Max Eyth Der Invalide Aus: Feierstunden Motto: Weg' hast du allerwegen! V. Gerhardt. I »Hast du ein Taschentuch, Kleiner? Sei mir auch ordentlich beim Herrn Forstrat und bescheiden!« Die großen, schwarzen Augen des »Kleinen« strahlten voll Übermut und Zuversicht. Er ließ sich noch einmal das Halstuch zurechtrücken, den Hut, der eine verzweifelte Vorliebe für das linke Ohr zu haben schien, genau zentrieren, mit der Bürste über den grünen Rockkragen und mit dem Kamm durch die glänzenden Haare fahren, strich sodann selbst zweimal den zarten Flaum auf der Oberlippe, wobei das Mütterlein verstohlen an ihm hinaufsah und lächelte, und war fertig. Ein Händedruck, ein munteres Adieu, und schon krachte die morsche Treppe unter seinem kräftigen Tritt. »Er hat noch eine halbe Stunde Zeit«, flüsterte die Mutter mit einem kaum unterdrückten Seufzer. Still setzte sie sich dann an dem verlassenen Nähtischchen nieder und sah gedankenvoll die engen Gassen des Städtchens hinauf. Mutterliebe und Sorge Sind wohl das Gleiche. Man ist sehr anständig in Nußweiler. Man war's vor zwanzig, dreißig Jahren noch viel mehr. Jedermann, der sich zu den Honoratioren rechnete, wußte das, und fügte sich darein. Ob sich der junge Forstassistent nicht dazu rechnete, oder ob er's nicht wußte, bleibe unentschieden. Tatsache ist, daß nach fünfzig Schritten sein Hut so schief auf seinen Haaren saß als je, und daß er in den Kot getreten war, der zum Zweck der Straßenreinigung in Haufen angesammelt wurde, um ein Trottoir anzudeuten. Dieser letztere Umstand regte ihn auf. Er betrachtete einen Augenblick wehmütig den beschmutzten Stiefel und murmelte nachdenklich: »Und wenn ich eben doch recht vermutet hatte, wenn man mich mit Gewalt in dieses Verhältnis hineinlocken, hineinspinnen wollte! – Mutter! Ich Hab' dich doch immer herzlich liebgehabt und will dir das meiste gerne opfern, nur meine Freiheit nicht!« Plötzlich wurde sein Gesicht wieder heiter: »Nein, meine Freiheit nicht! und wenn ich alles zerreißen müßte!« Und stolz, mit zurückgeworfenem Kopf, mit stammendem Auge trat er in den zweiten Kothaufen. Wäre nicht zufällig Jahrmarkt in dem Städtchen gewesen, er hatte sicherlich bereits das größte Aufsehen durch sein unanständiges Benehmen erregt. Zum Glück bemerkte ihn aber in dem Gewühl von Juden, Schubkarren, Spanferkeln und trompetenden Kindern jedes Alters kein Mensch, und unwillkürlich wurde er von dem allgemeinen Zug auf den Hauptplatz des Marktes, auf die Klosterwiese, hinausgespielt. Dort war ein Leben! Albrecht sah auf seine Uhr. Er hatte noch Zeit genug. Willig überließ er sich dem bunten Treiben und der Erinnerung an den glücklichsten Tag seines Lebens, als er von seinem verstorbenen Vater das erste Taschenmesser bekommen hatte. Damals, wie heute, betäubten drei Musikbanden und zahllose Leierkasten, welche die gräßlichsten Greuel der Menschheit besangen, das erschütterte Gehör. Damals, wie heute, priesen zwanzig Marktschreier ihre Schmutzseife, Hosenträger und Schuhbändel. Damals, wie heute, starrte er mit kindlichem Vergnügen in das wirre Bild, lauschte mit bebender Neugier in das Chaos von Tönen, um dem Interessantesten nachzulaufen. Doch machte sich auch ein Unterschied fühlbar. Damals erwartete man im Forsthaus einen Besuch: ein fünfjähriges, blondes Lockenköpfchen, für das Albrecht in das Wasser gesprungen wäre, dem er sogar sein Messerlein zu schenken gelobte. Heute hatte ihm derselbe blonde Lockenkopf schon einen Gedanken erweckt, der nahezu – so dachte er wenigstens –, der nahezu einem echten Kummer gleichsah. »O, meine Freiheit!« rief er laut, das Geräusch eines vorübergehenden Steinwagens benützend, schüttelte sich und drängte lachend dem nächsten Marionettentheater zu. Dort schlug sich eben zur allgemeinen Freude der leibhaftige Satan mit dem Hanswurst herum, der sich trotz seiner vielen Verbrechen und Mordtaten nicht holen lassen wollte. Allerdings hatte der lustige Missetäter durch den langwierigen Kampf eine ziemlich klanglose, heisere Stimme bekommen, die dem Kreischen des Teufels wenig nachgab. Albrecht stellte sich neben den Marionettenkasten und schaute den Leuten in die durch das Lachen wundersam verzogenen Gesichter. Er fing an, den Marionettenmann zu beneiden, der diese hundert Lachmuskeln an feinen Schnürchen dirigierte und mit so wenigem so viele Glückliche zu schaffen vermochte. Neben ihm stand ein kleines, bleiches Mädchen, einen Teller mit sieben halben und einem ganzen Kreuzer in der Hand, dem Ertrag des eben zu Ende gehenden Trauerspiels. Das Läuten eines zersprungenen Glöckleins und ein schallendes Gelächter bezeichnete den Schluß. Vergnüglich plaudernd eilte das dankbare Publikum neuen Genüssen entgegen; langsam erhob sich der Hintere Vorhang des Kastens. Ein eisgrauer, halbkahler Schädel erschien zwischen den Falten. Albrecht war betroffen. Vornen die dreifache Tanzmusik, die Gesichter, denen noch die Wangen vom Lachen zitterten, denen Wein und Freude ans den Augen glühte, hier dieses Bild eines stummen, verlassenen Jammers. Der Alte, ein Stelzfuß mit weißem Schnurrbart, einem tief gefurchten Soldatengesicht, schien den jungen Jäger nicht zu bemerken. Er warf einen matten Blick auf den Teller des Mädchens und setzte sich, etwas mühsam auf einen dreibeinigen Stuhl, der neben dem Kasten stand. »Hol Schnaps, Mariann'!« sagte er mit halbgeschlossenen Augen zu der Kleinen, die ihn mit ängstlichem Blick betrachtete. Das Mädchen zauderte. »Hol Schnaps, sag' ich!« wiederholte der Invalide mürrisch. Das Kind gehorchte und verschwand in der Menge. Stumm, mit auf die Brust gesunkenem Gesicht saß der Alte da und wartete. »Ihr habt wohl einen schlechten Verdienst?« fing Albrecht an, den der eigentümliche Ausdruck in den Zügen des Alten anzog. »Ja, Herr!« »Wie oft spielt Ihr heute noch?« »So oft's geht.« »Seid Ihr krank?« »Hunger ist keine Krankheit!« brummte der Alte unverständlich und heftete sein graues, mattes Auge auf den Jüngling, dem gerade ein wunderlicher Gedanke durch den Kopf fuhr. Auch jenen schien plötzlich eine Bewegung zu ergreifen; der ganze zusammengesunkene Körper nahm einen Augenblick eine straffe, militärische Haltung an; der matte Blick heftete sich stechend auf Albrecht. Nur auf einen Augenblick. Schlaff sanken dann die Arme wieder am Stuhl hinab, die grauen Lider über die hervorgedrängten Augen. Albrecht sah auf die Uhr. »Tut mir den Gefallen!« fing er wieder an, »und laßt mich einmal spielen; der Verdienst bleibt Euch!« Wieder schaute der Alte auf, mit einem Blick, der etwa, sagen mochte: »Sie sind wohl verrückt, junger Herr!« Albrecht verstand ihn vollkommen, denn es war nicht das erstemal, daß man ihm das, und zwar nicht bloß mit Blicken angedeutet hatte. Er hatte aber darauf auch immer eine Antwort gehabt. Diesmal gab er dem Invaliden einen halben Gulden in die Hand und sagte bloß: »Tut mir den Gefallen!« In das Auge des Soldaten trat etwas, das einer Träne ziemlich ähnlich sah. Albrecht hatte diese Wirkung nicht erwartet. »Lieber Mann, Ihr trinkt zu viel Schnaps!« sagte er freundlich; »aber zeigt mir jetzt, wie man Eure Figuren bewegt; – das Schnapstrinken ist ungesund; Ihr solltet's Euch abgewöhnen!« »Das Elend ist ungesunder, Herr! Ich sollte mir's abgewöhnen!« versetzte der Alte mit gleichgültigem Lachen. »Aber kommen Sie, es sieht uns dahinten niemand.« Albrecht schlüpfte hinter den Vorhang. Was ihn zu diesem wunderlichen Schritt trieb, wußte er selbst nicht; er war heute einmal wieder ein Narr aus Grundsatz; er wollte seine Freiheit genießen, trotz der Welt und ihrer privilegierten Narrheit, und zugleich hoffte er, dem alten armen Teufel vielleicht etwas mehr einzutragen, als seine vorige Aufführung gebracht hatte. Dieser Punkt half ihm leicht über den letzten Skrupel hinaus; er betrachtete sein Tun als ein Werk der Liebe, und zwar der lustigen. – Schnell hatte er den einfachen Mechanismus begriffen, schickte den Alten hinaus und läutete. Was er spielen wollte, wußte er nicht, hoffte aber, es werde schon kommen. »Sorget nicht, was ihr reden werdet!« flüsterte er voll Vertrauen, seine Puppen ordnend. Der Invalide setzte sich, fast unbemerkbar für die Zuschauer, hinter dem Kasten auf seinen Stuhl und betrachtete nicht ohne Verwunderung den Verlauf der Sache. Es läutete zum drittenmal. Der Hanswurst erschien hängenden Kopfes und sich hinter den Ohren kratzend. Er erzählte, daß er im Gefängnis sitze; er habe einen Bauern totgeschlagen, die Polizei geprügelt, und was das allerschlimmste: der Frau Oberamtmännin eine Gans gestohlen, auch derselben leider bereits die Gurgel umgedreht. Letzteres preßte ihm die heftigsten Tränen der Reue aus; denn er befürchtete, diesmal exemplarisch bestraft zu werden. »Halt, Gevatter!« sagte der Zunftherr der Schlosser zu dem der Küfer im Vorübergehen. »Ich meine, der Hanswurst wird täglich besser. Sapperlot, wie er jammert!« »Ihr habt recht, Gevatter! Er hat auch eine ganz andere Stimme: so was Gebildetes« – »Still, still!