Friedrich Gerstäcker Blau Wasser Skizzen aus See- und Inselleben.   Aus dem Matrosenleben. Aus der See.   Neu durchgesehen und herausgegeben von Dietrich Theden   Siebente Auflage. Berlin SW. Verlag von Neufeld \& Henius. Der Schiffszimmermann Leise wogte die See und warf nur wie spielend ihre durchsichtigen tiefblauen, silberbeschäumten Wogen gegen die Korallenriffe von Tubuai, der Hauptinsel einer kleinen Gruppe von Eilanden im Stillen Meere, deren Palmen die milde Luft durchrauschten und über deren bis zur höchsten Kuppe bewaldeten Bergen der Himmel sich rein und sonnig spannte. Am sandigen Korallenstrand spielten, als die Schatten länger wurden und das heiße Taggestirn sich mehr und mehr dem Horizont zuneigte, eine ganze Schaar bronzefarbiger munterer Kinder, haschten sich, indem sie über die scharfen Korallenstücke mit den nackten Sohlen hinliefen, als ob ihre Füße mit Leder und Eisen gegen jede Verletzung geschützt wären, oder schaukelten sich an langen, aus Cocosfaser gedrehten und in den Kronen der Palmen befestigten Seilen herüber und hinüber – jetzt weit über das blaugrüne Binnenwasser hinaus, über das die mächtigen Bäume ihre Wipfel neigten, jetzt hinein in das Guaven- und Orangendickicht, mit keckem Fuß die Gefahr abwehrend, gegen irgend einen der nahen Stämme geschleudert zu werden. Die erwachsenen Männer lagen behaglich ausgestreckt im Schatten eines kleinen Orangen- und Bananenhains, dessen Ausläufer wunderlich starrästige Pandanusbäume bildeten, und schauten theils den Spielen der Kinder zu, theils ziemlich gleichgültig nach einem in der Ferne sichtbar gewordenen Segel, das mit der leichten Brise langsam näher kam. – Geschäftiger dagegen waren die Frauen, die hier und da in der durchsichtigen Fluth Cocosschalen zu Bechern abschliffen. Kränze und Haarschmuck aus den weißen zarten Fasern der Pfeilwurz wanden, oder auch mit der Angel, bis zum Gürtel im Wasser, zwischen den Korallen standen, ein leckeres Abendmahl von kleinen Fischen zu fangen. Diese wurden dann roh, nur in Cocosmilch und Salzwasser getaucht und mit der gerösteten oder gedämpften Brodfrucht gegessen. Früher schallte hier freilich auch das muntere Getön der Tapaklöppel durch das schattige Dunkel der Waldung. Die Frauen und Mädchen verfertigten sich damals aus der gegohrenen Rinde des Brodfrucht- und Bananenbaumes ihre eigenen Stoffe zu Pareu und Schultertuch, und während ihnen lachend und singend die Arbeit zum Spiel wurde, sammelten sich die jungen Leute um sie her, halfen ihnen den Teig einkneten und ausbreiten und schnitzten ihnen aus dem harten Holz der Casuarine die Klöppel. Jetzt ist das freilich vorbei. Zuerst brachten ihnen die Missionäre, dann andere anlegende Schiffe, besonders Walfischfänger, buntfarbige Kattune und andere billige Stoffe, die ihnen besser gefielen als die einfache, selbstgefertigte Tapa. Die einzige wirkliche Arbeit, die sie bis dahin gekannt, wurde also bei Seite geworfen, und der edle Müßiggang, dem die Natur hier mehr als an irgend einem andern Ort der Welt Vorschub leistet, ward ihnen bald lieber als alles Andere. Manchen schlimmen Einfluß hatte das allerdings auf sie, aber das Gutmüthige, Einfache, Herzliche in ihrem ganzen Wesen konnte es ihnen doch nicht rauben. Froh und fröhlich lebten sie in den sonnigen Tag hinein, und der Gott da oben, der über ihre Heimath das ganze Füllhorn seiner reichen Schätze ausgeschüttet, mußte ihnen ja wohl ein lieber Vater sein. Wenig waren sie dabei mit den Weißen, die sich schon auf den benachbarten Inselgruppen festgesetzt, ja einen Theil derselben sogar gewaltsam in Besitz genommen, in Berührung gekommen. Zwei Missionäre siedelten sich allerdings an der Nordseite der Insel an, deren gutmüthige Bewohner sie bald ihrem Glauben gewonnen hatten. In wirklich innigem Verkehr mit ihnen lebte aber nur ein einziger Weißer, ein junger, blauäugiger, frohsinniger Schotte, der vor fünf oder sechs Jahren auf einer der Tonga-Inseln einem Wallfischfahrer, auf dem er als Zimmermann gefahren, entlaufen war und seinen Weg hierher gefunden hatte. Hier aber fesselte ihn sein Herz. Er verliebte sich in eins von den lieben Gesichtern der jungen Tubuai-Mädchen, die dort zu Dutzenden umherliefen, und da ihm das stille gemüthliche Leben dieses, wenn auch von der Welt abgeschiedenen, doch reizenden Platzes ebenfalls gefiel, und die Eltern nicht die geringsten Schwierigkeiten machten, sondern nur eine rechtsgültige Trauung von dem Missionär verlangten, gab er sein unstätes Umhertreiben auf und wurde erstlich ein verheiratheter Mann, und dann später ein Familienvater auf Tubuai. Er selber war zwar nur mit der Schulbildung aufgewachsen, die Knaben in seinen Verhältnissen daheim gewöhnlich erhalten; aber sein Handwerk hatte er tüchtig und brav gelernt, und machte weiter an ein gesellschaftliches Leben keine größeren Ansprüche, als ihm die Insel eben bieten konnte. Unter dem blauen Himmel und den wehenden Palmen dieses kleinen Paradieses und zwischen den guten und einfachen Menschen verlangte er nichts weiter; denn das häusliche Glück, das er dort gesucht, hatte er ja gefunden. Ueberdies fesselten ihn an die verlassene Welt keine anderen Familienbande mehr. Seine Eltern daheim waren todt, Geschwister hatte er nie gehabt, und Intaha, sein liebenswürdiges Weib, das ihm zwei Kinder geboren, war ihm Alles. Ehrlich und offen in seinem ganzen Wesen und bei Weitem nicht so rauh und dem Trunk ergeben, wie es die englischen Seeleute sonst nur zu häufig sind, waren ihm auch die Eingeborenen bald alle freundlich geneigt, und durch seine Geschicklichkeit in manchen für sie höchst werthvollen Kenntnissen wurde er ihnen bald zu einem so nützlichen als gerngesehenen Gefährten. Tomo, in welchen Namen die Eingeborenen sein Tom Burton bald umgetauft, lag auch heute wieder mit ihnen am Strand und schaute halb träumend, halb sinnend zu dem fernen Segel hinüber, das nur langsam und schwerfällig mit der leichten Brise näher kam. Wohl gingen ihm dabei die früheren Scenen wieder durch den Sinn, die er selber damals an Bord eines Schiffes durchlebt: die schwere böse Arbeit der ewige Unfrieden mit dem Capitain, – dann seine glückliche Flucht, wo er, fünf Tage an wilden Bananen, sogenannten Feis, zehrend, auf den Höhen von Hapai zugebracht, – dann seine späteren Kreuzfahrten zwischen den schönen Inseln, und nun sein jetziges friedliches Stillleben auf der kleinen Scholle mitten im Weltmeer drin. »Und wenn Du jetzt mit dem Schiffe dort in die Heimath zurückkehren könntest,« – gingen seine Gedanken dabei, – »möchtest Du fort? – möchtest Du Intaha und die Kleinen verlassen, um da draußen wieder unter den kalten, herzlosen Menschen das alte Leben zu beginnen? Nein, bei Gott nicht. Es giebt nichts dort, was mich zurück zu ihnen locken könnte, und es kommt mir manchmal wirklich so vor, als ob ich nur eigentlich aus Versehen im alten Europa geboren wäre, so ganz und völlig gehör' ich hierher, wohin mich mein gutes Glück zur rechten Zeit geführt. Da draußen mögen sie sich indessen drängen und treiben, um Geld, nur immer mehr Geld zu verdienen, und das Verdiente dann im wüsten Schlemmen zu verprassen, wie ich es selber früher manchmal gethan. Ich will jetzt hier genießen und mich meines Glückes freuen, – die Welt – bah – so viel für den ganzen unnützen Lärm, den sie darum machen!« – Die Sonne war indessen, ein rother Gluthenball, im Meer versunken, und seine Frau, ein blühendes, blumengeschmücktes, junges, lächelndes Weib, kam, das jüngste Kind ihr auf der linken Hüfte reitend – wie die Frauen dort ihren jungen Nachwuchs tragen – das älteste, einen kleinen, muntern dreijährigen Burschen, an der Hand, um ihn abzuholen. Der Thau fing schon an naß niederzufallen. Das Schiff war noch eine ganze Zeit in dem hellen Streifen sichtbar, der im Nordwesten auf dem Horizont lag, und zeichnete jetzt sogar deutlich seine Raaen und Segel ab. Bald jedoch verschwanden die Umrisse desselben in dem Bleigrau des sinkenden Abends, und als der Mond im Osten über die Berge stieg, war es ganz verschwunden. Die Indianer interessirten sich aber in der That nur für die Schiffe, die wirklich bei ihnen anlegten, was indessen sehr selten geschah. An diese konnten sie dann Früchte, Gemüse, die sie ihr weißer Freund bauen gelehrt, und auch wohl geschlagenes Holz, gegen Beile, Tabak, Kattun, Schmuck, Nägel, Spiegel und andere Kleinigkeiten eintauschen. Daß sie dabei nicht so sehr übervortheilt wurden, überwachte Tomo ebenfalls, und wie er ihnen bei solchen Gelegenheiten als Dolmetscher werthvolle Dienste leistete, war er ihnen auch in dieser Hinsicht unendlich nützlich. Mühe genug hatte es ihn aber gekostet, die Eingeborenen zu einer wirklich schweren Arbeit zu bringen, wie das Holzhauen in diesem Klima ist, und wenig nützte es dabei, daß er ihnen selber mit gutem Beispiel voranging. Sie setzten sich um ihn her, sahen ihm zu und wollten sich todt lachen, wenn ihm der Schweiß in großen Tropfen von der Stirn lief, wurden aber stets sehr ernsthaft, sobald er ihnen selber die Axt in die Hand drückte, und warfen sie auch bald wieder fort. Nur als sie später in die Hände Derer, die am fleißigsten gewesen waren, ziemlich reichlichen Gewinn fließen sahen, ließen sie sich eher dazu bewegen, mit zuzugreifen. Zureden kostete es indeß noch immer. Solch Holzschlagen war aber trotzdem ein Fest für die fröhlichen Kinder dieser Palmenwelt, die das Freundliche einer Sache stets am leichtesten und schnellsten herausfanden. Dann sammelten sich die Mädchen und Frauen um die Arbeiter, pflückten Blumen und banden Kränze, mit denen sie die Geschicktesten und Fleißigsten krönten, oder lachten auch wohl über die Unbehülflichkeit des Einen oder des Andern. Das geschah aber auf so gutmüthige, herzliche Weise, daß er nie hätte darüber böse werden können, und jetzt schon durch eine Art von Ehrgeiz angetrieben wurde, seine Sache besser zu machen und ebenfalls einen Kranz zu verdienen. Der nächste Morgen dämmerte eben im Osten, und ein paar der jungen Leute waren früh aufgestanden, um auf den Fischfang hinauszufahren. Deren Ruf weckte aber bald noch mehrere Kameraden, die, als sie erstaunt aus ihren Hütten schauten, das gestern Abend erspähte Schiff klar und deutlich und schon ziemlich nah herankommen sahen. Hätte es nicht die Absicht gehabt, bei ihnen anzulaufen, so würde es die Nähe der Korallenriffe, die sich um alle diese Inseln bilden und sie oft auf viele Meilen im Umkreis umschließen, gewiß gemieden haben. Der Seemann hat von diesen Plätzen noch keine guten Karten, und in der That wechseln auch die verborgenen Klippen zu oft, um all' die gefährlichen Stellen mit Gewißheit angeben, und wenn sie angegeben wären, sich auf sie verlassen zu können. Wenn deshalb Schiffe an einer solchen Insel anlegen wollen, halten die Fahrzeuge darauf zu und kreuzen entweder über Nacht in sicherer Entfernung, das Tageslicht abzuwarten, oder werfen auch wohl Anker, wenn sie sichern Grund erreichen können. Das letztere geschieht freilich nur selten, da die Koralle – jener geheimnißvolle Baum der Südsee, von dem man noch nicht weiß, ob er sein Wachsthum sich selbst, oder einem in ihm hausenden Wurm verdankt – fast immer von bedeutender Tiefe jäh und schroff bis an die Oberfläche emporsteigt. Während hier die Woge über das bis zum Wasserrand gehobene Riff hinüber schäumt, findet dicht daneben das Senkblei oft auf fünf- und sechshundert Fuß keinen Grund. An ein Ankern ist natürlich in solcher Tiefe nicht zu denken. Das fremde Schiff – darüber war kein Zweifel mehr – hatte jedenfalls die Absicht, mit dem Lande in Verbindung zu treten, und eine rege fröhliche Geschäftigkeit kam bald über die noch eben schlaftrunkenen Bewohner des Strandes. Vor allen Dingen weckten sie Tomo, um ihn von dem erfreulichen Ereigniß in Kenntniß zu setzen, und gingen dann eifrig daran, theils Cocosnüsse und Bananen, Orangen, Guiaven, Papayas, und wie die hundert Früchte alle heißen, zu pflücken, theils Brodfrüchte abzunehmen und süße Kartoffeln, Yams und Wassermelonen aus den Feldern zu holen. Die Frauen waren dabei eben so fleißig, mit rasch niedergeworfenen Blättern der Cocospalme auf eine eigene geschickte, aber unendlich einfache Weise Körbe zu flechten. In diesen konnten sie die Früchte weit besser verpacken und an Bord liefern und hatten dadurch auch eher einen Maßstab für die Masse und den Werth derselben. Intaha, die geschickteste und fleißigste der Insulanerinnen, hatte aus Bambusstreifen und zierlich gefärbten Pfeilwurzfasern allerliebste kleine Körbchen und Taschen gefertigt, um dieselben bei nächster Gelegenheit gegen manche kleine Bequemlichkeit von landenden Weißen einzutauschen. Von Tomo selber standen sechs Klaftern Holz aufgestellt, und er hoffte, mit seinen Gemüsen, die er gebaut, seinen Früchten, die ihm Gottes Güte wachsen ließ, und seinen Hühnern und Schweinen, die er gezogen, diesmal ein ordentliches kleines Capital anlegen zu können. Das Schiff kam indessen immer näher, und als es fast bis dicht an die Riffe aufgekreuzt war, wurde ein Boot ausgesetzt. Dieses, von vier tüchtigen Riemen getrieben, hatte schon die schmale Einfahrt in die Riffe bemerkt, und kam jetzt durch das glatte Binnenwasser, das stets zwischen den Riffen und dem festen Lande liegt, rasch herbeigerudert. Und wie drehten die Matrosen, die nun so lange da draußen an Bord Salzfleisch und harten Schiffszwieback gekaut, und nichts gesehen hatten als das weite, weite Meer, beim Anrudern den Kopf so sehnsüchtig bald rechts, bald links über die Schultern, um das Auge einmal wieder an dem saftigen frischen Grün der Bäume zu laben – wieder einmal Frauen und Kinder zu schauen und das Rauschen und Flüstern des Windes im Laub zu hören! Oh Ihr, die Ihr auf festem Lande lebt und noch nie aus Sicht des heimischen Bodens gekommen seid, Ihr wißt gar nicht, welcher unendliche Zauber für den seemüden Wanderer allein nur in dem kleinen Wörtchen Land verschlossen liegt. Wie leicht sich das unter der Sohle fühlt, wenn es der springende Fuß zum ersten Mal wieder berührt; wie süß die Blumen duften; wie melodisch die Vögel singen; wie wunderbar gefärbt Alles erscheint! – Ein eigener Zauber liegt auf solchem fremden Boden. Wenn aber schon der Seemann selbst der unwirthbarsten, rauhesten Küste ihre freundliche Seite abzugewinnen weiß, über das kleine dürftige Haideblümchen jubelt, das er zwischen nacktem Felsgestein gefunden, und bunte Muscheln und Kiesel am Strande sucht, um sie zur Erinnerung mit auf's Schiff zu nehmen – wie ist ihm da zu Muthe, wenn sein Fuß ein fertig Paradies betritt, wo die Natur das Schönste, was sie irgend bietet, in dem so kleinen engen Raum mit vollen Händen aufgehäuft. Daß die Leute dann beim Anblick der wehenden Palmen, süßen Früchte und lieben, freundlichen Gesichter manchmal eine Art von Heimweh bekommen und dem Schiff zu entlaufen suchen, ist allerdings unrecht, denn sie brechen einen eingegangenen Contract, – aber erklärlich und menschlich bleibt es immer. Die Capitaine wissen das auch, und obgleich schwere Strafen darauf gesetzt sind und die Leute oft den seit Jahren mühsam verdienten Lohn, den der Capitain für sie in Händen hat, im Stich zu lassen genöthigt sind, um nicht wieder mit hinaus auf das öde Meer, um nicht wieder diese Küsten verlassen zu müssen, so trauen sie ihrer Mannschaft doch nimmermehr. Wo sie einmal an solcher Insel anlegen, brauchen sie jede nur mögliche Vorsicht, und diejenigen von den Matrosen, welche nicht das Boot mit rudern, dürfen das Land gar nicht betreten. Auf solche Art sehen dann die armen Teufel von Matrosen von dem wunderhübschen Land, das sie nach langer Fahrt zu betreten hoffen, gewöhnlich unendlich wenig. Vor ihnen rauschen die Palmen und fließt der murmelnde Quell unter fruchtschweren schattigen Zweigen hin – aber nicht für sie. Was hilft es ihnen, daß sie den Namen nach fremde Länder besuchen? Wie der Gefangene aus dem Fenster seiner Zelle die grünen Felder und die darauf schaffenden freien Menschen erkennen kann, ohne hinaus zu ihnen zu dürfen, so lehnt der Matrose an seinem Bord und schaut sehnsüchtig nach dem wundervollen Schauspiel hinüber, das sich seinen Augen bietet. Er mißt vielleicht mit einem verzweifelten Blick die Entfernung zwischen Schiff und Land, das möglicher Weise mit Schwimmen zu erreichen wäre, während er die Unmöglichkeit kennt, es zu gewinnen, bevor er von dem nachgeschickten Boot wieder eingeholt und zurückgebracht würde, und wendet sich dann seufzend ab, seinen allerdings freiwillig übernommenen Geschäften, die ihn jetzt rettungslos binden, in alter Weise nachzugehen. Nur wenig mehr Freiheit haben die Ruderer. Allerdings betreten sie den Boden und dürfen sich selber, wenn sie Lust haben, die am Strand wachsenden Früchte pflücken, aus der Quelle trinken und mit den Eingeborenen verkehren, ihnen die Hand drücken und ihren herzlichen Gruß erwidern. Aber ehe sie nur eigentlich recht zur Besinnung kommen können, ist auch die kurze Zeit schon wieder vergangen, der Befehl zum Einschiffen erfolgt, und hinter ihnen liegt wieder auf lange, lange Monde – vielleicht auf Jahre, der schöne Traum von Früchten, Land und Bäumen und den freundlichen lieben Gesichtern guter, harmloser Menschen. Ihre Heimath ist von da auf's Neue das Meer, ihr Geschäft: den schmutzigen, übelriechenden Thran auszukochen und den Elementen ihre Existenz, ihr Leben abzuringen. Doch daran dachten sie jetzt nicht. Kaum berührte der scharfe Kiel des leichten, die Wogen rasch durchschneidenden Walfischbootes den rauhen Korallensand, als sie auch, wie mit einem Schlag, ihre Ruder hineinwarfen und nach allen Seiten hin über Bord sprangen, um das Boot höher hinauf an Land zu ziehen. Fröhlich und geschäftig umringte sie dabei das neugierige, lachende, jubelnde Volk der Eingeborenen, die recht gut wußten, daß sie von solchen anlandenden Booten nichts zu fürchten hatten, wie diese Mannschaft ja auch eben so sicher in ihrer Mitte war. Der Harpunier nun, der jetzt ebenfalls langsam das Boot verließ, überschaute erst forschend und langsam die fremden ihn umgebenden Menschen, um irgend Einen darunter herauszufinden, der vielleicht eine Autorität unter den Uebrigen sein könnte, und dann mit diesem seinen beabsichtigten Handel abzuschließen. Da fiel sein Blick auf die Gestalt des weißen Mannes, der eben noch ganz in seiner europäischen, nur aus leichten Stoffen gefertigten Tracht unter dem kühlen Schatten der den Strand umschließenden Bäume sichtbar ward und langsam zum Boot herunterkam. Auf diesen schritt er, nicht wenig erfreut, jetzt einen sichern Dolmetscher zu haben, zu, streckte ihm die Hand entgegen, die Tom nahm, und sagte auf Englisch: »Ein Landsmann etwa? – Sollte mich verdammt freuen, den hier zwischen dem Kauderwelsch der Burschen zu finden.« »Ein halber wenigstens – ein Schotte!« lachte Tom. »Wie geht's Euch? – Freue mich, Euch hier auf Tubuai begrüßen zu können.« – Der Seemann drückte die ihm gebotene und noch nicht wieder losgelassene Hand aus Leibeskräften und sprach freundlich: »Vortrefflich; und nun können wir auch unsere Geschäfte gleich und rasch mit einander abmachen, denn der Capitain brennt vor Ungeduld, wieder in See zu gehen. Wir wollen, wie Ihr Euch wohl denken könnt, ein bischen von Allem, und bringen Euch hier dasselbe – könnt Euch dann aussuchen, was Euch am besten behagt. Holz habt Ihr doch wohl keins gehauen?« »Wie viel braucht Ihr?« »Ach, wir brauchten schon viel, denn das letzte ist fast verbrannt, aber der Alte will nicht bleiben, bis welches geschlagen werden kann.« »Es stehen sechs Klaftern gleich dort hinter der Casuarine aufgeschichtet,« sagte Tom. »Wie heißt Euer Schiff?« » Sechs Klaftern – das ist famos, da werden wir bald handelseinig darüber werden. – Die Lucy Evans heißt das Fahrzeug.« »Scheint nicht besonders schnell zu sein,« meinte Tom, der sich noch aus früherer Zeit her genug für die Seefahrt interessirte, um an den Schiffen Theil zu nehmen, mit denen er in Berührung kam. »Es dauerte gestern lange, bis Ihr heraufkamt.« »Ein Schnellläufer ist's nicht,« lachte der Harpunier; »aber 's ist auch kein Wunder, denn wir sind schon bald drei Jahre aus, und das Kupfer hängt uns in Lappen und Fetzen vom Rumpf herunter. Uebrigens fängt sie ziemlich glücklich. – Apropos,« unterbrach er sich aber, »Ihr seid selber Seemann gewesen und wißt, daß ich die Verantwortung für meine Leute habe. Es ist hier doch keine Gefahr, daß sie davonlaufen könnten?« »Wenn sie Bescheid am Strand wüßten, wär's schon möglich,« sagte Tom mit eben so leiser Stimme, wie die Frage an ihn gestellt war, »aber so nicht, denn eine Lagune schneidet hier hinten ein, die sie nicht kreuzen würden; und wenn vermißt, wären sie leicht wieder aufzufangen. Habt keine Angst.« »Desto besser – aus den Augen werd' ich sie so nicht lassen. Es ist doch eine verwünschte Geschichte mit dem Auskneifen der Halunken. Seit wir ausgefahren, sind uns schon dreizehn Mann davongelaufen.« » Dreizehn Mann, das ist viel, da werdet Ihr knapp an Mannschaft sein. »Verdammt knapp, obgleich wir ein Paar neue von den Sandwichs-Inseln dazu genommen haben. Wie wär's hier? Sollten sich nicht ein paar von den Insulanern bewegen lassen, einmal einen Kreuzzug auf Walfische zu versuchen?« Tom schüttelte lachend den Kopf und sagte: »Du lieber Gott, das sollte den leichtherzigen und an diesen sonnigen Himmel gewöhnten Burschen wunderlich vorkommen, wenn sie plötzlich zwischen die nordischen Eisberge hinaufgeführt und dort gezwungen würden, Tag und Nacht Thran auszukochen. Sie sind beinahe zu bequem, sich hier im Warmen ihre eigene Brodfrucht zu backen.« »Oh, das wollten wir ihnen schon angewöhnen!« erwiderte der Seemann. »Ja, das glaub' ich,« nickte Tom ernst. »Ich möchte ihnen jedoch nicht dazu rathen; – aber,« setzte er freundlich hinzu, »macht Euch darüber keine Sorge, Ihr hättet auch schlechte Matrosen an ihnen. Wenn Ihr von hier Tahiti anlauft, glaub' ich ziemlich sicher, daß Ihr dort wenigstens Eure Mannschaft vervollständigen könntet. Die Franzosen sollen, wie ich früher einmal gehört habe, ziemlich regelmäßig eine Partie von aufgefangenen armen Teufeln in ihrer Calebouse sitzen haben.« »Ich glaube, der Alte hat nicht übel Lust dazu,« sagte der Harpunier. »Jetzt aber, vor allen Dingen, zeigt mir erst einmal Euer Holz, und dann seid so gut und laßt von Brodfrüchten, Orangen und Gemüsen, von denen Ihr, wie ich da sehe, einen Vorrath habt, alles zum Verkauf Angebotene dicht zum Boot hinunter schaffen. Ich werde nachher auslegen, was ich an Tauschwaaren mitgebracht. In solcher Art kommen wir am schnellsten zu einem Resultat.« Sich dann an seinen Bootsteuerer wendend, dem er heimlich die Warnung zuflüsterte, während er in das Holz ginge, auf die Leute ordentlich Acht zu geben, schritt er mit Tom, der seinen Indianern ebenfalls die gewünschte Anordnung in ihrer Sprache zurief, nach dem gar nicht weit entfernten Holzplatz. Obgleich hier das geschlagene Holz dem Harpunier sehr behagte, konnte er doch keinen festen Handel mit dem Eigenthümer abschließen, da er hierzu nicht einmal genug Waaren oder Geld mitgebracht, auch keinen festbestimmten Auftrag vom Capitain erhalten hatte. »Wißt Ihr was, Freund,« wandte er sich da an den Schotten, »fahrt in meinem Boot mit an Bord. Ein paar von Euren Indianern können uns ja in einem ihrer Canoes begleiten, um Euch, falls Ihr nicht handelseinig würdet, wieder mit zurück zu nehmen. Ich zweifle aber nicht im Mindesten daran, daß der Alte das Holz nimmt und noch außerdem übermäßig froh ist, es nur zu bekommen. Unter uns gesagt, muß er es entweder hier nehmen, oder in nächster Zeit noch eine andere Insel anlaufen, wo es ihm dann kaum so leicht gemacht werden würde, es fertig gespalten und nah am Strand zu finden. Wem gehört es – Euch?« »Nur zum Theil – etwas gehört den Eingeborenen.« »Gut, für die schließt Ihr ja doch den Handel ab, und nun kommt mit mir zum Strand zurück, daß ich meine Leute wieder unter den Augen habe.« »Wollt Ihr nicht erst einmal in meine Hütte treten und Euch dort etwas erfrischen?« fragte ihn Tom. »Sie ist kaum zweihundert Schritt von hier entfernt. Dort liegt schon die Fenz, die sie und meinen Garten umschließt.« »Dank' Euch, dank' Euch,« erwiderte der Seemann, »guckte gern einmal hinein, aber es geht nicht. Der Boden brennt mir hier, wo ich meine Bootsmannschaft nicht übersehen kann, unter den Füßen. Ueberhaupt müßt Ihr mir versprechen, das Holz, wenn wir es übernehmen, bis zum offenen Strand zu schaffen, wo es die Eingeborenen meinetwegen abwerfen können. Hier in den Wald darf ich meine Leute nicht lassen, die Verführung wäre zu groß, und sie brennten mir, Gott straf' mich! durch.« »Ihr scheint schlechtes Vertrauen zu ihnen zu haben,« lachte Tom. »Ist denn Euer Capitain solch ein Seeteufel, oder das Leben an Bord so schlecht?« »Ih nun, der Alte hat wohl ein bischen von dem, was Ihr Seeteufel nennt, im Leibe, Ihr werdet das wohl schon kennen. Die Kost an Bord ist übrigens vortrefflich, und überarbeitet werden die Leute ebenfalls nicht. Um fünf Uhr ist alle Abend Feierzeit – ausgenommen natürlich, wir haben einen Fisch langseit oder Speck an Bord.« »Nun, das versteht sich von selbst,« sagte Tom; »aber da sind wir wieder am Strand und dort auch Eure Leute, Ihr könnt Euch also beruhigen.« »Gott sei Dank,« murmelte der Seemann, als ob er ganz andere Vermuthungen gehabt hätte, leise vor sich hin. Der Handel mit den Früchten begann jetzt, der auch schon von den Matrosen durch einzelne Geberden und Vorzeigen von Stücken Tabak, Messern, Hemden und anderen Dinge«, die sie nothdürftiger Weise glaubten entbehren zu können, geführt war. Frische Gemüse und vielleicht etwas Limonensaft bekamen sie schon vom Schiff, um den Scorbut von ihnen fern zu halten, aber Orangen, Ananas und andere saftreiche Früchte mußten sie sich, wenn sie deren unterwegs haben wollten, selber einlegen. Tom hatte indessen mit dem Häuptling dieses Districts, dem der Harpunier vorher auf sein Anrathen einige kleine Geschenke gemacht, den Handel über eine gewisse Quantität von jungen Cocosnüssen, Brodfrüchten und Gemüsen etc. abgeschlossen. Die Eingeborenen waren emsig damit beschäftigt, Alles zum Strand hinunter zu schaffen, wo es die Matrosen sogleich in Empfang nahmen und in ihr Boot packten. – Intaha war ebenfalls zum Strand gekommen, um dem Gatten, was sie an zum Verkauf gefertigten Arbeiten bereit hatte, hinzubringen, und der Bootsteuerer, ein junger Amerikaner, handelte ihr hier schon einen kleinen Theil der Sachen ab. Das Uebrige ließ Tom in das Schiff legen, um es dem Capitain wie den übrigen Officieren anzubieten. »Ich will mit dem Vater hinausfahren,« sagte sein kleiner Knabe, als er ihn aufhob und küßte und dann seinem Weib die Hand reichte, – »ich will auch das große Canoe da drüben sehen.« »Das geht nicht, mein Herz,« beruhigte ihn der Vater, »da drüben bist Du nur im Weg und die Mutter ängstigte sich indeß um Dich.« »Laß ihn hier,« bat auch die Frau, »ich wollte, Du gingst ebenfalls nicht mit, Tomo. – Wenn ich Dich mit den fremden Männern in solch' einem Boot wegfahren sehe, ist mir's doch immer, als ob Du nicht wiederkämst und in Deine eigene Heimath zurückgingst – und was sollte Intaha dann mit sich und den Kindern beginnen!« »Fürchte Dich nicht,« lachte der Mann. »Wie viele Schiffe hab' ich schon besucht und kenne auch das Leben da draußen viel zu genau, um durch irgend eine Vorspiegelung verlockt zu werden. Ich weiß, was die mir bieten können – was ich hier besitze, und werde kein Thor sein. Dich und die kleinen Schelme da im Stich zu lassen. Uebrigens fährt Dein Bruder Alohi mit uns hinüber, und ich hoffe diesmal Geld genug mitzubringen, um den ganzen Cocosgarten, der hinter unserem Grundstück liegt, vom Häuptling anzukaufen. Nachher werden wir von dem Cocosnußöl reich, was ich jährlich ausschmelzen kann.« »Kommt an Bord!« rief die Stimme des Harpuniers, der seinen Platz im Boot schon eingenommen hatte. Tom sprang hinein, Alohi und ein anderer Indianer stiegen in ihr Canoe, das Boot, wie es verabredet worden, zum Schiff hinaus zu begleiten, und bald schäumten die kleinen Fahrzeuge durch das Wasser hinaus, der Einfahrt in den Riffen zu. Die beiden Indianer thaten allerdings ihr Möglichstes, mit dem europäischen Boote gleiche Fahrt zu halten, und arbeiteten, daß ihnen die schweren Tropfen von der Stirn liefen. Die langen Riemen der Matrosen waren aber doch kräftiger als die leichten, nur durch den Druck der freigehaltenen Hand geführten Ruder, und noch ehe sie die Riffe erreichten, hatte das Walfischboot schon wenigstens dreihundert Schritt Vorsprung gewonnen. Wie die Indianer endlich einsahen, daß sie mit den Bleichgesichtern nicht Schritt halten konnten, legten sie ganz gelassen ihre Ruder ein, um sich erst einmal ein wenig auszuruhen, drehten sich dann eine Cigarre aus dem frisch eingehandelten Tabak, den sie in den Streifen eines trockenen Bananenblatts geschickt einwickelten, und rieben hierauf mit zwei dazu mitgenommenen Stücken trockenen Guiavenholzes Feuer. Das Walfischboot hatte schon seine Fracht an Bord gelöscht und wurde eben unter seinen Krahnen hinaufgeholt, ehe sie die Ruder wieder ergriffen und ihm langsam nachfuhren. Sie kamen zeitig genug dorthin. Tom war, als das Boot die Lucy Evans erreichte, hinter dem Harpunier her rasch an Bord geklettert. Noch wie sie anruderten, hörten sie die kleine Compaßglocke acht Glasen – zwölf Uhr – schlagen, und als sie an Deck sprangen, stieg der Capitain gerade nach genommener Observation in die Kajüte hinunter, um seine heute Morgen erhaltene Beobachtung mit der jetzigen zu berechnen und dadurch seinen Chronometer zu controliren. Die Lucy Evans war ein trefflich eingerichtetes, aber durch die lange Fahrt und kürzlich genommene Beute, von der die Spuren noch an Deck zu sehen waren, ziemlich arg zugerichtetes Schiff. Auch die Mannschaft, die herbeisprang, um die lang' ersehnten Früchte und frischen Gemüse in Empfang zu nehmen und zum großen Theil in die Vorrathskammern hinunter zu schaffen, Ananas und Bananen aber an Deck aufzuhängen, hatte ein verwildertes, liederliches Aussehen. Die Leute, die jahraus und ein mit schmutzigem Speck und Thran umgehen, sind nur zu leicht geneigt, auf ihren Körper nicht die da gerade doppelt nöthige Sorgfalt zu verwenden, und auch hier hatte der Capitain so viel Aerger mit dem Volk gehabt, daß er es endlich aufgab, sie zu dem zu machen, zu dem er sie im Anfang heranzuziehen gehofft – zu ordentlichen Matrosen. Nur wenn ihm einmal Einer gerade zur unrechten Zeit unter den Wind lief, kanzelte er ihn tüchtig ab und machte seinem Herzen für kurze Zeit in einer gerade nicht gewählten Zahl von Flüchen und Verwünschungen Luft. »Ihr scheint wirklich ziemlich knapp an Mannschaft zu sein,« sagte Tom endlich, der sich das Deck eine Zeit lang schweigend betrachtet hatte, zum Harpunier, »wenn sie das nämlich alle sind, die ich hier an Deck sehe, und ich glaube doch kaum, daß sich bei der Ankunft von solch' frischem Gut viel unten gehalten.« »Ihr habt Recht,« sagte der Harpunier mürrisch, »das ist die ganze Bande, und ein nichtswürdigeres Gemengsel von Schneidern, Schustern und verlaufenen Handwerksburschen ist wohl noch nie an Bord eines ordentlichen Seeschiffes zusammen gefunden worden. Mit Müh' und Noth haben wir ihnen in den letzten zwei Jahren wenigstens das Rudern beigebracht; ein volles Jahr hat es aber gedauert, ehe sie nur zusammen anzogen. Es war ein ordentlicher Skandal, und wenn wir oben in der Behringsstraße in der Nähe eines andern Schiffes lagen, schämten wir uns wahrhaftig, ein Boot auszuschicken, und haben dadurch mehrere Fische verloren. Was das Takelwerk betrifft, können die Kerle noch jetzt kaum einen Reefknoten schlagen.« »Zum Auskochen sind sie gut,« lachte Tom, »wenn nur die Officiere ihre Sache verstehen.« »Officiere? Ja, Harpuniere und Bootsteuerer haben wir vollzählig – einen Bootsteuerer noch ausgenommen, der unten krank liegt – aber keinen einzigen Zimmermann und keinen Schmied, und der erste Böttcher ist uns ebenfalls auf Hawaii davongelaufen. Es ruht ein wahrer Fluch auf dem alten Kasten, und wenn uns noch ein paar Boote ernstlich beschädigt werden, müssen wir wahrhaftig irgend eine amerikanische Küste anlaufen. Aber da kommt auch Euer Canoe heran – die Burschen nehmen sich Zeit. – Ist doch ein faules Volk, diese Indianer!« »Lieber Gott, wer kann's ihnen verdenken?« lachte Tom. »Die Natur giebt ihnen Alles, was sie brauchen, mit vollen Händen, ohne daß sie nöthig hätten, sich dabei zu rühren. Uebrigens sind sie lebendig genug, wo sie wirklich etwas interessirt, und ich glaube auch größerer Leidenschaft und Regsamkeit fähig, wenn sich ihnen wirklich eine nothwendige Gelegenheit dazu bieten sollte. So lange die ausbleibt, lassen sie sich eben gehen. – Aber kommt da nicht Euer Capitain? Wie heißt er?« »Rogers. – Ihr werdet Euer Canoe wohl nicht brauchen, denn ich bin überzeugt, er schickt die Boote gleich wieder hinüber, um das Holz abzuholen.« »Rogers?« rief Tom, »ich glaube wahrhaftig, das ist ein alter Bekannter. Welches Schiff hatte er früher?« setzte er rasch hinzu, ohne den Blick von dem jetzt eben an Deck kommenden Capitain zu wenden. »Den Bonnie Scotchman, wenn ich nicht irre,« lautete die Antwort. »Alle Teufel!« murmelte Tom halblaut vor sich hin und warf wie unwillkürlich den Blick nach dem eben anlegenden Canoe hinunter. Der Harpunier war indessen auf den Capitain zugegangen, um ihm sowohl Bericht von dem abgeschlossenen Handel mit Früchten und Gemüsen abzustatten, als auch von dem Holz zu sagen, das fertig geschlagen und ausgetrocknet drüben am Strande liege und eben nur an Bord geholt zu werden brauche. »Das ist vortrefflich, Mr. Hobart,« sagte der Capitain rasch, »besser können wir es uns gar nicht wünschen – und der Preis?« »Ist auch mäßig – es wohnt ein Weißer drüben zwischen den Rothhäuten, der die ganze Sache zu leiten scheint, und den ich deshalb gleich mit herübergebracht habe, damit Sie den Kauf selber mit ihm abschließen können. Da drüben steht der Mann.« »Desto besser, desto besser! Spricht er Englisch?« »Es ist ein Schotte.« »Oh, vortrefflich! – Ah, guten Tag, Mister – Pest noch einmal – das Gesicht kommt mir verdammt bekannt vor!« »Wie geht's, Capitain Rogers?« fragte Tom, der rasch gefaßt, aber doch leicht erröthend und etwas verlegen lächelnd auf ihn zuging. Er reichte ihm dabei die Hand, die Jener langsam nahm, ihm jedoch immer aufmerksamer in's Auge sah. – »Sie kennen mich wohl kaum noch, wie? – Ja, ich bin braun geworden in den langen Jahren und unter der heißen Sonne hier.« »Waret Ihr nicht auf dem Bonnie Scotchman?« »Allerdings.« »Zimmermann?« – Tom nickte. – »Und lieft mir auf Hapai davon?« Tom wurde blutroth im Gesicht, aber ein gutmüthiges und doch halb verschmitztes Lächeln durchzuckte dabei seine Züge, als er erwiderte: »Und Sie hätten mich beinah wieder erwischt, denn die nach mir ausgeschickten Eingeborenen waren mir ein paar Mal dicht auf den Fersen. Fünfzehn Stunden habe ich einmal bei einem furchtbaren Regenguß in dem Wipfel einer Palme zugebracht.« »Vier Tage bin ich Euch zu Liebe damals an der verdammten Insel liegen geblieben und habe indessen nicht allein den Fang versäumt, sondern mich auch nachher die ganze übrige Reise mit dem Esel vom zweiten Zimmermann behelfen müssen. »Es war vielleicht nicht recht damals, Capitain Rogers,« gestand Tom ehrlich ein, »aber das Land lachte gar zu verlockend herüber, und Sie wissen selbst, was für ein grober, ungerechter Mensch Ihr damaliger erster Harpunier war. Er brachte uns fast Alle zur Verzweiflung und trieb die Meisten vom Schiff, wo sich ihnen nur die geringste Gelegenheit dazu bot.« »Das ist keine Entschuldigung, Mr. – wie war doch Euer Name gleich?« »Tom Burton.« »Ach ja – Mr. Burton, das ist gar keine Entschuldigung. Ihr hattet Euch mir und dem Rheder für die ganze Fahrt verpflichtet und wäret nicht allein uns , sondern auch Euren Kameraden schuldig, daß Ihr bliebt. Ihr wißt recht gut, daß auf einem Walfischfänger die ganze Mannschaft gemeinsamen Antheil an dem Fang hat, den Fang aber nicht betreiben kann , wenn ihr die wichtigsten Handwerker dazu, Zimmermann und Böttcher, an Bord fehlen. Da wir Alle an Bord umsonst herumfahren würden, wenn die Boote nicht hinaus- und an Fische festkämen, so ist das Instandhalten eben dieser Boote auch eine der wichtigsten Sachen an Bord eines Walfischfängers, und deshalb gerade werden die Zimmerleute engagirt und verpflichtet. Sobald sie ihren Contract brechen, gefährden sie den Fang des ganzen Schiffs und ziehen nicht allein dem Rheder, der das Schiff ausgerüstet hat, ungeheure Verluste zu, sondern schneiden auch der ganzen übrigen Mannschaft, vom Capitain hinunter bis zum Schiffsjungen, die Möglichkeit eines Verdienstes ab. Und zum Spaß treiben wir uns doch wahrhastig auch nicht drei und vier Jahre bald zwischen Eisschollen, bald unter einer solchen Sonne umher, und lassen Weib und Kind indeß zu Hause.« »Sie haben vollkommen Recht, Capitain,« sagte Tom, der jetzt ganz ernst und eher etwas blaß geworden war. »Hier und da liegt auch der Fehler wohl mit an den Officieren, die ihre Macht zu sehr mißbrauchen. Ich weiß allerdings, daß an Bord eines solchen Fahrzeugs eben so gut wie an Bord eines Kriegsschiffes unbedingte Subordination herrschen muß, wenn nicht Schiff und Mannschaft darüber zu Grunde gehen sollen. Aber die Herren – und Ihr früherer erster Harpunier war ein solcher, Capitain Rogers – glauben manchmal, daß sie mit ihren Untergebenen eben nach Willkür machen können, was sie wollen – widersetzen darf sich ihnen ja doch Niemand – und mißbrauchen dann die ihnen ertheilte Würde ebenso zum Schaden des Schiffs, wie es der Untergebene thut, der sich solcher ihm lästig oder unerträglich werdenden Herrschaft durch die Flucht entzieht.« »Mr. Williams war einer der tüchtigsten Officiere, die es geben kann, und ein ausgezeichneter Walfischfänger.« »Ich will ihn nicht anklagen, um mich zu vertheidigen, Capitain Rogers,« entgegnete Tom freundlich. »Junge Leute, wie Sie recht gut wissen, sind oft leichtsinnig, und ich war damals noch ein ganz junger, unerfahrener Bursch. Jetzt bin ich vernünftiger und denke anders, vernünftiger darüber.« »Es ist mir lieb, das zu hören,« erwiderte der Capitain, »noch dazu, da es selbst jetzt nicht zu spät ist, um das Geschehene wieder gut zu machen.« »Durch Holz wenigstens,« lächelte Tom, »um Ihnen das Auskochen an Bord zu erleichtern. Sie scheinen schon eine hübsche Ladung Thran genommen zu haben?« »Es geht an,« sagte der Capitain, immer noch zurückhaltend, und fuhr dann in dem früheren Thema fort: »So ist es auch diesmal mit den Leuten, und trotzdem wir ganz vortreffliche und ruhige Officiere an Bord haben – welchem Umstand Ihr großen Einfluß auf die Mannschaft zuschreibt – haben eine große Anzahl und unter ihnen sogar beide Zimmerleute und der erste Böttcher heimlich und widerrechtlich das Schiff verlassen und uns in die peinlichste Verlegenheit gebracht.« »Hm, das ist allerdings fatal.« »Desto mehr, sprach der Capitain ruhig, »freue ich mich, daß uns der Zufall zu so günstiger Zeit wieder zusammengeführt hat. Ihr hättet zu keiner gelegeneren Stunde an Bord zurückkommen können.« »Nur mit dem Unterschied,« lächelte Tom, der aber doch fühlte, daß ihm das Herz dabei stockte, denn er ahnte, was der Capitain mit den Worten meinte, »daß ich nicht an Bord gekommen bin, um wieder zu fahren, sondern Ihnen nur mein Holz am Strand zu verkaufen.« »In welcher Absicht bleibt sich ziemlich gleich,« erwiderte der Capitain mit einem leichten, aber nichts Gutes weissagenden Lächeln um die zusammengepreßten Lippen. »Ich will übrigens das Geschehene vergessen sein lassen und Euch die damals versäumten Tage bei dem, was wir künftig fangen, nicht in Anrechnung bringen. Euer früherer Antheil hat auch schon zum Theil dafür bezahlt.« »Künftig fangen, Capitain?« sagte Tom, der sich gewaltsam zwang, ruhig zu bleiben; »ich glaube nicht, daß ich je wieder auf den Walfischfang ausgehe. Ich bin älter seit der Zeit geworden und ruhiger, und habe mir außerdem auch noch eine der Töchter dieses Landes zur Frau genommen. Dort unter den Palmen steht meine eigene Heimath, lebt meine Familie, und die darf ich schon nicht mehr verlassen, wenn ich selber wollte.« »Familie? Bah!« meinte der Capitain, »Hab' ich etwa keine Familie zu Hause? Das ist das Schicksal der Seeleute, daß sie die Jahre lang entbehren müssen. Desto besser gefällt es ihnen aber auch dafür, wenn sie wieder nach Hause kommen.« »Mag sein – die Ansichten sind verschieden,« brach Tom das Gespräch, das ihm peinlich zu werden begann, kurz ab. »Jetzt, Capitain, möcht' ich Sie bitten zu bestimmen, was und wie viel Sie von dem Holze brauchen – und hier,« setzte er lächelnd hinzu, »hab' ich auch noch einige Kleinigkeiten mitgebracht, die meine Frau gearbeitet, und von denen sich die Officiere vielleicht Einiges mit nach Hause nehmen. Das Körbchen hier, Capitain Rogers, möchte ich Sie bitten, zum Andenken an mich zu behalten.« Der Capitain zögerte es zu nehmen, stellte es aber dann neben sich auf das Gangspill und sagte: »Wir wollen das nachher zusammen abmachen. – Wie viel Holz habt Ihr drüben?« »Sechs Klaftern.« »Und der Preis?« »Ich bin beauftragt, Handelsartikel dafür einzutauschen.« »Gut. Mr. Hobart,« sagte der Capitain zu dem jetzt näher tretenden Officier, »das Holz wäre mir allerdings erwünscht, wenn ich es an Bord hätte, aber – wir wollen uns nicht so lange damit aufhalten. Nehmen Sie Ihr Boot und das des zweiten Harpuniers und fahren Sie damit an das Land. Die Leute mögen da einladen, was sie herüberschaffen können. Wir sehen dann, wie viel es beträgt, und können Mr. Burton den gewünschten Preis dafür auszahlen.« »Es ist mir dann lieber, daß ich mit hinüberfahre,« sprach Tom ruhig, »denn wenn Sie so wenig nehmen, wünschte ich gern, daß Sie das trockenste bekämen.« »Das wird sich Mr. Hobart schon aussuchen.« Die Boote waren im Augenblick niedergelassen, die dazu bestimmte Mannschaft sprang hinein, und nur der erste Harpunier zögerte noch. Er war zum Capitain hingegangen und sagte leise: »Lieber wär' es mir, der Schotte führ' mit hinüber – ich verstehe die Sprache der Leute nicht.« »Sie müssen schon sehen, wie Sie durchkommen,« entgegnete ihm eben so leise der Capitain. »Der Schotte bleibt an Bord – setzen Sie den dritten Harpunier, Mr. Elgers, davon in Kenntniß.« Der Harpunier erwiderte nichts darauf, aber der überraschte Blick desselben, der fast unwillkürlich nach dem Schotten hinüberflog, wurde von diesem eben so schnell aufgefaßt und verstanden, und wie mit einem Messer stach dem armen Teufel das Bewußtsein der Gefahr in's Herz, der er sich hier plötzlich ganz freiwillig preisgegeben. – Aber der Capitain durfte doch auch nicht wagen, jetzt noch, nach so langen Jahren, Gewalt gegen ihn zu brauchen. – Und wenn er es doch that? Wer hier auf der weiten See sollte ihn daran verhindern oder sich des Schutzlosen annehmen? Mißtrauisch überlief sein Blick das Deck, aber er hütete sich wohl, die mindeste Furcht zu zeigen. Dabei konnte es ihm jedoch nicht entgehen, daß der erste Harpunier, ehe er in das Boot stieg, rasch ein paar Worte mit dem dritten Harpunier wechselte, und dieser warf ebenfalls einen überraschten, flüchtigen Blick nach ihm hinüber. Er wußte jetzt, er war ein Gefangener – aber was jetzt thun? An Flucht mit dem Canoe war nicht zu denken – er hatte vorher schon gesehen, wie viel rascher die Seeleute mit dem schwer mit Früchten beladenen Walfischboot gefahren waren; das leichte leere Boot hätte sie eingeholt, ehe sie zwei Schiffslängen entfernt gewesen wären. Gewaltsame Befreiung? An dieser Seite der Insel lagen nur drei Canoes, und was hätten die unbewaffneten Indianer, selbst wenn sie sich seinetwegen hätten schlagen wollen, gegen die Mannschaft eines Walfischfängers ausrichten können? – Die einzige Möglichkeit blieb, die Eingeborenen zu veranlassen, die Mannschaft der beiden Boote, oder wenigstens die Officiere, gewissermaßen als Geißeln zurückzuhalten, bis er selber ausgeliefert wäre; aber dann mußte er das Canoe jetzt fort und an's Land schicken. Der Capitain hatte ebenfalls hinten am Steuer mit dem dritten Harpunier gesprochen und stieg jetzt in seine Kajüte nieder, den früheren Ausreißer scheinbar sich selbst überlassend und vollkommen frei. Tom kannte aber viel zu gut die strenge Subordination eines Walfischfängers, wo besonders der Ruf zu den Booten im Nu ausgeführt wurde. Die einzige Möglichkeit einer Rettung blieb in der That noch das Festnehmen der Officiere am Ufer, und als Tom das erst einmal erkannt, beschloß er auch, es so rasch wie möglich auszuführen. Alohi lehnte, seine Cigarre rauchend und mit keiner Ahnung der Gefahr, die dem Gatten seiner Schwester drohte, an Bord und betrachtete sich mit besonderer Aufmerksamkeit das künstliche durcheinander schießende Tauwerk des Schiffes, welches ihm jedenfalls das größte Interesse bot. Tom näherte sich ihm und sagte mit gedämpfter, aber nichtsdestoweniger ängstlich gepreßter Stimme: »Alohi – die weißen Männer wollen Tomo an Bord behalten.« »Ati!« rief Alohi erstaunt. »Ruhig! Laß Niemand merken, daß ich Dir ein Wort davon gesagt, aber wenn Du von mir den Befehl erhältst, an Land zu rudern, so thue das, so rasch Ihr das Canoe vorwärts treiben könnt. Versichert Euch dort augenblicklich des Mannes, der heute Morgen die Matrosen hinüberbrachte, schafft ihn in's Innere und gebt ihn nicht heraus, bis ich wieder an Land und in Eurer Mitte bin.« »Matoi!« sagte der junge Bursch, dessen Augen in dem willkommenen Auftrag leuchteten, »soll ich jetzt gehen?« Tom warf einen Blick nach der Schanze zurück. Der dritte Harpunier lehnte über Bord und schien gar nicht auf ihn zu achten – wenn nun sein Verdacht ungegründet war? – Aber er gab sich dieser Täuschung nicht lange hin, denn er kannte seine Leute. »Ich werde zu dem Mann dort hinten gehen und mit ihm sprechen,« sagte er jetzt wieder. »Sobald er nicht mehr über Bord sieht, stößt Du ab und ruderst langsam hinüber. Erst wenn Ihr den Eingang der Riffe erreicht habt, – denn mit dem Vorsprung können sie Euch nicht wieder einholen, – mache Dein Canoe über das Wasser fliegen.« »Aber warum fährst Du nicht lieber gleich mit?« fragte der Indianer erstaunt, »es hält Dich Niemand.« »Jetzt nicht – aber der Befehl ist schon gegeben, mich nicht von Bord zu lassen. Daß Ihr glücklich an Land kommt, ist die einzige Möglichkeit, mich noch zu retten.« Der Indianer erwiderte weiter kein Wort, und Tom wandte sich ebenfalls langsam von ihm ab und schritt dem hintern Deck zu, auf dem der Harpunier noch immer über Bord lehnte. »Seid Ihr recht glücklich gewesen, Sir, auf Eurer letzten Fahrt?« knüpfte hier Tom ein Gespräch mit ihm an; »das Schiff muß schon eine hübsche Ladung einhaben, es liegt ziemlich tief im Wasser.« »Es geht an,« antwortete ihm der Harpunier, indem er sich zu dem Frager umdrehte. Wir haben schon etwas über 3000 Tonnen Thran ein, und etwa 50,000 Pfund Barten. Wenn sich's nur halbwege macht, können wir in der nächsten Jahreszeit voll werden. – Es ist auch Zeit,« setzte er dann mürrisch hinzu, »wir treiben uns nun schon fast drei Jahre hier draußen herum.« »Das ist recht lange,« sagte Tom, mit dem Kopf nickend, »da wird Mancher an Bord das Heimweh bekommen haben. Ich weiß nicht – Wenn man erst einmal eine Zeit lang an Land ist –« »Sagt einmal den Leuten dort in dem Canoe, daß sie nicht abstoßen,« unterbrach ihn da der Harpunier, indem er den Blick wieder über Bord warf. »Der Capitain hat befohlen, daß sie warten, bis die Holzboote zurück sind.« »Das Canoe? Der Capitain hat, so viel ich weiß, dem wohl nichts zu befehlen,« erwiderte Tom, dem das Blut in's Gesicht schoß. »An Bord, wißt Ihr, Kamerad, hat ein Capitain wohl so ziemlich über Alles zu befehlen,« erwiderte der Harpunier ruhig. »Bitte, ruft die Leute zurück – Ihr wißt recht gut, daß sie das Walfischboot in ein paar Minuten wieder einholen würde. Was sollen sie an Land?« »Sie wollen, so viel ich weiß, noch mehr Früchte holen.« »Das ist unnütz, die Boote bringen schon Alles mit, was wir noch etwa brauchen könnten. Seid vernünftig, Freund, und ruft sie zurück! – Dritte Bootsmannschaft, steht bei Eurem Boot!« rief er zugleich mit lauter, aber vollkommen ruhiger Stimme über Deck, und die Leute, mit dem Bootsteuerer an der Spitze, standen wenige Minuten später an den Fallen, an denen das kleine Fahrzeug unter seinen Krahnen hing. – Es bedurfte nur noch eines Wortes oder Zeichens, und es glitt auf das Wasser nieder. Tom sah ein, daß ihm dieser Ausweg abgeschnitten sei, aber er wollte es noch nicht zum Aeußersten kommen lassen. »Alohi!« rief er mit einem eigentümlichen schrillen Ruf über das Wasser hinüber dem kaum hundert Schritt entfernten Canoe nach. Die Indianer, die drin ruderten, drehten den Kopf nach ihm um. – »Kommt an Bord zurück!« – Die Eingeborenen ließen die Ruder im Wasser, zögerten aber noch dem Befehl Folge zu leisten. »Kommt zurück!« rief Tom noch einmal, »aber legt nicht an Bord an, sondern haltet Euch nur dicht neben dem Schiff.« Er hatte einen neuen Plan gefaßt, so verzweifelt dessen Ausführung ihm auch selber schien. Die Indianer gehorchten jetzt, und der Harpunier, die Bootsmannschaft wieder an ihre Arbeit schickend, lehnte sich wie vorher nachlässig an die Schanzkleidung des Schiffs. »Ihr werdet begreiflich finden, Sir,« sagte der Schotte endlich, der entschlossen war, zu wissen, wie er mit dem Schiffe stand, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Ihr das Canoe verhindern wollt, zu gehen, wohin es ihm beliebt.« »Und wollt Ihr denn nicht wieder mit dem Canoe zurückfahren?« lächelte der Seemann. »Allerdings will ich das.« »Nun gut, dann dürfen wir es doch nicht von Bord lassen. Glaubt Ihr, daß Euch der Capitain in einem seiner Boote an Land fahren ließe?« »Ihr weicht mir nicht aus, Sir – welcher Befehl ist Euch über mich gegeben?« »Welcher Befehl? – Keiner als der, Euch und die Indianer nicht vom Bord zu lassen, bis Ihr das Geld für das Holz in Empfang genommen habt.« Tom fühlte den Hohn in den Worten, – wußte, daß es Lügen waren, und der kalte Angstschweiß trat ihm bei dem Bewußtsein der Gefahr, in der er sich jetzt befand, auf die Stirn. Er biß die Unterlippe zwischen die Zähne und wandte sich, die Arme fest verschränkend, von dem Harpunier ab, daß dieser seine aufsteigende Bewegung nicht bemerken sollte. Nur eine Hoffnung, nur eine Aussicht zur Flucht blieb ihm noch. Wenn es ihm gelang, das eine noch unter den Krahnen hängende Walfischboot leck zu machen, daß sie ihm nicht mit dem folgen konnten, durfte er hoffen, mit dem Canoe zu entkommen. Die anderen beiden Boote hatten das Land schon erreicht, und kurze Zeit reichte hin, sie mit Holz zu füllen. Dann waren sie aber auch zu schwerfällig, um eine Jagd unternehmen zu können, und außerdem wußte er eine andere Einfahrt in die Riffe, die, in sich selbst geschlossen, aus dem dortigen Binnenwasser nicht einmal erreicht werden konnte. Hier galt es jetzt das Aeußerste zu wagen; der Feind durfte aber auch keinen Verdacht fassen, sein Plan wäre ihm sonst gleich von vornherein vereitelt worden. Langsam ging er deshalb wieder mehr nach vorn, von wo er seinem Schwager die nächsten Verhaltungsregeln zurufen und ihn von dem, was er beabsichtigte, in Kenntniß setzen konnte. Die Einfahrt in die Riffe, aus der sie herausgekommen, war etwa der halbe Weg zwischen dem Land und dem Schiff, und allerdings mußte er dort ziemlich nahe vorbei. In den Booten konnten sich aber die Leute, wenn sie Holz geladen hatten, nicht so gut bewegen; nur deshalb die Einfahrt passirt, und er brauchte kaum zu fürchten, daß er noch eingeholt werde. Außerdem lag noch ein Ruder im Canoe, und Drei, wenn es galt, konnten das leichte kleine Fahrzeug auch wohl rascher vorwärts treiben, als es vorhin geschehen war. Das Herz schlug ihm, als ob es die Brust zerschmettern wollte, aber er biß die Zähne fest zusammen, und wieder zum Schanzdeck zurückschreitend, ging er dort, als ob er jetzt gesonnen wäre, die Rückkunft der Boote ruhig abzuwarten, langsam auf und ab. Der Harpunier hatte sich indessen ebenfalls aus seiner lehnenden Stellung aufgerichtet und war zu Backbord, wo das Boot unter den Krahnen hing, auf und ab gegangen. Ein Blick, den er über Bord warf, überzeugte ihn, daß die Indianer ruhig in ihrem Canoe saßen und nur langsam mit der Strömung zurücktrieben. Das Schiff hatte seine großen Segel auf, die Brise war aber so schwach, daß sie eben die Strömung der Fluth stemmten und sich etwa auf einer Stelle hielten. Der Wind hatte ein klein wenig aufgeräumt, und es war nöthig geworden, die Brassen zu Starbord etwas anzuziehen – der Harpunier ging dort hinüber und rief die Mannschaften. – Das war der entscheidende Moment. – Tom stand dicht neben dem Walfischboot – mit einem Satz war er auf der Schanzkleidung, hatte das in jedem unter den Krahnen hängenden Boot vorn befestigte Handbeil ergriffen und herausgerissen, und ein einziger Schlag an das scharf angespannte Tau oder Fall, das es auf dieser Seite hielt, machte, daß es, während es hinten noch gehalten wurde, vorn herunter und gegen den Schiffsbord anschlug. »Hierher – Alle! – Hülfe! hierher!« schrie der Harpunier und sprang selber, eine Handspeiche aufgreifend, auf den kecken Schotten zu – aber er kam zu spät. Mit einem Satz die Schanzkleidung entlang war Tom am andern Krahn, ein Schlag seines haarscharfen Tomahawks traf in die dünnen Planken des so schon durch den Sturz arg beschädigten Bootes, und das Beil war so tief hineingefahren, daß er es nicht einmal mit demselben Ruck wieder heraus bekommen konnte. Daran lag ihm aber auch nichts; in der Verteidigung suchte er seine Rettung nicht, nur in der Flucht. Mit weitem Sprung deshalb von der Schanzkleidung nieder über Bord, sank er im nächsten Moment schon in die blaue, über ihm zusammenschlagende Fluth, kaum zwanzig Schritt von dem Canoe hinein, das jetzt mit Blitzesschnelle nach ihm hinüber hielt. Wilde Flüche und Verwünschungen schallten hinter ihm drein von Bord. Während der Capitain aber an Deck sprang und die Bootsmannschaft nach dem zertrümmerten Boote flog, um es so rasch wie möglich wieder aufzuholen und in Stand zu setzen, zog der dritte Harpunier – der recht gut einsah, wie klug der Flüchtling seine Lage überschaut und seine Aussicht berechnet hatte – die unter die Gaffel niedergeholte Flagge auf. Dadurch gab er ein Zeichen, und der erste Harpunier wußte, was das bedeutete. Tom war indessen rasch wieder nach oben gekommen, und ehe nur die Mannschaft an Bord einen Entschluß fassen oder etwas mit dem mißhandelten Boot anfangen konnte, erreichte er die Spitze des Canoes und schwang sich mit Alohi's Hülfe hinein. Sein erster Blick aber war nach dem Schiff zurück, an dessen Gaffel eben die englische Flagge emporstieg – sein erster Griff nach dem neben ihm liegenden Ruder, das er rasch erfaßte und brauchte, und die drei Männer wußten jetzt, daß ihre glückliche Flucht allein in der Kraft ihrer Arme lag. »Halt dort!« schrie der Capitain, der sich das schon sicher geglaubte Opfer in so kecker Weise unter den Händen fort wieder entzogen sah, »halt oder ich schieße Euch über den Haufen!« Seine Drohung war aber machtlos; er hatte nicht einmal ein Gewehr zur Hand, und nur eine von dem Bootsteuerer mit nach hinten gebrachte Harpune aufgreifend, schleuderte er sie in blinder Wuth hinter dem schon wenigstens hundert Schritt entfernten Canoe her. Sie durchflog nicht die halbe Entfernung und verschwand zischend unter der Oberfläche. Vorn am Bug des Canoes aber schäumte die klare Fluth, und das schlanke leichte Fahrzeug hätte, von den kräftigen Rudern getrieben, wie ein Pfeil über hie See dahinfliegen müssen, wäre ihnen bei der raschen Fahrt der sogenannten Luvbaum nicht im Weg gewesen. Die Canoes der Eingeborenen, die aus einem ausgehauenen Baumstamm bestehen, würden nämlich auf offener See und bei dem geringsten Wellenschlag, der sie seitwärts träfe, dem Umschlagen leicht ausgesetzt sein. Das zu verhindern, befestigen sie auf einer Seite, mit über dem Canoe angeschnürten Querhölzern, ein Stück sehr leichtes Holz, etwa bis zehn Fuß lang, das, vielleicht vier Fuß vom Canoe entfernt, neben ihm auf dem Wasser schwimmt. Dieses hält dasselbe allerdings so vortrefflich im Gleichgewicht, daß es selbst ziemlich schweren Wogen Trotz bieten kann, hemmt es aber auch natürlich in seinem Lauf. Auf übergroße Schnelle kommt es freilich den Indianern selten an, sie wollen nur sicher und bequem fahren, und diesen Zweck erreichen sie dadurch vollkommen. Tom's kühner Angriff auf seinen gefährlichsten Feind an Bord – das Walfischboot – war übrigens so vollkommen geglückt, daß er von dort aus nicht das Mindeste zu fürchten hatte – das Zeichen ausgenommen. Das Boot war für die nächste Zeit vollkommen unbrauchbar, denn es hatte sich, außer dem Schlag, den er mit dem Tomahawk hineingeführt, durch den Sturz auch noch eine der Planken losgerissen, – aber die Flagge! Er wußte recht gut, daß die Leute an Land stets ein aufmerksames Auge auf das Schiff richten, und wenn die beiden Boote dem jetzt rasche Folge leisteten – – Doch hoffentlich hatten sie sich schon mit ihrer Holzladung beeilt und mochten auch gewiß nicht ganz leer zurückkehren. Keineswegs konnten sie wissen, was hier vorgegangen, und die aufgezogene Flagge war ihnen höchstens nur ein Zeichen zu rascher Rückkehr. Das Innere der Bai ließ sich vom Canoe aus allerdings nicht eher übersehen, bis sie die Einfahrt passirten, da die Brandungswellen der Riffe wie eine Mauer dazwischen lagen. Hatten sie die aber erst einmal erreicht, dann wurde ihnen auch die jetzt entgegenkommende Strömung günstig. Kein Wort wechselten indessen die drei Männer mit einander, und selbst die sonst lässigen Indianer legten sich mit aller Kraft ihrer Sehnen in die Ruder. Jetzt waren sie in einer Höhe mit der Einfahrt – noch eine Bootslänge und sie mußten den Landungsplatz ihrer Hütten erkennen können – lagen die Boote noch dort, so waren sie gerettet. – »Da kommen sie!« rief Alohi und deutete mit dem Ruder hinüber. – »Vorwärts!« lautete der zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch gegebene Befehl des Schotten, und in demselben Augenblick verhüllte auch die nächste Brandungswelle der Einfahrt wieder die weitere Aussicht. +++ Die beiden Walfischboote hatten während der zuletzt beschriebenen Vorgänge das Land erreicht, und der Harpunier, den der Capitain mit wenigen Worten davon in Kenntniß gesetzt, daß er nicht gesonnen sei, seinen ihm früher entlaufenen Zimmermann wieder frei zu lassen, war beauftragt worden, nur wenigstens etwas des sehr nothwendig gebrauchten Holzes an Bord zu nehmen und so rasch wie irgend möglich zurückzukommen. Natürlich durften die Eingeborenen nicht erfahren, was sie beabsichtigten, denn so gern sie sonst entlaufene Matrosen auslieferten, hätten sie die Wegführung eines jetzt vollkommen zu ihnen gehörenden Weißen doch am Ende nicht gutwillig zugegeben. Der Capitain hatte dabei geglaubt, den Schotten ohne die geringste Schwierigkeit an Bord halten zu können; im Guten natürlich so lange wie möglich, sobald das aber nicht mehr anging, mit Gewalt. Einem vollbemannten Walfischboot hätte er sich ja doch nicht, selbst wenn er die Flucht im Canoe wagte, widersetzen können. Dabei war es ihm fatal, dem solcher Art überlisteten Opfer lange Rede und Antwort zu stehen – er wußte, er hatte gesetzlich kein Recht, ihn zu halten, denn auf dies Schiff hatte er sich nie verdungen, und er schämte sich vielleicht der Gewalt dem Schwächeren gegenüber. Der wachthabende Harpunier bekam jedoch strenge Ordre, ihn gleich durch Aufstampfen an Deck heraufzurufen, sobald der Schotte sich ernstlich widersetzen sollte. In der Ausübung seiner Gewalt an Bord konnte er dann auch jedes unangenehmen Gefühls leichter Herr werden. Daß der Zimmermann auf solche Art seine Flucht versuchen könne, war ihm nicht eingefallen. Mr. Hobart stand indeß am Strand und trieb die Eingeborenen zur Eile an, das Holz herbeizuschaffen. Das ging nur nicht so rasch, denn erstlich war er ihrer Sprache nicht mächtig, und dann haben diese Leute auch wirklich gar keinen Begriff von Zeit und kennen deshalb auch keine Eile. Was bei ihnen heut nicht fertig wird, bleibt eben auf morgen liegen, das ist der ganze Unterschied, und der morgende ein eben so guter Tag dafür. Daß die fremden Boote übrigens anders dachten, war ihnen schon von früher her bekannt, – die machten immer, daß sie nur so rasch wie möglich wieder fortkamen. Daher, und weil Tomo sich ja auch noch draußen an Bord befand und alles Uebrige schon abmachen würde, verstanden sie sich endlich dazu, das Holz aus dem Schatten der Waldung heraus bis auf den Sand zu werfen. Während einige dreißig Mann, von allen Frauen und Mädchen begleitet, die sich um sie her lagerten und ihnen zuschauten, lachend und mit einander schwatzend an die Arbeit gingen, bildete der Harpunier aus seinen Leuten, mit einem andern Theil der Eingeborenen, zwei Ketten, um sich die Scheite einander bis an die Boote zuzuwerfen. Die Bootssteuerer legten es dort so ein, daß es später den Rudernden nicht im Weg sein sollte. Scheit nach Scheit folgte solcher Art ziemlich rasch einander und wurde in beiden Booten zugleich untergebracht. Noch waren dieselben aber nicht zur Hälfte gefüllt, als der zweite Harpunier, der die eine Kette unter seiner Aufsicht hatte, die wehende Flagge an Bord bemerkte und seinen Vorgesetzten darauf aufmerksam machte. »Alle Teufel!« rief dieser, »da ist etwas vorgefallen! – In Eure Boote, Leute – rasch – wir müssen erst sehen, was es ist – in Eure Boote, sag' ich!« »Und das Holz?« fragte der zweite Harpunier. »Mögen die Faulenzer indessen zum Strand schaffen,« rief der Erste. »Das bischen Bewegung wird ihnen überhaupt ganz heilsam sein.« Während die Leute, dem Befehl gehorsam, auf ihre Plätze sprangen, sahen die Eingeborenen ganz erstaunt die so plötzlich aufgegebene Arbeit an. Daß ihnen der Harpunier dabei mit Zeichen bedeutete, nur ungehindert fort zu tragen, bis er zurückkomme, machte auch keinen weiteren Eindruck auf sie. Wenn er zurückkam, war es eben noch Zeit genug, und sie sammelten sich jetzt noch am Strand, um den rasch abstoßenden Booten nachzuschauen. Im Ganzen war es ihnen übrigens recht; brauchten sie doch jetzt vor der Hand nicht länger Holz zu schleppen, und wenn die Weißen das andere haben wollten, würden sie schon wiederkommen. Kamen sie aber nicht, nun so brachte Tomo die Waaren für das mitgenommene Holz zurück. »Wetter noch einmal!« sagte der Harpunier, der vorn auf der Bank seines kleineren Bootes stand und nach dem Schiff hinüber zu sehen versuchte, »ich möchte nur wissen, was der Alte hat. Wenn er uns noch eine Viertelstunde drüben ließ, waren wir mit Allem fertig, und nachher haben wir das verdammte Anlaufen gleich an der nächsten Insel wieder. Da soll immer Zeit gespart werden und wird nur mehr verwüstet.« »Am Ende ist irgend etwas mit dem »frischen Matrosen« vorgefallen,« lachte der Bootssteuerer. »Nun, mit dem einen Mann und den paar rothen Jungen werden doch die zwölf oder dreizehn Menschen, die noch an Bord sind, wohl fertig werden,« brummte der Seemann mit einem halb verbissenen Fluch durch die Zähne. »Das ist überhaupt fauler Kram, und ich wollte – aber was geht's mich an – was er thut, mag er auch verantworten.« Die Boote hatten indessen keinen besonders schnellen Fortgang gemacht, da das Holz den Rudernden im Wege war. Nur die ausgehende Ebbe begünstigte sie, und sie näherten sich eben der Ausfahrt, als der alte Harpunier die Flüchtigen erblickte, die eben in wilder Eile an der Einfahrt vorbeiruderten. »Verdamm' mich –« rief er, »da geht das Canoe! – Legt Euch in die Riemen, Jungen, daß wir nachkommen! Weshalb, zum Teufel, setzen sie denn da nicht mit ihrem Boote nach?« »Vielleicht sind sie hinterher – wir können sie nur von hier aus noch nicht sehen,« warf der Bootssteuerer ein. »Hol' der Henker das verdammte Holz!« fluchte der Harpunier wieder; »die Leute können sich nicht rühren – werft den Bettel über Bord – doch nein – laßt uns erst draußen sein, daß wir den Platz übersehen können.« – Das wäre auch leichter gesagt als ausgeführt gewesen, denn wenn sie das Holz über Bord werfen sollten, mußten sie indessen die Ruder ruhen lassen. Schärfer griffen sie aus, und es dauerte nicht lange, so erreichten sie die Einfahrt in die Riffe, an denen hin sie jetzt das Canoe flüchtig abgehen sahen. Der Harpunier, der sein kleines Fernrohr bei sich hatte, erkannte aber damit den Schotten, und wenn er auch noch nicht begriff, wie das Alles gekommen sein konnte so wußte er doch, was der Capitain von ihm wollte, und folgte seiner Pflicht. Der in der Richtung nach dem Canoe hin ausgestreckten Hand, das Zeichen für den Steuernden, gehorchte dieser augenblicklich, der Bug des Bootes flog heran, und während die Leute ihr Möglichstes thaten, rascher vorwärts zu kommen, sprang der Harpunier mitten in's Boot hinein und schleuderte selber alle Stücke Holz, die nur irgend den Ruderern im Wege lagen, über Bord. Ein Blick auf das Schiff zeigte dabei, daß er die Absicht des Capitains erfüllte, denn die Flagge war wieder eingezogen worden, und die Lucy Evans wendete sich sogar und setzte die oberen Segel, um der Jagd so nahe wie möglich zu bleiben. Je mehr Holz der Seemann hinauswarf, desto leichter wurde das Boot, desto rascher schoß es vorwärts, und es war schon augenscheinlich, daß sie sich dem verfolgten Canoe näherten. Eine andere Einfahrt in die Riffe, der dasselbe jedenfalls zustrebte, war auch noch nicht zu sehen, oder lag wenigstens von der Brandung verdeckt, und Tom erkannte bald zu seinem Ersetzen, daß die Gefahr, wieder genommen zu werden, mit Riesenschritten über ihn hereinbreche. – Aber die Einfahrt lag gar nicht mehr so fern, und so schmal war diese, daß ihm das Boot kaum wagen durfte, dahinein zu folgen, noch dazu, da es an dieser selben Stelle nie hätte wieder ausfahren können. Die offene See wieder zu erreichen, mußte es einen weiten Umweg machen, und zwar im Binnenwasser hin, an der volkreichsten Stelle der Insel vorbei, von wo aus ihm Tom's jetzige Landsleute doch vielleicht Hindernisse in den Weg legen könnten. Nur jene Einfahrt vor dem Boot zu erreichen, war jetzt die Aufgabe, und das schien nur möglich, wenn sie den hindernden Luvbaum abwarfen. Ein paar rasch mit Alohi gewechselte Worte erhielten dessen Zustimmung, und Tom riß das Messer, das er noch vom früheren Seeleben an der Seite trug, heraus, um den Bast zu durchschneiden, mit dem die Querstücke daran befestigt waren. Das war im Nu, wenigstens dort, wo er saß, geschehen, der Luvbaum war indeß hinten sowohl als vorn befestigt. Während er aber das Querstück mit der Hand hielt, um sein Messer Alohi zurückzureichen, fuhr ihm das glatte Holz, gegen das die Fluth jetzt preßte, unter der Hand weg. Das Canoe, noch von den beiden anderen Rudern fast mit derselben Schnelle vorwärts getrieben, bekam durch das gegen das Wasser stemmende Querholz eine andere Richtung und schoß, aus seinem Cours abdrehend, gerade gegen die Brandungswellen zu. Alohi beseitigte allerdings mit zwei kräftig geführten Schnitten das Hinderniß, aber das schmale Fahrzeug kam dadurch in's Schwanken, und die Indianer sowohl wie besonders Tom, die das Balanciren in so leicht beweglichem Kahn nicht gewohnt waren, brauchten mehrere Minuten, ehe sie nur wieder fest genug saßen, um den Bug desselben der vorigen Richtung zuzudrehen und von den drohenden Brandungswellen abzuwenden. Das Walfischboot war in dieser versäumten Zeit auf kaum zweihundert Schritt herangekommen, und so nah klang das regelmäßige Ruderausheben in den Dollen desselben, daß Tom wieder und wieder scheu den Kopf danach zurückwarf. Einen Augenblick, als sich das Canoe so plötzlich wandte, hatte der Harpunier allerdings schon geglaubt, das verfolgte Boot hätte irgend eine Einfahrt zwischen den Brandungswellen erreicht und wolle dieselbe benutzen, bald erkannte er aber die wahre Ursache, und ein triumphirendes Lächeln zuckte über seine Züge. Ihn selber dauerte der arme Teufel, den er hier wie einen Verbrecher wieder einfangen mußte, und er würde an des Capitains Stelle vielleicht anders gehandelt haben, aber der Reiz der Jagd riß ihn auch wieder so weit mit fort, daß er jetzt sein eigenes Leben mit Freuden in die Schanze geschlagen haben würde, nur um den Flüchtigen wieder in seine Gewalt zu bringen. Es ist das oft ein wunderlicher Zwiespalt in unserem Herzen, von dem wir uns nur selten Rechenschaft zu geben wissen, und manchmal ist's, als ob irgend ein Dämon mit unserem besseren Selbst ringe und kämpfe – und leider trägt der Teufel fast stets den Sieg davon. Außerdem wäre es ja aber auch eine Schande gewesen, wenn ein Canoe, von drei Rudern getrieben, seinem Boot, dem schnellsten an Bord, in dem vier Riemen mit äußerster Anstrengung geführt wurden, entkommen sollte. Er hätte sich ja geschämt, wieder an Bord zurückzukehren. Unterdessen warf er, mit diesen Gedanken beschäftigt, Scheit nach Scheit über Bord, daß ihm der Schweiß in hellen Tropfen von der Stirn lief. »Das Canoe hat den Luvbaum abgeworfen, um schneller vorwärts zu kommen!« rief jetzt der Bootssteuerer, der es ebenfalls bemerkt hatte, triumphirend aus. »Seht nur, wie sie hin und her schwanken. Wir gewinnen mit jedem Ruderschlag!» »Hurrah, meine Jungen!« schrie der Harpunier, »doppelten Grog heut Abend für Euch, wenn Ihr die Burschen einholt. Nur zehn Minuten, und sie sind unser!« – »Wir kommen nicht von der Stelle, Tomo!« rief indessen Alohi mit Todesangst dem Weißen zu, »denn wenn wir uns viel regen, schlagen wir um!« »So steuere gerade in die Brandung hinein!« antwortete der Schotte in Verzweiflung, »dorthin wagen sie nicht zu folgen, und – besser todt als gefangen.« – »Hier nicht!« rief aber Alohi ängstlich zurück – »um unserer Aller willen hier nicht. Die Riffe liegen scharf und ausgedehnt dahinter, und unsere Leiber würden zerschmettert und zerrissen werden, ehe sie das Binnenwasser erreichten.« »Dann sind wir verloren,« murmelte Tom dumpf vor sich hin, während durch eine unvorsichtige Bewegung das Canoe wieder in's Schwanken kam. Die drei Ruder mußten aufhören zu arbeiten, und in derselben Minute schoß der Bug des Walfischbootes an sie hinan. »Komm herüber mein Bursche und mache keine unnützen Schwierigkeiten mehr,« sagte der Harpunier, fast eher in einem freundlichen als barschen Ton. »Du siehst, Du kommst nicht fort – spring in's Boot und laß die rothen Jungen ihr Canoe in Gottes Namen weiter rudern.« »Mit welchem Recht fallt Ihr mich hier auf offenem Meere an?« rief aber der Schotte entrüstet. »Seid Ihr Freibeuter, daß Ihr preßt, was Ihr zu Eurem Dienste braucht?« »Das macht mit dem Alten aus,« erwiderte ruhig der Harpunier, »ich habe nur den Auftrag, Euch einzubringen.« Die Matrosen hatten indessen das Canoe gefaßt, und der Harpunier streckte den Arm nach dem Unglücklichen aus. »Es thut mir bei Gott selber leid,« setzte er dann leise hinzu, »aber – zum Teufel, wer hieß Euch auch wieder in des Löwen Rachen hineinsteigen; macht aber jetzt gute Miene zum bösen Spiel, denn das Schlimmste ist doch nur eine Trennung von zehn oder zwölf Monaten von Eurer Insel. Bis dahin haben wir unser Schiff voll, und daß Euch der Capitain dann hier wieder abliefert, versteht sich wohl von selbst.« Tom Burton stand einen Augenblick zaudernd in seinem schwanken Kahn. Noch konnte er sich losreißen und über die Brandungswellen hin Tod oder Freiheit suchen – aber die Lust zum Leben siegte doch in ihm. Vom Bord des Schiffes aus war vielleicht noch Rettung möglich – die Wellen hier hätten ihn dem sichern Tod entgegengeschleudert. »Leb' wohl, Alohi,« sprach er, dem Schwager die Hand reichend, »grüß' Deine Schwester von mir und sag' ihr, was Du gesehen hast. Wenn die Brodfrucht zum zweiten Male reift, bin ich hoffentlich wieder bei Euch – vielleicht auch früher,« – setzte er mit fest zusammengebissenen Zähnen hinzu. »Alohi geht nicht nach Tubuai zurück,« sagte aber der Indianer ruhig, indem er sein Ruder in das Canoe warf und von seinem Sitz aufstand, »Anahona mag das Fahrzeug zurücknehmen. Ich bleibe bei Dir.« »Du willst mit uns gehen?« Alohi nickte nur als Antwort mit dem Kopf. »Was sagt er?« rief der Harpunier. »Er will mich nicht verlassen – darf er uns begleiten?« »Versteht sich, mein Junge,« lachte der Seemann, froh einen Mann mehr an Bord hinüber zu bringen, »und wir wollen sehen, daß wir einen tüchtigen Matrosen aus ihm machen. Aber nun rasch – wir treiben hier mit der Strömung gegen die Brandung zu – kommt über, Tom – daß Euch der Alte nicht schlecht behandeln soll, dafür laßt mich sorgen.« Alohi wechselte nur einige Worte mit seinem Landsmann und stieg dann zuerst in das Walfischboot hinein – Tom folgte ihm langsam. Die Ruder wurden wieder eingeworfen, der Bug des Bootes flog herum, und während das Canoe, von dem einen Indianer geführt, nach der alten Einfahrt in den Riffen zusteuerte, den Eingeborenen die traurige Kunde zu bringen, ruderten die Weißen guter Dinge der Lucy Evans entgegen. Den Leuten mochte die Gefangennahme des armen Teufels vielleicht leid thun, und Viele sahen darin ihr eigenes Schicksal, wenn sie selber eine oft und oft überdachte Flucht versuchen sollten; aber im Ganzen war es ihnen doch recht. Einmal an Bord eines Walfischfängers, wäre ihnen der Mangel eines Zimmermanns bald fühlbar geworden, er mußte sogar zuletzt ihren Fang beeinträchtigen. Dadurch aber wurde ihr Verdienst geschmälert, und der Eigennutz regiert ja nun doch einmal die Welt. Es war ein furchtbares Gefühl, mit dem Tom das Schiff wieder betrat, wo er auch auf eben nicht freundliche Weise mit Fluchen und Verwünschungen von dem vorhin überlisteten dritten Harpunier empfangen wurde. Vollkommen ruhig benahm sich dagegen der Capitain, der trotz des ausgeführten Gewaltstreiches dem Mann seine jetzt versuchte und allerdings gerechtfertigte Flucht nicht noch durch harte Reden oder gar irgend eine Strafe wollte entgelten lassen. Tom selber war dagegen nicht willens, sich so ganz geduldig in sein hartes und, wie er glaubte, ungerechtes Loos zu finden. Der Capitain sollte sich wenigstens später nie entschuldigen können, nicht gewußt zu haben was er begehe, indem er ihn seiner Familie, seiner jetzigen Heimath entreiße. Ohne deshalb einen weiteren Befehl von dessen Seite abzuwarten, schritt er, sobald er die Schanzkleidung überstiegen hatte und ohne auf die bitteren Reden des gereizten dritten Harpuniers auch nur mit einem Blick zu antworten, auf den Capitain zu. Dieser stand neben dem Steuernden, das Auge auf die Segel geheftet und der Mannschaft die Befehle zum Umbrassen zurufend. »Capitain Rogers!« »Ah, Mr. Burton – wieder an Bord! Ihr werdet vor allen Dingen daran gehen müssen, das Boot auszubessern, das Ihr vorhin, in der Eile, an Land zu kommen, zerschlagen habt. Wir brauchen es nothwendig.« »Capitain Rogers,« wiederholte Tom und mußte sich Gewalt anthun, um die nöthige Ruhe zu behaupten, »Sie wissen, daß Sie eine ungesetzliche – unmenschliche That begehen, indem Sie mich gewaltsam von hier fortführen.« »Ungesetzlich? – Begingt Ihr etwa eine gesetzliche That, als Ihr von dem Bonnie Scotchman flüchtig wurdet?« »Das war der Bonnie Scotchman,« sagte Tom ruhig, »und hätten Sie mich damals wieder eingefangen, wären Sie in Ihrem vollen Recht gewesen, mich zu strafen, wie Sie es für gut fanden. Gegen dieses Schiff aber habe ich keine Verbindlichkeiten gebrochen.« »Gegen dieses Schiff allerdings nicht, aber gegen mich ,« sprach der Capitain gleichfalls ruhig. »Unsere Ansichten mögen darüber verschieden sein, und glaubt Ihr Recht zu behalten, gut, so könnt Ihr mich im nächsten englischen Hafen, den wir erreichen, verklagen. Für jetzt bitte ich Euch aber, Eure Pflicht ruhig und ordentlich zu erfüllen und mir die unangenehme Notwendigkeit zu ersparen, Euch – doch wozu harte Worte?« unterbrach er sich rasch. »Ihr kennt die Verhältnisse an Bord eines Walfischfängers so gut, wie ich sie Euch schildern kann, und seid vernünftig genug, das Beste zu wählen. Unsere Reise wird überdies hoffentlich nicht so lange mehr dauern.« Er wandte sich ab von Tom, als sein Auge auf den Indianer fiel, und sagte lächelnd: »Habt Ihr da noch einen Matrosen für mich geworben?« »Er ist der Bruder meines Weibes , der mich nicht verlassen will,« versetzte Tom finster. »Ah, Euer Schwager, desto besser! Ich hoffe, es soll ihm bei uns gefallen, und nun – seid so gut und geht an Eure Arbeit.