Alexander Dumas Zwanzig Jahre nachher. Zweiter Band Historischer Roman aus dem Französischen von Zoller, durchgesehen von M. Pannwitz. Fortsetzung von Die drei Musketiere. Stuttgarter Ausgabe. Die Fähre Unser Leser wird sich Raouls erinnern, den wir auf der Straße nach Flandern verließen. Sobald er seinen Beschützer aus den Augen verloren hatte, gab er seinem Pferde die Sporen, einmal um seinen schmerzlichen Gedanken zu entfliehen, und dann um vor Olivain seine große Erregung zu verbergen. Eine Stunde raschen Rittes zerstreute bald die düsteren Gedanken. Das unbekannte Vergnügen, frei zu sein, ein Vergnügen, das selbst die angenehm empfinden, die nie unter einer Abhängigkeit zu leiden hatten, vergoldete für Raoul Himmel und Erde und besonders den fernen, azurblauen Horizont des Lebens, den man Zukunft nennt. Als er aber nach verschiedenen Versuchen, mit Olivain ein anregendes Gespräch zu führen, dieses Bemühen als fruchtlos aufgab, stimmte ihn die Erinnerung an die allezeit geistreiche und belehrende Unterhaltung des Grafen wieder traurig, und dieses Gefühl steigerte sich noch, als er am Wege ein Schlößchen erblickte, das ein wenig La Vallière glich. Dieser Anblick versetzte Raoul fünfzig Meilen westwärts, und wehmütig rief er sich jedes Zusammensein mit seiner kleinen Luise ins Gedächtnis zurück. Mit trübem Herzen und schwerem Kopf befahl er Olivain, die Pferde in eine kleine Herberge zu führen, die er an der Landstraße, ungefähr in einer halben Büchsenschußweite über dem Orte erblickte, zu dem man gelangt war. Hier war es sein erstes, an seinen Wohltäter einen Brief voll zärtlicher Dankbarkeit zu richten, während er den vom Wirte eifrig aufgetischten Imbiß Olivain überließ. Hier sowohl wie im nächsten Orte, wo er seinen Brief zur Post gab, erfuhr er, daß ein junger Edelmann mit seinem Hofmeister vor ihm her und ebenfalls zum Heere reise. Nur drei Viertelstunden sollte er voraus, aber gut beritten sein und tüchtig ausgreifen. Wir wollen diesen Edelmann einzuholen suchen, sagte Raoul zu Olivain, dann werden wir angenehme Gesellschaft haben. Um vier Uhr nachmittags gelangten sie nach Compiègne, wo Raoul mit gutem Appetit zu Mittag speiste und hörte, der junge Edelmann habe die Absicht geäußert, in Noyon über Nacht zu bleiben. Sofort beschloß Raoul, ebenfalls noch an diesem Tage bis Noyon zu reiten. Vergebens protestierte Olivain mit der Bemerkung, die Pferde seien ermattet, und achtzehn Meilen für die erste Tagereise genug. Raoul fühlte sich selbst müde; aber er wünschte seine Kräfte zu versuchen, und da er den Grafen tausendmal von Etappen von fünfundzwanzig Stunden hatte sprechen hören, wollte er nicht gar zu sehr hinter seinem Vorbild zurückbleiben. Er ritt also immer fort, wobei er von Zeit zu Zeit den Gang seines Pferdes trotz der Bemerkungen Olivains zu beschleunigen suchte, und folgte einer reizenden schmalen Straße, welche zu einer Fähre führte und, wie man ihm versichert hatte, den Weg um eine Meile abkürzte. Auf dem Gipfel eines Hügels angelangt, erblickte er den Fluß vor sich. Ein kleiner Trupp von Berittenen hielt am Ufer und stand im Begriff, sich einzuschiffen. Da Raoul nicht zweifelte, daß es der Edelmann und sein Geleite sei, rief er, war aber noch zu weit entfernt, um gehört zu werden. Er setzte daher sein Pferd, so müde es auch war, in Galopp, aber eine wellenförmige Erhöhung entzog ihm bald den Anblick der Reisenden, und als er auf eine neue Anhöhe gelangte, hatte die Fähre das Ufer verlassen und schwamm nach dem entgegengesetzten Gestade. Als Raoul sah, daß er nicht zeitig genug hinabgelangen konnte, um mit den Reisenden über den Fluß zu setzen, hielt er an und wartete auf Olivain. In diesem Augenblicke hörte man einen Schrei, der vom Flusse zu kommen schien. Raoul wandte sich auf die Seite, von wo der Schrei erscholl, hielt die Hand über seine von der untergehenden Sonne geblendeten Augen und rief: Olivain, was seh' ich da unten! Ein zweiter, noch durchdringenderer Schrei erscholl. Ei, gnädiger Herr, sagte Olivain, das Seil der Fähre ist gerissen, und das Schiff treibt ab. Aber was seh' ich dort im Wasser? Ja! rief Raoul, seine Blicke auf einen Punkt im Flusse heftend, es ist ein Pferd, ein Reiter! – Sie sinken! rief Olivain. Raoul ließ sofort seinem Pferde die Zügel schießen, drückte ihm die Sporen in den Leib, und das Tier sprang, vom Schmerze gestachelt, über eine Art von Geländer, das den Landungsplatz umgab, und in den Fluß hinein, so daß Schaumwogen aufspritzten. Ach, gnädiger Herr! rief Olivain, was macht Ihr? Mein Gott und Vater! Raoul lenkte sein Pferd nach dem Unglücklichen, der in Gefahr schwebte. Es war dies übrigens ein ihm vertrautes Manöver. An den Ufern der Loire geboren, hatte er hundertmal den Strom zu Pferde durchschwommen. O mein Gott! fuhr Olivain ganz in Verzweiflung fort, was würde der Herr Graf sagen, wenn er Euch erblickte! Der Graf hätte es gemacht, wie ich, antwortete Raoul, sein Pferd kräftig antreibend. Aber ich, aber ich! rief Olivain, der sich ganz bleich am Ufer hin- und hertrieb, wie soll ich hinüberkommen? Spring, Hasenherz! rief Raoul, beständig schwimmend. Dann wandte er sich an den Reisenden, der sich zwanzig Schritte vor ihm abarbeitete, und rief ihm zu: Mut, mein Herr, Mut, es kommt Hilfe! Olivain ritt vor und wich zurück, ließ sein Pferd sich bäumen und warf sich endlich, von Scham überwältigt, wie Raoul in den Fluß, wobei er aber beständig vor sich hinbrummte: Ich bin tot! Wir sind verloren! Die Fähre lief indessen, von der Strömung erfaßt, rasch den Fluß hinab, und man hörte ihre Insassen laut um Hilfe rufen. Ein Mann mit grauen Haaren war aus der Fähre in den Fluß gesprungen und schwamm kräftig auf die Person zu, die dem Ertrinken nahe war. Aber er rückte nur langsam vorwärts, da er gegen den Strom schwimmen mußte. Raoul bemerkte, wie Pferd und Reiter, denen er Hilfe bringen wollte, immer mehr untersanken. Das Tier hatte nur noch die Nüstern über dem Wasser, und der Reiter, der bei der Anstrengung gegen die Wellen die Zügel losließ, streckte die Arme aus und den Kopf vorwärts. Noch eine Minute, und alles war verschwunden. Mut! rief Raoul, Mut! Das Wasser lief bereits über den Kopf des Ertrinkenden und erstickte seine Stimme. Raoul warf sich von seinem Pferde, dem er die Sorge für seine Selbsterhaltung überließ, und in drei bis vier Stößen war er bei dem Edelmann. Er ergriff sogleich das Pferd bei der Kinnkette und hob ihm den Kopf über das Wasser; das Tier atmete nun freier und verdoppelte seine Anstrengungen. Zugleich erfaßte Raoul eine der Hände des jungen Mannes und führte sie an die Mähne, an die sie sich augenblicklich mit der unwillkürlichen Zähigkeit des Ertrinkenden anklammerte. Überzeugt, daß der Reiter nicht mehr loslassen würde, beschäftigte sich Raoul nur noch mit dem Pferde, das er nach dem entgegengesetzten Ufer lenkte, während er es beim Durchschneiden des Wassers unterstützte und mit aufmunterndem Zuruf antrieb. Bald stieß das Tier auf einen festen Grund und faßte Fuß auf dem Sande. Gerettet! rief der Mann mit den grauen Haaren, der nun ebenfalls Fuß faßte. Gerettet! murmelte mechanisch der junge Edelmann, ließ die Mähne los und glitt über den Sattel herab in Raouls Arme. Raoul war nur zehn Schritte vom Ufer entfernt. Er trug den ohnmächtigen Jüngling dahin, legte ihn auf das Gras, riß die Schnüre seines Kragens auf und löste die Spangen seines Wamses. Eine Minute nachher war der Mann mit den grauen Haaren bei ihm. Allmählich kehrte durch die Bemühungen Raouls und des Alten das Leben auf die bleichen Wangen des Kavaliers zurück, der nun die Augen wieder öffnete, ganz verwirrt umherschaute, dann aber bald seine Blicke auf den heftete, der ihn gerettet hatte. Ach, mein Herr! rief er, Euch suchte ich; ohne Euch war ich tot, dreimal tot! Ei, man wird auch wieder lebendig, wie Ihr seht, mein Herr, antwortete Raoul, und Ihr seid mit einem Bade davongekommen. Welchen Dank sind wir Euch schuldig! rief der Graukopf. Ah, Ihr seid hier, mein guter d'Arminges! Ich habe Euch sehr geängstigt, nicht wahr? Aber daran seid Ihr selbst schuld. Ihr wart mein Lehrer, warum habt Ihr mich nicht besser schwimmen gelehrt? Ach, Herr Graf, sprach der Greis, wenn Euch Unheil widerfahren wäre, ich hätte es nie wieder gewagt, mich vor dem Herrn Marschall zu zeigen! Aber wie ist es denn zugegangen? fragte Raoul. Ganz einfach, antwortete der Gerettete. Wir hatten ungefähr den dritten Teil des Flusses erreicht, als das Seil der Fähre zerriß. Bei dem Geschrei und den Bewegungen der Ruderer scheute mein Pferd und sprang in den Fluß. Ich schwimme schlecht und wagte es nicht, mich ins Wasser zu stürzen. Statt die Bewegungen meines Rosses zu unterstützen, lähmte ich sie und war nahe daran, aufs allerschönste zu ertrinken, als Ihr gerade zur rechten Zeit kamt, um mich aus dem Fluß zu ziehen. Wenn Ihr einverstanden seid, mein Herr, so gehören wir einander von nun an auf Leben und Tod. Mein Herr, sprach Raoul, sich verbeugend, ich bin, das versichere ich Euch, ganz und gar Euer Diener. Ich heiße Graf von Guiche, fuhr der Reiter fort. Mein Vater ist der Marschall von Grammont. Und nun, da Ihr wißt, wer ich bin, so werdet Ihr mir wohl die Ehre erzeigen, mir zu sagen, wer Ihr seid. Ich bin der Vicomte von Bragelonne, sprach Raoul, errötend, weil er seinen Vater nicht nennen konnte, wie der Graf von Guiche es getan hatte. Vicomte, Euer Gesicht, Eure Güte und Euer Mut ziehen mich zu Euch hin, Ihr besitzt bereits meine ganze Dankbarkeit. Umarmen wir uns, ich bitte Euch um Eure Freundschaft. Mein Herr, entgegnete Raoul, indem er die Umarmung des Grafen erwiderte, auch ich liebe Euch bereits von ganzem Herzen. Betrachtet mich also, ich bitte Euch, als einen ergebenen Freund. Und nun, wohin geht Ihr? fragte Guiche. Zum Heere des Prinzen, Graf. Ich ebenfalls, rief der junge Mann, höchst erfreut. O schön, wir tun den ersten Pistolenschuß miteinander. So ist es gut; liebt Euch! sprach der Hofmeister. Beide noch jung, hat Euch ohne Zweifel Euer Stern zusammengeführt. Nun aber, fuhr er fort, müßt Ihr die Kleider wechseln. Eure Lakaien müssen bereits im Gasthof angelangt sein. Frische Wäsche und Wein sollen Euch erwärmen. Kommt! Die jungen Leute hatten gegen diesen Vorschlag nichts einzuwenden; sie stiegen wieder zu Pferde und schauten einander bewundernd an: es waren in der Tat zwei schmucke Reiter von schlankem, hohem Wuchs, zwei edle Gesichter mit offener Stirn, sanftem, stolzem Blick, redlichem, feinem Lächeln. Guiche mochte ungefähr achtzehn Jahre alt sein, aber er war kaum größer als Raoul, der erst fünfzehn zählte. Sie reichten sich mit einer unwillkürlichen Bewegung die Hand, spornten ihre Pferde und ritten nebeneinander vom Flusse nach dem Gasthof. Das Scharmützel Der Aufenthalt in Noyon war kurz. Alle schliefen gut und fest. Raoul hatte Befehl gegeben, ihn zu wecken, wenn Grimaud ankäme; aber Grimaud kam nicht. Nach einer vorzüglichen Nachtruhe brachen sie gemeinsam um einhalb sechs Uhr auf und hatten um sechs bereits zwei Meilen zurückgelegt. Die Unterhaltung des jungen Grafen war äußerst anziehend für Raoul. Dieser hörte zu, und der junge Graf erzählte fortwährend. Er war in Paris, das Raoul nur ein einziges Mal gesehen hatte, an einem Hof, an dem Raoul nie gewesen war, erzogen worden, und so bildeten seine Pagenstreiche und zwei Duelle, die er bereits trotz der Edikte und trotz seines Hofmeisters ausgefochten hatte, Dinge vom höchsten Interesse für Raoul. Raoul war nur bei Herrn Scarron gewesen; er nannte Guiche die Personen, die er dort gesehen hatte. Guiche kannte sie alle: Fräulein d'Aubigné, Fräulein von Scudery, Fräulein Paulet, Frau von Chevreuse. Alle traf sein geistreicher Spott, und Raoul dachte mit Zittern, er könnte auch über Frau von Chevreuse spotten, für die er eine wahre und tiefe Sympathie hegte; aber war es nun Instinkt oder Vorliebe für die Herzogin von Chevreuse, der Graf sagte alles mögliche Gute von ihr. Die Freundschaft Raouls verdoppelte sich durch diese Lobeserhebungen. Dann kam das Kapitel der Galanterien und Liebschaften. In dieser Beziehung hatte Bragelonne auch mehr zu hören, als zu sagen. Er hörte also und glaubte aus zwei bis drei ziemlich durchsichtigen Abenteuern zu erkennen, daß der Graf gleich ihm im Grunde seines Herzens ein Geheimnis verberge. Guiche war, wie gesagt, am Hofe erzogen worden, und die Intrigen des ganzen Hauses waren ihm bekannt. Es war wohl derselbe Hof, über den Raoul den Grafen de la Fère hatte sprechen hören; nur hatte sich dieser Hof seit der Zeit, wo ihn Athos selbst gesehen, gewaltig verändert. Alles, was der Graf erzählte, war daher neu für seinen Reisegefährten. Spöttisch und witzig ließ der junge Graf alle Revue passieren. Er erzählte von den ehemaligen Liebschaften von Frau von Longueville mit Coligny und dem Duell des letzteren auf der Place Royale, das für ihn ein so unseliges Ende nahm; von den neuen Liebschaften der Frau von Longueville mit dem Prinzen von Marsillac, der, wie man erzählte, so eifersüchtig war, daß er alle Welt umbringen wollte, sogar seinen Beichtiger, den Abbé d'Herblay. Der Tag ging rasch wie eine Stunde vorüber; der Hofmeister des Grafen, ein Lebe- und Weltmann, dabei bis unter die Zähne gelehrt, wie sein Zögling sagte, erinnerte Raoul wiederholt an die gründliche Bildung und den geistreichen, beißenden Witz von Athos. Was Anmut, Zartheit und Adel der äußeren Erscheinung betraf, so kam freilich niemand dem Grafen de la Fère gleich. Mehr geschont, als am Tage zuvor, hielten die Pferde gegen vier Uhr abends in Arras an. Man näherte sich dem Kriegsschauplatz und beschloß, bis am andern Tage in dieser Stadt zu bleiben, da spanische Abteilungen zuweilen nachts Streifzüge bis in die Gegend von Arras machten. Das französische Heer marschierte gegen Douai zurück und dehnte sich von Pont-à-Marc bis Valenciennes aus. Der Prinz selbst sollte in Bethune sein. Das feindliche Heer erstreckte sich von Cassel bis Kortryk, und da es sich aller denkbaren Plünderungen und Gewalttaten schuldig machte, so verließen die armen Bewohner der Flecken ihre Wohnungen und suchten Zuflucht in den befestigten Städten. Man sprach von einer nahe bevorstehenden Schlacht, die entscheidend werden sollte, während der Prinz bisher nur in Erwartung von Verstärkungen, die ihm zukommen sollten, manövriert hatte. Die jungen Leute freuten sich, gerade zu rechter Zeit anzukommen. Sie speisten miteinander zu Nacht und schliefen in demselben Zimmer. Sie waren im Alter rascher Freundschaften, und es kam ihnen vor, als kennten sie sich seit ihrer Geburt, und als wäre es ihnen unmöglich, sich je wieder zu verlassen. Am nächsten Morgen verbreitete sich das Gerücht, der Prinz von Condé habe Bethune geräumt, um sich nach Carvin zurückzuziehen, jedoch in ersterer Stadt eine Garnison gelassen. Da aber die Nachricht unbestimmt war, so beschlossen die jungen Leute, ihren Weg nach Bethune fortzusetzen, um dann, je nach den weiteren Ermittelungen, unterwegs schräg abzuschwenken und nach Carvin zu reiten. Der Hofmeister des Grafen von Guiche kannte die Gegend ganz genau. Er schlug daher einen Weg vor, der die Mitte zwischen der Straße nach Lens und der nach Bethune hielt, wobei man in Ablain Erkundigungen einziehen sollte. Für Grimaud wurde eine Marschroute zurückgelassen. Man brach um sieben Uhr morgens auf. Guiche, der jung und begeistert war, sprach zu Raoul: Wir sind drei Herren und drei Knechte; unsere Knechte sind gut bewaffnet. Wir bilden also sechs schlagfertige Männer. Wenn wir eine kleine Truppe, der unsrigen an Anzahl gleich oder sogar überlegen, träfen, würden wir sie nicht angreifen, Raoul? Holla! Ihr jungen Leute, holla! sprach der Hofmeister, sich ins Gespräch mischend. Nur nicht gar zu rasch! Gottes Blut! Und meine Instruktionen, Herr Graf? Vergeßt Ihr, daß ich Befehl habe, Euch gesund und wohlbehalten zum Prinzen zu führen? Seid Ihr einmal bei dem Heere, so mögt Ihr Euch töten lassen, wann es Euch Vergnügen macht. Aber bis dahin erkläre ich Euch, daß ich in meiner Eigenschaft als Heerführer den Rückzug befehle und bei der ersten Hutfeder, die ich erblicke, den Rücken kehre. Guiche und Raoul schielten sich lächelnd an. Die Gegend belebte sich nun ziemlich, und man traf von Zeit zu Zeit kleine Gruppen von Bauern, die, ihr Vieh vor sich hertreibend und ihre kostbarsten Gegenstände in Karren führend oder aus den Armen tragend, sich zurückzogen. In Ablain erfuhren sie, der Prinz habe sich wirklich von Bethune entfernt und halte sich zwischen Cambrin und Venthie. Man schlug nun, beständig eine Anweisung für Grimand zurücklassend, einen Querweg ein, der in einer halben Stunde ans Ufer eines schmalen Baches führte, der sich in die Lys ergießt. Das Land war von zahlreichen Tälern durchschnitten, und man kam häufig durch kleine Gehölze, in denen der Hofmeister aus Furcht vor einem Hinterhalt stets zwei Lakaien des Grafen als Vorhut an der Spitze reiten ließ. Der Hofmeister selbst und die jungen Leute stellten das Armeekorps vor, und Olivain bewachte, den Karabiner auf dem Knie haltend und mit lauerndem Auge, den Rücken. Jetzt erblickte man ein ziemlich dichtes Gehölz am Horizont. Hundert Schritte davor traf Herr d'Arminges seine gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln und schickte die zwei Lakaien des Grafen voraus. Die Lakaien verschwanden unter den Bäumen, die jungen Leute und der Hofmeister folgten lachend und plaudernd ungefähr auf hundert Schritte. Olivain hielt sich in gleicher Entfernung hinter ihnen, als plötzlich fünf bis sechs Musketenschüsse erklangen. Der Hofmeister schrie Halt, die jungen Leute gehorchten und hielten ihre Pferde an. In demselben Augenblick sah man die Lakaien im Galopp zurückkehren. Seid Ihr angehalten worden? riefen die jungen Leute lebhaft. Nein, antworteten die Lakaien, wir sind sogar wahrscheinlich nicht gesehen worden. Die Flintenschüsse erklangen ungefähr hundert Schritte vor uns im dicksten Teil des Gehölzes, und wir sind zurückgekommen, um Befehl einzuholen. Wir müssen uns zurückziehen, sprach Herr d'Arminges. Dieses Gehölz kann einen Hinterhalt verbergen. Habt Ihr denn nichts gesehen? fragte der Graf einen Lakaien. Es kam mir vor, antwortete dieser, als erblickte ich gelb gekleidete Reiter, die nach dem Bette des Baches eilten. Da haben wir's, sprach der Hofmeister, wir sind auf eine Abteilung Spanier geraten. Zurück, meine Herren, zurück! Die jungen Leute hielten mit verstohlenen Blicken Rat, und in derselben Sekunde hörte man einen Pistolenschuß, worauf ein zwei- oder dreimaliges Hilferufen erfolgte. Die beiden jungen Leute ritten sofort rasch vorwärts. Raoul rief: Herbei, Olivain! der Graf von Guiche: Herbei, Urbain und Blanchet! – Und ehe sich der Hofmeister von seinem Erstaunen erholt hatte, waren sie im Walde verschwunden. Im selben Augenblick, wo sie ihren Pferden die Sporen gaben, nahmen die jungen Leute die Pistole in die Faust. Fünf Minuten nachher waren sie an der Stelle, woher der Lärm zu kommen schien. Dann ließen sie ihre Pferde langsam gehen und rückten vorsichtig vor. Stille, sagte Guiche, Reiter! – Ja, drei zu Pferde und drei abgestiegene. – Was machen sie? Seht Ihr? – Ja, es scheint mir, sie durchsuchen einen Verwundeten oder Toten. – Das ist eine feige Mordtat, sprach Guiche. – Es sind jedoch Soldaten, versetzte Bragelonne. – Wohl, aber Parteigänger, das heißt Straßenräuber. – Vorwärts! sagte Raoul. – Marsch! sprach Guiche. – Meine Herren! rief der arme Hofmeister, meine Herren, ums Himmels willen! ... Aber die jungen Leute hörten nicht. Sie waren wetteifernd vorwärts gesprengt, und das Geschrei des Hofmeisters hatte keinen andern Erfolg, als daß es die Spanier aufmerksam machte. Die drei berittenen Parteigänger galoppierten sogleich den jungen Leuten entgegen, während die drei andern die zwei Reisenden vollends plünderten, denn als die jungen Leute der Gruppe näher kamen, bemerkten sie, daß zwei Leichname dalagen. Auf zehn Schritte von den Spaniern schoß Guiche zuerst und fehlte seinen Mann. Der Spanier, der Raoul entgegenritt, schoß ebenfalls, und Raoul fühlte am linken Arm einen Schmerz, einem Peitschenhiebe ähnlich. Auf vier Schritte drückte Raoul ab, und der Spanier streckte, mitten in die Brust getroffen, die Arme aus und fiel rücklings auf sein Pferd, das sich umwandte und ihn forttrug. In diesem Augenblick sah Raoul durch eine Wolke einen Musketenlauf auf sich richten. Er erinnerte sich des Rates von Athos und ließ durch eine blitzschnelle Bewegung sein Roß sich bäumen; der Schuß ging los. Das Pferd machte einen Seitensprung und stürzte zusammen, so daß Raoul mit einem Bein darunter kam. Der Spanier sprengte, seine Muskete beim Lauf nehmend, heran, um Raoul mit dem Kolben den Schädel einzuschlagen. Unglücklicherweise konnte Raoul in seiner Lage weder den Degen aus der Scheide noch die Pistole aus dem Halfter ziehen. Er sah den Kolben über seinem Haupte schwingen und drückte unwillkürlich seine Augen zu, als Guiche mit einem Sprunge bei dem Spanier war und ihm die Pistole an die Kehle setzte. Ergebt Euch, sagte er, oder Ihr seid des Todes! Die Muskete entfiel den Händen des Soldaten, und dieser ergab sich augenblicklich. Guiche rief einen seiner Lakaien, übergab ihm den Gefangenen zur Bewachung mit dem Befehl, ihn zusammenzuschießen, wenn er eine Bewegung zur Flucht machte, sprang von seinem Pferde und näherte sich Raoul. Meiner Treu, Herr! sagte Raoul lachend, obgleich etwas blaß: Ihr bezahlt Eure Schulden schnell; ohne Euch, fügte er, die Worte des Grafen wiederholend, hinzu, wäre ich tot, dreimal tot! Mein Feind ließ mir, da er entfloh, die Möglichkeit, Euch zu Hilfe zu kommen, antwortete Guiche. Aber seid Ihr ernstlich verwundet? Ich sehe Euch ganz voll Blut. Ich glaube, erwiderte Raoul, ich habe eine Schramme am Arm. Helft mir unter meinem Pferde hervor, so werden wir, hoffe ich, unsere Reise sogleich wieder fortsetzen können. Herr d'Arminges und Olivain waren bereits abgestiegen und suchten das im Todeskampf liegende Pferd aufzuheben. Es gelang Raoul, seinen Fuß aus dem Steigbügel und sein Bein unter dem Pferde hervorzuziehen, und in einem Augenblick stand er aufrecht. Nichts gebrochen? fragte Guiche. Gott sei Dank, nichts, antwortete Raoul. Aber was ist aus den Unglücklichen geworden, welche die Elenden töteten? Sie näherten sich dem Orte, wo die Opfer lagen. Der Mönch Zwei Menschen lagen da ... der eine unbeweglich, das Gesicht nach dem Boden, von drei Kugeln durchbohrt und in seinem Blute schwimmend. Dieser, offenbar ein Priester, war tot. Der andere schlug, als man sich ihm näherte, die Augen zum Himmel auf, faltete die Hände und verrichtete ein heißes Gebet ... Eine Kugel hatte ihm den Oberschenkel zerschmettert. Raoul, der es zuerst bemerkte, rief: Kommt hierher ... dem andern ist nicht mehr zu helfen, während man diesen vielleicht noch retten kann! Mich retten? Nein, sprach der Verwundete leise, aber mir sterben helfen, ja! – Seid Ihr ein Priester? fragte Raoul. – Nein, Herr. – Aber Euer unglücklicher Gefährte schien mir der Kirche anzugehören, versetzte Raoul. Es ist der Pfarrer von Bethune, mein Herr. Er trug die heiligen Gefäße seiner Kirche und den Schatz des Kapitels an einen sichern Ort, denn der Prinz hat gestern unsere Stadt verlassen, und vielleicht ist morgen der Spanier darin. Da man aber wußte, daß feindliche Streifkorps im Lande umherzogen, und die Sendung gefährlich war, so wagte es niemand, ihn zu begleiten, bis ich mich anbot. Und diese Elenden haben Euch angegriffen! Diese Schufte haben auf einen Priester geschossen! Meine Herren, sagte der Verwundete um sich herschauend, ich leide sehr, wünschte aber dennoch in irgend ein Haus gebracht zu werden, wo ich beichten könnte. Die Kugel hat den Schenkelknochen oben zerschmettert und ist bis in die Eingeweide gedrungen. Seid Ihr Arzt? sagte Guiche. Nein, aber ich verstehe mich ein wenig auf Wunden, und die meinige ist tödlich. Versucht es also, mich irgendwohin bringen zu lassen, wo ich einen Priester finden kann, oder habt die Güte, mir irgend einen hierher zu führen, und Gott wird Euch für diese fromme Handlung belohnen. Meine Seele muß gerettet werden, denn mein Leib ist verloren. Mein Gott! rief er, als plötzlich die Schmerzen heftiger zu werden schienen, mit einem Ausdruck des Entsetzens, der die jungen Leute beben ließ, Ihr laßt mich nicht ohne Absolution sterben? Es wäre zu schrecklich. Mein Herr, beruhigt Euch, antwortete Guiche, ich schwöre Euch, daß Ihr den Trost haben sollt, nach dem Ihr verlangt. Sagt uns nur, wo ein Haus ist, in dem wir Beistand fordern, und ein Dorf, wo wir einen Priester bekommen können. Dank, Dank, und Gott vergelte es Euch. Eine halbe Meile von hier findet sich eine Herberge, und ungefähr eine halbe Meile weiter liegt das Dorf Greny. Sucht dort den Pfarrer auf. Ist er nicht zu Hause, so geht in das Augustinerkloster, das letzte Haus des Fleckens rechts, und führt mir einen Bruder herbei. Herr d'Arminges, sprach Guiche, bleibt bei diesem Unglücklichen und wacht darüber, daß er so sanft als möglich transportiert wird. Macht eine Tragbahre aus Baumzweigen und legt alle unsere Mäntel darauf. Zwei von unsern Lakaien tragen ihn, während der dritte den zuerst Ermüdeten ablöst. Der Vicomte und ich suchen einen Priester auf. Geht, Herr Graf, sprach der Hofmeister, aber ums Himmels willen setzt Euch keiner Gefahr aus. Guten Mut, Herr, sprach Raoul zu dem Verwundeten, wir vollführen Euern Wunsch. Gott segne euch, meine Herren, antwortete der Sterbende mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Dankbarkeit. Und die jungen Leute sprengten im Galopp in der angegebenen Richtung fort und erblickten nach einem Ritt von zehn Minuten die Herberge. Raoul rief, ohne vom Pferd zu steigen, den Wirt, benachrichtigte ihn, daß man ihm einen Verwundeten bringen werde, und bat ihn, mittlerweile alles vorzubereiten, was zum Verbinden notwendig sei, forderte ihn zugleich auf, wenn er in der Umgegend einen Wundarzt kenne, ihn holen zu lassen, und ritt mit seinem Freunde weiter. Sie hatten mehr als eine Meile hinter sich und erblickten bereits die ersten Häuser des Dorfes, deren mit rötlichen Ziegeln bedeckte Dächer kräftig aus den grünen Bäumen, von denen sie umgeben waren, hervortraten, als sie einen Mönch, den sie nach seinem breiten Hut und seiner grauwollenen Kutte für einen Augustinerbruder hielten, auf einem Maultier einherkommen sahen. Diesmal schien ihnen der Zufall zu schicken, was sie suchten. Sie näherten sich dem Mönch; es war ein Mann von zwei- bis dreiundzwanzig Jahren, den jedoch seine asketischen Übungen weit älter gemacht hatten. Er war bleich, aber nicht von der matten Blässe, die manchmal eine Schönheit ist, sondern von galligem Gelb. Seine kurzen Haare, die kaum ein wenig über den Kreis gingen, den sein Hut um seine Stirne zog, waren hellblond, und seine blauen Augen schienen des Blickes zu entbehren. Mein Herr, sagte Raoul mit seiner gewöhnlichen Höflichkeit, seid Ihr ein Priester? Warum fragt Ihr mich? sprach der Fremde mit beinahe unhöflicher Unempfindlichkeit. Um es zu wissen, antwortete der Graf von Guiche mit stolzem Tone. Der Fremde berührte sein Maultier mit dem Absatz und setzte seinen Weg fort. Guiche war mit einem Sprunge vor ihm und versperrte ihm den Weg. Antwortet, Herr, sagte er. Man hat Euch höflich gefragt, und jede Frage ist eine Antwort wert. Es steht mir, denke ich, frei, den nächsten besten zwei Personen, die der Kitzel ankommt, mich auszuforschen, zu sagen, wer ich bin, oder es nicht zu sagen. Guiche unterdrückte mit großer Mühe seine Lust, den Mönch braun und schwarz zu prügeln. Einmal, sprach er mit gewaltiger Selbstüberwindung, sind wir nicht die nächsten besten zwei Personen; mein Freund, hier ist der Vicomte von Bragelonne, und ich bin der Graf von Guiche; dann fragen wir nicht aus Neugierde, sondern ein verwundeter, sterbender Mann verlangt die Hilfe der Kirche. Seid Ihr Priester, so fordre ich Euch im Namen der Menschheit auf, mir zu folgen, um diesem Manne Beistand zu leisten. Seid Ihr es nicht, dann ist es etwas anderes. Ich sage Euch übrigens mit aller Höflichkeit, die Ihr ganz und gar nicht zu kennen scheint, daß ich Euch für Eure Unverschämtheit bestrafen werde. Die Blässe des Mönches wurde bläulich, und er lächelte auf eine so seltsame Weise, daß Raoul, der ihn fest im Auge behielt, schauderte. Es ist ein spanischer oder flämischer Spion, sprach er und legte die Hand an den Kolben seiner Pistole. Ein drohender, einem Blitz ähnlicher Blick antwortete Raoul. Nun, Herr, sagte Guiche, werdet Ihr sprechen? Ich bin Priester, meine Herren, antwortete der junge Mann, und sein Gesicht nahm wieder seine gleichgültige Miene an. Dann, mein Vater, sagte Raoul, indem er seine Pistole wieder in die Halfter fallen ließ und seinen Worten einen ehrfurchtsvollen Ausdruck gab, wenn Ihr Priester seid, so findet Ihr, wie mein Freund Euch gesagt hat, eine Gelegenheit, Euer Amt auszuüben. Ein unglücklicher Verwundeter befindet sich in der nächsten Herberge. Er fordert den Beistand eines Dieners Gottes. Ich begebe mich dahin, sprach der Mönch. Und er gab seinem Maultier einen Absatz. Folgen wir ihm, sagte Guiche, das wird sicherer sein. Und die jungen Leute ritten im gleichen Tempo mit dem Mönch, dem sie etwa auf Pistolenschußweite folgten, weiter. Nach fünf Minuten wandte sich der Mönch, um sich zu versichern, ob sie ihm folgten oder nicht. Seht, sprach Raoul, wir haben Wohl daran getan. – Was für ein furchtbares Gesicht dieser Mönch hat! sagte der Graf von Guiche. – Ja furchtbar, erwiderte Raoul, besonders was den Ausdruck betrifft. Diese gelblichen Haare, diese matten Augen, diese Lippen, die beim geringsten Wort, das er ausspricht. verschwinden ... – Ja, ja, sprach Guiche, dem alle diese Einzelheiten weniger aufgefallen waren, da Raoul den Mönch prüfend anschaute, während Guiche sprach. Der Beichtende sieht aus, als besäße er ein besseres Gewissen, als der Priester. Ich gestehe, ich bin gewohnt, ganz andere Priester zu sehen. – Welch ein Unglück für den Verwundeten, daß er in den Armen eines solchen Kuttenmenschen sterben soll! – Bah! sagte Guiche, die Absolution kommt nicht von dem, der sie gibt, sondern von Gott. Aber aufrichtig gestanden, ich würde lieber ohne Absolution sterben, als mit einem solchen Beichtvater zu tun haben. Ihr seid auch meiner Meinung, Vicomte, nicht wahr? Ich sah Euch den Kolben Eurer Pistolen liebkosen, als ob Ihr versucht wäret, ihm den Schädel zu zerschmettern. – Ja, Graf, es mag seltsam erscheinen, und Ihr werdet darüber erstaunen, ich fühlte beim Anblick dieses Menschen einen mir selbst unerklärbaren, unbeschreiblichen Abscheu. Ich schwöre Euch, daß mich bei seinem Anblick ein Gefühl ergriff, wie ich es empfand, als einmal bei Blois eine Schlange mir in den Weg kam und auf mich loszüngelte; ich war starr und wie gebannt, bis mich ein Wort meines Beschützers, des Grafen de la Fère, zu mir selbst brachte und ich dem Reptil im Momente, als es auf mich losfuhr, den Kopf zerschmetterte. In diesem Augenblick kam man in die Nähe der kleinen Herberge, in die man soeben den Verwundeten brachte. Die jungen Leute spornten ihre Rosse. Dort ist der Verwundete, sagte Guiche, an dem Augustinerbruder vorüberreitend, habt die Güte, Euch ein wenig zu beeilen, Herr Mönch. Nun waren die jungen Leute vor dem Beichtvater, statt ihm zu folgen; sie gingen dem Sterbenden entgegen und teilten ihm die gute Kunde mit. Dieser erhob sich, um in der angegebenen Richtung zu schauen, und als er den Mönch sein Maultier antreiben und näherkommen sah, da fiel er, das Gesicht von einem Freudenstrahl erleuchtet, auf die Tragbahre zurück. Wir haben nun, sagten die jungen Leute, alles für Euch getan, was wir tun konnten, und da es uns drängt, zum Heere des Prinzen zu gelangen, so setzen wir unsern Marsch fort; Ihr werdet uns entschuldigen, nicht wahr, Herr? Man sagt, es soll eine Schlacht geschlagen werden, und wir wünschten nicht, zu spät zu kommen. Geht, meine jungen Herren, erwiderte der Verwundete, und seid für Euer Mitleid gesegnet. Gott beschütze Euch, Euch und diejenigen, die Euch teuer sind. Mein Herr, sprach Guiche zu seinem Hofmeister, wir reiten voraus, Ihr holt uns auf der Straße nach Cambrin ein. Der Wirt stand unter der Türe. Er hatte alles vorbereitet, Bett, Binden und Charpie, und ein Knecht war nach Lens, der nächsten Stadt, gegangen, um einen Arzt zu holen. Hier die Bezahlung, sorgt für den Verwundeten, sagte Guiche zu dem Wirt und warf ihm Geld zu. Gut, sprach der Wirt, es soll geschehen, wie Ihr wünscht. Aber haltet Ihr nicht an, gnädiger Herr, um Eure Wunde zu verbinden? setzte er, sich an Bragelonne wendend, hinzu. Ah, meine Wunde ist durchaus von keiner Bedeutung, und es ist noch Zeit genug, wenn ich auf der nächsten Station danach sehe. Aber wenn Ihr einen Reiter vorüberkommen seht und dieser Reiter sich nach einem jungen Mann auf einem Fuchs und mit einem Lakaien erkundigt, so habt die Güte, ihm zu sagen, daß Ihr mich gesehen habt, ich sei jedoch weitergeritten und gedenke in Mazingarde zu Mittag zu speisen und zu Cambrin über Nacht zu bleiben. Dieser Reiter ist mein Bedienter. Wäre es nicht besser und sicherer, wenn ich ihn um seinen Namen fragte und ihm den Eurigen nennen würde? entgegnete der Wirt. Diese Vorsicht kann nicht schaden, sprach Raoul, ich heiße Vicomte von Bragelonne und er Grimaud. In diesem Augenblick kam der Verwundete von der einen Seite und der Mönch von der andern. Die jungen Leute wichen zurück, um die Tragbahre vorüberziehen zu lassen. Der Mönch stieg von seinem Maultier ab und befahl, es in den Stall zu führen, ohne es abzusatteln. Herr Mönch, sprach Guiche, hört diesen braven Mann wohl Beichte und kümmert Euch nicht um Eure Zeche und um die Eures Tieres; alles ist bezahlt. Ich danke, mein Herr, antwortete der Mönch mit seinem gräßlichen Lächeln. In diesem Augenblick wurde die Tragbahre von den Lakaien ins Haus gebracht. Der Wirt und seine Frau, die auch herbeigelaufen war, standen auf der Treppe. Beim Anblick des bleichen, blutigen Mannes ergriff die Frau ihren Mann heftig beim Arme. Nun, was gibt es? fragte dieser. – Sieh nur, erwiderte die Wirtin, auf den Verwundeten deutend. – Bei Gott, sagte der Wirt, er scheint mir sehr krank zu sein! – Das ist's nicht, erkennst du ihn denn nicht? – Diesen Menschen? Warte doch ... – Ah, ich sehe, daß du ihn erkennst, sagte die Frau, denn du erbleichst ebenfalls. – In der Tat! rief der Wirt. Weh unserm Hause, es ist der ehemalige Henker von Bethune! – Der ehemalige Henker von Bethune, murmelte der junge Mönch und machte eine Bewegung, als wollte er stille stehen, während auf seinem Gesichte das Gefühl des Widerstrebens hervortrat, das ihm sein Bußfertiger einflößte. Als die Lakaien, die den Sterbenden auf ein Bett gelegt hatten, den Mann Gottes sich dem Lager des Verwundeten nahen sahen, entfernten sie sich und schlossen die Türe hinter dem Mönch und dem Sterbenden. D'Arminges und Olivain harrten ihrer, stiegen wieder zu Pferde, und alle vier trabten den beiden Edelleuten nach. Im Augenblick, wo der Hofmeister und sein Gefolge ebenfalls verschwanden, hielt ein neuer Reisender an der Schwelle des Wirtshauses. Was wünscht der Herr? fragte der Wirt, noch bleich und zitternd von der Entdeckung, die er gemacht hatte. Der Reisende machte das Zeichen eines Mannes, der trinkt, stieg ab, deutete auf sein Pferd und machte das Zeichen eines Reibenden. Ah, Teufel! sagte der Wirt zu sich selbst, es scheint, dieser Mensch ist stumm. – Und wo wollt Ihr trinken? fragte er. – Hier, antwortete der Reisende, auf einen Tisch deutend. – Ich täuschte mich, dachte der Wirt, er ist nicht ganz stumm. Und er verbeugte sich, holte eine Flasche Wein und Zwieback und setzte beides dem schweigsamen Gaste vor. Beliebt dem Herrn sonst noch etwas? fragte er. – Allerdings, sprach der Reisende. – Was wünscht der Herr? – Zu wissen, ob Ihr nicht einen jungen Edelmann von fünfzehn Jahren, auf einem Fuchs und mit einem Lakaien habt vorüberreiten sehen? – Den Grafen von Bragelonne? sagte der Wirt. – Richtig. – Dann heißt Ihr Grimaud? Der Reisende machte ein bejahendes Zeichen. Nun wohl, sprach der Wirt, Euer junger Herr war erst vor einer Viertelstunde hier. Er wird in Mazingarde zu Mittag speisen und in Cambrin über Nacht bleiben. – Wie weit von hier nach Mazingarde? – Zwei und eine halbe Meile. – Danke. Da Grimaud jetzt die sichere Aussicht hatte, seinen jungen Herrn am Abend zu treffen, so schien er ruhiger zu werden, trocknete sich die Stirn ab und schenkte sich ein Glas Wein ein, das er schweigend trank. Er hatte sein Glas auf den Tisch gestellt und schickte sich an, es zum zweitenmal zu füllen, als ein furchtbarer Schrei aus dem Innern des Hauses drang, wo sich der Mönch und der Sterbende befanden. Grimaud stand rasch auf. Auf seine Frage erzählte ihm der Wirt, der frühere Henker von Bethune sei, von spanischen Parteigängern auf den Tod verwundet, hergetragen worden und beichte soeben einem Augustinermönch. Der frühere Henker von Bethune? murmelte Grimaud, seine Erinnerungen zusammenfassend ... ein Mann von fünfundfünfzig bis sechzig Jahren ... groß, kräftig, von dunkler Gesichtsfarbe, mit schwarzem Bart und schwarzen Haaren? So ist es, nur sind seine Barthaare grau und seine Haupthaare weiß geworden. Kennt Ihr ihn? fragte der Wirt. Ich habe ihn einmal gesehen, antwortete Grimaud, dessen Stirn sich bei der auftauchenden Erinnerung verfinsterte. Die Frau lief zitternd herbei. Hast du gehört? sagte sie zu ihrem Manne. – Ja, antwortete der Wirt und schaute unruhig nach der Türe. In diesem Augenblick vernahm man einen Schrei, etwas weniger stark, als der erste, aber in einen langen, gedehnten Seufzer ausklingend. Die drei Personen schauten sich bebend an. Man muß sehen, was es ist, sagte Grimaud. Man sollte glauben, es sei der Schrei eines Menschen, den man erdrosselt, murmelte der Wirt. Jesus, rief die Wirtin, sich bekreuzend. Grimaud, der zwar wenig sprach, aber umsomehr handelte, stürzte nach der Tür und rüttelte mit aller Gewalt daran; aber sie war durch einen innern Riegel verschlossen. Öffnet, rief der Wirt, öffnet, Herr Mönch! Öffnet sogleich! Niemand antwortete. Öffnet, oder ich sprenge die Tür! rief Grimaud. Dasselbe Stillschweigen. Grimaud schaute umher, nahm eine Stange, die zufällig in einem Winkel lag, und ehe der Wirt sich seinem Vorhaben widersetzen konnte, hatte er die Tür eingestoßen. Das Zimmer war von Blut überströmt, das durch die Matratze drang. Der Verwundete sprach nicht, sondern röchelte. Der Mönch war verschwunden. Der Mönch! wo ist der Mönch? rief der Wirt. Grimaud lief nach einem offenen Fenster, das nach dem Hofe ging. Er wird hier hinaus entflohen sein! rief er. Ihr glaubt? sprach der Wirt ganz bestürzt. Hausknecht, seht nach, ob das Maultier des Mönches im Stalle ist! Kein Maultier mehr, antwortete dieser. Grimaud näherte sich dem Verwundeten und schaute seine rauhen Züge an, die eine furchtbare Erinnerung in ihm hervorriefen. Nach einem Augenblick stummer, düsterer Betrachtung sagte er: Es unterliegt keinem Zweifel, er ist es! Lebt er noch? fragte der Wirt. Ohne zu antworten, öffnete Grimaud sein Wams, um ihm das Herz zu befühlen, während sich der Wirt ebenfalls näherte. Wer Plötzlich wichen beide zurück, der Wirt stieß einen Schrei des Schreckens aus, und Grimaud erblaßte. Die Klinge eines Dolches war dem Toten bis ans Heft in die linke Seite der Brust gestoßen. Lauft nach Hilfe! sprach Grimaud; ich bleibe bei ihm. Der Wirt eilte ganz bestürzt aus dem Zimmer. Die Frau war bei dem Schrei ihres Mannes entflohen. Die Absolution Man höre, was geschehen war. Sobald der Mönch im Zimmer war, näherte er sich dem Verwundeten. Dieser betrachtete das Gesicht dessen, der sein Tröster werden sollte; er machte eine Bewegung des Erstaunens und sagte: Ihr seid sehr jung, mein Vater. – Die Leute meines Gewandes haben kein Alter, antwortete der Mönch trocken. – Ach, sprecht doch etwas sanfter, mein Vater, versetzte der Verwundete, ich bedarf eines Freundes in meinen letzten Augenblicken. – Ihr leidet viel? sagte der Mönch. – Ja, aber mehr in der Seele, als im Leibe. – Wir werden Eure Seele retten, erwiderte der junge Mann; aber seid Ihr wirklich der Henker von Bethune, wie diese Leute sagen? – Das heißt, antwortete lebhaft der Verwundete, das heißt, ich bin es gewesen, bin es aber nicht mehr. Ich habe vor fünfzehn Jahren mein Amt aufgegeben, wohne Hinrichtungen noch bei, schlage aber nicht mehr. O nein! – Ihr habt also Abscheu vor Eurem Stande? Der Henker stieß einen tiefen Seufzer aus und sagte: Solange ich nur im Namen des Gesetzes und der Gerechtigkeit geschlagen habe, ließ mich mein Stand, da ich unter der Gerechtigkeit und dem Gesetze geschützt war, ruhig schlafen; aber seit der furchtbaren Nacht, wo ich als Werkzeug für eine Privatrache diente und mein Schwert mit Haß gegen ein Geschöpf Gottes erhob, seit dieser Nacht ... Der Henker hielt inne und schüttelte mit verzweifelter Miene den Kopf. Sprecht, sagte der Mönch, der sich unten an den Fuß des Bettes gesetzt hatte und der Erzählung mit brennenden Augen folgte. Ach! rief der Sterbende mit dem ganzen Erguß eines lange zurückgehaltenen Schmerzes, der sich endlich Lust macht, ach! ich habe diese Gewissensbisse durch zwanzig Jahre guter Werke zu beschwichtigen gesucht. Ich habe der Erde menschliche Existenzen erhalten, als Ersatz für die, welche ich ihr geraubt hatte. Das in der Ausübung meines Gewerbes von mir errungene Vermögen habe ich unter die Armen verteilt; ich bin ein beständiger Kirchenbesucher geworden. Aber ich glaube, daß mir Gott nicht verziehen hat; denn die Erinnerung an jene Hinrichtung verfolgt mich beständig, und es kommt mir jede Nacht vor, als sähe ich das Gespenst jener Frau vor meinen Augen sich erheben. Einer Frau? Ihr habt also eine Frau ermordet? rief der Mönch. Und Ihr auch? erwiderte der Henker; Ihr bedient Euch auch des Ausdrucks, der so furchtbar in meinem Ohre klingt? Ermordet! Ich habe also gemordet und nicht hingerichtet! Ich bin also ein Mörder und nicht ein Nachrichter! Und er schloß die Augen und stieß einen Seufzer aus. Der Mönch fürchtete ohne Zweifel, er könnte sterben, ohne mehr zu sagen; denn er versetzte lebhaft: Fahrt fort, ich weiß nichts, und wenn Ihr Eure Erzählung geendigt habt, werden Gott und ich richten. An einem Abend, begann der Henker, ohne die Augen zu öffnen, als fürchte er, etwas Entsetzliches vor sich zu sehen, erschien ein Mann bei mir und zeigte mir einen Befehl. Ich folgte. Vier andere vornehme Herren erwarteten mich; sie führten mich maskiert mit sich. Ich nahm mir vor, mich zu weigern, wenn mir das, was man von mir fordern würde, ungerecht vorkäme. Nach fünf oder sechs Meilen eines schweigsamen Marsches zeigten sie mir durch die Fenster einer kleinen Hütte eine mit dem Ellbogen auf den Tisch gelehnte Frau und sagten zu mir: Diese habt Ihr hinzurichten. – Gräßlich! sprach der Mönch. Und Ihr gehorchtet? – Mein Vater, diese Frau war ein Ungeheuer. Sie hatte, wie man sagte, ihren zweiten Gatten vergiftet und ihren Schwager, der sich unter diesen Männern befand, zu vergiften gesucht. Sie hatte kurz zuvor eine junge Frau, die ihre Nebenbuhlerin war, vergiftet, und, ehe sie England verließ, Buckingham, den Liebling des Königs, erdolchen lassen. – Buckingham? rief der Mönch. – Ja, Buckingham, so ist es. – Diese Frau war also eine Engländerin? – Nein, sie war eine Französin, aber in England verheiratet. Der Mönch erbleichte, trocknete seine Stirn und verschloß die Tür mit einem Riegel. Der Henker glaubte, er wolle ihn verlassen, und fiel seufzend auf sein Bett zurück. Nein, nein, hier bin ich, versetzte der Mönch, rasch zu ihm zurückkehrend; fahrt fort, wer waren diese Männer? – Der eine war ein Fremder, ein Engländer, glaube ich. Die andern waren Franzosen und trugen die Uniform der Musketiere. – Ihre Namen? fragte der Mönch. – Ich kenne sie nicht; ich weiß nur, daß die vier andern Herren den Engländer Mylord nannten. – Und die Frau war schön? – Schön und jung! Oh! ja, besonders schön. Ich sehe sie noch, wie sie mit zurückgeworfenem Kopfe vor mir auf den Knien lag und mich anflehte. Ich habe später nie begriffen, wie ich diesen so schönen und so bleichen Kopf abschlagen konnte. Der Mönch schien von einer seltsamen Bewegung ergriffen. Er zitterte an allen Gliedern; man sah, daß er eine Frage machen wollte, daß er es aber nicht wagte. Endlich sagte er nach einer gewaltsamen Selbstüberwindung: Der Name dieser Frau? – Ich weiß ihn nicht. Sie hatte sich, wie ich Euch sagte, zweimal verheiratet, einmal in Frankreich, das zweite Mal in England. – Und sie war jung, sagt Ihr? – Fünfundzwanzig Jahre. – Schön? – Zum Entzücken. – Blond? – Ja. – Lange Haare, nicht wahr ... die ihr bis auf die Schultern herabfielen? – Ja. – Große Augen von wunderbarem Ausdruck? – Wenn sie wollte. Oh! ja, so ist es. – Eine Stimme von seltsamer Weichheit? – Woher wißt Ihr dies? Der Henker stützte sich mit dem Ellbogen auf sein Bett und heftete einen erschrockenen Blick auf den Mönch, der leichenblaß wurde. Und Ihr habt sie getötet! sprach der Mönch; Ihr habt diesen Elenden, die sie nicht selbst zu töten wagten, als Werkzeug gedient! Ihr habt mit dieser Jugend, mit dieser Schönheit, mit dieser Schwäche kein Mitleid gehabt! Ihr habt diese Frau getötet! – Ach! versetzte der Henker, ich habe es Euch gesagt, mein Vater, diese Frau verbarg unter einer himmlischen Hülle einen höllischen Geist, und als ich sie sah und mich des Bösen erinnerte, das sie mir zugefügt hatte... – Euch? Und was hatte sie Euch tun können? – Sie hatte meinen Bruder, der ein Priester war, verführt und zu Grunde gerichtet; sie war mit ihm aus ihrem Kloster entflohen. – Mit Eurem Bruder? – Ja, mein Bruder war ihr erster Liebhaber; sie war am Tode meines Bruders schuld! Oh! mein Vater! mein Vater! schaut mich nicht so an! Oh! ich bin also sehr schuldig. Oh! Ihr vergebt mir also nicht! Der Mönch verzog sein Gesicht. Doch wohl, ich werde Euch vergeben, wenn Ihr mir alles sagt. – Oh! rief der Henker, alles! alles! alles! – So antwortet also... Wenn sie Euren Bruder verführt hat ... Ihr sagt, sie habe ihn verführt, nicht wahr? – Ja. – Wenn sie seinen Tod veranlaßt hat... Ihr sagt, sie habe seinen Tod veranlaßt, nicht wahr? – Ja, wiederholte der Henker. – So müßt Ihr ihren Familiennamen kennen. – Oh! mein Gott! sprach der Henker, mein Gott! ich glaube, ich sterbe. Die Absolution, mein Vater, die Absolution! – Sage mir ihren Namen! rief der Mönch, und ich gebe sie dir! – Sie hieß ... mein Gott, habe Gnade mit mir! murmelte der Henker und sank bleich, zitternd, wie ein Sterbender auf sein Bett zurück. – Ihren Namen! wiederholte der Mönch und beugte sich über ihn, als gedächte er ihm diesen Namen zu entreißen, wenn er ihn nicht nennen wollte; ihren Namen! ... sprich, oder keine Absolution! Der Sterbende schien alle seine Kräfte zusammenzuraffen. Die Augen des Mönchs funkelten. Anna von Breuil, murmelte der Sterbende. – Anna von Breuil! rief der Mönch, sich hoch ausrichtend und seine Hände zum Himmel erhebend, Anna von Breuil, du hast gesagt, Anna von Breuil, nicht wahr? – Ja, ja, das war ihr Name, und jetzt absolviert mich, denn ich sterbe. – Ich dich absolvieren? Ich bin kein Priester! – Ihr seid kein Priester! rief der Henker; aber was seid Ihr denn? – Ich werde es dir sagen, Elender! – Ah! Herr! mein Gott! – Ich bin John Francis Winter. – Ich kenne Euch nicht! rief der Henker. – Warte, warte, du sollst mich kennen lernen; ich bin John Francis Winter, und jene Frau... war meine Mutter. Der Henker stieß den ersten Schrei aus, den furchtbaren Schrei, den man außen gehört hatte. Oh! vergebt mir, vergebt mir, wenn nicht im Namen Gottes, doch wenigstens in Eurem Namen, wenn nicht als Priester, doch wenigstens als Sohn. Dir vergeben! rief der falsche Mönch, dir vergeben! Gott wird es vielleicht tun, ich nie! Habt Mitleid! sprach der Henker und streckte die Arme nach ihm aus. Kein Mitleid für den, der kein Mitleid gehabt hat; stirb unbußfertig, stirb in Verzweiflung; stirb und sei verdammt. Und er zog einen Dolch unter seinem Gewande hervor, bohrte ihn dem Unglücklichen in die Brust und sprach: Hier hast du deine Absolution! Da hörte man den zweiten, schwächeren Schrei, worauf ein langes Seufzen gefolgt war. Der Henker, der sich erhoben hatte, fiel rücklings auf sein Bett zurück. Der Mönch lief, ohne den Dolch aus der Wunde zu ziehen, nach dem Fenster, öffnete es, sprang auf die Blumen eines Gärtchens, schlüpfte in den Stall, nahm sein Maultier, entfernte sich durch eine Hintertür, eilte in den nächsten Wald, zog aus seinem Felleisen eine vollständige Reitertracht, kleidete sich darein, erreichte zu Fuß die nächste Post, mietete ein Pferd und setzte mit verhängten Zügeln seinen Weg nach Paris fort. Grimaud blieb allein bei dem Henker. Der Wirt rief nach Hilfe, die Frau betete. Nach einem Augenblick schlug der Verwundete die Augen wieder auf. Hilfe! murmelte er, Hilfe! Oh, mein Gott, sollte ich nicht einen einzigen Freund finden, der mir leben oder sterben hilft! Und er führte mit großer Anstrengung die Hand an seine Brust; seine Hand traf den Griff des Dolches. Oh! sagte er, wie ein Mensch, der sich eines Umstandes erinnert, und ließ den Arm wieder zurückfallen. Habt Mut, sprach Grimaud, man holt bereits Hilfe. – Wer seid Ihr? fragte der Verwundete und heftete seine weit aufgerissenen Augen auf Grimaud. – Ein alter Bekannter, antwortete Grimaud. – Ihr? Der Verwundete suchte sich die Züge dessen, den er vor sich sah, zu erinnern. Grimaud erzählte ihm kurz, welchen Anteil er an den Ereignissen der verhängnisvollen Nacht genommen habe. – Und der Mönch, sprach der Henker, habt Ihr den Mönch gesehen? – Nein, er war bereits nicht mehr da; es scheint, er ist durch dieses Fenster entflohen. Hat er Euch gestochen? – Ja, erwiderte der Henker. Grimaud machte eine Bewegung, als wollte er sich entfernen. Was wollt Ihr tun? fragte der Verwundete. – Man muß ihm nachsetzen. – Hütet Euch wohl! – Und warum? – Er hat sich gerächt und wohl daran getan. Nun hoffe ich, Gott wird mir verzeihen, denn die Sühnung ist geschehen. – Erklärt Euch deutlicher, sprach Grimaud. Diese Frau, die ich auf Eurer Herren und auf Euer Geheiß tötete... – Mylady ... – Ja, Mylady, es ist wahr, so nanntet Ihr sie. – Was haben Mylady und der Mönch miteinander gemein? – Sie war seine Mutter. Grimaud wankte und schaute den Sterbenden mit starrem Auge an. Seine Mutter! wiederholte er. – Ja, seine Mutter. – Er weiß also dieses Geheimnis? – Ich hielt ihn für einen Mönch und enthüllte es ihm in der Beichte. – Unglücklicher! rief Grimaud, dessen Haare schon beim Gedanken an die Folgen, die eine solche Enthüllung haben konnte, sich in Schweiß badeten. Unglücklicher! Ihr habt hoffentlich niemand genannt. – Ich habe keinen Namen ausgesprochen, denn ich kannte keinen, außer dem Mädchennamen seiner Mutter, und hieran hat er sie erkannt; aber er weiß, daß sein Oheim unter der Zahl der Richter war. Und der Verwundete sank erschöpft zurück. Wohin reist er? fragte Grimaud. – Nach Paris. – Wer hat ihn angehalten? – Zwei junge Edelleute, die sich zur Armee begaben, und von denen der eine, ich hörte seinen Namen von seinem Kameraden aussprechen, Vicomte von Bragelonne heißt. – Und dieser junge Mensch hat Euch den Mönch gebracht. – Ja. Grimaud schlug die Augen zum Himmel auf und sprach: Es war der Wille Gottes. – Sicherlich, versetzte der Verwundete. – Ah, das ist furchtbar, murmelte Grimaud, und dennoch hatte diese Frau ihr Schicksal verdient. Ist dies nicht mehr Eure Ansicht? – Im Augenblick des Sterbens, antwortete der Henker, findet man die Verbrechen anderer sehr klein, wenn man sie mit seinen eigenen vergleicht. Und er sank wieder erschöpft zurück und schloß die Augen. Grimaud hörte jetzt Geräusch im Hausflur und sah einen Augenblick darauf den Wirt mit dem endlich aufgefundenen Wundarzte zurückkehren. Dieser näherte sich dem Sterbenden, der ohnmächtig zu sein schien. Man muß zuerst das Eisen aus der Brust ziehen, sagte er und schüttelte auf eine bezeichnende Weise den Kopf, dann schob er das Wams auf die Seite, zerriß das Hemd und entblößte die Brust. Der Dolch war, wie gesagt, bis an das Stichblatt eingedrungen. Der Chirurg nahm ihn am Ende des Griffes; während er ihn an sich zog, öffnete der Verwundete die Augen, die entsetzlich starr blickten. Kaum war die Klinge aus der Wunde