Dumas-Le Prince Die Totenhand Roman   Fortsetzung von Der Graf von Monte Christo von Alexander Dumas   Deutsch bearbeitet von K. Walther Vollständige Ausgabe Globus Verlag G.m.b.H. Berlin Sämtliche Rechte vom Verleger vorbehalten. Erster Band. I. Wer auf Steigen und Fallen spielt. Ob das Unglück uns trifft, ob das Schicksal uns verfolgt, was tut das? Es wird deshalb doch niemals an Menschen fehlen, die, das Lächeln auf den Lippen, die Seele von Lust erfüllt, zu uns kommen, um uns an ihren Vergnügungen teilnehmen zu lassen, solange die Not nicht offen den Zauber unseres früheren Wohlergehens vernichtet hat. Es ist daher dieser Zauber, aber auch dieser Zauber allein, welcher die glänzende Menge, die große Welt genannt, zu uns führt, welcher macht, daß wir von derselben nicht verlassen werden, wenn sie auch weiß, daß wir unter der Last des Verhängnisses leiden. Die Baronin Danglars hatte unter diesem furchtbaren Gewichte ihr Haupt beugen müssen, denn sie war von einem harten Schlage getroffen worden; gleichwohl versammelte sie in ihrem Hause noch immer eine glänzende Menge, und sie genoß das Vergnügen, ihre goldgeschmückten Salons als die rühmen zu hören, in denen während einiger Stunden alle die unfrommen Elegants des grünen Tisches am besten empfangen und unterhalten würden. Und nie fehlte an diesen grünen Tischen das Gold, noch der Wille zu spielen, wenn man nur nicht das Privatleben der Spieler zu ergründen strebte. Der Stolz und der Ehrgeiz der interessanten Baronin Danglars, ihr hoher, schlanker Wuchs, ihr aristokratisch-blasses Gesicht, in welchem ein Paar schöne Augen bald funkelten, bald erloschen, je nachdem sie sich unter dem Einflusse eines süßen Gefühles erweiterten oder unter der Herrschaft des Ehrgeizes verkleinerten, ihr schneeweißer Busen, waren nicht das wenigste, was eine zahlreiche Menge in ihren Salons versammelte. Denen, welche durch starke Eindrücke leben, mißfällt nie eine Frau wie die Baronin Danglars. Ihr geringschätziges Lächeln, ihr entschlossenes und arrogantes Wesen, welches aber unterwürfig und zärtlich war, wenn sie sich besiegen ließ, ihr beredter und scharfer Blick, ihre außerordentliche Beweglichkeit, alles trug dazu bei, sie für die jungen Modeherren zu einer Löwin zu machen, obgleich sie den Frühling des Lebens bereits überschritten hatte. Dies war der Grund der Achtung, in welcher die Baronin Danglars sich im Jahre der Gnade 1837 befand. Es war während einer Septembernacht eben dieses Jahres. Die Säle ihres Palastes waren glänzend beleuchtet und füllten sich nach und nach mit den Personen, welche die Gesellschaften der Baronin besuchten, die von einem Platze zu dem andern flatterte, mit Eifer und Leben sprach und die Galanterien eines ganzen Schwarmes von Kavalieren anhörte. »Jesus, was für ein melancholisches Gesicht machen Sie, Herr Beauchamp«, sagte sie zu einem Kavalier, dessen strenge Züge einen finstern Ausdruck trugen, der ohne Zweifel darauf berechnet war, irgend ein geheimes Unglück ahnen zu lassen. »Man sollte wahrlich meinen, Sie wären geneigt, uns ein böses Spiel zu machen, weil Sie, wie man mir sagte, vergangene Woche verloren haben –« »Nein, Frau Baronin, nein; Sie befinden sich im Irrtum. Ich bin es nicht gewohnt, an das zu denken, was ich im Spiel verloren habe; noch viel weniger also bewahre ich deshalb Groll; – ich spiele nicht aus Gewinnsucht, und es ist nicht recht von Ihnen, daß Sie das Gegenteil vermuten.« »Ei!« entgegnete die Baronin mit ironischem Lächeln und indem sie seinen Arm ergriff. – »Ihre Physiognomie flößte mir wahrlich Furcht ein – Nun, erzählen Sie mir, um meine Besorgnisse zu beschwichtigen, was Sie Neues wissen – das Allerneueste.« »Von wem verlangen Sie das, schöne Baronin? – Haben Sie nicht Herrn Lucian Debray hier, der Ihnen die besten Neuigkeiten mitteilen kann?« »Was soll das heißen, mein Herr? Lassen Sie den Herrn Minister gehen, der in seine Gedanken vertieft zu sein scheint? Gott behüte mich davor, ihn seinen Träumereien zu entreißen! Er wäre imstande, mir irgend einen Gesetzentwurf auseinanderzusetzen, und das ist stets so langweilig!« »Was? Wer? – Der Minister?« »Ach nein, der Gesetzentwurf?« »Armer Debray!« murmelte Beauchamp. »Er verdient ihre ironischen Worte nicht; ich gestehe ihm für das Ministerium weit mehr Talent zu wie vielen anderen, die es vor ihm bekleideten.« »So müssen Sie sprechen, mein Herr – damit man Sie in gleicher Münze bezahle, in Beziehung auf Ihr neues Amt als Generalstaatsanwalt. – Nun endigen Sie nur nicht, wie Ihr Vorgänger.« »Nein, Frau Baronin,« entgegnete Beauchamp rasch und mit einem Tone, der seinen Eifer bewies, sich eben dieser Worte zu bedienen, um auf einen Boden zu gelangen, nach dem er strebte. »Ich bin fest überzeugt, daß mir nicht das gleiche begegnen wird; wenigstens gewiß nicht aus der gleichen Ursache! Da Sie indes einmal von dem Staatsanwalt sprechen, den ich immer gern vergessen möchte, wenn ich an einem Abend wie diesem, den Fuß in Ihre Salons setze –« »Mein Herr!« »Verzeihung, Frau Baronin. Es hört uns niemand. Kein Mensch ahnt, wovon wir uns unterhalten«, sagte der Beamte. »Genug, Herr Beauchamp, genug. Ich weiß, was Sie mir sagen wollten. Das ermüdet und langweilt mich aber entsetzlich, wissen Sie das? Ich habe Sie nach Neuigkeiten gefragt, um die Besorgnis zu zerstreuen, die Ihr trübes und ernstes Gesicht bei mir erweckte. Erzählen Sie mir dergleichen, wie damals, als Sie nur noch Zeitungsredakteur waren. – Das ist viel heiterer – besser angebracht – und zeigt von mehr Lebensart.« Bei diesen Worten blieb Beauchamp stehen und sah die Baronin an, als wollte er in ihrer Seele lesen. »Ei, seht mir doch!« sagte sie lachend und ungezwungen. »Der ehemalige Journalist weiß schon weiter nichts mehr zu sein als Beamter!« »Nein, Frau Baronin, gegen Sie werde ich stets derselbe bleiben; erzeigen Sie mir die Ehre, das zu glauben. Gleichwohl können die Nachrichten, die ich Ihnen mitzuteilen habe – nicht aus dem Munde eines Journalisten kommen.« Beauchamp betonte absichtlich die letzten Worte schärfer, so daß Frau von Danglars zu zittern begann. »Und deshalb nicht?« fragte sie, indem sie ein unbekanntes Gefühl der Besorgnis zu unterdrücken strebte. »Haben Sie denn geschworen, mich heute abend durch Furcht zu töten.« »Sie können deshalb nicht aus dem Munde eines bloßen Journalisten kommen,« entgegnete Beauchamp, »weil sie eine Dame betreffen, die der Beamte außerordentlich achtet und schätzt. Das ist alles!« Aus der Art und Weise, wie der Beamte dies sagte, aus dem Ausdrucke seines Blickes, erkannte die Baronin Danglars, daß sie nicht weiter in ihn dringen dürfte. Gleichwohl wünschte sie daraus zu wissen, ob die Neuigkeit des Beamten Bezug auf sie selbst hätte. Sie drehte sich daher um, ließ seinen Arm los und sagte: »Sehr gut, mein Herr – aus demselben Grunde ehre auch ich diese Dame. Bewahren Sie Ihr Geheimnis für sich.« Frau von Danglars verlor bei diesem Spiele, denn der Beamte blieb vollkommen ruhig. »Ah, Dein Gesicht ist von Erz!« murmelte er vor sich hin, indem er der sich Entfernenden nachblickte. Dabei legte er den Zeigefinger der rechten Hand an die Wange. »Indes,« fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, »werde ich allein von all denen, die Dich umringen, nicht durch Dich getäuscht! In Deiner Vergangenheit gibt es ein entsetzliches Geheimnis, das Du den Augen der Welt sehr geschickt zu verbergen weißt, aber den meinigen nicht. In Deinem gegenwärtigen Leben liegt etwas Nichtswürdiges, Schmachvolles, das Du mit höllischer Gewandtheit auf dem Boden Deines Marmorherzens zu bewahren verstehst! – Aber – ans Werk! – Schon bin ich Herr eines Geheimnisses der Vergangenheit; arbeiten wir jetzt an der Entdeckung des übrigen – dessen, was sich auf die Gegenwart bezieht.« Einige Augenblicke später bemerkte Beauchamp, daß jemand hinter ihm herging, wie ein Mensch, der mit ihm zu sprechen wünschte. Er verkürzte den Schritt und ohne sich umzusehen, sowie ohne bemerken zu lassen, daß er wüßte, man folge ihm, ließ er die Person an sich vorübergehen. »Könnte ich die Ehre haben, Ihnen zwei Worte zu sagen, Herr von Beauchamp?« »Wie – Herr Minister? – Ich stehe Ihnen zu Befehl!« »Sie müssen wissen, in welchem Grunde ich Anteil an allem nehme, was sich auf unser aller Ruhe und Sicherheit bezieht,« sagte Lucian Debray, indem er mit Beauchamp einem kleinen, ganz verlassenen Zimmer zuschritt. »Da dies der Fall ist, glaube ich, daß Sie an meiner Stelle besorgt werden würden, wenn Sie das Gesicht eines Staatsanwalts unruhig und finster sehen.« »Verzeihen Sie das dem Neulinge. Ich verstehe es noch nicht, die Marmorstirne zu zeigen, die einem Beamten geziemt.« »Sie legen meine Gedanken falsch aus, Herr von Beauchamp. Ich wollte Ihnen keineswegs einen Vorwurf machen. Ich weiß sehr wohl, daß man Beamter sein kann, ohne deshalb aufzuhören, Mensch zu sein und Gefühle zu haben wie alle anderen Menschen. Die Wahrheit ist, daß ich durch meine geheimen Kundschafter von einem gewissen Falle unterrichtet bin, auf den ich wenig Gewicht lege, den ich aber jetzt für ernster zu halten geneigt bin, da ich Ihr trübes Gesicht sehe. Ich möchte daher heute glauben, was ich gestern bezweifelte! – In dieser Hypothese ist die Ehre einer Dame beteiligt, die ich achte und schätze. – Aus diesem Grunde nahm ich mir die Freiheit, Sie zu befragen, Herr von Beauchamp.« »Ah, Sie wissen wohl, Herr Debray. – Nun gut, ich gebe Ihnen die Versicherung, daß, wenn der Fall wahr ist –« »Ich darf hoffen, Sie werden als Beamter handeln,« unterbrach ihn Debray, aber mit einem Tone, welcher sagen wollte: Ich hoffe, Sie werden dann als Freund handeln! – »Jetzt bleibt mir noch übrig, den Namen dieser Dame mit dem der Ihrigen zu vergleichen, um alle meine Zweifel zu bannen. – Hätten Sie wohl die Güte –?« Bei dieser unmittelbaren Frage, die er übrigens erwartet hatte, konnte Beauchamp sich nicht enthalten, zu antworten, ohne sich der Grobheit gegen den Minister schuldig zu machen, indem er ihm zu verstehen gab, daß er seiner Verschwiegenheit nicht traue. Er näherte sich daher Debray und flüsterte ihm sehr leise ein Wort in das Ohr. Debray wurde blaß: aber er verhehlte schnell seine Unruhe, nahm Abschied von dem Staatsanwalt und kehrte in den Salon zurück, wo die Baronin seiner mit einer Besorgnis wartete, welche deutlich in ihren Mienen zu lesen war. Der Staatsanwalt verließ das Haus der Baronin Danglars mit einem ironischen Lächeln. Als die Gesellschaft sich entfernte, die Bankiers die Tische beiseite schoben und ihr Gold, ihre Banknoten einsteckten, gab die Baronin verstohlen ein Zeichen an Debray und verließ dann sogleich die Salons, um sich nach ihren Zimmern zu begeben, wo Luxus und Reichtum sich mit einem vielleicht noch feineren Geschmacke zeigten wie in dem ganzen übrigen Gebäude. Die Baronin öffnete eine Glastür, die zu einem Musikzimmer führte, in welchem das unerläßliche Pianino stand, und einen traurigen Blick auf das Instrument werfend, konnte sie die Worte nicht zurückhalten: »Ach, Eugenie, weshalb hast auch Du mich verlassen?« Eine Träne glitt an der bleichen Wange der stolzen Frau von Danglars herab, die eine Bewegung machte, als wollte sie einen peinlichen Gedanken verbannen, dann durch das Kabinett schritt und sich an das halbgeöffnete Fenster setzte, um verstohlen auf den Hof vor dem Hause hinabzublicken. Hier blieb sie sitzen, bis sie das Rollen der letzten sich entfernenden Equipage gehört hatte. Dann bemerkte sie den Schatten eines Mannes, der auf das Gebäude zuschritt und mit aller Hast eilte sie nun, die Türe zu einer kleinen Seitentreppe zu öffnen. Darauf kehrte sie in ihr Zimmer zurück und nahm hier auf einem Sofa von himmelblauem Seidenstoff Platz. Lucian Debray stieg die kleine Treppe herauf, schloß die Tür derselben hinter sich und stand der Baronin gegenüber. »Nun, Debray? Was ist es?« fragte sie ihn mit dem Wesen der lebhaftesten Besorgnis. Debray zog seine Handschuhe aus, legte seinen Mantel und seinen Hut auf einen Stuhl, und setzte sich dann neben die Baronin, wie ein Mensch, der auf dem vertrautesten Fuß mit ihr stand. »Sprich doch Debray! Deine Ruhe tötet mich! Du hast gewiß von Beauchamp irgend etwas Schlimmes erfahren?« »Alles was ich herausbringen konnte, ohne unbescheiden zu werden, war ein einziges Wort,« antwortete Debray mit einer Ruhe, die seine Zuhörerin zur Verzweiflung zu bringen geeignet schien. »Ha!« rief die Baronin mit einer Bewegung des Unwillens, gepaart mit furchtbarer Angst. »Und dieses eine Wort war der Name einer Frau – Dein Name!« »So glaubst Du also, daß ich in Gefahr schwebe?« »Wie ich dies stets geglaubt habe!« entgegnete Lucian Debray. »Wenn bisher Deine Anwesenheit in Paris nicht zur Lächerlichkeit geworden ist, so habe ich mich deshalb doch nie überreden können, daß Du Deine Rolle, oder richtiger gesagt, Deine Maskerade, lange Zeit durchführen könntest, und jetzt glaube ich dies weniger wie jemals!« Die Baronin stieß ein leises Lachen beleidigten Stolzes aus und antwortete: »Wenn Du so geurteilt hast, so kommt das daher, weil ich vor Dir nie Geheimnisse hatte wie vor aller Welt. Glaubtest Du gleich ihr, der Baron Danglars reise zu seinem Vergnügen mit seiner Tochter, so würdest Du Dir niemals eingebildet haben, ich sei von dem Baron und von Eugenien verlassen worden.« »Ganz gut,« entgegnete Debray. »Seit einem Jahre ist Eugenie dem Beispiele des Barons gefolgt und die Pariser Welt glaubt, beide seien auf einer Vergnügungsreise begriffen. In der Tat ist das auch ganz einfach. Aber die Zeit vergeht und wird ferner vergehen, und könnte da nicht jemand den schlechten Einfall haben, Dich zu fragen, wann der Baron und Eugenie zurückkehren werden?« Die Baronin machte eine Bewegung. »Könnte nicht ferner,« fuhr Debray fort, »irgend ein boshafter Witzbold sich die Freiheit nehmen, über die verlängerte Abwesenheit der Reisenden zu lachen? Dann würde bald ganz Paris ebenfalls lachen. Du siehst also, teure Baronin, daß es auf dieser Seite nicht gut steht!« »Nun, so gib mir einen Rat, Debray,« sagte jetzt die Baronin mit dem schüchternen Wesen einer Unschuld von fünfzehn Jahren und legte zugleich ihre Hände auf den Arm Debrays. »Ich wiederhole Dir, was ich Dir bereits vor einem Jahre gesagt habe, als Du mir den Brief Deines Mannes zeigtest, in welchem er Dir die Worte schrieb: »Ich verlasse Sie, wie ich Sie genommen habe, das heißt, reich und wenig ehrenwert.« Dieser Ausdruck, der jede andere Frau zu Boden geschmettert haben würde, rief auf den Lippen der Baronin nur ein zweites Lachen beleidigten Stolzes hervor. Lucian fuhr fort: »Ich wiederhole Dir, daß Du reisen mußt. Vergangenes Jahr hattest Du ein Vermögen von einer Million und zweimalhunderttausend Franks, das heißt eine jährliche Rente von sechzigtausend Franks. Jetzt besitzest Du zwei Millionen und viermalhunderttausend Franks oder mit anderen Worten: Hundertundzwanzigtausend Livres Einkünfte. Was kümmert Dich dabei Paris? Sage zu Deinen Freunden, Dein Mann sei in Rom oder in Civita-Vecchia oder in Neapel und er habe Dich im Namen Eugeniens um Deine Gesellschaft gebeten. Deine Freunde werden dann nicht verfehlen, diese Nachricht überall zu verbreiten und Du könntest darauf nach London gehen.« »Also willst Du, daß wir uns trennen, Debray?« fragte die Baronin, indem sie vergebens versuchte, eine widerspenstige Träne in ihr Auge zu locken. »Das wird uns sehr schwer werden!« Lucian antwortete nicht, aber er warf ihr einen Seitenblick zu und stand auf. »Es ist ein Jahr her, seit wir uns verbündeten,« fuhr sie dann fort, »und unsere Angelegenheiten gingen so gut. Jetzt würden sie eine noch bessere Wendung nehmen, denn da Du Finanzminister geworden bist –« »Da kommen wir auf den wesentlichen Punkt der Frage!« unterbrach Lucian sie, indem er mit der Hand heftig auf die Lehne eines Armsessels schlug. »Wie?« fragte Frau von Danglars, indem sie die Augen groß aufriß und sich auf dem Diwan in die Höhe richtete, auf dem sie bisher nachlässig ausgestreckt gelegen hatte, die Haltung einer leidenschaftlich Liebenden annehmend, die sich gehen läßt. »Die Journalisten der Opposition,« fuhr Debray fort, »haben die Sucht, das Privatleben der Minister aufzudecken. Nun ist aber, unter uns gesagt und da niemand uns jetzt hört, der Hauptzweck Deiner Gesellschaften das Spiel, und ich will nicht, daß irgend jemand sich einfallen lasse, zu sagen, ich zöge daraus Vorteil.« »Und gleichwohl hast Du ihn gezogen!« bemerkte die Baronin. »Ich will aber nicht fortfahren, es zu tun,« entgegnete Lucian fest. »Ich sage mich von Deinen Interessen los, es bleibt uns das einfache Agio der Freundschaft.« »Sehr gut, mein Herr!« rief die Baronin, blaß vor Wut und in ihrer Eigenliebe grausam verletzt; denn sie erkannte sehr wohl, was im Grunde alles in diesen Worten lag. – »Sehr gut, aber ich nehme dieses Opfer nicht an! Berechnen wir uns, und dann –« »Und dann?« fragte er mit einem spöttischen Lachen, welches bewies, in welchem Grade er die ohnmächtige Wut der edlen Baronin verachtete. »Sie wünschen ohne Zweifel, daß wir uns nie wiedersehen?« Lucian steckte die Hände in die Taschen und sagte nichts; eine Antwort, die so viel sagen wollte, als: »Wie es Ihnen gefällig ist.« »Gleichwohl verkünde ich Ihnen, daß ich diesen Winter noch in Paris bleibe.« »Sie können nichts Besseres tun. Man hat mir gesagt, daß die Theater sehr gut sein werden. Das Repertoire ist beinahe ganz von Donizetti und Bellini.« »Und auch von Herrn Lucian Debray,« fügte die Baronin hinzu, indem sie bedeutungsvoll lachte. »Ich verstehe Sie nicht.« »Ich will Ihr Debut im Ministerium sehen.« »Hören Sie Baronin,« sagte Lucian mit einem Ernste, der auf eine eigentümliche Weise gegen den Ton der Frau von Danglars abstach, »wer auf Steigen und Fallen gespielt hat, kann nicht ohne Widerwillen Paris verlassen und sich mit der einfachen Rolle eines ausländischen Touristen begnügen; das ist begreiflich. Das wird aber gleichwohl zur Notwendigkeit, wenn zum Unglück der Staatsanwalt von gewissen Dingen Kenntnis erlangt hat. – Baronin, seien Sie klug, wie Ulysses es war, und weise wie Nestor.« Bei diesen Worten zog Herr Lucian Debray sein Taschenbuch hervor, öffnete es, legte auf den eleganten Gueridon eine Handvoll Banknoten und setzte sich dann wieder an die Seite der Baronin, welche entsetzlich blaß und aufgeregt stehen blieb. »Zum zweiten Male, Baronin, sage ich Ihnen, daß Associés miteinander abrechnen müssen, und ich hoffe, es wird zum letzten Male sein. – Benutzen Sie den Rat!« * II. Benedetto. Als Beauchamp das Haus der Baronin verließ, begab er sich geradeswegs nach seiner Wohnung, welche am Anfange der Rue Coq-Héron lag, und deren Aeußeres das klassische Siegel der alten Aristokratie Pugets trug, eine Art von Gebäuden, welche in Paris von allen Emporkömmlingen älteren oder neueren Datums so gesucht sind, da ihre angeborne Niedrigkeit es liebt, sich hinter dem Walle einer Art von Wappenschild zu verschanzen. Dieses kleine Gebäude, dessen Portal bis zur Höhe der Fenster des ersten Geschosses verziert war und über dem sich eine ungeheure Blume in Stein gehauen zeigte, von der es schien, als wollte sie auf den ersten besten gemeinen Menschen herabfallen, der es wagte, den Fuß über die Schwelle zu setzen; dieses Gebäude, sagen wir, hatte einen kleinen Hof vor dem Eingange, und dieser war umgeben mit geschwärzten, imposanten Mauern. Auf diesen Hof gingen die Fenster von dem Arbeitskabinett Beauchamps, deren dunkelfarbige Vorhänge in dichten Falten von oben bis unten herabhingen. Eine kupferne Lampe mit einem Schirm von grüner Seide verbreitete in ihrem nächsten Kreise jenes halb dunkle, halb helle Licht, welches so passend für den ist, welcher während der Nacht schreiben und denken will, und welches eben nur das Papier, auf welches wir unsere Gedanken niederschreiben, auf eine solche Weise bescheint, daß es dem Auge nicht wehe tut. Beauchamp saß schon einige Zeit nachdenkend an seinem Schreibtische, als er plötzlich aufstand, sich aus der Mitte der ungeheuren Stöße von Akten und Papieren, die zu beiden Seiten seines Armsessels aufgehäuft waren, erhebend. Er ging gerade auf das Fenster zu, hob eine Ecke des Vorhanges empor und richtete einen besorgten Blick auf den Hof hinab, der in diesem Augenblicke nur von dem rötlichen Scheine einer einzelnen Lampe beleuchtet wurde, die von der Decke der Vorhalle herabhing. Als er dann bemerkte, daß jemand sich nach der Seite seines Arbeitskabinetts wendete, ließ er den Vorhang fallen und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, auf den er die Ellenbogen stützte, während er den Kopf in die eine Hand legte. Einige Augenblicke darauf öffnete sich die Türe des Kabinetts und zwei Männer traten herein. Der eine war durch seine finstere Physiognomie, seine Kleidung, sein entschiedenes Wesen und seinen herkulischen Bau als ein Polizeiagent bezeichnet; der andere war das lebendige Gegenstück dieses Menschen; jung, mager, bleich, mit zerrissenen Kleidern, und alles an ihm verriet den Angeklagten. Auf ein Zeichen, welches der Staatsanwalt machte, entfernte sich der Polizeiagent, und man hörte, wie er die Türe hinter sich schloß. Beauchamp blieb noch einen Augenblick regungslos sitzen und als er glauben durfte, der Polizeiagent habe die Zeit gehabt, über den Hof zu gehen, winkte er dem Angeklagten mit der Hand, sich auf die andere Seite des Tisches ihm gerade gegenüber zu stellen, schlug den Schirm der Lampe zurück und konnte so mit Bequemlichkeit das Gesicht des Verbrechers sehen. »Euer Name?« sagte er, indem er seine Stimme so tief wie möglich machte, als wollte er sie verstellen. »Sie richten stets dieselbe Frage an mich, mein Herr, und ich habe Ihnen darauf stets dieselbe Antwort zu geben: »Ich heiße Benedetto!« »Benedetto!« wiederholte Beauchamp; – dann fuhr er in dem Verhöre fort: »Seid Ihr geneigt, alles das zu wiederholen, was Ihr mir bereits gestanden habt?« »Was nützte das?« sagte der junge Mann mit einer gewissen Kälte. »Wozu soll ich solche Dinge wieder in das Gedächtnis zurückrufen? Man hat mich ergriffen – hier bin ich – verurteilt mich, und alles ist abgemacht.« »Seid klug, Benedetto, das Gesetz bedroht Euch mit dem Tode.« »Sind Sie dessen gewiß, so ist es um so besser! – Dann quälen Sie mich auch nicht weiter.« »Ich will Euch gleichwohl noch einmal hören. Vielleicht habt Ihr irgend etwas vergessen, dessen Kenntnis, wenn sie durch hinlängliche Beweise unterstützt wird, die Strenge des Gesetzes mildern könnte.« Und der Beamte lehnte sich tiefer in seinen Armsessel zurück. »Nun gut, ich willige ein; doch hören Sie genau auf mich, Herr Staatsanwalt, denn ich sage Ihnen im voraus, es ist das letzte Mal, daß ich spreche.« Es lag in den Worten des Angeklagten eine gewisse Bitterkeit, eine gewisse Verachtung des Lebens, welche auf die abgestumpften Nerven eines alten Richters sicher wenig oder gar keinen Eindruck gemacht haben würde, welche aber das Herz eines noch jungen Mannes ergriff, der, gleich Beauchamp, noch nicht gegen die verschiedenen finstern Geheimnisse abgehärtet war, welche sich zuweilen einem Staatsanwalts offenbaren. »Ich saß in La Force, und wurde dort, glaube ich, durch einen unbekannten Freund beschützt, denn von Zeit zu Zeit besuchte mich ein gewisser Bertuccio, mit dem ich früher in Verbindung gestanden hatte, und der mir einiges Geld im Namen dieses unbekannten Beschützers gab, um mir bessere Nahrungsmittel kaufen zu können, als die, welche den Bewohnern der Löwengrube geliefert werden. Ich war schon vor dem Tribunal erschienen, hatte hier erklärt, der Sohn des Herrn von Villefort, Ihres Vorgängers, zu sein, und erwartete in Ergebung meinen Urteilsspruch. Aus dem Bagno entsprungen, der Ermordung des Caderousse überführt, was konnte ich da wohl anders erwarten als das Schafott?« »Wartet einen Augenblick!« unterbrach ihn der Beamte. »Wie habt Ihr erfahren, daß Ihr der Sohn des Herrn von Villefort seid?« »Dies ist eine Frage, die Sie noch nicht an mich gerichtet haben, mein Herr,« antwortete Benedetto mit dem Lächeln eines Menschen, der mehr begreift, als man von ihm vermutet. »Ich will Sie befriedigen. Ich sprach bereits von dem unbekannten Beschützer und von Bertuccio, welcher der Ueberbringer seiner Almosen war. Dieser Bertuccio nun sagte mir eines Tages, als er meine Zelle in La Force betrat: »Benedetto, Du bist sehr kompromittiert; es gibt aber nun jemand, der wünscht, Dich zu retten, weil er ein Gelübde abgelegt hat, jedes Jahr einem Menschen das Leben zu erhalten. Dieser Beschützer ist auf ein Mittel verfallen, um Dich wenigstens vor dem Schafott zu bewahren. Höre dieses Mittel: Der Staatsanwalt, der Deine Sache leitet, hat sehr vertraute Verbindungen mit einer Dame gehabt und diese Dame hat ein Kind geboren – den Sohn Villeforts. Ein solches Aergernis durfte nicht an das Licht treten. Das Kind war daher auch kaum geboren, als Herr von Villefort es nahm, eine Schnur um seinen Hals wand, um es zu verhindern, zu weinen und zu schreien, es dann in ein Kästchen legte, mit einem gestickten Taschentuch der armen Mutter umwickelte, welches ihm zum Leichentuch dienen sollte, und endlich eine geheime Treppe hinabstieg, auf welcher er seit längerer Zeit in das Zimmer der Dame gelangte. Er wollte das unschuldige Wesen am Fuße eines alten Baumes im Garten begraben. In eben dem Augenblicke aber, als er in das Freie trat, stieß eine unbekannte Hand ein Messer zweimal in die Brust des Kindesmörders und raubte das Kästchen in der Meinung, es enthielte einen Schatz. Der Mörder entfloh, und als er in geringer Entfernung sogleich das Kästchen öffnete, fand er das Kind, welches noch Zeichen des Lebens gab: er machte die Schnur von dem Halse los, hauchte dem kleinen Wesen die Luft seines Atems ein, schnitt ein Stück von dem gestickten Leichentuche ab, wickelte das Kind wieder hinein und trug es dann nach dem Findelhause, indem er ausrief: »Mein Gott, ich habe meine Schuld getilgt; ich raubte ein Leben, aber ich erhielt ein anderes!« »Das ist die Geschichte Deiner Geburt«, fuhr Bertuccio fort, »und wenn Du vor Deinem Richter erscheinst, schleudere ihm sein Verbrechen in das Gesicht, und er wird davon überzeugt sein, Du wirst ihn dann sofort von dem Uebermut zur Demut, von dem Sitz des Richters zur Bank des Angeklagten übergehen sehen, das öffentliche Aergernis, welches Deine Offenbarung hervorruft, wird einen Stein auf die Akten Deiner Anklage wälzen, und Dein Beschützer kann diesen Umstand benutzen, um Dich zu befreien.« »So tat ich«, fuhr Benedetto fort, »wovon Sie Zeuge sein konnten, am 27. September, dem Jahrestage meiner 1817 erfolgten Geburt, und einen Monat später erfüllte mein Beschützer sein Versprechen; ich war frei! Frei, mein Herr, aber unter einer Bedingung, nämlich der, beständig meinen Vater zu begleiten, der wahnsinnig geworden war, und der mich ohne Rast und Ruhe suchte, indem er mit einem Spaten grub, wo er nur irgend Erde finden konnte! Ach, ich gestehe es, bei dem Anblick eines solchen Elends wurde ich von Schmerz und Mitleid ergriffen! Staatsanwalt gewesen zu sein, in dem Rufe eines rechtschaffenen und ehrenwerten Mannes gestanden zu haben und dann von der Höhe eines so riesigen und prachtvollen Gebäudes auf die Bank der Angeklagten herabgesunken zu sein! – Zum Glück verhinderte sein Wahnsinn den Prozeß! – und einige Tage später waren er und ich in vollkommener Freiheit. Sein Vermögen wurde konfisziert, und man ließ ihm kaum so viel, daß er die dringendsten Bedürfnisse seiner traurigen Existenz bestreiten konnte. Allmählich aber kehrte der Verstand meines Vaters zurück, und nach sechs Monaten gemeinschaftlichen Lebens mit mir war er geheilt. Er erkannte und liebte mich, aber seine Stunde war erschienen. Gott schien ihn nur so lange am Leben gelassen zu haben, um ihm die Zeit zu gewähren, mich um Verzeihung zu bitten. – Ich schenkte ihm diese und empfing seinen Segen. »Mein Sohn«, sagte er zu mir, als sein letzter Tag gekommen war, »ich fühle, daß ich sterben werde und bedauere dabei nur eines – daß ich nicht eine Schuld bezahlen kann – eine Schuld des Blutes und der Verzweiflung – eine Schuld, die ich um den Preis meines ewigen Seelenheils tilgen möchte. – Mein Sohn, ich bin ein Verbrecher gewesen, ich habe gleich allen Menschen die Larve der Heuchelei vorgenommen; aber die Rache, der ich zum Opfer fiel, überstieg alle Grenzen. Sie war entsetzlich! Gattin, Tochter, Sohn, – alle! – Die Hand eines Menschen hat sie mir sämtlich entrissen, ohne Reue, ohne Mitleid, um sich an mir zu rächen! – Benedetto, triff diesen Menschen, schmettere ihn nieder, martere ihn, – daß auch er heiße Tränen vergieße, und wenn seine Verzweiflung den höchsten Grad erreicht, dann sage Du ihm: Ich bin der Sohn Villeforts, ich strafe Dich in seinem Namen; seine Rache trifft Dich zur Vergeltung Deiner entsetzlichen Rache!« »Ha, mein Vater, wer ist dieser Mann?« rief ich aus, »wo ist er?« »Wo ist er?« murmelte mein Vater, indem er traurig den Kopf schüttelte, – »ich weiß es nicht.« Dann ergriff er meinen Arm, zog mich zu sich und sagte mit zitternder Stimme und einem Blick, als sei er von Furcht vor der Erscheinung eines Gespenstes erfaßt: »Befrage den Raum, befrage den Himmel, das Meer, die Erde – er wird dort sein, überall wie ein mächtiger Gott oder wie ein höllischer Geist des Verhängnisses. – Hüte Dich wohl davor, seinen starrenden, glühenden Blick nur einen Augenblick auf Dir ruhen zu lassen! – Ach, Du wärst für immer verloren und verflucht!« »Aber sein Name?« rief ich von Wut erfaßt, denn es schien mir, als hörte ich bereits das Echo dieses fürchterlichen und großen Namens. »Sein Name?« wiederholte Herr von Villefort mit bittrem Lächeln. »Hat er einen bestimmten, gewissen Namen? Ha, siehst Du, er wechselt den Namen und das Wesen täglich, stündlich, nur durch die Macht seines furchtbaren Willens, Ha, Abbé von Busoni, Lord Wilmore, Graf von Monte Christo –« »Wie?« rief ich bei diesem Namen erbebend, »der Graf von Monte Christo? –« »Oder Abbé Busoni oder Lord Wilmore«, fuhr mein Vater fort; »wer weiß, welcher sein rechter Name ist? Indessen suche ihn überall, steige, erhebe Dich, befrage den unendlichen Raum: klettere hinab in den Abgrund, durchsuche die Eingeweide der Erde und die Tiefe des Meeres. – Sein wahrer Name ist Edmund Dantes. Mein Sohn räche mich und stirb, oder sei verflucht!« »In eben dieser Nacht«, fuhr Benedetto nach kurzer Pause mit großer Ruhe fort, »starb Herr von Villefort, indem er mir das versiegelte Papier übergab, welches Ihre Agenten bei mir gefunden haben, und das ohne Zweifel jetzt in Ihrem Besitz ist.« »Und aus welchem Grunde habt Ihr dieses Papier nicht gelesen?« fragte der Beamte. »Weil mein Vater das Versprechen verlangte, es erst zu öffnen, wenn ich bereits weit von Frankreich entfernt wäre. Unglücklicherweise wurde ich ergriffen, ehe ich diese Bedingung erfüllen konnte, indes werde ich nicht sterben, bevor ich den Inhalt erfahren habe, denn wenn ich vor das Tribunal gerufen werde, bestehe ich auf die Vorlage und Mitteilung dieses Aktenstückes.« Beauchamp erbebte. Seine Blässe würde ihn verraten haben, hätte nicht Schatten sein Gesicht bedeckt. »Und wohin wolltet Ihr, als Ihr arretiert wurdet?« »Fort aus Frankreich.« »In welcher Absicht?« »Meine Sendung zu erfüllen.« »Welche?« »Das Vermächtnis meines Vaters, die Rache!« Beauchamp stand auf, ging einige Male in dem Kabinett auf und nieder und verhüllte sich das Gesicht mit einem Zipfel seines Mantels. – Einige Augenblicke darauf blieb er stehen und machte die Bewegung eines Menschen, der einen bestimmten Entschluß gefaßt hat. »Benedetto«, sagte er, »Ihr scheint mehr unglücklich, als strafbar zu sein.« »Ja, gewiß!« rief Benedetto, »ich stehe unter dem Druck eines furchtbaren Verhängnisses, des Verhängnisses meiner Geburt! Mein Taufwasser waren die heißen Tränen meiner Mutter, die Weihworte meiner Taufe der Fluch meines Vaters! – Der Hölle gewidmet, wenn ich starb; dem Elend, wenn ich dem Tode entrann, und schon damals und immer und immer umherirrend – flüchtig – elend! – Es ist heut die Nacht des 27. September, mein Herr – hören Sie!« Und Benedetto zählte langsam die Schläge einer Kirchenuhr, welche die Mitternachtsstunde verkündete. »Dies ist die Stunde meiner Geburt! Stets trifft mich an diesem Tage irgend ein Unglück! – Heut bin ich in Ihrer Gewalt.« Indem er so sprach, ließ er den Kopf auf die Brust sinken und kreuzte die Arme. Der Staatsanwalt trocknete sich den Schweiß, der von seiner Stirne rann, und sank nieder auf einen Sessel, als ob er in dem, was er vernommen, den unerklärlichen Willen Gottes erkenne. * III. Frau von Danglars. Es war 8 Uhr morgens, als ein Wagen ohne Livree in die rue du Coq-Heron fuhr, und vor dem Hause des Staatsanwalts hielt, in dessen Tür sogleich ein alter Diener trat. »Macht das Tor auf«, sagte der Kutscher, »denn es ist eine Dame in dem Wagen und diese kann schicklicherweise nicht hier auf der Straße aussteigen.« Der Türhüter machte einen Einwurf, indem niemand, und vorzüglich nicht eine Dame, um diese Stunde den Staatsanwalt zu stören pflegte; indes das wiederholte Wort des Kutschers, eine Dame, errang zuletzt den Sieg über die Zweifel des Greises, der mit seinen abgemagerten Händen die Flügel des großen schweren Tores öffnete. Der Wagen hielt vor dem Vestibül, und sogleich stieg eine Dame heraus, deren Formen wir schon jetzt als reizend schildern könnten, wenn sie sich nicht vom Kopf bis zu den Füßen in die Falten eines Kaschemirs gehüllt hätte. Diese Dame wurde gemeldet und dann in das Arbeitskabinett Beauchamps geführt, wo sie etwa eine halbe Stunde wartete. Endlich öffnete sich die Tür, und Beauchamp erschien. »Frau Baronin Danglars!« rief er, den Ueberraschten spielend. »Es ist wahr, mein Herr; verzeihen Sie mir, wenn ich Sie störe, aber ein unvorhergesehener Fall – Herr Staatsanwalt.« »Setzen Sie sich, Frau Baronin«, fiel ihr Beauchamp in das Wort, indem er sich stellte, als bemerkte er die Aufregung der Frau von Danglars nicht. Es entstand ein Augenblick des Schweigens, während dessen die Frau Baronin sich zwei oder drei Mal mit ihrem feinen Batisttaschentuch über das Gesicht fuhr. Es schien, als suchte sie ihre Kräfte zu sammeln, um ein wichtiges Wort auszusprechen. »Mein Herr«, sagte sie endlich, »meine Anwesenheit hier – darf Ihnen nicht sonderbar erscheinen – um Gottes willen ersparen Sie mir die Verlegenheit, oder wenn Sie lieber wollen«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu, »die Schande eines Geständnisses –« »Ha«, dachte Beauchamp bei sich selbst, »um ihren ganzen Stolz zu brechen, haben einige wenige Worte hingereicht.« »Ja, Frau Baronin«, fuhr er dann laut fort, »ja, und zwar ohne mich darum zu kümmern, auf welche Weise Sie ein Geheimnis erfahren haben, welches kaum dem Herrn Finanzminister bekannt ist.« Die Baronin machte eine Bewegung, und der Beamte lächelte, indem er ihr einen Seitenblick zuwarf. »Ich bin bereit, den Zweck Ihres Besuches zu erraten. Was wollen Sie, daß ich tun soll?« »Sie können alles, mein Herr«, rief die Baronin heftig, »Sie können alles, als Beamter und als Freund.« »Das sind zwei Dinge, die sich vor dem Gesetze sehr schwer vereinigen lassen!« murmelte Beauchamp. »Meine Ruhe, mein Glück, meine Ehre, alles hängt in diesem Augenblick von Ihnen ab«, fuhr Frau von Danglars fort. »Ach, ich komme jetzt, um Sie mit aufgehobenen Händen anzuflehen, mich zu retten. Erzählen Sie mir alles!« Beauchamp stand auf, ging an seinen Schreibtisch, zog ein Fach auf und nahm daraus einen Brief, der zwar versiegelt, aber bereits erbrochen war. Dann zu seinem Platz zurückkehrend, traf er Anstalt, den Brief zu lesen. Die Baronin verhüllte sich das Gesicht mit ihrem Taschentuch. Der Beamte las: »Benedetto, ein Eid, den ich nicht verletzen durfte, soll Dir enthüllt werden. Ich will Dich nicht in der Welt zurücklassen, ohne daß Du eines Tages die Hand Deiner Mutter küssen kannst, indem Du ihr für die Tränen dankst, mit denen sie Dich benetzte, für den Schmerz, den ich ihr durch meine Unbesonnenheit verursachte! Wenn das Geschick sie eines Tages von ihrem Manne trennen sollte, dann suche sie auf und diene ihr zur Stütze, wenn sie im Elend lebt oder eines befreundeten Busens bedarf, um ihr durch die Leiden erschöpftes Haupt daran auszuruhen. Erinnere Dich meiner Worte und wisse, daß Du der Baronin Danglars das Leben verdankst. Empfange den Segen Deines Vaters. Villefort.« Die Baronin stieß einen Schrei des Schmerzes aus, der Beamte aber blieb kalt. »Ach, und mein Sohn kannte dieses entsetzliche Geheimnis nicht?« fragte sie mit bebender Stimme und die Wangen von dem Feuer der Scham und der Demütigung bedeckt. »Nein, gnädige Frau«, erwiderte Beauchamp. »Mein Gott, mein Gott, steh mir bei!« »Genug, Frau Baronin,« sagte Beauchamp, »beruhigen Sie sich, man könnte Sie hören und möchte daraus schließen, Sie ständen als Verbrecherin vor Ihrem Richter!« »Indes, was soll ich tun, um das Aergernis zu vermeiden, – oder vielmehr, was haben Sie die Absicht zu tun!« fragte sie, noch viel mehr beunruhigt. »Ach, weshalb mußte dieses Geheimnis eines begangenen Fehltrittes wieder in das Leben zurückgerufen werden!« fügte die arme Frau voll Bitterkeit hinzu. »Wollten Sie etwa zufällig, der Unschuldige wäre für immer in der Grube geblieben, in die man ihn lebend eingesenkt hatte? – Gnädige Frau, die Erde besitzt nicht genug Kraft, um ein Verbrechen der Art zu verbergen!« sagte der Beamte, ohne seinen Blick von dem dunkelroten Gesichte der Frau von Danglars abzuwenden. »Mein Sohn!« murmelte sie. »Ach, ich wußte wohl, daß Du atmetest – aber meine Tränen – meine Klagen konnten den Mann nicht andern Sinnes machen! Das Verbrechen war nicht das meinige – verzeihe mir! Und Sie, mein Herr«, fuhr die Baronin fort, indem sie sich unmittelbar an Beauchamp wendete, »retten Sie ihn, – wenn auch die Bitten einer Frau, die Sie ohne Zweifel verachten, in Ihren Augen nur wenig Gewicht haben, erfüllen Sie mein Flehen – retten Sie ihn! – Doch nein, vergessen Sie die Baronin Danglars, die nicht mehr den Anspruch auf Ihr Mitleid hat, vergessen Sie sie, doch bei den Manen Ihres unglücklichen Vorgängers, im Namen des Herrn von Villefort beschwöre ich Sie, retten Sie seinen Sohn!« »Gnädige Frau, ich antworte Ihnen, was er selbst Ihnen geantwortet haben würde: Ich werde die Pflicht erfüllen, die das Gesetz mir auferlegt!« sagte der Beamte voll Würde. »Wie! Ist das glaublich?« rief die Baronin außer sich. »Dieses Papier sollte öffentlich vor Gericht vorgelegt werden?« »Vermeiden Sie das Aergernis!« »Wie das, mein Herr: wie?« »Indem Sie Frankreich verlassen.« »Und wohin soll ich gehen – allein – verlassen von allen!« rief unbesonnen Frau von Danglars. »Verlassen von allen?« wiederholte Beauchamp verwundert. »Und Ihr Gatte – und Ihre Tochter?« »Ach«, rief die Baronin mit einem unbeschreiblichen Ausdruck der Wut, indem sie in ihrer Heftigkeit fortfuhr, »ich sehe wohl, daß ich Ihnen alles sagen muß! Sie sind wie alle Beamten, kalt, teilnahmlos, ohne Mitleid! Nun wohl, ich muß den Becher bis an die Hefe leeren. So erfahren Sie denn, mein Herr – mein Mann hat mich verlassen, – meine Tochter ist entflohen! Ich stehe allein in der Welt. Ich werde Frankreich verlassen – ich werde reisen, aber um Gottes willen – wenn es für Sie einen Gott außer dem Gesetze der Menschen gibt – retten Sie meinen Sohn!« Bei diesen Worten verließ Frau von Danglars hastig das Kabinett des Staatsanwalts, sprang mit unglaublicher Leichtigkeit in ihren Wagen, fuhr nach ihrer Wohnung und machte sich hier sogleich daran, ihren Schmuck und ihr Geld in eine Reiseschatulle zu packen. Während dieser Arbeit rannen Tränen schweigend ihre Wangen herab und fielen auf ihre zitternden Hände; ihr ganzer Körper bebte krampfhaft, so sehr war ihr Nervensystem schmerzhaft erschüttert. Sie sah jetzt Stein bei Stein das ganze Gebäude zusammenstürzen, welches sie für stark genug gehalten hatte, um selbst dem Blitze Widerstand zu leisten! Und dieses Gebäude sank in Staub, ohne daß ihr die geringste Hoffnung blieb, es wieder aufführen zu können. »Ach, Villefort«, rief sie, indem sie mit dem Fuße stampfte und sich die Haare ausraufte, »nie hätte dieses Geheimnis über Deine Lippen kommen sollen!« Dann trocknete sie die Tränen, die gegen ihren Willen ihren Augen entstürzten, öffnete die Fächer ihrer Schränke, wählte aus, was sie an Wäsche und Kleidungsstücken zu einer Reise von einigen Tagen bedurfte, und setzte diese geheimnisvollen Vorbereitungen mit dem festen Entschlusse fort, unverweilt Paris zu verlassen, wo ihr Verderben durch einen unbekannten und mächtigen Feind, dessen Schlägen sie nicht zu widerstehen vermochte, geschworen zu sein schien. Für eine Frau, wie Frau von Danglars, die angebetet, eitel und reich war, konnte es nicht unbedeutend oder gleichgiltig sein, den Mittelpunkt ihres Reiches zu verlassen, um sich im fremden Lande zu einer unbekannten Touristin herabzusetzen. – Je schöner der Traum, desto grausamer ist das Erwachen. Das empfand Frau von Danglars. Auf rohe Weise von ihrem Manne verlassen, einem dünkelvollen Kapitalisten, der es vorzog, mit den letzten Geldern, die er in der Kasse hatte und die ihm schon nicht mehr gehörten, zu entfliehen, statt seine Zahlungsunfähigkeit zu erklären, hatte sie, die überaus stolze und hochmütige Frau, sich in den Augen der Welt mit dem ganzen Luxus und dem ganzen Glanze, von denen sie bisher umgeben gewesen war, erhalten wollen, indem sie über das Benehmen des Barons täuschte. Dieser Plan, der ohne Zweifel deshalb sehr schwierig auszuführen gewesen wäre, weil die Gläubiger an der Hand des Gesetzes erscheinen mußten, das Besitztum des Barons Danglars in Beschlag zu nehmen, wurde durch einen sehr ungewöhnlichen Umstand unterstützt. Einige Tage nach der unerwarteten Abreise des Barons wurden in Paris alle Papiere desselben eingelöst und das Haus der Frau von Danglars so der furchtbaren Schuldenlast von fünf bis sechs Millionen entledigt! Dank diesem Wunder des Glückes konnte die Baronin ihren Rang in Paris aufrecht erhalten, und alle Welt glaubte, Danglars sei abgereist, um seine Tochter auf eine Reise zu begleiten, welche die junge Dame zu ihrer Ausbildung unternommen hatte. Gleichwohl gab die verlängerte Abwesenheit der Reisenden schon Grund zu unbestimmten Gerüchten unter denen, welche den rohen Charakter des Herrn von Danglars und die Ueberspanntheit des Fräulein Eugenie kannten. Dann trugen das unerwartete Erscheinen Benedettos, der durch den ehemaligen Geliebten der Frau von Danglars geschriebene Brief, die Geschichte von dem überlegten Kindermord, dazu bei, die arme Baronin zu bestimmen, dem Beispiele der Flucht des Herrn Barons und ihrer interessanten Tochter zu folgen. Der Baron Danglars war aus Paris entflohen, weil er nicht arm sein wollte, obgleich er, um dies nicht zu sein, stehlen mußte. Eugenie war aus Paris entflohen, weil sie sich nicht verheiraten wollte. Frau von Danglars stand im Begriffe, ebenfalls zu fliehen, weil über Paris eine schwarze Wolke schwebte, die den Sturm verkündete. Ihre Vergangenheit stand auf dem Punkte, enthüllt und den begierigen Blicken eines stets neugierigen Publikums bloßgestellt zu werden. Ihr Entschluß war daher schnell gefaßt. Schon weinte die Baronin nicht mehr. Die Wangen wie gewöhnlich blaß, und mit festem Wesen, setzte sie sich an ihren eleganten, mit Elfenbein ausgelegten Schreibtisch, faltete schnell zwei Blätter Papier, und begann zwei Briefe zu schreiben. Mit fester Hand und sicherer Schrift richtete sie den ersten an Herrn Lucian Debray, ihren Associé aus der Zeit, wo auch er auf Steigen und Fallen spielte, und zwar auf Kosten des armen Baron Danglars; aber plötzlich erhob sie, als besänne sie sich anders, die Hand, schob das Blatt beiseite und begann einen zweiten Brief, an Benedetto adressiert. Das kam daher, weil die Baronin vor allem Mutter war, und weil das Muttergefühl stets auf erhabene Weise durch alle Leidenschaft durchbricht, wie mächtig sie auch sein mag, wie fest sie auch in dem Herzen des Weibes wurzelt. Einige Minuten darauf war der Brief beendigt. Die Baronin überlas ihn, und zum zweiten Male füllten ihre Augen sich mit Tränen. »Mein Herr! Sie sind verlassen, in der Gewalt der Justiz, arm und elend, ohne andere Hilfe als Ihre eigene Beredsamkeit, um Ihre Freiheit wiederzugewinnen, wenn Ihr Richter gefühlvoll genug ist, sich durch die aufrichtige Auseinandersetzung des Verhängnisses rühren zu lassen, das seit Ihrer Geburt auf Ihnen zu lasten scheint. Ich weiß nicht, welches Ihr Los sein wird; indes erwarte ich alles von Gott. Vertrauen auch Sie auf seine unendliche Güte. Nun aber gestatten Sie mir, zu Ihrer Verfügung eine geringe Summe zu stellen, welche Ihnen dazu dienen kann, die Strenge Ihrer Kerkermeister zu mildern, und glauben Sie, daß es nicht ein demütigendes Almosen ist, welches ich Ihnen biete, sondern nur die Gabe, zu welcher sich eine Person verpflichtet fühlt, der Sie teuer sind.« Als die Baronin gelesen hatte, öffnete sie ihre Brieftasche, nahm daraus für 60,000 Franks Bankbillets, schloß sie in den Brief, siegelte ihn und schrieb darauf: »Benedetto«. Dann umgab sie ihn mit einem zweiten Kuvert mit der Adresse: An den Herrn Generalstaatsanwalt. Die Baronin ruhte sich einen Augenblick aus, und als sie ihre Tränen versiegen fühlte, gewann sie die erforderliche Ruhe zu der Fortsetzung der Vorbereitungen, welche ihre plötzliche, fluchtähnliche Abreise nötig machte. Wieder ergriff sie die Feder und schrieb an dem an Lucian Debray gerichteten Briefe weiter. Diesem Manne teilte Frau von Danglars ihre Abreise mit, indem sie ihn bat, die Aufsicht über ihr Haus zu übernehmen, bis sie ihm neuerdings schreiben würde, um ihm ihre Absichten über dasselbe sowie über das Mobiliar und über das Silberzeug auszusprechen. Als sie diese Arbeit beendet hatte, öffnete sie das nach dem Hofe hinausgehende Fenster und blieb in der Brüstung desselben liegen, bis sie ein Individuum bemerkte, das sich nach allen Seiten umzusehen schien. Sie gab demselben mit der Hand ein Zeichen, über eben die Seitentreppe heraufzukommen, über die Lucian Debray gewöhnlich in ihr Zimmer gelangte. »Tretet ein, Thomas«, sagte sie zu einem Manne, der in eine blaugestreifte Bluse gekleidet war, rote Beinkleider und große Stallstiefel trug, und der verwundert auf der Schwelle der Tür stehen blieb. »Wie, in diesem Zustande, Frau Baronin?« entgegnete er verlegen, indem er einen Blick über seine Bluse gleiten ließ. »Tretet nur näher; ich muß mit Euch sprechen.« Der Kutscher faßte Mut und trat ein, wobei er mit Staunen bemerkte, daß die Baronin die Tür der Treppe sorgfältig hinter ihm verschloß. »Als ich Euch in meinen Dienst nahm«, sagte sie dann, »geschah es, weil ich Euch als einen verständigen und verschwiegenen Menschen betrachtete.« »Sonst könnte ich kein guter Kutscher sein.« »Schön. Für den Augenblick handelt es sich um eine längere Spazierfahrt, um eine Spazierfahrt, die sogar einer Reise gleicht: Abwechslung, Veränderung der Straße, ohne großen Aufenthalt an einem oder dem andern Ort, verschiedene Länder –« »Ich verstehe, Frau Baronin«, unterbrach sie der Kutscher, indem er den Kopf mit dem Ausdrucke eines Menschen emporrichtete, der vollkommen begreift, was man ihm mit halben Worten auseinanderzusetzen sucht. – »Ich war es, der den Kutscher in die Schule nahm, welcher die Ehre hatte, den Herrn Baron zu fahren. Er war mein Kamerad und ein Bursche mit offenem Kopf.« »Und Ihr könntet auch bei einer andern Gelegenheit für einen ebenso klugen sorgen?« »Ich würde selbst gehen, Frau Baronin. Ich bin Nummer Eins, und mich kümmert es wenig, ob ich hier oder anderwärts bin.« »Wirst Du morgen bereit sein?« fragte die Baronin in noch vertraulicherem Tone. »Noch heute, wenn Sie es befehlen.« »Eine Postchaise mit guten Pferden, die mich an irgend einem abgelegenen Orte erwartet; wir fahren von hier in meiner gewöhnlichen Equipage ab; Du besorgst die Pässe; das Gepäck wird leicht sein; hier ist das meinige.« Der Kutscher warf die Augen auf einen kleinen Lederkoffer und machte ein Zeichen des Einverständnisses. »Dann Straße nach Brüssel, Lüttich, Aachen –« »Sehr gut. Alles soll bereit sein, Frau Baronin, und was die Pferde betrifft, so dächte ich, die Braunen zu nehmen, die kräftig und rasch sind. – Die armen Schäfchen haben mich freilich eines Tages aus dem Sattel geworfen, aber sie werden schön ruhig werden; das ist eine Geschichte, um darüber zu lachen. – Nun aber von wegen der Pässe?« »Versteh mich wohl. – Es ist ein ganz junger Mensch, der reist; klein, mit blauen Augen, blondem Haar, blaß, regelmäßige Nase, dünne Lippen; – er ist kränklich und reist, um sich von einer moralischen und physischen Niedergeschlagenheit zu befreien.« »Ich verstehe vollkommen!« rief der Kutscher mit dem Ausdruck der Verwunderung. »Besonders sei verschwiegen! Hier hast Du Gold!« Der Kutscher empfing die Börse aus den Händen der Baronin und eilte fort, indem er vor Lustigkeit beinahe große Sätze machte. Am folgenden Tage bestieg die Baronin ihre Equipage, die ihrer auf dem Hofe wartete, und ein sonderbarer Zufall fügte es, daß sie eben die Treppe hinabging, über die ein Jahr zuvor Fräulein Eugenie mit ihrer Freundin Luise d'Armilly entflohen war. * IV. Die sechzigtausend Franks Benedettos. Lucian Debray las mit einem wahren Entzücken den Brief, durch welchen Frau von Danglars ihm ihre schleunige Abreise von Frankreich anzeigte. Die innigen Verbindungen, welche Lucian Debray an die Baronin fesselten und die zu einer andern Zeit dem Privatsekretär eines Ministers mit 2000 Livres Einkünften nützlich gewesen waren, genügten dem Finanzminister mit dem ungeheuren Gehalte und der ganzen Repräsentation dieser hohen Charge nicht mehr. Ueberdies befand sich Frau von Danglars, wie wir bereits sagten, in einer sehr schwierigen Lage, und obgleich die Welt davon noch nichts wußte, kannte Lucian Debray sie doch zu gut, um es auch nur als möglich zu betrachten, noch längere Zeit die Larve vorzubehalten. Er tat daher, nachdem er gelesen, einen lauten Atemzug, als ob er aus einem peinlichen Traume erwachte. »Ach«, sagte er, »diese Familien, die kommen, man weiß nicht woher, und deren Reichtümer imposant sind, machen auf mich den Eindruck jener Schauspieler, welche auf dem Theater während einiger Stunden die Rollen großer Personen ausführen!« Dabei fuhr er mit den Fingern durch seine vollen Haarlocken und drehte sich den Schnurrbart. »Endlich«, fuhr er fort, »sinkt der Vorhang, und sie werden wieder das, was sie vorher waren – nichts. – Niemand sieht sie mehr, niemand hört mehr von ihnen sprechen!« Zu solchen Menschen gehörte auch der Baron Danglars. Während Lucian Debray sich diesen philosophischen Betrachtungen hingab, ließ der Staatsanwalt nach dem Empfange des an ihn adressierten Briefes den Angeklagten Benedetto vor sich führen. Der Beamte befand sich in seinem Amtslokale. Hier wurde der Sohn Villeforts eingelassen, und kaum war er eingetreten, als die Tür vorsichtig hinter ihm geschlossen wurde, und er sich dem Staatsanwalt gegenüber allein erblickte. »Tretet näher, Benedetto«, sagte Beauchamp; »ich habe hier einen Brief, der für Euch bestimmt ist.« »Einen Brief?« »Vermutet Ihr, von wem er sein kann?« »Ich? Wer auf dieser Welt kennt mich und schreibt mir?« »Nun, überlegt es wohl? Wenn Ihr irgend jemand kennt, der im Laufe Eures bewegten Lebens Euer Mitschuldiger gewesen ist, so verbergt es mir nicht. Hier ist der Brief. Kennt Ihr wenigstens die Schrift?« »Ich habe sie bis jetzt noch nie gesehen. Aber der Brief ist offen – Sie müssen darum wissen, was er enthält.« »Worte und Geld.« »Geld? Was sagen Sie mein Herr?« »60,000 Franks.« »Aus Barmherzigkeit, Herr Staatsanwalt!« sagte Benedetto, indem er in die Hände schlug und wechselweise rot und blaß wurde. »Habt Ihr mir nicht gesagt, daß ein unbekannter Beschützer Euch zuweilen Unterstützungen schickte, als Ihr in La Force waret?« »Ja. allerdings! aber seitdem hat er sich nicht mehr um mich bekümmert, und Bertuccio, welcher mir sein Geld und seine Ratschläge überbrachte, ist schon längst fort aus Frankreich.« Der Beamte runzelte die Augenbrauen und senkte die Stirn, als dächte er tief nach. »Wißt Ihr wohl, daß es jedem Gefangenen versagt ist, eine so bedeutende Summe zu seiner Verfügung zu haben?« »Ich weiß es, mein Herr«, erwiderte Benedetto mit einem tiefen Seufzer. »Und wenn Ihr sie empfinget, wozu würdet Ihr sie verwenden?« »Ich würde mir Kleider kaufen, und ich könnte im Gefängnisse bleiben, ohne die harten Entbehrungen zu erdulden, denen wir jetzt unterworfen sind; dabei würde ich einen Teil für meine Reise aufbewahren, denn Sie haben mich ja davon benachrichtigen lassen, daß ich zur Verbannung verurteilt werden würde.« Der Beamte schien wie nachzudenken. »Und Ihr würdet die Albernheit begehen, Euern Gefährten mitzuteilen, daß Ihr dieses Geld besitzt?« »Ei, wenn ich es in das Futter meiner Bluse eingenäht hätte, wer könnte es dann sehen, wer könnte es da vermuten?« antwortete Benedetto mit einem pfiffigen Lächeln. »Wollte ich übrigens verraten, daß ich Geld besäße, hieße das nicht ebensoviel, als es unter meine habgierigen Freunde der Löwengrube zu verteilen, welche weit entfernt sind, die Tugenden des Erzengels Raphael zu besitzen?« Die Augen Benedettos glänzten wie zwei Karfunkeln, die den Strahlen der Sonne ausgesetzt sind, und der Schweiß rann ihm über die Stirn, als wäre er einer jener Gefangenen von Chalons, welche, mit Ketten belastet, einem Kruge Wasser und einem Brote gegenüber, Hungers zu sterben verdammt waren. Wieder dachte der Beamte einen Augenblick nach; dann nahm er den Brief, übergab ihn Benedetto und sagte: »Lest!« Der junge Mann hätte sich sehr gerne dieses Lesen erspart, um seinen Blick nur auf die Papiere zu richten, welche den Wert von 60,000 Franks vertraten, und für ihn einen Strahl der Hoffnung durch die Nebel seiner Existenz des höchsten Elends fallen ließen; er fügte sich indes dem Willen Beauchamps und überflog mit dem Blicke den Brief. »Ach«, rief er aus, »hier erkenne ich einen jener guten Geister, deren Beschäftigung darin besteht, die Bosheit jener Feen zu vernichten, von denen Perault, mein Lieblingsdichter, spricht! – Aber die 60,000 Franks, Herr Staatsanwalt?« fragte Benedetto, indem er mit den Augen blinzelte. »Hört mich wohl an, Benedetto. 60,000 Franks können als ein bedeutendes Vermögen für einen Menschen betrachtet werden, der sich in Eurer Lage befindet.« »Ohne Zweifel, mein Herr.« »Nun«, fuhr der Beamte fort, »laßt Euch nicht durch die Aufregung beherrschen, und danket mit Demut dem Himmel für die Unterstützung, die er Euch zu senden scheint; betragt Euch auch so, daß Ihr seines Schutzes ferner Euch wert macht.« »Ja, Herr Staatsanwalt,« murmelte Benedetto mit einem Seufzer, der seine Brust zu erleichtern schien, und indem er einen flüchtigen, doch begierigen Blick auf die Banknoten warf, die der Beamte in der Hand hielt. Er glich dabei einem Hunde, der geneigt ist, alles zu tun, was man von ihm verlangt, indem man ihm ein Stück Fleisch hinhält. »Wißt Ihr wohl, daß ich das Recht hätte, Euch den Besitz dieses Geldes zu verweigern?« »O ja, mein Herr.« »Wißt Ihr, daß ich einem Artikel des Gefängnisreglements entgegenhandle, indem ich Euch dieses Geld übergebe?« »O!« »Bedenkt, wie sehr ich es zu bereuen hätte, daß ich so handelte, wenn Ihr irgend eine Unbesonnenheit beginget.« »Ich werde klug sein wie Ulysses.« »Wünscht Ihr nicht, mir auf Eure Weise die Dankbarkeit für den Dienst zu erzeigen, den ich Euch leiste?« »Durch alle nur irgend möglichen Mittel, mein Herr.« »Nun wohl, seid klug, und ich halte mich für befriedigt. Wenn ich übrigens durch Eure Unbesonnenheit Grund finden sollte, zu bereuen, was ich tat, so dürft Ihr Euch überzeugt halten, daß ich statt einer einfachen Verbannung gegen Euch die Galeeren durchsetzen und Euch nach Toulon schicken würde.« »Ach, aus Barmherzigkeit, Herr Staatsanwalt, nur niemals, niemals die Galeeren!« »Das genügt mir. Hier ist Euer Geld und – zum letztenmal – seid klug!« Bei diesen Worten übergab der Staatsanwalt die Banknoten dem jungen Missetäter, der sie augenblicklich an seinem Busen verbarg; darauf klingelte er und der Polizeidiener erschien. »Man führe den Angeklagten wieder zurück!« Beauchamp atmete freier auf, als er Benedetto sich entfernen sah. Dann erhob er sich von seinem Sitze, überzeugt, daß er eine gute Handlung vollbracht hätte, indem er Benedetto die ihm von dessen Mutter bestimmte Unterstützung übergab. »Und dennoch«, sagte Beauchamp, »wird dieser Elende immer tiefer in das Verderben sinken. Er wird damit den Anfang machen, einige seiner Hüter zu bestechen; dann wird er den ersten ermorden, der ihm sein Vertrauen schenkte; dann wird er bis zu dem Grafen Monte Christo gelangen und mit ihm vereint für immer untergehen! – Ja, ohne Zweifel wird der stürzende Koloß in seinem Falle den Pygmäen zerschmettern, der seine Grundlage untergrub! – Die Gerechtigkeit Gottes ist vollkommener als die der Menschen, und seine Bestimmungen sind minder unverständlich! – Mein Gewissen ist ruhig.« Benedetto ging neben seinem Begleiter her, die Arme über der Brust gekreuzt, als wollte er den Schatz bewahren, den er hier zwischen Hemde und Haut verborgen trug. So gelangte er zu seiner Zelle in La Force, wo er der Dunkelheit, der Kälte und seinen Gedanken an Freiheit und Rache überliefert blieb. Seit einem Monat bereits lebte der Unglückliche so, und noch immer bewahrte er unberührt seine Banknoten, die er kaum zu betrachten wagte, so sehr fürchtete er, die dünnen Papiere durch die Berührung seiner groben Finger und seiner langen schneidigen Nägel zu vernichten. Täglich entwarf er einen neuen Plan der Flucht, und täglich verschwand dieser Plan wieder vor einem wesentlichen Hindernisse. Gleichwohl mußte er um jeden Preis seine Freiheit erlangen. Die Stimme seines sterbenden Vaters forderte von ihm die Genugtuung für eine grausame, ungeheuerliche, mitleidslose Rache, deren Ruf noch in seinen Ohren tönte und unter den finstern Gewölben seines feuchten Kerkers ein entsetzliches Echo erweckte. Oft richtete Benedetto sich bebend empor, wie das wilde Tier, wenn es vor sich das Gesicht des Menschen erblickt, der es martert; er wich voll Entsetzen zurück, einen Augenblick darauf aber trat er wieder vor, die Naslöcher weit aufgeblasen, die Fäuste geballt, das Auge flammend, die Stimme heiser, indem er rief: »Edmund Dantès! Mensch oder Teufel, wo bist Du? Wo bist Du, der Du Deine ganze Familie bis auf das letzte ihrer Kinder vernichtet hast, ein armes kleines Geschöpf von kaum acht Jahren! – Verflucht sei, der mich aus dem Abgrund und der Dunkelheit erhob, um mir die Sonne in ihrem ganzen Glanze zu zeigen, und der mich gleich darauf wieder in den Abgrund stürzte, höhnisch lächelnd über meinen Sturz, und mein Entsetzen verspottend! – Verräter und Heuchler, Du bedientest Dich des Wortes Gottes, um die, welche glücklich waren, zu vernichten, um mit Deiner Rache den Gerechten und den Strafbaren zugleich zu treffen. Mußtest Du denn, um Dich an einem einzigen Menschen zu rächen, das Leben einer Jungfrau, eines Unschuldigen und zweier armen Greise zerstören? – Ha! so groß und so mächtig Du auch seiest, der Sohn Villeforts wird dennoch zu Dir gelangen, Du wirst erbeben bei dem Tone seines kühnen Schreies, ja Du wirst zittern auf dem Gipfel Deines Glückes! – Vernimm diesen Schwur, der hier zwischen den Mauern eines Kerkers geleistet wird, in dem Schweigen und der Dunkelheit der finstern Nacht, durch einen Ungläubigen, der alle Stufen des Verbrechens durchlaufen hat, von der des Fälschers bis zu der des Räubers und des Mörders! Du sollst, Du wirst die Ohnmacht der Gewalt erkennen, die Du Dir anmaßtest! Du wirst nach einer langen Todesqual sterben!« Zwei volle Monate hindurch wiederholte er täglich diesen entsetzlichen Schwur, und als er den dritten zu Ende gehen sah, ohne daß man daran dachte, sein Urteil zu vollstrecken, beschloß er, seinen Fluchtplan auszuführen. Er überzeugte sich, daß die 60,000 Franks noch ebenso unangetastet waren, wie er sie empfangen hatte, und ohne sich viel um die befreundete Hand zu bekümmern, durch die er sie erhielt, hüllte er sie in ein Stück seines Taschentuches, das er dann als Gürtel um seine Hüften befestigte. »Nichts ist einfacher, als mein Plan«, sagte er darauf zu sich selbst. »Allerdings bietet er einige Schwierigkeiten – Aber was da! Mit diesem Gelde triumphiert man über dergleichen! – Es wird mir ohne Zweifel gelingen, aus Frankreich fortzukommen.« Dabei zeigte er dieselbe Ruhe, dieselbe Zuversicht, als wäre er bereits außerhalb den Mauern seines Gefängnisses. – »Jetzt«, fuhr er fort, »muß ich nur noch sehen, ob ich so ungeschickt geworden bin, daß ich nicht mehr einen Menschen abzutun weiß! Sollte ich schon vergessen haben, wie man das anzufangen hat? Der Teufel, ich muß mit den Zähnen und den Nägeln zu spielen wissen, um eine so freundliche Aufgabe zu erfüllen.« Der Mörder streckte seine Arme aus, strammte die Muskeln derselben an, öffnete und schloß mehrmals hinter einander die Hände, als wollte er die Kraft seiner Fäuste prüfen, machte zwei oder drei große Sätze auf den Fliesen seines Gefängnisses, um sich zu überzeugen, daß er ungeachtet der Kälte und des Hungers, die er seit drei Monaten erdulden mußte, die Beweglichkeit und die Kraft seiner Glieder noch nicht verloren hatte. Dann zog er einen seiner Schuhe aus und nahm unter der Sohle desselben eine feine Stahlklinge hervor, die keinen Griff hatte und an der einen Seite scharf zugespitzt war. Nachdem er dies getan hatte, überlegte er. Plötzlich hörte er, daß ein Schlüssel in der Tür seiner Zelle gedreht wurde. Er konnte sich eines unwillkürlichen Zitterns nicht erwehren, indem er wußte, daß der leiseste Schrei die Wache herbeirufen und ihn so in die Unmöglichkeit versetzen würde, seine 60,000 Franks zur Durchführung des Werkes zu verwenden, das er beabsichtigte. Indes machte er eine ungeheuere Anstrengung, seine Angst zu überwinden, und es gelang ihm, die kalte barbarische Sicherheit wiederzugewinnen, welche das ausschließliche Vorrecht vollendeter Bösewichter ist. So wartete er, ohne irgend eine sichtliche Aufregung, auf den Eintritt seines Opfers. Es war später Abend und der Schließer kam, um wie gewöhnlich seine Runde zu machen und die kleine Lampe anzuzünden, die von der Decke des Kerkers herabhing. »Guten Abend, Benedetto«, sagte der Gefängniswärter, der den Gefangenen schon seit längerer Zeit kannte, weil er in eben diesem Hause die Gastfreundschaft der Regierung bereits früher genossen hatte. »Guten Abend, Freund«, erwiderte Benedetto, indem er aufstand und sich mit dem Wesen der größten Nachlässigkeit den Bart strich. »Weißt Du wohl, daß bald ein Fahrzeug absegeln wird? –« »Ei was!« »– um Dich mit fortzunehmen. Du wirst eine Reise machen. Ueberlege Dir das wohl, mein Junge. Sei nicht stolz gegen Deine Hüter, und glaube mir, daß Du noch ein ganz lustiges Leben führen kannst.« »Du sagst also, mein guter Mann, daß ich reisen werde? Und wie denn?« fragte Benedetto, indem er den Schließer mit einer Bewegung freundschaftlicher Vertraulichkeit und zutunlichen Schutzes auf die Achsel klopfte. »Nun, wie ich es Dir bereits sagte«, erwiderte der greise Schließer, indem er die Lampe herunterzog, um sie anzuzünden. »Wenn das ist, so will ich Dir ein Andenken von mir hinterlassen.« »Schön! – Deine Schlapp-Pantoffeln ohne Zweifel?« sagte der Greis, indem er über den Gedanken Benedettos lachte. »Bedenke aber wohl, daß sie Dir fehlen würden, denn Du müßtest dann an den Füßen frieren.« »Dummkopf!« entgegnete Benedetto mit dem Tone des Spottes. »Wer sagt Dir denn, daß ich Dir nur meine Pantoffeln hinterlassen könnte? – Weißt Du wohl, mein alter Kamerad, daß es nur von meinem Willen, von meinem Willen allein, hörst Du wohl? abhängt, Dir etwas zu geben, wodurch Du für zeitlebens glücklich würdest?« »Ei, ei, immer besser und besser! Nichts als Faxen! – Mir scheint, Du hast wieder Lust, den Prinzen Cavalcanti zu spielen! – Nun, das ist nicht übel! Ha! ha! ha!« Bei diesen Worten erbebte Benedetto, als wäre er von einer Schlange gestochen, und wurde blaß vor Wut. »Nun? Was ist's? Was hast Du?« fragte der Schließer, indem er sich rasch umwendete und die Stirn runzelte, als ob ihm plötzlich ein Argwohn durch den Sinn führe. Benedetto bemerkte dies und lächelte, um den Greis zu beruhigen. »Achte nicht weiter darauf«, sagte er; »das ist ein Schmerz, dem ich bei der Erwähnung dieses Namens unterworfen bin. Aber um wieder auf besagten Hammel zu kommen. – Laß hören! Antworte mir aufrichtig! Was würdest Du dem Teufel verschreiben, wenn er Dich zum Herrn von 20,000 Franks machte?« »20,000 Franks!« rief der Schließer, indem er den Arm fallen ließ, mit dem er eben die Lampe an sich ziehen wollte, um sie anzuzünden. »Wahrhaftig, bei der Art und Weise, wie Du von 20,000 Franks sprichst, erweckst Du in mir eine gewaltige Lachlust.« »25,000, elender Kerl! Merke Dir wohl, daß ich nicht 20 gesagt habe, sondern 25,000 Franks! Eine erbärmliche Summe!« »Höre Du, das ist ja wie ein Schneeball. Schon 5000 mehr. Haha! Laß Deine Uebertreibungen! – Das würde genügen, um das Glück eines jeden von uns zu machen!« »Von uns!« wiederholte Benedetto mit einer geringschätzigen Bewegung; »von uns! – Sprich Du von Dir selbst, Freund, denn ich besitze noch viel mehr, und wegen einer so geringen Summe würde ich mich nicht glücklich schätzen.« »Du besitzest noch mehr? Ja, mein Junge, ich sehe wohl, daß Du verrückt bist.« »Verrückt! Willst Du sehen? – Ja? – Nun so komm her. – Aber vorher sieh nach, ob man uns auch nicht von dem Gange aus bemerken kann, und schließe die Tür.« Die Worte Benedettos erweckten die Neugier des Schließers im höchsten Grade, und er tat alles, was jener verlangte. Er verschloß die Tür, steckte den Schlüssel in seinen Gürtel, kehrte dann zum Gefangenen zurück und stieß einen leisen Schrei der Ueberraschung aus, als er die Banknoten in den Händen des Banditen sah. »60,000 Franks!« murmelte er, indem er die Bankbillets überzählte. Benedetto drehte sie wieder und wieder mit der größten Kaltblütigkeit von der Welt zwischen seinen Fingern umher. »Willst Du die Hälfte davon«, fragte er. »Ich? – Und was soll ich denn für Dich tun?« »Mich von hier fortlassen.« »Das ist unmöglich.« »Ich gebe Dir noch 10,000 Franks mehr, was zusammen also 40,000 macht.« »O!« »Nun – 50,000!« »Kamerad, Du willst mich in Versuchung führen; aber sag mir – wie bist Du zu dem Gelde gelangt? – Du hast es gestohlen, he?« »Und was kümmert Dich das, wie ich dazu kam? 50,000 Franks sind schon ein kleines Opfer wert.« »Aber wie ließe sich die Sache machen? Am Ende des Ganges ist allerdings die Tür, die auf den Hof führt; aber die Schildwachen, an dieser Tür ebensogut wie auf dem Hofe, lassen niemand passieren, wenn er ihnen nicht die Marke zeigt!« »So verkaufe sie mir!« »Und ich? – Ich sollte wohl an Deiner Stelle zurückbleiben?« »Du kannst sagen, Du hast sie verloren.« »Das zieht hier nicht!« entgegnete der Schließer, indem er nachzudenken schien. »Ich habe ein Mittel gefunden!« rief plötzlich Benedetto; »ich binde Dich, werfe Dich an den Boden, entfliehe mit Deiner Marke, und Du bleibst mit meinen 50,000 Franks zurück! Du kannst dann sagen, es hat sich ein Kampf zwischen uns entsponnen und Du bist besiegt worden.« Dieser Vorschlag schien dem armen Teufel von Schließer nicht ganz unausführbar zu sein und bloß noch der Form wegen zögerte er, ihn anzunehmen. »Nun, entscheide Dich, mein Alter«, drängte Benedetto, »schnell, schnell, denn ich habe keine Zeit zu verlieren.« »Der Teufel!« murmelte der Schließer. – »Nun, heraus mit dem Gelde, mein Junge, aber die 60,000 Franks ganz, nicht mehr, nicht weniger, hörst Du? – Nur um eine runde Summe zu machen«, fügte er mit habgierig flammendem Blicke hinzu. »Nun, mag es denn sein!« antwortete Benedetto: »ich hatte mich schon ohnedies darauf gefaßt gemacht.« »Ei, Du Pfiffikus, so wolltest Du mir also den Rest stehlen?« sagte der Schließer, indem er die Banknoten empfing und dafür eine Metallplatte und ein offenes Papier aushändigte. Beide näherten sich hierauf dem Lichte, indem sie sich gegenseitig den Rücken zuwandten, um sorgfältig ihren Schatz zu prüfen; mit einer gleichzeitigen Bewegung drehten sich dann beide plötzlich um, bestimmt durch dasselbe Gefühl. »Und wenn die Banknoten falsch wären?« fragte der Schließer. »Das ist eben die Frage, die ich in Beziehung auf diese Marke an mich richtete.« »O! was das betrifft, für die Echtheit derselben stehe ich.« »Ich betrüge Dich ebensowenig. Die Billets sind gut, Dummkopf; und nun ans Werk!« Der Schließer steckte sorgfältig sein Geld ein, indem er keine von den Bewegungen Benedettos außer acht ließ, der jetzt Anstalt traf, ihm die Schnur, an welcher die Lampe hing, um den Leib zu werfen. Aber in dem Augenblicke, als er ihm die erste Schlinge umlegen wollte, machte der Schließer eine Bewegung, als wollte er sich an der Seite kratzen, und zog blitzschnell ein Messer hervor, dessen Klinge in den Augen Benedettos funkelte. »Zurück!« schrie er. »Nieder mit Dir!« sagte zu gleicher Zeit Benedetto, ergriff sein Handgelenk mit der linken Hand und senkte mit der rechten die spitze Klinge, die er in dem Aermel seiner Jacke verborgen hatte, gegen die Brust des Schließers nieder. »Darauf war ich gefaßt, und wie Du siehst, habe ich meine Vorsichtsmaßregeln getroffen, Du alter Schelm. Das sollst Du mir bezahlen!« Nun entstand ein kurzer Kampf, und die Entscheidung desselben erfolgte so schnell, daß der Schließer in eben dem Augenblicke, als er laut schreien wollte, seine Stimme erlöschen fühlte und nur eine Art von Geröchel auszustoßen vermochte. – Die spitze Klinge Benedettos hatte ihm die Gurgel von einem Ende zum andern durchstoßen. Ein Blutstrom spritzte hoch empor, und der Körper sank in Todeszuckungen nieder. Benedetto nahm seine teueren Bankbillets wieder in Besitz, verbarg sie unter dem Mantel des Schließers, den er sich anzog, drückte dessen Hut über seine Augen herab, öffnete die Tür, schloß sie dann wieder mit aller möglichen Zuversicht und ging den Gang mit dem schwerfälligen schlürfenden Schritte des Elenden hinab, den er soeben ermordet hatte. Als er zu der Schildwache kam, zeigte er die Marke und das Papier; dies wiederholte er auch bei dem Ausgange aus dem Gefängnisse. Endlich war er frei! * V. Das Grabgewölbe. Sobald Benedetto auf die Straße hinaustrat, verließen ihn die Ruhe und die Zuversicht, mit der er seinen Fluchtplan ausgedacht hatte. Eine Wolke verdunkelte seine Augen, sein Herz klopfte gewaltsam, und das Blut stürmte ihm durch die Adern. Ihm war, als trüge der Wind ihm das Todesröcheln des Schließers zu. Gleich Kain unter dem Fluche Gottes fliehend, zitterte er vor seinem eigenen Schatten, außer sich vor Entsetzen und Schrecken, und stürzte wie ein Wahnsinniger fort. – So lief er, lief er immer weiter, als ob alle Soldaten der Wache von La Force ihm auf den Fersen wären. Nach einer halben Stunde war er schon weit von seinem Gefängnisse entfernt. Nun blieb er keuchend stehen, blickte um sich, und als er keinen verdächtigen Menschen sah, atmete er freier auf. Wohin sollte er nun sich wenden? Schon hatte er seine Kaltblütigkeit wiedergewonnen: sein fester Blick drang unerschrocken in die Finsternis; gleich dem Hunde, der das Wild wittert, atmete er die Luft ein und suchte sich zu orientieren. »Endlich frei! frei!« sagte er, indem er in die Hände schlug. «Ich bin frei! – O, die Welt ist groß! Graf von Monte Christo, wenn Du nicht tot bist, so werde ich Dich finden! – Aber werden mir 60000 Franks zu dem genügen, was ich vorhabe? Nun, wir wollen sehen; das Kapital kann sich ja vergrößern! Einstweilen muß ich an das Wichtigste denken: es gilt die Auffindung eines sichern Lagers.« Er überlegte einige Augenblicke, schlug sich dann vor die Stirn und rief wie ein Geizhals, der einen Schatz entdeckt hat: »Ich habe es!« Er erinnerte sich an eine jener Höhlen, deren es in Paris eine Menge gibt, und in denen man einen nicht sehr gewissenhaften Wirt findet, der zu jeder Stunde der Nacht die Gäste aufnimmt, die an seiner Tür klopfen. Benedetto, der sich beinahe vollständig von seiner Furcht erholt hatte, lenkte seine Schritte nach einem dieser Orte, den er in einem der schmutzigsten Teile der Stadt kannte. Begünstigt durch die Dunkelheit der Nacht und beschützt durch den dichten Nebel, der auf Paris lastete, die Stadt einhüllend wie in ein geheimnisvolles und bewegliches Tuch, gelangte der kecke Mörder ohne Hindernis und ohne mit einer Patrouille in Berührung gekommen zu sein, zu der Tür des schmutzigen Loches. Er klopfte an, indem er einen gellenden Schrei ausstieß, dem des Käuzchens ähnlich. Bei diesem Signal erkannte der Herr des Hauses, daß er ohne Furcht öffnen konnte, und er tat dies sogleich. Sich in eine Decke hüllend, sprang er von seinem elenden Lager auf, kletterte auf einer Leiter herab von einer Art von Gerüst, welches, aus Brettern bestehend, an einem Strick zwischen zwei Pfeilern über einem großen Schlafsaale hing. »Holla, mein Junge, Du kannst eintreten!« »Guten Abend!« »Du willst ein Bett? Es ist keines mehr frei; alle sind besetzt. Sieh selbst,« sagte er, indem er mit der Hand über einen langen, schmutzigen, feuchten Raum hindeutete, der von dem flackernden Lichte einer Laterne beschienen wurde, die in einer Vertiefung der Mauer stand, und deren stinkender Dunst die Luft erfüllte, welche man an diesem fürchterlichen Orte einatmete. »Das tut nichts,« erwiderte Benedetto. »Ich kann in einer Ecke schlafen, und morgen, oder vielmehr jetzt gleich, haben wir miteinander zu sprechen.« Der Mörder sagte diese Worte mit einer solchen Zuversicht und mit einem solchen Wesen der Heimlichkeit, daß der Wirt dadurch neugierig gemacht wurde. »Nun, was gibt's?« fragte er mit einem liebenswürdigen, aber entsetzlichen Lächeln, und indem er begierig horchte. »Laß uns dort hinauf steigen nach Deinem Neste«, entgegnete Benedetto, indem er auf das Gerüst deutete, wo das Bett des Hausherrn stand. »Was! Dort ganz allein mit mir, mein Junge? Das streitet gegen die Regel meines Hauses!« »Wenn ich Dir aber sage, daß ich mit Dir zu sprechen habe – und zwar über eine Angelegenheit, die Dir großen Gewinn bringen kann –« »Das ändert freilich die Sache; Du kannst mit mir hinauf kommen.« Bei diesen Worten eilte Benedetto auf die Leiter zu und erkletterte sie im Nu; der greise Wirt folgte ihm so schnell wie möglich, und kaum hatte er den Fuß auf das Gerüst gesetzt, als er seine bewegliche Treppe nachzog. »Nun sag, um was handelt es sich?« fragte er, indem er sich auf den Rand des Bettes setzte und seinen Gürtel befühlte, als wollte er sich überzeugen, daß er das Mittel besaß, jede gewalttätige Frage zu unterdrücken. Benedetto seinerseits machte dieselbe Bewegung und schien mit dem Erfolg ebenso zufrieden zu sein wie der alte Schelm von Wirt. »Nun, mein Junge«, sagte dieser, »ich höre.« »Ich bedarf für morgen, wenn ich von hier fortgehe, einer vollständigen Kleidung, wie sie sich für einen anständigen Menschen geziemt. – Verstehst Du? Kurze Haare, glattrasierten Bart, guten Mantel, gute Hosen, gutes Schuhwerk und einen guten Rock.« »Vortrefflich! Du willst von hier so fortgehen, daß man Dich nicht erkennen kann. Nun, wir verstehen uns schon. Was Haare und Bart betrifft, so ist das meine Sache; ich werde dafür selbst sorgen. Was aber die Kleidung betrifft, so mußt Du Dich mit dem begnügen, was meine Nachbarin hat, die ein ganz vortreffliches Trödelmagazin hält, in dem man allerhand sehr anständige Sachen findet, wie sie sich für ordentliche Leute geziemen. Sie ist eine Frau von Takt, und ich stehe für sie ein. Aber das Geld?« »Das Geld wird sich morgen finden, mein Alter«, erwiderte Benedetto; »ich erwarte meinen Bankier, der ebenfalls Takt besitzt, wie vier Deiner Nachbarinnen, die Trödlerin.« »Ich mache dich im voraus darauf aufmerksam, daß ich Kommissionsgebühren verlange.« »Du sollst mich freigebig finden.« »Gut, gut. – Trinke jetzt, wenn Du willst einen Schluck Schnaps, denn es ist gewaltig kalt und Du bist durchnäßt. Der Teufel soll mich holen, wenn ich es früher schon bemerkt hatte.« »Nun, mit dem Schnaps mag es sein«, sagte Benedetto, indem er die Hand ausstreckte, um eine zerbrochene Tasse mit ganz gewöhnlichem Branntwein zu ergreifen, die der alte Kneipenwirt ihm reichte. »Und jetzt pack Dich runter und richte Dich ein, wie Du kannst. Es versteht sich von selbst, daß ich für Deine Kasse nicht einstehe. Hier verwahrt sich jeder, wie er kann; das ist Hausgesetz.« »Bist Du denn toll, mein Alter?« rief Benedetto. »Um keinen Preis darf mich irgend jemand dort unten sehen, und außer Dir darf niemand eine Ahnung haben, daß ich hier oben bin.« »Dann mußt Du doppelt bezahlen!« »Habe ich Dir nicht schon gesagt, daß ich freigebig sein werde?« »Nun gut denn. Trink noch einen Schluck und dann schlafe.« Der Greis warf sich auf sein Lager und hüllte sich in seine Decke; während Benedetto sich auf dem Boden ausstreckte und die Arme über der Brust kreuzte. Indes schlief die ganze Nacht hindurch keiner von beiden; Benedetto nicht, weil er irgend eine nicht sehr zufriedenstellende Spekulation von dem alten Schelm fürchtete, und dieser, weil er vor seinem improvisierten Schlafgenossen die gleiche Furcht hegte. Mit Tagesanbruch entfernten sich die Gäste der elenden Herberge und der Besitzer derselben eilte zu seiner Nachbarin, der Trödlerin, um die Kleidung auszuwählen, durch welche Benedetto sich zu entstellen beabsichtigte. Als er zurückkehrte, fand er seinen Schlafgenossen nachlässig auf seinem Lager sitzend, und zwischen den Fingern drehte Benedetto mit der größten Gleichgültigkeit eine Banknote von 500 Franks umher. »Hier mein Junge«, sagte der Wirt, indem er auf das Bett ein Paket warf. »Ich habe alles so gut wie möglich gemacht. Laß uns jetzt rechnen.« »Mach Dich bezahlt,« sagte Benedetto, indem er ihm die Banknote reichte. »Was! Eine Banknote?« »Das wundert Dich? Mein Bankier ist in Deiner Abwesenheit hier gewesen«, sagte der Mörder mit einem höhnischen Lächeln, »und da er kein bares Geld bei sich hatte, gab er mir diesen Fetzen hier.« »Hm!« sagte der Wirt, »das ist mir nicht klar; mir sind Münzen lieber.« »Nun meinetwegen; so geh und wechsle.« »Und wenn die Banknote falsch wäre, wen würde man dann packen? Mich!« »Nun, bleibe ich nicht etwa hier?« »Das wollen wir sehen.« Der Wirt nahm die Banknote, stieg die Leiter hinab und schloß die Tür sorgfältig hinter sich zu. »So«, sagte er zu sich selbst, »bin ich wenigstens sicher, daß Du mir nicht entwischest, und wehe Dir, wenn dabei Contrebande ist.« Benedetto begnügte sich damit, zu lächeln, indem er mit den Achseln zuckte. »Sie war meiner Treu gut«, rief der alte Schelm, als er nach einigen Minuten zurückkehrte und die Fünffranksstücke klingen ließ, die er in der Tasche hatte. »Du bist ein glücklicher Schelm, daß Du einen Bankier hast, der Dir solche Fetzen gibt. Sag einmal«, fügte er dann mit schmeichelndem und geheimnisvollem Tone hinzu, »wenn Du es etwa wärest, der sie macht, so wäre es sehr hübsch von Dir, wenn Du mir zeigtest, wie man das anfängt.« »Geh zum Teufel!« entgegnete Benedetto ungeduldig, »und laß uns rechnen.« Der Wirt leerte seine Tasche und zählte dann die Gegenstände auf, die er gekauft hatte, indem er ganz natürlich und wie es sich von selbst verstand, den dreifachen Preis dafür angab. Benedetto ließ sich dadurch nicht täuschen, aber er machte gute Miene zum bösen Spiel und nachdem er sich nur der Form wegen einige Einwürfe erlaubt hatte, zahlte er, was man von ihm verlangte, ohne dabei ein anständiges Trinkgeld für den Wirt zu vergessen, dessen Gunst er nicht verscherzen wollte, denn er wußte, daß ein Wort desselben ihn verderben konnte. Als die Rechnung vollständig geordnet war, wartete Benedetto, anständig gekleidet, mit kurz geschnittenem Haar und glatt rasiertem Bart, auf eine günstige Gelegenheit, den Ort verlassen zu können, fest überzeugt, daß es ganz unmöglich sein würde, in ihm den Mörder des alten Schließers von La Force zu erkennen; denn der Wirt hatte ihm wiederholt die Versicherung gegeben, daß er selbst ihn nicht wiedererkennen würde, wäre er nicht Zeuge seiner Verwandlung gewesen. Benedetto wußte zwar wohl, daß er diesen Versicherungen nicht vollen Glauben schenken durfte, aber sie trugen wenigstens den Schein der Glaubwürdigkeit, und Benedetto, der sich vollkommen in seine neue Kleidung zu finden wußte, so daß man darauf hätte schwören können, er wäre ein achtungswerter Bürger, zumal auf seinem Gesichte nicht die leiseste Spur von Aufregung zu lesen war, verließ endlich mit der Ueberzeugung, daß er sicher sein würde, die Kneipe. Den ganzen Tag verwendete er darauf, sich Pässe zu verschaffen, indem er sich für einen Studenten der Archäologie ausgab, der den Wunsch hegte, die Vergangenheit auf den merkwürdigen Punkten zu studieren, welche über die Oberfläche der Erde verteilt sind, und die man mit dem Namen der Ruinen zu bezeichnen pflegt. Mit dem Anbruche der Nacht kehrte indes in seine Züge jener unbeschreibliche Ausdruck zurück, der ihm eigentümlich war, der Ausdruck verbissener Wut, finsterer Melancholie und der Verwegenheit: Der vorgebliche Student der Archäologie legte seine moralische Livree des Banditen wieder an. Mit festem, sicherem Schritt ging er durch die ganze Stadt nach dem Kirchhof des Père La Chaise, jener geräumigen Nekropole, wo sich die Mausoleen der vornehmsten aristokratischen Familien blähen. Vorsichtig schritt er an der Mauer entlang, um einen Punkt zu wählen, von wo er das Feld überschauen konnte, auf dem die Toten nach dem Beispiele der Lebenden durch den Reichtum ihres Totenlagers mit einander im Prunke zu wetteifern scheinen. Indes so viel Mühe er sich auch gab, war sie doch umsonst, und er erkannte, daß ihm, um auf den Gottesacker zu gelangen, kein anderes Mittel blieb, als mit Geld das Gewissen des Hüters zu erkaufen. Er bot seine ganze Zuversicht auf, näherte sich dem Eisengitter und klopfte. »Wer da?« fragte die dünne, aber noch kräftige Stimme des Menschen, der die Wache über die Toten hielt und brummend aus einer Art von Pavillon trat, welcher an das Gitter stieß. »Gut Freund«, erwiderte Benedetto. »Oeffnet mir ohne Furcht.« Durch einen sonderbaren Zufall und ganz gegen alle seine Hoffnungen, schritt der Aufseher auf das Gitter mit einem Eifer zu, welcher hinlänglich sein Verlangen bewies, der an ihn ergangenen Aufforderung zu genügen. »Verzeihen Sie, mein Herr«, sagte er, wenn ich länger zögerte, als ich eigentlich gesollt hätte; aber ich glaubte nicht, daß Sie so bald zurückkehren würden.« Benedetto war starr vor Staunen. Er erkannte wohl, daß hier ein Irrtum walte, aber er beschloß, denselben um jeden Preis zu benutzen. Gleichwohl traf er seine Vorsichtsmaßregeln und trat erst ein, nachdem er sich das Gesicht mit den Falten seines Mantels verhüllt hatte. »Sie kommen ohne Zweifel«, sagte der Aufseher, »um jemand wieder zur Auferstehung zu bringen, denn wenn Sie nicht ein Engel sind, so besitzen Sie doch jedenfalls das Geheimnis, welches Lazarus dem Leben zurückgab! – Ich stehe ganz zu ihren Befehlen, gnädiger Herr.« »Das ist sonderbar,« dachte Benedetto, »und wenn ich nicht wüßte, daß ich heute nicht mehr als eine halbe Flasche Wein getrunken habe, so würde ich glauben, ich stehe unter dem zauberhaften Einflüsse einer bacchantischen Luftspiegelung.« »Wünschen Sie, daß ich Sie begleite?« fragte der Hüter. »Nein«, entgegnete Benedetto. »Dann will ich Ihnen meine Lampe holen.« Bei diesen Worten machte der Aufseher einige Schritte in der Richtung nach seinem Häuschen; plötzlich aber blieb er stehen. Er kehrte um und sagte mit dem unterwürfigsten Tone: »Um Ihnen zu beweisen, gnädiger Herr, daß ich die Erinnerung an Ihren letzten Besuch, der auch Ihr erster war, noch nicht verloren habe, will ich in allen Punkten den Weisungen folgen, die Sie mir damals erteilten, wenn es nämlich wieder Ihre Absicht ist, wie in jener Nacht in die Gruft der Familien St. Méran und Villefort hinabzusteigen.« Bei diesen Worten erbebte Benedetto; aber da er fühlte, daß er jedenfalls eine den Fragen entsprechende Antwort geben mußte, beeilte er sich mit leiser Stimme zu murmeln: »Ja!« »Ganz wohl, Herr Wilmore«, erwiderte der Hüter. »In diesem Falle werde ich meine Laterne an den bewußten Ort setzen, und Sie können dann hinabsteigen, wenn es Ihnen gefällig ist. Den Weg kennen Sie ja schon.« Der Aufseher ergriff die Laterne, und wie ein Mensch, der seiner vollkommen sicher ist und alle Schlangenwindungen, die durch das ungeheure Labyrinth führen, genau kennt, schritt er zwischen den Gängen einher, welche von den Grabmonumenten gebildet wurden. »Wilmore!« murmelte Benedetto, als fühlte er den Biß einer Natter. »Wilmore? Ist das ein Traum? – Der Engländer, der mich in Toulon von der Galeere rettete? – Ha! Edmund Dantès – ich erinnere mich jetzt, daß dieser Name dieselbe Person bezeichnet. – Edmund Dantès – der Mörder meines Vaters, meines Bruders und meiner Schwester, der Unschuldigen! – Verflucht! – Und indem ich herankam, um in mir den Gedanken an die Rache, die ich meinem sterbenden Vater schwur, zu befestigen, tönt Dein Name mir in das Ohr, wiederholt, so zu sagen, durch das Echo des Grabes, in welchem Deine Opfer ruhen. – Ha! es sind die Toten, welche gegen ihren Henker schreien! – Ha! es ist das unschuldige Kind, das in seinem neunten Jahre durch Dich vergiftet wurde, und das jetzt den Namen seines unbarmherzigen, blutdürstigen Henkers ruft – Edmund Dantès!« Als dieser Augenblick der Exaltation vorüber war, kehrte bei Benedetto seine gewöhnliche Ruhe und Festigkeit zurück. »Also ist schon vor mir jemand hier gewesen und in das Grabgewölbe der St. Méran und Villefort hinabgestiegen,« sagte er zu sich selbst; »und dieser Mensch war Edmund Dantès! – Elender! – Solltest Du etwa zufällig gekommen sein, um Deine Opfer zur Auferstehung zu bringen, wie der Aufseher meint, indem er Dich einen Engel nennt? – O, ich verstehe Dich – Du bist hergekommen, um Deinen verfluchten Blick an dem Anblicke der Leichen Deiner Opfer zu weiden und die Ruhe des Grabes durch das Echo Deines höllischen Gelächters zu stören, als wolltest Du ihnen so selbst die Ruhe, selbst den Frieden des Grabes rauben; als wolltest Du sie noch nach ihrem Tode martern.« Indem Benedetto, sich diesen Gedanken überlassend, seinem Führer folgte, blieb derselbe endlich vor einer Erhöhung stehen, die von einem Gitter umgeben war, welches eine eiserne Tür schloß. Der Aufseher setzte seine Laterne auf eine der Stufen, und Benedetto, den der Schein des Lichtes leitete, trat näher, indem er mit gutem Grunde vermutete, dies sei das Grabgewölbe seiner Familie. Das Licht warf seine zitternden Strahlen auf einen feuchten, kalkigen Grund und bildete so eine längliche und bewegliche Gestalt, welche einem feurigen Phantome in der Mitte der Marmorgräber glich. In geringer Entfernung zeigten sich die Umrisse eines menschlichen Gesichtes; es war der Hüter, welcher die letzten Befehle Wilmores zu erwarten schien. Benedetto zog eine Börse aus der Tasche, näherte sich ihm und ließ das Geld klingen. »Verzeihung, gnädiger Herr«, sagte abwehrend der Hüter; »aber – ich würde es vorziehen, wenn Sie mich auf dieselbe Weise belohnten wie das erste Mal, das heißt, indem Sie die Börse neben die Laterne legten, wenn Sie das Gewölbe verlassen. Es kommt daher, sehen Sie, weil ich zittere – denn obgleich ich sehe, daß Sie ein Mensch sind wie ich, der sich bewegt, geht, atmet und lebt, so liegt doch in Ihnen etwas Feierliches und Entsetzliches, wovor ich erstarre. Entschuldigen Sie mich – das ist eine Schwäche von mir! – Gewöhnt daran, hier zwischen den Toten zu leben, fürchte ich nicht diese, wohl aber Sie, denn weder die Toten noch irgend ein Lebender handeln so wie Sie!« Benedetto gab ihm ein Zeichen, sich zu entfernen, und als dies geschah, ging er selbst nach dem Eingange der Gruft. Hier bemerkte er eine kleine Erhöhung und sah, daß die Erde frisch aufgeworfen war. Er hielt dies für die Arbeit des Hüters, der den Willen des geheimnisvollen Wilmore genau zu kennen schien. Benedetto zog hierauf aus der Tasche einen Dietrich, steckte ihn in das Schloß, öffnete es und wich dann einen Schritt zurück, indem er die Hand an die Nase legte, um den Dunst abzuwehren, der aus der Tiefe herausstieg. Die Tür öffnete sich ohne Schwierigkeit, da die vor derselben liegende Erde entfernt worden war. Benedetto nahm die Laterne und stieg in das Innere der Gruft hinab. Er war ein verwegener Räuber, ein kecker Mörder, aber dennoch zitterte er unwillkürlich, denn er war unfähig, den Schrecken zu überwinden, den ihm das feierliche Schweigen, die erhabene Dunkelheit des Asyles der Toten erregte. Er taumelte und fühlte seine Knie unter sich brechen, aber er machte eine gewaltsame Anstrengung, um über sein Entsetzen zu siegen, stieß ein gotteslästerliches Gelächter aus und sagte, als wollte er sich durch das Echo seiner eigenen Stimme ermutigen: »»Was soll denn das heißen? Wäre Edmund Dantès etwa stärker als ich? Wie, er, der die Leichen, welche hier ruhen, in dieses Grab hinabstürzte, hat sich nicht gefürchtet, in ihre Mitte zu treten, – und ich sollte nicht den Mut haben, hinabzugehen? – Ha! Vielleicht zu eben dieser Stunde ist er hergekommen; er hat die Dunkelheit vertrieben und ist kühn, verwegen, unerschrocken diese Marmortreppe hinabgestiegen!« Bei diesen Worten schritt auch Benedetto die Stufen hinab und erblickte sich bald darauf im Innern des Gewölbes, welches kaum dreißig Quadratfuß groß war. An den Wänden zogen sich Marmorstufen entlang, von denen schon acht durch bleierne Särge besetzt waren. »Marquis von St. Méran«, sagte er, indem er die Inschrift auf dem ersten Sarge las: »Das war der Schwiegervater meines Vaters durch seine erste Ehe, ein alter Edelmann; erfüllt von allen Vorurteilen seines edlen Stammes, muß seine Leiche mit allem Schmucke seines Ranges beladen sein.« Indem er so sprach, sprengte er mit einem Eisen, das er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, den Deckel des Sarges. Die einbalsamierte Leiche, gekleidet in eine reiche Uniform, trug in der Tat auf der Brust mehrere Orden und Kreuze von großem Werte. Benedetto bemächtigte sich derselben, schloß dann den Sarg des Marquis wieder und näherte sich dem folgenden, der die Inschrift trug: Frau von St. Méran. Auch diesen öffnete er. »Ha!« murmelte er; »wie reich Du Dich geschmückt hast, um Deinen letzten Schlaf zu schlafen, große und vornehme Dame! Der letzte Beweis der Torheit, den das Geschöpf gibt, und durch den sich dessen ganzer Stolz, dessen ganze Eitelkeit verrät!« Die Edelsteine, welche die Finger und die Brust der Leiche schmückten, gingen in die Hände Benedettos über, welcher auch den dritten Sarg plünderte, der die Inschrift trug: Frau von Villefort. »Genug!« murmelte Benedetto, indem er vor dem vierten Sarge stehen blieb, bezeichnet mit dem Namen: Valentine von Villefort. »Du, Jungfrau,« sagte er, »einfach wie die Blumen des Feldes, Deine Leiche kann keinen andern Schmuck haben als den heiligen Zauber der Reinheit und der Unschuld, welche Deine Seele zierten. – Weiter!« »Ha! Der Sarg Eduards! Eduards, des armen, kaum neunjährigen Geschöpfes, welches zugleich mit seiner Mutter durch das Uebermaß einer erbarmungslosen Rache vernichtet wurde! – Eduard, mein Bruder, Du sollst gerächt werden! Auch Du, mein Vater!« fuhr der Bandit fort, indem er den Deckel eines Sarges sprengte, welcher nur aus Holz war, ärmlicher und einfacher als alle übrigen, und in welchem die Leiche ruhte, umgeben von einem weißen Leichentuche. Einige Augenblicke betrachtete Benedetto schweigend diese Leiche. »Ach!« sagte er dann, »auf Deiner Stirn, mein Vater, erblicke ich noch den Stempel des entsetzlichen Leidens, welches Du durch das Unglück zu tragen hattest, nacheinander rings um Dich her Deine Teuersten fallen zu sehen: Gattin, Sohn, Tochter, gleich Blumen, die der Sturm aus dem Boden reißt. Deine Lippen scheinen mir noch Deinen letzten Wunsch zuzuflüstern, nachdem Du mir in eben jener Nacht, in der Du den letzten Seufzer aushauchtest, Dein Leben geschildert hattest! – Dein Wille soll geschehen!« fuhr Benedetto fort, indem er die Hände des Toten auseinander legte und aus seinem Busen einen scharf geschliffenen Dolch zog; »ja, diese Hand, mit der Du während Deines Lebens eine grausame, entsetzliche Rache nicht bestrafen konntest, soll nach Deinem Tode Edmund Dantès in das Gesicht schlagen!« Nach diesen Worten trennte Benedetto mit einem kräftigen Schnitt die einbalsamierte und vertrocknete Hand der Leiche von dem Arme, ergriff sie, betrachtete sie voll Ehrfurcht und rief dann, indem er den Sarg wieder schloß: »Lebe wohl, zum letztenmal! Als enterbter und unbekannter Sohn, als ohnmächtiger Sprößling einer mächtigen Familie, bin ich in Deine letzte Wohnung hinabgestiegen, um meine einzige Erbschaft in Empfang zu nehmen, indem ich alle menschlichen Gesetze verhöhnte und ihnen trotze! Eine unsichere, traurige Erbschaft, dennoch aber genügend, wenn sie mir die Möglichkeit verleiht, dahin zu gehen, wohin die Totenhand mich führen wird! Fort!« Benedetto nahm die Laterne und stieg hastig die kleine Treppe hinauf. Wer ihn jetzt gesehen hätte, wie er bleich, außer sich, aus dem Grabe hervorging, die Schatten der Nacht durch die Leuchte in seiner Hand verbannend, der hätte ihn sicher für einen Verstorbenen gehalten, der unter dem Antriebe einer mächtigen Leidenschaft, die nicht mit ihm gestorben war, auf die Oberfläche der Erde zurückkehrte und hinter sich den Schatten und das Geheimnis des Grabes ließ. Benedetto blieb stehen, atmete tief auf und trocknete den kalten Schweiß, der von seiner Stirn rieselte. Dann setzte er die Laterne nieder und brach in ein teuflisches Gelächter, das Gelächter des Mörders, aus. »Wilmore,« sagte er, »es wird bald jemand kommen, der Dich dieser Entweihung anklagt!« In der Tat, als der Hüter zurückkam, die Laterne zu nehmen und die versprochene Börse einzustecken, suchte er die letztere vergebens. »Ha!« murmelte er, »ich tat unrecht daran, sie nicht gleich anzunehmen. Wilmore hat meine törichte Furcht benutzt, – um mich zu betrügen!« Am folgenden Tage, als er bemerkte, daß das Grabgewölbe offen geblieben war, und daß man die Särge gesprengt hatte, schwur er darauf, daß Wilmore nichts sei, als ein durchtriebener Spitzbube, und nahm sich vor, ihn verhaften zu lassen, wenn er einen dritten Besuch machen sollte. * VI. Die Kulissen des Theaters Argentino in Rom. In den ersten Tagen des Januars 1838 trafen zwei Freundinnen, indem sie sich umarmten, ihre Vorkehrungen, um die artistische Laufbahn der Malibran, Sontag, Damoreau-Cinti zu betreten, indem sie in Rom auf dem schönen Theater Argentino ihr erstes Debüt haben sollten. Beide waren jung, schön, hatten ihre musikalischen Studien in Paris begonnen und durch eine öffentliche Prüfung in der italienischen Akademie gekrönt. Luise und Eugenie d'Armilly verfolgten seit ihrer zartesten Kindheit den Gedanken an eine Zukunft der Freiheit und Unabhängigkeit, wie das Genie sie träumt, außerhalb des engen Kreises unserer Leidenschaften und unserer Vorurteile. Diese lachende Zukunft, der die beiden Freundinnen mit sicherem Fuße zuschritten, ist die, welche die erhabene Krone der Künstlerin in Aussicht stellt, eine Krone, welche sich in der Welt nicht für Geld kaufen läßt, welche aber dem verliehen wird, der sich ihr als begeistert von dem heiligen Feuer offenbart. Wieviel Zeit war verflossen, seitdem Eugenie, ihre kräftige, ausdrucksvolle Stimme den Klängen von Luisens Piano vermählend, ganze Tage bei ihren Studien zubrachte, während die sorgfältig verschlossene Tür jeden Unbescheidenen von dem Eintritt in das kleine Heiligtum abhielt, in welchem das Genie seine Flügel versuchte, um sich zu dem riesigen Fluge, den es beabsichtigte, vorzubereiten! Dann wieder hatte Eugenie ihre beweglichen Finger über die Tasten des Instrumentes gleiten lassen, um die Stimme Luisens zu begleiten, und statt der kräftigen, ausdrucksvollen, leidenschaftlichen Musik Eugeniens ertönten die zärtlichen Melodien Luisens. Diese bestimmten Charakterzüge unterschieden die beiden Freundinnen wesentlich. Stolz und entschlossen, glich Eugenie der majestätischen Zeder, welche ihren erhabenen Wipfel dem Toben des Sturmes beut: schüchtern und sanft war Luise, das demütige, bescheidene Wintergrün, welches sich unter dem leisesten Hauche der Luft beugt. Schon ein unverschämter Blick machte sie erbeben. Obgleich in Paris die Gesellschaft, welche die Familie Eugeniens empfing und besuchte, eine der gewähltesten und reichsten der Hauptstadt war, hatte sie dem überspannten und enthusiastischen Geiste der Sängerin nichts geboten, was dieselbe zu fesseln vermochte. Musik und Theater waren die einzigen Leidenschaften dieses Herzens, in welchem die Harmonien Rossinis, Bellinis, Meyerbeers, Verdis und Donizettis ein tiefes Echo fanden. Nachdem Luise ihre Lehrerin gewesen war, wurde sie ihre einzige Freundin, ihre Gefährtin, ihre Schwester des Ruhmes, der Arbeit und des Glückes. Luise war es, welche die Schwüre der neuen Priesterin der Kunst empfing, nachdem sie dieselbe in allen Mysterien dieses göttlichen Kultus eingeweiht hatte. Eugenie trat mit jener Selbstverleugnung, oder, wenn man lieber will, mit jener aufrichtigen Verirrung, welche großen Seelen eigentümlich ist, jedes profane Gefühl mit Füßen, indem sie alles aufgab und verachtete, was die Welt für ein junges Mädchen ihres Alters Schönes und Anziehendes zu bieten hat, das heißt, Vater, Mutter, hohe Stellung, Reichtümer und Bewunderung, um in jene Familie einzutreten, deren Oberhaupt einst durch die Menschen zu dem Range der Götter und dem Namen Apollo erhoben wurde. Nachdem die beiden Freundinnen Frankreich verlassen hatten, begannen sie mit dem, was sie ihren kleinen artistischen Ausflug nannten. Sie bereisten einige der vorzüglichsten Städte Italiens. Sie hatten nach und nach in Mailand, Genua, Venedig Konzerte gegeben, um durch den Ertrag derselben die Lücken auszufüllen, welche die unvermeidlichen Reiseausgaben in ihrem kleinen Geldvorrat hervorbrachten. So waren sie endlich nach Rom gelangt, um sich hier einer öffentlichen Prüfung zu unterwerfen, damit nach ihrem richtigen Werte die Eigenschaften ihrer Stimme, die Vervollkommnung ihres Gesanges und ihr Verständnis der dramatischen Kunst gewürdigt werden könnten. Diese Prüfung war vorüber, und sie hatten durch dieselbe einen vollständigen Sieg errungen. Deshalb sahen sie auch bald darauf vor sich die goldenen Tore des Paradieses geöffnet, von dem sie so lange geträumt hatten. Schon an dem Tage, welcher jenem wichtigen Ereignis folgte, begann der Traum der Wirklichkeit zu weichen, denn bereits am Morgen empfingen sie die Karten mehrerer Theaterdirektoren, unter andern auch die des Impressario vom Theater Argentino, bei welchem das Engagement der Primadonna soeben zu Ende ging. »Nun, Luise, was meinst Du?« fragte Eugenie, indem sie aus dem Bette sprang und nach der Uhr sah, die Mittag andeutete. »Sollen wir den Antrag des Impressario vom Argentino annehmen?« »Ich meine es, wenn er nämlich einwilligt, daß wir unsere Opern für das Repertoire wählen.« »Das muß offenbar die erste Bedingung sein,« erwiderte Eugenie, indem sie sich ankleidete, zitternd vor Frost. »Die Semiramis, der Attila –« »Die Nina, die Parasina,« fügte Luise hinzu. »Aber laß uns jetzt frühstücken und plaudernd unsern Plan feststellen. Denn wir müssen daran denken, daß die Herren Direktoren bald erscheinen werden.« »Sie mögen kommen,« entgegnete Eugenie, indem sie umhersprang, um sich zu erwärmen. »Wir sind da, das heißt, wir werden da sein, denn es handelt sich um die Zukunft. Wenn ich meine Strumpfbänder binde, ist es nicht gut, von der Gegenwart zu sprechen.« »Wenn der arme Mensch das hörte, so wäre er imstande, vor Furcht zu sterben!« sagte Luise lachend, indem sie auf ihre Freundin die schönen blauen Augen richtete, die einem feurigen Blicke Eugeniens begegneten. »Ohne Zweifel,« erwiderte sie stolz, »ohne Zweifel. Ich bin ein halber Mann, wie Du mir oft gesagt hast, und die Kniebänder eines Mannes sind nicht nach dem Geschmack jener Herren! Erinnerst Du Dich noch, wie ich meine Rolle als Lion gespielt habe, als ich mit Dir aus Paris entfloh? Ich nannte mich damals Leon d'Armilly, und glaubte ich, daß Du in irgend einer Gefahr schwebtest, so fehlte mir nicht der Mut, um sehr laut das Wort »Pistolen« auszusprechen!« »Ach, was das für eine Zeit war!« seufzte Luise. »Ha, wenn ich so dastand in meinen Männerkleidern, Dich in meine Arme schließend und Dich mit meinen Küssen bedeckend, wenn irgend eine Gefahr überstanden war! Als wir die Barrieren hinter uns hatten, damals zittertest Du nicht, wie Du jetzt zu zittern scheinst.« »Ja, siehst Du, das kommt daher, weil unser erstes Debüt so nahe ist, und das könnte doch wohl schlecht aufgenommen werden.« »Ei so geh doch! Und hat etwa in Mailand, in Genua, besonders aber in Venedig, unser Gesang mißfallen? Ueberdies scheint es mir, als hätte der Erfolg der Prüfung nichts Entmutigendes für uns gehabt!« »Das ist wahr; aber unter den gegenwärtigen Umständen ändert sich das Ansehen der Sache! Es kommt jetzt darauf an, auf der Bühne zu erscheinen, mit Wahrheit zu spielen. Was nun mich z. B. betrifft, so kann ich zwar die große Arie der Parisina recht gut singen, aber heißt das auch schon, daß ich überzeugt sein darf, Parisina zu sein ?« »Und ich, nun, habe ich etwa die Gewißheit, den Charakter der Semiramis zu besitzen, alles das, was sie empfand, auf eine solche Weise zu fühlen, daß das Publikum sich einbildet, die edle Königin der Assyrier vor sich zu haben, gedemütigt, zitternd, niedergeschmettert durch die Reue, indem sie die Stimme des Ninus vernimmt? Oder von Torheit ergriffen, durch die Liebe berauscht, außer sich, in der Gegenwart des Arsaces?« fragte Eugenie, »Sieh aber, ob ich gleichwohl bei der Annäherung unseres ersten Debüts zittere. Ich besitze zuviel Vertrauen auf den Unterricht, den Du mir gegeben hast, auf die Studien, die wir miteinander machten, um vor einer Aufgabe zu erschrecken, welche andere Frauen unter enthusiastischen Beifallsbezeugungen eines verständigen und unparteiischen Publikums erfüllten.« »Jedenfalls, meine teure Eugenie,« erwiderte Luise, »ist das Los geworfen, und jene Zukunft mit dem weiten Horizont, die wir in Paris träumten, soll sich für uns verwirklichen. Bald wird das Echo des Rufes unsere Namen nach Paris tragen, in den Schoß unserer Familien, nachdem sie in das goldene Buch des Künstleradels eingetragen worden sind! – Ha! wie dieser Adel mir zulächelt! Er ist nicht um eine Handvoll elender Goldstücke zu erkaufen. Er erwirbt sich nur durch die Arbeit und durch persönliches Verdienst! Welch ein herrlicher Wappenschild ist der des Künstlers! Dieser Schild wird nicht durch den Staub des Alters verdunkelt! – Sieh vielmehr, wie er glänzt, wie er seine Strahlen auf die folgenden Generationen wirft, die sich vor ihm beugen.« »Luise, Luise,« rief Eugenie lachend, »das nenne ich Enthusiasmus! So liebe ich Dich!« Und Arm in Arm gingen die beiden Freundinnen nach dem Speisezimmer. Kaum hatten sie das Frühstück beendigt und die letzte Hand an ihre elegante Toilette gelegt, als sie den Besuch des Impressario vom Theater Argentino empfingen, der in der Furcht, sich die köstliche Acquisition der beiden jungen Künstlerinnen entgehen zu sehen, allen seinen Kollegen zuvorgeeilt war. Beide Teile einigten sich schnell; der Impressario nahm alle Bedingungen an, welche die jungen Künstlerinnen ihm stellten, und ehe der Tag verflossen war, hatte er unter allen üblichen Formen die beiden jungen Mädchen als Prime Donne assolute engagiert. Einen Monat später wurden in dem Theater Argentino die Proben zu der Oper Rossinis: Semiramis , gehalten, und jeden Morgen eilten die ungeduldigen Dilettanten nach dem Foyer, um voll Enthusiasmus noch vor der Zeit den beiden Debütantinnen zu applaudieren und dem Impressario zu seiner vortrefflichen Erwerbung Glück zu wünschen. Denn die beiden Künstlerinnen versprachen Wunderdinge, obgleich sie zum erstenmale die Bretter der Bühne betraten, welche noch die Spuren von den Fußtritten zweier großer Talente trugen. Endlich erschien der Tag der Vorstellung, und kaum war das Theater beleuchtet, als auch schon alle Logen sich mit Zuschauern füllten, die sprachen, stritten und lärmend die Verdienste der beiden Damen d'Armilly rühmten. Während dies in den Salons und den Gängen des Theaters stattfand, drängte sich ein junger Mann von 22-23 Jahren, von hohem Wuchse, vorteilhaftem Aeußern und anständiger, doch keineswegs auffallender Kleidung, mit aller Gewalt durch die Menge, die vor sämtlichen Ausgängen des Gebäudes sich angesammelt hatte. Mit großer Mühe gelangte er durch die verzweifelten Anstrengungen eines geschickten Cicerone, der ihn sich nachzog, durch die wogenden Fluten des bewegten Zuschauerraumes bis zu dem Billetverkauf. »Ein Billet, ein Billet, amico !« rief der Cicerone, indem er einen kräftigen Faustschlag auf das Kontor des Verkäufers führte. »Ein Billet?« entgegnete dieser, – »ein Billet, jetzt noch? Das ist schön! Komm morgen wieder, mein Junge und dann übermorgen mit Tagesanbruch, wenn Du eins für den Abend haben willst. Alles ist verkauft, Freund, alles; ich habe nicht mehr den Schatten von einem einzigen.« »Es gibt kein Billet mehr,« sagte der Cicerone, sich zu dem jungen Manne zurückwendend. »Ha!« rief dieser, »ich muß aber um jeden Preis hinein.« Er sagte dies in gutem Französisch. »Es gibt aber keine Billets mehr,« wiederholte der Cicerone. »Nun, dann führe mich in die Kulissen. Ich muß durchaus zusehen! – Hörst Du wohl, Dummkopf, ich muß sehen! –« »Ja, was soll ich dabei tun, Herr? Sie hätten früher sprechen müssen. Maestro Pastrini hätte Ihnen wohl dienen können; aber so im letzten Augenblick, da ist das ganz unmöglich. Ich will Ihnen indes das Gebäude zeigen und die Architektur erklären. Folgen Sie mir nur!« »Hol Dich der Teufel mit Deiner Sucht, alles zu zeigen und zu erklären! – Ich sage Dir, ich muß durchaus der Vorstellung beiwohnen, ich muß alles sehen, was vorgeht, und Du sprichst mir nun hier von Mauern und Decken und Säulen! – Du bist verrückt!« »Mein Herr, der Argentino ist prachtvoll,« erwiderte der unermüdliche Cicerone. »Da es übrigens keine Billets mehr gibt, müssen wir wohl die Zeit dazu anwenden, zu sehen, was hier Gutes vorhanden ist! – Folgen Sie mir daher, mein Herr, und Sie werden bald an den Fingerspitzen alle Vorzüge eines Gebäudes herzählen können, welches zu den ersten in seiner Art gehört.« »Daß Dich die Pest!« rief der junge Mann, indem er ungeduldig den Arm des Cicerone schüttelte: »nach den Kulissen, sage ich Dir!« »Aber Sie werden nicht hinein gelangen!« »Sag, daß ich ein Fremder bin, und daß ich sehen will. Hast Du mir nicht gesagt, wenn ein Fremder nach Rom käme, so geschähe es, um alles zu sehen, was es Gutes und Schönes in dieser großen Stadt gibt?« » Per la Madonna , jawohl,« rief der Cicerone, »aber die Kulissen und die Maschinerie des Argentino werden am Tage gezeigt, und nicht an den Abenden der Vorstellungen.« »Du bist entsetzlich langweilig. Führe mich zu der Tür, und ich werde mit dem Schließer sprechen. – Ich muß hinein, und ich werde hineinkommen.« Bei diesen Worten faßte er kräftig den Arm des Cicerone, drehte ihn auf den Absätzen herum, und indem dieser mit den Ellenbogen arbeitete, als nehme er eine Schwimmübung vor, gelang es ihm, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Einige Augenblicke darauf erreichte er mit dem Fremden, der sich ihm gewissermaßen auf den Rücken gehängt hatte, die Türe des Bühneneingangs. »Wer da?« rief der Portier, indem er sich dem Cicerone entgegenstellte, um ihm den Durchgang zu verwehren. »Ha!« rief der Fremde, erblassend bei dem Anblicke des runden roten Gesichts des dicken Portiers, welches von den Strahlen einer seitwärts hängenden Lampe hell beleuchtet wurde. Der Cicerone flüsterte dem Cerberus geheimnisvoll ein Wort in das Ohr. »Unmöglich, mio caro , unmöglich!« erwiderte derselbe. »Es ist der unbedingte Befehl erteilt worden, niemand auf die Bühne zu lassen. Die Vorschriften sind sehr entschieden, und heute geht es weniger als jemals – außerordentliche Vorstellung, zwei Debüts.« Der Portier blieb indes stehen, indem er mit dem Auge blinzelte und sich hinter dem Ohr kratzte. Dann fuhr er fort: »Der Herr brennt also vor Verlangen, einzutreten? Er würde alles in der Welt dafür geben?« fügte er mit pfiffigem Tone hinzu: »Ich weiß dazu nur ein Mittel: er müsse die besondere Erlaubnis des Herrn Direktors erlangen. Ich will sehen, ob es sich tun läßt.« Bei diesen Worten richtete der Portier die Augen auf den Fremden, welchem keine einzige seiner Bewegungen entgangen war, wich überrascht einen Schritt zurück und rief: »Oh! Oh! Wäre es möglich?« »Sie sehen mich ebenso verwundert, wie Sie selbst sind, mein Herr,« sagte der Fremde, »und ich bin geneigt zu dem Glauben, daß die Luft Roms ganz außerordentliche Metamorphosen hervorzubringen geeignet ist.« »Und ich,« sagte der Portier, »ich war in diesem Augenblicke fest überzeugt, daß ich, ohne mich zu täuschen, Ihren Namen mit dem des beklagenswerten Ibus in Verbindung bringen könnte, und wie Sie gestehen werden, hatte ich hinreichenden Grund, zu vermuten, daß Sie auf dem Boden liegen geblieben wären, niedergeschmettert durch den kräftigen Faustschlag eines neuen Ulysses.« »Es ist in der Tat wahr,« entgegnete der Fremde, daß ich einigermaßen wie der arme Bettler gehandelt habe, indem ich mich um die Hand Ihrer Penelope bewarb; aber was wollen Sie, mein Lieber; eine geheimnisvolle Diana und ein wohlwollender Aeskulap haben sich meiner erinnert, und dank ihrer wohltätigen Einmischung ist der Sturm über meinem Haupte dahingebraust.« Während dieses Zwiegesprächs ließ der Cicerone seine Blicke verwundert von einem der Sprechenden auf den andern gleiten, ohne den Sinn ihrer Worte zu verstehen, gleichwohl aber an ihren Bewegungen erratend, daß der Gegenstand ihrer Unterhaltung von der höchsten Wichtigkeit sei. Der Fremde bemerkte dies. »Mein Herr,« sagte er, sich wieder zu dem Portier des Theaters wendend, »ich glaube, es ist hier nicht der Ort dazu, die Frage zu erörtern.« »Sie haben recht,« entgegnete der Portier. »Ich will Sie in meine Loge führen und Ihnen dort beweisen, daß ich die Vergangenheit zu vergessen weiß. Treten Sie ein.« Der junge Mann verabschiedete den Cicerone und trat in das kleine Gemach des Portiers. »In der Tat, Herr Baron,« sagte er dann, »das ist höchst sonderbar.« »Um Gott, Herr Andreas Cavalcanti, wollen Sie mich denn bloßstellen? Sehen Sie denn nicht, daß ich meinen Titel in die Tasche gesteckt habe?« »Ich glaubte, Sie wären hier, um aus Laune Komödie zu spielen, wie ein gewisses Mitglied Ihrer Familie.« »Ei, das wäre eine sehr überspannte Laune!« »Erzählen Sie mir doch, was Ihnen begegnet ist, mein lieber Baron Danglars?« »Still! Ich nenne mich hier nicht mehr Danglars! Der Portier des Theaters Argentino kann und darf sich nicht Danglars nennen! – Aber sagen Sie mir doch, wie zum Teufel sind Sie den Polizeiagenten entgangen, die Sie als entsprungenen Galeerensklaven in eben dem Augenblicke verhafteten, als Sie den Heiratskontrakt mit Eugenie unterzeichnen wollten?« »Auf die allerprosaischste Art von der Welt. Ja, ich kann sogar noch mehr sagen, denn, um offen zu sprechen, ist mein Leben bis zum heutigen Tage nichts als eine lächerliche Verkettung von Verhaftungen und Flucht gewesen! – Aber wie steht es denn um Ihre Flucht, Herr Baron?« »Das ist eine verdammte Gewohnheit!« rief Danglars, indem er dunkelrot wurde und sich den Schweiß von der Stirn wischte. »Verzeihung, Herr von Danglars!« »Nun, das wird immer schlimmer und schlimmer!« »Wie soll ich Sie denn aber nennen?« »Ach, was weiß ich! Nennen Sie mich Dings oder Nichts! Wenn man arm ist, hat man keinen Namen mehr.« »Sie sind also zu Grunde gerichtet?« »Vollständig! Bis zum letzten Centime!« murmelte Danglars finster. »Ohne die kleine Anstellung, die ich hier habe, wäre ich schon verhungert, ja verhungert,« wiederholte er bitter. »Das wäre wirklich ein abscheulicher Tod für einen berühmten Baron! Und wer hat Sie denn in eine so erbärmliche Lage versetzt?« »Wer?« rief Danglars, indem er bleich wurde wie ein Leichentuch. »Wer? Ein Mensch, der aus den Eingeweiden der Erde oder des Meeres durch eine unwiderstehliche Macht heraufbeschworen zu sein scheint, um meinen Traum des Glücks zu zerstören.« Benedetto – denn ihn werden die Leser bereits erkannt haben – erzitterte unwillkürlich, indem er diese Worte Danglars hörte. »Und wie heißt dieser Mensch?« fragte er. »O,« sagte der Baron Danglars, indem er die Blicke verwirrt um sich her schweifen ließ, »schon seit längerer Zeit spreche ich diesen entsetzlichen Namen nicht mehr aus, weil ich fürchte, sein drohendes Bild möchte aus der Dunkelheit oder aus der Mauer hervortreten, um mich zu martern.« »Wie? Wäre es möglich, daß das Entsetzen, welches er Ihnen einflößt, so weit geht? – Ha!« fuhr Benedetto fort, »wie schwach und feig doch die Menschen sind!« »Unsinniger!« sagte Danglars; »wenn Sie ihn kennten, so würden Sie voll Entsetzen vor seiner geheimnisvollen Nähe zurückweichen! – Wissen Sie zufällig, wer der Graf von Monte Christo ist und woher er kommt?« Benedetto stieß ein schallendes, geringschätziges Lachen aus, bei dem der arme Theaterportier des Argentino erstarrte. »Ich habe eine heilige Schuld gegen ihn zu tilgen. Eine Blutschuld!« sagte Benedetto, »und die Totenhand ist geöffnet, um den Preis dieser Schuld zu empfangen.« Danglars riß die Augen weit auf, ohne den Sinn dieser Worte zu verstehen, die ihm gleichwohl ein fürchterliches Geheimnis anzudeuten schienen. »Ich verstehe Sie nicht,« murmelte er. »Die Sache ist ganz einfach. Weshalb zittern Sie denn so, wenn Sie den Namen aussprechen, den der Seemann Edmund Dantès angenommen hat?« »Ha! Und woher wissen Sie –?« »Das ist mein Geheimnis. Jetzt antworten Sie mir.« »Hier ist nicht der Ort zu dem, was ich Ihnen darüber zu sagen habe,« entgegnete der Portier; »wenn Sie mich anhören wollen, so werde ich Sie morgen aufsuchen, und wir können dann darüber sprechen. Wo wohnen Sie?« »In dem Hotel des Maestro Pastrini.« »Ah, ich weiß schon, wo das ist.« »Nun gut; wenn Sie inzwischen einiges Geld bedürfen, so verfügen Sie über meine Börse.« »Was soll das heißen? Fahren Sie etwa fort, hier in Rom den Prinzen Cavalcanti zu spielen, oder werden Sie wieder durch den Grafen Monte Christo beschützt? Wäre dies der Fall, was ich übrigens nicht glaube, so hätte ich großes Unrecht begangen, so, wie ich es tat, vor Ihnen zu sprechen.« »Beruhigen Sie sich, Herr Baron; es ist nicht so. Habe ich Ihnen nicht soeben gesagt, daß ich an Edmund Dantès eine Blutschuld tilgen muß? Ich bin nicht der Prinz Cavalcanti, sondern ein Räuber, ein Fälscher, ein Mörder, ein Bandit ohne Namen, ohne Vaterland, ohne Gott!« »Ha, was sagen Sie da?« rief Danglars entsetzt, indem er unwillkürlich die Hände auf die Taschen legte und eine Bewegung rückwärts machte, als wollte er sich gegen einen Messerstoß in Sicherheit bringen. »Und wohin hoffen Sie denn zu gelangen,« sagte er, »indem Sie so, gleich dem ewigen Juden, vorwärts rennen?« »Geführt durch die Hand eines Toten, der noch vor Zorn und Wut in seinem Grabe zittert, werde ich bis zu Edmund Dantès gelangen.« »Aber wissen Sie wohl, Herr André – wissen Sie wohl, daß Sie mir etwas verdreht erscheinen?« »Das ist eben nicht sehr schmeichelhaft, mein Lieber, indes lassen Sie mich jetzt hinauf, und glauben Sie mir, daß ich Ihnen sehr nützlich sein kann, um Ihre Angelegenheiten wieder in Ordnung zu bringen. Ich kann Ihnen den Dienst dreifach vergelten, wenn Sie wollen.« »O!« »Nun, zuerst lassen Sie mich nur hinauf, denn ich muß mich überzeugen, ob die beiden Sängerinnen dieses Abends die sind, welche ich in ihnen vermute.« »Die beiden Armilly?« »Wenn ich mich nicht täusche, so war das der Name der Erzieherin Ihrer Tochter Eugenie.« »Das ist auch wahr; aber was wollen Sie damit sagen?« »Ihre Tochter hatte eine ganz besondere Leidenschaft für das Theater und die Musik, und ich glaube daher ganz bestimmt, daß Fräulein Eugenie dort oben ist, in eben dem Augenblicke, in welchem ich jetzt mit Ihnen spreche, vor dem Schatten des Ninus zitternd.« »O, dazu ist es noch zu früh. Die Vorstellung kann kaum begonnen haben!« »Genug. Was Sie mir gesagt haben, bestätigt mich in meinem Argwohn in Beziehung auf die beiden Armilly, und ich wünsche Ihnen aufrichtig Glück dazu. Herr Baron, daß Ihr Fräulein Tochter an die Wiedergewinnung des Ihnen gestohlenen Vermögens denkt.« Danglars seufzte. »Also auf morgen, Herr von Danglars. Ich denke, Sie werden unser Rendezvous nicht vergessen: Hotel des Maestro Pastrini, Via del Corso.« Bei diesen Worten entfernte sich Benedetto und ließ den armen Portier ganz starr vor Staunen zurück, und in der Ueberzeugung, daß er durch ihn Dinge von der höchsten Wichtigkeit in Beziehung auf Edmund Dantès erfahren würde. * VII. Das Guckloch in dem Vorhang. Während dies in der kleinen Loge des Portiers vorging, bereiteten sich die beiden Freundinnen Armilly auf ihr Debüt vor, indem sie Arm in Arm auf der Bühne umhergingen. »Ich glaube das Haus ist überfüllt,« flüsterte Luise, »und bald, ach nur zu bald, wird der Vorhang in die Höhe gehen – dann werden wir uns der Menge gegenüber erblicken, als Zielpunkt für die Augen aller!« »Du hast recht, Luise: ich empfinde daher auch gleich Dir ein gewisses Beben; mich friert; – besonders in diesem Augenblick. Gleichwohl habe ich die feste Ueberzeugung, daß der Mut mir nicht mangeln wird, denn ich will mich so vom Geist meiner Rolle durchdringen lassen, daß ich alles vergesse, was nicht Semiramis ist. Das wird mir um so leichter, da Arsaces niemand anderes ist, als meine Luise. Du wirst meine Freundin sein, mein Schutzengel; wir werden uns gegenseitig unterstützen und halten. Aber sag mir jetzt, da ich gerade daran denke, was hältst Du von einem Falle, der sich mehrmals wiederholt hat? Den ersten Abend, als wir zur Probe hierher kamen, hast Du da nicht einen Mann bemerkt, der die Türen unserer Loge öffnete, und als er uns kaum bemerkt hatte, entfloh, indem er einen Schrei ausstieß?« »Allerdings. Mir fällt da ein –« »Dieser Mann war der Portier. Am zweiten Abende, während ich in meiner Loge saß, hörte ich zufällig ein Gespräch, das mir sehr interessant erschien. Es enthielt ungefähr folgendes: »Wenn Fräulein Eugenie ihre Loge verläßt, vergessen Sie nicht, ihr den Schlüssel abzufordern, falls sie verabsäumen sollte, Ihnen denselben zu übergeben.« »Das werde ich nicht tun.« »Weshalb nicht?« »Weil ich dazu meine Gründe habe!« »Sie haben aber doch die Aufsicht über die Schlüssel und würden daher durch das Versäumnis Ihre Pflicht verletzen.« »Ich werde alle Schlüssel abfordern, die Sie verlangen, nur den nicht.« »Ah, Sie wollen also nicht mit Fräulein Eugenie d'Armilly sprechen?« »Entschuldigen Sie mich; aber sehen Sie – Fräulein Eugenie hat mich in Paris in einer ungleich besseren Stellung gekannt, als die ist, welche ich in Rom einnehme, und es wäre mir nicht lieb, wenn Fräulein Eugenie erführe –« »Hier endete das Gespräch,« fuhr Eugenie fort, »und seitdem habe ich nie verfehlt, den Schlüssel bei dem Portier abzugeben. Allein wenn ich ihn auf den Tisch lege, höre ich sogleich ein Geräusch, ein wahres Getöse, wie wenn jemand schnell entflieht und sich verbirgt.« »Aber wie heißt er denn?« fragte Luise. »O, sein Name ist sehr einfach: Josef. Es wäre indes möglich, daß er auch noch einen andern Namen hätte.« »Sollte es nicht zufällig der unglückliche Prinz Cavalcanti sein, der auf dem Punkte stand, Dein Gatte zu werden, wenn man ihn nicht plötzlich als Betrüger entlarvt hätte?« fragte Luise. »Welch ein Gedanke! Der ist ja längst wegen Mordes guillotiniert. Uebrigens ist mir der Mensch, der sich so sorgfältig vor mir verbirgt, viel älter vorgekommen, als ich ihn das erste Mal sah. Er ist nicht so groß und viel dicker –« »Ich glaube, wir müssen auf unserer Hut sein, Eugenie; es ist vielleicht irgend ein Spion, den Deine Familie geschickt hat!« »O, das glaube ich nicht. Aber sieh nur, Luise, mir scheint, als kenne ich jene Dame, die eben jetzt in die Loge Nummer 4 des ersten Ranges tritt!« sagte Eugenie, welche einen Blick durch das Guckloch in dem Vorhange geworfen hatte. »Ha!« rief Luise, indem auch sie nach der bezeichneten Loge blickte. »Was ist Dir?« fragte Eugenie. »Diese Dame,« fuhr Luise fort – und sie war ganz blaß geworden, indem sie dies sagte – »diese Dame ist – ja, es ist – o mein Gott, vielleicht täusche ich mich doch! – Gib mir Deine Lorgnette, Eugenie.« Eugenie zog aus ihrer Tasche ein Etui mit einem eleganten Operngucker und überreichte diesen ihrer Freundin. Luise ergriff ihn und richtete ihn hastig auf die Loge Nummer 4. »Eugenie,« sagte sie dann, »wenn Du wahrhaft eine unerschütterliche Seelenkraft besitzest, so bietet sich Dir jetzt die Gelegenheit, sie auf unbestreitbare Weise darzutun. – Sieh selbst hin!« Eugenie tat es und taumelte wie von einem Blitzstrahl getroffen, indem sie murmelte: »Meine Mutter!« In der Tat hatte Eugenie, als sie zuerst ihren Blick flüchtig auf die Loge richtete, das Gesicht der Frau von Danglars nicht erkennen können, weil diese mit jemand zu sprechen schien, der hinter ihr stand. Dieser verließ indes die Loge, Frau von Danglars drehte sich um und wendete ihr Gesicht der Bühne in eben dem Augenblicke zu, in dem Luise den Operngucker auf sie richtete. Die Pfeife des Regisseurs ertönte in der Kulisse, um die Schauspieler zu ermahnen, sich bereit zu halten. »Hörst Du, Luise?« sagte Eugenie. »Laß uns nach unserer Garderobe eilen, und wenn auf meinen Schultern der Mantel der Königin der Assyrier ruht, dann stehe ich Dir dafür, daß hier weder in die Logen noch im Parterre irgend jemand den geringsten Einfluß auf mich ausüben soll. –« Wenn in diesem Augenblicke der Vorhang plötzlich aufgegangen wäre, so würde das Publikum unbedingt mit rasendem Enthusiasmus applaudiert haben; aber der Augenblick dazu war noch nicht gekommen, und das Publikum, welches vielleicht die Anwesenheit des sich enthüllenden Genius ahnte, ließ jenes verworrene und feierliche Gemurmel ertönen, welches stets die Erwartung eines großen Ereignisses begleitet, das nahe bevorsteht und welches alle Geister in der Spannung von tausend verschiedenen Gefühlen erhält, die kein menschliches Wort zu beschreiben vermöchte. Dies Gemurmel, ähnlich dem der Wogen des Ozeans, erstarb zu den Füßen der beiden Freundinnen, als wollte es ihnen die Nähe ihres Triumphes oder ihres Unterganges verkünden. Eugenie ergriff die zitternde Hand Luisens und zog sie hastig fort nach ihrer Garderobe, deren Tür sich hinter ihnen schloß. »Nun, Luise,« sagte sie, indem sie ihr das Kleid aufnestelte, »jetzt darfst Du nicht mehr zittern. Erinnere Dich nur daran, daß von diesem Abend das Glück und die Zukunft unserer ganzen Laufbahn abhängt.« Eugenie gab mit so viel Natürlichkeit und so viel kaltem Blute das Beispiel des Mutes, daß auch Luise ihre Geistesgegenwart etwas wiedergewann, überdies fanden sie einen Grund der Ermutigung und der Zuversicht in den italienischen Sitten, welche die dramatische Laufbahn keineswegs verdammen und nicht, wie beinahe in dem ganzen übrigen Europa, mit einer Art von gesellschaftlichem Anathema alles belegen, was nur entfernt mit dem Theater im Zusammenhange steht. Sie kannte die dünkelvolle Eitelkeit der Baronin Danglars, einer Dame von der höchsten Abstammung, verwandt mit den berühmtesten Namen, und verhehlte sich nicht, wie unangenehm derselben die Erscheinung Eugeniens auf der Bühne, unter der Gestalt der Semiramis, sein würde. Sie konnte sich daher auch nicht verwehren, zu erblassen, indem sie an die Flüche dachte, welche die Baronin gewiß ihr zusandte, der sie ohne Zweifel den Entschluß ihrer Tochter zuschrieb, da sie in dem Herzen derselben die Flamme entzündet hatte, von der sie verzehrt wurde, und durch die sie sich bestimmen ließ, dem väterlichen Dache zu entfliehen, um alle Zufälle einer Existenz aufzusuchen, die zwar zuweilen glänzend, viel häufiger aber so abenteuerlich ist. Obgleich in Italien die Bühnen-Laufbahn hoch in Ehren steht, so daß man dem Genie, welches die Bühne verherrlicht, sogar eine Art von Kultus widmet, verzieh die Baronin Danglars, der Sprößling der Servières, gewiß nie, daß Luise zu deren Tochter gesagt hatte: »Eugenie, Du verabscheust das Pariser Leben: Du liebst die Unabhängigkeit; Du betest die Musik an; – laß uns fort von hier und Sängerinnen werden!« Indes jetzt gab es kein Zurück mehr. Eugenie und Luise umschlossen sich innig, als wollten sie sich schon jetzt so zeigen, wie sie auf der Bühne erscheinen sollten, und in eben dem Augenblicke ertönte abermals die Pfeife des Regisseurs, durch das zweite Signal die Künstler in die Kulissen rufend. Einige Augenblicke später ging der Vorhang in die Höhe. Eugenie trat mit dem ganzen Uebermute, mit der ganzen Hoheit auf, welche die königliche Bacchantin charakterisierte, die sie darzustellen hatte. Ihre helle, kräftige, volle Stimme fesselte gleich bei den ersten Klängen die Aufmerksamkeit der Musikfreunde, und mit dem Ende ihrer ersten großen Arie begann ihr Triumph. Indes herrschte in der Loge Nr. 4 eine unbeschreibliche Unruhe. Ein Opernglas war beständig auf das Gesicht Eugeniens gerichtet, und die Hand, welche das Glas in der Höhe der Augen hielt, schien von Minute zu Minute stärker zu zittern, bis die Bewegung zuletzt beinahe krampfhaft wurde. Frau von Danglars trocknete unablässig ihr bleiches Gesicht mit ihrem feinen Batisttaschentuch: bald zog sie sich mit einer heftigen Bewegung in das Innere ihrer Loge zurück, bald beugte sie sich, wie durch einen unsichtbaren Antrieb gezwungen, vornüber, das Gehör spannend, den Blick fest auf das edle, majestätische Gesicht und die elegante Erscheinung der neuen Semiramis gerichtet. Als dann der Tempel des Belus verödet stand und der tapfere Scythe erschien, zitterte der Arm der Frau von Danglars noch heftiger, denn sie hatte mit der vollkommensten Gewißheit erkannt, daß das leidenschaftliche und melancholische Gesicht des Arsaces kein anderes war, als das der Lehrerin ihrer Tochter Eugenie. Sie durfte nicht mehr daran zweifeln. Die edle Baronin sah sich gezwungen, in der Person der Semiramis ihre Tochter zu erkennen, und ihre Pein oder vielmehr ihr Märtyrertum, dauerte ebenso lange wie die Vorstellung. Die Wangen bedeckt mit dem Feuer des Unwillens, das sie verzehrte, empfand sie bald eine jener nervösen Krisen, welche beinahe immer durch eine große moralische Niederlage bewirkt werden. Der Gedanke stieg in ihr auf, daß sie zu dem Gipfel der Erniedrigung weiter nichts mehr bedürfte, als an eben diesem Abende ihren Gatten zu erblicken, wie er irgend einen schwierigen Pas in dem Ballett ausführte. Zwanzigmal dachte sie daran, sich zu entfernen, aber eine unwiderstehliche Gewalt schien sie auf ihren Sitz gefesselt zu haben, und keuchend blieb sie unter dem Einflusse einer verhängnisvollen und grausamen Neugier bis zum Ende der Oper. Endlich senkte sich der Dolch des Arsaces in den bebenden Busen der lüsternen Semiramis, welche sterbend zu den Füßen ihres Sohnes niedersank. Da stieß die Baronin einen leisen Schrei aus, und um ihr Märtyrertum zu vollenden, fehlte ihr in der Tat nichts mehr, als ihre Tochter mit dem Gesicht gegen den Boden gekehrt vor einem ganzen Volke niederstürzen zu sehen. Doch das Bravo, der Beifallsjubel dieses Volkes erstickten den Schrei der Baronin, welche hastig ihre Loge verließ, gedemütigt, das Herz von Wut erfüllt, rasend gegen sich selbst, so von der Charybdis in die Scylla gefallen zu sein. »Ha!« murmelte sie, indem sie in ihren Wagen stieg, »ein Dämon muß es geschworen haben, mich überall zu demütigen und herabzuwürdigen. In Paris war ich die Mutter eines elenden Banditen, den die Strenge der Gesetze verfolgte; in Rom sehe ich meine Tochter, in deren Adern das Blut der Servières fließt, erkauft durch eine Handvoll schmutzigen Goldes, der Menge des Theaters zur Unterhaltung dienen! – Wer weiß, ob ich nicht in irgend einer andern Stadt meinen Gatten auf dem Wagen irgend eines reich gewordenen Tölpels hintenauf stehen sehe?« Tränen benetzten die aristokratischen Wangen der edlen Dame, die so stolz und so hochmütig war. Die beiden Freundinnen erregten einen Enthusiasmus, der an das Delirium streifte, und empfingen an dem Tage nach der Vorstellung aus den Händen des Impressario zwei prachtvolle silberne Becher von ausgezeichneter Arbeit und dem feinsten Geschmack. * VIII. Zwei Männer ohne Namen. Der Portier des Theaters Argentino hatte über die Vorteile nachgedacht, die ihm aus dem Zusammentreffen mit einem Menschen wie Benedetto entspringen könnten, und traf Anstalt, ihn in dem Hotel des Maestro Pastrini aufzusuchen, indem er den festen Entschluß faßte, zu dem Zwecke, den er nie aus den Augen gelassen hatte, – nämlich per fas et nefas seine Glücksumstände zu verbessern, – alle Hilfsquellen dieses unerschrockenen, abenteuerlichen und kecken Charakters zu benützen, der von den Menschen nichts zu fürchten schien, weil er mit beispielloser Frechheit sich gegen den Portier als Dieb, Fälscher und Mörder bekannt hatte. Er begab sich daher mit festem Schritt und das Herz von Hoffnung erfüllt, zu Benedetto, den er Andrea nannte. Benedetto war in der Tat in dem berühmten Hotel des Maestro Pastrini abgestiegen. Nach dem Frühstück, das er allen Regeln getreu von den leckersten Speisen, mit denen sein Appetit wetteiferte, verzehrt hatte, ließ er den verschlagenen Eigentümer des Etablissements zu sich rufen. »Ich stehe zu Ihren Befehlen, Exzellenz,« sagte Maestro Pastrini, indem er unterwürfig seine baumwollene Mütze abzog und eine tiefe Verbeugung machte. Benedetto ließ eine oder zwei Minuten vergehen, bevor er ihn anredete: dann warf er eine Zeitung, in der er anscheinend gelesen hatte, beiseite und betrachtete den Italiener mit dem finstern, mürrischen Blicke, welcher ein charakteristischer Zug jener Wesen ist, auf deren Stirn das Verhängnis das Siegel eines Fluches gedrückt zu haben scheint. »Maestro Pastrini,« sagte er, »ich bin mit diesem Zimmer nicht zufrieden.« »Bei dem Blute Christi!« rief der Italiener, »und weshalb denn nicht, Exzellenz?« »Weshalb? Sie wollen wissen, weshalb, Maestro Pastrini? Weil ich hier nicht ruhig schlafen kann.« Der Italiener wurde unruhig. Benedetto fuhr fort: »Wer wohnt hier unter mir?« »Ach, das ist ein junger Mensch, der sehr kränklich ist, und nach dem, was mir sein Lakai gesagt hat, reist, um sich von einer tödlichen Apathie, die ihn niederdrückt, zu zerstreuen. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß er ein höchst anständiger Mensch ist, obgleich ich den Ton seiner Stimme noch nicht gehört habe. Indes ist er schon einen ganzen Monat in Rom und erst zwei- oder dreimal ausgegangen, wobei er sehr darauf hält, zu passender Stunde zurückzukommen.« »Ich sage Ihnen, daß Sie lügen! Hören Sie wohl, Maestro Pastrini? Sie lügen!« »Ich, Exzellenz?« entgegnete der Wirt, indem er den Schein der größten Unschuld anzunehmen bemüht war. »Lassen Sie Ihre Heuchelei; mich täuschen Sie dadurch nicht. Ihr kränklicher Mensch, der reist, um sich von einer tödlichen Niedergeschlagenheit zu zerstreuen, ist gestern erst um ein Uhr nachts nach Hause gekommen. Das ist noch nicht alles. Er hat geschrien, geweint, getobt; er brach in einen Strom von Gotteslästerungen aus, und das dauerte bis zwei Uhr, ohne daß er sich um seine Nachbarn bekümmert hätte, als ob sie gar nicht auf der Welt wären.« »In der Tat?« »Still! Dann ist er abermals ausgegangen, und als er zurückkehrte, war es vier Uhr morgens.« »Ich gebe das zu, Exzellenz,« erwiderte Maestro Pastrini mit etwas größerer Zuversicht. »Ich habe das alles auch bemerkt, aber was wollen Sie? Ich glaube, er ist von Zeit zu Zeit gewissen Nervenzufällen unterworfen, bei denen er nach der Vorschrift der Aerzte augenblicklich zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht seine Wohnung verlassen muß, um frische Luft zu schöpfen. Ohne Zweifel hat er Sie deshalb während der vergangenen Nacht belästigt. Indes beruhigen Sie sich, Exzellenz; sein Lakai hat mir die Versicherung gegeben, daß dergleichen Anfälle sich nur von Jahr zu Jahr wiederholen.« Benedetto lächelte ironisch und warf dem Maestro Pastrini einen spöttischen Seitenblick zu. »Ich traue diesen Nervenzufällen nicht sehr,« sagte er, »und ich halte mich überzeugt, daß Ihr kränklicher junger Mensch ein Individuum ist, welches weit eher auf die Angriffe anderer ausgeht, als es selbst angegriffen wird. Sehen Sie sich vor, Maestro Pastrini. Ganz kürzlich ist aus Frankreich ein fürchterlicher Mensch entkommen, der wie ein wahrer Teufel verführt, ermordet, raubt, Mädchen mißhandelt, Greise, Kinder nicht verschont und sogar Kirchen und Gräber beraubt.« » Per la Madonna! was sagen Sie mir da, Exzellenz?« rief Maestro Pastrini, indem er mit den Augen zwinkerte. »Ei, aber der Schelm muß ungeheuer reich sein!« »Man sagt, er besitze Millionen und hielt diese an irgend einem unbekannten Ort verborgen, wohin keine Sonnenstrahlen dringen, und der mit einem stinkenden Pestwasser umgeben ist.« »Aber, Exzellenz, Ihr Nachbar von hier unten scheint nicht älter als 20 bis 22 Jahre zu sein, und er ist überdies so klein und so schwächlich, daß Ihr Verdacht gewiß verschwinden würde, wenn Sie ihn nur ein einziges Mal sähen.« »Klein, schwächlich und gelb?« »Geradezu gelb? Nein; aber sehr blaß, ja.« Benedetto stand hastig auf, ging mit großen Schritten in dem Zimmer umher, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und atmete heftig, als würde er von einer ungeheuren Hitze bedrückt. »Ha!« sagte er dann, »ich sehe es wohl, es ist durchaus nötig, daß ich Ihr Hotel verlasse, Maestro Pastrini.« »Und weshalb denn, Exzellenz? Was fehlt Ihnen denn? Werden Sie nicht mit der größten Sorgfalt und jeder möglichen Rücksicht bedient?« »Dummkopf! Ich sage Ihnen in einem fort, daß Ihr Gast vom ersten Stock mir im Wege ist, daß er mich belästigt und, Sie begreifen nicht, was ich Ihnen sage! Sie haben Ohren und hören nicht, Sie haben Augen und sehen nicht.« »Aber, Exzellenz, was ist denn nur eigentlich? Was wollen Sie denn sagen?