« Tom war entlassen und sein Schicksal entschieden. Er wußte, daß er nichts weiter von Bitten noch Drohungen zu hoffen hatte, ja die letzteren seine Lage nur verschlimmern konnten, und war vernünftig genug, sich dem zu fügen. Unbelästigt von irgend Jemand – denn der dritte Harpunier hatte strengen Befehl bekommen, dem neuen Zimmermann des letzten Fluchtversuchs wegen keine weiteren Vorwürfe zu machen – verrichtete er jetzt seine Arbeit, und wenn ihm auch das Herz hätte brechen mögen, als das Schiff seinen Cours in die See hinaus nahm und Tubuai mehr und mehr am Horizont verschwand, verbiß er doch seinen Schmerz. Es sollte Niemand ahnen, was in ihm vorging – seine Zeit kam doch vielleicht. Nicht so ruhig aber nahm Alohi den Abschied von seinem Vaterland. Im Anfang zwar hatte er sich mit ziemlicher Gleichgültigkeit dem Entschluß hingegeben, sein Schicksal an das seines Schwagers zu knüpfen – eine gewisse Furcht mochte ihn ebenfalls dazu getrieben haben, den Klagen der Schwester auszuweichen. Jetzt aber, als die palmenreiche Küste, als die grünen Gipfel seiner Berge niedriger und niedriger wurden und endlich auch der letzte in die See versank und die weite Oede furchtbar bewältigend vor ihm lag, da wurde ihm doch recht weh und ängstlich zu Muthe, und er kauerte still und traurig an Deck nieder, senkte den Kopf und verhüllte sich das Gesicht mit seinem Schultertuch. Niemand belästigte ihn an dem Tag; die Seeleute wußten schon aus früherer Zeit, daß sie den Eingeborenen, wenn sie deren einmal als Arbeiter auf ihre Schiffe bekamen, Raum zu ihrem Heimweh geben mußten. Nachher fanden sie sich schon besser hinein. Ihr leichter Sinn hob sie bald über den wirklichen Verlust hinweg und ließ sie in dem Neuen und Wunderbaren, das sie umgab, sogar das Vaterland vergessen – freilich nur, bis irgend eine neue Hügelspitze am Horizont auftauchte, und die Sehnsucht dann wohl so stark zurückkehrte als je. Tom war indeß fest entschlossen, jede nur mögliche Gelegenheit zu neuer Flucht zu benutzen, und mit Alohi's Hülfe, den die Indianer einer fremden Insel gewiß eher unterstützt als ausgeliefert hätten, hoffte er auch auf gutes Gelingen. So nachsichtig ihn aber auch der Capitain in See behandelte, so streng wurde er überwacht, so lange sie nur in Sicht einer der zahlreichen in den dortigen Meeren zerstreut liegenden Inseln waren, und als sie später in Hilo auf Hawaii anlegten, durfte der arme Teufel nicht einmal das Zwischendeck, ausgenommen mit Bewachung, verlassen. An Flucht war da gar nicht zu denken. Alohi dagegen konnte frei umhergehen, wohin es ihm beliebte. Capitain Rogers wußte recht gut, daß ihm der nicht davonlaufen würde, so lange er nur den Schotten hielt. Der einzige Feind, den Tom an Bord hatte, war der dritte Harpunier, Mr. Elgers, der ihm die damalige Flucht nicht vergessen konnte, und peinlich wurde dies Verhältniß sogar, als er und Alohi gerade seinem Boote zugetheilt wurden. So knapp war die Lucy Evans nämlich an Mannschaft, daß nicht einmal der Zimmermann, wenn nicht besonders nöthige Arbeit an Bord seine Anwesenheit erforderte, beim Fang der Fische entbehrt werden konnte. Alohi besonders hatte dort eine schwere Zeit, denn an das eisige Klima nicht gewöhnt, konnte er sich trotz der erhaltenen warmen Kleidung gar nicht mehr erwärmen. Die schwere Arbeit dazu, das Rudern am Tag, das Auskochen bei Nacht – oder in der Dämmerung wenigstens, da es dort oben in den Sommermonaten nicht Nacht wurde – rieb seinen Körper fast auf. Aber keine Klage kam über seine Lippen, und nur manchmal, wenn er oben im Top der Masten den Ausguck nach Walfischen hatte, drangen die leisen wehmüthigen Töne eines kleinen heimischen Liedes, das Tom nur zu gut kannte, auf das Deck nieder und verriethen ihm wenigstens, wie weh es dem armen Indianer im Herzen sei. Ihre Jagd war ziemlich glücklich. Sie nahmen so viel Fische, daß der Capitain beschloß, wenn auch sein Schiff noch nicht ganz gefüllt war, keine weitere Jahreszeit hier oben abzuwarten, sondern nach Hause zurückzukehren. Auf der Heimfahrt konnte er dann das Fehlende vielleicht noch nachholen. – Auf Oahu wurde das Schiff wieder mit frischen Provisionen und Wasser versehen, und der zweite Harpunier wie zwei Bootsteuerer, die auf den Sandwichs-Inseln zu bleiben wünschten, ausgezahlt. Es geschieht dies sehr häufig, wenn ein Schiff seine Heimfahrt antritt, und ist stets ein Nutzen für die an Bord Zurückbleibenden. Die Abgehenden brauchen nämlich nicht allein nicht mehr beköstigt zu werden, sondern sie sind auch genöthigt, ihren Antheil am Thran hier billiger anzunehmen, als es in England der Fall gewesen wäre. Nur den Zimmermann und Böttcher brauchte das Schiff noch nothwendig für die weitere Fahrt, und trotz des ersten Harpuniers Bitte für Tom Burton, ihn in der Nähe seiner Heimath abzusetzen, wenn sie diese erreichen würden, erklärte der Capitain, ihn nothgedrungen mit nach Hause nehmen zu müssen, da er das Schiff nicht der Gefahr aussetzen dürfte, unterwegs bei schwerem Wetter und so tief geladen zu Schaden zu kommen. Was konnten sie dann ohne Zimmermann anfangen? – Der Harpunier schwieg. Der Capitain hatte Recht – und auch nicht; er selber mochte mit der Sache nichts weiter zu thun haben. Sobald sie den Aequator wieder passirt hatten, bat übrigens Tom ebenfalls den Capitain darum, bei Tubuai anzulaufen und sie Beide ihren Familien zurückzugeben; der Capitain gab ihm aber ganz aufrichtig dieselbe Antwort wie seinem Harpunier, und Tom war zu viel Zimmermann und Seemann, um nicht selber einzusehen, daß jener von seinem Standtpunkt aus vollkommen Recht hatte. Aber zur Verzweiflung trieb es ihn bald, wenn er daran dachte, wie er jetzt vielleicht in einer Tagereise Entfernung an dem kleinen Inselland vorbeischwamm, das seine Heimath geworden und alle die Menschen in sich faßte, die ihm lieb und theuer waren, und daß trotzdem doch vielleicht noch Jahre vergehen müßten, ehe er den Boden wieder betreten konnte. Und doch sah er keine Möglichkeit zur Flucht. Weiter und weiter verfolgte indessen das Schiff seine Bahn. Die Breite von Tubuai mußten sie jedenfalls schon passirt haben, und die Ungewißheit darüber fraß ihm nur noch mehr am Herzen. Der Capitain nämlich, der die Beobachtungen der Sonne selber nahm und berechnete, vermied stets, irgend jemand Anderem ihre Bahn mitzutheilen. Die Leute durften auch gar nicht danach fragen, und die Harpuniere bekümmerten sich nicht darum. Das war eine Sache, die sie nichts anging. Sie hatten nur mit dem Fang der Fische zu thun; das Schiff in den richtigen Hafen zu bringen, war des Capitains Sache. Mehrfach tauchten jetzt wieder einzelne Inselgruppen am Horizont auf und Alohi hatte diese stets mit peinlichster Spannung beobachtet. Ihm allerdings hatte der Capitain freigestellt, das Schiff zu verlassen, oder zu bleiben, der treue Bursche aber wollte nicht von Tomo weichen. Wohin der ginge, ginge er mit, und wenn die Weißen schlecht genug wären, den noch einmal mit fortzuschleppen, sollten sie ihn auch mitnehmen. So standen die Sachen, als Tom Burton eines Morgens vorn an der Gallerie beschäftigt war, die Stevenpumpe in Ordnung zu bringen. Aber die Arbeit ging ihm heute nicht von statten. Da drüben, leewärts, lag wieder Land, lagen die Spitzen zweier, wie es schien, ziemlich hoher Inseln, und er konnte die Augen nicht abwenden von dem theuern Boden – vielleicht dem letzten Palmengrund, den sie zu sehen bekamen, ehe sie die schwere, kalte Fahrt um Cap Horn antraten. Was es für Inseln seien, konnte er freilich nicht errathen. Er hatte den ersten Harpunier, der immer noch am freundlichsten mit ihm gewesen, darum gefragt, aber dieser wußte es selber nicht, oder wollte es nicht wissen. »Tomo,« sagte da plötzlich eine leise scheue Stimme an seiner Seite – »weißt Du, was das da drüben für Land ist?« Tom fuhr von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt nach ihm herum. »Tubuai?« rief er mit angstgepreßter und doch wild herausgestoßener Stimme. »Aber nein – nein,« setzte er dann leise und kopfschüttelnd hinzu, »das sind die heimischen Berge nicht, an deren Fuß wohnt nicht –« »Halte Dich ruhig,« flüsterte Alohi, »die Anderen brauchen nicht zu wissen, daß wir über das Land sprechen.« »Und was hülfe es mir? Haben wir ein Boot, daß wir es erreichen könnten?« »Dorthin liegt nicht Tubuai,« sprach Alohi vorsichtig. »Das ist Tahiti – die große Insel, auf der die Feranis wohnen. Die andere links davon ist Morea.« »Aber woher kennst Du die Inseln?« »Als Knabe war ich mit dem Missionskutter einst auf Tahiti; ich habe den spitzen Gipfel nicht vergessen.« »Und Tubuai? Wohinaus liegt das?« »Gerade dorthin, wo die Sterne Abends stehen, die Ihr das Kreuz nennt – nur ein wenig mehr nach leewärts zu,« flüsterte der Eingeborene, ohne den Kopf nach der bezeichneten Richtung zu wenden. »Wir sind noch lange nicht an Tubuai vorbei. Wenn wir ein Boot frei machen könnten – ich fände jetzt leicht die Richtung dorthin.« »Es geht nicht – es geht nicht,« seufzte Tom. »Die Boote hängen zu nah am Steuerruder, und wenn ich selbst die Wache dort hätte – einer der Harpuniere ist stets an Deck.« »Und zwischen den Wachen, Nachts, – wenn sie unten im Buche schreiben?« Tom schüttelte traurig den Kopf. »Das erste Reiben des Taus in den Blöcken müßten sie hören, und ehe wir nur das Boot auf dem Wasser hätten, wären wir verrathen. Nein, armer Bursche, es bleibt uns jetzt schon keine andere Wahl, als geduldig auszuharren die schwere Zeit – noch viele lange, lange Monde.« Alohi gab seinen Plan noch nicht auf. Das Land in Sicht, das ihm plötzlich die Richtung der eigenen Heimath zeigte, hatte die Sehnsucht stärker als je in ihm erweckt. Aber selbst die Elemente schienen ihm entgegen, denn der Wind legte sich fast ganz und es wurde so still, daß eine Flucht im Boot, selbst wenn sie glücklich das Schiff damit verlassen hätten, unmöglich geworden wäre. Nur bei kräftiger Brise hätten sie hoffen können, mit Segeln zu entkommen. Die Nacht brach ein, und am nächsten Morgen, als die Sonne wieder im Osten emporstieg und das spiegelglatte Meer beschien, war das Land verschwunden. Bald nach Sonnenaufgang erhob sich aber der Wind auch wieder, und die Lucy Evans lief jetzt mit ziemlich kleinen Segeln wieder etwa vier Knoten die Stunde nach Süden. In den letzten acht Tagen hatte sie keinen Fisch gefangen, und das Deck lag rein und sauber gescheuert. Zu arbeiten war ebenfalls wenig und der Böttcher so ziemlich die einzige ununterbrochen thätige Person, da die mit dem heißen Thran gefüllten Fässer scharfes Aufpassen und mehrmaliges Nachtreiben der Reifen verlangen, wenn sie nicht leck werden sollen. Die Ausgucks wurden jedoch regelmäßig in den Tops der Masten gehalten, denn sie befanden sich hier noch im besten Spermfischrevier und hätten noch ein halbes Dutzend der fetten Burschen brauchen können, um ihr Schiff bis zum Deck zu füllen. Vier volle Tage, Nachts dabei nur wenig Fortgang machend, lagen sie so dicht am Wind, um soviel wie möglich nach Osten anzuhalten. Daß sie Tubuai jetzt passirt hatten, war gar keine Frage mehr, und die weite öde See lag vor ihnen, ein traurig wildes Ziel. Am vierten Nachmittag war Tom oben in den Top des Vormasts zum Ausguck gesandt und konnte die Blicke nicht abwenden von der Richtung, in der er die Heimath wußte. Er schaute so lange nach Westen, in die untergehende Sonne, bis ihn die Augen schmerzten, und wandte sich endlich in Pein und Unmuth ab, damit seine Gedanken nicht über ihn Herr werden möchten. Eine Zeit lang flimmerte es ihm vor den Augen, so hatten ihn die Strahlen der Sonne geblendet, und doch kam es ihm vor, als ob er dort drüben zu windwärts einen dunkeln Punkt erkennen könne. War das ein Fisch? – Er wäre der Letzte gewesen ihn anzurufen, denn jetzt, nachdem sie seine Insel im Rücken hatten, lag seine einzige Hoffnung auf einer schnellen Fahrt, der alten Heimath zu, um von dort dann mit dem ersten Schiff den Rückweg hierher zu finden. Das Einschneiden eines Fisches hätte die Reise nur verzögert. – Aber nein, das war kein Fisch. Ein dunkler Gegenstand lag gar nicht so sehr weit entfernt, ziemlich hoch auf dem Wasser. Was es sei, konnte er nicht erkennen, rief aber das Schiff unten an und meldete mit dorthin ausgestreckter Hand, was er bemerkt. Er war selber neugierig geworden. Einer der Harpuniere stieg rasch mit dem Fernglas nach oben, und erkannte bald in dem dunkeln Gegenstand einen kleinen entmasteten Kutter, der dort, anscheinend herrenlos, auf dem Wasser trieb. Niemand auf der Welt hat aber besser Zeit, etwas Derartiges zu untersuchen, als gerade ein Walfischfänger, da er nicht das Mindeste dabei versäumt. Die Ausgucks bleiben natürlich fortwährend in den Masten, und während er beilegt, oder gegen den Wind aufkreuzt, können ihm eben so gut Fische in den Wurf laufen, als wenn er mit vollgeblähten Segeln vor dem Wind fortginge. Außerdem war hier eine Aussicht auf Gewinn – es konnte ein mit Perlmutterschalen oder Cocosöl beladener Kutter sein, der aus irgend einem Grund von seiner Mannschaft verlassen worden. Jedenfalls lohnte es der Mühe, die Stunde daran zu wenden, um ihn zu untersuchen, und die Sonne war eben noch hoch genug, um ihn wenigstens vor ihrem Untergang zu erreichen. »Mr. Hobart!« rief der Capitain, »nehmen Sie Ihr Boot und zugleich – oder lassen Sie lieber Mr. Elgers gehen,« unterbrach er sich, »der hat den Zimmermann in seinem Boot. Tom mag sein Handwerkszeug mitnehmen, Meißel, Säge, Hammer und Beil; man weiß nicht, was da aufzuschlagen ist. Lohnt es der Mühe, so bleiben Sie dort liegen, bis wir dazu aufkreuzen können – Sie mögen sich auch eine Laterne mitnehmen, falls es zu dunkel werden sollte.« Der Befehl wurde rasch ausgeführt und Tom vom Mast heruntergerufen. Hier blieb ihm auch wirklich kaum Zeit, sein notwendigstes Geschirr zusammenzuraffen und in das Boot zu springen. Das hatte die übrige Mannschaft indeß mit allem nöthigen versorgt, und sie stießen gleich darauf von Bord ab, um das Wrack zu untersuchen. Unten auf dem Wasser konnten sie es aber noch nicht erkennen, und von der großen Raae aus gab ihnen ein dort hinaufgeschickter Matrose die Richtung an, in der sie steuern mußten, bis sie selber nahe genug kamen, es von der blitzenden Fluth, die ihren Horizont begrenzte, zu unterscheiden. »Legt Euch in die Riemen, meine Burschen,« ermunterte der Harpunier die Leute, »es wird sonst dunkel, eh' wir hin kommen; die Sonne geht ja schon unter. Regt ein bischen die faulen Knochen – wer weiß, ob nicht in dem Kasten da drüben mehr steckt, als zwei Walfische werth sind.« Das Letztere war jedenfalls die beste Anregung für die Leute. Mit aller Macht legten sie sich in die Ruder, und das schlanke treffliche Boot sprang leicht über die kaum bewegten, aber von einer frischen Briese dunkelgekräuselten Wellen der blauen See, so daß sie bald das ersehnte Ziel erreichten. Es war in der That ein kleiner inländischer Kutter, wie ihn die Weißen hier und da für die Eingeborenen auf den Inseln bauen, und womit auch oft Europäer, besonders Franzosen, zwischen den verschiedenen Inselgruppen herumfuhren und Perlmutterschalen, Cocosöl, Limonensaft oder andere Producte gegen europäische Waaren, seltener gegen Geld, eintauschten. Jedenfalls hatte ein Sturm das kleine Fahrzeug erfaßt, und die Mannschaft, wenn sie nicht verunglückt war, sich in ihrem Canoe zu retten gesucht. An Deck lagen nur einige Cocosnüsse, die Alohi, ohne weiter einen Befehl deshalb abzuwarten, in das Boot warf. Außerdem war aber von dem Takelwerk noch Manches zu gebrauchen, der Anker z. B. allein schon etwas werth, und der Harpunier ließ sich jetzt die Laterne anzünden, um in den innern Raum, der nur theilweise mit Wasser gefüllt schien, hinein zu steigen und nach Papieren oder sonst werthvollen Sachen zu suchen. Die Mannschaft sprang indeß sämmtlich an Deck des kleinen Fahrzeugs, um so viel wie möglich wenigstens von dem Tauwerk zu bergen, falls sich die Ladung als werthlos erweisen sollte. Die Sonne war allerdings schon unter, und die Nacht fing an, sich von Osten her langsam über die weite, leise wogende See auszubreiten. Die Dämmerung ist in jenen Meeren ungemein kurz, und dem Tag folgt fast unmittelbar die Nacht. »Hierher, Zimmermann; gebt einmal ein Beil herunter,« rief der Harpunier, der mit dem Bootsteuerer nach unten geklettert war, an Deck hinauf, »und bringt einen Meißel mit.« Tom stieg in das Boot, das in Lee vom Kutter angebunden hing, um das kleine Kästchen mit Handwerksgeräth heraus zu holen, als plötzlich Jemand zu ihm in das Boot sprang und dieses ein Stück vom Kutter abschoß. Er richtete sich überrascht empor und erkannte Alohi, der mit einem trotzigen Lächeln über den dunkeln Zügen, ein Messer in der Hand, mit dem er eben das Tau durchschnitten hatte, einen Augenblick stolz und hoch aufgerichtet vorn im Boot stand. Es war aber auch wirklich nur einen Augenblick, denn im nächsten Moment schon warf er das Messer von sich und griff einen der Riemen auf. »Hallo – das Boot ist flott!« rief Einer der zurückgebliebenen Leute. »Auf der anderen Seite, Kanaka Der Name bedeutet eigentlich einen Sandwichs-Insulaner, aber die Seeleute geben ihn gewöhnlich allen Eingeborenen der Südsee. , mußt Du den Riemen einsetzen – Du schiebst es ja noch immer weiter ab.« »Was thust Du, Alohi?« rief Tom erschreckt. »Was ich thue, Tomo? Ich will nach Tubuai fahren – und nun Segel auf und fort, denn es dauert noch wenigstens eine Viertelstunde, ehe es vollkommen Nacht ist. Die anderen Boote werden bald hinter uns her sein.« »Aber, Alohi!« rief Tom, »mit diesem Boote sollen wir die Entfernung –« »Und wenn's ein Canoe wäre,« lachte der Indianer wild vor sich hin, »besser hier zu Grunde gehen als länger bei jenen weißen Teufeln ausharren. Alohi bleibt nicht mehr bei ihnen.« »Nun, denn mit Gott!« rief Tom laut aufjubelnd, indem er mit raschem Griff den kleinen Mast in den dazu bestimmten Platz setzte. »Land werden wir schon irgendwo treffen, und nun hinaus in die See!« »Oh Tom – oh Kanaka!« riefen indessen die beiden zurückgelassenen Matrosen erschreckt durcheinander, – »hallo, Mr. Elgers, das Boot ist fort!« »Den Teufel auch!« schrie dieser, indem er rasch nach oben sprang. Aber in die gotteslästerlichsten Verwünschungen brach er aus, als die beiden Flüchtlinge seinen Anrufen nicht gehorchten, sondern mit geblähtem Segel scharf am Winde hin das Weite suchten. In wilder Hast und Wuth schwang er dabei die Laterne hin und her, als einzig mögliches Zeichen für das Schiff, von dort so rasch als möglich Hülfe herbeizuholen. An Bord hatten sie indessen von oben aus ebenfalls, wenn auch nicht das Abstoßen des Bootes, denn dazu war es nach Osten hin zu dunkel geworden, aber doch das gesetzte Segel entdeckt. Der Mann, der als Ausguck oben saß, rief es an Deck hinunter. Nichtsdesto weniger zerbrach er sich den Kopf, weshalb das Segel nicht gerade auf das Schiff zu hielte und auf dem Wrack noch immer Jemand die Laterne schwenkte. Seiner Pflicht nach rapportirte er das endlich ebenfalls, und der erste Harpunier lief rasch an der Want hinauf, um sich von dem Thatbestand zu überzeugen. Mr. Hobart brauchte indessen eine lange Zeit, den wahren Verlauf zu durchschauen. »Mein Boot auf's Wasser!« schrie er in dem nämlichen Augenblick an Deck hinab und glitt dann selber an einer von den Pardunen nieder. »Was ist vorgefallen, Mr. Hobart?« rief der Capitain, der unten neben dem Steuerrad stand, »ist das Boot verunglückt?« »Halb und halb,« lachte der Harpunier mit einem derben Fluch zur Bekräftigung, »für uns wenigstens hier. Es geht mit vollgeblähtem Segel nach Lee zu, und ich müßte mich sehr irren, wenn Tom und der Kanaka nicht eine Vergnügungstour darin vorhätten.« – »Verdammniß!« schrie der Capitain, das Deck stampfend. »Sie hätten ihn sollen laufen lassen, als es noch Zeit war,« sagte der Harpunier, seinen dicken Rock, der schon für die Nachtwache bestimmt auf dem Gangspill lag, aufnehmend und anziehend. »Jetzt werden uns die Burschen wieder zu einer verteufelten Hetze zwingen und – verdenken kann ich's ihnen auch nicht – ich thäte dasselbe an ihrer Stelle.« Er war dabei auf die Bulwarks gesprungen und glitt an dem Tau draußen nieder in das hinuntergelassene Boot.« »Sehen Sie sich vor, Mr. Hobart, daß Sie das Schiff im Auge behalten,« ermahnte ihn der Capitain, »ich werde Laternen an den Tops aufhängen lassen.« »Ay, ay, Sir,« rief der Harpunier zurück, murmelte aber in den Bart: »Werde den Teufel thun und in Nacht und Nebel dem Schiff aus Sicht laufen – keine Furcht, Alter. Nun zu, Jungen, greift aus!« rief er den Leuten zu, und die vier Riemen tauchten zu gleicher Zeit in die Fluth und machten das Boot rasch davonschießen. – Aber die beiden Flüchtlinge hatten, obgleich es rascheren Fortgang machte als sie, nicht viel von ihm zu fürchten. Es war nämlich unter der Zeit so dunkel geworden, daß der Mann im Ausguck dem verfolgenden Boote nur noch die ungefähre Richtung des flüchtigen Segels angeben konnte, und der mußte es folgen, so gut es eben ging. Zugleich mit ihm hatte Capitain Rogers auch das zweite Boot – und zwar in Ermangelung eines zweiten Harpuniers unter dem Befehl des Böttchers – nach dem Wrack abgeschickt, die noch dort befindlichen Leute abzuholen. Von oben war das Licht zu erkennen, und einen darüber befindlichen Stern annehmend, konnten sie dadurch leicht ihren Cours halten. Die Lucy Evans setzte jetzt alle Segel, braßte auf und lief eine Strecke hinter den Flüchtlingen her. Als jedoch der Schein der Laterne auf dem Wrack immer schwächer wurde und endlich ganz verschwand, blieb ihr nichts Anderes übrig, als beizudrehen und auf ihre beiden Boote zu warten, die der Lucy Lichter besser erkennen konnten. Im Westen zeigte sich außerdem eine aufsteigende Wolkenschicht, und der Capitain durfte seine Mannschaft in den Booten draußen, die nicht einmal mit Provisionen versehen waren, nicht der Gefahr aussetzen, verloren zu gehen. In zwei Stunden etwa kehrte der Böttcher mit den Leuten vom Wrack zurück und eine halbe Stunde später auch Mr. Hobart mit seinem Boot. Von den Flüchtlingen hatte er aber nichts mehr finden können, und als am nächsten Morgen die Sonne, mit einer scharfen Brise, die ihre weißen Schaumwellen über die weite blaue, aufgewühlte Fläche warf, dem Horizont entstieg, war nichts mehr von ihnen zu entdecken. Sie mußten die Verfolgung aufgeben – die Segel wurden wieder umgebraßt, und der Walfischfänger wandte seinen Bug auf's Neue der Heimath zu. * Eine Nacht voll Todesangst verbrachten indessen die beiden Flüchtlinge, denn wohl wußten sie, daß das Schiff ihrer Bahn folgen würde, und zufällig konnte es ja doch immer dieselbe Richtung beibehalten, wie sie. Befanden sie sich aber bei Tagesanbruch noch in Sicht und wurden sie entdeckt, so waren sie jedenfalls verloren. Eine volle Stunde behielten sie nichtsdestoweniger ihren Cours bei, um nur erst den Blicken der Nachsetzenden entzogen zu werden, dann aber kreuzten sie auf Tom's Rath, so wenig Fortgang sie auch dabei machten, gerade in den Wind auf. Dadurch behielten sie die Wahrscheinlichkeit für sich, daß sie das Schiff im Dunkeln passiren würde, und an ein Wiederfinden war dann nicht leicht zu denken. Mit der Morgendämmerung, um keine Vorsicht außer Acht zu lassen, nahmen sie das weiße Segel ein, das sie vielleicht hätte verrathen können, und suchten sorgfältig den ganzen Horizont nach irgend einem Schiffe ab. – Es war nichts zu sehen. Da voll guten Muthes setzten sie bei der frischen Brise das Segel wieder, das sie jetzt in vollem Flug nach Westen, der Heimath entgegen trug. Noch waren sie keineswegs außer Gefahr, denn wenn sie auch das Schiff nicht mehr zu fürchten hatten, befanden sie sich doch in einem dünnen, leicht zerbrechlichen Boot, ohne Provisionen, nur mit den kleinen Fäßchen voll Wasser, das in allen Walfischbooten liegt, mitten auf dem weiten Ocean, und sollten ihr Ziel ohne Instrumente fast auf gut Glück nur finden. Aber ihr Muth verließ sie nicht, und wie sie, von der kräftigen Brise getragen, lustig über die tanzenden Wogen glitten, jubelten sie ihre Lust und Seligkeit laut und jauchzend hinein in die wiedergewonnene freie, herrliche Welt. So gar ohne alle Hülfsmittel waren sie aber auch nicht. Da die Boote eines Walfischfängers oft in der Verfolgung eines Fisches weit abgezogen werden, oder auch halbe und ganze Tage lang draußen bei einem gefangenen Fisch liegen müssen, bis das Schiff bei ihnen aufkreuzen kann, so befindet sich hinten im Spiegel bei allen ein kleiner Verschlag, zu dem der Harpunier den Schlüssel hat, und in dem meist immer ein kleiner Taschencompaß, ein Feuerzeug, Fischangel und Leinen, ein paar Dutzend Schiffszwieback und nicht selten auch einige Bücher weggestaut sind. Diesen Verschlag brach jetzt Tom, während Alohi steuerte, mit seinem Handbeil auf und fand sich hier reichlicher versorgt, als er geglaubt hatte. Der Compaß besonders konnte ihm die besten Dienste leisten. Das Wichtigste aber, was er neben dem Schiffszwieback in dem Verschlag fand, war ein kleines, von dem Rev. Russell über die Südsee-Inseln herausgegebenes Buch, an dem sich eine allerdings sehr unvollkommene, aber doch eine Karte der Inseln befand. Wenn auch nur die Lage der einzelnen Gruppen darauf angegeben war, sah er doch, daß sie sich, seit sie Tahiti verlassen, gerade etwa westlich von ihren Inseln befinden müßten, und dadurch Alohi's Meinung, der diesen Cours genommen haben wollte, vollkommen bestätigt. Drei Tage und Nächte fuhren sie so ihre lange, einsame Bahn und lebten von Cocosnüssen, die Alohi von dem Kutter in's Boot geworfen, den paar Zwiebäcken und einigen Bonitos, die sie unterwegs fingen. In Tom's Seele begannen dabei schon Zweifel aufzusteigen, ob sie nicht am Ende gar südlich unter allen Gruppen wegsteuerten und nicht besser thäten, mehr nördlich aufzuhalten. Alohi wollte aber davon nichts wissen – wenigstens noch nicht für diesen Tag. So brach der Abend herein, und als die Sonne im Westen sank und den Horizont dort mit durchsichtigem Licht erfüllte, hatte des Indianers scharfes Auge einen Punkt südwestlich von ihnen entdeckt, der vielleicht ein Segel, möglicher Weise aber auch eine Landspitze sein konnte. Ihr Plan war bald gefaßt. Da die Dunkelheit ihnen nur zu bald den Gegenstand entzog, hielten sie einige Stunden lang der Richtung zu und nahmen hierauf das Segel ein, um ihr Boot bis zum nächsten Morgen treiben zu lassen. Fanden sie mit Tageslicht den dunkeln Punkt nicht mehr, so war es ein Segel gewesen, und sie beschlossen dann weiter nach Norden aufzuhalten. Wie aber die Sonne im Osten ihr erstes Licht sandte, schrie Tom mit freudigem Entzücken: »Land – Land, Alohi! Dort drüben liegt Land!« und Freudenthränen liefen dem starken Mann die sonnverbrannten Wangen nieder. Noch war freilich nichts weiter zu erkennen als ein stumpfer, aus dem Wasser vorragender Bergkegel. Wie sie aber rasch das Segel wieder gesetzt hatten und jetzt mit der frischen Brise darauf zuhielten, tauchte er auch schnell höher und höher empor, und »Vavilu!« rief da plötzlich Alohi, sein Steuerruder loslassend und von seinem Sitz emporspringend, »Vavilu!« Es war die Nachbarinsel von Tubuai, nur etwa noch zwanzig Seemeilen von ihr entfernt, und ihre Richtung lag von hier fast ganz West. Nichtsdestoweniger hielten sie auf die Insel zu, wenn das auch ihre Rückkunft verzögerte, um sich dort erst wieder zu erholen und besonders Früchte und Cocosnüsse an Bord zu nehmen. Noch an demselben Morgen gewannen sie das Land – für sie der Freiheit Boden, aber nicht eine Nacht litt es sie unter den Palmen, ihre Rast war erst in der Heimath. Sowie die Sonne deshalb sank und die Luft kühler wurde, schifften sie sich, mit Allem reichlich versehen, was sie jetzt brauchten, wieder ein, und mit der Morgendämmerung konnten sie auch in der Ferne das hohe breite Land von Tubuai erkennen, das sie an demselben Nachmittag erreichten. Das war ein Jubel, das ein Jauchzen auf der kleinen Insel, als die für immer verloren Geglaubten mit vollgeblähtem Segel in die Einfahrt der Riffe liefen und von Weitem schon die Tücher schwenkten. Intaha jauchzte, wie das Boot nur den Sand berührte, an des Gatten Brust, und die Kleinen – nicht die seinigen allein, sondern fast die ganze kleine Bevölkerung der Insel drängte herbei, umfaßte seine Kniee und suchte ihn zu sich niederzuziehen. * Tom Burton war wieder in seiner Heimath, und nie im Leben schien es ihm, als ob die Palmen so traulich gerauscht, die Blüthen so süß geduftet, der Himmel so blau und wonnig ausgesehen hätte, wie an dem Tag. Aber er blieb auch dort und betrat nie wieder, bis zu jener Zeit, als ich ihn kennen lernte, ein europäisches Schiff. Manche legten dort wieder an – eins sogar einmal mit seinem alten Freund, Mr. Hobart, an Bord, der ihn zum ersten Mal gefangen nahm. Die beiden Männer schüttelten auch einander die Hände und lachten über jene Zeit, aber an Bord ging Tom doch nicht, so freundlich ihn Mr. Hobart, der jetzt selber Capitain geworden war, auch einlud und so heilig er ihm das Versprechen gab, ihn nicht einmal mit einem Gedanken zurückzuhalten. »Das ist Alles recht schön und gut,« sagte Tom, »so lange wir das hier auf festem Grund und Boden abmachen. Da seid Ihr Seeleute auch ganz andere Menschen; auf dem Wasser aber, auf Eurem eigenen Schiff – der Teufel trau' Euch, und ich für mein Theil hab' an der Spazierfahrt damals gerade genug gehabt.« Das Auswanderer-Schiff Von einer günstigen Brise getrieben glitt das wackere Auswanderer-Schiff, die Captaube, die schon acht Tage durch stürmisches Wetter in der Mündung der Schelde und in der Nordsee zurückgehalten worden, über die wieder ziemlich beruhigte Fluth in den Kanal hinein und zwischen Calais und Dover hin. Die Captaube kam von Antwerpen mit hundert und dreißig Auswanderern nach New-York bestimmt. Für Passagiere ganz besonders mit allen nur möglichen Bequemlichkeiten, räumlichen Decks und Kajüten, gutem Proviant und Wasser ausgestattet, fingen die meisten der Leute, wie sie nur einmal den ersten Anfall der Seekrankheit überstanden hatten, schon an, sich wohl und behaglich an Bord zu fühlen. So recht zur Besinnung war aber noch Keiner gekommen. Es ist auch ein wunderliches Gefühl, auf einem solchen Fahrzeug sein Alles eingeschifft zu haben, für eine andere Welt. – Wenn wir nur eine Reise unternehmen, und sei sie noch so weit, wären selbst Jahre für ihre Dauer bestimmt, der Schwerpunkt unseres Lebens bleibt doch im Vaterlande zurück; der Platz, der unsere Heimath geworden, bleibt derselbe. Hunderte uns liebe Wesen und Dinge lassen wir mit dem Bewußtsein hinter uns, sie wieder zu finden, wenn wir zurückkehren, und die Freude des Wiedersehens wirft Ihre Strahlen schon jetzt auf jenes Bild. Mit gepacktem Koffer machen wir nur eben einmal einen Sprung in's Leben hinein, um zu sehen, wie sie's draußen treiben, halten unsern Rücken dabei gedeckt, und sind wir's müde, treten wir den Heimweg an. Wir haben einen Platz, wohin wir gehören; geht es uns draußen schlecht, was thut's? ist die Reise vorüber, können wir uns daheim wieder erholen. Die fremden Länder, die wir betreten, behalten dabei eine ganz bestimmte Färbung; wir interessiren uns wohl für sie, aber mehr auch nicht; wir freuen uns ihrer Scenerie, ihres Klimas, der Sitten und Gebräuche ihrer Völker, wie man etwa ein schönes Gemälde betrachtet oder ein gutes Buch liest, aber unser Herz hängt nicht weiter daran, und eine neue Landschaft läßt uns die früher gesehene bald vergessen. – Wir sind nicht gezwungen, uns dort heimisch zu fühlen. Wie anders ist das, wenn der scharfe Kiel, der unser Alles trägt, die Fluth dem fernen Welttheil zu durchfurcht; wenn die Brücke zum Vaterland hinter uns abgebrochen liegt und wir die Heimath gemieden haben auf Nimmerwiederkehr. Wir wissen, was wir hier verlassen, aber nicht, was wir dort wiederfinden, und der dunkle Schleier, der über der Zukunft liegt, füllt da nicht selten selbst das Herz des Muthigsten mit banger Sorge. Ein herrliches Mittel dagegen ist die Seekrankheit. In dem müßigen, monotonen Leben der Seefahrt würden sich Tausende von denen, die ihr Vaterland für immer verlassen haben, nur dumpfem Brüten und Trübsinn hingeben und den Schmerz der Trennung viel schwerer, viel furchtbarer empfinden; aber ehe sie an Bord nur recht zur Besinnung kommen können und kaum im Stand sind, ihre Sachen zu ordnen zu der langen Fahrt, und sich nur ein klein wenig bequem in dem neuen, ungewohnten und eigentlich höchst unbequemen Leben einzurichten, naht mit dem ersten Schaukeln des Schiffes der unerbittliche, erbarmungslose Feind und ertränkt in Vergessen das Vergangene. Von dem Augenblick an, wo der Mensch seekrank ist, existirt keine weitere Welt mehr für ihn, weder in Vergangenheit, Gegenwart noch Zukunft. – Was er daheim verlassen, was dort drüben aus ihm wird, was hier mit ihm geschieht – bah – was kümmert's ihn; er hört und sieht und riecht und schmeckt nicht mehr. Der einzige Sinn, der ihm geblieben, ist das Gefühl – das Gefühl grenzenlosen, unbegriffenen Elends und einer Gleichgültigkeit wieder, sogar hiergegen, die ihn selber in Erstaunen setzen würde, wenn es noch irgend etwas auf der Welt gäbe, das dies bewirken könnte. Dieser Zustand hat eine solche Consistenz, daß die Vergangenheit, selbst wenn er endlich gewichen, doch nur wie mit einem dichten Schleier bedeckt hinter uns liegt und dem scharfen Schmerz des Abschieds keine Gewalt mehr über das Herz verstattet. Mit ihm beginnt gewissermaßen ein ganz neuer Abschnitt unseres Lebens, und eigenthümlich zu beobachten ist die Veränderung, die in dem ganzen Wesen und Betragen der Passagiere nach dem ersten eintretenden stillen Wetter vor sich geht. Die Leute sind gar nicht mehr dieselben; die heimathliche Küste ist außer Sicht, dieser furchtbare Zustand zwischen Leben und Sterben, vor dem sie sich nicht retten konnten, gewichen, und das weite, offene Meer um sie her, mit seinen leichten plätschernden Wogen, der Anblick der geblähten Segel, des vorn am Bug aufträufelnden Schaumes und Gischts, wie das wackere Schiff so rasch die Fluth durchschneidet, füllt ihre Seelen mit neuer Lebenslust, mit frischer, fröhlicher Hoffnung bis zum Rand. Amerika , das ist das Ziel jetzt, dem sie entgegen streben, und wenn sie Abends nach dem dünnen Thee oben auf dem Verdeck sitzen und die Sterne über sich funkeln sehen, die Wasser unter sich rauschen hören, dann schaaren sie sich zu kleinen Gruppen zusammen, wie sie sich eben neben einander gefunden an Bord, und bauen sich Schlösser in die blaue, reine Luft, die hoch zu den Wolken reichen und mit diesen gen Westen ziehen – aber traurig ist Keiner mehr. So mancher schöne Plan wird da ersonnen, wie mancher phantastische Traum ausgebrütet und gehegt. Gar weh freilich würde Vielen von ihnen um's Herz sein, wenn sie vorher wüßten, wie bei den Meisten es nur eben Pläne , nur eben Träume bleiben sollen. Aber die Zukunft birgt das noch in ihrem dunkeln Schooß, und durch den tausendfarbigen Regenbogen der Hoffnung liegt ihnen das ferne Land schon jetzt in Paradieses Pracht und Schmuck vor Augen. Wie sie lachen dabei und singen und jubeln – sind das dieselben Menschen, die erst vor wenig Wochen mit rothgeweinten Augen am heimischen Strande standen und denen das Herz brechen wollte von bitterem Weh und Leid? – Fort mit den Sorgen! Amerika , das ist das Zauberwort, dem alle trüben Gedanken weichen mußten, und »wenn wir nur erst einmal dort sind!« lautet der Tröstungsruf. Indessen haben sie weiter nichts zu thun als zu essen, zu trinken und sich zu amüsiren, bis sie der Capitain an Ort und Stelle liefert, und sie thun das eben nach besten Kräften. Hier sitzen ein paar oben an Deck um einen umgestülpten Waschkübel und spielen Karten; dort steht eine kleine Gruppe um einen kurzen, dicken Schuhmacher, den Spaßvogel des Schiffes, herum, den Geschichten zu lauschen, die er ihnen erzählt, und über die sie sich ausschütten wollen vor Lachen. Hier kauern Einige vorn auf der Back des Schiffes und singen, und Andere liegen lang ausgestreckt auf den warmen Planken in der Sonne und schauen zu den schwankenden, neigenden Masten und den über ihnen hinziehenden Wolken hinauf, die herüber und hinüber zu schießen scheinen am Firmament. Ein Theil hat sich aber nützlicheren Beschäftigungen gewidmet, reinigt sein Geschirr oder seine Kleider, wäscht und bessert aus, und die Frauen besonders sind mit den Kindern in voller Arbeit, an denen sie ebenfalls gerade wie an dem Geschirr, zu putzen und zu scheuern haben, und die sich trotzdem am allerwohlsten an Bord zu fühlen scheinen. Das Kind richtet sich auch am leichtesten in solch' neue Verhältnisse ein; sein junger Geist ist nur dem Augenblick empfänglich, und neue Eindrücke prägen sich so rasch dem Kinderherzen ein, als es die älteren schnell und leicht verwischt. Was weiß es von Vergangenheit und Zukunft; seine kleine Welt umschließt eben der Augenblick, und in dem engen Kreis hat es an Lust und Sorgen, Schmerz und Freude auch wieder gerade so viel zu tragen, wie's eben tragen kann. So dauert es denn auch gewöhnlich gar nicht lange und die Kinder, die überdies am wenigsten von der Seekrankheit ergriffen werden, spielen und haschen sich, selbst bei schwerem Wetter, munter über Deck, lachen und jubeln, wenn sie eine Spritzwelle trifft, und kennen selbst keine Furcht in dem grollenden Sturm, der an den Planken rüttelt und reißt. Die schlimmste, schwerste Zeit an Bord haben die Frauen, denn außer der Sorge um die kleine Brut, die lustig tobend über Deck schwärmt und klettert und steigt und ewige Aufsicht erfordert, nicht dennoch zu Schaden zu kommen, nagt ihnen das, was sie verlassen haben, auch am meisten am Herzen. Die Frau ist weit mehr an die Scholle gebunden als der Mann; ihr ganzes Leben und Wirken schon liegt in der Häuslichkeit, in dem engen Kreis ihres eigenen Herdes, und nur mit Mühe und tiefem Schmerz reißt sie sich von diesem los. Hätten die Frauen darüber zu bestimmen, nicht der zehnte Theil der Auswandernden würde das Vaterland verlassen, und lieber ertrügen sie das Schwerste, ehe sie die wohnliche Stätte mieden, die ihre Heimath geworden. Bei ihnen wurzelt die Erinnerung an das, was sie verloren, auch am tiefsten; die Sorge für die Zukunft müssen sie doch dem Manne überlassen, und all' ihr Sinnen und Grübeln gehört der Zeit, die hinter ihnen liegt. Die Frauen sind deshalb gewöhnlich die stillsten Passagiere an Bord, und wenn sie auch nicht klagen und jammern über etwas, das nun doch einmal nicht mehr zu ändern ist, spricht die heimlich zerdrückte und rasch und ängstlich wieder entfernte Thräne, die ihnen nur zu oft die Wange feuchtet, desto lebendiger das aus, was ihnen auf der Seele liegt. Gleichgültig gegen alles Derartige sind natürlich die Matrosen, Steuerleute und Capitain mit eingerechnet. Die See ist ihre Heimath, sie kennen keine andere, und das Schiff ist der Gegenstand, um den sich ihre ganze Sorge dreht. Der Seemann gehört auch wirklich mit zu den Amphibien, d. h. zu den Wesen, die auf dem Lande und im Wasser oder wenigstens auf dem Wasser leben können, sonderbarer Weise aber sämmtlich das Wasser vorziehen und zu ihrem Hauptaufenthaltsort wählen. Am Lande sind sie unbehülflich und linkisch, man kann sie auf den ersten Blick erkennen: der schwankende Gang, die vom Körper abhängenden Arme, die etwas gedrückte Haltung selbst, machen die Burschen überall kenntlich, wo sie sich auf festem Boden sehen lassen. Sie fühlen sich auch dort nicht wohl, sie wissen, wie das ihr Element nicht ist, und halten sich wie Seehund, Frosch, Alligator, Schildkröte etc. etc. immer dicht am Ufer auf, zu neuer Ausfahrt jeden Augenblick bereit. Ein ächter Matrose würde sich im innern Lande gerade so wohl da fühlen wie ein Fisch auf einer Wiese. Der ächte Matrose wechselt auch sein Schiff nicht gern. Wenn er es nur irgend mit Capitain und Steuermann aushalten kann und diese es ihm eben nicht gar zu bunt machen, bleibt er an Bord des einmal gewählten Fahrzeugs und gewinnt das lieb, wie wir die eigene Heimath lieb gewinnen. Er wird sogar stolz darauf und fühlt sich bitter gekränkt, wenn ein anderes Schiff besser aufgeriggt, reinlicher gehalten wäre, oder gar, das Schlimmste von Allem fast, schneller segelte, als das seine, und mit gleicher Anzahl von Segeln auf offener See an ihm vorbeiliefe. Es ist ein Theil seiner selbst geworden, und was dem Schiff geschieht, geschieht auch ihm. Einen besondern Haß hat der Seemann, der ächte, richtige Matrose wenigstens, auf Passagiere – oder, wenn er sie auch nicht gerade wirklich haßt , verachtet er sie doch gründlich. Ein Passagier ist ihm das nutzloseste, unbequemste, störendste und fatalste Stück Fracht , das sich auf der weiten Gotteswelt nur denken läßt, und einem ordentlichen Matrosen wird es auch nie einfallen – wenn er das irgend ändern kann – sich ein Schiff auszusuchen, das regelmäßige Passagierfahrten macht – er ginge eben so gern auf einen Walfischfänger. Ueberall im Wege, wo sie nicht gebraucht werden, Alles beschmutzend und verderbend, woran sie die Hände legen können, auf allen Reisen fast Ungeziefer brütend, machen ihm die Passagiere das Schiff zu einer Hölle, und haben selber genug dabei von seinem Unmuth und Schabernack zu leiden. Wozu, um Gottes willen, ist solch ein Passagier auch nütz? – Er kann nicht nach oben gehen, denn wenn er das Deck wirklich einmal verläßt, um in die Wanten zu steigen, hat er alle Hände voll zu thun, sich nur selber festzuhalten; er kann kein Segel nähen, kaum einen Reefknoten machen, kann nicht steuern, noch eine der gerade verlangten Brassen Die Taue zum Anholen der Raaen. finden, und wenn er Monate lang an Bord wäre, und ist zu faul, Schiemanns Garn zu drehen oder Werg zu zupfen. Was also in der weiten Welt ist mit ihm anzufangen? Gar nichts. Dabei sitzt er gewiß immer an den Stellen, wo er gerade nicht sitzen sollte, hängt die gewaschene Wäsche an das laufende Tauwerk, daß die Falle, wenn sie einmal recht rasch angeholt werden sollen, in den Blöcken hängen bleiben und einklemmen, hat natürlich immer nägelbeschlagene Schuhe und zertritt die frisch gestrichenen Decks, und trampelt regelmäßig zur Unzeit über dem »Logis« herum, in dem der Theil der Mannschaft, der »seine Wache zur Koje hat«, liegt und die paar Stunden schlafen will. Außerdem kann er nur einen Menschen verachten, der seekrank wird, und zwar so seekrank, wie es eben nur ein Passagier werden kann. Und in der Zeit hat der Matrose auch wirklich seine wahre Last und Noth mit dem unglückseligen Volk in Zwischendeck und Kajüte, das, wie er nur kaum einmal das Deck rein gewaschen hat, aus irgend einer Luke vorgestürzt kommt, nur selten im Stande ist, die Railing zu erreichen, und seiner Krankheit den Lauf läßt, wo er eben liegt. Wer dann wieder mit Eimer und Scheuerbesen hinterher kommen muß, ist natürlich der Matrose, und die einzige Erleichterung, die er sich dabei verschaffen kann, ist, seinem Herzen durch eine unbestimmte, ungemessene Anzahl von Flüchen Luft zu machen. Und wie sieht so ein Auswanderer-Schiff in der Zeit von außen aus! – Was müssen die Fische denken, wenn sie vorüberschwimmen! – denn von der Schiffmannschaft schaut gewiß Keiner über Bord. Doch genug von den Leuten; wir wollen an Bord selber zurückkehren. Es war Abend – eigentlich der erste warme, freundliche und stille Abend, den die Auswanderer gehabt, seit sie in der Schelde ihren Anker gelichtet, und die Passagiere versäumten nicht, ihn zu genießen. Der kleine dicke Schuster besonders war unter ihnen thätig, einen Ball zu arrangiren, holte aus den Tiefen seiner Kiste eine alte Violine – eine »Schwester von Paganini's Instrument«, wie er behauptete –, setzte sich damit auf den Windlaß, der hinter dem Haupmast stand und dessen blank gescheuerter Messingknopf mit einer ledernen Ueberkappe bedeckt war, und begann eine wahrhaft nichtswürdige Polonaise zu spielen. Wo sich aber, bei wirklich guter Musik, Mancher nach der so kurzen Trennung von der Heimath gescheut haben würde zu tanzen, überwand das Komische dieser kreischenden, ohrzerreißenden Melodie, die kein anderes Verdienst hatte, als ihre Mißtöne wenigstens im richtigen Tact herauszustoßen, bald jede weitere Bedenklichkeit. Selbst die sonst Ernstesten lachten erst über die wirklich entsetzlichen Passagen, die der Schuster mit einer unzerstörbaren Ruhe und endlich, als er mehr in Hitze kam, selbst im Schweiße seines Angesichts herausarbeitete, und traten dann langsam selber mit zu der endlosen Polonaise an, die sich um den Windlaß herum am Larbordgangweg hin, vorn vor dem Logis vorüber und dann auf dem Starbordgangweg zurück wieder zu dem Platze bewegte, von dem sie ausgegangen war. Selbst einige hannöversche Bauern in Holzschuhen nahmen an dem Tanze Theil, und wie der Schuster erst einmal sah, daß er sie Alle in Bewegung hatte, sprang er mit seinen Dissonanzen plötzlich in einen munteren Rutscher über, dessen Erfolg über sein Erwarten gut ausfiel. Eine Masse junger Leute, Burschen und Mädchen, waren an Bord, bei denen es eben keiner besonderen Einladung bedurft hätte, sie zum Tanz zu bringen, und die fingen natürlich rasch an, sich lustig im Kreise zu drehen. Die Uebrigen folgten, wenn auch etwas langsamer, dem gegebenen Beispiel, und selbst von den Matrosen mischten sich einige zwischen die wie von der Tarantel Gestochenen, griffen sich die hübschesten Mädchen heraus und flogen im Tact herum, den jetzt die Holzschuhe der Hannoveraner, selbst ohne die dazwischen quietschende Violine, auf dem Deck der Captaube schlugen und stampften. Der Capitain hatte nichts gegen das fröhliche Treiben an Bord; bis acht Uhr, wo doch sämmtliche Mannschaft an Deck versammelt war, konnten sie toben, die Bewegung war ihnen überdies gesund, dann freilich, mit dem Ton der Glocke, war Feierabend – die Schiffs-Polizeistunde – und die Nacht begann. Die Zeit bis dahin mußte also nach besten Kräfte benutzt werden. Rasch und schäumend, über die nur leise wogende See, verfolgte indessen das wackere Schiff seine Bahn; der Wind hatte sich nach Nordosten gedreht, und mit allen Segeln gesetzt, bis in die obersten Stengen hinauf, durchschnitt der scharfe Bug lustig die zischend und spritzend zur Seite schlagende Fluth. Vorn im Westen erhob sich zwar eine dunkle Wolkenschicht, hinter der die Sonne jetzt gluthroth niedersank, aber die obere Luftströmung ist der untern , über das Wasser streichenden, oft ganz entgegengesetzt, und keinesfalls bekümmerten sich die Passagiere um den grauen Saum, der ihren Horizont umzog. Hell und klar funkelten die Sterne schon vom sonst wolkenreinen Himmel nieder und zu ihrer Rechten wurde ein rothschimmernder Punkt dicht über dem Wasserspiegel sichtbar – ein Leuchtfeuer der englischen Küste, unter der sie hinsegelten. – Wie das so still und freundlich zu ihnen herüberglühte von dem fernen Strand, der sichere Führer nach dem Hafen dort. Aber ihr Ziel lag weiter; kein gastliches Ufer konnte sie ablocken von der bestimmten Bahn, und weiter und weiter zurück blieb das Wachtlicht dort drüben, bis andere vor ihnen austauchten, die Bahn bezeichnend, die sie nahmen. Der Tanz hatte jetzt aufgehört; die Tänzer waren allerdings so wenig müde geworden wie der Geiger, aber die Saiten des Instruments – wenn der violinartig geformte Kasten wirklich einen solchen Namen verdiente – weigerten längeren Dienst, mußten, da sie in der feuchten Abendluft mehr und mehr nachgaben, höher und höher hinaufgeschraubt werden und platzten endlich. Nur die Holzschuhe waren einmal in Gang und Tact gekommen und klapperten fort, bis endlich des Capitains lauter Ruf auch ihre Fröhlichkeit unterbrach und den mißhandelten Schiffsplanken Ruhe gönnte. Es wurden Leute nach oben geschickt, die leichteren Segel einzunehmen und ein paar gegen Abend ausgesetzte Leesegel wieder einzuholen; die Wolkenwand im Westen hob sich höher und drohender, und der vorsichtige Seemann wollte sein Segelwerk bei doch etwa eintretendem andern Wind besser in der Gewalt haben. Die Oberbramsegel flatterten und schlugen im nächsten Augenblick an ihren Raaen, die »leichten Matrosen« sprangen nach oben, um sie an ihren Hölzern festzuschnüren; die Leesegel kamen ebenfalls blähend an Deck und wurden dort geborgen, und die nächste Wache, die von Acht bis Zwölf zu stehen hatte, lag, ihre Antrittszeit erwartend, vorn auf der Back, den Erzählungen des Segelmachers lauschend, der einst an Bord eines englischen Kriegsschiffes gedient hatte und die nöthige Gabe besaß, ein »Garn zu spinnen«, d. h. eine Erzählung mit der fabelhaftesten Phantasie auszuschmücken und zu würzen. Die Auswanderer hatten sich indessen ebenfalls in kleinen Gruppen gesammelt. In Lee Die der Richtung, von welcher der Wind herkommt, entgegengesetzte Seite des Schiffes. stand eine Anzahl von ihnen zusammen und sang ihre heimischen Weisen; Andere lehnten über Bord und schauten still und schweigend zu den einzelnen Leuchtfeuern hinüber, die jetzt auch von der französischen Küste sichtbar wurden und untergehenden Sternen glichen, und wieder Andere lagen über die an Deck festgeschnürten Wasserfässer zerstreut, oder im großen, zwischen dem Haupt- und Fockmast befestigten Boot, bliesen den Rauch ihrer Pfeifen oder Cigarren in die stille Nachtluft hinein und schauten zu den Sternen und den schwankenden Masten hinauf. Ein eigenthümlich schriller Laut pfiff da über die See, und das Schiff neigte sich plötzlich und scharf nach Lee hinüber, daß, wer nicht fest stand, zur Seite rutschte und rollte und alles an Deck stehende lockere Geschirr und Geräth polternd nach Larbord über kollerte. »Steht bei den Fallen! Los mit den Bramfallen, um Euer Leben, los mit den Marsen!« schrie in diesem Augenblick die Stimme des Capitains gellend über Deck. Die Matrosen sprangen erschreckt herbei, aber sie selber hatten Noth, sich im ersten Augenblick der Ueberraschung festzuklammern und nicht ebenfalls nach Lee zugeworfen zu werden, und ehe sie nur die Falle, an denen die oberen Raaen befestigt waren, erreichen und, wie der Befehl lautete, abwerfen konnten, brach es und knatterte es oben in den Stengen und kam, unter dem Heulen der plötzlich aufgesprungenen Bö, rasselnd an Deck nieder, zwischen die ängstlich aufschreienden Passagiere hinein. Noch standen die unteren Masten, und durch die niedergeschmetterten Stengen hatte der so plötzlich herangebrauste Sturm wenigstens seine größte Macht auf das Schiff verloren, das sich langsam wieder aufrichtete. Aber die Captaube trieb auch, ein halbes Wrack, auf den Wellen, und unter dem Flattern der Segel, da der Mann am Steuer in plötzlichem Schreck das Schiff gerade in den Wind hineingedreht hatte, daß es nicht den mindesten Fortgang mehr durch's Wasser machte, sprangen die Matrosen jetzt an ihre Plätze, lösten die Schoten des großen Segels und den Fock, ließen den Clüver nieder – der Clüverbaum war ebenfalls abgebrochen – und warfen das Besansegel los. In furchtbarer Schnelle hatte sich indessen die im Westen aufgekommene Wand gehoben; von der Windsbraut getragen, kam sie herauf, und wie die Leute nahe dabei waren, das indessen wieder seinem Steuer gehorchende Schiff von Allem frei zu kappen, was darum herging, an Deck zu ziehen, was zu retten war, und das Uebrige über Bord zu schneiden, kam ein fluthender Regen wolkenbruchartig niedergeströmt, sammelte sich an Deck und schlug, da er so rasch gar nicht durch die jetzt überdies noch mit Segel und Tauwerk verstopften Speygaten ablaufen konnte, in die noch offenen Luken hinein. Die Passagiere hatten den ersten Anprall des Sturmes mit dumpfem, starrem Schweigen hingenommen. So plötzlich war das Unwetter aus vollkommen heiterer Luft über sie hereingebrochen, so wild und toll schlugen ihnen die Stengen und Segel dazu um die Köpfe, daß sie die Größe des Unfalls nicht einmal gleich begriffen. Nur die Frauen bemächtigten sich instinctartig zuerst der Kinder, um diese vor den fallenden Hölzern, wenn es sein mußte mit dem eigenen Körper zu decken, gewannen aber auch zuerst ihre Stimmen wieder und schrieen und wehklagten jetzt in das Heulen und Brausen der Elemente hinein. Hatten die Seeleute übrigens die Passagiere, die ihnen mehr als je überall im Wege waren, noch bis jetzt unbelästigt an Deck gelassen, so war das die alleinige Ursache gewesen, daß sie auch noch nicht einen Augenblick Zeit bekommen, sich mit ihnen zu beschäftigen. Jetzt aber, wo der niederströmende Regen seine Fluth selbst auch in die noch offenen Luken des Zwischendecks ergoß und die darunter liegende Fracht zu beschädigen drohte, änderte sich die Sache, und die Passagiere wurden beordert, niederzuklettern, damit die Luken geschlossen werden konnten. Unter dem Schreien und Jammern der Frauen und Kinder, und dem Fluchen der Männer, die sich größtentheils nur ungern dem Befehle fügten, wurde das endlich bewerkstelligt, und die übergehobenen Luken deckten wenige Minuten später den untern, dunkeln, dumpfigen Raum des Zwischendecks mit Nacht und Schweigen. Die Mannschaft an Deck bekam freien Raum, das zerrissene Takelwerk wie die zersplitterten Masten soviel als möglich in Ordnung zu bringen, um das Schiff wenigstens regieren zu können, und als das geschehen war, änderte der Capitain den Cours. Mit den wenigen noch möglichen Segeln konnten sie sich aber nur langsam durch die rasch erregte Fluth fortbewegen, und das Sicherste für sie war, nach Norden hinauf zu laufen, um mit Hülfe der Leuchttürme einen schützenden Hafen zu erreichen, wo der erlittene Schaden wieder ordentlich reparirt werden konnte. Mit dem Wrack durfte er nicht wagen, seine Reise durch den Atlantischen Ocean fortzusetzen. An Deck arbeiteten die Matrosen jetzt mit unermüdlichem Eifer, ihr Schiff von Allem, was es noch behinderte, nicht allein frei zu bekommen, sondern auch die noch stehenden kurzen Masten und das Takelwerk zu untersuchen, das Schiff auszupumpen, ob die Erschütterung nicht vielleicht irgendwo eine »Naht« aufgerissen habe, und dann soviel als möglich Segel zu setzen, um rascheren Fortgang zu machen. Die so plötzlich hereingebrochene Bö hatte sich indessen wieder vollständig gelegt; die See brauste und wogte allerdings noch heftig und unruhig, und weiße Schaumadern zischten durch die aufgeregten Wasser, aber die Luft war ruhig geworden, und nur im Nordwesten dichteten sich die Wolken mehr und mehr, und sandten von dort aus breite Schattenstreifen ab, hinter denen die funkelnden Sterne bald vollständig verschwanden. Nur die jetzt aufgehende Mondessichel warf dann und wann einmal einen flüchtigen matten Schein durch die zerrissenen Schleier nieder und beleuchtete das rege, thätige, ängstlich schaffende Leben an Bord des Wracks. Im Zwischendeck sah es indessen traurig aus. Abgeschlossen von Luft und Licht, mit den nassen Kleidern nach unten geschickt, die jetzt einen feuchten, unangenehmen Dunst ausströmten, in vollständiger Dunkelheit dabei, hatten die armen Auswanderer, unter dem Wimmern und Schreien der Frauen und Kinder und dem Stöhnen Einzelner, die von der Seekrankheit wieder erfaßt worden, eine traurige Stunde zu verbringen. Durch das ruhige Wetter sorglos gemacht, war eine Masse von Geschirr, halbgefüllte Flaschen, Gefäße mit Wasser oder Thee und anderen Sachen, im Laufe des Abends oberflächlich auf die Kisten gestellt oder nur leicht verwahrt worden, dem geringen Schaukeln des Schiffes zu begegnen. Wie aber dem Steward in der Kajüte, bei dem plötzlichen Ueberwerfen des Fahrzeugs, ein ganzer Korb Geschirr nach Lee hinübergeworfen und meist zertrümmert worden, so stürzte hier unten mit dem ersten Stoß das ebenfalls über den Haufen, was nicht fest verwahrt und angebunden war, und kleine Kisten und Körbe, zerbrochene Krüge und Glasscherben, mit den ausgegossenen Flüssigkeiten, und dem Erbrechen der wiederum Erkrankten, vermehrten nur noch in dem engen, dumpfigen, dunkeln Raum die entsetzliche Lage der Passagiere. Glücklicher Weise dauerte dieser Zustand nicht so lange. Der Capitain, der sich wohl denken konnte, wie den unglücklichen Passagieren drunten zu Muthe sein mußte, ließ, als der Regen aufgehört hatte niederzuströmen, die Luken öffnen, um wenigstens frische Lust einzulassen, und die Zwischendecks-Laternen hinunterschaffen, damit die Passagiere bei dem matten Schein derselben den engen Raum wieder ein wenig in Ordnung bringen und sich dann zu Bett legen konnten. An Deck wurden jedoch nur Einzelne nach einander hinaufgelassen, um die Arbeiten der dort noch immer beschäftigten Matrosen nicht zu hindern – unter Deck konnten sie machen was sie wollten – wenigstens was ihnen die Schiffsgesetze erlaubten oder nicht verboten. Wie sich die Leute aber nur einmal von dem ersten Schreck erholt und sich vergewissert hatten, daß ihnen weiter keine unmittelbare Gefahr drohe, kehrte auch bei den Meisten der frische, fröhliche Lebensmuth zurück, und nachdem sie sich, so weit das die Umstände erlaubten, getrocknet, oder ihre Kleider gewechselt und das Zwischendeck selber von den umherliegenden Scherben und Sachen gesäubert hatten, sammelten sie sich unter den beiden Laternen, die neben der vordern und hintern Luke hingen, um die Erlebnisse des Abends zu besprechen, wie ihre verschiedenen Meinungen über die erlittene Havarie auszutauschen. »Schöne Geschichte das,« sagte ein breitschultriger Schneider, der wegen revolutionärer Umtriebe in Deutschland hatte landesflüchtig werden müssen und auch schon steckbrieflich verfolgt, aber noch glücklich an Bord der Captaube entkommen war – »vortreffliche Geschichte das – aber das kommt nur von der Ueberklugheit der Herren Matrosen, die Alles besser wissen wollen als andere vernünftige Leute. Ich hab' es dem Holzkopf von Steuermann schon heute Morgen gesagt, daß die Segel zu hoch wären und das Schiff nächstens einmal umkippen müßte – ob er mir nur darauf geantwortet hätte, und jetzt haben wir die Bescheerung. – Mir ist eine Flasche Syrup ausgelaufen, und gerade über mein Kopfkissen weg und in meinen einen Stiefel hinein, und dem Bäcker da drüben haben sie eine Flasche Dinte in die Wäsche gegossen.« »Es ist wirklich schade, daß Du nicht Capitain geworden bist,« sagte ein Lohgerber, der mit dem Schneider in einer Koje schlief, »und hier könntest Du's gleich großartig betreiben, denn heut Abend sind uns in der einen Viertelstunde mehr Lappen über Bord gegangen, wie Du in Deiner ganzen Lebenszeit wahrscheinlich unter den Tisch gesteckt hast.« »Ja, Ihr braucht auch noch darüber zu spotten,« sagte aber ein Instrumentenmacher, der seine kleine Familie und eine Anzahl fertiger Fortepianos au Bord hatte, um sie nach Amerika überzuführen; »oben sieht's schön aus, und daß wir diesmal so mit dem Leben davongekommen sind, können wir eben nur dem Capitain Dank wissen. Wie wir aber mit den Maststumpfen nach Amerika hinüber kommen wollen, weiß ich nicht.« »Wir sind auch noch nicht davon,« sagte da die tiefe, dumpfe Stimme eines alten, wetterharten Burschen, der jedenfalls schon mehr von der See gesehen, als einer der Uebrigen, und in seinem ganzen Wesen, obgleich er nicht so gekleidet ging, kaum den Matrosen verleugnen konnte, an Bord der Captaube aber als Passagier eingeschrieben war – »dahinten im Westen steht noch faules Wetter genug, und ich will keinen Zwieback mehr kauen, wenn ich nicht glaube, daß wir die Nacht noch 'was Tüchtiges auf die Mütze kriegen.« »Ach, Dummheiten,« sagte der Schneider, »jagen Sie Einem keinen Schreck ein; das Wetter ist ja wieder recht still und freundlich geworden –« »Na, mir soll's recht sein,« meinte der Alte, »denn wenn's von da drüben herüberkäme, wo die Wolken jetzt so dicht und dunkel heraufziehen, und wo das erste auch schon hergekommen ist, dann könnten wir uns gratuliren. Mit den paar Lappen da oben wären wir nicht im Stande, uns gegen den Wind noch einmal zu halten, und in Lee haben wir die fatalste Sandküste, die sich ein Mensch eben zu wünschen braucht. – Wer weiß, ob uns nicht schon vor Tag der Hals voll Wasser gelaufen ist!« »Das ist ja eine schreckliche Unke,« brummte der Lohgerber. »Hals voll Wasser laufen – ja wohl, wer das Maul aufmacht, hätte das Vergnügen schon vor einer Stunde haben können.« »Glauben Sie wirklich, daß es noch einmal anfängt?« rief eine der Frauen, die dem Gespräch zugehört hatte und sich jetzt, mit einem kleinen Kind auf dem Arm, ängstlich zwischen die Männer hineindrängte, dem Alten zu. »Ach papperlapapp!« rief aber der Schneider ärgerlich. »Herr Meier weiß eben auch nicht mehr davon wie wir Anderen, und da uns noch nichts gemeldet worden, brauchen wir uns auch an nichts zu kehren. Die Matrosen werden die Geschichte schon wieder in Stand setzen; sie haben ja eine ganze Portion Nothmasten und andere Stücke Holz, die sie zu Querbalken und Latten gebrauchen können, an Bord, und die Segel sind auch wieder zu flicken; das ist keine Kunst.« »Ehe der Morgen dämmert, sind vielleicht so viele Nähte Die Stellen, wo die Planken zusammengefügt sind, heißen in der Schiffssprache Nähte. an dem alten Kasten auszubessern, daß alle Schneider der Welt eine Lebenszeit daran zu thun hätten,« brummte der Alte wieder – »'s wäre mir lieb, wenn ich mich irrte. Hat Jemand von Euch hier einen Barometer?« »Einen Korkzieher habe ich bei mir,« sagte der Schneider, »aber einen Barometer nicht.« Die Anderen lachten, und Meier, wie der alte Mann hieß, zog sich finster auf seine eigene Kiste in die vordere Ecke zurück, wo er, mit seinem Rücken an die Koje gelehnt und vollkommen im Schatten, keinen Antheil an dem Gespräch weiter nahm und sitzen blieb. »Wichtigthuer,« brummte der Schneider noch mürrisch hinter ihm her – »der Art Leute meinen immer, wenn sie nur recht 'was Unglückliches prophezeien können, nachher hätten sie Recht, und dann soll man sie für 'was Großes ansehen – Hals voll Wasser laufen – ja wohl und was sonst noch.« »Na, so viel weiß der Capitain ja wohl auch noch,« sagte der Lohgerber, »und wenn der glaubte, daß Gefahr bei der Sache wäre, führ' er doch gewiß einfach an's Land und ließe uns aussteigen. Ich hab's in meinem Contract, daß er uns sicher hinüber bringen muß.« »Herr Gott von Danzig,« mischte sich der Schuster, der bis dahin ziemlich still und vor sich hinbrütend gesessen hatte, mit in das Gespräch, »Was die Kerle da oben an Deck herumtrampeln und einen Spectakel machen, als ob sie die Planken durchtreten wollten. Das thun sie uns doch nur justament zum Possen, gerad' über unseren Köpfen hin.« »Ich will einmal hinaufgehen und zuschauen, wie's oben aussieht,« sagte der Schneider, indem er aufstand und seinen Hut hinter sich von der Kiste nahm; »wenn der Koch nur noch heiß Wasser in der Cambüse hätte, daß man sich einen Grog machen könnte – auf den Schreck und die Nässe wär' der famos.« »Donnerwetter, ja, Heidelberger, versuchen Sie's einmal,« rief der Schuster, von dem Gedanken ergriffen, »wenn Sie dem Burschen ein paar Groschen in die Hand drücken, thut er's auch, und nachher legen wir zusammen.« Der Schneider stieg mit dem doppelten Auftrag an Deck, und das Gespräch drehte sich unten indessen um allerlei häusliche Angelegenheiten, umgestoßene Senfbüchsen, ausgelaufene Milch- und Essigkrüge, zerbrochene Flaschen und Tassen und durchweichten Zwieback. Nur die Frauen drängten sich noch einmal ängstlich heran, wenn das Schreien und Stampfen der Matrosen an Deck gar zu arg wurde, und wollten wissen, ob der Sturm wieder angefangen hätte zu wehen. Von den Männern wurden sie aber gewöhnlich kurz abgefertigt, und die meisten waren auch durch das erneute Schaukeln zu unwohl geworden, sich in lange Gespräche einzulassen – wenn die Matrosen an Deck nur nicht gar solch' entsetzlichen Spectakel gemacht hätten! Oben an Deck wurde jetzt die große, vorn hängende Schiffsglocke in regelmäßigen Schwingungen angezogen, während zugleich Heidelberger, der Schneider, wieder nach unten kletterte, mit dem einen Fuße von der Leiter ab vorsichtig nach seiner Kiste fühlte und dabei sagte: »Herr Du meine Güte, ist das eine Finsterniß und ein Nebel da oben; keine Hand kann man vor Augen sehen.« »Vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn –« zählte der Lohgerber – »an was schlagen die denn da oben an? Die Uhr ist wohl mit ihnen durchgegangen.« »Nein,« sagte der Schneider, der an Deck zufällig gehört hatte, wie der Befehl dazu gegeben wurde, »das ist immer bei Nebel und soll nur ein Zeichen sein, daß wir mit keinem andern Schiff zusammenrennen.« »Wie sieht es denn oben aus, Herr Heidelberger?« frug die Frau des Instrumentenmachers, ein junges, blühendes Weibchen, die eben ihr Kind beruhigt hatte, aber aus Sorge selber nicht schlafen konnte. »Stockpechrabenschwarze Dunkelheit, verehrte Madame Halter,« erwiderte Heidelberger achselzuckend, »man kann nicht einmal bis dahin an die Masten hinauf sehen, wo die Stücken abgebrochen sind; kein Stern am Himmel, keine Ecke Mond, kein Leuchtfeuer mehr zu sehen – blos noch Licht in der Cambüse und am Compaß –« »Nun, kriegen wir heiß Wasser?« frug der Schuster schnell. »Der Koch bringt's selber herunter,« lachte Heidelberger, »der trinkt auch gern einen Schluck und will die Gelegenheit nicht unbenutzt vorüberlassen. Sie sind gleich fertig mit ihren Arbeiten, und dann hat er »seine Wacht zur Koje«, wie er sagt. Es geht übrigens kein Lüftchen mehr oben, und die Segel hängen wie Lappen am Mast herunter.« »Das wär' bös!« sagte Meier, jetzt zum ersten Mal wieder aus seiner Ecke aufstehend und ebenfalls an Deck kletternd. »Bös?« brummte der Schuster hinter ihm drein. »Jetzt seh' Einer den Holzkopf an; ärgert sich, weil es still geworden und der Sturm nicht gekommen ist, den er prophezeit hat – alter Barometermacher, der.« »Ach, laß ihn gehen,« sagte aber Heidelberger, »wir wollen lieber unterdessen Alles zum Grog zurechtmachen, bis der Koch mit dem Wasser kommt – er meinte, der Capitain müßte nur erst von Deck sein, daß er nicht etwa 'was merkte. Vor dem Alten hat er einen heillosen Respect.« Oben an Deck wurde es jetzt ruhig – es war wirklich so dunkel, daß sie keine weitere Arbeit vornehmen konnten. Was sich von den abgeschlagenen Spieren und dem Takelwerk bergen ließ, lag an Deck, die Segel, die jetzt angebracht werden konnten, standen, den geringsten wiederkehrenden Luftzug zu fangen, und alles Weitere mußte bis zu dem dämmernden Tag verschoben werden, wo sich der erlittene Schaden dann freilich erst ordentlich übersehen ließ. Nur die eine Beruhigung hatten sie, daß sich kein Wasser im Raum fand. Der Schlag, der die Stengen über Bord jagte und das ächzende Schiff bis in seinen Kiel hinab erschütterte, hatte nicht vermocht, die Nähte zu trennen oder zu lockern, und sie durften hoffen, am nächsten Tag einen Hafen irgendwo an der englischen Küste anzulaufen um dort den erlittenen Schaden wieder auszubessern. Freilich mußte das die Reise um Wochen lang verzögern. Wie still und unheimlich das auf dem Wrack jetzt aussah, mit den an Bord geholten gebrochenen und zersplitterten Hölzern, den zerrissenen Segeln und wirr durcheinander geschlungenen Tauen, und wie das klappte und schlug von noch locker hängenden Enden und losgegangenen Blöcken, die mit dem faulen Schlingern des Schiffes, das keinen Widerhalt im Wind mehr fand und auf den Wogen herüber und hinüber taumelte, an die Maststumpfe und großen Raaen klopften. Dick und schwer lag dabei ein dicker Nebel auf dem Wasser, daß man nicht einmal von Bord zu Bord des eigenen Schiffes sehen konnte, und was dabei das Schlimmere war: er verdeckte auch das Licht der Leuchttürme, das Einzige, wonach der Capitain im Stande gewesen wäre den Platz jetzt zu bestimmen, wo er sich gerade befand, und die Strömung zu erfahren, die ihn, wie er fast fürchtete, dem südlich gelegenen flachen Lande zu setzte. Hierüber mußten sie sich aber Gewißheit verschaffen, und die war auch außerdem durch das Senkblei zu bekommen. Mit dem kleinen Loth erreichten sie allerdings noch keinen Grund, das größere ergab jedoch eine Tiefe von fünfzig Faden, und als sie das Senkblei einige Secunden auf dem Boden liegen ließen, fanden sie ihre Befürchtung der Strömung wegen allerdings gegründet, denn das Schiff trieb über die Leine hin, nach Südosten zu. Trotzdem ließ sich für den Augenblick nichts weiter thun, denn das Wasser war zum Ankern zu tief und das Ankern selber auch für sie gefährlich. Die Brise konnte nicht mehr lange ausbleiben, dann verzog sich auch aller Wahrscheinlichkeit nach der Nebel, und ihr einziges Streben mußte jetzt sein, so rasch als möglich einen Hafen zu erreichen. Das Schiff selber war dicht und unbeschädigt, und die paar Hölzer und Segel ließen sich dann bald wieder herstellen. Fortgang machten sie indessen fast gar nicht, höchstens vielleicht eine oder zwei englische Meilen die Stunde; nichtsdestoweniger wurde vorn am Bug die Glocke zeitweilig angeschlagen, ein mögliches Zusammenstoßen mit einem andern Schiff, dem sie kaum hätten ordentlich ausweichen können, zu vermeiden. Der Capitain hatte jetzt seine Wacht zur Koje und ging nach unten. Was geschehen konnte, war geschehen, und sie durften ihre Kräfte nicht vor der Zeit aufreiben, da man allerdings nicht wissen konnte, was dem arg beschädigten Schiff noch bevorstand. Der Steuermann, der mit seiner Wache an Deck blieb, hatte aber strenge Ordre, das Senkblei von Zeit zu Zeit auswerfen zu lassen, sowie bei einer Veränderung der Witterung, oder sonst etwas Auffälligem, den Capitain augenblicklich zu wecken und davon in Kenntniß zu setzen. * »Na, da kommt er endlich!« rief unten im Zwischendeck Heidelberger, als der Koch, ein eben nicht besonders reinlich aussehender Bursche, mit einem großen dampfenden Blechgefäß in der Hand, rasch die schmale Treppe, die in der Vorderluke lehnte, herabstieg, sich die Mütze dann abnahm und den Schweiß von der triefenden Stirn mit einem rothbaumwollenen Tuche abtrocknete. »Hurrah, der Koch soll leben!« wollte der Schuster eben, in dem Vorgefühl bald befriedigten Durstes, ausrufen, als ihn aber das also zu ehrende Individuum selber eben nicht sanft gegen die Schulter stieß und bedeutete, »das Maul zu halten«. »Hol' Euch doch der Henker hier mit Eurem ewigen Brüllen!« knurrte er dabei; »muß es denn immer gleich das ganze Schiff wissen, wenn man Euch einmal einen Gefallen thun will? – Und dann werdet Ihr überdies nicht mehr lange zu hurrahen haben – beten wär' Euch besser und nützlicher.« Der Koch war ein mürrischer, finsterer Gesell, trotzdem aber mit einem ziemlichen Theil trockenen Humors begabt, der ihn schon bei seinen Passagieren sehr beliebt gemacht hatte. Auch kochte er nicht übel und verstand die Behandlung einer Auswanderungsküche aus dem Fundament. Nur mit der Reinlichkeit sah es nicht besonders aus, und das in tausend kleine bewegliche Falten gezogene Gesicht ließ ihn dabei immer noch schmutziger erscheinen, als er vielleicht wirklich war. Der einzige Fehler nur klebte ihm an: er trank und ließ sich auch deshalb mehr und intimer mit den Passagieren ein, als das auf der langen Reise für den Koch nützlich und den Officieren des Schiffes angenehm ist. Die Auswanderer führten aber eine Menge spirituöser Getränke bei sich, und denen konnte er, da an Bord selber kein Branntwein verabreicht wurde, nicht widerstehen. »Beten? Hallo, was ist nun im Wind?« lachte der Schneider, der ihm indessen das Wasser abgenommen hatte und einen Theil desselben in eine große Blechkanne auf die darin schon vorbereitete Mischung von Rum und Zucker goß; »weil die paar Stücken Holz und Ellen Leinwand über Bord gegangen sind?« »Der Klabautermann ist fort!« flüsterte aber der Koch dem Schneider heimlich zu, und sah sich dann scheu im Kreise um, die Wirkung zu beobachten, die diese Worte auf die Umstehenden machen würden. »Der Klabautermann?« rief der Schneider erstaunt und lachend, denn es war das erste Mal in seinem Leben, daß er den Namen auch nur erwähnen hörte – »wer heißt Klabautermann? Nennt Ihr einen von Euern Masten so?« »Kennt Ihr den Klabautermann nicht?« rief der Koch, auf's Aeußerste erstaunt – »na, Gott sei Dank, weiß nicht einmal, wer der Klabautermann ist, und geht zur See; Ihr Passagiere seid noch schrecklich dummes Volk.« »Na, Donnerwetter, woher sollen wir denn in Preußen erfahren haben, wer der Klabautermann ist?« brummte der Schuster – »heraus mit ihm denn, was ist mit ihm los, und wo ist er hin?« »Fort ist er,« sagte der Koch wieder mit unterdrückter Stimme – »fort und vom Schiff, und nun ist die Geschichte aus.« »Aber wer ist der Klabautermann?« rief der Lohgerber, jetzt auch ungeduldig werdend – »schwafelt der Mensch da in den Tag hinein, daß keine Seele daraus klug wird, und antwortet auf keine vernünftige Frage. Was haben wir mit dem Klabautermann zu thun?« »Was Ihr mit dem Klabautermann zu thun habt?« wiederholte der Koch, »das wird Euch bald klar werden. Der Klabautermann ist der Schiffsgeist , ein kleines kurzes Männchen, ganz wie ein Matrose angezogen, der unten im Raum der Fahrzeuge seine Wohnung hat und das Schiff, wenn ihm ein Unglück bevorsteht, warnt, sobald es aber nicht mehr zu retten ist, von Bord geht und nicht wiederkommt. Wenn die Ratten und der Klabautermann ein Schiff verlassen, dann gnade Gott der Mannschaft!« »Na, die Geschichte muß uns der Koch nachher einmal ein bischen näher auseinandersetzen,« sagte der Instrumentenmacher, der ungemein gern Geschichten erzählen hörte, »jetzt macht nur, daß Ihr mit Eurer Mischung fertig werdet, denn der Schreck vorhin und die Nässe sind mir dermaßen in die Glieder geschlagen, daß mich's ordentlich wie im Fieber schüttelt. Dagegen ist ein guter Grog die beste Medicin, und ich habe hier auch noch eine famose Flasche Rum.« »Bravo,« sagte Heidelberger, »solche milde Beiträge lassen wir uns gefallen – der Wohlthätigkeit werden keine Schranken gesetzt, und Eure Becher her, Ihr Leute. Wer ist denn da hinten noch so seekrank? Herr Du meine Güte, würgt der Mensch –« »Das ist der Nadler aus Nummer Sieben,« lachte der Lohgerber; »so wie sich das Schiff anfängt zu bewegen, liegt der auf der Nase.« »So gebt ihm einen Schluck von der Mischung hier,« meinte der Instrumentenmacher gutmüthig, »das wird ihn wieder auf die Beine bringen.« Des Nadlers Frau wurde gerufen, um ihrem Mann etwas von dem Grog zu bringen, der aber stöhnte und ächzte, weigerte sich zu trinken und bat, man solle ihn lieber über Bord werfen. Die Anderen lachten und nahmen weiter keine Notiz von dem Seekranken. Die Becher wurden indeß fleißig gefüllt und geleert; der Schreck von heut Abend war Manchem in die Glieder geschlagen, und von allen Seiten kamen Flaschen und Krüge mit Rum gefüllt aus den verschiedenen Kojen vor, daß der Koch noch zweimal in die Cambüse mußte, mehr heißes Wasser herbeizuholen. – Der Steuermann trank ebenfalls gern ein Glas, und wenn es ihm auch nicht einfiel, das mit den Zwischendecks-Passagieren zu thun, ließ er es doch geschehen, daß ihnen der Koch gefällig sein durfte – noch dazu an dem heutigen Abend. Auch Meier hatte sich bei der Bowle eingefunden, von der er aber oft fort und nach oben ging, um nach dem Wetter und Wind zu sehen. Der Koch, der dem Grog fleißig zugesprochen, übrigens eine sehr bedeutende Quantität davon vertragen konnte, hatte indeß den aufmerksam und vergnügt lauschenden Passagieren die Sage vom Klabautermann ausführlich erzählen müssen. Es war ein kleiner gemüthlicher Geist, ein Ueberbleibsel noch der alten Heinzel- oder Wichtelmännchen, der im Innern des Schiffes, aber immer nur einzeln und einsam, sein Quartier aufgeschlagen und die weitesten Reisen mit dem einmal erwählten Fahrzeug machte. Bei gutem Wetter ließ er sich dabei weder hören noch sehen, und kam nicht vor; wenn aber dem Schiff Gefahr drohte, rief er aus den Masten herunter den Leuten zu, zu reefen, oder warnte sie auch wohl vor drohenden Klippen und Bänken, und nur wenn das Schiff rettungslos verloren war, nahm er sein kleines Matrosenkistchen, das er, wie jeder andere Seemann, bei sich führte, unter den Arm und zeigte sich gewöhnlich noch einmal, ehe er ging, denen an Bord, die er während seiner Anwesenheit am liebsten gehabt. Nachher war er fort, und was aus ihm wurde, konnte Niemand sagen. Heut Abend aber war er fortgegangen. Er, der Koch, der ihm immer die gebührende Ehrfurcht erwiesen, und dem er deshalb auch gut geblieben war, hatte ihn mit eigenen Augen gesehen, und wenn Einer von ihnen wieder das Land sehe – meinte der Mann mit leiser, unheimlich flüsternder Stimme – sei es ein Werk des Himmels. Die Passagiere, die den Koch dicht umdrängten, hatten im Anfang über das »Märchen« gelacht und ihren Spaß damit gehabt; als der Mann aber so gar ernsthaft dabei blieb und das überdies finstere und faltige Gesicht noch weit mehr zusammenzog und die Kunde, die auch sie so nahe betraf, so geheimnißvoll flüsterte, daß man ihm wohl ansehen konnte, wie er selber jede Silbe glaube, wurden doch auch Manche der vorher noch ganz Beherzten und Ungläubigen stiller – das Lachen verstummte, und die noch immer unheimlich durch die Nacht tönenden Schläge der Schiffsglocke über ihren Häuptern mahnten sie dabei, daß allerdings nicht Alles an Bord sei, wie es eigentlich sein solle. »Aber es giebt doch keine Geister,« sagte endlich der Instrumentenmacher, der das ihm fatale Grausen zuerst abzuschütteln suchte mit einem allgemeinen Beweisgrund gegen jede derartige Erzählung. »So? – giebt es nicht?« erwiderte ihm der Koch, ohne von seinem Becher aufzuschauen – »und mich haben sie wohl nicht einmal an der Weser drüben zehn Meilen in's Land hinein gesetzt, ohne daß ich wußte wie?« »Zehn Meilen in's Land?« rief der Schneider erstaunt. »Zehn Meilen in's Land,« bestätigte der Seemann, den Becher jetzt bis auf den letzten Tropfen leerend und wieder zum Füllen gegen Heidelberger vorstreckend, »und die Geschichte war merkwürdig genug. Wir lagen mit dem Robert Fulton, einem andern deutschen Schiff, auf dem ich damals meine Reise als Koch machen sollte, unter Bremerhafen vor Anker und warteten auf den letzten Lichter, der mit Fracht von Bremen herunter kommen mußte. Abends nach dem Essen schickte mich der Capitain mit dem Kajütsjungen und zwei Leuten an Land, um in dem nächsten Dorf eine Partie Eier und Hühner und andere Sachen für die Kajüts-Passagiere und den Capitainstisch einzukaufen. Der Eine von den Leuten, die ich mithatte, war aber ein alter Matrose, der damals schon seine sechzig Jahre auf dem Rücken haben mochte und die ganze Zeit, von Kindheit auf, zur See zugebracht hatte, und der behauptete, daß ihm an dem nämlichen Abend der schwarze Mann an Bord erschienen sei.« »Der schwarze Mann?« rief der Lohgerber, der mit offenem Munde der Erzählung lauschte. »Ja, der schwarze Mann,« bestätigte der Koch, »auch so ein Wesen, das sich nur sehen läßt, wenn es mit Einem von uns zu Ende geht, und der alte Bursche, sonst immer einer der Flinksten und Muntersten von Allen, ließ den Kopf hängen und sprach kein Wort. Wir anderen jungen Burschen lachten ihn jetzt aus, neckten ihn, daß er einen Schluck zu viel genommen und den Pumpstock für den schwarzen Mann angesehen habe, und ich – ein junger Kehrdichannichts, der ich damals war – trieb es am tollsten, ja behauptete zuletzt sogar, es gäbe gar keine Geister, weder schwarze noch Klabautermänner, und rief, wenn wirklich welche da wären, sollten sie sich mir auch einmal zeigen, und dann wollte ich an sie glauben. Der Alte bat mich zwar nun, ich möchte still sein; wenn ich älter würde, erführ' ich das Alles überdies noch zeitig genug; mit ein paar Gläsern Grog im Kopf machte ich mir aber aus der ganzen Sache nichts und trieb es toller als vorher. Unter der Zeit war es ziemlich dunkel geworden; das Dorf lag jedoch keine fünfhundert Schritt vom Fluß ab und ein breiter Fahrweg lief von der Landung gerade darauf zu, so daß wir gar nicht irre gehen konnten. Wir machten also unser Boot fest, stiegen an's Land und fanden auch glücklich den Platz, wo wir kauften, was wir brauchten, und dann mit den Sachen den Rückweg antraten. »Ziemlich schwer zu tragen hatten wir übrigens und gingen deshalb einzeln hintereinander her auf der Straße, ich hintennach, weil ich auf das Ganze sehen mußte. Gerade halbweg zwischen dem Dorf und Fluß lag ein kleines Erlendickicht, vielleicht hundert Schritt breit, wie denn überhaupt die ganze Entfernung vom Dorf bis nach der Weser ja kaum einen Büchsenschuß betrug. Als wir nun mitten im Erlenbusch drin sind, hör' ich links neben mir, vielleicht zehn Schritt vom Wege ab, den Alten fluchen und mich rufen; er wäre von der Straße abgekommen und hätte ein paar Hühner verloren. »Na, ja,« sag' ich, »und in der Dunkelheit – wie sollen wir die nur wieder finden!,« und dann rief ich ihm zu, er möchte stehen bleiben, wo er wäre, ich wollte zu ihm kommen. Den Korb, den ich trug, behielt ich übrigens umhängen und drängte mich durch die kleinen Büsche der Stelle zu, wo ich ihn noch immer hören konnte; – auf einmal war Alles still. – »Steffen,« sagte ich – keine Antwort – »Steffen, wo steckst Du denn – mach' keine Dummheiten –« keine Antwort. »Jetzt wurde mir's unheimlich zu Muthe, und was ich heute mit dem Alten gesprochen, fiel mir wieder ein; dann dachte ich aber auch daran, daß er mich wahrscheinlich zu fürchten machen wollte, weil ich nicht an Geister geglaubt hatte, und nun fing ich an zu lachen und rief ihm zu, so dumm wär' ich nicht, daß ich mich bange machen ließe. Wenn er das Maul nicht aufthun wollte, damit ich ihn im Finstern fände, möcht' er stehen bleiben wo er wär', und arbeitete mich dann wieder rasch zurück auf die Straße – mit dem schweren Korb war's auch in den doch ziemlich dichten Büschen eben nicht angenehm zu marschiren. »Die Anderen konnten übrigens kaum hundert Schritt vor mir sein, und da mir's doch jetzt, wie Alles so still und ruhig um mich war, ein wenig unheimlich zu Muthe wurde, schrie ich ihnen laut nach, auf mich zu warten – keine Antwort. Ich schrie noch einmal, und wie ich jetzt immer noch nichts hörte, fing ich an auszukratzen und lief, so rasch ich mit meinem schweren Korbe nur vorwärts kommen konnte, dem Flusse zu. Es war jetzt so dunkel geworden, daß man keine Hand mehr vor den Augen sehen konnte, vor mir aber schimmerte ein Licht – wie ich glaubte aus meiner eigenen Cambüse an Bord – und ich fing jetzt wieder an ein wenig auszuathmen und langsamer zu gehen. Sonderbar kam es mir freilich dabei vor, daß ich noch immer Büsche zur Seite hatte, und vorher war mir es doch, als ob das Ufer vollkommen frei von Buschwerk gewesen wäre. Ich dachte mir aber doch nichts weiter dabei und kam dem Lichte immer näher; – das Schiff war es aber nicht , und, Jungens, ich sage Euch, der Schweiß trat mir in großen Tropfen auf die Stirn, als ich plötzlich vor einem kleinen niedern Hause stand, aus dessen Fenstern ein Licht schimmerte, und von Fluß oder Schiff auch nicht die Spur zu finden war.« »Natürlich,« lachte jetzt der Instrumentenmacher, »Sie hatten sich vorher in der Angst falsch herumgedreht und waren, anstatt nach dem Fluß zu wieder nach dem Dorf zurückgelaufen.