« schrie die entrüstete Umgebung; denn eben war die Aufmerksamkeit durch die Erscheinung einer andern Figur aufs lebhafteste gespannt. Albrecht kam ins Feuer durch diese Aufmerksamkeit des Publikums. Er hatte eine merkwürdige Geschicklichkeit, Stimmen nachzuahmen und gab sich Mühe. »Der Stadtschreiber! Der Stadtschreiber!« jubelte der halbe Marktplatz nach den ersten Worten der würdig sich bewegenden neuen Figur. Alles kam in Aufruhr. Die Karusselle hielten mitten im Laufe an, aus den Panoramas kamen die Leute hervor, als gebe es eine Feuersbrunst. Die Leierkasten mit ihrem erschütternden Mordgeschrei standen verlassen abseits. – Ein dichter Kreis, immer wehr anschwellend, bildete sich um das Marionettentheater. »Schon 15 Kreuzer!« flüsterte der Invalide zu Albrecht hinein. »Der ganze Markt läuft zusammen!« Albrecht ließ sich nicht stören. Er war in seinem Elemente. Mit rührenden Bitten bestürmte sein Stadtschreiber den Hanswurst, die volle Wahrheit zu gestehen, namentlich in betreff der etwaigen Überreste der Gans. Der Hanswurst war jetzt verstockt und log aufs fürchterlichste. Der Stadtschreiber, ein sichtlich frommer Mann, glaubte alles, und versprach sein Möglichstes für ihn zu tun. Am schlimmsten war der wirkliche Stadtschreiber daran, – ein kleines, freundliches Männchen, das, auf den Zehen in der hintersten Reihe, entsetzt sich fragte, ob er's wirklich sei oder nicht? Kaum mit dieser Frage im reinen, wandte er sich an den nächsten Polizeisoldaten mit dem dringenden Ersuchen, gegen diesen Skandal augenblicklich einzuschreiten. Es half ihm aber nichts, denn der Diener der Gerechtigkeit befand sich gerade in einem Zustand förmlichen Lachkrampfes, und der unglückliche Gegenstand der allgemeinen Fröhlichkeit stürzte verzweifelnd in die nächste Seitengasse dem Polizeiamte zu. »Achtundvierzig Kreuzer, Herr!« rief der Graubart, den Vorhang erhebend. »Gott lohn's!« und ein Seufzer aus tiefster Brust, der sich kaum zwischen den zusammengepreßten Zähnen hindurchzwängte, sagte mehr als aller Dank. Albrecht war in der sonderbarsten Stimmung. Zwischen seinen vier Tuchwänden von aller Welt abgeschlossen, vergaß er diese fast, spielte und lachte mit seinen Puppen, als gält's ein Königreich, und wie ein elektrischer Funke durchzuckte ihn jedesmal der Blick des Alten, wenn ihm dieser das Resultat des Einsammelns zuflüsterte. »Laßt noch einmal herumsammeln. Es kommt noch ein Akt!« hatte er ihm das vorige Mal geantwortete. Der Schreiber verschwand. Es trat eine Pause ein. Die Menge beruhigte sich ein wenig. »Nun, was sagt Ihr dazu, Gevatter?« fragte außen der Schlossermeister seinen Nachbar. »Mir wird's heiß; ich meine halt, – es könnte gefährlich –« »Ja, ja! das denk' ich auch. – Es gibt einen Auflauf. Ich glaube, wir sollten uns beizeiten den Rücken freihalten. Wir stehen gerade in dem dichtesten Gedränge.« »Sapperlot – der Oberamtmann!« Der ganze Marktplatz schien entfesselt. Alle Ordnung, aller Respekt, alle Furcht vor der obersten, exekutiven Gewalt war dahin. Man hätte glauben können, der Oberamtmann säße selbst im Kasten: er erschien als König mit tiefem Amtsernst, hinter ihm die Frau Oberamtmännin, die ihm Verhaltungsmaßregeln in bezug auf Hanswurst gab. Der Ehemann war etwas störrisch. Er wollte den Hanswurst milde behandeln. Die Frau fordert die strengste Bestrafung, schon wegen der Gans. Eine ergötzliche Familienszene bringt den guten Ehemann wieder ins rechte Geleis. Überdies stimmt ein eben ankommendes Regierungsdekret ganz mit den Wünschen der Frau überein. Hanswurst ist seinem Ende sehr nahe. Er wird vorgeführt; das Verhör beginnt. Hinter dem Oberamtmann steht die Frau Oberamtmännin; hinter dieser taucht bereits die bedrohliche Gestalt des Satans auf. Der letztere grunzt der Frau die Fragen ins Ohr, diese flüstert sie jedesmal überlaut dem Oberamtmann zu, der ebensooft einen Rippenstoß bekommt, wenn er sie nicht wörtlich wiederholte. Die Szene war kritisch. Albrecht arbeitete mit Händen und Füßen. Zweimal schon war ihm die Oberamtmännin hinuntergefallen, und der Teufel mußte sich, bis sie wieder aufgehoben war, unmittelbar an den Oberamtmann wenden; der Hanswurst lehnte bleich und erschöpft in einem Winkel und log nur noch schwach; der Jubel der Zuschauer bei der ganzen Gerichtszene kannte keine Grenzen mehr. »Zwei Gulden und dreißig Kreuzer!« rief der Invalide hinein. Seine Stimme zitterte. »Gehen Sie, Herr, gehen Sie! Sie haben Einen vom Verzweifeln gerettet!« »Still!« rief Albrecht; »ich kann nicht! Die Katastrophe beginnt jetzt.« In den Hanswurst fuhr plötzlich ein reges Leben. Er wandte sich an die Frau Oberamtmännin. »Ich bitt' Sie, Herr, gehen Sie! Ich glaub' – Donnerwetter, gehen Sie! – –« Der Hanswurst machte die devotesten Kratzfüße. Auf dem Markt entstand ein eigentümlicher Tumult. Der Stelzfuß richtete sich auf. »Herr! wenn Sie nicht gehen, sind Sie im nächsten Augenblick arretiert!« Außen mischte sich jetzt Schelten und Geschrei in das hallende Gelächter über Hanswursts Galanterien. Drei Polizeidiener schlugen sich mit musterhaftem Amtseifer durch die Menge, dem Marionettenkasten zu. »Stern, Bomben und Granaten! Aufgepackt!« fluchte jetzt der Alte, die Tränen von vorhin noch in den Augen. Albrecht hörte nichts; denn die Oberamtmännin fing bereits an, gerührt zu werden. Die Menge wurde gegen den Kasten gedrängt; der ganze dichte Knäuel begann schon hin und her zu schwanken. »Nun, wenn Ihr's nicht anders wollt«, rief der Soldat, »fangen sollen sie keinen!« und mit einem herzhaften Stoß warf der Stelzfuß den ganzen Theaterkasten über den Haufen. – Wie Wogen über ein untergegangenes Schiff stürzte eine Schar Gassenbuben, von hinten gedrängt, über das zerknickende Gerüst. Albrecht war in der sonderbarsten Lage und hatte all seine Geistesgegenwart nötig. Stille, regungslos lag er unter den Trümmern und lauschte. – – Fünf Minuten nachher befand er sich hinter dem Städtchen und war damit fertig, den Staub aus seinen Kleidern zu klopfen. »O, meine Freiheit!« jubelte er, den Hut über dem Kopf schwenkend; »aber jetzt muß ich doch zum Herrn Forstrat!« II. »Aber mich so lange warten lassen, Albrecht!« »Ach Mutter! kann ich dafür, daß der Herr Forstrat so freundlich war? Ich habe Tee bei ihm getrunken.« Und er verschloß ihr mit einem gewaltsamen Kuß den Mund, der sich zwei Stunden lang auf eine Viertelstunde Vorwürfe vorbereitet hatte. »Ja«, sagte der junge Mann, ohne sie zu Wort kommen zu lassen, »und er hat gesagt: ich solle mich nur melden. Ich sei zwar noch sehr jung, aber meine Zeugnisse usw., und – ich schämte mich ein wenig, als er das sagte: – der Name meines verstorbenen Vaters –« »Da hast du dich nicht zu schämen«, sagte die Mutter mit glänzenden Augen. »Nun kurz, er meinte: schaden könne eine Meldung nichts.« »Warst du schon in Hirschfeld?« »Nein!« »So denk dir mitten im grünen Buchenwald einen tiefen, schattigen See, und daran einen Felsen und darauf ein Schlößlein, alt, traulich, heimlich und ringsum einen herrlichen, stundenlangen Park voll lustigen Wildes.« »Und in das Schlößlein mich als Förster, und dich – und den Tajo – du sagst nichts?« Die Mutter sagte nichts. Ihr sinnendes Auge ruhte auf einem Geißblatt, das von der Laube herabsank. Auch Albrecht schwieg. Er dachte, was sie wohl denken möge. Seit ein paar Tagen wurde es ihm ganz schwül, wenn er sie so dasitzen sah. »Ich glaub's nicht, Albrecht!« fing sie plötzlich wieder an. »Nun, so hoffe! Hoffen ist so schön als glauben.« – »Und wenn's wahr würde? Wie dein Vater als Oberst aus dem russischen Feldzug zurückkam und dich sah – du warst damals vier Jahre, Albrecht –, da küßte er dich und sagte: ›Es wird ein rechter Bube, aber ich erleb's nimmer!‹ Er hatte seine Wunde in der Brust und die eine Hand erfroren. Wir lebten doch noch zwölf glückliche Jahre zusammen drüben im Forsthaus. Ich wollte, er sähe dich heute!« »Sei ruhig, Mutter! Seine Wunde tut ihm nicht mehr wehe; und wenn du das einsame Leben in einem Forsthaus noch gerne hast wie damals – es ist aber nicht so einsam auf Hirschfeld –« »Als ob du's schon hättest! Ich glaube nicht daran, und dann bin ich doch an das hiesige Leben gewöhnt. Ich weiß nicht, ob ich für deine Einsamkeit passe.« »Mutter!« »Ja! und dann würde ich doch manches vermissen.« »Du? Das ist das erstemal, daß ich dich so sprechen höre.« »Und doch ist's so. Du weißt es selbst nicht mehr, wie still es draußen in den verlassenen Waldhäusern ist. Du brauchst ein junges, munteres Blut um dich, nicht mich.« »Dich will ich, und brauche sonst niemand!« rief Albrecht heftig. »Nein! ruhig mußt du sein und einmal etwas vernünftig sprechen; ich bitt' dich! – Hast du daran noch nie gedacht?« Albrecht sah seiner Mutter starr in die Augen. Tausendmal hatte er früher im Scherz erklärt: daß er sich demnächst zu verheiraten gedenke. Seit einiger Zeit bebte er, wenn man diese Seite berührte. »Fehlt dir in deiner Idylle nichts?« fragte Frau Wolfbach (Albrechts Familiennamen)dringender. »Ein Mädchen!« fuhr dem Jüngling heraus. – »Ich hasse sie!« »Alle?