« fragte Maestro Pastrini, welcher den Bemerkungen Benedettos eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen begann. »Nun, ich will Ihnen alles erklären. – Es gibt in der Welt ein Wesen, welches kommt, ohne daß irgend jemand weiß, woher, noch wessen Kind es ist – ein Wesen, von welchem viele Leute glauben, daß es durch die Wirkung der Sonne aus dem Schlamme hervorgebracht wurde, wie die Materialisten behaupten, daß der erste Mensch geschaffen wurde. Der, von dem ich Ihnen sage, hat in irgend einer Höhle, der von Cumä ähnlich, die Kunst studiert, die Zukunft zu erforschen und den Menschen zu schaden, und ist dadurch auf die Entdeckung des Geheimnisses gekommen, gleich den Schlangen die Haut zu wechseln, um seine Zwecke besser zu erreichen. Das setzt mich übrigens gar nicht in Verwunderung, denn die Chemie ist, wie man behauptet, eine Wissenschaft der Wunder. Auf diese Weise zeigt sich der entsetzliche Mensch unter verschiedenen Gestalten, je nach dem Lande, in welchem er sich befindet, und nach den Menschen, mit denen er in Berührung kommt. Zuweilen ist er ein Abbe, alt, gebrechlich, niedergebeugt unter der Last der Zeit, wenn er heilige Worte in die Ohren derer flüstert, die er verderben will. Dann wieder ist er ein überspannter, phlegmatischer Lord, hartnäckig in seinen Ansichten wie ein Maultier. Zu andern Zeiten wieder nennt er sich Graf und stellt sich als den vollkommensten und reichsten Kavalier der Welt dar. Im allgemeinen ist dieser Mensch unter dem Titel eines Grafen von Monte Christo bekannt.« »Ha!« rief Maestro Pastrini, indem er einen Satz machte und die Farbe wechselte. »Was ist?« fragte Benedetto. »Sollten Sie ihn etwa schon gesehen haben?« »Fahren Sie fort, Exzellenz, fahren Sie fort.« »Ganz gut. Ich sagte Ihnen also, daß der Räuber, der Fälscher, der Gotteslästerer, der Meuchelmörder, sich Graf von Monte Christo nennt,« fuhr Benedetto fort, ohne die Augen von dem Maestro Pastrini abzuwenden, dessen Physiognomie den Kampf verriet, der im Innern seiner Seele infolge des eigentümlichen Zusammentreffens zwischen dieser Schilderung und gewissen Ereignissen der Vergangenheit stattfand. »Dieser Mensch, der durch seine ungeheuren Reichtümer und die Macht, welche ihm dieselben verliehen, sich über alle andern Menschen erhaben glaubte,« fuhr Benedetto fort, »und der alles, sowie alle, mißbrauchte, wird gegenwärtig durch die irdische Gerechtigkeit verfolgt. Er hat unlängst in Paris den Namen Benedetto angenommen und sich dann Prinz von Cavalcanti genannt. Er ist dem Gefängnis entsprungen, indem er den Schließer ermordete. Dann ist er nach einem Kirchhof gegangen, welcher Kirchhof Père La Chaise genannt wird, hat dort den Aufseher getäuscht und das Grabgewölbe einer edlen Familie entweiht, indem er verschiedene Schmucksachen raubte, welche die Leichen an sich trugen. Darauf die Gestalt verändernd, ist er aus Frankreich entflohen, indem er sich aller Wahrscheinlichkeit nach gegen Italien wendete, wo er, wie viele Menschen behaupten, geheime und entsetzliche Verbindungen hat.« Maestro Pastrini war niedergeschmettert, denn in einer früheren Zeit hatte er jemand beherbergt, der sich Graf von Monte Christo nannte. Indes wagte er die Frage: »In diesem Falle, Exzellenz, muß also ein solcher Zauberer überall verfolgt werden?« »Ich hoffe, daß seine schwarze Zauberkunst ihm nichts helfen wird, um seine Wiedererkennung zu verhindern. In ganz Europa sind Menschen verteilt, welche von der französischen Regierung besoldet und wohl befähigt sind, ihn von seinem hohen Piedestal herabzustürzen.« Indem Benedetto dies sagte, machte er eine bedeutungsvolle Bewegung, als wollte er zu verstehen geben: und einer dieser Menschen bin ich. »Also, Maestro Pastrini,« fuhr er dann fort, »überlegen Sie sich die Sache, trachten Sie zu erfahren, wer Ihr Gast im ersten Stockwerk ist, und seien Sie wachsam und vorsichtig gegen ihn. – Jetzt können Sie gehen.« Der Italiener verließ zitternd und verwirrt das Zimmer, indem er beteuerte, daß er noch am heutigen Tage seinen Namen Pastrini verlieren wollte, wenn er nicht genau erforschte, was Benedetto ihm in Beziehung auf den jungen kränklichen Menschen mitgeteilt hatte, der die Zimmer in dem ersten Stock bewohnte. »O,« murmelte er zwischen den Zähnen, »es hat mir stets geschienen, daß dieser Graf von Monte Christo mit seiner griechischen Maitresse und seinem schwarzen Sklaven etwas ganz Außerordentliches an sich hätte. Die Gleichgültigkeit, mit welcher er die Verurteilten hinrichten sah – die Hitze, mit der er sprach, während sie Todesgeschrei ausstießen, und besonders die Unerschrockenheit, mit der er, wie man versichert hat, in die Höhle des Luigi Vampa, dieses tapferen Banditen, hinabstieg – Das alles ist durchaus nicht natürlich. – Ha! man mag sagen, was man will, aber die Wahrheit bleibt doch immer, daß die Gerechtigkeit Gottes vollkommen ist, und daß der Mensch, wie mächtig er auch immer sei, ihr nicht entrinnen kann!« Während Maestro Pastrini sich diesen philosophischen Betrachtungen überließ, ging Benedetto mit großen Schritten in seinem Gemache umher: rieb sich mit dem zufriedensten Wesen von der Welt die Hände und sagte: »Nun, mein Junge, das geht vortrefflich. Indem ich diesen Menschen bei Maestro Pastrini herabsetze, habe ich einen Meisterstreich ausgeführt, denn ich bin überzeugt, daß binnen kurzem ganz Rom wissen wird, was ich soeben sagte, und sogar noch viel Schlimmeres! Ueberdies gelange ich auch so dahin, zu erfahren, wer der geheimnisvolle Nachbar vom ersten Stock ist, und lenke die Blicke der Justiz von mir ab, wenn man zufällig daran denken sollte, mich hier zu verfolgen! – Oh, ich werde schon dem Drachen, der Greise, Kinder und Jungfrauen verschlungen hat, um seinen entsetzlichen Haß zu befriedigen, die Zähne ausreißen! – Edmund Dantès! – Edmund Dantès – als Du mich unter dem angenommenen Namen des Lord Wilmore aus dem Bagno von Toulon befreitest, hättest Du aus mir einen rechtschaffenen Menschen machen können; aber Du zogst es vor, mich in Dein höllisches Drama zu verwickeln und rissest mir die Larve in eben dem Augenblicke ab, als ich mich, Dir vertrauend, auf dem Gipfel des Glückes zu erblicken glaubte! – Ha, Du bedurftest eines Prinzen Cavalcanti, um einen der geheimnisvollen Pläne auszuführen, die nur Du allein kanntest, und warfst die Augen auf den armen Galeerensträfling von Toulon, der ergebungsvoll seinen Auftrag erfüllte! – Sei verflucht und tausendmal verflucht! – Eine unversöhnliche Rachgier soll Dich überall verfolgen! – Ja, überall will ich mich an Deine Schritte heften, wie der Henker an die seines Opfers. Schon empfinde ich in meinem Herzen kein Gefühl der Menschlichkeit mehr, das mich zurückhalten könnte! – Noch sind mir die Worte meines Vaters im Gedächtnis, wie er Rache gegen den grausamen, erbarmungslosen Henker rief, der bei dem Ende eines Werkes verfluchenswerter Tortur sein Opfer wohlgefällig betrachtete und durch das Echo seines satanischen Lachens seinen Geist lähmte! – Ha, eine ganze Familie zu vernichten, um Dich an einem einzigen Menschen zu rächen! Das ist zuviel. – Wo waren denn Deine Religion, Dein Gott? – Da, wo meine Religion ist, – da, wo mein Gott ist – in irgend einem verborgenen Winkel des Himmels oder der Hölle! Jetzt gibt es in meiner Seele nur noch Platz für das unersättliche Verlangen einer vollständigen Rache. Der Ehrgeiz ließ mich ehedem handeln, jetzt aber fühle ich nur noch Durst nach Deinem Blute! – Edmund Dantès, Du hast mir das Beispiel gegeben, und Du sollst eines Tages über das Werk Deiner Hände weinen!« Einige Augenblicke darauf kehrte Maestro Pastrini zurück, um den Besuch eines Menschen zu melden, der seinen Namen nicht sagen wollte. Benedetto lächelte über diese Aengstlichkeit und gab den Befehl, den geheimnisvollen Besuch einzulassen. »Gut!« sagte Maestro Pastrini, vor sich hinbrummend; »er empfängt Leute, die keinen Namen haben. Das bedeutet etwas. Der Teufel soll mich holen, wenn mein ehrenwerter Gast nicht irgend ein Agent ist, welchen die französische Regierung auf die Spur des berüchtigten Zauberers losgelassen hat.« Indem er dieses stillschweigende Selbstgespräch hielt, gab er mit der Hand dem Portier des Theaters Argentino ein Zeichen, näher zu kommen, und führte ihn in das Zimmer ein, welches Benedetto bewohnte. »Ei, weshalb verhehlen Sie denn Ihren Namen, mein lieber Baron Danglars?« fragte er so, daß er von dem Italiener gehört werden mußte, der noch horchend in der halbgeschlossenen Tür stand. »Baron!« murmelte Maestro Pastrini ganz verwundert. »O, das hat sehr viel auf sich! Ein verkleideter Baron, das ist ein Grund mehr, um über die Ereignisse dieser Nacht Betrachtungen anzustellen. – Aber fort jetzt! Ich will nicht, daß man mich im Verdacht der Neugier habe,« fügte er hinzu, indem er gedankenvoll dem Innern seines Etablissements zuschritt. Indes war der Portier des Theaters Argentino ganz verdutzt stehen geblieben, den Blick starr auf Benedetto gerichtet, den Mund weit geöffnet, als fürchte er ein Wort auszusprechen, welches demselben Gelegenheit gab, den Namen Danglars und den Titel Baron zu wiederholen. » Caro Signor ,« fuhr Benedetto fort, »mir scheint, Sie sind betäubt durch das Echo Ihres Namens und Ihres Titels.« »Habe ich Ihnen nicht wiederholt gesagt, daß ich mit dem allen nichts zu schaffen habe? Sagen Sie mir einmal aufrichtig, wären Sie wohl Ihrerseits sehr erfreut, wenn ich Sie Prinz Cavalcanti nennte?« »Das ist niemals mein Name gewesen.« »Wieso niemals?« »Ich habe nur unter demselben in einem Lustspiele des Grafen Monte Christo eine Rolle gehabt.« »Monte Christo!« rief Danglars voll Wut und Furcht zugleich und fügte dann rasch hinzu: »Es ist auch seinetwegen, daß ich jetzt keinen Namen mehr habe.« »Sie gleichen darin ganz mir.« »Wie? Sie haben ebenfalls keinen Namen? Sind Sie nicht Andrea?« »Nein, mein Herr.« »Das begreife ich nicht. Wie sind Sie denn nach Rom gelangt? Wie haben Sie sich einen Paß verschafft?« »Auf eine sehr einfache Weise, mein Lieber. Ich habe in meinem Besitz eine Relique, die ich dem Grafen Monte Christo raubte, und durch deren Hilfe ich alles erlange, was ich will. Das war das Geheimnis, welches ihn über alle andern Menschen erhob und ihm die Macht verlieh, sie zu vernichten, um sich an ihnen zu rächen.« »Was für eine Fabel erzählen Sie mir denn da? Ich hoffe, Sie werden nicht daran denken, bei mir den Glauben an einen Zauberstab oder an die Zähne der Sibylle von Cumä zu erwecken!« »Nein, keineswegs. Meine Relique ist ganz anderer Art und hat nicht das Wunderbare derer, die Sie mir da nennen, noch die Schönheit derer, die Sie vielleicht ferner nennen könnten. Sehen Sie sie nur an!« Bei diesen Worten öffnete Benedetto ein Kästchen, und Danglars taumelte bleich und erschrocken zurück, indem er voll Angst rief: »Die Hand eines Toten!« »Still, Unglückseliger!« sagte Benedetto, indem er das Kästchen wieder schloß und es vorsichtig an einen geheimen Ort stellte. »Diese Hand ist es, die mich leitet und mich zu einem bestimmten Hafen führt, den ich notwendigerweise eines Tages erreichen muß. – Sie kennen jetzt meine Relique. Verlangen Sie nun von mir, was Sie wollen.« »Was heißt das? Was wollen Sie damit sagen? Sprechen Sie im Ernst?« fragte Danglars, indem er die Augen weit aufriß. »Ich habe es Ihnen bereits gesagt!« entgegnete Benedetto, indem er sich nachlässig setzte und eine Zigarre anzündete. »O, in diesem Falle muß ich Ihnen alles erzählen, was mir begegnet ist, sonst würden Sie mich nicht verstehen.« »Sie verlieren Ihre Zeit, Herr Baron,« erwiderte Benedetto, »Ich sehe, daß Sie arm sind, und wie es mir scheint, stehen Sie auch mit Ihrer Familie nicht auf dem besten Fuße. Ich kann mir daher einen sehr deutlichen Begriff von dem machen, was Ihnen begegnet ist.« »Sie?« »Und weshalb nicht? In Paris waren Sie ein Mann, der schöne, gesellige Eigenschaften besaß. Ohne Zweifel fanden Sie in Ihren Rechnungen einige Ursachen zu Verlegenheiten, und indem Sie Ihre Kasse überschlugen, machten Sie die Entdeckung, daß Ihnen nichts Besseres zu tun blieb, als Ihrer Gattin ein melancholisches Lebewohl zu sagen, wie einige Tage zuvor Ihre Tochter, die männliche Eugenie, es dem väterlichen Hause gesagt hatte. – Das ist höchst einfach, mein Lieber.« »Sehr richtig,« erwiderte Danglars mit vollkommener Kaltblütigkeit und beispielloser Unverschämtheit; »was ich tat, würde an meiner Stelle jeder andere Mensch meines Standes ebenfalls getan haben, wenn die Umstände gleich gewesen wären. Was Sie indes nicht wissen, das ist das übrige. Ich wurde in der Nähe von Rom vollständig durch eine Räuberbande ausgeplündert, deren Hauptmann kein anderer zu sein schien, als der Graf von Monte Christo, und so bin ich denn arm wie Hiob geworden.« »Ei, mein Lieber, das sind Märchen! Edmund Dantès hatte es nicht nötig, den Straßenräuber zu machen. Er war viel zu reich, um zu diesem ehrenwerten Mittel zu greifen, sich das Eigentum anderer anzueignen. Ich bin vielmehr geneigt, zu glauben, daß er mit Ihnen eine kleine Rechnung auszugleichen hatte,« sagte Benedetto, die Augen fest auf das Gesicht des Herrn von Danglars gerichtet, als wollte er die geringste seiner Mienen erspähen. »Ich sehe, daß Sie ein eigentümlicher Mensch sind,« entgegnete dieser, »denn man möchte beinahe glauben, Sie besitzen die Gabe, die Dinge zu durchschauen, die man gern verhehlen will. Es ist in der Tat so, wie Sie sagten. Zwischen Edmund Dantès und mir war eine kleine Rechnung auszugleichen. Aber das ist nun vorbei und dagegen keine Hilfe mehr; das beste ist deshalb, davon nicht zu sprechen. – Beschäftigen wir uns also mit der Gegenwart, wenn Sie es zufrieden sind.« »Meinetwegen.« »Sollten Sie zufällig ein Geheimnis kennen, wodurch ich wieder bei meiner Tochter und bei meiner Frau zu Gnaden angenommen würde? Die eine ist aus dem Wege, einen Berg Gold auf der reichen Laufbahn einer dramatischen Künstlerin zu gewinnen; die andere besitzt eine und eine halbe Million. Sie wissen nun aber schon, daß ein Mensch wie ich, der ohne Namen und ohne Vermögen ist, eine Familie der Gattung nicht verschmähen darf.« »O, Sie sind ein gewandter Schelm, ein ausgezeichneter Spitzbube, bei meiner Seele!« rief Benedetto, indem er ein Gelächter ausstieß, bei welchem der arme Mensch erbebte, der mit seiner Ehre einen Handel treiben wollte. »Und Sie denn!« wagte er mit einem einfältigen und rohen Wesen zu antworten. »O, Sie haben vollkommen recht; auch ich bin weiter nichts, als ein unverschämter Schelm, und werde das mein ganzes übriges Lebenlang sein,« erwiderte Benedetto mit der größten Sorglosigkeit, indem er sich eine neue Zigarre anzündete und sich nachlässig auf seinem Sessel hin und her wiegte. »Das ist das einzige Mittel, um in dieser Welt zu leben, in welcher die Tugend kein ruhiges Fleckchen zu entdecken weiß, sondern irrend und suchend umhertaumelt, ohne jemand zu finden, der ihr Antwort gibt.« »In dem Punkte stimme ich Ihnen vollkommen bei; aber lassen wir die philosophischen Betrachtungen beiseite liegen und sprechen wir von dem, was interessanter ist.« »Sie wünschen sich also mit Ihrer Tochter zu vereinigen?« fragte Benedetto. »Mich mit ihr vereinigen? Nein! Denn ihre Exzentrizitäten mißfallen mir in hohem Grade. Viel besser wäre es, ein Mittel ausfindig zu machen, um mich in die Arme meiner Frau zurückzuführen. Sie ist eine vortreffliche arme Frau! – Als ich sie verließ, besaß sie anderthalb Millionen, aber sie hat einen solchen Spekulationsgeist, daß sie jetzt ihr kleines Kapital ohne Zweifel verdoppelt haben wird und wahrscheinlich an drei Millionen besitzt. Der Teufel,« fuhr er fort, indem er sich hinter dem Ohre kratzte, »drei Millionen! – Ja, drei Millionen in meinen Händen würden sich binnen drei Jahren mehr als verdoppeln, dafür stehe ich. Mein lieber Herr, ich gebe Ihnen die Versicherung, wir könnten dann uns darüber einigen –« »Was sagen Sie da?« unterbrach Benedetto ihn voll Stolz. »Es scheint mir nicht, als hätte ich schon irgend etwas von Ihnen verlangt.« »Nun?« fragte Danglars, ohne zu begreifen, was jener sagen wollte. »Herr Baron?« fragte Benedetto scharf. »Lassen Sie die Scherze! Ich habe kein Geld mehr, folglich bin ich auch nicht mehr Baron.« »Sie werden es binnen kurzer Zeit wieder werden, denn ich habe meinen Plan. Und wohin die Hand keines Sterblichen gelangt –« »Dahin gelangt die Hand Gottes.« Benedetto stieß ein höhnisches, geringschätziges Gelächter aus. »Mein Freund.« sagte er, »ich habe gesehen, wie Menschen Gott auf eine solche Weise verspotteten, daß ich mich sehr geneigt fühle, an der Existenz Gottes zu zweifeln. Ich wollte sagen, daß, wohin die Hand keines Sterblichen gelangt, die Hand eines Toten gelangen kann.« Danglars erbebte und entgegnete ängstlich: »Man muß mit den Toten keinen Scherz treiben.« »Ei, sind Sie etwa feig und abergläubisch!« »So können wir also, nichts miteinander abmachen?« »Im Gegenteil. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß wir uns vollkommen verständigen werden. Aber schwören Sie mir zuvor, daß Sie, wo Sie auch sein mögen, ohne Zögern jeden Befehl ausführen wollen, der Ihnen von mir zukommt.« »Das ist eine sehr ernste Sache.« »Bei meiner Seele, Sie könnten einen Heiligen außer sich bringen, und es fehlt nur wenig, so behandle ich Sie wie einen Schelm, der Sie sind.« »Mein Herr!« rief der Baron mit einer Bewegung, welche verriet, daß er Furcht hege. Benedetto maß ihn vom Kopf bis zu den Füßen mit einem unbeschreiblichen Uebermute. Danglars senkte die Augen zu Boden. »Nun,« fragte Benedetto, »wollen Sie, oder wollen Sie nicht? Sprechen Sie sich aus, aber entscheiden Sie sich schnell.« »Es sei; und wie lange werde ich warten müssen?« »Vierzehn Tage.« »Ah!« »Jetzt leisten Sie hier Ihren Eid der Treue und des Gehorsams.« »Wo?« »Auf die Totenhand !« erwiderte Benedetto, indem er das Kästchen öffnete, welches die Hand Villeforts enthielt. Danglars machte eine gewaltige Anstrengung, legte dann die rechte Hand auf die Relique und sprach mit erstickender Stimme und feierlichem Tone die wichtigen Worte: »Ich schwöre!« * IX. Die französischen Spione. Maestro Pastrini war klug und teilte die gewöhnliche Schwäche aller Menschen seines Standes, das heißt, er besaß eine bis auf den höchsten Grad gesteigerte Neugier. Sobald er daher den Besuch aus dem Zimmer des französischen Reisenden zurückkommen sah, rief er einen der Diener seines Hauses, zeigte ihm den geheimnisvollen Baron und befahl ihm, demselben zu folgen, bis er seine Wohnung entdeckte. Der Diener des Gastwirts, der gerieben und verschlagen war, wie alle italienischen Vagabunden, erfüllte den ihm erteilten Auftrag buchstäblich. So kam es denn, daß der arme, zu Grunde gerichtete Baron keinen Schritt tun konnte, ohne daß Maestro Pastrini noch an demselben Abend davon unterrichtet wurde. Nachdem er die Maßregel ergriffen hatte, beeilte er sich, einem Menschen, der seit drei Stunden seinem Hotel gerade gegenüber beständig in der Straße auf und nieder ging, ein Zeichen zu geben, heraufzukommen. Der Mensch bemerkte das Signal des Maestro Pastrini, hüllte sich sorgfältig in seinen Mantel, zog den breiten Rand seines Hutes über die Augen herunter, stieg die Treppe hinauf und trat dann in ein Kabinett, in welchem Maestro Pastrini sein Büreau eingerichtet hatte. Hier setzte sich der Mensch, warf den Mantel ab, nahm den Hut vom Kopf und traf Anstalt, zu warten, indem er nach dem alten Gebrauch des italienischen Volkes aus der Tasche einen Rosenkranz zog und anfing, die Perlen desselben durch die Finger gleiten zu lassen, als verrichte er seine Gebete. »Holla, Freund Peppino,« sagte Maestro Pastrini, indem er in das Kabinett trat, dessen Tür er sorgfältig verschloß. » Per la Madonna ,« rief Peppino, indem er noch immer seinen Rosenkranz in der Hand behielt. »Mein Name ist hier bekannt genug, sogar zu bekannt, als daß es zweckmäßig wäre oder gar notwendig ,« fügte er hinzu, indem er besorgte Blicke umherschweifen ließ, »daß Du ihn so mit Deiner Baßstimme ausschreist.« »Das ist wahr, das ist wahr! Aber was willst Du – ich gab einer Regung der Freude, des Vergnügens nach,« erwiderte Maestro Pastrini. »Und was ist das für ein Vergnügen? Woher kommt die Freude?« sagte Peppino. Maestro Pastrini nahm hierauf ein Wesen der Wichtigkeit und des Ernstes an, welches die Aufmerksamkeit Peppinos erregte. »Ich will es Dir sagen. Erinnerst Du Dich eines Streites, den wir hatten, als hier jener geriebene Schelm, jener Betrüger, jener verfluchte Zauberer, jener Menschenfresser wohnte, der sich Graf von Monte Christo nannte?« »Halt da, Maestro Pastrini! Wir werden uns entzweien!« entgegnete Peppino, indem er die Stirn runzelte. »Wenn Du von unserm Beschützer, von unserm Retter sprichst, dann vergiß nicht, daß Du sagen mußt, der Herr Graf von Monte Christo, wenn Du Dich nicht mit mir erzürnen willst! Hörst Du wohl? Der Herr Graf hat mir das Leben gerettet, indem er von unserm heiligen Vater, dem Papst, meine Begnadigung erlangte, als ich schon mit einem Fuße auf der Mazzolata stand! Er hat meinen Hauptmann, Luigi Vampa, beschützt, statt ihn mit seinen besten Leuten der Justiz zu überliefern, als der Zufall ihm denselben in die Hände gegeben hatte. Du mußt daher begreifen, daß weder ich, noch Luigi Vampa, noch irgend einer von unsern Kameraden, zugeben würde, einen Menschen Deiner Art ohne Achtung von dem Herrn Grafen sprechen zu hören.« »Es ist in der Tat sehr schade, daß das Kapitol aus der Mode gekommen ist, denn sonst würdest Du dort sicher einen Kranz als Redner erhalten. – Aber was kommt darauf an, ob ich so von Deinem Grafen Monte Christo spreche, wenn ich im Grunde doch zu seinen Gunsten arbeite?« »Zu seinen Gunsten?« erwiderte Peppino ironisch. »Ohne Zweifel!« entgegnete Pastrini, indem er sich in die Brust warf. »Du mußt nämlich wissen,« fuhr er fort, »daß Dein Graf die Gabe besessen hat, sich in ein solches Licht zu stellen, daß er von den Agenten der französischen Regierung verfolgt wird.« »Das mache andern weis!« sagte Peppino geringschätzig. »Er hat genug Geld, um die Nachsicht von so vielen Regierungen zu erkaufen, als es in der Welt gibt, von den Dardanellen bis zur Straße Magelhaens.« »Daran zweifle ich nicht, aber es sind seine guten und schönen Handlungen, die ihn verderben; es gibt Dinge, welche keine Regierung dulden kann!« »Was willst Du damit sagen, Maestro Pastrini? Erkläre Dich deutlicher.« »Zum Beispiel, sich damit zu unterhalten, die Menschen zu töten, Männer von ihren Frauen zu trennen, Intrigen über Intrigen anzuspinnen, alle möglichen Schlechtigkeiten zu begehen – was weiß ich? – Nun, laß hören, Peppino, findest Du das gut? Ich weiß wohl, daß ich mit einem römischen Banditen spreche, aber jedes Ding hat doch seine Grenzen. Also Du, der Du die Unverschämtheit noch nicht so weit getrieben, in ein Grabgewölbe hinabzusteigen, um die Toten zu beschimpfen und ihre ewige Ruhe zu stören, Du lebst da mit Deinem Hauptmann in den Katakomben des heiligen Sebastian, das ist wahr; aber Du hast mir hundertmal wiederholt, daß Du die Gebeine der Seligen, die dort ruhen, ehrst!« »O, bei der Madonna, gegen die Toten darf man sich keinen schlechten Spaß erlauben.« »Einverstanden,« fuhr Pastrini fort. »Du und jeder andere Bandit. Ihr könnt Euch jeden möglichen Zeitvertreib gegen einen Lebendigen erlauben, denn – das ist nur geborgt zur Rückzahlung; und dann wird Dir dafür auch Gott nach einer kleinen Buße und einem mea culpa Deine Verzeihung gewähren. Aber über die Toten zu lachen, sie zu verachten, zu verspotten – während wir doch wissen, daß sie sich nicht rächen können und daß ihre Seele dort oben oder in der Tiefe Rechenschaft zu geben hat – das ist schlecht, sehr schlecht, Peppino.« »Gewiß!« stimmte der Bandit bei. »Die Lebendigen haben nichts mit den Toten zu schaffen; sie haben gegen dieselben nur die Pflicht, sie zu beerdigen! Dann gehört die Leiche der Erde an und die Seele dem Urteile Gottes. – Aber, Pastrini,« fuhr er fort, »laß uns davon abbrechen. – Du sagst also, daß der Signor Gras Monte Christo durch die französische Regierung verfolgt wird? Ist das gewiß wahr?« »So wahr, daß er sich, um der Verfolgung der Agenten zu entgehen, gezwungen sah, seine Gestalt und seinen Namen zu ändern.« »Halt da! – Du wirst abgeschmackt!« sagte Peppino »Wie ist es denn möglich, daß ein Mensch seine Gestalt ändert?« ' »O, die Wissenschaft ist unerschöpflich,« erwiderte Pastrini. »Wie es scheint, ist sie durch den Teufel geschaffen worden, um die Menschen in Versuchung zu führen und zu verderben, und zwar in eben dem Augenblick, in welchem sie sich der Eitelkeit überlassen, zu glauben, daß ihre Wissenschaft sie ebenso stark, ebenso mächtig gemacht habe wie Gott! Dein Graf von Monte Christo ist aber einer von denen, welche diese Eitelkeit besitzen: denn seinem eigenen Urteil vertrauend, hat er richten und verdammen wollen, als ob er zugleich ein Mensch wäre und den Geist Gottes besäße. Glaubst Du nun etwa, unsere Regierung würde einen Menschen solcher Art nicht verfolgen? Nein! In diesem Augenblick haben sich die französischen Agenten gewiß schon mit unserm Ministerium verständigt, und morgen wird der berüchtigte Halbgott nicht nur in Rom, sondern durch ganz Italien verfolgt werden.« »Aber hast Du mir denn nicht gesagt, daß er seine Gestalt und seinen Namen veränderte?« fragte Peppino, welcher anfing, den Albernheiten, die der Gastwirt ihm mitteilte, einigen Glauben zu schenken. »Wie kann er denn nun aber von den französischen Agenten erkannt werden, wenn er diese Veränderung vorgenommen hat?« Maestro Pastrini lächelte wie jemand, welcher die Blindheit eines andern bei irgend einer Angelegenheit entschuldigt. »Freund Peppino,« sagte er, indem er ihn auf die Achsel schlug, »hier in meinem Hause ist einer dieser französischen Agenten und derselbe hat schon gewaltigen Argwohn gegen eine geheimnisvolle Person, die ebenfalls bei mir wohnt.« »Was sagst Du?« rief heftig Peppino. »Der Herr Graf sollte in Rom sein?« »Welcher Graf, mein Lieber? Habe ich Dir nicht schon gesagt, daß es keinen Grafen Monte Christo mehr gibt, sondern einen geheimnisvollen Zauberer, den die Gesetze verfolgen?« »Und Du glaubst an das alles?« murmelte Peppino, indem er mit ungläubigem Wesen den Kopf schüttelte, denn das Wort Zauberer erweckte bei ihm den Gedanken an die vollständigste Abgeschmacktheit. »Ob ich daran glaube!« entgegnete Pastrini. »Ich glaube daran wie an Gott. O, wenn Du nur wüßtest, wie mein Gast, der klein, schwächlich und mager ist, der nur mit schwankenden Schritten geht, der stets in einen großen Mantel eingehüllt ist und meine Begegnung sowie die aller Welt scheut – der überdies eben das Zimmer bewohnt, in welchem früher der Graf –« »Und zahlt er auch wie dieser?« fragte Peppino rasch. » Per Baccho! Nicht eine Obole weniger! Ich bediene ihn daher auch mit der größten Aufmerksamkeit, ich ehre ihn und befriedige buchstäblich alle seine Launen.« Peppino versank einen Augenblick in Träumerei; dann sagte er, als hätte er plötzlich einen Plan entworfen: »Wärst Du wohl geschickt genug, mich Deinen geheimnisvollen Gast sehen zu lassen, der das Zimmer des Herrn Grafen bewohnt?« »Ei,« fragte der Gastwirt, »weshalb denn?« »Ich wäre wohl imstande, ihn wiederzuerkennen.« »Freund,« sagte der Gastwirt mit wichtiger Miene, »verschmähe den Rat eines klugen Kopfes nicht. Sobald Dein Hauptmann Luigi Vampa in näherem Verkehr mit Monte Christo steht, verkünde ihm ohne Weilen, in welchem Grade derselbe in der Achtung Europas gesunken ist. Das könnte ihm von außerordentlichem Nutzen sein, um ihm einen überraschenden Besuch der Dame Justitia zu verhindern; denn Du weißt ebensogut wie ich, daß die Bande Luigi Vampas die Toleranz der römischen Gerichte nur dem Einflusse des Grafen verdankt; ist nun dieser Einfluß aber zerstört, so gebe ich nicht eine Perle meines Rosenkranzes für den Kopf des berüchtigten Luigi Vampa.« »Pastrini,« rief Peppino, »ich habe Dir schon gesagt, daß ich Deinen geheimnisvollen Gast sehen will, um ihm die Unterstützung Luigi Vampas anzubieten. Bedarf der Herr Graf unserer Dolche, unserer Büchsen oder unserer Tätigkeit, so könnten wir ihm auch jetzt noch zeigen, daß wir stets dieselben sind.« »Du bist hartnäckiger als ein Maultier,« erwiderte Pastrini, indem er aufstand, um eine Kerze anzuzünden. »Mein Gast empfängt niemand. Ist er in der Tat der Graf Monte Christo, so mußt Du seinen Willen ehren und Dich also nach einer andern Richtung drehen. Ich lade Dich zum Mittagessen ein; während desselben kannst Du auf einen andern Plan sinnen.« In diesem Augenblicke hörte man ein leises Geräusch an der Tür; Pastrini machte Peppino ein Zeichen des Einverständnisses, und dieser setzte sich rasch in die finsterste Ecke des Kabinetts und ließ hier seinen Rosenkranz durch die Finger gleiten. Pastrini öffnete die Tür und sah den, dessen Ankunft er vermutet hatte, das heißt den Menschen, den er beauftragte, dem vorgeblichen französischen Agenten zu folgen. Dieser Mensch stattete mit der gewissenhaftesten Treue Bericht über den Erfolg seiner Sendung ab, und empfing zum Lohn dafür die Erlaubnis, sich ein Mittagessen in der Küche des Maestro Pastrini geben zu lassen, wo sich jeden Abend eine Anzahl von verdächtigen Menschen befand, die er in der heiligen Phalanx seiner geheimen Polizei verwendete und die er unter dem Vorwand reiner Barmherzigkeit speiste. »Bei dem Blute Christi!« rief Peppino, indem er aufsprang und hastig den Mantel über die Schultern warf, sobald der Spion sich entfernt hatte. »Was hast Du denn?« fragte Pastrini, als er bemerkte, daß der Bandit sich entfernen wollte. – »Und das Essen?« »Bildest Du Dir denn etwa ein, Dummkopf, wenn Du mir so merkwürdige Geschichten über meinen Befreier erzählst, könnte Dein Essen mich zurückhalten? Nichts da! – Aus morgen! Jetzt habe ich anderen Hasen nachzurennen – dem französischen Agenten zum Beispiel.« Indem er so sprach, machte er jene Bewegung eines entschiedenen Entschlusses, deren besonderes Vorrecht die römischen Banditen haben, wenn sie irgend eine schwierige Unternehmung vor sich erblicken. Dann verließ er, ohne länger zu zögern, das Kabinett des Maestro Pastrini, um sich nach der Wohnung des armen, zu Grunde gerichteten Barons, des gegenwärtigen Portiers beim Theater Argentino, zu begeben. »Ja, ja,« murmelte Pastrini, indem er ihn sich entfernen sah, »ich sagte es ja stets, daß ein so reicher und so sonderbarer Mensch, wie dieser Graf Monte Christo, seines Titels ungeachtet, kein guter Christ sein kann. Einen stummen Nubier zum Diener zu haben! Und weshalb mußte denn sein Kammerdiener eben stumm sein? Wenn man nur erlaubte Dinge begeht, Dinge, die in den Augen der Welt nicht strafbar sind, wozu bedarf man dann eines Dieners, der nicht sprechen kann? – Und dann war auch seine Geliebte eine Griechin, die kein Wort Italienisch, noch Französisch, noch Englisch verstand! – Er unterhält Verbindungen mit den Banditen! – Das ist genug, um der Welt Stoff zum Denken und zum Schwatzen zu geben! – Was mich betrifft, so spreche ich es aus, daß ich fest überzeugt bin, dieser vorgebliche Graf ist im Grunde genommen nichts, als der geriebenste von allen vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Schurken. – Und nun fort zu dem Zimmer des andern französischen Agenten!« * X. Ueberraschung. Während das vorhergehende Gespräch zwischen Pastrini und dem Banditen Peppino stattfand, dachte Benedetto sehr ernst über das Geheimnis nach, in welches sich sein Nachbar vom ersten Stock zu hüllen schien. Dann setzte er sich rasch, als wäre er von einem plötzlichen Gedanken ergriffen worden, und machte Feder und Papier zurecht, um zu schreiben. »Ja,« sagte er, »ich muß durchaus wissen, wer mein Nachbar ist. Mein Plan ist vortrefflich, und ich sehe schon jetzt das herrlichste Resultat davon voraus.« Darauf schrieb er folgenden Brief: »Eine Person, welche Eure Exzellenz außerordentlich ehrt und schätzt, erfährt soeben, daß Eurer Exzellenz Geheimnis in Rom entdeckt ist. Eure Exzellenz mögen mir gestatten, Sie davon zu benachrichtigen, weil ich nicht möchte, daß Ihnen die geringste Unannehmlichkeit begegnete.« »Ihr sehr wohlgewogener Graf von Monte Christo.« »Ha,« murmelte Benedetto, »das ist ein vortrefflicher, wundervoller Gedanke!« Damit setzte er den berühmten Namen unter den Brief. «Dieser Mensch ist überall und von jedermann gekannt; mein geheimnisvoller Nachbar wird deshalb der Warnung, die ich ihm sende, nur um so mehr Glauben schenken. Ist es jemand, der seinen wirklichen Namen zu verbergen wünscht, in welche Verwirrung, welchen Schreck, wird er dann geraten! Findet das Gegenteil statt, so wirft er den Brief verächtlich beiseite und betrachtet dabei den edlen Herrn als einen niedrigen Intriganten.« In diesem Augenblicke erschien Maestro Pastrini, der mit allen möglichen Zeichen der lächerlichsten Unterwürfigkeit, noch bevor er eintrat, um die Erlaubnis bat, in das Zimmer zu kommen. »Nur herein,« sagte Benedetto, indem er den Brief schloß. »Hier ist das Billet, das Eure Exzellenz für das Theater Argentino befohlen haben. Es wird morgen die Oper Semiramis gegeben, in welcher die beiden jungen Damen d'Armilly zum zweiten Male debütieren.« »Gut!« »Eure Exzellenz haben mir keine weiteren Befehle zu erteilen?« »Sie haben sogleich diesen Brief an Ihren Gast im ersten Stockwerk zu übergeben.« »Wie, Eure Exzellenz! – Aber er will durchaus keine Briefe empfangen.« »Was? – Maestro Pastrini, das sind neue Ausreden – unnütze Schwierigkeiten – wenn ich befehle. Was ich will, das will ich, verstehen Sie mich wohl? Sie werden diesen Brief übergeben, das ist so mein Verlangen, und nun keine Bemerkungen weiter.« »Ich gehorche, Eure Exzellenz,« entgegnete Pastrini mit heuchlerisch demütigem Wesen, nachdem er einen Blick auf den Brief geworfen hatte, »indes erlaube ich mir, die untertänigste Bemerkung zu machen, daß ich keine Adresse sehe, und ein Brief ohne eine solche ist eine sehr seltene Sache. Wie soll ich ihm nun begreiflich machen, daß Eure Exzellenz wirklich an ihn diesen Brief richteten?« »Wahrhaftig, Maestro Pastrini, man muß eingestehen, daß Sie einen sehr harten Kopf haben! Findet sich bei Ihnen nicht irgend ein Blättchen Blei, ein Stück Pergament, kurz irgend etwas der Art, worin Sie diesen Brief hüllen können, um ihn dann zum Beispiel in die Rinde eines Puddings zu stecken?« Maestro Pastrini zuckte die Achseln und entgegnete mit einer gewissen Verlegenheit: »Das wäre ein schmachvoller Mißbrauch, der den Ruf meiner Küche gefährden könnte.« »Beruhigen Sie sich, Ihr Gast wird davon nicht sprechen, und der Ruf Ihrer Küche daher von dieser Seite nichts zu leiden haben. Wahrlich, Maestro Pastrini, Sie könnten mit Ihren Zweifeln und Ausflüchten in mir den Glauben erwecken, daß zwischen Ihnen und Ihrem geheimnisvollen Gaste ein näherer Zusammenhang besteht – Ich, der ich, wie Sie wissen, ein Student aus der Picardie bin, welcher reist, um sich in den schönen Künsten zu unterrichten, indem er die Denkmäler der Architektur des Altertums sowie der neuern Zeit, sorgfältig studiert, ich habe die Gewohnheit, Geheimnisse nicht ausstehen zu können. Verstehen Sie mich? Ueberdies erkläre ich Ihnen auch noch, daß ich Ihrem Gaste gewaltig mißtraue, oder mit andern Worten, ich hege den Argwohn, daß er in den Geheimnissen der Chemie und der Experimentalphysik sehr erfahren ist, ungerechnet noch, daß er zu den besten Architekten Europas gehört; ich bin daher auch fest entschlossen, mit ihm zu sprechen; ich will es! Gehen Sie also, Maestro Pastrini, der Zufall wird Ihnen dienen. Vielleicht finden Sie so eine gute Gelegenheit, von dem, was Sie betrifft, mit dieser Art von Unbekannten zu sprechen, der wohl fähig sein dürfte, Ihnen durch die Hilfe seiner schwarzen oder weißen, stets aber unfehlbaren Magie den Tag und die Stunde Ihres Todes voraus zu sagen.« Maestro Pastrini; der im Grunde vor Verlangen starb, mit seinem Gast aus der ersten Etage zu sprechen, fügte sich endlich in den Willen Benedettos und übernahm die Abgabe des Briefes. Kehren wir jetzt zu Peppino zurück und beobachten wir alles, was er in dem Hause des mutmaßlichen Agenten der französischen Regierung vornahm. Peppino folgte buchstäblich den Andeutungen, die er über die Wohnung des armen zu Grunde gerichteten Barons, gegenwärtigen Portiers im Theater Argentino, empfangen hatte. Er fand sie ohne Mühe und Hindernis, doch erst nachdem er sich zuvor zu seinem Bankier begeben hatte, – die römischen Banditen stehen beständig mit irgend einem rechtschaffenen Wucherer in Verbindung, den sie ihren Bankier nennen – um von ihm eine gewisse Summe Geldes zu erlangen. Als ein in seinem Geschäft als Bandit sehr erfahrener Mensch besichtigte er genau das Haus, die Tür, das Fenster; kein Ausgang entging seiner Aufmerksamkeit. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß es unmöglich sein würde, mit Gewalt einzudringen, nahm er seine Zuflucht zur List und pochte an die Tür. Einige Augenblicke darauf ließ sich die Stimme des Herrn von Danglars vernehmen, welchem Peppino antwortete: »Ich will Eurer Exzellenz nur einen Brief übergeben.« »Oho! Schon wieder jemand, der mich Exzellenz nennt,« murmelte Danglars und fügte dann laut hinzu: »Sie sagen, daß Sie einen Brief an mich haben? Von wem ist er?« »Das weiß ich selbst nicht, Exzellenz. Ich kann nur sagen, daß er aus Frankreich kommt.« »Aus Frankreich!« wiederholte Danglars mit leiser Stimme, indem er seine Stirn sich mit Schweißtropfen bedecken fühlte. »Freund,« fügte er dann laut hinzu, »das muß unbedingt ein Irrtum sein. Wer schickt den Brief?« Peppino war einige Augenblicke wegen der Antwort in Verlegenheit; indes faßte er sich bald und entgegnete: »Ein Herr, der bei Maestro Pastrini, Via del Corso, wohnt.« »Das ist dieser Andrea Cavalcanti,« dachte Danglars und öffnete die Tür. Peppino trat in das Zimmer des armen Teufels von Portier bei dem Theater Argentino, nachdem er vorsichtig die Straßentür wieder geschlossen hatte. Dann steckte er die Hand in die Brust, fuhr mit Blitzesschnelle auf den Bewohner zu und setzte ihm die scharfe Spitze eines Dolches an die Kehle. »Wenn Sie den leisesten Schrei ausstoßen, Herr Baron,« sagte er dabei, »so durchbohre ich Ihnen die Gurgel.« Die Ueberraschung des Barons war so groß, daß er für den Augenblick die Sprache verlor. Leichenblässe bedeckte sein Gesicht, und er zitterte so sehr an allen Gliedern, daß sein Anblick Mitleid einflößen mußte. »Beruhigen Sie sich, Herr Baron,« sagte Peppino mit dem gutmütigsten Wesen von der Welt; »das soll durchaus nicht heißen, daß ich die Ehre haben will, Ihnen die Kehle abzuschneiden, sondern es ist nur eine kleine Warnung, welche in das Wasser fällt, sobald Eure Exzellenz es für gut erachten, nicht zu schreien.« »Was wollen Sie von mir?« fragte Danglars, indem er eine gewaltsame Anstrengung machte, seine Furcht abzuschütteln. »Nichts ist einfacher, mein Herr,« erwiderte Peppino. »Ich weiß alles; ich kenne besser als irgend jemand den Zweck Ihrer Anwesenheit in Rom. Indes besteht dabei ein kleines Geheimnis, welches ich im Namen des Signor Luigi Vampa kennen lernen möchte, in dessen Hände Eure Exzellenz bereits die Güte hatten, die Kleinigkeit von sechs Millionen Franks zu überliefern.« »Das ist nicht übel!« sagte Danglars, der sich allmählich von seiner Ueberraschung erholte. »Sie begehen den unverzeihlichen Irrtum, das Zeitwort »rauben« mit dem Zeitwort »überliefern« zu verwechseln. – Ohne diesen Verstoß gegen die Grammatik hätten Sie sagen müssen: des Signor Luigi Vampa, dessen Hände mich meiner sechs Millionen Franks beraubten.« »Nun, wie Sie wollen, Exzellenz: wir haben so unsere eigene Grammatik und ich erkläre Ihnen, daß ich vollkommen unbußfertig in dieser Beziehung sterben werde, denn ich bin fest entschlossen, unserer Grammatik buchstäblich zu folgen, solange der gute Gott mir das Leben läßt. – Aber um wieder auf besagten Hammel zurückzukehren. Eure Exzellenz haben dieses kleine Mißgeschick durch den Herrn Grafen von Monte Christo, der auch Sindbad der Seemann genannt wird, erlitten, und wie das ganz natürlich ist, werden Sie ohne Zweifel gegen denselben darüber einen Groll bewahren. Gewiß, ich mache Eurer Exzellenz das nicht zum Verbrechen; die Meinungen sind frei, Herr Baron. Was mich betrifft, so hege ich ganz die entgegengesetzte von Ihnen, denn weit entfernt, dem Grafen zu zürnen, würde ich durch das Feuer für ihn gehen. Sie sehen also, daß wir einen ganz verschiedenen Weg verfolgen. Sie haben ohne Zweifel geschworen, die Eiche zu fällen; ich leistete den Eid, sie zu stützen. Kommen wir jetzt zum Schluß, Herr Baron. Luigi Vampa hat die Ehre, Eurer Exzellenz mit der Freimütigkeit und Redlichkeit, die ihn charakterisieren, den folgenden Handel vorzuschlagen: Eure Exzellenz nennen mir Ihre Verbündeten, Sie vereinigen dieselben in einer ganz geheimen Versammlung im Kolosseum und empfangen dagegen tausend Florins, von denen ich Ihnen schon jetzt einige aus Abschlag auszahlen kann.« Der Vorschlag des Banditen war im höchsten Grade überspannt und sonderbarer als irgend einer, den der Baron Danglars ersinnen oder erwarten konnte. Er riß die Augen groß auf und suchte sich zu überzeugen, daß er nicht das Spielwerk eines Traumes sei. Peppino begriff dies; er erhob den Arm und ließ mit der rechten Hand die Klinge seines Dolches blitzen, während er mit der Linken die Börse schüttelte, welche die Silberstücke enthielt, deren Klang in dem Herzen des Herrn von Danglars ein sehr angenehmes Gefühl erweckte. »Mein Herr,« sagte er, »ich weiß wahrlich nicht, was Sie meinen. Sie sprechen von Verbündeten; wären Sie wohl so gütig, mir zu sagen, wo ich diese habe? Wissen Sie denn nicht, daß ich für den Augenblick weiter nichts bin als Portier im Theater Argentino? Ich mache durchaus keine Handelsgeschäfte.« »Das sind Geschichten, Herr Baron. Der Augenblick, sich zu verstellen, ist schlecht gewählt. Die Münze, die Sie mir bieten, hat keinen Kurs. Wir wissen sehr gut, daß Sie ein Agent der französischen Regierung sind, und daß Sie an dem Untergange des Grafen von Monte Christo arbeiteten.« »Ich? – Ich?« rief Danglars. »Alles, was ich von diesem Menschen weiß, ist, daß er mir als eine Art von Mythe erscheint, ähnlich den Zähnen der Sibylle von Cumä.« »Sprechen Sie, Herr Baron!« »Ich habe sagen hören, der Graf von Monte Christo sei das Opfer eines beträchtlichen Diebstahls geworden, durch den seine Angelegenheiten ziemlich zerrüttet wären.« Peppino lächelte verächtlich, indem er die Achseln zuckte. »Und was soll man ihm denn gestohlen haben?« fragte er. »Nicht etwa Geld, sondern eine sehr außerordentliche Sache, einen Talisman, durch dessen Hilfe er alles erlangte, was er wünschte, und seine entsetzliche Rachgier befriedigte!« »Das machen Sie einem andern weis,« sagte Peppino. »Und was für eine Art von Talisman sollte denn das gewesen sein?« »Eine Totenhand !« erwiderte Danglars. Peppino erblaßte und zitterte. »Man sagt,« fuhr der Baron fort, »der vorgebliche Graf von Monte Christo, der solange durch seine Pracht und seine überspannten Launen die Bewunderung Europas erregte, sei in das tiefste Elend versunken, seitdem man ihm seinen Talisman raubte; das ist alles, was ich weiß.« Peppino besaß jenen Grad des Aberglaubens, der im Herzen aller Italiener der niedern Stände ruht und der sozusagen die Religion dieser schwachen Geister bildet, für welche jedes Wort der Bibel, jede Bewegung der Offizianten am Altare ebensoviel Mysterien sind, welche sie ganz einfach aus ererbter Gewohnheit verehren. Peppino, der verwegene, unerschrockene Bandit, der in seinem gewöhnlichen Geisteszustände mit der vollkommensten Gleichgiltigkeit einen Menschen niedergeschossen haben würde, in dessen Börse er einige Goldstücke vermutete, hätte nicht den Mut gehabt, nur mit der Spitze einer Nadel m den Arm einer Leiche zu stechen. Weit eher würde man ihn ehrerbietig neben dem leblosen Körper haben niederknien sehen, um ein Gebet für die Ruhe der Seele, die diesen Körper verlassen hatte, zu murmeln. Die soeben vernommene Erzählung brachte daher im Verein mit dem, was Maestro Pastrini ihm bereits gesagt hatte, auf ihn einen sehr lebhaften Eindruck hervor, der, wie wir zu sagen uns beeilen, weit entfernt war, dem Grafen von Monte Christo, welchem er gleichwohl sein Leben verdankte, günstig zu sein. Alle Gefühle der Sympathie, welche ihm dieser Mann durch seine unbegrenzte Macht und seine freie Meinung über die gesellschaftlichen Vorurteile eingeflößt hatte, erloschen augenblicklich in dem Herzen des Banditen, sobald in ihm die Ueberzeugung entsprang, die unbeschränkte Macht, welche ihm als die herrlichste Gabe dieses außerordentlichen Menschen erschienen war, gründe sich auf eine so entsetzliche Tatsache, wie die ist, eine Totenhand zu besitzen, die er ohne Zweifel mit gotteslästerlicher Verwegenheit abgeschnitten hatte, so das Geheimnis der Toten profanierend und den Frieden der Gräber störend. Wenn aber auch die Sympathie verschwand, so blieb dennoch die Dankbarkeit mit den Pflichten, die sie auferlegt, zurück, und Peppino schwur sich, das Leben des Grafen zu retten, wie der Graf das seinige gerettet hatte. »Herr Baron,« sagte er daher, »wie sonderbar auch das klingt, was Sie mir soeben erzählt haben, hebt es nicht auf, was ich Ihnen in Bezug auf Ihre Bundesgenossen gesagt habe.« »Schon wieder! – Aber wer sollen denn diese Bundesgenossen sein? – Ich sagte Ihnen schon, daß ich keine Handelsgeschäfte mache und also auch keine Associés habe.« »Lassen Sie uns keine Zeit verlieren,« entgegnete der Bandit. »Wenn Sie das verweigern, was ich von Ihnen verlange, so töte ich Sie!« »Ich schwöre Ihnen, daß Sie sich täuschen, mein Herr. Man hat Sie schlecht berichtet – ich verfolge den Grafen von Monte Christo keineswegs.« »Nun gut, ich will Ihnen glauben; aber dann sagen Sie mir, wer es ist, der diese sonderbare Reliquie oder diesen Talisman geraubt hat. Dafür gebe ich Ihnen tausend Florins.« Dieser Vorschlag mißfiel dem Herrn von Danglars keineswegs, und er war geneigt, alles zu sagen. »Darf ich auf Ihre Verschwiegenheit rechnen?« fragte er. »Ja, Exzellenz,« erwiderte Peppino. »Nun, gut denn – so zählen Sie gefälligst das Geld auf.« »Der Teufel,« sagte Peppino, indem er Danglars das Geld in die Hände zählte, »Sie haben es sehr eilig. Ueberlegen Sie wenigstens, Herr Baron, daß, wenn Euer Exzellenz nicht die strengste Wahrheit sagt, es sich um Ihr Leben handelt! – Hier ist das Geld.« »Und auch die Wahrheit!« fügte Danglars hinzu, indem er, ohne sich zu besinnen, fortfuhr: »In dem Hotel des Maestro Pastrini, im zweiten Stock, Tür Nr. 2, wohnt ein Herr, der aus Frankreich gebürtig ist und, wenn man ihm glauben darf, die dem Grafen von Monte Christo gestohlene Relique besitzt. Ich habe mit meinen eigenen Augen in einem kleinen Ebenholzkästchen, mit Beschlägen von poliertem Stahl, die Totenhand gesehen, bedeckt mit einem leichten Schleier von Gaze, und ich bemerkte an einem der Finger dieser bereits vertrockneten Hand einen goldenen Ring, auf dem ich einen eingegrabenen Namen zu unterscheiden glaubte.« Der Baron verschlang mit den Blicken das Geld, das er in den Händen hielt, ganz verwundert darüber, daß eine so kleine Anzahl von Worten ihm eine so große Menge von Florins eingetragen hatte. »Jetzt, Herr Baron, wenn Ihre Exzellenz sich die Mühe geben wollen, fortzufahren, mich über den Mann aufzuklären, welcher die Totenhand besitzt, so verspreche ich, Peppino, der Leutnant Luigi Vampas, Ihnen die Summe, welche Sie bereits empfangen haben, zu verdreifachen. Ich mache Sie aber dabei darauf aufmerksam, daß jeder Betrug unfehlbar Ihren Tod nach sich ziehen würde, wenn Sie die Wahrheit auch nur einen Augenblick verletzen.« »Aber ich schwöre Ihnen, daß ich über diesen Menschen weiter nichts weiß.« »Morgen oder übermorgen können Sie vielleicht etwas erfahren.« »O, wenn es so ist, dann sage ich nicht nein. Der Handel gilt. Aber wo finde ich Sie?« »Es ist nicht nötig, Exzellenz, Ihnen einen Ort des Zusammentreffens zu bestimmen, denn sobald Sie irgend etwas wissen, können Sie es ohne Bedenken dem Manne mitteilen, der Ihnen das Erkennungswort sagt: Treue für Vampa und Peppino.« »Aber wo treffe ich diesen Menschen?« »Ueberall,« entgegnete Peppino. »Und das Geld?« »Empfangen Sie aus seiner Hand.« Bei diesen Worten nahm der Bandit Abschied von Danglars und entfernte sich, im höchsten Grade zufrieden mit seiner Unterredung, überzeugt, daß die Habgier Danglars das beste Mittel sein würde, seine Spionage zu betreiben. In der Tat rieb sich auch Danglars, als Peppino ihn kaum verlassen hatte, vergnügt die Hände und fing, das Herz von Freude erfüllt, zu glauben an, daß das Glück, endlich müde, ihn zu verfolgen, ihm von neuem wieder lächeln würde. »Ganz gewiß,« sagte er zu sich selbst, »werde ich diesen Auftrag erfüllen. Er sagt mir zu. Es ist dabei wenig Arbeit, wenig Schwierigkeit und dennoch viel Geld zu verdienen; das ist ganz meine Sache.« Er faßte sogleich den Vorsatz, seinen Ehrenposten als Portier des Theater Argentino niederzulegen, und gewiegt durch die süßesten Träume, schlief er ruhig ein und genoß bis zum Morgen des Schlafes des Gerechten und der Unschuld! * XI. Ein unerwarteter Besuch. Als Frau von Danglars Paris verließ, geschah es mit der entschiedenen Absicht, Frankreich zu meiden: denn für eine Frau, welche seit ihrer Kindheit an die Vergnügungen, den Luxus und die Eleganz einer Hauptstadt gewöhnt war, konnte die Provinz keine Anziehungskraft üben, noch irgend ein Sympathie erwecken, ausgenommen etwa während der kurzen Zeit der Sommerfrische. Frau von Danglars konnte für sich selbst die Möglichkeit nicht zugeben, eine untätige Existenz in einer Stadt zweiten Ranges hinzuschleppen. Nachdem sie sich nach Lyon begeben hatte, blieb sie daher auch nur so lange dort, als unbedingt nötig war, um durch Debray ihr prachtvolles Hotel in Paris verkaufen zu lassen, und auf die ihm zu diesem Zwecke überschickte Vollmacht den Preis von ihm zu empfangen. Dieses Geld wurde zu den Reisekosten bestimmt. Als alle Formalitäten erfüllt waren, beeilte sie sich, Frankreich zu verlassen und nach Italien zu reisen. Endlich erschien die prachtvolle Kuppel der St. Peterskirche, voll Majestät sich an dem blauen Himmel Italiens abzeichnend, den bezauberten Blicken der Frau von Danglars, deren Herz sich voll Entzücken erweiterte, als sollte sie dort eine neue Existenz finden. Am nächsten Tage hatte Frau von Danglars sich in dem Hotel des Maestro Pastrini auf eine ganz eigentümliche Weise eingerichtet, so daß sie das Doppelte der gewöhnlichen Gäste bezahlen mußte. Diese Einrichtung sagte ihr indes vollkommen zu, solange sie nicht mit Gewißheit wußte, ob ihre Tochter und ihr Mann nicht zufällig ebenfalls in dieser Stadt wären, und welche Rollen sie hier spielten. Ihr Paß war der eines jungen Mannes aus der Familie von Servières, der kränklich war und zu seiner Zerstreuung reiste. Unter diesem Namen war sie in dem bezeichneten Hotel bekannt, welches sie nur abends verließ, um anderwärts weibliche Kleidung anzulegen und in dieser das Theater zu besuchen. Der Zufall führt zuweilen manches Zusammentreffen herbei, welches der unerbittlichste und verschlagenste Verfolger oft nicht zu bewirken vermöchte. Schon an dem zweiten Abend, an welchem sie das Theater Argentino besuchte, erblickte sich die Baronin ihrer einzigen Tochter gegenüber, die ihr Debüt hatte. – Das war, wie wir sahen, ein Blitzstrahl für sie; sie glaubte, das würde ihr Tod sein. Von dem Augenblick an faßte sie daher auch den Entschluß, nicht mehr in dem Theater zu erscheinen, in welchem ihr Stolz auf so empfindliche Weise verletzt worden war, und sie verließ ihr Zimmer nicht mehr. Sich den krampfhaften Regungen einer ohnmächtigen Wut überlassend, rief sie hier alle Hilfsquellen ihrer fruchtbaren Einbildungskraft auf, um ein Mittel ausfindig zu machen, Eugenie der von derselben gewählten Laufbahn zu entreißen. Dieses Mittel flößte ihr Dünkel ihr endlich ein. »Ich werde sie aufsuchen,« sagte sie; »ich werde zu ihr sprechen, und niedergeschmettert unter dem Gewicht der Schande, wird sie mir zu Füßen sinken, um meine Verzeihung zu erflehen.« Die stolze, große Dame täuschte sich. – Indes an dem Tage, welcher die Vorstellung Semiramis folgte oder vielmehr dem Triumphe der beiden jungen Damen d'Armilly, begab sich die Baronin Danglars zu einem alten Weibe, in deren Hause sie für eine geringe Summe ein Zimmer gemietet hatte. Hier bewirkte sie ihre Metamorphose aus einem kranken Jüngling in eine kräftige und schöne Frau, hüllte sich dann in einen Schal und stieg in einen eleganten Wagen. »Zu den Damen d'Armilly!« befahl sie dem Kutscher mit ihrem geringschätzigsten Tone. Der Wagen fuhr im Galopp davon. Die beiden Freundinnen hatten soeben das reiche Geschenk des Impressario empfangen und, einander voll Liebe mit den Armen umschlingend, weinten sie noch voll Glück und Enthusiasmus, als sie die Equipage vor ihrer Tür halten hörten, worauf auch sogleich die Glocke heftig gezogen und ein Besuch angemeldet wurde. »Wenn ich mich nicht täusche,« rief Luise aus, »so macht das die Zahl vierundzwanzig voll. Wahrlich, das wird nachgerade lästig; scheint es Dir nicht auch, meine Liebe? Vierundzwanzig Equipagen an einem einzigen Tage vor derselben Tür! Sollte man nicht glauben, es wäre hier die Wohnung eines Staatsministers, eines vornehmen Diplomaten oder eines Grafen von Monte Christo? Indes wissen alle recht gut, daß Du, Du nur allein es bist, meine sanfte, zärtliche Freundin, welche diese Masse herbeizieht.« Indem Luise so sprach, bedeckte sie ihre geliebte Eugenie mit Küssen. »O,« rief sie, »der Arsaces von gestern wird so bald nicht aus dem Andenken der Römer verschwinden, denn sie sind vollendete Kenner. Mehr als irgend jemand sonst haben sie Deine vortreffliche Methode und Dein verständiges Spiel sowie den Adel und den Ausdruck Deiner Bewegungen zu beurteilen vermocht.« »Halt, Eugenie! – Bildest Du Dir etwa ein, ich hätte mehr Eindruck gemacht als Du?« »Nein, das nicht; aber ich bin fest überzeugt, daß ich ohne Dich die so schwierige Rolle der Semiramis nicht mit derselben Wahrheit dargestellt haben würde.« »Ach Eugenie, Du machst Dir von mir eine Vorstellung, die alle Grenzen überschreitet. Deine blinde, oder wenn Du lieber willst, Deine törichte Großmut läßt Dich Dein eigenes Verdienst vergessen. Dort sind Deine Kränze; sie sind weder reicher noch zahlreicher als die meinigen, das ist wahr, aber was will das sagen? Was anders, als daß Dein Verdienst dem meinigen gleich ist, als daß das italienische Volk keinen Unterschied zwischen uns macht, daß es in seiner Unparteilichkeit unser Talent in gleicher Wagschale wiegt und uns den gleichen Lohn zuerkennt.« Eugenie antwortete nichts, aber sie schlang die Arme mit dem Ausdruck der Achtung und der Liebe um den Hals ihrer ehemaligen Lehrerin, ihrer Freundin, ihrer Gefährtin. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und eine Frau von mittlerem Alter, welche das Hauswesen der Damen d'Armilly leitete, trat ein. Kaum hatte die Haushälterin den Fuß in den Salon gesetzt, in welchem Luise und Eugenie sich befanden, als die letztere, ohne ihr Zeit zu lassen, das Wort zu nehmen, mit dem Ausdrucke der Ungeduld und einem gewissen Anfluge des Zornes rief: »Was gibt es denn, Aspasia? Ich dächte, ich hätte Ihnen empfohlen, uns niemals zu unterbrechen, wenn wir studieren wollen!« »Entschuldigen Sie mich,« entgegnete Aspasia, »aber wenn ich Sie unterbreche, so ist das nicht meine Schuld. Ich weiß wohl, daß Sie um diese Stunde nicht gestört sein wollen, doch es ist da unten eine französische Dame, welche ungeachtet aller meiner Versicherungen, daß es unmöglich sei, von Ihnen angenommen zu werden, darauf besteht, mit Ihnen zu sprechen.« »Sie besteht darauf!« wiederholte Eugenie, sehr verwundert über die Zudringlichkeit der unbekannten französischen Dame. »Nun gut, aber ich will nicht!« »Verzeih, Eugenie,« sagte Luise. Dann sich zu Aspasia wendend, fuhr sie fort: »Sie sagten, daß es eine französische Dame sei?« »Ja, Fräulein.« »Ei,« sagte Eugenie, »bildet sie sich etwa ein, diese Eigenschaft diene ihr als Paß, um zu Leuten einzudringen, die sie nicht sehen wollen, so irrt sie sich. Sie möge ihre Karte schicken, wenn sie durchaus will; das genügt. Aspasia, gehen Sie, und kommen Sie nicht wieder. Gibt sie Ihnen eine Karte, so fügen Sie dieselbe denen hinzu, welche Ihnen heute schon übergeben worden sind, und legen Sie alle auf meine Toilette. – Gehen Sie!« Eugenie sprach diesen letzteren Befehl mit einem Tone aus, welcher keine Widerrede gestattete. Die gute Aspasia wußte daher auch nichts Besseres zu tun, als unmittelbar ihren Rückzug anzutreten. Die beiden Freundinnen gingen zum Piano und begannen nach einem kurzen Vorspiel ihr berühmtes Duett aus der Semiramis zu singen. Kaum aber waren die ersten Noten von ihren Lippen gekommen, als sie zu ihrer großen Ueberraschung von neuem die Tür sich öffnen und ihre Haushälterin eintreten sahen. »O,« rief Eugenie ungeduldig aus, »auf diese Weise wird es unmöglich sein, zu studieren! Meine liebe Frau Aspasia, sollte man nicht meinen, ein böser Geist hätte Sie angehaucht, daß Sie das Gedächtnis vollkommen verloren haben? Vergaßen Sie etwa bereits den Befehl, den ich Ihnen vor einem Augenblick gab?« »Ich bitte tausendmal um Verzeihung, mein Fräulein,« antwortete Aspasia, »aber die Dame, von der ich sprach, verlangte durchaus, daß ich Ihnen ihre Karte überbringen sollte.« »Ei, das wird ja immer besser,« rief Eugenie. »Vor nicht einer halben Stunde sagte diese Dame, sie bestehe darauf , und jetzt sagt sie, daß sie durchaus verlangt . Ohne Zweifel wird sie bald mit Gewalt hier einzudringen versuchen. Ich finde die Sache ziemlich komisch!« »Zeigen Sie uns die Karte, Aspasia,« sagte Luise, indem sie die Hand ausstreckte. Aspasia trat einen Schritt vor und übergab eine elegante Karte, auf welcher in goldenen Buchstaben ein aristokratischer Damenname zu lesen war. »Wäre es möglich?« murmelte Luise, indem sie schnell die Karte Eugenie unter die Augen hielt. »Die Baronin Danglars,« sagte diese kalt. »Sie möge eintreten,« fügte sie hinzu, und zwar mit dem Tone der größten Gleichgültigkeit, indem sie der Haushälterin, welche forteilte, mit der Hand ein Zeichen gab. »Du wirst blaß?« sagte sie zu Luise. »Beruhige Dich, meine Liebe. Ich bin stark und fürchte keineswegs die Vorwürfe noch die Heftigkeit meiner Mutter. Unabhängig und frei, werde ich niemals einwilligen, die Kette, die ich zerriß, mir wieder anlegen zu lassen.« Während sie so sprach, liefen ihre Finger, wie von einer krampfhaften Regung getrieben, über die Tasten ihres Instrumentes, denen sie schnelle und gellende Töne entlockte, durch welche sie die Seufzer zu ersticken versuchte, die gegen ihren Willen ihrer Brust sich entrangen. Luise saß mit niederhängendem Kopfe da, träumerisch und nachdenklich, den Blick fest auf die verhängnisvolle Karte geheftet, die so mitten in dem Taumel des Triumphes den Frieden ihrer Seele störte. Ihr Herz klopfte mit dem ihrer Freundin um die Wette, und ein Seufzer, der einem Schluchzen glich, mischte sich von Zeit zu Zeit in die betäubenden Akkorde des Piano. Die Baronin Danglars trat ein. Sie war einfach in ein schwarzes Samtkleid gehüllt; eine mit Spitzen besetzte Pelerine bedeckte ihre Schultern. Von Natur war sie blaß, aber in diesem Augenblicke schwebte ein leichtes Rot auf ihren Wangen und ihren Lippen, welche verächtlich zusammengezogen waren, so das bittere Gefühl verkündend, welches ihr Herz erfüllte. Eugenie ging ihr langsam entgegen und verneigte sich ehrerbietig vor ihr, als wollte sie ihr die Hand küssen; aber Frau von Danglars blieb regungslos stehen, und Eugenie errötete bis in das Weiße der Augen. »Um Sie in Rom zu treffen, mein Fräulein,« sagte endlich die Baronin, »mußte ich Ihnen den Namen Eugenie d'Armilly geben. Ich habe also in diesem Augenblick Eugenie d'Armilly vor mir und Fräulein Eugenie d'Armilly wird durch keine Pflicht dazu genötigt, das von Ihnen beabsichtigte Zeichen der Achtung zu gewähren.« Indem Frau von Danglars sich so ausdrückte, schoß sie einen Seitenblick auf die Freundin ihrer Tochter, welche alles, was diese Worte für sie Verletzendes hatten, vollkommen verstanden zu haben schien und zitternd einem Opfer glich, das seinem Henker gegenübersteht. Als wollte sie dann das Schauspiel dadurch beginnen, daß sie ihrer Tochter eine Lehre gab, blickte die Baronin rings umher, wie jemand, der nach einem Stuhle sucht. »O, setzen Sie sich, gnädige Frau,« sagte lebhaft Eugenie, aber nicht rasch genug, um nicht der Baronin Zeit zu der Aeußerung zu lassen: »Ich weiß nicht, ob man bei den Künstlerinnen eben die Gewohnheiten hat wie sonst überall; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich durchaus nicht daran gewöhnt bin, stehend zu sprechen.« Bei diesen Worten, welche mit einem Tone ausgesprochen wurden, der hinlänglich bewies, daß die beiden Mädchen Gegenstände der größten Verachtung waren, wurde Eugenie leichenblaß und Luise dunkelrot. »Gnädige Frau,« entgegnete Eugenie, welcher die Geduld beinahe ausging, und die eine gewaltige Anstrengung machte, um ihren Worten einen festen Klang zu geben, »es herrschen bei den Künstlerinnen dieselben Gewohnheiten wie sonst überall und ganz besonders in Italien, wo, wie Sie wohl wissen werden, die Aristokratie der Kunst beinahe auf gleicher Stufe mit der Aristokratie der Geburt steht.« »Ei,« erwiderte die stolze Baronin mit einem gewaltig ironischen Lächeln, »ich bin vollkommen überzeugt, daß sie nicht nur auf gleicher Stufe steht, wie Sie sagten, sondern daß sie dieselbe sogar noch weit übertrifft. Ohne alle Widerrede hätte Ihre Aristokratie der Geburt Ihnen nicht eine so große, eine so allgemeine, eine so öffentliche Sympathie gewonnen. – Indessen weiß Gott allein, wie das alles gekommen ist! – O, oft, sehr oft, üben böse Ratschläge auf unerfahrene Personen einen solchen Einfluß aus, daß sie dadurch zu den ausschweifendsten Torheiten verlockt werden.« Die Baronin schleuderte aufs neue einen Seitenblick auf Luise, als wollte sie die Wirkung ihrer Worte beobachten. Eugenie zitterte vor Zorn und gekränktem Stolz; sie wollte etwas antworten, aber die Stimme ihrer Mutter schnitt ihr das Wort ab. »Eugenie,« sagte sie, »wahrscheinlich hatten Sie die Absicht, mich nach dem Zweck meines Besuches zu fragen? Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß er nicht schwer zu erraten ist. Wenn wir durch unsere Geburt einer jener Klassen der höheren Gesellschaft angehören, vor der die Menge sich neigt, können wir allen unseren Launen nicht mit derselben Leichtigkeit und derselben Sorglosigkeit folgen, wie jene Kinder niederer Familien welche in dieser Welt nichts zu verlieren und alles zu gewinnen haben. Das ist so wahr, Eugenie, daß Sie, indem Sie die künstlerische Laufbahn wählten, es für notwendig hielten, Ihren Familiennamen unter einem anderen zu verbergen, der weniger Rücksichten erfordert. Du warst nicht stark genug, meine Tochter,« fuhr sie in einem beinahe herzlichen Tone fort, »den alten Menschen ganz abzulegen; in den Augen derer aber, welche Dich kannten, bist Du dieselbe geblieben: Eugenie von Servières und Danglars. Diese Namen aber können durchaus nicht einer Sängerin angehören, wie erhaben auch der Rang sein mag, den sie auf der Bühne einnimmt: besonders wenn ich, Deine Mutter, das Recht zu haben glaube, zu verlangen –« »Verlangen, gnädige Frau?« fragte Eugenie mit unterwürfiger und zitternder Stimme und den Blick demütig zu Boden richtend. »Was soll das heißen, Eugenie?« »Ich verstehe Sie nicht, meine Mutter.« »O, das ist doch in der Tat sehr leicht. – Wenn ich den Ausdruck verlangen gebrauche, so wollte ich damit sagen: durch meine Ratschläge die törichte Verirrung meiner Tochter zu durchkreuzen. Das ist meine Pflicht, Eugenie, und wenn Du vergessen hast, was Du mir schuldig bist, so ist mir in Beziehung auf Dich nicht dasselbe begegnet.« »Meine Mutter,« flüsterte Eugenie, unter deren Augenlidern zwei große Tränen zitterten, »Sie sind gut und großmütig, deshalb habe ich stets auf Ihre Nachsicht gehofft. Glauben Sie indes nicht, daß ich jemals die edle Laufbahn aufgeben werde, die ich frei und mit vollem Bewußtsein ergriff, und, wie ich Ihnen versichern kann, ohne alle Nebengedanken gegen die glänzende Erbärmlichkeit der Etikette und die abgeschmackte Monotonie des gewöhnlichen Lebens vertauschte. Nein, als ich meinen Fluchtplan entwarf, als ich ihn mit Mut und Entschlossenheit ausführte, indem ich tausend Widerwärtigkeiten trotzte und über viele Gefahren triumphierte, geschah es nicht mit der Absicht, eines Tages in das väterliche Haus wie ein kleines Mädchen zurückzukehren, das einen begangenen Fehler bereut. Ich ehre Sie, – ich liebe Sie sehr – aber – dies freie und glorreiche Leben ist mein ganzer Ehrgeiz.« »Das genügt, Eugenie,« rief die Baronin, indem sie aufstand. »Ich weiß, wem ich Deine Verirrung zuzuschreiben habe, wem ich den Schmerz verdanke, den ich an jenem verwünschten Abend empfand! – Hätte ich beizeiten etwas so Fürchterliches ahnen können, so würde ich jetzt nicht die Schande erleben, die Mutter einer Komödiantin zu sein.« »Gnädige Frau!« »Aber ich werde es nicht lange bleiben, Eugenie,« fuhr die Baronin fort. »Du wirst mich nicht durch diesen Kummer töten wollen, nicht wahr?« »O, meine Mutter, haben Sie Mitleid! Sie wissen nicht, was es heißt, einer Künstlerin, die ihren Beruf aus natürlichem Instinkt ergriff, zu sagen: Höre auf, Künstlerin zu sein, und kehre zu den Verhältnissen eines gewöhnlichen Weibes zurück!« »Das ist stark!« rief die Baronin mit spöttischem Lachen. »Du machst Dir einen sehr hohen Begriff von Dir selbst, Eugenie. Und solltest Du denn nicht wissen, was es für eine Frau von vornehmer Geburt, für eine Frau der großen Welt, heißt, eine Tochter auf den schmutzigen Brettern eines Theaters zu haben? – Eine Tochter, die sie liebte, die sie in den Gefühlen eines edlen Stolzes erzogen hatte, für deren Ausbildung nichts vernachlässigt wurde! Eugenie, das geht über meine Kräfte! Dieser Gedanke tötet mich. Eine von uns beiden muß das Opfer bringen, hörst Du, Eugenie? Ich bin nicht hergekommen, um ein Debüt durch eine Szene der Sentimentalität zu haben; ich überlasse diese Grimassen den Schauspielerinnen, die nach Effekt haschen. Sie, die Komödiantinnen, können durch die häufigen Nachahmungen der Natur, durch die Gewalt, die sie sich antun müssen, Gefühle zu äußern, die ihre Rolle vorschreiben, schon nicht mehr den wahren Schmerz oder die wahre Freude würdigen, welche uns die Seele ergreifen.« »Meine Mutter! Meine Mutter!« rief Eugenie bebend vor Zorn und indem sie mit den Zähnen in ihr elegantes Batisttaschentuch biß. »Was soll die Heftigkeit? Hast Du mir nicht gesagt, daß Du eine Schauspielerin bist? Weshalb sollte ich nicht so zu Dir sprechen? Ich rede so zu Dir, wie zu jeder andern Deines Métiers,« erwiderte Frau von Danglars. Dann sich gegen Luise d'Armilly wendend, richtete sie das Wort unmittelbar an sie: »Fräulein Luise d'Armilly, erlauben Sie mir, Ihnen für den unvergleichlichen Eifer zu danken, den Sie angewendet haben, um meine Tochter in der Musik zu unterrichten. Die Schülerin macht in der Tat ihrer Lehrerin Ehre, und es wäre wirklich schwer, jetzt zu unterscheiden, welche die Lehrerin und welche die Schülerin ist.« Luise richtete einen flehenden Blick auf ihre Freundin, welche sogleich einen Schritt vortrat, um sich zwischen Luise und die Baronin zu stellen. »Wir sind jetzt,« sagte Eugenie, »zwei vertraute Freundinnen, zwei unzertrennliche Gefährtinnen der Arbeit, des Studiums, des Ruhmes und des Glückes. Sie, meine Mutter, die Sie, dank Ihrer Geburt, nie die Gelegenheit oder das Bedürfnis hatten, zu arbeiten oder zu studieren, um einen Namen oder Existenzmittel zu gewinnen, Sie können und werden die heilige Freundschaft nicht begreifen, die uns verbindet: aber achten Sie diese wenigstens. In den Prunksälen Ihrer Gesellschaft gibt es keine solche Freundschaft; bei dem stolzen Adel trifft man nie diese erhabene Einfachheit. Nun wohl, es ist wegen dieser, daß ich den Namen der berühmten Familie verschmähe, von der ich abstamme: es ist wegen dieser, daß ich das glänzende Vermögen, das mir gehört, verachte.« Die Baronin erbebte, indem sie diese letzten Worte hörte. »Wegen meiner Freundin,« fuhr Eugenie fort, indem sie Luise eng in ihre Arme schloß, »wegen meiner Freundin, sage ich Ihnen: Meine Mutter, ich werde stets Ihre Tochter sein; aber indem ich Ihre Tochter bin, werde ich auch stets Künstlerin bleiben.« Die Baronin erkannte, daß sie von diesem ersten Besuche nichts weiter erwarten durfte, murmelte einige unzusammenhängende Worte, welche der Zorn ihr eingab, und verließ dann heftig die Wohnung der beiden Freundinnen. Für eine Frau, wie die Baronin Danglars, die sich nicht an den Gedanken gewöhnen konnte, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen, in der sie beständig gelebt hatte; für eine Frau, so durchdrungen von allen Vorurteilen ihres Standes, die in dem Instinkt eines unsinnigen Stolzes die Mittelklassen und die Proletarier verachtete, konnte es nichts Schlimmeres geben als den von Eugenien gewählten verhängnisvollen Beruf. Der Baronin blieb weiter nichts zu tun, als Rom zu verlassen, wo ohne Zweifel sehr bald in dem nach Neuigkeiten begierigen Ameisenhaufen als willkommene Nahrung der Neugier des Publikums die Biographie der neuen Sängerinnen veröffentlicht wurde und eine der beiden d'Armillys wurde dann als Eugenie Danglars bekannt. Eine Zeitung aber ist ein Papier, welches überall hinkommt und von allen gelesen wird. In Frankreich wurde dann die Neuigkeit bald wiederholt und umhergetragen; in London wußte man sie ebenfalls in kurzer Zeit auswendig, und das unermüdliche Gerücht mußte dann, nicht auf so schönem Wege stehen bleibend, sehr bald mit seinem hundertfachen Munde durch alle Städte der zivilisierten Welt die Geschichte der berühmten Sängerin Eugenie Danglars ausposaunen, die in erhabenem Berufe Vater, Mutter, Verwandte, Familie, Ehren und Reichtümer aufgegeben hatte, um der schwierigen Laufbahn der Sontag und der Malibran zu folgen. Die Baronin fühlte sich einen Augenblick entmutigt. Sie stand im Begriff, den Kopf unter dem Verhängnis zu beugen, welches sie seit einiger Zeit zu verfolgen schien. Einem finstern Trübsinn hingegeben, ließ sie alle die Unglücksfälle, von denen sie nacheinander betroffen worden war, die Revue passieren. Die Flucht ihres Mannes; die Erscheinung des Unglücklichen, dem sie das Leben gegeben hatte; den verhängnisvollen Brief, von der Hand ihres ehemaligen Geliebten in der Stunde seines Todes geschrieben; die Ueberspanntheit ihrer Tochter Eugenie – alles schien sich zu ihrem Verderben verschworen zu haben. Indes war die Baronin nicht eine Frau, die sich so leicht durch das Verhängnis besiegen ließ. Ihr Stolz und ihre Eigenliebe empörten sich gegen diesen Gedanken und bezeichneten ihr den einzuschlagenden Weg. Sie schwur, Eugenien auf der Bahn, die sie verfolgte aufzuhalten, oder vielmehr, sie von derselben herabzureißen und beschloß, sogleich die geheimnisvolle Aufgabe zu beginnen, zu der sie alle Hilfsquellen ihres Verstandes, die ganze Feinheit, die ganze Umsicht des Weibes, aufbieten wollte. * XII. Der Brief Benedettos. Dieser Besuch der Baronin Danglars bei ihrer Tochter ging, wie der Leser nicht vergessen möge, dem Briefe voraus, den Benedetto ihr mit der falschen Unterschrift des Grafen von Monte Christo geschrieben hatte. Die Ereignisse, welche wir jetzt erzählen wollen und die auf diesen Besuch folgten, fanden daher ebenfalls vor der Absendung des erwähnten Briefes statt, dessen Resultat wir später sehen werden. Dis Baronin Danglars hatte, wie erwähnt, ein Zimmer in dem Hause einer alten Frau gemietet, bei der sie ihre Verwandlung aus einem kranken Jüngling in eine schöne und kräftige Frau vollbrachte. Frau von Danglars, welche durch ein geringes Geldopfer die Verschwiegenheit der Alten erkauft hatte, vergrößerte die Summe, um das Recht zu haben, eine geheime Unterredung von der größten Wichtigkeit von ihr zu verlangen, und das war ganz die Sache der Alten. Demzufolge berief sie die Frau zu sich, und es entspann sich nun das folgende Gespräch zwischen beiden: »Gibt es in Rom einen entschlossenen Menschen, der zu einer schwierigen, aber einträglichen Unternehmung fähig ist?« »Es gibt deren mehrere.« »Und der verständigste?« »Ich werde ihn ausfindig machen.« »Wann?« »Morgen.« »Gut. – Dieser Mensch muß das Theater besuchen, wie jemand, der an dergleichen Schauspiele gewöhnt ist.« »O, ich stehe für ihn.« »Er muß eine Art von Raub bewirken.« »Einen, zwei, drei, soviel Sie wollen.« »Und wer steht mir für seinen Gehorsam?« »Sein eigener Vorteil.« »Und für Ihre Verschwiegenheit?« »Was mir selbst für die Ihrige haftet. Sie sind zu mir gekommen, und ich habe geglaubt, Sie wären ein Mann. Dann sah ich, daß Sie eine Frau sind wie ich. Seitdem besuchen Sie mein Haus, wo Sie die Kleidung und das Aeußere wechseln, so oft es Ihnen beliebt; ich weiß nicht, wer Sie sind, und versuche auch nicht, es zu erfahren. Sind Sie eine Verbrecherin und man greift Sie, so hoffe ich, daß Sie nicht von mir sprechen werden.« Die Baronin mußte sich mit diesen Gründen begnügen und wartete bis zum folgenden Abend, wo die Alte den Mann ausfindig gemacht haben wollte, der die zu der Entführung notwendigen Eigenschaften besaß. Als der Abend angebrochen war, verließ der kranke Jüngling der Familie von Servières, vom Kopf bis zu den Füßen in seinen Mantel gehüllt, das Hotel des Maestro Pastrini und begab sich nach dem Hause der alten Sibylle, wo er gegen seine Gewohnheit nicht die Kleider wechseln und sich in die Baronin Danglars verwandeln wollte. »Nun wohl. Der Mensch?« »Ist hier.« »Was ist es für ein Mann?« »Von hohem, kräftigem Wuchs, von geprüftem Mut und großer Kühnheit; bereit, Ihnen in allen Dingen zu dienen. Eure Exzellenz bezahlen ihn gut, und das übrige bleibt dem Willen Gottes überlassen.« »Sagen Sie ihm nicht, daß ich eine Frau bin.« »Wie Sie befehlen.« »Lassen Sie den Schirm auf die Lampe herab, so daß das übrige Zimmer dunkel ist, und schicken Sie ihn mir herauf.« Die Alte gehorchte, und der vorgebliche Jüngling von Servières hüllte sich sorgfältig in die Falten seines Mantels und senkte sich in die weichen Kissen eines geräumigen Armsessels. Einige Augenblicke später ließen sich die Schritte eines Mannes vernehmen, der die Treppe heraufkam, und bald darauf erschien ein Individuum, dessen Physiognomie die Verschlagenheit des Fuchses mit dem Mute des Löwen vereinigte. Mit einem raschen Blicke prüfte er den vorgeblichen jungen Mann und erkannte, mit wem er es zu tun hatte, bevor noch die Baronin die Zeit gehabt hatte, in Beziehung auf ihn ein Gleiches zu vollbringen. Es entstanden einige Augenblicke des Schweigens, während dessen der Mann höflich seinen Hut abnahm und sich mit der Hand durch die Haare fuhr, um sie zu ordnen. »Man gibt mir die Versicherung, Sie wären bereit, einen Auftrag, der nicht ohne Schwierigkeit ist, durchzuführen?« sagte der junge Servières, indem er seine Stimme verstellte. »Ja, Exzellenz,« erwiderte das Individuum. »Selbst wenn der Auftrag in einer Entführung bestände?« Der Bandit lächelte und machte eine geringschätzige Bewegung, als hätte er etwas viel Schwierigeres erwartet. »Ganz gut,« fuhr Servières fort, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte. »Kann uns jemand hören?« »Ich bin allein,« antwortete der Bandit. »Sie besuchen häufig das Theater?« »Ich weiß alles auswendig, was Italien bietet.« »So haben Sie also ganz Italien besucht?« »Ich kenne diese Halbinsel in allen ihren Winkeln, von Reggio bis Aosta, sowohl nach der Seite des Meeres von Korsika, wie nach der des adriatischen Meeres.« »Begnügen wir uns indes für den Augenblick, von dem Theater Argentino zu sprechen.« »Ich höre.« »Kennen Sie die beiden neuen Sängerinnen?« »Wer in ganz Rom kennt die beiden d'Armilly nicht?« »Ich meine die jüngere.« »Eugenie?« »Ja. – Denken Sie sich, daß ein Mann sie leidenschaftlich liebt! Stellen Sie sich eines jener unbezwinglichen Gefühle vor, durch die man bewogen wird, die ganze Welt unter die Füße zu treten, und alle Hindernisse zu überwinden, um zu dem Besitz des geliebten Gegenstandes zu gelangen; eines jener Gefühle, welche durch die kalte Geringschätzung des geliebten Gegenstandes vergrößert und befestigt werden, und das, ähnlich dem Blitze, der die Regionen des Schnees und des Eises durchzuckt, gerade auf sein Ziel zuführt.« »Ich begreife.« »Es handelt sich um die Entführung der Eugenie d'Armilly.« »Die ist leicht.« »Wann?« »Bestimmen Sie selbst den Abend und die Stunde.« »Wie?« »Exzellenz, es ist mir gesagt worden, daß Sie gut bezahlen; ich muß Sie folglich auch gut bedienen. Ich wiederhole Ihnen daher: bestimmen Sie selbst den Abend und die Stunde, wo Sie befehlen, daß die Entführung vollbracht wird.« »Ich mache Sie aber vor allen Dingen für eine Sache verantwortlich,« sagte Servières, indem er einen Augenblick zögerte, als empfinde er Reue, so verräterisch die Freiheit Eugeniens zu gefährden. »Und das ist?« »Die vollkommenste Achtung.« »Verstanden.« »So wenig Gewalttat wie möglich.« »Sie dürfen ohne Besorgnis sein.« »Und was haftet mir für Ihren pünktlichen Gehorsam?« »Sie bezahlen mich erst nach vollbrachter Arbeit vollständig, Exzellenz, und Fräulein Eugenie soll Ihnen mit eigenem Munde sagen, ob ich die Achtung gegen sie verletzt habe, ausgenommen dadurch, daß ich mich ihrer Person bemächtigte.« »Wo treffe ich Sie?« »Kennen Sie die Katakomben des heiligen Sebastian?« »Nein,« erwiderte Servières, und fügte dann sogleich hinzu: »Aber die Mission endet damit nicht; die Entführung allein genügt noch nicht. Es ist auch unerläßlich, Eugenien nach Neapel zu bringen.« »Das übernehme ich nicht.« »So! – Nun gut! – Aber Sie werden sie doch nach dem Kloster bringen, das ich Ihnen nenne?« »Ohne Zweifel – das heißt, wenn die Tore sich vor uns öffnen.« »Das werden sie!« »Bezeichnen Sie mir jetzt den zur Ausführung bestimmten Abend.« »Der erste, an welchem die Semiramis gegeben wird, und vor dem Beginn der Vorstellung.« »Das Kloster?« »Ich werde den Namen hier morgen um die Mittagsstunde zurücklassen.« »Nun, da ich nicht die Ehre haben werde, Sie wiederzusehen, haben Sie die Güte, mir sogleich ein Handgeld zu geben.« Die Baronin hatte ihre Maßregeln getroffen; sie zog daher ihre Börse und zählte dem Banditen das verlangte Geld auf. »Gut, gut,« flüsterte sie, indem sie ihm nachsah. »In dem Kloster wird Dein überspannter Traum einer Freiheit, die mich bloßstellt, ein Ende nehmen, Eugenie! Du wirst es dort in der Einsamkeit bereuen, eines Tages Deine Mutter verlassen zu haben.« Am Abend des folgenden Tages empfing Frau von Danglars den Brief, den ihr Benedetto durch die Vermittelung des Maestro Pastrini geschrieben hatte, und der, wie man sich erinnern wird, also lautete: »Eine Person, welche Eure Exzellenz außerordentlich ehrt und schätzt, erfährt soeben, daß Eurer Exzellenz Geheimnis in Rom entdeckt ist. Eure Exzellenz mögen mir gestatten, Sie zu benachrichtigen, weil ich nicht wünsche, daß Ihnen die geringste Unannehmlichkeit begegnet. Ihr sehr wohlgewogener Graf von Monte Christo.« Wenn das Haupt der Medusa mit seinem Schlangenhaar und dem entsetzlichen Ausdrucke, welchen die Rache der Minerva ihm verleiht, plötzlich in der Luft vor den Augen der armen Baronin erschienen wäre, so hätte sie wahrlich von keinem größern Schrecken ergriffen werden können, als der war, welchen sie empfand, als sie das mit dem Namen des Grafen von Monte Christo unterzeichnete Blatt gelesen hatte. »Ist es etwa ein böser Traum?« rief sie aus. Dann las sie die Zeilen zum zweiten Male. Sie konnte sich nicht täuschen: Es war alles die Wirklichkeit! Sie hielt in ihren Händen einen Brief, in welchem man ihr sagte, daß ihr Geheimnis in Rom entdeckt sei! Aber welches Geheimnis? Auf welches andere Geheimnis konnten diese Worte Bezug haben als auf ihre beabsichtigte Entführung Eugeniens? Ja, unzweifelhaft, ganz zuverlässig spielte darauf der Graf von Monte Christo an! Und wo war dieser selbst? Von wo schrieb er ihr? Wie hatte er erfahren, daß sie, Frau von Danglars, in Rom sei? »Ach,« fügte sie mit einem bittern Lächeln hinzu, »ich vergaß, daß dieser ungewöhnliche Mensch das Vorrecht besitzt, die Wände mit seinem Blicke zu durchdringen, in der Zukunft zu lesen, die Gegenwart zu erforschen, und wenn man sich auch mit dem undurchdringlichsten Schleier des Geheimnisses umgeben zu haben glaubt! Für diesen Menschen gibt es keine Geheimnisse in der Welt! Aber wo ist er? – Ich muß ihn sehen, ich muß ihn hören! – Er ist groß, er ist mächtig, er wird mir Hilfe leisten!« Nach diesen Worten setzte sie sich schnell an ihren Schreibtisch, schrieb einige Zeilen, faltete das Papier, siegelte es und warf mit flüchtiger Hand auf die Adresse die Worte: »Sr. Exzellenz Dem Herrn Grafen von Monte Christo. Sehr eilig.« Unendlich war das Staunen des Maestro Pastrini, als er diesen Brief empfing, um ihn dem Nachbar im zweiten Stock zu übergeben und obenerwähnte Adresse las. Er stand auf dem Punkte, umzukehren, um die Bemerkung zu machen, daß dieser Herr sein Hotel nicht bewohne und sogar wahrscheinlich nicht in Rom sei: aber er erinnerte sich der Worte Benedettos und dachte, daß dieser letztere ihm das Rätsel lösen würde. Deshalb schlich er behutsam nach dem zweiten Stock hinauf und trat in das Zimmer seines Gastes. »Exzellenz,« sagte er, »ich bin entsetzlich angegriffen.« »Sind Sie soviel gelaufen?« »Nein, Exzellenz,« erwiderte Pastrini, indem er einen tiefen Seufzer ausstieß. »So sind Sie wohl die Treppe zu schnell heraufgekommen?« » Per la Madonna , ich bin ermüdet durch das Gewicht eines Briefes.« »Was bedeutet dieser Scherz, Maestro Pastrini?« »Scherz! – Scherz! Das mag wohl Euer Exzellenz so erscheinen, aber wenn ein Brief auf der Adresse einen solchen Namen trägt, wie dieser –« »Welchen Namen?« »Graf von Monte Christo!« rief Pastrini. »Geben Sie!« sagte Benedetto hastig. Und ehe noch Maestro Pastrini Zeit gehabt hatte, ein einziges Wort zu sprechen, war der Brief schon in der behenden Hand des berüchtigten Mörders. »Aber Exzellenz,« wagte der Gastwirt zu bemerken, »Sie sind ja nicht der Graf.« »Das kommt auf eins heraus; ich bin sein Sekretär.« »Sie?« entgegnete Maestro Pastrini ganz verdutzt; »Sie – sein Sekretär? Hatten Sie mir denn nicht gesagt, daß –« »Ei, mein lieber Maestro Pastrini,« unterbrach ihn Benedetto, »ich erkläre, daß ich nicht eine Stunde länger in Ihrem Hause bleibe, denn Sie sind von einer ganz unerträglichen Neugier besessen!« Maestro Pastrini, der seit einigen Tagen nichts mehr von alledem begriff, was rings um ihn her vorging, sah sich gezwungen, sich in ein kleines Kabinett, das ihm als Schreibzimmer diente, zurückzuziehen und hier die Gelegenheit abzuwarten, Peppino zu sprechen, um ihm zu verkünden, daß der Sekretär des berühmten Grafen in Rom sei. Benedetto verließ das Hotel des Maestro Pastrini, indem er sein geheimnisvolles Kästchen und einen kleinen Lederkoffer, der seine ganze Bagage enthielt, mit sich nahm, fest entschlossen, die glückliche Entdeckung, die er gemacht hatte, zu benutzen. Er begab sich nach der Wohnung des Portiers vom Theater Argentino und ließ den Hammer mit solcher Gewalt auf die Tür fallen, daß der arme zu Grunde gerichtete Baron auf seinem Stuhle drei oder vier gewaltige Sätze machte, auf die Gefahr hin, seinen Sessel dadurch zu zerbrechen. »Holla, Baron!« rief Benedetto. »Immer wieder derselbe Spaß, mein Herr! Haben Sie denn geschworen, mich bloßzustellen?« »Wenn ich Sie Baron nenne, mein Lieber, so geschieht das in der festen Ueberzeugung, daß Sie ihr Vermögen wiedergewinnen werden,« erwiderte Benedetto, indem er die Treppe hinaufstieg, seinen kleinen Koffer in eine Ecke stellte, das Kästchen aber unter dem Arm behielt. »Was soll das heißen?« fragte der Baron; »wollen Sie etwa eine Reise antreten?« »Was für eine Reise? – Ah, ich errate, weshalb Sie diese Frage an mich richten. Der kleine Koffer stört Sie wohl? – Aber wissen Sie, mein Lieber, wenn man auszieht, dann, glaube ich, hat man die Gewohnheit, sein Gepäck aus dem Hause, das man verläßt, mitzunehmen.« »Sie wechseln also die Wohnung?« »Ja.« »Aber –« »Sagen Sie einmal, mein Guter, ist hier nicht bei Ihnen ein freies Zimmer?« »Nein, meiner Treu,« sagte der Baron, dem sehr unbehaglich zu Mute wurde, da er die allzugroße Nachbarschaft des Exprinzen von Cavalcanti keineswegs wünschte, »ich habe keine frei.« »Geschichten, mein lieber Baron. – Ah, jetzt fällt mir ein, ich habe etwas zu besorgen. Haben Sie also die Güte, mir Feder, Tinte und Papier zu geben.« »Ich wiederhole Ihnen, daß ich kein Zimmer für Sie frei habe! – Sehen Sie nur selbst, wie beschränkt meine Wohnung ist.« »Ei, mein Herr, ich habe keineswegs die Absicht, einen Grundriß von Ihrem Quartier aufzunehmen; ich verlange von Ihrer Gefälligkeit weiter nichts, als Feder, Tinte und Papier.« »Sie wollen also schreiben?« »Allerdings, und zwar in Ihrem Interesse.« »Das ist eine sehr ernste Sache. Und darf man wissen, an wen?« »Weshalb nicht? An die Baronin Danglars,« erwiderte Benedetto. Der Baron zuckte, wie von einem heftigen Schlage getroffen, zusammen. »An die Baronin wollen Sie schreiben?« fragte er dann. »Was ist denn dabei so sehr zu verwundern, Herr Baron? Habe ich nicht versprochen, Sie mit den drei Millionen derselben auszusöhnen, wenn Sie Reue darüber empfinden, sie verlassen zu haben, und ihre drei Millionen , wohlverstanden? – Die Baronin ist nun aber in Rom, sie hat mir geschrieben, und ich will ihr antworten.« »Sie hat Ihnen geschrieben?« »Kennen Sie ihre Schrift?« »Sehr gut.« »Ist es diese?« Er zeigte ihm den Brief, den die Baronin an den vorgeblichen Grafen von Monte Christo gerichtet hatte. »Ha!« rief der Baron, indem er den Namen auf der Adresse las. »Die Schrift ist allerdings von ihr, aber Sie behaupten, sie hätte Ihnen geschrieben, und ich sehe hier einen Namen, der nicht der Ihrige ist.« »Er ist nicht der meinige!« sagte Benedetto, indem er lächelte und sogleich hinzufügte: »Lieber Baron, Sie vergessen meine wundertätige Relique. – A propos ! Gestatten Sie mir, mein Kästchen hierher zu stellen, aber berühren Sie es nicht; es enthält die Totenhand .« Danglars erbebte unwillkürlich. Benedetto fuhr fort: »Mein Herr, ich habe der Baronin befohlen, nach Rom zu kommen und in Paris ihr Hotel und ihr Silbergeschirr zu verkaufen. Sie hat gehorcht. Sie erwartet diesen Abend meine weitern Befehle, und ich komme, um Sie darüber zu Rate zu ziehen.« Der Ton der Ueberzeugung und Ueberredung, mit welchem Benedetto diese Worte aussprach, versetzten den armen Baron in ein solches Staunen, daß er mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen dastand. »Ich glaube zu träumen,« murmelte er. »Bin ich denn gleich der Danaë dazu bestimmt, mit einem Goldregen überströmt zu werden?« Der arme Mensch war so bezaubert, daß er sich schon einbildete, statt der Regentropfen schöne glänzende Talerstücke von den Ziegeln seines Daches herabfallen zu sehen. Die Luftspiegelung war schön, aber es war eben nur eine Luftspiegelung. »Auf, Herr Baron!« sagte Benedetto barsch; »raffen Sie sich aus diesem Zustande der Betäubung empor, die jetzt ganz ungereimt ist. Ich will der Baronin schreiben und derselben Ihren bevorstehenden Besuch anzeigen.« »Meinen? – Ich sollte sie aufsuchen? – Nimmermehr!« »Ich begreife, Sie fürchten, die Baronin möchte Ihnen Vorwürfe über Ihr unwürdiges Betragen in das Gesicht schleudern. Doch beruhigen Sie sich; ich gebe Ihnen die Versicherung, daß das nicht geschehen wird. Im Gegenteil werden Sie einen ganz vortrefflichen Empfang finden; die Baronin wird die erste sein, Sie in Ihre Arme zu schließen.« »Ei das wäre! – Das hat sie nie getan – wenigstens nicht mit freiem Willen.« »Jetzt wird sie es aber tun! Nun, lassen Sie mich schreiben!« sagte Benedetto mit gebieterischem Tone und indem er anfing, den folgenden Brief auf das Papier zu werfen: »Gnädige Frau! Leider befinde ich mich in der Lage, Ratschläge zu erteilen; indes ist meine Ansicht, daß Sie sich nicht um Dinge quälen sollen, die nicht der Mühe wert sind. Ich habe heute morgen mit dem Baron von Danglars in seinem reizenden Landhause gefrühstückt, wo er mich auf eine Menge Gegenstände von großem Werte und ausgezeichnetem Geschmack aufmerksam machte. Ich bemerkte unter andern Ihr Porträt, das auffallend ähnlich ist. Indem ich es sah, konnte ich mich nicht enthalten, vor mich hinzumurmeln: Schöne Baronin, Sie sind boshaft, aber Ihre Bosheit gefällt allen, welche Sie kennen. Teilen Sie dem Herrn Baron die glückliche Nachricht Ihrer Anwesenheit in Rom mit, und ich zweifle nicht, daß er sich beeilen wird, Ihnen morgen abend eine Ueberraschung zu bereiten. Was die Entführung betrifft, so vertrauen Sie meinem Wort; sie wird nicht stattfinden, da Sie verraten worden sind, aber der Mann wird nichts sagen, wodurch Sie kompromittiert werden könnten.« Als er geschrieben hatte, unterzeichnete er den Namen des Grafen Monte Christo, schloß den Brief und adressierte ihn an die Baronin von Danglars. »Und jetzt,« sagte er dann, »schaffen Sie mir jemand, der ihn überbringt.« »Dazu ist niemand hier, das heißt, ich habe keinen Bedienten,« erwiderte der Baron, der nicht aufgehört hatte, im Zimmer umherzugehen, während Benedetto schrieb, und der, ganz von einem einzigen Gedanken ergriffen, schon berechnete, auf welche Weise er die Millionen der Baronin geltend machen könnte, wenn er sich erst mit ihr versöhnt haben würde. »Ach, arme Baronin!« sagte Benedetto. »Während sie vor Verlangen brennt, sich mit Ihnen zu vereinigen, sind Sie hier kalt, gleichgültig, sich nur mit der unbedeutendsten Sache von der Welt beschäftigend: einen Menschen ausfindig zu machen, der diesen Brief überbringen kann! – Undankbarer! – Aber hören Sie – ein Mann klopft an die Tür – gleichviel wer es ist – der Himmel sendet ihn uns – er wird uns dienen.« Der Baron runzelte die Augenbrauen und fragte: »Wer ist da?« »Treue für – ei zum Teufel, Herr Baron, öffnen Sie nur – es gibt Dinge, die man nicht so auf der Straße oder unter dem Fenster ausschreien kann,« antwortete von außen eine Mannesstimme. »Welch ein Wunder!« rief Benedetto. »Diesmal, mein Lieber, bin ich es nicht, der Sie Baron nennt.« »Um Gottes willen, nehmen Sie Ihr Gepäck hier fort, und treten Sie in dieses Gemach – oder vielmehr – nein; es ist vielleicht besser, daß Sie sich ganz entfernen.« »Sie verlieren den Kopf, mein Herr!« Das Zeichen wurde an der Tür wiederholt. »Ach, mein Gott, mein Gott!« schrie der Baron, welcher auf glühenden Kohlen zu stehen schien. Benedetto eilte zur Tür und öffnete sie, während Danglars, der diese rasche Tat nicht hindern konnte, in die größte Verlegenheit geriet und sich beeilte, ein Gesicht anzunehmen, welches dem Ankommenden die Lage begreiflich machen konnte, in der er sich befand. * XIII. Der vorgebliche Sekretär des Grafen von Monte Christo. Dieser unerwartete Besucher war kein anderer als Peppino, welcher Maestro Pastrini hatte sagen hören, der Sekretär des Grafen von Monte Christo sei in Rom, und der nun in aller Eile zu dem Baron gelaufen kam, und von demselben einige neue Nachrichten in dieser Hinsicht einzuziehen; denn wie wir bereits erwähnten, zollten die Banditen Vampas dem Grafen eine Art von religiöser Verehrung, die sie bis zum Fanatismus trieben. Danglars befand sich jetzt in der schwierigsten Lage von der Welt und zitterte bei dem Gedanken, sich derselben nicht mit Ehren entziehen zu können. Peppino kam langsam die Treppe herauf und trat in das Zimmer: aber er geriet in einige Verlegenheit, als er sich einem Fremden gegenüber erblickte. Danglars warf ihm einen bedeutungsvollen und bittenden Blick zu, der sich etwa so übersetzen ließ: »Seien Sie vorsichtig! Stellen Sie mich nicht bloß!« Benedetto war über den Anblick Peppinos, dessen Anzug einen Menschen bezeichnete, dem man dreist den Vorschlag machen konnte, Geld zu verdienen, sehr erfreut, denn er dachte sogleich, daß er in ihm einen Boten zur Ueberbringung seines Briefes gefunden hätte. Er trat daher ohne Zögern auf ihn zu und sagte: » Amico – wäret Ihr wohl so gut, einen kleinen Auftrag zu übernehmen?« » Che cosa? « fragte Peppino, dessen Augen sich wie instinktmäßig auf ihn richteten. »Einen Brief,« erwiderte Benedetto, indem er mit stoischer Gleichgültigkeit den forschenden Blick des Banditen aushielt: »einen Brief, der noch heute in dem Hotel zur Erdkugel, Via del Corso, abgegeben werden muß.« »An wen, Signor?« Danglars machte eine hastige Bewegung, aber Benedetto antwortete ohne das geringste Zögern: »An die Baronin von Danglars. Ihr müßt ihn zu eigenen Händen in dem Hotel übergeben, wo sie die Zimmer Nr. 2, 3 und 4 im ersten Stock bewohnt, und habt nicht eher nachzulassen, als bis sie ihn annimmt.« »Ich mache nicht die geringste Schwierigkeit, hinzugehen, aber wenn man mich ausfragt, wer mich schickt?« »Dann antwortet Ihr ganz einfach: der Sekretär des Grafen von Monte Christo.« Es wäre ganz unmöglich, die tausend verschiedenen Empfindungen zu beschreiben, welche die Physiognomie des Banditen aussprach, als er diese Worte vernahm. Er trat zurück, als würde er durch ein Gefühl unbesieglicher Achtung gestoßen: aber er zitterte unwillkürlich und wurde blaß, als ob der Name, der sein Ohr getroffen hatte, in ihm eine finstere Rückerinnerung erweckte: dann sah er auf Danglars mit jenem forschenden Blicke, der ihn charakterisierte, und endlich richtete er seine Augen wieder auf Benedetto, welcher vollkommen gleichgültig blieb. »Verzeihung, Signor,« sagte er endlich. »Sie kennen den, von dem Sie sprachen?« »Den Sekretär oder den Grafen?« fragte Benedetto. »Den einen wie den andern.« »Ich kenne sie beide, denn einer von ihnen bin ich.« »So sind Sie also der Sekretär des Herrn Grafen?« »Es scheint mir, als hätte ich Euch schon genug gesagt, um in dieser Beziehung nichts weiter hinzufügen zu müssen. Ein Wort indes noch, Freund. Der Eifer, mit dem ihr diese Fragen an mich richtet, läßt mich vermuten, daß Ihr meinen Herrn kennt?« Peppino senkte den Kopf. »Ihr habt ihm vielleicht schon gedient?« »Ach,« entgegnete der Bandit, »es waren Seine Exzellenz, welche die Gnade hatte, uns zu dienen.« »Euch zu dienen? Oho! Dieses uns sagt viel, mein Freund, und erweckt in mir das Verlangen, Euch zu gelegenerer Zeit wieder zu sprechen.« »Ich stehe zu Ihrem Befehl, Signor; indes scheint es mir, als müßten Sie ein Erkennungszeichen haben.« »Ich habe es auch.« »Dann also?« »Mein lieber Baron,« sagte Benedetto zu Danglars, »erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, mich mit diesem Menschen allein zu lassen.« Der Baron ging in das anstoßende Gemach. »Ihr wißt ohne Zweifel,« sagte Benedetto, »was für eine Art von Mensch der Graf ist?« »O, er ist ein außergewöhnlicher Mensch.« »Wie man an dem Zeichen erkennen kann, welches ihm den Weg angibt, den er zu verfolgen hat, und das seine Bestimmung in der Welt dartut, durch die er glänzend wie ein Sonnenstrahl hinschreitet. – Seht!« Bei diesen Worten öffnete er das Kästchen, und der Bandit taumelte voll Entsetzen zurück, schlug die Hände vor die Augen und murmelte: »Die Hand eines Toten!« Benedetto verschloß augenblicklich wieder die berühmte Reliquie, indem er mit Freuden bemerkte, welchen Eindruck sie auf Peppino gemacht hatte. »Dies ist künftig das Losungswort.« »Welches Losungswort? – Es bestehen zwischen uns keine Worte der Art, und es hat nie ein anderes Erkennungswort gegeben als den Namen Seiner Exzellenz! – Ich verlangte von Ihnen ein Zeichen, eine Bewegung, irgend ein Wort, welches mir die Gewißheit geben sollte, daß Sie ein Abgesandter des Herrn Grafen sind. Indes glaube ich Ihnen, denn dieses sonderbare Ding , das Sie mir gezeigt haben, stimmt ganz mit der Eigentümlichkeit eines Mannes überein, der über das Leben und den Tod so erhaben zu sein scheint wie der Herr Graf.« »Jetzt ist an mir die Reihe, Euch zu fragen. Wer seid Ihr?« »Ein Mann, dem Seine Exzellenz das Leben gerettet hat, und der den Eid leistete, ihm überall und in allem zu gehorchen. Das wird genug sagen.« »Indes scheint Ihr mir einer Verbindung anzugehören, denn Ihr brauchtet vorhin das Wort uns , als Ihr das erste Mal von dem Grafen sprachet?« Peppino blickte umher, um sich zu überzeugen, daß er nicht behorcht würde, näherte sich dann Benedetto und flüsterte ihm zu: »Ich bin der Freund und der Gefährte Luigi Vampas.« »Ah, das ist ein Name, den ich seit langer Zeit kenne, weil ich ihn oft von dem Grafen und seinem Intendanten Bertuccio nennen hörte.« »Bertuccio? Den kenne ich.« »Das trifft sich übrigens vortrefflich, denn ich habe einige Instruktionen für Luigi Vampa.« »Sol – Sie haben Instruktionen für ihn? In diesem Falle können Sie ihn im Kolosseum treffen, wo er Sie erwarten wird, wenn es Ihnen so gefällig wäre.« »So sei es, und Ihr werdet mich begleiten, um mich ihm vorzustellen, denn ich kenne ihn ebensowenig, wie er mich kennt. Wir treffen uns hier übermorgen. Für jetzt überbringt diesen Brief an die Baronin Danglars. Auf Antwort brauchen Sie nicht zu warten.« Peppino verbeugte sich ehrerbietig und verließ dann das Zimmer, um sich ohne Verzug nach der Via del Corso zu begeben. »Baron! Baron!« rief Benedetto. »Ei,« sagte Danglars, indem er sich Benedetto gegenüberstellte, als wollte er ihn bewundern, »sind Sie denn der Teufel selbst?« »Ich würde es sein, wenn es sein müßte, mein Lieber – aber sagen Sie mir, wer ist der Mensch, der eben hier fortging?« »Es ist Peppino, der Leutnant von der Bande des Luigi Vampa.« Benedetto stieß einen Schrei aus. »Was gibt es?« »Nichts, Baron, nichts: ich will nur sagen, daß meine Totenhand bald an das Ziel gelangen wird, das sie sucht; denn Sie werden begreifen, daß der Tote, dem sie angehörte, auf Erden eine Sendung zu vollbringen hatte. Ja,« fuhr er voll Exaltation fort, »aus dem Grunde Deines stillen Marmorgrabes erhebt die Rache Deinen Gerechtigkeit übenden Arm vor dem Angesichte der ganzen Erde! – Mut, Mut – Du wirst an das Ziel kommen, ja, Du wirst es!« Und indem er so sprach, wie von Entzücken ergriffen, riß er aus dem Kästchen die vertrocknete Totenhand, küßte sie voll Enthusiasmus und Ehrfurcht, und große Tränen rannen dabei über seine Wangen. Danglars betrachtete ihn voll Staunen und Entsetzen, denn er begriff weder den Sinn dieser Worte noch den wahnsinnigen, überspannten Enthusiasmus Benedettos. »Herr Baron,« sagte dieser letztere, nachdem er seine kostbare Reliquie, welche Danglars einen gewaltigen Schrecken einflößte, wieder in das Kästchen verschlossen, »welche Art von Mensch ist dieser Luigi Vampa?« »O, ich habe Gründe, ihn gut zu kennen, denn wie Sie wissen, ist er es, der mich der sechs Millionen beraubte, die ich in Rom in Sicherheit bringen wollte.« »Ja, ich weiß, eben die Millionen, welche, wie Monte Christo so unverschämt behauptete, genau genommen nicht die Ihrigen waren.« »Das rührte von einem Irrtum in der Rechnung her – ich erinnere mich nicht mehr genau, wie es kam.« »Sprechen wir von Luigi Vampa.« »Er ist ein Mensch, der vor nichts zurückweicht, wenn es gilt, sein Wort zu erfüllen, und der bei dem Befehl über seine Genossen, wie es mir wenigstens schien, eine Tätigkeit und eine Entschlossenheit zeigt, denen nichts gleichkommt.« »Ist er von hohem Wuchs?« »Nein, von Mittelgröße.« »Kräftig?« »Nichts verrät bei ihm eine ungewöhnliche Stärke.« Benedetto schien durch die Antworten, welche Danglars ihm gab, sehr zufriedengestellt zu werden. Er überlegte ohne Zweifel irgend eine wichtige Unternehmung, denn zuweilen runzelte sich seine Stirn, und sein Blick nahm jenen finstern, scheuen Ausdruck an, der sich in seinem Auge zeigte, als er den Entschluß faßte, in dem Gefängnis von La Force in Paris seinen Schließer zu ermorden. »Jetzt, mein lieber Herr,« sagte Danglars, sich zu einer beinahe fabelhaften Freigebigkeit entschließend, indem er aus einem staubigen Schranke eine Flasche Lacrymä Christi nahm, welche einen der Hauptgegenstände der Pascherei in Italien bildet, »jetzt haben wir hier etwas, um uns die Kehle anzufeuchten.« »Ei, Sie sind wirklich ein unbezahlbarer Wirt – und Sie flößen mir durch Ihre Gastfreundschaft das Verlangen ein, meinen Aufenthalt bei Ihnen auszudehnen! – Zum Glück werde ich Sie jedoch nicht lange Zeit belästigen, denn es nähert sich der Augenblick Ihrer Aussöhnung mit Ihrer teuren Ehehälfte, und dann –« »O, mein Lieber, wissen Sie wohl, daß Sie ein ganz charmanter Mensch sind? Ihre Uneigennützigkeit ist wirklich wunderbar – erhaben!« Und mit einem Zuge leerte er sein Glas Wein. »Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Baron, aber was wollen Sie? Ich bin nun einmal so; ich liebe diese Art von Aufregungen. Sehen Sie, es scheint mir schon, als genösse ich im voraus des köstlichen Anblickes dieser Wiedervereinigung. Was für eine pathetische Szene wird es sein, wenn Sie die interessante Baronin wiedersehen! Kommen Sie, ich muß Sie umarmen, denn später würden Sie mich vergeblich suchen. Ich bin dann nach der Art des schönen Vogels verschwunden, welcher durch den Glanz seines Gefieders blendet und durch seinen Gesang bezaubert – jenes Vogels des Juvenal: des Phönix.« »Und wohin richten Sie Ihren Flug?« »Ich? Fragen Sie lieber den Blitz, der in dem Sturme zuckt, nach der Spitze, die er zu erreichen strebt, wenn er, die Wolken durchreißend, in die Lüfte seinen feurigen Zickzack zeichnet, unsere Blicke blendend durch seine Schnelligkeit und seine Gewalt! – Ich werde dahin gehen, wohin mich jene vertrocknete Hand leitet!« »Bei meiner Seele,« erwiderte Danglars, »machen wir ein Ende mit Ihren Geschichten. Ich empfinde nicht die geringste Neigung für das Wunderbare! Es würde Ihnen sehr schwer fallen, in mir den Glauben zu erwecken, daß der Weg Ihnen durch die ausgetrocknete Hand einer Leiche vorgezeichnet wird!« »Das kommt daher, weil Sie nicht wissen, welche Gefühle in mir diese Reliquie erweckt, welche Gedanken sie in diesem Hirn hervorruft, das durch die Leiden und durch das Fieber der Wut entzündet ist! – Ach, entschuldigen Sie mich, Herr Baron,« fuhr Benedetto fort, indem er den Ton wechselte und ironisch lächelte, – »das alles hat nichts zu bedeuten. – Sprechen wir von andern Dingen.« »Das ist es eben, was ich Ihnen sagen wollte.« »Wie ich sehe, haben Sie Verbindungen mit den Banditen des Vampa, mein lieber Baron. O beruhigen Sie sich nur, die Kutte macht nicht den Mönch. Was kommt auf die Art des Verkehrs an, der zwischen Ihnen und jenen stattfinden kann? – Das hindert Sie durchaus nicht, Baron zu sein und die drei Millionen Ihrer teuren Ehehälfte zu besitzen.« »Nein, mein Herr, Sie täuschen sich; ich unterhalte keine Verbindungen mit den Banditen. – Indessen seit dem berüchtigten Abenteuer, das Sie kennen, dem Abenteuer des Raubes, dessen Opfer ich war, kenne ich Peppino, und der Taugenichts kommt von Zeit zu Zeit zu nur, um meinen Lacrymä Christi zu kosten.« Benedetto war überzeugt, daß der Bandit, statt in dieser Absicht zu dem Portier des Theater Argentino zu kommen, vielmehr die Funktion eines Weinlieferanten bei demselben versah; indes äußerte er diese Meinung nicht. »Wie finden Sie den Wein?« fragte Danglars. »Vortrefflich –« »Aber apropos. Was den Besuch betrifft, den ich bei der Baronin machen soll – wenn Sie nämlich darauf bestehen – so müssen Sie wissen, daß ich eigentlich mit der Sache nichts zu tun habe. Ich gehe mit geschlossenen Augen hin.« »Ich werde Sie Ihnen öffnen,« erwiderte Benedetto nach kurzem Besinnen, währenddessen er zum großen Mißvergnügen des Barons vier Gläser Wein rasch hintereinander trank. »Morgen abend um sechs Uhr werden Sie sich pünktlichst an der Tür des ersten Stocks im Hotel der Erdkugel, unter Ihrem Titel als Baron von Danglars, einstellen.« »So! – Meine teure Gemahlin bewohnt also dieses Hotel?« – fragte Danglars lebhaft mit einem Tone, der Benedetto nicht entging. »Ich habe Ihnen nicht gesagt, daß sie dort wohnt, indes ist sie in dem Hotel des Maestro Pastrini abgestiegen; weiter nichts.« Der Baron seufzte, als zerstörten diese Worte einen Gedanken, den er bei der ersten Mitteilung gefaßt hatte. »Es ist gut,« sagte er gelassen. »Jetzt setzen Sie unsere Rollen gehörig fest. Ich gehe also hin und lasse mich unter meinem Titel melden. – Was dann weiter?« »Weiter? – Ei, haben Sie denn ganz den Verstand verloren? Parbleu! man wird Sie empfangen.« »Ich werde also vorgelassen – gut; aber dann?« »Nun,« rief Benedetto mit lautem Lachen, »das ist denn doch wahrlich zu stark. Zum Teufel, soll ich Ihnen denn genau alles vorschreiben, was ein Mann von Takt zu tun hat, wenn er sich seiner Frau gegenüber befindet, von der er längere Zeit getrennt war, und die ein Vermögen von drei Millionen besitzt? Ich würde mich dann in der traurigen Notwendigkeit befinden, Ihnen gerade heraus erklären zu müssen, daß Sie ein Narr sind, ein Dummkopf, ein vollständiger Kretin.« Der Baron fragte nicht weiter und leerte den Rest der Flasche. Benedetto verlangte ein Bett, stellte sein Kästchen unter das Kopfkissen und entwarf alle seine Pläne für die Möglichkeiten des folgenden Tages. * XIV. Der Raub. Begünstigt und unterstützt durch den Zufall, schien der Sohn des ehemaligen Staatsanwalts ohne Schwierigkeit alle Stufen auf der Bahn des Verbrechens durchlaufen zu sollen. Wie das Glück zuweilen die Laune zu haben scheint, einen Menschen zu seinem Günstling zu machen, ebenso heftet sich auch das Unglück an die Fersen eines andern, den es zu seinem Opfer erkoren hat, und bezeichnet mit dem Stempel der Schmach sein ganzes Leben, von seinem ersten Atemzuge bis zu seinem letzten Seufzer. Für diesen Menschen gibt es weder Gott, noch Liebe, noch Vaterland; für ihn, den Sohn des Verbrechens, ist sein Anteil an dieser Welt Verbrechen und Fluch; jenseits der irdischen Existenz erblickt er nur ewige Nacht – das Nichts! Benedetto schien einer dieser Söhne des Verhängnisses zu sein, für welche die andern Menschen keine Brüder sind, denn sie hatten ihn nie in ihrer Mitte aufgenommen, als indem sie ihm ein Lachen der Verachtung in das Gesicht schleuderten; denn sie hatten alle bürgerlichen und religiösen Bande verleugnet, durch welche er an die allgemeine Familie hätte gefesselt werden können. Benedetto war ein Paria. Wie oft haben wir uns überzeugt, daß diese Wesen, die Söhne der Vorsehung, gleich allen andern Menschen, durch die geheimnisvollen Bestimmungen der Allmacht von der Tugend ausgeschlossen sind, um durch ihre verbrecherische Verwegenheit die zu züchtigen, welche, sich selbst für die Diener Gottes haltend, die Kraft und die Macht mißbrauchen, welche dieser Gott ihnen anvertraut hatte, und die sich durch die Gewalt einer sie beherrschenden Leidenschaft fortreißen lassen. Benedetto verfolgte einen Menschen, der, wie so viele andere, seine Macht mißbraucht hatte, indem er eines der schönsten Vorrechte des Ewigen, die Barmherzigkeit, verhöhnte! – Ha, Ihr erbärmlichen Würmer der Erde, die Ihr Euch für ebenso aufgeklärt, ebenso weise haltet wie Gott, ebenso mächtig wie er! Arme Geschöpfe, die der Stolz berauscht! Steigt hinab in Euch selbst, befragt Euch, und Ihr werdet erkennen, daß der Eifer, den Ihr in Euch fühlt und den Ihr für die geheiligte Flamme der Begeisterung haltet, nichts weiter ist, als das übertriebene Verlangen einer irdischen Leidenschaft, die Euch beherrscht, Euch verlockt, Euch fortreißt! – Ihr schmäht dann durch Eure Torheit die unendliche Gerechtigkeit und die unaussprechliche Güte des Schöpfers! Ihr verbreitet rings um Euch her Zwist, Tod und Märtyrertum, gleich einem Samen des Fluches, und Ihr wagt zu behaupten, es sei die unendliche und erhabene Gerechtigkeit eines allmächtigen Gottes, die Euch begeistert! – Hinweg mit Euch! So kann der Mensch, der sich rühmen darf, der Gerechteste auf der Erde zu sein, einen der größten Fehler der Menschheit besitzen: die Eitelkeit! Nachdem die Baronin Danglars den Brief empfangen hatte, den ihr der vorgebliche Graf von Monte Christo durch die Hand seines Sekretärs geschickt, glaubte sie fest, der Graf sei in Rom, und er beabsichtige infolge einer jener zahlreichen Launen, die man an ihm kannte, ihre Gunst zu erlangen, ehe er sich selbst ihr zeigte. Nachdem sie gezittert hatte, als er durch seinen ersten Brief ihr erklärte, ihr Geheimnis in Rom sei entdeckt, gewann sie ihre vollkommene geistige Ruhe wieder, als er durch seinen zweiten Brief die bestimmte Versicherung gab, ihr Name würde durch den überspannten Plan einer Entführung Eugeniens nicht kompromittiert werden. Demzufolge dachte sie reiflich über die Zweckmäßigkeit nach, sich wieder mit ihrem Manne zu vereinigen, dessen Vermögen ihr auf gutem Fuße zu stehen schien, weil der arglistige Benedetto nicht versäumt hatte, in seinem zweiten Briefe die noch in ihren Ohren tönenden Worte einfließen zu lassen: »Ich frühstückte heute beim Baron Danglars in seinem reizenden Landhause, wo ich mehrere Gegenstände von großem Werte und ausgezeichnetem Geschmack bemerkte.« Diese Worte wurden von der Frau von Danglars vier ganze Stunden lang ausführlich studiert, analysiert und kommentiert. Es war ganz offenbar, daß der Baron sehr reich sein mußte, wenn er ein reizendes Landhaus und Gegenstände von großem Werte und ausgezeichnetem Geschmack besaß, welche die Aufmerksamkeit eines Mannes wie der Graf von Monte Christo, auf sich gezogen hatten; in diesem Falle fand es die schöne Baronin, welche auch ihre Schwäche besaß, gar nicht so übel, nach einer kleinen Strafpredigt das Vergangene zu vergessen, um sich mit dem wieder zu vereinigen, der noch nicht aufgehört hatte, ihr Gatte zu sein. Als diese Ansicht einmal bei ihr feststand, begann die Zukunft sich vor ihr in einem nebelhaften Lichte zu zeigen. Sie erschien gleich einer jener Operndekorationen, die sich allmählich entrollen und uns ein ganz neues Paradies zeigen. Sie gewahrte London; aber sie erblickte es nicht finster und traurig, wie es ist, sondern strahlend in Vergnügungen, Luxus und Pracht, wie es in der Tat für die wird, welche das Glück auf eine Stufe gestellt hat, die ihnen gestattet, die Luft der ausgezeichneten Gesellschaft zu atmen. Die Gesetze der Etikette, welche diese Gesellschaft beherrschen, sind etwas strenger als in jedem andern Lande. Tadel und Vorwürfe verfolgen jede fremde Dame, die sich nicht in einer bestimmt bezeichneten Stellung präsentieren kann, und dies war der Grund, weshalb Frau von Danglars nicht nach London ging, als sie Paris verließ. Sie fürchtete drei Fragen nach ihren Verhältnissen, und noch mehr als diese Fragen, drei Antworten, nach denen die Neugier notwendigerweise Tag und Nacht gesucht haben würde: War sie verheiratet? War sie Witwe? War sie unverheiratet? Die Fragen und die Antworten waren aber nicht der Art, daß man sie in zahlreicher Gesellschaft aufwerfen konnte. Frau von Danglars kannte sehr gut das Gesetzbuch der Welt und der Gesellschaft in den verschiedenen Ländern; deshalb zog sie es vor, sich nach Rom zu begeben, wo jedermann seinem Geschmacke lebt und wo sie, wie wir gesehen haben, geneigt war, sich wieder mit dem Baron Danglars zu vereinigen, nachdem sie durch eine Art von Scheidung beinahe zwei Jahre von demselben getrennt gewesen war. Um vier Uhr nachmittags an dem Tage, welcher auf die Nacht folgte, deren Ereignisse wir in dem vorhergehenden Kapitel erzählten, hatte der geheimnisvolle Jüngling von Servières, der im ersten Stock des Hotels zur Erdkugel, Via del Corso, wohnte, sein Mittagsmahl beendet und war verschwunden, um einer stolzen, aristokratisch bleichen, mit Eleganz und Reichtum gekleideten Dame Platz zu machen, einer Dame, welche keine andere war als die interessante Baronin Danglars. Maestro Pastrini wußte nichts von dieser Metamorphose, und zwar aus dem sehr natürlichen Grunde, weil er bei der Servierung des Mittagessens das Speisezimmer stets leer fand, und wenn er die Tafel wieder abdeckte, ebenfalls keine lebende Seele erblickte. Er war an diesen Umstand so sehr gewöhnt, daß es ihm nicht einmal in den Sinn kam, sich nach seinem Gaste umzusehen, der übrigens sehr gut, und ohne irgend eine Bemerkung, bezahlte, und deshalb das vollkommenste Recht auf alle Rücksichten der Verschwiegenheit und Bescheidenheit hatte. Ungeachtet der sonderbaren Gerüchte, welche bereits in Beziehung auf den jungen Servières in Umlauf zu kommen begannen, beschränkte daher Maestro Pastrini sich darauf, zu sagen, die Zeit würde schon das ganze Geheimnis aufklären. Frau von Danglars erwartete daher den Besuch ihres Gatten, der ihr durch den Grafen von Monte Christo gemeldet worden war, als sie plötzlich die Stimme des Maestro Pastrini vernahm, der ihr durch die halbgeöffnete Tür ihres Zimmers zurief: »Signor! Signor!« » Che cosa ?« fragte Frau von Danglars mit einer so tiefen Stimme, als es ihr möglich war, und indem sie ihrer Aussprache den italienischen Dialekt zu geben versuchte. »Erlauben Sie?« »Treten Sie ein.« Maestro Pastrini, der beständig dieselbe Frage getan hatte und darauf regelmäßig eine verneinende Antwort empfing, sah jetzt die Schranke niedergerissen, die sich bisher in dieser Beziehung seiner Neugier entgegengestellt hatte, öffnete schnell die Tür, trat hinein und ließ seinen Blick argwöhnisch und verwundert im Zimmer umherschweifen. »Bei dem Blute Christi!« murmelte er in sich hinein, indem er die Frau von Danglars erblickte, »der junge Herr von Servières hat dort in seinem Zimmer recht schöne Spielsachen, um sich die Langeweile zu vertreiben! – Das ist vielleicht eines der Reizmittel, deren er bedarf, um seine Apathie zu bannen.« »Was soll es, Maestro Pastrini? Was wollen Sie?« fragte die Baronin. »Signora,« sagte Pastrini, indem er die Augen weit aufriß, »ich wollte – ich suchte –« Doch Frau von Danglars unterbrach ihn, indem sie sagte: »Ich verstehe. Herr von Servières ist ausgegangen; wenn Sie indes irgend einen Besuch zu melden haben, so dürfen Sie es tun.« »Sollte das vielleicht ein Werk der Zauberei sein?« dachte Pastrini. »Die Stimme dieser Dame gleicht zum Verwechseln der des jungen Herrn von Servières.« »Nun! Sprechen Sie!« »Sehen Sie diese Karte.« Damit überreichte Pastrini eine elegante Visitenkarte, indem er den Arm soweit wie möglich vorstreckte, um sich der Frau von Danglars nicht zu nähern. Die Baronin nahm die Karte und las: »Der Sekretär des Grafen von Monte Christo.« – Sie machte eine Bewegung der Ueberraschung und gab dann mit der Hand dem Maestro Pastrini ein Zeichen. Er entfernte sich sogleich, um ihrem Winke zu gehorchen. Während sich der Auftritt zutrug, stand in der Vorhalle des Hotels ein Mensch, der auf jemand zu warten schien. Peppino, der beständig hier umherschweifte, um Neuigkeiten auszuwittern, sah diesen Menschen, zog sogleich den Hut über die Stirn und stellte sich demselben in den Weg, den Kopf tief auf die Brust gesenkt. »Signor,« murmelte er mit leiser Stimme, als Benedetto an ihm vorbeiging. »Ihr seid es, Peppino? Was wollt Ihr?« »Ihre Befehle empfangen.« Benedetto tat noch einige Schritte, ohne zu antworten, kehrte dann um und blieb vor dem Banditen stehen. »Für den Dienst des Herrn Grafen,« sagte er, »einen Wagen binnen hier und einer halben Stunde – in einer geringen Entfernung vom Hotel. Es ist nicht nötig, Euch zu empfehlen, daß der Kutscher verschwiegen sein muß.« »Als ob er taubstumm wäre,« entgegnete Peppino. »Ei, ich weiß schon, wie Se. Exzellenz bedient zu werden lieben!« »Einen Augenblick noch!« sagte Benedetto. »Kennt Ihr vielleicht einen Schiffskapitän?« Peppino lächelte pfiffig. »Ich weiß wohl, daß ihr hundert kennt,« sagte ungeduldig Benedetto. »Se. Exzellenz hat mir, von Euch sprechend, Euch als einen beinahe zu allem tüchtigen Menschen geschildert. Also – er bedarf eines kleinen Luggers oder einer Yacht, eines Schnellseglers nach –« »Nach der Insel Monte Christo, darauf möchte ich wetten!« fiel Peppino ihm mit einem Ausdrucke des Triumphes in das Wort. Benedetto runzelte die Stirn und sagte sogleich mit dem Tone eines Menschen, der den, mit welchem er spricht, genau kennt: »Ihr saget die Wahrheit.« »Beruhigen Sie sich, Signor. Ich kenne in dem Hafen einige Leute, die sich nicht lange besinnen werden, Eure Exzellenz zu bedienen. Im Gegenteil werden sie die Ehre, die Sie Ihnen erweisen, vollkommen anzuerkennen wissen.« »Ihr seid ein verständiger Mensch; es wird daher genügen, nur noch hinzuzufügen, daß das Fahrzeug von morgen an bereit sein muß, bei dem ersten Zeichen unter Segel zu gehen.« »Ich verstehe, Signor; ich mache mich sogleich an das Werk und werde Ihnen diesen Abend noch den Namen des Kapitäns nennen.« »Wo?« fragte Benedetto mit einem Lächeln, welches sagen zu wollen schien: »Ihr wißt ja nicht, wo Ihr es mir sagen könnt.« Darauf verneigte Peppino sich zum Zeichen, daß er die Nennung des Ortes erwarte. Benedetto trat zu ihm heran und flüsterte ihm zwei Worte in das Ohr. Peppino schoß davon wie ein Pfeil. Maestro Pastrini trat ein. » Per la Madonna! « rief der Italiener, indem er seine Pelzmütze zwischen den Händen drehte, »ich erkläre Ihnen,« sagte er dann, »daß ich soeben sah, und zwar mit eigenen Augen, was man so sehen nennen kann, wie der junge Herr von Servières, nach dem Sie sich erkundigten, sich in eine Frau verwandelt hat.« »Sie sind kurzsichtig, Maestro Pastrini,« antwortete Benedetto mit einer geringschätzigen Bewegung. »Ich schwöre Ihnen, Signor, daß Sie ebenso verwundert sein würden, wie ich –« »Lassen Sie das. Sie sind in der Tat furchtbar langweilig,« entgegnete Benedetto, indem er an ihm vorüberging, um sich nach dem Zimmer der Frau von Danglars zu begeben, welche, auf die koketteste Weise von der Welt auf einen Diwan hingestreckt, den Sekretär des Grafen von Monte Christo erwartete, indem sie zu seinem Empfange ihr liebenswürdigstes Lächeln angelegt hatte. Benedetto trat ohne allen Zwang ein und schloß dann vorsichtig die Tür hinter sich. Darauf verneigte er sich zum Zeichen der vollkommensten Achtung vor der Baronin. »Ich habe die Ehre, der Frau Baronin von Danglars meine Huldigungen darzubringen,« sagte er. »Jesus,« rief sie, während ihre schönen Augen sich mit verzweiflungsvoller Starrheit auf die nur allzubekannten Züge des vorgeblichen Sekretärs richteten, auf dessen Lippen das spottsüchtige Lächeln stereotyp war. Die Baronin blieb einige Augenblicke regungslos wie eine Bildsäule, noch blässer wie gewöhnlich, den Blick auf den Menschen geheftet, den das Verhängnis ihr auf ihrem Wege entgegengeführt zu haben schien, um sie zu martern. »Frau Baronin,« sagte Benedetto, indem er sich stellte, als bemerkte er die Ueberraschung oder vielmehr das Entsetzen der Dame nicht, »es ist schon lange her, seit ich das Vergnügen hatte, Ihnen meine Huldigungen darzubringen. Darf ich nach dem Zustande Ihrer Gesundheit fragen?« »Verzeihen Sie, mein Herr,« stammelte die Baronin mühsam hervor – »man hatte mir eine andere Person gemeldet – deshalb konnte ich mich einer gewissen Ueberraschung – einer gewissen Verwirrung, nicht erwehren.« »Nein, gnädige Frau, die Person, welche man Ihnen meldete, bin ich.« »Wie? Sie sind der Sekretär des Grafen von Monte Christo?« fragte sie. »Vielleicht,« erwiderte Benedetto. »Sie sind ja aber Herr Andrea Cavalcanti, –« fuhr die Baronin fort, indem sie leichenblaß wurde. »Ja, ich bin, wie Sie es sagen, Andrea Cavalcanti,« erwiderte Benedetto keck, indem er voll Unwillen sah, wie die Baronin sich das Gesicht mit den Händen verhüllte. »Ich bin eben jener Andrea Cavalcanti, der auf dem Punkte stand, sich mit Ihrer Tochter Eugenie Danglars zu vermählen, welche an eben dem Abend entfloh, an welchem der Heiratskontrakt unterzeichnet werden sollte, was aber durch die Ankunft des Polizeikommissars unterbrochen wurde, welcher erschien, Andrea Cavalcanti zu verhaften, weil er aus dem Bagno von Toulon entsprungen war.« »Dann – mein Herr –« sagte die Baronin nach kurzem Schweigen, »hoffe ich, daß Sie den Irrtum des Polizeikommissars hinlänglich aufgeklärt haben?« »Das war nicht möglich, gnädige Frau, denn ich bin in der Tat aus dem Bagno entsprungen,« antwortete er mit einer unglaublichen Frechheit. »Uebrigens hatte ich einen Menschen an der Tür des Palastes ermordet, den der Graf von Monte Christo in den Champs élysées in Paris bewohnte. Eben wegen dieses Mordes verfolgte man mich. Ich sollte guillotiniert werden.« »Aber dann begreife ich Sie nicht, mein Herr!« »Daran zweifle ich nicht, Frau Baronin.« »Indes was wollen Sie denn von mir?« fragte sie mit sichtlicher Verlegenheit. »Ich will Ihnen nur wiederholen, was ich bereits die Ehre hatte, Ihnen schriftlich zu sagen, nämlich, daß der Herr Baron von Danglars noch heute zu Ihnen kommen wird.« »O mein Gott!« rief die Baronin, indem sie aufstand, wie getrieben durch eine geheime Ahnung. »Gestehen Sie mir offen, Sie sind nicht der Sekretär des Grafen von Monte Christo.« »Und weshalb denn nicht?« »O,« fuhr sie mit finsterer Ueberspanntheit fort, »weil der Graf zu seinem vertrauten Sekretär nicht einen Menschen nehmen würde, der dem Bagno entsprungen und des Mordes angeklagt ist; – durch ihn selbst im Angesicht einer zahlreichen Gesellschaft an jenem fürchterlichen Abend entlarvt – o mein Gott, welches Verhängnis lastet auf mir! – Benedetto, welches Verhängnis lastet gleichfalls auch auf Ihnen!« »Benedetto!« rief er. «Woher wissen Sie, daß ich Benedetto heiße?« »Woher ich es weiß? – Das begreife ich selbst kaum, mein Herr; nein, ich weiß nicht mehr, auf welche Art ich es erfahren habe. Aber Sie heißen Benedetto und Sie haben viel gelitten, nicht wahr?« »Frau Baronin, die Unruhe, in der ich Sie erblicke, ist sehr sonderbar! Was kümmert es Sie, ob ich gelitten habe? Weshalb sprechen Sie zu mir von diesen Leiden? Hat nur der Zufall allein Sie dazu vermocht?« »Zufall oder nicht; wenn wir einer Person begegnen, die, statt Vorwürfe an uns zu richten, an unsern Schmerzen, unsern Leiden teilzunehmen scheint, so sollte man, möchte ich glauben, nicht mit solcher Kälte antworten wie Sie, mein Herr!« »Und wann habe ich denn von Ihnen verlangt, teil an meinem Kummer zu nehmen, wenn ich wirklich davon bedrückt werde? Weshalb sprechen wir davon, während doch der Gegenstand, der mich zu Ihnen führt, ganz anderer Art ist?« »Der Gegenstand, der Sie zu mir führt?« wiederholte die Baronin mit Bitterkeit. »Sollten Sie zufällig glauben, ich wüßte nicht – ich glaubte noch länger an die grobe Lüge, durch welche es Ihnen gelungen ist, über mich das zu erfahren, was Sie wissen wollten? Nein, ich glaube nicht, daß Sie der Sekretär des Grafen von Monte Christo sind, sondern ich bin überzeugt, Sie sind, was Sie stets waren –« »Was bin ich denn stets gewesen?« fragte Benedetto überrascht, indem er sah, daß sie zögerte. »Ach Unglückseliger, Unglückseliger! –« murmelte die arme Frau, indem sie eine Anstrengung machte, um ihre Tränen zurückzuhalten. »Und welcher Grund führt mich zu Ihnen? Sie haben gesagt, daß Sie ihn ebenfalls kennen.« »Es ist sehr traurig, ihn zu nennen.« »Gnädige Frau!« »O, Sie sehen wohl, daß ich alles errate. Sie haben kürzlich in Paris Ihre Freiheit erlangt; aber –« »Aber?« »Ach, mein Herr, Sie haben mir irgend ein entsetzliches Geheimnis mitzuteilen, nicht wahr?« fragte die Baronin mit brechender Stimme und indem sie beinahe in sich selbst zusammensank. »Ich begreife den Sinn Ihrer Frage nicht, Frau Baronin, und ich finde alles, was Sie mir seit einer Viertelstunde sagen, höchst sonderbar. Ich habe Ihnen kein Geheimnis zu enthüllen, und ich bitte Sie wie um eine Gnade darum, mir zu sagen, was Sie für den Grund meiner Anwesenheit bei Ihnen halten, da Sie doch behaupteten, ihn zu kennen.« Benedetto fuhr bei diesen Worten mit der Hand in die Seitentasche seines Ueberrockes. Die Baronin erbebte. »Herr Benedetto,« sagte sie, »Sie sind unter einem verderblichen Gestirn geboren! Und wenn Sie in der Welt irgend eine Person träfen, die Sie glücklich machen könnte und wollte, das heißt, die durch ein, wenn auch nicht glänzendes, aber doch zur Befriedigung Ihrer Bedürfnisse hinreichendes Vermögen Ihre Zukunft sicherte, würden Sie dann das irrende Leben aufgeben, das Sie bisher in der Welt geführt haben?« »O, solche Menschen gibt es in der Welt nicht. Die Barmherzigkeit ist eine Lüge, ein Spott, ein Betrug –« »Lästern Sie nicht.« »Ich habe davon Beispiele erlebt.« »Aber wenn nun das, was ich Ihnen sagte, nicht aus bloßem Mitleid stattfände, sondern – aus Pflichtgefühl, nehmen wir einmal an –« Benedetto stieß ein lautes Gelächter aus. »Aus Pflichtgefühl!« wiederholte er. »Wo gibt es denn hier auf Erden einen Menschen, der auf das Pflichtgefühl achtet, und zwar ganz von selbst? Frau Baronin sprechen wir davon nicht weiter. Sie wissen, daß mein Stern schlimm ist, und so wird es bis zu meinem letzten Hauche bleiben. Als Sohn des Unglücks wurde ich dem Tode und der Hölle geweiht, als ich kaum dem Lichte die Augen geöffnet hatte; was kann also jemals zwischen mir und dem Guten auf der Erde gemein sein? Das Verbrechen und die Verzweiflung sind meine einzigen Taufpaten gewesen, und ich wurde mit Blut und Tränen getauft.« »Genug – genug – aus Barmherzigkeit. Töten Sie mich!« flüsterte Frau von Danglars, indem sie beide Hände auf das Herz preßte und auf das Sofa niederglitt. »Wie? Meine Worte schmettern Sie nieder? Das ist sehr sonderbar, denn Sie schienen mir entschlossener zu sein, als ich erfuhr, daß Sie beabsichtigten, Ihre Tochter Eugenie der Gefahr einer Entführung auszusetzen. Auf, Frau Baronin! wir sind auf einem Punkte angelangt, den ich nicht vorausgesehen hatte, als ich den Plan faßte, hierher zu kommen; gleichwohl haben wir noch etwas miteinander zu sprechen. Ich werde kurz sein.« Er zog aus der Tasche eine Schrift und reichte sie der Baronin. »Wollten Sie mir wohl die Ehre erweisen, dies Papier zu unterzeichnen?« »Und was enthält es?« fragte die Baronin mit sehr aufgeregter Stimme. »Eine ganz einfache Sache, bei meiner Seele! Eine Ordre auf Sicht an Ihren Bankier, wer das auch immer ist, mir die kleine Summe von drei Millionen Franks auszuzahlen.« »Ha! – und mit welchem Rechte verlangen Sie –« »Mit welchem Rechte?« Benedetto betonte diese Frage mit einem ziemlich ironischen und drohenden Klange, so daß die Baronin davon erzitterte; gleichwohl entgegnete sie mit erzwungener Zuversicht: »Ja, mein Herr; mit welchem Rechte?« »Sie wissen besser als irgend jemand, daß ich gar kein Recht habe.« »So könnte ich also Ihre Forderung verweigern?« »Ohne Zweifel; aber dann ermorde ich Sie,« erwiderte kalt Benedetto, indem er schnell wie der Blitz die Spitze eines Dolches der Baronin auf die Brust setzte, – gerade an die Stelle des Herzens, – und zugleich neben ihr Platz nahm. – »Sie müssen wissen,« sagte er dabei, »daß die Klinge vergiftet ist, und daß die leiseste Wunde, die Sie damit bekommen, unfehlbar binnen fünf Minuten Ihren Tod zur Folge hat.« »Aber Sie bekommen meine Unterschrift dennoch nicht,« sagte die Baronin, indem sie sich mit einer gewaltsamen Anstrengung zu bezwingen suchte und durch die Regungslosigkeit ihrer Haltung das Zeichen der vollständigsten Resignation gab. »Das bleibt sich gleich; ich raube dann, was ich in Ihrem Sekretär finde.« Es entstand eine kurze Pause. »Hören Sie mich, Herr Benedetto; ich habe keinen Bankier; ich besitze keinen Kredit von drei Millionen Franks. Ich bin arm, und Sie dürfen mir glauben, daß ich dieses Papier nicht unterzeichnen könnte, ohne Sie zu betrügen.« »Märchen, Baronin. Als Ihr Mann Sie verließ, waren Sie im Besitz von einer und einer halben Million. Ihr unternehmender Spekulationsgeist hat dieses kleine Kapital zu verdoppeln gewußt und jetzt müssen Sie drei Millionen besitzen, das übrige noch ungerechnet. Sie sehen wohl, daß ich alles weiß, und ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich Eile habe. Unterzeichnen Sie und vereinigen Sie sich dann wieder mit dem Baron, der sehr reich ist.« »Ich kann nicht,« murmelte sie. »So sind Sie also entschlossen, zu sterben? Sie müssen doch wohl wissen, daß ein Verbrechen mir nicht schwer fällt.« »O, dies wäre ein Verbrechen, welches alle andern weit hinter sich ließe,« stammelte die arme Mutter, und reichlich strömten ihre Tränen, die sie schon seit längerer Zeit nur mit Mühe zurückhielt. »Benedetto – Sie würden ergriffen, entdeckt – hingerichtet werden –« »Sie täuschen sich, gnädige Frau. Ich bin ein vorsichtiger und voraussehender Mensch. Der Baron wird sehr bald hier sein. Hören Sie mich wohl an: Während er darauf wartet, daß Sie ihn einlassen, entschlüpfe ich, steige in einen Mietwagen, der meiner in geringer Entfernung von hier wartet, und fahre schnell davon; ich verschwinde. Er indes, der Baron, der über ihre Zögerung, ihn zu rufen, ungeduldig wird, dringt dann in dies Zimmer ein; bei dem Anblicke Ihrer blutigen Leiche wird er von Entsetzen ergriffen – er will schreien – vergebens – er will endlich fort – Schrecken, Angst, Furcht lähmen seine Schritte – dann kommt gewiß irgend jemand in das Zimmer, sieht den Menschen einer ermordeten Frau gegenüber, und wird nicht verfehlen, sich seiner zu bemächtigen und ihn als Mörder den Gerichten zu überliefern. Sagte ich es Ihnen nicht, Frau Baronin? Ich sehe die Dinge schon im voraus. Auf, auf, unterzeichnen Sie, oder ich ermorde Sie!« »O mein Gott! mein Gott, verzeih –« »Es ist nutzlos. Unterzeichnen Sie!« »Benedetto! – Dieser Raub macht Ihnen Ehre, und wollte Gott, daß Sie, nachdem Sie ihn vollbrachten, auf den Weg der Vernunft zurückkehrten! – Ich will Ihnen alles übergeben, was ich besitze; ich will arm zurückbleiben! Vielleicht muß ich morgen ein Almosen von meinem Mann oder von meiner Tochter erbitten! Urteilen Sie über meine Demütigung, über meine Schmach! – Berechnen Sie, wie schwer mir das werden muß. – Lassen Sie mir wenigstens die 60,000 Franks, die Ihnen in Paris der Staatsanwalt übergeben hat.« Benedetto erbebte, aber noch nicht für jedes Gefühl der Dankbarkeit unfähig, antwortete er: »Ich will nicht nach dem Grunde forschen, der Sie angetrieben hat, eine solche anonyme Freigebigkeit auszuüben; ich glaube, Sie haben es mehr aus Laune, als aus Barmherzigkeit getan; ich bin gleichwohl bereit, Ihnen dies Geld zu lassen, und will dabei denken, ich entledigte mich einer Schuld.« »Ich danke Ihnen, mein Herr!« erwiderte die Baronin mit einem Ausdrucke tiefer Verzweiflung und bitterer Ironie zugleich. »Hier sind die Schlüssel zu meinem Sekretär. Berauben Sie mich – vielleicht fühlen Sie einst Reue darüber.« »Reue? Ich sollte etwas bereuen!« rief Benedetto mit höhnischem Lachen. »Und wer sind Sie denn, daß Sie so zu mir sprechen? Während ich bisher nicht den Schatten von Reue empfunden habe, hoffen Sie, daß dieselbe auf Ihre Stimme erwachen soll? Bei Ihrer Stimme, die Sie eine so gewöhnliche Frau sind, nicht fremd der Intrige, vielleicht sogar nicht dem Verbrechen! – Ich bitte Sie, weniger anmaßend zu sein, Frau Baronin! – Wenn Sie verbrecherische Leidenschaften haben, wie z. B. den Dünkel, so wird der Mangel, der Sie bald trifft, für Sie eine gerechte Züchtigung sein, und wenn Sie im Laufe Ihres vergangenen Lebens irgend ein Verbrechen begingen, nun wohl, so ist das, welches ich heute an Ihnen verübe, dafür die Vergeltung. Nehmen Sie diese daher im Namen derer an, die Ihre Opfer waren! Auf, Frau Baronin, auf! Kommen Sie selbst, den Sekretär zu öffnen, denn es gibt zuweilen dergleichen Möbel, die mit geheimen Vorrichtungen versehen, und den, welcher sie unvorsichtig öffnet, durch verborgene Schüsse zu Boden strecken. Zitternd, taumelnd und leichenblaß schritt die Baronin langsam auf den Sekretär zu, öffnete ihn und enthüllte den Augen Benedettos eine große Summe in Papier und Gold. Einige Augenblicke darauf war dies Geld in die Taschen des Mörders übergegangen, und die Baronin besaß kaum noch die 60,000 Franks, welche sie in Paris dem Herrn von Beauchamps für Benedetto überschickt hatte. »Jetzt bringen Sie mich um!« rief sie. »Sie sehen wohl, daß ich errate, dies soll die letzte Szene des Dramas sein,« flüsterte sie. »O nein; ein solcher Gedanke ist in diesem Augenblicke weit von mir entfernt. Nur noch eins. Wie groß auch Ihre Gewohnheit sein mag, immer nur nach Ihrem Willen zu handeln, so werden Sie dieselbe doch bei dieser Gelegenheit aufgeben: Sie haben die Güte, mir den Arm zu reichen und mich nach dem Nebenzimmer zu begleiten, wo in diesem Augenblick der Herr von Danglars bereits sein muß.« Es schlug 6 Uhr. »Wirklich – ich täuschte mich nicht. Nun schnell, Frau Baronin, und bedenken Sie wohl, wenn Sie sich einfallen lassen, nur ein Wort zu sprechen, eine Bewegung zu machen, welche als Anklage gegen mich betrachtet werden kann, so würden Sie die traurigste Figur von der Welt spielen. Niemand, hören Sie wohl, niemand würde Ihnen glauben, denn Sie sind, oder vielmehr Sie würden nicht der junge interessante Servières sein, der kränklich ist, zu seiner Zerstreuung reist und diese Zimmer bewohnt. Dieser kränkliche Jüngling ist eine reine Fiktion, und dergleichen Erfindungen – sind für eine Dame, wie Sie, im höchsten Grade lächerlich; finden Sie nicht, daß es diesem unbedeutenden Diebstahl gleichkommt? – Gehen wir jetzt.« Die Baronin sank nieder auf die Knie. »Ach, aus Barmherzigkeit,« rief sie, »lassen Sie mich hier bleiben; zwingen Sie mich nicht weiter! Gehen Sie, Unglücklicher, gehen Sie! – Ich nehme Gott zum Zeugen, daß mein Mund kein Wort der Anklage gegen Sie sprechen wird! Gehen Sie und der Himmel gestatte, daß dieses Geld Sie zu einem rechtschaffenen Menschen mache!« In diesem Augenblicke wurde die Stimme des Maestro Pastrini hörbar, welcher von außen den Herrn Baron von Danglars meldete. Die Baronin stieß einen Seufzer aus, und Benedetto verließ rasch das Zimmer. Er begegnete dem Baron, der ihn zurückhalten wollte, um mit ihm zu sprechen; aber er sagte demselben, er hätte keine Minute zu verlieren, denn er müßte im Namen der Baronin einen der Paläste der Via del Popolo mieten, wo sie einen Ball zu geben beabsichtigte. »Ich empfehle Ihnen aber Schweigen, Herr Baron,« sagte er dann, »und wünsche Ihnen im voraus Glück zu dem, was Ihrer wartet. Die Baronin ist reich, sehr reich, viel reicher, als ich erwartete.« »Der Teufel, was für eine Rolle spielen Sie denn eigentlich bei ihr?« fragte der Baron etwas beunruhigt. Benedetto antwortete nicht; er drückte ihm die Hand und verschwand schnell, während der Baron langsam weiter ging. Als Benedetto dann in geringerer Entfernung einen Wagen halten sah, gab er dem Kutscher ein Zeichen, sprang hinein und fuhr davon, daß die Funken sprühten. * XV. Mann und Frau. Der Baron Danglars wendete noch einmal seinen Kopf, der flach war, wie der eines Fuchses, zurück, um Benedetto ein Wort zu sagen; aber der Bandit sprang die Treppe bereits hastig hinab und verschwand, ohne dem Baron Zeit zu lassen, seinen Satz zu beenden. Als Danglars sich allein sah, schritt er nach dem Zimmer der Baronin, an deren Tür er Maestro Pastrini traf, welchem er sorglich sagte: »Haben Sie bereits meinen Besuch gemeldet?« »Ew. Exzellenz,« erwiderte der Italiener, »wollen ohne Zweifel fragen, ob ich Ihren Namen gemeldet habe?« »O, Signor Gastwirt, keine Wortspiele, wenn es Ihnen gefällig ist!« sagte Herr von Danglars, indem er sich auf komische Weise das Ansehen eines beleidigten Aristokraten gab. »Verzeihung, Exzellenz; aber die Sache ist nicht so unbedeutend, wie sie scheinen mag. Um die Ehre zu haben, Ihren Besuch zu melden, ist es durchaus nötig, daß ich mich an irgend jemand wende.