« »Das dacht' ich auch,« erwiderte der Koch, der jetzt in der Erinnerung an das damals Geschehene selbst des Trinkens vergaß, »setzte den Korb nieder, um ein wenig auszuruhen, und wollte dann eben umdrehen, als ich aus dem Dorf heraus einen Wagen kommen hörte, der jedenfalls nach dem Strom zu fuhr. Die Schultern thaten mir überdies von dem Schleppen weh, und ich beschloß, den Wagen abzuwarten und meinen Korb da aufzusetzen. Der Wagen kam auch und hielt, als ich ihn anrief, und der Fuhrmann, der erst dicht zu mir herantrat, um zu sehen, wen er vor sich hätte, sagte ganz freundlich, er wolle meinen Korb gern mitnehmen, und ich möchte mich dazu oben aufsetzen. »Aber wo wollt Ihr denn hin,« frug er mich dann, »mit dem schweren Ding?« – Blos bis zum Fluß, sagte ich. – »Zur Elbe?« – Ih Gott bewahre, zur Weser. »Zur Weser?« rief der Mann erstaunt aus, »an die Elbe meint Ihr wohl.« – Nein, sagte ich wieder, an die Weser , mein Schiff liegt ja drüben, dicht unter Bremerhafen. – »Na, Du lieber Himmel,« rief da der Mann, »da habt Ihr noch einen weiten Weg vor Euch und bliebt am besten hier über Nacht, vielleicht könnt Ihr dann morgen früh eine Fuhre dorthin bekommen; durch den Ort durch müßt Ihr doch.« Durch den Ort durch? rief ich erschreckt, ja das ist ja doch gar nicht möglich, ich kann doch nicht darum hingelaufen sein. »Das weiß ich nicht,« lachte der Fuhrmann, »aber die zehn Meilen seid Ihr doch nicht mehr im Stande, heut Abend mit der Last zu machen.« Zehn Meilen? schrie ich, und ich konnte mich vor Schreck kaum auf den Füßen erhalten, so fingen mir die Knie an zu zittern: – das kann ja aber gar nicht sein, denn ich bin vor einer Stunde etwa – der Fuhrmann ließ mich aber gar nicht ausreden und meinte: »Kann nicht sein; – wenn Ihr sie mit dem Korb da laufen wolltet, würdet Ihr glauben, es wären fünfzehn. Von Buxtehude aus werden zehn gute Meilen nach der Weser gerechnet.« – Aber das ist doch nicht Buxtehude? schrie ich, halb todt vor Schreck. – » Das ist Buxtehude, Freund»« sagte der Mann; »doch ich muß fort jetzt, will noch die Nacht nach Harburg und habe ebenfalls einen langen Weg vor mir. Gleich links, wenn Ihr in's Städtchen kommt, ist ein gutes Wirthshaus, da könnt Ihr übernachten,« und damit schwang er seine Peitsche um den Kopf, trieb seine Pferde an und ließ mich allein auf der Straße stehen. Wie mir aber zu Muthe war, könnt Ihr Euch denken – und der Mann hatte Recht. Ich mußte die Nacht in Buxtehude bleiben, wo sie mir aber mein Unglück nicht glaubten und mich für einen Deserteur von einem Hamburger Schiff hielten. Dorthin wurde ich am nächsten Morgen geschickt und später erst mit meinem Korb nach Bremen ausgeliefert, mein Schiff war aber indessen natürlich abgesegelt und ich blieb zurück.« »Koch, Ihr gingt besser nach oben und wecktet den Capitain,« unterbrach plötzlich Meier's tiefe und hochklingende Stimme das athemlose Schweigen, das der Erzählung des Kochs gefolgt war – »es ist die höchste Zeit.« »Höchste Zeit?« rief der Koch, erschreckt aufspringend; »was ist nun wieder los?« »Noch nichts,« sagte Meier, »aber es kommt , der Wind hat sich nach Nordwesten gedreht und – es riecht draußen nach Schwefel.« »Ich hätte bald 'was gesagt,« brummte der Koch ärgerlich; »wenn der Steuermann den Alten wach haben will, wird er ihn schon selber wecken. Bis er nicht morgen früh das Frühstück verschläft, weck' ich ihn gewiß nicht.« »Wir werden morgen früh wohl kein Frühstück brauchen,« sagte Meier ruhig und setzte sich wieder auf den Platz in die Ecke. »Um Gottes willen, was ist vorgefallen?« riefen ein paar der leicht geängstigten Frauen, die den Platz umstanden und der Erzählung des Kochs ebenfalls gelauscht hatten; »hat der Sturm wieder angefangen?« »Unsinn,« sagte der Koch, der aufgestanden war und durch die Luke nach oben gehorcht hatte; »es ist todtenstill draußen – man kann die Segel an die Masten schlagen hören.« Die Zwischendecks-Passagiere waren aber, schon durch die Erzählung aufgeregt, ängstlich gemacht worden, tranken ihre Becher aus und stiegen nach oben, um selber zu sehen, wie es an Deck ausschaue. Die See lag todtenstill und der Nebel noch immer dick und schwer auf der Fluth. – Wie das so sehr unheimlich um sie her rauschte und schwoll und in dem zerrissenen Takelwerk klapperte und schlug! Vorn am Bug standen die wachthabenden Matrosen und hatten eben wieder das Senkblei ausgeworfen, das diesmal dreißig Faden gab. Mit einem Flaschenzug holten sie das schwere Blei herauf, und der Steuermann ging langsam auf dem Quarterdeck auf und ab. Hinten an der kleinen Compaßglocke schlug es elf Uhr, die große Glocke vorn antwortete den Schlägen; der Mann am Steuer wurde abgelöst und das Log geworfen, die Fahrt des Schiffes zu prüfen; die Brise hatte sich ein klein wenig verstärkt und das Schiff lief drei Meilen durch's Wasser, aber dicht am Winde, der jetzt gerade von Nordwesten zu wehen anfing. Als Log- und Senkbleiwerfen vorüber war, nahm Alles wieder seinen ruhigen Gang, und der Steuermann stieg in die Kajüte hinunter, um Lauf und Richtung des Schiffes wie vermuthete Abdrift auf seiner Tafel für die letzte Stunde zu notiren. Die Zwischendecks-Passagiere blieben eine Weile an Deck, da sich aber nichts Außergewöhnliches erkennen ließ und die Nachtluft kalt und unfreundlich über die See herüberkam, stiegen sie nach und nach wieder einzeln hinunter, ihre Kojen zu suchen. Es war recht still unten geworden; die Passagiere lagen sämmtlich in ihren Betten, der alte Meier ausgenommen, der noch immer angezogen vor seiner Koje auf der Kiste saß und den Kopf in beide auf die Kniee gestemmte Arme gestützt hatte. Nur das Schnarchen und regelmäßige Athmen der Schläfer unterbrach die Ruhe, und dann und wann einmal das ängstliche Aufschreien eines Kindes, das von der Mutter wieder beschwichtigt wurde. Ein hohler, brausender Laut tönte über das Wasser, dem die dröhnenden Schritte der rasch über das Deck laufenden Matrosen folgten. Meier hob den Kopf, horchte einen Augenblick und stieg langsam nach oben. »Capitain, kommt an Deck!« rief der Steuermann mit lauter, fast ängstlicher Stimme in die Kajüte hinunter, daß die Kajüts-Passagiere ebenfalls in ihren Betten auffuhren und die Männer sich rasch ankleideten. Der Capitain hatte unausgekleidet auf seinem Bett gelegen, sprang mit beiden Füßen aus seiner Koje, griff seinen Südwester und den dicken Ueberrock auf, sie unterwegs aufzusetzen und anzuziehen, und stand im nächsten Augenblick neben dem Steuermann und dem Ruder vor dem Compaß. »Was ist, Steuermann, was giebt's?« frug er mit ruhiger Stimme. »Es kommt!« sagte dieser lakonisch. »Wie viel Faden?« »Zwanzig,« lautete die Antwort. »Böser Platz, wo es herweht,« sagte der Capitain, nach dem Compaß sehend und seinen Rock dabei anziehend, »aber wir können mit bestem Willen nicht mehr Segel anbringen. Und wenn's zu arg wird, müssen wir sehen, daß wir irgendwo Anker werfen.« »Wär' eine schlimme Geschichte,« brummte der Steuermann zwischen den Zähnen durch, »hallo, wie das zu heulen anfängt!« »Werft das kleine Loth noch einmal,« sagte der Capitain, während er den Fortgang seines armen Schiffes beobachtete und einen scheuen Blick nach Lee hinüber sandte. »Wenn man wenigstens die Leuchtfeuer erkennen könnte! Wie viel Uhr ist's?« »Dreiviertel auf Zwölf,« sagte der Mann am Ruder, indem er sich bückte und nach der im Compaßgehäuse hängenden Uhr sah. »In einer Viertelstunde wissen wir, woran wir sind,« meinte der Seemann – »wie viel Faden?« rief er dem vorn postirten Matrosen zu. »Bei der Mark neunzehn,« lautete die Antwort. »Wie viel Kette haben wir oben, Steuermann?« fragte der Capitain. »Ungefähr vierzig Faden.« »Ist der zweite Anker klar?« »Noch nicht.« »Laßt ihn klar machen.« Ueber die Wasser heulte es dabei in scharfem, pfeifendem Ton herüber und schäumte und zischte über die erregte Fluth. So scharf als möglich lag das seiner meisten Segel beraubte Schiff dabei gegen den Wind an, aber nicht verkennen ließ es sich, daß es, mit zu wenig Kraft, den schweren Bau vorwärts zu treiben, unverhältnißmäßig viel Abdrift machte und mehr und mehr nach Lee hinübersetzte. Von den Kajüts-Passagieren kamen jetzt ebenfalls mehrere an Deck und frugen den Capitain ängstlich, ob Gefahr vorhanden sei. So freundlich und zuvorkommend aber dieser auch sonst gegen seine Passagiere war, so kurze, abfertigende Antwort bekamen sie jetzt, wo er andere Sachen im Kopf hatte, und er bat sie mit ziemlich dürren Worten, in ihre Kojen wieder zurückzugehen, da sie an Deck doch nichts helfen könnten und nur im Wege ständen. Es war zwölf Uhr, der Wind hatte sich wieder zu vollem Sturm erhoben und die leichterregte See rollte mit den kurzen aber schweren Wogen ärgerlich gegen den Bug des Schiffes an, über den sie die schäumenden Kronen an Deck spritzte; die weißen, zähen Nebelschwaden wälzten sich dabei in dichten Massen vor ihm her, dem Lande zu, und wenn sie auch, hier und da zerrissen, einen Blick nach den jagenden Wolken verstatteten, hüllten sie doch das leewärts gelegene Land noch immer in tiefe Nacht. »Bei der Mark siebzehn!« tönte der monotone Ruf des am Senkblei stationirten Matrosen, und die schwere Kette des Starbordankers rasselte, von der jetzt ebenfalls an Deck gerufenen andern Wache gehoben, der Ankerwinde zu. »Bei der Mark sechzehn –« »Steuermann, wir müssen wahrhaftig den Anker fallen lassen!« rief der Capitain; »steht bei da vorn, Anker klar?« »Alles klar, Capitain!« lautete die Antwort. »Wie viel Faden jetzt?« Der zischende Schlag des Senkbleis auf das Wasser antwortete der Frage, und gleich darauf tönte wieder der eintönige Ruf: »Bei der Mark zwölf !« Noch immer zögerte der Capitain – sie konnten sich gerade hier an einer Bank befinden, die sie vielleicht im nächsten Augenblick passirten. Solcher Art in offener See zu ankern, wo die Wogen mit ungebrochener Kraft heranwälzen können, ist auch immer eine ängstliche, gewagte Sache; so lange er sich flott halten kann , thut es kein Seemann. Wieder wurde das Blei geworfen, und der Ruf zeigte dreizehn Faden. »Gott sei Dank!« rief der Capitain mit einem aus innerster Brust herausgeholten Seufzer –, »das Wasser wird tiefer – es war richtig nur eine Bank.« »Bei der Mark vierzehn –« »Bravo, mein Bursche, fahr so fort!« »Bei der Mark vierzehn ein halb.« »Dort drüben, glaub' ich, sehe ich ein Licht durch den Nebel schimmern,« rief plötzlich der Steuermann – »dort nach der Richtung hin!« Der Capitain strengte seine Augen an, das Dunkel zu durchsuchen, und glaubte selber einen Schein zu erkennen. »Bei der Mark fünfzehn!« rief der Mann. »Sobald wir das Licht ausmachen können, daß wir herausbekommen, wo wir sind,« sagte der Capitain, ohne auf das Senkblei jetzt weiter zu achten, »wollen wir die Peilung nehmen, und wenn der Sturm nicht nachläßt, wird uns nichts weiter übrig bleiben, als in Lee Schutz zu suchen.« »Der Henker soll die Küste holen!« brummte der Steuermann; »weiß es Gott, da ankere ich lieber hier mitten im Kanal.« »Bei der Mark elf !« schrie der Mann vorn. » Elf ?« fuhr der Capitain empor; »was ist das – bist Du gewiß? – Steht klar bei Eurem Anker da vorn.« »Alles klar, Capitain!« rief der zweite Steuermann zurück. »Bei der Mark sieben !« »Nieder mit Eurem Anker!« gellte der schrille Ruf des Capitains über Deck, und zu gleicher Zeit rasselte die Kette donnernd durch die Klüsenlöcher. In demselben Augenblick aber auch, und noch ehe der Anker den Grund erreicht haben konnte, zitterte das Schiff bis in seinen Kiel hinab von dem furchtbaren Stoß, den es erhielt, und der Capitain mußte sich an den Compaßkasten halten, um nicht vorn überzustürzen. »Heiliger Gott, wir sind verloren!« schrie eine Stimme vom Bug aus, und eine See wusch hochaufbäumend an dem gestrandeten Schiff über Deck und schleuderte ihre Fluth in die noch offenen Luken des Zwischendecks hinab. Ein gellender Wehschrei antwortete von dort her, und in der nächsten Minute stürzten die halb entkleideten Passagiere aus Kajüte und Zwischendeck jammernd und wehklagend an Deck. »Wir sind verloren – wir sind verloren!« tönte der gellende Ruf von den bleichen Lippen, und Männer, das, was sie gerade im ersten Augenblick gefaßt, Frauen, ihre Kinder auf dem Arm oder an den zitternden Händen, drängten dem höher gelegenen Quarterdeck zu, um Rettung, Hülfe von dem Capitain zu erflehen. »Die Luken zu – hinunter mit Euch!« schrie dieser aber, der rasch seine Geistesgegenwart wiedergewonnen hatte, als eine neue Woge sich an der Seitenwand des Schiffes brach und ihre Fluth die steilen Zwischendeckstreppen niederwusch – »die Luken zu – wir füllen sonst das Schiff – hinunter mit den Passagieren, sag' ich!« Ja, der Befehl war wohl gegeben, aber wie auszuführen? – Nicht allein die eindringende Fluth, sondern auch die wiederholten Stöße, die das seinem Untergang geweihte Schiff erhielt, und die es dermaßen erschütterten, daß sich weder Passagiere noch Matrosen auf den Füßen halten konnten, weckten auch den festesten Schläfer aus seinem Schlummer und donnerten ihm die furchtbare Wirklichkeit in das betäubte Ohr: – wir sind verloren! Wieder ein Stoß, der mit einer Wucht gegen den Kiel traf, als ob die Planken von einander bersten müßten, und schäumend, schmetternd wälzten die mehr und mehr emporgerüttelten Wogen über Deck, wieder und wieder einzelne der Passagiere, die sich nach oben retten wollten, von den Treppen hinunterwaschend. Die Matrosen suchten jetzt die Klappen auf die Luken zu werfen, die übersteigende See zu verhindern, hineinzuschlagen, aber der von den Passagieren hatte noch ein Kind unten, der eine Schwester oder Mutter, und die Leute, in der Verzweiflung des Augenblicks ihrer Sinne kaum mächtig, warfen die Matrosen zurück und hielten den Eingang frei und offen. »Sie wollen uns nicht herauf lassen – da unten sollen wir ersaufen und ersticken, während sie sich in den Booten retten!« schrieen sie dabei. »Nein, die Boote nieder – wir haben unsere Passage bezahlt – wir müssen an's Land gesetzt werden. Herr Capitain, um Gottes willen, die Boote nieder!« Der Capitain hatte indessen mit vollkommener Ruhe die Wassertiefe um das Schiff her untersuchen lassen, und es blieb bald keinem Zweifel mehr unterworfen, daß sie auf einer weiten gleichhohen Sandbank aufsaßen, wo sie nicht hoffen durften, so bald wieder frei zu kommen. Ja, im Gegentheil schien die Bank in Lee höher, als zu windwärts, und jeder Stoß, den das unglückliche Schiff von den anprallenden Wogen bekam, setzte es höher und fester hinauf. Die Passagiere, die jetzt über Deck schwärmten, ließen endlich, da sich keiner weiter von ihnen im untern Raum befand, die Luken schließen, die untersuchten Pumpen ergaben aber gleich darauf sieben Fuß Wasser im Raum; das Schiff hatte jedenfalls bei den furchtbaren Stößen einen Leck bekommen, und Rettung schien jetzt nur in den Booten möglich. Aber, guter Gott, wie waren die zu benutzen? Die kleine Jolle hing allerdings unter den eisernen Krahnen, aber Dollen und Ruder fehlten und konnten in der jetzt herrschenden Verwirrung gar nicht gleich gefunden werden, und das große Boot, die sogenannte Barkasse, stand mitten auf Deck und mußte erst mit Flaschenzügen über Bord gehoben werden. Die Verwirrung, die indessen unter den Passagieren herrschte, war furchtbar; ein Theil von ihnen riß die Luken wieder auf, hinunter zu klettern und das im ersten Schreck unten vergessene Geld heraufzuholen und zu retten; Andere lagen auf den Knieen und beteten und weinten. Die Frauen drängten, mit ihren Kindern auf dem Arm, der Kajüte zu, den Capitain anzuflehen, nur diese, nur die Kleinen zu retten, und wieder Andere standen, an irgend ein Tau oder Holz geklammert, in stumpfer, starrer Verzweiflung da, ließen die Sturzwellen über sich hinübergehen und sahen mit stierem Blick hinaus über die anstürmenden Wogen, die mit immer wachsender Kraft wieder und wieder gegen das Wrack anschmetterten und es wild und heftig auf die Sandbank aufstießen. Konnten doch in jedem Augenblick seine Rippen brechen und in Trümmer auseinander bersten. »Heiliger Gott, Du wirst doch nicht wollen, daß wir hier so elend umkommen sollen!« schrie eine Frau, die, ihre zwei Kinder fest an sich gedrückt, auf den Knieen lag und mit einem umklammerten Tau sich vor dem Werfen des Schiffes zu schützen suchte. Da bäumte eine See, stärker als eine der vorigen, an dem Starbordbug des Fahrzeugs aus und riß, niederschlagend, die Cambüse und einen Theil der Wasserfässer, wie die ganze vordere Schanzkleidung des Larbordquater mit über Bord. Zehn oder zwölf Menschen, die sich dort angeklammert hatten, wurden ebenfalls mit in die See gewaschen, und ihr Wehegeschrei schlug dumpf und entsetzlich an das Ohr der noch Lebenden, denen sie vergebens die Arme nach Hülfe entgegenstreckten. Auch die Frau war von der Woge erfaßt und an die andere Seite des Schiffes geschleudert worden, wo sie sich wieder festklammerte – aber ein Kind fehlte ihr, und ihr gellender Hülfeschrei übertönte selbst den Sturm. Eine neue Woge brach mit solcher Kraft gegen die Seitenwand des Wracks an, daß sie das Schiff ganz auf die Seite warf, und nur die strenge Disciplin an Bord eines Schiffes konnte noch einen Theil der Matrosen zusammenhalten, den Befehl des Capitains Folge zu leisten und die Barkasse klar zu machen. »Hurrah, hurrah!« schrie in dem Augenblick der Koch, der – mit dem vollem Bewußtsein, nach der Flucht des Klabautermanns doch hier unterzugehen und zu ersaufen – in die ihm bekannte Vorrathskammer der Kajüte geschlichen war und jetzt mit einem kleinen Anker Rum unter dem Arm auf dem Larbordgangweg hin nach vorn sprang, um seine Beute mit den Matrosen und den Passagieren zu theilen – »hurrah, Jungens, hier ist der Stoff, der uns aus dem Wasser hilft; hier ist die richtige Mischung mit Salzwasser zu nehmen. Ein Spließeisen her, daß wir den Spund herauskriegen. Hol der Teufel die Boote und den alten Kasten, der Klabautermann ist fort, und die Latten gehen doch in der nächsten Viertelstunde aus dem Leim – hurrah, der Rum soll leben!« »Her mit dem Rum!« schrieen die Matrosen, in wilder Verzweiflung zu dem letzten Mittel greifend, ihre Todesangst zu betäuben, und der Zimmermann hatte rasch mit einem Spließeisen den Korkspund hinein gestoßen, als der Capitain, ein Enterbeil in der erhobenen Rechten, zwischen sie sprang und aus voller Kraft einen mächtigen Hieb gegen den aufgedrehten und unter dem Schlag zusammenbrechenden Boden führte. »Wahnsinnige!« schrie er dabei, während er zu gleicher Zeit das Faß mit dem Fuße um- und in das dort strömende Seewasser stieß; »wollt Ihr Euch die letzte Möglichkeit rauben, unser Aller Leben zu retten, und wie feige Schufte, die sich vor dem Tode fürchten, in viehischem Trunk vor Euren Gott treten? An die Arbeit mit Euch, die Barkasse in See, und bei dem Himmel dort oben, der jetzt seine Schrecken über uns ausgießt, dem Ersten, der einen weiteren solchen Versuch macht, schlag' ich mit diesem Beil den Schädel ein, wie ich dem Faß den Boden ausgeschlagen habe. – In See mit dem Boot!« »Schade um den Rum!« brummte der Koch, der sich scheu vor der gehobenen Waffe hinter die Uebrigen zurückdrückte; aber die Besseren der Schaar sahen doch ein, daß der Capitain Recht hatte und warfen sich, trotz der jetzt mit immer wilderer Wuth überschlagenden Wogen, in die Wanten hinauf, die Flaschenzüge oben an den Raaen zu befestigen und das Boot, das sie mit Armeskraft allein gar nicht hätten regieren können, empor zu heben und überzulassen. Die Zwischendecks-Passagiere drängten indessen fast sämmtlich dem Quarterdeck zu, das gegen den Anprall der Wogen noch am meisten geschützt lag, und herzzerreißend war der Jammer, das Elend der Unglücklichen. Mütter schrieen nach ihren Kindern, Gatten nach ihren Weibern, und suchten die noch unter den Lebenden, die schon, von den wilden Sturzwellen erfaßt, über Bord in ihr Verderben gerissen waren. Gerade die Männer aber, die sonst mit keckem Wort die Gefahr herausgefordert, betrugen sich am muthlosesten, am verzagtesten von Allen. Der Lohgerber, ein großer, starker Mann, mit ein paar Fäusten wie ein Bär, lag, das Gangspill umklammernd, auf den Knieen und wimmerte zu Gott um Vergebung seiner Sünden und Rettung aus dieser Noth, und der Schneider hing mit beiden Armen in der Starbord-Besanwant und weinte und schluchzte wie ein Kind. Andere dagegen sahen dem Unvermeidlichen, das über sie hereinzubrechen drohte, mit stillem, entschlossenem Muth entgegen, und unter ihnen der Instrumentenmacher, der sein junges Weib und das zweijährige Kind fest umklammert hielt, sie gegen eine etwaige Sturzsee soviel als möglich zu schützen, während er der an seinem Halse weinenden Frau mit leiser Stimme Muth und Trost einsprach. Am wildesten geberdete sich einer der Kajüts-Passagiere – ein Kaufmann Wolf, der, in Unterkleidern aus der Kajüte gestürzt, in wirrer Todesangst kaum mehr wußte, was er that. Von einem Ende des Decks taumelte er schreiend zum andern, warf sich vor den Matrosen auf die Kniee und rief, er dürfe nicht sterben, er habe Geld, viel Geld, und sie sollten ihn retten – er würde sie reich, er würde sie steinreich machen. Die Seeleute stießen den Mann mit Ekel von sich, und winselnd lag er zuletzt lang ausgestreckt und mit dem Schwanken des Schiffs herüber und hinüber rollend auf dem Vordeck, kratzte sich die Nägel blutig an den Planken, raufte sich die Haare und fluchte und betete. Der Einzige von Allen, der kein Wort sprach, keinen Klageruf, keinen Fluch über die Lippen brachte, war Meier. So ängstlich und besorgt er gewesen, ehe das Unglück geschehen war, so ruhig betrug er sich jetzt und trat zwischen die Matrosen hinein, um die von dem Capitain gegebenen Befehle mit ausführen zu helfen. Er war auch der Erste, der nach oben lief, einen Block an der Raae zu befestigen, um die Barkasse überheben zu können, und wie das Tau hindurchgebracht und an Deck eingeholt war, stieg er wieder nieder, faßte es auf und sang vor, wie das an Bord Sitte ist, als ob gar nichts vorgefallen wäre und sie sich auf sicherem Schiff draußen in offener See, statt auf einem zertrümmerten, gestrandeten Wrack befänden. Sein Beispiel wirkte auch ermuthigend auf den Rest der Seeleute, die sich über ihren früheren Kleinmuth, wie darüber, daß sie jetzt ein Passagier beschämte, ärgerten, und unbekümmert um den heulenden Sturm, um die überstürzenden Seen, griffen sie wacker und unverdrossen zu. Das Aufwinden des Bootes brachte aber eine eigenthümliche Wirkung auf die Passagiere hervor. Da war Hoffnung ; ein Mittel, eine Aussicht wurde ihnen geboten, das Land zu erreichen, die gefährdeten Planken, die in jedem Augenblick auseinander zu brechen drohten, zu verlassen, und ohne Verabredung, aber still und sicher, ja Jeder in der Angst, daß ihm der Andere zuvorkommen könnte, drängten die Unglücklichen der Stelle zu, wo das Boot über Bord gelassen werden sollte. Nur einmal in dem kleinen Fahrzeug, und sie waren ihrer Meinung nach gerettet. »Ein Licht – dort ist der Leuchtthurm!« schrie Meier plötzlich, der bei der Arbeit fortwährend sehnsüchtig den Blick dorthin geworfen hatte, wo er Land vermuthen mußte. »Ein Licht! – der Leuchtthurm! Land!« jubelten und schrieen die Passagiere durcheinander. »Gott sei Dank, Gott sei ewig gelobt und gepriesen, oh, er konnte, er wollte uns nicht verlassen!« Land? – Guter Gott! Noch eine weite Strecke stürmischer See lag zwischen ihnen und dem rettenden Lande, aber die Schiffbrüchigen begrüßten es, als ob sie den festen Boden schon unter sich fühlten. Jetzt hob sich die Barkasse, von den starken Tauen getragen und von hundert Händen dabei in krampfhafter Angst gezogen, empor und schwang gleich darauf, durch die schräge Lage des nach Lee zu übergedrückten Schiffes begünstigt, über Bord. Der Capitain erkannte aber ganz das Gefahrvolle ihrer Lage, wenn sich die Passagiere voll wilder Todesfurcht in das hinuntergelassene Boot, das sie nicht alle tragen konnte , geworfen hätten. Zwischen sie springend, bat und beschwor er sie deshalb, nur erst die Frauen und Kinder hinunter- und überhaupt nicht mehr Menschen hineinzulassen, als möglicher Weise in dem kleinen Fahrzeug sicher gegen die Wogen ankämpfen konnten – umsonst. Es war, als ob wilder Wahnsinn die Unglücklichen erfaßt hätte und sie nicht hören wollten . »Hinunter mit dem Boot!« schrie und brüllte die Schaar – »hinunter damit – sie wollen uns zurücklassen – die Matrosen wollen sich allein retten – hinunter!« Und die losgegebenen Taue ließen im nächsten Augenblick das breite, etwas schwerfällige Boot, rücksichtslos ob es schöpfe oder schwimme, auf die Wogen hinunterschlagen. Glücklicher Weise kam es, nur wenig Wasser einnehmend, unten auf, und das Fahrzeug selber, in dessen Lee es lag, schützte es die ersten Augenblicke vor den anprallenden Wellen. Ein Theil der Matrosen hatte indessen Ruder und Segel aufgegriffen und war hineingesprungen, wild und blind folgten ihnen dabei Männer, Frauen und Kinder in furchtbarem Gemisch, als ob sie sich an festes, schützendes Land retteten, und nicht in ein schwimmendes, gebrechliches Boot, das sinken mußte, sobald es mehr bekam als es tragen konnte. »Stoßt ab – kappt die Taue!« schrieen die unten Befindlichen dabei wirr durcheinander, als sich das Boot mit Menschen füllte – «zurück da – es kann Niemand mehr herein! – Aber, lieber Gott! was halfen die Rufe, was selbst die Gewalt, mit der sich die im Boot des weiteren gefährlichen Andranges erwehren wollten; die Todesgefahr gab den Schüchternsten Muth und Stärke, und ehe die Matrosen unten im Stand waren, die Taue zu kappen und die Barkasse abzustoßen, war sie bis zum Rand gefüllt. Ja, selbst noch, als sie das Schiff verließ, sprangen Einzelne in die unten kochende Fluth, den Bootrand theils mit den Händen fassend, theils um Hülfe und Rettung die Arme danach ausstreckend. Aber wo war Erbarmen von den selbst Verzweifelten zu hoffen – die Hände der sich Anklammerndem wurden abgeworfen, selbst mit Messern zerschnitten, wo sie sich krampfhaft eingehakt, und im nächsten Augenblick trieb das überfüllte Boot, von den ihm nachstürzenden Wogen gefaßt und wild umhergeschaukelt, nach Lee zu. Der Instrumentenmacher hatte mit seiner jungen Frau und dem Kind unwillkürlich mitgedrängt, dem Boot entgegen, als er sich am Arm gefaßt und zurückgehalten fühlte. Wie er sich umsah, stand Meier neben ihm und flüsterte ihm zu: »Bleibt da – das Boot ist verloren und wird nimmer das Land erreichen.« »Aber wir hier?« rief der Mann in Todesangst – »meine Frau, mein Kind –« »Sind vielleicht auch verloren,« sagte der alte Mann erregt, »aber noch nicht so gewiß, als die da draußen. Wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, bleiben Sie auf dem Schiff – ich bleibe bei Ihnen.« »Auf dem Wrack?« »Immer besser auf einem Schiffswrack auf dem Sand sitzen, als auf den Trümmern eines untergegangenen Bootes draußen in solcher See schwimmen.« Noch zögernd stand der Mann, als das Abstoßen des Bootes draußen ihm keine weitere Wahl ließ. Zu gleicher Zeit war auch das Capitainsboot in See gelassen, in das sich die Steuerleute mit einem Theil Matrosen und vier oder fünf Damen aus der Kajüte retteten. Der Kaufmann Wolf war einer der Ersten gewesen, die, rücksichtslos um alles Andere, in die Barkasse sprangen. Der Capitain, der alte Meier, der Instrumentenmacher mit seiner kleinen Familie und sieben oder acht Frauen aus dem Zwischendeck, die nicht gewagt hatten; in das Boot hinab oder über Bord zu springen, waren die Einzigen, die noch an Bord zurückgeblieben waren. »Und Sie sind nicht mit in Ihr Boot gegangen?« redete der alte Meier den Capitain an, der auf der Railing des Quarterdecks stand und, den linken Arm um die Besanwant geschlagen, mit stieren Blicken den mit den Wogen kämpfenden Booten folgte. »Ich darf mein Schiff nicht verlassen,« antwortete der Seemann, »aber Ihr?« »Wenn ich denn einmal ersaufen muß,« sagte der alte Meier ruhig, »will ich das doch gern so lange hinausschieben als irgend möglich.« »So glaubt Ihr nicht, daß die Boote das feste Land erreichen?« rief der Capitain mit einem tief aus der Brust geholten Seufzer. »Eben so wenig, wie wir je mit der Captaube wieder flott werden,« sagte der Alte – »seht Ihr die Woge, Capitain, die da hinter der Barkasse herschäumt?« – das ist die letzte – und die Jolle – wo ist die Jolle? – ich kann sie gar nicht mehr finden.« »Großer, allmächtiger Gott!« stöhnte der Capitain, sein Antlitz in den Händen bergend – »sie sind verloren, Alle verloren!« Ein wilder, gellender Hülfeschrei schallte noch von dort herüber. In dem weißen Schaum, der durch die Nacht blitzte, war es fast, als ob sich dunkle, ringende Gestalten erkennen ließen – dann blieb Alles still. Nur die wilden Wogen brachen und stürmten ärger als je gegen das jetzt fast ganz auf die Seite geworfene Wrack an, dessen vordere Planken von den ungestümen Wassern schon so auseinander gerissen waren, daß sie die gierige Fluth unter sich konnten gurgeln und bohren hören. Stoß folgte jetzt auf Stoß, und die drei Männer gingen daran, durch das Kappen der noch stehenden unteren Masten dem Schiff Erleichterung und vielleicht auf der Sandbank auch mehr Festigkeit zu geben. Die Masten, mit dem Uebergewicht der schweren Raaen und zerrissenen Segel, die noch daran hingen, bedurften nur weniger Schläge, um einzubrechen und umzuschlagen, und Meier suchte nun, von den beiden Anderen dabei unterstützt, was sie an Hölzern an Bord erreichen und losschneiden konnten, zusammenzubinden und eine Art Floß herzustellen. Die Möglichkeit war vorhanden, daß sich der Sturm mit Tagesanbruch legte und die See beruhigte, und sie durften dann doch wenigstens hoffen, wenn sie über Tag kein Schiff fand und rettete, die in Lee liegende, gar nicht so ferne Küste zu erreichen. Entsetzlich war indeß die Lage der armen Frauen, die, auf dem schrägen Deck zusammengedrängt, die See schon nach sich heraufzüngeln fühlten und jeden Augenblick erwarten mußten, von den überstürzenden Wogen erfaßt und fortgerissen zu werden. So brach der Morgen endlich an, und das Licht des jungen Tages beschien die wildempörte Oberfläche der See, beschien den Schauplatz der Zerstörung, wo Woge auf Woge noch an den lockeren Planken riß und zerrte und arbeitete, das ganze Wrack mit seinen letzten Insassen zu sich hinabzuziehen in Nacht und Tod. Aber der Sturm hatte schon vor Tag seinen Gipfelpunkt erreicht gehabt und sich fast unmittelbar nach der Zerstörung der Boote mehr und mehr beruhigt. Die See ging noch hoch, aber der dem Wrack so gefährliche Druck hinter den Wogen, die jetzt nur, durch ihre eigene Schwere getrieben, dem Land zurollten, fehlte, und die an Bord Zurückgebliebenen durften auf Rettung hoffen. Aber noch ein langer Tag der Angst stand ihnen bevor, lange, furchtbare Stunden, an lockere Planken geklammert und über einem drohenden Abgrund schwebend, und erst gegen Abend kam ein Schiff in Sicht, von dem sie Rettung hoffen durften. Es war ein von Havre nach London bestimmter Dampfer, der glücklich das gestrandete Schiff mit seinem aufgesteckten Nothsignal entdeckte, und jauchzend sahen sich die Unglücklichen endlich bemerkt – sahen, wie das Fahrzeug auf sie zuhielt, so weit es sich dem sandigen Ufer nähern durfte, sahen, wie es auch endlich beilegte und ein Boot aussetzte – und fanden sich schon dem sicher geglaubten Tod entrissen. Von dem Wrack war aber nichts mehr zu bergen. Das Wetter sah noch viel zu drohend aus, um lange an solch gefährlicher Stelle zu weilen; das Postboot, an eine bestimmte Zeit gebunden, durfte sich auch nicht aufhalten, und der in der nächsten Nacht wieder losbrechende Sturm jagte das seinem Geschick verfallene Fahrzeug noch höher auf den Sand hinauf, schmetterte die riesigen Wogen gegen den geborstenen Bau, riß seine Planken auseinander und warf die Trümmer in seinem tollen Spiel der Küste zu. Jack und Bill Es ist nun schon einige Zeit her. da lebten am Oldcastle-Cap in Wales zwei Brüder, Namens Jack und Bill Dreygarn . Beide waren Seeleute, die sich seit ihrem achten Jahre auf Salzwasser umhergetrieben und nie viel nach dem festen Lande verlangt hatten. Das Ufer betrachteten sie auch in der That, wie die Meisten dieser Menschenklasse, nur als einen Platz, der dazu da sei, Wasser und frische Provisionen, besonders Rum, an Bord zu nehmen, und wo die Matrosen ihr auf See sauer genug verdientes Geld wieder rasch und fröhlich durchbringen könnten. Außerdem hielten sie es für das, was es für den Seemann auch wirklich gar nicht selten ist, nämlich für ihren schlimmsten Feind, und mochten nicht viel davon wissen. Bill war zwei Jahre jünger als Jack, an Gesicht und Körper glichen sich aber die Beiden so, daß sie schon oft für Zwillinge gehalten und zuweilen selbst von ihren nächsten Bekannten verwechselt worden waren. Ziemlich phlegmatischer Natur alle Beide, hatten sie jedoch einander lieb und fuhren stets auf ein und demselben Schiff mitsammen, brachten mitsammen durch, was sie hatten, und ließen sich dann wieder eben so ruhig und vergnügt zu neuer Reise anwerben. Machten es doch die anderen Matrosen ebenso. So gut sie übrigens von der See dachten, so schlecht meinte es diese eine Zeit lang mit ihnen, und nachdem Beide lange Jahre außerordentlich glücklich gefahren, änderte sich das plötzlich. Sie konnten keinen Fuß mehr an Bord eines Schiffes setzen, ohne daß es nicht irgendwo scheiterte oder strandete, oder wenigstens die Masten über Bord jagte und sonst schwere Havarie litt. Mit dem Leben kamen sie allerdings immer glücklich davon, aber sonst verloren sie auch auf mehreren Reisen hintereinander Alles, was sie sich eben mit großer Müh' und Anstrengung angeschafft, und mußten immer wieder von Neuem und zwar ganz von vorn beginnen. Seeleute sind Alle ein wenig abergläubisch, und den beiden Brüdern kam zuletzt der Gedanke – der sich in diesem Fall auch wirklich entschuldigen ließ – daß sie zum Unglück auf See ausersehen wären und die letzten Fatalitäten als wohlmeinende Warnung zu betrachten hätten: Salzwasser fortan zu meiden. Nur einen Versuch wollten sie noch machen, der eben ihr künftiges Schicksal entscheiden sollte, und wie der ausfiel, danach wollten sie handeln. Der fiel übrigens sehr schlecht aus. Sie gingen Beide wieder in einer nach New-York bestimmten Brig von Pembroke aus in See, verloren gleich in der ersten Nacht beide Masten und Clüverbaum, und trieben endlich mit dem Wrack, nachdem sie dasselbe mit Pumpen noch vierundzwanzig Stunden flott gehalten, an dieselbe Küste wieder an, von der sie ausgelaufen. Der Fingerzeig war denn doch zu deutlich, um ihn zu verachten, und Jack und Bill beschlossen jetzt, was schon seit einiger Zeit ihr Plan gewesen, zu bleiben, wo sie waren, das heißt auf festem Grund und Boden, und der See, wenigstens dem Fahren, zu entsagen. Daß sie nicht ganz von der See und dem, was dazu gehörte, Abschied nahmen, versteht sich wohl von selbst, wie hätten sie auch sonst wohl existiren wollen. Ihr ganzes Leben und Treiben war von Jugend auf viel zu eng damit verwachsen. Beides ließ sich aber auch leicht vereinigen, denn ein tüchtiger und ausgelernter Matrose ist auch meist immer ein geschickter Segelmacher, und so beschlossen denn Jack und Bill, in Pembroke sich als Segelmacher zu etabliren. Dadurch blieben sie mit der See eng verbunden, hatten fortwährend mit allen dort einlaufenden Schiffen zu thun und – brauchten nicht selber mehr zu fahren. Die Ausführung dieses Planes erforderte allerdings ein kleines Capital, und beide Brüder waren ohne einen einzigen Penny; in Pembroke selber aber lebte eine alte Wittwe, eine Mrs. Bellhope, mit einer einzigen Tochter, die einiges Vermögen besaß und den Brüdern gewogen war. Diese, die sie als rechtschaffene Matrosen kannte, entschloß sich, ihnen fünfundzwanzig Pfund vorzuschießen, mit denen sie recht gut beginnen konnten. Alles ging vortrefflich. Die kleine Werkstätte war bald eingerichtet, und die beiden »jungen Leute« (Bill war dreißig und Jack zweiunddreißig Jahre alt) bekamen bald Arbeit genug. Nur Eins fehlte ihnen noch – eine Häuslichkeit, und die mußten sie sich auf die eine oder die andere Art verschaffen. Matrosen sind nämlich nicht daran gewöhnt, sich ihre Lebensmittel selbst zu kochen – wenn sie sich auch ihre Betten selber machen und ihre Kleider eigenhändig ausbessern, ja auch wohl selber nähen. – Für das erstere sorgt unter allen Umständen der Koch, und einen solchen brauchten sie deshalb nothwendig. Einen wirklichen Koch konnten sie aber nicht bezahlen, und sie fielen deshalb auf den jedenfalls glücklichen Gedanken, daß Einer von ihnen – welcher bliebe sich ziemlich gleich – heirathen müsse. Bill schlug dabei vor, daß das Alter hierbei zu entscheiden habe, wer von ihnen diesen Schritt thun solle, Jack dagegen meinte, das Loos müsse entscheiden, denn er sähe nicht ein, wie er gerade dazu käme, allein für den Koch zu sorgen. Das Loos entschied denn auch wirklich, aber nicht für Jack, sondern für den Jüngeren, der bei dem wichtigen Entscheid keine weitere Gemüthsbewegung zeigte, als daß er sein erst halb verbrauchtes Priemchen Tabak wegwarf und sich ein frisches abschnitt, figürlich dadurch andeutend, daß er jetzt ein vollständig neues Leben beginnen müsse. Wen er heirathen solle, darüber war bis setzt zwischen ihnen noch kein Wort gewechselt. Nach stillschweigendem Uebereinkommen konnte das aber niemand Anderes sein, als die Tochter der Wittwe Bellhope, Polly , und zu der ging denn auch ohne Weiteres Bill, bot ihr seine Hand an, wurde freundlich auf- und angenommen und kehrte, nachdem er Polly einen tüchtigen Kuß gegeben, augenblicklich wieder nach Haus zurück, um die nun einmal nothwendig gewordenen Anstalten zur Hochzeit zu treffen. Diese war auf den Sonnabend vor den Osterfeiertagen bestimmt worden und wurde denn auch mit alle dem bei solchen Gelegenheiten üblichen und nicht üblichen Pomp vollzogen. Viel Poesie war eigentlich nicht dabei, Bill hatte deshalb auch nicht gewollt, daß die Hochzeit an einem Sonntag sei, da die Heirath doch eigentlich mit in das Geschäft gehöre und Sonntags nicht gearbeitet würde. Nur einmal, gleich vor der Trauung, als sie die Braut in die Kirche führten, meinte Jack, »eigentlich thäte es ihm doch jetzt beinahe leid, daß sie gelost hätten.« Als sie aber Ja gesagt und der Geistliche ihre Hände ineinandergelegt hatte, versicherte er seinem Bruder, » jetzt wär's ihm wieder lieb«. An dem nämlichen Abend erhielten die beiden Brüder einen Brief von Wexford in Irland, daß ein Schiff dort eingelaufen sei, dessen Capitain ihnen noch eine ziemliche Summe für Segel schulde und diese zu zahlen wünsche. Jack, als der am nächsten Tage noch nicht Beschäftigte, entschloß sich, mit einem gerade bei ihnen vor Anker liegenden und dorthin bestimmten Schooner hinüberzufahren und das Geld einzukassiren, schiffte sich am nächsten Morgen ein, und versprach in spätestens drei oder vier Tagen wieder zurück zu sein. Es vergingen indessen sechs und acht Tage, und Jack ließ nichts wieder von sich hören. Bill wurde zuletzt unruhig darüber. So lange war er in seinem ganzen Leben noch nicht von seinem Bruder getrennt gewesen, und die Summe, die jener holen sollte, ebenfalls keine Kleinigkeit für sie. Er beschloß also, selber hinüberzufahren und zu sehen, was aus ihm geworden, denn mit dem günstigen Westwind, der die letzten Tage geweht, hätte er recht gut von Wexford in vierundzwanzig Stunden herüberkommen können. Gesagt, gethan. Das Geschäft konnte er indessen recht gut seinem sehr zuverlässigen Altgesellen überlassen; die Schwiegermutter ließ es sich überdies nicht nehmen, nach dem zu sehen was Rechtens war, und am nächsten Morgen schiffte er sich in einem Küstenfahrer, der nach Wexford mit englischen Waaren hinüberlief, ein, um seinen Bruder aufzusuchen. Zu seinem Erstaunen hörte er in Wexford gar nichts von ihm. Allerdings hatte er das Geld bei dem Capitain, der noch dort lag, erhoben, und dieser zeigte ihm die darüber ausgestellte Quittung – dann war er spurlos verschwunden. Nur zwei Fälle blieben jetzt möglich. Einmal hatte an dem Abend ein kleines Segelboot mit zwei Mann das Ufer verlassen und war verunglückt. Den Eigentümer desselben, der ebenfalls mit ertrunken, kannte man; der Andere sollte ein Fremder gewesen sein, und es blieb möglich, daß sein Geschick den armen Teufel hier ereilt. Dann aber war an dem nämlichen Abend ein Auswanderer-Schiff nach New York in See gegangen, das noch spät Abends mehrere Passagiere aufgenommen, und wen er darüber frug, sprach sich dahin aus, Jack würde wohl das kleine Capital genommen und damit nach der neuen Welt gegangen sein, um dort sein Glück rascher zu finden als im alten Vaterland. Bill verwarf diesen Gedanken natürlich mit Entrüstung. Aber auch der andere Fall war ihm unwahrscheinlich, wenn allerdings möglich – daß sich Jack in einer solchen Nußschale von Fahrzeug der See ohne dringende Noth anvertraut haben sollte. Das Wahrscheinlichste blieb immer, daß er, ohne weiter Jemand etwas davon zu sagen, nach Waterford gegangen sei, um von dort mit dem Dampfboot nach Hause zurückzukehren, und nun schon lange gemüthlich daheim sitze, während er ihn hier draußen suche. Gerade jetzt lag auch wieder eine amerikanische Barke in Wexford, die noch mehrere Passagiere in Waterford an Land zu setzen hatte. Auf der nahm er Passage, und weil sie noch einige Tage dort liegen blieb, amüsirte er sich indeß vortrefflich mit einigen da gefundenen alten Schiffskameraden. Nach drei Tagen erhielt er plötzlich Nachricht, daß die Barke Abends sieben Uhr bei eintretender Ebbe segeln würde, und mit dem gerade günstig wehenden Wind konnte sie den Ort ihrer Bestimmung recht gut bis Tagesanbruch erreichen. Bill ging an Bord und zwar, wie das alte Matrosen gewöhnlich thun, als Zwischendecks-Passagier im Forecastle, das heißt, er aß mit den Leuten, mit denen er, als nicht der Mühe werth zu Koje zu gehen, die Nacht auf den verschiedenen Wachen verplauderte. Erst als sie dem Leuchtthurm näher und näher kamen, und die Leute noch Einiges aus dem Raum heraufholten, was mit an Land geschickt werden sollte, holte er sich seine kleine Tasche herauf, um, wenn das Boot abstieß, gleich fertig zu sein. Irgend ein kleiner geringfügiger Umstand, an und für sich nicht von der mindesten Bedeutung, hat oft Einfluß auf unser ganzes Leben und wirft unsere noch so vortrefflich berechneten Pläne über den Hausen. Hätte Bill die Tasche nicht unten im »Logis« liegen gehabt, wäre Alles so gegangen, wie er dachte, und er selber wieder in kurzer Zeit zu Haus gewesen. So, als er im Dunkeln die schmale Treppe herauf und an Deck stieg und nach der Mitte des Fahrzeugs zu gehen wollte, wo das Boot niedergelassen werden sollte, stolperte er über den ausgehobenen Lukendeckel, stürzte, ehe er sich halten konnte, in den Raum hinab, schlug mit dem Kopf an eine Kiste und blieb bewußtlos liegen. Diese Luke wurde von den Leuten gleich darauf wieder zugelegt, und als das Boot niedergelassen ward, rief man vergebens nach dem plötzlich verschwundenen Passagier. Der rasch und heftig wachsende Wind ließ aber auch kein längeres Zögern zu – der fremde Seemann mußte jedenfalls in der Dunkelheit über Bord gefallen sein, wo ihm doch nicht mehr zu helfen war, und die für Waterford bestimmten Passagiere, von denen einer Bill kannte und sich am vorigen Abend noch mit ihm unterhalten hatte, verließen das Schiff in der festen Ueberzeugung, daß der arme Teufel sein zeitiges Grab in den Wellen gefunden. Das Fliegende Eichhorn, wie die Barke hieß, braßte bald darauf die Segel wieder auf und flog mit trefflichem Wind seine Bahn entlang. Der Morgen brach an und die Brise artete mit Sonnenaufgang in einen förmlichen Nordost-Sturm aus, der sie mit gereeften Segeln vor dem Wind elf oder zwölf Knoten die Stunde vorwärts jagte. Die Luken sollten wieder dicht gemacht werden, vorher aber brauchte der Koch noch Feuerholz aus dem untern Raum, und als ein paar von den Leuten hinabstiegen, fanden sie unten den armen Teufel von Passagier noch halb bewußtlos in seinem Blute liegen. Bill wurde jetzt allerdings gleich an Deck und zur Koje gebracht, und es geschah Alles, was die Umstände erlaubten, ihn wieder zu sich zu bringen und zu pflegen; aber ihn jetzt an Land zu setzen war unmöglich. Die See ging hoch und der Capitain hätte nicht um irgend etwas die kostbare Brise versäumen mögen. Außerdem lag der Fremde in einem heftigen Fieber, und es blieb eben nichts weiter übrig als ihn mitzunehmen – nach New-York. Erst nach vier oder fünf Tagen, als sie schon lange weit draußen im Atlantischen Ocean und auf blauem Wasser schwammen, erholte sich Bill auch wirklich so weit, Rechenschaft von sich zu geben, wie er in den untern Raum gekommen, fand sich übrigens ungemein rasch in sein Schicksal, meinte, »es hätte einmal nicht anders sein sollen,« und ließ sich, da der Capitain gerade knapp an Mannschaft war, mit Vergnügen als Matrose einschreiben, um seine Passage zu verdienen. In New-York fand er ja bald Gelegenheit, wieder nach Hause zurückzukehren, und als er sich die Sache erst eine Weile überlegt hatte, schien es ihm sogar ganz recht zu sein, wieder einmal »ein Deck zu treten« und Masten und See über und um sich zu sehen, statt der »ewigen langweiligen Dächer und Häuser.« Das Seeblut stak ihm doch noch viel zu sehr in den Gliedern, es so leicht abzuschütteln, und nach Hause – »kam er noch immer zeitig genug.« Von seiner Wunde, wie nur erst einmal das Fieber von ihm gewichen, erholte er sich ungemein rasch, und was seine häuslichen Verhältnisse betraf, so machte er sich derentwegen auch nicht die geringsten Sorgen. Jack war jedenfalls indessen lange wieder zu Hause angekommen, und seine Frau – ih nun, die mußte sich schon die paar Monate trösten. Was hätte sie denn machen wollen, wenn sie einen Seemann geheirathet; die waren fortwährend auf dem Wasser, und nur dann und wann einmal acht oder vierzehn Tage zu Haus, und deren Frauen hielten es auch aus. Nur Eins genirte ihn im Anfang an Bord, obgleich er sich auch zuletzt daran gewöhnte: daß ihn der Steuermann und die Uebrigen immer Jack statt Bill nannten. Zwischen den englischen und theilweise auch amerikanischen Matrosen ist es nämlich ein seit undenklichen Jahren eingeführter Brauch, Alle, deren Namen sie nicht gleich wissen und die zum Seemannsstand gehören, Jack zu nennen. Wie man in Oesterreich jeden Fremden »Herr von« und in Leipzig »Doctor« nennt, so sagen die Matrosen untereinander Jack , und da da der Name überhaupt so außerordentlich verbreitet ist, treffen sie noch nicht einmal so oft fehl. So lange Bill deshalb in seinem Fieber lag und doch schon, wenn er nicht starb, als zum Schiff gehörig betrachtet wurde, hieß er fortwährend, wenn von ihm geredet wurde, Jack , und zwar der » fremde Jack,« und als er wieder zu sich kam und Bill heißen wollte, ging das nicht mehr. Die Leute hatten sich so daran gewöhnt, und er blieb Jack nach wie vor. »Hol's der Henker,« rief er dann zuletzt mit dem gewöhnlichen und allbekannten Seemannswitz, der auch vielleicht dem Namen Jack seinen Ursprung verdankt – »es ist mir einerlei, wie Ihr mich auch ruft – nur nicht zu spät zum Essen.« Bill war früher, wie schon vorerwähnt, Matrose mit Leib und Seele gewesen, und es läßt sich denken, daß er sich bald wieder hinein und wohl in seiner altgewohnten Beschäftigung fand. Ueber die Trennung von seiner Frau hatte er sich schon lange getröstet und lachte sogar manchmal, wenn er daran dachte, wie sie sich wohl den Kopf zerbrechen würde, wo er hingekommen und wann er zurückkehren würde. Am Ende war es noch gar kein so großes Unglück, daß er in das Loch gefallen, und jedenfalls hatte er bei der Gelegenheit doch wieder einmal tüchtig Salzwasser zu schmecken bekommen. Nach einer Fahrt von neunundvierzig Tagen erreichten sie New-York, und Bill bekam, was er unterwegs verdient, ausgezahlt. In der Erinnerung aber an die freie fröhliche Zeit, die er sonst verlebt, wenn er nach langer Seefahrt wieder zum ersten Mal Land betrat, dachte er in dem Augenblick gar nicht an die Heimath und seine dortigen, ihm noch etwas neuen Pflichten, und jubelte mit den Kameraden Tag und Nacht durch, bis auch – was gar nicht so sehr lange dauerte – der letzte Cent verzehrt und sogar, nach ächter Matrosenart, die Jacke versetzt war. Damit hatte er den Gipfelpunkt seiner jetzigen Glückseligkeit erreicht, denn geborgt wird solchen Leuten nichts. Als aber der Rausch ausgeschlafen war, kratzte er sich doch hinter den Ohren und dachte zum ersten Mal ernstlich an die Rückfahrt, die er sich nun wieder als Matrose verschaffen mußte. Umsonst hätte ihn natürlich kein Capitain als Passagier mit hinübergenommen, hätte er selber als Passagier gehen wollen. Bill sah sich deshalb rasch wieder nach einem Schiff um, auf dem er ein » birth « bekommen könne, fand aber zu seinem Schrecken, daß kein einziges passend für ihn im Hafen lag. Vier oder fünf waren allerdings nach England bestimmt, aber schon vollauf mit Mannschaft versehen, andere, von dort erst angekommen, blieben vielleicht vier bis sechs Wochen liegen, ehe sie ihre Fracht gelöscht und neue eingenommen hatten, und so lange konnte er doch unmöglich ohne Geld und in Hemdsärmeln in New-York herumlaufen. Ein einziges Schiff brauchte Leute und war nach England bestimmt, aber – über Rio Janeiro. Das verzögerte allerdings seine Rückkunft, doch blieb ihm in der That keine große Wahl; der Capitain, der schon segelfertig im Hafen lag, bot ihm Handgeld und Bill – ging an Bord. Daß er aber so gewissermaßen von zu Hause fortschiffte, wo er doch eine Frau sitzen hatte, war ihm ein unbehagliches Gefühl, und er wollte wenigstens nicht gekannt sein. Der Name Jack, den ihm das Fliegende Eichhorn aufgezwungen, paßte ihm jetzt insofern, als er incognito reisen konnte, und er ließ sich als Jack Brown in die Schiffsbücher eintragen. Gern hätte er auch nach Hause geschrieben und die Seinigen wissen lassen, wie es ihm ginge, aber – er konnte nicht schreiben, und einem Fremden mochte er die Geschichte auch nicht erzählen. Ueberdies drehte sich ja die Sache nur um sechs oder acht Wochen länger, und dann war er ja selber wieder zu Haus. Das Schiff, eine englische Brig, der Yorkshireman, ging schon am nächsten Morgen in See und kreuzte gegen ziemlich widrigen Wind nach Südost hinab. Es dauerte auch wirklich anderthalb Monate, bis sie nur die Passate erreichten, dann aber liefen sie mit Leesegeln und vor dem Wind den Hafen von Rio in vierzehn Tagen an, ankerten in der wundervollen Bai und löschten ihre für Rio mitgebrachte Fracht in kleine, zu dem Zweck langseit legende »Lichter«. Der Capitain des Yorkshireman hatte nun allerdings darauf gerechnet, in Rio augenblicklich und gute Fracht nach England zu finden. Es lagen aber wenigstens sechs Schiffe im Hafen, die sämmtlich keine Ladung zu anständigem Preis bekommen konnten, und einige hatten sich schon entschlossen, lieber in Ballast nach Haus zurückzukehren, oder vielleicht Bahia oder Buenos-Ayres anzulaufen, als ein frisch ankommendes amerikanisches Schiff der ganzen Sache eine andere Wendung gab. Gerade war nämlich die erste Nachricht von der kalifornischen Goldentdeckung in Amerika angelangt und dies das erste Schiff, das mit Auswanderern um Cap Horn nach dem neuen El Dorado ging. Die Gerüchte, die von den Passagieren dieses Fahrzeugs in der Stadt verbreitet wurden, waren dabei so fabelhafter Art, daß besonders die Kaufleute ein wahrer Schwindel erfaßte und jeder jetzt Güter so rasch als möglich nach Californien verschiffen wollte, um reine, solide Goldklumpen dafür einzutauschen. Die Capitaine, die von ihren Rhedern Vollmacht hatten, über ihre Schiffe zu verfügen, wie sie es für das Beste hielten, standen sich jetzt vortrefflich und accordirten augenblicklich Fracht nach San Francisco. Unter diesen befand sich der Yorkshireman, und unserem Bill Drygarn oder Jack Brown, wie er sich genannt hatte, machte der Capitain das Anerbieten, ihn, statt einer directen Reise nach England, erst einmal nach San Francisco zu begleiten und dort, wenn er wolle, Gold zu graben. Er, der Capitain, hätte selber Lust, einmal in die Minen zu gehen, wenn das Gold denn gar so dick dort oben herumliegen sollte. Hier war auf einmal eine plötzliche Aussicht, reich – steinreich zu werden, und weiter nichts dazu nöthig, als eine etwas längere Seefahrt. Und kam es denn, wo er nun doch einmal so lange von zu Haus entfernt war, jetzt auf die paar Monate an? – Paar Monate , ja der Teufel; mit ein paar Monaten mochte es, wie sich Bill heimlich selber gestand, wohl kaum abgethan sein, und eine Reise nach San Francisco und von da zurück nach England konnte immer acht bis zehn Monate fortnehmen. Vierzehn Tage mußte er außerdem noch wenigstens darauf rechnen, eine Quantität Gold in den Minen zusammenzusuchen. – Wenn er nur wenigstens hätte einen Brief nach Haus schicken können! Aber auch das schadete nichts; die Ueberraschung, wenn er, noch dazu mit einem tüchtigen Klumpen Gold, ganz plötzlich angerückt käme, wurde nachher um so größer, und sein Bruder und seine Frau sollten nicht wenig staunen. Bill besann sich auch wirklich nicht lange; die Verlockung war zu groß, und ein Abend, den er mit einem Theil der Mannschaft des kalifornischen Schiffes verbrachte, festigte seinen Entschluß dermaßen, daß er jetzt die Zeit kaum erwarten konnte, wo sie nach dem Lande seiner heißen Sehnsucht aufbrechen sollten. Außerordentlich lieb war es ihm jetzt übrigens, daß er den Namen Jack Brown angenommen hatte. Er schämte sich doch etwas, so weit von der Heimath fortzuziehen, und seine Frau – aber zum Henker, gerade für die ging er ja nach Californien, um etwas Ordentliches zu verdienen und als reicher, angesehener Mann zurückzukommen. Lieber wäre es ihm freilich gewesen, wenn er Jack bei sich gehabt hätte. Der Yorkshireman machte eine verhältnißmäßig rasche Reise um Cap Horn und erreichte das Goldland noch mitten in der ersten Gährung und Aufregung. Nicht allein die sämmtliche Mannschaft brach denn auch, sowie der Anker niedergerasselt war, nach den Minen auf, das Schiff sich selbst und seinem Capitain überlassend, sondern dieser hatte kaum seine Fracht und Ladung zu ziemlich guten Preisen untergebracht, als er mit seinen beiden Steuerleuten seine Kajüte zuschloß, die Luken vernagelte und ebenfalls in der kleinen Schiffsjolle durch den Bai und den Sacramento hinaufruderte. Ich habe hier keinen Raum, das Alles, was Bill im El Dorado erlebte, zu beschreiben. Leider hatte er aber mit seinem Goldsuchen eben so wenig Glück wie mit seiner Passage, und hielt das Wenige, das er fand, immer nicht des »Aufhebens« werth. Einmal mußte er ja doch an einen tüchtigen Klumpen kommen. Fünf Monate suchte er danach, bis er es endlich in Verzweiflung aufgab, und mit vielleicht sechzig Dollar in der Tasche und ärgerlich über sich und die ganze Welt, vorzüglich aber über das verwünschte Kalifornien, wieder nach San Francisco zurückkehrte. Eine Möglichkeit bot sich ihm allerdings noch dort, seinen Gewinn in kurzer Zeit zu verzehn-, ja vielleicht zu verhundertfachen, wenn er nämlich sein Glück in einem der San Francisco-Spielsäle versuchte. Das that er denn auch, verlor in etwa einer halben Stunde Alles, was er sich in den fünf Monaten mühsam erarbeitet, und vermiethete sich dann aus reiner Desperation noch an demselben Abend auf ein Schiff, das am nächsten Morgen den Hafen verließ und – nach Sidney bestimmt war. Wieder ganz in das Matrosenleben hineingekommen, und doch einmal viele tausend Meilen von zu Haus entfernt, wo es »auf ein paar Monate mehr oder weniger« nicht ankommen konnte, gab er sich dem alten Beruf mit all' der Gleichgültigkeit dieser Menschenklasse hin, schiffte sich in Sidney auf ein anderes, nach Manila bestimmtes Fahrzeug ein, ging von da nach China, von China nach Bombay, und fand erst dort wieder eine directe Gelegenheit nach England, und zwar nach Liverpool, mit der er nun endlich in die Heimath zurückkehren konnte. Darüber waren etwas über drei Jahre vergangen und Bill den heimischen Verhältnissen so entfremdet worden, daß ihm seine bis dahin erlebten Schicksale, und was davor lag, oft wie irgend ein toller, wunderlicher Traum vorkamen, von dem er sich nicht einmal recht deutlich mehr besinnen konnte, was eigentlich ächt und was nur Einbildung davon sei. Manchmal zweifelte er sogar daran, ob er denn auch wirklich verheirathet und durch eine wunderbare Kette von Umständen seiner Frau entführt worden sei, wonach es seiner Schwiegermutter, vor der er allen möglichen Respect hatte, denn auch gar nichts anging, ob er jetzt wiederkam oder gleich noch einmal nach irgend einer anderen Himmelsrichtung unter Segel ging. Das gute Schiff verfolgte indessen wacker seine Bahn, und wieder im Sommer war es, als Jack Brown – welchen Namen er jetzt, so lange er zur See fuhr, beibehalten – nach viermonatlicher Fahrt von Bombay aus, den St. Georgs-Kanal hinaufkreuzte. Zum ersten Mal, nach so langer Trennung, erblickte er hier wieder die Küste von Wales, konnte aber natürlich nicht gleich an Land, sondern mußte erst mit dem Schiff, auf dem er sich verdingt, nach dem Ort seiner Bestimmung anlaufen. Erst wenn dort Anker geworfen und die Segel beschlagen waren, blieb es den Matrosen verstattet, das Schiff zu verlassen, dessen Capitain dann zum Löschen der Fracht andere Leute nimmt. Wunderbar war ihm zu Muthe, als er in Liverpool zum ersten Mal wieder an Land trat. Einmal hatte er auch wirklich gar nicht übel Lust, wieder, und noch einmal zuguterletzt, in das alte Leben mit beiden Füßen zugleich hineinzuspringen, und seine Kameraden ließen es nicht an Aufforderung dazu fehlen. Aber das Gute, was noch in ihm steckte, siegte doch zuletzt, und wenn er auch, um nicht knickerig zu erscheinen, ein paar Nächte mit ihnen durchtrank, behielt er doch noch immer Verstand und Geld genug übrig, um sich neue und anständige Kleider zu kaufen und seine Passage nach Pembroke mit der Eisenbahn zu zahlen. Mit den alten, abgetragenen Kleidern hatte denn er auch den alten Menschen ausgezogen, und als er in Pembroke anlangte, schlug ihm das Herz nicht wenig in der Brust; wußte er doch nicht, wie er sein eigenes Haus nun wiederfinden sollte. »Hol' mich der Deuvel, Jack Drygarn – Junge, wo kommst Du her?« waren übrigens die ersten Worte, die ihn, wie er mit seinem Bündel unter dem Arm aus dem Waggon stieg, begrüßten. Er drehte sich rasch und erstaunt nach der Stimme um und sah einen alten Schiffskameraden von sich und seinem Bruder, der ihn mit eingestemmten Armen und großen Augen betrachtete. »War's nicht hübsch in Amerika?« Woher wußte der schon, daß er in Amerika gewesen war? Daß er Jack genannt wurde, fiel ihm übrigens gar nicht mehr auf, war er es doch die langen Jahre her gewohnt worden. Uebrigens folgte er willig der Aufforderung des Freundes, mit ihm in's nächste Wirthshaus zu gehen und dort ein Glas auf glückliche Rückkehr zu trinken. War ihm doch die eigene Kehle von einer ganz unerklärlichen, ungewohnten Angst wie zugeschnürt, und ein Glas Grog unumgänglich nöthig, dort Luft zu machen. Zu gleicher Zeit suchte er aber auch etwas Näheres über die Seinen zu Haus zu hören und hielt das eben gefüllte und schon gehobene Glas allerdings etwas erstaunt von den Lippen fest, ohne zu trinken, als ihm sein Freund in aller Ruhe erzählte, daß »Bill's Frau« wieder geheirathet habe und das Geschäft vortrefflich gehe. Bill 's Frau? Alle Wetter, er war er den? Er trank jetzt erst einmal vor allen Dingen sein Glas aus, setzte es nieder und sagte dann, den Kameraden dabei von der Seite ansehend, ob der ihm vielleicht zum Besten habe: »Wäre nicht übel, Bill 's Frau hat wieder geheirathet?« »Nun ja,« lautete die ruhige Antwort des ebenfalls mit seinem Glas Beschäftigten, »wessen Frau denn sonst?« Jetzt erst fiel es Bill auf, daß ihn der Andere mit Jack angeredet und also jedenfalls für seinen Bruder gehalten hatte. Aber war denn der auch nicht mehr in Pembroke? Ein eigenes wehes Gefühl schoß ihm durch's Herz, über das er sich selber noch keine ordentliche Rechenschaft geben konnte. – Er beschloß jedenfalls erst selber nach Haus zu gehen und nachzusehen, wie die Sachen ständen, ehe er sich einem Fremden entdeckte. Dieser wollte allerdings etwas Näheres über ihn hören, wo er die ganze Zeit gesteckt und wie es ihm gegangen sei. Bill ließ sich aber auf nichts Derartiges ein, gab ausweichende Antworten, griff sein Bündel wieder auf, schüttelte ihm die Hand und eilte dann mit raschen Schritten die wohlbekannten Straßen entlang, dem eigenen Hause zu. Eigenen Hause ? – Wieder gab es ihm jenen Stich durch's Herz, und er wußte eigentlich selber kaum, weshalb er den Kopf beim Gehen niederbog und das Gesicht mit seinem Strohhut beschattete, daß ihn keiner seiner früheren Bekannten weiter anredete. So erreichte er endlich den wohlbekannten Platz unten am Hafen, ein kleines, freundliches Häuschen mit der riesigen Firma, die noch immer seinen und seines Bruders Namen bildete. Nur einen Blick warf er aber in den untern Raum, in dem fünf oder sechs matrosenartige Burschen gar emsig an Segeltuch nähten und ein fremder Mann ihnen dabei Anweisung gab, und stieg gleich die wenigen Stufen hinan, die zur Hausthür und der innern Wohnung führten, ergriff den Klopfer und – behielt ihn unschlüssig in der Hand. Nach dem, was ihm der Bekannte vorhin gesagt, wagte er wahrhaftig nicht einmal, seine eigenen Räume zu betreten, und beschloß, lieber erst einmal unten hinein in die Segelkammer oder Werkstätte z« gehen und zu sondiren – d. h. wenn er keinen Bekannten darin sah. Rasch stieg er wieder die kurze Stiege hinunter und fand sich, nach einem flüchtigen, forschenden Blick in den Raum, glücklicher Weise lauter Fremden gegenüber. »Guten Morgen mitsammen,« sagte er, als er hineintrat und sein Bündel dabei in der Hand, seinen Hut auf dem Kopf behielt – »könnt' ich nicht einmal mit Jack Drygarn sprechen?« »Guten Morgen.« sagte der ältere Mann, der hier die Oberaufsicht zu führen schien, »Jack Drygarn sucht Ihr? Ja, der ist nicht mehr in Pembroke.« »Nicht mehr in Pembroke?« rief Bill erstaunt, »aber wo ist er denn, und wem gehört denn hier das Geschäft?« »Das Geschäft gehört mir,« sagte der Fremde, »und Jack Drygarn ist, so viel wir von ihm haben erfahren können, vor etwas über drei Jahren nach Amerika gegangen.« »Nach Amerika!« rief Bill erstaunt. – »Hm, das ist doch wunderbar! Und was ist aus Bill geworden?« »Ja, das ist eine unglückliche Geschichte,« meinte der Eigenthümer der Werkstätte, mit den Achseln zuckend – »Bill ging hinüber nach Irland, wo Jack hatte Geld einkassiren sollen, um diesen zu suchen, und fiel Nachts, als das Schiff an Waterford beilegen wollte, über Bord.« »Ueber Bord?« »Ja. Ein Passagier, der in Waterford an Land gesetzt wurde, brachte die Nachricht mit dorthin. Ihr seid wohl ein früherer Schiffskamerad von den Beiden?« »Beinah' so 'was,« sagte Bill, der sich noch immer nicht von seinem Erstaunen erholen konnte. – »und Bill's Frau?« setzte er dann hinzu, denn was nun kommen mußte, wußte er, wie er fürchtete, schon mehr als zu gut. »Nun, Bill's Frau,« sagte der Mann, indem er sich auf das Fensterbrett setzte und sein rechtes Bein über das linke schlug, »wartete ihr gehöriges Trauerjahr ab, und wie das vorbei war, heirathete sie wieder einen gewissen Henry Burton, und ihr Mann sitzt vor Euch.« »Das ist nicht möglich,« rief Bill erschreckt, »Polly hat also wirklich –« »Nicht möglich?« sagte spöttisch der Mann, »aber, mit Eurer Erlaubniß, doch wahr.« »Mit meiner Erlaubniß?« »Ja, wenn Ihr nichts dagegen habt,« lachte der Segelmacher. »Hm! – sonderbar,« brummte Bill vor sich hin, indem er sich hinter den Ohren kratzte. »Heh?« sagte da Polly's zweiter Mann, dem bei dem wunderlichen Betragen des Fremden ein eigener Gedanke aufstieg, indem er den Seemann lächelnd anschaute. »Ihr seid wohl gar ein alter Anbeter von Polly und habt gedacht, sie solle auf Euch warten, bis Ihr zurückkämet und um sie anhieltet?» Bill sah den Mann überrascht an. Der Gedanke hatte aber doch so viel Komisches, daß er trotz seiner eben nicht heitern Stimmung darüber lachen mußte. »Beinahe könntet Ihr Recht haben,« erwiderte er dann, »und doch nicht so ganz. – Lebt die Schwiegermutter noch?« »Meine Schwiegermutter? – Ja – gewiß. Kennt Ihr die auch?« »Ich denke – wenn's Euch recht ist, werd' ich einmal hinaufgehen und ihr einen guten Tag sagen.« »Wird sich ungemein freuen, denk' ich,« erwiderte der Mann ganz ernsthaft. »Geht nur voran, ich komme gleich nach, habe hier unten nur noch eine Kleinigkeit zu thun.« Bill ging, ohne weiter etwas zu erwidern, hinaus und die Treppe hinauf, und achtete nicht darauf, daß die Gesellen hinter ihm mitsammen lachten. Er ließ diesmal auch den Klopfer herzhaft auffallen, und als ihm ein Mädchen geöffnet und ihn, auf seine Frage nach der alten Dame, hinaufgewiesen hatte, stieg er langsam die Treppe hinan. Jetzt aber kam es ihm wirklich so vor, als ob er unter jedem Fuß eine zolldicke Bleisohle habe, so schwer wurden ihm die Füße, und auf der letzten Stufe mußte er stehen bleiben und frisch Athem schöpfen. Endlich klopfte er an. Die alte Dame, die schon auf der Treppe jemand Fremdes gehört, öffnete die Stubenthür, sah ihn an, stieß einen Schrei aus – und schlug sie ihm wieder vor der Nase zu. Daß sie ihn erkannt hatte, war außer allem Zweifel. Bill wußte jetzt auch wirklich nicht, ob er da stehen bleiben und warten solle, bis sie wiederkäme, oder ruhig und unbekümmert eintreten. Darüber wurde er aber nicht lange in Zweifel gelassen, denn kaum zwei Minuten später ging die Thür wieder auf und Polly, seine eigene, allerdings höchst ungerecht verlassene Frau, stand auf der Schwelle und winkte ihm, einzutreten. Sie sah todtenbleich aus – jedenfalls vor Schreck – und streckte ihm zitternd die Hand entgegen. Hinter ihr stand die doppelte Schwiegermutter und schaute ihn durch die Brille an. »Aber, Jack,« sagte sie, »wo habt Ihr die Zeit über gesteckt, seit das Unglück passirt?« »Das Unglück?« sagte Bill ganz verstört und achtete gar nicht auf den Namen Jack. Er hielt seine Frau wieder an der Hand, und wagte nicht einmal, ihr um den Hals zu fallen. »Ach, Jack! ach, Jack!« jammerte die alte Dame, »was habt Ihr damals durch Euer Fortgehen für Jammer und Elend angerichtet – und der arme, arme Bill – das gute, ehrliche Herz –« »Bill?« rief dieser aber erstaunt, ja erschreckt aus, – »nun bei Gott, ich bin doch nicht Jack, und wenn Jack wirklich nach Amerika –« »Ihr seid nicht Jack?« rief Mrs. Bellhope, »und wer denn sonst?« »Kennt denn Polly nicht einmal ihren eigenen Mann mehr?« sagte der arme Teufel traurig, – »und sind doch erst kaum drei Jahre darüber hingegangen.« »Bill?« rief Polly erschreckt und riß ihre Hand aus der des Gatten, – »Ihr seid doch nicht Bill – der ist ja über Bord gestürzt und ertrunken.« »Ist ihm nicht eingefallen,« sagte Bill kopfschüttelnd, – »in die Luke ist er gestolpert und hat sich den Schädel geborsten, das war Alles, und jetzt – wie er zurückkommt –« »Na, nun wird's aber Tag!« schrie da plötzlich Mrs. Bellhope und stemmte die Arme in die Seite. »Erst geht der liederliche Strick mit dem Gelde durch und nach Amerika, und nun, da er das verthan und verjubelt hat und sein armer Bruder darüber verunglückt ist, kommt er mit einem Schnupftuch voll alten Gelumpes wieder an und will sich für den Andern ausgeben.« »Aber, Schwiegermutter –« »Der Teufel ist Seine Schwiegermutter!« rief die alte Dame in vollem Zorn aus, und Polly rang indeß die Hände, setzte sich auf einen Stuhl und barg das Gesicht in die Schürze. »Hallo, was ist nun los?« sagte da plötzlich die tiefe, aber vollkommen ruhige Stimme des neuen Segelmachers, der in diesem Augenblick in der Thür erschien und die Drei verwundert ansah. »Was los ist?« rief Mrs. Bellhope in, wie sie glaubte, sehr gerechter Entrüstung, »da kommt Jack Drygarn zurück von seiner Vagabondenfahrt, und will sich für Polly's Mann, für seinen Bruder ausgeben – weiter nichts.« »S – o?« – sagte der Segelmacher, indem er die Hände in die Taschen schob und den angeblichen Delinquenten neugierig betrachtete. »Das ist also Jack Drygarn, der –« »Jack und immer nur Jack – zum Teufel noch einmal mit dem Namen!« rief aber jetzt auch Bill ärgerlich, »Ihr werdet mich noch zuletzt so verrückt machen, daß ich am Ende selber nicht mehr weiß, wer ich bin.« »Der Fall scheint mir schon jetzt eingetreten, mein Junge,« sagte Polly's neuer Mann gutmüthig. »Aber Polly wird doch wenigstens wissen, wer ich bin?« rief der arme Teufel, zur Verzweiflung getrieben. »Polly, mein Schatz – kennst Du denn Deinen Bill nicht mehr?« »Ach, Jack,« sagte aber schluchzend die junge Frau – »wie dürft Ihr nur Eures armen seligen Bruders Namen so mißbrauchen und Jammer und Elend hier in seine Familie bringen wollen. – Ja, wenn es Bill wäre, das arme Herz, aber das schläft schon lange m seinem nassen kalten Grabe.« »Ich werde wahrhaftig verrückt!« sagte Bill, sich mit beiden Händen den Kopf haltend. »Nun,« meinte der Segelmacher, »so lange Ihr noch immer nur erst die Aussicht habt es zu werden , mag es angehen. Jetzt aber, so lang' es noch Zeit ist, seid so gut und kommt erst einmal mit in meine Stube, daß wir über die ganze Sache ein vernünftiges Wort sprechen. Auch selbst, wenn ihr nur Jack Drygarn seid, wie es doch scheinen will, haben wir eine Abrechnung mit einander, und wenn die in Frieden und Freundschaft abgemacht werden kann, ist es immer besser, als den Nachbarn nachher Futter für Skandal zu geben.« Bill warf noch einen zögernden Blick auf Polly, als er aber in deren bleiches, verweintes und halb von ihm abgewandtes Gesicht schaute, drehte er sich langsam ab und folgte, ohne ein Wort weiter zu sagen, dem ihm vorangehenden Stellvertreter. Auf der Stube angekommen, schloß Burton ohne Weiteres die Thür hinter ihm ab, rückte zwei Stühle zum Tisch, holte eine Flasche mit Brandy und Wasser aus dem Schrank, aus der er sich selber vor allen Dingen ein tüchtiges Glas einschenkte, und begann dann mit seinem wunderlichen Gast eine lange und, wie es schien, sehr ausführliche Besprechung, die aber so leise geführt wurde, daß selbst Madame Bellhope's dicht an die Thür gelegtes Ohr nur einzelne, unzusammenhängende Sätze, und nicht den geringsten Sinn daraus entnehmen konnte. Zwei volle Stunden dauerte die Unterredung, dann wurden drinnen die Stühle gerückt. Mrs. Bellhope glitt in ihre Stube, und aus der geöffneten Thür schritten Burton und Bill Drygarn, anscheinend als die besten Freunde. Burton's Gesicht drückte dabei volle Zufriedenheit aus, während Bill mehr ernst und sogar niedergeschlagen schien. Unten an der Thür von Polly's Stube blieb er stehen und sah sich nach seinem ihm folgenden Gefährten um. »Geht nur hinein, Jack,« sagte dieser, »ich will so lange hier draußen auf Euch warten.« Bill drückte die Klinke auf und trat hinein. Polly saß in der Sophaecke und sprang erschreckt auf, als sie ihn allein auf sich zukommen sah. Ohne indessen eine Miene zu verziehen, trat er zu ihr, reichte ihr die Hand und sagte: »Es hat mich gefreut, Polly, Euch Alle so wohl und munter hier zu sehen – die Mutter sieht noch recht gut aus, und – ich will wünschen, daß es Euch immer unter der alten Firma wohl gehen mag.« »Ihr wollt fort?« stammelte Polly, und wagte nicht zu ihm aufzusehen. »Ja – ich gehe wieder an Bord – wird wohl lange dauern, ehe ich einmal wieder nach Pembroke komme; Gott behüte Euch, Polly!« Er drückte ihr die Hand, die er noch immer in der seinen hielt, und wollte sie loslassen, aber sie hielt ihn fest. »Polly!« sagte er mit weicher, fast herzlicher Stimme. Die Frau ließ seine Hand los, sah ihm ein paar Momente starr in die Augen, warf plötzlich ihre Arme um seinen Nacken und drückte ihm einen heißen Kuß auf die Lippen. Dann, als ob sie ein Unrecht gethan, schrak sie zurück und bedeckte ihre Augen mit den Händen. Sie hörte Schritte – die Thür wurde auf- und wieder zugemacht, und als sie emporblickte, war das Zimmer leer. »Nun, Jack, das war rasch abgemacht,« sagte Burton, als Bill wieder aus dem Zimmer trat. »Ja,« sagte dieser, sein Bündel mit der Linken aufnehmend und sich mit der Rechten den Hut in die Stirn drückend – »es war weiter nichts zu bestellen.« »Und wo schick' ich Euch die Sachen heut Abend hin?« »In den Anker – wann geht der Zug nach Liverpool zurück?« »Um Neun. Wollt Ihr fort mit dem?« »Wird wohl das Beste sein; good bye , Burton.« »Adieu, alter Junge; hat mich herzlich gefreut, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben. Wollt ihr nicht Abschied von der Schwiegermutter nehmen?« »Danke,« sagte Bill, »grüßt sie recht schön von mir.« Die beiden Männer schüttelten sich die Hände; Bill schob die seinige dann in die Tasche, verließ das Haus und schlenderte langsam die Straße hinunter, dem Anker zu. Eine Stunde später etwa wurde eine Seekiste, wie sie die Matrosen gewöhnlich mit sich führen, im Anker für »Jack Drygarn« abgegeben, um gleich darauf von Bill geschultert und nach dem Liverpool-Bahnhof getragen zu werden. Um neun Uhr ging der Zug, und Bill mit ihm, auch erfuhr Burton, der sich sehr angelegentlich darnach erkundigte, später, daß er sich in Liverpool auf einem schon in den nächsten Tagen in See gehenden Ostindienfahrer eingeschifft habe. Weiter hörte man nichts mehr von ihm, und als die Thatsache in Pembroke bekannt geworden, daß Jack Drygarn , der Verschollene, plötzlich wieder aufgetaucht sei, schwamm Jack Brown schon lange wieder draußen auf seinem alten Element. An Cap Horn Ueber die See brauste und schäumte es in wilder, zorniger Wuth, häufte die Wogen zu Bergen auf und jagte die bäumenden im tollen Spiel und Sturz hintereinander drein. Hoch auf stieg dann hier und da ein krystallener Fels, einem spielenden Walfisch nicht unähnlich, der mit halbem Leibe der Fluth entsteigt, um im nächsten Augenblick schwerfällig wieder darin zu verschwinden; riesig in sich selbst und doch so winzig klein in dem gewaltigen massenhaften Heer solcher Wogen, das ihn umgiebt. Hoch auf reckt er die Krone und streckt und dehnt sich, aber der Sturm leidet das nicht. Hui! hat er ihm den blitzenden Perlenschmuck vom Haupte gestrichen und streut ihn weit aus mit rüstiger Hand, wie der Säemann die Saat. In sich zusammenschmelzend, stürzt und zerfließt der Berg; ein milchweißer Teich kündet auf dem dintenfarbenen, von silbernen Schaumadern marmorartig durchzogenen Untergrund die in sich zusammengestürzte Woge, die jetzt wenige Secunden lang ein Thal zwischen zwei anderen Bergen bildet und noch zischend in Schaum und Gischt schon wieder emporgeworfen wird von neuen, ungestümen Massen. Wie das kocht und gährt und wühlt und in einander fließt und über die dunkeln Wasser heult in furchtbarer Majestät! – Die fliegende Windsbraut hält ihren Tanz dort unten und stimmt ihre Instrumente zum wilden, entsetzlichen Reigen – wehe dem, der sich ihr entgegenstellt in ihrem Grimm! »Ein Segel, hoh!« Durch Sturm und Graus und einen Wald von Wogen, von denen jede einzelne hinreichend wäre, mit einem Schlage eine Flotte zu vernichten, wenn sie nur den Halt bekäme, sie einen Augenblick zu fassen, wagt sich der kecke Mensch in schwankendem Kahn. Dem Compaß folgend, der ihm die Bahn zeigt durch die Wasserwüste, und unbekümmert um Gefahr und Tod, die ihm aus jedem schäumenden Wogenkamm entgegenblitzen und mit gewaltiger Faust an die dünnen Planken donnern, lenkt er sein Fahrzeug sicher durch den Sturm und trotzt den beiden empörten Elementen: Windsbraut und Wellen. Alles an Bord ist fest und wohl verwahrt, die Segel liegen an die Masten geschnürt, der heulenden Windsbraut keine Fläche, zu geben, an der sie reißen und zerren könne, und nur das dichtgereefte Vormarssegel, hart an den Wind gebraßt mit dem Vorstengenstag oder Sturmsegel – um das Schiff zum Steuern in der Gewalt zu halten, daß die Wogen sich nicht seitwärts dagegen werfen und ihm verderblich werden könnten –, zeigt, daß noch Leben an Bord und die Mannschaft trotzig dem Wind gerade in den Zähnen liege, sein Austoben ruhig unerschrocken abzuwarten. Und über die empörten Wogen, von dem Sturm in rasender Schnelle geführt, mit langsamem gewaltigen Flügelschlag strich der riesige Albatros, umzog neugierig das Schiff in weiten Kreisen und kreuzte herüber und hinüber im glatten, einer Straße ähnlichen Fahrwasser, das sich der tiefe Kiel gezogen, aufmerksam den mit furchtbarem Schnabel bewehrten Kopf bald nach dieser, bald nach jener Seite drehend, ob nicht irgend ein von Bord des Schiffes geworfener Leckerbissen, wozu besonders Speck und Fleisch gehört, die Monotonie seiner gewöhnlichen Fischkost unterbrechen könne. Ein ganzes Volk blau und weißer Cap-Tauben Eine in Größe und Gestalt der Taube ähnliche Möve. trieb sich schon lange hinter dem Heck des Fahrzeuges her, mit raschem Flügelschlag nach jedem übergeworfenen Stück Garn oder Werg niederfahrend, und gegen einander zankend und kreischend, wenn der Koch ihren Heißhunger durch ausgeworfene Leckerbissen rege machte oder einer oder der andere der Seeleute die kleine, mit Speck besteckte und an langer Leine befestigte Angel auswarf, um einen der Vögel heranzulocken. Die Matrosen fangen auf diese Art gern Cap-Tauben und Albatrosse, essen die ersteren und brauchen von beiden die Federn, oder nehmen auch den letzteren die mit großen Schwimmhäuten versehenen Füße, um sich wunderliche Tabaksbeutel daraus zu fertigen. Auch andere Möven kreuzten herüber und hinüber, braun und schwarz mit langen scharfgespitzten Schwingen, vom Sturm getragen und geschickt mit dem Schiff gegen ihn lavirend oder langsam über die aufgeregten Wogen streichend, auf deren nach ihnen aufleckende Wellen sie die elastischen Flügelspitzen legten und sich scheinbar mit ihnen hoben, immer aber mit rascher Wendung die Gefahr vermeidend, erreicht zu werden. Tage lang begleiten sie so das Schiff, schlafen auch wohl hier und da Nachts auf seinen Raaen, und folgen ihm am nächsten Tage wieder unermüdet auf seiner Bahn. Dem Seemann aber sind sie willkommene Begleitung auf einsamer Reise; gern sieht er ihren leichten Flug und folgt ihren kreisenden Bahnen mit dem Blicke, und wenn sie in Lee Die Leeseite ist immer die Seite des Schiffes, auf der es liegt, also die dem Wind entgegengesetzte; »in Lee« ist daher unter dem Wind. vom Schiffe, was sie bei schwerem Wetter am liebsten thun, herüber und hinüber streichen, sagt er, daß sie nachschauen, ob die Schoten und Brassen auch fest sind, um Taue und Raaen zu wahren. Im Lee vom großen Boot sitzt er denn auch wohl, sein Priemchen geschäftig im Munde, schaut ihrem Fluge zu und plaudert und erzählt von der und jener Zeit, wo die Möven gerade so kreisten und suchten und er an der oder jener Küste auf leckem Schiff vielleicht oder mit schwerer Havarie gegen das zornige Element ankämpfte, um sein Leben auf festes Land zu retten – und festes Land doch eben kaum nur betreten hatte, als er sich wieder hinaussehnte auf die weite, wogende, treulose und doch so lieb gewonnene See. Die Leute am Land haben überhaupt gewöhnlich einen ganz falschen Begriff von dem Leben an Bord eines Schiffes in offener See und bei schwerem Wetter. Nicht selten hört man da sagen, wenn es weht und stürmt: »Oh die armen Menschen auf der See – wie weh und ängstlich ihnen jetzt zu Muthe sein muß – wie sie jetzt in ihrer Angst zu Gott beten und den Mast mit ihren Armen umfassen – krampfhaft, um nicht fortgeweht zu werden!