gezogen, so drang ein rötlicher Schaum aus dem Munde des Verwundeten hervor; dann sprang in dem Augenblick, wo er atmete, eine Blutwelle aus der Öffnung der Wunde; mit einem halb erstickten Röcheln heftete der Sterbende einen seltsamen Blick auf Grimaud und verschied. Grimaud faßte den mit Blut überzogenen Dolch, machte dem Wirt ein Zeichen, ihm zu folgen, bezahlte die Zeche mit einer seines Herrn würdigen Großmut und stieg wieder zu Pferde. Nach kurzem Schwanken, ob er geradeswegs nach Paris zurückkehren, oder seinen jungen Herrn aufsuchen sollte, entschied er sich für das letztere. Nach zehn Minuten war er in Mazingarde, wo sein Herr mit dem Grafen Guiche und dessen Hofmeister, noch schwermütig unter dem Eindruck des eben erlebten Ereignisses, in der einzigen Herberge zu Tische saß. Plötzlich öffnete sich die Tür und Grimaud erschien, bleich, bestaubt, noch bedeckt von dem Blut des unglücklichen Verwundeten. Grimaud, mein guter Grimaud, du bist endlich hier? Entschuldigt, meine Herren, es ist kein Diener, sondern ein Freund. Und er stand auf, lief auf ihn zu und fuhr fort: Wie geht es dem Herrn Grafen? Vermißt er mich ein wenig? Hast du ihn seit unserer Trennung gesehen? Aber ich habe dir auch viel mitzuteilen. Seit drei Tagen sind uns viele Abenteuer begegnet. Doch was hast du? Wie bleich siehst du aus? Blut? Warum dieses Blut? – In der Tat, er hat Blut an sich, sprach der Graf, sich erhebend. Seid Ihr verwundet, mein Freund? – Nein, gnädiger Herr, antwortete Grimaud, dieses Blut ist nicht von mir. – Sondern von wem? fragte Raoul. – Es ist das Blut des Unglücklichen, den Ihr in der Herberge zurückgelassen habt, und der in meinen Armen verschieden ist. – Dieser Mensch in deinen Armen! Weißt du, wer er war? – Ja, erwiderte Grimaud. – Es war der ehemalige Henker von Bethune. – Ich weiß es. – Du kanntest ihn? – Ich kannte ihn. – Und er ist tot? – Ja, sprach Grimaud. Die jungen Leute schauten sich an. Zunächst aber, sagte Raoul, laß dir eine Erfrischung auftragen, Grimaud, und wenn du ausgeruht hast, sprechen wir miteinander. – Nein, Herr, nein, entgegnete Grimaud, ich kann mich keinen Augenblick aufhalten, ich muß sogleich nach Paris zurückkehren. – Wie? Du kehrst nach Paris zurück? Du täuschest dich; Olivain geht ab, du bleibst. Im Gegenteil, Olivain bleibt, und ich reise; ich bin gerade deshalb gekommen, um es Euch mitzuteilen. – Aber warum diese Veränderung? – Ich kann es Euch nicht sagen. – Erkläre dich! – Ich kann mich nicht erklären. – Was soll dieser Scherz bedeuten? – Der Herr Vicomte weiß, daß ich nie scherze. – Ja, ich weiß aber auch, daß der Graf de la Fère gesagt hat, du solltest bei mir bleiben und Olivain würde nach Paris zurückkehren. Ich werde die Befehle des Herrn Grafen befolgen. – Unter diesen Umständen nicht. – Solltest du mir etwa ungehorsam sein? – Ja, gnädiger Herr, denn ich muß. – Du beharrst also darauf? – Ja, ich gehe. Alles Glück, Herr Vicomte. Und Grimaud verbeugte sich und wandte sich nach der Türe, um wegzugehen; zugleich wütend und beunruhigt, lief ihm Raoul nach, hielt ihn am Arme und rief: Grimaud, bleib, ich will es haben. Dann wollt Ihr, daß ich den Grafen töten lasse? sprach Grimaud. Grimaud grüßte und schickte sich an, wegzugehen. Grimaud, mein Freund, sagte der Vicomte, du wirst nicht so weggehen, wirst mich nicht in einer solchen Unruhe lassen. Grimaud, sprich, sprich ums Himmels willen. Raoul wankte und fiel auf einen Sessel zurück. Ich kann Euch nur eines sagen, gnädiger Herr, denn das Geheimnis, das Ihr wissen wollt, ist nicht das meinige. Ihr seid einem Mönche begegnet, nicht wahr? – Ja. Die jungen Leute schauten sich erschrocken an. Ihr habt ihn zu dem Verwundeten geführt? – Ja. – Ihr habt also Zeit gehabt, ihn zu sehen? – Ja. – Und vielleicht würdet Ihr ihn wiedererkennen, wenn Ihr ihn je treffen solltet? – O ja, ich schwöre es. – Und auch ich, sprach Guiche. – Nun wohl, wenn Ihr ihn je trefft, sagte Grimaud, wo es auch sein mag, im freien Feld, in der Straße einer Stadt, in einer Kirche, überall, wo Ihr mit ihm zusammentrefft, setzt den Fuß auf ihn und zertretet ihn ohne Mitleid, wie Ihr es mit einer Schlange machen würdet, zertretet ihn und verlaßt ihn nicht eher, als bis er tot ist. Und ohne ein Wort beizufügen, benutzte Grimaud das angstvolle Erstaunen, worein er seine Zuhörer versetzt hatte, um sich eilig zu entfernen. Zwei Minuten nachher hörte man auf der Straße den Galopp eines Pferdes. Raoul lief ans Fenster. Es war Grimaud, der wieder den Weg nach Paris einschlug. Er grüßte den Vicomte mit dem Hut und verschwand bald an der Straßenecke. Der Tag vor der Schlacht Raoul wurde seinen düsteren Betrachtungen durch den Wirt entzogen, der hastig in das Zimmer trat, wo die von uns erzählte Szene vorgefallen war, und ausrief: Die Spanier! die Spanier! Die jungen Leute zogen Erkundigungen ein und erfuhren, daß der Feind wirklich über Houdain und Bethune heranrückte. Während Herr d'Arminges Befehle gab, die Pferde, die eben fraßen, marschfertig zu halten, begaben sich die jungen Leute an das Fenster des Hauses, das die Umgegend beherrschte, und sahen wirklich auf der Seite von Mersin und Sains ein zahlreiches Korps von Fußgängern und Reitern zum Vorschein kommen. Es blieb also nichts anderes übrig, als dem weisen Rat des Herrn d'Arminges zu folgen und sich zurückzuziehen. Die jungen Leute stiegen rasch hinab, Herr d'Arminges war bereits zu Pferde. Der kleine Trupp schlug den Weg nach Cambrin ein, wo man den Prinzen zu finden glaubte; aber er war seit dem vorhergehenden Tage nicht mehr hier und hatte sich, getäuscht durch die falsche Nachricht, daß der Feind in Estaire über die Lys setzen müsse, nach Bassée zurückgezogen. Die Nachricht hatte den Prinzen bewogen, seine Truppen von Bethune zu entfernen und alle seine Streitkräfte zwischen Vieille-Chapelle und Venthie zusammenzuziehen. Er selbst aber war mit dem Marschall von Grammont auf Erkundigung ausgeritten; auch hatte er Offiziere zu diesem Zwecke ausgesandt, aber keiner wußte bestimmte Mitteilungen zu machen. Die feindliche Armee war seit achtundvierzig Stunden ganz und gar verschwunden. Nun ist aber nie ein feindliches Heer so bedrohlich, als wenn es gänzlich verschwunden ist. Der Prinz, der sich eben zu Tisch gesetzt hatte, war gegen seine Gewohnheit verdrießlich und sorgenvoll, als ein Offizier vom Dienst eintrat und dem Marschall von Grammont meldete, es wünsche ihn jemand zu sprechen. Der Herzog von Grammont bat den Prinzen mit einem Blicke um Erlaubnis und entfernte sich. Plötzlich erscholl ein dumpfer Lärm, der Prinz erhob sich lebhaft und streckte die Hand nach der Gegend aus, von welcher der Lärm kam. Dieser Lärm war ihm wohl bekannt, es war Kanonendonner. Alle hatten sich erhoben. In diesem Augenblick wurde die Tür wieder geöffnet, und der Marschall von Grammont sprach, strahlend vor Freude: Erlaubt Eure Hoheit, daß ihr mein Sohn, der Graf von Guiche, und sein Reisegefährte, der Vicomte von Bragelonne, die Aufschlüsse über den Feind geben, die wir suchen und die sie gefunden haben? Wie? sprach der Prinz lebhaft, ob ich es erlaube? Ich erlaube es nicht nur, sondern ich wünsche, daß sie sogleich eintreten. Der Marschall führte die jungen Leute ein, und diese befanden sich dem Prinzen gegenüber. Sprecht, meine Herren, sagte der Prinz, sie begrüßend, sprecht zuerst, dann wollen wir uns die üblichen Komplimente machen. Das dringendste für uns ist jetzt, zu erfahren, wo der Feind steht und was er tut. Der Graf von Guiche erzählte also, was sie in dem Gasthause zu Mazingarde gesehen hatten. Während dieser Zeit betrachtete Raoul den jungen General, der sich bereits durch die Schlachten von Rocroy, Freiburg und Nördlingen so großen Ruhm erworben hatte. Ludwig von Bourbon, Prinz von Condé, den man seit dem Tode Heinrichs von Bourbon, seines Vaters, der Kürze halber und nach der Gewohnheit der Zeit Herr Prinz nannte, war ein junger Mann von höchstens sechs- bis siebenundzwanzig Jahren, mit einem Adlerblicke, einer gebogenen Nase, langen in Locken herabflatternden Haaren, von mittlerem, aber schönem Wuchse. Er besaß alle Eigenschaften eines großen Kriegers, d. h. scharfen Blick, rasche Entschlossenheit, fabelhaften Mut, was ihn nicht abhielt, zu gleicher Zeit ein Mann von Eleganz und Witz zu sein, so daß er außer der Revolution, die er durch neue Einrichtungen und strategische Erfindungen in den Krieg brachte, auch in Paris eine Revolution unter den jungen Leuten des Hofes gemacht hatte, deren natürlicher Führer er war, und die man im Gegensatz zu den Elegants des alten Hofes, für die Bassompierre, Bellegarde und der Herzog von Angoulême als Muster gedient hatten, Petits-Maitres nannte. Bei den ersten Worten des Grafen von Guiche und aus der Richtung, woher der Kanonendonner kam, hatte der Prinz alles begriffen. Der Feind mußte in Saint-Venant über die Lys gesetzt haben und gegen Lens marschieren, ohne Zweifel in der Absicht, sich dieser Stadt zu bemächtigen und das französische Heer zu trennen. Aber von welcher Stärke war diese Truppe? War es ein Korps, das bloß eine einfache Diversion veranstalten sollte, oder die ganze Armee? Da Guiche diese Frage nicht zu beantworten vermochte und schwieg, überwand Raoul das sehr natürliche Gefühl der Schüchternheit, das sich seiner Person dem Prinzen gegenüber bemächtigte, und sprach, sich, ihm nähernd: Wird Monseigneur erlauben, einige Worte über diesen Gegenstand zu wagen, welche ihn vielleicht der Verlegenheit entheben? Der Prinz wandte sich um und schien den jungen Mann mit einem einzigen Blick zu umfassen. Er lächelte, als er in ihm einen Knaben von kaum fünfzehn Jahren erkannte. Allerdings, mein Herr, sprecht, sagte er, seine kräftige Stimme sänftigend, als richte er das Wort an eine Frau. Monseigneur könnte den gefangenen Spanier befragen, erwiderte Raoul errötend. Ihr habt einen Spanier zum Gefangenen gemacht? rief der Prinz. Ja, Monseigneur. Ah, es ist wahr! versetzte Guiche, ich hatte es vergessen. Das ist ganz erklärlich, denn Ihr habt ihn gefangen genommen, sprach Raoul lächelnd. Der alte Marschall wandte sich, dankbar für das seinem Sohne gespendete Lob, gegen den Vicomte um, während der Prinz ausrief: Dieser Jüngling hat recht, man führe den Spanier herbei. Mittlerweile nahm der Prinz den jungen Guiche beiseite und befragte ihn über die Art und Weise, wie sie den Spanier zum Gefangenen gemacht hatten, und wer dieser Jüngling sei. Mein Herr, sagte der Prinz, zu Raoul zurückkehrend, ich weiß, daß Ihr einen Brief von meiner Schwester, der Frau von Longueville, bei Euch habt; aber ich sehe, daß Ihr es vorzogt, Euch durch einen guten Rat, den Ihr mir erteiltet, selbst zu empfehlen. Monseigneur, versetzte Raoul errötend, ich wollte Euer Hoheit nicht in dem so wichtigen Gespräch mit dem Herrn Grafen unterbrechen; doch hier ist der Brief. Es ist gut, entgegnete der Prinz; Ihr werdet ihn mir später geben. Hier kommt der Gefangene. Denken wir an das Wichtigere. Man brachte sofort den Parteigänger. Es war einer von den Condottieri, wie man sie in jener Zeit noch fand, Leute, die in schlimmen Streichen aller Art ergraut waren und ihr Blut an jeden verkauften, der es bezahlen wollte. Seitdem er gefangen war, hatte er kein einziges Wort gesprochen, so daß die, welche ihn festgenommen hatten, nicht einmal wußten, welcher Nation er angehörte. Der Prinz schaute ihn mit einer Miene unbeschreiblichen Mißtrauens an. Von welcher Nation bist du? fragte der Prinz. Der Gefangene erwiderte einige Worte in fremder Sprache. Ah, ah! es scheint, er ist ein Spanier. Sprecht Ihr Spanisch, Grammont? Wahrhaftig, Monseigneur, sehr wenig. Nur Raoul war imstande, den Mann im reinsten Kastilianisch anzureden, der Gefangene erwiderte aber, er sei Deutscher, worauf ihn Raoul zu des Prinzen Verwunderung auch in dieser Sprache und schließlich noch italienisch zu fragen vermochte. Es war aber nichts aus dem Mann herauszubringen. Es ist gut, sprach der Prinz, der die Ursache dieser Unwissenheit wohl begriff, dieser Mensch ist plündernd und mordend gefangengenommen worden. Er hätte sein Leben durch Sprechen erkaufen können; er will nicht sprechen. Führt ihn weg und laßt ihn über die Klinge springen. Der Gefangene erbleichte. Die zwei Soldaten, die ihn herbeigebracht hatten, nahmen ihn an den Armen und führten ihn zur Tür, während der Prinz sich gegen den Marschall von Grammont umwandte und seinen Befehl bereits vergessen zu haben schien. Auf der Türschwelle blieb der Gefangene stehen. Die Soldaten wollten ihn zwingen, weiterzugehen. – Einen Augenblick, sagte der Gefangene französisch; ich bin bereit zu sprechen, Monseigneur. – Ah, ah! rief der Prinz, ich wußte wohl, daß es zuletzt so kommen würde. Ich habe ein vortreffliches Mittel, die Zungen zu lösen. Benutzt es, ihr jungen Leute, wenn ihr einmal kommandieren werdet. – Aber unter der Bedingung, fuhr der Gefangene fort, daß mir Eure Hoheit durch einen Eid mein Leben sichert. – Auf mein adliges Ehrenwort, sprach der Prinz. – Dann fragt, Monseigneur. – Wo ist das Heer über die Lys gesetzt? – Zwischen Saint Benant und Aire. – Von wem wird es befehligt? – Von dem Grafen von Fuensaldagna, von dem General Beck und von dem Erzherzog in Person. – Aus wieviel Mann besteht es? – Aus 18 000 Mann und 36 Feldstücken. – Und es marschiert? – Gegen Lens. Ihr seht, meine Herren! rief der Prinz, sich mit triumphierender Miene gegen den Marschall von Grammont und die übrigen Offiziere umwendend. Ja, Monseigneur, sagte der Marschall, Ihr habt erraten, was dem menschlichen Genie zu erraten möglich ist. Ruft le Plessis-Belliève, Villequier und d'Erlac zurück, sagte der Prinz; ruft alle Truppen zurück, die diesseits der Lys stehen; sie sollen sich bereit halten, noch in dieser Nacht zu marschieren. Morgen greifen wir aller Wahrscheinlichkeit nach den Feind an. Aber bedenkt, Monseigneur, sprach der Marschall von Grammont, daß wir, wenn wir unsere ganze verfügbare Mannschaft sammeln, kaum die Zahl von 13 000 Mann erreichen werden. Mein Herr Marschall, entgegnete der Prinz, mit den kleinen Heeren gewinnt man die großen Schlachten. Graf von Guiche, fuhr er fort, Ihr habt lange Zeit Euern Vater nicht gesehen; bleibt bei ihm, und Ihr, Vicomte, wenn Ihr nicht zu müde seid, so folgt mir. Bis ans Ende der Welt, Monseigneur! rief Raoul, der für diesen jungen General, der ihm seines Rufes so würdig schien, eine grenzenlose Begeisterung fühlte. Der Prinz lächelte. Er verachtete die Schmeichler, aber er schätzte die Enthusiasten. Wohlan, mein Herr, sagte er, Ihr seid gut im Rate, wir haben soeben einen Beweis davon erhalten; morgen werden wir sehen, wie Ihr bei der Tat seid... Und ich, Monseigneur, sprach der Marschall, was soll ich tun? Bleibt, um die Truppen zu empfangen. Entweder werde ich sie selbst holen, oder ich schicke einen Eilboten, damit Ihr mir sie zuführt. Zwanzig gut berittene Wachen, das ist alles, was ich zu meinem Geleite brauche. Das ist sehr wenig, versetzte der Marschall. Genug, entgegnete der Prinz. Habt Ihr ein gutes Pferd, Herr von Bragelonne? Das meinige ist diesen Morgen getötet worden, und ich reite einstweilen das Pferd meines Bedienten. Verlangt und wählt selbst in meinen Ställen ein Pferd, welches Euch zusagt. Keine falsche Scham. Nehmt, was Euch am besten dient. Ihr braucht es vielleicht heute abend und morgen ganz gewiß. Raoul ließ sich das nicht zweimal sagen. Als er zurückkehrte, sagte der Prinz, der eben zu Pferde stieg: Nun, mein Herr, gebt mir den Brief, dessen Überbringer Ihr seid. Raoul überreichte den Brief. Haltet Euch in meiner Nähe, mein Herr, sagte der Prinz. Er gab seinem Pferde die Sporen, hing den Zaum auf den Sattelknopf, wie dies seine Gewohnheit war, wenn er die Hände frei haben wollte, entsiegelte den Brief der Frau von Longueville und entfernte sich, begleitet von Raoul, im Galopp aus der Straße nach Lens, während die Boten, die die Truppen zurückrufen sollten, in entgegengesetzten Richtungen mit verhängten Zügeln fortsprengten. Der Prinz las während seines eiligen Rittes. Mein Herr, sprach er nach einem Augenblick, man sagt mir alles mögliche Gute von Euch! Ich habe Euch nur eins zu bemerken, nämlich, daß ich nach dem wenigen, was ich von Euch gesehen und gehört habe, noch mehr von Euch denke, als man mir sagt. Raoul verbeugte sich. Bei jedem Schritt, der die kleine Truppe gegen Lens führte, erklangen indessen die Kanonenschüsse näher und näher, was den Prinzen zu elektrisieren schien. Endlich hörte man den Donner der Kanonen so nahe, daß man offenbar nur noch eine Meile vom Schlachtfelde entfernt war. An der Wendung der Straße erblickte man das kleine Dorf Aunay. Die Bauern waren in großer Bestürzung. Das Gerücht von den Grausamkeiten der Spanier hatte sich verbreitet und erfüllte alles mit Schrecken. Die Weiber waren bereits gegen Vitry geflohen; einige Männer blieben allein. Beim Anblick des Prinzen liefen sie herbei. Einer erkannte ihn. Ach, Monseigneur, sprach er, kommt Ihr, um alle diese Schurken von Spaniern und alle diese Räuber von Lothringern zu verjagen? – Ja, antwortete der Prinz, wenn du mir als Führer dienen willst. – Gern, Monseigneur, wohin soll ich Eure Hoheit führen? – An einen erhabenen Ort, von wo aus ich Lens und seine Umgebung sehen kann. – Das soll geschehen, und was weiter? – Kann ich mich dir anvertrauen? Bist du ein guter Franzose? – Ich bin ein alter Soldat von Rocroy, Monseigneur. – Halt, sagte der Prinz und gab ihm seine Börse, das ist für Rocroy. Willst du nun ein Pferd, oder ziehst du es vor, zu Fuße zu gehen? – Zu Fuße, Monseigneur, zu Fuße, ich habe immer bei der Infanterie gedient. Überdies gedenke ich Eure Hoheit auf Wegen zu führen, wo Ihr selbst abzusteigen genötigt sein werdet. – Vorwärts sprach der Prinz, und keine Zeit verloren. Eine halbe Meile marschierte man so unter einer Bedeckung von Bäumen. Die Kanonen erklangen so nahe, daß man bei jedem Schusse hätte glauben sollen, man höre die Kugel Pfeifen. Endlich fand man einen Fußpfad, der vom Wege abging und sich auf der Seite eines Berges hinzog. Der Bauer wählte diesen Fußpfad und forderte den Prinzen auf, ihm zu folgen. Dieser stieg ab, befahl einem seiner Adjutanten und Raoul, dasselbe zu tun, und den andern seine Befehle zu erwarten, dabei aber sehr auf ihrer Hut zu sein, und fing an, den Fußpfad zu ersteigen. Nach zehn Minuten war man in die Ruinen eines alten Schlosses gelangt. Diese Ruinen bekränzten den Gipfel eines Hügels, von dessen Höhe aus man die ganze Umgegend beherrschte. Auf kaum eine Viertelmeile erblickte man Lens hart bedrängt und vor Lens die ganze feindliche Armee. Mit einem Blick umfaßte der Prinz die ganze Strecke, welche sich vor seinen Augen ausdehnte, von Lens bis Vismy. In einem Augenblick entrollte sich die Walstätte, die am andern Tage Frankreich vor einer Invasion retten sollte, vor seinem Geiste. Er nahm einen Bleistift, riß ein Blatt aus seiner Schreibtasche und schrieb: Mein lieber Marschall! In einer Stunde wird Lens in der Gewalt des Feindes sein. Kommt zu mir, bringt das ganze Heer mit. Ich werde in Vendrin sein, um es seine Stellung nehmen zu lassen. Morgen haben wir Lens wieder eingenommen und den Feind geschlagen. Dann wandte er sich gegen Raoul und sagte: Geht, Herr, jagt mit verhängten Zügeln und bringt Herrn von Grammont diesen Brief. Raoul verbeugte sich, nahm das Papier, stieg rasch den Berg hinab, schwang sich auf sein Pferd und ritt im Galopp davon. Eine Viertelstunde nachher war er bei dem Marschall. Es war sieben Uhr abends, als der Marschall am Sammelplatz anlangte. Der Prinz erwartete ihn daselbst; denn er hatte es gesagt, Lens war beinahe unmittelbar nach dem Abgang Raouls in die Gewalt des Feindes gefallen. Das Einstellen der Kanonade hatte überdies dieses Ereignis verkündigt. Man erwartete die Nacht. Mit dem Eintritt der Finsternis langten nach und nach die von dem Prinzen herbeibefohlenen Truppen an. Es wurde Befehl gegeben, daß keine Abteilung die Trommel rühren oder die Trompete blasen lassen sollte. Um neun Uhr war es völlig Nacht geworden. Eine letzte Abenddämmerung erleuchtete indessen die Ebene. Man setzte sich schweigend in Marsch. Der Prinz befehligte die Kolonne. Jenseits Aunay angelangt, erblickte das Heer Lens. Einige Häuser standen in Flammen, und ein dumpfes Geräusch, das den Todeskampf einer im Sturme genommenen Stadt andeutete, drang bis zu den Soldaten. Der Prinz bezeichnete jedem seinen Posten. Der Marschall von Grammont sollte die äußerste Linke halten und sich an Mericourt anlehnen. Der Herzog von Chatillon sollte das Zentrum, der Prinz selbst den rechten Flügel bilden und herwärts von Aunay bleiben. Die Schlachtordnung vom andern Tag sollte der Tags zuvor eingenommenen Stellung genau entsprechen. Jeder sollte sich beim Erwachen auf dem Terrain befinden, wo er zu manövrieren hatte. Die Bewegung wurde in der tiefsten Stille und mit der größten Pünktlichkeit ausgeführt. Um zehn Uhr nahm jeder seine Stellung ein. Um halb elf durchlief der Prinz die Posten und gab die Parole für den andern Tag. Er überließ den Grafen von Guiche seinem Vater und behielt Bragelonne für sich; aber die zwei jungen Leute baten um Erlaubnis, die Nacht miteinander zubringen zu dürfen, was ihnen auch bewilligt wurde. Es wurde für sie ein Zelt in der Nähe des für den Marschall bestimmten aufgeschlagen. Obgleich der Tag ermüdend gewesen war, so fühlte doch keiner von beiden ein Bedürfnis zu schlafen. Man kann sich denken, daß die beiden Jünglinge am Vorabend ihrer ersten Schlacht von eigenen Gedanken bewegt wurden; nach wenigen Augenblicken setzte sich jeder von ihnen an ein Ende des Zeltes und fing an, auf seinem Schoße zu schreiben. Die Briefe wurden lang; von Zeit zu Zeit schauten sich die jungen Leute lächelnd an; sie verstanden sich, ohne etwas zu sprechen. Sobald die Briefe vollendet waren, legte jeder den seinigen in zwei Umschläge, so daß man den Namen der Person, an die das Schreiben gerichtet war, nicht lesen konnte, ohne den ersten Umschlag zu zerreißen. Dann tauschten sie ihre Briefe lächelnd aus. Wenn mir Unglück widerfahren sollte ... sagte Bragelonne. Wenn ich getötet würde... sprach von Guiche. Seid unbesorgt, sagten alle beide. Hierauf umarmten sie sich, wie zwei Brüder, hüllten sich in ihre Mäntel und schliefen den jungen, lieblichen Schlaf, den die Vögel, die Blumen und die Jünglinge schlafen. Ein Mittagsmahl aus der alten Zeit Die zweite Zusammenkunft der alten Musketiere war nicht förmlich und bedrohlich, wie die erste. Athos hatte vorgeschlagen, sich bei einer gut bestellten Tafel einzufinden, wo jeder rückhaltlos und ungeniert seinem eigenen Genius folgen könnte. Der Vorschlag war allen angenehm, besonders d'Artagnan, der ein großes Verlangen hatte, den guten Geschmack und die Heiterkeit ihrer früheren Unterhaltung wieder aufleben zu lassen. Porthos, dem eine Baronie winkte, war hoch erfreut über eine solche Gelegenheit, in Athos und Aramis den Ton und die Manieren der Leute von Stand zu studieren. Aramis wollte Neuigkeiten aus dem Palais-Royal in Erfahrung bringen. Athos war der einzige, der von den andern nichts zu empfangen und nichts zu erwarten hatte und nur von dem einfachen Gefühl reiner Freundschaft geleitet wurde. Die ersten Worte, welche die vier Freunde austauschten, erhielten gerade durch die absichtliche Begeisterung, die jeder in seine Kundgebungen legte, etwas Gezwungenes, und das Mahl begann mit einer gewissen Steifheit. Man sah, daß d'Artagnan sich Gewalt antat, um zu lachen, Athos, um zu trinken, Aramis, um zu erzählen, und Porthos, um zu schweigen. Athos gewahrte diese Verlegenheit und bestellte, um ein rasches Gegenmittel anzuwenden, vier Flaschen Champagner. Bei diesem mit der gewöhnlichen Ruhe von Athos gegebenen Befehl sah man das Gesicht des Gascogners sich entrunzeln und Porthos' Stirne sich aufhellen. Aramis war erstaunt; er wußte nicht nur, daß Athos nicht mehr trank, sondern auch, daß er einen gewissen Widerwillen gegen den Wein hegte. Dieses Erstaunen wuchs, als er sah, wie Athos sich ein volles Glas einschenkte und es mit seiner ehemaligen Begeisterung austrank. D'Artagnan füllte und leerte sein Glas ebenfalls. Porthos und Aramis stießen mit den ihrigen an. Im Nu waren die vier Flaschen leer. Man hätte glauben sollen, es dränge die Gäste, sich von ihren Hintergedanken loszusagen. Im Augenblick hatte dieses vortreffliche Spezifikum auch die kleinste Wolke zerstreut, die im Grunde ihres Herzens zurückbleiben konnte. Sie fingen an, lauter zu sprechen, ohne daß der eine wartete, bis der andere vollendet hatte, und jeder nahm seine Lieblingsstellung bei Tische ein. Bald knüpfte Aramis – eine unerlebte Erscheinung – zwei Nesteln von seinem Wamse auf; als Porthos dies sah, öffnete er seins völlig. Die Schlachten, die langen Ritte, die Stiche und Stöße, die sie empfangen und gegeben hatten, bestritten die ersten Kosten der Unterhaltung. Dann ging man zu den Kämpfen gegen den großen Kardinal über. Meiner Treu! sagte Aramis lachend, die Toten sind nun sattsam gelobt, laßt uns jetzt die Lebenden durchhecheln. Ich möchte gern über Mazarin herfallen. Ist es erlaubt? Immerhin, erwiderte d'Artagnan, ebenfalls lachend, immerhin; erzählt Eure Geschichte, und ich klatsche Euch Beifall, wenn sie gut ist. Ein großer Fürst, sprach Aramis, mit dem Mazarin ein Bündnis abzuschließen wünschte, wurde von diesem aufgefordert, ihm das Verzeichnis der Bedingungen zu schicken, unter denen er ihm die Ehre erzeigen würde, sich mit ihm zu vertragen. Der Fürst, dem es einigermaßen widerstrebte, mit einem solchen Knauser zu unterhandeln, machte nur ungern sein Verzeichnis und schickte es ihm. In diesem Verzeichnis standen drei Dinge, die Mazarin mißfielen; er ließ dem Fürsten zehntausend Taler anbieten, wenn er darauf Verzicht leiste. Ah! ah! ah! riefen die drei Freunde, das war nicht teuer, und er hatte nicht zu fürchten, daß man ihn beim Worte nehmen könnte. Was tat der Fürst? Der Fürst schickte sogleich 50 000 Livres an Mazarin, mit der Bitte, nie mehr an ihn zu schreiben, und bot ihm zugleich weitere 20 000 Livres, wenn er sich verbindlich machen würde, nie mehr mit ihm zu sprechen. Was tat Mazarin? Er ärgerte sich, sprach Athos. Er ließ den Boten durchprügeln, meinte Porthos. Er nahm die Summe an, versetzte d'Artagnan. Ihr habt's erraten, d'Artagnan, erwiderte Aramis. Und sie brachen insgesamt in ein so schallendes Gelächter aus, daß der Wirt heraufkam und fragte, ob die Herren etwas nötig hätten. Darf man auch Herrn von Beaufort etwas an der Nase zupfen, sprach d'Artagnan, ich habe große Lust dazu. Tut es, antwortete Aramis. Und Ihr, Athos? sagte d'Artagnan. Ich schwöre Euch, so wahr ich ein Edelmann bin, daß wir lachen, wenn Ihr komisch seid. Man lachte in der Tat viel über d'Artagnans Erzählung. Dieser gab nämlich eine Geschichte zum besten, wonach Herr von Beaufort, dessen sprachliche Verstöße sprichwörtlich waren, zwei ähnlich klingende, aber ganz Verschiedenes bedeutende Wörter miteinander verwechselt hatte. Die Freunde faßten darauf einhellig den Beschluß, es solle aller Parteigeist für immer von ihren Versammlungen verbannt bleiben und d'Artagnan und Porthos zwanglos die Prinzen verspotten dürfen, unter der Bedingung, daß es Athos und Aramis gestattet sei, ihrerseits Mazarin zu striegeln. Meiner Treu, sagte d'Artagnan zu seinen zwei Freunden, Ihr habt recht, Mazarin zu grollen, denn ich schwöre Euch, daß er Euch ebenfalls nicht wohl will. – Wirklich? sagte Athos! wenn ich glaubte, der Kerl kenne mich dem Namen nach, so ließe ich mich umtaufen, nur damit man nicht annehmen könnte, ich kenne auch ihn. – Er kennt Euch nicht bei Euren Namen, sondern durch Eure Taten. Er weiß, daß es zwei Edelleute gibt, die ganz besonders zu der Flucht des Herrn Beaufort beigetragen haben, und er läßt sie sehr emsig suchen, dafür stehe ich Euch. – Durch wen? – Durch mich. – Wie, durch Euch? – Ja, er hat mich noch heute früh holen lassen, um mich zu fragen, ob ich irgend eine Spur habe. – Von diesen zwei Edelleuten? – Ja. – Und was habt Ihr ihm geantwortet? – Ich habe keine, aber ich würde mit zwei Personen zu Mittag speisen, die mir vielleicht Auskunft geben könnten. – Dies habt Ihr ihm gesagt? sprach Porthos, und eine unbeschreibliche Heiterkeit verbreitete sich über seinem Gesicht. Bravo, und das macht Euch nicht bange, Athos? – Nein, sagte Athos, die Nachforschung Mazarins fürchte ich nicht. – Ihr? versetzte Aramis. Was solltet Ihr fürchten? – Nichts, in diesem Augenblick wenigstens, das ist wahr. – Und in der Vergangenheit? sagte Porthos. – Ah, in der Vergangenheit, das ist etwas anderes, sprach Athos mit einem Seufzer; in der Vergangenheit und in der Zukunft. – Fürchtet Ihr etwa für Euern jungen Raoul? fragte Aramis. – Bah! rief d'Artagnan, man wird nie im ersten Gefechte getötet.– Und auch nicht im zweiten, versetzte Aramis. – Und ebensowenig im dritten, sprach Porthos. Überdies kommt man zurück, wenn man tot ist, der Beweis davon sind wir. – Nein, entgegnete Athos, auch Raoul beunruhigt mich nicht, denn er wird sich hoffentlich wie ein Edelmann betragen, und wenn er fällt, so stirbt er als tapferer Krieger. Doch hört, wenn ihm dieses Unglück begegnete ... Athos fuhr mit der Hand über seine bleiche Stirne. Nun? fragte Aramis. – Nun ja, ich würde dieses Unglück als eine Sühnung betrachten. – Ah! ah! rief d'Artagnan, ich weiß, was Ihr sagen wollt. – Und ich auch, sprach Aramis, aber man muß nicht daran denken, Athos. Was geschehen ist, ist geschehen. – Ich verstehe Euch nicht, sagte Porthos. – Die Geschichte von Armentières, flüsterte d'Artagnan. – Die Geschichte von Armentières! sagte Porthos. – Mylady ... – Ach ja, das hatte ich vergessen. Athos schaute ihn mit seinem tiefen Auge an und sprach: Ihr habt es vergessen, Porthos? – Meiner Treu, ja, es ist schon lange her. – Die Sache lastet also nicht auf Eurem Gewissen? – Wahrhaftig, nein, antwortete Porthos. – Und Ihr, Aramis? – Ich denke zuweilen daran, als an einen der Gewissensfälle, die sich ganz besonders zur Diskussion eignen. – Und Ihr, d'Artagnan? – Ich gestehe, wenn mein Geist bei dieser furchtbaren Epoche stille steht, so habe ich nur Erinnerungen für den eisigen Leichnam der armen Madame Bonacieux. Ja, ja, murmelte er, ich habe oft ein Bedauern wegen des Opfers, nie Gewissensbisse wegen der Mörderin gehabt. Athos schüttelte zweifelhaft den Kopf. Das beruhigendste bei alledem ist, daß von diesem Vorfall keine Spur mehr übrig bleibt, sprach d'Artagnan. Sie hatte einen Sohn, sagte Athos. Ach! ja, ich weiß es, versetzte d'Artagnan, Ihr habt mir davon gesprochen. Aber wer weiß, was aus ihm geworden ist? Tot die Schlange, tot die Brut! Glaubt Ihr, Winter, als Oheim, werde diese junge Schlange aufgezogen haben? Lord Winter hat sicherlich den Sohn verdammt, wie er die Mutter verdammte. Dann wehe Lord Winter, denn das Kind hatte ihm nichts getan. Das Kind ist tot, oder der Teufel soll mich holen, rief Porthos. Es gibt so viel Nebel in diesem abscheulichen Lande, wie d'Artagnan versichert ... In dem Augenblick, wo diese Schlußfolgerung von Porthos vielleicht die mehr oder minder verdüsterten Stirnen wieder entwölkt hätte, vernahm man Tritte auf der Treppe, und es wurde an die Tür geklopft. Herein! sagte Athos. – Meine Herren, sprach der Wirt, es ist ein Mann da, der große Eile hat und einen von Ihnen zu sprechen wünscht. – Wen? fragten die vier Freunde. – Den Grafen de la Fère. – Das bin ich, sagte Athos. Und wie heißt der Bursche? – Grimaud. – Ah, murmelte Athos erbleichend, was ist Bragelonne begegnet? – Laßt ihn eintreten, sprach d'Artagnan. Aber Grimaud war bereits die Treppe heraufgelaufen und wartete auf der Schwelle. Bald stürzte er ins Zimmer und schickte sogleich den Wirt mit einer Gebärde weg. Der Wirt verschloß die Tür wieder. Die vier Freunde harrten in gespannter Erwartung – die Aufregung Grimauds, seine Blässe, der Schweiß, der über sein Gesicht lief, der Staub, mit dem feine Kleider überzogen waren, alles verkündete, daß er eine wichtige, furchtbare Botschaft zu überbringen hatte. Meine Herren, sagte er, diese Frau hatte ein Kind, das Kind ist ein Mann geworden. Die Tigerin hatte ein Junges, der Tiger ist aufgeschossen. Er kommt, seid auf Eurer Hut. Athos schaute seine Freunde mit einem schwermütigen Lächeln an; Porthos suchte sein Schwert, das an der Wand hing; Aramis ergriff sein Messer; d'Artagnan stand auf. Was willst du damit sagen, Grimaud? fragte der letztere. Daß Myladys Sohn England verlassen hat, daß er sich in Frankreich befindet, daß er nach Paris kommt, wenn er nicht schon hier ist. Diese Erklärung wurde mit einem langen Stillschweigen aufgenommen. Grimaud keuchte dermaßen und war so ermattet, daß er auf einen Stuhl sank. Athos füllte ein Glas mit Champagner und brachte es ihm. Nun ja, was wäre es denn, sagte d'Artagnan, wenn er lebte, wenn er nach Paris käme ... Wir haben wohl schon andere gesehen. Er mag kommen. Ja, versetzte Porthos, indem er mit seinem an der Wand hängenden Degen liebäugelte, er mag kommen! Überdies ist er noch ein Junge, sprach Aramis. Grimaud stand auf. Ein Junge! rief er. Wißt Ihr, was dieser Junge getan hat? Als Mönch verkleidet, hat er dadurch, daß er dem Henker von Bethune die Beichte abnahm, die ganze Geschichte herausgebracht, und hat ihm hierauf statt der Absolution den Dolch ins Herz gestoßen. Seht, er ist noch rot und feucht; denn es sind nicht mehr als dreißig Stunden, daß man ihn aus der Wunde gezogen hat. Und Grimaud warf den vom Mönche in der Wunde des Henkers zurückgelassenen Dolch auf den Tisch. D'Artagnan, Porthos und Aramis erhoben sich und liefen mit einer gleichzeitigen Bewegung nach ihren Degen. Athos allein blieb ruhig und träumerisch auf seinem Stuhle. Und du sagst, er sei als Mönch verkleidet, Grimaud? – Ja, als Augustinermönch. – Was für ein Mensch ist es? – Von meinem Wuchse, wie mir der Wirt mitgeteilt hat, mager, bleich, mit hellblauen Augen und blonden Haaren. – Und ... er hat Raoul nicht gesehen? – Im Gegenteil, sie haben sich begegnet, und der Vicomte selbst führte ihn an das Bett des Sterbenden. Athos stand auf, ohne ein Wort zu sprechen, und nahm ebenfalls seinen Degen von der Wand. Ah, meine Herren! rief d'Artagnan, indem er zu lachen versuchte, wißt Ihr, daß wir uns wie schwachherzige Weiblein gebärden? Wie können vier Männer wie wir, die, ohne eine Miene zu verziehen, ganzen Armeen stand gehalten haben, vor einem Kinde zittern! Ja, sprach Athos, aber dieses Kind kommt im Namen Gottes. Der Brief Karls I Jetzt muß der Leser mit uns über die Seine gehen und uns in das Karmeliterinnenkloster der Rue Saint Jacques folgen. Es ist elf Uhr morgens, und die frommen Schwestern haben soeben eine Messe für den Erfolg der Waffen König Karls I. gehalten. Von der Kirche aus sind eine Frau und ein junges Mädchen, beide schwarz gekleidet, die eine wie eine Witwe, die andere wie eine Waise, in ihre Zelle zurückgekehrt. Die Frau ist vor ein gemaltes hölzernes Betpult niedergekniet, und einige Schritte vor ihr steht, auf einen Stuhl gestützt, das junge Mädchen und weint. Die Frau muß schön gewesen sein, aber man sieht, daß die Zähren sie alt gemacht haben. Das junge Mädchen ist reizend, und die Tränen verschönern es noch. Die Frau scheint vierzig, das Mädchen vierzehn Jahre alt zu sein. Mein Gott, sprach die knieende Beterin, erhalte meinen Gatten, erhalte meinen Sohn und nimm mein so trauriges, so elendes Leben. Mein Gott, sprach das junge Mädchen, erhalte mir meine Mutter! Deine Mutter vermag nichts mehr für dich in dieser Welt, Henriette, sprach die betrübte Beterin, indem sie sich umwandte; deine Mutter hat weder Thron, noch Gemahl, noch Sohn, noch Freunde mehr. Deine Mutter, mein armes Kind, ist von der ganzen Welt verlassen. Und in die Arme ihrer Tochter stürzend, brach die Frau in lautes Schluchzen aus. Mutter, faßt Mut, rief das junge Mädchen. Ach, die Könige sind unglücklich in diesem Jahr, sprach die Mutter und legte ihr Haupt aus die Schulter des Kindes. Niemand kümmert sich um uns in diesem Lande, denn jeder denkt nur an seine eigenen Angelegenheiten. Solange dein Bruder noch bei uns war, unterstützte er mich, aber dein Bruder ist abgereist und gegenwärtig nicht einmal im stande, dir oder seinem Vater Nachricht zu geben. Ich habe meine letzten Juwelen verpfändet, meine Kleider und die deinigen verkauft, um die Gehalte seiner Diener zu bezahlen, die ihm ohne dieses Opfer von meiner Seite ihre Begleitung verweigert hätten. Wir sind arme Leute und auf die Hilfe Gottes angewiesen. Aber warum wendet Ihr Euch nicht an die Königin, Eure Schwester? fragte das Mädchen. Ach, antwortete die Bekümmerte, die Königin, meine Schwester, ist nicht mehr Königin, mein Kind, und ein anderer regiert in ihrem Namen. Eines Tages wirst du das begreifen. Also an den König, Euern Neffen; soll ich mit ihm sprechen? Ihr wißt, wie sehr er mich liebt, Mutter. Ach, der König, mein Neffe, ist noch nicht König, und ihm selbst fehlt es an allem; du weißt ja, denn Laporte hat es uns zwanzigmal gesagt. Dann wollen wir uns an Gott wenden! sprach das junge Mädchen. Und es kniete neben seiner Mutter nieder. Die zwei weiblichen Wesen, die so nebeneinander vor demselben Betpult knieten, waren die Tochter und die Enkelin Heinrichs IV., die Frau und die Tochter des englischen Königs Karl I. Sie hatten eben ihr Gebet vollendet, als eine Nonne sacht an ihre Tür klopfte. Herein, meine Schwester, sprach die ältere von beiden, indem sie ihre Tränen abtrocknete und sich erhob. Die Nonne öffnete ehrfurchtsvoll die Tür. Eure Majestät wolle mich gnädigst entschuldigen, wenn ich sie in ihren Betrachtungen störe, sagte sie; aber es ist ein Fremder im Sprechzimmer, der von England kommt und sich die Ehre erbittet, Eurer Majestät einen Brief übergeben zu dürfen. – Ah, einen Brief! Einen Brief vom König vielleicht! Hörst du? Ohne Zweifel Nachrichten von deinem Vater, Henriette. – Ja, Madame, ich höre und hoffe. – Und wer ist der Herr? sprecht. – Ein Edelmann von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren. – Hat er seinen Namen genannt? – Mylord von Winter. – Mylord von Winter! rief die Königin, der Freund meines Gatten? O laßt ihn eintreten! Und die Königin lief dem Boten entgegen und faßte ihn bei der Hand. Lord Winter kniete, in die Zelle eintretend, nieder und übergab der Königin einen in einem goldenen Etui verwahrten Brief. Ah, Mylord, sprach die Königin, Ihr bringt uns drei Dinge, die wir seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben: Gold, eine ergebene Seele und einen Brief von unserem Gemahl und Herrn. Lord Winter verbeugte sich, vermochte aber nicht zu antworten, so erschüttert war er. Mylord, sprach die Königin, auf den Brief deutend, Ihr begreift, daß es mich drängt, den Inhalt dieses Papiers zu erfahren. Ich entferne mich, Madame, sprach der Lord. Nein, bleibt, sagte die Königin, wir werden vor Euch lesen. Begreift Ihr nicht, daß ich tausend Fragen an Euch zu richten habe? Der Lord ging einige Schritte zurück und blieb dann schweigend stehen. Mutter und Tochter zogen sich in eine Fenstervertiefung zurück und lasen gierig, die Tochter auf den Arm der Mutter gestützt, folgenden Brief: Madame und teure Gemahlin! Wir sind am Ziele angelangt. Alle Quellen, welche mir Gott gelassen hat, sind in dem Lager von Naseby konzentriert, von wo aus ich Euch in Eile schreibe. Hier erwarte ich das Heer meiner meuterischen Untertanen, und ich werde zum letztenmale gegen sie streiten. Bin ich Sieger, so winkt uns sichere Hoffnung, werde ich besiegt, so bin ich gänzlich verloren. In letzterem Falle (ach! in unserer Lage muß man alles vorhersehen) will ich die Küste Frankreichs zu erreichen suchen; aber kann und will man dort einen unglücklichen König aufnehmen, der ein so trauriges Beispiel in ein bereits durch bürgerliche Zwistigkeiten ausgeregtes Land bringt? Eure Weisheit und Eure Liebe sollen mir als Führer dienen. Der Überbringer dieses Briefes, Madame, wird Euch sagen, was ich nicht der Gefahr eines Zufalls anvertrauen kann. Er wird Euch erklären, welchen Schritt ich von Euch erwarte. Ich beauftrage ihn auch mit meinem Segen für meine Kinder und mit allen Gefühlen meines Herzens für Euch, Madame und teure Gemahlin. Der Brief war nicht Karl, König, sondern Karl, noch König, unterzeichnet. So traurig der Brief lautete, dessen Eindrücke Winter auf dem Gesicht der Königin verfolgte, so brachte er doch einen Hoffnungsstrahl in ihre Augen. Er mag nicht mehr König sein, rief sie, er möge besiegt, verbannt, geächtet werden, wenn er nur am Leben bleibt! Ach, der Thron ist heutzutage ein zu gefährlicher Posten, als daß ich wünschen könnte, er möchte ihn behalten. Doch sagt mir, Mylord, fuhr die Königin fort, verhehlt mir nichts: wo ist der König? Ist seine Lage so verzweifelt, wie er denkt? Ach, Madame, noch verzweifelter, als er selbst glaubt. Seine Majestät hat ein so gutes Herz, daß er den Haß nicht begreift. Der König ist so ritterlich, daß er den Verrat nicht ahnt. England ist von einem Schwindelgeist befallen, der, ich fürchte es, nur im Blute erlöschen wird. Aber Lord Montrose? antwortete die Königin, ich hörte von raschen und großen Siegen, von gewonnenen Schlachten, bei Inverlashy, bei Alfort und bei Kilsyth, ich hörte sagen, er marschiere an die Grenze, um sich mit dem König zu verbinden? Ja, Madame, aber an der Grenze traf er Lesly; er hatte den Sieg durch übermenschliche Unternehmungen ermüdet; der Sieg hat ihn verlassen. Bei Philippaugh geschlagen, war Montrose genötigt, die Reste seines Heeres zu verabschieden und als Bedienter verkleidet zu fliehen. Er befindet sich in Bergen in Norwegen. Gott beschütze ihn! sprach die Königin; es ist wenigstens ein Trost, zu wissen, daß die, welche so oft ihr Leben für uns gewagt haben, in Sicherheit sind. Und nun, Mylord, da ich die Lage des Königs so sehe, wie sie ist, d. h. verzweifelt, so sagt mir, was Ihr mir im Auftrage meines königlichen Gemahls mitzuteilen habt. Wohl, Madame, antwortete Winter, der König, Euer Gemahl, wünscht, daß Ihr die Stimmung des Königs und der Königin in Beziehung auf ihn erforschen möget. Die Königin versprach, mit Mazarin, auf dessen Willen es allein ankomme, eine Unterredung zu suchen, obwohl sie sich von seiner Krämerseele wenig für ihre Sache versprach. Wir wollen hoffen, daß er etwas für unsere Ehre tut, sagte Henriette. Ein Freund besitzt eine so gute Beredsamkeit, daß Ihr mich beruhigt. Gebt mir also Eure Hand, und gehen wir zu dem Minister. Madame, sprach der Lord sich verbeugend, diese Ehre macht mich ganz verwirrt. Aber wenn er sich weigerte, sagte Henriette stille stehend, und wenn der König die Schlacht verlöre? So würde Seine Majestät nach Holland fliehen, wo, wie ich vernommen habe, Seine Hoheit, der Prinz von Wales, verweilt. Vorwärts, Mylord, sagte die Königin, mit dem peinigenden Zweifel von Leuten, die lange Zeit unglücklich gewesen sind, gehen wir, und Gott erhöre Euch. Die Königin stieg in den Wagen, und der Lord begleitete sie zu Pferde, gefolgt von zwei Lakaien. Zwei Audienzen bei Mazarin Im Augenblicke, wo Madame Henriette die Karmeliterinnen verließ, um sich ins Palais Royal zu begeben, stieg ein Reiter vor dem Tore dieses königlichen Wohngebäudes vom Pferde und kündigte den Wachen an, er habe dem Kardinal Mazarin etwas Wichtiges mitzuteilen. Obgleich der Kardinal oft Furcht hatte, so war er doch ziemlich zugänglich, denn er bedurfte noch viel öfter des Rates und der Auskunft. Man fand die eigentliche Schwierigkeit nicht an der ersten Tür, selbst die zweite öffnete sich leicht: aber an der dritten wachte außer seiner Garde und den Huissiers der getreue Bernouin, der Cerberus, den kein Wort zu biegen, kein Stab, und wäre er von Gold gewesen, zu bezaubern vermochte. Als aber der Bote hier mit stolzer Stimme sagte: Ich bringe einen Brief vom General Oliver Cromwell. Wollt diesen Namen Seiner Eminenz sagen und mir dann eröffnen, ob Monseigneur mich empfangen will oder nicht, ging Bernouin, nachdem er den jungen Mann von oben bis unten mit forschendem Blick angeschaut hatte, ins Kabinett des Kardinals, dem er die Worte des Boten überbrachte. Ein Mensch, der einen Brief von Oliver Cromwell bringt? sagte Mazarin, und was für ein Mensch ist es? Ein echter Engländer, Monseigneur. Haare blond, rot, mehr rot, als blond; Augen grau, blau, mehr grau als blau, im übrigen stolz und steif. Laß dir den Brief von ihm geben. Monseigneur verlangt den Brief, sprach Bernouin, aus dem Kabinett wieder in das Vorzimmer tretend. Monseigneur wird den Brief nicht ohne den Träger sehen, antwortete der junge Mann; aber um Euch zu überzeugen, daß ich wirklich der Träger eines Briefes bin, schaut, hier ist er. Bernouin betrachtete das Siegel, und als er sah, daß der Brief vom General Oliver Cromwell kam, schickte er sich an, zu Mazarin zurückzukehren. Fügt bei, sagte der junge Mann, daß ich kein gewöhnlicher Bote, sondern ein außerordentlicher Gesandter bin. Bernouin kehrte in das Kabinett zurück und kam nach einigen Sekunden wieder heraus. Tretet ein, mein Herr, sagte er, die Tür offen haltend. Der junge Mann erschien auf der Schwelle des Kabinetts. Er hielt seinen Hut in der einen und den Brief in der andern Hand. Ihr habt ein Beglaubigungsschreiben für mich, mein Herr? sagte Mazarin, der sich erhoben hatte. Hier ist es, Monseigneur. Mazarin nahm den Brief, entsiegelte und las: Herr Mordaunt, einer meiner Sekretäre, wird Seiner Eminenz, dem Kardinal Mazarin in Paris, dieses Einführungsschreiben überreichen. Er ist außerdem der Überbringer eines vertraulichen Briefes für Seine Eminenz. Oliver Cromwell . Sehr gut, Herr Mordaunt, sprach Mazarin; gebt mir den zweiten Brief und setzt Euch. Der junge Mann zog einen zweiten Brief aus seiner Tasche, gab ihn dem Kardinal und setzte sich. Ganz in Gedanken versunken, hatte der Kardinal mittlerweile den Brief genommen und drehte ihn, ohne ihn zu entsiegeln, in seiner Hand hin und her. Dabei suchte er den Boten auszuforschen. Er sprach zu ihm: Ihr seid sehr jung, Herr Mordaunt, für das harte Geschäft eines Botschafters, wobei zuweilen die ältesten Diplomaten scheitern. – Monseigneur, ich zähle dreiundzwanzig Jahre, aber Eure Eminenz täuscht sich, wenn sie mir sagt, ich sei sehr jung; ich bin älter als sie, obgleich ich nicht ihre Weisheit besitze. – Wieso, mein Herr? Ich verstehe Euch nicht. – Monseigneur, die Leidensjahre zählen doppelt, und ich leide seit zwanzig Jahren. – Ah, ja, ich begreife, sagte Mazarin; Ihr habt kein Vermögen, nicht wahr, Ihr seid arm? – Monseigneur, ich sollte eines Tags ein Vermögen von sechs Millionen besitzen, aber man hat es mir genommen. – Ihr seid also kein Mann aus dem Volke? fragte Mazarin erstaunt. – Würde ich meinen Titel führen, so wäre ich Lord; würde ich meinen Namen führen, so hättet Ihr einen der erhabensten Namen Englands gehört. – Wie heißt Ihr denn? – Ich heiße Herr Mordaunt, sprach der junge Mann sich verbeugend. Mazarin begriff, daß der Abgesandte Cromwells sein Inkognito zu bewahren wünschte. Zum Teufel mit diesen Puritanern! sagte er ganz leise, sie sind aus Marmor gehauen. Und laut fügte er bei: Aber Ihr habt noch Verwandte? – Ja, einen, Monseigneur. – Er wird Euch unterstützen. – Ich habe mich dreimal zu ihm begeben, um ihn um seine Unterstützung zu bitten, und dreimal ließ er mich durch seine Bedienten fortjagen. – Oh, mein Gott, mein lieber Herr Mordaunt, sprach Mazarin in der Hoffnung, ihn durch sein falsches Mitleid in irgend eine Falle zu locken; mein Gott, Eure Erzählung interessiert mich sehr. Ihr kennt also Eure Geburt nicht? – Ich kenne sie erst seit kurzer Zeit. – Und bis zu dem Augenblick, wo Ihr sie kennen lerntet? – Betrachtete ich mich als ein verlassenes Kind. – Ihr habt also Eure Mutter nie gesehen? – Doch wohl, Monseigneur. Als ich noch ein kleines Kind war, kam sie dreimal zu meiner Amme. Ich erinnere mich ihres letzten Besuchs, wie wenn er erst heute stattgefunden hätte. – Ihr habt ein gutes Gedächtnis, sprach Mazarin.