« »Nun?« »Dieser jemand aber ist es, der mir fehlt.« »Was soll das heißen?« »Ich denke, Eure Exzellenz fragen nach meinem Gaste, nicht wahr?« Der Baron machte eine Bewegung. »Nach dem jungen Herrn von Servières?« »Sind Sie verrückt, Maestro? Der Name von Servières ist der einer Dame, denn ich kenne die Familie genau und weiß, daß sie gegenwärtig keinen einzigen männlichen Sprößling zählt. Diese Dame also ist es, die ich zu sprechen wünsche.« Maestro Pastrini warf den Kopf in die Höhe. »Aber mein Herr,« sagte er, »diese Dame wohnt nicht in meinem Hotel; in diesen Zimmern befindet sich nur ein junger Herr aus der Familie von Servières, und die Dame, die in diesem Augenblick hier ist, macht, wie ich denke, nur einen Besuch; denn sie befindet sich kaum seit diesem Morgen hier.« »Ich wiederhole Ihnen, daß Sie verrückt sind, verrückt zum Schließen! Der Name Servières kann jetzt nicht der eines Mannes sein, und ich weiß überdies, daß die Dame, nach der ich frage, Ihr Gast ist. Es ist eine reizende Frau,« fuhr der Baron fort, indem er das anmutigste Lächeln auf seine Lippen lockte, um sich der Baronin vorzustellen. »Nun, Maestro, lassen Sie mich hinein.« »Bei dem Blute Christi!« rief Pastrini, indem er die Keckheit so weit trieb, dem Baron den Weg zu vertreten. »Noch ein Wort, Exzellenz.« Der Baron von Danglars schleuderte ihm einen zornigen Blick zu, welcher sagen zu wollen schien: »Mit welchem Rechte wagen Sie es, einen Mann aufzuhalten, der die Schwelle zum Zimmer seiner Gattin überschreiten will?« Er unterdrückte indes seinen Unwillen und machte eine Bewegung, welche heißen konnte: »Sprechen Sie und seien Sie kurz.« »Herr Baron, haben Ew. Exzellenz die Gewißheit, daß die fragliche Dame ganz zuverlässig und unzweifelhaft eine Frau ist?« »Was ist das?« rief der Baron, indem er unwillkürlich, wie durch die Frage betäubt, einen Schritt zurückwich. Maestro Pastrini ließ sich nicht entmutigen. » Per la Madonna , Exzellenz,« erwiderte er, »wissen Sie ganz gewiß, daß es eine Frau ist?« »Ich soll es vielleicht nicht wissen!« sagte mit nachdrücklichem Wesen der Baron immer verwunderter. »Ach, mein Herr,« murmelte Pastrini, indem er erblaßte und an allen Gliedern zitterte. »Habe ich Ihnen einen Rat zu geben, so ist es der: Treten Sie nicht ein!« »Und weshalb nicht?« »Ich erkläre Ihnen, daß mein Gast nicht viel was Gutes sein kann.« »Was Teufel sagen Sie denn da?« »Er hat Verbindungen mit einem Individuum, welches in einem Kästchen eine Totenhand mit sich führt.« Der Baron tat unwillkürlich einen Satz. »Und dieser Mensch?« fragte er. »Man sagt, er sei ein Zauberer.« »Und die Dame?« »Man hält Sie für seinen Zögling.« »Ei, ei, Maestro, sollte man nicht meinen, Sie wären erst gestern von Ihrem Dorfe hereingekommen und lebten noch nicht einen Tag in einer großen Stadt?« »Lachen Sie, spotten Sie, soviel Sie wollen, Exzellenz, aber man hat so außerordentliche Dinge gesehen, daß es beinahe unmöglich ist, sich manchem veralteten Glauben zu entziehen. Ich schwöre Ihnen, daß morgen um diese Stunde diese Zimmer leer sind, oder ich will meinen Namen verlieren.« Der Baron zuckte die Achseln, schritt über die Schwelle und ging durch das erste Zimmer, um das Kabinett zu betreten, in welchem Frau von Danglars sich befand. Die Baronin war damit beschäftigt, vor dem Spiegel einige ihrer schönen Haarlocken zu ordnen, und niemand hätte in ihren Zügen die geringste Spur der Aufregung lesen können, welche ihr weniger als eine halbe Stunde zuvor das Herz zerriß. Ihre schwarzen, in dem gewöhnlichen Feuer glänzenden Augen, welche nur durch eine einzige Linie zwischen den beiden Augenbrauen von der schönsten Wölbung getrennt wurden, sprachen jene Festigkeit des Charakters aus, welche mehr den römischen als den französischen Frauen angehört, die aber gleichwohl ein unterscheidendes Zeichen vieler edlen Familien Frankreichs ist, und sich von Generation zu Generation fortpflanzt. Ihre hochmütig zusammengekniffenen Lippen ließen dem bewegten Herzen nicht den leisesten Schrei des Schmerzes entschlüpfen; ihre festen, wohlgerundeten Arme, ihre beweglichen Hände, ihre langen, schlanken Finger, kurz alles an ihr zeigte in diesem Augenblick die vornehme Dame von Servières, Baronin Danglars, so wie sie stets in den Augen der Welt gewesen war, das heißt, von festem Charakter, dünkelvoll und adelig. Ehe der Baron ihr Gesicht sehen konnte, hatte sie seine Züge bereits in dem Spiegel erblickt, und Frau von Danglars verfehlte nicht, die Verlegenheit zu bemerken, mit welcher der Baron eintrat, obgleich er eine unglaubliche Anstrengung machte, sie zu besiegen. Die Baronin wartete ihre Zeit ab, brachte ihr Haar vollends in Ordnung, ging dann zu dem Sekretär, und indem sie denselben verschloß, wußte sie das darin befindliche Geld klingen zu lassen; dann ging sie noch einigemale auf und nieder und drehte sich endlich um. »Ah! Sie waren hier, mein Herr?« rief sie, als hätte sie ihren Gatten noch erst am vorigen Tage gesehen. »Man sollte glauben, Sie hätten die Absicht, sich sogleich wieder zu entfernen, denn wenn ich mich nicht täusche, so haben Sie sich noch nicht einmal nach einem Stuhl umgesehen.« Diese Worte brachten ihre Wirkung hervor. Der Baron sammelte sich, trat einige Schritte vor und setzte sich dann dem Sofa gegenüber auf eben den Stuhl, auf dem auch Benedetto gesessen hatte. »Es ist heute ziemlich kalt!« sagte er, indem er den Ueberrock auf der Brust zuknöpfte. »Ich habe noch nicht Zeit gehabt, es zu bemerken. Ich glaube, es erwärmt uns merklich, wenn wir schreiben und nachdenken.« »Sie haben ohne Zweifel viel geschrieben?« »Ich habe acht oder neun Briefe nach verschiedenen Orten expediert, denn ich bedarf in der Tat meiner Kapitale und fordere sie ein, weil ich gewisse andere Angelegenheiten zu beendigen wünsche.« Der Schweiß rieselte bei diesen Worten dem Baron Danglars von der Stirn. »Ich weiß wahrhaftig nicht, Frau Baronin, weshalb oder wie Sie einer jener Maschinen, die man gewöhnlich Schreiber nennt, entbehren können.« »O, seitdem ich so glücklich bin, allein zu leben, Herr Baron,« entgegnete sie, »sind mir die Dinge zum Abscheu geworden, gegen welche ich über kurz oder lang Mißtrauen hegen könnte.« Es entstand ein Augenblick tiefen Schweigens. Die Baronin unterbrach ihn. »Sie sind so freundlich gewesen, mich zu begrüßen – kann ich Ihnen vielleicht in irgend etwas nützlich sein?« fragte sie ihren Gemahl. »Gnädige Frau – halten Sie mich denn in einem solchen Grade für eigennützig?« »Nun, dabei wäre eben nichts zu verwundern,« entgegnete sie lachend. »Ein Blick in – doch ich bitte um Verzeihung – ich weiß nicht, ob Sie in Rom Ihr in Paris aufgegebenes Geschäft fortsetzen. Indessen glaube ich wohl annehmen zu dürfen, daß Sie Ihre mitgenommenen sechs Millionen nicht im Schubkasten liegen ließen. – Ach, a propos von Paris – Sie wollten also durchaus nicht dahin zurückkehren? Gleichwohl schienen Sie einen so großen Gefallen an dieser Stadt zu finden!« »Wichtige Angelegenheiten haben mich in Rom zurückgehalten,« erwiderte der Baron, indem er seine Worte auf eine solche Weise kaute, daß dabei seine Zunge ganz trocken wurde und er die Worte kaum deutlich hervorzubringen vermochte. »Das Klima Italiens ist Ihnen günstig, wie es scheint?« fuhr sie fort. »Ich fühlte mich in Frankreich wohler,« entgegnete der Baron; »indes bin ich überzeugt, daß es mir in Rom jetzt besser gefallen wird – wenn Sie nämlich die Absicht haben, hier zu bleiben.« »O nein – ich gehe nach Civita Vecchia,« entgegnete rasch die Baronin, indem sie sich stellte, als hätte sie den Sinn der Worte ihres Gemahls, der dabei melancholisch seufzte, nicht aufgefaßt. »Ei, Herr Baron,« sagte sie, »mir scheint, Sie haben Gewohnheiten angenommen, die ich in Paris bei Ihnen nicht kannte. Dort hörte ich Sie niemals seufzen.« »Nichts ist natürlicher, gnädige Frau. – In Paris hatte ich nicht zu leiden –« »In Rom leiden Sie also?« »O!« »Gibt es denn hier keine guten Aerzte? Freilich ist Italien, wenn ich nicht irre, fruchtbarer an Sängern als an Schülern des Aeskulap.« »Gnädige Frau, mein Uebel geht über die Wissenschaft der Medizin, nicht nur in Rom, sondern in allen Hauptstädten Europas,« erwiderte der Baron, indem er jedes seiner Worte besonders betonte, als wollte er die Aufmerksamkeit der Baronin erwecken, die rasch fragte: »Woran leiden Sie denn? An den Nerven wahrscheinlich? – Das ist die Modekrankheit.« »Die Nerven – ja, Frau Baronin, Sie haben es getroffen,« erwiderte er. »Das Uebermaß der Aufregungen bewirkt die Krankheit, die man mit dem unbestimmten Namen ›die Nerven‹ bezeichnet.« »Ach, das ist viel gefährlicher, als ich dachte, Baron. Es scheint, Sie haben sehr lebhafte Gefühle, außerordentlich lebhafte sogar, und das taugt durchaus nichts.« »Nehmen Sie ein Gefühl an, welches dem Herzen zugleich peinlich und süß ist – die Reue z. B.,« sagte der Baron, indem er dieses Wort mit dem tiefsten Seufzer begleitete, über den er zu gebieten imstande war. Die Baronin runzelte die Augenbrauen, als hätte sie eine Sache gehört, die sie nicht zu begreifen vermochte. »Reue?« wiederholte sie. »Reue, und worüber?« »Ach, Frau Baronin, worüber Reue?« »Sie haben vielleicht irgend ein Kapital verloren?« »Ich verlor mehr als das!« »Ich begreife Sie immer weniger! Vielleicht irgend ein Spielwerk von großem Werte, ein teures Andenken?« »Noch mehr!« »Nun dann weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll.« »Ach ich verlor – Verzeihung – ich will sagen, daß es eine Zeit gab, wo ich verloren habe –« »Vollenden Sie!« »Gnädige Frau, o, ich verlor etwas –« rief endlich der Baron mit einer höchst lächerlichen Bewegung, über welche die Baronin ein so kaltes und entmutigendes Gelächter ausstieß, daß er dadurch ganz verwirrt wurde. Der arme Baron verstummte. »Wie!« sagte die Baronin, »Sie haben einen so großen Verlust gehabt und ließen ihn nicht an allen Straßenecken mit den gewöhnlichen Anzeigen einer anständigen Belohnung für den ehrlichen Finder bekannt machen? Es scheint, mein lieber Baron, als hätten Sie alles von der Zeit und der Geduld erwartet.« »Ach jawohl, ich habe alles erwartet – alles erhofft – Sie sind ein Engel! Soll ich mich etwas mehr an die Vergleiche dieser Erde halten, so sind Sie eine Frau, wie es wenige gibt, und Ihr Verstand streift an die Grenzen des Wunderbaren.« »Und Sie, Herr Baron, sind ein Mann, dessen Anmut und Liebenswürdigkeit bezaubern,« erwiderte die Baronin und fügte dann nach einer kleinen Pause, welche ohne Zweifel für den armen Danglars sehr peinlich war, hinzu: »Wissen Sie wohl, daß ich in Ihrer Unterhaltung einen unaussprechlichen Reiz finde?« »Ich danke Ihnen tausendmal! – Aber Sie sagten mir soeben, Sie hätten die Absicht, nach Civita Vecchia zu gehen?« »Sagte ich das? – Wahrlich, ich erinnere mich dessen nicht mehr – ich fühle überdies nicht mehr den Mut dazu; es ist so traurig, allein zu reisen.« »Ach, jawohl, sehr traurig. Was mich betrifft, so verabscheue ich alles, was alleinstehen heißt, und wenn wir in diesem Punkt übereinstimmend wären, so würde ich die Verwegenheit so weit treiben, Ihnen eine Gesellschaft anzubieten –« »Das ist sehr unbestimmt!« »Die meinige.« »Wirklich? – Sie sind sehr liebenswürdig! Ich nehme sie an, ich nehme sie von ganzem Herzen an.« »Ach, Baronin,« rief er, indem er aufsprang und die Arme ausbreitete, als wollte er sie an seine Brust ziehen. Sie machte dieselbe Bewegung, aber plötzlich schien sie sich zu besinnen, wich einen Schritt zurück und setzte sich mit der größten Ruhe von der Welt wieder auf den Diwan. Diese plötzliche Kälte machte das Herz des armen Barons erstarren, der sich bereits in Gedanken auf dem Punkt gesehen hatte, nicht mehr noch weniger zu umarmen als schöne drei Millionen. »Einen Augenblick noch, mein Herr,« sagte die Baronin mit der unwandelbarsten Kaltblütigkeit. »Wenn das Gefühl der Reue auf Sie einen so starken Eindruck gemacht hat, wie Sie behaupten, empfinde ich in diesem Augenblick einen, der nicht minder mächtig ist, als der Ihrige, und durch die Erinnerung an eine vergangene Tatsache hervorgerufen wird, durch die Erinnerung an einen Brief.« Diese Worte glichen einem unerwarteten Stockschlage, den der Baron nicht zu vermeiden imstande war. Er wurde daher auf der Stelle entsetzlich blaß. »Als Sie Paris verließen,« fuhr die Baronin fort, »empfing ich einen Brief, der mit Ihrer Unterschrift geschmückt war. Dieser Brief enthielt Ausdrücke, die sehr bemerkenswert sind – Ausdrücke, deren Sie sich ohne Zweifel erinnern!« »O ich schwöre Ihnen, daß ich die Erinnerung daran vollständig verloren habe.« »Wirklich? – Nun, so will ich sie zurückrufen. Hier ist der Brief.« Bei diesen Worten zog sie aus ihrer Tasche eine elegante Schreibtafel und aus dieser einen Brief, den sie entfaltete, indem sie Anstalt traf, ihn mit lauter Stimme zu lesen. »Hören Sie, Baron, dieser Brief läßt mich an vielen Dingen zweifeln, und unter andern auch an Ihrer Existenz selbst. Hören Sie nur: »Gnädige Frau und sehr getreue Gattin! »Wenn Sie diesen Brief empfangen, haben Sie keinen Gatten mehr! »O beunruhigen Sie sich nicht zu schnell. Sie werden keinen Mann mehr haben, wie Sie keine Tochter mehr besitzen, das heißt, ich werde mich auf einer der dreißig oder vierzig Straßen befinden, welche aus Frankreich hinausführen. »Ich bin Ihnen Erklärungen schuldig, und da Sie eine Frau sind, die fähig ist, sie zu verstehen, will ich sie Ihnen geben. »Hören Sie also: mir ist diesen Morgen eine Zahlung von fünf Millionen über den Hals gekommen, und ich habe sie bewirkt: eine andere über die gleiche Summe folgte beinahe unmittelbar und ich verschob sie auf morgen. »Heute reise ich, um dieses Morgen zu vermeiden, weil mir dasselbe zu unangenehm zu ertragen sein würde. »Sie begreifen das, nicht wahr, gnädige Frau und sehr verehrte Gemahlin? »Ich sage: Sie begreifen es, weil Sie sich auf Geschäfte verstehen wie ich; vielleicht sogar noch besser. »Haben Sie sich zuweilen über meinen Sturz gewundert, gnädige Frau? Wurden Sie durch das Schmelzen meiner Goldbarren geblendet? Ich, das muß ich Ihnen gestehen, erblickte darin nur Feuer; hoffen wir, daß Sie in der Asche etwas Gold gefunden haben. »Mit dieser trostreichen Hoffnung entfernte ich mich, gnädige Frau und sehr kluge Gemahlin, ohne daß mein Gewissen mir den geringsten Vorwurf darüber macht, Sie zu verlassen! »Es bleiben Ihnen Freunde, die erwähnten Aschenreste und, um das Glück vollständig zu machen, die Freiheit, die ich Ihnen zurückzugeben mich beeile. »Indes, gnädige Frau, ist der Augenblick gekommen, in dieses Wort der vertraulichen Mitteilung einen Paragraphen einzuschieben. »So lange ich hoffte, daß Sie zum wohl unseres Hauses, für das Glück unserer Tochter, arbeiteten, schloß ich philosophisch die Augen; aber da Sie aus meinem Hause eine gewaltige Ruine bildeten, verspüre ich keine Lust, zum Fundamente des Glückes für einen andern zu dienen. »Ich nahm Sie reich, aber nicht sehr geachtet. – Verzeihen Sie, daß ich so freimütig mit Ihnen rede. Ich vermehrte unser Vermögen, welches während der Zeit von fünfzehn Jahren stets zunahm, bis zu dem Augenblicke, wo noch immer mir unbegreifliche Katastrophen mich packten und zu Boden warfen, ohne daß ich, wie ich wohl behaupten darf, daran irgend eine Schuld trug. »Sie, gnädige Frau, haben nur daran gearbeitet, Ihr eigenes Vermögen zu vergrößern, und das ist Ihnen vollkommen gelungen, wie ich moralisch überzeugt bin. »Ich verlasse Sie daher, wie ich Sie genommen habe: reich, aber nicht sehr geachtet. »Leben Sie wohl! »Auch ich will von heute an für meine eigene Rechnung arbeiten. »Glauben Sie den Versicherungen meiner Dankbarkeit für das Beispiel, das Sie mir gegeben haben und das ich befolgen werde. »Ihr sehr ergebener Gatte Baron Danglars.« Während der Vorlesung des Briefes wechselte der Baron mehrmals die Farbe und blickte instinktmäßig drei- oder viermal im Zimmer ringsumher. Die Baronin wendete ihren feinen, durchdringenden Blick nicht von dem Gesicht ihres armen Gatten ab, der zu begreifen anfing, was für eine erbärmliche Figur er spielte. Mit der Verlegenheit und der Verwirrung des ehemaligen Kapitalisten genoß die Baronin langsam die Rache. »Herr Baron,« rief sie endlich laut lachend, »wie kommt es, daß Sie sich mir zum Begleiter anbieten, da ich nach Ihrem offenen Bekenntnis wenig achtungswert und geachtet bin?« »Baronin,« entgegnete er, indem er ein rebellisches Lächeln auf seine dicken blauen Lippen zu rufen strebte, »glauben Sie mir, daß dieser Brief nur das Erzeugnis eines fürchterlichen Augenblickes der Verblendung ist. – Ich sah mich verloren, und Sie, die Sie, wie ich bereits die Ehre hatte, Ihnen zu sagen, eine Frau sind, welche sich durch ihren Verstand vor allen übrigen Frauen auszeichnet, Sie hätten dies bereits erkennen sollen.« »So hoffen Sie also vielleicht, daß ich Ihnen den Wahnsinn dieses Briefes verzeihen soll?« fragte sie. »Ja, gnädige Frau, ich gestehe Ihnen, daß dies mein glühendster Wunsch ist!« rief der Baron, welcher einen neuen Strahl der Hoffnung in sein Herz fallen fühlte. »Darf ich es glauben?« »Ach jawohl, jawohl, gnädige Frau! Ich habe Sie beleidigt – ich bitte Sie deshalb um Verzeihung.« Und der Baron Danglars hatte den unglücklichen Einfall, ein Knie zu beugen und seinen kahlen Schädel bis beinahe zu den Füßen seiner Gemahlin niederzusenken. Jetzt schien die Baronin den höchsten Gipfel ihres Triumphes erreicht zu haben. Sie trat rasch zwei Schritte zurück und stieß ein lautes Gelächter aus, dessen Echo lange in dem Herzen des armen Barons wiedertönte. »Gemeiner, verächtlicher Mensch!« rief sie aus, »ich sehe Dich also endlich Deinen Kopf schmachvoll zu meinen Füßen beugen, mit Deinen schmutzigen Lippen die Verzeihung für Deine groben Ausdrücke erflehen! Indessen habe ich Dir diese Verzeihung nicht zu gewähren, denn auch ich bin strafbar! – Stehen Sie auf, mein Herr – gehen Sie! Ihr Glück auf Erden ist für immer vernichtet! Ich erkenne, daß Sie nicht einen Taler Ihr eigen nennen, denn Sie flehen mich um unsere Wiedervereinigung nur an, indem Sie denken, ich besitze noch die Gelder, die Sie mir in Paris zurückließen. – Auch ich bin arm, mein Herr, und ich erblicke nur eine traurige Zukunft vor mir – oder vielmehr das vollständige Elend! – Gehen Sie, Baron von Danglars. Wäre es nicht so, dann würde nie, nein, nie eine Frau mit Ihnen leben, die Sie entehrt hat, und die von Ihnen verlassen wurde. Ich mache Ihnen daraus kein Verbrechen, aber ich verachte Sie wegen Ihres heutigen Schrittes, der mir zeigt, daß in Ihnen nicht das geringste Gefühl der Ehre und der Rechtschaffenheit lebt.« Die Baronin schwieg, indem sie aufs neue ein krampfhaftes, beinahe wahnsinniges Lachen ausstieß. Der Baron war vernichtet. »Ein Gott oder ein Mensch hat den gänzlichen Untergang Deines Hauses geschworen, und Dein Haus soll Stein bei Stein niedergeworfen werden!« fuhr die Baronin fort, in deren glühendem und beweglichem Blicke das Feuer eines plötzlichen furchtbaren Wahnsinnes zu blitzen schien. »Ein Gott oder ein Mensch hat meine Schmach, mein Elend geschworen! Entferne Dich, Danglars, denn unsere Atemzüge vergiften uns gegenseitig, als vereinigten sie sich in der Luft, ein gräßliches Gift zu erzeugen! – Ach, das Elend! Das Elend, mit allen seinen Greueln, allen seinen Erniedrigungen, zeigt sich meinen Augen als ein bleiches, drohendes Gespenst, welches den Reichtum verschlang! – Es ist Reue! – Es ist Reue!« Die Baronin preßte das Gesicht in die Hände und blieb so längere Zeit stehen, den Kopf nach hinten übergeworfen und am ganzen Körper zitternd. Als sie wieder zu sich kam, waren ihre Wangen durch das düstere Rot des Wahnsinns gefärbt. Sie ließ langsam die Blicke umherschweifen, und heftete sie auf jeden Gegenstand, als wollte sie sich zurechtfinden, dann ging sie zu ihrem Sekretär, setzte sich traurig davor nieder und zählte maschinenmäßig das Geld, welches Benedetto ihr gelassen hatte. Der Baron benutzte den Zustand der Betäubung, in welchen seine Frau versunken zu sein schien, nahm seinen Hut und entfernte sich geräuschlos. * XVI. Der römische Bandit und der Pariser Räuber. Was blieb der Frau von Danglars nach dem Raube, den Benedetto in dem Hotel zur Weltkugel an ihr verübt hatte, anderes übrig, als ein Leben der Entbehrungen und des Elends? Sie hatte ihre Rechnungen geordnet, alle Außenstände eingezogen und bewahrte sorgfältig ihr Kapital in der Absicht, es bei irgend einem reichen römischen Bankier unterzubringen und dann von dem Einkommen zu leben, welches ihr eine glänzende Zukunft sicherte. Dieser Plan war nun gänzlich über den Haufen geworfen und die arme Frau erblickte sich ohne irgend eine Hilfsquelle, sobald die sechzigtausend Franks erschöpft waren, die sie der Mildtätigkeit des Banditen, welcher sie auf eine so kecke Weise bestohlen hatte, verdankte. Die Baronin war nicht die Frau dazu, die Großmut ihrer Tochter in Anspruch zu nehmen, am wenigsten nach dem Besuche, den sie ihr gemacht hatte; sie faßte daher den einzigen Entschluß, der sich ihr darbot: sie machte einem armen Kloster eine kleine Dotation und erlangte dagegen ihre Aufnahme in der Eigenschaft einer Kostgängerin. Hier, im Schweigen und der Einsamkeit, brachte sie ihre Zeit damit hin, ihre Vergangenheit zu überblicken, die von mancher schlechten und schmachvollen Handlung erfüllt war; sie dachte ernstlich nach und erkannte, daß das, was sie in der Gegenwart litt, nichts als eine milde Züchtigung für die Irrtümer war, die sie sich hatte zu schulden kommen lassen. Sie war hochmütig, stolz gewesen, und ihr ganzer Hochmut, ihr ganzer Stolz mußte sich jetzt in der Einfachheit und der Demut des Klosters verbergen! Sie vergoß reichliche Tränen über das Kind ihrer verbrecherischen Liebe, über die Frucht ihres verbotenen Umganges mit Herrn von Villefort; über dieses Kind des Lasters und der Verderbtheit, dem der Himmel seinen Segen versagt zu haben schien. Die Zukunft dieses jungen Mannes erschreckte sie, und vielleicht das Ende dieser verfluchten Existenz, dieses verbrecherischen und unruhevollen Lebens ahnend, fragte sie sich selbst, fragte sie das Kloster und Gott, ob sie nicht dazu verdammt sein würde, sie, die Baronin von Danglars, der Sprößling der Servières, sich eines Tages von Katastrophe zu Katastrophe, von Elend zu Elend, bis zu den Füßen eines Schafotts hinzuschleppen und dort den abgeschlagenen Kopf eines Unglücklichen aufzuraffen, dem sie Leben und Unglück gegeben hatte! Wenn ein plötzlicher und unerwarteter Schlag für immer den Wagen unseres Glückes umstürzt oder die Leidenschaft vernichtet, welche so zu sagen unsere gesellschaftliche Seele bildet, so erinnern wir uns, daß außer dem, was uns in der Welt leitete, es auch noch etwas anderes, Bestimmteres in uns gibt, dessen Einfluß über uns nur der Tod vernichten kann, indem er unsern Körper zerstört. Das ist der Einfluß jenes göttlichen Prinzips, welches wir empfangen, wenn wir zum erstenmal den Hauch des Lebens einatmen, den wir jenem erhabenen Gefühle verdanken, welches man die Reue nennt und durch das wir an die Existenz eines Gottes voll Güte, Gnade und Gerechtigkeit glauben, den wir während unseres Lebens der Unordnung und der Aufregung vergessen hatten! Der Name dieses allmächtigen Gottes verschleierte daher das Wort, welches die Lippen der Baronin am häufigsten wiederholten, welche das lebhafteste Echo in ihrem Herzen hatte, seitdem jener Schlag das Gerüst ihres Glückes über den Haufen warf und sie zwang, in der Einsamkeit eines Klosters die einzige Milderung ihres Schmerzes, den einzigen Balsam für ihre Wunde, zu suchen: » das Gebet !« * Trotz aller seiner Nachforschungen, trotz seiner Bemühungen, gelang es dem Baron Danglars nicht, Benedetto aufzufinden. Der pfiffige Spitzbube wußte sich, dank jener Macht, welche der Besitz von drei Millionen verleiht, den Erkundigungen des Barons so geschickt zu entziehen, daß dieser endlich glaubte, es sei das klügste, wenn er sich wieder um seine Anstellung als Portier bei dem Theater Argentino bewürbe, wo er sein einziges Heil zu finden hoffte, das heißt, die Großmut der Eugenie d'Armilly. Obgleich Benedetto sich im Besitz einer so bedeutenden Summe befand, wie die, welche er der Baronin Danglars gestohlen hatte, blieb er nicht auf dem Wege des Verbrechens stehen. Weit davon entfernt, faßte er vielmehr sogleich die Absicht eines neuen Unternehmens, zu dem er augenblicklich die Vorkehrungen traf. Er hatte nämlich erfahren, daß die Regierung Seiner Heiligkeit einen Preis auf den Kopf des berüchtigten Banditen Luigi Vampa setzte, dessen Zufluchtsort unbekannt war und der mit einer unglaublichen Verwegenheit die Umgegend von Rom in Schrecken setzte. Er beschloß daher, in aller Heimlichkeit dem Vorstand der Polizei einen Besuch zu machen; als er jedoch reiflicher über die Sache nachgedacht hatte, und sich überzeugte, daß die Baronin Danglars ihn nicht verfolgen ließ, vielleicht weil sie seine Spur verloren hatte, befahl er Peppino, das Fahrzeug noch einige Tage länger warten zu lassen und lauerte seinerseits auf eine günstige Gelegenheit, mit Sicherheit seinen Streich zu führen. Die im Kolosseum verabredete Zusammenkunft hatte stattgefunden und Luigi Vampa glaubte, gleich Peppino, daß Benedetto in der Tat der Sekretär des Grafen von Monte Christo sei. Die Art und Weise jedoch, wie Benedetto von diesem Manne sprach, mit dem ihn, wie wir sagten, ein verhängnisvolles Geschick in Verbindung gebracht hatte, wirkte so auf den römischen Banditen, daß allmählich der Zauber verschwand, welchen der Graf auf diese Bande ausgeübt hatte, die, wie wir bereits erwähnten, aus Leuten bestand, die im höchsten Grade abergläubisch waren, ungeachtet ihrer furchtbaren Beschäftigung! Benedetto wagte es, den Banditen Vampa sein lebhaftes Verlangen merken zu lassen, sich aus der Gewalt des Grafen von Monte Christo zu befreien, indem er sich gewisser wichtiger Geheimnisse bemächtigte, die derselbe in der negromantischen Kunst besaß, und der Bandit Vampa begann sehr ernsthaft über die Vorteile nachzudenken, die für ihn daraus entspringen könnten, wenn es ihm gelänge, den Grafen seinem Willen zu unterwerfen, statt daß er bisher dem Willen des Grafen unterworfen gewesen war. Vampa war ehrgeizig wie alle Ungeheuer seiner Art; die Reichtümer Monte Christos begannen seinen Neid zu erwecken, und bald entwickelte sich die Verschwörung, geleitet durch die arglistige Phantasie Benedettos. »Ja, ja,« sagte er zu Luigi Vampa und Peppino, »die Macht des Grafen ist in meinen Händen! Wenn Ihr in Eurem Religionssystem der Toleranz einen kleinen Platz gewährt, bewahren wir diese kostbare Reliquie, die den Grafen so mächtig macht! Diese Totenhand hat das Geheimnis enthüllt, mit dem der Weg umgeben war, der ihn zu den unerschöpflichen Schätzen führte! – Was mich betrifft, so muß ich ohne Zweifel Rom verlassen, um den Grafen, meinem Gebieter, das Kästchen zu übergeben, das man ihm gestohlen hat. Aber wenn Ihr mir beisteht, so bleibe ich in Rom und arbeite in unserem gemeinschaftlichen Interesse.« Vampa und Peppino nahmen diesen Vorschlag Benedettos an, der die Worte auffaßte, die sie sich in seiner Gegenwart entschlüpfen ließen, und daraus erfuhr, daß der Graf von Monte Christo im Orient sei. Indes arbeitete der Sohn Villeforts daran, den furchtbaren römischen Banditen der Justiz zu überliefern und wartete auf eine sichere Gelegenheit, den Schatz, dessen er bereits Herr war, durch dieses kleine Geschäft mit der römischen Polizei zu vergrößern. Er hatte mit dem höchsten Erstaunen bemerkt, daß der Bandit, weit entfernt, sich zu verbergen, gewissermaßen einen Stolz darin suchte, sich bei allen öffentlichen Lustbarkeiten, besonders im Theater, zu zeigen, und er schloß daraus sehr richtig, daß entweder der Signor Luigi Vampa ein großes Selbstvertrauen besaß oder daß er dieses Vertrauen in die Polizeiagenten setzte. Sobald diese zweite Hypothese, die übrigens die wahrscheinlichere war, bei ihm feststand, sah er die Notwendigkeit ein, nur mit der größten Zurückhaltung zu handeln, um den beabsichtigten Verrat glücklich zu Ende zu führen und zu verhindern, daß Vampa durch einen dieser Agenten, die er wahrscheinlich freigebig besoldete, von dem, was ihm drohte, gewarnt würde. Benedetto erspähte alle Bewegungen und alle Schritte Vampas, so daß er schon nach drei oder vier Abenden, welche er mit ihm in dem Theater Argentino zugebracht hatte, erkannte, Vampa sei nicht fühllos gegen die Reize des Fräuleins Eugenie d'Armilly. In der Tat fühlte Luigi Vampa sich heftig ergriffen durch das mächtige und stolze Wesen der jungen d'Armilly, und dieser Eindruck verwandelte sich schnell in ein Gefühl, dessen Heftigkeit das Herz des Banditen Tag und Nacht bestürmte. Verzehrt durch jenes mächtige Feuer, welches aus seinem Charakter einen Herd der abenteuerlichen, unbezähmbaren Verwegenheit und Unerschrockenheit machte, beschloß er, wenn auch nur für einen Augenblick, dieses Mädchen zu besitzen, das ihn auf dem Theater Argentino fesselte oder vielmehr bezauberte. Ein Lächeln des Triumphes überflog die Lippen Benedettos, als er in den Augen Luigi Vampas die Leidenschaft las, welche denselben beherrschte. Nun belauerte er seine kleinsten Bewegungen und folgte ihm Schritt für Schritt an alle Orte, bis er ihn eines Tages ein Haus von unscheinbarem Aussehen betreten sah, wo jene alte Frau wohnte, welche die ehemaligen Verbindungen des jungen Erben der Familie Servières begünstigte. Nachdem Benedetto die sorgfältigsten Erkundigungen über diese Frau eingezogen hatte, begriff er ohne alle Schwierigkeiten den Grund von Luigi Vampas Besuchen, und entwarf einen Plan, dessen Ausführung der fortwährende Gegenstand seiner Gedanken war. Als er nun Tags darauf mit Luigi Vampa zusammentraf, zog er denselben in eine wenig besuchte Kneipe. Hier setzten sich beide in eine dunkle Ecke, wie Leute, die miteinander von Dingen zu sprechen haben, welche das vollständigste Geheimnis fordern. Nachdem Benedetto einen Augenblick nachdenklich sitzen geblieben war, brach er endlich zuerst das Schweigen. »Wißt Ihr wohl, Maestro,« sagte er, »daß ich eine sonderbare Begegnung gehabt habe? Ich erkannte hier in Rom eine Französin, die in Paris mit ihrem Vater entflohen ist, nachdem sie einen gewissen Prinzen Cavalcanti, mit welchem sie sich verheiraten sollte, beraubt hatte.« »Was kümmert mich das?« sagte Luigi Vampa, indem er sich auf den Tisch stützte, das Gesicht in die Hand legte und aussah wie ein Mensch, den das, was er hört, gewaltig langweilt. »O, das kommt daher, weil Ihr zwei Umstände von der höchsten Wichtigkeit, die mit dieser Sache verbunden sind, nicht wißt. Erstlich, daß der Prinz Cavalcanti außerordentlich reich war, und daß der Graf von Monte Christo auf dem besten Fuße mit diesem Prinzen stand, der jetzt sehr unglücklich ist.« »Sollten Sie nicht besser tun, zu sagen, der beraubt wurde.« »Das versteht sich von selbst,« erwiderte Benedetto. »Nun, was weiter? – Was kümmert es mich, ob der Prinz ungeheuer reich war, wie Sie sagten, und der Graf auf dem besten Fuße mit ihm stand?« »Einen Augenblick, Maestro; ich erkläre mich deutlicher!« sagte Benedetto mit wichtigem Tone. » Primo da der Prinz Cavalcanti ungeheuer reich war, müßt Ihr begreifen, daß der Raub sehr beträchtlich gewesen ist! Secundo , da der Graf auf dem besten Fuße mit ihm stand, vertraute er mir den Namen der Frau an, die ihn bestohlen hat, indem er mir den Auftrag gab, mich ihrer bemächtigen zu lassen, wo ich sie finden würde; denn er hat geschworen, den armen Cavalcanti wieder in den Besitz seines Geldes zu setzen. Nun sage ich Euch, daß dieses Mädchen mit ihrem Vater in Rom ist; statt sie aber der Justiz zu überliefern, will ich Euch einen Vorschlag machen, mit mir gemeinschaftlich eine Expedition vorzunehmen.« »Wie heißt das Weib?« fragte Vampa, dessen Gesicht andeutete, daß er an der Sache Geschmack zu finden begann. Die letzten Worte Benedettos hatten ihren Zweck nicht verfehlt. »O, ihr Name,« antwortete Benedetto mit der größten Kaltblütigkeit, »ist kein unbekannter, niedriger Name; sie gehört von mütterlicher Seite der Familie von Servières an und den Danglars von der Seite ihres Vaters, welcher niemand anders ist, als der berühmte Baron, dem Ihr nach den Instruktionen des Grafen von Monte Christo sechs Millionen geraubt habt. Sie heißt Eugenie Danglars und ist gegenwärtig in Rom unter dem Namen Eugenie d'Armilly bekannt.« Bei diesen Worten machte Luigi Vampa unwillkürlich eine Bewegung der Ueberraschung, die er vergebens unter dem Scheine vollständiger Gleichgültigkeit zu verbergen strebte. Benedetto stellte sich, als hätte er auf diese Bewegung Vampas nicht die geringste Aufmerksamkeit gerichtet und fuhr mit der größten Gelassenheit fort: »Und diese junge Person ist keine andere, als die schöne Sängerin des Argentino; jene Circe, welche das Volk von Rom mit ihrem taubenhaften Wesen einschläfert und es dabei betrügt. – Was meint Ihr dazu?« »Und worin betrügt sie denn das Volk? Lassen Sie hören!« sagte Vampa mit einem Tone, aus dem Ungeduld hervorleuchtete. »O, in nichts, Maestro,« entgegnete Benedetto. »Ich wollte nur sagen, daß niemand, der sie sieht, sie für fähig halten sollte, einen Gedanken zu fassen, wie der, den sie mit ebensoviel Geschick als Unerschrockenheit ausgeführt hat.« Vampa schwieg einen Augenblick. »Und Ihr Vater?« fragte der Bandit dann, »wo ist er, oder vielmehr, was macht er? Sie haben mir gesagt, daß er in Rom sei.« »O, der Vater ist ein geriebener und verschlagener Kerl, fähig und bereit zu allem. Ich begegnete ihm neulich auf einem Spaziergange, den ich nach der Zitadelle von Aquapendente machte, in deren Nähe er ein Haus mit Hof und Garten besitzt.« »Lebt er in gutem Einverständnis mit seiner Tochter?« »Was kümmert Euch das, Maestro?« fragte Benedetto seinerseits. »Nun, die Frage ist gut!« entgegnete der Bandit, indem er sich zu lachen zwang. »Es kommt Ihnen in den Sinn, mir eine gemeinschaftliche Unternehmung vorzuschlagen, und Sie wundern sich, wenn ich Erkundigungen einziehe.« »Also nehmt Ihr meinen Vorschlag an?« »Erklären Sie mir zunächst die Angelegenheit, dann wollen wir sehen.« »Ihr bedürft noch der Erklärungen? – Nun, es sei; ich will mich kategorisch erklären, wie Ihr es verlangt. Zwei Verbündete müssen Vertrauen zueinander haben. Ich weiß, daß Ihr mich verderben könntet, wenn es Euch zufällig in den Kopf käme, den Grafen, meinen Gebieter, von der nicht allzutreuen Art und Weise zu benachrichtigen, wie ich ihm in Rom diene. Aber ich weiß auch, daß ich mich an Euch heften und laut und vernehmlich schreien könnte, ecce homo! Allein ich habe die Ueberzeugung, daß Ihr nicht so handeln werdet, wie es auch mir nicht einfällt, etwas Aehnliches zu tun; wir werden uns vielmehr sogleich ganz vortrefflich verständigen. Denn ich sagte Euch bereits, daß mein Plan in unserem gemeinschaftlichen Interesse entworfen wurde, wie er auch ebenso ausgeführt werden soll. Es ist offenbar, daß Fräulein Eugenie d'Armilly, welche den Prinzen Cavalcanti, mit dem sie sich verheiraten sollte, beraubt hat, gegenwärtig jenes nicht unbedeutende Kapital in Händen hat; in diesem Falle nun wagt man ein kleines Attentat gegen die Freiheit des Fräulein Eugenie und macht ihr den Vorschlag, sich um den Preis freizukaufen, den man selbst darauf setzt. Dann rechnen wir miteinander ab, Maestro.« »O, Eugenie d'Armilly,« rief unbesonnen Vampa, indem er mit geballter Faust auf den Tisch schlug, der unter der Heftigkeit des Schlages erbebte. »Nun, was denn?« fragte Benedetto. »Wollen Sie in Uebereinstimmung mit mir handeln?« fragte Luigi Vampa. »Ohne Zweifel will ich das!« »Nun, so schlagen Sie ein,« sagte der Bandit und hielt ihm die Hand hin, »und auf morgen um diese Stunde im Kolosseum.« »Im Kolosseum!« wiederholte Benedetto, indem er die Hand Vampas drückte. »Bei der vierten Säule des innern Portikus.« »Ich werde dort sein.« »Allein!« »Bis auf morgen, Maestro!« Benedetto und Vampa, die jetzt schon die Kneipe verlassen hatten, tauschten noch einen Händedruck und entfernten sich dann mit großen Schritten nach entgegengesetzten Richtungen. »O,« murmelte Vampa, indem er Benedetto verschwinden sah, »Du hast ihn verraten, dem Du dientest, und Du wirst mich ebenfalls verraten, wenn Dein Vorteil es heischt. Du sollst daher den Lohn der Verräter empfangen, nachdem Du mir als Mittel zum Zweck gedient hast.« Diese geheimnisvolle Drohung des furchtbaren römischen Banditen würde Benedetto erzittern gemacht haben, hätte er die entschlossene Bewegung bemerkt, von der sie begleitet wurde. * XVII. Der Kranz. Acht Tage nach dem Gespräch zwischen Vampa und Benedetto, hätte man an Eugenie d'Armilly ein träumerisches Wesen bemerken können, welches auf ihre Stirn einen leisen Schatten der Trauer warf. Luise hatte schon zuweilen bemerkt, daß Eugenie ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit die Einsamkeit aufsuchte und allein zu sein wünschte. In solchen Augenblicken rann eine Träne über die Wange der Sängerin; ein offenbares Zeichen, daß irgend ein geheimnisvolles oder großes Ereignis in ihrem inneren Leben vorgegangen war, und Luise strebte vergebens, diese Träne durch einen Kuß zu trocknen; es folgte der ersten eine zweite, wie um die großmütige Freundin Eugeniens zu benachrichtigen, daß die Ursache, welche die Tränen hervorrief, nicht durch die Liebkosungen und die Zuneigung einer Freundin gestört werden könnte. An einem der Abende, an welche Eugenie die Gesellschaft Luisens floh und die Einsamkeit aufsuchte, hatte sie sich melancholisch und träumerisch an das Fenster ihres Gemaches gesetzt und blickte nachdenklich und zerstreut den letzten Strahlen der Sonne nach, welche allmählich die Hauptstadt der christlichen Welt in Schatten versenkte, indem sie sich um die majestätische Kuppel des Sankt Petersdomes zu einer Feuergarbe zu vereinigen schien. Von Zeit zu Zeit hob ein leichter Seufzer ihre Brust, und zwei Tränen zitterten in den dichten Wimpern ihrer schönen Augen wie zwei Tropfen Tau in dem Kelche einer Blume. Luise war in das Zimmer getreten, ohne daß Eugenie es bemerkte, und schon seit einigen Minuten betrachtete sie ihre Freundin mit besorgter Teilnahme und suchte aus ihren Bewegungen, ihrer schmachtenden Haltung zu erraten, was sie seit einigen Tagen argwöhnte. Dann trat sie bis zu Eugenien heran, lehnte sich leicht über deren Schulter, drückte ihr einen Kuß auf die Stirne und flüsterte: »Mein Herzchen!« »Luise!« erwiderte Eugenie zusammenfahrend, während ihre Tränen flossen. »Du atmetest wohl in dieser berauschenden Luft Italiens das süße Gift der Corinna oder des Tasso, nicht wahr, meine zärtliche Freundin?« fragte Luise. »Ach, soll ich denn Geheimnisse vor Dir haben, Luise? Ich überzeugte mich soeben selbst, daß das, was ich empfinde, kein bloßes Spiel der Einbildungskraft ist!« »Und das Gefühl, welches kein bloßes Spiel der Einbildungskraft ist, tut Dir wehe, weil es über Deinem Willen steht. Es wirft einen Schatten der Trauer auf Deine sonst so heitere, entschlossene Stirn, Eugenie!« »Du sprichst die Wahrheit! – Ja, das Gefühl steht über meinem Willen, es triumphiert über denselben, wie ich selbst über andere Gefühle zu triumphieren wußte, die mich hätten beherrschen sollen. O, erinnerst Du Dich wohl noch, wie ich mich über die törichten Versuchungen einer plötzlichen allgewaltigen Liebe lustig machte, deren Geständnisse auf Dich wie auf mich herabregneten? Erinnerst Du Dich, mit welchem ungläubigen und spöttischen Lächeln ich auf alle die Seufzer antwortete, welche die auf uns gerichteten verliebten Blicke begleiteten? Erinnerst Du Dich jener Zeit, frei von Kummer und Sorgen, wo meine Seele von dem Tribut frei zu sein glaubte, zu dessen Zahlung alle auf dieser Welt verurteilt sind? O, ich bin im Grunde ebenso wie alle andern Frauen – ich beginne zu leiden – weil ich zu lieben beginne.« »Ich ehre Dein Leiden, meine Teure, und ich biete Dir ein Freundesherz, um Deine Seufzer und Deine Klagen aufzunehmen!« »Ich nehme es an, Luise; ich nehme es an und danke Dir dafür,« antwortete Eugenie, indem sie ihr die Hand drückte und sie mit Küssen bedeckte. »Ich fühle nicht die Kraft, Dir die Empfindung, zu gestehen, die mich beherrschte; Du hast sie erraten – jetzt höre mich.« Sie blieb einen Augenblick still und nachdenkend, als wollte sie ihre Gedanken sammeln und den Bericht ordnen, den sie zu geben im Begriff stand. Endlich begann sie: »Du hattest mir empfohlen, wenn ich auf der Szene bin, nie auf einen einzelnen Mann meine Blicke zu richten, sondern sie stets über das Orchester und das Parterre hingleiten zu lassen, ohne mich zu bemühen, irgend jemand zu unterscheiden und zu erkennen, als ob diese ganze Menge sich in großer Entfernung von der Rampe befände. Deinen Rat habe ich befolgt. Mir gegenüber sah ich ein zahlreiches Auditorium und ich bemerkte es nur, unbestimmt, wie man eine schwarze Wolke bemerkt, die zu unsern Füßen hinzieht, wenn wir uns auf dem Gipfel eines hohen Felsens befinden. Eines Abends aber war dort ein Mann, der sich über diese tobende und enorme Masse erhob. Auf der Stirn dieses Mannes glänzten Geist und Schönheit; seine Augen schössen Flammen, die mich verzehrten, mich verbrannten, mich wahnsinnig machten! Als die Beifallsrufe ausbrachen, blieb dieser Mann regungslos, aber sein Blick allein schien mir mehr als die tausend jubelnden Lippen zu sagen, die mich hervorriefen! Von jenem Abende an hörte das Gesicht dieses Mannes nicht auf, sich mir zu zeigen; stets an demselben Platze, stets mit demselben Ausdrucke, stets mit demselben Blitzen in den Augen, stets mit derselben Gewalt über mich, Luise. Und wer ist er? Mein Gott, wer ist er? – Was kümmert es mich! – Er ist ein Mann, den ich liebe, ein Mann, der mir ein heißes und wahres Gefühl einflößt, welches ich nicht aus dem Herzen zu reißen vermag!« Wieder entstand ein Augenblick des Schweigens, währenddessen Eugenie ihr Gesicht in die Hände barg und schluchzte. Luise richtete einen Blick voll Besorgnis auf ihre Freundin und ihre Lippen flüsterten leise, als wollten sie das Wort aussprechen: »Unglückselige!« »Und Du kennst diesen Menschen nicht, meine Eugenie?« fragte sie endlich. »Ich habe es Dir schon gesagt; nein, ich kenne ihn nicht. Ich weiß nur, daß er Herr aller meiner Gedanken ist, von dem ersten Augenblicke an, wo ich ihn sah. Wer weiß, ob er mir nicht schon seit längerer Zeit folgte, ohne daß ich es bemerkte? Ach, Luise, meine gute Luise, ich, die ich das Wort verachtete, welches für die Männer erfunden zu sein scheint, um ihre Torheiten zu bezeichnen, das Wort Liebe , welches beständig auf den Lippen aller Männer und aller Frauen der Mode schwebt, ich habe es jetzt nicht nur auf den Lippen, sondern in dem Herzen wohnt nur das Gefühl, welches dieses Wort ausspricht! Ich bin ebenso gewöhnlich wie jedes andere Mädchen meines Alters!« »Du täuschest Dich, Eugenie; ein junges Mädchen Deines Alters kann nicht so fühlen, wie Du jetzt fühlst! Diese innige Leidenschaft, die in Deinem Herzen unter dem glühenden Blicke eines Mannes entstanden ist und sich entwickelt hat, wird Dir mehr Poesie verleihen, wird Dir neue Reize gewähren, weil sie Dich über Dich selbst erhebt, wenn man so sprechen kann. Indes müssen wir die Dinge so betrachten, wie sie in der Welt sind. Erinnere Dich, daß die einfache Tatsache, einen Mann die Herrschaft kennen zu lassen, die er über den Geist eines Weibes ausübt, ehe dieses seinen Charakter gründlich kennt, die Quelle großer Unglücksfälle sein kann, Eugenie.« »O, er wird nie die Kraft und die Gewalt des Gefühles kennen lernen, das er mir einflößte!« rief Eugenie stolz. »Vielleicht!« murmelte Luise. In diesem Augenblicke meldete ihnen Frau Aspasia, daß der Theaterwagen gekommen sei, sie in das Schauspielhaus zu holen. Eugenie trocknete die Augen, die noch von der köstlichen Feuchtigkeit erfüllt waren, welche die Liebe durch eine ihrer überspannten Launen über die Rosen einer jungfräulichen Stirn ergießt. Sie warf den Schal über die Schultern, ging die Treppe, begleitet von Luise, hinab, und stieg in den Wagen, der sogleich abfuhr. Sobald sie den Fuß auf die Szene gesetzt hatte, ging Eugenie nach dem Vorhange, der sie für jetzt den Augen des Publikums entzog; hier blieb sie einige Augenblicke vor der Scheidewand stehen und schien über das Verlangen triumphieren zu wollen, welches sie antrieb, das Publikum durch die Oeffnung in dem Vorhange zu überblicken. Aber ihr Verlangen trug den Sieg davon und sie schritt vorwärts. Luise folgte ihr und stellte sich stumm und regungslos an ihre Seite. Ein leichtes Zittern erfaßte den Körper Eugeniens. Ihr Busen wogte, und ihre Lippen öffneten sich, um einen leisen Schrei hervorzulassen. »Er ist da!« flüsterte die junge schöne Künstlerin. »Er ist da, aufrechtstehend auf der Galerie und schießt seine leidenschaftlichen Blicke auf mich. – Sage mir, ist das nicht eine Torheit?« fuhr sie fort, indem sie sich zu Luise wendete, »mich durch den Blick eines Mannes besiegen zu lassen, eines Mannes, den ich nicht kenne, den ich kaum gesehen habe, ohne auch nur den Ton seiner Stimme gehört zu haben? Ach, er ist aber auch wirklich ausgezeichnet schön! Sein braunes Gesicht, sein Bart, schwarz wie Ebenholz, tragen den Stempel der Kraft! Seine großen Augen zeugen von Verstand und drücken zugleich den Adel und den Stolz seines Charakters aus! Sieh hin, Luise, sieh, wie edel und schön er ist. Wie kalt und verächtlich er auf das Parterre herabzublicken scheint, das ihn umgibt, für ihn aber tausend Meilen weit entfernt ist.« Luise wollte antworten, aber der Pfiff des Regisseurs, welcher das Signal gab: » die Bühne frei !« hinderte sie, den Mann zu betrachten, den Eugenie ihr mit so viel Enthusiasmus schilderte. Die beiden Freundinnen traten in die Kulissen zurück und hörten mit einer gewissen Aufregung die ersten Klänge des Orchesters, welches die Symphonie der Ouvertüre begann. Es war die letzte Vorstellung der Semiramis und das Theater auch in allen seinen Räumen mit Zuschauern gefüllt. Eugenie sang diesen Abend noch besser als gewöhnlich; aber ihr Blick, der sonst stolz und geringschätzig über das Parterre hinglitt, ohne auf die Blicke zu achten, welche den ihrigen zu haschen trachteten, schien sich auf eine bestimmte Person zu heften und zu sagen, daß diese Person der Erwählte ihrer leidenschaftlichen Seele sei. In dem Augenblicke, als das Theater zu Ende ging, flog ein prachtvoller Kranz, geschleudert von einer unsichtbaren Hand, durch die Luft und fiel zu Füßen Eugenies nieder, die ihn aufhob und küßte, wie dies der Gebrauch ist. Der Vorhang fiel unter tobendem Beifallsgeschrei, welches allmählich verstummte, wie der Enthusiasmus den kalten Erläuterungen der Kritik Platz macht. Dieser Kranz, den Eugenie empfangen hatte und auf welchem der Name Luisens zu fehlen schien, war reicher und glänzender, als irgend einer von denen, welche ihr bisher geboten wurden. »In der Tat,« sagte Luise, indem sie den Kranz betrachtete, ohne den geringsten Schein der Eifersucht merken zu lassen, sondern vielmehr voll Entzücken, »ein Prinz allein kann den Gedanken gehabt haben, Dir diesen Kranz zu bieten, in welchem Gold und Diamanten miteinander wetteifern!« »Vielleicht ist es das Geschenk irgend einer jener Verbindungen, welche sich gewöhnlich zu diesem Zwecke bilden,« flüsterte Eugenie, deren Einbildungskraft indes weit davon entfernt war, diese Hypothese zuzugeben. Denn sobald sie sich allein sah, küßte sie leidenschaftlich die Bänder und Blumen, zwischen denen ihre zitternde Hand einen Gegenstand suchte, dessen Vorhandensein sie ahnte. Sie täuschte sich nicht! Ein kleines, sorgfältig zusammengefaltetes und zwischen den Blumen verstecktes Papier zeigte sich den Blicken Eugenies, die es begierig ergriff, um es zu öffnen und zu lesen. Eine leichte Röte bedeckte ihre Wangen, und ihre Arme sanken herab, ohne daß sie die Kraft, noch die Kühnheit hatte, die verliebte Epistel bis zu der Höhe ihrer Augen zu erheben; aber das Verlangen ihrer Seele triumphierte über die keusche Furcht des jungen Mädchens, und sie las das folgende Billet: »Signora! »Das erstemal, als ich Sie sah, fühlte ich mich ergriffen und bezaubert, gleich dem ganzen Auditorium, das mich umgab und welches Sie durch den kräftigen Ausdruck Ihres Blickes und Ihres Genies fesselten! Ich glaubte, der Eindruck, den ich empfand, sei einfach der, welchen Sie auf die übrigen Zuschauer hervorgebracht hatten; ich suchte ihn mir zu verhehlen und sogar ihn zu vergessen. »Alle meine Bemühungen waren fruchtlos. »Ihr Bild verfolgte mich ohne Unterlaß, und ich erkannte, daß in meinem Herzen durch das bezaubernde Bild etwas Wirkliches und Wahres erweckt worden sei. »Jetzt gibt es keinen Augenblick mehr, in welchem ich nicht an Sie denke, und ich treibe den Wahnsinn so weit, Ihnen eine Erklärung zu machen, wie Sie – ich zweifle nicht daran – bereits tausende empfangen haben, aber die nicht, wie die meisten jener andern, bloß durch die Lippen diktiert wird. »Signora, in der Dunkelheit und dem Schweigen lebt ein Mann, der Sie aus dem Grunde seiner Seele liebt, der Sie anbetet, und der gegen ein einziges Wort aus ihrem Munde eine Ewigkeit der Qualen annehmen würde!« * XVIII. Der Vater und die Tochter. Als die beiden jungen d'Armillys am nächsten Tage ihre Studien beendigten, trat Frau Aspasia in den Saal und meldete einen Namen, bei dem Luise erblaßte und über den Eugenie in lautes Lachen ausgebrochen sein würde, hätte sie sich nicht unter dem Einflusse eines Gefühls befunden, dessen Heftigkeit sie ganz beherrschte. Dieser Name war der des Baron Danglars. Eugenie hatte bereits gesehen, auf welche Weise ihre Mutter ihr Debüt auf ihrer neuen Laufbahn als Künstlerin begrüßte; sie zog daraus den Schluß, daß die Handlungsweise ihres Vaters gerade der Gegensatz zu dem Adelsstolze sein würde, von dem die Baronin Danglars, geborene von Servières, durchdrungen war. Sie wendete sich daher zu Luise und sagte mit einem leisen Lächeln auf den Lippen: »Beruhige Dich, meine gute Freundin; ich kenne Herrn von Danglars sehr gut und gebe Dir die Versicherung, daß sein Besuch angenehmer sein wird als der meiner Mutter. Du sollst sehen.« Sie gab Aspasia ein Zeichen und diese eilte hinaus, um einen Augenblick darauf den Herrn Baron von Danglars in den Salon einzuführen. Der Baron trug eine einfache, aber elegante Kleidung, welche deutlich bewies, daß er sich in vortrefflichen Umständen befand. Die Freude strahlte von seinem gemeinen, rohen Gesicht, welches im höchsten Grade den Ehrgeiz einer schmutzigen und geizigen Seele aussprach. »Meine Tochter!« rief er mit scharfer Stimme, indem er diesen Ausruf mit einer studierten und gezierten Bewegung begleitete: »es wäre durchaus überflüssig, Dich zu fragen, wie Du Dich befindest, denn Gesundheit und Glück zeigen auf Deiner Stirn ein schönes Bild, welches weit über denen der alten Schule eines Michel Angelo und eines Raphael steht.« Bei diesen Worten wechselte Eugenie mit ihrer Freundin einen schnellen Blick des Einverständnisses. »Selbst wenn ich litte, mein Vater,« antwortete sie, indem sie ihm die Hand küßte, »so würden Sie es in diesem Augenblicke nicht bemerken können, denn auf meinem Gesicht kann nur die Freude glänzen, Sie zu sehen. Ueberdies vereinigen sich das Vergnügen, welches ich stets über die Gesellschaft meiner teuren Luise empfinde, und das Studium der Kunst, der wir uns gewidmet haben, dazu, mir den lebhaften Ausdruck zu verleihen, den Sie bemerkten.« »Erlauben Sie mir, Ihnen meine Huldigung darzubringen, Fräulein d'Armilly, und Ihnen für die Anhänglichkeit zu danken, sowie für den wunderbaren Geist, mit welchem Sie die Seele Ihrer interessanten Schülerin zu bilden verstanden haben,« entgegnete der Baron, indem er sich vor Luise d'Armilly verneigte. »Setzen Sie sich doch, mein Vater,« beeilte sich Eugenie zu sagen, indem sie auf einen Armsessel deutete und selbst an der Seite Luisens Platz nahm. Es entstand ein Augenblick des Schweigens, welchen der Baron Danglars benutzte, um sich mit der Hand durch die Haare zu fahren und einen besorgten Blick umherschweifen zu lassen, wie um zu sehen, ob er nicht in irgend einem Winkel seine Geistesgegenwart, die ihm zu entschlüpfen drohte, wiederfinden könnte. »Also, mein Vater,« fragte endlich Eugenie mit einer Bewegung unbeschreiblicher Neugier, »sind Sie schon lange in Rom?« »Nun ja, ich bin schon einige Zeit hier, indes lebe ich sehr zurückgezogen – das heißt zurückgezogen von Rom und selbst von dem Handel. Glücklicherweise sah ich gestern mit Staunen und Entzücken die schöne Semiramis, welche die Bewunderung dieser Hauptstadt zu gewinnen verstanden hat –« »Verzeihung, mein Vater, aber natürlicherweise haben Sie gestern auch meine Freundin Luise gesehen und gehört?« »Ohne Zweifel; aber ich bin Vater, Eugenie, und in meinem Herzen gab es keinen Platz für ein Gefühl, welches nicht Dir galt, obgleich ich auf der Stelle das unbestreitbare Talent und das hohe Verdienst des Fräulein d'Armilly erkannte.« Luise neigte leicht den Kopf, und nachdem der Baron sich verbeugt hatte, fuhr er fort: »Da nun aber die Augen eines Vaters die Gabe des doppelten Gesichts haben, wenn es sich um seine Kinder handelt, ist es mir leicht gewesen, unter dem Herrscherdiadem der edlen Königin der Assyrier die Tochter zu erkennen, die ich in meinem Herzen stets so innig geliebt habe! Mache Dir also jetzt einen Begriff von dem, was ich empfand, Eugenie, als ich die Elite der Gesellschaft Roms voll Enthusiasmus und Entzücken dem hervorstechenden Talent einer – meiner Tochter applaudieren hörte! Ach, das flößt einen gewissen Stolz ein!« »Wie befindet sich meine Mutter?« fragte nachlässig Eugenie, welcher der Eindruck nicht entging, den diese Frage auf den Baron hervorbrachte. Eugenie war es aufgefallen, daß ihre Mutter nicht von dem Baron sprach, und ebenso auch dieser nicht von der Baronin; sie schloß daraus, daß beide nicht in der besten Harmonie miteinander lebten und wollte sich davon überzeugen. »Die Baronin,« antwortete der Baron, indem es schien, als hätte er einen kleinen Anfall von Husten, der ihn seit einiger Zeit quälte – »die Baronin – reist.« »Das ist ein sehr angenehmer Zeitvertreib!« sagte Fräulein Luise d'Armilly. »Und Sie haben sie nicht begleiten wollen?« fragte Eugenie. »Ich schätze vor allem die Ruhe und die Bequemlichkeit, meine teure Tochter,« antwortete der Baron. »Ich bin ermüdet und lege wenig Wert auf die Zerstreuungen, welche Reisen gewähren, die nicht im Verhältnis zu den tausend kleinen Widerwärtigkeiten derselben stehen. Ach!« fuhr er fort, indem er diesmal heftiger hustete, »ich befinde mich auf Reisen sehr übel!« »Sagten Sie mir nicht, daß Sie zurückgezogen von der Stadt Rom lebten?« »Das ist wahr! Ich wohne in der Nähe der kleinen Stadt Aquapendente, wo ich ein kleines Häuschen besitze, das ich zu Deiner Verfügung stelle.« »Ich danke Ihnen tausendmal, mein Vater. Leider werde ich aber Ihr freundliches Anerbieten nicht benutzen können, denn die beständigen Arbeiten, zu denen unser Engagement Luise und mich verpflichtet, werden uns daran verhindern.« »O!« sagte der Baron, »ich hoffe trotzdem, daß Du mir das Vergnügen eines Besuches gewähren wirst und wäre er auch noch so kurz.« »Liegt Ihnen denn viel an diesem Besuch?« »Ob mir daran liegt!« rief der Baron; »ich lege darauf den höchsten Wert. Ich erwarte ihn mit aller nur denkbaren Ungeduld, und ich füge hinzu, daß, wenn Du wüßtest, was für ein Vergnügen Du mir bereitetest, Du gewiß nicht zögern würdest, mit Deiner reizenden Lehrerin und Freundin einen Blick auf das kleine Besitztum zu werfen, welches von diesem Augenblick an auch das Deinige ist, meine liebe Eugenie.« »Sie sind in der Tat zu liebenswürdig, mein Vater!« »Ich gebe Dir die Versicherung, daß Du dort nicht jene gewaltigen Foliobände, jene dickleibigen Bücher, jene endlosen Zahlenreihen finden wirst, welche Dir in meinem Arbeitskabinett in Paris einen so unangenehmen Anblick gewährten! Ich habe mich von dem Handel zurückgezogen.« »Und ich wünsche Ihnen dazu Glück,« sagte Eugenie: »Zahlen sind ohne die geringste Poesie.« »Was mich betrifft, so habe ich davor einen Abscheu,« fügte Luise hinzu. »Ich glaubte doch, daß Sie ihnen einige Augenblicke opfern, zum Beispiel, wenn Sie Ihre Gage in Empfang nehmen – was von einer gewissen Wichtigkeit sein muß.« »Um Gottes willen, mein Vater, lassen wir das!« rief Eugenie. »Ich setze Vertrauen auf die Ehrlichkeit der Direktoren, und überdies – was kommt es auf zehn oder zwölf Piaster weniger an?« Der Baron runzelte die Stirn und sagte: »Indes machen diese zehn Piaster weniger bei zehn Mal hundert und bei abermaligen zehn zweihundert; multipliziert man dieselbe auf ähnliche Weise fort –« »Gleichviel,« erwiderte Eugenie mit der größten Kälte, um dem Baron begreiflich zu machen, daß sie sich in einer finanziellen Lage befände, welche sie der Notwendigkeit überhöbe, von ihm irgend etwas anzunehmen und ihn vor der Gefahr bewahrte, ihr etwas anzubieten. »Vortrefflich, meine Tochter; ich ehre jede Meinung. Nachdem ich Dich umarmt habe, bleibt mir weiter nichts zu tun übrig, als Dir meine Wohnung zu bezeichnen, denn ich bin Deines Zartgefühles zu gewiß, um einen Augenblick daran zu zweifeln, daß Du mir das Vergnügen gewähren wirst, mich dort, und zwar bald, wieder zu umarmen.« Bei diesen Worten zog er aus seiner Brieftasche eine elegante Visitenkarte und überreichte sie Eugenie. »Ich hoffe, Fräulein Luise d'Armilly,« fuhr er mit einem Lächeln fort, das er liebenswürdig zu machen strebte, »Sie werden sich nicht weigern, Ihre Schülerin zu begleiten.« »O, wir trennen uns nie, Herr Baron,« entgegnete Luise. »Vortrefflich!« Der Baron nahm Abschied von Eugenie, verneigte sich vor Luise und ging, sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie er Eugenies Gunst gewonnen hatte. »Nun, meine Liebe,« sagte die letztere zu Luise, sobald der Baron sich entfernt hatte, »ist mein Vater nicht sehr liebenswürdig?« »Ich begreife den Unterschied nicht,« erwiderte Luise. »In Paris war er viel geiziger mit Worten, und nie traten auf seine Lippen Ausdrücke der Zärtlichkeit, wie zum Beispiel: meine teure Tochter.« »O, in Paris war er in seiner Rolle.« »Wieso?« »Er war Bankier.« »Und –?« »Ein Bankier hat weder Tochter, noch Frau, noch Freund – er hat nichts weiter als Zahlen.« * XIX. Unverhoffte Ereignisse. Wir müssen jetzt erklären, wie der Baron Danglars bei seinem außerordentlichen Geldmangel Besitzer einer kleinen Villa nahe der Zitadelle von Aquapendente geworden war. Unsere Leser sind ohne Zweifel neugierig darauf, dies zu erfahren, und es ist unsere Pflicht, ihre Neugier zu befriedigen. Sobald der Baron Danglars das Haus seiner Tochter Eugenie verließ, eilte er nach dem Spanischen Platze, schlug dann die Via Frattina ein, ging zwischen den Palästen Fiano und Rospoli hindurch und verfolgte seinen Weg mit derselben Hast, bis er endlich den großen Platz del Popolo vor sich erblickte, wo er nach allen Seiten seine besorgten Blicke umherschweifen ließ, als suche er einen Bekannten zu entdecken. Einen Augenblick darauf sah er einen Mann auf sich zukommen, der mit großer Gleichgiltigkeit an dem Orte vorüberschritt, wo die öffentlichen Hinrichtungen stattzufinden pflegen. Dieser Mann war kein anderer, als Benedetto. Der Baron eilte auf ihn zu. »Der Teufel, Herr Baron,« sagte Benedetto, »Sie haben Ihren Besuch in dem Hause der Fräulein Eugenie schnell abgemacht! Ich glaubte, Sie würden längere Zeit darauf verwenden, eine Tochter zu umarmen, die Sie seit Jahren nicht sahen; ich hoffe indes, daß Sie die Pflichten eines guten Vaters nicht vernachlässigten.« »Ich habe sie gesehen, sie umarmt und mit ihr gesprochen,« entgegnete mit großer Zungengeläufigkeit der Baron, »mir scheint, das war alles, was ich zu tun hatte.« »Haben Sie ihr wenigstens Ihr neues Haus angeboten?« »Konnte es denn anders sein?« »Ich hoffe, sie hat es nicht angenommen.« »Ganz im Gegenteil.« »Dann wünsche ich Ihnen Glück, Herr Baron, denn es wäre in der Tat sehr traurig, wenn zwischen einem Vater und einer Tochter, die einander so würdig sind, nicht die vollkommenste Harmonie herrschte. Nun, Herr Baron, der Wagen wartet auf uns, und es liegt mir daran, Sie in Ihre neue Lage einzuführen, denn ich bin von Ungeduld erfüllt, die Absichten Ihrer Frau Gemahlin, der Baronin, auszuführen.« »Sie sind allzu gütig, mein Herr,« sagte der Baron, indem er an der Seite Benedettos hinging; »ich weiß Ihren Verdiensten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Gleichwohl haben Sie einen ganz kleinen Fehler – daß Sie nämlich in Ihren Worten so unbestimmt sind – Ihre Reden haben stets einen so dunklen Sinn – daß ich meiner Treu die Rolle nicht fasse, die Sie gegen mich spielen. Sie sind zuweilen sehr zurückhaltend, mein lieber Herr Andrea Cavalcanti.« »Und Sie, meiner Treu, Sie sind so etwas wie das Faß der Danaiden.« »Ich verstehe Sie nicht,« sagte der Baron, indem er die Augen groß aufriß. »Ich will sagen, daß, je mehr das Glück Sie mit seiner Gunst überhäuft, desto weniger zeigen Sie sich befriedigt,« erwiderte Benedetto. »Sie waren in Rom arm und beinahe elend; Sie lebten nur von Ihrem geringen Gehalt als Portier eines Theaters; Sie verlangen eine Zusammenkunft mit Ihrer Gattin und sind unglücklich oder ungeschickt genug, Ihre Sache nicht führen zu können –« »Mein Herr, ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich so geschickt wie möglich handelte,« rief der Baron, ihn unterbrechend; »aber die Baronin glich dem Pulver, dem man einen zündenden Funken nahe bringt, und ich entging der fürchterlichen Explosion, indem ich entfloh, ohne zu begreifen, wie das zugegangen ist, und ohne das Mißgeschick verhindern zu können!« »Gut; geben wir das zu, mein Lieber,« sagte Benedetto, indem er während des Sprechens weiter ging. »Doch kommen wir zur Sache. Vor acht Tagen habe ich Sie abermals aufgesucht und Ihnen die Absichten der Frau von Danglars erklärt, so daß Sie sich von Ihrer neuen Unabhängigkeit überzeugen konnten. Danach nun wagen Sie, zu sagen, daß Sie nicht wüßten, welche Rolle ich mit Ihnen spiele! Wahrlich, mein lieber Baron, das heißt einen sehr harten Schädel haben.« Während beide so miteinander sprachen, hatten sie einen kleinen Wagen erreicht, der an der Ecke einer Straße in der Nähe eines Stadttores anhielt. Benedetto gab dem Kutscher ein Zeichen, öffnete den Schlag, forderte seinen Gefährten auf, einzusteigen, stieg selbst nach ihm ein und setzte sich dann mit allem Anschein übler Laune an die Seite des Barons. Der Wagen flog schnell davon, und einige Minuten später befanden sich unsere Reisenden auf einer Straße, die sich von Rom entfernte. Solange die Reise währte, richtete der Baron, der sich tiefem Nachdenken überließ und seine Pläne verfolgte, kein einziges Wort an Benedetto, welcher selbst stumm war wie die Bildsäule des heiligen Januarius, denn er hatte in seinen Händen, gleich einem verwirrten Netze, alle Fäden seiner Intrige und berechnete, welches Resultat daraus entstehen könnte. »Um zum Ziele zu gelangen,« sagte er zu sich selbst, »ist viel Verschlagenheit, viel Gewandtheit, viel Klugheit und Kühnheit erforderlich. Ich werde alle diese Eigenschaften haben und Edmund Dantès soll mir nicht entschlüpfen. Er muß sterben und er wird sterben!« Nach einigen Stunden bog der Wagen, statt die Straße in gerader Linie nach der kleinen Stadt Aquapendente zu verfolgen, links ab und vertiefte sich in eine Art von Schlucht, zu deren Rechten sich die Trümmer einer jener berühmten Wasserleitungen erheben, die in der Nähe von Rom zahlreich vorhanden sind. Die Steine, welche die Zeit von den gewaltigen Granitmassen losgerissen hatte, waren umhergerollt und versperrten, hier und dort angehäuft, nicht selten den Weg. Der Wagen verminderte seine bisherige Schnelligkeit und der Baron, welcher jetzt zum Fenster hinaussah, konnte genau die Gegenstände unterscheiden, die ihn umgaben. In geringer Entfernung zeigten sich die weißen, traurigen und nackten Mauern eines kleinen, halbverfallenen Gebäudes, welches auf allen Seiten von einem verwilderten Garten umgeben zu sein schien, in welchem Unkraut und Moos überall wucherte. Einige Augenblicke später hielt der Wagen vor dem Gittertore dieses Gartens; Benedetto stieg aus und forderte den Baron auf, dies ebenfalls zu tun. »Treten Sie ein, Herr Baron,« sagte Benedetto, »und lassen Sie Ihre Betrachtungen über den Mangel der Sorgfalt, den Sie hier bemerken können, denn dieses Besitztum ist seit längerer Zeit unbewohnt.« Indem er so sprach, schritten sie durch die verwilderte Allee des Gartens dahin und stiegen eine kleine steinerne Treppe hinauf, deren Stufen mit Moos bedeckt waren. Diese Treppe führte zu einer Art von Balkon oder Vorhalle, welche zwei Eingangstüren in das Haus hatte. Hier blieb der Baron einen Augenblick stehen und überblickte die ganze Ausdehnung des Gartens. Zwischen dem Buchsbaum, der die Wege einfaßte, und dem hohen Unkraut, welches alle Beete bedeckte, erhoben sich Marmorfiguren von verschiedenen Größen und in einem beklagenswerten Zustande der Verfallenheit. Auch ein Teich war zu sehen, dessen schlammiges Wasser reich mit Fröschen bevölkert war, die, aufgescheucht durch die Stimmen und den Schall der Tritte des Barons und Benedettos, die Luft mit ihrem Gequak erfüllten. Alles war hier Verfall und Einsamkeit. Benedetto öffnete eine der Türen der Vorhalle und zeigte den Blicken des Barons einen Saal, dessen Wände Tapisserien bedeckten, auf denen mythologische Gegenstände, wie der Sturz des Phaëton, die Bestrafung des Prometheus, die Entführung der Europa und das Urteil des Paris, dargestellt waren. Die Möbel dieses Saales schienen sehr alt zu sein, zeigten aber nicht jenen Verfall, der sich in dem Garten bemerkbar machte, obgleich sie mit einer dichten Lage von Staub und Spinnweben bedeckt waren. Von den Fenstern hingen Samtgardinen herab, deren Farbe die Strahlen der Sonne verblichen hatte; der Kamin schien seit längerer Zeit nicht benutzt worden zu sein und die durch den Rost zerfressene Feuerzange lag auf dem Fußboden, ein Zeichen, daß die letzte Person, welche sie berührte, plötzlich fortgegangen sein mußte. Alles wohl erwogen, gewährte das Ganze keinen sehr angenehmen Anblick. Nachdem der Baron alles genau geprüft hatte, näherte er sich mit einem Wesen, welches eine gewisse Unruhe verriet, Benedetto, und wagte es, das tiefe Sinnen, in welches dieser über den Anblick eines Bildes auf der Tapisserie versunken zu sein schien, zu unterbrechen. »Hier,« sagte Benedetto, ohne dem Baron zu antworten, »ja, hier ist das unbestechliche Tribunal dargestellt, welches nie die Handlungen nach den Menschen beurteilt, sondern die Menschen nach den Handlungen! Hier gibt es weder Freunde noch Geld; hier gibt es nichts, als das Gesetz, welches das Weltall regiert, und vor dem die Krone auf dem Haupte des Tyrannen niedersank oder das strafende Schwert auf das des Verbrechers, mochte dieser Verbrecher auch mächtig sein wie ein Gott.« Er stieß ein gellendes Gelächter aus. »Ha!« fuhr er fort, »ein solches Tribunal konnte nur in der Fabel bestehen, und die Menschen haben ihm den Platz angewiesen, der ihm gebührte, nachdem sie erkannt hatten, wie unvollkommen sie selbst waren, wie unvollkommen auch in den Handlungen ihrer Gerechtigkeit!« »Ach, Signor Andrea,« rief der Baron Danglars ganz verwundert über die Sprache Benedettos, »mir scheint, als überließen Sie sich auf eine wunderbare Weise dem Studium der Moral und der Menschen.« »Ich studiere alles ein wenig, Herr Baron, weil mein Weg durch diese Welt ziemlich schwierig ist und ich an das Ziel meiner Art von Pilgerschaft gelangen muß. Lassen wir indes alle Betrachtungen jetzt und kommen wir zu dem, was Sie interessiert. Dieses Haus gehört Ihnen von heute an. Hier ist das Dokument Ihres Besitzes.« Er übergab dem Baron ein Papier, welches dieser begierig ergriff und las, indem er dann mit dem liebenswürdigsten Wesen von der Welt eine Bewegung vollkommener Zufriedenheit machte. Bankier in Paris, Theaterportier in Rom – war er jetzt Gutsbesitzer in der Nähe von Aquapendente – in Erwartung von etwas Besserem! Wahrlich, das Glück setzte sein Rad für ihn wieder in Bewegung. Und dennoch lag in dem Wesen und dem Gesicht Benedettos etwas, das ihm mißfiel. So wahr ist es, daß es auf Erden kein ungetrübtes Glück gibt. * XX. Die Via Appia. Mit einer teuflischen und sinnreichen Erfindung erklärte Benedetto dem Baron Danglars das Benehmen der Baronin auf eine solche Weise, daß der Baron blindlings an alles glaubte, was er ihm sagte. Die Erklärung bestand in folgendem: Die Baronin hatte unter der Herrschaft eines geheimen Lebensüberdrusses beschlossen, von der Weltbühne zu verschwinden. Da sie indessen sah, daß ihr Mann außerordentlich arm war, wollte sie ihm eine gewisse Unabhängigkeit hinterlassen und hatte deshalb Benedetto beauftragt, ihm den Besitztitel dieser kleinen Villa zu übergeben, welchem die gute Dame ein gewisses Kapital hinzufügte, das in den spekulativen Händen des Herrn von Danglars sich bald in ein anständiges Einkommen verwandeln mußte und hinreichend für die täglichen Ausgaben eines von den Geschäften zurückgezogenen Bankiers war. Jetzt blieb nichts weiter übrig, als den Grund der vorgeblichen Verbindungen zwischen Benedetto und Frau von Danglars kennen zu lernen; aber der Baron kannte hinlänglich die Launen seiner interessanten Ehehälfte, und es kam ihm darauf wenig an, nachdem sie zum Antrieb für die Verbesserung seiner Vermögensverhältnisse gedient hatten. Er befragte deshalb Benedetto nicht über diesen Punkt und begnügte sich mit einigen Erkundigungen in Bezug auf seine neue Lage. Benedetto befriedigte ihn vollkommen und der Baron war entzückt über alles, was ihm begegnete. Nur eines schien ihm sehr außerordentlich zu sein: die Wahl dieses von Rom entfernten Hauses! Er überließ sich indes ohne Rückhalt seinen neuen Plänen eines von den Geschäften zurückgezogenen Bankiers und vergaß bereits nach wenigen Tagen seine Besorgnis in dieser Beziehung. Noch war keine Woche verflossen, und schon hatte die kleine Besitzung ein gewisses Ansehen des Komfortablen gewonnen. Der Garten war gereinigt und bearbeitet, die Möbel ausgeklopft und von Staub und Spinnweben befreit; in dem Kamin brannte Feuer, und zwei Bediente waren mit allem möglichen Dekorum dem neuen Besitzer zur Verfügung gestellt. Benedetto machte dem Baron einige Besuche und wurde von diesem mit der größten Liebenswürdigkeit empfangen. Bei einem dieser Besuche fand er den Herrn von Danglars ganz mit den Vorbereitungen zur Instandsetzung seines Hauses beschäftigt, und der Exbankier sagte ihm, daß er am nächsten Tage den Besuch seiner Tochter Eugenie erwarte. Er sprach dies auf folgende Weise aus: »Ah, Herr Andrea – ich weiß wirklich nicht, ob ich Sie um die Gunst Ihrer Gesellschaft bitten darf – die unglücklichen Ereignisse in Paris – ich erwarte morgen jemand – und –« »Ich kann morgen auf keine Weise über meine Zeit verfügen, Herr Baron,« antwortete Benedetto, ihn unterbrechend, »dafür aber vermag ich Ihnen einen Rat zu erteilen, der viel mehr wert ist als meine Anwesenheit.« »Und der ist –?« »Ein Zimmer und ein Bett bereiten zu lassen, um für eine oder zwei Nächte eine Dame empfangen zu können.« »Eine Dame!« rief der Baron, der den Verwunderten spielte, »eine Dame! – Mein lieber Gast, was soll denn das bedeuten? Bei meiner Seele, Sie sehen mich ganz verwundert. Wer ist diese Dame?« »Ei, parbleu , Ihre Tochter!« »Was sagen Sie da?« »Die Wahrheit, Baron.« »Aber sind Sie denn ein Hexenmeister?« »Wer weiß!« »Das wäre ohne Zweifel durch die berühmte Reliquie – die Totenhand !« »Mein Herr!« rief Benedetto mit einem gebieterischen Tone, der das spöttische Lächeln, welches sich bereits zu zeigen begann, von den Lippen des Barons verscheuchte; »wenn Sie nur einmal begriffen hätten, was die Hand des Toten macht, die sich aus der Erde erhoben hat, welche jenen schon bedeckt – dann würden Sie bei dem Gedanken an die entsetzliche und geheimnisvolle Sendung zittern, welche diese Hand zu erfüllen hat und erfüllen wird! – Mein Herr, die Gerechtigkeit darf nicht eine eitle Sache sein, welche dem Gelächter der Menschen preisgegeben wird! Das Gesetz darf nicht ein Wort ohne Sinn sein, wie die Menschen es wiederholen, sei es, daß sie es auf das Gesetz des Himmels oder auf das der Erde anwenden! – Um diese Wahrheiten darzutun, ist eine unumschränkte Macht, ein höherer, allmächtiger Wille erstanden, welche aus dem Grabe die Totenhand gegen die eitlen und hochmütigen Lebenden erhoben hat!« Nach diesen Worten verließ Benedetto plötzlich das Gemach und der Baron starrte ihm nach, gewaltig ergriffen von dem unerwarteten Wechsel, der in diesem Menschen vorgegangen zu sein schien. Indem Benedetto den Baron verließ, bestieg er ein Pferd und ritt mit großer Schnelligkeit nach der Stadt; statt aber durch die Barrière zu gehen, verfolgte er seinen Weg außerhalb der Mauern und betrat dann die berühmte Via Appia; um gegenüber dem Zirkus des Caracalla anzuhalten. Es war Nacht. Der Mond ging eben auf und beleuchtete mit den Strahlen seines bleichen und unsicheren Lichtes eine gewaltige runde Höhlung, die zu den Füßen Benedettos gähnte und in welchem eine von Angst ergriffene Seele eine ungeheure Prozession weißer Gespenster zu erblicken wähnen konnte. Benedetto achtete indes nicht auf diese Visionen. Er hatte keine andere Sorge, als in der großen Ruine die Umrisse des Menschen zu suchen, den er hier finden sollte. Nach und nach zeigte sich in der Tat dieser Mensch, eingehüllt in einen dunkeln Mantel und gefolgt von zwei anderen Individuen, denen er ein geheimnisvolles Zeichen gab. Diese beiden Männer entfernten sich schnell und der dritte ging in der Richtung nach der Via Appia vorwärts. Benedetto trat ihm einige Schritte entgegen und sagte: »Peppino!« »Exzellenz!« erwiderte der Mann, indem er stehen blieb und sich umsah, bis er Benedetto erblickte. »Die Instruktionen, die ich Dir gab –?« »Sind vollführt, Signor!« »Laß hören! Was macht Luigi Vampa?« »Ergriffen von einer geheimnisvollen Leidenschaft, die ihn ganz zu beherrschen scheint, ist er seit acht oder zehn Tagen nicht in den Katakomben des heiligen Sebastian gewesen, wo wir für gewöhnlich unser Hauptquartier haben. Unsere Kameraden murren darüber, daß er sie verläßt und viele von ihnen haben die Flucht ergriffen, da sie fürchten, daß der Hauptmann sie verraten hat. Ich, der ich in der Abwesenheit Vampas die Truppe kommandiere, habe jetzt kaum noch acht Mann unter meinen Befehlen, und diese sind sehr geneigt, dem Beispiele ihrer Kameraden zu folgen, wenn Luigi Vampa nicht bald erscheint.« »Sehr gut!« murmelte Benedetto. »Indessen hast Du vielleicht nicht daran gedacht, den Argwohn Deiner Satelliten gegen Luigi Vampa zu schüren?« »Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Exzellenz. Ich habe schon von Teilung mit ihnen gesprochen – aber die Kasse ist leer, denn Luigi Vampa hat alles mit sich genommen!« »Das darf Dich wenig kümmern, Peppino.« »Das ist wahr, Exzellenz, da Sie mir meine Unabhängigkeit gesichert haben,« entgegnete Peppino. »Das Fahrzeug?« »Liegt bereit, um auf das erste Zeichen unter Segel zu gehen.« »Die Bemannung?« »Ist zuverlässig und entschlossen.« »Der Kapitän?« »Ach, Exzellenz,« entgegnete Peppino seufzend, »Sie haben mir gesagt, daß das Fahrzeug nur einen Steuermann haben soll, um es zu lenken.« »Das ist wahr,« entgegnete Benedetto. »Jetzt vollziehe buchstäblich, was ich Dir sagen werde.« Peppino neigte den Kopf, um besser hören zu können, und Benedetto fuhr fort: »Uebermorgen um fünf Uhr früh wirst Du an Bord sein. Das Schiff wird mich bis sechs Uhr mit gelichteten Ankern erwarten. Verlaß die Katakomben, und Deine Untergebenen mögen ein Leben aufsuchen, welches minder –« »Ach, Exzellenz,« unterbrach ihn Peppino rasch, »wenn Sie sie kennten – vielleicht würden Sie dann sie benutzen, denn es sind Leute von Kopf und Mut. Ich erkläre Ihnen, daß der Augenblick, ihre Sympathie zu gewinnen, sehr günstig ist.« »Was willst Du damit sagen?« fragte Benedetto mit geringschätzigem Wesen. »Ich will damit sagen, daß Sie die Gnade haben sollten, mit mir in die Katakomben hinabzusteigen, wo sie Ihrer warten, denn ich habe gewagt, es auf mich zu nehmen, ihnen Ihre Unterstützung und Ihren Schutz zu versprechen.« »Das ist eine Torheit! Wir könnten überrascht werden.« »Sehen Sie, Exzellenz!« entgegnete Peppino, indem er in entgegengesetzten Richtungen auf zwei Schatten deutete, welche sich in der Ferne zwischen den Denkmälern der Via Appia zeigten, »das sind Schildwachen, die niemanden herankommen lassen würden, selbst Vampa nicht, wenn er erscheinen sollte.« »Und wozu können mir Deine Leute dienen?« »Hören Sie mich an: Es sind ihrer acht, und diese acht habe ich gewählt, um die Bemannung des Fahrzeuges zu bilden. Vier von ihnen sind schon Seeleute und kennen alle Häfen des mittelländischen Meeres, wie ich alle Straßen Italiens kenne. Sie würden daher mit Ihnen überall hinziehen, wohin Sie es verlangen, und wenn Sie ihrer so wie meiner nicht mehr bedürfen, so würden wir einen Zug durch das schwarze Meer, das Marmarameer und den Archipel machen, wo sich ganz vortreffliche Geschäfte bieten.« »Ich sehe, daß Du ein Mensch von Verstand bist, Peppino,« entgegnete Benedetto nach kurzem Ueberlegen. »Doch nun voran; ich folge Dir!« Bei diesen Worten ging der römische Bandit vor Benedetto her, den abwärts führenden Pfad verfolgend, der bis zu einer in dem Boden angebrachten Oeffnung ging, vor welcher ein Mann als Schildwache stand. Benedetto, welcher dem Banditen beständig auf dem Fuße folgte, stieg eine verfallene Treppe hinab, die in ein vollkommen dunkles Gewölbe führte. An dem Ende eines langen Ganges glänzte eine Harzfackel, deren rötliche, von dem Winde bewegte Flamme ihre flackernden Strahlen auf die unterirdischen Wände fallen ließ. Benedetto bemerkte, daß zahlreiche Vertiefungen in den Mauern angebracht waren, jede dazu bestimmt, einen Sarg aufzunehmen. Der Korridor endete in einem geräumigen Saal; auf einem Altare von Granit stand die Fackel; dem Altar gegenüber erblickte man eine lange Tafel von schwarzem Marmor, welche ehedem dazu bestimmt gewesen zu sein schien, zum Xenotaphium der Särge zu dienen, die darauf niedergesetzt wurden, welche jetzt aber als Tisch für das Bankett einiger Menschen benutzt wurde, deren durch den Widerschein der Flamme und den Wein gerötete Gesichter den Stempel ihres verbrecherischen und zügellosen Lebens trugen. Diese Menschen sangen eben im Chor ein unzüchtiges Lied, dessen Ende lautete: »La vendetta! la vendetta! la vendetta!« Sie wiederholten diese Worte laut und mit Enthusiasmus. Peppino blieb stehen und sagte lächelnd und mit leiser Stimme zu seinem Begleiter: »Lassen Sie sie zu Ende singen; sie schwören, sich an Vampa zu rächen.« Er trat dann in die Mitte der geräumigen Höhle, zog aus dem Gürtel ein Pistol und einen Dolch und rief: »Auf, Freunde! Hier ist unser neuer Hauptmann. Laßt uns ihm zeigen, daß er in unserer Mitte vollkommen in Sicherheit ist.« Bei diesen Worten verstummten die Banditen, sprangen schnell auf, stellten sich schweigend in zwei Reihen, die eine der anderen gegenüber, hoben ihre mit Pistolen und Dolchen bewaffneten Arme und bildeten so ein Spalier, zwischen dem Peppino Benedetto hindurchführte. Benedetto ging mit festem Schritte unter dem furchtbaren Bogengange hin, den die Pistolen und die Dolche der Banditen bildeten; – eine wohlbekannte Zeremonie, die hier von diesen Menschen vollführt wurde, welche so ihrem neuen Hauptmann zu verstehen geben wollten, daß er den Beistand ihrer Arme und ihrer Waffen gewonnen hatte, um sein Leben zu verteidigen. »Freunde,« sagte Benedetto, zu den Banditen gewandt, »da Ihr Euch mir anvertraut habt, vertraue auch ich Euch!« »Ja! ja! Befehlt, wir werden gehorchen!« schrien sie wie mit einer Stimme. »Luigi Vampa hat Euch verraten, und bald würdet Ihr hier durch die Schergen der Gerechtigkeit verfolgt werden. Es ist daher unerläßlich, diesen Zufluchtsort zu verlassen. Peppino empfing schon meine Instruktionen und Ihr könnt ihm folgen.« »Aber die Rache!« entgegnete einer der Banditen. »Wir werden diesen Ort nicht verlassen, ohne uns an Vampa gerächt zu haben!« »Beruhigt Euch,« erwiderte Benedetto, »Vampa wird seine Strafe empfangen. Der Urteilsspruch, den Ihr gegen ihn gefällt habt, wird durch die römische Polizei vollzogen werden, die in diesem Augenblicke schon benachrichtigt ist und ihre Anstalten trifft, den Verräter zu überfallen. Von jetzt an sollt Ihr meine einzige Familie sein, und ich übernehme es, Euch dahin zu führen, wohin Euer Vorteil Euch ruft.« »Es lebe unser neuer Hauptmann! Tod Vampa!« schrie die Bande mit wahnsinnigem Jubel. »Peppino,« sagte Benedetto, »gib mir ein Glas Wein, denn ich will auf die Gesundheit dieser tapferen Gefährten trinken, in deren Brust ein Herz schlägt und Gefühle wohnen edler, als die einer Unzahl von Menschen, die offen durch die Welt schreiten, ihr Gesicht furchtlos dem Lichte des Himmels zeigend.« Er schwieg. Peppino reichte ihm einen mit Wein gefüllten Pokal, und alle Banditen hielten sich bereit, voll Enthusiasmus auf diese Gesundheit zu antworten, welche das Pfand eines furchtbaren Bündnisses sein sollte. Der Sohn Villeforts stieß ein Hurra aus, setzte den Pokal an die Lippen und leerte den Inhalt mit einem einzigen Zuge. Alle folgten seinem Beispiel. Als der Toast beendigt war, schleuderte Benedetto sein Trinkgefäß von sich, und indem es an der Wand des Gewölbes zersplitterte, rief er aus: »Freunde, dies sei Euer Lebewohl an die Katakomben des heiligen Sebastian, an Rom, an Italien! Eine Zukunft voll Entzücken erwartet uns fern von hier. Wollt Ihr Gold? Ihr sollt es in Ueberfluß haben: Blut? Ihr werdet es in Strömen ohne Mitleid vergießen. Vorwärts! Vorwärts! Ein rächender Gott ruft mich an die Küsten des Orients, wo Ihr Altäre für die Opfer einer gerechten und erbarmungslosen Rache bereitet.« Die Banditen jubelten mit wilder Lust den Worten Benedettos Beifall zu, und einige Augenblicke später waren die Katakomben des heiligen Sebastian öde. Die auf dem Altare vergessene Fackel brannte bis zu Ende und schien durch ein letztes, schnelles, augenblickliches Aufflackern das traurige Lebewohl wiederholen zu wollen, welches die Banditen den Ruinen sagten, die sie solange entweiht hatten. Benedetto eilte zu seinem Pferde, das er an einem der Denkmäler der Via Appia angebunden hatte, schwang sich in den Sattel und jagte im Galopp gegen Rom. »Vorwärts! Vorwärts!« murmelte Benedetto, indem er zwischen den finstern Monumenten verschwand wie ein unheimlicher Schatten. »Ein Dämon leitet meine Schritte, begünstigt mich und begeistert mich durch seinen unheiligen Verstand. Morgen werde ich das ganze Gold Luigi Vampas in meinen Händen haben, den Preis der Tränen und der Qualen aller seiner Opfer; ich empfange außerdem die Belohnung, welche für den Kopf dieses Banditen ausgesetzt ist, und das alles soll auf ein Werk verwendet werden, welches ebenfalls den Tränen und den Qualen gewidmet ist! Edmund Dantès; – das traurige Spielwerk Deiner verabscheuungswerten Leidenschaft, Deiner grausamen Rachgier, wird sich Deinen Blicken zeigen, nachdem es Dir die Leiden fühlbar gemacht hat, die Du mit verschwenderischer Hand andern zufügtest, die Du dem Herzen meines armen Vaters auferlegtest! Du hast nicht zu verzeihen gewußt – auch Du wirst vergebens Verzeihung erflehen. Du hast den Stolz besessen, Dich mächtig wie ein Gott zu wähnen; Du wirst Deinen Stolz in den Händen eines Kindes zertrümmern sehen wie Glas. Edmund Dantès – der Blitzstrahl, der die Wolken durchzuckt, verschont die stolze Zeder nicht; er trifft sie im Gegenteil nur mit gesteigerter Wut!« Kurze Zeit darauf befand sich Benedetto in der Nähe des Kolosseums. Er stieg vom Pferde und sah sich augenblicklich von sechs oder acht jener Industriellen ohne Industrie umringt, welche in Rom gleich Ameisen in der Nähe der Kirchen, der Theater, der Denkmäler und der Ruinen wimmeln, und deren einziges Existenzmittel darin besteht, den Fremden den Ursprung, die Begründung, die Bestimmung und die Geschichte jener berühmten Ueberbleibsel des Altertums zu erklären. Einer der Cicerone nahm die Zügel des Pferdes, seine Kameraden umringten währenddessen Benedetto, indem sie mit aller nur möglichen Höflichkeit sagten: »Exzellenz, die Nacht ist schön; Sie können mir folgen.« »Wozu?« »Um zu sehen!« »Was zu sehen?« Per la Madonna! Das Denkmal des Flavius, das berühmteste Denkmal Italiens und ganz Europas, wo sich achtzigtausend Zuschauer bequem versammeln konnten. Kommen Sie – ich werde Ihnen den Zirkus der wilden Tiere zeigen und Ihnen während des Weges die Maßregeln erklären, die man ergriff, um die Bestien abzuhalten, sich auf die Zuschauer zu stürzen.« Benedetto antwortete durch eine Bewegung der höchsten Geringschätzung auf die lästigen Anerbietungen des Cicerones, ging mitten zwischen ihnen hindurch und vertiefte sich in die berühmten Ruinen, um Vampa aufzusuchen, wie ungefähr zwei Jahrs zuvor und beinahe zu derselben Stunde, der Graf von Monte Christo Vergl. »Graf von Monte Christo,« übersetzt von Philipp Wanderer, S. 221. zu der Aufsuchung ebendesselben Menschen hierher gekommen war, am 21. Februar, am Tage vor dem Beginn des Karnevals in Rom, der durch ein besonderes Ereignis gefeiert werden sollte, nämlich durch »die auf dem Platze del Popolo infolge »eines Urteilspruches des Tribunals von Nota vorzunehmende »Hinrichtung des Andrea Rondolfo, schuldig der Ermordung »des sehr achtbaren und sehr geehrten Don Cäsar »Torloni, Canonicus der Kirche von Sankt Johann zum »Lateran, sowie des Peppino, genannt, Rocca Priori , »überführt des Einverständnisses mit dem verabscheuungswerten »Banditen Luigi Vampa und den Mitgliedern seiner »Bande; der Erste sollte mazzolato werden und der »Zweite decapitato « Unsere Leser haben wahrscheinlich den Auftritt nicht vergessen, wie Franz von Epinay, noch ganz erfüllt von den Erinnerungen an die beinahe feenhaften Eindrücke der Grotte Monte Christos, hinter dem Schafte einer Säule verborgen, einen Reisenden erscheinen und die Treppe ersteigen sah, welche der gegenüberlag, die er selbst heraufgekommen war, um sich an den Ort zu begeben, an dem er sich befand; wie dann dieser Fremde unmittelbar unter einer runden Oeffnung stehen blieb, welche sich in dem eingestürzten Gewölbe befand und den mit Sternen bedeckten Himmel zu sehen gestattete. Sie werden sich auch an sein Erstaunen oder vielmehr an seine Verwunderung erinnern, als er, nachdem er das Gespräch dieses Fremden mit einem Individuum, welches in der vollständigen Tracht eines Trasteveriners gekleidet war, belauscht hatte, in demselben seinen Wirt aus der Grotte, Sindbad, den Seefahrer, oder vielmehr den Grafen von Monte Christo, erkannte. Ein sonderbares Spiel des Schicksals oder vielmehr des Zufalls für die, welche in der Lenkung der Ereignisse, die den Text zu dem großen Drama, genannt Menschenleben , bilden, die höhere Hand nicht erkennen wollen! Ein Mensch, der von dem größten Unglück betroffen worden war, der nur wie durch ein Wunder einer Gefangenschaft entrann, welche lebenslänglich sein sollte; der durch ein anderes Wunder in den Besitz ungeheurer Reichtümer sowie der Macht gesetzt wurde, welche diese Reichtümer verleihen; ein Mensch, dessen Vater Hungers gestorben war, dem man die angebetete Geliebte geraubt hatte und der, die Vorrechte der Gottheit usurpierend, sich über alle Gesetze und alle menschlichen Rücksichten erhoben hatte, um dahin zu gelangen, eine fürchterliche und unerbittliche Rache zu vollziehen, welche die Gesellschaft ihm an seinen Verfolgern sowie an allen denen verweigerte, die nahe oder fern zu den ihm auferlegten Martern beigetragen hatten, Martern, welche in seinem Herzen eine ewige Leere, eine stets blutende Wunde zurückließen; – dieser Mensch hatte in der Absicht, die treue Anhänglichkeit einer Bande furchtbarer und entschlossener Bösewichter zu gewinnen, die seinen Plänen nützlich sein konnten, in eben diesem Kolosseum ein Zusammentreffen mit dem Hauptmann jener Banditen verabredet, mit Luigi Vampa, um mit ihm die Mittel zu besprechen, einen der Mitschuldigen desselben, Peppino, der Hinrichtung zu entreißen! Und jetzt kam, nur kurze Zeit nach jenem Ereignis, ein Dieb, ein Fälscher, ein Mensch, der dem Bagno entsprang, ein Mörder, der sich ebenfalls zum Rächer seines Vaters aufgeworfen hatte, welcher unter den Streichen seines Henkers gefallen war, gleich Lazarus auf die Stimme Christi aus einem Grabe hervor, um mit dem Beistand eben dieses Peppino, der seine Rettung Monte Christo und Vampa verdankte, den aber er, Benedetto, zu einem Undankbaren und Meineidigen gemacht hatte, an eben diesem Orte ein Werk des Verrats gegen Luigi Vampa zu verabreden, nicht etwa, um die beleidigte Gesellschaft für die Missetaten des kühnen Banditenhauptmanns zu rächen, sondern weil dessen Verderben seinen Berechnungen entsprach, weil es einen Teil seiner verbrecherischen Pläne, seiner Blutsendung, bildete. Das Herz erbebt bei dem Anblicke dieser ununterbrochenen Reihenfolge von Greueln, deren Bahn der Sohn Villeforts bezeichnete. In der Tat war es nur der Geist des Bösen, der ihn erfüllte; es war Satan in seiner ganzen Häßlichkeit; es war das Verbrechen, bestraft durch das Verbrechen. Die unglückliche oder verfolgte Tugend fand wenigstens in Edmund Dantes eine Stütze, einen großmütigen, entschlossenen Verteidiger; er streute mit vollen Händen Wohltaten aus, und wenn er Tränen des Schmerzes und der Verzweiflung vergießen machte, so lockte er auch zahlreiche der Dankbarkeit hervor. Er sündigte aus Stolz; wenn er aber seine Streiche führte, glaubte er, gerecht zu handeln. Sein ungeheures nicht gut zu machendes Unrecht bestand darin, daß er sich zum Richter und Henker in seiner eigenen Sache aufgeworfen hatte, ohne zu überlegen, daß es sehr schwierig ist, das richtige Maß zu halten, wenn der Zorn betäubt und der Haß verblendet. Zuweilen jedoch, und oft sogar, hörte er auf die Stimme Gottes, dessen Namen er anrief! Er war, wenn man will, ein gefallner Engel, aber ein Engel, der sich noch des Himmels erinnerte! Doch was soll man von Benedetto sagen? Nichts, als daß er ein Dämon war, erzeugt und ausgespieen durch die Hölle, ohne jemals den leisesten Schein des leuchtenden Himmels gesehen zu haben! Wird vielleicht endlich ein Strahl von oben die Nebel durchdringen, welche das Gewissen Benedettos, des Verfluchten, umhüllen, dieses Verworfenen, der von nichts spricht, als von dem Nichts? Die gotteslästerliche Gewalt, die er sich angemaßt hatte, wird er sie stets nur zu dem Bösen und nie zu dem Guten anwenden? Wer vermag es, in den Geheimnissen der Vorsehung zu lesen? * Zweiter Band. I. Das Kolosseum. Das berühmte Amphitheater, in welchem einst zur Belustigung der Römer die Martern der Christen stattfanden, scheint den Namen, unter welchem man es seit einigen Jahrhunderten bezeichnet, von einer riesigen Statue Neros angenommen zu haben, die am Fuße dieses Gebäudes errichtet war. Benedetto erstieg die Stufen, welche zu den Trümmern der kaiserlichen Tribüne führen und ließ von dort seine Blicke über das weite Amphitheater schweifen, als ob sein Auge die Dunkelheit zu durchdringen vermöchte, welche die Nacht hervorrief und die sich über die Trümmer des römischen Prunkes gelagert hatte. An den Orten, welche der Mond minder hell beschien, glänzten einige Fackeln in dem Mittelpunkte kleiner Gruppen von Kunstliebhabern, denen ein Cicerone den Bau des prachtvollen, im Verfall begriffenen Gebäudes erklärte. Der Sohn Villeforts stieg die Estrade hinab, welche zu der kaiserlichen Tribüne geführt hatte und vermied dabei das Zusammentreffen mit jenen Gruppen Neugieriger, indem er sich mitten durch die Ruinen hindurch jenem Teile zuwendete, welcher Zirkus der Tiere genannt wird und jetzt ganz verödet zu sein schien. Der Schall von Schritten machte indes, daß er stehen blieb und sich im Schatten einer riesigen Säule verbarg. Bald darauf zeigte sich ein Mensch, in einen braunen Mantel gehüllt, den Augen Benedettos, beleuchtet durch einen der matten Strahlen des Mondes. Dieser Mensch hatte die Augen auf die rötliche und flackernde Flamme eines der Cicerone gerichtet, die in einer geringen Entfernung brannte. »Sie ist es,« murmelte der Unbekannte, der mit wirrem Blicke den Bewegungen der Flamme folgte; »sie ist es – das Weib, das ich nicht vergessen kann, selbst nicht einen einzigen Augenblick! Weh mir! Wohin soll ich, durch dieses Fieber verführt, geraten! Ha, Eugenie d'Armilly – Du mußt mein sein!« »Das ist Vampa!« sagte Benedetto bei sich selbst in dem Augenblick, in welchem der Bandit, ängstlich umherblickend, sein Gesicht den Strahlen des Mondes preisgab, indem er es der Richtung zuwendete, in welcher Benedetto sich verborgen hatte. Das Licht der Fackel, welches in diesem Teile der Ruinen funkelte, begann sich dem Zirkus der Tiere zu nähern, und Vampa erbebte unwillkürlich, indem er auf die Säule zuschritt, hinter welcher Benedetto stand. In diesem Augenblicke erschienen an dem Eingange des Zirkus zwei Frauengestalten, denen der unermüdliche Cicerone voranschritt, welcher den Arm mit der Fackel ausstreckte, deren flackerndes Licht seine unsicheren Strahlen in die Tiefe des Zirkus sendete, in welche diese Frauen ihre neugierigen Blicke senkten. »Sehen Sie hier,« sagte der Cicerone, »dort war der Käfig der Tiere, in welchem sie ihr wildes Geheul der Wut und des Hungers ausstießen, bevor sie in die Arena geführt wurden, aus der sie sich dann zurückzogen, gesättigt durch das Gemetzel, den Rachen mit Blut gefärbt, das Auge feuersprühend und drohend. Weiterhin,« fuhr der Cicerone fort, indem er auf einen Ort deutete, der durch den Mond beschienen wurde, »lag die Tür, durch welche die Verurteilten eintraten, um nicht mehr wieder hinauszugehen. – Da war die Tribüne der Kaiser, von wo sie auf die Wut der wilden Tiere herabsahen und mit kalter Verachtung die flehenden Bitten der Christen und Sklaven vernahmen, die zu diesem kriegerischen und barbarischen Spiel verurteilt waren.« Der Cicerone schwieg, indem er den Arm mit der Fackel noch erhoben hielt, während die beiden jungen Frauen sich gegenseitig umschlungen hielten und den Gefühlen überließen, welche der Ort, die Szene und die durch den Führer gegebenen Erklärungen in ihnen hervorgerufen hatten. »Luise,« sagte die jüngere, »ich habe große Lust, dort hinabzusteigen an den Ort, an welchem so viele Opfer in den letzten Qualen der Todesfurcht und unter den Krallen der entsetzlichen Tiere Asiens und Afrikas zitterten; ich will nachdenken, auf dem Boden, benetzt durch das Blut und die Tränen so vieler tausend Weiber, welche sich zum letztenmal umarmten, einen Sohn, eine Tochter, eine Freundin innig an sich schließend, indem sie versuchten, sie gegen den Zahn der wilden Tiere zu schützen. Komm, Luise – komm, meine Freundin!« Der Cicerone richtete einen fragenden und scharfen Blick auf die beiden Frauen, blieb indes regungslos stehen, den Befehl erwartend, sie zu begleiten; aber die beiden Freundinnen gaben ihm dies Zeichen nicht, und daran gewöhnt, den Launen der Besucher sich zu fügen, begnügte er sich damit, durch die Fackel die Stufen der Treppe zu beleuchten; dann setzte er sich, lehnte die Fackel gegen die Steine und erwartete geduldig die Rückkehr der Damen, indem er die Zeit dazu verwendete, zwischen den Fingern seiner rechten Hand die Perlen eines Rosenkranzes hindurchgleiten zu lassen, während er mit der linken eine Zigarre hielt, die er mit allen Zeichen des vollständigsten Genusses rauchte. Eugenie Danglars und Luise d'Armilly gelangten zu dem Zirkus, dessen Ausdehnung der entschlossene Blick der ersteren prüfte, während die zweite sich damit begnügte, auf denselben einen flüchtigen und schüchternen Blick zu richten, einen jener Blicke, welche sie außerhalb der Bühne charakterisierten. »Du zitterst, teure Freundin?« fragte Eugenie, »und weshalb? – Bedenkst Du denn nicht, daß wir ganz allein sind? – Tun die traurigen Erinnerungen dieses Ortes Dir weh? – Ich gestehe, daß ich unrecht hatte, Dir diesen nächtlichen Besuch in dem Kolosseum vorzuschlagen! Ich glaubte, Du wärest minder leicht zu erschrecken, minder schüchtern. Ach, wer hätte denn wohl auch glauben können, daß der Schatten der Nacht und eine gewaltige Granitmasse die Macht hätten, so Deine Seele zu erschüttern? Und ich, die ich die Nacht so lieb habe, fühle mich in der Mitte dieser Trümmer unendlich wohl! Dieses erhabene, feierliche Schweigen, diese majestätischen Schatten, welche die riesigen Säulen des Gebäudes werfen, die von Jahrhundert zu Jahrhundert mit Bewunderung betrachtet wurden – die Erinnerungen, welche jeder dieser Steine, dieser Boden, diese Arena, hervorruft, dieser wahre Schauplatz, wo der Despotismus und die Leiden sich mit ihren unvergänglichen Diademen schmückten – das alles steht in so vollkommener Harmonie zu meiner Seele! – Ach, Luise, wenn Du jemals so geliebt hättest, wie ich liebe, wenn Du nur ein einziges Mal alle Deine Gedanken auf ein Wesen geheftet hättest, welches das Geschick, durch eine seiner Launen mit unserem Geiste verkettet und sozusagen einen wesentlichen Teil von uns selbst bildet – ach ja, dann würdest auch Du die Schatten, das Schweigen der Nacht, die Einsamkeit, lieben!« Vampa vernahm begierig diese Worte Eugenies. Benedetto hörte deutlich die heftigen schnellen Schläge von dem Herzen des römischen Banditen; denn wie wir bereits sagten, war die Säule, hinter der Benedetto sich verborgen hatte, eben die, an welche der berüchtigte Bandit sich lehnte. »Eugenie,« sagte Luise, »ich begreife, welches Gefühl dieses Schweigen, diese Schatten, die Einsamkeit, in Deiner Seele erwecken, die, frei von jedem andern Bilde, sich ganz den Betrachtungen dessen überläßt, durch welches es allein erfüllt wird; aber ich, die ich nicht hier unter dem Eindrucke dieses ausschließlichen Gefühls stehe, welches alle Gedanken beherrscht und in sich einschließt, ich, die ich nicht die Kraft und Entschiedenheit Deines Charakters besitze, ich zittere und bebe bei dem geringsten Flüstern der Luft. Jeder Stein flößt mir Furcht ein; aus jedem glaube ich eine unheimliche Gestalt hervorsteigen zu sehen, welche auf uns ihre drohenden Blicke schleudert, wie die der wilden Tiere. – Ja, siehst Du, ich bin furchtsam – ich bin schwach – ich gleiche allen Frauen – ich weiche nur in einem Gefühle von ihnen ab: Ich liebe nicht.« Ohne auf die Freundin zu hören, schritt Eugenie melancholisch und träumerisch durch den Zirkus; Luise sah sich gezwungen, ihr zu folgen. »Eugenie! Eugenie!« rief plötzlich Luise, indem sie mit zitternder Hand den Arm Eugenies erfaßte. »Erschreckt Dich irgend eine Vision, meine Liebe?« fragte Eugenie, indem sie sich von dem Griff losmachte. »Ach nein,« erwiderte Luise nach einer Pause und indem sie eine Anstrengung machte, um zu sprechen; »es ist nicht eine bloße Vision.« »Deine Hand ist eiskalt,« flüsterte Eugenie; »solltest Du Dich fürchten?« »Ich möchte diese Furcht nicht hegen – aber ich kann sie nicht besiegen.« »Laß hören; was versetzt Dich denn in diese auffallende Unruhe?« »Sieh nur,« sagte Luise dumpf, indem sie auf eine der Säulen deutete; »dort steht ein Mann.« »Wo?« »Da, an der vierten Säule links, vor dem Portikus.« »Ich sehe nichts,« erwiderte Eugenie, indem sie mit dem Auge der Hand Luises folgte. »Er wird sich ohne Zweifel verborgen haben. Aber ich habe mich nicht getäuscht, dessen bin ich gewiß. Ich habe dort – dort – das Gesicht eines Menschen gesehen.« »Ach, es wird nur Einbildung gewesen sein; es war ohne Zweifel der Schatten einer Säule; ich wette, es war ein Riese.« »Eugenie! Eugenie! Laß uns gehen!« Luise ergriff aufs neue den Arm Eugenies, wendete sich rasch gegen die Treppe, um dahin zurückzukehren, aber sie wich plötzlich zurück, indem sie einen leisen Schreckensschrei ausstieß. »O mein Gott!« flüsterte Eugenie. Luigi Vampa stand vor den beiden Sängerinnen. Regungslos, als wäre er eine Bildsäule, hielt der Bandit seinen Blick fest auf das Gesicht Eugenies geheftet, seinen scharfen, durchbohrenden Blick, und dieser schien mehr zu sagen, als die beredtesten Lippen auszusprechen vermocht hätten. Indes machte die Lage einige Worte unvermeidlich, denn Luigi Vampa schien den beiden Freundinnen den Weg zu vertreten. Er zog daher den Hut, ließ den Mantel fallen und sagte: »Signorine, ich habe Ihnen gesagt, daß in dem Schatten und dem Schweigen der Nacht ein Mann existiert, der gegen ein einziges Wort aus Ihrem Munde eine Ewigkeit der Qualen annehmen würde. Sie haben die Schatten und das Schweigen der Nacht aufgesucht – Sie sind mir begegnet. Darf ich nun hoffen, dieses Wort zu vernehmen, oder muß ich für meine Seele eine Ewigkeit der Martern erwarten? – Sprechen Sie!« Die Furcht hatte Luise d'Armilly für einen Augenblick betäubt, wie dies nervösen Personen leicht geschieht, und das arme Mädchen stützte sich gegen einen Granitblock, das Gesicht in die Hand bergend, ohne den Banditen zu sehen, noch zu hören. Eugenie dagegen sah und hörte ihn, doch nicht mit dem Schrecken ihrer Freundin, sondern mit einem unbeschreiblichen Gemisch der Furcht und des Vergnügens, denn sie erkannte in dem Manne des Kolosseums den geheimnisvollen Zuschauer des Theaters Argentino. »Mein Herr,« flüsterte sie, »ich benutze nur dieses unerwartete Zusammentreffen, um Ihnen für das schöne Geschenk zu danken, durch welches Sie uns bei unserer letzten Vorstellung der Semiramis geehrt haben. Glauben Sie an meine aufrichtige Dankbarkeit, wer Sie auch sein mögen.« »Und weiter nichts?« fragte Vampa mit dumpfer Stimme und finsterem Wesen. »Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen habe.« Eugenie trat einen Schritt zurück, um sich Luise zu nähern. Aber der Bandit schritt vorwärts, senkte schnell ein Knie zur Erde und ergriff ihre Hand. »Signora! Signora!« rief er; »o, Sie vergelten schlecht das innige Gefühl, welches Sie mir einflößen.« »Vergessen Sie es!« murmelte Eugenie, indem sie ihre Hand den glühenden Lippen Vampas zu entziehen strebte. Aber es fehlte ihr die Kraft, ein solches Opfer zu bringen. »Wäre es möglich,« fuhr Vampa fort, »kennen Sie wohl das ganze Gewicht des verhängnisvollen Wortes, das Sie soeben sprachen? Sie vergessen? O nein – das vermag ich nicht!« »Stehen Sie auf – gehen Sie –« sagte Eugenie, »denn dieser plötzliche Impuls des Gefühls, das Sie mir erklären, könnte für Wahnsinn gehalten werden, wenn Sie ihn verlängern wollten.« »Wenigstens – ein einziges Wort der Hoffnung –« »Glauben Sie denn, daß Sie ein Recht haben, es zu verlangen?« fragte Eugenie. »Ich flehe auf meinen Knieen darum!« »Mein Herr, das würde einem jener unglaublichen Romanabenteuer gleichen. – Ich hoffe, daß in Ihren Gedanken dieses Zusammentreffen ebensowenig eine sichtbare Spur zurücklassen wird wie der Blitz in der Wolke, die er durchzuckt; es wird in den Schatten der Trümmer, die uns umgeben, vergraben bleiben, in denen ohne Zweifel schon tausendmal ähnliche Worte wie die Ihrigen tönten, ohne außerhalb dieses Kreises wiederholt zu werden. – Morgen werden Sie über sich selbst lachen – doch nicht über mich, nein, nicht über mich.« »Ach ich verstehe Sie!« entgegnete Vampa mit bitterem Lächeln. »Sie können an die Aufrichtigkeit meiner Worte nicht glauben, bevor die Zeit Sie davon überzeugt hat.« »Sie sprechen die Wahrheit,« erwiderte Eugenie. »Sie sehen wohl, daß ich Sie nicht einmal kenne.« Bei diesen Worten stand der Bandit auf. Ueber sein Gesicht zog ein finsterer Schatten und seine glühenden, leidenschaftlichen Blicke schienen die Züge Eugenies zu verschlingen. »Sie haben recht!« sagte er, »und dennoch werde ich Ihnen überallhin folgen, ja, überallhin.« Indem er so sprach, warf er den Mantel wieder über die Schultern, hüllte sich in dessen Falten und verschwand unter den Trümmern. Benedetto, welcher Zeuge dieses ganzen Auftrittes gewesen war, trat ebenfalls aus seinem Versteck hervor und folgte schleichend Vampa, indem er murmelte: »Ei, ich mache schnelle Fortschritte in meinen archäologischen Studien. Ich erkenne zum Beispiel, daß das Kolosseum ein zuverlässiger Ort für verliebte Abenteuer ist, so zuverlässig, daß die dabei beteiligten Personen nicht einmal nötig haben, ihn im voraus zu bezeichnen. Ich werde mir diese Entdeckung aufschreiben, und sie soll den Gegenstand eines besonderen Kapitels bilden, das den Titel führen wird: » Römische Sitten: Besonderer Charakter des Kolosseums !« – »Liebe Freundin; – meine Luise,« sagte Eugenie, indem sie den Arm ihrer Freundin schüttelte. »Ach, der Schreck hat mich erstarrt!« flüsterte diese nach einigen Augenblicken. »Ich gebe Dir die Versicherung, daß Du das Opfer eines wahrhaft panischen Schreckens gewesen bist.« »Und der Mann?« fragte Luise, indem sie an allen Gliedern zitterte. »Welcher?« entgegnete Eugenie. – »Du siehst ja wohl – es ist hier kein Mann; es ist hier nichts als die Nacht, die Dunkelheit und das Schweigen. – Laß uns gehen!« Die beiden Freundinnen schritten der Treppe zu, auf deren Gipfel der treue Cicerone saß, der sich erhob, um sie mit einem anmutigen Lächeln zu begrüßen, welches ihm aus der Hand Eugenies den doppelten Preis gewann, der für seine Erklärung des Denkmals des Flavius Vespasian bedungen war. Benedetto beeilte seine Schritte und hatte sehr bald Luigi Vampa eingeholt. »Ich verzweifelte schon, Euch zu begegnen,« sagte Benedetto mit dem erzwungenen Tone des Verdrusses. »Ich glaubte, Ihr hättet Euch zu irgend einem verliebten Rendezvous begeben, Maestro.« »Entschuldigen Sie mich,« flüsterte Vampa, »ich irrte zwischen den Ruinen umher und wir haben uns wahrscheinlich gekreuzt, das ist alles.« »Mir schien indes, als hättet Ihr nicht große Eile, das Zusammentreffen zu bewirken.« »Ganz im Gegenteil; ich wartete mit der lebhaftesten Teilnahme darauf, denn ich glaube, Sie sind damit einverstanden, mir alle notwendigen Mitteilungen zu machen –« »Nun, es ist gut; ich will sie Euch geben. Ich empfing aus Euren Händen achttausend Piaster, um damit die Gunst des Schelmes, des Baron Danglars, zu erkaufen. Der Mann nahm das Geld, wird Euch in seinem Hause empfangen und Euch mit aller möglichen Rücksicht behandeln, indem Ihr Euren wahren Namen verbergt. Demzufolge könnt Ihr Euch Eurem ehemaligen Gaste in den Katakomben zeigen; seine Tochter Eugenie wird ihm morgen einen Besuch machen.« Der Bandit bebte vor Entzücken, als er diese letzten Worte hörte. Benedetto fuhr fort: »Also sind wir einverstanden. Ihr vollzieht die Entführung Eugenies und richtet die Forderung für ihre Freilassung nach dem Vermögen ein, welches wir ihr zuschreiben, Signor Vampa.« »Gut!« sagte der Bandit nach kurzem Besinnen, währenddessen sich Benedetto nicht eine seiner Bewegungen entgehen ließ; »sehr gut! Ich werde nach dem Hause des Barons gehen. Indes ist es unerläßlich, einige Befehle an Peppino gelangen zu lassen, und das kann nur durch eine vertraute Person geschehen.« »Ihr habt sehr recht.« »Wollen Sie den Auftrag übernehmen?« »Weshalb nicht? Wo treffe ich Peppino?« »In den Katakomben des heiligen Sebastian,« erwiderte der Bandit. »Ich darf schon kein Geheimnis mehr vor Ihnen haben. So erfahren Sie denn, daß Sie, wenn Sie der Via Appia folgen, zu Ihrer Linken an die tiefe Höhlung vor dem Zirkus des Caracalla kommen. Dort werden Sie einen gewundenen Fußpfad bemerken, der in den Felsen gehauen ist. In gleicher Höhe mit dem Fußpfade liegt rechts der geheimnisvolle Eingang zu den Katakomben.« »Ich werde dort vielleicht eine Schildwache finden, die mir den Weg versperrt.« »Sie sagen das Erkennungswort und gehen ungehindert weiter.« »Wie heißt dieses Wort?« » Al su commodo! « entgegnete Vampa. »Und die Instruktionen für Peppino?« »Hier sind sie.« Vampa übergab mit diesen Worten Benedetto ein versiegeltes Papier. »Rechnet auf meinen Eifer.« Benedetto entfernte sich schnell aus dem Kolosseum, während Vampa ihm mit finsteren Blicken folgte und vor sich hinmurmelte: »Geh nur! Du wirst nicht zurückkehren! Mein Geheimnis bleibt mit Dir begraben!« * II. Die Komödie. Der Leser wird sich leicht denken, daß Benedetto sich nicht nach den Katakomben des heiligen Sebastian begab, wie Luigi Vampa es ihm empfohlen hatte. Vampa, dieser berüchtigte Bandit, der seit vielen Jahren die Umgegend Roms verheerte, Vampa, der berüchtigte Bandit, welcher geheimnisvoll durch die Zivilbehörden selbst beschützt wurde, dieser Mensch von einem ebenso umfassenden wie verderblichen Verstande, glaubte blindlings, daß seine Pläne auf eine solche Art entworfen wären, um ungestraft seine Begierden befriedigen zu können, während Benedetto von der Hand der Banditen an dem Eingange der Katakomben fallen würde, sobald das falsche Erkennungswort, das er ihm gegeben, über seine Lippen kam. Vampa war buchstäblich einer Hallucination durch das Fieber unterworfen, welches ihn beherrschte; sein Blut, zu einer übermäßigen Temperatur gesteigert, erdrückte seinen Verstand; sein flammendes, irres Auge sah schon nicht mehr durch die Menschen und durchdrang alles mit jenem höheren Scharfsinn, der ihn früher charakterisiert hatte. Dieses Delirium des Banditen glich dem verhängnisvollen Wahnsinn, der dem Tode voran zu gehen pflegt, der dann allmählich verschwindet und den Menschen in einer schmerzlosen Betäubung zurückläßt, die ohne Leiden, ohne Besinnung ist und während welcher die ewige Trennung der Seele von dem Körper stattfindet! Benedetto dagegen war frei von jedem Gefühl, das ihn verblendete, entwarf mit vollkommener Kaltblütigkeit seine Pläne, berechnete mit großem Verstande, bis zu welchem Punkte er gehen konnte, ohne sich der Gefahr auszusetzen, aus der Charybdis in die Scylla zu fallen, das heißt, in die Hände Vampas zu geraten oder sich in den Augen der Justiz eine Blöße zu geben. Vor einer dieser Gefahren bewahrte ihn der Umstand, daß Vampa darauf rechnete, seine Genossen würden ihn in dem Augenblicke ermorden, wo er an dem Eingange der Katakomben erschien, und deshalb nicht mehr an Benedetto dachte, und dieser, der schon früher den Intendanten der Polizei besucht hatte, dürfte daher von dieser Seite nichts mehr fürchten. Vampa verließ also das Kolosseum ungefähr eine halbe Stunde nach den beiden Sängerinnen, hüllte sich dicht in seinen Mantel und begab sich nach dem Hotel von London oder der Weltkugel – denn so wurde das Hotel wechselweise genannt – auf der Via del Corso. Er suchte Maestro Pastrini auf, der ihn geheimnisvoll in seinem kleinen Kabinett empfing. »Ah, Signor Luigi!« rief er: »es ist lange her, seitdem ich das Vergnügen und die Ehre hatte, Sie bei mir zu sehen! Che cosa! « »Einen Wagen mit allem Nötigen versehen, um mich gut zu bedienen,« erwiderte Vampa. »O, ich glaube, daß der letzte, dessen Sie sich bedienten, alle Ihre Anforderungen erfüllen wird!« Vampa gab ein Zeichen der Zustimmung. Maestro Pastrini fuhr fort: »Es ist seitdem schon lange her, Signor Luigi, und gleichwohl habe ich noch nichts vergessen. Der Wagen fuhr von hier mit einem Franzosen fort, der in seiner Brieftasche eine ungeheure Summe bei sich trug, die er von dem Hause Thomson und French eine halbe Stunde zuvor empfangen hatte; der Wagen fuhr in gestrecktem Trabe bis nach Aquapendente, wo die Pferde gefüttert wurden; er kehrte dann in einer anderen Richtung nach Rom zurück und machte Halt auf der Straße von –« »Auf der Straße von –?« unterbrach ihn barsch Vampa, der dieser Erzählung mit sichtlicher Unruhe zugehört hatte. »Ja, das ist Ihr Geheimnis, und der Kutscher erklärte, daß er es mir, bei der Gefahr, sein Leben zu verlieren, nicht enthüllen könnte,« erwiderte Maestro Pastrini. »Ganz gut, Maestro Pastrini; und Sie werden sich wohl nicht einfallen lassen, die Neugier so weit zu treiben, daß Sie sich um Dinge bekümmern, die Sie nichts angehen?« » Sangue di Christo! « rief Pastrini; »glauben Sie so etwas nicht von mir, Signor Luigi. Ich suche gar nichts zu erkunden, das schwöre ich Ihnen: das ist die reine Wahrheit.« »Nun, ich glaube Ihnen. Halten Sie mir also einen Wagen bereit, wie der, von dem Sie sprachen, mit einem ebenso verständigen Kutscher, wie der, welcher den Franzosen nach seinem Palaste fuhr.« »Können Wagen und Kutscher dieselben sein?« »Es wäre das um so besser.« »Wann bedürfen Sie derselben?« »Augenblicklich.« »Der Teufel, Sie haben es ja sehr eilig, Signor Luigi.« »Schnell, schnell!« wiederholte Vampa mit gebieterischem Tone. »Indessen werden Sie mir doch wohl zwei bis drei Minuten gewähren, um Ihnen einige Worte über eine gewisse Angelegenheit zu sagen, denn ich glaube, daß sie von der dringendsten Wichtigkeit ist.« »Sprechen Sie!« »Zuerst,« sagte Pastrini, »müssen Sie wissen, daß Ihr Leutnant sich nicht bei mir gezeigt hat.« »Hätte er nur einen einzigen Augenblick unser Hauptquartier verlassen, so würde er gegen meine Befehle und seine Pflichten gefehlt haben,« erwiderte Vampa mit dem Tone übler Laune. »Da nun aber Peppino nicht erschienen ist, habe ich von dem Agenten des Hauses Thomson und French, das, wie Sie wissen, sich sehr für Sie interessiert, eine wichtige, vertrauliche Mitteilung erhalten.« »Darin liegt nichts Unmögliches,« rief Vampa. »Oft genug habe ich in die Kasse dieses Hauses gegen einen geringen Gewinn Kapitale zurückfließen lassen, welche seine Gläubiger ihr entzogen hatten! Das Haus Thomson und French verliert bei der Verbindung mit mir nichts.« »Das ist richtig,« erwiderte Pastrini. »Es ist daher auch stets in alledem besorgt, was Sie betrifft. Der erwähnte Agent kam gestern zu mir, um Peppino aufzusuchen und denselben zu benachrichtigen, daß ein Unbekannter, ein Franzose, bei dem Intendanten der Polizei war, um die ungeheure Prämie zu beanspruchen, die auf Ihren Kopf gesetzt ist.« »Ah! Also ist dieser Mensch schon Besitzer meines Kopfes?« fragte Vampa, ohne die geringste Unruhe zu verraten. »Vielleicht hofft er sich zum Herrn desselben zu machen, denn er forderte den Beistand der bewaffneten Macht, indem er versprochen hat, Sie in deren Hände zu liefern.« »Wo das?« fragte Vampa. »Das ist das Geheimnis des Verräters.« »Sein Name?« »Das ist auch ein Geheimnis zwischen ihm und der Polizei.« »Und wann soll dieser Ueberfall stattfinden?« »In der kürzesten Frist, Signor Luigi; Sie müssen daher auch auf Ihrer Hut sein. Bedenken Sie, daß der Kopf nicht ein Ding ist, welches sich so leicht entbehren läßt wie eine Handvoll Taler!« Vampa stieß ein schneidendes Gelächter aus, dessen Sinn Maestro Pastrini nicht recht begriff. »So!« rief Vampa, »der Verräter hat also die Prämie jetzt schon erhalten? Nun, Maestro Pastrini, ich habe Ihnen gesagt, daß ich einen guten Wagen und einen verständigen Kutscher verlange.« »Aber was ich Ihnen soeben sagte?« fragte Pastrini ganz verwundert. »Ist keinen Deut wert.« »Wie so das?« »Pastrini! Pastrini!« rief Vampa, »Sie sind neugierig; das ist sehr schlimm, denn es mißfällt mir.« Pastrini murmelte eine Entschuldigung, drehte sich auf dem Absatz herum und verließ augenblicklich sein Kabinett, in welchem der Bandit die Bereitschaft des Wagens erwartete. Eine halbe Stunde darauf verließ Vampa das Hotel zur Weltkugel, sprang in einen Wagen, der mit guten Pferden bespannt war, und Pastrini näherte sich dem Kutscher und sagte ihm mit leiser Stimme: »Zum Tor hinaus; nicht langsam; Seine Exzellenz wird Dir das übrige sagen.« Er entfernte sich. Der Kutscher peitschte auf die Pferde und der Wagen fuhr im raschen Trabe über den Korso. Es war ungefähr halb zehn Uhr abends. Um zehn Uhr war der Wagen außerhalb der Mauern Roms, die er sogar schon weit hinter sich gelassen hatte; der Kutscher befand sich an einem Punkte, wo sich drei Wege kreuzten, die nach verschiedenen Richtungen führten. Er hielt die Pferde an und wartete auf die Befehle des Reisenden. Vampa steckte den Kopf zum Wagenfenster hinaus und sagte: »Die Straße nach Aquapendente!« Nach diesen Worten setzte der Wagen sich wieder in Bewegung, aber mit der doppelten Schnelligkeit wie bisher. Und jetzt wollen wir uns anderwärts hinbegeben. Während Luigi Vampa der kleinen Festung zufuhr, folgte der Baron Danglars einem Bedienten, der einen Leuchter mit brennender Kerze trug, und besichtigte so seine neue Besitzung vom Erdgeschoß bis zum Boden. Er hatte das ganze Gebäude vollständig säubern lassen, um mit allem Anstand am nächsten Tage Fräulein Eugenie und ihre Freundin d'Armilly zu empfangen. Er kontrollierte daher sorgfältig die Arbeit seiner beiden Diener, indem er von Zeit zu Zeit seine geringe Zufriedenheit aussprach. Endlich sagte er, indem er in den Saal mit den Tapisserien trat und sich mit vornehmer Nachlässigkeit in einen gewaltigen Armsessel von geschnitzter Vergoldung und mit einem violetten Samtüberzug warf, ein Stück, welches durch seinen Geschmack und seinen Zustand verriet, daß es einer weit zurückliegenden Zeit angehörte. »Ich muß Euch sagen, daß meine Befehle zwar vollzogen worden sind, aber auf eine sehr ungenügende Weise.« »Wir haben getan, was wir vermochten, Exzellenz,« erwiderte der Bediente. »Aber so geräumig diese Säle auch sein mögen, müssen sie doch beständig staubig erscheinen, weil diese Möbel ziemlich verfallen aussehen und die Mauern mit Albernheiten behangen sind. Wäre das alles ebenso verändert worden wie die Vorhänge der Fenster, so sollten Sie sehen, wie diese Zimmer funkelten.« »Sie sind ein Unwissender, ein Dummkopf, ohne alle Kenntnis!« rief der Baron, »sonst würden Sie mehr Gewicht auf diese altertümlichen Möbel legen, welche die einzigen Ueberbleibsel von dem Glanze irgend einer berühmten Familie Roms sind. Was die Mauern betrifft, Dummkopf, so müssen Sie wissen, daß sie ein herrliches Bild der ganzen Mythologie bieten. Wissen Sie, was Mythologie ist? Nein! Nun so erfahren Sie denn, daß die Mythologie eine große Sache ist!« »O, ohne Zweifel besitzen Eure Exzellenz tiefe Kenntnisse,« erwiderte der Diener. »Ich wundere mich deshalb auch nicht, daß Sie diesen Ueberbleibseln des Altertums so hohen Wert beilegen.« »Man würde sich gewiß nicht große Mühe zu geben brauchen, um zu beweisen, daß sie vielleicht bis zu der Zeit Alexanders VI. zurückgehen. Daraus können Sie aber sehen, daß diese Möbel, diese Stühle, auf denen vielleicht ehedem ein – Spada z. B. – saß, ein Abkömmling jener fürstlichen Familie, deren Reichtum lange Zeit in Rom sprichwörtlich war – daß diese Stühle, sage ich, nicht zu verachten sind. – Ihre Vergoldungen sind geschwärzt? – Der Samt ist verblichen? – Das alles vermehrt ihren Wert. Nun gut also; ich habe Sie nur noch zu fragen, ob Sie das befolgt haben, was ich Ihnen in Beziehung auf eine alte Frau sagte, die imstande ist, meiner Tochter während einiger Tage, die sie hier zubringen wird, als Kammerfrau zu dienen?« »Sie ist bereits eingetroffen, Exzellenz. Es ist eine redliche Frau aus der benachbarten Stadt, und ich stehe für sie, wie für mich selbst.« »Gut; wenigstens haben Sie nicht den Fehler, vergeßlich zu sein.« »Ich tue alles, was ich vermag, um Ihre Zufriedenheit zu erlangen.« »Leuchten Sie mir: das Essen muß auf dem Tisch stehen.« »Ich wollte Sie eben davon benachrichtigen.« »Gehen Sie voraus!« Der Baron, dem der Bediente vorleuchtete, verließ das Gemach, ging über einen kleinen Gang und trat in das Speisezimmer, wo ein anderer Diener seiner am Buffet wartete. Das Abendessen stand auf dem Tische. Der Baron nahm dem einzigen Kuvert gegenüber Platz und ließ einen Blick der Befriedigung, begleitet von einem Seufzer, umherschweifen. »Nun, Danglars!« sagte er zu sich selbst, »Du bist allein; aber Du befindest Dich wohl, und binnen hier und kurzer Zeit wirst Du Deine Lage noch verbessern können! Ganz gewiß gibt es in dieser Welt ein unbestimmtes Etwas, dessen Einfluß mich beschützt und das mir große Dienste geleistet hat. Ich glaubte einen Augenblick, dieses gewisse Etwas sei meine Frau, welche mich für die bösen Augenblicke, die sie mir bereitet hat, entschädigen wollte; jetzt ist aber dieser Glaube verschwunden – und ich fange an, zu vermuten, daß –« Der gellende Schall der Glocke am Eingangstore des Gartens unterbrach plötzlich das Selbstgespräch des Barons Danglars. Die Bedienten machten eine Bewegung, aber sie blieben stehen, indem sie unentschlossen auf den berühmten, sich von den Geschäften zurückgezogen habenden Bankier blickten. Ehe er die Zeit gehabt hatte, den Mund zu öffnen, wurde das Signal mit einer solchen Heftigkeit wiederholt, daß alle drei glaubten, die Glocke müßte an den Eisenstäben des Gitters zerschellt sein. »Was ist das?« rief der Baron, indem er aufstand und sich dann mit einer heftigen Bewegung wieder niedersetzte. »Man klingelt –« »Man klingelt,« wiederholte der Baron, »aber man klingelt auf eine solche Weise, daß man die Schatten des Lethe in die Flucht jagen könnte. Nun, die Klingel ist nicht zerbrochen, denn da ertönt sie zum dritten Male mit ebenso wenig Umständen. Lauft doch schnell, Ihr Dummköpfe!« fuhr der Baron fort, als wäre er von einem plötzlichen Gedanken ergriffen. »Ich sehe wohl ein, daß ich Euch morgen werde fortjagen müssen, um das Haus rein zu bekommen. Man klingelt und da steht Ihr ganz verdutzt und regungslos, wie Termen! Es ist ohne Zweifel Fräulein Danglars, meine Tochter, welche die schöne Nacht benutzte, um morgen schon in meinem Hause zu erwachen. Ja, sie wird es sein. Nun, das ist wahrlich eine angenehme Ueberraschung. Rasch! Zwei Kuverts mehr auf den Tisch; zündet alle Kerzen auf diesen Leuchtern an; setzt Armsessel heran; oh, ich werde ihr zeigen, daß das Herz eines Vaters stets zu Gunsten einer einzigen Tochter eingenommen ist!« Der Baron ging mit großen Schritten und in einer heftigen Aufregung im Zimmer auf und ab und wachte über die Befolgung seiner Befehle durch den Diener. Inzwischen hörte er das Gartentor kreischen und den Wagen hereinfahren, der an der Treppe halten blieb, welche zu dem Saale mit den Tapisserien führte. Danglars tat einige Schritte nach jener Richtung, aber er begegnete dabei dem Diener, der zurückkehrte. »Nun?« fragte er. »Exzellenz,« erwiderte der Bediente, »es ist ein Kavalier, der mir die Versicherung gegeben hat, einer Ihrer vertrauten Freunde zu sein und der mir, sobald ich die Tür geöffnet hatte, befahl, den Wagen augenblicklich in den Garten hineinfahren zu lassen.« »Ein Kavalier!« sagte der Baron. »Ich hoffe, er wird Ihnen wenigstens seinen Namen gesagt haben.« »Nein, Exzellenz!« »Elender! Sie werden doch stets nichts bleiben, als ein Bauerntölpel! – Das ist wirklich unverzeihlich! – Wie – ein Kavalier, der sich einer meiner vertrauten Freunde nennt – und kein Name! Schnell! Man bringe mir einen bessern Schlafrock als diesen – rasch! rasch! Man lasse ihn heraufkommen – man zünde die Kerzen an! Einfältige Tiere, Dummköpfe, ich werde Euch zeigen, was der Dienst ist!« Indem Herr von Danglars sich so aussprach, hatte er schon einen Aermel seines Schlafrockes ausgezogen und stand im Begriff, auch den andern auszuziehen, als der erwähnte Kavalier, der ihn zu besuchen kam, plötzlich in der Tür des Speisezimmers erschien, indem er mit sehr ironischem Tone sagte: »Sachte, sachte, Herr Baron: die Kutte macht nicht den Mönch.« »Ha!« rief der Baron, indem er einen Schritt zurückwich und plötzlich die Farbe wechselte, den einen Arm bloß, den andern noch immer in dem Aermel des Schlafrockes steckend, den er mit einem glänzenderen hatte vertauschen wollen. Der Angekommene lächelte, trat mit festem Schritte näher und setzte sich vor einem der Kuverts an den Tisch. Der Baron konnte sich kaum auf den Füßen halten; seine Beine bebten und er wich zurück, um an der Mauer eine Stütze zu suchen. »Herr von Danglars,« sagte der Kavalier, »fassen Sie doch einen Entschluß, das heißt, ziehen Sie doch den Schlafrock wieder an, den Sie vergessen zu haben scheinen. Sie haben gewiß Ihren Bedienten einige Befehle zu geben, und ich hoffe, Sie werden damit nicht zögern, denn sonst hätten wir die Unannehmlichkeit, ein ganz kaltes Abendessen verzehren zu müssen.« »Es ist wahr – wir würden diese Unannehmlichkeit haben,« stotterte der Baron mit erstickter Stimme. »Herr Baron, geben Sie also entsprechende Befehle. – Wahrlich, man sollte glauben, Sie wären von einer Verstandeslähmung betroffen worden.« »Sie haben recht, mein Herr – Sie glauben also, daß ich einige Befehle zu geben habe? – Ich weiß nicht recht –« »Nun gut, ich will mich erklären. Haben Sie die Güte, meinen Wagen unterbringen zu lassen; an den Garten stößt ein kleiner Stall – ich möchte nicht, daß sich meine Pferde erkälteten.« »Also – Sie kennen – wie es scheint, ganz genau dieses Haus? Nicht wahr?« fragte der Baron, indem er das Auge weit aufgerissen auf das Gesicht seines Gastes richtete. »Sie haben recht, Herr Baron; aber Sie verlieren ganz nutzlos eine kostbare Zeit. Das Abendessen wird kalt und wenn Sie keine Befehle erteilen wollen, so werde ich selbst gehen –« »Man bringe den Wagen und die Pferde des –« »So, endlich! – Aber das genügt nicht! Hören Sie,« fuhr der Kavalier fort, indem er sich an den Bedienten wendete, der eben hinausgehen wollte, »der Kutscher möge mit Ihnen zu Abend essen; dann geben Sie ihm eine Laterne, und einen Mantel, um sich damit zu bedecken, während er schläft. Gehen Sie!« Darauf sich an den andern Bedienten wendend, sagte er: »Sie können sich entfernen; der Herr Baron erlaubt es Ihnen.« Der Bediente, welcher sah, daß der Baron diesem Befehle nicht widersprach, verbeugte sich und ging. Die beiden Männer blieben allein. »Ich bin überzeugt, mein Herr,« sagte Danglars mit einer gewaltigen Anstrengung, »daß wir uns einander nicht verstehen; Sie schweben ohne Zweifel im Irrtum?« »Vielleicht! Aber worin?« »In allem, wie mir scheint.« »Nun, dann bin ich es, der Sie nicht versteht, mein Lieber. Indes lassen Sie uns essen, denn ich habe dieses unerläßliche Geschäft heute noch nicht vollbracht.« Der Baron hätte sich sehr gern davon freigemacht, zu Abend zu essen, ohne darüber das geringste Bedauern zu empfinden. Er mußte indes zum bösen Spiele gute Miene machen, näherte sich daher, indem er sich an der Wand forttastete und setzte sich an den Tisch, zwischen sich und seinem improvisierten Gaste ein Kuvert und einen Platz freilassend. »Wie ich sehe, rechneten Sie nicht bloß auf mich? Haben Sie zufällig etwa geglaubt, ich käme in Gesellschaft?« »Die Wahrheit zu sagen, erwartete ich weder die eine noch die andere dieser beiden Hypothesen, was so viel sagen will, daß ich daran dachte, diesen Abend ohne Gesellschaft zu speisen.« »Nun sehen Sie einmal an! Ich habe das Gegenteil beschlossen. Ich liebe es sehr, während der Nacht zu reisen.« »Und diese ist in der Tat sehr schön! Es ist ein wenig heiß – finden Sie nicht auch?« fragte der Baron, indem er sich die Stirn und das Gesicht mit seinem Taschentuche trocknete. »Ei, Baron, was machen Sie denn? Sie haben Ihr Taschentuch auf den Teller gelegt, statt es in die Tasche zu stecken!« Der Baron errötete und beeilte sich, seine Zerstreutheit wieder gut zu machen. »Es ist lange her, seitdem wir uns nicht sahen, Herr von Danglars; seit jenem Abende, an welchem ich das Vergnügen hatte, Sie in meinem kleinen Palaste gastfreundlich aufzunehmen!« »Ein schöner Palast, bei meiner Seele!« murmelte der Baron. »Diese verfluchten römischen Banditen haben die Sucht, die Löcher, in denen sie sich Verstecken, Paläste zu nennen!« »Sie haben freilich dort einen kleinen Streich erfahren, den Ihnen der Graf von Monte Christo gespielt hat. Aber Sie müssen dennoch gestehen, daß ich Ihnen ein gutes Abendessen vorsetzen ließ, Herr Baron. Allein was nutzt es, von der Vergangenheit zu sprechen, da sie sich jetzt nicht mehr ändern läßt.« »Die Zukunft gehört uns nicht an – beschäftigen wir uns daher mit der Gegenwart, die unser ist. – Ich wünsche, daß mein Bett für diese Nacht in Ihrem Zimmer aufgeschlagen wird.« »Der Baron fühlte, wie sich die Haare auf seinem Kopfe sträubten, und Todeskälte rieselte ihm den Rücken entlang. »Ihr Bett!« rief er, »Ihr Bett?« »Was bedeutet denn dieses Erstaunen, mein Lieber? ist es in Ihrem Hause etwa nicht Gewohnheit, des Nachts zu schlafen?« »Verzeihung, mein Herr, aber was nicht Gewohnheit ist – das ist –« »Das ist –?« »Alles, was von den üblichen Gebräuchen abweicht,« erwiderte endlich der Baron, indem er mit gänzlicher Entmutigung sein Messer und seine Gabel auf den Teller sinken ließ. »Einverstanden,« sagte Vampa; »indessen mußten Sie doch erwarten, daß ich die Nacht in Ihrem Hause zubringen würde, Herr Baron.« »Ich? –Durchaus nicht!« erwiderte er mit einem erzwungenen Lächeln. »Nun, mein lieber Herr von Danglars, ich verstehe Sie vollkommen!« »Sie?« »Auf Ehre!« fuhr Vampa fort, »ich verstehe Sie und ich werde alle Ihre Zweifel verbannen. Es würde jetzt nicht übel sein, wenn wir uns zur Ruhe begäben – was meinen Sie dazu? Ich bedarf recht sehr des Schlafes.« »Ach, ermorden Sie mich auf der Stelle!« rief Danglars, indem er zitternd aufsprang: »töten Sie mich – aber seien Sie überzeugt, daß Sie in meinem Hause nicht wieder eine Summe finden werden wie die, welche Sie mir in Ihrer Höhle raubten.« »Sie töten, Herr Baron?« entgegnete Vampa, indem er nun auch aufstand, »Sie töten? Mein Gott, weshalb sollte ich das? Aber was bedeutet denn das alles? Sie sind wahnsinnig, glaube ich. Vergessen Sie denn schon, was man Ihnen gesagt hat?« »Was denn? Welcher neue Gedanke fährt Ihnen denn durch den Kopf?« »Sie haben wahrhaftig ein sehr kurzes Gedächtnis, Herr Baron. Es scheint, man muß bei Ihnen den Punkt auf das i setzen. Nun meinethalben denn eine nähere Erklärung: ich willige ein, denn ich bin heute ein guter Mensch. Es ist gestern ein Mann hier gewesen, Ihr Landsmann, Namens Benedetto. Dieser Mann hat nach einer Unterredung von einigen Augenblicken die Ehre gehabt, Ihnen etwas von großem Werte zu übergeben, ich weiß nicht, ob es Papier oder bares Geld war, vielleicht eins und das andere.« »Und was weiter?« fragte der Baron, indem er die Farbe mehrmals wechselte. »Was weiter? Zum Teufel, Sie sind sehr vergeßlich, Herr von Danglars. Der Mann, von dem ich spreche, dieser liebenswürdige Herr Benedetto hat Ihnen von mir gesagt, und hier bin ich.« »Aber,« sagte der Baron, »was ist denn endlich zwischen Ihnen und Benedetto gemein?« »Die Frage ist wirklich lustig,« erwiderte Vampa kalt. Der Baron riß die Augen groß auf, und als der Bandit sah, daß er stumm blieb, fuhr er fort: »Für den Augenblick nichts!« »Nun, was verlangen denn Sie von mir?« »Die Erfüllung dessen, worin Sie mit ihm übereingekommen sind.« »Ich bin also übereingekommen, etwas zu tun?« »Ha, wahrhaftig, das ist zu stark! Kommen wir zu Ende, Herr Baron,« sagte Vampa, der ungeduldig zu werden anfing. »Kommen wir zu Ende, mein Herr,« entgegnete Danglars seinerseits: »ich für meinen Teil verlange nichts sehnlicher!« »Sie finden das Geld, welches Sie empfangen haben, gering, und Sie dachten ohne Zweifel, daß mein Besuch Ihnen mehr bringen könnte. Ich kümmere mich nicht um eine solche Kleinigkeit, denn ich war nie gleich Ihnen Bankier ! Hier ist meine Börse, Herr von Danglars, nehmen Sie sie – aber seien Sie verschwiegen!« Bei diesen Worten warf Vampa seine Börse auf den Tisch, dem Baron gerade gegenüber, dessen Verlegenheit dadurch nur noch zunahm. »O,« fuhr der Bandit fort, da er sah, daß der Baron zögerte, »ich gebe Ihnen die Versicherung, sie enthält beinahe das Doppelte dessen, was Sie bereits empfingen. Es ist die Börse eines römischen Banditen,« fügte er mit wildem Stolze hinzu, indem er schnell die Börse öffnete und das Gold vor den Augen Danglars funkeln ließ. »Nun! Sind wir jetzt einig?« »Was verlangen Sie denn von mir, Herr Vampa?« »Etwas sehr Einfaches: Gastfreundschaft für heute und morgen.« Der Baron erbebte. Aber schon waren seine Hände in Berührung mit dem Golde des Banditen, und der Einfluß dieses Metalles beruhigte vollkommen den aufgeregten Geist des edlen Danglars. »Der Teufel soll mich holen, wenn ich das Geringste von der ganzen Sache verstehe,« dachte der Baron, indem er das Geld nahm. »Gleichviel, aber ich muß tun, als ob ich diesen Abend in der Komödie wäre und hätte nur den zweiten Akt mit angesehen. Ich falle mitten in die Intrige hinein und weiß folglich gar nichts von dem Anfang der Geschichte.« »Ich stehe Ihnen zu Befehl, Herr Vampa,« fügte er dann mit lauter Stimme hinzu, indem er diese Worte mit einem so liebenswürdigen Lächeln wie möglich begleitete. »Ich erwarte die Ihrigen, Herr Baron,« entgegnete Luigi Vampa. »Ich werde das Vergnügen haben, Ihnen mein Bett zu bieten und mich mit einem alten Sofa begnügen, das in meinem Zimmer steht, und auf dem ich gewöhnlich während des Tages zu ruhen pflege.« »O, Sie würden aber da schlecht liegen.« »Nicht im geringsten, mein lieber Herr! ich werde mich erst später schlafen legen – ich habe noch einige Briefe nach Frankreich zu schreiben.« »Wie es Ihnen beliebt.« Der Baron rief die Diener, befahl das Schlafzimmer zu beleuchten und das Bett in stand zu setzen. Einige Augenblicke darauf verließen Vampa und er das Speisezimmer, um sich an den bezeichneten Ort zu begeben. Vampa entkleidete sich nicht; er hüllte sich in die Betttücher und blieb wach, alle Bewegungen des Barons erspähend, der vor einer Art von Schreibtisch saß, in verschiedenen Papieren kramte und sehr beschäftigt mit einem Briefe zu sein schien, den er schrieb. Als er zu schreiben aufgehört hatte, legte er sich in seinen Armsessel und schien nachzudenken. »Dieser Besuch des Freundes Vampa verdirbt mir das ganze Vergnügen, das ich morgen zu genießen gedachte. Indes – viertausend Piaster sind wohl ein Opfer wert – und Eugenie, welche ich durch diesen Brief benachrichtigte, daß eine kleine Geschäftsangelegenheit mich von hier fortgerufen habe, wird ihren Besuch auf einen andern Tag verschieben.« Vampa, der seine Gedanken zu erraten schien, machte eine Bewegung; der Baron erbebte. Da er aber sah, daß sein Gast ruhig auf dem Bett ausgestreckt liegen blieb, fuhr er in seinen stummen Betrachtungen fort. »O, ich glaube, jetzt den ersten Akt der Komödie zu kennen. Die römischen Behörden, welche es müde waren, die Kraftäußerungen des Herrn Vampa zu dulden, sind ihm auf der Fährte und der berüchtigte Bandit hat sich gezwungen gesehen, eine Zufluchtsstätte aufzusuchen. – Das ist es ohne Zweifel, was mir seinen Besuch verschafft, – er ist gekommen, um in meinem Hause von mir ein Asyl zu verlangen! – Nun, ich habe mir diese Gastfreundschaft nicht allzuteuer bezahlen lassen – ein furchtbarer Bandit – ein Bandit, auf dessen Kopf ein bedeutender Preis gesetzt ist. – Wahrlich, Danglars, das Glück beschützt Dich.« * III. Die Komödie verwickelt sich. Mit Tagesanbruch verließ einer der Bedienten des Barons, nachdem er von diesem einen besonderen Befehl erhalten hatte, das Haus und wollte durch den Garten gehen, als die Stimme Luigi Vampas ihn zurückhielt. »Hollah!« rief er, »könnten Sie mir wohl einen kleinen Dienst erweisen?« »Ich stehe zu Ihren Befehlen, Exzellenz!