« Weit gefehlt! Auf offener See und mit keiner Küste in Lee, von der sie abarbeiten müssen, um nicht auf den Strand gesetzt zu werden, nur mit dem regelmäßigen Seegang gegen sich und mit dem Winde, wenn der auch beide Backen voll genommen, giebt es kaum eine bessere und gemüthlichere Zeit an Bord eines Schiffes für den Matrosen, als gerade bei solchem Wetter. Sobald die leichten Segel nur erst einmal festgemacht, die anderen nöthigen dicht gereeft, ebenso alle Luken ordentlich dicht sind, und Alles an Bord, was von überkommenden Seen fortgewaschen werden könnte, wohl und sicher befestigt ist, beginnt für den Matrosen, der sonst über Tag keinen Augenblick unbeschäftigt bleibt, die freie Zeit. Mit dem breiten »Süd-Wester« auf dem Kopf, in wasserdichten, geölten Jacken und Hosen, sitzen die Leute dann, wer nicht gerade seine Zeit am Steuerruder abzustehen hat, unbelästigt von einem Ruf der Officiere, in Lee vom großen Boot, das ihnen Schutz gegen den Wind giebt, dicht geschaart beisammen, und haben sie nur Tabak zum Kauen, dessen Mangel ihnen allem vielleicht die Laune verderben könnte, so wird erzählt und gelacht, und der Sturm mag indessen wehen nach Herzenslust. Sie können auch nichts dagegen thun, als die Zeit abwarten, in der es einmal zu wehen aufhört; das Schiff liegt indessen dicht am Winde und reitet, wenn nur richtig von dem Steuerruder geführt, schon selber die Wogen. So hier an Bord der tüchtigen kleinen amerikanischen Brig Susannah, die mit dem scharfen Bug keck gegen die drohenden, bäumenden Wogen anschnitt. So tief sie auch oft in die krystallenen Massen einschlug – wenn sich ein weiter Abgrund vor ihr öffnete, daß es aussah, als ob der nächste anstürmende Berg sie unter seiner Wucht begraben müsse – hob sie sich doch immer wieder kampfgerüstet zur rechten Zeit und schlug mit dem kecken Frauenbild, dessen Namen sie trug und das ihre Gallion zierte, rasch an gegen den auf sie geführten Wurf. Wenn ihr die klare Fluth dann in Strömen von der Stirn troff und die Woge, die ihren Untergang gesucht, sie selber auf den Nacken heben mußte, schaute sie keck und zuversichtlich hinaus über das rollende Heer um sich her, und fuhr dann wieder nieder, wie zum Sprung, der nächsten zu begegnen. »'s ist doch ein wackeres Seeboot,« sagte der Eine der Wache, die sich in Lee vom großen Boot zusammengefunden hatte und zwischen ein paar dort wohlbefestigten und Schutz nach vor und aft gewährenden Wasserfässern den Sturm eben austoben ließ, »und dicht und drall wie keins. Verdammt will ich sein, wenn noch ein anderes Schiff mit uns hier herumreitet, das bei so schwerem Wetter so wenig Wasser macht. – In zehn Minuten Abends pumpen wir sie frei!« Es war ein junger Bursche von vielleicht zweiundzwanzig Jahren mit vollem lockigen Haar, das der Süd-Wester kaum decken konnte, und freien offenen Zügen; ein Rhode Island-Mann, wie er denn auch von seinen Kameraden nach dem Staate, dem er angehörte, statt seines eigentlichen Namens James, Rhode Island gerufen wurde. »Gott sei Dank!« sagte einer seiner Kameraden, ein alter wetter- und sonnverbrannter »Theer« mit schneeweißem Haar, eben solchen Augenbrauen und knochigen zähen Gliedern – »Gott sei Dank, mein Junge, und nicht »verdammt«, denn nur wer erst einmal Tage und Nächte lang in solcher See an den Pumpstöcken gelegen und für sein Leben gearbeitet hat, während sich der Tod da drunten heimlich durch alle Poren des Schiffs sog, der weiß, was es für ein Segen ist, ein dichtes, gutes Schiff unter sich und keine Küste in Lee zu haben. Ich werde an die See hier denken und würde ich tausend Jahre alt; denn hier ist mir das Haar in einer Woche so weiß geworden, wie ich's jetzt noch trage. Ja in einer Wache könnt' ich sagen, und gebe Gott, daß ich ihm nicht wieder begegne die paar Jahre, die ich überhaupt noch zu fahren habe.« »Wurdet Ihr leck hier am Cap, Mate?« fragte ein Dritter, der bis jetzt auf einer Nothspiere zusammengekauert gesessen und dem Gespräch der Uebrigen zugehört hatte, ohne viel dreinzureden. »Segne meine Seele, Kamerad, ich wollte auch lieber die ganze Nacht Segel reefen und über Stag gehen, ehe ich nur die Hälfte der Zeit an dem verwünschten Pumpgeschirr hinge; Gott bewahre einen ehrlichen Matrosen vor der Arbeit!« »Auf welchem Schiff war's, Tommy?« fragte Rhode Island. »Auf der Buckeye Belle, Jungens,« sagte der Alte, sein Priemchen im Munde drehend, »und ein so wackeres Schiff war's Euch, wie nur je eins Furchen durch Salzwasser gezogen. Vor dem Wind oder bei dem Wind, es blieb sich gleich, sie lief ihre zehn und elf Knoten mit nur halbwegs Brise, und lag Euch mit fünf Strichen im Wind, daß es eine Lust und Freude war. Was uns auch zu windwärts aufkam, mußte nach Lee zu; wir segelten Alles todt und hatten eine Prachtreise schon von Boston nach Rio gemacht, in dreißig Tagen, glaube ich, oder einunddreißig. Von Rio aus wollten wir nachher das Cap doubliren. Bei den Falklands-Inseln aber erwischte uns ein Pampero, der uns vor Top und Takel an den verwünschten Inseln vorbei, über irgend ein verborgenes Riff oder eine heimliche Klippe fortjagte, und wenn wir auch nicht gerade hängen blieben, bekam das Schiff doch einen Knacks und machte Wasser. »Der Steuermann, ein alter tüchtiger Seemann, wollte nun zwar wieder umkehren und nach Rio einlaufen, um dort zu repariren, denn es war Winterszeit wie jetzt, und mit dem Cap ist manchmal nicht viel zu spaßen. Der Capitain aber hatte seinen Sinn dick- und starrköpfig darauf gesetzt, die schnellste Reise nach Californien zu machen, und wenn der Leck nicht ärger wurde, konnten wir's auch recht gut, mit ein paar Mal Pumpen den Tag über in den einzelnen Wachen, zwingen. Nicht weit von Staten Island kamen wir in ein schweres Wetter; eine See stand da, wie wir sie hier noch nicht einmal gehabt haben; von Segeleinnehmen war der Alte auch gerade kein Freund, und so jagte uns der Sturm denn auch richtig einmal in einer Nacht bei einem eisigen Schneegestöber, das uns die scharfen Flocken wie Nadeln in's Gesicht trieb, beide Masten über Bord. Durch die Erschütterung natürlich verschlimmerte sich der Leck, und bis wir das Wrack nur frei von Holz und Tauwerk hatten, das drum herumhing, faßte uns die See gerade in der Flanke, wusch die ganze eine Wache über Bord und Cambüse und Railing so rein vom Deck herunter, als ob im Leben nichts darauf gewesen wäre. Wie wir damals dem Tod entgangen sind, ist mir noch jetzt ein Räthsel; aber auf die eine oder die andere Art hielt Gott seine Hand über uns. »An dem Stumpf des Vormastes, der vielleicht zehn Fuß über Deck abgebrochen war, richteten wir einen Nothmast auf und brachten an Leinwand hinauf, was wir eben wagen durften zu führen, bis sich der Sturm gegen Morgen legte. Indessen war uns aber das Schiff halb voll Wasser gelaufen, und nun hieß es an die Pumpen, wenn uns nicht das Deck unter den Füßen weg sinken sollte. Jungens, Jungens, das war eine schwere Zeit, und die See schien zuletzt ordentlich müde zu werden, mit uns zu spielen, während wir selber Tag und Nacht an den Pumpen unsere Glieder kaum mehr regen konnten. Einmal wär's auch beinahe alle gewesen, denn ein paar von den jungen Burschen, die von den Pumpen herauf einen Branntweingeruch in die Nase kriegten, weigerten sich plötzlich, weiter zu arbeiten, und sprangen in den Raum hinunter, um die Rumfässer anzuzapfen, von denen wir, wie sie recht gut wußten, ein paar an Bord hatten; aber der Capitain hatte glücklicher Weise das vorhergesehen und ihnen den Boden eingeschlagen. Als wir's nachher mit dem Salzwasser herauspumpten, hatten sie's gerochen, aber zu trinken war nichts mehr, und die Leute kehrten zu ihrer Arbeit zurück.« »Und bekamt Ihr das Schiff in einen Hafen?« fragte ein Anderer. »Ich glaube nicht, daß wir's so lange ausgehalten hätten,« sagte der Alte leise. »Zwei wurden uns noch während der Arbeit über Bord gewaschen, denn da uns die Schanzkleidung vorn von Bord geschlagen war, kamen die Wellen herüber, wie's ihnen gerade gefiel, und zwei Andere wurden krank, fingen an zu phantasiren und mußten in's Logis gebracht werden. Einer kam wieder herauf und sprang über Bord, der Andere lag ohne Besinnung, bis uns am neunten Tage ein Schiff, eine englische Barke, traf und anlief. Wir hatten auch nichts mehr zu versäumen, denn kaum an Bord des Engländers und noch selbst in Sicht vom Wrack, das jetzt langsam füllte, sank es weg.« »Ach was! laßt den traurigen Salm, wenn draußen der Sturm ebenfalls an die Planken pocht!« rief der Rhode Isländer da ärgerlich. »Das ist eine Geschichte, die uns alle Tage selber passiren kann, weshalb sich die Wache damit verderben. – Wenn Euch das Schiff gesunken wäre, hättet Ihr Euch immer noch mit Schwimmen Tage lang oben halten können, und der Engländer hätte Euch doch gefunden.« »Schwimmen, hier in See?« sagte der Alte kopfschüttelnd; »ja, wenn Fische und Vögel nicht wären! Wer hier über Bord geht, dem wäre besser, daß er gar nicht schwimmen könnte; er sparte lange Qual und Todesangst.« »Und das sagt Ihr mir ?« lachte Rhode Island, »mir, der sich erst auf der vorigen Reise mit Schwimmen gerade am Leben erhalten hat? Bah, Kamerad, das ist der Alteweiberspruch an Bord vieler Schiffe, daß ein Matrose eigentlich nie sollte schwimmen können, um nicht so schwer zu sterben. Ich habe mich aber schon volle vierundzwanzig Stunden über Wasser gehalten, als wir vor New-York mit dem Schiff Nachts zusammenstießen, und bin dann doch noch von einem französischen Schiff aufgelesen worden. – Wo wär' ich jetzt, wenn ich nicht schwimmen könnte, heh?« »Vielleicht besser aufgehoben,« sagte der Alte trocken; »wir sind Alle noch nicht im Hafen!« »Hahahaha,« lachte Rhode Island, »die alte Krähe will weissagen. Aber ich erzähle Euch einen Spaß, Kameraden, den ich an Bord des Franzosen hatte, kaum vier Wochen später, nachdem sie mich aufgefischt, und wenn ich nicht schwimmen konnte und es ihnen vorher bewiesen hätte, wäre es mir damals schlecht gegangen, obgleich ich mit keinem Fuß in's Wasser kam.« »Unsinn, Rhode Island!« riefen ein paar der Kameraden, »Du willst uns wieder eine von Deinen Rhode Island-Geschichten erzählen; aber nur zu; veer away und laß es uns haben, mein Junge, verlange nur nicht, daß wir's glauben.« »Glauben? Der Teufel dank's Euch!« rief der junge Bursche; »was für andere Beweise wollt Ihr, als eines Mannes Wort? Ich könnte Euch übrigens die ganze Mannschaft zu Zeugen bringen, wenn ich sie eben hier hätte.« »So komm einmal flott, zum Henker!« rief ein Anderer; »unsere Wache ist bald aus, und wir wollen die Geschichte hören.« »Nun, sie ist einfach genug,« sagte Rhode Island. »Natürlich wurde ich an Bord von den Franzosen gleich einer Wache zugetheilt, zu der ich von da an, so lange ich an Bord war, gehörte, und wir liefen damals nach Rio hinunter. Unter der Linie nun, bei Windstille und blauem Himmel, ließ unser Alter das Schiff auswendig malen, und ich saß hinten allein auf dem Gerüst am Heck, gerade unter einer offenen Luke, die in die Vorrathskammer führte. Nebenbei muß ich Euch sagen, daß wir nicht einen Tropfen Spirituosen an Bord bekamen, weder Brandy noch Whisky, nicht für Liebe noch für Geld, nur solch verdammt saures Zeug, Claret glaube ich nannten sie's, das sie aus Blechbechern soffen und das mir jedesmal Leibschneiden machte. Aus dem Vorraths-Spintge heraus roch es aber unmenschlich gut nach ächtem Cognac, von dem der Alte wohl genug an Bord haben mochte, und mich plagt der Henker, daß ich, wie ich an Deck oben gerade Niemand gehen höre, von der Stelling ab und in die Luke hinein krieche. In dem großen schwarzen Farbeneimer, den ich draußen bei mir hatte, konnte ich recht gut ein paar Flaschen unterbringen, die nachher schon aus dem Weg zu schaffen waren. »Die Sache ging auch ganz vortrefflich; gleich in der nächsten Ecke stand eine offene Kiste mit der deutlichen Aufschrift Cognac. Ich hatte aus dieser schon zwei Flaschen in mein Hemd vorn geschoben und noch eine andere Flasche mit Pikles aufgepackt, und war eben wieder im Begriff, auf die Stelling draußen zurückzukehren, als ich den Ruf ›Mann über Bord‹ oben an Deck und Stimmen höre, die gerade da, wo ich wieder zu Tage mußte, laut über Bord sprachen. Einen ordentlichen Schlag gab's mir in die Kniekehlen, und ich wußte im ersten Augenblick wahrhaftig nicht, was ich thun, ob ich mich verstecken oder auf Gnade und Ungnade ergeben solle. Vielleicht zog aber gerade der über Bord Gefallene die Aufmerksamkeit der Mannschaft von mir ab, und ich konnte noch unbemerkt, unvermißt meinen Platz wieder einnehmen. »Wie ich aber nur den Kopf an die offene Luke brachte, hörte ich auch schon zu meinem Schrecken, daß ich selber mit dem über Bord Gefallenen gemeint sei und gerade aus höchst unzeitiger Menschenliebe ein Boot niedergelassen wurde, um mich zu suchen. Hinten auf der Railing aber, am Besanbaum, stand der Capitain mit dem Steuermann und wunderten sich, daß ich so rasch aus Sicht gekommen wäre, wobei sie einem Haifisch die einzige mögliche Schuld beimaßen. »An ein unbemerktes Wiederherauskommen war gar nicht zu denken, eine Entschuldigung, weshalb ich in die Kammer hineingeklettert sein könne, ließ sich auch nicht erfinden – der wirkliche Grund lag zu klar auf der Hand, und selbst bei dem Ueberlegen verfloß so viel Zeit, daß mir zuletzt gar nichts weiter übrig blieb, als mich versteckt zu halten und abzuwarten, wie das Ganze enden würde. »Wir liefen indessen bei einer ganz schwachen Südost-Brise, mit allen Segeln gesetzt, etwa drei Meilen die Wache dicht am Winde, und ich konnte deutlich hören, wie an Deck backgebraßt wurde, um das ausgeschickte Boot zu erwarten, das nach etwa einer halben Stunde, natürlich unverrichteter Sache, wieder zurückkehrte. Meine Lage war dadurch nur verschlimmert, und einzelne Pläne, mich krank oder ohnmächtig zu stellen, oder nach vor durchzubrechen und lieber die Strafe für Einschlafen im Logis auszuhalten, verwarf ich alle, weil ich damit die ganze Geschichte am Ende doch nur verschlimmert hätte. »Jetzt kam das Boot wieder langseit, die Blöcke wurden eingehakt, oben an Deck zog es die Mannschaft unter seine Krahnen. Bei der Bewegung des Schiffes und der Stellung des Steuerruders, das ich von der Luke aus genau beobachten konnte, fand ich aber, daß wir den alten Cours wieder aufgenommen hatten, bis nach etwa einer halben Stunde der Befehl zum Wenden gegeben wurde und die Duchesse, wie das Fahrzeug hieß, über Stag ging Beim Laviren oder gegen den Wind Aufkreuzen nennt man die verschiedenen Bewegungen des Herüber- und Hinüberfahrens, um etwas gegen den Wind aufzuarbeiten, Wenden oder »über Stag« oder auch »über den andern Bug gehen«. , um das, was sie in Ost verloren, in West wieder aufzuholen. Hol's der Henker, ich saß indessen auf der Cognackiste und zerbrach mir den Kopf, wie ich aus der ganz verzweifelten Lage herauskäme und der Strafe entginge, bis mir auf einmal ein kostbarer Gedanke kam, den ich auch, eben gefaßt, augenblicklich ausführte. »Die Sonne war indessen dem Untergange nahe, und wie ich vier Glasen Sechs Uhr. an Deck schlagen hörte und nun wußte, daß die Leute zum Schaffen Essen. gingen und nicht gerade über Bord gucken würden, kletterte ich aus meiner Luke heraus, wobei ich die Flaschen natürlich zurücklassen mußte, lief auf dem Leistenbrett mit Hülfe der Rüsteisen bis vorn an den Larbordbug, ließ mich im Lee leise in's Wasser gleiten, schwamm eine fünf oder sechs Strich vom Schiff ab und schrie nun mein » Hallo – hallo the ship !« so laut und lustig in die Welt hinein, daß der Mann am Rad erschreckt mit dem Ruder aufkam, das Schiff glücklich durch den Wind gehen ließ, daß alle Segel gegen die Masten schlugen und die Duchesse natürlich baumfest auf dem Wasser lag. Ehe der Capitain aber nun seine gewöhnliche Anzahl Flüche los werden konnte, ging schon wieder der Schrei »Mann über Bord« durch das ganze Schiff; dieses Mal ersparte ich ihnen aber das Bootaussetzen; denn wenn auch das Fahrzeug im ersten Ansatz noch etwa seine eigene Länge von mir fortgelaufen war, hielten es die zurückgeschlagenen Segel jetzt desto fester, und ich bekam Zeit, aufzuschwimmen. »Werft nur ein Tau herunter!« schrie ich jetzt, als ich nahe genug war. »Hallo da oben, laßt einen Kameraden nicht sitzen – ein Tau her!« »Zehn sprangen gleich zu, und der Koch warf mir das Ende eines Bramseils gerade über den Kopf, das ich erwischte, um den linken Ellbogen schlug und mich an Deck ziehen ließ. Aber, Jungens, die verblüfften Gesichter hättet Ihr sehen sollen, wie die mich erkannten! Rhody, wo kommst Du her? – Rhody nannten mich die Mounsiers, – Menschenkind, wo hast Du gesteckt? »Hätt' ich es nur allein mit den Kameraden durchzufechten gehabt, wäre die Sache nicht so schwer gewesen; so aber mischte sich auch der Capitain in's Mittel und verlangte Aufschluß über das Geschehene, von dessen wahrem Bestand er keine Ahnung zu haben schien. Da hielt ich es denn für besser, erst noch einmal ohnmächtig zu werden, wodurch die Sache einmal natürlicher wurde und ich auch etwas länger Zeit bekam, mich zu sammeln, und ein paar der Leute schleppten mich jetzt nach vorn unter die Stevenpumpe und fingen an, mich zu begießen. Ich kam jetzt allerdings wieder zu mir, war aber noch so schwach, daß ich kein Wort herausbringen konnte, und so ließen sie mich denn die Nacht liegen, damit ich mich erst wieder ordentlich erholen möge. »Am nächsten Morgen half übrigens nichts, ich mußte mit meiner Geschichte heraus. Nun wußten wir aber Alle miteinander, daß der alte Kasten dicht am Wind erbärmlich schlecht segle und reichlich sieben Strich brauche, um halbwegs vorwärts zu kommen; darauf hin log ich ihnen geradezu vor, daß ich am Mittag über Bord gefallen wäre und mir nachher fast den Arm ausgerenkt und die Lunge wund geschrieen hätte, um gesehen und gehört zu werden. Das Boot habe aber in ganz anderer Richtung gesucht, und als es bald darauf wieder an Bord zurückgekehrt und das Schiff in seinem Cours fortgesegelt sei, da wäre ich schon einmal in Verzweiflung entschlossen gewesen, mein Leben aufzugeben und mich wegsinken zu lassen. Die Lebenslust sei aber doch zuletzt stärker gewesen, und ich wäre nun, in der Hoffnung, daß das Schiff bald über Stag gehen müsse, gerade in den Wind hineingeschwommen, dessen genauen Cours mir das leichte Kräuseln des Wassers gezeigt. So habe ich meiner Rechnung nach wohl eine gute Seemeile zurückgelegt, als das Schiff wirklich wieder in Sicht kam und fast gerade auf mich zuhielt. Mehr aber wüßte ich nicht; die letzten Minuten erschienen mir selbst jetzt noch wie ein wirrer Traum, und ich glaube, ich sei ohnmächtig geworden, selbst ehe ich das Deck erreicht habe.« »Was für andere Beweise wollt Ihr, als eines Mannes Wort?« lachte einer seiner Kameraden. »Und ließ sich der Alte wirklich leimen?« fragte ein Anderer. »Was wollt' er machen?« lachte Rhode Island; »an die Luke hinten dachte Niemand, da sie der Steward selber Abends spät zugemacht und von innen verriegelt hatte, und fort war ich gewesen und jetzt wieder da – das ließ sich nicht ableugnen. Außerdem kannten sie mich schon als einen guten Schwimmer; denn wie sie mich auffischten, hatt' ich ihnen schon früher einmal aufgebunden, daß ich drei Tage und drei Nächte geschwommen hätte.« »Auf Mannes Wort?« »Oh, geht zum Teufel und mußt einem nicht jede Silbe auf! – Aber das war noch nicht Alles; denn verdammt will ich sein, wenn sich der Alte nicht eine von den nämlichen Flaschen heraufholen ließ, die ich schon einmal beigesteckt gehabt, und mir einen steifen Grog machte, daß ich mich erholen sollte, und dann die ganze Geschichte sauber und eigenhändig in sein Tagebuch eintrug. Dort steht sie noch unter meinem eigenen Namen, und Ihr könnt sie bis auf den heutigen Tag lesen.« »Hahahaha, Rhode Island – Du bist eine prächtige Hand zum Aufbinden!« lachte ein Kamerad – » unserem Alten dürftest Du aber damit nicht vor den Bug kommen; der holte 'was Anderes als Cognac.« »Klar zum Halsen!« ging der Ruf über Deck, die Wache sprang auf und das Schiff wurde, da die See zu schwer von vorn kam, um ordentlich wenden oder über Stag gehen zu können, vor den Wind über den andern Bug gebracht oder »gehalst«, immer bei so hoher und stürmischer See ein nicht ganz gefahrloses Manöver. Der Capitän verstand aber sein Geschäft aus dem Grunde, die Leute, die recht gut wußten, wie viel dabei von ihrer Schnelligkeit abhing, führten die Befehle, kaum gegeben, rasch und vortrefflich aus, und wenige Minuten später peitschte die See den andern Bug, jetzt wieder nach Süden hinunterhaltend, damit sie über Nacht dem zu Starbord befindlichen Lande nicht zu nahe kämen. Der kurze Tag, der in diesen Breiten zur Winterszeit in der That nur wenige Stunden dauert, neigte sich seinem Ende. Die Wache, in der Rhode Island war, ging bald zu Koje, und als sie wieder an Deck kam, hielt sie eine gesprengte Pardune beschäftigt. Im Dunkeln ließ sich aber nicht gut etwas Weiteres damit thun, als sie vorläufig mit Hülfe eines vierscheibigen Flaschenzuges wieder zusammenzubringen und mit umgeschlagenen Tauen nothdürftig zu befestigen, bis sie am nächsten Morgen ordentlich gespließt werden konnte. Es war in der Morgenwache, und der Sturm hatte wohl etwas nachgelassen, wehte aber doch noch immer scharf genug, und die See ging hoch und hohl. Der alte Tom war eben vom Ruder abgelöst worden und kam nach vorn, seinen gewöhnlichen Sitz wieder in Lee von der großen, mitten auf Deck stehenden Barkasse nehmend; Rhode Island hatte indeß versucht, auf dem Leegangwege auf und ab zu gehen; die Bewegung des Schiffes war aber zu stark und besonders durch die hohe See zu unregelmäßig. Sich also neben den Alten niedersetzend, wie er ihn kommen sah, sagte er: »Hallo, Tommy, ich wollte Euch eigentlich um 'was fragen.« »Und das wäre?« »Ihr spracht gestern, wie Ihr uns die Geschichte von dem Wrack der Buckeye belle erzähltet, von Jemand, den ihr nicht wieder zu sehen hofftet . Wer ist denn das?« Der Alte hatte beide Ellbogen auf seine Kniee gestützt und schaute eine ganze Weile still und kopfnickend vor sich nieder; endlich sagte er leise: »Ihr junges Volk seid jetzt anders wie wir zu unserer Zeit – wenn man mit Euch ein ernstes Wort sprechen und Euch an 'was Anderes mahnen will, als das tägliche Leben, das Ihr eben fassen und begreifen könnt, dann lacht und spottet Ihr und haltet Euch für so entsetzlich klug – 's ist da besser, man schweigt.« »Den Henker auch, Tommy!« lachte Rhode Island, »nun habt Ihr mich erst recht neugierig gemacht? – Mir könnt Ihr's sagen – Ihr meint doch nicht etwa den deutschen Klabautermann?« Der Alte schüttelte mit dem Kopf und sagte: »Jede Küste hat ihre besonderen Wächter; der hat mit uns nichts zu thun; ich meine den schwarzen Mann.« »Den schwarzen Mann?« rief Rhode Island erstaunt aus und mußte sich Mühe geben, sein Lachen zurückzuhalten, denn dann wäre es mit dem Erzählen des Alten vorbei gewesen. Dieser schien überdies heute nicht sehr gesprächig zu sein oder auf das Thema nicht gern eingehen zu wollen. – »Der fliegende Holländer kreuzt doch nicht an Cap Horn, so viel ich weiß?« »Nein,« sagte Tom, »von dem haben wir hier nichts zu fürchten; aber – glaubt Ihr, daß ein Boot in dieser See leben könnte?« »Ein Boot?« rief Rhode Island, einen Blick nach vorn werfend, wo gerade wieder eine riesige Woge gegen den Bug donnerte und das wackere Fahrzeug bis in den Kiel hinab erzittern machte – »ein Boot in der See? – Nicht von einer Welle zur andern, und wenn es von Kork wäre; es müßte füllen und zusammenbrechen in dem furchtbaren Druck.« »Und was würdet Ihr sagen, wenn jetzt ein fremdes Boot zu uns langseit käme, das Schiff anriefe und einen Passagier an Bord setzte?« »Aber, Tommy ...« »Ich hab' es erlebt, mein junger Bursch,« sagte der Akte mit leiser, fast flüsternder Stimme, »und wer ihm zuerst begegnet, mit wem er spricht, der ist ein Kind des Todes im nächsten Sonnenlauf.« »Wenn ich ein Boot in solcher See ankommen sehe,« sagte der junge Rhode Island jetzt lachend, »glaub' ich's auch, Tommy, Euer Wort in Ehren – aber nicht eher. – Dagegen wäre ja selbst der fliegende Holländer nur ein Scherz, der doch auf vollem Schiffe in der Welt umherfährt.« »Macht's wie Ihr wollt,« sagte der Alte ruhig, »aber lacht wenigstens nicht darüber.« »Hahahaha,« rief aber der junge Bursche, der sich nicht wollte merken lassen, daß ihm selber ganz unheimlich bei der ernsten Erzählung des Alten wurde, »Ihr schneidet ein so ernsthaft Gesicht, als ob Ihr's selber glaubtet – Tommy, Tommy, wenn das der Alte hörte!« Tom senkte den Kopf, wickelte sich fester in seine Jacke und schien sich auf kein Gespräch weiter einlassen zu wollen; ehe ihn aber Rhode Island besänftigen konnte, wurde zum Loggen gerufen und er mußte nach aft. Es war etwa eine Stunde später, als der Sturm wieder eine frische Hand an den Blasebalg gestellt hatte, wie die Matrosen sagen, wenn es nach kurzem Besserwerden mit neuen Kräften an zu wehen fängt. Rhode Island kam von seiner Wache am Steuerrad. Die Starbordquarterdeck-Treppe eben hinuntersteigend, ging er hinter dem großen Mast durch nach leewärts. Die übrige Wache saß auf ihrem gewöhnlichen Platze, und Einer der Leute »spann ihnen gerade ein Garn« von einem Abenteuer, das er »an Bord eines Pferdes« in Buenos-Ayres erlebt, und wo ihm die Gauchos Geld und Sattel abgenommen und er das Pferd hatte an einer Leine drei Leguas weit zurückführen müssen. – Da plötzlich tönte ein wilder Schrei zu ihnen herüber und Alle sprangen erschreckt auf und nach windwärts. »Hallo da vorn – was giebt's?« rief der erste Steuermann vom Quarterdeck aus – »was ist los?« »Den Teufel auch, Rhody,« rief Einer der Leute, der dem jungen Burschen zuerst begegnete, »hast Du so geschrieen? – Junge, was fehlt Dir? – Du zitterst ja am ganzen Leibe!« »Unsinn!« brummte der junge Amerikaner ärgerlich, »es fuhr mir nur so heraus – ich weiß selber nicht, wie es kam!« Aber er warf dabei scheu den Blick über die Schulter zurück und über die See hinauf als ob er dort etwas zu sehen erwarte. »Rhody!« rief der Steuermann vom Quarterdeck aus. »Ay, ay, Sir?« »Wer hat geschrieen?« »Ich, Sir.« »Weshalb?« »Ich habe mich gestoßen.« »Holzkopf!« sagte der Officier und nahm ruhig seinen Marsch an Deck wieder auf. »Du hast 'was gesehen, Rhody,« sagte der alte Tom leise zu dem jungen Burschen, als die Uebrigen einer gerade auf und über Bord schlagenden See lachend aus dem Wege sprangen, um ihren früheren, mehr gesicherten Platz wieder einzunehmen. Dabei suchte er in dem Halbdunkel, das bei dem wolkenbedeckten Mond auf dem Wasser lag, die Züge seines jungen Kameraden zu erforschen. »Geht zum Teufel!« rief aber dieser, sich von ihm abwendend, ärgerlich – »das alberne Zeug, daß Ihr den Leuten in den Kopf setzt, macht sie am hellen Tage Gespenster sehen, wie vielmehr denn in solcher Nacht!« Er ging nach vorn, sich im Lee der Cambüse allein hinzusetzen, und die Kameraden, die ihn dort aufsuchten und nichts aus ihm herausbringen konnten, ließen ihn endlich zufrieden und ungestört. Die Nacht ging ohne weitere Störung vorüber, der Sturm hatte aber nicht allein nicht nachgelassen, sondern eher noch zugenommen, und als sich die Sonne rothglühend über dem weißbeschäumten und jetzt engbegrenzten Horizont abhob, wogten und taumelten Schluchten und Berge wild durcheinander, und das ächzende Schiff rang sich triefend die Bahn durch alle Schrecken. Das Frühstück war eben von den Leuten eingenommen, und der Capitain kam an Deck, wo der Steuermann, der ihm gerade vorangegangen, ein paar Leute nach aft rief, um ein gestern eingerissenes Marssegel wieder auszubessern und in Stand zu setzen. Zu Larbord, an der großen Raaenocke, war ebenfalls der eiserne Ring, der die untere Leesegelspiere hielt, locker geworden, und Rhode Island wurde dort hinauf geschickt, ein Ende Tau um die sich losarbeitende Spiere zu schlagen, bis der Schaden bei ruhigerem Wetter wieder ordentlich reparirt werden konnte. Der junge Bursche lief die Wanten hinauf und auf den Paarden oder Laufseilen an die Raaenocke hinaus, um den Befehl auszuführen. Das Schiff schlingerte dabei, wie die Woge unter ihm sank oder stieg, herüber und hinüber, und stampfte dann wieder, als ob es sich hineinhauen wolle bis auf den Grund. Rhode Island war aber ein tüchtiger Seemann und fühlte sich so sicher da oben wie auf dem Deck unten. So, während ein paar schwarzbraune schlanke Möven mit rabenschwarzen Flügelspitzen um ihn her kreisten, als ob sie das kecke Menschenbild da oben bei sich nicht dulden wollten, schlug er das Tau um Spiere und Raae, schnürte die erstere um die letztere fest, und trat dann noch einen Schritt weiter hinaus, um den Block zu fassen, der am äußersten Ende der Spiere hing und dessen Strop ebenfalls losgegangen war, als vom Deck eine Stimme »Segel ho,« rief. Der junge Bursche fuhr zusammen, als ob er von einem Schuß getroffen wäre» richtete sich auf, verlor das Gleichgewicht und faßte im Sturz noch das Laufseil. Der Wurf, den das Schiff aber zugleich im Wiederaufrichten gab, vermehrte nur die Kraft, der die eine Hand nicht gewachsen war; das Seil schnellte aus den es krampfhaft umschließenden Fingern, und der Körper des jungen Matrosen schlug schwerfällig in die nach ihm aufzüngelnde Woge hinein. »Mann über Bord!« schallte der Schreckensruf aus zehn Kehlen zu gleicher Zeit, und Alle sprangen nach Tauen, sie auszuwerfen und den Kameraden zu retten. So langsam das Schiff aber auch, mit so wenig Segeln und solcher See gegen sich, durch das Wasser ging, hatte die rückprallende riesige Woge den Körper des Unglücklichen schon außer Wurfes Nähe geschleudert, und als ihn die nächste zurückbrachte, glitt das Schiff auf dem Rücken derselben hinab, und in dessen Fahrwasser, mit den Wogen kämpfend, schwamm der Verlorene. »Hülfe!« tönte sein Nothschrei markdurchschneidend herüber, und ein Schwarm Cap-Tauben, die einzeln dort über die Fluth zerstreut gewesen, sammelte sich im Nu mit raschem Flügelschlag über ihm, die neue Beute noch scheu betrachtend. »Es ist unmöglich, ein Boot auszusetzen!« rief der Capitain, in voller Angst eine der Besanpardunen fassend und auf die Railing springend, »wir bekämen nicht einmal die Mannschaft hinein, ehe es uns an den Seiten zerschmetterte.« Der Steuermann schüttelte, ohne den Blick von dem Unglücklichen zu nehmen, traurig und ernst mit dem Kopf und sagte nur leise: »Es wäre Wahnsinn!« Der alte Tom nickte langsam vor sich hin mit dem Kopf und flüsterte still in sich hinein: »Er hat ihn gesehen – hab' ich's mir nicht gedacht? Der arme Teufel, was half da sein Leugnen – nun wird er mir's glauben!« »Hülfe, Hülfe!« tönte schon schwächer der verzweifelte Nothschrei des Schwimmers zu ihnen herüber; er wußte, daß ihm keine menschliche Hülfe mehr werden konnte, aber der Trieb zum Leben ließ die Hoffnung nicht sinken, bis zum letzten Augenblick. Und die Möven sammelten sich über ihm – aufsteigend jetzt in weitem Cirkelschwung und dann niederstoßend nach der seltenen Beute, der sie sich dennoch nicht zu nahen wagten. Schwerer Flügelschlag jetzt von da drüben her; zwei Albatrosse, denen andere folgten, sahen den dicht gedrängten Schwann der Cap-Tauben und Möven. Mit den riesigen Fittigen ziehen sie heran, kreisen einmal herum über dem dunkeln Punkt in der Fluth – in ihrer Fluth, und der eiserne Schnabel haut nach der gebotenen Beute. »Hülfe! Hülfe!« Es war ein Aufkreisch, der die Männer aufscheuchte, als ob ein Schuß zwischen sie gefallen wäre, und selbst die Albatrosse wichen einen Augenblick dem fremden, unheimlich grellen Ton, aber nur, um ihren Angriff wenige Momente später mit so viel größerer Gier zu erneuen. »Heiliger Gott!« rief der Capitain und sprang, das Fernrohr aufgreifend, das ihm der Steuermann reichte, ein paar Schritt die Besanwant hinan, in der er sich festklammerte und das Rohr auf den Schwimmenden richtet – »die Vögel stoßen auf ihn – das ist entsetzlich!« »Hülfe! Hülfe!« Ein scharfer Ton der Möven antwortete diesmal; es war der Kampfschrei der hungrigen Thiere, die sich, dem stärkeren Albatros zum Trotz, auf die Beute warfen und unter den weiten Schwingen des mächtigeren Gegners hin nach Kopf und aufgeworfenem Arm des Unglücklichen hackten. »Gott sei seiner Seele gnädig!« sagte Tom, sich schaudernd abwendend, während Einzelne der Leute dem Capitain in die Wanten folgten. Dieser jedoch schob sein Glas zusammen und stieg schaudernd hinab; er konnte den Anblick nicht länger ertragen. Die Vögel, mit den Albatrossen an der Spitze, bildeten jetzt eine feste Masse auf der Fluth, so daß sich unter ihrer dicht gedrängten Schaar schon nichts weiter mehr im Wasser erkennen ließ. Die schwächeren Cap-Tauben aber umflogen ärgerlich kreischend die gefundene Beute, von der die stärkeren Schwestern sie verscheucht hatten, auf und nieder dabei flatternd, manchmal dem Schiff folgend, als ob sie ein neues Opfer zu finden erwarteten, und dann zu dem ersten zurückkehrend mit raschem ängstlichem Flug. Die Leute kamen langsam herunter und gingen nach vorn, und das Schiff kämpfte weiter gegen die empörte Fluth, die ihr Opfer jetzt hatte. Weit in Lee kam jetzt ein Segel in Sicht – dasselbe, das vorhin angerufen worden. – Oben auf einer Woge, wie von der äußersten Spitze getragen, stand es einen Augenblick, und verschwand dann in der Tiefe, als ob die Fluth es verschlungen; es lag über dem andern Bug und kreuzte nach Norden auf – eine Stunde später war es am Horizont verschwunden, während mit schwerfälligem Flügelschlag die Albatrosse dem Schiffe wieder folgten – neue Beute erhoffend. Die Dschunke Es ist nun schon eine Reihe von Jahren her, daß die Engländer Besitz von Hongkong an der chinesischen Küste ergriffen. Sie wollten durch die kleine Insel vor allen Dingen einen Schlüssel zum »himmlischen Reiche« bekommen, wollten erst einen festen Fuß in seiner Nähe haben, um es dann später ihren Missionären und Kaufleuten zu überlassen, den zweiten irgendwo auf dem chinesischen Continent anzubringen. Zu jener Zeit schwärmte das dortige Meer noch von theils chinesischen, theils malayischen Seeräubern, die, den Fremden wie ihren eigenen Landsleuten gleich gefährlich, selbst bis auf den heutigen Tag noch nicht haben können ausgerottet werden und nur höchstens gelichtet oder – vorsichtiger gemacht sind. Auf Dschunken – einem anscheinend sehr unbehülflichen, aber nichtsdestoweniger sehr rasch segelnden Fahrzeug – gleiten sie an den Küsten Chinas, ja selbst in dessen Strömen hinauf und zwischen den Inseln des ostindischen Archipels fortwährend auf und ab, harmlosen Handelsfahrzeugen furchtbar und nur dem bewaffneten Kriegsschiff der Europäer ausweichend. Fühlen sie sich aber einem Gegner durch die Anzahl nur irgend gewachsen, dem zeigen sie auch rasch genug die Zähne. Haben doch die malayischen Prauen, besonders die von Borneo und den Nachbarinseln, natürlich in großer Ueberzahl, schon ein amerikanisches Kriegsschiff angefallen, dessen Capitain alle Hände voll zu thun hatte, sich ihrer zu erwehren. Es läßt sich denken, daß sowohl die Holländer wie Engländer, die beide besonders an der Sicherheit dieser Gewässer interessirt sind, ihr Möglichstes thaten und noch thun, solchem Unwesen ein Ende zu machen und den Räubern ihr oft blutiges Handwerk zu legen. Das Terrain dort begünstigt aber die Verbrecher nur zu sehr. Diese Tausende von Inseln mit ihren unzähligen kleinen versteckten Buchten, mit Klippen und Untiefen – nur denen bekannt, die dort ihre Heimath haben – lassen eine richtige und wirksame Verfolgung in vielen Fällen nicht einmal zu. Das ist denn auch die Ursache, daß selbst noch bis auf die neueste Zeit ganz in der Nähe europäischer mächtiger Colonien diese Seeräuber ihr Wesen treiben, Handelsschiffe von Freund und Feind plündern und mit dem Raub in irgend einen ihrer sicheren Schlupfwinkel flüchten. In damaliger Zeit, während die holländischen Kriegsschiffe mit manchem Erfolg um Bali und Borneo und zwischen den Molucken herumkreuzten und besonders ihre Kriegsdampfschiffe die darauf nicht vorbereiteten Prauen zu Zeiten überraschten und in Grund schossen, ärgerten sich die Engländer im Kantonfluß in der Nähe von Hongkong mit den räuberischen chinesischen Dschunken weidlich herum. Manche davon hatten sie schon zusammen- oder in Brand geschossen, einige Mal schon ganze Flotten davon vernichtet, aber wie aus dem Meere selber heraus wuchsen neue und neue empor. Allerdings trugen sie an deren Unzahl selber mit die Schuld, denn durch den verbotenen Opiumhandel hatte sich eine große Anzahl von Dschunken auf solch gesetzwidriges Gewerbe geworfen. Nach China hinein schmuggelten sie dann den verbotenen narkotischen Stoff, und heraus raubten und stahlen sie, was sie bekommen konnten. Vorzüglich waren die Räuber, wie schon früher erwähnt, Chinesen und Malayen; hier und da aber verschmähten auch selbst Araber – neben den Chinesen die bedeutendsten Handelsleute de ostindischen Archipels – ein solches Gewerbe nicht, dem sie ihren Koran eben anzupassen wußten. In einzelnen Fällen waren sogar Europäer dabei ertappt worden. Mit diesen letzteren machten die englischen Kriegsschiffe aber die wenigsten Umstände, und ein europäischer Pirat, in solcher Umgebung erwischt, konnte sich auch fest darauf verlassen, gleich auf frischer That die Raaenocke zu zieren. Auf Kriegsschiffen wird im Fall einer Execution das äußerste Ende der Raae (des Querholzes, an dem die Segel befestigt sind) dazu benutzt, den verurtheilten Verbrecher aufzuhängen. Es war im November des Jahres 184– und der Nordost-Monsun Die Monsune sind periodische Winde, die besonders im nördlichen Theil des indischen Oceans herrschen. Dort wehen sie von April bis Oktober von Südwest, von October bis April aber von nordöstlicher Richtung ununterbrochen fort. Ihr Name stammt von dem persischen oder malayischen mussin – eine Jahreszeit. wehte mit voller Stärke. Die meisten, besonders die kleineren Küstenfahrzeuge, suchten deshalb auch, wenn sie an Hongkong ankern wollten, das südliche Ufer der Insel, wo sie vor dem gerade herrschenden Wind weit mehr geschützt und sicher lagen. Eine Menge Dschunken hatten sich solcher Art hier zusammengefunden, die durch ihre Boote lebhaften Verkehr mit dem Land unterhielten, und Waaren wurden aus- und eingeladen, theils für die südlicher gelegenen Inselgruppen, theils aber auch zum Schmuggelhandel für Kanton bestimmt, wo sich die Eigenthümer oder Führer der verschiedenen Fahrzeuge auf ihnen selber am besten bekannte Weise Eingang zu verschaffen wußten. Unter diesen lag auch eine Dschunke, die sich in nichts fast von ihren Nachbarn unterschied, als daß ihr Bambusdeck vielleicht reinlicher gehalten war als das der chinesischen, daß die Teppiche, die vor den Kajütenfenstern hingen, neu und von seinem Stoff und selbst die Mattensegel fester, feiner gearbeitet und weißer schienen, als sie die gewöhnlichen Handelsdschunken trugen. Die Malerei an dem Fahrzeug war dieselbe, mit den beiden riesenhaften und unheimlichen Augen vorn am Bug. Hinten am Spiegel aber trug es, nach ächt chinesischer Aufschneiderei, den malayischen Namen Die malayische Sprache ist im ostindischen Archipel besonders die Umgangs- und Handelssprache zwischen Malayen und Chinesen, wie auch zwischen diesen und den Europäern. Orang Makan – der Menschenfresser. Eine Flagge zeigte es nicht, sondern war an dem Morgen noch vor Tagesanbruch zwischen die andere kleine Flotte der Küstenfahrer ruhig hineingeglitten und hatte seinen Anker vollkommen anspruchlos und in aller Stille fallen lassen, auch über Tag sein Boot noch nicht einmal an Land geschickt, bis in der Dämmerung einige jener halb europäisch, halb indisch aussehenden Gestalten in die kleine, hinten am Spiegel hängende Jolle stiegen und an Land fuhren. Dort blieben sie bis spät in die Nacht und kehrten dann eben so still, ja fast heimlich an Bord ihres eigenen Fahrzeugs zurück. Hongkong ist ein Freihafen, und weder Gesundheitspolizei, noch neugierige Steuerbeamte bekümmern sich dort viel um anlegende Schiffe. Trotzdem schien diese Dschunke die Aufmerksamkeit der englischen Beamten erregt zu haben, denn am nächsten Nachmittag kam ein Boot vom Lande ab, das einen Regierungsbeamten und neben den chinesischen Bootsleuten auch noch zwei vornehme Söhne des »himmlischen Reiches« mit sich führte, und der Beamte verlangte vor allen Dingen den Eigenthümer des Fahrzeugs, wie dessen Papiere zu sehen. Der Beamte schien keineswegs überrascht, daß sich ihm ein Landsmann als Führer und Eigenthümer des chinesischen Fahrzeugs vorstellte. Mr. Moore, wie derselbe hieß, legitimirte sich aber ohne Weiteres auf das Vollkommenste und äußerte nur sein Erstaunen, daß er dazu aufgefordert werde, da es, so viel er wisse, bei den übrigen Dschunken nicht Sitte sei. Die Mannschaft, die sämmtlich auf Deck beordert wurde, bestand nur aus Chinesen und war vollzählig, der Gesundheitszustand der Leute ließ ebenfalls nichts zu wünschen übrig. Sie sahen dabei ordentlich und reinlich aus – etwas, was sich von solchen Burschen sonst nicht gerade immer sagen läßt – und gaben den beiden Chinesen, die wunderbarer Weise der Visitation des Schiffes beiwohnten und sich bei ihnen näher nach dem Fahrzeug selber erkundigten, rasche und prompte Antworten. Mr. Moore hatte seiner Aussage nach die Dschunke von einem chinesischen Kaufmann, der früher damit den Opium-Schmuggelhandel betrieben, um einen ziemlich mäßigen Preis gekauft. Da er nicht reich genug sei, ein größeres Fahrzeug zu erstehen, habe er mit diesem hier begonnen, an den Küsten Chinas wie des ostindischen Archipels Rohproducte aufzukaufen, um sie dann später an europäische Schiffe wieder abzusetzen, oder dort gegen europäische Waaren einzutauschen. Hier an Hongkong war er nur angelaufen, um frisches Wasser einzunehmen und für baar Geld vielleicht ein paar Kisten Opium zu erhandeln. – »So weit war Alles gut. Der Beamte gab die Papiere zurück, wechselte leise ein paar Worte mit den Chinesen und verließ dann wie er gekommen die Dschunke. Eine Einladung des »Capitains«, in dessen kleiner Kajüte ein Glas Sherry zu trinken, lehnte er dankend ab. Als die Herren von dem ziemlich hohen Deck die Fallreepstreppe in ihr Boot zurückstiegen, lehnte Capitain Moore an der Schanzkleidung, und hätten sie hinaufgesehen, würde ihnen ein etwas höhnisches Lächeln, das um seine Lippen spielte, wohl kaum entgangen sein. So waren sie aber beschäftigt, bei dem Schwanken des Bootes ihre verschiedenen Sitze wieder einzunehmen, und gleich darauf verließ die Jolle, von den regelmäßigen Ruderschlägen der chinesischen Bootsleute getrieben, die Seite der Dschunke und glitt nach dem Ufer zurück. Mr. Moore war ein Mann in den besten Jahren, etwa vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt, mit vollem, braunem, lockigem Haar, aber ohne Bart, das Gesicht glatt und sorgfältig rasirt. Von kräftigem, untersetztem Körperbau, ging er in die gewöhnliche Matrosentracht mit blauer Jacke und weißen Hosen gekleidet. Nur auf dem Kopf trug er eine chinesische Korkmütze mit roher Seide überzogen, und um den Leib einen der gewöhnlichen rothen chinesischen Gürtel, in dem vorn statt jeder Waffe eine friedliche kurze, sehr hübsch gearbeitete Tabakspfeife stak. Noch eine ganze Weile blieb er in der Stellung, in der wir ihn oben verlassen haben, bis das englische Boot außer Hörweite war. Dann drehte er sich, leise dabei zwischen den Zähnen durchpfeifend, auf dem Absatz herum, und zu der Kajütentreppe tretend, rief er lachend hinunter: »Kommt herauf, Ben Ali, – es war Alles in Ordnung und sie sind höchst zufrieden wieder abgegangen. Hahaha, was für ein verdammt gescheidtes Gesicht Ihrer Majestät Diener und was für ein verzweifelt dummes Gesicht die beiden Söhne des himmlischen Reiches machten, als sie mit meiner Physiognomie nicht so in's Reine kommen konnten.« Noch während er sprach, erschien der beturbante Kopf eines Arabers in der schmalen Treppenluke, und bald stand Ben Ali, vollständig in die reiche Tracht seines Heimathlandes gekleidet, auf dem Verdeck der Dschunke, während jedoch die gegen die Sonne ausgespannten Teppiche ihn dem Lande zu vollständig verdeckten. »Und hatt' ich Recht?« sagte der Araber mit einem schlauen Lächeln, als er zu seinem Gefährten aufsah, »sind es nicht die beiden chinesischen Langzöpfe, denen wir im vorigen Monsun nahe bei Amoy ihre Ladung Opium wegnahmen? Ich kannte sie, wie ich nur einen Blick aus dem Kajütenfenster warf.« »Allerdings hattest Du Recht, Ben Ali, Perle Deiner Wüste,« lachte der Seemann, »und ich selber kannte sie, so wie ich ihnen nur in die verdutzten Gesichter schaute. Was aber in des Bösen Namen die beiden Schlitzaugen auf meine Spur gebracht hat, und wie sie dies Fahrzeug wieder erkannt haben, ist mir ein Räthsel. Wir haben Farbe und Kosten nicht gescheut, ihm ein anständiges und anderes Aussehen zu geben, und kaum ist der Anker unten, sind diese beiden Würdenträger der verkehrtesten Nation des Erdballs wie aus dem Boden gewachsen da. Ein Glück nur, daß ich meinem Kopf folgte und die »Zierde des Mannes«, wie Du mich zu überreden beliebtest, meinen Bart , heruntergeschnitten habe. So fest war ihnen mein Gesicht doch nicht mehr im Gedächtniß, daß sie das wieder erkennen konnten; aber Verdacht hatten sie, und der kleine Schuft wollte keinen Blick von mir wegwenden. Schade nur, daß sie nicht mit in die Kajüte hinuntergingen, ich hätte ihnen dort einen Thee vorgesetzt, den sie im Leben nicht würden vergessen haben.« »Es ist gut,« sagte Ben Ali, »wir sind diesmal, wenigstens für jetzt und so weit, durchgekommen. Aber ich dächte doch, wir gingen hier ganz still wieder unserer Wege, denn ich glaube kaum, daß sich diese beiden Chinesen mit der einen oberflächlichen Besichtigung beruhigen werden.« »Was können sie thun?« lachte aber Moore; »die Regierung ist durch ihren Beamten befriedigt worden, und China mag jetzt sehen, wie es sich selber hilft. Aber außerdem, Ben, glaubt Ihr, daß ich jetzt von hier fortginge und die Beute im Stiche ließe, die hier rechts und links, fast in Arms Bereich von uns vor Anker liegt? Die beiden kleinen Dschunken da drüben haben den Bauch so voll von Opium, wie sie ihn nur bekommen können, und sind dabei fertig zum Auslaufen; verlangt Ihr mehr? Laßt die erst unterwegs sein, und dann auf mit dem Anker so rasch Ihr wollt, aber eher wahrhaftig keines Kabels Länge von der Stelle. Hole die Zopfträger der Böse, denn wenn sie wüßten, wo es ihnen wohl ist, gäben sie wahrhaftig dem »Menschenfresser« etwas weiteren Seeraum, als sie vor kaum einer halben Stunde gethan.« »Laßt die zufrieden,« sagte lächelnd der Araber, »diese Art Leute weiß in der Regel recht gut, was sie thut, und fühlt sich hier, unter den Kanonen des kleinen Forts da drüben, gerade so sicher wie im Mittelpunkte ihres sogenannten »himmlischen Reiches«.« »Sicher?« rief Moore und warf einen trotzigen, herausfordernden Blick nach dem Fort am Ufer hinüber – »beim Teufel, Ben, wenn ich wüßte, daß unsere beiden Nachbarn nur zum Theil so gut segelten wie wir, weder das Fort noch die ganze Dschunkenflotte sollte mich abhalten, beide Fahrzeuge zugleich zu entern und mit in See zu nehmen. Das faule Ding von einer Kriegsbrig, das dort vor Anker liegt wie eine flügellahme Ente, möchte dann wohl vergebens hinter uns drein kriechen und Signale geben und Schüsse feuern. Mannschaft hätten wir überdies genug dazu im Raum. Bequemer haben wir's aber immer, wenn wir's noch ein paar Tage abwarten. Das andere Dschunkengelichter hier würde außerdem einen Heidenlärm machen und uns gerade so umschwärmen, wie der Rabe einen Habicht, der seine Beute gefaßt hält.« »Toll genug wäret Ihr dazu,« sagte der Araber mit ruhiger Stimme, während sein blitzendes Auge jedoch verrieth, daß er den kühnen Plan keineswegs für unausführbar hielt. »Toll?« rief Moore; »war das etwa weniger toll, als Ihr den dänischen Kauffahrer bei mondheller Nacht mitten aus dem Hafen von Singapore herausnahmt und vor Tagesanbruch Eure Dschunke bis an den Rand beladen nach Malakka hinüberführtet?« »Bah,« lachte Ben Ali, »damals war ich noch sechs Jahre jünger als jetzt, und Ihr – waret mein erster Steuermann.« »Und jetzt, da ich Euer Compagnon bin,« rief Mooren »dürfen wir keine schlechteren Geschäfte mitsammen machen.« »Das schlechteste Geschäft ist, sich unnöthiger Weise in Gefahr zu begeben,« sagte der Araber achselzuckend. »Draußen im Archipel schwimmen eine Menge Fahrzeuge, die für den »Menschenfresser« geladen haben; wir brauchen uns nicht die stacheligsten Früchte herauszusuchen. Doch wie Ihr wollt – ein Spaß wäre allerdings dabei, gerade weil die Kriegsbrig da so bequem bei der Hand liegt, ihnen einen so fetten Bissen aus den Zähnen herauszureißen. Jetzt ist's aber noch keinesfalls nöthig. Folgt Ihr meinem Rath, so gehen wir heute Abend mit Dunkelwerden in See, und zwar dicht am Wind, als ob wir die chinesische Küste anlaufen wollten, fallen aber in der Nacht ab und den Opium-Dschunken in's Fahrwasser, die uns nachher kaum entgehen können.« »Wir wollen's uns überlegen,« sagte Moore. »Indessen gebt den Leuten unten etwas Luft. Kommen sie vorsichtig auf Deck, ahnt kein Teufel hinter der hohen Schanzkleidung die wackre Schaar. Da unten ist es zu heiß, und wir müssen sie bei guter Laune erhalten.« Ben Ali stieg wieder hinunter, und es dauerte nicht lange, bis zwölf oder vierzehn wilde, braune Gestalten – lauter Malayen, mit Kopftüchern über und in die langen schwarzen Haare geflochten und Khrise und Pistolen im Gürtel tragend, mehr auf Deck krochen als stiegen und fragende Blicke auf ihren weißen Führer warfen. »Nur Geduld, meine Burschen,« lachte dieser aber, »nur Geduld, Ihr sollt mir nicht lange da unten in dem heißen Raum Versteckens spielen, dafür laßt mich sorgen. Aber vorsichtig müßt Ihr mir jetzt sein – nur noch wenigstens zweimal vierundzwanzig Stunden lang; versprecht Ihr mir das?« Die Anrede war in der malayischen Sprache gehalten, und Einer der Leute, dem hellgraue Narben nach allen Seiten hin das braune Gesicht und die nackte Brust und Arme durchfurchten, erwiderte: »Alles in Ordnung, Capitain, so lange wir noch unsere Nachbarn im Auge haben. Den Weißen wird Master Moore schon eine Nase drehen – ist nicht die erste.« Er lüftete dabei den einen Sonnenteppich ein wenig, um freiere Aussicht zu bekommen. »Hallo,« sagte er da plötzlich – »die Brig da drüben macht Anstalt zum Auslaufen? Desto besser, nachher haben wir ganz freie Hand, denn die zwei Jollen am Ufer kann man eben nicht rechnen.« Moore hatte sein Fernrohr genommen und auf die Bemerkung des Malayen lange und aufmerksam nach dem bezeichneten Kriegsschiff hinübergesehen. »Wahrhaftig, Du hast Recht,« sagte er jetzt, »an der Brig lösen sie die Vormarssegel, und dort sind auch ein paar Hände am Bug- und Vorstengenstag beschäftigt. Ihren Anker müssen sie beinahe schon in die Höhe haben, die Kette geht gerade auf und nieder.« »Will sich vielleicht einen andern Ankerplatz aussuchen,« meinte ein anderer der Malayen, der zu seinem Kameraden getreten war. »So sieht's aus,« rief Moore. »Ich will nur nicht hoffen, daß der Besuch uns zugedacht ist.« »Wäre nicht übel,« sagte Ben Ali, der wieder an Deck gekommen war und nach der Rüstung am Bord der Kriegsbrig leicht errieth, von was hier die Rede sei; »aber ich dächte, da hätte sie uns doch viel leichter ein Boot herübergeschickt.« »Und unser Wasserboot kommt auch nicht,« brummte Moore vor sich hin. »Nun, so bleibt es weg,« erwiderte der Araber, »wir haben noch genug im Raum, und es war ja doch nur eine Entschuldigung für unser Ankern.« »Allerdings,« sagte Moore, »aber das wissen die am Lande nicht, und ich glaube fast, das Boot ist von oben her verhindert worden, zu uns herauszukommen. Sie glauben uns dadurch am Ende hier halten zu können.« »Da wären sie im Irrthum,« lachte Ben Ali. »Fatal bliebe es übrigens, wenn sie uns mit dem kanonenbespickten Schiff bedeutend näher kämen. Doch was thät's im Grunde; wir könnten ja dann unsern Ankergrund eben so leicht aus irgend einer Ursache wechseln. Nun, wir werden sehen.« Die Aufmerksamkeit der Dschunken-Mannschaft blieb von da ab übrigens ausschließlich auf das Manövriren des Kriegsschiffes gerichtet, das, ein ziemlich altes und dem Anschein nach schwerfälliges Fahrzeug, jetzt wirklich seinen Anker aufnahm und mit dem wenigen Wind, der hier unter dem Schutz der Insel wehte, gerade die Richtung auf die Dschunke zu nahm. Etwa in einer Kabelslänge von ihr drehte es ein klein wenig ab, als ob es vorbeipassiren wollte, in einer Höhe aber mit derselben und etwa auf Büchsenschußweite von ihr entfernt, ließ es den Anker plötzlich wieder niederrasseln, schwang dann vor demselben herum, den Bug dem Lande zu, und blieb, die rechte Breitseite der Dschunke drohend zugekehrt, liegen. Wenige Secunden später waren die für das Manöver gehißten Segel wieder fest beschlagen, und keine weitere Bewegung an Bord verrieth, daß sie dort für den Augenblick irgend etwas beabsichtigten, als eben nur eine gleichgültige Veränderung ihres Ankerplatzes. Nicht so gleichgültig war übrigens die Mannschaft der Dschunke Zeuge derselben gewesen. »Zum Teufel auch,« sagte Moore jetzt, der mit dem Fernrohr am Auge dem Allen auf das Aufmerksamste gefolgt war und das Glas erst jetzt wieder zusammenschob, »ist ihnen das Wasser dort am Land in der Ebbe zu seicht geworden? – Ich habe aber doch schon Dreidecker an der nämlichen Stelle ruhig liegen sehen – oder haben die Schufte etwas Anderes im Schild?« »Das werden wir wohl gleich erfahren.« rief Ben Ali, und rascher als sonst seine Art zu sprechen war; »hinunter mit Euch, Ihr Burschen, wieder in Euren Versteck, und rührt Euch nicht, bis ich Euch selber durch das Zeichen rufe. Dort drüben kommt eben ein Boot ab, und ich müßte mich sehr irren, wenn der Besuch nicht uns gälte.« »Ihr habt Recht, Ben,« rief Moore, sein Teleskop rasch wieder ausziehend und auf das eben sichtbar werdende Boot richtend, »drei Officiere oder Beamte oder was sonst noch sitzen hinten im Spiegel.« »Einer wird der Bootsmann sein, der steuert.« »Nein, noch außer dem – Teufel noch einmal, ob sie uns nicht grad' unter ihre Breitseite gebracht haben, daß sie mit uns machen können, was sie wollen. Eine Flankensalve aus der Entfernung schöß' uns in Grund und Boden zusammen.« »Dann wär's freilich aus,« sagte Ben Ali ruhig, »aber so weit ist's noch nicht. Ob ich ebenfalls wieder hinuntergehe?« »Ich glaube, ja,« meinte Moore, »es ist besser, Ihr laßt Euch nicht eher sehen, als es irgend nöthig ist. Und gingen sie wirklich in die Kajüte hinunter und wollten dann wissen, wer Ihr wäret, ei, so seid Ihr ein Kaufmann von einer der Dschunken, von dem ich Opium gekauft habe, und wartet hier auf Euer Boot. Lange bleiben werden sie doch nicht, und verlangen sie den Raum zu visitiren, so mögen sie's thun – sie finden nichts.« »Und im allerschlimmsten Fall?« »Ei, zum Teufel, die Fluth ist uns freilich jetzt entgegen, aber noch Wind genug, uns fortzubringen. Zwingen sie uns, so wagen wir das Aeußerste und kommen am Ende vielleicht noch hinter ihr Schiff, ehe sie uns großen Schaden thun können. Lebendig fangen sollen sie uns nicht. Ist Alles klar?« »Wie immer,« erwiderte Ben Ali, »so weit wir es dürfen sichtbar werden lassen. Aber da sind unsere Gäste.« »Hallo, die Dschunke!« tönte in dem Augenblicke der seemännische Ruf vom Wasser herauf, und Moore trat auf sein spitz erhöhtes Hinterdeck, um dort zu antworten, während Ben Ali wieder in den untern Raum verschwand. »Hallo, das Boot!« »Werft uns ein Tau über – wir wollen an Bord!« »Gleich, Sir. Heda, Ihr da vorn, werf einmal Einer von Euch ein Tau hinunter in das Boot – rasch da – hört Ihr nicht?« »Ay, ay, Sir,« lautete die den Engländern abgehörte Antwort der Chinesen, und im nächsten Augenblick flog ein zusammengerolltes dünnes Tau hinunter, das von einem der vorn im Boot sitzenden Matrosen geschickt gefangen und um die vordere Bank geschlungen wurde. »Hol' an Bord!« Das Tau wurde wieder eingezogen und um einen der »Nägel« befestigt; gleich darauf lag das Boot unten fest langseit, und die drei Offiziere, die, wie Moore ganz recht gesehen, hinten im Spiegel des Bootes gesessen, kamen auf's Deck und grüßten den Eigenthümer der Dschunke höflich, aber ziemlich kalt. »Und was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs, meine Herren?« frug Moore endlich, mit einem flüchtigen Blick nach der Brig hinüber; »kann ich Ihnen in Etwas zu Diensten sein?« »Sie sind der Eigenthümer oder Führer dieses Fahrzeugs?« frug der erste Offizier und erste Lieutenant, wie es seine Uniform zeigte, ohne auf die Frage direct zu erwidern. »Allerdings,« lautete die eben so kurze und etwas trotzige Antwort des Gefragten. »Ihr Name?« »James Moore; ich bin heute Morgen schon einmal darum examinirt worden und ich möchte wirklich wissen –« »Mr. Moore,« unterbrach ihn aber der Offizier, »ich handle in höherem Auftrag und möchte Sie ersuchen, Ihren Ankergrund hier nicht zu verlassen, bevor Sie nicht weitere Weisung bekommen.« »Ich warte auf Wasser,« erwiderte der Dschunkenführer finster, »und sobald ich das an Bord habe, sehe ich nicht ein, was mich hindern sollte auszulaufen, wann es mir gerade beliebt.« »Es thut mir leid, Ihnen darin widersprechen zu müssen,« erwiderte ihm mit kalter Höflichkeit der Offizier, »aber ich habe gemessenen Befehl, Ihr Fahrzeug in Grund zu schießen, sobald es einen Versuch zur Flucht machen sollte.« » Flucht ?« rief Moore emporfahrend; »sind meine Papiere nicht in Ordnung? Ist nicht erst ein Beamter hier gewesen, der mein Schiff untersucht hat, wenn ich auch nicht recht begreife, weshalb?« »Ihr Fahrzeug ist, so viel ich weiß, noch nicht untersucht worden,« erwiderte der Offizier, »der Tag auch dazu für heute zu weit vorgerückt. Ich werde Ihnen deshalb diese beiden Herren heut Abend an Bord lassen. Möglich,« setzte er freundlicher hinzu, »daß die ganze Sache auf einem Mißverständniß beruht, was sich dann jedenfalls bis morgen früh aufklären wird. Bis dahin ersuche ich Sie freundlich, sich dem Unvermeidlichen in Geduld zu fügen.« »Und die beiden Herren bleiben bei mir an Bord?« »So ist der Befehl meines Capitains. Sie selber werden jetzt – denn die Dämmerung beginnt schon – eine Laterne über Ihren Starbord-Bug hängen und dieselbe, während die Fluth wechselt, so verändern, daß sie uns fortwährend zugedreht bleibt; Lieutenant Bolard wird schon darauf achten. Bei der geringsten Versäumniß dieser Maßregel und sowie das Licht verschwindet, haben unsere Boote Befehl, Sie augenblicklich zu entern. Welchen Unannehmlichkeiten Sie dabei ausgesetzt sind wissen Sie selber am besten.« Moore zuckte die Achseln. »Gegen Gewalt ist nichts auszurichten,« sagte er dabei. »Ich bin unbewaffnet und kann gegen Ihre Kanonen nicht ankämpfen. Morgen hoffe ich indeß, daß ich eine Erklärung über ein so merkwürdiges Benehmen erhalten werde. Außerdem ist auch unser bestelltes Wasser heute nicht angekommen und ich bin in der größten Verlegenheit. Wir haben keinen Tropfen mehr an Bord.« »Ich werde Ihnen in dem Fall noch ein Fäßchen heut Abend herüberschicken. Mr. Bolard, Sie kennen Ihre Pflicht. Mr. Pawton, sorgt, daß die Laterne ohne Säumen an ihren Platz kommt. Ist sie schon aus dem Boot heraufgeschafft?« »Hier ist sie, Sir.« »Gut denn. Guten Abend, meine Herren.« Der Officier verbeugte sich gegen Moore, nickte seinen beiden Untergebenen zu und stieg dann wieder in seine Jolle hinunter, die ihn rasch zu dem dicht dabei liegenden Schiff brachte. Eine Viertelstunde später kam das versprochene Fäßchen Wasser langseit und wurde auf Deck gehoben, und die beiden Engländer gingen indessen auf und ab und schienen noch nicht recht zu wissen, wie sie sich eigentlich gegen ihre halben Arrestanten zu benehmen hätten. Desto vollständiger war Moore selber mit sich im Reinen, und sobald er – wie er sich gegen die Fremden entschuldigte – danach gesehen hatte, daß das Wasser gleichmäßig unter seine Leute vertheilt war, kehrte er zu jenen zurück und lud sie jetzt auf das Freundlichste ein, seine Kajüte in Augenschein zu nehmen. Der Masters-Mate Pawton hatte indeß danach gesehen, daß die Laterne nach vorgeschriebener Art aufgehängt war, wogegen die Brig an ihrer Seite ein gleiches Signal aushing, und Mr. Bolard, der dritte Lieutenant der Kriegsbrig, stieg mit dem Master der Dschunke in dessen kleine Kajüte hinunter. War er doch selber neugierig geworden, das Innere des Fahrzeugs in Augenschein zu nehmen, über das an Bord seines eigenen Schiffes, als dieses die drohende Stellung gegen dasselbe einnahm, solche wunderliche und unheimliche Gerüchte in Umlauf waren. Er selber hatte sich denn auch auf eigene Hand ein gar wildes Bild von dem kleinen Fahrzeug entworfen und seinem Masters-Mate, ehe er hinabstieg, insgeheim die gemessensten Befehle ertheilt, auf seiner Hut zu sein und auf Alles ein wachsames Auge zu haben. Um so mehr war er überrascht, die kleine freundliche Kajüte wie ein Bild des Friedens zu finden. Der Boden derselben war mit schneeweißen, feingeflochtenen Binsenmatten belegt, die leichten Bambuswände waren mit buntfarbigen, wie es fast schien, kostbaren Teppichen behangen, und eine zierliche europäische Astrallampe, die von der Decke niederhing, verbreitete ein helles und doch mildes Licht in dem kleinen gemüthlichen Raum. An dem in der Mitte befestigten Tisch saß Ben Ali in seiner morgenländischen Tracht, aus einer kurzen türkischen Pfeife rauchend und emsig mit Schreiben beschäftigt. Bücher und Papiere lagen um ihn her. So eifrig schien er dabei in seine Rechnungen vertieft, daß er die Kommenden nicht einmal gleich hörte und erst dann den Kopf erhob, als Moore seinen Namen rief. Nirgends war auch die Spur von Waffen zu erkennen, zwei langläufige Flinten ausgenommen, die über die Thür befestigt hingen und wohl überhaupt in keinem Fahrzeug fehlen, das den ostindischen Archipel befährt. Aber selbst diese schienen seit langer Zeit nicht gebraucht, denn Bolard's prüfender und scharfer Blick, der darüber hinstreifte, erkannte trotz dem Dämmerlicht doch leicht den Rost an den alten, noch mit Steinschlössern versehenen Läufen. Bolard grüßte den Araber und sagte dann, sich in dem engen Raum umsehend: »Alle Wetter, Mr. Moore, ich hätte es Ihrer Dschunke gar nicht von außen angesehen, daß sie eine so allerliebste Kajüte aufzuweisen hat.« »Das Schiff ist unsere Heimath, werther Herr,« erwiderte Moore, »und Jeder schmückt sich die nach besten Kräften.« »Aber mit Waffen scheinen Sie nicht überflüssig versehen zu sein. Bei einer werthvollen Ladung möchte es kaum gerathen sein, den malayischen Piraten des Archipels mit den beiden alten Flinten in die Hände zu fallen.« »Die würden auch das Wenigste dabei ausrichten,« lachte Moore, indem er an einen kleinen Wandschrank ging und Flaschen und Gläser herausnahm. »Sie sind noch ein Inventar, das ich mit der Dschunke überkommen, und ich glaube sogar, noch von ihrem früheren Besitzer her geladen. Meine eigene Büchse und Pistolen habe ich über meinem Bett hängen, und unter dem Sopha dort steht eine Kiste mit Säbeln für meine Leute, falls wir wirklich einmal sollten angefallen werden. Sie wissen wohl aus eigener Erfahrung, daß die Chinesen mit Feuerwaffen nur höchst mittelmäßig umzugehen verstehen.« »Das weiß Gott,« lachte Bolard, »so geschickt sie auch manchmal ihre Säbel handhaben.« »Ein Glas Sherry verschmähen Sie doch nicht?« »Ich danke wirklich.« »Die Luft ist hier in der Nähe von Hongkong und gerade in diesem Monsun eben nicht so übermäßig gesund – Sie erlauben mir wenigstens, daß ich Ihnen vorher Bescheid thue. Nach dem, was die Herren Beamten an Land von uns zu denken scheinen, können Sie uns sonst am Ende gar für Giftmischer halten.« »Mein bester Herr –« »Sicher ist sicher,« lachte Moore, während er sich ein Glas bis zum Rande füllte und es auf einen Zug leerte. »So,« sagte er dann, die Flasche dem Lieutenant hinüberschiebend, »nun hoffe ich, daß Sie sich derselben nach besten Kräften bedienen werden, und wenn Sie es erlauben, ruf' ich den andern Gentleman ebenfalls herunter, uns wenigstens in einem Glas Bescheid zu thun.« »Ich weiß nicht –« sagte der Offizier zögernd. »Sie haben nichts zu fürchten,« lächelte der Dschunkenführer, »von hier aus sogar können Sie durch unsere Bambuswände hindurch die dort aushängende Laterne, das befohlene Signal, erkennen. Außerdem seh' ich dem morgenden Tag mit großer Ruhe entgegen, denn irgend ein wunderliches Mißverständniß muß jedenfalls den gegen mich oder mein Fahrzeug befohlenen Maßregeln zu Grunde liegen. Also warten wir's ruhig ab. Fort kann ich ebenfalls nicht, bis ich nicht Wasser an Bord habe, und ich hoffe, daß wir den Abend auf angenehme Art verbringen werden.« Ohne Weiteres stieg er jetzt die wenigen Stufen hinan, den Masters-Mate zu seinem Offizier hinabzurufen. Dieser verließ jedoch nur zögernd das Deck, und konnte erst bewogen werden ein Glas Wein anzunehmen, als sein Offizier ihn selber dazu einlud. Hierauf stiegen Beide wieder auf das Deck und gingen dort wohl eine Stunde lang mit Moore auf und ab, der ihnen Manches aus seinem bewegten Leben und den interessanten Küstenfahrten des Archipels erzählte. So war es neun Uhr geworden. Die Fluth trieb schon seit vier Uhr mit voller Stärke gegen das Land zu und der Wind war fast ganz eingeschlafen, während sich der Himmel mit Wolken dicht umzog. Die Dschunke hätte unter diesen Umständen ihren Ankerplatz gar nicht mehr verlassen können, ohne dem Land geradezu entgegen zu treiben. Außerdem herrschte an Bord vollkommene Ruhe. Die regelmäßige Wache ging allerdings an Deck auf und ab, die Raaen waren aber niedergelassen, im Compaßhaus war kein Licht, das Steuer festgebunden, und das kleine Fahrzeug ruhte wie eine schlafende Möve auf der stillen, fast spiegelglatten Fluth. Indessen nahte die Zeit des Abendbrods und der kleine saubere Tisch in der Kajüte stand für vier Mann gedeckt. Lieutenant Bolard führte allerdings seine Provisionen bei sich und wollte die Einladung ablehnen, Moore aber rief eifrig: »Ei wahrlich, Gentlemen, Sie werden doch meinem Fahrzeug nicht die Schande anthun wollen, seine Gäste nicht einmal bewirthet zu haben?« »Ungebetene Gäste, wissen Sie, Mr. Moore,« lächelte der Offizier. »Ei was,« rief der Seemann treuherzig, »im ersten Augenblick waren Sie mir allerdings ungebeten, und hätt' ich die Macht dazu besessen, verdammt will ich sein, wenn ich Sie gutwillig angenommen. Wie aber die Sache jetzt steht und nach näherer Bekanntschaft, denk' ich, haben wir auf beiden Seiten gefunden, daß wir nicht so schlimm waren, als wir aussahen, und deshalb nicht die geringste Ursache vorhanden ist, das zu verschmähen, was uns unser chinesischer Koch bereitet haben wird.« »Es liegt zu viel Logik in Ihrer freundlichen Einladung,« sagte der Offizier lachend, »um sie zurückzuweisen, – bis zum Einsetzen der Ebbe haben wir überdies noch eine volle Stunde Zeit und können solche allerdings nicht besser ausfüllen, als auf die von Ihnen so gastlich bezeichnete Weise. Master Pawton, ich glaube, daß uns das Souper keinen Schaden thun wird.« »Schaden?« schmunzelte der Masters-Mate, den Moore durch sein derbes, ächt seemännisches Wesen schon vollkommen gewonnen hatte, »Wohl keinen Schaden weiter, den ausgenommen, den es unter den aufgetragenen Speisen und Getränken anrichten wird. Ich glaube, wir sind beide schon an schlechteren Plätzen gewesen.« »Je eher der Koch dann anrichtet,« rief Moore auf Malayisch seinem Steuermann zu, »desto besser. Ich selber habe heut Abend einen schmählichen Hunger,« setzte er dann gegen die Fremden hinzu, »und hoffe dasselbe von meinen Gästen. Wollen Sie sich nach dem Souper dann in die Wache theilen, so steht einem der Herren da unten mein Sopha zu Diensten, oder ich schlinge Ihnen oben auf dem Verdeck, wenn Ihnen das lieber ist, eine Hängematte auf. Das Wetter ist still und ruhig, und den Thau können wir schon durch ein darübergespanntes Tuch abhalten.« »Vortrefflich,« rief Bolard, dessen letzter Verdacht durch dieses Anerbieten beseitigt wurde, »dann bitte ich Sie freundlich um die Hängematte. Sie werden leicht begreifen, daß wir es unter den jetzigen Umständen vorziehen müssen, beisammen und an Deck zu bleiben.« »Deshalb gerade machte ich Ihnen den Vorschlag. Aber jetzt zu Tisch; ich sehe eben, wie Tschung-Ih, unser würdiger Kochkünstler, seine gastronomischen Experimente dort hinunter spedirt, und je eher wir ihm folgen, desto besser. Nur einen Augenblick müssen Sie mich entschuldigen, daß ich den Wein besorgen kann.« Die beiden Engländer stiegen, nachdem sie noch einen Blick über Deck geworfen und sich überzeugt hatten, daß Alles in Ordnung sei, in die Kajüte hinab, wo Ben Ali seine Papiere fortgeräumt und dem Tischtuch Raum gegeben hatte. Moore stand indessen vorn an der Logistreppe, die in den vorderen Raum hinabführte, neben einer dunkeln Gestalt, die mit halbem Leibe daraus hervorschaute. »Wie lange noch bis zur wiederkehrenden Ebbe, Rudah?« frug er rasch mit unterdrückter Stimme. »Voll eine Stunde, Toean« Toean, sprich »Tuan« = Herr , erwiderte der Malaye. »Und was hältst Du vom Wetter?« »Gut – da drüben im Nordosten wird es hell. – Noch vor der Zeit haben wir Brise genug.« »Ist die Laterne in Ordnung?« »Alles fix und fertig – wann lassen wir sie nieder?« »Bei dem ersten Champagnerkork, den Ihr fliegen hört – Dschung-Ih mag an der Treppe bleiben.« »Und wenn sie heraufkommen und etwas merken sollten?« »Dann bleibt uns nichts Anderes übrig als Gewalt!« sagte Moore finster. »Sobald das Zeichen gegeben ist, kommen sechs von Euch leise nach hinten und stellen sich rechts und links an der Kajütentreppe auf. Den Ersten, der nach oben will und dem ich nachrufe: »Aber nur noch ein Glas!« faßt und knebelt. Verstanden?« »Ay, ay,« lachte der Bursche mit blitzenden Augen. »Merken die dann auch etwas da drüben, können sie doch nicht auf das Fahrzeug schießen, in dem ihre eigenen Offiziere sind, und daß uns die Boote nicht einholen, dafür laßt uns sorgen.« »Daß sie es nur nicht hören, wenn Ihr den Schäkel In der Ankerkette sind in gewissen Zwischenräumen Bügel mit Bolzen oder Schäkeln angebracht, um die Kette, wenn es nöthig sein sollte, an den Stellen trennen und wieder zusammenfügen zu können, ohne ihr selber Schaden zu thun. Es geschieht das häufig, wenn der Seemann, besonders bei schwerem Wetter, genöthigt ist, seinen Ankergrund zu verlassen, und den Anker nicht heben kann. An der Kette wird dann eine Luft-Boje oder Tonne gelassen, um später den Ort finden zu können, wo der Anker liegt. ausschlagt. Wenn es nicht vorsichtig geschieht, fühlt man die Erschütterung durch's ganze Schiff, und die beiden Burschen find zu viel Seeleute, um nicht den Augenblick zu wissen, was das bedeutet.« »Weiß schon,« lachte der Malaye, »sobald wir staut Zwischen Ebbe und Fluth. Wasser haben und das Schiff nicht mehr an der Kette hängt, ist das im Nu geschehen. Schade nur um den Anker – vorsichtiger Weise habe ich eine Boje angeschlagen.« »Recht so, wir werden ihn uns schon wieder holen, wenn ihn die Brig da drüben nicht als Pfand behält,« lachte Moore. »Doch ich muß jetzt fort, daß meine beiden Herren keinen Verdacht schöpfen. Ich kann mich auf Dich verlassen?« »Saya, Toean,« sagte der Malaye lakonisch. Moore erwiderte kein Wort weiter. Er kannte den Burschen und betrat wenige Minuten später mit den für ihn bereit stehenden Flaschen die Kajüte, wo er seine Gäste schon seiner harrend fand. Das Essen wurde in diesem Augenblick vollständig aufgetragen und nahm vor der Hand die Aufmerksamkeit sämmtlicher dabei betheiligten Personen so vollständig in Anspruch, daß selbst nur abgebrochene Gespräche geführt werden konnten. Moore sprach zu gleicher Zeit der Flasche herzhaft zu, und selbst Ben Ali, Muselmann der er war, schien sich auf der See von den strengen Verboten seines Korans auf das Liberalste dispensirt zu haben. Mit so gutem Beispiel vor sich, ließen sich die beiden Offiziere denn auch nicht lange nöthigen, ohne jedoch den kräftigen Trank auch nur im Entferntesten unmäßig zu genießen. Sie kannten die Verantwortung, die sie hier übernommen, und wenn sie auch nicht den geringsten Verdacht gegen ihren jovialen halb Gefangenen, halb Gastgeber schöpften, waren sie doch viel zu gewissenhaft, sich nur das Mindeste dabei zu vergeben, oder irgend eine nöthige Vorsicht außer Acht zu lassen. Sie blieben daher Beide still und schweigsam, und dann und wann, bei dem geringsten Geräusch an Deck, trat Bolard auf die kleine Treppe, wo er den ganzen obern Theil der Dschunke übersehen konnte. Ihr Signal hing aber dort noch leuchtend aufgehängt, die Raaen lagen nieder, und nur der langsame, regelmäßige Schritt des wachthabende» Matrosen ließ sich hören. Eine eigenthümliche Veränderung war indessen mit dem vorher noch so ernsten und schweigsamen Ben Ali vorgegangen. Des Englischen vollkommen mächtig, wenn er dasselbe auch mit einem etwas fremdartigen Dialekt sprach, hatte ihn der Wein so beredt gemacht, daß er, nur erst einmal aufgethaut, das Wort allein führte und aus seinem an Thaten und Vorfällen überreichen Leben besonders für die Seeleute höchst interessante und spannende Skizzen zum Besten gab. Seit zwanzig Jahren fast an Bord eines oder des andern Fahrzeuges im Archipel, kannte er die Küsten fast aller Inseln, vom chinesischen Meer hinab bis zu der Torresstraße, war von den Piraten schon geplündert, von den australischen Wilden schon gespeert und gefangen worden, hatte auf holländischen Kriegsschiffen als Dolmetscher gedient und den Krieg gegen die Engländer mitgemacht, war dann von diesen auf Java angestellt worden, und erst als diese jene Insel wieder an ihre früheren Besitzer abtraten, zu dem Entschluß gekommen, selber Handel zu treiben und sein eigener Herr zu werden. Das Essen war ziemlich beendet und eine Stunde dabei im Fluge hingegangen, als das Gespräch durch Moore auf ein vor längeren Jahren an der chinesischen Küste gesunkenes Dampfschiff kam. Es stieß damals mit reicher ostindischer Fracht beladen an eine Klippe, wurde leck und ging auch in der nämlichen Nacht zu Grunde. Nur wenige Menschen waren im Stande gewesen, sich zu retten, und Bolard selber hatte, wie er sagte, seinen Vater dabei verloren. »Ihren Vater?« rief Ben Ali, der jetzt mit einer längeren Pfeife als vorher auf dem Sopha lehnte, indem er sich rasch emporrichtete, – »und war der mit unter jenen Unglücklichen, die der Tod selbst in der Kajüte ereilt, ohne daß sie im Stande gewesen wären, das Freie zu gewinnen?« »Gott weiß es,« sagte Bolard seufzend, indem er von seinem Stuhl aufstand, – »es ist auch eine zu traurige Geschichte, ihrer lange zu gedenken. – Aber ich glaube, die Ebbe wird bald eintreten, und es ist wohl Zeit, daß wir nach unserem Signal sehen.« »Ich habe schon Befehl dafür gegeben,« erwiderte Moore, ebenfalls seinen Stuhl verlassend, »und will selber gleich nachschauen. Uebrigens wird es uns hier unten gemeldet, sobald still Wasser eintritt. Apropos – jenes Schiff – wurde das an Bord befindliche baare Geld und was an Goldbarren vorräthig darin lag, nicht durch einen Taucher wieder heraufgeholt?« »Ich glaube, ja,« sagte Bolard, »und der Mann soll über das Entsetzliche, das er da unten in dem versunkenen Schiff gesehen, wahnsinnig geworden sein.« »Der Mann sitzt vor Euch!« sagte da der plötzlich ganz ernst gewordene Ben Ali mit hohler, fast geisterhafter Stimme. Der Arm, der die Pfeife hielt, war niedergesunken, sein Haupt hatte er gebeugt, und sein Blick hastete stier und unheimlich in der fernsten Ecke der Kajüte. »Sie selber?« rief Bolard, der sich schon gewandt hatte, die Treppe hinaufzugehen, indem er sich überrascht nach dem Araber umdrehte. »Ich selber,« sagte dieser, langsam mit dem Kopf nickend, »und noch jetzt, wenn ich an jene Stunden zurückdenke, rieselt mir das Entsetzen durch Herz und Seele bis in die Fußzehen nieder.« »Das müssen Sie uns erzählen,« rief Bolard, »nur einen Augenblick geh' ich auf's Deck, ich bin gleich wieder unten.« »Und ich werde indessen etwas besorgen,« setzte Moore, die beiden Fremden begleitend, hinzu, »das uns die Schauer wenigstens hier unten fern halten soll. Nicht umsonst habe ich mir einige Körbe Champagner in Batavia gekauft, und heute können wir versuchen, ob er ächt ist.« Als die drei Männer das Deck erreichten, fanden sie noch Alles, wie sie es vor dem Abendessen verlassen. Noch kam die Fluth ein, aber wie es schien langsamer. Nur der Wind hatte sich wieder etwas erhoben und wehte, wie immer in dieser Jahreszeit, von Nordosten her. Moore öffnete die Mittelluke und stieg hinab, um den Champagner heraufzuholen, und Bolard ging mit dem Masters-Mate indeß nach vorn, sah nach der Kette, die noch straff gespannt hing, warf einen Blick auf die Signal-Laterne und einen andern nach seiner Brig hinüber, die ebenfalls nur durch ihre ausgehängten Lichtsignale sichtbar war, und schritt dann langsam wieder mit seinem Kameraden der Kajüte zu. Die Leute an Bord schienen zu schlafen; selbst der wachthabende Chinese hatte sich in Lee der etwas erhöhten Mittelluke lang auf's Deck ausgestreckt und schaute still und schweigend nach dem dunkeln Himmel über sich hinauf. Das Licht der Laterne fiel voll auf sein Gesicht. »Eine merkwürdig stille Nacht heute,« sagte Moore, als er mit einem Arm voll bleibehalster Flaschen wieder dahin zurückkam, wo die beiden Offiziere noch standen, »aber ich denke, gegen Morgen bekommen wir mehr Wind. Der Himmel sieht dort drüben ganz danach aus.« »Wohl möglich,« sagte Bolard, nach Nordost hinübersehend, »ich glaube sogar, daß es noch vor Morgen kommt. Aber der Ankergrund ist gut, und so lange die Ketten halten, hat es nichts zu sagen.« »Hier überhaupt nicht,« meinte Moore, »denn die Insel schützt uns hinlänglich und hält das Schlimmste ab. Aber kommen Sie, Sir, der Champagner hier ist überdies nicht sehr kühl, und je eher wir ihn trinken, desto besser. Außerdem bin ich selber auf des Arabers Erzählung gespannt. Er hatte sich schon ordentlich einen kleinen Rausch angetrunken, und nur die Erinnerung an jene Zeit machte ihn im Nu wieder nüchtern.« Er stieg, ohne sich weiter an Deck umzusehen, in die Kajüte hinab, wohin ihm die beiden Offiziere folgten. – Ben Ali saß noch dort, wie sie ihn verlassen. Die Pfeife war ihm sogar ausgegangen und er schien die Rückkunft der Männer gar nicht zu bemerken. »Steward! he, Steward, andere Gläser!« rief Moore aufs Deck zurück, als er seine Gäste eingeladen hatte, ihre Sitze wieder einzunehmen. »Und nun, Ben Ali, macht Euch Luft. Die Geschichte liegt Euch doch auf dem Herzen, und je eher Ihr sie herunterbringt, desto besser.« Tschung-Ih selber brachte die Gläser und verließ augenblicklich die Kajüte wieder, während der Araber bei der Anrede rasch den Kopf erhob. Aber wie sich besinnend, hob er die Pfeife wieder zum Munde, zog daran, zündete sie dann langsam an einem auf dem Tisch stehenden Lichte an und sagte: »Wohl habt Ihr Recht, Freund. Auf dem Herzen liegt mir jener Tag – und ich glaube, ich habe Ursache dazu. Doch die Erzählung ist kurz, und Euch die Zeit zu vertreiben, mögen die Bilder jener furchtbaren Stunden noch einmal an meinem innern Blick vorübergleiten. Die Zeit, die alle Wunden heilt, hat sie überdies gemildert, und meine Worte werden die alte Kraft nicht mehr besitzen, sonst trieben sie Euch die Haare vor Entsetzen in die Höhe.« »Alle Wetter,« meinte der Masters-Mate, der neugierig in das bleiche Antlitz des Muselmanns schaute, »Ihr redet ja, als ob Ihr ein Gespenst gesehen.« » Ein Gespenst?« rief Ben Ali, ihn wild anstarrend, »aber hört, hört und urtheilt selbst. »Ich kam damals« – begann Ben Ali seine Erzählung – »gerade von Java zurück und zwar als Supercargo und Miteigenthümer eines kleinen Schooners, den ein Landsmann von mir alt in Batavia gekauft. Der Gewinn, den wir aus der Reise bis Kanton machten, war nur ein geringer, denn von einem Typhon erfaßt, litten wir Havarie und mußten viel Geld bezahlen, um unser kleines Fahrzeug wieder seetüchtig zu bekommen. Da hörte ich von dem versunkenen Schiff, das große Reichthümer an Bord haben solle, und daß der englische Bevollmächtigte in Kanton dem eine große Belohnung ausgesetzt habe, der das Gold und Silber aus der Kajüte desselben wieder zu Tage fördere. Ich selber war von Jugend auf ein trefflicher Schwimmer und noch besserer Taucher. Länger als irgend einer meiner Kameraden konnte ich unter Wasser aushalten, und oft zum Scherz hatte ich schon bei nicht allzu tiefem Wasser vom Grund des Meeres hineingeworfene Gegenstände wieder heraufgeholt. Die Belohnung lockte mich deshalb, ich meldete mich, und da das Schiff in verhältnißmäßig seichtem Wasser lag, fühlte ich mich ziemlich sicher, das einmal Unternommene auch durchzuführen.