessel betrachten müsse, welche ihn hindere, Bedeutenderes zu erreichen. Während er dergestalt mancherlei bei sich erwog, das den beiden Geschwistern denn nicht unbemerkt bleiben konnte, erhielt er den Besuch eines hochgestellten Gönners angekündigt, von dem er früher manche Förderung in seiner Laufbahn schon erfahren hatte und, wenn er wollte, wohl auch noch erwarten durfte. Der Präsident, so wollen wir ihn kurz nennen, dachte mit seiner Gattin und einzigen Tochter auf der Durchreise nach dem Süden einen Tag bei ihm zu bleiben; die Ärzte hatten verlangt, daß die Tochter den Winter in Ägypten verleben solle; die Mutter wollte die Zeit über bei ihr bleiben, und der Vater hatte sich auf drei Wochen von seinen Geschäften befreit, um die Angehörigen selber angemessen unterzubringen und einen genügenden Eindruck von ihrem Leben in der Ferne zu haben. Der Landrat hatte zwar einen längeren Urlaub genommen, um in Miltenberg arbeiten zu können, aber er wohnte nach wie vor in seinem Landratsamt, indem er morgens nach Miltenberg fuhr, wo er in einer Stunde ankam, und abends in seine Amtswohnung zurückkehrte; es war auch noch eine alte Haushälterin anwesend, und so konnte er die Freunde einladen, ihren Aufenthalt bei ihm zu nehmen. Er hatte das Gefühl, daß der Besuch eine wichtige Entscheidung hervorrufen werde; so mochte er denn, als er die Ankündigung erhielt, nicht gleich zu den Geschwistern sprechen; dadurch aber kam er, weil er wegen der Vorbereitungen mehrere Male nicht ganz pünktlich in Miltenberg erschien und den Grund doch nicht sagen konnte, in eine gewisse Verlegenheit, wie denn leicht geschieht, wenn Menschen, die sehr nahe zusammen leben, aus irgendeinem Grunde sich einmal eine Kleinigkeit verheimlichen; aus dieser Verlegenheit aber entstand eine unbedeutende Gereiztheit, die ihm nicht recht zum Bewußtsein kam; besonders störte es ihn, daß er ein leichtes ironisches Lächeln in Kurts Gesicht zu sehen glaubte; so war er nahe daran, einmal ungezogen gegen seinen künftigen Schwager zu werden, und nur seine gesellschaftliche Beherrschung und auch seine Herzensgüte hielten ihn zurück. Der Präsident, welcher wohl die Lage des Landrats durchschaute und in väterlicher Gesinnung alles kennen lernen wollte, hatte ihn gebeten, die Geschwister zu einer Mahlzeit einzuladen, damit er diese neuen Freunde seines Freundes kennen lerne. Nun kam der Tag des Besuches heran; der Landrat erzählte Kurt und Angelika von allem, lud sie nach der Verabredung ein und erwartete nun seinen Besuch. Der Präsident stieg als erster aus dem Wagenabteil; er bemerkte den Blick des Landrats, der über die gebückte Haltung erschrocken war. »Scheußlich, das Älterwerden, Sie werden's auch noch spüren,« sagte er zu dem jungen Freunde, indem er ihm leicht die Hand drückte. Jetzt kam die Tochter, errötend und lachend reichte sie dem Landrat die Rechte; der Landrat zog die Hand an die Lippen und küßte sie, sie wurde verlegen und sagte: »Als ich Sie das letztem«! sah, da war ich noch ein Backfisch, ich stand im Korridor, um auf Sie zu passen, weil Sie so feine Bügelfalten in Ihrem Anzug hatten; das machte mir damals solchen Eindruck.« Unterdessen hatte auch die Mutter das Abteil verlassen, der Landrat eilte auf sie zu, sie sah ihn prüfend an und sagte: »Solche Stiefel hätten Sie früher nicht getragen, Sie müssen wieder mindestens für ein halbes Jahr nach Berlin.« Alle lachten, die Tochter sagte zu dem Landrat: »Mutter hat noch immer ihren Stiefelvogel.« »Haben wir weit zu fahren?« fragte der Präsident, das Gespräch abschneidend; der Landrat zeigte mit dem Finger auf das Dach seines Hauses, ein altes Schloßgebäude, das stattlich zwischen den entlaubten Bäumen eines schönen Parkes am Ende des Städtchens lag. Man setzte sich in den Wagen, zwei Gepäckträger brachten die Koffer und übrigen Reisesachen der Fremden. Die Damen plauderten von Berliner Bekannten: von Beförderungen, Verlobungen und ähnlichem. Der Präsident schwieg, nur einmal sagte er, den Kopf wendend: »Die Gegend ist ja ganz schön.« »Wie ist es denn mit dem Verkehr hier, lauter Landverkehr, nicht wahr?« fragte die Mutter. »Aber Mama!« warf spottend die Tochter ein; »der Oberförster, der Doktor, der Amtsrichter, der Apotheker – was denkst du denn! Oberlehrer gibt's wahrscheinlich doch auch!« Die frische Schneeluft hatte ihr Gesicht gerötet, ihre Augen blitzten mutwillig. In der Haustür wurde die Gesellschaft von der Haushälterin begrüßt, die ihr bestes Kleid angezogen hatte; die Damen sprachen liebenswürdig zu ihr, die Tochter lobte den Schnitt des Kleides; die Haushälterin sagte erfreut, die Schneiderin; welche es hergestellt, sei zwar nur eine Schneiderin in einer kleinen Stadt, aber sie verstehe ihre Sache. Dann wurden dem Besuch die Zimmer gezeigt, die Koffer wurden gebracht, die allgemeine Zusammenkunft im Saal verabredet. Der Landrat war allein im Saal und wartete auf seine Gäste, mit recht gedrückten Gefühlen; ohne daß es ihm klar wurde, wirkte der Gegensatz des Tones zu dem Ton in Miltenberg; er hatte geglaubt, daß er sich heimisch fühlen werde mit den alten Freunden, und nun fühlte er sich fremd. Der Präsident kam als erster die Treppe herunter. Er ergriff die Hand des Landrats und sprach in freundlichem, väterlichem Ton, daß er mit ihm allein reden wolle. Im Saal standen die Möbel aus dem elterlichen Hause des Landrats, kostbar und prunkvoll. Zwei große Boulleschränke beherrschten mit ihrer schweren Masse die eine Wand; ihnen gegenüber hingen die lebensgroßen Bilder der Eltern, der Vater in Hoftracht, die Mutter in großer Toilette; unter jedem Bild war ein Tischchen aus geschnitztem und vergoldetem Holz mit schöner Malachitplatte; sie waren ein Geschenk eines russischen Kaisers an einen Vorfahren, wie die Boulleschränke ein Geschenk Louis Philippes an den Großvater gewesen waren. Der große runde Tisch in der Mitte hatte eine Platte aus einem seltenen gelben Marmor, welchen der Vater selber aus Italien mitgebracht, um für die übrigen schönen Stücke seiner Einrichtung eine passende Ergänzung zu haben. Die Fenstervorhänge waren von einem schweren Seidenstoff und stimmten zu den Bezügen der vergoldeten Sitzmöbel. Der Präsident, welcher nichts Näheres über des Landrats Absichten und die Steinbeißersche Familie wußte, nahm an, daß der Landrat in eine Familie von reichen Gewerbetreibenden heiraten und sein Amt aufgeben wolle, um in ein großes Geschäft einzutreten. Er stellte seinem jungen Freunde vor, daß er durch das Vermögen seiner Verlobten doch voraussichtlich wohlhabend genug sei, um ohne den Zwang des Geldverdienens leben zu können. Es sei aber sehr notwendig, daß unabhängige Männer, welche einerseits durch Familienüberlieferung an den Staat gekettet sind, andererseits durch ihre größere wirtschaftliche Freiheit einen weiteren Blick haben können wie die durchschnittlichen Beamten, die in engen Verhältnissen engherzig werden, ihre Arbeit dem Staat widmen und nicht an die Vermehrung ihrer Reichtümer denken. Durch alle seine Lebensverhältnisse sei er für eine Laufbahn bestimmt, die er nun verlassen wolle, und wenn er nicht sehr wichtige Gründe aufführen könne, so müsse er sich doch fragen, ob er das sittliche Recht dazu habe, einen ihm von Gott angewiesenen Posten zu verlassen. Er solle außerdem bedenken, daß er große Verhältnisse aufgebe, das Leben und Wirken mit den wichtigsten und einflußreichsten Männern seiner Zeit; er könne ihm mitteilen, daß der Kaiser seine Entwicklung verfolgt habe und ihn zu gelegener Zeit hervorzuziehen gedenke; dafür tausche er denn eine Arbeit mit Geschäftsleuten, Berechnen von kleinem persönlichem Gewinn und überhaupt ein Leben in den engsten Gedanken und Wünschen ein. Hätte der Landrat diese Worte in der bürgerlichen Familienstube seiner Freunde gehört, so hätten sie sicher keinen besonderen Eindruck auf ihn gemacht; aber hier in diesem Saal, zwischen den Möbeln seiner Eltern, die so manche stolze und vornehme Gesellschaft gesehen, erschien ihm plötzlich sein gegenwärtiges Leben in einem ganz neuen Licht. Er stand mit seinem Besuch an einem der hohen Fenster des Saals; durch und über die kahlen Bäume sah er in eine weite, schneebedeckte Ebene, eine Breite von mehreren hundert Morgen, die mit Rüben bestellt gewesen war; fremde Arbeiter hatte er im Sommer in langen Reihen hier hacken sehen; dann hatte er gesehen, wie die Rüben herausgeholt, die Blätter abgeschlagen, die Rüben auf Wagen geworfen wurden, die tief einschneidend in den weichen Boden zu der Zuckerfabrik fuhren; nun arbeiteten andere fremde Arbeiter in der Zuckerfabrik, liefen halbnackt in den übermäßig heißen Sälen und Gängen zwischen den stampfenden Maschinen; das Bild des Tales mit den kleinen Häuschen auf beiden Seiten, den gehenden und kommenden Bergleuten, den gebückt in den Gärten arbeitenden Frauen war verschwunden. Eine feuchte Luft war im Saal, der übermäßig geheizte Ofen sprühte Hitze, ein Frösteln überlief ihn, und er spürte eine merkwürdige Ratlosigkeit, daß er dachte: »Wie ist das? Habe ich denn unter Kurts Herrschaft gestanden, und hat er mich ohne mein Wissen zu Dingen gezwungen, die mir fremd sind?« Da traten die Damen in den Saal; er eilte ihnen entgegen, begrüßte sie. Die Damen hatten hochgewachsene Figuren; auch die Mutter war noch schlank und erschien fast noch jugendlich. Er dachte an Angelikas kleine Gestalt und oft heftige Bewegungen; da öffnete sich auch schon wieder die Tür und das Geschwisterpaar trat ein. Der Landrat fühlte, daß Mutter und Tochter seine Freunde mit kritischem Auge betrachteten und mußte eine leichte Verlegenheit unterdrücken. Plötzlich begegnete er dem ruhigen Blick Kurts, und es war ihm, als sehe er nun wieder alles anders, richtig, so wie es gesehen werden müsse. Eine warme Liebe war plötzlich in seinem Herzen für Angelika; er wußte: jedes Wort ist wahr, das Angelika spricht, jedes Wort ist wichtig, das Kurt sagt; er fühlte beschämt, daß er sich durch eine äußere Anmut hatte blenden lassen, die eine seelische Mittelmäßigkeit verhüllte; und als er den stattlichen Präsidenten mit dem peinlich gescheitelten Haar, der nun straffen Haltung verbindlich sprechend zu dem unscheinbaren Kurt sah, dessen Blick nach innen gewendet schien, der mit jener unmerklich Grenzen setzenden Höflichkeit zuhörte, wie sie in geistiger und nicht verletzender Art nur die ganz seltenen einsamen Naturen haben, da wurde ihm klar: auch der Präsident selber, so tüchtig und achtenswert er sein mochte, war nur mittelmäßig neben Kurt. Nun dachte er an die unbehagliche Stimmung der ganzen letzten Zeit, als er seinen Freunden nichts von dem bevorstehenden Besuch mitteilen wollte, und es war ihm klar, daß doch noch nicht alle Fäden zu seinem Früheren gelöst waren, und zum ersten Male eigentlich wurde ihm bewußt, wie hoch Kurt über ihm stand, daß er nur mit Mühe ihm etwas näherkommen konnte an Wert. Er nahm sich vor: ich will nicht kleinlich sein, ich will mich mühen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, ich will Kurt als meinen Herrn verehren: vielleicht kann ich durch ehrliches Bemühen weiter kommen und höher steigen. Da fiel sein Auge auf die Malachitplatten unter den Bildern der Eltern, welche seinem Vater so wertvoll gewesen waren als Zeichen fürstlicher Gunst, er sah auf die beiden Boulleschränke, es fiel ihm der Ausspruch eines großen Staatsmannes ein, daß Fürsten, wenn sie untereinander sind, über ihre Minister zu sprechen pflegen, wie andere Leute über ihre Dienstboten; er erinnerte sich, daß er noch gestern, um wegen des Besuches eine Rücksprache zu nehmen, in dem Zimmer der Haushälterin gewesen war; auf einem Schränkchen stand bei ihr eine Uhr im Geschmack der achtziger Jahre, die sie einmal von seinem Vater geschenkt erhalten; und er dachte sich: mit demselben Stolz, wie sein Vater von den Tischen sprach als einem Geschenk des Zaren Nikolaus, wird die Haushälterin von ihrer Uhr sprechen als einem Geschenk Seiner Exzellenz. Plötzlich mußte er lächeln, plötzlich erschien ihm das liebenswürdig-verbindliche Gesicht des Präsidenten, die unbefangene Freundlichkeit der beiden Damen gegenüber Angelika komisch. Man ging im Eßzimmer zu Tisch; der Landrat führte die Präsidentin, der Präsident Angelika und Kurt die Tochter. Der Tisch war sehr schön angerichtet mit altem Porzellan, auf welchem das Familienwappen gemalt war, geschliffenem Kristall, Silber und Blumen. Die Präsidentin bewunderte laut die Anordnung und die schönen Sachen, die Tochter fragte nach dem Wappen, und ließ es sich von dem Landrat erklären; der Präsident nickte ihm freundlich zu und sagte: »Sie können ein Haus machen; das ist ein Erbteil von Ihrer schönen und geistreichen Mutter; Sie wissen doch, ich war ein alter Verehrer von ihr, aber Ihr Vater stach mich aus.« Der Landrat erzählte, daß das Geschirr seit drei Geschlechtern immer bei allen hohen Festen: Hochzeiten, Taufen, Silberhochzeiten und ähnlichem in der Familie gebraucht sei; Angelika sagte: »Wie rührend, zu denken, daß vor diesen Tellern und Schüsseln Mutter, Großmutter und Urgroßmutter an ihrem Hochzeitstage gesessen, daß die Kinder längst alte Leute wurden und gestorben sind, deren Taufe man mit ihnen gefeiert, und daß diese scheinbar toten Dinge nun immer noch den Nachkommen dienen.« Das Gefühl dieser Worte erzeugte eine leichte Befangenheit, denn Menschen, welche in der großen Welt leben, drücken ja ungern ihre Gefühle aus. So änderte der Präsident mit leichtem Ton die Unterhaltung, indem er von einem höheren Beamten sprach, dessen Name damals gerade viel in den Zeitungen genannt wurde; er sagte bedauernd, daß der Mann sich seine Laufbahn selber durch zu täppisches Vorgehen verscherzt habe, denn es verstimme natürlich nach oben nichts so sehr, als wenn der Eindruck erweckt werde, jemand habe sich die Schätzung der öffentlichen Meinung erworben. Kurt erwiderte, man werde in solchem Fall doch gewiß unterscheiden, ob bei dem Betreffenden ein unerfreuliches Einschmeicheln bei der Presse vorliege oder ob die Öffentlichkeit ihn mit Recht hervorziehe; der Präsident schien plötzlich seine Wohlgezogenheit zu vergessen, die alle Ausfälle verbietet, und sprach scharf gegen die demokratischen Strömungen der Zeit; Kurt erwiderte, daß man allerdings gegen diese demokratischen Strömungen die schärfsten Vorwürfe erheben könne, daß diese aber doch nicht den Grundsatz treffen, sondern seine noch unzulängliche Verwirklichung. Der Präsident horchte verwundert auf, Kurt vergaß die ganz anders gesinnten Menschen, und sprach, allmählich sich immer mehr begeisternd, etwa folgendes: »Im absoluten Königtum ist zum letztenmal der Versuch geglückt, die Gesellschaft zu ordnen durch eine Trennung zwischen Herrschenden und Beherrschten; als die bürgerliche Gesellschaft sich weiter entwickelte, hat sie in ihren neuen frommen und gedanklichen Gefühlen von Menschenwürde, dann auch in den Umwälzungen und Umstürzen, welche aus den neuen Anschauungen erfolgten, das absolute Königtum vernichtet; seitdem gibt es Könige im früheren Sinne gar nicht mehr; die Bedeutung der heute noch vorhandenen Fürsten ist rein verneinend, daß sie nämlich durch ihr Dasein die großen Nachteile verhüten, welche sich aus freistaatlichen Verfassungen ergeben. Der eigentliche Herrscher des Volkes, wenn man den alten Ausdruck gebrauchen will, ist heute das Beamtentum; das kann aber nur immer der Willensvollstrecker des Volkes sein; durch gewisse Vorsichtsmaßregeln, durch welche besonders in den ja am besten regierten sogenannten monarchischen Ländern ein Eindringen demagogischer Gesinnung in das Beamtentum verhütet wird, ist die Tatsache, daß es nur der Diener des Volkes ist, freilich verhüllt ...« Der Präsident räusperte sich, der Landrat blickte lächelnd auf seinen Teller und dachte, daß er ihm sagen werde, sobald er mit ihm allein wäre: »Lieber Freund, Ihr künftiger Schwager ist ja der waschechte Sozialdemokrat.« Die Präsidentin klingelte an ihr Glas, erhob sich, machte den Herren heitere Vorwürfe, daß keiner von ihnen daran denke, einen Trinkspruch auszubringen; so müsse denn sie, als Dame, reden; und nun dankte sie in anmutigen Worten dem Landrat für die gewählte Gastfreundschaft und ließ ihn hochleben. Die Gläser klangen zusammen und ein allgemeines nicht bei allen Anwesenden ungezwungenes Gespräch über das Kaufen in den Warenhäusern entspann sich. Kurt verspürte wohl, daß er leicht entgleist war, denn das Schonen harmloser Vorurteile unserer Mitmenschen wird doch mit Recht als Forderung der Höflichkeit und des Anstandes, ja, des Sittengesetzes betrachtet; als dann nach mancherlei Gesprächen und nach einigen Trinksprüchen in der allmählich wieder aufgeheiterten Gesellschaft die Tafel aufgehoben war, und einzelne sich zusammenfinden konnten, trat er zu dem Präsidenten, bot ihm die Hand, und sagte, ihn heiter anschauend: »Es tut mir leid, daß ich mich im Gespräch Ihnen gegenüber zu sehr hinreißen ließ; Sie werden mir nicht verübeln, daß ich bestimmte Ansichten habe, die vielleicht nach anderer Richtung gehen wie die Ihrigen, aber es war unrecht von mir, daß ich sie, als Ihnen fast ganz fremd, so schroff ausdrückte.« Der Präsident ergriff seine Hand und sagte lachend: »Sie haben ja ganz recht, Lieber. Wozu nimmt man denn die Schinderei auf sich, man will doch seinem Volke dienen! Wenn es das nicht wäre, so müßte ich doch ein Narr sein, wenn ich nicht auf meinem Gute lebte, wo ich selber gesund und ruhig meine Tage verbringen kann und die Frauen eine vernünftige Beschäftigung haben statt des dummen Gesellschaftstrubels.« Der Landrat gesellte sich zu ihnen. Der Präsident fuhr fort: »Die Ausdrucksweise in unseren Kreisen stammt ja noch vielfach aus früheren Zeiten, wie man doch auch in der amtlichen Sprache noch in vielen Fällen das Wort›königlich‹ gebraucht, wo man eigentlich sagen sollte ›staatlich‹, daher rührt manche falsche Vorstellung bei uns.« Der Landrat sprach: »Wir können den Gedanken noch weiter denken. Wie das absolute Königtum den Beamtenkörper geschaffen und dadurch das Königtum im alten Sinn selber überflüssig gemacht hat, so wird der Beamtenkörper eine neue Gestaltung der Nation schaffen und sich dadurch selber aufheben: wie wir, die Beamten, zur Pflicht gegen die Gesellschaft als erstem Beweggrund unseres Handelns erzogen sind, so sollen wir, die Volksgenossen, wirken, daß jeder einzelne sich als verantwortlich für das Ganze fühlt. Wenn dieses sittliche Wunschziel erreicht ist, welches ja allein die Volksherrschaft berechtigt, dann wird unsere Aufgabe gelöst sein, wie heute die Aufgabe des Fürsten gelöst ist: jeder Mensch ist dann ein König, weil jeder Mensch ein Diener des Staates ist.« Der Präsident stutzte, dann sagte er lächelnd zu dem Landrat: »Sie haben sich sehr verändert.« Die drei Damen, welche in der Zwischenzeit mochten anderes besprochen haben, traten zu den Männern, die Tochter des Präsidenten hatte Angelika unter den Arm gefaßt und sprach zu dem Vater: »Wenn ich aus Ägypten zurückkomme, dann mußt du mir erlauben, daß ich unsere Freunde in Miltenberg besuche. Ich mag keine Ballgespräche mehr hören. Was wird einem denn da erzählt? Der macht Karriere, das Quattrocento ist der Höhepunkt der Kunst, die verlobt sich und die lernt malen oder wird Gärtnerin, Schiller ist überwunden, und der hat einen guten Schneider.« Alle lachten. Die Mutter sagte: »Auf die Äußerlichkeit kommt im Leben viel an«; die Tochter erwiderte lebhaft: »Aber ich will wissen, wozu ich eigentlich lebe.« Der Präsident wendete sich zu Angelika und Kurt und sagte ihnen, soviel er aus wenigen Andeutungen des Landrats verstanden, faßten sie bereits ihr Leben so auf, wie der Landrat eben die Richtung der Entwicklung dargestellt habe. »Wenigstens unsere Arbeit möchten wir so auffassen können,« erwiderte ihm Kurt, »denn unser Leben liegt ja in Gottes Hand, wir wissen nicht, was es bedeutet.« Der Präsident wehrte mit der Hand ab und schloß das Gespräch: »Nun, mögen die Meinungen im einzelnen sein, wie sie wollen, ich sehe, daß hier gute Pläne sind, und ich will es unserem Freund nicht mehr verdenken, wenn er seine Aussichten aufgibt und bei Ihnen bleibt.« Kurt verbeugte sich leicht, mit etwas zurückhaltendem Ausdruck des Gesichtes. Die Gesellschaft ging in das Nebenzimmer, im Gehen klopfte der Präsident Kurt auf die Schulter und sagte zu ihm: »Sie sind verdammt stolz, Herr Steinbeißer.« »Ich glaube, wir leben nur in verschiedenen Welten,« erwiderte Kurt lächelnd. Der Besuch reiste ab und hinterließ den dreien den Eindruck der aufgeregten, neuigkeitsbedürftigen Welt, die suchen will, aber nicht finden. Nun waren die Freunde wieder in Miltenberg, sie saßen am Nachmittag bei der Mutter, zur Teestunde, in der Art, wie es in der letzten Zeit Steinbeißers bei ihnen Gewohnheit geworden war: die Mutter am Fenster, Angelika erzählte lächelnd von der warmen Heiterkeit des jungen Mädchens, ihrer Begeisterung und Freude, wünschend, daß sie einen feilen Plan für ihr Leben zu verfolgen imstande wäre; dann sagte der Landrat zu Kurt: »Auch ich war früher in innerer Unruhe, hatte mir wohl ein allgemeines Ziel für mein Leben ausgedacht, aber das war doch nur von außen gekommen; erst durch dich bin ich ruhig geworden. Nun könnte die eigentliche Arbeit hier durch uns geschehen, ohne dich, wir würden nur deine Einsicht und deinen Rat zuweilen gebrauchen, du aber solltest etwas tun, das eigentlich deiner Begabung entspricht, nämlich eine Art von Seelsorge unter den Menschen treiben, welche uns anvertraut sind. Alles, was wir tun, scheint mir wohl nützlich und notwendig, aber es ist doch nicht das Wichtige; das Wichtige wäre, daß die Menschen beruhigt würden. Sie suchen nach dem, das du hast und ihnen geben kannst, denn sie folgen ja dem Schneider, der sie doch nur immer tiefer in die Unruhe führen kann, trotzdem er gute Absichten hat, wie ich glaube.