– O ja, Monseigneur, antwortete der junge Mann mit einer so seltsamen Betonung, daß dem Kardinal ein Schauer durch die Adern lief. – Und wer hat Euch aufgezogen? – Eine französische Amme, die mich fortschickte, als ich fünf Jahre alt war, weil niemand mehr sie bezahlte. Sie nannte mir den Verwandten, von dem meine Mutter oft mit mir gesprochen hatte. – Was wurde dann aus Euch? – Da ich auf der Landstraße weinte und bettelte, nahm mich ein Pfarrer von Kingston auf, unterrichtete mich in der kalvinischen Religion, teilte mir die ganze Wissenschaft mit, die er selbst besaß, und unterstützte mich in meinen Nachforschungen nach meiner Familie. – Und diese Nachforschungen? – Blieben fruchtlos; der Zufall tat alles. – Ihr entdecktet, was das Schicksal Eurer Mutter gewesen war? – Ich erfuhr, daß dieser Verwandte sie mit Hilfe von vier Freunden ermordet hatte. Aber ich wußte bereits, daß ich des Adels verlustig war und daß mich König Karl I. aller meiner Güter beraubt hatte. – Ah, ich begreife jetzt, warum Ihr Herrn Cromwell dient. Ihr haßt den König? – Ja, Monseigneur, ich hasse ihn, antwortete der junge Mann. Mazarin gewahrte mit Erstaunen den teuflischen Ausdruck, womit der junge Mann diese Worte sprach; während sich ein Gesicht bei Erregung gewöhnlich mit Blut färbt, färbte sich das seine mit Galle und wurde leichenblaß. Eure Geschichte ist furchtbar, Herr Mordaunt, und rührt mich im höchsten Grade; aber zu Eurem Glück dient Ihr einem allmächtigen Herrn; er muß Euch in Euren Nachforschungen unterstützen. – Monseigneur, einem guten Rassehunde braucht man nur das eine Ende einer Fährte zu zeigen, damit er sicher zu dem andern gelangt. – Aber der Verwandte, dessen Ihr erwähnet, wollt Ihr, daß ich mit ihm spreche? fragte Mazarin, dem daran lag, sich einen Freund bei Cromwell zu machen. – Ich danke, Monseigneur, ich werde selbst mit ihm sprechen. – Sagtet Ihr mir nicht, er habe Euch mißhandelt? – Das nächste Mal, wo ich ihn wiedersehe, wird er mich besser behandeln. – Ihr habt also ein Mittel, ihn zu erweichen? – Ich habe ein Mittel, ihm Furcht einzujagen. Mazarin schaute den jungen Mann an, aber bei dem Blitz, der aus seinen Augen zuckte, senkte er den Kopf und öffnete, weil er nicht wußte, wie er dieses Gespräch fortsetzen sollte, den Brief Cromwells. Dieser lautete: An Seine Eminenz Monseigneur Kardinal Mazarin. Ich wünschte Eure Absichten in Bezug auf die gegenwärtigen Angelegenheiten Englands zu erfahren. Die zwei Königreiche liegen einander zu nahe, als daß sich Frankreich nicht mit unserer Lage beschäftigen sollte, wie wir uns mit der Lage Frankreichs beschäftigen. Die Engländer sind beinahe einhellig für die Bekämpfung der Tyrannei König Karls I. und seiner Anhänger. Durch das öffentliche Vertrauen an die Spitze dieser Bewegung gestellt, führe ich gegenwärtig Krieg und bin im Begriffe, König Karl I. eine entscheidende Schlacht zu liefern. Ich werde sie gewinnen, denn die Hoffnungen der Nation und der Geist des Herrn sind für mich. Ist diese Schlacht gewonnen, so hat der König weder in England noch in Schottland mehr Hilfsquellen, und wenn er nicht gefangen genommen oder getötet wird, versucht er es, nach Frankreich zu entkommen, um Soldaten zu rekrutieren und sich Waffen und Geld zu verschaffen. Bereits hat Frankreich die Königin Henriette aufgenommen und, ohne Zweifel unabsichtlich, einen Herd unauslöschlichen Bürgerkrieges in meinem Lande unterhalten. Aber die Königin Henriette ist eine Tochter Frankreichs, und Frankreich war ihr Gastfreundschaft schuldig. Was aber den König Karl betrifft, so nimmt die Frage eine andere Gestalt an. Empfinge und unterstützte Frankreich den König, so würde es die Handlungen des englischen Volkes mißbilligen und England und namentlich dem Gange der Regierung so wesentlich schaden, daß ein solcher Zustand wirklichen Feindseligkeiten gleichkäme. Es ist also dringend, Monseigneur, daß ich erfahre, woran ich mich in Beziehung auf die Absichten Frankreichs zu halten habe. Die Interessen dieses Königreichs und die Interessen Englands stehen sich, obgleich in umgekehrtem Sinne gelenkt, näher, als man glauben sollte. England bedarf der innern Ruhe, um die Vertreibung seines Königs zu vollenden. Frankreich bedarf dieser Ruhe, um den Thron seines jungen Monarchen zu befestigen. Ihr bedürft ebensosehr wie wir dieses innern Friedens, dem wir durch die Energie unserer Regierung bereits nahe gekommen sind. Eure Streitigkeiten mit dem Parlament, Eure Zwistigkeiten mit den Prinzen, die heute für Euch und morgen gegen Euch kämpfen, die Hartnäckigkeit des von dem Koadjutor, dem Präsidenten Blancmesnil und dem Rate Broussel angeführten Volkes, alles dies muß Euch mit Unruhe auf die Möglichkeit eines fremden Krieges blicken lassen; denn dann würde England, das durch den Enthusiasmus für die neuen Ideen im höchsten Grad aufgeregt ist, sich mit Spanien verbinden, das bereits auf eine solche Allianz abzielt. Von Eurer Klugheit, Monseigneur, hoffe ich, Ihr werdet lieber Neutralität bewahren. Diese Neutralität besteht nun darin, daß Ihr den König Karl von dem Gebiete Frankreichs fernhaltet und ihn in keiner Weise durch Waffen, Geld, oder Truppen unterstützt. Mein Brief ist also ganz vertraulicher Natur, und ich schicke ihn durch einen Mann, der mein volles Zutrauen besitzt. Oliver Cromwell hat es für besser erachtet, mit einem intelligenten Geist wie Mazarin zu verhandeln, als mit einer Königin, die bei all ihrer bewundernswürdigen Festigkeit dennoch den eitlen Vorurteilen der Geburt und der göttlichen Gewalt unterworfen ist. Gott befohlen, Monseigneur. Habe ich in vierzehn Tagen keine Antwort, so werde ich meinen Brief als nicht geschrieben betrachten. Oliver Cromwell. Herr Mordaunt, sagte der Kardinal, meine Antwort auf diesen Brief wird um so befriedigender für den General Cromwell ausfallen, je mehr ich überzeugt sein kann, daß man nichts davon erfahren wird. Erwartet sie also in Boulogne-sur-Mer und versprecht mir, morgen früh abzureisen. Ich verspreche es Euch, Monseigneur, antwortete Mordaunt; aber wie lange wird mich Eure Exzellenz auf diese Antwort warten lassen? Wenn Ihr sie in zehn Tagen nicht erhalten habt, könnt Ihr abreisen. Mordaunt verbeugte sich. Das ist noch nicht alles, mein Herr, fuhr Mazarin fort. Eure persönlichen Abenteuer haben mich lebhaft gerührt. Überdies gibt Euch Cromwells Brief in meinen Augen die Bedeutung eines Botschafters. Laßt hören, ich wiederhole es, was kann ich für Euch tun? Mordaunt überlegte einen Augenblick. Nach einem sichtbaren Zögern war er im Begriff, den Mund zum Sprechen zu öffnen, als Bernouin hastig eintrat, sich an das Ohr des Kardinals neigte und ihm zuflüsterte: Monseigneur, die Königin Henriette erscheint soeben in Begleitung eines englischen Edelmanns im Palais-Royal. Mazarin machte eine heftige Bewegung, die dem jungen Manne nicht entging und die vertrauliche Eröffnung zurückdrängte, die er ohne Zweifel machen wollte. Mordaunt wurde hierauf von Mazarin durch einen andern Ausgang gewiesen, damit er der Königin Henriette nicht begegne, welche sich bereits dem Haupteingang näherte. Wir wollen unseren Lesern die Wiedergabe des unwürdigen Spieles ersparen, das Mazarin seiner hohen Besucherin gegenüber trieb. Der herzlose Italiener fühlte sich selbst der unglücklichen und doch so würdevollen Majestät gegenüber in seiner grausamen Rolle so übel, daß ihm der Schweiß aus allen Poren brach. Als er mit vollendeter Heuchelei sich ohnmächtig erklärte, der Königin irgend eine Aussicht auf Aufnahme ihres unglücklichen Gemahls zu machen, und ihr sagte, er wolle die Sache dem Parlament vorlegen, brach sie entrüstet in die Worte aus: An das Parlament, mit dem Ihr in Fehde lebt, weist Ihr mich? Ihr wollt, daß Broussel darüber Bericht erstatte? Genug, Herr Kardinal, genug. Ich verstehe Euch, oder vielmehr ich habe unrecht. Ja, geht zum Parlament, denn von diesem Parlament, dem Feinde der Könige, ist der Tochter des erhabenen Heinrich IV. die einzige Unterstützung zugekommen, die sie diesen Winter vor dem Verhungern und dem Erfrieren geschützt hat. Nach diesen Worten erhob sich die Königin mit majestätischer Gebärde, während der Kardinal die gefalteten Hände gegen sie ausstreckte. Ah, Madame, Madame! wie schlecht kennt Ihr mich doch. Aber ohne sich nach dem umzuwenden, der diese geheuchelten Tränen vergoß, durchschritt die Königin das Kabinett, öffnete selbst die Türe, ging mitten durch die zahlreichen Wachen Seiner Eminenz, mitten durch die Höflinge, die sich herandrängten, um ihr ihre Huldigung darzubringen, auf Lord Winter zu, der vereinzelt dastand, und nahm seine Hand – eine arme, bereits gefallene Königin, vor der sich noch alle aus Etikette verbeugten, die aber in der Tat nur noch einen einzigen Arm hatte, auf den sie sich stützen konnte. Gleichviel, sagte Mazarin, als er allein war, es hat mir Mühe gemacht, und ich hatte eine harte Rolle zu spielen. Aber ich habe weder dem einen, noch der andern etwas gesagt. Dieser Cromwell ist ein scharfer Königsjäger. Ich beklage seine Minister, wenn er je welche nimmt. Bernouin! Bernouin trat ein. Man sehe, ob der junge Mann mit dem schwarzen Wams und den kurzen Haaren, den du vorhin bei mir eingeführt hast, sich noch im Palast befindet. Bernouin kehrte sofort mit Comminges zurück. Monseigneur, sagte Comminges, als ich den jungen Mann zurückführte, nach dem Eure Eminenz fragt, näherte er sich der Glastüre der Galerie und beschaute etwas mit großem Erstaunen, ohne Zweifel das schöne Gemälde von Raphael, das der Tür gegenüber hängt. Dann versank er in Nachsinnen und stieg die Treppe hinab. Ich glaube, ich habe ihn seinen Grauschimmel besteigen und aus dem Hof des Palastes reiten sehen. Aber geht denn Monseigneur nicht zu der Königin? Warum? Herr von Guitaut, mein Oheim, sagt mir soeben, die Königin habe Nachricht vom Heere erhalten. In diesem Augenblick erschien Herr von Villequier. Er kam im Auftrag der Königin, um den Kardinal zu holen. Comminges hatte gut gesehen, und Mordaunt hatte getan, wie er erzählte. Die Galerie durchschreitend, die mit der gläsernen Hauptgalerie gleich lief, erblickte er Lord Winter, der wartete, bis die Königin ihre Unterredung beendet hätte. Bei diesem Anblick blieb der junge Mann plötzlich stille stehen, aber nicht aus Bewunderung für das Raphaelsche Gemälde, sondern wie wenn ihn irgend etwas Gräßliches verzaubert hätte. Seine Augen erweiterten sich, ein Schauer durchlief seinen ganzen Körper, es war, als wollte er die gläserne Wand durchdringen, die ihn von seinem Feinde trennte; denn wenn Comminges gesehen hätte, mit welchem Ausdruck des Hasses sich die Augen dieses jungen Mannes auf Lord Winter hefteten, so würde er keinen Augenblick daran gezweifelt haben, daß dieser englische Edelmann sein Todfeind war. Aber er blieb still stehen, ohne Zweifel, um zu überlegen, denn statt sich von seiner ersten Bewegung hinreißen zu lassen und gerade auf Lord Winter loszugehen, stieg er langsam die Treppen hinab, verließ den Palast mit gesenktem Haupte, schwang sich in den Sattel, stellte sich mit seinem Pferd an der Ecke der Rue de Richelieu auf und wartete, die Augen auf das Gitter geheftet, bis der Wagen aus dem Hofe kam. Er hatte nicht lange zu warten, denn die Königin blieb kaum eine Viertelstunde bei Mazarin; aber diese Viertelstunde des Harrens schien dem Wartenden ein Jahrhundert. Endlich kam die Karosse heraus, und Lord Winter, der wieder zu Pferde saß, neigte sich abermals an den Kutschenschlag, um mit der Königin zu sprechen. Die Pferde liefen im Trab und schlugen den Weg nach dem Louvre ein, wohin sie den Wagen führten. Ehe Madame Henriette das Karmeliterkloster verließ, sagte sie zu ihrer Tochter, sie möge sie in dem Palais erwarten, das sie lange bewohnt und nun verlassen hatte, weil ihr in seinen vergoldeten Sälen ihr Elend nur noch drückender vorkam. Mordaunt folgte dem Wagen, und als er ihn unter die dunkle Arkade hatte fahren sehen, lehnte er sich mit seinem Pferd an eine Mauer, über die sich der Schatten ausdehnte, und blieb unbeweglich inmitten der Verzierungen von Jean Goujon, einem Basrelief gleich, das eine Reiterstatue darstellt. Er wartete, wie er bereits im Palais-Royal getan hatte. Zufall oder Vorsehung Nun, Madame? sagte Lord Winter, als die Königin ihre Dienerin entfernt hatte. Nun, was ich vorhergesehen hatte, geschieht, Mylord. Er weigert sich? Habe ich es nicht gesagt? Der Kardinal weigert sich, den König zu empfangen? Frankreich verweigert einem unglücklichen Fürsten Gastfreundschaft? Das ist das erste Mal, Madame. Ich habe nicht gesagt Frankreich, Mylord. Ich habe gesagt der Kardinal, und der Kardinal ist nicht einmal ein Franzose. Aber die Königin, habt Ihr sie gesehen? Es ist unnütz, erwiderte Madame Henriette mit traurigem Kopfschütteln, die Königin wird nie ja sagen, wenn der Kardinal nein gesagt hat. Wißt Ihr nicht, daß dieser Italiener alles leitet, sowohl auswärts, als im Innern? Mehr noch, ich komme auf das zurück, was ich Euch bereits gesagt habe. Ich würde mich nicht wundern, wenn uns Cromwell zuvorgekommen wäre. Er war verlegen, während er mit mir sprach, und dennoch fest entschlossen, sich zu weigern. Habt Ihr nicht auch die Bewegung im Palais-Royal bemerkt, das Hin- und Herlaufen geschäftiger Leute? Sollten sie Nachrichten bekommen haben, Mylord? Von England kann dies nicht sein, Madame; ich habe mich so sehr beeilt, daß mir sicherlich niemand zuvorgekommen ist. Ich bin vor drei Tagen abgereist, und wie durch ein Wunder durch die ganze puritanische Armee gelangt. Ich habe mit meinem Lakaien Tomy die Post genommen, und die Pferde, die wir reiten, haben wir in Paris gekauft. Übrigens bin ich fest überzeugt, daß der König, ehe er etwas wagt, die Antwort von Eurer Majestät abwartet. Ihr werdet ihm melden, Mylord, versetzte die Königin in Verzweiflung, daß ich nichts vermöge, daß ich so viel gelitten habe, als er, mehr sogar als er, da ich genötigt bin, das Brot der Verbannung zu essen und Gastfreundschaft von falschen Freunden zu verlangen, und daß er, was seine königliche Person betrifft, sich edelmütig aufopfern und als König sterben müsse; ich werde an seiner Seite sterben. Madame, Madame, rief Winter, Eure Majestät überläßt sich der Mutlosigkeit, und es bleibt uns vielleicht noch einige Hoffnung. Wir haben keine Freunde mehr, Mylord, keine Freunde in der ganzen Welt, außer Euch. Oh, mein Gott! rief Madame Henriette, die Arme zum Himmel emporstreckend, hast du denn alle edlen Herzen, welche auf Erden bestanden, hinweggenommen? Ich hoffe, daß dies nicht der Fall ist, Madame, erwiderte Winter gedankenvoll, ich habe Euch von vier Männern gesagt ... Was wollt Ihr mit vier Männern machen? Vier ergebene Männer, vier bis zum Tod entschlossene Männer vermögen viel, das dürft Ihr mir glauben, Madame. Und die, welche ich kenne, haben in einer gewissen Zeit viel getan. Und diese vier Männer, wo sind sie? Das ist es eben, was ich nicht weiß. Seit etwa zwanzig Jahren habe ich sie aus dem Gesicht verloren, und dennoch dachte ich bei allen Gelegenheiten, wo ich den König in Gefahr sah, an sie. Und diese Männer waren Eure Freunde? Einer von ihnen hatte mein Leben in seinen Händen und schenkte es mir. Ich weiß nicht, ob er mein Freund geblieben ist, aber seit jener Zeit bin ich wenigstens der seinige geblieben. Und diese Männer sind in Frankreich, Mylord? Ich glaube. Sagt mir ihre Namen, ich habe sie vielleicht nennen hören und könnte Euch in Eurer Nachforschung unterstützen. Der eine von ihnen nannte sich Chevalier d'Artagnan. Oh! Mylord, wenn ich mich nicht täusche, so ist dieser Chevalier d'Artagnan Leutnant bei den Garden. Ich habe seinen Namen aussprechen hören, aber merkt wohl, ich fürchte, dieser Mann gehört ganz dem Kardinal an. Das wäre mein letztes Unglück, erwiderte Winter, und ich müßte zu glauben anfangen, daß wir wirklich verdammt seien. Aber die anderen? sagte die Königin, die sich an diese Hoffnung anklammerte, wie ein Schiffbrüchiger an die Trümmer seines Fahrzeuges, die anderen, Mylord? Der zweite –, ich hörte zufällig seinen Namen, denn ehe sie sich mit uns schlugen, sagten uns diese vier Edelleute ihre Namen – der zweite hieß Graf de la Fère. Die Namen der zwei anderen habe ich vergessen, weil ich gewöhnt war, sie bei ihren angenommenen Namen zu nennen. Oh, mein Gott, es wäre doch vom höchsten Belang, sie wiederzufinden, sprach die Königin, da Ihr glaubt, diese würdigen Edelleute könnten dem König nützlich sein. Man muß sie suchen. Aber was werden vier Männer oder vielmehr drei vermögen? Denn ich sage Euch, man kann nicht auf Herrn d'Artagnan zählen. Das wäre ein tapferer Degen weniger, Madame, doch es blieben immerhin noch drei andere, ohne den meinigen zu zählen. Vier ergebene Männer aber in der Umgebung des Königs, um ihn vor seinen Feinden zu hüten, ihn in der Schlacht zu decken, im Rate zu unterstützen, auf seiner Flucht zu geleiten, das wäre hinreichend, nicht um dem König zum Siege zu führen, doch um ihn zu retten, wenn er besiegt wäre, um ihm über das Meer zu helfen, und befände sich Euer königlicher Gemahl einmal an Frankreichs Küste, so würde er, was auch Mazarin sagen mag, so viele Zufluchtsorte finden, als der Seevogel bei den Stürmen findet. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, die junge Henriette erschien, und die Königin drängte mit der erhabenen Kraft, wie sie nur her Heldenmut einer Mutter besitzt, ihre Tränen bis in den Hintergrund des Herzens zurück und gab Lord Winter ein Zeichen, das Gespräch zu verändern. Aber diese Reaktion entging der jungen Prinzessin nicht. Sie blieb auf der Schwelle stehen, stieß einen Seufzer aus und sagte, sich an ihre Mutter wendend: Warum weinet Ihr beständig ohne mich, meine Mutter? Die Königin lächelte und sprach, statt ihr zu antworten: Seht, Lord Winter, ich habe damit, daß ich nur noch zur Hälfte Königin bin, wenigstens eins gewonnen, daß mich meine Kinder Mutter nennen, statt Madame. Dann sich gegen ihre Tochter wendend, fuhr sie fort: Was willst du, Henriette? Mutter, antwortete die junge Prinzessin, es ist ein Reiter im Louvre erschienen und bittet, Eurer Majestät seine Ehrfurcht bezeigen zu dürfen; er kommt vom Heere und hat, wie er sagt, Euch einen Brief vom Marschall von Grammont zu übergeben. Und wer ist der Reiter, Henriette? fragte die Königin. Ich habe ihn aus dem Fenster gesehen, Madame. Es ist ein junger Mensch, der kaum sechzehn Jahre alt zu sein scheint und sich Vicomte von Bragelonne nennt. Die Königin machte lächelnd ein Zeichen mit dem Kopf, die junge Prinzessin öffnete die Tür wieder, und Raoul erschien auf der Schwelle. Er machte drei Schritte gegen die Königin, kniete nieder und sprach: Madame, ich überbringe Eurer Majestät einen Brief von meinem Freunde, dem Herrn Grafen von Guiche, der mir sagte, er habe die Ehre, zu Euern Dienern zu gehören. Dieser Brief enthält eine wichtige Nachricht und den Ausdruck seiner Ehrfurcht. Bei dem Namen des Grafen von Guiche verbreitete sich eine Röte über die Wangen der jungen Prinzessin. Die Königin schaute sie mit einer gewissen Strenge an. Aber du hast mir gesagt, der Brief komme vom Marschall von Grammont, Henriette? sprach die Königin. Ich glaubte es, Madame, stammelte die Prinzessin. Das ist mein Fehler, Madame. Ich meldete mich wirklich, als käme ich im Auftrag des Marschalls von Grammont, aber am rechten Arm verwundet, konnte er nicht schreiben, und der Graf von Guiche diente ihm als Sekretär. Man hat sich also geschlagen? sagte die Königin und gab Raoul ein Zeichen, sich zu erheben. Ja, Madame, antwortete der junge Mann und übergab den Brief an Winter, welcher vorgeschritten war, um denselben in Empfang zu nehmen, und ihn sodann der Königin einhändigte. Bei der Nachricht, daß eine Schlacht geliefert worden sei, öffnete die junge Prinzessin den Mund, um eine Frage zu machen, die ihr am Herzen zu liegen schien, aber ihr Mund schloß sich wieder, ohne ein Wort gesprochen zu haben, während die Rosen ihrer Wangen nach und nach verschwanden. Die Königin sah alle diese Bewegungen und übersetzte sie ohne Zweifel in ihrem mütterlichen Herzen; dann wandte sie sich abermals an Raoul und fragte: Dem jungen Grafen von Guiche ist doch nichts Schlimmes widerfahren? Er gehört nicht allein zu unsern Dienern, mein Herr, sondern auch zu unsern Freunden. Nein, Madame, antwortete Raoul, er hat im Gegenteil an diesem Tag großen Ruhm errungen, und es wurde ihm die Ehre zu teil, von dem Herrn Prinzen auf dem Schlachtfeld umarmt zu werden. Die junge Prinzessin klatschte in die Hände; aber ganz beschämt, daß sie sich zu einer solchen Kundgebung der Freude hatte hinreißen lassen, wandte sie sich halb um und neigte sich über eine Vase voll Rosen, als wollte sie den Geruch einatmen. Die Königin entsiegelte hierauf den Brief und las: Madame und Königin! Da ich infolge einer Wunde an meiner rechten Hand nicht die Ehre haben kann, Euch selbst zu schreiben, so lasse ich Euch durch meinen Sohn, den Grafen von Guiche, von dem Ihr wißt, daß er ein ebenso treuer Diener von Euch ist, als sein Vater, hiermit melden, daß wir die Schlacht von Lens gewonnen haben und daß dieser Sieg unfehlbar dem Kardinal Mazarin und der Königin einen gewaltigen Einfluß auf die Angelegenheiten Europas geben muß. Möge also Eure Majestät, wenn sie meinem Rate folgen will, diesen Augenblick benützen, um zu Gunsten ihres erhabenen Gemahls bei der Regierung des Königs nachdrückliche Schritte zu tun. Der Herr Vicomte von Bragelonne, der Euch diesen Brief übergeben wird, ist der Freund meines Sohnes, dem er aller Wahrscheinlichkeit nach das Leben gerettet hat. Es ist ein Edelmann, dem sich Eure Majestät vollkommen anvertrauen kann, falls sie mir einen mündlichen oder schriftlichen Befehl zukommen lassen wollte. Ich habe die Ehre zu sein, Mit Ehrfurcht u. s. w. Marschall von Grammont. Die Schlacht von Lens gewonnen! sprach die Königin. Sie sind glücklich hier, sie gewinnen Schlachten! Diese Nachricht ist neu, mein Herr, fuhr die Königin fort, ich weiß Euch Dank, daß Ihr mir sie mit so großer Eile überbracht habt. Ohne Euch, ohne diesen Brief hätte ich sie erst morgen, übermorgen, vielleicht zuletzt in ganz Paris, erfahren. Madame, sprach Raoul, der Louvre ist der zweite Palast, wohin diese Nachricht gelangt ist; niemand kennt sie noch, und ich habe dem Grafen von Guiche geschworen, diesen Brief Eurer Majestät zu übergeben, sogar ehe ich meinen Vormund umarmt haben würde. Euer Vormund ist ein Bragelonne, wie Ihr? fragte Lord Winter. Ich habe einst einen Bragelonne gekannt. Lebt er noch? Nein, mein Herr, er ist tot. Mein Vormund ist der Graf de la Fère, antwortete der junge Mann, sich verbeugend. Der Graf de la Fère! rief die Königin erfreut. Lord Winter, habt Ihr mir nicht diesen Namen genannt? Winter konnte nicht glauben, was er hörte. Der Herr Graf de la Fère! rief er ebenfalls. Oh! mein Herr, antwortet mir. ich bitte Euch! Ist der Graf de la Fère nicht ein Mann, den ich einst als einen schönen, tapfern Herrn gekannt habe, ein Mann, der Musketier unter Ludwig XIII. war und jetzt ungefähr sieben- bis achtundvierzig Jahre alt sein kann? Ja, mein Herr, so ist's. Und der unter einem angenommenen Namen diente? Unter dem Namen Athos. Ich hörte kürzlich erst seinen Freund, Herrn d'Artagnan, ihm diesen Namen geben. Es ist so, Madame, es ist so. Gott sei gelobt! Und er befindet sich in Paris? fuhr der Lord, sich an Raoul wendend, fort. Dann wieder zu der Königin zurückkehrend: Hofft, hofft, die Vorsehung erklärt sich für uns, da sie mir gestattet, diesen braven Edelmann auf eine so wunderbare Weise wiederzufinden. Sagt mir doch, wo wohnt er, mein Herr? Der Herr Graf de la Fère wohnt in der Rue Guenegaud im Hotel du Grand-Roi-Charlemagne. Ich danke, mein Herr. Sagt diesem würdigen Freunde, er möge zu Hause bleiben; ich komme sogleich, ihn zu umarmen. Mein Herr, ich gehorche mit großem Vergnügen, wenn Ihre Majestät mir Urlaub geben will. Geht, Herr Vicomte von Bragelonne, sprach die Königin, geht und seid unserer Wohlgeneigtheit versichert. Raoul verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor den zwei Fürstinnen, grüßte Lord Winter und entfernte sich. Als auch Lord Winter Abschied nehmen wollte, sagte die Königin: Hört, Mylord, ich hatte dieses Diamantkreuz, das meiner Mutter gehörte, und diesen Sanct-Michaels-Stern, welchen ich von meinem Gemahl erhielt, bis jetzt bewahrt. Diese beiden Gegenstände sind ungefähr fünfzigtausend Franken wert. Nehmt sie, und wenn Ihr für Eure Expedition Geld braucht, verkauft sie ohne Scheu, Mylord. Seid Ihr aber im stande, sie zu behalten, so bedenkt, Mylord, daß ich das als den größten Dienst betrachten würde, den ein Edelmann einer Königin zu leisten vermag, und daß der, welcher mir am Tag unseres Glückes diesen Stern und dieses Kreuz wiederbringt, von mir und meinen Kindern gesegnet werden soll. Madame, erwiderte Winter, Eure Majestät wird von einem treu ergebenen Manne bedient werden. Ich gehe und hinterlege an sicherem Ort diese Gegenstände, die ich nicht annehmen würde, wenn uns Mittel von unserem ehemaligen Vermögen übrig blieben; aber unsere Güter sind konfisziert, unser bares Geld ist versiegt, und es ist so weit mit uns gekommen, daß wir aus allem, was wir besitzen, Hilfsquellen machen müssen. In einer Stunde begebe ich mich zu dem Grafen de la Fère, und morgen soll Eure Majestät eine bestimmte Antwort erhalten. Oheim und Neffe Lord Winter wurde von seinem Pferd und dem Lakaien an der Tür erwartet. Er ritt, ganz in Gedanken versunken, nach seiner Wohnung und schaute dabei von Zeit zu Zeit zurück, um die schwarze, schweigsame Fassade des Louvre zu betrachten. Da erblickte er einen Reiter, der sich sozusagen von der Mauer losmachte und ihm in einer gewissen Entfernung folgte; er erinnerte sich, bei seiner Entfernung aus dem Palais-Royal einen ähnlichen Schatten gesehen zu haben. Lord Winters Lakai, der nur einige Schritte hinter ihm war, verfolgte diesen Reiter gleichfalls mit unruhigem Auge. Tomy! sprach der Lord und machte dem Bedienten ein Zeichen, sich zu nähern. Hier, gnädiger Herr. Und der Bediente ritt an die Seite seines Herrn. Hast du den Menschen bemerkt, der uns folgt? – Ja, Mylord. – Wer ist er? – Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er Eurer Herrlichkeit von dem Palais-Royal an gefolgt ist, im Louvre angehalten hat, um Euern Abgang zu erwarten, und mit Eurer Herrlichkeit wieder vom Louvre weggeritten ist. – Ein Spion des Kardinals, sagte Winter zu sich selbst. Wir wollen uns stellen, als bemerkten wir seine Späherei gar nicht. Lord Winter gab seinem Pferde die Sporen und ritt schnell durch ein Wirrsal von Gassen. Vor seinem Gasthause stieg er ab und ging in seine Wohnung hinauf, wobei er sich vornahm, den Spion beobachten zu lassen. Als er aber seine Handschuhe und seinen Hut auf einen Tisch legte, sah er in einem Spiegel vor sich eine Gestalt, die auf der Schwelle des Zimmers erschien. Er wandte sich um, Mordaunt stand ihm gegenüber. Lord Winter erbleichte und blieb unbeweglich stehen. Mordaunt hielt sich auf der Schwelle, kalt, drohend, einer Bildsäule ähnlich. Einen Augenblick herrschte ein eisiges Stillschweigen zwischen diesen zwei Männern. Mein Herr, ich glaubte Euch bereits begreiflich gemacht zu haben, daß mich diese Verfolgung ermüdet. Entfernt Euch also, oder ich rufe Leute und lasse Euch wegjagen, wie in London. Ich bin nicht Euer Oheim, ich kenne Euch nicht, sagte der Lord. Mein Oheim, versetzte Mordaunt mit seinem höhnischen Tone, Ihr täuscht Euch, Ihr werdet mich diesmal nicht wegjagen lassen, wie Ihr in London getan habt! Nein, Ihr werdet es nicht wagen. Wenn Ihr leugnen wollt, daß ich Euer Neffe sei, so werdet Ihr dies wohl zweimal überlegen, da ich mancherlei Dinge erfahren habe, die ich vor einem Jahre nicht wußte. Ei, was liegt mir an dem, was Ihr erfahren habt? entgegnete Lord Winter. Oh! es liegt Euch viel daran, mein Oheim, das weiß ich gewiß, und Ihr werdet sogleich meiner Meinung sein, fügte er mit einem Lächeln bei, wobei dem Lord ein Schauer durch die Adern lief. Als ich mich zum ersten Male in London bei Euch einfand, geschah es, um Euch zu fragen, was aus meinem Erbgut geworden sei. Als ich mich zum zweiten Male bei Euch einfand, geschah es, um Euch zu fragen, wer meinen Namen befleckt habe. Diesmal stelle ich mich vor Euch, um eine Frage an Euch zu richten, die viel furchtbarer ist, als alle vorhergehenden, um Euch zu sagen: Mylord, was habt Ihr mit Eurer Schwester gemacht, mit Eurer Schwester, die meine Mutter war? Lord Winter wich vor dem Feuer dieser glühenden Augen zurück. Mit Eurer Mutter! sagte er. Ja, mit meiner Mutter, Mylord, antwortete der junge Mann, mit dem Kopf nickend. Winter tat sich große Gewalt an, tauchte in seine Erinnerungen, um einen neuen Haß daraus zu holen, und rief: Sucht, was aus ihr geworden ist, Unglücklicher, und fragt die Hölle; vielleicht wird Euch die Hölle antworten. Der junge Mann schritt nun im Zimmer vor, bis er Lord Winter unmittelbar gegenüber stand, und kreuzte die Arme. Ich habe den Henker von Bethune gefragt, sprach er mit dumpfer Stimme und einem Gesicht, das vor Schmerz und Zorn leichenblaß wurde, und der Henker von Bethune hat mir geantwortet. Winter fiel auf einen Stuhl, als ob ihn der Blitz getroffen hätte, und bemühte sich vergebens, zu sprechen. Ja, nicht wahr, fuhr der junge Mann fort, mit diesem Wort erklärt sich alles. Mit diesem Schlüssel öffnet sich der Abgrund. Meine Mutter hatte von ihrem Gatten geerbt, und Ihr habt meine Mutter ermordet! Mein Name sicherte mir das väterliche Erbteil, und Ihr habt mich meines Namens beraubt. Wenn man sich als Räuber weiß, ist es nicht ganz bequem, den Menschen, welchen man arm gemacht hat, seinen Neffen zu nennen; wenn man sich als Mörder weiß, will man nicht gern dem Menschen, den man zur Waise gemacht hat, den Titel seines Neffen gönnen. Diese Worte brachten eine ganz andere Wirkung hervor, als Mordaunt erwartet hatte. Lord Winter erinnerte sich, welches Ungeheuer Mylady gewesen war. Er erhob sich ruhig und ernst und bezwang mit seinem strengen Blick das exaltierte Auge des jungen Mannes. Ihr wollt in dieses furchtbare Geheimnis dringen, mein Herr? sprach er. Nun wohl, es sei! Erfahrt also, wer die Frau war, über die Ihr mir Rechenschaft abfordert: Diese Frau hat aller Wahrscheinlichkeit nach meinen Bruder vergiftet, und um mich zu beerben, wollte sie mich ebenfalls ermorden, dafür habe ich Beweise. Was sagt Ihr hierzu? Ich sage, daß sie meine Mutter war! Sie hat einen gerechten, guten und rechtschaffenen Mann, den Herzog von Buckingham, erdolchen lassen. Was sagt Ihr zu diesem Verbrechen, für das ich die Beweise habe? Daß sie meine Mutter war! Nach Frankreich zurückgekehrt, hat sie in dem Kloster der Augustinerinnen in Bethune eine Frau vergiftet, die einen ihrer Feinde liebte. Wird Euch dieses Verbrechen von der Gerechtigkeit der Strafe überzeugen? Ich habe die Beweise dafür. Was sagt Ihr dazu? Daß sie meine Mutter war! rief der junge Mann, in immer stärkerem Tone. Von Mordtaten und Ausschweifungen belastet, allen verhaßt, drohend wie ein blutdürstiger Panther, unterlag sie den Schlägen von Männern, die sie in Verzweiflung gebracht hatte, ohne daß diese Männer ihr je den geringsten Schaden zugefügt hätten. Ein verworfenes Mädchen, eine ehebrecherische Gattin, eine entartete Schwägerin, eine Giftmischerin, eine Mörderin, fluchwürdig bei allen Menschen, die sie kennen lernten, starb sie, verflucht von Himmel und Erde. Das ist das Bild dieser Frau. Ein Schluchzen, das Mordaunt nicht zu bemeistern vermochte, zerriß ihm die Kehle und trieb das Blut in sein leichenbleiches Gesicht; er ballte die Fäuste, und mit schweißtriefendem Gesicht, mit emporgesträubten Haaren wie Hamlet, rief er in wütendem Grimm: Schweigt, mein Herr, sie war meine Mutter. Ihr Leben kenne ich nicht, ihre Verbrechen kenne ich nicht! Aber ich weiß, daß ich eine Mutter hatte, daß fünf Männer, gegen eine Frau verbunden, sie heimlich, nächtlicherweise, schweigend wie Feiglinge ermordet haben. Ich weiß, daß Ihr dabei wart, mein Herr, daß Ihr dabei wart, mein Oheim, daß Ihr, wie die anderen und stärker als die anderen, spracht: Sie muß sterben! Ich sage Euch also, hört wohl auf diese Worte, und sie mögen sich in Euer Gedächtnis einprägen, damit Ihr sie nie vergesset: über diesen Mord, der mir alles geraubt hat, diesen Mord, der mich namenlos, der mich arm, der mich boshaft und unversöhnlich gemacht hat ... werde ich zuerst von Euch und dann von Euern Genossen, sobald ich sie kenne, Rechenschaft verlangen! Haß in den Augen, Schaum auf dem Munde, die Fäuste geballt, trat Mordaunt noch einen Schritt, einen furchtbar drohenden Schritt gegen Lord Winter näher. Dieser griff mit der Hand nach dem Degen und sagte mit dem Lächeln des Mannes, der seit dreißig Jahren mit dem Tode spielt: Wollt Ihr mich ermorden, mein Herr? Dann erkenne ich Euch als meinen Neffen, denn Ihr seid der Sohn Eurer Mutter. Nein, versetzte Mordaunt, und er zwang alle Fibern seines Gesichtes, alle Muskeln seines Körpers, ihren Platz wieder einzunehmen. Nein, ich werde Euch nicht töten, wenigstens in diesem Augenblick nicht; denn ohne Euch würde ich die andern nicht kennen lernen. Aber wenn ich sie kenne, dann zittert! Ich habe den Henker von Bethune erstochen; ich habe ihn ohne Barmherzigkeit erstochen, und er war der unschuldigste von Euch allen. Nach diesen Worten entfernte sich der junge Mann und stieg ruhig genug, um nicht bemerkt zu werden, die Treppe hinab. Dann ging er aus dem inneren Treppenplatz an Tomy vorüber, der, an das Geländer gelehnt, nur auf einen Ruf seines Herrn wartete, um zu ihm hinaufzueilen. Aber Lord Winter rief nicht. Im höchsten Grad erschüttert, blieb er mit gespanntem Ohr stehen. Erst als er den Tritt des Pferdes hörte, fiel er halb ohnmächtig auf einen Stuhl zurück und sprach: Mein Gott, ich danke dir, daß er nur mich kennt! Vaterschaft Während dieser furchtbaren Scene saß Athos am Fenster seines Zimmers, den Ellenbogen auf einen Tisch, den Kopf auf seine Hand gestützt, und hörte mit Augen und Ohren Raoul zu, der ihm die Abenteuer seiner Reise und die Einzelheiten der Schlacht erzählte. Ihr habt also der großen Schlacht beigewohnt und daran Anteil genommen, Bragelonne? sprach mit dem Ausdruck eines reinen Glückes in seinem Antlitz der ehemalige Musketier. – Ja, Herr. – Und der Kampf war heiß, sagt Ihr? – Der Herr Prinz hat elfmal in Person angegriffen. Als wir uns dem Feinde näherten, geschah es im Schritt. Man hatte uns verboten, zuerst zu schießen, und wir marschierten gegen die Spanier, die sich, die Muskete auf dem Schenkel, auf einer Anhöhe hielten. Auf dreißig Schritte zu ihnen gelangt, wandte sich der Prinz nach den Soldaten um und sagte: Kinder, Ihr werdet eine furchtbare Ladung auszuhalten haben. Hernach aber, seid unbesorgt, habt Ihr nur noch geringe Arbeit. Es herrschte eine solche Stille, daß Freund und Feind diese Worte hörte. Dann seinen Degen erhebend, rief er: Blast, Trompeter! Als wir noch zehn Schritte näher gekommen waren, sahen wir alle Musketen sich wie eine glänzende Linie senken; denn die Sonnenstrahlen funkelten auf den Läufen. Im Schritt, Kinder, im Schritt! sprach der Prinz, dies ist der Augenblick! – War Euch bange, Raoul? sagte der Graf. – Ja, Herr, antwortete der Jüngling naiv. Ich fühlte eine große Kälte in meinem Herzen, und bei dem Worte Feuer, das in spanischer Sprache in den feindlichen Reihen ertönte, schloß ich die Augen und dachte an Euch. – Wirklich, Raoul? sprach Athos und drückte ihm die Hand. – Ja, Herr, in demselben Augenblick entstand ein solcher Lärm, daß man hätte glauben sollen, die Hölle öffne sich, und die, welche nicht getötet wurden, fühlten die Wärme der Flamme. Ich öffnete die Augen wieder, erstaunt, nicht tot oder wenigstens verwundet zu sein ... Der dritte Teil der Schwadron lag verstümmelt und blutig auf der Erde. In diesem Moment begegnete ich dem Auge des Prinzen. Ich dachte nur noch an eins, daran, daß er mich anschaute. Ich gab meinem Pferd beide Sporen und befand mich mitten unter den feindlichen Reihen. – Und der Prinz war mit Euch zufrieden? – Er sagte es mir wenigstens, als er mich beauftragte, Herrn von Chatillon zu begleiten, der diese Neuigkeit der Königin mitzuteilen und die eroberten Fahnen zu überbringen hatte. Und ich bin gekommen, fügte Raoul bei und schaute den Grafen mit einem Lächeln tiefer Liebe an; denn ich dachte, es würde Euch Freude machen, mich wiederzusehen. Athos zog den Jüngling zu sich und küßte ihn auf die Stirne, wie er es bei einem jungen Mädchen getan hätte. So seid Ihr also in die Welt eingetreten, Raoul, sprach er, Ihr habt Herzoge zu Freunden, einen Marschall von Frankreich zum Paten, einen Prinzen von Geblüt zum Feldherrn und seid am Tage Eurer Rückkehr von zwei Königinnen empfangen worden. Das ist schön für einen Rekruten. – Ach! Herr! sprach Raoul plötzlich, auf einen Herrn deutend, der soeben in der Türöffnung erschien: Dort ist ein Herr, der mich schon, als ich vor der Königin Henriette erschien, nach Euch fragte. Mylord Winter! rief der Graf, sich umwendend. Athos, mein Freund! Und die beiden Männer hielten sich einen Augenblick umschlossen. Dann nahm Athos den Engländer bei beiden Händen und sprach, ihn anschauend: Was habt Ihr, Mylord? Ihr scheint ebenso traurig, als ich heiter bin! Ja, teurer Freund, es ist wahr. Und ich sage noch mehr: Euer Anblick verdoppelt meine Furcht. Und Winter schaute um sich her, als wünsche er, allein zu sein. Raoul begriff, daß die zwei Freunde miteinander zu sprechen hatten, und entfernte sich in der Stille. Nun, da wir allein sind, sprechen wir von Euch, sagte Athos. – Ja, erwiderte Lord Winter. Er ist hier. – Wer? – Der Sohn Myladys. Abermals von diesem Namen getroffen, der ihn wie ein unseliges Echo zu verfolgen schien, zögerte Athos einen Augenblick, faltete leicht die Stirne und sprach dann mit ruhigem Tone: Ich weiß es. – Ihr wißt es? – Ja, Grimaud hat ihn zwischen Bethune und Arras getroffen und ist mit verhängten Zügeln zurückgekehrt, um mich von seiner Gegenwart zu benachrichtigen. – Grimaud kannte ihn also? – Nein, aber er war an dem Sterbebett eines Menschen, der ihn kannte. – Des Henkers von Bethune! rief Winter. – Ihr wißt es? sprach Athos erstaunt. – Er verläßt mich in diesem Augenblick und hat mir alles gesagt, antwortete Lord Winter. Ach, mein Freund, was für eine furchtbare Scene! Warum haben wir nicht das Kind mit der Mutter vertilgt? Was befürchtet Ihr? sagte Athos, durch Vernunftschlüsse von dem Schrecken sich erholend, den er anfangs empfunden hatte; sind wir nicht da, uns zu verteidigen? Ist dieser junge Mensch ein gewerbsmäßiger Heuchler, ein kaltblütiger Mörder geworden? Er konnte den Henker von Bethune in einem Anfall von Wut töten, aber seine Rache ist nun gestillt. Lord Winter lächelte traurig und schüttelte das Haupt. Ihr kennt also dieses Blut nicht mehr? sagte er. Bah! sprach Athos, der ebenfalls zu lächeln suchte, es wird in der zweiten Generation von seiner Wildheit verloren haben. Wir können nichts anderes tun, als warten. Warten wir also. Aber was führte Euch nach Paris? Wichtige Angelegenheiten, die Ihr später kennen lernen sollt. Doch was habe ich bei Ihrer Majestät der Königin von England sagen hören? Herr d'Artagnan ist Mazariner. Verzeiht mir meine Offenherzigkeit, Freund: ich hasse den Kardinal nicht, schmähe ihn auch nicht, und Eure Ansichten werden mir stets heilig sein ... solltet Ihr zufällig auch diesem Menschen angehören? Herr d'Artagnan ist im Dienste, antwortete Athos; er ist Soldat, er gehorcht der bestehenden Gewalt. Herr d'Artagnan ist nicht reich und bedarf, um zu leben, seiner Stelle als Leutnant. Die Millionäre wie Ihr, Mylord, sind in Frankreich selten. Ach! sprach Lord Winter, ich bin heute so arm und noch ärmer als er. Aber kommen wir auf Euch zurück. Gut! Ihr wollt wissen, ob ich Mazariner bin? Nein, tausendmal nein! Vergebt mir ebenfalls meine Offenherzigkeit, Mylord! Lord Winter stand auf, schloß Athos in seine Arme und sprach: Ich danke, Graf, für diese beseligende Kunde. Ihr seht mich glücklich und vergnügt. Aber seid Ihr frei? – Was versteht Ihr unter frei? – Ich frage Euch, ob Ihr nicht verheiratet seid? – Ah, nein, antwortete Athos lächelnd. – Der schöne, elegante, anmutige junge Mann ... – Ist ein Kind, das ich erziehe und das nicht einmal seinen Vater kennt. – Sehr gut, Ihr seid immer derselbe, Athos, groß und edelmütig. – Laßt hören, Mylord, was wünscht Ihr von mir? – Ihr habt die Herren Porthos und Aramis immer noch zu Freunden? – Fügt auch d'Artagnan bei, Mylord, wir sind immer noch vier treu ergebene Freunde. Wenn es sich aber darum handelt, dem Kardinal zu dienen oder ihn zu bekämpfen, Mazariner oder Frondeurs zu sein, so sind wir nur noch zwei, ich und Aramis. – Könnt Ihr mich mit diesem so liebenswürdigen und so geistreichen Freund in Verbindung bringen? – Allerdings, sobald es Euch angenehm ist. – Könnt Ihr Euch anheischig machen, ihn mir morgen um zehn Uhr auf den Pont-du-Louvre zu bringen? – Ah, ah, sagte Athos lächelnd, Ihr habt ein Duell? – Ja, Graf, und zwar ein schönes Duell, ein Duell, dem Ihr hoffentlich anwohnen werdet. – Wohin gehen wir, Mylord? – Zu Ihrer Majestät der Königin von England, die mich beauftragt hat, Euch ihr vorzustellen, Graf. – Werdet Ihr mir die Ehre erzeigen, mit mir zu Nacht zu speisen, Mylord? – Ich danke, Graf. Der Besuch dieses jungen Menschen hat mir, ehrlich gestanden, den Appetit genommen und wird mir auch den Schlaf rauben. Was hat er in Paris zu tun? Er erschreckt mich, Graf; sein Anblick verkündet Blut. – Was macht er in England? – Er ist einer der eifrigsten Anhänger Oliver Cromwells. – Was hat ihn auf diese Seite getrieben? Seine Mutter und sein Vater waren, glaube ich, Katholiken. – Der Haß, den er gegen den König hegt. – Gegen den König? – Ja, der König hat ihn zum Bastard erklärt, ihn seiner Güter beraubt und ihm verboten, den Namen Winter zu führen. – Und wie heißt er jetzt? – Mordaunt. – Als Puritaner und als Mönch verkleidet, reist er allein auf den Landstraßen Frankreichs umher? – Als Mönch, sagt Ihr? – Ja, wußtet Ihr das nicht? – Ich weiß nichts, als was er mir selbst gesagt hat. – Und aus diese Art hat er den Henker beichten hören. – Dann errate ich alles. Er ist vom Cromwell abgesandt. – An wen? – An Mazarin. Und die Königin hatte recht, man ist uns zuvorgekommen. Alles erklärt sich jetzt. Gott befohlen, Graf. Morgen also! Als der Graf am andern Morgen seine Augen öffnete, erblickte er Raoul an seinem Bette. Der junge Mann war bereits vollständig angekleidet und las ein neues Buch. Schon aufgestanden, Raoul? sagte der Graf. – Ja, Herr, antwortete der junge Mann mit leichtem Zögern, ich habe schlecht geschlafen. – Ihr, Raoul, schlecht geschlafen! Es fehlte Euch also etwas? fragte Athos. – Herr, Ihr werdet sagen, ich habe große Eile, Euch zu verlassen, da ich kaum erst angekommen bin, aber ... – Ihr habt also nur zwei Tage Urlaub, Raoul? – Im Gegenteil, Herr, ich habe zehn; ich wünschte nur, wenn Ihr es mir gestattet, einen Tag in Blois zuzubringen. Ihr schaut mich an und werdet über mich lachen. – Nein, im Gegenteil, erwiderte Athos, einen Seufzer unterdrückend, nein, ich lache nicht, Vicomte. Ihr habt Lust, Blois wiederzusehen, und das ist ganz natürlich. – Ihr erlaubt es mir also? rief Raoul freudig. – Gewiß, Raoul. – Ach, Herr, wie gut seid Ihr! rief der junge Mann und machte eine Bewegung, als wollte er Athos an den Hals springen; aber die Achtung hielt ihn zurück. Athos öffnete ihm die Arme. Also kann ich sogleich abreisen? Sobald Ihr wollt, Raoul. Raoul machte drei Schritte, um sich zu entfernen. Herr, sprach er, da fällt mir eben noch etwas ein, nämlich, daß ich durch die Frau Herzogin von Chevreuse, die so gut gegen mich ist, bei dem Herrn Prinzen eingeführt worden bin. – Und daß Ihr der Herzogin einen Dank schuldig seid, nicht wahr, Raoul? – So scheint es mir; doch es hängt von Eurer Entscheidung ab. – Geht durch das Hotel Luynes, Raoul, und laßt fragen, ob Euch die Frau Herzogin empfangen kann. Ich sehe mit Vergnügen, daß Ihr die Schicklichkeit nicht vergeßt. Nehmt Grimaud und Olivain mit. – Beide, Herr? fragte Raoul erstaunt. – Beide. Raoul verbeugte sich und ging. Als ihn Athos die Türe schließen sah und hörte, wie er mit seiner fröhlichen und wohlklingenden Stimme Grimaud und Olivain rief, seufzte er. Er verläßt mich sehr schnell, dachte er, den Kopf schüttelnd; aber er gehorcht dem gemeinsamen Gesetze. Die Natur ist so beschaffen; sie schaut vorwärts. Er liebt offenbar dieses Kind. Wird er mich aber darum weniger lieben, weil er auch andere liebt? Athos gestand sich, daß er diese rasche Abreise nicht erwartet hatte. Aber Raoul war so glücklich, daß der Graf darüber die eigene Enttäuschung vergaß. Noch eine Königin, die Beistand verlangt Athos schickte schon am Morgen Aramis einen Brief, in dem er dem Freunde von Lord Winters Wunsch Mitteilung machte. Um zehn Uhr fand er sich selbst mit seiner gewöhnlichen Pünktlichkeit auf dem Pont-du-Louvre ein. Er traf hier Lord Winter, der in demselben Augenblick erschien. Sie warteten etwa zehn Minuten, und Lord Winter begann zu fürchten, Aramis möchte nicht kommen. Geduld, sprach Athos, der seine Augen nach der Rue du Bac gerichtet hielt, Geduld, dort ist ein Abbé, der einem Menschen einen Faustschlag gibt und eine Frau grüßt; das muß Aramis sein. Er war es in der Tat. Ein junger Bürger, der Maulaffen feil hielt, stand ihm im Wege, und Aramis schleuderte ihn, da er ihn mit Kot bespritzte, mit einem Faustschlag zehn Schritte von sich. Zu gleicher Zeit ging eins seiner reumütigen Beichtkinder an ihm vorüber, und da es eine hübsche, junge Person war, so grüßte Aramis sie mit seinem anmutigsten Lächeln. Einen Augenblick nachher war er bei den beiden Männern, die seiner harrten. Wohin gehen wir? sprach Aramis, nachdem die ersten Höflichkeitsformen getauscht waren. Schlägt man sich? Ich habe keinen Degen bei mir und müßte mir erst einen holen. Nein, sagte Lord Winter, wir machen Ihrer Majestät der Königin von England einen Besuch. Ah, sehr gut, sagte Aramis, und in welcher Absicht geschieht dies? fuhr er, sich an Athos' Ohr neigend, fort. Meiner Treu, ich weiß es nicht. Wir sollen vielleicht als Zeugen dienen. Im Louvre ging Lord Winter den Freunden voraus. Ein einziger Portier stand an der Türe, und beim Tageslicht konnten Athos, Aramis und der Engländer sehen, wie abscheulich ärmlich die Wohnung ausgestattet war, die geiziges Mitleid der unglücklichen Königin bewilligt hatte. Große, von allen Möbeln entblößte Säle, verwitterte Wände, an denen einsame Stücke vergoldeter Leisten glänzten, Fenster, die nicht schlossen und keine Scheiben hatten, keine Teppiche, keine Wachen, keine Bedienten, das war es, was Athos sogleich in die Augen fiel, und worauf er schweigend seinen Gefährten aufmerksam machte, indem er ihn mit dem Ellbogen stieß und auf dieses Elend deutete. Mazarin wohnt besser, sprach Aramis. Mazarin ist beinahe König, versetzte Athos, und Madame Henriette ist beinahe nichts mehr. Die Königin schien ungeduldig zu warten, denn bei der ersten Bewegung, die sie in dem Saale vor ihrem Zimmer hörte, kam sie selbst auf die Schwelle. Tretet ein und seid willkommen, meine Herren, sprach sie. Die Edelleute traten ein und blieben anfangs stehen. Aber auf eine Gebärde der Königin, die sie durch ein Zeichen sitzen hieß, gab Athos das Beispiel des Gehorsams. Er war ernst und ruhig, Aramis aber war wütend. Tiefer Jammer einer Königin hatte ihn außer sich gebracht. Ihr betrachtet meinen Luxus, sprach Madame Henriette und warf einen traurigen Blick um sich her. Madame, sagte Aramis, ich bitte Eure Majestät um Vergebung, aber ich bin nicht im stande, meine Entrüstung zu verbergen, da ich sehe, wie man am französischen Hofe die Tochter Heinrichs IV. behandelt. Dieser Herr ist kein Kavalier? sprach die Königin zu Lord Winter. Dieser Herr ist der Abbé d'Herblay, antwortete der Lord. Aramis errötete. Madame, sagte er, ich bin allerdings Abbé, aber wider meinen Willen. Ich hatte nie Beruf für den Mönchskragen. Meine Soutane hält nur an einem Knopf, und ich bin stets bereit, wieder Musketier zu werden. Ich zog heute früh dieses Gewand an, weil ich nicht wußte, daß ich die Ehre haben würde, Eure Majestät zu sehen. Darum bin ich aber nicht minder der Mann, den Eure Majestät als den ergebensten in ihrem Dienste finden wird, was sie auch befehlen mag. Der Herr Chevalier d'Herblay, versetzte Lord Winter, ist einer von den tapfern Musketieren Seiner Majestät des Königs Ludwig XIII., von denen ich Euch erzählt habe, Madame. Dann sich nach Athos umwendend, fuhr er fort: Dieser Herr ist der edle Graf de la Fère, dessen Ruf Euch wohlbekannt ist. Meine Herren, sprach die Königin, vor einigen Jahren hatte ich Edelleute, Schätze, Heere um mich. Auf ein Zeichen meiner Hand bewegte sich alles für meinen Dienst. Heute habe ich, um einen Plan auszuführen, der mir das Leben retten soll, niemand, als Lord Winter, einen Freund seit zwanzig Jahren, und Euch, meine Herren, die ich zum erstenmal sehe und nur als meine Landsleute kenne. Das ist genug, Madame, sprach Athos, mit einer tiefen Verbeugung, wenn das Leben von drei Männern das Eurige zu erkaufen vermag. Ich danke, meine Herren, aber hört mich, fuhr sie fort. Ich bin nicht nur die elendeste der Königinnen, sondern auch die unglücklichste der Mütter, die trostloseste der Gattinnen. Meine Kinder, zwei wenigstens, der Herzog von York und die Prinzessin Charlotte, sind fern von mir, den Streichen von Ehrgeizigen und Feinden preisgegeben. Der König, mein Gemahl, schleppt in England ein so schmerzliches Dasein hin, daß ich wenig sage, wenn ich Euch versichere, er suche den Tod als Befreier. Hier, meine Herren, ist der Brief, den er mir durch Mylord Winter überschickt hat. Lest ihn. Athos und Aramis entschuldigten sich. Lest, sprach die Königin. Athos las mit lauter Stimme den Brief, in dem der König Karl fragte, ob ihm Frankreich Gastfreundschaft gewähren wolle. Nun? fragte Athos, als er den Brief zu Ende gelesen hatte. Nun, sagte die Königin, er hat es abgeschlagen. Die Freunde tauschten ein Lächeln der Verachtung. Und was ist nun zu tun, Madame? sprach Athos. Habt Ihr Mitleid mit so viel Unglück? sagte die Königin bewegt. Ich habe die Ehre gehabt, Eure Majestät zu fragen, was sie wünsche, daß Herr d'Herblay und ich für ihren Dienst tun sollen; wir sind bereit. Ah, mein Herr, Ihr seid in der Tat ein edles Herz, rief die Königin mit einem Ausbruch von Dankbarkeit, während Lord Winter sie anschaute, als wollte er sagen: Habe ich mich nicht für sie verbürgt? Aber Ihr, mein Herr?, fragte die Königin Aramis. Ich, Madame, antwortete dieser, ich folge überall, wohin der Graf geht, und wäre es in den Tod, ohne zu fragen, warum. Wenn es sich aber um den Dienst Eurer Majestät handelt, fügte er, die Königin mit aller seiner Anmut anschauend, bei, so gehe ich dem Grafen voraus. Wohl, wenn es so ist, wenn ihr euch dem Dienste einer armen Fürstin weihen wollt, welche die ganze Welt verlassen hat, so könnt ihr folgendes für mich tun: Der König ist allein mit einigen Edelleuten, die er jeden Tag zu verlieren fürchtet, mitten unter Schotten, denen er mißtraut, obgleich er selbst ein Schotte ist. Seit Lord Winter ihn verlassen hat, lebe ich nicht mehr, meine Herren. Ich verlange vielleicht zu viel, denn ich habe keinen Anspruch zu machen. Geht nach England, eilt zum König, seid seine Freunde, zieht an seiner Seite in die Schlacht und weicht nicht von ihm. Und für das Opfer, das ihr mir bringt, meine Herren, verspreche ich nicht, euch zu belohnen, ich glaube, dieses Wort würde euch beleidigen, sondern euch zu lieben, wie eine Schwester, und euch über alle zu stellen, mit Ausnahme meines Gemahls und meiner Kinder, das schwöre ich euch vor Gott! Und die Königin schlug langsam und feierlich die Augen zum Himmel auf. Madame, sagte Athos, wann sollen wir reisen? Ihr willigt also ein? fragte die Königin voll Freude. Ja, Madame. Wir dienen Gott, wenn wir einem so unglücklichen Fürsten und einer so tugendhaften Königin dienen. Madame, wir gehören Euch mit Leib und Seele. Ah, meine Herren, sprach die Königin, bis zu Tränen gerührt, das ist der erste Augenblick der Freude und Hoffnung, den ich seit fünf Jahren erlebe. Ja, ihr dient Gott, und da meine Macht zu beschränkt ist, um einen solchen Dienst anzuerkennen, so wird Er ihn belohnen, der in meinem Herzen alles liest, was darin von Dankbarkeit gegen ihn und gegen euch liegt. Rettet meinen Gemahl, rettet den König, und obgleich ihr nicht empfänglich für den Preis seid, der euch auf Erden für diese schöne Handlung zukommen kann, so laßt mir doch die Hoffnung, daß ich euch wiedersehen werde, um euch selbst zu danken. Mittlerweile bleibe ich. Habt ihr mir etwas zu empfehlen? Ich bin von diesem Augenblick an eure Freundin, und da ihr meine Angelegenheiten besorgt, so muß ich mich mit den eurigen beschäftigen. Madame, sprach Athos, ich habe nichts von Eurer Majestät zu verlangen, als ihre Gebete. Und ich, sagte Aramis, ich bin allein auf dieser Welt und diene nur Eurer Majestät. Die Königin reichte ihnen die Hand, die sie küßten, und sagte ganz leise zu Lord Winter: Wenn es Euch an Geld fehlt, Mylord, so zögert keinen Augenblick: zerbrecht die Juwelen, die ich Euch gegeben habe, nehmt die Diamanten heraus und verkauft sie an einen Juden. Ihr bekommt dafür fünfzig- bis sechzigtausend Livres, verwendet sie, wenn es notwendig ist; diese Edelleute sollen aber behandelt werden, wie sie es verdienen, das heißt königlich. Die Königin hatte zwei Briefe bereit gehalten. Einer war von ihr, der andere von der Prinzessin Henriette, ihrer Tochter, geschrieben. Beide waren an den König Karl gerichtet. Den einen gab sie Athos, den andern Aramis, damit sie sich, wenn der Zufall sie trennen sollte, dem König einzeln zu erkennen geben könnten. Dann entfernten sie sich. Unten an der Treppe blieb Lord Winter stille stehen und sprach: Trennen wir uns, damit wir keinen Verdacht erwecken, und diesen Abend um neun Uhr finden wir uns an der Porte-Saint-Denis zusammen. Wir reiten mit meinen Pferden, soweit sie gehen können, dann nehmen wir die Post. Noch einmal Dank, meine Freunde, Dank in meinem Namen, Dank im Namen der Königin! Und die drei Edelleute drückten sich die Hände. Nun, sprach Aramis, als sie allein waren, was sagt Ihr zu dieser Unternehmung, mein lieber Graf? – Sie ist schlimm, antwortete Athos, sehr schlimm. – Aber Ihr habt sie mit Begeisterung aufgenommen? – Wie ich stets die Verteidigung eines großen Grundsatzes aufnehmen würde, mein lieber d'Herblay. Die Könige können nur durch den Adel groß sein, der Adel aber kann nur durch die Könige groß sein. Unterstützen wir also den Monarchen, so unterstützen wir uns selbst. – Wir werden uns da drüben totschlagen lassen, sprach Aramis. Ich hasse die Engländer, sie sind plump, wie alle Leute, die Bier trinken. – Wäre es denn besser, hier zu bleiben, versetzte Athos, und einen Gang in die Bastille oder in den Kerker von Vincennes zu machen, nachdem wir die Flucht des Herrn von Beaufort begünstigt haben? Ach, meiner Treu, Aramis, glaubt mir, wir haben es nicht zu bereuen. Wir vermeiden das Gefängnis und handeln als Helden; die Wahl ist leicht. Damit trennten sie sich. Athos machte einen Versuch bei Frau von Vendome, gab seinen Namen bei Frau von Chevreuse ab und schrieb folgenden Brief an d'Artagnan: Lieber Freund, ich verreise mit Aramis in einer wichtigen Angelegenheit. Ich wünschte von Euch Abschied zu nehmen, aber es gebricht mir an Zeit. Vergeßt nicht, daß ich Euch schreibe, um zu wiederholen, wie sehr ich Euch liebe. Raoul ist nach Blois gegangen und weiß nichts von meiner Abreise. Wacht über ihn während meiner Abwesenheit, so gut Ihr immer könnt, und wenn Ihr in drei Monaten keine Nachricht von mir erhaltet, so sagt ihm, er möge ein versiegeltes Paket unter seiner Adresse öffnen, das er in Blois in meiner Bronze-Kassette finden wird, zu der ich Euch den Schlüssel schicke. Umarmt Porthos für Aramis und für mich. Auf Wiedersehen, vielleicht auf immer! Zur bestimmten Stunde erschien Aramis. Er war als Kavalier gekleidet und hatte an seiner Seite das alte Schwert, das er so oft gezogen und mehr als je zu ziehen bereit war. Ach, sagte er, ich glaube, wir haben unrecht, so abzureisen. ohne ein Wörtchen des Abschieds an Porthos und d'Artagnan zurückzulassen. Das ist geschehen, lieber Freund, versetzte Athos; ich habe dafür gesorgt, ich habe alle beide für mich und für Euch gegrüßt. – Ihr seid ein bewundernswürdiger Mann, mein lieber Graf, sprach Aramis, Ihr denkt an alles. – Nun, habt Ihr Euch fest zu dieser Reise entschlossen? – Ganz und gar, und jetzt, da ich mir die Sache genauer überlegt habe, bin ich froh, Paris in diesem Augenblick zu verlassen. – Ich auch, versetzte Athos, nur bedaure ich, d'Artagnan nicht umarmt zu haben. Aber dieser Teufel ist so fein, daß er unsere Pläne erraten hätte. Beim Schlusse des Abendessens kam Blaisois, der den Brief zu d'Artagnan getragen hatte, zurück und sagte: Gnädiger Herr, hier ist die Antwort von Herrn d'Artagnan. Ich habe dir nicht gesagt, du solltest auf Antwort warten, Dummkopf, sprach Athos. Ich ging auch ab, ohne darauf zu warten; aber er ließ mich zurückrufen und gab mir dies. Und er bot Athos eine strotzende, klingende lederne Tasche. Athos öffnete sie und zog zuerst ein folgendermaßen lautendes Billett hervor: Mein lieber Graf! Wenn man verreist, und besonders wenn man auf drei Monate verreist, hat man nie Geld genug. Ich erinnere mich unserer Zeiten der Armut und schicke Euch die Hälfte meiner Börse. Es ist Geld, das ich abgeschweißt habe. Macht also gefälligst keinen allzu schlimmen Gebrauch davon. Was den Umstand betrifft, daß ich Euch nicht wiedersehen soll, so glaube ich kein Wort davon. Wenn man ein Herz und ein Schwert hat, wie Ihr, so kommt man überall durch. Auf Wiedersehen also, und nicht Gott befohlen! Es versteht sich von selbst, daß ich Raoul von dem Tage an, wo ich ihn zuerst sah, wie mein Kind liebte. Glaubt mir jedoch, daß ich Gott aufrichtig anflehe, er möge mich nicht seinen Vater werden lassen, obgleich ich auf einen solchen Sohn stolz wäre. Euer d'Artagnan. »N. S. Wohlverstanden, die fünfzig Louisd'or, die ich Euch schicke, gehören Euch wie Aramis; Aramis wie Euch.