« »Wie ich sehe, wollten Sie an der Stalltür vorbeigehen. Klopfen Sie stark an, um den Faulpelz von Kutscher zu wecken, der noch schläft, und geben Sie ihm dieses Geld, damit er sich in irgend einem benachbarten Wirtshause den Magen fülle.« »Ich werde es nicht unterlassen, Exzellenz.« Der Bediente empfing ein Geldstück und ging weiter. Vampa erstieg die Treppe und trat in das Zimmer mit den Tapisserien, wo er den Baron traf, der ihn aufsuchte. »Ich kann morgens nicht im Bett bleiben,« sagte Vampa. »Die Morgenluft tut mir wohl.« »Mir ebenfalls, Herr Vampa. Kaum bricht der Tag an, so muß ich aufstehen.« »Das ist eine Gewohnheit, welche ganz gewaltig von den Sitten und Gebräuchen eines Millionärs abweicht.« »O, ich besitze keine Millionen mehr, Herr Vampa,« sagte der Baron mit einem tiefen Seufzer. Währenddessen schlug der Bediente erbarmungslos mit verdoppelten Schlägen an die Stalltüre, und fünf Minuten darauf öffnete der Kutscher, aus dem Schlafe emporfahrend, dieselbe. »Was gibt es?« »Euer Herr schickt Euch hier dieses Geld, mein Lieber; ich glaube, Ihr sollt Euch damit gegen die Morgenfrische schützen.« Der Kutscher nahm das Geld und lächelte mürrisch, indem er auf den Bedienten einen argwöhnischen Blick richtete und denselben vom Kopf bis zu den Füßen maß. »Hört einmal, Freund,« sagte er, indem er seinen Rock zuknöpfte und seinen Hut aufsetzte, »da Ihr der Ueberbringer dieses Almosens seid, so will ich Euch die Hälfte meines Frühstücks anbieten.« »Sehr verpflichtet – aber ich habe Eile.« »Das sind Geschichten! Das ewige Wort der Herren: – schnell! schnell! – Die Menschen müssen ihre Zeit immer so berechnen, daß ihnen noch genug übrig bleibt, um einen Schluck zu trinken. Nun, kommt mit.« »Ich danke. Ich habe Euch schon gesagt, daß es unmöglich ist.« »Wohin geht Ihr denn? Ich wette, Ihr habt irgend einen Brief abzugeben.« »Richtig. Ich gehe nach der Stadt – es ist ein hübsches Stück Weg.« »Ihr geht zu Fuß?« »Ja. Ich habe vier Stunden zu machen; vielleicht auch etwas weniger. Es ist wohl möglich, daß ich, um meinen Zweck zu erreichen, nicht ganz bis Rom zu gehen brauche.« »Und wie das?« »Wenn ich das Glück hätte, auf dem Wege der Person zu begegnen, der ich diesen Brief bringen soll.« »Ihr habt wohl daran getan, Euch auszusprechen, Freund, denn ich kann Euch nützlicher sein, als Ihr denkt.« »Wieso?« »Ich fahre mit dem Wagen nach der Stadt zurück, und da meine Pferde mehr Schnelligkeit in ihren Beinen haben als Ihr in den Eurigen, so könnten wir die gewonnene Zeit dazu verwenden, einen Schluck zu trinken. Ihr steigt dann hinten auf den Wagen auf und legt Euren Weg zurück, ohne Euch zu ermüden.« »Das scheint mir wunderbar ausgedacht zu sein, und ich danke Euch dafür.« »Nun, lustiges Leben also!« rief der Kutscher, indem er den Bedienten am Arme nahm und mit ihm in der Richtung nach einem kleinen Gasthause vorwärts schritt, welches in geringer Entfernung an der Straße lag. Indes verflossen die Stunden; um sieben Uhr war Baron Danglars mit gutem Appetit und in der Gesellschaft Luigi Vampas damit beschäftigt, ein Frühstück zu verzehren, als beide durch das Fenster, welches dem Tische gegenüber lag, in den Garten einen Wagen fahren sahen, der gleich dem Vampas am Abend zuvor an der kleinen Treppe halten blieb, welche zu dem Zimmer mit den Tapisserien führte. Der Baron machte auf seinem Stuhle einen Satz, allein Vampa bewahrte ein teilnahmloses Gesicht, indem er sich damit begnügte, zu sagen: »Sie erwarteten also einen Besuch, Baron?« »Ich! – O! – Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß – aber wer wird es denn sein? – Ich kann mir gar nicht denken –« »Ich höre die Schritte des Bedienten; er wird Ihnen sagen, wer es ist.« »In der Tat! – Aber es ist unglaublich! – Ich erwarte niemand –« »Fräulein Eugenie Danglars und Fräulein Luise d'Armilly,« sagte der Bediente, indem er die Tür öffnete. »Wie!« murmelte der Baron wie vom Blitz getroffen. »Ich glaube, Fräulein Danglars, das ist Ihre Tochter?« »Ja, ja – daran ist nicht zu zweifeln – o! – die Sache verwickelt sich – die Lage wird schwierig,« fügte der Baron bei sich selbst hinzu. »Sie, mein Herr,« sagte der Baron laut zu Vampa, »Sie werden vielleicht nicht gesehen sein wollen – in diesem Falle erlauben Sie, daß –« »Ganz im Gegenteil, Herr Baron. Ich würde sehr erfreut sein, dem Fräulein Danglars meine Huldigungen darzubringen.« »Aber – Ihr Name!« sagte der Baron mit leiser Stimme und indem er heftig zitterte, »Ihr Name ist so bekannt! – Mir fällt etwas ein! Nehmen Sie auf kurze Zeit einen fremden Namen an.« Vampa lächelte und erwiderte: »Angenommen, Herr Baron! Lassen Sie hören, welchen Sie für passend finden würden.« »Den einer berühmten Familie – zum Beispiel Spada!« »Es sei,« erwiderte Vampa, dessen Gesicht plötzlich von einer Wolke überzogen wurde. »So geht alles gut,« fuhr der Baron fort, indem er Anstalten traf, das Zimmer zu verlassen und Vampa, welcher sitzen blieb, ein Zeichen gab. Fräulein Danglars und ihre Freundin Luise befanden sich in dem Zimmer mit den Tapisserien und besichtigten mit neugierigen Blicken die altertümlichen Möbel, welche an den finstern Wänden standen. »Meine teure Freundin,« sagte Eugenie, »ich prophezeie Dir, daß wir einen recht angenehmen Tag hinbringen werden, und Du sagst, daß ich keine schlechte Prophetin bin. Ich kenne meinen Vater; er ist ein Lebemann und wird uns durch seine neuen Ideen Stoff zum Lachen geben. Ich fühle, daß dieser kurze Aufenthalt auf dem Lande mir wohltun wird; deshalb habe ich die Zeit dazu beschleunigt.« Kaum hatte sie diese Worte beendigt, als der Baron in dem Zimmer erschien. Die Physiognomie des Herrn von Danglars hatte, obgleich er sich bemühte, eine große Freude zu äußern, einen gewissen Stempel der Sorge und der Ueberraschung, welche den Augen des Fräulein Luise d'Armilly nicht entgingen. Eugenie eilte, die Hand ihres Vaters zu küssen und Luise begrüßte ihn auf das anmutigste. »Sehen Sie, mein Vater,« sagte Eugenie, »sehen Sie, mit welchem Eifer ich Ihren Besuch erwidere.« Der Baron wollte etwas erwidern, aber er machte die Bewegung eines Menschen, der seine Gedanken plötzlich ändert und sagte: »Du hast, wie ich glaube, einen Brief von mir empfangen?« »Einen Brief? Nein, mein Vater.« »Ich hatte Dir indes einen geschrieben und überschickt!« bemerkte der Baron. »Unglücklicherweise wird der Ueberbringer Deinem Wagen nicht begegnet sein.« »Was war denn der Gegenstand dieses Briefes?« »Es lohnt nicht der Mühe, davon zu sprechen, – es war ein einfacher Rat, den ich Dir gab.« »Einen Rat! – O, Ihre Ratschläge werden stets wohl aufgenommen werden, und ich bin auch hier bereit, Ihnen zu folgen.« »Meine teure Tochter!« rief der Baron Danglars, indem er sie in seine Arme schloß. »Ach Fräulein d'Armilly! Wie finden Sie meine kleine Besitzung? Ich habe das alles in sehr schlechtem Zustande gekauft, wie Sie sehen,« fuhr er dann fort, »aber dieses Altertümliche flößt eine so tiefe Achtung ein, daß ich beschlossen habe, nichts von modernem Geiste hinzuzufügen.« »Und Sie werden wohl daran tun! Ich hege eine große Verehrung für diese Reliquien der verflossenen Jahrhunderte,« entgegnete Fräulein d'Armilly, »und Eugenie ist, wie ich glaube, meiner Meinung.« »Ich bin entzückt,« sagte der Baron, der noch immer unruhig war und verstohlen den Gang entlang blickte, der nach dem Speisezimmer führte, wo er das finstere Gesicht Vampas erblickte, der an dem Tische saß, auf den er die Arme stützte und das Gesicht in die Hand barg. Danglars bezwang sich gewaltsam, ergriff die Hand Eugenies und sagte: »Meine Tochter, Du machst mir keinen Besuch der Zeremonie – Du wirst dieselbe daher auch in dem Salon, wo ich mich ganz ungezwungen bewege, ebenfalls nicht finden. Das Frühstück steht auf dem Tische, und ich werde das Vergnügen haben. Dir dort ihn vorzustellen.« »Ich verstehe Sie nicht, mein Vater!« sagte Eugenie, indem sie die Verwirrung des Barons bemerkte und durchaus nicht wußte, was er mit dem ihn , den er ihr vorstellen wollte, meinte. »Sie haben von einem Besuche gesprochen, der kein zeremoniöser ist?« fügte Luise hinzu; »wir sind entzückt, daß Sie dies sagen.« »Du bist im Irrtum, Luise,« sagte Eugenie, »mein Vater scheint nicht auf unsern Besuch anzuspielen! – Zeremonie gegen uns – diese Vermutung allein wäre schon eine Beleidigung. Was mich betrifft, so weiß ich, daß ich vor Aerger darüber rot werden müßte! – Von wem sprechen Sie, mein Vater?« »Wie! Sagte ich Dir denn nicht, daß ich einen – einen Gast habe?« »Nein! – Und wer ist es?« »Ah – es ist ein Abkömmling einer fürstlichen Familie,« erwiderte Herr von Danglars, indem er große Schweißtropfen vergoß. »Er ist nichts Geringeres – als ein Romanelli Spada.« Die Kräfte des Barons waren erschöpft, indem er diesen Namen aussprach; er blieb wie niedergeschmettert stehen. »Ich kenne ihn nicht,« sagte Luise. Der Baron senkte den Kopf, ergriff Eugenies Hand und schritt dem Speisezimmer zu. Luise ging auf die Einladung des Barons voraus. Kaum erreichten sie das Ende des Ganges, als Vampa aufstand und mit stoischer Gleichgültigkeit den Augenblick zu erwarten schien, Fräulein Danglars vorgestellt zu werden. »Meine Tochter und Sie, Fräulein d'Armilly, ich habe die Ehre, Ihnen hier den Signor Romanelli Spada vorzustellen.« Eugenie richtete ihre Augen auf das Gesicht Vampas und zitterte sogleich heftig, indem sie sich plötzlich auf den Arm des Barons stützte, der voll Besorgnis die Aufregung seiner Tochter bemerkte. »Ach!« murmelte er leise, »das verwickelt sich immer mehr! Sollten sie sich kennen?« Eugenie überschaute mit einem schnellen Blicke die schwierige Lage, in welcher sie sich befand, rief ihre ganze Geistesgegenwart zu Hilfe und begrüßte den vorgeblichen Spada mit einem freundlichen Lächeln. Nie hatte die Tochter des Barons Danglars einen so angenehmen Morgen zugebracht. Sie war bei ihrem Vater, der seine ganze frühere Strenge, welche er auf dem unfruchtbaren Felde der Ziffern, auf dem er beständig arbeitete, angenommen hatte, abgelegt zu haben schien. Sie befand sich ebenfalls bei ihrer Freundin, der aufrichtigen und treu ergebenen Freundin, für welche sie eine leidenschaftliche Zärtlichkeit hegte, und sich gegenüber hatte sie den Mann, der ihr eine tiefe Liebe einflößte, wie die, welche wir nur einmal im Leben, aber dann für immer, empfinden. Die Stunden – diese unzertrennlichen Schwestern, welche unablässig über die Erde hingleiten, so langsam, wenn sie von Schmerz und Leiden begleitet sind, und so schnell, wenn sie im Gefolge die Freude und die Heiterkeit haben – die Stunden vergingen flüchtig wie der Gedanke, und Eugenie sah mit Kummer den Morgen entrinnen, den Tag, welcher der schönste ihres Lebens war! Ach! * IV. Die Entführung. Ohne daß Eugenie Luise ein Wort über den Gast des Barons gesagt hatte, erkannte die letztere in demselben sogleich den Mann wieder, der ihrer Freundin das von derselben bereits gestandene Gefühl eingeflößt hatte. Luise lächelte ihrer Gefährtin zärtlich zu, als dieselbe im Laufe des Tages sie innig an ihr aufgeregtes Herz drückte oder ihre brennende Stirn an dem Busen ihrer Freundin barg. In diesem süßen Lächeln des Mädchens gegen das Mädchen, in den befreundeten Blicken, die sie miteinander wechselten, lag mehr Ausdruck, mehr Wahrheit, als in alledem, was sie hätten sagen können. Vampa blieb beständig finster und traurig; auf seiner verbrecherischen Stirn war der Stempel der rohen Gefühle sichtbar, die ihn beherrschten. Sein unlauterer Blick drang begierig in alle Schätze, welche der klopfende Busen Eugenies ihm enthüllte, und fachte das gewaltige Feuer an, von dem er bereits verzehrt wurde. Eugenie fühlte in sich diese verhängnisvolle Herrschaft! Ihm zu widerstehen, war unmöglich; die Verwirrung zu verbergen, die er ihr einflößte, ging bereits über ihre Kräfte. Der Raubvogel hatte sein Opfer durch seinen Blick bezaubert. Vampa erkannte mit Stolz und Triumph die ganze Macht, die er über das Gefühl Eugenies ausübte. »O, sie liebt mich! Sie liebt mich!« rief er wie außer sich, indem er allein in dem Garten umherging; »sie kann es schon nicht mehr verbergen! Ihre weibliche Eitelkeit, ihr Künstlerstolz, der Stolz einer Künstlerin ersten Ranges – alles beugt sich unter der Gewalt des Blickes, mit dem ich sie bezaubere, mit dem ich sie verschlinge!« Vampa kreuzte die Arme über seiner keuchenden Brust, und lange, lange ging er einsam umher. Seine gerunzelte und finstere Stirn schien auf das Verbrechen zu sinnen; sein unruhiger, wild umherschweifender Blick verriet das wilde Tier, ganz der rohen Begier hingegeben, von der es verzehrt wurde. Während dieser Zeit besichtigte der Baron Danglars in Gesellschaft der beiden Sängerinnen das Zimmer mit den Tapisserien, dessen Tür offen stand und einen Blick in den Garten mit seinen Bildsäulen und seinen Wasserkünsten gewährte. Die Sonne brannte auf das Laubwerk nieder, welches durch den Herbst bereits dürr zu werden anfing, und ihre matten, beinahe horizontalen Strahlen, welche über Asien und das mittelländische Meer herkamen, schienen hier Rom bis zum nächsten Tage ein melancholisches Lebewohl zuzuflüstern. Eugenie hatte soeben ihrem Vater gesagt, daß sie das Vergnügen haben würde, die Nacht in seinem Hause zuzubringen und daß sie beabsichtigte, erst am nächsten Tage um drei Uhr nachmittags wieder fortzufahren. Indem Danglars sah, daß die Prophezeiung Benedettos sich erfüllte, begann er ernst über die Komödie nachzudenken, deren Lösung er noch keineswegs gefunden hatte, wie er am Abend zuvor vermutete. Seit dem Mittagessen sah er den Banditen nicht wieder, und seine Abwesenheit beunruhigte ihn; seine Besorgnis wurde bald so groß, daß er beschloß, sich nach ihm umzusehen, indem er das Haus, sowie dessen Umgebungen und den Garten durcheilte. Der Baron bat daher um die Erlaubnis, sich einen Augenblick entfernen zu dürfen, indem er vorschützte, einige notwendige Befehle erteilen zu müssen, um das Gemach in stand setzen zu lassen, in welchem Eugenie und Luise die Nacht zubringen sollten. Er verließ das Zimmer, und geleitet durch eine unbestimmte Furcht, beinahe durch einen natürlichen Instinkt, eilte er nach seiner Stube hinauf, um die Fächer seines Schreibtisches zu untersuchen. Eugenie, welche sich nun mit Luise allein sah, gab dieser den Arm und ging mit ihr in den Garten hinab, in dessen Gänge sie sich vertieften. Ein Gedanke, ebenso unbestimmt wie die Furcht des Barons, leitete Eugenie durch die einsamen und finsteren Gänge. Die trockenen Blätter, welche den Boden bedeckten, raschelten unter ihren Füßen, während andere, welche der Abendwind von den Bäumen schüttelte, auf ihre Stirn fielen, als wollten sie ihr eine geheimnisvolle Warnung zuflüstern. Tränen zitterten unwillkürlich in den Wimpern Eugenies und trockneten an dem Feuer, welches ihre Wangen bedeckte. Luise wagte es nicht, ihre Freundin aus der schmachtenden Träumerei zu reißen, in welche sie mit solchem Entzücken versunken zu sein schien; sie ging schweigend neben ihr her, und kaum antwortete sie ihr durch ein sanftes Lächeln, so oft Eugenie ihr einen zärtlichen und bittenden Blick zuwendete. Plötzlich erbebte Luise, als sie um die Ecke einer Allee bogen. Sie hatte in einer geringen Entfernung das trübe Gesicht Vampas bemerkt; sein glühender Blick funkelte durch das Abenddunkel, welches diesen Teil des Gartens einzuhüllen begann. Auch Eugenie hatte ihn bemerkt. Es entstand ein Augenblick des Schweigens und der Unentschlossenheit. Zurückweichen hätte geheißen, ihre Niederlage einem Manne zu gestehen, dessen Wesen und Name den vollendeten Kavalier verrieten. Luise setzte daher ihren Weg an der Seite Eugenies fort, und Vampa trat ihnen entgegen, um sie anzureden. »Man atmet in diesem Garten eine köstliche Luft ein,« sagte er. »Ich glaube, daß es kein schlechter Gedanke von mir war, hier zu lustwandeln, da ich sehe, daß Sie ebenfalls diese Frische aufzusuchen scheinen.« »Es ist wahr, mein Herr,« entgegnete Luise. »Indes wird der Abend immer kühler und die anbrechende Herbstnacht ladet viel mehr zu der gemäßigten Atmosphäre eines Salons ein, als zu der freien Luft eines Gartens.« Eugenie richtete einen bittenden Blick auf ihre Freundin. »Ich werde das Vergnügen haben, Sie zu begleiten,« sagte Vampa. Eugenie würde die frische, belebende Luft des Gartens der milderen Temperatur des Salons mit Freuden vorgezogen haben, aber sie besaß nicht die Kraft, ein einziges Wort hervorzubringen und ließ sich durch ihre Freundin fortführen. Vampa ging neben ihnen her. Als sie zu dem Fuße der Treppe kamen, ließ er Luise hinaufgehen, und als Eugenie derselben langsam folgen wollte, sagte er mit zitternder Stimme, die aber aus dem Herzen zu kommen schien: »Gestatten Sie mir, mein Fräulein, Ihnen Lebewohl zu sagen.« Eugenie blieb stehen und wendete sich zu ihm um. »Sie wollen uns verlassen?« fragte sie. »Ja – und vielleicht für immer.« »Was sagen Sie?« »Italien tötet mich.« »Was wollen Sie denn außerhalb Italiens suchen?« »Wenn es möglich ist, die Kraft, ein heftiges, tiefes, ausschließliches Gefühl, von dem beherrscht ich bin, zu vergessen. In Italien, das fühle ich, wird dies mir ganz unmöglich sein.« »Und welchen Grund können Sie haben, dieses Gefühl vergessen zu wollen?« »Ach!« sagte Vampa mit bitterem Lächeln, »wenn man so leidet und liebt wie ich, Signora, dann gibt es nur zwei Extreme auf der ganzen Stufenleiter unserer Gefühle! – Entweder die Erwiderung dieser Liebe – oder ein gänzliches Vergessen!« »Sie glauben also, daß Sie nur an das gänzliche Vergessen denken dürfen?« »Sie fragen mich das, Signora?« »Gäbe es vielleicht jemand, der imstande wäre, eine Aenderung Ihres Entschlusses herbeizuführen?« »Allerdings, Signora, und dazu würde sogar ein einziges, einfaches Wort genügen.« »Diese Person müßte sehr glücklich sein!« flüsterte Eugenie. »Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß niemand außer Gott und mir imstande wäre, das Glück zu würdigen, welches ich in dem Augenblick empfände, in dem ich das einzige Wort hörte, das kräftig und bestimmt genug wäre, um die Macht zu haben, meinen verzweifelten Entschluß zu ändern! – Ach, denken Sie sich einen Mann, der, nachdem er die Bitterkeit des Todes unter tausend Qualen durchschritten hat, wenn der Tod keine gänzliche Vernichtung der Seele und des Körpers wäre, wieder zu einem Leben unendlicher Qualen zurückkehren könnte! – Welches Gefühl würde er wohl empfinden? – Sagen Sie, könnte irgend jemand das fassen?« »Mein Herr,« erwiderte Eugenie schüchtern, »hüten Sie sich davor, die Grenzen des Wahrscheinlichen zu überschreiten. – An eine so innige Liebe, wie die Menschen sie empfinden können, glaubt man ohne Schwierigkeit auf ein einziges Wort; aber die Liebe, wie sie in den Idealen einer poetischen und überspannten Einbildungskraft ausgesprochen wird – wer könnte einer solchen wohl Glauben schenken?« »Sie haben recht, Signora,« erwiderte Vampa, »niemand würde derselben glauben – es ist eine Torheit, sie dem Gelächter der Welt preiszugeben! – Sie handeln in der Tat wie alle Welt – Sie lachen auch über die Gefühle, welche ich so feig war, Ihnen zu gestehen!« »Und wie können Sie denn verlangen, daß ich daran glauben soll? Welche Beweise haben Sie mir davon gegeben?« »Sie verlangen vielleicht ein Jahr jener berechneten und künstlichen Prüfungen, denen die wahre Leidenschaft beinahe immer fremd ist? Nein, so soll es mit mir nicht sein – ich gehe –« Vampa tat einen Schritt, um sich zu entfernen. Eugenie folgte ihm. »Bleiben Sie!« sagte sie unwillkürlich. »Was verlangen Sie von mir?« fragte Vampa mit finsterem Wesen. »Ach – Verzeihung! Wahrlich – was könnte Sie bei der zurückhalten, die Ihnen gleichgültig ist?« »Signora!« rief Vampa, »bezweifeln Sie nicht so das Gefühl, welches ich Ihnen gestand, denn das hieße das vollkommenste Werk der Schöpfung verspotten! – Ich liebe Sie! – Ich beschränke mein ganzes Verlangen auf den Besitz dieser schönen Hand – dieser Hand, von der die Seligkeit oder das Elend abhängen, die mir bestimmt sind.« Vampa drückte einen glühenden Kuß auf die Hand Eugenies. Eugenie machte eine Anstrengung, ihm die Hand zu entziehen. »Unsinniger, der ich bin!« fuhr er fort. »Ihr stolzer, erhabener Geist kann nicht durch das Geständnis einer innigen Liebe besiegt werden, die in Ihren Augen weiter nichts ist, als eine einfache Laune! – Ach, leben Sie wohl! Eugenie – für immer – leben Sie wohl! Wenigstens habe ich Sie doch gesehen – wenigstens habe ich einen Tag dieselbe Luft mit Ihnen geatmet – einen Tag – einen einzigen, bin ich glücklich gewesen! – Möge jetzt das Unglück über mich kommen!« Vampa ließ plötzlich ihre Hand los und tat einige Schritte in der Richtung zu dem Gittertor des Gartens. Eugenie, welche abermals einer Art geheimnisvollen Impulses folgte, ging ihm nach. »Nein,« sagte sie, »so dürfen Sie nicht scheiden. – Sie dürfen nicht gehen, ohne daß ich den Tag erfahre, an dem Sie zurückkehren wollen?« »Wieviel Illusionen haben mich heute berauscht!« fuhr Vampa fort, indem er stehen blieb, und aufs neue ihre Hand ergriff, die ihm Eugenie widerstandslos überließ. »Ach, wie viele Illusionen hatte ich heute! – Illusionen! – Illusionen! – Ach, was gelten diese jetzt, wo das Unglück mich trifft! – Eugenie! Eugenie! Denken Sie einst an den Mann, der Sie geliebt hat, wie man nur ein einziges Mal in seinem Leben liebt!« Vampa öffnete rasch das Gittertor und tat zwei Schritte zum Garten hinaus. Eugenie ließ seine Hand nicht las und stand zitternd, schweratmend und durch ein allgewaltiges Gefühl ergriffen, an seiner Seite. Dieses Gefühl wuchs schnell, brachte ihr Blut zum Sieden und erregte in ihr Fieber und Wahnsinn! Vampa blickte umher, wie jemand, der daran gewöhnt ist, die Dunkelheit zu durchschauen, und gewahrte in geringer Entfernung unbestimmte Umrisse, in denen er seinen Wagen erkannte. »Nun wohl, Signora,« sagte er, »wie Sie sehen, sind wir schon außerhalb des Gartens. Kehren Sie zurück und dieses Tor wird uns für immer trennen! Morgen schon erinnern Sie sich meiner vielleicht nicht mehr! Kehren Sie zurück!« »Ach!« seufzte Eugenie, »ich liebe Sie – ich liebe Sie – verlassen Sie mich nicht!« »Nein!« sagte Vampa, indem er ihre Taille mit kräftigem Arme umschlang, und, sie tragend, dem Wagen zulief. Eugenie stieß einen gellenden Schrei aus, in welchem sich auf eine ihr selbst unbegreifliche Weise Entsetzen, Ueberraschung und Freude mischten. Während dieser Auftritt stattfand, hatte der Baron Danglars die verschiedenen Fächer seines Sekretärs durchsucht, und nachdem er sich überzeugt, daß alle Schlösser in gutem Zustande waren, kehrte er in den Salon zurück, wo der Bediente indessen die Lichter angezündet hatte. Als er Luise d'Armilly allein sah, fragte er nach Eugenie. »Eugenie,« sagte diese, »lustwandelte soeben noch an dem Fuße der Vorhalle. Indessen bricht die Nacht an, und ich will sie daher bitten, ihren Spaziergang aufzugeben.« »Ich begleite Sie, Fräulein d'Armilly,« sagte der Baron. Luise, welche durch dieses Anerbieten beunruhigt wurde, ging rasch die kleine Treppe hinab, wo sie Eugenie zu finden glaubte, während sie die verliebten Reden des vorgeblichen Prinzen Spada anhörte, aber sie blieb von Staunen ergriffen stehen, als sie weder den einen noch die andere sah. »Wo ist denn Eugenie?« fragte sehr besorgt der Baron, indem er ebenfalls die Stufen herabkam. »Vielleicht ist sie in der Allee, welche zu dem Teiche führt.« »Eugenie! Eugenie!« rief der Baron. »Es antwortet niemand,« sagte er dann. »Lassen Sie uns weiter gehen!« Luise und Danglars schlugen die Allee ein, welche der Treppe gegenüber lag; sie hatten beinahe die Türe des Gartens erreicht, als der gellende Schrei Eugenies ihr Ohr traf. »Mein Gott, was ist denn das?« rief Luise, indem sie dem Gittertore zulief. Der Baron blieb regungslos, wie versteinert, stehen. »Mein Gott! Mein Gott! Kommen Sie doch, Herr von Danglars – kommen Sie! – Es ist gewiß irgend ein Unglück geschehen – ich habe deutlich die Stimme meiner Freundin erkannt!« Der Baron, der seiner Lethargie durch die Bitten Luises entzogen wurde, öffnete das Gitter und tat einen Schritt hinaus. Aber er blieb plötzlich stehen, um nicht durch einen Wagen zerschmettert zu werden, der, von zwei kräftigen Pferden gezogen, im Galopp vorüberflog. »Ach, Herr Baron,« sagte Luise außer sich vor Furcht und indem sie sich ihm näherte. »Eugenie kommt nicht – und dieser Wagen! – Ach mein Gott, erbarme Dich unser!« »Fräulein d'Armilly,« sagte der Baron, »gestehen Sie mir offen, was hier vorgeht!« »Ich?« »Ja, Sie! Eugenie war in dem Garten – sie war nicht bloß in der Absicht dort, um frische Abendluft zu genießen.« »Was sagen Sie?« »Ich sage – ich frage Sie, ob Eugenie allein war?« »Mein Gott, ich habe sie in Gesellschaft des Prinzen Spada verlassen.« »Das nichtswürdige Ungeheuer!« rief der Baron. »Jesus!« sagte Luise wie vernichtet, und indem sie sich auf den Arm des Barons stützte. »Fräulein d'Armilly,« sagte dieser, »vor einigen Tagen hat hier bei mir eine entsetzliche Komödie begonnen! Die Entwicklung erfolgt soeben. Ich habe das erkannt!« »Welche Entwicklung?« »Eine Entführung, eine Entführung!« »Meine teure Eugenie!« rief Luise und sank auf die Knie. Der Baron kreuzte die Arme über der Brust und blickte mit einer Aufregung, in welche sich Wut und Entsetzen mischten, die Straße entlang, auf der man noch das schnelle Rollen von dem Wagen des römischen Banditen hörte. Er schlug sich heftig vor die Stirn und murmelte: »Ach, hätte ich das vermuten können!« * V. Campi Lugentes. Es war noch Nacht, als der Wagen Vampas die Via Appia erreichte und dem Zirkus des Caracalla gegenüber halten blieb, jenem Orte, der unheimlich war durch die Fabeln, welche mit ihm im Zusammenhange standen, besonders durch den entsetzlichen Namen Vampas, der in dem Schweigen der Nacht und in der Stunde des Verbrechens unter den finstern geheimnisvollen Gewölben widertönte. Vampa, der ganz von dem ihn beherrschenden Gefühle ergriffen war, hatte nicht bemerkt, daß keine einzige Schildwache ihn nach dem Losungswort fragte, seitdem sein Wagen zwischen den finstern Denkmälern der Via Appia hinrollte. Er nahm den zarten Körper Eugenies auf seine kräftigen Arme, und gleich einem neuen Pluto, stieg er mit seiner süßen Last in die dichte Finsternis bis zu dem Eingange seines abscheulichen Aufenthaltsortes hinab. Hier blieb Vampa einen Augenblick stehen, wie um auszuruhen. Keine menschliche Stimme traf sein Ohr; um ihn her schwirrten die Fledermäuse, deren kalte Flügel seine fieberhaft brennenden Wangen berührten. Kein Licht leuchtete ihm durch den unterirdischen Gang; gleichwohl ging er mit festem, sicherem Schritt bis zu der geräumigen Halle, wo die Trümmer des altertümlichen Altars standen, sowie das Cenotaphium, welches einst den Festen und Saturnalien der Banditen zum Tabernakel diente. Vampa wußte, wo dieses Cenotaphium stand, ging darauf zu, legte den Körper Eugenies darauf nieder und heftete seine in Wollust glühenden Lippen auf die eisigkalten seines Opfers. * Das Entsetzliche dieser finstern Tat des Verbrechens zeigte sich der Einbildungskraft des Banditen, sobald er unter den bittern Seufzern des geschändeten Weibes den glühenden Durst gesättigt hatte, der ihn verzehrte. Ein langer, rauher, unheimlicher Schrei, wie das Gebrüll eines wilden Tieres, entrang sich seiner Brust. Er ließ einen glühenden, wilden Blick um sich her schweifen, indem er jetzt erst die Finsternis und das Schweigen bemerkte, von denen er umgeben war. Nicht einer seiner berüchtigten Genossen kam zu ihm; kein Fackellicht beleuchtete das Bild der Gewalttat; kein Ruf verlangte im Namen seiner Genossen den Anteil, der ihnen von dieser Missetat zufiel. »Nein!« heulte Vampa, »keiner von Euch soll sie berühren! – Dieses Weib ist mein und es soll nur allein mein sein – wehe dem ersten, der es wagen würde, sie mir streitig zu machen!« Und mit einer seiner bebenden Hände preßte er die eiskalten Eugenies, während er mit der andern nach dem Kolben des Pistols griff, das in seinem Gürtel steckte. »Rocca Priori!« Dies war der Beiname Peppinos, wie man sich aus dem Grafen von Monte Christo erinnern wird. schrie er. Nur das Echo der finstern Gewölbe antwortete ihm. »Rocca Priori!« schrie er noch lauter. »Ist denn Euer Schlaf so fest, daß die Stimme Eures Hauptmanns Euch nicht zu wecken vermag? Verfluchte, die Ihr Euch durch den Schlaf besiegen laßt und die Wachsamkeit vergeßt, welche zu der Sicherheit Eures einzigen Zufluchtsortes erforderlich ist! – Erwacht! – Erwacht!« Vampa zog das Pistol aus dem Gürtel und schoß die beiden Schüsse ab, deren zuckender Blitz einen Augenblick das Gesicht Eugenies beleuchtete, welche noch immer auf der verhängnisvollen Marmortafel ausgestreckt lag. Der Lärm verlor sich nach und nach. Vampa vernahm mit gespanntem Ohr das letzte Murmeln, welches dem Echo der Felsen folgte, das schwächer und schwächer den gewaltigen Knall der Feuerwaffe wiederholte. Der Bandit erkannte jetzt, daß er allein sei und fing an zu zittern. Seine bebende eiskalte Hand umfaßte krampfhaft den Griff des abgeschossenen Pistols. Er sah sich entwaffnet. Das Gefühl einer unbestimmten Furcht bemächtigte sich seiner. Kalter Schweiß bedeckte sein Gesicht; zum ersten Male in seinem Leben lernte Luigi Vampa die Furcht kennen. Sein ganzer Körper erbebte: Todeskälte durchrieselte seine Adern. »Peppino!« murmelte er, »sollst Du mich verraten haben? – Bin ich vielleicht das Opfer irgend einer unerwarteten Schlinge? – Nein, das ist unglaublich! – Peppino ist vielleicht mit allen meinen Leuten ausgezogen, um irgend einen guten Streich auszuführen, indem er darauf rechnete, daß ich nicht sobald zurückkehren würde! – Aber – die Katakomben scheinen ganz verödet zu sein.« »Peppino,« sagte er nach einer kurzen Pause, »hätte nicht fortziehen sollen, ohne wenigstens zwei Schildwachen zurückzulassen; seit längerer Zeit schon ist ein Preis auf meinen Kopf gesetzt, und obgleich es viele Personen gibt, in deren Interesse es liegt, für meine Sicherheit zu sorgen – habe ich doch auch zahlreiche Feinde.« Wieder nach einer Pause sagte er: »Indes kennt die Polizei den geheimen Eingang zu den Katakomben nicht, und sie wagt es sogar nicht, ihn aufzusuchen, denn schon oft sind ihre elenden Agenten, welche in den Zirkus Caracalla zu dringen oder den Eingang zu erforschen suchten, von den Kugeln gefallen, die hinter den Denkmälern abgeschossen wurden, welche meinen Leuten zum Hinterhalte dienten. – Ich will daher warten! Peppino wird zurückkehren.« Vampa setzte sich neben Eugenie, getäuscht durch diesen letzten Strahl der Hoffnung, welche seine Einbildungskraft hervorrief, wie es oft den schwachen und feigen Menschen zu gehen pflegt, die sich nicht von der allmächtigen Gewalt der Worte überzeugen können: Alles ist zu Ende ! Vampa war auf alles gefaßt, nur nicht auf seinen Untergang. Langsam verflossen die Stunden, und der Bandit erwartete vergebens die Rückkehr Peppinos. Seine Gedanken, welche durch die Zeit und die Macht der Wahrheit von Illusion zu Illusion getrieben wurden, langten endlich bei der letzten an. Auch diese verschwand allmählich wie die anderen. Vampa stieß einen wilden Schrei aus. Er bemerkte zum ersten Male den tiefen Schlaf, in welchen Eugenie versunken war. Der Körper, welcher dort ausgestreckt auf der Tafel lag, auf der einst die Toten ruhten, auf eben dem Marmortische, welchen er und seine Banditen so oft durch ihre Bacchanalien entweiht hatten, erfüllte ihn mit Entsetzen. Er erhob den Arm in der Richtung nach dem Cenotaphium, als wollte er Eugenie erwecken, aber der Arm berührte den Körper seines Opfers nicht und ein bitteres Lächeln verzerrte die Lippen des Henkers. »Sie erwecken?« sagte er, »und wozu? Was sollte mir das nützen? Würden nicht ihr Geschrei, ihre Klagen, sogleich unter diesen einsamen finsteren Gewölben ertönen? Würde dies nicht das Entsetzen steigern, welches sie mir in diesem Augenblicke ohnedies schon einflößen? Ach, wenn aber der Schlaf, der ihr Auge schließt, der Tod wäre? – Wenn ich neben einer Leiche säße! – Nein, nein – ich fühle es – hier – ihr Herz klopfte – sie lebt – sie schläft – erschöpft durch Schrecken und Vergnügen! – Sie möge schlafen – morgen wird sie erwachen.« Er schwieg. Einige Augenblicke darauf fuhr er mit noch größerer Angst fort: »Soll denn diese Nacht ewig währen? Wäre ich für immer zu der Finsternis und dem Entsetzen verurteilt? – Sollte es die Laune einer höllischen Macht sein, mir zur ewigen Gefährtin dieses Weib zu geben, das schläft, als wäre es tot? – Dieses Weib, dessen Arme mich nicht umschlingen, dessen Lippen regungslos bleiben, wenn ich sie mit Küssen bedecke? – Dieses Weib, das unter meinen Liebkosungen gefühllos und eiskalt bleibt? – Ha! was ist ihr Körper mir, wenn er dem Marmor gleicht? – Was ich verlange, ist, in meinen Armen sich zu regen, an meinem Busen sich zu bewegen und zu fühlen! – O, Eugenie, Eugenie! bist Du es wirklich? Bist Du wirklich die, welche ich gestern noch mit Wahnsinn liebte? Die, welche mich bezauberte, die mich durch ihren Künstlerstolz wahnsinnig machte? Eugenie, wo ist die Bewegung und die Anmut Deines Körpers? – Da liegt sie, schwer und regungslos wie eine Leiche! – Was ist aus dem göttlichen Feuer geworden, das sich in dem erhabenen Ausdrucke Deines leidenschaftlichen Blickes, in dem kräftigen, lebhaften Spiele Deiner Physiognomie offenbarte? Dieses Feuer, welches Deine Brust hob, welches Dich über Dich selbst zu erheben schien, wo ist es geblieben? – Ha, jetzt – nichts – nichts mehr! Kalt! – Leblos! – Ist es die eisige Luft, die in diesen feuchten, unterirdischen Gewölben herrscht, welche Dich erstickt und vernichtet? – Sprich zu mir, Eugenie, laß mich wenigstens Deine Stimme vernehmen! – O mein Gott! Wäre es denn nicht möglich, daß Du hier lebtest an meiner Seite, sowie ich Dich außerhalb dieses Raumes erblickte? – Ach, auch die Erde umschließt Schätze, und Du, Du wirst hinfort der kostbarste von allen sein, welchen sie vor den Augen der Welt verbirgt! – Aber was ist mir Deine Schönheit, wenn diese Nacht ewig dauern soll? – Wie kann ich Dich sehen und mich an Deinen verliebten Klagen berauschen? – O Verzweiflung! – Komme vielmehr der Tod – aber es komme auch das Licht, und wäre es nur für einen Augenblick! – Die Finsternis erstickt mich: diese Luft, feucht wie die eines Grabes, macht das Blut in meinen Adern gerinnen! Diese Gewölbe sind jetzt nichts weiter, als was sie immer gewesen sind – ein Grab! Dort in jenen Vertiefungen ruhen die Skelette, die ihren ewigen Schlaf schlummern! – Ach, wie oft habe ich durch meine Orgien und meine Verbrechen hier die erhabene Ruhe der Toten gestört! Und jetzt störte ich sie wieder durch die letzte meiner Missetaten! – Ha, die letzte! –« rief er hastig wie ergriffen durch das, was er soeben gesprochen; »und weshalb sollte es die letzte sein? – Ach ja, dennoch! Nähre ich nicht schon seit längerer Zeit die Absicht, das mörderische Eisen von mir zu schleudern, mit dem ich bis zu dem heutigen Tage gotteslästerlich meine Hand bewaffnete? – Mut!« Er schleuderte das abgeschossene Pistol, das er unwillkürlich wieder in den Gürtel gesteckt hatte, weit von sich. »Fort von mir, mörderische und verhängnisvolle Waffe!« rief er. »Jetzt, Eugenie, wirst Du erwachen, um mich dem wahren Glücke entgegenzuführen! Aber ich Unsinniger, der ich bin! Kann denn jemals irgend ein Mensch ohne Entsetzen und Wut den Namen des Banditen aussprechen, der so lange erbarmungslos Greise, Kinder und Weiber beraubte, ermordete und mißhandelte, um seinen Ehrgeiz und seine rohe Sinnlichkeit zu befriedigen? – Nein, der Fluch der Schmach wird mir überall hin folgen; ich bin verdammt in den Augen der Menschen, wie in denen Gottes! Elender! Ich erbitte und hoffe, daß dieses Weib erwache, daß ihre Lippen sprechen, daß ihre Augen sehen, ohne daran zu denken, daß ihr erster Schrei, ihr erster Blick, der der Ueberraschung und des Fluches sein würden! Eugenie – Verzeihung – ach, Verzeihung!« Vampa sank zu den Füßen des Cenotaphiums auf die Knie und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Einige Augenblicke darauf wurde er durch einen rötlichen Strahl, der sich in dem unterirdischen Gange zeigte, überrascht. Er stand entschlossen auf und atmete, als sei in seine Brust eine neue Existenz eingezogen. Er rief laut: »Peppino!« Niemand antwortete. Das Licht kam näher. »Peppino!« wiederholte er. Dasselbe Schweigen. Jetzt erbebte er. Er war entwaffnet, allein, er konnte sich nicht gegen einen Ueberfall verteidigen. Der Gedanke, sich zu verbergen, fuhr ihm schnell durch den Kopf. Er kannte das ganze unterirdische Gewölbe; er wollte sich in einen der tiefsten Winkel flüchten, als plötzlich ein Mensch an dem Ende des Ganges erschien und ihn zurückhielt, indem er ihm die Worte zurief: »Ich habe Dich erkannt! – Es ist vergeblich zu entfliehen!« Das Licht der Fackel, welche der Mann trug, beleuchtete den finstern Raum. Vampa blieb regungslos stehen. Der Unbekannte trat einige Schritte vor; in seiner rechten Hand funkelte der Lauf eines Pistols. »Benedetto!« murmelte Vampa, indem er erschrocken zurückwich. »Schweig, Vampa, oder Du bist des Todes!« sagte er, indem er mit dem Pistol auf ihn zielte und die Fackel über dem Kopfe erhob, um die Gestalt des Banditen besser unterscheiden zu können. »Ist denn heute die Auferstehung der Toten, welche aus ihrem ewigen Schlafe erwachen, um mich zu martern?« dachte Vampa. »Du hast Deine abscheuliche Leidenschaft gesättigt,« sagte Benedetto. »Ich komme deshalb, um den Teil in Anspruch zu nehmen, der mir gebührt.« »Peppino hat mich verraten,« murmelte Vampa und fügte dann mit lauter Stimme hinzu: »So, deshalb kommst Du? – Du verlierst Deine Zeit nicht, Benedetto – ich habe die Entführung vollbracht; was das Lösegeld betrifft – so ist das ein Preis, den ich erst später empfangen werde.« »Indes bedarf ich noch heute dieses Geldes.« »Unmöglich!« »Nicht so sehr, als Du meinst.« »Wieso?« »Ich will ihn und ich verlange ihn im Augenblick?« »Was kümmert das mich?« »Es wird Dein Leben kümmern, Freund Vampa! Bei mir folgt die Tat rasch auf das Wort. Du siehst wohl, daß ich bewaffnet bin –« »Und ich?« »Du? – Du bist es nicht.« »Du hast mich belauscht!« murmelte Vampa wütend, indem er die größte Ruhe zu erzwingen strebte, obgleich er sich in diesem Augenblicke an die Warnung erinnerte, welche Pastrini ihm im Namen des Hauses Thomson und French zugeflüstert hatte. »Wenn ich auch entwaffnet bin,« sagte er, »bedarf ich denn etwa noch der Waffen, wenn auf den geringsten Ruf von mir hier zwanzig Personen herbeieilen, um meine Befehle zu vollziehen?« Benedetto zuckte mit verächtlichem Lachen die Achseln und begnügte sich damit, zu sagen: »Versuche es!« Vampa erbebte unwillkürlich. Er gewann jedoch seine Entschlossenheit augenblicklich wieder und rief keck: »Elender!« Benedetto brach in ein schallendes Gelächter aus, wie jemand, der sich über die ohnmächtige Wut eines Kindes lustig macht. »Elender, der Du bist!« sagte er; »Du, der Du Dich durch eine rohe Leidenschaft fortreißen ließest, mit Augen, ohne zu sehen, mit Ohren, ohne zu hören! Vampa, ist es Dir denn nicht bekannt, daß ich alles weiß? Du bist entwaffnet und allein in diesem Gewölbe; Du hast keine andere Gesellschaft als das Opfer Deiner Lüsternheit! Von dem Augenblicke an, wo Du in diese Gewölbe hinabstiegest, habe ich auf die Gelegenheit gelauert, mich Dir zu zeigen, um Dir, gleich einem guten Leichenräuber, Dein Leichentuch zu nehmen. Ich hörte die Schüsse Deiner Pistolen und dann erst stieg ich herab, denn der Drache hatte keine Zähne mehr, und konnte deshalb nicht mehr beißen. Es bleibt Dir vielleicht noch ein Dolch – aber ich habe hier in den Läufen dieses Pistols zwei gute und sichere Kugeln, um Dich zu Boden zu strecken! Auf, Freund Vampa! Erspare mir wenigstens die Arbeit, Dich mit meinen eigenen Händen auszuplündern, oder mit anderen Worten, schone den Rest Deines Lebens, den Du noch in der Brust hast. Ich weiß, daß Du Dich all des Geldes bemächtigtest, welches hier in der Kasse der Bande lag: weiter verlange ich nichts. Vampa, Deinen Gürtel oder Dein Leben!« »Verräter!« stieß Vampa wild hervor. »Du weißt besser als ich, was das sagen will! – Ich tue weder mehr noch weniger, als was Du selbst tausend Male schon tatest: ich raube. – Schnell, Vampa! Keine Zögerung! – Die Börse oder das Leben!« »Aber ich habe das Geld nicht!« »Vampa – Vampa!« »Höre,« sagte Vampa, indem er voll Verzweiflung umherblickte, »Du bist der Franzose, welcher der römischen Polizei meinen Kopf zu liefern versprochen hat! Du siehst wohl, daß auch ich alles weiß! Damit ist es nichts. Benedetto, Du willst mich berauben und dann verkaufen. Wo bleibt denn Dein Glaube? Was ist das für eine neue Schule des Verbrechens, der Du angehörst? – Woher kommst Du, treuloser, verräterischer Dämon, der Du so unternehmend und entschlossen bist? – O, erinnere Dich daran, daß ich die Reisenden beraubte, daß ich selbst einige derselben ermordete – daß ich zahllose Verbrechen beging, aber daß ich nie – nie, niemals den Kopf irgend eines Menschen verräterisch verkaufte!« »Was soll denn diese Strafpredigt heißen? – Höre. Vampa, ich habe davon hinlänglich genug! – Denn ich sage Dir, ich weiß nicht, was bei Dir den Glauben erweckt haben kann, ich hätte Deinen Kopf schon verkauft. – Ich handle nicht mit Köpfen: Schnell, ergib Dich in Dein Los, denn Du selbst hast Dir die Lage bereitet, in welcher Du Dich befindest! – Fortgerissen, wie ich bereits sagte, durch Deine Leidenschaft, durch Deinen Wahnsinn, bist Du zu dem Orte gelangt, der Campi Lugentes genannt wird und den die Fabel uns beschreibt; laß jetzt Deine Tränen auf das verhängnisvolle Feld rinnen; leide, weil Deine Reihe gekommen, wie ich schon die meinige gehabt habe. Du wirst arm sein! – Desto besser für Deine Seele; Du wirst, wenn Du kannst, von Tür zu Tür, von Straße zu Straße, von einem Menschen zum andern, demütig um Almosen flehen! – Vampa, das alles ist ganz vortrefflich für Dein Seelenheil!« Vampa machte eine Bewegung der Wut, als wollte er sich auf seinen Feind stürzen. Aber Benedetto erhob langsam die Mündung seines Pistols gegen die Brust des Banditen, der sich dadurch gezwungen sah, bleich, bebend und mit gesenktem Kopfe das anzuhören, was dem Sohne Villeforts gefällig war, ihm zu sagen. »Ich,« fuhr dieser fort, »beraube den Räuber und deshalb werde ich mehr Jahre des Ablasses gewinnen, als mir zu leben bleiben; Du wirst Deine Verbrechen büßen und dadurch auch Deine Verzeihung erlangen. Indes, Vampa, laß uns die Zeit nicht länger verlieren. Dein Geld oder Dein Leben! Du weißt, was diese Worte zu bedeuten haben, denn Du bist in diesem Geschäft Meister.« »Und wer steht mir dafür, daß Du mich nicht ermorden wirst, wenn ich Dir mein Geld gegeben habe?« »Ich hätte das schon tun können und werde es auch tun, wenn Du nur noch eine einzige Minute länger zögerst.« »Gut denn, so sei es; komm näher.« »Lege es auf die Marmortafel neben Dein Opfer, und entferne Dich. – Ach, Eugenie!« fuhr Benedetto fort, »auch Du hast eine bittere Schmach erduldet! – Du, die Du dem Schutze Deiner Mutter entsagtest, die Du Dich allein in die Wirbel der Welt stürztest! – O Du, die dies tat, während so viele andere glücklich über diesen Schutz und über die Liebkosungen sein würden, die Du verschmähtest – Eugenie, wenn Dein Schlaf nicht der des Todes ist – leide, denn Du hast es verdient!« Vampa, welcher seinen Gürtel auf den Marmortisch gelegt hatte, trat einige Schritte zurück. Benedetto sah nach dem Gelde und steckte es dann zu sich. Der römische Bandit beobachtete scharf jede Bewegung Benedettos, in der Absicht, ihn unerwartet zu überfallen; aber dieser wendete nicht einen einzigen Augenblick die Mündung seiner Waffe von der Brust Vampas, und als er das Geld in Sicherheit gebracht hatte, ging er rückwärts nach dem Eingange der Galerie und nahm die Fackel mit sich, so daß der Bandit aufs neue in Finsternis versenkt und dem Märtyrertode überliefert war. Vampa stürzte zu den Füßen des Cenotaphiums nieder und raufte sich das Haar. Der Sohn Villeforts gelangte zu dem Ende des Ganges, schritt durch die in den Felsen gehauene Oeffnung und traf hier eine Gruppe, die aus zehn oder zwölf bewaffneten Männern bestand. Etwas weiterhin zeigte sich ein Piquet Kavallerie. »Signor,« sagte Benedetto zu einem der Männer, »der Bandit ist allein.« »Sie haben ihn gesehen?« »Ja.« Sie zogen sich geheimnisvoll in eine Ecke des Weges zurück und setzten hier ihr Gespräch fort. »Signor,« sagte Benedetto, »ich leiste ohne allen Zweifel ganz Rom einen wichtigen Dienst: gleichwohl denke ich, daß Sie mich nicht gehen lassen, ohne mich durch einige Ihrer Soldaten eskortieren zu lassen, obgleich die Polizei keine Ursache hat, mir zu mißtrauen. Indes empfing ich bereits den Preis, der auf den Kopf des Banditen gesetzt ist, und das genügt.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Empfangen Sie den vierten Teil dieser Summe und sagen Sie, daß ich durch einen geheimen Gang der Katakomben entflohen sei.« »Ihre Furcht könnte vielleicht nicht ganz ohne Grund sein. – Da Sie indes wünschen, mit der Polizei nicht weiter in Berührung zu kommen, müssen Sie besser als irgend jemand sonst kennen, was auf Ihrem Gewissen lastet. Händigen Sie mir daher das Viertel des Preises ein, den Sie empfangen haben, nicht etwa, daß ich dafür die Erfüllung der mir erteilten Befehle vernachlässigte, sondern dafür, daß ich Sie nach dem, was Sie mir eben sagten, gehen lasse. Erfahren Sie aber zugleich, daß meine Instruktion war, Sie vollkommen in Freiheit zu setzen, sobald wir uns Vampas bemächtigt hätten.« Benedetto machte eine Bewegung der Ueberraschung und drückte dann dem Polizeibeamten eine kleine Rolle in die Hand. »Ist das Gold?« »Ueberzeugen Sie sich.« »Einverstanden. Jetzt warten Sie noch einen Augenblick, bis meine Leute sich Vampas bemächtigt haben. Dann dürfen Sie sich entfernen.« Der Polizeibeamte begab sich zu der Gruppe seiner Leute und rief: »Zündet die Fackeln an und steigt hinab. Holla, Kameraden! Auf, auf zum Werk!« Die Lichter funkelten sogleich, und das Piquet Kavallerie näherte sich rasch dem Eingang der Katakomben; die Säbel flogen aus den Scheiden und die Polizeidiener stiegen hinab, um Vampa aufzusuchen. Ein verzweiflungsvoller Schrei, ein wahnsinniger, rasender, von Wut erfüllter Schrei, ertönte einige Minuten darauf in dem Innern des unterirdischen Gewölbes. »Hören Sie?« »Ja.« »Das ist das Gebrüll des Löwen, der niederstürzt, um sich nicht mehr zu erheben. Es ist der berüchtigte Luigi Vampa, der sich jetzt in der Gewalt der römischen Justiz befindet.« »Gehen Sie; Sie sind frei!« Der Sohn Villeforts verschwand in der Dunkelheit der Nacht. * VI. Gerechtigkeit. Vampa, dieser Bandit, der solange die Umgegend Roms in Verzweiflung gesetzt hatte, war endlich gefangen, und bald sollte er den Lohn für seine jahrelangen Missetaten empfangen. Nicht eine Stimme in ganz Rom erhob sich zu seinen Gunsten, und der Mensch, der stets taub gegen die Bitten seiner Opfer, gleichgültig gegen die Todesqualen der in seine Hände gefallenen Unglücklichen gewesen war, sah mit Entsetzen das furchtbare Gerüst seiner Strafe vor sich aufsteigen, ohne unter den neugierigen Zuschauern ein einziges Gesicht zu erblicken, welches die Spuren des Mitleids zeigte. Die Gleichgültigkeit, die Teilnahmlosigkeit, die er stets seinen Opfern gegenüber bewiesen hatte, bemerkte er in alledem, was er sah, in alledem, was er hörte, als ob die Vorsehung ihm fühlbar und begreiflich machen wollte, wie peinlich dieser letzte Augenblick des menschlichen Daseins ist, wenn er nicht den erhabenen Trost einer wahren Freundschaft, den erquickenden Balsam einer reinen Religion hat. Sobald die Polizeidiener in das unterirdische Gewölbe der Katakomben des heiligen Sebastian eingedrungen waren, stieß Vampa jenen wilden Schrei aus, dem Benedetto mit einem lauten Gelächter antwortete, und versuchte dann eine verzweiflungsvolle Verteidigung; bald jedoch erkannte er die Unmöglichkeit, allein und ohne Waffen gegen acht bewaffnete und entschlossene Männer zu kämpfen. Er unterwarf sich daher, wurde festgenommen, gefesselt und fortgeschleppt. Vampa erkannte das Los, das seiner harrte; das Blutgerüst, der Henker mit seinem langen Eisenhammer erschienen ihm auf der Mitte des Platzes del Popolo, und obgleich er unwillkürlich die Augen schloß, schien es dem Banditen dennoch, als erblicke er beständig das Trauergerüst seiner nahen Hinrichtung. Nichts konnte ihn retten. Freunde? Die besaß er nicht. Geld? Man hatte ihm alles genommen. Sein finsteres Gesicht wendete sich noch einmal nach der Richtung des Ortes, wo der Körper Eugenies lag; ein bitteres Lächeln überflog seine Lippen, und sein Blick, verwirrt und starr, wie der eines Menschen, der aus einem unerklärlichen und peinlichen Traume erwacht, schien die Stunde zu verfluchen, in welcher er dieses Weib zum ersten Male erblickt hatte. Während der Bandit in der Mitte der Kavallerie-Eskorte nach Rom geführt wurde, stieg der Sohn Villeforts, in einen weiten Mantel gehüllt, an der Tür der kleinen Besitzung des Barons Danglars vom Pferde. Er suchte in der Dunkelheit nach dem Griff der Glocke und zog dann dieselbe heftig, bis ein Diener erschien, um nach der Ursache dieses Lärmens zu fragen. Kaum brach der Tag an. »Sagen Sie dem Herrn Baron von Danglars, ich käme, um ihm eine Sache von der höchsten Wichtigkeit mitzuteilen. Ha! ich hoffe, Sie werden mich hier nicht außerhalb des Gitters warten lassen.« »Verzeihen Sie, Signor, aber ich habe den ausdrücklichen Befehl erhalten, nur einer wohlbekannten Person zu öffnen; ich glaube sogar, daß Se. Exzellenz in diesem Augenblick durchaus keinen Fremden empfangen will; deshalb würden Sie gut tun, mir Ihren Namen zu nennen.« »Selbst wenn ich dies täte, würde ich, wie ich ganz gewiß glaube, für einen Fremden gelten; sagen Sie indes dem Herrn Baron, ich sei ein Polizeibeamter, der einige Mitteilungen über eine Katastrophe zu erhalten wünscht, die dieser Nacht einer Person widerfahren ist, welche unbedingt den Herrn Baron im höchsten Grade interessieren muß.« Der Bediente ging, und Benedetto wartete. Luise d'Armilly hatte während dieser verhängnisvollen Nacht die Augen nicht zu schließen vermocht; sie erbebte bei dem geringsten Geräusch und glaubte noch immer, den Schrei ihrer armen Freundin, den der Nachtwind ihr zugetragen hatte, zu hören. Sie ließ sich, bleich, aufgeregt, zitternd, auf das Sofa niedergleiten, neben dem sie bisher halb ohnmächtig gestanden hatte, als sie die Glocke des Gittertores hörte, das heftig aufgerissen und ebenso wieder geschlossen wurde. Tausend überspannte Gedanken fuhren ihr durch den Kopf; ihr Herz klopfte schmerzlich, wie dies bei einem Menschen der Fall ist, der einen Nervenanfall hat; die Stimme erstarb auf ihren Lippen, der Atem versagte ihr, als ob die Luft nicht mehr in ihre Lunge zu dringen vermöchte. Der Baron war zwar tief betrübt über die Entführung seiner Tochter, aber er vermochte sich dem Gewichte nicht zu entziehen, welches sich zur Nachtzeit auf unsere Augenlider niederzusenken scheint und sie zwingt, sich zu schließen, selbst gegen unsern Willen. Danglars schlief seit einigen Stunden, aber sein Schlaf war unruhig und peinlich. Er hatte sich ganz angekleidet auf sein Bett geworfen. Luise d'Armilly war daher die erste, welche erfuhr, wer der Unbekannte sei, der sich am Gitter gezeigt hatte. Auf das Wort: »Polizeibeamter«, welches der Bediente aussprach, erwachte in Luise eine freudige Ahnung; sie glaubte, das Geschrei ihrer Freundin hätte die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden erweckt und der Wagen des vorgeblichen Prinzen von Spada sei durch die Polizei angehalten worden, die in dieser Gegend, wo häufig Gewalttaten vorkommen, stets wachsam ist. Sie eilte selbst nach dem Zimmer des Barons und weckte ihn hastig auf, nachdem sie dem Bedienten den Befehl gegeben hatte, den Polizeibeamten in den Saal zu führen. Der Baron fuhr aus dem Schlafe empor, und als er von dem ebenso unerwarteten wie erwünschten Besuche erfuhr, ging er die Treppe hinab. Als Luise das Zimmer des Barons verließ, eilte sie mit leichten Schritten, um sich hinter einer Tür zu verstecken, fest entschlossen, sich nicht eines der Worte entschlüpfen zu lassen, die der Polizeibeamte sprechen würde; aber zu ihrer großen Ueberraschung blickte sie vergebens in dem Saal umher – er war leer. Sie ging zurück und fragte, ob der Fremde in das Gemach eingeführt worden wäre; auf die bejahende Antwort glaubte sie sich getäuscht zu haben, kehrte wieder zu dem Saal zurück, öffnete die Tür, trat hinein, rief – aber niemand antwortete ihr: sie war vollkommen allein. Währenddessen wollte der Baron hinabgehen, als eine Stimme, die ihm nicht unbekannt war, ihn aufhielt. »Man muß gestehen, Herr Baron,« sagte der Unbekannte, »daß Sie in allen Ihren Bewegungen von einer verzweiflungsvollen Langsamkeit sind.« Der Baron wendete sich rasch um, als wollte er diese Beschuldigungen Lügen strafen, und stieß dann einen leisen Schrei des Entsetzens aus. Er erblickte sich Benedetto gegenüber. »Sie hier!« rief er. »Wie sind Sie denn hereingekommen? Das Zimmer hat keine andere Tür als diese!« »Sie vergessen, wie mir scheint, daß die Totenhand in der Dunkelheit eine Tür zu finden vermag, die keine andere Hand entdecken könnte.« »Sie scherzen, mein Herr! – Erklären Sie sich deutlicher – wie sind Sie hereingekommen? – Welcher Grund bewegt Sie, so mein Hausrecht zu verletzen? Sprechen Sie, oder ich rufe.« »Es ist durchaus überflüssig, daran zu denken, nach Hilfe zu schreien, denn niemand fällt es ein, Ihnen etwas Böses zuzufügen. Wäre ich nicht in guter Absicht zu Ihnen gekommen, so würde das Böse, das ich gegen Sie im Sinn hatte, längst geschehen sein.« »Aber was wollen Sie denn? – Wie sind Sie hereingekommen?« fragte aufs neue der Baron, der noch immer sehr unruhig war. »Ich werde nur auf Ihre erste Frage antworten, und ich hoffe, daß es leicht sein wird, uns zu verständigen. Schließen Sie die Tür, Herr Baron, sonst wäre es möglich, daß man uns hörte!« »Aber ich werde unten erwartet! – Sie wissen vielleicht nicht, daß – o nein, es wird Ihnen nicht unbekannt sein –« »Ich weiß alles, Herr Baron. Man hat Ihnen Fräulein Eugenie geraubt! – Das ist ein Streich Ihres Freundes Vampa.« »Meines Freundes?« »Er hat Ihnen Geld geboten, und Sie nahmen es an.« »Ich?« »Ja, Sie! – Was erwarten Sie denn, indem Sie Geld aus den Händen eines Banditen annahmen und bei sich eine junge und schöne Tochter hatten? – Mir scheint, Sie wissen besser mit Zahlen als mit Menschen umzugehen!« »Was ich nie begreifen lernen werde, das sind Menschen, die sich nie deutlich aussprechen – wie Sie zum Beispiel!« »Ich will Sie vollkommen befriedigen; zuvor aber verschließen Sie die Tür.« »Gehen Sie lieber mit mir hinab und warten Sie, bis ich mit einem Polizeibeamten gesprochen habe, der mich aufgesucht hat, um mir die Mitteilungen zu machen, ohne Zweifel über die Verhaftung des Räubers, und daß man nur noch mein Zeugnis erwartet, um zu wissen, wer er ist! Ha! das Leben des Signor Vampa ist jetzt in meiner Hand!« »Das sind alles nur Fabeln, Herr Baron! Wenn Sie ein Mensch von gesundem Verstände sind, so vermeiden Sie soviel wie möglich Ihr Zusammentreffen mit dem Polizeibeamten.« »Weshalb denn?« »Aus Instinkt.« »Was wollen Sie damit sagen?« Bei diesen Worten erbleichte der Baron und drehte schnell den Schlüssel in der Tür um. »Gut, gut, Herr Baron; das ist klug. Nun kommen Sie näher und hören Sie!« In diesem Augenblicke wurde leise an die Tür klopft und die Stimme des Fräulein d'Armilly ließ sich hören. »Herr von Danglars?« Der Baron wollte antworten, aber Benedetto gebot ihm durch eine Bewegung seiner Hand Stillschweigen. »Herr von Danglars? Ach, was geht denn hier Geheimnisvolles vor? Mein Gott – alles erschreckt mich!« klagte Luise. Als Fräulein d'Armilly sah, daß man ihr nicht antwortete, ging sie wieder hinab, und einige Minuten darauf hörte man, wie sie den Bedienten rief. »Herr Baron,« sagte Benedetto, »ich weiß alles. Vampa wurde soeben arretiert; er erklärte, daß er hier gewesen sei, er nannte Ihren Namen, und Sie können jetzt begreifen, daß die Justiz einen Menschen nicht in Ruhe lassen wird, in dessen Haus der berüchtigte Luigi Vampa eine Nacht zugebracht hat.« Der Schweiß perlte in großen Tropfen über die fahle Stirn des Barons Danglars. »Nun also?« fragte er erschrocken, indem er einen ängstlichen Blick nach der Tür richtete. »Nun also? – Die Sache ist sehr einfach,« erwiderte Benedetto mit der größten Kaltblütigkeit. »Sobald ich von dem Vorfall hörte, eilte ich hierher, um Sie zu benachrichtigen.« »Aber was soll ich tun?« fragte der Baron mit stets wachsender Unruhe. »Sie haben sehr wenig Kopf, Herr Baron.« »Ach jawohl, ohne Zweifel, ich gestehe es ein, mein lieber Freund. Aber es gibt gewisse Dinge, die so unerwartet kommen, daß sie auf mich eine sonderbare Wirkung machen. Gleichwohl erkenne ich doch, daß keine Zeit zu verlieren ist.« »Was taten Sie in Paris, als Sie die Schwierigkeit Ihrer Lage und das ungeheure Defizit Ihrer Kassenbücher entdeckt hatten?« »Ha! Sie klären mich auf – während der Beamte des Fonds für Witwen und Waisen sein Almosen von fünf Millionen erwartete, rettete ich mich durch die Flucht.« »Was wollen Sie noch weiter? Während der Polizeibeamte Ihrer dort unten im Saale wartet, um Sie beim Kragen zu nehmen, sagen Sie alledem ein letztes Lebewohl und fliehen Sie davon.« »Das ist es eben, woran ich in diesem Augenblicke dachte, mein vortrefflicher Freund; aber der Weg dazu?« »Ich werde Ihnen denselben zeigen.« »Auf Ehre?« fragte der Baron mit bittendem Tone und Wesen. »Ich leiste einen Eid darauf! Nun beeilen Sie sich; in wenigen Minuten wird man diese Tür sprengen. – Der Tag rückt vor und bald können Sie nicht mehr fliehen.« »Ha, verfluchter Vampa!« murmelte der Baron, indem er zu seinem Sekretär ging und bei dem Scheine der Lampe nach dem Orte sah, wo er sein Geld aufbewahrte. »Lassen Sie die Kleinigkeit dort,« sagte Benedetto; »ich habe Geld genug und will Ihnen welches borgen.« »Wie? Ich soll hier lassen, was mir gehört, daß die Justiz sich damit mäste? Nimmermehr,« erwiderte der Baron, indem er alles Geld sowie die sämtlichen Wertsachen, die er in seinem Sekretär fand, in die Tasche steckte. »Nichts verhindert, daß wir uns von dieser Seite vollkommen sicher stellen, und die Zeit drängt nicht so sehr, um nicht zwei oder drei Minuten für eine Handvoll Piaster opfern zu können. Jetzt bin ich bereit – lassen Sie uns nun fliehen.« Bei diesen Worten drückte Benedetto an eine Feder eines Bildes, das eine der Wände des Gemachs schmückte. Das Bild drehte sich augenblicklich auf einer Angel seines Rahmens und zeigte eine schmale Treppe, die sich in der Dicke der Mauer hinzog. »Hierher, Herr Baron!« sagte Benedetto. »Nehmen Sie sich in acht, die Treppe ist steil, und die Stufen sind wegen der Feuchtigkeit sehr schlüpfrig.« »Ha, Sie sind ein Zauberer!« erwiderte der Baron, indem er sich führen ließ und mit einem Gefühl des Glücks sah, wie das Bild wieder an seine alte Stelle in der Mauer zurücktrat. »Der Teufel soll mich holen, wenn ich jemals dieses Geheimnis nur geahnt habe. Das ist in der Tat wunderbar!« Inzwischen war Luise d'Armilly wieder heraufgekommen, um nach Baron Danglars zu rufen, und hatte sich diesmal von den beiden Bedienten begleiten lassen. Die Tür blieb geschlossen und keine Stimme antwortete auf die Rufe Luises. Sie erging sich nun in den überspanntesten Vermutungen, von denen aber nur eine einzige den Bedienten wahrscheinlich vorkam, nämlich, daß der Baron Danglars das Opfer eines Schlaganfalls geworden sei, der ihm nicht die Zeit gelassen hätte, die Tür zu öffnen; indes konnte Luise, die kurz vorher in dem Zimmer des Barons gewesen war, nicht begreifen, aus welchem Grunde er die Tür verschlossen hätte. Die Bedienten bestanden darauf, sie zu sprengen. Luise forderte sie auf, noch einige Augenblicke zu warten, welche sie darauf verwendete, den Baron Danglars abermals mit lauter Stimme zu rufen. Als sie auch jetzt wieder keine Antwort erhielt, gab sie das Zeichen, und die Bedienten begannen ihre Aufgabe. Nach einigen Anstrengungen wich das wurmstichige Holz der Tür den darauf gemachten Angriffen; die Nägel sprangen aus ihren Höhlen, das Schloß flog in die Mitte des Gemachs hinein, welches noch von dem schwachen Schein der Lampe beleuchtet wurde, die auf dem Sekretär stehen geblieben war, und Luise blickte voll Staunen und Entsetzen rings um sich her. Das Zimmer war leer. Die Angst des Fräulein d'Armilly verdoppelte sich; ihr Gesicht wurde bleich wie das einer Leiche und das Herz klopfte ihr in der Brust, als müßte es zerspringen. In dieses Haus war ein Mensch eingedrungen, der sich einen Polizeibeamten nannte, und dieser Mensch war wie durch Zauberei verschwunden. Der Baron befand sich nicht in seinem Zimmer, und gleichwohl war dasselbe von innen verschlossen! Wie ließen sich diese beiden unerklärlichen Umstände deuten, besonders der letztere? »Ach!« sagte sie, indem sie eine Anstrengung machte, um die Furcht zu verbergen, von der sie ergriffen war, und die sie den Bedienten nicht verraten wollte, »der Herr Baron ist ohne Zweifel fortgegangen, und es ist daher nicht nötig, ihn weiter zu suchen.« »Aber Signora,« bemerkte einer der Bedienten, »wie soll er denn fortgegangen sein? Es wäre ja nur durch das Fenster möglich, und das ist vergittert, wie Sie sehen!« »Ich weiß es nicht,« entgegnete Luise, »aber dennoch muß es so sein. Sagen Sie dem Kutscher, er soll den Wagen bereit machen, denn ich will nach der Stadt zurückkehren, und wenn der Herr Baron kommt, so teilen Sie ihm mit, ich bäte ihn, mich zu entschuldigen, daß ich mich entfernt hätte, ohne ihn zu erwarten; aber ich dürfte nicht länger von dem Theater abwesend bleiben.« Die Bedienten gehorchten, und einige Minuten später saß Luise, vor Schreck zitternd, in dem Wagen, der sie wieder nach Rom brachte. Kaum trat sie in das Haus, als Frau Aspasia ihr hastig berichtete, ihre Freundin Eugenie sei sehr früh morgens nach Haus gekommen, fühle sich aber etwas unwohl und habe sich zu Bett gelegt, um ein wenig zu ruhen. Dieser Mitteilung ungeachtet eilte Luise, die Augen mit Tränen erfüllt, nach dem Zimmer Eugenies, stürzte auf das Bett derselben zu, schloß sie in ihre Arme und überschüttete sie mit den Zeichen der innigsten Zuneigung. Die beiden Freundinnen mischten ihre Küsse und ihre Tränen. Eugenie verbarg ihr Gesicht in dem befreundeten Busen, den Luise ihr bot, um ihre Röte und ihre Scham zu verbergen, ohne daß in diesem Augenblick ein anderes Gefühl in ihrem Herzen Platz fand, als das, welches beide schon seit so langer Zeit vereinigt hatte. Während die beiden Künstlerinnen so ihre Liebkosungen austauschten und Eugenie, tausendfach das Gefühl bereuend, von dem sie sich hatte beherrschen lassen, aus ihrer Seele jedes andere Bild, als das Luises, verbannte, kannte der Baron Danglars bereits seine Lage und erbebte Benedetto gegenüber vor Wut und Verzweiflung. Sie waren beide an das Ende der gewundenen Treppe gelangt, auf welcher der Baron, geführt durch den Sohn Villeforts, zu entrinnen gedachte. Ihnen gegenüber befand sich eine kleine Tür, welche mit einem Nebenhause in Verbindung stand. Das Licht des Morgens drang durch die Oeffnung eines kleinen Fensters, welche sehr hoch in der Mauer angebracht war. Kaum an diesem Orte angelangt, wendete Benedetto sich rasch gegen seinen Gefährten um, hielt ihm die Mündung einer Pistole entgegen und verlangte mit kurzem gebieterischen Tone von ihm Geld und die Wertsachen, die er bei sich trug. Der Baron war starr vor Schrecken und verlor die Sprache; indessen gelang es ihm, mit einer ungeheuren Anstrengung aus seiner zusammengeschnürten Kehle die Worte hervorzupressen: »Ei, mein lieber Freund, machen Sie ein Ende mit Ihren Scherzen. – Ha! ha! Ha! ha! Ich kenne wohl Ihren spaßhaften Sinn!« »Dann müssen Sie auch wissen, daß ich Sie ohne die geringsten Gewissensbisse und ohne alle Umstände ermorden werde, wenn Sie mir nicht augenblicklich all das Geld übergeben, das Sie aus Ihrem eleganten Schreibtisch nahmen. Ei, Herr Baron, der Zustand der Erstarrung, in welchen die Ueberraschung Sie versetzt, würde vollkommen angewendet sein, wenn ich ein Mensch wäre, der von dem Gedanken zurückbebt, einen andern Menschen zu ermorden, um ihn zu berauben.« »Mein Herr,« stammelte der Baron, »gewiß – Sie wollen sich auf meine Kosten lustig machen. Ach, der Augenblick dazu ist sehr schlecht gewählt.« »Darin haben Sie vollkommen recht, denn man kann das Haus umzingeln, die geheime Treppe entdecken.« »Und Sie auch!« sagte rasch der Baron, indem er sich mehr tot als lebendig gegen die Tür stützte. »Ihre Worte sind die eines guten Propheten, Herr von Danglars; deshalb will ich auch, ohne Zeit zu verlieren, diese Angelegenheiten ordnen,« erwiderte Benedetto mit der größten Kaltblütigkeit, indem er den Hahn seiner Pistole spannte. »Ach, Sie wollen mich also wirklich berauben?« murmelte der Baron in der größten Verzweiflung, indem er mit den Füßen stampfte und sich die Haare raufte, »Sie sind ein Verräter!« »Sie sind wirklich spaßhaft,« entgegnete Benedetto. »Und was sind denn Sie? Was sind Sie gewesen? Was werden Sie stets sein?« »Ich? – Ich habe – niemals – habe ich Ihnen jemales Böses zugefügt?« »Ich stellte Ihnen diese Frage noch nicht, und werde sie Ihnen auch nicht stellen. Baron Danglars, Ihr Geld oder das Leben!« »Sie sind also ein Räuber?« »Das wissen Sie schon längst, mein Lieber.« »Ja, ich wußte es, aber ich habe vergessen, daß ich es wußte! –« erwiderte Danglars in dem Uebermaß seiner Verzweiflung. »Ich weiß nicht, welche Verblendung mich ergriffen hatte! – Ach Verhängnis, Verhängnis!« »Nein, Herr Baron, das Verhängnis hat damit nichts zu schaffen; ich will Ihnen Ihre Verblendung erklären. Als ich Ihnen zu irgend etwas nützlich sein konnte und als mit der Zeit meine Dienste Ihnen immer ersprießlicher wurden, – als Sie erkannten, daß die Lage, in die ich Sie versetzt hatte, ohne Arbeit gemächlich leben zu können, ihren Reiz besaß, da machten Sie sich der sehr natürlichen Schwäche schuldig, meine kleinen Vergehungen zu rechtfertigen, und einen Menschen, der nicht auf diese Welt gekommen ist, um irgend eines andern Menschen Freund zu sein, den Ihrigen zu nennen! Sie begingen diese Schwäche, weil Ihr Gewissen nicht ganz rein war! Nein, nie kann das Gewissen eines Menschen rein gewesen sein, der die Absicht hatte, das geheiligte Geld der Witwen und Waisen zu stehlen; – das Gewissen eines Menschen, der, nachdem er seine Frau beschimpfte, die Schamlosigkeit besaß, wieder vor ihr zu erscheinen, um sich einiger Trümmer ihres Vermögens zu bemächtigen, das sie, wie er meinte, aus dem Schiffbruch gerettet und durch unerlaubte Operationen sogar verdoppelt hatte; – das Gewissen eines Menschen, der bei sich den berüchtigtsten Banditen Roms beherbergt, und aus seinen verbrecherischen Händen Gold empfängt, ohne sich genau nach dem Grunde einer so auffallenden Freigebigkeit zu erkundigen! – Begreifen Sie jetzt, Herr Baron, welche Binde es war, die Ihnen vor den Augen lag?« »Und Sie, der Sie so sprechen, wer sind denn Sie? Wo kommen Sie her? Was wollen Sie?« »Ganz gut! Drei Fragen, drei Antworten! Ich bin ein Mensch ohne Namen, ohne Familie, ohne Gott, ohne Religion, ohne Vaterland und ohne Freunde! – Ich stieg in einer Nacht aus einem Grabe empor, im Herzen die verfluchte Flamme der Verzweiflung, auf den Lippen die Verwünschung, in der Hand eine eigentümliche Reliquie, eben die Hand, welche mich erwürgen wollte, als ich in dieser Welt den ersten Atemzug tat, und welche später mich segnete; die Hand, welche ich geküßt und mit meinen Tränen benetzt hatte; – Jetzt, mein Herr, bleibt mir nur noch übrig, auf Ihre letzte Frage zu antworten. Was ich will? – Was ich will, was ich verfolge, das ist eine gerechte, eine unerbittliche Rache!« »Und wann habe ich Sie jemals beleidigt?« fragte Danglars, indem er seine Füße unter sich brechen fühlte. »Niemals.« »Und dennoch – berauben Sie mich?« »Mein Herr, ich raube, weil der Weg, den ich zu durchlaufen habe, schwierig, lang und kostspielig ist! – Der Mensch, gegen den ich ringe, ist mächtig, und um ihn zu bekämpfen, bedarf ich des Goldes! – Ich raube aus Notwendigkeit, aus unbedingter Notwendigkeit, aber ich opfere dieser Notwendigkeit nicht die Personen, die ich dem Verbrechen und der Räuberei fremd halte! – Mein Herr, die Zeit vergeht – Ihre Lage ist unabänderlich; wählen Sie daher: Ihr Gold oder Ihr Leben!« Bei diesen Worten streckte Benedetto die Hand aus, empfing das Geld und die Wertgegenstände, die der Baron Danglars bei sich trug und die er ihm mit einem langen und schmerzlichen Seufzer übergab. Der Baron wurde also wieder Danglars kurzweg, denn er war ärmer als je zuvor. Es entstand ein Augenblick des Schweigens, währenddessen Benedetto, die Pistole in der Hand, durch eine Spalte in der Tür die Umgegend erspähte. »Niemand!« flüsterte er. »Lassen Sie uns gehen!« Bleich und zitternd glitt der Baron an der Mauer hin, bis er Benedetto erreichte, in dessen Fußtapfen er trat, wobei er die jämmerlichste Figur von der Welt spielte. »Aus Barmherzigkeit!« sagte er. »Ich bin alt, und meine weißen Haare müssen mir Ihr Mitleid in einem gewissen Grade gewinnen. Was soll ich anfangen? Wo wollen Sie, daß ich mein Brot erwerben soll? Sie wissen wohl, daß ich bei dem geringsten Schritte, den ich in Rom tue, verhaftet werde!« »Dann haben Sie eine freie Wohnung. Ist denn das so schlimm?« antwortete gleichgültig Benedetto, indem er Anstalten traf, die Tür zu öffnen. »Erbarmen Sie sich meiner, um der Liebe Gottes willen!« Benedetto blieb stehen und richtete auf Danglars einen Blick, der in den tiefsten Falten seines Herzens lesen zu wollen schien. »Der Teufel, Sie sind sehr fromm: mein alter Genosse,« rief er dann. Hierauf fuhr er fort, »die Not ist die Schwester der Frömmigkeit; wenigstens geht sie öffentlich mit ihr Hand in Hand.« »Nun wohl denn, wenn es nicht im Namen Gottes ist, so sei es im Namen der Sendung, welche Sie verfolgen! Barmherzigkeit!« entgegnete Danglars. »Das verstehe ich allerdings besser! Aber was wollen Sie denn von mir?« »Daß Sie mir zu Hilfe kommen.« »Worin?« »In allem! – In allem! Netten Sie mich, beschützen Sie mich!« »Verlangen Sie nicht etwa, daß ich Sie mir nachschleppen soll, Sie alter, unverschämter Mensch? Ich verlasse Italien; ein Schiff, das mir gehört, wartet meiner in dem Hafen!« »Ein Schiff!« wiederholte Danglars, indem er laut aufatmete und sich plötzlich emporrichtete: »Ein Schiff?« Man hätte glauben sollen, er gewänne ein neues Leben. »Was gibt es denn? Was haben Sie?« fragte Benedetto, welcher, als er die rasche Bewegung Danglars bemerkte, hastig die Hand in die Tasche steckte und den Griff einer Pistole erfaßte. »Haben Sie mir nicht gesagt, daß ein Schiff, welches Ihnen gehört, Ihrer im Hafen wartet?« »Ja.« »Haben Sie einen Piloten?« »Natürlich.« »Ah!« »Nun?« »Ich hätte Sie um die Stelle gebeten.« »Sie?« »Ja, ich! Aber da Sie die Reise beschlossen haben, werden Sie ohne Zweifel Handel treiben. Sie werden vielleicht Contrebandewaren hier in dem Mittelländischen Meere aufnehmen, und in diesem Falle biete ich mich Ihnen als Superkargo an.« »Also verstehen Sie sich auf die Leitung eines Schiffes und auf die Handelsangelegenheiten der Marine?« »Ob ich mich darauf verstehe! – Mir sind die ersten Zähne auf dem Meere gewachsen, wo ich zwischen Warenballen lag, mit denen das Schiff beladen war!« »Was sagen Sie? und das Wappenbild, welches Ihre Wiege schmückte? – Und der Name Ihrer Ahnen?« »Ich war zuerst Matrose – dann stieg ich – ich erhob mich – ich gelangte endlich zu dem, als was Sie mich gesehen haben. Jetzt werde ich wieder hinabsteigen und auf dem Punkte endigen, von dem ich ausgegangen bin.« »Schwören Sie mir bei Ihrem Leben, daß Sie mir die Wahrheit sagen?« »Ja.« »Bedenken Sie, daß, wenn wir auf dem Meere sind und Ihre Unfähigkeit erkannt und bewiesen wird – Sie einen Sarg bekommen, der Ihrer würdig ist: den Bauch eines Haifisches.« »Ich bürge für mich.« »Nun, so stecken Sie denn Ihre Titel in die Tasche und folgen Sie mir! – Ihre Geschichte scheint mir sehr interessant zu sein! Sie müssen mir dieselbe erzählen, wenn wir auf dem Meere sind. Ich beteuere Ihnen, daß niemand imstande sein würde, unter diesem schönen, mit Samt und Seide gefütterten Rocke die gemeine und grobe Jacke des Matrosen zu erkennen! – O über die Welt! Ueber die Welt!« * VII. Eine Nacht auf dem Meere. Wenn ein Mensch ohne gesellschaftliche Ansprüche sich eine Stellung und einen Namen schafft, die ganz sein eigenes Werk durch ehrenwerte Arbeit und ernste Studien sind, und die ihn mit der Klasse auf gleichen Fuß bringen, zu der er zu gelangen strebte, dann wird man sich nie einfallen lassen, ihm seine Geburt zum Vorwurfe zu machen, um ihn herabzusetzen. Wer würde wohl wünschen, ihn durch Elend oder Intrige wieder in die Dunkelheit versinken zu sehen? Wenn aber der Mensch, der von dem gesellschaftlichen Nichts ausging, sich durch Kabalen erhob, wenn er durch das Verbrechen aus seiner Dunkelheit hervortrat, wer würde dann nicht dem Sturz eines solchen Menschen Beifall zollen, der von dem Gipfel seiner Größe herabfällt, um in dem Staube, aus dem er geboren ist, zu verschwinden? Weit entfernt jedoch von dieser schönen Theorie sind die Tatsachen, wie sie gewöhnlich in dieser irdischen Welt erscheinen. Die Gesellschaft ist durchaus nicht geneigt, sich danach zu richten oder sie zum Kriterium ihres Urteils zu nehmen! Die Intrige, die Kabale und allzuoft sogar das Verbrechen, sind mindestens ebenso mächtige Hebel, ebenso kräftige Mittel des Emporsteigens wie Wissenschaft, Studium und Tugend! Die einen, das heißt, die Schelme, verfolgen per fas et nefas das Ziel, dem sie zustreben, und wenn sie es erreichen, so setzen sie sich darauf fest und klammern sich an dasselbe mit einer Hartnäckigkeit an, die sie beinahe unentthronbar macht. Die andern, das heißt, die rechtschaffenen Menschen, empfangen diesen Platz vielmehr als eine Belohnung denn als eine Sache, die ihrem Verdienste gebührt; sie rühmen sich desselben nicht und bleiben so lange darauf, bis irgend ein Neidischer sie davon verstößt. Von den ersteren sagt man: das sind geschickte Menschen; die letzteren nennt man ungeschickt, wo nicht gar Dummköpfe! O über die menschliche Gerechtigkeit! Wie viele Widersprüche und Abgeschmacktheiten gibt es in beinahe allen ihren Handlungen! Wann wird denn der Mensch endlich zur Regel und zum Führer die Vorschriften des Gewissens nehmen, die sonderbarerweise beinahe nie angewendet werden; die Vorschriften, welche eine göttliche und vollkommene Gerechtigkeit begründen, eben die Gerechtigkeit, welche man die Gottes nennt! Die Vollkommenheit ist nicht von dieser Welt! sagen die Weisen dieser elenden Erde und, von diesem Gesichtspunkte ausgehend, rechtfertigen oder entschuldigen sie oft Taten der Gewalt, des Blutes oder der Räuberei! Die Vollkommenheit ist nicht von dieser Welt! Und in seiner Verblendung tritt der Mensch die offenbaren Beweise der göttlichen Gerechtigkeit, welche sich uns durch ihre wunderbaren und unerklärlichen Kombinationen von Tatsachen offenbart, unter die Füße und vernichtet sie, während der Zweck dieser göttlichen Gerechtigkeit nur ist, den Betrüger, den Elenden, der seine Nichtswürdigkeiten unter der Maske der Heuchelei verbirgt, zu erreichen und zu strafen! Der Baron Danglars empfing einen jener gewaltigen Schläge, welche den Menschen tödlich treffen und ihm die Notwendigkeit auferlegen, einen Rückblick auf seine verbrecherische und nichtswürdige Vergangenheit zu werfen! Indes lag es in der Gewalt keines menschlichen Wesens, diesen Streich von seinem strafbaren Haupte abzuwenden; niemand hatte die Vorbereitungen zu den Lagen geleitet, niemand die Tatsachen berechnet, welche ihn von Stufe zu Stufe sinken ließen, bis er wieder in den Staub zurückfiel! Es lag in dem allen ein höherer Wille als der der Menschen; es war eine göttliche Gerechtigkeit, die ihn verurteilte, indem sie mit Strenge die Handlungen seines Lebens richtete; es war ein allmächtiger Arm, der ihn traf. Als ein niedriger Mensch hervorgegangen aus dem Nichts, begann er durch Verrat, ging dann zum Raub über und gelangte auf den Gipfel der Größe; er berauschte sich an dem Dunst des Stolzes und vergaß, von welchem Punkt er ausgegangen war! Da wurde er verraten; später fiel er als ein Opfer des Raubes und der Intrige; das heißt, er stieg auf eben den Stufen herab, auf denen er hinaufgestiegen war, und diese Stufen führten ihn wieder zu dem Nichts, aus dem er entsprang. Das war die Gerechtigkeit Gottes! Danglars hatte Benedetto begleitet und am nächsten Tage befand er sich an Bord der Jacht, welche von der Mündung der Tiber in der Richtung nach Korsika segelte. Die Bemannung des Schiffes schien Danglars nicht fremd zu sein; der Leutnant war Peppino und dieses Individuum kannte Danglars bereits seit längerer Zeit. Die Jacht, deren beide lateinische Segel durch den Abendwind gebläht waren, neigte mit Anmut ihre Takelage gegen den weißen Schaum der friedlichen Wellen, die sie durchschnitt, und entfernte sich mit großer Leichtigkeit von den Küsten Italiens. Nachdem die acht Matrosen, welche die Bemannung der Jacht bildeten, die Manöver vollführt, die Kabel gelegt und alles an seinen Platz gebracht hatten, ließen sie das Fahrzeug vor dem Winde treiben, streckten sich nachlässig auf das Deck hin, stopften ihre Pfeifen und begannen zu rauchen. Peppino stand gegen den Vordermast gelehnt, eingehüllt in seine grobe Jacke, und blickte neugierig auf den Mann am Steuer, der die Augen nicht von der Wetterfahne oder dem Kompaß wendete. Benedetto stand in seinen Mantel gehüllt neben diesem Manne, als beobachte er dessen Tun und Lassen. Der Wind wurde stärker, indem die Nacht sich näherte, und die Jacht begann einen schnelleren Lauf. Als der Mann am Steuer dies bemerkte, wendete er sich zu Benedetto und sagte: »Sehen Sie, die Nacht wird frisch; wir werden in die Windlinie kommen, und ich glaube, wir sollten bloß mit den Focksegeln fahren, die lateinischen Segel einziehen.« »Das alles ist für mich griechisch: und was das Griechische betrifft, so hatte ich einen Vorfahren, der vor Verlangen starb, es zu erlernen, Meister Danglars,« erwiderte Benedetto. »Ich will aber jemand rufen, der Ihr Kauderwelsch versteht. – Holla, Rocca Priori, holt einmal den Piloten herbei!« »Hier!« rief sogleich ein Mann, welcher schnell aus dem Kreis der Matrosen hervorsprang und nach dem Hinterteil ging. »Meister Danglars spricht davon, die lateinischen Segel einzuziehen,« sagte Benedetto. Der Pilot lächelte geringschätzig, indem er Danglars einen Seitenblick zuwarf. »Weshalb denn?« fragte er. »Wir kommen in die Windlinie und auf diese Weise fahren wir mit dem Focksegel besser,« erwiderte Danglars. »Das wäre etwas Schönes! Wie es scheint, liebt Ihr es nicht, die Arme der Equipage zu schonen! Weshalb, wenn es Euch gefällig ist, sollen wir denn in die Windlinie kommen?« »Kennt Ihr denn nicht die Lage der Insel Elba? Seht Ihr denn nicht, daß der Südwest frischer wird?« Und die Jacht, welche sich mehr und mehr der Windlinie näherte, verminderte dadurch ihre Schnelligkeit, indem sie den Preßwind verlor. Der Pilot zuckte die Achseln und murmelte einige Worte, von denen Benedetto nur die folgenden verstehen konnte: »Ich begreife diese Art zu steuern nicht – und ich mache auch keinen Anspruch darauf, etwas davon zu verstehen. Mir scheint es, als hätte der Kamerad Furcht davor, mit dem Seitenwind zu segeln.« »Holla! Auf Eure Posten, Jungens!« sagte nun Benedetto entschlossen; »Meister Danglars wird das Manöver leiten.« Hierauf näherte er sich Danglars und fügte hinzu: »Achten Sie wohl auf das, was Sie tun! Bedenken Sie, daß Sie in dem Augenblick, wo Sie Ihre Unfähigkeit an Bord beweisen, den Fischen zur Nahrung vorgeworfen werden! Ich sagte Ihnen bereits, daß mir nichts daran liegt, übermäßig schnell die Insel Monte Christo zu erreichen.« »Beruhigen Sie sich,« erwiderte Danglars vollkommen gelassen: »ich kenne das Mittelländische Meer sehr genau, und obgleich ich die Lage der Insel nicht weiß, werden wir dennoch dahin gelangen.« Die Mannschaft war auf ihrem Posten. Alle verrichteten, was ihres Amtes war. Danglars beobachtete den Kompaß, drückte auf das Steuer, und als die Jacht in die Windlinie einzutreten begann, gebot er mit lauter und deutlicher Stimme: »Die Geitaue eingeholt! Die großen Focksegel angezogen!« Darauf: »Das Sturmsegel los!« Die Jacht hob sich sogleich auf den Gewässern empor, die Leinwand blähte sich, während das große Segel und die lateinischen Vordersegel zu flattern begannen. Rasch folgte nun Befehl auf Befehl hintereinander, und als alle pünktlich ausgeführt wurden und die Wirkung befriedigend erschien, warf Danglars einen prüfenden Blick auf Benedetto, welcher ebenfalls zufrieden zu sein schien. Der Pilot ging mit großen Schritten auf und nieder und sah mit finsteren Blicken nach dem Platz, wo Meister Danglars stand. Das Schiff, welches nun leicht dahinflog, beschäftigte die Aufmerksamkeit Benedettos nicht mehr, der einen tiefen Seufzer ausstieß und begierig die freie Luft einsog. Die Matrosen, welche aus dem Vorderteil beisammen standen, stimmten einen langsamen, monotonen Gesang an, welcher als Refrain für die Verse diente, die Peppino sang, der mitten unter ihnen stand. Der Klang dieser Stimmen schien einen unangenehmen Eindruck auf Benedetto zu machen. Er fühlte das Bedürfnis, allein zu sein, und rings um sich her kaum etwas anderes zu hören, als das Pfeifen des Windes, der durch die Takelage des Schiffes strich, und das Murmeln der Wellen, welche der Kiel durchschnitt. Nach einem unruhigen Leben, einer schwierigen Unternehmung entgegengehend, die Verzweiflung, vielleicht auch die Reue, sowie einen furchtbaren Durst nach Rache in der Seele, den Blick gerichtet auf einen endlosen Raum, wollte er sich sammeln und über die Gerechtigkeit und Ursache der Unternehmung nachdenken, die ihn einem Werke der Martern, der Tränen und des Blutes entgegentrieb! Er rief Peppino zu sich und befahl ihm, die Matrosen fortzuschicken, ohne sie zur Wache zu kommandieren, da er selbst während des ersten Teiles der Nacht über die Jacht wachen wollte. »Also wollen Sie den Kenntnissen des Meisters Danglars vertrauen? Sie rechnen auf seine Fähigkeiten?« fragte Peppino. »Und weshalb nicht?« erwiderte Benedetto. »Ich bin nicht ganz fremd mit dem Geschäft und kann Dir die Versicherung geben, daß, wenn der Wind nicht umsetzt, wir unsere sechs guten Knoten in der Stunde zurücklegen, und daß wir dann morgen mit Sonnenaufgang sehr nahe daran sind, die Insel Elba zu umsegeln. – Geh jetzt, Peppino,« sagte Benedetto. Peppino gehorchte, und einige Augenblicke darauf hatten alle sich entfernt. Nur zwei Personen blieben auf dem Deck: Benedetto und Danglars. Beide schienen sich tiefem Nachsinnen zu überlassen. Der erstere stand, die Arme über die Brust gekreuzt, den Kopf entblößt, die Augen fest auf das Meer gerichtet, welches seine Wogen rings um ihn her rollte, funkelnd unter dem finstern Mantel der Nacht; der zweite, den rechten Arm auf den Griff des Steuerruders gestützt und die linke Hand in die Brust gesteckt, zeigte in seiner Physiognomie jenen ergreifenden Ausdruck, welcher alle Handlungen seines Lebens vor dem innern Auge vorbeigleiten zu lassen scheint; der eine dachte an die Zukunft, der andere an die Vergangenheit. Benedetto schritt langsam auf Danglars zu und nachdem er einen prüfenden Blick auf ihn gerichtet hatte, klopfte er ihm leise auf die Schulter. »Es gibt nichts Neues!« sagte hastig Meister Danglars, indem er erbebte und schnell einen Blick auf die Magnetnadel warf. »Die Jacht segelt in dem Strich eines guten Windes.« »Wir waren in diesem Augenblicke beide weit von der Jacht entfernt,« sagte Benedetto, ohne ihn aussprechen zu lassen. »Ich gebe Ihnen die Versicherung –« »Genug!« unterbrach ihn Benedetto abermals. »Was kümmern Sie und mich die Jacht und das Meer in diesem Augenblick der Einsamkeit, des Schweigens und der Finsternis? – Ich – ich dachte über das nach, was kommen soll; und Sie – ohne Zweifel überblickten Sie Ihr vergangenes Leben. – Das ist so in der Ordnung. Einer von uns muß sich mit Leib und Seele der Verfolgung eines Menschen überlassen, an dem er Rache zu üben einem sterbenden Vater geschworen hat! – Der andere muß zu erforschen suchen, welche unter allen Handlungen seines vergangenen Lebens die ist, die ihm die fürchterliche Strafe des Verhängnisses zuzog, unter der er seit einiger Zeit leidet! – Sprechen Sie, mein Herr, sprechen Sie! Ich muß irgend jemand sprechen hören, der Verbrechen begangen hat! Ich will das Verbrechen aus den verschiedensten Gesichtspunkten studieren – ich will die Arten, aus welche ein Mensch in dieser Welt leiden kann, auswendig lernen! – Sprechen Sie! – Denn ich will, ich muß die teuersten Neigungen des Menschen, eine nach der andern, ersticken: ich habe Leiden und Martern zu erfinden, um dem Herzen die schmerzlichsten Seufzer zu entreißen! – Wehe mir, wenn ich mein Ziel verfehle; wenn der Streich nicht trifft, wenn mein Arm entwaffnet niedersinkt, wenn mein Verstand mich im Stiche läßt! – O mein Vater, Du würdest sonst nicht gerächt sein!« Danglars betrachtete Benedetto voll Entsetzen; nie hatte er aus dem Mund irgend eines Menschen eine solche Sprache vernommen; nie hatte er die Stimme von dem Schluchzen so bitterer Klagen unterbrochen gehört. Es entstand ein Augenblick des Schweigens, währenddessen Benedetto seinen Tränen freien Lauf ließ, indem er mit großen Schritten und unter der heftigsten Aufregung umherging, bis er wieder neben Danglars stehen blieb. »Mein Herr,« sagte er, »der Graf von Monte Christo, dieser Edmund Dantès – antworten Sie mir: Wer war er? Wo kam er so plötzlich her, mächtig – rächend – ohne Barmherzigkeit?« Danglars erbebte. »Darf ich Ihnen ein Geheimnis offenbaren, welches nur zwischen ihm und Gott besteht?« »Und weshalb sagen Sie nicht: Zwischen ihm und der Hölle?« rief Benedetto. »Weil ich anfange, an ein erhabenes Prinzip zu glauben, aus welchem die wahre Gerechtigkeit entspringt!« »So glauben Sie also, daß Edmund Dantès durch dieses erhabene Prinzip, von welchem Sie sprechen, begeistert war?« fragte Benedetto mit einem kaum bemerkbaren Lächeln der Geringschätzung und der Gottlosigkeit. »Ich glaube es!« murmelte Danglars. »Sie?« »Ja, ja! Und Sie werden meinen Glauben teilen, wenn Sie mich anhören wollen.« »Sprechen Sie.« Danglars sammelte sich einen Augenblick und begann dann also: »Von 1814 bis 1815 gab es in Marseille eine kleine Brigg, welche dem Hause Morel und Sohn gehörte; ich bekleidete auf diesem Fahrzeuge die Stelle als Superkargo. Im Monat Februar 1815 starb der Kapitän der Brigg auf der Höhe von Porto Ferrajo und am 25. eben diesen Monats lief das Fahrzeug in den Hafen von Marseille ein, geführt von einem jungen Seemann, auf den der Kapitän sein ganzes Vertrauen gesetzt hatte. Sie können sich wohl denken, daß die Stelle, welche durch den Tod des Kapitäns erledigt war, das Verlangen in mehr als einem Herzen erweckte. Mein Ehrgeiz entzündete sich, und ich begann daran zu arbeiten, den Posten des Kapitäns zu erhalten. Meine Anciennetät an Bord, meine Erfahrung als Seemann, alles mußte zu meinen Gunsten sprechen; gleichwohl wollte der Zufall, daß jener junge Seemann mir vorgezogen wurde! – Ich schwur nun, ihn zu verderben. Dieser junge Seemann war Edmund Dantès! – Er war leidenschaftlich verliebt in ein junges katalanisches Mädchen und erweckte durch den Vorzug, welchen sie ihm gewährte, die Eifersucht eines ihrer Landsleute, eine wütende, zügellose Eifersucht! Da ich den Charakter des Kataloniers kannte, und berechnete, bis zu welchem Punkte sich die Flamme treiben ließ, welche ihm das Herz verzehrte, suchte ich das Feuer so zu schüren, daß es für Edmund Dantès verderblich werden mußte.« »Und wie gelang Ihnen dies?« fragte Benedetto mit dumpfer Stimme, und dem finstern Wesen eines Menschen, der die Handlungen nach den Worten abwägt, welche er hört. »Indem ich einen Umstand unserer letzten Fahrt benutzte. Ich schrieb gegen Edmund Dantès eine Anklage, in der ich sagte, daß er während der Rückkehr nach Marseille die Insel Elba berührt hätte, wo der Kapitän landete, und ich übergab diese Denunziation der Behörde, indem ich sie mit verschiedenen Nebenumständen begleitete, wodurch Edmund Dantès in den Verdacht kommen mußte, ein Agent Bonapartes zu sein. Er wurde demzufolge als Bonapartist verhaftet, und zwar in eben dem Augenblick, als er sich zu Tisch setzte, um seine Hochzeit mit der schönen Katalonierin zu feiern.« »Von diesem Tage an verschwand aus der Welt der Mann, dem ich grollte; aber bemerken Sie das wohl, mein Herr, nie – nie konnte ich den Posten als Kapitän der Brigg erlangen. »Fünfzehn Jahre verflossen, und nach Verlauf dieser Zeit war die Katalonierin, die sich mit dem Nebenbuhler Edmunds verheiratet hatte, Gräfin von Morcerf geworden, während ich die Witwe des Herrn von Nargone geheiratet, meinen Titel als Baron Danglars erlangt hatte und meine schönen guten Millionen besaß! »Aber da erschien plötzlich eines Tages, man weiß nicht woher, vielleicht aus dem Schoße der Erde, vielleicht aus dem Abgrund des Meeres, ein unendlich reicher und mächtiger Mensch! Dieser Mensch – war der Graf Von Monte Christo. Seit jenem Augenblick begann das Verhängnis uns zu verfolgen! Was mich betrifft, so wurde ich durch den unbegrenzten Kredit, der ihm auf mein Haus gewährt worden war, kompromittiert, und ich mußte aus Paris entfliehen, um den Rest meines Vermögens zu retten. Die Gräfin Morcerf, jene Frau, welche einst seine Geliebte und seine Braut gewesen war, sah durch die mächtige Hand des Unglücks das Gebäude ihres Glückes von oberst zu unterst niedergeschmettert! Armut! Schmerz, Elend erreichten sie!« »Warten Sie!« sagte plötzlich Benedetto. »Aus welchem Grunde konnte Edmund Dantès die Frau, die er einst geliebt hatte, dem Elend und den Leiden überliefern wollen? Welches war das Verbrechen dieser Frau, um die furchtbare Züchtigung zu verdienen, die der Mann, der sich von Gott begeistert ausgab, auf ihr Haupt schleuderte? Sollte Edmund Dantès vielleicht zufällig das Verlangen gestellt haben, diese Frau müßte den Gelübden, von denen seine verlängerte Abwesenheit sie freisprach, ewig treu bleiben? Sollte er verlangt haben, daß eine fortwährende Witwenschaft einer armen Frau zuteil würde, welche ihm noch nicht so angehört hatte, wie eine Frau ihrem Mann angehören muß? Ha! das war Dein erstes Vergehen, Edmund Dantès – das war eine deutliche, augenscheinliche Täuschung Deiner selbst.« »Aber Sie vergessen wohl,« bemerkte Danglars, »daß Edmund Dantès sich an dem Grafen von Morcerf zu rächen hatte.« »Und dieser Mensch, der sich allen andern Menschen überlegen wähnte, dieser Mensch, der sich für so gerecht ausgab, wie ein Gott, hat er denn nicht begriffen, daß die Barmherzigkeit das schönste Attribut der christlichen Gottheit ist?« erwiderte Benedetto. »Sehen Sie, wie er verständig und gerecht war! – Er opferte einer entsetzlichen Rache die arme Frau, die ihn geliebt hatte, die vielleicht ihr Leben für ihn hingegeben haben würde! – Unsinniger, mitten in Deinem vorgeblichen Ruhme! – Elender, auf dem Gipfel Deiner geträumten Größe! – Heuchler, in dem, was Du die Erfüllung des göttlichen Wortes nanntest!« »Nein! – Nein!« murmelte Danglars zitternd und aufgeregt; »ein Gott hatte ihn mächtig gemacht, um das Verbrechen zu züchtigen – ich glaube an dieses Mysterium.« »Nun wohl! Ich – ich leugne Eure Götter, welche sie auch sein mögen, wenn die Handlungen ihrer Gerechtigkeit so sind, wie die, welche Edmund Dantès uns zeigte!« rief Benedetto, indem er mit geballten Fäusten gegen den Himmel hinauf drohte. Danglars zog ihn heftig mit dem linken Arm zurück. »Was?« rief er. »In dem Augenblick, wo wir über dem Abgrund schweben, der Laune der Winde und der Wogen preisgegeben, schleudern Sie so die einzige Hoffnung des Seemanns von sich? – Sie sind ein Wahnsinniger! Prüfen Sie die Tatsachen und erkennen Sie in Ihrer Verblendung, daß es in der Tat einen mächtigen Gott über uns allen gibt! Ich, der ich Millionär war, und der ich tausendmal glaubte, mich für immer aus der Dunkelheit erhoben zu haben, in der ich geboren wurde, ich sah meine Millionen verschwinden wie einen Staubwirbel vor dem Hauche des Windes und bin jetzt wieder in eben der Lage, in welcher ich mich befand, als ich auf das erste Verbrechen sann, das mich auf den Pfad des Bösen führte! – Ach ja wohl, es gibt einen allmächtigen Gott, – ich glaube an ihn – ich glaube an ihn aus dem tiefsten Grunde meiner Seele.« »Es mag sein,« sagte Benedetto nach einem Augenblick religiösen Schweigens. »Ich will auch an Gott glauben! Ja, es gibt einen gerechten und allmächtigen Gott! Er ist es ja, der mich sendet, um den Menschen zu strafen, der über seine unendliche Barmherzigkeit spottete, indem er sie auf Erden allen versagte! – Ich fühle das Bedürfnis, an diesen mächtigen Gott zu glauben, denn ich empfinde in mir selbst weder Kraft nach Macht! – Ich bin klein und elend in der Mitte des endlosen Raumes, der uns hier umgibt. Ich fühle das Bedürfnis, an Gott zu glauben, denn ich empfinde in mir ein Prinzip, welches über die irdische Materie erhaben ist, und welches demzufolge die Erde nie verwischen kann! – O Gott – Gott! wenn meine Gesinnungen in diesem Augenblick verbrecherisch sind – wenn die Rache, welche ich geschworen habe, nicht ganz gerecht ist – dann versenke Du mich in den Abgrund, der jetzt unter meinen Füßen ruht.« Und zum ersten Male in seinem Leben sank Benedetto nieder auf die Knie und erhob Augen und Hände gegen den Himmel. In diesem Augenblick begann eine völlige Windstille sich zu zeigen. Die Oberfläche des Meeres verwandelte sich in einen endlosen Spiegel, und noch bevor Benedetto Zeit gehabt hatte, die Bemannung herbeizurufen, bevor Danglars das nötige Manöver befehlen konnte, erschien ein rotes Band mit unglaublicher Schnelligkeit am Firmament, und es folgte ihm ein entsetzliches Grollen, welches eines jener plötzlichen Gewitter verkündete, die auf dem Mittelländischen Meere nicht selten sind. Nach allen vier Himmelsrichtungen zerriß der Himmel, um die fürchterlichen Strahlen zu schleudern, die sich rings um die kleine regungslos daliegende Jacht her in die Gewässer stürzten. Die Donnerschläge folgten in kleinen Unterbrechungen, und bald schien das ganze Firmament nur noch einziger gewaltiger Brand zu sein! * VIII. Der Schiffbruch Von Staunen ergriffen durch dieses unerwartete Ereignis stürzte die ganze Mannschaft der Jacht auf Deck. Danglars hielt in seinen kalten bebenden Händen fest den Griff des Steuers und sah voll Entsetzen auf Benedetto, welcher aufgeregt, die Arme über der Brust gekreuzt, der Geist des Bösen zu sein schien, dessen Umrisse dunkel gegen den feurigen Horizont abstachen, von dem alle sich bedroht sahen. Der Pilot ergriff diese Gelegenheit, um Danglars bei dem Herrn der Jacht herabzusetzen. Gewöhnt an dieses furchtbare Schauspiel der entfesselten Elemente, fürchtete dieser Mensch sich nicht davor und verlor die Hoffnung nicht, solange noch der letzte Schimmer derselben glänzte; er eilte rasch zu dem Steuer, riß den Knopf desselben aus den Händen Danglars und rief mit der ganzen Kraft seiner Lunge: »Auf Eure Posten, Kameraden! Dieser Elende ist von Entsetzen ergriffen! Er will uns verderben!« »Gnade!« rief unbedachtsam Danglars, denn er bemerkte mit Entsetzen, daß, um seine Züchtigung vollständig zu machen, hier ein Mensch war, der ihm seinen Posten streitig machte, wie er einst Edmund Dantès dessen Posten streitig gemacht hatte. »Ha! Du rufst nach Gnade!« erwiderte der Pilot, indem er sein Messer zog und das Steuer fahren ließ. »Gnade, Gnade, mein Gott!« rief aufs neue Danglars, indem er entsetzt vor dem drohenden Gesichte seines Nebenbuhlers zurückwich. »Auf ihn, Kameraden! Drauf! Auf ihn, der so ganz zur unrechten Zeit Euch durch sein Geschrei erschreckt!« fuhr der Pilot fort, »drauf! Er zittert wie ein Hund, weil er rings um sich her das Feuer mit dem Wasser spielen sieht!« Bei diesem Rufe ergriff der Pilot ein Beil und stürzte sich auf Danglars. In der Mitte des Kampfes der Elemente entstand jetzt ein anderer Kampf, nicht minder entsetzlich als der erste. Bei dem wechselnden Lichte der Blitze erblickte man einen Menschen, der auf dem Gipfel der Verzweiflung sich gegen den Mast des Schiffes lehnte, sich mit dem linken Arm an das Tauwerk klammerte und mit der rechten Hand, die ein Beil schwang, sich gegen die Streiche verteidigte, welche zwei andere Menschen auf ihn führten, von denen der eine der Pilot war, der andere Peppino, genannt Rocca Priori. Die Matrosen rannten wie außer sich von einer Seite zur andern, schrieen, gestikulierten, flehten den Himmel um Gnade an und überließen sich dem Entsetzen, welches der erste Angstschrei Danglars ihnen eingeflößt hatte. Die Jacht wirbelte ungesteuert auf den Gewässern umher, solange dieser Auftritt der Verwirrung dauerte. Endlich ertönte ein durchdringender Schrei, ein Angst- und Todesschrei, der alles andere Geräusch überbot. Nach diesem Schrei verstummten alle Stimmen – bald darauf vernahm man die des Piloten, der rief: »Achtung, Kameraden! Die Focksegel angezogen, denn es ist möglich, daß der Sturm ausbricht! – Mut! – Es ist nichts! – Es steht einer am Steuer, der ein ganzer Seemann ist!« Die Matrosen gehorchten, und die Jacht, welche durch eine geschickte Hand gesteuert wurde, blieb während des Sturmes beigelegt, da sie sich demselben aus Mangel des Windes nicht zu entziehen vermochte. Benedetto stand noch immer an demselben Platze, als ob eine höhere Macht ihn abhielte, sich davon zu entfernen. In seiner Umgebung ging etwas Gräßliches vor, das er mehr erriet, als er es verstand, denn sein Geist harmonierte mit dem Sturme und wurde durch einen einzigen Gedanken in Anspruch genommen. »O, mein Gott,« murmelte er, »ich erkenne die grenzenlose Macht Deines Willens, welche die Elemente aus der Tiefe des Abgrundes bis zu der Höhe des Himmels aufwühlt! Ich hatte noch nie diesem fürchterlichen und dennoch so schönen Schauspiele beigewohnt, in welchem sich die Kraft Deines Armes offenbart! Verzeih mir daher, wenn ich nur allzuoft die Existenz Deines wesenlosen Seins geleugnet habe! Wenn Du den Menschen nicht verurteilst, den ich verfolge, wenn er Deinen Schutz verdient, ungeachtet des unschuldigen Blutes, mit welchem er seine Hand besudelte – dann zerschmettere und vernichte in diesem Augenblick diese zerbrechlichen Bretter, auf denen ich mich über dem Abgrund erhebe! – Aber die Feuerstrahlen, welche rings um mich her in das Wasser niederschießen, scheinen mich zu meiden! – Ich bin also der furchtbare Erwählte Deines gerechten Willens, unbarmherzig die Gottlosigkeit zu züchtigen, die Dich in einem Kinde verletzte, welches das schwächste Deiner ganzen Schöpfung auf Erden war, wie Du das mächtigste aller Wesen im Himmel bist! – Eduard – Eduard! – Mein Bruder, ich habe Dich nie gekannt, noch umarmt – aber Dein Blut – ja Dein Blut war auch das meinige! – Ha! Du rufst nach Rache? – Gut! Gott wird Deinen Mörder nicht ungestraft lassen!« Als Benedetto darauf von seiner erhöhten Stellung niederschritt, um zu prüfen, was dort in geringer Entfernung zu seinen Füßen vor ihm lag, das heißt, die Leiche des unglücklichen Danglars, trat ein anderes Ereignis ein. Wie der Pilot es vorausgesehen hatte, peitschte der Wind die Wellen auf und vermehrte dadurch das Entsetzen des Sturmes. Die Jacht, deren kleines Focksegel bis auf die letzten Falten eingezogen war, schaukelte auf den Wogen, die sich um seinen Kiel bildeten, und wurde wechselweise vorwärts und zurück getrieben, ein trauriges Spielzeug der Wut des Sturmes. Der Pilot, der fest auf seinem Posten stand, lauschte seit einigen Augenblicken mit besorgtem Ohr auf ein undeutliches Geschrei und Gestöhne, welches die Windstöße ihm aus der Ferne zuzutragen schienen. Dieses Geschrei, das zuweilen schwach und kaum hörbar war, glich den Klagen von Menschen in Todesangst; dann wieder wurde es kräftig, schneidend, durchdringend und verriet die äußerste Verzweiflung derer, welche zum letzten Male Hilfe von den Menschen erflehten, ehe sie dieselben von Gott erbitten wollten. Das scharfe Ohr des Piloten erfaßte die geringsten Töne, welche ihn über die bestimmte Richtung belehren konnten, in der die Katastrophe stattfand, denn er wußte bereits mit Gewißheit, daß es sich hier um ein Unglück handelte, welches irgend einem Schiff begegnet war. Seinen verständigen Blick auf den Kompaß richtend, erteilte er den Befehl, die Focksegel etwas unter Wind zu brassen, und wartete dann mit Besorgnis darauf, ob das Schiff dem Steuer gehorchen würde. Plötzlich wiederholte sich das Geschrei, welches er gehört hatte, stärker und deutlicher in der Richtung, von wo der Wind kam, und der Pilot erkannte sogleich die gefährliche Nähe eines großen Fahrzeuges. In der Tat bemerkten alle bei dem grellen Scheine eines Blitzes mit Entsetzen eine finstere Masse, und nun wurden ganz deutlich eine Menge klagender Stimmen vernehmbar, die um Hilfe flehten. Benedetto, der sich an den Mast seiner Jacht geklammert hatte, vernahm voll Rührung einen Schrei, der alle andern übertönte. Er hörte eine Stimme, welche mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes die Worte ausstieß: »Meine arme Mutter! Gott gestattet nicht, daß wir uns wiedersehen und umarmen können!« Diese Worte erweckten ein schmerzhaftes Echo in dem Herzen Benedettos. Das Wort Mutter ließ ihn erbeben! Es war ohne Zweifel ein Sohn, der nach langer Abwesenheit in die Arme einer zärtlichen Mutter zurückkehren wollte und der, vielleicht dem Ziele seiner Reise nahe, den Schlag, der ihn vernichten sollte, auf sich niederfallen sah. »Ach,« flüsterte er, »das Geschick hat auch mir nicht gestattet, die Frau zu sehen, die mir das Leben gab! Ach! Gott möge mir das Glück gewähren, nicht zu sterben, ohne sie kennen gelernt zu haben, und wäre es auch nur für einen Augenblick! – Wer doch diesen Unglücklichen der Drohung seines Schicksals entreißen könnte!« fuhr er fort. Mit jener unwandelbaren Kaltblütigkeit und jener mutigen Geistesgegenwart, welche den Seemann charakterisieren, der daran gewöhnt ist, beständig mit der Gefahr zu kämpfen, erkannte der Pilot die Unmöglichkeit, sein Schiff vor dem nahen Schiffbruch zu bewahren, und arbeitete deshalb nur daran, den furchtbaren Zusammenstoß der beiden Fahrzeuge zu vermeiden, indem er mit Geschicklichkeit und Schnelligkeit ein Manöver ausführte. Gleichwohl war dieses nutzlos, denn das Fahrzeug, welches die Wogen über die Jacht erhoben hatten, stürzte plötzlich in den Abgrund, der sich zwischen den beiden beweglichen Bergen gebildet hatte, hinab, und die gebrechlichen Bretter zerschmetterten mit furchtbarem Gekrach. Alle die Unglücklichen stießen einen Schrei aus – ihren letzten! Dann war es eine Zeit lang stille. Alle auf der Jacht schienen sich schweigend den traurigen Betrachtungen zu überlassen, welche dieser entsetzliche Auftritt in ihnen erweckte, als die gebieterische und kräftige Stimme Benedettos die Matrosen dem Zustande der Betäubung entriß, in welchen das Schauspiel der Vernichtung sie gestürzt hatte. »Die Schaluppe in das Meer!« schrie er, indem er hastig mit eigener Hand die Taue durchhieb, welche das Boot befestigten. »Die Schaluppe in das Meer!« wiederholte der Pilot mit spöttischem Gelächter. »Sehen Sie denn nicht die Wogen?« »Wer spricht hier?« rief Benedetto mit drohendem Tone, indem er den Kopf nach jener Richtung wendete, von wo diese Bemerkung kam. Niemand antwortete. »Auf Peppino!« fuhr er nach einer kurzen Pause fort; »der Augenblick ist erschienen, den Mut der Leute auf die Probe zu stellen! Wer ein Mann ist, springt in die Schaluppe und rudert ohne Furcht! – Ha, es erscheint keiner? Das sind also Deine unerschrockenen Menschen? Schmach und feig wie die Kinder! Nun wohl, ich gehe hinab in die Schaluppe, denn mich erschreckt das Meer nicht, mich setzt die Finsternis nicht in Furcht! – Rocca Priori, folge mir! – Laß uns hinab – hinab – noch höre ich das herzzerreißende Geschrei eines Menschen, der nach Hilfe ruft.« Peppino sprang, ohne zu zögern, mit seinem Hauptmann in die Schaluppe und ergriff das Ruder, mit dem er über die empörten Wogen zu triumphieren hoffte. Die übrige Mannschaft sah das kleine Boot mit den beiden Männern, die darin saßen, verschwinden, ohne die geringste Hoffnung, sie wiederzusehen, denn das Meer ging entsetzlich hoch, und der Pilot rief den Himmel zum Zeugen an, daß eine solche Verwegenheit einem sichern Tode gleichkomme. Unermüdlich und schön in seinem Mute ruderte Benedetto, unterstützt durch Peppino, in der Richtung vorwärts, aus welcher er das unterdrückte Geschrei eines sinkenden Schiffbrüchigen vernommen zu haben glaubte. Weder das Feuer, welches die Wolken mit unwandelbarer Wut aus ihren zerrissenen Schleiern sprühten, noch die Ströme von Regen, noch das rasende, tobende Meer, schüchterten Benedetto ein, der inmitten des Sturmes, beinahe allein, stolz und erhaben dastand. Peppino bemerkte mit Staunen die Verwegenheit dieses Menschen und fühlte sich durch ihn begeistert zu dem gewaltigsten Kampfe gegen die Wut der Elemente. Wechselweise zu dem Gipfel der schäumenden Wogen hinaufgeworfen oder in den Abgrund derselben hinabgeschleudert, ruderten sie ohne Unterlaß in der Richtung, von woher noch fortwährend das Geschrei ertönte. Die Hilferufe wurden immer schwächer, immer unverständlicher. Benedetto antwortete mit lauter Stimme dem Unglücklichen, der nach Hilfe rief: »Mut! Gott sendet Dir seinen Beistand!« * IX. Die Frau ohne Namen. Lassen wir Benedetto mit dem Meere, dem Winde, den Blitzen kämpfen und durch seinen Ruf der Ermutigung dem eines Unglücklichen antworten, als ob er ein Engel des Heils wäre, den Gott sendete, und richten wir unsere Aufmerksamkeit auf einige Ereignisse, die sich in eben dem Augenblicke zutrugen wie die letzten von uns erzählten Auftritte dieser Geschichte. Auf einem der abgelegensten Punkte der Küste von Marseille, jener Handelsstadt, deren Schiffe beständig die Gewässer des Mittelländischen Meeres von Tunis bis nach Venedig, von Malaga bis nach Konstantinopel, durchschneiden; – auf einer Granitfläche, die nur wenig erhaben war und auf der die Wogen zuweilen das Seegras ablagerten, war seit einiger Zeit eine kleine Hütte von rohem Mauerwerk errichtet, deren Wände, von der Stadt aus gesehen, traurig gegen den Horizont abstachen. Rings um diese Hütte, welche durch den sanften Hauch des Mittelländischen Meeres umspielt wurde, hätte ein scharfer Beobachter die Ueberbleibsel oder vielmehr die leisen Spuren anderer flüchtiger Bauten erkennen können, wie sie Arme manchmal errichten. Das rührt daher, weil in einer nicht sehr entfernten Zeit, das heißt in einer Zeit, welche den hundert Tagen des Kaiserreichs kurz voranging, diese Landzunge zum Wohnort eines elenden Stammes von Fischern diente, die ähnlich einem Haufen von Zugvögeln, eines Tages an dieser Küste landeten. Ihr Ursprung war unbekannt und ihre Sprache weder französisch, noch spanisch, noch biskayisch. Diese kleine Kolonie hatte von den Behörden in Marseille die Erlaubnis erhalten, sich auf dem kleinen Vorgebirge niederzulassen, und lebte dort unter Benennung der Katalonier , welche die Marseiller ihr gaben. Als aber Bonaparte die Insel Elba verließ und aufs neue auf dem französischen Gebiete vordrang, rief er alle Männer ohne Unterschied der Klassen zu den Waffen, und auch die Katalonier mußten den Fahnen des tapfern Korsen folgen und verließen ihre ärmlichen Hütten. Seitdem blieb das kleine Dorf verödet, und von dem irrenden geheimnisvollen Stamme ist jetzt kaum noch eine Erinnerung übrig geblieben, welche uns den Ort andeutet, an welchem er einst, den Wassern des Meeres gegenüber, seine Wohnung aufgeschlagen hatte. An diesem Orte nun erhob sich die kleine Hütte, deren wir zu Anfang dieses Kapitels erwähnten. Eine Frau wohnte darin. Ein ärmliches Lager, ein Tisch, zwei Stühle, ein großes Kruzifix mit dem Bilde des Erlösers, in Elfenbein geschnitzt, bildeten das ganze Mobiliar des Stübchens. Dem Bett gegenüber befand sich ein großes Fenster, durch das man, selbst wenn man auf dem Lager ruhte, die Wogen des Mittelländischen Meeres sehen und die auf demselben kreuzenden Segel zählen konnte. Neben diesem Stübchen lag ein zweites mit einer ganz breiten Ruhestätte, einem Tisch und einem Stuhle; dann kam ein Eßgemach und eine kleine Küche. Das ist der vollständige Grundriß der kleinen Hütte. Ueber die Frau, welche dieselbe bewohnte, waren unter den Neugierigen und den Müßiggängern von Marseille verschiedene Gerüchte im Umlauf, die wir als mehr oder minder richtig bezeichnen müssen. Die einen behaupteten, sie sei eine große Dame, die durch den gänzlichen Verlust ihres Vermögens gezwungen worden wäre, die Einsamkeit, das Schweigen und die Vergessenheit ihres ehemaligen Glanzes aufzusuchen. Andere behaupteten, auf ihrer Stirn die tiefe und finstere Falte eines bittern Kummers bemerkt zu haben und schlossen daraus, daß sie das Opfer eines großen Unglückes sei, viel fürchterlicher, als der gänzliche Verlust des Vermögens; denn dieser hätte nie auf solche Weise die Seele einer Frau zu ergreifen vermocht, besonders wenn diese Frau noch einen berühmten und fleckenlosen Namen besaß. Aus dieser letzten Vermutung, welche durch die Leute ausgesprochen wurde, die sich für scharfsinniger in Beurteilung der Ursachen und Wirkungen ausgaben als andere, und die daher auch der Wahrheit näher kamen, zog eine dritte Klasse von Beobachtern den folgenden Schluß: Diese Frau, welche beständig in der unbedingten Einsamkeit, zu der sie sich verurteilt hatte, Tränen vergoß, weinte sicher nicht über eines jener Leiden, welche die Zeit uns bringt und welche daher auch die Zeit, so bitter die Erinnerung daran sein mag, wieder mit sich hinwegnimmt. Es mußte daher eine andere Ursache dieses unablässigen Schmerzes walten! Was konnte das aber für eine Ursache sein? Was gibt es in diesem Leben, was die Zeit nicht abnützt, nicht erstickt, nicht in uns verlöscht, sondern vielmehr vergrößert, befestigt, erweitert? – Die Reue! Die jedoch, welche nur einmal den wundervollen und zärtlichen Klang der Stimme dieser Frau gehört hatten, oder den milden Eindruck ihres offenen, ergebungsvollen Blickes empfanden, die, sagen wir, konnten nicht glauben, daß die Reue das Herz dieser geheimnisvollen Frau verzehrte. Dieser Ungläubigkeit antworteten die Urheber des oben erwähnten Urteils, daß die Reue ein Balsam ist, welcher die Wunden heilt, die durch die Reue selbst geschlagen wurden, indem er dem Geschöpf die Ruhe wiedergibt und der Seele die Reinheit, die sich in uns durch den Blick und das Wort offenbart; indes wurde dies wieder durch die bestritten, welche behaupteten, die Seele zu kennen, sowie den Einfluß, den sie auf die verschiedenen Gefühle übt, von denen wir beherrscht werden; denn die Reue trocknet ebenso die Tränen in unsern Augen und bringt auf unsere Lippen das süße Lächeln einer Hoffnung, welche ebenso unendlich ist wie die Güte, die wir dem Schöpfer zuschreiben! Auf dies und Aehnliches stützten sich die verschiedenen Gerüchte über die Frau im Dorfe der Katalonier, und da es nicht möglich war, aus allem, was man über sie sagte, einen bestimmten Schluß zu ziehen, kam man darin überein, sie die Frau ohne Namen zu nennen! Wie diese Frau lebte, wußte alle Welt. Zuweilen saß sie an einem der offenen Fenster, sah trübe auf das Meer hinaus und ließ dabei ihren Tränen freien Lauf; dann wieder beugte sie sich über den Felsen hinab, gegen den die Wogen des Meeres sich in schäumenden Flocken brachen und schien begierig auf das Gemurmel der Gewässer zu lauschen, welche für einen gleichgültigen Geist keine Bedeutung haben, welche die Unglücklichen aber auffassen und sich erklären, als wäre es die geheimnisvolle Stimme, die ihrer Seele Antwort gibt! Stets, wenn die Sonne die Wolken in der Ferne mit einem rötlichen Scheine zu färben begann, erhob die arme Frau ihre Augen mit trübem, ängstlichem Blick zu dem Himmel, und ihre leise sich bewegenden Lippen schienen ein Gebet zu murmeln. Wenn dann die letzten Strahlen der Sonne von der Oberfläche des Meeres verschwanden, wenn die Natur sich in ihren dichten Mantel der Nacht zu hüllen schien, um auszuruhen, entrang ein schmerzliches und klagendes Stöhnen sich der Brust dieser Unglücklichen wie der Ausdruck einer getäuschten Hoffnung! Und das wiederholte sich alle Tage! Am Abend gab sie sich den Illusionen einer neuen Hoffnung für den nächsten Tag hin. Kam der nächste Tag, dann sah man sie schweigend und traurig wieder bei anbrechendem Abend ihr Haupt melancholisch beugen und zu dem Himmel einen Blick emporsenden, dessen Ausdruck stets derselbe war, einen Blick, den immer bittere Tränen verschleierten. Die arme Frau hoffte vergebens! Die furchtbare Hand des Unglücks schien sich die Aufgabe gestellt zu haben, ihr Märtyrertum zu verlängern, bis endlich die Entmutigung eintrat. Die Entmutigung kam, und nach ihr zögerte auch die Verzweiflung nicht lange. Es war etwas Entsetzliches, ein unerträgliches Leiden. Sie fühlte nun die Notwendigkeit, die tröstende Stimme irgend eines Menschen zu vernehmen, der zu ihr von Gott und von seiner unendlichen Güte spräche. Sie schrieb einige Zeilen. Eine Stunde später näherte sich dem ehemaligen kleinen Dorfe der Katalonier ein guter alter Priester, dessen Physiognomie den vollkommenen Stempel der Selbstverleugnung und der Barmherzigkeit trug. Dieser Geistliche ging auf die einzige Wohnung des Dorfes zu, und da er die Tür offen fand, trat er ein, jedoch nicht ohne zuvor sein Kommen durch eine Bewegung angedeutet zu haben. Niemand antwortete ihm. Er wartete einen Augenblick, und als er zufällig durch das Fenster sah, erblickte er auf der Spitze des kleinen Felsens eine Frau, auf den Knien liegend, die Arme gegen das Meer ausgestreckt, die Augen gen Himmel erhoben. Wenige Minuten später stand der gute Geistliche an der Seite dieser Frau, ohne daß er wagte, sie zu unterbrechen, indem er voll Teilnahme auf die Worte hörte, die, von Schluchzen unterbrochen, ihren Lippen entschlüpften. »Nein, nie, nie werde ich ihn wiedersehen,« sagte sie; »das Verhängnis will, daß ich bis auf die Hefe den Becher der Bitterkeit leere, der sich seit so langer Zeit nicht von meinen Lippen entfernt hat! Albert! Albert! – Empfange lebend oder tot meine Umarmung, denn ich fühle den Tod mir sich nahen! »Doch nein! Nein! Ich werde nicht sterben! Ich kann nicht, ich darf nicht sterben, ohne Dich noch einmal an mein Herz gedrückt zu haben! Es wäre mir nicht möglich, so in meiner letzten Stunde an der Existenz eines tröstenden Gottes – des Gottes der Betrübten – zu zweifeln!« »Nein, nie!« flüsterte der Geistliche, indem er mit der Hand gegen den Himmel deutete und sich den Augen der armen Frau zeigte, die bei dem Anblicke des ehrwürdigen Gesichtes dieses Mannes einen leisen Schrei ausstieß. »Es gibt einen gerechten und allmächtigen Gott, der über dem Himmel thront, unsern Augen unsichtbar, aber unserm Verstand bemerkbar!« fuhr er fort. »Sie wollen an Gott zweifeln? Zweifeln Sie an sich selbst, wenn Sie es vermögen!« »O mein Vater,« rief Sie. »Aber diese endlosen Qualen!« »Vor einem Augenblick noch sprachen Sie eben hier von dem Tode! – Der Tod aber – das ist ein mächtiger Beender jedes Leidens!« »Was sagen Sie? Ach – sterben, ohne noch ein letztes Mal meinen Sohn gesehen zu haben! – Sie wissen nicht, was die Liebe einer Mutter ist! Sie wissen nicht, daß ich, getrennt von ihm, der allein meine ganze Liebe auf dieser Erde besitzt, schon seit einer Ewigkeit von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute, und immer vergeblich, auf ihn warte! – Sie wissen nicht, wie heftig meine Leiden sind! – Sie können meinen Schmerz nicht fühlen, noch würdigen!« »Ich komme, um Sie zu hören und Ihren Glauben zu befestigen, nachdem ich Sie vernommen habe; sprechen Sie!« »Kommen Sie, mein Vater! Ich bedarf es ebenso sehr, Sie zu hören. Ich fühle meinen Glauben Wanken unter dem Gewicht eines entsetzlichen Geschickes!« Der Priester folgte schweigend der geheimnisvollen Frau nach dem Häuschen, das sie allein bewohnte. Sie begab sich in ihr Stübchen, fetzte sich dem Fenster gegenüber und hielt den Blick noch immer auf das Mittelländische Meer gerichtet, dessen Wogen sich bis in unendliche Ferne ausdehnten; darauf streckte sie traurig, doch ergebungsvoll, die Hände nach dem prachtvollen Kruzifix aus, das an der Mauer hing, und schien ein Gebet zu murmeln. »Mein Vater,« sagte sie dann einige Augenblicke darauf, »gestatten Sie mir, die Ereignisse der ersten Jahre meines Lebens zu verschweigen! Sie bergen ein Geheimnis, welches nur zwischen mir und Gott, zwischen mir und einem Menschen, bestehen darf, den ich nie wiedersehen soll!« Sie machte jetzt eine kleine Pause, um den Namen Edmund Dantès zu murmeln, und fuhr dann fort: »Als Opfer einer furchtbaren Rache habe ich den entsetzlichen Schlag eines Unglücks empfangen, das unerwartet auf mich niederschmetterte! Als Witwe, und arm, hatte ich keine andere Stütze wie einen einzigen Sohn; das Verhängnis wollte, daß auch dieser Sohn gezwungen wurde, mich für einige Jahre zu verlassen, als müßte ich in einer vollständigen Einsamkeit einen unwillkürlichen Irrtum meines vergangenen Lebens beweinen! Jetzt – jetzt, wo ich Mutter bin – jetzt beweine ich diesen Irrtum nicht mehr, ich darf ihn nicht beweinen.« »Können Sie mir aber wenigstens sagen, worin dieser Irrtum bestand?« fragte der Priester, indem er die großen Tränen sah, welche an den Wangen der Frau herabrannen, die ihn in ihrem Schmerz berufen hatte, um ihr den Trost des Himmels zu gewähren. »Er bestand darin, mich nicht mehr eines Mannes erinnert zu haben, dem ich meine erste Liebe widmete. Nachdem ich mehrere Jahre auf die Rückkehr dieses Mannes gewartet hatte, vergoß ich auf die falsche Nachricht seines Todes die letzten Tränen der Liebenden auf seinem mutmaßlichen Grabe und den Tag darauf gab ich meine Hand als Gattin seinem ehemaligen Nebenbuhler, der damals meine einzige Stütze in dieser Welt war. »Jetzt weine ich auch, wie Sie sehen, aber nur über die verlängerte Abwesenheit meines geliebten Sohnes! – Ich weine – weil ich fühle, daß mein Leben erlischt, und daß ich sterben werde, ehe mein Sohn zurückgekehrt ist, um mich in seine Arme zu drücken! – Ach, kehrte er zurück – so würde ich nicht sterben! Sein Wiederkommen wäre mein Leben!« »Hoffen Sie, gute Frau; die Gnade Gottes ist unendlich!« »Hoffen! Ach, was habe ich denn seit so langer Zeit getan?« fragte sie mit einem herzzerreißenden Lächeln, einem Lächeln, welches einem Todesschrei glich. »Hoffen! – Ach, Sie bedenken nicht, was dieses immer und immer wiederholte Wort zu sagen hat für den, der solange vergebens seine Hoffnung auf die Gnade Gottes stützte! – Ach, bin ich denn vergessen von diesem höchsten Gotte – dem Verhängnis hier auf Erden geweiht?« »Was Sie da sprechen, ist eine Gotteslästerung! Gott vergißt seine Geschöpfe nicht!« sagte der Priester mit dem Tone der Ueberzeugung. »Und weshalb gewährt der Ewige mir denn nicht das einzige Glück, meinen Sohn zu umarmen? Hat er doch das erhabene Gefühl geschaffen, welches ein Kind in dem Herzen seiner Mutter erweckt! Sieht er denn nicht, daß es ein Märtyrertum ist, größer als irgend ein anderes, welches ich erdulde?« Bei diesen Worten der Betrübnis umspielte ein leises Lächeln die Lippen des guten Priesters. »Ermessen Sie daraus,« sagte er, »welche entsetzlichen Martern die Jungfrau Maria erdulden mußte, als in ihren Armen der leblose Leib des Erlösers ruhte, ihre einzige Hoffnung, ihr einziger Trost. Erwägen Sie, wenn Sie dazu den Mut und die Kraft haben, welche entsetzliche Nacht endloser Qualen sich den Augen der heiligen unbefleckten Mutter zeigte! Und gleichwohl hatte sie in ihrem Herzen den Glauben, wenn auch nicht die Hoffnung, und neben dem Glauben die Ergebung! Sie war es, welche Zuerst die Tränen der frommen Frauen, die sie umgaben, trocknete.« »Ach, mein Vater, das Beispiel ist erhaben, aber die Jungfrau war die Mutter eines Gottes und ich bin nur eine einfache Frau; – die Kräfte mangeln mir.« »Die Mutter des Gekreuzigten wird sie Ihnen verleihen. Glauben Sie an ihre unendliche Barmherzigkeit und hoffen Sie daraus, und wenn der entscheidende Augenblick erscheint, wenn der Ewige Sie zu sich ruft, bevor Sie Ihren Sohn umarmen konnten –« »Nun, mein Vater? – Wenn dieser Augenblick erschiene,« rief sie mit fieberhafter Aufregung – »wenn dieser verhängnisvolle Augenblick käme – sollte ich dann auch noch glauben – sollte ich noch immer Hoffnung hegen – selbst über das Grab hinaus?« »Ja! Sie müßten sich dann in Ihr Schicksal ergeben und Ihren Schmerz zum Opfer bringen, um Aussicht auf den ewigen Ruhm zu gewinnen!« »Beten Sie für mich,« murmelte sie, »beten Sie, daß ich in diesem Meere der Betrübnis den Hafen entdecke!« »Glauben Sie an die Gerechtigkeit Gottes?« »Was soll ich Ihnen darauf antworten?« »Sie ist unendlich und so vollkommen, daß wir sie nicht zu begreifen vermögen.« »Ach jawohl! – Deshalb begreife ich sie auch nicht.« »Aus Barmherzigkeit!« rief der Priester, indem er aufstand und die Arme gegen das Kruzifix ausstreckte, »richten Sie die Augen auf dieses heilige und schreckliche Zeichen unsers Erlösers, und zweifeln Sie dann, wenn Sie es können, noch an der Gerechtigkeit und der unendlichen Güte dieses Märtyrers, der sich für uns an das Kreuz heften ließ! Sein Bild ist es; das unschuldige Blut, welches noch aus seiner Brust zu fließen scheint, ist der Preis Ihrer Erlösung! – Diese erhabene Stirne, demütig unter der Dornenkrone gebeugt, ist der Kopf, welcher das große und erhabene Werk der Wiedergeburt des Menschen ersann! – Auf die Knie nieder! Auf die Knie! – Er kann Ihnen verzeihen!« . Bei diesen Worten sank die arme Frau auf die Knie, dem Kreuze gegenüber, und Ströme von Tränen rannen über ihre bleichen Wangen. »Ach, Gott der Güte,« rief sie, »welchen Fehler habe ich denn begangen – daß ich diese so grausame, so harte Strafe verdiente?« Dann senkte sie den Kopf, kreuzte die Arme auf der Brust und schwieg, vollkommen gefaßt. Dieses Schweigen hatte etwas Feierliches; kaum wurde es durch die Lippen des Priesters unterbrochen, welcher leise ein Gebet murmelte. Die Frau stand wieder auf. Auf ihrem Gesichte zeigte sich die Resignation, und ihre Tränen hatten aufgehört zu fließen; in ihrem feuchten Auge glänzte noch der heitere Ernst, der durch die Resignation erweckt wird. Der Glaube war eingezogen in ihre Brust. Mehrere Tage verflossen, während welcher der gute Pater seine frommen Besuche bei der Bewohnerin der Hütte erneute; und dieselbe schien danach ruhiger und ganz in die Bestimmungen der Vorsehung ergeben zu sein. Sie war jedoch noch nicht am Ende ihres Unglücks, denn plötzlich zeigte sich ein neues, welches weder Zögerung noch Hilfe gestattete. Alles Geld, das sie besessen hatte, war erschöpft, und es gab für die arme Frau kein anderes Hilfsmittel als den Ruf an die öffentliche Barmherzigkeit. Das Mitleid der Vorübergehenden anzusprechen! Almosen zu erbitten! Ach lieber tausendmal sterben! Nein, und hundertmal nein! Sie wollte sich nicht zum Gegenstand der Neugier für Marseille machen! Nein, sie konnte es nicht über sich gewinnen, von Tür zu Tür zu gehen, um das tägliche Brot zu erbetteln! Das war ihr unerschütterlicher Entschluß. Die arme Frau! Sie wußte noch nicht, wie groß die Qualen des Hungers sein können! Sie wußte nicht, daß der Tod um so entsetzlicher erscheint, je näher er kommt! Sie wußte nicht, daß bei dem Anblick des bleichen Phantoms selbst der entschlossenste Mut wankt, und daß es, um sich seiner Umarmung zu entziehen, kein Opfer gibt, vor dem man zurückbebt, ausgenommen das Opfer der Ehre! Sie nahm mit bitterm Lächeln ihr letztes Geldstück in die Hand und ging, dagegen Nahrungsmittel einzutauschen. Mit welchem Geiz benutzte sie dieselben! – Aber ach, sie nahmen ab, nahmen immer ab. – Die Tage verflossen und schon blieb ihr nichts weiter mehr als ein halbes Brot und einige getrocknete Früchte. Was sollte sie beginnen? Sie teilte diese ärmlichen Reste so ein, daß sie für die Bedürfnisse von acht Tagen genügen konnten. Wer weiß, ob nicht vielleicht während dieser Zeit irgend eine unerwartete Hilfe erschien. Die acht Tage verflossen wie die andern, und es war keine Hilfe gekommen. Die arme Frau hatte ihren ersten Tag des Hungers. Ein fürchterlicher Tag, der in jeder seiner Stunden, langsam wie die des Verurteilten, ihr die bittern Rückerinnerungen einer Vergangenheit vorspiegelte, die sie vergebens zu vergessen trachtete. Am nächsten Tage fühlte sie sich schwach und niedergeschlagen. Ihr Herz klopfte heftig; ein hitziges Fieber verzehrte sie. Sie empfand eine fürchterliche Glut, Kurzatmigkeit, Schwindel! Der Fieberwahnsinn war nicht weit entfernt. Sie sprang auf und leckte mit den Lippen die Brotkrumen auf, die noch auf einem Tisch verstreut lagen! Der Augenblick war nahe, wo sie dieselben begierig selbst von der Erde aufgelesen haben würde! Und gleichwohl war sie noch immer entschlossen, Hungers zu sterben. Unsinniger Gedanke! Am Ende des vierten Tages, seitdem sie die Martern des Hungers empfand, zuckte ein Strahl der Hoffnung durch ihre Seele. »Ach,« murmelte sie, »wer weiß, ob nicht binnen hier und acht Tagen mein Sohn kommt? – Und binnen hier und acht Tagen sterbe ich vor Hunger! – Nein! nein! – Ich muß noch diese acht Tage warten! – Ich muß warten, solange noch ein Hauch in meiner Brust bleibt! – Ich will warten, ich will warten!« Und die arme Frau stürzte zu ihrem Häuschen hinaus und folgte, durch einen unbestimmten Instinkt geleitet, dem Wege, der zu dem Hafen von Marseille führte. Sie blieb mehrmals stehen, um auszuruhen und Atem zu schöpfen. Dann streckte sie die Hand gegen einen Reisenden aus, der an ihr vorüberging; aber ihre Lippen blieben geschlossen und ihr Blick an den Boden geheftet. So ging sie bis zur Stadt, ohne ein Almosen zu erhalten. Sie empfand den Hunger – den Hunger, der bis zur letzten Grenze gelangt ist. Sie trank Wasser, und das Wasser verdoppelte den entsetzlichen Hunger, der sie verzehrte. Ihr getrübter Blick unterschied schon nicht mehr die Gegenstände, die in geringer Entfernung von ihr waren; eine Wolke, ähnlich einem Schleier von Staub, umhüllte sie, und die Gebäude, die Menschen in ihrer Nähe, schienen um sie her zu wirbeln! Das war der Augenblick, wo der Wahnsinn sich zeigt. Mit einer unwillkürlichen Bewegung schritt die arme Frau auf den Quai zu; sie ging bis zu der Brüstung, blickte umher, ohne zu sehen, hörte, ohne zu verstehen. Sie fragte einen Vorübergehenden, ob es schon Nacht sei, und erhielt zur Antwort ein lautes Gelächter. Die Sonne stand hoch am Himmel. Schon sah sie nicht mehr, schon erkannte sie nichts mehr! – Sie hatte Hunger! Sie befand sich unter der Gewalt des mächtigen Instinktes, der jedes Tier zur äußersten Verzweiflung treibt, und der nichts als das Gefühl übrig läßt, eine einzige Begierde zu befriedigen: den Hunger zu stillen! Sie machte schnell einige Schritte, sank nieder auf die Knie vor zwei Männern, die eben landeten, und rief mit brechender Stimme: »Mich hungert! Um der Liebe Gottes willen – helfen Sie mir!« Das war ihr erster Schrei, durch den sie Almosen erflehte. Als die beiden Männer, welche soeben erst ein kleines Fahrzeug, das am Ufer angelegt hatte, verließen, diesen Verzweiflungsschrei des Elends vernahmen, blieben sie vor der Frau stehen, die knieend sie um ein Almosen anflehte. Der eine derselben zog aus der Tasche ein kleines Geldstück, wendete sich zu der Bettlerin und sagte: »Steht auf, Frau; hier ist eine kleine Unterstützung.« Das Geld fiel in die Hände der Bettlerin, welche auf den Knien liegen blieb und mit immer matterer Stimme flüsterte: »Mein Gott, ich danke Dir!« Dann sank sie mit dem Gesicht gegen den Boden und stieß einen matten Schrei aus. * X. Ein Beistand des Himmels. Bei dem herzzerreißenden Schrei, welchen die Bettlerin ausstieß, blieben die Reisenden, welche ihren Weg schon wieder verfolgt hatten, stehen, und der Jüngere der beiden wendete sich zu seinem Gefährten und sagte: »Verzeihen Sie, mein Herr, aber ich sehe, daß ich noch eine Pflicht zu erfüllen habe.« »Und welche?« »Zum ersten Male setze ich nach diesem furchtbaren Sturme, aus dem Sie mich erretteten, als wenn Sie ein Abgesandter der Herrn wären, den Fuß auf die Erde, und ich glaube, daß ich nicht mit Gleichgültigkeit den Ruf des Elends vernehmen darf.« »Was wollen Sie denn tun?« »Mit dieser Unglücklichen das geringe Geld teilen, welches ich aus dem Schiffbruch in meinem Gürtel gerettet habe. Das ist nur Gerechtigkeit.« »Ich werde Sie gewiß nicht von diesem Vorsatze abbringen, mein Herr. Im Gegenteil billige ich diesen Gedanken, denn die Stimme des Elends hat auf mich immer einen gewaltigen Eindruck gemacht.« Indem die beiden Männer so miteinander sprachen, kehrten sie um und näherten sich der Bettlerin, die noch immer auf den Knien lag. Der Jüngere von beiden bückte sich und sagte: »Nun, liebe Frau, was erwarten Sie hier?« »Ich erwarte meinen Sohn,« murmelte sie, indem sie den Kopf erhob und so ihr Gesicht zeigte. »O Himmel! Meine Mutter! – Großer Gott, wäre das eine Täuschung? – Bin ich wahnsinnig?« rief er, indem er die Bettlerin in seine Arme schloß, wobei auf ihre Lippen ein sanftes Lächeln zurückkehrte; die einzige Antwort, welche die arme Mutter auf die Worte des jungen Mannes hatte. »Was sagen Sie, Herr von Morcerf?« fragte der andere. »Ach, kommen Sie, kommen Sie! – Lassen Sie uns diese Unglückliche fortführen! O, mein Freund – der Himmel straft mich erbarmungslos – es ist meine Mutter!« Der junge Mann vermochte weiter nichts zu sagen. Indem er die arme Frau innig umarmte und seine feuchten Lippen auf die brennenden und trockenen seiner Mutter preßte, suchte er sie durch seine Küsse in das Leben zurückzurufen. Benedetto betrachtete einen Augenblick diese rührende Szene. Dann traf er die nötigen Maßregeln, um die Bettlerin in ein benachbartes Haus bringen zu lassen, indem er die Neugierigen verhinderte, ihr bis zu dem Zimmer zu folgen, in welchem man sie auf ein Bett legte. Nach einigen Stunden öffnete sie, dank der Sorgfalt, welche eine barmherzige Schwester ihr widmete, die Augen und gab Zeichen des Lebens. Albert wollte mit ihr sprechen, sie umarmen, sie tausendmal mit jenem Gefühl, welches Schmerzen und Freude in unserer Seele erweckt, seine Mutter nennen. Aber Benedetto machte ihm begreiflich, daß die arme Frau noch nicht fähig sei, der Erschütterung zu widerstehen, welche so heftige Gefühle in ihr erwecken würde, und daß bei ihrem Zustande der Schwäche und Erschöpfung dergleichen für sie sehr gefährlich sein könnte; er erlangte dadurch von Albert, daß dieser wartete, bis sie sich wieder vollständig erholt haben würde. Albert – denn so hieß der junge Mann, den wir hier in Gesellschaft Benedettos erblicken – verließ die Tür des Zimmers, in welchem seine Mutter lag, nicht eine Minute. Ein Arzt, der der Kranken seine Sorgfalt widmete, gab ihm die Versicherung, es sei keine Gefahr vorhanden, und die vollständige Genesung der Kranken könnte binnen wenigen Tagen bewirkt werden, wenn man ihr die vollständige Ruhe gönne. Diese beruhigenden Worte des Mannes der Kunst schienen den Mut Alberts neu zu beleben, und nachdem er noch einen flüchtigen und besorgten Blick in das Innere des Zimmers gesendet hatte, suchte er Benedetto auf, den er dabei antraf, wie er Rocca Priori, dem Leutnant seiner kleinen Jacht, einige Befehle erteilte. »Mein Freund,« sagte Albert, indem er ihm die Hand drückte, »der Arzt gab mir soeben die Versicherung, daß ich in Beziehung auf die Gesundheit meiner Mutter keine Angst zu haben brauche. – O mein Gott, ich danke Dir!« flüsterte er, indem er gen Himmel einen jener reinen Blicke richtete, in welchen die Seele die ganze Tiefe und die ganze Aufrichtigkeit der Dankbarkeit gegen den Schöpfer ausspricht. »Desto besser, Herr von Morcerf,« erwiderte Benedetto. »Ich bin darüber entzückt, denn ich gab soeben meinem Leutnant den Befehl, sich zu erfrischen und dann bereit zu halten, ohne das geringste Zögern unter Segel zu gehen.« »Sie haben also die Absicht, mich zu verlassen?« fragte Albert, indem er ihn hastig unterbrach. »Ohne Zweifel!« entgegnete Benedetto. »Meine Sendung in dem, was Sie betraf, ist vollbracht. Sie sind am Lande bei Ihrer Mutter – Sie sind glücklich – ich kann daher reisen.« »Schon!« flüsterte Albert, das Auge an den Boden heftend und die Hand Benedettos innig drückend. »Ich hätte gewünscht,« fuhr er fort, »daß meine Mutter Sie sähe, daß auch Sie Ihnen für Ihre Großmut dankte, mit der Sie mich mitten im Sturme aufsuchten, um mich zu retten.« »Ich war es nicht, der Sie gerettet hat, mein Herr,« entgegnete Benedetto. »Es war die Hand Gottes, welche Sie den Wogen entriß und Sie über dem Abgrund hielt. – Das ist eine Wahrheit, die ich Ihnen oft genug wiederholt habe, so daß Sie dieselbe nie vergessen können! Welches Interesse aber wäre mächtig genug gewesen, um durch den Schrei, den Sie ausstießen, in mir die Verachtung meines eigenen Lebens zu erwecken, um das Ihrige zu erhalten, welcher Instinkt hätte mich leiten und durch Sturm und Wogen zu dem Orte führen können, wo Ihre erschöpften Arme vergebens strebten, Ihren Körper über dem Wasser zu halten, wenn Gott nicht im voraus das bestimmt hätte, was ich ausführte? Mein Herr, Sie haben mir für nichts zu danken! Die Stunde, die Ihnen in dem Buche des Schicksals bestimmt ist, war nicht auf der Seite eingetragen, auf welcher der Finger des höchsten Richters jenes schreckliche Ereignis bezeichnet hatte.« »Sie werden mir aber dennoch einige Tage schenken,« entgegnete Albert. »Das ist eine Gunst, eine Gnade, die ich von Ihnen erbitte, und Sie werden mir diese Bitte nicht verweigern. Das Zartgefühl, mit welchem Sie es vermieden haben, an mich Fragen über mein Leben zu richten, macht es mir zur Pflicht, mich gegen Sie auszusprechen. O, ich weiß wohl, daß ich nicht den geringsten Anspruch auf Ihre Teilnahme oder auf Ihre Achtung habe, denn – ich bin für Sie nur ein Fremder – aber dennoch bitte ich, bleiben Sie!« Ein spöttisches Lächeln umzog die Lippen Benedettos, als er diese Worte vernahm. »Wissen Sie denn nicht,« sagte er, »daß alle meine Augenblicke gezählt sind und daß ich auf der mir vorgezeichneten Bahn nicht ruhen darf, einer Bahn, welche ich, wie Sie sehen, durch Feuer, wütende Wogen und die tausend verschiedenen Gefahren verfolge, von denen sie auf Erden umringt ist?