« Kurt schwieg lange, die Mutter nahm für ihn das Wort und sagte: »Ihr seid das Licht der Welt. Es mag eine Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzet es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter. So leuchtet denn allen denen, die im Hause sind.« Kurt ging zu seiner Mutter, küßte sie auf die Stirn und sprach: »Ich habe schon selber solche Gedanken gehabt. Als ich nach hier kam und unser Vater wollte, daß ich seine Arbeit auf mich nehme, da weigerte ich mich zuerst, weil ich dachte, ich müsse anderes tun. Nun aber unser Freund meine Stelle einnimmt, bin ich frei, und ich will mir Mühe geben in einer neuen Arbeit an den Seelen der Menschen, wennschon ich einsehe, daß sie nicht so leicht sein wird, wie ich früher dachte, denn vielleicht ist meine Art euch angemessen gewesen, die ihr schon immer waret, die ihr seid und nur einen Menschen brauchtet, der euch euer eigenes Wesen sagte, und sie genügt nicht den Geringeren, welche Hilfe ersehnen und zufrieden sind mit einem Selbstbetrug.« Angelika sah zu dem leeren Stuhle hin, auf welchem der Vater zu sitzen pflegte, und erwiderte: »Es ist doch vielleicht noch etwas anderes, wie du denkst, die Menschen sind auch wohl nicht so verschieden, wie wir meinen; und sicher geht nichts verloren in der Welt, das in redlicher Absicht geschieht.« * Kurt ging in den Wald oberhalb des Hauses; ohne es zu wissen, ging er denselben Weg, welchen damals der Stiefvater gegangen war, als er den alten Köhler traf. Der lockere Schnee lag nicht mehr auf den Bäumen, wie an dem Tage, wo er Martha getroffen; der Weg war festgetreten durch die Fußgänger, der Schnee war zusammengesunken; aber es war noch dieselbe Stille im Walde wie an dem Tage mit Martha, wie an dem Tage, da sein Vater ging. Als er auf der Höhe des Berges war, wendete sich der festgetretene Weg nach links, er folgte ihm ohne besonderes Nachdenken. So kam er in ein kleines Dorf von kaum einem Dutzend Häusern, in welchen Waldarbeiter wohnten, ein Förster, und jener alte Köhler mit seiner Familie. Seit Monaten schon hatte der Köhler den Wald verlassen müssen und wohnte nun in seinem Hause; aber die Gewohnheit des Lebens in der freien Luft ließ ihn nicht viel in der Stube sitzen; in Hemdsärmeln ging der hochgewachsene alte Mann zwischen Haus und Stall herum, im Schuppen, auf dem Hof, immer mit irgendeiner Arbeit beschäftigt, am Haus, am Arbeitszeug oder an den Vorräten. So stand er denn eben jetzt in der Tür des Kuhstalls, aus dessen Halbdunkel das behagliche Kettenklirren der Kühe erscholl; die Hand über die Augen gelegt, sah er über die hügelige Dorfstraße Kurt herankommen: er ging ihm entgegen, reichte ihm die Hand und begrüßte ihn. Er führte ihn durch die Vordertür ins Haus; im Flur hinten huschte flüchtig die Enkelin durch, welche zu Ehren des Gastes eine neue Schürze vorbinden wollte; die Tür zu der guten Stube wurde geöffnet; alte Möbel aus schön poliertem Eschenholz mit schwarzen Einlagen standen da; ein behagliches Sofa mit einem viereckigen Tisch davor, ein Schreibpult, eine Kommode, Stühle, die hohe Standuhr mit ruhigem Tacken des Pendels war in der Ecke; über dem Sofa hing in blankem Rahmen ein farbiger Stich, den Aufbruch zur Jagd darstellend; Kästen mit ausgestopften Vögeln waren an den übrigen Wänden verteilt. Kurt mußte auf dem Sofa sitzen, der alte Köhler zeigte ihm mit Freude die schöne, saubergehaltene, Einrichtung und erzählte, wie er sie gekauft vor mehr als zwei Menschenaltern, damals war ein alter unverheirateter Landrat gewesen, der seine Freude gehabt hatte an allerhand schönen Sachen; wie er gestorben war, ließen die Erben den ganzen Nachlaß versteigern, und da hatte der alte Mann, welcher sich eben verheiraten wollte, die Möbel gekauft. »Sie sind immer geschont,« sagte er, »es hat sich nie einer im Arbeitsanzug auf das Sofa gesetzt, deshalb sieht auch alles noch so aus wie neu. Meine selige Frau hatte auch ihre Freude an diesen Sachen. Am Sonntag nachmittag, in den Monaten, wo ich zu Hause war, haben wir immer hier zusammen auf dem Sofa gesessen, und ich habe ihr aus der Bibel vorgelesen. Wie dann die Kinder groß wurden, haben sie zuhören dürfen, sechs Kinder haben wir gehabt, auf jedem Stuhl hat ein Kind gesessen, aber keines hat mit den Beinen baumeln dürfen, denn das Wort Gottes sollen wir mit Ehrfurcht anhören, und es hätten auch Schrammen in die Stuhlbeine kommen können. Heute werden keine guten Möbel mehr gearbeitet, das ist alles Fabrikware jetzt, da hat keiner mehr Achtung vor seinen Sachen.« Dann deckte er das weiß und rot gewirkte Tischtuch ab und zeigte Kurt die schöne und leuchtende Maserung der Platte. »Früher hat der Tischler das Furnier selber geschnitten,« fuhr er fort, »da ließ er seinen Stamm jahrelang auf dem Boden liegen, ehe er ihn verarbeitete, da hatte man auch die starken Furniere. Aber heute wird das alles mit der Maschine gemacht, und wenn am Morgen noch der Vogel von einem Baum gepfiffen hat, so ist am Abend schon der Tisch fertig und wird auf Abzahlung gekauft, und wenn das erste Kind kommt, so hat sich das Furnier schon abgezogen.« Die Enkelin rief vor der Tür »Großvater!«; der alte Köhler stand auf und öffnete die Tür; da trat die Frau mit einem großen Schankbrett herein, auf dem stand eine hohe Kanne mit Schokolade, zwei Tassen, und eine Schale mit Zwiebäcken. »Das habe ich alles im Hause, wenn ein Besuch kommt,« sagte der Köhler, indessen die Frau die Tassen aufstellte und eingoß. »Trinken Sie denn nicht mit uns?« fragte sie Kurt; »das schickt sich doch nicht,« erwiderte errötend die Frau. »Alles, was recht ist,« sagte der Alte »aber die Frau hat genug in der Küche zu tun.« Der Mann der Enkelin, bei welcher der Alte wohnte, hatte ein Fuhrwesen von drei Gespannen und besorgte mit zwei Knechten allerhand Fuhren, wie sie in der Waldwirtschaft vorkommen; so war er denn auch jetzt nicht zu Hause, denn an manchen Stellen an den Bergen muß das Holz bei Schnee abgefahren werden. »Das hätte ich nicht gedacht, daß meine Enkelin noch einmal einen Fuhrherrn heiratet,« sagte der Köhler; »von alten Zeiten her ist immer eine Feindschaft zwischen den Köhlern und den Fuhrleuten gewesen, weil nämlich die Köhler früher, wie das Kohlen noch im Schwünge war, selber Fuhrwerk gehabt haben, und die Fuhrleute haben immer gesagt, das ist gegen die Gesetze, jedes Gewerbe will sein Brot haben.« Die Frau lachte, ihre schönen weißen Zähne blitzten in dem freundlichen, braunen Gesicht, und sie sagte: »Ja, wenn wir den Großvater ließen, der kaufte sich gleich ein leichtes Pferd und setzte sich noch auf den Kohlenkarren, in seinen alten Tagen.« »Nein, nein, dafür sind die Knochen schon zu steif,« wehrte der Alte ab, »das gibt die Natur nicht mehr her. Der Mensch muß auch vernünftig sein, und muß seinem Körper nicht zu viel zumuten.« Damit goß er Kurt die Tasse wieder voll aus der großen Kanne; das Kind schrie, schnell lief die Frau nach dem Kind und ließ die beiden allein. Kurt fragte den Köhler noch allerhand aus seinem Leben und seiner jetzigen Einrichtung. Der sah ihn schlau an und erwiderte: »Der Mensch soll sich nicht eher ausziehen, als bis er sich zu Bette legt. Meine Kinder habe ich alle ihr Handwerk lernen lassen, sie sind durch die Welt gekommen, und kommen noch weiter durch die Welt; die Enkel haben auch ihr Brot, das Kapital ist hier«; dabei klopfte er auf die Hosen, da wo man die Geldtasche zu tragen pflegt, »und das behalte ich, bis ich sterbe. Weniger wird es nicht, es wird mehr, und wenn ich tot bin, so kriegt jeder, was ihm zukommt. Das Geld wird geteilt, und das andere wird versteigert; wer etwas davon haben will, der kann es sich auf der Versteigerung kaufen. Meine Kinder sind gut, die Enkel auch, ich will ja nichts gegen sie sagen, aber wie oft habe ich erlebt, daß die Alten übel behandelt werden, wenn sie alles weggegeben haben. Es ist schon manche Schlechtigkeit geschehen um das liebe Geld, geschieht noch alle Tage; und heute erst recht, wo keiner weiß, wer Koch und wer Kellner ist, wo keiner mehr gehorchen will und keiner mehr befehlen kann, weil die Menschen alle gleich sein wollen.« Kurt senkte den Kopf, der Alte merkte, daß seine Rede, die nicht ganz ohne Absicht war, auf ihn Eindruck machte. Er fuhr fort: »Alte und Junge sind nun einmal nebeneinander in der Welt, und die Alten haben mehr Verstand wie die Jungen, deshalb sollen sie auch von den Jungen geehrt werden. Aber das verstehen die Leute nicht, und wenn die Alten nicht selber aufpassen, daß sie das Heft in der Hand behalten, so fallen sie in Verachtung. Und nun nehmen Sie es mir nicht übel, Herr, daß ich es so dumm heraussage, aber Reiche und Arme sind auch in der Welt und sind auch nebeneinander, und der Arme soll auch den Reichen ehren, denn der Reiche muß den Armen leiten; aber wenn der Reiche nicht aufpaßt, so geht es ihm wie dem Alten, der sein Brot den Kindern gibt und für sich selber leidet Not, den schlägt man mit dem Schlägel tot.« »Dennoch steht geschrieben –« begann Kurt. »Herr, ich weiß, was in unserm heiligen Evangelium geschrieben steht,« sagte der Alte und richtete sich in seiner Größe auf, »daß wir sollen den Mantel lassen und sollen zwei Meilen gehen.« Hier schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch, dann fuhr er fort: »Dieses alles habe ich von meinen Vorfahren geerbt, die es mit ihrem sauern Schweiß erworben haben, und bis zu meinem fünfzigsten Jahre habe ich meinem Vater als Knecht gedient; darum, was nicht durch meiner Vorfahren Arbeit erworben ist, das ist erworben durch meine Arbeit. Manche Nacht bin ich im Wald herumgelaufen im Sturm von Meiler zu Meiler, ich habe nicht viel in Federbetten geschlafen. Eine Sünde ist es, was Sie tun, Herr. Sie wollen die Welt anders einrichten, wie sie ist, aber Gott hat die Welt eingerichtet, und Gott läßt seiner nicht spotten. Der Stein wird auf Ihr Haupt fallen, den Sie in die Luft werfen.« Die Tür öffnete sich, die Enkelin trat ein mit dem Kind auf dem Arm, sie sagte: »Was ist dir denn, Großvater, man hört dich ja in der Küche!« Das Kind begann zu schreien und versteckte sein Köpfchen, die Mutter beugte sich über und begütigte das Kind. »Du erbst nicht mehr, wie die andern,« rief ihr der Großvater zu; das Kind schrie laut, die Mutter sagte: »Schrei doch nicht so, das Kind erschrickt ja, und was soll denn der Herr von uns denken! Wir haben noch vor keinem die Hand hohl gemacht, vor dir auch nicht, Großvater. Aber du bist wunderlich und traust keinem Menschen. Du sollst dich vor dem Herrn schämen, daß du so schreist. Glaubst du, das ist um die paar Groschen Kostgeld, die du uns bezahlst, daß wir dich bei uns haben? Mein Mann sagt immer: Habe Geduld mit ihm, er ist wunderlich, aber er meint es nicht so schlimm; du bist doch von seinem Stamm, und wenn wir einmal so alt werden, dann werden wir auch wunderlich.« Hier kamen ihr die Tränen, sie nahm mit der freien Hand den Schürzenzipfel und wischte sich die Augen. Der Alte zog eine Geldtasche vor, kramte darin, gab ihr ein Geldstück und sagte: »Das ist ein Pfennig, stecke ihn dem Jungen in die Sparbüchse.« Das Gesicht der Frau erheiterte sich, noch glänzten die Tränenspuren auf ihren Wangen, und sie lächelte schon, als sie zu dem Kinde sprach: »Sage danke schön, Urgroßvater, danke schön.« Dann wendete sie sich zu dem Alten und sagte zu ihm: »Ich habe es ja auch nicht böse gemeint, aber manchmal muß man dir grob kommen, sonst kann man es mit dir nicht aushalten.« Kurt ging zurück auf dem Wege, den er gekommen; der festgetretene Schnee des Weges war hier und da gebräunt, an einigen Stellen vereist; die Spuren der Nägelschuhe waren oft deutlich zu sehen. »Ein Mensch mit genagelten Schuhen geht doch anders wie wir,« dachte Kurt. Alles war richtig, was der Köhler gesagt hatte, und doch war es falsch. Eine heiße Sehnsucht nach Martha überkam ihn, ein Gefühl der Wärme stieg aus seinem Herzen auf, und er dachte an ihre freundlichen braunen Augen, ihr gutes Gesicht, ihre Stimme, welche so beruhigend wirkte. Nun saß er in der Gaststube auf seinem gewohnten Platz am Fenster, Martha schneiderte am Tisch an einer Jacke; sie hatte das aus Zeitungspapier ausgeschnittene Muster mit weiten Stichen auf den Stoff geheftet und schnitt nun mit einer großen Schere, auf der Tischplatte gleitend, die Stücke aus dem Stoff aus, sie bewegte sich rasch und entschieden, es war kein Zögern und Bedenken in ihr. »Nein, ich gebe das Kind nicht her,« sagte sie, »wenn es geschehen sollte, was du denkst. Deinen Namen nenne ich nicht, eher will ich sterben; sollen vielleicht die Mädchen sagen: da sieht man, was sie für eine ist, daß der sie nicht heiratet, das hat sie doch gewußt! Aber ich will alles andere tragen und das Kind bei mir behalten.« Sie trocknete sich eine unerwartete Träne. »Gut, wenn es ein Sohn ist, so wäre ich ja eine Rabenmutter, wenn ich seinem Glück im Wege stehen wollte. Du sollst ihn haben, wenn er so alt ist, daß er auf die Schule kommen muß; aber früher lasse ich ihn nicht von mir. Vielleicht wird er sich dann seiner Mutter schämen, wenn er studiert und groß ist, aber wenn er nach dir schlägt, so schämt er sich meiner vielleicht auch nicht.« Sie hatte ihre Zuschneiderei beendet; nun legte sie die Stücke auf die eine Ecke des Tisches, wickelte die größeren Flicken zusammen und tat sie in ein Körbchen, setzte sich dann auf den Stuhl, um die Stiche aufzutrennen und auszuziehen, durch welche das Papiermuster auf den Stoff geheftet war; dann wickelte sie auch das Papiermuster zusammen, umwand es mit einem Fädchen und legte es in den Korb. »Ich muß dir noch etwas sagen,« begann sie plötzlich. »Du weißt, der Metzger wollte gern meine Schwester zur Frau haben, aber meine Schwester hat keinen Willen zur Ehe. Nun meint sie« – sie wischte sich wieder leicht über die Augen – »er wäre ein Mann für mich. Sie hat mich erst gefragt, was ich meine, ehe sie mit ihm spricht, und ich muß es dir doch sagen.« Kurt erhob sich rasch von seinem Stuhl. »Mache mich nicht schwach,« sagte sie zu ihm, »wir müssen da unsern Verstand fragen.« »Du hast recht,« erwiderte er und setzte sich, indem er sich bezwang, »sprich, was du dir gedacht hast.« »Dich habe ich lieb, und seinen Menschen sonst,« sagte Martha; »und der Metzger ist ein braver Mann, ich will ihn nicht betrügen, er soll alles wissen. Aber wenn er dann will, so meine ich, hätte das Kind doch einen ehrlichen Namen. An mich will ich ja gar nicht denken, aber es wäre doch für mich auch besser, wenn das Gerede nicht wäre. Und einen Widerwillen habe ich ja nicht gegen ihn, er ist ein junger, gesunder Mann, und er ist gut.« Kurt sagte: »Ich muß mich vor dir schämen.« Sie antwortete: »Das ist nur, weil du nicht weißt, was du mir gegeben hast, und weil du zu hoch einschätzest, was ich dir gegeben habe.« Sie ließ ihre Arbeit auf dem Tisch, setzte sich auf den Schemel zu seinen Füßen, legte die Arme auf seine Knie und fuhr fort: »Sieh, ich weiß ja wohl, daß ich mehr nachgedacht habe wie andere Mädchen und habe nicht so in den Tag hineingelebt. Aber das hätte mir ja alles nichts genützt. Ich weiß gar nicht, was du mir eigentlich gesagt hast, vielleicht hast du mir gar nichts gesagt; aber durch dich habe ich erst einen Grund bekommen. Glaube nicht, daß ich eine unglückliche Frau werde, wenn ich den Metzger heirate; wenn das so wäre, dann wollte ich es nicht tun, denn wenn eine Frau unglücklich ist, so macht sie den Mann auch unglücklich, und das ist ein Unrecht. Unsere Liebe ist der Festtag in meinem Leben gewesen, ich freue mich, daß der Festtag gewesen ist, und will gern meine Wochentage durcharbeiten. Deshalb kannst du mir das glauben, meine Liebe zu dir hätte ich doch zu keinem andern Mann haben können; und deshalb werde ich jetzt vielleicht dem Metzger eine bessere Frau, wie ich ohne dich geworden wäre.« Er beugte sich über sie und küßte sie auf die Stirn. Sie schloß die Augen, und eine tiefe Seligkeit war in ihrem Gesicht. Als sie die Augen wieder öffnete, sahen sie schwarz aus, so sehr hatte sich die Pupille vergrößert. Dann stand sie auf und sagte: »Ich weiß, daß du jetzt in bittern Zweifeln herumgehst. Aber du hast mir einmal selber gesagt: alle Menschen sind gleich in ihrem Innersten, du hast mir auch einmal gesagt, daß ich nicht anders empfinde und spreche, als wenn ich hochgeboren wäre, und ich weiß, daß das richtig ist. Aber du mußt nicht vergessen, wie du tust, daß über den Seelen der Menschen Schutthaufen liegen, und diese Schutthaufen sind bei den Vornehmen anderer Art wie bei den Niedrigen.« »Du hast wohl recht,« sagte er. »Die Niedrigen hängen mehr am Geld und sind argwöhnischer wie die Vornehmen, dafür sind die Vornehmen dümmer wie die Niedrigen und mehr zur Albernheit geneigt. Das Schlimmste aber unter diesem allem ist der Argwohn, der dadurch entsteht, daß die Niedrigen wohl mehr lügen wie die andern und deshalb denen leicht Lügen zutrauen. Aber ich will versuchen, und will tun, was ich kann. Es wird nicht leicht sein, mit dem Schneider zu kämpfen.« Er stand auf, reichte Martha die Hand, sagte Lebewohl und ging aus dem Zimmer. Martha stand eine kurze Weile, sah auf die geschlossene Tür und sagte leise: »Er sah sich nicht noch einmal an der Tür um nach mir, sein Schritt zauderte nicht einen Augenblick. Ach, wenn er einen Menschen lieben könnte, das wäre ja ein zu großes Glück!« Achtes Kapitel Tauwind war gekommen und warmer Regen, der lockere Schnee war fortgeleckt, und nur im Walde lag noch eine zusammengesunkene Decke, mit dunklen Löchern, aus denen die Bäume aufragten, oder kleine Erhöhungen nassen Laubes, glatte Felsenköpfe und moosbewachsene Baumstümpfe hervorsahen. Auf der graubraunen Wiese unterhalb des Waldes quoll das Wasser, lief aus Mäuselöchern klar hervor, kam dunkel in die Höhe aus Quellen, glitt eilig in kleine Rinnsel, die zum Bache hinflossen, der spritzend, sein Ufer übersteigend, zum Fluß hinablief. In der Bergschenke war am Schornstein das Dach undicht geworden und das Schmelzwasser war auf den Boden gelaufen. Maurer saß auf dem Dachfirst oben und erneuerte zwei gesprungene Firstziegel, auf dem Schornstein stand die Kalkbütte, er hatte mit der Kelle das Lager verschmiert und dann die Ziegel eingepaßt; nun wollte er mit der Bütte die Dachfahrt wieder hinuntersteigen, und warf noch, fast unbewußt, einen Blick von oben in das Tal. Da spannten sich die Seile des Förderschachtes und eine Tonne glitt talwärts; winzig klein sahen die Leute vor dem Bahnhof aus, der Stationsbeamte mit der roten Mütze, der Papiere in der Hand trug, und zwei Arbeiter, welche einen Wagen schoben; die Schornsteine des Herrenhauses rauchten. Er wendete sich um und sah über die vielen zerstreuten kleinen Häuser in den Gärten hin; auch hier rauchten die Schornsteine, die Bäume waren schwarz und entlaubt, die Erde war schwarz zwischen den Zäunen, nur hier und da schienen einige grüne Flecke, wohl Braunkohl. In einem Hause blitzten die Fenster durch einen Sonnenstrahl plötzlich auf und erloschen gleich wieder. Im Grunde lag der Fluß wie ein hingeworfenes Band, daneben lief gerade die graue Landstraße. Maurer dachte daran, wie er schon als Knabe auf dieser Landstraße zum Gutshof gegangen war, wie die jungen Herren einmal zusammen auf der Freitreppe gestanden hatten; nun war er ein alter Mann und die beiden waren tot, bald mußte auch er sterben – wozu war das nun alles gewesen? Es war ja doch gleich, ob es nun so oder so war. Er hätte ja doch ein ruhiges Leben haben können, wenn er gewollt hätte, dann lebten auch die beiden noch. Zuletzt rührte alles nur daher, daß er auf Hetzer gehört hatte; die freuen sich, wenn man ihnen den Willen tut. und dann lassen sie einem allein. Als er den Kalkkübel vom Schornstein gerückt und um rücklings abzusteigen auf den Kopf genommen hatte, schien die Leiter ins Gleiten zu geraten; im ersten Schreck beugte er sich nach vorn, um in die Ziegel zu greifen, der Kalkkübel fiel ihm vom Kopf über die Arme, seine Beine verloren den Halt, er glitt das Dach hinunter, als er noch einmal nach der Leiter greifen wollte, schlug ihm der schwere Kübel auf die Hand; im Gleiten hakte sich sein Beinkleid unten an einem Trageisen fest, aber die Wucht war schon zu groß, als daß ihn das aufhalten konnte; so überschlug er sich in der Luft, das Beinkleid riß, und er fiel mit dem Kopf nach unten auf den gepflasterten Hof. Die Frau und die Tochter kleideten den Bewußtlosen aus, brachten ihn ins Bett in die Kammer, die neben der guten Gaststube lag, der Arzt wurde geholt, der Kopf verbunden; tagelang war der Kranke besinnungslos, dann kam eine Art Fieber mit Irrereden, zuletzt lag er ruhig und geduldig, mit freundlichem Lächeln, aber Gespräche führend, die sonst nicht seiner Art waren. Er wußte, daß er bald sterben würde. »Mein ganzes Leben bin ich im Dunkeln gewesen, wie der junge Vogel im Ei,« sagte er; »nun ist mir, als ob der junge Vogel mit dem Schnabel an der Schale pickt. Wie merkwürdig muß das sein, wenn er mit einem Male das Licht sieht, das Nest und die Geschwister, die Alten, die Zweige der Bäume und den Himmel über den Bäumen. Davon hat er doch vorher gar nichts wissen können; und doch hat er im Ei gedacht: Dies ist nun das Leben; und weshalb er gegen die Schale pickte, das wußte er nicht, es war ihm nur so, daß er picken mußte.