« Moore hatte, während Ben Ali sprach, eine Zigarre aus der auf dem Tisch stehenden offenen Kiste und das Licht vom Tisch genommen, und trat damit in die Ecke, die Cigarre anzuzünden. Dort stand, von den Uebrigen nicht bemerkt oder beachtet, ein Compaß, und ein einziger Blick darauf genügte dem Seemann, zu wissen, daß die Fluth vorüber sei und die Ebbe beginne. Das Schiff fing an sich zu drehen. Er setzte das Licht auf den Tisch zurück, nahm eine der Flaschen, löste den Kork und ließ ihn, ohne die Erzählung sonst zu unterbrechen, der Thüre zu abknallen. Während er die Gläser vollschenkte, fuhr Ben Ali fort: »Ein englisches Boot, mit allem Nöthigen versehen, brachte mich zu der Stelle, wo wir noch die oberste Spiere des großen Mastes eben konnten über die Oberfläche ragen sehen. Es war ein wundervoller windstiller Tag zwischen den beiden Monsunen und die See so klar, daß man deutlich aus dem Boot heraus die Lage des Schiffes erkennen konnte. Die Engländer hatten außerdem eine Taucherglocke herbeigeschafft, in der ich bis auf das Deck des gesunkenen Fahrzeuges niedergelassen werden sollte, und in die ich zurückkehren konnte, um etwas Luft zu schöpfen. Unten vom Deck aus mußte ich mir freilich meine Bahn in die Kajüte selber suchen, und wenn ich auch, der genauesten Beschreibung nach, ziemlich deutlich wußte, wo ich das Gold finden würde, blieb es doch immer ein böses und gefährliches Unternehmen, in die jedenfalls dunkle Kajüte hineinzukriechen. Ging mir der Athem dort aus und konnte ich nicht schnell genug wieder zurück, so war ich verloren. Außerdem hatte man mir schon vorher gesagt, daß ich im Innern wahrscheinlich noch einige Leichen finden würde, damit ich nicht, unten angelangt, erschrecken möge. Ein starker Sack, den ich bei mir trug und der an einer besonderen Leine hing, sollte, was ich fand, aufnehmen, um allein nach oben gezogen zu werden. »Mit einem Gewicht beschwert und voll guten Muthes glitt ich also in die Tiefe, denn Gold ist ein trefflicher Magnet und zieht die Menschen in der Erde Schluchten, in der Wasser Tiefen, über's Meer hinüber und durch Wüsteneien. Ich hatte vorher nicht gewußt, daß man auch in ein Grab danach steigen könne.« »In ein Grab ?« wiederholte Bolard. »Hören Sie,« sagte der Araber mit leiser, fast flüsternder Stimme. »Mit der Glocke wurde ich leicht auf's Deck und dicht neben den Eingang niedergelassen, der in die Kajüte führte. Hier schon versperrte mir ein todter Körper den Weg, der sich mit den Kleidern irgendwo eingehängt und, leicht geworden, oben an der Treppe schwamm. Ich überwand das Grausen, das mich beschlich, faßte und befreite ihn mit leichter Mühe, und die Leiche schoß, von dem Hinderniß gelöst, wie ein Kork nach oben. Ich wandte den Kopf nicht danach um und stieg jetzt rasch die ziemlich breite, aber nicht tiefe Treppe nieder, um die mir kurz zugemessene Zeit nach Kräften zu benutzen. Nur mit großer Anstrengung öffnete ich hier gegen den Druck des darin liegenden Wassers die Thür und – stand zu Stein erstarrt, als mein Blick das düstere Zwielicht, das mich umgab, durchdrang und das Entsetzen faßte, das mir aus jedem Winkel, aus allen Ecken, von der Decke, vom Boden, unter dem Tisch vor und von den Fenstern her entgegengrinste.« Er schwieg einen Augenblick und barg sein Antlitz in der rechten Hand, als ob er die Gedanken zurückdrängen wollte, die ihm auf's Neue das Blut rascher durch die Adern jagten. Endlich sah er wieder auf, leerte das vor ihm stehende und frisch eingeschenkte Glas mit einem Zug und fuhr langsam fort: »Was ich sah, war furchtbar – die ganze Kajüte lebte von Leichen, die durch das Oeffnen der Thür und die dadurch verursachte Strömung Bewegung erhalten hatten. Gleich vor mir unter dem Tisch und durch den Wasserdruck unter die Platte gedrückt, lag eine Frau, die wie Hülfe suchend den Kopf zu mir emporhob und mich mit den weitgeöffneten Augen anstierte. Andere, die sich im Todeskampf um die festgemachten Stühle geklammert, hatten noch jetzt ihren Griff nicht nachgelassen und bildeten wilde, furchtbare Gruppen, während das Gräßlichste von Allem dicht über mir, mein Gesicht fast mit den kalten Gliedern berührend, festgepreßt unter der Decke hing. Eine Frau, ihr kleines Kind an sich gedrückt, und zwei Männer, der eine in Uniform, der andere in einem leichten indischen Anzug, schwebten förmlich unter der Decke der Kajüte – Kopf, Arme und Beine niederhängend – den einen Arm der Frau mit dem Kinde ausgenommen, und jetzt – langsam im Schlag des Wassers mit den angeschwollenen Gesichtern und stieren Augen auf mich nieder nickend. Mehr sah ich nicht – die Sinne schwanden mir, und ich weiß nur, daß ich im letzten Bewußtsein und mit der Kraft der Verzweiflung zurück durch die Thür, die Treppe hinauffuhr und mich nach oben, an's Licht – an die Luft arbeitete. Halb ohnmächtig und von den Leuten im Boot anfangs nur für eine zweite Leiche gehalten, kam ich dort an, und es bedurfte einiger Zeit, bis ich mich dazu entschließen konnte, wieder hinab zu jener furchtbaren Gesellschaft zu tauchen. – »Das zweite Mal wußte ich wenigstens, was mich erwartete, und als sich mir die geschwollenen Glieder dort entgegenschlenkerten, wandte ich nur schaudernd den Kopf ab und suchte nach dem Gold. Ich mußte hierzu eine Kiste erbrechen, die in der Hauptkajüte stand. Die Werkzeuge hatte ich bei mir, aber länger, als ich dazu brauchte, konnte ich auch der Luft nicht entbehren und kehrte diesmal in die Taucherglocke zurück. Siebenmal drang ich solcher Art in die Kajüte ein und füllte endlich die Säcke, die, an dünnen, aber starken Tauen befestigt, auf mein Zeichen in das Boot gezogen wurden und den versenkten Schatz zu Tage förderten. »Das achte Mal war ich, nachdem ich vorher auf einige Stunden an Bord zurückgekehrt und mich in der frischen Luft erholt und gestärkt hatte, wieder nach unten gegangen, um des Capitains Secretär zu erbrechen, in dem sich noch eine Summe in spanischen Dollars befinden sollte. Wieder betrat ich, mit den Schrecken dort unten jetzt schon vollkommen vertraut, den düstern Raum. Ein Stuhl stand hier zwischen dem Sopha und der Capitainskajüte geklemmt, den ich erst lüften mußte. Ich that das rasch, ohne mich weiter umzusehen, als plötzlich die eine auf dem Sopha liegende Frau, deren Kleider jener Stuhl bis dahin wahrscheinlich festgehalten, die Arme in die Höhe warf. Entsetzt drehte ich mich nach ihr um, da hob sie sich empor, und mit stier auf mich geheftetem Blick, die Arme vorgestreckt, als ob sie mich fassen und halten wollte, schoß sie auf mich zu. »Das war zu viel für menschliche Nerven – das Blut drängte sich mir wie mit einem Schlage zum Herzen zurück, und das Gewicht, das ich in der Hand hielt, im Schreck fallen lassend, wollte ich der Thür zuspringen; dadurch aber leichter geworden, hob mich das Wasser unter die Decke zwischen die dort angepreßten Leichen – wohin ich griff, erfaßte ich todte aufgeschwemmte Körper, die sich alle nach mir zu drehen – mich nun zu greifen schienen. Ich fühlte dabei, daß mir die Luft ausging – sah mich schon im Geist verloren – todt zwischen diesen Entsetzlichen, ein Genosse ihrer furchtbaren Sippschaft, und nur die Verzweiflung, die mich erfaßt hatte, stählte meine Nerven so weit, daß ich mit gewaltsamer Kraftanstrengung nach unten tauchen und die Thür gewinnen konnte. »Ich war gerettet, aber keine Macht der Erde, keine Aussicht auf goldene Schätze hätte mich verlocken können, aufs Neue in das gräßliche Schiff hinabzusteigen. Die Engländer boten mir die Hälfte des Silbers, das ich, noch zu Tag bringen würde – sie versprachen mir –« »Was war das?« unterbrach da der Masters-Mate, von seinem Sitz aufspringend, die Erzählung. »Es klang wie das Knarren einer Raae,« sagte Bolard, rasch seinem Beispiel folgend, »das Schiff fängt an stärker zu schwanken.« »Sie werden noch ein paar Segel beisetzen,« meinte Moore ruhig, indem er die Gläser wieder füllte. »Keiner der Herren ist doch, wie ich hoffen will, den Unfällen der Seekrankheit ausgesetzt?« Bolard erwiderte nichts darauf. Mit zwei Sätzen war er oben an der Kajütentreppe, ohne jedoch von dem dort stehenden Malayen im Geringsten belästigt zu werden, und fand hier zu seinem Schrecken, daß die Dschunke, das große Mattensegel von dem Wind gebläht, in flüchtiger Schnelle durch die nur schwach gekräuselten Woge» glitt. »Verrath!« schrie der junge Mann, indem er ein Pistol aus dem Gürtel riß und es in die Luft feuerte. »Verrath, wo ist die Signal-Laterne?« »Die schwimmt an unserem alten Ankerplatz ruhig an einer Koje,« erwidert? ihm Moore, der ihm mit großer Kaltblütigkeit gefolgt war. »Ich fürchte fast, Sir, daß sie an Bord der Brig Ihr Zeichen nicht mehr hören werden.« »Herr,« rief der junge Offizier in blinder Wuth, »das ist nichtswürdig, das ist –« »Halt, junger Mann,« unterbrach ihn aber mit ernster, drohender Stimme der Dschunkenführer, »das wäre genug gesagt, wenn – Sie nicht eben mein Gefangener wären. Für jetzt verzeihe ich Ihnen diesen ersten Ausbruch getäuschter Erwartung und vielleicht auch unangenehmen Staunens, und benachrichtige Sie nur, daß Sie, sobald Sie sich ordentlich und ruhig verhalten, nebst Ihrem Masters-Mate auf dem Orang Makan nichts für Ihre eigene Person zu fürchten haben. Alles Weitere hängt jedoch von Ihrem Verhalten ab.« »Herr,« rief aber Bolard, durch die drohenden Worte nicht im Geringsten eingeschüchtert, »Sie vergessen, daß auf mein gegebenes Signal die Boote uns zu Hülfe eilen werden. Sie sind verloren, sobald diese nur in Rufes Nähe kommen.« »Sie könnten Recht haben,« lachte Moore still vor sich hin, »vorausgesetzt nämlich, daß der Fall wirklich eintrete und Ihre Brig Licht genug hätte, die Boote mit Ihren Kanonen zu unterstützen. Für jetzt aber hat das wohl keine Gefahr. Sehen Sie die beiden Lichter dort in weiter Ferne? Das eine ist Ihre gedrohte Brig, und das andere mit etwas röthlichem Scheine, das rechts davon herüberblitzt, ist die Signal-Laterne, die wir so frei waren, etwas vorsichtig natürlich, auf das Wasser niederzulassen. Ha – jetzt verdunkelt es sich – da kommt es wieder vor – ein Boot ist zwischen ihm und uns durchgeschwommen, und wie es scheint, haben Ihre Freunde schon unsere kleine, unschuldige List entdeckt. Sehen Sie, dort blitzt es auch schon an Bord. Es ist wirklich grausam, die sanft schlafenden Behörden von Hongkong so ganz unnöthiger Weise zu alarmiren.« Der laut rollende Donner eines Kanonenschlages dröhnte, noch während er sprach, durch die Nacht – aber er kam aus weiter Ferne, während das mächtige Mattensegel, jetzt nicht mehr durch die Berge der windwärts gelegenen Insel behindert, das kleine, schlanke Fahrzeug mit flüchtiger Eile über die schäumende Fluth dahinführte. Bolard war Seemann genug, um mit einem Blick zu sehen, daß die Dschunke ihre Flucht, für diese Nacht wenigstens, glücklich bewerkstelligt habe, denn an eine Verfolgung in der Dunkelheit blieb immer ein entsetzlich zweifelhaftes Unternehmen. Lichtete die Brig auch wirklich ihre Anker und setzte Segel bei, was sie zweifellos that, so machte ein einziger Strich, den sie verschieden in der Richtung steuerte, so großen Unterschied, daß mit Tagesanbruch die beiden Fahrzeuge weit aus Sicht und viele Meilen getrennt sein mußten. Alle Lichter an Bord der Dschunke waren sogleich gelöscht, oder doch so verhangen worden, daß sie nach außen hin nicht sichtbar blieben, und jede Minute vergrößerte die Entfernung zwischen ihr und ihren Feinden. »Und was denken Sie mit uns zu thun?« frug Bolard endlich, die Zähne in maßlosem Grimm fest zusammengebissen – »wir sind in Ihrer Gewalt.« »Als meine Gäste, versteht sich,« lachte Moore. »Vor allen Dingen haben wir noch Wein unten stehen, und Ben Ali ist uns den Schluß seiner Erzählung schuldig.« »Ist das wie ein Gentleman gehandelt,« frug Bolard scharf zurück, »des gefangenen Feindes noch zu spotten?« »Sie haben Recht,« sagte Moore, plötzlich ernst werdend, »und ich bitte Sie deshalb um Verzeihung. Für jetzt,« fuhr er dann in eben dem Ton fort, »brauche ich Ihnen kaum auseinander zu setzen, wie die Sachen stehen. Der Verdacht, den jene beiden chinesischen Herren gegen mich und mein wackeres Fahrzeug gefaßt hatten, war allerdings gegründet, und eine Untersuchung wäre mir nichts weniger als erwünscht gewesen, sie würde die braven Burschen, die Sie dort bis an die Zähne bewaffnet können stehen sehen, vielleicht gar vor der Zeit zu Tage gefördert und den Behörden bewiesen haben, daß mein kleiner Orang Makan doch nicht so ganz harmlos sei, als er zu scheinen wünschte, und eher seinem Namen als seinem Aeußern entspreche. Dank dem gewöhnlichen schleppenden Geschäftsgänge Ihres hierher verpflanzten europäischen Polizeisystems habe ich Zeit gewonnen, mich allen unangenehmen Auseinandersetzungen zu entziehen. Leider blieb mir dabei nichts Anderes übrig, als Sie mit mir zu nehmen. Fügen Sie sich in das Unvermeidliche ruhig, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie hier unbelästigt an Bord bleiben sollen, bis ich Gelegenheit finde, Sie auf irgend ein friedliches Fahrzeug, oder irgendwo an Land abzusetzen. Es ist das Einzige, was Ihnen überhaupt zu thun übrig bleibt.« »Die Brig wird Sie verfolgen,« sagte Bolard rasch. »Wohl möglich,« lachte Moore» »aber schwerlich finden. Lassen Sie das meine Sorge sein. Keinesfalls soll es mich in meinen Plänen hindern. Uebrigens steht Ihnen wie früher die Kajüte zu Gebote, wenn Sie es nicht vorziehen sollten, für jetzt an Deck –« »Wenn ich Ihnen hier nicht hinderlich bin,« unterbrach ihn Bolard, »so möchte ich Sie bitten, mich an Deck zu lassen.« »Sie haben zu befehlen,« lautete die freundliche Antwort des Piraten. »Was wir hier thun und treiben, braucht Ihnen kein Geheimniß zu bleiben; im Gegentheil wird es mich freuen, wenn Sie Zeuge find, Ihrem Befehlshaber, dem ich mich auf's Herzlichste zu empfehlen bitte, später Bericht darüber abzustatten. Nur in dem Falle, daß wir wirklich in Sicht der Brig kommen sollten, was ich übrigens nicht glaube, werde ich Sie ersuchen müssen, nach unten zu gehen. Sie werden einsehen, daß uns bei solcher Gelegenheit hier von Bord aus möglicher Weise gegebene Signale eben nicht erfreulich sein dürften.« Bolard verneigte sich kalt gegen den Piraten und überließ ihn jetzt sich selbst, nach seinem eigenen Fahrzeug zu sehen und dessen Leitung von da an zu übernehmen. Die Dschunke hielt indessen noch mehrere Stunden die eingeschlagene Richtung, bis die fernen Lichter von Hongkong am Horizont schon lange verschwunden waren. Plötzlich sanken die Raaen nieder, das Fahrzeug fuhr herum und legte bei, und eine Masse geschäftiger Hände waren im Nu bemüht, die neuen, durch ihre lichte Farbe auffälligen Mattensegel abzunehmen und andere, ältere dafür anzulegen. Auch bunte Wimpel, wie sie gewöhnlich die chinesischen Dschunken führen, wurden aufgezogen und das ganze Schiff von Allem befreit, was es in irgend etwas von einem der gewöhnlichen Kauffahrer dieser Art unterschied. Selbst aber als dies geschehen war, machte es nicht die geringste Anstalt, seine Flucht fortzusetzen, sondern trieb mit nackten Raaen und Spieren nur langsam vor Top und Takel mit dem Wind nach Lee zu. Alle Lichter waren dabei sorgfältig ausgelöscht. So lange die Dunkelheit währte, schienen auch Alle auf dem Schiff auszuruhen, wie das Fahrzeug selber. Zwei Wachen ausgenommen, die auf dem hohen Hinterdeck ihren Posten hatten, zog sich die sämmtliche Mannschaft in ihre Kojen zurück. Kaum aber zeigte sich im fernen Osten das erste Zeichen des dämmernden Tage», als reges, geschäftiges Leben in die wunderlich gemischte Bemannung der Dschunke kam. – Bolard, der die ganze Nacht kein Auge geschlossen und immer noch gehofft hatte, seine Brig werde zufällig in ihre Nähe kommen, um ihr auf Gefahr seines Lebens hin ein Zeichen zu geben, sah jetzt zu seinem Erstaunen, wie braune bewaffnete Gestalten von allen Seiten her sichtbar wurden. Aus dem Raum herauf wurden zugleich lange, wenn auch nicht sehr starke Geschützstücke gebracht und auf bis dahin schlau versteckten Drehern befestigt. Der friedliche Kauffahrer verwandelte sich mit einem Wort in unglaublich kurzer Zeit in eine der gar nicht so seltenen Raubdschunken jener Seen, ohne jedoch im Mindesten Anstalt zu machen, den einmal eingenommenen Platz weiter zu verlassen, als sie der Wind eben langsam vorwärts setzte. Nur die Ausgucks waren vermehrt und zwei der Leute oben in den kleinen Mast geschickt worden, um von dort einen besseren Ueberblick über das offene Meer zu erhalten. Die letzten Bergspitzen von Hongkong waren lange am Horizont verschwunden. Trotzdem schien die Aufmerksamkeit der Wachen nach jener Richtung hin am meisten beschäftigt. Schauten sie nach der Brig aus? – Diese war selbst vom Masttop aus nirgends zu erkennen und lag entweder noch auf ihrem alten Ankerplatz auf der Rhede, oder mußte an ihnen in der Dunkelheit der Nacht, wie Moore das von Anfang an berechnet, vorbeigesegelt sein. Für Bolard und seinen Masters-Mate blieb deshalb keine andere Wahl, als sich dem Unvermeidlichen eben geduldig zu fügen. »Zwei Dschunken von Nordost!« meldete da plötzlich etwa um elf Uhr Morgens der ausgestellte Posten. »Welche Richtung?« »Mit halbem Wind nach Südost herunter.« Moore stieg jetzt mit seinem Fernglas selber nach oben, um die beiden gemeldeten Fahrzeuge näher zu betrachten, und Ben Ali erschien zum ersten Mal, seit die Engländer an Bord waren, wieder an Deck. Aber sein Aussehen hatte sich verändert. Das lange morgenländische Obergewand war abgeworfen, und mit kurzen Beinkleidern und eben solcher Jacke, ein Stück bunten Kattun nur unter dem rechten Arm durch und über die linke Schulter geworfen, unter dem die Läufe von mehreren Pistolen und Khrisen hervorsahen, in der rechten Hand noch eine Flinte haltend, kam er jetzt die Treppe herauf und nahm, ohne die Engländer weiter zu beachten, seinen Platz auf dem obern Deck ein. Die beiden Dschunken waren indeß so nahe gekommen, daß sie leicht schon von Bord aus mit bloßen Augen erkannt werden konnten. Immer aber noch blieb der Orang Makan unthätig und jetzt nur mit kurzem Segel dicht am Winde liegend auf seiner Stelle. »Mr. Bolard,« wandte sich Moore, der eben wieder an dem Offizier vorüberging, an diesen, »Sie sehen die beiden Fahrzeuge dort?« »Allerdings, Sir.« »Es sind mit Opium beladene chinesische Dschunken, die ihre werthvolle Fracht in Hongkong eingenommen haben, um das theure Gift ihren Landsleuten auf Sumatra und den anderen Inseln zu verkaufen. Ist dem nicht so?« »Ich weiß es nicht,« antwortete der Seemann ausweichend »Allerdings lagen Fahrzeuge zu dem Zweck in Hongkong, und wenn ich nicht ganz irre, hat die Vermuthung, daß sie denselben gefährlich werden könnten, gerade die gegen Sie genommenen Maßregeln veranlaßt.« »Das etwa dachte ich mir,« lachte der Dschunkenführer. »Sie sehen leider, daß diese Vorsichtsmaßregeln vergebens genommen wurden.« »Sie wollen –?« »Die beiden Schiffe entern – eins wenigstens, da wir leider nicht Raum genug für beider Ladung haben. Es ist das ein böser Uebelstand meines kleinen Fahrzeuges, der mich nächstens veranlassen wird, mein Geschäft zu vergrößern. Vielleicht bietet sich heute eine Aussicht dazu.« »Bedenken Sie,« rief Bolard erschreckt, »daß Sie damit den Seegesetzen aller civilisirten Nationen vollkommen verfallen sind, und wenn man Sie einfängt –« »Einfach gehangen werden,« erwiderte Moore gleichmüthig. »Ich weiß das. Lassen Sie sich das aber nicht beunruhigen. Ihre Seegerichte nicht zu bemühen, ist meine einzige Sorge, und ich werde ihnen schon aus dem Weg gehen. Aber die Dschunken kommen näher – Mr. Bolard, Klugheit zwänge mich allerdings, Sie jetzt in den untern Raum zu schicken, einestheils um später keinen Zeugen gegen mich zu haben, anderntheils Sie zu verhindern, gegen mich Partei zu nehmen. Der erstere Grund soll mich nicht abhalten, Sie wie Ihren Kameraden bei dem, was jetzt folgen wird, frei auf dem Deck zu lassen, wenn Sie Beide mit Ihr Ehrenwort geben, daß Sie sich an einem möglichem Kampfe nicht betheiligen wollen. Ueberlegen Sie sich die Sache,« fuhr er fort, als Bolard mit der Antwort zögerte. »Noch haben wir etwa eine Viertelstunde Zeit, bis dahin bitte ich Sie aber, mir Ihren Entschluß mitzuteilen.« Die Dschunken kamen indessen rasch heran, und auch auf dem Orang Makan wurde das vordere Segel jetzt langsam aufgezogen. Bolard sah aber deutlich, daß sie die beiden Fahrzeuge nur in Lee bekommen wollten, um ihrer Beute dann um so rascher gewiß zu sein. Dies noch schneller zu erreichen, lagen sie dicht am Wind, ihren Cours anscheinend auf Hongkong zu nehmend. An Bord der anderen Dschunken war übrigens das mit kleinen Segeln beiliegende Fahrzeug ebenfalls bemerkt und wahrscheinlich auch für verdächtig gehalten worden, denn beide Dschunken hielten sich näher zusammen und fielen etwas mehr vor dem Winde ab, dem andern aus dem Wege zu kommen. Der Orang Makan nahm indessen nicht die geringste Notiz von ihnen, sondern hielt seinen Cours und setzte seine übrigen Segel bei. Die beiden Opiumfahrer sollten jedoch nicht lange über das, was er wirklich beabsichtigte, in Zweifel bleiben, denn kaum hatte er ihnen den Wind abgewonnen, als er ebenfalls vor dem Wind herumging und ohne Weiteres Jagd auf sie machte. Die Chinesen schienen im Anfang unschlüssig, was sie thun sollten, und blieben bei einander. Bald aber mußten sie sich über ihren Schlachtplan verständigt haben, denn plötzlich trennten sie sich, und während der eine den Wind noch voller faßte und zu entkommen suchte, luvte der andere mehr dagegen an und schien den Feind erwarten zu wollen. »Merkst Du die List, Ben Ali?« sagte Moore, ingrimmig vor sich hin lächelnd, indem er selber das Steuer ergriff und dem ersteren nachhielt. »Wahrscheinlich hat die Brig den Cours angenommen,« erwiderte der Araber ruhig, »und das langsamere Fahrzeug will derselben näher kommen, während das schnellere uns hier aufhalten soll.« »So wird's sein,« nickte Moore, »aber sie haben sich in ihrer Rechnung geirrt. Erst die gewisse Beute sicher, mit dem Andern werden wir dann auch schon fertig.« Es war eine kurze Jagd. Die Dschunke der Seeräuber zeigte sich dem schwerbeladenen Kauffahrer viel zu schnell, als daß dieser dem Verfolger hätte lange entgehen können. In kaum einer halben Stunde war der Orang Makan, ohne einen Schuß zu feuern, neben seinem Opfer, und der Ruf des Piraten forderte die Mannschaft auf, sich zu ergeben. Die andere Dschunke hatte allerdings einmal Miene gemacht, zu wenden und ihrem Kameraden zu Hülfe zu eilen, sich jedoch eines Besseren besinnend, schien der Führer derselben nur darauf zu denken, seine eigene Fracht in Sicherheit zu bringen, und floh jetzt, alle Segel beigesetzt, dem Süden zu. Natürlich hoffte er, daß das Fahrzeug durch die Plünderung der andern Dschunke lange genug aufgehalten würde, um sein Entkommen möglich zu machen. Moore dachte aber anders. Er hatte Ben Ali das Steuer überlassen und ging zu seinen Leuten nach vorn, um das Entern zu leiten. Als er zu dem Offizier kam, der mit verschränkten Armen an der Schanzkleidung lehnte, redete er diesen an: »Nun, Sir, es ist die höchste Zeit; Sie sehen, wir werden jenen Langzöpfen augenblicklich unsern Besuch abstatten, wollen Sie sich den Spaß mit hier oben ansehen, oder ziehen Sie es vor, nach unten zu gehen?« »Ich sehe nicht das mindeste Zeichen,« erwiderte dieser, »daß die feigen Burschen da drüben auch nur an irgend einen Widerstand denken. Sie laufen rath- und kopflos zwischen einander herum. Unter diesen Umständen wird sich mir nicht die geringste Gelegenheit bieten, Ihnen feindlich entgegenzutreten.« »Sie geben mir also Ihr Ehrenwort, daß Sie sich mit Ihrem Masters-Mate ruhig und neutral verhalten wollen?« »Ich gebe es für mich und ihn.« »Desto besser, und nun an die Arbeit, Jungens!« »Sie werden hoffentlich das Blut jener Unglücklichen nicht vergießen!« rief Bolard besorgt. »Denke nicht daran,« lachte Moore, »so lange sie mich nicht selber dazu zwingen.« Ben Ali hatte indessen dem Führer der chinesischen Dschunke in dessen eigener Sprache seine Befehle hinübergerufen, und dieser, der wohl einsah, daß er rettungslos verloren sei, ließ seine Raaen rasselnd an Deck fallen. Der Orang Makan glitt langseit, auch seine Raaen fielen, und im nächsten Augenblick schwärmte das Deck des Chinesen von bewaffneten braunen Gestalten, die rasch an seinen Bord hinübersprangen. Diese aber, mit Aexten bewehrt, kümmerten sich gar nicht um die entsetzte Mannschaft, sondern griffen ohne Weiteres die Masten selber an. So, während einige von ihnen die Raaen wieder aufholten, daß der Wind etwas in die Segel griff, brachen schon nach wenigen Minuten die Masten unter den kräftig geführten Streichen der Uebrigen prasselnd zusammen und ließen das arme Fahrzeug, ein Wrack, auf dem Wasser schwimmen. Die gellende Pfeife Moore's rief in dem nämlichen Augenblick seine eigenen Leute an ihren Bord zurück. Im Nu gehorchten diese dem Befehl, die Taue, die bis jetzt das erbeutete Schiff gehalten, wurden gekappt, die Raaen flogen wieder in die Höhe, und diese Chinesen trauten ihren Sinnen kaum, als der gefürchtete Feind, der sie eben erst geentert, sie schon wieder ihrem Schicksal überließ und mit geblähten Segeln der andern Dschunke folgte. – Aber gerettet waren sie darum nicht. Moore wußte recht gut, daß ihm das verkrüppelte Fahrzeug nicht mehr entgehen könne, und jetzt begann die Jagd, das andere einzuholen. Die zweite Dschunke war etwas flüchtiger als die erste und hatte durch den Aufenthalt des Räubers einen größeren Spielraum gewonnen. Sie ging aber mit ihrer schweren Ladung ebenfalls zu tief im Wasser, und wenn sie auch das Endresultat verzögern mochte, verhindern konnte sie es nicht. Nach zweistündiger Jagd war der Verfolger ihr in Rufs Nähe gekommen und forderte auch sie auf, die Segel zu streichen. War hier die Dschunke besser bemannt und bewaffnet, oder der Capitain muthiger, aber dem Befehl wurde keine Folge geleistet. Im Gegentheil antwortete eine Kugel dem Ruf des Räubers, die ein Stück von der Schanzkleidung hinwegriß und einen der Piraten verwundete. »Der Bursche zeigt die Zähne,« lachte Ben Ali, »gebt aber keinen Schuß zurück; wir brauchen die Dschunke und wollen sie uns nicht selber verkrüppeln.« »Du hast Recht, Ben Ali,« rief Moore seine eigene Büchse aufgreifend, »aber den Burschen selber möchte eine Lection gut sein. Haltet nur scharf hinan, daß ich den Steuermann in Schußnähe bekomme.« Wieder blitzte es vom Bord des Opiumfahrzeugs herüber, und die Kugel riß diesmal einen dünnen Spahn aus dem Mast des Räuberschiffs. »Alle Teufel, sie zielen gut und werden uns durch ihr verdammtes Kanoniren am Ende noch den frühzeitigen Besuch verwehren wollen. Dichter hinan, Ben Ali, dichter hinan! Sobald wir ihnen den Wind nehmen können, sind sie ohnedies unser.« Der Chinese war allem Anschein nach ein trefflicher Segler, aber, wie schon gesagt, so schwer beladen, daß er fast bis an die Schanzkleidung im Wasser ging. Der Orang Makan dagegen schäumte leicht durch die Wogen hinter ihm her und hatte sich an seine Beute schon bis auf kaum einen halben Büchsenschuß hingearbeitet. »Streicht Euer Segel!« donnerte da Ben Ali's Ruf noch einmal über das Wasser, »oder wir morden, was wir lebendig an Bord finden.« Ein dritter Schuß vom Bord des zur Verzweiflung getriebenen Kauffahrers war die Antwort, aber der Schütze hatte nach dem Mast gezielt, als einzige Hoffnung, dem schnellen Räuber zu entgehen, und die Kugel riß nur eine der Leepardunen weg, ohne dem Fahrzeug weiteren Schaden zu thun. In demselben Augenblick fast drückte Moore auf den am Steuer stehenden Matrosen ab und schoß den armen Teufel durch den Kopf, daß er lautlos zusammenbrach. Wie dieser das Steuer losließ, drehte es sich auf; das Segel fuhr in den Wind und schlug back, ehe der zuspringende Capitain es verhindern konnte. Im nächsten Augenblick fast war der Räuber an seiner Seite, die Enterhaken flogen aus, und während das eigene Segel niederfiel und die vorderen ebenfalls back gebraßt wurden, sprangen die Enterer über Bord als Herren der Beute. Aber sie fanden keinen Feind, den sie bekämpfen konnten, denn wie Katzen liefen die erschreckten armen Teufel von Chinesen an ihren Wanten hinauf, dem ersten Anprall der gefürchteten Gegner zu entgehen und der Capitain, sich so von Allen verlassend sehend, konnte natürlich allein keinen Widerstand leisten. War es nun, daß Moore die Gegenwart der Engländer scheute, oder dachte er selber menschlich genug, Blutvergießen soviel als möglich zu verhindern, aber sein Befehl rief seine Schaar von jeder weiteren Verfolgung ab. Rasch wurde nun die Prise mit den bewaffneten Malayen bemannt, und während man die nach oben geflüchteten Chinesen zwang, herabzukommen und in den Raum niederzusteigen, über dem die Luken geschlossen wurden, befreiten Andere das Fahrzeug von den angeschlagenen Tauen, richteten die Segel auf's Neue und kehrten im Fahrwasser des ihnen vorangehenden Orang Makan dorthin zurück, wo sie das Wrack verlassen hatten. An Bord der entmasteten Dschunke hatten die Leute indessen ihr Aeußerstes gethan, das Wrack von Holz und Tauen zu befreien und einen Nothmast zu errichten, der sie außer Bereich ihres Feindes bringen könne, aber umsonst. Der Orang Makan kehrte schneller, als sie gehofft, zurück, und die Mannschaft selber wurde gezwungen, den Theil ihrer Fracht, der irgend werthvoll war, besonders das Opium, in das Raubschiff überzuladen. Dabei brach der Abend an, ohne daß sie ihre Arbeit hätten unterbrechen dürfen. Fortwährend wurden Ballen und Kisten aus dem untern Raume des Chinesen heraufgeschafft, um auf den Räuber übergeladen zu werden, bis Ben Ali die Ladung für geschlossen erklärte und nichts weiter einnehmen wollte. Die Mannschaft der letztgenommenen Dschunke wurde dann auf das entmastete Schiff beordert, und ebenso frug Moore seine beiden Gefangenen, ob sie es vorzögen, an seinem Bord zu bleiben, oder ob sie lieber den Versuch machen wollten, mit dem verkrüppelten Fahrzeug Hongkong wieder zu erreichen. Die beiden Offiziere entschieden sich augenblicklich für das letztere. Viel lieber wollten sie den Gefahren trotzen, die ihnen von den Elementen drohten, als noch länger die Gefangenen einer Bande von Räubern sein, die mordend und plündernd ihre gesetzlose Bahn zogen. Den Piraten lag natürlich nichts daran, sie festzuhalten, wo jetzt nur ihr einziges Ziel darauf gerichtet war, die gemachte reiche Beute so rasch als möglich in den nächsten sicheren Hafen einzubringen und zu verwerthen. Das Ueberschaffen der Mannschaft war bald geschehen, und noch vor Tag segelten jetzt die beiden Dschunken mit geblähten Segeln gen Süden, das Wrack gedrängt voll Menschen den Wellen und seinem guten Glück überlassend. Moore führte dabei sein eigenes Fahrzeug, während Ben Ali den Befehl der erbeuteten Dschunke übernommen hatte. Hier an Bord ließ er vor allen Dingen die Ladung nachsehen und davon Alles über Bord werfen, was nicht irgend Werth besaß, um sein Fahrzeug dadurch so viel als möglich zu erleichtern. Als der Tag anbrach, liefen die Dschunken denselben Cours, dem die eine derselben schon am vorigen Tag gefolgt war, der Nordküste von Manila zu. »Segel in Sicht!« lautete da plötzlich der Ruf vom Deck, und dicht am Wind, ihre Bahn kreuzend, entdeckten sie plötzlich ein amerikanisches Fahrzeug, wie sich bald auswies eine Brig, die von Süden heraufkommend gegen Hongkong anzusegeln schien. Ihre Gläser verriethen ihnen bald die Kriegsbrig, und nach kaum einer halben Stunde blieb es keinem Zweifel mehr unterworfen, daß sie ihr böser Stern gerade ihrem gefährlichsten Feind und Gegner in den Weg geführt hatte. Flucht war nicht mehr möglich, sie hätten denn müssen den größten Theil ihrer werthvollen Fracht über Bord werfen, ihre Fahrzeuge zu erleichtern, und selbst dazu blieb ihnen nicht einmal mehr die Zeit. Die Brig kam immer näher, und jetzt sogar dröhnte ein Schuß über Wasser herüber, ein Zeichen für sie zum Beilegen, wenn sie sich nicht als Feind wollten behandeln lassen. Die beiden Dschunken segelten so dicht neben einander, als es die beiden breiten Raaen verstatteten, und an Bord der Brig hatten sie allerdings nicht den geringsten Verdacht, daß die eine von ihnen das gefürchtete Raubschiff sein könne. Moore nämlich, durch manche ähnliche Gefahr gewitzigt, war klug genug gewesen, seine Spieren zu kürzen und das hintere Deck mit Matten zu überhängen, so daß sein kleines Fahrzeug mit den älteren Segeln und bunten Wimpeln sich in nichts mehr von all' den übrigen, nach einem Muster gebauten chinesischen Dschunken unterschied. Auch ging er heute viel tiefer im Wasser, als er bei Hongkong gelegen, und hatte dadurch schon ein ganz anderes Aussehen gewonnen. Nur Erkundigung wollte der Capitain einziehen, ob Niemand an Bord der Dschunken den flüchtigen Räuber gesehen, um der Richtung dann zu folgen, und er fand auch nichts Auffälliges darin, daß nur der eine Kauffahrer seinem Befehle gehorchte und augenblicklich beidrehte, während der andere, wie um seinem Kameraden nicht weit vorauszulaufen, einige leichte Segel einzog und langsam seinen Cours verfolgte. Ben Ali mit dem erbeuteten Fahrzeug erwartete während der Zeit vollkommen ruhig das nach ihm ausgesandte Boot, und empfing den zweiten Lieutenant, der ihm an Bord geschickt wurde, mit all' der tiefen Demuth und Förmlichkeit, welche die Bewohner des indischen Archipels nur zu sehr dem Europäer gegenüber angenommen haben. Moore indessen beobachtete mit ängstlichem Herzklopfen und einer jeden Augenblick peinlicher werdenden Spannung den Erfolg ihrer List, von der nicht allein die Sicherung ihrer Beute, von der ihrer Aller Leben abhing. Es giebt aber kaum einen schlaueren Volksstamm, als die Araber sind, und unter seinen Landsleuten war Ben Ali der Schlaueste. Nach etwa einer Viertelstunde, die der Offizier an Bord der Dschunke zubrachte, um dann, gefüllt mit falschen Nachrichten, zu seinem Obern zurückzukehren, verließ das Boot wieder den Chinesen, der seine Segel setzte und, so rasch es ihm die schwere Fracht erlaubte, dem Gefährten folgte. Die Brig dagegen hatte kaum ihre Mannschaft an Bord und das Boot aufgehißt, als sie ihre Raaen umbraßte und, der Weisung Ben Ali's folgend, mit allen beigesetzten Segeln einen Westcours einschlug. Wie ihre letzten Spieren am Horizont verschwunden waren, änderten auch die Dschunken ihren Cours und steuerten, den Wind jetzt voller benutzend, mit ihrem Raub fröhlich dem Süden zu. Die Goldbarren Es sind jetzt etwa sechs oder sieben Jahre verflossen, daß das –er Schiff Isegrimm, von Kanton kommend, nach Batavia segelte. Das Wetter war herrlich, der Monsun günstig, und das wackere Fahrzeug lief, fast vor dem Wind, schäumend und wie tanzend seine Bahn dahin. In der Nähe der Küste schwärmte die See ordentlich von einer wahren Unmasse kleiner und größerer Dschunken, die mit ihren wunderlich geformten Segeln bald vor, bald dicht am Wind ihre verschiedenen Bahnen verfolgten. Weiter im Chinesischen Meere drin wurden aber diese seltener und seltener, und zuletzt tauchte nur noch dann und wann einmal ein einzelnes Segel am Horizont auf. Der Morgen brach wieder an und die Sonne stieg glühend am wolkenreinen Himmel empor. Die Leute, die das Deck wuschen, hatten gerade voraus wieder ein Fahrzeug entdeckt, aber nicht ausmachen können, was es eigentlich sei – auch wirklich nicht besonders darauf geachtet. Desto aufmerksamer betrachtete es sich der Obersteuermann, der mit dem Fernrohr auf dem Quarterdeck stand, und nur manchmal das Glas vom Auge nahm und mit dem Kopfe schüttelte. Endlich schien er aber doch mit sich im Reinen, denn er schob das Glas zusammen und stieg die Treppe hinunter, wo er an des Capitains Kajüte klopfte. »Hallo, Captein. – – Captein!« »Ja, Stürmann – was giebt's?« »Grad' vor uns, etwa einen halben Strich vom Landbordbug, liegt ein Wrack – sieht aus wie eine Dschunke. Sollen wir drauf zu halten?« »Ein Wrack!« sagte der Capitain, mit beiden Beinen aus seiner Koje springend; »hm, Stürmann, da müssen wir doch wohl sehen, was drauf ist. Nur einen halben Strich? –« »Nicht weiter.« »Gut – dann laßt uns gerade drauf zu halten – was liegt an?« »Cours.« »Der Wind?« »Schwach.« »Desto besser. Ich bin gleich oben.« Es dauerte wirklich nur wenige Minuten, und der Capitain war in seine vor der Koje liegenden Kleider gefahren und an Deck, wo er freilich, nach ächter Seemannsart, den ersten Blick nach Wind, Segeln und Compaß warf. Dann aber trat er an die Seite seines Steuermanns, der ihm das Fernrohr schon wieder gerichtet hatte und die Stelle mit dem ausgestreckten Arm bezeichnete, an der das Wrack auf den Wellen schaukelte. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, denn das jedenfalls verlassene chinesische Fahrzeug ließ sich schon recht gut von Deck aus mit bloßen Augen erkennen. Dem steuernden Matrosen war auch schon der Befehl gegeben, gerade darauf zuzuhalten, und der Isegrimm glitt mit der günstigen, aber schwachen Brise langsam dem entmasteten kleinen Fahrzeug entgegen. Für ein Wrack interessirt sich übrigens die ganze Mannschaft, da die ganze Mannschaft gewöhnlich einen Antheil erhält, wenn die gefundene Ladung eben werthvoll ist. Die Leute beendeten deshalb auch so rasch als möglich ihr Deckwaschen und nahmen in aller Hast ihr Frühstück ein, denn nachher, das wußten sie schon, blieb ihnen nicht mehr viel Zeit dazu übrig. Der Isegrimm rückte indessen dem Wrack allmählich näher. Der Steuermann war mit dem Fernrohr in die Fock-Marsen gestiegen, um von dort aus schon von Weitem zu erkennen, ob noch Leute an Bord wären, und die Matrosen standen mit Tauen bereit, um, sobald ihr Fahrzeug langseit laufen würde, hinüber zu springen und das Wrack fest zu machen. Einzelne Segel waren indessen eingenommen; dicht an die Dschunke herangekommen, wurde das Vormarssegel backgebraßt, und als der Isegrimm, jetzt nur noch ganz langsam durch die Fluth steigend, an dem verlassenen Fahrzeug vorüberglitt, warfen die Matrosen die Taue hinüber und folgten dann selber mit katzenartiger Behendigkeit nach. Wenige Minuten später hing der Chinese im Schlepptau des stattlichen Schiffes und so dicht hinter dem Spiegel desselben, daß die Leute bei der kaum bewegten See recht gut an dem befestigten Bugspriet desselben aus- und einklettern konnten. Selbst der Capitain stieg mit hinüber und ließ den Steuermann vor allen Dingen erst einmal die Kajüte öffnen, ob nicht vielleicht Leichen im Innern derselben lägen und eine Seuche die Mannschaft getödtet oder gezwungen habe, das Schiff zu verlassen. Nichts Derartiges war aber darin zu finden. Kein lebendes oder todtes menschliches Wesen schien an Bord zu sein, und nur die zerknickten Masten gaben Zeugniß, daß wahrscheinlich der letzte Typhon die Dschunke getroffen habe, wonach die Mannschaft in blinder Furcht ihre Rettung in dem kleinen Boot suchte. In der Kajüte umhergestreute Lebensmittel machten das nur noch wahrscheinlicher, und nichts Anderes schienen die Schiffbrüchigen auch in ihrer panischen Furcht mitgenommen zu haben, da selbst des Capitains Schrank in der Kajüte unberührt, ungeöffnet stand. Während der Capitain jetzt die Untersuchung der Kajüte übernahm, wurde der Steuermann in den Raum geschickt, um nach der Fracht zu sehen. Der Capitain machte indessen an chinesischen Kleidern und anderen Kleinigkeiten reiche Beute, und fand sogar einen ziemlich schweren Sack mit spanischen Dollars, von denen er an seinem Körper vor allen Dingen soviel als irgend möglich barg. Damit kehrte er dann, was einige Schwierigkeiten hatte, an Bord seines eigenen Fahrzeugs zurück, sich der angenehmen Last zu entledigen und den Besuch so rasch als möglich zu wiederholen. Wie er aber den Bord der Dschunke zum zweiten Mal bestieg, kam ihm dort sein Steuermann mit fahlbleichem Gesicht entgegen. »Was giebt's, Stürmann?« rief dieser erschreckt – »Ihr seht ja wie ein Todter aus. Ist Euch etwas geschehen?« »Captein« – rief aber der Steuermann und brachte die Worte kaum über die zitternden Lippen, »die Dschunke – die Dschunke hat – hat Gold geladen.« »Gold? – den Teufel auch!« rief der Capitain und war mit einem Satz wieder drüben – »Ihr träumt wohl, Stürmann?« »Da seht selber,« sagte der Seemann und zitterte vor Aufregung am ganzen Leibe, während er dem Capitain ein paar kleine Barren goldgelben, gewichtigen Metalls entgegenhielt – »was ist das ?« Der Capitain griff hastig danach, wog den einen Barren in der Hand, und winkte dann dem Steuermann mit den Augen, ihm in die Kajüte der Dschunke zu folgen. »Steuermann,« sagte er hier mit leiser, flüsternder Stimme – »wie viel – wie viel solcher Barren liegen an Bord?« »Und ist es nicht Gold?« frug dieser zurück. »Wie viel solcher Barren liegen an Bord?« wiederholte aber der Capitain, ohne die Frage zu beantworten. »Wenigstens fünfhundert,« sagte der Steuermann jetzt, von dem geheimnißvollen Wesen des Capitains selber angesteckt. »Und wo liegen sie?« »In einem kleinen Verschlag dicht unter der Kajüte, den ich erst aufbrechen mußte.« Der Capitain schwieg, und erst nach längerer Pause sagte er zögernd: »Wissen die – Leute etwas davon?« »Nein,« flüsterte der Steuermann – »aber – wenn nun –« »Steuermann,« sagte der Capitain mit feierlicher Stimme, » den Fund hat uns der liebe Gott geschickt. Wir haben Beide Frau und Kinder zu Haus und für unsere Rheder schon gethan, was sie nur verlangen können. In Californien, als die ganze Mannschaft davonlief, sind wir Beide allein an Bord zurückgeblieben und haben den Rhedern das Schiff erhalten, und kein Gold hat uns dort verlocken können, unserer Pflicht untreu zu werden. Aber welchen Dank haben wir dafür gehabt? – unser Lohn ist fortgegangen – ein Gehalt, für den nicht einmal ein Schiffsjunge in Californien gearbeitet hätte, und wie wir zurückkamen, sagten die Herren im Comptoir noch nicht einmal: danke, Capitain, danke, Steuermann.« »Oh,« meinte der Steuermann, »es fehlte gar nicht viel, so hätten wir auch noch Nasen gekriegt, daß uns die Leute überhaupt nicht an Bord geblieben waren und wir schweres Geld für Andere zahlen mußten « »Na ja, Steuermann,« fuhr der Capitain fort – »damals sind wir vielleicht Esel gewesen und haben unser Glück mit Füßen von uns gestoßen, aber – es war eben unsere Pflicht, und ich werde nie im Leben bereuen, die erfüllt zu haben. Es ist mein Stolz. Wenn wir aber jetzt wieder nur an unsere Rheder denken wollten, dann hätten unsere Frauen und Kinder Recht, wenn sie uns noch im Grabe fluchten, und ich meines Theils sehe nicht ein, weshalb den Kaufleuten daheim das allein gehören soll, was wir hier auf offener See, gewissermaßen auf offener Straße finden. Ich denke, die Rheder dürfen vollkommen zufrieden sein, wenn wir ihnen ihren Theil der Ladung lassen und das bischen Gold für uns behalten.« »Ja, Capitain,« sagte der Steuermann, dem das auch einzuleuchten schien, »aber wenn die Mannschaft nun von der Sache Wind bekommt? Das Volk kann im Leben das Maul nicht halten, und nachher –« »Kaufen wir uns Jeder ein Schiff,« sagte sein Vorgesetzter, »und lassen die Leute eben schwatzen was sie wollen. Wenn wir im ostindischen Archipel herumschwimmen, kann es uns ganz entsetzlich gleichgültig sein, ob die Dintenklexer daheim die Nasen rümpfen oder nicht. Die vernünftigen Leute aber werden nicht wieder sagen wie damals: »der Capitain war ein Esel« – sondern sie werden meinen: »diesmal hat er es nicht so dumm angefangen, wie das erste Mal.« Uebrigens brauchen die Leute gerade nicht mehr von den gelben Stangen da zu wissen, als wir ihnen eben sagen wollen. Was hat die Dschunke sonst noch für Ladung ein?« »So viel ich bis jetzt gesehen habe, Thee ,« sagte der Steuermann, »vielleicht auch noch irgendwo ein paar Kisten Opium weggestaut –« »Na ja, dann ist Alles in Ordnung,« schmunzelte der Capitain; »die Brise wird immer schwächer, je höher die Sonne steigt, und wir können das Wrack bequem langseit nehmen. Während dann die Ladung übergehoben wird, bringen wir auch die Barren für uns in Sicherheit, und wenn jemand Anderes etwas davon erfährt, sind wir eben nur selber schuld daran.« »Und die ganzen Barren sollen wir für uns behalten, Captein?« frug der Steuermann, der solchen Reichthum noch gar nicht fassen und begreifen konnte. »Die Rheder machen genug Verdienst an der übrigen Ladung,« meinte sein Vorgesetzter trocken. »Und sind keine Schiffspapiere da?« »Ein paar Bücher liegen da unten,« brummte der Capitain, »aber nur mit solchen Figuren vollgemalt, wie sie auf den Theekisten stehen. Da soll der Teufel daraus klug werden.« »Und was mag solcher Barren wohl werth sein?« »Hm,« sagte der Capitain und wog das Gold in der Hand – »drei Pfund hat so ein Stück gewiß, und wenn wir das Pfund nur zu zweihundert Dollar rechnen, kommt für uns auf den Mann etwa fünfzigtausend Dollar. Da können wir lange fahren, ehe wir so viel verdienen.« »Fünfzigtausend Dollar!« rief der Steuermann fast erschreckt aus. »Das sind weit über sechzigtausend Thaler, dafür kauft man sich ein Schiff und kann sich's aussuchen.« »Das sollt' ich meinen,« rief der Capitain, »und die Rheder würden nicht schlecht lachen, wenn wir es ihnen in die Taschen steckten. Aber jetzt laßt uns sehen, daß wir das Wrack langseit bekommen. Wenn wir die Schamfielblöcke dazwischen legen, kann es keinen Schaden thun, und die Leute mögen dann rasch daran gehen, die Ladung überzunehmen. Die bringt überdies mehr ein als das bischen Fracht, das wir in Kanton bekommen haben.« Dem Steuermann schwindelte der Kopf ordentlich. – Sechzigtausend Thaler – so viel hatte er sich bis dahin noch nicht einmal auf einem Fleck zusammen gedacht , und das sollte Alles sein eigen sein – sollte ihm gehören, daß er damit gehen konnte, wohin er wollte. – Wie in einem Traum gab er die verschiedenen nöthigen Befehle, und während der Isegrimm jetzt vollständig beilegte, und die Dschunke in Lee und langseit nahm, sprangen die Matrosen an die willkommene Arbeit, die ja auch ihnen außergewöhnlichen und ersehnten Lohn versprach. Die Kisten wurden rasch nach einander mit einem Flaschenzug übergehoben, oder auch mit den Händen zugereicht, und der zweite Steuermann überwachte das Ganze, notirte die Zahl der Kisten und wies ihnen ihren Raum im untern Verdeck an. Der Steuermann selber ging indeß daran, ihre Barren in Sicherheit zu schaffen, das heißt aus dem untern Raum der Dschunke herauszutragen und sie dem Capitain zuzureichen, der sie dann eigenhändig in seine Kajüte spedirte. Mit wenigen hätte das auch wohl unbemerkt geschehen können, aber es waren ihrer zu viele, und die Leute selber, die nichtsdestoweniger bei ihrer Arbeit bleiben mußten, wurden zuletzt auf das aufmerksam, was ihre beiden höchsten Vorgesetzten mitsammen trieben. Schon das war ihnen dabei verdächtig, ihren Capitain, der sonst bei nichts mit Hand anlegte, arbeiten zu sehen, daß ihm der Schweiß von der Stirn tropfte, und das mußte sicher einen ganz besondern Grund haben. Was hatten die Beiden also da gefunden, das ihnen verheimlicht wurde, und entzogen sie ihnen dadurch nicht einen Antheil an ihrer Entdeckung? Der Untersteuermann, der es an Bord der Schiffe meistens mit den Leuten hält, weil er auch den größten Theil ihrer Arbeiten theilen, ja sogar Morgens das Deck mit ihnen waschen muß, wurde vor allen Dingen davon in Kenntniß gesetzt. Er befand sich gerade im Raum des eigenen Schiffes, um den Ort anzugeben, wo die Theekisten am vortheilhaftesten eingestaut werden konnten und am gleichmäßigsten vertheilt waren. Er selber fand leicht einen Vorwand, an Bord der Dschunke zu gehen, übergab deshalb die Aufsicht unten so lange dem Zimmermann und stieg langsam an Deck. Einen Blick nach dem Quarterdeck hinüber überzeugte ihn auch bald, daß die Leute Recht hatten und etwas Ungewöhnliches da hinten vorging, und was das war, davon wollte er sich vor allen Dingen erst einmal überzeugen. Ohne also weiter den Kopf dahin zu drehen, stieg er langsam über die Schanzkleidung des eigenen Schiffes, ließ sich an den Rusteisen, so weit es ging, hinunter und sprang auf das Deck der Dschunke, in deren Raum er gleich darauf verschwand. Hier untersuchte er vor allen Dingen die noch darin befindliche und nicht beschädigte Fracht, denn die unteren Kisten waren durch eingedrungenes Seewasser erreicht und verdorben worden, und kletterte dann ohne Weiteres durch die schmale Oeffnung in der Bambuswand nach hinten, der chinesischen Kajüte zu. Der Steuermann, der dort gerade wieder eine Partie der Barren aufgenommen, hatte ihn aber kommen hören, den Deckel des Verschlages wieder zugedrückt und einen alten Kaffeesack über die Barren geworfen, die außen lagen. »Hallo, Meier, was giebt's?« redete er den Untersteuermann dabei an. »Seid Ihr bald fertig drüben?« »Gleich, Steuermann – wollte nur einmal sehen, was hier noch steckt, und ob wir noch etwas davon gebrauchen könnten.« »Hier ist nicht viel mehr,« sagte aber der Steuermann vollkommen ruhig. »Die Bücher und Instrumente, die übrigens nicht viel werth sind, hab' ich dem Capitain schon hinauf gereicht. Ein paar Dutzend geschnitzte Elfenbein-Schachspiele standen übrigens noch hier, und anderes Spielwerk von Bambus und Holz. Doch das werd' ich schon Alles selber ausräumen, und wenn wir wieder unterwegs sind, können wir den ganzen Kram dann sortiren und aufschreiben.« »Wie wird es denn mit dem Tauwerk? – schlagen wir das los?« »Das Beste davon, ja – die Anker nehmen wir auch mit – Ketten haben die Burschen ja so nicht an Bord. Auch etwas von dem Holzwerk laßt überwerfen; wir können's zur Feuerung gut gebrauchen. Aber macht rasch, Meier – wir haben uns schon länger mit dem Wrack aufgehalten, als gut ist, und dahinten die Wolken werden uns wohl bald eine stärkere Brise bringen.« »Hm,« brummte der Untersteuermann und wollte, wie in Gedanken, den vor ihm liegenden Kaffeesack vom Boden aufheben. Der Steuermann aber, der jede seiner Bewegungen beobachtet hatte, verhinderte ihn daran und sagte ruhig: »Laßt den nur liegen, Meier – den brauch' ich noch, die Kleinigkeiten hineinzupacken, denn wir wollen Alles mitnehmen, was wir hier finden. Daheim können wir's nachher als chinesische Merkwürdigkeiten verkaufen oder unseren Leuten mitbringen. Geht nur wieder an Eure Arbeit, daß wir fertig werden.« Meier mußte allerdings dem Befehl Folge leisten. Der Steuermann hatte aber nicht hindern können, daß er den Sack ein klein wenig verschob, und des Seemanns scharfes Auge entdeckte im Nu unter dem einen Zipfel die Spitze eines der glänzenden Barren. Er erschrak ordentlich darüber, wußte aber auch nicht gleich, was er thun solle, und kroch langsam wieder in den Raum zurück, um sich dort die Sache erst vor allen Dingen einmal zu überlegen. Hier beschloß er jedoch, den Leuten vor der Hand von seiner Entdeckung nichts zu sagen, denn daß das Gesehene Gold gewesen sei, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. Der Blick, den er nach dem Sack und seinem darunter verborgenen Inhalt geworfen, war aber dem Steuermann ebenfalls nicht entgangen und beunruhigte ihn nicht wenig. Vielleicht hatte der Mann aber doch eben nichts weiter gesehen, und er ging jetzt nur desto eifriger daran, die letzten der unerwartet zahlreichen Barren in Sicherheit zu bringen. Er that das so schlau als möglich, und wickelte immer einige von ihnen in ein Tuch ein, während er dem Capitain dabei zugleich ein paar andere gleichgültige Gegenstände offen mit hinüberreichte, bis nach Verlauf einiger Stunden auch der letzte Rest des gefundenen Schatzes gehoben und – geborgen war. Eine Stunde etwa verging jetzt noch mit Durchstöbern des verlassenen Fahrzeuges, aus dem das und jenes als der Erhaltung werth mitgenommen wurde, bis endlich der Capitain den Befehl gab, die Taue loszumachen und die Segel wieder aufzubrassen und zu setzen. Wenige Minuten später flogen die Raaen herum, der Isegrimm entfaltete wieder einen Theil der bisher geborgenen Leinwand, und glitt bald darauf von dem geplünderten Wrack hinweg, das er schwerfällig schaukelnd und seine Masten schleppend auf den Wellen zurückließ. Der Isegrimm setzte unterdessen seinen Weg nach Batavia fort, und die Mannschaft hatte den Tag über genug zu thun, um das geborgene Gut an seinem eigenen Bord überall ordentlich unterzubringen. Umsonst suchten sie aber von dem Untersteuermann herauszubekommen, was er eigentlich in der Dschunken-Kajüte gesehen und was der Obersteuermann dort getrieben. Der Untersteuermann hatte sich die Sache nämlich indessen überlegt und gefunden, daß er für seine eigene Person viel besser fahren würde, wenn er den Steuermann wissen lasse, er habe etwas gemerkt, und könne es, wenn er wolle, den Leuten verrathen. Dadurch zwang er seine beiden Vorgesetzten ohne Weiteres, ihn zum Theilhaber ihres goldenen Fundes zu machen. Ging die Sache ihren ordentlichen Weg, so kam doch nicht eben besonders viel auf den einzelnen Mann; rettete er aber für sich selber ein Drittheil des geheimen Fundes, – den er übrigens gar nicht für so bedeutend hielt – so zählte das viel eher. Noch an dem nämlichen Abend nahm er deshalb auch Gelegenheit, dem Steuermann ziemlich deutlich zu verstehen zu geben, daß er – der Untersteuermann – nicht so leicht hinter das Licht geführt werden könne und ganz genau wisse, was noch sonst an Bord der Dschunke gewesen – außer den Schachspielen und Theekisten. – Der Steuermann that aber, als ob er auch kein Wort von der Anspielung verstände, und als der Untersteuermann endlich, dadurch ärgerlich gemacht, geradezu behauptete, eine Goldstange unter dem Kaffeesack gesehen zu haben, lachte ihm sein Vorgesetzter in's Gesicht und meinte: dann thäte es ihm entsetzlich leid, daß er ihn daran verhindert habe, den alten Sack wegzunehmen, denn in dem Fall hätten sie vielleicht gar einen Schatz gefunden, der nun noch auf der Dschunke im Meer herumschwimme. Aus dem Burschen war nichts im Guten herauszubekommen, das sah der Untersteuermann jetzt wohl ein. Wenn er aber auf solche Art sein Drittheil aufgeben mußte, war er wenigstens fest entschlossen, sich nicht um den ihm gebührenden Antheil des Fundes prellen zu lassen, und dem Steuermann konnte es nicht entgehen, daß Meier noch an dem nämlichen Abend eine lange und eifrige Unterredung mit dem Zimmermann, dem Vorgesetzten des Vorcastells, hielt. Die Sache konnte am Ende doch schief gehen, denn wenn die Leute auch unterwegs nichts unternehmen durften, was sie im nächsten Hafen der Anklage von Meuterei ausgesetzt und da sicherer und scharfer Strafe überliefert hätte, so brauchten sie ihren Verdacht im nächsten Hafen eben nur zur Anzeige zu bringen, und eine Entdeckung des beabsichtigten Unterschleifs war dann sicher zu befürchten. Das zu vermeiden, hatte er an dem nämlichen Abend, und zwar auf seiner Wache, wo er den Capitain an Deck rief, eine lange Unterredung mit diesem, und der Plan, den sich die beiden würdigen Männer dabei ersannen, sollte sie mit ihrem Schatz in Sicherheit bringen, ohne irgend einer Gerichtsbarkeit darüber Rede zu stehen. An Bord ging indessen Alles nach wie vor seinen ruhigen Gang. Der Capitain wie Steuermann nahmen zur gewöhnlichen Zeit ihre Observationen und bestimmten danach den Lauf des Schiffes, und zeichneten auf der Karte die zurückgelegte Distance in der üblichen Weise an. In Wirklichkeit richtete der Capitain seinen Lauf mehr nach Südwesten, in die Nähe des Freihafens Singapore zu kommen, und hatte auch auf der dem Untersteuermann zugänglichen Karte eine viel größere zurückgelegte Entfernung angegeben, als sie bis dahin gemacht. Er wußte recht gut, daß er ihn dadurch am leichtesten irre führen konnte. Der Karte nach waren sie demnach schon ganz in der Nähe der Insel Bangka, die sie, wie er meinte, am nächsten Morgen in Sicht haben konnten. In Wirklichkeit aber näherten sie sich der Südspitze von Malakka, und dort hoffte der Capitain mit Hülfe des Steuermanns seinen Schatz in Sicherheit zu bringen. Es war Abend geworden, als er seine darüber etwas erstaunte Mannschaft durch den Untersteuermann zusammenrufen ließ und den Leuten jetzt ankündigte, daß er indessen die Berechnung der von dem Wrack geborgenen Güter gemacht, die er allerdings erst zu Hause angekommen richtig vertheilen dürfe. Da sie sich aber dem Hafen von Batavia näherten, wo er seiner Mannschaft ein paar freie Tage zu geben gedenke, und sie sich die Zeit über so musterhaft betragen hätten, so wolle er ihnen gern etwas von ihrem Fund auf Abschlag auszahlen und ihnen heut Abend einen freien Grog gestatten. Das Wetter sei ruhig, eine Gefahr nicht zu befürchten, und sie möchten sich deshalb einmal einen lustigen Abend machen. Willkommenere Botschaft kann einem Matrosen selten auf See werden, und als ihnen der Capitain nun noch per Mann zwanzig spanische Dollar aus dem gefundenen Sack durch den Steuermann auszahlen ließ – der Untersteuermann bekam vierzig – und der Steward dann die Anweisung erhielt, ein Fäßchen Rum mit einer Quantität Zucker an Deck zu schaffen, kannte ihr Jubel keine Grenzen. Seeleute leben ja überhaupt nur für den Augenblick, und deshalb kümmerte sich die Mannschaft des Isegrimm jetzt auch nicht im Mindesten darum, was ihr Capitain vielleicht noch außerdem bei Seite geschafft haben könnte. Das war eine Sache, die später ihre Erledigung fand, für jetzt hatten sie die Aussicht lustiger Zeit im Hafen, mit einer Tasche voll Geld, und die Gewißheit eines steifen Grogs für diese Nacht – was wollten sie mehr? Selbst der Untersteuermann schöpfte nicht den mindesten Verdacht, denn er glaubte, der Capitain wolle ihn mit der Abzahlung nur beschwichtigen, daß er, im Hafen angekommen, das vermuthete Gold nicht weiter erwähnen solle. Uebrigens war er fest entschlossen, sich mit den vierzig Dollar nicht abkaufen zu lassen, – die vierzig Dollar hatte er auch außerdem verdient. Das Schiff lief vor dem Monsun langsam seine Bahn entlang. Die Brise wehte eben stark genug, die Segel auszublähen, und am Bug vorn kräuselte sich nur leicht der phosphorescirende Schaum der dunkelblauen, leise wogenden See. Desto lebendiger aber ging es heute an Bord her, wo der Steward bald sein kleines Fäßchen in die immer durstigen Kehlen auslaufen ließ. Je mehr das starke, sehr versüßte Getränk aber in dem Gefäß abnahm, desto lauter und jubelnder geberdete sich die Schaar, und während einer der Leute – der Zimmermann – eine alte Geige aus seiner Koje holte und vom Gangspill herab seine schrillen Weisen ertönen ließ, faßten sich die derben Burschen, zwei und zwei, und wirbelten sich herum nach Herzenslust. Selbst der Obersteuermann, der ihnen heute eigenhändig den Grog mit Zucker – aber ohne Wasser – zurecht gemacht, mischte sich unter sie, und während er sie ermahnte, hübsch nüchtern zu bleiben, reichte er ihnen doch auch wieder die verführerischen Becher dar, die nicht umsonst so süß gewürzt waren. – Es dauerte auch kaum zwei Stunden, so konnte fast Keiner der Leute mehr auf seinen Beinen stehen. Der Capitain hatte schon selber das Steuer genommen und hielt unbeachtet so weit nach Westen hinüber, wie es ihm die Stellung der Segel überhaupt gestattete. Auch dem Untersteuermann, der sonst eine tüchtige Portion vertragen konnte, war der heute ohne Wasser angemischte übersüße Grog in den Kopf gestiegen, und sehr erwünscht kam ihm die Aufforderung des Obersteuermanns, jetzt lieber zur Koje zu gehen, damit er nachher wieder auf seiner Wache munter und bei der Hand sein könne. Er taumelte mehr als er ging die Kajütentreppe hinab, und warf sich, angekleidet wie er war; auf sein schmales Lager. Den Augenblick hatten die beiden Verbündeten schon lange herbeigesehnt, denn die Nacht war mehr und mehr vorgerückt, und Zeit zum Ausschlafen durften sie Keinem ihrer Leute lassen. Die Matrosen lagen ebenfalls schon sämmtlich schnarchend überall an Deck umhergestreut. Kaum wußten sie deshalb den letzten, den Untersteuermann, sicher in seiner Koje, als der Capitain das Ruder sich selber überließ und dann mit dem Obersteuermann rasch und so geräuschlos als möglich das am Stern des Schiffs an seinen Krahnen hängende Schiffsboot in die See hinunterließ. Alles dort hinein Gehörende, wie Compaß, Lebensmittel und Getränke, war schon über Tag zurechtgelegt worden und brauchte jetzt nur hinabgereicht zu werden, und als Ballast folgten nun die kostbaren Ballen, die der Capitain dem Obersteuermann hinunterließ. Die Barren hatte der Obersteuermann heut über Tag, während er die Wache zur Koje hatte, immer zehn und zehn in Segeltuch eingenäht, und das ziemlich geräumige Boot, nur von zwei Leuten bemannt, trug die Last bequem und leicht. Alles beendet, gebrauchte der Capitain noch die Vorsicht, den Chronometer zu verstellen, damit der Untersteuermann nicht so bald einen Hafen erreiche, und als sie eingeladen, was sie des Mitnehmens werth fanden, schifften sie sich Beide ein, henkten den Block aus, der sie noch an Bord festhielt, setzten ihr kleines Segel und ließen bald das vor der Hand noch ruhig seine Bahn verfolgende Schiff in weiter Ferne hinter sich. * Der Untersteuermann, der sich noch von Allen am nüchternsten gehalten, wachte zuerst wieder auf. Die Brise war stärker geworden, die See ging etwas höher, und die beiden niedergelassenen Blöcke, an denen das Boot gehangen, schlugen in regelmäßigen Zwischenräumen, mit der Bewegung des Schiffes, gegen den Spiegel desselben an. Der Seemann richtete sich in seiner Koje auf und horchte auf das ungewohnte Geräusch. Der Kopf war ihm noch wirr und wüst von dem im Uebermaß genossenen Rum, und im Magen schien es ihm auch nicht ganz recht zu sein, denn er schnitt ein miserables Gesicht. Fast instinctartig griff er aber nach seiner Uhr in der Tasche, und als er den Zeiger derselben vorsichtig mit dem Finger gefühlt, sprang er erschreckt aus seiner Koje und an Deck. Alles war hier todtenstill. Er blieb stehen und rieb sich die Augen, denn er glaubte noch fortzuträumen – aber der durchschwärmte Abend fiel ihm wieder ein, und er schüttelte leise vor sich hin mit dem Kopf. »Schöne Geschichte das!« murmelte er dabei. »Wie es scheint, bist Du der einzige nüchterne Mensch an Bord, Meier, den Mann am Steuer vielleicht ausgenommen, der –« Er hielt mitten in seinem Selbstgespräch ein und blieb vor Staunen stumm vor dem leeren Steuerrad stehen. Dann warf er einen raschen erschreckten Blick nach den indeß durch den Wind gedrehten Segeln hinauf, und sah sich verwundert rings an Deck um. Jetzt schlugen die Blöcke wieder hinten gegen das Schiff an, und er schritt zum Heck, lehnte sich mit den Armen auf die Schanzkleidung und schaute hinüber. In der Stellung blieb er wohl eine Viertelstunde. Er sah die hinuntergelassenen Blöcke, sah, daß das Boot fehlte, und immer noch nicht recht klar im Kopfe, zuckten ihm die Gedanken, was hier wohl vorgefallen sein könne, herüber und hinüber durch das Hirn. Erst ganz allmälig dämmerte ihm aber die mögliche Wahrheit des Vorgefallenen, wenn er sich auch noch immer nicht denken konnte, daß der Capitain und Obersteuermann das eigene Schiff auf offener See verlassen haben sollten. Aber er taumelte doch wieder in die Kajüte hinunter, um zu sehen, ob der »Alte« in seiner Koje wäre, und erst als er diese leer, sonst aber alles in der gewöhnlichen Ordnung fand, erst als er den Obersteuermann ebenfalls nirgends bemerken konnte, begann er das Ganze zu begreifen. Mit dem Bewußtsein wurde er jedoch auf einmal vollständig nüchtern und versuchte jetzt das von Anfang an Unmögliche, nämlich die übrige Mannschaft ebenfalls munter und an Deck zu bekommen. Das war freilich leichter unternommen als ausgeführt; nur den Zimmermann rüttelte er endlich wach und theilte ihm die wunderliche Entdeckung mit. Dieser wollte es allerdings im Anfang gar nicht glauben; es blieb ihm aber zuletzt kein Zweifel mehr. Das fehlende Boot zeigte ihnen nur zu deutlich, daß die beiden fehlenden Hauptpersonen des Schiffes auch mit dem Boot verschwunden waren, und ein kurzer Kriegsrath wurde jetzt gehalten, was zu thun sei: die Flüchtigen aufzusuchen, oder ihren bisher eingehaltenen Cours zu verfolgen und sich weder um Capitain noch Steuermann weiter zu bekümmern. Die Letzteren hatten aber jedenfalls mit dem kleinen scharfgebauten Boot einen tüchtigen Vorsprung – wenn sie wirklich desertirt waren. Die genaue Richtung, die sie genommen, ließ sich ebenfalls nicht ermitteln, denn sie konnten eben so gut mit dem Nordost-Monsun nach Südost wie nach Südwest gesegelt sein, also blieb ihnen nichts Anderes übrig, als ihren Cours beizubehalten und einfach im nächsten Hafen die Flucht des Capitains wie des ersten Steuermanns pflichtschuldigst anzuzeigen. Den Berechnungen nach, die der Capitain in der letzten Zeit auf der Karte angegeben, glaubte der Untersteuermann auch, daß sie ganz in der Nähe von Batavia wären, und das, oder Java überhaupt, getraute er sich schon allein zu finden. * Die beiden Flüchtigen hatten indessen ihre Maßregeln ganz vortrefflich genommen, und fast vor dem Wind, mit der Stelle, auf der sie sich befanden, ganz genau bekannt, und mit eben genug Brise, ihr leichtes Boot rasch über die Wogen zu treiben, hielten sie auf die Südspitze von Malakka zu, erreichten diese gegen Abend, umschifften sie und landeten am nächsten Morgen glücklich in Singapore, wo ein einzelnes Boot, das man zu einem der Schiffe gehörig hielt, natürlich gar nicht weiter auffiel. Hier nun übernahm der Capitain den Verkauf ihres Goldes, während der Steuermann unter einem von den Malayen gekauften Sonnensegel von geflochtenen Matten zurückblieb und den Schatz bewachte. Der Capitain hatte übrigens nur einen einzelnen Barren in sein Taschentuch gewickelt, und ging damit langsam in die Stadt hinauf, um irgendwo einen Goldschmied aufzutreiben, bei dem er einen kleinen Theil ihrer Barren vielleicht verwerthen konnte. Wußte er dann erst einmal den genauen Preis, den das Gold hier hatte, so ließ sich vielleicht mit einem der größeren englischen Geschäftshäuser ein vortheilhafter Kauf über das Ganze abschließen. Wenn sie auch einige Procente daran verloren, so schadete das ja nichts. Je rascher sie nur die Barren in baar Geld verwandelten, desto sicherer waren sie vor Entdeckung. Singapore ist ein merkwürdig belebter Ort; die Straßen wimmelten von Chinesen und malayischen Lastträgern, und Laden reihte sich an Laden, wohin er immer ging. Nur Goldschmiede schien es entsetzlich wenige zu geben, und der Seemann hatte in der glühenden Sonnenhitze die winkligen Gassen wohl eine Stunde die Kreuz und Quer umsonst durchwandert, bis er endlich einen alten Chinesen in einem offenen Laden mit dem Löthen eines Ringes beschäftigt fand. Der Capitain blieb erst eine Weile unschlüssig vor dieser unscheinbaren Werkstatt stehen. Einzelne auf dem Werktisch umhergestreute goldene Zierrathen sagten ihm aber doch, daß der Mann da drin jedenfalls zu dem Handwerk, das er suche, gehöre und ihm, wenn er auch nicht selber reich genug sei, das Gold zu kaufen, doch vielleicht einen Ort anzugeben vermöge, wo er weitere Nachfrage halten könne. Eine andere Schwierigkeit war mit der Sprache, denn die Chinesen verstehen gewöhnlich nur ihr eigenes Kauderwelsch, und höchstens noch Malayisch, das ihnen zur Mittelssprache mit den Europäern dient. Der Alte hier machte jedoch glücklicher Weise eine lobenswerthe und sehr erwünschte Ausnahme von der allgemeinen Regel, denn wenn man auch nicht sagen konnte, daß er Englisch sprach , so radebrechte er es doch auf eine Weise, die den Capitain hoffen ließ, sich ihm verständlich zu machen. Nach kurzer Einleitung – der Frage um den Preis dieses oder jenes dortliegenden Gegenstandes – erkundigte er sich endlich bei dem Alten, ob er selber Gold kaufe, und als dieser dazu freundlich mit dem Kopfe nickte, wickelte er seinen sorgsam eingehüllten Barren aus dem Tuch heraus und gab ihn dem alten Chinesen mit der Frage, wie hoch er das Stück da taxire. »Das da?« frug der Langzopf, betrachtete sich das fragliche Stück flüchtig und legte es endlich, ohne es einer weiteren Prüfung zu unterwerfen, auf eine neben ihm befindliche Wage, die größtentheils aus einem langen eingekerbten eisernen Stab bestand – »das hier,« wiederholte er, während er sich vorbog, die Kerbe genau zu erkennen, dabei aber doch auch wieder vorsichtig nach dem Fremden schielte, ob dieser nicht indessen mit den Händen seinem Arbeitstisch zu nahe komme, »wiegt etwas über drei Pfund – nicht viel – nur halb Loth etwa – ist etwa werth halben Dollar Pfund – macht ein und halben Dollar.« »Ein und halben Unsinn!« brummte der Capitain vor sich hin, den gleichwohl dabei ein höchst unbehagliches Gefühl beschlich; »anderthalb Dollar für drei Pfund Gold – das glaub' ich, Alter, das wäre so ein Morgengeschäft. Du bist weiter kein Jude.« »Drei Pfund Gold ?« lachte aber der alte unverwüstliche Chinese, »ja, schönes Gold. Wenn das Gold wäre, wollte Sing Fua bald reicher Mann sein – ist Metall !« »Ja, das weiß ich, daß es kein Porzellan ist, Holzkopf,« murmelte der Seemann vor sich in den Bart – »aber was für Metall ist es? – Gold , und wenn Du nicht den richtigen Preis dafür giebst, kannst Du Dich auch drauf verlassen, daß ich nicht dumm genug bin, es Dir zu verkaufen.« Der Chinese zuckte die Achseln, antwortete aber weiter nichts und begann wieder an seiner vorher unterbrochenen Arbeit. Der Seemann blieb noch eine Weile bei ihm stehen, da Jener aber nicht die geringste Miene machte, den Handel noch einmal anzuknüpfen, wickelte er seinen Barren wieder ein, drehte sich auf dem Absatz herum und verließ pfeifend den Stand des Alten. » Metall !« – Das Wort ging ihm jedoch im Kopfe herum – wenn der alte Halunke am Ende doch Recht hatte, wenn das kein Gold gewesen wäre, und er jetzt, einem paar hundert Dollar wegen, sein Schiff, seine Anstellung, seine ganze Existenz aufgegeben hätte? – Aber es war nicht möglich: es mußte Gold sein, und der alte Schlaukopf hatte ihn nur um die Stange betrügen wollen. Ehe er um die Ecke bog, rief er ihn gewiß zurück. An der Ecke blieb er stehen und sah sich nach dem Chinesen noch einmal um. Der aber kauerte unbeweglich über seiner Arbeit und kümmerte sich gar nicht mehr um ihn. Der Capitain traf jetzt einen Engländer auf der Straße, der allem Anschein nach Einkäufe in den verschiedenen kleinen Läden machte. An diesen wandte er sich und erkundigte sich nach einem ordentlichen Goldschmied. Ein solcher, und zwar ein Franzose, wohnte nicht weit entfernt in einer kleinen Straße – der Engländer führte ihn selbst dort hin – und hier auf's Neue erfrug der Seemann den Preis seines Barrens. Aber auf's Neue wurde ihm hier die nämliche Summe genannt, die schon der Chinese angegeben hatte. Die Masse hieß im dortigen Handel, wie der Franzose sagte, kurzweg Metall und bildete einen der chinesischen Handelsartikel. Der Preis stand jetzt, wie er meinte, gerade ziemlich hoch, und er könne, wenn er mehr davon habe, seinen Vorrath vielleicht zu einem halben Dollar oder zweiundfünfzig Cents per Pfund verwerthen. Der Seemann hörte der Auseinandersetzung wie ein Träumender zu. Vor ihm zusammen brach das Luftschloß, das er sich wolkenhoch noch an dem Morgen aufgebaut, und er fürchtete sich jetzt fast, zu seinem Boot zurückzukehren und seinem Leidensgefährten die traurige Nachricht mitzutheilen. Immer klammerte er sich dabei noch an die letzte Hoffnung an, ob er nicht Einen fände, der ihm doch die tröstliche Nachricht gebe, daß es wirklich Gold sei, was er trage. Das Resultat blieb aber dasselbe, wohin er sich auch wandte; das schreckliche Wort Metall schmetterte überall seine Hoffnungen zu Boden, und es blieb ihm zuletzt nichts Anderes übrig, als zu glauben, was ihm die Leute sagten. In einer wahrhaft verzweifelten Stimmung kehrte er zu seinem Boote zurück und getraute sich fast gar nicht, dem Steuermann ihre mißglückte Speculation mitzutheilen. »Na ja,« sagte dieser, als er sich doch endlich ein Herz dazu gefaßt, »ob ich es mir aber nicht gedacht habe? Gold , wie käm' Unsereiner auch zu Gold!« »Und was fangen wir jetzt an?« frug kleinlaut der Capitain. »Was wir anfangen?« rief aber der Steuermann erstaunt, »ich sollte denken, das wäre einfach genug. Wir verkaufen den Plunder an den Ersten, der uns baar Geld dafür giebt, und fahren, so rasch als wir können, hinter unserem Isegrimm wieder her.« »Hinter dem Schiff?« »Nun versteht sich. Sollen wir uns etwa auf einem andern als gemeine Matrosen verdingen und dann noch als Deserteure in allen Blättern ausgeschrieben werden?« »Und mit dem Boot nach Batavia?« »Denken gar nicht daran,« brummte der Steuermann. »Wie Ihr an Land wart, Capitain, kam hier die Jolle von der amerikanischen Barke da drüben vorbeigefahren. Die will heute Nachmittag in See und direct nach Batavia gehen, und auf der nehmen wir Passage. So viel wird doch der lumpige Stoff da im Boot abwerfen, daß sie uns und die Jolle frei hinüber schaffen.« »Und wenn uns der Untersteuermann nachher verklagt?« »Wohl weil er sich betrunken und seine Wache jedenfalls verschlafen hat?« lachte der Steuermann. »Nein, Capitain, wenn Sie sich davor fürchten, können Sie's halten wie Sie wollen, aber meinen Antheil an dem gefundenen Thee laß' ich nicht im Stich, so viel weiß ich, und wenn hier Jemand dumm genug ist, uns für das Pfund von dem Zeug da einen halben Dollar zu geben, so weiß ich, wer den Nachmittag wieder unterwegs nach Batavia ist.« Der Capitain wollte noch Einreden machen, der Obersteuermann widerlegte sie aber alle, und rasch gingen sie jetzt daran, das Metall , womit sie ihr Boot befrachtet hatten, zum Marktpreis loszuschlagen. * Der Untersteuermann auf dem Isegrimm segelte indessen unverdrossen nach Süden fort und gerieth Mittags, als er die Observation nahm und den wirklichen Breitengrad ausrechnete, auf dem er sich mit seinem Schiff befand, in die peinlichste Verlegenheit, da das mit der Karte gar nicht stimmte. Da übrigens der Chronometer nicht mehr richtig ging, was er jedoch natürlich nicht wußte, fand er sich in den Inseln, die er unterwegs traf, gar nicht aus und lief sie fast alle an, immer in der Meinung das sei endlich Java. Zu seinem Glück überholte ihn aber ein englisches Schiff, das aus der Straße von Malakka kam und nach Sidney wollte. Mit Hülfe desselben richtete er seinen Chronometer wieder, bekam die ordentliche Distance und erreichte endlich, freilich nach tüchtiger Verzögerung, glücklich die Rhede von Batavia. Eigentlich war es ihm übrigens recht, daß er seine beiden Vorgesetzten auf solche Art los geworden. Da er das Schiff nun selber in den Hafen gebracht hatte, mußte ihn das bei den Rhedern außerordentlich empfehlen, und für die Reise durfte er sich überdies als Capitain des Isegrimm betrachten – ja wer wußte, ob ihm die Rheder nicht jetzt das Schiff für immer ließen. Von jenem Abend brauchte er ja weiter nichts zu erzählen, und seinen Bericht über die Flucht des Capitains und Obersteuermanns wollte er schon machen. Kaum war deshalb auch der Anker in die Tiefe gerollt und die Flagge aufgezogen, als er in die Kajüte ging, die er jetzt m Beschlag genommen hatte, dort seine Ufertoilette machte, und nun langsam wieder an Deck stieg, um an Land zu fahren und dort dem Kaufmann, für den ihre Ladung bestimmt war, seinen Bericht abzustatten. Ein von Malayen bemanntes Boot hatte schon, wie es dort Gebrauch ist, seine Dienste angeboten, und Meier stand, die Blechbüchse mit den Papieren unter dem Arm, an Deck. – Zwischen den Schiffen durch, vom Lande her, ruderte da ein Boot, in dem unter einem Sonnensegel zwei Europäer saßen. »Hol's der Teufel, Meier,« sagte da der Zimmermann, der neben seinem Vorgesetzten stand, »das Ding sieht gerad' so aus wie unsere alte Jolle – und sie halten auch genau auf uns zu.« Der Untersteuermann sagte gar nichts, aber es kam ihm bald selber so vor, und gespannt erwartete er das Nahen des Bootes, das gleich darauf dicht neben dem malayschen langseit lief. Wer darin saß, hatte er wegen des Sonnensegels noch nicht erkennen können. – Jetzt kamen die beiden Europäer darunter vor, und als der eine von ihnen den Kopf hob, rief der Untersteuermann ordentlich erschreckt aus: »Hol's der Teufel – der Captein!« »Guten Tag, Meier,« sagte dieser aber vollkommen ruhig. – »Ihr seid höllisch lange ausgeblieben, daß wir Beide, in der Nußschale von einem Ding, da eine Spazierfahrt machen und Euch doch wieder überholen konnten.« »In dem Boot sind Sie aber doch nicht nach Batavia gefahren?« rief der Untersteuermann und behielt den Mund vor lauter Erstaunen offen. Der Capitain kletterte, ohne dem Untersteuermann für jetzt weiter Rede zu stehen, von seinem Obersteuermann gefolgt, rasch an Deck und gab hier so ruhig seine Befehle, als ob er nicht einen Augenblick den Fuß von Bord gesetzt hätte. »Sind das die Papiere alle, Meier?« frug er dabei, indem er nach der Blechbüchse griff. »Ja, Captein,« sagte Meier noch vollständig verblüfft, »aber – aber um Gottes willen – sind Sie denn eigentlich –« »Ich will Euch etwas sagen, Meier« meinte der Capitain freundlich, indem er ihn an einem Knopf faßte und bei Seite führte. »Ich werde von jenem Abend an Bord weiter nichts erwähnen. Das nächste Mal aber, wenn ich Euch wieder Grog geben lasse, dann bedenkt hübsch, daß Ihr mit als Offizier des Schiffes vor allen Anderen nüchtern bleiben müßt. Es ist kein Spaß, zu Zweien ein solches Schiff zu regieren, und daß ich dabei über Bord fiel wahrhaftig kein Wunder. Zum Glück hing das Boot dahinten so, daß es der Obersteuermann allein niederlassen konnte – ich wäre sonst verloren gewesen, denn mit den Kleidern ist schlecht schwimmen. Wie uns übrigens das Schiff, das der Obersteuermann allein nicht beilegen konnte, ohne Mann am Steuer, statt durch den Wind zu drehen, davonlief, glaubt ich meiner Seel' nicht mit dem Leben davon zu kommen. Glücklicher Weise hat uns noch ein Amerikaner aufgefunden und aufgenommen, und da Alles gut abgelaufen ist und Ihr das Schiff ordentlich in den Hafen gebracht habt, mag es diesmal darum sein, und ich will, wie gesagt, weiter keine Anzeige davon machen.« »Aber, Captein –« »Schon gut, Steuermann – seht nur vorn nach dem Anker, daß der ordentlich liegt, denn es kann hier manchmal ganz verwünscht wehen. Ich will mich nur umziehen und dann gleich an Land fahren,« – und damit tauchte er in seine Kajüte unter. »Guten Tag, Meier,« sagte der Obersteuermann, der jetzt ebenfalls an den Fallreeps heraufkam und nach dem Quarterdeck zuging – »habt Ihr gehört, was Euch der Alte gesagt hat?« »Ja – aber,« stammelte Meier, der noch immer nicht wußte, was er aus dem Allen machen solle. »Na, dann ist's gut; dann thut es auch. Aber apropos,« unterbrach er sich Plötzlich, als er vor Meier stehen blieb und ihn aufmerksam betrachtete, »ich glaube gar, Ihr habt da eins von meinen Hemden an?« »Ja, Steuermann, ich – ich dachte –« »Na, geht nur hinunter und zieht es wieder aus, denn bei der Arbeit könnte es schmutzig werden, und dann seht nach dem Anker.