« »Ja, so haben Sie mir wiederholt gesagt, das heißt, auf eine Weise, die ich nicht zu verstehen vermochte, die mir eben in ihrer Existenz etwas Entsetzliches enthüllte – vielleicht einen sehr bittern Kummer, eine düstere Reue! – Hätten Sie nur ein einziges Mal an mich eine Frage gerichtet, so unbedeutend sie auch gewesen wäre, so würde ich jetzt nicht zögern, mit all der Teilnahme, welche mir die auf die Dankbarkeit gestützte zärtliche Zuneigung zu Ihnen einflößt, Sie zu fragen, worin dieser Kummer besteht? Denn auch ich weiß sehr wohl zu würdigen, was man einen tiefen Kummer nennt!« sagte Albert seufzend. Benedetto richtete einen forschenden Blick auf ihn, als suchte er in seinen Zügen durch eine Linie, eine Falte, irgend ein Gefühl zu lesen. »Der Weg, den ich verfolge,« sagte er nach einer kurzen Pause, »ist kein Geheimnis. Ich suche einen Menschen auf, von dem ich nicht weiß, wo er ist. –« »Wäre ich wohl unbescheiden, wenn ich Sie fragte, was Sie bei Ihren Nachforschungen leiten kann?« »Das ist ganz einfach! Die Hand eines Toten!« erwiderte Benedetto mit der größten Kaltblütigkeit von der Welt. Albert richtete einen besorgten Blick auf ihn, denn es schien ihm, als ob solche Worte nur die Folge des Wahnsinns sein könnten. »Verzeihung mein Herr,« sagte er, »aber diese fürchterlichen Worte machen mich vielleicht neugieriger, als ich sein darf! In dem Augenblick, wo ich, wie Sie sehen, durch die Hand des Unglücks schwer getroffen worden bin, machen sie auf mich einen eigentümlichen Eindruck.« »Glauben Sie, mein lieber Freund, daß ich nicht wahnsinnig bin, wenn ich Ihnen bestätige, daß gegen die Lebenden die Hand eines Toten gerichtet ist, der noch unter einer Wut erbebt, die nicht mit ihm sterben konnte!« »Ach, das muß sicherlich ein sehr fürchterlicher Mensch sein, zu dem Sie ein so außerordentlicher Führer entgegenleitet!« Benedetto blickte umher, als wollte er sich überzeugen, daß niemand sie hörte, ergriff dann den Arm Alberts und sagte mit leiser, aber ausdruckvoller Stimme: »Haben Sie jemals von dem Grafen von Monte Christo sprechen hören?« Bei diesem Namen, den Benedetto mit einem wilden Blick nannte, trat Albert einen Schritt zurück, indem er leichenblaß wurde. Dann faltete er die Hände, erhob sie über dem Kopfe, ließ sie beinahe augenblicklich wieder heftig niederfallen und rief: »Der Verfluchte!« Benedetto vernahm mit einem unaussprechlichen Ausdruck seiner Züge diese Verwünschung gegen Edmund Dantès. »Sie kennen den Mann?« fragte er mit sichtlicher Teilnahme, indem er sich Albert näherte. »Fragen Sie vielmehr den Verurteilten, ob er seinen Henker kennt!« erwiderte er. »Sehen Sie dieses mächtige Phantom aus dem Staube sich erheben, das Verhängnis auf meine ganze Familie herbeirufend! Verflucht sei er, tausendmal verflucht!« Albert unterbrach sich, trocknete dann eine Träne und flüsterte: »O meine Mutter, verzeihe mir, wenn ich nicht gleich Dir den Namen eines Mannes ehren kann, dessen fürchterliches Benehmen für mich noch ein Geheimnis ist!« Benedetto trocknete den kalten Schweiß, der ihm in großen Tropfen von der Stirn herabrann. »Großer Gott,« flüsterte er, »wieder ein Schrei, der diesen Menschen verurteilt! Seine Verdammung wird daher auf allen Seiten durch Deine mächtige Hand bestätigt!« Es folgte ein Augenblick des Schweigens. Benedetto sah aus dem Wesen Alberts, daß er den Grafen von Monte Christo näher kannte, und er beschloß daher, sich genau nach der Ursache eines Rufes der Verwünschung zu erkundigen, der den Lippen seines Genossen entschlüpft war. »Mein Freund,« sagte er zu Albert, der noch unter dem peinlichen Eindrucke zu leiden schien, welchen der Name Edmund Dantès auf ihn hervorgebracht hatte, »entschuldigen Sie meine Unbescheidenheit, wenn ich Sie frage, welche Art der Verbindung zwischen Ihnen und dem Grafen von Monte Christo stattgefunden hat; aber zwischen ihm und mir schwebt eine Blutschuld, und es ist mir ein Bedürfnis, den Mann, mit dem ich es zu tun habe, genau kennen zu lernen.« »Sie sollen befriedigt werden, mein Herr,« entgegnete Albert; »erlauben Sie indes, daß ich zuvor mich nach meiner Mutter erkundige, denn ich wünsche, sie so bald wie möglich von hier fortschaffen zu lassen.« »Gehen Sie; doch wenn Sie meinem Rate folgen wollen, so verzichten Sie auf diesen Plan, der für Ihre Mutter eine nachteilige Unruhe bewirken könnte. Sie können in diesem Gasthause bis zu ihrer vollständigen Wiederherstellung bleiben.« Ohne ein einziges Wort zu entgegnen, ging Albert nach dem Zimmer, in welchem seine Mutter lag, kniete neben dem Bett nieder, auf welchem sie schlief, betrachtete sie einige Augenblicke, drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und kehrte dann in das Zimmer zurück, in welchem Benedetto seiner wartete. »Hier bin ich, mein Herr,« sagte er. »Ich will jetzt gegen Sie den Haß aussprechen, den mir der Mensch einflößt, welchen man den Grafen von Monte Christo nennt! Sie sagten mir, daß zwischen ihm und Ihnen eine Blutschuld besteht, in welcher Sie als Gläubiger auftreten. Nun wohl, die Schuld, die zwischen ihm und mir besteht, ist nicht minder fürchterlich, wie groß auch die Ihrige sein mag, und dennoch habe ich den feierlichen Eid geleistet, mich nicht zu rächen!« »Und wer hat diesen Eid von Ihnen gefordert?« »Meine Mutter,« entgegnete Albert mit einem unaussprechlichen Ausdrucke der Ehrfurcht. »Nun beginnen Sie, mein Herr; ich höre.« Nach dieser Aufforderung kreuzte Albert die Arme über der Brust, lehnte sich auf seinem Stuhle zurück und begann seine Erzählung. * XI. Die Schlange. »Im Jahre 1838 gab es in Frankreich eine nicht sehr zahlreiche Familie, deren Oberhaupt der Graf von Morcerf, mein Vater, war. Diese Familie bestand bloß aus dem Grafen, meiner Mutter und mir. In eben jenem Jahre faßte ich, der ich damals, ebenso wie meine ganze Familie zu der ersten Gesellschaft von Paris gehörte, den Entschluß, mit einem meiner Freunde, Franz von Epinée, den Karneval in Rom zuzubringen, und ich reiste nach Florenz, wo wir uns treffen wollten. In Rom lernte ich den Grafen von Monte Christo kennen, der Franz und mich aus der Verlegenheit zog, indem er uns zu dem ersten Tage des Karnevals, den 23. Februar, seinen Wagen anbot.« »Dieser Mann, den Franz bereits kannte, weil er mit ihm in der berühmten Grotte Monte Christo gewesen war –« Bei diesen Worten runzelte Benedetto die Stirn und fragte mit etwas mißtrauischem Ton: »Und Sie haben an die Existenz dieser berühmten Grotte glauben können?« »Franz hat mir geschworen, daß sie wirklich existiert,« erwiderte Albert, »wie er mir ebenfalls schwur, daß er dort durch den Grafen bewirtet worden sei.« »Gut! – Fahren Sie fort!« Albert tat dies: »Also am 22. Februar 1838 begann meine Bekanntschaft mit dem Grafen von Monte Christo! Denken Sie sich eine aufrichtige Freundschaft, wie sie in dem vollkommensten Sinne dieses Wortes bestehen kann: eine solche schien ich diesem verhängnisvollen Menschen eingeflößt zu haben! – Da ich wußte, daß er, wenn ich Rom verlassen würde, die Absicht hatte, sich nach Paris zu begeben, beeilte ich mich, ihm das Haus meines Vaters anzubieten, indem ich mir vornahm, ihm nicht nur in dieser Hauptstadt als Cicerone zu dienen, sondern ihn auch in die beste Gesellschaft einzuführen, der ich angehorte, wie ich Ihnen sagte. »Der Graf nahm mein Anerbieten an. »Einige Zeit darauf, an dem Tage und zu der Stunde, welche er bestimmt hatte, um sich bei mir einzufinden, empfing ich den Beweis von der Art und Weise seiner Pünktlichkeit, denn als die Uhr auf die festgesetzte Stunde deutete und die Freunde, die ich in meinem Zimmer versammelt hatte, schon anfingen, über die Verzögerung des Frühstücks ungeduldig zu werden, das ich dem Grafen bieten wollte, trat dieser Mann in mein Kabinett. »Nach dem Frühstück stellte ich ihn meinen Eltern vor, und er bewies mir unablässig bei allem, überall und in allen Dingen die Freundschaft, die ich ihm eingeflößt zu haben schien. »Ach, wie oft fragte mich meine arme Mutter, welche die Verbindung bemerkte, in der ich mich befand, mit Tränen in den Augen und einem trüben Lächeln auf den Lippen, ob ich auch überzeugt sei, daß dieser Mensch wirklich mein Freund wäre? – Wie oft versicherte ich – der arme junge Mensch ohne Erfahrung, ohne Kenntnis der Welt und der Menschen, – daß der Graf von Monte Christo mein Freund, mein wahrer Freund sei, denn der Verfluchte hatte die Arglist der Schlange und die magnetische Kraft, welche der bezaubernde Blick dieses giftigen Gewürms besitzt, welches zu unseren Füßen kriecht, um sich später gegen uns zu erheben und uns in das Herz zu stechen. »Während einiger Monate war ich der unzertrennliche Gefährte des Grafen von Monte Christo. Es schien mir, als habe dieser Mann keine Geheimnisse vor mir und als schütte er in den Stunden des Trübsinns sein ganzes Herz, sein Herz voll Güte und Gerechtigkeit, gegen mich aus. »Ach, der Schleier sollte bald zerrissen sein. Das Ziel meiner Illusion kam schnell, sehr schnell, furchtbar und verhängnisvoll heran! »Eine entsetzliche Anklage, öffentlich in einer Zeitung gegen meinen Vater ausgesprochen, stürzte meine Familie in Trauer. Schon hatte Paris keinen Zauber, keine Anziehungskraft mehr für mich, der ich den Namen, welchen ich trug und auf den ich bisher stolz gewesen war, mit Kot beworfen sah! »In dem Zustande der Verzweiflung, in welchen ich versunken war, kam der Mann mir zu Hilfe, den ich für meinen Freund hielt, obgleich meine Mutter mir beständig mit geheimnisvollem Tone wiederholte, daß der Graf von Monte Christo gegen mich nicht so aufrichtig sein könnte, wie ich es dächte. »Er drang darauf und zwang mich beinahe dazu, in seiner Gesellschaft eine kleine Vergnügungsreise zu machen. Ich umarmte meine Mutter und reiste mit ihm ab. »Es gab nichts, was der Graf nicht ersann, um mich zu zerstreuen. Jagd, Fischfang, Spazierritte, alles bot er auf, und stets mit demselben heuchlerischen, verräterischen Lächeln auf den Lippen zwang er mich, diese Vergnügungen zu teilen. »Einige Tage darauf empfing ich einen Brief von einem Freunde, welcher mir mitteilte, daß der Urheber der Beschuldigung gegen die Ehre meines Vaters entdeckt sei. »Ich nahm Abschied von dem Grafen von Monte Christo und eilte nach Paris. »Es war in der Tat alles aufgeklärt! – Ich las die Papiere, welche ein früheres Verbrechen meines Vaters bewiesen! Ich sah den Glanz seines Namens und des meinigen erlöschen, für immer vernichtet zur großen Freude und zum spöttischen Gelächter unserer Feinde! Ich sah die Türen der besten Salons von Paris sich vor mir und meiner Mutter schließen! Ich – ich – der ich einen glorreichen Namen zu besitzen glaubte, einen Namen, berühmt gemacht durch die Taten eines Kriegers – ich, der ich wähnte, mich denen gegenüber stellen zu können, welche sich die Abkömmlinge der edelsten und achtungswertesten Geschlechter nannten. ach – ich mußte mich darein ergeben, ein Mensch ohne Namen zu sein, ohne den geringsten Anspruch auf die Achtung der Welt! »Wahnsinnig, zerschmettert durch das furchtbare Gewicht der Schande, hörte ich das schmerzhafte Schluchzen meiner Mutter und die beinahe erloschene Stimme meines Vaters, der mich zur Rache aufforderte! »Ich erhob mich von Wut und Zorn erfaßt, um den Todfeind zu, treffen, der ohne Reue, ohne Mitleid einen Irrtum meines Vaters vor die Schranken der Oeffentlichkeit gezogen hatte, ohne zu bedenken, daß mein Vater jetzt mit einer Frau verbunden war, die sein Los teilen mußte, und daß er einen Sohn besaß, welcher in jeder Beziehung unschuldig an seinem Vergehen war! – Diesen Mann ohne Gewissen, der, um einen Menschen zu treffen, mit demselben Schlage auch dessen Frau und Sohn niederschmetterte. »Ich fragte jetzt, wer der Urheber meiner Schmach sei – ach, wissen Sie, erraten Sie, welcher Name mir genannt wurde? Der Graf von Monte Christo!« rief Albert, indem er sich mit drohendem Wesen erhob, als erblickte er in diesem Augenblicke vor sich den Mann, dessen Name soeben über seine Lippen gekommen war. »Anfangs wollte ich es nicht glauben,« fuhr er fort, nachdem er eine kurze Pause gemacht hatte, »aber der furchtbare Name war in den Papieren enthalten, die ich prüfte. »Ha, so hatte also der Verräter mit mir gespielt! Das War also das Gefühl, welches er mir seit so langer Zeit bezeugte, so also erwiderte er die aufrichtige Freundschaft, die ich ihm gewidmet hatte! Verräter – tausendfacher Verräter! – Wenn es im Himmel einen Gott gibt, der ebenso gut, ebenso gerecht ist, wie ich dies glaube, dann wird das abscheuliche Verbrechen, welches Du begangen hast, Dir nie verziehen werden! – Seit dem ersten Tage, an welchem Deine Hand sich in die meinige legte, an welchem Du mich einludest, Dein Brot mit Dir zu teilen oder das meinige mit mir teiltest, an welchem Du so zu mir sprachst und mich auf eine solche Weise aufnahmst, daß Du über alle meine Zweifel siegen mußtest – an eben diesem Tage sannst Du bereits auf den Verrat, den Du ausgeübt hast. »Mein Herr,« fuhr Albert nach einem kurzen Augenblick des Schweigens fort und indem er sich mit zitternder Hand über die Stirn fuhr, »ich konnte die Ehre meines Vaters nicht wiederherstellen, aber ich konnte mich rächen! »Ich trat dem Grafen entgegen. »Er befand sich in seiner Loge in der Oper. Ich ging hinein zu ihm, um ihn zu beschimpfen, denn es gab kein anderes Mittel, ihn zu zwingen, sich mit mir zu schlagen. »Der Verfluchte empfing mich noch mit derselben Freundlichkeit und mit demselben Wesen der Freundschaft wie früher. Das schürte nur die Flamme, die mich verzehrte. Ich setzte ihm auseinander, was mich zu ihm führte, und statt aller Antwort lächelte er! Er und ich wurden bald der Zielpunkt aller Augen des ganzen Hauses! Da das Aergernis öffentlich gewesen, wollte ich auch, daß die Genugtuung soviel wie möglich es sein sollte. »Mein Handschuh streifte die Wangen des Grafen von Monte Christo. Nach wenigen Tagen sollte das Duell stattfinden.« »Und Ihr Arm war nicht stark genug, um einen solchen Kampf zu bestehen?« fragte Benedetto voll Teilnahme. »Nein, mein Herr,« erwiderte Albert ruhig. »Ich wurde an dem Orte des Kampfes entwaffnet, und in Gegenwart der Zeugen gewährte ich dem Grafen von Monte Christo Genugtuung und drückte ihm die Hand.« »Elender!« rief Benedetto, indem er sich in seiner ganzen Höhe emporrichtete und einen Blick der Verachtung auf Albert heftete, der regungslos stehen blieb. Dann schien Benedetto das harte Wort, das ihm entschlüpft war, zu bereuen. Er setzte sich und fragte sanft und mit gerührter Stimme: »Sie waren wahnsinnig geworden?« »Nein!« flüsterte Albert. »Wie ging denn das zu?« »Es trat an dem Tage vor dem Duell jemand in mein Zimmer und verlangte mir den Eid ab, nicht gegen den Grafen von Monte Christo zu kämpfen.« »Und wer konnte die Macht haben, einen solchen Eid von Ihnen zu verlangen?« »Eine Frau, die ich auf eine solche Weise liebte, daß vielleicht kein Mensch es begreifen könnte, wenn ich es zu erklären versuchte. – Eine Frau, für welche ich eine Stunde des Glückes mit einem Jahre der Qualen meines Lebens bezahlen würde! – Eine Frau, deren Tränen mir das Herz brachen – meine Mutter!« * XII. Zwei unschuldige Opfer einer furchtbaren Rache. Indem Albert seinen ersten Teil dieser Erzählung beendete, war er so ergriffen, daß ihm die Kräfte zur Fortsetzung mangelten. Er stand auf und sah nach seiner Mutter. Mit einer unaussprechlichen Genugtuung bemerkte er, daß der Atem derselben freier war und ihr Schlaf nicht so unruhig wie anfangs. Er kehrte dann in den Salon zurück und aß in Gesellschaft Benedettos, welcher entschlossen zu sein schien, so lange in Marseille zu bleiben, als zur gänzlichen Wiederherstellung der Mutter Alberts, der Gräfin von Morcerf, erforderlich sein würde. Ohne danach zu trachten, die erste Ursache zu erfahren, weshalb der Mensch, den er verfolgte, das heißt der Graf von Monte Christo, so handelte, wie er es getan hatte, war der Sohn Villeforts doch überzeugt, daß nichts das Benehmen eines Mannes zu rechtfertigen vermochte, der die Grausamkeit so weit trieb, das Unglück auf Personen, die ihn nie beleidigten, niederschmettern zu lassen. Mußte der Graf von Monte Christo sich durchaus an einer Beschimpfung, an dem Raube, einer Grausamkeit rächen, die gegen ihn oder einen seines Blutes begangen worden war? Es konnte sein! Aber die schönste Tugend des wahren Christen besteht darin, Beleidigungen vergessen zu können; und zugestanden, daß der Graf von Monte Christo nach dem Beispiele der meisten Menschen diese erhabene Tugend nicht besaß, von welcher Christus uns an seinem heiligen Marterholze das Beispiel gab, blieben ihm wenigstens die Vorschriften der gesunden Philosophie, um ihn zu lehren, die Verirrungen einer heftigen Leidenschaft zu zügeln. Daß ein Mensch sich an einem andern rächt, der ihm ein Unrecht zugefügt hat, ist eine Handlung, über welche die Welt nicht staunt! Aber dieser Rache auch die opfern, welche nie verletzen, sie ohne Mitleid, ohne Barmherzigkeit, opfern, indem er ihnen Vater, Freund, Beschützer raubte und sie unter dem Gewicht einer ewigen Schmach, eines unerbittlichen Verhängnisses niederbeugte, das ist ein namenloses, in der zivilisierten Welt nicht zu bezeichnendes Verfahren. Was könnte denn hienieden auf dieser Erde Edmund Dantès von seinem ungeheuren Fehler freisprechen? Wie viele gute Handlungen müßten nicht in die Wagschale des letzten Gerichts geworfen werden, um das Gewicht eines so entsetzlichen Benehmens gleich zu machen? Lebte er auch tausend Jahre, der Ausübung jeder Tugend hingegeben, müßte es nicht dennoch zweifelhaft bleiben, daß es ihm gelänge, sich von so ungeheuren Irrtümern, in dem kurzen Räume von sechs Monaten begangen, zu läutern? – Sechs Monate, das heißt, einen unbemerkbaren Augenblick in der unermeßlichen Ewigkeit! Am nächsten Tage war Benedetto, der mit großem Interesse die Erzählung Alberts erwartete, der erste, ihn um die Fortsetzung zu bitten. Albert, der jetzt über den Zustand seiner Mutter beruhigt war, nahm den Faden seiner Erzählung auf, setzte sich, wie am Tage zuvor, neben Benedetto in dem Salon des Gasthauses zur Glocke, welches sie gemeinschaftlich bewohnten. Nach einem Augenblick des Schweigens, welches Albert darauf zu verwenden schien, seine Gedanken zu sammeln, fuhr er folgendermaßen fort: »Als ich mich von dem Orte entfernte, der zu dem Duell bestimmt gewesen war, beeilte ich mich, nach Hause zurückzukehren, wobei ich für meine zurückbleibenden ehemaligen Freunde ein Gegenstand des strengsten Tadels war. »Ich hatte meinen Plan gefaßt. »Ich raffte alles Geld, das ich besaß, zusammen, verkaufte, was in dem väterlichen Hause mein Eigentum war, und als ich alles zur Reise bereitet hatte, begab ich mich nach dem Zimmer meiner Mutter. »Sie war meinem Beispiele gefolgt, hatte all ihr Geld in ein Kästchen getan und war ebenfalls bereit, zu reisen und mich zu begleiten. Sie hatte meinen Entschluß erraten – wie ich den ihrigen vorausgesehen hatte. Eine halbe Stunde später ging sie an meinem Arme die Treppe des Hotels hinab, welches der Schauplatz ihres Glückes und ihrer Schmach gewesen war und in das wir nie zurückkehren sollten.« »Und Ihr Vater?« fragte Benedetto, »Haben denn Mutter und Sohn ihn so verlassen? – Selbst ohne ihm ein letztes Lebewohl zu sagen?« »Mein Vater,« fuhr Albert fort, »war nicht der Mann dazu, das Lebewohl, von dem Sie sprechen, als etwas Gutes zu betrachten! – Er war es, der es an uns richtete. – Ein Pistolenschuß ertönte unter der Vorhalle in dem Augenblicke, als meine Mutter und ich die Postchaise bestiegen, die uns von Paris weit forttragen sollte. »Der Graf von Morcerf hatte mit eigenen Händen an sich Gerechtigkeit geübt!« Albert hielt einige Augenblicke inne. Benedetto kreuzte die Arme über der Brust und betrachtete mit unbeschreiblicher Teilnahme den jungen Mann, der ihm eine so entsetzliche Geschichte erzählte. »Ich war die einzige Stütze meiner Mutter,« nahm Albert wieder das Wort, »ich, der ich kein Vermögen, nicht einmal einen Namen besaß, ich, der ich noch erfüllt war von den Vorurteilen meiner aristokratischen Vergangenheit, ich, der ich keine Neigung fühlte, von jemand ein Almosen zu erbitten, wenn die Zeit alle meine Hilfsquellen erschöpft haben würde! Ich mußte indes die Zukunft in das Auge fassen, irgend eine Existenz suchen, eine Lage wählen, denn die Zeit eilte schnell dahin und die Not konnte nicht lange zögern, an unsere Türe zu klopfen! – »Wir faßten einen Entschluß. »Ich ließ mich zum Militär anwerben und fügte mein Handgeld unserem kleinen Schatze hinzu, indem ich Anstalten traf, nach Afrika zu gehen, erfüllt von dem lebhaften Verlangen, eines Tages ganz Paris zu beweisen, daß der moralische Irrtum in der Familie Morcerf nicht erblich sei. »Verzeihen Sie,« rief er lebhaft, »ich hörte auf, mich so zu nennen – ich nahm einen andern Namen an, einen einfacheren, unbekannteren, niedrigeren – ich nannte mich Albert Mondego. Unter diesem Namen kannte man mich im Regiment.« »Sie hätten irgend einen Namen oder Titel von dem mütterlichen Adel annehmen können,« bemerkte Benedetto. Albert lächelte geringschätzig und entgegnete hastig: »Meine Mutter war die Tochter armer Fischer. Einen Monat, nachdem ich in das Regiment eingetreten war,« fuhr er dann fort, »segelte ich nach Afrika ab, wo ich bis jetzt geblieben bin, nicht einen Augenblick aufhörend, an das einzige Wesen zu denken, das ich liebe – an meine Mutter! Ach, und als ich, das Herz von Freude erfüllt, zurückkehrte, um sie in meine Arme zu schließen und über dieses einzige Glück all meinen Kummer, alle meine überstandenen Mühseligkeiten vergaß, traf das Schicksal mich erbarmungslos, als ob meine Unglücksfälle ihr Ziel noch nicht erreicht hätten! »Meine Mutter hatte Hunger gelitten – meine gute, geliebte Mutter – ist gezwungen gewesen, die bittende Hand auszustrecken, um ein Stück Brot zu erbetteln! – Ach, das kann nicht von dem Willen Gottes herrühren! – Ein Teufel haucht seinen verfluchten Atem auf uns! Das Verhängnis drückt uns nieder!« Albert verbarg das Gesicht in beiden Händen, um die Tränen nicht blicken zu lassen, welche an seinen Wangen herabrollten, die durch die Sonne Afrikas gebräunt waren. Benedetto betrachtete ihn noch schweigend, als hätte er nicht den Mut gefühlt, die feierliche Stimmung eines Sohnes zu unterbrechen, welcher über das Unglück seiner Mutter weinte. »Jetzt, mein Herr,« fügte Albert hinzu, »ist es Ihnen bekannt, welche Art der Verbindung zwischen dem Grafen von Monte Christo und mir bestanden hat. Sie wissen ebenso, wer ich bin; ich nenne mich Albert Mondego und bin der Sohn des Mercedes. Ich besitze durchaus kein Vermögen; die kleinen Ersparnisse, die ich aus Afrika mitbrachte, verlor ich fast ganz in dem furchtbaren Schiffbruche, aus dem Sie mich retteten: ich habe weder Freunde noch Bekannte in Marseille: indes bei allem, was Ihnen nützlich sein kann, dürfen Sie auf mich zählen, wenn Sie irgend etwas von mir verlangen!« Bei diesen Worten reichte Albert seine Hand Benedetto hin, der sie voll Teilnahme drückte. »Ihre Erzählung hat mich lebhaft gerührt!« sagte Benedetto. »Die Liebe, die Sie Ihrer Mutter widmen, ist einer jener seltenen Züge, welche das innere Glück eines Sohnes begründen können! Es gibt so viele, denen es nicht einmal vergönnt ist, eine Träne des Schmerzes auf das Grab ihrer Mutter niederfallen zu lassen!« »Wie das?« fragte Albert. »Wenn zum Beispiel ein Mann nicht weiß, wem er das Leben verdankt.« »Ach!« »Wenn er weiß, daß er unmittelbar nach seiner Geburt verlassen wurde. – Glauben Sie mir Herr Albert, es gibt Menschen, die unglücklicher sind als Sie! Es gibt grausamere Geschicke als das Ihrige!« »Vielleicht!« murmelte Albert. Benedetto lächelte mit einem leisen Anfluge der Ironie und rief: »Wissen Sie, was die Existenz eines Verbannten zu sagen hat – eines Verbannten ohne Familie, ohne Vaterland – ohne eine einzige Hoffnung in der Seele? Wissen Sie, was die Wut der Verzweiflung, der Durst und die Ausübung der Rache heißen wollen? – Ach,« fuhr er mit mehr Ruhe fort, »Sie haben den schwarzen Himmel des Sturmes, jene tiefe Nacht, jene empörten Wogen gesehen, jene feurigen Blitze, welche ohne Unterlaß die aufgetürmten Wolken durchzuckten. – Nun wohl, erinnern Sie sich an die Verzweiflung, die Sie empfanden, als Sie so das Spielzeug der Fluten waren? Erinnern Sie sich, wie entsetzlich Ihnen damals das Krachen des Donners erschien? – Dort in der Mitte dieser Greuel waren Sie einen Augenblick ohne Lebenshoffnung – Sie erblickten sich in den Armen des Todes, aber dieser Tod war nicht die schweigende, finstere Jungfrau, welche Sie langsam und allmählich in ihrer eiskalten Umarmung erdrückt! Es war die entfesselte Furie, welche Sie in ihren eisernen Armen marterte und Ihnen, eine nach der anderen, die Hoffnungen entriß, welche mit jedem Hauche Ihrer Brust entschlüpften! – Denken Sie sich nun eine ähnliche Lage verlängert, wie die Marter des Prometheus, und sagen Sie dann, ob das Opfer eines solchen Märtyrertums nicht unglücklicher wäre als Sie?« »Sollte es denn ein solches Märtyrertum wirklich außer in der Fabel geben?« »Es gibt eins! – Es steht vor Ihnen!« rief Benedetto. »Ich habe weder Freunde, noch Beschützer, noch Eltern, denn diese senkten mich lebend in das Grab, als ich kaum geboren war, und jetzt sind auch sie tot! Meine Erbschaft? – Das ist die Verbannung. Meine Hinterlassenschaft? – Die Rache! Ha! Die Rache, die ich langsam schlürfen will, indem ich neue Martern suche und ersinne, um aus der Brust eines Menschen Schmerzensrufe zu locken, wie das Echo sie noch nie wiederholt hat!« »Was soll das heißen?« sagte Albert. »Schon oft hörte ich Sie von Gott sprechen, und ich vermag nicht zu begreifen, wie Sie, ein Geschöpf, das an Gott glaubt, das ihn so mächtig, so großmütig, so barmherzig schildert, sich durch ein solches Gefühl, eine so entsetzliche Sucht nach neuer Rache, beherrschen lassen kann!« »Und habe ich Ihnen denn nicht auch gesagt, daß der Mensch, welcher mir dies Gefühl einflößt, ein Mann ist, der nie zu verzeihen vermochte? Ein Mann, der persönlicher Rache Unschuldige opferte – Unschuldige, welche nichts mit dem Verbrechen zu tun hatten, das er bestrafen wollte! Jetzt muß es so sein; ich darf die Wut, die mich erfaßt hat und die mich grausam machen wird, weder ruhen, noch sie vermindern lassen, denn ich habe die Ueberzeugung, der Erwählte Gottes zu sein, um den Stolz dieses Menschen zu züchtigen, der sich einbildete, erleuchtet und gerecht zu sein, während er doch nur das Spielzeug einer vorherrschenden Leidenschaft seines Lebens war und während seine Macht über die Menschen sich nur auf seinen Reichtum stützte! Ewiger Fluch ihm, ja – rufen Sie mit mir über ihn den ewigen Fluch herab – denn dieser Mensch ist der Graf von Monte Christo!« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als ein verzweiflungsvoller, herzzerreißender Schrei in dem Saale ertönte. Albert und Benedetto wendeten rasch den Kopf und blickten nach der Richtung, aus welcher der Schrei ertönt war. Der Schreck machte sie regungslos, als wären sie in Stein verwandelt. * XIII. Das Gasthaus zur Glocke. Mercedes stand auf der Schwelle der Tür. Auf ihren bleichen Wangen glänzte das Rot des Fiebers; ihr flammender, unsicherer Blick verriet das Delirium. Durch einen Fieberanfall aus ihrem schmachtenden Zustande aufgerissen, belebt durch die unerklärliche Kraft dieses Zustandes, einer Entzündung des Blutes, geleitet durch einen unbestimmten, verworrenen Gedanken, sprang sie aus dem Bett, indem sie sich in ihr Betttuch hüllte. Ein kurzer, um die Hüften schlicht befestigter Rock, ein auf der Brust offenes Hemd, die Haare in Unordnung über die Schultern fließend und zu dem allen noch ihre heftigen unregelmäßigen Bewegungen, machten sie zu einem entsetzlichen Bilde des Wahnsinns. An der Tür des Saales angelangt, lauschte sie, hörte die letzten Worte Benedettos und stieß einen durchdringenden Schrei aus, als derselbe den Namen des Grafen von Monte Christo nannte. Als der erste Augenblick der Ueberraschung vorüber war, eilte Albert zu seiner Mutter; sie stieß ihn mit dem Arme zurück, trat bis in die Mitte des Gemaches und ließ ihre verwirrten Blicke umherschweifen. »Edmund!« sagte sie mit schmerzhaftem Lächeln, »hast Du denn meinen Sohn ermordet? Weshalb brachtest Du so Witwenschaft, Elend, Leiden und Hunger über mich? Ach, wie schlecht hast Du die Tränen vergolten, die ich über den Mann vergoß, den ich so sehr liebte! »Das ist er, dieser Mann? Ach, er komme nicht! Er trübe nicht die Reinheit der Umarmung und des Kusses, die ich für meinen Sohn aufbewahre!« Es entstand ein Augenblick des Schweigens. Albert lag auf den Knien, die Augen auf seine Mutter gerichtet, die Lippen halb geöffnet, als ob das Uebermaß der Ueberraschung und des Schmerzes ihm das Wort in demselben Augenblick abgeschnitten hätte, in welchem er die Worte aussprechen wollte: »Meine Mutter, hier bin ich!« Benedetto hatte die Arme über der Brust gekreuzt und hörte mit inniger Aufmerksamkeit die rührenden Klagen der armen Mercedes mit an. »Ach ja, ich habe Dich geliebt, Edmund!« fuhr sie fort, »ich habe Dich mit unendlicher Liebe geliebt, so sehr, wie nur ein Weib zu lieben vermag! »Und Du kehrtest nicht zurück, um mich zu heiraten – Du verschwandest in dem Augenblick unserer Hochzeit – und fünfzehn Jahre sind verflossen – fünfzehn Jahrhunderte – fünfzehnfache Ewigkeit! – Und Du, Du bliebst abwesend! Wie viele Martern habe ich erduldet, wie viele Tränen habe ich vergossen! – Befrage den Fels der Katalonier und er wird Dir von mir und meinen Leiden erzählen! Befrage den Kranz, der meine Stirn in der Stunde meiner Trauung schmückte, Du wirst darin die Spur einer Träne finden, die ich Dir widmete! – Lausche auf mein eheliches Lager und es wird Dir die Seufzer wiederholen, welche die verbrecherische Gattin dem Andenken eines Mannes widmete, der nicht ihr Mann war! – Dieser Mann aber – das warst Du! – Wodurch habe ich nun das Unglück verdient, das Du über mich verhängtest? – Was hat mein Sohn Dir Böses getan? – Edmund, Du übst nicht die Gerechtigkeit Gottes aus! – Aber horch! Ha! Er kommt! Er ist es – es ist mein Sohn! – Mein Sohn, um den meine Seele bangt, da ist er – er kommt! – er kommt!« Mercedes sprach die letzten Worte voll Entzücken aus und öffnete die Arme, als ob sie nur diesen Augenblick erwartet hätte, um ihren Sohn, den sie herbeirief, an ihr Herz zu drücken. In der Tat sprang Albert schnell auf, stürzte sich in ihre Arme und rief: »Hier bin ich! – Ich bin es, meine Mutter! – Meine angebetete Mutter!« Ein Kuß und eine wahnsinnige rasende Umarmung war die einzige Antwort, die Mercedes ihm gab. Ein tiefes Schweigen folgte auf den Ausruf Alberts, ein Schweigen, währenddessen tausend Liebkosungen, wie man sie sich kaum denken kann, zwischen der Mutter und dem Sohne ausgetauscht wurden. Mercedes schien ruhiger geworden zu sein, denn das Fieber hatte infolge dieser Erschütterung seine Kraft verloren. Indessen waren ihre Gedanken noch immer nicht ganz hell: ihre Begriffe waren unbestimmt und verwirrt, und der wilde Blick, den sie auf alles, was sie umgab, richtete, verriet die innere Aufregung, deren Beute die arme Frau noch immer war. Von Zeit zu Zeit drückte sie krampfhaft die Hand Alberts, lehnte ihre brennende Stirn gegen den keuchenden Busen ihres Sohnes, in dessen Augen zugleich die Tränen unendlichen Glückes und unaussprechlicher Traurigkeit glänzten. »Albert,« sagte endlich Mercedes, »bist Du es denn wirklich? – Ist es mein Sohn, den ich in meine Arme schließe! – Ach ja, ich fühle es, Du bist es; das Herz einer Mutter kann sich darin nicht täuschen! – Du bist es – Du bist der Sohn, der sich verkaufte, um mir den Unterhalt zu gewähren, der Sohn, für den ich mein Leben hinzugeben stets bereit sein werde.« Sie schwieg, doch nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Ach, jetzt wirst Du mich nicht mehr verlassen, nicht wahr? – Nein, nein, Du wirst mich nicht mehr verlassen!« »Beruhigen Sie sich, meine Mutter. – Ich bin für immer bei Ihnen, mit Ihnen,« erwiderte Albert. »Und wenn der mächtige und rachsüchtige Mensch uns noch einmal wieder trennte? Ach, Du weißt nicht, daß in Deinen Adern das Blut von dem Nebenbuhler Edmunds rinnt und daß Edmund die Küsse, die ich Dir gab, nicht sieht und hört, ohne zu erbeben.« »Nein, nein!« rief Albert heftig: »Edmund ist fern; Edmund hat aufgehört, uns Böses zu wollen! – O mein Gott,« fügte er leise hinzu, »erbarme Dich meiner Mutter!« »Sage mir, Albert – wo sind wir?« fragte Mercedes, indem sie mit besorgtem Blicke umher sah. »In Marseille,« erwiderte er. »Erinnern Sie sich nicht mehr an Marseille?« »O doch – und dieses Haus?« »Dieses Haus – das ist das Wirtshaus zur Glocke.« »Was sagst Du?« rief Mercedes, indem sie heftig seinen Arm ergriff und an allen Gliedern zitterte. Albert wiederholte den Namen des Wirtshauses. »Ha!« rief Mercedes, als hätte sie einen brennenden Schmerz empfunden. – »Welch ein furchtbarer Auftritt hat hier stattgefunden!« fuhr sie dann fort. »Hier – in diesem Saale – ja, – es ist derselbe Tisch, den ich hier sehe – der Tisch, auf welchem mein Hochzeitsmahl bereit stand – dort – dort – ich sehe noch das leidenschaftliche Gesicht Edmunds! – Hier – das eifersüchtige und verräterische Gesicht Fernand Mondegos!« »Meine Mutter!« sagte Albert mit einem unendlich traurigen Ausdruck der Stimme. »Höre – höre–« fuhr sie abermals fort, indem sie die Stirn runzelte und Albert an eins der Fenster führte, welches die Aussicht auf den Platz hatte. »Hörst Du die Glocke läuten? Es geschieht wegen einer Trauung. »Siehst Du nicht jenes weißgekleidete Mädchen, deren Stirn ein weißer Kranz schmückt? Das ist die junge Frau, welche soeben den Trauring erhielt. »Sie geht an der Seite Edmunds, dessen stolzer Blick das reine Gefühl ausspricht, von dem sein Herz erfüllt ist! – Unmittelbar hinter dem Brautpaare – siehst Du wohl den jungen Mann, der mit niedergesenktem Kopfe einherschreitet, den finstern Blick zu Boden gerichtet, die Stirn in Falten gezogen und auf Verrat sinnend? »Wo ist jetzt der ganze heitere und lärmende Haufe, den ich Dir zeigte, wie er über den Platz kam? »Siehst Du, wir sind dort bei Tische in dem Wirtshause zur Glocke! Der Bräutigam sitzt an der Seite der Braut und des Verräters, welchen das Gift der Eifersucht schwellt und der beide mit seinem rachsüchtigen und boshaften Blick verschlingt. »Jesus!« rief sie, indem sie einen lauten Schrei ausstieß, »Jesus! – sie reißen meinen Gatten aus meinen Armen! Fernand Mondego hat ihn als Bonapartisten angezeigt – er wird durch Soldaten fortgeschleppt – ich bleibe als Witwe zurück, noch ehe ich ihm angehören konnte!« Mercedes hatte kaum diese Worte beendigt, als sie ohnmächtig in die Arme Alberts sank, der sie nach ihrem Zimmer brachte und dort der Obhut der Krankenwärterin übergab, welche an ihrem Bette Wache hielt, während Benedetto forteilte, um einen Arzt zu holen. Zum Glück wich dieser Zustand fieberhafter Ueberspannung den ersten Beruhigungsmitteln und schon bald darauf konnte Albert seine Mutter nach dem kleinen Häuschen führen, welches sie im Dorfe der Katalonier bewohnte. Ihre Genesung begann bald. Die Anwesenheit ihres Sohnes, die reine frische Luft, die sie an diesem abgelegenen Zufluchtsorte einatmete, die Sorgfalt, mit der sie umgeben war, alles trug dazu bei, ihre Seele zu beruhigen und aus ihrer Erinnerung die so traurigen Bilder einer schmerzhaften Vergangenheit zu verbannen. Sie gewann den Gebrauch ihrer geistigen Fähigkeiten vollständig wieder und sie vermochte es dann, Benedetto einige Worte einer lebhaft gefühlten Dankbarkeit für die Uneigennützigkeit zu sagen, mit welcher er sein eigenes Leben ausgesetzt hatte, um einen seiner Mitmenschen vor einem sicheren Tode zu bewahren. Indes sah Albert wohl, daß die Abreise Benedettos heranrückte. Dieser Mann hatte ihm ein so inniges Vertrauen eingeflößt, daß es ihm nicht schwer wurde, ihn seinen Freund zu nennen. In der Tat erschien bald der Tag der Trennung. Albert erriet ihn und drückte die Hand Benedettos, als sagte er ihm ein letztes Lebewohl. »Mein Herr,« sagte Benedetto eines Morgens, indem er in sein Zimmer trat, »was denken Sie über Ihre Zukunft?« Auf diese unerwartete Frage hielt Albert einige Sekunden seinen Blick auf Benedetto gerichtet, dessen Züge regungslos blieben. Kein Gefühl, kein Gedanke spiegelte sich in dem Gesicht wider, das starr war, wie aus Marmor gebildet. »Entschuldigen Sie meine Unbescheidenheit,« fügte er hinzu, als er sah, wie Albert das Schweigen bewahrte, »aber wir empfinden stets ein lebhaftes Verlangen, die Zukunft eines Menschen kennen zu lernen, der uns interessiert und den wir für immer zu verlassen im Begriff stehen.« »Ich weiß Ihnen Dank für Ihr Zartgefühl,« entgegnete Albert, »und ich will Sie befriedigen. Ich hatte die Erlaubnis erlangt, in Afrika für mich einen Stellvertreter eintreten zu lassen, und ich kehrte, wie ich Ihnen bereits sagte, zurück, im Besitz einiger Ersparnisse, durch deren Hilfe ich die Ruhe meiner Mutter sichern und ihr ein Leben bescheidenen Wohlstandes gewähren zu können glaubte. Gott oder der blinde Zufall wollte nicht, daß es so sei. Ich verlor beinahe alles, was ich mit mir brachte und es bleibt nur noch soviel, um die notwendigsten Ausgaben während der Zeit zu bestreiten, die ich darauf anwenden will, eine bescheidene Stellung zu finden.« »Und wenn Sie diese Stellung nicht finden?« »Dann arbeite ich auf Tagelohn,« erwiderte Albert traurig, und fügte sogleich mit einem gewissen Stolze hinzu: »Aber ich schwöre Ihnen, daß meine Mutter nicht die geringste Entbehrung zu ertragen haben soll!« »Ich beneide Sie um diese Liebe, die Sie für Ihre Mutter hegen; ich beneide Sie um dies Gefühl und diese vollständige Ergebung, mit der Sie die Aussprüche hinnehmen, welche der Wille Gottes über Sie fällt!« »Ich muß arbeiten, um die zu erhalten, die mir das Leben gab, das scheint mir ganz natürlich zu sein,« erwiderte Albert mit der rührendsten Einfachheit. »Also sind Sie entschlossen, zu arbeiten?« »Ohne Zweifel!« »Das genügt, Albert. Sie sehen, daß ich so ziemlich in Ihrem Alter bin. Indessen glauben Sie den Worten, die ich Ihnen sagen will, denn sie sind die Kinder der Erfahrung! Wie verhängnisvoll seine Bestimmung auch dem Menschen erscheinen möge, muß ich doch immer überzeugt bleiben, daß es ein höheres und göttliches Gesetz gibt, welches nie vergißt, unsere Handlungen in der Wagschale der Gerechtigkeit zu wägen und die Unschuld bald zu belohnen!« »Haben Sie schon den Lohn dieser Unschuld empfangen?« fragte Albert lächelnd. »Nein,« erwiderte Benedetto ernst; »nein, denn ich bin ein verhärteter Sünder. Ich glaube aber dennoch fest an die Bestrafung meiner Fehltritte, sobald meine Sendung erfüllt ist, denn ich erkannte, daß die Boshaften den Lohn für ihre Verbrechen, für ihre Laster oder für ihre Irrtümer, schon in dieser Welt empfangen. Deshalb gebe ich Ihnen die Versicherung, daß die Guten ebenfalls die Belohnung ihrer Tugenden erhalten werden! Bleiben Sie in Frieden, Albert; über Ihnen und mir gibt es ohne alle Zweifel einen Gott, der uns richtet!« Bei diesen Worten verließ Benedetto das Zimmer Alberts, auf den die feierliche Haltung und die zärtlichen teilnahmvollen Worte Benedettos einen lebhaften Eindruck gemacht hatten und der nicht soviel Geistesgegenwart besaß, ihm zu folgen oder ihm zu antworten, obgleich er erkannt hatte, daß seine letzten Worte und der Ton, mit dem er sie sprach, so deutlich, daß es nicht zu verkennen war, das letzte Lebewohl des Mannes aussprachen, der sich entfernt, ohne an die Rückkehr zu denken. * XIV. Die Abfahrt. Eine halbe Stunde darauf hörte Albert die Stimme seiner Mutter, welche ihn rief. Er eilte nach ihrem Zimmer und fand sie am Fenster sitzen und die Augen auf das Meer gerichtet. »Sage mir doch, Albert,« fragte sie ihn, »was ist denn das wohl für ein Schiff, welches soeben die Anker lichtet und unter Segel geht? Ich sah es gestern dort unserem Fenster gegenüber vor Anker gehen.« Albert blickte nach der Richtung hinaus, welche Mercedes ihm andeutete, und unterschied eine kleine Jacht, elegant und leicht wie ein Schwan, wenn er seine Flügel unter dem Hauche des Windes ausbreitet und sich über die glatte Spiegelfläche eines Sees hingleiten läßt. »Ach,« murmelte Albert, nachdem er einen Augenblick das kleine Fahrzeug betrachtet hatte, welches sich in Bewegung zu setzen begann, »das ist die Jacht Benedettos. Ich sah es wohl kommen, daß er uns verlassen würde. – Er ist ein sonderbarer Mensch, der mir die Gabe zu besitzen schien, über den Sturm zu gebieten, als er sich unerschrocken unter den zuckenden Feuerstrahlen des Himmels und den erzürnten Wogen in das Meer stürzte, gleich einem wohltätigen Geiste, um mich zu retten. – Lebe wohl für immer! – Lebe wohl!« »Laß uns für ihn beten,« sagte Mercedes, indem sie vor dem Kruzifix niederkniete, das an der Wand hing. »Ja, beten Sie, meine Mutter – beten Sie! – Ohne Zweifel denkt auch er in diesem Augenblick an uns.« Albert hatte einen leichten weißen Rauch vom Bord der Jacht aufsteigen sehen, und unmittelbar darauf hörte er den Knall eines der Mörser, welcher in eben dem Augenblicke abgeschossen wurde, als die Jacht die Felsspitze um segelte, die dem Häuschen der guten Mercedes gerade gegenüber lag. Das war das letzte Lebewohl Benedettos. Albert blieb noch lange an dem Fenster stehen, die Augen fest auf das gebrechliche Fahrzeug gerichtet, welches, von dem Landwinde getrieben, sich schnell entfernte. Mercedes hörte nicht auf, zu beten, indem sie noch immer am Fuße des Kruzifixes kniete, und flehte mit ihrer weichen, wohlklingenden Stimme die Gnade des Himmels für den Retter ihres Sohnes an. Als sie ihr Gebet beendet hatte, stand sie auf, lehnte ihren Kopf gegen die Schulter Alberts und sagte: »Mein Sohn, unsere Pflicht gegen diesen Fremdling ist erfüllt. Jetzt bleibt uns nichts, als ihm ewige Dankbarkeit zu bewahren. Das Glück möge ihn auf seiner Reise begleiten; was uns betrifft, so laß uns hier in Frieden leben.« »Ja, meine gute Mutter,« antwortete Albert, indem er sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit in seine Arme schloß. »Ach, möchten wir ohne Störung diesen Frieden, dieses häusliche Glück genießen können!« »Aber weshalb glänzten zwei Tränen in Deinen Augen während Du diese Worte aussprachst?« fragte Mercedes voll Rührung. »Ach, weil ich meine allnächtlichen Träume nicht zu verwirklichen vermag! Weil es mir unmöglich ist, die Vergangenheit vergessen zu lassen, wie ich es gehofft hatte!« »Ei, glaubst Du denn nicht, daß ich bei all der traurigen Erinnerung an jene Zeiten des Unglücks und des Elends ein gewisses bitteres Vergnügen empfand, welches Du schwerlich zu begreifen imstande bist? – Ach, glaube mir das, Albert.« »Meine teure Mutter,« sagte Albert, »ich möchte nicht nur Ihre Tränen trocknen, sondern ich möchte auch sie Ihnen ersparen.« Mercedes lächelte, aber es war jenes trübe, melancholische Lächeln, dessen Geheimnis nur die Unglücklichen besitzen. Es war ein zugleich mildes und spöttisches Lächeln, welches durch das Gefühl eines gewaltigen Unglücks auf unsere Lippen gerufen wird.« »Und wie wolltest Du die Tränen verhindern können, deren Quelle in der Tiefe eines seit so vielen Jahren durch das Verhängnis gegrabenen Abgrundes liegt?« »Unter dem Beistande Gottes ist nichts unmöglich. Nehmen Sie Zum Beispiel einen Augenblick an, daß ich hier an Ihrer Seite stände und allmählich Ihren Blicken sich eine gewaltige, eine unermeßliche Fläche enthüllte, auf welcher die reichsten und prachtvollsten Landschaften gemalt sind, Landschaften, welche alles das weit hinter sich lassen, was jemals von dem Pinsel der berühmtesten Künstler dargestellt wurde; der blühende Anblick zahlreicher Städte, verstreut an den Ufern jenes schönen Sees, der sich von Gibraltar bis zu den Dardanellen erstreckt; die wechselvollen Trachten zahlreicher Völkerschaften, die verschiedenen Gestalten der menschlichen Rassen, von dem Kaukasier bis zu dem Amerikaner: die großartigen Schauspiele der Natur, vereinigt mit dem Pomp religiöser Feierlichkeiten; die verschiedenen Arten der Gottesverehrung, von dem Christentume bis herab zu der niedrigsten Götzenanbetung – und endlich jene erhabenen Blätter aus dem Buche der Jahrhunderte, welche wir Ruinen nennen, auf der Erde verstreut mit ihren prachtvollen Inschriften! – Sagen Sie mir, meine teure Mutter, würde nicht die Betrachtung von alledem, die Studien aller dieser Dinge, die traurigen Bilder verbannen, welche gegenwärtig Ihren Augen die Tränen entreißen, deren Spur Ihre Wangen furchen? Ach, das Geschick wollte nicht, daß ich jemals diese so bitteren und so häufigen Tränen nicht mehr rinnen sehen sollte!« rief Albert schmerzlich und indem er den Kopf auf die Brust herabsinken ließ. »Nun, ich will aufhören, Albert,« sagte Mercedes voll Sanftmut. »Meine Tränen tun Dir weh – mein vielgeliebtes Kind. – Ach, sieh nur – sieh – schon weine ich nicht mehr! Ich weine nicht mehr, sage ich Dir, denn ich weiß es wohl, daß ich Dich nicht betrüben darf – nein, ich darf und will Dich nicht durch diese Tränen kränken, die ich mir selbst zum Verbrechen anrechnen würde, vergösse ich sie nicht um Dich!« »Um mich? Tränen um mein Geschick? – Ei, weshalb denn – wenn ich bei Ihnen bin – wenn ich Sie umarme?« fragte Albert, dessen durch die Rührung erstickte Stimme sich nur mit Mühe einen Weg bahnte, als ob das Uebermaß seiner Gefühle ihm die Kehle zuschnüre. »Du bist sehr großmütig, mein Sohn, aber ich weiß alles, was ich Dir schulde, ich, die ich Dich Deine Freiheit verkaufen sah, um mir eine Unterstützung zu gewähren; ich, die ich sah, wie Du die Welt verließest und verachtetest, um mir in die Einsamkeit zu folgen! – Ach, Albert, was würde ich nicht tun, um Dich glücklich zu sehen! – Weshalb kann ich nicht mit dem Gedanken sterben, daß Dir eine lachende Zukunft winkt? – Wird mir diese Wohltat nicht zuteil werden? – Ach, Du verdientest sie ja so sehr.« Den ganzen Tag und die ganze Nacht dachte Albert nach, um ein Mittel ausfindig zu machen, irgend eine Stellung zu erringen, die ihn in den Stand setzte, den kommenden Bedürfnissen die Stirn zu bieten und so das Elend, den unzertrennlichen Gefährten des Unglücks, zurückzuweisen. Aber alle Tage und alle Nächte erkannte er die Unmöglichkeit, eine solche Stellung zu gewinnen. Mercedes, welche alle Stufen der Verzweiflung durchschritten hatte, die gesehen und erkannt hatte, bis zu welchem Punkte die Barmherzigkeit Gottes gehen kann, war jetzt die erste, welche ihm sagte und wiederholte, daß er hoffen müßte. Es waren tröstende Worte, die sie zu ihm sprach, Worte, deren Sinn nur der zu verstehen vermag, welcher in der finsteren Nacht des Unglücks die Strahlen der göttlichen Barmherzigkeit leuchten sah! Diese Strahlen glänzten in den Augen Alberts. Er erkannte zum zweiten Male, daß Gott ihn nicht verlassen hatte. Der Geistliche, welcher einige Monate zuvor durch Mercedes nach dem Dorfe der Katalonier gerufen worden war, kehrte dahin zurück und fragte nach Albert. »Hier bin ich, ehrwürdiger Herr,« erwiderte der junge Mann, indem er sich achtungsvoll vor dem Priester verbeugte. »Sie sind Albert Mondego?« »Ja, mein Vater.« »Sohn der Mercedes, der Katalonierin?« »Derselbe.« »Geben Sie mir gleichwohl noch einige Beweise oder wenigstens Andeutungen, daß Sie wirklich der sind, den eine gebieterische Pflicht mich aufzusuchen zwingt.« Albert dachte einen Augenblick nach, indem er von Zeit zu Zeit einen forschenden Blick auf die ehrwürdigen Züge des Geistlichen richtete, als wollte er auf dessen Gesicht den Sinn oder den Beweggrund dieser Frage erkennen. Endlich entschloß er sich, zu sprechen. »Als ich aus Afrika zurückkehrte,« sagte er, »wurde ich von einem Sturme überfallen, dessen ich mich nur durch ein Wunder entrissen sah, gerettet durch einen Mann, dessen Name Benedetto ist. Ich kehrte auf einem Dreimaster zurück, der nach dem, was man mir sagt, dem Hause Morel, einem der ältesten Handelshäuser von Marseille, gehörte.« »Gehörten Sie zu der Bemannung?« »Nein, ehrwürdiger Herr. Ich war als einfacher Passagier auf dem Schiffe. Ich diente in Afrika und kehrte mit meinem Abschiede zurück.« »Gut. Sie sind in der Tat der, welchen ich suche.« Bei diesen Worten überreichte der Priester ihm einen Brief, und wartete, daß er ihn öffne. Albert zögerte damit, obgleich die Adresse seinen vollausgeschriebenen Namen trug. »Lesen Sie,« sagte der Priester. »O mein Gott!« rief Albert, als er kaum mit dem Lesen fertig war, »ich danke Dir von ganzer Seele!« Albert las schweigend den Brief zum zweiten Male und hielt bei jedem Satze, bei jedem Worte inne, als wollte er den Sinn erforschen, um sich zu überzeugen, daß er sich nicht täuschte oder das Spiel einer Illusion sei. »Ha!« sagte er dann plötzlich, als wenn er aus einem Traume erwachte, dessen Zauber verschwindet, sobald man die Augen öffnet, »zum ersten Male würde ich aus der Hand eines Menschen ein Almosen empfangen – ein Almosen – nein – nein, das darf ich nicht annehmen! Benedetto – Deine Großmut verletzt mich nicht – aber es gibt in der Welt unglücklichere Menschen, als ich bin – ihnen dieses Almosen, denn ich – ich kann noch arbeiten!« »Erkennen Sie,« sagte der Priester, »bis zu welchem Punkte der Stolz Sie verblendet!« »Der Stolz,« wiederholte Albert, »der Stolz? – Wenn ich von unglücklicheren Menschen spreche, als ich bin, und dazu durch den Gedanken angetrieben werde, ihrem Nutzen ein Almosen zuzuwenden, welches mir geboten wird, mir, der ich arbeiten kann?« »Junger Mann,« entgegnete der Geistliche lächelnd, »ich wiederhole Ihnen, daß es nicht bloß das Gefühl der Barmherzigkeit ist, welches Sie so sprechen macht. – Es lebt in Ihnen noch ein Ueberbleibsel früheren Dünkels. – Der Stolz, der Sie das zurückweisen läßt, was Sie ein Almosen nennen, beleidigt Gott, wie es den großmütigen Menschen beleidigt, der sich für Sie interessiert, und beleidigt auch mich selbst. Denn ich komme, um diese Gabe in Ihre Hände zu legen.« »Sie kennen also den Inhalt dieses Briefes?« fragte Albert. »Ich selbst habe ihm denselben diktiert, Benedetto wollte es so.« »Kennen Sie diesen Menschen?« »Ich hatte ihn nie zuvor gesehen.« »Wissen Sie wenigstens, welche Gefühle ihn beherrschen?« »Ohne Zweifel wird seine Existenz durch ein tiefes Gefühl geläutert und dieses Gefühl ist ein Geheimnis zwischen ihm und Gott, ein Geheimnis, welches nicht aus dem Beichtstuhle hervortreten darf, mein Sohn! Indessen kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß er in dem Augenblicke, wo er diese Summe, die ich Ihnen übergebe, in meine Hände legte, nur durch die reinste Ueberzeugung bewogen wurde, dadurch den Willen Gottes zu erfüllen. Nehmen Sie daher diese Summe an. Benedetto ist in diesem Augenblicke nur das Werkzeug, durch welches das Gesetz des Himmels vollstreckt wird. Er ist jetzt fern von Ihnen und ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß er nicht das geringste Gefühl des Stolzes oder der Eitelkeit für die gute Handlung, die er ausübt, indem er Ihnen dieses Geschenk macht, mit sich nimmt. – Empfangen Sie es daher ohne Sträuben.« Bei diesen Worten übergab der Priester an Albert eine kleine versiegelte Papierrolle. »Jetzt,« fuhr er dann fort, »versprechen Sie mir, daß Sie, um die Absichten Benedettos zu erfüllen, in Ihrem Herzen das Gefühl der Dankbarkeit, welches sein Benehmen in Ihnen erwecken kann, in ein ewiges und unverletzliches Geheimnis begraben wollen.« »Großmütiger Mensch!« rief Albert, »wenn Dein Leben durch ein Verbrechen befleckt wurde, so mußt Du wahrlich die Verzeihung Gottes erlangen!« Einige Augenblicke darauf war Albert in seinem Zimmer und besaß in seiner Brieftasche in Banknoten die Summe von 150,000 Franks. * XV. Venedig. In den ersten Tagen des Jahres 1841 befand sich in Venedig ein junger Franzose, der nicht eben dem angehörte, was gewisse Leute die erste Klasse der Pariser Gesellschaft nennen, der aber dennoch von einer vortrefflichen Familie stammte und eine vollkommene Bildung besaß, welche, vereint mit der feinsten Erziehung, aus ihm einen vollendeten Kavalier machte. Dieser junge Mann hieß Maximilian Morel. Er war verheiratet. Seine Frau, die Tochter eines ehemaligen Beamten, stammte mütterlicherseits von der berühmten Familie der Marquis von Saint Méran ab. Kaum zwei und ein halbes Jahr verheiratet, hatten Max und Valentine noch nicht die leiseste Wolke zwischen sich aufsteigen sehen. Sie lebten in der vollkommensten Uebereinstimmung, in einer solchen Harmonie der Seele, daß man glauben konnte, ihre Gedanken entsprängen sämtlich einer und derselben Quelle. Es gab kein Vergnügen für den einen, wenn Sorge oder Kummer den andern quälte; Vergnügen und Freude, Schmerz und Leiden, kurz, mit einem Worte, alle angenehmen oder peinlichen Gefühle wurden von beiden gleich lebhaft empfunden, als verständen sie sehr gut und ihrer ganzen Ausdehnung nach die Pflichten, welche das Band auferlegt, das an dem Altar des Höchsten geschlossen, eingesegnet und in seinem Namen geheiligt wird. Valentine hatte kein Kind. Sie war erst seit so kurzer Zeit verheiratet, daß sie noch nicht jenes sehnsüchtige Verlangen, Mutter zu sein, empfand, welches sich jeder Frau unfehlbar nach ihrer Verheiratung bemächtigt. Sie war nie von Max entfernt; sie sah ihn zu jeder Stunde, jeden Augenblick des Tages, und die Liebkosungen, die er ihr erwies, ließen ihr vielleicht nicht die Muße dazu, das erhabene Bedürfnis nach den Liebkosungen eines Kindes zu empfinden, auf dessen kindlichem Gesicht eine Mutter stets während der Stunden der Abwesenheit ihres Gatten die Züge und das Bild desselben zu erkennen glaubt. Max war nicht älter als acht- oder neunundzwanzig Jahre und Valentine siebzehn bis achtzehn. Der erstere hatte eine jener kräftigen und starken Konstitutionen, welche den Charakter der Südländer bilden. Er war blaß und hatte Augen und Haare schwarz wie Ebenholz. Valentine war zwar nicht groß, zart und schmächtig gebaut, verriet aber dennoch eine kräftige Organisation und genoß einer vollkommenen Gesundheit. Dieses Ehepaar hatte seit seiner Verbindung beinahe ausschließlich in Frankreich gelebt, endlich aber dem Verlangen nachgegeben, auch andere Gegenden kennen zu lernen, andere Sitten, andere Gebräuche, verschieden von denen, welche man in den aristokratischen Salons von Paris zu beobachten Gelegenheit hatte. Venedig war der erste Punkt, der ihre Blicke auf sich zog: dorthin richteten sie daher ihren ersten Ausflug. Die Ueberlieferungen von dieser alten Königin des Adriatischen und des Mittelländischen Meeres, der Zauber ihrer ehemaligen Pracht und besonders die Schönheit ihrer Gebäude, ihrer Kanäle und ihrer Brücken, alles trug dazu bei, Venedig den Vorzug bei den jungen Gatten zu gewähren. In der Tat bietet auch Venedig durch seine geographische Lage und den daraus entspringenden beständigen Verkehr zwischen Asien und Europa, ein stets wechselvolles Bild der Menschen und der Szenen. Sein Hauptplatz, unablässig von den Kaufleuten aller Nationen besucht, zeigt noch immer einen Ueberrest von der Größe seines ehemaligen Handels! Obgleich der geflügelte Löwe von St. Marcus den Zauber eingebüßt hat, von dem er ehedem umgeben war, obgleich die Türme von St. Marcus nicht mehr mit Uebermut die prächtigen Trophäen seines Ruhmes entfalten, auf denen der Fremde die auf einander folgenden Eroberungen der Republik lesen konnte, steht doch noch die alte Kathedrale da, hoch aufrecht mit ihrem ehrwürdigen Aussehen und nimmt den Hintergrund des großen Platzes ein, indem sie voll Stolz neben ihrer byzantinischen Architektur den unglaublichen Uebermut der griechischen Kunst zeigt. Noch sieht man hier Venedigs schönste Zierden: die berühmten Bogengänge, die eleganten Paläste der ehemaligen Patrizier, die imposante Masse des herzoglichen Palastes, die Granitsäule der Piazetta, den schlanken Turm, das bemerkenswerte Werk der Architektur, von wo aus Galilei so oft seine astronomischen Beobachtungen anstellte; die christliche Basilika mit ihrer runden Tribüne über dem Eingange, auf dem Hauptplatze die vier berühmten ehernen Pferde, welche in Konstantinopel zu Anfang des 13. Jahrhunderts erobert und durch die Franzosen zu Ende des letzten Jahrhunderts fortgeführt und 1815 zurückgegeben wurden, dann die Kanäle und die Marmorstufen, von denen das Wasser leise herabrieselt. Venedig, zwar von seiner früheren Pracht herabgesunken, ist doch noch immer Venedig! Es ist, wie ich hiermit sagen will, die schöne Prinzeß, die an den Gewässern des Lido entschlummerte und lächelnd von ihren ehemaligen Anstrengungen, von ihren früheren Arbeiten, auszuruhen scheint. In Venedig also waren Max und Valentine und genossen jene unvergleichliche Luft und jenen durchsichtigen Himmel, welcher auch der Himmel Italiens ist. In der Stunde, als die Sonne ihre letzten Strahlen auf die alte Kathedrale niedergleiten ließ, deren Glanz sich hinter den hohen Gebirgen Tirols zu verlieren begann, gingen Max und Valentine über die Piazza, entlang dem alten Proglio und dem Quai zu, an welchem Hunderte von Gondeln aller Größen angekettet lagen. »Meine teure Freundin,« sagte Max zu seiner Frau, nachdem er einige Zeit mit ihr an dem Quai entlang spazieren gegangen war, »die Nächte Venedigs sind warm und ruhig und laden dazu ein, die Frische der Kanäle zu genießen, auf denen der Mond sich voll Glück und Heimlichkeit zu spiegeln scheint.« »Besteigen wir ein Boot, Max,« entgegnete Valentine, indem sie den Arm ihres Mannes leise drückte und zugleich voll Unruhe nach einem Manne blickte, der, in einen Mantel gehüllt, dastand, und sein Gesicht durch den breiten Rand eines gewaltigen Hutes verdeckte. Max achtete nicht auf die Bewegung Valentines, welche fortfuhr, mit dem Blicke dem Manne in dem großen Mantel und mit dem großen Hute zu folgen. »Wie viele Gondeln auf dem Kanal hin und herfahren,« bemerkte Max. »Die Kanäle sind die Straßen von Venedig, die Gondeln sind seine Wagen. Es gab ehedem in Venedig sehr wenig Equipagen – aber sieh hier eine Gondel, welche ganz für uns geeignet zu sein scheint. Sieh nur, der Gondolier hat unsere Absicht schon erraten.« Valentine schritt schweigend dicht an Max' Seite den Stufen zu. Ihr besorgter Blick schien aber noch immer den Fremden erforschen zu wollen, der in geringer Entfernung von ihnen herging. In der Tat konnte man nicht weit von Valentine ein trauriges und nachdenkliches Gesicht bemerken, welches ebenfalls mit den Blicken allen Bewegungen Valentines und Morels folgte. Max und seine Frau waren indes einem Gondolier gegenüber stehen geblieben, der sich durch die lebhafte Frische seiner roten Jacke und den guten Zustand seiner dreieckigen Mütze auszeichnete, so daß er im Dienste irgend eines edlen Hauses zu stehen schien. »Ist die Gondel frei?« fragte Max lächelnd. »Ja, Exzellenz, und es wäre für mich eine große Ehre, Sie darin aufzunehmen.« »Sieh nur, meine teure Valentine, welche Artigkeit, welches außerordentliche Zartgefühl die Venetianer charakterisiert. Dergleichen wäre unter einem andern Himmel, als dem Italiens, besonders unter den arbeitenden Klassen schwer zu finden,« sagte Max. »Du hast gewiß gehört, wie dieser brave Mann uns sagte, daß es für ihn eine große Ehre sein würde, uns in seinem Boote aufzunehmen! Giacomo, Du scheinst ein braver Mann zu sein!« »Tausend Dank sei dem Himmel dafür gesagt, und dem ehemaligen Schutzpatron von Venedig, dem St. Markus! Was mich betrifft, so werde ich stets nur ein roher Tölpel bleiben im Vergleiche zu Ew. Exzellenz und der Signora, die mir die Gunst erzeigt, mich anzusehen.« »Siehe, sieh! Ohne Zweifel, weil sie den guten Zustand und die Eleganz Deiner Jacke sowie die Reinheit Deines Schuhwerks betrachtet.« »Das ist wahr,« sagte Valentine, »ich bewundere eine so außerordentliche Reinlichkeit bei einem Manne dieses Standes.« Der Gondolier antwortete nicht, machte aber eine tiefe Verbeugung. »Wie heißt Deine Gondel?« fragte Max. »Valentine,« erwiderte der Gondolier. »Was sagte er?« fragte jetzt ihrerseits Madame Morel, indem sie ihren Mann mit verwundertem Blicke ansah. »Er sagt, daß seine Gondel Valentine heißt! Das ist ganz einfach, meine teure Freundin, und ich empfinde dadurch nur um so lebhafter das Verlangen nach einer Spazierfahrt durch die Kanäle von Venedig!« »Nun auf, Giacomo, zu Deiner Gondel!« Der Gondolier ließ sich dies nicht zweimal wiederholen, eilte zu der Treppe, zog eine Eisenkette an sich und legte seine Gondel so an die Stufen, daß Max und Valentine ohne alle Mühe einsteigen konnten. Obgleich Valentine erst seit kurzer Zeit in Venedig war, erkannte sie doch auf den ersten Blick, daß die Gondel, die sie bestieg, durchaus nicht so einfach war wie die meisten von denen, welche hier und dort über den Kanal glitten. Das kleine Boot hatte einen vergoldeten Kiel, ein schönes seidenes Zelt, wohlgestopfte Kissen und polierte Holzverzierungen. Indes machte Valentine über alles dies nicht die geringste Bemerkung gegen ihren Mann, dem es schien, als sei ihre Aufmerksamkeit gänzlich durch einen andern Gegenstand in Anspruch genommen. Sie traten in die Gondel und setzten sich. Als darauf der Gondolier, sein Ruder mit großer Geschicklichkeit führend, die Barke wendete und sich von dem Quai entfernte, drehte sie den Kopf und richtete ihre Blicke voll Besorgnis nach der Piazza. Sobald die Gondel den Quai weit hinter sich gelassen hatte und langsam auf dem großen Kanals dahinglitt, eilte der Mann, der alle Bewegungen Maximilians und Valentines beobachtet hatte, zu dem Quai, stieß einen leisen Schrei, dem eines Nachtvogels ähnlich, aus, und wartete dann, ohne irgend ein Zeichen der Ungeduld, bis jemand ihm auf gleiche Weise antwortete. »Vecchio,« sagte er in italienischer Sprache zu einem Individuum, das sich näherte, »hast Du die Befehle, die ich Dir gab, vollzogen?« »Ja, gnädiger Herr,« erwiderte der Mensch, indem er mit leiser Stimme und mit einem gewissen Wesen des Heimlichtuns sprach. »Ich hatte eine lange Unterredung mit dem Gondolier in der roten Jacke, und erfuhr, daß er seit einigen Tagen in dem Dienste eines reichen Franzosen stehe, der kürzlich erst nach Venedig kam.« »Und wer ist dieser Franzose?« »O, der Pfiffikus von Gondolier wollte so tun, als wüßte er seinen Namen nicht!« »Weiter, weiter!« » Per la madre de dio ! Wie eilig Sie es haben, Signor!« erwiderte der Gefragte in seinem halb römischen, halb venetianischen Dialekt. »Ich brauche mehr als eine halbe Stunde, um nur auf den Gegenstand zu kommen; – aber es mangelt mir nicht an Geschicklichkeit, und was die Verschlagenheit betrifft, so denke ich, ich kann dem braven venetianischen Gondoliere darin wohl noch etwas vorausgeben.« »Zur Sache, zur Sache!« sagte der erstere voll Ungeduld. »So wissen Sie denn, daß ich sagen und tun mochte, was ich wollte, daß ich meinen Mantel nach allen Seiten wendete – und daß ich dennoch nicht dahin gelangte, von ihm den Namen des Franzosen zu erfahren.« »So, das ist also die Gewandtheit und die Pfiffigkeit, deren Du Dich rühmst? Das ist es, was Du dem venetianischen Gondolier vorausgeben willst? – Deine Anmaßung verdient ein lautes Gelächter; was meinst Du dazu?« »Geduld, Signor, Geduld! – Hören Sie mich zuerst an, dann können Sie tun, was Sie wollen. – Ich erkannte nur, daß der Gondolier seinen Herrn nicht kannte, wendete meine Nachforschungen nach einer andern Seite, und wenn ich auch nicht dahin gelangte, den Taufnamen des Franzosen zu erfahren, so kenne ich doch wenigstens seinen Familiennamen.« »Und wie heißt der?« »Er ist ganz einfach: Morel.« »Morel!« wiederholte der erstere, als ob dieser Name ihm nicht unbekannt sei. »Wenigstens ist das der Name, der mir genannt wurde.« »Wo wohnt er?« »In der Nähe des Judenviertels oder der Giudecca, in einem kleinen Hotel, welches mit der einen Seite nach dem Kanal hinausgeht und mit der andern auf die Villa St. Martin!« »Ganz gut! Die Schaluppe?« »Ist bereit.« »An Bord denn und auf in der Richtung nach der Giudecca!« Die beiden Männer verschwanden unter der Menge, welche die Piazza und den Quai erfüllte. Indes befand sich die Gondel Maximilians schon in der Ferne und setzte ihren langsamen trägen Lauf fort, leichte Furchen von Silber und Azur in dem Wasser hinter sich zurücklassend. Wer das herrliche Schauspiel einer warmen, stillen Nacht, beleuchtet von dem Scheine des Mondes, in Venedig noch nicht erlebte, der kann sich keinen Begriff von der Schönheit machen, die man darin entdeckt. Sahest Du niemals in Deinen Träumen, mein Leser, eine Stadt von Jaspis und Marmor sich wie durch Zauberei auf der Oberfläche eines schönen Sees erheben, auf welche der Mond seine Strahlen ergoß, sie mit einem milden, gemäßigten Lichte beleuchtend, das den süßen Mysterien der Liebenden so günstig ist? Diese Stadt ist Venedig! Die Kanäle, welche es nach allen Richtungen durchschneiden, scheinen bei dem Lichte des Mondes ebenso viele Silberbänder zu sein, mit denen die Prinzeß ihren Busen schmückt. Die Türme von St. Marcus, die Säule des großen Platzes und alle die andern hervorspringenden Punkte, welche die Stadt verschönern, stellen sich nur als ebensoviel phantastische Linien dar, welche gegen den Himmel abstechen und auf denen die Augen dessen ruhen, der, in Träumerei versunken, über die Gewässer des Lido hingleitet. Der Vergleich zwischen der eleganten, prachtvollen Stadt und der Trauer und der Einfachheit der andern Stadt, welche sozusagen, nur von armen Fischern in der Nähe der Lagunen erbaut wurde; zwischen der lärmenden Freude der einen und dem tiefen Schlaf der andern; – dieser Vergleich, sage ich, erweckt in unserer Seele eine unbestimmte Melancholie, die ebenso süß wie unerklärlich ist! Max und Valentine, welche den großen Kanal schnell durchschnitten hatten, schienen sich ganz und ohne Rückhalt dem unbestimmten Gefühle zu überlassen, welches durch das prachtvolle nächtliche Schauspiel in ihnen erweckt wurde. Valentine lehnte den Kopf auf die Schulter ihres Max', und ihr Blick richtete sich mit unaussprechlicher Zärtlichkeit auf das Gesicht des Mannes, mit dem sie ihr Geschick in dieser Welt vereint hatte; sie segnete stillschweigend das Geschick. Die Gondel schaukelte sich gleich einem durch Liebesgötter gewiegten Lager weich und sanft auf den glatten durchsichtigen Wogen und trug durch ihre leichte Bewegung, regelmäßig wie der Pendelschlag einer Uhr, dazu bei, die Reizbarkeit des Gefühls in den beiden leidenschaftlichen Herzen zu steigern. Tränen rannen bald über die Wangen Valentines. Es waren Tränen eines unendlichen Vergnügens, unerklärlich und ganz der Seele angehörend, eines Vergnügens, in welchem auch die ganze Seele sich enthüllte. Max drückte voll Zärtlichkeit Valentines Hand. »Du weinst, meine Liebe?« sagte er, »Was gibt es denn in aller Welt, was Deine Tränen so fließen macht?« »Glaubst Du denn, daß es Tränen des Schmerzes sind? – Nein! Es sind Tränen des Glückes, aber eines innigen Glückes, das ich erst kennen gelernt habe, seitdem ich mit Dir vereint bin! – Ach möge Gott gefallen, daß es immer so sei, mein teurer, lieber Max!« »Und weshalb sollte es denn nicht immer so sein?« entgegnete Max lebhaft, indem er einen brennenden Kuß auf die Stirne Valentines drückte. »Verzeih mir – ich bin vielleicht töricht, Dir zu gestehen, daß eine unbestimmte Furcht – ein unerklärliches Gefühl, mir das Herz bedrückt! – Zuweilen erwacht in mir der Gedanke und die Erinnerung an unseren Wohltäter, und ich zittere zugleich, ohne zu wissen weshalb! – Wenn ich den Segen des Himmels auf diesen Kopf mit der klugen Stirn herabrufe, wenn ich Gottes Gnade für das großmütige Herz erflehe, dem unser Glück entsprang, – dann scheint mir etwas Geheimnisvolles und Fürchterliches in dem mich umgebenden Raum, in der Luft, die ich einatme, zu schweben und ich erbebe, als hätte ich eine Ahnung von dem Unglück oder dem Untergang Edmund Dantès.« »Je mehr wir die lieben, denen wir ein so großes Glück verdanken, Valentine,« entgegnete Max, »um so mehr fürchten wir auch ihr Unglück oder ihr Verderben: diese Furcht ist indessen nur unbestimmt; Edmund Dantès ist begünstigt von dem Himmel und wird gesegnet von allen denen, welche die Gerechtigkeit und die Güte seiner Seele kennen! Beruhige Dich, meine Teuere, und laß uns von andern Dingen sprechen, um die schmerzlichen Besorgnisse zu vergessen, von denen Du gequält wirst.« »Nein, mein Freund, ich will lieber von der Sache sprechen. Ich will mit Dir von Edmund Dantès reden oder vielmehr von dem Grafen von Monte Christo! Ich möchte auch mit Dir von der Grotte Monte Christo sprechen, die uns jetzt gehört, und die das letzte Geschenk war, welches wir von der Hand des Grafen empfingen.« »Sprich weiter!« »Sage Max, ist es denn wahr, daß wir so sehr reich sind?« »Ohne Zweifel, Valentine, dank dem Himmel und unserem Wohltäter.« »Du hast die Laune gehabt, die Grotte Monte Christo, in demselben Zustande des Luxus und des barbarischen Reichtums zu erhalten, in welchem der Graf sie uns übertrug?« »Das ist eine Pflicht der Dankbarkeit, Valentine!« »Recht gut. Aber die Dankbarkeit, mein Freund, läßt sich auf eine andere Weise aussprechen.« »Was willst Du damit sagen, meine liebe Valentine?« Valentine antwortete nicht, aber nach einer Pause rief sie voll Besorgnis: »Ach, all dieser Reichtum, all dieser barbarische Luxus erschrecken mich, mein guter Max. Ja, schon längst, schon seit langer Zeit wollte ich Dir diese große Wahrheit sagen. Aber ich besaß nicht den Mut, Deinem ungläubigen Lächeln zu trotzen! – Glaube mir, Max, was ich Dir hier sage, ist nicht das Resultat einer kindischen Furcht, einer weibischen Schwäche oder der Besorgnis eines Kindes, sondern es ist das Resultat einer Besorgnis, in der eine große Wahrheit liegt.« »Nun, laß hören, was ist denn das für eine Wahrheit, welche macht, daß die Pracht und der Reichtum der Grotte Monte Christos Dich erschrecken?« »Max,« sagte Valentine mit dem Ausdrucke eines Engels, indem sie ihre Worte mit süßem Lächeln begleitete, »überall, wo wir waren, gibt es Tausende von Familien, für welche jener Reichtum, der dort in dem Schoße eines Felsens vergraben liegt, ein vollständiges Glück sein würde; – Familien, denen das tägliche Brot mangelt, hörst Du wohl, mein Freund? Und denen dasselbe für ein ganzes Jahr durch den Wert eines einzigen der Kapitäle jener prachtvollen Säulen gewährt würde, welche das Portal der Grotte Monte Christo stützen. Ach, wenn Du geneigt wärest, einem Traum Glauben zu schenken, den ich drei Nächte hintereinander hatte – wenn Du mich nicht eine Träumerin nennen wolltest – so würde ich Dir diesen entsetzlichen Traum erzählen!« »Sprich, Valentine,« entgegnete Max mit ernstem Wesen und indem er sich bereitete, seine Gattin anzuhören. Valentine sprach also: * XVI. Die Träume in der Grotte Monte Christo. »Du erinnerst Dich wohl noch daran, daß in dem Augenblicke, wo wir in die Grotte Monte Christos hinabstiegen, die Welt gewissermaßen für uns ein Ende zu nehmen schien, während eine fabelhafte Existenz für uns begann, eine Existenz, welche in der äußern Welt sich nicht verwirklichen läßt. – Erinnerst Du Dich daran? – Gut denn. – Du wirst gewiß auch nicht vergessen haben, daß eines Abends – an einem der letzten, welche wir an diesem bezauberten Orte zubrachten, Du ausgingest, um die Ziegen zu jagen, die in jenen steilen Felsen so zahlreich sind. »Ich blieb allein zurück. »Nicht zum ersten Male war ich allein, wohl aber zum ersten Male empfand ich ein nervöses, krampfhaftes und unerklärliches Zittern! – Ermüdet, ohne zu wissen wodurch, schlief ich ein. – Da hatte ich einen sonderbaren Traum! »Ich sah die prachtvollen Säle der Grotte beleuchtet, als ob die Strahlen einer glänzenden Sonne ihre Mauern durchdrängen! »Die prachtvollen Säulen mit ihren goldenen Kapitälern, die gewölbte Decke mit Edelsteinen verziert, der Fußboden, bedeckt mit den prachtvollsten Geweben der Türkei, die herrlichsten Bildsäulen, welche um schweres Geld erkauft waren und dem klassischen Meißel der großen Meister, von Michel Angelo bis Canova, ihre Entstehung verdankten, alles war wie mit einem Lichte übergossen, das mich blendete! »Die Wohlgerüche des Orients, die sich wie gewöhnlich aus den silbernen Becken erhoben, die rings umherstanden, würzten die Atmosphäre, die ich einatmete: – ich gab der zauberhaften Wirkung dieser Wohlgerüche nach und versank in jenes Nichtstun, welches dem tiefen Schlafe voranzugehen pflegt und von süßen Illusionen erfüllt ist. Diesmal aber genoß ich jene Illusionen nicht! – Ich hatte einen fürchterlichen Traum, und meine Qual, oder vielmehr mein Märtyrertum dauerte ebenso lange wie mein Schlaf. »Durch die Seidenstoffe, mit denen die Wände der Grotte bedeckt waren, durch die Felsen, in welche diese Grotte eingesprengt ist, unterschied ich eine Menge von Bettlern und Armen, die zu dem höchsten Grade des Elends herabgesunken waren, umgeben von Weibern und Kindern, welche laut schrien: »Brot! Brot!« »Ihr Geschrei, eine Grabhymne des Hungers und der Verzweiflung, machte, daß ich vor Entsetzen erbebte. Ich sah voll Schrecken, daß die ganze Menschenmenge, geführt durch einen Unbekannten, sich der Grotte näherte und rings um den Felsen herging, als suche sie den Eingang. Ich wollte aufstehen und entfliehen, allein es war mir, als ob Kraft und Mut mir mangelten, die Gefahr zu vermeiden; ich vermochte es nicht, mich von den üppigen Kissen zu erheben, auf denen ich hingestreckt lag. Von Zeit zu Zeit gelangte das Geschrei des Hungers und des Elends bis zu mir – das Geschrei kam näher und immer näher – bis ich endlich diesen lebenden Strom der Unglücklichen und Verhungerten über die Treppe herabstürzen und den Raum erfüllen sah. »Ach, ich erinnere mich noch an die Betrübnis, die ich bei diesem Schauspiel empfand – das schmerzliche Echo, welches in meinem Herzen durch das Geschrei der Kinder, das krampfhafte Lachen der Mütter, das wütende Murren der Männer erweckt wurde, die der Glanz und die Pracht der Säle unserer Grotte blendete. »Auf ein Zeichen des Unbekannten, welcher diese Bande zu führen schien, endete das Geschrei, das Lachen und das Murren der Menge; es herrschte das tiefste Schweigen rings um mich her. »Der Unbekannte trat vor, stellte sich an einen Ort, an welchem er von allen gesehen und gehört werden konnte, erhob den Arm und streckte die Hand aus, in welcher ein goldener Schlüssel glänzte. »Brüder,« rief er mit kräftiger, wohltönender Stimme, »Reichtümer, welche seit Jahrhunderten in den Eingeweiden eines Felsens aufgehäuft wurden, nahmen hier in eben dem Maße zu, als die armen Dienstpflichtigen einer geizigen Familie die Tränen vergossen, welche der Hunger ihnen erpreßte, und ihre Tage in einer fortwährenden Arbeit hinschleppten, die ebenso hart wie für ihre Kinder unfruchtbar war. »Die Züchtigung, welche Gott dieser geizigen Familie auferlegte, bestand in ihrer eigenen Sünde, denn sie lebte beständig elend, da sie nur ein Ziel hatte, das, die blinde Leidenschaft zu befriedigen, welche der Dämon in ihnen nährte und vom Vater zu Sohn anfachte! Von Jahrhundert zu Jahrhundert wuchsen die Schätze dieser Familie, und der steile Fels einer öden Insel empfing sie in seinem Granitbusen, bis das Geheimnis von dem Vorhandensein dieses Schatzes durch eine Generation verloren ging, mit welcher dieses verfluchte Geschlecht erlosch. »Lange, sehr lange darauf, als ob Gott gewollt hätte, daß das, was dem Schweiße elender Sklaven des Feudalismus entstammte, zu seiner Quelle zurückkehren sollte, das heißt, zu dem Elend, wählte sein mächtiger Arm aus der arbeitenden Klasse einen Mann, um der Dolmetscher seines höchsten Willens zu sein. »Dieser Mann, dessen Geduld, dessen Glaube und Beständigkeit, durch lange Jahre des Unglücks geprüft worden waren, empfing die Offenbarung von dem Vorhandensein des Schatzes, der auf der einsamen Insel vergraben lag. »Diese Enthüllung wurde ihm gewährt, als die Mauern eines Kerkers ihn umschlossen, als läge er in einem Sarge, dessen Deckel bereits über ihm zugenagelt war. Später indes entriß der Arm Gottes ihn diesem Grabe und stellte ihn auf den Fels, welcher diese öde Insel beherrscht, und dieser Mann hörte eine innere Stimme, welche ihm sagte: »Steige hinab, in die Eingeweide der Erde, und kehre dann zu der Welt zurück, wo Du die Tränen des Elendes trocknen kannst, indem Du auf Deinem Wege das Glück verbreitest.« »Also tat er! Das heißt, er stieg hinab und sah den Schatz, der seit Jahrhunderten hier vergraben lag! Aber in eben diesem Augenblicke stand Satan an seiner Seite, und um ihn zu verblenden, flüsterte er ihm die verräterischen Worte in das Ohr: »Du bist von jetzt an der mächtigste Mensch in der Welt! Gebiete und Du wirst sehen, daß selbst die Könige Dir gehorchen!« »Diese Worte brachten ihre Wirkung hervor. »Der Mann, von Selbstsucht erfüllt, aufgebläht durch Stolz und Eitelkeit, kehrte zurück, an die Oberfläche der Erde, blickte voll Verachtung auf die Welt und sah sich groß und mächtig, ohne der Grundlage zu gedenken, auf der er sich über seine Brüder erhoben hatte! »Er ließ sich fortreißen durch eine Leidenschaft, welche ihn beherrschte, und die mit seinem unerwarteten Reichtum sich steigerte, und er hatte den Stolz, über das Geschick der Menschen und der Dinge entscheiden und verfügen zu wollen, nur nach den Bestimmungen seiner überspannten Einbildungskraft! Statt mit den Armen das zu teilen, was durch den Schweiß der Armen gewonnen worden war, machte er sich reich und mächtig und nahm einen Namen an, der dem Zauber seines unermeßlichen Reichtums zu entsprechen vermochte. »Gott verließ darauf diesen Menschen und suchte einen andern auf. »Dieser andere bin ich! In meiner Hand ruht der goldene Schlüssel, den ich von dem Himmel empfing! Mit ihm öffnete ich das geheime Schloß, welches Euer Brot verbirgt! Esset, trinket, Ihr Söhne des Elends! Das alles gehört Euch, weil Gott es Euch verleiht.« »Der Unbekannte hörte auf zu sprechen,« fuhr Valentine fort, »und es entstand ein tiefes, aber kurzes Schweigen; dann vernahm ich einen wahnsinnigen Schrei des Glücks und der Lust! Eine plötzliche Flamme vernichtete für immer diesen Reichtum; von der Grotte Monte Christos, den Säulen, dem Gewölbe, den Bildsäulen, den kostbaren Steinen, den Edelsteinen und Schmucksachen aller Art, den Teppichen und Wohlgerüchen, blieb nichts, durchaus nichts, als die finstern Wände des Felsens und der feuchte, nackte Boden, aus dem sie emporstiegen.« Kaum hatte Valentine diese letzten Worte ausgesprochen, als sie plötzlich schwieg, indem sie das Gesicht in die Hände barg, als wollte sie dem Anblick des Schauspiels entrinnen, das sie soeben beschrieben hatte. Ich weiß nicht, was in dieser Stunde Feierliches lag und wodurch für Augenblicke in dem Geiste Maximilians eine unbestimmte Furcht erweckt wurde! Die Stunde, das Schweigen, die Ruhe der Nacht, die weite Fläche der Gewässer, über welche die trüben und strengen Worte Valentines hinglitten, bildeten eine finstere Harmonie; der Ausdruck der Aufrichtigkeit und des lebendigen Gefühls, den das Gesicht Valentines trug, während sie diesen Traum erzählte; – alles trug mächtig dazu bei, um bei Maximilian jene Art unbestimmter Furcht zu erwecken, deren wir erwähnten, und die sich durch eine leichte Wolke verriet, welche seine kluge Stirn bedeckte. Indes obgleich alles dazu beitrug, die Festigkeit der Seele Maximilians zu erschüttern, der einen Augenblick durch den Schrecken Valentines besiegt war, kehrte bald seine ganze Geistesgegenwart zurück, und er antwortete ihr sanft, doch mit kaltem Blute: »Ich gestehe, Valentine, daß ähnliche Träume den kräftigsten und entschlossensten Geist zu ergreifen vermögen, aber sie können keinen Eindruck auf den machen, welcher wahren Glauben in die allmächtige Gerechtigkeit Gottes setzt!« »Das glaubst Du?« erwiderte sie mit einem leisen Lächeln des Zweifels, und fügte dann mit ganz anderem Tone, aber feierlich und fest hinzu: »Meine innige Ueberzeugung ist, daß dergleichen Träume, die wir nicht einmal, sondern öfters hintereinander haben und stets auf gleiche Weise, stets dasselbe wiederholend, stets sich unter denselben Umständen darstellend, in gewisser Art eine Mahnung sind, die der Himmel an uns erläßt, um uns auf die kommenden Ereignisse vorzubereiten.« »Valentine!« rief Max, indem er ihre Hände ergriff. Valentine heftete ihre schönen Augen auf das verstörte Gesicht Maximilians. Ihr Blick schien an ihn die einfache Frage zu richten: »Was sollen wir tun?« So blieben sie einige Augenblicke schweigend nebeneinander. Die Gondel, welche bisher ruhig gelegen hatte, wie der Schwan, der sich in der Mitte eines Sees schaukelt, begann sich zu bewegen, getrieben durch den Hauch der Nacht, und die Wogen, deren Oberfläche einem gewaltigen Spiegel glich, in welchem die Bilder der Erde und des Himmels sich widerspiegelten, furchten sich und wurden nach und nach unter dem Druck der Luft unruhig. Bei diesem drohenden Zeichen übte der Gondolier auf das Steuer den erforderlichen Druck aus, um die Richtung zu ändern, und die Gondel, treu dem empfangenen Impulse, zögerte nicht, ihren Kiel dem großen Kanale zuzuwenden. Kurze Zeit daraus erreichte sie den Quai. Man gab dem Gondolier ein Zeichen und deutete auf den kleinen Kanal, der zu der Giudecca führte. * XVII. Nachforschungen. Kaum waren sie in ihrem Hotel angelangt, als Valentine nach ihrem Zimmer eilte und sich vor dem Bilde der Jungfrau niederwarf, einem prachtvollen Gemälde Raphaels, das an der Hauptwand des Gemaches hing. Währenddessen hatte Max sich entfernt, um seinen Leuten einige Befehle zu erteilen. Valentine, die noch immer durch die unbestimmte Furcht erregt war, welche der Traum, den sie ihrem Manne soeben erzählte, in ihr erweckt hatte, betete, ergriffen von jenem erhabenen Glauben, den eine betrübte und gläubige Seele dem Bilde der Mutter Gottes weiht. Ihre Augen waren mit den milden Tränen derer erfüllt, welche ihre Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit setzen und von derselben alles erwarten, indem sie sich den unerklärlichen Bestimmungen der Vorsehung fügen. Max öffnete die Tür des Zimmers und wagte nicht, Valentine in ihrem inbrünstigen Gebets zu unterbrechen; er wartete, bis sie aufstand, ging dann zu ihr, umarmte sie voll Zärtlichkeit und trocknete durch zwei Küsse die Tränen, die noch in ihren schönen Augen zitterten. »Mein Herzchen,« sagte er, »sollte etwa die Erinnerung an Deinen Traum diese Aufregung in Dir hervorgerufen haben? Weise die trügerischen Bilder von Dir zurück, die auf keinen Fall Dich bedrohen können. Dich, das Lieblingskind des Himmels, Dich, die Du durch Deine Tugenden seinen beständigen Schutz zu verdienen wußtest!« »Du nennst die Gebilde meines Traumes trügerisch? Eines Traumes, der sich so oft wiederholte?« erwiderte Valentine, indem sie diese Worte mit dem Lächeln eines Engels begleitete. »Wenn ich Dir nun sage, daß ich außer dem, was Du bereits hörtest, mein Max, auch den Mann sah, jenen eigentümlichen Menschen, der die Verhungernden und die Elenden zu unserer Grotte Monte Christo zu leiten schien?« »Was sagst Du? Bist Du wahnsinnig?« rief Max, indem er plötzlich über den Ausdruck des Entsetzens erbleichte, der sich über das Gesicht seiner Frau verbreitet hatte. Sie stieß ein krampfhaftes Lachen aus und fuhr dann fort: »Nein, ich bin nicht wahnsinnig: nein. Ich sagte Dir, daß ich den Menschen sah, der sich mir in meinen Träumen zeigte. Ja, ich habe ihn gesehen; der Feuerblick, mit dem er unsere überflüssigen Reichtümer zu verschlingen schien, hatte seine ganze Gewalt beibehalten. Er sah mich starr an, und ich hatte ein Gefühl, als ob ein glühender Stahl meine Brust durchdränge und sich in mein Herz bohrte, wie wenn er in demselben die geheimsten Gedanken erforschen wollte. Dieser Mensch, hörst Du wohl, mein Max? Dieser Mensch ist keine Einbildung; er ist kein Phantom, welches der Schrecken erschuf, den ich über meinen Traum empfand! Nein, dieser Mensch – scheint mich seit drei aufeinanderfolgenden Abenden mit der größten Aufmerksamkeit zu beobachten, wenn ich mit Dir über die Piazza gehe. Er macht, daß ich erbebe,« fuhr Valentine mit erstickter Stimme fort, »und beständig scheint er mir mit seinem begeisterten Blicke zuzurufen: »Valentine, erfüllst Du denn nicht den Willen Gottes? Willst Du denn etwa, daß so viele Familien von Proletariern, deren Erbteil der Hunger ist, das herzlose Weib verfluchen, welches in den Eingeweiden eines öden Felsens Schätze verbirgt, deren Hälfte hinreichen würde, um ihr Glück zu begründen? Valentine, die größte Pracht, mit der Du Dich umringen kannst, sind die Segenswünsche aller dieser elenden Familien, die Du von den Greueln des Hungers zu befreien vermagst, indem Du mit ihnen Deine Reichtümer teilst, welche jetzt nutzlos im Schoße der Erde ruhen.« Valentine schwieg; ihr ruhiges Auge, klar und offen, befragte das Gesicht Maximilians, auf welchem sich Zweifel, Furcht und Entsetzen malten. Zuweilen zweifelte er an dem Verstande Valentines, indem er sie sprechen hörte; aber ihre ruhige Rede, ihr gemessenes Wesen, Verbannten bald wieder einen solchen Gedanken. Nein, keine Wolke trübte den Geist seiner Gattin. Indes konnte er, Max, der Mann von höherer Erziehung und einigermaßen genährt mit den Doktrinen der Freidenkerei unseres ungläubigen Jahrhunderts, nicht begreifen, wie es möglich sei, daß Valentins sich in ihrem normalen Zustande so durch ein überspanntes Gefühl hinreißen lassen konnte, welches durch einen einfachen Traum erweckt worden war! Er erkannte, daß etwas Erhabenes, über die Dinge dieser Erde Gehendes, sich in dem reinen Ausdrucke Valentines offenbarte, und da er es nicht vermochte, den Einfluß dieses unerklärlichen Gefühls zu bekämpfen oder zu vermeiden, beugte er seinen eigenen Verstand vor der furchtbaren Gewalt, die denselben niederdrückte. Valentine trug den Sieg davon. Er beschloß, mit dem ganzen Prunk zu brechen, den der Reichtum notwendigerweise mit sich führt, und sich auf die Mittelmäßigkeit zu beschränken, indem er sein Vermögen mit den Armen teilte. Aber während Max die großmütigen Gesinnungen Valentines annahm, wollte er doch nicht so, wie sie es zu wünschen schien, die außerordentlichen Reichtümer vernichten, welche der Graf von Monte Christo ihnen geschenkt hatte, indem er ihnen das Eigentum der Grotte Monte Christo übertrug. »Valentine,« sagte er eines Tages zu seiner Frau, »laß uns annehmen, morgen sei unser Reichtum für immer verschwunden; welches Erbteil wird in diesem Falle unser Kind erhalten, wenn Gott uns die Gnade gewährt, uns eines zu schenken?« »Und welches bessere Erbteil könnte es bekommen, als einen Namen, der auf Erden von zahlreichen Familien gesegnet wird, einen Namen, den die Väter voll Liebe gegen ihre Kinder aussprechen?« fragte Valentine mit einem unaussprechlichen Ausdrucke der Milde und beeilte sich dann hinzuzufügen: »Glaube mir mein Freund, wenn ich die Gewißheit hätte, daß das großartige Geschenk, das wir aus den Händen des Grafen empfingen, nicht aus einer Quelle stammte, welche die Rechte des Volkes verletzt, so würde ich nicht einen Augenblick zögern, es zu bewahren und es selbst zu vergrößern, um es unsern Kindern einst zu hinterlassen; aber –« »Was soll das heißen, Valentine? Vergißt Du denn, mit welcher Uneigennützigkeit, mit welchem Eifer, der Graf dahin gewirkt hat, uns zu retten? Geben ihm denn seine Güte, seine Großmut, der Adel seines Charakters, gar kein Recht auf Deine Dankbarkeit?« »Wie dem auch sein mag,« entgegnete Valentine, »das Gefühl der Dankbarkeit, welches ich für den Schutz empfinde, den er uns gewährte, hat nichts gemein mit meinem Verlangen, die Pracht mit der er uns umgab, von mir zu entfernen. »Mein guter Max, diese Pracht erschreckt mich; ich verdiene sie nicht und ich will sie nicht; laß uns daher mit der Armut teilen, und so die heiligste Vorschrift unserer Religion: die Barmherzigkeit erfüllen.« Maximilian beharrte nicht mehr auf seinem Willen und Valentine nährte die Hoffnung, die erhabene Leidenschaft, von der sie beherrscht wurde, befriedigen zu können. So wartete sie mit ängstlicher Sorge auf den Augenblick, wo die wunderbaren Reichtümer der Grotte Monte Christo dazu verwendet werden sollten, die Leiden der Armut zu verringern. Beschäftigen wir uns indessen ein wenig damit, zu erfahren, wer der Mann war, der Valentine und Max in dem Augenblicke zu belauern schien, als sie die Gondel betraten. Wir sahen ihn mit seinem Gehilfen verschwinden, nachdem sie einige Worte miteinander gewechselt hatten, deren letzte waren: »Ist die Schaluppe bereit? – Ja! – Dann schnell an Bord und fort in der Richtung nach der Giudecca.« Kaum waren Max und Valentine gelandet und hatten die Stufen der Treppe erstiegen, die zu ihrem Hotel führten, kaum hatte die Gondel sich von dem Portale des Gebäudes entfernt, als ein Boot, lang und schmal wie ein Kanot, von zwei Rudern getrieben, sich schnell der Gondel näherte, sie erreichte und zwei Männer in dieselbe hineinsprangen. Der venetianische Gondolier, welcher durch diese Enterung erschreckt war, stieß einen leisen Schrei der Ueberraschung aus, aber noch ehe er Zeit hatte, einen Entschluß zu fassen, fühlte er die kalte Klinge eines Dolches an seiner Kehle. »Still, oder Du bist des Todes!« rief der Angreifende. »Was wollen Sie von mir?« fragte der Gondolier, indem er wieder einigen Mut gewann. »Dein Glück machen.« »Das ist eine sonderbare Art, es anzubieten,« erwiderte der Gondolier, indem er mit verdutztem Wesen den Menschen betrachtete, der ihm das Glück auf der Spitze eines Dolches bringen wollte. »Wenn es, um glücklich zu sein, genügte, das Schweigen zu bewahren, so schwöre ich bei St. Marcus, daß acht wohlgezählte Tage lang dieser Mund sich nicht öffnen solle, nicht einmal, um zu sagen: Gott beschütze Dich!« »Bist Du verschwiegen?« fragte der Fremde. »Wie der Kanal von Orfano, der nach der Sage der alten Legenden niemals das Geheimnis der in ihn versenkten Leichen an die Oberfläche gelangen ließ,« antwortete der Venetianer. »Sehr gut!« fuhr der Fremde fort, indem er zwar die Spitze seines Dolches nicht zurückzog, indessen einige Silberstücke auf die Kissen der Gondel fallen ließ. Dann wendete er sich zu seinem Gefährten, der das Kanot befestigte, und sagte zu demselben in römischem Dialekt: »Rocca, dieser Mensch ist unser; befestige die Gondel an dem Kanot und rudere zur Jacht!« Dieser Befehl wurde vollzogen, und bald darauf durchschnitt die Gondel, von dem Kanot in das Schlepptau genommen, die Wogen des Kanals, indem sie sich jenem Viereck näherte, wo die Handelsfahrzeuge vor Anker lagen. Eine halbe Stunde darauf legten die beiden Fahrzeuge an einem jener leichten Zweimaster an, welche in dem Mittelmeere so zahlreich sind. Der venetianische Gondolier fühlte zwar, die Wahrheit zu gestehen, einige Besorgnis wegen dieses nächtlichen Abenteuers, das eben nicht unter sehr beruhigenden Anzeichen begann, aber er stieg dennoch entschlossen die Strickleiter hinauf, die an der Seite der Jacht herabhing, und sprang auf das Deck, gefolgt von den beiden Männern, die sich seiner bemächtigt hatten. Nachdem die Schildwache einen dieser beiden Männer mit allen Zeichen der größten Ehrfurcht begrüßt hatte, kehrte sie auf ihren Posten zurück und wartete auf fernere Befehle, ohne nur einen Blick auf den Gondolier zu richten. »Kamerad,« sagte der, welcher der Kapitän der Yacht zu sein schien, »ich werde Dich verhören und mache Dich im voraus darauf aufmerksam, daß Du Deine Lügen teuer bezahlen wirst, wenn Du in Deinen Antworten die Wahrheit verletzest. – Wer bist Du?« »Giacomo vom Lido, durch die Gnade des heil. Marcus und seit einigen Tagen der Privatgondolier des Herrn Morel.« »Was für eine Art von Mensch ist das? – Als sein Privatgondolier mußt Du es wissen.« »Ich weiß, daß er ein Franzose ist,« erwiderte der Gondolier, »und, wenn man dem glauben darf, was auf der Piazza alle Welt versichert, ein Franzose, der mehrere Millionen reich ist.« »Und hast Du Gründe, das zu glauben?« fragte der Kapitän. »Ich?« entgegnete der Gondolier. »Meiner Treu, nein! – Ich hörte nur, daß er große Reichtümer besitzt? aber an welchem Orte der Welt sie sich befinden, das weiß ich nicht.« »Wie wäre es möglich, dem Glauben zu schenken, was Du mir sagst?« unterbrach ihn der Kapitän. »Was wir von einer Unterredung am meisten behalten, sind in der Regel die Orte, die darin erwähnt werden.« »Aber wenn nun eben keine Orte bei den Worten genannt wurden, die ich hörte, was haben Sie dann darauf zu sagen, Signor?« entgegnete der Gondolier. »Ganz gut! Und was sind das für Worte, die Du gehörst hast? Wiederhole sie mir!« »Diesen Abend,« sagte der Gondolier, »habe ich Herrn Morel und seine Frau aus dem Lido hinausgefahren, und dabei hörte ich, was ich Ihnen erzählen will, ohne daß ich deshalb den Zorn des heiligen Marcus fürchte, denn es wurde mir nicht als ein Geheimnis anvertraut.« Der Gondolier begann hierauf die Erzählung alles dessen, was er Valentine über ihren Traum in der Grotte Monte Christo hatte sagen hören. Der Kapitän der Yacht verlor nicht ein einziges seiner Worte. Als Giacomo seinen Bericht beendigt hatte, lachte der Kapitän laut auf und sagte: »Das ist eine Geschichte aus Tausend und eine Nacht, die Du mir da erzählt hast! – Gleichviel! – Weißt Du, ob wirklich in dem Mittelländischen Meere die sogenannte Insel Monte Christo existiert?« »Ich bin nur sehr selten aus dem Adriatischen Meere fortgekommen und kenne bloß die vorzüglichsten Produkte des Mittelländischen Meeres,« erwiderte der Gondolier. »Alles was ich zu sagen vermag, ist, daß die Insel Monte Christo in den Handelsberichten nicht genannt wird.« Nachdem der Kapitän der Nacht einige Augenblicke nachgedacht hatte, gab er Befehl, die Lampe in der Kajüte anzuzünden, deutete mit der Hand gegen den Gondolier auf die Treppe und folgte demselben langsam. Man braucht eine Nacht nur ein einziges Mal gesehen zu haben, um sich einen deutlichen Begriff davon machen zu können, wie ihre Kajüte beschaffen ist, welche kaum genug Raum bietet, um einem Menschen freie Bewegung zu gestatten, und um zweien soviel Platz zu gewähren, daß sie miteinander sprechen können. Der Kapitän richtete auf den venetianischen Gondolier einen langen forschenden Blick, als wollte er in diesem durch den Wind der Lagunen verwitterten Gesichte lesen. Ohne Zweifel befriedigt durch seine Prüfung, setzte er sich dann, lehnte das Gesicht in die Hände und ließ darauf langsam und einzeln nacheinander, ohne auch nur einen Blick auf den Venetianer zu richten, die folgenden Worte fallen: »Ja! – Es ist wahr! – Es gibt auf der Insel Monte Christo einen ungeheuren Schatz, der dort durch die Barbaren verborgen wurde! – Dieser Schatz, der gegenwärtig unmittelbar niemand gehört, ist gleichwohl die Beute des ersten besten, der sich seiner bemächtigt. Ich kenne das Mittelländische Meer nur sehr wenig – aber wenn mir jemand die Richtung der Insel genau bezeichnen könnte, so schwöre ich bei dem Himmel, daß ich das Glück dieses Menschen machen würde.« »Ei, wie wäre es aber möglich, über die dort vorhandenen Reichtümer zu verfügen,« erwiderte der Gondolier, »wenn sie meinem Herrn gehören?« »Wer hat sie ihm gegeben?« fragte der Kapitän der Yacht. »Ich sagte Dir schon, daß sie ihm nicht mehr und nicht weniger gehören, als Dir, als mir, als jedem andern, der das Geheimnis entdecken würde, sie in dem Schöße der Erde aufzufinden. Wenn es einen wirklichen Herrn, einen wahren Eigentümer dieser Reichtümer gibt, – so sind es die Armen, das darfst Du mir glauben. Denn, woraus sind diese Schätze entsprungen, als aus dem Schweiße der Armen, verwandelt in Gold und Edelsteine in den Händen irgend eines hohen und mächtigen Herren der guten alten Zeiten , eines Herrn, der ebenso grausam und ebenso barbarisch wie geizig war! – Wenn Du ein Mann bist, wenn Du einen Geist besitzest, würdig der Seele, die Dich belebt, dann mußt Du glauben, daß der Schweiß der Armen zum Nutzen der Armen gereichen muß, eher als in die Kisten der Reichen zu fallen! Aber es sei davon nicht mehr die Rede. – Ich werde Dir ein Glas Lacrymä Christi vorsetzen lassen, um Dich für die Störung zu entschädigen, die ich Dir verursachte,« fügte der Kapitän mit dem Tone der Gleichgiltigkeit hinzu und schlug mit der Hand auf den Tisch, um jemand herbeizurufen. Einige Augenblicke darauf zündete der Gondolier, nachdem er mit Entzücken und dem Wesen eines Kenners ein Glas von dem köstlichen Tranke hinuntergeschlürft hatte, seine Pfeife an, fuhr sich mit den Fingern durch seinen langen, dichten Bart und warf auf seinen Gesellschafter einen gewissen Blick des Einverständnisses, den dieser nicht zu bemerken schien. »Ich kenne einige Burschen von dem Bando ,« sagte er dann. »Von welchem Bando?« »Nun, von dem Bando,« wiederholte der Gondolier, indem er auf verschmitzte Weise lächelte. »Wissen Sie denn nicht, was der Bando ist? Hörten Sie denn nie von dem Contrebando sprechen?« sagte er, indem er dieses Wort besonders betonte und den Körper ausdehnte wie eine Schildkröte, die ihren Kopf aus ihrem Panzer hervorstreckt. »Aha! – Ich fange an, Dich zu verstehen.« »Nun, meiner Treu, das wundert mich nicht! Die Sache ist klar genug. Man braucht kein Prophet zu sein, um sie zu erraten. Ich kenne einige Individuen, die ebensogut imstande sind, Ihnen die Höhe irgend eines geheimen Ankerplatzes im Mittelländischen Meere zu bezeichnen, wie ich Ihnen die verwickeltsten Punkte der Kanäle Venedigs angeben könnte.« »Was weiter?« »Weiter? – Diese Burschen kennen ohne Zweifel auch die Insel Monte Christo.« »Und dann?« »Nun, ich könnte mit ihnen reden.« »Sehr gut!« »Noch diese Nacht! – Aber – sie könnten gewisse Skrupel hegen – und dann werden Sie auch wohl wissen, daß das Menschen sind, die das Gold ebenso sehr lieben wie ein alter Abbé den vortrefflichen Wein.« »Daran soll es nicht liegen! Das ist das geringste.« »Nach einer solchen Antwort gibt es keine Schwierigkeit weiter,« entgegnete der Gondolier. »Was mich betrifft, so bin ich bereit, mich mit jenen zu verständigen und dann sogleich zu Ihnen zurückzukehren, um Ihnen mitzuteilen, was sie mir gesagt haben.« »Gut – eile, diesen Auftrag zu vollziehen und wenn Du nicht ganz wahnsinnig bist, so erinnere Dich daran, daß ich nicht nötig habe, Dir das Stillschweigen zu empfehlen.« Indem der Kapitän diese Worte sprach, machte er eine sehr bedeutungsvolle Bewegung, auf welche der Gondolier durch eine nicht minder bedeutungsvolle Bewegung antwortete, die sich so übersetzen ließ: »Ich verstehe Sie vollkommen.« Dann stand er auf, um sich zu entfernen. »Wie heißt Ihr Fahrzeug?« »Der Sturm,« erwiderte der Kapitän. »Beim heiligen Marcus, Sie haben da einen Namen von sehr schlechter Vorbedeutung für Ihr Schiff gewählt,« bemerkte der Gondolier, indem er grüßte und die Kajütentreppe hinaufstieg. Kaum war er in seine Gondel gesprungen und hatte das Weite erreicht, als der Kapitän der Yacht seinen Leutnant rief, ihm den Venetianer zeigte, der schon weit entfernt war, und ihm sagte: »Rocca Priori, daß morgen alles zur Abfahrt bei dem ersten Signal bereit ist! Dieser Mensch hat mir alles gesagt, was ich zu wissen wünschte. * XVIII. Die Contrebandiers. Kaum hatte der Gondolier Giacomo seine Gondel an den Stufen der Guidecca in der Nähe des Hotels, welches Maximilian Morel bewohnte, angelegt, als er mit einer Leichtigkeit, welche ihm Ehre machte, eine enge Gasse entlang lief, die neben dem Kanal hinführte, und an die Tür eines Häuschens klopfte, das nur aus einem einzigen Stockwerke bestand. » Madre de Dio !« rief im Innern eine weibliche Stimme, »wenn ich nicht den Schelm von Giacomo erwartete, so würde ich darauf wetten, daß es ein Besuch der Douane ist, die auf die Anzeige irgend eines Neidischen unsere Tür einstoßen will. – Bist Du es, Giacomo?« »Ja! ja! Oeffne! Schnell!« » Sapristi ! wie Du es eilig hast! Gleichwohl mußt Du Dich darein ergeben, zu warten; denn wenn Du herein willst, so mußt Du das mit mehr Artigkeit fordern. Uebrigens ziehen sich auch die Riegel der Tür schwer zurück, besonders für meine Hände, die nicht wie die Deinigen mit Pergament überzogen sind.« »Oh, laß uns nicht eine kostbare Zeit mit Kleinigkeiten verlieren!« rief Giacomo mit immer wachsender Ungeduld. »Ei, seht doch! – Der Herr kommt gewiß, um mir den Vorschlag zu machen, den Tag unserer Trauung in der alten Kathedrale von St. Marcus festzusetzen. – Sag, Giacomo, ist es nicht so?« »Du spottest – und dennoch fehlt nicht viel, so hast Du es richtig getroffen.« »Wirklich?« erwiderte das Mädchen mit einem spöttischen Gelächter, bei dem das ohnehin schon stark aufgeregte Herz des Gondoliers erbebte. »Nun!« rief er, »wirst Du die Tür öffnen? Ja oder nein!« »So! – Nun laß hören, was willst Du?« Die Tür öffnete sich, und Giacomo stand einem schönen Mädchen von 20 bis 22 Jahren gegenüber, dessen bis zu den Ellenbogen bloße Arme durch ihren Muskelbau die große Kraft der schönen Venetianerin verrieten. »Wo ist Dein Bruder Pietro?« »So, das ist also der gute Abend, den Du mir wünschest? – Mach mir das Vergnügen, Dich vor mir achtungsvoll zu verneigen und dann so schnell wie möglich wieder fortzugehen, denn ich will mich zu Bett legen. – Da soll man auch noch seine Zeit verlieren, ein solches Ungeheuer zu erwarten!« »Du hast keinen Grund so zu sprechen, meine gute Rosina! Wenn Du wüßtest, um was es sich handelt, so würdest Du Dich nicht darüber wundern, daß ich vergaß, Dir einen guten Abend zu wünschen.« »Wirklich? Der Signor bildet sich ohne Zweifel ein, er sei in einer jener verrufenen Schenken, wo man noch ein Gläschen zu bekommt! Man muß gestehen, daß Du nichts bist und nie etwas anderes sein wirst als ein großer Taugenichts.« »Rosina!« rief Giacomo, als er sah, daß sie einen Zipfel ihrer Schürze an die Augen drückte, um ihre Tränen zu trocknen, »sei doch nicht so eifersüchtig, denn ich schwöre Dir, daß Dein Giacomo das nicht verdient! – Willst Du wissen, warum ich gleich nach Deinem Bruder gefragt habe? Nun sage, willst Du es wissen?« »Nein, ich will nichts wissen! – Ich will nur eines – daß Du mich sogleich verläßt!« »Aber so höre mich doch; sei doch nicht so! Ich fragte Dich zuerst, wo Pietro ist, weil –« »Ich habe Ihnen schon gesagt, Signor Giacomo,« rief Rosina, indem sie sich hastig neben einen Tisch, auf dem ein Krug und ein Glas standen, auf einen Stuhl warf, »ich will nichts wissen – durchaus gar nichts! – Verstehen Sie mich?« »Ach, was ist doch die Eifersucht für eine böse Sache!« »Die Eifersucht!« entgegnete sie, indem sie aufstand und mit dem Ausdrucke der höchsten Geringschätzung die Hände auf die Hüften stemmte. »Die Eifersucht! – Haben Sie denn den Kopf verloren? Um auf Sie eifersüchtig zu sein, müßte ich erst in Sie verliebt sein, aber davon will ich durchaus gar nichts wissen.« »Wie, Du, ein verständiges Mädchen kannst solche Gedanken hegen? – Nun komm, laß uns wieder gut Freund sein, und ich will Dir erzählen, was mir den Kopf so verdreht hat, daß ich darüber vergaß, Dich gleich bei meinem Eintritt zu umarmen!« »Mich umarmen! – Das möchte ich doch wohl sehen!« sagte Rosina, indem sie wieder laut auflachte. »Sie müssen ein für allemal wissen, Signor Giacomo, daß meine Küsse nicht für Leute Ihrer Art sind.« »Nun, das ist allzuviel Bescheidenheit.« »Und Du bist allzu keck. Sieh Dich vor, daß Du mich nicht zum Aeußersten bringst, sonst werfe ich Feuer in das Pulver! – Wäge daher Deine Worte wohl ab, denn Du kennst Rosina!« Giacomo sah wohl ein, daß das Gespräch einen Ton angenommen hatte, der nicht zu seinem Vorteil gereichen konnte, und faßte den klügsten Entschluß, den, zu schweigen. Er begnügte sich daher, seiner hübschen Gegnerin nur durch ein Lächeln zu antworten, welches er so zärtlich wie möglich zu machen suchte und setzte sich dann, um seine Pfeife zu stopfen. Als dies geschehen war, zündete er sie an einer alten Kupferlampe an, aber in eben dem Augenblicke zog Rosina die Lampe zu sich und machte den Docht zurück, indem es schien, als wollte sie ihn putzen; das alles tat sie mit einer verzweiflungsvollen Langsamkeit, einer Langsamkeit, über die ein Heiliger hätte in Verzweiflung geraten können, geschweige denn ein ungeduldiger Gondolier. Dies Benehmen verfehlte gleichwohl seinen Zweck; Giacomo sagte kein Wort, er legte indes die Pfeife auf den Tisch und stand auf wie ein Mensch, der entschlossen ist, eine Sache zu ertragen, ohne darüber ärgerlich zu werden. »Der Teufel,« sagte er, indem er im Zimmer umherging, »ich hatte sehr darauf gehofft, Pietro zu treffen. Die Sache erfordert Eile – jede Verzögerung ist sehr unangenehm – und das Geschäft läßt sich durchaus nicht verachten. Nun, ich muß warten! – Pietro wird doch wohl bald zurückkehren.« Indem Giacomo so sprach, näherte er sich wieder dem Tisch, nahm das Glas in die Hand und streckte die andere nach dem Kruge aus, aber Rosina tat in eben diesem Augenblick, als wäre sie sehr zerstreut, drückte mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers auf die eine Seite des Tisches, so daß dieser aufkippte, der Krug umschlug und der Wein aus demselben herauslief. Giacomo setzte augenblicklich das Glas nieder auf den Tisch, begnügte sich, mit der Zunge zu schnalzen, und wendete Rosina den Rücken. Die Geduld und die Ergebung, mit welcher der arme Gondolier die interessanten Bosheiten seiner hübschen Tyrannin erduldete, trugen viel dazu bei, um über die böse Laune des Mädchens zu triumphieren. Sie war es, welche zuerst das Stillschweigen brach. »Also,« sagte Rosina, »ist Signor Giacomo, der Gondolier des Rialto, geneigt, die Nacht hier bei mir zuzubringen?« »Da Du nicht gewöhnt bist, eher schlafen zu gehen, ehe Dein Bruder nach Hause kommt, glaube ich Dir nicht im Wege zu sein.« »Aber wenn nun mein Bruder diese Nacht nicht nach Hause kommen sollte?« »Ach, das wäre ein großes Unglück, Rosina,« entgegnete Giacomo, »ich muß durchaus mit ihm sprechen, und zwar noch heute.« »Was geht denn mich das an? – Indes gleichviel, ich würde nicht bös sein, zu erfahren, um was es sich handelt.« »Bilde Dir einmal ein, man hätte einen verzauberten Schatz entdeckt – auf einer Insel, die nur Dein Bruder allein aufzufinden vermag!« »Ei, es handelt sich also um Wundergeschichten? Um Erzählungen zum Einschläfern? Mach, daß Du fortkommst, mein Freund. Die Milchzähne sind mir schon ausgefallen. Bei mir haben die Ammen keine gute Zeit.« »Rosina,« sagte Giacomo, indem er sie mit dem ernsthaftesten Blicke von der Welt ansah, »ich bin kein Kind, das man durch Ammenmärchen unterhalten kann. Ich weiß, was ich sage, und ich denke ebensogut, ebenso verständig wie der Klügste!« »Ei ja – das wissen wir; Du bist immer so eine Art von Superklug gewesen,« entgegnete Rosina mit lautem Gelächter. Giacomo errötete vor Unwillen, ließ sich indessen nicht irre machen. »Lache, scherze, verspotte mich, soviel Du willst,« sagte er, »aber glaube mir, Rosina. Vor einem Jahre habe ich Dir die Ehe versprochen, und seitdem ist nicht ein einziger Augenblick vergangen, ohne daß ich daran dachte, wie ich reich werden soll.« »Ei, seht doch!« unterbrach ihn Rosina mit dem unbefangensten Wesen von der Welt, »wie kommt es denn, daß Du, der Du doch so klug sein willst, noch nicht das Mittel ausfindig gemacht hast, reich zu werden?« »O, wenn unser heiliger Schutzpatron mir nicht die beispiellose Geduld verliehen hätte, von Dir alles zu ertragen – dann hätte ich schon irgend eine Torheit begangen, nur um Dich zum Schweigen zu bringen! – Aber,« fuhr Giacomo fort, indem er einen tiefen Seufzer ausstieß, »das Glück, welches man uns unter der Gestalt eines Weibes mit einer Binde über den Augen darstellt, erscheint mir in der Gestalt eines schönen Vogels mit goldigem Gefieder, der stets vor den Armen herflattert, ohne daß sie ihn jemals auch nur mit einer Fingerspitze erreichen können. Aber diesmal habe ich ihn gefaßt! Ich bin so überzeugt davon, den Vogel in der Hand zu halten, als es wahr ist, daß der geflügelte Löwe zu den Füßen des heiligen Marcus liegt.« Das Wesen der Ueberzeugung, mit welchem der Gondolier diesen Satz sprach, reizte lebhaft die Neugier der schönen Rosina, welche sonst ihre geringste Sünde war. Deshalb richtete sie ihre schwarzen Augen auf das ausdrucksvolle Gesicht Giacomos, und indem sie jedes ihrer Worte mit dem liebenswürdigsten Lächeln begleitete, sagte sie: »Du wirst gewiß Durst haben, Giacomo? Schon längst hätte ich Dir ein Glas Wein vorsetzen sollen, weil jetzt nichts mehr in dem Kruge ist – aber das bleibt sich gleich. Die Zögerung wird Deinen Durst nur gesteigert haben, und folglich wird das Vergnügen, ihn zu stillen, um so größer sein.« Indem die liebenswürdige Rosina so sprach, öffnete sie einen Wandschrank und nahm daraus eine Flasche mit Wein, die sie dem Gondolier reichte. »Nun, das lasse ich mir gefallen,« sagte Giacomo. »Auf Deine Gesundheit, meine Rosina! Ein andermal sei nicht so boshaft!« »Boshaft! Ich!« entgegnete sie mit erzwungener Gutmütigkeit. »Boshaft! Das ist Deine ewige Beschuldigung! – Aber lassen wir das und plaudern wir miteinander. Sagtest Du nicht, daß das Glück, der Vogel mit dem schönen, reichen Gefieder, Dich beständig fliehend, vor Dir herflattert?« »Ich sagte Dir, daß ich den Vogel in der Hand halte,« entgegnete rasch der Gondolier, indem er sich an die Seite Rosinas setzte und seinen kräftigen Arm um die schlanke Taille der liebenswürdigen Tochter des Lido legte. »Wieso denn das?« fragte sie. »Ich bin aufgefordert, einen ungeheueren Schatz aufsuchen zu helfen, der auf einer von den Inseln des Mittelländischen Meeres verborgen liegt.« Rosina runzelte die Stirn und machte eine Bewegung des Zweifels. »Auf welcher Insel?« fragte sie. »Wenn ich Dir das Geheimnis mitteile, wirst Du es dann unverletzt bewahren?« »Eine schöne Frage!« »Verzeihung, meine Rosina; aber, siehst Du wohl, ich habe oft sagen hören – und das ist eine so allgemein verbreitete Meinung: ein Geheimnis in dem Munde eines Weibes ist Kork auf dem Meere.« »Ei, sieh einmal! – Das ist sehr geistreich gesagt!« meinte Rosina, indem sie sich von dem Gondolier einen Kuß rauben ließ. »Nun, trink doch noch einen Schluck – man sollte wahrlich glauben, mein Wein schmeckte Dir nicht.« »Es ist mit Deinem Wein gerade wie mit Dir!« sagte Giacomo, indem er ein Glas auf einen Zug leerte und dann seiner Geliebten einen zweiten Kuß raubte. »Also ist die Insel weit von hier entfernt?« »Es ist die Insel Monte Christo,« sagte der Gondolier. »Was sagst Du?« rief Rosina und machte eine Bewegung, um aufzustehen. »Kennst Du denn die Insel?« fragte Giacomo voll Besorgnis. »Ich! Nicht im geringsten von der Welt! – Aber der Name klang mir so hübsch – wiederhole ihn mir doch O noch einmal.« »Monte Christo!« wiederholte der Gondolier. »Monte Christo! Sag einmal, Giacomo, zu welchem Lande gehört denn die Insel?« »Meiner Treu, davon weiß ich nichts; aber soviel ist gewiß, daß sie einen großen Schatz enthält, der den Armen gehört, weil er aus dem Schweiße der Armen entsprungen ist. Du siehst also wohl, da wir Anspruch auf einen Teil von diesen Reichtümern haben, denn wir sind sehr weit davon entfernt, im Wohlstand zu schwimmen – und haben wir unseren Anteil dann in den Händen, meine Rosina, nun – dann ist hier ganz in der Nähe die alte Kathedrale des heiligen Marcus, die uns ihre Arme entgegenstreckt! Für den Augenblick erwarte ich nur noch Deinen Bruder Pietro, der mir sagt, wo die Insel liegt; denn nur er kennt das Mittelländische Meer ebensogut, wie ich den Lido kenne.« »Pietro kehrt diese Nacht nicht nach Haus zurück,« sagte Rosina nach einem Augenblick des Schweigens. »Weshalb denn nicht? – Oho – es ist also wohl dort etwas Großes los?« »Das ist wahr. Es handelt sich um eine Ladung guten Cyper- und Constanzia-Weines für den Grafen Gradenigo, der nächstens die Ankunft eines seiner Freunde durch einen Ball feiern will.« »Der Teufel hole den Ball und den Freund des Grafen Gradenigo!« rief der Gondolier, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. Rosina warf ihm einen zornigen Seitenblick zu, als wollte sie ihm seine Heftigkeit zum Vorwurf machen, und entfernte sich dann, indem sie eine Volksmelodie trällerte. Giacomo blieb schweigend sitzen, die Arme auf den Tisch gestützt und den Kopf auf die Brust herabgesenkt; er schien nachzudenken, auf welche Weise er ein Auskunftsmittel für die Abwesenheit Pietros finden könnte. »Giacomo,« sagte Rosina, indem sie den Zeigefinger gegen ihn erhob, als wollte sie ihn zum Schweigen auffordern, und die langsamen, abgemessenen Schläge der Uhr der Kathedrale zählend, welche Mitternacht verkündete, »Dein Besuch darf heute nicht länger dauern. Es ist Mitternacht, und ich muß mit der Sonne aufstehen.« »Es ist also wirklich wahr, daß Dein Bruder Pietro heute nicht zurückkehrt?« » Santa Madre de Dio ! vielleicht auch morgen noch nicht und um so weniger heute.« »Das genügt,« sagte der Gondolier, indem er sich mit der Hand über die Stirn fuhr. »In diesem Falle ziehe ich mich zurück. Gute Nacht, meine Rosina, und erinnere Dich an das, was Dir Dein Giacomo gesagt hat: Der Tag zu unserer Hochzeit ist bereits festgesetzt!« Rosina antwortete durch eine anmutige und liebevolle Bewegung auf diese Erklärung Giacomos und schloß, sobald er zum Hause hinaus war, gewissenhaft hinter ihm die Tür, aufmerksam auf das Geräusch seiner Schritte lauschend, um sich zu überzeugen, daß er sich auch wirklich entfernte. Als sie dann versichert war, daß er schon weit fort sei, eilte die hübsche Venetianerin zu der Tür eines Gemaches im Hintergrunde des Hauses, klopfte an und rief mehrmals: »Pietro! Pietro!« »Was gibt es?« fragte die rauhe Stimme eines Mannes, der gähnte, um sich die Kinnbacken zu sprengen, als wäre er ganz in Schlaf versunken. »Steh auf, mein teurer Pietro,« sagte das Mädchen, »denn ich glaube, es ist der Augenblick gekommen, unserm Beschützer nützlich zu sein.« Rosina wiederholte diese Worte zwei- oder dreimal, bis ihr Bruder den Sinn derselben deutlich verstand, endlich aus dem Bette sprang, sich in eine Decke hüllte und Rosina entgegentrat. Pietro war ein Bursche von 24 bis 25 Jahren und von mittlerem Wuchs; übrigens hatte er ein braunes, ausdrucksvolles Gesicht, ein entschlossenes Wesen, und seine ganze Erscheinung verriet zugleich Sanftmut und Tatkräftigkeit, wie dies bei allen Söhnen Italiens der Fall zu sein pflegt. »Nun, was willst Du denn eigentlich sagen, Rosina?« fragte er, indem er sich noch immer die Augen rieb. »Pietro,« entgegnete Rosina, »ehe unser Vater starb, verlangte er von uns das eidliche Versprechen, den Mann zu ehren und zu achten, der unsern Weinhandel beschützte.« »Ja; – und was weiter?« »Die Insel Monte Christo, auf der er gewöhnlich seine Ladungen einnahm, war, wie Du weißt, das Eigentum Sindbads des Seemanns , und alle Kontrebandierer haben diesem Manne eine ewige Ergebenheit gelobt. – Nun weißt Du auch, daß Sindbad, der Seemann, auf jener Insel einen unterirdischen Palast hat, den unser Vater, wie er uns versicherte, selbst gesehen hat, und daß in diesem Palaste große Reichtümer aufgehäuft sind.« »Ja, sehr oft habe ich meine Kameraden von diesem Wunder sprechen hören, obgleich ich selbst es für Betrug halte, wenn ich an dem Ufer sitzend die nackten, unfruchtbaren, steilen Felsen betrachte, die auf dem Mittelpunkte der Insel emporragen.« »Denke davon, was Du willst, Pietro,« erwiderte Rosina. »Die Sache ist, daß in diesem Augenblick jemand darauf sinnt, den Palast zu plündern.« »Das ist etwas anderes – nur gibt es dabei einen kleinen Uebelstand – nämlich, daß der, welcher hineindringen will, ein gewisses Geheimnis kennen muß.« »Geheimnis oder nicht – ich fühle mich dadurch nicht beruhigt, sondern fürchte etwas! Giacomo war hier, eben erst, und er sprach zu mir auf eine solche Weise, daß ich glauben muß, es hat sich eine Bande von Flibustiern gebildet, um die Insel auszuplündern. Glaube mir, Pietro, es würde nicht übel sein, sich mit irgend jemand zu verständigen, um darüber zu beraten, was zu tun ist, denn wir haben geschworen, den Vorteil Sindbads des Seemanns zu wahren, wie er den unsrigen gewahrt hat! – Giacomo fragte nach Dir, und ich sagte ihm, Du wärest mit einer Weinsendung für den Grafen Gradenigo beschäftigt.« »Die Sache ist glücklicherweise schon abgemacht,« erwiderte Pietro, »bleibe ganz ruhig, Rosina; morgen wollen wir sehen, was zu tun ist, um den Raub zu verhindern, den man Deiner Meinung nach an dem unterirdischen Palaste der Insel Monte Christo auszuführen beabsichtigt.« »Ach,« flüsterte Rosina einige Minuten darauf, indem sie sich zu Bett legte, »ich büße dadurch vielleicht mein Glück ein, aber ich bleibe treu dem Versprechen, das wir alle geleistet haben, den Vorteil dessen zu wahren, der nicht nur den unsrigen unterstützte, sondern auch unsere Leute beschützte.« Am nächsten Morgen verrichtete Pietro ein kurzes Gebet vor dem Altare seines Schutzheiligen in der Kathedrale von St. Marcus, schritt dann über die Piazza und ging dem Quai zu, indem er sich nach allen Seiten umsah, wie jemand, der in der umgebenden Menge irgend einen Menschen zu entdecken bemüht ist. Einige Minuten, nachdem sein Blick den lebendigen Strom, der auf dem Quai hin und her flutete, durchdrungen hatte, bemerkte Pietro den Gondolier Giacomo, der damit beschäftigt zu sein schien, seine Gondel an dem Eisenring zu befestigen, der in den Steinen eingelassen war. Er eilte auf ihn zu. »Holla, Giacomo!« rief er. »Ei, sieh! – Du bist es, Pietro? In dieser Stunde hier? Wie kommt denn das?« »Ich bin soeben angelangt.« »Ich glaubte, Du wärest noch mit der Weinsendung für den Grafen Gradenigo beschäftigt,« sagte Giacomo mit leiser Stimme, indem er die Kette seiner Gondel vollends befestigte und sich dann zu seinem Freunde umwendete. »Ich bin schneller damit fertig geworden, als ich dachte.« »Vortrefflich, Pietro, denn ich habe Dir ein anderes Geschäft vorzuschlagen.« »Das sagte mir Rosina und deshalb bin ich sogleich hergeeilt, weil ich überzeugt war, Du würdest nirgend anders zu finden sein als hier auf dem Quai.« Indem Pietro und Giacomo so miteinander sprachen, entfernten sie sich von der Menge und näherten sich allmählich der Riesentreppe, welche in diesem Augenblicke noch ganz öde war, so früh war es noch am Tage. »Nun, was ist das für ein Geschäft?« »Ein ganz einfaches. Ich bin beauftragt, ein kleines Fahrzeug von hier nach dem Mittelländischen Meere auf eine Insel zu leiten, die Monte Christo heißt. Ich bin zwar nicht ohne Kenntnis des Mittelländischen Meeres, wie Du weißt, aber ich kenne doch die Lage dieser Insel nicht, und dabei ist eben nichts zu verwundern, denn ich glaube, daß sie sehr selten besucht wird.« »Erst vor kurzer Zeit bin ich dort gewesen, um einige Fässer Malaga an Bord zu nehmen, die ich hierher nach Venedig brachte,« entgegnete Pietro hastig. »Freilich, freilich,« erwiderte der Gondolier, »ich weiß, daß die Söhne des Bando diese Insel kennen, wie ich meine Finger. Du würdest deshalb sehr liebenswürdig sein, wenn Du mir den einzuschlagenden Weg und die Höhe der Insel beschreiben wolltest.« »Weiter nichts?« sagte Pietro, indem er spöttisch lachte. »Denke nur daran, Pietro, daß das keineswegs eine bloße Geschichte von Worten ist, eine Windbeutelei –« »Sie trägt also Geld ein?« »Das ist so gewiß, wie St. Marcus nie etwas von den Türken wissen wollte, solange Venedig Venedig war. Willst Du mich heute an einen gewissen Ort begleiten, so wirst Du den Beweis für die Wahrheit dessen empfangen, was ich Dir sage.« »Ich bin dazu bereit.« »Nun gut – dann werde ich Dich nach dem angelus in meiner Gondel erwarten, am Landungsplatze des Kanals Orfano.« »Der Teufel! Was gibt es? Du hast da einen sehr schlechten Gedanken gehabt.« »Weshalb?« »Weil mir bei dem Namen des Kanals Orfano allerhand finstere Dinge in den Kopf kommen, so daß ich zittern muß.« »Du scherzest ohne Zweifel? Bist Du etwa zufällig ein Geisterseher?« »Nein – und der Beweis ist, daß Du auf mich zählen darfst! Ich werde mich pünktlich einstellen.« »Auf Wiedersehen denn!« »Gott nehme Dich in seinen heiligen und würdigen Schutz, Giacomo!« Pietro und Giacomo tauschten, ehe sie sich trennten, einen Händedruck und verloren sich dann bald unter der Menge. Beinahe augenblicklich trat hinter einem Pfeiler, der in geringer Entfernung stand, ein Mann hervor. Dieser Mann hatte keine Bewegung, keine Miene der beiden Venetianer verloren, solange ihre Unterhaltung dauerte. Er eilte dem Gondolier nach und berührte dessen Schulter. »Ha!« rief der Gondolier, indem er sich lebhaft umwendete, »Sie hier?« »Ja, ich, und das darf nicht überraschen, denn ich bin immer da, wo ich sein soll, oder mit andern Worten, ich bin überall und sehe alles.« » Dio! « rief der Gondolier, »soviel erwartete ich nicht von einem einfachen Kapitän einer Yacht.« »Das kommt daher, weil Du ohne Zweifel vergessen hast, daß die Yacht der Sturm heißt, und weil Du nicht weißt, daß ihr Kapitän der Wille Gottes ist!« Der Gondolier sah voll Staunen den Mann an, dessen Worte ihm immer sonderbarer erschienen. »Betrachte mich nicht so verdutzt, Giacomo. – Ja, seitdem Du mein Fahrzeug verließest, hat mein Blick nicht aufgehört, Dir überallhin zu folgen, wohin Du gingst. Ich beobachtete Dich, während Du schliefst, und sah, daß Du durch einen köstlichen Traum entzückt warst, durch den Traum an die Schätze, die auf der Insel Monte Christo verborgen liegen!« »Das ist wahr, Signor, das ist wahr! Obgleich ich nicht neidisch bin, gestehe ich doch, daß ich nicht böse sein würde, diesen Schatz in der Nähe zu sehen!« »Sehr gut!« »Ich habe schon ein Mittel ausfindig gemacht, um den Weg dahin und die Höhe der Insel kennen zu lernen.« »Du sollst ihn sehen!« »Diesen Abend, wenn das angelus von der Kathedrale des heiligen Marcus ertönt, erwarten Sie mich an Bord des Sturmes.« * XIX. Schrecken. Die Familie Gradenigo war eine der ältesten und edelsten Familien Venedigs. Ihr Glanz rührte aus den Zeiten Falieros her, jenes Dogen, der ebenso weise und verständig wie unglücklich war! Alle Häupter dieser Familie, deren Wappenschilder an Alter und Ruhm mit den ältesten und berühmtesten wetteiferten, hatten nacheinander in dem Senate einen hohen Platz eingenommen. Es gab darunter selbst einige, welche, wenn sie auch die Mütze des Dogen nicht erlangten, doch unter den Mitbewerbern um dieses Zeichen einer Würde waren, welche darin bestand, in einem einzigen Manne die erhabene und imposante Gestalt der Republik zu symbolisieren. Die Gradenigos waren noch mit einem gewissen Heiligenscheine des Ruhmes selbst zu der Zeit umgeben, in welcher dieser Roman sich zuträgt, obgleich der Charakter Venedigs das Ansehen vollkommen verändert hatte, und obgleich auch in dieser Stadt, die durch ihre historische Vergangenheit berühmt war, der Adel des Verdienstes höher als der der Geburt anerkannt wurde, wie dies jetzt überall der Fall ist. Die Gradenigos besaßen daher noch zum Teil vielleicht bloß durch Gewohnheit, die Achtung, die ehedem ihrem Wappenschilde gezollt wurde. Die Pracht seines Palastes, der Glanz, mit dem er sich zu umgeben liebte, der Prunk seines öffentlichen Lebens, sein stolzes, aber höfliches Wesen, alles trug dazu bei, den Signor Gradenigo mit jener Ehrerbietung zu behandeln, welche in der höhern Gesellschaft dem Manne gewährt wird, dessen Wiege von glorreichen Erinnerungen umgeben ist. Wenn die schönen geschnitzten Säulen im Palaste Gradenigo die Myriaden von Lichtern widerspiegelten, welche von den Alabasterlampen verbreitet wurden, wenn Blumengewinde die Treppen und die Galerien schmückten, wenn ein ausgewähltes Orchester seine Harmonien unter den hohen Gewölben ertönen ließ, dann fand niemand ein größeres Vergnügen daran, als der Signor Gradenigo, seine Säle zu betrachten, die mit der Elite der venetianischen Gesellschaft angefüllt waren, deren Aristokratie hierher eilte, das Lächeln auf den Lippen und sich glücklich schätzend, dem Vergnügen reichlich huldigen zu können, ehe sie sich dem Schlafe überließ. Jetzt eben handelte es sich um die Vorbereitungen zu einer dieser glänzenden Versammlungen in dem Palaste Gradenigo. Die Schnelligkeit, mit der diese Vorbereitungen getroffen wurden, die Ordnung und die Leichtigkeit, die bei ihrer Ausführung walteten, deuteten hinlänglich an, daß diese Abendgesellschaften nichts Neues waren, und daß die, welcher die jetzigen Vorbereitungen galten, nahe sei. Der Graf Gradenigo wollte in der Tat einen Ball geben. Weshalb? Es mangelte nicht an Vermutungen darüber, aber die im allgemeinsten verbreitete Meinung war, der Graf beabsichtigte dadurch die Ankunft eines Freundes zu feiern, den er in hohem Grade achtete. Die Einladungen waren erlassen, und die venetianische Welt – das heißt die, welche dergleichen Bälle besucht – wartete voll Ungeduld auf den versprochenen Abend. Wer war denn der hohe und mächtige Mann von so großer Wichtigkeit, daß der Signor Gradenigo sich für verpflichtet hielt, ihm einen so glänzenden Empfang zu widmen? Einen Empfang, der in den Annalen der eleganten Welt Aufsehen machen und nicht minder glänzende Erinnerungen zurücklassen mußte, wie ein wichtiges Ereignis der Politik. Max, der von Frankreich einige Empfehlungsbriefe an den Grafen Gradenigo mitgebracht hatte, war in dessen nähern Umgang gezogen worden und befand sich folglich unter den zu dem Feste Eingeladenen. Valentine war, wie wir sehen konnten, weit entfernt, der Mehrzahl jener reichen und eitlen Frauen zu gleichen, für welche Armut und Elend Mythen sind, deren Herz nie bei dem Gedanken an das Unglück klopfte, und sie sah daher auch diese Nacht prunkvoller Vergnügungen mit vollkommener Gleichgültigkeit heranrücken. Indes konnte sie sich nicht davon frei machen, in den Salons des Palastes Gradenigo zu erscheinen, und Max, der sich über die Zerstreuung glücklich fühlte, welche seine Gattin auf diesem Balle finden konnte, hoffte bei ihr die Absicht sich schwächen zu sehen, die berühmte Grotte der Insel Monte Christo zu vernichten. Die Woche vor der, in welcher der Ball des Signor Gradenigo stattfinden sollte, genügten einige einfache Worte, um die geistige Aufregung Valentines neu zu beleben. Eines Morgens erschien bei ihr eine Tochter des Volkes und bat um die Gunst, einige Augenblicke mit ihr sprechen zu dürfen. Maximilians Gattin erteilte sogleich den Befehl, das junge Mädchen hereinzulassen, und sie trat ihr selbst entgegen, da sie fürchtete, sie möchte durch den Luxus und den Reichtum der Gemächer eingeschüchtert werden. Es würde schwer sein, den Ausdruck der Güte zu schildern, der bei dieser Gelegenheit über dem holden Gesichts Valentines verbreitet war. Kaum trat sie ein, als das junge Mädchen den Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, oder vielmehr die Mantille, welche sie vom Kopf bis zu den Füßen einhüllte, zurückwarf und vor ihr niederkniete. »Aus Barmherzigkeit, Signora,« rief sie, »erbarmen Sie sich meiner; stehen Sie mir bei, denn ich bin verloren!« Valentine gab dem Bedienten, der die Unbekannte hereingeführt hatte, ein Zeichen, sich zu entfernen. Er gehorchte und Maximilians Gattin, welche mit schmerzlichem Staunen den Ausdruck bittern Kummers bemerkte, der auf dem Gesichte des jungen Mädchens lagerte, beeilte sich, ihr zu sagen: »Was sagen Sie? Wer sind Sie? – Stehen Sie auf, meine Tochter: nur vor dem Bilde der heiligen Jungfrau dürfen Sie so niederknien und nur von ihr auf eine so demütige Weise Schutz erflehen.« »Ach, wie gut Sie sind, Signora – man hat mich nicht getäuscht, als man Ihre wohlwollende Güte und Ihre Sanftmut rühmte,« antwortete das junge Mädchen, indem es aufstand und Valentine die Hände küßte. »Erklären Sie sich, mein Kind. – Dieser Zustand der Verwirrung, in dem ich Sie erblicke, betrübt mich. Ihre Tränen, die Trauer, die Sie tragen, verkünden mir ohne Zweifel, daß Sie Ihren Vater oder Ihre Mutter verloren haben; daß Sie in der Blüte der Jugend eine Waise sind,« fügte Valentine hinzu, indem sie einen Seufzer ausstieß, der wahrhaft aus der Seele kam. »Ja, Signora, es ist unglücklicherweise nur zu wahr, daß ich eine Waise bin, eine vater- und mutterlose Waise, und zwar seit ungefähr sechs Monaten. Indes ist es nicht dieses Unglück, welches mich zwingt, Ihren Schutz anzuflehen!« »Sprechen Sie!« »Ich hatte einen Bruder,« sagte das junge Mädchen, »einen Bruder, welcher meine einzige Stütze, mein einziger Schutz in dieser Welt war; und dieser Bruder – ach ich fürchte, daß er als Opfer eines abscheulichen Verrates gefallen ist! – Und nun bin ich ganz allein – ohne irgend jemand, der mir beisteht.« »Jesus, mein Kind, was sagen Sie mir da? – Und was ist denn Ihrem Bruder begegnet? – Welche Art des Schutzes soll ich Ihnen gewähren? – Sprechen Sie, und gleich jetzt übernehme ich die Verpflichtung, daß alles, was Sie von mir verlangen werden –« »Ja, Signora,« unterbrach sie das junge Mädchen, »ja, ich will sprechen – ich will Ihnen alles sagen – alles – auch das, was ich von Ihnen erbitte. »Ich heiße Rosa, aber ich bin in der Nachbarschaft der Giudecca und auf dem Rialto allgemein unter dem Namen Rosina bekannt,« sagte die Schwester Pietros, welche, nachdem sie einen flüchtigen, doch forschenden Blick rings um sich her geworfen hatte, also fortfuhr: »Mein Vater war Gondolier, und mein Bruder Pietro hat das Geschäft und die Gondel meines Vaters geerbt, wie dieser beides von meinem Großvater erbte. – Vor vier Tagen kam in unser Haus der Gondolier Giacomo. – Ach, Sie wissen nicht, wer dieser Giacomo ist? – Es ist gerade der Gondolier, der im Dienste Ihres Gemahls steht! – Dieser Giacomo nun hatte, wenn ich dem glauben darf, was er mir sagte, geheimnisvolle Verbindungen mit einer Bande von Missetätern, und er wollte, mein Bruder sollte ihm bezeichnen, wo eine gewisse nicht sehr bekannte und unbewohnte Insel liegt, auf welcher sich, wie Giacomo behauptete, ein ungeheuerer, aber verborgener Schatz befinden soll. – Diese Insel heißt Monte Christo,« fuhr Rosina fort, ohne die Unruhe Valentines zu bemerken, die eben in dem Grade zunahm, in welchem Rosina weitererzählte. »Die Insel Monte Christo gehört nun aber einem Manne, dem meine Familie ewige Dankbarkeit schuldig ist, und deshalb wollte ich nicht, daß mein Bruder Pietro sogleich mit Giacomo sprechen sollte. Was nützte mir das? Pietro hat doch mit ihm gesprochen, obgleich er fest entschlossen war, dessen schlechte Absichten scheitern zu machen. Er ließ ihn daher glauben, daß er ihm die Lage der Insel beschreiben würde. Alles ging bis dahin gut, aber vorgestern,« fuhr Rosina fort, die jetzt in heftiges Schluchzen ausbrach, »empfing ich von meinem armen Pietro einen Brief, dessen Inhalt Sie lesen können.« Bei diesen Worten zog Rosina aus ihrer Tasche ein Papier und überreichte es Valentine. Diese sammelte alle ihre Kräfte, um zu entziffern, was das Papier enthielt. Sie öffnete es und las folgendes: »Meine teure Schwester! »Ich bin das Opfer eines Verrats geworden, den Giacomo, der Gondolier, angezettelt hat. Ich bin als Gefangener an Bord des Sturmes zurückgehalten, eines unbekannten Fahrzeuges, dessen Kapitän mich zwingt, ihn nach der Insel Monte Christo zu führen, wo ohne Zweifel ein großer Raub begangen werden soll. Ich kann Dir nicht mehr sagen. – Eile, die Herrschaft Giacomos zu benachrichtigen, und laß ihn durch die Gerechtigkeit verhaften. Dein unglücklicher Bruder Pietro.« Valentine stieß einen durchdringenden Schrei aus, als sie die Durchlesung dieses Briefes beendete, und Rosina beeilte sich, ihr Hilfe zu leisten, indem sie die Arme ausstreckte, um sie aufzufangen, obgleich sie nicht wußte, welcher Ursache sie diesen Schrei der Verzweiflung zuschreiben sollte. »Was ist Ihnen, Signora?« rief sie, indem sie mit lebhafter Besorgnis die Todesblässe bemerkte, welche die Wangen Valentines überzog. »O, es ist nichts!« erwiderte diese einen Augenblick darauf mit matter, stockender Stimme. »Erbarmen Sie sich meiner um der Liebe Gottes willen! Stehen Sie mir bei!« rief Rosina, indem sie die Hände mit dem Ausdrucke der Verzweiflung und der entsetzlichen Angst faltete. »Aber, mein armes Kind, was wollen Sie denn, daß ich tun soll, ich, eine arme Frau, gegen das Schicksal, das auf uns lastet?« »Was ich will? Daß Sie und Ihr Gemahl sich dafür verwenden, Giacomo verhaften zu lassen. Vielleicht entdeckt er dann alles, vielleicht werden die Missetäter überfallen, festgenommen; vielleicht kehrt mein Bruder in meine Arme zurück und Sindbad der Seemann wird nicht das Opfer dieses Raubes, der auf der Insel Monte Christo ausgeführt werden soll.« »Sie kennen Sindbad den Seemann?« fragte Valentine hastig. »Die Wahrheit ist, daß ich ihn persönlich nie gesehen habe – aber er war, wie ich Ihnen bereits sagte, der Beschützer des gewagten Verkehres, welchen mein ganzes Geschlecht trieb – indem er auf seiner Insel ungestraft die Schiffe landen ließ –« »Jesus! – Was ist denn das für ein Stamm, dessen Handel, wie Sie sagen, gewagt ist?« »Ach, Signora, ich bin die Tochter von Schmugglern!« murmelte Rosina, indem sie aufs neue zu den Füßen Valentines niedersank, welche sie mit ihren Armen aufhob. »Beruhigen Sie sich – beruhigen Sie sich, mein Kind. – Alles wird sich machen lassen! Ihr Bruder wird zurückkehren – was das übrige betrifft – was kümmert Sie das übrige? – Die Insel gehört schon nicht mehr dem ehemaligen Beschützer Ihrer Familie – man mag daher alles rauben, was in der Grotte vorhanden ist, – denn alle diese Reichtümer gehören den Armen, da sie die Frucht von dem Schweiße der Armen sind!« »Was sagen Sie?« rief Rosina aus, welche durch die Worte Valentines von Staunen ergriffen wurde, denn es waren genau dieselben, die sie aus dem Munde des Gondoliers Giacomo vernommen hatte. »Kehren Sie nach Haus zurück,« sagte Valentine. »Ich werde mit meinem Manne sprechen. Inzwischen verraten Sie von alledem kein Wort gegen irgend eine lebendige Seele.« »Wird denn aber der Gondolier Giacomo nicht verhaftet werden?« »Nein.« »Und mein armer Bruder?« »Wird zurückkehren.« »Können Sie mir die bestimmte Versicherung geben, daß er zurückkehren wird?