« Er hatte am liebsten Martha bei sich, weil sie heiter war, sang und lachte. »Weshalb sollt ihr denn traurig sein,« sagte er. »Ihr seid immer ohne mich fertig geworden, so werde ich euch auch nicht fehlen, wenn ich nicht mehr bin; und es ist doch immer ganz gut, wenn es so kommt, als wenn ihr mich als unnützen Esser im Hause hättet.« Martha faltete und kniffte aus Blättern von alten Schreibheften der jüngeren Schwestern Vögel, die sie vor ihm auf das Deckbett stellte, große und kleine; sie lachte, wie sie da in der Reihe standen, der Vater nahm sie vorsichtig zwischen seine dicken, verarbeiteten Finger und lachte. Jedem Papiervogel gab sie einen Namen: dieser hieß der Große, jener der Vorhahn, andere Naseweis, Würmersucher, Körnerdieb, Ohneschwanz. Sie hatte mit ihrem Vater allerhand Geheimnisse, welche die Papiervögel betrafen: da war einer, der pickte immer die Eier der andern auf und trank sie leer, ein anderer wußte eine Stelle, wo es Kalk gab, und sagte sie den anderen nicht; der konnte keine Regenwürmer vertragen, es wurde ihm übel, wenn er sie nur sah, und jener fraß am liebsten Maikäfer, aber das Männchen durfte es nicht wissen, weil die Eier von den Maikäfern ranzig werden; aber sie sagte sich: was macht das! Meine Jungen sind doch die schönsten. Dem Vater wurde es schwer, die Vögel auseinanderzuhalten, aber zuletzt kannte er sie doch alle einzeln, und erdachte sich nun auch Geschichten: von einer Gans, die ihre dreizehn Pfund wog, von einem Huhn, das geschlachtet werden mußte, weil es etwas Ungesundes gefressen hatte, von einem anderen Huhn, das seine Eier immer verlegte, und ähnliches, das mehr wirtschaftlich empfunden war. Einmal legte Martha ihr rotbräunliches Gesicht auf das Kissen neben die eingefallenen Wangen ihres Vaters, die mit langen weißen Stoppeln bedeckt waren, und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich habe Herrn Kurt lieb, und er hat mich lieb.« Der Vater wendete sein Gesicht zur Wand und schwieg lange, sie saß auf dem Stuhl neben dem Bett, betreten und sich ängstigend, daß sie ihr Geheimnis verraten. Endlich drehte der Vater sein Gesicht wieder um, er faßte ihre Hand, hielt sie in seiner, und sagte für sich hin: »Es geht, wie es geht; du bist ein gutes Kind; was können wir denn tun! Es kommt über uns!« Ihr stiegen die Tränen in die Augen, sie sagte: »Er ist so gut!« »Ja, er ist gut,« antwortete er; »er ist anders wie sein Vater, der war nicht gut.« Er streichelte ihre Hand, die er gefaßt hatte, und sagte: »Ja, du bist ja nun jung. Die Sorgen kommen noch. Herr Kurt wird dich nicht im Stich lassen, er ist gut. Aber die Sorgen kommen doch, ehe man es denkt, sind sie da. Und sie nützen einem nichts, es wird doch alles anders, wie man es sich gedacht hat.« Unter Tränen lachte Martha plötzlich auf, die Vögel lagen auf der Bettdecke übereinander, nur einer stand breitbeinig aufrecht. »Das ist der Vorhahn,« rief sie, »der ist Sperling und hat alle anderen weggebissen; jetzt denkt er, er ist der Erste in der Welt.« Nun machte sie an ihr Taschentuch einen Knoten, steckte die Hand hinein, ging damit auf den Papiervogel zu und rief: »Wau, wau, das ist der Spitz, der kann die Sperlinge nicht leiden; nun fliegt Vorhahn fort, setzt sich auf die Stalltür und denkt: Ich habe mich geirrt, der Erste in der Welt ist doch der Spitz. Aber weil er nun sicher sitzt, denkt er: ich lasse mir das nicht gefallen, und schimpft Schülp, Schülp. Dem Spitz ist aber das Schimpfen ganz gleichgültig, er schnüffelt herum, wo der Vorhahn gesessen hat, so« – sie machte es mit dem Taschentuch – »und dann geht er ruhig fort, legt sich in die Sonne, niest und legt den Kopf auf die Pfoten.« Der Vater lachte und erzählte: »Ich habe einmal gesehen, wie ein Spitz einen Sperling erwischt hat. Ein Spitz ist ein schlaues Tier, der ist klüger wie mancher Mensch. Der Spitz ist der beste Wachhund. Der geht nicht vom Grundstück, und jeden Tag macht er zweimal die Runde. Wenn du einmal einen Wachhund haben willst, so schaffe dir nur einen Spitz an.« Sie sahen sich ins Gesicht; Martha mußte lachen, der Vater lachte mit, dann sagte er »Ja du bist ein gutes Kind, Herr Kurt ist ja auch gut, er wird dich nicht verlassen. Ich kann ja da nichts tun. Aber Geld ist da bei den Herrschaften, darauf kommt es nicht an.« Der Vater fragte wohl: »Wenn wir den Pastor einmal holen ließen?« Martha antwortete verlegen: »Wir kommen so selten in die Kirche, am Sonntag ist ja doch immer am meisten bei uns zu tun.« Er sagte:»Ja, du hast recht, er kann auch weiter nichts sagen. Man denkt nur zuweilen, es müßte noch gut sein, wenn man einmal etwas anderes hörte. Aber das gibt es wohl gar nicht, das ist wohl nur so eine Sehnsucht. Denn wie soll das denn sein, wenn wir tot sind, so sind wir doch tot, und wenn gesagt wird: wir sollen uns wiedersehen; unsere Augen verwesen doch; und wenn die Seelen gemeint sind, die kennen wir doch gar nicht, wie sollen wir uns denn da wiedererkennen?« Kurt besuchte den Kranken. Er saß auf dem Stuhl neben dem Kopfende des Bettes, auf dem Martha sonst zu sitzen pflegte, die papiernen Vögelchen hatte Martha schnell unter der Decke versteckt. Margarete saß auf dem anderen Stuhl an der Tür, Martha stand am Fußende des Bettes. Der Kranke sah Martha an und sprach dann leise, zu ihr und nicht zu Kurt: »Was soll nun mit Martha werden? Ich möchte doch gern ruhig sterben.« Martha wurde über und über rot, dann sagte sie: »Ich habe gefühlt, daß er mich brauchte. Ich will nichts von ihm, denn das wußte ich ja doch, daß er mich nicht heiraten kann. Ich bin doch kein Kind mehr. Er kann überhaupt nicht heiraten, er muß allein sein, das würde ich auch der anderen sagen, die ihn lieb hat. Aber helfen wird er mir schon, wenn ich eine Hilfe brauche, das weiß ich, auch ohne daß er es verspricht. Er wird mich nicht verlassen.« Damit ging sie weinend aus dem Zimmer. Es klopfte an die Tür und der Metzger trat ein; er hielt die Mütze in der Hand, grüßte mit leichter Verlegenheit zu Kurt hin, trat zu dem Kranken, dann wendete er sich zu Margarete und sagte: »Ich habe mir nun alles überlegt, Fräulein, und ich denke, wenn Fräulein Martha will, so soll es an mir nicht liegen. Und über das andere will ich fortsehen, denn ich weiß ja wohl, wie das ist, wenn so ein vornehmer Herr ein Mädchen gern hat, was nutzt denn da der Verstand, da kann sie sich eben nicht wehren; da sind die seinen Stiefel, und die Brille, und das andere alles. Und das ist doch das einzige, sonst ist ja nichts gegen das Mädchen zu sagen. Und das will ich auch versprechen, daß ich gut zu ihr sein will, ich weiß ja doch, daß sie fleißig, ordentlich und reinlich ist, und die Reinlichkeit ist bei unserem Geschäft ja die Hauptsache. Nur das muß ich sagen, hier will ich dann kein Geschäft aufmachen, denn das paßt mir nicht, wenn die Leute reden über meine Frau, oder wenn es womöglich noch nicht zu Ende ist mit dem Herrn und fortgesetzt wird, ich habe aber eine Aussicht in meiner Heimat, nur brauche ich da noch tausend Mark. Geschenkt will ich sie nicht haben, aber wenn Herr Kurt sie mir borgen will, so will ich sie vierteljährlich verzinsen und in zwei oder drei Jahren kann ich sie auch zurückzahlen, wenn keine Krankheit oder anderes Unglück kommt. So, das ist nun meine Ansicht, und nun kann ja Fräulein Martha entscheiden, wie sie will.« Kurt schwieg, den Kopf in die Hände gestützt. Der Kranke aber legte schwach seine Hand auf die blaugewürfelte Bettdecke und sagte: »Das ist recht, nicht hier bleiben, so muß es gemacht werden. Wenn die Menschen erst dazwischen kommen, dann geht alles schlecht.« Martha wurde von Margarete hereingeführt. Sie war verweint und sah niemanden der Anwesenden an. Der Metzger nahm seine Mütze in die andere Hand, wechselte das Standbein; er hatte eine neue Waschbluse angezogen. Martha sah er nicht an, aber er blickte im Einverständnis nach Margarete hinüber. Plötzlich eilte Martha auf Kurt zu, kniete vor ihm nieder, barg ihr Gesicht auf seinen Knien und weinte; sie weinte still, aber man sah das Zittern der Schulterblätter. Kurt streichelte mit beiden Händen ihr Haar. Der Atem des Kranken ging schwer, seine Hände krallten sich in der Bettdecke fest. Nach langer Pause kam Margarete eilig zu ihr, kniete neben ihr und sagte leise: »Wenn ich unrecht habe, so sage es mir, es ist ja doch alles nur für dich.« Kurt sah auf, blickte ihr ins Gesicht und erwiderte für Martha: »Es wird noch alles gut.« Der Metzger trat einen Schritt vor und sprach: »Es tut mir leid, daß sie so weint.« Schluchzend rief Martha: »Ihr seid alle gut, ach, weshalb muß ich denn leben!« Der Kranke richtete sich auf und begann von den Dachziegeln zu sprechen: »Im Frühling muß das ganze Dach nachgesehen werden. Es sind noch andere Firstziegel morsch, aber das ist keine Winterarbeit. Dann wäre es auch gut, wenn man eine Haube auf den Schornstein machte, der Wind ist hier zu arg und treibt den Rauch in die Stuben; man muß aber noch zwei Lagen Ziegel auf den Schornstein bringen, er muß höher werden, er hat auch nicht genug Zug. Ich wollte es ja gern machen, wenn ich gesund wäre, aber bei mir ist jetzt der Knüppel an den Hund gebunden.« »Der Vater!« schrie Martha und warf sich auf ihn. »Was hast du denn, Marthachen,« fragte er sie, indem er liebkosend über ihr Gesicht strich. »Ich habe ja alle unsere Papiervögelchen aufgehoben.« Er legte sie auf die Bettdecke. »Das ist der Vorhahn, das ist der Große, das ist der Naseweis, das ist der Ohneschwanz.« Er spielte mit den Vögelchen und tat, als ob sie gegeneinander kämpften. Margarete holte die Mutter. Die Mutter band die Küchenschürze ab, warf sie auf einen Stuhl und fragte ihn: »Was ist dir denn? Hast du denn wieder Schmerzen?« Die Sonne spiegelte sich in einem Glase, in welchem Wasser stand, und malte Kringel an die Stubendecke. »Die Fliege ist doch nicht mehr da, meine Fliege,« klagte der Kranke. »Er erzählte, ihm sei wie dem Vogel im Ei, der ausschlüpfen will,« sagte Martha. »Ich will das Dach ja gern machen,« klagte der Kranke, »ihr müßt nur Geduld haben, bis ich wieder gesund bin. Jetzt kann ich doch nicht auf die Leiter steigen. Es sind auch keine Kälberhaare mehr da für den Kalk, die muß ich erst besorgen. Da steht ja der Metzger, der kann sie mitbringen.« »Ja, ich bringe Kälberhaare mit,« antwortete der Metzger bekümmert. Dann fuhr er fort: »Mein Vater hat ja auch einen schweren Tod gehabt, er war auch noch ein kräftiger Mann und wollte sich nicht geben. Einmal müssen wir ja alle sterben, aber jetzt hätte er es doch erst noch ein paar Jahre gut haben können. Er wollte doch noch eine Wiese zupachten. Ein fleißiger Mann ist er immer gewesen, das muß ihm sein Feind lassen.« Laut jammernd warf sich die Frau vor dem Lager nieder und rief: »Ich habe die Schuld an allem gehabt, durch mich ist er dahin gekommen, er ist ein ruhiger Mann gewesen, keinem Menschen hat er etwas zuleide getan.« Kurt legte ihr die Hand auf die Schulter und beugte sich über sie, indem er tröstete: »Wir haben alle Schuld und haben alle keine Schuld. Es ist alles miteinander verbunden, wir tun Gutes und Böses, und keiner weiß den Ausgang seiner Taten.« »Glaubst du, daß es ein Trost für ihn wäre in seiner letzten Stunde?« fragte Martha leise Kurt. Trauer überflog sein Gesicht, als er ihre entschlossene Miene sah; aber er antwortete ihr: »Wenn er es noch versteht, so wäre es ein Trost.« Nun beugte sich Martha über den Kranken und sprach ihm ins Ohr: »Vater, kannst du mich noch verstehen? Ich bin es, die Martha, über die du Sorgen gehabt hast. Aber du brauchst keine Sorgen mehr zu haben. Der Metzger will mich heiraten, dann ziehen wir fort von hier, in seine Heimat. Du kennst ihn ja, er ist ein fleißiger Mann und hat sein Handwerk gelernt. Und wenn du gesund wirst, dann besuchst du uns einmal.« Sie richtete sich auf, er sah ihr wirr ins Gesicht und fragte: »Besuchen? Ja, ich muß nur erst wieder gesund sein, das Dach muß auch erst in Ordnung gebracht werden. Ach ja, du bist ja nun verheiratet, nun werden auch bald die Kinder kommen. Kinder machen Freude, wenn sie gut einschlagen. Das ist gut, das freut mich, daß du verheiratet bist, das ist gut.« Plötzlich ging mit lautem Schellen der Glocke die Haustür. Frau Maurer stand auf, griff eilig nach ihrer Schürze und rief: »Ach, die Pastoren kommen, und das Kaffeewasser kocht noch nicht«; sie ging aus dem Zimmer, draußen hörte man eine wohlwollende Männerstimme sagen: »Guten Tag, meine liebe Frau Maurer,« eine spitze Frauenstimme schloß sich der Begrüßung an. Frau Maurer antwortete, erkundigte sich nach den Kindern des Herrn Pastor, öffnete die Tür zur Zechenstube und lief dann in die Küche. In der Zechenstube war eine lange Tafel aufgeschlagen, mit einem glänzenden weißen Tischtuch bedeckt, Stühle waren aufgestellt und Tassen und Teller auf dem Tisch vor den Stühlen; die Türglocke ging jetzt oft, neue Gäste kamen und begrüßten sich mit den andern. Alle vier Wochen war in der Bergschenke eine Zusammenkunft der Pastorenfamilien der Umgebung, bei der ein Vortrag gehalten, Kaffee getrunken und mitgebrachter Kuchen gegessen wurde. Margarete folgte ihrer Mutter in die Küche, Kurt und der Schlächter gingen in die kleine Stube nebenan, wo Kurt sich an seinen alten Fensterplatz setzte, vor die Alpenveilchen im Fensterbrett. Martha blieb bei dem Kranken, der eingeschlafen schien und leise röchelte. Kurt und der Schlächter hörten durch die Türen das Klappern der Tassen und Teller und verworrenes Gespräch von der Zechenstube her, von der anderen Stube gelegentlich einmal eine Bewegung des Sterbenden. Kuchen wurde ausgepackt und auf die Teller gelegt, nach einem Messer gerufen, eine der Pastorenfrauen sagte mit ganz hoher Stimme: »Und dabei ist die Butter wieder fünf Pfennige aufgeschlagen«; Frau Maurer und Margarete brachten die großen Kaffeekannen, wurden begrüßt, man fragte nach dem Kranken, eine tiefe Stimme sagte: »Zur rechten deutschen Gemütlichkeit gehört doch eine recht große Kanne Kaffee,« jemand antwortete, daß Tacitus in seiner Germania merkwürdigerweise nichts vom Kaffee erwähne, eine Frau erzählte, ihre Sechserstückchen seien von dem neuen Bäcker, mit dem sie alle sehr zufrieden seien, ein Mann erwiderte, der Fortschritt dringe auch in diese entlegenen Gebiete; dicht neben der Tür waren zwei Frauen in ein wirtschaftliches Gespräch verwickelt; die eine sprach von den Gänsen, mit denen sie dieses Jahr kein Glück gehabt habe; die andere fand die Ursache in den heutigen Dienstboten; ein Mann seufzte und sprach: »Ja, ja, die leidige Dienstbotenfrage«; man berichtete von einem neu erfundenen Selbstkocher, vermittels dessen man sich mit einer Aufwärterin behelfen könne; von einem Pastor wurde erzählt, der krank war, und jemand erklärte: »Auch von ihm gilt: der Eifer um dein Haus hat mich verzehrt«; es entstand ein Stühlerücken, Räuspern, dann war Stille, und einer der Pastoren begann seinen Vortrag: »Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid.« Er teilte seinen Vortrag in drei Teile: Christi Blut, Christi Gerechtigkeit und unser Schmuck und Ehrenkleid. Zuerst erklärte er aber die Ausdrücke Schmuck und Ehrenkleid; damit waren nämlich nicht weltliche Kostbarkeiten gemeint, wie Samt und Seide, oder Perlen und Diamanten; auch nicht in übertragenem Sinne Ruhm und Ehre der Welt durch hohe Stellung, Klugheit oder vieles Wissen. Nein, auf solche Dinge kam es vor Gott nicht an, denn Gott sah tiefer in die Menschen, er sah ins Herz; der innere Schmuck, das innere Ehrenkleid war gemeint. Damit war die Einleitung zu Ende, eine kleine Pause entstand, ein Seufzen ging durch die Versammlung, der erste Teil begann: Christi Blut. Gott war Fleisch geworden, Gott hatte den Kreuzestod erlitten. Jemand stieß wohl aus Versehen an eine Tasse, es klirrte, Ausrufe des Bedauerns ertönten: »Das schöne reine Tischtuch.« »Es war eine Ausschußtasse, die stehen immer wackelig.« »Lassen wir diese Unterbrechung auf sich beruhen, meine Lieben«; der Redner räusperte sich und begann von neuem: »Christi Blut ...« Von der anderen Seite her kam das unterdrückte Schluchzen Marthas. Der Schlächter sah Kurt an, erhob sich und ging leise auf den Fußspitzen durch die Tür in das Sterbezimmer. Kurt blieb allein; er drückte die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe, und es ging in ihm herum, daß nun der Schlächter neben Martha stand bei dem Sterbenden, und nicht er; und wie hätte er denn auch neben Martha stehen können? Das wäre doch keine Erleichterung für den Sterbenden gewesen. Er fühlte, wie überall die Menschen sich zusammenschlössen für sich und ihn draußen ließen, sie wollten ihn ja nicht von sich stoßen, sie liebten ihn, wie sie sagten; aber in Wirklichkeit war es doch so, daß er überall zu viel war. Nun ging auch hier das Leben seinen Gang: Sterben und Heiraten, er aber wurde nur geduldet als Zuschauer. Der Vortrag war beendet, jemand dankte dem Redner für den erhebenden Beitrag zur Feier, es begann wieder ein allgemeines Gespräch, neben der Tür wurde weiter über den Selbstkocher gesprochen, daß das Gemüse in ihm besser werde wie auf dem Herd, es komme freilich alles darauf an, daß man es ordentlich ankoche, ehe man es einsetze. Einige der Herren gingen hinaus, vor dem Fenster hörte Kurt ein Gespräch über einen versetzten Amtsbruder: »Es ist Weizenboden, Boden erster Klasse, die beste Pfarre in der ganzen Diözese... Ja, die Kinder kosten auch! Übrig wird er nichts haben.« Durch das Aus« und Eingehen wurde die Hausklingel öfter in Bewegung gesetzt, das Gespräch war immer lebhafter geworden, der Zigarrenrauch drang durch die Tür bis zu Kurt. Plötzlich wurde alles still, das Gespräch war wie abgeschnitten, es war ein nicht zugehöriger Gast eingetreten. Kurt hörte, wie er die Störung entschuldigte; die Stimme kam ihm bekannt vor, er besann sich: das war der Verkäufer aus dem Konsumverein. Er hörte ihn auch nach den Entschuldigungen weiterreden, in dem Volksversammlungston, der ihm eigentümlich war: ... »Der Fortschritt und die Wissenschaft« ... »Wir müßten uns doch wohl vorerst über die Begriffe einigen,« unterbrach ihn ein Pastor. »Was verstehen wir unter Fortschritt, was verstehen wir unter Wissenschaft? Auch wir sind für Fortschritt, auch wir sind für Wissenschaft...« »Das sage ich ja auch,« warf der Verkäufer ein, »deswegen komme ich ja eben. Wo will es denn der Schneidergeselle herhaben! Ich habe die Nächte durch aufgesessen, ich habe mir gesagt: Bildung macht frei! Und sie macht auch frei, meine Herren.« »Die christliche Bildung,« warf eine liebevolle tiefe Stimme ein. »Herr Müller trinkt gewiß eine Tasse Kaffee mit,« ließ sich eine Dame vernehmen. Der Verkäufer hüstelte verlegen, er machte offenbar Bücklinge, sprach von »Erlauben« und »so frei sein«, man hörte, daß er sich setzte. »Ja, die Schwarmgeister haben schon manches Unheil über die Menschheit gebracht,« wurde mit ernstem Tonfall gesagt. »Nicht umsonst verließ Luther die Wartburg und predigte gegen sie vierzehn Tage lang in der Schloßkirche zu Wittenberg. Sie stirbt nicht aus, die Schwarmgeisterei. Sie ist wie ein Unkraut, das der Böse einmal zwischen den Weizen gesäet hat, und das sich nun jedes Jahr von neuem besamt.« Der Verkäufer sprach mit erstickter Stimme, wahrscheinlich aß er Kuchen: »Die Sozialdemokratie kämpft gegen die christliche Kirche, sie sagt: Religion ist Privatsache, das ist eine Geistesschlacht. Aber der Schneider, das ist das Mittelalter.« »Sie betonen, sehr richtig die Gegensätze,« sagte eine sehr scharfe Stimme. »Die christliche Kirche hat gegen den Unglauben zu kämpfen; aber freilich, sie hat auch zu kämpfen gegen den Aberglauben.« »Meine Herren, was geht ihn denn das an,« schrie der Verkäufer, »er wühlt gegen mich im Konsumverein.! Er sagt, es solle keine Politik in die Genossenschaftsbewegung getragen werden! Wer hat denn den Konsumverein großgemacht! Müller hat ihn großgemacht! Das sagt Ihnen jeder, wenn Sie ihn fragen!« Es wurde von den segensreichen Wirkungen des Konsumvereins gesprochen, einzelne erklärten, daß sie ihrer Stellung zu den Gemeindegliedern wegen nicht am Konsumverein teilnehmen könnten, und ein allgemeines Gespräch entspann sich. Wieder standen zwei Herren vor dem Fenster und unterhielten sich. »Er hat Angst,« sagte der eine, »seine Stellung wird unsicher.« »Was sollen wir denn dabei tun? Ich begreife den Menschen nicht,« erwiderte der andere; »die Verzweiflung muß ihn offenbar zu den verrücktesten Versuchen treiben.« »Meine Frau kauft unter der Hand einiges aus dem Konsumverein, sie ist sehr zufrieden.