« »Alle!« wiederholte er langsam, als sei er nach tiefem Nachdenken zu einem Entschluß fürs Leben gekommen. In Frau Wolfbachs Gesicht lag eine wunderliche Mischung von Kummer, Schalkheit und Liebe. Die Liebe siegte. »So muß ich eben mit dir!« sagte sie, schlang ihren Arm um seinen Nacken und zog ihn herab zu sich. Albrecht war ein unartiger Mensch. In Gedanken fiel er hundert Leuten um den Hals, seiner Mutter des Tags dreimal. Aber sobald sie einmal Ernst machen wollte, hatte er auch gleich einen schlechten Witz bei der Hand, um alle Rührung zu zerstören. Diesmal wollte ihm nichts einfallen. Er war in Verlegenheit und froh, als ein, Mädchen mit dem Tagblatt hereintrat und es ihm in die Hand gab. »Ich will dir vorlesen, Mutter!« sagte er, sich losmachend. – »Soeben erfahren wir, daß man einer äußerst gefährlichen demagogischen Verschwörung auf die Spur gekommen ist, die sich heute auf dem Markte der Verhöhnung öffentlicher –« Albrecht hielt an. Er wußte nicht, ob er lachen sollte oder nicht. Die Mutter nahm ihm das Blatt aus der Hand: – »Ja hier: – öffentlicher, hochgestellter Personen zum Ziel gesetzt!« las sie. – Weiter heißt es: »Der Besitzer des Marionettentheaters soll bei der Verhaftung ohnmächtig geworden sein, was dringenden Verdacht erregt. Der eigentliche Täter ist im Gewühl entkommen. Jedoch soll man ihm auf der Spur sein. Einige unpassende Äußerungen im Publikum werden nur dazu dienen, die Wachsamkeit der Behörden zu schärfen. Im übrigen war die Haltung der Bürgerschaft eine musterhafte, und ist namentlich der Mut und die Geistesgegenwart einiger Beamten sehr anzuerkennen. Die Untersuchung wird wohl Licht auf diese traurigen Auswüchse unseres Staatslebens werfen.« III. Ein Wunder war's nicht, daß die Luft im Oberamtmannshause heute etwas schwüler war als sonst. Auf dem Tisch lag das neueste Tagblättchen. Der Oberamtmann ging mit schweren Schritten im Zimmer auf und ab und warf hie und da einen unruhigen Blick nach der Türe. In der Küche hörte man das Verhör, das die Frau Oberamtmännin mit der Magd vornahm, um aus der sichersten Quelle die Ereignisse auf dem Markte zu erfahren. Im Hintergrunde des Zimmers bewegte sich kaum hörbar eine schlanke, weibliche Gestalt, die in der weißen Porzellanschüssel die saure Milch für das Abendessen anrührte. »Meine Hausschuhe, Agnes!« brummte der Oberamtmann mit einem schwermütigen Seufzer. Agnes brachte sie. In ihrem blauen, sinnigen Auge lag eine eigentümliche Bewegung, als sie den Onkel ansah. Sie schien etwas sagen zu wollen; doch erstarb ihr das Wort auf den Lippen; sie wandte sich wieder an ihre Arbeit. »Meine Tabakspfeife, Agnes!« sagte der Beamte nach einem fünf Minuten langen Schweigen. Der Tisch war gedeckt, die Milch angerührt. Agnes setzte sich neben den Onkel und fing an, mit ihren schneeweißen Fingern die Tabakspfeife zu füllen. »Ich war heute auch drüben in den Gefängnissen«, sagte sie etwas schüchtern. »Wie oft soll ich dir noch sagen, daß das nicht angeht?« murrte Sterner – so hieß der Oberamtmann. »Es schickt sich nicht für dich, und du verdirbst mir alle Gefangenen. Man muß mit diesen Leuten nicht so sanft umgehen!« »Das ist nicht Ihr Ernst, Onkel!« sagte das Mädchen, mit einem bittenden Blick, den Sterner seit einem halben Jahre nicht mehr recht aushielt. »Ich muß es wohl besser verstehen als du, Agnes! Und was hast du drüben zu schaffen gehabt?« »Der Brenner, der Wilddieb ist krank. Bitte, lassen Sie ihn in eine bessere Zelle bringen! Nicht wahr, Onkel?« »Nicht gefährlich. Das ist bloße Verstellung. Ich sagt's ja: du richtest nur Unheil an. Weiber sind nichts für solche Geschäfte. Eine andere Zelle? Ich will doch nachsehen.« »Und dann hab' ich den Invaliden gesprochen.« »Den Marionettenmann?« rief Sterner auffahrend. Dann zündete er seine Pfeife an und blies furchtbare Wolken an die Decke. »Der Mann ist unschuldig«, sagte Agnes bestimmt. »Aber er muß den Schuldigen kennen!« »Er kennt ihn nicht. Und ich glaube, der Schuldige ist auch unschuldig!« »O Weiber! Weiber!« jammerte der Oberamtmann; »wenn ihr nur bei eurem Leisten bliebet!« »Aber er muß eine bessere Kost haben«, fuhr Agnes mit ruhiger, freundlicher Sicherheit fort. »Er war ohnmächtig, als man ihn arretierte. Er sagte: ›das mache der Hunger‹.« »Er soll's haben – meinethalb.« »Ich hab' ihm schon das übrige Mittagessen hinübergeschickt.« »Agnes, ich habe dir das aufs strengste untersagt; ich werde dir noch selbst ein Schloß vor die Tür legen lassen – ich, ich –« »Onkel!« schmeichelte das Mädchen. »Nichts Onkel! – Donner und Panduren! – Verzeih, Agnes! – Aber so mit den bösartigsten Vagabunden umgehen! so unverzeihlich – so –« »Er ist aber unschuldig!« »Und der Schuldige auch?« »Ja; denn er spielte nur, um dem armen, halbverhungerten, Mann, der kaum noch sprechen konnte, ein wenig Geld zu verdienen. Der Alte sagte: wenn er zehnmal den Namen des Fremden wüßte, er würde ihn nicht verraten, und wenn man ihn zehn Jahre sitzen ließe.« »Da haben wir's! Das ist der rechte Ton! Solchen Starrköpfen muß man das Mittagessen schicken, um sie zur Reue anzuleiten. Wenn doch nur keine Gänslein mit oberamten wollten!« »Onkel, – ich habe eine Bitte!« Der Onkel machte ein verwundertes Gesicht; eine derartige Einleitung wurde selten von seiner Mündel gemacht. »Nun?« sagte er, und hielt die Pfeifenmundspitze einen Schuh vom Gesicht, das Zeichen gespanntester Erwartung. »Aber Sie müssen mich anhören.« »Nun ja! Drück los!« »Der Invalide war in Rußland, und hat im Dienste unseres Fürsten seine Füße erfroren. Dafür läßt man ihn jetzt Marionetten dirigieren und verhungern.« »Donner und Panduren! Woher hast du die demagogischen Phrasen?« »Aus dem Herzen, Onkel; an der Geschichte auf dem Markte ist der Mann unschuldig.« »Und ich sollte ihn deshalb laufen lassen? –« »Damit er wieder halbverhungert an der nächsten, besten Straße liegen bleibt? Nein, Onkel!« Der Onkel fing an entsetzlich zu dampfen und sein Gesicht in immer ernstere Falten zu legen. Agnes schlang ihren Arm um den rauhen Schlafrockkragen. »Sie sollten mehr tun, Onkel!« sagte sie. »Wollen Sie? Sie müssen mich erraten. Ich will es ihnen leis sagen, ganz leis! Aber nicht wahr? Wir suchen ja seit drei Tagen –« Die Türe flog auf. »Nein, das ist entsetzlich! das ist empörend!« schrie die gelle Stimme der Frau Oberamtmännin. »Und ich sage dir. Mann, wenn du diesen impertinenten Landstreicher nicht exemplarisch behandelst, so bist du das Gespött der ganzen Stadt. Ein Galgen wäre nicht zu wenig für einen solchen Halunken, einen solchen Strick. Aber du weißt's am Ende noch gar nicht, wie dieses Individuum uns kompromittiert hat. Gerade hab' ich's aus der Hanne herausgepreßt mit Not und Mühe. Ach Gott! daß man solche Menschen nicht mehr hängen darf!« Agnes hatte sich in dem Augenblick, als die Tante eingetreten war, schnell in eine Fensternische zurückgezogen und sah auf den Marktplatz hinab. Der Onkel glich einem Vulkan vor dem Ausbruch. »Was sag' ich, hängen?« fuhr seine Frau heftig fort, sichtlich mit dem Eindruck nicht ganz zufrieden, den sie hervorgebracht hätte, »spießen, rädern, vierteilen sollte man solche Schandmenschen, solche Strauchdiebe, solche – solche –« Agnes war bleich geworden. Sie drehte sich plötzlich um, und sagte fest: »Ich wollte eben den Onkel bitten, den Strauchdieb als Kutscher anzunehmen.« Der Eindruck, den diese Worte machten, war durchschlagend. Starr, mehr mit einem gewissen Entsetzen als mit Entrüstung, sah die Tante das Mädchen an. Eine schwüle Stille herrschte in dem dämmerlichen Gemach. Der Oberamtmann legte seine Pfeife weg und stand auf. Die letzte Spur einer Amtsmiene war aus seinen Zügen verschwunden. »O Weiber! Weiber!« stöhnte er; »jetzt fängt die Kleine auch an! Was soll aus mir werden?« Und er trippelte ängstlich zwischen den beiden streitenden Parteien hin und her, ohne den Blick aufzuschlagen. »Ich sehe schon, Onkel, meine erste Bitte findet kein Gehör. Ich wollte Sie nicht betrüben. Ich werde um nichts mehr bitten!« fügte Agnes mit einer verwirrenden Mischung von Stolz, Trotz und Wehmut. »Um des Himmels willen, Agnes«, bat der Oberamtmann, »es ist aber auch gar zu phantastisch.« »Was, phantastisch!« rief Madame Sterner, die endlich zu Atem kam. »Wahnsinn ist's. Nur so eine Romanheldin, so eine blondköpfige Närrin, die bei den Vagabunden drüben ihre Unterhaltung sucht, – nur so – willst du anders hinstehn, freches Ding!« – »Es wäre vielleicht so wahnsinnig nicht,« versetzte das Mädchen, und Tränen erstickten allmählich ihre Stimme, »wenn wir gerade dadurch der Stadt zeigten, was wir von der Marionettensache halten!« – Und die Träne im Auge zerdrückend, ging sie still durch die Türe. »Agnes! Agnes!« rief der Oberamtmann, und lief ihr nach. »Du bleibst da, Mann!« rief Madame wütend, doch schon zu spät. Der mutige Ehemann hatte im Drang des Augenblicks zu gehorchen vergessen. Der Frau schien heute die Bestimmung geworden, von einem Erstaunen in das andere zu fallen. »Das ginge mir vollends ab!