« »Ich kann es, und ich bestätige es Ihnen,« flüsterte Valentine unwillkürlich, indem sie ihre Hand gegen Rosina ausstreckte, welche dieselbe zum Zeichen der Dankbarkeit küßte. Nachdem Valentine den eigentümlichen Bericht Rosinas vernommen hatte, schloß sie sich in ihrem Oratorium ein, und vergoß dort reichliche Tränen, welche indes bald versiegten, denn Valentine fand in dem Gebet, in dem Vertrauen zu Gott, den Balsam, welcher sie von allen Leidenschaften läuterte, die nicht himmlische Dinge betrafen. Valentine hatte beschlossen, ihrem Gemahl von diesem Abenteuer nichts zu sagen; indem sie sich von Rosine trennte, empfahl sie daher auch der Tochter des Schmugglers aufs neue das unverbrüchlichste Schweigen, indem sie ihr zugleich versprach, alles aufzubieten, um ihr ihren Bruder Pietro zurückzugeben. In der Tat machte Valentine sich sogleich an das Werk. Zu der Stunde, zu welcher die Sonne hinter den Bergen Tirols zu verschwinden begann, pflegte Max auf dem großen Viereck der Piazza die Frische der Abendluft zu genießen. Unter dem Vorwand eines leichten Unwohlseins lehnte Valentine es ab, ihn zu begleiten, und sicherte sich so einige Augenblicke vollkommener Freiheit, um über irgend einen Plan nachzudenken, wie sich die Verwirklichung des Versprechens, das sie Rosine gegeben hatte, beschleunigen lasse. An dem Fenster ihres Zimmers sitzend, blickte sie hinab auf das Wasser des Kanals, auf dem sich nachlässig einige Barken schaukelten, ähnlich den Schwänen, die träge und langsam über die Oberfläche eines Sees dahingleiten. Valentine beobachtete sie sorgfältig; dann, als sie einen der Gondoliere zu erkennen schien, machte sie ihm mit der Hand ein Zeichen, sich nicht zu entfernen. Der Gondolier war Giacomo. Einen Augenblick darauf warf Valentine über ihre Schultern einen großen Schal, in den sie sich dicht einhüllte, und ging in die Vorhalle des Palastes hinab, von wo einige Stufen von schwarzem Marmor zu dem Kanal der Guidecca hinabführten. Giacomo war dort in seiner Gondel, und kaum hatte ihn Valentine bemerkt, als er auf die Treppe sprang und seine Mütze herabzog. »Tritt näher,« sagte Valentine mit leiser Stimme, indem sie sich nach allen Seiten besorgt umsah, als wollte sie sich überzeugen, daß niemand sie bemerkte. Der Gondolier näherte sich Valentine, öffnete eine kleine Tür zur Rechten, und trat in ein Gemach, welches sich in allen Gebäuden Venedigs befindet, die einen Ausgang auf die Kanäle haben, und zur Aufbewahrung der Gerätschaften dient, deren man zu den Gondeln im gewöhnlichen Dienste bedarf. Giacomo, der schon lange das Geschäft eines Gondoliers in Venedig betrieb, und seit seiner Jugend an die Launen der schönen Venetianerinnen gewöhnt war, wunderte sich nicht über die heimliche Art, in welche Valentine ihre Handlungen und ihre Worte hüllen zu wollen schien. Er blieb regungslos und stumm Valentine gegenüber stehen, und wartete darauf, daß sie spräche. »Bist Du es,« sagte sie zu ihm, »den man Giacomo, den Gondolier des Rialto, nennt?« »Ja, Signora,« erwiderte Giacomo. «Seit fünfzehn Jahren, wohlgezählt, bin ich von dem hohen Meere zurückgekehrt, auf dem ich an Bord eines Handelsschiffes war, und von der Stunde an bis zu der gegenwärtigen, konnte der heilige Marcus mich auf den Kanälen des Lido sehen und beschützen, auf dem mir sozusagen die Zähne gewachsen sind. Ja, Signora, ich bin Giacomo, durch die Gnade meines heiligen Schutzpatrons, und ich habe die Ehre, im Dienste Ihrer Exzellenz und Sr. Exzellenz, Ihres Gemahls, zu stehen.« Valentine dachte einige Augenblicke über die Art und Weise nach, wie sie mit dem Gondolier das sonderbare Gespräch anknüpfen sollte, das wir hier folgen lassen. »Da Du mir sagst, Giacomo, daß Du schon seit fünfzehn Jahren die Kanäle Venedigs und des Lido durchfährst, scheint es mir, als müßtest Du alle Fahrzeuge kennen, die hier vor Anker gehen?« »Beinahe alle, Signora.« »Und nicht nur die Schiffe, sondern auch die Kapitäne?« »Wenigstens zum größten Teil.« »Schön. Ich habe in Beziehung auf ein gewisses Schiff einige Fragen an Dich zu richten – und ich mache den Anfang damit, Dir zu sagen, daß Du Deine Zeit nicht verlieren sollst, Giacomo.« » Per la Madre de Dio ! ich bin bereit, Ihnen zu gehorchen. – Alles, was ich weiß, werde ich Ihnen sagen, Signora.« »Du wirst Dein Gedächtnis nicht zu sehr anzustrengen brauchen, um mir zu antworten; denn es handelt sich um ein Fahrzeug, welches noch vor acht Tagen in dem Lido war.« »In diesem Falle kann ich Ihnen mit geschlossenen Augen antworten.« »Es ist die Yacht, der Sturm !« »Die Yacht, der Sturm !« rief der Gondolier unruhig. »Wer war ihr Kapitän?« fragte Valentine, ohne ihm Zeit zu lassen, sich zu sammeln. » Per baccho! « entgegnete Giacomo, indem er seine Kaltblütigkeit wiedergewann, und sich in seinen Erwartungen getäuscht stellte, »Sie sprechen da gerade von einem Schiffe, dessen Name mir beinahe gar nicht bekannt ist!« »Nun, ich sehe wohl, daß ich Deinem Gedächtnis zu Hilfe kommen muß. – Diese Yacht, der Sturm, hat hier beigelegt, weil ihr Kapitän Erkundigungen über die Insel Monte Christo einzuziehen wünschte, auf der, wie man vermutet, ein verborgener Schatz liegt –« »Der aber in Wirklichkeit nicht dort vorhanden ist?« unterbrach Giacomo sie auf eine Weise, daß er sich dadurch verriet. »Das ist eine andere Frage, Giacomo, und zwar eine Frage, die Dich wenig kümmern wird. Begnüge Dich damit, auf das zu antworten, was ich Dich fragen werde.« »Signora,« sagte der Gondolier, »nach dem, was Sie mir soeben sagten, besinne ich mich genau auf das kleine Schiff und seinen Kapitän, in dessen Gesellschaft ich, ohne genau zu wissen wo, ein Glas vortrefflichen Lacrymä Christi getrunken habe. Ich besann mich daher auch gar nicht mehr auf den Kameraden, und muß gestehen, daß er mir beinahe Furcht einflößte! Er war ein Mann von brauner Gesichtsfarbe, graugemischtem Haar, schwarzen Augen und finstrem Ausdruck. – Er hatte besonders eine solche Weise zu sprechen, daß darüber eine Dame, wie Ew. Exzellenz, welche ihm die Ehre erwiesen hätte, seinen Reden das Ohr zu leihen, vor Schreck beinahe gestorben sein würde.« »Was sagst Du?« fragte Valentine mit leise bebender Stimme. »O, Dinge, die der heilige Marcus nimmermehr in dem Munde des unwürdigsten Venetianers verzeihen würde! – Und seine Handlungen erst! – Seine Handlungen schienen, nach meiner demütigen Meinung zu urteilen, in allen Punkten mit seinen Worten eines Verfluchten übereinzustimmen! – Er sagte, daß er in einem Kästchen die Hand eines Toten bewahrte – ja, was noch mehr ist, er wollte sie mir sogar zeigen.« »Hat er Dir denn den Zweck einer so sonderbaren Reliquie erklärt? fragte Valentine mit einem eigentümlichen Ausdrucke der Teilnahme und des Entsetzens. »Er erklärte ihn mir in Ausdrücken, die nur ihm eigentümlich sind, und die der Teufel allein wiederholen könnte, z. B. daß die Hand des Toten gegen einen Lebenden erhoben sei, und daß er der Wille dieses Verstorbenen sei, der aus dem Grabe auferstände und durch Gott beschützt würde!« Bei diesen Worten Giacomos fühlte Valentine kalten Schweiß über ihre Stirn rinnen; das Interesse jedoch, welches diese sonderbaren Worte in ihr erweckten, war so groß, daß sie sich nicht enthalten konnte, über den Kapitän der Yacht, der Sturm, noch einige Worte an den Gondolier zu richten. »Dieser Mensch,« sagte sie, »hat, wenn ich dem glauben darf, was man mir versicherte, hier einen Seemann, Namens Pietro, erkauft, damit er ihm die Richtung nach der Insel Monte Christo bezeichne.« »Richtig! Das ist es,« erwiderte Giacomo, indem er sich beeilte, auf den Gedanken Valentines einzugehen. »Pietro hat sich mit Leib und Seele dem Kapitän der Yacht verkauft und ist mit ihm nach der Insel Monte Christo abgesegelt.« »Der Kapitän hat dabei, wie man mir sagte, die Absicht, die Insel auszuplündern und –« »Aber ich hoffe, daß er weiter nichts finden wird, als die ungeheuren Steinmassen, die dort liegen. Es sind natürlich diese Felsen, welche die unerschöpflichen Schätze bilden, von denen er sprach, indem er sagte, daß sie den Armen gehörten, weil sie dem Schoße der Armen entspringen!« Valentine erbebte vor Entsetzen, indem sie die sonderbare Uebereinstimmung bemerkte, die zwischen den Worten Giacomos und dem Traume bestand, den sie in der Grotte Monte Christos hatte. Sie war indes noch immer entschlossen, dem beabsichtigten Raube kein Hindernis entgegenzusetzen, und indem sie sich an das erinnerte, was sie Rosine versprochen hatte, änderte sie die Richtung des Gesprächs, indem sie fragte: »Glaubst Du, daß Pietro nach Venedig zurückkehren wird?« »Ach, was das betrifft, so würde ich darauf meine Hände in das Feuer legen!« entgegnete Giacomo. »Der Kapitän der Yacht wird ihm nichts Böses zufügen, und wenn der arme Bursche einmal seinen Auftrag an Bord des Sturmes erfüllt hat, dann wird er nichts Eiligeres zu tun haben, als zurückzukehren und seine Schwester Rosina aufzusuchen.« »Und wann wird sein Geschäft an Bord des Sturms beendet sein?« »Spätestens in vierzehn Tagen wird er zurück sein.« »Bist Du davon überzeugt?« »Signora,« sagte Giacomo, »wir stützen hier alle unsere Hoffnung auf das Wohlwollen und die Barmherzigkeit unseres heiligen Schutzpatrones. Ich kann Ihnen daher nicht sagen: ich bin überzeugt – wohl aber: ich hoffe es .« Es entstand ein Augenblick des Schweigens, währenddessen Valentine einen neuen Plan zu fassen schien. »Giacomo,« sagte sie endlich, »ich hörte oft die Verschwiegenheit und die Tätigkeit der Gondoliere von St. Marcus rühmen.« »Und Sie hörten da nur die Wahrheit, Signora! Was mich betrifft, und obgleich ich mich nur als den unwürdigsten meiner Brüder und Genossen betrachte, besitze ich doch den Stolz, mir zu schmeicheln, daß ich das Vertrauen der Personen verdient habe, welche mich bis zu dem heutigen Tage verwendeten.« »Kannst Du über ein Fahrzeug verfügen, welches imstande ist, das Mittelländische Meer zu beschiffen?« »Ei gewiß, ja! Ueber ein Schiff, welches ebenso tüchtig ist, wie der alte Bucentaurus es war, wenn man der Chronik glauben darf,« erwiderte der Gondolier. »Sehr gut. – Hier hast Du Gold. Morgen zu derselben Stunde, wie jetzt, kehrst Du hierher zurück, und ich werde Dir dann die nötigen Instruktionen zu dem Dienste geben, den ich von Dir verlange.« Bei diesen Worten übergab Valentine an Giacomo eine gefüllte Börse und forderte ihn durch ein Zeichen auf, sich zu entfernen. Dann erstieg sie die Treppe der Vorhalle zu den innern Gemächern, durchschritt die Salons und begab sich nach ihrem Boudoir. Kaum war sie hier eingetreten, als sie eine Bewegung der Ueberraschung machte, indem sie Max bemerkte, der neben einem Gueridon stand und damit beschäftigt war, zu lesen. Max machte nicht die leiseste Bewegung; als er Valentine neben sich erblickte, begnügte er sich damit, sie zu fragen: »Wie befindest Du Dich, Valentine? Besser, ohne Zweifel?« Aber er sagte dies mit einem so trockenen Tone, ohne nur die Augen von den Blättern seines Buches zu erheben, daß in dieser gezwungenen Gleichgültigkeit eine ganze lange Geschichte lag. Obgleich die Kälte Maximilians ihr nicht entgangen war, schrieb sie Valentine ohne Zweifel nur dem Interesse zu, das er an seinem Buche empfand, denn sie machte in ihrer Antwort keine Anspielung darauf. »Ja, mein Freund,« erwiderte sie mit dem herzlichsten Tone, »ich fühle mich wohler – und ich glaube, daß ich Dich bald wieder begleiten kann.« »So! – Aber ich will nicht, daß Du Dich für jetzt der kühlen Luft auf den Kanälen und der Piazza aussetzest!« erwiderte Max, die Blicke noch immer auf die Blätter seines Buches gerichtet. »Das ist wahr. Ich gestehe, daß die Luft Venedigs mir nicht ganz zusagt,« entgegnete Valentine, indem sie sich neben Max setzte und ihre Hand auf die seinige legte. »Du wünschest also, Venedig zu verlassen?« fragte er. Valentine antwortete nicht, aber mit der Spitze ihrer hübschen Finger den Deckel von dem Buche berührend, in welchem Max las, schloß sie es. Max lehnte sich auf seinen Armsessel zurück, kreuzte die Arme und ließ den Kopf auf die Brust herabsinken. »Was hast Du denn, mein Freund,« fragte sogleich Valentine, indem sie sich auf seine Schulter lehnte und ihm liebevoll ihre Wange bot. »O, Verzeihung, Valentine! – Verzeihung!« rief Max, indem er hastig aufsprang und mit aufgeregtem Wesen in dem Zimmer auf und nieder ging. »Was sagst Du?« fragte Valentine, indem sie ebenfalls aufstand, aber regungslos stehen blieb, die verwunderten Blicke auf ihren Mann gerichtet. »Ich sage, daß es kein vollkommenes Glück in der Welt gibt! Begreifst Du das, Valentine? Als wir glaubten, glücklich zu sein, als unsere törichte Einbildungskraft bereits die äußersten Grenzen der höchsten Glückseligkeit erreicht zu haben glaubte, da kam ein Dämon und begann den Schleier zu zerreißen, der die Illusionen verhüllte, welche unsere Seele nährte!« rief Max, indem er seiner Gattin gegenüber stehen blieb und die rechte Hand auf die Brust preßte, als wollte er die heftigen Schläge seines Herzens beschwichtigen, während er mit der Linken die Haare, die ihm in die Stirn gefallen waren, zurückwarf. »Ach,« fuhr er fort, »ich glaubte, ja ich glaubte mehr als irgend jemand von der Welt, an die Dauer des Glückes, das ich empfand.« Und ohne seiner Frau Zeit zu lassen, ein Wort zu sagen, fügte er hinzu: »Aber ich habe mich auch mehr als irgend jemand auf dieser Welt getäuscht! – und jetzt –« »Und jetzt?« fragte endlich Valentine, deren Herz sich zu beunruhigen begann. »Jetzt, Valentine? Jetzt – was soll ich darauf antworten?« sagte er, indem er seine Worte mit einem bittern Lächeln begleitete. »Ich weiß mir auf keine Weise Rechenschaft von dem zu geben, was Du sprichst, mein Freund,« sagte sie im höchsten Grade verwundert. Dann fügte sie hastig hinzu: »Findest Du, daß Dein – daß mein Glück durch das gegen Dich ausgesprochene Verlangen getrübt wird, den Armen die Schätze Monte Christos zu überlassen oder mich von Venedig zu entfernen –« »O, das Dreifache, das Vierfache von dem, was wir auf der Insel Monte Christo besitzen,« unterbrach sie Max – »mit wie freudigem Herzen würde ich es hingeben, um, wenn es nur irgend möglich wäre, den heutigen Tag zu vernichten oder ihn Satan zum Geschenk zu machen!« »Wie? Du lästerst Gott? – Du, mein Max?« »Nein – nein – Gott möge es mir verzeihen, und Du auch. – Aber um der Liebe eben dieses Gottes willen befrage ich mich nicht weiter, Valentine.« Es war das erste Mal, daß Max mit einem Nebengedanken zu seiner Gattin sprach. Valentine erkannte die ganze Unmöglichkeit, seinen geheimnisvollen Gedanken zu erforschen, drang nicht weiter in ihn und verzichtete darauf, durch die Worte Maximilians eine Erklärung zu erlangen; aber sie weinte schweigend die ganze Nacht hindurch, die erste, während welcher zwischen den beiden Gatten nicht die vollkommenste Harmonie herrschte. * XX. Giovanni Gradenigo. Am nächsten Abend ging Max wie gewöhnlich aus, um auf der Piazza die erfrischende Abendluft einzuatmen. Valentine wartete wie am Tage vorher zu der Stunde, als die Sonne hinter den Tiroler Alpen verschwinden wollte, an dem Fenster ihres Zimmers auf die Ankunft Giacomos. Dieser erschien auch bald, indem er seine Gondel mit kräftigem Ruderschlage dem Gebäude zulenkte. Zu der Treppe der Vorhalle gelangt, sprang er auf die erste Stufe, befestigte seine Barke, und ging nach der Vorhalle hinauf, wo Valentine einige Minuten später zu ihm trat. »Nun, Giacomo?« fragte sie. »Verzeihen Sie, Signora,« sagte er, indem er einen forschenden Blick nach dem Kanal richtete; »aber verbergen Sie sich so, daß Sie der lästige Mensch nicht bemerken kann, der dort unten in seiner Gondel ist. – Bei dem heiligen Theodor, ich hatte große Lust, ihn die Wahrheit auf dem Boden des Kanals suchen zu lassen.« »Wer ist es denn, der mich so beobachtet?« fragte Valentine, »und weshalb soll ich mich verbergen?« » Santa Madre de Dio! Sie wissen also nicht, daß das in dieser Stadt von jeher so gewesen ist? – Es ist die Stunde der nächtlichen Stelldicheins. Sie sind durch die Gnade der Heiligen und des Paradieses jung und schön, – ich bin hier, dort ist meine Gondel, uns gegenüber fließt der Kanal, der zu so vielen abgelegenen und einsamen Plätzchen führt –« »Giacomo!« »Verzeihung, Signora! Niemand ehrt mehr, als Ihr demütiger Diener, die gerechte Empfindlichkeit einer Dame; aber das will ich sagen, daß ich irgendwo eine gewisse Rosina habe, die ich liebe, obgleich ich erkenne, daß sie nur ein geringes Mädchen ist, grob sogar und roh, wenn man will, und daß ich nicht sehr erfreut sein würde, wenn man mir sagte, daß sie zu dieser Stunde gegenüber einer Gondel mit dem Gondolier gesprochen hätte – der Gondolier müßte denn ich selbst gewesen sein! – Ach, Signora, das ist, weil man hier in Venedig aus allem Gold macht, und weil es zum Unglück für uns arme Gondoliere unter uns gewisse Kameraden des Teufels gibt, die alles beobachten und es dann den Männern, Vätern, Brüdern oder Liebhabern wiedererzählen – selbst ohne daß diese davon etwas wissen wollen!« »Und Du kennst den Menschen, der mich beobachtet?« »Gestern als ich aus meiner Gondel stieg, bemerkte ich ihn dort am Ufer des Kanals, der Vorhalle gegenüber, und als ich dann wieder in meine Gondel zurückkehrte, nachdem ich die Ehre gehabt hatte, mit Ihnen zu sprechen, rief er mich, um sich von mir fahren zu lassen.« »Wer ist er denn?« fragte Valentine mit der ganzen Zudringlichkeit der Unschuld. »Es ist der Sohn des Signor Gradenigo – er heißt Giovanni Gradenigo! – Sie werden gewiß schon von dieser Familie sprechen gehört haben, die ebenso durch ihren ungeheuren Reichtum berühmt ist wie durch ihre Neigung zur Ausschweifung, eine Neigung, die bei ihnen erblich zu sein scheint, ein Vermächtnis, welches seit undenklichen Zeiten von den Vätern auf die Söhne übergeht. – Ach, es gibt in Venedig sehr wenige Töchter des Volkes, die es wagen würden, den Signor Giovanni Gradenigo dreist anzusehen.« Valentine erbebte bei diesen Worten unter dem Einflusse eines Gefühles, oder vielmehr eines unbestimmten Gedankens, den sie, hätte sie es auch gewollt, in Worten auszudrücken nicht vermocht haben würde. Sie verbarg sich in dem Schatten der Vorhalle, Während der Gondolier die Bewegungen des nächtlichen Wanderers an dem Ufer des Kanals beobachtete. Giacomo, der sich, um dies bequemer tun zu können, einige Schritte weit entfernt hatte, kehrte bald wieder zurück. »Nun, Giacomo?« fragte sie ihn. »Sie können sprechen, Signora,« sagte er. »Der Signor Gradenigo hat sich entfernt.« »Sehr gut! – Ich habe Dich gestern beauftragt, mir ein Schiff nach dem Mittelländischen Meere zu mieten.« »Es ist bereit, Signora!« »Es kann also unter Segel gehen, sobald wir es wollen?« » Per baccho !« rief der Gondolier. »Sie müssen die Schnelligkeit der Marine des heiligen Marcus noch nicht kennen! – Freilich sind die glorreichen Zeiten des Glanzes und der Macht dieser Marine schon weit von uns entfernt, so weit, daß ich selbst davon keine Spur mehr gesehen habe; aber noch ist uns ein geringes Ueberbleibsel davon geblieben.« »Wie heißt das Schiff?« fragte Valentine. »Die Bonace ,« entgegnete der Gondolier, welcher sich beeilte, hinzuzufügen: »Es ist eine leichte Yacht, welche gewöhnlich Wein ladet und erst ganz kürzlich bei dem Lido auf Rechnung des Signor Gradenigo anlangte, wie ich auf dem Quai sagen hörte.« »Sehr gut! – Jetzt gib wohl acht auf das, was ich Dir sagen werde, Giacomo. – Wenn Du binnen hier und zwei Tagen einen weißen Schleier an dem Fenster siehst, das auf diesen Teil des Kanals hinausgeht, gerade über dem Landungsplatze, so ist dies das Zeichen, daß wir am Tage darauf absegeln wollen. Du mußt also dann sehr früh am Morgen mit Deiner Gondel hier sein. Wenn Du dagegen binnen hier und zwei Tagen die Vorhänge an dem Fenster beständig zugezogen siehst –« »So ist das ein Zeichen, daß Sie nicht reisen?« »Du hast es erraten.« »Der heilige Theodor stehe uns bei, Signora,« murmelte der Gondolier, indem er das Haupt mit allen Zeichen des klassischen Aberglaubens der Seeleute entblößte. Valentine gab ihm einige kleine Silbermünzen, verabschiedete ihn dann und kehrte in ihr Zimmer zurück. Giacomo seinerseits sprang in seine Gondel, aber in dem Augenblick, als er dieselbe vom Ufer abstoßen wollte, zeigte sich ihm plötzlich das Gesicht eines Menschen, der in einiger Entfernung aus der Dunkelheit hervortrat, und der alles beobachtet zu haben schien, was in der Vorhalle vorgegangen war. Dieser Mensch lief eiligst herbei und sprang ebenfalls in die Gondel. » Madre de Dio! « sagte Giacomo, indem er seine Ruder aus dem Wasser zog und sich gegen einen Angriff verteidigen zu wollen schien. »Nun, was soll das beißen, Giacomo!« fragte übermutig der Mann, welcher sich auf solche Weise in die Gondel gedrängt hatte. »Signor Gradenigo?« stammelte Giacomo und entblößte ehrerbietig den Kopf. »Du mußt wissen, mein Bursche, daß ich Dich schlimmer behandeln würde, wie ein Ketzer zur Zeit der Republik behandelt worden ist, wenn Du den geringsten Schrei ausstößt, der mich verraten könnte.« »Aber – sollen Sie das zufällig fürchten?« fragte Giacomo mit einem leisen Anfluge von Bosheit. »Nein, gewiß nicht! – Denn ich bin überzeugt, daß Du von der Art und Weise sprechen hörtest, wie ich einen Schuft behandle, der nicht tut, was ich will!« »O, was das betrifft, so bin ich fest überzeugt, daß man in allen Gefängnissen von Sanct Marcus vergebens nach einem Menschen suchen würde, der es Eurer Exzellenz darin zuvortut.« »Sehr gut geantwortet, Giacomo!« erwiderte der Signor Giovanni Gradenigo, indem er ihm freundschaftlich auf die Achsel klopfte. »Du kennst gewiß auch ebensogut meinen Ruf der Freigebigkeit, wenn ich nach Wunsch bedient werde?« »Verzeihung; Exzellenz; obgleich nie der entfernteste Vetter von mir auf der Universität Padua studiert hat, besitze ich gewisse logische Kenntnisse, welche mir vorschreiben, an gewissen Dingen zu zweifeln, die ich nicht sehe oder die ich nicht selbst erfahren habe.« Kaum hatte Giacomo diese Worte beendigt, als er eine kleine mit Silbergeld gefüllte Börse zu seinen Füßen niederfallen hörte. »Schweig, Hund!« sagte dabei der Signor Giovanni Gradenigo. »O, jetzt habe ich die Ehre, Sie an Ihrer Sprache zu erkennen,« entgegnete Giacomo, indem er sich bückte, um das Geld aufzuheben. »Giacomo! – Giacomo! – Sieh Dich vor – denn meine Geduld hat nur sehr enge Grenzen!« »Das ist es in der Tat was auch die Mädchen des Rialto sagen, Signor Giovanni Gradenigo.« »Genug!« »Ich erwarte Ihre Befehle, Signor!« »Rudere tüchtig zu!« Damit wurde die Unterredung für den Augenblick beendigt. Die kräftigen Arme Giacomos, bewaffnet mit dem Ruder, durchschnitten die Wogen, indem sie die Gondel mit raschem Schlage von dem Palaste Valentines entfernten. Sobald Giovanni sich im Freien erblickte, deutete er mit dem Arme auf die Richtung nach dem großen Kanale der Stadt, und sich sorgfältig in seinen Mantel hüllend, setzte er sich auf die Kissen, den Augenblick erwartend, wo er würde sprechen können, ohne fürchten zu müssen, daß unbescheidene Ohren seine Worte hörten. Als dann die Gondel von allen andern weit entfernt war, knüpfte Giovanni sein Gespräch mit dem Gondolier wieder an. »Giacomo,« sagte er, »die Frau, welche soeben eine Unterredung mit Dir hatte, ist weder Deine Geliebte noch Deine Landsmännin.« »Sie ist eine Französin.« »Ich weiß es. Sie ist die Frau eines Franzosen, dessen unbekannter Name keinen Platz in dem Gedächtnisse eines Mannes finden kann, der sich Gradenigo nennt! – Es gibt tausend verschiedene Fälle,« fuhr er dann fort, »welche diese Frau nötigen konnten, sich zwei Abende nacheinander mit Dir zu unterhalten; der wahrscheinlichste von allen ist aber irgend eine geheime Liebelei, zu welcher sie Deiner Gondel und Deines Einverständnisses bedarf. Eine Frau aber, die während der Abwesenheit ihres Mannes zum Zeitvertreib dergleichen kleine Angelegenheiten vor hat, muß sich sehr glücklich schätzen, daß ich sie der Ehre würdige – ich! – mich ihrer zu erinnern.« »Ich verstehe vollkommen, was Sie mit dieser Erinnerung sagen wollen,« murmelte Giacomo mit dem Wesen eines gründlichen Kenners. Der Signor Giovanni Gradenigo fuhr darauf fort: »Wer Böses denkt, dem begegnet Schlimmes; wenn dies Sprichwort sich bei dem, was sie betrifft, bewahrheitet, desto schlimmer dann für sie. Sie wird dann niemand anzuklagen haben, als sich selbst! – Ich denke schon seit langer Zeit an diese Frau!« sagte er mit dem Wesen der Langeweile. »Ich habe zuweilen von ihr gesprochen – aber ich bedarf einer neuen Nahrung, um das Gespräch über sie wieder anzuknüpfen. – Nun, erzähle mir also alles! – Das, was sie Dir gesagt hat und das, was sie von Dir wollte!« Nachdem Giacomo einige Augenblicke überlegt hatte, sagte er Gradenigo, welche Art von Dienst Valentine von ihm verlangt hatte. Er begleitete seinen Bericht mit mehreren Nebenbemerkungen, welche geeignet waren, die Laune des Signor Gradenigo zu reizen und ihn zu der Begehung einer Torheit anzuspornen, seines überspannten Geistes würdig. Giovanni Gradenigo zauderte nicht, seinem Vergnügen die Ruhe Valentines aufzuopfern. Dieser unglückliche junge Mann hatte eine abscheuliche Erziehung genossen, noch abscheulicher gemacht durch das Beispiel eines alten und ausschweifenden Vaters, und er kannte in dem gesellschaftlichen Leben nichts an, was sich der Begehung einer Handlung entgegensetzen durfte, der er seinen höllischen Geist und seine Reichtümer widmete. Nachdem er sich mit dem Gondolier Giacomo einige Minuten beraten hatte, ließ er sich bei der Piazza an das Land setzen, hüllte sich mit Eleganz in seinen Mantel und schritt mit dem geziert leichten Wesen unserer Lions, die am meisten in der Mode sind, seinen Freunden entgegen, welche nach einem sehr alten Gebrauche Venedigs unter den Arkaden des berühmten herzoglichen Palastes lustwandelten, einem Orte, den man noch gegenwärtig in der guten Gesellschaft mit dem Namen des Broglio bezeichnet. Hier versammelten sich alle Wüstlinge und Stutzer von ganz Venedig, und hier wurde folglich auch das öffentliche und das Privatleben aller Frauen der eleganten Welt erzählt. Giovanni Gradenigo wurde mit Enthusiasmus begrüßt, und erhielt augenblicklich das Wort, um eine ganz neue, eben erst vorgefallene Geschichte zu erzählen, denn jedermann wußte, daß der Erbe der alten Familie Gradenigo auf elegante Weise den Geist der Abenteuer und der Ausschweifung geerbt hatte, durch welchen sich die meisten Mitglieder seines Geschlechts auszeichneten. Gradenigo ermangelte nicht, seine Erzählung mit den pikantesten Nebenumständen, den unbestimmtesten, aber auch den tückischsten Anspielungen zu schmücken. Er gewann einen wahnsinnigen Erfolg bei den Tollköpfen, die sein Auditorium bildeten; es belohnte ihn ein unmäßiges, endloses Gelächter. »Sie sind in der Tat zu bewundern, und die Schnelligkeit, mit der Sie die Sachen zum Ziele führen, ist staunenswert!« sagte Max, der ihm ebenfalls zugehört hatte. »Ja, was wollen Sie? Das ist nun einmal mein Fehler, mein lieber Herr Morel!« antwortete Gradenigo. »Das Glück im Spiele oder in der Liebe ist oft in gewissen Familien erblich,« bemerkte ein junger Venetianer. »Sagten Sie nicht, mio caro Gradenigo,« fragte ein anderer, »daß Sie der Abenteuer unseres schönen Landes überdrüssig sind, und deshalb eine Reise in das Ausland machen wollten?« »Ich sagte die Wahrheit, und jeder möge sich diesen Entschluß auf seine Weise auslegen. Es ist ein freies Feld für die Vermutungen eröffnet, – vollständige und gänzliche Freiheit für jedermann!« antwortete Gradenigo, indem er laut und anhaltend lachte. »Und darf man wissen, in welchem Lande Ihr letztes Abenteuer sich verwirklichen wird?« fragte Max. »Ei – in dem Ihrigen, denke ich, Herr Morel. Die Schönheiten von Sanct Marcus werden die Güte haben, einige Zeit unberührt zu bleiben. Was Ihre Landsmänninnen betrifft, die sehr hübsch sind,« fuhr er mit spöttischem Lachen fort, indem er sich zu Maximilian Morel wendete, »so haben dieselben die außerordentliche Gefälligkeit, mir einige sehr angenehme Augenblicke zu bieten.« Max biß sich auf die Lippen und strich sich mit der Hand den Schnurrbart. »Nach dem, was ich durch meine Studien erfahren habe,« fuhr Gradenigo fort, »scheint es, daß die französischen Damen, welche das Vergnügen haben, – oder wenn Sie lieber wollen, das Glück – verheiratet zu sein, den Wechsel zum Wahlspruch annehmen! – Der Beweis dafür ist, daß es, wie man mir versichert hat, in Paris mehr Modistinnen gibt als in irgend einer andern Stadt Europas. – Ich billige diesen Wahlspruch sehr und erkläre mich bereit, sie dabei in allem zu unterstützen!« »Ich wundere mich, Signor Gradenigo,« sagte Max, »daß Sie, da Sie doch bis jetzt den unverzeihlichen Fehler begingen, Ihr Vaterland nicht zu verlassen, sich einbilden, ein so gewandter Moralist bezüglich der Sitten und Gebräuche der Frauen Frankreichs zu sein.« »Darüber ließe sich viel sagen, Herr Morel,« entgegnete Gradenigo, »aber Sie müssen wissen, daß ich stets geglaubt habe, ich könnte in dieser Beziehung sehr genaue und zuverlässige Kenntnisse erwerben, auch ohne mein Vaterland zu verlassen. Stellen Sie sich zum Beispiel vor, es gäbe hier in Venedig, wie ich gestern das Vergnügen hatte, Ihnen zu erklären, eine Dame, Ihre Landsmännin, welche die Güte so weit treibt, mir beim Mondschein Unterricht in diesen Kenntnissen zu erteilen.« Kalter Schweiß trat auf die Stirn Maximilians, auf dessen Lippen ein erzwungenes Lächeln zitterte, als wollte er auf den höllischen Chor des höhnischen Gelächters antworten, welches die edlen jungen Venetianer bei dieser Aeußerung ihres Genossen anstimmten. »In dieser Welt ist nichts unmöglich,« fuhr Gradenigo fort. »Wenn Sie nicht so ziemlich mit mir von gleichem Alter wären, so würde ich Ihnen niemals, – wahrlich, nimmermehr – sagen, daß es hier in Venedig eine gewisse Dame des Auslandes gibt, welche die kurzen Augenblicke der Freiheit, welche ihr Gemahl ihr durch seine Abwesenheit gewährt, auf eine bewundernswürdige Weise zu benutzen versteht, und das zwar mit dem ganzen Zartgefühl des Geschmackes, welches sie charakterisiert. – Ein Greis würde sicher solche Worte nicht dulden, deren Ausdruck so sehr den Stempel der Wahrheit trägt, daß selbst ein junger Mann sich zu dem Irrtum hinreißen lassen könnte, ihnen zu widersprechen! – Finden Sie das nicht gleich mir, meine Herren?« Ein allgemeiner Beifallsjubel übertönte die Worte Gradenigos. »Empfangen Sie auch die Aeußerungen meiner Zustimmung,« sagte Morel, indem er sich zu dem Scheine der größten Gleichgiltigkeit zwang. »Gestatten Sie mir indes, Ihnen eine kleine Bemerkung zu machen. Wenn der Gemahl der Dame, welche auf eine solche Weise Ihrer Liebe entspricht, ein alter Edelmann oder auch nur ein edler alter Mann ist, so würde er Sie im Falle der Entdeckung zuerst durch seine Bedienten auspeitschen und dann ermorden lassen. – Ist er dagegen ein junger Mann, wie Sie oder wie ich, so würde er in einem solchen Falle über das Schnupftuch und mit nur einer geladenen Pistole von Ihnen Genugtuung verlangen, denn gewiß würde er ein Leben ohne Ehre ebensowenig für möglich halten wie ich, und wie sicher auch Sie alle, meine Herren. – Aber es gibt auch noch eine andere Möglichkeit, meine Herren,« rief Max lauter, um das Schweigen wiederherzustellen: »das ist der Unterschied in dem Charakter der verschiedenen Völkerstämme. Ein Franzose, mag er Bürgermeister oder Plebejer sein, hegt gegen den, welcher ihn beschimpft, einen unvertilgbaren Haß! – Er haßt ihn bis zum Tode! – Kann er sich an ihm nicht an hellem Tage und auf dem gewöhnlichen Wege rächen, dann ermordet er ihn, glaubt daran gut zu tun und tut dies auch wirklich!« » Dio! « sagte Signor Gradenigo mit dem liebenswürdigsten Lächeln von der Welt. » Dio , Signor Morel, wie Sie sich ereifern! – Aber Sie müssen wissen, daß für uns Venetianer dergleichen Rücksichten ohne allen Wert sind, denn unsere Sitten isolieren uns in allen Punkten von den Gebräuchen anderer Länder, ebenso wie unsere Stadt von dem Lande isoliert ist, das anderen Städten zur Stütze dient! Bei uns ist die Furcht vor dem Tode ganz ohne alle Bedeutung: aber zugegeben selbst, daß sie von irgend einem Gewichte sein könnte, würde ich ihr zu trotzen wissen, mein lieber Herr, wäre es auch nur einer bloßen Laune wegen. – Ich gehe sogar noch weiter: Sie wissen nicht, welches köstliche Vergnügen ich darüber empfinden würde, aus dieser kleinen Liebesintrige einen öffentlichen Streit zu machen. Der Gemahl der Dame ist, wie ich Ihnen die Versicherung geben kann, ein junger Mann von Ihrem Alter, oder wenigstens davon nicht weit verschieden: ich sehe also schon, daß ich meinen Freunden, und folglich auch Ihnen – denn ich zähle Sie gern mit dazu – das für Sie ganz neue Schauspiel eines Duells über das Schnupftuch und mit nur einer geladenen Pistole geben könnte.« Max benutzte einen Augenblick, in welchem das Gespräch eine andere Richtung nahm, und entfernte sich von dem Broglio, um sich nach der Guidecca zu begeben, wo Valentine seiner wartete. »Dein Spaziergang hat länger gedauert als gewöhnlich, mein Freund,« sagte sie, indem sie ihn umarmte. »Das kommt daher,« entgegnete er trocken, »weil ich eine lange Erzählung Giovanni Gradenigos mit anhörte.« »Giovanni Gradenigos?« rief Valentine unwillkürlich. »Ja!« Es entstand ein Augenblick des Schweigens. »Der Gegenstand war außerordentlich interessant, und ich sah mich gezwungen, ihm zu erklären, wie ein Franzose eine Beschimpfung abzumachen wissen würde,« entgegnete Max mit einem finstern Wesen, so daß dadurch in Valentine eine unbestimmte Angst erweckt wurde. Wieder entstand eine Pause. »Ich liebe die Venetianer nicht,« sagte Valentine mit dem Ausdrucke des Widerwillens. »Du hast unrecht! – Sie sind sehr liebenswürdig.« »Ich möchte mich gern von der Langeweile zerstreuen, die sie mir bereiten,« versicherte Valentine unbefangen. – »Sage mir doch Max – würdest Du mich nicht nach der Insel Monte Christo begleiten? – Mir scheint, die Einsamkeit würde mir bei meiner jetzigen Stimmung sehr gut tun.« »Und der Ball Gradenigos?« »Ach, was gilt mir ein Ball!« sagte sie mit jenem natürlichen und unbefangenen Wesen, welches verrät, daß man wirklich fühlt, was man sagt. »Mir scheint indes, als gäbe es keinen Vorwand zu einer Entschuldigung für die Unhöflichkeit, die Du begehen willst, Valentine.« »Wie! nicht einmal meine Gesundheit? – Indes geschehe es ganz, wie Du willst. Verlangst Du es, so bleibe ich in Venedig und gehe auf den Ball des Signor Gradenigo.« »O nein – nein – und tausendmal nein!« rief Max, indem er hastig aufstand. »Nein, Du wirst nicht auf den Ball des Grafen Gradenigo gehen! Wir verlassen Venedig! – Auch bereitet die Luft, die man hier atmet, mir ein sonderbares, unerklärliches Leiden, – eine Beklemmung, die ich bisher noch nie empfunden hatte.« Indem er sprach, rannen zwei große Tränen langsam über seine Wangen und befeuchteten seinen dichten Schnurrbart. Sein leidenschaftlicher Blick heftete sich auf die sanften Züge Valentines mit jenem Ausdrucke, welcher um Verzeihung wegen eines Gedankens zu bitten scheint, der gegen unseren Willen unwillkürlich in uns aufgestiegen ist. Valentine reichte ihm herzlich die Hand. Er zog sie voll Innigkeit an seine Lippen. Am nächsten Tage ließ Valentine ihr Fenster offen, um dem Gondolier das verabredete Zeichen zu geben. Giacomo schien das Signal verstanden zu haben, denn mit Anbruch der Dunkelheit blieb eine Gondel in geringer Entfernung von den Stufen des Palastes halten. In der Gondel waren zwei Männer, welche beide die gewöhnliche Kleidung der Gondoliere trugen. »Springe an das Land und geh, Giacomo,« sagte der eine zu dem andern. »Vergessen Sie nicht den Namen der Yacht, noch den Ort, wo sie auf der Rhede liegt.« »Es ist die Yacht Bonace ?« »Ja, Exzellenz.« »Hier ist Dein versprochener Lohn.« Giacomo empfing eine mit Gold gefüllte Börse, und beeilte sich darauf, an das Land zu springen, indem er sagte: »Gute Nacht! Und der heilige Antonius möge Euere Exzellenz in seinen Schutz nehmen!« Der andere Gondolier blieb in der Gondel, die er mit dem Ruder bis zu der Tür der Vorhalle brachte. Währenddessen stieg Valentine, gestützt auf den Arm Maximilians, schweigend die innere Treppe des Palastes herab, und beide schritten darauf durch die Vorhalle bis zu den Stufen, gegen welche das Wasser des Kanals schlug. »Hier ist unsere Gondel, mein Freund,« sagte Valentine. »Laß uns hineinsteigen, und dann glückliche Reise! – Denn wir gehen auf die Reise,« fügte sie lächelnd hinzu. – »Laß einmal hören: Angenommen nun, wir machten uns auf den Weg – wir verließen Venedig – würde Dir das recht sein?« »Zwischen dem Gedanken und der Ausführung desselben liegt oft ein Abgrund, mein Herzchen!« entgegnete Max. »Indes gebe ich die Hypothese zu, um Dir gefällig zu sein, und nun also in den Sattel auf das glänzende Roß der launenvollen Phantasie. – Ich bin bereit zum Aufbruch.« »Wohin willst Du reisen?« »Nach der Insel Monte Christo zum Beispiel.« Indem Max so sprach, stieg er in die Gondel und reichte seine Hand Valentine, um ihr ebenfalls hereinzuhelfen. In diesem Augenblicke wich der Gondolier, welcher jetzt erst die Gegenwart Maximilians zu bemerken schien, einen Schritt zurück, erbebte, und blieb stehen, ohne die geringste Bewegung zu machen. »Du kannst jetzt rudern!« sagte Max. »Er scheint Deine Worte nicht gehört zu haben!« bemerkte Valentine. »Nun, Giacomo, bist Du taub?« rief Max. »Rudere in der Richtung nach dem Lido!« »Aber sieh doch, wie er zittert!« sagte Valentine. Der Gondolier ergriff das Ruder und machte sich an die Arbeit; dies geschah aber mit einer Ungeschicklichkeit, von welcher Giacomo bis jetzt noch keinen Beweis gegeben hatte. War denn dieser Gondolier auch wirklich Giacomo? Woher dann seine Unruhe? Woher sein Erbeben bei dem Anblicke Maximilians? Wozu das Geheimnis, in welches er sich hüllen zu wollen schien? Alle diese Fragen werden ihre Beantwortung in dem folgenden Kapitel finden. * Dritter Band. I. Die Grotte Monte Christos. Während der Gondolier, den Kopf so niedergebeugt, daß man sein Gesicht nicht sehen konnte, sich, wie wir erwähnten, mit unverkennbarer Ungeschicklichkeit der Arbeit des Ruderns hingab, wendete sich Max gegen Valentine und deutete mit der Hand auf das kleine Handelsfahrzeug. »Was ist das für ein Schiff, das dort in geringer Entfernung von uns liegt und dem unsere Gondel zuzusteuern scheint?« fragte er sie. »Ei, ei,« sagte Valentine lachend, »es scheint, als besäße ich mehr Kenntnisse vom Seewesen als Du! – Das ist die Yacht, die Bonace .« »Es scheint aber, als führe die Gondel gerade darauf zu! – Schon ist das Land weit zurück.« »Oh, wenn der Gondolier fortfährt, sich die Stirn so zu trocknen wie eben jetzt, so haben wir alle Ursache, zu glauben, daß wir heute abend nicht zu der kleinen Yacht gelangen,« sagte Valentine. »Solltest Du vielleicht den Gedanken verwirklichen wollen, zu dessen Anerkennung Du mich bestimmt hast?« »Nun, laß hören! – Was würdest Du sagen, Max, wenn die Nacht uns aus dem Adriatischen Meere hinausbrächte?« »Ei, ich begreife sehr gut! – Ich sehe, daß ich Dein Gefangener bin,« murmelte Max, indem er ihre Hand ergriff und aufstand, denn schon erreichte der Kiel der Gondel die kleine Yacht. Der Gondolier schien in diesem Augenblicks sehr in Verlegenheit darüber zu sein, was er zu tun hätte, um auf schickliche Weise anzulegen; aber seine Verwirrung steigerte sich noch, als Max ihm auf die Schulter klopfte, und nachdem Valentine bereits zu der Yacht hinaufgestiegen war, ihn anreden zu wollen schien. Der Mond, der bisher durch einige Wolken verdunkelt gewesen war, funkelte plötzlich an einem durchsichtigen blauen Himmel und beleuchtete mit seinem melancholischen Lichte alle Gegenstände der Schöpfung. Max brach in ein lautes Gelächter aus, als er das Gesicht des Gondoliers erkannte. »Signor Giovanni Gradenigo!« rief er halblaut. »Was soll das heißen, mein Herr? Sie scheinen sehr sonderbare Launen zu haben. Welchem Umstande verdanke ich die unerhörte Ehre, so durch Sie bis hierher gefahren worden zu sein? – Oh, ich will nicht, daß eine solche Gefälligkeit in den Schatten der Nacht begraben bleibe; – ich werde meine Frau bitten, Ihnen ihre Danksagungen darzubringen.« Bei diesen Worten wollte er Valentine rufen, aber er ließ sich durch die bittenden Bewegungen Giovanni Gradenigos zurückhalten. »Herr Morel,« sagte Giovanni ebenfalls mit leiser Stimme, »ich finde mein Vergnügen an allen überspannten Dingen, und wenn ich Sie bis hierher ruderte, so geschah das ganz einfach, um mich in dem Geschäfte des Gondoliers zu üben.« »Des Gondoliers! – Sie sind also zu Grunde gerichtet, da Sie ein solches Geschäft übernehmen wollen?« sagte Max mit dem Tone des beißendsten Spottes. »Sie tun sehr wohl, mein Lieber, in diesem Falle Ihrem aristokratischen far niente Lebewohl zu sagen. – Ich hatte schon einmal die Ehre, Ihnen zu erklären, wie ein Franzose jeden zu züchtigen wissen würde, der ihn beleidigt; jetzt muß ich Ihnen auch noch zeigen, wie großmütig das Herz eines Franzosen dem fremden Unglück gegenüber ist. – Hier haben Sie meine Börse!« Damit warf er zu den Füßen Giovannis eine goldgefüllte Börse nieder. Der stolze junge Mensch erbebte vor Unwillen und weinte vor Wut, als hätte er eine Maulschelle bekommen. Max sagte hierauf mit lauter Stimme: »Gute Nacht, Signor Gradenigo! St. Antonius möge Sie beschützen!« * Nach Verlauf von zwei Tagen der Fahrt hatte die Yacht Bonace die Insel Elba umsegelt und befand sich einigen steilen Felsen gegenüber, deren ausgezackte Gipfel gegen den Himmel, welchen die ersten Strahlen der Sonne röteten, auf eine ziemlich phantastische Weise abstachen. Es war die Insel Monte Christo. Valentine stützte sich auf den Arm ihres Max und betrachtete voll Ruhe diese einsamen Felsen, welche allmählich, indem die Nacht ihnen näher kam, riesige Verhältnisse annahmen. Was jetzt in dem Herzen Valentines vorging, war sicher sehr verschieden von dem, was Max empfand, Ihre Gefühle hatten nichts gemein miteinander. Max war aufgeregt im Angesicht dieser Felsen, der stummen und regungslosen Hüter eines ungeheuren Schatzes! Valentine schien sich in dem Gedanken zu gefallen, daß diese Felsen unter ihrer riesigen Leiche schon nichts mehr verbargen als einen Aschenhaufen!« Als die Yacht den Anker in der kleinen Bucht auswarf, welche eine sichere Zufluchtsstätte für jedes Fahrzeug bot, das die öde Insel besuchte, sprach Max den Wunsch aus, sogleich zu landen. Valentine machte ihn darauf aufmerksam, daß die Dunkelheit bald anbrechen würde, daß der Weg, der zu dem unterirdischen Palast führt, sehr schlecht sei, und daß es deshalb besser wäre, erst am nächsten Morgen an das Land zu gehen. Max willigte ein, und man brachte die Nacht an Bord zu. Werfen wir inzwischen einen Blick auf das, was im Innern der Insel vorging. Am Fuße eines der Felsen im Mittelpunkte des Eilandes war ein Portal angebracht, welches durch zwei prachtvolle Marmorsäulen von jonischer Ordnung getragen wurde. Zu beiden Seiten bildeten die ungeheuren Granitmassen, an die noch kein Meißel gelegt worden war, einen sonderbaren Kontrast zu dem Reichtum und der Eleganz dieses Portales. Dann folgte eine Treppe, ebenfalls von Marmor, die zu einem unterirdischen Saale führte, in welchem mehrere Verbindungstüren sich zeigten. Dieser Saal empfing sein Licht durch vier in den Felsen gebrochene Oeffnungen, die zugleich auch der freien Luft den Zutritt gewährten. Betrachtete man mit einiger Aufmerksamkeit diesen Raum, so konnte man leicht erkennen, daß ganz kürzlich eine zerstörende Hand hier alles vernichtet hatte, was die Kunst, unterstützt durch den Geschmack und den Reichtum, Schönes und Wunderbares hervorzubringen vermag. Noch standen auf ihren prachtvollen Sockeln die herrlichen Bildsäulen, die wir kennen, rings an den Wänden umher, an denen sich die Ueberreste einer reichen Tapete von Damast und Brokat zeigten. Ein schöner persischer Teppich lag zusammengerollt in einer Ecke; weiche Kissen, prachtvolle Ottomanen waren hier und dort umhergeworfen und vollendeten das eigentümliche Bild der Unordnung und des Reichtums, welches das Innere der Grotte Monte Christos zeigte. Benedetto war der einzige Bewohner dieses Ortes. Er ging von einem Ende des Saales zum andern auf und nieder, als ein Mensch, der rasch die Treppe herabkam, ihn in seinen Betrachtungen störte. »Meister,« sagte der Ankommende, »man hat soeben eine kleine Yacht in der Bucht gegen Morgen vor Anker erblickt.« »Ist das alles, Peppino?« fragte Benedetto. »Der Name des Fahrzeugs ist bekannt,« entgegnete Peppino. »Pietro, den wir von dem Lido mitbrachten, gab mir die Versicherung, er erkenne in der Yacht Bonace.« »Und ich kann Dir die Versicherung geben, daß es nicht die Yacht Sindbads, des Seemanns, ist. Also geht alles gut, sind die sämtlichen Ballen eingeschifft?« »Alle! Unser Fahrzeug liegt, wie Sie wissen, in der Bucht gegen Abend vor Anker; die neuen Ankömmlinge haben daher unser Gehen und Kommen nicht bemerken können, indes wäre es doch wohl klug, wenn Sie sich einschifften, vorausgesetzt, daß Sie hier durch nichts mehr zurückgehalten werden. Die Grotte ist ausgeräumt; was sie Wertvolles enthielt, ist in unseren Händen; was haben wir also noch weiter hier zu tun?« »Rocca Priori,« sagte Benedetto, nachdem er einige Augenblicke überlegt hatte, »sagtest Du mir nicht, daß der Weg, welcher von hier zu der Bucht gegen Abend führt, viel kürzer ist als der nach der Bucht gegen Morgen?« »Ohne Zweifel!« »Nun gut, so bilde aus dem, was hier noch übrig bleibt, in dem anstoßenden Saale einen Scheiterhaufen.« Peppino, der daran gewöhnt war, zu gehorchen, erfüllte den Befehl Benedettos, während dieser mit eigener Hand zu dem Scheiterhaufen die Bildsäulen trug, welche die Mauern verzierten. Nach wenigen Minuten war das Geschäft beendigt. »Jetzt,« sagte Benedetto, »tue dieses Pulver hinzu und hilf mir, davon eine Linie zu ziehen.« Diese Arbeit wurde ebenso schnell verrichtet wie die erste. »Das Fest ist bereitet, um den Eigentümer dieses wunderbaren Palastes zu empfangen,« rief Benedetto feierlich. »Er komme, wann er will – um bei dem Schein der Flammen die Worte zu lesen, die ich hier in die Mauer schreibe.« Indem er so sprach, ergriff er ein Stück Holzkohle und schrieb mit großen Buchstaben an die Hauptmauer einige Worte, welche Peppino wegen der Dunkelheit, die schon in dem Innern der Grotte sich verbreitete, nicht zu lesen vermochte. Am nächsten Morgen gingen Valentine und Max von der kleinen Yacht an das Land und dem Eingang der Grotte zu. Während sie Arm in Arm vorwärts schritten, schien ein Mann sie zu beobachten, der mit großer Leichtigkeit von Fels zu Fels sprang und sich hinter dem Gesträuch verbarg, während er der Richtung des Weges folgte, den sie einschlugen. Dieser Mann, dessen Augen funkelten wie die des Tigers, wenn er die Bewegungen seiner Beute belauert, ließ sie, ohne ihnen weiter zu folgen, gehen, sobald er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß sie der Grotte zuschritten; und als er sie in einer gewissen Entfernung von sich erblickte, machte er einen Bogen, ließ sich an dem Felsen hinabgleiten und eilte auf einem Wege vorwärts, der an einem der fürchterlichsten Abgründe der Insel hinführte. Hier senkte er seinen glühenden Blick in die Tiefen des Abgrunds und erblickte ein Schiff, das in der Bucht gegen Abend vor Anker lag. Es war die Yacht: der Sturm . Ein Boot, mit zwei Matrosen bemannt, lag an dem Ufer, als ob an diesem Punkte jemand erwartet würde. Benedetto atmete jetzt hoch auf. Sich rechts wendend, schritt er dem Eingange der Grotte zu, der in geringer Entfernung von ihm lag. Ein frischer Windhauch bewegte die wilde Vegetation der Insel und pfiff durch die Spalten und Risse der Felsen. Dichte Wolken zogen finster und trübe von Westen gegen Osten und verdunkelten von Zeit zu Zeit die glänzenden Strahlen der Sonne. Dann schien die Insel mit einem dichten geheimnisvollen Schleier bedeckt zu werden, welcher noch den eigentümlichen Zauber dieses Schauspiels wilder Größe steigerte. Dort unten am Fuße der Felsen hörte man das Meer sich brechen, das melancholische Gemurmel der Wogen wiederholte das Echo der Felsen und stieg in die Lüfte empor, wie ein eigentümlicher Chor menschlicher Stimmen. Valentine zitterte unwillkürlich immer heftiger, je näher sie der Grotte kam, aber sie strengte sich an, um Max zu verhehlen, was sie beschäftigte und ihren Geist mit Unruhe erfüllte. Endlich erschien ihnen das schöne Portal der Grotte, als sie um die Ecke eines Felsens bogen. Valentine blieb stehen. »Fühlst Du Dich ermüdet, meine teure Freundin?« fragte Max. »Wir brauchen nicht mehr weit zu gehen, um zu dem unterirdischen Palaste zu gelangen. Da ist schon der Eingang.« »Ja, da ist er! Das ist das Portal! – Weiterhin liegt das Heiligtum unseres ersten Glückes, Max, dort, wo Du das gebrechliche Gebäude des Glückes aufgeführt, dessen wir bis zu dieser Stunde genossen haben! – Laß mich aufatmen – laß mich an den Tag denken, der sich für uns so süß und so heiter erhob nach einer langen Reihenfolge von Qualen! – Ach, wie glücklich fühlte ich mich an jenem Tage! – Wie großartig und schön erschien mir alles, was uns hier umgibt. Mein Geist bekleidete mit Blumen diese Granitmassen – und in jeder dieser Blumen erblickte ich Dein Bild! Aber jetzt sind alle diese Blumen, die lieblichen Schöpfungen meiner Phantasie verschwunden; es scheint mir, als hätte ein eingebildeter Sturm sie für immer hier entwurzelt. Diese nackten Felsen, diese Einsamkeit, dieses Schweigen, kaum unterbrochen von dem Rauschen der Wogen – das alles flößt mir Furcht ein. Max, das Portal der Grotte Monte Christos erscheint mir in diesem Augenblick als der geheimnisvolle Eingang zu einem Grabe!« »Valentine,« rief Max, »was sollen diese Worte? – Wozu diese Tränen? – Welches Verbrechen haben wir begangen, um das Unglück zu verdienen, das Du träumst?« »Welches Verbrechen? – Keines!« entgegnete Valentine; »aber wenn der Mann, der uns unser Glück verlieh, nicht berechtigt gewesen wäre, uns das abzutreten, was er uns schenkte? – Glaubst Du, mein Freund, daß wir dann dessen noch lange genießen dürfen?« »Valentine, Deine Worte, welche ich in Venedig kalt anhörte, bringen in diesem Augenblicke eine eigentümliche Aufregung in mir hervor! – Wir stehen hier allein zwischen dem Meere und dem Himmel, zwischen dem Abgrund und Gott!« »Leisten wir daher zu diesem Gotte ein Gelübde der Demut, indem wir für immer auf den barbarischen Luxus verzichten, den der Graf von Monte Christo uns mitteilen wollte! – Laß uns von unserer Arbeit leben, laß uns in der Mittelmäßigkeit glücklich sein und zu Gunsten der Armut und des Elends, welche uns in der Welt umgeben, über diese Schätze verfügen, welche der Graf uns übertrug, vielleicht ohne das Recht dazu zu haben.« Indem Valentine diese Worte beendigte, war sie dem Eingang der Grotte nahe, in die sie unwillkürlich, geführt von Max, hinabstieg. Sie gingen die Treppe hinunter, und in dem Augenblick, als sie in den Saal traten, entschlüpfte ein Schrei der Ueberraschung ihren Lippen. Eine laute Explosion erfolgte in dem unterirdischen Gewölbe, und in dem Augenblick darauf zuckten Flammen rings umher. »Valentine!« rief Max, und wollte mit ihr zurückweichen. »Laß uns bleiben!« sagte sie, indem sie ihn mit ihren Armen umschloß. »Laß uns bleiben! Das Feuer brennt! Es verheert den Saal! – Hier war es, wo der Graf von Monte Christo uns diese Grotte mit all den Reichtümern, die sie enthielt, zum Geschenk machte!« »O, laß uns fliehen, laß uns fliehen, Valentine!« rief Max aufs neue heftig erschüttert. »Siehst Du nicht dort – dort – den entsetzlichen Spruch?« Er streckte den Arm aus und deutete auf die Hauptmauer, wo die Worte geschrieben standen: »Den Armen, was den Armen gehört! Die Hand des Toten ist erhoben gegen Edmund Dantès!« »Was ist denn das für ein entsetzliches Geheimnis?« fuhr er fort, indem er seine Kaltblütigkeit wiedergewann. »Was für eine sonderbare Hand hat diese tückischen Worte auf diese Wand geschrieben, die sie ohne Zweifel vorher gleich einem kecken Dieb bestohlen und verwüstet hat? – Valentine, erkennst Du denn nicht, daß das alles das Werk eines Menschen ist, der Deine Schwäche – die Schwäche eines Weibes, – mißbrauchen will? Er komme und erkläre, wenn er kann, dieses Rätsel! – Wer ist der Verstorbene, dessen Hand, wie er behauptet, gegen Edmund Dantès erhoben sein soll?« »Ich will es Dir sagen, Max Morel,« sagte eine Stimme, die aus dem Innern der Grotte ertönte. »Die Hand, welche sich ausgestreckt, um das Blut, die Ruhe und die Tränen des Edmund Dantès zu empfangen, ist die eines Mannes, welchem Edmund Dantès die eingesammelten Zinsen für eine übermäßige Rache schuldet! – Der Tote ist Herr von Villefort!« »Mein Vater!« rief Valentine entsetzt, indem sie ohnmächtig in die Arme ihres Gatten sank, welcher regungslos und wie zu Stein verwandelt, auf der Treppe stehen blieb und mit dem Blicke die Luft, das Feuer, die Gebirge befragte. Der Brand machte schnelle Fortschritte, und nach kurzer Zeit blieb von dem fabelhaften Reichtum und dem Glanze der Grotte Monte Christos kaum noch ein Aschenhaufen zwischen den geschwärzten Mauern des Felsens übrig. Zwei kleine Jachten, die eine auf der östlichen, die andere auf der westlichen Seite von der Insel Monte Christo auslaufend, segelten ruhig in entgegengesetzten Richtungen davon. Die, welche Italien umsegeln zu wünschen schien, war der Sturm , die andere, welche gegen Porto Vecchio segelte, war die Jacht Bonace . * II. Der Ball des Herrn von Gradenigo. Eine große Neuigkeit setzte alle Gemüter in Venedig in Bewegung. Es handelte sich um einen Maskenball, aber um einen Ball, der alles verdunkeln sollte, was man bis zu diesem Tage der Art gesehen hatte. Jeder machte in Beziehung darauf seine Glossen; es fehlte nicht an Vermutungen. Inzwischen gingen die Vorbereitungen ihren Gang, und Näherinnen und Modistinnen hatten alle Hände voll zu tun. Ein Freund, reich wie Krösus, war aus dem Orient bei dem Grafen Gradenigo angekommen, und der Graf öffnete beide Flügel der Türen seines Palastes, beleuchtete seine glänzenden Salons, seine prachtvollen Gärten, bevölkerte sie mit allem, was es in Venedig Schönes, Edles und Reiches gab, und traf Anstalten, in der Mitte dieses Glanzes einer allgemeinen Lustbarkeit den Freund zu empfangen, dessen Name in jedermanns Mund war: Graf von Monte Christo. Aber wer war denn dieser Graf von Monte Christo? Ein übermäßig reicher Mensch, ein Nabob, von Geburt ein Franzose, aber seit langer Zeit schon hatte er den Orient zu seinem Vaterlande gewählt und dort die einzige Tochter eines ehemaligen Paschas von Janina geheiratet. Jedermann erzählte sich seine Geschichte – und jedermann vervollkommnete die Erzählung seines Nachbars! Es gab einen wahren Strom von Anekdoten, die mehr oder minder wahr, mehr oder minder wahrscheinlich waren. Von dem Broglio bis zum großen Kanal, von dem öffentlichen Platze bis zu dem Boudoir der schönen Frauen hörte man nichts als die Wiederholung des Namens von dem berühmten Reisenden, dem zu Ehren der Ball gegeben werden sollte und auf den sich die ganze Bewunderung und das ganze Interesse des Augenblicks lenkte. Nicht eines von allen Familienhäuptern, von allen Erben oder Verwandten der besten Familien Venedigs, vergaß, dem Herrn Grafen von Monte Christo die Huldigungen darzubringen, indem sie eine elegante Visitenkarte auf den Präsentierteller von Gold und Elfenbein legten, der zu diesem Zwecke bestimmt war und in einem Salon seinen besonderen Platz auf einem Tischchen von Ebenholz hatte. Denn der Graf von Monte Christo enthob sich der Mühe, persönlich die Besucher zu empfangen, die nicht zu seinem vertrauten Umgange gehörten. Ehe wir ausführlicher von dem Ball des Grafen Gradenigo sprechen, müssen wir zwei Worte über den Mann sagen, den man Graf von Monte Christo nannte und welcher seinen Namen dem Roman gab, von welchem der vorliegende nur die Fortsetzung ist. Haben wir irgend einen Menschen einmal gesehen und kennen gelernt, sind wir ihm durch alle Handlungen seines öffentlichen Lebens gefolgt, und dieser Mensch hat in uns auch nur ein einfaches Gefühl der Neugier erweckt – dann empfinden wir stets eine lebhaftere Bewegung, wenn wir ihn nach einer langen Trennung wiedersehen. Wir finden Gefallen daran, ihn zu beobachten, zu analysieren, alle seine Bewegungen, seine Worte und Handlungen mit den früheren zu vergleichen und sie zu besprechen, weil wir bei jedem Schritte eine Veränderung, eine Umwandlung, einen Unterschied, kurz irgend ein Etwas zwischen dem bemerken, was er damals war und was er jetzt ist. Das Alter, neue Verbindungen, welche der Mensch anknüpfte, seine Art, zu sehen und zu denken, seine leichtfertige oder ernste Unterhaltung, alles trägt dazu bei, um unsere natürliche Neugier anzuregen. Der Graf von Monte Christo war einer von jenen Männern, bei denen die Zeit eine wahre Revolution hervorbringt und sie denen beinahe unkenntlich macht, welche sie seit längerer Zeit nicht sahen. Als der Graf von Monte Christo auf der Szene erschien, nahm er, wenn meine Erinnerungen mich nicht täuschen, eine jener Stellungen ein, welche die Natur ganz besonders für ein Wesen geschaffen zu haben scheint, das Entschlossenheit besitzt und in das berühmte Buch der Schicksale eingetragen ist, in welchem wechselweise, oder oft zu gleicher Zeit, Gott, der Mensch und der Teufel schreiben, ausstreichen und verwischen. Der Graf von Monte Christo hatte beinahe noch unter seinen Augen die ganze Vergangenheit des unglücklichen Edmund Dantès vor sich ausgebreitet, wie das furchtbare Leichentuch, das sein langes Märtyrertum verdeckte, und auf welches mit seinem Blute und seinen Tränen die Namen seiner Henker geschrieben waren. Die Stimme des alten Abbé von Faria, diese Stimme, welche ihn lehrte, die Geheimnisse des menschlichen Wesens zu entdecken, tönte noch in seinem Ohr und legte ihm die nichtswürdigen Gesinnungen seiner Henker bloß. Der Graf von Monte Christo besaß Blutdurst! – Als Mensch konnte er seine Philosophie nicht hoch genug steigern, um ihn den unersättlichen Durst vergessen zu machen, der ihn verzehrte; er traf ohne Barmherzigkeit und ohne Mitleid! Er lachte, wenn er weinen Hörte! Er lästerte, wenn er den Namen des Gottes aussprechen hörte, welcher ihn selbst groß und mächtig gemacht hatte! – Es gab in seinem Leben nichts, wodurch der Becher der Bitterkeit versüßt wurde, an den er seine Lippen beständig setzte. Jetzt aber, wo die Zeit ihren kalten Mantel über dieses Bild gebreitet hatte, wo unter diesem Mantel die Lava der entfesselten Leidenschaft schon nicht mehr rauchte – wo die Liebkosungen einer Gattin und eines unschuldigen Kindes ihm eine neue Existenz boten, so mit Blumen bestreut, daß unter denselben die rauhen Wurzeln verschwanden, die den Weg, welchen wir verfolgen, durchschneiden, den wir von der Wiege bis zum Grabe zurückzulegen haben – jetzt war der Graf von Monte Christo schon nicht mehr derselbe Mensch. Das ruhige Glück, die Häuslichkeit, diese höchste Glückseligkeit, die in den Städten so sehr von denen gering geschätzt wird, welche nie das wahre Unglück kennen lernten, war jetzt sein größtes, ja was noch mehr ist, sein einziges Vergnügen, und wenn nicht in seine ruhige Existenz ein außerordentliches Ereignis eingedrungen wäre, so würde er nimmermehr wieder das tobende Leben der großen Städte Europas aufgesucht haben. Seine Gemahlin Haydee war von einer gänzlichen Erschöpfung der physischen Kräfte befallen worden und litt an den Anfällen eines jener geheimnisvollen und langsamen Fieber, deren Heilung nach dem Ausspruch der Aerzte gebieterisch die Veränderung des Klimas fordert. Der Graf von Monte Christo verließ daher den Orient, um sich nach dem Occident zu begeben, wo er die Wiederherstellung der leidenden Gesundheit seiner Frau zu erlangen hoffte. Es war Venedig, welches die junge und schöne Haydee vermöge seiner geographischen Lage zuerst besuchen mußte, und da der Graf von Monte Christo sich an seinen Freund, Signor Gradenigo, erinnerte, schrieb er ihm, um ihn auf seinen nahe bevorstehenden Besuch vorzubereiten. Wie aufrichtig und dringend die Bitten auch gewesen waren, welche der edle Venetianer an den Grafen Monte Christo richtete, um denselben zu bestimmen, in seinem Palaste abzusteigen, so hatte dieser doch, einem alten Gebrauche folgend, nach Venedig einen seiner Diener mit dem Auftrage vorausgeschickt, ein Hotel für ihn in stand setzen zu lassen, und er lehnte daher die Bitten unter Beobachtung der größten Höflichkeit ab. Der Graf von Monte Christo sollte in der Giudecca, in eben jenem Palaste wohnen, den früher Max und Valentine inne gehabt hatten. Haydee, die noch immer jung war, hatte nichts von ihrer Schönheit verloren. Auf ihrem Gesichte sprach sich zwar ihre physische Ermattung aus, aber es zeigte doch noch immer jenen milden, sanften Ausdruck, welcher die so innig ergriffen hatte, die sie einige Jahre zuvor in Rom oder Paris sahen. Sie hatte einen Sohn, der kaum drei ein halb Jahre alt war, bei dem man aber ungeachtet dieses zarten Alters in den kindischen Zügen bereits den Ausdruck der Entschlossenheit und Verwegenheit des Grafen Monte Christo, vereinigt mit der Sanftmut Haydees, erkennen konnte. Der Knabe war in der Tat ein Engel an Schönheit und später sollte er in sich alle Schätze der vollkommensten Erziehung vereinigen. Haydee verließ ihr Kind nicht einen einzigen Augenblick; der Graf hatte daher auch die größte Mühe von der Welt, ihre Einwilligung zu erlangen, ihn auf den Ball des Signor Gradenigo zu begleiten. Da indes ihr Nichterscheinen eine offenbare Beleidigung des edlen Venetianers sein würde, vertraute Haydee ihren Knaben zum ersten Male der Obhut einer Frau an, die aus dem Orient mit ihr gekommen war, und traf Anstalten zu ihrem Eintritt in die Salons des Grafen Gradenigo. Der Palast sowohl als die Gärten des berühmten venetianischen Grafen waren prachtvoll beleuchtet, die vorzüglichsten Orchester darin zweckmäßig verteilt. Sobald der Abend anbrach, füllte sich der große Kanal, gegen welchen die Fassade des Palastes lag, mit Gondeln, auf denen Eingeladene und Neugierige sich den Weg streitig machten. Ueberall, von wo man den Palast und die Gärten sehen konnte, entstanden gewaltige Anhäufungen menschlicher Köpfe, die hin und her wogten wie die Wellen des Meeres, die der Wind vor sich her treibt. Myriaden von Lichtern funkelten durch die Gebüsche der Gärten; Ströme von Feuer drangen durch die geöffneten Fenster und ergossen sich auf die Menge; es war ein wahrhaft feenhaftes Schauspiel! Der Ball war, wie wir bereits erwähnten, ein Maskenball. Der Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Kostüms gewährten den prachtvollsten Anblick. Es gab zuerst ein Gewirr und Getreibe sondergleichen – es wich indes einer Art von Windstille, als einer der Gäste mit dem geheimnisvollsten Wesen von der Welt verkündete, der Graf von Monte Christo und seine reizende Gemahlin, die schöne Haydee, seien soeben eingetroffen. Damen und Kavaliere eilten sogleich den Angekommenen entgegen. Haydee, welche eine reiche orientalische Tracht trug, gab ihren Arm dem Grafen, der als Beduine gekleidet war. Seine Haltung, sein natürliches Wesen, die Anmut und die Zartheit Haydees, alles trug dazu bei, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen. Der Signor Gradenigo, welcher von der Anwesenheit seines Freundes benachrichtigt worden war, bot Haydee galant die Hand, und nachdem er dem berühmten Beduinen die Hand gedrückt hatte, führte er sie nach den Tanzsälen. Der Graf blieb allein, und um der Langweile der albernen Gespräche zu entrinnen, die um ihm her begannen, verlor er sich in der Mitte eines Schwarmes maskierter Damen, indem er bemüht war, irgend eine derselben zu erkennen. Bald indes überzeugt, daß ihm die Verwirklichung seiner Absicht unmöglich sein würde, entfernte er sich und ging nach den Gärten, wo ebenfalls getanzt wurde. Hier blieb er neben einem Gebüsch stehen, aus welchem Frauenstimmen ertönten, die ihm zwar vollkommen unbekannt waren, indes von solchen Dingen sprachen, daß dadurch die Aufmerksamkeit des Grafen bald gänzlich in Anspruch genommen wurde. Er hüllte sich in seinen Burnus, lehnte sich gegen den Stamm eines hundertjährigen Baumes und widmete dem Gespräch seine ganze Aufmerksamkeit. »Also bist Du überzeugt, daß die d'Armillys in Venedig sind?« »Ob ich davon überzeugt bin? – Was noch mehr ist –« »Was denn, Laura?« »Sie sind hier auf dem Ball.« »Wie, sie wären hier? Das ist nicht sehr wahrscheinlich nach dem Streite, den der Graf Gradenigo mit meinem Vater über das Altertum gewisser Punkte des Adels unserer beiden Familien gehabt hat. – Wie kann man glauben, daß, wenn er solche Begriffe im Kopfe hat, er die beiden Sängerinnen einladet?« »Ich habe mir sagen lassen, meine liebe Freundin, daß gegenwärtig die theatralische Laufbahn in großer Achtung steht. Welch ein Uebel ist denn allenfalls auch dabei?« »Keines, Laura; aber es gibt Leute, welche so empfindlich sind! – Was mich betrifft, so fühle ich mich keineswegs verletzt durch die Anwesenheit dieser Damen – indessen –« »Uebrigens gibt es auch einen andern Umstand, der zu Gunsten der d'Armillys spricht. Man sagt und versichert, daß sie sehr guten Familien angehören, besonders die jüngere, welche Eugenie heißt, und die von einer französischen Familie abstammen soll, welche unter dem Namen Servières bekannt ist.« »Oh, in diesem Falle wollen wir nichts weiter über die Einladung sagen, welche der Graf ihnen zukommen ließ! – Geburtsadel und Adel des Talents vereinigt – das muß selbst die Anspruchvollsten befriedigen.« »Du sprichst die Wahrheit!« »Aber wie soll man sie unter so vielen Masken herauserkennen?« »O, das ist nicht so schwierig!« »Aber ich denke doch! – Nun, wie denn?« »Giovanni Gradenigo ist einer von den Anbetern der beiden d'Armillys. Als sie hierher kamen, ehe sie nach Rom gingen, war er unerschöpflich in ihrem Lobe; es war sogar mehr als Lob – Leidenschaft, Wahnsinn! – Du darfst also überzeugt sein, daß er sie diese Nacht nicht einen einzigen Augenblick verlassen wird. Giovanni wirst Du aber gewiß trotz seiner Verkleidung erkennen.« »Ich denke wohl – ich sehe ihn ja täglich – meinen lieben Vetter!« »Nun wohl, die Dame, bei der er sich befindet und den Galanten spielt, ist sicher eine der beiden d'Armillys.« »Sehr richtig geurteilt. – Beeilen wir uns nun, unsere Masken wieder vorzunehmen, meine teure Laura, und gehen wir auf unsere Rekognoszierung aus. Apropos, hast Du von dem Grafen Monte Christo sprechen hören?« »Er ist hier.« »Und seine Frau?« »Ist eine Griechin von hohem Adel, wie man behauptet; ich habe sie noch nicht gesehen.« »Was ist denn aus jener Französin geworden, die vor kaum einigen Tagen hier in Venedig war, die Frau des Max Morel, des Herrn und Gebieters über die Insel Monte Christo?« »Darf man dem Gondolier Giacomo glauben, der jetzt in unserem Dienst steht, so haben der Mann und die Frau Venedig verlassen, um die Einsamkeit ihrer wüsten Insel aufzusuchen, wo sie einen schönen Palast besitzen.« »Wenn ich Eigentümerin dieser Insel wäre, so sollte sie nicht lange wüst bleiben,« rief lachend die Freundin Lauras, »besonders wenn sie, wie Du sagst, einen schönen Palast enthält. Ich würde mich beeilen, sie mit den glänzendsten und schönsten Kavalieren zu bevölkern – um dort Bälle zu geben. – Dort, in der Mitte wilder Felsen zu tanzen, an deren Fuße das Meer sich tobend bricht, das ist wahrlich, um den Kopf zu verlieren, wenn man nur daran denkt! – Aber einstweilen maskiere Dich, meine liebe Laura, und laß uns die d'Armillys aufsuchen.« Als die Freundinnen das Gebüsch verließen, war der Graf Monte Christo bereits wieder verschwunden, um seinerseits ebenfalls Giovanni Gradenigo aufzusuchen. In dem Augenblick, als man ihm den Erben des berühmten italienischen Grafen zeigte, verlor Monte Christo ihn aus dem Auge, da er durch einen Domino aufgehalten wurde, der sich ihm gerade gegenüber in den Weg stellte und durch eine schwarze Larve auf ihn seinen starren Blick richtete, aus dem Flammen zu sprühen schienen. »Wer sind Sie? Was wollen Sie?« fragte Monte Christo ihn stolz. »Sie sehen!« erwiderte der Domino mit einer Stimme, deren Klang Monte Christo unwillkürlich erbeben machte. »Ich danke Ihnen,« entgegnete Monte Christo; »doch, da ich nichts von Ihnen will, mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie Ihre Zeit verlieren und mich auch um die meinige bringen.« Er tat einen Schritt, um sich zu entfernen, aber der Mann stellte sich ihm abermals entgegen. »Wenn Du auch nichts von mir willst,« sagte er, »so will ich dagegen viel von Dir – denn Du bist ein Mann, von dem man viel verlangen kann – und Du weißt das sehr wohl.« »O, das artet in Zudringlichkeit aus. Ich bitte Sie, den Ton und das Wesen zu ändern. Wenn Sie mich kennen, so nennen Sie mich bei meinem Namen!« »Gern! – Aber welchen Namen soll ich Dir geben?« »Die Frage ist sonderbar! – Nenne den meinigen.« »In diesem Falle werde ich Dich Edmund Dantès nennen.« Bei diesen Worten wich der Graf von Monte Christo einen Schritt zurück und maß mit besorgtem Blicke den sonderbaren Redner vom Kopf bis zu den Füßen. »Erkennst Du an, daß ich weiß, wer Du bist?« fragte der Domino. »Das ist sehr gleichgiltig,« erwiderte der Graf, indem er sorgfältig seine Unruhe verbarg. »Wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, Ihren Namen zu sagen –« Der Domino stieß ein gellendes Lachen aus. »Geben Sie mir nur eine Andeutung, ein Zeichen,« fuhr Monte Christo fort, ohne die Neugier überwinden zu können, welche der Unbekannte in ihm erregte. »Es sei,« entgegnete der Domino und fügte sogleich hinzu: »Erinnerst Du Dich an Mercedes?« »Mercedes!« murmelte Monte Christo mit dumpfer Stimme, welche der Widerklang des tiefen und schmerzlichen Echos zu sein schien, das dieser einfache Name in seinem Herzen erweckte. »Wer sind Sie denn? Entfernen Sie sich nicht – sprechen Sie – ich kenne Sie!« »Wer bin ich dann?« »Albert von Morcerf.« »Du irrst; Du mußt Dich daran erinnern, daß er größer ist als ich.« »Das ist wahr,« sagte der Graf, indem er den Kopf senkte und nachdenklich vor dem geheimnisvollen Manne stehen blieb, der so peinliche Erinnerungen in ihm wach rief. »Guten Abend, Edmund! Auf baldiges Wiedersehen!« Und ohne ihm Zeit zu lassen, nur ein einziges Wort an ihn zu richten, verschwand der Domino unter der lärmenden und lustigen Menge der andern Masken. Der Graf versuchte vergebens, ihm mit den Augen zu folgen; er schien sich unsichtbar gemacht zu haben. Um sich von dem Unwillen zu zerstreuen, den dieses kurze Gespräch ihm verursacht hatte, das zu erwarten er so weit entfernt gewesen war, bemühte der Graf von Monte Christo sich aufs neue, die beiden jungen d'Armillys aufzusuchen. Nach einem halbstündigen vergeblichen Suchen traf er mit seinem alten Freunde, dem Grafen Gradenigo, zusammen, mit dem er einige alltägliche Worte wechselte, wie sie bei solchen Gelegenheiten üblich sind, um das Gespräch, welches man einzuleiten beabsichtigt, ohne daß der andere den Gegenstand, für welchen man sich interessiert, ahnt. »Die Gesellschaft ist in der Tat prachtvoll!« sagte Monte Christo, »und wie es scheint, teilt Ihr Sohn mit seinem berühmten Vater das Vorrecht, mit jenem Zartgefühl, das ihn in so hohem Grade charakterisiert, die Honneurs des Hauses gegen die Eingeladenen zu machen.« »O, Giovanni tut, was er kann,« erwiderte der alte Patrizier. »Er will sich nicht die Mühe nehmen, mehr davon zu wissen – deshalb ist er auch – aber pah! Das Alter wird seine Erziehung vollenden, so hoffe ich wenigstens! Haben Sie ihn schon erkannt?« »Man zeigte ihn mir, aber ich habe ihn aus dem Auge verloren, und ich glaube, daß ich ihn jetzt wieder mit den andern Masken verwechseln würde.« »Sehen Sie dort rechts hin,« sagte plötzlich der Signor Gradenigo; »er reicht einer edlen Cirkassierin den Arm.« Der Graf wollte den Sohn Gradenigos anreden, als sich in demselben Augenblicke eine Maske vor ihn hinstellte und ihm sagte: »Seien Sie willkommen, Graf von Monte Christo. Sie haben unrecht getan, Ihr Gesicht zu verlarven, weil hier jemand auf Sie wartet.« »Was wollen Sie damit sagen?« »Für den Augenblick nur wenig, doch eines Tages Werde ich Ihnen viel sagen.« »Ich kenne Sie nicht und habe nicht die geringste Lust, Sie kennen zu lernen. Guten Abend!« »Einen Augenblick, Graf! – Es ist nicht Gebrauch, jemanden so zu behandeln, von dem man solange Zeit erwartet wird.« »Aber wie es mir scheint, besteht durchaus nicht die geringste Verbindung zwischen uns.« »Für den Augenblick, nein, aber es hat eine bestanden und meine Erinnerung dafür bleibt sich gleich.« »Sprechen wir nicht von der Vergangenheit, die schon weit hinter uns liegt. Beschäftigen wir uns nur mit der Gegenwart. Wer sind Sie? Sagen Sie dies offen, denn Sie sehen wohl, daß ich nicht die geringste Anstrengung mache, Ihren Namen zu erraten.« »Das ist alles lächerlich, mein lieber Seemann des Pharao. – Ich bin ein Passagier, durch den Ihnen Herr von Villefort seine Grüße sendet.« »Ha!« rief Monte Christo, indem er sich mit der Hand über die bleiche Stirn fuhr. »Wer Sie auch sein mögen, haben Sie den Gegenstand Ihres Scherzes sehr schlecht gewählt: Ehren Sie die, welche vielleicht ihren ewigen Schlaf schlafen!« Kaum hatte der Graf von Monte Christo diese Worte ausgesprochen, als der, an welchen er sie richtete, verschwunden war. Monte Christo fühlte sich durch dieses grausame Spiel lebhaft erregt; er faßte indes mutig seinen Entschluß und begann von neuem sein Aufsuchen Giovanni Gradenigos. Lange waren seine Bemühungen vergeblich, und endlich bemerkte er, wie derselbe der anmutigen Cirkassierin seinen Arm reichte, und er wollte ihn eben berühren, als wieder eine Maske sich ihm näherte und ihn auf solche Weise intrigierte, daß sie seine Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm. Die Maske hatte den vollständigen Anzug eines richterlichen Beamten in der Ausübung seiner Funktion und sprach das Französische mit der ganzen Reinheit und Gewandtheit eines Mannes von Stande. »Guten Abend, Graf von Monte Christo,« sagte er. »Kommst Du nach Europa in der Absicht zurück, Dich an einigen Familien zu rächen? – Man sollte wirklich glauben, Du wärest von Geburt ein Korse, denn das Wort vendetta hat für Dich eine unwiderstehliche Macht.« Der Graf von Monte Christo betrachtete mit einem unaussprechlichen Gefühl der Neugier den Gerichtsbeamten, der mit so vieler Vertraulichkeit die Rede an ihn richtete. »Wie befindet sich Deine schöne Gemahlin Haydee?« fuhr der verkleidete Beamte mit dem reinsten Accent fort. »Bist Du imstande, auf die erhabenen Gesinnungen dieser unschuldigen Seele einzugehen? Arme Haydee! Ich zweifle, daß sie lange glücklich sein wird.« »Oho!« rief der Graf mit gezwungenem Lachen. »Sie fallen in die lächerliche Rolle eines Unglückspropheten, mein interessanter Gerichtsbeamter: geschähe das vielleicht, um sich von der Langweile zu zerstreuen, welche Ihre ernsten Funktionen Ihnen bereiten?« »Meine Funktionen als Staatsanwalt langweilen mich nie, mein Herr!« erwiderte die Maske mit wichtigem Tone. »Ich finde sogar einen unaussprechlichen Reiz in der Erfüllung der Pflichten des Amtes, das ich schon seit langer Zeit in Paris auf solche Weise ausübe, daß ich dadurch die Billigung und die Achtung aller derer, welche mich kennen, erworben habe. Ich bin jetzt in Erwartung eines sehr interessanten Falles, der meinen Namen unsterblich machen soll!« »Sie sind ziemlich anmaßend,« bemerkte der Graf. »Dann wissen Sie den Fall nicht, um den es sich handelt, noch den Namen des Mannes, der verurteilt werden wird?« »Erklären Sie sich deutlicher.« »Ueber Sie soll gerichtet und das Urteil gesprochen werden, mein lieber Graf von Monte Christo. Begreifen Sie jetzt meine Prophezeiung über Haydee? Wie?« »Sehr gut! Aber wessen bin ich angeklagt?« fragte Monte Christo, indem er die Rolle annahm, welche der Unbekannte ihm zuzuweisen schien, um seinen Maskencharakter aufrecht zu erhalten. »Sie sind angeklagt, bei der Entwerfung eines furchtbaren Dramas, welches Sie schrieben, das erhabene Wort Gottes vergessen zu haben! Ueber dem kalten Grabe der Familien St. Méran und Villefort erhebt sich ein furchtbares Geschrei gegen Sie, und einer der Toten streckt seine entfleischte Hand aus, um Sie der Welt zu bezeichnen! Sehen Sie sich vor, Herr Graf! Das Blatt des Buches der Geschicke, welches Sie verurteilt, ist unter dem Hauche des Sturmes umgewendet worden! Ich bin es, der damit beauftragt wurde, die furchtbaren Worte der Gerechtigkeit Gottes auszulegen, und ich werde gegen Sie unerbittlich sein.« »Mit Ihrer Erlaubnis,« erwiderte kalt der Graf, »werde ich Ihre eifrige Rede für den plötzlichen Einfall des Wahnsinns halten.« »Mögen Sie,« fuhr die Maske fort. »Sammeln Sie indes Ihre Erinnerungen. Denken Sie darüber nach, an welches Ihrer Opfer ich Sie erinnere! Sie sind vergeßlich, Herr Graf! – Als ich Sie nach dem Schlosse von If bringen ließ, angeklagt, ein Agent Bonapartes zu sein, sprachen Sie in dem finsteren Kerker, in den Sie geworfen wurden, meinen Namen aus! Ich bin Villefort!« »Vortrefflich. Ich bin entzückt, Sie wiederzusehen, mein Herr! Darf ich vielleicht von Ihnen die Ehre einer längeren Unterhaltung fern von dem Lärm und Tumulte dieser Säle erbitten?« »Ich stehe Ihnen zu Befehl; aber ich erkläre Ihnen gleich jetzt, daß diese Unterhaltung sehr kurz sein wird. Ich habe Ihnen nur wenig zu sagen: folgen Sie mir daher, wenn Ihnen dies genehm ist.« Nach diesen Worten durchschritt der vorgebliche Villefort die Säle und Gänge zu dem Garten hinab; dann wendete er sich durch eine Allee schattiger Bäume, gerade einem ähnlichen abgelegenen freien Platze zu, zu dem kaum die fernen Töne von dem Lärmen des Festes, dem Orchester und dem Gelächter der Gäste drangen. Hier blieb er stehen und stellte sich dem Grafen gegenüber, den er vom Kopf bis zu den Füßen mit einem Blicke zu messen schien, aus dem das Feuer des Hasses blitzte. »Sie sehen,« sagte der Graf, »daß ich das Gesicht nicht mit einer Larve bedeckt habe; ich darf daher verlangen, daß Sie auch die Ihrige abnehmen.« »Hinter dieser Larve, Herr Graf, ist nicht ein menschliches Gesicht gleich dem Ihrigen verborgen!« antwortete die Maske mit dumpfer Stimme. »Genug des Scherzes! Wer sind Sie?« fragte der Graf, indem er eine heftige Bewegung machte. »Ich habe es Ihnen schon gesagt, Edmund Dantès. Sie wissen, wer ich bin.« »Ich wiederhole Ihnen, daß es genug des Scherzes ist! Kommen wir zum Ziele, und weichen wir davon nicht ab! Ich bin Edmund Dantès. Wer sind Sie?« »Ihr Richter, mein Herr!« »Ich sehe, daß es Ihre Absicht ist, dieses lächerliche Possenspiel zu verlängern,« erwiderte Monte Christo. »Sie haben unrecht, mein Herr Unbekannter. Sie zeigen dadurch, daß Sie nicht wissen, wer und was der Graf von Monte Christo ist!« »Es ist mir nicht unbekannt! Sie sind ein Mensch, der sich durch den Durst einer barbarischen Rache beherrschen und fortreißen ließ, und der auf wahnsinnige Weise das Schwert der Gerechtigkeit mißbrauchte, welches Gott in Ihre mächtige Hand gelegt hatte! – Der Frau, welche Sie aus dem tiefsten Grunde ihrer Seele liebte, der Frau, welche noch jetzt blutige Tranen vergießt, wenn sie Ihrer gedenkt, haben Sie zum Dank für ihre Liebe und für ihr langes Märtyrertum die Witwenschaft und eine Zukunft des Elends gegeben! – Dem Freunde, der sich Ihnen anvertraut hatte, der keine Geheimnisse vor Ihnen hegte, verliehen Sie zum Lohne dafür Verzweiflung und Schmach. Sie haben ihn verraten, doch damit noch nicht zufrieden, haben Sie in dem verdorbenen Herzen einer neuen Locuste die Flamme erhalten und genährt und dann gelacht, wenn Ihre Opfer fielen! Das Blut eines kaum neunjährigen Kindes hat Ihrer verbrecherischen Stirn einen unauslöschlichen Flecken aufgeprägt, und nach allen diesen Missetaten glauben Sie, daß eine einzige Handlung der Großmut genügte, um Ihr Gewissen in Ruhe zu wiegen, und Sie leben friedlich, indem Sie sagen, daß Sie den Willen Gottes erfüllt haben. »Das drückt in wenigen Worten aus, Sie sind, Graf von Monte Christo: ein erbarmungsloser Mörder, ein Betrüger, der vergebens suchte, seine Irrtümer und Torheiten mit dem pomphaften Namen der Gerechtigkeit Gottes zu bedecken! »Zittern Sie daher, Heuchler, das Märtyrertum wartet Ihrer und das Grab ist nicht weit entfernt, in welches Sie taumelnd hinabstürzen werden, verflucht von Gott und von den Menschen!« »Wer Sie auch sein mögen,« sagte mit bestimmtem Tone Monte Christo, nachdem er einige Augenblicke einem tiefen Sinnen gewidmet hatte, »ich nehme Ihre Beschuldigung an und hoffe, daß Sie mir das Recht der Verteidigung gewähren. Sehen wir von allen finsteren Ideen, von allen sinnreichen Mythen ab, deren Sie sich bedient haben, um Ihre Worte in Uebereinstimmung mit dem von Ihnen angenommenen Kostüm zu erhalten, so erkenne ich, daß Sie, nachdem Sie alle Handlungen meines Lebens in Paris analysiert haben, das Gefühl verdammen, welches mich damals beherrschte. Sei es; das steht Ihnen frei. Ich behaupte nicht und habe nie behauptet, daß die Menschen die Gerechtigkeit meiner Handlungen als einen Glaubensartikel annehmen sollten. In eben diesem Augenblicke würde ich ein gewisses Vergnügen darin finden, Ihnen die Gerechtigkeit einiger der Handlungen zu beweisen, welche Sie am meisten zu verurteilen scheinen und in Ihren Augen mein Gewissen als frei von jedem Schatten der Reue darzulegen; aber es hier nicht der Ort zu einer solchen Auseinandersetzung. »Indes, da Sie sich einmal die Mühe genommen haben, mich aufzusuchen, nachdem ich kaum aufs neue den Fuß auf den Boden Europas gesetzt habe, würde es für Sie keine große Störung verursachen, wenn Sie mich ausdrücklich in der Guidecca aufsuchten, wo Sie zu jeder Stunde mit allem möglichen Eifer empfangen werden sollen. Sie können, wenn es Ihnen gut dünkt, Ihr Inkognito beibehalten.« Der falsche Justizbeamte lächelte trübe. »Ja,« sagte er, »eines Tages wird diese Unterhaltung stattfinden, Herr Graf; allein so dringend, so richtig auch Ihre Argumente sein mögen, gibt es in der christlichen Welt keine Philosophie, welche sie sanktioniert!« »Das werden wir sehen!« sagte Monte Christo. »Bis zu jenem Tage denn!« erwiderte die Maske und reichte dem Grafen die rechte Hand. Monte Christo schlug unwillkürlich in die Hand ein, die der seinigen geboten wurde, aber er stieß einen leisen Schrei der Ueberraschung aus und wich einen Schritt zurück, indem er totenbleich wurde. »Ihre Hand ist eiskalt!« »Es ist die Kälte des Grabes,« murmelte die Maske, indem sie ihre Hand den Strahlen des Lichtes bloßstellte. »Ha – die Hand einer Leiche!« rief Monte Christo, indem er unwillkürlich erbebte. * III. Der erste gegen den Koloß geführte Streich. Als der erste Augenblick der Ueberraschung vorüber war, gewann der Graf von Monte Christo seine gewöhnliche Geistesgegenwart wieder, aber vergebens sah er sich nach dem Menschen um, der so zu ihm geredet hatte. Er war in dem dichten Gebüsch verschwunden, ohne die geringste Spur seiner Schritte zurückzulassen. Es war dem Grafen, als fühlte er noch die eisige Berührung der vertrockneten Hand, die er unwillkürlich mit der seinigen gedrückt hatte! – Wie vollständig unsere Philosophie auch sein möge, welche Verachtung wir auch gegen die Vorurteile des Mittelalters, oder richtiger gesagt, des Fanatismus hegen, so gibt es dennoch Augenblicke, in denen wir uns durch einen gewissen unerklärlichen Schrecken beherrschen lassen, ohne daß wir deshalb eine geistige Schwäche zeigen! Das kommt daher, weil es in dem Leben Augenblicke, unerklärliche Gelegenheiten gibt, in denen das Studium, die Wissenschaft, der Gedanke nichts sind gegenüber gewissen Tatsachen, welche das Studium nicht zu ergründen, die Wissenschaft nicht zu erklären, der Verstand nicht zu fassen vermag. Obwohl der oben beschriebene Auftritt nicht eben genau zu einem oder dem andern dieser Fälle paßt, wenigstens nicht für uns, die wir der Handlung dieser Art von Drama von seinem Ursprung an in allen Einzelheiten gefolgt sind, so war es dennoch für den Grafen von Monte Christo eine der eigentümlichsten, vielleicht der sonderbarsten Lagen, in denen er sich jemals befunden hatte, seitdem er auf so wunderbare Weise aus dem Kerker erlöst worden war. Wer war der geheimnisvolle Mensch, der so genau die Geschicke des Edmund Dantès kannte und vor ihn hintrat, um beinahe alle seine Gefühle und seine Handlungen anzuklagen? – Was war das für eine Hand, die sich aus dem Grabe erhoben hatte, um sich in die seinige zu legen, als er eben am allerwenigsten an die Vergangenheit dachte? Alle diese beunruhigenden Betrachtungen drängten sich in Masse ihm auf und folgten einander ohne Ruh und Rast in der Einbildungskraft Monte Christos, obgleich auf seinen Lippen das stete Lächeln der Geringschätzung sichtbar blieb. Ein gemeiner Spaßmacher hätte sich nicht auf eine so außerordentliche Weise ausgedrückt! Ein niederer Feind würde nicht mit der Kaltblütigkeit und der Ruhe des Unbekannten gesprochen haben! Wer aber konnte dieser Feind sein? Der Baron Danglars war unbedingt nicht fähig zu einem solchen Gedanken. Albert von Morcerf hatte dem Grafen von Monte Christo öffentlich an dem zu einem Duell auf Leben und Tod bestimmten Tage Genugtuung gewährt. Villefort war wahnsinnig geworden und lebte wahrscheinlich schon nicht mehr. Wer also war dieses Individuum? Vergebens ließ der Graf alle Personen, die irgend ein mehr oder minder begründetes Recht zu haben glauben konnten, ihn zu verfolgen, eine nach der andern vor seinem innern Auge vorübergleiten. Vergebens rief sein Gedächtnis alle Lagen seines vergangenen Lebens zurück. »Niemand kann sich jetzt in solchem Grade als meinen Feind betrachten,« sagte er zu sich selbst, »daß er genötigt wäre, zur Rache zu greifen! Keine von allen Lagen meiner vergangenen Existenz hat mir den Schatten der Neue hinterlassen. Wer also kann dieser Mensch sein?« Das war die Frage, die abermals auf die Lippen des Grafen trat, nachdem er lange und reiflich nachgedacht hatte, eine Frage, auf welche er keine Antwort fand. Am Tage nach dem Balle, welchen der Signor Gradenigo gegeben hatte, erwartete der Graf von Monte Christo den Besuch seines Anklägers. Dieser Mann erschien nicht. Die Tage folgten einander, schon war eine Woche verflossen und der Graf wußte noch immer nicht, wer jener Mensch gewesen sein konnte. Durch sein beständiges Sinnen ermüdet, strebte er, sich zu zerstreuen: er erinnerte sich jetzt der jungen d'Armillys, die er von Paris aus kannte und für welche er stets eine aufrichtige Zuneigung gehegt hatte. Er beschloß, sie zu besuchen. Die beiden jungen Freundinnen hatten ihr Engagement mit dem Unternehmer des Argentino aufgehoben, indem erwiesene Krankheit ihnen dazu den Anlaß gab, und hatten sich dann von Rom entfernt. Sie waren jetzt in Venedig und lebten beide miteinander in einem französischen Hotel. Monte Christo ließ sich unter einem angenommenen Namen melden und wurde nach einiger Schwierigkeit empfangen. Luise d'Armilly trat ihm zuerst entgegen. »Mein Gott,« sagte sie, indem sie den Grafen erblickte, »es ist der Herr Graf von Monte Christo, mit dem ich das Vergnügen zu sprechen habe?« »Ja, mein Fräulein, ich wollte Ihr Gedächtnis auf die Probe stellen, und bitte Sie deshalb um Verzeihung – aber wenn wir in uns selbst nicht das notwendige Verdienst fühlen, um die Aufmerksamkeit anderer in Anspruch zu nehmen, dann glauben wir nicht, nach einer langen Abwesenheit wiedererkannt werden zu müssen.« »Sie sollten nie so sprechen, Herr Graf; meine Freundin Eugenie und ich wissen vollkommen den Adel Ihrer Gesinnungen zu würdigen, selbst wenn die ganze Welt Sie verurteilte –« »Halten Sie ein, mein Fräulein! Wenn die ganze Welt einen Mann verurteilt, dann sind wir wohl gezwungen, der allgemeinen Meinung zu folgen!« unterbrach der Graf von Monte Christo sie mit einem wohlwollenden Lächeln und beeilte sich dann hinzuzufügen: »Ich glaube von den Rosen, welche auf Ihren Wangen glänzen, auf die Gesundheit Ihrer Freundin Eugenie schließen zu dürfen.« »Ach, ja,« entgegnete Luise, »Eugenie befindet sich viel wohler, und Sie sehen mich sehr heiter über ihre Herstellung. Ich hatte so oft gezittert, als ich ihre Niedergeschlagenheit sah.« »Ich glaube gehört zu haben, daß Sie von Rom kommen – sollte Ihre Freundin sich vielleicht dort unwohl befunden haben?« »Ein tiefer Widerwille hatte sie erfaßt,« sagte Luise mit sichtbarer Verlegenheit. – »Sie war das Opfer eines entsetzlichen Verrates – der unglücklicherweise an die Oeffentlichkeit gelangte. – Doch verzeihen Sie, Herr Graf; sie würde mir sehr zürnen, wenn ich noch eine Minute zögerte, ihr den Besuch zu melden, durch den Sie uns ehren. Ich eile, sie zu suchen.« Einige Minuten darauf erschien Eugenie Danglars in dem Salon. Monte Christo bemerkte mit schmerzlicher Teilnahme die Veränderung, die in den Zügen Eugenies vorgegangen war, deren Gesicht die deutlichen Spuren jener ätzenden Tränen verriet, welche ein schneidender Kummer uns entreißt. Die Rosen der Jugend und einer ruhigen, glücklichen Existenz waren verschwunden von den Wangen, die das Leiden höhlte, und die unter den Einflüssen einer finsteren Melancholie erbleicht waren. Ihr Blick, einst glänzend durch jene Flamme, welche das Genie entzündet, war matt und trübe. Das entschlossene Wesen, welches sie sonst auszeichnete, war einer schmachtenden Haltung, einem trüben Ausdrucke gewichen, wie man sie in den Gesichtern derer sieht, die am Rande des Grabes stehen. Alles war stumm bei Eugenie Danglars, und der Graf würde sie nicht wiedererkannt haben, wäre er nicht davon benachrichtigt gewesen, daß sie die Tochter der hochmütigen und dünkelvollen Frau von Servières war. Eugenie hörte die Begrüßungen des Grafen mit zerstreutem Wesen an und antwortete kaum auf die Fragen, die er direkt an sie richtete. Nach etwa einer halben Stunde einer Unterhaltung, welche Monte Christo beinahe allein führte, und während der er sich vergebens nach einigen Personen erkundigte, die er während seines Aufenthaltes in Paris gekannt hatte, nahm er Abschied von den beiden Freundinnen, indem er ihnen sagte, daß er die Absicht hätte, sich nach Rom zu begeben. »Nach Rom?« fragte Luise rasch, indem sie einen bedeutungsvollen Blick auf Eugenie richtete. »Ich hoffe, dort einige Zerstreuung zu finden,« sagte der Graf. »Die Langeweile ist das größte aller Uebel, die wir empfinden können.« »Dann, Herr Graf, gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß sich in Rom die Langeweile, von der Sie sprechen, vielleicht noch steigern wird.« »Wieso das?« »Es schwebt dort ein Prozeß, in welchem Ihr Name oft genug genannt wird.« »Was ist denn das für ein Prozeß?« fragte er mit jenem ruhigen Lächeln, welches anzudeuten scheint, daß das Gewissen schweigt. »Oh, vielleicht werden Sie das nicht glauben, was ich Ihnen sagen will; erfahren Sie indes, daß man in Rom einen furchtbaren Prozeß gegen den berüchtigten Banditen Luigi Vampa angefangen hat, und daß dieser entsetzliche Räuber dem Gerichtshof erklärt hat, mit Ihnen in Verbindung gestanden zu haben.« »In der Tat! – Das ist eine liebenswürdige Galanterie von dem Herrn Luigi Vampa!« sagte der Graf mit dem kältesten Wesen von der Welt und fügte dann sogleich hinzu: »Uebrigens haben diese Verbindungen in der Tat stattgefunden und ich bin der Freund dieses Menschen. Ich darf daher keine Zeit verlieren, um seinen Kopf zu retten – und ich werde dies nicht unterlassen.« Während der Graf so sprach, rannen zwei Tränenbäche schweigend über die hohlen Wangen Eugenies. Er wollte fortfahren zu sprechen, doch Luise gab ihm ein Zeichen, dies nicht zu tun; er verstand sie und hielt inne. Dann eilte Luise zu ihrer Freundin, die auf ein Sofa niedergeglitten war, und umarmte sie. Der Graf nahm Abschied von den beiden jungen Mädchen und entfernte sich, innig gerührt über den Zustand des Hinwelkens und des Schmachtens, in welchem er Eugenie gefunden hatte, und fest entschlossen, alle in seiner Macht stehenden Mittel anzuwenden, um ihr ihre frühere Frische zurückzugeben. Um indes zu diesem Resultate zu gelangen, mußte er vor allen Dingen die erste Ursache der Krankheit kennen und erforschen, gegen welche nach dem Urteile Monte Christos die gewöhnlichen Aerzte nichts auszurichten vermochten. Er überließ es der Zeit, ihn mit alledem bekannt zu machen, was Luigi Vampa betraf; er betrachtete diese Angelegenheit als von geringerer Wichtigkeit als die Aufgabe, die er sich gegen Fräulein Danglars gestellt hatte. Er entwarf daher seinen Feldzugsplan, indem er bei dieser letzteren anfing. Nach wenigen Tagen erlangte er es, daß Eugenie und Luise d'Armilly Haydee besuchten. Die Damen fanden gegenseitig aneinander Gefallen, und der Graf hatte die Genugtuung, sich jenen kleinen häuslichen Kreis inniger Vertraulichkeit bilden zu sehen, auf den er einen so hohen Wert setzte. Als hätte der Graf von Monte Christo Stein bei Stein das Gebäude seines inneren Friedens, seines Glückes, zusammenstürzen sehen sollen, machte er bald die Bemerkung, daß auf den klaren Horizont seines Lebens sich eine finstere, geheimnisvolle Wolke niedersenkte, ohne daß es in seiner Macht lag, sie abzuwenden. Seit einigen Tagen weigerte sich Haydee, unter dem Vorwande eines Unwohlseins, beständig, persönlich Eugenie Danglars und Luise d'Armilly zu empfangen, und je mehr kleine Aufmerksamkeiten der Graf beiden erwies, um so mehr steigerte sich das vorgebliche Unwohlsein Haydees. Obgleich Haydee in den europäischen Gebräuchen erzogen war, bewahrte sie dennoch jenes heftige Feuer, welches die Leidenschaft in dem Herzen eines orientalischen Weibes entzündet, und bald entwickelte sich die verzehrende Glut, welche die Eifersucht erregt und unerträglich macht! Oft schon hatte sie ihr Auge glühend, wie das der Löwin ihres Vaterlandes, auf den Grafen gerichtet, während er an der Seite Eugenies auf dem großen Balkon auf- und niederschritt. Der Graf schien sich mit ihr von einer höchst wichtigen Angelegenheit zu unterhalten, von der sie, Haydee, nichts wußte; allein sie fand ein bitteres Vergnügen darin, diesen Unterhaltungen einen Beweggrund unterzuschieben, der ebenso weit von der Wahrheit entfernt war wie von den Gefühlen, welche zwischen dem Grafen und Eugenie bestanden. Es war übrigens nicht Haydee allein, welche diese Gänge auf dem großen Balkon des Palastes beobachtete; auch auf dem Kanal oder in dem Häuschen, dem Palaste gerade gegenüber, gab es jemand, dessen Blick nicht von dem interessanten und blassen Gesichte Eugenies, die neben dem Grafen herging, abgewendet wurde. Eines Abends, als Eugenie niedergeschlagener zu sein schien als gewöhnlich, wollte der Graf um jeden Preis die geheimnisvolle Ursache dieser geistigen Erschlaffung kennen lernen und sagte deshalb zu ihr: »Meine Tochter, in Ihrem Alter darf man an diesem Leben noch nicht verzweifeln. An welchem Uebel leidet denn Ihre Seele, daß Sie nicht in alledem, was Sie umgibt, einen heilenden Balsam erblicken? Sie sind schön, Sie sind jung, es offenbart sich in Ihnen eines jener Talente, welche die Welt würdigt, weil sie es als eines höherer Art erkennt – weshalb entziehen Sie sich also jener glänzenden Welt, die Ihnen zu Füßen liegt und Sie zum Gegenstand ihres Kultus erhebt?« »Ihre Worte, Herr Graf, sind, wie immer, von der aufrichtigsten Sympathie eingeflößt, ich weiß das und ich danke Ihnen dafür – aber jene Welt, von der Sie sprechen – was könnte sie mir bieten, um die Reue, die Liebe, die Qualen, die ich empfinde, aufzuwiegen?« sagte Eugenie, indem sie mit schmerzlichem Ausdruck die Augen gen Himmel erhob. »Mut! Sie sprechen heute, meine Tochter, in etwas deutlicheren Ausdrücken,« entgegnete der Graf. »Sie sprechen von Reue, von Liebe, von Qualen, drei Worte, welche ein lebhafteres Gefühl in der Stufenleiter menschlicher Empfindungen ausdrücken.« »Ja, ja, Herr Graf, würdigen Sie, wenn Sie es vermögen, das unendliche Gefühl, welches dieses Herz umschließt – und dann beklagen Sie mich!« sagte Eugenie, indem sie ihre Stirn senkte und eine Träne trocknete. »Ganz im Gegenteil, meine Tochter; ich habe Ihnen nur eine Zukunft zu prophezeien, die mit Glück und Freuden durchwebt ist.« »Ach nein, nein!« sagte Eugenie mit einem Seufzer, welcher dem harmonischen Flüstern glich, das die Seiten einer Aeolsharfe hervorbringen, wenn sie von dem Hauche des Abendwindes sanft berührt werden. »Alles wird für mich zu Ende gehen!« »Hören Sie,« sagte der Graf mit seinem sanftesten, freundlichsten Lächeln des Wohlwollens, »geben Sie zu, daß ich mich für vollkommen glücklich halten darf? – Ich habe eine Gattin, die mich liebt und die ich anbete, eine Gattin, deren Liebkosungen für mich der süßeste aller Genüsse sind; ich habe ein Kind, von dessen unschuldigen Lippen ich beständig meinen Namen ertönen höre, als wäre es ein Engel, dessen Segenssprüche ich vernehme! – Nun wohl, während eines Zeitraumes von fünfzehn Jahren, fünfzehn langen Jahren der Verzweiflung, der Einsamkeit – fünfzehn Jahren, hören Sie wohl, mein Kind? sagte ich ebenso, wie Sie in diesem Augenblick: für mich ist alles zu Ende ! – Damals war ich so alt wie Sie jetzt, und gleich Ihnen wendete ich die Augen von der Zukunft ab, um sie gegen die Erde zu senken, in welcher ich, wie ich mich überredete, bald meinen ewigen Schlaf schlafen sollte! – Aber ich hatte in mir eine Stimme, welche rief: Glaube und hoffe ! – Ach ja wohl, glauben und hoffen, das ist es, worauf die ganze menschliche Weisheit sich beschränkt, wie ich später erkannte, indem ich glaubte und hoffte!« »Aber es ist möglich, daß die Lagen sehr von einander verschieden sind!« sagte Eugenie. »Ich war eingesperrt zwischen den Mauern eines Turmes, der auf allen Seiten von den Wogen des Ozeans umspült wurde! Ein finsteres Gewölbe war mein einziger Horizont! – Vater, Freund, Geliebte, wo waren sie? Die entsetzliche Nacht des Leidens hatte mich von ihnen für immer getrennt! Meine teuersten Hoffnungen waren zertrümmert! Aber mein Glaube, einen Augenblick wohl geschwächt, stärkte sich in der Finsternis und der Todesqual, und ich erblickte die Welt, das Glück, durch die Mauern und das Gewölbe meines Kerkers hindurch.« Eugenie schien einen Augenblick nachzudenken. »Herr Graf,« sagte sie dann, »Sie sind ein Mann und ich bin ein Mädchen. Die Stufenleiter unserer Gefühle ist sehr verschieden in unseren Herzen! – Sie – Sie konnten Ihr Glück für immer auf dieser Erde für vernichtet halten und dennoch auf den kostbaren Trümmern aufrecht stehend für die Zukunft eine Hoffnung hegen! – Ich dagegen – ich muß aus der Welt verschwinden, denn hinfort ist die Welt für mich nur noch das lebende Bild der Hölle! – Ach, Herr Graf, niemals – nein, niemals – konnten Sie den Gedanken hegen, daß mit dem Kopfe Ihrer Geliebten die einzige Hoffnung Ihrer Seele hinabstürzen würde!« »Eugenie!« rief der Graf, plötzlich aufgeklärt durch die furchtbaren Worte, die er vernommen hatte, »ach, sprechen Sie, sprechen Sie, denn die Zeit vergeht – sprechen Sie! – Gott ist barmherzig! – Unendlich ist die Macht Gottes! – Sprechen Sie!« »Ich kann es nicht,« murmelte Eugenie. »Ich kann es nicht – Schmerz und Scham ersticken mich.« Bei diesen Worten stützte sie sich gegen die Brüstung des Balkons und ihr Blick schien zu erlöschen wie der Glanz eines Sternes am Horizont. Der Mond ging über dem Lido auf. Zwei Gondeln glitten schweigend dem Palast gegenüber vorbei. Die beiden Barken hielten einen Augenblick an, weil die beiden Ruderer die Gewässer des kleinen Kanals nicht mehr mit ihren Rudern schlugen, und es erhob sich nun eine sanfte, melancholische Stimme und begleitete die schmelzenden Töne einer Guitarre. Es war eine Männerstimme, welche in schlechtem Italienisch die folgenden Strophen sang: Es sanken Schlösser stolzer Hallen, Es hob manch nied're Hütte sich, Viel Mächt'ge, Stolze sind gefallen, Und vor dem Glück die Armut wich. Es hat ein jeder sein Geschick, Und mir ist jedes wohl bekannt; Für wenig Geld wahrsag' ich Glück, Drum reichet offen mir die Hand. Den lieben, unschuldsvollen Kleinen, Den Männern, nicht die Treue wert Der Frauen, die im stillen weinen, Weil Eifersucht ihr Herz verzehrt; Den Menschen allen künd' ich das Geschick, Mir ist die Zukunft wohl bekannt. Für wenig Geld wahrsag' ich Glück, Drum reichet offen mir die Hand. Die Stimme erlosch, aber es tönte ein Nachspiel der von gewandter Hand gespielten Guitarre. Einen Augenblick darauf wiederholte dieselbe Stimme dieselben Worte, und ein Mann, der in einer der beiden Gondeln aufrecht stand, schwenkte ein Tuch gegen den Balkon, auf welchem der Graf und Eugenie standen. Indem der Graf sich auf die Marmorbrüstung niederbeugte, um deutlicher zu hören, was man sang, fühlte er, daß seine Schulter leise berührt wurde. Er wendete sich um und sah Haydee, welche ihr Kind auf den Armen hielt. »Rufen Sie sie,« sagte sie dringend. Der Graf machte eine Bewegung und wollte ihr antworten, aber sie unterbrach ihn, indem sie sagte: »Sobald ich sie hörte, nahm ich meinen Sohn auf die Arme, weil in mir der Wunsch erwachte, mir prophezeien zu lassen. Rufen Sie sie – ich wünsche, sie zu hören.« »Du willst es, Haydee? Wie oft sagen diese Abenteurer aber nicht die Wahrheit! Für die, welche noch nicht durch die verdoppelten Schläge des Schicksals geprüft worden sind, ist es stets eine Torheit, dergleichen Leuten das Ohr zu leihen.« »Fräulein Danglars,« sagte Haydee, indem sie sich zu Eugenie wendete, »würden Sie nicht auch sehr gern diese Leute hören?« Der Graf bemerkte mit einem peinlichen Staunen die Art von Heftigkeit, mit welcher seine Frau zu Eugenie sprach, und um eine unangenehme Auseinandersetzung zu vermeiden, zog er sein Taschentuch und gab den Leuten in der Gondel ein Zeichen, näher zu kommen. * IV. Der Zigeuner. Die kleine Familie des Grafen Monte Christo war in einem der Säle des Palastes versammelt. Eugenie Danglars und Luise d'Armilly waren zugegen. Der Saal war sehr geräumig, geschmückt mit altertümlichen Möbeln und verziert durch einige große Gemälde, welche nach der Versicherung des Eigentümers dieses Palastes nichts Geringeres waren, als die aus dem Schiffbruche des ehemaligen künstlerischen Glanze Venedigs geretteten Trümmer, welche man dem Pinsel des Tizian, des Tintoretto und des Paolo Veronese verdankte, die aber in der Tat in den Augen eines Kenners nicht einmal einem Palma, Bellini und Montegna zugeschrieben werden konnten und nichts weiter waren, als eine schwache Kopie dieser drei Schüler der venetianischen Schule, ausgeführt durch einen jener unbekannten Pinsel, welche mit der ganzen Unverschämtheit der Pedanterie die Werke der großen Meister stehlen und entehren. Die gewaltigen Gemälde, die finsteren Möbel, welche den Staub so vieler Jahrhunderte eingesogen hatten, trugen auf eigentümliche Weise dazu bei, den geheimnisvollen Auftritt, der sich vorbereitete, zu erhöhen. Haydee hielt ihr Kind in den Armen; Eugenie und Luise saßen neben ihr und der Graf stand aufrecht, den linken Arm auf die Marmorplatte eines Möbels gestützt, welches halb Kommode, halb Schreibtisch war. Das Licht einer venetianischen Lampe wurde durch einen grünen Schirm gemildert; es herrschte das tiefste Schweigen. Nach einigen Augenblicken des Wartens erschien der Zigeuner. Es war ein noch junger Mann, von schlankem, anmutigem Wuchs; sein einfaches Gewand, eng an dem Körper anliegend, zeigte die ganze Eleganz des spanischen Kostüms. Sein entschlossenes Wesen, sein lebhaftes Gesicht, der geheimnisvolle Ausdruck seines Blickes, alles trug dazu bei, um den Frauen vollkommenes Vertrauen, den Männern unbestimmte Besorgnisse einzuflößen. Monte Christo blieb regungslos stehen und richtete kaum einen flüchtigen Blick auf den Eintretenden. Haydee lächelte und klopfte leise mit der Spitze ihres Fingers auf die Lippen des Kindes, als wollte sie es ermuntern. »Guten Abend, Signor,« sagte der Zigeuner in schlechtem Italienisch und indem er bemüht war, seinen Worten den spanischen Akzent zu geben. »Ist es wahr,« sagte er dann, »daß ich hierher gerufen wurde, um das Geheimnis Ihrer Geschicke zu offenbaren, meine schönen Damen? Um zu enthüllen, was in Ihrer Zukunft Böses oder Gutes liegen kann?« »Fangen Sie an,« murmelte der Graf. »Bei Ihnen, Signor, wenn Sie es erlauben?« Der Graf lächelte geringschätzig. »Mein schöner Kavalier,« sagte der Zigeuner, »Sie haben die Festigkeit des Genies; ich brauche Sie bloß anzusehen, um zu wissen, daß Sie einem unerschrockenen Schiffe auf dem Meere des Lebens gleichen! – In Ihren Zügen sehe ich die unverkennbaren Zeichen einer stürmischen Vergangenheit! – In der etwas erweiterten Pupille des Auges, auf den unregelmäßig geschlossenen Lippen lese ich das Gefühl einer heftigen Leidenschaft – es ist eine Knospe, die nicht zur Blüte gelangte!« »Sie verlieren Ihre Zeit bei Dingen von geringem Interesse!« bemerkte der Graf, der ungeduldig zu werden anfing. »Lassen Sie die Vergangenheit ruhen, die schon weit hinter uns liegt, und beschäftigen Sie sich mit der Zukunft, da Sie die eitle Anmaßung besitzen, das Geheimnis derselben zu kennen gleich Gott, dem allein sie angehört.« »Geben Sie mir Ihre Hand!« sagte rasch der Zigeuner. »Hier ist sie,« entgegnete der Graf mit einer Bewegung der Geringschätzung. Es entstand jetzt ein Augenblick des Schweigens. Der Zigeuner warf den Kopf in die Höhe, wendete sich dann zu Haydee und murmelte mit finsterem Ausdrucke die Worte: »Arme Haydee!« Der Graf machte eine Bewegung der Ueberraschung und Haydee drückte einen Kuß auf die Lippen ihres Kindes. »Hier ist die Erdlinie,« fuhr der Zigeuner fort, welcher die Hand Monte Christos nicht los ließ, auf dessen Stirn sich einige Tropfen kalten Schweißes zu zeigen begannen. »Machen Sie es kurz!« murmelte er. »Das genügt!« sagte der Zigeuner, indem er die Augen zum Himmel erhob und dann wieder zu Boden senkte. »Sprechen Sie!« »Ich darf nicht!« »Weshalb nicht?« »Es ist unmöglich!« »Ei, Sie machen einen schönen Wahrsager!« rief Monte Christo mit spöttischem Lachen, denn er schrieb die Verlegenheit des Zigeuners der Unwissenheit zu. »Nun wohl, Signor, um Ihnen zu beweisen, daß ich nicht ein so schlechter Prophet bin, wie Sie zu vermuten scheinen, willigen Sie ein, mich heimlich zu hören.« »Gern; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich nicht einwilligen werde, ein halbes Dutzend sinnloser Worte sich in den Mantel des Geheimnisses hüllen zu lassen.« »Das wollen wir sehen,« sagte der Zigeuner mit besonderer Betonung, indem er mit dem Grafen nach einer entfernten Ecke des Saales ging. »Signor,« sagte nun der Zigeuner, »sahen Sie zufällig die weiten Wüsten Afrikas, in denen nicht ein einziger Tropfen sich findet, um den Durst des Reisenden zu stillen? Bemerkten Sie dort einen einsamen Palmbaum, der sich auf dem Boden erhob, auf dem alles ausgedorrt und verbrannt erstirbt? Haben Sie sich dann nie selbst die Frage vorgelegt, aus welchem Grunde dort der Baum lebt, trotzend dem Sturm und ihn ertragend, ebenso wie die Hitze und die Dürre, und auf seinen vergilbten Blättern die Geschichte mehrerer Jahrhunderte eingegraben zeigend?« »Was wollen Sie daraus schließen?« fragte der Graf. »Signor, die Wüste sei das Leben, der Sturm und die Dürre das Unglück; die Jahrhunderte seien die Jahre, der Palmbaum sind Sie gewesen.« »Ich danke, mein vortrefflicher Prophet; aber welche Bürgschaft leisten Sie mir für die Wahrhaftigkeit Ihrer Worte?« »Sie sind schwer zu befriedigen, Signor,« erwiderte der Zigeuner. »Ich kenne Sie nicht, ich kann also keine Tatsachen Ihres vergangenen Lebens zusammenstellen, um daraus mit einiger Gewißheit auf Ihre Zukunft zu schließen, gleichwohl kann ich Ihnen sagen, daß ich die verdorrte Hand eines Phantoms Sie bedrohen sehe!« »Das ist unser aller Geschick!« erwiderte der Graf gleichgültig. »Mit dem Unterschied, daß Sie das verhängnisvolle Ziel erreichen werden, wenn Ihre Brust schon nicht mehr genug Atem erhält, um einen Seufzer auszustoßen, und wenn unter Ihren Augenwimpern keine Träne mehr hervordringt, die nicht mit Blut getränkt ist.« Bei diesen Worten erbebte der Graf unwillkürlich, und seinen forschenden Blick auf das sonnenverbrannte Gesicht des Zigeuners heftend, suchte er in demselben die Lösung eines Rätsels zu finden, das er zu ahnen begann, aber das Gesicht des Zigeuners war regungslos wie das einer Bildsäule. »Sie sehen dieses Kind,« sagte Haydee, als er kaum seine Worte gegen den Grafen beendigt hatte. »Prophezeien Sie ihm!« »Ich werde ihm seine Zukunft verkünden, Signora; wenn indes irgend jemand von Ihnen noch mich zu befragen wünscht, so möchte ich mit diesem unschuldigen Wesen den Beschluß machen, Signora,« fuhr er fort, indem er sich Eugenie gegenüberstellte: »Ihr Gestirn muß glücklich sein: Wollen Sie, daß ich es es befrage?« »Das kümmert mich wenig,« murmelte Eugenie. »Oh, sprechen Sie,« rief Haydee hastig. »Das ist unterhaltend. Sprechen Sie!« »Nun wohl denn! – Haben Sie die Güte, mir Ihre Hand zu reichen.« Eugenie gab ihm ihre Hand, und während der Zigeuner mit der Prüfung derselben beschäftigt war, bewahrten alle das tiefste Schweigen, indem sie das Resultat der kurzen Forschung erwarteten. »Sie haben eine heftige Liebe empfunden,« sagte der Zigeuner, »eine Liebe jener Art, die wir nur einmal in diesem Leben fühlen; Sie sind das Opfer dieser gewaltigen Leidenschaft geworden, indem Sie in den berühmten campi lugentes den Zoll der Schmach und der Verzweiflung entrichteten! – – Fern von Ihnen erblicke ich Ihre Mutter, die vergeblich über Sie und für Sie reichliche Tränen vergießt! – Es mangelt ihr das Brot. Sie werden es ihr reichen, wenn Sie sich von dem überzeugt haben, was eine Tochter ihrer Mutter schuldig ist! Legen Sie Ihre Trauerkleider bereit, denn unter dem Schwerte der Gerechtigkeit wird das Haupt des Mannes fallen, den Sie lieben!« Eugenie, welche während dieser Worte des Zigeuners zuerst alle Zeichen einer gewaltigen Aufregung gegeben hatte, stieß einen herzzerreißenden Schrei aus, sobald er endete. »Elender!« rief der Graf, indem er hastig auf ihn zutrat. »Ich sagte die Wahrheit, Signor,« erwiderte der Zigeuner mit demütigem, unterwürfigem Wesen, denn er hatte an einer Bewegung Haydees bemerkt, daß diese entschlossen war, ihn den Wirkungen des Unwillens zu entziehen, den der Graf gegen ihn hegen konnte. Indes war Eugenie bleich und zitternd aufgestanden; Luise ergriff lebhaft ihren Arm und suchte sie zu stützen. »Laß uns fliehen, Luise, laß uns fliehen!« rief Eugenie wie außer sich. »Diesen Menschen zeichnet der Stempel des Verhängnisses.« Dabei deutete sie mit dem Finger voll Entsetzen auf den Grafen Monte Christo. »Ach, meine Mutter – meine arme Mutter,« rief sie dann weiter, »ich tat sehr unrecht, Dich zu verlassen! – Laß uns fliehen!« Bei diesen Worten entriß sich Eugenie den Händen ihrer Freundin, lief, von ihr gefolgt, durch den Saal und verließ den Palast. Der Graf blieb starr vor Staunen zurück und Haydee betrachtete voll lebhafter Teilnahme den sonderbaren Auftritt, indem sie ihr Kind fest an die Brust drückte. »Nun, mein Herr Zauberer,« sagte der Graf, indem er eine Börse zu den Füßen des Zigeuners warf, »Dein Geschäft ist beendigt; Du kannst gehen.« »Noch nicht,« rief Haydee. »Es fehlt noch die Prophezeiung für meinen Sohn.« »Was sagst Du, Haydee? Siehst Du denn nicht, daß dieser Elende ein Betrüger ist, der uns mit seinen törichten Prophezeiungen in Furcht zu setzen beabsichtigt?« »Oh, ich erkenne, daß er die Wahrheit gesagt hat,« antwortete Haydee und fügte dann rasch hinzu: »Was könnte er in Beziehung auf die Zukunft dieses unschuldigen Wesens Böses sagen? – Setzen Sie sich, mein Herr und Gebieter, lassen Sie uns beide unsern teuren Sohn in die Arme nehmen, und hören wir dann die Prophezeiungen an.« Der Graf war zwar lebhaft ergriffen durch alles Vorgefallene, aber er konnte sich dennoch der Forderung Haydees nicht entziehen. Sie setzte sich an seine Seite und er legte den Arm um ihren Leib, indem er mit der andern Hand das Kind hielt, welches zwischen ihnen beiden auf ihren Knien saß. Das liebliche Geschöpf schien sehr glücklich zu sein, schlug in seine kleinen Händchen und lächelte den Urhebern seiner Tage zu, als wollte es sie für die Liebe belohnen, die sie ihm widmeten. Der Zigeuner näherte sich dieser lieblichen Gruppe. Auf seinem bleichen Gesichte, das ein schwarzer Bart, glänzend wie Ebenholz, umgab, lag ein teuflisches Lächeln, dessen Ausdruck dem forschenden Blicke des Grafen nicht entging. Haydee nahm die kleine Hand des Kindes und streckte sie in der Richtung gegen den Zigeuner aus. »Hier ist seine Hand,« sagte sie. Der Zigeuner betrachtete sie schweigend einige Sekunden lang mit derselben Aufmerksamkeit und demselben Ernste wie zuvor. »Sehr gut,« sagte er dann. »Ich habe genug gesehen.« »Was wissen Sie?« »Für den Augenblick nur wenig.« »Sprechen Sie.« »Dieses Kind wird glücklich sein, sehr glücklich, nachdem es große Widerwärtigkeiten überstanden hat. Aber diese Widerwärtigkeiten können vermieden werden,« fügte er hinzu. »Sagen Sie, wie?« »Das Kind ist unter dem Einflusse eines bösen Zeichens geboren! – Indessen nach dem, was mir diese gebogene Linie sagt, und –« »Welche Linie?« fragte Haydee, indem sie mit dem Blicke allen Bewegungen des Zigeuners folgte. »Diese hier, die von dem letzten Gelenke des Zeigefingers ausgeht und sich hier in die Handfläche verliert.« »Ich sehe sie. – Nun gut; was sagt diese Linie?« »Daß dieses Kind im Orient geboren ist – in Konstantinopel allem Anscheine nach.« Haydee sah den Grafen an, sehr befriedigt durch die Wahrheit, welche in den Worten des Zigeuners lag. »Deshalb,« fuhr dieser fort, »wird es nicht so unglücklich sein, wie es hätte geschehen können; indes wird es nötig sein, einige Mittel anzuwenden, um das Unglück zu vermeiden.« »Sprechen Sie, sprechen Sie – alles, was in unserer Macht liegt, wird geschehen!« sagte Haydee. »Es wird diese Woche in Venedig für die Armen ein Fest gefeiert werden,« sagte langsam der Zigeuner. »Sie müssen dabei mit dem Kinde erscheinen und dasselbe das Brot der Barmherzigkeit essen lassen. Es wird gut sein, wenn Sie und Ihr Gemahl es ebenfalls teilen, um sich von jedem Gefühl der Eitelkeit und des Stolzes, das vielleicht in Ihrem Herzen ruht, zu läutern. Dann müssen Sie es so einzurichten suchen, daß dieses Kind den Kuß von drei Armen empfängt, die es zu diesem Zwecke auf den Arm nehmen.« »Nichts ist leichter!« sagte Haydee. »Wir werden alles tun, was er uns sagt, nicht wahr, mein Freund?« fragte sie, indem sie sich mit liebevollem Vertrauen an den Grafen wendete. »Signora,« fuhr der Zigeuner fort, »wenn Sie das tun, was ich Ihnen sage, so dürfen Sie überzeugt sein, daß Sie von dem Horizonte dieses so reinen Lebens die wenigen Wolken entfernt haben, die ich darin bemerkte! – Gute Nacht! Die heilige Jungfrau nehme Sie in ihren Schutz und ein guter Geist wache über die Wiege Ihres Sohnes!« Bei diesen Worten wollte der Zigeuner sich entfernen, und Haydee, auf deren Lippen das Lächeln der Hoffnung schwebte und deren Blick durch Tränen getrübt war, welche ein erhabenes Gefühl in ihre Augen gelockt hatte, streckte ihre Hand gegen den Zauberer aus und bot ihm einen prachtvollen Ring, den sie am Finger trug. Der Zigeuner nahm den Ring und küßte ihn mit dem Ausdrucke der tiefsten Ehrfurcht, gemischt mit einer großen Befriedigung. »Nun, mein Herr und Gebieter,« sagte Haydee mit Stolz zu ihrem Gatten, dessen besorgte Blicke den sich entfernenden Zigeuner durch den Saal zu begleiten schienen, »ich sagte Ihnen ja, daß unser Sohn glücklich sein würde! – Werden wir zu dem Festmahl der Armen gehen?« »Wir werden gehen!« sagte Monte Christo. Haydee schlang ihren schönen Arm um seinen Hals, zog sein Gesicht zu sich nieder und preßte ihre brennenden Lippen auf die Wangen des Grafen. * V. Das Festmahl der Armen. Alle Gedanken der frommen Mutter richteten sich jetzt auf die fromme Zeremonie, welche nächstens stattfinden sollte. Sie wählte und fertigte mit ihren eigenen Händen die Kleidung, die sie zu dem Tage des Festmahls der Armen für ihren Sohn bestimmte. Täglich erwachte ein neuer Gedanke in ihr. Bald fehlte eine gestickte Blume in der Ecke des Anzugs, bald war es ein Band, eine Schleife, ein reizendes Nichts, welches noch hinzugefügt werden mußte, um die Eleganz zu vollenden, welche Haydee träumte. Inzwischen versuchte der Graf von Monte Christo, so viel es ihm möglich war, der verzweifelten Tochter Danglars seinen Schutz zu gewähren. Er eilte zu ihr und bemerkte voll Besorgnis vor ihrem Hotel eine bespannte Postchaise. Er fragte, auf wen der Wagen warte, und erhielt die Antwort: Auf die beiden französischen Sängerinnen. Der Graf stieg schnell die Treppe hinauf, und ohne auf die Bemerkungen der Diener zu antworten, schritt er durch die Zimmer und beschloß, nicht eher anzuhalten, als bis er Eugenie oder Luise treffen würde. Eugenie war es, die sich ihm zuerst zeigte. Sie war in tiefer Trauer. Leichenblässe bedeckte ihr Gesicht, und sie zeigte jenes finstere, entschlossene Wesen, welches man anzunehmen pflegt, wenn man einen unerschütterlichen Entschluß gefaßt hat. »Sie wollen reisen, mein Fräulein?« sagte der Graf. »Ja, Herr Graf. Ich erkenne, daß mein Stern in den Wolken des Unglücks zu verschwinden beginnt; ich füge mich in mein Los und will den Becher eines bittern und grausamen Vergnügens leeren, indem ich alles genieße, was ein Weib an meiner Stelle zu leiden vermag!« »Eugenie,« erwiderte der Graf, indem er sanft ihre Hand ergriff, »die Art und Weise, wie Sie sich aussprechen, bezeichnet einen sehr großen Schmerz. Sollte sich denn Ihr kräftiger Geist in diesem Grade durch die Worte eines Betrügers niederbeugen lassen, wie die, welche sie gestern von einem elenden Zigeuner vernahmen, dessen Interesse es war, einen tiefen Eindruck auf uns zu machen, um dafür gut bezahlt zu werden?« »Ach, mein Herr,« erwiderte Eugenie mit trübem Lächeln, »ich weiß nicht, welch ein Geheimnis gestern stattgefunden hat, aber der Zigeuner sagte die Wahrheit in alledem, was mich betrifft! – Der Kopf des Mannes, den ich geliebt habe und noch liebe, ohne daß ich die Kraft habe, dieses Gefühl zu ersticken, wird unter dem Schwerte der römischen Gerechtigkeit fallen!« »Wäre es denn unmöglich, diese Hinrichtung zu verhindern?« »Ja! Denn der Verurteilte ist Luigi Vampa und die Römer fordern seinen Kopf! – Sie werden ohne Zweifel über diese Liebe staunen, die ich einem niedrigen Banditen widmete! – Aber Vampa war nicht ein Mann, wie alle andern! Es lag in ihm etwas Energisches und Majestätisches, was ihn über alle andern erhob.« »Eugenie,« sagte der Graf, »glauben Sie, daß es in der Welt nichts Unmögliches gibt, wenn die Barmherzigkeit Gottes uns unterstützt. Hoffen und glauben – darin besteht die ganze menschliche Weisheit. Hoffen Sie daher und haben Sie Vertrauen!« »Worauf?« fragte Eugenie, als wollte sie sagen: »Ist doch schon alles zu Ende!« »Auf Gott, Eugenie; auf Gott!« »Können Sie denn erlangen, daß Gott den unglücklichen Vampa beschützt?« »Ich kann es.« »Wie das?« »Ich habe schon einmal von dem Papste das Leben eines Menschen erkauft, ich kann also auch das eines andern von ihm erkaufen.« »Aber um welchen Preis?« »Es blitzte auf der dreifachen Krone Sr. Heiligkeit ein prachtvoller Smaragd; sollte auf dieser Tiara nicht auch noch Platz für einen andern Smaragd von gleichem Werte sein? Ich glaube es, meine Tochter, ich bin sogar davon überzeugt. Der Papst, dieser Mann, der Gott auf Erden vertreten will, ist kein vollkommenerer Richter wie die übrigen; nur verkauft er die Handlungen seiner Gerechtigkeit vielleicht teurer. Das ist eine Wahrheit, deren Beweis Gott der Welt schon sehr oft gegeben hat. Mir verlieh er die Macht, Angesicht in Angesicht mit dem sichtbaren Oberhaupte der Kirche zu unterhandeln, wie man etwa mit dem Gebieter eines zahlreichen Sklavenhaufens unterhandeln könnte. Ich bin reich genug, um ihm die Hälfte seiner Staaten abzukaufen, und um so mehr also, um ihm das Leben eines armen Banditen zu bezahlen.« »Ach, Herr Graf!« flüsterte Eugenie, indem sie voll Ehrerbietung seine Hand drückte und sie an ihre Lippen ziehen wollte. »Was tun Sie, Eugenie?« sagte der Graf, indem er seine Hand zurückzog. »Wir wollen uns miteinander verständigen. Ich habe Ihnen versprochen, den Kopf Vampas zu retten; dagegen aber müssen Sie mir versprechen, dann nicht die erhabene Laufbahn zu verlassen, auf der Ihr Genie sich offenbart hat!« »Ich schwöre es Ihnen!« »Sie werden stets die Kunst pflegen, welche durch die Malibran, die Sontag, die Patti berühmt geworden ist, und Sie werden dies so lange tun, als der Lauf der Zeit diese schönen Haare noch nicht bleichte!« »Ich schwöre Ihnen das auch.« »Sehr gut! – Ich werde nicht einen Augenblick verlieren, um Vampa zu retten, und habe ich einmal seine Begnadigung von dem Papste erlangt, so wird er, wie ich nicht zweifle, ein rechtschaffener Mensch werden, denn ich kenne ihn und weiß, daß er im Grunde seiner Seele edle Gefühle birgt.« Der Graf hatte noch nicht ausgesprochen, als Luise d'Armilly erschien, in Reisekleidern und bereit, Eugenie zu begleiten. »Nein, meine teure Freundin,« sagte Eugenie zu ihr, »für den Augenblick bleiben wir noch in Venedig.« »Wie kommt das?« »Ein Strahl ungehofften Glückes, ein Blitz der Hoffnung hat den schwarzen Himmel durchzuckt, den ich Dir gestern beschrieb!« »Mut, Eugenie! Mut!« sagte der Graf. »Ich verlasse Sie und werde daran arbeiten, daß dieser Blitz nicht bloß ein vorübergehender Strahl sei.« Der Graf tat einen Schritt, um sich zu entfernen, aber er blieb stehen, um zu hören, was ihm ein Diener des Hotels sagte, der soeben in den Salon getreten war. »Exzellenz, sind Sie nicht der Herr Graf von Monte Christo?« fragte er. »Der bin ich.« »So ist für Ew. Exzellenz dieser Brief bestimmt.« »Wo kommt er her?« »Ich kenne den Menschen nicht, der ihn mir übergab, aber er sagte mir, er wüßte, daß Sie in dem Hotel wären, denn er hätte Sie eintreten sehen, und er sagte mir, der Brief käme von Rom und wäre durch einen expressen Boten überbracht worden.« Eugenie äußerte bei diesen Worten, die sie vernahm, ihre Teilnahme durch eine lebhafte Bewegung; der Graf dagegen wurde unruhig, indem er des Versprechens gedachte, das er Eugenie soeben gegeben hatte. Er hätte, wie dies seine Gewohnheit war, den Brief mit seiner sonstigen Gleichgiltigkeit empfangen und in die Tasche stecken können, um den Augenblick seines Alleinseins zu erwarten, ihn zu lesen: aber das Auge Eugenies war mit einem Ausdrucke so großer Besorgnis auf ihn gerichtet, ihr Blick sprach eine so beredte Bitte aus, daß er sich nicht enthalten konnte, diesem stummen, aber rührenden Verlangen zu genügen. Man hätte sagen können, Eugenie habe erraten, daß dieser Brief ihren Urteilsspruch enthielt. Der Graf öffnete ihn daher. Gleich bei den ersten Worten überzog eine dunkle Röte seine Stirn, und er entfernte sich etwas von den beiden Freundinnen, die, eine auf den Arm der andern gestützt, zwei Angeklagten vor ihrem Richter glichen. Hier der Inhalt dieses Briefes. »Herr Graf! »Ich erfahre soeben, daß Sie in Venedig sind: was ich aber nicht weiß, daß sind Ihre Absichten in Beziehung auf Luigi Vampa. Ich sage Ihnen dies, weil der arme Vampa sich in den Händen der Justiz befindet. Ueber seinem Haupte schwebt nur noch an einem Faden die Mazza des Henkers; Sie haben geschworen, ihn jederzeit zu beschützen: und jetzt scheinen Sie Ihr Wort unerfüllt lassen zu wollen! – Kommen Sie daher, ohne eine Minute zu zögern, denn sonst ist alles für den armen Vampa verloren. »In der letzten Stunde: »Ich erfahre soeben, daß Vampa sich in einem Anfalle von Wut in seinem Gefängnis erhängt hat, doch nicht ohne zuvor der Justiz die Verbindungen zu offenbaren, die er mit Ihnen hatte. Ich erfahre ebenfalls, daß der französische Gesandte von seiner Regierung Instruktion gegen Sie empfing, denn man beschuldigt Sie, mehrere Gräber des Kirchhofs La Chaise entweiht zu haben, und unter andern auch die der Familien Villefort und St. Meran. Kehren Sie daher nicht nach Rom zurück und glauben Sie an die Ergebenheit Ihres ehrerbietigen Dieners Peppino, genannt Rocca Priori!« Obgleich die Physiognomie des Grafen Monte Christo von erstaunenswerter Regungslosigkeit war und seine Gedanken gewöhnlich selbst für das schärfste Auge ein geschlossenes Buch blieben, ließ er dennoch etwas von dem Gefühle durchblicken, welches er bei der Durchlesung des Briefes empfand. Eugenie entdeckte diesen Ausdruck auf dem Gesichte Monte Christos. »Irgend eine unangenehme Nachricht?« fragte sie. »Ach!« rief der Graf, indem er den Brief in der Hand zerdrückte und wie gegen seinen Willen sich den Ausruf entschlüpfen ließ: »Sie haben recht, Eugenie, das Verhängnis lastet auf mir und auf allen denen, die sich mir nahen.« »Herr Graf, was wollen Sie damit sagen?« Der Graf blieb stumm. »Sprechen Sie! – Aus Barmherzigkeit – sonst erwecken Sie in mir den Glauben an eine entsetzliche Wahrheit, « flüsterte Eugenie, indem sie ihre brennende Stirn gegen den Busen Luises stützte. »Eugenie!« sagte der Graf, indem er sich ihr langsam näherte und einen Blick inniger Teilnahme auf sie richtete. »Ich verstehe Sie!« sagte Eugenie und trocknete ihre Tränen. Es entstand ein tiefes Schweigen, ein Schweigen, welches nur durch das unterdrückte Schluchzen Eugenies unterbrochen wurde. Weder Luise noch der Graf wagten es, sie trösten zu wollen; sie ließen sie die bittern Tränen vergießen, den schmerzhaften Zoll, den sie einer verbrecherischen und verschrobenen Liebe darbrachte, die nur durch die Gewalt der Leidenschaft eine Entschuldigung fand. Einen Augenblick darauf erhob Eugenie den Kopf; ihr Gesicht war blaß, aber der Ausdruck ruhig und ernst; sie sah den Grafen mit einem Ausdrucke der Trauer an, der ein ewiges und stummes Lebewohl zu enthalten schien; dann wendete sie sich zu Luise und richtete an sie die folgenden Worte: »Luise, alle meine Illusionen sind für immer verschwunden! – Laß uns reisen! Wer weiß, ob meine Mutter nicht jetzt in Rom das Brot des Mitleids sucht? – Laß uns reisen – nach Rom. – Ich habe dort zwei Opfer zu erfüllen.« Bei diesen Worten reichte sie Luise die Hand und ging mit festem Schritt durch den Saal. Der Graf blieb regungslos stehen und erkannte mit unaussprechlichem Staunen die Wahrheit, welche in der sonderbaren Prophezeiung des Zigeuners lag. * Es war in Venedig für niemand mehr ein Geheimnis, daß ein wohltätiger Mensch, der unbekannt bleiben wollte, von den Behörden die Erlaubnis erbeten hatte, den Armen der Stadt ein Festmahl reichen zu lassen, und daß dieses in sehr kurzer Zeit stattfinden würde. Die Behörden beeilten sich, die gewünschte Erlaubnis zu erteilen, und achteten dabei das Inkognito des Wohltäters; demzufolge wußte niemand, wer er war. Der Graf von Monte Christo kannte den Namen dieses Mannes ebenfalls nicht und mußte gleich allen anderen Neugierigen in seiner Ungewißheit beharren. Der zu dem frommen Mahle bestimmte Tag war nahe. Ein Donnerstag des Aprils war dazu gewählt worden. Die Sonne stand ihrem Zenith nahe, und schon deutete der Zeiger der großen Uhr der Kathedrale fast auf die Mittagsstunde, als der große Markusplatz sich mit dem Volke zu füllen begann, welches aus allen Teilen der Stadt herbeiströmte. Die Festtafeln waren dem alten Gebäude des St. Markus gegenüber aufgestellt und enthielten Gedecke für mehr als fünfhundert Gäste. Vier Musikbanden, zwei zu beiden Seiten des Portals der Kirche und die beiden andern auf entgegengesetzten Punkten des Platzes aufgestellt, spielten ohne Unterbrechung die besten Musikstücke und gewährten so ein vortreffliches Konzert. Die Fenster der umliegenden Paläste waren mit Damen besetzt, deren buntfarbige Toiletten einen reizenden Anblick boten und wesentlich dazu beitrugen, die Pracht des eigentümlichen Schauspiels zu erhöhen. Es handelte sich hier nicht darum, die bezaubernde oder kräftige Stimme einer berühmten Sängerin zu hören; es galt nicht, dem Verdienste eines literarischen Werkes Beifall zu zollen oder den Blick durch die unglaublichen Sprünge und Verrenkungen einer Seiltänzergruppe entzücken zu lassen; es handelte sich lediglich darum, die Armut zu sehen, die Not, das Elend, wie auch sie einmal, wenn es auch nur für einen kurzen Augenblick geschah, Reichtum und Ueberfluß genossen. Es handelte sich darum, den armen Greis zu sehen, der seit langer Zeit blutige Tränen vergoß über die gänzliche Entblößung eines Sohnes, und der nun vor Freuden lachte und weinte, indem er sein geliebtes Kind bei dem frommen Feste zufrieden und sich sättigen sah. Dieses bei den Christen so seltene Schauspiel hatte deshalb nur um so mehr Verdienst. Das Neue übt eine eigentümliche Gewalt aus. Die vornehmsten Damen Venedigs hatten sich insgeheim dazu vereinigt, diese Handlung wahrer christlicher Barmherzigkeit dadurch nur noch glänzender zu machen, daß sie Gott das Opfer ihrer Demut brachten, indem sie sich rings um die Tafel verteilten, um mit eigenen Händen die Armen zu bedienen. Dieser Einfall der edlen Damen Venedigs hatte ebenfalls allgemeinen Beifall gefunden. Man sah sie reichgeschmückt aus ihren prachtvollen Gondeln steigen, um sich nach der Kirche von St. Markus zu begeben, wo die Armut mit ängstlicher Spannung auf die Stunde wartete, welche die Befriedigung ihres Verlangens verkündete. Es lag in der Tat etwas Großartiges in dem Eifer, mit welchem die edlen Damen in ihre Arme die kleinen Kinder nahmen und mit ihren reichen, Wohlgerüche duftenden Taschentüchern die Tränen dieser armen kleinen Geschöpfe trockneten: in der Teilnahme, welche sie den Greisen bewiesen, in dem sie dieselben unterstützten, um sich an den ihnen angewiesenen Platz zu begeben, und endlich in der Feierlichkeit, mit welcher sie den Müttern die heiligen Worte des Evangeliums wiederholten, um sie mit dem Glauben an die unendliche Barmherzigkeit Gottes zu durchdringen. Endlich verkündete die Uhr des Turmes die Stunde zu dem Feste. Der Zeiger von St. Markus, der seinen mächtigen ehernen Arm drehte, schmetterte mit seiner gewaltigen Stimme die Stunde hinaus, welche zur Verteilung des Brotes und des Weines bestimmt war, die Stunde der Mildtätigkeit, und es schien, als wollte das Echo des Lido der ganzen Welt diese Verkündigung wiederholen. Unter dem Klange der Instrumente, unter dem feierlichen Geläute der Glocken sowie unter dem Beifallsgeschrei der Bevölkerung von Venedig nahmen die Armen ihre Plätze ein, und das Fest begann. Wie groß aber auch die Anstrengungen waren, welche die Neugier machte, den Urheber dieses Schauspiels zu entdecken, gelang es doch niemand, das Geheimnis zu durchdringen. Der Graf von Monte Christo, welcher neben seiner jungen reizenden Gattin stand, die ihren Sohn auf dem Arm hielt, ließ vergeblich seinen ruhigen, forschenden, durchdringenden Blick, der ihn charakterisierte, umhergleiten, um den geheimnisvollen und großherzigen Wohltäter zu entdecken. Befand er sich wirklich hier zugegen, so mußte er sozusagen den Ausdruck seines Gesichts nach dem aller ihn umgebenden Physiognomien modeln, und nichts verriet ihn. Haydee dachte nur daran, ihrem Knaben das erhebende Schauspiel begreiflich zu machen, an welchem das liebliche Kind teilnehmen sollte, wie der Zigeuner es empfohlen hatte. Das Kind, welches sich von dieser ganzen eigentümlichen Welt umgeben sah, blickte mit verwundertem und besorgtem Wesen auf seine Mutter, als wollte es sie fragen, was dieser erhabene Auftritt des Christentums zu bedeuten hätte. »Mein Sohn,« sagte mit leiser Stimme Haydee, indem sie ihn an ihren Busen drückte, »der Gott des Weltalls zeigt sich hier in seinem ganzen Ruhm und seiner ganzen Majestät, indem er den Armen gibt, was der Armen ist. Ist das nicht wahr, mein Freund?« fügte sie hinzu, indem sie sich zu dem Grafen wendete. »Findest Du dieses Schauspiel nicht bewunderungswürdig? Findest Du nicht, daß das, was ich unserm Kinde sagte, die Wahrheit ist?« »Ja, meine Haydee,« entgegnete Monte Christo; »indes liegt doch in alledem etwas, was mich verletzt, was mich verwundet! Ich möchte nicht, daß diese Feierlichkeit sich verlängerte, welche in meinen Augen mehr Eitelkeit offenbart als einfache christliche Mildtätigkeit.« »Wieso das?« fragte Haydee verwundert. »Das Evangelium,« entgegnete der Graf, »sagt: Wenn deine rechte Hand ein Almosen gibt, so laß deine linke Hand nichts davon wissen! – Wenn wir also großmütig sind, dürfen wir nicht zugeben, daß die Posaune der Fama unsern Namen oder unsere Wohltat laut verkünde! – Begreifst Du jetzt, meine teure Freundin, den Beweggrund meiner Betrachtung? Ich erblicke in all diesem Prunke einen Nebengedanken! – Das ist keine einfache christliche Mildtätigkeit! »All die Armen, die Du hier siehst, würden es bei weitem vorziehen, das Almosen unter ihrem Dache, nur in der Gesellschaft ihrer Frauen und Kinder, zu empfangen. Dieser Prunk verletzt sie! Die Anwesenheit dieser edlen Damen legt ihnen Zwang auf! Betrachte sie nur, wie schweigsam sie sind und wie sorgenvoll ihre Gesichter sich zeigen! Wie regungslos sie werden, sobald einer dieser prunkenden Dienerinnen sich ihnen nähert! – Oh, menschliche Eitelkeit, wohin verirrst du dich!« fuhr der Graf mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke der Geringschätzung fort, – »selbst noch bei der Erteilung des Almosens willst du deinen höllischen Prunk entfalten! – Ach, wie unvollkommen ist doch der Glaube des Menschen! – Sieh, meine Haydee, wie unvollständig die Handlung der Demut ist, welche diese vornehmen Damen ihrem Gotte darbringen! Die reichsten Edelsteine glänzen an ihnen; in eben dem Augenblicke, wo sie sich herabzulassen wünschen, erheben sie sich stolz; sie zeigen auf eine auffallende Weise den Unterschied, der zwischen ihnen und den Kindern des Elends besteht. »Doch der Augenblick ist gekommen, um unserem Kinde das Brot der Armut zu bieten. Nimm ihm den Schmuck ab, der es bedeckt, meine teure Freundin; zerreiße das kostbare Kleid, das es schmückt und gib sein blondes Haar dem Winde preis!« Indem er so sprach, leisteten seine Hände Haydee Beistand, seinen Gedanken auszuführen. Haydee wagte es nicht, ihm zu widersprechen, so sonderbar ihr auch die Unordnung in dem Anzuge ihres Kindes erschien. »Wir werden jetzt aller Welt eine vortreffliche Lehre geben,« sagte der Graf zu seiner Gattin. »Mein Sohn, der Erbe eines Vermögens, welches hinreicht, die ganze Stadt Venedig zu kaufen, geht barfuß mit zerrissenen Kleidern und unordentlichem Haar, die Luft dieser elenden Bettler zu teilen, als ob er fähig wäre, auch ihren Kummer und ihre Schmerzen zu teilen, als ob er dieselben schon begreifen könnte! »Auf, Haydee; der Augenblick ist gekommen!« Haydee, welche das Kind auf ihren Armen trug, ging jetzt zu den Festtafeln. In diesem Augenblicke standen einige Arme auf und gingen, wie durch den Zufall geleitet, nach der Gegend, wo Haydee sich befand. »Meine Freunde,« sagte Haydee zu ihnen, »im Namen Gottes bitte ich Euch, mein Kind das Brot teilen zu lassen, das Ihr esset.« Die Armen umringten die schöne und junge Mutter und boten ihr ein Stück Brot. Haydee brach mit den Fingern einen kleinen Bissen davon ab, steckte ihn in den Mund ihres Sohnes und sagte: »Iß, mein Sohn, es ist das Brot des guten Gottes, und jetzt gib den braven Leuten, die Dich hier umringen, einen Kuß. Sie sind Deine Freunde und Du wirst der ihrige sein.