« »Haben Sie denn den Schneider einmal sprechen hören? Wenn das alles wahr ist, was einem zugetragen wird, so müßte man ja wohl etwas unternehmen, aber wir können doch nicht mit den Sozialdemokraten Arm in Arm losziehen.« »Eine wunderliche Zeit,« schloß der erste, »ich denke, wir warten ab.« »Das scheint mir auch das Richtigste zu sein. Das Reich Gottes ist doch schließlich nicht von heute auf morgen.« Langsam ballte sich in den Winkeln das Dunkel und stieg in die Höhe. In der Zechenstube rüstete man sich zum Aufbruch; Stühle wurden gerückt, man sagte Lebewohl, »Auf Wiedersehen«; »In vier Wochen, so Gott will«, »So Gott will, Herr Amtsbruder«; im Flur wurde gesprochen, truppweise entfernten sich alle; eine Weile war es still, aber der Verkäufer schien noch im Zimmer zu sein. Kurt hörte, wie er mit der Faust auf den Tisch schlug und etwas schimpfte wie »verdammte Pfaffenbrut« oder ähnliches, den Stuhl schwerfällig zurückschob; dann schien er an der Wand nach seinen Kleidungsstücken zu tasten, zuletzt ging auch er. Nun erklang aus dem anderen Zimmer in Zwischenräumen das Stöhnen des Sterbenden; Martha und ihr Verlobter schienen ganz still zu sitzen. Leise stand Kurt auf, ging zur Tür, aber er wagte nicht einzutreten; es war, als ob ihn etwas zurückhalte, als ob er nicht zu den anderen gehöre. Er setzte sich wieder an seinen Fensterplatz. In der Zechenstube räumten Margarete und ihre Mutter ab; sie stellten die Tassen zusammen auf das Brett, die Kannen, das Tischtuch wurde gefaltet; die Mutter sprach über den Flecken, den es bekommen hatte. Margarete seufzte und sagte: »Der Vater tut mir leid. Nun hätte er doch noch ein paar Jahre leben können; zur Last fiel er uns nicht; es war ganz gut, daß wir einen Mann in der Wirtschaft hatten.« »Ja, ja, wer weiß, wozu es gut ist,« antwortete die Mutter. »Es geht nicht nach unserem Kopf. Ich hatte mich ja auch wieder eingelebt mit ihm. Wenn Herr Kurt nicht mit mir gesprochen hätte, dann hätte ich ihn ja nicht hergenommen. Ich weiß immer nicht, was Herr Kurt dabei gehabt haben mag, daß er mir so zugeredet hat. Ich denke mir immer, es war wegen der Martha, daß er freien Paß bei der haben wollte.« »Pfui, Mutter,« erwiderte Margarete, »wer wird immer gleich das Schlimmste von den Menschen denken! Herr Kurt ist gut.« »Ja, ja, das glaube ich ja schon,« sagte die Mutter; »aber mit der Martha, das ist doch nun auch gewesen; und wenn man alt wird und hat etwas erlebt, so ist man nicht mehr so treuherzig und glaubt alles so, wie es die Leute sagen. Wie ich so alt war wie du, habe ich auch keinem mißtraut. Hoffentlich borgt er nun das Geld, damit der Schwiegersohn sein Geschäft einrichten kann; es wird ihm ja doch verzinst, und der Schwiegersohn muß einen Schuldschein ausstellen. Ich kann nicht mehr tun, als daß ich die Aussteuer gebe, ich habe schließlich vier Mädchen.« Es war Kurt, als müsse ihm das Herz stillstehen bei diesem Gespräch, aber er sagte bei sich: »Ich muß mich schämen; was verlange ich denn? Weshalb soll die Frau dir denn vertrauen? Es ist Feigheit, wenn ich mich ausgeschlossen fühle.« Da schellte wieder die Glocke der Haustür, Schritte kamen auf dem Flur, eine Stimme sprach zu Margarete, die aus der Zechenstube herausgetreten war; dann öffnete sich die Tür zu dem Zimmer, in welchem Kurt saß, und der Schneider trat ein. Kurts Nerven waren so gereizt, daß er erschrak; der andere erkannte ihn nicht gleich, da er ja in dem schon verdunkelten Zimmer gegen das Licht saß; er grüßte gleichgültig, erst als Kurt antwortete, hörte er an der Stimme, wer er war, und grüßte dann nochmals dienstbeflissener. Margarete brachte ihm das Bier und setzte es vor ihm auf den Tisch. Die beiden saßen wieder genau so wie das erste Mal bei ihrer Begegnung in der Bergschenke. Nach langem Schweigen begann der Schneider mit einem Gespräch über das Tauwetter, fragte, ob im Forst Schneebruch gewesen sei, Kurt antwortete einsilbig; endlich kamen sie auf die Dinge, welche ihnen beiden auf dem Herzen lagen. Aber heute war der Schneider schon weniger schmeichlerisch, er war fester und bewußter. Kurt spürte das genau, und ein merkwürdiges Unbehagen ergriff ihn. Der Schneider sprach von den Fortschritten, die er gemacht; die Leute waren durch das einseitige Betonen des Äußerlichen wohl wirtschaftlich vorwärts gekommen, aber um ebensoviel waren sie im Wesentlichen zurückgegangen. Sie entwickelten sich zu zufriedenen Kleinbürgern, die nichts Höheres kannten wie ihre Behaglichkeit. Da war es nötig gewesen, die Brandfackel in dieses Gebäude zu werfen. Den Leuten fehlte das Leiden, denn erst durch das Leiden erfährt der Mensch, daß er göttlichen Ursprungs ist und nicht ein Tier. Denn der Herr spricht: »Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden zu senden auf Erden, ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert; denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider die Mutter, und die Schnur wider ihre Schwieger; und des Menschen Feinde werden seine eignen Hausgenossen sein.« Kurt sah ihn an und fragte: »Was soll mir das? Sind das Ihre Ansichten?« »Ansichten!« höhnte der Schneider, »Ansichten!« Was dem Menschen das Herz verbrennt, das sind keine Ansichten. Ich habe ja auch nachgedacht, aber was nutzt alles Nachdenken! Ich bin nur dümmer geworden durch das Denken.« Er unterbrach sich plötzlich und fragte unvermittelt: »Haben Sie denn Frieden?« Kurt antwortete ihm langsam: »Und Sie selber, haben Sie Frieden?« »Ich brauche ihn nicht und will ihn nicht. Aber Sie brauchen ihn und wollen ihn.« »Brauche ich Frieden? Will ich Frieden?« dachte Kurt und legte die Stirn auf das Fensterbrett. »Weshalb scheint es mir denn plötzlich, daß alle Menschen meine Feinde sind? Oder ist auch dieses Gefühl nur ein anderer Ausdruck für Feigheit?« »Sie haben sich in der Heilandsrolle gefallen,« fuhr höhnisch der Schneider fort, »und Sie wundern sich, daß alle Menschen Ihre Feinde sind? Vorausgesetzt, Christus hat gelebt; war es denn anders möglich, als daß alle Menschen seine Feinde waren? Was hat er denn getan? Er hat schöne Worte gesprochen und erwartet, daß die Leute ihm nachfolgen sollen. Wenn sie ihm aber nicht nachfolgen können? Ich spreche nicht von Ihnen; daß Sie kein nachahmungswertes Beispiel sind, das wissen Sie selber. Was Sie von den andern Menschen unterscheidet, das ist nur, daß Sie kein Gewissen haben. Ich rede von Christus.« Kurt fragte sich: »Sollte es wirklich so sein, daß ich kein Gewissen habe? Wenn ich zurückdenke, so scheint mir, daß ich nie Reue gefühlt, und ich habe doch viel getan, das unrecht war. Ist es das, was diesen so erbittert? Dann litte er wohl an seinem Gewissen?« »Ich werde etwas für die Menschen tun, Sie aber nicht,« sagte der Schneider. »Merkwürdig, daß dieser Mensch das behauptet,« dachte Kurt. »Er tut in seiner Art etwas; aber er lügt ja doch, er lügt durchaus.« »Ach, wie ist es denn nur möglich, daß Sie ein so ruhiges Gewissen haben?« fragte ihn fast flehend der andere. »Mich quält mein Gewissen Tag und Nacht, es jagt mich, es treibt mich.« »Sie glauben nicht an Ihre Worte?« »Nein, ich glaube nicht an sie, und ich weiß doch, daß sie nötig sind für das Volk. Erinnern Sie sich an den Redner bei der Heilsarmee; er glaubte auch nicht; aber er wußte: was ich sage, das ist nötig für das Volk, und er wirkte Gutes.« Kurt dachte nach, dann sprach er: »Goethe sagt einmal: ›der Handelnde muß gewissenlos sein‹.« »Er hat recht!« rief der Schneider, »ich habe nicht gewußt, daß so ein Mann das gesagt hat.« »Weshalb spielen Sie vor mir Komödie?« fragte ihn Kurt in trockenem Ton. Der Schneider war schluchzend an seinem Tisch zusammengebrochen. Margarete brachte die brennende Lampe herein, blickte erstaunt auf die beiden, setzte die Lampe auf den Tisch; dann verließ sie das Zimmer. Das Bier des Schneiders schaukelte leise durch die Bewegung des Körpers beim Schluchzen. Kurt zog die Stirn hoch und sprach: »Sind wir beide eigentlich wahnsinnig, daß wir solche Gespräche führen? Halten Sie mich für einen ehrgeizigen Schneidergesellen? Was wollen denn nur alle Menschen von mir? Man soll mich doch in Ruhe lassen. Wenn ich jemandem behilflich sein kann, will ich mich gewiß nicht weigern, aber ...« Er wollte sagen: »Aber ich bin nicht für die andern Menschen auf der Welt.« Da fiel ihm ein, was Martha gesagt hatte: »Ich fühlte, daß er mich brauchte«; das Blut schoß ihm zum Herzen; er konnte nicht weitersprechen und setzte sich. Der Schneider stand auf und ging. Die Tür zum Krankenzimmer öffnete sich. Margarete kam auf Kurt zu, nickte und sprach: »Kommen Sie.« Zögernd stand er auf und folgte ihr. Da standen alle mit gefalteten Händen vor dem Bett. Der Kranke, aufgerichtet und durch Kissen unterstützt, atmete schnell, zuweilen setzte der Atem aus. Seine Augen waren gerade nach vorn gerichtet, aber man merkte, daß er nichts von der Umgebung sah. Das Gesicht hatte einen fragenden und erstaunten Ausdruck. Immer häufiger wurden die Pausen, in denen der Atem aussetzte. Die Frau trat neben ihn und legte seine Hände zusammen; die Finger wollten sich nicht mehr recht falten, dann schob sie die eine Hand hinter seinen Rücken. Das Gesicht veränderte sich nicht, die Augen blieben in ihrer Richtung. Eine längere Pause entstand, dann war ein Röcheln. Leise sagte die Mutter zu Margareten: »Nimm die Kissen fort«; Margarete nahm die Kissen fort, die Frau legte den Toten sanft nieder und drückte ihm die Augen zu. War das denn der Tod? Die beiden jüngeren Kinder sahen dem Vater ängstlich ins Gesicht, die anderen blickten sich fragend an. Die Mutter öffnete das Fenster. Da brach Martha in Schluchzen aus, ihr Verlobter faßte sie an der Hand, sie legte sich an seine Brust und weinte. Er sagte leise zu ihr: »Komm« und führte sie aus dem Zimmer. Die beiden Kinder weinten laut, Margarete nahm jedes an eine Hand und folgte den beiden; hinter ihnen ging Kurt. Kurt ging talwärts auf dem gewohnten Fahrweg. Das Wasser in den Hufspuren und Gleisen begann an den Rändern Eis anschießen zu lassen. Er ging nicht nach Hause, sondern bog links ab auf die Landstraße. Heimkehrende Bergleute überholten den langsam Schreitenden und begrüßten ihn mit dem Glückauf. Er ging weiter, über die Brücke, durch das Dorf, an dem Weiher vorbei, wo damals die Enten gewesen waren und die Schulkinder; mechanisch beantwortete er alle Grüße. »Es ist kein Glück bei den Steinbeißers«, hörte er einen alten Mann hinter sich zu jemandem sagen; vielleicht hatte der sein Gesicht gesehen. Kurt mußte lächeln, wie doch jeder Mensch den andern immer aus seinen eigenen Vorstellungen erklärt – und er dachte, daß er selber das ja auch tat. Immer weiter ging er in der Dunkelheit, die Straße wurde menschenleer. Auf einem Steinhaufen saß ein Landstreicher, eine noch jugendliche Figur, und erneuerte seine Fußlappen. »Ist es noch weit bis ins Dorf?« fragte er; Kurt kam die Stimme merkwürdig bekannt vor, er antwortete zögernd. Der andere fragte weiter, ob eine Herberge im Dorfe sei. Jetzt erkannte ihn Kurt; es war jener junge Arbeiter, der damals vor Monaten in Berlin bei ihm gewesen. Er redete ihn an, nun erkannte der ihn auch und sagte mürrisch: »Ja, ich bin's«; dabei schlüpfte er in den Schuh und band die Senkel zur Schlinge. Absichtlich zögerte er dabei, damit er Kurt nicht ins Gesicht zu sehen brauchte. Endlich richtete er sich auf und sagte: »Nun, weshalb fragen Sie denn nicht, wenn Sie es wissen wollen? Ich bin eben auf der Walze.« Kurt ahnte wohl, was der Mann sagen würde, aber er fragte dennoch: »Haben Sie Ihre Arbeit verloren?« Der andere zuckte die Achseln, dann antwortete er: »Arbeit gibt es ja doch wohl, man weiß doch Bescheid, wo sie noch Leute brauchen.« Plötzlich fuhr er gereizt fort: »Das ist alles Unsinn, was Sie mir sagen wollen. Ich bin nun einmal so ein Mensch, der es nicht an einem Posten aushalten kann. Es gibt viele solche, das habe ich früher nicht so gewußt. Fragen Sie nur einen alten Kunden, der wird Ihnen schon Bescheid geben. Weshalb haben Sie mich denn nicht zufrieden gelassen? Ich wußte es nicht besser. Was habe ich denn nun von Ihren Redensarten? Wenn Sie einmal in der Zeitung lesen, daß ich einem Bauern seine Scheune angesteckt habe, dann wissen Sie, wer schuld daran ist.« Kurt fragte nach dem Mädchen, der Tochter der Wirtin. Der andere erwiderte: »Was soll sie denn machen? Was sie vorher gemacht hat. Sie hat mir ja versprochen, wenn ich ihr Bräutigam werden wollte, sie wollte mir täglich sechs Mark geben. Zu so etwas bin ich mir denn doch zu gut.« Er pfiff einen Gassenhauer, Kurt ging neben ihm her dem Dorf zu. »Schämen Sie sich denn nicht, so neben mir einzuziehen?« fragte der Mann ihn höhnisch. »Sie haben mich noch nicht bei Licht gesehen. Zu einem Ball bei einem Kommerzienrat lassen sie mich nicht ein, dafür bin ich nicht fein genug.« »Trinken Sie?« fragte ihn Kurt. »Was denken Sie sich denn eigentlich,« erwiderte der Stromer. »Vom Wasser erkältet man sich den Magen.« »Sie verstellen sich ja nur, weil Sie eine innere Angst haben,« redete ihm nun Kurt zu, »ich weiß doch, daß Sie kein Trinker sind, daß Sie immer Bücher gelesen haben.« Der Mann blieb stehen und sagte: »Die Bücher habe ich gelesen, weil ich mein Elend vergessen wollte, ich trinke nicht, weil es mir gut schmeckt, sondern weil ich dann lustig werde. Glauben Sie denn nicht, daß einer das satt kriegt, das – das alles! Ich bin gelernter Mechaniker, ich kann meine fünfzig Mark verdienen die Woche. Was habe ich denn davon? Heiraten? Ich wollte zur Fremdenlegion, da hat mir einer davon erzählt, der dabei gewesen ist; das ist auch nichts. Sehen Sie, hier frißt es,« dabei schlug er sich auf die Brust. Die beiden gingen stumm nebeneinander. Nach einer Weile begann der Mann wieder: »Wenn der Mensch nicht weiß, wozu er lebt, dann hat das Leben eben keinen Zweck für ihn. Und da kann man nicht an einer Stelle sitzen bleiben, da muß man eben losziehen. Denken Sie etwa, das tut man zum Vergnügen, wenn man fühlt, wie die Bienen einen bei lebendigem Leibe auffressen? Mein Vater war noch Sozialdemokrat. Er hat mir immer vorgepredigt: ich erlebe es nicht mehr, aber du erlebst es. Mit dem Glauben ist er gestorben. Wenn einer nun nicht so dumm ist, daß er das glaubt? Und wenn schon, was habe ich denn vom Zukunftsstaat? Wenn ich arbeiten will, kann ich immer verdienen, was ich brauche, und unterdrückt hat mich noch keiner, und hinter den Tippelschicksen sind auch im Zukunftsstaat die Blauen her, sonst würden zuviel in dem Beruf. Das ist ja alles Unsinn, das ist nur, damit die Abgeordneten ihre Gelder bekommen.« Kurt schwieg und ging mit dem Manne weiter. Da kamen die Lichter des Dorfes, der Mann beklagte sich über das Pflaster. Kurt sagte zu ihm: »Ich werde Sie zu jemandem bringen, der Ihnen vielleicht helfen kann.« »Ich danke,« erwiderte der andere trocken. »Er ist ganz anders wie ich,« sagte Kurt. »Soll mich wundern. Es ist mir auch alles eins,« sprach der Stromer. Kurt ging mit ihm zu einem Hause, öffnete die Haustür, ein altes Weib sah aus der Stubentür und wies die beiden auf seine Frage nach oben; sie stiegen eine steile Treppe hoch, die unter das Dach führte, klopften an eine Tür; die Tür öffnete sich, und der Schneider kam ihnen entgegen. Neuntes Kapitel Der Schneider bewohnte den obersten Raum des Hauses. Über den Köpfen der drei Männer erhob sich düster das geschwärzte Ziegeldach, dessen Kalkverstrich an einigen Stellen abgefallen war. Vor einem niedrigen Tische stand ein Stuhl und eine Bank; im Hintergrund, im Dunkeln, war ein Bett mit blau und weiß gewürfeltem Bezug zu erkennen. Das Licht kam von einer Küchenlampe aus Blech, welche an einem der Dachstuhlpfosten hing. Kurt wurde auf den Stuhl genötigt, die beiden anderen saßen ihm gegenüber auf der Bank. Es war, als seien die beiden längst miteinander befreundet; sie hatten sich nur kurz angesehen und nannten sich gleich mit dem Du, wie es diese Leute ja pflegen. Ein merkwürdiges Schweigen herrschte, denn der Schneider wartete auf die Anrede, der Fremde wußte nichts von dem, was Kurt mit ihm vorhatte, und dieser war in ein Nachdenken versunken. Endlich kam von dem Stromer eine Bewegung; er zog sich einen Schuh aus. Der Schneider erhob sich, holte von einem Balken ein eingewickeltes Päckchen, öffnete es und reichte es dem Mann, indem er sagte »Hirschtalg«. Der andere bedankte sich und rieb den aufgegangenen Fuß ein. »Vierzehn Stunden,« sagte er dabei. Wieder war das drückende Schweigen. Endlich ermannte sich Kurt und sprach zu dem Schneider: »Wollen Sie sich nicht dieses Mannes annehmen?« Feindselig warf der Stromer ein: »Hier ist schon Raum genug, wenn ich die Säcke dort haben kann, so bin ich zufrieden«; er deutete auf die Ecke im Hintergrund, wo leere Kartoffelsäcke übereinandergeschichtet lagen. »Ja, ein Bett habe ich ja nicht für dich,« erwiderte der Schneider. »Wirst auch schon schlechter geschlafen haben,« antwortete der Fremde. »So meinte ich es ja nicht, ich hatte daran nicht gedacht,« sagte unsicher Kurt. »Ich will Ihnen sagen, was Sie meinen; ich soll mich dieser verzweifelten Seele annehmen, denn Sie können nicht mehr weiter,« sprach der Schneider, in solchem haßerfüllten und triumphierenden Ton, daß der Fremde mehr noch über den Ton, wie über den Inhalt der Worte verwundert wurde. Kurt sah ihn nachdenklich an. »Sie beginnen jetzt zu begreifen,« fuhr der Schneider fort. »Sie sind der selbstsüchtigste Mensch, den ich kennen gelernt habe. Die Welt kann aber nicht bestehen, wenn die Menschen selbstsüchtig sind, es muß Menschen geben, welche sich opfern. Sie wollen sich nicht opfern, und nun wundern Sie sich, daß Sie von den andern ausgestoßen werden.« Er holte ein Leihbibliothekbuch aus der Schublade und zeigte es Kurt; es war ein Band von Dostojewskis Brüdern Karamasow. »Das ist ein merkwürdiges Buch,« fuhr der Schneider fort; »aber es ist ganz dumm. Jetzt habe ich die Erzählung vom Großinquisitor gelesen. Der Großinquisitor hat recht, Jesus hat unrecht. Ich weiß gar nicht, ob Jesus die Menschen freimachen wollte; es ist mir nur sicher, er selber wollte frei sein, deshalb hat er den drei Versuchungen nicht nachgegeben. Wie dumm, daß man das Versuchungen nennt und vom Satan spricht. Wer in der Welt lebt, der muß wirken, und wer wirken will, der braucht das tägliche Brot für seinen Körper, der braucht die Kraft seines Geistes, und der braucht die Macht über die Welt. Wer das nicht will und sich rein erhalten von der Welt, wer die Sünde scheut, der ist ein Selbstsüchtiger. Wer einen Menschen aus dem Sumpf ziehen will, der muß sich auch die Füße schmutzig machen.« Der Schneider schwieg. Kurt erwiderte ihm: »Mir scheint, daß der Dichter in dem Großinquisitor den Antichristen darstellen wollte.« »Nennen Sie es, wie Sie wollen,« sagte der andere, »ich habe so lange über die Namen nachgedacht, daß mir zum Speien übel geworden ist von der Anstrengung. Ich bin ja kein Gelehrter, der sein Hirn geübt hat, ich bin bloß ein Arbeiter. Nennen Sie es doch Antichrist; ändert das denn etwas daran, daß der Antichrist den Menschen Gutes tut und der andere bloß daran denkt, daß auf seine Lackstiefelchen kein Spritzer kommt?« »Sie haben recht in allem,« antwortete Kurt, »wenn Ihre Voraussetzung richtig ist, daß man nämlich den Menschen überhaupt helfen kann. Wem haben Sie denn geholfen?« »Mir!« schrie der Stromer und sprang erregt auf. »Dich habe ich gesucht, nun habe ich dich gefunden, dir will ich jetzt folgen.« »Ähnliches haben Sie auch zu mir gesprochen,« sagte Kurt kaltblütig. »Sie haben keinen Willen und suchen nach einem Menschen, der für Sie den Willen hat. Aber was nutzt das? Ist Ihnen damit geholfen? Wenn ich will, so haben Sie meinen Willen; aber ich will nicht, denn ein Mensch soll seinen eigenen Willen haben. Das ist es ja. Ist denn ein Mörder schlechter wie irgendein anderer Mensch? Sie sind beide gleich, und beiden ist nicht zu helfen.« »Aber ich will doch den Menschen helfen!« schrie nun der Schneider und richtete sich gleichfalls von seiner Bank auf. Die Lampe am Pfosten zitterte durch seine Bewegung. »Ich muß doch einen Zweck meines Lebens haben! Und weshalb wäre denn das in mir? Was will ich denn von den Menschen?« »Macht,« erwiderte Kurt ruhig. »Wissen Sie nicht, was der Antrieb des Antichrist ist? Hochmut und Machtsucht.« »Und Sie, sind Sie denn nicht hochmütig?« schrie der Schneider. Kurt sah ihn betroffen an, dann überlegte er sich seine Worte eine lange Zeit und sagte endlich: »Nein, aber die Menschen tun mir leid.« »Dieser Herr, der so tugendhaft ist, daß ihm die Menschen leid tun,« rief boshaft der Schneider, »hat eben ein braves Mädchen verführt, und damit nichts ruchbar wird, so verheiratet er sie gleich.« »Was ich getan, das habe ich getan, aber nicht in Ihrer Gesinnung, sondern in meiner. Ich bin auch ein Mensch wie andere und habe Mitleid mit mir selber.« »So bereuen Sie?« fragte der Schneider neugierig. »Ich bereue viel, und ich möchte wissen, ob das bei Ihnen auch so ist.« »Ich weiß nicht, ob ich von Reue sprechen kann,« erwiderte Kurt; »ich weiß nur, daß ich das tun mußte, und zuweilen scheint mir, die alte Ansicht ist richtig, daß ein Mensch eine gewisse Menge von Sünden begehen muß in seinem Leben. Das wäre schauerlich, aber vielleicht ist es so. Doch wird etwas anders, wenn ich mich selber quäle? Ich will suchen, mich besser und freier zu machen.