« sagte sie zitternd. »Unerhört! Aber aus dem Hause soll mir das Persönchen, ehe ein halbes Jahr um, ist. Madame Wolfbach weiß vielleicht Rat. Ja, ja!« lachte sie boshaft. »Ich ahne dort schon längst etwas. Gut! Das Wohin ist im ganzen gleichgültig. Meiner Autorität im eigenen Hause trotzen! – unerhört! – Ich weiß nicht – mir kommt's heute vor: ich sei nicht mehr Frau Oberamtmännin!– Mann! – Karl! – Karl! – Mein Gott, jetzt tut er, als höre er schlecht! – Karl !« IV Albrecht trat in das Weidendickicht. Er schien dm Weg zu kennen; denn er schlug trotz des unsicheren Mondlichts mit fester Hand die Zweige zurück, die sich über den selten betretenen Pfad zusammenfalteten. Dort spiegelten zwischen dem Gestrüppe schon einzelne Lichtfunken aus dem tiefdunkeln, stillen Wasser, das lautlos um die Wurzeln spielte. Ein alter morscher Nachen lag schlaftrunken unter einer Erle. Noch einmal sah sich der Jüngling um; dann löste er den Strick, trat in den Kahn und stieß vom Ufer ab. – Es war, als ob heute auf der ganzen, weiten Welt italienische Nacht wäre. Kein Wölkchen fand das Auge an dem sternbesäten Himmel; über den Wiesen wob sich fast unmerkbar ein duftiger Nebelschleier; die grünen Berge und Halden schauten hell, wie am Tage, dem Mond ins volle Gesicht. Kein Laut regte sich auf dem schönen, freundlichen Fluß, wenn nicht manchmal ein Wasservogel, der im Schatten der Weiden schlummerte, durch den vorüberziehenden Nachen erschreckt auffuhr oder aus dem Städtchen dann und wann ein verlorner Laut sich bis hierher verirrte. Albrecht saß halbliegend in seinem Kahn und trieb flußabwärts. Es war in ihm nicht so ganz still. Sein Herz klopfte etwas lauter als sonst. Die Strömung trug den Nachen. Er schien wenig darauf zu achten. Nur! eine leise Bewegung des Ruders gab dem Fahrzeug hie und da einen kleinen Stoß. Bald hörten die Weiden an dem linken Ufer auf. Es stiegen hier Gartenmauern in die Höhe, auf deren Rand da und dort ein verlassenes, freundliches Hüttchen stand. Rasch lenkte der nächtliche Schiffer auf die andere Seite des Flusses und fuhr im tiefen Schatten der Bäume unbemerkbar weiter. Plötzlich hielt er an, schlang den Strick um eine hervorstehende Wurzel, drückte den Nachen vollends unter das überhängende Gezweige und legte das Ruder leise nieder. Im vollen Mondlicht stand auf der andern Seite des kleinen Flusses ein Gartenhaus, das mit Reben umrankt, kaum mehr eine Fensteröffnung sehen ließ, aus welcher der schwache Schimmer eines Lichtes drang. Dorthin richtete sich Albrechts durchdringender Blick; regungslos saß er da. Kein Laut konnte ihm entgehen. Er schien zu wissen, daß er zu warten habe, und sich darauf einzurichten. Die ganze stille, träumerische Natur zog an ihm vorüber und er ihr nach. Schon drei Abende hatte er an diesem Platze verträumt. Unwiderstehlich zog es ihn hierher. Unwiderstehlich bannte, wenn er sich hier befand, jenes matte Licht sein Auge auf einen Punkt. Jetzt zitterten die leisen Töne einer Gitarre über den Fluß. Jeder Nerv zitterte in ihm nach. Eine Stimme begann ein einfaches, wehmütiges Lied. Er verstand fast jedes Wort. Es war nicht der Text des Liedes, der ihn bewegte. Es war die Stimme. Altstimmen haben diese Eigentümlichkeit. Es ist, als ob sie tiefer aus dem Herzen kamen, tiefer ins Gemüt griffen als die hellen, leichten Töne eines Soprans. Sie sind wehmütiger, träumerischer, deutscher als diese. Eine unbeschreibliche Harmonie lag in dem ganzen, nächtlichen Bilde, als die klaren, tiefen Töne über den Fluß hinauf und hinunter zogen. Albrecht war nicht das, was man »musikalisch sein« nennt. Wenn er es gewesen wäre, hätte er vielleicht mit weniger Bewegung dem einfachen Gesang zugehört. Kinder genießen unbewußt, und darum vollständiger. Heute abend war er ein Kind. Er wußte nicht, woher es kam: als die Stimme schwieg, stiegen plötzlich Bilder aus seiner tiefsten, glücklichen Kindheit in ihm aus, leis und schüchtern. Jeder laute Gedanke schreckte sie wieder zurück. Ein blondes Lockenköpfchen winkte ihm aus dem tiefen Waldesdunkel, in welchem all seine Kinderträume webten. Aber er erschrak davor und fuhr unmutig mit den Händen an die heiße Stirne. Und als drüben ein munteres Jägerliedchen erklungen war, sank er plötzlich mit einer raschen Bewegung im Nachen auf die Kniee, hob die Hand wie zu einem Gelöbnis; kam aber nicht dazu, etwas zu geloben. Der Nachen schaukelte. Das Ruder fiel klatschend in das Wasser. »Bomben und Granaten!« rief von hinten eine rauhe und verwunderte Stimme. »Obacht geben, Herr! Obacht geben! Ich Hab' schon geglaubt, es sei ein Kind ins Wasser gefallen!« Albrecht fuhr in die Höhe und sah sich um. Hinter dem Erlenbaume schaute ihm der glänzende, kahle Schädel des Marionettenmanns entgegen, der Wohl einen Abendspaziergang gemacht hatte. Nenn jetzt erst bemerkte Albrecht, daß hinter dem Baume ein viel betretener Fußweg vorbeiführte. Er sprang aus dem Kahn; der Stelzfuß schien ihn jetzt erst zu erkennen. »Sie sind's?« rief er, die Hände zusammenschlagend. »Ihr seid's?« sagte der Jäger nicht besonders freundlich. »Aber kommt, kommt! – Seit wann hat man Euch denn laufen lassen? Mir ist ein Stein vom Herzen, Mann! Man hat Euch doch gut behandelt? Zieht Ihr bald weiter?« »Ich? Nein, Herr! Aber wenn Ihnen mein Theater gefällt, ich verkauf' es billig. Zwar hat's ein wenig gelitten, Schwerenot, es ist auch kein Wunder!« »Und was fangt Ihr an?« »Hier bleiben. Kutscher geworden.« »Kutscher? Ihr?« »Meinen Sie mein Bein, Herr? Ich habe mehr Pferde zugeritten, als Sie glauben. Und des Oberamtmanns Schimmel haben nicht mehr Feuer als ich!« Albrecht hatte den Alten von dem verhängnisvollen Erlenbaum weggezogen. In dem Pavillon war das Licht verschwunden. Er blieb staunend stehen und sah den neuen Kutscher an. »Ja, ja! Ich hab' mich auch verwundert. Aber Bomben und Granaten! Da ist Ihnen ein Mädchen bei's Oberamtmanns, heißt Tschernizky oder kurzweg Fräulein Agnes und bei der Frau Oberamtmännin »das Ding«. Ihr Vater war bei dem Regiment von Ihrem – ja so! Nun – die kam zu mir, fragte mich aus. Ich sagte ihr, so viel sie zu wissen brauchte; seien Sie ruhig! ich hätte um keine Pfeife voll Tabak verraten, wer für mich auf der Klosterwiese gespielt hat; ich weiß es ja selbst nicht. Und zwei Tage darauf war ich Kutscher beim Herrn Oberamtmann mit sechsunddreißig Gulden Lohn jährlich. Und was den Marionettenkasten betrifft –« »Werft ihn ins Feuer!« sagte Albrecht freundlich. »Was ist er wert?« Er griff in die Tasche, um dem Alten zu geben, was er verlangen würde. Der Stelzfuß beobachtete die Bewegung kopfschüttelnd. »Bomben und Granaten! Ein Blitzmädel, die Fräulein Agnes! Und wenn Sie wieder einmal Marionetten spielen wollen: ich will den Kasten herrichten. Mein Weg geht da hinüber; 's ist spät, Herr! B'hüt's Gott!« Der Alte humpelte weiter. Albrecht sah ihm eine Weile schweigend nach. »Ein echter Kerl, aus Blei oder Stahl, je nachdem man's nimmt!« murmelte er vor sich hin. »Aber hat sich denn die ganze Welt verschworen? Agnes morgens und abends, Agnes hinten und vorn! Nein! nein! und wenn sie mich knebeln, meine Freiheit lass' ich nicht!« Und leise schlich er der Erle zu, um den Nachen wieder hinauszuschaffen. V. Mit vielen Bitten hatte Frau Wolfbach Albrecht bewogen, endlich einmal wieder einen Besuch bei Oberamtmanns zu machen. Sie saßen insgesamt um den runden Tisch in der »schönen Stube«, auf dem Stachel- und Johannisbeeren standen, welche Agnes eben von einer Freundin bekommen hatte; grüne Vorhänge waren herabgelassen und es herrschte in dem Zimmer eine trauliche, kühle Dämmerung, während draußen die Julisonne auf die Dächer brannte. »Na wäre es ja möglich, daß Sie uns bald im Stiche ließen, Herr Assistent?« fragte die Frau Oberamtmann mit säuerlicher Wehmut. »Meine Geschäfte auf dem hiesigen Forstamt sind allerdings in den nächsten Tagen beendigt«, versetzte Albrecht mit wehmütiger Säuerlichkeit, »doch weiß ich nicht, wo, und ob ich nicht am Ende hier wieder verwendet werde.« »Unter allen Umständen«, fiel Herr Sterner ein, »dürfen wir die besprochene Partie in die türkischen Gärten des Fürsten nicht länger hinausschieben. Ich verspreche mir die interessantesten Entdeckungen.« »Es soll ja strenge verboten sein, sie zu betreten«, sagte der Forstassistent. »Allerdings«, versetzte Sterner mit einer klugen Miene. »Aber natürlich, – der Gärtner ist mir einigermaßen verpflichtet, – es gibt auch Nebentürchen, Sie verstehen mich! Und ich muß sagen, die Sache hat schon seit Jahren meine Neugier erregt.« »Und da nimmst du wohl auch uns mit, Madame Wolfbach und mich, wenn ich schön bitte?« sagte Frau Sterner, ihre braunen Augen mit einiger Bestimmtheit zu ihrem Gemahl erhebend. »Ach, was tut man seinem Weibe nicht zulieb!« seufzte der Oberamtmann' gleichsam hinter den Kulissen. Frau Wolfbach hatte mit Agnes gesprochen. Sie wurde jetzt erst aufmerksam. »Der Fürst verreist in den nächsten Tagen«, fuhr die Frau Oberamtmann fort. »Wir fahren bis Gaisburg.« »Ach, Sie haben ja einen neuen Kutscher«, siel Frau Wolfbach ein. »Mein Gott! ja!