« Diese kleine Gruppe wurde bald der Zielpunkt aller Zuschauer, welche in Menge dem Orte zuströmten, wo dieser sonderbare Auftritt einer erhabenen Kommunion stattfand. Alle waren überrascht und zu gleicher Zeit entzückt durch die himmlische Zerknirschung, welche sich in den Zügen und dem Wesen Haydees aussprach. Der Graf von Monte Christo blieb einen Augenblick von seiner Gattin und seinem Sohne getrennt. Das Volk eilte hastig und neugierig herbei und wurde es nicht müde, zu sehen und zu bewundern – wie immer bei ähnlichen Veranlassungen. Da drückte Haydee einen Kuß auf die rosigen Wangen ihres Kindes und legte es dann in die Arme eines der Bettler. Dieser küßte es und gab es dann einem zweiten, der sein Beispiel nachahmte. Haydee, welche ihrem Knaben mit dem Blicke folgte, stieß plötzlich einen gellenden Schrei aus, der mit einem fürchterlichen Ausdrucke der Angst das allgemeine Schweigen durchbrach, welches in diesem Augenblicke rings umher herrschte. Diesem Schrei der höchsten Qual folgte augenblicklich das dumpfe Geräusch von tausend Stimmen, ähnlich dem fernen Grollen des Donners. Der Graf von Monte Christo, welcher sich in die dichte Masse des Volkes stürzte, trachtete vergebens, bis zu seiner Gattin zu gelangen; sie wurde ihm durch den lebenden Strom der Menge fortgetragen. Bald begann das Meer menschlicher Köpfe sich mit einem entsetzlichen und drohenden Ansehen zu bewegen. Es entstand eine furchtbare Unordnung. Alle schrien und tobten ohne bestimmten Gedanken, ohne Zweck und Ziel, und all den Lärm, all das Geschrei, all die Ausrufe des Schmerzes, der Verzweiflung, der Wut übertönte eine Stimme, welche mit kläglichem, herzzerreißendem Ausdruck rief: »Mein Sohn! Mein Sohn!« Die Stimme war die Haydees. Bevor die Polizei den Tumult auf dem Platze zu beschwichtigen vermochte, hatten Streitigkeiten, viele wahre Kämpfe stattgefunden; eine Menge Körper waren erbarmungslos unter die Füße getreten worden. Der Graf, welcher unablässig, doch schweigend gegen die Massen kämpfte, die ihm den Weg versperrten, drang in der Richtung vorwärts, in welcher er Haydee zu finden glaubte. Nicht ein einziger Schrei entrang sich seinen Lippen; keine Träne benetzte die bleichen Wangen des Grafen von Monte Christo, dessen Kräfte sich in eben dem Maße zu verdoppeln schienen, in welchem der Widerstand sich verdoppelte. Endlich gelang es der Polizei, das Volk auseinander zu treiben. Der St. Markusplatz hatte sein Aussehen gänzlich verändert. Die Festtafeln waren zertrümmert. Die Türen der Kirche, die Fenster der Paläste hatte man sorgfältig geschlossen, und die Seufzer der Opfer waren das finstere Orchester des Schauplatzes eines Gemetzels. Der Graf richtete sich jetzt in seiner ganzen Höhe auf dem Fuße einer der Säulen am Portikus der Kirche empor und ließ seine flammenden Blicke über das Schauspiel gleiten, das sich vor ihm entrollte. Plötzlich sprang er hinab und lief auf eine Frau zu, die in einer Ecke des Platzes auf den Knien lag, den Kopf auf die Schulter gesunken und die Augen geschlossen. »Haydee! Haydee!« rief er, indem er sie in seine Arme nahm und emporhob, als wäre sie ein schwaches Kind. »Oh, Fluch über mich, ewigen Fluch, daß ich so unsinnig war!« rief er verzweiflungsvoll. Dann zog er aus seiner Tasche ein kleines Fläschchen und träufelte einige Tropfen einer grünlichen Flüssigkeit auf die Lippen Haydees. Sie öffnete die Augen, streckte die Arme aus und erbebte, als ob das Blut seinen Kreislauf in ihren Adern wieder begönne. »Wo ist mein Sohn,« jammerte sie. »Ach, sie haben uns unser Kind gestohlen!« »Haydee,« antwortete ihr der Graf mit einer Ruhe, welche eigentümlich gegen den verzweifelten Ausdruck seiner Gattin abstach: » Gott hat es gewollt !« * VI. Der Brief. Alle Zeitungen waren mit Berichten über den eigentümlichen Auftritt angefüllt. Der Polizei gelang es, ungeachtet aller ihrer Nachforschungen nicht, den wahren Grund des Tumultes zu entdecken, noch den Räuber in ihre Hände zu bekommen, der den Sohn des Grafen von Monte Christo gestohlen hatte. Haydee erzählte, daß sie, nachdem sie das Kind den Händen der Bettler übergeben, einen Fremden bemerkt hätte, der schnell näher getreten wäre, sich des unschuldigen Geschöpfes bemächtigt hätte und dann unter der vor ihm sich öffnenden Menge verschwunden wäre. Man mußte jetzt zu einer anderen Art der Nachforschungen und Untersuchungen seine Zuflucht nehmen. Alle Tatsachen erwägend und die Ereignisse vergleichend, gelangte man zu der Hypothese, daß der Zigeuner mit dem Kindesräuber im Einverständnis gewesen sein müsse, wenn nicht etwa gar beide nur eine und dieselbe Person waren. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, stellten die Polizeibeamten eine allgemeine Durchsuchung aller schlechten Orte der Stadt an, indem sie hofften, dabei den Zigeuner zu finden. Beinahe kein Mensch hatte ihn gesehen. Das Geheimnis, in welches er sich gehüllt zu haben schien, war in den Augen der menschlichen Gerechtigkeit undurchdringlich. Der Graf empfing Beileidsbesuche von beinahe allen ersten Familien Venedigs. Die Ruhe, die Ergebung, mit welcher er sein Unglück trug, gewannen ihm allgemeine Teilnahme. Was Haydee betrifft, so war sie Mutter – das heißt, untröstlich und unfähig der Ergebung ihres Gatten! Sie weinte blutige Tränen über den Verlust ihres Kindes, und die Aerzte rieten daher Monte Christo, sie von dem Orte zu entfernen, wo alles dazu diente, ihren Schmerz stets neu zu beleben. Es gibt Verhältnisse, welche so gewaltig sind, daß sie selbst die festesten Ueberzeugungen erschüttern können. Der Graf von Monte Christo konnte dem verhängnisvollen Gewichte dieses ebenso plötzlichen als unerwarteten Unglücks nicht entgehen. Wer war denn der geheimnisvolle Feind, der sich so an seine Schritte heftete, um ihn zu verfolgen? Welches Verbrechen hatte er denn begangen, um auf sein Haupt diese Züchtigung, diesen fürchterlichen Streich zu laden, dessen Größe nur der allein zu begreifen vermag, der Vater ist, der, welcher täglich unter seinen Augen und unter dem Einfluß seiner Liebe die Frucht einer glücklichen Ehe, welche der Himmel bis dahin gesegnet zu haben schien, heranwachsen und sich entwickeln sah! Gleich allen Menschen, für welche das Vaterland die ganze Welt ist, welche bis auf die Hefe den Becher des Unglücks leerten und sich ebenso an dem der Glückseligkeit berauschten, besaß der Graf von Monte Christo jene Kaltblütigkeit, jene Geistesgegenwart, jene Ruhe, welche unerläßlich sind, um dem Geschick die Stirn zu bieten und es zu bekämpfen. Aber was konnte er unter den gegenwärtigen Umständen tun? Woher sollte er die genügenden Grundlagen nehmen, um daraus die Folgerungen zu ziehen? Wie sollte er von der Wirkung zur Ursache zurückkommen! Es gibt manchen Kummer, der so ungeheuer, so tief ist, daß der Geist sich dabei verliert und darin aufgeht, wie die Luft in dem Chaos. Es war durchaus unmöglich, zu der Kenntnis des Menschen zu gelangen, der das Kind geraubt hatte, durchaus unmöglich, die Ursache dieser Handlung zu erraten. Mit einem Worte, es war alles unmöglich, ausgenommen die Träume der Illusion. Die Illusion erhielt daher bei dem Grafen von Monte Christo die Hoffnung. Gleich dem Schiffbrüchigen, der, nachdem er lange vergebens mit dem Blick nach der Spitze eines Felsens gesucht hat, auf den er sich retten kann, gleichwohl doch den Gedanken an den Tod verwirft und auf den Wogen umherzuschwimmen hofft, bis irgend eine unerwartete Hilfe ihm wird, suchte der Graf von Monte Christo sich zu überzeugen, daß eine Bande von Missetätern sich seines Kindes in der Absicht bemächtigt hätte, es gegen ein großes Lösegeld zurückzugeben. Als der Graf sich einmal in diesem Gedanken befestigt hatte, beeilte er sich mit dem Versuche, ihn Haydee teilen zu lassen, indem er sie überredete, daß nichts natürlicher sei als diese Annahme, denn er kenne ganz genau den Geist und den Charakter der italienischen Banditen. Lange, sehr lange dauerte diese Hoffnung. Haydee verging sichtlich, niedergebeugt unter dem Gewichte eines Verhängnisses, welches der Graf von Monte Christo mit all seinen Schätzen nicht abzuwenden vermochte. Er erkannte nun, daß, wenn alles in dieser Welt der Macht eines unermeßlichen Reichtums weicht, der Mensch doch nie genug Gewalt hat oder jemals haben wird, um auch nur ein Jota an den Bestimmungen jenes allmächtigen Wesens zu ändern, das man Gott nennt! Er erkannte, mit welcher Leichtigkeit das Schicksal die Menschen einander gleich macht, wie groß auch der Unterschied des Reichtums sein mag, der sie von einander trennt. »Ach,« sagte der Graf zu sich selbst, »sollte ich denn etwa zum Bösen die Macht angewendet haben, die Gott mir über die andern Menschen verliehen hatte? – Ich muß mich selbst prüfen! – Habe ich nicht die menschliche Gesellschaft in Paris von ihrem Auswurfe gesäubert? – Habe ich nicht die Waisen beschützt, indem ich den Raub der Kapitalien verhinderte, die ihnen gehörten? – Habe ich nicht zwei Herzen vereinigt, welche Bosheit und Intrige von einander zu trennen versuchten? – Habe ich nicht stets die Tugend belohnt? – Bin ich nicht stets unerbittlich gegen das Laster gewesen? – Als ich aus den Wogen emporstieg, trat ich arm und allein in das Leben ein, aber unterrichtet und geistig gebildet, um es zu verstehen! Gott hat mich groß und mächtig gemacht, als wollte er mich über die menschlichen Gesetze erheben! – Mein Gang war daher auch sicher und fest – ich trat gerade vor mich hin, trat eine Menge alberner Gesetze unter die Füße, spie auf manchen erschlichenen Ruf, schwang stets nur das Racheschwert einer reinen und wohlüberlegten Gerechtigkeit, während der langen Jahre meiner Studien. – Wann hat jemals unschuldiges Blut dies furchtbare Richtschwert besudelt?« Plötzlich erbleichte der Graf, als ob eine geheime und unheimliche Stimme ihm die Antwort auf die einfache Frage in das Ohr flüstere. Von diesem Augenblick an konnte er, der stets bei allen seinen Handlungen die Gerechtigkeit zur Richtschnur und zum Wahlspruch den Grundsatz des Evangeliums genommen hatte, daß Blut der Preis des Blutes ist, seine Gedanken nicht mehr mit der schmeichelhaften Hoffnung nähren, die er anfangs gehegt hatte. »Mein Gott,« sagte er, »in den Grabgewölben der Familien Villefort und St. Meran ruht die Leiche eines armen kleinen Geschöpfes, dessen Tod mein Werk ist! – Ach, sollte denn mein Sohn der entsetzliche Preis für dieses durch mich vernichtete Leben sein? Oh ich Unsinniger – ich glaubte, erleuchtet über der Erde zu schweben und ich irrte – ich irrte wie ein Mensch von beschränktestem Verstande! – Ich hielt mich für groß in der Welt, und ich fühle mich jetzt so klein! – Wie schwach bin ich bei dem ersten Streiche, den die Gerechtigkeit des Himmels auf mich führt! »Mein Sohn! Mein Sohn! Sollst Du denn den Irrtum Deines Vaters bezahlen? – Ach, sollte es denn wahr sein, daß die Sünden der Väter auf ihre Kinder fallen, bis zum vierten, fünften Gliede? – Ja – ja – das war meine Lehre! – Indem ich das Glück der Kinder opferte, rächte ich mich für das Verbrechen der Väter! Mein Gott, willst Du mir denn jetzt die Unhaltbarkeit dieses Gesetzes beweisen, welches von den Menschen ersonnen wurde? – Ich erkenne sie – ach ja, ich erkenne sie!« So beugte der Graf von Monte Christo als Philosoph sein Haupt unter dem Streiche der göttlichen Gerechtigkeit; aber als Mensch und als Vater vernachlässigte er keines der Mittel, welche sich seinem Geiste darboten, um seinen Sohn wiederzufinden. Er schrieb nach Paris an Maximilian Morel, mit der Weisung, ihm den Brief überallhin nachzuschicken, wo er sich befinden möchte. Er benachrichtigte ihn von der Katastrophe, welche bei dem Festmahl der Armen stattgefunden hatte, und flehte ihn an, keinen Augenblick zu verlieren, um alles aufzubieten, eine Spur aufzufinden, die ihn auf die Fährte des Ortes leiten könnte, wo der Sohn Haydees sich befände. Vierzehn Tage darauf empfing er einen Brief von den Händen Rosinas, der Tochter des Schmugglers, die ihn bat, nach der Guidecca zu kommen. Monte Christo trat vor sie mit jener scheinbaren Seelenruhe, welche ihn selbst unter den mißlichsten Umständen charakterisierte. »Sind Sie wirklich der Graf von Monte Christo, Exzellenz?« fragte das Mädchen. »Ich bin es selbst, mein teures Mädchen,« entgegnete der Graf. »Ach, dann gestatten Sie mir, Ihnen die Hand zum Beweise meiner tiefsten Ehrfurcht zu küssen.« »Weshalb denn? Und auf welche Art habe ich einen Anspruch auf diese Ehrerbietung?« »Sie kennen freilich die arme Rosina nicht, das ist wahr – aber sie, sie kennt Sie schon seit langer Zeit, zuerst dem Namen nach und dann durch die Großmut, die Sie gegen alle ihres Stammes gezeigt haben.« »Sprechen Sie.« »Was mich betrifft, Signor, so bin ich die Tochter des Bando, welcher seine Waren auf der Insel Monte Christo landete. Sie müssen sich erinnern, mit welcher Großmut Sie den Handel meiner Eltern Ihres Schutzes würdigten.« »Sie irren sich, mein Kind,« unterbrach sie der Graf voll Strenge. »Ich habe nie den unrechtmäßigen Handel Ihrer Schmugglerfamilie beschützt. – Was ich tat, war stets nur, daß ich mich darauf beschränkte, mich nicht in diese gefährlichen Angelegenheiten zu mischen.« » Santa Madre! « rief die Venetianerin, »das ist ja ganz dasselbe, Signor Graf!« »Nun, wenn dem so ist,« sagte der Graf lächelnd, »so fahren Sie fort.« »Alle wir Kinder des Bando haben Ew. Exzellenz eine aufrichtige und unwandelbare Dankbarkeit geschworen und ich mehr als irgend jemand anders, denn mein armer Vater hat aus Ihrer großmütigen Hand ausgezeichnete und ganz besondere Gunstbezeugungen empfangen, während er von den Douaniers des Lido verfolgt wurde.« »Nun wohl, was wollen Sie von mir?« »Ihnen einen Brief übergeben, Exzellenz.« »Wo kommt er her?« »Das ist eine Frage, auf welche St. Markus allein eine Antwort zu erteilen vermöchte. Mein armer Pietro hat ihn mir geschickt, und alles, was ich tun kann, ist, Ihnen die traurige Geschichte Pietros zu erzählen. Vielleicht werden Sie daraus erkennen, woher der Brief kommt. Hier ist er.« »Erzählen Sie mir zuerst die Geschichte,« sagte der Graf von Monte Christo, indem er sich weigerte, den Brief zu empfangen. »Nun, so hören Sie mich denn an, Herr Graf. – Vor nicht gar langer Zeit ankerte in unserm Hafen eine Jacht, der Sturm genannt, deren Kapitän ein sehr sonderbarer Mensch war.« »Ich möchte darauf wetten,« sagte der Graf mit einem leisen Lächeln, »daß er einen gespaltenen Fuß hatte!« »Nein, Signor; aber wenn man dem glauben darf, was nach dem Schwure, den Pietro mir leistete, die Wahrheit ist, so besitzt er die Hand eines Toten, und durch diese Hand vermag er alles auszurichten!« Bei diesen Worten nahm die Physiognomie des Grafen den Ausdruck der Unruhe an; er richtete einen durchbohrenden Blick auf das Gesicht der Venetianerin, welches Einfachheit und Aufrichtigkeit zeigte. »Dieser Mensch,« fuhr sie fort, »bemächtigte sich meines armen Bruders Pietro, in der Absicht, sich durch ihn nach der Insel Monte Christo führen zu lassen, und als er im Besitz seiner war, segelte er, ihn mit sich nehmend, von dem Lido vor etwa zwei und einem halben Monat ab. Ich habe geweint, mich betrübt, mich in Anstrengungen erschöpft, um die Freiheit Pietros zu erlangen, aber es ist mir bis zu diesem Tage nicht gelungen, ausgenommen, daß ich von Zeit zu Zeit Nachrichten von ihm erhalte.« »Welches Amt versieht denn Ihr Bruder an Bord des Sturms?« »Er ist Pilot, glaube ich. Pietro kennt alle Landungsplätze der Insel Monte Christo, und deshalb haben sie ihn mit Gewalt an Bord der verfluchten Jacht geschleppt.« »Und was weiter?« »Er schrieb mir gestern, um mir anzuzeigen, daß sie die Insel verlassen hätten, auf der alles ruhig war, und er schickte mir diesen Brief, den der Kapitän der Jacht geschrieben hat, um Ihnen überliefert zu werden. Wollen Sie ihn jetzt nehmen?« »Geben Sie.« »Hier ist er.« Der Graf öffnete den Brief und zog sich in die Vertiefung eines Fensters zurück, um ihn zu lesen, indem er sich so stellte, daß Rosina sein Gesicht nicht sehen konnte. Der Brief war in folgenden Ausdrücken abgefaßt: »Edmund Dantès! »Dein Sohn wird am letzten Tage des Juli in der Grotte der Insel Monte Christo sein, wo Du allein zu erscheinen hast, um über sein Lösegeld zu verhandeln. Der Kapitän des Sturms.« »Nun, Herr Graf?« fragte Rosina, als die Durchlesung des Brieses beendet war. Der Graf sah sie starr an, ohne ihr zu antworten. »Heilige Mutter Gottes!« rief Rosina heftig erzitternd unter dem Blicke, der sie mit Entsetzen erfüllte. »Was erwarten Sie?« fragte er sie. »Ich, Signor? – Ich erwarte Ihre Befehle.« »Wollen Sie nicht die Antwort auf diesen Brief an Ihren Bruder Pietro senden?« »Keineswegs: das wäre mir durchaus unmöglich, da ich kein Mittel kenne, ihm meine Briefe zukommen zu lassen.« »Also Sie wissen nicht, wer seine Briefe übergibt?« »Oh, was das betrifft, so weiß ich es wohl: es ist Giacomo.« »Wer ist dieser Giacomo?« »Der Gondolier des Rialto, welcher von Zeit zu Zeit die Briefe aus den Spalten einer Steinmauer im Kanal Orfano holt, ohne zu wissen, wer sie dorthin legt.« »Wenn ich also auf diesen Brief antworte und durch das gleiche Mittel die Antwort übersenden wollte, so würde man sie ganz bestimmt an jenem Orte holen?« »Nein, Herr Graf, denn ich selbst habe dazu mehrmals den Versuch gemacht, und mein Brief ist dort geblieben, ohne daß irgend jemand ihn berührte, so daß ich gezwungen war, ihn zuletzt selbst wieder zu nehmen.« »Sehr gut! Und ich wünsche Ihnen Glück, indem ich hoffe, daß nicht, wenn Sie dieses Hotel verlassen, zwei Sbirren Sie in ihre Gewalt bekommen.« »Ach, Blut Christi,« rief das arme Mädchen zitternd, aber ohne zu erblassen, und indem es seinen flehenden Blick auf das regungslose Gesicht des Grafen richtete. »Weshalb sollte ich denn aber verhaftet werden?« »Sie sind wirklich von einer köstlichen Einfalt, mein gutes Mädchen,« entgegnete Monte Christo. »Wie! Sie unterhalten Verbindungen mit einer Bande Missetäter, die Venedig unsicher machen, wo sie alle Arten von Verbrechen begehen, und finden, daß dies noch kein hinlänglicher Grund ist, Sie festzunehmen?« »Herr Graf, ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen. – Ich sollte Verbindungen mit Banditen haben? – Ach nein, nein, nein, Signor, glauben Sie mir im Namen Gottes, daß das nicht der Fall ist. Kommen Sie mit und sagen Sie den Sbirren, daß ich unschuldig bin, daß ich die Banditen nicht kenne.« »Das genügt. Gehen Sie immerhin in Frieden,« erwiderte der Graf, indem er das Mädchen abhielt, sich ihm zu Füßen zu werfen. »Niemand wird Ihnen etwas Böses zufügen. Indes ist es unerläßlich, daß Sie mich mit dem Gondolier Giacomo zusammenbringen, ohne daß er eine Ahnung davon hat, wer ich bin.« »Nichts ist leichter, Exzellenz.« »Und wie das? Ich kenne ihn nicht.« »Bei mir in meinem Hause, weil es nicht weit von der Giudecca liegt.« Sie bezeichnete hierauf die Lage ihres Hauses, so gut sie konnte, und entfernte sich dann in aller Eile, indem sie ungeachtet der Versicherung des Grafen, daß ihr nichts Böses widerfahren würde, ängstliche Blicke rings umher nach beiden Seiten des Kanals gleiten ließ. Kaum war sie gegangen, als der Graf zum zweiten Male den Brief las, den er durch sie erhalten hatte. Vergebens trachtete er, sich der Handschrift zu erinnern. Sie war klein, fest und sicher, als sollte sie andeuten, daß der Entschluß dessen, der ihn geschrieben harte, unerschütterlich sei. Der Graf mußte sich nach der Insel Monte Christo begeben, um die Loskaufung seines Sohnes zu bewirken, der sich ohne Zweifel in der Gewalt von Banditen befand. Monte Christo kannte den Charakter dieser Menschen sehr genau, und er zauderte daher nicht bei dem Gedanken, mit ihnen zu unterhandeln. Indes, ehe er diese kleine Reise unternahm, wollte er sich von der Art der Verbindungen überzeugen, welche zwischen Giacomo und den Banditen bestanden. Er ging daher, wie es verabredet worden war, nach dem Hause Rosinas, um dort mit dem Gondolier zu sprechen, aber Giacomo wiederholte ihm nur die Erläuterung, die Rosina selbst ihm schon gegeben hatte, und der Graf mußte auf jede Hoffnung verzichten, weiter in das Geheimnis einzudringen. Es war nichts anderes zu tun, als ohne Zeitverlust nach der Insel Monte Christo abzureisen. Die Vorbereitungen wurden, wie immer, nach dem unwandelbaren Gebrauche des Grafen getroffen; das heißt, sie waren mit der größten Schnelligkeit beendigt. Nachdem er daher Abschied von all den Familien genommen hatte, die ihm ihre Teilnahme bewiesen, und nachdem er mit der ihm eigenen edlen und anmutigen Art dem Signor Gradenigo für die glänzende Aufnahme, die er ihm zuteil werden ließ, gedankt hatte, brach Monte Christo mit Haydee nach der edlen und schönen Stadt der Mediceer auf, wo er, dem Eifer seines Intendanten vertrauend, eine prachtvolle Wohnung bereit zu finden hoffte. * VII. Von Mantua nach Florenz. Meister Bertuccio, der Intendant des Grafen, hatte in der Tat die Weisungen Monte Christos genau befolgt und ihm eines der besten Hotels des prachtvollen Florenz gemietet, ungeachtet der lobpreisenden Vorstellungen, welche der Stellvertreter und Nachfolger des berühmten Poniatowsky, des ersten Gastwirts dieser Residenz, ihm gemacht hatte, um ihm von dem Vorsatz abzubringen. Er schwur ihm bei allen Göttern, daß der Herr Graf sich sehr schlecht befinden würde, wenn er ihn nicht zum Wirte hätte, da niemand in der Welt, nicht einmal Corsini Montfort, ihn besser aufnehmen könnte und um mäßigeren Preis. Der eigensinnige Bertuccio hatte sich damit begnügt, lachend den Kopf zu schütteln, und war taub geblieben. Inzwischen nahm er den gemieteten Palast in Besitz und beeilte sich, in demselben alles zu dem Empfange seines Gebieters instand setzen zu lassen. Ebenso wie in Venedig, verbreitete sich auch in Florenz schnell die Nachricht von der Ankunft Monte Christos. Dieser Mann, den ein Zufall in den Annalen des europäischen Reichtums berühmt gemacht hatte, unterhielt in der Tat Verbindungen in allen Hauptstädten der Welt; sein Name erweckte daher auch überall, wo er ausgesprochen wurde, ein Echo der lebhaftesten Teilnahme. Indem der Graf Venedig verließ, sollte er sich zur See nach Mantua und von Mantua zu Lande nach Florenz in einem bequemen Reisewagen, für den er im voraus Relais hatte legen lassen, begeben. Dann wollte er sich in Pisa nach der Insel Monte Christo einschiffen. Das war der Reiseplan, den der Graf in Venedig entworfen hatte, und an dessen Ausführung er unmittelbar ging. Die Ueberfahrt von Venedig nach Mailand bot keinen bemerkenswerten Umstand. In dieser letzteren Stadt angelangt, machten Monte Christo und Haydee nur einen kurzen Halt, um dann sogleich den Weg nach Florenz einzuschlagen. Verlassen wir sie einen Augenblick und sehen wir, was sich zu eben der Zeit auf dieser Straße zutrug. Zwei Männer ritten jener Stadt zu; plötzlich hielten sie bei einem halb verfallenen Brunnen an, dessen Wasser auf einen gewaltigen Stein niederrieselte und sich dann in einem kleinen Becken sammelte. Der Tag neigte sich zu Ende; ein leiser Lufthauch machte die Blätter der Bäume, welche diesen Teil des Weges einfaßten, erzittern, und der melodische Gesang der Vögel erhob sich gleich einem Abendgebet, das sie an den Schlummer richteten. Kaum aber hatte das Echo den Schall der flüchtigen Tritte der Pferde zu wiederholen aufgehört, welche unsere beiden Reisenden ritten, als auch alles schon wieder in tiefes Schweigen versank. Die Vögel waren, erschreckt durch den Hufschlag der Pferde, verstummt, entfalteten ihre leichten Flügel und schwangen sich in die Luft empor. Die Furcht der Tiere dauerte indes nicht lange, und als die befiederte Welt sah, daß keine Gefahr sie bedrohte, kehrte sie bald zu dem grünen Asyle zurück und begann aufs neue ihr melodienreiches Konzert oder vielmehr den erhabenen Dankgesang, durch welchen sie dem höchsten Herrn der Natur den unschuldigen Zoll für ihre Schöpfung darbrachten. Die beiden Reisenden sowie ihre Pferde waren mit Staub bedeckt und die weit aufgerissenen Nüstern der letzteren, welche schäumten und keuchten, verrieten die Anstrengung eines schnellen und anhaltenden Rittes. »Wollen Sie Wasser, Herr?« fragte einer der Reisenden, indem er sich zu dem andern umsah; »hier ist ein Brunnen.« »Für mich? nein; für dieses unschuldige Wesen, ja,« antwortete der zweite, indem er den Mantel öffnete, unter welchem er den rechten Arm verborgen hielt, und einen Blick dahin warf. »Nun?« fragte der andere mit lebhafter Teilnahme, indem er sich seinem Reisegefährten näherte. »Er lebt,« antwortete dieser. »Gott möge ihn beschützen!« Ein Augenblick des Schweigens folgte, währenddessen der, welcher zuletzt gesprochen hatte und nach der Reinheit seines Dialektes ein Italiener zu sein schien, vom Pferde stieg und den Arm ausstreckte, als wollte er eine Last in Empfang nehmen, die sein Gefährte ihm zu überreichen hatte. Dieser, welcher zu Pferde geblieben war, warf in der Tat den Mantel zurück und legte in die Arme dessen, der am Boden stand, ein Kind von drei bis vier Jahren, welches in einen schwarzen Schleier gehüllt war. Dann stieg auch er vom Pferde und ging nach dem Brunnen, an welchem die Pferde bereits soffen. Die beiden Reisenden hielten die Augen auf das Kind geheftet, welches allmählich aus einem schweren Schlafe, der einer Art Betäubung glich, zu erwachen schien. Der, welcher das Kind trug, erhob den rechten Fuß, stützte ihn auf den Stein des Brunnens, legte den Körper des Kindes auf seinen Schenkel und zog mit der linken Hand den schwarzen Schleier zurück, mit dem es sorgfältig eingehüllt war. Es bot sich ein eigentümliches Bild! Die unruhvollen Physiognomien der beiden Reisenden, ihr finsterer Blick, kontrastierten auf eine auffallende Weise mit dem sanften, engelgleichen Ausdruck, den das Gesicht des armen kleinen Geschöpfes trug, welches jetzt die Augen öffnete, als es aber die beiden Fremden, von denen es begleitet wurde, erblickte, sie schnell wieder schloß, wie um dem Schrecken zu entrinnen, den sie ihm einflößten. Das Kind stieß dann einen leisen Seufzer aus, welcher einem jener Töne glich, die die Aeolsharfe von sich gibt, Wenn ein leiser Lufthauch durch ihre Saiten führt, ein Ton, der bei uns die Erinnerung an das erweckt, was wir auf Erden am meisten lieben, ein Ton, der sich auf wunderbare Weise mit den Harmonien mischt, die wir träumen, und uns das, was keine menschliche Stimme uns zu erklären vermöchte, sagt, enthüllt, begreiflich macht. Der Seufzer hatte in seinem sanften Klange den Ausdruck des Verlangens und des Bedauerns: er schien sagen zu wollen: Vater, Mutter oder Gott! – Es war der natürliche Ausdruck, welchen die Lippen des Kindes dem Gefühle gaben, von welchem sein reines Herz erfüllt war, ein Herz, dessen Heiterkeit von den Leidenschaften noch nicht getrübt wurde! »Ach, weshalb erhält Gott Dir das Leben?« murmelte einer der Reisenden, indem er den Lippen des zarten Wesens das Wasser bot. »Welche Zukunft ist Dir in dieser Welt der Intrigen, der Laster und Gemeinheiten, bestimmt, wo jede Blume in ihrem Wohlgeruche ein Gift birgt? – Besser wäre es für Dich, aus Deinem Schlafe nur zu erwachen, um zwischen den Engeln, Deinen Brüdern, an dem göttlichen Mahle teilzunehmen! – Ach ja, hundertmal besser wäre es für Dich, als auf Erden zu leben, ausgesetzt den Martern, welche die Menschen für sich selbst erfunden haben und für die, welche man die Kinder des Zufalls nennt! – Wie Du sorglos ruhest unter dem Gewicht einer großen Zukunft von Mühseligkeit und Leben! Mit welchem Vergnügen Du die Luft einatmest, die Dir einst verpestet erscheinen wird! – Ach, um wieviel besser wäre es für Dich, Du hörtest auf zu leben!« Indem er sprach, legte er die rechte Hand an den Griff einer Pistole, die in seinem Gürtel steckte. »Halt, Benedetto!« rief sein Gefährte, indem er diese Bewegung bemerkte. »Ich hoffe, Sie werden auf uns nicht das Verbrechen des Kindesmordes laden wollen.« »Ein Verbrechen?« entgegnete Benedetto mit ironischem Lachen. »Du nennst das ein Verbrechen, Peppino? Wäre es denn etwa ein Verbrechen, einem unschuldigen Wesen das Märtyrertum einer peinlichen Existenz zu ersparen? Wäre es ein Verbrechen, Gott zurückzugeben, was Gott gehört? Denn noch hat die Verderbnis der Welt ihn nicht angesteckt. Glaubst Du denn, daß der Tod stets ein Uebel ist? – Flüstere dies Wort in das Ohr dieses unschuldigen Wesens und vielleicht dankt es Dir durch ein süßes Lächeln für diesen Gedanken! – Der Tod, mein Freund, ist ein Uebel für den Menschen, dessen unruhvolle Existenz die Reue birgt! – Er ist ein Uebel für die, welche in dieser Welt nichts erblicken als einen Blumengarten. Wer aber nicht über die Erinnerung an begangene Verbrechen zu zittern braucht, wer aber ruhig schlafen kann wie ein Kind, für den ist der Tod eine Wohltat. »Was den Menschen, der den Tod am meisten herbeiwünscht, erschreckt, ist der Uebergang von dem Wachen zu dem ewigen Schlafe; es ist der kurze Augenblick, den die Stimme des Menschen uns nicht zu erklären vermag, wenn er einmal verflossen ist, den aber eben deshalb die Einbildungskraft uns vielleicht viel fürchterlicher schildert, als er es in der Tat ist. Dieses schwache Geschöpf nun zittert nicht bei dem Gedanken an diesen Augenblick des Uebergangs; deshalb leidet es also nicht, deshalb würde es nicht leiden, und ich wäre nicht strafbar, weil ich ihm keine Leiden bereitete. Wenn ich es aber im Gegenteil leben lasse, würde ich dann nicht verbrecherisch sein, daß ich es dem Leiden eines mühseligen Lebens und dem Mißgeschicke des Unglücks preisgab? Du weißt es, daß dieses Kind arm und verlassen in die Welt eintreten wird; keine befreundete Stimme wird seinen Namen nennen, keine schützende Hand sich gegen das arme Wesen ausstrecken, um es zu leiten und es zu führen; – es wird ohne Namen und Vermögen seinen Leib durch die Arbeit kasteien und den Becher der Bitterkeit bis auf die Hefe leeren, fern von Vater und Mutter und ohne daß eine einzige Träne die Galle mildere, welche der Becher enthält.« »Vortrefflich!« entgegnete Peppino. »Aber welche Gewißheit haben Sie, daß Sie dieses Kind vom Leben zum Tode bringen können, ohne ihm die geringsten Leiden zu bereiten?« Benedetto lächelte. »Versuchen wir es!« » Per Baccho ! Das heißt ein großes Selbstvertrauen besitzen! – Nehmen wir an, daß durch einen jener tausend Zufälle, welche den Schuß einer Pistole mißglücken lassen, die Kugel von der bestimmten Richtung abweicht und nicht an einen Ort eindringt, der geeignet ist, das Leben aus dem Körper zu bannen! – Dann müßten Sie den Schuß erneuern, und während der Zwischenzeit von dem einen zu dem andern würde dieses unschuldige Wesen weinend und schreiend in den Qualen des Todes liegen. – Sie werden mir sagen, daß Sie es erwürgen können; aber das wäre ein doppelter Mord, verbunden mit grausamem Schmerz für das Opfer! »Nein, Herr, lassen wir diesen barmherzigen Mordgedanken fahren und besteigen wir wieder unsere Pferde, denn in unserer Lage hat die Nacht nichts Gutes.« »Du behauptest, alle Straßen von Italien so gut zu kennen?« »Ich kenne sie vielleicht nicht so genau, aber Florenz ist noch sehr weit entfernt.« »Und der Ort, wo wir diese lebendige Last niederlegen wollen?« »Lassen Sie mich ein wenig orientieren,« erwiderte Peppino, indem er mit der Hand über die Stirn fuhr. »Hinter dem ersten verfallenen Brunnen führt rechts ein Fußsteig in ein Tal; ungefähr fünfzig Schritte von dem Anfang dieses Fußsteiges liegt die Hütte eine Wildhüters; an die Tür desselben tun wir sieben Schläge.« »Vorwärts!« rief Benedetto, indem er wieder in den Sattel sprang und das Kind in die Arme nahm. »Vorwärts!« wiederholte Peppino, indem er ebenfalls sein Pferd bestieg. Die beiden Reisenden verfolgten ihren Weg. Eine Viertelstunde darauf war es vollkommen Nacht geworden und sie befanden sich vor einer Hütte, deren Tür geschlossen blieb, ungeachtet des Geräusches, welches die Pferde machten. Peppino sprang zu Boden und tat mit dem Griff seiner Reitpeitsche sieben Schläge an die Tür. Einen Augenblick darauf wurde sie geöffnet und unsere beiden Reisenden standen einem hochgewachsenen, mageren Menschen gegenüber, dessen bleiches Gesicht, beschienen von dem flackernden Lichte, welches in dem Innern der Hütte brannte, einen finstern Ausdruck trug. Da dieser Mensch sich daran gewöhnt hatte, in der Dunkelheit zu sehen, richtete er auf die Reisenden einen forschenden Blick und erwartete schweigend, daß sie sich über die Absicht ihres Besuches erklärten. » Amico ,« sagte Peppino, »habe die Güte, für unsere Pferde zu sorgen. Dann kehre zurück, um mit uns zu plaudern. Du kannst das mit völliger Gewissensruhe tun, denn ohne Dir die geringste Störung zu verursachen, kommen wir, um unsere Börse in Deine Tasche zu leeren.« »Was soll das heißen?« fragte der Jäger, der bei dem Worte »Börse« die Augen groß aufriß. »Nun, tue, was ich Dir sagte und kehre dann schnell zurück, Du wirst keine Ursache finden, es zu bereuen.« Während dieses kurzen Gesprächs war Benedetto bereits vom Pferde gestiegen. Der Wildhüter nahm hierauf beide Tiere beim Zügel, zeigte mit der Hand gegen die Reisenden nach dem Innern der Hütte, machte außen einen kleinen Umweg um dieselbe und verschwand hinter dem ärmlichen Gebäude. Benedetto und Peppino blieben einen Augenblick allein. »Also diesem Menschen sollen wir den Sohn des Edmund Dantès anvertrauen?« fragte Benedetto. »Dieser Mensch ist verheiratet, und seine Frau, nach dem, was man von ihr sagt, ein vortreffliches Geschöpf.« »Was sie indessen ohne Zweifel nicht abhält, ihren Anteil an dem Verbrechen ihres Mannes zu nehmen.« »Sind wir denn nicht alle auf dieser Welt dem Irrtum unterworfen?« entgegnete Peppino. »Uebrigens ist dieses Kind noch nicht in dem Alter, diese Verbrechen zu begreifen oder ihnen nachzuahmen. Still! – Ich höre Schritte!« Peppino hatte diese Worte noch nicht ausgesprochen, als auf der Schwelle der Tür in dem Innern der Hütte eine Frau von etwa dreißig Jahren erschien, die ein Kind auf den Armen trug. Das Gesicht dieser Frau hatte nichts Abschreckendes; ihr Blick flößte im Gegenteil unbedingtes Vertrauen ein. Diese Frau grüßte auf die zuvorkommendste Weise die beiden Reisenden und setzte sich dann auf eine Bank, ihr Kind in den Armen wiegend. »Gute Frau,« sagte Benedetto, indem er kein Auge von ihr abwendete, »Sie müssen wissen, daß ich ungeachtet der Gerüchte, welche über Ihren Mann im Umlaufe sind, Sie für eine rechtschaffene und vortreffliche Person halte. Wenn ich von den Gerüchten spreche – so bin ich nur das Echo der Leute, welche behaupten, daß von Mantua bis Pisa kein Jäger seines Schusses sicherer sei –« »Um der Liebe Gottes willen, Signor, glauben Sie nicht alles, was die Leute sagen! – Im allgemeinen blickt man mit Unwillen auf den armen Wildhüter – aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß mein Mann ein vortreffliches Herz besitzt.« »Der Grund, der mich hierher führt, hat nichts damit zu schaffen. Mich kümmern die guten Eigenschaften Ihres Mannes wenig. Ich bringe Ihnen ein Kind zur Pflege.« »Ein Kind?« »Hier ist es!« »Es scheint etwas leidend zu sein,« bemerkte die Frau, die aufgestanden war und bei dem matten Scheine einer kleinen Lampe das liebliche Geschöpf betrachtete. »Es ist kräftig und gesund,« erwiderte Benedetto. »Der Zustand der Ermattung, in dem es sich befindet, rührt von der Anstrengung der langen Reise her, die es zurückgelegt hat, auf diesem Arm sitzend und an dieser Eisenbrust schlummernd. Einige Tage der Ruhe, und Sie werden sehen, wie es neben Ihrem eigenen Kinde lächelt und wie es ihm den Brudernamen gibt.« »Das arme unschuldige Geschöpf! Wenn ich neugierig wäre, so würde ich fragen, ob es Ihr Sohn ist, Signor.« »Eine schöne Frage! Aber nehmen wir an, ich wollte Ihnen darauf antworten, so würde ich sagen: Vergleichen Sie sein Gesicht mit dem meinigen.« »Oh, oh – das ist sichtbar!« »Was? – Sie sehen nichts, meine gute Frau,« erwiderte Benedetto. »In diesem Alter –« »Ist das größte Unglück, von dem man betroffen werden kann, seiner Mutter beraubt zu sein!« »Das arme unschuldige Wesen!« »Dieser verhängnisvolle Umstand muß ein Grund für Sie sein, meine gute Frau, dem Kinde Ihre Teilnahme zu schenken. Nun, nehmen Sie es auf den Arm und setzen Sie es an die Seite Ihres Sohnes.« »Mein Kind ist kein Knabe; es ist ein Mädchen.« »Desto besser,« erwiderte Benedetto, »dann wird es seine Schwester sein.« Indem Benedetto so sprach, übergab er das Kind der Frau des Jägers und setzte sich an deren Seite. Peppino blieb im Schatten stehen und schien aufmerksam auf ein fernes Geräusch zu horchen, das an dem Orte erstarb, an welchem er sich befand. »Dieses Kind,« sagte Benedetto mit leiser Stimme zu der Frau, »hat, wie ich Ihnen bereits sagte, das Unglück, seiner Mutter beraubt zu sein. Ich kann es für den Augenblick nicht bei mir behalten, da unser Alter zu verschieden ist, und da es überdies, wenn es bei mir bliebe, der Gefahr ausgesetzt würde, für die Frucht eines Fehltrittes zu gelten. – Es muß fern von mir leben; es darf nicht wissen, wem es das Leben verdankt; es darf nichts von dieser falschen und verderbten Welt, in deren Mitte es geboren wurde, erfahren. – »Ja, erziehen Sie den Knaben auf dieselbe Weise, wie Sie Ihre Tochter erziehen; lassen Sie beide miteinander durch Wald und Tal laufen, frei wie die Schmetterlings und die Vogel. Lehren Sie sie Gott in alledem erkennen, was sie umgibt, von dem Moose, das in den Spalten des Felsens wächst, von dem Grase, das die Wiesen schmückt, bis zu der prachtvollen Majestät der Sonne; von dem Wassertropfen, der erzitternd in dem Kelche einer Blume glänzt, bis zu dem unendlichen Ozean; von dem bescheidenen, vergänglichen Insekte bis zu dem stolzen Adler, der seinen kühnen Flug zu dem Gipfel der steilen Felsen nimmt! – Und wenn zufällig dieses Kind Sie fragen sollte, wem es seine Existenz verdankt, dann antworten Sie ihm, das sei ein Geheimnis, verloren in der Tiefe der Nacht, und es gebe auf dieser Welt keinen Menschen, der es ihm zu enthüllen vermöchte! – Jedem Fremden, der Sie fragt, sagen Sie, das arme kleine Geschöpf sei Ihr eigenes Kind.« »Ihr Wille soll geschehen; das Kind kann für den Zwillingsbruder meiner Tochter gelten.« »Wie Sie das wollen. Nehmen Sie dies Gold. Die Börse enthält 200 Piaster, und binnen jetzt und drei Monaten soll die Summe verdoppelt werden.« »Gut, und seien Sie überzeugt, Signor, daß ich das unschuldige Wesen nach meinen Kräften behandeln werde. Ich will ihn für meine Tochter erziehen,« fuhr sie fort, indem sie den beiden Kindern, die sie auf den Armen hielt, zulächelte. »Wie ist sein Name?« fragte sie dann. »Eduard,« entgegnete Benedetto. Kaum hatte dieser diesen Namen ausgesprochen, als man in der Nähe einen Flintenschuß hörte. Die Frau erblaßte, und Benedetto murmelte: »Das ist, wie ich vermute, Ihr Mann, der auf der Jagd ist. Holla, Peppino, in welcher Entfernung glaubst Du, daß der Schuß fiel?« »Hundert bis hundertundzwanzig Schritt weit,« entgegnete Peppino mit der Zuversicht eines Menschen, der auf eine solche Frage gefaßt ist. »In welcher Richtung?« »In derselben, in welcher wir vor anderthalb Stunden Halt machten. Von dieser Hütte bis zum Anfang des Fußpfades sind fünfzig Schritt; von dem Fußsteige bis zu dem Brunnen werden es ebenfalls fünfzig Schritte sein; außerdem nehme ich noch etwa zwanzig Schritt jenseits des Brunnens an, und ich kann behaupten, daß ungefähr hundertzwanzig Schritt von dem Ort entfernt, an dem wir uns jetzt befinden, irgend ein Verbrechen vollzogen worden ist.« »Wieso das?« »Seit etwa einer Viertelstunde höre ich das Rollen eines Wagens, der sehr schnell fuhr. Jetzt vernahm ich einen Schuß und diesem folgte augenblicklich ein leiser Schrei, der von einem weiblichen Munde ausgestoßen zu werden schien. Der Wagen hat sogleich still gehalten, und sicher hat die Kugel die Brust eines der Pferde durchbohrt.« Benedetto sah die Frau an; sie war noch immer sehr blaß. »Entferne Dich von der Tür,« sagte Benedetto zu Peppino, »und schließe sie!« »Ich glaube, es kommt jemand von der Seite hier auf das Haus zugelaufen,« murmelte Peppino. »Das muß der Mann dieser guten Frau sein, der die Pferde in den Stall gebracht hat.« In der Tat erschien einige Sekunden darauf der Jäger, die Hände in den Taschen, ganz ohne Waffen und mit vollkommen ruhigem Wesen. »Guten Abend, Freund,« sagte Benedetto mit der größten Kaltblütigkeit von der Welt. »Ich bitte Sie, uns etwas zu essen zu geben, denn unsere Absicht ist, vor Tage wieder aufzubrechen. Ich sprach schon mit Ihrer Frau und hoffe, daß Sie einen Teil Ihrer väterlichen Liebe dem Gespielen Ihres kleinen Mädchens schenken werden.« »Ach, das kleine Ding!« brummte der Jäger, indem er seiner Frau einen Seitenblick zuwarf. »Seien Sie ganz ruhig, mein Kavalier; ich gebe Ihnen mein Wort, wenn es ein Knabe ist, so werde ich ihm, wenn er kaum fest auf den Beinen stehen kann, zum Spielwerk die Ueberbleibsel eines alten Gewehres geben und ihm einen Sattel auf eine Bank schnallen, damit er sich im Reiten übt.« »Vortrefflich! Ich wünschte sehr, daß es so geschähe. Das Kind muß auf eine Weise erzogen werden, um vor keiner schweren Aufgabe zurückweichen, um im Angesichte einer Gefahr nicht zu zittern.« »Nun, Frau, bringe die Kleinen dort in dem Hinterstübchen unter und kehre dann zurück, um für die Herren ein Abendessen zu bereiten,« sagte der Wildhüter. »Sie werden sich wohl mit einem Wildviertel und einigen Gemüsen aus meinem Garten begnügen.« »Wollen Sie nicht dem Kinde Lebewohl sagen, Signor?« sagte die Frau zu Benedetto, indem sie ihm das Gesicht des kleinen Knaben hinhielt. »Gott verleihe ihm Kraft und Mut, um in die Welt einzutreten!« murmelte Benedetto, indem er mit der Hand sanft den Körper des Kindes zurückdrückte. Die Frau beharrte nicht auf ihrem Willen und verschwand mit dem Kinde in dem Innern der Hütte. Der Jäger schob den Riegel an der Tür vor und hing die eiserne Lampe an einen Nagel, der in der Brüstung des Fensters eingeschlagen war, so daß es schien, als wollte er, man sollte den schwachen Lichtschein schon in weiter Ferne sehen können. Dann setzte er sich schweigend an das Fenster und stützte den Kopf in die Hand. Ungefähr eine Viertelstunde lang unterbrach kein Ereignis die tiefe Stille, welche jetzt in der ganzen Hütte herrschte. Benedetto stand mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt und hatte die rechte Hand in die Brust gesteckt. Sein Blick war zu Boden geheftet, seine Stirn in Falten gezogen, und er schien sehr ernst über etwas nachzudenken. Peppino, dessen Ohr beständig auf der Lauer lag, verriet die Teilnahme oder vielmehr die Ungeduld, mit welcher er den Erfolg dessen erwartete, was er beobachtet hatte. Endlich hörte man den Ton einiger Schritte auf dem Fußpfade; einen Augenblick später wurde an die Tür geklopft und eine männliche Stimme sagte auf italienisch: »Oeffnet! Oeffnet! Ihr guten Leute! Ihr werdet Euch dabei nicht schlecht befinden!« Bei diesen Worten stand der Jäger rasch auf und wollte die Tür öffnen, als Benedetto schnell auf ihn zusprang und ihn zurückhielt. »Ich will nicht gesehen werden,« sagte er mit leiser Stimme. »Es ist keine Gefahr dabei vorhanden,« flüsterte der Jäger mit einem Lächeln des Einverständnisses. »Gleichviel!« »So kommen Sie!« Benedetto und Peppino folgten dem Jäger, welcher sie nach einem Hinterstübchen der Hütte führte. »Hier sind Sie ebensogut verborgen, als ob Sie zehn Meilen weit weg wären,« sagte der Wildhüter. »Die Tür, die Sie, meine Herren, im Hintergrunde sehen, führt nach der Kammer, wo die beiden Kinder schlafen; darüber ist ein anderes, kleines, aber unbewohntes Stübchen, Sie können also ganz ruhig sein.« Bei diesen Worten wendete der Jäger sich um und eilte jetzt, den Riegel von der Tür zurückzuziehen, die er sogleich öffnete. »Holla, mein braver Mann,« sagte ein Mensch, der es sehr eilig zu haben schien, »können Sie nicht meinem Herrn zu Hilfe kommen, dessen Postchaise nicht weiter kann, weil uns ein Pferd mangelt?« »Ist denn das Pferd tot?« »Meiner Treu, Sie hätten es nicht besser erraten können,« entgegnete der Mann. »Es ist wirklich tot, denn eine Kugel hat ihm die Brust durchbohrt, und zwar mit einer Geschicklichkeit, welche dem verfluchten Schützen alle Ehre macht! – Wißt Ihr wohl, ich hätte eigentlich darauf geschworen, daß es in dieser Gegend keine so boshaften Menschen gibt!« »Ei, was, das sind Geschichten! – Nichts als Geschwätz! – Die Kugel trug doch nicht die Adresse des Pferdes?« »Das ist wahr!« Vielleicht war sie für den Kutscher bestimmt! – Der Teufel hole diese Bemerkung.« »Das sage ich nicht. Ich will damit nur sagen, daß es mir scheint, als wäre der Tod des Pferdes ganz eine Wirkung des Zufalls. – Es wird einem Jäger das Gewehr losgegangen sein. – Jedenfalls darf ich Ihnen die Versicherung geben, wenn man den Kutscher hätte treffen wollen, so würde man sicher nicht das Pferd getroffen haben, denn der ungeschickteste Schütze der ganzen Gegend kann auf fünfzig Schritt eine Orange mitten durchschießen.« » Per Baccho! Was würde erst dann der Geschickteste tun?« »Der würde aus einer Flasche auf gleiche Entfernung den Boden schießen, indem er die Kugel durch den Hals lenkte,« erwiderte der Jäger mit einer Art wilden Stolzes. »Das ist eine Geschicklichkeit, über die man erstaunen muß; indes bestreite ich sie nicht und es ist auch jetzt nicht die Zeit dazu, uns darüber in einen Streit einzulassen. Bleibt mein Herr die Nacht hier, weil ein anderes Gespann geholt werden muß, so haben wir noch hinlängliche Muße, miteinander zu schwatzen, und wir werden dann weiter von dieser wunderbaren Geschicklichkeit reden.« »Wer ist denn Ihr Herr?« »Der Teufel, Sie sind sehr neugierig und scheinen viel Eile zu haben! – Er ist ein französischer Herr, der einige Zeit in Venedig sich aufgehalten hat und jetzt von Mantua nach Florenz geht.« »Nun, in diesem Falle steht alles, was ich besitze, zu seiner Verfügung, und was ich besitze, ist alles, was Sie hier sehen. Will Se. Exzellenz mir die Ehre erzeigen, bei mir zu übernachten, so möge er nur kommen.« »Schön. Ich eile Se. Exzellenz zu benachrichtigen: Währenddessen treffen Sie die Anstalten, ihn in dieser elenden Hütte so gut wie möglich zu empfangen.« Der Bediente eilte in der Richtung nach der Landstraße davon. Der Jäger folgte ihm mit dem Blicke, lächelte geringschätzig und murmelte vor sich hin: »Elende Hütte! – Er hat wohl recht, aber wie viele hohe und mächtige Exzellenzen haben schon mit Tränen in der Stimme und in den Augen in dieser elenden Hütte ein Obdach erbeten! – Alles wohl erwogen, ist es besser, ein Pferd zu töten, als einem Kutscher den Arm zu zerschmettern! – Es ist in Italien nicht üblich, Leute zu hängen, weil sie ein Pferd totschießen!« Währenddessen brannten Benedetto und Peppino vor Verlangen, zu erfahren, was vorging. Peppino ging, um Erkundigungen einzuziehen, und Benedetto, der besorgt zu werden anfing, widmete dem Orte, an welchem er sich befand, die größte Aufmerksamkeit. Es war ein kleines Stübchen von acht bis neun Fuß im Quadrat; die linke Wand, welche aus dünnen Ziegelsteinen bestand, zeigte mehrere Risse, durch die man in das benachbarte Gemach blicken konnte, wo eine kleine Lampe brannte, deren rötlicher Schein eine Wiege beleuchtete, die mit Maisstroh angefüllt war, auf welchem zwei Kinder lagen. Durch diese Wand führte eine Türe, aber sie war von außen verschlossen. Benedetto wollte rufen, damit diese Tür geöffnet würde, da erschien Peppino wieder. »Still!« sagte dieser, indem er einen Finger auf den Mund legte. »Es sind soeben zwei Reisende angelangt, welche die Nacht hier bleiben werden, um auf frische Pferde zu warten, die für ihren Wagen geholt werden. – Ich bin der Meinung, unser Jäger tötet die Pferde aus Spekulation. – Nun, das ist ein Erwerbszweig, der nicht schlechter ist als viele andere, die ich kenne.« »Wer mögen die Reisenden sein?« »Meiner Treu, ich weiß davon nichts,« erwiderte Peppino. »Und was kümmert es uns übrigens auch!« »Auf jeden Fall muß ich bleiben, um über das Kind zu wachen. Die Reisenden sind neugierig – und ich bin nicht Deiner Ansicht. Ich hege einige Besorgnisse in Beziehung auf diese Reisenden! – Peppino, Du mußt nach Florenz.« »Was zum Teufel sagen Sie da? Fort! – Ich!« »Es muß sein; ich habe Dir einige Instruktionen zu geben.« »Brr! – Ich verlasse Sie nicht in diesem Augenblick – weil – nun weil die Reisenden Bediente bei sich haben, und weil zwei Männer gegen vier oder fünf besser sind als einer gegen drei.« Benedetto antwortete nicht; er ging in dem Gemache auf und nieder, und als er Geräusch hörte, legte er das Ohr an die Wand, um zu horchen. Der Ton mehrerer Stimmen, die alle zu gleicher Zeit sprachen, drang nur so verworren durch die Ritzen und Spalten des erbärmlichen Gebäudes zu ihm, daß er nicht ein einziges Wort deutlich zu verstehen vermochte. Indes erkannte Benedetto doch, daß in dem ersten Gemache sich eine Frau befand, denn zuweilen legte sich der laute Ton der verschiedenen Stimmen, und dann waren deutlich die letzten Silben einiger Worte zu verstehen, welche eine einzelne weibliche und schwache Stimme sprach. Von allem übrigen war nichts zu verstehen. Benedetto wartete. Eine halbe Stunde später hörte er Tritte auf dem Fußboden des Gemaches über dem seinigen, und es schien ihm, als bereite man ein Lager, dann hörte er, wie die äußere Tür der Hütte geschlossen wurde, und nun trat wieder allgemeine Stille ein. Dies war der Augenblick, den Benedetto erwartete, da er hoffte, nun durch einzelne Worte einige Aufklärung zu erlangen. In der Tat hörte er auch die Stimme der Frau des Jägers, welche mit einer anderen Person sprach, deren Stimme ihm nicht unbekannt zu sein schien, ohne daß er sich jedoch darauf zu erinnern vermochte, wem sie angehörte. »Es ist so, wie ich Ihnen sagte, Exzellenz: außer Ihnen ist kein Mensch hier.« »Indes läßt sich doch leicht erkennen, daß sich eine Stube unter der befindet, die Sie uns anbieten, und ich weiß, daß Sie nicht in dieser Stube schlafen. Aus welchem Grunde können Sie nicht über das Gemach verfügen?« »Sie sind im Irrtum; es ist die Stube, in welcher meine beiden Zwillinge schlafen. Daran stößt ein anderes kleines Gemach, in welchem die Gerätschaften zum Gartenbau aufbewahrt werden und das sich anderweitig nicht benutzen läßt.« »Hören Sie – Sie sprechen von Ihren Zwillingen, und Ihr Mann hat mir soeben erst gesagt, daß er nur eine Tochter hätte.« »O, das wundert mich nicht. Mein Mann spricht niemals anders! – Der kleine Knabe ist in der Tat so schwächlich, so kränklich, daß wir nur wenig Hoffnung haben, ihn uns erhalten zu sehen.« »Wie alt sind sie?« »Sie werden drei Jahre.« »Die armen unschuldigen Wesen! – Sie wissen nicht, wie sehr ich die Kinder liebe! – Ich wünsche, die Ihrigen zu sehen.« Bei diesen Worten erbebte Benedetto und Peppino machte eine hastige Bewegung. »Sie schlafen, Exzellenz.« »Das tut nichts; ich werde sie betrachten, ohne sie aufzuwecken.« »Sie sind Vater?« fragte die Frau des Jägers. »Ich? Ja!« antwortete der Mann mit einem Seufzer. »Mit welchem traurigen Ton Sie das sagen!« »Weil das Wort Vater oft auf uns die Wirkung eines glühenden Eisens macht, mit dem unsere Lippen berührt werden!« »Ei, und weshalb denn das?« »Weil Gott es so will!« erwiderte der Mann und beeilte sich, das Gespräch kurz abzubrechen, indem er sagte: »Nun, zeigen Sie mir Ihre Zwillinge. – Ach, ich sehe vor mir das Glück, welches Sie empfinden, wenn Sie die Kinder mit dem Auge betrachten und sich, indem Sie sie mit Küssen bedecken, sagen: »Wie schön sie sind! – Das sind meine Kinder! – Nicht wahr, gute Frau, so ist es?« »Es ist so wahr, wie das heilige Mysterium der unbefleckten Jungfrau!« »So kommen Sie denn!« »Aber wenn sie erwachten! Ja, sehen Sie, wenn sie geweckt werden, sind sie so unverschämt; sie würden uns dann für diese ganze Nacht hübsch zu schaffen machen.« »Sie sind sehr ängstlich! Wie oft bin ich mitten in der Nacht an die Wiege meines Sohnes getreten, ohne daß er aufgewacht ist! – Nun, kommen Sie, ich will Ihre Zwillings beschenken.« Bei dem Worte beschenken leistete die gute Frau nicht länger Widerstand. Sie führte augenblicklich den Reisenden in das Stübchen, wo die beiden Kinder schliefen, und dessen Tür wurde sogleich geöffnet. Jetzt faßte Benedetto die Hoffnung, den Mann kennen zu lernen, der mit der Frau des Jägers sprach. Peppino aber begann jetzt unruhig zu werden; er stand auf, ohne das geringste Geräusch zu machen und stellte sich an die Seite Benedettos, dessen glühendes Auge durch die Spalten in der Wand das Innere des anstoßenden Gemaches überblickte. Kaum war der Reisende in dieses Zimmer getreten und kaum hatte der rötliche Schein der kleinen Lampe sein Gesicht beleuchtet, als der Körper Benedettos sich zusammenzog, wie der eines wilden Tieres, wenn es sich plötzlich einem Feinde gegenüber erblickt. Er fuhr schnell mit der Hand über die Stirn und preßte die Zähne aufeinander, als wollte er verhindern, daß sie klappernd gegeneinander schlügen. Er unterdrückte das Klopfen seines Herzens, um seine Atemzüge gleichmäßiger zu machen und seine Hand griff unwillkürlich nach dem Kolben der Pistole, die er im Gürtel trug. »Da sind sie, Exzellenz,« sagte die Frau des Jägers, indem sie die Decke aufhob, unter welcher die Kinder ruhten, aber so, daß der Graf von Monte Christo – denn er war es, wie die Leser wohl schon erraten haben werden – die Kleinen nur undeutlich sehen konnte. Der Graf tat einen Schritt gegen die Wiege. Benedetto riß hastig eine der Pistolen aus dem Gürtel, zog geräuschlos den Hahn auf, drückte den Lauf gegen einen der Risse in der Wand und versuchte, auf den Grafen zu zielen. »Was soll das heißen?« flüsterte Peppino, indem er seinen Arm zurückzuziehen strebte. »Ich habe soeben den Grafen Monte Christo erkannt, und ich schwöre Dir, daß er in dem Augenblick, wo er seinen Sohn erkennt, nicht einmal so viel Zeit haben soll, seinen Namen auszusprechen,« raunte Benedetto Peppino in das Ohr. »Aber – das wäre ein Mord!« »Still, Peppino, oder wir sind verloren!« »Warten Sie! – Die Frau hat die Decke wieder über die Kinder fallen lassen.« »Ich sehe es wohl – aber ich sehe auch, daß der Graf einen Schritt gegen die Wiege tat.« »Wollen Sie denn die ganze heilige Nacht hier bleiben, Exzellenz?« fragte die Frau des Jägers. »Sie haben recht. – Ich habe Ihre Kinder gesehen – oder richtiger gesagt, ich habe sie zu sehen geglaubt.« »Wieso das?« »Das, welches zunächst an der Wand liegt, ist das der kleine Knabe oder das kleine Mädchen?« »Es ist der kleine Knabe.« »Er hat das Gesicht an dem Busen seiner Schwester verborgen; es war mir daher auch unmöglich, seine Züge zu erblicken. Was das kleine Mädchen betrifft, so ist das ganz allerliebst.« »Die armen Engel!« rief die Frau. »Gott gebe, daß sie einst glücklich werden!« »Welche Ansicht haben Sie von dem Glücke für sie?« »Daß sie genug haben, um zu leben, ohne die Not fürchten zu müssen.« »Die Arbeit verleiht dem Menschen dieses Glück,« antwortete der Graf. »Beten Sie zu Gott, daß er sie segne Wie heißen die Kinder?« »Die kleine heißt Eugenie und der Knabe Eduard.« Der Graf erbebte bei diesem letztern Namen; dann warf er noch einen Blick auf die Wiege und verlieh das Gemach, begleitet von der Frau des Jägers, die Benedetto einen Augenblick darauf rufen hörte: »Ach, Signor, Sie sind sehr großmütig, und wenn die Kinder heranwachsen, werde ich sie lehren, Ihren Namen zu segnen. Wie heißt er?« »Es ist nicht nötig, daß Sie dies wissen. Sie mögen sich damit begnügen, zu Gott um das Glück Eduards zu beten.« Bei diesen Worten ging der Graf die Treppe hinauf und betrat das Zimmer über dem, in welchem Benedetto und Peppino sich befanden. * VIII. Der Brand. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und schon stand die Equipage des Grafen Monte Christo bereit, die Reise fortzusetzen, nachdem der Graf einen Boten zu der nächsten Poststation geschickt hatte, um für das Pferd, welches auf eine so auffallende Weise getötet worden war, ein anderes holen zu lassen. Der Graf und Haydee nahmen Abschied von der armen Familie und schritten auf dem Fußpfade der Landstraße zu, auf welcher der Wagen ihrer wartete. Aber der Graf wendete sich mehr als einmal zurück und richtete die Blicke auf das bescheidene Dach der Hütte, ohne sich Rechenschaft von der Anziehungskraft geben zu können, welche zu machen schien, daß er sich nur mit Widerstreben entfernte. In dem Maße, wie er die Hütte weiter hinter sich ließ, empfand er eine eigentümliche Bedrückung, und es schien ihm, als mangele ihm die Luft, um Atem zu holen. Haydee, welche auf seinen Arm gestützt neben ihm ging, teilte seine Aufregung und unwillkürlich entrannen Tränen ihren Augen. Beide schienen zu zögern, einander anzureden. Zuweilen begegnete der Blick Haydees schweigend dem ihres Gatten, und beide richteten ihn dann unwillkürlich auf die ländliche Hütte, in welcher sie die Nacht zugebracht hatten. Noch waren nicht fünf Minuten verflossen, als sie schon bei ihrem Wagen standen, dessen Tür ihnen zu öffnen der Bediente, sich beeilte. Haydee stieg zuerst hinein, aber es geschah nicht, ohne noch einen letzten Blick auf die Hütte am Saume des Fußpfades zu richten. Der Graf, welcher ihr folgte, wollte dies ebenfalls tun, als der Bediente gleichgiltig den Wagenschlag schloß und dem Kutscher zurief: »Vorwärts!« Der Wagen fuhr schnell auf der Straße dahin, aber als er an eine Stelle kam, wo der Weg eine Biegung machte, um das Tal zu verlassen, rief der Graf plötzlich mit lauter Stimme: »Halt!« Der Postillon gehorchte. »Weshalb wollen wir noch anhalten?« fragte Haydee den Grasen, der zu ersticken schien. »Sieh!« sagte er. »Ist es nicht dort im Hintergrunds des Tales, wo die bescheidene Hütte steht, in welcher wir die Nacht zubrachten, Haydee?« »Ja! – Ich sehe sie von hier aus! – Dort liegt sie!« Die Sonne glänzte bereits am Horizonte, und ihre in das Tal hinabfallenden Strahlen beschienen das Dach der Hütte, aus deren Schornstein ein leichter, bläulicher Rauch aufstieg, der sich nach und nach in den Wolken verlor. Der Graf und Haydee betrachteten einige Augenblicke schweigend die bescheidene Wohnung. Ein unerklärliches Gefühl bedrückte sie bei diesem Anblicke. »Haydee,« sagte endlich der Graf, »was meinst Du? Müssen die Bewohner dieser Hütte nicht sehr glücklich sein?« »Ja, ja, sehr glücklich!« antwortete die junge Frau, indem sie eine Träne unterdrückte. Der Graf blieb regungslos sitzen, die Augen fest auf die Hütte gerichtet, die sich im Hintergrunde des Tales zeigte. Plötzlich bemerkte er mit Staunen, daß dicke Säulen schwarzen Rauches aus der Mitte des kleinen Gebäudes aufstiegen. Diese Rauchsäulen vergrößerten sich, und der Graf begann unruhig zu werden: aber noch hatte er nicht die Zeit gefunden, einen Entschluß zu fassen, als er das Dach der Hütte zusammenstürzen sah. Ein Schrei des Schreckens, der aus jener Richtung zu kommen schien, wurde hörbar, obgleich man die Menschen, die das Geschrei ausstießen, nicht sehen konnte. »Feuer! Feuer! – Dort unten brennt es!« riefen die Bedienten des Grafen. »Das ist nur allzuwahr!« sagte dieser mit schmerzlichem Tone. »Ach, eilen wir den Unglücklichen zu Hilfe!« bat Haydee. »Das ist nutzlos!« entgegnete der Graf. »Schon stürzt die Hütte auf allen Seiten zusammen, aber ihre Bewohner sind gesund und wohlbehalten. Ich höre ihr Geschrei. Gott möge sie beschützen! – Vorwärts!« »Ach nein, nein, mein Gebieter!« flehte Haydee. »Sie sind gut und großmütig: – lassen Sie uns ihnen zu Hilfe eilen! – Die gute Frau ist Mutter – vielleicht wird sie dem größten Elend preisgegeben! – Lassen Sie uns eilen!« Der Graf vermochte dieser Regung der Barmherzigkeit nicht zu widerstehen. Er gab den Bitten Haydees nach. Den Arm zu dem Wagenfenster hinausstreckend, gab er dem Postillon ein Zeichen, umzulenken und bis zu dem Fußsteige zurückzukehren. Der Wagen wurde sogleich gewendet, doch in dem Augenblicke, in welchem er in das Tal hinabbog, sprengten zwei Reiter, in eine dichte Staubwolke gehüllt, mit verhängtem Zügel daran vorüber. »Jesus!« rief Haydee. Der Graf erbebte unwillkürlich und war bemüht, die beiden Reiter zu erkennen; aber die Schnelligkeit ihres Rittes machte das Bemühen Monte Christos vergeblich. Kurze Zeit darauf hielt der Wagen an dem Eingange des Fußpfades still. Der Graf stieg aus, und Haydee wollte ihn bis zu der Brandstätte begleiten, wo man deutlich die klagende Stimme eines Weibes hörte. Ein dampfender Schutthaufen nahm die Stelle der Hütte ein, in welcher der Graf von Monte Christo die vergangene Nacht zugebracht hatte. »Schweigt, gute Frau, und beruhigt Euch,« sagte Haydee in schlechtem Italienisch, sobald sie das Ende des Fußpfades erreicht hatte. »Verzweifelt nicht an der Barmherzigkeit des Himmels, denn er ist unendlich! – Wir kommen zu Eurem Beistande her.« »Zurück, Elende!« rief die Frau des Jägers, indem sie der schüchternen Haydee mit den geballten Fäusten drohte. »Du bist es, die das Feuer in unsere Hütte legte!« »Mein Gott, was sagt Ihr da?« rief Haydee erschrocken. »Die Wahrheit – und dieser verhängnisvolle Mann, – dieser Verfluchte, der Dich begleitet, er weiß es wohl, er, ob es die Wahrheit ist, welche ich sage!« »Sie ist wahnsinnig!« murmelte Haydee mit einem bitteren Gefühle, indem sie sich zu ihrem Gatten wendete, dessen regungsloses Gesicht auf wunderbare Weise gegen den Ausdruck der Wut abstach, die sich in allen Zügen der Frau des Jägers aussprach und durch die Heftigkeit aller ihrer Bewegungen verraten wurde. Der Graf sah sich nach allen Seiten um, als suchte er das abschreckende Gesicht des Waldhüters zu entdecken. Er stand in der Tat in der Nähe, mit der linken Hand gegen den Stamm eines Baumes gelehnt, in der rechten sein Gewehr haltend. »Ich bin nicht verrückt!« schrie das Weib. »O nein, ich bin nicht verrückt! – Sie scheinen es mir aber zu sein; Sie, die Sie, nicht zufrieden mit dem Bösen, das Sie angerichtet haben, alle beide die Verwegenheit so weit treiben, zurückzukehren, um Ihr Werk zu betrachten! – O, ich weiß alles – alles! – Ihre Mitschuldigen haben so laut gesprochen, daß ich sie hören konnte! – Ich weiß alles, ja, alles!« wiederholte sie voll Verzweiflung, indem sie mit dem Fuße stampfte und sich die Haare raufte. »Gute Frau,« sagte jetzt der Graf von Monte Christo mit seiner unwandelbaren Kaltblütigkeit und einem milden Ernste, »das Uebermaß Eurer Verzweiflung ist entsetzlich! Beruhigt Euch und erklärt uns, nicht etwa Eure Worte – denn diese sind die Kinder Eures aufgeregten Zustandes – sondern was hier vorgegangen ist.« »Richten Sie die Augen auf diesen Aschenhaufen und auf dieses unschuldige Geschöpf, das jetzt ohne Brot ist,« antwortete der Jäger, indem er seine Worte mit einem wilden Blicke begleitete und dabei wechselsweise auf den Ort deutete, wo seine Hütte gestanden hatte und auf ein Kind, das neben einigen Sträußern auf dem Moose lag. »Ihre Mitschuldigen, Signor, haben Ihnen diesmal nicht gut gedient!« fuhr er dann fort. »Was sprecht Ihr da?« fragte der Graf mit strengem Tone. »Auf welche Mitschuldigen spielt Ihr an? – Wißt Ihr, mit wem Ihr sprecht?« »Ob ich es weiß! – Ich will es Ihnen sagen,« rief der Jäger, indem er sich hoch aufrichtete und einen Schritt näher trat. »Ach, fliehen wir! Fliehen wir!« flehte Haydee und umschlang voll Besorgnis ihren Gatten mit den Armen. »Still, Haydee!« sagte er sanft. »Wir wollen diesen Mann anhören. – Sprecht!« sagte er dann, sich wieder zu dem Jäger wendend. »Dazu bedarf ich weder Ihrer Erlaubnis noch Ihrer Aufforderung,« sagte der Jäger, mit trotzigem Tone. »Wenn ich spreche, so geschieht es, weil es mir gefällig ist, denn ich will, Sie sollen es wissen, daß meine Absicht zuerst war, Ihnen nachzulaufen und Ihnen eine Kugel durch den Kopf zu jagen, wie ich gestern eine in die Brust Ihres Pferdes schickte; Sie sollen auch wissen, daß, wenn ich das nicht tat, ich es ganz gegen meinen Willen unterlassen habe, wie ich es noch in diesem Augenblick gegen meinen Willen nicht tue, weil Sie da Ihre Bedienten haben, und diese Sie an mir rächen würden. – Aber nur Geduld – nur Geduld! – Der richtige Tag und die passende Stunde werden schon noch kommen. – Bis dahin will ich Ihnen einstweilen sagen, wer Sie sind! – Sie sind ein Elender; ein hundertmal größerer Schelm, als ich selbst einer bin! – Was tue ich denn auch so gar Schlimmes? – Ich laure an der Straße auf den Wagen eines Reisenden; ich schieße ihm dann aus dem Hinterhalt ein Pferd nieder. Dadurch verhindere ich ihn ganz einfach für einige Stunden an der Fortsetzung seiner Reise. Dann gehe ich nach meiner Hütte und erwarte dort die Reisenden, welche zu mir kommen, um die Nacht in meiner bescheidenen Wohnung zuzubringen, wofür sie mir dann einige Piaster bezahlen. – Sie aber! – Sie fahren in einer glänzenden Kutsche – Sie schicken zwei Männer voraus, die ein Kind von zwei bis drei Jahren mit sich führen; diese Männer klopfen an die Tür meines Hauses, das ihnen bezeichnet worden ist, und bitten, daß man das arme kleine Geschöpf annehmen möchte; das ist ein Hinterhalt, ein tückischer Ueberfall wie irgend ein anderer – dann kommen Sie selbst, Sie klopfen an die Tür meines Hauses; man nimmt Sie aus; Sie stellten sich, als wären Sie freigebig, weil man Sie nicht vor der Tür ließ. Einige Zeit darauf reisen Sie wieder ab, nachdem Sie Ihren Mitschuldigen den Ort bezeichnet haben, an welchem man, wie Sie vermuten, das Geld aufbewahrt. Ihre Mitschuldigen rauben es, nehmen das Kind wieder zurück, legen Feuer an und verschwinden, um an irgend einem andern Orte denselben Streich zu wiederholen! Du siehst wohl, daß ich nicht wahnsinnig bin,« setzte der Jäger nach dieser Erklärung hinzu. Der Graf zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern, indem er diese ebenso außerordentlichen wie überspannten Worte anhörte. Er wartete mit vollkommener Ruhe, bis der Wildhüter zu Ende war und schwieg. »Vortrefflich!« sagte er dann. »Nur die Zeit kann mich gegen diese ebenso falsche wie unsinnige Beschuldigung rechtfertigen. Indes gestattet uns, Euch die Mittel anzubieten, Euer Haus wieder aufzubauen und Eurem Kinde Brot zu geben. Aber erklärt Euch deutlicher und sprecht mit Ruhe von den Mitschuldigen, die Ihr mir zuschreibt, und von dem Kinde, das sie bei sich hatten!« Bei diesen Worten bot der Graf dem Wildhüter eine mit Gold gefüllte Börse; aber die Lippen des Menschen verzogen sich zu einem Lächeln der höchsten Geringschätzung. »Ich danke für Ihre Freigebigkeit,« sagte er. »Ich kenne das Geld, das Sie mir bieten!« »Es ist falsche Münze!« rief die Frau. «Ja, es ist falsches Geld! – Ich habe das wohl aus den Worten Ihrer Mitschuldigen erfahren, als sie mitten in der Nacht miteinander sprachen.« »Behalten Sie Ihr Geld, mein edler Signor,« sagte heftig der Jäger, »und beeilen Sie sich, an irgend einen andern Ort zu kommen, wo Sie nicht so genau gekannt sind wie hier.« »Mein guter Mann,« entgegnete der Graf, »Ihr befindet Euch unter dem Einflüsse einer gewaltigen Täuschung – Ich bin der Graf von Monte Christo.« »Hinweg von hier, Betrüger!« rief der Jäger, indem er den Kolben seines Gewehres heftig gegen die Erde stieß. – »Hinweg! – Schmähen Sie nicht noch obendrein das Elend!« »Laß uns fliehen! – Laß uns fliehen! – Sie sind wahnsinnig!« sagte Haydee und suchte den Grafen mit sich fortzuziehen. »Nein, meine teure Freundin; – nein! – Ich muß entdecken, wer der Urheber dieser nichtswürdigen Intrige ist. – Sprecht! – Im Namen Gottes beschwöre ich Euch, sprecht, ehrlicher Mann. Ich verzeihe Euch alle die Schmähungen, die Ihr an mich gerichtet habt; aber sagt mir, ich beschwöre Euch nochmals, wer waren die Menschen, die Ihr unter Euer Dach aufgenommen habt und die ein Kind bei sich hatten?« »Sie wollen mich außer mir bringen!« kreischte der Wildhüter, schäumend vor Wut und indem er den Hahn seines Gewehres spannte. »Ich jage Ihnen eine Kugel durch den Leib, wenn Sie mich nicht von Ihrer Gegenwart befreien!« »Barmherzigkeit!« rief Haydee und trat hastig vor den Grafen, um ihn mit ihrem Leibe zu schützen. »O, mein Gott!« murmelte Monte Christo und ein langer schmerzlicher Seufzer entrang sich seiner Brust. »Soll es mir denn unmöglich sein, den Schlüssel dieses entsetzlichen Geheimnisses zu finden?« In alledem lag nichts, was in den Augen des Jägers die Unschuld des Grafen bewies; den Auftritt zu verlängern, wäre daher eine Unbesonnenheit gewesen. Der Graf von Monte Christo fügte sich daher in den Willen des Himmels und entfernte sich langsam von dem Orte, an welchem sein Name für immer verflucht zurückblieb. Bei jedem Schritte, wendete Haydee zitternd den Kopf, um die Bewegungen des furchtbaren Jägers zu beobachten, der das gespannte Gewehr noch immer in den Händen hielt. Einige Minuten darauf kamen sie zu dem Wagen, der ihrer an der Landstraße wartete und sogleich machten sie sich auf den Weg. Nachdem der Graf seine Augen einige Sekunden auf das engelbleiche Gesicht Haydees gerichtet hatte, erhob er den Blick gen Himmel, als wollte er dessen Schutz für sie anflehen. Monte Christo hatte ohne Zweifel eine Ahnung von dem, was kommen würde. Als der Weg in dem Tale eine Biegung machte, fiel plötzlich ein Schuß und der Graf sowie seine Gattin hörten das Pfeifen einer Kugel, die quer durch den Wagen schlug und kaum zwei Zoll hoch über ihren Köpfen hingefahren war. »Jesus!« rief Haydee und schmiegte sich mit ihrem zarten Körper fest an den Grafen an, den sie mit ihren Armen umschlang. »Ich will mit Dir sterben!« fügte sie dann mit zitternder Stimme hinzu. Das einzige Mittel einer Katastrophe zu entgehen, war Schnelligkeit. Der Graf rief daher dem Postillon zu, und die Pferde flogen im Galopp davon. Der Wagen verschwand auf der Straße, eingehüllt in eine dichte Staubwolke. Eine oder zwei Minuten darauf ertönte der Knall eines zweiten Schusses; diesmal aber flog die Kugel in ziemlich großer Entfernung von dem Wagen harmlos vorüber. Die erschreckten Pferde verdoppelten ihre Schnelligkeit. Sah man sie so wild dahinfliegen, so hätte man glauben können, der Sturmwind trage sie auf seinen Flügeln davon. * IX. Von Ueberraschung zu Ueberraschung. Der Graf von Monte Christo hatte vierzehn Tage voraus seinen Intendanten nach Florenz geschickt und ihm den Befehl erteilt, dort ein Hotel für ihn instand zu setzen. Meister Bertuccio hatte wie immer diesen Befehl buchstäblich und mit ebensoviel Pünktlichkeit als Umsicht erfüllt. Eine der reizendsten Wohnungen war gemietet und eingerichtet worden. Es blieb nur noch eine einfache Formalität zu erfüllen, damit der Graf bei seiner Ankunft sein Hotel sogleich in Besitz nehmen könne. Diese Formalität war so einfach, daß Meister Bertuccio, ungeachtet seiner großen Lebenserfahrung und seiner ausgezeichneten Klugheit, sich nicht einmal damit beschäftigte. Er hatte berechnet, daß der Graf frühestens in drei Tagen eintreffen würde und er legte eben die letzte Hand an das Werk, alles zu ordnen und den Dienst des Hauswesens zu regeln, als der Eigentümer des Hauses zu ihm eintrat. »Sie haben dies Hotel für den Grafen von Monte Christo gemietet,« sagte er zu Meister Bertuccio, »und ich war auch schon geneigt, Ihnen die Schlüssel zu übergeben; allein jetzt hat sich das Ansehen der Dinge geändert und nach gewissen Mitteilungen, die mir über ihren Herrn zugekommen sind, möchte ich um keinen Preis mein Haus an den Herrn Grafen von Monte Christo vermieten. Deshalb weigere ich mich ausdrücklich und auf das entschiedenste, den Mietskontrakt zu unterzeichnen, den wir nach unserer mündlichen Verabredung miteinander abschließen sollten.« Vergebens beharrte Bertuccio auf der Erfüllung des mündlichen Vertrages; vergebens eiferte er über die Wortlosigkeit des Hausbesitzers; vergebens drohte er damit, seine Rechte geltend zu machen. Der Hausbesitzer blieb fest auf seiner Weigerung bestehen und war unerschütterlich in seinem Entschlusse, in sein Haus unter keinen Umständen den Grafen von Monte Christo aufzunehmen, da derselbe ein höchst gefährlicher Gast sei . Als Bertuccio ihn fragte, was er mit diesen Worten sagen wollte, begnügte der Wirt sich damit, ihn mit einem eigentümlich blinzelnden Seitenblicke anzusehen, welcher zu sagen schien: »Nun, das wissen Sie besser, als ich es Ihnen sagen kann.« Dann drehte er sich kurz auf dem Absätze um und entfernte sich kopfschüttelnd. Meister Bertuccio blieb in großer Verlegenheit zurück, denn er hatte nur noch so wenig Zeit vor sich, daß er nicht wußte, wie er es möglich machen sollte, während derselben alles zu besorgen. Bald jedoch erinnerte er sich der dringenden Anerbietungen, welche der rühmlichst bekannte Poniatowski ihm gemacht hatte. Er suchte ihn daher ohne Zögern aus, indem er entschlossen war, jetzt auf dessen Vorschläge einzugehen. Aber – o Wunder – der vor wenigen Tagen noch so eifrige Poniatowsky war jetzt eiskalt. Er hatte keine passenden Zimmer mehr zur Verfügung; – sein ganzes Haus war inzwischen vom Keller bis zum Boden besetzt worden und was dergleichen Ausflüchte mehr waren. Bertuccio beharrte mit einem Eifer und einer Ausdauer, die eines besseren Erfolges würdig gewesen wären, auf seinem Willen: da erklärte der in die Enge getriebene Poniatowsky endlich ganz offen, er hätte nicht die geringste Lust, den Grafen von Monte Christo in seinem Hotel aufzunehmen, da über seine Exzellenz gewisse Gerüchte in Umlauf wären, so sonderbarer Art, daß es danach zur vollständigen Unmöglichkeit würde, denselben irgendwo zuzulassen. »Aber was waren denn das alles für Gerüchte?« Dies zu wissen war für Bertuccio von der höchsten Wichtigkeit. Er drang daher mit den eifrigsten Fragen in Poniatowsky, aber dieser zuckte die Achseln und wendete ihm den Rücken. Wütend lief Bertuccio zu den Corsini-Montfort. Gleich Poniatowsky häuften auch diese Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten, bis sie endlich erklärten, sie könnten den Herrn Grafen von Monte Christo nur gegen eine bestimmte, sehr bedeutende Summe aufnehmen und unter gewissen Bedingungen, die sie im Interesse der allgemeinen Sicherheit stellen müßten . Bertuccio wußte nicht, ob er wache oder träume. Da indes die Zeit drängte, entschloß er sich, die Summe zu bezahlen und die Bedingungen kennen zu lernen. Eine derselben bestand darin, daß alle Lichter mit einer Glaskugel umgeben werden müßten, und daß um diese wieder eine Kapsel von Drahtgeflecht gelegt würde; auch daß Se. Exzellenz, der Herr Graf von Monte Christo, keine Streichhölzchen zu seiner Verfügung bekäme. »Das ist eine sonderbare Bedingung!« rief Meister Bertuccio verwundert aus. Dann fragte er: »Aber weshalb denn diese Forderung!« »Es geht in Florenz das Gerücht,« lautete die Antwort, »daß es mit dem Verstande des Herrn Grafen nicht ganz richtig bestellt ist und daß sein Wahnsinn sich zuerst dadurch zeigte, daß er mit eigenen Händen einen Palast, den er auf der Insel Monte Christo besaß, in Brand steckte! – Die Manie des Herrn Grafen soll darin bestehen, alle Häuser, in denen er wohnt, anzuzünden!« Vergebens bot Meister Bertuccio alle Hilfsmittel seiner Beredsamkeit auf, um dem Florentiner zu beweisen, daß der Graf von Monte Christo seines Verstandes vollkommen mächtig sei. Der Florentiner wollte davon nichts hören und blieb hartnäckig bei seiner Bedingung. Am Tage vor der Ankunft des Grafen sah Meister Bertuccio nicht ohne die lebhafteste Verwunderung, daß ein eigentümliches Ereignis dazu beitrug, die Behauptung des Florentiners zu bestätigen. Es erzählte nämlich in der Stadt jemand, der Graf Monte Christo hätte aus dem Wege nach Florenz eine Nacht in einer ärmlichen Hütte zugebracht, und dies Obdach kurz vor seiner Abreise in Brand gesteckt. Während diese Gerüchte in Umlauf waren, langte der Graf an. Einige Personen seiner früheren Bekanntschaft beeilten sich, ihn zu begrüßen; aber sie taten dies auf eine Weise, welche deutlich zeigte, daß auch sie den Gerüchten Glauben schenkten und daß die vorgebliche geistige Zerrüttung des reichen Fremden sie in Verlegenheit setzte. Haydee war niedergeschlagener als je. Auf ihrem lieblichen Gesichte, das sonst anmutig und frisch war wie eine Rose des Orients, zeigten sich jetzt nur allzudeutlich die Spuren eines bitteren Kummers, der sie verzehrte. Wegen dieses traurigen Gesundheitszustandes seiner Gattin konnte der Graf nicht, wie er es gewünscht hätte, sogleich nach der Insel Monte Christo abreisen. Er sah sich daher gezwungen, einige Tage länger, als er eigentlich beabsichtigt hatte, in Florenz zu bleiben, indem er hoffte; daß sich der Zustand Haydees dadurch bessern würde. Aber die unglückliche junge Frau wurde immer schwächer, immer angegriffener, und die Aerzte erklärten, daß die geringste Anstrengung ihr verderblich werden könnte. Das Abenteuer mit dem Wildhüter hatte auf den Geist Haydees ebenso wie auf den des Grafen einen lebhaften Eindruck gemacht. Aber die arme Mutter, welche unter dem grausamen Schmerze litt, ihr Kind verloren zu haben, legte diesem Ereignisse nicht ebenso große Wichtigkeit bei wie der Graf, der aus der Ueberlegenheit seines Geistes die erforderliche Kraft schöpfte, um mit kaltem Blute der Gefahr oder dem Verhängnisse in das Auge zu blicken, wie ungeheuer groß auch die eine oder das andere sein mochten, wie entschieden und unabänderlich sie sich darstellten. Der Graf brachte ganze Nächte an dem Lager Haydees zu, über die Worte nachdenkend, welche der Wildhüter an ihn gerichtet hatte. Wer konnten denn die geheimnisvollen Menschen sein, die ihn verleumdeten? Was war das für ein Kind, welches einen Teil ihres Gepäckes zu bilden schien? Ebenso fragte er sich, ohne auf diese Frage eine nur einigermaßen vernünftige Antwort finden zu können, wer der unbekannte Feind sei, der ihn so unverkennbar verfolgte? Sollte er wirklich dem, was ihm der Maskierte auf dem Balle des Grafen Gradenigo in Venedig gesagt hatte, Glauben schenken? Der Graf verlor sich in Vermutungen. – So viel schien ihm jedenfalls klar zu sein, daß das Unglück auf ihm zu lasten begann. Er richtete seinen klugen Blick fest auf das Gesicht Haydees, deren Augenlider der Schlaf geschlossen hatte, und zum erstenmale in seinem Leben erbebte er unter der Gewalt eines inneren Gefühles, dessen Bezeichnung durch Worte der gewöhnlichen Sprache vielleicht unmöglich wäre. Wie oft ist es uns schon begegnet, daß wir von einem Gedanken bestürmt werden, der unser ganzes Wesen einnimmt. Wir wollen ihn in Worte der gewöhnlichen Sprache kleiden, aber die Worte mangeln uns, weil der Gedanke unbestimmt, undeutlich ist und sich nicht auf ein entschiedenes oder bekanntes Bild bezieht. Gleichwohl verstehen wir ihn sehr gut; wir wissen, welcher Ursache er entsprang, welchen Gegenstand er umfaßt. Der Graf zitterte daher unter der Herrschaft eines solchen unwillkürlichen Gedankens – und dieser Gedanke – war der der Reue. Er fühlte, wie das Unglück ihn auf eine solche Weise bedrohte, daß es ihm unmöglich sein würde, sich den Schlägen desselben zu entziehen. Er fühlte sich groß und mächtig, ein furchtbarer Koloß, den Gott zwischen die Menschen gestellt hatte, und er berechnete, wie furchtbar sein Sturz sein mußte. Dann bereute er es, an sein Los das unschuldige Weib, seine schöne Haydee, gefesselt zu haben! Das war es, was der Graf empfand, deshalb hätte er keine Worte zu finden vermocht, hätte er es versucht, seine Gedanken auszusprechen. Der Graf faßte indes einen Entschluß. Obgleich das Unglück, das ihn bedrohte, das ihn zum Teil bereits getroffen hatte, ungeheuer groß und fürchterlich war, erkannte er es doch für seine Pflicht, gegen dasselbe anzukämpfen und ihm Widerstand zu leisten, solange er noch einen Atemzug in der Brust hatte! Das wollte er denn auch tun: nicht aus Liebe zu seiner eigenen Erhaltung, sondern wegen seiner reinen, unschuldigen Frau, deren Existenz mit der seinigen verschlungen war. Schon war es spät in der Nacht. Der Graf stand auf, drückte der schlafenden Haydee einen Kuß auf die Stirn und entfernte sich dann von dem Bett, auf welchem sie lag. Er befand sich bereits seit acht Tagen in Florenz, und während dieser ganzen Zeit hatte er noch nicht ein einziges Mal den Rauch des Tabaks genossen. Er kam daher aus den Gedanken, seinen prachtvollen Schibuk anzuzünden und sich jenen süßen Träumereien zu überlassen, welche der Geruch dieses Krautes bei den Orientalen hervorruft und die denselben so teuer ist. Nachdem er selbst seine Pfeife instand gesetzt hatte, blickte er rings umher, ein Licht zu suchen. Aber die Kerze war sehr hoch angebrannt, und überdies von einer Glaskugel umgeben, welche wieder noch eine Umhüllung von feinem Eisendraht hatte. Da er bemerkte, daß er auf diese Weise nicht zu der Flamme gelangen konnte, öffnete er die Tür und trat in das anstoßende Zimmer, wo er einen seiner Leute zu finden hoffte, denn er hatte ein- für allemal den Befehl gegeben, daß in dem Gemache, zunächst dem, in welchem er selbst sich befand, beständig ein Bedienter zugegen sein sollte. Er fand auch in der Tat einen seiner Neger, der halb schlafend in orientalischer Weise auf einem Teppich saß. Der Graf weckte ihn und im Nu stand der Schwarze auf den Beinen. »Feuer, Ali!« sagte er ihm. Der Schwarze nickte mit dem Kopf und ging, um den Befehl zu befolgen; aber nach einigen Augenblicken kehrte er zurück und gab durch Zeichen, aus denen sich erkennen ließ, daß er stumm war, seinem Herrn zu verstehen, daß er auf Hindernisse gestoßen sei. »Sie wollen Dir kein Feuer geben?« fragte der Graf, die Pantomime des schwarzen Ali deutend. »Vielleicht haben sie Dich nicht recht verstanden!« »O, doch!« deutete der Neger an. »Nun, in diesem Falle werde ich selbst gehen, es zu verlangen. Wenn ich in Europa bin, füge ich mich in die Grobheit, mit welcher ein Fremder gewöhnlich in den Gasthöfen behandelt wird.« Bei diesen Worten verließ der Graf den Salon und, schritt vor demselben einen Gang entlang, an dessen Ende er in der Entfernung weniger Schritte ein Licht in einem kleinen Kabinett schimmern sah. Er drückte auf den Griff der Tür und diese öffnete sich. »Verzeihung!« sagte der Graf auf italienisch, indem er in das kleine Gemach eintrat, das als Kontor möbliert war und in welchem einer von den Dienern des Hotels wachte. »Was wollen Sie?« fragte der Diener, ohne von dem Stuhle aufzustehen, auf welchem er saß. »Sie sind, wie ich vermute, einer von den Dienern des Hauses?« fragte der Graf. »So ist es,« entgegnete der Mensch. »Es besteht bei uns der Gebrauch, daß während der Nacht immer einer von uns wacht – namentlich wenn dazu besondere Gründe vorhanden sind.« »Diese Maßregel ist an und für sich ganz vortrefflich und ich suche keineswegs die Ursachen der besonderen Gründe kennen zu lernen, durch die Sie bewogen wurden, den Gebrauch einzuführen. – Ich komme lediglich, um meine Pfeife anzuzünden, da meine Bedienten vergessen haben, mir Licht und Feuerzeug in das Zimmer zu geben.« »Und Sie wollen hier, unter meinen Augen, rauchen?« »Weshalb tun Sie diese Frage?« »Weil ich außerdem nicht erlauben würde, daß Sie Ihre Pfeife anzünden.« »Sie würden mir das nicht erlauben ?« sagte der Graf Monte Christo im höchsten Grade verwundert. – »Nun, ich will glauben, daß Sie die Bedeutung Ihrer Worte nicht kennen.« »Ich kenne sie sehr gut!« entgegnete der Diener, indem er sich erst jetzt von seinem Stuhle erhob. »Wie! – Und was soll das heißen?« »Das soll heißen, daß Sie dies Kabinett nicht mit brennender Pfeife verlassen werden.« »Ist es denn hier in Florenz verboten, zu rauchen?« »Keineswegs, mein Herr. Ich habe nichts dagegen, daß Sie Ihre Pfeife rauchen; ich dulde es nur nicht, daß Sie sich von hier entfernen, bevor Sie dieselbe ausgelöscht haben.« »Ich schwöre Ihnen,« sagte der Graf, indem er seine Pfeife anzündete und rauchte, »daß mich noch nie ein Gespräch so sehr unterhalten hat. – Gute Nacht! –Ich werde mich zu Bett legen!« »Sie werden nicht hinausgehen!« rief der Diener und stellte sich vor die Tür. »Unverschämter!« rief der Graf mit mühsam unterdrücktem Zorne. »Sie werden nicht hinausgehen! – Ich bitte Sie deshalb um Verzeihung,« sagte der Diener, »aber ich wiederhole Ihnen: Sie werden nicht hinausgehen!« »Ei, Sie sind wahrscheinlich schlaftrunken; der Schlaf macht Sie verrückt – er äußert zuweilen die Wirkung des Weines. – Indes ermüdet Ihr Zustand meine Geduld – er wird mir lästig. – Entfernen Sie sich von der Tür, sage ich Ihnen!« Bei diesen Worten faßte der Graf mit einer Hand sehr sanft den Menschen an der Schulter und versuchte ihn von der Tür fortzuschieben; aber der Florentiner klammerte sich mit beiden Händen an den Kranz der Tür und hielt standhaft fest. »Ich sehe wohl, Sie haben darauf geschworen, mich in Hitze zu bringen.« »Und Sie – Sie wollen die Bedingungen verletzen, die Ihnen durch uns auferlegt worden sind, als Sie die Zimmer mieten ließen, die Sie in diesem Hotel bewohnen.« »Ich! – Und was sind das für Bedingungen?« »Die erste ist, in Ihrem Zimmer kein Feuer zu haben, nicht einmal, um Ihre Pfeife anzuzünden.« Der Graf brach in lautes Gelächter aus. »Und wenn Sie darauf bestehen, sich mit brennender Pfeife von hier zu entfernen,« fuhr der Diener fort, »dann ziehe ich an der Glocke und es eilen mir sogleich Menschen zu Hilfe.« Der Graf hörte mit dem lebhaftesten Staunen die Worte des Florentiners an und die Neugier trieb ihn, seine Fragen fortzusetzen. »Und der Grund zu diesen Bedingungen soll ein Geheimnis bleiben?« »Ich kenne ihn selbst nicht,« versicherte der Diener. »Ich vollziehe ganz einfach die mir erteilten Befehle.« »Geschieht es aus Furcht vor Feuer?« »Ich glaube, ja. – Es geschieht zuweilen, daß durch eine kleine Nachlässigkeit ... – Ich habe mir sagen lassen, durch bloße Nachlässigkeiten der Art sei erst vor wenigen Tagen auf der Straße von Mantua eine Hütte abgebrannt, in welcher Sie übernachtet hatten.« »Und woher wissen Sie das?« fragte der Graf, durch diese Worte heftig erschüttert. »Der Eigentümer jener Hütte ist Wildhüter und er liefert das Wild für unsere Küche.« »Indes muß man Vertrauen zu den Menschen haben, wenn –« »Vertrauen!« unterbrach ihn der Florentiner. – »Zu dem einen, ja; – aber zu andern? – Nein!« »Also mißtrauen Sie mir?« »Keineswegs, Signor! – Indes kann Vorsicht nie etwas schaden.« Der Graf begriff alles. Er erkannte, daß man ihn heimlich beschuldigte, ein Brandstifter zu sein; da ihn aber die Justiz nicht belästigte, gelangte er leicht zu dem Schlusse: »Sie halten mich nur für verrückt und behandeln mich demgemäß!« »Sehr gut,« sagte der Graf darauf ruhig und indem er seine Pfeife ausklopfte; »ich werde morgen nähere Erklärungen über das fordern, was mir heute begegnet ist. Inzwischen wünsche ich Ihnen eine gute Nacht!« Der Florentiner verneigte sich ehrerbietig und der Graf ging. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen, denn er erkannte, daß das Verhängnis ihn verfolgte. »Ha!« murmelte er mit unterdrückter Wut, »ich muß den Feind kennen lernen, der sich so an meine Schritte heftet!« Am nächsten Tage berief der Graf seinen Intendanten vor sich und aus seinem Munde vernahm er mit erzwungener Gleichgültigkeit alles, was der treue Diener ihm bisher aus Ehrfurcht und Zurückhaltung verschweigen zu müssen geglaubt hatte. Es gab kein anderes Mittel, die öffentliche Stimme zum Schweigen zu bringen, als sich dem unbestreitbaren Beweise der Zeit zu unterwerfen. Diese rückte unaufhaltsam vorwärts und der Graf nährte die Hoffnung, die Intrige zu hintertreiben, die auf so geheimnisvolle Weise gegen ihn angesponnen worden war. Nach Verlauf eines Monats fühlte Haydee sich wohler und der Graf beschloß, nach Pisa abzureisen, wo Haydee bleiben sollte, während er sich nach der Insel Monte Christo begeben wollte. Die Vorbereitungen waren, wie immer, sehr bald getroffen. Bertuccio war schon vier Tage zuvor abgereist, nachdem er alle Rechnungen bezahlt hatte. Der Graf gab Haydee den Arm und führte sie die Stufen der Treppe hinab zu dem Wagen, der ihrer wartete, um sie zu dem Quai zu bringen, wo für sie eine Barke bereit lag, auf der sie den Fluß abwärts fahren wollten. Eine Stunde darauf befand sich Monte Christo an der Seite Haydees auf der Barke schon weit von der Stadt entfernt, als plötzlich der finstere Ton der Glocken, welche Feuerlärm läuteten, an sein Ohr schlug. Der Graf wendete den Kopf in der Richtung gegen die Stadt zurück und sah mit Entsetzen eine schwarze Rauchwolke sich erheben, die aus einem ansehnlichen Gebäude aufzusteigen schien, welche sie teilweise verhüllte. »Wo glaubt Ihr, daß das Feuer ist, meine Freunde?« fragte er die Bootsleute. »Ich möchte darauf schwören,« antwortete der eine von ihnen, nachdem er einige Zeit aufmerksam in der Richtung nach den Flammen hingesehen hatte, »daß es das Hotel Corsini ist!« Haydee, welche entsetzlich blaß war, blickte den Grafen an, dessen Züge den Ausdruck bitterer Verzweiflung trugen. »Ach!« flüsterte Haydee mit erstickter Stimme, »man könnte glauben, daß wir überall, wo wir gewesen sind, das Verhängnis hinter uns zurücklassen!« Indes traf Bertuccio in Pisa auf beinahe unübersteigbare Hindernisse, für seinen Gebieter eine Wohnung zu bekommen. Es blieb ihm bald kein anderes Mittel mehr, als zur Aufnahme des Grafen ein Haus zu kaufen. Er blieb auch in der Tat diesem Plane treu, allein die Formalitäten, die dabei zu beobachten waren, nahmen mehr Zeit in Anspruch, als er erwartet hatte, und als der Graf von Monte Christo in Pisa landete, hatte er, ungeachtet des Zaubers, welchen sein ungeheurer Reichtum ausübte, kein Dach, unter dem er ruhen konnte. Ihm blieb nur noch eine Ausflucht: In irgend einem Hotel unter einem angenommenen Namen abzusteigen! Aber die Pässe bezeichneten ihn ganz deutlich als Graf von Monte Christo und überdies war auch die Beschreibung seiner Person so allgemein bekannt! – Jedermann wußte im voraus, er sei: Ein Mann von Mittelgröße, ziemlich wohlbeleibt, mit melancholischem Gesicht, schwarzen Augen und Haaren, lebhaftem und feurigem Blick und beinahe horizontal-gespaltenem Munde, der in Begleitung einer jungen Dame reise, die schön und zart wie eine türkische Rose; und daß dieser so beschriebene Mann weder mehr noch weniger sei als der Graf von Monte Christo. Folglich war es ganz unmöglich, das Auskunftsmittel einer solchen Namensverleugnung zu ergreifen. Der Graf und Haydee standen auf dem Quai, Bertuccio gegenüber, der sie hier erwartet hatte. »Also gibt es in Pisa gar keine Unterkunft für mich, Meister Bertuccio?« fragte der Graf, der seinen Haushofmeister beiseite genommen hatte. »Ich schwöre Ihnen, daß ich die äußersten Anstrengungen gemacht habe –« »Boten Sie das Doppelte?« »Das Dreifache, das Vierfache sogar!« versicherte Bertuccio. »Der Teufel, Sie sind sehr freigebig, mein Herr Intendant – das ist schlimm!« entgegnete der Graf, als wollte er scherzen, und indem er mit zerstreutem Wesen umherblickte. »Nun, mein Freund,« fragte Haydee, zu ihm tretend, »wohin gehen wir?« »Darauf hat Herr Bertuccio zu antworten, denn er allein weiß es; – er hatte mir schon das Haus bezeichnet, aber ich muß ihm sagen, daß ich durchaus vergessen habe –« »Herr Graf!« »Nun, Herr Bertuccio, ziehen Sie bessere Erkundigungen ein, und während wir einen kleinen Spaziergang machen, um uns die Stadt zu besehen, treffen Sie Ihre Maßregeln so, daß alles in Ordnung sei, wenn wir zurückkehren. Ich will, daß Sie mich binnen einer Stunde hier an eben diesem Orte erwarten.« Mit diesen Worten machte der Graf mit der Hand ein Zeichen und entfernte sich von Bertuccio, um Haydee den Arm zu reichen. Bertuccio blieb ganz verdutzt zurück. Er wußte, daß er um jeden Preis gehorchen mußte, wenn der Graf sagte: »Ich will !« Aber er wußte diesmal durchaus nicht, wie er den Befehl seines Herrn erfüllen sollte. Bertuccio drehte sich endlich kurz auf den Absätzen um und verschwand in einer der zunächst gelegenen Straßen. Dreiviertelstunden darauf kehrte er ganz außer Atem zu dem Orte zurück, den der Graf ihm bezeichnet hatte. Auf dem aufgeregten aber zufriedenen Gesichte des Haushofmeisters las man, daß er seine Sendung erfüllt hatte – wenn auch freilich nur mit der größten Mühe. Der Graf und Haydee zögerten nicht, sich zu zeigen. Bertuccio beeilte sich, sie zu einem kleinen Gebäude zu führen, das nicht weit von dem Quai lag, und in welchem es ihm gelungen war, für Haydee und deren Gatten drei Zimmer zu mieten. Der Graf wollte sich ohne Zögern nach der Insel Monte Christo einschiffen und er hatte zu diesem Zwecks sogar schon ein kleines Fahrzeug gemietet; aber ein unerwartetes Ereignis zwang ihn, noch früher, als er es beabsichtigt hatte, unter Segel zu gehen und zwar gleich am folgenden Tage. Es war mitten in der Nacht, als der Graf erschrocken aus dem Schlafe emporfuhr, erweckt durch den gewaltigen Lärm, der dicht unter seinen Fenstern auf der Straße herrschte. Er stand auf und eilte, sich nach der Ursache dieses Lärms zu erkundigen. In eben dem Augenblick, als er zu diesem Zwecke die Tür seines Zimmers öffnete, ertönte aus dem Munde zahlreicher Bewohner des Hauses der Schreckensruf: »Feuer! Feuer!« Kalter Schweiß bedeckte die Stirn Edmund Dantès; er sprang zu dem Bette Haydees, weckte sie hastig auf und ermahnte sie, sich eiligst zu der Flucht instand zu setzen. Während Haydee sich zitternd in aller Hast anzog, füllte sich das Zimmer mit einer Menge Menschen, welche mit Aexten und Beilen bewaffnet waren. Der Boden schien sich überall zu öffnen, um die bleichen, keuchenden Gestalten heraufzulassen, welche das Entsetzen einer jeden Szene des Brandes erhöhen. Die Türen, welche diesen verstörten Banden gegenüber noch geschlossen waren, wurden durch die Schneiden der Aexte eingeschlagen. Alle liefen, schrieen, arbeiteten, ohne Zweck und Ordnung in wildem Tumult, nur mit dem unbestimmten Gedanken, die weitere Ausbreitung des Brandes zu verhindern. Eine von den Türen in den Zimmern des Grafen Monte Christo war unter den Beilhieben gefallen und man sah nun den Fußboden in Flammen. Diese teilten sich schnell der Decke mit. Das Feuer war sehr heftig und griff mit reißender Schnelligkeit um sich. Es zeigte sich mit furchtbarer Gewalt auf zwei verschiedenen Punkten des Gebäudes. In dem ersten Augenblicke dieses Auftrittes der Unordnung und der Verwirrung, in der Glut dieses furchtbaren Bildes, welches von der Hand des Satans entworfen zu sein schien, kümmerte sich niemand um den Grafen, niemand suchte ihn und niemand nannte seinen Namen. Er nahm jetzt Haydee auf seine kräftigen Arme und eilte mit ihr die Treppe hinab, umwogt von Flammen und Rauch. »O mein Gott!« rief er, »welches ist denn die feindliche Hand, die so ohne Unterlaß und ohne Barmherzigkeit auf mich niederfällt? Er trete vor mich hin, dieser Mensch oder vielmehr dieser Dämon, der mich so unerbittlich verfolgt!« Der Graf war auf der Straße. Nachdem er sich durch die lebende Masse, die sich vor dem brennenden Gebäude drängte, einen Weg gebahnt hatte, gelangte er zu einem kleinen Platze, der ganz verödet war und dessen Häuser durch den Widerschein des nahen Feuers beleuchtet wurden. Hier blieb er stehen, stemmte ein Bein gegen einen Eckstein und stützte mit diesem Beine den Körper der ohnmächtigen Haydee. »Mensch oder Dämon,« murmelte er wütend, »wer Du auch seiest – zeige Dich! – Sprich und sage, was Du von mir verlangst! – Bei dem Gotte, der die Welt erschaffen hat – bei dem Geiste des Abgrundes – bei allem, was es für Dich Heiliges oder Verfluchtes geben kann – erscheine und sprich!« »In der Grotte Monte Christo!« rief ganz in seiner Nähe eine schneidende Stimme, deren Ton den Grafen mit einem unheimlichen Frösteln durchrieselte. * X. Die Eitelkeit des Menschen. Edmund Dantès zögerte keinen Augenblick, nach der Insel Monte Christo abzusegeln. Haydee begleitete ihn, aber er wollte allein an das Land gehen und sich nach der Grotte begeben. Nachdem er eine Nacht auf dem Meere zugebracht und die Insel Elba umschifft hatte, lief die kleine Barke, auf der er die Fahrt zurücklegte, ohne den geringsten Unfall erlitten zu haben, in eine von den felsigen Buchten der Insel ein. Der finstere und majestätische Anblick der Felsen, deren Gipfel durch die Morgenröte vergoldet wurden und der einst dem Grafen von Monte Christo so schön und erhaben erschienen war, flößte ihm jetzt einen unbestimmten Schrecken ein und verursachte ihm eine unerklärliche Beklemmung, durch die er sich zu Boden gedrückt fühlte. Die Insel kam ihm öder vor, wie jemals, die Felsen steiler, zerklüfteter und ihr Aussehen wilder. Sobald die Barke ihren Kahn in das Wasser hinabgelassen hatte, wartete der Graf voll Ungeduld auf den Augenblick, der es ihm möglich machte, an das Land zu gehen. Inzwischen beobachtete er mit der größten Aufmerksamkeit, ob er nicht irgend eine menschliche Gestalt in dem Innern der Insel erblicken würde. Aber es ließ sich nicht der leiseste Schatten einer solchen sehen. Kaum zeigte sich der anmutige Körper einer wilden Ziege auf dem Gipfel der Felsen, um bei dem geringsten Hauche des Windes schüchtern wieder zu verschwinden. Die Dunkelheit ließ nicht lange auf sich warten, und sogleich folgte auf den leisen Wind jene schweigende Ruhe, welche die Oberfläche des Mondes ebnet, als sollte der Mond sein falbes Antlitz aus einem Spiegel zurückscheinen sehen. Wie der Graf beobachtet hatte, nahte kein anderes Fahrzeug der Insel; gleichwohl war diese nicht so sehr verödet, wie es den Anschein hatte. Ungeachtet des herrlichen Mondscheines wurden auf der Insel mehrere Feuer angezündet. Das größte dieser Feuer schien auf dem Gipfel des höchsten Felsens zu brennen. Die anderen zeigten sich auf mehreren anderen Höhen in einer Linie bis zu dem Ufer herab. Im ganzen zählte der Graf sieben solche Feuer. Indem der Graf die Flammenzeichen aufmerksamer betrachtete, erkannte er, daß sie so geordnet waren, um ihn zu dem Orte zu geleiten, wo die Loskaufung seines Sohnes erfolgen sollte. Er nahm Abschied von Haydee und trennte sich dann von ihr, nachdem er sie drei- oder viermal umarmt hatte, als sollte er sie nimmer wiedersehen. Die arme Frau war daran gewöhnt, blindlings dem Manne zu gehorchen, den sie liebte und der ihr Gatte war; sie wagte es daher nicht, ihm zu widersprechen, nachdem sie gleichwohl längere Zeit mit Bitten in ihn gedrungen war, ihn in das Innere der Insel begleiten zu dürfen. Der Graf bestand darauf, allein zu landen und entfernte sich. Mit keinen andern Waffen versehen wie mit einem Paar guter englischer Pistolen, und ganz allein, begann er den schmalen Weg zu ersteigen, welcher zwischen den Felsen hindurchführte. Dabei richtete er sich nach dem Scheine der Feuer, welche hier und dort brannten. Eine Viertelstunde darauf war er schon an vier von diesen Feuern vorübergekommen und da nur noch drei übrig waren, vermutete er, daß er den Ort, an welchem man ihn erwartete, bald erreicht haben würde. Er blickte ringsumher, als wollte er sich orientieren, und indem er mit dem Blicke maß, wie weit die Höhe, in der er sich befand, über dem Meere liegen möchte, und diese Höhe dann mit der verglich, auf welcher der Eingang zu der Grotte lag, glaubte er zu erkennen, daß er, nur noch eine geringe Strecke in gerader Linie fortgehend, zu eben jener Grotte gelangen würde, deren Eingang er einige Jahre zuvor mit solcher Angst aufgesucht hatte. Nachdem er diese Berechnung angestellt hatte, richtete er sich nicht mehr nach den Feuern, sondern schlug einen ihm bekannten Fußpfad ein, welcher sich schraubenartig in die Höhe wand und einige Minuten später stand er vor dem Eingange der Grotte. Der Graf wurde wirklich an diesem Orte erwartet. Das letzte Feuer, eben das, welches alle anderen überragte, brannte über dem rauchgeschwärzten Portale des unterirdischen Saales. Der Graf blieb stehen, indem er mit besorgtem Blick den verfallenen Zustand bemerkte, in welchem sich das prachtvolle Portal befand, das er unter seiner eigenen Leitung im byzantinischen Stile hatte aufführen lassen. Das Innere der Grotte war durch eine Harzfackel, die man an einer der Wände befestigt hatte, schwach beleuchtet. Der Graf stieg die Treppe hinab, auf welcher das Moos in üppiger Fülle wuchs und die längere Zeit von keinem menschlichen Fuß betreten worden war. Sein Staunen wuchs, indem er den Zustand der Zerstörung im Innern des Saales gewahrte. Die Wände waren nackt, die Decke vom Rauch geschwärzt; auf dem Boden lagen Stücke von halb verbranntem Holz, Trümmer und Reisig in wilder Unordnung ringsumher. Drei schöne Statuen von orientalischem Marmor, die drei berühmten Courtisanen: Messaline, Kleopatra und Phryne darstellend, blickten, ebenfalls von Rauch geschwärzt, auf dieses Schauspiel der Zerstörung herab, in dessen Mitte sie an die verführerischen Auftritte ihrer Lust und ihrer Ueppigkeit erinnern zu wollen schienen. Von alledem, was es ehedem in dieser Grotte Schönes und Prachtvolles gegeben hatte, blieben noch kaum diese verräucherten Bildsäulen übrig, als wollten sie zeigen, daß jeder Mensch durch das Feuer der Leidenschaften verzehrt wird, die er nicht in sich zu ersticken weiß. Der Graf fühlte zum erstenmale in seinem Leben, daß ein von ihm begangener Fehler auf ihm lastete. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wollte er ein peinliches Gefühl verbannen. Dann ließ er die Blicke umherschweifen, als wollte er sich überzeugen, daß er allein sei und stieß einen Schrei aus, als er die folgenden Worte las, die mit schwarzen Buchstaben an die Hauptwand geschrieben waren: Gebet den Armen zurück, was den Armen gehört. Die Hand eines Toten ist gegen Edmund Dantès erhoben, den falschen Freund, den grausamen Liebhaber, den unbarmherzigen Kindesmörder! Einige Augenblicke stand er wie erstarrt, die Augen fest auf die sonderbaren Worte gerichtet, deren Sinn ihm nicht sogleich klar war, deren Bedeutung ihm aber fürchterlich schien. Nach der ersten Regung der Ueberraschung las Edmund Dantes zum zweitenmale die verhängnisvolle Inschrift, indem er die moralische Wahrheit zu erforschen suchte, die in den Worten enthalten war; aber sein Geist war in diesem Augenblicke zu der kalten und strengen Prüfung nicht befähigt. Damit der Mensch mit Ruhe ein Urteil über sich selbst fällen könne, ist es unerläßlich, daß jede Leidenschaft welche sein Inneres verzehrt, vollkommen erloschen sei und daß er jeden Gedanken, jede Absicht gegen seine persönlichen Feinde abschüttele. In einer solchen Gemütsstimmung befand sich Edmund Dantès indes nicht. Er war Vater, und man hatte ihm seinen einzigen Sohn geraubt, und ein solcher Schlag ist hart genug für die Vaterliebe. Er war folglich aufgeregt und sein Herz konnte nicht mit jener Regelmäßigkeit klopfen, welcher ein Mensch bedarf, wenn er ein tiefer Denker und ein unparteiischer Moralist sein will. »O, mein Gott!« rief er aus. »Welch eine entsetzliche Täuschung! – Inwiefern bin ich denn ein grausamer Liebhaber, ein falscher Freund, ein –« »Vollende, – vollende, wenn Du kannst!« rief eine scharfe Stimme, die aus dem Hintergründe der Grotte ertönte. Der Graf legte unwillkürlich die Hand auf den Kolben einer seiner Pistolen; aber er ließ ihn augenblicklich wieder los und kreuzte mit so großer Ruhe, als er zu erzwingen vermochte, die Arme über der Brust. Vor ihm stand Benedetto, in einen weiten, neapolitanischen Mantel gehüllt und das Gesicht mit einer schwarzen Seidenmaske bedeckt. »Wer sind Sie?« fragte der Graf stolz. »Darauf kommt wenig an, wenn ich nur auf Deine Fragen zu antworten imstande bin,« entgegnete Benedetto. »Indes ist mein Gesicht unverhüllt,« sagte der Graf, »und ich bin überzeugt, daß Sie nicht mit mir eine Karnevals-Szene spielen wollen. Gleichwohl möge Ihr Wille geschehen. – Was ich Ihnen zu sagen habe, ist einfach, denn ich kenne die Sitten der Leute Ihrer Art in ganz Italien. – Wieviel verlangen Sie für die Rückgabe eines Kindes, welches auf dem Markusplatze in Venedig bei Gelegenheit eines Festmahles der Armen geraubt wurde?« »Nichts, mein Herr Graf von Monte Christo!« »Wie! Nichts? Wollen Sie mich etwa an eine Handlung seltener Großmut von Ihrer Seite glauben machen?« fragte der Graf mit dem Lächeln der höchsten Geringschätzung. »Nein, Herr Graf,« entgegnete Benedetto. »Sie selbst könnten an eine solche Handlung der Großmut nicht glauben, denn Sie sind niemals großmütig gewesen. Man vermutet bei anderen die Tugenden nicht, die man selbst nie besessen hat. Ich will Sie davon überzeugen, daß Sie von Dünkel erfüllt sind, wenn Sie sich einbilden, das Lösegeld Ihres Sohnes bezahlen zu können.« »Sie dürfen indes fordern, soviel Sie wollen,« sagte der Graf geringschätzig. »Dann wären Sie ein Gott, der mir alles zu gewähren vermöchte.« »Das bin ich nicht, wohl aber hat mich dieser Gott zu dem mächtigsten Menschen auf Erden gemacht, um über die anderen Menschen zu urteilen und sie zu bestrafen, wie sie es verdienen.« »Gut! – In diesem Falle fordere ich –« »Sprechen Sie.« »Neunhundert Millionen!« »Diese Summe überschreitet das Verhältnis, welches in der Ordnung der Welt eingeführt ist, um den Willen einer Nation nach der Laune eines einzelnen Menschen zu lenken. Ich sagte Ihnen, daß Gott mir die Macht verlieh, über die Menschen zu richten, nicht aber, eine Nation zu erkaufen.« »Mit einem Worte: Sie erklären, daß Sie arm sind, nachdem Sie mir die Versicherung gegeben hatten, durch Gott allmächtig gemacht worden zu sein! – Genug der Illusionen, Edmund Dantès! – Wer bist Du, daß Du dir anmaßest, die anderen Menschen zu richten und zu bestrafen? Nenne mir einen einzigen Tag, an welchem Du nicht durch die Leidenschaft getrieben wurdest, die Dich beherrschte und die Dich durch die falschen Schlüsse, zu denen sie Dich veranlaßte, verblendete? – Der goldene Schlüssel den Gott in Deine Hand gelegt hatte, um ganz nach Deinem Gefallen in die Welt einzudringen, ist von Dir nur zu dem Bösen verwendet worden. – Das Schwert der Gerechtigkeit, das er Dir anvertraut hatte, um zu strafen, vermochten Deine zitternden Hände nicht zu regieren. Gott schmettert Dich jetzt zu Boden! – Beuge Deine stolze Stirn vor den unfehlbaren Beschlüssen der Vorsehung!« Edmund Dantès erkannte, daß er es nicht mit einem gewöhnlichen römischen Banditen zu tun hatte. »Sage mir,« fragte er nach einer Pause, »bist Du der Mensch aus dem Palaste Gradenigos in Venedig.« »Ich weiß nicht, was Du damit sagen willst,« entgegnete Benedetto. »Ich sage, daß ich Dich frage, ob Du der Mensch bist, der mich verfolgt hat, seitdem ich nach Europa zurückgekehrt bin? Bist Du die zudringliche Maske aus dem Palaste Gradenigo? Bist Du der Räuber meines Sohnes, der Brandstifter, der meinen Weg von Mantua nach Pisa mit Schrecken bezeichnete? Bist Du der Kapitän der Yacht, der Sturm ? Sprich, im Namen des Himmels, dem wir hier miteinander gegenüberstehen! – Was willst Du von mir?« »Ich will Dir erklären, was dort an der Wand geschrieben steht,« antwortete Benedetto und deutete mit dem Finger auf die Inschrift an der Mauer. »Ach, mein Sohn!« murmelte der Graf in sich hinein, indem er die Hand gegen das Herz drückte und mühsam eine Träne zurückhielt. »Edmund Dantès,« sagte Benedetto mit kalter Ruhe, »eines Tages, als ich in dem Hafen von Marseille landete, sah ich zu meinen Füßen eine Frau niedersinken, auf deren bleichem Gesichte man den fürchterlichen Ausdruck des Hungers und der Verzweiflung las. Diese Frau hob ihre Arme gegen mich empor und rief: »Geben Sie mir ein Almosen, um der Liebe Gottes willen.« – Die Unglückliche war die Gattin eines Mannes gewesen, der sie liebte und der zu den höheren Offizieren der französischen Armee gehörte. – Aus dieser Verbindung hatte sie einen Sohn, der fern von ihr lebte! »Als diese Frau glücklich im Verein mit ihrem Gatten und ihrem Sohne lebte, machtest Du den Anfang dazu, das Unglück über ihrem Haupte heraufzubeschwören und nur zu bald wurde sie von demselben ereilt. »Erinnerst Du Dich noch an Mercedes? Erinnerst Du Dich noch an Deine ehemalige Geliebte, Edmund Dantes? – Sie wurde Witwe; sie sah sich ihres Sohnes beraubt, der nach Afrika ging, um seinen Namen von einer Schmach zu befreien, welche den seines Vaters besudelte. »Sie hat gelitten, diese Frau, sie hat so viel gelitten, wie eine Frau nur irgend zu leiden vermag! – Am Ende ihrer langen Leiden sah sie sich dem Elend, dem Hungertode preisgegeben, welche sie heimsuchten, um Dein verfluchtes Werk zu krönen! »So bist Du grausam in der Liebe gewesen, Edmund Dantès. – Sieh, wohin Deine eitle Selbsttäuschung Dich führte! »Jeder andere Mensch hätte verziehen, damit die Frau, die er liebte, glücklich leben könnte; jeder andere würde großmütig gewesen sein und das erhabene Wort Gottes zur Anwendung gebracht haben: Verzeihe Deinen Feinden, wenn Du willst, daß Dir selbst Gott verzeihe! »Edmund Dantès, ich kann Dir die Versicherung geben, daß die Frau des Generals Morcerf Dich selbst noch an der Seite ihres Gatten liebte; daß sie noch an Dich dachte, wenn sie ihm den Kopf an den Busen legte. Für Dich hatte sie Tränen vergossen, mit denen sie ihren Brautkranz benetzte, ihren Schleier der Neuvermählten. – Sage selbst, welchen Preis sie für diese Liebe, für dieses Andenken, empfing! »Verlangtest Du etwa,« fuhr Benedetto nach einer Pause fort, »selbst ohne Dir angehört zu haben, hätte das arme katalanische Mädchen sich zu einem ewigen Witwenstande verurteilen sollen? Sie hat jahrelang Dich beweint, auf Dich gewartet, aber Du kehrtest nimmer zurück. Sie hielt Dich für tot, sie konnte daher glauben, frei von jedem Bande zu sein und einem andern gehören zu dürfen. – Du bist eitel, unsinnig, grausam gewesen! »Willst Du nun auch wissen, weshalb Du ein falscher Freund gewesen bist? – Erinnerst Du Dich an Albert von Morcerf? Erinnerst Du Dich der Zeit, wo Du, Dich stellend, als ob Du sein Freund wärest, ihn bezaubertest, wie die Schlange ihr Opfer durch ihren Blick bezaubert? Erinnerst Du Dich, daß Du während dieser Freundschaftsbezeugungen auf das Mittel sannest, ihn zu verderben, ihm seinen Vater zu rauben, ihn in das Elend zu stürzen, während er, voll Vertrauen auf Deine Freundschaft, an seinen Busen des Verräters Hand drückte, die ihm eine tödliche Wunde versetzen wollte. »Erinnere Dich an jene Nacht im Theater, wo der Unglückliche von Dir eine Erklärung Deines Betragens forderte und die Art, wie Du ihm darauf antwortetest! »Heißt das nicht der verräterischste von allen Verrätern sein? Edmund Dantès, wo waren da Deine Religion, Dein Gott, Dein Glaube? »Welche Art von Lehre befolgtest Du bei Deinen Handlungen vorgeblicher Gerechtigkeit? Nach welchen göttlichen oder menschlichen Gesetzen könnte man Dich von Deinen Verbrechen freisprechen?« »Elender,« rief der Graf voll Wut, »wer bist Du, daß Du so zu mir sprechen darfst? Wer bist Du, daß Du mich anklagst und verurteilst, als wärest Du ein Gott?« »Ich bin der Erwählte Gottes, um auf Erden an Dir Gerechtigkeit zu üben. Ich bin der, welcher jetzt das göttliche Richtschwert ergreift, das er Dir gewährt hatte und das Du verachtetest, um zu dem Dolche und dem Gifte des Meuchelmörders zu greifen! – Höre mich also an, denn Du hast noch nicht alles vernommen, was ich Dir zu sagen habe. – Ich will Dir auch noch erklären, weshalb ich Dich beschuldige, ein grausamer Henker und ein erbarmungsloser Kindesmörder zu sein! – Erinnere Dich an Herrn von Villefort, erinnere Dich an den kleinen Eduard; – erinnere Dich an dessen Mutter.« »Ja!« rief der Graf; »alle sind sie den Manen meines greisen Vaters geopfert worden, der durch den Verrat Villeforts in Hunger und Elend gestorben ist! – Kennst Du die innige Liebe, die tiefe Verehrung, die ich seinem weißen Haare zollte? Weißt Du, welche Verzweiflung sich eines guten Sohnes bemächtigt, wenn man ihm sagt: Dein Vater ist fern von Dir verhungert!? – Nun wohl; die Sache war noch fürchterlicher, denn er lebte nicht fern von mir, sondern nur zwei Schritt von dem Gefängnis entfernt, in welches mich der Prokureur des Königs eingesperrt hatte, wie man einen Leichnam in sein Grab verschließt! – Kennst Du alle diese Qualen oder kannst Du Dir wenigstens einen Begriff davon machen?« »Ich habe noch viel größere erduldet,« entgegnete Benedetto. »Ich sah meinen Vater dem Wahnsinn preisgegeben. Ich sah ihn an meiner Seite leiden, nachdem er, von Entsetzen zu noch größerem Entsetzen übergehend, alle die Seinen rings um sich her hatte fallen sehen.« »Mein Gott, wer bist Du?« rief Monte Christo ergriffen. »Das kümmert Dich nicht! – Ich bin Dein Richter und ich werde Dein Henker sein. – Höre mich und zittere, denn Du wirst Deinen Urteilsspruch vernehmen.« »Bist Du etwa ein anderer Mensch, wie alle übrigen, daß Du mich verurteilen darfst? – Ist Dein Busen frei von Leidenschaften, daß Du ruhig und unparteiisch über die meinigen zu richten vermagst?« »Ja!« entgegnete Benedetto mit mitleidigem Lächeln. »Ja, ich bin ein Mörder, bin ein Gottesleugner gewesen, aber ich habe bereut. Ich bin gerecht geworden, denn ich glaube an Gott. – Meine Bekehrung wurde auf wunderbare Weise bewirkt.« »Aber wie hast Du an Gott glauben gelernt? – Woher weißt Du, daß er Dir verziehen hat?« »Das will ich Dir sagen!« entgegnete Benedetto mit feierlichem Tone. Nach einer Pause, während welcher er sich auf das, was er sagen wollte, zu sammeln schien, begann er dann: »Während eines furchtbaren Sturmes, der durch die Dunkelheit der Nacht und das Feuer des Himmels noch fürchterlicher gemacht wurde, befand ich mich auf den Wogen, die auf allen Seiten mein gebrechliches Fahrzeug umtobten. »Von Schrecken über das erhabene Schauspiel der Natur ergriffen, sank ich nieder auf die Kniee und sprach die folgenden Worte, die sich unwillkürlich meiner Brust zu entringen schienen: »Mein Gott, Du Erschaffer der Welt, – und Du Jesus, mein Heiland – Erstgeborener Gottes, heiliger Märtyrer, der Du für mich sowie für alle Menschen gekreuzigt wurdest, – ich glaube an Dich und an Deine Gerechtigkeit! – Sieh mich hier, fest in dem Glauben an Dich, rastlos Edmund Dantès aufsuchend, um ihm alles, was ihm teuer ist, eins nach dem andern zu entreißen! – Wenn Du mir nicht verzeihst, – wenn Du mein Beginnen verdammst, dann vernichte mich für immer in diesem erhabenen Aufruhr der Elemente! »Nach diesen Worten sprang ich, nur von einem einzigen Menschen begleitet, in einen kleinen Kahn und gab mich so der ganzen Wut des Sturmes preis! »Am nächsten Tage war ich von dem unerschütterlichen Glauben an die Gerechtigkeit meines Beginnens durchdrungen und in diesem Glauben stehe ich auch jetzt Dir gegenüber. – Ueberall, wohin ich kam, hörte ich einen Verdammungsruf gegen Dich aussprechen! – Auf dem Meere war es der Schmerzensschrei Alberts von Morcerf, den ich aus dem Schiffbruche errettet hatte! – Auf dem Lande war es der fieberhafte Wahnsinnsruf der unglücklichen Mercedes! – Erkenne daher, daß der Himmel Dich aufgegeben hat, als eine Wahrheit, welche so viele Tatsachen Dir beweisen! »Als ich mich Dir in Deinem Palaste zu Venedig vorstellte, hast Du die Maske aus dem Palaste Gradenigo nicht wiedererkannt! – Du widersetztest Dich nicht, als ich den Rat erteilte, Deinen Sohn zu dem Festmahle der Armen zu bringen! – Als Du dann auf der Straße von Mantua nach Florenz die Nacht in jener Hütte zubrachtest, zu der ein bloßer Zufall Dich geleitet hatte, als ob Gott meinen Augen offenbaren wollte, daß Du von ihm verurteilt warst, standest Du an der Wiege, in welcher zwei Kinder schliefen, aber Du vermochtest es nicht, in einem derselben Deinen eigenen Sohn zu erkennen!« »Ha!« rief der Graf wie niedergeschmettert durch diese Nachricht. »Erkenne daher, daß der Himmel Dich verurteilt,« fuhr Benedetto fort, »und sei überzeugt, daß ehedem die Augenblickte, während welcher Du Dich für groß und begeistert hieltest, nichts waren, als Augenblicke törichter und menschlicher Eitelkeit! – Als ein erbarmungsloser Henker hast Du nie zu verzeihen gemocht! Bei den Handlungen Deiner abscheulichen Rache hast Du den Unschuldigen mit dem Strafbaren verwechselt und zugleich vernichtet! – Nun wohl, – der Verlust Deines Sohnes möge das Blut Eduards von Villefort bezahlen!« »Aber bin ich es denn etwa gewesen, der dieses Kind ermordete?« rief Monte Christo außer sich. »Ja; denn alle Verbrechen der Frau von Villefort fallen Dir zur Last!« entgegnete Benedetto mit strengem Tone. »Weshalb?« – fragte der Graf tief ergriffen. – »Was weißt Du? – Sprich?« »Ich kann es nicht, denn es besteht zwischen Dir und Gott ein Geheimnis, das ich nicht zu enträtseln vermag. Wenn ich indes nicht die Wahrheit gesprochen habe, – wenn die Verbrechen dieser Frau Dein Gewissen nicht belasten, dann strafe mich Lügen im Angesichte Gottes, der uns hört!« Der Graf ließ den Kopf auf die Brust herabsinken und blieb stumm. »Gut!« sagte Benedetto. »Du erkennst Deinen Irrtum an und daher die Gerechtigkeit Gottes ebenfalls! Die ungeheueren Reichtümer, die er in Deine Hände gelegt hatte, hättest Du den Armen zukommen lassen sollen, nicht aber Dich derselben zu dem niederdrückenden Luxus bedienen, den Du in Europa stets dem Elende gegenüber entfaltet hast! – Sieh! – Wirf einen Blick umher! – Alle Schätze, die hier angehäuft und tot lagen, hat meine Hand bereits unter die Armen verteilt, und mit denen, die Du noch besitzest, soll dies ebenfalls der Fall sein. »Sei es!« sagte der Graf voll Ergebung. »Ihnen meine Reichtümer, mir aber mein Sohn!« Benedetto brach in ein schallendes Gelächter aus. »Nie wirst Du Deinen Sohn wiedersehen!« antwortete er. »Die Hand des Toten hat ihn Dir geraubt! Ein Geheimnis, welches dem des Grabes gleich ist, lastet jetzt auf seiner Geburt!« »Fluch Dir!« rief der Graf wütend. »Dein Leben haftet mir für das seinige!« Und bleich, in der heftigsten Aufregung, indem die Haare auf seinem Kopfe sich sträubten, schritt er auf Benedetto zu, indem er den Hahn seiner Pistole spannte. »Schieß!« rief ihm Benedetto ruhig entgegen, »ich vertraue mehr auf Gott als Du!« »Unsinniger, der ich war!« schrie der Graf, indem er wechselweise lachte und weinte wie ein Wahnsinniger. Dann warf er seine Pistolen mit solcher Gewalt von sich, daß sie sich durch die Heftigkeit des Falles selbst entluden. »Mensch oder Dämon,« rief er dann, wie außer sich, »Du bedenkst nicht alles, was ich erdulde, denn Du bist gewiß nicht Vater und kannst daher auch nicht wissen, was die Vaterliebe ist. – Verlange von mir alles, was Du willst, und ich werde es Dir geben, um meinen Sohn wiederzurückzuerhalten!« »Es ist unmöglich,« sagte Benedetto mit schneidender Kälte, »denn Dein Vermögen wird der Preis für einen anderen Gegenstand sein. »Denke Dir einmal, Deine Gattin, welche von Deinem Gange irgend ein Unglück für Dich fürchtete, hätte die Barke verlassen, wäre an das Land gegangen und, geleitet durch meine Feuer, in der Richtung nach dieser Höhle vorwärts geschritten. – Stelle Dir ferner vor, ein halbes Dutzend furchtloser Männer hätten die Barke erklettert und sie in Brand gesteckt, während vier kräftige Arme den zarten und leichten Körper der schönen Haydee umschlangen, als sie eben den Eingang dieser Grotte zu erreichen im Begriffe stand.« Benedetto beendete kaum diese Worte, als von der Seite der Felsen her ein greller, durchdringender Schrei hörbar wurde. Der Graf antwortete darauf durch einen ebenso lauten Schrei, eilte in wilder Hast die Stufen der Treppe hinauf und blieb an dem Rande des Felsens stehen, um seine Blicke forschend über den weiten Raum, über das Meer den Himmel und die Felsen schweifen zu lassen. »Haydee! Haydee!« rief er und das Echo wiederholte mit unheimlichem Klange den teueren Namen, den der Graf ausgesprochen hatte. »Siehst Du dort unten die Flammen, welche der Wind über den Spiegel des Meeres hintreibt?« fragte eine Stimme dicht neben dem Grafen. Es war Benedetto, der dem Grafen folgte und mit dem Tone des Hohnes fügte er hinzu: »Für Dich ist alles vorbei!« »Haydee! Haydee wo bist Du?« rief Monte Christo in wilder Verzweiflung. »In welchen höllischen Kreis sind wir aufs neue gerissen worden?« Der Graf blickte mit verwildertem Auge ringsumher. Benedetto war wieder verschwunden; die Feuer, welche den Weg des Grafen beleuchtet hatten, waren erloschen, und kaum schimmerten noch zwischen den Klippen hindurch die Flammen, welche die Barke verzehrten, während aus der Grotte auf die nächste Umgebung der matte Schein der erlöschenden Harzfackel fiel, die im Innern der Höhle brannte. Das entschlossene und edle Angesicht des Edmund Dantès zeichnete sich wie ein phantastischer Schatten gegen den azurnen Spiegel des Mittelländischen Meeres ab. Die Arme gekreuzt über der schwer atmenden Brust, die Haare in Unordnung und wild gepeitscht von dem Abendwinde, aufrecht stehend an dem Rande des höchsten Felsens der Insel, hätte man in ihm die Verwirklichung der wilden Phantasie des Dichters zu sehen glauben können. Er schien der Geist des Gebirges zu sein, auf seinem Felsenthrone sitzend dem Meere gegenüber und mit drohendem Blicke auf dasselbe hinabsehend. »Hier ist es,« sagte Monte Christo nach einer Pause tief in sich selber hinein, »hier ist es, wo ich durch den Besitz der Schätze geblendet wurde, die ich hier an das Licht befördert hatte. O Erbärmlichkeit der Menschheit! O Unvollkommenheit des menschlichen Geistes, wenn man ihn mit dem des allmächtigen Schöpfers vergleicht! Ich machte mich der törichten Eitelkeit schuldig, mich ebenfalls für allmächtig in dieser Welt zu halten, wie der Betrunkene auf einem mit Rosen bestreuten Teppich zu wandeln glaubt, wenn seine Füße durch die hervorragenden Spitzen steiler Felsen zerrissen werden. Ebenso wie der Rausch verschwindet und die Rosen sich unter dem Hauche der Wirklichkeit entblättern, ebenso erwache ich endlich aus dem Traume des Glückes, dem ich mich hingab! – Wo ist die glänzende Grotte geblieben, die sonst hier war? Wo ist die Tochter des Orients, die ich so sehr liebte? – Wo ist mein Sohn? – Was ist aus der Ruhe meines Herzens geworden? – Wo sind die innigen Freuden meiner Seele geblieben? – Alles ist entflohen, verschwunden wie der kindische Traum eines ehrgeizigen Knaben! »Noch bin ich ungeheuer reich, aber wozu können alle meine Schätze mir nützen? Was soll ich in dieser Welt beginnen? Welche neuen Freuden könnten sie mir bieten, um mich zu zerstreuen?« Der Graf schwieg einen Augenblick. Er sah mit einem flehenden Ausdrucke langsam umher. Dann eilte er zu der dem Erlöschen nahen Fackel und hob sie vom Boden auf. Er schwang sie, um sie neu zu beleben, aber sie ging nach einem letzten, matten Aufflackern gänzlich aus. Der Graf stieß einen Schrei des Schreckens aus, als er sich plötzlich in vollständiger Dunkelheit befand. »Haydee, meine geliebte Haydee!« rief er, »das Verhängnis, welches mich verfolgt, schmettert auch Dich zu Boden! – Ach, ich würde alles, was ich besitze, darum geben, daß Dir nichts Böses begegne! »Man komme! Es steige vor mir irgend ein Mensch herauf, dem ich dies sagen kann, und sollte sogar dieser Mensch der Engel des Bösen selbst sein!« Dann schwieg er, als erwarte er eine Antwort, aber es herrschte fortwährend das tiefste Schweigen rings um ihn her. Der Graf wiederholte mit lauter Stimme, was er zuvor gesagt hatte und nun sah er in dem Innern der Grotte ein Licht funkeln, und wenige Augenblicke danach unterschied er die Gestalt Benedettos, dessen Gesicht noch immer unter der schwarzen Larve verborgen war. »Graf von Monte Christo,« sagte er, indem er in einer gewissen Entfernung stehen blieb, »Deinen Reichtum im Austausch gegen Deine Frau!« »Alles, was ich besitze, gehört Ihnen, wenn Sie sie mir zurückgeben,« entgegnete Monte Christo, ohne sich einen Augenblick zu besinnen. »So begleite mich!« sagte Benedetto und schritt voran. Der Graf folgte ihm nach einem von den innern Sälen der Grotte, wo sich ein Tisch mit Schreibgerät befand. Benedetto deutete mit der Hand daraufhin gegen den Grafen, stellte sich demselben dann gegenüber und machte ein Zeichen, welches Monte Christo verstand. Einige Augenblicke später hatte der Graf einige Worte niedergeschrieben und verschiedene Wechsel von einer ungeheuren Summe unterzeichnet. – Mit diesen übergab er Benedetto sein ganzes Vermögen. »Ich bin jetzt arm,« sagte er, »so arm wie an jenem Tage, an welchem ich zum erstenmale diese Insel betrat, und morgen werde ich keinen einzigen Freund mehr haben. Dennoch fühle ich mich glücklich, denn ich konnte Haydee retten!« »Gut!« erwiderte Benedetto. »Sie soll Ihnen zurückgegeben werden. Ich werde an die Südseite der Klippen ein kleines Boot bringen lassen, dessen Sie sich bedienen können. – Morgen werden Sie reisen.« »Aber mein Sohn!« rief der Graf voll Verzweiflung »Mein Sohn!« »Das Geheimnis des Grabes lastet auf ihm,« entgegnete Benedetto mit feierlicher Stimme. Der Graf wollte sprechen, aber Haydee erschien an dem Eingange des Saales und eilte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Benedetto zog sich zurück. * XI. Gift. Mehrere Minuten hielten Monte Christo und Haydee sich umschlungen, als sähen sie sich nach einer langen Trennung zum erstenmale wieder. »Armes Kind!« rief der Graf, indem er ihr fromm einen Kuß auf die Stirn drückte. »Das Unglück, welches mich erreicht, verschont auch Deine Unschuld nicht.« »Glaubst Du, daß ich leide, mein teurer Freund?« fragte Haydee mit der ganzen Unbefangenheit ihrer reinen Seele. – »O nein! – Ich fühle mich noch allzuglücklich, denn ich bin an Deiner Seite.« Der Graf antwortete nichts. Er preßte sie an seine Brust, nahm dann ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und betrachtete sie schweigend, als dächte er über die Zukunft nach, die ihrer wartete. Der sanfte, schmachtende Ausdruck in dem Gesichte Haydees verriet ihm das Gefühl der innigsten Liebe. Haydee regelte dies Gefühl nicht nach den Lagen des gesellschaftlichen Lebens. Der Graf hatte es ihr eingeflößt und sie erfaßte es mit dem ganzen göttlichen Glauben der wahrhaft Liebenden. Alles übrige war für sie ohne Bedeutung. Das Leben und die Gegenwart des Mannes, den sie mit der ganzen Glut des orientalischen Charakters anbetete, waren für Haydee alles. Deshalb hielt sie das Glück selbst noch nach diesem unerwarteten Schlage für möglich, von dem sie beide zugleich getroffen wurden. Der Graf teilte indes diese Ansicht nicht: nachdem er in der Welt eine ungeheure Zaubermacht geübt hatte, wußte er wohl, wie seine Zukunft nach dem Verschwinden dieser Zauberwelt beschaffen sein würde. Er würde keinen Freund mehr finden, keine Tür würde sich mehr für ihn öffnen, um ihm ein Obdach zu gewähren und überall würde man mit dem Gelächter des Spottes den Mann empfangen, der ehedem als der König der Millionäre erschien und folglich als der unumschränkte Gebieter aller Herzen. »Haydee,« sagte der Graf, nachdem er sie schweigend und die Augen von Tränen erfüllt, betrachtet hatte. »Deine Illusionen müssen einer verhängnisvollen Wirklichkeit weichen. Noch gestern schmeichelte ich mir, genug Schätze zu besitzen, um die Habgier der Boshaften befriedigen zu können, welche uns unser teures Kind raubten; heute aber weiß ich nicht, ob es mir möglich sein wird, Dich nur noch einen einzigen Monat zu ernähren. Ich kenne zu gut diese Welt des Elends, des Hasses, der Intrigen, und unser Weg ist von jetzt an mit Dornen und Qualen besäet; Deine unschuldigen Tränen werden hinfort reichlich über die Leiden fließen, die meiner warten.« »Und wenn wir auch arm sind,« fragte Haydee unbefangen, »sollten wir deshalb nicht das geringste Glück finden können? – Was mich betrifft, so würde ich mich glücklich schätzen, mit Dir, – mit unserem Sohne leben zu können und –« »Nein! Nein!« unterbrach der Graf sie heftig. »Das arme Wesen ist rettungslos für uns verloren! – Wir werden es nie wiedersehen!« Haydee stieß voll Verzweiflung einen herzzerreißenden Schrei aus und raufte sich ihr schönes Seidenhaar. Der Graf verbarg sein Gesicht in beiden Händen. Es entstand ein tiefes Schweigen, welches einige Minuten andauerte. Dann richtete Haydee auf den Grafen einen leidenschaftlichen Blick und sagte mit bitterem Lächeln: »Ich erinnere mich, daß ich Dich schon oft fragte, ob der Tod ein Uebel sei! – Wenn ich das abscheuliche Gespenst sah, das fleischlose Gesicht, die entsetzliche Knochenhand, die erbarmungslos das Leben entreißt, zitterte ich vor dem Gedanken, daß eines Tages auch mein Ende kommen würde. Jetzt aber erscheint der Tod mir anders, indem ich annehme, daß seine Erscheinung minder abschreckend, seine Hand minder hart ist, und daß er statt die Sense zu zeigen, welche die Seele von dem Körper trennen soll, auf die erhabenen Mysterien eines ganz neuen Glückes hinweist!« »Haydee!« murmelte der Graf, welcher voll Schrecken ihre Gedanken zu erraten glaubte. »Nun wohl, mein teurer Freund,« fuhr sie fort, »wenn die Welt unedel ist, elend, von Schrecken erfüllt, was ist sie dann dem Tode gegenüber wert? Denke wohl darüber nach,« sagte sie feierlich nach einer kurzen Pause – »und erwarte mich; – ich kehre sogleich zurück.« »Nein, Haydee!« rief der Graf, indem er sie zurückhielt. »Ich lasse Dich in diesem Augenblick nicht allein!« »Und weshalb denn nicht, mein teurer Freund?« fragte sie mit himmlischer Ruhe. »Weil ich Deine Gedanken errate.« »Nun? – Was weiter!« »Nimmermehr!« murmelte der Graf. »Gut! – Jetzt weichst Du vor dem Tode zurück, wo er allein Dir noch bleibt. – Oft habe ich Dich von dem Tode wie von einem wohltätigen Schlafe sprechen hören, auf den Du nach einem aufgeregten Tage hofftest! – Während solcher Augenblicke habe ich es gelernt, ihn ohne die geringste Furcht in das Auge zu fassen, und jetzt fühle ich mich glücklich, indem ich ihn sich mir nahen sehe. – Wo ist denn nun die Entschlossenheit geblieben, die Du damals besaßest? Als Deine Reichtümer ungeheuer waren, als sich Deinen Blicken eine Zukunft zeigte, zittertest Du nicht bei dem Gedanken an den Tod; jetzt wo Du arm bist, wo Du nicht weißt, wovon wir morgen leben sollen, jetzt, wo die Hand des Schicksals mit einem Schlage alle Deine teuersten Hoffnungen vernichtet zu haben scheint – weshalb zitterst Du denn jetzt vor dem ewigen Schlafe? – Mein teurer Freund, wenn für uns hier auf Erden kein Glück mehr möglich ist, laß uns mit dem Leben abschließen.« »Nun wohl, Haydee,« sagte der Graf, indem er sie fest ansah, »Du, die Du mehr als einmal in Deinem Leben, man könnte sagen, sogar von der Wiege an, das höchste Unglück kennen lerntest und den Tod als ein Mittel betrachtetest, es von Dir abzuwenden, Du zitterst nicht bei dem Gedanken an das ungeheure Opfer, welches Du beabsichtigst; – aber mit welchem göttlichen oder menschlichen Rechte dürfen wir dies Opfer vollbringen? Wenn das Geschöpf das Recht haben sollte, nach seinem eigenen Willen zu sterben, müßte es auch nach seinem eigenen Willen in das Leben eingetreten sein. Glaubst Du, es hieße einen starken Geist und eine strenge Tugend beweisen, wenn man Gift nimmt oder sich eine Kugel durch den Kopf jagt, um sich das Leben in eben dem Augenblicke zu nehmen, wo man alle Greuel des Elends zu empfinden anfängt? – Eine solche Handlung würde in den Augen des göttlichen Tribunals kaum etwas anderes sein als eine Tat der Schwäche oder des Wahnsinns! Die Ergebung, welche wir zeigen, indem wir uns unserem Schicksal unterwerfen, der Friede des Geistes, mit dem wir unser Elend und die Plackereien dieser Welt ertragen, werden an dem Tage des Gerichtes einen ungleich höheren Wert haben.« »Aber,« entgegnete Haydee, »ich habe oft gehört, daß Du eben solche Gründe wie die, welche Du mir jetzt auseinandersetztest, Sophismen nanntest. Um Gift zu nehmen oder sich einen tödlichen Schuß zu versetzen – so sagtest Du damals – müßte man einen festen, kräftigen, unerschütterlichen Willen haben und den fände man nicht bei jedem, er müßte denn vollständig wahnsinnig sein. Das Meer zu sehen, die Erde zu bewundern, die Blumen, die glänzende Welt; – in sich das Blut mit dem Bewußtsein ungeschwächter Gesundheit kreisen zu fühlen und die Augen zu schließen, um sich mit voller Ruhe sagen zu können: Ich will für immer schlafen gehen – ich will sterben! – Oh, es hat nicht alle Welt die Kraft dazu, sich diese Worte zu wiederholen, um die Augen zu diesem langen Schlafe zu schließen, dessen Erwachen ein fürchterliches Geheimnis zwischen Gott und der Ewigkeit ist! »Mein Freund,« fuhr Haydee nach einer kurzen Pause fort, »wo ist denn jetzt die Kraft Deines Willens? – Wohin ist jene Tatkraft, jene lebendige Flamme Deines Geistes entflohen, die Du sonst zeigtest?« »Haydee,« erwiderte der Graf, indem er erblaßte und sich das Haar, welches ihm in das Gesicht gefallen war, zurückstrich, »solltest Du die Kraft haben, die letzten Worte, die Du mir sagtest, zu wiederholen, nachdem Du das Meer, die Erde, die Blumen der glänzenden Welt, die uns umgab, erblickt hast?« »Wir wollen es versuchen,« murmelte Haydee. »Einstweilen laß mich dies Wasser bereiten.« Der Graf blieb regungslos. Haydee zog aus ihrer Tasche ein kleines Kästchen, das aus einem einzigen Smaragd geschnitten und mit einem Deckel von Gold versehen war. Sie öffnete es und nahm daraus sechs kleine schwärzliche Pillen. Dann goß sie Wasser in einen Becher und warf in diesen die sechs Pillen, welche sich auslösten. »Eine einzige dieser Pillen,« sagte der Graf, während Haydee dieselben in das Wasser warf, »verursacht drei Stunden eines festen Schlafes – zweie sechs Stunden – dreie zehn, viere dreizehn bis vierzehn Stunden, fünf zwanzig – sechs! Die sind der Tod!« Haydee gab ihm keine Antwort. Sie setzte sich an den Tisch, neben welchem ihr Gatte bleich und erschüttert stand und sie mit glühendem Blicke betrachtete. Als die ersten Strahlen der Morgenröte durch die Spalten des Felsens in diesen unterirdischen Saal drangen, saß Haydee noch so da und schien mit ihrem Blicke das finstere Gesicht des Grafen von Monte Christo zu verschlingen, der neben ihr saß. Sie stand auf, nahm ihn sanft bei der Hand und zwang ihn, ebenfalls aufzustehen. »Auf!« sagte sie sanft. »Das Licht des Tages beleuchtet schon die Welt – laß uns zu dem Felsen hinauf, gehen. Da ist das Gift, mein Freund, und – glaube mir – es ist das einzige Mittel, durch welches Du das Unglück vermeiden kannst, das für Dich in eben dem Augenblick begann, in welchem Du Dein ungeheures Vermögen verlorst. – Aber wir werden einen gleichen Teil nehmen, mein Freund,« fuhr Haydee fort, indem sie die Flüssigkeit in zwei Becher verteilte und diese an die beiden Enden des Tisches stellte. – »Laß uns jetzt hinaufgehen!« Indem sie dies sagte, führte sie den Grafen zu der Grotte hinaus und beide blieben längere Zeit auf dem Gipfel des Felsens stehen. Das Meer war ruhig; die Sonne stieg an dem Horizonte empor und ihre leuchtenden Strahlen glitten weithin über die Fläche des Wassers. Ein Schiff, das alle Segel, welche von dem Morgenwinde gebläht wurden, aufgespannt hatte, fuhr an der Insel vorüber. Alles rings um den Grafen her schien einen Anblick des Lebens, des Reichtumes, der Ruhe zu bieten, welcher ihm die Seele zerriß. Während er und Haydee so aufrecht auf dem steilen Felsen standen, der aus der Mitte des Mittelländischen Meeres aufstieg und von hier aus der Welt ein letztes Lebewohl sagten, schlüpften zwei Männer durch eine der Spalten, welche das Licht in die Grotte fallen ließen, in das Innere derselben hinein und lauschten dann aufmerksam, ob ihre Schritte auch von keinem Menschen vernommen worden wären. Ueberzeugt, daß sie nicht bemerkt wurden, gingen sie auf den Tisch zu, auf welchen Haydee die beiden kleinen Becher mit dem Gifte hatte stehen lassen. »Aber wie kannst Du wissen, welchen von beiden sie nehmen wird?« fragte der eine. »Ich glaube, es wird dieser sein,« entgegnete der andere, indem er auf den Becher deutete, welcher dem Eingange der Grotte am nächsten stand. »Woher vermutest Du das?« »Haydee wird sicher den wenigst entfernten nehmen,« meinte jener, »und das ist dieser hier.