« Athos lächelte, und sein schöner Blick verschleierte sich unter einer Träne. D'Artagnan, den er stets zärtlich geliebt hatte, liebte ihn also ebenfalls immer noch, obgleich er ein Mazariner war. Meiner Treu, sprach Aramis, die Börse auf den Tisch ausleerend, hier sind die fünfzig Goldstücke, alle nach dem Bildnis König Ludwigs XIII. Was macht Ihr mit diesem Gelde, Graf? Behaltet Ihr es, oder schickt Ihr es zurück? – Ich behalte es, Aramis, und würde es behalten, auch wenn ich seiner nicht bedürfte. Was aus gutem Herzen geboten wird, muß mit gutem Herzen angenommen werden. Nehmt fünfundzwanzig, Aramis, und gebt mir die andern fünfundzwanzig. – Das gefällt mir; in der Tat, es macht mich glücklich, zu sehen, daß Ihr meiner Ansicht seid. Aber gehen wir jetzt? – Wenn Ihr wollt; doch habt Ihr keinen Bedienten? – Nein; der alberne Bazin hat die Dummheit begangen, Mesner zu werden, wie Ihr wißt, und kann folglich Notre-Dame nicht verlassen. – Gut, dann nehmt Blaisois, mit dem ich nichts anzufangen weiß, da ich Grimaud habe. – Gern, sprach Aramis. In diesem Augenblick erschien Grimaud auf der Schwelle. Bereit, sagte er auf seine gewöhnliche lakonische Weise. Vorwärts, sprach Athos. Die Pferde warteten gesattelt und gezäumt. Die Freunde bestiegen jeder das seine, die Lakaien taten dasselbe. An der Ecke des Quai begegneten sie Bazin, der ganz atemlos herbeilief. Ach! gnädiger Herr, rief Bazin, Gott sei Dank, ich komme noch zu rechter Zeit! – Was gibt es? – Herr Porthos hat mir dies übergeben und dabei gesagt, es habe große Eile und müsse Euch vor Eurer Abreise eingehändigt werden. – Gut, erwiderte Aramis und nahm eine Börse, die ihm Bazin darreichte, was ist das? – Wartet, Herr Abbé, es ist auch ein Brief dabei. – Du weißt, daß ich dir bereits gesagt habe, ich schlage dir Arme und Beine entzwei, wenn du mich anders als Herr Chevalier nennest. Gib den Brief. – Wie wollt Ihr lesen? fragte Athos; es ist finster wie in der Hölle. – Wartet, sagte Bazin, schlug Feuer und zündete das Licht an, mit dem er seine Kerzen in der Kirche anzuzünden pflegte. Beim Schein dieses Lichtes las Aramis: Mein lieber d'Herblay! Ich erfahre von d'Artagnan, der mich in Euerem und in des Grafen de la Fère Namen umarmt, daß Ihr in einem Unternehmen abreist, das vielleicht zwei bis drei Monate dauern wird: da ich weiß, daß Ihr nicht gern von Eueren Freunden fordert, so biete ich Euch. Hier sind zweihundert Pistolen, über die Ihr verfügen könnt; Ihr gebt sie mir bei Gelegenheit zurück. Fürchtet nicht, mich dadurch zu genieren; brauche ich Geld, so lasse ich mir von einem meiner Schlösser kommen; ich habe allein in Bracieux zwanzigtausend Livres in Gold. Ich bin, wie Ihr wohl nicht bezweifelt, Euer ergebener Du Vallon de Bracieux de Pierrefonds . Nun, sprach Aramis, was sagt Ihr dazu? – Ich sage, mein lieber d'Herblay, daß es ein arges Verbrechen ist, an der Vorsehung zu zweifeln, wenn man solche Freunde hat. – Also? Also teilen wir Porthos' Pistolen, wie wir d'Artagnans Louisd'ors geteilt haben. Die Schlange auf dem Wege In Saint-Denis trafen die beiden Freunde mit Lord Winter zusammen und schlugen mit ihm den ihnen so wohlbekannten Weg nach der Picardie ein, der in Athos und Aramis einige der romantischsten Erinnerungen ihrer Jugend wach rief. Wäre Mousqueton bei uns, sprach Athos, als sie zu der Stelle gelangten, wo sie mit den Straßenarbeitern Streit gehabt hatten, wie würde er zittern! Erinnert Ihr Euch, Aramis, hier bekam er die bekannte Kugel. Meiner Treu, ich würde es ihm wohl hingehen lassen, denn ich selbst bebe einigermaßen bei dieser Erinnerung. Seht, dort jenseits des Baumes ist ein Punkt, wo ich glaubte, es sei aus mit mir. Man setzte den Marsch fort. Bald kam an Grimaud die Reihe, sich in Erinnerungen zu vertiefen. Der Herberge gegenüber, wo sein Herr und er einst eine so ungeheure Schmauserei gehalten hatte, näherte er sich Athos, deutete auf das Luftloch des Kellers und sagte: Würste. Athos lachte, denn diese Tollheit seiner Jugendjahre kam ihm so unglaublich lustig vor, als wenn man sie ihm von einem andern erzählt hätte. Endlich nach einem Ritt von zwei Tagen und einer Nacht erreichten sie gegen Abend bei herrlichem Wetter Boulogne. Als man zu den Toren gelangte, sagte Lord Winter: Meine Herren, machen wir es hier, wie in Paris. Trennen wir uns, um keinen Verdacht zu erregen. Ich habe eine wenig besuchte Herberge, deren Wirt mir ganz und gar ergeben ist. Ich will mich dahin begeben, denn es erwarten mich Briefe. Ihr geht in das nächste beste Gasthaus der Stadt, erfrischt Euch und findet Euch dann auf dem Hafendamme ein. Unsere Barke muß dort unser harren. Die Sache wurde so verabredet. Lord Winter setzte seinen Weg die äußeren Bollwerke entlang fort, um durch ein anderes Tor in die Stadt zu gelangen, während die zwei Freunde durch das nächste einritten. Nach zweihundert Schritten fanden sie ein Gasthaus. Man ließ den Pferden Futter geben, aber ohne sie abzusatteln. Die Lakaien nahmen ein Abendessen, denn es fing an spät zu werden, und die Herren, die es drängte, sich einzuschiffen, bestellten sie auf den Hafendamm, nachdem sie ihnen eingeschärft, mit keinem Menschen ein Wort zu wechseln. Dieser Befehl betraf natürlich nur Blaisois; für Grimaud war er längst überflüssig geworden. Athos und Aramis gingen nach dem Hafen hinab. Durch ihre mit Staub bedeckten Kleider und ihre ganze Erscheinung zogen die beiden Freunde die Aufmerksamkeit einiger Spaziergänger auf sich. Besonders einer schien durch ihre Ankunft überrascht zu sein. Dieser Mensch, der ebenfalls aussah, als habe er eine eilige Reise hinter sich, ging traurig auf dem Hafendamme auf und ab. Sobald er sie erblickte, schaute er sie unablässig an, als brenne er vor Begierde, sie anzureden. Er war jung und bleich, und hatte Augen von einem so unsichern Blau, daß sie, wie die des Tigers, je nach den Reflexen in allen Farben zu spielen schienen. Sein Gang war trotz der Langsamkeit seiner Bewegungen straff und keck. Er war schwarz gekleidet und trug mit viel Anstand ein langes Schwert. Als Athos und Aramis den Hafendamm erreichten, blieben sie stehen, um ein kleines Schiff anzuschauen, das an einen Pfosten angebunden und ganz equipiert war, als ob es warte. Das ist ohne Zweifel das unsere, sprach Athos. Ja, antwortete Aramis, und die Schaluppe, die sich da unten segelfrei macht, sieht aus, als sollte sie uns an den Ort unserer Bestimmung führen. Wenn nur Lord Winter nicht auf sich warten läßt, fuhr er fort; es ist gar nicht lustig, hier zu verweilen; keine einzige Dame läßt sich blicken. Stille, sagte Athos, man behorcht uns. Der Unbekannte war, während die zwei Freunde aufs Meer hinausschauten, wiederholt hinter ihnen auf und ab gegangen und bei dem Namen Lord Winter plötzlich stehen geblieben, ohne jedoch in seinen Mienen eine Erregung zu zeigen. Mit großer Höflichkeit wandte er sich an die Freunde mit den Worten: Meine Herren, verzeiht meine Neugierde, aber ich sehe, daß Ihr von Paris kommt oder wenigstens in Boulogne fremd seid. – Ja, mein Herr, wir kommen von Paris, antwortete Athos mit derselben Höflichkeit. Was steht zu Diensten? – Mein Herr, sprach der junge Mann, wollt Ihr wohl die Güte haben, mir zu sagen, ob der Herr Kardinal von Mazarin wirklich nicht mehr Minister ist? – Das ist eine seltsame Frage, sagte Aramis. – Er ist es und ist es nicht, antwortete Athos; das heißt, die eine Hälfte von Frankreich jagt ihn fort, während er die andere durch Intriguen und Versprechungen an sich kettet. Dieser Zustand kann sehr lange dauern. – Er ist also weder auf der Flucht begriffen, noch im Gefängnis? fragte der Fremde. – Nein, mein Herr, wenigstens nicht im Augenblick. – Meine Herren, empfangt meinen Dank für Eure Gefälligkeit, sprach der junge Mann und entfernte sich. Was haltet Ihr von diesem Frager? sagte Aramis. – Aramis, Ihr werdet über mich spotten, Ihr werdet mich für einen furchtsamen Geisterseher halten. – Nun? – Wem findet Ihr, daß dieser junge Mann ähnlich ist? – Im Schönen oder im Häßlichen? fragte Aramis lachend. – Im Häßlichen, und soviel ein Mann einer Frau gleichen kann. – Ah, bei Gott! rief Aramis, Ihr bringt mich auf einen Gedanken. Nein, Ihr seid kein Geisterseher, mein lieber Freund. Und jetzt, wenn ich mir die Sache überlege ... Ihr habt meiner Treu recht, dieser feine Mund, diese Augen, welche stets den Befehlen des Geistes und nie denen des Herzens zu gehorchen scheinen ... Er ist ein Bastard von Mylady. – Aramis, Ihr lacht. – Nur aus Gewohnheit; denn ich schwöre Euch, ich wünschte dieser jungen Schlange ebensowenig als Ihr auf meinem Wege zu begegnen. – Ah, hier kommt Lord Winter, sprach Athos. – Gut, es fehlte jetzt nur noch eins, versetzte Aramis, daß unsere Lakaien auf sich warten ließen. – Nein, ich erblicke sie. Sie kommen zwanzig Schritte hinter Mylord. Ich erkenne Grimaud an seinem steifen Kopf und an seinen langen Beinen. Tomy trägt unsere Karabiner. – Wir schiffen uns alle bei Nacht ein? fragte Aramis mit einem Blick nach dem Westen, wo die Sonne nur eine goldene Wolke zurückließ, die, allmählich in das Meer sinkend, zu erlöschen schien. – Das ist wahrscheinlich, sagte Athos und ging auf Lord Winter zu. Aramis folgte ihm. Was hat denn unser Freund? sprach Aramis; er gleicht den Verdammten Dantes, denen Satan den Hals umgedreht hat, so daß sie ihre Fersen anschauen müssen. Was zum Teufel hat er denn immer hinter sich zu sehen? Als Lord Winter die Freunde erblickte, verdoppelte er seine Schritte und kam mit auffallender Raschheit zu ihnen. Was habt Ihr denn, Mylord, sagte Athos, und was bringt Euch so außer Atem? Nichts, sprach Lord Winter, nichts. Als ich jedoch an den Dünen vorüberging, kam es mir vor ... und er wandte sich abermals um. Athos schaute Aramis an. Aber gehen wir, fuhr Lord Winter fort, das Boot muß uns erwarten, und unsere Schaluppe liegt vor Anker. Wenn wir nur schon darin säßen! Und er wandte sich noch einmal um. He, sagte Aramis, habt Ihr denn etwas vergessen? Nein, ein Gedanke beunruhigt mich. Er hat ihn gesehen, sprach Athos ganz leise zu Aramis. Man war zu der Treppe gelangt, die in die Barke führte; der Lord ließ zuerst die Lakaien hinabsteigen, welche die Waffen trugen, dann die Knechte mit dem Gepäck und fing endlich an, selbst hinabzusteigen. In diesem Augenblick bemerkte Athos einen Menschen, der dem Rande des Meeres, parallel mit dem Hafendamm, folgte und seinen Gang beschleunigte, als wollte er auf der andern kaum zwanzig Schritte entfernten Seite des Hafens ihrem Einschiffen beiwohnen. Er glaubte mitten im Schatten, der sich herabzusenken anfing, den jungen Menschen zu erkennen, der sie befragt hatte. Oho, sagte er zu sich selbst, ist es wirklich ein Spion, und sollte er sich unserem Einschiffen widersetzen wollen? Da es aber, falls der Fremde diese Absicht gehabt hatte, zur Ausführung bereits zu spät gewesen wäre, so stieg Athos ebenfalls die Treppe hinab, ohne jedoch den jungen Menschen aus dem Gesicht zu verlieren. Dieser trat auf eine Schleuse vor. Er hat es offenbar auf uns abgesehen, sprach Athos, aber schiffen wir uns immerhin ein. Sind wir einmal auf offener See, so mag er kommen. Und Athos sprang in die Barke, die sich sogleich vom Ufer losmachte und unter der Anstrengung von vier Ruderern sich zu entfernen begann. Aber der junge Mann bemühte sich, der Barke zu folgen oder vielmehr ihr vorauszueilen. Sie mußte zwischen der von dem Leuchtturme, der soeben angezündet worden, überragten Spitze des Hafendammes und einem überhängenden Felsen durchfahren. Man sah ihn von ferne den Felsen erklettern, so daß er die Barke beherrschen konnte, wenn sie vorüberkam. Ah, sagte Aramis zu Athos, dieser junge Mensch ist offenbar ein Spion! Was für ein Mensch? fragte Lord Winter, sich umdrehend. Der, welcher uns folgte, uns ansprach und da unten erwartet. Seht! Lord Winter folgte der Richtung des Fingers von Aramis. Der Leuchtturm übergoß mit Klarheit die kleine Meerenge, durch die man zu schiffen hatte, und den Felsen, auf dem der junge Mann stand, der mit entblößtem Haupte und gekreuzten Armen wartete. Er ist es! rief Lord Winter, Athos beim Arme fassend, er ist es! Ich glaubte ihn zu erkennen und täuschte mich nicht. – Wer? fragte Aramis. – Der Sohn Myladys, antwortete Athos. – Der Mönch! rief Grimaud. Der junge Mensch hörte diese Worte. Es war, als wollte er sich herabstürzen, so weit außen stand er auf dem Felsen über das Meer herabgebeugt. Ja, rief er, ich bin's, mein Oheim, der Sohn Myladys, der Mönch, der Sekretär und Freund Cromwells, und ich kenne Euch und Eure Gefährten. In der Barke saßen drei Männer, tapfere Männer, deren Mut niemand zu bestreiten gewagt hätte. Jedoch bei dieser Stimme, bei diesem Tone, bei dieser Gebärde fühlten sie einen Schauder in ihren Adern. Grimaud sträubten sich die Haare auf dem Haupt, und der Schweiß strömte von seiner Stirne. Ah! sprach Aramis, es ist der Neffe, es ist der Mönch, es ist der Sohn Myladys, wie er selbst sagt. Ja, murmelte Lord Winter. Dann wartet, versetzte Aramis. Und mit der Kaltblütigkeit, die er in den äußersten Gefahren besaß, nahm er eine der zwei Musketen, die Tomy hielt, spannte und legte auf den jungen Mann an, der, sie mit der Hand und mit dem Blicke verfolgend, aufrecht wie der Engel des Fluchs auf dem Felsen stand. Feuer! rief Grimaud außer sich. Athos warf sich auf den Lauf des Karabiners und hielt den Schuß zurück. Der Teufel soll Euch holen! rief Aramis, ich faßte ihn so gut mit meiner Muskete, und die Kugel hätte ihn mitten in die Brust getroffen. Es ist genug, daß wir die Mutter getötet haben, sprach Athos mit dumpfem Tone. Die Mutter war eine Verbrecherin, die uns alle in uns selbst oder in denen, die uns teuer waren, getroffen hatte. Aber der Sohn hat uns nichts getan. Grimaud, welcher aufgestanden war, um die Wirkung des Schusses zu sehen, fiel entmutigt und die Hände ringend zurück. Der junge Mann brach in ein Gelächter aus. Ah! Ihr seid es, sagte er, Ihr seid es ... ich kenne Euch nun. Sein scharfes Gelächter und seine drohenden Worte gingen, vom Winde fortgetragen, über die Barke hin und verloren sich in den Tiefen des Horizonts. Athos nahm Lord Winter bei der Hand und suchte das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen. Wann werden wir in England landen? fragte er den Lord; aber dieser hörte ihn nicht und gab keine Antwort. Halt, Athos, sprach Aramis, vielleicht wäre es noch Zeit. Seht, er ist immer noch auf derselben Stelle. Athos wandte sich mit einem gewissen Widerstreben um; der Anblick des jungen Mannes war ihm offenbar peinlich. Er stand wirklich noch immer auf dem Felsen; der Leuchtturm verbreitete eine Art von Glorie um ihn. In diesem Augenblick rief sie eine Stimme von der Schaluppe an. Der Lotse, der am Steuerruder saß, antwortete, und die Barke erreichte das Schiff. In einer Minute war alles an Bord, der Patron erwartete nur die Passagiere, um abzugehen, und kaum hatten sie den Fuß aus das Verdeck gesetzt, als man gegen Hastings steuerte, wo man landen sollte. Jetzt warfen die drei Freunde unwillkürlich noch einen Blick nach dem Felsen, wo der drohende Schatten, der sie verfolgte, immer noch sichtbar hervortrat. Dann gelangte eine Stimme, die ihnen die letzte Drohung zusandte, bis zu ihnen. Auf Wiedersehen, meine Herren, in England! Das Tedeum für den Sieg von Lens Die Nachricht von dem großen Siege bei Lens war entscheidend: der Hof gewann wieder das Übergewicht über das Parlament. Alle willkürlich auferlegten Steuern, gegen die sich das letztere erhob, waren stets durch die Notwendigkeit, die Ehre Frankreich aufrecht zu erhalten, und mit der Hoffnung auf einen Sieg begründet worden. Da man jedoch seit Nördlingen nur Schlappen erlitten hatte, so war es dem Parlament leicht, an Herrn von Mazarin vorwurfsvolle Fragen in Beziehung auf die stets versprochenen und immer wieder vertagten Siege zu stellen. Diesmal aber war man zu einem Ziele gelangt, man hatte einen vollständigen Triumph, so daß die Parteigänger des Hofes und selbst der junge König mit ihnen riefen: Ah! meine Herren vom Parlament, wir wollen sehen, was Ihr dazu sagen werdet. Die Königin drückte ihr königliches Kind, dessen stolzes, unbändiges Wesen so gut mit ihrem Charakter im Einklange stand, an ihr Herz. An demselben Abend fand ein Rat statt, wozu der Marschall de la Meilleraye und Herr von Villeroy, weil sie Mazariner waren, Chavigny und Seguier, weil sie das Parlament haßten, und Guitaut und Comminges, weil sie der Königin ergeben waren, berufen wurden. Von dem, was im Rate beschlossen worden war, verlautete nichts, man erfuhr nur, daß am nächsten Sonntag ein Tedeum zu Ehren des Sieges von Lens gesungen werden sollte. Am folgenden Sonntag erwachten also die Pariser sehr heiter: ein Tedeum war zu jener Zeit noch etwas Außergewöhnliches und Großartiges. Die Sonne erhob sich strahlend und vergoldete die düsteren Türme der bereits mit einer ungeheuren Menschenmenge gefüllten Hauptstadt; die dunkelsten Gassen der Altstadt hatten ein festliches Aussehen angenommen, und die Quais entlang sah man lange Reihen von Bürgern, Handwerkern, Frauen und Kindern, die, wie ein zu seiner Quelle zurückkehrender Fluß, Notre-Dame zuströmten. Es herrschte indessen die größte Freiheit unter dieser ungeheuren Volksmasse; alle sprachen offen ihre Meinung aus und läuteten sozusagen Aufruhr, wie die tausend Glocken aller Kirchen von Paris Tedeum läuteten. Da die Polizei der Stadt durch die Stadt selbst besorgt wurde, so störte nichts die Einhelligkeit des allgemeinen Hasses, nichts machte die Worte in diesen schmähsüchtigen Mäulern zu Eis. Indessen hatte sich schon um acht Uhr morgens das Regiment der Garden der Königin, unter dem Befehl Guitauts und seines Neffen Comminges, mit Trommeln und Trompeten an der Spitze, vom Palais Royal an bis zur Notre-Dame aufgestellt, ein Manöver, dem die auf Militärmusik und glänzende Uniformen allezeit versessenen Pariser ruhig zuschauten. Friquet zog seinen Sonntagsstaat an und erhielt unter dem Vorwande einer Geschwulst, die er sich durch eine Anzahl in eine Mundseite geschobene Kirschensteine verschaffte, von Bazin, seinem Herrn, einen Urlaub auf den ganzen Tag. Anfangs schlug der Mesner den Urlaub ab, aber in seiner Gegenwart nahm die Geschwulst dergestalt an Umfang zu, daß er am Ende brummend nachgab. An der Tür spuckte Friquet die Geschwulst aus und sandte Bazin eine jener Gebärden zu, die einem Pariser Gamin seine Überlegenheit über alle Straßenjungen des Weltalls sichern. In seinem Gasthaus hatte er sich natürlich dadurch losgemacht, daß er vorgab, er müsse die Messe bedienen. Friquet war also frei und hatte, wie gesagt, seine kostbarste Toilette gemacht; als ganz besondere Zier trug er eine jener schwer zu beschreibenden Mützen, die zwischen dem mittelalterlichen Barett und dem Hute aus der Zeit Ludwigs XIII. die Mitte halten. Seine Mutter hatte ihm diese seltsame Kopfbedeckung fabriziert und sich dabei, wahrscheinlich aus Mangel an gleichem Stoffe, um die Farben nicht sonderlich bekümmert, so daß dieses Meisterwerk der Kappenmacherei des siebzehnten Jahrhunderts auf der einen Seite gelb und grün, auf der andern weiß und rot war. Friquet aber schritt darum nicht minder stolz und triumphierend einher. Als Friquet seinen Herrn verließ, lief er in der größten Eile nach dem Palais Royal. Er kam gerade in dem Augenblick an, wo das Regiment der Garden herausmarschierte, und da er aus keinem andern Grunde erschien, als um sich seines Anblicks zu erfreuen und sich an seiner Musik zu ergötzen, so nahm er seine Stelle an der Spitze des Regiments, trommelte mit zwei Stückchen Schiefer und ging von dieser Übung zu der Trompete über, die er mit dem Munde auf höchst kunstvolle Weise nachahmte. Diese Unterhaltung dauerte von der Barriere des Sergens bis zum Platze Notre-Dame, und Friquet fand ein wahres Vergnügen daran. Dann aber erinnerte er sich, daß er nicht gefrühstückt hatte, und beschloß nach reiflicher Überlegung, der Rat Broussel solle die Kosten seines Mahles tragen. Er lief rasch weg, gelangte atemlos vor die Türe des Brousselschen Hauses und klopfte heftig an. Seine Mutter, die alte Dienerin Broussels, öffnete. Was machst du hier, Taugenichts? sagte sie, und warum bist du nicht in Notre-Dame? – Ich war dort, Mutter Nannette, antwortete Friquet, aber ich sah, daß Dinge vorgingen, von denen Meister Broussel notwendig unterrichtet werden müßte, und mit Erlaubnis des Herrn Bazin, Ihr wißt wohl, Mutter Nannette, des Herrn Bazin, des Mesners, kam ich hierher, um mit Herrn Broussel zu sprechen. – Was willst du Herrn Broussel sagen, Affe? – Ich will mit ihm selbst sprechen. – Das kann nicht sein; er arbeitet. – Dann werde ich warten, antwortete Friquet. Und er stieg rasch die Treppe hinauf, während Nannette langsamer folgte. Aber sage mir doch, sprach sie, was willst du bei Herrn Broussel? Ich will ihn benachrichtigen, antwortete Friquet, aus Leibeskräften schreiend, daß ein ganzes Regiment Garden in der Richtung nach diesem Hause marschiert. Da ich nun überall sagen hörte, es herrsche am Hof eine üble Stimmung gegen ihn, so will ich ihn warnen, damit er auf seiner Hut ist. Broussel hörte das Geschrei des Jungen und eilte, erfreut über seinen rastlosen Eifer, in den ersten Stock hinab, denn er arbeitete in seinem Kabinett im zweiten. Der Rat belehrte Friquet über seinen vermeintlichen Irrtum, lobte ihn aber wegen seines Eifers und hieß Frau Nannete dem Jungen Aprikosen und ein Stück Weißbrot geben. Broussel selbst ging nun zu seiner Frau, verlangte sein Frühstück und setzte sich an das Fenster. Die Straße war gänzlich verlassen; aber in der Ferne hörte man, gleich dem Geräusche einer steigenden Flut, das ungeheure Tosen der Volkswogen, die um Notre-Dame her immer stärker anschwollen. Dieses Geräusch verdoppelte sich, als d'Artagnan mit einer Kompanie Musketiere sich an den Pforten von Notre-Dame aufstellte, um den Kirchendienst verrichten zu lassen. Er hatte Porthos gesagt, er möge diese Gelegenheit benutzen, um die Ceremonie zu sehen. Porthos bestieg in großer Gala sein schönstes Pferd und machte den Ehrenmusketier, wie dies einst d'Artagnan so oft getan hatte. Um zehn Uhr verkündigte die Kanone des Louvre den Aufbruch des Königs. Eine Bewegung wie die der Bäume, deren Gipfel der Sturmwind faßt und schüttelt, durchlief die Menge, die sich hinter den unbeweglichen Musketen der Garden hin und her trieb. Endlich erschien der König mit der Königin in einem ganz mit Gold überzogenen Wagen. Zehn andere Wagen folgten mit den Ehrendamen, den Offizieren des königlichen Hauses und dem ganzen Hofe. Es lebe der König! rief man von allen Seiten. Der Zug rückte langsam vor und brauchte beinahe eine Stunde, um den Raum zurückzulegen, welcher den Louvre von der Place Notre-Dame trennt. Hier begab er sich allmählich unter das ungeheure Gewölbe der düstern Kathedrale, und der Gottesdienst begann. Als die Königin am Ende des Gottesdienstes bemerkte, daß Comminges in ihrer Nähe stand und die Bestätigung eines Befehles erwartete, den sie ihm, ehe sie den Louvre verließ, gegeben hatte, so sagte sie halblaut zu ihm: Geht, Comminges, und Gott stehe Euch bei! Comminges entfernte sich sogleich, trat aus der Kirche und begab sich nach der Rue Saint-Christophe. Friquet, der diesen schönen Offizier mit zwei Leibwachen bemerkte, machte sich das Vergnügen, ihm nachzugehen, und zwar mit um so größerer Geschwindigkeit, als die Ceremonie in demselben Augenblick endigte und der König wieder in seinen Wagen stieg. In der Rue Cocatrix hielt ein Wagen mit Comminges' Wappen, den ein Gefreiter und vier Garden besetzt hielten. Der Gefreite schaute sich beständig um, und sobald er Comminges erscheinen sah, sagte er dem Kutscher ein Wort, worauf dieser die altertümliche Karosse in Bewegung setzte und vor Broussels Haus fuhr. Comminges klopfte zur gleichen Zeit, wo der Wagen hier hielt, an die Tür. Man öffnete. Der Offizier fragte den Bedienten und erfuhr, daß Meister Broussel wirklich zu Hause war und zu Mittag speiste. Comminges ging hinter dem Bedienten und Friquet hinter Comminges die Treppe hinauf. Broussel saß mit seiner Familie bei Tische, ihm gegenüber seine Frau, zu seinen beiden Seiten seine Töchter und am Ende der Tafel sein Sohn Louvières. Beim Anblick des Offiziers fühlte sich Broussel etwas bewegt; als er aber sah, daß Comminges höflich grüßte, stand er auf und grüßte ebenfalls. Aber trotz dieser gegenseitigen Artigkeit drückte sich aus den Gesichtern der Frauen Unruhe aus. Auch Louvières wurde sehr bleich und erwartete ungeduldig die Erklärung des Offiziers. Mein Herr, sprach Comminges, ich bin der Überbringer eines Befehles Seiner Majestät des Königs. Sehr wohl, mein Herr, antwortete Broussel, was für ein Befehl ist es? Und er streckte seine Hand aus. Ich habe Befehl, mich Eurer Person zu bemächtigen, mein Herr, sprach Comminges, immer in demselben Tone und mit derselben Höflichkeit, und wenn Ihr mir glauben wollt, so werdet Ihr Euch die Mühe ersparen, diesen langen Brief zu lesen, und mir folgen. Hätte der Blitz mitten unter diese so friedlich versammelten Leute geschlagen, die Wirkung hätte nicht furchtbarer sein können. Broussel wich ganz zitternd zurück. Es war in jener Zeit etwas Schreckliches, infolge der Feindschaft des Königs eingekerkert zu werden. Louvières machte eine Bewegung, als wollte er nach seinem Degen laufen, der in einer Ecke des Speisezimmers auf einem Stuhle lag, aber ein Blick des guten Broussel, der den Kopf nicht verlor, hemmte diese Bewegung. Frau Broussel zerfloß in Tränen. Die Töchter hielten ihren Vater umfangen. Auf! mein Herr, sprach Comminges, beeilen wir uns; man muß dem König gehorchen. Mein Herr, sagte Broussel, ich habe eine leidende Gesundheit und kann mich in diesem Zustand nicht gefangen geben. Ich verlange Zeit. Das ist unmöglich, erwiderte Comminges. Der Befehl ist bestimmt und muß sogleich vollstreckt werden. Unmöglich? sprach Louvières; hüten Sie sich wohl, mein Herr, uns zur Verzweiflung zu treiben. Unmöglich? rief eine kreischende Stimme im Hintergrunde des Zimmers. Comminges wandte sich um und sah, mit dem Besen in der Hand, Frau Nannette, deren Augen in allen Feuern des Zornes glänzten. Meine gute Nannette, halte dich ruhig, ich bitte dich, sprach Broussel. Ich mich ruhig halten, wenn man meinen Herrn verhaftet, meinen Herrn, die Stütze, den Befreier, den Vater des armen Volkes? Ach ja, Ihr kennt mich wohl ... Wollt Ihr gehen? sagte sie zu Comminges. Comminges lächelte und sprach, sich an Broussel wendend: Ich bitte, bringt dieses Weib zum Schweigen und folgt mir. Ich schweigen, ich? rief Nannette. Ach, ja, da müßte noch ein anderer kommen, als Ihr, mein schöner Königsvogel. Ihr werdet es wohl sehen. Und Dame Nannette stürzte ans Fenster und schrie mit einer durchdringenden Stimme: Zu Hilfe! Man verhaftet meinen Herrn! Man verhaftet den Rat Broussel! Zu Hilfe! Mein Herr, sagte Comminges, erklärt Euch sogleich: Werdet Ihr gehorchen oder gedenkt Ihr einen Aufruhr zu erregen? Ich gehorche, ich gehorche, mein Herr, sprach Broussel, indem er sich aus den Armen seiner Töchter loszumachen und mit dem Blicke seinen Sohn zurückzuhalten suchte. Comminges umfaßte inzwischen die Magd, die mit ihrem Geschrei nicht aufhörte, mit dem Arme und wollte sie fortreißen. Aber in demselben Augenblick heulte eine andere Stimme aus dem Zwischenstock hervor in Falsetton: Mörder! Feuer! Mörder! Man tötet Herrn Broussel! Man erwürgt Herrn Broussel! Es war Friquets Stimme. Als Frau Nannette sich unterstützt fühlte, fuhr sie noch kräftiger fort. Bereits erschienen neugierige Köpfe an den Fenstern, und Volk lief herbei, das schnell immer zahlreicher wurde. Als Friquet dies bemerkte, sprang er vom Zwischenstock auf den Kutschenhimmel und rief: Sie wollen Herrn Broussel verhaften; es sind Leibwachen im Wagen, und der Offizier ist da oben. Das Volk fing an zu murren, und der Lärm nahm immer mehr zu. Die Straße konnte die Menge nicht mehr fassen, die von allen Seiten herbeiströmte. Das von dem Gefreiten hundertmal wiederholte Geschrei: Im Namen des Königs! vermochte nichts mehr gegen diese furchtbare Menge, sondern schien sie im Gegenteil noch mehr aufzubringen, so daß die jetzt zwischen Haus und Wagen aufgestellten Garden in die höchste Gefahr gerieten, als ein Reiter herbeieilte und, da er sah, daß die Soldaten bedroht wurden, mit dem Degen in der Faust mitten ins Gedränge stürzte und den Garden eine unerwartete Hilfe brachte. Dieser Reiter, dessen Antlitz vor Zorn bleich war, war ein junger Mensch von kaum fünfzehn bis sechzehn Jahren. Er stieg ab, lehnte sich mit dem Rücken an die Wagendeichsel, machte sich einen Wall aus seinem Pferde, zog seine Pistolen aus den Halftern, steckte sie in den Gürtel und fing an, um sich zu schlagen, wie ein Mensch, der mit der Handhabung des Schwertes vollkommen vertraut ist. Zehn Minuten lang hielt er den Kampf mit dem Volke allein aus. Jetzt sah man Comminges erscheinen und Broussel vor sich her treiben. Zerschlagen wir den Wagen! rief das Volk. Zu Hilfe! schrie die Alte. Mörder! schrie Friquet, der sich eifrig damit beschäftigte, die Leibwachen mit allem zu beschießen, was ihm unter die Hand kam. Im Namen des Königs! rief Comminges. Der erste, der einen Schritt tut, stirbt von meiner Hand! rief Raoul, der, als er sich hart bedrängt sah, seine Degenspitze einem Riesen zu spüren gab, der ihn hatte zermalmen wollen, nunmehr aber, da er sich verwundet fühlte, brüllend zurückwich. Denn es war Raoul, der, seinem Versprechen gegen den Grafen de la Fère gemäß, nach einer fünftägigen Abwesenheit von Blois zurückgekehrt und jetzt, um die Ceremonie mit anzuschauen, durch die Straßen geritten war, welche ihn in kürzerer Zeit nach Notre-Dame führten. Comminges warf Broussel fast in die Kutsche und sprang nach. In diesem Augenblick erkrachte ein Büchsenschuß; eine Kugel fuhr von oben herab durch Comminges' Hut und zerschmetterte einer Leibwache den Arm. Comminges schaute empor und sah mitten im Pulverdampf an einem Fenster des zweiten Stockes das drohende Gesicht Louvières'. Gut, mein Herr, rief Comminges, Ihr sollt von mir hören. Und Ihr auch, mein Herr, erwiderte Louvières; wir werden sehen, wer lauter spricht. Tod dem Offizier! Tod! heulte das Volk, aufgeregt durch den Flintenknall. Und es begann eine gewaltige Bewegung. Noch einen Schritt, rief Comminges, das Kutschenleder zurückschlagend, daß man gut in den Wagen sehen konnte, und zugleich Broussel seinen Degen auf die Brust setzend, noch einen Schritt, und ich töte den Gefangenen! Ich habe Befehl, ihn tot oder lebendig zu bringen. Ich bringe ihn tot, und dann ist alles abgemacht. Man vernahm einen furchtbaren Schrei. Broussels Frau und Töchter streckten flehend ihre Hände nach dem Volke aus. Das Volk begriff, daß der bleiche, entschlossene Offizier seinen Worten gemäß handeln würde, und wich, obschon unter beständigen Drohungen, zurück. Comminges ließ den verwundeten Soldaten zu sich in den Wagen steigen und befahl den andern, den Schlag zu schließen. Fahr nach dem Palast, sagte er zum Kutscher, der mehr tot als lebendig auf dem Bocke saß. Dieser peitschte seine Pferde, und das Volk gab Raum. Als man aber nach dem Quai kam, mußte man anhalten. Der Wagen stürzte um. Die Pferde wurden von der Menge getreten, erstickt, zermalmt. Raoul, der immer noch zu Fuß war, denn er hatte nicht Zeit gehabt, wieder zu Pferd zu steigen, begann, da er es müde war, mit der flachen Klinge dreinzuschlagen, die Degenspitze zu gebrauchen; dasselbe taten die Leibwachen. Aber dieses furchtbare letzte Mittel brachte das Volk vollends außer sich. Bereits sah man von Zeit zu Zeit in der Menge einen Flintenlauf oder die Klinge eines Degens glänzen. Es erkrachten einige Schüsse, die ohne Zweifel bloß in die Luft gefeuert waren, aber das Echo ließ darum die Herzen nicht minder beben. Aus den Fenstern regnete es fortwährend mit Wurfgeschossen. Das Geschrei: Tod den Garden! In die Seine mit dem Offizier; übertönte den Lärm, so groß er auch war. Den Hut zerknittert, das Gesicht blutig, fühlte Raoul, wie ihn nicht nur seine Kraft, sondern auch der Verstand verließ. Seine Augen schwammen in einem rötlichen Nebel, und durch diesen Nebel sah er hundert drohende Arme sich ausstrecken, bereit, ihn zu ergreifen, wenn er fallen würde. Comminges raufte sich in dem umgestürzten Wagen vor Wut die Haare aus. Die Garden konnten niemand mehr Hilfe bringen, denn jeder war mit seiner eignen Verteidigung beschäftigt. Alles war verloren, Wagen, Pferde, Wachen, Soldaten und vielleicht der Gefangene, alles sollte in Stücke zerrissen werden, als plötzlich eine Raoul wohlbekannte Stimme ertönte und ein breites Schwert in der Luft glänzte. In demselben Augenblick öffnete sich die Menge, durchbrochen, niedergeworfen. Rechts und links stechend und schlagend, eilte ein Musketieroffizier Raoul zu Hilfe und faßte ihn im Augenblick, wo er niedersinken wollte, in die Arme. Gottes Blut! rief der Offizier, haben sie ihn ermordet, dann wehe ihnen! Und er wandte sich um, so furchtbar anzuschauen in seiner Stärke, in seinem Zorn, in seiner drohenden Gebärde, daß die wütendsten Rebellen sich auseinander stürzten, um zu entfliehen, und daß mehrere sogar in die Seine fielen. Herr d'Artagnan, murmelte Raoul. Ja, Gottes Blut, und mir scheint zu Eurem Glücke, mein junger Freund! Hört, Ihr Leute! rief er, sich auf den Steigbügeln erhebend und sein Schwert schwingend, während er mit Stimme und Gebärde Musketiere herbeirief, die ihm so schnell nicht hatten folgen können. Auf, fegt alles vom Platze. Ergreift die Musketen! Macht Euch fertig! Schlagt an! Bei diesem Befehl verschwanden die Volkshaufen so rasch, daß sich d'Artagnan eines homerischen Lachens nicht enthalten konnte. Ich danke, d'Artagnan, sprach Comminges, die Hälfte seines Leibes durch den Schlag der umgeworfenen Kutsche streckend. Wie heißt der junge Mann, damit ich ihn der Königin nennen kann? Raoul wollte antworten, als d'Artagnan sich gegen sein Ohr neigte und zu ihm sagte: Schweigt und laßt mich antworten! Dann sich gegen Comminges neigend, sprach er: Verliert keine Zeit, Comminges, geht aus dem Wagen heraus, wenn Ihr könnt, und laßt einen andern herbeischaffen. – Welchen? – Bei Gott, den ersten besten, der über den Pont-neuf kommen wird. Die Leute, die darin fahren, werden es hoffentlich für ein Glück halten, wenn sie ihre Kutsche für den Dienst des Königs leihen dürfen. – Aber ich weiß nicht ... erwiderte Comminges. – Geht doch, oder in fünf Minuten kommen alle diese Lumpenkerle mit Schwertern und Musketen zurück. Ihr werdet getötet, und Euer Gefangener ist befreit. Vorwärts, seht, dort kommt gerade eine Kutsche! Mit Hilfe dieser Kutsche und dank d'Artagnans Entschlossenheit, der beim abermaligen übermächtigen Andrang des Volkes mit seinen Musketieren auf die Menge lossprengte und sie noch einmal zum Weichen brachte, gelang es endlich, den Gefangenen in Sicherheit zu bringen. Sobald er selbst entbehrlich zu sein glaubte, wandte sich d'Artagnan mit Raoul seitwärts und erreichte mit ihm glücklich die Rehziege. Die schöne Madeleine meldete d'Artagnan, Planchet sei mit Mousqueton zurückgekommen, der heldenmütig das Ausziehen der Kugel ertragen habe und sich so wohl befinde, als es bei seinem Zustand nur immer möglich sei. D'Artagnan befahl nun, Planchet zu rufen; aber so oft man ihn auch rief, Planchet erschien nicht: er war verschwunden. Dann machte er Raoul wohlgemeinte Vorwürfe darüber, daß er sich unberufen als Mazariner in die bürgerlichen Streitigkeiten gemischt habe, er sage ihm dies im Namen des abwesenden Grafen de la Fère. Zugleich stand er auf, ging zu seinem Sekretär, nahm einen Brief und bot ihn Raoul. Sobald Raoul das Papier durchlaufen hatte, trübten sich seine Blicke. O mein Gott, sagte er, seine schönen, tränenfeuchten Äugen zu d'Artagnan aufschlagend, der Herr Graf hat also Paris verlassen, ohne mich zu sehen? – Er ist vor vier Tagen abgereist, sprach d'Artagnan. Wollt Ihr's Euch gefallen lassen, mich einstweilen als Vormund anzunehmen? – Gewiß, Herr d'Artagnan, erwiderte Raoul; Ihr seid ein so braver Mann, und der Herr Graf de la Fère liebt Euch so sehr. – Ei, mein Gott, liebt mich auch, ich werde Euch nicht sehr plagen, aber unter der Bedingung, daß Ihr Frondeur seid, mein junger Freund, und zwar sehr Frondeur. – Kann ich fortwährend Frau von Chevreuse besuchen? – Ei, mein Gott, ja! und den Herrn Koadjutor auch und ebenso Frau von Longueville. – Gut, ich werde Euch gehorchen, obgleich ich Euch nicht verstehe. – Es ist nicht nötig, daß Ihr mich versteht. Halt! rief d'Artagnan, sich nach der Tür, welche man eben öffnete, wendend, hier kommt Herr du Vallon mit ganz zerrissenen Kleidern. Ja, sprach Porthos, von Schweiß triefend und ganz mit Staub überzogen, für die zerrissenen Kleider habe ich viele Häute zerrissen. Wollten mir diese Lumpenkerle nicht mein Schwert nehmen? Pest! was für eine Volksbewegung! fügte der Riese mit ruhiger Miene bei. Aber ich habe wenigstens zwanzig mit dem Knopfe meines Balmung totgeschlagen. Gebt mir einen Tropfen Wein, d'Artagnan. O, ich kenne Euch, sprach der Gascogner, Porthos' Glas bis an den Rand füllend; doch wenn Ihr getrunken habt, sagt mir Eure Meinung. Porthos leerte das Glas auf einen Zug. Als er es auf den Tisch gestellt und seinen Schnurrbart ausgesaugt hatte, fragte er: Worüber? Hier ist Herr von Bragelonne, der mit aller Gewalt bei der Verhaftung Broussels helfen wollte, und den ich nur mit großer Mühe von der Verteidigung des Herrn von Comminges abhalten konnte. Teufel! versetzte Porthos, was würde der Vormund gesagt haben, wenn er es erfahren hätte! Seht Ihr! rief d'Artagnan, seid Frondeur, mein Freund, und bedenkt, daß ich in jeder Beziehung die Stelle des Herrn Grafen einnehme. Dann sich gegen seinen Gefährten umwendend, sprach er: Kommt Ihr mit, Porthos? Wohin? fragte Porthos, sich ein zweites Glas Wein eingießend. Wir wollen dem Kardinal unsere Aufwartung machen. Porthos leerte das zweite Glas mit derselben Ruhe, mit der er das erste getrunken hatte, nahm seinen Hut und folgte d'Artagnan. Der Bettler von St. Eustache Es war von d'Artagnan wohl berechnet, daß er sich nicht unmittelbar ins Palais-Royal begab. Er ließ Comminges Zeit, vor ihm dahinzugehen und dem Kardinal die großen Dienste zu melden, die er, d'Artagnan, und sein Freund diesen Morgen der Partei der Königin geleistet hatten. Beide wurden auf die schmeichelhafteste Weise von Mazarin empfangen, der ihnen viele Komplimente machte und erklärte, sie seien beide ihren Zielen um die Hälfte nähergerückt. Unserem d'Artagnan wäre Geld lieber gewesen, denn er wußte, daß Mazarin leicht versprach und sehr schwer hielt. Die Versprechungen des Kardinals galten ihm so viel wie taube Nüsse, doch stellte er sich Porthos zu Liebe, den er nicht entmutigen wollte, als wäre er sehr zufrieden. Während die zwei Freunde bei dem Kardinal waren, ließ die Königin diesen rufen. Mazarin dachte, seine Verteidiger würden sich zu verdoppeltem Eifer angespornt fühlen, wenn er ihnen die Danksagungen der Königin selbst verschaffte. Er bedeutete ihnen durch ein Zeichen, ihm zu folgen. Die Königin Anna von Österreich war von zahlreichen fröhlich lärmenden Höflingen umgeben, denn nachdem man einen Sieg über den Spanier davongetragen hatte, war man nun auch siegreich aus einem Kampfe mit dem Volk hervorgegangen. Broussel war ohne Widerstand aus Paris geführt worden und mußte in diesem Augenblick im Gefängnis von Saint-Germain sein, und Blancmesnil, den man ebenfalls und ohne Schwierigkeit verhaftet hatte, war im Schlosse von Vincennes eingekerkert. Comminges war bei der Königin, die ihn alles ausführlich berichten ließ, als er an der Tür hinter dem eintretenden Kardinal d'Artagnan und Porthos erblickte. Ei, Madame, sagte er, auf d'Artagnan zuschreitend, hier ist einer, der Euch das besser als ich erzählen kann, denn er ist mein Retter. Ohne ihn hinge ich jetzt ohne Zweifel in den Netzen von Saint-Cloud, denn sie waren nahe daran, mich in den Fluß zu werfen. Sprecht, d'Artagnan, sprecht! Seit d'Artagnan Leutnant bei den Musketieren war, hatte er sich wohl hundertmal in demselben Gemach mit der Königin befunden, aber nie hatte diese mit ihm gesprochen. Wie, Herr, nachdem Ihr mir einen solchen Dienst geleistet habt, schweigt Ihr? sprach Anna von Österreich. Madame, antwortete d'Artagnan, ich habe nichts zu sagen, außer daß mein Leben dem Dienste Eurer Majestät gehört, und daß ich nur an dem Tage glücklich sein werde, wo ich es für sie verliere. Ich weiß das, mein Herr, ich weiß das, versetzte die Königin, und zwar seit geraumer Zeit. Ich bin auch entzückt, daß ich Euch dieses öffentliche Zeichen meiner Achtung und Dankbarkeit geben kann. Erlaubt, Madame, daß ich einen Teil auf meinen Freund, einen ehemaligen Musketier aus der Kompanie Treville, übertrage, sprach d'Artagnan mit einem besondern Nachdruck auf die letzten Worte, denn dieser Mann hat Wunder getan, fügte er bei. Der Name dieses Herrn? Bei den Musketieren, antwortete d'Artagnan, nannte er sich Porthos (die Königin bebte); aber sein wahrer Name ist Chevalier du Vallon. De Bracieux de Pierrefonds, fügte Porthos bei. Diese Namen sind zu zahlreich, als daß ich sie alle im Gedächtnis behalten könnte, und ich will nur den ersten behalten, sprach die Königin huldreich. Porthos verbeugte sich. D'Artagnan machte zwei Schritte rückwärts. In diesem Augenblick meldete man den Koadjutor. Er kam, um zu sehen, was ihm der Hof biete, und falls dies seinem Ehrgeiz genüge, seinen Frieden mit Mazarin zu machen. Aber die hochmütige Königin konnte sich in dem Moment der Siegesfreude nicht enthalten, den Koadjutor ihren Triumph fühlen zu lassen. Auf ihr stummes Zeichen fiel der ganze Hof mit Spott und Gelächter über den Prälaten her, so daß er schwer gekränkt davonging, und als er über die Schwelle des Palastes schritt, murmelte: O undankbarer Hof! Treuloser Hof! Ich werde dich morgen lachen lehren, aber aus einer andern Tonart! Während man jedoch am Hof von Freude übersprudelte, um die Heiterkeit der Königin zu steigern, verlor Mazarin, ein verständiger Mann, den schon die Furcht vorsichtig machte, seine Zeit nicht mit eitlen und gefährlichen Späßen. Er entfernte sich nach dem Koadjutor, schloß sein Gold ein und ließ durch vertraute Arbeiter Verstecke in den Wänden anbringen. Als der Koadjutor in seine Wohnung zurückkehrte, fand er dort, seiner wartend, Louvières, den Sohn Broussels, noch ganz erschöpft und blutbespritzt vom Kampfe gegen die Garden. Der Koadjutor ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Der junge Mann schaute ihn an, als wollte er im Grunde seines Herzens, lesen. Mein lieber Herr Louvières, sagte der Koadjutor, glaubt mir, ich nehme innigen Anteil an dem Unglück, das Euch widerfahren ist. Ist es wahr und sprecht Ihr im Ernst? fragte Louvières. Aus dem Grunde meines Herzens, sagte der Koadjutor. Dann ist die Zeit der Worte vorüber, Monseigneur, und die Stunde des Handelns hat geschlagen. Wenn Ihr wollt, Monseigneur, ist mein Vater in drei Tagen aus dem Gefängnis, und in sechs Monaten seid Ihr Kardinal. Der Koadjutor zitterte. Wir wollen frei sprechen und ein offenes Spiel spielen, sagte Louvières. Man spendet nicht aus eitel christlicher Liebe für dreißigtausend Livres Almosen, wie Ihr seit sechs Monaten getan habt, das wäre gar zu schön. Ihr seid ehrgeizig, denn Ihr seid ein Mann von Genie und fühlt Euern Wert. Ich hasse den Hof und habe in diesem Augenblick nur einen einzigen Wunsch: die Rache. Gebt uns die Geistlichkeit und das Volk, worüber Ihr verfügt; ich gebe Euch die Bürgerschaft und das Parlament. Mit diesen vier Elementen gehört Paris in acht Tagen uns, und glaubt mir, Herr Koadjutor, der Hof gibt aus Furcht, was er aus Wohlwollen nie geben würde. Der Koadjutor schaute Louvières ebenfalls mit seinem durchdringenden Auge an und versetzte: Aber, Herr Louvières, wißt Ihr, daß Ihr mir nichts anderes als den Bürgerkrieg vorschlagt? – Ihr bereitet ihn seit so geraumer Zeit vor, Monseigneur, daß er Euch willkommen sein muß. – Gleichviel, sprach der Koadjutor, Ihr begreift, daß die Sache Überlegung fordert. – Wieviel Stunden verlangt Ihr zum Überlegen? – Zwölf, mein Herr, ist das zu viel? – Es ist Mittag, um Mitternacht bin ich bei Euch. – Falls ich noch nicht zu Hause wäre, so wartet auf mich. – Gut, um Mitternacht, Monseigneur. – Um Mitternacht, mein lieber Herr Louvières. Nach zwei Stunden hatte der Herr von Retz (der Nebenname des eigentlich Jean Gondy heißenden Koadjutors) dreißig Pfarrer aus den bevölkertsten und unruhigsten Kirchspielen von Paris um sich versammelt. Retz erzählte ihnen die Beleidigung, die ihm im Palais Royal widerfahren war. Die Geistlichen fragten ihn, was zu tun sei. Das ist ganz einfach, antwortete der Koadjutor. Ihr leitet die Gewissen, untergrabt das elende Vorurteil der Furcht und Achtung vor dem König, lehrt Eure Beichtkinder, die Königin sei eine Tyrannin, und wiederholt so lange und so kräftig, bis es jeder weiß, alles Unglück in Frankreich rühre von Mazarin, ihrem Liebhaber und Verderber, her. Beginnt das Werk heute, auf der Stelle, und in drei Tagen erwarte ich von Euch das gewünschte Resultat. Hat übrigens einer von Euch mir einen guten Rat zu geben, so bleibe er hier, und ich werde ihn mit Vergnügen anhören. Drei Pfarrer blieben, der von Saint-Mery, der von Saint-Sulpice und der von Saint-Eustache. Die andern entfernten sich. Ihr glaubt mich also wirksamer unterstützen zu können als Eure Amtsgenossen? fragte der Koadjutor. – Wir hoffen es, erwiderten die Pfarrer. – Laßt hören, Herr Pfarrer von Saint-Mery. Fangt an. – Monseigneur, ich habe in meinem Quartiere einen Menschen, der Euch von größtem Nutzen sein könnte. – Wer ist das? – Ein Kaufmann, der den mächtigsten Einfluß auf die kleinen Handelsleute in seinem Quartier ausübt. – Wie heißt er? – Es ist ein gewisser Planchet. Er hat vor ungefähr sechs Wochen ganz allein einen Aufruhr erregt. Infolge dieses Aufruhrs aber ist er, da man ihn suchte, um ihn zu hängen, verschwunden. – Werdet Ihr ihn wiederfinden? – Ich hoffe es, denn ich glaube nicht, daß er verhaftet worden ist, und da ich Beichtiger seiner Frau bin, werde ich es wohl erfahren, wenn sie weiß, wo er ist. – Gut, mein lieber Herr Pfarrer. Sucht mir diesen Mann und bringt ihn hierher, wenn Ihr ihn findet. – Um welche Stunde, Monseigneur? – Um sechs Uhr. Wollt Ihr? – Wir werden um sechs Uhr bei Euch sein, Monseigneur. – Geht, mein lieber Pfarrer, geht, und Gott stehe Euch bei. Der Pfarrer entfernte sich. Und Ihr, mein Herr? sagte Retz, sich zu dem Pfarrer von Saint-Sulpice umwendend. – Ich, Monseigneur, erwiderte dieser, ich kenne einen Mann, der einem bei dem Volk sehr beliebten Prinzen große Dienste geleistet hat. Er würde einen vortrefflichen Volksführer geben, und ich kann ihn zu Eurer Verfügung stellen. – Wie heißt dieser Mann? – Der Graf von Rochefort. – Ich kenne ihn. Bringt ihn mir um acht Uhr, Herr Pfarrer, und Gott segne Euch, wie ich Euch segne. Der Pfarrer verbeugte sich und ging ab. Nun ist die Reihe an Euch, mein Herr, sagte der Koadjutor und wandte sich zu dem letzten Besucher um. Habt Ihr mir auch etwas anzubieten, wie die zwei Herren, die uns verlassen? – Etwas Besseres, Monseigneur. – Teufel! gebt wohl acht, daß Ihr da nicht eine furchtbare Verbindlichkeit übernehmt: der eine hat mir einen Kaufmann angeboten, der andere bietet mir einen Grafen an, Ihr wollt mir also einen Prinzen anbieten? – Ich biete Euch einen Bettler, Monseigneur. – Ah, ah, sprach Retz nachdenkend, Ihr habt recht, Herr Pfarrer, ein Mensch, der diese ganze Legion von armen Teufeln, die in den Sackgassen von Paris zusammengedrängt sind, zum Aufruhr brächte und sie so laut, daß es ganz Frankreich hören müßte, schreien ließe, Mazarin habe sie an den Bettelstab gebracht ... – Ich habe gerade Euern Mann! – Bravo! und wer ist dieser Mann? – Ein einfacher Bettler, wie ich Euch sagte, Monseigneur, ein Mensch, der seit ungefähr sechs Jahren auf den Stufen der Saint-Eustache-Kirche Almosen fordert und Weihwasser reicht. – Und Ihr sagt, er übe einen großen Einfluß auf seinesgleichen aus? – Weiß Monseigneur, daß die Bettlerei eine organisierte Körperschaft, eine Art Verbrüderung der Besitzlosen gegen die Besitzenden ist, ein Bund, zu dem jeder seinen Teil beiträgt, und der unter einem Haupte steht? – Ja, ich habe davon gehört. – Der Mensch, den ich Euch biete, ist General-Syndikus; er nennt sich Maillard. – Meint Ihr, wir werden ihn zu dieser Stunde auf seinem Posten treffen? – Ganz gewiß. – Wir wollen Euern Bettler aufsuchen, Herr Pfarrer, und wenn er ist, wie Ihr sagt, so habt Ihr allerdings den wahren Schatz gefunden. Retz legte eine Reitertracht an, setzte einen breitkrempigen Hut mit einer roten Feder auf den Kopf, gürtete ein langes Schwert um, schnallte die Sporen an seine Stiefel, hüllte sich in einen weiten Mantel und folgte dem Pfarrer. Als sie in die Rue des Prouvaires gelangten, streckte der Pfarrer die Hand nach dem Vorhof der Kirche aus und sagte: Seht, dort ist er auf seinem Posten. Gondy schaute in der angegebenen Richtung und erblickte einen Bettler, der, mit dem Rücken an ein Gesimse gelehnt, auf einem Stuhle saß; er hatte einen kleinen Eimer in seiner Nähe und hielt einen Sprengwedel in der Hand. Hat er ein Privilegium, sich hier aufzuhalten? fragte Gondy. – Nein, Monseigneur, antwortete der Pfarrer; er hat seinem Vorgänger diesen Platz als Weihwassergeber abgekauft. – Abgekauft? – Ja, solche Plätze werden verkauft; ich glaube, daß dieser für den seinigen hundert Pistolen bezahlt hat. – Der Bursche ist also reich? – Manche von diesen Leuten hinterlassen bei ihrem Tode zwanzig-, fünfundzwanzig-, dreißigtausend Livres und noch mehr. – Hm! versetzte Gondy lachend, ich glaubte nicht, daß ich meine Almosen so gut anbrächte. Man näherte sich indessen dem Vorhof; im Augenblick, wo der Pfarrer und der Koadjutor den Fuß auf die erste Stufe der Kirche setzten, erhob sich der Bettler und überreichte seinen Sprengwedel. Es war ein Mensch von sechs- bis achtundsechzig Jahren, klein, ziemlich dick, mit grauen Haaren und falben Augen. Auf seinem Gesicht stand der Kampf zweier entgegengesetzten Prinzipe zu lesen ... eine schlechte Natur, gezähmt durch den Willen, vielleicht auch durch die Reue. Als er den Mann erblickte, der den Pfarrer begleitete, bebte er leicht und schaute ihn mit erstaunter Miene an. Maillard, sagte der Pfarrer, dieser Herr und ich sind gekommen, um einen Augenblick mit Euch zu sprechen. Mit mir? sagte der Bettler, das ist eine große Ehre für einen armen Weihwassergeber. Im Tone des Bettlers lag ein Ausdruck von Ironie, den er nicht zu beherrschen wußte, und worüber der Koadjutor sich wunderte. Nach einigen Worten fragte ihn Retz, ob er geneigt wäre, seine Macht in den bestehenden Wirren geltend zu machen, und Maillard erklärte sich bereit, wenn ihm Vergebung seiner früheren Sünden gewährt werde. Diese wurde ihm in Aussicht gestellt. Haltet Ihr die Gewalt, die Ihr über Eure Genossen ausübt, für so groß, als mir der Herr Pfarrer soeben gesagt hat? fuhr der Koadjutor fort. Ich glaube, daß sie eine gewisse Achtung vor mir haben, erwiderte der Bettler stolz, und daß sie nicht nur alles tun werden, was ich ihnen befehle, sondern auch, daß sie mir überallhin folgen, wohin ich gehe. Könnt Ihr mir für fünfhundert entschlossene Männer, tüchtige gutgesinnte Tagediebe, kräftige Kehlen, stehen, die im stande sind, mit ihrem Geschrei: Nieder mit Mazarin, die Mauern des Palais-Royal umzustürzen, wie einst die von Jericho einstürzten? Ich glaube, daß ich mit noch schwierigeren und wichtigeren Dingen beauftragt werden kann. Ah! ah! Ihr würdet es also übernehmen, in einer Nacht ein Dutzend Barrikaden zu bauen? Ich übernehme es, fünfzig zu bauen und sie, wenn der Tag kommt, zu verteidigen. Bei Gott, sagte Retz, Ihr sprecht mit einer Sicherheit, die mir Freude macht, und da der Herr Pfarrer für Euch bürgt ... Ich verbürge mich, versetzte der Pfarrer. Dieser Sack enthält fünfhundertundfünfzig Pistolen in Gold; trefft also Euere Anstalten und sagt mir, wo ich Euch heute abend um zehn Uhr finden kann. Es müßte eine hohe Stelle sein, von wo aus man ein Signal geben könnte, das in allen Quartieren von Paris gesehen würde. Soll ich Euch ein Wort an den Vikar von Saint-Jacques-la-Boucherie mitgeben? Er wird Euch in ein Zimmer des Turmes führen, sagte der Pfarrer. Vortrefflich, erwiderte der Bettler. Diesen Abend also um zehn Uhr, sprach der Koadjutor; bin ich mit Euch zufrieden, so könnt Ihr über einen zweiten Sack von fünfhundert Pistolen verfügen. Die Augen des Bettlers glänzten vor Gier, aber er drängte diese Bewegung zurück und antwortete: Diesen Abend, mein Herr; es wird alles bereit sein. Der Turm Saint-Jacques-la-Boucherie Um drei Viertel auf sechs Uhr hatte Herr von Retz alle seine Gänge gemacht und war in den erzbischöflichen Palast zurückgekehrt. Um sechs Uhr meldete man den Pfarrer von Saint-Mery, der auf des Koadjutors Wink mit Planchet eintrat. Monseigneur, sagte der Pfarrer von Saint-Mery, hier ist die Person, von der ich mit Euch zu sprechen die Ehre gehabt habe. Planchet grüßte mit der Miene eines Menschen, der sich in guten Kreisen bewegt hat. Nach verschiedenen Fragen, auf die Planchet mit seinem gewöhnlichen Witz antwortete und durch die der Prälat erfuhr, daß der alte Musketierdiener es gewesen war, der Rochefort befreit hatte, sagte der Koadjutor: Ihr seid ein gescheiter Bursche, mein Freund; kann man auf Euch zählen? – Ich glaubte, der Herr Pfarrer habe sich für mich verbürgt? – Allerdings, aber ich wünschte, diese Versicherung aus Euerem eigenen Munde zu vernehmen. – Ihr könnt auf mich zählen, Monseigneur, vorausgesetzt, daß es sich um einen allgemeinen Aufruhr handelt. – Gerade darum handelt es sich. Wieviel Mann glaubt Ihr diese Nacht zusammenbringen zu können? – Zweihundert Musketen und fünfhundert Hellebarden. – Wäret Ihr geneigt, dem Grafen von Rochefort zu gehorchen? – Ich würde ihm bis in die Hölle folgen, und das will nicht wenig sagen, denn ich halte ihn für fähig, sich dahin zu versteigen. – Bravo! – An welchem Zeichen wird man morgen die Freunde von den Feinden unterscheiden können? – Jeder Frondeur mag einen Strohknoten an seinem Hut befestigen. – Gut; gebt Ihr uns nur die Parole! – Braucht Ihr Geld? – Geld kann nie schaden, Monseigneur; hat man keins, so wird man sich so durchhelfen; hat man's, so werden die Dinge nur rascher und besser gehen. Retz ging an eine Kasse und zog einen Sack hervor. Hier sind fünfhundert Pistolen, sprach er, und geht die Angelegenheit gut, so zählt morgen auf dieselbe Summe.