« nahm Madame Sterner das Wort. »Es war ein rechtes Elend. Sie haben Wohl von dem unglücklichen Menschen auch schon gehört?« »Der auf der Klosterwiese –« »Ach freilich! Mein Mann entdeckte sogleich seine Unschuld, und es war doch mehr oder weniger Christenpflicht, dem armen Krüppel unter die Arme zu greifen. Wir hatten drei Tage vorher unsern Jakob fortjagen müssen. Da sagt' ich gleich zu meinem Mann: es ist ein Wink von oben.« »Und er gewöhnte sich recht schnell an!« bemerkte Sterner. »Ich wenigstens hab' mein Möglichstes getan!« unterbrach ihn seine Frau. »Sein Fuß hindert ihn freilich ein wenig, doch hat er eine merkwürdige Geschicklichkeit in dem hölzernen Bein und versteht die Pferde besser als unser Jakob, der sich trotz meiner Bitten und Ermahnungen im letzten Monat dreimal betrunken hat. Aber die Welt wird eben immer gottloser!« »Und von dem wirklichen Täter haben Sie noch nichts erfahren?« fragte Frau Wolfbach. »Sie meinen die Marionettengeschichte? – Mein Gott – nein!« sagte die Frau Oberamtmann mit einem frommen Blick nach oben. »Mein Mann hat natürlich alles versucht, schon weil der Stadtschreiber die Sache ernstlich betrieben zu sehen wünschte. Man hat aber nichts entdecken können, als daß während des Haupttumults ein schlanker, junger Mensch mit einem grünen Hut in der Torgasse verschwunden sei.« Albrecht hatte indessen ein paar gleichgültige Worte mit Agnes gewechselt, die heute sehr still und zurückhaltend war. Es freute ihn. Er meinte, jetzt auch Grund zu einem ähnlichen Verhalten zu haben, und beide fingen an, still, jedes für sich, zu trutzen. Als aber die Oberamtmännin! seinen Hut zu beschreiben anfing, der drei Schritte von ihm auf einem Seitentischchen lag, kam er doch ein wenig aus der kühlen Stimmung. »Ich bezweifle«, sagte Sterner mit Amtsmiene, »daß sich der freche Kerl noch im Fürstentume befindet. Er wäre sonst wohl nicht meinem Scharfblick entgangen, der höheren Orts erst kürzlich wieder gerühmt wurde.« »Ich glaube kaum, daß ihn die schleunigste Flucht, selbst nach Amerika, Ihrem Auge entziehen könnte, Herr Oberamtmann!« sagte Albrecht mit großem Eifer. »Es ist mir nur unbegreiflich, wo solche Leute die Frechheit hernehmen!« bemerkte Frau Wolfbach und ihr gutes, fröhliches Gesicht legte sich in die ernstesten Falten. Albrecht wurde rot und aß plötzlich rasch einige Johannisbeeren. »Man begreift's leicht, wenn man in unser Gefängnis hinübergeht und diese Figuren ein wenig ansieht«, meinte die Frau Oberamtmännin. »Kreaturen, keine Menschen mehr! mit viehischen Zügen, nichts als Haare im Gesicht, blaurote Nasen! ach, Sie verzeihen, aber das affiziert meine Nerven immer sehr.« »Und so denken Sie sich jenen Verbrecher, Madame?« fragte Albrecht und seine Augen blitzten fast ein wenig zu verräterisch. »Warum nicht, wenn ich mir überhaupt diesen Auswurf der Menschheit vorstellen möchte!« sagte Madame Sterner. »Aber pfui!« »Und Sie auch?« fragte der junge Forstmann Agnes. »Ich? Ja – nein –«, das Mädchen war sichtlich verwirrt. Sie schien nicht aufgemerkt zu haben. Albrecht wußte nicht, wie er ihre Antwort auslegen sollte, und doch fühlte er seinen geheimen Grimm vergehen, und als ihr vollends plötzlich Purpurröte über Gesicht und Nacken schoß, da wurde es ihm selbst mit einem Male ganz schwül. Er bat sie in Gedanken herzlich um Verzeihung für das, was er ihr in Gedanken angetan; aber es half nichts; es blieb ihm schwül. Er dachte an alle Artigkeiten, die ihm wohl sonst zu Gebote standen, um das Mädchen laut zu versöhnen, es blieb ihm schwül. Er dachte an die kühle Sommernacht, den Fluß, den morschen Kahn – das half! »Nein! meine Freiheit raubst du mir nicht«, sagte er triumphierend zu sich selbst – und dann zu ihr: ob die Johannisbeeren in ihrem Garten wachsen? »Nein!« sagte das Mädchen, sichtlich froh auf einen andern Gegenstand zu kommen; »ich habe sie geschenkt bekommen von einer Freundin – von Doktors Amalie. Wissen Sie, ihr Garten ist am Fluß, gerade über von der großen, alten Erle. Ich komme manchmal hin.« »Amalie!« stotterte der Forstassistent. »Amalie heißt sie. O, meine Freiheit!« Und er sprach nichts mehr während des ganzen Besuchs. VI. Albrecht kam zum letztenmal von seinem Bureau. Seine Geschäfte in Nußweiler waren beendigt. Die Eingabe wegen Hirschfeld war gemacht. Er konnte zu jeder Stunde bis auf weitere Verfügung Urlaub haben. Noch vor wenigen Tagen hätte er keinen Augenblick gezaudert und Ware fröhlich in die weite Welt hinausgewandert. Heute hielt ihn etwas zurück, das er niemand erklären konnte. Er trat in das Gärtchen hinter dem Haus seiner Mutter. Ein drückendes Gefühl hatte ihn beschlichen, das um so peinlicher war, je weniger er sich Rechenschaft davon geben konnte. Sein Schritt war langsamer als sonst. Die Mutter kam ihm nicht entgegen. Dafür hörte er eine fremde Stimme in der Laube. Einen Augenblick überflog sein Gesicht ein brennendes Rot, sein Atem stockte. »Phantasie! Unsinn!« murmelte er dann vor sich hin und trat rasch auf die Hütte zu. Neben seiner Mutter saß, über eine Stickerei gebeugt, ein Mädchen mit einem üppigen, blonden Lockenkopf. Es konnte niemand anders als Agnes sein. Wieder stieg der Trotz in ihm auf wie bei jenem Besuch bei Oberamtmanns. Die Mutter begrüßte ihn. Das Mädchen fuhr unmerklich zusammen und nickte, kaum aufsehend. Er trat ein. »Setz' dich«, sagte die Mutter. »Da steht Butterbrot. Wir sprachen von Rußland, Albrecht.« »Ein düsteres Gespräch«, sagte der Jüngling, »wenn du den Feldzug meinst. Mein Vater hat dort manches seiner Lebensjahre gelassen.« »Und der meine das Leben!« sagte Agnes kaum hörbar. Sie sagte etwas, was Albrecht seit seinem vierten Jahre wußte. Heute zum erstenmal berührte ihn ein Unglück, das viele Tausende teilten, mehr als sonst. »Ich habe Agnes versprochen, ihr einen Brief zu zeigen, den ich vom Vater von Breslau aus erhielt«, sagte Frau Wolfbach. »Ich fand ihn vor einigen Tagen wieder. Er wird auch dich interessieren, denk' ich.« Sie stand auf. Albrecht hatte von diesem Briefe noch nie gehört. Entweder war er lange verlegt gewesen, oder die Mutter hatte andere Gründe gehabt, ihn zurückzubehalten. Er war gespannt auf diese unerwartete Mitteilung. Agnes schien unruhig. »Ich habe eigentlich nie bestimmte Nachrichten erhalten, wie mein Vater starb«, sagte sie, als Frau Wolfbach sich entfernt hatte; »ihn selbst habe ich nie gekannt.« »Mein Vater«, versetzte Albrecht, »sprach selten von dem Ihrigen. Aber wenn er es tat, mit tiefer Wehmut.« »Sie waren bei demselben Regiment. Ihr Vater war auf dem Rückzüge Oberst, der meinige Hauptmann. Sie mögen manches Elend geteilt haben.« »Davon erzählte mein Vater manchmal.« »Ich erinnere mich dessen wohl; da ich als Kind öfter bei Ihnen auf Besuch war, hörte ich die traurigen Geschichten für mein Leben gern. Einmal nahm mich Ihr Vater auf den Schoß und sah mir lange in die Augen. Da sieht dein Vater heraus, Kleine, sagte er nach langem Schweigen, und ich glaube, er weinte. Ach! wie ich da stolz war!« Die Augen des Mädchens glänzten bei dieser Erinnerung. Albrecht versank fast in den blauen Tiefen, in die er zum erstenmal seit langer Zeit hinunterblickte. Wie schön diese Begeisterung dem blonden Kinde stand! Es war gut, daß die Mutter mit dem Briefe kam. »Er ist ein wenig vergilbt«, sagte sie, »aber lies nur!« und sie bot die fast zerriebenen Blätter Agnes an. »Aber –« sagte diese zögernd. »Kein Aber; ich bitte, lies nur!« Das Mädchen suchte lange nach dem Anfang. Albrecht beobachtete sie. Ein unbeschreiblicher Zauber lag in jeder Bewegung; er suchte vergebens seine Aufmerksamkeit auf das Butterbrot zu konzentrieren, mit dem er gerade beschäftigt war. Sie begann, erst schüchtern, dann mit ruhigem, bestimmtem Ton folgendes zu lesen: Breslau , den 4. Januar 1813. »Teures Weib! Auf der Brust hab' ich eine handbreite Wunde, meine linke Hand ist erfroren, und meine rechte zittert noch. Der Typhus ist kein Kinderspiel. Aber danke Gott, wenn du mich lieb hast. Wir sehen uns wieder. »Daß ich kurz nach Antritt des Feldzugs Oberst des dritten Kavallerieregiments geworden bin, hab' ich dir von Moskau, in der einzigen Nacht, die wir dort zubrachten, geschrieben. Ob du die Zettelchen, die ich nachher durch Freunde und Kameraden an dich schickte, erhalten hast, glaube ich kaum. Sie liegen mit ihren Trägern im Schnee begraben. »Du wirst von dem Elend genug gehört haben, das wir ausgestanden. Ich bin noch matt und will dir kein Bild von dem zu machen suchen, was ich mit trüben Augen kaum selbst mehr sah. So schrecklich, wie die furchtbare Natur, malt kein menschlicher Pinsel. Und wenn ich dir hundertmal erzähle, wie viele Nächte ich auf erstarrten Leichen schlafen mußte, – du wirst doch nicht wissen, wie ein Morgengebet lautet, wenn man die liebsten Kameraden im Schnee liegen läßt und weiterzieht, um endlich auch sein kaltes Grab zu finden. »Ich tat mein Möglichstes, als die allgemeine Unordnung einriß. Unser Regiment hielt sich musterhaft. Die Offiziere, namentlich mein teurer Tschernizky, unterstützten mich auf jede Weise. Bis Smolensk kämpften wir wacker mit Hunger und Frost. Zwei Stunden davon traf mich ein Kartätschensplitter in die Brust. Er streifte nur, aber scharf genug. Ich ritt gerade zwischen Tschernizky und einem alten, treuen Litauer – dem Förik, der mir fünf Jahre lang das Pferd gesattelt hat wie keiner –, als ich ohnmächtig vom Pferde sank. Nach einer Stunde kam ich wieder zu mir. Ein Wundarzt hatte im Vorbeiziehen mich verbunden. Um uns war es still. Tschernizky und der Litauer hatten bei mir ausgehalten. Das Regiment war weitergezogen; wir waren zurückgeblieben. »Ich fühlte nur, daß es schneite und daß wir allein waren. Ich bat meine zwei Kameraden, sie sollten mich liegen lassen; mit mir sei's ohnedies aus. ›Man verläßt den Oberst nicht‹, sagte der Litauer trocken. Tschernizky wandte sich ab. In seinem Auge glänzte eine Träne. Ich wußte, an wen er dachte.