« Und ohne sich weiter mit dem Verblüfften einzulassen, folgte er dem Capitain in die Kajüte. Meier stand wirklich da wie vor den Kopf geschlagen. Seine beiden Vorgesetzten ließen ihm aber gar keine Zeit, auch nur zu Athem und zu ordentlicher Besinnung zu kommen. Der Capitain fuhr gleich darauf an Land, um seine Geschäfte dort zu besorgen, als ob nicht das Geringste vorgefallen wäre, und der Obersteuermann trug indessen in das Logbuch ein, daß der Capitain des Isegrimm am 27. vorigen Monats über Bord gefallen, von ihm, dem Obersteuermann, aber mit eigener Lebensgefahr im kleinen Boot gerettet sei. Das Schiff hätten sie indessen in der Nacht verloren, und seien endlich glücklich von einer amerikanischen Brig aufgefischt, die sie nach Singapore gebracht hätte. Dort seien sie dann auf einer andern amerikanischen Barke weiter nach Batavia gefahren, wo einen Tag später der Isegrimm, von dem Untersteuermann geführt, ebenfalls eingetroffen wäre. Die Geschichte, die der Untersteuermann indessen schon in demselben Buch eingetragen, und wonach die Beiden das Schiff mit dem Boot auf unbegreifliche Weise verlassen hatten, ließ er ruhig stehen; wurde doch dieselbe durch die zweite erklärt und aufgehoben. Der Capitain aber löschte hier seine Ladung, verkaufte außerdem die von der Dschunke geborgenen Güter, wobei er die Mannschaft vollkommen mit dem ihr zugekommenen Theil befriedigte, und nahm dann neue Fracht nach seiner Vaterstadt. Der Untersteuermann machte allerdings noch einmal eine Anspielung aus das vermuthete Gold ; der Obersteuermann nannte ihn aber einfach einen Esel und sagte ihm, er solle selber suchen, wo er es fände, und damit war die Sache abgemacht. Als sie nach Hause kamen, erhielt der Capitain für den Antheil, den er von der geborgenen Dschunkenladung mitgebracht, von den Rhedern ein sehr schönes Geschenk und der Obersteuermann bekam das Kommando einer kleinen Brig. In die Stelle desselben an Bord des Isegrimm rückte aber ein Vetter des Rheders, ein junger Mensch, der drei Jahre Schiffsjunge auf einem andern Schiff gewesen war und dann die Steuermannskunst zu Haus gelernt hatte, und Meier – blieb nach wie vor Untersteuermann. Die Nacht auf dem Walfisch Der englische Walfischfänger König Harold kreuzte in der Nähe der Kingmills-Gruppe, ziemlich unter der Linie, auf Spermfische, in der Absicht, die Wintermonate hier zuzubringen, um mit Beginn des Frühjahrs wieder nach Norden auf den Fang des rechten Walfisches auszulaufen. Vergebens waren sie aber jetzt Monate lang hin- und hergefahren und durch die sonst besten Jagdgründe für diese Fische wieder und wieder auf- und abgesegelt. Die Ausgucks in den Tops der Masten, die dort oben den ganzen Tag gehalten werden, um nach etwa auftauchenden Fischen auszuschauen, und einander zu gewissen Stunden ablösen müssen, blieben still und stumm, und wenn wirklich einmal ein Ruf kam, glaubte schon Niemand mehr daran. Solche Meldungen hatten sich bis jetzt auch fast jedesmal als ein nicht zu gebrauchender Finback, oder vielleicht eine School kleinerer Braunfische ausgewiesen, auf die man nicht Jagd machen wollte. Die Sonne brannte dabei heiß und sengend auf das ihren vollen Strahlen preisgegebene Deck nieder, und das Schiff, so still und reinlich, mit den klein gereeften Segeln in der leichten Brise, sah gerade so aus, als ob es hier an einem freundlichen, aber etwas langen Sonntagnachmittag zum Vergnügen herumfahre, und eben keinen andern Zweck, kein bestimmteres Ziel kenne. Die Leute haben dabei natürlich immer ihre Arbeit: Segel müssen ausgebessert, das Takelwerk, stehendes wie laufendes, muß nachgesehen werden; die Eisen und Lanzen für den Fang des Fisches selber dürfen nicht rosten, und den Bootssteuerern liegt die besondere Pflicht ob, sie blank und im Stand zu halten. Auch der Böttcher an Bord hat seine Arbeit, mit den Fässern zu einem etwaigen Fang gleich bereit zu sein, und der Zimmermann macht sich eine Beschäftigung an den zur Vorsorge mitgenommenen Booten, hier und da morsche Stellen daran zu finden und neue Stücke einzusetzen. Aber in der ganzen Sache ist kein Leben, keine wirkliche Tätigkeit; man sieht, daß die Leute, die sich schon Monate lang herumgetrieben, eben nur arbeiten, um nicht müßig zu stehen, und von der Arbeit fort schweift bei Allen der sehnsüchtige Blick über die leicht gekräuselte Meeresfläche, in der allerdings vergeblichen Hoffnung, vom Deck aus den aufgeblasenen Strahl eines Fisches zwischen dem Blitzen der Wogen zu erkennen. Wäre aber wirklich etwas Derartiges in Sicht, so hätten es die Leute oben in den Masten schon lange angeschrieen. There she blows ! (Dort bläst sie.) Wie auf Commandowort ruht jede Arbeit – der Böttcher wirft seinen Hammer, der Tischler seinen Hobel hin, und der Capitain, der unten in seiner Kajüte auf dem Sopha gelegen und gelesen oder geschlafen hat, um die entsetzlich langweilige Zeit eines solchen müßigen Umherfahrens zu tödten, springt die Kajütstreppe hinauf, um zu windwärts und nach dem Mann oben im Top zu sehen und die Details über die »aufgekommenen« Fische erfahren zu können. » There she blows !« ruft der Mann oben wieder – und blow – blow – blow – setzt er langsam und gedehnt hinzu, als mehrere Strahlen nach einander aufschießen, jeden Strahl bezeichnend. »Wo hinaus zu?« lautet der Ruf vom Deck, und der ausgestreckte Arm des Ausgucks bezeichnet die Richtung: aber der Arm deutet zu windwärts, d. h. gegen den Wind an, und die Bootssteuerer rufen in wilder Eile ihre Bootsmannschaften zusammen, die ersten zu sein, die fertig in See sind – immer eine ehrenvolle Auszeichnung. Das kleine Wasserfaß wird gefüllt, die Butte mit dem aufgerollten Tau für die Harpunen, die auf einem Gestell an der Want dicht über dem Boot gestanden, damit sie dieses durch ihre Schwere nicht schädige, wird hineingelassen, das Boot selber gleitet unter den Krahnen nieder auf's Wasser, Die Leute folgen, wie Katzen an den Außenwänden des Schiffes niederkletternd, die Riemen werden eingelegt, und wie der Harpunier oder boats-header seinen Platz hinten am Steuerriemen eingenommen, stoßen sie ab, und der Bug des scharfgebauten leichten kleinen Fahrzeugs strebt schäumend und die Fluth an beiden Seiten zurückwerfend der bezeichneten Richtung zu. Kommen die Fische in leewärts, d. h. unter dem Wind auf, dann können die Schiffe selber mit vollen Segeln bis zu einer gewissen Entfernung folgen, ohne sie scheu zu machen, und die nun rasch ausgesetzten Boote gleiten ebenfalls mit ihren Segeln geräuschlos und unbemerkt an ihre Beute heran; die Jagd ist in dem Fall auch immer weit schneller gemacht und sicherer sowohl, als auch weit weniger mühsam. Wollte das Schiff aber zu windwärts aufkreuzen, um den Fischen den Wind abzugewinnen, so würde dadurch viel Zeit verloren gehen und die Beute jedenfalls nur höchst selten eingeholt werden. Das Aufrudern ist deshalb, wenn auch das Mühsamste, doch gewiß in diesem Fall das Schnellste und Sicherste, und das Schiff folgt dann mit der zurückgelassenen Mannschaft so rasch es eben kann seinen Booten, um diese nach vollendeter Jagd wieder auf- und einen etwa geworfenen und getödteten Fisch langseit zu nehmen. Die vier Boote des König Harold ruderten denn auch, so rasch sie die elastischen Riemen vorwärts treiben konnten, dem Wind gerade in die Zähne, und kamen nach einer etwa halbstündigen wackern Arbeit in Sicht der ersten »Strahlen« der dort wahrscheinlich spielenden und bald auf-, bald untertauchenden Fische. Von Bord des Walfischfängers wurde ihnen bis dahin mit einem, an einer Stange befestigten und schwarz bemalten runden Korbe das Zeichen gegeben, nach welcher Richtung die Fische sich wandten. Ein dort postirter Matrose mußte diesen nämlich, der auf sehr weithin sichtbar ist, hinaushalten, und die Boote richteten oder änderten danach ihren Cours. Ein eigener Wetteifer herrschte bei solcher Fahrt, nicht allein unter den Bootssteuerern und Harpunieren, wer zuerst an einen Fisch »festkommt«, sondern unter der ganzen Mannschaft. Es wird zur Ehrensache, welches Boot den ersten glücklichen und auch einträglichen Wurf gethan, indem bei solcher Jagd Alle, vom Capitain bis zum Schiffsjungen hinunter, auf Antheil ausgehen, und die Leute thun gewiß ihr Aeußerstes, um nicht hinter den Anderen zurückzubleiben. Die drei schnellsten Boote hatten denn auch heute wieder die beste Aussicht, bald in Wurfsnähe zu kommen, während das vierte, das ein junger, tollköpfiger Ire befehligte, trotz der wirklich verzweifelten Anstrengung seiner Mannschaft nicht im Stande war, ihnen nachzukommen. Als sich in den ersten Booten die Bootssteuerer schon zum Harpunenwurf fertig machten, war es wohl noch eine ganze Kabelslänge hinter diesen zurückgeblieben. Gerade da ging rechts von ihnen, aber freilich noch eine weite Strecke entfernt, ein einzelner Strahl auf, und wenn sich auch die Boote nicht gern zu weit von einander trennen, um im Fall der Roth einander Hülfe leisten zu können, sah doch der hinten an seinem Steuerriemen stehende junge Ire kaum den einzelnen Strahl, der ihm auch nach der Richtung zu Fische versprach, als er den Bug seines Bootes blitzschnell herumwarf und, von den übrigen Booten ab, dem neu aufgetauchten Wild nachjagte. In dem Augenblick hatten die anderen Boote zu viel mit sich selber zu thun, um darauf zu achten. Die rudernden Matrosen aber, die mit dem Gesicht nach rückwärts im Boot saßen und den veränderten Cours ihrer Kameraden sahen, konnten sich leicht denken, daß dort ebenfalls Fische aufgekommen waren, und hatten nicht das Mindeste dagegen, einen Concurrenten auf ihrer Hetze los zu werden. Ueberdies befanden sie sich näher bei den Fischen, als sie im Anfang selber gedacht, denn als diese plötzlich nach unten gegangen waren und eine Zeit lang fortblieben, während die Boote, so rasch sie konnten, ihren Cours beibehielten, tauchten sie plötzlich kaum dreißig Schritt vor ihnen wieder empor, und ein Fisch kam sogar in Wurfsnähe von dem ersten Harpunier auf, dessen Bootssteuerer denn auch sein Eisen augenblicklich an ihm festwarf. Die anderen beiden kamen ebenfalls fest, ehe sie zehn Minuten gelaufen waren; das Eisen des zweiten Bootes riß aber wieder aus und der Fisch ging tief, so daß das zweite Boot, jetzt außer dem Bereich der anderen Fische, dem dritten folgte und dessen Beute mit zu sichern suchte, was ihm auch nach einiger Anstrengung gelang. In voller Flucht gingen aber die festgekommenen Fische gerade nach Norden auf, die Boote hinter sich drein reißend, daß die Wellen an ihrem Bug hoch emporschäumten, bis es dem dritten Harpunier zuerst gelang, seine Lanze hinter der Finne eines Fisches einzuwerfen und ihm den Todesstoß zu geben. Der erste Harpunier wurde wohl nicht eine englische Meile weit mit fortgenommen, tödtete aber den seinigen dann ebenfalls und blieb auf seinen Rudern liegen, das Schiff zu erwarten. Mit dem gewaltigen Fisch im Schlepptau wäre es ihm nicht möglich gewesen zu rudern. So weit hatten sie sich übrigens von ihrem Schiff entfernt, daß sie den Rumpf schon nicht mehr über Wasser sahen, und mühselig genug mußte dieses jetzt zu ihnen gegen die schwache Brise aufkreuzen, wieder und wieder über Stag gehend, um dem Nordost die verlorenen Meilen abzugewinnen. Die drei Boote sahen sich jetzt auch, freilich vergebens, nach dem vierten um, das ihnen ganz aus Sicht gekommen, und suchten rund um sich her das vielleicht gesetzte hellere Segel desselben irgendwo zu erkennen. Es blieb verschwunden, und sie trösteten sich damit, daß sie es von Bord und den Masten aus wohl jedenfalls im Auge behalten haben und genau die Richtung kennen würden, die es genommen. Der König Harold war aber keineswegs ein sehr schneller Segler, wenigstens nicht dich am Wind, und der Nachmittag ging darüber hin, bis es ihm gelang, zu den beiden Fischen aufzukreuzen und sie an beiden Seiten seines Bordes zu befestigen. Der zweite Harpunier war schon früher an Bord zurückgekehrt, um mit der also vergrößerten Mannschaft das Schiff leichter regieren zu können, und ein Mann wurde jetzt wieder mit dem Fernglas nach oben geschickt, sich zu vergewissern, wo das vierte Boot läge, damit man ihm, falls es ebenfalls einen Fisch hätte, lieber alle anderen Boote zu Hülfe schicke, um die Beute in's Schlepptau zu nehmen. »Nun, Sirrah, nach welcher Richtung liegt es?« fragte der Capitain vom Deck aus, als er die bis jetzt gemachte Beute geborgen wußte und nun auch dem andern Boot seine Aufmerksamkeit zuwandte; »ist es weit von hier?« »Kann es nirgends finden, Sir!« lautete die Antwort zurück, und der Mann begann von Neuem den Horizont um den ganzen Compaß herum zu bestreichen. »Ach, Unsinn, Du brauchst nicht nach windwärts zu sehen, dahin zu ist es nicht!« rief der Capitain wieder hinauf; »laß die Sonne rechts und such' aufmerksam nach Süden hinüber – dort muß es liegen.« Der Mann gehorchte der Weisung, schaute aber ohne ein scheinbares Resultat so lange durch das Glas, bis der Capitain endlich ungeduldig wurde, selber auf die Schanzkleidung sprang und die Wanten hinauflief, um nach dem Boot auszuschauen. Er fing doch an, unruhig über dessen Verschwinden zu werden. »Da drüben ist es mir schon ein paar Mal so vorgekommen, Sir,« sagte der Mann, dem er das Glas abgenommen, während er nach Süd-Südwest hinunter deutete, – »als ob ich einen etwas dunkleren Punkt auf dem Wasser erkennen könnte; wem ich aber genauer hinsah, war es immer wieder verschwunden.« »Wo hinaus?« »Gerade dorthin; etwa in der Richtung, wo die kleine weiße Wolke liegt – vielleicht noch ein wenig mehr nach Westen.« Der Capitain folgte der angegebenen Richtung eine Zeit lang mit dem Glas, schüttelte dann mit den Kopf und fing an weiter zu suchen. Aber vergebens blieb er oben, bis die Sonne hinter den Horizont sank und dabei alle, auch die geringsten Gegenstände auf das Klarste und Deutlichste hervortreten ließ. Er konnte nicht das Mindeste von dem Boot bemerken, das doch auch jedenfalls um diese Zeit, wo es wußte, daß man es besonders mit dem Glase suchen würde, sein Segel hätte setzen müssen, denn dessen weißer Schein leuchtet dann weit hin über das Wasser. Auch der erste Harpunier war jetzt nach oben gekommen – dem Boot mußte jedenfalls ein Unglück zugestoßen sein, und die Leute fingen an unruhig deshalb zu werden. Aber auch dieser konnte durch das ihm gereichte Glas nicht das Mindeste erkennen, was einem Boot oder Segel glich, und die jetzt rasch einbrechende Dämmerung, der die Nacht in jenen Breiten auf dem Fuße folgt, machte ein weiteres Ausschauen bald unmöglich. Dem Capitain des König Harold blieb aber keine Wahl, was er in diesem Fall zu thun habe. Auf- und abkreuzen konnte er schon der langseits genommenen Fische wegen nicht, hätte er aber nur eine Richtung gewußt, wohin er halten solle, würde er doch vielleicht selbst die gemachte Beute im Stich gelassen haben, um seine verlorenen Leute wieder aufzufinden. So aber hatte er noch immer die Hoffnung, daß er sie in Lee finden würde, und dorthin trieb jetzt überdies das Schiff, an dem alle Segel aufgegeit waren, mit dem Passat und der Aequatorialströmung. War dann am nächsten Morgen noch nichts von dem Boot zu sehen, so konnte er, was über Nacht von den Fischen noch nicht eingeschnitten worden, mit einer darauf gesteckten Flagge zurücklassen, und nach dem verlorenen Boot umherkreuzen. Lieber Gott, immer ein verzweifelter Versuch, verlorene Boote wieder anzutreffen. Die See ist so entsetzlich groß, und hatten die Leute wirklich ihr Boot verloren und schwammen auf dem Wasser – wo sie finden? Es wäre das auch eben nur geschehen, um sich selber nicht den Vorwurf machen zu müssen, daß man einen Theil der Kameraden leichtsinnig aufgegeben habe. Die höchste Wahrscheinlichkeit blieb immer, daß ein verwundeter Spermfisch das Boot zertrümmert hatte und die Mannschaft nicht im Stande gewesen war, sich lange mit Schwimmen an der Oberfläche zu halten. Die See war freilich ruhig genug, aber der furchtbare Hai wittert rasch das Blut eines geworfenen Fisches, und wie jetzt sechs oder sieben dieser gierigen Bursche ihr Schiff umschwammen und ungeduldig das Anschneiden der Beute erwarteten, daran herumzerrten und rissen, und doch die scharfen Fänge nicht in die riesige zähe Masse einschlagen konnten, so waren sie auch sicher dort aufgekommen, wo sich das andere vermißte Boot befand, und wehe den Unglücklichen, die des schützenden Fahrzeugs beraubt ihrem Heißhunger preisgegeben wurden. Freilich blieb noch immer die Möglichkeit, daß das unbeschädigte Boot durch die Jagd nur zu weit nach Lee zu verschlagen worden, um so bald wieder aufrudern zu können; ein Boot ist nur ein kleiner Fleck auf dem ungeheuern Ocean und kann mit dem besten Fernrohr wohl dem Auge entgehen. Dann wußten sie aber auch recht gut, welcher Richtung sie zu folgen hatten, und um ihnen die auch für die Nacht klar und deutlich anzugeben, wurden zwei Laternen auf dem Vor- und Haupttop befestigt, damit sie dem Schiff nicht etwa in der Dunkelheit vorbeiruderten. Nach Dunkelwerden dann, um Mitternacht und vor der Morgenwache ließ der Capitain ebenfalls die kleinen Kanonen lösen, die er auf dem Deck stehen hatte, um auch durch deren Schall dem Boot die Richtung anzudeuten; aber umsonst, die Nacht verging und von den Vermißten war nichts zu hören noch zu sehen. Das Einschneiden der Fische ging indessen rüstig vor sich; der Blubber oder Speck war angestoßen und wurde mit einem besonders dazu eingerichteten Windewerk aufgeholt, und selbst das Auskochen begann zugleich mit dem Anbordnehmen, um keine Zeit zu versäumen und das unter der Linie sonst leicht in Verwesung übergehende Material aus dem Weg zu bekommen. Große, mit Streifen Blubber genährte Fackeln hingen in einer aus Eisenbändern gefertigten Art von Käfig oder Netz über Bord und warfen ihren blutrothen, flammenden Schein über ein wildbewegtes, reges Bild. Doch vor Mitternacht war auch der eine gewaltige Fisch schon eingeschnitten, und mit dem schwermächtigen Blubberhaken wurde der riesige Kopf, der im Wasser noch von der Wirbelsäule abgestoßen worden, ganz an Bord gehoben, so daß sich das Schiff unter der gewaltigen Last neigte, als er über die Seite kam. Mit Tagesanbruch, wo die ganze Mannschaft schon scharf an dem zweiten Fisch arbeitete, mußten aber wieder ein paar von den Harpuniern, jeder mit einem Fernrohr, nach oben, und vergebens hatten sie schon bis zu Sonnenaufgang den Horizont nach jeder Richtung hin abgesucht und nichts entdecken können, als der Blick des ersten Harpuniers auf einen dunkeln Punkt in dem jetzt hellblitzenden Wasser traf und diesen festhielt. Die Entfernung war aber selbst für das gute Glas zu groß, etwas Genaueres unterscheiden zu können, nichtsdestoweniger wurde der Capitain gleich darauf in Kenntniß gesetzt, der dann ebenfalls nach oben kam. Jedenfalls schwamm dort irgend etwas auf dem Wasser, was es auch sein mochte, aber es lag zu windwärts. Sie mußten in der Nacht daran vorbeigetrieben sein, und um sich erst davon zu überzeugen, was es sein könne, wurde der zweite Harpunier mit seinem Boot beordert, hinzufahren. Wenn auch nicht das vermißte Boot, denn so sah es nicht aus, war es möglicher Weise ein todter Walfisch und lohnte nicht allein die Mühe danach zu sehen, sondern konnte sie auch auf die Spur der Verlorenen bringen, da der Fisch, wenn er von ihnen geworfen worden, jedenfalls noch eine der Schiffsharpunen oder »Eisen« in sich trug. Der Befehl wurde hinunter an Deck gerufen, und wenige Minuten später stieß das Boot schon vom Bord und schoß, von den vier kräftigen Riemen getrieben. Pfeilschnell der Richtung zu, die ihm von dem Hauptmast aus, durch den ausgehaltenen Korb fortwährend angedeutet ward. Der Capitain aber blieb oben in der großen Bramstengensalung, um den einmal gefaßten Punkt nicht wieder aus dem Glas zu verlieren und den Erfolg des Bootes beobachten zu können. Wohl eine halbe Stunde war dieses indeß, nur dem Zeichen vom Bord aus folgend, gerudert, ohne selber etwas nach vorn wahrnehmen zu können, als endlich der vorn im Boot auf der Back stehende Harpunier einen dunkeln Gegenstand gerade vor sich und dicht über dem Wasser zu erkennen glaubte. Der eingezogene Korb an Bord zeigte ihnen ebenfalls, daß sie die rechte Richtung hätten, und nicht lange mehr dauerte es, so rief der Harpunier plötzlich, indem er sich nach seinen Leuten halb umwandte und mit dem Arm nach vorn deutete: »Greift aus, meine Burschen, greift aus – das ist bei Gott ein Mensch, der da auf einem Floß oder Boot oder sonst 'was steht – greift aus, denn wie mir scheint, kommen wir eben noch zur rechten Zeit!« Dann ein lautes » Hallo !« ausstoßend, suchte er dadurch den Gegenruf von da drüben zu erwecken; aber kein Laut antwortete ihm, und indem sie nun alle Kraft in den Druck der Ruder legten, daß sie sich fast zum Zerspringen bogen, schäumte das scharfgebaute schlanke Fahrzeug seinem wunderlichen Ziel entgegen. »Ein Mann! ein Mann!« riefen aber auch die Leute jetzt im Boot, die neugierig den Kopf nach ihm wandten, und: » Damn my eyes !« brummte der Bootssteuerer, der ebenfalls mit dem Steuerriemen in der Hand hoch im Boot stand – » if that ain't Patrick !« (Verdamm' meine Augen, wenn das nicht Patrick ist.) » Patrick, by God !« rief auch jetzt der Harpunier – »aber wo sind die Anderen?« Jede weitere Frage erstarb jedoch in den neuen Ausrufen des Staunens, als sie näher kamen und nicht allein wirklich den vierten Harpunier, den jungen Iren Patrick, in dem Schiffbrüchigen erkannten, sondern auch fanden, daß er keineswegs auf einem Floß oder umgedrehten Boot, sondern auf einem todten Spermfisch kniete, der mit seiner Last einige Zoll unter der Oberfläche des Wassers lag. – Die linke Hand hatte er dabei um das kurze Tau einer noch in dem Blubber steckenden Harpune geschlagen, was ihn allein auf seinem schlüpfrigen Stand gehalten, und mit der rechten hielt er den Harpunenstiel, den er von der Leine losgeschnitten, so krampfhaft umfaßt, daß er ihn nicht einmal lassen wollte, als das Boot an ihn hinanschoß, und sich Aller Arme nach ihm ausstreckten, um ihm hineinzuhelfen. Der arme Teufel sah todtenbleich aus und brachte keinen Laut über die Lippen – ja sein Blick schweifte wild und stier selbst über die Kameraden hin, als ob er sie nicht mehr kenne. Wie mechanisch nur richtete er sich selber auf, in das Boot zu steigen, brach aber dort, sobald er nur die festen Planken unter sich fühlte, ohnmächtig zusammen. Er hatte eine furchtbare Nacht durchlebt, und wir müssen zu dem Augenblick zurückgehen, wo er mit seinem Boot die Uebrigen verließ, um den einzeln ankommenden und von der übrigen School abschwimmenden Fisch zu verfolgen. In etwa fünfhundert Schritt Entfernung von dem Cachelot ruderten sie hinter ihm drein und gewannen an ihn, wie er mehrmals untertauchte und dann langsam, keinen Feind hinter sich ahnend, wieder nach oben kam. Mehr und mehr drehte er dabei von dem bisher gehaltenen Cours ab, möglicher Weise vielleicht, um in einem weiten Bogen zu dem früheren Spielplatz zurückzukehren; aber auch diesen Cours änderte er wieder und zog jetzt, während das Schiff selber, wie man im Boot recht gut sehen konnte, über den andern Bug von ihnen fort lag, gerade gen Westen mit Wind und Strömung. Patrick, wie vorher bemerkt, der Harpunier oder boats-header des vierten Bootes, ließ nun, da ihnen der Wind günstig geworden, sein Segel setzen, um dem Fisch desto schneller und geräuschloser folgen zu können. Dieser aber, ob er nur so auf eigene Faust in rasche Fahrt kam, oder doch, trotz aller Vorsicht, etwas von den Verfolgern gewittert hatte, lief jetzt so schnell durch das Wasser, daß selbst das leichte Boot mit einer günstigen Brise nur wenig an ihn gewinnen konnte. Da plötzlich, als sie nach mühsamer Arbeit schon fast in Wurfsnähe hinangekommen und der Bootssteuerer auch bereits zum Wurf mit seinem Eisen ausholte, ging er nach unten, und das Boot schoß im nächsten Augenblick über die Stelle hin, in der die Fluth noch hinter dem gesunkenen Ungethüm kräuselte und wirbelte. »Segel ein!« scholl da der rasch und dringend gegebene Befehl des Harpuniers; die kleine Raae fiel im nächsten Augenblick, das Boot glitt nur noch langsam, einmal im Schuß, ein Stück weiter auf seiner Bahn, und der Bootssteuerer stand, auf den Wink seines Obern, mit gehobener Harpune still und regungslos vorn im Boot, um gleich zum Wurf bereit zu sein, wenn der Fisch sich wieder zeigen sollte; aber er selber zweifelte, daß das Thier hier wieder nach oben kommen würde, und deutete, fragend dabei den Harpunier ansehend, weiter nach vorn. Dieser, obgleich noch jung an Jahren, war doch ein alter Walfischfänger, und die ganze Art, wie der Fisch niedergegangen, schien seine Vermuthung zu rechtfertigen, daß er hier nur einen plötzlichen Halt gemacht und nicht weit gehen würde, bevor er auf's Neue zur Oberfläche käme. Während das Segel nun an den Mast flappte und der Harpunier das Schootenfall desselben noch um die Hand gewickelt hielt, um keinen Augenblick zu verlieren, wenn sie dennoch die Verfolgung wieder aufnehmen müßten, sahen die Leute an den jetzt leise wieder vorgenommenen und für jeden Fall eingelegten Rudern aufmerksam in die klare Fluth unter sich nieder, in der allerdings etwas ungewissen Hoffnung, den vielleicht darunter hinschwimmenden Fisch zu sehen und seine genommene Richtung dadurch bestimmen zu können. »Da schwimmt 'was!« rief plötzlich Einer der Leute mit halbunterdrückter, erschreckter Stimme – »gerade von unten herauf!« »Bst!« warnte aber der Ruf des Offiziers – »leise – leise! Ihr scheucht ihn fort! Wo?« »Da kommt er – da kommt er!« kreischten aber drei oder vier Stimmen jetzt zu gleicher Zeit, und fast instinktartig griffen sie nach den Rudern. »Zurück mit Euch – zurück – um Euer Leben!« schrie aber auch in diesem Augenblick der Harpunier, der, über Bord gebeugt, die hellgrüne riesige Gestalt blitzesschnell aus der Tiefe herauftauchen sah und die Gefahr recht gut kannte, der sie ausgesetzt waren, wenn der Koloß ihr Boot so im Aufkommen nur leise traf. Fast in demselben Augenblick fielen auch die Ruder in das Wasser, und das Boot, von dem Gegenschlag derselben zurückgeschnellt, konnte kaum um seine eigene Länge den Platz geräumt haben, als der riesige abgestumpfte Kopf eines mächtigen Spermfisches, den weiten schmalen Rachen halb geöffnet, an die Oberfläche tauchte. Mit dem halben Kopf schnellte er zugleich darüber hinaus, um gleich darauf mit einem gewaltigen Satz, das Wasser dabei in vollen dicken Strahlen seitwärts abstoßend, nach vorn zu schießen und dem fremden Gegenstand, dem Boot, das er jedenfalls gesehen haben mußte, zu entgehen. Vorn im Boot und dicht über dem »Berg von Blubber«, der sich eigentlich unter seinen Füßen aus der Fluth hob, stand der Bootssteuerer mit gehobenem Eisen; aber sein Arm zitterte, und noch im Bereich des furchtbaren Gegners, der sie mit einem Schlag zermalmen konnte, wagte er es nicht, die Harpune in den fliehenden Koloß zu schleudern. »Wirf – wirf in's drei Teufels Namen!« schrie aber Patrick, die Gefahr total mißachtend und in dem Moment nur ihrer Jagd gedenkend, die ihnen die Beute fast in Armes Bereich gebracht, – »Mensch, Du läßt Dir ja den Fisch unter den Händen weg!« Und die eigene Lanze ergreifend, schien er den Augenblick mit wilder Lust zu erwarten, wo er den scharfen Stahl hinter die Finne des Wildes schleudern könnte. Noch zögerte der Bootssteuerer, aber es waren nur Sekunden, die ihm zum Besinnen blieben, denn ließ er den günstigen Moment ungenützt vorbei, so war die Frage, ob er bei dem jetzt scheu gemachten Fisch je wiederkehrte. Aber das Segel, von des Harpuniers Hand rasch angezogen und gehalten, hatte schon den Wind gefaßt, und indem er den Steuerriemen scharf gegen die Hüfte preßte, um den Bug des Boots herumzubringen, ließ er es schäumend hinter dem flüchtigen Fische dreinfliegen. Und jetzt sauste die Harpune, von der kräftigen Hand des jungen Engländers geschleudert, tief in den Rücken des Gegners und haftete in dem zähen Blubber. Im Nu war das Segel niedergenommen, waren die Ruder eingeworfen, und der Bootssteuerer gab jetzt, indem er zurücksprang und seinen Platz am Steuerruder einnahm, dem Harpunier Raum, die Lanze zu werfen und dem Leviathan der Tiefe den Todesstoß zu geben. Der Harpunier ist nämlich der erste Offizier in einem Walfischboot, der Bootssteuerer der zweite; im Anfang der Jagd haben aber beide ihre Plätze gewechselt oder vielmehr die rechten noch nicht eingenommen, denn der Harpunier steuert das Boot an den Fisch hinan, was eine sehr sichere, geübte Hand erfordert, und der Bootssteuerer steht vorn mit der Harpune, den Fisch zuerst zu werfen und an ihn festzukommen. Hat aber die Harpune gefaßt, dann nimmt der eigentliche Harpunier mit der Lanze (eine wirkliche Wurflanze ohne Widerhaken) zum Tödten des Walfisches den Platz vorn im Boot ein, und sein Wurf muß gerade hinter die Finne auf einen etwas ausgehöhlten dunkleren Fleck treffen, wo das mächtige Thier allein tödtlich verwundet werden kann. Die Leine, an der die Harpune saß, sauste indessen durch die vorn auf dem Boot zu dem Zweck angebrachte offene Klüse (Stoßpinnen), und das Boot schoß blitzschnell hinter dem herüber und hinüber zuckenden Fisch drein. Patrick stand jetzt vorn im Boot, die Lanze zum Wurf aufgehoben, und die Leute holten mit Macht Leine ein, um ihr kleines Fahrzeug wieder zum Todesstoß für den Gefangenen an ihn hinan zu ziehen. Jetzt hatten sie ihn erreicht, Patrick bog sich zurück, und während der Schwanz des riesigen Thieres fast dicht neben ihnen in das Wasser schlug und es sich hob, um der ihm jetzt bewußten Gefahr zu entgehen, sauste der tödtliche Stahl in die weiche Flanke des Feindes tief hinein. Im Nu riß sie aber der Harpunier mit einem triumphirenden Blitzen der Augen zurück, den Stoß zu wiederholen, als sich der Fisch in Schmerz und Todeswuth rasch und plötzlich wandte, daß die See, seine Seiten peitschend, zischte und schäumte. »Dickes Blut, dickes Blut!« jubelten die Leute in diesem Augenblick, aber » Zurück !« schrie die Stimme des Harpuniers in lautem gellenden Ton, und wie sich der Bootssteuerer mit ganzem Gewicht in seinen Riemen warf und weit hinaus über das Boot lehnte, um den Bug desselben rasch herum zu werfen, und bevor die Leute selbst ihre Ruder in die Dollen werfen konnten, kam der gereizte Wal, der seinen Feind jetzt so dicht vor sich sah, mit offenem Rachen heran. Mit halbem Wurf sich dabei aus dem Wasser schleudernd, hielt er den riesigen Rachen geöffnet, und während das Boot seinen Bug herumwarf, ihm zu entgehen, faßte er es gerad' in der Mitte, und es mit seinen Kiefern zusammenpressend, riß er die dünnen Planken auseinander, als ob sie von Papier gewesen wären. Patrick sah die Gefahr und wußte im ersten Augenblick, was ihnen bevorstand. Mit ruhiger, fester Hand schleuderte er aber dennoch die schon wieder erhobene Lanze gerad' nach dem Auge des Feindes, das er traf und durchbohrte – aber das Boot konnte er damit nicht retten. Das wüthende Thier fühlte im Todeskampf vielleicht nicht einmal die neue Wunde; nur das dicke schwarze Blut ausblasend und allein noch in dem einen Bewußtsein, dem der Rache, knirschte es das Boot zusammen, und die schäumende blutige Fluth wirbelte im nächsten Augenblick über eine Masse von Trümmern und Schwimmenden, die nur in dem nächsten Gefühl der Erhaltung ein Brett zu fassen suchten. Patrick selber hatte fast unbewußt und krampfhaft noch im Sturz die Leine gepackt, in der die Harpune saß. Als sie sich um seinen Arm schlang, riß sie ihn wenige Minuten später mit fort durch die blutige Fluth, hinaus in freies Wasser und nach unten, und er wäre verloren gewesen, wenn der Fisch nur noch für Secunden länger Leben behalten hätte. Aber der erste Wurf hatte ihn zu sicher getroffen, und wieder nach oben kommend, schwamm er ein-, zweimal im Kreise herum, peitschte mit den riesigen Flossen die zitternden Wogen um sich her und trieb dann langsam und todt in der blutigen Fluth. Patrick, der mit ihm wieder nach oben gekommen und von dem getödteten Fisch so unfreiwillig eigentlich in's Schlepptau genommen war, zog sich jetzt rasch zu dem mit der Oberfläche gleich schwimmenden Koloß hin, und die dort noch haftende Harpune ergreifend, half er sich in demselben Augenblick hinauf, als ein wilder Schrei dicht hinter ihm ertönte. Erschreckt wandte er sich danach um – der Hülferuf klang gar zu entsetzlich und markdurchschneidend; aber ihm selber stieß es wie mit einem Messer in's Herz, als er, gar nicht weit von sich entfernt, die dunkeln Flossen zweier Haie erkannte, die rasch und gierig herüber- und hinüberschossen, während das Gurgeln im Wasser dicht hinter ihm und das Peitschen der Wogen die Stelle verrieth, wo einer seiner Kameraden in den erbarmungslosen Fängen einer dritten Bestie den Todeskampf kämpfte. Wie sich die Geier und Raben um ein sterbendes Vieh sammeln, so steigt aus dem Grunde herauf der Hai, plötzlich und unerwartet, dem Schwimmer zum Verderben, und was er einmal gefaßt, das ist auch sein und er hält es, sich herumwirbelnd, wie in eisernen Fängen. Hier und da trieben jetzt noch einzelne der Unglücklichen aus dem zerschmetterten Boote, die sich theils an die Ueberreste desselben geklammert, theils einen Riemen gefaßt hatten, sich über Wasser zu halten; aber nur noch drei waren übrig von all' den kräftigen, lebensfrohen Gestalten, die keck und trotzig noch wenige Minuten vorher der Gefahr in's Auge geschaut, und die Hyänen der Tiefe wütheten jetzt unter ihnen. Was half der mit dem Arm nach ihnen geführte machtlose Schlag, was der gellende Aufschrei der Verzweiflung – es war Musik in den Ohren der kalten furchtbaren Raubthiere mit den Katzenaugen und der riesigen Kraft, und der blutige Schaum, der in der nächsten Secunde auf der Oberfläche des Meeres schwamm, war das Leichentuch der Unglücklichen und zeichnete ihr Grab. »Das ist furchtbar!« stöhnte Patrick, der kaum die Kraft behielt, sich auf dem ihn jetzt noch schützenden Körper des Wals zu halten – »furchtbar, so enden zu sollen, und keine Hülfe!« – Und das Auge suchte verzweifelnd das rettende Schiff, das weit, weit am Horizont von ihm ab kreuzte, den anderen Booten nach. Und wenn sie ihn dann auch vermißten und suchten, und das Boot nicht mehr finden konnten mit dem Glas und hier auf- und absegelten Tage lang, was half es ihm ? – Nur Stunden, Minuten vielleicht waren ihm noch gegeben, und seine Henker wälzten und jagten sich um ihn her und sprangen und tauchten in wilder befriedigter, aber nimmer gesättigter Lust. Schaudernd barg er das Gesicht in die Hand, die eigene Gefahr fast vergessend, nur den Todeskampf der Kameraden nicht zu sehen, – war es ja doch ein Spiegelbild dessen, was ihn selber erwartete. Aber das Zischen und Schlagen des Wassers um ihn her zwang ihn zuletzt, mit dem Instinct der Selbsterhaltung, der sich bis zum letzten Augenblick selbst an den Strohhalm klammert, auf eigene Rettung zu denken, oder sein Schicksal doch wenigstens so lange hinaus zu schieben wie möglich, um eben der Möglichkeit einer Hülfe überhaupt noch Raum zu geben. Die Harpune in dem Rücken des Wals, die er, um ihr mehr Festigkeit zu geben, noch tiefer in den Blubber hineindrückte, bot ihm eine Stütze, sich auf der schlüpfrigen, glatten Masse zu erhalten, denn wenn er auch ein paar Mal daran dachte, das Eisen herauszuschneiden und sich desselben als Schutzwaffe gegen den gierigen Hai zu bedienen, mußte er den Gedanken doch immer wieder aufgeben. Hinuntergespült in die Fluth, wäre selbst das scharfe Eisen nicht Wehr genug gegen den schnellen Hai gewesen, der herüber- und hinüberschießend sein Opfer doch zuletzt gefaßt und dann, trotz allen ihm vielleicht versetzten Wunden, in die Tiefe gezogen hätte. Aber Eins konnte er thun. Der Stiel der Harpune, ein kurzer, stämmiger Eichenstock von vielleicht zwei Zoll im Durchmesser, stak noch im Eisen fest, und den bog er heraus, befreite ihn mit dem kurzen Messer, das in seinem Gürtel hing und das jeder Matrose bei sich trägt, von der Leine, und behielt noch Zeit, diese von der Harpune zu lösen und wieder daran zu befestigen. Indem er nun die Harpunenleine zum besseren Halt um seine linke Hand schlang, faßte er den stämmigen Stock jetzt mit frohem Selbstvertrauen in die Faust und sah mit gebissenen Zähnen und neuerwachtem Muth dem ersten Angriff des Feindes entgegen, der indessen lange auf sich warten ließ. Die Haie waren für den Augenblick gesättigt und spielten mehr in den Strömen des Blutes, die rings das Wasser färbten, als daß sie nach neuer Beute verlangten. In dem Blute selbst hatten sie auch weiter keine Witterung mehr und suchten nur manchmal, wenn auch vergebens, einen Halt an dem schlüpfrigen, breiten Körper zu bekommen, ja schwammen auch wohl faul und schläfrig hinter den aus dem Boot geschlagenden, treibenden Brettern und Riemen her, hier eins fassend und eine Weile im Rachen haltend, und dort eins mit dem runden, schaufelförmigen Oberkiefer vor sich hinstoßend. Das Wetter war glücklicher Weise still und ruhig, und nur der Ostpassat warf leichte Wellen, in deren Wogen der Fisch sich ebenfalls hob und senkte; aber keiner der Haie war bis jetzt so nahe gekommen, daß er ihn gesehen oder, wenn gesehen, beachtet hätte, und er hoffte schon, vielleicht unangegriffen seinen Platz behaupten zu können, bis das Schiff zu seiner Rettung herbeikäme, oder wenigstens seine Boote schickte. Aber wo war das Schiff? – Heiliger Gott, keine Aussicht auf Entsatz noch in langer Zeit, denn selbst auf die Entfernung hin konnte es dem Auge des Seemanns nicht verborgen bleiben, daß es noch immer von ihm abhalte, in den Wind hinein. Die anderen Boote waren ebenfalls festgekommen und, mit den genommenen Fischen langseits, gar nicht einmal mehr im Stande, nach ihm zu suchen. Die Sonne brannte ihm dabei heiß und sengend auf den Scheitel, und die Zunge klebte ihm am Gaumen. Wasser! – die kühle Fluth netzte seinen Fuß, und sollte er darin verschmachten? – Er kniete nieder und wusch sich Stirn und Schläfe, und Augen und Lippen, um einige Kühlung in der Gluth zu haben, und dann band er sich, da er beim Zerschlagen des Bootes auch seinen Hut mit eingebüßt, sein Taschentuch über den Kopf, um ihn etwas gegen die stechenden Strahlen zu schützen. Durch diese Bewegung mußte aber einer der Fische auf ihn aufmerksam geworden sein, oder konnte auch, wenngleich gesättigt und übersättigt, doch die Gier nach neuer Beute nicht mäßigen; denn wie er den Kopf eben emporrichtete, bemerkte er, daß eine der größten ihn umschwimmenden, hoch aus dem Wasser ragenden dunkeln Rückenflossen gerade und rasch auf ihn zugeschwommen kam. Er behielt auch in der That kaum Zeit, sich emporzurichten und mit seiner Wehr zum Schlag auszuholen, als ein tüchtiger Bursch von vielleicht dreizehn Fuß Länge herangeschossen kam und sich mit der gerade steigenden Woge halb um auf den Rücken des Wals drehen wollte, um, was dort oben sich noch befand, herunterzulangen. Mit der Gefahr kehrte aber dem Seemann all' der frische tollkühne Muth zurück, und, den schweren Harpunenstock in der Rechten und mit der Linken das Tau noch immer gefaßt, um seinen festen Stand zu bewahren, traf er den eben die Oberfläche berührenden Kopf des Ungethüms mit so kräftigem, gut gezieltem Schlag, daß der Hai halb betäubt von dem Fisch zurückglitt und wegsank, ehe er sich zu einem neuen Angriff rüsten konnte. Aber andere Haie hatte das Geräusch, das Plätschern und Schlagen herbeigelockt, und wenn sie auch nicht gleich einen unmittelbaren Angriff auf das kecke Menschenkind machten, das ihnen in ihrem eigenen Element zu trotzen wagte, so umschwammen sie doch den Ort, wo er stand, in immer engeren Kreisen und kamen ein paar Mal selbst so nahe, daß Patrick sie mit dem starken Ende des Holzes genugsam über die Kiemen traf, um ihnen in Zukunft mehr Respect einzuflößen. Der Hai ist aber ein gierig-stöckisches Vieh und kehrt, wenngleich selbst schwer verwundet, immer wieder zu einer einmal gewitterten Beute zurück, so lange er nur noch die Kraft dazu in sich fühlt. So auch hier. Wieder und wieder mußte sie das schwere Holz belehren, daß hier noch nichts für sie zu holen sei, so lange wenigstens nicht, als sich der junge Ire noch stark genug fühle, gegen Hunger und Durst, gegen den sengenden Sonnenstrahl und die stete furchtbare Anstrengung seiner Nerven in der entsetzlichen ihn umgebenden Gefahr anzukämpfen. Und das Schiff? – keine Rettung von dort! Tiefer und tiefer sank die Sonne, und weit zu windwärts noch lag das Schiff mit seinen hellschimmernden Segeln. Gieriger aber wurden die ihn umschwimmenden Bestien, die vergebens ihre Fänge in die zähe Haut des Spermfisches einzuschlagen suchten, und wie die Sterne sich im Osten entzündeten und nach und nach über den ganzen Himmel flammten, sah er die glühenden Strahlen in der phosphorescirenden Fluth herüber und hinüber streichen, wie die Fische zu und abwärts schwammen und ihn in immer engeren Kreisen umzogen, und die Gefahr für ihn wuchs mit der Nacht. Wohl erkannte er die für ihn ausgehangenen Laternen seines Schiffes, ja er sah, als es völlig dunkelte, den hellen Feuerschein der Blubberlampen und das matte Licht sogar, das von den Kochöfen der Thransieder ausging und in den aufgegeiten Segeln seinen Wiederschein fand; aber was half das ihm? Wie durfte er hoffen, von dem Schiffe aus in dunkler Nacht gesehen und aus seiner furchtbaren Lage gerettet, befreit zu werden? Und würden menschliche Kräfte bis zum nächsten Morgen das so ertragen können? Er war kaum noch im Stande sich auf den Füßen zu halten und suchte kurze Erholung wenigstens darin, daß er Minuten lang, oder so lange ihn die immer wieder näher kommenden Fische in Ruhe ließen, auf seinem wunderlichen Floß kniete. Oftmal versuchte er sogar, sich, wenn auch im Wasser, oh nur ein einziges Mal, der Länge nach auszustrecken. Vergebene Hoffnung! Seine Peiniger ließen ihn nicht ruhen, und die Gefahr war zu furchtbar nahe, von ihnen überrascht, gefaßt und seinem Tode entgegen gerissen zu werden. Der gierigste der Burschen, ein junger Fisch von kaum mehr als acht Fuß Länge, packte sogar einmal die Harpune selbst, hinter die er getreten, und hielt sie lange genug, um von der zurückweichenden Welle halb trocken auf dem Spermfisch gelassen zu werden. Da traf ihn aber Patrick's Harpunenstiel dermaßen über den tückisch drohenden Schädel, daß er betäubt von dem schlüpfrigen Wal zurückglitt, das Weiße vom Bauche aufdrehte und versank. Aber andere nahmen seinen Platz ein, und nur der Gluthenstreif, den sie im dunkeln Wasser zogen, verrieth ihr Nahen und mahnte den Unglücklichen jedesmal, dem neuen Angriff die Stirn zu bieten. Stunde um Stunde verging so in dem entsetzlichen Ringen um sein Leben; aber neue Hoffnung erwachte in ihm, als das Schiff jetzt näher und näher kam und der wieder abgefeuerte Schuß hell und klar zu ihm herübertönte. Jetzt konnte er schon das Deck selber erkennen, ja die Gestalten sogar, die sich in demselben Lichte hin und her bewegten. »Ahoy! – oh ahoy!« tönte sein wilder, verzweifelter Schrei hinüber zu den Kameraden, die, ohne ihn zu bemerken, an ihm vorübertreiben wollten – »ahoy!« Wieder galt es sein Leben zu vertheidigen, denn die Fische, von dem Ruf der menschlichen Stimme angelockt, kamen von allen Seiten herbei, und die dunkeln Rücken streiften und theilten die Oberfläche des Wassers an vielen Stellen. Da und dorthin traf sein Schlag, das Ende des zähen Holzes war schon zersplittert von den verzweifelten Streichen – Streiche, die einen Stier betäubt haben würden und bei dem Hai nur höchst selten mehr Wirkung ausübten, als ihn auf kurze Zeit zurückzutreiben. Und das Schiff? – da drüben trieb es, fast in Rufes Nähe; wieder schmetterte ein Kanonenschuß zu ihm herüber, und die darauf folgende Pause benutzte er auf's Neue, den gellenden Hülferuf dorthin zu senden, wo ihm so nah und doch unerreichbar die Rettung lag. Aber der Wind kam von dort herüber; so deutlich er den Schall des Geschützes hörte, ja selbst dann und wann den einzelnen Laut einer Stimme vom Deck zu unterscheiden glaubte, so wenig vermochte sein eigener Ruf hinüber zu dringen. Nur die Feinde um ihn her machte er mehr und mehr rege und gierig und ihre Angriffe wurden häufiger. – Was die Hoffnung auf Rettung bis dahin wach gehalten, seine Kraft, sein guter Muth – sie sanken, als er das Schiff vorbeitreiben sah, sanken, als ihm kein Mittel geblieben war, seine Nähe zu verkünden. Nur der krampfhafte, fast unbewußte Trieb der Selbsterhaltung ließ es ihn noch gegen den Angriff der gierigen Bestien bis zur letzten Kraft, zum letzten Athemzug vertheidigen. So schwand die Nacht – das südliche Kreuz am Himmel drehte sich langsam – langsam nach Westen, und dort hinten im fernen Ost dämmerte der Tag. Er sah das noch – erkannte, wie die Sonne dem Meer entstieg, erkannte wieder die Umrisse seines Schiffes, die schlanken Masten und die aufgegeiten Segel, wollte noch das Letzte versuchen, sein Dasein zu verkünden, und suchte das Hemd auszuziehen und es zu schwenken, dem Ausguck im Mast ein deutliches Zeichen, – er vermochte es nicht mehr. Die Glieder waren ihm starr und steif, selbst die Stimme versagte ihm den Dienst und schwand in ein leises Röcheln. Seine Augen brannten, der Kopf wirbelte ihm, und eine neue wilde Idee, wie ein Irrlicht auf weitem Meer, blitzte in ihm auf und schien alles Andere, jeden Gedanken an Hülfe oder Rettung, jede Hoffnung, jeden weitern Blick um sich her zu verdrängen. Er fing an, unter den ihn noch immer rastlos umschwimmenden Haien sich den einen auszusuchen, auf den er sich werfen und den er mit dem scharfen kurzen Messer, das er trug, zugleich mit sich vernichten wollte. Wieder und wieder hatte ihn der bedrängt und ihm nicht Ruhe noch Rast gelassen auch nur eine Stunde lang; immer auf's Neue, wenn auch immer wieder mit dem schweren Holz empfangen und zurückgeschlagen, kehrte er zurück, der gierigste unter der gierigen Schaar, und Rache wollte er nehmen an dem . Aber die Kräfte verließen ihn, die furchtbare Aufregung seines Geistes und Körpers drohte ihn zu bewältigen. Während die Haie seit Tagesanbruch, wenn sie auch nicht den getödteten Wal verließen, doch keinen directen Angriff mehr auf den Mann machten, der ihnen ja doch bald zur Beute fallen mußte, war er in die Knie gesunken und folgte halb bewußtlos nur mit den Blicken den dunkeln, dräuenden Flossen. Er hatte das Schiff ganz vergessen. Das laut herübergerufene Hallo des rettenden Bootes weckte ihn zuerst aus seiner Betäubung, – er sah das Boot, aber er schien kaum zu begreifen, was es wolle, wo er sich eigentlich befinde. Aber er richtete sich noch einmal auf – fühlte sich von anderen Armen unterstützt, von freundlichen, herzlichen, ermuthigenden Worten begrüßt, und sank ohnmächtig zurück. Der Harpunier hatte nun allerdings Ordre bekommen, wenn er den dunkeln Punkt, den sie von Bord aus gesehen, erreichte und einen todten Wallfisch finde, ein Zeichen durch das Wehen einer mitgenommenen weißen Flagge zu geben und dann dort zu bleiben, bis ihm die anderen Boote zu Hülfe geschickt werden konnten, um den todten Fisch in's Schlepptau zu nehmen. Sie hatten aber nicht erwartet, einen einzelnen, halbtodten Kameraden darauf zu finden. Er gab deshalb wohl das Zeichen und stieß die mitgenommene Flagge in den Körper des todten Wals, damit die anderen Boote den Platz finden könnten, ruderte dann aber, so rasch ihn die Riemen seiner Leute vorwärts zu bringen vermochten, mit dem Geretteten zum Schiff zurück. Drei von den Haien, die sich die schon sicher gehoffte Beute nicht so leicht wieder wollten entreißen lassen, folgten dem Boot, und wurden von dem Harpunier, der sich wohl denken konnte, wie sie den Kameraden dort geängstigt und bedrängt, einzeln vom Boot aus mit der Lanze geworfen und erlegt. Aus dem Matrosenleben 1. An Bord »Capitain an Bord?« frug am Morgen des 2. August ein sonnengebräunter breitschultriger – Herr, muß ich sagen, denn er stak wenigstens in feinen Tuchkleidern, trug einen hohen schwarzen Seidenhut und seine Wäsche. Seine breiten braunen Fäuste, die allen Glacéhandschuhen ingrimmig Trotz boten und ihrem Eigenthümer in jeder andern Kleidung gewiß Ehre gemacht hätten, ließen aber weit sicherer auf einen Arbeitsmann als auf ein Mitglied der »höheren Klassen« schließen, und doch schien er zu denen zu gehören, oder rechnete sich wenigstens selbst dazu. Der Fremde stand in einem der gewöhnlichen Baiboote von Sidney und hatte die Fallreeps der herunterhängenden Schiffsleiter gefaßt, während er zu dem oben über Bord sehenden Steuermann des Pelikan, der schon draußen in der Bai von Sidney lag und am nächsten Morgen unter Segel gehen wollte, hinaufrief. »Ay, ay, Sir,« lautete die seemännische Antwort; der Fremde sprang auf die Leiter und lief, nach ein paar mit den Bootsleuten gewechselten Worten, die ihr kleines Fahrzeug gleich darauf festmachten und seine Rückkehr zu erwarten schienen, an Deck. Das Deck des Pelikan bot nichts Außergewöhnliches dar. Die Leute waren theils beschäftigt, von dem am andern Bord liegenden Watertank Watertanks sind kleine Fahrzeuge, deren innerer Schiffsraum eingerichtet ist, mit Wasser statt mit anderer Ladung gefüllt zu werden. Sie gehen dann langseit der Schiffe, die frisches Wasser verlangen, und pumpen dasselbe mit Hülfe eines langen Schlauchs in die an Bord befindlichen Fässer. Wasser einzunehmen, theils hier und da Kleinigkeiten am Tauwerk auszubessern oder ausgebessertes zu theeren. Der Zimmermann kalfaterte das Deck, und die monotonen Schläge seines hölzernen Hammers waren fast das einzige Geräusch an Bord, so still und ruhig ging Alles zu. So beschäftigt übrigens die ganze Mannschaft auch mit dieser oder jener Sache schien, denn selbst der Mate oder Steuermann war dabei die Logleine auszumessen und neu zu »märken«, so müßig sahen sich zwei junge Leute die Sache an, die ruhig an Deck auf- und abschlenderten und nur dann und wann bei einer oder der andern Gruppe stehen blieben, einmal nach dem Boot hinuntersahen, und ihre Wanderung langsam wieder fortsetzten. Sie trugen leichte Sommerhosen, kurze, dünne Jacken und einen breitränderigen Strohhut von sogenanntem cabbageleaf (der Kohlpalme), um den ein breites schwarzes Band befestigt war mit dem gelb darauf gemalten Worte » waterpolice «. Der Fremde ging nach einem flüchtig über Deck geworfenen Blick, der zum größten Theil dem Takelwerk galt, nach hinten und stieg, ohne einen von den Leuten weiter zu grüßen, die Kajütstreppe hinunter. »Kanntest Du den?« frug Einer der Polizeileute den Andern. »Nein,« sagte der Gefragte, »weißt Du, wie er heißt?« »Wirst schon noch seine Bekanntschaft machen,« lachte der Erste – »es ist Capitain Oilytt vom Boreas und will nach Calcutta. – Das Schiff ist auf Dienstag angezeigt.« »Noch Niemand fortgelaufen von den Leuten?« »Noch nicht, aber wie ich gestern gehört habe, wollen sie morgen fort. – Ich könnt's leicht hintertreiben, damit ist uns aber nicht gedient. – Es sind Ausländer, der größte Theil wenigstens von ihnen, und wenn erst einmal eine tüchtige Belohnung auf sie gesetzt ist, wollen wir sie schon wiederkriegen.« »Wo gehen sie denn gewöhnlich Abends hin?« frug der Zweite – »hast Du sie schon im Auge gehabt?« »Oh, schon seit acht Tagen – sie sind bis jetzt meistens im »Elephanten« in Pittstreet, und ein paar Mal auch in einer von den Kneipen in Kentstreet gewesen; es scheint aber, daß sie sich jetzt weiter hinauf in Pittstreet gezogen haben. Es find theils Franzosen, theils Deutsche und nur vier Engländer an Bord, und dort oben herum wohnen Einzelne von ihren Landsleuten.« »Die werden sie dann aber auch nicht verrathen wollen,« meinte der Zweite, der noch nicht lange in seinen jetzigen Posten eingetreten war. »Nicht verrathen?« lachte der Erste; »laß nur erst einen tüchtigen Preis darauf stehen, dann ist mir vor dem Andern auch nicht bange. Derart Leute wollen Geld verdienen, und die Art, wie das geschieht, ist ihnen gewöhnlich verdammt gleichgültig, wenn ihnen nur die Polizei nichts dabei anhaben kann.« – Capitain Oilytt war indessen, während dies für ihn so wichtige Gespräch an Deck verhandelt wurde, in die Kajüte des Pelikan getreten und hatte mit dem am Tisch sitzenden Capitain die ersten Begrüßungen gewechselt. »Also morgen wollen Sie fort?« sagte er. »Wie ich sehe, haben Sie Polizei an Deck. Fürchten Sie, daß Ihnen noch Einige von Ihren Leuten weglaufen sollten?« »Ja und nein,« antwortete Capitain Howell vom Pelikan. »Der Henker traue den Schuften. – Sie werden auf meinem Schiff so gut behandelt, wie kaum auf einem andern. Kein hartes Wort wird zu ihnen gesprochen, keine unnöthige Arbeit wird von ihnen verlangt, mein Mate ist ein sehr ruhiger, ordentlicher Mann, und das Essen ist ebenfalls gut und nahrhaft; in der Hinsicht können sie sich also über nichts beklagen. Das verwünschte Gold steckt ihnen aber darum nicht minder im Kopf – der große Klumpen hat ja ganz Sidney verrückt gemacht, warum nicht auch meine Leute, und mit allen möglichen Schwindeleien werden sie überdies noch, sobald sie nur einmal den Fuß an Land setzen, von allen Seiten bestürmt. All' die sogenannten »Schlafbasen« gehen ja darauf aus, sie von den Schiffen abzulocken. Hat so ein Kerl sie dann in den Klauen, dann zieht er sie aus bis auf den letzten Fetzen Kleidungsstücke oder auf den letzten Penny an Geld und verkauft sie dann wieder an ihr altes Schiff oder an irgend ein anderes – ihm gleich, wenn er nur seinen Verdienst daraus zieht. Das wollen aber die Leute nicht einsehen, und wenn sie auch tausend solcher Beispiele hören, so halten sie sich selber doch immer für klüger und denken, sie werden es schon besser machen. Um mich deshalb vorzusehen und nicht im letzten Augenblick etwa noch sitzen zu bleiben, hab' ich lieber das Geld angewandt, mir die Polizei auf's Schiff zu nehmen, bis ich absegle, und ich glaube, das Geld ist nicht gerade unnütz ausgegeben.« »Wie viel zahlen Sie für die Polizeiaufsicht täglich?« frug Oilytt. »Für jeden Mann eine Guinee,« erwiderte der Capitain des Pelikan, »es ist theuer, läßt sich aber doch nun einmal nicht ändern.« »Eine Guinee?« rief Oilytt erstaunt – »na, da dank' ich. Dafür kann ich meine Leute selber bewachen. Ueberdies halt' ich gar nicht so viel von dem, was Sie auf See »gute Behandlung« nennen. Die Leute müssen natürlich ihr ordentliches Essen und Trinken, ihren Brandy oder Rum haben, nachher aber auch wissen, wen sie vor sich sehen, und ich für meinen Theil habe wenigstens stets mit Strenge mehr ausgerichtet, als mit Güte und Zureden. Sie wollen wahrhaftig gar nicht gut behandelt sein und lachen Einen nur dafür hinter dem Rücken aus. Wenn ich nur mit den Augen blinzle, wissen sie schon, was die Glocke geschlagen hat, und Gnade Gott dem, der da noch muckst. – Sie mucksen aber auch nicht.« Der Steward, der Wein und Gläser auf den Tisch gesetzt hatte, sah den Sprecher mit einem halb verächtlichen, halb höhnischen Lächeln von der Seite an, war aber gleich wieder ernsthaft, als dieser zufällig zu ihm aufschaute. »Und wann gedenken Sie zu segeln?« frug Capitain Howell den Andern, »Sie liegen am Slip, nicht wahr?« »Ja, am Patent Slip; Montag Morgen will ich die noch übrigen Pferde einnehmen, und Dienstag Morgen leg' ich in die Bai hinaus – ist der Wind gut, so geh' ich noch Dienstag Abend, oder spätestens Mittwoch Morgen in See.« »Weggelaufen ist Ihnen noch Keiner von Ihren Leuten?« »Nicht ein Einziger,« lachte Oilytt, »ja, sie haben zu viel Respekt. Sie wissen recht gut, wieder krieg' ich sie doch, und nachher ging's ihnen erbärmlich.« »Mit dem Wiederkriegen ist es aber doch eine mißliche Sache,« sagte Howell kopfschüttelnd, »und ich würde mich an Ihrer Stelle nicht zu sicher darauf verlassen. Aber wenn auch, ich setze den Fall, Sie bekommen sie, mit hoch darauf gestellten Belohnungen, wirklich wieder: kostet Sie das weniger als die Paar Pfund Sterling, die Sie jetzt au die Polizei ausgeben?« »Das kostet mich gar nichts,« lachte Oilytt; »das versteht sich doch von selbst, daß die ausgesetzte Belohnung für das Einfangen die eingefangenen Schufte auch selbst bezahlen müssen, und dafür hab' ich schon gesorgt, daß sie dazu noch Alle genug guthaben.« »Und Ihre Zeit? Das Andere ist das Wenigste. Rechnen Sie aber einmal, was Sie allein an Futter und Wasser für Ihre Thiere, die Sie an Bord haben, mehr brauchen. Außerdem müssen Sie dann sogar noch Leute für sechs Schilling den Tag miethen, die Ihnen nur die nöthigen Arbeiten besorgen. Ich will nichts davon sagen, wenn man keine Polizei an Bord nimmt, sobald man noch acht oder vierzehn Tage im Hafen zu liegen hat; die Kosten wären sonst zu bedeutend. Wer aber schon den größten Theil seiner lebendigen Fracht eingenommen hat und in ein oder zwei Tagen zum Absegeln gekommen ist, ohne Leute zu verlieren, der sollte auch die paar Pfund Sterling nicht scheuen. Die Verführung ist jetzt zu groß; man kann auf die besten Leute nicht mehr mit Bestimmtheit rechnen. – Aber wir wollen ja über unsere Passage sprechen – Sie gedenken durch die Torresstraße Von Australien nach Indien giebt es zwei Wege. Der nördliche ist eigentlich der nächste, hier aber liegt die durch ihre gewaltige Klippenreihe den Schiffen nicht selten gefährliche Torresstraße, die zwischen Australien und Neu-Guinea durchschneidet. Die Schiffe müssen in dieser Nachts vor Anker gehen, bis sie den Indischen Ocean erreichen. Die Passage um die Südküste Australiens ist gefahrloser, wenn auch weiter. zu gehen?« »Ich weiß noch nicht,« sagte Oilytt, indem er sein Glas austrank und wieder füllte, »ich mag mich nicht gerne in die verdammten Klippen hineinwagen. – Am liebsten ging' ich um den Süden, wenn man jetzt nur trauen dürfte, wie's mit dem Wind steht, und nachher nicht die ganze Reise gegen den Monsun anzupeitschen hat. Sind Sie schon einmal durch die Torresstraße gegangen?« »Nein,« sagte Capitain Howell; »aber die jetzt darüber ausgefertigten Karten sollen ausgezeichnet sein, und ich werde jedenfalls die Passage von Raines-Island versuchen.« Die beiden Capitaine unterhielten sich jetzt noch eine Zeit lang über die Torresstraße wie einige andere Geschäftssachen, und Capitain Oilytt nahm endlich Abschied und stieg wieder in sein Boot hinunter, das ihn rasch nach dem Circular-Werft hinüberruderte. »Da fährt auch Einer,« sagte ein Matrose oben in den Marswanten, wo er die Pardunen theerte, zu seinem Kameraden, der mit dem Fetttopf zwischen den Zähnen eben von oben niederglitt und dicht neben ihm Posto faßte – »da fährt auch Einer, wo ich eben so gern in der Hölle wäre, als daß ich sein Biscuit kaute.« »Das ist der Capitain vom Boreas,« sagte der andere, »nicht wahr? Der Kerl sieht auch gleich so aus, als ob er einen Monat in heißem Pfeffer gelegen und nachher mit Essig abgerieben wäre. Es ist zum Tod zu verwundern, daß ihm noch Keiner von den Leuten weggelaufen ist,« »Lauf Du jetzt einmal weg, wenn Du Lust hast,« lachte der erste, »sie werden wohl nicht können.« »Nicht können? Dicht an Land liegt das Schiff, und keine Seele von Polizeidiener an Bord. Da wollte ich einmal den Steuermann oder Bootsmann oder selbst Polizeidiener sehen, der mich hindern sollte, nicht allein mich selbst, sondern auch meinen Kleidersack fortzuschaffen. Ne, die Burschen müssen etwas Anderes auf der Wippe haben, oder sie wären nicht so lange geblieben. Vielleicht warten sie auch nur bis zum letzten Augenblick. – Die Geschichte ist aber faul; wenn sie sich da nicht vorsehen, kann's ihnen am Ende gerade so gehen wie uns. Hätt' ich mir damals nicht von Dir abreden lassen, so säß' ich jetzt vielleicht ganz bequem oben in den Minen und fände Stücke Gold wie meinen Kopf groß. Das Matrosenleben soll doch der Teufel holen, sobald er nur im Mindesten Lust dazu spürt.« »Ja, und das Minenleben soll noch viel ärger sein,« meinte der Andere – »d. h. man ist freilich sein eigener Herr dort, das ist richtig – mit dem Verdienst ist's aber auch dafür desto unsicherer, denn an die großen Klumpen glaub' ich nun einmal nicht.« Der Eine glitt mit seinem Fetttopf weiter nach unten, und das Gespräch war abgebrochen. 2. Der Markt in Sidney Ein Sonnabend-Abend in Sidney ist das Lebendigste, was die sonst gewiß nicht todte Stadt nur irgend aufzuweisen hat. Alles scheint auf den Beinen zu sein, und wen nicht besondere Geschäfte hinaustreiben, den läßt die Neugierde schon nicht zu Hause, und er muß wenigstens einmal »durch den Markt gehen.« Der englische Sonntag trägt hiervon allein die Schuld. Da er sehr streng gehalten wird, kann man an diesem Tag natürlich gar nichts zu kaufen bekommen. In vielen, sehr orthodoxen Haushaltungen wird sogar schon am Sonnabend Alles für den Sonntag gekocht, gebraten und vorbereitet, damit der Sabbath durch nichts Alltägliches entweiht werde. Der äußerste Termin aber, für Fromme und Nichtfromme, was man braucht noch zu bekommen, ist der Sonnabend-Abend, und Fleischer, Gärtner, Obst- und Blumenhändler, überhaupt Alle, die nur irgend etwas Wirthschaftähnliches zu verkaufen haben, drängen sich an diesem Abend herzu, es auszulegen. Jeder wetteifert dabei mit dem Andern, seinen Stand so einladend als möglich herzurichten, und ganz besonders schmücken die Fleischer ihre Buden mit fetten Hammeln und feisten Ochsen. Große Brode von ausgelassenem Talg bilden die Säulen, und hier und da bringt ein ausgeschlachtetes und bei den langen Hinterläufen aufgehangenes Känguruh oder Wallobi Abwechselung in die sonst etwas monotonen Fleischspeisen. Der Markt von Sidney bestand aus vier langen, hohen, luftigen und höchst praktisch eingerichteten Gebäuden, die übrigens noch auf eine bedeutende Vergrößerung der Stadt berechnet waren, denn sie wurden damals nur zur Hälfte benutzt. Eins stand wenigstens ganz leer, und ein zweites hatte erst einen sehr geringen Theil seiner Stände im Gebrauch. Das eine von diesen ist ausschließlich für rein animalische Erzeugnisse bestimmt, und hier fallen neben den Schlächtern am meisten die reinlichen Butter- und Käsestände in's Auge mit ihren aufgehäuften Massen von Hühner- und Enteneiern, mit ihren Schmalz- und Butterkufen und den gelb glänzenden, halb durchschnittenen Käsen, die den Vorübergehenden aus ihren tausend Argusaugen verlangend nachschauen. Daneben befinden sich ebenfalls die Stände mit Geflügel; mit diesem aber geht's den Bewohnern von Sidney wie mit dem Fleisch: sie haben keine Abwechselung darin, weil ihnen das wilde Geflügel , wilde Enten ausgenommen, fehlt, und immer und ewig sind Hühner, Tauben oder Truthühner, das Einzige, was ihrem Gaumen geboten wird. Im Land drin giebt es allerdings hier und da viel kleine Rebhühner, Wachteln und einige andere Arten; wer die schießt, ißt sie aber auch gewöhnlich selber, und sie kommen nicht auf den Markt. Aus diesen tausenden, der menschlichen Gier gemordeten Leben tritt man jedoch in ein viel freundlicheres Bild ein, sobald man den schmalen Gang überschreitet und in das andere, rein vegetabilischen Erzeugnissen bestimmte Gebäude kommt. Die vorragendste Stellung nehmen hier unstreitig die in wahren Unmassen aufgestapelten und geschütteten Orangen oder Apfelsinen ein. Die australische Orange ist vorzüglich, und im Verhältniß auch billig genug, und wird viel consumirt. Ueber diesen hängen Ananas von Moreton-Bai, und aufgeschichtete Wände von Blumenkohl und anderen Gemüsen bilden den Hintergrund. Es war jetzt gerade nicht die eigentliche Fruchtzeit, sonst hätten auch noch Pfirsiche und Feigen einen nicht unbedeutenden Platz hier angefüllt. Am schwächsten war der Blumenmarkt vertreten – die Australier haben wenig Sinn für die Blumen – auf dem ganzen Markt wäre kein schöner, geschmackvoller Strauß aufzufinden gewesen. Blumen waren aber auch das, wonach die Menschen am wenigsten verlangten. – Etwas Compactes wollten sie haben, Roastbeef und Blumenkohl oder Weißkraut – Hammelskeulen und Zwiebeln – was halfen ihnen die Blumen, die waren ja doch nur zum Ansehen. Durch dieses »vegetabilische Marktgebäude,« wenn ich es so nennen darf, schlenderten langsam und mit der Miene von Leuten, die nichts auf der Gotteswelt, am wenigsten aber Zeit zu verlieren haben, vier Matrosen – der erste Blick auf ihre weit zurückgesetzten Hüte und blauen Jacken ließ sie als solche erkennen – und sahen sich ziemlich gleichgültig die rechts und links aufgestapelten Fruchtmassen und, zu ihrer Schande muß ich's gestehen, ebenso gleichgültig auch die manchmal wirklich lieben und freundlichen Gesichtchen an, die geschäftig zwischen den einzelnen Ständen hin- und herglitten und ihre Einkäufe für den morgenden Tag besorgten. Sie waren eben hierher gekommen, weil sie alle anderen Menschen hatten hierher gehen sehen, und ihr Spaziergang schien lediglich den Grund zu haben, ihre Beine wieder einmal »gegen Straßenpflaster zu reiben.« »Du, Jack,« sagte da endlich der Eine von ihnen zu dem Vorangehenden, »braß einmal hier einen Augenblick back und leg' ein halb Dutzend von den Apfelsinen ein.« »Hast Du Geld?« wandte sich der also Angesprochene langsam nach ihm um – »mir hat der Alte heut Abend keinen Penny geben wollen. – Er sagte, er hätte es heute ganz vergessen, Geld mitzubringen, wir sollten aber morgen früh jeder ein Pfund haben, und dann möchten wir noch einen Sonntag-Abend, wenn wir wollten, an Land gehen – denn Dienstag Morgens legte er in die Bai hinaus. Er war verdammt gesprächig.« »So? Dann traue ich ihm gerade am allerwenigsten,« meinte der Andere; »er hat übrigens höllische Angst, daß wir ihm auskneifen, und verdient hätt' er's zehnmal. – Wenn man nur wegkommen könnte! Die Straße in die Minen soll ganz besetzt mit Polizeidienern sein, und hier versteckt Einen auch Niemand. – Die Strafe ist zu groß, wenn sie erwischt werden.« »Du, sprich nicht so laut,« sagte der Dritte – »ich habe da hinten eben unsern Steward gesehen, der Grünes einkaufte. Wenn der ein Wort aufschnappen kann, bringt er's dem Alten brühheiß wieder. Das wäre so Wasser auf seine Mühle – er traut uns überhaupt nicht.« »Hat auch alle Ursache dazu,« brummte der Erste und zog sich die Hosen etwas höher über die Hüften – »wie ich wenigstens jetzt gestimmt bin, trau' ich mir selber nicht und sollte mich gar nicht wundern, wenn ich mich morgen oder übermorgen früh einmal in irgend einem dunkeln, aber sichern Winkel weggestaut fände und dort krumm läge, bis der Boreas beim – Boreas wäre – oder sonstwo, wohin er immer Lust hat. Es ist schon schlimm genug, bei dem alten Schuft Matrose zu sein, wie viel weniger denn Pferdejunge.« Der Eine von ihnen, der etwas Geld bei sich hatte, war bei dem nächsten Obststand stehen geblieben und hatte seinen Hut voll Apfelsinen gekauft. »Wo sind denn die Uebrigen?« frug er seine Kameraden, als er sie wieder eingeholt, »ich dachte, es hätte uns heut Abend irgend Jemand sprechen wollen?« »Die sitzen im goldenen Kreuz in Pittstreet,« lautete die Antwort, »ein Irländer hat dort eine Schenke, und da wollten wir heut Abend zusammenkommen.« »Aber was machen die Deutschen und Franzosen bei dem Irländer?« »Oh, er hat eine Frau, vom Rhein glaub' ich, die Deutsch und französisch spricht – und dann ist noch ein wunderhübsches Mädchen im Hause – Jean hat sich schon sterblich in die verliebt.« »Das passirt Jean sehr oft,« sagte der Engländer trocken – »das könnte er billiger haben. Aber kommt; es wird Zeit – es muß schon acht Uhr sein.« »Zum Donnerwetter – da ist der Alte!« – rief plötzlich der Eine von ihnen, und als sie sich umsahen, war ihr würdiger Capitain auch schon dicht hinter ihnen. Er sah sie aber nicht – die breiten Schultern suchten sich, herüber und hinüber arbeitend, Bahn durch das Gedränge zu brechen, und jedenfalls hatte er irgend ein Ziel, dem er nachstrebte, denn er schaute weder rechts noch links, und das Gebäude entlang konnten sie der langen riesigen Gestalt mit dem dicken rothen Gesicht mit den Augen folgen. »Da schwimmt er hin,« sagte der Erste lachend – »mit einer fliegenden Fahrt vor dem Wind. Möchte nur wissen, auf was er Jagd macht.« »Wahrscheinlich auf das kleine Fahrzeug da vor ihm, mit dem schwarzseidenen Jäckchen. Ob er uns wohl gesehen hat? Er guckte aber gar nicht her.« »Oh Gott bewahre,« lachte ein Anderer. »Der nahm eben ganz genaue Peilung voraus und schiert sich auch überhaupt den Teufel um uns. Sobald wir nur immer zur rechten Zeit an Bord kommen und kein Geld von ihm wollen, sind wir ihm gut genug. In allem Andern können wir zum Teufel gehen. Aber kommt, wir halten hier gerade durch Georgestreet durch und die kleine Straße hinunter. An der nächsten Ecke gehen wir über Stag, und dann haben wir reines Fahrtwasser, bis wir das goldene Kreuz über der Thür sehen.« Die vier Matrosen verließen das Marktgebäude und gingen Marktstreet hinunter nach Pittstreet zu, der sie aufwärts folgten. Am Courthause standen zwei Männer in dunkeln Ueberröcken und Mützen. Sie fahren den Matrosen nach, und der Eine von ihnen sagte leise: »Weißt Du, von welchem Schiff die sind? Im Markthaus machte mir der Eine ein paar sehr verdächtige Bemerkungen; ich möchte wohl wissen, wo sie hingehen. Wenn ich nicht irre, so nannte der Eine den Namen Boreas – sind sie von dem Schiff, so können wir nur immer die Augen offen haben.« »Weit marschiren werden sie nicht,« sagte der Zweite, »und da brauchen wir ja nur einmal mitzugehen.« Die beiden Männer folgten langsam den vier Matrosen, bis diese in der Thür des goldenen Kreuzes verschwanden – dann blieben sie auf der andern Seite der Straße stehen. »Wollen wir einmal hinein?« sagte der Eine. »Ja, aber jetzt noch nicht,« entgegnete der Andere – »es ist noch zu früh. Wir müssen ihnen ein Weilchen Zeit lassen, bis sie erst ein halb Dutzend Gläser im Kopf haben.« Und mit diesen Worten gingen sie langsam die Straße wieder hinunter nach dem Theater zu, wo um diese Zeit das regste Leben war. 3. Die Matrosenkneipe Das goldene Kreuz zeichnet sich vielleicht in nichts als eben seinem frommen Aushängeschild vor den übrigen tausend Schenken Sidneys aus, wo der Wirth über der Thür die vom Staat erhaltene Erlaubniß mit den stereotypen Worten anzeigt: » Licensed to sell spirituous and fermented liquors «, was er sich selber übersetzt: »Du darfst jeden Schund verkaufen, den man nur in eine Flasche gießen und aus einem Glase trinken kann.« Im Innern sah es aber reinlich und selbst behaglich genug aus, denn es ist kaum so sehr des Wirthes Vortheil, seine Gäste hereinzulocken, als sie nachher darin zu halten. Das große mittlere Fenster, das die halbe Wand einnahm, war inwendig mit weißer Farbe leicht überstrichen, und nur auf den Scheiben prangten oben die Worte »Wine Vaults«, und rechts und links »London Porter« und »Baß's Ale«, zierlich mit Wein und Hopfenreben umrankt. Im Innern aber standen oben auf den blank lackirten Gefachen messingbeschlagene kleine Fäßchen mit ihrem Inhalt in sauberen goldenen Buchstaben darauf verzeichnet, und reinliche geschliffene Karaffen mit neusilbernen gravirten Schildern. Nur rechts und links war das schwere Geschütz, eine dunkle Batteriemasse von Ale- und Porterflaschen mit ihren bleiernen Deckseln, aufmarschiert, und unten lagen kleine rundbäuchige weiße Glasflaschen, fest zugebunden, mit Sodawasser und moussirender Limonade, wie denn auch an der Wand eine Hand mit einer daringehaltenen Sodaflasche die werthe Adresse des Fabrikanten Jedem verkündigte, der sich nur die Mühe geben wollte, sie zu lesen. Auf dem Ladentisch waren die nach unten niedergehenden Pumpen mit elfenbeinernen Knöpfen angebracht, draught Ale and Porter gleich frisch heraufzuziehen, und rings im Zimmer aufgestellte Tische und Stühle mit kleinen heimlichen hölzernen Verschlägen, in die nur höchstens immer vier Menschen hineinpaßten. Diese hatten statt der Thüren Gardinen. Hinter dem Schenktisch stand auf der einen Seite der Wirth, eine vierschrötige pockennarbige Gestalt mit rothen Haaren und kleinen, verschmitzten Augen und einem besondern humoristischen Zug um den Mund. Es war der Irländer Mac Carther und der Eigenthümer des goldenen und eines andern Kreuzes, das mit weißer Schürze und kleiner blumenbesetzter Mütze an der andern Seite hinter dem Schenktisch stand und die bestellten Gläser füllte. Das flinke Schenkmädchen, Polly, trug sie dann an den Ort ihrer Bestimmung und kokettirte dabei nach besten Kräften mit den Gästen. Mac Carther zog die Pfropfen aus den Flaschen und spülte die Gläser aus. Mrs. Mac Carther kann ich mit wenigen Worten schildern. – Sie war eine Elsässerin mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen, etwa dreißig Jahre alt, was man ihr aber kaum ansah, und von resolutem, festen Charakter, wie denn auch Mac Carther, der gewiß nicht zu den Schwächlingen gehörte, nicht umhin konnte zu bezeugen. Daran war kein Zweifel, sie regierte das Kreuz, und da sich dasselbe unter den zarten Händen ungemein wohl befand und an Gästen und Einnahmen fast wöchentlich wuchs, fügte sich auch Mac Carther sehr gern dieser Autorität und begnügte sich, daneben nur noch allerlei kleine Beigeschäfte auf seine eigene Hand zu treiben. Doch davon später. Polly war das Muster eines Sidney-Schenkmädchens; drall und schlank gewachsen, und mit ein paar Augen, die denen ihrer Herrin an Schwärze und Feuer wahrlich nicht nachstanden, die sie selber aber an jugendlicher Frische weit übertraf. Mrs. Mac Carther war aber deshalb nicht im Mindesten eifersüchtig. – Gerade diese »jugendliche Frische« zog ihr allabendlich so und so viel mehr Gäste in das Haus, und deshalb hatte sie Polly zum Schenkmädchen angenommen. Es war noch nicht spät am Abend; darum hatten sich auch noch nicht so viel Gäste eingefunden. Nur an zweien der Tische saßen die Leute vom Boreas, fünf Deutsche und drei Franzosen, und tranken, die ersteren Ale, die anderen Claret. Polly brachte den letzteren eben eine frische Flasche auf den Tisch, und Jean hatte die Hand gefaßt, die sie nach der geleerten Flasche ausgestreckt. Sie sah ihn lächelnd an und versuchte, sich leise los zu machen. »Polly,« sagte der junge hübsche Matrose und legte ihr die linke Hand auf die Schulter – »Du bist auch heut Abend wieder einmal recht häßlich und willst mich gar nicht ansehen – hab' ich Dir irgend etwas zu Leide gethan?« – Er sprach das Englische etwas gebrochen, es klang aber doch gut, und das Mädchen schüttelte lachend den Kopf. »Nichts zu Leide gethan, Mr. Jean, aber loslassen müßt Ihr mich, denn Missis sieht schon scharf nach mir herüber, und ich habe viel zu thun. – Da kommen noch andere Gäste.« »Polly, ich habe Dir etwas zu sagen,« flüsterte ihr Jean jetzt leise und rasch in's Ohr – »willst Du mir nachher nur aus wenige Secunden hinaus folgen?« »Ich weiß noch nicht,« sagte das Mädchen halblaut und machte sich von ihm los. Die Augen wußten es aber und sagten Ja, und Jean leerte sein Glas auf Einen Zug. »Hallo, schon wieder so geschäftig?« lachte Bill, der zuerst eintretende von den englischen Matrosen, »da ist ja die ganze Bescheerung bei einander, und Jean hat alle Hände voll zu thun, wie ich sehe. Guten Abend, Mac Carther, guten Abend, Missis – jung und schön wie eine Rose – aber nicht wie die letzte – heh, Missis? – Was trinkst Du, Jack, und Du, Bob – wie? Jim's Geschmack kenne ich schon, der hält's wie ich, mit Brandy und Wasser!« Die Vier traten zum Schenktisch und tranken und setzten sich dann an den an der hintern Wand quer vorstehenden langen Tisch, wohin ihnen die Anderen bald darauf mit ihren Flaschen und Gläsern folgten und ein leises Gespräch mit einander begannen. Außer den Leuten vom Boreas waren nur noch wenige andere Gäste im Zimmer, und der Wirth, der eben erst noch zwei Porterflaschen für die Letztgekommenen geöffnet hatte, rückte sich nach einer kleinen Weile einen Stuhl mit zu ihnen, sprach aber noch kein Wort. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. »Wer ist denn das, der uns heute hier sprechen wollte?« sagte Jean endlich, sich zu ihm wendend; »heraus mit ihm und mit dem, was er zu sagen hat. Ich kann heut' Abend nicht lange hier bleiben, und wir sind jetzt so ziemlich Alle zusammen.« »Hm,« sagte Mac Carther und warf einen anscheinend gleichgültigen Blick über das Zimmer, der übrigens keinen der sonstigen Gäste, so flüchtig er auch über ihnen hinstreifen mochte, unbeobachtet ließ. Gleich darauf, als ob ihn diese Rundschau befriedigt hätte, bog er sich über den Tisch etwas vor und sagte mit leiser Stimme, die Umsitzenden dabei alle mit den Augen musternd: »Seid Ihr gesonnen an Bord zu bleiben, oder wollt Ihr hier in der Stadt eine Beschäftigung haben? – Das heißt – versteht mich wohl – ich weiß nicht, was Ihr für einen Contract an Bord habt; geht mich auch gar nichts an. – Hält Euch aber nichts dort, so weiß ich Euch hier eine Stelle, wo Ihr mit Bequemlichkeit Eure sechs bis acht Schilling den Tag verdienen könnt – und dafür müßt Ihr eine ganze Woche an Bord wie die Pferde arbeiten. Sind welche von Euch Segelmacher?« »Vier von uns sind gelernte Segelmacher« – sagte der eine Deutsche, »und die Anderen verstehen meist alle genug davon, die laufenden Arbeiten verrichten zu können.« »Das wäre dann noch besser, die verdienen jetzt noch mehr mit Zeltmachen,« sagte der Wirth sinnend. »Habt Ihr noch Geld zu Gute, oder sind welche unter Euch, die vielleicht selber etwas anfangen können?« »Ich habe sechshundert Franken,« sagte Jean rasch, »und Lust genug, hier für immer an Land zu bleiben, wenn nur –« Er hielt inne und sah forschend nach Polly hinüber, diese aber warf ihm einen freundlichen Blick zu, und Jean schien dadurch plötzlich zu einem Entschluß gekommen. – »Was wollt Ihr mit uns thun? – was könnt Ihr? – heraus mit der Sprache und haltet nicht so lange hinter dem Berge.« »Ich?« sagte der Wirth erstaunt – gab ihm aber doch dabei ein Zeichen, nicht so laut zu sprechen – »ich? was ich mit Euch will? – gar nichts. – Was kann ich mit Euch wollen? Ich frage Euch nur Euretwegen, und habe Euch schon gesagt, ich weiß gar nicht und kann nicht wissen, wie Ihr mit dem Schiff steht. So viel aber ist gewiß – jetzt wäre die Zeit hier in Sidney für einen jungen Mann, sein Glück zu machen, und wer das mit Füßen von sich stößt, der hat es nachher selber zu verantworten.« »Ja, das ist Alles recht gut, aber wie können wir vom Schiff loskommen?« sagte der eine Engländer, »und wenn wir los sind, denn das wäre noch das Wenigste, wo können wir bleiben? Wir müssen erst einen Zufluchtsort hier am Ufer haben, und einen sichern Zufluchtsort, denn sonst ist die Sache nachher verdammt Essig. Vom Schiff hat Jeder von uns allerdings noch zu Gute, das, wißt Ihr aber wohl selber, können wir nicht bekommen, und das Einzige, was wir im Stande sind mitzunehmen, sind vielleicht unsere Kleider. Wer soll uns nachher aufnehmen und wer wird uns so lange Credit geben?« »Oh, so viel sind unsere Kleider schon Werth!« sagte ein Anderer. »Wo die so lange in Versatz bleiben, können wir auch ein paar Tage essen und trinken, bis das Schiff fort ist, und mit dem hohen Lohn sind wir dann leicht im Stande, unsere Schulden wieder abzutragen.« »Ich will Euch 'was sagen,« meinte Mac Carther und bog sich zu ihnen über den Tisch hinüber, »wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, so –« In diesem Augenblick fiel hinter dem Schenktisch ein Glas herunter und zerbrach klirrend am Boden. Mrs. Mac Carther hatte es selbst fallen lassen. Mac Carther fuhr aber, ohne sich dadurch irre machen zu lassen, ja ohne den Kopf dorthin zurückzudrehen, ruhig und langsam fort – »so malt Ihr Euer Schiff mit einer hellen Farbe und nicht mit Schwarz. – In dem heißen Klima, wohin Ihr geht, zieht Schwarz die Sonne viel zu sehr an, während eine hellere Farbe das Holz ungemein conservirt.« »Aber was zum Donnerwetter geht uns denn in diesem Augenblick die Farbe an, wo wir –« »Nichts mit dem Bezahlen des Schiffes zu thun haben,« unterbrach Mac Carther den Engländer, indem er ihm zugleich einen warnenden Blick zuwarf – »das weiß ich wohl, ich sage nur, ich thäte das, wenn ich Capitain von einem Schiff wäre und in ein heißes Klima hinaufginge.