– Ich werde getreulich über dieses Geld Rechenschaft ablegen, sagte Planchet und nahm den Sack unter den Arm. – Es ist gut, ich empfehle Euch den Kardinal. – Seid unbesorgt, er ist in guten Händen. Kaum waren der Pfarrer und Planchet fort, so meldete man den Pfarrer von Saint-Sulpice. Sobald das Kabinett sich öffnete, stürzte ein Mann herein; es war der Graf von Rochefort. Ihr seid's, mein lieber Graf? sagte der Prälat, ihm die Hand reichend. – Ihr seid also endlich entschlossen? versetzte Rochefort. – Ich bin es immer gewesen, erwiderte Gondy. – Sprechen wir nicht weiter davon, Ihr sagt es, und ich glaube Euch. Wir geben Mazarin einen Ball? – Ich hoffe es. – Wann soll der Tanz beginnen? – Die Einladungen sind für diese Nacht erlassen, sprach der Koadjutor, aber die Geiger werden erst morgen früh zu spielen anfangen. – Ihr könnt auf mich und auf fünfzig Mann zählen, die mir der Chevalier d'Humières versprochen hat, falls ich ihrer bedürfen sollte. – Auf fünfzig Soldaten? – Er wirbt Rekruten an und leiht sie mir; ist das Fest vorüber und es fehlen einige davon, so werde ich sie ersetzen. – Gut, mein lieber Rochefort, aber das ist noch nicht alles. – Was gibt es sonst noch? fragte Rochefort lächelnd. – Was habt Ihr mit Herrn von Beaufort gemacht? – Er ist in der Provinz Vendome, wo er wartet, bis ich ihm schreibe, daß er zurückkommen solle. – Schreibt ihm, es ist Zeit. – Ihr seid also Eurer Sache gewiß? – Ja, aber er muß eilen, denn kaum wird das Volk zur Empörung gebracht sein, so haben wir zehn Prinzen für einen, die sich an die Spitze stellen wollen; zögert er, so findet er den Platz besetzt. – Kann ich ihm den Rat in Euerem Auftrag geben? – Allerdings. – Darf ich ihm sagen, er könne auf Euch zählen? – Gewiß. – Und Ihr werdet ihm jede Gewalt überlassen? ... – Für den Krieg, ja; was die Politik betrifft ... – Ihr wißt, daß das nicht seine Stärke ist. – Er wird mich nach Belieben um einen Kardinalshut unterhandeln lassen. – Ist Euch hieran gelegen? – Da man mich zwingt, einen Hut von einer Form zu tragen, die mir nicht gefällt, so verlange ich wenigstens, daß dieser Hut rot sei. – Wir wollen nicht über Geschmack und Farben streiten, versetzte Rochefort lachend; ich stehe für seine Einwilligung. – Und Ihr schreibt ihm noch diesen Abend? – Ich tue etwas Besseres, ich schicke ihm einen Boten. – In wieviel Tagen kann er hier sein? – In fünf. – Er mag kommen und wird vieles anders finden. – Ich wünsche es. – Ich bürge Euch dafür. – Also? – Sammelt Eure fünfzig Mann und haltet Euch bereit. – Wozu? – Gibt es ein Vereinigungszeichen? – Ein Strohknoten am Hut. – Schön. Gott befohlen, Monseigneur. – Adieu, mein lieber Rochefort. – Ah! Herr Mazarin, sagte Rochefort, den Pfarrer, der bei dem ganzen Gespräch kein Wort hatte anbringen können, mit sich fortziehend, Ihr werdet sehen, ob ich zu einem Mann der Tat zu alt bin. Es war halb zehn Uhr; der Koadjutor bedurfte einer halben Stunde, um sich von dem erzbischöflichen Palaste nach dem Turme Saint-Jacques-la-Boucherie zu begeben. Dort bemerkte er ein Licht an einem der höchsten Fenster des Turmes. Gut, sagte er, unser Bettler ist an seinem Posten. Er klopfte, man öffnete ihm. Der Vikar selbst harrte seiner und führte ihn voranleuchtend den Turm hinan; oben angelangt, zeigte er ihm eine kleine Tür, stellte das Licht in eine Ecke der Mauer, damit es der Koadjutor beim Weggehen finden könnte, und stieg wieder hinab. Der Koadjutor klopfte, obgleich der Schlüssel in der Tür steckte. Herein, rief eine Stimme, in der der Koadjutor die des Bettlers erkannte. Der Herr von Retz trat ein. Es war wirklich der Weihwassergeber von Saint-Eustache, der, auf einem ärmlichen Bette liegend, wartete und, als er den Koadjutor eintreten sah, aufstand. Es schlug zehn Uhr. Nun, fragte Gondy, hast du mir Wort gehalten? – Nicht ganz. – Wieso? – Ihr habt fünfhundert Mann von mir gefordert, nicht wahr? – Ja. – Nun, ich werde zweitausend für Euch haben. – Du prahlst nicht? – Wollt Ihr einen Beweis? – Ja. Es waren drei Lichter angezündet, jedes derselben brannte vor einem Fenster; das eine von diesen Fenstern ging nach der Altstadt, das andere nach dem Palais-Royal, das dritte nach der Rue-Saint-Denis. Der Bettler ging schweigend zu jedem dieser Lichter und blies eines nach dem andern aus. Der Koadjutor befand sich in der Finsternis; das Zimmer wurde nur durch einen unsicheren Strahl des Mondes beleuchtet, der durch schwarze Wolken hinzog, deren Enden er mit Silber befranste. Was hast du gemacht? sagte der Koadjutor. – Ich habe das Zeichen gegeben. – Welches? – Das zum Barrikadenbau. – Ah! ah! – Wenn Ihr von hier weggeht, werdet Ihr meine Leute bei der Arbeit sehen. Nehmt Euch in acht, daß Ihr Euch nicht an einer Kette stoßt oder in ein Loch fallt und ein Bein brecht. – Gut. Hier ist deine Summe, dieselbe, die du bereits empfangen hast. Bedenke jetzt nur, daß du ein Anführer bist und betrink dich nicht. – Ich habe seit zwanzig Jahren nur Wasser getrunken. Der Mann nahm den Sack aus den Händen des Koadjutors, der bald hörte, wie der Bettler mit seinen Fingern im Golde wühlte. Ah! ah! sagte der Koadjutor, du bist geizig, mein Freund. Der Bettler warf den Sack zurück und stieß einen Seufzer aus. Werde ich denn immer derselbe sein? sagte er; wird es mir denn nie gelingen, den alten Menschen abzustreifen? O Elend, o Eitelkeit! Du nimmst es doch? Ja, aber ich gelobe vor Euch, daß ich alles, was mir davon übrig bleibt, zu frommen Werken verwenden werde. Sein Gesicht war bleich und zusammengezogen, wie das eines Menschen, der einen schweren innern Kampf ausgestanden hat. Seltsamer Mensch! murmelte der Prälat. Und er nahm seinen Hut, um zu gehen; aber als er sich umwandte, sah er den Bettler zwischen der Tür und ihm selbst. Sein erster Gedanke war, dieser Mensch wolle ihm ein Leid zufügen. Bald sah er aber, daß er im Gegenteil die Hände faltete und auf die Knie fiel. Monseigneur, sagte der Bettler, ehe Ihr mich verlaßt, gebt mir Euern Segen, ich bitte Euch. Monseigneur! Mein Freund, du hältst mich für einen andern. Nein, Monseigneur, ich halte Euch für den, der Ihr seid, für den Herrn Koadjutor; ich habe Euch mit dem ersten Blick erkannt. Retz lächelte und erwiderte: Und du willst meinen Segen? Ja, ich bedarf desselben. Der Bettler sprach diese Worte mit einem Tone so großer Demut, so tiefer Reue, daß Herr von Retz seine Hand über ihn ausstreckte und ihm seinen Segen mit aller Salbung gab, deren er fähig war. Nun besteht Gemeinschaft unter uns, sagte der Koadjutor, ich habe dich gesegnet, und du bist mir geheiligt, wie ich es meinerseits für dich bin. Sprich, hast du ein Verbrechen begangen, das die menschliche Gerechtigkeit verfolgt und wobei ich dich beschützen kann? Der Bettler schüttelte den Kopf. Das Verbrechen, das ich begangen habe, Monseigneur, ist nicht Sache der menschlichen Gerechtigkeit, und Ihr könnt mich nur dadurch befreien, daß Ihr mich oft segnet, wie Ihr es soeben getan habt. – Sei offenherzig, versetzte der Koadjutor, du hast nicht dein ganzes Leben lang das Gewerbe getrieben, das du gegenwärtig treibst. – Nein, Monseigneur, ich treibe es erst seit zehn Jahren. – Wo warst du vorher? – In der Bastille. – Und ehe du in die Bastille kamst? – Ich werde es Euch an dem Tage sagen, Monseigneur, wo Ihr mich Beichte hören wollt. – Es ist gut. Erinnere dich, daß ich zu jeder Stunde des Tages oder der Nacht, wo du dich bei mir einfindest, bereit bin, dir die Absolution zu geben. – Ich danke, sagte der Bettler mit dumpfem Tone, aber ich bin noch nicht bereit, sie zu empfangen. – Wohl denn. Gott befohlen. – Gott befohlen, sprach der Bettler, die Tür öffnend und sich vor dem Prälaten verbeugend. Der Koadjutor nahm das Licht, stieg die Treppe hinab und verließ den Turm, in tiefe Gedanken versunken. Der Aufstand Es war ungefähr elf Uhr nachts, als der Herr von Retz wieder seiner Wohnung zuschritt. Aber er hatte keine hundert Schritte gemacht, als er überrascht eine seltsame Veränderung wahrnahm. Die ganze Stadt schien von gespenstischen Wesen erfüllt; man sah schweigsame Schatten, hier die Pflastersteine aufreißen, dort Karren ziehen und umwerfen, dort wieder Gräben aushöhlen, die ganze Schwadronen verschlingen konnten. Alle diese so tätigen, rastlos hin und her laufenden Personen waren Bettler, Agenten des Weihwassergebers aus dem Vorhof der Saint-Eustache-Kirche, die Barrikaden für den andern Tag bereiteten. Gondy betrachtete diese Männer der Finsternis, diese nächtlichen Arbeiter mit einem gewissen Schrecken; er fragte sich, ob er diese unreinen Geschöpfe, nachdem er sie aus ihren Schlupfwinkeln hervorgerufen, wieder würde dahinbringen können. Er erreichte die Rue Saint-Honors und folgte dieser, nach der Rue de la Ferronnerie zuschreitend. Hier änderte sich die Gestalt der Dinge. Kaufleute liefen von Bude zu Bude; die Türen schienen geschlossen wie die Läden, aber sie waren nur angelehnt, so daß sie sich leicht öffneten und wieder zugemacht wurden, sobald die Menschen aus- und einschlüpfen wollten, die zu fürchten schienen, man könnte sehen, was sie trugen. Diese Leute waren die Ladeninhaber, die Waffen besaßen und denen, die keine hatten, solche liehen. Ein Mensch ging gebeugt unter der Last von Schwertern, Büchsen, Musketen, Massen aller Art von Tür zu Tür und gab diese je nach Bedarf ab. Beim Schimmer einer Laterne erkannte der Koadjutor Planchet. Der Koadjutor erreichte durch die Rue de la Monnaie den Quai; hier standen unbewegliche Gruppen von Männern in schwarzen oder grauen Mänteln, je nachdem sie der hohen oder der niedern Bürgerschaft angehörten, während einzelne von einer Gruppe zur andern gingen. Alle diese schwarzen oder grauen Mäntel deckten hinten einen Degen, vorn eine Büchse oder Muskete. Als der Koadjutor auf den Pont-Neuf kam, fand er diese Brücke bewacht. Ein Mann näherte sich ihm. Wer seid Ihr? fragte dieser Mann, ich erkenne Euch nicht als einen der Unsern. Dann kennt Ihr Eure Freunde nicht, mein lieber Herr Louvières, sprach der Koadjutor, den Hut lüpfend. Louvières erkannte ihn und verbeugte sich. Gondy setzte seine Runde fort und ging bis zur Tour de Nesle hinab. Hier sah er eine lange Reihe von Menschen, die an den Mauern hinschlüpften. Man hätte glauben sollen, es sei eine Prozession von Gespenstern, denn sie hatten sich insgesamt in weiße Mäntel gehüllt. An eine gewisse Stelle gelangt, schienen alle diese Leute hintereinander zu verschwinden, als ob die Erde unter ihren Füßen gewichen wäre. Gondy lehnte sich in eine Ecke und sah sie von dem ersten bis zum vorletzten verschwinden. Aber ehe der letzte verschwand, sah er sich um, ohne Zweifel, um sich zu versichern, daß er und seine Genossen nicht bespäht würden, und erblickte Gondy trotz der Dunkelheit. Er ging gerade auf ihn zu und setzte ihm die Pistole auf die Brust. Holla! Herr von Rochefort, sagte Gondy lachend, keinen Scherz mit Feuergewehren. Rochefort erkannte die Stimme und erwiderte: Ah! Ihr seid es, Monseigneur. Ich selbst. Aber was für Menschen führt Ihr da in die Eingeweide der Erde? Meine fünfzig Rekruten vom Chevalier d'Humières; sie sind dazu bestimmt, bei den Chevaulegers einzutreten, und haben als Equipierung nichts erhalten, als ihre weißen Mäntel. Und Ihr geht? Zu einem meiner Freunde, einem Bildhauer; nur steigen wir durch die Falltür hinab, durch welche er seine Marmorblöcke hinunterläßt. Sehr gut, sagte Gondy und drückte Rochefort die Hand; dieser stieg nun auch hinab und schloß die Falltür hinter sich. Der Koadjutor ging wieder nach Hause. Es war ein Uhr morgens. Er öffnete das Fenster und neigte sich hinaus, um zu horchen. Die ganze Stadt war von einem seltsamen, unerhörten, ungewöhnlichen Geräusch erfüllt; man fühlte, daß in allen diesen finstern Straßen etwas Ungewöhnliches, Furchtbares vorging. Von Zeit zu Zeit hörte man ein dumpfes Tosen, wie wenn ein Gewitter sich zusammenzieht oder die steigende Flut heranwogt; man hätte glauben sollen, es sei eines jener geheimnisvollen, unterirdischen Geräusche, wie sie dem Erdbeben vorhergehen. Das Werk der Empörung dauerte so die ganze Nacht fort. Als Paris am andern Morgen erwachte, schien es bei seinem eigenen Anblick zu beben. Alles hatte das Aussehen einer belagerten Stadt. Bewaffnete Männer standen mit drohenden Augen und geschulterten Musketen bei den Barrikaden. Überall war man Zeuge von Patrouillen, Verhaftungen, sogar Exekutionen. Man packte die Federhüte und die goldenen Degen, um sie: Es lebe Broussel! Nieder mit Mazarin! schreien zu lassen, und wer sich gegen die Ceremonie sträubte, wurde ausgezischt, angespuckt und sogar geschlagen. Man tötete noch nicht, aber man fühlte, daß es bald dazu kommen würde. Man hatte die Barrikaden bis in die Nähe des Palais-Royal fortgeführt. Von der Rue des Bons-Enfants bis zur Rue de la Ferronnerie, von der Rue Saint-Thomas du Louvre bis zum Pont-Neuf, von der Rue Richelieu bis zu der Porte Saint-Honors waren zehntausend bewaffnete Menschen, von denen die vordersten mit lautem Geschrei die unempfindlichen Schildwachen des Garderegiments herausforderten, die rings um das Palais-Royal aufgestellt waren, dessen Gitter man hinter ihnen wieder verschlossen hatte, eine Vorsichtsmaßregel, die ihre Lage sehr gefährlich machte. Mitten durch alles das schwärmten Banden von hundert, von hundertundfünfzig, von zweihundert abgemagerten, bleichen, zerlumpten Menschen, die eine Art von Standarten trugen, auf denen die Worte: »Seht das Elend des Volkes« geschrieben standen. Wohin diese Leute kamen, da vernahm man wütendes Geschrei, und es gab solcher Banden so viele, daß man überall schrie. Man denke sich das Erstaunen Annas von Österreich und Mazarins, als man ihnen früh meldete, die am Abend zuvor noch so ruhige Stadt erhebe sich in fieberhafter Bewegung; weder die eine noch der andere wollte an die Berichte glauben, und beide sagten, sie würden sich in dieser Hinsicht nur auf ihre eigenen Ohren und Augen verlassen. Man öffnete ihnen ein Fenster: sie sahen, sie hörten und wurden überzeugt. Mazarin zuckte die Achseln und gab sich den Anschein, als verachte er diesen Pöbel; aber er erbleichte sichtbar und lief zitternd in sein Kabinett, schloß sein Gold und seine Juwelen in seine Koffer und steckte seine schönsten Diamanten an die Finger. Wütend und von keinem fremden Willen beeinflußt, schickte die Königin nach dem Marschall de la Meilleraye, befahl ihm, so viel Mannschaft zu nehmen, als er wolle, und nachzusehen, was dieser Spaß zu bedeuten habe. Der Marschall war gewöhnlich sehr verwegen und fürchtete sich vor nichts, denn er hegte gegen den Pöbel die gewöhnliche Verachtung des Militärs. Er nahm hundertundfünfzig Mann und wollte über den Pont de Louvre hinausreiten, aber hier traf er Rochefort mit seinen fünfzig Chevaulegers und wenigstens fünfzehnhundert Personen. Eine solche Barriere zu durchbrechen war nicht möglich. Der Marschall versuchte es nicht einmal und kehrte auf den Quai zurück. Aber auf dem Pont-Neuf fand er Louvières und seine Bürger. Diesmal versuchte der Marschall einen Angriff, wurde aber mit Musketenschüssen empfangen, während die Steine hageldicht aus den Fenstern flogen. Er verlor dabei drei Mann. Er zog sich nach dem Quartier der Hallen zurück; hier aber fand er Planchet und seine Hellebardiere. Die Hellebarden wurden ihm drohend entgegengestreckt; er wollte über alle diese Graumäntel wegreiten, doch die Graumäntel hielten stand, und der Marschall wich, vier von seinen Garden auf dem Platz zurücklassend, nach der Rue Saint-Honoré zurück. Er drang nun in diese Straße; hier aber stieß er auf die Barrikaden des Bettlers von Saint-Eustache. Sie waren nicht nur von bewaffneten Männern, sondern auch von Weibern und Kindern bewacht. Friquet, Besitzer eines Degens und einer Pistole – beides Geschenke von Louvières – hatte eine Bande von Bürschchen seines Gelichters organisiert und machte einen furchtbaren Lärm. Der Marschall hielt diesen Punkt für schlechter bewacht, als die anderen, und wollte ihn mit Gewalt nehmen. Er ließ zwanzig Mann absitzen, um die Barrikade zu durchbrechen und zu öffnen. Die zwanzig Mann gingen, während er und der Rest seiner Truppe die Angreifenden zu Pferde beschützen sollten, auf das Hindernis los, aber nun begann hinter den Kothaufen hervor, zwischen den Rädern der Karren durch, von den Steinen herab ein furchtbares Schießen, und beim Gekrache dieses Kleingewehrfeuers erschienen die Hellebardiere Planchets an der Ecke des Kirchhofs des Innocents und die Bürger des Herrn von Louvières an der Ecke der Rue de la Monnaye. Der Marschall de la Meilleraye wurde zwischen drei Feuer genommen. Der Marschall de la Meilleraye war tapfer und beschloß, auf dem Platze zu sterben. Er gab Schuß für Schuß zurück, und Schmerzgeheul begann unter der Menge zu ertönen. Besser geübt, schossen die Garden richtiger; aber die Bürger waren viel zahlreicher und schmetterten sie unter einem wahren Bleihagel nieder. Seine Leute fielen um ihn her, nicht anders als in offener Feldschlacht. Fontrailles, seinem Adjutanten, wurde der Arm zerschmettert; sein Pferd bekam eine Kugel in den Hals, und er hatte große Mühe, es zu bemeistern, denn der Schmerz machte es beinahe wütend. Endlich trat der äußerste Augenblick ein, wo der Bravste den Schauer in seinen Adern und den Schweiß auf seiner Stirne fühlt, als plötzlich von der Rue de l'Arbre-Sec her die Menge unter dem Geschrei: Es lebe der Koadjutor! sich öffnete, und Gondy im bischöflichen Gewande erschien, ganz gelassen mitten durch das Gewehrfeuer wandelnd und rechts und links so ruhig seinen Segen spendend, als ob er die Fronleichnams-Prozession führe. Alles fiel auf die Knie. Der Marschall erkannte ihn, ritt auf ihn zu und sagte: Helft mir ums Himmels willen von hier weg, oder ich muß samt allen meinen Leuten die Haut hier lassen. Es war ein solches Getöse, daß man das Rollen des Donners nicht gehört hätte. Gondy hob die Hände empor und forderte Stille. Man schwieg. Meine Kinder, sprach er, hier ist der Marschall de la Meilleraye, in dessen Absichten Ihr Euch getäuscht habt; er macht sich verbindlich, bei seiner Rückkehr in den Louvre in Eurem Namen die Königin um die Freilassung unseres Broussel zu bitten. Macht Ihr Euch hierzu anheischig, Marschall? fügte Gondy, sich an la Meilleraye wendend, bei. Bei Gott! rief dieser, ich mache mich allerdings hierzu anheischig. Ich glaubte nicht, so wohlfeilen Kaufes loszukommen. Er gibt Euch sein adeliges Ehrenwort, sprach Gondy. Der Marschall hob als Zeichen der Beipflichtung die Hand auf. Es lebe der Koadjutor! rief die Menge. Einige Stimmen fügten sogar bei: Es lebe der Marschall! Alle aber wiederholten im Chor: Nieder mit Mazarin! Die Menge wich auf beiden Seiten zurück; der Weg der Rue Saint-Honoré war der kürzeste. Man öffnete die Barrikaden, der Marschall und der Rest seiner Truppen zogen sich zurück, Friquet und seine Banditen voran, wobei die einen Trommeln, die andern Trompeten nachahmten. Es war beinahe ein Triumphzug; nur schlossen sich die Barrikaden hinter dem Marschall wieder; der Marschall kaute an seinen Fingern. Während dieser Zeit befand sich Mazarin, wie gesagt, in seinem Kabinett und brachte seine kleinen Angelegenheiten in Ordnung. Er hatte nach d'Artagnan geschickt, hoffte aber nicht, ihn mitten unter diesem Tumult zu sehen; d'Artagnan hatte keinen Dienst. Nach Verlauf von zehn Minuten erschien jedoch der Leutnant, mit seinem unzertrennlichen Porthos auf der Schwelle. Ah! herein, herein, Herr d'Artagnan, rief der Kardinal, und seid nebst Eurem Freunde willkommen. Aber was geht denn in dem verdammten Paris vor? Was vorgeht, Monseigneur? nichts Gutes, erwiderte d'Artagnan den Kopf schüttelnd; die Stadt ist in vollem Aufruhr, und soeben, als ich mit Herrn du Vallon hier, der Euer ergebener Diener ist, durch die Rue Montorgueil kam, wollte man uns trotz meiner Uniform und vielleicht gerade wegen meiner Uniform zwingen: Es lebe Broussel! zu rufen. Darf ich wohl sagen, was wir noch mehr rufen sollten? Sprecht, sprecht. Nieder mit Mazarin! Meiner Treu, das Wort ist heraus! Mazarin lächelte, wurde aber sehr bleich und versetzte: Und Ihr habt gerufen? Wahrhaftig, nein, sprach d'Artagnan, ich war nicht bei Stimme, und Herr du Vallon ist heiser und hat ebensowenig gerufen. Dann, Monseigneur ... Was dann? Schaut meinen Hut und meinen Mantel an. Und d'Artagnan zeigte vier Löcher von Kugeln an seinem Mantel und zwei an seinem Hut. Ein Hellebardenstoß hatte Porthos' Rock an der Seite aufgeschlitzt, ein Pistolenschuß hatte seine Feder weggerissen. Teufel! sagte der Kardinal nachdenkend und die zwei Freunde mit naiver Bewunderung anschauend, ich hätte gerufen. In diesem Augenblick kam der Lärm näher. Mazarin trocknete sich die Stirn ab und schaute umher. Er hatte große Lust, an das Fenster zu treten, aber er wagte es nicht. Seht nach, was vorgeht, Herr d'Artagnan, sagte er. D'Artagnan trat mit seiner gewöhnlichen Sorglosigkeit an das Fenster. Oh! oh! rief er, was ist das? Der Marschall de la Meilleraye kommt ohne Hut zurück, Fontrailles trägt seinen Arm in der Binde, verwundete Garden, Pferde ganz mit Blut überzogen ... Doch was machen die Schildwachen? Sie schlagen an, sie wollen schießen. Sie haben Befehl erhalten, auf das Volk zu schießen, rief Mazarin, wenn es sich dem Palais-Royal nähern würde. Wenn sie Feuer geben, ist alles verloren, sprach d'Artagnan. Wir haben die Gitter. Die Gitter! sie halten fünf Minuten; die Gitter! sie werden ausgerissen, umgedreht, zermalmt. Schießt nicht, Mord und Tod! rief d'Artagnan, das Fenster öffnend. Trotz dieses Befehls, der mitten im Tumult nicht gehört werden konnte, erschollen drei oder vier Musketenschüsse, worauf ein furchtbares Feuer folgte: man hörte die Kugeln an der Fassade des Palais-Royal rasseln; eine flog unter d'Artagnans Arm durch und zerschmetterte einen Spiegel, in dem sich Porthos wohlgefällig betrachtete. O weh! rief der Kardinal, ein venetianischer Spiegel. Oh! Monseigneur; sprach d'Artagnan, ruhig das Fenster wieder schließend, weint noch nicht, es lohnt sich nicht, denn in einer Stunde wird wahrscheinlich nicht ein einziger von allen Euren Spiegeln mehr übrig sein. Aber wozu ratet Ihr denn? sagte der Kardinal zitternd. Zum Henker! ihnen Broussel herauszugeben. Was wollt Ihr mit einem Parlamentsrat machen? Er taugt zu nichts. Und Ihr, Herr du Vallon, was ist Euere Meinung! Was würdet Ihr tun? Ich würde Broussel herausgeben, erwiderte Porthos. Kommt, kommt, meine Herren! rief Mazarin; ich will mit der Königin von der Sache sprechen. Die Meuterei wird zur Empörung Mazarin fand die Königin außer sich vor Unmut und Entrüstung über den offenen Aufruhr der Pariser. Soeben teilte ihr der Kanzler Seguier mit, wie er mit genauer Not dem Pöbel entgangen sei. Man habe seinen Wagen zerschlagen, und als er sich in sein Palais geflüchtet, auch dieses gestürmt; nur wie durch ein Wunder sei er durch eine Tapetentüre entkommen. Als er geendet, fragte sie ihn um Rat in dieser schwierigen Lage. Madame, sprach der Kanzler zögernd, es wird nichts helfen, wir müssen Broussel freilassen. Die schon vorher sehr bleiche Königin wurde zusehends noch bleicher, ihr Gesicht zog sich krampfhaft zusammen, und sie rief: Broussel freilassen ... nie! In diesem Augenblick hörte man Tritte im Vorsaal, und der Marschall de la Meilleraye erschien unangemeldet auf der Türschwelle. Ah! Ihr seid hier, Marschall, rief Anna von Österreich hocherfreut. Ihr habt hoffentlich diese ganze Kanaille zur Vernunft gebracht? Madame, antwortete der Marschall, ich verlor drei Mann auf dem Pont-Neuf, vier in den Hallen, sechs an der Ecke der Rue de l'Arbre-Sec und zwei vor dem Tore Eures Palastes, im ganzen fünfzehn. Ich bringe zehn bis zwölf Verwundete zurück. Mein Hut ist, von einer Kugel fortgerissen, ich weiß nicht wo geblieben, und ohne Zweifel würde ich mit meinem Hut geblieben sein, wäre nicht der Koadjutor gekommen und hätte mich aus der Klemme gezogen. In der Tat, sprach die Königin, es hätte mich gewundert, wenn dieser krummbeinige Dachshund nicht bei der ganzen Geschichte die Hand im Spiel gehabt hätte. Madame, versetzte la Meilleraye lachend, sagt in meiner Gegenwart nicht zu viel Schlimmes von ihm, denn der Dienst, den er mir geleistet hat, ist noch ganz warm. Gut, erwiderte die Königin, seid dankbar gegen ihn, solange und soviel Ihr wollt, aber das legt mir keine Verbindlichkeit auf. Ihr seid gesund und wohlbehalten hier, mehr verlange ich nicht; seid willkommen, ich freue mich Eurer Rückkehr. Wohl, Madame, aber ich bin unter einer Bedingung zurückgekehrt – ich habe Euch die Willensmeinung des Volkes zu überbringen. Willensmeinung! sprach Anna von Österreich, die Stirn faltend. Oh! oh! Herr Marschall, Ihr müßt Euch in einer sehr großen Gefahr befunden haben, daß Ihr eine solche Botschaft übernahmt. Diese Worte wurden mit einer Ironie ausgesprochen, die dem Marschall nicht entging. Um Vergebung, Madame, sagte der Marschall, ich bin kein Advokat, sondern ein Krieger, und verstehe mich folglich nur schlecht auf die Auswahl der rechten Worte; ich hätte den Wunsch und nicht die Willensmeinung des Volkes sagen sollen. Was die Antwort betrifft, mit der Ihr mich beehrtet, so glaube ich, Ihr wolltet damit sagen, ich habe Furcht gehabt. Die Königin lächelte. Nun wohl, Madame, ich habe Furcht gehabt; es ist das drittemal, daß mir dies begegnet, und dennoch bin ich bei zwölf ordentlichen Schlachten und ich weiß nicht bei wie vielen Gefechten und Scharmützeln gewesen; ja, ich habe Angst gehabt, und ich will lieber Eurer Majestät gegenüberstehen, so bedrohlich auch ihr Lächeln sein mag, als diesen höllischen Teufeln, die mich bis hierher begleitet haben. Bravo! sagte d'Artagnan ganz leise zu Porthos, gut geantwortet. Nun! sprach die Königin, sich in die Lippen beißend, während die Höflinge einander voll Verwunderung anschauten, was ist der Wunsch meines Volkes? Daß man ihm Broussel zurückgebe, Madame, antwortete der Marschall. Nie, rief die Königin, nie! Ew. Majestät hat zu gebieten, sprach la Meilleraye sich verbeugend und ging einen Schritt rückwärts. – Wohin geht Ihr, Marschall? sagte die Königin. – Ich werde die Antwort Ew. Majestät denen überbringen, die darauf warten. – Bleibt, Marschall, ich will nicht das Ansehen haben, als unterhandle ich mit Rebellen. – Madame, ich habe mein Wort gegeben. – Das heißt? – Daß ich geneigt bin, hinabzugehen, wenn Ihr mich nicht verhaften laßt! Annas Augen schleuderten Blitze. Oh! das kann geschehen, mein Herr, sprach sie; ich habe Größere verhaften lassen, als Ihr seid. Guitaut. Mazarin stürzte vor und sprach: Madame, dürfte ich Euch auch einen Rat geben ... – Vielleicht ebenfalls, Broussel freizulassen? In diesem Fall könnt Ihr Euch die Mühe ersparen. – Nein, obgleich dieser Rat vielleicht so gut ist, wie jeder andere. – Was also sonst? – Den Koadjutor rufen zu lassen. – Den Koadjutor! rief die Königin, diesen abscheulichen Händelstifter! Er hat die ganze Meuterei angezettelt. – Ein Grund mehr, sprach Mazarin; hat er sie geschaffen, so kann er ihr auch wieder ein Ende machen. Seht, Madame, sprach Comminges, der an einem Fenster stand, durch das er hinausschaute, seht, die Gelegenheit ist günstig, denn hier ist er und erteilt seinen Segen auf dem Platz des Palais-Royal. Die Königin lief an das Fenster. Es ist wahr, sagte sie, hier ist er, der Meister Heuchler! Ich sehe, daß alle Welt vor ihm niederkniet, sprach Mazarin, obgleich er nur Koadjutor ist, während man mich, wenn ich an seiner Stelle wäre, in Stücke zerreißen würde. Madame, ich bestehe also auf meinem Wunsch (Mazarin legte einen besonderen Nachdruck auf dieses Wort), daß Ew. Majestät den Koadjutor empfange. Die Königin blieb einen Augenblick in Gedanken versunken. Dann erhob sie ihr Haupt wieder und sprach: Herr Marschall, sucht den Koadjutor und bringt ihn her. Und was soll ich dem Volke sagen? fragte der Marschall. Es soll Geduld haben, ich habe auch Geduld. In der Stimme der stolzen Spanierin lag ein so gebieterischer Ausdruck, daß der Marschall keine Bemerkung mehr machte, sondern sich verbeugte und abging. Sodann ging Anna von Österreich auf Comminges zu und sprach ganz leise mit ihm. Mazarin schaute unruhig nach der Seite, wo d'Artagnan und Porthos standen. Die andern Anwesenden wechselten leise einzelne Worte. Jetzt öffnete sich die Tür wieder, und der Marschall erschien mit dem Koadjutor. Hier ist Herr von Gondy, Madame, sagte der Marschall, er beeilt sich, den Befehlen Ew. Majestät Folge zu leisten. Die Königin ging ihm vier Schritte entgegen und blieb kalt, ernst, unbeweglich, die Unterlippe verächtlich vorgeschoben, stehen. Gondy verbeugte sich ehrfurchtsvoll. Nun, mein Herr, sprach die Königin, was sagt Ihr zu dieser Meuterei? – Daß es keine Meuterei mehr ist, Madame, antwortete der Koadjutor, sondern eine Empörung. – Empörung ist es von seiten derer, die glauben, mein Volk könne sich empören! rief Anna, unfähig, sich vor dem Koadjutor zu verstellen, den sie mit Recht als den Anstifter des ganzen Aufruhrs betrachtete. Empörung nennen die, welche sie wünschen, die Bewegung, die sie selbst gemacht haben; aber nur Geduld, die königliche Machtvollkommenheit wird bald ein Ende mit der Komödie machen. – Madame, antwortete der Koadjutor kalt, hat mich Ew. Majestät zur Ehre Ihrer Gegenwart zugelassen, um mir dies zu sagen? – Nein, mein lieber Koadjutor, versetzte Mazarin, sondern um Euch in der ärgerlichen Lage der Dinge, in der wir uns befinden, um einen Rat zu bitten. – Ist es wahr, sprach der Koadjutor mit erheucheltem Staunen, daß mich Ew. Majestät hat rufen lassen, um mich um Rat zu fragen? – Ja, sagte die Königin, man hat es gewollt. Der Koadjutor verbeugte sich. Ihre Majestät wünscht also... Daß Ihr sagt, was Ihr an ihrer Stelle tun würdet, beeilte sich Mazarin zu antworten. Der Koadjutor schaute die Königin an, diese machte ein bestätigendes Zeichen. An der Stelle Ihrer Majestät, erwiderte Gondy kalt, würde ich nicht zögern, sondern Broussel sogleich herausgeben. Und wenn ich ihn nicht herausgebe, rief die Königin, was glaubt Ihr, daß dann geschieht? Ich glaube, daß dann morgen in Paris kein Stein mehr auf dem andern sein wird, sagte der Marschall. Ich frage nicht Euch, sprach die Königin trocken und ohne sich umzuwenden, sondern Herrn von Gondy. Wenn Ew. Majestät mich fragt, antwortete der Koadjutor mit derselben Ruhe, so sage ich ihr, daß ich aufs entschiedenste der Meinung des Herrn Marschalls bin. Die Röte stieg der Königin ins Gesicht, ihre schönen blauen Augen schienen aus ihrem Kopf treten zu wollen; ihre karminroten Lippen, von allen Dichtern jener Zeit mit Granatblüten verglichen, erbleichten und zitterten vor Wut; sie erschreckte sogar Mazarin, der doch an die häuslichen Wutausbrüche dieser freudlosen Ehe gewöhnt war. Broussel herausgeben! rief sie endlich mit einem schrecklichen Lächeln; ein schöner Rat, bei meiner Treu! Man sieht wohl, daß er von einem Priester herkommt! Gondy blieb unbewegt. Die Beleidigungen schienen an diesem Tag ebenso an ihm abzugleiten, wie die Spottreden am vorhergehenden; aber der Haß und die Rache häuften sich still und Tropfen um Tropfen in seinem Herzen auf. Er schaute kalt die Königin an und sagte vollkommen ruhig: Madame, wenn Ew. Majestät den Rat nicht gutheißt, den ich ihr gegeben, so kommt es ohne Zweifel davon her, daß sie Besseres zu befolgen hat; ich kenne zu sehr die Weisheit der Königin und ihrer Räte, um annehmen zu können, man werde die Unruhe fortdauern lassen, die eine Staatsumwälzung herbeiführen kann. – Eurer Meinung nach, versetzte schnaubend die Spanierin und biß sich in die Lippen, kann, was gestern eine Meuterei war und heute eine Empörung ist, morgen eine Staatsumwälzung werden. – Ja, Madame, sprach der Koadjutor ernst. – Wenn man Euch hört, mein Herr, sind die Völker gänzlich zügellos geworden. – Das Jahr ist schlecht für die Könige, sprach Gondy, den Kopf schüttelnd; schaut nach England hinüber, Madame. – Ja, aber glücklicherweise haben wir in Frankreich keinen Oliver Cromwell, antwortete die Königin. – Wer weiß, versetzte Gondy; diese Leute gleichen dem Blitz, man lernt sie erst kennen, wenn sie schlagen. Alle Anwesenden bebten, und es herrschte einen Augenblick tiefes Stillschweigen. Während dieser Zeit hatte die Königin ihre beiden Hände auf die Brust gelegt; man sah, daß sie die heftigen Schläge ihres Herzens zurückdrängen wollte. Eure Majestät, fuhr der Koadjutor unbarmherzig fort, wird also die Maßregeln ergreifen, die ihr angenehm sind. Aber ich sehe zum voraus, daß sie furchtbar sein und die Meuterer noch mehr aufbringen werden. Nun wohl, mein Herr Koadjutor, Ihr, der Ihr so viel Macht über sie habt und unser Freund seid, sagte die Königin spöttisch, Ihr werdet sie dann wohl zur Ruhe bringen, indem Ihr ihnen Euern Segen spendet. Das wird vielleicht zu spät sein, entgegnete Gondy eisig, und am Ende verliere ich selbst jeden Einfluß, während Eure Majestät, wenn sie ihnen Broussel zurückgibt, dem Aufruhr die Wurzel abschneidet und das Recht erhält, jedes Wiederbeginnen einer Empörung aufs strengste zu bestrafen. Dieses Recht habe ich also nicht? rief die Königin. Wenn Ihr es habt, so gebraucht es, antwortete Gondy. Die Königin entließ mit einem Zeichen den ganzen Hof, Mazarin ausgenommen. Gondy verbeugte sich und wollte sich wie die andern entfernen. Bleibt, mein Herr, sprach die Königin. Gut, sagte Gondy zu sich selbst, sie wird nachgeben. Die Königin schaute den Weggehenden nach. Als der letzte die Tür geschlossen hatte, wandte sie sich um. Man sah, daß sie sich auf unerhörte Weise anstrengte, ihren Zorn zu bewältigen; sie fächerte sich, sie roch an Räucherpfännchen, sie ging hin und her. Mazarin blieb auf dem Stuhl, auf den er sich gesetzt hatte, und schien nachzudenken. Gondy, der unruhig zu werden anfing, sondierte mit den Augen alle Tapeten, betrachtete das Panzerhemd, das er unter seinem langen Rock trug, und suchte von Zeit zu Zeit unter seinem Bischofsmäntelchen, ob der Griff eines guten spanischen Dolches, den er bei sich hatte, im Bereich seiner Hand war. Laßt hören, sprach die Königin endlich stillstehend, wiederholt nun Euren Rat, da wir allein sind, Herr Koadjutor. So hört, Madame: tut, als ob Ihr die Sache noch einmal überlegt hättet; gesteht öffentlich einen Irrtum ein, denn dadurch erweist sich die Kraft starker Regierungen; entlaßt Broussel aus seinem Gefängnis und gebt ihn dem Volke zurück. Oh! mich so demütigen! rief Anna von Österreich. Bin ich Königin, oder bin ich es nicht? Ist diese ganze brüllende Kanaille nicht die Masse meiner Untertanen? Habe ich Freunde, Leibwachen? Ah! bei unserer lieben Frau! wie Königin Katharina sagte, fuhr sie, sich immer mehr in Wut hineinredend, fort, ehe ich ihnen diesen schändlichen Broussel zurückgebe, würde ich ihn lieber mit meinen eigenen Händen erdrosseln. Und sie stürzte mit gefällten Fäusten auf Gondy zu, den sie in diesem Augenblick wenigstens ebensosehr haßte, als Broussel. Gondy blieb unbeweglich; nicht eine Muskel seines Gesichts rührte sich; nur sein eisiger Blick kreuzte sich wie ein Schwert mit dem wütenden Blick der Königin. Madame, rief der Kardinal, Anna von Österreich beim Arme fassend und zurückziehend, Madame, was macht Ihr! Dann fügte er in spanischer Sprache bei: Anna, seid Ihr toll? Ihr fangt da wie ein Bürgerweib Händel an und seid eine Königin. Seht Ihr denn nicht, daß Ihr in der Person dieses Priesters das ganze Volk von Paris vor Euch habt, und daß Ihr, wenn dieser Priester will, in einer Stunde keine Krone mehr besitzt? Später könnt Ihr hartnäckig sein, jetzt ist aber nicht die Stunde dazu; heute müßt Ihr schmeicheln und liebkosen. Dieser scharfe Verweis, der das Gepräge einer Beredsamkeit an sich trug, welche Mazarin charakterisierte, sobald er Italienisch oder Spanisch sprach, und die er gänzlich verlor, wenn er Französisch sprach, wurde mit einem unerforschlichen Gesicht gegeben, das Gondy, ein so geschickter Physiognomiker er auch war, nur die einfache Ermahnung, sich etwas zu mäßigen, ahnen ließ. Auf diese strenge Rüge besänftigte sich die Königin alsbald, sie ließ gleichsam von ihren Augen das Feuer, von ihren Lippen den Zorn fallen. Sie setzte sich, ihre Arme sanken kraftlos an ihren beiden Seiten nieder, und sie sprach mit einer von Tränen feuchten Stimme: Verzeiht mir, Herr Koadjutor, und schreibt diese Heftigkeit dem Umstande zu, daß ich leide. Als Frau und folglich den Schwächen meines Geschlechts unterworfen, erschrecke ich vor dem Bürgerkrieg; als Königin und an Gehorsam gewöhnt, lasse ich mich beim ersten Widerstand hinreißen. Madame, erwiderte Gondy, sich verbeugend, Eure Majestät täuscht sich, wenn sie meinen aufrichtigen Rat als Widerstand bezeichnet. Ew. Majestät hat nur ergebene und ehrfurchtsvolle Untertanen. Das Volk grollt nicht der Königin, es fordert Broussel, verlangt sonst nichts und schätzt sich glücklich, unter den Gesetzen Ew. Majestät zu leben, vorausgesetzt, daß Ew. Majestät ihm Broussel zurückgibt, fügte der Koadjutor lächelnd bei. Also, mein Herr, sprach die Königin, Ihr fürchtet wirklich die Volksbewegung? Ich fürchte sie in vollem Ernst, Madame, erwiderte Gondy, erstaunt, nicht weiter vorgerückt zu sein, ich fürchte, der Strom könnte, wenn er einmal seinen Damm durchbrochen hat, große Verwüstungen verursachen. Und ich, sagte die Königin, ich glaube, daß man ihm in diesem Fall neue Dämme entgegensetzen muß. Geht, ich werde mir die Sache überlegen. Gondy schaute Mazarin mit erstaunter Miene an; Mazarin näherte sich der Königin, um mit ihr zu sprechen. In diesem Augenblick hörte man einen furchtbaren Lärm auf dem Platze des Palais-Royal. Gondy lächelte, der Blick der Königin entflammte sich, Mazarin wurde sehr bleich. Was gibt es denn wieder? sagte er. Comminges stürzte in den Salon. Vergebt, Madame, sagte Comminges zu der Königin, das Volk hat die Wachen an die Gitter zurückgeworfen und zermalmt, es sprengt in diesem Augenblick die Tore; was befehlt Ihr? Hört, Madame ... sprach Gondy. Das Tosen der Wellen, das Rollen des Donners, das Brüllen des entfesselten Orkans läßt sich nicht mit dem Sturme vergleichen, der sich in diesem Moment zum Himmel erhob. Was ich befehle? rief die Königin. – Ja, die Zeit drängt. – Wieviel Mann habt Ihr ungefähr im Palais-Royal? – Sechshundert. – Stellt hundert Mann um den König, und mit dem Reste jagt mir diesen Pöbel von der Türe. – Madame, sprach Mazarin, was macht Ihr? – Geht, sagte die Königin. Comminges entfernte sich mit dem leidenden Gehorsam des Soldaten. Plötzlich vernahm man ein furchtbares Krachen: eines der Tore begann nachzugeben. Madame, rief Mazarin, Ihr stürzt uns alle ins Verderben, den König, Euch und mich. Bei diesem aus der erschrockenen Seele des Kardinals dringenden Schrei wurde der Königin ebenfalls bange; sie rief Comminges zurück. Es ist zu spät, sagte Mazarin, sich die Haare ausraufend, es ist zu spät! Das Tor wich, und man hörte das Freudengebrüll des Volkes. D'Artagnan, den Mazarin mit seinem Freunde in einem nur durch einen Türvorhang vom Salon getrennten Kabinett gelassen hatte, von wo sie alles hören und sehen konnten, d'Artagnan nahm den Degen in die Faust und hieß Porthos durch ein Zeichen dasselbe tun. Rettet die Königin! rief Mazarin dem Koadjutor zu. Gondy lief nach dem Fenster und öffnete es; er erkannte Louvières an der Spitze von ungefähr drei- bis viertausend Menschen. Keinen Schritt weiter! rief er, die Königin unterzeichnet. Was sagt Ihr? rief die Königin. Die Wahrheit, Madame, sprach Mazarin, der Königin eine Feder und Papier reichend, es muß sein. Dann fügte er bei: Unterzeichnet, Anna, ich bitte Euch, ich will es. Die Königin sank auf einen Stuhl, nahm die Feder und unterzeichnete. Von Louvières zurückgehalten, hatte das Volk keinen Schritt mehr gemacht; aber das furchtbare Gemurmel, welches den Zorn der Menge andeutete, währte immer noch fort. Der Koadjutor ergriff den von der Königin unterzeichneten Freilassungsbefehl, kehrte an das Fenster zurück und rief: Hier ist der Befehl. Paris schien einen mächtigen Freudenschrei auszustoßen. Dann erscholl der Ruf: Es lebe Broussel! Es lebe der Koadjutor! Und nun, da Ihr habt, was Ihr haben wolltet, sagte die Königin, so geht, Herr von Gondy. Und Gondy entfernte sich. Ah! verfluchter Pfaffe! rief Anna von Österreich, die Hand nach der kaum geschlossenen Türe ausstreckend, ich werde dich eines Tages den Rest der Galle austrinken lassen, die du mir heute eingeschenkt hast. Mazarin wollte sich ihr nähern. Laßt mich, Ihr seid kein Mann, rief die Königin und ging aus dem Salon. Ihr seid keine Frau, murmelte Mazarin. Dann nach kurzem Nachdenken erinnerte er sich, daß d'Artagnan und Porthos anwesend sein mußten und folglich alles gehört und gesehen hatten. Er runzelte die Stirn, ging gerade auf den Vorhang zu und hob ihn auf; das Kabinett war leer. Beim letzten Worte der Königin hatte d'Artagnan Porthos bei der Hand genommen und mit sich nach der Galerie gezogen. Mazarin trat ebenfalls in die Galerie und fand die Freunde auf und ab gehend. Warum habt Ihr das Kabinett verlassen, Herr d'Artagnan? sagte Mazarin. Weil die Königin jedermann weggehen hieß, und ich dachte, dieser Befehl betreffe ebensowohl uns, als die andern. Ihr seid also hier seit ... Seit einer Viertelstunde ungefähr, sprach d'Artagnan, schaute dabei Porthos an und bedeutete diesem durch ein Zeichen, er möge ihn nicht Lügen strafen. Mazarin gewahrte dieses Zeichen und war überzeugt, daß d'Artagnan alles gesehen und gehört hatte, aber er wußte ihm Dank für die Lüge. Herr d'Artagnan, sagte er, Ihr seid offenbar der Mann, den ich suchte, und könnt, sowie Euer Freund, auf mich zählen. Dann grüßte er die zwei Freunde mit seinem verbindlichsten Lächeln und kehrte ruhiger in sein Kabinett zurück, denn nach Gondys Weggang hatte der Tumult wie durch einen Zauber aufgehört. Das Unglück verleiht Gedächtnis Als Broussel am andern Morgen in einem großen Wagen, seinen Sohn Louvières neben sich, nach Paris zurückkehrte, lief ihm alles Volk bewaffnet entgegen. Der Ruf: Es lebe Broussel! es lebe unser Vater! erscholl allenthalben und bereitete Mazarin Todesqualen. Von allen Seiten brachten die Spione des Kardinals und der Königin verdrießliche Nachrichten zurück, die den Minister in Erregung versetzten und die Königin sehr ruhig ließen; Anna von Österreich schien in ihrem Kopf einen großen Entschluß zur Reife zu bringen, was die Unruhe Mazarins noch verdoppelte. Er kannte ihren Stolz und fürchtete ihre Entschlüsse. Der Koadjutor war, mehr König als der König, die Königin und der Kardinal zusammen, ins Parlament zurückgekehrt. Auf seinen Rat forderte ein Edikt des Parlaments die Bürger auf, die Waffen abzulegen und die Barrikaden zu zerstören; sie gehorchten, denn sie wußten jetzt, daß es nur einer Stunde bedurfte, um die Waffen wiederzuergreifen, und einer Nacht, um die Barrikaden wiederherzustellen. Planchet war in seine Bude zurückgekehrt; er fürchtete sich nicht mehr vor dem Galgen, er war überzeugt, daß das Volk, sobald man Miene machen sollte, ihn zu verhaften, sich für ihn erheben würde, wie es sich für Broussel erhoben hatte. Rochefort hatte dem Chevalier d'Humières seine Chevaulegers zurückgegeben; es fehlten zwei beim Appell; aber der Chevalier, der in seinem Innern Frondeur war, wollte nichts von einer Entschädigung wissen. Der Bettler hatte seinen Platz im Vorhof von Saint-Eustache wieder eingenommen, teilte von neuem mit einer Hand sein Weihwasser aus und forderte mit der andern das Almosen, und niemand ahnte, daß diese Hände soeben den Grundstein des Königtums zum Wanken gebracht hatten. Louvières war stolz und zufrieden; er hatte sich an Mazarin, den er verabscheute, gerächt und viel zur Befreiung seines Vaters aus dem Gefängnis beigetragen; sein Name war mit Schrecken im Palais-Royal genannt worden, und er sprach lächelnd zu dem seiner Familie zurückgegebenen Rate: Glaubt Ihr, mein Vater, wenn ich jetzt von der Königin eine Kompanie verlangte, sie würde mir eine geben? D'Artagnan benutzte den Augenblick der Ruhe, um Raoul, den er während des Aufruhrs nur mit großer Mühe eingeschlossen gehalten hatte, zum Heere zurückgehen zu lassen. Rochefort allein fand das Ende der Sache schlecht; er hatte dem Herzog von Beaufort geschrieben, er möge kommen; der Herzog mußte bald erscheinen und sollte Paris ruhig finden. Er suchte den Koadjutor auf und fragte ihn, ob er nicht den Prinzen benachrichtigen solle, daß er seine Reise einzustellen habe; aber Gondy dachte einen Augenblick nach und erwiderte: Laßt ihn seinen Weg fortsetzen. – Die Sache ist also noch nicht beendigt? sagte Rochefort. – Mein lieber Graf, wir sind erst beim Anfang. – Was bringt Euch zu diesem Glauben? – Meine Kenntnis des Charakters der Königin; sie wird nicht geschlagen bleiben wollen. – Sie bereitet also etwas vor? Ich hoffe es. – Sprecht, was wißt Ihr? – Ich weiß, daß sie an den Prinzen geschrieben hat, er möge in aller Eile von der Armee zurückkommen. – Ah! ah! sagte Rochefort, Ihr habt recht, man muß Herrn von Beaufort kommen lassen. Am Abend des Tages, wo dieses Gespräch stattfand, verbreitete sich das Gerücht, der Prinz sei angelangt und die Königin hege finstere Pläne. In der Bürgerschaft tauchte der Gedanke auf, den König ins Stadthaus zu bringen und vom Koadjutor hinfort in einer dem Volk genehmen Weise erziehen und leiten zu lassen. In der Nacht herrschte eine dumpfe Bewegung; am andern Morgen erschienen die grauen und schwarzen Mäntel, die Patrouillen bewaffneter Kaufleute und die Bettlerbanden wieder. Die Königin hatte bis fünf Uhr morgens allein mit dem Prinzen eine Unterredung gehabt. Um fünf Uhr begab sie sich in Mazarins Kabinett. Hatte sie sich nicht niedergelegt, so war der Kardinal seinerseits bereits aufgestanden. Er entwarf eine Antwort an Cromwell; sechs Tage waren von den zehn abgelaufen, die er von Mordaunt gefordert hatte. Er überlas wohlgefällig den ersten Paragraphen seines Schreibens, als man an die Tür klopfte, die mit den Gemächern der Königin in Verbindung stand. Anna von Österreich konnte allein durch diese Tür kommen. Der Kardinal stand auf und öffnete. Die Königin war im Negligé; aber das Negligé stand ihr gut, denn wie Diana von Poitiers und Ninon bewahrte Anna von Österreich das Vorrecht, stets schön zu bleiben; nur war sie an diesem Morgen schöner, als gewöhnlich, denn ihre Augen hatten den vollen Glanz, den eine innere Freude dem Blick verleiht. Ja, Giulio, sagte sie, ich bin stolz und glücklich, denn ich habe das Mittel gefunden, diese Hydra zu ersticken. Ihr seid eine große Politikerin, meine Königin, sprach Mazarin; nennt mir das Mittel. Ihr wißt, sie wollen mir den König nehmen, sagte die Königin. – Ach ja, und mich hängen. – Sie werden den König nicht bekommen. – Und mich nicht hängen. – Hört! ich will ihnen meinen Sohn und mich selbst samt Euch entführen. Dieses Ereignis, das von heute bis morgen die ganze Gestalt der Dinge verändern wird, soll in Erfüllung gehen, ohne daß jemand außer Euch, mir und einer dritten Person davon erfährt. – Und wer ist diese dritte Person? – Der Prinz. – Er ist also angekommen, wie man mir sagte? – Gestern abend. – Und Ihr habt ihn gesehen? – Ich verlasse ihn soeben. – Er bietet seine Hand zu dem Unternehmen? – Der Rat kommt von ihm. – Und Paris? – Er hungert es aus und nötigt es, sich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. – Es fehlt dem Plan nicht an großartigem Charakter; nur sehe ich dabei ein Hindernis. Ich begreife die Wirkung, aber ich sehe das Mittel nicht, um dazu zu gelangen. – Ich werde es finden. – Ihr wißt, was der Krieg bedeutet, der heiße, erbitterte, unversöhnliche Bürgerkrieg? – Oh! ja, der Bürgerkrieg, sprach Anna von Österreich, ja, ich will diese Stadt in Asche legen, ich will das Feuer im Blute löschen, ein furchtbares Beispiel soll das Verbrechen und die Strafe verewigen. Paris! ich hasse es, ich verabscheue es! – Ganz schön, Anna, Ihr seid blutgierig; nehmt Euch in acht. Ihr bringt es dahin, daß man Euch enthauptet, meine schöne Königin, und das wäre schade! – Ihr scherzet? – Ich scherze nicht. Der Krieg mit einem ganzen Volke ist sehr gefährlich. Seht Euern Bruder Karl I. an. Es steht schlimm, sehr schlimm mit ihm. – Wir sind in Frankreich, und ich bin Spanierin. – Desto schlimmer, per Bacco ! desto schlimmer! Wäret Ihr lieber eine Französin und ich ein Franzose, man würde uns beide weniger hassen. – Doch Ihr billigt mein Vorhaben? – Ja, wenn die Sache möglich ist. – Sie ist's, sage ich Euch. Trefft Vorkehrungen zu Eurer Abreise. – Ich bin immer reisefertig; nur reise ich, wie Ihr wißt, niemals ... und diesmal ebensowenig, als sonst. – Aber wenn ich reise, werdet Ihr auch reisen? – Ich werde es versuchen. – Ich sterbe vor Ungeduld über Eure Befürchtungen, Giulio; vor was habt Ihr denn Angst? – Vor vielen