« – Agnes hielt an. »Herr, Gott! ja!« sagte Frau Wolfbach. »Er hatte drei Wochen vor dem Marschbefehl deine Mutter geheiratet, Agnes.« »Ich wußte, an wen er dachte«, fuhr das Mädchen fort, »aber ich konnte nicht weitersprechen. Eine neue Ohnmacht raubte mir die Besinnung. Als ich wieder erwachte, lag ich in einer elenden Hütte auf ein paar Pferdeteppichen. Tschernizky saß still zu meinen Füßen. Durch einen, halboffenen Fensterladen bemerkte ich Förik, der mit einer Lanze und einer Kosakenmütze auf dem Kopf Wache hielt. ›Wir sind gefangen‹, sagte Tschernizky dumpf. Er hatte den halbverkleideten Förik nicht erkannt. Ich antwortete nichts. Wir lagen schweigend nebeneinander bis es Dämmerung wurde. Da trat Förik leise herein. Er brachte Speck und eine Flasche Branntwein. ›Eßt‹, sagte er zu Tschernizky, ›und dann steigt auf! Die Pferde stehen hinten im Schuppen.‹ – ›Und du?‹ fragte ich hastig. ›Ich bleibe auf meinem Posten, als Kosack. Ihr bekommt dadurch einen Vorsprung von vier Stunden. Man wird Euch nicht verfolgen!‹ Der listige Litauer sprach gut russisch und hatte die Kosaken vollständig getäuscht, indem er vorgab: uns gefangen zu haben. ›Und du?‹ wiederholte Tschernizky. Eine düstere Glut leuchtete aus den grauen Augen des treuen Burschen. ›Ich bürge mit meinem Kopf für Euch!‹ sagte er abgewendet, ›Reitet scharf! Morgen um zwei Uhr könnt ihr ein Vaterunser für mich beten. Auf, Herr Oberst!‹ Tschernizky faßte mich unter dem Arm. Mein Sträuben half nichts. Wir saßen zu Pferd. Der Branntwein und die Nachtluft belebten mich. Förik hatte uns die russische Losung mitgeteilt. Unangefochten kamen wir durch die zwei Vorposten. Ich sah noch einmal zurück. Der Mond schien einen Augenblick durch das Schneegewölk. Mit gelassenem Schritt ging der starre Kerl vor unsrer Hütte auf und ab, als sei nichts geschehen. Tschernizky faßte mein Pferd. Er sagte nachher: er hätte nicht zurücksehen können. Wir flogen über das Blachfeld. »Förik habe ich nicht mehr gesehen. »Ehe der Morgen graute, ritten wir beide über die ersten Leichen, die jene Nacht gefordert hatte. Bald holten wir auch Nachzügler von unserem Regiment ein. Man machte mir eine Tragbahre, welche zwei Packpferde trugen. Tschernizky verließ mich keinen Augenblick. Wir kamen glücklich über die Beresina, und dann fing der wahre Jammer erst an. Zum Glück konnte ich wieder mühsam reiten. Acht schreckliche Tage hielten wir aus, abermals immer mehr zurückbleibend. Hundertmal beschwor ich meinen Hauptmann, mich zurückzulassen. Es half nichts. ›Man verläßt den Oberst nicht!‹ sagte er im Tone Föriks, von dem wir manchmal sprachen, und suchte zu lächeln. Aber die Verzweiflung macht das Lächeln sauer.« Agnes schwieg wieder; eine Träne war ihr auf den Brief gefallen; vorsichtig wischte sie dieselbe ab. Auch Albrecht war tief bewegt. Er hatte den schweren Tropfen schon seit einer Minute auf der zart geröteten Wange zittern gesehen und hätte ihn in diesem Augenblicke brüderlich hinweggeküßt. Das Mädchen fuhr fort. »Auch die Pferde konnten sich kaum mehr schleppen. Matt, lautlos zogen die ungeordneten Haufen durch den tiefen Schnee. Nur das Wimmern Sterbender am Wege, der matte Laut, wenn dort ein Fußgänger erschöpft zusammensank, hier ein Pferd unter dem Reiter niederstürzte, unterbrach die erstarrte Stille. »Endlich – es war ein trüber nebelichter Morgen, wir waren kaum zwei Stunden geritten – traf auch mich das Los. Mein Pferd stürzte. Wie hungrige Raben fielen die nächsten Soldaten darüber her, um es zu zerreißen und mit dem rohen, saftlosen Fleische ihren Hunger zu stillen. Ohne mich zu rühren, sah ich zu. Tschernizky hatte angehalten. Wir hatten heute noch kein Wort gesprochen. »›Oberst!‹ sagte er plötzlich, ›hilf mir herunter! Ich will auch was von deinem Pferde!‹ Er hatte wohl in der letzten Nacht die Füße erfroren, denn er drängte mich immer an den besten Platz des Wachtfeuers. Ich half ihm. Er sank auf mein Pferd hin, ohne, wie die andern, mit dem Säbel Stücke davon abzulösen. ›Auf, Tschernizky!‹ sagte ich; ›sei ein Mann! reite weiter in Gottes Namen!‹ – ›Reite du! das hier ist mein Pferd, Oberst!‹ Wir hatten allerdings die Pferde getauscht, weil das seine einen sanfteren Tritt hatte, was mir bei meiner Wunde sehr zu statten kam. ›Das Oberstsein hat ein Ende!‹ versetzte ich. ›Nun, so reit' weiter, Bruder!‹ sagte er. Jetzt erst merkte ich, wo er hinaus wollte. Sein Blick war starr, wild. Der Edelmut hatte in jenen Tagen ein furchtbares Kleid. Ich konnte kaum mehr sprechen. ›Und wenn du einmal nach Deutschland kommst, Bruder‹, fuhr er fort, mir die Hand reichend, ›und du findest mein Weib und vielleicht – vielleicht mein Kind –‹« Agnes konnte nicht weiter lesen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. Die Mutter schluchzte. Auch Albrechts Augen wurden naß. Frau Wolfbach nahm den Brief. »Zwei Stunden«, las sie, sich sammelnd, weiter, »lag ich neben ihm; Karren, Reiter, Fußgänger zogen an uns vorbei, ohne einen Blick des Mitleids. Wir waren fast die Letzten geworden; nur da und dort schleppte sich noch ein Halbohnmächtiger der mit Leichen bedeckten Straße nach. Tschernizky war nicht mehr zu bewegen, sich zu erheben. Sein Auge war halb geschlossen. Ich flößte ihm ein wenig Branntwein ein. Er rührte sich nicht. – Da, in der Ferne sah man schon einzelne Kosaken, drückte ich ihm einen Kuß auf den Mund. ›Nicht wahr‹, fuhr er plötzlich auf, ›wenn du nach Deutschland kommst –‹ Ich verstand ihn, bestieg sein Pferd und sprengte den andern nach. »Die nächste Nacht breitete wohl ein Leichentuch über seine Heldenglieder. Mich hatte er gerettet!« Albrecht sah Agnes an. Er erwartete einen Tränensturz aus ihren schönen Augen. Ihm selbst schnürte es den Hals zu, daß er keinen Laut hervorbringen konnte. Das Mädchen ließ plötzlich ihre Hände vom Gesicht sinken, warf den Kopf zurück. Ihr Auge war feucht, aber flammte; ihre Brust hob und senkte sich rasch unter dem leichten Kleide; ihre Lippen zitterten. »So hab' ich mir meinen Vater sterben gedacht!« sagte sie stolz und strahlend. Albrechts brennendes Auge traf sie; sie hatte in dem Augenblick an keinen Menschen gedacht und stand schnell, tief errötend, auf. »Sie müsse jetzt eilen, daß sie heimkomme«, sagte sie verlegen lächelnd. Die Mutter begleitete sie durch den Garten. Albrecht war allein. Auch er atmete stürmischer; auch in ihm klopfte das Herz rascher. »Und die Stimme!« sagte er halblaut vor sich hin. »Nein! nein! es ist nicht möglich! Und dir bleibe ich treu, es mag kommen, was da will! Dir, du Engelstimme – und meiner Freiheit!« – Die Mutter kam zurück und setzte sich zu ihm. »Ich habe nicht alles gelesen, was in dem Briefe stand«, fing sie an, ihren Arm um Albrecht schlingend. »Willst du selbst lesen?« »Lies nur!« Frau Wolfbach nahm den Brief. »Zwei Menschen haben sich für mich geopfert, und ich bin gerettet. Ich habe in Breslau während meiner Krankheit Stunden gehabt, wo mich dieses Gefühl fast erdrückte. Förik, das gute, treue Blut, ist erschossen oder erstochen. Ich kann nichts mehr für ihn tun. Tschernizky, den mir der Jammer zu mehr als zum Bruder gemacht hat, liegt im Schnee begraben. Sein Weib, vielleicht sein Kind, war seine letzte Sorge. Wenn ich dich lebend wiedersehe, Lotte! so teilen wir unsere letzten Brosamen mit ihnen. Ich kenne dich.« »Du weißt«, setzte Frau Wolfbach hinzu, »Agnes' Mutter starb an der Nachricht und an der Geburt ihres Kindes. Wir zogen die Kleine auf, bis ihr Onkel, der Oberamtmann, sie von uns verlangte und wir sie nicht mehr zurückhalten durften. Noch auf dem Sterbebett, Albrecht, höre wohl – noch auf dem Sterbebett sagte dein Vater zu mir: ›Wenn unser Albrecht groß genug und ein braver Junge geworden ist, wie er's verspricht, so – –‹« »Halt, Mutter!« fuhr der Jüngling dazwischen, und sein Auge flammte auf; »alles kann man von mir verlangen; alles will ich für Agnes tun; aber das! das! – das ist etwas anderes!« »Ich sagte nicht: du sollst!« »Aber du denkst's. Und es ist mir unerträglich.« »Die letzte Bitte deines Vaters!« »O Mutter! ich kann nicht!