« Der Fremde unterbrach Kurt und sprach: »Was soll mir das alles? Ich lebe und weiß nicht, weshalb. Mir geht es wie dem da. Ich muß doch einen Zweck meines Lebens haben!« Kurt lachte und erwiderte: »Dieses Wort haben Sie mir schon auf der Straße gesagt, es ist Ihr Wort. Was verlangen Sie denn? Weiß der Stein seinen Zweck in einem Gebäude? Der Maurer weiß ihn, der ihn an seine Stelle mauert. Was Sie wollen, das ist ja nur das uralte kindische Wollen des Menschen, der meint, daß Regen und Sonnenschein kommen müsse für seinen Weizen, der nicht ahnt, daß er selber mit seinem Weizen, Regen und Sonnenschein in einen großen Weltzusammenhang gehört. Wenn Sie an Gott glaubten, so würden Sie keinen Zweck für Ihr Leben suchen, denn wer an Gott glaubt, der glaubt, daß der Zweck seines Lebens in Gott liegt, der wird dadurch zuletzt eins mit Gott.« »Aber was soll ich denn tun?« fragte ängstlich der Fremde. »Sie haben den Abschnitt in Ihrem Roman wohl zu Ende gelesen,« sprach Kurt zu dem Schneider. »Der Großinquisitor zeigt Christus, daß sein Werk töricht gewesen ist, weil er die Menschen hat befreien wollen, denn die Menschen wollen ja gar nicht frei sein. Deshalb sei die Kirche gekommen als der wahre Antichrist und habe im Namen und mit den Worten Christi die Menschen wieder unfrei gemacht. Christus antwortete ihm nichts – er kann ihm ja nichts antworten, denn der Großinquisitor hat recht. Aber er geht auf ihn zu und küßt ihn. Da erbleicht der Großinquisitor, öffnet die Gefängnistür, und Christus geht aus dem Gefängnis. Der Großinquisitor hat recht, und er ist dennoch besiegt.« »Er ist besiegt, aber wie ist das möglich, daß er besiegt wird, wenn er im Recht ist?« fragte der Schneider. Da lächelte Kurt, ging auf ihn zu, küßte ihn auf die Stirn und verließ das Zimmer. Der Schneider schlug beide Hände vor die Augen. Aber als er die Hände nach langer Zeit fortnahm, war Blut vor seinem Mund; er hatte sich die Lippen blutig gebissen. »Einen solchen Menschen muß man totschlagen,« flüsterte er; sein Gesicht war totenblaß, ein Blutstropfen war ihm auf das Kinn gefallen, welches wackelte. »Totschlagen,« antwortete der andere. Plötzlich warf sich der Schneider mit aller Wucht auf die Knie, daß die Bohlen erbebten, erhob seine Hände und schrie betend: »Führe mich nicht in Versuchung, führe mich nicht in Versuchung! Ich will ja nicht, ich will ja nicht!« Der Stromer sah ihm mit dumpfem Gesichtsausdruck zu, dann kniete er gleichfalls nieder und hob die Hände hoch. Ein Mann stolperte eilig die Treppe herauf, öffnete die Tür, stürmte herein. Seine Stirn war schweißbedeckt, das Haar war ihm in Strähnen angeklebt, die Augen gingen irr. »Mein Mariechen stirbt,« schrie er, »komm und hilf!« Der Schneider erhob sich, der Mann eilte stolpernd und fast fallend wieder die Treppe hinab, er folgte ihm; hinter ihm ging der Stromer. Sie schritten durch die Dorfstraßen; Hunde belferten, aus kleinen Fensterchen fiel Lichtschein, der halb gefrorene Schmutz auf dem Weg gab unter ihren Tritten zähe nach. »Wir haben alles versucht, auch der Arzt ist dagewesen,« sagte der Mann wie zu sich selber. Sie kamen vor das Haus, der Hund stürzte wütend vor, erkannte seinen Herrn, der gab ihm einen Tritt, daß er heulend zur Seite flog. »Der Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes,« sagte der Schneider. Der Mann stieß die Tür auf, sie traten in eine Schusterwerkstatt. »Wir haben ihr Bett in die Werkstatt gebracht, weil es hier warm ist,« sagte der Vater und ging dann zu dem kranken Kind. In der Mitte der Werkstatt stand der Schustertisch mit dem Arbeitszeug, der Lampe und der Schusterkugel, davor ein Schemel. In der einen Ecke drängten sich Menschen zusammen, vor dem Gestell mit den Leisten und Lederstücken. In der entgegengesetzten Ecke stand das Bett, vor ihm kniete der schluchzende Vater. Ein Geruch von verbrannten Haaren schwebte in der Luft, die alte Großmutter war über das Kind gebeugt und fächelte ihm mit den verbrannten Haaren vor dem Gesicht. Ein dumpfes Murmeln kam aus der Ecke, wo sich die Menschen drängten. Der Schneider ging mit festen Schritten auf das Bett zu, schob die Alte fort, der Vater rutschte auf den Knien zum Fußende, der Schneider bückte sich über das Kind. Das Kind hatte die Ärmchen erhoben, die Daumen in die Fäustchen geklemmt, in den Augen war nur das Weiße zu sehen, vor dem Mund stand ein leichter blutiger Schaum. Der Schneider kniete nieder, legte die eine Hand auf das Haupt des Kindes, die andere auf das Herz, und betete laut: »Himmlischer Vater, erbarme dich dieses unschuldigen Kindes.« Ein schnurrender Laut schien von dem Kind zu kommen. Aus der Gruppe im Winkel löste sich ein alter blinder Mann, der Großvater des Kindes, und tastete sich mit dem Stocke zum Bett. »Der himmlische Vater erbarmt sich nicht,« sagte er, »er sucht die Sünden der Eltern heim an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Das ist ein Silvesterkind, der Kerl hat es in der Betrunkenheit erzeugt. Meine Tochter hat er schon unter die Erde gebracht, nun kommt das Kind an die Reihe. Das Kind hat es gut im Grabe, was soll es bei dem versoffenen Kerl, der es jeden Tag schlägt.« »Ich schlage es nie wieder,« schrie der Vater, »mache es gesund, Schneider; das Herz geht mir ab, wenn das Kind stirbt.« »Acht Jahre ist das Mariechen alt, und hat kochen müssen, und die Betten machen, und die Werkstatt aufräumen, und flicken und stopfen, und so geschickt war es,« fuhr der Großvater fort. »Aber jeden Tag hat es seine Schläge gekriegt; dem Hund geschieht recht, wenn es der Herrgott zu sich nimmt.« »Vater, erbarme dich dieses unschuldigen Kindes,« betete der kniende Schneider. Die Schusterkugel schwankte, das Licht war unheimlich in der Werkstatt. Aus dem schweigenden Haufen im Winkel löste sich der Verkäufer des Konsumvereins los und sagte zu dem alten Blinden: »Sie tun Ihrem Schwiegersohn unrecht, er ist kein schlechter Mensch.« »Nein, ein schlechter Mensch bin ich nicht,« jammerte der Schuster, »das wissen alle, ein schlechter Mensch bin ich nicht.« »Du hast ihn auf dem Gewissen,« schrie der Alte den Verkäufer an. »Immer in die Versammlungen laufen, sein Geschäft versäumen, andere Dinge im Kopf haben, die ihn nichts angehen.« »Ich ... ich habe ihn doch oft ermahnt, er soll nicht zuviel trinken, er soll an seine Familie denken,« stotterte der Verkäufer. »Was nützen denn deine Ermahnungen,« sagte nun die Großmutter. »Das ist dein Geschäft, das Schwatzen, das weiß jeder.« »Ich bin kein Geschäftssozialist,« erwiderte beleidigt der Verkäufer. »Wenn ich meine Überzeugungen nicht hätte, dann könnte ich mehr verdienen und könnte in Berlin leben und hätte alle Bildungsmittel der Gegenwart zu meiner Verfügung.« Draußen blies der Nachtwächter in sein Horn und rief die Stunde aus: Hört, ihr Leute, und laßt euch sagen, Die Glocke hat zehn geschlagen. Bewahrt euer Feuer und euer Licht, Daß den Herrn kein Schaden geschieht. Lobt Gott den Herrn. »Schon vier Stunden liegt sie,« sagte eine Stimme aus dem Winkel, »um sechs hat es angefangen.« »Dein Kind wird gerettet werden,« sagte der Schneider zu dem Vater. Dieser schrie laut auf, erhob sich, schlug die Hände überm Kopf zusammen und rief: »Das Mariechen wird gerettet werden.« Der Blinde tastete sich mit der Hand nach dem Kopf des Schneiders, befühlte sein Gesicht und schüttelte das Haupt; dann sagte er: »Der ist nicht aus dem Licht.« »Die ganze Woche habe ich ja schon in der Bibel gelesen,« beteuerte der Schuster, »ich will mich bessern, da steht mir Gott bei und nimmt mir das Mariechen nicht von mir. Es hat ja schon früher die Fräsen gehabt und ist immer wieder gesund geworden, so ein gutes Kind ist es.« »Das ist es also, auf den Schneider hast du gehört!« schrie ihn der Verkäufer an. »Kannst du mein Kind gesund machen?« fragte ihn der Schuster. »Der Doktor ist dagewesen, der Doktor –« sagte der Verkäufer; er wußte nicht, wie er fortfahren sollte. »Ja, die Herren haben eben keine Zeit für unsereinen,« warf die Großmutter ein und sah auf den Verkäufer. »Ich habe drei Haare verbrannt und ihr vor die Nase gehalten, das hat geholfen. Wenn der Schneider betet, das ist ja auch gut. Du aber, du, du bist der Antichrist.« »Der Antichrist,« beteuerte der blinde Großvater, indem er mit dem Stock auf die Dielen stampfte. »Sie hat die Augen geschlossen,« rief der Schneider; alle wollten sich um das Bett drängen, der Schneider hielt sie zurück. »Du hast mir geholfen,« schrie weinend der Vater; der Schneider wehrte ihn ab, ging wieder zu dem Kinde zurück, im Winkel ballten sich die Menschen wieder und murmelten. Der Schneider löste die Fauste, sie lösten sich leicht, er beugte die Ärmchen und legte sie unter die Decke, dann zog er ein Taschentuch und wischte den Schaum vom Munde. Das Kind schlief nun ruhig. Der Verkäufer kam auf den Fußspitzen gegangen, sah sich das Kind in dem unbestimmten Licht an, er sah es lange an. Dann sagte er leise zu dem Schneider: »Haben Sie denn nun das Kind gesund gemacht?« »Gott hat es gesund gemacht«, antwortete dieser leise. Der Verkäufer schüttelte den Kopf. »Der Arzt hat doch gesagt, es kommt nicht wieder zu sich,« erwiderte er. »Hat er das gesagt, haben das die anderen gehört?« fragte schnell der Schneider. »Ich kann mich auch verhört haben, beschwören kann ich es nicht, das ist ja doch unmöglich!« erwiderte ängstlich der Verkäufer. »Hat es noch jemand gehört?« fragte eindringlich der Schneider. Der Verkäufer ging zu den anderen zurück. Der Schneider trieb alle aus der Werkstatt. »Das Kind darf nicht gestört werden,« sagte er. Alle gingen, leise, auf den Fußspitzen. Zuletzt nahm er den Vater beim Arm und ging mit ihm hinaus. Der Hund hatte sich in seine Hütte verkrochen, seine Augen leuchteten ängstlich in der Dunkelheit. »Was hat der Arzt gesagt?« fragte der Schneider den Mann. »Menschliche Hilfe ist unmöglich,« antwortete der. Danach preßte er die Hand des Schneiders, vor Erregung konnte er nichts sprechen. Er trat an das erleuchtete Fenster und sah in seine Werkstatt. Da stand sein Tisch, sein Schemel, die Lampe, die Schusterkugel, in der Ecke, im Dunkeln, war das Bett mit dem Kind. Nichts bewegte sich in dem Zimmer. Das Licht ging durch die Kugel, ein bunter Flecken fiel auf den Schustertisch über den Streckhammer, weiter auf die Erde, über einen halbfertigen Schuh, wo eben die Sohle angenäht werden sollte, die Ahle steckte in der Sohle, der Pechdraht mit der Schweinsborste vorn war in dem bunten Fleck zu erkennen; der Schuh lag noch da, wie er ihn im ersten Schreck fortgeworfen, als das Kind den Anfall bekommen hatte. »Der Alte hat ja recht, es ist ein Silvesterkind,« sagte der Schuster schluchzend. »Ich habe an nichts gedacht. Meine Frau habe ich auch auf dem Gewissen, die liegt nun auf dem Kirchhof. Früher habe ich nichts von Gott gewußt. Ist das Mariechen denn nun für immer gerettet oder kommt der Anfall wieder?« Er erhielt keine Antwort; der Schneider hatte sich mit seinem Gast leise entfernt. So blieb der Schuster allein vor seinem Fenster und starrte noch lange in die Werkstätte mit dem Bett im Dunkel und den beiden bunten Flecken auf Tisch und Boden. Der Verkäufer hatte sich an den Schneider und seinen Gast angeschlossen, indem er mit kurzen Beinen neben den weit ausschreitenden Männern herlief. Er sprach: »Es gibt wohl manche Kräfte in der Natur, die wir noch nicht kennen, es ist eben noch nicht alles erforscht. Das sind so magnetische Heilkräfte. Dabei ist gar nichts Übernatürliches.« Als der Schneider schwieg, fuhr er fort: »Ich habe meinen Vater bei mir, er ist ja nun ein alter Mann, aber ich denke, das hat die Natur so eingerichtet, daß die Kinder ihre alten Eltern unterstützen müssen; er nimmt ja auch keinen Platz weg, und essen tut er so viel wie ein Vogel.« Der Schneider schwieg noch immer, der Stromer fragte den Verkäufer: »Na, was wollen Sie denn eigentlich von dem Mann?« Der Verkäufer eilte noch eine Weile stumm neben ihnen, als des Schneiders Haus aus dem Dunkel auftauchte, sagte er: »Es ist nämlich, daß mein Vater in seinem Bett sitzt und nicht schlafen kann.« »Er wird bald zum ewigen Schlaf eingehen,« antwortete ihm der Schneider. Der Verkäufer sagte erschrocken: »Das Alter hat er ja wohl, aber wir hätten ihn doch noch gern bei uns.« »Wir wollen gehen,« sprach der Schneider, und so gingen die drei zu dem Haus des Konsumvereins. Die Frau des Verkäufers war noch wach und erwartete ihren Mann. Der trug ihr auf, Kaffee zu machen, sie ging erstaunt in die Küche und mahlte die Bohnen. Geschäftig bat der Verkäufer die beiden, abzulegen; der Stromer lachte; dann traten sie durch eine Tapetentür in die Schlafkammer des Alten. Der alte Mann war Volksschullehrer gewesen und hatte das Gesicht eines Dorfschullehrers, der in seiner Jugend noch halb geistlich war und das Gesicht rasiert hatte wie ein Pastor. Er saß aufrecht im Bett und sah die Kommenden mit aufgerissenen rollenden Augen an. »Kennst du mich, Vater?« fragte ihn der Verkäufer. Der alte Mann nickte und sah zu dem Schneider, der sich auf die Bettkante gesetzt hatte. An der geweißten Wand hing, mit silbernen Buchstaben auf schwarze Pappe gedruckt, ein Sinnspruch: »Lerne leiden ohne zu klagen.« »Ein schöner Spruch,« sagte der Verkäufer zu dem Stromer und seufzte; dieser versetzte grinsend: »Lerne klagen ohne zu leiden«; der Verkäufer wendete sich von ihm ab und sprach zu dem Schneider: »Wir haben ihm immer vorgesungen: Blau blüht ein Blümelein; das hat ihm Freude gemacht.« Der Schneider hatte eine der kalten knochigen Hände des Sterbenden gefaßt und sah in die aufgerissenen rollenden Augen. Der Mund des alten Mannes öffnete sich, und undeutlich, weil die Zunge nicht mehr recht folgen wollte, kamen aus ihm die abgebrochenen Sätze: »Bei einer Taufe habe ich selber gesehen, wie der Großbauer Wilhelm einen Taler in das Taufbecken geworfen hat, und nachher waren nur Fünfzigpfennigstücke darin. Der Pastor hat mir den Taler heimlich herausgenommen. Ich habe Wilhelm selber gefragt, oder einen Taler geopfert hat. Er hat einen Taler geopfert, und wie ich die Opfergabe herausnehmen will, da finde ich nur Fünfzigpfennigstücke. So sind die Pastoren alle. Glauben Sie ja keinem Pastor.« »Denken Sie daran, daß Sie bald Rechenschaft ablegen müssen vor dem Höchsten,« sagte der Schneider. »Dieser Herr ist ein Heilmagnetiseur,« unterbrach ihn der Verkäufer. »Er will machen, daß du einschläfst.« Der Mund des Alten machte kauende Bewegungen, seine aufgerissenen Augen waren starr auf den Schneider gerichtet. Er brachte vor: »– Einen Taler hat er in das Taufbecken geworfen, einen Taler.« Der Schneider stand vom Bettrand auf, kniete vor dem Bett nieder, faltete die Hände und betete leise. Die aufgerissenen Augen in dem ausdruckslosen Gesicht wendeten sich auf ihn. Der Verkäufer ging zum Fenster, sah in das Dunkel und trommelte auf dem Fensterbrett. »Meine Mütze,« sagte mühsam der Sterbende. Der Verkäufer ging zum Schrank, nahm eine weiße baumwollene Zipfelmütze heraus und setzte sie ihm auf den Kopf, indem er sagte: »Du bist es doch nun einmal gewohnt.« Die Troddel der Zipfelmütze stand hoch, das wachsbleiche Gesicht mit den rollenden großen Augen machte einen lächerlich-grausigen Eindruck. Plötzlich stieg ein tiefer Seufzer von unten her aus der Brust des Kranken; der Verkäufer hielt ihn noch schnell im Rücken und legte ihn leise; dann drückte er ihm die Augen zu. Die Frau kam in die Sterbekammer, wischte sich mit der Schürze die Augen und sagte: »Er hat einen schönen Tod gehabt.« Der Schneider stand verstört auf, der Verkäufer drückte ihm still die Hand; die Frau sagte: »Wir kommen die Nacht doch nicht zum Schlafen, wollen die Herren nicht eine Tasse Kaffee mit trinken?« Sie verließen die Sterbekammer und gingen in das Wohnzimmer. Der Sofatisch war sauber gedeckt, eine große Kanne mit Kaffee stand da, der Milchtopf, die Zuckerbüchse und vier Tassen. Alle setzten sich und tranken. Dem Verkäufer rollten die Tränen über das runde Gesicht, indessen er trank. Zuweilen horchte er unbemerkt ängstlich nach der Sterbekammer. Plötzlich sagte er mit verzerrtem Gesicht: »Ich muß ja auch einmal sterben.« Der Stromer hatte gerade die Tasse an den Mund gesetzt und getrunken; wie er den Gesichtsausdruck des Verkäufers sah, lachte er, verschluckte sich, hustete; der Verkäufer, um von sich abzulenken, sprang auf, trat hinter ihn und klopfte ihm auf den Rücken. Der Schneider hatte nachdenklich ein Stück Brot zerbröckelt, nun aß er die Krümel und sagte dann zu dem Verkäufer: »Die Eltern des Schusters nannten Sie den Antichrist.« Der Verkäufer wurde rot, stotterte und sagte: »Das sind ja nur so ungebildete Leute.« Dann wurde er weiter verlegen, wie er das nachdenkliche Gesicht des anderen sah, und nun versteckte er sich unter Grobheit: »Sie haben ja meinem Vater geholfen durch Ihre magnetische Kraft, aber Sie müssen nicht denken, daß ich Ihren Unsinn glaube.« »Ja, wenn nun ein anderer der Antichrist wäre,« sprach der Schneider zu sich selber, »dann könnte ich es doch nicht sein.« Die Frau zog ihren Mann am Rock und tuschelte ihm leise zu: »Du mußt ihm doch etwas geben.« Der Mann wurde wieder verlegen und sagte ihr ärgerlich: »Bekümmere du dich um deine Weibergeschichten und laß die Männer zufrieden.« Die Frau zuckte die Achseln und räumte das leere Geschirr ab. »Nun könnten wir ja wohl einen Skat spielen,« sagte frech der Stromer, indem er, die Hände in den Hosentaschen, die Beine weit von sich streckte. »Komm,« herrschte ihn der Schneider an, daß er zusammenfuhr, aufsprang und mechanisch die Finger an die Hosennaht legte. Der Schneider nahm seine Mütze, verabschiedete sich von dem Verkäufer und ging; der Stromer folgte ihm. »Dem brauchst du bloß mit dem kleinen Finger vor die Brust zu tippen, dann fällt er schon um,« sagte draußen der Stromer zu dem Schneider, »aber den andern, den Steinbeißer, den kriegst du nicht, der ist früher aufgestanden wie du.« »Was will ich denn!« flüsterte der Schneider vor sich hin; »was will ich denn! Ich will ja doch den Menschen helfen!« Der Nachtwächter rief Mitternacht aus. Sie mußten vor dem Haus des Schusters vorbei zurück zu ihrem Hause; da stand der Schuster noch immer vor dem erleuchteten Fenster, hatte den Kopf an die Scheibe gedrückt und sah in die Werkstatt, wo in der hintersten Ecke in ihrem Bett sein Kind schlief. »Dem hast du doch geholfen,« sagte der Stromer zu ihm. Er blieb stehen und antwortete wie zu sich selber: »Ist das denn richtig gewesen? Vielleicht hätte ich alles sollen so gehen lassen wie es war? Was nützt es denn, den Menschen helfen? Man müßte sie ändern, dann wären alle gut. Aber wie kann man sie denn ändern? Einer ist so, wie er ist. Man kann ja nichts tun, als sich selber gut machen. Er hat recht, daß er sich die Stiefel nicht beschmutzt. Ich bin ja ein Lügner, und alles, was ich tue, das erweckt ja Lüge.« »Aber der Schuster ist doch ein anderer Mensch geworden,« warf der Stromer furchtsam ein. »Was sind denn Taten,« schrie der Schneider. »Alle Taten sind falsch, die Gedanken sind falsch, die Gefühle schon sind falsch, mit all diesem lügen die Menschen. Aber etwas gibt es im Menschen, das kann nicht lügen, das ist immer wahr; das fühle ich, daß es das auch in mir gibt, aber ich kann es nicht verstehen, es spricht eine andere Sprache wie ich. Der andere hat ja recht, ich bin für ihn der Antichrist, wie für mich armseligen Menschen dieser Narr von Verkäufer der Antichrist ist; und vielleicht gibt es einen, für den der andere der Antichrist ist. Das würde mich freuen, wenn er so verzweifeln müßte, wie ich verzweifeln muß.« Der Stromer wendete sich von ihm. »Wohin willst du?« rief der Schneider. »Fort,« antwortete er. »Ich dachte, ich wäre bei einem, der mir etwas sagen kann.« »Bleibe,« sagte der Schneider zu ihm; »dir kann ich noch viel sagen, was du brauchst. Siehst du denn nicht ein, daß es das gerade ist: Herr Kurt kann dir nichts sagen, denn den kannst du nicht verstehen; aber ich bin so gemein, daß ich dir alles sagen kann.« »Gut,« erwiderte trocken der Stromer. »Dann wollen wir nach Hause gehen. Ich bin müde und will schlafen.« Sie gingen zum Hause des Schneiders, stiegen die schmale und steile Treppe hoch und legten sich schlafen. * Kurt war die Dorfstraße hinuntergegangen, nachdem er das Haus des Schneiders verlassen, hatte die Brücke überschritten und dann die Landstraße talabwärts verfolgt. Er war aus dem Tal hinausgekommen in die Ebene, über welcher der blaue, bestirnte Himmel lag, und indem er seine nächtlichen Wege weiter wanderte, war er gegen Vormittag bei Herrn von Riemann angelangt. Er traf Herrn von Riemann in seinem Arbeitszimmer über ein Reißbrett gebeugt. »Man muß die Pläne für die Bauernhäuser selber entwerfen,« sagte er, »was man in Büchern findet, das ist Stubenweisheit, und die Maurermeister auf dem Lande gehen ihren gewohnten Gang.« Dann zeigte er mit jugendlicher Behendigkeit seinen Grundriß. Es mußte alles unter einem Dache sein, damit die Frau das Vieh ordentlich besorgte, aber doch so, daß die Wohnzimmer genügend getrennt von den Stallräumen waren. Er hatte auch die Ansicht, man müsse den Leuten eine gute Stube vorsehen, denn deren Besitz erhöhe das gesellschaftliche Selbstgefühl und damit die Sittlichkeit. »Es ist schnurrig,« fuhr er fort, »bei unsereinem muß der Dünkel ausgetrieben werden, wenn man brauchbare Menschen haben will, bei diesen Leuten muß man erst künstlich einen Dünkel züchten.