Dingen. – Vor welchen? Mazarins spöttisches Gesicht wurde düster, er nahm die Königin bei der Hand und führte sie an das Fenster. Nun? sagte die Königin in ihrer blinden Starrköpfigkeit. Nun? was seht Ihr von diesem Fenster aus? Bürger mit Panzern, Helmen und mit guten Musketen bewaffnet, wie zur Zeit der Liga; sie betrachten das Fenster so scharf, daß sie Euch sehen werden, wenn Ihr den Vorhang so hoch aufhebt. Kommt nun an das andere Fenster. Was seht Ihr? Leute aus dem Volke, mit Hellebarden bewaffnet, bewachen Eure Tore. An jeder Öffnung des Palastes, an die ich Euch führen werde, könnt Ihr ebensoviele sehen. Eure Türen sind bewacht, die Luftlöcher Eurer Keller sind bewacht, und ich sage Euch, was mir der gute La Ramée von Herrn von Beaufort sagte, wenn Ihr nicht ein Vogel oder eine Maus seid, kommt Ihr nicht hinaus. Ich bin also eine Gefangene hier? Bei Gott, sprach Mazarin, seit einer Stunde beweise ich Euch dies. Zitternd vor Zorn, rot über die Demütigung, verließ Anna das Kabinett und schlug die Tür mit der größten Heftigkeit hinter sich zu. Mazarin wandte nicht einmal den Kopf um. In ihre Gemächer zurückgekehrt, sank die Königin auf einen Stuhl und fing an zu weinen. Aber plötzlich kam ihr ein Gedanke; sie erhob sich und rief: Ich bin gerettet, o ja, ja! ich kenne einen Menschen, der mich aus Paris zu bringen vermag, einen Menschen, den ich nur zu lange vergessen habe. Und sie lief an einen Tisch, nahm Feder und Papier und fing an zu schreiben. Die Unterredung D'Artagnan lag an diesem Morgen in Porthos' Zimmer, da die Freunde in diesen unruhigen Zeiten aus Vorsicht stets in einem Zimmer schliefen. Unter ihrem Kopfkissen war ihr Degen, und auf dem Tisch, im Bereich ihrer Hand, lagen ihre Pistolen. D'Artagnan schlief noch und träumte, der Himmel bedecke sich mit einer großen, gelben Wolke; aus dieser Wolke ströme ein Goldregen herab, und er halte seinen Hut unter eine Traufe. Porthos träumte, sein Kutschenschlag sei nicht breit genug für das Wappen, das er darauf malen ließ. Sie wurden um sieben Uhr von einem Diener ohne Livree geweckt, der d'Artagnan einen Brief brachte. Von wem? fragte der Gascogner. Von der Königin, antwortete der Diener. D'Artagnan nahm schnell das Schreiben, öffnete es, las es und sagte: Freund Porthos, hier drin stecken dein Barontitel und mein Kapitänspatent. Nimm, lies und urteile! Porthos streckte die Hand aus, nahm den Brief und las folgende Worte von einer zitternden Hand: Die Königin will Herrn d'Artagnan sprechen ... Er folge dem Überbringer. D'Artagnan kleidete sich blitzschnell an. Während Porthos, der immer noch im Bette lag, ihm seinen Mantel zuhäkelte, klopfte man zum zweiten Male an die Tür. Herein, sprach d'Artagnan. Ein zweiter Diener trat ein. Von Seiner Eminenz, dem Herrn Kardinal Mazarin, sagte er. D'Artagnan schaute Porthos an. Die Sache wird verwickelt, sagte Porthos, wo anfangen? – Das kommt vortrefflich! versetzte d'Artagnan. Seine Eminenz bestellt mich in einer halben Stunde. – Gut. – Mein Freund, sprach, d'Artagnan, sich zu dem Bedienten umwendend, sagt Seiner Eminenz, in einer halben Stunde sei ich zu seinem Befehl. Der Diener verbeugte sich und ging ab. Es ist ein Glück, daß er den andern nicht gesehen hat, sagte d'Artagnan. – Du glaubst also, beide lassen dich wegen derselben Sache holen? – Ich glaube nicht, ich bin davon überzeugt. – Vorwärts, vorwärts, d'Artagnan, geschwind! Bedenke, daß die Königin dich erwartet, und nach der Königin der Kardinal, und nach dem Kardinal ich. D'Artagnan rief den Bedienten Annas von Österreich, den er nach Abgabe des Schreibens hatte ins Nebenzimmer gehen und dort warten lassen, herein und sagte zu ihm: Ich bin bereit, mein Freund, führt mich. Der Diener führte ihn durch die Rue des Petits-Champs und ließ ihn, mit einer Wendung nach links, durch die kleine Gartentüre eintreten, die nach der Rue de Richelieu ging. Dann erreichte man eine geheime Treppe, und d'Artagnan wurde ins Betzimmer eingeführt. Ein leises Geräusch unterbrach die Stille des Betzimmers. D'Artagnan bebte, sah eine weiße Hand den Vorhang heben und erkannte an ihrer Form und Schönheit die königliche Hand, die man ihn eines Tags hatte küssen lassen. Die Königin trat ein. Ihr seid es, Herr d'Artagnan! sprach sie, auf den Offizier einen Blick voll freundlicher Schwermut heftend, Ihr seid es, und ich erkenne Euch wieder. Schaut mich ebenfalls an; ich bin die Königin, erkennt Ihr mich? – Nein, Madame, antwortete d'Artagnan. – Aber wißt Ihr denn nicht mehr, fuhr Anna von Österreich mit jenem einschmeichelnden Tone fort, den sie, wenn sie wollte, ihrer Stimme zu verleihen vermochte, wißt Ihr denn nicht mehr, daß die Königin eines Tags eines jungen und ergebenen Kavaliers bedurfte, daß sie diesen Kavalier fand, und daß sie, obgleich er sich von ihr vergessen glauben konnte, im Grunde ihres Herzens einen Platz für ihn bewahrte? – Nein, Madame, ich weiß es nicht, sprach der Musketier. – Desto schlimmer, mein Herr, sagte Anna von Österreich, desto schlimmer, wenigstens für die Königin, denn die Königin bedarf heute desselben Mutes und derselben Ergebenheit. – Wie! rief d'Artagnan, die Königin, die von so treuen Dienern, von so weisen Räten, von so verdienstvollen und hochgestellten Männern umgeben ist, läßt sich herab, ihre Augen auf einen unbekannten Soldaten zu werfen! Anna begriff diesen Vorwurf; sie wurde dadurch mehr gerührt, als gereizt. Die große Selbstverleugnung und Uneigennützigkeit des gascognischen Edelmannes hatte sie wiederholt gedemütigt. Sie hatte sich an Edelmut übertreffen lassen. Alles, was Ihr mir da von meiner Umgebung sagt, ist vielleicht wahr, sprach die Königin, aber ich habe zu Euch allein Vertrauen. Ich weiß, daß Ihr dem Herrn Kardinal angehört; gehört aber auch mir an, und ich übernehme es, Euer Glück zu machen. Wollt Ihr für mich heute tun, was jener Edelmann, den Ihr nicht kennt, einst für die Königin getan hat? Ich werde alles tun, was Ew. Majestät mir befiehlt, sprach d'Artagnan. Die Königin dachte einen Augenblick nach und sagte sodann, als sie die ruhige Haltung des Musketiers wahrnahm: Ihr liebt vielleicht die Ruhe? – Ich kann das nicht sagen, denn ich habe nie geruht, Madame. – Habt Ihr Freunde? – Ich habe drei; zwei von ihnen haben Paris verlassen, und es ist mir nicht bekannt, wohin sie gegangen sind. Ein einziger bleibt mir, aber dieser ist einer von denen, die, wie ich glaube, den Kavalier kennen, von dem Ew. Majestät mit mir zu sprechen geruht hat. – Es ist gut, sagte die Königin, Ihr und Euer Freund wägt eine ganze Armee auf. – Was soll ich tun, Madame? – Kommt um fünf Uhr zurück, und ich werde es Euch sagen. Aber sprecht mit keiner lebendigen Seele von dem Rendezvous, das ich Euch gebe. – Nein, Madame. – Schwört bei Christus. – Madame, ich habe nie mein Wort gebrochen; wenn ich nein sage, so bleibt es bei dem Nein! Obgleich erstaunt über die Sprache, an die ihre Höflinge sie nicht gewöhnt hatten, zog doch die Königin daraus einen guten Schluß auf den Eifer, womit d'Artagnan sie bei der Ausführung ihres Vorhabens unterstützen würde. Hat mir die Königin für den Augenblick nichts anderes mehr zu befehlen? Nein, mein Herr, antwortete Anna von Österreich, und Ihr könnt bis zu dem bezeichneten Augenblick abtreten. D'Artagnan verbeugte sich und trat ab. Teufel, sagte er, als er vor der Tür war, es scheint, man bedarf hier meiner sehr. Als sodann die halbe Stunde abgelaufen war, ging er durch die Galerie und klopfte an die Tür des Kardinals. Bernouin führte ihn ein. Ich stelle mich zu Euern Befehlen, Monseigneur, sprach der Gascogner. Seiner Gewohnheit gemäß warf d'Artagnan einen raschen Blick um sich her, und er gewahrte auf dem Schreibtisch einen versiegelten Brief. Er lag auf der Vorderseite, so daß man die Adresse nicht lesen konnte. Ihr kommt von der Königin? sprach Mazarin, d'Artagnan fest anschauend. – Ich, Monseigneur? Wer hat Euch das gesagt? – Niemand, aber ich weiß es. – Es tut mir unendlich leid, Monseigneur, sagen zu müssen, daß Ihr Euch täuscht, antwortete der Gascogner, gestählt durch das Versprechen, das er Anna von Österreich gegeben hatte, mit frecher Stirn. Ich habe selbst das Vorzimmer geöffnet und Euch vom Ende der Galerie herkommen sehen. Ich wurde über die geheime Treppe eingeführt. Wie dies? Ich weiß es nicht, es wird wohl ein Mißverständnis gewesen sein. Mazarin wußte, daß man aus d'Artagnan nicht so leicht etwas herausbrachte, was er verbergen wollte. Er verzichtete also für den Augenblick darauf, das Geheimnis des Gascogners zu enthüllen. Sprechen wir von meinen Angelegenheiten, sagte der Kardinal, da Ihr mir die Eurigen nicht mitteilen wollt. D'Artagnan verbeugte sich. Liebt Ihr das Reisen? fragte der Kardinal. – Ich habe mein Leben auf der Landstraße zugebracht. – Sollte Euch etwas in Paris zurückhalten? – Nichts würde mich in Paris zurückhalten, als ein höherer Befehl. – Gut. Hier ist ein Brief, der an seine Adresse überbracht werden muß. – An seine Adresse, Monseigneur, es ist keine darauf. Auf der dem Siegel entgegengesetzten Seite war wirklich keine Schrift zu finden. Der Brief hat einen doppelten Umschlag, versetzte Mazarin. – Ich begreife ... ich soll den ersten zerreißen, wenn ich an Ort und Stelle angelangt bin. – Vortrefflich. Steckt den Brief ein und geht. Ihr habt einen Freund, Herrn du Vallon, ich liebe ihn sehr. Nehmt ihn mit Euch. Zögert Ihr? rief Mazarin. – Nein, Monseigneur, ich reise auf der Stelle, nur wünsche ich eins. – Was? sprecht! – Daß sich Ew. Eminenz zu der Königin begeben möge. – Wann? – Sogleich. – Zu welchem Behuf? – Um ihr nur folgende Worte zu sagen: ich schicke Herrn d'Artagnan irgendwohin und lasse ihn sogleich reisen. – Seht Ihr, sprach Mazarin. Ihr seid bei der Königin gewesen. – Ich hatte die Ehre, Ew. Eminenz zu sagen, es habe möglicherweise ein Mißverständnis stattgefunden. – Was soll dies bedeuten? fragte Mazarin. – Dürfte ich es wagen, Ew. Eminenz meine Bitte zu wiederholen? – Es ist gut, ich gehe, erwartet mich hier. Mazarin schaute aufmerksam umher, ob kein Schlüssel an den Schränken zurückgeblieben war, und entfernte sich. Es verliefen zehn Minuten, während deren d'Artagnan sich alle erdenkliche Mühe gab, um durch den ersten Umschlag zu lesen, was auf dem zweiten geschrieben stand, aber es gelang ihm nicht. Mazarin kehrte bleich und mit äußerst sorgenvoller Miene zurück; er setzte sich an seinen Schreibtisch. D'Artagnan schaute ihn forschend an, wie er den Brief angeschaut hatte: aber die Umhüllung seines Gesichtes war beinahe ebenso undurchdringlich, als der Umschlag des Briefes. Ei, ei, sagte der Gascogner, er sieht sehr ärgerlich aus. Sollte er gegen mich aufgebracht sein? Er besinnt sich; will er mich etwa in die Bastille schicken? Alles schön und gut, Monseigneur! Beim ersten Wort, das Ihr sprecht, erdroßle ich Euch und werde Frondeur. Man trägt mich im Triumph umher, wie Herrn Broussel, und Athos ruft mich als den französischen Brutus aus. Das wäre drollig! Ihr habt recht, sagte Mazarin; mein lieber Herr d'Artagnan, Ihr könnt noch nicht reisen; ich bitte, gebt mir diese Depesche zurück. D'Artagnan gehorchte. Mazarin versicherte sich, daß das Siegel unberührt war. Ich werde Euer diesen Abend bedürfen, kommt in zwei Stunden zurück. In zwei Stunden, Monseigneur, habe ich ein Rendezvous, bei dem ich nicht fehlen darf. Das kümmere Euch nicht, versetzte Mazarin, es ist dasselbe. Gut, dachte d'Artagnan, ich vermutete es. Kommt also um fünf Uhr zurück und bringt mir den lieben Herrn du Vallon mit. Nur laßt ihn im Vorzimmer, ich will mit Euch allein sprechen. Die Flucht D'Artagnan grüßte, entfernte sich und lief heim, um Porthos die Botschaft zu bringen. Trotz der Aufregung, die immer noch in der Stadt nachzitterte, bot das Palais-Royal, als d'Artagnan gegen fünf Uhr abends dahin ging, ein sehr heiteres Schauspiel. Darüber durfte man sich nicht wundern; die Königin hatte Broussel und Blancmesnil dem Volke zurückgegeben. Sie hatte jetzt nichts mehr zu befürchten, denn das Volk hatte nichts mehr zu verlangen. Es fand ein kleines Festmahl statt, wobei die Rückkehr des Siegers von Lens als Vorwand diente. Die Prinzen und Prinzessinnen wurden eingeladen; ihre Karossen füllten den Hof seit Mittag. Nach dem Mahle sollte Spiel bei der Königin sein. Anna von Österreich strahlte an diesem Tag von Geist und Anmut; nie hatte man sie so heiterer Laune gesehen. Die lockende Rache glänzte in ihren Augen und umspielte ihre Lippen. Im Augenblick, wo man von der Tafel aufstand, verschwand Mazarin. D'Artagnan war bereits an seinem Posten und erwartete ihn im Vorzimmer. Der Kardinal erschien mit lachender Miene, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in sein Kabinett. Mein lieber Herr d'Artagnan, sagte der Minister, sich setzend, ich will Euch den größten Beweis von Vertrauen geben, den ein Minister einem Offizier geben kann. D'Artagnan verbeugte sich und erwiderte: Ich hoffe, daß Monseigneur ihn mir ohne Hintergedanken und mit der Überzeugung gibt, daß ich desselben würdig bin. – Die Königin hat beschlossen, mit dem König eine kleine Reise nach Saint-Germain zu machen. – Ah, ah! rief d'Artagnan, das heißt, die Königin will Paris verlassen? – Ihr begreift, Weiberlaune. – Ja, ich begreife sehr gut. – Deshalb ließ sie Euch diesen Morgen kommen und beauftragte Euch, heute abend um fünf Uhr abermals zu erscheinen. Man hat auf Euch die Augen geworfen, um den König und die Königin nach Saint-Germain zu bringen. – Doppelter Schelmenstreich! sprach d'Artagnan zu sich selbst. – Ihr seht wohl, versetzte Mazarin, als er das gleichgültige Wesen d'Artagnans wahrnahm, daß das Heil des Staates in Euern Händen ruhen wird. – Ja, Monseigneur, und ich fühle die ganze Verantwortlichkeit eines solchen Auftrags. – Ihr übernehmt ihn jedoch? – Ich willige stets ein. – Haltet Ihr die Sache für möglich? – Alles ist möglich. – Glaubt Ihr, Ihr werdet auf dem Wege angegriffen werden? – Es ist wahrscheinlich. – Was werdet Ihr in diesem Falle tun? – Ich werde durchbrechen. – Und wenn Ihr nicht durchbrecht? – Dann geht es den Angreifern schlecht, dann reite ich über sie weg. – Und Ihr bringt den König und die Königin wohlbehalten nach Saint-Germain? – Ja. – Bei Eurem Leben? – Bei meinem Leben. – Ihr seid ein Held, mein Teurer! sprach Mazarin und betrachtete den Musketier voll Bewunderung. – Und ich? sagte Mazarin nach kurzem Stillschweigen, d'Artagnan fest anschauend. – Wie, Ihr, Monseigneur? – Und ich, wenn ich reisen will? – Das wird schwierig sein. – Wieso? – Ew. Eminenz kann erkannt werden. – Selbst unter dieser Verkleidung? sagte Mazarin. Und er hob einen Mantel auf, der ein Fauteuil bedeckte, auf dem ein vollständiger perlgrauer und granatfarbiger, ganz mit Silber verbrämter Reiteranzug lag. Wenn Ew. Eminenz sich verkleidet, wird die Sache leichter. Mazarin gab aufatmend ein gedehntes Ah! von sich. Aber man wird tun müssen, was Ew. Eminenz, wie sie uns einst sagte, an unserer Stelle getan hätte. – Was meint Ihr? – Man muß Nieder mit Mazarin! schreien. – Ich werde schreien. – Aber in gutem Französisch, gebt wohl auf den Akzent acht. – Ich werde mein möglichstes tun. – Es sind viele bewaffnete Leute auf den Straßen, fuhr d'Artagnan fort; seid Ihr überzeugt, daß niemand den Plan der Königin kennt? – Ich traue nicht jedermann, sagte Mazarin lebhaft; zum Beweise mag dienen, daß ich Euch zu meinem Geleitsmann ausersehen habe. – Reist Ihr nicht mit der Königin? – Nein. – Dann reist Ihr nach der Königin? – Nein, erwiderte Mazarin. – Ah! rief d'Artagnan, der zu begreifen anfing. – Ja, ich habe meine Pläne, fuhr Mazarin fort; gehe ich mit der Königin, so verdopple ich ihre schlimmen Aussichten; nach ihrer Abreise verdoppeln sich meine; weiter ... ist der Hof einmal gerettet, so kann man mich vergessen; die Großen sind undankbar. – Das ist wahr, sagte d'Artagnan und warf unwillkürlich einen Blick auf den Diamanten der Königin, den Mazarin am Finger trug. Mazarin folgte der Richtung dieses Blickes und drehte sacht den Stein des Ringes nach innen. Ich will daher vor ihnen abreisen, und Ihr werdet also vor allen Dingen mich aus Paris bringen, nicht wahr, mein lieber Herr d'Artagnan? – Ein schwerer Auftrag, antwortete d'Artagnan wieder mit ernster Miene. – Aber, versetzte Mazarin und schaute ihn so aufmerksam an, daß ihm kein Ausdruck seiner Physiognomie entgehen konnte, aber Ihr habt in Betreff des Königs und der Königin diese Einwendungen nicht gemacht? Der König und die Königin sind mein König und meine Königin, Monseigneur, antwortete der Musketier, mein Leben gehört ihnen, ich bin es ihnen schuldig. Sie verlangen es von mir, ich habe nichts zu sagen. Das ist richtig, murmelte Mazarin ganz leise, aber da dein Leben nicht mir angehört, muß ich es dir abkaufen, nicht wahr? Und er begann mit einem Seufzer den Stein des Ringes nach außen zu drehen. D'Artagnan lächelte. Doch Ihr begreift, sprach Mazarin, wenn ich diesen Dienst von Euch verlange, so geschieht es mit der Absicht, dankbar dafür zu sein. Ist Monseigneur erst bei der Absicht? Nehmt, sagte Mazarin, den Ring von seinem Finger ziehend, hier ist ein Diamant, der einst Euch gehört hat; es ist billig, daß er zu Euch zurückkehre; nehmt, ich bitte. D'Artagnan machte Mazarin nicht die Mühe, in ihn dringen zu müssen; er nahm ihn, schaute den Stein an, ob es gewiß derselbe sei, und steckte den Ring, nachdem er sich von der Reinheit des Wassers überzeugt hatte, mit einem unbeschreiblichen Vergnügen an seinen Finger. Ich hielt große Stücke darauf, sagte Mazarin, den Diamanten mit einem letzten Blick begleitend, aber gleichviel, es macht mir Freude, ihn Euch zu geben. – Und ich, Monseigneur, versetzte d'Artagnan, ich nehme ihn, wie er mir gegeben wird. Sprechen wir nun von Euern Angelegenheiten. Ihr wollt vor allen anderen abreisen? – Ja, es ist mir viel daran gelegen. – Um welche Stunde? – Um zehn Uhr. – Und die Königin? – Um Mitternacht. – Dann ist es möglich; ich bringe Euch aus Paris, ich lasse Euch vor der Barriere und kehre zurück, um sie abzuholen. – Vortrefflich; aber wie wollt Ihr mich aus Paris bringen? – Oh! da müßt Ihr mich machen lassen. – Ich gebe Euch Vollmacht, nehmt eine Eskorte so stark, als Ihr wollt. D'Artagnan schüttelte den Kopf. Aber wie wollen wir dann zu Werke gehen? – Ihr müßt mich machen lassen, Monseigneur, – Hm! brummte Mazarin. – Ihr müßt mir die Leitung des ganzen Unternehmens übergeben. – Doch ... – Oder einen andern damit beauftragen, sagte d'Artagnan, den Rücken drehend. – Ah! sprach Mazarin ganz leise, ich glaube, er geht mit meinem Diamanten. Und er rief ihn zurück. Herr d'Artagnan, mein lieber Herr d'Artagnan, sprach Mazarin mit schmeichelndem Tone. – Monseigneur? – Steht Ihr mir für alles? – Ich stehe für nichts; ich werde mein möglichstes tun. – Euer möglichstes? – Ja. – Nun wohl, ich verlasse mich auf Euch. – Das ist ein Glück, sagte d'Artagnan zu sich selbst. – Ihr werdet also um halb zehn Uhr hier sein? – Und ich finde Ew. Eminenz bereit? – Ganz gewiß. – Abgemacht also. Will mich Monseigneur nun zu der Königin führen? Nun gut, sagte Mazarin nach einigem Zögern, d'Artagnans unerschütterlichem Willen nachgebend, ich will Euch führen, aber kein Wort von unserer Unterredung. – Was unter uns gesprochen worden ist, geht nur uns an, Monseigneur. – Ihr schwört mir, stumm zu sein? – Ich schwöre nie, Monseigneur. Ich sage ja oder nein und halte mein Wort als Edelmann. – Ich sehe, daß ich mich ganz unbedingt Euch anvertrauen muß. – Glaubt mir, das ist das beste, Monseigneur. – Kommt. Mazarin ließ d'Artagnan in das Betzimmer der Königin eintreten und hieß ihn warten. Nach fünf Minuten erschien die Königin in großer Gala. Ihr seid es, Herr d'Artagnan? sagte sie freundlich lächelnd; ich danke Euch, daß Ihr darauf bestanden habt, mich zu sehen. – Ich bitte Ew. Majestät um Verzeihung, erwiderte d'Artagnan, aber ich wollte ihre Befehle nur aus ihrem eigenen Munde empfangen. – Ihr wißt, um was es sich handelt? – Ja, Madame. – Ihr übernehmt den Auftrag, den ich Euch anvertraue? – Dankbar übernehme ich den Auftrag. – Gut, seid um Mitternacht hier. – Ich werde mich einfinden. – Herr d'Artagnan, ich kenne Euren uneigennützigen Charakter zu gut, um in diesem Augenblick von meiner Dankbarkeit zu sprechen, aber ich schwöre Euch, daß ich diesen zweiten Dienst nicht vergessen werde, wie ich den ersten vergessen habe. – Es steht Ew. Majestät frei, sich zu erinnern und zu vergessen, und ich weiß nicht, was sie damit sagen will, erwiderte d'Artagnan sich verbeugend. – Geht, mein Herr, sprach die Königin mit ihrem bezauberndsten Lächeln, geht und kehrt um Mitternacht zurück. Um halb zehn Uhr trat d'Artagnan in das Vorzimmer des Kardinals; Bernouin wartete und führte ihn ein. Er fand den Kardinal in Reitertracht. Mazarin sah sehr gut aus in dieser Kleidung, die er mit großer Leichtigkeit trug; er war nur bleich und zitterte ein wenig. Ganz allein? fragte Mazarin. – Ja, Monseigneur. – Und der gute Herr du Vallon, werden wir uns seiner Gesellschaft nicht erfreuen? – Allerdings, Monseigneur, er wartet in seinem Wagen. – Wo? – Am Gartentor vom Palais-Royal. – Wir reisen also in seinem Wagen? – Ja, Monseigneur. – Und ohne anderes Geleite als Euch beide? – Ist das nicht genug? Einer von beiden würde hinreichen. – In der Tat, mein lieber Herr d'Artagnan, sagte Mazarin, Ihr erschreckt mich mit Eurer Kaltblütigkeit. – Ich hätte eher geglaubt, sie müßte Euch Vertrauen einflößen. – Und kann ich Bernouin mitnehmen? – Es ist kein Platz für ihn, er kann Ew. Eminenz nachfolgen. – Gut, sagte Mazarin, da ich in allem tun muß, wie Ihr es haben wollt. – Monseigneur, es ist noch Zeit zurückzutreten, und Ew. Eminenz ist vollkommen frei. – Nein, nein, gehen wir. Beide stiegen die geheime Treppe hinab; Mazarin stützte sich dabei auf d'Artagnan, und der Musketier fühlte, wie der Arm des Kardinals zitterte. Sie durchschritten die Höfe des Palais-Royal, wo noch einige Wagen verspäteter Gäste aufgestellt waren, erreichten den Garten und gelangten zu der kleinen Tür. Mazarin versuchte, sie mit Hilfe eines Schlüssels, den er aus der Tasche zog, zu öffnen, aber seine Hand zitterte dergestalt, daß er das Schlüsselloch nicht finden konnte. Gebt, sagte d'Artagnan. Mazarin gab ihm den Schlüssel, d'Artagnan öffnete und steckte dann den Schlüssel in seine Tasche; er gedachte auf diesem Weg zurückzukehren. Der Fußtritt war heruntergelassen, der Kutschenschlag offen; Mousqueton stand am Schlag, Porthos saß im Wagen. Steigt ein, Monseigneur, sprach d'Artagnan. Mazarin ließ sich das nicht zweimal sagen und sprang in den Wagen. D'Artagnan stieg hinter ihm ein; Mousqueton schloß den Schlag wieder und schwang sich mit vielen Seufzern hinter dem Wagen auf; er hatte einige Einwendungen gegen die Reise erhoben, unter dem Vorwand, seine Wunde schmerze ihn noch, aber d'Artagnan entgegnete ihm: Bleibt, wenn Ihr wollt, mein lieber Herr Mouston, aber ich mache Euch darauf aufmerksam, daß Paris in dieser Nacht abgebrannt wird. Darauf hatte Mousqueton nichts mehr verlangt, sondern sich vielmehr bereit erklärt, seinem Gebieter und Herrn d'Artagnan bis ans Ende der Welt zu folgen. Der Wagen ging in einem anständigen Trab, der nicht entfernt verriet, daß er Menschen enthielt, die große Eile hatten. Der Kardinal trocknete sich die Stirn mit seinem Taschentuch ab und schaute um sich her. Er hatte zu seiner Linken Porthos, zu seiner Rechten d'Artagnan. Jeder bewachte einen Schlag, jeder diente ihm als Wall. Auf dem Vordersitz lagen zwei Paar Pistolen, eines vor Porthos, ein anderes vor d'Artagnan; die Freunde hatten überdies ihre Degen an der Seite. Hundert Schritte vom Palais-Royal hielt eine Patrouille den Wagen an. Wer da? rief der Führer. Mazarin! antwortete d'Artagnan und brach in ein schallendes Gelächter aus. Dem Kardinal standen die Haare zu Berge. Der Spaß kam den Bürgern beim Anblick dieses ohne Bewaffnete und ohne Geleite fahrenden Wagens vortrefflich vor. Glückliche Reise! riefen sie und ließen den Wagen vorüberziehen. Nun, sagte d'Artagnan, was denkt Monseigneur von dieser Antwort? Ihr seid ein Mann von Geist! rief Mazarin. Richtig, sprach Porthos, ich begreife. Gegen die Mitte der Rue des Petits-Champs hielt eine zweite Patrouille den Wagen an. Wer da? rief der Anführer. Rückt zurück, Monseigneur, sagte d'Artagnan. Mazarin schob sich dergestalt zwischen die zwei Freunde, daß er gänzlich hinter ihnen verschwand. Wer da? wiederholte dieselbe Stimme ungeduldig. D'Artagnan merkte zugleich, daß man die Pferde anhielt. Er beugte sich mit dem halben Leib zum Wagen hinaus und rief: He! Planchet. Der Führer näherte sich; es war wirklich Planchet. D'Artagnan hatte die Stimme seines ehemaligen Lakaien wiedererkannt. Wie, Herr, Ihr seid es? sagte Planchet. Ei, mein Gott, ja, mein Freund. Der liebe Porthos hat einen Degenstich bekommen, und ich führe ihn nach seinem Landhaus in Saint-Cloud. Oh! wirklich? rief Planchet. Porthos, versetzte d'Artagnan, teurer Porthos, wenn Ihr noch sprechen könnt, so sagt ein Wort zu diesem guten Planchet. Planchet, mein Freund, sprach Porthos mit gepreßter Stimme, ich bin sehr krank, und wenn du einen Arzt findest, so mach mir das Vergnügen, ihn zu mir zu schicken. Ah! großer Gott, rief Planchet, welch ein Unglück! Wie ist es denn geschehen? Ich werde es dir später erzählen, sprach Mousqueton. Porthos stieß einen Seufzer aus. Mach uns Platz, Planchet, sagte d'Artagnan ganz leise, oder er kommt nicht mehr lebendig nach Hause: die Lunge ist verletzt, mein Freund. Planchet wandte sich gegen seine Mannschaft um und sagte: Laßt den Wagen vorbei, es sind Freunde. Der Wagen fuhr weiter, und Mazarin wagte wieder zu atmen. Bricconi (Schurken)! murmelte er. Einige Schritte, ehe man zu der Porte Saint-Honoré kam, begegnete man einer dritten Gruppe; diese bestand aus Menschen von schlimmem Aussehen, die eher Banditen, als sonst etwas glichen; es waren die Leute des Bettlers von Saint-Eustache. Aufgepaßt, Porthos, sagte d'Artagnan. Porthos streckte die Hand nach seinen Pistolen aus. Was gibt es? fragte Mazarin. Monseigneur, ich glaube, wir sind in schlechter Gesellschaft. Ein Mann trat, eine Art Sense in der Hand haltend, an den Kutschenschlag. Wer da? fragte dieser Mann. Ei, Bursche, sagte d'Artagnan, erkennt Ihr den Wagen des Prinzen nicht? Prinz oder nicht, erwiderte der andere, öffnet! Wir haben die Torwache, und niemand kommt durch, ohne daß wir wissen, wer es ist. Was ist zu tun? fragte Porthos. Bei Gott, nichts anders, als fortzufahren, erwiderte d'Artagnan. Wie dies? sagte Mazarin. Mitten durch oder drüber weg. Kutscher im Galopp! Der Kutscher hob die Peitsche. Keinen Schritt mehr, sprach der Mann, welcher der Führer zu sein schien, oder ich schneide Euern Pferden die Sehnen durch. Verdammt! versetzte Porthos, das wäre schade, die Tiere kosten mich zweihundert Pistolen. Ich bezahle sie Euch doppelt, sagte Mazarin. Ja, aber wenn man ihnen die Sehnen durchgeschnitten hat, so schneidet man uns den Hals ab. Es kommt einer auf meine Seite, sprach Porthos; soll ich ihn töten? Ja, mit einem Faustschlag, wenn Ihr könnt; wir wollen erst in der äußersten Not Feuer geben. Ich kann es, erwiderte Porthos. Kommt und öffnet also, sagte d'Artagnan zu dem Mann mit der Sense, nahm dann eine seiner Pistolen beim Lauf und schickte sich an, mit dem Kolben dreinzuschlagen. Der Mann näherte sich; während er sich aber näherte, legte sich d'Artagnan, um freier in seinen Bewegungen zu sein, halb aus dem Schlage heraus; seine Augen hefteten sich auf die des Bettlers, den der Schimmer einer Laterne beleuchtete. Ohne Zweifel erkannte er den Musketier, denn er wurde sehr bleich; ohne Zweifel erkannte d'Artagnan auch ihn, denn seine Haare sträubten sich auf dem Haupte. Herr d'Artagnan! rief er, einen Schritt zurückweichend, Herr d'Artagnan! Laßt den Wagen vorbei. Vielleicht war d'Artagnan im Begriff, zu antworten, als ein Schlag ertönte, wie wenn eine Keule auf den Schädel eines Ochsen fällt: Porthos hatte seinen Mann tot zu Boden gestreckt. D'Artagnan wandte sich um und sah den Unglücklichen vier Schritte vom Wagen auf der Erde liegen. Im stärksten Galopp! rief er dem Kutscher zu. Angetrieben! Zugefahren! Der Kutscher versetzte seinen Pferden einen mächtigen Peitschenhieb. Die edlen Tiere sprangen auf. Man hörte ein Geschrei, wie von Menschen, die niedergeworfen werden. Dann fühlte man einen doppelten Stoß; zwei Räder waren über einen biegsamen, runden Körper gegangen. Es wurde ein Augenblick still. Der Wagen fuhr aus dem Tore. Nach dem Cours-la-Reine, rief d'Artagnan dem Kutscher zu. Dann wandte er sich gegen Mazarin und sagte: Jetzt, Monseigneur, könnt Ihr fünf Pater und fünf Ave beten, um Gott für Eure Befreiung zu danken. Ihr seid gerettet, Ihr seid frei! Mazarin antwortete nur durch eine Art von Gestöhn; er konnte kaum an ein solches Wunder glauben. Fünf Minuten nachher hielt der Wagen an: er war bei dem Cours-la-Reine angelangt. Ist Monseigneur mit seiner Eskorte zufrieden? fragte der Musketier. Entzückt, mein Herr, antwortete Mazarin, und er wagte es endlich, den Kopf ein wenig aus dem Schlage zu legen; nur tut ebensoviel für die Königin. Das wird weniger schwierig sein, sagte d'Artagnan zu Boden springend. Herr du Vallon, ich empfehle Euch Seine Eminenz. Seid unbesorgt! sprach Porthos, die Hand ausstreckend. D'Artagnan nahm Porthos' Hand und schüttelte sie. Adieu! rief Porthos. Was habt Ihr denn? – Ich glaube, ich habe mir das Faustgelenk verstaucht, erwiderte Porthos. – Den Teufel, Ihr schlagt auch wie verrückt drauf. – Ich mußte wohl, mein Mann wollte eine Pistole auf mich abdrücken; aber Ihr, wie habt Ihr Euch des Eurigen erledigt? – Oh! der meinige, sagte d'Artagnan, das war kein Mensch. – Was war es denn? – Ein Gespenst. – Und ... – Ich habe es beschworen. D'Artagnan nahm ohne weitere Erklärung die Pistolen, die auf dem Vordersitz lagen, steckte sie in seinen Gürtel, hüllte sich in seinen Mantel und wandte sich, da er nicht durch dieselbe Barriere zurückkehren wollte, durch die er herausgekommen war, nach der Porte Richelieu. Der Wagen des Koadjutors Statt durch die Porte Saint-Honoré zurückzukehren, machte d'Artagnan, der Zeit hatte, einen Umweg und kehrte durch die Porte Richelieu zurück. Man erkannte ihn, und als man an seinem Federhut und an seinem galonierten Mantel wahrnahm, daß er Offizier der Musketiere war, umgab man ihn und forderte ihn auf: Nieder mit Mazarin! zu rufen. Die erste Bewegung beunruhigte ihn anfangs; als er aber hörte, was man von ihm forderte, rief er das Verlangte so willig und laut, daß auch die Schwierigsten sich zufrieden gaben. Er folgte der Rue de Richelieu und sann über die Art und Weise nach, wie er nun die Königin ebenfalls wegbringen sollte, da erblickte er auf einmal vor einem vornehmen Hause eine Equipage, und es erleuchtete ihn plötzlich ein Gedanke. Ah! bei Gott! sagte er, das wäre dem Kriegsgebrauche gemäß. Er näherte sich dem Wagen und schaute das Wappen an den Schlägen und die Livree des Kutschers an, der auf dem Bocke faß. Diese Prüfung wurde ihm um so leichter, als der Kutscher fest schlief. Das ist der Wagen des Koadjutors, sprach er; bei Gott, ich fange an zu glauben, daß die Vorsehung für uns ist. Er stieg sacht in den Wagen, zog an der seidenen Schnur, die mit dem kleinen Finger des Kutschers in Verbindung stand, und sagte: Ins Palais-Royal! Plötzlich erweckt, wandte sich der Kutscher nach dem bezeichneten Punkt, ohne zu vermuten, daß der Befehl von einem andern, als von seinem Herrn herrührte. Der Portier war im Begriff, die Gitter zu schließen; als er aber die prächtige Equipage erblickte, zweifelte er nicht daran, daß es ein Besuch von Bedeutung sein müsse, und ließ den Wagen durchfahren, der unter dem Säulengang anhielt. Erst hier bemerkte der Kutscher, daß die Lakaien nicht hinter dem Wagen waren. Er glaubte, der Koadjutor habe sie verschickt, sprang, ohne die Zügel aus der Hand zu lassen, vom Bock herab und öffnete. D'Artagnan sprang ebenfalls heraus, und im Augenblick, wo der Kutscher, voll Schreck über die fremde Erscheinung, einen Schritt rückwärts machte, faßte er ihn mit der linken Hand beim Kragen und setzte ihm mit der rechten die Pistole vor die Brust. Sprichst du ein einziges Wort, sagte d'Artagnan, so bist du des Todes. Der Kutscher sah am Gesichtsausdrucke des Sprechenden, daß er in eine Falle gegangen war, und sperrte Mund und Augen ungeheuer auf. Zwei Musketiere gingen im Hofe auf und ab; d'Artagnan rief sie bei ihren Namen. Herr von Bellière, sagte er zu dem einen, habt die Güte, diesem braven Mann die Zügel abzunehmen, sich auf den Bock der Kutsche zu setzen, sie vor die geheime Treppe zu führen und mich dort zu erwarten; es betrifft eine wichtige Angelegenheit und gehört zum Dienste des Königs. Der Musketier wußte, daß sein Leutnant unfähig war, einen schlechten Spaß in Beziehung auf den Dienst zu machen, und gehorchte, ohne ein Wort zu sagen, obgleich ihm der Befehl sonderbar vorkam. Dann wandte sich d'Artagnan gegen den zweiten Musketier und sagte: Herr du Verger, helft mir diesen Menschen in Gewahrsam bringen. Hierauf führte er den armen Kutscher in ein Zimmer mit vergitterten Fenstern und festem Schlosse, hieß den Musketier bei dem Gefangenen wachen und ihm beim ersten Versuche zu schreien oder zu fliehen den Degen durch den Leib stoßen. Dann nahm er dem Kutscher seinen Hut und Mantel ab, die er Bernouin übergab, und ließ sich von diesem zur Königin führen und bei ihr melden. Die Königin hatte alles zur Flucht vorbereitet, der König war früh zu Bette gebracht worden, alle Hofdamen hatten sich nach dem Abendessen entfernt. Als Bernouin an das Schlafzimmer der Königin klopfte, öffnete sie selbst. Ihr seid es, Bernouin? sagte sie. Ist Herr d'Artagnan da? Ja, Madame, in Eurem Betzimmer; er wartet, bis Ew. Majestät bereit ist. Ich bin's. Sagt Laporte, er solle den König wecken und ankleiden, dann geht zu dem Marschall von Villeroy und setzt ihn in meinem Namen in Kenntnis. Bernouin verbeugte sich und ging. Die Königin trat in ihr Betzimmer, das eine einfache Lampe von venetianischem Glase beleuchtete. Sie erblickte d'Artagnan, der auf sie wartete. Ihr seid es? sagte sie zu ihm. – Ja, Madame. – Ihr seid bereit? – Ich bin es. – Und der Kardinal? – Ist ohne Unfall hinausgekommen; er erwartet Ew. Majestät in Cours-la-Reine. – Aber in welchem Wagen fahren wir? – Ich habe alles besorgt, ein Wagen harrt unten auf Ew. Majestät. – Gehen wir zum König! D'Artagnan verbeugte sich und folgte der Königin. Als sie in das Schlafzimmer eintrat, während d'Artagnan auf der Schwelle blieb, entschlüpfte der junge König den Händen Laportes und lief auf sie zu. Die Königin machte d'Artagnan ein Zeichen, näherzukommen. Mein Sohn, sprach die Königin und deutete auf den Musketier, der ruhig, aufrecht, mit entblößtem Haupte in ihrer Nähe stand, dies ist Herr d'Artagnan, ein so braver Mann, wie einer jener alten, tapfern Ritter, deren Geschichte Ihr Euch so gern von meinen Frauen erzählen laßt. Erinnert Euch seines Namens und schaut ihn wohl an, um sein Gesicht nicht aus dem Gedächtnis zu verlieren, denn er wird uns heute abend einen wichtigen Dienst leisten. Der junge König schaute den Offizier mit seinem großen, stolzen Auge an und wiederholte: Herr d'Artagnan? So ist es, mein Sohn. Der junge König hob langsam seine kleine Hand auf und reichte sie dem Musketier; dieser setzte ein Knie auf die Erde und küßte sie. Herr d'Artagnan, wiederholte Ludwig, es ist gut, Madame. In diesem Augenblick hörte man, wie ein Geräusch näher kam. Was ist das? sagte die Königin. Oh, oh! antwortete d'Artagnan, zu gleicher Zeit sein feines Ohr und seinen scharfen Blick anstrengend, es ist der Lärm des Volkes, das sich empört. Wir müssen fliehen, sagte die Königin. Ew. Majestät hat mir die Leitung dieser Angelegenheit übertragen: wir müssen bleiben und erfahren, was man will. Herr d'Artagnan! Ich stehe für alles. Nichts teilt sich rascher mit, als das Vertrauen. Die Königin, die selbst voll Mut und Kraft war, wußte diese beiden Tugenden bei andern sogleich zu erkennen. Handelt, sagte sie, ich verlasse mich auf Euch. Will mir Ew. Majestät erlauben, bei dieser ganzen Angelegenheit Befehle in Ihrem Namen zu geben? Befehlt, mein Herr. Was will denn dieses Volk wieder? fragte der König. Wir werden es erfahren, Sire, antwortete d'Artagnan. Und er verließ rasch das Zimmer. Der Tumult wurde immer größer und schien gleichsam das ganze Palais-Royal einzuhüllen. Man hörte vom Zimmer aus Geschrei, dessen Sinn man nicht verstehen konnte; offenbar fand ein Aufruhr statt. Der halbangekleidete König, die Königin und Laporte blieben horchend und wartend da, wo sie sich befanden. Nun? fragte Anna von Österreich, als sie d'Artagnan wieder erscheinen sah, was gibt es? Madame, es hat sich das Gerücht verbreitet, die Königin habe das Palais-Royal verlassen und den König mitgenommen; das Volk verlangt jetzt den Beweis vom Gegenteil, oder droht das Palais-Royal zu zerstören. Ah! das ist zu stark, und ich will ihnen beweisen, daß ich nicht abgereist bin. D'Artagnan sah am Gesichtsausdruck der Königin, daß sie irgend einen heftigen Befehl geben wollte. Er näherte sich ihr und sagte ganz leise: Hat Ew. Majestät immer noch Vertrauen zu mir? Diese Stimme ließ sie erbeben. Ja, mein Herr, alles Vertrauen, erwiderte sie. Wird Ew. Majestät die Gnade haben, meinem Rat zu folgen? Sprecht. Ew. Majestät wolle Herrn von Comminges wegschicken und ihm befehlen, sich und seine dreihundert Leute in der Wachtstube und in den Ställen eingeschlossen zu halten. Comminges schaute d'Artagnan mit dem neidischen Blick an, mit dem jeder Höfling ein neues Glück auftauchen sieht. Ihr habt gehört, Comminges? sprach die Königin. D'Artagnan ging auf ihn zu; er hatte mit seiner gewöhnlichen Scharfsicht diesen unruhigen Blick erkannt. Herr von Comminges, sagte er zu ihm, vergebt mir; wir sind zwei alte Diener der Königin, nicht wahr? Es ist heute an mir, ihr nützlich zu sein. Comminges verbeugte sich und ging. Wohl, sprach d'Artagnan zu sich selbst, jetzt habe ich einen Feind mehr. Und nun, sprach die Königin, sich an d'Artagnan wendend, was ist zu tun? Denn Ihr hört, der Lärm hört nicht auf, sondern wird immer ärger. Madame, antwortete d'Artagnan, das Volk will den König sehen, es muß ihn sehen. Wie, es muß! Auf dem Balkon? Nein, Madame, hier, in seinem Bett, schlafend. Oh! Ew. Majestät, Herr d'Artagnan hat vollkommen recht! rief Laporte. Die Königin dachte einen Augenblick nach und lächelte dann, wie eine Frau, der die Hinterlist nicht fremd ist. Es sei, murmelte sie. Herr Laporte, sagte d'Artagnan, geht durch das Gitter des Palais-Royal, kündigt dem Volk an, es solle zufriedengestellt werden, es werde den König nicht nur sehen, sondern auch in seinem Bette sehen. Fügt bei, der König schlafe, und die Königin bitte, man möge sich still verhalten, um den König nicht aufzuwecken. Aber sie dürfen doch nicht alle heraufkommen, sondern bloß eine Deputation von zwei, drei bis vier Personen? Alle, Madame. Bedenkt doch, sie werden uns bis zum Tage aufhalten. In einer Viertelstunde sind wir mit ihnen fertig. Ich stehe für alles, Madame. Glaubt mir, ich kenne das Volk: es ist ein großes Kind, dem man schmeicheln muß. Vor dem entschlummerten König wird es stumm, sanft und schüchtern sein, wie ein Lamm. Geht, Laporte, sagte die Königin. Der junge König näherte sich seiner Mutter. Warum tut man, was diese Leute verlangen? fragte er. Es muß sein, sprach Anna von Österreich. Aber wenn man mir sagt: es muß sein ! so bin ich nicht mehr König. Sire, sprach d'Artagnan, erlaubt mir Eure Majestät eine Frage? Ludwig XIV. wandte sich um, ganz erstaunt, daß man es wagte, das Wort an ihn zu richten. Die Königin drückte dem König die Hand. Ja, mein Herr, erwiderte der junge König. Erinnert sich Ew. Majestät, wenn sie im Park von Fontainebleau oder in den Höfen des Palastes von Versailles spielte, plötzlich wahrgenommen zu haben, wie sich der Himmel bedeckte und der Donner zu rollen begann? Allerdings. Nun wohl, dieses Rollen des Donners sagte zu Ew. Majestät, so große Lust sie auch hatte, fortzuspielen: Kehrt um, Sire, es muß sein! Das ist wahr, mein Herr, aber man sagte mir auch, das Getöse des Donners sei die Stimme Gottes. Wohl, Sire, versetzte d'Artagnan, hört auf das Getöse des Volkes, und Ihr werdet finden, daß es große Ähnlichkeit mit dem des Donners hat. In diesem Augenblick machte sich ein furchtbarer Lärm, durch den Nachtwind herbeigetragen, hörbar. Plötzlich trat eine Stille ein. Sire, sprach d'Artagnan, man hat soeben dem Volke gesagt, Ihr schlaft, und Ihr seht, daß Ihr immer noch König seid. Die Königin schaute den seltsamen Mann an, den sein glänzender Mut den Bravsten, sein feiner, listiger Geist allen gleichstellte. Laporte kehrte zurück. Nun, Laporte? fragte die Königin. Madame, antwortete er, die Prophezeiung des Herrn d'Artagnan ist in Erfüllung gegangen. Sie haben sich wie durch einen Zauber beruhigt. Man öffnete ihnen die Pforten, und in fünf Minuten werden sie hier sein. Laporte, sagte die Königin, wenn wir einen Eurer Söhne an die Stelle des Königs legten? Wir könnten während dieser Zeit abreisen. Wenn es Euere Majestät befiehlt, versetzte Laporte, so sind meine Söhne wie ich zu den Diensten der Königin. Nein, sprach d'Artagnan; denn würde einer Seine Majestät kennen und den Betrug wahrnehmen, so wäre alles verloren. Ihr habt recht, mein Herr, immer recht, sprach Anna von Österreich, bringt den König zu Bette. Laporte legte den König ganz angekleidet, wie er war, in sein Bett; dann bedeckte er ihn bis an die Schultern mit dem Tuch. Die Königin beugte sich über ihn herab und küßte ihn auf die Stirne. Stellt Euch, als ob Ihr schliefet, sprach sie. Ja, aber es soll mich keiner von diesen Menschen berühren. Sire, ich bin da, versetzte d'Artagnan, und ich stehe Euch dafür, daß der erste, der diese Keckheit hätte, es mit dem Leben bezahlen müßte. Was soll nun geschehen? fragte die Königin, denn ich höre sie. Herr Laporte, geht ihnen entgegen und empfehlt ihnen abermals Stillschweigen. Madame, wartet dort an der Tür. Ich stehe zu den Häupten des Königs, bereit, für ihn zu sterben. Laporte ging ab, die Königin stellte sich an die Tür, d'Artagnan schlüpfte hinter den Bettvorhang. Man hörte sodann den dumpfen Tritt einer großen Menschenmenge. Die Königin hob selbst den Türvorhang auf und legte einen Finger auf ihren Mund. Als diese Menschen die Königin sahen, blieben sie in ehrfurchtsvoller Haltung stehen. Tretet ein, meine Herren, tretet ein, sagte die Königin. Die Leute, die an der Spitze standen, stammelten und versuchten zurückzuweichen. Tretet ein, meine Herren, da es die Königin gestattet, sagte Laporte. Da wagte es einer, der wohl kühner war, als die andern, die Schwelle zu überschreiten, und ging auf der Fußspitze vor. Alle andern ahmten ihm nach, und das Zimmer füllte sich in der größten Stille, als ob alle diese Menschen die demütigsten, ergebensten Höflinge gewesen wären. Außerhalb der Tür erblickte man die Köpfe derer, die nicht mehr eintreten konnten und sich daher auf den Fußspitzen erhoben. D'Artagnan sah alles durch eine Öffnung, die er im Vorhang gemacht hatte. In dem Menschen, der zuerst eintrat, erkannte er Planchet. Mein Herr, sagte die Königin, welche begriff, daß er der Anführer der ganzen Schar war, Ihr habt den König zu sehen gewünscht, und ich wollte ihn Euch selbst zeigen. Nähert Euch, schaut ihn an und sagt mir, ob wir aussehen, wie Menschen, die fliehen wollen! Nein, gewiß nicht, antwortete Planchet, etwas verblüfft über die unerwartete Ehre, die ihm zuteil wurde. Ihr werdet also meinen guten und getreuen Parisern sagen, versetzte Anna mit einem Lächeln, in dessen Ausdruck d'Artagnan sich nicht täuschte, Ihr habt den König schlafend in seinem Bette gesehen und die Königin im Begriff, sich ebenfalls niederzulegen. Ich werde es sagen, Madame, und meine Begleiter werden dasselbe tun. Aber... Aber was? fragte Anna von Österreich. Eure Majestät verzeihe mir, ist es aber auch wirklich der König, der in diesem Bette liegt? Anna von Österreich bebte und erwiderte: Ist einer unter Euch, der den König kennt, so nähere er sich und sage, ob dies wirklich Seine Majestät ist. Ein Mann in einem Mantel, mit dem er sich das Gesicht verbarg, trat näher, beugte sich über das Bett und schaute. Einen Augenblick glaubte d'Artagnan, der Mann habe eine schlimme Absicht, und legte die Hand an seinen Degen. Aber bei der Bewegung, die der Mann mit dem Mantel im Bücken machte, gewahrte er einen Teil seines Gesichts und erkannte den Koadjutor. Es ist allerdings der König, sprach dieser Mann, sich erhebend, Gott segne Seine Majestät! Ja, sagte der Führer halblaut, Gott segne Seine Majestät! Und alle diese Menschen, die wütend herbeigekommen waren, segneten, vom Zorn zum Mitleid übergehend, ebenfalls das königliche Kind. Nun laßt uns der Königin danken, meine Freunde, und abgehen, sprach Planchet. Alle verbeugten sich und zogen allmählich und geräuschlos, wie sie gekommen, wieder ab. Planchet, der zuerst eingetreten war, ging zuletzt weg. Die Königin atmete auf; d'Artagnan wischte sich seine feuchte Stirn ab; der König glitt von seinem Bett herab und sagte: Gehen wir nun! In diesem Augenblick erschien Laporte wieder. Nun, sagte die Königin. Madame, antwortete der Kammerdiener, ich bin ihnen bis an die Gitter gefolgt. Sie teilten allen ihren Kameraden mit, sie haben den König gesehen, und die Königin habe mit ihnen gesprochen, so daß sie sich ganz stolz und triumphierend entfernten. Oh, die Elenden! murmelte die Königin, sie sollen ihre Frechheit teuer bezahlen! Mein Herr, fuhr sie, zu d'Artagnan gewendet, fort, Ihr habt mir diesen Abend die besten Ratschläge gegeben, die mir in meinem ganzen Leben erteilt worden sind. Fahrt fort, was haben wir nunmehr zu tun? Herr Laporte, sprach d'Artagnan, kleidet Seine Majestät vollends an. Wir können also abreisen? fragte die Königin. Wann Ew. Majestät will. Sie mag nur die geheime Treppe hinabsteigen und wird mich an der Tür finden. Geht, mein Herr, sprach die Königin, ich folge Euch. D'Artagnan ging hinab, der Wagen war an seinem Posten, der Musketier saß auf dem Bock. D'Artagnan nahm das Päckchen, das Bernouin getragen hatte, und nahm den Mantel des Kutschers des Herrn von Gondy um seine Schultern und setzte den Hut auf. Mein Herr, sprach d'Artagnan, Ihr gebt Eurem Gefährten, der den Kutscher bewacht, wieder die Freiheit. Ihr steigt sodann zu Pferde, reitet nach der Rue Tiquetonne ins Gasthaus zur Rehziege, nehmt dort mein Pferd und das von Herrn du Vallon, sattelt und zäumt sie kriegsmäßig, verlaßt dann Paris, die Pferde an der Hand führend, und begebt Euch nach Cours-la-Reine. Findet Ihr in Cours-la-Reine niemand mehr, so reitet Ihr bis nach Saint-Germain. Dienst des Königs. Der Musketier legte die Hand an seinen Hut und entfernte sich, um die Befehle zu erfüllen, die er erhalten hatte. D'Artagnan stieg auf den Bock. Er hatte ein paar Pistolen in seinem Gürtel, eine Muskete unter seinen Füßen, seinen bloßen Degen hinter sich. Die Königin erschien. Ihr folgten der König und der Herzog von Anjou, sein Bruder. Der Wagen des Koadjutors! rief sie, einen Schritt zurückweichend. Ja, Madame, sprach d'Artagnan, aber steigt mutig ein, ich führe ihn. Die Königin stieß einen Schrei des Erstaunens aus und stieg in den Wagen. Der König und Monsieur stiegen hinter ihr ein und setzten sich an ihre Seite. Kommt, Laporte, sagte die Königin. Wie, Madame? rief der Kammerdiener, in demselben Wagen mit Eurer Majestät? Es handelt sich heute nicht um die Etikette, sondern um das Heil des Königs. Steigt ein, Laporte! Laporte gehorchte. Schließt die Schirmleder, sagte d'Artagnan. Wird das nicht Mißtrauen einflößen? versetzte die Königin. Ew. Majestät mag unbesorgt sein, erwiderte d'Artagnan, ich bin auf eine Antwort gefaßt. Man schloß die Leder und entfernte sich im Galopp durch die Rue de Richelieu. Als man an das Tor gelangte, rückte der Anführer des Postens an der Spitze von etwa zwölf Mann, mit einer Laterne in der Hand, vor. D'Artagnan bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge sich nähern. Erkennt Ihr den Wagen? sagte er zu dem Sergeanten. Nein, antwortete dieser. Schaut das Wappen an! Der Sergeant hielt seine Laterne an den Schlag. Es ist das Wappen des Koadjutors, antwortete er. Stille, er steht in Gunst bei Frau von Guemenée. Der Sergeant lachte. Öffnet das Tor, sagte er, ich weiß, wer es ist. Dann näherte er sich dem herabgelassenen Schirmleder und sprach: Viel Vergnügen, Monseigneur. Vorlauter Gesell! rief d'Artagnan, Ihr macht, daß man mich fortjagt. Die Barriere ächzte auf ihren Angeln, und d'Artagnan peitschte, als er den Weg offen sah, kräftig auf die Pferde los, die sich in starkem Trab von der Stadt entfernten. Fünf Minuten nachher hatte man den Wagen des Kardinals eingeholt. Mousqueton! rief d'Artagnan, hebt die Schirmleder vom Wagen Seiner Majestät auf. Er ist es! sagte Porthos. Als Kutscher! rief Mazarin. Und mit dem Wagen des Koadjutors! sagte die Königin. Corpo di Duo ! Herr d'Artagnan, sprach Mazarin, Ihr seid nicht mit Gold zu bezahlen! Eine neue Prüfung Mazarin wollte sogleich nach Saint-Germain abreisen, aber die Königin erklärte, daß sie die Personen, die sie nach Coursla-Reine beschieden, erwarten wolle. Nur bot sie dem Kardinal den Platz von Laporte an; der Kardinal nahm ihn an und ging von einem Wagen in den andern. Nicht ohne Grund hatte sich das Gerücht verbreitet, der König solle in der Nacht Paris verlassen; zehn bis zwölf Personen waren seit sechs Uhr abends ins Geheimnis eingeweiht worden, und so verschwiegen sie auch gewesen, so hatten sie doch die Befehle zu ihrer Abreise nicht geben können, ohne daß die Sache ruchbar wurde. Überdies hatte jede dieser Personen zwei bis drei andere, für die sie sich interessierte, und da man nicht daran zweifelte, daß die Königin Paris mit furchtbaren Racheplänen verlasse, so hatte jeder seine Freunde oder Verwandten in Kenntnis gesetzt, so daß das Gerücht von dieser Abreise wie ein Lauffeuer die Stadt durcheilte. Der erste Wagen, der nach dem der Königin ankam, war der Wagen des Prinzen; er enthielt Herrn von Condé, die Prinzessin und die Prinzessin-Witwe. Beide waren in der Nacht geweckt worden und wußten nicht, um was es sich handelte. Der zweite enthielt den Herzog von Orleans, die Frau Herzogin, Grande-Mademoiselle und den Abbé de la Rivière, den unzertrennlichen Günstling und vertrauten Rat des Prinzen. Der dritte enthielt Herrn von Longueville und den Prinzen von Conti, Bruder und Schwager des Prinzen. Sie stiegen aus, näherten sich der Karosse des Königs und der Königin und brachten den Majestäten ihre Huldigungen dar. Die Königin senkte ihren Bück in die Tiefe des Wagens, dessen Schlag offen geblieben war, und sah, daß niemand mehr darin saß. Aber wo ist denn Frau von Longueville? fragte sie. In der Tat, wo ist denn meine Schwester? sagte der Herr Prinz. Frau von Longueville ist leidend, Madame, antwortete der Herzog; sie hat mich beauftragt, sie bei Ew. Majestät zu entschuldigen. Anna warf einen raschen Blick auf Mazarin, der mit einem unmerklichen Zeichen des Kopfes antwortete. Was sagt Ihr dazu? fragte die Königin. Ich sage, daß sie eine Geisel für die Pariser ist, erwiderte der Kardinal. Warum ist sie nicht gekommen? fragte der Prinz seinen Bruder ganz leise. Still, antwortete dieser, sie hat ohne Zweifel ihre Gründe. Sie stürzt uns ins Verderben, murmelte der Prinz. Sie rettet uns, sagte Conti. Die Wagen kamen in Menge an. Die zwei Musketiere trafen ebenfalls, d'Artagnans und Porthos' Pferde an der Hand führend, ein. D'Artagnan und Porthos schwangen sich in den Sattel. Porthos' Kutscher nahm d'Artagnans Platz auf dem königlichen Bocke ein. Mousqueton ersetzte den Kutscher; er fuhr aus ihm bekannten Ursachen stehend, einem antiken Automedon ähnlich. Obgleich in ihren Gedanken mit tausend Einzelheiten beschäftigt, suchte doch die Königin d'Artagnan mit den Augen, aber der Gascogner hatte sich mit seiner gewöhnlichen Klugheit wieder unter der Menge verloren. Wir wollen die Vorhut bilden, sagte er zu Porthos, und uns gute Quartiere in Saint-Germain verschaffen, denn niemand wird an uns denken. Ich fühle mich sehr müde. – Ich ebenfalls, versetzte Porthos, ich sinke vor Schlaf um. Wer sollte glauben, daß wir nicht einmal den geringsten Kampf gehabt haben? Die Pariser sind doch wahre Dummköpfe. – Sind nicht