« Und fast hätte er gestanden, daß von seiner vielgerühmten Freiheit so viel als nichts mehr übrig war. Die Mutter sah ihn forschend an. Sie sagte nichts mehr; sie hielt nur seine unruhig sich bewegende Hand in der ihren und wartete. Aber auch er sagte nichts. Mit einer heftigen Bewegung riß er sich los und trat aus der Laube. Nach einer Minute sah er wieder hinein. »Mutter, ich halte es hier nicht mehr aus!« sagte er leis. »Morgen nehme ich Urlaub.« Die Mutter weinte. Albrecht verließ den Garten. Draußen begegnete ihm der Invalide. »Das ist gut. Ich wollte gerade zu Ihnen«, sagte der Alte, ihm den Weg vertretend. »Die Frau Oberamtmann lassen sagen, der Fürst sei schon gestern abgereist, und sie wollen morgen in die türkischen Anlagen fahren. Um acht Uhr spann' ich ein.« »Aber ich werde –« »Schon gut«, sagte der Stelzfuß mit einem eigentümlichen Blick. »Was mein Marionettentheater betrifft, es ist ganz hergerichtet bis auf die Prinzessin. Die Prinzessin hat keinen Kopf mehr.« »Ja! ja! die Prinzessin! Gute Nacht, Alter!« Kopfschüttelnd sah ihm der Stelzfuß nach und trat, sein Pfeifchen stopfend, den Rückweg an. VII. Von Gaisburg war es noch eine Viertelstunde bis zu den türkischen Gärten des Fürsten. Man ließ, dort Gefährt und Pferd stehen und ging zu Fuß. Der Kutscher ließ sich's nicht nehmen, als Bedienter mitzugehen, und man ließ ihn gewähren. Albrechts Entschluß war unerschütterlich. Morgen wollte er abreisen; den Urlaub hatte er bereits in der Tasche. Wohin? war ihm gleichgültig; nur aus Nußweiler mußte er fort. Ob es das Gefühl der Trennung machte? Er war heute freundlicher gegen Agnes, sie zurückhaltender und einsilbiger als gewöhnlich. Er ließ sich dadurch nicht abschrecken, und sie waren mit dem Invaliden unmerklich hinter den anderen zurückgeblieben. Es fiel keinem Menschen auf. Man verlor sich bald in den reizenden, so viel besprochenen Gartenanlagen. Der Oberamtmann war in seinem Element. Jedes Steinchen, jedes Schneckenhäuschen, das zierlich seinen bestimmten Platz hatte, fesselte seine ganze Aufmerksamkeit. Willig führte sie der Gärtner durch die wunderlichsten Laubgänge, vorbei an Teichen, Kiosken, Wasserwerken. Mit großer Wichtigkeit und wörtlich, um alles Frau Wolfbach deutlich zu machen, wiederholte Herr Sterner die Erklärungen des Mannes. Dieser lag freilich im Augenblick manches schwerer auf dem Herzen als die Moschee en miniature , an der man eben vorbeikam. Doch war sie gutmütig genug, die weisen Bemerkungen des Oberamtmanns aufmerksam anzuhören, was diesen in die glücklichste Laune versetzte. Die Frau Oberamtmann ging einen Schritt hinter beiden und warf manchmal einen scharfen Blick auf Agnes, die mit gesenktem Kopfe neben Albrecht ging und ebenfalls unter der Erklärung der Moschee verstohlen seufzte. Die Laubgänge wurden immer verwickelter. Man hatte sich plötzlich verloren. Das Glöcklein am Eingangstor rief den Gärtner ab. Der Oberamtmann und die beiden Frauen befanden sich eben in einer der schönsten Partien des Parks. Der alte Herr schwärmte voll jugendlichster Begeisterung für Gartenkunst und Naturschönheit und hielt rührende Monologe; denn eigentlich hörte ihm niemand zu. Eben begann er wieder, als mit einem wahren Tigersprung ihr Führer aus dem Gebüsch stürzte und mit erdrückter Stimme keuchte: »Um Gottes willen, Herr Oberamtmann, ich bin verloren! In dem Augenblick ist der Fürst hereingekommen.« Ein Blitzstrahl aus blauem Himmel ist eine Kleinigkeit gegen eine solche Botschaft. Bleich, wie der Tod, sah der Oberamtmann gen Himmel, und dann auf den Unglücklichen. »Aber, ich bitte Sie, mein Teuerster, wohin? schnell! schnell!« rief er, und man sah ihm das Bestreben an, nach allen vier Himmelsrichtungen zugleich davonzurennen, was notwendig zur Folge hatte, daß er stehenblieb. »Ach, Herr! wir sind verloren!« stöhnte der Gärtner tonlos. »Ums Himmels willen –haben Sie keine Leiter in der Nähe? – Ich würde unter diesen Umständen nicht zögern, auf einen Baum zu steigen. – Guter Mann! eine Leiter!« »Aber die Frau Oberamtmännin?« »Eine Leiter, bester Mann! Meine Frau wird schon für sich selber sorgen. Aber ums Himmels willen – schnell!« Sterner hatte recht. Seine Frau hatte allein noch einige Besinnung und sah ruhig um sich. »Was ist hinter dem Busch?« – fragte sie bestimmt. »Ach, gnädige Frau« – der Gärtner und der Oberamtmann waren unendlich höflich in ihres Herzens Angst, – »ach, gnädige Frau verzeihen: eine Dunggrube.« »Leer?« »Ach, gnädige Frau, retten Sie mir das Leben! Freilich leer! Wollen sich die gnädige Frau nur gütigst selbst überzeugen.« »Eine Leiter! Ich glaube, ich höre kommen! Eine Leiter!« Der Oberamtmann zertrippelte verzweiflungsvoll ein Blumenbeet, ohne es zu merken. Madame Sterner war bereits in der fünf Fuß tiefen, frisch ausgegrabenen Grube. »Wie – was?« sagte der Oberamtmann mit Staunen und Entsetzen, als er seine Frau verschwinden sah. »Du wirst doch nicht?« – Aber bereits versank auch Frau Wolfbach, und er stand allein noch trostlos in dem Blumenbeet. »Meine Leiter! – Es ist schon gut dort – für die Frauen. Aber es wäre mir unvergleichlich angenehmer, bester Mann, wenn ich eine Leiter hätte. – Bedenken Sie doch – ich, der Oberamtmann von Nußweiler, in eine Dunggrube! Sie sehen ein –« Der Gärtner hatte ihn bereits leicht gegen den Rand der Öffnung gedrängt. Seine Frau streckte ihm die Hand entgegen. Er öffnete eben den Mund, um seine Bedenken durch mehrere Gründe zu belegen, als er das Gleichgewicht verlor und sanft hinabsank. »Gottlob!« sagte er aus tiefstem Herzensgrund und warf einen dankbaren Blick zum verschwindenden Blau des Himmels. Denn der Gärtner hatte bereits eine ganze Schichte Bretter über die Öffnung gelegt und warf zum Überfluß noch etliche Säcke darauf. Dann kauerte der gestrenge Herr sich still in einer Ecke zu Boden; seine Knie trugen ihn nach einer derartigen Alteration nicht mehr. Eine lange Pause trat ein. Es hatte wohl jedes einige Ruhe nötig, Um sich wieder zu sammeln. »Ich weiß nicht«, sing der Oberamtmann zuerst wieder an, »ich weiß nicht, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich doch eine Leiter hätte erhalten können? Frau!« Keine Antwort. »Madame Wolfbach! Ich bitte Sie, in welcher Ecke sind Sie denn?« »Ach, wo ist Agnes?« sing diese plötzlich mit einem fast zu lauten Schrei an. »Denken Sie zuerst an Ihren Albrecht!« bemerkte Frau Sterner etwas scharf. »Der Herr schütze sie!« sagte Sterner andächtig und faltete in der Finsternis die Hände mit Inbrunst. »Aber, Madame Wolfbach, was die Leiter betrifft, im ganzen ist es doch gut, daß wir hier sind. So weit ich es beurteilen kann, ist der Aufenthalt weiter mit keinerlei Gefahr verbunden.« »Und, sehr amüsant«, meinte die Oberamtmännin. »Ach ja! wenn es nur nicht so dunkel wäre.« »Und Albrecht und Agnes geborgen sind!« seufzte Frau Wolfbach. »Nach allem«, meinte Sterner, »ist der Fürst ein sehr leutseliger Herr und wird ihnen ihre jugendliche Unbesonnenheit gerne verzeihen. Wenn sie uns nur nicht verraten! Mein Gott – welcher Skandal! Ich – der Oberamtmann!« – »Sei mir still!« herrschte die Frau. »Aber lauschig wäre der Ort, und ganz geeignet zu einem ernsten Gespräch! Ich hätte Sie schon längst gerne unter vier Augen gesprochen, Madame Wolfbach!« »Mich?« sagte die Angeredete, während sich der Oberamtmann zufrieden in seinen Winkel drückte. »Ich liebe die Offenheit sehr«, fuhr seine Frau fort; »das Verhältnis zwischen Agnes und dem jungen Wolfbach –« »Welches Verhältnis?« »Nun – mein Gott! das ist auch sehr naiv. Sie haben mir vor drei Wochen ja selbst darüber Andeutungen genug gegeben. Ich gab meine Zustimmung. Ich habe aber nicht im Sinn, mich hänseln zu lassen. Sie verstehen mich doch?« »Nicht recht. Bitte, erklären Sie sich!« »Ich habe Ihren Albrecht recht wohl beobachtet. Es ist hinten und vorn kein Ernst, und heute hat er sogar Urlaub genommen, ohne uns auch nur etwas davon zu sagen. Das geht zu weit.« »Wissen Sie vielleicht, wie Agnes darüber denkt?« »Agnes ist so erzogen, daß sie denkt, wie ich es für schicklich halte, will ich hoffen. Ich werde für eine andere Verbindung sorgen müssen.« »Bst!« machte der Oberamtmann. Frau Wolfbach war durch diese plötzliche Wendung der Sache zu sehr überrascht, um sich gehörig sammeln zu können. In der Hauptsache mußte sie überdies der Oberamtmännin recht geben; aber auch von dieser Seite ihren liebsten Plan zerstört zu sehen, tat ihr weh. »Bst!« zischte Herr Sterner mit wahrer Verzweiflung, als seine Frau wieder beginnen wollte. Man hörte Tritte. In der Grube wurde es todesstill. Die Tritte kamen näher. Es wurde ein Gespräch geführt, von dem man bald fast jedes Wort verstehen konnte. »Aber Sie verzeihen, Hoheit!« sagte die eine der Stimmen, »wenn auch alles Ihren Wünschen entspricht: dem Alter nach ist der junge Mensch der Stelle durchaus noch nicht gewachsen. Es sind viel ältere –« »A pah!« sagte der andere kühl. »Dafür sind wir dem verstorbenen Wolfbach auch noch etliches schuldig geblieben. Richten Sie das Dekret zurecht! Morgen ist der junge Mensch Förster in Hirschfeld!