« Indem der Mann so sprach, setzte er den bezeichneten Becher, den er in die Hand genommen hatte, wieder an seine Stelle, ergriff den andern, schüttete den Inhalt desselben in eine Ecke des Gemaches, goß etwas anderes hinein und stellte ihn dann wieder auf seinen Platz. »Ganz gut!« sagte der andere. »Aber wenn der Graf zufällig nicht diesen Becher nimmt, sondern jenen?« »Dann stürze ich mich auf ihn, um ihm denselben zu entreißen.« »Du willst ihn also auf jeden Fall retten?« »Ja!« »Wenn aber seine letzte Stunde geschlagen hat?« »Ich werde sie verzögern!« »Ei,« sagte sein Gefährte mit spöttischem Lächeln: »Du hältst Dich also für stärker als das Schicksal?« »Ich werde meine Schuld der Dankbarkeit bezahlen. Der Graf hat mir das Leben gerettet, ich werde ihm das seinige erhalten. – Gehen wir! – Sie kommen!« Mit diesen Worten traten die beiden Männer in den anstoßenden Saal und verbargen sich hier schnell, denn der Graf, welcher Haydee die Hand gab, stieg bereits die Treppe herab. Schweigend durchschritten sie den ersten Saal und traten in den zweiten, in welchem sie vor dem Tische stehen blieben. »Nun, Haydee,« fragte der Graf, »willst Du noch immer die Welt verlassen, die uns so schön erschienen ist?« »Mein Freund,« entgegnete Haydee, indem sie eine Träne trocknete, »verzeihe meiner Schwäche – ich besitze in mir nicht die nötige innere Kraft, um aus freiem Willen zu sterben.« »Ach, Haydee! – Haydee!« rief der Graf, indem er sie in seine Arme schloß. »Armes Kind! – Wie ich Dich liebe!« »Dank, mein Freund!« entgegnete sie. »Ich bin Dir dankbar für dieses Gefühl und ich glaube wohl, daß auch ich Dir eine innige Liebe weihe – eine heftige Liebe! – Komm! Gib mir einen Kuß!« Der Graf preßte seine Lippen auf die Haydees; aber sie entfernte ihn von sich, indem sie ihre Hand an ihre Stirn legte und ihre Augen zum Himmel erhob. Dann streckte sie mit einer raschen Bewegung ihre Hand gegen den Tisch aus und ergriff den auf demselben stehenden Becher. »Mein Gott!« rief der Graf wie vernichtet. Haydee hatte das Gift ausgetrunken. »Lebewohl!« sagte sie lächelnd. »Ich gehe! – Auf – komm – begleite mich, mein Freund!« Der Graf ging zu dem anderen Ende des Tisches, nahm den zweiten Becher und leerte ihn mit der größten Ruhe in einem Zuge. Dann wendete er sich wieder gegen Haydee. »O mein Gatte!« rief sie, indem sie ihn mit ihren Armen umschlang, »ich habe Dich sehr geliebt, und ich fühle das Leben aus meinem Herzen bei dem Gedanken entschwinden, daß Du mich überleben würdest; – bei dem Gedanken, Dich zu verlieren, – bei dem Gedanken, daß eine andere Frau Dich lieben, Dich umarmen würde, wie ich Dich umarme und wie ich Dich liebe. – Ach, dieser Gedanke ist nicht geschaffen für die Töchter meines Landes, welche sich mit Leib und Seele dem Manne hingeben, dem sie den ersten Kuß gewähren! Verzeihe! Dieses Gefühl steigerte sich bei mir bis zum Wahnsinn! Ich habe Dich so sehr geliebt, wie ein Weib einen Mann nur immer lieben kann! Du bist mein Heil, mein Leben gewesen und nach mir soll keine andere Dich besitzen! – Die Eifersucht ist tausendmal schlimmer als der Tod! – Ich sterbe – und Du stirbst mit mir! »Was ist für die, welche die Welt so genossen haben wie wir, – für die, welche sich so innig liebten, wie wir einander geliebt haben – was ist für die der Tod? Er entreißt uns keinem Vergnügen, er hindert uns nicht, das Glück zu genießen! Laß uns daher ruhig sterben, denn wir können uns sagen, daß wir genossen und das vollkommene Glück gekannt haben.« Haydee schwieg plötzlich. Ihre Wangen wurden leichenblaß, ihr Blick starr. Ihre Lippen verzogen sich krampfhaft und bedeckten sich mit einem gelblichen Schaume, der ihr aus dem Munde quoll. Der Graf kniete neben ihr nieder und schloß sie in seine Arme. »Graf – Graf –« stammelte Haydee, indem sie ihn umarmte, »der Tod hat keine Schrecken für mich! – Ich sprach von der besonderen Art, wie ich ihn ansehe; ich will diese jetzt auseinandersetzen und Du wirst mich verstehen. – Sieh, ich umschließe Dich mit meinen Armen und presse Dich an meine Brust, die allmählich kalt zu werden beginnt! – Der Tod ist ein hübsches Weib, das Dich an seine eiskalte Brust schließt und Dir das Leben durch jeden Augenblick des Vergnügens, welches es Dir gewährt, durch jeden Kuß, welchen es Dir gibt, entreißt. – Und Du schläfst leise ein, gewiegt durch die Liebkosungen des schönen, kalten Weibes. – So also, mein Geliebter – mein Gatte –! – Ach, ich werde ganz kalt – mein Herz erstarrt – ich sterbe – ich sterbe mit Dir, mein Gatte, – nimm meinen letzten Kuß, – meinen letzten Seufzer – meinen letzten Gedanken. – Sie gehören ganz Dir – nur Dir – allein!« Indem sie dies sagte, ließ sie ihren Kopf auf den Arm des Grafen sinken. Ihre Augen blieben offen. Sie schienen noch voll Eifersucht auf den Grafen von Monte Christo zu blicken. »Sie ist tot!« murmelte der Graf, indem er die Hand auf die Brust Haydees legte. »Und weshalb lebe denn ich noch? Weshalb macht das entsetzliche Feuer, welches die Eingeweide zu verzehren scheint, sich noch nicht fühlbar? – Eine Stunde ist verflossen – mehr ist nicht erforderlich, daß das Gift seine Wirkung tue! »O, ich werde Dich nicht überleben!« schrie er plötzlich, indem er den leblosen Körper Haydees auf seine Arme nahm. »Komm, meine gute, meine sanfte Freundin!« sagte er dann. »Wir werden ein Grab haben, das unserer würdig ist!« Indem der Graf dies sagte, ging er rasch die Treppe der Grotte hinauf, erkletterte den Gipfel des Felsens, und die Leiche Haydees fest an seine Brust pressend, eilte er dem Abgrunde zu, indem er rief: »Allmächtiger Gott, nimm meine Seele gnädig auf!« »Nein!« rief hinter ihm eine laute Stimme, und der Graf fühlte sich von dem Rande des Abgrunds durch den kräftigen Arm eines Mannes zurückgerissen. Der Leichnam Haydees verschwand in der Tiefe, von Fels zu Fels rollend. »Unsinniger, wer bist Du?« fragte der Graf. »Es ist keineswegs nötig, Millionen zu besitzen, um das Leben eines Menschen zu retten, Herr Graf. – Ich bin Peppino, genannt Rocca-Priori.« * XII. Das Landhaus der Familie Morel. In der Nähe von Rom stand ein hübsches bürgerliches Haus in der Mitte eines schönen Gartens; davor zog sich ein eisernes Gitter hin. Dieses Haus, welches nach einem ausgezeichnet architektonischen Plane angelegt war, besaß im Innern alle Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten, die für ein Landhaus notwendig sind, um Hühner, Tauben, Kaninchen usw. zu ziehen. Die Sorgfalt, die man auf den Garten verwendete, die Kultur der anliegenden Ländereien, die Menge der reichbelaubten Bäume, der glattgeschnittene Buchsbaum, alles schien anzudeuten, daß dies der gewöhnliche Aufenthaltsort einer glücklichen Familie sei, und nicht bloß ein einfaches Lusthaus für den Sommer, wo man, alles wohl erwogen, nicht immer eine glückliche Vereinigung des Nützlichen mit dem Angenehmen findet. Hier hatten Maximilian Morel und seine Gattin Valentine ihren Aufenthalt gewählt, nachdem sie einige Monate zuvor Venedig verlassen. Ganz den Genüssen eines stillen häuslichen und heiligen Lebens hingegeben, welches durch kein Geräusch der äußeren Welt gestört wurde, hatten sie sich eine eigene kleine Welt der Glückseligkeit geschaffen. Sie genossen ihres mittelmäßigen Vermögens und gewährten den Armen viel Almosen und Wohltaten, welche diese ihnen dadurch vergalten, daß sie aufrichtigen Herzens auf die kleine Familie den Segen des Himmels herabflehten. Das Innere des Hauses war mit jener einfachen Eleganz möbliert, welche einem Geiste, wie der Valentines, eigentümlich ist. Man sah darin nicht jene barbarische Anhäufung, wie in großen Häusern, aber man litt auch nicht die geringste Entbehrung, und jedermann hielt sich hier für glücklich. Die Herren achteten ihre Dienstboten und diese verehrten die ersteren mit einem gewissen Eifer und einem geistigen Interesse, das man bei den gewöhnlichen Dienern selten findet. Das kam daher, weil der Eifer und die Ergebenheit der Dienstboten sehr oft von der Art und Weise abhängen, wie sie von ihren Herren behandelt werden. Valentine erteilte alle ihre Befehle mit einer solchen Sanftmut, daß ihre Leute darin wetteiferten, ihr zu gehorchen. Sie stand für gewöhnlich sehr früh auf und durchschritt dann sogleich den Garten, in welchem sie die Pflege der Blumen übernommen hatte, denen sie verschiedene symbolische Benennungen beilegte, so daß sie sämtlich in ihren Augen, sowie in denen Maximilians das vollständige Bild tausend angenehmer Erinnerungen gewährten. Dann ging sie nach dem Hühnerhofe und streute mit eigener Hand dem Völkchen, das sich hier um sie sammelte, die Nahrung hin. Die Tauben kamen geflogen, um sich auf ihre Schultern zu setzen; andere, die noch dreister waren, raubten selbst zwischen ihren Lippen die Maiskörner, die sie zwischen die Zähne nahm. Die Kaninchen richteten sich auf den Hinterpfoten in die Höhe, stützten sich an ihr Kleid und empfingen zum Lohne für ihr Vertrauen ein Blatt von den besten Gemüsen. Valentine hatte sich so das Recht erworben, die Nester zu besichtigen, in welchen die Kleinen mit den Flügeln schlugen, während die Mütter fraßen, sowie die Behältnisse, in denen ein Satz kleiner Kaninchen eingesperrt war, und endlich auch den Korb, in dem die Eier einer brütenden Henne lagen. Das alles geschah, ohne daß die Väter sich darüber verletzt zeigten oder die Mütter ihre Brut verließen. Nachdem Valentine diese angenehmen Pflichten erfüllt hatte, entfernte sie sich von diesem Orte, entzückt von allem, was sie gesehen hatte, und ging, um die frische Lust in dem Obstgarten einzuatmen oder dem Melken der Kühe beizuwohnen. Dann trug sie selbst die Milch, die Blumen und die Eier nach dem Hause und bereitete frisch und leicht den Frühstückstisch, indem sie darauf wartete, daß Max von seiner Stube herabkomme. Dieser stellte sich dann auch bald ein, küßte sie und frühstückte mit ihr gemeinschaftlich. Der Tag verging ohne die geringste Unannehmlichkeit. Valentine stickte und Max las beinahe immer. Abends stiegen beide in ein elegantes Cabriolet, welches Max selbst fuhr, und machten eine kleine Spazierfahrt. Begann die Sonne an dem Horizont zu sinken, so kehrten sie zu ihrer Wohnung zurück und der Abend verfloß für sie in derselben Harmonie. So brachten sie mehrere Monate hin, als während einer Nacht ein unerwartetes Ereignis für einige Augenblicke den häuslichen Frieden störte, den sie genossen. Es war zwischen 10 und 11 Uhr, als die Dienstboten bemerkten, daß ein Wagen vor dem eisernen Gitter des Gartens halten blieb. Unmittelbar darauf hörte man die Glocke an dem Tore hastig ziehen. Valentine und Max wollten sich eben nach der Ursache einer so barschen Art, einen Besuch anzumelden, erkundigen, als eine Dienerin in den Saal trat, um ihnen mitzuteilen, was sich zugetragen hatte. »Madame,« sagte sie, »an der Tür hält der Wagen einer Person, die ohne Zeitverlust Herrn Maximilian zu sprechen wünscht, obgleich sie diesen Namen nicht genannt hat.« »Wieso das?« »Sie sagte bloß, sie wünschte die Ehre zu haben, den Herrn oder die Herrin dieses Hauses um einen Dienst zu bitten, und erflehte es wie eine Gnade, daß man sie nicht lange warten ließe.« »Wer mag das sein?« fragte Valentine. »Ich kann es mir durchaus nicht denken,« erwiderte Morel. »Daß um diese Stunde des Abends ein Mensch mit dem Herrn oder der Herrin des Hauses zu sprechen wünscht und es als eine Gnade erfleht, ihn nicht lange warten zu lassen, kommt mir höchst sonderbar vor! – Was für eine Art Mensch ist es denn?« »Ich habe ihn nicht gesehen, Herr Morel,« sagte die Magd. »Pietro aber, der mit ihm gesprochen hat, versichert, die Stimme gleiche mehr der einer Frau als der eines Mannes, und sein zartes Gesicht schiene zu verraten, daß er einer höheren Klasse angehöre.« »Auf jeden Fall muß ich wissen, wer er ist.« »Aber wolltest Du ihn heraufkommen lassen, ohne seinen Namen zu kennen?« »Ich werde mit ihm an dem Gitter sprechen,« entgegnete Morel. »Pietro soll mich begleiten, und währenddessen laß Du, Valentine, Licht in das Gesellschaftszimmer bringen.« Mit diesen Worten ging Max nach dem Garten hinab und indem er sich nach dem eisernen Gitter begab, welches den Garten von der Straße trennte, unterschied er bei dem Scheine einer Laterne die zarte und gewandte Gestalt eines jungen Mannes, der unruhig neben dem Wagen auf- und niederging, welcher einige Schritte neben der Tür entfernt war. »Guten Abend,« sagte Max: »wem erzeigen Sie die Ehre, ihn hier zu suchen?« »Sie selbst, mein Herr, wenn Sie der Herr dieses Hauses sind oder Einfluß auf seine häuslichen Angelegenheiten haben,« erwiderte der junge Mann mit einem silberhellen Tone der Stimme, aber mit einem Anklänge der Traurigkeit, der Morel nicht entging. »Wissen Sie aber nicht wenigstens meinen Namen oder den der Person, die Sie suchen?« fragte Max. »Gott steh mir bei! Ich weiß nicht nur nicht, wer Sie sind, sondern es ist sogar sehr leicht möglich, daß ich nie das Vergnügen gehabt habe, Ihnen zu begegnen. – Wenn Sie indes eine edle Seele besitzen, wenn Sie ein gutes Herz haben, wenn Sie wünschen, uns Beistand zu leisten –« »So sind Sie also nicht allein?« fragte Max überrascht. »Nein, mein Herr, und ich erbitte Ihren Beistand auch nicht für mich; meine Frau begleitet mich – sie ist sehr leidend.« »Ihr Name?« fragte Max, indem er ihn mit dem Wesen der Teilnahme unterbrach, denn der Ton des jungen Mannes machte auf ihn einen lebhaften Eindruck. »Ich nenne mich Léon d'Armilly.« »Oeffnen Sie das Gitter,« sagte Max zu seinem Bedienten. »Es ist gut, mein Herr Léon d'Armilly,« fuhr er dann gegen den Fremden gewendet fort. »Ich heiße Maximilian Morel. Sprechen Sie, und wenn ich Ihnen in irgend etwas nützlich sein kann, so wird es mit Vergnügen geschehen.« »Ach, Herr Morel, ich nehme Ihr Anerbieten mit Dank an. Vernehmen Sie denn, meine Frau und ich verließen Rom und zogen es vor, während der Nacht zu reisen, um uns der Hitze des Tages zu entziehen, aber meine Frau befindet sich im achten Monat ihrer Schwangerschaft und ist leidend, und das Schaukeln des Wagens scheint ihre Niederkunft beschleunigt zu haben. Was kann ich in diesem Falle tun – so weit von der Stadt entfernt – und mitten in der Nacht!« »Beruhigen Sie sich, mein Herr: in meinem Hause sind Frauen, und Sie werden sich bemühen, die Dame mit aller nötigen Sorgfalt zu behandeln.« Léon d'Armilly eilte sogleich zu dem Wagen, und nachdem er einige Augenblicke in das Innere hineingesprochen hatte, kehrte er zu Max zurück, welcher Pietro bereits vorausgeschickt hatte. »Herr Morel!« sagte der Fremde. »Sprechen Siel« »Sie sind so gut und gefällig, und ich möchte Sie noch um einen Dienst ersuchen.« »Ich höre Sie.« »Sie sind ein Mann höheren Standes und ich will Ihre Gefälligkeit nicht mißbrauchen, indem ich Ihnen ein Geheimnis verberge.« »Ich bin bereit, zu vernehmen, was Sie mir sagen wollen.« »Ich bin kompromittiert und ebenso auch die Dame, welche mich begleitet.« »Ich glaube, Sie zu verstehen, Herr d'Armilly,« sagte Max lächelnd. »Ich sagte Ihnen, daß sie meine Frau sei – indes –« »Sprechen Sie sich aus.« »Es fehlt uns die priesterliche Weihe,« sagte d'Armilly. »Was wollen Sie damit sagen?« »Sie gehört einer guten römischen Familie an; sie hat eine ausgezeichnete Erziehung empfangen, gleich allen Damen ihres Geschlechts, und schämt sich ihres Fehltrittes außerordentlich!« »Aber, mein Herr, was kann ich dabei tun? Sie muß sich jetzt in das Unvermeidliche fügen; wir vermögen dabei weiter nichts, als Ihnen, sowie ihr, beizustehen.« »Gut; aber gestatten Sie ihr, das Inkognito beizubehalten.« »Ich glaube, daß dies in ihrer Lage sehr schwer ist; indes –« »Sie hat ihr Gesicht hinter einer Seidenmaske verborgen,« erwiderte d'Armilly. »In diesem Falle kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß jedermann hier das Geheimnis ehren wird, in welches die Dame sich hüllt.« »Ich danke Ihnen tausendmal, mein Herr!« sagte d'Armilly, indem er die Hand Maximilians drückte und dann zu dem Wagen zurückeilte. Einige Augenblicke darauf stieg eine Dame mit einiger Schwierigkeit aus dem Wagen, der umbog und unter einer Remise untergebracht wurde, wo ein Diener Maximilians ihn auf Befehl seines Herrn erwartete. Valentine war schon benachrichtigt und hatte Befehl gegeben, Licht nach einem Zimmer zu bringen, alle für einen solchen Fall nötigen Vorbereitungen zu treffen und die geheimnisvolle Dame zu empfangen. Valentine und ihre beiden Dienerinnen leisteten ihr voll Aufmerksamkeit die eifrigsten Dienste. Die Dame behielt ihre Maske vor, und ihr Zustand war derart, daß er an ihre nahe bevorstehende Niederkunft glauben ließ. Während man im Innern des Zimmers alles zu diesem kritischen Momente vorbereitete und instand setzte, beobachtete Max mit großer Teilnahme den jungen d'Armilly, der aufgeregt in dem Saale auf- und niederging, oft an der Tür des Zimmers stehen blieb und sein Ohr an das Schlüsselloch legte, um zu lauschen. Das Gesicht dieses jungen Mannes war so zart, wie man es nur irgend bei einem Manne finden kann: seine blonden Haare schienen außerordentlich fein zu sein und waren mit beinahe zu viel Eleganz aus der Stirn zurückgestrichen. Der Ausdruck seiner schönen blauen Augen, die Weiße seiner Hände, die Kleinheit seiner Füße, alles trug dazu bei, die Aufmerksamkeit Maximilians zu erregen. Uebrigens zeigte der junge d'Armilly die ganze Leichtigkeit und Gewandtheit jedes andern jungen Mannes seines Alters. Er rauchte voll Anmut, legte die Beine über einen Stuhl, als ritte er auf einem Pferde, streckte sich auf einem Sofa aus, kreuzte die Beine übereinander, und das alles rasch und mit dem augenscheinlichen Wesen der Gewohnheit. Max ließ ihm eine gute Mahlzeit vorsetzen, und er langte ohne alle Umstände zu; dann plauderte er einige Augenblicke mit Max von Frauen und Pferden. Das Gespräch kam dann auf Feuerwaffen; er nannte die besten Fabrikanten derselben und sprach von allem mit einer solchen Leichtigkeit und solchen Lebhaftigkeit, daß man ihn für einen jener jungen Leute halten mußte, welche als Söhne reicher Familien ihre Jugend darauf verwenden, zu reisen und von einer Torheit zur andern zu eilen, bis sie zu einem frühzeitigen und oft sehr kränklichen Alter gelangen. Zwei Stunden darauf hörte man in dem anstoßenden Zimmer ein schmerzliches Seufzen; diesem folgte sehr bald ein unterdrückter Schrei und endlich das erste Weinen eines neugeborenen Kindes. Léon d'Armilly machte einen heftigen Sprung gegen die Tür, und Maximilian, der sich ihm näherte, reichte ihm die Hand, in welche jener beinahe maschinenmäßig die seinige sinken ließ. »Empfangen Sie meine Glückwünsche,« sagte Max. »Oh, großen Dank!« erwiderte Léon d'Armilly mit einem beinahe einfältigen Wesen, welches Max für den Ausdruck des Vatergefühls nahm, das durch die ersten Tränen eines Kindes erweckt wurde. Einen Augenblick später meldete eine Dienerin mit Lächeln auf den Lippen und mit heiterem Wesen, die Dame hätte einem starken kräftigen Mädchen, dem ganzen Ebenbilde ihres Vaters, das Leben geschenkt. Max gab diesen gewöhnlichen Worten ihren richtigen Wert, und d'Armilly antwortete: »Ja, es ist möglich, daß Sie recht haben; indes möchte ich doch darauf wetten, daß das Kind mehr seiner Mutter gleicht als mir.« Die Tür des Zimmers wurde geöffnet und d'Armilly ging, um die geheimnisvolle Dame zu umarmen. Nach wenigen Tagen hatte die Dame ihren gewöhnlichen Zustand wiedergewonnen, so daß sie ohne die geringste Besorgnis für ihre Gesundheit abreisen konnte. Nachdem Léon d'Armilly insgeheim die beiden Dienerinnen belohnt hatte, welche bei der Niederkunft seiner Geliebten hilfreiche Hand leisteten, dankte er mit dem Ausdrucke des reinsten und innigsten Gefühls Valentine und Max für den Beistand, den sie ihm gewährt hatten, und er vermehrte seine Schuld der Dankbarkeit noch dadurch, daß er sie um einen neuen Dienst bat. Valentine gewährte ohne Zögern die Bitte, das Kind in ihrem Hause durch eine Amme stillen zu lassen, bis es so weit sein würde, daß die Mutter es zu sich nehmen könnte. Valentine hatte selbst keine Kinder, liebte sie aber sehr, wie sie auch Blumen und Vögel liebte; deshalb gewährte sie die neue Bitte Léon d'Armillys mit der größten Bereitwilligkeit von der Welt. Am Tage darauf lüftete die Mutter den vorderen Teil ihrer Seidenmaske, um einen Kuß auf die Wangen ihrer Tochter zu drücken, dankte Valentine nochmals für den Dienst, welchen sie von ihr empfangen hatte, und reiste in Begleitung ihres jungen Geliebten ab. »Und nun, Luise?« sagte sie, indem sie die Maske abriß, sobald der Wagen in Bewegung war. »Was willst Du, meine teure Eugenie? Ich habe noch einmal die Rolle Léon d'Armillys erfüllt, aber ich hoffe, daß es zum letztenmal gewesen sein wird.« »Aber meine Tochter?« »Sie befindet sich in guten Händen, und einst wirst Du das Glück haben, sie zu umarmen. Für den Augenblick, teure Eugenie, laß uns an Dich denken. Vergiß die unglücklichen Umstände, welche Dich zur Mutter gemacht haben, und nimm an, ich sei in der Tat der Vater Deines Kindes.« »Stets lustig,« murmelte Eugenie, indem sie lächelte und eine Träne trocknete. »Wie sehr beneide ich in diesem Augenblick Deinen Charakter!« »Eugenie, die Welt und das Theater erwarten uns. Laß uns zu unserem Traum des Glückes zurückkehren, und wenn die nötige Kraft Dir mangelt, erinnere Dich, daß Du für die Zukunft Deines unschuldigen Kindes zu sorgen hast.« »Ach ja, Luise, und Gott möge mir die Kraft verleihen, diese Pflicht zu erfüllen, wie ich es muß!« * XIII. Die rechte Hand des Herrn von Villefort. Kehren wir jetzt zu der kleinen Insel Monte Christo zurück, wo wir den Grafen verlassen haben. Es war am Tage nach dem, an welchem Peppino seine Schuld der Dankbarkeit dadurch bezahlte, daß er Edmund Dantès das Leben rettete. Der Graf von Monte Christo lag auf den Knien am Rande des Abgrundes, in welchen die Leiche Haydees hinabgerollt war. Die Augen gen Himmel gerichtet, betete er aus dem Grunde seiner Seele. Er hatte sich als guter Christ in das bittere Los gefügt, welches seiner in dieser Welt wartete; er hatte einen Entschluß gefaßt und kniete zum letztenmale auf diesem Felsen nieder, richtete sein letztes Lebewohl an die ihm so teure Leiche, die zerschmettert am Boden des Abgrundes lag. Dann erinnerte er sich, daß ein kleines Boot seiner in einer von den südlichen Buchten der Insel wartete, und er stieg langsam zu dem Ufer hinab, um den verhängnisvollen Ort zu verlassen. Den Kopf gesenkt, die Arme matt herabhängend, schritt er der Bucht zu, als plötzlich ein Mann vor ihm stand, als wäre er aus dem Boden gewachsen. Es war Benedetto. Er trug keine Maske; sein Gesicht war ruhig. Sein gelassener Blick heftete sich fest auf das niedergeschlagene Gesicht des Grafen von Monte Christo und seine Lippen zogen sich zu einem Lächeln zusammen, bei dem die Ironie durchleuchtete. In geringer Entfernung stand Peppino, genannt Rocca Priori; in seinem Gürtel steckten zwei ausgezeichnete Pistolen. Der Graf und Benedetto betrachteten sich gegenseitig während einiger Zeit und mit tiefem Schweigen. »Erkennst Du mich endlich, Edmund Dantès?« fragte Benedetto, indem er die Arme über der Brust kreuzte. »Ja!« flüsterte der Graf. »Darüber bin ich sehr froh; denn sonst hätte ich Dich an den Namen jenes Fürsten Andreas Cavalcanti erinnern müssen, den Du improvisiertest, um in einem Deiner verfluchten und entsetzlichen Lustspiele eine Rolle zu übernehmen!« »Und Sie sind der Mann, der mich so sehr verfolgte?« sagte der Graf, indem er den Kopf schüttelte und diese Worte mit einer leichten Bewegung der Verachtung begleitete. »Und allen Ihren Handlungen der Gewalttätigkeit, die Sie nur in der Absicht begingen, Reichtümer zu besitzen, geben Sie schamlos den pomphaften Namen göttlicher Gerechtigkeit?« »Sie irren, Herr Graf von Monte Christo!« entgegnete Benedetto ruhig. »Es war nicht das Verlangen, Reichtümer zu besitzen, wie Sie soeben sagten! Ich besitze heute deren ebensoviele als an dem Tage, bevor ich Sie der Ihrigen beraubte. Sie sind bereits unter die Armen verteilt und das, was davon übrig blieb, wird es binnen kurzer Zeit ebenfalls sein. Wenn ich Sie mitleidlos verfolgte, so geschah es nur, um das unschuldige Blut meines Bruders Eduard zu rächen!« »Ihres Bruders?« fragte der Graf. »Ja! Mir ist die fürchterliche Geschichte meiner Geburt nicht unbekannt; das heißt – ich weiß, wer der Urheber meiner Tage ist – und kaum habe ich noch nötig den Namen meiner Mutter zu erfahren.« Der Graf lächelte bedeutungsvoll. »Kennen Sie sie vielleicht?« »Ja!« »So sprechen Sie!« rief Benedetto, »und ich gebe Ihnen alles, was Sie fordern.« »Ich weise Ihre Anerbietungen zurück, Benedetto; Sie verdanken das Leben der Baronin Danglars.« Benedetto taumelte einen Schritt zurück und stieß einen Schrei der Ueberraschung aus. Es entstand ein Augenblick des Schweigens. »Ich danke Ihnen, Herr Graf,« sagte er mit wildem Wesen; »ich danke Ihnen für Ihre Großmut und bin überzeugt, daß Sie mir dieselbe nicht bewiesen haben würden, hätten Sie nicht berechnet, was ich durch diese Entdeckung leiden muß. – So hören Sie mich denn an: es ist das letztemal, daß wir uns einander gegenüber erblicken: schenken Sie mir daher Ihre Aufmerksamkeit, denn ich will Ihnen Rechenschaft über einige Personen ablegen, die Sie gekannt haben. – Baronin Danglars ist durch mich bestohlen und in das äußerste Elend versetzt worden,« sagte Benedetto voll Bitterkeit; dann fuhr er sogleich fort: »Ich weiß nicht, wo sie ist – ich weiß selbst nicht einmal, ob sie noch lebt. – Was den Baron Danglars betrifft, so beendete er seine verbrecherische Laufbahn auf die gleiche Weise, wie er sie begonnen hatte: das heißt, er ist wieder gemeiner Matrose geworden und fiel während einer Sturmnacht unter den Streichen eines Menschen, der gleich ihm an Bord meiner Jacht, »der Sturm«, sich befand und bei mir den Posten eines Piloten versah. »Ich habe Ihnen jetzt nur noch zu sagen, was aus Luigi Vampa geworden ist. Sie haben stets diesen kecken Bösewicht beschützt, und dies zwar während eben der Zeit, als Sie sich damit rühmten, Raub und Verbrechen mit aller Strenge zu bestrafen! – Ich dagegen, ich habe ihn gegen eine Handvoll Piaster der römischen Justiz ausgeliefert, die ihn seiner Strafe unterwerfen wird, ehe ein Monat vergeht. »Jetzt, wo ich Sie dem höchsten Grade der Verzweiflung überliefert sehe: jetzt, wo ganz Italien Ihren Namen verflucht oder Sie für vollkommen toll hält: jetzt, wo Sie weder Gattin noch Sohn mehr haben: jetzt, wo Ihnen nicht so viel bleibt, um für morgen Ihr tägliches Brot zu kaufen; jetzt endlich, wo für immer der improvisierte Graf von Monte Christo mit seinem ganzen Zauber zu Grunde geht, jetzt werden Sie erkennen, daß, wenn Gott Sie unmenschlich reich machte, dies nur geschah, damit Sie die Tugend belohnten, ebenso wie er mich mit der höchsten Kühnheit und Verwegenheit begabte, um das Verbrechen zu bestrafen. Wir sind beide nur die einfachen Werkzeuge der göttlichen Gerechtigkeit gewesen; unsere Aufgabe ist erfüllt, und wir sinken wieder in das Nichts zurück. »Die Familie Morel lebt glücklich, ebenso wie mehrere andere Personen, mit denen Sie Ihr Glück teilten; Sie aber, Sie enden in dem Elend, weil Sie den Stolz besaßen, sich für einen begeisterten Apostel zu halten. »Die Schuld ist bezahlt und die Hand des Toten kehrt zu ihrem Körper zurück! –« Indem Benedetto diese Worte sprach, öffnete er schnell ein kleines Kästchen, nahm darauf die vertrocknete Hand, die es enthielt, hervor, schwang sie heftig gegen Edmund Dantès Gesicht und rief: »Mensch, der Du durch das Uebermaß Deiner Leidenschaft verblendet warst – sei für immer verflucht!« Der Graf stieß einen Schrei der Verzweiflung aus. Benedetto und Rocca Priori waren verschwunden. Der Graf blieb einige Augenblicke stehen, das Gesicht in die Hände gedrückt; dann blickte er umher, und als er sich allein sah, schritt er der südlichen Bucht zu. Peppino und Benedetto beobachteten den Grafen von einem kleinen Felsen aus. »Gut,« sagte Benedetto, indem er sich zu Peppino wendete. »Jetzt ist alles zu Ende!« »Wieso das, Meister?« »Von jetzt an trennen sich unsere Wege. Jeder verfolge den, welcher ihm zusagt.« »Sie wollten sich von mir trennen?« »Wie Du sagst. Sobald Du mich nach Frankreich gebracht hast, übergebe ich Dir meine kleine Yacht. In dieser Brieftasche befindet sich eine Summe, die ich zu Deiner Verfügung stelle, und Du kannst gehen, wohin Du willst.« »Es ist gut; ich nehme das an,« sagte Peppino. »Seitdem ich bei Ihnen gewisse Regungen des Ehrgefühls erkannt habe, will ich Sie zu meinem Beispiel nehmen und gebe Ihnen die Versicherung, daß ich mich auf eine rechtliche Weise in Paris niederlassen werde. Wenn Sie zu irgend einer Zeit meiner Dienste bedürfen sollten, so würden Sie mich dazu stets bereit finden.« »Wir werden uns nie wiedersehen!« sagte Benedetto, indem er die Augen gen Himmel erhob und bedeutungsvoll lächelte. »Weshalb nicht?« »Denken Sie, die Erde hätte sich geöffnet, um mich zu verbergen. Ich werde verschwinden!« »Wenn ich nicht einige Ihrer originellen Einfälle kennte, so würde ich sagen, daß Sie träumen!« »Unsinniger! Und was ist denn das alles?« »Welches alles?« »Das Leben! Ist es nicht bloß ein Traum? – Vor noch nicht langer Zeit wiederholte die ganze Welt mit Enthusiasmus den Namen des berühmten Grafen von Monte Christo! Und wo ist er jetzt? Wo sind die Lobsprüche, die man ihm zollte? Wo sind seine ungeheuren Reichtümer und der Zauber, den er dadurch ausübte? Seine schöne griechische Geliebte? – Befrage diese Felsen, die Zeugen waren, wie er sich bereicherte, wie er sich durch die süßesten Illusionen berauschte! – Befrage den endlosen Raum, der uns umgibt, und alles wird Dir antworten: Traum, Wahnsinn, Raserei!« Peppino blieb einen Augenblick nachdenklich stehen, als überlegte er irgend etwas. Dann erhob er den Kopf und fragte mit einer gewissen Teilnahme: »Und der Sohn des Grafen? Ich hoffe, daß Sie die traurige Absicht aufgegeben haben werden, ihn zu ermorden.« »Beruhige Dich. Ich werde ihn einer gewissen Familie übergeben, die in Rom lebt. Sie wird sich des Kindes annehmen, indem sie das Geheimnis seiner Geburt achtet. – Laß uns gehen, Rocca Priori. Unsere Geschäfte auf dieser Insel sind beendigt.« Indem Benedetto dies sagte, stieg er, begleitet von Peppino, die Klippen nach der Nordseite hinab und ging an Bord seiner Yacht, »der Sturm«, die auf ihn wartete. * Vierzehn Tage nach den Ereignissen, die wir soeben erzählten, blieb ein Mann, der sorgfältig in einen dunkelfarbigen Mantel gehüllt war, unter dem er irgend etwas verbarg, was die Gestalt eines Kindes von drei bis höchstens vier Jahren zu haben schien, vor dem Eisengitter stehen, welches den Garten Morels, in der Nähe Roms, schloß. Es war Nacht. Der Mond ging soeben auf und beleuchtete mit zweifelhaftem Lichte die weiße Fassade des einfachen Gebäudes, in welchem man nur mit Mühe ein offenstehendes Fenster erkennen konnte. Nachdem der Mann in dem dunklen Mantel aufmerksam gelauscht hatte, ob er kein Geräusch von Schritten vernähme, und überzeugt, daß niemand ihn sähe, trat er zu dem Gitter, öffnete mit einem Schlüssel die Tür, schritt durch den Garten und blieb an der Treppe stehen. Hier nahm er den Mantel auseinander, streckte die Arme aus und legte auf die unterste Stufe der Treppe den Körper eines Kindes, welches in tiefem Schlafe zu liegen schien. Dann wieder zurückgehend, schloß er die Tür und zog heftig an der Glocke, deren Läuten weithin zu vernehmen war. Bei diesem Zeichen erschien Valentine an dem offenstehenden Fenster, während ein Diener, der hinausging, einen Schrei der Ueberraschung ausstieß und auf der Treppe stehen blieb. »Pietro,« fragte Valentine, »was ist geschehen?« »Jesus, Madame, es liegt hier auf der Treppe ein Kind!« Valentine verließ das Zimmer und ging hinab. »Wahrlich!« sagte sie. »Aber wer hat das arme Kind hierher legen können?« »Die Tür ist verschlossen,« sagte Pietro, der aus dem Garten zurückkehrte, »und ich habe auf dem ganzen Wege keine Seele bemerkt.« Valentine nahm das Kind auf ihre Arme, ging nach dem Salon und suchte Max auf. »Mein Freund,« sagte sie, »der Himmel schenkt uns zwei Kinder; hier ist der Gatte des kleinen Mädchens, das bei uns geboren wurde.« Sie erklärte Max mit wenigen Worten, was soeben vorgefallen war. Das Kind betrachtete neugierig seine Umgebungen und verbarg dann das Gesicht an dem Busen Valentines. »Laß uns sehen, was das Papier enthält, das hier an der Brust des Kindes steckt,« sagte Max. »Du hast recht!« rief Valentine, indem sie das Papier nahm, es öffnete und las: »Madame, Sie sind gut und mildtätig, deshalb übergebe ich Ihnen im Namen Gottes dieses Kind, welches Sie erziehen sollen, als ob es Ihr eigenes wäre. Das unschuldige Wesen ist eine Waise; seine Geburt rührt erst von dem heutigen Tage her und muß in Zukunft ein tiefes Geheimnis zwischen Gott und der Vergangenheit bleiben. Sein Name ist Edmund.« Das Papier trug keine Unterschrift. Tränen traten in die Augen Valentines, welche schwur, der unglücklichen Waise Mutter zu sein. Max vermochte es nicht, ihr bei dieser frommen Absicht Widerspruch entgegenzusetzen, und von diesem Augenblicke an ließen sie beide es ihre Sorge sein, die zwei unglücklichen Wesen, welche das Geschick ihnen anvertraut hatte, auf das beste zu erziehen; und die beiden Kinder wuchsen und gediehen unter Liebkosungen, wie die Lieblingsblumen in dem Garten der sanften und guten Valentine. * XIV. Letzte Nacht auf der Insel Monte Christo. Nach der letzten Unterredung zwischen Edmund Dantès und Benedetto hätte man glauben sollen, die Insel sei vollständig verödet geblieben. Eine kleine Barke, deren Furche andeutete, daß sie soeben eine der Buchten zwischen den Felsen verlassen hatte, steuerte in der Richtung gegen die französische Küste, während eine andere noch kleinere an der südlichen Küste vor Anker lag. Tiefes Schweigen herrschte auf den finsteren Gewässern. Die Insel begann mit der Abenddämmerung zu verschwinden, und man unterschied in der Ferne kaum noch die Gipfel der Felsen, welche von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergoldet wurden. Gleichwohl war die Insel nicht so verödet, wie es schien. Ein Mann ging mit langsamen abgemessenen Schritten zwischen den Felsen umher. Dieser Mann war Edmund Dantès. Er stieg in der Richtung einer jener Abgründe der Insel hinab, welche durch den Spalt zwischen zwei Felsen gebildet wurden, und sein Schritt war fest und sicher, ungeachtet der Finsternis, die ihn bereits umgab und die ohne Zweifel den Gang jedes anderen Menschen gehemmt haben würde. Es schien, als leuchte ein Stern ihm an den Abgründen vorüber, die er zu vermeiden wußte. In dem Maße, wie er tiefer niederstieg, senkte sein Kopf sich auf die Schulter, und seine Augen richteten sich zu dem dunklen Himmel empor, als wäre an demselben ein Bild zu sehen, das ihm antwortete. Einige Augenblicke darauf drang ein Lichtstrahl durch die Spalten der Felsen und fiel auf den Weg, den Edmund Dantès verfolgte. Er blieb plötzlich stehen, wie überrascht durch dieses Ereignis und blickte umher, gleich einem Menschen, der aus dem Schlafe, aus dem Traume erwacht. Verwundert, dieses Licht auf der Insel zu sehen, die er für menschenleer hielt, ging er darauf zu und erblickte etwa einen Flintenschuß weit von dem Ufer entfernt ein Feuer, an welchem drei Männer saßen. Edmund Dantès erinnerte sich jetzt, daß auf Befehl Benedettos ein kleines Boot zurückgeblieben war, um ihn zu erwarten und in der Tat brannte das Feuer in der Nähe des ihm bezeichneten Ortes. Eine halbe Stunde darauf, während welcher Edmund stehen blieb, gestützt gegen einen gewaltigen Granitblock, die Stirn in die Hände gepreßt und die drei Matrosen betrachtend, die ruhig miteinander zu plaudern schienen, standen sie auf und ließen das Feuer brennen, als ob es zu einem Signal dienen sollte, sprangen in einen Kahn und verschwanden. Edmund Dantès ging hierauf zu dem Ufer hinab, suchte einige trockene Kräuter zusammen, wand sie in seiner Hand, benetzte sie mit dem Wasser des Meeres und zündete sie an dem Feuer an. Dann durch das Licht dieser improvisierten Fackel gestützt, kehrte er aufs neue nach dem Innern der Insel zurück und stieg weiter hinab in den Abgrund. Nach kurzer Zeit gelangte er zu dem Fuße des höchsten Felsens, auf dessen Gipfel, der sich in den Wolken verlor, er einige Jahre zuvor seine gierigen Blicke gerichtet hatte, um ihn über die ungeheueren Schätze zu befragen, die nach der Versicherung des Abbé von Floria hier verborgen sein sollten. Edmund Dantès blieb stehen, erhob seine Fackel über den Kopf und blickte langsam rings umher, soweit die Strahlen seines flackernden Lichtes drangen. Dann heftete er seine Blicke auf einen Gegenstand, den er in einer geringen Entfernung erblickte, ließ den Arm, der die Fackel hielt, hinabgleiten, senkte den Kopf auf die Brust und murmelte: »Haydee!« Der Ausdruck, mit welchem Edmund diesen einfachen Namen sprach, war ein eigentümliches Gemisch der Liebe, des Schmerzes und der Reue, ein Ausdruck, der kaum für den verständlich ist, welcher nie gleich ihm plötzlich, gleich den Bildern eines Traumes, alles hatte verschwinden sehen, was ihm im Leben das teuerste war. Edmund vergoß indes nicht jene bitteren, aber erleichternden Tränen, wie sie ein unglücklicher Mensch vergießt und die für uns die Strenge des Schicksals zu mildern scheinen, von dem wir getroffen wurden; jene Tränen, wie wir sie vergießen, wenn wir, von dem Unglück getroffen, unser Herz zu uns sagen hören: »Du hast ein Gut verloren, aber die Welt umschließt noch so manches andere, welches Deiner wartet.« Wir weinen dann mit dem betrübenden Gedanken, daß das Wesen, welches wir aus dem Grunde unserer Seele liebten und das sich für immer von uns getrennt hat, seinen Anteil nicht an den Gütern nehmen kann, welche uns für die Zukunft verheißen werden. Edmund Dantès fühlte sozusagen sein Herz in einen eisernen Schraubstock gespannt; die Hoffnung auf die Zukunft konnte den Druck nicht mindern, und die Tränen vermochten ebensowenig den stechenden Schmerz zu lindern, der es zerriß. Hier erblickte er sich zum erstenmale arm und klein an Geist, wie alle Menschen, bei denen die Leidenschaft erlischt, welche sie wahnsinnig gemacht hatte, und die sie für das heilige Feuer des Genies hielten. Jetzt verdammte er bei sich selbst sein vergangenes Leben, das er darauf verwendet hatte, eine unerbittliche Rache zu verfolgen. »Haydee, Haydee!« rief er, indem er auf die Kniee neben einem entstellten Leichnam niedersank, dessen Gesicht mit schwarzem, gestocktem Blut bedeckt war. »Wollte Gott, ich hätte Dein Schicksal nie mit dem meinigen vereinigt! Du wärest dann nicht so bald aus dieser Welt geschieden, in der Du glücklich und ruhig leben mußtest. Verzeihe mir, Haydee! Verzeihe mir! Mercedes' Gatte konnte nicht Dein Mann sein! Das Herz, welches schon einmal in seinem Leben einer anderen so viel Liebe gewidmet hatte, als das Herz eines Mannes nur irgend zu umschließen vermag, konnte nicht für Dich das gleiche Gefühl empfinden, anders als einen Traum, der eines Tages enden mußte. Dieser Tag ist der heutige. Alles ist zu Ende und jetzt bleibt mir kaum noch die ewige Nacht der Reue und der Verzweiflung!« Bei diesen Worten ließ Edmund Dantès seinen Kopf auf die Brust herabsinken und streckte die Arme gegen den entstellten Leichnam aus, als wollte er ihn von dem Boden aufheben. »Haydee! Haydee!« rief er, indem er aufsprang und die Haare mit einer Bewegung der Verzweiflung zurückstrich. »Du bist tot! Deine Lippen werden sich nicht mehr auf die meinigen pressen. Ich kann hinfort nicht mehr das Feuer, welches sie verzehrte, in Deinen süßen Liebestränen löschen. Haydee, ungeachtet des innigen Gefühls, das uns vereinigte, ungeachtet meiner Größe, ungeachtet meiner Kenntnisse, die ich durch bittere und schmerzliche Nachtwachen errang, kenne ich nicht das Geheimnis, Dich in das Leben zurückzurufen. – Ich Elender, der ich bin! – Ja, ich bin ein Mensch, ich bin unwissend und arm, gleich denen, die sich für Weiser und für mächtiger halten, die aber dennoch ihre Stirn beugen und sich demütigen im Angesichte des Todes, weil sie ihn nicht zu besiegen vermögen. Elendes Geschlecht der Menschen, und um so stolzer, je elender es ist!« Ein Lächeln bitterer Geringschätzung umspielte die Lippen Edmunds, dessen finsteres, sinnendes Gesicht; beleuchtet durch die Flamme der Fackel, bald aus der Dunkelheit hervortrat, bald in derselben verschwand wie ein Phantom. »Gott ist mächtig,« fuhr er fort, von Reue ergriffen. »Ich habe gesündigt! Von dem Grund meiner Seele beklage ich die Irrtümer meines vergangenen Lebens! Ich war unerbittlich in meiner Rache, ich war grausam, unsinnig! – Ja, ich erkenne es, das Schwert Deiner göttlichen Gerechtigkeit hat in meiner Hand die Falschen getroffen! »Ach! und doch – die klagenden Seufzer meines Vaters, der verhungerte – diese Seufzer tönen wie ein Echo in meine Ohren und scheinen die traurigen monotonen Klänge seines Todeskampfes zu verlängern. »Ich hätte mich Deiner erinnern sollen, o Du gekreuzigter Jesus! Ich hätte in mein Gedächtnis die Worte des Friedens und der Barmherzigkeit zurückrufen sollen, welche Deinen Lippen mit Deinem letzten Seufzer entschlüpften, als Du an dem Kreuze starbst, und ich würde dann zu verzeihen gewußt haben! Ich hätte erkannt, daß mein armer Vater, den man Hungers sterben ließ, nicht sowohl wegen meiner langen Einkerkerung starb, als weil es seinem Stolze widerstrebte, ein Almosen aus der Hand unserer alten Freunde, der Morels, anzunehmen. Meine Rache hätte sich auf Villefort und Danglars beschränken sollen und zwar auf eine solche Weise, daß ich dabei ihre Familien schonte. »Danglars und Villefort, das sind meine beiden Mörder, das sind zwei Namen, die ich selbst heute noch nicht aussprechen kann, ohne daß meine Zähne vor Wut knirschen, daß meine Lippen vor Zorn schäumen. Ach, ich konnte sie nicht verwunden, ohne mich selbst zu verurteilen! Ich habe nicht erkannt, wie meine Gerechtigkeit hätte sein sollen, obgleich ich seit langen Jahren darauf sann! Verzeihung, o mein Gott, Verzeihung, dem schwachen und büßenden Menschen!« Edmund Dantès sank aufs neue auf die Knie und blieb einige Zeit so liegen, als wäre er in ein Gebet versunken, Dann stand er auf, nahm unter den rechten Arm die Leiche Haydees, faßte mit der Linken die Fackel und begann schweigend einen der gewundenen Fußpfade zu erklettern, die zwischen den Felsen hinaufführten. Der Weg, den er verfolgte, war einer jener zahlreichen Pfade, die zu der berühmten Grotte führen konnten und die absichtlich in die Felsen gehauen zu sein schienen, um die irre zu leiten, welche es in einer fernen Zeit vielleicht versuchten, den geheimen Ort zu entdecken, an welchem die Schätze des berühmten Kardinal Spada vergraben lagen. Eine Viertelstunde darauf gelangte Edmund Dantès, der mit festem Schritt in der Richtung nach der Grotte vorwärts gegangen war, zu dem Portale, dessen geschwärzte Säulen die dunkelrote und flackernde Flamme der Fackel zurückwarfen. Edmund trat in die Vorhalle, schritt die Marmortreppe hinab durch den ersten Saal, gelangte in den zweiten, richtete sich nach der Mauer zu der linken Seite und legte hier die Leiche auf den Boden. »Hier ist es,« murmelte er, indem er vor sich hinblickte. »Hier ist es, wo ich vor acht Jahren nach einer schweren Arbeit stehen blieb, um mit einem gierigfunkelnden Blicke den Boden zu befragen, der mir in seinen Eingeweiden die Schätze des Abbé von Floria zeigte! – Armer Greis, alle Galle, welche die Bosheit der Menschen in Deinen Busen geträufelt hatte, besudelte auch den meinigen und vermehrte die, welche er schon barg. »Was hätte ich damals dem geantwortet, der mir in eben dem Augenblicke, wo die Erde sich öffnete, gesagt hätte, daß ich acht Jahre später hierher zurückkehren würde, ebenso arm, wie ich damals war, doch nicht, um wieder einen Schatz zu suchen, sondern um alles, was mir von einem andern blieb, in den Schoß eben dieser Erde zu versenken? »Ich hätte ihm durch ein höhnisches Gelächter geantwortet und das Echo desselben würde auf eine entsetzliche Weise von diesen Mauern wiederholt worden sein.« Bei diesen Worten zerschlug Edmund Dantès mit einer Eisenstange, die er aus dem Fußgestelle gezogen hatte, eine der Bildsäulen und machte neben derselben ein Grab. »Ach!« seufzte er, indem er die Eisenstange von sich warf und mit den Händen über die Stirn fuhr, die in kaltem Schweiß gebadet war. »Der Erde,« sagte er mit finsterem Tone, »seien die traurigen Ueberreste eines Menschen anvertraut und sie möge sie für immer wahren, sobald alles für mich zu Ende ist: – Ja, ich erkenne Dich, Du Leiche, die Du ein Herz bargest, für welches das meinige der einzige Kompaß auf dieser Erde war. – Ja, das ist die Leiche meiner geliebten Haydee! – Sie ruhe hier für immer in diesem Grabe, das durch die Natur selbst gebildet und den Menschen unbekannt war.« Indem er diese Worte sprach, legte er die Leiche Haydees in die Grube und begann dann, sie mit Erde zu bedecken, die er mit den Händen zusammenraffte, bis die Höhlung gefüllt war. Darauf schleppte er mühsam einen gewaltigen Stein herbei, wälzte ihn auf die Erde und entfernte sich. »Alles ist vorbei!« seufzte er. »Der Graf von Monte Christo, der von den andern Menschen so sehr bewundert wurde, hat die letzte seiner Neigungen begraben; er, dessen Glück in der Welt so sehr beneidet wurde und das für ihn so bitter war. – Alles ist nur ein Traum gewesen und an dem Ende des bewegten Traumes, den ich hatte, erkenne ich, daß Edmund Dantès für immer aufgehört hat, zu leben, sobald ein verhängnisvoller Schlag seine Jugend, sein Glück und den innigen Frieden seines unbekannten Lebens traf.« Als er die Grotte verließ, beleuchtete die Morgenröte bereits mit einem glänzenden Scheine den ganzen östlichen Teil des Mittelländischen Meeres. Edmund Dantès schritt nach dem Gipfel des Felsens hinauf und betrachtete mit einer Art von Entzücken das prachtvolle Schauspiel, das sich zu seinen Füßen ausbreitete und dessen Ruhe auf eine eigentümliche Weise gegen die schmerzhafte Aufregung seines Innern abstach. Dann ging er zu der Bucht hinab und gab dem kleinen Boote, welches auf Befehl Benedettos seiner harrte, ein Zeichen. »Zu der Küste von Italien,« sagte Edmund, indem er sich mit scheinbarer Ruhe in das Boot setzte, welches sogleich seinen Lauf begann. * XV. Die Rückkehr zu dem Grabe. Nachdem Benedetto den Sohn des Edmund Dantès der Barmherzigkeit Valentines übergeben hatte, blieb ihm nichts mehr zu tun, als nach Frankreich zurückzukehren, um daselbst neben der Leiche seines Vaters die Hand wieder niederzulegen, welche er ein und ein halbes Jahr zuvor von dem Körper getrennt hatte, getrieben durch den tollen Einfall eines grausamen Entschlusses. Nachdem er seine Sendung erfüllt hatte, fühlte er, daß etwas Furchtbares nicht zögern würde, ihn zu ereilen. Er wußte sich indes keine Rechenschaft von dem eigentümlichen Gefühle zu geben, das ihn zu bedrücken anfing. Für den Augenblick schrak er jedoch nicht vor dem gefaßten Entschlusse zurück, nach Frankreich zu gehen, weil die Hand des Herrn von Villefort nicht auf der Erde verloren gehen durfte. Benedetto verließ Rom und kehrte nach Paris zurück, wo er sich von Peppino trennte, der, wie er sagte, einen Handel mit alten Kleidern anfangen wollte; denn das war der einzige Handel, für welchen er Neigung empfand. Der Sohn Villeforts durchschritt ruhig die Stadt und trat bei einem Notar ein, dessen Wohnung er noch von früherer Zeit kannte. Das strenge Gesicht Benedettos, seine Ruhe und zuversichtliche Weise zu sprechen flößten dem Manne, den er aufgesucht hatte, anfangs eine tiefe Sympathie ein. Eine halbe Stunde darauf war der Notar von dem in Kenntnis gesetzt, was von seinem Amte verlangt wurde. Benedetto ließ eine Schenkungsakte von beinahe zwölf Millionen Franks zu Gunsten Valentine Morels aufsetzen, welche in der Nähe Roms wohnte, unter der Bedingung, die Zinsen dieses Kapitals zu der Errichtung verschiedener Asyle für die Kindheit und das unglückliche Alter zu verwenden, sowohl in Italien als in Frankreich. Diese Schenkung sollte ihr durch den erwähnten Notar im Namen einer geheimen Wohltätigkeitsgesellschaft übergeben werden, als deren Bevollmächtigten Benedetto sich ausgab. Ein anderes Kapital von sechs Millionen Franks sollte auf demselben Wege zur Verfügung des Herrn Albert Mondego, wohnhaft in Marseille, gestellt werden im Namen eines ehemaligen Schuldners seines verstorbenen Vaters, des Grafen von Morcérf, welcher diese Schuld bezahlte, über welche kein gerichtliches Dokument bestand. Als diese Dispositionen in Gegenwart mehrerer Zeugen getroffen waren, verließ Benedetto den Notar und ging nach einem Wirtshause, wo er bis zum Anbruche der Dunkelheit blieb. Es war acht Uhr abends, als er ausging, gehüllt in den schwarzen Mantel, dessen er sich gewöhnlich bediente, um sich zu verkleiden. So ging er nach dem Kirchhof des Père Lachaise, an dessen Tor er pochte. »Wer da?« fragte eine Stimme, welche Benedetto wiederzuerkennen schien. »Ein Freund,« entgegnete er ruhig. »Ein Freund zu dieser Stunde an dem Tore eines Kirchhofs? Hm!« sagte der Diener indem er seinen mit einer Laterne versehenen Arm zu dem Fenster seiner Wachhütte hinausstreckte. »Willst Du etwa, daß ich Dein Feind sein soll?« fragte Benedetto mit derselben Ruhe. »Es kümmert mich wenig, ob Du ein Freund oder ein Feind bist. Bist Du ein Freund, so sage ich Dir, daß ich an die Freunde zu dieser Stunde nicht glaube. Bist Du ein Feind, so fürchte ich Dich nicht. Dieses Tor ist fest verschlossen, die Mauern sind hoch und überdies besitze ich hier zwei ausgezeichnete doppelläufige Gewehre, die im Falle der Not vier Kugeln schicken.« »Gut! Aber wenn ich Euch nun beweise, daß ich weder Euer Freund noch Euer Feind bin!« »Wie versteht Ihr das?« »Zum Beispiel diese wohlgefüllte Börse!« »Oho,« rief der Hüter, als er das Geld neben der Tür seines Postens klingen hörte, »das nenne ich sprechen. Nun, was verlangt Ihr denn? Man sollte meinen, Ihr wolltet nach Eurer Wohnung zurückkehren.« »So öffnet diese Tür.« Es entstand ein Augenblick des Schweigens. »Sagen Sie mir doch, mein Herr, wären Sie etwa ein gewisser Lord – ein Lord –« »Wilmore,« sagte Benedetto scheinbar gleichgiltig. »O, das ist sehr gut! In diesem Falle eile ich, Ihnen zu dienen, mein Herr. Ich habe Sie an Ihrer originellen Art erkannt, an die Tür eines Kirchhofs zu klopfen, wenn alle Welt sich davon entfernt. – So, so, Sie können eintreten.« Die Tür öffnete sich und Benedetto ging hinein. »Welchem der Gräber bestimmen Sie Ihren Besuch?« »Der Gruft, welche den Familien St. Méran und Villefort gehört.« »Ei,« brummte der Hüter vor sich hin, »sollte er etwa zufällig kommen, um den Skeletten ihre Schmuckgegenstände zurückzubringen? – Nein, dieser Schurke ist zu verschlagen – er kommt gewiß mit einer neuen Absicht: aber er kann überzeugt sein, daß er sich in den Rachen des Wolfes stürzt!« Einige Augenblicke daraus ging der Hüter, versehen mit einer Hacke und einer Laterne, vor Benedetto her, der auf das bezeichnete Gewölbe zuschritt. Benedetto blieb in einer gewissen Entfernung stehen, während jener die Erde wegschaufelte, um die Tür zu öffnen, eine Arbeit, die nicht lange währte. Der Hüter öffnete die Tür dieses Asyls der Toten, stellte seine Laterne daneben und entfernte sich, indem er Benedetto ein Zeichen gab, welches dieser sogleich verstand. Als Benedetto die Schritte des Hüters nicht mehr hörte, hob er die Laterne auf und ging langsam die Marmorstufen hinab, die in die Mitte der Leichen seiner Familie führten. Alles war noch ganz so, wie Benedetto es verlassen hatte, als er einige Zeit zuvor von hier fortging. Er öffnete ohne Schwierigkeit den Sarg seines Vaters, dessen Skelett noch mit den Resten des Leichentuchs umhüllt war, dem letzten Gewände des ehemaligen Prokurators von Paris, nach seinem Wunsche ähnlich der Kleidung, welche mehrere der durch ihn Verurteilten in ihrer letzten Stunde trugen. Der rechte Arm des Skeletts ruhte auf der Brust, der andere war längs der Seite ausgestreckt. Nachdem Benedetto längere Zeit das Skelett betrachtet hatte, in welchem der Tod sich in seinem ganzen Entsetzen zeigte, nahm er aus seiner Tasche ein Kästchen von schwarzem Holz, zog daraus die verdorrte Hand, die er bei sich bewahrte, hervor und legte sie auf die Brust des Leichnams. »Die Schuld ist getilgt, mein Vater, und Deine Hand, die solange gegen den Lebenden erhoben war, kann jetzt auf der Brust ruhen, deren Herz in dieser irdischen Welt soviel litt. Empfange in diesem Kusse den letzten Beweis der tiefen Ehrfurcht, welche Deine entsetzlichen Leiden mir eingeflößt haben! – Und nun scheide ich für immer!« Indem Benedetto diese Worte sprach, drückte er einen Kuß auf die Totenhand, schloß dann den Sarg, nahm die Laterne, stieg die Treppe hinauf, und da er die Türe geschlossen fand, versuchte er sie mit der linken Hand zu öffnen. Sie widerstand. Er setzte darauf seine Laterne weg und gebrauchte die rechte Hand und dann das Gewicht seines ganzen Körpers, allein die von außen geschlossene Tür wich den Anstrengungen Benedettos nicht! Einige Augenblicke war er wie vernichtet, ohne alle Gedanken und ohne zu fassen, was vorgefallen war; aber nach einer halben Stunde erwachte er aus diesem Zustande der Betäubung, in welchen ihn die Ueberraschung gestürzt hatte, und er konnte sich mit aller möglichen Geistesklarheit den Grund erklären, weshalb die Tür geschlossen war. Es genügte ihm dazu, sich der ersten Nacht zu erinnern, wo er hier eingedrungen war. »Ich bin der Entweihung des Grabes angeklagt und der Hüter hat mich der Justiz überliefert. »Vor einem und einem halben Jahre wurde dieses Grab prosaniert und bestohlen; ich entfloh, ohne die Habgier des Hüters zu befriedigen, und jetzt rächt er sich!« Benedetto, welcher daran gewöhnt war, gegen die Gefahr zu kämpfen, dachte nicht daran, die Unmöglichkeit zu besiegen. Er setzte sich daher auf die Stufen der Treppe, stützte den Kopf in die Hände und erwartete den Tag. – Die Nacht schien ihm ewig zu währen. In der Tat hörte er am nächsten Morgen die Schritte mehrerer Personen sich dem Grabgewölbe nähern. Die Tür öffnete sich und Benedetto erblickte vor sich die finsteren Gesichter von sechs Polizeisoldaten, welche den gezogenen Säbel in der Faust hielten. »Der Wille Gottes geschehe bis zum Ende!« murmelte er, indem er sich in die Mitte der Soldaten stellte. Der Hüter folgte ihnen bis zu dem Tore des Gottesackers, und als die Patrouille hinaus war, schloß er hinter ihr das Gitter, indem er mit spöttischer Stimme sagte: »Auf Wiedersehen, Lord Wilmore!« * XVI. Die Geduld des Lammes Gottes sei mit Dir. Wenn jemand daran dächte, die Kleinheit des Menschen mit der Anmaßung seiner kühnen Gedanken zu vergleichen, so wäre er groß wie Gott und vielleicht noch über denselben erhaben. Die Menschen denken und sagen laut, nachdem sie ihre mühseligen Berechnungen angestellt haben: das muß so sein, und sie erschrecken nicht über ihre Verwegenheit, obgleich sie bei allem und für alles sehr oft ihre zuverlässigsten Gründe durch den höheren Willen jener himmlischen Macht, die wir unter dem Namen Gott kennen, umgeworfen sehen. Nicht zufrieden mit der Vergangenheit und der Gegenwart, wollen sie auch noch Herren der Zukunft sein, jener Zukunft, bei welcher die meisten nur als Staub erscheinen, der sich auf den Stufen des Tempels anhäuft und dessen Altäre besudelt. Die Unsinnigen! Jene Zukunft, welche sie berechnen und mit Gewißheit vorhersagen, vernichtet sie ohne Barmherzigkeit unter der Gewalt des Lächerlichen. Die riesigen Gebäude, die sie in Gedanken aufführen, werden niedergeschmettert durch die Erhabenheit der Wahrheit Gottes, ebenso wie die festesten Denkmäler ihre kühnen Gipfel vor den vorüberschreitenden Jahrhunderten neigen. Was sie heiligen und anbeten, indem sie sich den Beinamen der Erleuchteten geben, erscheint profan, wenn es mit dem wahren Kultus Gottes verglichen wird. Das ist es, was ihnen mit ihren eigenen Gefühlen widerfährt, sowie mit dem Feuer, das sie beseelt, diese Gefühle zu heiligen, und welches oft nichts als die fluchenswerte Flamme einer unbegrenzten Leidenschaft ist. So hatte der Graf von Monte Christo die Rache heiligen wollen. Das war ein abscheulicher, alberner Wille, allen göttlichen und menschlichen Gesetzen widersprechend; aber alle diese Umstände konnten durch den Zufall nicht geschwächt werden, wenn der Busen, in welchem der Wille entstanden war, durch das Fieber eines verlängerten Deliriums bewegt wurde. Welcher Mensch ist vollkommen genug, um sich nicht durch seine eigenen Gedanken fortreißen zu lassen, sobald er sich ebenso mächtig sieht wie der Graf von Monte Christo? Welcher Mensch vermöchte sich selbst zu widerstehen und seine eigenen Gedanken zu verdammen, wenn er durch seinen Reichtum auf den Gipfel weltlicher Größe gelangt ist? Der Graf von Monte Christo tat, was jeder andere Mensch an seiner Stelle getan haben würde; er hörte daher nur durch seinen ungeheuren Reichtum und seine Leiden auf, ein gewöhnlicher Mensch zu sein! Seine Gesinnungen erhoben sich nicht über die regelmäßige Sphäre der andern Menschen, aber er war groß in der Unterwerfung, mit welcher er seine Reichtümer abtrat, groß auch in der Ergebung, mit der er sich der Gerechtigkeit Gottes unterwarf. Er befand sich jetzt in Rom, und ohne Zweifel würde kein Mensch ihn wiedererkennen, wenn er einen Mann sähe, dessen Gesicht niedergeschlagen war und der das demütige Gewand eines Büßenden trug, welcher barfuß und mit gesenktem Haupte nach dem wohlbekannten Gasthofe des Maestro Pastrini schritt. Er erreichte denselben in dem Augenblick, in welchem vor der Tür des Gebäudes ein Wagen hielt, aus dem zwei junge Damen stiegen, von denen die eine, noch jünger als ihre Gefährtin, Trauerkleider trug und den Kopf gegen den Boden gesenkt hatte, wie die Lilie, die der Sturm knickte, ihren hohen Stiel beugt. Als Edmund Dantès sie sah, verbarg er das Gesicht in die Hand, als wollte er nicht erkannt werden. Die ältere der beiden Damen aber, welche die demütige Gestalt unter der Tür des Gasthofes stehen sah, zog aus einer seidenen Börse ein kleines Silberstück und streckte ihre seine, mit einem weißen Glacéhandschuh bekleidete Hand aus, um das Geld in die Hand des falschen Bettlers zu drücken; dann folgte sie ihrer Freundin, die bereits einige Stufen erstiegen hatte. Edmund Dantès schien entzückt zu sein, indem er das Almosen betrachtete, das man ihm gegeben hatte; dann schüttelte er traurig den Kopf, küßte das Silberstück und Tränen rannen über sein bleiches Gesicht. »Ha,« murmelte er in sich hinein, »dies sei meine erste Handlung christlicher Demut. Ich küsse dieses Almosen, welches ohne Stolz, ohne Anmaßung gegeben wurde und selbst ohne daß ich darum gebeten hatte. O, möchtest Du dort oben im Himmel eine besondere Gnade von Gott empfangen zum Lohn für das wahre Mitleid, welches das ergebungsvolle Gesicht eines armen Sünders in Dir erweckte.« Kaum beendigte er diese Worte, als die geringschätzige und barsche Stimme Pastrinis ihn aus seinen Gedanken erweckte. »Holla, Bruder Bettler, die Geduld des Lammes Gottes sei mit Dir; geben kann ich Dir nichts.« Edmund Dantès erhob die Augen und sah auf der obersten Stufe der Treppe den wohlbekannten Gastwirt stehen, dessen Gesicht jenen gebieterischen und zugleich freundlichen Ausdruck hatte, mit welchem er die Bettler, die sich auf der Treppe aufhalten zu wollen schienen, fortzuschicken pflegte. »Ich wiederhole: Gott sei mit Dir; geben kann ich Dir nichts.« »Habe ich schon etwas von Ihnen verlangt?« fragte Edmund Dantès, indem er ihn fest ansah, dann aber voll Widerwillen die Augen abwendete. »Ich kann Dir nichts geben als die Ueberbleibsel von der table d'hote; aber dazu ist es noch zu früh, und außerdem übe ich meine Wohltaten schon an einer ziemlich großen Menge von Menschen!« »Ich habe Sie noch nicht darum gebeten!« »Ei, per Baccho! Das gebe ich wohl zu, aber dann belästige meine Gäste nicht: Deine Gegenwart ist ihnen im Wege; überdies ist mein Haus eines der ersten in Rom, und die Fremden kehren gewöhnlich hier ein, angezogen durch den europäischen Ruf, den ich mir erworben habe. Deshalb ist es nicht passend, daß die Herren sogleich das Elend erblicken, wenn sie hinaufgehen.« Ohne zu antworten, stieg Edmund Dantès trotz der Widersprüche Pastrinis langsam die Treppe hinaus. »Bruder, ich wiederhole die Versicherung, daß ich nicht das geringste Almosen geben kann. Geh, geh, und Gott sei mit Dir!« »Das Almosen, welches ich von Ihnen erbitte, besteht weder in etwas zu essen noch in Geld, sondern ganz einfach darin, mit Ihnen zu sprechen, Maestro Pastrini.« »Ei, bei dem Blute Christi! Das kommt mir sehr sonderbar vor. Ich begreife wohl, daß ein Hungriger etwas zu essen verlangt und daß ein Mensch mich um Geld bittet, um sich kleiden zu können; aber was ich nicht begreifen kann, ist, daß es einem Bettler, der sich beständig in einem dieser Fälle befindet, einfallen kann, mich um ein Gespräch zu bitten. Nun, laß hören, was verlangst Du?« Indem der gewissenhafte Maestro Pastrini dies sagte, betrachtete er mit der ganzen Verschlagenheit eines Italieners seines Standes, zugleich aber auch mit Teilnahme, das demütige und ernste Gesicht des Bettlers. Da dieser aber das Gesicht unter den Falten seiner Kapuze verborgen hatte, war es nicht möglich, die Züge desselben zu erkennen. »Sprechen, Bruder Bettler,« fuhr Pastrini fort, »also sprechen willst Du mit mir? Nun, was willst Du denn, daß ich Dir sagen soll? Bist Du etwa ein unbescheidener Neugieriger, der von mir Nachrichten über meine Gäste verlangt, mit der verborgenen Absicht, dann einige Messen von ihnen zu erbitten? So muß es wohl sein.« »Ich will Sie ganz einfach um Nachrichten von einigen Ihrer früheren Gäste ersuchen.« »Frühere! In diesem Falle – ja – ich verstehe Dich, Du willst sagen –« »Was wollen Sie sagen, daß ich sagen will?« Bei dieser Frage, die Edmund Dantès an ihn richtete, erkannte Maestro Pastrini, der zurückgehalten hatte, um von seinem Unbekannten einige bestimmtere Nachrichten über seine Absicht herauszulocken, mit einfältigem Staunen, daß hinter dem demütigen, aber dennoch imposanten Wesen des Bettlers irgend eine große Wahrheit verborgen sein mußte. Da aber Maestro Pastrini, wie wir bereits erwähnten, auf der obersten Stufe der Treppe stand, hatte er zu seiner Linken die Tür des kleinen Kabinetts, welches ihm zum Bureau diente, und wo er, wie wir im Laufe dieser Geschichte sahen, Peppino und Vampa zu empfangen pflegte. Er schloß die Tür auf, öffnete sie und gab dem Bettler ein geheimnisvolles Zeichen, daß er heraufkommen sollte. Edmund Dantès zögerte nicht und trat hinter Maestro Pastrini in das Kabinett ein. »Setze Dich, Bruder Bettler,« sagte der Italiener mit einem gewissen Anklang des Hohns, der Edmund Dantès nicht entging; »setze Dich und sprich!« Edmund blieb dem Maestro Pastrini gegenüber stehen, und dieser fuhr fort, ihn mit forschendem Blicke zu betrachten. »Maestro,« sagte er endlich, »ich habe dem letzten Augenblick eines mächtigen Menschen beigewohnt, und nachdem ich seine aufrichtige Beichte empfing, leistete ich ihm zur Ruhe seiner Seele ein feierliches Versprechen. Zu gleicher Zeit durch ihn mit der Belohnung einiger Personen beauftragt, die ihm während seiner glänzenden Laufbahn uneigennützig und eifrig Dienste leisteten, habe ich seit jenem Augenblicke rastlos mich bemüht, zu entdecken, wer diese Personen sind, um mein Versprechen erfüllen zu können.« »Gut,« sagte Pastrini; »aber wer ist denn dieser Mensch?« »Sagen Sie mir zuerst, wer es ist, dem Sie gute und gewissenhafte Dienste geleistet haben, und auf diese Weise werden wir zu demselben Resultate gelangen.« »Das ist richtig, obgleich ich so vielen Menschen Dienste leistete,« fügte der verschlagene Italiener mit dem Wesen der Gleichgiltigkeit hinzu, »Fürsten, Marquis, Grafen, einfachen Privatleuten, reichen Menschen und Menschen von mittelmäßigem Vermögen, und sogar Armen.« Edmund Dantès schwieg einen Augenblick und sagte dann: »Er gehört keiner von allen diesen Klassen an.« »Das ist abgeschmackt, Bruder Bettler! Dann war es niemand!« »Es war jemand.« »So nenne ihn!« »Das sagt mir nicht zu.« »Ei, aber per Baccho! machen wir ein Ende! – Ich verstehe Dich nicht, und wenn Deine Rede darauf hinausläuft, ein Almosen von mir zu erbitten, so kann ich es Dir nicht geben. Gott sei mit Dir!« »Ich meine Luigi Vampa!« sagte Edmund Dantes. »Vampa!« murmelte Pastrini: »ach ja, das ist wahr! Morgen ist der Tag seiner Hinrichtung: es ist der Vorabend des Karnevals. Man hat mir gesagt, es sei auf dem Platze del Popolo kein einziges Fenster mehr zu vermieten.« »Sie haben Luigi Vampa nicht gekannt und ihm keine Dienste geleistet, Maestro Pastrini?« fragte Edmund Dantès mit ernstem Tone. » Per la Madonna! « stammelte Pastrini. »Antworten Sie!« »Du sagtest mir aber, Bruder, daß Du den letzten Augenblicken eines Menschen beigewohnt hättest, und Vampa lebt noch.« »Ich sprach die Wahrheit – ich bezog mich auf seine letzten weltlichen Augenblicke: ich habe die Weihe noch nicht empfangen.« »Aber Du hoffst, sie zu erhalten? Du beginnst mit einer sehr demütigen Stellung!« »So muß man den Anfang damit machen, den Weg zu dem Himmel zu erklimmen!« »Dann also,« fuhr Pastrini fort, nachdem er einen Augenblick überlegt hatte, »gab Vampa Dir den Auftrag zur Belohnung – ich meine zu einem Geschenke –« »An einen Menschen, der ihm treu und uneigennützig Dienste geleistet hat.« »Ha, gewiß,« dachte Maestro Pastrini bei sich, »hat er sich der Warnung erinnert, die ich ihm an eben diesem Orte von dem Hause Thomson und French zukommen ließ. Es ist offenbar keine Gefahr dabei, mich zu erklären.« »Sind Sie dieser Mensch, Maestro Pastrini?« fragte Edmund Dantès. »Ich weiß es nicht.« »Wieso das?« »Ich will damit sagen, daß ich ihm wohl gedient haben konnte und dennoch nicht wüßte, es getan zu haben, das heißt, daß ich voll Teilnahme einem Menschen den Dienst leistete, ohne zu wissen, daß dieser Mensch Luigi Vampa war; denn der arme Teufel verkleidete sich oft auf eine solche Weise, daß er in den Theatern, in den Hotels und aus den öffentlichen Plätzen sich zeigte, ohne von irgend jemand erkannt zu werden. Er war gerade so, wie ein gewisser Graf von Monte Christo, ein verschlagener Schelm, ein verfluchter Zauberer, der durch eine gewisse Totenhand alles war, was er sein wollte, ausgenommen ein guter Christ, ungeachtet seines pomphaften Titels. Diese Sucht, Adelsbriefe an alle Art Leute zu verkaufen, ist etwas sehr Unmoralisches, Einfältiges, Gefährliches, und ich wage sogar zu sagen. Unanständiges, indem –« Diese Art der Auseinandersetzung des Gastwirts gefiel Edmund Dantès keineswegs, denn die Art und Weise, wie von ihm gesprochen wurde, machte auf ihn einen sehr unangenehmen Eindruck; indes gewann er durch die Schwatzhaftigkeit des Wirts doch die Zeit, seine Unruhe zu verbergen, und er unterbrach ihn, indem er sagte: »Was war denn dieser Graf von Monte Christo für eine Art von Mensch?« »O, man hat hier viel von ihm gesprochen, und ich bin keiner von denen, die am wenigsten dazu beitragen, ihm die Larve abzuziehen! Ich habe ihn sehr genau gekannt, und ich schwöre Dir, daß ich mich nicht mehr durch ihn täuschen lassen würde, wenn er zufälligerweise wieder seinen teuflischen Talisman in Tätigkeit setzte und sich aufs neue unter verschiedenen Gestalten zeigte. – Aber beschäftigen wir uns lieber mit dem, was Vampa betrifft.« »Im Gegenteil, da Sie von einem Menschen sprechen, den er mir ebenfalls genannt hat, so wünsche ich, daß Sie mir über denselben noch etwas mehr sagen.« »Bruder, ich kann Dich befriedigen.« »Sagen Sie mir besonders etwas von der Totenhand, deren Sie wie eine Art Reliquie erwähnten.« »Reliquie? Nein, ich sage vielmehr, daß sie ein teuflischer Talisman war. Es konnte nur die Hand eines verurteilten Verbrechers sein.« »Ja!« rief Edmund Dantès unwillkürlich. »Ha, Du kanntest sie schon? Nun wohl, es war also die Hand eines Verurteilten. Es gab einen geheimnisvollen Pakt, der in dem Grabe geschlossen war! Man hatte ein abscheuliches Geschenk gemacht, irgend ein höllisches Versprechen gegeben, was weiß ich! Die Tatsache ist, daß der Graf sich bald in ein Weib verwandelte, bald in einen jungen kranken Menschen, bald in eine Fliege, einen Vogel, aber sein Talisman wurde ihm gestohlen und er verfiel dadurch für immer dem Verderben. Es gab hier einen Menschen, der ebenfalls ein Franzose war und auch bei mir wohnte; dieser verfolgte seine Spur, um ihm irgend ein Zauberwort zuzuraunen und ihn dadurch vollends zu verderben. Der Mensch hatte ihm schon den verfluchten Talisman gestohlen und bewahrte denselben in einem kleinen schwarzen Kästchen, das er beständig bei sich trug. Vampa und ein gewisser Rocca Priori, dessen Genosse, haben diese Totenhand gesehen und ebenfalls auch ein gewisser Danglars.« »Danglars!« unterbrach ihn Edmund Dantès. »Und was ist aus diesem Menschen geworden?« »Man hat mir gesagt, er sei als Steuermann in dem Mittelländischen Meere gestorben.« »O, mein Gott!« murmelte der Graf, indem er den Kopf auf seine Brust sinken ließ. »Ganz gewiß,« fuhr Pastrini fort, »ist dieser Graf von Monte Christo jetzt in der Hölle, sonst würde er es nun mit den Behörden zu tun haben, denn in Frankreich ist er des abscheulichen Verbrechens angeklagt, Gräber erbrochen und Leichen profaniert zu haben. Der Verfluchte! Er spielte selbst mit dem Tode!« Es entstand eine lange Pause des Schweigens. »Was ist es nun mit dem Luigi Vampa?« nahm Pastrini wieder das Wort. »Es ist nicht nötig, weiter davon zu sprechen,« entgegnete Edmund Dantès. »Sie sind nicht der Mann, auf den er angespielt hat.« »Wie, ich bin es nicht?« »Nein.« »Aber – woher weißt Du das?« »Durch Sie selbst. Sie hätten mir sonst schon ein gewisses Zeichen gegeben –« »Ich weiß keine Zeichen zu geben,« erwiderte Pastrini, indem er gleichwohl allerhand Gesichter schnitt und die rechte Hand schloß, um sich damit über die Augen zu fahren, als wollte er sie reiben. Edmund Dantes verstand dieses Zeichen, aber er antwortete nicht darauf und begnügte sich, trübe zu lächeln. » Per Baccho! « rief Pastrini aus, »ich sagte es ja wohl, daß alle Deine Reden darauf hinauslaufen würden, um ein Almosen zu bitten. Geh, denn Deine Verschlagenheit langweilt mich. Ich kann Dir kein Almosen geben. Gott sei mit Dir!« Nachdem er mit dem Anschein großer Frömmigkeit diese Worte wiederholt hatte, wollte Pastrini mit der Hand den Bettler zu dem Kabinett hinausschieben, dessen Tür noch geöffnet stand, als eine neue Person ihn bei dieser Handlung unterbrach. Der Neuangekommene war ein Mann von mittlerer Größe, schon ziemlich bejahrt und sein strenges Gesicht flößte Vertrauen ein, obgleich seine Augen mit Blut unterlaufen waren, wie dies häufig bei denen der Fall ist, die sich durch ein heftiges und wildes Gefühl beherrschen lassen. »Was wollen Sie?« fragte Pastrini. »Ist das hier das Hotel London?« » Per la Madonna! Sie haben Augen und sehen das nicht? Es gibt kein zweites solches in Rom, wo die Gäste behandelt werden, wie sie es verdienen, und in dessen Zimmern schon sehr oft Fürsten, Marquis und Grafen geschlafen haben.« »Recht gut. Wollten Sie wohl die Güte haben, mir die Personen zu nennen, welche heute Ihre Gäste sind?« » Per Baccho! « rief Pastrini erschreckt, »sind Sie vielleicht ein Polizeiagent?« »Nein, ich bin bloß ein Reisender und suche jemand.« »Nennen Sie ihn.« »Das ist überflüssig. Vielleicht hat er den Namen nicht angegeben, unter welchem ich ihn suche, und in diesem Falle könnten Sie ihn verleugnen, ohne es zu wollen.« »Der, welchen Sie suchen, hat also viele Namen?« »Einige. Aber machen wir dem Geschwätz ein Ende. Ich kenne Sie, denn ich habe bereits das Vergnügen gehabt, bei Ihnen zu wohnen.« »In der Tat scheinen Sie mir nicht unbekannt zu sein, indes weiß ich doch wahrlich nicht zu sagen, wer Sie sind, denn es haben bei mir so viele Menschen gewohnt –« »Nun wohl, ich bin Bertuccio, der Intendant des Herrn Grafen von Monte Christo.« »Des Grafen von Monte Christo!« rief Pastrini, indem er Bertuccio starr ansah. »Ich habe mich auf der Straße mit seiner Exzellenz verfehlt und kam nach Rom, da ich überzeugt bin, dieselbe hier zu finden. Seine Exzellenz haben diese Stadt jederzeit geliebt.« »Herr Bertuccio, mein Haus, das erste seines Ranges in Rom, ist nicht ein Zufluchtsort für Zauberer oder Schelme!« »Das glaube ich gern; wenigstens habe ich, als ich mit meinem Herrn hier war, die Ordnung bemerkt, welche Sie in Ihrem Hause aufrecht zu erhalten verstehen, Maestro Pastrini.« »Ich will sagen, daß man gewiß in meinem Hause jetzt nicht mehr einen solchen Taugenichts finden würde, wie der Graf von Monte Christo ist!« »Elender!« rief Bertuccio, indem er einen Schritt zurücktrat, den Gastwirt mit flammenden Blicken maß und die Faust ballte. Edmund Dantès blieb regungslos stehen. »Ich wiederhole es Ihnen, Herr Bertuccio, suchen Sie, wo Sie wollen Ihren Hexenmeister, den Verfluchten, dessen Blick allein imstande wäre, dieses Haus in Brand zu stecken, um meine treue Christenseele anzuschwärzen.« »Elender!« sagte Bertuccio empört, »weißt Du, von wem Du sprichst?« »Ich weiß es, per la Madonna , und Sie können es jedem andern sagen, der Ihnen von Ihrem Grafen spricht, welcher gegenwärtig mit seiner griechischen Geliebten in der Hölle schmachtet!« »O mein Gott!« rief plötzlich zitternd der Bettler, als hätte man ihm einen glühenden Stahl in das Herz gebohrt. »Das unschuldigste Geschöpf, das tugendhafteste Weib! O mein Himmel! Alles, alles nur nicht diese Marter!« »Was höre ich – diese Stimme!« stammelte Bertuccio. »Was sagt er?« fragte seinerseits Pastrini. »Wahrhaftig, dieser arme Teufel von Bettelmönch ist toll.« Pastrini und Bertuccio hatten den Blick starr auf den Bettler gerichtet, dessen Gesicht aber noch immer durch seine Kapuze verborgen war. »Nun, nun,« fuhr Pastrini fort, »ich gewinne nichts dabei, wenn ich hier stehen bleibe und diese sinnlosen Worte anhöre. Signor Bertuccio, suchen Sie Ihren Grafen in den Gefängnissen oder in der Hölle; bei mir ist er nicht, und er müßte wahrhaftig sehr fein sein, sollte er zu mir kommen, ohne daß ich ihn erkennte oder maulschellierte.« »Signor Pastrini, ich will Sie lehren, wie Sie von einem Menschen, wie der Herr Graf von Monte Christo ist, zu sprechen haben!« Bei diesen Worten trat Bertuccio rasch gegen Pastrini vor, aber der Bettler warf sich zwischen beide und rief: »Friede! Im Namen des Himmels!« Pastrini stieß ein lautes Gelächter aus, sprang die Treppe hinauf und verschwand im Innern des Gebäudes. Als Bertuccio dies sah, ging er nach der Straße hinab, indem er mit besorgtem Blicke auf den Bettelmönch sah, der ihm etwa zwanzig Schritt voraus war. Bertuccio nahm sich vor, ihm zu folgen, um ihn anzureden, da besonders die Worte auf ihn einen Eindruck gemacht hatten, die er ausstieß, als die schöne Haydee geschmäht wurde. In der Tat näherte er sich ihm und folgte ihm Schritt für Schritt bis zu einem kleinen, ärmlichen Hause, das in einem entfernten Stadtteile lag. Hier angelangt, öffnete der Bettler die Tür und stieg die Treppe hinauf zu einem kleinen Zimmer, dessen geschwärzte und feuchte Wände, dessen mit Spinneweben überzogene Decke Ekel einflößten. Der Bettler hatte die Tür offen gelassen, als wüßte er, daß jemand ihm folgte, und als er in die Mitte des Zimmers trat, wendete er sich um und enthüllte sein Gesicht. Bertuccio, der ihm gefolgt war, sank vor ihm nieder auf die Knie und rief: »O mein Gebieter!« »Steh auf, Bertuccio,« sagte Edmund Dantès mit ruhiger und fester Stimme. »Die demütige Weise, mit der Du sonst zu dem Grafen von Monte Christo, Deinem Herrn und Deinem Freunde, sprachst, ist jetzt nicht mehr an der Stelle, wo Du mit einem Manne redest, der demütiger und ärmer ist als der unglückseligste Bettler.« »Was sagen Sie, Herr Graf? Was ist das für ein Verhängnis! Ich träume – ja, mich drückt ein furchtbarer Alp!« »Nein, Bertuccio, es ist die Wahrheit: alles übrige war nur ein Traum, ein oft fürchterlicher Alp, zuweilen aber auch durchwebt mit leider sehr flüchtigen Freuden!« »Mein Gott!« »Steh auf, Bertuccio,« fuhr Edmund Dantes fort, indem er ihn emporhob. »Mir ist wenigstens verliehen, daß ich Dich wiederfinde, und von allen denen, die während meiner Größe mit mir gelebt haben, wirst Du der einzige sein, der ruhig und glücklich bleibt. Gott hat es so gewollt! Du warst es, der den Sohn Villeforts aus dem Grabe zog, diese Natter, die durch Gott dazu bestimmt war, mich in das Herz zu stechen und meine ganze Existenz zu vergiften!« »Ich verstehe Sie nicht! Alles was ich sehe, alles was ich höre, erscheint mir vollkommen unglaublich! – Was ist Ihnen denn begegnet?« »Ich habe mich getäuscht, wie jeder andere Mensch, und noch mehr, denn ich war mächtiger als alle. Ja, ich habe mich getäuscht, und jetzt suche ich voll Ergebung die Reue! Möge Gott mir am Ende meines Märtyrertums verzeihen!« »Aber Ihre unschuldige Gattin?« »Haydee?« entgegnete Edmund Dantes. »Haydee? – Suche Sie in den Felsen von –« Er hielt inne. »Nein,« sagte er, »nein, niemand soll wissen, wo ich meinen Schatz verborgen habe! – Niemand soll ihre Ruhe stören, kein menschlicher Fuß ihre Asche profanieren. Haydee? – Bertuccio, Haydee ist im Himmel.« Bertuccio bedeckte sich das Gesicht mit den Händen und schluchzte. »Ach, Herr Graf,« sagte er, »ich, der ich Sie so mächtig, so groß, so edelherzig, so in Glück und Wonne schwebend, gesehen habe – jetzt Sie so demütig, so arm, so elend, das Herz von Galle erfüllt, zu sehen; – nein, und tausendmal nein, das ist nicht möglich!« »Größe, Edelmut, Wonne – mein ganzer Traum von ehedem, ging über Deine Lippen, Bertuccio! Größe und Edelmut findet man nur bei Gott! Wonne verschafft uns allein der Tod, denn bald sind wir bei Gott! Alles ist vorbei, Bertuccio. Von dem Grafen Monte Christo bleibt nichts übrig als eine Erinnerung, beschmutzt durch abgeschmackte Gedanken, und in der Zukunft wird von ihm nichts leben bleiben als ein Name, neben welchen Menschen die Worte schreiben: Stolz, Wahnsinn ! – Geh, Bertuccio, geh: Du kannst ruhig leben, denn wie Du weißt, liegt in der Bank von Paris ein Kapital, welches Dir gehört und welches Dir Unabhängigkeit verleiht.« »Ach, Herr Graf, ich kann nicht – das heißt – ich wage nicht, Ihnen einen Gedanken mitzuteilen, den ich gehabt habe; aber vernehmen Sie ihn dennoch: Dieses Kapital, von dem Sie sprechen, könnte Ihnen nützlich sein –« »Mein ganzer Reichtum besteht jetzt in der Geduld des Lammes Gottes! Einen andern verlange ich nicht – ich will Dein Geld nicht.« »Aber wollen Sie denn verhungern, Herr Graf?« »Bertuccio!« »Um Gottes willen, Herr Graf, gestatten Sie mir, Sie immer zu begleiten und Sie zu bedienen –« »Ich verlange Alleinsein – Einsamkeit.« »Die soll Ihnen werden! Ich werde Ihren Willen ehren, nur gestatten Sie mir, über Ihre Tage zu wachen.« »Wenn Gott will, daß sie sich verlängern, so geschehe sein Wille!« Bertuccio verließ von jetzt an seinen Herrn nicht mehr. Edmund Dantès hatte beschlossen, in Rom zu bleiben, bis er die Tonsur zugleich mit den ersten geistlichen Graden erlangen würde; dann hatte er die Absicht, nach Marseille zurückzukehren, um dort eine kleine Einsiedelei an dem Orte zu errichten, wo das Dorf der Katalonier gestanden hatte. »Nun wohl, Bertuccio,« sagte er, »ich willige ein, daß Du mich begleitest und über meine Tage wachst, bis ich nach Frankreich zurückkehre; aber Du wirst das verhängnisvolle Geheimnis bewahren, welches ich Dir niemals offenbarte, dessen Erfolg Du aber siehst,« fügte er hinzu, indem er gegen Bertuccio die Hände ausstreckte, welche dieser voll Ehrfurcht küssen wollte. »Nein, mein armer Bertuccio,« sagte er, »gib mir einfach Deine Hand, und wenn in Zukunft einer von uns höher ist, so bin ich es, doch nur wegen meiner größern Leiden und meiner Ergebung.« * XVII. Nach der Hinrichtung. In einem der Kapitel des Grafen von Monte Christo haben wir bereits ausführlich den Tag beschrieben und erläutert, welcher dem Karneval voranging und zu der Hinrichtung des zum Tode Verurteilten bestimmt war. Deshalb können wir uns jetzt die Wiederholung ersparen und den Leser weiter führen, der ohne Zweifel begierig sein wird, das Ende der verschiedenen Personen zu erfahren, die er seit langer Zeit vor Augen gehabt hat. Der Platz del Popolo zeigte, wie immer bei solchen Gelegenheiten, ein prachtvolles Bild der Bosheit und des Fanatismus, in dessen Mittelpunkt der Verurteilte das Ziel aller neugierigen Blicke, seinen letzten Seufzer unter dem letzten Fluche des Volkes aushauchte. Unter allen Fenstern, deren weite Flügel geöffnet und mit neugierigen Zuschauern besetzt waren, die sich hier befanden, um den Todeskampf des Verurteilten anzusehen, wie man in das Theater geht, um einen Schauspieler eine schwierige Rolle durchführen zu sehen; unter allen diesen Fenstern, sagen wir, war nur ein einziges, gleich den andern geöffnet, ohne Zuschauer. Es gehörte zu einem kleinen Zimmer, welches in dem zweiten Stockwerk lag und die Aussicht über den ganzen Platz gewährte. In diesem Zimmer befanden sich zwei Damen. In der einen derselben, die schwarzgekleidet, leichenblaß und wahrhaft schön war, erkannte man leicht die Gefährtin derjenigen, welche Edmund Dantès an der Tür des Gasthauses des Maestro Pastrini ein Almosen gereicht hatte. Diese Dame lag auf den Knien auf einem Kissen in der Mitte des Zimmers und konnte so das finstere Bild auf dem Platze del Popolo beobachten, ohne von außen gesehen zu werden. Ihr Blick, in welchem sich Angst und Teilnahme malten, hatte nicht einen Augenblick das verhängnisvolle Blutgerüst verlassen, auf welchem der Verurteilte und der Henker in dem widerlichen Drama auftraten, welches die menschliche Gesellschaft zu dem abgeschmackten Zwecke erfunden hat, das Volk in Furcht zu setzen und es von dem Verbrechen durch das Beispiel eines andern Verbrechens zurückzuschrecken. Als Luigi Vampa in der Mitte zahlreicher büßender Brüder auf der Mitte des Platzes erschien, sprach die Dame, die auf den Knien lag, mit leiser Stimme ein Gebet, um den allbarmherzigen Gott für die Seele des Verurteilten anzuflehen. Als Luigi Vampa niederkniete, erhob sie die Augen gen Himmel, denn sie hatte nicht die Kraft, den verhängnisvollen Streich anzusehen. Ihr Gebet wurde inbrünstiger, dringender, lauter, und in dem Augenblicke, als das verhängnisvolle Messer fiel, riefen die Lippen, welche bisher das Gebet gemurmelt hatten, Plötzlich laut die Worte: »Luigi, Luigi, alles ist vorbei!« Nach diesen Worten stand die Dame auf, blickte umher und sah ihre Freundin, die neben ihr stand. »Meine teure Freundin –« »Eugenie, Du leidest so sehr!« »Du täuschst Dich, Luise,« erwiderte Eugenie, indem sie zugleich lachte und weinte. »Ich leide nicht mehr – ich kann nicht mehr leiden – denn von jetzt an habe ich eine Sendung zu erfüllen. Ich muß das Brot für das arme Kind erwerben, welches der Sorge der guten Morels anvertraut ist. Solange die Erfüllung dieser Sendung dauert, glaube mir, Luise, werde ich die Kraft, die Tätigkeit und den Mut bewahren, alles zu vergessen, was mich verletzen könnte. Wir verlassen Italien, und das Theater Englands wird uns beistehen. Bis dahin, meine teure Freundin, vereinige Deine Gebete mit den meinigen und flehe zu Gott für die Seele dieses Unglücklichen, den ich aus tiefster Seele liebe, ohne die Kraft zu haben, dieses Gefühl zu besiegen! Dieses Unglücklichen, welcher der Vater meines armen kleinen Mädchens ist! Wollte Gott, daß das Verhängnis, welches seit einer gewissen Zeit auf mir zu lasten scheint, zu Ende sei, daß der Himmel auch mir den Irrtum verzeihe, den ich begangen habe! – Ach ja, er wird ihn mir verzeihen – denn die Arbeit der Künstlerin ist heilig und in den Augen Gottes tausendmal mehr wert als die Untätigkeit des Höflings! Luise – Luise, laß uns diese Arbeit verdoppeln, damit wir leben können! – Einstweilen aber laß uns Rom fliehen!« Nach diesen Worten wollten Luise und Eugenie das Zimmer verlassen, als sie sich, die Tür öffnend, plötzlich dem demütigen und trüben Gesichte eines schwarzen Büßers gegenüber erblickten. Es entstand ein Augenblick tiefen Schweigens, währenddessen Eugenie ebenso wie Luise einige Worte zu sprechen versuchten – aber die Stimme erstarb auf ihren Lippen. Der Büßer schien ebenso ergriffen zu sein wie die beiden Freundinnen. Endlich war es Luise, welche zuerst das Schweigen brach. »Guter Bruder,« sagte sie, »Ihr kommt ohne Zweifel, um für die Seele des Verurteilten zu betteln?« »Ich komme, um eine Pflicht zu erfüllen, die er mir auferlegt hat.« »Mein Gott,« rief Eugenie, »was wollen Sie? – Sprechen Sie!« »Ja, Madame, Sie sind es, die der Unglückliche mir bezeichnete.« »Wie! Er hat mich gesehen?« »Seine Blicke,« entgegnete der Büßer, »schienen durch diese Mauern zu dringen und Sie in dem letzten Augenblick seines Lebens zu betrachten. Er erriet, daß Sie hier wären: er sagte, daß ich Sie hier finden würde, und – in der Tat, Sie sind hier! –« »Ach, Luigi, Luigi!« rief Eugenie, indem sie die Augen zum Himmel erhob. »Was sind Mauern, was sind Entfernungen für zwei Herzen, die sich lieben! Finden sie nicht immer das Mittel, sich zu verständigen?« »Eugenie Danglars, Gott erbarme sich Ihrer!« »Ja, ja, beten Sie aus dem Grunde Ihres Herzens für mich, denn hinfort muß ich beten, muß ich arbeiten! Wenn ich bis zu dem heutigen Tage aus Neigung und Vergnügen gearbeitet habe, so muß es von heute an aus unbedingter Notwendigkeit geschehen! Gott möge mich unterstützen – Gott möge mir seinen Beistand verleihen! Er habe Mitleid mit meiner Tochter!« sagte sie mit leiser Stimme, indem sie den Kopf auf die Brust sinken ließ. »Bruder,« fragte Luise d'Armilly, welche dem schmerzhaften Auftritte sobald wie möglich ein Ende zu machen wünschte, »was ist es denn für eine Pflicht, die der Verurteilte Euch auferlegte?« »Bruder, sagte er zu mir,« entgegnete der Büßer, »ich sehe dort auf dem Platze ein offenes Fenster, auf dessen Balkon keine Zuschauer zu erblicken sind wie an allen andern; ich habe die Ahnung, daß dort in jenem Hause sich ein Weib befindet, die vielleicht für den Mann betet, der zugleich ihr Geliebter und ihr Henker war! Ich bin überzeugt, daß dieses Weib, welches groß, edel und voll Güte ist, dem Unglücklichen verzeihen wird, der auf der Stufe eines Blutgerüstes steht! Ja, sie muß dort sein, damit ihr großmütiges Gebet meine Seele in dem Augenblicke begleite, wo sie diesen so verbrecherischen und so von Leidenschaften erfüllten Körper verlassen wird! Geht also nach meiner Hinrichtung nach jenem Hause, Bruder: Ihr werdet dort eine Frau finden, welche Eugenie Danglars heißt. Sagt ihr von mir und übergebt ihr diesen Ring, den ich ihr in einem Augenblick der Raserei entriß, dessen Opfer wir beide geworden sind! Ich fürchte, es möchte jemand wagen, sich desselben zu bemächtigen, wenn mein Körper in den ewigen Schlaf versenkt worden ist! Ohne diese Furcht würde ich voll Leidenschaft den Ring selbst noch nach meinem Tode bewahren! Geht also zu ihr, mein Bruder – und indem er diese Worte sprach,« fügte der Büßer hinzu, »zog der Unglückliche von seinen Fingern einen goldenen Ring, preßte ihn mehrmals an die Lippen, bedeckte ihn mit glühenden Küssen und streckte mir dann die Hand entgegen, um mir den Ring zu übergeben. Darauf legte er seinen Kopf auf den verhängnisvollen Block! – Hier ist der Ring, Eugenie Danglars!« Der Büßer übergab hierauf Eugenie einen goldenen Ring, und sie empfing ihn, indem sie ihn mit frommer Andacht küßte. »Ja, ich erkenne ihn!« murmelte sie, kaum fähig, zu sprechen, denn ihre Tränen erstickten sie. »Ich habe also meine Sendung erfüllt,« murmelte der Büßer, indem er sein Gesicht senkte, das durch seine Kapuze verborgen wurde. »Eugenie Danglars, die Barmherzigkeit Gottes sei mit Ihnen, und glauben Sie mir, daß die ganze menschliche Weisheit darin besteht, aus tiefster Seele daran zu glauben, daß Gott unendlich barmherzig ist: daß der Mensch im höchsten Grade kühn und übermütig der unbegrenzten Gerechtigkeit seines erhabenen Schöpfers gegenübersteht!« Eugenie warf sich in Luises Arme, und der Büßer stieg langsam die Treppe hinab, indem er murmelte: »Die Geduld des Lammes Gottes sei mit mir!« »Luise, Luise!« rief Eugenie, indem sie aufs neue den Ring küßte, »hier berühren meine Lippen die des Mannes, der für mich alles vergessen hat! Ach, ein Tag wird kommen, an welchem mein unschuldiges Kind diesen Ring befragt, wenn ich ihm denselben auf meinem Totenbette als einzige Erbschaft seines Vaters übergebe! – Luigi, hier werden die Lippen Deiner Tochter zum erstenmale den Deinigen begegnen, und Du wirst stets an ihrer Seite sein!« »Eugenie,« sagte Luise sanft und indem sie ihre Freundin umarmte, »gib Dich doch nicht so ganz den Gedanken hin, die Dich niederbeugen! Alles ist zu Ende; sei erhaben über Dich selbst, und rechne auf die unendliche Barmherzigkeit Gottes!« »Laß uns gehen,« sagte Eugenie, »laß uns gehen! Gott wird über uns wachen, Gott wird mein armes Kind beschützen.« Mit diesen Worten gingen Eugenie und Luise die Treppe hinab, stiegen in einen kleinen Wagen, der ihrer wartete, und fuhren nach dem Hotel des Maestro Pastrini. Als der Karneval vorüber war, verließen sie Rom mit dem festen Entschlusse, nach London zu gehen, um sich dort bei dem lyrischen Theater engagieren zu lassen und ihre für einige Zeit unterbrochen gewesene Künstlerlaufbahn fortzusetzen. * XVIII. Der Büßer. Eugenie und Luise d'Armilly zogen sich nach dem Hotel des Maestro Pastrini zurück und erwarteten hier das Ende der letzten Tage des Karnevals, um Italien zu verlassen, denn während dieser drei Tage ist der Zufluß von Fremden nach Rom so groß, daß jedem, der die große Stadt verlassen will, schwer wird, besondere Wagen zu finden. Während das Publikum in wildem Taumel die Straßen durchzog, die zu den Orten führten, welche für die öffentlichen Spiele bestimmt waren, entwarfen die beiden Freundinnen miteinander das neue Programm ihres Künstlerlebens. Eugenie lag jetzt die heilige Pflicht ob, das künftige Brot ihrer Tochter zu gewinnen, und Luise, die stets gut und fügsam, stets eine aufrichtige und uneigennützige Freundin war, erfüllte die nicht minder heilige Pflicht, die, deren Geschick mit dem ihrigen so innig verknüpft war, bei ihren angestrengten Arbeiten zu unterstützen. Mitten unter den schmeichelhaftesten Hoffnungen bedrückte indes eine schmerzhafte Erinnerung den Busen Eugenies. Unwillkürliche Tränen bezeugten, wie sehr dieses Gefühl sie beherrschte, und Luise strebte vergebens, ihr einige Worte des Trostes zu sagen. Es gibt so tiefe Schmerzen, daß niemand sie zu mildern vermag, niemand – nur die Zeit allein – und oft verrinnt sogar die Zeit vergebens. Die letzte Stunde des Geschöpfes kommt, und es stirbt mit demselben innigen tiefen Gefühle. Während dieser Augenblicke des Sterbens oder der Todesqual finden wir zuweilen ein unaussprechliches Vergnügen an dem Schmerze selbst! Wenn man uns zerstreuen will, so regen wir uns selbst durch die alltäglichen Worte auf: »Sogar die Gegenwart unseres besten Freundes ist uns verhaßt!« – Und wir suchen dann die Einsamkeit auf, in welcher wir im Schatten und Schweigen das Bild des geliebten Wesens finden, das uns für immer entfloh. Unglücklich der, welchen die Reue begleitet! Er wird in der Welt niemand finden, der ihn mit jener religiösen Stille zu umgeben vermag, die uns dann so sehr gefällt! Deshalb flüchtete Eugenie sich zuweilen allein nach ihrem Zimmer, in welches kaum ein Strahl des Lichts durch die Ritzen des fest verschlossenen Fenstervorhanges drang. Dort ließ sie in diesem einzelnen Lichtstrahl den goldenen Ring blitzen, den der Büßer ihr in dem Auftrage des verurteilten Vampa übergeben hatte. Dort schien Eugenie sich mit diesem Unglücklichen zu unterhalten und betete zu dem Ewigen, ihr die Gnade zu gewähren, daß ihre Seele mit der seinigen in der Ewigkeit verbunden werden könnte. Luise wagte es nicht, sie zu unterbrechen; sie kniete vor dem Bilde der heiligen Jungfrau nieder und begleitete im Geiste ihre Freundin auf der Pilgerfahrt, auf welcher sie mit unsichtbaren Geistern zu verkehren schien. * Schon hatten die langsamen dumpfen Schläge der Glocken mit majestätischem Klange den Beginn der heiligen Woche verkündet. Nachdem die beiden Freundinnen ihre Rechnungen durch den gewissenhaften Maestro Pastrini hatten ordnen lassen, trafen sie Anstalt, Italien zu verlassen, als die Tür ihres Gemachs sich öffnete und sie vor sich das Gesicht eben jenen Büßers erblickten, dem Luise ein Almosen gegeben hatte und der am Tage der Hinrichtung Vampas Eugenie den Ring überbrachte. Der Büßer hatte die Kapuze seiner Kutte aus das Gesicht herabgezogen und die Hände in den weiten Aermeln verborgen. Eugenie und Luise sahen einander gegenseitig an, als wollten sie sich um die Ursache dieser Erscheinung befragen, aber der Büßer nahm zuerst das Wort und sagte: »Meine Damen, ich komme, um eine Pflicht zu erfüllen, die ich für heilig halte: – ich komme, um einer Tochter den Segen ihrer Mutter zu überbringen.« »Mein Gott!« murmelte Eugenie. »Erklärt Euch, mein Bruder,« sagte Luise. »Eugenie Danglars,« entgegnete der Büßer nach einem Augenblick des Zögerns, »Du willst Italien verlassen, ohne Wenigstens den Versuch zu machen, den Segen derjenigen zu empfangen, die Dir das Leben gab!« »Guter Bruder,« sagte Luise, »Eure Worte sind ernst, indes habt Ihr einen Namen ausgesprochen, den in Rom niemand kennt. Seid Ihr derselbe, der uns an dem Tage der verhängnisvollen Hinrichtung aufsuchte?« »Ja.« »So kommt Ihr also mit einer neuen Sendung beauftragt?« »Ja.« »Und was ist das für ein Auftrag?« »Luise d'Armilly,« erwiderte der Büßer, indem er sich ihnen näherte, »es ist gut, daß Ihre Freundin den Segen ihrer armen Mutter aus Italien mit sich hinwegnehme.« »Ja, ja!« rief Eugenie, indem sie ihn unterbrach und die Hände faltete. »Wo ist sie? Ich muß –« »Die Gnade des Herrn erleuchte Dich, meine Tochter,« erwiderte der Büßer. »Möchte sie auch mich nicht auf dem Wege der Buße verlassen, den ich betreten habe!« »O mein Gott,« flüsterte Luise, indem sie einen forschenden Blick auf den Büßer warf, »diese Stimme – wo habe ich sie schon gehört?« »Kommt, guter Bruder,« sagte Eugenie, indem sie niederkniete. »Kommt, und da ich den Segen meiner Mutter nicht von ihrer eigenen Hand empfangen kann, segnet Ihr mich in ihrem Namen, denn sie hat Euch großmütig damit beauftragt, dies zu tun.« »Ja, meine Tochter,« sagte der Büßer, »ich komme zu Dir, beauftragt von ihr, Dir ihren Segen zu bringen, und ich segne Dich in ihrem Namen und in dem Namen Gottes.« Bei diesen Worten streckte der Büßer seine beiden Hände über den Kopf Eugenies, und Luise kniete an der Seite ihrer Freundin, als wollte auch sie ihren Teil von dem Segen empfangen. »Das Weib, welches die Leidenschaften dieser Welt ergriffen hatten,« fuhr der Mönch fort, »Frau von Servières und von Meran, Baronin Danglars, lebt jetzt demütig und ergebungsvoll unter dem Gewande der frommen barmherzigen Schwestern.« »Was sagt Ihr?« rief Eugenie, indem sie aufsprang. »Höre mich an, Eugenie Danglars, und versuche nicht, mit der weltlichen Eitelkeit, die noch in Dir vorwaltet, das Geschick Deiner Mutter zu ändern.« »O arme Mutter! Meine arme Mutter!« rief sie, indem sie die Hände rang; »was sagt Ihr? Wo ist meine Mutter?« »Nachdem sie hier in Rom in die fromme Schwesterschaft des heiligen Lazarus eingetreten ist, wird sie binnen kurzer Zeit nach Frankreich gehen, wo sie ihre Tage zu beendigen wünscht. Bete für sie, Eugenie, bete für sie und folge Du Deinem Geschick. Das Verhängnis hat auf Deiner Familie gelastet, und Du bist die einzige, welche noch eine heitere Zukunft vor sich erblicken kann, denn Du bist die mindest Strafbare gewesen. Deine Eltern haben die Strafe ihrer Irrtümer gelitten! Dein Vater ist für immer in dem unbekannten Stande verschwunden, aus dem er sich durch Intrigen erhoben hatte; Deine Mutter, von der Höhe ihres Stolzes herabgestürzt, gezwungen, auf ihre Eitelkeit zu verzichten, seufzt über ihre vergangenen Irrtümer unter dem demütigen Gewande, das sie zu ihrer Buße angelegt hat. Lebe wohl, Eugenie. Hast Du Feinde, so verzeihe ihnen von Grund Deiner Seele und verfolge Deinen Weg!« »Mein Gott!« flüsterte Luise, ohne den Blick von dem majestätischen und strengen Gesicht des Büßers abzuwenden. »Ich habe diesen Menschen schon irgendwo gekannt! Es scheint mir, als hätte ich schon öfters diese wohlklingende Stimme gehört, die bis in die Tiefe unserer Seele dringt!« »Gott möge auch mir verzeihen!« fuhr der Büßer fort. »Ich erkenne seine unfehlbare Gerechtigkeit!« »Guter Bruder,« sagte Luise, »da Ihr die Sendung vollbracht habt, wegen welcher Ihr uns aufsuchtet, gestattet mir, einige Fragen an Euch zu richten.« »Sprich!« »Habt Ihr vielleicht die Beichte der Frau von Servières empfangen?« »Nein, denn ich bin ein zu großer Sünder, um die Beichte irgend eines andern empfangen zu können! Ich bin zu schwachen Geistes, um Gott zu vertreten.« »Wie konntet Ihr aber dann von der Familie Danglars so sprechen, wie Ihr es tatet? Ihr habt ohne Zweifel ehemals diese Familie gekannt?« »Ja, Luise d'Armilly, zu der Zeit, wo Du Deiner Freundin Unterricht in der Musik erteiltest: zu der Zeit, zu welcher in der Familie Danglars der Mann erschien, der ihr seinen Zauber raubte und ihren Ruf herabdrückte. Der Mann, der eine unbeschränkte Macht über den Baron Danglars ausübte.« »Der Graf von Monte Christo?« »Ja; ein Tor! ein Uebermütiger!« fuhr der Büßer mit ruhiger Stimme fort, »ein Elender, der sich von Gott erleuchtet wähnte, während er nur durch das heftige Feuer einer einzigen Leidenschaft, der Rachgier, belebt wurde! Ein Wahnsinniger, der vorgab, dieses Gefühl zu heiligen, ohne sich daran zu erinnern, daß alle göttlichen und menschlichen Gesetze es verdammen! Ein Ehrgeiziger, der gegen alle diese Gesetze kämpfen wollte und der zu seinem eigenen Gebrauche ein neues Gesetz der Rache zu erlassen meinte, das Gott annehmen sollte, um durch dasselbe die Menschen zu vernichten.« »Was sagt Ihr?« rief Luise aufgeregt. »Weshalb sprecht Ihr so von einem Manne, dessen Namen niemand nennt, ohne von tiefer Achtung durchdrungen zu sein?« »Du verwechselst Achtung mit Furcht, Luise d'Armilly, oder mit dem Staunen, welches die Reichtümer des Grafen von Monte Christo hervorriefen! Aber Achtung! Nein! niemand achtete den Grafen von Monte Christo; man bewunderte nur seine Schätze. Glaube mir, Luise, der Graf war ein schwacher und eitler Mensch wie alle andern Menschen. Seine vorgebliche Größe und die Erhabenheit seines Geistes bestanden nur dem Namen nach; er besaß sie damals in geringerem Grade als jetzt!« »Mein Gott, wer seid Ihr denn? Welchen Grund habt Ihr, um ihn zu verdammen?« »Ich verdamme ihn, weil ich aus einem langen Schlafe erwacht bin, aus einem Traume, währenddessen ich mich den andern Menschen überlegen wähnte! Ich verdamme ihn, weil ich endlich das Schwert der Gerechtigkeit Gottes sich auf das stolze Haupt niedersenken sah, das durch den Wahnsinn ergriffen war! Ich verdamme ihn, Luise, weil er sich selbst verdammt! Ach, wenn Du das fortwährende Verhängnis berechnen könntest, welches begonnen hat, ihn niederzudrücken, wenn Du wüßtest, daß ein niederer, unbekannter Mensch, ein Unwissender, es vermocht hat, die Größe des Grafen von Monte Christo zu vernichten, indem er ihm den Busen mit spitzen Nadeln durchbohrte; wenn Du gesehen hättest, wie er in einem Augenblicke von dem Reichtum zu dem Elend herabsank, von dem Stolz zur Demut, von dem Glück zur Verzweiflung, ja dann, Luise, dann würdest Du ebenso wie ich es tue, glauben, daß der Graf von Monte Christo von Gott gezüchtigt wurde!« Es entstand ein Augenblick tiefen Schweigens, währenddessen der Büßer regungslos stehen blieb. Luise verbarg das Gesicht in die Hände und schien nachzusinnen, während Eugenie, neben einem Tische sitzend, die Stirn in die Hand gelegt, ihren Tränen freien Lauf ließ. Ein Diener des Hotels klopfte an die Tür und meldete, daß der Wagen, der die beiden Damen fahren sollte, bereit sei. »Meine Freundin,« sagte Luise, indem sie sich Eugenie näherte, »hast Du es gehört?« »Ja,« erwiderte diese maschinenmäßig und indem sie aufstand: »ich bin bereit. Latz uns gehen!« »Eugenie, Eugenie,« rief plötzlich der Büßer, indem er niederkniete, »verzeihe mir! Ich bedarf auch Deiner Verzeihung!« »Ihr! Ihr bedürft meiner Verzeihung? Wodurch habt Ihr mich beleidigt? Wer seid Ihr denn?« Bei der Heftigkeit, mit welcher der Büßer niedergekniet war, hatte seine Kapuze sich auf die Schulter zurückgeworfen und sein Gesicht zeigte sich so offen den Blicken der beiden Freundinnen. »Himmel!« rief Eugenie. »Der Graf von Monte Christo!« stammelte Luise. »Still! Still, Luise!« sagte Edmund Dantès. »Sprich nie diesen Namen hier aus, denn der, welcher ihn trug, ist nicht mehr, was er war! – Du siehst es wohl – das ist alles, was von ihm blieb! – Ach, Eugenie, gewähre mir Deine Verzeihung?« »Stehen Sie auf, mein Herr! Wodurch können Sie mich beleidigt haben, damit ich Ihnen verzeihe! Ha, ich kann nicht an das glauben, was ich sehe! Es ist ein Traum! – Luise, Luise, laß uns gehen!« »Nein,« rief Edmund Dantès, indem er sie zurückhielt, »Du wachst und Du wirst nicht weggehen, ohne mir um der Liebe Gottes willen verziehen zu haben! – Ich bedarf Deiner Verzeihung! – Verzeihe mir, denn ich habe Dich gekränkt!« »Aber worin? Womit? Sprechen Sie!« »Ehre das Geheimnis und erwecke nicht bittere Erinnerungen an die Vergangenheit in einem Herzen, welches ohnehin schon durch das Märtyrertum so zerrissen ist! Eugenie, Gott züchtigt mich, aber dennoch hoffe ich von Grund meiner Seele, in meiner letzten Stunde seine Verzeihung zu erlangen. Verzeihe auch Du mir, wie er mir verzeihen wird; das Gewicht meiner Leiden wird dann erleichtert, und Du, die Du ebenfalls leidest, Du die Du auch erfahren hast, was Martern sind, was Verzweiflung und Verhängnis ist – verzeihe mir! Verzeihe mir!« »Ja, wenn Sie es wollen, verzeihe ich Ihnen, sollten Sie mich wirklich beleidigt haben,« sagte Eugenie, indem sie ihm die Hand reichte, die er fromm an seine Lippen preßte. »Jetzt kannst Du gehen, Eugenie,« sagte er, »und aus meinem demütigen Asyl werde ich zu Gott aus dem Grunde meiner zerrissenen Seele flehen, daß er Dich beschütze, wie ich für die Seele Haydees und für das Glück meines armen Sohnes bete. – Ach, das alles ist zu Ende,« fügte Edmund Dantes hinzu, indem er sich mit dem bitteren Gefühle eines Mannes erhob, der die höchsten Todesqualen empfindet und der sieht, daß für ihn alles vorbei ist.« »Mein Herr,« sagte Luise, indem sie sich ihm näherte, »wenn Ihre Worte nicht die Wirkung des Wahnsinns sind, so enthüllen Sie mir ein so großes Unglück, daß mein Herz dadurch zerrissen wird. Glauben Sie indes, daß Eugenie und ich ein lebhaftes Vergnügen empfinden würden, könnten wir Ihnen nützlich sein.« Ein bitteres Lächeln überflog die verzerrten Lippen Edmunds. »Gehen Sie,« murmelte er, »und das Glück begleite Siel Mir genügt die Geduld des Lammes Gottes! Gehen Sie, gehen Sie, meine Damen!« Bei diesen Worten schlug er seine Kapuze wieder über das Gesicht herab und entfernte sich langsam von den beiden Freundinnen, die einige Augenblicke stehen blieben, ohne die Augen von dem strengen und ergebungsvollen Gesichte des Mannes abwenden zu können, der langsam in dem Korridor des Hotels dahinschritt. Eine zweite Mahnung des Postillons entriß sie ihren Gedanken, und nachdem sie die Treppe hinabgegangen waren, stiegen sie schnell in den Reisewagen, der ihrer wartete. * XIX. Die Schwester des heiligen Lazarus. Nach den unerwarteten Ereignissen, welche die künstlerische Laufbahn Eugenies und Luise d'Armilly unterbrochen hatten, wie wir dies dem Leser mitteilten, standen sie im Begriff, dieselbe wieder zu beginnen, indes weit entfernt von dem Schauplatz ihrer Abenteuer. Die schöne Stadt Rom, in welcher die beiden Freundinnen sich so oft einen dauernden Aufenthalt gewünscht hatten, konnte ihnen in der Tat nur noch sehr traurige Erinnerungen bieten, die sich an die beiden Hauptaugenblicke ihrer künstlerischen Laufbahn hefteten. Nachdem Edmund Dantès den Wagen hatte abfahren sehen, schritt er traurig und nachdenklich die Straße hinab und ging mit großen Schritten seiner neuen Wohnung zu, die er geräuschlos betrat. Es ist notwendig, dem Leser den Anblick zu beschreiben, den damals diese einfache und ärmliche Wohnung gewährte. Zunächst müssen wir erwähnen, daß Bertuccio, der seinen Herrn, den Grafen von Monte Christo, wiedergefunden hatte, durch den Anblick der veränderten Lage des, selben eine so gewaltige Erschütterung empfing, daß er wenige Tage darauf von einer sehr schmerzhaften Krankheit ergriffen wurde, die ihn nicht wieder verließ. Bertuccio war zu weit davon entfernt, zu glauben, daß seinem Gebieter, den edlen Grafen von Monte Christo, das geringste Mißgeschick getroffen haben könnte, um eine Ahnung davon zu haben, wie er ihn in dem Hotel des Maestro Pastrini wiederfinden sollte; seine Nerven wurden daher durch das Unerwartete im höchsten Grade erschüttert. Der arme Haushofmeister lag am Boden auf einer elenden Strohmatratze und bedeckt mit einer leichten wollenen Decke; neben ihm stand eine Frau von mittlerem Alter, mit edlem Gesicht, offenen Zügen und in dem Gewande der barmherzigen Schwestern. Sobald Bertuccio krank geworden war, hatte Edmund Dantès die Pflege einer jener heiligen und großmütigen Krankenwärterinnen erbeten, und diese, welche erst seit kurzer Zeit in den Orden eingetreten, wurde zur Wartung des Kranken bestimmt. Als Edmund Dantès das Zimmer betrat, lag Bertuccio in einem unruhigen Schlafe, und seine Seufzer erfüllten das mattbeleuchtete Gemach mit unheimlichen Klängen. Die barmherzige Schwester hatte den Arm auf das Kopfkissen des Kranken gestützt, das Gesicht in die Hand gedrückt, und man bemerkte an dem schwachen, aber häufigen Schluchzen, welches die Seufzer des Kranken begleitete, daß sie weinte. Edmund Dantès blieb auf der Schwelle der Tür stehen, und ergebungsvoll und schweigend die Hände gegen die Brust gepreßt, als wollte er die Schläge seines Herzens hemmen, betrachtete er das Bild, welches sich seinen Blicken bot; dann trat er einige Schritte näher und sagte mit leiser Stimme: »Ehrwürdige Frau, Eugenie ist fort; Euer Segen begleite sie; Ihr dürft daher ruhig sein.« »Ach,« murmelte die barmherzige Schwester, indem sie den Kopf erhob und den Arm, der denselben gestützt hatte, sinken ließ; »die Barmherzigkeit Gottes sei mit Dir!« Es entstand eine Pause des Schweigens. Edmund richtete den Blick auf den Körper Bertuccios und schüttelte den Kopf mit dem Ausdrucke des Zweifels. »Guter Bruder,« sagte die barmherzige Schwester, »da Ihr versprochen habt, zu dem Herrn für mich zu beten, hoffe ich, daß Ihr es nicht vergessen werdet, denn ich bedarf sehr der Gebete.« »Ja, ehrwürdige Frau,« erwiderte Edmund Dantès, dessen Gesicht ganz in die Falten der Kapuze seines wollenen Gewandes verborgen war. »Ich war ein großer Sünder und kann daher nicht glauben, daß meine Gebete durch Gott erhört werden; indes will ich mich stets in den Augenblicken meiner Sammlung Eurer erinnern. Inzwischen will ich Euch noch einen Dienst leisten, gleich dem, den Ihr bereits von mir empfingt.« »Was sagt Ihr?« »Ich habe Euren Segen Eurer Tochter überbracht – ich könnte es auch so einrichten, daß Ihr Euren einzigen Sohn zu segnen vermöchtet!« »Mein Gott, mein Gott, was sagt Ihr?« rief sie, indem sie sich erhob. Edmund Dantès blieb regungslos. »Ja, ehrwürdige Frau,« sagte er, »nie senkte Euer mütterlicher Segen sich auf dies verfluchte Haupt. – Vielleicht hatte der Unglückliche eben dadurch verderbliche Gedanken! Indes jetzt müßt Ihr von Eurem Irrtum zurückkommen und Ihr werdet den segnen, dem Ihr unter Tränen und Qualen das Leben gegeben habt!« »Wer seid Ihr?« murmelte sie erschrocken, indem sie einen Schritt zurücktrat. »Gott, wer ist dieser Mensch – der ein verhängnisvolles Geheimnis meines Lebens zu kennen scheint?« »Erinnert Ihr Euch an den Sohn Villeforts?« entgegnete Edmund Dantès. – »Beruhigt Euch; ich habe nicht die Absicht, Euch Leiden zu bereiten, indem ich diese Erinnerung in Euch erwecke! Ich will nur Eure Reue mildern, indem ich Euch den Rat erteilte, den Unglücklichen zu segnen, dessen einzige Taufe Tränen und Blut waren!« »Ach, aus Barmherzigkeit, sagt, wer seid Ihr? Eure Worte haben etwas Entsetzliches; sie machen mich erbeben! Aus Barmherzigkeit – sagt, ob Ihr ein Gespenst seid, heraufgestiegen auf die Erde, um mich durch die Reue zu töten. – Ich beschwöre Euch, habt Mitleid mit einer armen Büßenden!« »Ich, nein, ehrwürdige Frau, ich bin nur ein armer Sünder, der jetzt seine ungeheuren Vergehen dadurch büßt, daß er seinen Feinden verzeiht und durch Wohltaten das Böse vergilt, das sie ihm zufügten! – Frau von Danglars, Ihr Sohn heißt Benedetto und befindet sich in diesem Augenblick in Frankreich.« »Benedetto! Benedetto!« wiederholte Frau von Danglars voll Entsetzen. »O sagen Sie mir im Namen Gottes, was macht der Unglückselige?« Ein krampfhaftes Lachen machte die wollene Kapuze zittern, welche das Gesicht Edmund Dantès bedeckte. »Was er macht, kann ich vielleicht binnen kurzer Zeit wissen! Was er getan hat, kann ich Ihnen schon jetzt sagen.« »Ich zittere, sprecht!« »Verflucht durch alle Welt, seit seiner Geburt dem Tode und der Hölle gewidmet, wurde er auf wunderbare Weise durch einen Arm gerettet, der sich rächte und der später einen verderblichen Plan der Vernichtung entwarf! – Benedetto begegnete einem Manne, der durch Stolz und Eitelkeit geblendet, dahinschritt, und wurde unter den Fußtritten dieses Mannes zu einem Berge, der zusammenstürzend jenen in den Abgrund riß! – Der Mann, den er vernichtete, werden Sie das glauben? – der Mann war der mächtigste auf Erden; sein Wille traf auf kein Hindernis, und gleich dem allmächtigen Gotte wollte er erbarmungslos das Verbrechen entlarven und züchtigen! – Ach, dieser Mann täuschte sich dennoch – er trachtete nur danach, sich ohne Gnade und Barmherzigkeit zu rächen! Mit einem Worte: Es war der Graf von Monte Christo! Ja!« fuhr Edmund Dantès fort, indem er hoch aufatmete, »Benedetto vernichtete diesen kühnen Riesen, den die Menschen mit Staunen betrachtet hatten, wie einst der einfache Hirt den berühmten Riesen der Schrift niederwarf! – Blut und Tränen waren es, die Benedetto auf seinem Wege hinterließ. An den Grafen von Monte Christo sich heftend, entriß er ihm mit seiner mörderischen und rächenden Hand all sein Teuerstes. – »Benedetto war das Werkzeug Gottes und er bereitet sich vielleicht in diesem Augenblicke in Frankreich vor, die öffentliche Strafe für seine begangenen Verbrechen zu empfangen! Baronin Danglars, das ist das Werk Deines Sohnes!« Indem Edmund Dantès dies sagte, warf er seine Kapuze zurück. Frau von Danglars stieß einen Schrei des Schreckens aus und sank auf die Knie neben dem Bette, auf welchem Bertuccio sterbend lag. »Ja, hier,« fuhr Edmund fort, »hier können Sie den Menschen sehen, dem Ihr Sohn das Leben verdankt! – Dieser Mensch war es, der ihn dem Grabe entriß, in welches Villefort ihn lebend eingesenkt hatte!« »Barmherzigkeit!« »Und wissen Sie, auf welche Weise Benedetto diesen großmütigen Menschen belohnte? Er ermordete seine Schwester, zündete sein Haus an und bestahl ihn! – Ha! Das kam daher, weil er von Gott und den Menschen verflucht war! »Gehen Sie, Frau von Danglars,« fügte Edmund Dantès nach einer Pause hinzu; »erfahren Sie, daß Ihr Sohn Sie aufsucht, um Ihren mütterlichen Segen zu erbitten; gehen Sie und gewähren Sie ihm diesen Segen, damit er ruhig sterbe und auf solche Weise auch Ihr Gewissen in Ruhe komme!« Einige Augenblicke darauf verließ Frau von Danglars, in ihren Schleier gehüllt, das Haus und erlangte aus Barmherzigkeit eine freie Fahrt an Bord eines kleinen Fahrzeuges, das nach Marseille segelte. Sie hatte die Absicht, nach Paris zu gehen. Wir wollen jetzt wieder von Benedetto sprechen, welcher, wie der Leser sich erinnern wird, in der Gewalt der Gerechtigkeit geblieben war, die ihn von dem Gottesacker des Père Lachaise nach dem Gefängnisse von La Force brachte. * XX. Der 27. September. Benedetto wurde nach La Force gebracht. Sobald er in die Register eingetragen war, fiel es leicht, in ihm jenen Menschen zu erkennen, der aus dem Gefängnisse entsprungen war, nachdem er den Schließer ermordet hatte. Nachdem die Geschworenen seine Verbrechen erwogen hatten, konnten sie sich nicht enthalten, die Todesstrafe gegen ihn auszusprechen. Nach acht Monaten des Gefängnisses wurde Benedetto zum Tode verurteilt. Man las ihm das Erkenntnis in eben dem Gefängnis vor, in welchem er den Schließer ermordet hatte, und er hörte die Vorlesung mit jener Kaltblütigkeit, jener unerhörten Gleichgiltigkeit an, welche ihn seit einer gewissen Zeit charakterisierten. Diese unverkennbare Gleichgiltigkeit wurde nicht durch die Vertiefung seines Geistes bewirkt, wie dies gewöhnlich bei den Menschen geschieht, welche nach einer langen Reihe von Verbrechen das Blutgerüst errichten sehen, auf dem sie im Angesichte der durch sie beleidigten Menschheit diese Verbrechen sühnen sollen. Der Zustand, in dem Benedetto sich befand, war vielmehr der einer vollständigen Resignation gegenüber den Bestimmungen jenes allmächtigen Gottes, den er angerufen hatte, um von ihm zu erfahren, ob er den übermütigen Menschen bestrafen sollte, der die ihm anvertraute Macht mißbraucht hatte. Am Tage vor dem zu der Hinrichtung bestimmten, wurde Benedetto in das Oratorium geführt. Er zeigte Frömmigkeit und Gottesfurcht bei den religiösen Uebungen, welche der öffentlichen Hinrichtung durch die hohe Gerichtsbarkeit vorangehen. Der Beichtvater hörte ihn voll Teilnahme an; man erkannte an seinem gerührten Blicke die Wirkung, welche die Worte des Verurteilten auf ihn machten. »Mein Vater,« sagte Benedetto, indem er das Zeichen des Kreuzes machte, »ich glaube an Gott. Ich glaube an seine Gerechtigkeit, und nie habe ich den Gedanken gehabt, ihn tadeln zu wollen. Geboren aus dem Verbrechen, getauft mit Blut und Tränen – konnte mein Ende kein anderes sein als das Blutgerüst. Ehe ich an Gott glaubte, wie ich es jetzt tue, fühlte ich in meiner Brust die ganze Galle, welche die Verzweiflung in dem Busen eines Menschen hervorrufen kann! – Die Verzweiflung, welche nicht bloß ein alltägliches nichtssagendes Wort ist, sondern jene Verzweiflung, die zu der Hölle auf Erden wird! Ohne anerzogene Grundsätze ließ ich mich durch schlechte Gesellschaft so weit verleiten, den Mann, der mich aus Barmherzigkeit aufgenommen hatte, zu beschimpfen und zur Belohnung seiner Wohltat sein Haus in Brand zu stecken und seine Schwester zu ermorden. Seit jenem Tage gab es für mich in dieser Welt kein gastliches Dach mehr; kein befreundeter Blick senkte sich mehr auf mich herab! »Ich war in dieser Welt verflucht!« Nach einer kurzen Pause fuhr Benedetto fort: »Ich eilte nun von Ausschweifung zu Ausschweifung, von Verbrechen zu Verbrechen! »Ich schloß mich den nichtswürdigsten Menschen an und teilte mit ihnen bei abscheulichen Orgien die Früchte des Raubes und des Mordes! »Ich hegte in jener Zeit nicht ein einziges edleres Gefühl; mein geringster Gedanke war eine Nichtswürdigkeit, eine Gotteslästerung; ich vollbrachte nicht die mindeste Handlung, die nicht ein entsetzliches Verbrechen war! »Und was hatte ich für Neigungen des Herzens? »Verwerfliche Verbindungen mit den gemeinsten und den unzüchtigsten Weibern! – Da konnte es denn nicht lange dauern, bis ich der Gerechtigkeit in die Hände fiel und einige Monate schleppte ich die Kette des Galeerenzüchtlings. »Während ich meine Strafe erduldete, ergebungsvoll, und – wer weiß – mich vielleicht allmählich durch das arbeitsame Leben von meiner Trägheit und meinen abscheulichen Lastern bessernd, erschien ein Mensch, um mich zu retten. Dieser Mensch hatte Mitleid mit dem Zustande, in welchem ich mich befand, und wollte durch die großmütige Handlung, die er gegen mich ausübte, mir edlere Gesinnungen einflößen. Er gab mir eine Feile, um damit meine Ketten zu durchschneiden, gab mir Geld und bezeichnete mir seine Wohnung. »Einen Monat darauf bemerkte ich, daß dieser Mensch keine andere Absicht hatte, als ein Ziel, dem er nachstrebte, zu erreichen, und daß er sich meiner als seines Werkzeuges zu einem Possenspiele bediente, in welchem ich die Hauptrolle spielte. »Da lachte ich über meinen unbefangenen Glauben. – Wie hatte ich vermuten können, daß ein Mensch dem Elende gegenüber großmütige Gesinnungen hegen könnte? Ich wurde wieder, was ich gewesen war, mit dem Unterschiede jedoch, daß ich in der menschlichen Gesellschaft meinen Stand geändert hatte, indem ich mich, statt einfach der Bandit Benedetto zu bleiben, Fürst Andreas Cavalcanti nannte. »Das war die Rolle, welche jener Mensch mir in seinem Possenspiele übertrug. »Diese Rolle nahm ein Ende, und ich stieg die Stufen wieder zu meinem früheren Stande hinab, ebenso boshaft wie zuvor, aber gewandter durch die Lehren der Heuchelei, die ich von dem Grafen von Monte Christo, meinem falschen Beschützer, empfangen hatte. »Eines Tages machte ich mitten auf dem Pfade der Verbrechen, den ich verfolgte, Halt. Die Erscheinung meines Vaters, eines armen, unglücklichen und beinahe wahnsinnigen Greises, rührte mich. Ich leistete den Schwur, ihn zu rächen, und dachte nun sehr ernst über die Menschen und über die göttlichen Dinge nach. »Ich glaubte an Gott! Ich erkannte, daß ich seit einer gewissen Zeit das Werkzeug sei, dessen er sich bediente, um die Schlechten zu bestrafen. Ich tötete und beraubte erbarmungslos alle die, von denen ich wußte, daß sie die gleichen Verbrechen begangen hatten. Um auf diesem neuen Wege vorwärts zu kommen, bedurfte ich des Geldes, und ich bemächtigte mich der Schmucksachen, welche die Leichen meiner väterlichen Familie an sich hatten, und ich fand keinen einzigen Augenblick der Ruhe, bis ich an das mir selbst gesteckte Ziel angelangt war. »Ich blickte um mich und sah die Boshaften, die Fälscher, die Strafe ihrer Verbrechen sowie die Tugendhaften den Lohn ihrer Handlungen empfangen, und folglich wundere ich mich keineswegs, daß jetzt das Blutgerüst für mich aufgerichtet wird! – Erteilen Sie mir Ihren Segen und dann beten Sie für mich!« Indem Benedetto diese Worte sprach, kniete er zu den Füßen des Priesters nieder, und dieser erflehte die göttliche Barmherzigkeit für die Seele des Bußfertigen. »Welchen Tag haben wir heute?« fragte Benedetto. »Den 27. September, mein Sohn.« »Den 27. September,« wiederholte Benedetto mit ruhiger Stimme und finsterem Lächeln. – »Da steht das Blutgerüst, um den Tag meiner Geburt zu feiern!« »Verzeihst Du Deinen Eltern die Verlassenheit, der sie Dich seit Deiner Geburt überlieferten? – Verzeihst Du Deinem Vater das Verbrechen des Kindesmordes?« fragte der Priester. »Schon seit langer Zeit habe ich ihnen alles verziehen!« entgegnete Benedetto. »Gut, mein Sohn. Gott sei für immerdar mit Dir!« Sobald die Sonne in die finsteren Höfe von La Force hinabdrang, öffnete sich die Tür des Oratoriums und ein Kommando Soldaten nahm den Verurteilten in Empfang, um ihn nach dem Gemache des Scharfrichters zu führen, damit dieser ihm die Haare abschneide und ihn mit dem Gewande der Verurteilten bekleide. Nach diesen Vorbereitungen bestieg Benedetto den verhängnisvollen Karren; der Scharfrichter nahm seinen Sitz ein und gab das Zeichen zu der traurigen Fahrt. Eine Schwadron Kavallerie eskortierte den Karren bis zu dem Schafott, um welches das dichtgedrängte Volk voll Neugier wartete. Benedetto empfing den letzten Segen des Beichtvaters und wies sanft die Binde zurück, welche der Scharfrichter ihm reichte, indem er an ihn die zwei gebräuchlichen Fragen richtete: »Wünschen Sie noch etwas zu essen oder zu trinken?« »Nein!« »Verzeihen Sie mir die Handlung, die ich an Ihnen begehen werde?« »Ja!« »Nehmen Sie doch die Binde, der Augenblick naht.« »Lassen Sie mich einen einzigen Augenblick die mich umgebende Menge sehen!« sagte Benedetto. »Ich will trachten, ein befreundetes Gesicht zu erkennen.« Und Benedetto richtete sich auf dem Schafott hoch in die Höhe, um mit begierigen Blicken auf die Menschenmenge hinabzublicken, die ihn umringte. Mit scharfem Auge musterte er alle die Gesichter, welche ihm nahe waren, dann aber nach einer andern Richtung sehend, stieß er einen Schrei der Ueberraschung aus. Er hatte in einem Wagen, der wegen des dichten Gedränges nur mit Mühe über den Platz fahren konnte, eine Frau erblickt, welche das Gewand der barmherzigen Schwestern trug und eine andere kranke Frau zu begleiten schien. »Mein Vater,« sagte er zu dem Geistlichen, »mein letzter Wunsch wäre, mit der barmherzigen Schwester zu sprechen, welche dort in jenem Wagen über den Platz fährt. Gehen Sie zu ihr und sagen Sie ihr, daß sie um der Liebe Gottes willen zu mir kommen möge.« Der Pater stieg sogleich die Stufen des Blutgerüstes hinab, um den Wunsch des Verurteilten zu erfüllen, und die demütige barmherzige Schwester zögerte nicht, der Aufforderung zu genügen. In dem Grade, wie sie sich näherte, änderte sich der Ausdruck in dem Gesichte Benedettos auf eine auffallende Weise. Er preßte mehrmals die Hand auf die Augen, als wollte er unwillkürliche Tränen zurückdrängen. Die barmherzige Schwester erstieg die Stufen des Blutgerüstes und trat zu dem Verurteilten. »Mein Gott!« rief sie plötzlich, indem sie wie vor einem entsetzlichen Anblicke zurückwich. Benedetto ergriff sanft ihre Hand, zog sie an seine Lippen und küßte sie, indem er so leise, daß er nur von ihr allein verstanden werden konnte, flüsterte: »Mut! Ich wollte Ihnen durch eine Ihrer Schwestern mein letztes Lebewohl senden, aber der Ewige gab, daß Sie selbst kommen mußten, es zu empfangen.« »Jesus! Jesus!« rief die arme Schwester verzweiflungsvoll und sank in die Knie. Benedetto eilte rasch zu dem Block, legte seinen Kopf auf denselben und rief dem Scharfrichter zu: »Rasch! Ohne Mitleid!« »O nein! Nein!« schrie die barmherzige Schwester, indem sie sich bleich und zitternd erhob, um vor dem Scharfrichter aufs neue niederzuknien. »Es ist heute der 27. September!« sagte Benedetto. Dies waren seine letzten Worte. – Kaum hatte er sie ausgesprochen, als das Eisen der Guillotine ihm den Kopf vom Rumpfe trennte. Die barmherzige Schwester stürzte wie vom Blitze getroffen neben der Leiche nieder, indem sie schrie: »Mein Sohn!« Wenige Tage darauf hatte diese arme Mutter ebenfalls zu leben aufgehört. * Einen Monat nach dem soeben geschilderten Ereignisse trug sich, eine Stunde von Marseille entfernt, ein anderes nicht minder ergreifendes und wichtiges zu. Wenn wir unsere Blicke nach der Seite der Felsen wenden, auf denen sich das Dorf das Katalonier erhob, gewahren wir ganz nahe dem kleinen einfachen Häuschen, in welchem Mercedes wohnte, eine kleine Kapelle, deren einzige Tür beinahe immer geschlossen war und sich kaum des Sonntags und an den Festtagen nachmittags für eine halbe Stunde öffnete. Diese kleine Kapelle und das Häuschen daneben waren damals sozusagen die Probe der Gebäude, welche jetzt dort stehen und diese Felsen wie einen Vorposten der Stadt bevölkern. Albert Mondego und Mercedes bewohnten noch das kleine Haus, welches von dem ehemaligen Dorfe der Katalonier übrig geblieben war. Albert hatte aus der Hand desselben Priesters, der früher der Dolmetscher von dem Willen Benedettos bei ihm gewesen war, auch die neue Gabe empfangen, die dieser ihm zukommen ließ. Mit jenem kleinen Vermögen begann er den Handel, der schon lange sein Wunsch gewesen war. Der Name Benedettos war für Albert und seine Mutter in dem stillen, glücklichen Leben, welches sie führten, der Gegenstand täglicher Segenswünsche. Mercedes betete täglich für den aufrichtigen Freund ihres Sohnes, für den uneigennützigen Wohltäter, für den unparteiischen Richter, der Mitleid mit ihrem Elend gehabt und ihr Erleichterung verschafft hatte. Indes war Mercedes seit dem Tode ihres Gatten die Beute eines nagenden Kummers, der sie langsam dem Grabe entgegenführte. Albert, den die physische Erschöpfung seiner armen Mutter beunruhigte, hatte schon die beiden besten Aerzte Marseilles um Rat gefragt, und nach einigen Monaten waren beide der Ansicht, Mercedes würde erliegen, wenn sie von einer Luftröhrenentzündung befallen werden sollte, was sie sehr stark befürchteten, da ein schleichendes Fieber sie aufrieb. Albert mußte auch noch diesen verhängnisvollen Schlag ertragen. Er brachte seine ganzen Tage an der Seite seiner armen Mutter zu, lauschte auf ihre freundlichen Worte und fing ihre letzten zärtlichen Blicke auf, die sich bald verschleiern und endlich ganz verschwinden sollten wie der Glanz der Sterne vor den Strahlen der aufgehenden Sonne. Mercedes' ruhiges Gesicht sprach die innigste Ergebung und Fassung aus. Je mehr der verhängnisvolle Augenblick herankam, desto ruhiger schien sie zu werden. So zeigte sich deutlich die Reinheit ihrer unschuldigen Seele. Der Ruhm des Himmels beleuchtete nach und nach ihr ganzes Wesen. Sie schien schon jetzt dieser Welt nicht mehr anzugehören, und man hätte sie gegen Abend für einen Engel des Friedens halten können, der herabgestiegen wäre, um sich neben Albert zu setzen, und ihm das christliche Wort » Ewigkeit « zuzuraunen. Mercedes schien den Fieberwahnsinn zu fürchten. Sie flehte zu Gott, ihr den vollen Gebrauch ihrer geistigen Kraft bis zu ihrer letzten Stunde zu bewahren, um sterbend ihrem Sohne das letzte Lebewohl sagen zu können. In einer Nacht fühlte Mercedes sich sehr entkräftet; eine furchtbare Angst bedrückte sie; es schien ihr, als fehle in ihrem Zimmer die Luft. Sie richtete sich auf ihrem Lager empor und ließ Albert rufen, der sich beeilte, zu ihr zu kommen. Der arme junge Mann zitterte, als er das blasse, leichenhafte Gesicht seiner Mutter sah; kalter Schweiß überzog seine Stirn und das Herz klopfte ihm, als wollte es seine Brust zersprengen. »Mein Sohn,« sagte Mercedes, indem sie sich bemühte, zu lächeln, »ich will mich darauf vorbereiten, vor Gott zu erscheinen.« »Wie! Schon meine Mutter?« sagte Albert, welcher kaum zu sprechen vermochte, und indem er voll Liebe und Ehrerbietung den hinfälligen Körper der Sterbenden in seine Arme schloß. »Ja – ja!« entgegnete sie, indem sie noch bleicher wurde und sich anstrengte, um Atem zu holen. – »Einen Beichtvater – mein Sohn – einen Beichtvater!« Albert verließ sogleich das Gemach und lief wie ein Wahnsinniger nach dem Felsen, von wo er nach der Stadt eilen wollte. Indes führte er unwillkürlich einige hastige Schläge an die Tür der Kapelle. Einige Augenblicke darauf erblickte er sich dem strengen Gesichte eines Priesters gegenüber. »Was willst Du, mein Sohn?« fragte dieser. »Um Gottes willen, mein Vater,« entgegnete Albert, »kommen Sie, meiner sterbenden Mutter Beistand zu leisten.« Der Pater zögerte nicht. Er folgte Albert nach Mercedes' Zimmer. Als der Priester kam, unterschied sie kaum noch die sie umgebenden Gegenstände: der nahende Tod hatte bereits seinen eisigen Schleier über das Gesicht seines Opfers gebreitet. »Meine Mutter,« sagte Albert, indem er sich dem Lager näherte, »hier ist der Diener des Herrn.« »Es ist gut, mein Sohn,« entgegnete Mercedes mit matter Stimme: »laß mich einen Augenblick mit ihm allein; meine Beichte wird kurz sein. Ich habe wenig zu sagen; – kaum werde ich die letzte Absolution empfangen können.« Albert umarmte sie und ging in ein anstoßendes Gemach. Der Geistliche blieb mit der Sterbenden allein. »Treten Sie näher, mein Vater,« murmelte diese. »O mein Gott!« sagte er, indem er fest auf seinem Platze stehen blieb, als wären seine Füße an den Fußboden genagelt, und den Blick starr auf Mercedes richtend, »o allmächtiger Gott, nimm in Deinen Schoß diese reine Seele auf, die so gemartert aus dieser Welt scheidet! Mercedes! – Mercedes!« fügte er mit leiser Stimme hinzu, indem er an das Bett trat, »ich bedarf Deiner Verzeihung!« »Sie?« »Ja, ich, der ich ein Unsinniger war, indem ich glaubte, in meinem Herzen die Liebe ersticken zu können, die Du mir eingeflößt hattest! – Ich; der ich ein Ungeheuer war, als ich, um mich an Ferdinand Mondego zu rächen, das Gebäude Deines Glückes zertrümmerte, indem ich Dich seine Schande und sein Elend teilen ließ!« »Priester, was sagen Sie – und wer sind Sie, daß Sie so mit Reue von meiner ganzen Vergangenheit sprechen?« »Mercedes – Mercedes – ich wäre Deiner Verzeihung nicht würdig, wenn ich nicht fühlte, daß ich wahrhaft von Reue erfüllt bin! – Verzeihe mir daher!« »O allmächtiger Gott!« murmelte sie. – »Wer Sie auch sein mögen – ich verzeihe Ihnen von Grund meiner Seele!« »Dank! – Dank!« »Edmund!« sagte sie mit leiser Stimme. »Ja, ja, ich bin es, Mercedes, ich bin es! – Dein grausamer und unsinniger Geliebter! – Ach, ich bedurfte Deiner Verzeihung, um auch in dem Frieden des Herrn sterben zu können!« »Mein Sohn!« rief jetzt Mercedes, die Wangen brennend in dem Fieber und dem Delirium, »mein Sohn! – Dieser Mensch will sich vielleicht auch an Dir für die Beleidigung rächen, die er von Deinem Vater erfahren hat!« »Barmherzigkeit!« flehte Edmund Dantès, indem er mit einer unwillkürlichen Bewegung die Hand auf die Brust preßte. »Meine Mutter,« rief Albert, indem er sich in ihre Arme warf, – »beruhigen Sie sich! Hier bin ich!« Edmund Dantès entfernte sich jetzt von dem Bette, nahm das elfenbeinerne Kruzifix, welches an der Wand hing, in seine Hände, und begann ein Gebet für Mercedes' Seele. Es entstand eine halbe Stunde tiefen Schweigens, kaum unterbrochen durch die heiligen Worte des Priesters sowie durch die keuchenden Atemzüge der Sterbenden. Dann sank Albert neben dem Bette seiner Mutter auf die Knie, indem er einen Schmerzensschrei ausstieß und seine Lippen auf die kalte Hand der Dahingeschiedenen preßte. Sie war nicht mehr! Wenige Stunden nachdem Mercedes gestorben war, sah man in der kleinen Kapelle des armen Dorfes der Katalonier vor dem einfachen Altare, der das Gebäude schmückte, einen Priester liegen, der die Totengebete sprach. Tränen und Schluchzen unterbrachen seine Stimme. Sein Kummer war sehr schmerzlich, denn die Frau, über deren Leiche er betete, war in seiner Jugend seine Geliebte gewesen; sie wurde in seinem reiferen Alter von ihm verurteilt und sein Opfer, als die innige Zuneigung eines Sohnes ihr Leben hätte verschönern sollen. Edmund Dantès betete stehend über der Leiche der armen Mercedes. Es war das Leben dem Tode gegenüber! Es war der Henker im Angesichte seines Opfers! Es war die Herausforderung, welche das Leben, töricht und unsinnig, wie es ist, täglich der Ewigkeit in das Gesicht schleudert! Sie hatten sich in dem Dorfe der Katalonier tausendmal ewige Liebe geschworen, eine Liebe, die jede Prüfung bestehen sollte, und sie hatten sogar den Himmel beschworen, durch seine Blitze den zu vernichten, der den andern überleben würde. Mercedes und Edmund Dantès wurden die Opfer dieser Liebe. Gleichwohl vergaß sie über derselben nicht ihre Pflichten als Gattin und Mutter. Die Bande, welche im Angesichte des Altars mit Ferdinand Mondego angeknüpft wurden, trugen den Sieg über das arme junge Mädchen aus dem Dorfe der Katalonier davon. Die Mutterpflichten übten über die Gattin, welche Mutter geworden war, eine größere Herrschaft aus als die Neigungen des unschuldigen Herzens, welches aus gewissen Banden gelöst war, die nicht so fesseln können wie die heiligen Worte der Religion und der Mutterschaft. Wenn er, geleitet durch den Stolz, geblendet durch den Reichtum, von Nachsucht ergriffen, auch nicht getrachtet hatte, die Bande zu zerreißen, welche das arme Opfer der Liebe, der Ehre und der Pflicht fesselten, so hatte er wenigstens den größeren Teil der Züchtigung zugefügt, die empörendste Rache an ihr geübt! Aber die Liebesschwüre, welche in dem Dorfe der Katalonier im Angesichte Gottes und der Menschen geleistet worden waren, blieben noch zu erfüllen. Der eine durfte die andere nicht überleben! Wenn die Ehe zwischen Mercedes und Ferdinand Mondego in dem Himmel geschlossen worden war, so wurde eben dort auch Edmund Dantès dazu verurteilt, zugleich mit ihr zu sterben. Das Requiescat in pace , von einem Liebenden über der Leiche seiner Geliebten gesprochen, glich einer Stimme, welche dem ersteren zurief, daß auch seine Stunde gekommen sei. Währenddessen hörte die Trauerglocke der Kapelle in dem Dorfe der Katalonier nicht auf, das Sterbegeläut ertönen zu lassen. Es war wie eine Prophezeiung –! Die Leiche der Mercedes sank in die Erde hinab; der Totengräber versah sein Amt, als der Priester, welcher die letzten Gebete murmelte, aus der Tiefe seiner Seele einen Seufzer ausstieß, der ihm das Herz zerriß, und in eben die Grube hinabglitt, welche für die unglückliche Gräfin von Morcerf gegraben worden war. Der Priester war nur noch eine Leiche. Ein Schlagfluß hatte ihn getötet. Die Hand des Allmächtigen, im Zorne erhoben gegen den Dünkelvollen, oder die Barmherzigkeit Gottes, die mit den Schmerzen und den Leiden dieses Menschen Mitleid hatte, vereinigte ihn in dieser Stunde mit der, welche er auf Erden am meisten geliebt hatte. Dieser Priester war Edmund Dantès. Haydee war für ihn eine Vision gewesen. Ein vorübergehender Traum. Sie war eine Frau, die ihn liebte und die er zu ihrem Unglücke durch Zuneigung an sich gefesselt hatte. Daneben war seine erste und einzige Liebe, die er in seinem Busen nährte, seine beständige Vision, vielleicht die einzige Nahrung seines Lebens und mußte folglich auch seinen Tod herbeiführen. * Fromme Hände vereinigten wenige Tage später die beiden Leichen in einer Gruft. Wessen waren diese Hände? Es konnten nur die Hände dessen sein, welcher wußte, wie sehr Mercedes diesen Mann geliebt hatte, wie viel sie um seinetwillen litt, der auch die Ursache ihres Todes war. Nachdem Albert diese letzte Pflicht kindlicher Frömmigkeit erfüllt hatte und ihn folglich nichts mehr an Frankreich fesselte, ging er an Bord eines Dampfschiffes, das von Marseille nach Algier bestimmt war. Eine Art Verhängnis schien auf diesem Schiffe einige der uns bekannten Personen vereinigt zu haben: Morel und seine Frau waren mit den beiden ihnen so geheimnisvoll übergebenen Kindern von Rom nach Frankreich gegangen und reisten jetzt nach Algier, um die reiche Erbschaft in Empfang zu nehmen, welche ein Verwandter Valentines derselben hinterlassen hatte Einige Stunden, nachdem das Dampfschiff den Quai verlassen hatte, hörte man in Marseille ein fürchterliches Getöse, ähnlich der Erschütterung durch eine gewaltige Explosion. – Die ganze Stadt fürchtete für das Schicksal derer, die sich eingeschifft hatten. Die Ahnung verwirklichte sich, denn wenige Tage darauf spülte das Meer auf das Ufer die Leichen der Morels und ihrer Adoptivsöhne sowie die Alberts und vieler anderer in dem Hafen bekannter Personen. * Eugenie Danglars und Emilie d'Armilly setzten in Paris ihr abenteuerliches Künstlerleben fort.   Ende.