wir vielmehr sehr gewandte Leute? versetzte d'Artagnan. – Vielleicht. – Und wie geht es mit Eurem Faustgelenk? – Besser; aber glaubt Ihr, daß wir sie diesmal bekommen? – Was? – Ihr Euern Grad und ich meinen Titel? – Meiner Treu, ja, ich wollte darauf wetten. Wenn sie sich übrigens nicht erinnern, so werde ich sie daran mahnen lassen. – Man hört die Stimme der Königin, sagte Porthos; ich glaube, sie will zu Pferde steigen. – Ah! sie wollte wohl, aber... – Was aber? – Aber der Kardinal will nicht. Meine Herren, fuhr d'Artagnan, sich an die zwei Musketiere wendend, fort, begleitet die Karosse des Königs und verlaßt die Kutschenschläge nicht. Wir lassen die Wohnungen in Bereitschaft setzen. Und d'Artagnan ritt, von Porthos begleitet, gegen Saint-Germain. Vorwärts, meine Herren, rief die Königin. Der königliche Wagen begab sich auf den Weg, gefolgt von allen andern Karossen und von mehr als fünfzig Reitern. Kaum hatte d'Artagnan unter Aufbietung aller seiner List ein einziges Bett für sich und Porthos errungen, als sich ein Offizier in dem Quartier meldete und nach d'Artagnan fragte. Seid Ihr Herr d'Artagnan? sprach der Offizier. – Ja, mein Herr; was wollt Ihr? – Ich soll Euch holen. – In wessen Auftrag? – Im Auftrag Sr. Eminenz. – Sagt Monseigneur, ich wolle schlafen und rate ihm als Freund, dasselbe zu tun. – Se. Eminenz hat sich noch nicht niedergelegt und wird sich nicht niederlegen. Sie verlangt sogleich nach Euch. – Die Pest ersticke Mazarin, der nicht zu rechter Zeit zu schlafen weiß, murmelte d'Artagnan. Was will er von mir? Etwa mich zum Kapitän machen? Dann verzeihe ich ihm. Und der Musketier stand brummend auf, nahm seinen Degen, seinen Hut, seine Pistolen, seinen Mantel und folgte sodann dem Offizier, während Porthos nunmehr der glückliche alleinige Besitzer des Bettes war. Herr d'Artagnan, sprach der Kardinal, als er den Mann erblickte, den er zu so ungelegener Zeit hatte holen lassen, ich habe nicht vergessen, mit welchem Eifer Ihr mir dientet, und ich will Euch einen Beweis hiervon geben. Schön! dachte d'Artagnan, das kündigt sich gut an. Mazarin betrachtete den Musketier und sah, wie sich sein Gesicht erheiterte. Herr d'Artagnan, sagte er, habt Ihr große Lust, Kapitän zu werden? – Ja, Monseigneur. – Und Euer Freund wünscht immer noch Baron zu sein? – In diesem Augenblick träumt er, er sei es, Monseigneur. – Dann nehmt diesen Brief und bringt ihn nach England, sprach Mazarin und zog aus einem Portefeuille den Brief, den er bereits d'Artagnan gezeigt hatte. D'Artagnan schaute den Umschlag an; es war keine Adresse darauf. Dürfte ich nicht erfahren, wem ich ihn zustellen soll? Wenn Ihr in London ankommt, erfahrt Ihr es. Erst in London erbrecht Ihr den doppelten Umschlag. Und meine Instruktionen? Bestehen darin, daß Ihr in jeder Beziehung dem Manne zu gehorchen habt, an den dieser Brief gerichtet ist. D'Artagnan wollte neue Fragen machen, als Mazarin beifügte: Ihr reist nach Boulogne, wo Ihr im Wappen von England einen jungen Edelmann Namens Mordaunt findet. Ja, Monseigneur. Und was soll ich mit diesem Edelmann machen? Ihm folgen, wohin er Euch führen wird. Auf d'Artagnans ungeschminkte Forderung verstand sich Mazarin endlich dazu, ihm als Reisekosten für ihn und Porthos zwölfhundert Taler zu geben. Filz! murmelte d'Artagnan. Aber bei unserer Rückkehr, fügte er laut bei, können wir wenigstens, Herr Porthos auf seine Baronie und ich auf meinen Grad zählen, nicht wahr? Bei meiner Treue! Ein anderer Schwur wäre mir lieber, sagte d'Artagnan leise zu sich selbst und laut: Noch ein Wort, Monseigneur. Wenn man sich da schlägt, wohin ich gehe, soll ich mich schlagen? Ihr werdet alles tun, was Euch die Person befiehlt, an die ich Euch adressiere. Es ist gut, Monseigneur, sagte d'Artagnan, die Hand ausstreckend, um den Sack in Empfang zu nehmen; ich bezeuge Euch meine Achtung. D'Artagnan steckte langsam den Sack in seine weite Tasche, wandte sich gegen den Offizier um und sprach zu diesem: Mein Herr, wollt die Güte haben, Herrn du Vallon ebenfalls im Auftrag Sr. Eminenz zu wecken und ihm zu sagen, ich erwarte ihn in den Ställen. D'Artagnan hatte sich unmittelbar in die Ställe begeben. Der Tag graute bereits. Er erkannte sein Pferd und das von Porthos. Beide waren an die Raufe gebunden, aber diese war leer. Er gab ihnen voll Mitleid etwas Stroh, das er in der Ecke bemerkte und auf dem Mousqueton schlafend lag. Er weckte diesen, der schnell das Pferd seines Herrn sattelte und das seinige bestieg. Mittlerweile erschien Porthos mit einem sehr verdrießlichen Gesicht und war im höchsten Grad erstaunt, als er d'Artagnan in sein Schicksal ergeben fand. Oho! sagte er, wir haben also, was wir wünschen, Ihr Euern Grad und ich meine Baronie! Wir holen die Patente, sagte d'Artagnan, und bei unserer Rückkehr wird sie Meister Mazarin unterzeichnen. Und wohin gehen wir? fragte Porthos. Zuerst nach Paris, erwiderte d'Artagnan, ich will dort einige Angelegenheiten in Ordnung bringen. Also nach Paris, versetzte Porthos. Und beide schlugen den Weg nach Paris ein, das sie in höchster Aufregung und Wut über die Entweichung der Königin, des Königs und Mazarins fanden. Ohne Schwierigkeit gelangten sie zum Gasthaus zur Rehziege. Die schöne Madeleine lief d'Artagnan entgegen. Meine liebe Madame Turquaine, sagte d'Artagnan, wenn Ihr Geld habt, vergrabt es rasch; wenn Ihr Juwelen habt, verbergt sie geschwind; wenn Ihr Schuldner habt, laßt sie bezahlen; wenn Ihr Gläubiger habt, bezahlt sie nicht. – Warum dies? fragte Madeleine. – Weil Paris in Asche gelegt wird, gerade wie Babylon, wovon Ihr ohne Zweifel gehört habt. – Und Ihr verlaßt mich in einem solchen Augenblick? – Sogleich, sagte d'Artagnan. – Und wohin geht Ihr? – Ah, wenn Ihr mir das sagen könnt, erweist Ihr mir einen großen Dienst. – Ach, mein Gott! mein Gott! – Habt Ihr Briefe für mich? fragte d'Artagnan und deutete seiner Wirtin mit einem Zeichen an, daß sie sich die Wehklagen ersparen solle, insofern dieselben überflüssig seien. – Soeben ist einer angekommen. Und sie gab d'Artagnan den Brief. Von Athos! rief d'Artagnan, die feste, große Handschrift des Freundes erkennend. Ah! sprach Porthos, wir wollen doch sehen, was er sagt. D'Artagnan öffnete den Brief und las: Lieber d'Artagnan, lieber du Vallon, meine guten Freunde, vielleicht erhaltet Ihr zum letztenmal Nachricht von mir. Aramis und ich, wir sind sehr unglücklich. Aber Gott, unser Mut und die Erinnerung an unsere Freundschaft halten uns noch aufrecht. Denkt an Raoul. Ich empfehle Euch die Papiere, die in Blois liegen, und wenn ihr in dritthalb Monaten keine Nachricht von uns erhalten habt, nehmt Kenntnis davon. Umarmt den Vicomte von ganzem Herzen für Euern ergebenen Freund Athos . Ich glaube bei Gott wohl, daß ich ihn umarmen werde, sagte d'Artagnan. Überdies ist er auf unserm Weg, und wenn er das Unglück hat, unsern armen Athos zu verlieren, so wird er von diesem Tage an mein Sohn. – Und ich mache ihn zu meinem Universalerben, sprach Porthos. – Laßt doch sehen, was Athos noch sagt. – Trefft Ihr auf Euern Wegen einen Herrn Mordaunt, so mißtraut ihm; ich kann Euch in meinem Briefe nicht mehr sagen. – Herr Mordaunt! sagte d'Artagnan sehr erstaunt. – Es ist gut, sprach Porthos, man wird sich seiner erinnern. Aber seht, es ist noch eine Nachschrift von Aramis dabei. – In der Tat, versetzte d'Artagnan, und er las: Wir verschweigen unsern Aufenthaltsort, teure Freunde, weil wir Eure brüderliche Ergebenheit kennen und wissen, daß Ihr kommen würdet, um mit uns zu sterben. Sacrebleu! unterbrach Porthos den Lesenden mit einem Ausdruck, der Mousqueton in die andere Ecke des Zimmers jagte. Sind sie denn in Todesgefahr? D'Artagnan fuhr fort: Athos vermacht Euch Raoul, und ich vermache Euch eine Rache. Wenn Ihr so glücklich seid, einen gewissen Mordaunt unter die Hand zu bekommen, so sagt Porthos, er solle ihn in eine Ecke führen und ihm den Hals umdrehen. Ich wage es nicht, Euch in einem Brief mehr zu sagen. Aramis. Wenn es sonst nichts ist, sprach Porthos, das läßt sich leicht machen. – Im Gegenteil, erwiderte d'Artagnan mit düsterer Miene, das ist unmöglich. – Warum? – Gerade diesen Herrn Mordaunt suchen wir in Boulogne auf, und mit ihm gehen wir nach England. – Wenn wir nun, statt Herrn Mordaunt aufzusuchen, unsere Freunde aufsuchten? rief Porthos mit einer Gebärde, die einer Armee hätte Angst einjagen können. – Ich habe wohl daran gedacht, sagte d'Artagnan; aber der Brief hat weder Datum noch Stempel. – Das ist richtig, sprach Porthos. Und er fing an wie ein Verrückter im Zimmer umherzugehen, machte allerhand Gebärden und zog alle Augenblicke seinen Degen zum dritten Teil aus der Scheide. D'Artagnan blieb ganz bestürzt auf derselben Stelle, und der tiefste Kummer war auf seinem Antlitz ausgeprägt. Vorwärts, sprach er dann, das führt zu nichts. Wir wollen abreisen und Raoul umarmen, wie wir gesagt haben; vielleicht hat er Nachricht von Athos. Man stieg zu Pferde und entfernte sich. Als die Freunde in die Rue Saint-Denis gelangten, fanden sie einen großen Volksauflauf. Herr von Beaufort war soeben aus Vendome angelangt und wurde von dem Koadjutor den freudigen Parisern gezeigt. Mit Herrn von Beaufort hielten sie sich für unüberwindlich. Die zwei Freunde ritten durch eine kleine Gasse, um dem Prinzen nicht zu begegnen, und ritten durch die Barriere Saint-Denis. Da sie ihren Weg so schnell, als ihnen möglich war, zurücklegten, so gelangten sie zu guter Zeit ins Lager, wo sie Raoul in trüber Stimmung fanden. Er war mißmutig, weil der Marschall von Grammont und der Herzog von Guiche nach Paris zurückgekehrt waren, und traurig, weil er keine Nachricht von Athos hatte. Die Freunde trösteten ihn so gut sie konnten, und sagten ihm, da sie ihm die Wahrheit nicht sagen konnten, und d'Artagnan im Augenblick nichts anderes einfiel, der Graf sei mit dem Abbé d'Herblay nach Konstantinopel gegangen. D'Artagnan gab Raoul noch fünfzig Pistolen, legte seinem Diener Olivain nachdrücklich seine Fürsorgepflichten für seinen Herrn ans Herz und schlug, nachdem er und Porthos den jungen Mann herzlich und kräftig umarmt hatten, den Weg nach Boulogne ein, wo sie gegen Abend auf Pferden, die mit Schweiß und weißem Schaum bedeckt waren, ankamen. Zehn Schritte von dem Ort, wo sie Halt machten, ehe sie in die Stadt einritten, stand ein schwarz gekleideter junger Mann, der jemand zu erwarten schien und seit er sie erblickt hatte, die Augen unablässig auf sie geheftet hielt. D'Artagnan näherte sich ihm und sagte, als er sah, daß er das Auge nicht von ihm abwandte: He, Freund, ich hab's nicht gern, wenn man mich mißt. Mein Herr, sprach der junge Mann, ohne auf d'Artagnans Bemerkung zu antworten, kommt Ihr von Paris? D'Artagnan dachte, es sei ein Neugieriger, der Nachrichten von der Hauptstadt zu haben wünsche, und erwiderte mit sanfterem Tone: Ja, mein Herr. – Sollt Ihr nicht im Wappen von England wohnen? – Ja, mein Herr. – Seid Ihr nicht mit einer Sendung von Seiner Eminenz, dem Herrn Kardinal von Mazarin, beauftragt? – Ja, mein Herr. – Dann habt Ihr mit mir zu tun, sprach der junge Mann; ich bin Herr Mordaunt. Ah! sagte d'Artagnan ganz leise, der, vor dem uns Athos warnt. Ah! murmelte Porthos, der, den uns Aramis zu erdrosseln rät. Beide schauten den jungen Mann aufmerksam an. Dieser täuschte sich im Ausdruck ihres Blickes. Solltet Ihr an meinem Wort zweifeln? sagte er; ich bin in diesem Fall bereit Euch jeden Beweis zu liefern. Nein, mein Herr, antwortete d'Artagnan, wir sind zu Eurer Verfügung. Wohl, meine Herren, sprach Mordaunt, wir werden ungesäumt abreisen. Es ist heute der letzte Tag der Frist, die der Herr Kardinal von mir gefordert hatte. Mein Schiff ist bereit, und wenn Ihr nicht gekommen wäret, so würde ich ohne Euch abgegangen sein, denn der General Oliver Cromwell muß meine Rückkehr mit Ungeduld erwarten. Ah, ah, sagte d'Artagnan, wir sind also an den General Oliver Cromwell abgesandt? Habt Ihr keinen Brief für ihn? fragte der junge Mann. Ich habe einen Brief, dessen doppelten Umschlag ich erst in London erbrechen sollte. Da Ihr mir aber sagt, an wen er adressiert ist, so halte ich es für unnötig, bis dort zu warten. D'Artagnan zerriß den Umschlag des Briefes, auf dem in der Tat stand: »An Herrn Oliver Cromwell, General der Truppen der englischen Nation.« Ah! murmelte d'Artagnan, ein sonderbarer Auftrag. Vorwärts, meine Herren, sprach Mordaunt ungeduldig, gehen wir. – Oh, oh! rief Porthos, ohne Abendessen? Kann Herr Cromwell nicht ein wenig warten? – Ja, aber ich ... versetzte Mordaunt. – Nun, Ihr? ... sagte Porthos. – Ich habe Eile. – Oh, wenn es Euretwegen geschehen soll! rief Porthos, das geht mich nichts an, und ich werde mit Eurer Erlaubnis oder ohne sie zu Nacht speisen. Der schwankende Blick des jungen Mannes entflammte sich und schien bereit, einen Blitz zu schleudern, aber er bezähmte sich. Mein Herr, sprach d'Artagnan, man muß hungrige Reisende entschuldigen. Überdies wird Euch unser Abendbrot nicht lang aufhalten, wir reiten rasch bis zu dem Gasthaus. Geht zu Fuß nach dem Hafen, wir essen einen Bissen und sind beinahe zu gleicher Zeit mit Euch dort. – Wie es Euch gefällt, meine Herren, wenn wir nur reisen, versetzte Mordaunt. – Das ist ein Glück, murmelte Porthos. – Der Name des Schiffes? fragte d'Artagnan. – Der Standard. – Gut, in einer halben Stunde sind wir an Bord. Und beide gaben ihren Pferden die Sporen und eilten nach dem Gasthof zum »Wappen von England« . Was sagt Ihr zu diesem jungen Menschen? fragte d'Artagnan während des scharfen Rittes. Ich sage, daß er mir nicht im geringsten behagt, erwiderte Porthos, und daß ich das größte Gelüste in mir spürte, Aramis' Rat zu befolgen. – Davor hütet Euch wohl, mein lieber Porthos: dieser Mensch ist ein Abgesandter des Generals Cromwell, und ich glaube, wir würden uns einen erbärmlichen Empfang bereiten, wenn wir dem General meldeten, wir hätten seinem Vertrauten den Hals umgedreht. – Gleichviel, versetzte Porthos, ich habe immer wahrgenommen, daß Aramis ein Mann von gutem Rat ist. – Hört, sprach d'Artagnan, wenn unsere Botschaft beendigt ist ... – Hernach? – Wenn er uns nach Frankreich zurückführt ... – Nun? – Nun, wir werden sehen. Die Freunde gelangten hierauf in den Gasthof, wo sie mit großem Appetit zu Nacht speisten, und begaben sich dann ungesäumt nach dem Hafen. Eine Brigg war bereit, unter Segel zu gehen, und auf dem Verdeck dieser Brigg erkannten sie Mordaunt, der ungeduldig auf und ab ging. Es ist unglaublich, sprach d'Artagnan, während die Barke sie an Bord des Standard führte, es ist erstaunlich, wie sehr dieser junge Mann jemand gleicht, den ich gekannt habe, doch vermag ich nicht zu sagen, wem. Sie gelangten zu der Treppe und waren einen Augenblick nachher eingeschifft. Der Schotte, treulos gegen Eid und Ehr', Gibt König Karl um einen Pfennig her Und nun müssen unsere Leser den Standard ruhig, nicht nach London, wohin d'Artagnan und Porthos zu gehen glaubten, sondern nach Durham schwimmen lassen, wohin Briefe, die Mordaunt während seines Aufenthaltes in Boulogne erhielt, diesen beschieden hatten; und uns gefälligst in das royalistische Lager an der Tyne, unfern der Stadt Newcastle, folgen. Hier, zwischen zwei Flüssen, an der Grenze von Schottland; aber auf englischem Boden, breiten sich die Zelte eines kleinen Heeres aus. Es ist Mitternacht. Männer, die man an ihren nackten Beinen, an ihren kurzen Röcken, an ihren buntscheckigen Plaids und an der Feder, die ihre Mütze ziert, als Hochländer erkennt, halten nachlässig Wache. Der Mond beleuchtet, durch dicke Wolken gleitend, bei jedem Zwischenraum, den er auf seinem Wege findet, die Musketen der Schildwachen und hebt kräftig die Mauern, Dächer und Türme der Stadt hervor, die Karl I. den Truppen des Parlaments übergeben hat. An einem Ende dieses Lagers, bei einem ungeheuren Zelt, das voll von Offizieren ist, die unter dem Vorsitz des alten Grafen von Lewen, ihres Anführers, beratschlagen, schläft ein Mann in Reitertracht auf dem Rasen, die rechte Hand an sein Schwert gelegt. Fünfzig Schritte davon plaudert ein anderer, ebenfalls in Reitertracht, mit einer schottischen Wache, und obgleich Ausländer, scheint er doch der englischen Sprache mächtig genug, um die Antworten zu verstehen, die ihm der andere in der Mundart der Grafschaft Perth gibt. Als es in der Stadt Newcastle nachts ein Uhr schlug, erwachte der Schläfer, und nachdem er sich ganz wie ein Mensch gebärdet hatte, der die Augen nach tiefem Schlaf öffnet, schaute er aufmerksam um sich her, stand, da er sich allein sah, auf, machte einen Umweg und ging an dem Reiter vorbei, der mit der Schildwache plauderte. Dieser hatte ohne Zweifel keine Frage mehr zu stellen, denn nach einem Augenblick nahm er Abschied von der Wache und schlug, wie absichtslos, denselben Weg ein, den wir den ersten Reiter gehen sahen. Im Schatten eines an der Straße aufgeschlagenen Zeltes erwartete ihn der andere. Nun, mein lieber Freund? sagte er im reinsten Französisch. Mein Freund, es ist keine Zeit zu verlieren, man muß den König benachrichtigen. Was geht denn vor? Jetzt fehlt die Zeit, es Euch zu sagen. Überdies werdet Ihr es sogleich hören. Hier kann das geringste Wort alles verderben. Wir wollen Mylord Winter aufsuchen. Und beide wanderten nach dem entgegengesetzten Ende des Lagers. Da aber das Lager nicht mehr als eine Oberfläche von fünfhundert Quadratschuh bedeckte, so waren sie bald bei dem Zelte dessen, den sie suchten, angelangt. Schläft Euer Herr, Tomby? fragte einer der zwei Reiter den Diener, der in einer als Vorzimmer benützten ersten Abteilung des Zeltes lag, auf englisch. Nein, Herr Graf, antwortete der Lakai, ich glaube nicht, es müßte denn erst seit ganz kurzer Zeit der Fall sein, denn er ist, nachdem er den König verlassen, mehr als zwei Stunden lang umhergegangen, und das Geräusch seiner Tritte hat erst vor zehn Minuten aufgehört; übrigens könnt Ihr selbst sehen, fügte er, den Vorhang aufhebend, bei. Winter saß vor einer fensterartigen Öffnung, welche die Nachtluft eindringen ließ, und folgte mit schwermütigen Blicken dem, wie gesagt, unter schweren, schwarzen Wolken sich verlierenden Monde. Die zwei Freunde näherten sich dem Lord, der, den Kopf auf seine Hand gestützt, den Himmel anschaute; er hörte sie nicht kommen und verharrte in derselben Haltung bis zu dem Augenblick, wo er fühlte, daß eine Hand auf seine Schulter gelegt wurde. Dann wandte er sich um, erkannte Athos und Aramis und reichte ihnen die Hand. Habt ihr bemerkt, sagte er zu ihnen, wie der Mond diesen Abend blutfarbig ist? – Nein, erwiderte Athos, er kam mir wie gewöhnlich vor. – Schaut ihn an, versetzte Lord Winter. – Ich gestehe Euch, antwortete Aramis, es geht mir wie dem Grafen de la Fère, ich sehe nichts Besonderes daran. – Graf, sprach Athos, in einer so mißlichen Lage, wie die unsere ist, muß man die Erde betrachten und nicht den Himmel. Habt Ihr unsere Schotten beobachtet und seid Ihr derselben sicher? – Die Schotten? fragte Lord Winter; welche Schotten? – Die unseren, bei Gott! die, denen sich der König anvertraut hat. Die Schotten des Grafen von Lewen. – Nein, erwiderte Winter und fügte dann bei: Sagt mir, ihr seht also nicht, wie ich, die rötliche Farbe, welche den Himmel bedeckt? – Ganz und gar nicht, antworteten Athos und Aramis zugleich. – Sagt mir, fuhr der Lord, stets mit demselben Gedanken beschäftigt, fort, erzählt man sich nicht in Frankreich, daß Heinrich IV. am Vorabend seiner Ermordung, als er mit Herrn von Bassompierre Schach spielte, Blutflecken auf dem Schachbrett sah? – Ja, sprach Athos, der Marschall hat es mir oftmals selbst erzählt. – So ist es, murmelte Winter, und am andern Tag wurde Heinrich IV. ermordet. – Aber in welchem Zusammenhang steht die Vision Heinrichs IV. mit uns, Graf? fragte Aramis. – In keinem, meine Herren, und ich bin in der Tat ein Tor, daß ich Euch mit solchen Dingen unterhalte, während Eure Erscheinung in meinem Zelte zu dieser Stunde mir ankündigt, daß Ihr irgend eine wichtige Neuigkeit zu überbringen habt. – Ja, Mylord, versetzte Athos, ich wünschte den König zu sprechen. – Den König? Er schläft. – Ich habe ihm Dinge von großem Belang mitzuteilen. – Läßt sich die Sache nicht auf morgen verschieben? – Er muß es sogleich erfahren, und vielleicht ist es bereits zu spät. – Gehen wir hinein, meine Herren. Lord Winters Zelt war neben dem königlichen; eine Art von Korridor führte von dem einen in das andere. Dieser Korridor wurde nicht von einem Soldaten, sondern von einem vertrauten Diener Karls I. bewacht. Diese Herren gehören zu mir, sprach der Lord. Der Lakai verbeugte sich und ließ sie vorübergehen. Auf einem Feldbett liegend, ein schwarzes Wams auf dem Leib, seine langen Stiefel an den Beinen, den Gürtel gelöst, den Hut neben sich, war König Karl infolge eines unwiderstehlichen Bedürfnisses eingeschlafen. Die drei Männer schritten vorwärts, und Athos, der vorausging, betrachtete einen Augenblick stillschweigend das edle, so bleiche Antlitz, umrahmt von langen schwarzen Haaren, die der Schweiß eines unruhigen Schlummers an seine Schläfe klebte, und marmorartig durchzogen von dicken blauen Adern, die von den Tränen aus seinen müden Augen aufgeschwollen schienen. Athos stieß einen Seufzer aus, und dieser Seufzer erweckte den König; so leicht war sein Schlaf. Er schlug die Augen auf. Ah! sagte er, sich auf den Ellenbogen erhebend, Ihr seid es, Graf de la Fère? – Ja, Sire, antwortete Athos. – Ihr wacht, während ich schlafe, und Ihr bringt mir irgend eine Nachricht? – Ach! Sire, erwiderte Athos, Ew. Majestät hat richtig erraten. – Dann ist die Nachricht schlecht, sprach der König mit schwermütigem Lächeln. – Ja, Sire. – Gleichviel, der Bote ist willkommen, und Ihr könnt nicht bei mir erscheinen, ohne mir stets Vergnügen zu machen, ein Mann wie Ihr, dessen Ergebenheit weder Vaterland noch Unglück kennt, und der mir von Henriette geschickt worden ist ... was auch die Nachricht sein mag, die Ihr mir überbringt, sprecht unumwunden. – Sire, Cromwell ist in dieser Nacht in Newcastle eingetroffen. – Ah, rief der König, um mich zu bekämpfen? – Nein, um Euch zu kaufen. – Was sagt Ihr? – Ich sage, Sire, daß man dem schottischen Heer viermalhunderttausend Pfund Sterling schuldet. – An rückständigem Solde, ja, ich weiß es. Seit beinahe einem Jahre schlagen sich meine braven und getreuen Schotten für die Ehre. Athos lächelte. Wohl, Sire, obgleich die Ehre etwas Schönes ist, so sind sie doch müde geworden, sich dafür zu schlagen, und haben Euch heute nacht für zweimalhunderttausend Pfund Sterling verkauft, das heißt für die Hälfte dessen, was man ihnen schuldig war. – Unmöglich! rief der König; die Schotten verkaufen ihren König nicht um zweimalhunderttausend Pfund Sterling! – Die Juden haben ihren Gott um dreißig Silberlinge verkauft. – Und wer ist der Judas, der diesen schändlichen Handel abgeschlossen hat? – Der Graf von Lewen. – Wißt Ihr es gewiß? – Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört. Der König stieß einen tiefen Seufzer aus, als ob sein Herz brechen wollte, und ließ sein Haupt in seine Hände fallen. Ah! die Schotten! rief er, die Schotten, die ich meine Getreuen nannte! die Schotten, denen ich mich anvertraute, während ich nach Oxford fliehen konnte! Die Schotten, meine Landsleute! Die Schotten, meine Brüder! Seid Ihr Eurer Sache auch gewiß, mein Herr? – Hinter dem Zelt des Grafen von Lewen, dessen Leinwand ich aufhob, scheinbar im Schlafe liegend, habe ich alles gesehen, alles gehört. – Und wann soll dieser abscheuliche Handel vollzogen werden? – Heute, diesen Morgen. Es ist daher, wie Ew. Majestät sieht, keine Zeit zu verlieren. – Um was zu tun, da Ihr sagt, ich sei verkauft? – Um über den Tyne zu setzen, um Schottland zu erreichen, um zu Lord Montrose zu gelangen, der Euch nicht verkaufen wird. – Und was soll ich in Schottland tun? Einen Parteigängerkrieg anfangen? Ein solcher Krieg ist eines Königs unwürdig. – Das Beispiel von Robert Bruce spricht Euch frei, Sire. – Nein! nein! ich kämpfe schon zu lange; haben sie mich verkauft, so mögen sie mich ausliefern, und die ewige Schmach ihres Verrates falle auf sie zurück. – Sire, sprach Athos, vielleicht soll ein König so handeln, nicht aber ein Gatte und Vater. Ich bin im Namen Eurer Gemahlin und Eurer Tochter gekommen, und im Namen Eurer Gemahlin und Eurer Tochter, sowie der zwei anderen Kinder, welche Ihr noch in London habt, sage ich Euch: Rettet Euer Leben, Sire, Gott will es. Der König stand auf, zog seinen Gürtel fest, schnallte seinen Degen um und trocknete mit einem Taschentuch seine von Schweiß befeuchtete Stirne ab. Nun, sagte er, was ist zu tun? – Sire, habt Ihr beim ganzen Heere ein Regiment, auf das Ihr Euch verlassen könnt? – Winter, baut Ihr auf die Treue des Eurigen? fragte der König. – Sire, es sind nur Menschen, und die Menschen sind sehr schwach oder sehr bösartig geworden. Ich glaube an ihre Treue, aber ich stehe nicht dafür; ich würde ihnen mein Leben anvertrauen, aber ich zögere, ihnen das Leben Ew. Majestät anzuvertrauen. – Wohl! sprach Athos, in Ermangelung eines Regiments sind drei ergebene Männer da, und das genügt; Ew. Majestät steige zu Pferde, begebe sich in unsere Mitte, wir setzen über den Tyne, erreichen Schottland und sind gerettet. – Ist das auch Eure Meinung, Winter? fragte der König. – Ja, Sire. – Und die Eurige, Herr d'Herblay? – Ja, Sire. – Es geschehe also, wie Ihr wollt, gebt Befehl, Winter. Der Lord entfernte sich; der König kleidete sich mittlerweile vollends an. Die ersten Strahlen des Tages begannen, durch die Öffnungen des Zeltes zu dringen, als Lord Winter zurückkehrte. Alles ist bereit, meldete er. – Und wir? fragte Athos. – Grimaud und Blaisois harren Euer mit den gesattelten Pferden. – Dann wollen wir keinen Augenblick verlieren, sprach Athos. – Laßt uns gehen, versetzte der König. – Sire, sagte Aramis, benachrichtigt Ew. Majestät Ihre Freunde nicht? – Meine Freunde! erwiderte Karl I. mit traurigem Kopfschütteln, ich habe noch Euch drei ... einen Freund von zwanzig Jahren, der mich nie vergessen hat, zwei Freunde von acht Tagen, die ich nie vergessen werde. Kommt, meine Herren, kommt. Der König verließ das Zelt und fand sein Pferd schon bereit. Es war ein isabellfarbiges Roß, das er seit drei Jahren ritt und ungemein liebte. Das Tier wieherte vor Vergnügen, als es ihn sah. Ah! sprach der König, ich war ungerecht: hier ist, wenn auch nicht ein Freund, doch ein Wesen, das mich liebt. Du wirst mir treu sein, nicht wahr, Arthus? Und als hätte das Pferd diese Worte verstanden, näherte es seine dampfenden Nüstern dem Gesicht des Königs, hob seine Lippen auf und zeigte voll Freude seine weißen Zähne. Ja, ja, sprach der König, das schöne Tier mit der Hand streichelnd, ja, es ist gut, Arthus, ich bin zufrieden mit dir. Und mit der Behendigkeit, die den König zu einem der besten Reiter Europas machte, schwang sich Karl in den Sattel und sagte, sich gegen Athos, Aramis und den Grafen von Winter umdrehend: Nun, meine Herren, ich erwarte euch. Aber Athos blieb unbeweglich, seine Hand und seine Augen nach einer schwarzen Linie gerichtet, die dem Tyneflusse folgte und sich doppelt so lang als das Lager ausstreckte. Was für eine Linie ist dies? sprach Athos, der im letzten nächtlichen Dunkel, das mit den ersten Strahlen des Tages kämpfte, nicht gut zu unterscheiden vermochte. Was bedeutet diese Linie? Ich habe sie gestern nicht gesehen. – Ohne Zweifel ist es der Nebel, der vom Flusse aufsteigt, erwiderte der König. – Sire, es ist etwas Wesenhafteres, als ein Dunst. – In der Tat, es gleicht einer rötlichen Barriere, versetzte Winter. – Es ist der Feind, der von Newcastle auszieht und uns umschließt, rief Athos. – Der Feind! sprach der König. – Ja, der Feind. Es ist zu spät. Schaut! Seht ihr nicht dort unter jenem Sonnenstrahl von der Stadt her die eisernen Rippen glänzen? So nannte man die Kürassiere, die Cromwell zu seinen Leibwachen gewählt hatte. Ah! sprach der König, wir werden erfahren, ob es wahr ist, daß mich die Schotten verraten. Was wollt Ihr tun, Sire? rief Athos. Ihnen Befehl zum Angriff geben und diese elenden Rebellen mit ihnen niederreiten. Und der König gab seinem Pferd die Sporen und jagte auf das Zelt des Grafen von Lewen zu. Folgen wir ihm, sprach Athos. Vorwärts! rief Aramis. Sollte der König verwundet sein? fragte der Graf Winter. Ich sehe Blutflecken auf dem Boden. Und er sprengte den Freunden nach. Athos hielt ihn zurück. Sammelt Euer Regiment, sagte er; ich sehe, daß wir desselben sogleich bedürfen werden. Der Lord wandte sein Pferd um, und die zwei Freunde setzten ihren Weg fort. In zwei Sekunden hatte der König das Zelt des Grafen von Lewen, des Obergenerals der schottischen Armee, erreicht. Er sprang zu Boden und trat ein. Der General befand sich mitten unter den vornehmsten Häuptlingen. Der König! riefen sie aufstehend und sich anschauend. Karl stand wirklich vor ihnen, den Hut auf dem Kopf, die Stirne gefaltet und mit der Reitpeitsche an seine Stiefel klopfend. Ja, sprach er, der König, der Rechenschaft von Euch über das fordert, was vorgeht. Was geht denn vor, Sire? fragte der Graf von Lewen. Meine Herren, sprach der König, der sich vom Zorn fortreißen ließ, der General Cromwell ist diese Nacht in Newcastle angekommen; ihr wußtet es und habt mich nicht davon benachrichtigt; der Feind zieht aus der Stadt und versperrt uns den Übergang über den Tyne; eure Wachen mußten diese Bewegung sehen, und man hat mich nicht davon in Kenntnis gesetzt; ihr habt mich durch einen schändlichen Vertrag um zweimalhunderttausend Pfund Sterling an das Parlament verkauft, aber dieser Vertrag wenigstens ist mir bekannt. Das geht vor, meine Herren, antwortet und rechtfertigt euch, denn ich klage euch an. Sire, stammelte der Graf von Lewen, Sire, Ew. Majestät wird durch einen falschen Bericht getäuscht worden sein. Ich habe mit meinen eigenen Augen das feindliche Heer zwischen mir und Schottland sich ausbreiten sehen, versetzte Karl, und ich kann fast sagen, ich habe mit meinen eigenen Ohren gehört, wie die Bedingungen des Vertrags beraten wurden. Die schottischen Häuptlinge schauten sich ebenfalls, die Stirne faltend, an. Sire, murmelte der Graf von Lewen, gebeugt unter dem Gewicht der Schande, Sire, wir sind bereit, Euch jeden Beweis zu geben. Ich verlange nur einen einzigen, sprach der König. Stellt das Heer in Schlachtordnung auf, und wir marschieren dem Feinde entgegen. Das kann nicht sein, Sire, erwiderte der Graf. Wie! es kann nicht sein! Und warum kann es nicht sein? rief Karl I. Ew. Majestät weiß wohl, daß Waffenstillstand zwischen uns und dem englischen Heere stattfindet, antwortete der Graf. Wenn Waffenstillstand stattfindet, so hat ihn das englische Heer dadurch gebrochen, daß es die Stadt gegen die Übereinkunft verließ; ich aber sage euch, ihr müßt euch mit mir durch dieses Heer schlagen und nach Schottland zurückkehren, und wenn ihr es nicht tut, nun so wählt zwischen den zwei Namen, die den Menschen der Verachtung und dem Fluche seiner Mitmenschen überantworten: entweder seid ihr Feiglinge, oder ihr seid Verräter. Die Augen der Schotten flammten, aber sie gingen, wie dies so oft bei solchen Gelegenheiten geschieht, von der äußersten Scham zur äußersten Frechheit über, und zwei Clan-Häuptlinge schritten von zwei Seiten auf den König zu. Nun wohl, ja, sagten sie, wir haben versprochen, Schottland und England von dem Manne zu befreien, der seit fünfundzwanzig Jahren das Blut und das Gold Schottlands und Englands trinkt. Wir haben es versprochen und halten unser Versprechen. König Karl Stuart, Ihr seid unser Gefangener. Und beiden streckten zu gleicher Zeit die Hand aus, um den König zu ergreifen, aber ehe die Spitzen ihrer Finger seine Person berührten, stürzten beide, der eine tot, der andere ohnmächtig, nieder. Athos hatte den einen mit dem Kolben seiner Pistole zu Boden geschlagen, Aramis hatte dem andern seinen Degen durch den Leib gerannt. Als sodann der Graf von Lewen und die andern Häuptlinge, erschrocken vor dieser unerwarteten Hilfe zurückwichen, die dem Fürsten, den sie bereits für ihren Gefangenen hielten, vom Himmel zuzufallen schien, zogen Athos und Aramis den König aus dem meineidigen Kreise, in den er sich so unklugerweise gewagt hatte; dann sprangen alle drei auf die Pferde, welche die Lakaien bereithielten, und ritten im Galopp nach dem königlichen Zelte zurück. Im Vorüberreiten gewahrten sie den Grafen Winter, der an der Spitze seines Regiments herbeieilte. Der König gab ihm ein Zeichen, sie zu begleiten. Der Rächer Alle vier traten in das Zelt; es war noch kein Plan gefaßt, und doch mußte man zu irgend einem Entschlusse kommen. Der König sank in einen Lehnstuhl und rief: Ich bin verloren! Nein, Sire, entgegnete Athos, Ihr seid nur verraten. Der König stieß einen tiefen Seufzer aus. Verraten, verraten durch die Schotten, in deren Mitte ich geboren bin, die ich immer den Engländern vorzog! Oh, die Elenden! Sire, sprach Athos, es ist jetzt keine Zeit zu Klagen und Anschuldigungen, sondern der Augenblick, wo Ihr zeigen müßt, daß Ihr König und Edelmann seid. Erhebt Euch, Sire! denn Ihr habt wenigstens hier drei Männer, die Euch nicht verraten werden ... Ihr könnt ruhig sein. Ach! wenn wir nur fünf wären, murmelte Athos, an d'Artagnan und Porthos denkend. Was sagt Ihr? fragte Karl aufstehend. Ich sage, Sire, daß es nur ein Mittel gibt. Mylord Winter bürgt für sein Regiment, wenigstens so ziemlich, wir wollen's nicht zu genau nehmen; er stellt sich an die Spitze seiner Leute, wir stellen uns an die Seite Eurer Majestät, wir schlagen uns durch Cromwells Armee durch und erreichen Schottland. Es gäbe noch ein Mittel, versetzte Aramis; einer von uns müßte die Kleidung und das Pferd des Königs nehmen. Während man diesen mit aller Hitze verfolgte, würde der König vielleicht durchkommen! Der Rat ist gut, sagte Athos, und wenn Seine Majestät einem von uns diese Ehre erweisen wollte, so würden wir sehr dankbar dafür sein. Was haltet Ihr von diesem Rate, Mylord Winter? sprach der König und schaute dabei voll Bewunderung die zwei Männer an, die kein anderes Verlangen hatten, als die Gefahren, die ihn bedrohten, auf ihr eigenes Haupt abzuziehen. Ich denke, Sire, sprach Athos eindringlich, daß, wenn es ein Mittel gibt, Ew. Majestät zu retten, Herr d'Herblay dasselbe vorgeschlagen hat. Ich bitte also Ew. Majestät untertänig, sogleich Ihre Wahl zu treffen, denn wir haben keine Zeit zu verlieren. Aber willige ich ein, so kommt der, welcher meinen Platz einnehmen will, entweder um sein Leben, oder wenigstens um seine Freiheit. Aber ihm wird die Ehre zu teil, seinen König gerettet zu haben! rief Winter. Der König schaute seinen alten Freund mit Tränen in den Augen an, machte das Band des Heiligen-Geist-Ordens, das er seinen zwei französischen Begleitern zu Ehren trug, los und schlang es um den Hals Winters, der knieend dieses Zeichen des Vertrauens und der Freundschaft seines Fürsten empfing. Es ist nicht mehr als billig, sagte Athos, er dient ihm länger als wir. Der König hörte diese Worte, wandte sich voll Rührung um und sprach: Meine Herren, wartet einen Augenblick, ich habe jedem von euch ebenfalls ein Band zu geben. Dann ging er an einen Schrank, worin seine eigenen Orden eingeschlossen waren, und nahm zwei Insignien des Hosenbandordens heraus. Diese Orden können nicht für uns sein, sprach Athos. Warum nicht, mein Herr? versetzte Karl. Diese Orden sind für Könige, und wir sind nur einfache Edelleute. Laßt alle Throne der Erde an euern Augen vorüberziehen, sagte der König, und findet mir erhabenere Herzen, als die euren. Nein, nein, ihr laßt euch nicht Gerechtigkeit widerfahren, meine Herren, aber ich bin da, um dies zu tun. Auf die Knie, Graf. Athos kniete nieder; der König schlang ihm das Band, wie es die Regel vorschrieb, von der Linken zur Rechten um, hob sein Schwert und sprach statt der herkömmlichen Formel (Ich mache Euch zum Ritter, seid tapfer, treu und redlich): Ihr seid tapfer, treu und redlich, ich mache Euch zum Ritter, mein Herr Graf. Dann sich an Aramis wendend, sprach er: Jetzt Ihr, Herr Chevalier. Und dieselbe Zeremonie wurde mit denselben Worten wiederholt, während Winter, von Dienern unterstützt, seinen Panzer losmachte, um eher für den König gehalten zu werden. Als Karl auch Aramis geschmückt hatte, umarmte er die beiden französischen Ritter. Sire, sagte Lord Winter, der, ganz von dem Bewußtsein seines großen Opfers erfüllt, seine ganze Kraft und seinen ganzen Mut wiedergewonnen hatte, Sire, wir sind bereit. Der König schaute die drei Edelleute an und sprach: Ich muß also fliehen? Durch ein Heer fliehen, nennt man auf der ganzen Welt angreifen, erwiderte Athos. Ich werde also mit dem Schwerte in der Hand sterben, rief Karl. Herr Graf, Herr Chevalier, wenn ich je König werde ... Sire, Ihr habt uns bereits mehr geehrt, als es einfachen Edelleuten gebührte; die Dankbarkeit ist also auf unserer Seite. Aber verlieren wir keine Zeit mehr, wir haben bereits zu viel verloren. Der König reichte allen dreien zum letztenmal die Hand, vertauschte seinen Hut mit dem von Winter und ging hinaus. Das Regiment Winters war auf einer Plattform aufgestellt, die das Lager beherrschte; der König wandte sich, gefolgt von diesen drei Freunden, nach dieser Plattform. Das schottische Lager schien endlich erwacht zu sein; die Leute hatten ihre Zelte verlassen und standen in Reih' und Glied wie zu einer Schlacht. Seht ihr, sprach der König, vielleicht bereuen sie es und sind bereit, zu marschieren. Wenn sie bereuen, versetzte Athos, so werden sie uns folgen. Wohl, was tun wir? fragte der König. Wir wollen das feindliche Heer beobachten, erwiderte Athos. Die Augen der kleinen Gruppe hefteten sich sogleich auf die Linie, die man bei Tagesanbruch für Nebel gehalten hatte, und die nun die ersten Sonnenstrahlen als ein in Schlachtordnung aufgestelltes Heer bezeichneten. Die Luft war rein und durchsichtig, wie gewöhnlich in dieser Morgenstunde. Man unterschied ganz genau die Regimenter, die Standarten, sowie die Farbe der Uniformen und Pferde. Dann sah man auf einem niedrigen Hügel, etwas vor der feindlichen Front, einen kleinen, gedrungenen, schwerfälligen Mann erscheinen, der von einigen Offizieren umgeben war. Er richtete ein Augenglas nach der Gruppe um den König. Kennt Ew. Majestät diesen Mann persönlich? fragte Aramis. Karl erwiderte lächelnd: Dieser Mann ist Cromwell. – Dann zieht Euern Hut herab, Sire, damit er Euch nicht erkennt. – Ah! sprach Athos, wir haben viel Zeit verloren. – Nun also den Befehl, erwiderte der König, und wir ziehen ab. – Gebt Ihr ihn, Sire? fragte Athos. – Nein, ich ernenne Euch zu meinem Generalleutnant, sprach der König. – Hört also, Mylord Winter, sagte Athos; entfernt Euch, Sire, ich bitte Euch; was wir sprechen wollen, geht Eure Majestät nichts an. Der König machte lächelnd drei Schritte rückwärts. Folgendes ist mein Vorschlag, fuhr Athos fort: Wir teilen Euer Regiment in zwei Schwadronen. Ihr stellt Euch an die Spitze der ersten, Seine Majestät und wir stellen uns an die Spitze der zweiten. Hindert uns nichts, so greifen wir alle zusammen an, um die feindliche Linie zu durchbrechen und uns in den Tyne zu werfen. Stoßen wir aber auf ein Hindernis, so laßt Ihr und Eure Leute Euch bis auf den letzten Mann töten, wir und der König setzen unsern Weg fort. Sind wir einmal am Ufer angelangt, so ist das weitere unsere Sache, und wären sie drei Glieder hoch aufgestellt, wenn nur Eure Leute ihre Schuldigkeit tun. Zu Pferde, rief Lord Winter. Zu Pferde, sprach Athos, alles ist bedacht und entschieden. Vorwärts, meine Herren, sagte der König, vorwärts. Wählen wir das alte Kriegsgeschrei der Franzosen: Montjoie und Saint-Denis! Englands Kriegsgeschrei wird gegenwärtig von zu vielen Verrätern wiederholt. Man schwang sich in den Sattel, der König nahm das Pferd Winters, Winter das des Königs; Winter stellte sich ins erste Glied der ersten Schwadron, und der König, mit Athos zu seiner Rechten und Aramis zu seiner Linken, in das erste Glied der zweiten. Die ganze schottische Armee betrachtete diese Vorkehrungen mit der Unbeweglichkeit und dem Stillschweigen der Scham. Man sah, wie einige Häuptlinge aus den Gliedern hervortraten und ihre Schwerter zerbrachen. Das tröstet mich, sagte der König, ich sehe, daß nicht alle Verräter sind. In diesem Augenblick ertönte Lord Winters Stimme. Vorwärts! rief er. Die erste Schwadron fing an, sich in Bewegung zu setzen, die zweite folgte ihr und stieg die Plattform hinab. Ein der Zahl nach gleich starkes Regiment Kürassiere entwickelte sich hinter dem Hügel und ritt im schnellsten Galopp entgegen. Der König zeigte Athos und Aramis, was vorging. Sire, sprach Athos, für diesen Fall ist vorgesehen, und wenn Lord Winters Leute ihre Schuldigkeit tun, so rettet uns dieses Ereignis, statt uns zu verderben. In diesem Augenblick hörte man Lord Winter, den Lärm der galoppierenden und wiehernden Pferde beherrschend, mit kräftiger Stimme rufen: Säbel in die Hand! Alle Säbel fuhren aus den Scheiden und leuchteten wie Blitze. Auf! meine Herren, rief der König ebenfalls, berauscht durch das Getöse und den Anblick; auf, meine Herren, den Säbel in die Hand! Aber diesem Befehl, wobei der König das Beispiel gab, gehorchten nur Athos und Aramis. Wir sind verraten, sagte der König ganz leise. Wir wollen noch warten, versetzte Athos, vielleicht haben sie die Stimme Ew. Majestät nicht erkannt und harren noch des Befehls ihres Schwadron-Chefs. Haben sie nicht den ihres Obersten gehört? Aber seht! seht! rief der König, sein Pferd so gewaltig herumreißend, daß es sich auf seinen Fußsehnen bog, und zugleich das von Athos am Zaume fassend. Ha, Feiglinge! ha, Elende! ha, Verräter! rief Lord Winter, dessen Stimme man deutlich hörte, während seine Leute Reih' und Glied verließen und sich in der Ebene zerstreuten. Kaum fünfzehn Mann waren um ihn gruppiert und erwarteten den Angriff der Kürassiere Cromwells. Laßt uns mit ihnen sterben, sprach der König. Laßt uns sterben, wiederholten Athos und Aramis. Herbei, ihr treuen Herzen! rief Lord Winter. Seine Stimme drang bis zu den zwei Freunden, die im Galopp hinzueilten. Keine Gnade, rief auf französisch eine Stimme, die Lord Winter antwortete und alle drei erbeben ließ. Lord Winter wurde bei dem Klang dieser Stimme bleich und wie versteinert. Es war die Stimme eines Reiters, der auf einem prachtvollen Rappen an der Spitze eines Regiments angriff, dem er in seinem Eifer zehn Schritte voraneilte. Er ist es! murmelte Lord Winter mit starren Augen und ließ den Säbel an seiner Seite hinabsinken. Der König! der König! riefen mehrere Stimmen, getäuscht durch das blaue Band und das isabellfarbige Pferd des Lords, fangt ihn lebendig! Nein, es ist nicht der König! rief der Reiter, laßt euch nicht täuschen. Nicht wahr, Mylord Winter, Ihr seid nicht der König? Nicht wahr, Ihr seid mein Oheim? Und in demselben Augenblick richtete Mordaunt den Lauf einer Pistole gegen Winter. Der Schuß ging los, die Kugel durchbohrte die Brust des alten Edelmanns, der auf seinem Sattel aufsprang und Athos in die Arme sank. Er murmelte nur noch: Der Rächer! Erinnere dich meiner Mutter! brüllte Mordaunt, während er, vom wütenden Galopp seines Pferdes fortgerissen, vorüberjagte. Elender! schrie Aramis und drückte eine Pistole auf ihn ab, als er ganz nahe an ihm vorüberritt, aber das Zündkraut allein fing Feuer, und der Schuß ging nicht los. In diesem Augenblick fiel das ganze Regiment über die zwei Männer her, die standgehalten hatten, und die Franzosen wurden umzingelt. Nachdem sich Athos überzeugt hatte, daß Lord Winter tot war, ließ er den Leichnam los, zog seinen Degen und rief: Auf, Aramis, für die Ehre Frankreichs! Und die zwei Engländer, die sich zunächst bei den zwei Edelleuten befanden, stürzten tödlich getroffen von den Pferden. In demselben Augenblick erscholl ein furchtbares Hurra, und dreißig Klingen funkelten über ihren Häuptern. Plötzlich stürzt ein Mann mitten aus den englischen Reihen hervor, die er niederwirft, springt auf Athos zu, umschlingt ihn mit seinen nervigen Armen, entreißt ihm sein Schwert und flüstert ihm ins Ohr: Still! ergebt Euch. Wenn Ihr Euch mir ergebt, habt Ihr Euch nicht ergeben. Zu gleicher Zeit hat ein Riese Aramis' Handgelenk ergriffen, der sich vergebens dem furchtbaren Druck zu entziehen sucht. Ergebt Euch! spricht er, ihn fest anschauend. Aramis hebt den Kopf empor; Athos wendet sich um. D'Art ... ruft Athos, dem der Gascogner mit der Hand den Mund verschließt. Ich ergebe mich, sagte Aramis, Porthos sein Schwert reichend. Feuer! Feuer! rief Mordaunt, zu der Gruppe zurückkehrend, bei der die zwei Freunde waren. Und warum Feuer? fragte der Oberst, alles hat sich ergeben. Es ist der Sohn Myladys, sprach Athos zu d'Artagnan. – Ich habe ihn erkannt. – Es ist der Mönch, sagte Porthos zu Aramis. – Ich weiß es. Zu gleicher Zeit fingen die Glieder an, sich zu öffnen. D'Artagnan hielt Athos' Pferd, Porthos Aramis' am Zügel. Jeder suchte seinen Gefangenen vom Schlachtfeld fortzuziehen. Durch diese Bewegung wurde die Stelle sichtbar, wohin der Leichnam Winters gefallen war. Mit dem Instinkt des Hasses hatte Mordaunt den Toten wiedergefunden und betrachtete ihn, über sein Pferd herabgebeugt, mit einem entsetzlichen Lächeln. Athos legte, bei all seiner Ruhe, die Hand an seine Halfter, in denen sich seine Pistolen noch befanden. Was macht Ihr? sprach d'Artagnan. Laßt mich diesen Menschen töten. Keine Gebärde, die vermuten lassen könnte, Ihr kennt ihn, oder wir sind alle vier verloren. Dann sich gegen den jungen Mann umwendend, rief er: Gute Beute, gute Beute! Freund Mordaunt. Herr du Vallon und ich, wir haben jeder unsern Mann, Ritter vom Hosenbandorden, nichts Geringeres. Aber mir scheint, es sind Franzosen! rief Mordaunt und schaute Athos und Aramis mit blutgierigen Augen an. Meiner Treu, ich weiß es nicht. Seid Ihr ein Franzose, mein Herr? fragte er Athos. Ich bin es, antwortete dieser mit ernstem Ton. Wohl, mein lieber Herr, Ihr seid nun der Gefangene eines Landsmannes. Aber der König? sprach Athos ängstlich, der König? Ei, wir haben den König. Ja, sagte Aramis, durch einen schändlichen Verrat. Porthos preßte das Handgelenke seines Freundes gewaltig zusammen und sagte lächelnd zu ihm: Ei, mein Herr, man führt den Krieg ebensowohl durch Geschicklichkeit, als durch Kraft, seht Ihr. Man sah jetzt die Schwadron, die den Rückzug Karls beschützen sollte, den König, der allein zu Fuße in einem großen freien Raume ging, umgeben und dem englischen Regiment entgegenreiten. Der Fürst war scheinbar ruhig, aber man sah wohl, welche Anstrengung es ihn kostete, ruhig zu scheinen; der Schweiß lief ihm über das Gesicht, er trocknete Stirn und Lippen mit einem Tuch ab, das jedesmal mit Blut befleckt von seinem Munde wegkam. Da ist Nebukadnezar, rief einer der Kürassiere Cromwells, ein alter Puritaner, dessen Augen sich beim Anblick des Mannes entflammten, den er den Tyrannen nannte. Was sagt Ihr, Nebukadnezar? sprach Mordaunt mit einem furchtbaren Lächeln. Nein, es ist König Karl I., der gute König Karl, der seinen Untertanen die Haut abzieht, um sie zu gerben. Karl schlug die Augen gegen den Frechen auf, der so sprach; er erkannte ihn nicht, aber die ruhige und religiöse Majestät seines Gesichtes bewirkte, daß Mordaunt seine Blicke senkte. Guten Morgen, meine Herren, sagte der König zu den beiden Edelleuten, die er in d'Artagnans und Porthos' Händen sah. Der Tag war unglücklich, doch das ist, Gott sei Dank, nicht eure Schuld. Wo ist mein alter Winter? Die zwei Edelleute wandten die Köpfe ab und schwiegen. Suche, wo Strafford ist, sprach Mordaunt mit seiner scharfen Stimme. Karl bebte, der Teufel hatte gut getroffen; Strafford war sein ewiger Gewissensbiß, der Schatten seiner Tage, das Gespenst seiner Nächte. Der König schaute um sich und erblickte einen Leichnam zu seinen Füßen; es war Lord Winter. Karl stieß keinen Schrei aus, vergoß keine Träne; aber eine Leichenblässe breitete sich über sein Gesicht; er setzte ein Knie auf die Erde, hob Winters Kopf in die Höhe, küßte ihn auf die Stirn, nahm das Band des Heiligen-Geist-Ordens, das er ihm um den Hals geschlungen hatte, und legte es auf seine Brust. Lord Winter ist also getötet? fragte d'Artagnan, seine Augen auf den Leichnam heftend. Ja, sprach Athos, und zwar von seinem Neffen. Er ist der erste von uns, der dahingeht, murmelte d'Artagnan; er war ein braver Mann, er ruhe im Frieden. Karl Stuart, sprach jetzt der Oberst des englischen Regiments, auf den König zureitend, der die Insignien des Königtums wieder angetan hatte; Ihr ergebt Euch als Gefangener? Oberst Thomlison, sprach Karl, der König ergibt sich nicht; nur der Mensch weicht der Gewalt. Euern Degen. Der König zog seinen Degen und zerbrach ihn auf dem Knie. In diesem Augenblick lief ein Pferd, von Schaum bedeckt, mit flammenden Augen und weit aufgerissenen Nüstern herbei und blieb, als es seinen Herrn erkannte, vor Freude wiehernd, stehen: es war Arthus. Der König lächelte, liebkoste es mit der Hand, schwang sich leicht in den Sattel und rief: Vorwärts, meine Herren, führt mich, wohin Ihr wollt. Dann sich rasch umwendend: Halt, es kam mir vor, als bewege sich Lord Winter; lebt er noch, so verlaßt, bei allem, was euch heilig ist, diesen edlen Mann nicht. Oh! seid unbesorgt, erwiderte Mordaunt, die Kugel hat ihm das Herz durchbohrt. Flüstert kein Wort mehr, macht keine Gebärde, sehet weder mich, noch Porthos an, sagte d'Artagnan zu Athos und Aramis, denn Mylady ist nicht tot ... ihre Seele lebt in dem Körper dieses Teufels! ... Und die Abteilung rückte, ihren königlichen Gefangenen mit sich führend, auf die Stadt zu, aber auf halbem Weg brachte ein Adjutant des Generals Cromwell dem Obersten Thomlison den Befehl, den König nach Holdenby-Castle zu führen. Zu gleicher Zeit gingen Eilboten in allen Richtungen ab, um England und ganz Europa zu verkündigen, daß König Karl Stuart der Gefangene des Generals Oliver Cromwell geworden sei. Oliver Cromwell Kommt ihr zu dem General? sagte Mordaunt zu d'Artagnan und Porthos; ihr wißt, daß er euch nach dem Treffen zu sich beschieden hat. Wir wollen zuerst unsere Gefangene in sichern Gewahrsam bringen, sprach d'Artagnan zu Mordaunt. Glaubt Ihr nicht, daß jeder von diesen Herren wenigstens fünfzehnhundert Pistolen wert ist? Oh! seid unbesorgt, erwiderte Mordaunt und schaute sie mit einem Auge an, dessen Wildheit er vergebens zu bemustern suchte; meine Reiter werden sie bewachen, und zwar wohl bewachen, dafür stehe ich Euch. Ich werde sie noch besser selbst bewachen, versetzte d'Artagnan. Es genügt ja dazu ein gutes Zimmer, mit Schildwachen davor, oder ihr einfaches Wort, daß sie keinen Fluchtversuch machen wollen. Ich bringe die Sache in Ordnung, und wir werden sodann die Ehre haben, uns bei dem General einzufinden und ihn um seine Befehle für Se. Eminenz zu bitten. Ihr gedenkt also bald abzureisen? fragte Mordaunt. Unsere Sendung ist vollbracht, und es hält uns nichts in England zurück, als das Belieben des großen Mannes, zu dem wir abgeschickt worden sind. Mordaunt biß sich in die Lippen, neigte sich an das Ohr des Sergeanten und sagte: Ihr folgt diesen Männern, Ihr verliert sie nicht aus dem Blick, und wenn Ihr wißt, wo sie wohnen, kehrt Ihr zurück und erwartet mich am Stadttor. Der Sergeant deutete durch ein Zeichen seinen Gehorsam an. Statt dem Haufen der Gefangenen zu folgen, die man in die Stadt führte, wandte sich Mordaunt nun nach dem Hügel, von wo aus Cromwell dem Kampf zugeschaut und wo er soeben sein Zelt hatte aufschlagen lassen. Cromwell hatte verboten, irgend jemand bei ihm einzulassen; aber die Schildwache, die Mordaunt als einen der innigsten Vertrauten des Generals kannte, glaubte, das Verbot betreffe den jungen Mann nicht. Mordaunt schob also den Vorhang des Zeltes auf die Seite und sah Cromwell, den Kopf zwischen seinen Händen verborgen, an einem Tische sitzen, und zwar so, daß er dem Eintretenden den Rücken zuwandte. Mochte Cromwell das Geräusch, das Mordaunt durch seinen Eintritt verursachte, gehört haben oder nicht, jedenfalls wandte er sich nicht um. Mordaunt blieb an der Tür stehen. Endlich, nach Verlauf einiger Minuten, erhob Cromwell seine niedergebeugte Stirn und wandte nun, als hätte er instinktartig die Gegenwart eines anderen gefühlt, langsam den Kopf um. Ich hatte Befehl gegeben, mich allein zu lassen, rief er, als er