« Kurt lachte und sprach: »Wir wollen lieber nicht zuviel Dünkel austreiben; wer ihn nicht mehr braucht, bei dem verschwindet er schon von selber, und die meisten Menschen brauchen ihn ja doch nun einmal.« »Sie spielen wohl leicht auf mich an?« fragte lächelnd Herr von Riemann; »ja, wenn man vor der Zwangsversteigerung steht, da hat man schon sein bißchen Hochmut nötig.« »Ich dachte auch an mich,« erwiderte ihm mit ernster Miene Kurt. Die Männer besprachen noch verschiedenes über die Aufteilung. Es sollten zwei größere Bauerngüter geschaffen werden, im übrigen mittlere und kleinere, damit Verschiedenheit und Wettstreit herrsche und immer die Möglichkeit einer Verbindung mit der höheren und gebildeteren Welt. Man besprach den Gedanken, die landwirtschaftlichen Kleinbetriebe ertragreicher zu machen durch Übergang zu mehr gärtnerischer Bebauung, und dachte daran, daß in absehbarer Zeit einmal die arischen Völker mit den mongolischen werden kämpfen müssen, und daß in diesem Kampf die Völker siegen werden, welche den geringsten Bodenraum für die Familie beanspruchen. Herr von Riemann brachte seinen Lieblingsplan vor, zerstreute Gehöfte zu bauen statt geschlossener Dorfanlagen, weil im Alleinwohnen Verstand und Charakter der Menschen sich besser entwickelt. Sie nahmen die Flurkarte vor, überlegten und teilten ein, beschlossen, am Nachmittag sich alles an Ort und Stelle anzusehen; dabei wurde Herrn von Riemann die ungewöhnliche Zeit und Art des Besuches klar; er unterdrückte seine Verwunderung, Kurt eine leichte Verlegenheit. So kam die Mittagszeit heran; sie gingen ins Eßzimmer, wurden von den Damen begrüßt, man setzte sich und aß. Kurt sagte: »Wir bestimmen doch wie Götter über das Geschick künftiger Menschen, von unseren Entschlüssen heute hängt wirklich viel, das meiste vielleicht dieser Geschicke ab. Wir selber sind wieder durch frühere Menschen bedingt. So ist scheinbar alles wundervoll durch Ursachen verbunden. Aber, was ist es denn nun eigentlich, was uns bei unseren heutigen Entschlüssen treibt? Bei mir der in meiner Person nachwirkende Wille meines Stiefvaters, denn mein eigener Wille ging von sich aus ganz andere Wege. Bei Ihnen die handwerklichen Erwägungen des pflichttreuen Ausführenden. Woher kam der Wille meines Stiefvaters? Wir wissen es nicht; ich denke, er hat es selber nicht gewußt, wie ich selber ja auch nicht weiß, woher mein Wille kommt.« Herr von Riemann antwortete: »Die eigentlichen Verwicklungen kommen erst. Wie man eine Sache plant, so wird sie nie Wirklichkeit; ja so sehr ist die Wirklichkeit oft von dem Plan verschieden, daß sie sein Gegenteil sein kann. Dennoch ist die Wirklichkeit immer richtig, eben weil sie die Wirklichkeit ist, und wir sind oft die Genarrten und erscheinen uns etwa wie Kinder, welche glauben, ihre Lektion für den Lehrer zu lernen, indessen sie für etwas in ihrem späteren Leben lernen, davon sie gar nichts wissen.« »Vielleicht ist es doch das Richtigste, wenn wir sagen: wir sind Gottes Werkzeuge,« schloß Kurt das Gespräch. Nachher suchte er Gelegenheit, mit Anna allein zu sein. »Es scheint mir,« sagte er, »daß ich zu Klarheit darüber gekommen bin, was in mir gewollt wird, und dazu haben Ihre Worte mir sehr geholfen, wenngleich sie auf ganz etwas anderes gingen. Ich werde eine Arbeit tun in der Art, wie mein Stiefvater wollte, und es ist nötig, daß ein Mann eine Arbeit tut, denn wer nur denkt, der zerdenkt sich. Ich hatte gedacht, ich wollte ein Seelsorger werden für Menschen, aber ich sehe nun ein, daß Worte wohl Schlummerndes wecken können, aber nicht Neues schaffen; geschaffen wird nur durch Handeln und Leben, langsam, im Lauf von vielen Menschenaltern. Mein Stiefvater hatte doch recht, mir gegenüber, wenn er sich auch nicht so klar war wie ich. So denke ich nun in der Verfassung zu sein, in der ein Mann sein muß, welcher einem Mädchen die Hand bietet und es fragt, ob sie seine Gattin werden will.« Anna errötete tief, senkte das Haupt ein wenig, dann fügte sie leise die Hand in die dargereichte Hand Kurts. Kurt legte seinen Arm um ihre Schulter und küßte sie, sie erwiderte seinen Kuß und sagte: »Ich verspreche dir, daß ich für dich sein will, und nicht für mich.« Sie gingen zu den Eltern und erzählten ihnen das Geschehene, die Eltern freuten sich, und es stellte sich heraus, daß sie an eine solche Verlobung gedacht hatten als an eine wünschenswerte Möglichkeit. Man besprach allerlei, Nötiges und Überflüssiges, Anna bemerkte einen Schatten auf Kurts Gesicht, machte sich mit ihm frei und fragte ihn. Es war nur eine unbestimmte Schwermut in Kurt; er hatte vorher an alle Ruhe und Beseligung einer glücklichen Ehe gedacht, ein frohes Erwachen am Morgen, frische Arbeit am Tage, stilles Behagen in den wenigen Mußestunden; Erziehen gutgearteter Kinder, tätiges Eingreifen in andere Verhältnisse, die erst aus dem eigenen bürgerlichen Leben verstanden werden; und nun, durch die Gespräche der Eltern, war plötzlich eine trübe Stimmung über ihn gebreitet, als sei nicht recht, was er getan. »Ist das nur eine törichte Laune, die über mich gekommen, der ich nicht nachgeben darf, oder gelangt eine Warnung nach oben aus der Tiefe meines Innern, das nicht durch Worte sprechen kann und nur durch Gefühle sich ausdrückt?« so fragte er sich; und zugleich wunderte er sich über die Unsicherheit, die plötzlich in seinem Wesen war, die pedantische und hypochondrische Selbstbeobachtung. »Erinnere dich an das, was du selber bei Tisch sagtest,« warf ihm Anna ein. »Wir sind die Werkzeuge Gottes. Wir können nichts, als das tun, was wir für richtig halten, aller Ausgang unserer Taten aber hängt nicht von uns ab, und wir sind töricht, wenn wir über den Ausgang nachdenken, der uns notwendig unbekannt ist, statt über unseren Willen, den wir ja kennen.« »Kennen wir ihn wirklich?« fragte Kurt. »Ich glaube gar nicht, daß wir die Eigenschaft haben, die wir Willen nennen, sondern es ist etwas, das uns treibt, dessen Treiben wir uns dann nachträglich klarzumachen suchen. Ich habe plötzlich Angst vor diesem, das mich treibt; unsere Vorfahren hätten gesagt: ich habe Ahnungen von Unheil.« Herr von Riemann hatte anspannen lassen, die beiden mußten nun mit ihm fahren, um draußen überall zu besichtigen, wie er sich die Verteilung gedacht hatte. Sie fuhren die Feldwege, über die Felder und Wiesen; da zog sich ein Bach in gewundenem Lauf, an seinem Ufer wuchsen Erlen und Weiden. Ein Hase hoppte dicht vor ihnen quer über das Feld; fern am Horizont standen die blauen Berge. Der Wagen hielt auf einer kleinen Erhöhung, unter der sich wohl ein Grab aus der Steinzeit befinden mochte. Kurt stand auf im Wagen und sah sich um in der frühwinterlichen Landschaft; der Geruch der Erde, die frische, sonnige Luft, der leichte Wind, das ferne Krähen eines Hahnes, ein leises Scharren und Klirren der Pferde – alles erweckte ein Hochgefühl in ihm, daß er hätte jubeln mögen. Er machte eine weite Bewegung mit der Hand und sprach: »In wenigen Jahren werden hier überall kleine Häuser stehen, aus deren Schornsteinen der Rauch hochsteigt, Obstbäume sind um die Häuser gepflanzt, gesunde und tüchtige Menschen wohnen in ihnen; immer weiter wird sich das Bauernland dehnen, denn alles Geld, das zurückkommt, wird wieder verwendet zu neuen Käufen, und in Jahrhunderten wird dieses Gebiet wimmeln von den Nachkommen der ersten Bauern.« »Wenn Gott will,« sagte leise Anna und faltete die Hände. Kurt fuhr nach Hause, um alles mit seiner Schwester und dem Landrat zu besprechen. Langsam ging der Zug an der Landstraße und dem Fluß hin, das Tal hinauf, zwischen den beiden Bergen. Schneewolken lasteten am Himmel, ein graues Licht war überall. Dort war die Brücke zum Dorf, der Platz mit dem Entenpfuhl; der Zug hielt, er stieg aus, der Stationsbeamte grüßte. Er traf Angelika allein im Arbeitszimmer des Vaters; sie saß an ihrer gewohnten Stelle und rechnete eine lange Liste nach. Als sie ihn erblickte, glitt ein freudiger Schein über ihr schwermütiges Gesicht, sie stand auf und begrüßte ihn. »Wir sind doch Geschwister,« dachte Kurt, er nahm sie in den Arm und küßte sie auf die Stirn. »Was ist dir?« fragte Angelika erstaunt. Er wurde verlegen, dann sagte er: »Ich habe mich verlobt.« Sie errötete und dachte bei sich: »Weshalb erröte ich denn?« Eine neue Zärtlichkeit brach in ihm aus, er legte seinen Arm um ihren Leib und zog sie zum Fenster, da stand vor ihnen der Kohlberg, oben rauschten die Räder des Förderschachtes, glitten die beiden Drahtseile. Er dachte kummervoll: »Sie liebt ihren Verlobten nicht. Alles in diesem Raum ist so, wie es war, sie hat gar nicht daran gedacht, daß etwas freundlicher sein könnte für ihn. Ich bin nur ihr Bruder, aber nie war solche Freude auf ihrem Gesicht, wenn sie ihren Verlobten begrüßte, wie eben, als ich eintrat.« Es war, als habe sie seinen Gedankengang in sich verfolgt; plötzlich sagte sie: »Wir müssen doch unsere Pflicht tun.« Er faßte ihre beiden Hände, sah ihr in die Augen und wollte sprechen; aber sie lenkte ihn ab und sprach: »Du siehst froh aus.« »Ich bin auch froh,« erwiderte er. »Mir scheint, früher habe ich zuviel gedacht; plötzlich ist mein Geist vom Denken freigeworden, und mir ist, wie einer Pflanze sein muß, welche den Sonnenschein spürt und aufblüht.« Wieder wollte er nun zu ihr sprechen, aber sie verspürte seine Absicht wieder, trat vom Fenster zurück, und mit jener anmutigen Bewegung, die ihr gewohnt war, indem sie beide Arme zum Haar nach hinten erhob und eine Nadel feststeckte, sagte sie: »Er wird gleich kommen.« Da öffnete sich auch schon die Tür und der Landrat trat ins Zimmer. »Er sieht nichts,« dachte Kurt, indem er sein ruhiges Gesicht betrachtete. Die beiden begrüßten sich freundschaftlich und herzlich; »er ist doch ein Fremder,« dachte Kurt, und indem Angelika ihn in diesem Augenblick ansah, wußte er, daß Angelika dasselbe dachte. Aber dann wurde ihm plötzlich klar, daß das ein innerer Fehler in Angelikas Seele war, daß sie so denken konnte. »Sie kann sich nicht verschenken,« dachte er, »und auch die Frau kann ihr Leben nur gewinnen, wenn sie es verschenkt. – Aber kann ich selber denn mein Leben verschenken? Der Landrat kann es, Anna kann es, die beiden tun, was ihnen aufgetragen ist, ohne besonderes Nachdenken.« Der Landrat erzählte, daß er noch von seinen Eltern her einen alten Kutscher habe, mit dem er fast aufgewachsen sei und den er immer für den treuesten Mann gehalten. Nun habe es sich herausgestellt, daß der ihn seit Jahren betrogen, indem er immer den Hafer zu teuer angerechnet. Wie er das zufällig entdeckt, seien dem alten Mann die Tränen gekommen, und er habe beteuert: »Ich bin kein Spitzbube, ich habe meinen Pferden immer ihren Hafer gegeben, und ich hätte gut Hafer verkaufen können, wenn ich gewollt; aber daß ich zwei und einen halben Silbergroschen zu viel angesetzt habe, das ist durch meinen Neffen gekommen, den Lumpen, der mir auf der Tasche liegt.« Bei dieser wunderlichen Entschuldigung sei er geblieben. »Da aber,« fuhr der Landrat fort, indem er die Geschwister mit einem gütigen Blick ansah, den man früher an ihm nicht kannte, »da aber kam mir die Erinnerung an euren Vater, und auch die Erinnerung an euch, und ich sah ein, daß ich kein Recht hatte, über den Mann zu richten. Ich habe Ähnliches wohl schon früher dunkel gefühlt, nun aber ist es mir klar geworden, durch euren Vater und durch euch; ich dachte daran, daß der Mann mir seine ganze Zuneigung geschenkt hatte, und daß ich das angenommen, als müsse das so sein und sei gar nicht anders möglich, indem ich selber mich gar nicht um ihn bekümmerte und noch nicht einmal von seinem ungeratenen Neffen und seinen Sorgen für ihn und anderen Kümmernissen wußte. Ich habe ihm nichts von diesen Gedanken gesagt, nicht, weil ich mich geschämt hätte, sondern weil durch das Aussprechen solche Gedanken ein falsches Gewicht bekommen, das bald zur Lüge führt; deshalb habe ich ihm nur versprochen, daß alles vergeben und vergessen sein solle, und habe mir in meinem Herzen vorgenommen, anders gegen ihn zu werden wie bisher; denn eigentlich war ich ja doch der Schuldige. Er freute sich und dankte mir unter Tränen, sagte dann auch, das habe er gewußt, daß ich ihm vergeben würde; und weil meine Ansicht klar geworden war, so war ich über das alles nicht beschämt, wie sonst wohl der Fall gewesen wäre.« Unbemerkt sahen sich Kurt und Angelika wieder an, und Angelika dachte: »Habe ich nicht recht, daß ich meine Pflicht tun will?« und Kurt dachte: »Sie kann nicht mehr tun, sie tut ihre Pflicht, und das ist recht.« Vor dem Stuhle des Landrats lagen uneröffnete Postsachen. Er setzte sich, nahm die Briefe vor, öffnete den ersten, las, dann sprang er hastig auf mit erregtem Gesichtsausdruck. Kurt sah ihn erstaunt an, er reichte ihm den Brief.. Der Brief kam von einer großen Fabrik, welche eine Hauptabnehmerin gewesen war, und enthielt die Nachricht, daß man leider gezwungen sei, die Bestellungen zunächst einzuschränken, weil von anderer Seite flüssiger Sauerstoff angeboten werde, zu einem Preis, welcher die Verwendung von Manganerz unrentabel mache. Kurt gab den Brief an Angelika weiter und sagte: »Es ist eingetreten, was der Stiefvater vorausgesehen, man hat eine andere Herstellungsart des Sauerstoffes entdeckt, und unsere Betriebe sind wertlos geworden.« »Welche Maßregeln denkt ihr zu ergreifen?« fragte Angelika. »Euer Stiefvater hat ja für alles gesorgt, es ist nur nötig, seine Maßregeln auszuführen,« sagte der Landrat. »Wenn das glatt geht, so ist alles gut; ich fürchte nur, daß es nicht so glatt geht, wie er angenommen hat. Wir wollen von uns absehen; die Gruben gehörten ja nicht uns, wir verwalteten sie nur für die von ihm ausgedachten Zwecke. Wenn sie wertlos werden, so wenden wir unsere Tätigkeit zu neuen Aufgaben. Es ist auch für die Arbeiter gesorgt; ein großer Teil kann sich von seinem Ackerland erhalten, wenn noch eine kleine Nebeneinnahme durch Waldarbeit oder durch neue Gewerbe hinzukommt, für welche euer Stiefvater schon alles vorbereitet hat. Die Schwierigkeiten entstehen in der Übergangszeit, besonders zuerst, wenn wir beginnen, die Betriebe einzuschränken. Er hatte die Ansicht, daß man die Leute möglichst sich selbst überlassen und sie nur so leiten dürfe, daß sie es nicht merken. Deshalb hat er ruhig die politischen Führer Macht über die Leute gewinnen lassen, indem er sich sagte, daß diese Macht schließlich immer nur auf bedeutungslose Redensarten hinauskomme. Das ist ja nun wohl richtig in ruhigen Zeiten, aber in einer solchen Entscheidung, wie uns nun bevorsteht, kann hier eine große Gefahr entstehen. Die Leute verlangen von ihren Führern Rat, diese wissen nicht, was sie sagen sollen, und so sind sie auf sich selber angewiesen. Vorerst müßte man versuchen, sich mit dem Leiter des sozialdemokratischen Blattes zu verständigen, das hier gelesen wird.« »Das ist unmöglich,« erwiderte Kurt. »Dann wollen wir uns auf eine schwere Zeit gefaßt machen,« sprach der Landrat. »Wie würde uns selber zumute sein, wenn wir plötzlich erführen: von nächster Woche an ist keine Arbeit mehr. Und wenn einzelne in augenblickliche Verzweiflung verfallen, dann ist eine Panik möglich, denn derartige Stimmungen stecken ja an. Wenn die Menschen in solcher Lage gemeinsam handeln, dann kommt oft etwas aus ihnen heraus, das sonst gar nicht in ihnen vorhanden ist. Durch den Schneider ist ohnehin eine merkwürdige Gärung entstanden; wenn der Schneider auch ganz andere Dinge will: es genügt, daß er die Leute aufgerüttelt hat.« Kurt schwieg und sah durch das Fenster zu den Rädern, den Drahtseilen, die nun bald nicht mehr schnurren sollten. Plötzlich faßte ihn ein heftiges Gefühl für diese toten Maschinen; er mußte lächeln über sich und dachte, daß das, was wir Gewissen nennen, doch auf ähnliche Weise entsteht, wie dieses törichte Gefühl, und daß wir es deshalb nicht so hoch schätzen sollten, wie wir gewöhnlich tun. Angelika starrte nachdenklich auf den Tisch und zeichnete allerhand Figuren. »Mit anderen Worten, du befürchtest Unruhen. Nun, wir wollen tun, was wir können, um die Leute zu halten; unsere Aufgabe ist ja jedenfalls ganz klar,« sagte sie. »Ja, sie ist ganz klar,« sagte der Landrat, indem er sie ruhig ansah. »Ich werde zunächst eine Schrift aufsetzen, die angeschlagen werden soll, in welcher ich alles darlege und ihnen zeige, daß für sie gesorgt wird.« »Werden sie glauben, was in der Schrift steht?« fragte Kurt. Der Landrat zuckte die Achseln. Kurt nahm eine Zeitung vom Tisch, blätterte mechanisch, plötzlich fiel sein Auge auf eine Notiz. Er las: »Ein neuer Triumph der Wissenschaft. Echt deutschem Fleiß ist eine Erfindung geglückt... Gewinnung des Sauerstoffes direkt aus der Luft... von großen wirtschaftlichen Umwälzungen begleitet sein.« »Ja, ja, von großen wirtschaftlichen Umwälzungen,« sagte bitter der Landrat. »Morgen steht in der sozialdemokratischen Zeitung ein Leitartikel über die Sache,« sprach Kurt. »Wenn mit dem dummen Menschen zu reden wäre, so könnte ich ja jetzt noch zu ihm fahren; aber es nutzt nichts, wenn ich das versuche, er denkt nur, wir haben Angst, und schreibt dann noch dümmer.« »Du wirst also deine Schrift aufsetzen, wir lassen sie gleich vervielfältigen und anschlagen, und im übrigen warten wir ab,« schloß Angelika. Zehntes Kapitel Die sozialdemokratische Zeitung brachte einen Aufsatz, in welchem sie rühmend hervorhob, daß wieder ein neuer Schritt getan sei zu der endlichen Befreiung der Menschen von der Arbeit und daß von nun an der Proletarier nicht mehr in die Tiefe der Erde hinabsteigen müsse, um in ungesunder Luft, in übermäßiger Arbeitszeit das Gestein zutage zu fördern, in welchem das lebenerzeugende Gas schlummere; der Verfasser des Artikels hatte aber nicht an die weiteren Folgen für die Arbeiterbevölkerung seines Gebietes gedacht, da er diese eigentlich gar nicht kannte, und so schrieb er denn auch von diesen weiteren Folgen nichts. Die Bergleute lasen den Artikel wohl, machten sich aber auch nicht klar, was aus der neuen Erfindung entstehen werde. Der Verkäufer des Konsumvereins sah die Sache zwar ein, aber da er nicht wußte, was nun eigentlich geschehen sollte, so bekam er Angst und schwieg von seiner Einsicht; der Schneider hatte gleichfalls die Sache verstanden, allein er beschloß abzuwarten, was geschehen werde. So kam denn alles auf eine ganz unerwartete Weise ins Rollen, nämlich durch die gutgemeinte Schrift des Landrats. In dieser war auseinandergesetzt, daß durch das neue Verfahren in kurzer Zeit das Manganerz nicht mehr nötig sein werde und daß man daher zunächst an eine Verminderung der Belegschaft, dann an eine gänzliche Einstellung der Gruben denken müsse. Aber die betroffenen Bergleute sollten nicht verzagen, denn der verstorbene Herr Steinbeißer habe alles vorausgesehen und seine Maßregeln bereits getroffen. In vierzehn Tagen werde man einen Teil der Bergleute entlassen, welche sogleich im Forst angestellt werden sollten. Es sei zwar nicht möglich, für die Forstarbeit so hohe Löhne zu zahlen wie im Bergwerksbetrieb, aber man werde deshalb auch nur Unverheiratete und Leute mit geringer Familie auswählen. Für später sei die Einführung von zwei neuen Industrien vorgesehen, nämlich Holzwarenfabrikation und mechanische Weberei. Das jetzige Scheidhaus solle mit Sägewerken, Hobel und Drehmaschinen versehen werden, man wolle einige Meister kommen lassen, welche die Arbeiter anlernen sollten, und im Frühjahr wolle man die Holzwarenfabrikation langsam mit einigen Leuten beginnen; man glaube den hier beschäftigten Arbeitern später einen Lohn versprechen zu können, der vielleicht nicht so hoch wie der gegenwärtige, aber doch jedenfalls ganz auskömmlich sei. Gleichzeitig denke man fremde Seidenweber anzunehmen, welche in der Seidenweberei unterrichten sollten. In dem Maße, wie der Bergwerksbetrieb eingeschränkt werde, wolle man die gefaßten Wasserkräfte für eine elektrische Anlage benutzen, deren Kraft in die einzelnen Häuser geleitet werden solle, um dort die Webstühle zu treiben. Im Laufe der Zeit, und wenn die Arbeiter sich geschickt erwiesen, würden hier sehr günstige Löhne möglich sein. Vor allem sollten die Arbeiter die Zuversicht haben, daß alle Unternehmungen in gemeinnützigem Sinne begonnen und geleitet werden würden, wie es ja den Absichten des verstorbenen Herrn Steinbeißer entspreche. Die Arbeiter sollten auch immer bedenken, daß ja für ihre Wohnung und den größten Teil ihrer Nahrung gesorgt sei, so daß eine eigentliche Not auch in den Übergangszeiten nicht entstehen könne. Außerdem könne man mitteilen, daß in der Nähe einige Güter angekauft seien, die zerschlagen werden sollten; die neuen Stellen würden mit sehr geringer Anzahlung abgegeben, die unter Umständen auch gestundet werden könne; wenn einige der gegenwärtig im Bergwerk beschäftigten Arbeiter Neigung und Fähigkeiten hätten, eine derartige Stelle zu übernehmen, so würde man sie zuerst berücksichtigen. Die Schrift war nicht ganz geschickt abgefaßt; die Leute lasen durch Mißverständnis und Mißtrauen ganz andere Dinge aus ihr heraus, wie gemeint waren, und jedenfalls wurde ihnen durch sie zum ersten Male klar, was sie eigentlich bedrohte. »Wir sind Bergleute, wir wollen Bergleute bleiben,« sagten einige; »der Bergmannsstand ist ein Ehrenstand, die Fabrikarbeiter sind hergelaufenes Volk,« fügten andere hinzu, trotz ihrer sozialdemokratischen Gesinnung. Es wurde gefragt: »Wozu haben wir denn so lange in die Knappschaftskasse gesteuert?