« Während er noch sprach, waren unsere beiden Bekannten vom Markthaus in das Zimmer und, gerade als das Glas zerbrach, dicht hinter den Wirth getreten, und ließen sich jetzt an demselben Tisch nieder, wo sie eine Flasche Porter verlangten. Der Wirth ging hin, diese zu öffnen, und das Gespräch war für den Augenblick abgebrochen. Die Matrosen merkten bald genug, daß Mac Carther seine wohlbegründete Ursache haben mußte, in Gegenwart der beiden Fremden nicht weiter über die bewußte Sache zu reden. Jean stand auf, blinzelte Polly mit den Augen zu und ging hinaus an die Hofthür. Wenige Minuten später stand das hübsche Mädchen an seiner Seite und legte ihre Hand in die ihr dargebotene Rechte des jungen Mannes. »Polly,« sagte Jean und zog die nur leise Widerstrebende fester an sich – »ich habe keine Zeit zu großen Umschweifen, ich will Dich auch gar nicht mit langen Redensarten plagen. Höre mir nur wenige Secunden zu und sage dann Ja oder Nein.« »Aber ich weiß ja nicht –« »Du sollst es gleich erfahren,« unterbrach sie der junge Franzose – »ich bin des Seefahrens, ja überhaupt des Herumschweifens satt. Zehn Jahre lang habe ich mich nun in der Welt und in allen Welttheilen umhergetrieben und bin nicht im Stande gewesen, etwas für ein reiferes Alter zu thun – es liegt das auch eigentlich nicht im Blut meiner Landsleute. Hier aber, glaub' ich, ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich etwas Besseres ergreifen kann, doch allein will ich das nicht thun. – Willst Du mir helfen, Polly; willst Du – mein Weib werden?« flüsterte er leise, sich zu ihr niederbeugend und ihr einen heißen Kuß auf die Stirn drückend. » Do'nt – do'nt ,« bat das Mädchen flüsternd und suchte sich von ihm loszumachen. Es war ihr aber nicht recht Ernst damit, denn Jean konnte sie leicht zurückhalten; doch dringender bat er jetzt: »Antworte mir, Polly! – von Dir hängt es ab, ob ich in Sidney – in Australien bleiben soll oder nicht. – Sage Du Ja, dann sollst Du einmal sehen, wie tüchtig ich arbeiten kann, und haben wir uns etwas verdient, dann kehren wir nach meinem schönen Frankreich zurück. – Es soll Dir schon gefallen in der Provence. – Aber Du sagst ja kein Wort, und ich weiß doch, daß Du Dich in den Verhältnissen hier nicht glücklich fühlen kannst.« »Glücklich?« sagte das Mädchen leise und schüttelte wehmüthig mit dem Kopf – »es ist ein schreckliches Leben, fortwährend dem wüsten Trinken und Treiben zuzusehen. – Aber was soll ein armes Mädchen anders thun – und es ist doch immer ein ehrlicher Unterhalt.« »Und sagst Du Ja, Polly?« bat der junge Mann dringender und küßte die jetzt nicht mehr widerstrebenden rosigen Lippen – »sagst Du Ja?« »Komm nur erst an Land,« flüsterte Polly, und ehe er sich's versah, war sie ihm unter den Händen fort und in's Haus geschlüpft. Mit leuchtenden Augen folgte ihr aber Jean, und war auch gar nicht böse darüber, daß sie seinen suchenden Blick im Anfang vermied und sich mit ihrer Arbeit eifrig beschäftigte, während Mrs. Mac Carther sie ausschalt, was sie draußen herumzustreifen habe, indessen in der Stube Alles drunter und drüber ginge. In derselben Zeit übrigens, in der Jean draußen zu einem Entschluß gekommen war, hatte sich auch in der Stube selber Manches geändert. Die beiden Polizeidiener, welche Mrs. Mac Carther eben so gut kannte als ihr Mann, und deshalb das Vorsichtszeichen mit dem klirrenden Glas gab, waren, als sie sahen, daß sie nichts Besonderes hören und erfahren konnten, weiter gegangen. Dafür aber kam ein neuer Besuch, und zwar der Steward vom Pelikan , der früher mit dem Engländer auf ein und demselben Schiff gefahren war und heut Abend noch einmal in die Stadt gemußt hatte, mehreres Vergessene an Gemüse und Früchten für das morgen früh in See gehende Schiff einzukaufen. Er wußte, wo die Leute vom Boreas heut zusammentrafen, und schien sie dort aufgesucht zu haben. Als Jean hereintrat, waren sie im eifrigsten Gespräch. – »Und ich sage Euch,« behauptete der Steward auf einen der Gegeneinwürfe Bill's, »daß ich heute Morgen mit meinen eigenen Ohren und aus dem eigenen Munde Eures Capitains gehört habe, wie er morgen früh um sechs Uhr mit dem keinen Dampfschiff The Brothers in die Bai hinauslegen will. – Dasselbe Boot soll ihm auch dann am Montag Morgen die noch fehlenden Pferde hinausbringen, und dann geht er wahrscheinlich noch den Montag Mittag in See. Euer Capitain war heute zweimal bei uns an Bord – das erste Mal that er furchtbar dick, das zweite Mal schien er sich aber doch besser besonnen zu haben und will Euch vor allen Dingen in Sicherheit bringen. Ihr seht also, daß Ihr keine Zeit zu verlieren habt.« »Seeschlangen und Schildkröten!« brummte der eine Engländer – »das wäre ein verdammter Streich. Deshalb wollte uns also der alte schaue Fuchs erst morgen das Geld geben. Nachher hatte er uns alle sicher an Bord und setzte uns am Ende gar noch ein paar von den Polizeiknechten obendrauf.« »Und Ihr wißt uns einen Platz, Mac Carther,« sagte der eine von den Franzosen, »wo Ihr uns sicher unterbringen könnt? – Wahrhaftig, ich komme heut Abend mit Sack und Pack an Land.« Mac Carther ging fort, als ob er die Frage nicht gehört hätte, seine Frau aber, die indessen zum Tisch getreten war, sagte mit halb unterdrückter Stimme auf Französisch: »Laßt ihn gehen – er darf sich mit den Geschichten nicht befassen; denn kommt so etwas vor Gericht, so muß er am Ende schwören, und wenn er nichts davon weiß, kann er das auch mit gutem Gewissen. Ich werde aber schon dafür sorgen. Bringt nur heut Abend spät Eure Kleidungsstücke her – die Hinterthür kennt Ihr ja, wenn die vordere Thür geschlossen sein sollte, und mit Tagesanbruch schaff' ich Euch aus der Stadt. Es ist ein Arbeiter von meinem Schwager über der Bai drüben gerade hier, und mit dem könnt Ihr Holz schlagen oder Segel machen, zu was Ihr Lust habt, bis das Schiff fort ist.« »Was zum Teufel ist das für ein Gewäsch!« brummte Bill. – »Redet Englisch, daß ein Anderer auch ein Wort verstehen kann.« »Seid ruhig, Jean wird es Euch übersetzen,« flüsterte Mrs. Mac Carther; »es sind hier noch andere Ohren, die gerade nicht zu wissen brauchen, über was wir gesprochen haben.« Damit wandte sie sich vom Tisch ab und trat hinter ihren Schenkstand zurück. Die Leute vom Boreas flüsterten aber noch eine Weile mit einander und verließen dann die Schenke. Jean selbst hatte mit Polly keine weitere Abrede nehmen können. 4. Die Flucht von Bord Der Boreas, ein volles Schiff, lag dicht am Patent Slip – eine Art Dock, wo hinauf die Schiffe durch Maschinerie gezogen werden, bis sie vollkommen trocken zu liegen kommen und bis zum Kiel hinunter nachgesehen und ausgebessert werden können. Nach dem Herunterlassen hatte der Boreas dicht daneben angeholt, seine Takelage nachgesehen, Ballast, Wasser, Mais, Heu und Pferde eingenommen und lag nun dort dicht an dem angebauten Werft vor einem Anker, der nach der Bai zu ausgeworfen war. Zwei starke Taue hielten noch außerdem das Schiff am Lande befestigt, und man stieg an der Fallreepstreppe gleich auf das Werft hinunter. Die Mannschaft des Boreas kam in einzelnen Gruppen, zu Zweien und Dreien, an Bord zurück. Der Zimmermann, ein Engländer, hatte die Wache, als sie kamen, und die Leute gingen rasch in das Vorcastle hinunter, um diese Zeit zu benutzen und ihre Sachen zusammenzupacken. Den Zimmermann und Mate durften sie natürlich nichts merken lassen; der Mate schlief aber gewöhnlich um diese Zeit schon. Einer von ihnen blieb bei dem Zimmermann an Deck, um, wenn irgend einer der Offiziere Miene machen sollte, zu ihnen hinunter zu steigen, das verabredete Zeichen zu geben, d. h. irgend etwas Schweres auf Deck fallen zu lassen. Es konnte das ohne Aufsehen geschehen. Jean war an Deck und schlenderte mit dem Zimmermann langsam den Gangweg auf und nieder. – Er erzählte ihm Geschichten aus der Provence, um ihn beschäftigt zu halten, und es gelang ihm auch so weit, daß er seinen Kameraden vollständig Zeit verschaffte, sich zu rüsten. Die einzige Schwierigkeit war jetzt, ihre Sachen an Deck zu bringen und von hier damit an Land zu kommen, ohne daß Lärm geschlagen wurde. In dem Falle befanden sie sich nämlich in einer höchst fatalen Lage, da nur ein ganz schmaler langer Weg von dem Werft, an dem sie lagen, nach Sussexstreet hinaufführte und eine Masse von Constablern in der Gegend fortwährend auf- und abgingen. Der geringste Lärm konnte einen davon an den Eingang der Straße führen, und dann hatte er, wenn er wollte, zwanzig andere mit Blitzesschnelle zu seiner Hülfe herbeigezogen. Am besten wäre es gegangen, wenn sie eins der an den Pfählen befestigten Boote geborgt hätten und damit an das gegenüberliegende Ufer der Bai gefahren wären. Auf jeden Fall konnten sie solcher Art ihre Sachen am leichtesten in Sicherheit bringen. Dort drüben standen auch noch keine, oder nur wenige Häuser, keinesfalls waren Polizeidiener dort. Sie selber brauchten nur bis Georgestreet hinaufzugehen, wo sie die dort einlaufende Bai umgangen hatten, und konnten dann ihr ganzes Gepäck leicht und ohne Verdacht zu erregen quer über Georgestreet in das Wirthshaus zum goldenen Kreuz schaffen. Es war noch nicht Zwölf, als der zweite Mate von Land an Deck kam und nach vorn ging. Jean stand mit dem Zimmermann gerade an der Cambüse, und als er die dunkle Gestalt auf sich zukommen sah, stieß er mit dem Fuße an eine dort zufällig liegende Handspake, nahm sie auf und warf sie von sich, daß sie mit lautem Gepolter auf Deck niederschlug. »Gott verdamme das verwünschte Holz,« fluchte er dabei und hielt sich den Fuß – »stößt man sich auf dem sakermentschen Deck auch noch die Gliedmaßen zu Schanden.« »Was für ein Heidenlärm ist denn das da drüben?« rief der Mate ärgerlich und kam herüber nach Backbord. – «Wer ist da? Jean, kommt Ihr eben erst von Land?« »Nein, ich bin schon fast eine Stunde mit dem Zimmermann hier auf- und abgegangen.« »Chips« Chips, Spähne, wird der Zimmermann gewöhnlich auf den englischen Schiffen genannt. , sagte der Mate und zog den Zimmermann etwas bei Seite – »haltet Eure Augen offen. – Im Vorcastle war eben, als ich auf Deck kam, noch Licht – jetzt ist's aber aus. Sind die Leute schon lange an Bord?« Die Letzten kamen vor etwa einer halben Stunde – ich denke, sie sind jetzt wohl zu Koje gegangen,« sagte der Zimmermann. »Wie viel Uhr ist's? – es muß bald Mitternacht sein.« »In fünf Minuten etwa ist's Zwölf,« sagte der Mate – »ich will den Steward jetzt wecken, um zwei Uhr löst Ihr ihn wieder ab. Beim geringsten Verdächtigen, was Ihr seht, ruft Ihr mich. Ihr könnt zu Bett gehen, Jean,« wandte er sich dann lauter an den indessen weiter nach vorn gegangenen Matrosen – »es wird gleich zwölf Uhr sein.« »Soll ich Bill rufen?« frug Jean, der stehen blieb – »ich glaube, Bill hat die nächste Wache.« »Nein, ist nicht nöthig,« lautete die Antwort. – »Ihr könnt alle zu Koje gehen.« »Das ist eine schöne Geschichte,« dachte Jean, als er in das Logis hinabstieg, die Uebrigen mit dem neuen Befehl bekannt zu machen. Vorher aber lauschte er noch eine Weile unter der Logiscap, zu sehen, ob ihm auch Niemand folge. Als er Alles sicher wußte, sagte er leise: »Hallo da – schlaft Ihr?« – Es war stockfinster und man konnte keine Hand vor Augen sehen. »Ist das Jean?« frug vorsichtig eine einzelne Stimme. »Ja,« lautete die eben so leise Antwort – »habt Ihr Alles in Ordnung?« »Alles in Ordnung,« erwiderte Bill. »Ist die Luft rein? Meine Wache muß gleich angehen.« »Gebt Euch keine Mühe,« sagte Jean. »Die Schufte müssen Lunte gerochen haben; wir brauchen die Nacht nicht zu wachen. Wahrscheinlich will der Mate mit dem Zimmermann, und vielleicht auch der Steward selber Wache gehen. Der Capitain ist auch schon an Bord, wie mir der Zimmermann gesagt hat.« »Verflucht noch einmal,« rief der Koch, der es in diesem Fall ganz mit den Matrosen hielt, und sprang mit einem Satz aus der Koje, in die sie sich Alle, als sie das Zeichen hörten, hineingeflüchtet hatten. »Jetzt sind wir geleimt.« »Doch noch nicht,« meinte Jean, der vorher noch einen vorsichtigen Blick nach oben geworfen. »Erst wollen wir einmal abwarten, wer die nächste Wache hat, und dann sehen, was sich thun läßt – wenn ich nur erst meine Siebensachen in Ordnung hätte. Ein Licht darf ich mir aber gar nicht anstecken, sonst haben wir den Satan gleich wieder auf dem Hals.« »Hier nimm die kleine Laterne,« sagte Bill und reichte sie ihm aus der Koje – »die kannst Du in Deine Kiste stellen, da fällt kein Strahl nach oben.« Jean fühlte sich nach ihm hin, ging in die vorderste Ecke, die Kerze darin anzuzünden, und brachte dann den vollkommen geschützten Strahl sicher in seine Kiste, die glücklicherweise an einer Wand stand und von oben aus nicht leicht gesehen werden konnte. Er brauchte auch nicht lange, mit seinen Sachen in Ordnung zu kommen; um halb ein Uhr war Alles gerüstet, das Licht wieder ausgelöscht, und Bob wurde jetzt zum Recognosciren an Deck geschickt. Er kam nach zehn Minuten etwa wieder herunter. Der Steward war auf Wache, und kaum hatte er diesen Bericht abgestattet, als der Zimmermann in's Logis kam, sich auszog und zu Koje ging. Es war jetzt weiter gar nichts zu thun, und Jean faßte schon den Entschluß, noch bis Tagesanbruch zu warten, dann aber, wenn sich bis dahin kein anderer Ausweg zur Flucht zeigen sollte, seine Sachen im Stich zu lassen und nur mit seinem Gelde an Land zu gehen, oder, wenn auch das nicht gehen sollte, über die Bai an's andere Ufer zu schwimmen. Bis zwei Uhr lagen die Matrosen alle in peinlichster Erwartung; keiner schlief, keiner wagte aber auch nur ein Wort zu sprechen, denn der Zimmermann schnarchte nicht und verrieth auch sonst durch nichts, daß er selber eingeschlafen sei. Was da thun? Ihrer Rechnung nach mußte es bald Tag werden, als der Steward in das Logis herunterkam. Er blieb erst ein paar Minuten stehen und horchte – aus allen Kojen tönte das tiefe, regelmäßige Athmen fest Schlafender. Selbstzufrieden und stillvergnügt nickte er mit dem Kopf, fühlte sich dann leise, um ja Keinen der Leute zu stören, nach des Zimmermanns Koje hin und weckte diesen. »Wer ist da?« rief der Zimmermann aus tiefem Schlafe auffahrend – »halt sie – da laufen sie.« »Halt doch das Maul,« flüsterte der Steward und schüttelte ihn aus Leibeskräften. »Du machst ja die ganze Mannschaft munter. – Es ist zwei Uhr, steh auf – ich bin müde Wie ein Hund.« »Ay, ay,« sagte der Zimmermann, noch immer halb im Schlaf – »ich komme gleich – was ist denn? – Oh ja – 's ist Alles recht – ich weiß schon. – Alles in Ordnung?« »Alles? Steh nur auf und schlaf nicht wieder ein,« antwortete ihm der Steward und wandte sich nach der Treppe zurück, stieß sich aber mit dem Schienbeine an eine dort vorgeschobene Kiste. – »Gott verdamme den Plunder!« rief er leise mit verbissenem Schmerz – »da muß ein ganzer Fetzen Haut herunter sein. – Ich wollte, daß die Kerle da –« Er brummte das Andere, als er auf der endlich erreichten Treppe langsam an Deck kletterte, leise vor sich hin und verschwand gleich darauf oben. Der Zimmermann lag noch etwa zehn Minuten still, wälzte sich dann stöhnend aus seiner Koje, tappte nach seiner dicken wollenen Jacke, die er endlich fand und anzog, nahm die Mütze von dem Nagel, an dem sie inwendig in seiner Schlafstelle ihren Platz hatte, und folgte dem Steward an Deck. Er hatte kaum den letzten Fuß von der Leiter genommen, als Jean ebenfalls aus der Koje sprang, ihm leise nachschlich und an Deck horchte, wo er blieb. Er war zurück nach dem Quarterdeck gegangen. »Was jetzt thun?« fragte er leise, als er wieder herunterstieg – »in ein paar Stunden ist es Tageslicht, und das größte Glück, daß wir den Burschen wenigstens aus dem Logis haben. Das hätt' ich aber wissen sollen, daß er so fest wie ein Bär schlief – wir könnten jetzt alle in Sicherheit sein. Wer giebt nun den besten Rath?« »Ob es der beste ist, weiß ich nicht,« sagte der eine Deutsche, »aber etwas kann ich Euch vorschlagen: ich will mich, wenn die Luft klar ist, vorn hinunterlassen und eins von den kleineren Booten dicht unter die Klüsen holen. – Dann müßt Ihr sehen, wie Ihr die Säcke, ohne daß der Zimmermann etwas merkt, einen nach dem andern hinunterbringt, und ich schaffe sie dann an's andere Ufer hinüber, wo ich auf Euch warte, bis Ihr mich abholt.« »Aber sollen wir es denn doch nicht lieber erst einmal versuchen, die Sachen an Land zu schaffen?« frug Bob, der eine Engländer. »Das wären doch verdammt weniger Umstände als mit dem Wasser – und nachher das Herumlaufen um die Bai. Es wird ja heller lichter Tag, ehe wir nur hinüberkommen.« »Wir dürfen es nicht wagen, unsere Sachen hier an Land zu bringen,« sagte der Deutsche rasch – »wenn die solche Vorsichtsmaßregeln treffen wie mit der Wache, so werden sie auch nicht versäumt haben, den Constablern in Sussexstreet aufzutragen, Alle, die etwa hier heraus mit Bündeln kommen sollten, einfach zu arretiren. – Das ist wenigstens das Wahrscheinlichste, und dem wollen wir uns doch nicht aussetzen. Uebrigens muß der Zimmermann auch Jeden sehen, der hier über den langen, schmalen und an allen Seiten offenen Platz nach den Häusern zu geht, und würde augenblicklich Lärm schlagen!« »Wie kommen wir selber aber nachher fort?« frug Jean wieder. »Oh nur erst einmal die Sachen in Sicherheit, das Andere findet sich dann von selber,« sagte der Deutsche – »Alles klar an Deck, Jean?« »Ja, jetzt noch; der Zimmermann kommt aber gerade wieder die Quarterdeckstreppe herunter. – Es ist die höchste Zeit.« Ohne weiter ein Wort zu erwidern, glitt der Deutsche wie eine Schlange die Treppe hinaus, um die Logiskappe herum und in die Gallione hinaus, dort an der Ankerkette hinunter und in's Wasser hinein. Jean horchte aufmerksam, konnte aber kein Plätschern hören, so vorsichtig hatte sich jener hineingelassen. Der Zimmermann ging ein paar Mal an Deck auf und ab, und die Leute saßen indessen des Zeichens harrend, daß das Boot am Steven liege, mit klopfendem Herzen im »Logis.« Sie hatten all' ihr Zeug an, was sie nur auf den Leib bringen konnten, und das Uebrige in die gewöhnlichen Leinwandsäcke, die den Reisesack eines Seemanns bilden, »eingestaut.« Bill nahm seinen Sack zuerst heraus und schaffte ihn, als der Wächter gerade nach vorn ging, auf die Gallione. Jean wollte aber Keinen weiter hinauslassen, bis das Boot darunter liege. – Fiel es dem Zimmermann einmal ein, nur ein paar Schritte weiter nach vorn zu gehen wie gewöhnlich, so waren sie zu sehr der Gefahr ausgesetzt, entdeckt zu werden. Endlich kam das erwartete Zeichen – schneller fast als sie eigentlich hoffen konnten. – Leise wurde von außen vorn an das Schiff geklopft, und Jean horchte hinaus, ob er etwas vom Wächter hören konnte. »Wo ist der Zimmermann jetzt?« frug Bill von unten herauf – »kannst Du ihn sehen Jean?« »Nein,« flüsterte dieser zurück, »weiß der Teufel, wo er steckt – ich will lieber einmal über Deck gehen.« »Gott bewahre,« rief Bill – »da machst Du ihn nur aufmerksam. – Er wird wahrscheinlich hinten an dem Quarterdeck bei den Wasserfässern sein. – Komm nur rasch und hol' Deine Sachen.« »Wir wollen uns das anders einrichten,« erwiderte Jean. – »Einer muß hinaus in die Gallione steigen und das, was ihm gegeben wird, hinunterreichen. Bob mag sich hier hinter die Logiskappe drücken, und ich kann dann von hier aus ihm Alles zugeben und zugleich das Deck übersehen. – Aber nachher auch kein Wort mehr gesprochen. – Höll' und Teufel! wer hat denn da unten Licht angesteckt?« Er sprang rasch hinunter, einer Unvorsichtigkeit zu begegnen, die so leicht zu ihrer Entdeckung führen konnte, den sobald der Wachthabende Licht im Vorcastle sah, mußte er ja gleich wissen, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war. »Löscht das Licht aus,« rief er mit ärgerlicher, aber vorsichtig gedämpfter Stimme. – »Ihr wollt wohl die ganze Geschichte verderben? Wer hat die Laterne angesteckt?« »Ich,« brummte Jim, ein Irländer – »und verdammt gute Ursache dazu. – Ich habe eine halbe Krone hier unter die Kiste rollen lassen, und ich glaube, Jeder steckte sich ein Licht an, wenn er damit sein ganzes verlorenes Vermögen auf einen Strich wieder kriegen kann. Außer der halben Krone hab' ich nur noch drei Schilling Schulden.« Hinter Jean stieg in diesem Augenblick Jemand die Treppe herunter – der Deutsche vor dem Steven gab zu gleicher Zeit noch einmal, und jetzt etwas lauter, das verabredete Zeichen. Jim hatte seine halbe Krone gefunden, steckte sie in die Tasche und öffnete die Laterne, um sie auszublasen. »Hallo!« sagte in diesem Augenblick eine Stimme mitten zwischen ihnen, und zwar so laut, daß Alle wie von einem elektrischen Schlag zusammenzuckten – »was ist das?« Jim ließ unwillkürlich das volle, durch kein Horn mehr gedämpfte Licht der Laterne auf das Gesicht des Sprechers fallen. – Es war der Zimmermann, der sich erstaunt in der reisefertigen Gruppe umsah. »Das ist mir ja eine schöne Geschichte,« rief er verwundert aus – »da soll ja gleich –« Er sagte nichts weiter – nur zwei Worte hatten die an der Treppe stehenden Bill und Jean mit einander gewechselt, und in derselben Secunde fast fühlte er sich von zwei riesenstarken Armen dermaßen umfaßt, daß seine Hände wie von einer eisernen Zange gehalten wurden, während ihm zu gleicher Zeit irgend ein anderer guter Freund ein festgedrücktes Tuch wie einen Knebel in den Mund stieß. Jim ließ bei dieser zauberschnellen Veränderung der Scene den Strahl der noch immer hochgehaltenen Laterne links und rechts fallen und sah Bill und Jean mit ihrem Opfer beschäftigt. – Im nächsten Moment schloß er aber das Licht, und Alles war wieder in tiefste Dunkelheit gehüllt. Draußen ertönte zum dritten Mal, und jetzt laut und ungeduldig das Zeichen. »Der wird den Steven noch einschlagen,« lachte Jim – doch immer noch halblaut vor sich hin – »sollen wir ihm den Zimmermann hinuntergeben, daß er sich beruhigt?« »Jetzt rasch und keine Zeit mehr verloren« – rief aber Jean den Anderen zu. – »Bill, schafft die Sachen hinauf, und dann fort in's Boot.« Der Zimmermann sträubte sich aus Leibeskräften, frei zu kommen, oder wenigstens den Knebel aus dem Mund zu bringen, daß er den Alarm geben konnte; Jean lag aber mit Riesenkraft auf ihm und jeder derartige Versuch war umsonst. »Reich' mir Einer von Euch ein Ende« – stöhnte er endlich, als der Zimmermann einen Augenblick ruhig lag. – «Hier, Bob – bind ihm einmal die Hände zusammen – so – das ist gut. Jim, zeig Dein Licht noch einmal, hast Du sie fest?« »Die kriegt er nicht wieder los,« lachte Bob zwischen den Zähnen durch – »die Füße auch?« »Ja, es ist besser – so, nun schlag das hier um den Pfosten – so – noch fester – das wird's thun, und nun noch den Knebel –« Und damit nahm er sein eigenes Halstuch vom Nacken und band es dem unbeweglich an den mitten im ›Logis‹ stehenden Pfosten Geschlossenen fest um den Mund, so daß er nur die Nase zum Athmen frei behalten konnte. »Nun rasch fort,« rief er, als er endlich auf die Füße sprang – »sind die Sachen oben?« »Dies ist das Letzte,« rief Bob, als er zwei Säcke nach der Treppe hob und hinauflangte – »nun ade, Boreas, und bleibt hübsch gesund, Zimmermann. – Wenn nur der Steward die Zeit nicht verschläft!« Damit sprang er die Treppe hinauf und von den Uebrigen gefolgt über die Gallion hinunter in's Boot. Jean war der Letzte, der das Schiff verließ – es regte sich aber nichts darauf. Oben in Sussexstreet hörte er, wie die Constabler ihre Stunde abriefen – es war gerade drei Uhr. An der Bai herum fingen hier und da schon die Hähne an zu krähen, und von den Schmelzöfen glühten noch immer die rothen Flammen aus den Schornsteinen heraus – sie hatten die ganze Nacht gebrannt. Sonst schlief ganz Sidney noch, und die Bai lag so ruhig, daß die auf sie niederfunkelnden Sterne ihr Licht so rein und ruhig wiedererhielten, als sie es gegeben. Kein Lufthauch bewegte das Wasser, und man konnte deutlich den regelmäßigen Schritt der Wache auf einer nicht weit davon vor Anker liegenden englischen Barke hören. Jean glitt, als er sich überzeugt hatte, daß Niemand auf ihrem Schiff nur das Mindeste von dem Vorgefallenen ahne, wie seine Kameraden vor ihm an der Ankerkette in das da vorn befestigte Boot hinunter, und im nächsten Augenblick schossen sie, von zwei kurzen Brettern, die als Ruder gebraucht wurden, vorwärts getrieben, über die Bai schräg hinüber an's andere Ufer. Dort banden sie das Boot fest, das sich der Eigenthümer, wenn er es haben wollte, am nächsten Morgen selber holen konnte, nahmen ihre Säcke auf die Schultern, und waren im nächsten Augenblick in dem Schatten der dichtbei gelegenen Häuser, zwischen denen sie sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreuten – verschwunden. Von der ganzen Mannschaft war nur ein Einziger – ein Deutscher – an Bord des Boreas zurückgeblieben. – Er hielt sich, ohne daß ihn die Anderen vermißten – und als sie ihn vermißten, war es zu spät – ruhig in seiner Koje, band aber auch den Zimmermann nicht los, legte sich, als seine Kameraden das Schiff verlassen, auf die andere Seite, und war bald wieder wirklich fest eingeschlafen. 5. Die Entdeckung Der Capitain vom Boreas lag in seiner Koje – er hatte den vorigen Abend bös geschwärmt, und der Kopf glühte ihm noch von all' den ›Brandys hot‹ und ›Brandys cold,‹ die er in sich hineingegossen. Er träumte – aber was kümmern uns seine Träume, wir können ihn doch nicht länger schlafen lassen. Der Tag brach eben im Osten an, ja der hellere Schein drängte sich schon durch das obere Kajütenfenster, das sogenannte Skylight Auf deutschen Schiffen heißt dasselbe in verdorbenem Englisch ›Scheilicht‹. , in die Kajüte. Der Capitain murmelte etwas von ›half and half‹ – er trank gern Porter und Ale zusammen und mochte wahrscheinlich Durst haben – stöhnte noch ein paar Mal und warf sich dann auf die andere Seite. Der Steward war indessen ebenfalls munter geworden, – nicht daß ihn Jemand geweckt hätte, sondern mehr von einem halb unbewußten Gefühl aufgetrieben, das uns manchmal, ohne die geringste äußere Einwirkung, aus dem tiefsten Schlafe aufrüttelt, wenn wir uns nur Abends vorher fest vorgenommen haben, zu einer gewissen Stunde aufzuwachen. War er aber noch im halben Schlaf, so brachte ihn der Stoß, mit dem er seine eigene Stirn beim in die Höhe Fahren gegen den quer durch seine Koje laufenden ›Beam‹ stieß, augenblicklich zur Besinnung, und er sprang jetzt erschrocken aus der Koje, denn zu ihm herein drang das Tageslicht, und um vier Uhr hatte er ja schon wieder auf Deck sein sollen. Warum mochte ihn denn der Zimmermann nicht geweckt haben? Er lief, ohne sich erst weder die Jacke anzuziehen, noch nach der neben ihm liegenden Mütze zu greifen, an Deck. Alles war hier stumm und still – dem Steward klopfte das Herz wie ein Schmiedehammer, denn er dachte an das, was ihm, im Fall wirklich etwas passirt sei, selber bevorstand. Im »Logis« fand er denn auch nur zu bald seinen schlimmsten Argwohn bestätigt, und den armen Teufel von Zimmermann in der wirklich traurigsten Lage von der Welt. Als er ihm aber das Tuch vom Gesicht band und den Knebel aus dem Mund zog, war es gerade, als ob er den Stöpsel aus einer Flasche Weißbier gezogen hätte, denn wie aus dieser der Schaum, so sprudelten aus dem endlich befreiten Munde des Gebundenen jetzt eine Unzahl von Flüchen und Verwünschungen – die alle hier so lange festgestopst gesessen hatten – in solcher Schnelle und Kraft heraus, daß der Steward im ersten Moment wirklich vergaß, seine Hände zu lösen, und nur ganz erstaunt und verdutzt neben ihm stand und ihn ansah. Durch den Lärm munter gemacht, wachte auch der Deutsche auf und sah aus seiner Koje. Ueber diesen fielen sie nun Beide her und wollten von ihm erfahren, was aus den Anderen geworden und wo sie sich aufhielten. Er wußte von gar nichts – hatte keinen Menschen weggehen hören oder irgend etwas mitgetheilt bekommen, was die Absicht der Entlaufenen betreffen konnte. Er war spät an Bord gekommen, sehr müde gewesen, gleich eingeschlafen und in diesem Augenblick durch das gotteslästerliche Fluchen des Zimmermanns zum ersten Mal aufgewacht. Aus ihm war auch nicht das Mindeste herauszubekommen, und dem Steward lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, den Capitain von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen, damit dieser augenblicklich seine Maßregeln danach nehmen könnte. Er ging in die Kajüte hinunter, zog seine Jacke an, strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat zu des Capitains Koje. »Capitain Oilytt,« sagte er, als er ihn am Arm faßte und leise schüttelte. »Brandy hot,« antwortete der Capitain – »der Teufel soll das Ale holen, das brennt wie Feuer.« »Capitain Oilytt,« wiederholte der Steward. – Wär' er ein Zauberer gewesen, er hätte den Capitain einmal vor allen Dingen einige tausend Jahre so fortschlafen und nachher in einer kühlen Grotte mit einer wunderschönen verwunschenen Prinzessin wieder aufwachen lassen. So aber konnte er das nicht und schüttelte ihn noch einmal etwas stärker als das erste Mal. »Sieben Schilling Sixpence,« lautete diesmal die hartnäckige Antwort, die sich wahrscheinlich auf irgend eine gestern bezahlte Zeche bezog – »lieber Gott!« und ein tiefer Seufzer folgte. »Ja, jetzt ruft er den lieben Herrgott an, wenn er nicht weiß, was er spricht« – brummte der Steward leise vor sich hin, »und wenn er nachher aufwacht und zur Besinnung kommt, flucht er wie ein Heide. – Und wenn er nur blos noch fluchte! – Ich muß ihn aber wahrhaftig wecken.« Diesmal wich der tiefe Schlaf dem stärkeren und entschlossenen Schütteln des Stewards, und der Capitain fuhr, die Augen weit aufgerissen, in seinem Bett in die Höhe. »Was zum Donnerwetter giebt's nun?« rief er ärgerlich aus – »kann man in drei Teufels Namen nicht einmal ruhig schlafen, bis es Tag ist, daß Du Einen mitten in der Nacht herausrütteln mußt? – Was ist los? – na? – wird's bald?« Der Steward, der bis dahin gar nicht hatte zu Worte kommen können, sagte jetzt schnell: »Capitain Oilytt, die ganze Mannschaft ist fortgelaufen – der Koch und der ganze andere Schwarm. – Nur der Zimmermann und Hans – der eine Deutsche – sind noch an Bord.« Der Capitain war mit einem Satz aus seinem Bett und mit einem zweiten in seinen Hosen, während er eine wahre Sündfluth von Flüchen ausströmte. Damit wurde die Sache aber um kein Haarbreit geändert. Natürlich hatten der Zimmermann und der Steward die alleinige Schuld, und der zurückgebliebene Deutsche, als der Capitain wie ein wüthender nach vorn gefahren war, sollte nun gezwungen werden, zu beichten. Er wußte aber – dabei blieb er trotz allen Drohungen und Versprechungen – von gar nichts. Er hatte die ganze Nacht, wenigstens von der Zeit an, wo er an Bord gekommen, bis dahin, wo der Steward den Zimmermann losband, geschlafen. Früher sei, wie er weiter erzählte, allerdings vom Fortlaufen die Rede gewesen, da er aber stets fest erklärt habe, daß er nicht mitginge, hätte man ihm diesmal, wie es schiene, gar nichts davon gesagt. Der Capitain schäumte vor Wuth. – »Das kommt davon,« rief er, »daß ich mich mit dem verdammten fremden Gesindel eingelassen habe. – Hätte ich lauter Engländer gehabt, wäre das nicht geschehen. – Aber wartet, wartet, Canaillen, Euch will ich ein Gericht einbrocken, auf das Ihr nicht gerechnet haben sollt, und hab' ich Euch erst wieder, dann Gnade Euch Gott. Dann geb' ich Euch mein Wort darauf, Ihr sollt Euch lieber in die Hölle als bei mir an Bord wünschen. – Und Du, Steward, vor allen Anderen, Du verdientest überhaupt, daß ich Dich an die Railing binden und Dir fünfundzwanzig aufzählen ließ – Du – Holzkopf Du.« Und damit schoß er wie ein Pfeil in seine Kajüte hinunter, in seine Kleider hinein und dann an Land, um die Anzeige bei der Wasserpolizei von den Entflohenen zu machen und eine Belohnung auf ihren Fang zu setzen. Kaum war er aber fort, und ehe sich der Steward noch von dem ersten Erstaunen über die entsetzliche Drohung erholen konnte, so kam der erste Mate schon auf ihn zu, faßte ihn am Kragen und überschwemmte ihn mit einer wahren Fluth von Schimpfreden. »Du Lump!« – rief er, »bist der Einzige, der die ganze Geschichte zu verantworten hat. – Warum hast Du nicht aufgepaßt – he? – Was zum Donnerwetter hast Du denn sonst auf der Welt zu thun? – wozu bist Du nütz?« Nach diesem Ausbruch innerer Gefühle stieg er an Deck und lief eine gute Stunde das Quarterdeck auf und ab. Der Steward fing indessen an, die Tische unten abzuwischen. Er hatte aber noch nicht einen fertig, als der zweite Mate ebenfalls den Kopf hereinsteckte. »Du bist doch das nichtsnutzigste, miserabelste Stück Takelwerk am ganzen Bord,« sagte er und sah den Steward an, als ob er ihn mit Haut und Haaren und ohne Pfeffer und Salz verschlingen wolle. – Damit schlug er die Thür wieder zu und ging ebenfalls an Deck. Er war die halbe Nacht an Land gewesen und erst um Mitternacht an Bord gekommen. Der Steward aber setzte sich mit dem Abwischtuch in der Hand am Tische nieder, schüttelte in einem fort mit dem Kopf und murmelte leise vor sich hin: »Na, nu wird's Tag – ich habe die Schuld – ich bin die alleinige Ursache, daß die Anderen fortgelaufen sind. – Natürlich – wenn ich nicht meine zwei Stunden geschlafen hätte, wo die Anderen auf Wache waren, hätte das Alles nicht geschehen können. Na, das wird eine schöne Reise werden – ich glaube wahrhaftig, es wäre das Beste, ich liefe auch fort – nachher wär' ich denn doch neugierig, wer die Schuld davon hat – ich wieder; natürlich. Und wieder kriegen? – Wenn sie die wiederkriegen, fress' ich sie – Alle zusammen.« Und mit diesem kannibalischen Entschluß stand er auf und begann seine Arbeit auf's Neue. 6. Sidney im Dunkeln Eine ganze Woche war verflossen, und noch immer lag der Boreas an seinem alten Platz am Werft, ohne, trotz der darauf gesetzten Belohnung, einen Einzigen von seinen Leuten wiederbekommen zu haben. Natürlich konnte er, mit einem Mann an Bord, auch nicht in See gehen, und andere Matrosen waren ebenfalls nicht zu bekommen. Der Capitain hatte schon, der schlechten Behandlung seiner Leute wegen, einen solchen Namen in Sidney bekommen, daß Niemand mit ihm segeln wollte, und der Goldschwindel machte überdies die Leute die extravagantesten Preise fordern. Natürlich mußte er unter der Zeit Arbeiter annehmen, um die an Bord notwendigen Geschäfte zu verrichten, und an diese ebenfalls sehr theuren Lohn bezahlen; das ging aber freilich Alles aus der Tasche der weggelaufenen Leute, und zwar von dem ihnen gutstehenden Geld, was sie an Bord zurückgelassen – vorausgesetzt natürlich, daß man sie wieder bekam. Wurden sie wieder eingezogen, so hatten sie die Arbeiterkosten für fremde Hülfe, wie selbst den auf ihr Einfangen gesetzten Preis von dem ihnen noch gutstehenden Geld oder von ihrer nächsten Reise – und wenn das nicht zulangte, von der nächstfolgenden – zu bezahlen. Die Wasserpolizei war indessen, wie sie sagte, sehr thätig gewesen, die Leute wieder einzubringen, oder wenigstens auf ihre Spur zu kommen, doch ohne Erfolg. Es war erst ein Pfund Sterling auf den Kopf gesetzt, und man konnte nicht gut erwarten, daß sie sich den Preis muthwillig verderben sollten, da er mit der Zeit von selber steigen mußte. Der Capitain hoffte indessen das Meiste von dem Sonnabend-Abend, wo sich die Matrosen in Sidney gewöhnlich am freiesten gehen lassen und, wenn sie einmal erst in's Trinken kommen, nicht mehr die sonst kaum vergessene Vorsicht gebrauchen, die Straßen und alle verrufenen Häuser zu vermeiden. Von vielen anderen Schiffen war ebenfalls die Mannschaft fortgelaufen, und die ganze Wasserpolizei sollte an diesem Abend auf den Beinen sein. Die beiden Steuerleute des Boreas hatten sich ebenfalls erboten, mit den Steuerleuten von noch zwei anderen Schiffen, je Zwei mit einem Polizeidiener zu gehen, um, falls sie Einen der Ihrigen treffen sollten, ihn gleich zu kennen und festzuhalten. Um sieben Uhr setzte sich der ganze Zug in Bewegung, zerstreute sich aber bald nach verschiedenen Richtungen hin, um mehrere Stadttheile auf einmal durchstreifen zu können, und man bestimmte einen Platz am entferntesten Ende der Stadt, wo man sich um zwölf Uhr Nachts treffen und die gemachten Beobachtungen mittheilen wolle. Bis ein Uhr Morgens ist es auf den Straßen stets lebendig. Der erste Mate vom Boreas, der zweite von einer andern englischen Barke und ein Polizeidiener nahmen den obern Theil der Stadt: Georgestreet, Pittstreet und was dort in der Nähe lag, obgleich in Georgestreet, als der Hauptstraße der Stadt, wohl kaum einer der Weggelaufenen anzutreffen sein mochte. Sie wagten sich schon nicht in diesen Stadttheil, wo eine so zahlreiche Menschenmenge fortwährend hin- und wiederströmte und zwischen diesen leicht Jemand sein konnte, der sie kannte und den Händen der überall postirten Constabler übergab. Nichtsdestoweniger gingen die drei Männer Georgestreet hinauf und bogen dann oben links ab, durch Liverpoolstreet in Pittstreet hinein, um vor allen Dingen einmal das »goldene Kreuz«, das ihnen als der frühere Hauptaufenthaltsort der Leute des Boreas beschrieben war, zu revidiren. Es war noch zu früh am Abend, um schon viel Gäste in den Wirthshäusern anzutreffen; die Meisten wanderten noch in der Nähe des Markthauses und durch den Markt auf und ab und erfreuten sich des schönen mondhellen Abends. Dennoch saßen etwa zehn oder zwölf Männer, meistens Matrosen, an den verschiedenen Tischen, und in einem der kleinen Verschläge, wo zwei Seeleute ihre beiden Mädchen mit hineingenommen hatten und ihnen dort zutranken, ging es besonders lustig und auch laut zu. Der Mate vom Boreas warf einen schnellen, aber forschenden Blick über sämmtliche Gäste hinüber und trat auch in das kleine »Privatzimmer«, in das er indiscret genug und von einem »what do you want« der darin Sitzenden angeschnauzt, hineinschaute, konnte aber kein bekanntes Gesicht entdecken. Mrs. und Mr. Mac Carther warfen sich übrigens einen Blick zu, den sie Beide zu verstehen schienen, und die »Dame« wandte sich dann mit der größten Freundlichkeit an die Neuangekommenen und frug, was sie zu trinken wünschten. Sie ließen sich eine Flasche Porter und drei Gläser geben und setzten sich an einen der Tische. Polly ging ab und zu und schien besonders mit dem Polizeidiener, einen jungen, hübschen und schlanken Mann, gut bekannt zu sein. Als Mr. Mac Carther die zweite Flasche auf den Tisch setzte, stand der junge Mann von der Wasserpolizei auf und ging hinaus – wenige Minuten darauf folgte ihm Polly – sie standen Beide in der offenen Hausthür. »Polly,« sagte der Polizeidiener und hob ihr mit dem rechten Zeigefinger das Kinn empor – »wo sind die Leute vom Boreas, die Ihr versteckt habt?« »Die Ihr versteckt habt!« sagte das Mädchen schnippisch und schnell, und schlug den Finger mit der verkehrten Hand Weg – »die Ihr versteckt habt! – Was gehen mich die Leute vom Boreas oder irgend einem andern »aß« an, und was hätt' ich davon, Matrosen zu verstecken? – Wenn Ihr mir weiter nichts zu sagen habt, Mr. Naseweis, dann seid so gut und laßt mich ein andermal zufrieden.« Und damit wollte sie sich von ihm losmachen und wieder in's Schenkzimmer gehen. Charles, wie der junge Mann hieß, faßte aber ihre Hand und sagte schmeichelnd: »Sei nicht närrisch, Polly – Du verstehst, wie ich's meine, und daß ich recht gut weiß, wie Du selber nichts damit zu thun hast – obgleich mir Gerüchte zu Ohren gekommen sind von einem jungen Franzosen, der –« »Charles,« sagte das Mädchen und schien ernstlich böse zu werden, »Du hast es heut Abend ordentlich darauf angelegt, mich zu ärgern, und ich antworte Dir keine Silbe weiter.« »Was das betrifft, mein Schatz,« lachte der Andere, während er jedoch die Hand des Mädchens noch immer fest dabei hielt – »so hast Du mir auch noch gar keine Silbe geantwortet. – Ich weiß aber, daß Du ein vernünftiges Mädchen bist. – Du hast mir davon schon zu viele Proben gegeben, so laß uns denn auch ohne weitere Umschweife ein vernünftiges Wort mit einander reden. Auf das Einfangen der Leute vom Boreas wird in der nächsten Woche, wenn der Capitain erst einmal weg muß , ein sehr bedeutender Preis gesetzt werden – wenn Du die Hälfte davon verdienen kannst, wirst Du doch vielleicht zusehen, ob Du mir ein oder das andere von Mr. und Mrs. Mac Carther herausbekommst?« »Du glaubst doch nicht etwa,« fiel ihm das Mädchen rasch in die Rede, »daß Mr. und Mrs. Mac Carther weggelaufene Matrosen in ihrem eigenen Hause ...« »Gott bewahre,« unterbrach sie Charles lachend, »da sind sie Beide viel zu vernünftig dazu, als daß sie sich einer solchen Gefahr aussetzen sollten – es stehen fünfzig Pfund Sterling Strafe darauf. – Nein, aber sie – haben doch Manches – oh hol's der Henker, Du bist klug genug, und Dir brauch' ich doch weiter keine Erklärung zu geben.« Das Mädchen sah einen Augenblick vor sich nieder und sagte dann leise: »Wie hoch wird die Belohnung etwa sein?« »Wie hoch? Nun, unter vier Pfund Sterling per Mann auf keinen Fall, wahrscheinlich aber sechs, und wie viel sind es gleich – vier, sieben – neun, nicht wahr?« Das Mädchen sah zu ihm auf und schüttelte verschmitzt mit dem Kopf – die Falle war ein klein wenig zu plump gewesen. Charles mochte das auch wohl fühlen, denn er wurde bis über die Ohren roth, sagte aber gleich darauf lachend: »Bitt' um Entschuldigung, ich hatte ganz vergessen, daß Du gar nichts davon weißt. Doch genug für jetzt. Mir liegt selber nichts daran, daß wir sie heut Abend erwischen sollten, und sind sie in der Nähe, so thäten sie sehr wohl, sich ein wenig von den Straßen oder aus den öffentlichen Trinkhäusern zu halten, sie könnten sich sonst leicht morgen an einem Orte befinden, auf den sie heute schwerlich gerechnet haben. Also good bye , Polly, sei ein gut Mädchen und halte die Augen offen.« Damit trat er mit ihr in den dunkeln Gang zurück, zog sie etwas näher an sich und – doch es war zu dunkel, etwas weiter zu erkennen. Als aber gleich darauf die Thür aufging, stand Charles vorn im Haus, und Polly kam allem Anschein nach eben vom Hof und trat in die Schenkstube. Als Charles wieder in die Stube kam, hatten die beiden Steuerleute schon die Zeche bezahlt und sich zum Fortgehen gerüstet. – Sie hielten sich erst einmal vor allen Dingen nach der Rowson- oder Rosenstraße hinüber, wo ein freier eingezäunter Platz die eine Reihe der Straße begrenzte und die Matrosen in der Nähe zahlreicher verrufener Häuser gern umherschlenderten. Obgleich sie aber manchen von diesen begegneten und alle scharf in's Auge faßten, war doch keiner der rechten darunter. Einmal freilich glitt eine dunkle Gestalt rasch und flüchtig vor ihnen hin, verschwand aber auch gleich darauf durch die dort hohe Palissadenfenz in eine kleine Thür, die sich hinter ihr schloß. Es war dies kein öffentliches oder Kosthaus, und der Polizeimann hätte erst einen »warrant« ausnehmen müssen, ehe er ein Privathaus untersuchen durfte. Oft blieb Charles aber eine kurze Strecke zurück und flüsterte hier und da mit einer im Schatten irgend eines niedern Hauses, neben einem erleuchteten Fenster stehenden weiblichen Gestalt – er schien mit allen Winkeln und Höhlen der ganzen Stadt bekannt zu sein. Es war etwa neun Uhr, als sie nach Pittstreet zurückkamen; hier hatte sich indessen Manches verändert, und die im Anfang noch ziemlich öde Straße wimmelte jetzt, besonders in der Nähe des Theaters, von Menschen. Dem Theater gerade gegenüber war eine Anzahl kleiner Spelunken oder Trink- und Tanzhäuser, zu denen sich die Menschen förmlich drängten. Unsere drei Wanderer traten ebenfalls ein, und zwar zuerst in das bedeutendste, das sogenannte »Shakespeare-Haus«. Unten befand sich die sogenannte Bar – ein Schenktisch mit den dazu gehörigen Vorräthen von Flaschen und Gläsern; dahinter ein kleines Zimmer für Solche, die ruhig ein Glas Bier trinken wollten. Beide Lokale waren fast leer von Gästen, und doch sollte dies Haus ungemein großen Verkehr haben. Außer diesen beiden Zimmern hatte es aber noch andere Räume. Gleich neben der Bar, von dieser nur durch eine Mauer getrennt und mit einem aparten Eingang von der Straße, ging eine schmale Treppe in die erste Etage hinauf, wo der ganze Raum in zwei große Lokale getheilt war. Das eine war ein hoher Saal, dessen äußerstes Ende ein statuenartig und lebensgroß gemaltes Bild Shakespeare's zierte. Der große Dichter stand aufrecht da und überschaute mit einem merkwürdigen Zug unendlicher Gleichgültigkeit das ganze wilde Treiben um sich her. Der Maler hatte in diesem Bild sicher eine schwere Aufgabe gelöst und Shakespeare, wenigstens an Gestalt, Kleidung und Gesichtszügen kennbar, zugleich aber auch mit einem so nichtssagenden, faden Gesicht hingestellt, daß man dem Bild, da der Maler gerade nicht bei der Hand war, die erste beste Flasche hätte an den Kopf werfen mögen. Rings an den übrigen Wänden waren Scenen aus Shakespeare's Werken, colorirt, dargestellt, mit gerade solchen Gesichtern, als sie der Shakespeare geschaffen haben würde. – Der Sturm und Romeo und Julie, König Lear und Falstaff hatten dazu besonders herhalten müssen, und auf einem Bild stand eine lange schwarze Figur mit einem Barett auf dem Kopf und einer Kegelkugel in der Hand und sah um's Leben aus, als ob sie eben im Begriffe wäre, alle Neun zu schieben – das sollte Hamlet sein. Es war noch ziemlich leer im Saal; in der äußersten linken Ecke stand ein altes, abgepauktes Pianino wie ein Luftspringer auf einem Dorfe, der sich auf die Hände stellt und mit den Füßen an der Wand hinaufreicht. – Vor diesem saß ein junger Mann, der Horn an den Fingern haben mußte, denn er schlug unablässig eine alte Polka von vom bis hinten durch, und fing, wenn er hinten fertig war, vorn wieder an. Neben ihm stand ein kleiner Junge mit einer Violine, der ihn zu begleiten suchte, aber nicht mitkommen konnte. Allerdings hielt er ziemlich Takt mit ihm, aber er konnte ihn nur nicht einholen. – Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Finger gingen in rastloser Hast auf den gequälten Saiten auf und nieder, aber vergebens – zwei Noten war er regelmäßig hinter ihm. Hätte der Clavierschläger nur eine Sekunde gewartet – nur den Gedanken einer Sekunde – aber nein – vorwärts, unaufhaltsam vorwärts ging es, wie die wilde Jagd – kein Rückblick, außer für die, denen das Gesicht auf den Nacken gedreht war – und der Violinspieler gab die Verfolgung endlich in Verzweiflung auf. Rings an den Wänden hin standen Bänke und Sophas; unter der Shakespearestatue das beste, und auf diesem lag lang ausgestreckt ein junges, auffallend hübsches Mädchen in einem seidenen, hochanschließenden Kleid, unter dem die kleinen zierlichen Füße nur eben mit den Spitzen hervorschauten. Ihre Beschäftigung war, wie sich das unter einer Shakespearestatue auch gar nicht anders denken läßt, eine rein geistige – sie schlürfte ein Glas Brandy und Wasser, und stellte das Glas, als sie es ausgetrunken, der Bequemlichkeit wegen vor sich auf die Erde nieder. Auf den andern Sophas und Bänken saßen viele andere Mädchen und junge Leute – von den ersteren einige sehr elegant gekleidet, mit Hüten und Schleiern und großen Shawls, andere wieder mit schlicht zurückgekämmten Haaren und kattunenen Kleidern. Eben so großer Unterschied war bei dem männlichen Geschlecht, von dem feingekleideten Stutzer bis zum einfachsten Matrosen herunter, so standen, saßen und lehnten sie in den buntesten und verschiedenartigsten Gruppen umher. Nur der eine Unterschied war doch wohl, daß die Mädchen alle einem bestimmten jugendlichen Alter angehörten, während sich unter den Männern auch sogar einige aus dem »besten« befanden, die mit noch recht jugendlichem Anstand scheinbar theilnahmlos hin- und herwanderten, oder an einem der Tische eben »Portwein St. Gris« tranken. Der Tanz hatte aber noch nicht begonnen – der verzweifelte Wettlauf der beiden Musici schien nur erst eine Vorübung gewesen zu sein. Unsere drei Freunde fanden hier übrigens nicht, was sie suchten, und Charles meinte, sie wollten lieber später noch einmal hierher zurückkehren und erst nebenan in die anderen Lokale hineinsehen. Es sei wahrscheinlicher, daß sich Einzelne der Leute, wenn sie sich überhaupt in ein öffentliches Lokal getraut, eher dort als hier aufhalten würden. Hier war weiter nichts für sie zu thun – sie stiegen die Treppe hinunter, bogen rechts ab und traten in das erste Lokal hinein, das sie drei oder vier Thüren weiter hin fanden. Wilder Lärm tönte ihnen schon bei ihrem Eintritt entgegen, aus dem Saal hinter der Bar kreischten die schrillen Töne einer Violine hervor, und kaum hatten sie diesen Platz betreten, als sie auch in eine wahre Wolke von Tabaksqualm und Brandygeruch eingehüllt waren. Alle Drei hatten aber schon in ihrem Leben weit schlimmere Dinge mitgemacht und bewegten sich in diesem Chaos wie in ihrem Element. In der That gingen auch all' diese äußeren Eindrücke spurlos an ihnen vorüber, denn die männlichen Gäste bestanden fast einzig und allein aus Matrosen von all' den verschiedenen Schiffen in der Bai, und die Mädchen, die sich zwischen ihnen herumtrieben, gehörten der niedersten Klasse an. – Auch lag der Platz weiter zurück und mehr getrennt von der Hauptstraße, und Mehrere der Leute vom Boreas sollten in dieser Woche und seit sie das Schiff verlassen hatten, hier gesehen worden sein. Charles rief den Barkeeper bei Seite und sprach eine kurze Zeit lang heimlich mit ihm. – Es war sehr wahrscheinlich, daß sich die Leute des Boreas nicht alle an Einem Ort aufhielten, besonders da sie verschiedenen Nationen angehörten, und leicht möglich wäre es gewesen, Einen oder den Andern hier aufzutreiben. Der Barkeeper wußte aber von nichts; er schüttelte wenigstens höchst entschieden mit dem Kopf, und machte dabei fortwährend eine Bewegung mit seinem Körper, als ob ihn Jemand hinten am Hosengurt gefaßt habe, denn eine Jacke trug er nicht, und aus Leibeskräften daran zöge. Nur der Respekt vor dem Polizeidiener, den er, wenn auch in Civil, doch jedenfalls kannte, hielt ihn noch zurück. »Ich bin sicher, daß hier einer oder ein paar von den Burschen gewesen sind,« sagte Charles, als er zu den Steuerleuten zurückkam. »Der Schuft erschrak, als ich es ihm auf den Kopf zusagte, und war gar so ängstlich bemüht, wieder von mir abzukommen. Wir wollen fortgehen und nachher noch einsprechen, dann aber gleich hinten in die kleine Kammer gehen, ehe sie uns vermuthen können.« Zwei Häuser weiter war eine andere solche Kneipe – dort standen einige zehn oder zwölf Mädchen vor der Thür und zankten sich und schimpften einander. Von der andern Seite der Straße kamen mehrere Constabler herüber, und die Dirnen, die nicht arretirt sein wollten, traten rasch in's Haus, setzten aber hier den Streit in einer der Nebenstuben unerbittlich fort. Es waren meist noch junge Dinger von sechzehn bis achtzehn Jahren. Mehrere hatten aber schon blaugeschlagene Augen – die Folgen eines früheren Gefechts, vielleicht vom letzten Sonnabend-Abend, viele trugen brennende Cigarren im Munde. Natürlich drängte sich dabei Alles um sie her, den fast stets in Tätlichkeiten ausartenden Skandal bis zu Ende zu sehen, und was nur von Matrosen in der ganzen Straße war, schien sich hier auf einmal concentrirt zu haben. »Jetzt ist unsere Zeit,« flüsterte Charles den beiden Steuerleuten zu. »Stellen Sie sich Beide an verschiedenen Seiten der Stube auf und betrachten Sie sich vor allen Dingen die Gesichter der Hereinkommenden. Die wieder hinaus wollen, müssen nachher immer bei mir vorbeidefiliren. Sehen Sie einen der Burschen, dann geben Sie mir nur ein Zeichen, und für das Andere werde ich sorgen.« Er schlug dabei bedeutungsvoll auf seine Tasche, in welcher er ein paar von der Regierung bezeichnete Handschellen, für ihn zugleich der eiserne Ausweis seiner Function, trug. Der Streit im Innern nahm indessen einen immer bedenklicheren Charakter an. Die beiden Feindinnen hatten die Arme in die Seite gestemmt und bliesen den Rauch ihrer Manilas in dicken Wolken von sich. Es war das ein Zeichen sehr heftiger Gemüthsstimmung, und Beide gehörten jedenfalls dem verworfensten Theil der menschlichen Gesellschaft an. » Go it Nelly – go it ye cripples – Hurrah für Sally – fünf Schilling auf Nelly« – schrieen mit einem wilden Gejauchze die umstehenden Matrosen, die einen festen Kreis um die Beiden gebildet hatten. Sally war übrigens zu viel »game« auf solche Herausforderung auch nur noch weiter ein anderes Wort, als höchstens einen Fluch zu erwidern. In demselben Moment schleuderte sie ebenfalls ihre Cigarre mitten zwischen die sie umdrängende Schaar, die lachend das Feuer von sich abschlug, und fiel in richtiger Boxerstellung auf ihre Gegnerin aus. Das Schreien und Hurrahen hatte in diesem Augenblick seinen höchsten Grad erreicht, und die Stube drängte so voll von Menschen, wie sie nur Kopf an Kopf neben einander stehen konnten. Alles, was in der Nachbarschaft gewesen war, preßte herzu. Der Mate vom Boreas, der sich im Anfang ziemlich nahe der Thür postirt hatte, um im Falle der Noth gleich bei der Hand zu sein, war durch das Zuströmen immer neu Hinzukommender viel weiter zurückgeschoben worden, als ihm selber lieb sein mochte. Hinaus konnte er aber nicht wieder, bis sich wenigstens ein Theil der Menge verlaufen hatte, und er that deshalb nur sein Möglichstes, einen Platz auf dem Fensterbrett zu gewinnen. Nicht aber, um dem Kampfe zuzusehen, denn der interessirte ihn sehr wenig, sondern die stets wechselnde Menge zu beobachten, die sich theils immer noch in das Zimmer drängte, theils die Thür in einem dichtgeschlossenen Ring von Köpfen umstand. An der Thür hatte Charles noch immer, trotz jedem Andrang von außen, seinen Posten behauptet, nur war er ein klein wenig nach innen geschoben worden und blickte abwechselnd nach den beiden Mates hinüber, ob nicht einer von ihnen seine Thätigkeit für irgend ein noch näher zu bezeichnendes Individuum in Anspruch nehmen wollte. Da sah er, wie sich plötzlich der Steuermann vom Boreas so hoch aufrichtete, wie er sich nur immer auf seinen Zehen heben konnte und, ein Bild der gespanntesten Aufmerksamkeit, in die Masse von Menschen starrte. Ein Gesicht war vor ihm aufgetaucht, das er nur noch nicht recht erkennen konnte, weil die Lampe darüberhing, die ihren Schatten hinunterwarf. Dies Gesicht gehörte aber niemand Anderem als unserem alten Bekannten Bill, der, die Hände in den Taschen und eine Cigarre im Munde, eben am Haus vorbeigeschlendert war, als der Lärm innen sich erhob, und nun blos einmal sehen wollte, was hier vorging. Fast ohne daß er es merkte, war er aber weiter und weiter in das Zimmer hineingeschoben, und der Kampf selber hatte im ersten Augenblick seine Neugierde so erregt, daß er wirklich an gar keine weitere Gefahr für seine eigene Person dachte. Endlich, aber nur zufällig und nicht etwa aus irgend einer Ahnung ihm drohenden Unheils, warf er den Blick einmal höher, senkte ihn aber nicht wieder, denn er begegnete gerade in diesem Moment dem seines eigenen Steuermanns, von dem er, sobald er nur einmal sein Auge sehen konnte, ebenfalls erkannt wurde. Der Steuermann stieß halb in Ueberraschung, halb in Freude einen lauten Schrei aus. Den Schrei würde nun freilich der an der Thür postirte Charles in all' dem wilden Lärmen nicht gehört haben, aber die damit begleitete Bewegung entging ihm nicht, und fast unwillkürlich griff er schon in die Tasche, um die eisernen »darbies« herauszuholen. Bill war übrigens viel zu klug, nicht mit einem einzigen Blicke die ganze Gefahr zu übersehen, denn er wußte recht gut, daß der Steuermann hier in dies Local nicht allein hereinkommen würde, ohne jedenfalls noch Hülfe, am Ende gar Polizei bei sich zu haben. Dabei hatte das Zimmer nur eine Thür, und war die – und wie konnte es anders sein – besetzt, so befand er sich allerdings in einer Falle, die ihn um so mehr ärgerte, da ihn sein eigener fabelhafter Leichtsinn hineingeführt. Für den Augenblick ließ sich noch dazu gar nichts thun, seine Lage auch nur im Geringsten zu verbessern. Er konnte seine Hände nicht einmal aus der Tasche bekommen, so drängte das Volk um ihn her, denn der Kampf nahte sich seinem Ende: Nelly hatte schon ein, Sally zwei blaue Augen, und die Letztere empfing gerade unter dem beifälligen Hurrahschrei der Masse einen letzten entscheidenden Schlag, der sie wie todt zu Boden warf. Bill interessirte sich aber nicht im Mindesten mehr für den Kampf; seine eigene Lage nahm seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, und rasch warf er den Blick umher, jede nur irgend günstige Gelegenheit zu seinem Vortheil zu benutzen. Der Mate hatte indessen mit Charles eine Art telegraphischer Depesche unterhalten, worin er ihm bemerkbar machte, daß einer der gesuchten Leute hier in der Mitte des Zimmers sei. Zugleich gab er ihm dabei zu verstehen, daß er einen großen Bart habe. Bill sah das Alles selbst mit an. So gern er aber auch seinen Feind mit eigenen Augen kennen gelernt hätte, wagte er doch nicht den Blick dorthin zu wenden, und wäre am liebsten in dem Meer von Köpfen, das ihn umgab, untergetaucht, wenn er sich auch nur einen Zoll hätte bewegen können. Aber fest eingekeilt stand er da, und der Mate warf dem Polizeidiener einen triumphirenden Blick zu. Bill war ihm sicher. Gerade in diesem Augenblick machte Nelly noch einen Ausfall auf die schon gefällte Feindin. Das aber war zu unritterlich, als daß es die Umstehenden hätten zugeben sollen, und sie warfen sich zwischen sie. Dadurch bekam Bill wenigstens so viel Luft, die Hände aus den Taschen zu ziehen und sich selber niederzuducken. Zu gleicher Zeit nahm er einen verzweifelten Anlauf gegen die Beine der ihn Umdrängenden – es blieb ihm kein anderer Ausweg mehr, als mit Gewalt durchzukommen, wußte er doch recht gut, daß jeder versäumte Augenblick seine Gefahr nur immer noch vergrößern mußte. Wie ein unter Wasser Fortschwimmender hielt er dabei geraden Cours auf die Thür zu, obgleich er das Schlimmste von den draußen stationirten Constablern fürchtete. Er konnte aber nicht anders und vertraute jetzt nur seinem guten Glück. So wie aber der Mate diese Bewegung des Flüchtlings bemerkte, von der er augenblicklich den richtigen Grund errieth, schrie er dieses dem Polizeidiener zu, und da er wohl merkte, daß der in dem Heidenlärm kein Wort verstehen konnte, suchte er ihm die Absicht ihres Opfers pantomimisch begreiflich zu machen. Aber auch dies hatte seine Schwierigkeiten, denn er mußte sich mit der Hand am Fenster festhalten, und durfte sich auch nicht tief bücken, sonst konnte ihn Charles nicht sehen. Durch diese unbequeme Stellung wurde er gezwungen, die wunderlichsten und entsetzlichsten Bewegungen zu machen, so daß Charles ganz erstaunt zu ihm hinübersah und gar nicht begreifen konnte – oder wollte, was das Alles eigentlich zu bedeuten habe. Das rettete Bill – gerade in diesem Augenblick glitt er wie eine Schlange, obgleich unbewußt, an den Beinen seines gefährlichsten Gegners vorbei, der schon die Handschellen für ihn gefaßt hielt, und war im nächsten Moment auf der Straße – in Kingstreet, Kingstreet hinauf in alle kleinen Quergassen, die er auftreiben konnte, und spornstreichs nach seinem Versteck zurück, fest entschlossen, dieses von jetzt an mit keinem Schritt wieder zu verlassen. Der Steuermann vom Boreas wollte erst gar nicht glauben, daß ihnen der Matrose entgangen sein konnte; es war aber doch so, und er tröstete sich zuletzt damit, er habe sich am Ende gar getäuscht, und Bill sei das gar nicht gewesen. Es war auch nicht wahrscheinlich, daß sich dieser öffentlich und allein herauswagen sollte – und doch hatte er ihm erstaunlich ähnlich gesehen. Von hier aus gingen sie noch einmal in das Shakespeare-Haus zurück. Hier schien indessen Alles in vollem Gang; das Theater war gerade aus, und zu den jetzt vereinigten Tönen des Claviers und der Violine – die wunderbarer Weise zusammen stimmten – drehten sich die flüchtigen und mitunter auch sehr graziösen Paare in Quadrillen und Contretänzen. Alle Sophas waren besetzt, alle Stühle und Tische von Menschen beiderlei Geschlechts in Beschlag genommen, und eine ungeheure Quantität von Brandy und Portwein wurde vertilgt. Für ihren Zweck fanden sie aber nichts, weder hier noch nebenan, und verließen bald darauf Pittstreet, um zuerst einmal ein Stück in Georgestreet hinaufzugehen, wo sie ein besonderes Haus an der Ecke von George- und Kingstreet im Auge hatten. Es war dies ebenfalls ein Schenkhaus, aber zugleich mit einer Art Abendunterhaltung. Sie gingen durch die Schenkstube und ein paar Stufen hinauf in ein anderes saalartiges Zimmer, sehr einfach mit hölzernen Bänken und Tischen möblirt und im Hintergrund mit einer Art schmaler Bühne, in dessen einer Ecke ein Clavier traurig auf drei Beinen stand und von einem jungen Virtuosen in einem abgetragenen blauen Frack »beschlagen« wurde. Diese musikalische Abendunterhaltung war aber nicht zum Tanz eingerichtet, sondern hatte einen höheren, geistigen Zweck, der sich ihnen bald offenbaren sollte. Auf die Bühne trat eine Gestalt in einem Charakteranzug, für die Person aber jedenfalls höchst passend gewählt. Sie war in einen zerrissenen Frack, an dem bedenklichsten Theil stark beschädigte Beinkleider und einen eingedrückten Hut nebst schiefgetretenen Schuhen gekleidet, und sang ein komisches, sehr langes und unanständiges Lied, das bei dem Publikum den unbegrenztesten Beifall fand. Das letztere bestand zur einen Hälfte aus Matrosen und Handarbeitern aus der Stadt, und zur andern aus Dirnen, die wie in all' den anderen derartigen Häusern hierherkamen, um ihre Cigarre zu rauchen, ihren Brandy zu trinken und Bekanntschaften anzuknüpfen. Es waren widerliche, freche, ekelerregende Geschöpfe. Auch hier fanden sie Keinen ihrer Leute. Gerade aber als sie wieder aus der Thür auf die Straße traten, rannte in ziemlicher Eile ein junger Bursch gegen den Mate des Phönix an und wollte eben mit einer Entschuldigung ausweichen, als dieser sein Gesicht zu sehen bekam und rasch zugriff. »Hallo Smith,« rief er dabei aus, »ich bin höllisch froh, Dich hier so zufällig zu finden; habe schon einen langen Spaziergang Dir zu Liebe gemacht. Mr. Charles, ich möchte Sie einmal um Ihre Handschellen bemühen.« Charles war rasch damit bei der Hand, der arme Teufel von Matrose aber, der hier so plötzlich dem Feind gerade in den Rachen gerannt war, wollte wenigstens noch einen letzten Versuch machen, zu entwischen. Sich deshalb auf seine schnellen Beine verlassend, riß er sich rasch von dem Mate, der daran gar nicht mehr dachte, los und sprang Kingstreet hinauf. Die Straße war aber hier hell erleuchtet, und an den Ecken von King- und Kentstreet stand ein wahres Nest von Constablern. Der Alarmschrei wurde gegeben, die Straße war augenblicklich besetzt, und fünf Minuten später befand sich Smith in den Händen und Handschellen des Polizeidieners Charles von der Sidney-Wasserpolizei. Es war indessen schon ziemlich spät geworden, und Charles ging mit seinem Gefangenen zu seiner Station hinunter. Die beiden Steuerleute wollten aber erst noch einmal zu dem besprochenen Sammelplatz hinauf, wo sie Weiteres von den übrigen Dienern der Gerechtigkeit und ihren eigenen Kameraden über den Verlauf und das »Glück« des Abends hören sollten. Sie erreichten bald den bestimmten Versammlungsort, wo sie die Uebrigen schon ihrer harrend fanden. Vom Boreas war ein Franzose unten am Wasser eingefangen, von dem Phönix noch ein anderer, und drei Matrosen von einem schon länger eingelaufenen Walfischfänger. Man hatte aber sonst nutzlos all' die Plätze durchstöbert, wo den Polizeileuten, wie sie sagten, gewisse Kunde zugegangen, daß sie heimlich versteckte Matrosen finden sollten. Wie sie meinten, war ihnen der auf den Fang gesetzte Preis noch nicht hoch genug, denn sie könnten nicht anders hinter ihre Schlupfwinkel kommen, als wenn sie die Leute, die sie versteckt hielten, bestachen, ihnen selbst den Zufluchtsort anzuzeigen. Das kostete natürlich viel Geld, und wollten die Capitains nicht so viel anwenden, so sollten sie nur noch »ein bischen Geduld« haben. Mit der Zeit hofften sie schon alle wieder zu bekommen. Mit der Zeit! – das konnte aber noch vier bis sechs Wochen dauern, und sie wußten recht gut, daß die Schiffe dann das Zehnfache an Unkosten haben würden. Sie bezweckten aber auch damit, was sie wollten. Die Capitaine waren gezwungen, höhere Belohnungen auf den Einfang der weggelaufenen Leute zu setzen. Als sie auf ihre Schiffe zurückkehrten, mochte es schon ein Uhr Morgens sein, und die Straßen waren still und öde. Einzelne Constabler gingen langsam auf und ab, und ihre Schritte hallten von den hohen Gebäuden wieder. Nur nach unten, nach dem Wasser zu zeigte sich der helle Schimmer weiblicher Kleidungsstücke. Es waren zwei Frauen, die betrunken auf einem Haufen dort gebrochener Steine lagen und ihren Rausch ausschliefen. Da sie keinen Lärm mehr machten, ließen die Constabler sie ruhig liegen. 7. Was das Geld vermag Noch volle zehn Tage nach diesem Abend hatte der Boreas draußen in der Bai gelegen und auf das Einfangen seiner Leute gewartet, ohne nur das mindeste Resultat weiter erzielt zu haben. Neue konnte der Capitain ebenfalls nicht bekommen; seine frühere Mannschaft hatte seinen Ruf durch die ganze Stadt verbreitet, und ein Proceß, den er gleich beim Einlaufen mit dem Koch und einem der französischen Matrosen gehabt, und der gegen ihn entschieden und in den Blättern besprochen worden war, diente auch noch dazu, Matrosen, die schiffen wollten und dazu hundert andere Gelegenheiten finden konnten, vor seinem Schiff zu warnen. Er mußte aber jetzt fort – schon hatte er sich wieder genöthigt gesehen, frisches Wasser und sogar noch mehr Futter für die Pferde, die er an Bord hatte, einzunehmen. Die Preise der Leute stiegen dabei von Tag zu Tag, und es geschah endlich, was die Diener der Wasserpolizei schon lange vorhergesehen hatten – er mußte sechs Pfund auf jeden eingefangenen Matrosen stellen und brachte dadurch die ganze Polizei in Bewegung. Hier war etwas zu verdienen, und Charles wenigstens wußte, an wen er sich zu wenden hätte. – Es wird übrigens Zeit, daß ich den Leser auch wieder zu den Hauptpersonen dieser Erzählung zurückführe. Die Mannschaft des Boreas hatte sich an dem Morgen, wo sie ihre Flucht so glücklich von Bord bewerkstelligte, nach Verabredung in das goldene Kreuz begeben. Hier harrte ihrer schon der Wirth, nahm ihre Sachen in Empfang, die er sorgfältig in ein besonders kleines Zimmer verschloß, und ließ die Flüchtigen dann durch einen jungen Burschen, den er zu diesem Zweck die Nacht bei sich behalten hatte, über die Bai schaffen. Er beköstigte sie dort und war durch ihre Kleider für die Auslagen der wenigen Lebensmittel, durch ihre Entfernung aber auch dagegen gesichert, daß das Gesetz ihm, wenn sie wirklich ausgespürt wurden, nicht zu Leibe konnte. Ging nun Alles gut, d. h. segelte das Schiff, ohne seine Matrosen wiederbekommen zu haben, so bekümmerte sich die Polizei entweder gar nicht mehr um sie, oder war besondere Ordre zu diesem Zweck vom Capitain hinterlassen worden, so wurden sie im schlimmsten Fall auf kurze Zeit hingesetzt und sahen sich dann wieder frei, Arbeit anzunehmen, wo sie es für gut hielten. Die besorgte ihnen aber dann ihr sogenannter »Schlafbaas« und sah sich wohl vor, daß er vor allen Dingen seine Kost und sein Logis bezahlt bekam, indem er den ersten oder die beiden ersten Monate Löhnung, die besonders Schiffe in solchem Falle stets vorausbezahlen müssen, in Empfang nahm. Bekam er das, so konnten die Leute ihre Sachen wiederbekommen, geschah das nicht, so waren sie ihm verfallen und er hatte immer reichlich seine Kosten gedeckt. In den meisten Fällen verdienen diese Schlafbaasen, die in solcher Weise gewissermaßen eine Art Seelenhandel treiben, schönes Geld. Hundertmal ist es schon dagewesen, daß sie zuerst die Matrosen selbst überreden, ihr Schiff zu verlassen, und sie dann, so wie nur ein richtiger Preis auf ihren Fang gesetzt wird, dem Capitain des Schiffes oder am häufigsten den Polizeidienern selber anzeigen, mit denen sie zwar den Raub theilen müssen, aber auch gegen die Folgen vollständig gedeckt sind. Man sagte, daß der Wirth im goldenen Kreuz auf solche Art und Weise ebenfalls ein ganzes Vermögen zusammengeschlagen habe und den armen Matrosen ein wirkliches Kreuz gewesen sei. Er hatte auch stets eine ganze Zahl solcher Leute, die bei ihm in Kost gingen und in seinem eigenen Hause wohnten. Dorthin kamen sie aber erst, wenn er von dem Gesetz nichts mehr zu fürchten brauchte – bis dahin wußte er bessere und sichere Plätze für sie. An einen solchen Ort hatte er denn auch die Leute vom Boreas geschickt, die sich jetzt noch unter keiner Bedingung in der Stadt durften sehen lassen. Es war am 22. August, ziemlich spät am Abend, und schon seit drei Tagen hatte das Gerücht in der Stadt Umlauf gefunden, der Boreas habe Mannschaft und wolle in See gehen. Nichtsdestoweniger durfte noch Keiner der Leute aus seinem Versteck, und Polly hatte es besonders Jean, der sich bis dahin an solche Verordnung wenig gekehrt, sehr streng anbefohlen, sich unter keiner Bedingung in der Nähe des goldenen Kreuzes sehen zu lassen. Diesem Verbot gehorchte Jean auch auf das Pünktlichste, keine Seele wurde ihn in der Nähe des Platzes, der für ihn die größte Anziehungskraft hatte, gewahr, aber im goldenen Kreuz selber stellte er sich jeden Abend pünktlich ein, gab Polly das verabredete Zeichen und schlüpfte dann zwei Treppen hinauf in das kleine Hinterstübchen, wo er doch wenigstens manchmal, wenn sie unten für kurze Zeit abkommen konnte, ein paar Worte mit ihr plaudern mochte. Jean hatte Polly, der Sicherheit wegen, sein ganzes Geld zum Aufheben gegeben, und sie ihm dafür, sobald der Boreas erst einmal fort sei, ihre Hand versprochen. Jean wollte mit einem Landsmann, den er in Sidney getroffen, ein kleines Geschäft anfangen, und die Aussichten waren dazu gerade in dieser Zeit vortrefflich. Er wie seine Kameraden wohnten indessen gerade über der Bai drüben, am sogenannten North Shore, in einem kleinen abgelegenen Häuschen, an einer Stelle im dichten Busch, die selten Jemand betrat, und wo gewiß Niemand entflohene Matrosen gesucht hätte. Denselben Abend um acht Uhr stand Polly mit unserem alten Bekannten Charles von der Wasserpolizei im Hausflur – im Schenkzimmer war es fast ganz leer heut Abend – Mr. Mac Carther lehnte hinter der Bar und schlief, und Madame saß und strickte und betrachtete nur dann und wann mit ziemlich verdrießlichen Blicken zwei Kunden, die schon seit einer halben Stunde hinter dem Tische saßen und an einem »nobbler brandy« zogen. Polly wurde nicht vermißt. »Also es bleibt bei unserer Verabredung,« sagte Charles gerade in diesem Augenblicke und reichte Polly die Hand zum Einschlagen, die er nachher fest in der seinen behielt – »es bleibt dabei und – keine Ausnahme .« »Ich weiß nicht,« sagte Polly pikirt, »was Du immer mit der Ausnahme meinst, die Du mit einem so bedeutenden Ton erwähnst. Wenn ich einmal etwas sage, so kannst Du Dich darauf verlassen.« »Polly,« meinte Charles lächelnd, »ich habe Dir schon einmal gesagt, daß mir von zwei Personen als ganz gewiß mitgetheilt ist, Du habest Dich mit dem einen Franzosen versprochen.« Polly zog ihre Hand rasch aus der seinen und rief ärgerlich: »Mit einem Franzosen! Ich dächte doch, Du kenntest mich besser, als daß ich mich an einen der Parlewus hängen sollte. Daß er mir den Hof gemacht hat, weißt Du, und in Ehren kann man auch ein Geschenk annehmen. Damit ist die Sache aber auch fertig, und wenn Du noch einmal –« Ein scharfer, vom Hof gellender Pfiff unterbrach hier ihre Rede, und das Mädchen schrak so auffallend zusammen, daß es Charles selbst in der dunkeln Flur auffallen mußte. »Hallo!« sagte er leise und horchte – Polly wollte nach dem Hof zu gehen, er faßte sie aber am Arm und flüsterte: »Bleib nur einen Augenblick hier, Polly – wir gehen gleich zusammen.« Vorsichtige Schritte wurden jetzt gehört, die fast geräuschlos, aber rasch die Treppe hinausgingen. – Sie verriethen, daß der, welcher diesen Weg nahm, ihn schon mehr als einmal gegangen sein mußte. Charles mochte das wohl auch fühlen, denn als die Tritte mehr nach oben verhallten und die Stufen jetzt kaum hörbar im zweiten Stock knarrten, sagte er leise vor sich hinlachend: »Der kennt jede Stufe im ganzen Haus, darauf wollt' ich schwören. – Also das sind die ersten sechs Pfund, Polly, wie? –« Das Mädchen stand einen Augenblick wie unschlüssig da – sie erwiderte kein Wort. Endlich, als oben eine Thür leise aufging und wieder geschlossen wurde, sagte sie, mehr zu sich selber als zu dem jungen Mann sprechend, und wie nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt: »Er hat mir Geld zum Aufheben gegeben.« »Für so dumm hätt' ich ihn nicht gehalten,« meinte Charles trocken, – »doch Matrosen wissen überhaupt nicht ihr Geld zu wahren. Gehe aber jetzt in die Stube, Polly, ich will noch etwas warten, damit kein Verdacht auf Dich fällt.« »Aber, Charles –« »Aber, Polly! – und nicht etwa ein Zeichen gegeben! – Ich gehe nicht fort, ich bleibe hier unten an der Treppe stehen – good bye , Polly! Heut Abend werden wir nicht weiter mitsammen sprechen können, morgen Mittag aber komm' ich her und sage Dir Antwort, und – laß die Alte nichts merken.« Damit nahm er die sich nur schwach Sträubende ohne weitere Umstände beim Kopf, küßte sie herzhaft ab und öffnete dann selber, ihr jede weitere Einrede abzuschneiden, die Thür, hinter der er sich aber wohlweislich verborgen hielt. Es blieb Polly auch gar kein anderer Ausweg als einzutreten, und um ihre Bewegung zu verbergen, machte sie sich, so viel sie konnte, im Zimmer Beschäftigung, wischte die Tische ab und trocknete die Gläser aus. Noch war sie mit der letzteren Arbeit beschäftigt, als dicht vor dem Fenster, draußen auf der Straße, dreimal mit einem schweren Stock aufgestoßen wurde – sie erschrak so heftig darüber, daß sie das eben erst aufgenommene Glas fallen ließ, wobei es in Scherben brach. Während Mrs. Mac Carther noch darüber zankte, standen die beiden Männer, die am Tisch gesessen hatten, auf, tranken das Letzte aus, was sie noch im Glas hatten, und verließen langsam das Zimmer. Das diente ebenfalls nicht dazu, Madame in bessere Laune zu bringen. »Da geht das Lumpengesindel, das in zwei Stunden für einen Sixpence verzehrt hat – und dafür muß man Licht verbrennen und Gläser zerbrechen lassen. Wenn ich meinen Willen hätte, so würden die Tische und Bänke hier eher zu Feuerholz verbrannt, als daß sie mit hälfen das faule, povere Gesindel auch noch hier in seinem Müssiggang zu bestärken und einem zu Schimpf und Aerger da sitzen zu bleiben.« Mac Carther, der durch das Zerbrechen des Glases erwacht und aufgefahren war, warf einen vorsichtigen Blick im Zimmer umher. Da er aber Niemanden bemerkte, wollte er sich eben wieder auf seinen alten Sitz niederlassen, als er schwere Tritte auf der Hausflur hörte. Er war noch nicht ganz hinter dem Schenktisch vor, als die Thür aufging, Charles den Kopf hineinsteckte und sagte: »Mr. Mac Carther, auf ein Wort!« Polly horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, und das Herz schlug ihr fast hörbar in der Brust, aber sie konnte nichts verstehen. Die Männer gingen zusammen die Treppe hinauf – sie konnte es endlich nicht länger aushalten, ging an die Thür und öffnete diese. Oben entstand ein Geräusch – ein Schlüssel wurde im Schloß umgedreht und dann angeklopft – Alles ruhig – im nächsten Augenblick schallte ein Lärm herunter, als ob eine Thür aufgebrochen würde. »Polly!« rief Mrs. Mac Carther's Stimme. Polly drehte sich um, und ein ganzer Schwarm Matrosen kam in diesem Augenblick durch die Mittelthür in's Zimmer. – Brandy, Ale, Porter, Portwein, alle nur möglichen Getränke wurden verlangt, und Polly hätte gerade in diesem Moment Gott weiß was dafür gegeben, nur wenigstens eine ungestörte Viertelstunde zu haben. Bald darauf kamen die Schritte wieder die Treppe herunter; Stimmen wurden auf der Hausflur gehört und das Geräusch verlor sich auf der Straße. Fast in demselben Augenblick kam Mr. Mac Carther herein, warf die Thür hinter sich zu, daß die Fenster klirrten, griff seinen Hut auf und stürmte wieder hinaus. Gleich darauf war Alles ruhig und Polly sagte leise vor sich hin: »Gott sei Dank, daß es vorbei ist.« – Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur gerufen hatte, sagte er zu diesem freundlich: »Mr. Mac Carther, wollen Sie wohl die Güte haben, mir das kleine Hinterzimmer im zweiten Stock noch einmal aufzuschließen. Ich und meine beiden Freunde hier« – die zwei Männer, die zum Aerger seiner Frau so lange an dem »Nobbler« Nobbler heißt in Australien ein halbes Glas – ein Schnitt getrunken hatten – »wünschen sich die Gelegenheit zu besehen.« »Mit dem größten Vergnügen,« sagte Mr. Mac Carther, bei dem solche Haussuchungen keineswegs eine Seltenheit waren, und ging ruhig die Treppe vorn hinauf. Er hatte keine Idee von dem Schreck, der ihm bevorstand. Charles kannte nur zu genau den Ort, wo er zu suchen hatte. Als sie die Thür von innen verschlossen fanden, wurde sie einfach aufgebrochen, und Jean sah sich im nächsten Augenblick in Eisen und in den Händen eines der Gerichtsdiener, der den weiter keinen Widerstand Leistenden nach schon früher erhaltenem Befehle direkt zur Wasserpolizei hinunterführte. Der Wirth war über diese Entdeckung, die ihn in die größte Unannehmlichkeit bringen konnte, außer sich und suchte sich nur vor allen Dingen bei Charles, dem er die heiligsten Versicherungen seiner Unschuld und gänzlichen Unwissenheit von dem Vorgefallenen gab, zu vertheidigen. In dessen eigenem Interesse lag es aber, ihn zu beruhigen, und er versicherte Mr. Mac Carther daher, daß er recht gut wisse, der Gefangene habe nicht bei ihm gewohnt, ja er sei ihm sogar die ganze Straße herauf bis in's Haus und an die Thür gefolgt und er glaube, der Franzose habe sich hier nur hereingeflüchtet, weil er Jemanden hinter sich bemerkt habe, der ihm nachschliche, um dadurch vielleicht seinen etwaigen Verfolger von der richtigen Spur abzubringen. Er konnte ja nicht wissen, daß dieser gerade so genau in dem goldenen Kreuz bekannt sei. Mr. Mac Carther drückte ihm die Hand, faßte ihn dann unter den Arm und führte ihn, während der Eine der Leute mit dem Gefangenen abging, etwas bei Seite. »Mr. Charles,« flüsterte er hier leise und vertraulich – »nicht wahr, es sind auf das Einbringen der Matrosen vom Boreas sechs Pfund Sterling per Mann gesetzt – wie? Ich habe es heut Abend erst gehört und wollte Sie morgen früh selber aufsuchen.« »Allerdings,« erwiderte ihm Charles lächelnd – »haben Sie eine Spur?« »Eine Spur?« sagte Mac Carther leise und kniff den Polizeidiener vertraulich in den Arm – »wollt Ihr ein hübsches Trinkgeld verdienen, Freundchen?« Der junge Mann von der Wasserpolizei bog sich zu ihm hinüber, hielt seinen Mund dicht an das Ohr des Wirths und flüsterte: »Nicht wahr, wenn ich hinüber an das North Shore in Kennedy's alte Hütte ginge?