den jungen Mann gewahrte. – Man glaubte, dieses Verbot gehe mich nichts an, erwiderte Mordaunt; wenn Ihr indessen befehlt, so bin ich bereit, mich zu entfernen. – Ah! Ihr seid's, sprach Cromwell, als hätte er durch die Kraft seines Willens den Schleier zerrissen, der seine Augen bedeckte; da Ihr es seid, so ist es gut, bleibt. – Ich bringe Euch meine Glückwünsche. – Eure Glückwünsche! Wozu? – Zu der Gefangennehmung Karl Stuarts. Ihr seid nun der Herr von England. – Ich war es vor zwei Stunden weit mehr, sprach Cromwell. – Wieso, General? – England bedurfte meiner, um den Tyrannen zu fassen; nun ist er gefaßt ... Habt Ihr ihn gesehen? – Ja, Herr. – Wie benimmt er sich? Mordaunt zögerte, aber die Wahrheit schien mit Gewalt über seine Lippen zu treten, und er erwiderte: Ruhig und würdig. – Was hat er gesprochen? – Einige Worte des Abschieds an seine Freunde. – An seine Freunde! murmelte Cromwell, er hat also Freunde? Dann fügte er laut hinzu: Hat er sich verteidigt? – Nein, Herr, er war von allen verlassen, mit Ausnahme von drei oder vier Männern, und konnte sich also unmöglich verteidigen. – Wem hat er seinen Degen übergeben? – Er hat ihn nicht übergeben, er hat ihn zerbrochen. – Daran hat er wohl getan, aber statt ihn zu zerbrechen, hätte er noch besser getan, wenn er ihn nützlicher gebraucht hätte. Es trat einen Augenblick Stillschweigen ein. Der Oberst, der den König ... der Karl geleitete, wurde, wie mir scheint, getötet? fragte Cromwell, Mordaunt fest anschauend. – Ja, Herr. – Von wem? – Von mir. – Wie hieß er? – Lord Winter. – Euer Oheim! rief Cromwell. – Mein Oheim? versetzte Mordaunt; die Verräter Englands gehören nicht zu meiner Familie. Cromwell blieb einen Augenblick nachdenklich, schaute den jungen Mann an und sagte sodann mit tiefer Schwermut: Mordaunt, Ihr seid ein furchtbarer Diener. Wenn der Herr befiehlt, sprach Mordaunt, so läßt sich mit seinen Befehlen nicht feilschen. Abraham hat das Messer über Isaak erhoben, und Isaak war sein Sohn. Ja, entgegnete Cromwell, aber der Herr ließ das Opfer nicht vollbringen. Ich schaute um mich her, sagte Mordaunt, und sah weder Bock noch Zicklein in den Gebüschen der Ebene. Cromwell verbeugte sich und sprach: Ihr seid stark unter den Starken, Mordaunt... Und wie haben sich die Franzosen benommen? – Als Leute von Mut, Herr. – Ja, ja, murmelte Cromwell, die Franzosen schlagen sich, und wenn mein Augenglas gut ist, so habe ich sie wirklich im ersten Gliede gesehen. – Sie waren dort. – Jedoch nach Euch, sagte Cromwell. – Daran sind ihre Pferde schuld und nicht sie selbst. Es trat eine neue Pause ein. Und die Schotten? fragte Cromwell. – Sie haben ihr Wort gehalten und sich nicht gerührt, antwortete Mordaunt. – Die Elenden! murmelte Cromwell. – Ihre Offiziere verlangen Euch zu sehen, Herr. – Ich habe keine Zeit. Hat man sie bezahlt? – In dieser Nacht. – Sie sollen abziehen, in ihre Gebirge zurückkehren und ihre Schmach dort verbergen, wenn ihre Gebirge hoch genug dazu sind. Ich habe nichts mehr mit ihnen, sie haben nichts mehr mit mir zu schaffen. Und nun geht, Mordaunt. – Ehe ich gehe, erwiderte Mordaunt, habe ich noch einige Fragen an Euch zu richten, mein Herr, und eine Bitte an Euch zu tun, mein Meister. – An mich? Mordaunt verbeugte sich. Ich komme zu Euch, mein Held, mein Beschützer, mein Vater, und frage Euch, Meister, seid Ihr mit mir zufrieden? Cromwell schaute ihn erstaunt an. Der junge Mann blieb unempfindlich. Ja, erwiderte Cromwell, Ihr habt, seitdem ich Euch kenne, nicht bloß Eure Pflicht getan, Ihr seid ein treuer Freund, ein geschickter Unterhändler, ein guter Soldat gewesen. – Erinnert Ihr Euch, Herr, daß ich zuerst den Gedanken gehabt habe, mit den Schotten darüber zu unterhandeln, daß sie ihren König verlassen? – Ja, der Gedanke kommt von Euch, das ist wahr; ich ging in der Verachtung der Menschen noch nicht so weit. – Bin ich ein guter Botschafter in Frankreich gewesen? – Ja, Ihr habt von Mazarin erhalten, was ich verlangte. – Habe ich stets eifrig für Euren Ruhm und Eure Interessen gekämpft? – Vielleicht nur allzu eifrig, wie ich Euch soeben erst zum Vorwurf machte. Aber worauf zielt Ihr mit allen diesen Fragen ab? – Ich will Euch damit sagen, daß der Augenblick gekommen ist, wo Ihr mit einem Wort alle meine Dienste belohnen könnt. – Ah! rief Oliver mit einer leichten, verächtlichen Bewegung, es ist wahr, ich vergaß, daß jeder Dienst seine Belohnung verdient, daß Ihr gedient habt und noch nicht belohnt seid. – Mein Herr, ich kann es sogleich sein und zwar über meine Wünsche. – Wie dies? – Ich habe den Preis unter der Hand, ich halte ihn beinahe. – Und worin besteht der Preis? fragte Cromwell. Hat man Euch Gold geboten? Verlangt Ihr einen Grad? Wünscht Ihr eine Statthalterschaft? – Herr, werdet Ihr meine Bitte gewähren? – Wir wollen zuerst sehen, worin sie besteht. – Herr, wenn Ihr mir sagtet: Ihr werdet einen Befehl vollziehen! antwortete ich dann je: Ich will diesen Befehl kennen? – Wenn es jedoch unmöglich wäre. Euren Wunsch zu erfüllen? – Wenn Ihr einen Wunsch hattet und mich mit Erfüllung desselben beauftragtet, erwiderte ich dann je: Es ist unmöglich? – Aber eine mit so vielen Vorbereitungen eingeleitete Bitte ... – Ah! seid unbesorgt, versetzte Mordaunt mit einem düsteren Ausdruck, sie wird Euch nicht ins Verderben stürzen. – Nun wohl, sprach Cromwell, ich verspreche Euch, Eurer Bitte zu willfahren, soweit die Sache in meiner Macht liegt; fordert! – Man hat diesen Morgen zwei Gefangene gemacht, antwortete Mordaunt, ich verlange sie von Euch. – Sie haben also ein bedeutendes Lösegeld angeboten? – Ich halte sie im Gegenteil für arm. – Es sind Freunde von Euch? – Ja, Herr, rief Mordaunt, es sind Freunde von mir, teure Freunde, und ich würde mein Leben für das ihrige geben. – Gut, Mordaunt, sprach Cromwell, der mit einer gewissen freudigen Bewegung wieder eine bessere Meinung von Mordaunt faßte, gut, ich gebe sie Euch, ich will sogar nicht einmal wissen, wer sie sind, macht mit Ihnen, was Ihr wollt. – Ich danke, Herr, rief Mordaunt, ich danke! mein Leben gehört von nun an Euch, und wenn ich es verliere, bin ich immer noch Euer Schuldner, Ihr habt meinen Dienst herrlich bezahlt. Und er warf sich vor Cromwell auf die Knie und küßte ihm die Hand, obschon der puritanische General sich diese beinahe königliche Huldigung nicht gefallen lassen wollte oder sich wenigstens den Anschein gab, als wolle er es nicht. Wie! sagte Cromwell, ihn in dem Augenblick, wo er sich erhob, zurückhaltend, keine andern Belohnungen, kein Gold! keine Beförderung! Ihr habt mir alles gegeben, was Ihr mir geben konntet, Mylord, und von diesem Tage an erkläre ich mich für überreich von Euch belohnt. Und Mordaunt stürzte aus dem Zelte des Generals mit einer Freude, die aus seinem Herzen und aus seinen Augen überströmte. Cromwell folgte ihm mit dem Blicke. Er hat seinen Oheim getötet! murmelte er, ach! was für Diener habe ich doch! Vielleicht hat der, der nichts von mir fordert oder nichts von mir zu fordern scheint, vor Gott mehr von mir verlangt, als die andern, die nach dem Golde des Landes und der Ehre lüstern sind. Niemand dient mir umsonst. Karl, der mein Gefangener ist, hat vielleicht noch Freunde, und ich habe keine. Und er versank seufzend wieder in seine frühere Träumerei. Die Edelleute Während Mordaunt nach dem Zelte Cromwells ging, führten d'Artagnan und Porthos ihre Gefangenen in das Haus, das ihnen von Cromwell als Wohnung in Newcastle angewiesen worden war. Der Befehl, den Mordaunt dem Sergeanten erteilt hatte, war dem Gascogner nicht entgangen, und er hatte deshalb Athos und Aramis mit einem schnellen Blick die strengste Klugheit empfohlen. Aramis und Athos gingen schweigend neben ihren Besiegern, was ihnen nicht schwer wurde, denn jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. War je ein Mensch erstaunt, so war es Mousqueton, als er von der Türschwelle aus die vier Freunde, gefolgt von dem Sergeanten und etwa einem Dutzend Leute, herbeikommen sah. Er rieb sich die Augen, denn er konnte sich nicht entschließen, an die Leibhaftigkeit von Athos und Aramis zu glauben, aber endlich mußte er sich dem unwiderleglichen Beweise der Sinne fügen. Er war auch im Begriff, sich in Ausrufungen Luft zu machen, als ihm Porthos mit einem jener Blicke, die keinen Widerspruch zulassen, Stillschweigen auferlegte. Mousqueton blieb gleichsam an der Tür kleben, er wartete, bis diese seltsame Erscheinung sich aufklären würde; was ihn hauptsächlich störte, war, daß die Freunde aussahen, als ob sie einander gar nicht mehr kannten. Das Haus, in das d'Artagnan und Porthos ihre Gefangenen führten, war das, welches sie seit dem vorhergehenden Tage bewohnten; es bildete die Ecke einer Straße, hatte einen kleinen Garten, und die Ställe gingen nach der andern Straße. Die Fenster des Erdgeschosses waren, wie dies häufig in kleinen Provinzialstädten der Fall ist, vergittert und hatten dadurch große Ähnlichkeit mit denen eines Gefängnisses. Die beiden Freunde ließen die Gefangenen vor sich eintreten und blieben auf der Schwelle stehen, nachdem sie Mousqueton den Befehl gegeben hatten, die vier Pferde in den Stall zu führen. Warum gehen wir nicht mit ihnen hinein? sprach Porthos. Weil wir zuvor sehen müssen, antwortete d'Artagnan, was der Sergeant und die acht oder zehn Mann, die ihn begleiten, wollen. Der Sergeant und die acht bis zehn Mann stellten sich im Garten auf. D'Artagnan fragte sie, was sie wollten und warum sie hier blieben. Wir haben Befehl erhalten, Euch die Gefangenen bewachen zu helfen, erwiderte der Sergeant. Hiergegen ließ sich nichts sagen, es war im Gegenteil eine zarte Aufmerksamkeit, für die man erkenntlich zu sein sich den Anschein geben mußte. D'Artagnan dankte also dem Sergeanten und schenkte ihm eine Krone, um auf die Gesundheit des Generals Cromwell zu trinken. Der Sergeant antwortete, die Puritaner trinken nicht, steckte aber die Krone in seine Tasche. Ah! sprach Porthos, was für ein abscheulicher Tag, mein lieber d'Artagnan. Was sagt Ihr da, Porthos! Ihr nennt den Tag, an dem wir unsere Freunde wiedergefunden haben, einen abscheulichen Tag? Ja, aber unter welchen Umständen? Die Verhältnisse sind allerdings ziemlich schwierig, versetzte d'Artagnan; doch gleichviel, gehen wir zunächst zu ihnen hinein und suchen über unsere Lage völlige Klarheit zu gewinnen! Sie ist sehr verwickelt, sprach Porthos, und ich begreife jetzt, warum mir Aramis so dringend empfohlen hat, diesen furchtbaren Mordaunt zu erwürgen. Still, sprecht diesen Namen nicht aus. Ich spreche doch Französisch, und sie sind Engländer, entgegnete Porthos und ging mit seinem Freunde auf die Tür zu. Porthos trat zuerst ein, d'Artagnan folgte ihm. D'Artagnan schloß die Tür sorgfältig und umarmte die Freunde nacheinander. Athos war von einer tödlichen Traurigkeit befallen. Aramis schaute abwechselnd Porthos und d'Artagnan an, ohne etwas zu sagen; aber sein Blick war so ausdrucksvoll, daß d'Artagnan ihn begriff. Ihr wollt wissen, wie es kommt, daß wir hier sind? Ei! mein Gott, das ist leicht zu erraten. Mazarin hat uns beauftragt, dem General Cromwell einen Brief zu überbringen. Aber wie kommt es, daß Ihr Euch an der Seite dieses Mordaunt befindet, sprach Athos, dieses Mordaunt, von dem ich Euch sagte, Ihr solltet ihm mißtrauen, d'Artagnan? Den ich Euch zu erdrosseln empfahl, Porthos! sagte Aramis. Mazarin ist auch davon die Ursache. Cromwell hat ihn an Mazarin geschickt, Mazarin schickte uns an Cromwell und hieß uns dessen Weisungen folgen. Ja, Ihr habt recht, d'Artagnan, ein Unstern, der uns trennt und ins Verderben stürzt. Sprechen wir also nicht mehr davon, Aramis, und bereiten wir uns darauf vor, dem Schicksal zu erliegen! Gottes Blut! rief d'Artagnan, sprechen wir im Gegenteil davon, denn es ist ein für allemal abgemacht, daß wir immer zusammenhalten, wenn wir auch einer entgegengesetzten Sache dienen. Ja, einer sehr entgegengesetzten! sprach Athos lächelnd, denn ich frage Euch: Welcher Sache dient Ihr hier? Ach, d'Artagnan, seht, wozu Euch dieser elende Mazarin verwendet. Wißt Ihr, welches Verbrechens Ihr Euch heute schuldig gemacht habt? Der Gefangennehmung des Königs, seiner Schmach, seines Todes. Oh! oh! versetzte Porthos, glaubt Ihr? Ihr übertreibt, Athos, sprach d'Artagnan, wir sind noch nicht so weit. Ei, mein Gott, wir sind im Gegenteil so weit. Warum nimmt man einen König gefangen? Wenn man die Absicht hat, ihn als Herrn zu achten, erkauft man ihn nicht wie einen Sklaven. Glaubt Ihr, daß ihn Cromwell mit zweimalhunderttaufend Pfund Sterling bezahlt hat, um ihn wieder auf den Thron zu setzen? Freunde, seid überzeugt, sie werden ihn töten, und das ist noch das geringste Verbrechen, das sie begehen können. Es ist besser, einen König enthaupten, als ihn beschimpfen. Ich widerspreche Euch nicht, und es mag schließlich wohl sein, wie Ihr sagt, sagte d'Artagnan; aber was geht das uns an? Ich bin hier, weil ich Soldat bin, weil ich meinen Herren diene, das heißt denen, die mir meinen Sold bezahlen. Ich habe den Eid des Gehorsams geleistet und gehorche. Aber ihr, die ihr keine Eide geleistet habt, warum seid ihr hier, und welcher Sache dient Ihr? Der heiligsten Sache, die es auf der Welt gibt, erwiderte Athos, der Sache des Unglücks, des Königtums, der Religion. Ein Freund, eine Gattin, eine Tochter haben uns die Ehre erwiesen, uns zu Hilfe zu rufen. Wir haben ihnen nach unsern schwachen Mitteln gedient, und Gott wird uns in Ermangelung der Kraft den guten Willen anrechnen. Ihr könnt anders denken, d'Artagnan, Ihr könnt die Sache anders ansehen, Freund, ich will Euch nicht davon abbringen, aber ich tadle Euch! Oh! oh! sprach d'Artagnan, was geht es mich am Ende an, wenn Cromwell, der ein Engländer ist, sich gegen seinen König, einen Schotten, empört? Ich bin Franzose, alle diese Dinge berühren mich nicht; warum wolltet Ihr mich also dafür verantwortlich machen? Darum, sagte Athos, weil alle Edelleute Brüder sind, weil Ihr ein Edelmann seid, weil die Könige aller Länder die ersten unter den Edelleuten sind, weil der blinde, undankbare, alberne Pöbel immer ein Vergnügen daran findet, das Erhabene zu erniedrigen; ... und Ihr, d'Artagnan, der Mann der alten Ritterlichkeit, der Mann mit dem schönen Namen, der Mann mit dem guten Schwerte, Ihr habt dazu beigetragen, einen König an Bierbrauer, Schneider und Kärrner auszuliefern. Ah! d'Artagnan, als Soldat habt Ihr vielleicht Eure Pflicht getan, aber als Edelmann habt Ihr Euch mit einer Schuld befleckt, das sage ich Euch. D'Artagnan kaute an einem Blumenstengel, antwortete nicht und fühlte sich unbehaglich, denn als er seinen Blick von Athos abwandte, begegnete er Aramis' Blick. Und Ihr, Porthos, fuhr der Graf fort, als hätte er Mitleid mit der Verlegenheit d'Artagnans, Ihr, das beste Herz, der beste Freund, der beste Soldat, den ich kenne, Ihr, der vermöge seines Gemüts würdig wäre, auf den Stufen eines Thrones geboren zu sein, und dem ein einsichtsvoller König früher oder später seinen Lohn erteilen wird, Ihr, mein lieber Porthos, ein Edelmann durch Sitten, Neigung und Mut, Ihr seid ebenso schuldig, als d'Artagnan. Porthos errötete mehr aus Vergnügen, als aus Scham, senkte aber doch den Kopf, als wäre er sehr gedemütigt. Ja, ja, sagte er, ich glaube, Ihr habt recht, mein lieber Graf. Athos erhob sich. Hört, sprach er, auf d'Artagnan zugehend und ihm die Hand reichend, schmollt nicht, mein teurer Sohn, denn alles, was ich Euch gesagt, habe ich, wenn nicht mit dem Tone, doch mit dem Herzen eines Vaters gesagt. Glaubt mir, es wäre mir leichter geworden, Euch dafür zu danken, daß Ihr mir das Leben gerettet habt, und kein Wort von meinen Gefühlen zu sprechen. Gewiß, gewiß, Athos, erwiderte d'Artagnan, ihm ebenfalls die Hand drückend, Ihr habt aber auch ganz verdammte Ideen, die nicht jedermann haben kann. Wer kann sich denken, daß ein vernünftiger Mensch sein Haus, Frankreich, sein Mündel, einen allerliebsten jungen Burschen, verlassen könne – um wohin zu eilen? einem verfaulten, wurmstichigen Königtum zu Hilfe, das eines Morgens wie eine alte Baracke zusammenstürzen wird. Das Gefühl, von dem Ihr sprecht, ist allerdings schön, so schön, daß es übermenschlich erscheint. Wie dem sein mag, erwiderte Athos, ohne in die Falle zu gehen, die d'Artagnan mit seiner gascognischen Geschicklichkeit seiner väterlichen Liebe für Raoul stellte, wie dem sein mag, Ihr wißt, daß dieses Gefühl richtig ist; aber ich habe unrecht, mit meinem Herrn zu streiten ... d'Artagnan, ich bin Euer Gefangener, behandelt mich als solchen. Ah, bei Gott! versetzte d'Artagnan, Ihr wißt wohl, daß Ihr nicht lange mein Gefangener sein werdet. Nein, sagte Aramis, denn man wird uns ohne Zweifel behandeln, wie die, welche man in Philipphaus gefangen genommen hat. Wie hat man diese behandelt? fragte d'Artagnan. Man hat die eine Hälfte gehängt und die andere erschossen, erwiderte Aramis. Wohl, ich stehe euch dafür, daß ihr, solange ein Tropfen Blut in meinen Adern ist, weder gehängt noch erschossen werden sollt, sprach d'Artagnan. Gottes Blut! Sie mögen kommen! Überdies, seht Ihr diese Türe, Athos? Nun? Ihr geht durch diese Tür, wann Ihr wollt, denn von diesem Augenblick an seid Ihr und Aramis frei wie die Luft. Daran erkenne ich Euch, mein braver d'Artagnan, erwiderte Athos, aber Ihr seid nicht mehr unser Herr, diese Tür wird bewacht, Ihr wißt es wohl, d'Artagnan. Gut, ihr sprengt sie, sagte Porthos. Was ist dabei? Höchstens zehn Mann. Das wäre nichts für uns vier, es ist aber zu viel für zwei. Nein, seht, geteilt wie wir jetzt sind, müssen wir untergehen. Erinnert Euch des unseligen Beispiels: auf der Straße wurdet Ihr, d'Artagnan, der Brave, und Ihr, Porthos, der Mutige, Starke, geschlagen. Heute sind wir's, die Reihe ist an mir und Aramis. Nie aber ist uns dies begegnet, wenn wir alle vier vereint waren. Sterben wir also, wie Lord Winter gestorben ist; ich meinerseits erkläre, daß ich in eine Flucht nur dann einwillige, wenn wir alle vier miteinander fliehen. Unmöglich, sprach d'Artagnan, wir stehen unter Mazarins Befehl. Ich weiß es und dringe nicht weiter in Euch; meine Beweisgründe haben nichts gefruchtet, ohne Zweifel waren sie schlecht, da sie auf so verständige Leute, wie Ihr seid, keine Wirkung hervorbrachten. Hätten sie auch eine Wirkung hervorgebracht, versetzte Aramis, so tun wir doch am besten, wenn wir zwei so vortreffliche Freunde, wie d'Artagnan und Porthos, nicht bloßstellen. Seid unbesorgt, meine Herren, wir werden euch sterbend Ehre machen. Ich meinesteils fühle mich ganz stolz, in Eurer Gesellschaft, Athos, den Kugeln und sogar dem Strang entgegenzusehen, denn Ihr seid mir nie so groß erschienen, wie heute. D'Artagnan sagte nichts, aber nachdem er den Stengel seiner Blume zerkaut hatte, kaute er an den Nägeln. Ihr denkt, man werde euch töten, sprach er endlich. Warum dies? Wer hat ein Interesse bei eurem Tode? Überdies seid ihr unsere Gefangenen. Tor, dreifacher Tor! entgegnete Aramis, kennst du Mordaunt nicht? Ich habe nur einen Blick mit ihm gewechselt, und in diesem Blicke las ich, daß wir verurteilt sind. Es tut mir in der Tat leid, daß ich ihn nicht erwürgte, wie Ihr es haben wolltet, Aramis, versetzte Porthos. Ei, ich kümmere mich den Henker um Mordaunt, rief d'Artagnan; Gottes Blut! Kitzelt mich dieses Insekt zu sehr, so zertrete ich es. Flüchtet euch also nicht, es ist unnötig, denn ich schwöre euch, ihr seid hier ebenso sicher, als ihr es vor zwanzig Jahren, Ihr, Athos, in der Rue Ferou, und Ihr, Aramis, in der Rue Vaugirard wäret. Halt! sprach Athos, seine Hand nach einem der vergitterten Fenster ausstreckend, die das Zimmer erhellten, Ihr werdet sogleich erfahren, woran Ihr Euch zu halten habt, denn er eilt eben herbei. Wer? Mordaunt. Der Richtung folgend, die Athos' Hand andeutete, sah d'Artagnan jetzt einen Reiter im Galopp herbeisprengen. Er war in der Tat Mordaunt. D'Artagnan stürzte aus dem Zimmer. Porthos wollte folgen. Bleibt, sagte d'Artagnan, und kommt erst, wenn Ihr mit den Fingern an der Tür trommeln hört. Herr Jesus! Als Mordaunt vor das Haus kam, sah er d'Artagnan auf der Schwelle und die Soldaten mit ihren Waffen auf dem Rasen des Gartens herumliegend. Holla! rief er mit einer infolge seines scharfen Rittes gepreßten Stimme, sind die Gefangenen noch da? Ja, Herr, sagte der Sergeant, und er sowohl, als seine Leute erhoben sich rasch und fuhren lebhaft mit der Hand an den Hut. Gut. Vier Mann haben sie in Empfang zu nehmen und sogleich in meine Wohnung zu führen. Vier Mann machten sich bereit. Was beliebt? sagte d'Artagnan mit der spöttischen Miene, die ihm so häufig eigen war. Was gibt es, wenn ich bitten darf? Mein Herr, antwortete Mordaunt, ich habe vier Soldaten den Befehl erteilt, die Gefangenen, die Ihr diesen Morgen gemacht habt, zu übernehmen und in meine Wohnung zu führen. Und warum das? fragte d'Artagnan. Verzeiht meine Neugierde, aber Ihr begreift, daß mich dieser Gegenstand einigermaßen berührt. Weil die Gefangenen jetzt mein sind, antwortete Mordaunt hochmütig, und weil ich nach meinem Gefallen über sie verfüge. Erlaubt, erlaubt, mein junger Herr, entgegnete d'Artagnan, Ihr seid im Irrtum, wie mir scheint. Die Gefangenen gehören gewöhnlich denen, die sich ihrer bemächtigt haben, und nicht denen, die ihrer Festnehmung zusehen; Ihr konntet Mylord Winter gefangen nehmen, der, wie die Leute sagen, Euer Oheim war, Ihr zogt es vor, ihn zu töten, das ist Eure Sache; Herr du Vallon und ich konnten diese zwei Edelleute auch töten, wir zogen es vor, sie gefangen zu nehmen: jeder nach seinem Geschmack. Mordaunts Lippen wurden weiß. D'Artagnan begriff, daß die Sache bald eine schlimme Wendung nehmen würde, und fing an, den Gardenmarsch an der Tür zu trommeln. Beim ersten Takt kam Porthos heraus und stellte sich auf die andere Seite der Tür, deren Öffnung er mit seiner riesenhaften Gestalt voll ausfüllte. Dieses Manöver entging Mordaunt nicht. Mein Herr, sagte er mit hervorbrechendem Zorn, Ihr werdet vergeblich Widerstand leisten; diese Gefangenen sind mir soeben von meinem erhabenen Gebieter, dem Obergeneral Herrn Oliver Cromwell, geschenkt worden. Diese Worte waren ein Donnerschlag für d'Artagnan. Das Blut stieg ihm in den Kopf, eine Wolke zog vor seinen Augen hin, er begriff, welche furchtbare Hoffnung den jungen Menschen beseelte, und seine Hand fuhr mit einer instinktartigen Bewegung nach dem Griff seines Degens. Porthos schaute d'Artagnan an, um zu erfahren, was er tun sollte, und um sein eigenes Benehmen nach dem seines Freundes einzurichten. D'Artagnan wurde durch Porthos' Blick mehr beunruhigt als beruhigt, und er fing an, sich Vorwürfe zu machen, daß er die rohe Kraft seines Freundes bei einer Angelegenheit zu Hilfe gerufen hatte, die hauptsächlich der List bedurfte. Gewalttätigkeit, sagte er zu sich selbst, würde uns alle zu Grunde richten; d'Artagnan, mein Freund, beweise dieser jungen Schlange, daß du nicht nur stärker, sondern auch feiner bist, als sie. Ah! sprach er mit einer tiefen Verbeugung, warum sagtet Ihr das nicht gleich im Anfang, Herr Mordaunt? Wie, Ihr kommt von Herrn Oliver Cromwell, dem berühmtesten Feldherrn unserer Zeit? . Ich verließ ihn soeben, erwiderte Mordaunt, indem er abstieg und sein Pferd einem Soldaten zu halten gab. Warum sagtet Ihr dies nicht sogleich, mein lieber Herr? fuhr d'Artagnan fort; ganz England gehört Herrn Cromwell, und da Ihr meine Gefangenen in seinem Namen von mir fordert, so verbeuge ich mich, mein Herr, sie sind Euer, nehmt sie. Mordaunt rückte strahlend vor, während Porthos ganz verblüfft d'Artagnan anschaute und den Mund öffnete, um zu sprechen. D'Artagnan trat Porthos auf den Fuß, und dieser begriff, daß sein Freund ein Spiel trieb. Mordaunt setzte seinen Fuß auf die erste Stufe der Tür und schickte sich, den Hut in der Hand, an, zwischen den zwei Freunden hineinzugehen, wobei er seinen vier Soldaten durch ein Zeichen Befehl gab, ihm zu folgen. Um Vergebung, sprach d'Artagnan mit dem freundlichsten Lächeln und dem jungen Manne die Hand auf die Schulter legend, wenn der erhabene General Oliver Cromwell über unsere Gefangenen zu Euern Gunsten verfügt hat, so hat er Euch wohl auch eine schriftliche Bestätigung überlassen? Der junge Mann blieb erstaunt stehen. Er hat Euch irgend ein Schreiben für mich, einen Fetzen Papier, gegeben, worin bezeugt ist, daß Ihr in seinem Namen kommt? Habt die Güte, mir dieses Papier zu geben, damit ich wenigstens einen Vorwand habe, die Abtretung meiner Landsleute zu rechtfertigen. Ihr begreift, daß es sonst einen üblen Eindruck machen würde, obgleich ich überzeugt bin, daß General Oliver Cromwell nichts Böses gegen sie im Sinne hat. Mordaunt wich zurück und schleuderte, den Streich fühlend, d'Artagnan einen furchtbaren Blick zu; aber dieser schaute den Puritaner mit dem liebenswürdigsten und freundlichsten Ausdruck an, der sich je über sein Gesicht verbreitet hatte. Wenn ich Euch etwas sage, mein Herr, sprach Mordaunt, wollt Ihr mir die Beleidigung antun, daran zu zweifeln? Ich! rief d'Artagnan, ich sollte an Eurer Aussage zweifeln! Gott soll mich bewahren, mein lieber Herr Mordaunt; ich halte Euch im Gegenteil für einen würdigen und vollkommenen Edelmann, was ich aus allem ersehe; doch, soll ich offen mit Euch sprechen, Herr? fuhr d'Artagnan mit seiner treuherzigsten Miene fort. Sprecht. Herr du Vallon hier ist reich, er hat vierzigtausend Livres Renten, und es liegt ihm folglich nichts am Gelde; ich spreche also nicht für ihn, sondern für mich. Weiter, mein Herr. Nun, ich bin nicht reich; in der Gascogne ist dies keine Schande, mein Herr; niemand ist es dort, und Heinrich IV. glorreichen Andenkens, der König der Gascogner war, wie Seine Majestät Philipp IV. der König von Spanien ist, hatte nie einen Sou in seiner Tasche. Kommt zu Ende, Herr, erwiderte Mordaunt, ich sehe, worauf Ihr abzielt, und wenn Euch das, was ich glaube, zurückhält, so läßt sich die Schwierigkeit heben. Ah! ich wußte wohl, daß Ihr ein Mann von Geist seid, sagte d'Artagnan. Wohl, das ist die Sache, hier drückt mich der Sattel, wie wir zu sagen pflegen. Ich bin ein Söldner und nichts weiter. Ich habe nichts, als was mir mein Degen einträgt, das heißt, mehr Schläge als Banknoten. Als ich nun diesen Morgen zwei Franzosen, die mir von hoher Geburt zu sein schienen, zwei Ritter vom Hosenbandorden, gefangen nahm, sagte ich mir: Mein Glück ist gemacht. Ich sage zwei, weil Herr du Vallon, da er reich ist, in einem solchen Fall mir stets seine Gefangenen abtritt. Gänzlich getäuscht durch die gutmütige Geschwätzigkeit d'Artagnans, lächelte Mordaunt wie ein Mensch, der die Gründe, die man ihm angibt, sehr wohl begreift, und antwortete höflich: Sogleich wird der Befehl unterzeichnet sein, und mit dem Befehl erhaltet Ihr zweitausend Pistolen, aber mittlerweile, mein Herr, laßt mich diese Menschen wegführen. Nein, sagte d'Artagnan; was kann Euch an einer Verzögerung von einer halben Stunde liegen? Ich bin ein Mann von Ordnung, mein Herr, und wir wollen die Sache ganz der Ordnung gemäß abmachen. Mein Herr, ich könnte Euch zwingen, versetzte Mordaunt, denn ich befehlige hier. Ah! mein Herr, sprach d'Artagnan höflich lächelnd, ich sehe, daß Ihr uns nicht kennt, obgleich Herr du Vallon und ich in Eurer Gesellschaft zu reisen die Ehre gehabt haben. Wir sind Edelleute, wir sind Franzosen, wir zwei sind im stande, Euch samt Euern acht Mann zu töten. Bei Gott! Herr Mordaunt, spielt nicht den Hartnäckigen, denn wenn man halsstarrig ist, bin ich es auch, und dann überkommt mich eine wilde Widerspenstigkeit, und dieser Herr hier ist in einem solchen Fall noch viel halsstarriger, noch viel wilder, als ich; abgesehen davon, daß wir von dem Herrn Kardinal Mazarin abgesandt sind, der die Stelle des Königs von Frankreich vertritt, woraus folgt, daß wir die Stelle des Königs und des Kardinals vertreten, daher auch in unserer Eigenschaft als Botschafter unverletzlich sind, was Herr Cromwell, der ohne Zweifel ein ebenso guter Politiker als ein großer General ist, gar wohl begreifen muß. Verlangt also den geschriebenen Befehl von ihm. Das ist doch kein großes Opfer von Euch, mein lieber Herr Mordaunt? Ja, den geschriebenen Befehl, sagte Porthos, der d'Artagnans Absicht zu begreifen anfing; man fordert nichts anders von Euch. So gern Mordaunt auch Gewalt gebraucht hätte, so war er doch der Mann, der die Gründe d'Artagnans zu würdigen und als triftig zu erkennen wußte. Er überlegte, und da ihm die freundschaftlichen Verhältnisse zwischen den vier Franzosen durchaus unbekannt waren, so verschwand seine ganze Unruhe vor dem äußerst glaubwürdigen Beweggrund eines Lösegeldes. Er beschloß daher, nicht nur den Befehl, sondern auch die zweitausend Pistolen zu holen, ein Preis, zu dem er die Gefangenen selbst angeschlagen hatte. Mordaunt stieg wieder zu Pferde, und nachdem er dem Sergeanten gute Bewachung empfohlen hatte, wandte er um und verschwand. Wohl, sagte d'Artagnan, eine Viertelstunde, um bis zum Zelt zu reiten, eine Viertelstunde um zurückzukehren, das ist mehr, als wir brauchen. Dann ging er, ohne daß sein Gesicht die geringste Veränderung ausdrückte, so daß, wer ihn beobachtete, hätte glauben müssen, er setze das vorhergehende Gespräch fort, zu Porthos zurück, schaute dem Riesen ins Gesicht und sagte zu ihm: Porthos, hört wohl: vor allem kein Wort zu unseren Freunden von dem, was Ihr vernommen habt; es ist unnötig, daß sie erfahren, welchen Dienst wir ihnen leisten. Gut, sprach Porthos, ich begreife. Geht in den Stall, Ihr findet dort Mousqueton; Ihr laßt die Pferde satteln, steckt die Pistolen in die Halfter, laßt die Tiere in die Straße hinabführen, daß man nur aufsteigen darf, das übrige ist meine Sache. Porthos machte nicht die geringste Bemerkung, sondern gehorchte mit dem großartigen Vertrauen, das er stets zu seinem Freunde hatte. Ich gehe, erwiderte er, nur sagt mir, ob ich in das Zimmer zurückkehren soll, wo diese Herren sich aufhalten? Nein, das ist unnötig. Wohl, so habt die Güte, meine Börse mitzunehmen, die ich auf dem Kamin liegen ließ. Seid unbesorgt. Porthos ging mit seinem ruhigen, gelassenen Wesen in den Stall und schritt mitten durch die Soldaten, die, obgleich er ein Franzose war, seiner hohen Gestalt und seinen kräftigen Gliedmaßen ihre Bewunderung nicht versagen konnten. An der Straßenecke traf er Mousqueton, den er mit sich nahm. D'Artagnan kehrte sodann, das Liedchen weiter pfeifend, das er vorher angefangen hatte, ins Haus zurück. Mein lieber Athos, sprach er, ich habe über Euere Bemerkungen nachgedacht, und sie haben mich überzeugt; ich bedaure, daß ich an dieser ganzen Sache teilgenommen habe; Mazarin ist, wie Ihr sagt, ein Knauser. Ich bin also entschlossen, mit Euch zu fliehen. Es bedarf keiner Überlegung mehr, haltet Euch bereit. Eure zwei Degen sind in der Ecke, vergeßt sie nicht, sie sind ein Werkzeug, das unter Umständen, wie die unsrigen, sehr nützlich sein kann. Doch das erinnert mich an Porthos Börse; gut, hier ist sie. Und d'Artagnan steckte die Börse in seine Tasche. Die zwei Freunde sahen ihm erstaunt zu. Nun, ich frage euch, was ist hierbei zu staunen? sprach d'Artagnan. Ich war blind, Athos hat mir die Augen geöffnet, das ist das Ganze; kommt. Die zwei Freunde näherten sich. Seht ihr jene Straße? sagte d'Artagnan; dort werden die Pferde sein; ihr geht durch die Tür hinaus, ihr wendet euch links, schwingt euch in den Sattel, und alles ist abgemacht; kümmert euch um gar nichts, als daß ihr wohl auf das Signal achtet. Das Signal ist, daß ich: Herr Jesus! schreie. Aber Ihr, kommt Ihr auch, bei Eurem Wort, d'Artagnan? sprach Athos. Ich schwöre es, bei Gott. Einverstanden, rief Aramis. Bei dem Rufe: Herr Jesus! gehen wir hinaus, werfen alles nieder, was sich uns in den Weg stellt, laufen nach unsern Pferden, schwingen uns in den Sattel und stechen zu; meint Ihr es so? Vortrefflich. Seht, Aramis, sprach Athos, ich sage Euch immer, d'Artagnan ist der Beste von uns. Gut! versetzte d'Artagnan, Komplimente! Ich mache mich aus dem Staub, Gott befohlen! Und Ihr flieht mit uns, nicht wahr? Ganz gewiß. Vergeßt das Signal nicht: Herr Jesus! Und er ging mit demselben Schritt hinaus, mit dem er hereingekommen war, und fing die Melodie wieder da zu pfeifen an, wo er sie bei seinem Eintritt unterbrochen hatte. Die Soldaten spielten oder schliefen, zwei sangen nach einer kläglichen Melodie in einem Winkel den Psalm: Super flumina Babylonis . D'Artagnan rief den Sergeanten. Mein lieber Herr, sagte er zu ihm, der General Cromwell hat mich durch Herrn Mordaunt rufen lassen; ich bitte, bewacht die Gefangenen gut. Der Sergeant gab durch Zeichen zu verstehen, er könne nicht Französisch. Dann suchte d'Artagnan seine Absicht durch Gebärden begreiflich zu machen. Der Sergeant erwiderte, es sei gut. D'Artagnan ging in den Stall hinab; er fand die fünf Pferde gesattelt, das seinige wie die andern. Nehmt jeder ein Pferd an die Hand, sagte er zu Porthos und Mousqueton, wendet euch links, damit Athos und Aramis euch von ihrem Fenster aus sehen. – Sie werden also kommen? sagte Porthos. – In einem Augenblick. – Ihr habt meine Börse nicht vergessen? – Nein, seid unbesorgt. – Gut. Porthos und Mousqueton begaben sich, jeder ein Pferd an der Hand führend, aus ihren Posten. Als d'Artagnan allein war, schlug er Feuer, zündete ein Stück Schwamm, zweimal so groß als eine Linse an, stieg zu Pferde und hielt sodann mitten unter den Soldaten der Tür gegenüber. Hier steckte er dem Tiere, während er es zugleich streichelte, den brennenden Schwamm ins Ohr. Man mußte ein so guter Reiter sein, wie d'Artagnan, um ein solches Mittel zu wagen, denn kaum fühlte das Pferd den brennenden Zunder, als es einen Schrei des Schmerzes ausstieß, sich bäumte und aussprang, als ob es toll würde. Die Soldaten, die es niederzutreten drohte, wichen hastig zurück. Herbei! zu Hilfe! rief d'Artagnan, haltet mein Pferd, es hat den Schwindel! In einem Augenblick schien ihm wirklich das Blut aus den Augen zu treten, und es wurde weiß vor Schaum. Zu Hilfe! rief d'Artagnan beständig, ohne daß die Soldaten ihm Beistand zu leisten wagten. Zu Hilfe! wollt Ihr mich denn umkommen lassen? Herr Jesus! Kaum hatte d'Artagnan dieses Wort ausgerufen, als die Tür sich öffnete, und Athos und Aramis mit dem Degen in der Faust herausstürzten. Aber durch d'Artagnans List war der Weg frei geworden. Die Gefangenen flüchten sich! die Gefangenen flüchten sich! rief der Sergeant. Aufgehalten! schrie d'Artagnan und ließ seinem Pferd, das, mehrere Soldaten niederwerfend, fortjagte, die Zügel schießen. Stop stop! riefen die Soldaten, nach ihren Waffen laufend. Aber die Gefangenen saßen schon im Sattel, und einmal im Sattel, verloren sie keine Zeit und eilten nach dem nächsten Tore. Mitten auf der Straße gewahrten sie Grimaud und Blaisois, die herbeikamen, um ihre Herren zu suchen. Mit einem Zeichen machte Athos Grimaud alles begreiflich, und dieser folgte der kleinen Truppe, die wie ein Wirbelwind hinstürmte und durch die Zurufe d'Artagnans, der von hinten hinzukam, noch angefeuert wurde. Sie flogen wie Schatten durch das Tor, ohne daß die Wächter nur daran dachten, sie aufzuhalten, und befanden sich bald im freien Felde. Während dieser Zeit schrieen die Soldaten beständig: Stop, stop! und der Sergeant, der allmählich begriff, daß er sich durch eine List hatte hintergehen lassen, raufte sich die Haare aus. Bald sah man einen Reiter mit einem Papier in der Hand herbeikommen. Es war Mordaunt mit dem Befehle. Die Gefangenen! rief er, von seinem Pferde springend. Der Sergeant hatte nicht die Kraft zu antworten; er deutete auf die offenstehende Tür und das leere Innere. Mordaunt stürzte nach der Treppe, begriff alles, stieß einen Schrei aus, als ob man ihm die Eingeweide aus dem Leibe risse, und fiel ohnmächtig zu Boden. Echter Mut und ein guter Magen versagen nie Die kleine Truppe eilte, ohne ein Wort zu wechseln, ohne rückwärts zu schauen, im Galopp fort, durchwatete einen kleinen Fluß, dessen Namen niemand wußte, und ließ zu ihrer Linken eine Stadt, von der Athos behauptete, es sei Durham. Endlich erblickte man ein Gehölz und gab den Pferden, sie in dieser Richtung lenkend, zum letztenmal die Sporen. Sobald sie hinter einem grünen Vorhang verschwunden waren, der sie den Blicken etwaiger Verfolger genugsam entzog, hielten sie an, um zu beratschlagen; man übergab die Pferde zwei Lakaien, um sie weder ausgezäumt noch abgesattelt verschnaufen zu lassen, und stellte Grimaud als Wache aus. Vor allen Dingen laßt Euch umarmen, sprach Athos zu d'Artagnan, denn Ihr seid unser Retter und der wahre Held unter uns. Athos hat recht, und ich bewundere Euch, sagte Aramis, ihn ebenfalls in seine Arme schließend; welches Ziel würdet Ihr nicht bei einem verständigen Herrn erreichen mit Eurem unfehlbaren Auge, Eurem stählernen Arm, Eurem siegreichen Geist! Jetzt geht alles gut, sagte der Gascogner, ich nehme alles, Umarmungen und Danksagungen, für mich und Porthos an; wir haben ja Zeit zu verlieren ... geht! geht! Von d'Artagnan darauf aufmerksam gemacht, was sie auch Porthos zu verdanken hatten, drückten die zwei Freunde diesem ebenfalls die Hand. Nun handelt es sich darum, nicht auf den Zufall und wie Wahnsinnige umherzulaufen, sondern vielmehr einen Plan festzustellen, sprach Athos. Was wollen wir tun? Was wir tun wollen? Bei Gott! das ist nicht schwer zu sagen. Sprecht Ihr also, d'Artagnan! Wir wollen den nächsten Seehafen zu erreichen suchen, alle unsere Mittel zusammen tun, ein Schiff mieten und nach Frankreich steuern. Ich für meine Person werde meinen letzten Sou dafür verwenden. Der erste Schatz ist das Leben, und das unsere hängt offenbar nur an einem Faden. Was sagt Ihr dazu, du Vallon? fragte Athos. Ich, erwiderte Porthos, ich bin vollkommen der Meinung d'Artagnans, dieses England ist ein abscheuliches Land. Ihr seid also fest entschlossen, es zu verlassen? fragte Athos d'Artagnan. Gottes Blut! erwiderte dieser, ich sehe nicht ein, was mich zurückhalten sollte! Athos wechselte einen Blick mit Aramis. Geht also, meine Freunde, sagte er seufzend. – Wie, geht! sprach d'Artagnan? gehen wir, scheint es mir. – Nein, mein Freund, versetzte Athos; Ihr müßt uns verlassen. – Euch verlassen! sagte d'Artagnan, ganz betrübt über diese unerwartete Kunde. – Bah! rief Porthos, warum denn einander verlassen, da wir beisammen sind? – Weil Eure Sendung erfüllt ist, und weil ihr nach Frankreich zurückkehren könnt und sogar müßt; aber die unsere ist noch nicht erfüllt. – Eure Sendung ist noch nicht erfüllt? sprach d'Artagnan und schaute Athos voll Verwunderung an. – Nein, mein Freund, antwortete Athos mit seiner zugleich so sanften und so festen Stimme. Wir sind hierher gekommen, um den König Karl zu verteidigen, wir haben ihn schlecht verteidigt, und es bleibt uns noch die Aufgabe, ihn zu retten. – Den König retten! rief d'Artagnan und schaute Aramis an, wie er Athos angeschaut hatte. Aramis beschränkte sich darauf, ein Zeichen mit dem Kopfe zu machen. D'Artagnans Gesicht nahm einen Ausdruck tiefen Mitleids an; er glaubte, er habe es am Ende mit zwei Wahnsinnigen zu tun. Das kann nicht Euer Ernst sein, Athos, sagte er; der König befindet sich in der Mitte eines Heeres, das ihn nach London führt. Dieses Heer wird von einem Fleischer oder von einem Fleischerssohne, was ungefähr auf eins herauskommt, von dem Obersten Harrison, befehligt. Dem König wird bei seiner Ankunft in London der Prozeß gemacht, dafür stehe ich Euch, ich habe hierüber genug aus dem Munde Cromwells gehört, um zu wissen, was man erwarten muß. Athos und Aramis wechselten einen zweiten Blick. Ist sein Prozeß gemacht, so wird das Urteil ungesäumt vollzogen werden, fuhr d'Artagnan fort. Oh, die Herren Puritaner sind Leute, die ihre Geschäfte rasch besorgen. – Und zu welcher Strafe glaubt Ihr, daß man den König verurteilen wird? fragte Athos. – Ich fürchte, zur Todesstrafe; sie haben zu viel gegen ihn getan, um ihm zu vergeben, und besitzen nur noch ein einziges Mittel ... nämlich ihn zu töten. Kennt Ihr die Äußerung Cromwells nicht, als er nach Paris kam und man ihm den Kerker von Vincennes zeigte, wo Herr von Vendome eingesperrt war? – Wie lautet diese Äußerung? – Man muß die Fürsten nur beim Kopfe berühren. – Ich kannte sie, sagte Athos. – Und Ihr glaubt, er werde seine Maxime jetzt, da er den König in Händen hat, nicht in Ausführung bringen? – Allerdings, ich bin sogar fest davon überzeugt; aber das ist ein Grund mehr, das bedrohte erhabene Haupt nicht zu verlassen. – Athos, Ihr werdet verrückt. – Nein, mein Freund, antwortete der Graf in sanftem Tone, aber Lord Winter hat uns in Frankreich aufgesucht und zur Königin Henriette geführt. Ihre Majestät hat Herrn d'Herblay und mir die Ehre erwiesen, uns um unsere Unterstützung für ihren Gemahl zu bitten; wir haben ihr unser Wort verpfändet; unser Wort enthielt alles ... wir verpfändeten ihr damit unsere Kraft, unsern Verstand, unser Wissen, unser Leben; wir müssen unser Wort halten. Ist das Eure Meinung, d'Herblay? – Ja, sprach Aramis, wir haben es versprochen. – Dann haben wir noch einen andern Grund, fuhr Athos fort; hört: in Frankreich geht es gegenwärtig gar zu armselig und lumpig zu. Wir haben einen zehnjährigen König, der noch nicht weiß, was er will; wir haben eine Königin, die eine späte Leidenschaft blind macht; wir haben einen Minister, der Frankreich verwaltet, wie ein großes Bauerngut, das heißt, der nur darauf aus ist, so zu verfahren, daß er recht viel Gold herausschlagen kann; wir haben Prinzen, die eine persönliche und selbstsüchtige Opposition bilden und nichts erreichen werden, als daß sie Mazarin einige Goldbarren, einige Brocken der politischen Macht aus den Händen winden; ich habe ihnen gedient, nicht aus Enthusiasmus – Gott weiß, daß ich sie nach ihrem Wert schätze, und daß sie in meiner Achtung nicht sehr hoch stehen – sondern aus Grundsatz. Hier liegt es anders, hier stoße ich auf meinem Weg auf ein hohes Mißgeschick, ein königliches, europäisches Mißgeschick: ich verbinde mein Los mit demselben. Wenn es uns gelingt, den König zu retten, so ist es schön; sterben wir mit ihm, so ist das groß. – Ihr wißt zum voraus, daß ihr dabei zu Grunde gehen werdet, sprach d'Artagnan. – Wir fürchten es, und es ist unser einziger Schmerz, daß wir fern von euch sterben sollen. – Was wollt ihr in einem fremden, feindlichen Lande machen? – In meiner Jugend bin ich in England gereist; ich spreche Englisch wie ein Engländer, und auch Aramis hat einige Kenntnis von dieser Sprache. Ah! wenn wir euch hätten, meine Freunde! Mit Euch, d'Artagnan, mit Euch, Porthos, würden wir alle vier, zum ersten Male seit zwanzig Jahren wieder vereint, nicht allein England, sondern allen drei Königreichen Trotz bieten. – Habt ihr der Königin versprochen, den Tower in London zu erstürmen, versetzte d'Artagnan, hunderttausend Soldaten zu erschlagen, siegreich gegen den Willen einer Nation und den Ehrgeiz eines Mannes zu kämpfen, wenn dieser Mann Cromwell heißt? Ihr habt diesen Mann nicht gesehen, Athos, Aramis. Es ist ein Mann von Genie, der mich sehr an unsern Kardinal erinnerte, an den andern, den großen, ihr wißt, an Richelieu. Übertreibt es also nicht mit euren Pflichten. Ums Himmels willen, Athos, keine unnütze Aufopferung! Wenn ich Euch anschaue, kommt es mir in der Tat vor, als sähe ich einen vernünftigen Menschen; wenn Ihr mir aber antwortet, ist es mir, als hätte ich es mit einem Verrückten zu tun. Porthos, vereinigt Euch mit mir: was denkt Ihr von dieser Sache? Sprecht offenherzig. – Nichts Gutes, antwortete Porthos. – Hört, fuhr d'Artagnan fort, den es ungeduldig machte, daß Athos ihn nicht anhörte, sondern vielmehr auf eine Stimme zu hören schien, die in seinem Innern sprach, Ihr seid bei meinen Ratschlägen nie schlecht gefahren. Nun wohl, Athos, glaubt mir, Eure Sendung ist vollbracht, auf eine edle Weise vollbracht; kehrt mit uns nach Frankreich zurück! – Freund, erwiderte Athos, unser Entschluß ist unerschütterlich. – Ihr habt also irgend einen andern Beweggrund, den wir nicht kennen? Athos lächelte. D'Artagnan schlug zornig auf seine Lenden und murmelte die überzeugendsten Gründe, die er finden konnte; aber Athos beschränkte sich darauf, alle diese Gründe mit einem ruhigen, sanften Lächeln zu beantworten, während Aramis nur mit dem Kopfe nickte. Nun wohl, rief d'Artagnan wütend, nun wohl! Da Ihr es so wollt, so lassen wir unsere Knochen in diesem garstigen Lande, wo eine beständige Kälte herrscht, wo das schöne Wetter Nebel, der Nebel Regen, der Regen Sündflut ist, wo die Sonne dem Mond, und der Mond einem Rahmkäse gleicht. Ob man da oder dort stirbt, da man ja doch einmal sterben muß, daran ist wenig gelegen! Nur bedenkt, teurer Freund, sagte Athos, daß es sich darum handelt, früher zu sterben. – Bah! ein wenig früher oder später, es lohnt sich nicht der Mühe, darüber ein Wort zu verlieren. – Wenn ich mich über etwas wundere, sagte Porthos mit spruchweiser Miene, so ist es darüber, daß es nicht bereits geschehen ist. – Oh! es wird geschehen, seid unbesorgt, Porthos, versetzte d'Artagnan. Es ist also abgemacht, fuhr der Gascogner fort, und wenn sich Porthos nicht widersetzt ... – Ich! rief Porthos, ich tue, was Ihr wollt. Überdies finde ich das, was der Graf de la Fère soeben gesagt hat, sehr schön. – Aber Eure Zukunft, d'Artagnan? Euer Ehrgeiz, Porthos? – Unsere Zukunft, unser Ehrgeiz, erwiderte d'Artagnan mit einer fieberhaften Zungenfertigkeit, brauchen wir uns darum zu bekümmern, da wir den König retten? Ist der König gerettet, so sammeln wir seine Freunde, wir schlagen die Puritaner, wir erobern England wieder, wir kehren mit ihm nach London zurück und setzen ihn abermals ganz breit auf seinen Thron. – Und er macht uns zu Herzogen und Pairs, sprach Porthos, dessen Augen vor Freude funkelten, als er diese Zukunft in nebelgrauer Ferne erblickte. – Oder er vergißt uns, versetzte d'Artagnan. – Oh! rief Porthos. – Verdammt! das hat man gesehen, Freund Porthos; wir haben, wie es mir scheint, der Königin Anna von Österreich einen Dienst geleistet, der dem, den wir heute Karl I. leisten wollen, nicht viel nachstand, was die Königin Anna nicht abhielt, uns zwanzig Jahre lang zu vergessen. Nun sagt, sprach Athos, bereut Ihr deshalb, ihr diesen Dienst geleistet zu haben? – Meiner Treu, nein, erwiderte d'Artagnan, und ich gestehe sogar, daß ich in den Augenblicken meiner schlimmsten Laune einen Trost in dieser Erinnerung gefunden habe. – Ihr seht, d'Artagnan, die Fürsten sind zuweilen undankbar, aber Gott ist es nie. – Hört, Athos, rief d'Artagnan, ich glaube, wenn Ihr den Teufel auf Erden träfet, Ihr würdet es so anstellen, daß Ihr ihn mit Euch in den Himmel zurückbrächtet. – Also? ... sprach Athos, d'Artagnan die Hand reichend. – Es ist abgemacht, erwiderte d'Artagnan; ich finde England allerliebst, und ich bleibe hier, aber unter einer Bedingung. – Unter welcher? – Daß man mich nicht nötigt, Englisch zu lernen. Nun wohl, rief Athos triumphierend, jetzt schwöre ich Euch bei dem Gotte, der uns hört, bei meinem Namen, den ich für fleckenlos halte, ich glaube, es gibt eine Macht, die über uns wacht, und ich hege die Hoffnung, daß wir alle vier Frankreich wiedersehen werden. – Es mag sein, versetzte d'Artagnan, aber ich gestehe, daß ich die entgegengesetzte Überzeugung habe. – Dieser liebe d'Artagnan, sprach Aramis, er vertritt in unserer Mitte die Opposition der Parlamente, die immer nein sagen und immer das Gegenteil tun. – Wohl, die aber mittlerweile das Vaterland retten, sagte Athos. – Wenn wir nun, da alles festgestellt ist, an das Mittagessen dächten? sprach Porthos, sich die Hände reibend. Wir haben, wie es mir scheint, in den kritischsten Lagen unseres Lebens stets zu Mittag gespeist. – Ach ja, sprecht von Mittagessen in einem Lande, wo man als Speise nur in Wasser gekochtes Schöpsenfleisch und als Trank nur Bier bekommt. Wie, zum Teufel, seid Ihr in ein solches Land gekommen, Athos? Ah, verzeiht, fügte d'Artagnan lächelnd bei, ich vergaß, daß Ihr nicht mehr Athos seid. Doch gleichviel, laßt Euern Plan hinsichtlich des Mittagessens hören, Porthos.– Meinen Plan? – Ja, Ihr habt doch einen Plan? – Nein, ich habe Hunger, sonst nichts. – Bei Gott, wenn es nur das ist, ich habe auch Hunger, damit aber, daß man Hunger hat, ist's noch nicht abgetan; man muß etwas zu essen finden, und wenn wir nicht Gras fressen wollen, wie unsere Pferde... – Ah! rief Aramis, der sich nicht so ganz von den weltlichen Dingen abgewendet hatte, wie Athos, erinnert ihr euch der schönen Austern, die wir speisten, wenn wir beim Parpaillot waren? – Und der vortrefflichen Hammelkeulen! rief Porthos, mit der Zunge an den Lippen leckend. – Aber haben wir nicht unsern Freund Mousqueton, der uns in Chantilly ein so herrliches Leben verschaffte, Porthos? versetzte d'Artagnan. – In der Tat, sprach Porthos, wir haben Mousqueton, aber seit ich ihn zum Intendanten gemacht habe, ist er sehr schwerfällig geworden; ... gleichviel, wir wollen schmausen. Und um einer freundlichen Antwort sicher zu sein, rief Porthos: He! Mouston! Mouston erschien mit einem kläglichen Gesichte. Was habt Ihr denn, mein lieber Herr Mouston? fragte d'Artagnan. Solltet Ihr krank sein? – Gnädiger Herr, ich habe Hunger. – Gerade deshalb rufen wir Euch, mein lieber Herr Mouston. Könntet Ihr uns nicht einige von den hübschen Kaninchen und etliche von den niedlichen Feldhühnern, woraus Ihr Gibelottes und Salmis machtet, in der Schlinge fangen ... Ihr wißt im Gasthofe zum ... meiner Treue, ich erinnere mich des Namens dieses Gasthofes nicht mehr. – Im Gasthofe zum ... sprach Porthos; meiner Treue, ich erinnere mich auch nicht mehr. – Gleichviel, und mit dem Lasso einige Flaschen von dem alten Burgunder, der Euren Herrn zur Zeit seiner Verstauchung so oft erquickt hat. – Ach! gnädiger Herr, sprach Mousqueton, ich fürchte, alles, was Ihr da verlangt, ist sehr rar in diesem abscheulichen Lande, und ich glaube, wir würden besser daran tun, uns Gastfreundschaft von dem Herrn eines kleinen Hauses zu erbitten, das man vom Saume des Waldes aus erblickt. – Wie, es findet sich ein Haus in der Gegend? fragte d'Artagnan. – Ja, gnädiger Herr. – Gut, wir wollen uns, wie Ihr sagt, mein Freund, Gastfreundschaft von dem Eigentümer dieses Hauses erbitten. Meine Herren, was denkt ihr davon, erscheint euch der Plan des Herrn Mouston nicht sehr sinnreich? – Wenn der Eigentümer aber ein Puritaner ist? versetzte Aramis. – Desto besser, Gottes Tod! rief d'Artagnan, wenn er ein Puritaner ist, so erzählen wir ihm die Gefangennehmung des Königs, und zur Verherrlichung dieser Nachricht gibt er uns dagegen seine weißen Hühner. – Wenn er aber ein königlich Gesinnter ist, sprach Porthos. – Dann nehmen wir eine Trauermiene an und rupfen seine schwarzen Hühner. – Ihr seid sehr glücklich, sagte Athos, unwillkürlich über den Witz des unbeugsamen Gascogners lächelnd, denn Ihr betrachtet alles als Scherz. – Was wollt Ihr? entgegnete d'Artagnan, ich bin aus einem Lande, wo es keine Wolke am Himmel gibt. – Hier ist es anders, sagte Porthos und streckte die Hand aus, um sich zu überzeugen, ob eine gewisse Frische, die er auf seiner Wange fühlte, wirklich von einem Regentropfen herkomme. Auf, auf! rief d'Artagnan, ein Grund mehr, uns in Marsch zu setzen ... Holla, Grimaud! Grimaud erschien. Nun, Grimaud, mein Freund, habt Ihr etwas gesehen? fragte d'Artagnan. – Nichts, antwortete Grimaud. – Diese Dummköpfe haben uns nicht einmal verfolgt, sprach Porthos. Oh! wenn wir an ihrer Stelle gewesen wären! – Ei! sie haben unrecht gehabt, sagte d'Artagnan. Ich würde Mordaunt gern zwei Worte in dieser kleinen Einöde sagen. Seht, welch ein schöner Platz, um einen Mann gehörig niederzustrecken! – Meiner Ansicht nach ist der Sohn offenbar nicht so stark wie seine Mutter, sprach Aramis. – Ei, lieber Freund, entgegnete Athos, wartet doch, wir haben ihn erst vor zwei Stunden verlassen, und er weiß nicht, welche Richtung wir nehmen, er weiß nicht, wo wir sind. Erst wenn wir den Fuß auf Frankreichs Boden setzen, falls wir bis dahin weder erschlagen, noch vergiftet sind, wollen wir sagen, daß er seiner Mutter nachstehe. – Mittlerweile laßt uns zu Mittag speisen, sprach Porthos. – Meiner Treue, ja, denn ich habe großen Hunger, sagte Athos. – Ich auch, versetzte d'Artagnan. – Aufgepaßt, ihr schwarzen Hühner, rief Aramis. Und die wiederversöhnten Freunde wanderten fast so lustig als ehemals nach dem erwähnten Hause.