« »Von dem Geld wird dann oben bei den Herrschaften Sekt getrunken,« antworteten einige Freche. »Der alte Herr Steinbeißer hätte so etwas nicht verlangt, der wußte, daß der Bergmann in die Grube gehört, der war selber Bergmann,« wurde gesagt. »Weshalb sind denn früher keine Forstarbeiter eingestellt? Der Forst ist doch schon immer dagewesen!« »Das ist genau so, wie damals in der Eisensteinerzeit. Wer es konnte, der ist nach Amerika gegangen. Aber heute hat jeder sein bißchen Geld in Haus und Acker gesteckt; wer kauft ihm denn das nun ab?« »Brennen kann man auch nicht, denn die Versicherung zahlt nur, wenn man wieder aufbaut.« »Teuer genug hat alles bezahlt werden müssen, geschenkt ist einem nichts; das läßt man doch nicht so einfach hinter sich, da steckt der Schweiß von dreißig Jahren drin, das verschleudert man nicht.« »Die Herrschaften fallen immer auf die Beine, geht's nicht mit den Gruben, so geht's mit den Fabriken, bei denen heckt das Geld, und unsereins kann noch nicht einmal sein sauer verdientes Lohn kriegen.« »Der Alte ist auch schon so ein Geizhals gewesen, nicht einmal einen neuen Überzieher hat er sich gegönnt in den langen Jahren; wenn er nicht mußte, so gab er den Leuten nichts zu verdienen.« »Sie sollen ja das Geld im Keller liegen haben in großen eisernen Kisten, alle drei Jahre kommt eine neue Kiste dazu.« »Du glaubst auch alles, was die alten Weiber erzählen, und wenn sie sagen, daß der feurige Drache nachts zu ihnen durch den Schornstein kommt, so glaubst du es auch. Güter haben sie sich gekauft, und das andere haben sie in Staatspapieren angelegt, wo jedes Vierteljahr die Coupons abgeschnitten werden.« »Da wird ja denn wieder ein Geschäft gemacht, wenn sie die Güter aufteilen. Wo Geld ist, da kommt Geld zu.« »Wenn nun einer invalide ist, soll denn der auch sein Invalidengeld nicht haben?« »Das muß ihm doch werden, hinter der Knappschaftskasse steht ja der Staat.« »Der Schenker ist über den Berg gezogen.« »Versprechen kann jeder, ich glaube an das, was ich in der Tasche habe.« Es war jetzt richtiger Winter, mit hohem Schnee, der in der Sonne glitzerte, mit schneidendem Wind, die Tritte der Menschen knirschten. Die Männer ermahnten die Frauen, beim Einheizen zu sparen, denn es wußte keiner, ob man nächsten Winter Holz hatte; die Frauen antworteten, die Männer könnten klug reden, die hätten warm bei ihrer Arbeit, sie aber sollten in den kalten Stuben sitzen und frieren. Einige Weiber fingen auch schon an zu hetzen, und sagten, die Männer hätten keinen Mut und ließen sich alles bieten; wenn die Herrschaft sähe, daß sie nicht gleich ins Mauseloch kröchen, so würde sie schon andere Saiten aufziehen. Alte Leute erzählten vom Jahr achtundvierzig, wenn da ein Vornehmer einem Armen begegnete, dann konnte er schön auf ihn zukommen, ihm die Hand drücken und nach seinem Befinden fragen. Die Zeitung brachte Aufsätze über die Schrift des Landrats. Es sei ein Kunstgriff des Kapitalismus, die Arbeiter seßhaft zu machen, damit der Unternehmer die Löhne desto besser drücken könne. Es solle Hausweberei mit Hungerlöhnen eingeführt werden. Von einem anderen Mitarbeiter des Blattes wurde ein Artikel abgedruckt, in welchem nachgewiesen wurde, die vorgeschlagene Art der Hausweberei stelle eine neue Arbeitsform dar, welche Marx noch nicht gekannt habe. Der erste Mitarbeiter bestand auf seiner Ansicht, Hausarbeit sei Hausarbeit, auch wenn die Kraft geliefert werde, und Hausarbeit wirke stets verelendend und hindere die Arbeiter, Bildung zu erwerben. Es wurde auf die religiöse Bewegung hingewiesen, welche bereits ein Symptom der gedrückteren Lebenshaltung der Arbeiter sei. Viele Anfragen wurden an den Verkäufer gerichtet. Er antwortete ausweichend: »Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird«; »nur nicht den Kopf verlieren«; »das Proletariat steht abwartend, aber Gewehr bei Fuß.« Man forderte ihn auf, er solle eine Volksversammlung einberufen; aber er entschuldigte sich immer, er sei noch zu heiser und könne nicht in einem großen Raum reden. Zuletzt schlug er vor, man solle den Reichstagsabgeordneten des Wahlkreises bitten, eine Rede zu halten. Der Reichstagsabgeordnete kam und hatte eine lange Unterredung mit dem Verkäufer. Die Versammlung fand in einer alten Scheune statt, die neben der Schule stand und noch von dem früheren Gutshof herrührte. Es war eine heftige Kälte, und die Männer froren, trotzdem sie alle sehr vermummt waren. Der Abgeordnete trat in einem dicken Wintermantel auf, wurde durch Hochrufe begrüßt und begann dann seine Rede. Sein Thema war: Die Reichstagswahlen und die besitzenden Klassen. Die Reichstagswahlen standen vor der Tür, die besitzenden Klassen aber hatten sich einen eigenen Katechismus zurechtgemacht, nach dem sie lebten, eigene zehn Gebote, nach denen sie handelten. Das erste Gebot lautete: »Ich bin das Geld, dein Gott, du sollst nicht andere Götter haben neben mir.« Die Leute lauschten aufmerksam und gespannt, denn sie erwarteten eine Aufklärung, einen Rat; aber der Abgeordnete sprach nur von den herrschenden Klassen und ihren zehn Geboten, brachte dann wohl einmal die Reichstagswahl hinein, bei welcher das Volk den Ausbeutern seine wahre Ansicht zeigen werde, von dem Manganerz jedoch, der Sauerstofferzeugung aus der Luft durch Elektrizität, der Waldarbeit, der Holzwarenfabrik und der Seidenweberei sagte er nichts. Die Rede war im übrigen sehr begeisternd, sie klang zum Schluß in eine Verherrlichung des Proletariats aus mit den Versen von Herwegh: »Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will«; dann sagte er noch, die Zuhörer sollten sich nicht zu Gewalttätigkeiten reizen lassen, und endlich stieg er von der Bühne herab, indessen die Zuhörer ihm Beifall riefen. Ein alter Bergmann hatte um das Wort gebeten und bestieg letzt die Bühne. Er erzählte, er sei nun an dreißig Jahre eingefahren und habe immer mit Schlägel und Eisen gearbeitet, nun solle er hobeln und weben, das gehe nicht, das seien seine Finger nicht gewohnt. Lauter Zuruf erscholl, als er das sagte. Dann fuhr er fort, was unmöglich sei, das sei unmöglich, das sehe er wohl ein, und für die Halde könne die Herrschaft nicht fördern lassen. Deshalb sei ihnen der Gedanke gekommen, ob ihr Abgeordneter keinen Rat wisse, so hätten sie ihn gebeten, daß er eine Rede halten solle. Aber der wisse wohl auch keinen Rat, nun bleibe ihnen denn nichts übrig, als auf Gott zu vertrauen und zu ihm zu beten, denn eine andere Hilfe sehe er nicht. Er stieg herunter; die grimmige Kälte wirkte auf die Leute; sie ballten die Hände in den Hosentaschen, manche suchten die Füße durch Stampfen zu erwärmen. Der Abgeordnete wechselte einen Blick mit dem Verkäufer, dieser trat auf und sagte, die Abgeordneten seien die Abgeordneten für das ganze Volk, nicht für die Einzelnen, und deshalb könnten sie sich auch um solche Dinge, die kein allgemeines Interesse hätten, nicht kümmern, sie hätten an Handelsverträge, Militarismus, Bekämpfung der Reaktion, Steuern und dergleichen zu denken. Deshalb könne er sich nur dem Redner anschließen und bitte sie, in den Ruf einzustimmen: »Es lebe das sozialistische, internationale Proletariat.« Nicht alle riefen mit, es meldete sich niemand mehr zum Wort, so erklärte der Vorsitzende die Versammlung für aufgelöst, und alle gingen auseinander. In der nächsten Nacht erwachte der Verkäufer durch das Klirren seiner Fensterscheiben und Poltern großer Steine in der Stube mit den roten Plüschmöbeln. Er sprang aus dem Bett, seine Frau wollte ihn zurückhalten, da kamen auch Steine durch das Schlafzimmerfenster. Das Ehepaar flüchtete auf den Flur; noch mehrere Steinwürfe waren, dann Pfeifen, Johlen und Schimpfen; man unterschied die Stimmen von vier oder fünf jungen Burschen; sie schimpften ihn »Ausbeuter« und »Blutsauger«. Die Frau beklagte sich gegen ihren Mann, daß man seine Steuern bezahle und von der Polizei keinen Schutz habe; der Mann erwiderte nichts; nur zuletzt sagte er: »Es stehen schwere Zeiten bevor.« Nach einiger Zeit entfernte sich das Tosen der Rotte auf der Straße; endlich wagte sich das Ehepaar wieder in die vorderen Räume und zündete Licht an; da waren die meisten Scheiben zerschlagen, große Steine lagen überall in den Zimmern; die Visitenkartenschale auf dem Sofatisch war zertrümmert, das Öldruckbild von Marx hatte eine Beule, die polierten Möbel hatten Schrammen bekommen; die Frau weinte, der Mann seufzte still. Zuletzt antwortete er auf die Vorhaltungen der Frau: »Ich habe die Stimmen wohl erkannt, aber ich kann doch nicht zur Polizei gehen!« Die Frau erwiderte, ihr sei seine Partei gleichgültig, sie habe die polierten Möbel mit der Aussteuer bekommen, und die Visitenkartenschale sei ein Hochzeitsgeschenk, an dem Bild liege ihr nichts; die Partei ersetze ihr den Schaden nicht, und ihr Mann sei immer der Dumme gewesen, der für andere die Kastanien aus dem Feuer geholt habe, weil er zu gut sei; wenn er ein eigenes Geschäft eröffnet hätte als gelernter Kaufmann, so hätte er das Doppelte von dem verdienen können, was er hier habe; aber auf sie werde nie gehört. So brachten sie unter allerhand bitteren Gesprächen die Nacht hin. Im Herrenhause kam am anderen Tage Anna auf Besuch. Sie erklärte, daß sie in diesen schwierigen Zeiten bei ihrem Verlobten sein wolle. Irgend etwas schien in der Luft zu liegen. Man bemerkte keine besondere Erregung der Leute; der nächtliche Angriff auf den Verkäufer wurde allgemein gemißbilligt; man wußte, daß er von übel beleumundeten jungen Burschen ausgegangen war; alle gingen zur Arbeit wie sonst, kehrten nach Hause zurück; wenn sie jemandem von der Herrschaft begegneten, so grüßten sie vielleicht etwas verlegen; aber trotz dieser allgemeinen Ruhe drückte doch irgend etwas auf die Gemüter. Der Landrat erzählte von einem Streik in Oberschlesien, den er als junger Assessor beobachtet hatte; er sprach davon, ob man nicht wenigstens dem Obersten des in der Nähe liegenden Regiments, mit dem er bekannt war, eine vertrauliche persönliche Mitteilung machen solle; wenn Unruhen entständen, so sei es besser, wenn sie sofort und energisch unterdrückt würden, als daß man sie um sich greifen lasse durch schwächliches Verhalten und so nur mehr Menschen in das Verderben ziehe. Kurt mußte die Gründe des Freundes billigen und gab seine Zustimmung; es kam Nachricht zurück, daß auf telephonisches Ersuchen in anderthalb Stunden militärische Hilfe mit der Bahn bei ihnen eintreffen könne; sie gaben sich das Wort, ihre Nerven festzuhalten. So kam der Letzte des Monats heran, wo ein Teil der Leute ihre Abkehrscheine erhielten und die Weisung, am Ersten sich bei den zwei Förstern einzufinden, um im Königlichen oder im Steinbeißerschen Wald beschäftigt zu werden; dem Privatförster war jede Anweisung gegeben, mit dem königlichen Oberförster war alles abgemacht. Am Morgen des Ersten aber traten die Leute nicht bei den Förstern an; sie gingen mit den anderen Bergleuten ihren gewohnten Weg zum Förderschacht; sie traten mit den andern in die Zechenstube, mit dem gewohnten »Glückauf«, als sei nichts geschehen, und setzten sich. Frau Maurer und ihre Töchter erstaunten. Der Vorbeter trat hinter das Pult, schlug die Bibel auf, las, stimmte dann das Lied an, alle erhoben sich und fielen ein; als das Lied zu Ende war, beteten alle laut das »Unsern Eingang segne Gott« und gingen dann still und langsam zur Tür. Der Steiger war mitten unter ihnen und hatte während der Andacht nichts gesagt. Nun blieb er vor der Tür des Gaipelhauses stehen und rief laut: »Ich sehe hier Leute, die nicht zur Belegschaft gehören, die ihren Abkehrschein erhalten haben. Im Gaipelhaus habe ich das Hausrecht. Ich verbiete jedem, der hier nichts zu suchen hat, den Eintritt.« Die Leute blieben vor der Tür stehen, sahen alle auf einen jungen Mann, welcher bescheiden vortrat, den Steiger mit dem »Glückauf« begrüßte und ihm sagte, sie seien alle Bergleute und wollten an ihre Arbeit gehen. Der Steiger sah ihn nicht an, sondern blickte ins Leere und antwortete: »Wer gegen meinen Willen das Gaipelhaus betritt, der macht sich des Hausfriedensbruches schuldig.« »Ist das denn so richtig, Steiger?« fragte ein älterer Bergmann, »Hausfriedensbruch wird doch mit Gefängnis bestraft.« »Ja, es ist so,« erwiderte der Steiger. »Macht doch keine Dummheiten, die Herrschaft will doch euer Bestes, aber es kann keiner über seinen Schatten springen.« Zwei junge Burschen, die hinten standen, von den übel beleumundeten, knufften sich gegenseitig in die Rippen und lachten. »Da sei Gott vor, daß wir etwas Unrechtes begehen,« sagte der ältere Bergmann. Der junge Mann, welcher zuerst vorgetreten war, sah sich um und sagte dann, als er die beistimmenden Gesichter erblickte: »Etwas Verbotenes wollen wir nicht tun, Steiger, wir wollen nur unser Recht haben.« »Nehmt Vernunft an und meldet euch bei den Förstern,« antwortete begütigend der Steiger. »Ihr seid ja doch fast alle junge Kerls, die Natur setzt sich noch um bei euch, ihr gewöhnt euch bald an die Forstarbeit, und auf die älteren wird Rücksicht genommen.« Der junge Mann sah unschlüssig zu Boden. Dann wendete er sich zu den andern und sagte: »Wir wollen zur Herrschaft gehen und mit der Herrschaft sprechen.« »Ja, wir wollen zur Herrschaft gehen,« riefen die meisten; von hinten ertönte ein schriller Pfiff. Martha war vor die Tür gegangen und hatte alles mit angehört. Wie der Beschluß gefaßt war, daß die Leute zur Herrschaft gehen wollten, und wie dann plötzlich der scheußliche Pfiff ertönte, erschrak sie heftig, lief ins Haus, holte ihr Umschlagetuch und machte sich auf den Weg ins Dorf zu ihrem Verlobten. Sie erzählte ihm alles und bat ihn, sie zum Herrenhaus zu begleiten. Er ging bereitwillig mit ihr. Unterdessen unterhandelte der Steiger weiter. Er sagte, daß er diejenigen, welche noch in Arbeit standen, in Strafe nehmen müsse, wenn sie nicht jetzt einführen. »Sie müssen Ihre Pflicht tun, Steiger,« antwortete der ältere Bergmann. »Dann kostet es eben fünf Silbergroschen für jeden.« »Fünf Silbergroschen können wir auch noch bezahlen,« schrie ein Bursche von hinten. »Bezahle du lieber deinen Kohl,« antwortete ihm der altere Bergmann. Lautes Gelächter erscholl, es wurde von dem jungen Burschen erzählt, daß er einmal aus dem Garten des Nachbarn Wirsingkohl gestohlen hatte. »Wer hat hier Kohl gestohlen?« rief der Bursche frech und drängte sich vor, die anderen schoben ihn zurück und beruhigten ihn, der sich auch gern beruhigen ließ, indem er nur noch drohende Redensarten von sich gab. Unterdessen ordnete sich der Zug; die beiden Sprecher, der junge und der alte, gingen voran, und alle schritten talwärts. Der Steiger sah ihnen nach; er hielt es nicht für recht, seinen Posten zu verlassen, und so ging er in das Gaipelhaus zu dem Aufseher. Aus Versehen der ersten hatte der Zug sich nicht auf den kürzeren Weg zum Herrenhaus gemacht, sondern auf den längeren, wo man durch die kleinen Wege zwischen den Häusern und Gärten erst nach der Landstraße hinuntergehen mußte. Durch Martha hatte sich das Gerücht schnell im Dorf verbreitet. Die Leute stürzten aus den Häusern, sahen zum Förderschacht hin, da erblickten sie auch schon den Trupp von wohl hundert Mann aus dem Wald herauskommen. Alle eilten ihnen entgegen über die Brücke auf die Landstraße, Männer, Frauen und kleine Kinder. Der Trupp marschierte im Takt. Der Verkäufer wartete mitten auf der Landstraße, der Schneider, der Stromer; außer den Schulkindern und ihrem Lehrer war fast niemand im Dorf zurückgeblieben. Der Schneider ging den Ankommenden entgegen; er wie alle anderen vermuteten viel Schlimmeres, als bis jetzt beabsichtigt wurde, vielleicht auch wirkte schon das kommende Unheil, trotzdem sie selber es gar nicht wollten, aus den finsteren Mienen der Männer in den schwarzen Kitteln. »Wo sind denn die anderen Belegschaften?« rief plötzlich einer aus der Menge; halbwüchsige Jungen, die eben aus der Schule entlassen waren, liefen nach den anderen Schächten, um die übrigen Belegschaften zu benachrichtigen. Der Schneider versuchte die Marschierenden aufzuhalten, um mit ihnen zu reden; aber der Strom drängte bergab; er mußte mit ihnen im gleichen Schritt marschieren, wenn er sprechen und verstanden werden wollte. »Macht euch nicht unglücklich,« sagte er. »Wir wollen keinem etwas Böses antun,« antworteten sie. »Die Leute denken, ihr wollt Revolution machen,« rief er, der Weg wurde abschüssiger, er wurde von der marschierenden Masse gedrängt und mitgerissen. »Geh du nach Hause und setze dich auf deinen Schneidertisch,« warf ihm einer aus der Menge entgegen. »Meck, Meck, Meck,« rief ein anderer, und alle lachten. »Es wird Revolution gemacht,« schrien Leute in dem Haufen, der auf der Landstraße wartete; Weiber kreischten, warfen sich die Schürze über den Kopf und nahmen sie dann neugierig wieder ab. Die Herunterkommenden stießen auf die Wartenden, vermischten sich mit ihnen, nun ging der Marsch die Landstraße hinauf nach dem Herrenhaus zu; die Wartenden hatten sich angeschlossen oder marschierten zwischen den Bergleuten, Weiber, Kinder, halbwüchsige Burschen, der Tischler, der Schuster, allerhand andere Leute, die mit dem Bergwerk nichts zu tun hatten. Der Verkäufer schrie und gestikulierte in dem Haufen, gegen seinen Willen mitmarschierend, neben ihm ging der Stromer. Der Verkäufer schrie: »Ihr macht euch unglücklich, das sind Lockspitzel, die euch aufreizen, das geht alles von der Regierung aus, die Organisation soll vernichtet werden, es soll zum Einhauen kommen; das ist doch wegen der Reichstagswahlen, ihr macht mich ja auch unglücklich.« Zufällig entstand eine kurze Stille, »Qualmtute,« rief der Stromer, alle lachten. Nun zeigte sich, wie bei solchen Gelegenheiten plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, ganz neue Menschen erscheinen, an die man bis dahin gar nicht gedacht hat. Ein junger Mensch, ein Tunichtgut aus einem Nachbardorf, von dem erzählt wurde, daß er Hunde schlachte und esse, rief aus: »Der muß kalt gemacht werden!«, zog sein Taschenmesser mit Stehklinge und stieß es dem Verkäufer in den Rücken. »Herr Jesus,« rief der aus und stürzte; es bildete sich ein Kreis um ihn; die Vorderen hatten nichts gemerkt und schritten weiter. »Laßt das Luder liegen, es kommen noch mehr dazu,« schrie der Mörder, eilte den anderen nach; einige folgten ihm, die meisten der Stehengebliebenen verharrten bei dem Verkäufer, dem das Blut aus dem Munde kam. »Meine Frau,« sagte er, verdrehte die Augen, zuckte und starb. Die Leute waren still, sahen sich entsetzt an; die anderen waren schon weit voraus, sie dachten auch nicht mehr an sie, einige gingen ins Dorf zurück, um ein Brett zu holen, auf dem sie den Leichnam tragen konnten, andere blieben; der Tischler kniete nieder in den Schnee und drückte die gebrochenen Augen zu. »Er ist doch mein Nachbar gewesen,« sagte er, »er war ein verträglicher Mann, nur wenn er auf die Politik kam, da verstand er keinen Spaß.« Jammernd und sich das Haar raufend stürzte die Frau des Toten vom Dorfe her; manche der Leute gingen zur Seite und machten sich in ihre Häuser; dann wurde der Leichnam auf das Brett gelegt und ins Dorf gebracht, die Frau wurde geleitet und getröstet. Im Herrenhaus hatten inzwischen Martha und der Metzger alle vorbereitet. Kurt war sehr blaß geworden und hatte gesagt: »Ich glaube nicht, daß es dazu kommt. Aber ich will nicht dagegen sein, wenn ihr euch schützen wollt.« Die festen Eichenläden der unteren Fenster wurden geschlossen. Die Tür wurde verriegelt, die Eisenstangen quer vorgelegt, die seit Jahrzehnten unberührt in der Ecke gestanden hatten. Der Landrat verteilte Gewehre und Patronen; es waren an Menschen im Haus: Kurt, der Landrat, der Kutscher, der Metzger, die Mutter, Angelika, Anna, Martha und die beiden Dienstmädchen. Auf Kurts Bitte telephonierte der Landrat noch nicht; Kurt stellte ihm vor, daß die Absicht der Leute sicher zunächst friedlich sei, daß man sie schon jetzt vielleicht durch das gezeigte Mißtrauen reizen werde, und daß durch das Erscheinen von Soldaten sicher ein Unglück erzeugt werden müsse. Zuweilen sagten sich auch die andern, daß doch eigentlich aar kein Grund zu Befürchtungen vorliege, daß die Leute ja nur in ihrer Unwissenheit einen ungeschickten Versuch machen wollten, die Herrschaft umzustimmen; aber stärker als alle Vernunftgründe war dann plötzlich die unbestimmte Angst, die eigentlich so gänzlich sinnlos schien; denn seit Menschengedenken waren Roheiten oder Gewalttätigkeiten in der gutgesinnten und ordentlichen Bevölkerung nicht vorgekommen, und die Leute schienen doch eingesehen zu haben, daß es der verstorbene Stiefvater gut mit ihnen gemeint hatte, und mußten vertrauen, daß auch die jetzigen Besitzer nach ihren Kräften für sie einstehen würden. Man hörte den Tritt der Herankommenden auf der Landstraße und sah aus den oberen Fenstern zwischen den Bäumen Teile der bunten Menschenmasse. Nun kamen alle auf den Hof; die Vorderen gingen die Freitreppe hinauf, blieben dann vor der verschlossenen Tür stehen. Kurt, der Landrat und die übrigen sahen aus den oberen Fenstern. Die beiden Führer, der alte und der junge Bergmann, blickten nach oben, grüßten; man verstand in dem allgemeinen Geräusch, daß sie die Herrschaft sprechen wollten. »Ich gehe hinunter,« sagte Kurt. Man sah, wie einige der Leute, meistens Weiber, in den Ställen verschwanden, welche noch von früher her zwei Seiten des Hofes umgrenzten. »Das Stehlen fängt schon an,« sagte der Landrat, »ich kenne die, das sind die Bedenklichen; aber die ordentlichen Leute scheinen doch noch die Herrschaft zu haben.