« Frau Wolfbach hatte genug gehört. Sie wischte die Tränen des Unmuts aus den freudeglänzenden Augen, deren heiteres Feuer man freilich in der Dunkelheit nicht bemerken konnte. Der Oberamtmann, der mit Todesangst gelauscht hatte, atmete auf, als sich die Tritte entfernten. »Nun, da gratuliere ich eben tausendmal«, fing er leise an, »und hoffe, daß wir immer in dem freundschaftlichen, innigen – –« »Was freundschaftlich, innig!« fuhr die Oberamtmännin auf. »Weißt du, mit wem du in einem freundschaftlichen, innigen Verhältnis stehen willst? Weißt du, wer in dem Marionettenkasten gesteckt und dich und deine Frau dem allgemeinen Gespött preisgegeben hat? Ich hab' jetzt lange genug ein Auge zugedrückt. Aber das hat man von seinem Mitleid, von seiner Langmut! Der neue Herr Förster von Hirschfeld war der Verbrecher' Seit acht Tagen weiß ich's. Punktum!« Werfen wir einen Schleier über die Bretter, mit denen die Grube bedeckt war. Als eine halbe Stunde später der Gärtner dieselben wegschaffte, trauerten die drei Insassen der Grube, jedes in seinem Winkel, und weinten; der Oberamtmann aus Alteration und Schwäche, die Oberamtmännin aus Wut, Frau Wolfbach, weil sie gegen die Tränen der Frau Sterner keine andere Waffen hatte als die ihrigen. VIII. In einer Entfernung von etwa zehn Schritten war nach der Trennung der Gesellschaft der Stelzfuß dem jungen Paare gefolgt. Seine grauen, leuchtenden Augen ruhten, ohne sich eine Minute zu verirren, mit einem eigentümlichen Wohlbehagen bald auf dem Mädchen, bald auf dem jungen Mann. Es war nicht der Blick eines neugierigen Bedienten. Man hätte fast etwas Väterliches darin finden können, wenn der graubärtige Kerl mit der etwas geröteten Nase nicht gar so wenig für die Rolle gepaßt hätte. Unmerklich kamen sie tiefer in den waldigen Grund des Parks. »Sie sind auch heute so kalt!« sagte nach einer kleinen Pause in einem gleichgültigen Gespräch Albrecht halb freundlich, halb unmutig. Agnes sah nicht auf. »Morgen geh' ich, für immer vielleicht!« fuhr der junge Forstmann fort. »Sie sollten freundlicher sein!« »Sie gehen?« fragte das Mädchen und blieb stehen. »Ja; und ich hätte gern einen herzlichen Abschied von Ihnen bekommen. Sie waren doch sonst nicht so. Sie hatten mich gern, als wir noch klein waren, Agnes.« Keine Antwort. »Ich weiß nicht, ob uns der gestrige Abend mehr entfremdet hat, als zusammengeführt, wie er es sollte.« »Das ist's eben!« flüsterte sie. »Aber ich möchte noch einmal recht offen mit Ihnen sprechen. Sie müssen mir noch ein freundlicheres Lebewohl sagen. Ich kann so von Ihnen nicht scheiden, schon – schon des Vaters wegen!« Agnes sah ihn groß an. »Ja, meines Vaters wegen!« fuhr er heftiger fort, indem er auf die Seite sah, um die Glut zu verbergen, die er in seinen Wangen brennen fühlte; – »und des Ihrigen! – Das Schicksal oder die Liebe unserer Eltern oder der Tod, die haben uns enger verbunden, als es gewöhnlich die Menschen sind. Sie müssen das fühlen, und ich darf Ihnen wohl ein Wort sagen, das ich tausend andern nicht sagen würde.« Agnes sah dem jungen Mann offen ins Gesicht. Albrecht hatte bereits Gewissensbisse. Er hatte mehr gesagt, als er sagen wollte, und hatte doch noch nichts gesagt. Der fragende Blick des Mädchens brachte ihn vollends außer Fassung. Der Invalide trat näher, als die Pause etwas zu lang zu werden drohte. Albrecht fuhr erregt fort: »Agnes, seit gestern glaube ich, daß Sie das edelste Mädchen auf der Welt sind. Ich darf Ihnen alles gestehen. Halten Sie mich für einen Narren, für wahnsinnig, für was Sie wollen, doch nicht für schlecht. Meines Vaters letzter Wille war, daß wir ein Paar werden sollten. Agnes, selbst wenn Sie wollten, wenn Sie sich dem Willen meines Vaters beugen könnten: – ich kann nicht – ich liebe –« Auf Agnes Wangen wechselte die Röte des Unmuts mit einer tiefen Blässe. Sie zitterte, als sie sich, in diesem Augenblick an einen Baum lehnte. Der Invalide, den Albrecht in seiner Aufregung nicht beachtete, schien den tiefsten Anteil an dem Gespräch zu nehmen und fluchte hinter dem nächsten Busch russisch und türkisch zwischen seinen Zähnen. »O verzeihen Sie«, fuhr Albrecht, als sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen, plötzlich mit dem offensten Tone fort, »ich kann Ihnen kaum das Wo, Wie und Wen? sagen. Aber Sie sollen wenigstens alles erfahren, was ich weiß. Schon seit Wochen fahre ich in einem Nachen den Fluß hinab bis zu einer alten Erle unter der Sägemühle. Geradeüber ist ein Garten. Dort singt fast jeden Abend ein Mädchen ein paar Lieder mit einer Stimme – o Agnes, wenn Sie diese Stimme gehört hätten, Sie müßten mir verzeihen!« Agnes machte eine heftige Bewegung und wandte sich von ihm ab. Albrecht stand halb versteinert. Was hatte er nun wieder angestellt? »Bomben und Granaten!« polterte der Invalide plötzlich dazwischen; »sind Sie denn mit Gottes Blindheit geschlagen? Das war ja Fräulein Agnes selber, die fast jeden Abend in Haselkrauts Garten kommt und singt, daß einem Hören und Sehen vergeht! Seit ich im Hause bin, muß ich sie abholen.« Der Stelzfuß hatte sein zartestes Kompliment anzubringen versucht. Albrecht verging allerdings jetzt Hören und Sehen. Er stand da, als habe er das Tintenfaß über den ersten Liebesbrief geschüttet, stumm, vernichtet. Agnes wandte ihm trotzig den Rücken zu. Ihre blonden Haare verdeckten ihm jede Spur vom Gesicht. Eine lange Pause trat ein. »Agnes!« sagte der Jüngling endlich, so leis als möglich. Kein Laut, keine Bewegung. »Agnes!« rief er, mit fast erstickter Stimme. »Sie lieben meine Stimme«, hörte er sie leise sagen, »was geht das mich an?« »Dich – o vergib – vergeben Sie! – Ach, zu Ihrer Stimme sagte ich schon seit Wochen du!« Agnes schüttelte sich, als er einen Schritt näher trat. Dem Invaliden dauerte die Sache zu lang. Er trat vor das Mädchen und sagte mit militärischer Haltung: »Fräulein, vergeben Sie dem Jungen! Er weiß noch nicht so recht, wie man mit Weibern umgeht. Bomben und Granaten! Es ist auch keine Kleinigkeit. Mit seinem Vater war's gerade so – aber ich sag' Ihnen, es ist ein guter Junge wie sein – ja so! Bomben und Granaten! und ich meine, das Fräulein dürfte ihn schon einmal ansehen.« Albrecht war während diesen Erklärungen seines Fürsprechers um Agnes herumgegangen und suchte ihr unter das Taschentuch zu sehen, mit dem sie die Augen bedeckte. Jetzt sank ihre Hand. Ein Tränenstrom stürzte aus ihren Augen. Albrecht sank auf ein Knie; sie wankte. Er fuhr wieder empor und sie lag schluchzend in seinen Armen. Der Stelzfuß trat auf die Seite und stopfte sich eine Pfeife. »Was noch übrig ist vom Regiment ist wieder beisammen! Bomben und Granaten!« brummte er vor sich hin. Der alte Mann war tief erschüttert und konnte nichts weiter sagen. Albrecht saß eine Minute später auf dem Rasen, Agnes neben ihm. Ihr Lockenkopf ruhte an seiner Brust, sein Auge in dem ihren. Sie sprachen vom Tod auf der russischen Steppe. Der Jüngling küßte hie und da eine Träne aus den Seidenwimpern des Mädchens. Abseits saß der Kutscher und qualmte entsetzlich. »Wie – wa – wo – was!« keuchte plötzlich ein Ruf des Schreckens, der Entrüstung, der Überraschung, der Verwirrung zumal aus dem nächsten Gebüsch. »Sie! Sie Erzschelm! Sie Halunke! Sie demagogisches, verleumderisches Individuum! Sie Marionetten-Vagabund, Sie! Helf mir der Himmel! Agnes, was hast du mit diesem Menschen zu schaffen?« »Albrecht, Albrecht! Du bist Förster in Hirschfeld!« Und die Mutter flog am Oberamtmann vorbei mit einem Schrei an seine Brust. Zum Glück war Frau Sterner ein wenig zurückgeblieben; sonst wäre die Verwirrung bodenlos geworden. Albrecht war aufgefahren. Agnes barg ihr glühendes Gesicht an der Brust der Frau Wolfbach. »Herr Oberamtmann«, sagte Albrecht, der das Entsetzen in den Zügen des alten Herrn mit dem Drange ringen sah, der ganzen Welt seinen Segen zu geben, denn der Fürst war soeben abgefahren, »Herr Oberamtmann, ich gesteh's, ich habe den bösen Streich gemacht. Er war nicht so bös gemeint.« »Nun, nun. Sie – – Sie – aber – –« »Aber ich möcht' ihn wieder gutmachen.« »Das ist löblich!« »Ihre Nichte, Ihre Agnes!« »Ich will nicht hoffen! Agnes! Mädchen! Sieh mich an!« Agnes sah auf. »Onkel – er liebt mich!« sagte sie bebend. »Er liebt dich!« rief Albrecht und schlang seinen Arm um ihren Nacken, »und Onkel, Sie segnen uns!« »Das will ich«, sagte der gute Mann mit glänzenden Augen, »so wahr ich Karl Johann Sterner heiße seit vierundsechzig Jahren!« »Nun, weil der gnädige Herr gerade am Namennennen sind«, sagte der Invalide, die Hände der beiden Glücklichen zusammenpressend, und seine Frostbeulen und eine breite Narbe auf der Stirne glühten purpurn darein, »weil Sie gerad' am Namennennen sind. – Aber Einsperren ist nicht, wegen Namensfälschung! In Nußweiler hab' ich schon alles abgesessen, was ein unschuldiger Leierkastenmann abzusitzen braucht. Einsperren ist nicht, Hand drauf, Euer Gnaden! – Ich heiße eigentlich Förik, Johann Förik aus Litauen!«