« Als Kurt sich gewendet hatte, schloß sich ihm Angelika an und sprach: »Meine Stelle ist an deiner Seite.« »Hol mich der Teufel, es ist eine Verrücktheit, aber dann gehe ich auch mit hinaus,« rief der Landrat. Neben ihn trat Anna und bat: »Nehmen Sie mich mit. Es ist richtig so. Wir haben doch zusammen die Verantwortung.« Die Vier gingen hinunter, von dem Metzger geleitet, dem der Landrat Anweisung gab, wie er im Falle der Not ihren Rückzug decken sollte. Dann hoben sie die quer vorgelegten Eisenstangen ab, schoben die schweren Riegel zurück und traten hinaus, zuerst Kurt und Angelika, dann der Landrat und Anna. Die beiden Führer nahmen die Schachthüte ab und begannen sich zu entschuldigen; der junge Mann sagte: »Wir sind nur dumme Bergleute, darum verstehen wir nicht alles, was in der Schrift geschrieben ist; und es wäre eigentlich richtiger gewesen, wir wären schon früher gekommen und hätten gefragt...« Hier wurde der Redner unterbrochen durch eine Stimme von hinten, welche schrie: »Der alte Herr Steinbeißer hat doch uns das ganze Bergwerk vermacht; wir haben bis jetzt stillgeschwiegen, aber das Testament muß da sein, wenn es nicht über die Seite gebracht ist; und nun sollen wir sogar abgelohnt werden.« Die beiden Führer kehrten um und geboten Ruhe. Grelle Pfiffe ertönten, freches Gelächter, der Mörder des Verkäufers drängte sich nach vorn, der Stromer, der Schneider und andere. Während dieses alles geschah, waren Leute von den anderen Gruben aufgebrochen, welche dunkle Gerüchte gehört hatten von Revolution, durch Jungen, die überall im Wald herumliefen; ihnen hatten sich noch andere Leute angeschlossen, Waldarbeiter, Steinklopfer; auch der alte Köhler war bei ihnen, der eine große Schaufel trug, der Halbirre, welcher mit Maurer zusammengelebt hatte. Von denen kam in diesem Augenblick ein größerer Trupp durch das Hoftor herein, stießen auf die gestauten Massen und erzeugten eine Bewegung, so daß die Vordersten auf die Freitreppe vorgeschoben wurden; so befand sich Kurt mit einem Male inmitten der bewegten Menschen; an seinem Arm hing Angelika, die ihn nicht losgeben wollte. »Geh ins Haus,« flüsterte er ihr zu. »Wir sterben zusammen,« sagte sie und sah ihn mit glänzenden Augen an. Der Sprecher der Bergleute stand vor ihnen und suchte ihnen Platz zu machen, indem er die Leute ermahnte, sie sollten sich anständig betragen. Plötzlich erblitzte über Kurts unbedecktem Haupte eine Art, eine mittelgroße Axt mit kurzem Stiel, wie man sie zum Splitterschlagen verwendet; der Stromer schwang sie mit beiden Händen; Kurt schrie laut auf, er fiel nicht um, da er durch das Gedränge aufrecht gehalten wurde. Angelika sah entsetzt dem Menschen in die Augen; er faßte seine Art und stieß sie ihr mit aller Kraft gegen die Brust; sie wurde ohnmächtig; der Schneider stand bei ihnen; er wollte sie noch retten und schlug mit einem Schlagring, den er im Augenblick aus der Tasche geholt, dem Stromer ins Gesicht, daß ihm die Nase zertrümmert wurde und das Blut über die Augen schoß; der Stromer ließ die Axt fallen, aber es war schon zu spät gewesen. Der Mörder des Verkäufers stieß dem Schneider das blutige Messer in den Leib und zog es mit aller Kraft hoch. Alles das geschah blitzschnell in einem Augenblick, das Schreien der Verwundeten ging ineinander über, ein Entsetzen packte die Leute, alle wichen einige Schritte zurück; da lagen die drei Schwerverwundeten; der verletzte Stromer eilte heulend durch die Menge ab; im ersten Augenblick erregte er mit seinem blutüberströmten Gesicht bei den andern das meiste Aufsehen. In dem Augenblick stürzte der Landrat vor und zog Angelika in den Hausflur; seine Bewegung veranlaßte, daß die Menge wieder nach vorn flutete; da ertönte aus dem Fenster ein Schuß; der Kutscher kam seinem Herrn zu Hilft; der junge Sprecher der Bergleute stürzte, ein sinnloser Schrei: »Sie schießen, sie schießen!« ertönte; die Treppe war im Augenblick frei; der Landrat und der Metzger holten noch Kurt, den Schneider, den verwundeten Bergmann herein, glücklich gelang es, die Tür wieder zu schließen und die Eisen vorzulegen; die Menge prallte gegen das Tor, ein neuer Schuß von oben kam. Martha war die Treppe herabgestiegen. Der Landrat und der Metzger überließen die Verwundeten ihr und Anna und eilten nach oben. Der Metzger nahm eine Flinte und trat neben den Kutscher, der Landrat lief ins Arbeitszimmer, um zu telephonieren, dann ergriff auch er eine Flinte. In den Fensterecken oben standen gedeckt die den Männer; die beiden Dienstmädchen liefen weinend und schreiend im Haus herum, zerrten ihre Koffer vom Dachgeschoß herab auf den Flur des Stockwerks; als sie die Koffer auch die andere Treppe hinunterbringen wollten, sahen sie die Verwundeten liegen, erschraken, blieben oben und setzten sich händeringend auf ihre Koffer. Die Mutter Kurts und Angelikas ging langsam die Treppe hinunter und setzte sich auf die unterste Stuft; zu ihrer rechten Seite lag Kurt, zur linken Angelika. Martha und Anna hatten Kurt Rock und Hemd ausgezogen; Anna hielt ihn in ihrem Schoß, Martha verband die furchtbare Wunde. Er war ohnmächtig. Auch Angelika war ohnmächtig; an ihr war keine Verletzung zu sehen, aber Blut war aus ihrem Mund gekommen und hatte das schneeweiße Gesicht besteckt. Der Schneider hielt sich seine Wunde mit beiden Händen zu; um ihn hatte sich niemand gekümmert. Er war bei voller Besinnung, sagte einmal: »Mit mir ist es aus.« Der junge Bergmann hatte nur eine Kugel ins Bein bekommen; er saß ruhig da, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Als die Mutter die Treppe herabkam mit unbewegtem Gesicht und sich auf die unterste Stufe setzte zwischen ihre beiden sterbenden Kinder, da sagte er: »Das haben wir ja nicht gewollt, das ist alles das fremde Volk gewesen.« Die Leute auf dem Hof standen ratlos; es war ihnen nicht klar geworden, was geschehen war. Die meisten hatten auch keine Gewalttat gewollt: die einen wollten mit der Herrschaft sprechen – was, das hatten sie selber nicht gewußt; die anderen waren so mitgelaufen, weil sich eine Erregung ihnen mitgeteilt hatte; so waren doch auch viele Weiber und Kinder in der Menge. Nun wußte niemand recht, was geschehen sollte: wenn der alte Bergmann, welcher den ersten Zug mit geleitet hatte, oder irgend ein anderer ihnen zugerufen hätte: »Mir wollen gehen,« so wären fast alle gegangen, und die fünf oder sechs verbrecherisch Gestimmten in der Menge wären mit ihnen gegangen, hätten vielleicht nur noch einige Schimpfworte gerufen. Aber alle waren so bestürzt, daß niemand auf einen solchen Gedanken kam. Der Mensch, welcher den Verkäufer und den Schneider gestochen hatte, lief die Freitreppe hinauf; da lag noch das Beil, welches der Stromer hatte fallen lassen, als ihm der Schneider mit dem Schlagring ins Gesicht schlug; er bückte sich, um das Beil aufzuheben; der Landrat, welcher annehmen mußte, daß der Mensch mit dem Beil gegen die Tür losgehen wollte, schoß und traf den Gebückten in den Kopf, so daß er über das Beil hinfiel. Die Erstarrung der Menge löste sich in einem furchtbaren allgemeinen Schrei, Frauen stürzten heulend aus dem Haufen zum Ausgang des Hofes, schreiende und weinende Kinder folgten ihnen. Der alte Köhler mit seiner großen Schaufel, welcher alle überragte, schrie laut: »Das sind ja Bluthunde,« und stürmte vorwärts. Er wußte gar nicht, wie alles zusammenhing, er hatte nur den Knall gehört und den Mann stürzen sehen, und handelte nun ganz ohne Besinnung. Ihm folgten andere die Stufen der Freitreppe hinauf, ebenfalls ohne Überlegung, unter ihnen der schreiende und mit den Armen fuchtelnde Halbirre; gleichzeitig stauten sich die Menschen im Hoftor, denn den flüchtenden Weibern und Kindern kamen andere Leute entgegen, die von einer weiter gelegenen Arbeitsstätte her angelangt waren. »Was ist denn?« wurde gerufen; »Mord und Totschlag,« schrien die Weiber. Die drei Männer oben hielten die Anstürmenden, welche von dem alten Köhler geführt wurden, naturgemäß für Angreifer, waren auch selber schon so im Rausch, daß sie gar nicht mehr dachten; der Landrat kommandierte, der Metzger schoß, er kommandierte wieder, der Kutscher schoß, der Metzger lud inzwischen; dann schoß er selber, der Kutscher lud, er kommandierte wieder, und der Metzger schoß das zweite Mal. Die Schüsse hatten getroffen, in dem Geschrei wurden sie nicht beachtet, Schlage hämmerten gegen die Haustür. Der Kutscher schoß das zweite Mal; die Getroffenen schrien, sie fielen nicht und wurden durch das Gedränge gehalten; der Landrat schoß; sie schossen nun, wie einer gerade geladen hatte; plötzlich sah ein Kopf durch eines der unbesetzten Fenster in der Ecke ins Zimmer, ein Arm kam hoch, ein Bein, der Mensch saß rittlings auf der Fensterbrüstung; der Kutscher lief hin, schlug ihm mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, der nach vorn geneigt war, weil der Mensch eben ins Zimmer gleiten wollte; der Mensch sackte zusammen, dann schob er ihn mit beiden Händen hinaus, daß er auf das Pflaster stürzte. Indem erscholl draußen ein lautes Geheul, die Angreifer wichen zurück, auf der Freitreppe blieben sechs Menschen liegen; die Leute drängten sich in den Winkel, der durch den Stall und die Hofmauer gebildet wurde; plötzlich hörte man das Belfern des Hundes, der an seiner Kette riß. »Wir müssen die Runde um die Fenster machen,« sagte der Landrat, »vielleicht sind noch andere eingestiegen.« Er ließ den Kutscher an seinem Platz und ging mit dem Metzger in entgegengesetzter Richtung durch die Zimmer; sie kamen zurück; es war kein anderer Versuch gemacht. Plötzlich kam Rauch aus einem Stallfenster gegenüber. »Sie haben Feuer angelegt über dem Pferdestall, wo das Stroh liegt,« schrie der Kutscher; da klirrten auch schon Fensterscheiben, spitze Flammen kamen heraus, schlugen dann leckend in die Höhe, ein Teil der Schneeschicht auf dem Dache riß ab, rutschte herunter und schlug dumpf auf die Erde; zwischen den Ziegeln wurde es feurig, die Dachlatten brannten. Der Wind wirbelte den Rauch herum, trieb ihn in die Fenster, wo die drei Männer mit ihren Flinten standen, trieb ihn dann in den Hof, Funken sprühten nieder, die Leute unten quietschten; die Menschenmenge war sehr klein geworden, es schienen viele durch das Hoftor geflohen zu sein. Die Pferde des Landrats im Stall wurden unruhig, stampften und flirrten mit den Ketten. »Die Schinder verbrennen die Pferde bei lebendigem Leibe,« sagte der Kutscher. »Das kann ich nicht mit ansehen.« Er hängte seine Flinte über den Rücken, ging zu dem Fenster, durch das der Mensch vorhin einsteigen wollte, erschwang sich auf die Brüstung und kletterte langsam an einem Spalier hinunter. Die Leute in der Ecke sahen ihm untätig zu. Er ging über den Hof, die gespannte Flinte in der Hand, kettete die Pferde los; die Pferde stürmten hinaus, umkreisten zweimal im Galopp den Hof; die Leute liefen vor ihnen auseinander, dann rasten die Pferde aus dem Hoftor ins Freie. Der Kutscher kam aus dem Stall heraus, ging wieder zurück, die Flinte in der Hand, kletterte wieder hoch und kam zu den beiden anderen, die ihn erwarteten. »Pferdeschinder, verfluchte,« sagte er, wie er wieder bei ihnen war. Von den Leuten, welche auf der Freitreppe liegen geblieben waren, schienen zwei tot zu sein, der Messerstecher und der alte Köhler, der Köhler lag da auf dem Gesicht, mit weit ausgebreiteten Armen, die Schaufel unter sich. Ein anderer hatte sich aufgesetzt und sah um sich. Drei krochen, es sah wunderlich von oben aus, wie sie krochen, wie Fliegen, die in saure Milch gefallen waren und nun auf dem Rand der Satte kriechen; dem Landrat kam der Gedanke, daß man gar nicht daran dachte, daß es Menschen waren. Sie suchten wohl die anderen zu erreichen, die sich in dem Winkel zusammengedrängt hatten, und wagten doch nicht, sich die Stufen hinabzulassen. »Was ist denn das nun eigentlich?« dachte der Landrat. »Warum stehen wir hier mit den geladenen Flinten, starren die Leute dort im Winkel auf uns?« Er sah die Toten und die Verwundeten unten, verspürte den Rauch und das Feuer, dennoch kam ihm alles lächerlich vor. Mechanisch blickte er nach der Uhr. »Bald können die Soldaten hier sein,« sagte er zu den anderen. »Wenn wir noch einmal unter sie schießen, so laufen sie alle fort,« rief der Metzger. »Die wollen uns hier ausräuchern.« Der Landrat überlegte es sich; vielleicht war es besser, den Versuch zu machen. Er befahl den beiden anderen, die Patronen aus den Gewehren zu nehmen und die Kugeln aus ihnen zu entfernen; dann trat er an das Fenster und rief laut zu den wartenden Leuten, wenn nicht alle gingen, so solle wieder geschossen werden. Niemand antwortete; da schossen auf das Zeichen des Landrats die beiden anderen ihre leeren Patronen ab; die Leute schrien und stürmten in wilder Flucht zu dem Tor; der Landrat schoß noch einmal über ihnen hin, die beiden anderen hatten wieder geladen und schossen in die Luft; der Hof war leer, der Hund winselte und bellte, an seiner Kette ziehend; die Verwundeten krochen auf der Freitreppe, das Feuer fauchte und knisterte. Der Landrat befahl dem Kutscher, auf seinem Posten zu bleiben, stellte den Metzger an ein Fenster auf der anderen Seite des Hauses, und ging nun selber an den zitternden, auf ihren Koffern sitzenden Mägden vorbei die Treppe hinunter zu den anderen. Da hörte er Trommelwirbel und den taktmäßigen Schnellschritt der anmarschierenden Soldaten. Martha und Anna hatten Kurt verbunden gehabt und sich dann zu Angelika gewendet; Angelika aber lag bewußtlos, eine äußere Verletzung war nicht zu spüren, nur ein großer blauer Fleck war auf der Brust. So gingen sie denn zu dem Schneider, um ihm Hilfe zu bringen. Der Schneider wehrte sie ab und sagte: »Mir hilft nichts mehr, es ist auch gut, wenn ich aus der Welt komme.« »Weshalb sagen Sie das?« sprach mit leiser Stimme Kurt; »es ist nicht nötig, daß Sie das sagen.« »Ich hatte Sie eigentlich ermorden wollen, deshalb hatte ich den Schlagring in der Tasche. Aber wie dann der andere auf Sie schlug, da wußte ich – da wurde mir mit einem Male klar, daß ich ganz im Bösen stehe.« Kurt schüttelte leise den Kopf und erwiderte ihm mit stockender Stimme: »Jeder von uns ist ein Teil von Christus, wir sind alle die Söhne Gottes, wir sehnen uns nach Erlösung von dem Leiden und dem Bösen, und die Erlösung ist doch so einfach: sie besteht darin, daß wir das einsehen, daß wir die Söhne Gottes sind. Nur dadurch, daß wir uns als Mittelpunkt des Alls vorkommen, erscheint uns eine Tat als böse; wir sind immer noch Kinder, die sich am Tisch stoßen und sagen: der Tisch ist schlecht.« »Sie werden sterben an Ihrer Wunde; der Mann, der Sie ermordet, wäre ein Sohn Gottes?« fragte der Schneider. »So gut wie ich und wie Sie. Wissen Sie denn nicht, daß er ein verzweifelnder Sucher ist?« »Ach, ich kann das nicht verstehen,« sagte der Schneider. »Sie haben schon viel verstanden, Bruder, und wenn auch Sie nun Ihr Leben hier abschließen, dann werden Sie noch mehr verstehen,« erwiderte Kurt. »Sie nennen mich Bruder, Sie vergeben mir?« fragte der Schneider. »Ich brauche niemandem zu vergeben, denn niemand hat mir ein Leid zugefügt, jeder hat mich nur gefördert; auch Sie haben mich gefördert,« sagte Kurt. »Du hast auch mich getröstet,« sprach die Mutter, welche zwischen ihren sterbenden Kindern saß. »Habe ich dich getröstet, gute Mutter,« antwortete er, »es gibt ja immer nur einen Trost: die Wahrheit. Ach, die Menschen sind eine verirrte Herde; aber einst werden sie sich noch zurechtfinden.« »Nun denn, so kann auch ich ruhig sterben,« sagte der Schneider. Er nahm die Hände von seiner Wunde, sein Kopf fiel vornüber. Unterdessen war vor der Tür auf dem Hofe Geschrei und Tosen gewesen, es wurde geschossen. Das Stöhnen der Sterbenden und Verwundeten drang durch die Tür. Man hörte das Jagen der Pferde. Dann hörte man wieder schießen. Dazwischen kam das sinnlose Jammern der beiden Dienstmädchen oben an der Treppe. Nun war es, wo der Landrat die Stufen herunterstieg. Kurt winkte ihm mit den Augen, zu ihm niederzuknien; dann winkte er Anna. Beide kamen zu ihm und knieten, jeder auf einer Seite. Er nahm ihre Hände, legte sie ineinander und sprach: »Wir beide sterben, ihr beide bleibt am Leben; so will ich für mich und für meine Schwester, daß ihr einander zur Ehe nehmt; ihr sollt unsere Erbschaft haben, und ihr werdet nach eurem Gewissen handeln mit dem Gut.« Dann winkte er Martha; auch Martha kam. Er sagte: »Wenn Martha von meiner Liebe ein Kind haben sollte, so sollt ihr es später zu euch nehmen und erziehen; es soll euch nachfolgen wie eines von euren eigenen Kindern.« Vom Hofe her ertönte jetzt das Marschieren der Soldaten, Kommandoruf und Rasseln der Gewehre. Der Landrat erhob sich, nahm die Eisenstangen von der Tür, schob die Riegel zurück und öffnete. Draußen standen die Soldaten, ein Mann neben dem andern, das Gewehr über der Schulter; das Metall blitzte, unbeweglich standen die wohl zweihundert Mann, eines jeden Befehles gewärtig. Ein hochgewachsener, schlanker Offizier ging die Freitreppe herauf, zwischen den Verwundeten durch, trat in die Türöffnung, grüßend die Hand zum Helm hebend, als er im Halbdunkel der Diele den Landrat, die Gruppe an der Treppe und die andern Menschen erblickte. Er stand dunkel gegen das Licht. »Ich bin zu spät gekommen,« sagte er. Alle schwiegen; nach einer Zeit kam zitternd die Stimme Kurts: »Kauft man nicht zween Sperlinge um einen Pfennig? Noch fällt derselbigen keiner auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählet. Darum fürchtet euch nicht, denn ihr seid mehr wert wie viele Sperlinge.« Der Offizier hatte seinen Helm abgenommen. Die zitternde Stimme des Sterbenden drang aus der Türöffnung. Atemlos standen die Soldaten und hörten jeden Laut der zitternden Stimme. Der Offizier trat jetzt näher zu der Gruppe. Kurt sprach nun zu ihm: »Üben Sie Barmherzigkeit, denn auch gegen Sie ist Barmherzigkeit geübt. Bringen Sie die Mannschaften auf dem Gutshof unter, lassen Sie sie nicht in Berührung mit den Leuten kommen, damit keine neue Gereiztheit entsteht.« Er wendete sich zum Landrat und fuhr fort: »Reise zum Minister, erkläre alles, sage, daß da Mißverständnisse waren, nur Mißverständnisse.« Der Landrat sprach: »Hier ist viel zerstört.« »Nein, Lieber,« antwortete lächelnd Kurt, »nichts ist zerstört, es wird nur gesät, damit einmal geerntet werden kann. Auch das Unglück, das durch diesen Aufruhr unter den Leuten geschehen ist, wird vergessen werden. Die Toten wird man begraben, die Verwundeten heilen; wenn der Staat Strafen verlangt, so werden die Betroffenen sie abbüßen; aber für die Toten werden neue Kinder geboren werden, und Schmerz und Gefängnis werden ihre Wirkung haben, gute und schlechte, wie die Menschen sind; und alles das ist nötig gewesen: wir müssen glauben, daß es nötig gewesen ist, wie auch die Erde glauben muß, daß es nötig ist, wenn ihr der Pflug das Fleisch zerreißt; es muß ja gesät werden, damit geerntet werden kann.« Der verwundete junge Bergmann sagte: »Ich habe alles verstanden. Die Schuld liegt auf mir, denn wie ich sah, daß die Leute mir folgten, da hatte ich mir sagen sollen: nun muß ich die Überlegung für sie haben. Wenn ich dafür bestraft werde, dann ist die Strafe verdient. Aber ich will allen Kameraden erzählen, was der Herr eben gesprochen hat, denn solche Worte haben sie noch nicht gehört. Und weil wir so schwer arbeiten müssen und müssen immer an des Tages Notdurft denken, so können wir sie nicht selber finden, sondern sie müssen uns gesagt werden.« Der Landrat ging zu ihm und sprach: »Auch ich habe sie nicht in mir selber finden können, deshalb mußten sie auch mir gesagt werden. Und doch stehen sie in eines jeden Menschen Herzen geschrieben, ein jeder könnte sie in sich selber lesen. Aber daß wir das nicht tun, daß wir sie erst von einem anderen Menschen hören müssen, das ist die Schuld unserer Trägheit und Gedankenlosigkeit.« »Ja, ich glaube, Sie haben recht,« sagte der Bergmann zu dem Landrat; »auch in meinem Herzen stehen sie geschrieben, und nicht die Arbeit und Sorge haben mich bis nun verhindert, sie zu denken, sondern Trägheit und Gedankenlosigkeit. Aber ich will ein anderer Mensch werden.« »Wir wollen es alle,« sprach der Landrat, und »Amen« schloß der Offizier, hinter dem auf dem Hofe unbewegt die glänzenden Reihen der Soldaten standen mit den blitzenden Waffen.   Geschrieben 1912 und 1913.