« Mac Carther machte sich rasch von ihm los und sah ihn erschreckt an. Charles lachte. – »Ja, ja, mein alter Fuchs,« fuhr er dann weiter fort, »manche Nasen sind schärfer, als man es ihnen zutraut – meine reicht bis zum North Shore hinüber – und noch mehr,« fuhr er wieder mit unterdrückter Stimme fort – »unten am Werft liegt schon ein Boot mit zwölf Mann, die nur auf mich warten. In einer halben Stunde sind wir an Ort und Stelle und übermorgen früh segelt der Boreas. Der Wind ist günstig, und ich habe mein Wort darauf gegeben. Guten Abend, Mac Carther! –« Und damit schnellte er, von seinem Begleiter gefolgt, zur Thür hinaus auf die Straße. Mac Carther aber stürzte, wie schon erwähnt, in die Schenkstube, griff seinen Hut auf und eilte, so rasch er konnte, nach einer andern Richtung hin zum Wasser hinunter. Charles hatte seine Maßregeln aber viel zu gut und sicher getroffen; außerdem kannte er den Platz selber schon genau, und Zwei seiner Leute mußten den ganzen Nachmittag dort in der Nähe versteckt liegen und auf die geringsten Bewegungen der Entflohenen achten. Die armen Teufel von Matrosen waren, als sie sich gerade am sichersten fühlten, schon verrathen und verkauft. Das Boot landete, zwei Mann ließ man schwer bewaffnet als Wache dabei zurück, die kleine Hütte wurde dann umzingelt und die ganze Mannschaft des Boreas, mit Ausnahme eines Deutschen und eines Franzosen, die gerade in der Stadt waren um Provisionen zu holen, gefangen genommen und in Eisen gelegt. Die Beiden kamen gerade zurück, als die Polizei in das Haus drang, und flüchteten in den Busch, wo sie sich mit den Provisionen versteckt hielten, bis der Boreas, den sie von ihrem Versteck aus in der Bai liegen sehen konnten, wirklich abgesegelt war. Gerade als das Polizeiboot mit seinen Gefangenen vom Lande abstieß, schoß ein anderes kleines, scharfgebautes Boot, mit zwei Männern darin, in eine kleine, durch einen Felsenvorsprung gebildete Bucht. Einer von diesen sprang augenblicklich an Land und sah dem Boot nach. Man konnte die Gestalt in der Dunkelheit nicht mehr genau erkennen, Charles hatte aber allen Grund, auf den richtigen Mann zu rathen, und rief deshalb auf gut Glück nach dem Lande zurück: »Guten Abend, Mr. Mac Carther!« Die Gestalt verschwand in demselben Moment wieder in den Büschen, und das kleine Boot ruderte eine halbe Stunde später mit denselben beiden Männern nach der Stadt zurück. * Am Montag Morgens wehte vom großen Mast des Boreas die Signalflagge für die Wasserpolizei. Alles Andere war zur Abfahrt fertig, der Lootse an Bord, vom Anker schon alles Unnöthige an Kette eingeholt, und die Segel hingen gelöst von den Raaen nieder. Der Wind wehte stark von Westen und die Brise konnte zum in See Gehen nicht günstiger sein. Eine Viertelstunde später schossen um das Castell zwei schmale lange Boote. Es war die Wasserpolizei mit den Gefangenen, die sie an Bord brachte, denn der Boreas hatte indessen, um die notwendigsten Arbeiten zu verrichten, andere Arbeiter an Bord gehalten. Die Gefangenen trugen sämmtlich Handschellen. Da es zu viele waren und die Polizei vielleicht einen letzten Fluchtversuch fürchten mochte, ließ sie den Einzelnen, wenn sie die Fallreepsleiter hinaufsteigen sollten, auch die Eisen nicht abnehmen, sondern es wurde eine Leine heruntergelassen, diese um das Eisen geschlagen, und der Gefangene mußte dann nach oben steigen. An Bord nahm man ihnen die Schellen ab, die Boote ließen sich aber an langer Leine bis hinter das Schiff treiben. Die im goldenen Kreuz versetzten Kleider der Entflohenen waren auch schon wieder an Bord; der Capitain hatte sie bei Mr. Mac Carther durch Charles' Vermittelung einlösen lassen, denn er konnte die Leute natürlich nicht ohne Kleider mit in See nehmen. Es war das seinerseits übrigens nicht etwa aus Menschlichkeit geschehen; er wußte recht gut, aus wessen Tasche das Geld bezahlt werden mußte. Die Matrosen schienen jedoch bis zu diesem Augenblick noch immer nicht recht geglaubt zu haben, daß es wirklich schon so bald in See gehen sollte. Wahrscheinlich hatten sie noch auf Rettung gehofft, und jetzt erst, da sie die Segel gelöst und den Lootsen an Bord sahen, mochte ihnen die Gewißheit ihres Schicksals zuerst in ihrer vollen Wirklichkeit vor Augen treten. Am meisten freute sich aber der Zimmermann über das Einfangen Derer, die ihn am Morgen ihrer Flucht in einem so schmählichen Zustand zurückgelassen, und er konnte nicht umhin, Bill sowohl als Jean ganz besonders um ihr Befinden zu befragen. Bill antwortete ihm mit einem kernigen Fluch, Jean lachte ihm aber gerade in's Gesicht, denn er mußte trotz seiner jetzt keineswegs angenehmen Lage doch unwillkürlich an die trostlose Gestalt des Zimmermanns denken, als sie ihn vor vierzehn Tagen, mit dem Knebel im Munde, in dem Logis vorn liegen hatten. Andere Sachen nahmen aber seine Aufmerksamkeit gleich darauf mehr in Anspruch. Die Polizei war fertig an Bord und machte sich eben bereit, wieder in ihre Boote zurückzukehren – als Jean auf Charles zutrat und ihn am Arm faßte. »Ah, Jean!« sagte der Polizeidiener und wandte sich freundlich zu ihm – »noch etwas zu bestellen am Ufer? – werde es mit dem größten Vergnügen zur Besorgung übernehmen.« »Weiter nichts als diesen Brief« – sagte der junge Mann, ohne seine Freundlichkeit weiter zu erwidern. »Ich glaubte nicht, daß wir so bald in See gingen und – ich weiß, Sie sind dort im Haus bekannt,« setzte er mit etwas bitterem Ausdruck hinzu – »wollen Sie vielleicht so gut sein und ihn an seine Adresse – aber heute noch – besorgen?« Charles las statt aller Antwort die Adresse: Miss Polly Whitby – golden cross . »Soll richtig besorgt werden, und zwar noch vor Tisch,« sagte er dann und legte den Brief in seinen Strohhut – »sonst noch etwas, Jean?« »Ich danke, weiter nichts,« erwiderte der Matrose und ging langsam nach dem Vorcastle, wo indessen die Miethleute des Boreas den Anker heraufbekommen hatten Die Mars-Raaen stiegen in die Höhe, das große Vorsegel fiel herunter und die Halsen wurden festgemacht – die Klüver und leichteren Segel folgten, und vor dem Wind schoß das flüchtige Schiff den Heads zu, zwischen denen hindurch sie schon die offene See erkennen konnten. Eine halbe Stunde später befanden sie sich zwischen den Heads – den beiden schroffen Felsbänken, die den Eingang des schönen Sidney-Hafens bilden, und auf deren südlichem Kamm der hohe treffliche Leuchtthurm steht. Hier ging der Lootse mit den gemietheten Leuten von Bord; die Segel wurden etwas angebraßt, und mit einer herrlichen Brise hielt der Boreas mit Nordost-Cours in die offene See hinaus. 8. Die Ausfahrt Der Boreas hatte die Heads des schönen Sidney-Hafens kaum hinter sich, als er, von einer scharfen Südbrise gefaßt, pfeilschnell durch die Wogen schoß. Die Raaen standen eben genug zu Backbord angebraßt, daß der Wind auch die Klüver füllen und voll in alle Segel hineinstehen konnte, und noch war die Nachmittagswache nicht gesetzt, als die leichteren Segel schon wieder nieder mußten. Gegen Abend wurde der Wind immer stärker, und da das Schiff nicht so stark bemannt war, um mit sehr viel Segeln in schlechtem Wetter rasch hantieren zu können, ließ der Capitain noch vor Dunkelwerden ein Reef in die Marssegel nehmen. Das Schiff loggte neun Knoten. Von den letzt eingefangenen Leuten waren außerdem noch Zwei auf der Krankenliste: der eine englische Matrose Jack, der schon mit einem leichten Fieber an Bord gekommen, und der deutsche Matrose Hans – derselbe, der damals, bei der Flucht der anderen, in Sidney an Bord geblieben. An demselben Morgen, an dem sie ausliefen, hatte diesen beim Füttern eins der Pferde an den Schenkel geschlagen, und obgleich ihm die Wunde vom zweiten Mate ziemlich gut verbunden war, schmerzte sie ihn doch noch sehr. Er konnte nicht auftreten, mußte also gleichfalls die Koje hüten. Die ganze Mannschaft bestand außer diesen Beiden und dem Capitain mit seinen beiden Mates nur noch aus zehn Personen, und zwar dem Steward und Zimmermann, dem Koch (einem Neger), aus drei Engländern, unseren alten Bekannten Bill, Bob und Jim, zwei Franzosen, Jean und Francis, zwei Deutschen und einem Jungen. Der Junge war ein Malaye Und gehörte eigentlich, wenn das Schiff Passagiere führte, mit in die Kajüte, dem Steward und Koch als Hülfe, wurde aber jetzt, da er vorne nöthiger war, mit in das Vorcastel gethan und ging seine Wachen wie die Anderen. Auf der Starbords- oder Steuerbordswache (der ersten) waren der Capitain mit dem zweiten Mate, der Steward, Bill, Jean, Hans und der junge François; auf der Backbord- oder zweiten Wache: der erste Mate mit dem Zimmermann, der auch zugleich mit Bootsmannsdienste verrichtete, mit Bob, Jack, Karl, Jim und dem Malayen. Zu seiner vollen Besatzung hätte der Boreas die doppelte Mannschaft gebraucht, der Capitain war aber, wie die Sachen jetzt in Sidney standen, nur froh, mit diesen fortgekommen zu sein, und glaubte sich bis Indien in einem ziemlich günstigen Monsun auch wohl behelfen zu können. Bei günstigem Winde und wenn das Schiff nicht zwischen vielen Inseln hindurch und aus engen Straßen hinauszukreuzen hat, wo die Mannschaft durch das ewige Wenden erschöpft und aufgerieben wird, kann man auch ein Schiff mit verhältnißmäßig sehr wenig Leuten vorwärts bringen. Die Mannschaft saß unten im Logis oder Vorcastel (wie der vorderste Raum im Schiff genannt wird, wo die Matrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben) beim »Schaffen.« Zwei große hölzerne Schüsseln oder besser Wannen, die eine mit einem gar verdächtig aussehenden Stück gesalzenen Speck und Rindfleisch, die andere mit hartem mulmigen Schiffszwieback gefüllt, standen zwischen ihnen, und nebenbei dampfte eine riesige Blechkanne, aus der sich Jeder, wie es ihn gut dünkte, seinen vor ihm stehenden Blechbecher mit dem allerdings etwas sehr dünnen und unschuldigen, aber kochend heißen Getränk füllte. »Da seid Ihr schuld daran, Gott verdamm' mich!« brummte der Zimmermann, als er sich eben selber zu einer »Tasse Thee« half, wie dies Wasser schmeichelhafter Weise genannt wurde – »ich glaube wahrhaftig, sie wollen uns knapp halten, und nun muß ich das verdammte Zeug mitsaufen. Koch, Du schwarze Bestie, was hast Du hier für eine Brühe zurechtgebraut? – ist das Aufwaschwasser da Thee – heh?« »Kann nicht helfen, Massa,« sagte der Schwarze, der eben die Stiege heruntergekommen war und seine Pfeife an der kleinen, in der Mitte schwingenden Lampe angezündet hatte. Er zuckte dabei mit den Achseln und that, als ob er selber sehr betrübt darüber sei; die großen rollenden Augen fuhren aber zu gleicher Zeit und mit unverkennbarem Humor im Kreis herum, und man sah es ihm an, daß es ihm gerade nicht das Schmerzlichste war, den Zimmermann über seinen Thee entrüstet zu finden. »Massa Steward,« setzte er hinzu, »giebt nur ganz kleine Fingerspitzen voll Thee – meinte, wenn die Leute dort in den Minen wären, hätten sie auch keinen stärkeren Thee gehabt – wäre gerade recht.« »Oho,« knurrte der Zimmermann – »wenn die Sache so gemeint ist, werde ich mir meine Theekanne künftig insbesondere halten. – Spaß ist Spaß – aber nach warm Wasser wird mir immer schlecht.« Er stieß seinen Becher auf die Kiste nieder, auf der er gesessen, und kletterte ärgerlich und vor sich hinbrummend an Deck. »Hallo, Doctor,« (denn der Koch wird gewöhnlich auf den englischen und amerikanischen Schiffen mit diesem ihm auch wohlklingenden Titel belehnt) sagte jetzt, als der Zimmermann aus der Logiskappe verschwunden war, Bill, indem er mit seinem Messer ein Stück Speck aus der Schüssel stach, an die Nase hob und wieder hineinwarf – » shiver my timbers , wenn ich nicht glaube, die haben da hinten das alte Faß Speck wieder aufgeschlagen, was schon vor vier Wochen einmal condemnirt wurde. Wenn der Capitain oder Steward im Sinn haben, uns hier, nachdem wir wieder in der Falle sitzen, auch noch auszuhungern, so weiß ich einen Fehler. Dann kenn' ich einen gewissen Bill Stumper, der sterbenskrank wird, sich in seine Koje legt und so lange jeden Morgen mit dem größten Vergnügen eine Dosis Salz nimmt, als der Vorrath an Bord dieses braven Schiffes aushält – was doch hoffentlich nicht so entsetzlich lange dauern soll. Seine Segel kann Er nachher allein herüber und hinüber brassen.« Der Koch sah sich nach oben um, ob der Zimmermann auch nicht mehr in der Luke stand, und sagte dann leise: »Massa Bill, Timor« (wie der malayische Junge nach der Insel, von der er stammte, genannt wurde) – »Timor hat gehört, wie Capitain zu Steward sagte – alte Faß wieder aufzumachen und den Leuten zu geben – wollte Schufte schon zwiebeln , hat er gemeint.« »So? – das nennt er also zwiebeln?« lachte Jean. »Alter, Alter, ein zu straff angespanntes Tau reißt leicht und – wir sind noch nicht in Calcutta.« »Nur sehr gut ist, daß der Zimmermann mittrinken und essen muß,« lachte der Doctor – »wird auch mit gezwiebelt , hi, hi, hi, für seinen guten Willen.« »Ja, aber Hans kriegt ja auch nichts Besseres,« sagte der anders Deutsche, »und der hat doch ebenfalls keinen Fuß in Sidney von Bord gesetzt.« »Der hat aber nicht sagen wollen, wo wir hin sind,« murrte Bill, »und deshalb wird er natürlich mit uns über einen Kamm geschoren. Wenn wir nur den verdammten Zimmermann hier nicht mit unten in unserer Back hätten, ließe sich das Alles schon machen. Im Zwischendeck liegt nur Heu, und zwischen den Ballen durch kann man leicht nach der Vorrathskammer kommen – doch der Lump verriethe, glaub' ich, seinen eigenen Bruder, wenn er sich selber einen weißen Fuß dadurch machen könnte.« »Steward ist der Schlimmste,« sagte der Doctor, aber noch leiser als vorher – »hat Massa Jean so auf dem Strich, weil ihn der 'mal durchgeprügelt hat – will's wieder gut machen.« »Daß ich ihm nicht zum zweiten Mal auf den Pelz komme,« brummte Jean zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. – »Diesmal möcht's besser fördern, – der Wille ist wenigstens da.« »Brassen!« lautete des ersten Mate Stimme vom Quarterdeck herunter, und »Brassen« rief der Zimmermann auch in demselben Augenblick in die Back nieder – »Brassen, Boys – Donnerwetter, macht nicht so lange da unten; der Mate hat schon dreimal gerufen.« »Schade, daß Massa Spahn nicht am Lügen erstickt,« lachte der Koch und sprang vorneweg die Leiter hinauf. Bis acht Uhr Abends, und zwar von Morgens fünf Uhr an, hatte er die Wache auf Deck, nach acht Glasen Abends aber war seine Wache bis zum andern Morgen zu Koje. Jetzt aber, da die beiden Leute krank, oder doch wenigstens zur Arbeit für einige Zeit unfähig waren, mußte er so lange des Capitains Wache mithalten und durfte dafür, um doch seinen gehörigen Schlaf zu bekommen, Nachmittags bis vier Uhr zu Koje gehen. Die Raaen mußten vierkant gebraßt werden. Der Wind drehte mehr und mehr nach Westen herum, so daß er jetzt von hinten in den Segeln lag, und um zwölf Uhr schon gingen sie über Backbord-Bug mit halbem Wind, und es wehte ein fliegender Sturm. Der Boreas zischte vor dichtgereeftem Vormars-, Sturm- und Vorstengenstagsegel wie ein Pfeil durch die kochende, schäumende Fluth. – Drei Tage lang dauerte der Sturm; vom Lande aber herüberwehend, konnte keine so gewaltige See stehen, wie das der Fall gewesen, wäre er von der andern Seite gekommen. Das Schiff brauchte deshalb auch nicht beizulegen, sondern lief mit ganz kleinen Segeln und nur weniger Unterbrechung fast seine zehn Miles die Stunde Am schlechtesten befanden sich die im Raum stehenden Pferde dabei, die, noch nicht an unruhige See gewöhnt, gleich vom ersten Anfang an in solch ein Unwetter hineinkamen. Zwei starben auch schon den dritten Morgen und eins hatte ein Hinterbein Nachts zwischen die Stangen bekommen und gebrochen, und mußte, da hier keine Möglichkeit war es zu heilen, mit den anderen beiden über Bord geworfen werden. Das Füttern und Besorgen der Thiere geschah in den verschiedenen Wachen immer von denen, die gerade auf Wache waren, und man kann sich denken, daß die Leute, noch außerdem unfreundlich vom Capitain behandelt, eben nicht viel Lust zu einer Arbeit zeigten, welche Matrosen selbst unter den günstigsten Verhältnissen ungewohnt und zuwider ist. Hierzu kam noch, daß die Pferde, durch die starke Bewegung des Schiffs wie das dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden, dann durch das Knarren der Balken, den Dunst, die Dunkelheit, wie alle die fremden Gestalten, wild und scheu gemacht und oft gar nicht zu bändigen waren und die Leute mehrmals nur mit genauer Roth der Gefahr entgingen, von den wüthend aushauenden Thieren Arm und Bein zerschlagen zu bekommen. In der That hatten auch schon fast Alle Quetschungen und Wunden wegbekommen. Selbst beim Wassergeben bissen ein paar der boshaftesten nach denen, die ihnen den Eimer hinhielten, und Bill machte schon Vorschläge, wie man die sämmtlichen »Bestien«, wie er sie nannte, mit einem Male vergiften und los werden könnte. Der zweite Mate, ein ruhiger, ordentlicher Mann, that sein Bestes, die Leute zufrieden zu stellen, und da er auch den Proviant auszutheilen hatte, so versprach er ihnen schon gleich am zweiten Tag, daß sie bessere Provisionen haben sollten, »wenn ihm der Capitain und Steward nur erst nicht mehr so auf die Finger sähen«. Damit mußten sie sich aber für jetzt begnügen, denn für den Augenblick ließ sich darin noch nicht viel ändern. Der zweite Mate half auch, wo es irgend ging, mit im Raum bei den Pferden; weder Steward noch Zimmermann ließen sich dort aber nur ein einziges Mal blicken. – Sie hatten immer ungemein viel andere nothwendige Sachen in der Zeit gerade zu thun. 9. Hans Am vierten Tag ging der Wind wieder mehr nach Süden herum und wurde schwächer. Dadurch legte sich die See allerdings in etwas, der Boreas kam aber nun auch wieder platt vor den Wind und hiermit in so viel stärkere Bewegung. Nur in Ballast geladen, mit den Pferden im untern Raum, das Heu in das Zwischendeck gestaut, und sogar noch mit einem Dutzend Wasserfässer oben an Deck, war er etwas kopfschwer geworden, und lief allerdings ziemlich ruhig, sobald er von dem mehr schräg einstehenden Wind auf einer besonderen Seite gehalten wurde. War das aber nicht mehr der Fall, so schlingerte Schlingern heißt die nach rechts und links hinüber schaukelnde Bewegung des Fahrzeugs, stampfen dagegen das vorn Auf- und Niedergehen desselben. er so herüber und hinüber, daß die Raaenocken manchmal fast die Wogen berührten. Es sah oft aus, als ob er sich im Leben nicht wieder aufrichten würde. Den Pferden bekam dies noch schlechter als das Stampfen des Schiffes. – Noch an dem nämlichen Tage crepirte ein viertes, und zwei hatten sich die Brust, mit der sie fortwährend gegen die Querbalken geworfen wurden, vollkommen aufgescheuert. Capitain Oilytt war wüthend darüber; er stieg selber in den untern Raum hinunter, und als er den Zustand sah, in dem sich einige der Thiere befanden, fluchte und lärmte er auf eine entsetzliche Weise und schwur, er wolle den letzten Mann von der »Räuberbande«, die er jetzt an Bord habe, zu Tode – oder aus seiner Haut hinauspeitschen lassen, wenn auch noch einem seiner Thiere nur das »Fell geritzt würde«. Capitain Oilytt hatte eine andere Tugend an sich – er trank . Nach dem Mittagstisch nahm er seinen »Verdauungstropfen,« wie er es nannte – ein Bierglas halb mit Brandy, halb mit heißem Wasser gefüllt und mit etwas Citronensaft versetzt – er verschmähte Zucker. Dabei blieb es aber nicht. Dem »Verdauungstropfen« folgte ein anderer und noch einer, bis sein Gesicht glühte und manchmal ordentlich Funken zu sprühen schien, und in solchem Zustand sah er sich gewöhnlich nach ein wenig »Sport« oder Vergnügen , wie er meinte, um und stieg auf Deck oder zu den Leuten hinunter. Gnade dann Gott dem, der ihm dort verkehrt in den Weg kam oder Ursache zu Mißfallen gab. Er verschmähte es oft nicht, selber Hand anzulegen, und da er ein breitschultriger, schwerer Gesell und überdem Capitain des Schiffes war, also vor Gericht stets das Recht auf seiner Seite hatte, hüteten sich die Leute auch wohl, wo sie das nur irgend vermeiden konnten, mit ihm anzubinden, und gingen ihm lieber aus dem Wege. Es war am achten Tag ihrer Ausfahrt von Sidney. Der Wind wehte ziemlich stetig aus Süd-Südost, und der Boreas lief, jetzt einen Nord zu West Cours haltend, an der Küste Australiens vor einer herrlichen Brise hinauf. Der Capitain hoffte am nächsten Tag in Sicht der Riffe zu kommen, zwischen denen hinein er durch die Torresstraße seine Bahn suchen wollte. Die Torresstraße ist jene, an Flächenraum ziemlich breite Straße, die im Süden von der nördlichen Küste Australiens im Norden durch die große, noch fast unbekannte Insel Neu-Guinea gebildet wird, aber dermaßen mit Inseln und Sandklippen überstreut und von Korallenriffen durchwachsen ist, daß die Passage, selbst bei günstigem Wetter immer gefährlich bleibt und die größte Umsicht erfordert, bei stürmischem Wetter aber selten oder nie gewagt wird. Hierzu kommt, daß gerade in dieser Gegend, vielleicht durch die vielen Inseln und die nahe, – so heiße australische Küste hervorgerufen, das Wetter höchst unbeständig ist, und Nebel und plötzliche Böen etwas sehr Gewöhnliches sind, vor denen sich die Schiffer dann natürlich nicht genug hüten können. Die Riffe selbst haben einen eben so eigenthümlichen als gefährlichen Charakter. Sie bestehen einzig und allein aus Korallenfelsen, steigen aber nicht selten, und besonders an diesem Theil der australischen Küste, über tausend Fuß steil und schroff, manchmal bis an die Oberfläche, manchmal diese nicht ganz erreichend, empor, nie aber so weit über dieselben emporragend, daß mehr als das Schäumen der auf ihnen überstürzenden Brandung sichtbar wäre und dem Schiffer die Nähe seines gefährlichen Feindes verriethe. Hier und da nur ragt zu Zeiten eine schwarze Felsspitze aus dem weißen Gischt des erregten Wassers empor und kündet die Grenze irgend eines in einem schmalen Streifen vielleicht weit auszweigenden Riffs, während dicht davor, ja vielleicht selbst in dem Bogen, den das eigentliche Riff umschließt, das ganz dunkelblaue Wasser die fast unergründliche Tiefe zeigt. An vielen Stellen treten die Korallen bis an die Oberfläche empor, während dicht daneben, oder keine zwanzig Schritt davon entfernt, über zweihundert und sechzig Faden, also eintausend fünfhundert und sechzig Fuß Tiefe sind. Mit der australischen Küste von Süden nach Norden gleichlaufend, zieht sich nun eine förmliche Mauer dieser theils mehr, theils minder steil aufschießenden Riffe bis nach Neu-Guinea hinauf, und nur hier und da laufen schmale gewundene und natürlich höchst gefährliche Eingänge in diese Riffe hinein, an denen sich das Meer in einer östlichen Strömung mit aller Kraft und Stärke bricht. In einigen Meilen Entfernung gesehen, bieten sie dem Auge auch nichts als eine einzige, ununterbrochene Kette weißen Schaumes, die sich von Süden nach Norden in schneeiger, beweglicher Linie hinaufzieht, und erst dicht hinanfahrend entdeckt der Schiffer von seiner Vorbramraae aus hier und da einen schmalen dunkeln Eingang, der zwischen den milchigen Massen hin auf die innere spiegelglatte und stille Fluth führt. Macht aber wirklich das Schiff diesen schmalen Eingang, so ist immer noch nicht gesagt, daß es darin auch weiter kann, daß dieser nämlich eine förmliche Durchfahrt in die tiefere innere Bai gestattet. Eine starke, gewöhnlich nach Nordwesten setzende Strömung droht ihm zugleich fortwährend in dem engen Fahrwasser mit den nördlich von ihm liegenden Klippen, während es, dicht von Riffen eingeschlossen, sich vielleicht auf einer Tiefe befindet, in der seine beiden aneinander gesteckten Ketten nicht einmal Ankergrund erreichen würden. Der Capitain war an dem Tage besonders mürrisch gewesen. Er hatte sich mit dem zweiten Steuermann, irgend einer Kleinigkeit in den Provisionen wegen, gezankt, oder diesen vielmehr einer Sache beschuldigt, die sich nachher als unwahr herausstellte, und aus Aerger darüber schien er mehr als seine gewöhnliche Zahl Verdauungstropfen zu sich nehmen zu wollen. Da fiel ihm aber möglicher Weise ein, daß er an dem zweiten Mate doch vielleicht noch einen andern Haken finden könne, da er ja auch die Aufsicht über das Füttern und Halten der Pferde hatte. Er beschloß deshalb, einmal selber in den untern Raum hinabzusteigen, und zu sehen wie sich seine Pferde befänden. Er rief den Steward, ihm mit einer Laterne zu folgen. Jean stand am Ruder und Bill saß nicht weit davon auf dem Quarterdeck und besserte das dort ausgebreitete große Marssegel aus, das in der letzten Bö beschädigt worden war. Der zweite Mate, der bis jetzt daran mit geholfen hatte, stand auf und ging nach vorn. Hans und François, die beiden Uebrigen auf Wache, waren gerade im untern Raum mit dem Füttern und Tränken der Thiere beschäftigt. Hans hatte sich soweit wieder erholt, daß er wenigstens herumhinken und die nothwendigsten Arbeiten mit verrichten konnte. Auch Jack war besser geworden, lag aber immer noch, zu schwach, irgend etwas anzugreifen, zu Koje. »Na, heut Nachmittag wird's wieder 'was Schönes setzen,« meinte Jean mit halblauter Stimme zu Bill, der nicht weit von ihm saß, und nachdem er erst einen vorsichtigen Blick über Deck geworfen – der Mann am Ruder darf mit Niemand sprechen und von Niemand angeredet werden, damit er seine Aufmerksamkeit ungetheilt Compaß und Segeln zuwenden kann; – »der Alte ist in vortrefflicher Laune, und wenn er erst noch ein paar »Tropfen« weggestaut hat, giebt's aller Wahrscheinlichkeit nach einen Wolkenbruch. Sollte mich gar nicht wundern, wenn er unten schon anfinge. – Dort hat er aber Niemanden. François versteht nicht; was er sagt, wenn er schimpft, und Hans muckst nicht, und wenn er dem das Leder vollschlüge.« »Das laß gut sein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »Hans läßt viel mit sich machen; wenn es aber zum Aeußersten kommt, trau' ich ihm gerade weniger als jedem Andern. Er hat 'was im Auge, was mir nicht gefällt, und muß seine ganz besonderen Gründe gehabt haben, in Sidney nicht mit fortzulaufen, denn aus Feigheit ist es wahrhaftig nicht geschehen.« »Er hat Frau und Kind zu Haus,« entgegnete ihm Jean, »das wird der Grund gewesen sein.« »Fällt ihm nicht ein,« meinte Bill kopfschüttelnd, »der hat so wenig eine Frau zu Haus wie ich und Du. Nein, ich will Dir sagen, was er mir geantwortet hat, als ich ihn deshalb fragte – er meinte, er hätte dem Capitain sein Ehrenwort gegeben, an Bord zu bleiben, und das könne er nicht brechen.« »Den Teufel auch!« rief Jean rasch und erstaun! – »das hätt' ich Hans gar nicht zugetraut. – Er ist überhaupt ein sonderbarer Kauz, und so wenig er sich damit ausläßt, spricht er doch jedenfalls auch Französisch. Er versteht wenigstens Alles, obgleich ich ihn nie zum Antworten bringen kann. Er weicht dann immer aus und meint, die Zunge sei ihm zu schwer dazu. Ich glaub's aber nicht.« »Manchmal kommt's mir vor, als ob er gar kein Deutscher wäre,« sagte Bill. »Obgleich er sonst nur ganz gebrochen Englisch spricht, sind ihm doch schon ein paar Mal Worte herausgefahren, die mich ganz stutzig machen, und im Schlaf neulich, will ich verdammt sein, wenn er nicht den einen Satz so rein Englisch herausbrachte wie nur je ein an den alten Kreideküsten Geborener. Nachher kam freilich eine Menge Kauderwälsch dazwischen, das ich nicht verstand, wahrscheinlich » dutch «. – Hallo, da unten geht's los – hörst Du's, Jean?« »Ich hab's mir von vornherein gedacht,« sagte dieser gleichgültig. »Daß er dem Mate nichts anhaben konnte, war dem alten Höllenhund schon ein Dorn im Fleisch, und jetzt hat er denn richtig so lange herumgesucht, bis er sich ein anderes Vergnügen herausstöbern konnte.« »Hm!« sagte Bill, »da unten ist's laut – hallo, da kommt der Alte zu Luft. – Donnerwetter, was er für einen rothen Kopf hat – wahrhaftig ich glaube, er blutet. Na, jetzt werden wir was Neues hören,« und mit unendlichem Fleiß, als ob er bis dahin gar nicht von seiner Arbeit aufgesehen, machte er sich wieder über das alte, von Wetter und Zeit schon arg mitgenommene Marssegel her. – Im Raum war es indessen allerdings bunt hergegangen. Als der Capitain hinunterkam, standen Hans und François eben und tränkten die Pferde, von denen einige immer noch ungern aus dem Eimer soffen. Sie schnupperten und schnarrten und schnaubten, stießen mit der Nase nach dem Eimer, oder versuchten auch wohl mit einem Vorderhuf hineinzufühlen, wie sie einen schwanken Steg oder zu weichen Boden erst versuchen würden, ob er auch stark und sicher genug wäre, sie zu halten. Es war natürlich sehr dunkel im untern Raum, denn das wenige Licht, was durch die schmalen Luken fiel, wurde fast total durch die beiden Windfänge gebrochen und aufgehalten, die von oben herunter niedergelassen sein mußten, um den Dunst der Pferde, der sonst nirgends Abzug hatte, hinauszutreiben und reine Luft hinabzuführen. Die Hitze war dadurch auch in der That sehr gemäßigt worden, und wenn man sich erst einmal eine kurze Zeit unten befand, gewöhnte sich das Auge eher an die Dunkelheit und konnte die Gegenstände, gegen die der eben Niedersteigende wie erblindet war, leichter unterscheiden. Als der Capitain hinunterkam, stolperte er gleich bei den ersten Schritten über eine dort lehnende Mistgabel, mit der die Leute die Streu etwas aufgelockert und die trockene von der feuchten geschieden hatten. Der Steward, der mit der Laterne hinter ihm herkam, half ihm natürlich wenig oder gar nichts mit seinem Licht, und das Erste, was die beiden Leute unten von der Gegenwart ihres Capitains erfuhren, war ein entsetzliches Schwören und Fluchen über die erstlich, die in ihrer »verdammten Nachlässigkeit« das Werkzeug dort hatten stehen lassen, und dann über die ganze »nichtsnutzige, diebische, strickwerthe« u. s. w. Schiffsmannschaft. »Parbleu,« sagte François leise auf Französisch zu Hans – denn die Beiden sprachen einem Verständniß gemäß, das sie unter sich getroffen, der Eine sein Französisch und der Andere sein Deutsch, womit sie vollkommen gut auskamen – »der Alte ist heut in einer besonders rosenfarbenen Laune. – Ich gäb' 'was darum, wenn er dem Fuchs da drüben ein bischen nahe käme. Er und der würden's dann bald zusammen kriegen.« Der Fuchs, von dem François sprach, war das bösartigste Thier im ganzen Schiff und Hans der Einzige, der ihm selbst Wasser oder Futter geben durfte. Sobald sich nur ein Anderer der Leute ihm näherte und er nur eben glaubte, sie mit seinen Zähnen erreichen zu können,« fuhr er wie ein Tiger aus seiner Höhle zwischen den beiden Querbalken mit dem Kopfe durch, und Gnade Gott dann Allem, was er erwischte. Die übrigen Pferde hatten sich schon etwas mehr in die Umstände gefügt, obgleich sie trotzdem noch immer gern nach einander bissen und schlugen. »Was Gutes hat er nicht im Sinn, wenn er Nachmittags hier herunterkommt«, erwiderte Hans, mehr jedoch mit sich selber redend, als auf die Bemerkung des Andern antwortend. »Komm hier, Schwarzer,« rief er dann laut gegen da Pferd gewandt, an dem er gerade stand, und das nach dem jetzt näher kommenden Licht der Laterne hinüberschnupperte. Es trat ängstlich dabei so weit zurück, als es ihm das etwas kurze Seil, an dem seine feste Halfter saß, erlaubte – »komm hier, Bursche – es thut dir Niemand 'was – hier – sauf dein Wasser, daß die andern auch 'was kriegen – Steward! haltet ihm die Laterne nicht so vor die Nase,« wandte er sich jetzt aber rasch gegen diesen, der indessen mit dem Capitain ganz nahe getreten war und das Licht so hoch als möglich hielt, um selber darunter wegsehen zu können – »es scheut vor dem ungewohnten Strahl und wird die Halfter am Ende zerreißen.« Der Steward senkte das Licht und wollte zurücktreten, der Capitain hatte aber in demselben Augenblick auch eine Schramme am Hals des Pferdes bemerkt – eine Stelle, wo es das Seil ein wenig wund gescheuert hatte, und die jetzt, da es mit dem ganzen Gewicht seines Körpers nach hinten zog, frei kam und sichtbar wurde. »Halt, Steward – gieb mir einmal die Laterne,« sagte er rasch – »Gott verdamme mich, wenn sie mir hier unten die Thiere nicht zu Tode schinden, falls ich nicht selber dann und wann danach sehe. – Woh, Poney – woh, mein Thier – come up here, you damned son of a bitch – come up here – w-o-h – daß dich die Pest!« Das Pferd – durch das ihm dicht vorgehaltene Licht und die fremden Laute scheu und furchtsam gemacht – drängte nur immer mehr zurück, schnürte sich fast die Kehle zu, so daß ihm die Augen weit aus dem Kopf traten, sprengte endlich, als der Capitain mit dem letzten »daß dich die Pest« den Arm mit der Laterne rasch und heftig gegen es in die Höhe stieß, das Halfterseil und stürzte auf seinen Hintertheil zurück gegen die Schiffswand. Allerdings war es noch mit einem andern Nothtau um den Hals befestigt und festgehangen, dieses aber länger als das andere, so daß es ihm mehr Raum gab. Als es deshalb wieder in die Höhe sprang, drückte es mit aller Kraft hinter die ihm zunächst stehenden Thiere hinein, die, durch den ganzen Lärm und die ungewohnten heftigen Stimmen ebenfalls scheu gemacht, ausschlugen und wieherten und stampften und einen Lärm machten, als ob sie das ganze Unterdeck auseinander reißen wollten. Die Verwirrung hatte ihren Höhepunkt aber noch lange nicht erreicht. Das einzige Pferd nämlich, was sich bis jetzt bei der ganzen Sache vollkommen ruhig verhalten, ja nicht ein Glied gerührt, und nur vorsichtig gebückt mit zurückgezogenem Kopf, aber lebhaft und tückisch blinzelnden Augen dagestanden hatte, war eben der Fuchs gewesen, von dem François vorher gesprochen, und der geduldig ein Opfer für seinen nächsten Angriff zu erwarten schien. Der Steward war ihm der Nächste. Dieser stand, nicht das Mindeste von der ihm im Rücken drohenden Gefahr ahnend, mit der ihm vom Capitain wieder zugereichten Laterne mitten in dem Gang, der zwischen den beiden Reihen Pferden gelassen worden. Er war aber nicht drei Schritt von der Stelle ab, wo der Fuchs, mit fest zusammengebissenen Zähnen, gierig auf die nächste Bewegung seiner ausersehenen Beute lauerte. Die sollte auch nicht lange auf sich warten lassen. Der Capitain bedeutete den Steward mit dem Licht nach hinten zu gehen, daß die Thiere sich wieder beruhigen möchten. Dieser wollte auch eben dem Befehl Folge leisten, hatte aber kaum seinen zweiten Schritt gethan, als er einen lauten Angst- und Schmerzensschrei ausstieß und die Laterne fallen ließ. Der Fuchs war nämlich ohne weitere Warnung mit dem Kopf durch seine beiden Querbalken hingefahren, und den Mann gerade über der Hüfte packend, hielt er ihm hier Hose und Fleisch ingrimmig zwischen seinen scharfen, ehernen Zähnen eingeklemmt; an Losreißen war nicht zu denken. »Pfui, Fuchs, schäm' dich!« rief Hans, der wegen seines kranken Beines nicht gleich so schnell hinüber konnte, um den Gefangenen zu befreien. Der Fuchs aber, obgleich er sonst gewöhnlich auf seines Fütterers Wort hörte, schämte sich dieses Mal nicht und ließ den jetzt Zeter und Mord Brüllenden auch nicht eher los, bis der Capitain zusprang, ihn zu befreien; dann geschah es aber auch nur, um nach dem neuen Opfer zu schnappen. An diesem hafteten jedoch seine Zähne diesmal nicht, denn er stieß ihn so heftig mit dem Maul gegen den Leib, daß er zurücktaumelte und mit dem Kopf an den gegenüberstehenden Pfosten schlug. Als er sich wieder in die Höhe richtete, wollte der Fuchs seinen Angriff erneuern, jetzt sprang aber Hans dazwischen und trieb das freudig und fast höhnisch wiehernde Thier in seine Grenze zurück. Der Steward aber kroch indessen wie eine Schlange in dem schmalen Gang hin und hielt nicht eher an, bis er die Leiter halb hinauf war. Dort blieb er stehen und schrie nun zurück: »das sei eine schändliche Gemeinheit, denn er habe selber gesehen, wie Hans das Thier auf ihn gehetzt hätte.« »Tropf!« war das Einzige, was Hans halb lachend, halb verächtlich auf die Anschuldigung erwiderte, und er wandte sich dabei wieder nach dem Rappen um, diesen auf's Neue festzumachen und die anderen Thiere zu beruhigen und zu tränken. So leichten Kaufs sollte er aber bei dem Capitain nicht davonkommen, denn dieser, durch Rum, Aerger und den letzten Fall zu wahrer Wuth gebracht, schäumte fast vor innerlich kochendem Grimm und suchte nur noch ein Opfer, an dem er ihn auslassen konnte. François merkte das und drückte sich aus dem Weg, und auch Hans fühlte, wie der Capitain nur eine Ursache suche, mit ihm anzubinden, that aber, als ob er entweder nichts merke oder sich nur wenig um die Sache bekümmere. Den ersten allgemeinen Ausbruch des Gereizten oder eigentlich sich selber erst Aufreizenden: »Ihr verdammten Halunken hier unten macht was Ihr wollt mit den Thieren, und ich muß Euch nur erst einmal die Katze zu fühlen geben,« ließ er deshalb auch unbeantwortet und machte sich mit dem Rappen zu schaffen, den er durch Zureden so weit vorn an die Stange zu bringen versuchte, daß er ihm das Halfterseil wieder anknoten konnte. » You, Sir, there ,« rief aber der Capitain, »ich spreche mit Euch – Gott verdamm' es, wollt Ihr wohl so gut sein und mir Antwort geben, wenn ich mit Euch rede? – Was ist das hier für eine Wirthschaft unten? – Ueberall liegt das Geschirr herum, daß man Hals und Beine darüber bricht – die Pferde sind wund gescheuert und liederlich angebunden, daß sie sich einander zu Schanden schlagen müssen – ich will darin Ordnung sehen, oder ich lasse Euch Alle miteinander krumm schließen und abpeitschen.« Hans zuckte zusammen, als ob er schon Schlag empfangen hätte, und hielt einen Moment, wie unschlüssig, was er thun solle, in seinen Bewegungen ein. – Was ihm aber auch für Gedanken im Kopfe herumgegangen waren, seine Vernunft siegte. »Geduld – Geduld,« murmelte er leise, wie eine Art Verschwörungsformel, vor sich hin und griff eine andere neben ihm liegende Mistgabel aus, um das den Pferden kurz vorher gegebene und jetzt umhergestreute Heu wieder zusammenzuschieben. Der Capitain mochte aber wohl die leise geflüsterten Worte gehört haben, denn er sprang rasch auf den Mann zu, faßte ihn am Kragen und rief wüthend: »Was murmelt der Hund – willst Du auch noch gegen mich knurren? Einen Mucks noch, Canaille, und ich schlage Dir den tückischen Schädel bis in den Kragen hinunter!« Und er riß bei den Worten dem nicht den mindesten Widerstand Leistenden die Mistgabel aus der Hand und hob sie drohend wie zum Schlag in die Höhe. Hans sagte kein Wort, er drehte sich nur halb nach ihm um und sah ihm starr in's Gesicht – er war todtenbleich geworden, und das kranke Bein, auf dem er zu lange gestanden, fing ihn plötzlich so an zu schmerzen, daß er sich an dem nächsten Pfeiler halten mußte. »Faule, schuftige Bande,« schrie jetzt der Capitain in fast trunkener Wuth, ohne jedoch zuzuschlagen, denn der Mann stand ihm, ohne eine Hand aufzuheben, gegenüber – »die das Brod nicht verdienen, was sie ihrem Herrgott abstehlen. Nun, zum Donnerwetter, was steht der Lump da und hat Maulaffen feil – wird's bald? und kriegen die Pferde noch etwas zu saufen?« Hans wandte sich um; als er aber auf sein Bein trat, knickte er zusammen und konnte sich nur mit Mühe aufrichten, suchte aber doch mit äußerster Anstrengung seinen Schmerz zu verbeißen. Er hatte dabei die Laterne umgestoßen, die neben ihm stand, nahm sie aber gleich wieder in die Höhe und hing sie in einen dazu bestimmten Haken. »Ungeschicktes Vieh!« sagte da der Capitain und stieß ihm, noch während er damit beschäftigt war, den Stiel der Gabel gegen den Nacken. »Capitain!« knirschte aber auch in diesem Augenblick der Gemißhandelte zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen hindurch – »ich habe meine Schuldigkeit, so viel in meinen Kräften stand, gethan und keine Mißhandlung verdient!« »Bestie!« schrie jetzt ordentlich jauchzend, daß er eine gegründete Ursache gegen einen Widersetzlichen hatte, der Capitain und drehte die Gabel in der Hand um, daß er das schwere Eisen nach oben schwang, – »willst Du mucksen?« und im nächsten Moment fuhr das Instrument sausend nach dem Kopfe des Matrosen – aber es traf nur den Pfosten, und während die Pferde wieder in wilder Scheu zurückschreckten und stampften, schlugen und an den Tauen rissen, griff eine eiserne Faust des Capitains Kehle und ein schwerer Schlag schmetterte ihn zu Boden. 10. Die unterbrochene Execution Eine Stunde etwa nach den im letzten Capitel beschriebenen Vorgängen lag der Capitain, mit Essigumschlägen über den Kopf, in seinem Bett in der Kajüte und der deutsche Matrose Hans schwer in Eisen geschlossen in einer Art von kleinem Behälter des untersten Raumes dicht neben dem Steuer, zwischen zwei dort angebrachten eisernen Wasserreservoiren. Der Capitain hatte sich seine Bestrafung auf den andern Tag vorbehalten und wollte, wie er gemeint, ein exemplarisches Beispiel statuiren. – Er hatte mit dem ersten Mate eine lange Besprechung darüber gehabt. Der Steward lag übrigens auch in seiner Koje, der Leib war ihm, wo ihn das Pferd gepackt hatte, bös aufgeschwollen, und er wimmerte und lamentirte vor Schmerzen. Mit Jack ging es ebenfalls nicht besser – er hatte den Abend wieder starkes Fieber und konnte nicht an Aufstehen denken. Des Capitains Wache war dadurch so eingeschmolzen, daß der Koch mit dazu genommen werden mußte, obgleich er sich keineswegs, wie er sich ausdrückte, ein »Vergnügen daraus mache«. Es herrschte übrigens ein dumpfes Schweigen unter der Mannschaft. Hans war seines stillen, anspruchslosen Wesens wegen von Allen gern gesehen; dabei gab es keinen tüchtigeren Matrosen an Bord als ihn, und François' Erzählung, der ja Zeuge des Vorfalls im untern Raum gewesen, diente gerade nicht dazu, sie gegen den Capitain günstiger zu stimmen. Nichtsdestoweniger hatte er Hand an seinen Vorgesetzten gelegt, und die angeborene, fast möchte ich sagen, Scheu , die in dieser Hinsicht in den Leuten steckte, ließ sie auch von seiner Bestrafung – wie er immer gereizt sein mochte – als von einer Sache sprechen, die sich von selbst verstände und durch nichts geändert werden könne. »Der Teufel muß heute in Hans gefahren sein,« meinte Jack, als die Leute nach eben eingenommenem Abendessen noch auf ihren Kissen, und um die hölzerne Schüssel herum, im Logis saßen, »das hätte ich ihm gar nicht zugetraut, daß er so hitzig werden könnte.« »Ich hab' Dir's gestern wohl gesagt,« lachte Bill – »'s ist mir schon ein paar Mal so vorgekommen, als ob der kleine vom richtigen Stoff wäre und nur einen mittelmäßigen Stahl brauche, um vortreffliches Feuer zu geben. Schade, daß er den alten betrunkenen Schuft nicht gleich todtgeschlagen hat, dann wären wir ihn auf einmal los,« – er sah sich dabei um, ob ihn auch der Zimmermann nicht gehört habe, doch der war schon an Deck. »Schade für uns, aber nicht für ihn,« meinte Jean nachdenkend – »dem armen Teufel wird's schlecht genug gehen. Ich möchte morgen früh nicht in seiner Haut stecken.« »Sie können ihm doch weiter nichts thun, als daß sie ihn in Eisen lassen,« sagte Karl rasch, »das ist für jetzt Strafe genug, und nachher mögen sie ihn den Gerichten übergeben. Auf dem festen Land wird er nicht so schwer abkommen wie an Bord.« »Das kommt auf's Wetter an,« meinte Bill trocken und schob sich ein tüchtiges Priemchen in den Mund, den er sich vorher mit einem halben Kumpen Thee ausgespült hatte. »Auf's Wetter?« sagte Bob – »wie soll das auf's Wetter ankommen – wohl die Laune vom Alten?« »Ich meine das Wetter ,« behauptete Bill – »nach Recht und Gesetz weiß ich nicht einmal, ob er ihn schlagen kann. Wird aber das Wetter morgen unbeständig, und es sieht heute gerade so aus, als ob wir vor dem alten miserabeln Riffnest Gott weiß wie lange herumkreuzen müßten, dann kann ihn der Alte, so schwach wie wir jetzt bemannt sind, gar nicht in Eisen lassen, oder er muß erwarten, daß ihm einmal über Nacht ein Vierteldutzend Masten über Bord gehen. Nachher heißt's »wieder auf Deck,« und daß er ihn dann nicht so ohne alle Strafe frei herumlaufen läßt, ich dächte, dazu kenntet Ihr doch unsern Alten ein klein bischen zu gut.« »Er darf ihn doch nicht schlagen lassen!« rief Karl entrüstet. » Darf nicht?« lächelte Bill verächtlich – »ich möchte sehen, wer ihn daran hindern wollte. Wenn wir 's thäten, wär's weiter nichts als »Seeräuberei« von unserer Seite – »Rebellion und Aufruhr« und wie die schönen Worte sonst noch alle heißen, nach denen man eines ehrlichen Menschen Hals so lange zieht, daß er bis an die nächste Raaenocke reicht. Und wollte ihn Hans nachher verklagen, wenn wir an Land kommen, so möchte ich drei Monat Lohn gegen eine Prieme Tabak wetten, daß der Capitain Recht und der Kläger – wenn sie ihn nicht gar noch einmal einstecken – höchstens den Verweis bekommt, sich in Zukunft besser zu betragen. Das nennen sie nachher Gerechtigkeit.« »Ich hebe keine Hand gegen ihn auf,« betheuerte Karl, »und wenn sie mich krumm und lahm schließen lassen.« »Du wirst auch gar nicht dazu kommen,« meinte Bill – »das ist des Bootsmanns Sache, und da »Spahn« jetzt überhaupt hier an Bord den Bootsmann spielt, so wird der also auch wohl die kleinen Nebengeschäfte zu besorgen haben. Doch hoffentlich bekommen wir besser Wetter, und dann macht sich vielleicht noch Alles.« »Ich glaube auch nicht, daß ihn der Capitain wird wirklich peitschen lassen,« tröstete sich Jean, – »er mag wohl den Teufel im Kopf haben, wenn er die »Tropfen« im Magen spürt – aber Morgens ist er ja sonst immer still und ruhig und flucht nicht einmal besonders viel.« »Trau' Du dem Morgens,« brummte Bob hier aus seiner Ecke vor, »ich hab' ihn einmal Morgens bei solchem Geschäft gesehen und verlang' es nicht wieder.« Bob war, außer Hans, der Einzige von der ganzen Mannschaft, der schon früher einmal eine Reise mit dem Capitain in ein und demselben Schiffe gemacht; aber man hatte ihn bis jetzt nie dazu bringen können, auch nur das Mindeste darüber zu erzählen. Desto gespannter drehten sich jetzt Alle gegen ihn um, weil sie glaubten, er würde ihnen nun das, worauf er anspielte, zum Besten geben. Bob aber, der vielleicht fürchten mochte, daß er dazu gedrängt würde, stand auf, zündete seine Pfeife an und stieg auf Deck, und da der Zimmermann gleich darnach herunterkam, hörte jede weitere derartige Unterredung von selber auf. Der Gefangene bekam von dem zweiten Mate Wasser und einen Schiffszwieback auf des Capitains Ordre hinuntergebracht – auf seine eigene fügte er aber ein Stück Fleisch und ein Fläschchen mit Rum bei, und sprach dem armen Teufel Muth ein: er solle nicht das Schlimmste glauben; es würde noch Alles gut gehen. »Gut gehen?« lachte Hans leise und bitter vor sich hin, nachdem er dem Mate, der mit der Laterne neben ihm stand, freundlich zugenickt – »gut gehen? – Was der Capitain thun kann, daß mir's schlecht geht, thut er gewiß, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und er hat jetzt die Macht in Händen. Das Blatt hat sich gewendet.« »Das Blatt hat sich gewendet?« wiederholte der Mate verwundert – »wie meint Ihr das?« »Oder es wendet sich vielleicht, wollte ich sagen,« erwiderte der Matrose und that einen kräftigen Zug aus der ihm dargereichten Flasche. »Ich spreche schlechtes Englisch, Mate, und Ihr dürft bei mir die Worte nicht so auf die Wagschale legen.« »Donnerwetter, Mann, Ihr sprecht heut Abend ein recht gutes Englisch, besser wie ich's noch je von Euch gehört habe – Ihr müßt schnell lernen.« »Wenn man den ganzen Tag weiter nichts hört,« meinte der Gefangene, »bleibt Einem ein bischen hängen, und andere Menschen lernen's ja, warum soll gerade mein Kopf von Holz sein.« »Nun, laßt's Euch schmecken,« sagte der Mate, »und wenn Ihr das Fläschchen leer habt, steckt's hier in die Ecke, zwischen die beiden Balken hinein. Der Lump, der Steward, könnte wieder aufstehen und herunterkommen, und wenn der's ausschnupperte, wüßte es der Capitain auch schon in den nächsten fünf Minuten.« »Ist denn der Steward krank?« frug Hans erstaunt – »was fehlt ihm?« »Alle Wetter, Ihr waret doch selbst mit unten und sollt ja das Pferd gerade auf ihn gehetzt haben, was ihn gebissen hat,« lachte der Mate leise. »Oh, hat ihn der Fuchs so derb gepackt gehabt?« meinte Hans kopfschüttelnd, »hm, hm – ja, Pferde beißen scharf, wenn sie einmal richtig zufassen – liegt er denn zu Bett?« »Ja – aber ich kann jetzt auch nicht länger unten bleiben, ich habe die Wache an Deck, – also gute Nacht Hans« – und damit nahm er seine Laterne wieder in die Hand, stieg die Leiter in die Höh' und Hans blieb im Dunkeln allein. Am nächsten Morgen war der Wind ziemlich schläfrig geworden; das Schiff machte nur wenig Fortgang. Am vorigen Tag hatten sie dabei gar keine Observation bekommen, und auch heute verdunkelte sich gegen Mittag die Sonne. Der Logrechnung nach mußten sie allerdings dem südlichen Eingang der Riffe ziemlich nahe, d. h. fast auf einer Breite mit ihm sein. Wie aber der Wind jetzt stand, wäre es gefährlich gewesen, zu nah' an die Klippen anzulaufen, denn die Strömung setzte in dieser Jahreszeit stark dagegen. Befiel sie vor dem Eingang Windstille, so war die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie gegen die Riffe getrieben werden mußten. Außerdem konnten sie dabei unter keiner Bedingung vor Anker gehen – mit ihrer längsten Lothleine hätten sie, dicht vor den Riffen, keinen Grund gefunden. Der Morgen war so vorübergegangen, ohne daß der Capitain auch nur ein Wort über den Gefangenen erwähnt hätte. Erst mit sechs Glasen (drei Uhr) gab er dem zweiten Mate den Befehl, Hans an Deck zu bringen. In Südwesten stieg eine dichte Wolkenschicht auf, und es war jede Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie eine häßliche Nacht bekommen würden. Hans war todtenbleich, als er das Deck erreichte, aber vollkommen ruhig. Er stieg durch die hintere Luke vor dem Mate die Zwischendeckstreppe hinauf und blieb, auf ein Zeichen desselben, an der Nagelbank des großes Mastes stehen. Hier aber, ob ihn sein Bein vielleicht noch schmerzte, oder er sich durch die Aufregung, in der er sich jedenfalls befand, erschöpft fühlte, aber er lehnte sich bald auf das neben ihm stehende Fleischfaß und erwartete dort die Ankunft des Capitains, der gleich darauf über das Quarterdeck herüber auf ihn zu kam. Capitain Oilytt sah gerade das Gegentheil von Hans aus – er war glühend roth im Gesicht, und über der Stirn saß ihm ein breites und langes schwarzes Pflaster. Es war dieselbe Stelle, auf die ihn der jetzt in Eisen Geschlossene gestern getroffen. Seine Augen hafteten aber nur für kurze Zeit auf dem Gefangenen, der seinem Blick fest begegnete – er schaute unruhig über sein Schiff hinweg und befahl dann dem zweiten Mate mit heiserer, fast nur halblauter Stimme all hands on deck zu rufen und auf's Quarterdeck zu bringen. Die Leute kamen still und schweigend an und sammelten sich um Hans, Keiner aber, außer dem Zimmermann, ohne ihm nicht halb verstohlen und freundlich zuzunicken. Um des Gefangenen Züge spielte ein leises schmerzliches Lächeln, – aber sein Blick suchte wieder die im Südwesten aufsteigenden Wolken, die er in den letzten Minuten schon aufmerksam betrachtet hatte. Wie unruhig schaute er dann nach dem Oberbramsegel hinauf. Bill, der neben ihm stand, hatte den Blick gesehen und sagte leise: »Du hast Recht, Hans, wir kriegen heut Abend faul Wetter, und wenn der Alte nicht bald Segel –« Des Capitains Stimme unterbrach ihn hier. Dieser war bis dicht an die dünne eiserne Railing getreten, die das Quarterdeck, das halb aus dem untern Raum emporragte, von dem Mitteldeck trennte, und redete jetzt die Mannschaft mit lauter, aber doch nicht fest klingender Stimme an: »Leute – wie Ihr wohl wissen werdet, hat gestern der deutsche Matrose da – könnt Ihr nicht aufrecht stehen, Sir, wenn man zu Euch spricht? – he?« – Hans versuchte sich aufzurichten, mußte sich aber immer noch festhalten und suchte sich jetzt mit dem gesunden Bein gegen das Faß zu stützen. »Sein Bein thut ihm noch weh,« sagte der zweite Mate leise zum Capitain, hinter dem er stand. »Sein Bein soll verdammt sein!« erwiderte dieser barsch und laut; »übrigens hab' ich Euch nicht gefragt, Sir, daß Ihr Euch hier das Wort erlaubt.« »Ich meinte nur –« »Ihr habt nichts zu meinen, Ruhe, Sir – Gott verdamm' mich, ich will Ordnung an Bord haben oder mit Schiff und Mannschaft zu Grunde gehen – und Gnade Gott allen Denen, über die ich vorher noch weg muß. Also wie ich Euch sagte, Leute, so hat gestern der deutsche Matrose sich erst im Raum unten, als ich ihn wegen Unordnung und Liederlichkeit zurechtwies, mit Worten gegen mich vergangen, und zuletzt sogar einen mörderischen Angriff auf mich gewagt, bei dem er mich, von der Dunkelheit begünstigt, mit irgend einem schweren Instrument oder Gegenstand vor den Kopf traf und zu Boden warf.« »Ich hätte meinen Hals verwettet,« flüsterte Bill dem neben ihm stehenden Jean zu, »daß er's accurat so herausbringen würde – ein Advocat hätt's nicht besser machen können.« »Dem Gesetz nach könnte ich ihn nun bis Indien« – fuhr der Capitain fort – »schwer geschlossen im untern Raum lassen. Da wir aber überdies schwach bemannt und Einige von uns noch dazu krank sind, so dürfte ich das jetzt kaum mit der Sicherheit des Schiffes verantworten können. Ganz ohne Strafe soll er aber natürlich, bis ich ihn in Calcutta den Gerichten übergeben kann, nicht wegkommen, und der Bootsmann wird ihm deshalb hier vor Euren Augen fünfzig Hiebe aufzählen – als Warnung für jeden Einzelnen unter Euch für die Zukunft. Ihr habt mir in Sidney Aerger und Kosten genug gemacht, und ich will mir hier an Bord wenigstens nicht länger von Euch auf der Nase herumspielen lassen, oder mich gar Euren mörderischen Angriffen aussetzen. Bootsmann – thut Eure Schuldigkeit.« Er wandte sich um, als ob er nach hinten gehen wollte. Des Gefangenen Stimme hielt ihn da zurück; er blieb mitten im Gange stehen, drehte sich aber nur halb nach diesem wieder um. »Capitain,« sagte Hans, dem die Worte kaum aus dem Munde wollten, so erstickte die innere fürchterliche Aufregung seine Stimme. Er sprach auch sehr langsam, wie er immer that, wenn er sich des Englischen bediente, – »Capitain – in Sidney haben fast Alle Euer Schiff verlassen, nur ich nicht, weil ich Euch mein Wort gegeben hatte, zu bleiben.« »Du bist geblieben, Schuft, weil ich den Lohn von voriger Reise für Dich in Händen hatte,« lachte der Capitain und drehte sich wieder ab – »nicht wegen Deines Ehrenworts.« »Capitain,« rief aber Hans noch einmal, dem das Blut jetzt wie in vollen Strömen aus dem Herzen herauf in's Gesicht stieg – »ich blieb, weil ich mein Wort gegeben – und ich gebe es Euch hier noch einmal – nehmt die Strafe zurück. Ihr wißt selber, wie Ihr mich gereizt habt. – Ich war meiner Sinne nicht mächtig, als ich nach Euch schlug – aber nur mit meiner nackten, unbewaffneten Faust, so helfe mir Gott! – Nehmt die Strafe zurück, und ich will arbeiten, daß mir das Blut unter den Nägeln vorkommt – oder in Eisen liegen wie Ihr wollt – ich will nicht murren. – Setzt mich die ganze Reise auf Wasser und Brod – behaltet zur Strafe für mich jeden Cent, den ich bis jetzt hier an Bord verdient habe – aber – aber keine Schläge.« Der Capitain war stehen geblieben, aber allem Anschein nach, ohne den Worten auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. – Er wandte sich jetzt rasch gegen den Zimmermann und sagte schnell: »Hab' ich Euch nicht befohlen, Eure Schuldigkeit zu thun? – Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, dort hinten kommt ein Wetter auf – Bob – Jim – bindet den Gefangenen an die Leeseite – nur mit den Händen – er mag aufrecht dabei stehen bleiben oder – wenn ihm das bequemer ist – auf die Kniee niedergefallen.« »Capitain!« schrie aber jetzt Hans plötzlich, als die Beiden auf ihn zutraten, mit lauter, fast drohender Stimme und in so reinem, fließenden Englisch, daß selbst der Capitain sich erstaunt nach ihm umschaute – »Ihr wißt , daß ich mein Wort halte, – beim heiligen Gott des Himmels! der, der Hand an mich legt, schlage mich lieber gleich todt, denn so wahr ich einst selig zu werden hoffte, so wahrhaftig morde ich ihn im nächsten Augenblick, wo ich die Hände frei bekomme.« »Ah, wenn die Sachen so stehen, wollen wir wohl zusehen, daß Du die Hände nicht frei bekommst, mein Bursche,« lachte der Capitain höhnisch – »Gott verdamm' es, wie der Kerl auf einmal so gut Englisch spricht – das bringt die Angst heraus. Also Mord – gut, Sir, wir werden's nicht vergessen. – Und nun an die Arbeit, Bootsmann, und legt gut auf, oder ich lass Euch auf Eurem eigenen Rücken zeigen, wie man's machen muß. Allons, Bob – Jim – Pest noch einmal, Burschen, soll ich's Euch zum dritten Mal sagen?« Die Beiden hatten unschlüssig dagestanden. Dem directen Aufruf des Capitains wagten sie aber nicht den Gehorsam zu verweigern und führten den Gefangenen an die Leeseite, wo sie ihm das Hemd abzogen und den Rücken entblößten. Brust und Schultern waren ihm mit blauen wunderbaren Zeichen tätowirt, und auf der ersteren hatte er noch außerdem drei tiefe, aber schon seit Jahren verharrschte Narben. Sie banden ihm die Hände in die Höhe, aber er sprach kein Wort mehr und ließ Alles mit sich geschehen. Der Zimmermann hatte indessen ein schon bereit liegendes, noch neues Reefband vorgenommen, wickelte sich das eine Ende davon um die rechte Hand und trat auf den Gefangenen zu. Indessen hatte es schon lange im Südwesten geblitzt, und es folgte gerade in diesem Augenblick ein so heftiger Donnerschlag, daß Alle, die bis jetzt nur mit dem Gefangenen beschäftigt gewesen waren, erschrocken aufsahen. »Werft die Bramsegelfalle los,« schrie aber jetzt auch der Capitain, der auf einmal fand, daß ihn das Wetter ganz plötzlich überrascht hatte. – »Bramsegel fest – schnell – Falle los – Donnerwetter, Zimmermann, laßt den Burschen jetzt stehen und werft die Taue los.« Die Leute sprangen, froh, dem peinlichen Schauspiel enthoben zu sein, blitzschnell auf ihre verschiedenen Posten, und im nächsten Augenblick schien Alles nur Verwirrung in den gelösten Tauen und flatternden Segeln. – Niemand kümmerte sich um den Gefangenen, der noch mit entblößtem Oberkörper an den Wanten hing. Ueber die See kam es indessen in dumpfem, hohlem Brausen herangestürmt. – Noch standen die Wogen tief am Horizont, aber die Luft wurde schon dick und düster, und das Wasser fing an, zu gähren und sich vor der andrängenden Gewalt zu kräuseln. Die leichteren Segel waren indessen, so rasch es die schwache Mannschaft nur irgend vermochte, festgemacht, die Marsraaen rasselten jetzt zum Reefen nieder, und in das monotone Heulen der Matrosen, die an den Reestaljen hingen und die schweren Segel zum Reefen aufholten, mischte sich schon das Brausen des Sturmes, und die Segel schlugen dabei an die von den Brassen gelösten Raaen, als ob sie der kommenden Windsbraut ängstlich entfliehen und hinaus in's Weite wollten. Hier besonders zeigte sich jetzt der Nachtheil einer zu schwachen Bemannung. – Sämmtliche Mannschaft wurde gebraucht, um ein einziges Segel zu reefen – und war selbst dazu kaum stark genug. Ehe sie denn auch das Vormarssegel fest bekommen konnten, brauste der Sturm heran, riß das große Marssegel mit einem Schlag, wie aus einer Kanone geschossen, von einander, und in der nächsten Secunde peitschten schon die Streifen davon um die Raaen. Der Capitain stampfte ingrimmig mit dem Fuß. »Soll ich Hans lieber losbinden, daß er mit hilft?« sagte der erste Mate zum Capitain, mit dem er allein auf dem Verdeck stand – der zweite Mate war mit oben auf der Marsraae. »Verdammt, nein!« rief aber dieser; »ich traue dem Burschen nicht, und er soll nicht sagen, daß er oder das Wetter mir seine Strafe abgetrotzt. Das Segel ist nun doch einmal beim Teufel, und mit den anderen werden sie schon fertig werden. So wie der Zimmermann herunterkommt, soll er ihm seinen Theil auflegen, und dann wieder marsch hinunter in sein Loch. Wenn er so mordlustige Gedanken hat, wollen wir den Wolf doch lieber nicht aus der Falle herauslassen.« Der Wind, der indessen eher an Stärke zugenommen als nachgelassen hatte, war erst ganz nach Norden herumgegangen, und bis die Leute mit Reefen fertig waren, neigte er sich sogar so weit gegen Nordost, daß der Capitain, der in den letzten beiden Tagen keine Observation bekommen und die Nacht vor der Thür sah, der Nähe der Riffe nicht mehr traute und lieber gleich zu wenden befahl. Jetzt war aber der Angebundene wirklich im Weg, und da der Capitain auch wohl einsehen mochte, daß unter den jetzigen Umständen, und während der Sturm über die aufgeregten Wogen heulte, die Vollziehung der Strafe unter den Leuten weit eher einen bösen Eindruck machen, als sie vor ähnlichen Vergehungen zurückschrecken würde, befahl er dem jetzt wieder an Deck gekommenen zweiten Mate, ihn abzubinden und nach unten zu führen – »bis das Wetter besser geworden wäre.« Der Mate, ein gutherziger Bursche, hatte wohl kaum einen Befehl seines Obern mit größerer Freudigkeit befolgt als eben diesen. Er sprang rasch nach unten, warf Hans sein Hemd wieder über und stieg mit ihm die Luke hinunter. »Es kann sich noch Alles machen, Hans ,« sagte er ihm hier freundlich, als er ihn in sein kleines Behältniß wieder eingebracht hatte – »Zeit gewonnen. Alles gewonnen, und wenn wir morgen glücklich in die Riffe einlaufen, denkt der Alte vielleicht gar nicht mehr an die ganze Geschichte.« »Ich dank' Euch für Euren freundlichen Wunsch, Mate,« sagte der Gefangene düster und warf sich auf seine Matratze, die ihm Jean heute, allerdings gegen des Capitains Befehl, zu verschaffen gewußt hatte. Der Mate hatte auch nicht lange Zeit, denn von oben nieder tönte schon das Schreien und Heulen der Matrosen, die an den Schoten und Brassen rissen, um das Schiff auf den andern Bug zu legen, und er sprang rasch die Leiter wieder hinauf. 11. Der Sturm Als an Deck Alles klar war, die nicht durchaus nöthigsten Segel geborgen, die Raaen scharf angepraßt standen, lief das Schiff wieder nach Süden zurück. Südost lag freilich auf dem Compaß an, aber ein paar Striche trieb es doch immer weiter nach Süden hinüber, so daß es vielleicht einen Süd-Südost-Cours steuerte. Unter der Zeit war es aber auch vollkommen dunkel geworden, und der Capitain saß in der Kajüte und trank, theils aus Aerger über das schlechte Wetter, theils über die vereitelte Execution an dem Deutschen, von dessen schwerer Faust ihm das Zeichen noch immer auf der Stirn brannte, ein Glas Grog über das andere. Der erste Mate, der die Wache auf Deck hatte, ging ab und zu, bald in die Kajüte hinunter, das Nöthige mit dem Capitain über die Fahrt zu besprechen, bald einmal wieder an Deck schauend, wie es mit dem Wetter stehe. Die Karte der Torresstraße lag mit Zirkeln und Parallel-Lineal auf dem Tisch der Kajüte, und es schien ihm nichts weniger als angenehm, daß sich der Capitain heute gerade um seinen Verstand trank. »Um Zwölf Uhr wollen wir wieder über den andern Bug gehen,« sagte endlich Capitain Oilytt, der in der einen Sophaecke lehnte und das rechte Bein zu sich heraufgezogen hatte. – » Damn it , wir dürfen nicht so weit von der Straße ablaufen, wir haben sonst morgen Abend wieder dieselbe Geschichte.« »Um Zwölf möchte wohl ein wenig früh sein, Capitain,« meinte der Steuermann – »ich war noch vor Dunkelwerden oben im Mast, und wenn ich's auch nicht gerade bestimmt behaupten will, so war mir's doch, als ob ich im Westen Land gesehen hätte. – Die Strömung setzt uns hier sehr stark in die Riffe hinein, und es wäre eine fatale Geschichte, wenn wir im Dunkeln draufliefen.« »Unsinn,« brummte der Capitain und füllte sich auf's Neue sein Glas – »wenn's Tag wird, werden wir gerade in der rechten Entfernung sein, bis Mittag die Einfahrt machen zu können, und dann soll auch der Bursche, der Hans, seine Ladung haben – der Schuft der!« »Capitain Oilytt,« sagte der Mate ruhig – »ich würde die Sache sein lassen, bis wir durch die Torresstraße sind. – Es ist nicht gut, jetzt böses Blut unter der Mannschaft zu machen. Nachher, wenn Ihr Euch nicht anders besonnen habt, könnt Ihr ja immer noch thun, was Ihr wollt. – Er läuft uns in der Zeit wahrhaftig nicht weg, und da unten in Eisen zu liegen, ist auch eben kein Spaß.« »Papperlapapp!« rief der Capitain, ärgerlich auffahrend – »glaubt Ihr, ich soll vor meiner Mannschaft mit zerschlagenem Gesicht herumlaufen und den Schuft nicht gezüchtigt haben, der es gewagt hat, Hand an mich zu legen? Pest und Gift – und hinter dem Burschen steckt auch noch mehr. – Ich habe ihn im vorigen Jahr zuerst von Sidney mit fortgenommen, und er sprach fast kein Wort Englisch, und gestern Abend, Gott verdamme mich, ging's ihm vom Maule, als ob er in seinem ganzen Leben keine andere Sprache gesprochen. Hier an Bord kann er das in der kurzen Zeit nicht so gelernt haben, also hat er sich vorher verstellt und da sitzt ein Haken dahinter. Es sollte mich nicht so viel wundern, wenn er irgend ein durchgekniffener Verbrecher von Neusüdwales oder Vandiemensland wäre. – Ich wollte, ich hätte früher eine Ahnung davon gehabt.« »Ja, sein Englisch ist mir auch gestern Abend aufgefallen,« sagte der Mate nachdenkend – »was sollte er aber für eine Ursache haben, seine Sprache zu verstellen?« »Und den ganzen Leib hat der Schuft voller Narben,« fuhr der Capitain, ein anderes Glas leerend, fort, »ich möchte nur wissen, wo er die gekriegt hat – im ehrlichen Kriege wahrhaftig nicht, denn so alt ist er gar nicht, irgend einen Krieg mitgemacht zu haben – verdammte Bestie! – Und dabei ist mir's immer, als ob ich seine grauen Katzenaugen schon irgend einmal früher gesehen hätte.« »Er müßte denn mit in Indien gewesen sein,« meinte der Mate. »Indien – bah –« sagte Oilytt; »die Tätowirungen hat er auch nicht aus Indien, die sind aus der Südsee. – Wo sich der Schuft nur mag herumgetrieben haben!« Er schenkte sich ein frisches Glas ein und rührte dieses wüthend zusammen, während der Mate, der das nicht länger mit ansehen mochte, die Kajüte verließ. Dem Capitain gingen aber indessen allerlei Dinge durch den Kopf – die Narben des Gefangenen gefielen ihm nicht. Der Mann hatte schon mehr erlebt, als er wiedererzählen mochte, und war allerdings im Stande, seine Drohung auszuführen. »Hol' ihn der Teufel,« brummte er endlich vor sich hin – »er soll nicht sagen können, daß er Bill Oilytt erst geschlagen und nachher in's Bockshorn gejagt hat. – Morgen früh, wenn wir gesund bleiben, soll er seine fünfzig – Narben oder keine Narben – richtig aufgezählt kriegen. – Wart', Canaille, ich will Dir das Fell noch einmal übertätowiren, und nachher kann er sehen, wie er sein Wort hält, wenn er unten in Eisen krumm liegt. – Verdammte meuterische Hundeseele!« Mit diesen Worten zog er das auch das andere Bein auf's Sopha herauf, um sich zum Schlafen zurecht zu legen. Das Rückenkissen unter den Kopf schiebend, rief er dann, erst in seiner gewöhnlichen Stimme, zum zweiten Mal jedoch laut und ärgerlich nach dem Steward – er hatte ganz vergessen, daß der im Bett lag. An dessen Statt erschien aber Timor, der malayische Knabe, in der Thür und frug, was der Capitain befehle. »Wo ist der Steward, der Lump?« schrie ihn dieser an – »schon zu Bett? – ach ja so, hat eine dicke Seite – Pest noch einmal, daß ich ihm nicht einen dicken Buckel dazu gebe – Timor – Timor!« »Ich bin hier, Sir« sagte der Junge und trat dicht zum Sopha hinan. »Timor – um zwölf Uhr weckst Du mich – verstanden?« »Ja, Sir.« – Der Junge blieb noch eine ganze Weile auf seinem Platz, fernere Befehle seines Herrn, von dem wohl wußte, daß sich in diesem Zustand mit ihm nicht spaßen ließ, abzuwarten. Der Capitain war aber schon eingeschlafen, und Timor drückte sich in seinen Verschlag, um – wenn es ihm der Mate gestattete – ein Gleiches zu thun. Unter fast gar keinen Segeln und gegen eine ziemlich schwere See an, machte das Schiff nur sehr geringen Fortgang. Trotzdem sie aber vom Lande, ihrem Cours nach, abgingen, schickte der zweite Mate, der bis zwölf Uhr die Wache hatte, mehrmals Leute nach oben, um zu sehen, ob sich nach Westen zu doch irgend etwas erkennen ließ. Der Himmel war jedoch bewölkt und die Luft zu dunkel. Ohne daß etwas Besonderes vorgefallen wäre, kam zwölf Uhr heran. Timor schüttelte jetzt seinen Herrn und that im Anfang wirklich, was er thun konnte , ihn nur munter zu bekommen. Dann sprang derselbe aber auch mit beiden Füßen zugleich empor, rieb sich die Augen und sah nach dem über ihm hängenden Compaß. Fünf Minuten blieb er noch etwa, wie in tiefe Gedanken versunken, auf dem Sopha sitzen – er besann sich wahrscheinlich, was in den letzten Stunden mit ihm vorgegangen, und erst jetzt, mit einem plötzlichen »Ja so –« stand er auf, sah nach der Kanne, die er jedoch leer fand, und stieg, darüber auch eben nicht ganz zufrieden, an Deck hinauf. Der Wind wehte noch aus demselben Quartier, ja hatte sich eher noch mehr nach Osten gedreht; die See ging hoch und hohl, und es war eine häßliche Nacht. Der erste Mate kam eben an Deck und zog sich, schon oben, seinen dicken Rock an, den er fest unter dem Hals zuknöpfte. »Guten Morgen, Capitain,« sagte er, als er an diesem vorüberging – »noch immer um nichts besser – da hinten sieht's noch häßlich aus.« »Guten Morgen, Mr. Black – nun ich denke, mit Sonnenaufgang sollen wir wieder klar Wetter bekommen, die Luft sieht da drüben schon lichter aus. Sind die Leute an Deck? – He, Bill« wandte er sich zu dem Mann, der eben vom Ruder abgelöst war, »geht noch nicht zu Koje, wir wollen wenden.« Das Manöver, das auf vollkommen bemannten Schiffen nicht viele Minuten dauern darf, erforderte mit der schwachen Mannschaft, bis Alles wieder in der gehörigen Ordnung war, fast eine halbe Stunde, und der Boreas nahm, gegen die schwere See an, eine Masse Wasser über Bord. Wie der Wind stand, konnte er dabei nur eben einen Nordcours liegen und hatte jedenfalls nach Westen hin, ohne die dort hinüber setzende Strömung, anderthalb Strich Abdrift. – »Capitain Oilytt,« sagte der Mate, als die letzten Brassen angeholt waren und das Schiff wieder, mit etwa drei Meilen Fahrt, langsam gegen die Wogen ankämpfte, – »ich glaube wahrhaftig nicht, daß wir bis vier Uhr über diesen Bug liegen dürfen. Unserer Berechnung nach sind wir allerdings noch über einen Grad von der Küste ab, wir haben aber in zwei vollen Tagen keine ordentliche Observation gehabt, und – es ist eine verdammt gefährliche Küste.« »Kommen Sie mit hinunter, wir wollen einmal auf der Karte ablegen,« sagte Capitain Oilytt und stieg voran die Treppe hinunter. Ihrer Berechnung nach waren sie allerdings noch weit genug von den Klippen ab, und mit dem geringen Fortgang, den das Schiff machte, ließ sich eben nichts Besonderes für die wenigen Stunden fürchten. Der Mate schüttelte aber doch mit dem Kopf und meinte, »sicher sei jedenfalls sicher.« »Gut, dann wecken Sie mich um zwei Uhr,« brummte der Capitain mürrisch und legte sich wieder auf's Sopha, um dort die anderthalb Stunden zu verbringen. 12. Die Riffbank Der Mate kam um die bestimmte Zeit selber herunter, legte die Distance ab, die sie nach Log und Compaß gemacht, und fand, daß sie der Küste, wenn die Strömung hier nicht sehr stark war, etwa um fünf Meilen näher gekommen. Sie gingen dann mitsammen auf Deck, und es wurde ein Mann nach oben gesandt, um auszusehen, während vorn auf der Back ein anderer die Wache halten mußte. Es ließ sich aber nicht das Mindeste erkennen, und der Capitain blieb bis zu seiner Wache oben. Gewendet wurde aber nicht . Um vier Uhr ging der erste Mate nach unten, und als er den zweiten weckte, prägte er ihm noch besonders ein, ja fortwährend Jemand auf dem Ausguck zu haben, der nicht allein nach der Brandung aussähe, sondern auch aushorche , denn sie würden sie in dieser stockfinstern Nacht eine Stunde eher hören als sehen können. Er ging dann zu Koje, konnte aber nicht schlafen und wälzte sich unruhig, alle Augenblicke aufhorchend, auf seinem Bett herum. Es war um fünf Uhr Morgens, als er ganz deutlich durch sein offenes Fenster, bei einem plötzlich herüberwehenden Windstoß, das ferne dumpfe Rollen der Brandung zu hören glaubte. Mit einem Satz war er aus dem Bett und an Deck – einen Augenblick war Alles still, dann kam es dumpfgrollend und deutlich wieder über die empörte See daher und mischte sich in das Heulen des Windes. »Capitain Oilytt, wir sind dicht auf der Küste,« rief der Mann erschrocken und sprang rasch die wenigen Stufen hinauf und auf den Capitain zu, der bis jetzt auf dem hintern Theil des Quarterdeck mit schnellen Schlitten auf- und abgegangen war. »Unsinn, Sir – was macht Sie das glauben?« frug der Capitain, indem er stehen blieb. »Hörten Sie nichts?« sagte der Mate und hielt die gebogene Hand trichterförmig an das lauschend vorgebeugte Ohr. Eine halbe Minute wohl ließ sich nichts deutlich unterscheiden, dann aber plötzlich quollen die dumpfgrollenden Töne ferner Brandung so deutlich zu ihnen herüber, daß sich die Sache nicht mehr bezweifeln oder gar wegleugnen ließ. »Ich höre nach vorn zu auch die Brandung, Capitain,« sagte Jean, der am Ruder stand und schon eine Weile nach der Richtung hinübergehorcht hatte, »gerad' da drüben.« »Er hat wahrhaftig Recht,« rief der Mate – »wir sitzen mittendrin.« » All hands on deck ,« donnerte der Capitain jetzt, ohne etwas darauf zu erwidern, über Deck hin – »schnell, Jungens, schnell, treibt mir die Schläfer aus den Kojen. – Nach oben, Ihr Leute, und schüttelt mir die Reefen aus den Marssegeln. – Rasch, munter, Jungens – Zwei nach vorn und Zwei für die Besan – jetzt fehlt uns das große Marssegel. Den großen Klüver los, Einer von Euch, und nun Marsraaen in die Höhe, was das Zeug halten will!« Die Leute waren aus dem Logis halb bekleidet herausgesprungen und flogen an die Taue. Die Vormarsraae ging rasch, diesmal ohne Singen und nur unter dem schnellen Tactheulen eines Einzelnen, nach oben, und das gewaltige Segel faßte bald voll und kräftig den Wind. »Vor-Bramsegel los!« – tönte der nächste Ruf, und ob sich gleich die Stenge vor der ungeheuren Last, die gegen sie preßte, ordentlich bog, als die Schoten nach den Nocken flogen und der Wind plötzlich hineinschlug, sie brachen wenigstens nicht. Das große Besan war ebenfalls gesetzt, und das Schiff bewegte sich etwas schnell durch's Wasser. »Ist das neue Marssegel zur Hand, Mr. Black?« frug der Capitain jetzt diesen, der neben ihm stand und die Besanschot befestigen half. »Alles in Ordnung, Sir – liegt gerade hier unter der Luke. Ich wollte es überhaupt schon heute früh anschlagen und das alte Segel ausbessern lassen.« »Ich wollte, Sie hätten's gestern gethan,« erwiderte der Capitain – »allons, hinauf damit – wir müssen sehen, daß wir es festkriegen. Wenn wir nicht Segel setzen können, jagen wir unrettbar auf die Riffe hinauf.« Es ist eine schlimme Arbeit an Bord eines Schiffes, in solchem Wetter und solcher See ein Segel anzuschlagen, das schon durch sein ungeheures Gewicht ein stetes Hinderniß bietet. In offener See wäre es auch sicher unterblieben. Hier aber lag ihre einzige Rettung darin, um von der Küste oder den Riffen vielmehr, die sich hier gefährlicher als an irgend einer Küste hinauf erstreckten, wieder abzukommen, und die Marssegel sind durch ihre Größe wie ihren Platz bei solchem Absegeln gerade die wichtigsten von allen. Ob die Stengen und Masten hielten, mußte sich jetzt zeigen. Aber halten oder nicht – brachten sie nicht mehr Segel auf, so saßen sie in einer Stunde zwischen den Klippen. Die Luke war geöffnet, und die Männer arbeiteten daran, das schwere Segel auf Deck zu heben, während der Capitain unruhig vorgebeugt nach der Brandung horchte und in der sich mehr und mehr lichtenden Dämmerung den weißen Schaumstreifen, der jetzt sichtbar sein mußte, zu erkennen suchte. Einer der Leute war nach oben geschickt, eine Talje an eine der Pardunen zu schlagen, um das Segel nachher in die Marsen hinaufheben zu können. Zuerst mußte es aber auf Deck vollkommen dicht gereeft und so fest zusammengeschnürt werden, daß oben der Wind, ehe es festgemacht war, nicht hineingreifen konnte. »Capitain Oilytt,« sagte der Mate jetzt zu diesem tretend – »wir sind zu schwach an Händen – soll ich Hans vielleicht aus dem untern Raum heraufholen lassen?« »Nein,« sagte der Capitain rasch – »es geht auch ohne den – ich will nicht. – Doch meinetwegen,« setzte er, sich eines Bessern besinnend, hinzu – »wir dürfen nichts versäumen, denn wenn wir Unglück haben, käme uns am Ende die Assecuranz-Compagnie auf den Kragen. Bringt ihn herauf und nehmt ihm die Eisen ab. Wenn wir von der Küste los sind, können wir immer noch thun, was wir wollen.« Der Zimmermann mußte den Gefangenen heraufbringen, und auch der Steward war indessen aus dem Bett geholt. Obgleich er ächzte und stöhnte, als ob er am Spieße stäke, half ihm das diesmal nichts. Kaum hatte er aber einen Blick über See und Takelwerk geworfen und nach den donnernden Riffen hinüber gehorcht, als er auf einmal so gesund schien, als ob ihm im Leben nichts gefehlt hätte. Er war lange genug zur See gewesen, um bald einzusehen, wie die Sachen hier standen. Als Hans an Deck kam, warf er einen einzigen flüchtigen Blick über Segel und Luft, im nächsten Moment schlug aber schon das dumpfe, jetzt ganz deutliche Rollen der Brandung an sein Ohr, und ein leichtes, fast triumphirendes Lächeln überflog seine bleichen Züge. »Nehmt ihm die Eisen ab, Zimmermann,« sagte der erste Mate rasch, als ob er befürchte, daß vom Capitain wieder Einsprache geschehen könnte – »und dann rasch an's Werk, mein Bursche. Wir arbeiten heute Morgen Alle nur für uns selber, denn wer den Hals nicht voll Seewasser haben will, mag zusehen, daß er seinen Mund noch eine Weile über hoch Wassermark behält. – Rasch mit dem Segel, Ihr Jungens, das dauert ja eine Ewigkeit.« »Mr. Black,« sagte aber in diesem Augenblick Hans, der dem Zimmermann seine Hände wieder entzogen hatte, daß er ihn noch nicht frei machen konnte – »ehe ich einen Finger dazu aufhebe, dies Schiff vom Untergang mit frei zu arbeiten, will ich erst wissen, ob der Capitain die – Prügelstrafe, die er mir zudictirt, zurückgenommen. – Ist das der Fall, so soll er wahrlich keinen willigeren Mann als mich an Bord haben, und er mag mich nachher geduldig wieder in Eisen legen. – Ist das aber nicht der Fall, so – ist mir's lieber, wir treiben auf die Klippen. – Ich für meinen Theil ersaufe nun einmal lieber, als daß ich mich peitsche lasse.« »Das ist Unsinn Mann,« rief aber der Mate – »macht keine Flausen und seid froh, daß man Euch Gelegenheit giebt. Euer eigenes Leben mit retten zu helfen. – Erst einmal von der Küste ab – das Andere findet sich nachher.« »Was? – will sich der Hund noch wiedersetzen?« schrie aber der Capitain jetzt, auf das Mitteldeck springend und eine Handspeiche, die beim Oeffnen der Luke gebraucht war, aufgreifend – und ehe ihn Jemand daran verhindern konnte, schlug er sie dem Gefangenen, der wehrlos und mit gefesselten Händen vor ihm stand, über dem Kopf, daß er besinnungslos zu Boden stürzte. Bill und Karl wollten ihm zu Hülfe springen und ihn aufrichten. Der Capitain schrie sie aber an, bei ihrer Arbeit zu bleiben und sich nicht zu rühren, warf dann die Handspeiche auf Deck und befahl Timor, den »Körper« aus dem Weg und auf die Seite zu ziehen. Mr. Black – sonst wohl ein rauher Gesell, aber keineswegs mit solcher unnöthigen Grausamkeit einverstanden, wartete diesmal auf keine weiteren Befehle von seinem Capitain, sondern rief dem ihm nächsten Matrosen zu – es war Bill – den Bewußtlosen aufzuheben und hinunter in das Zwischendeck zu schaffen. Dort legten sie ihn auf ein paar der da aufgestapelten Heuballen und ließen ihn liegen – es war nicht möglich, in diesem Augenblick weiter etwas mit ihm vorzunehmen. Der Capitain sah dies wohl, da aber Mr. Black, und wie es schien fest entschlossen, selber dabei betheiligt war, ließ er ihn gewähren und ging mürrisch nach hinten. Das Segel war indessen an Deck dicht gereeft und fest zusammengeschnürt. An einem Ende an die Talje befestigt, zogen es die Leute mit leichter Mühe in den großen Mars. Zwei von den Leuten hatten indessen die Reeftalje von den Marsraaenocken bis hierher niedergeholt, schlugen diese an beiden Seiten durch eine der Reefkausen, und holten nur das Segel nach Steuer- und Backbord aus. Eine andere Talje um die Mitte geschlagen, brachte es dicht unter die Raae, und die ganze jetzt über die Raae vertheilte Mannschaft zog mit unendlicher Schwierigkeit zwar, aber doch sicher und gut das Segel mit den ersten Reefbändern an seine gehörige Stelle und festigte es dort mit allen Bändern. Nach kaum einer Viertelstunde schlug das Segel, von den beiden Tauen befreit, auf. Mit der Geschwindigkeit von Affen glitten aber auch die Leute zu gleicher Zeit an Wanten und Pardunen nieder, um die Schoten auszuziehen, und hoch flog die wilde Spritzwelle über den Bug des Schiffes aus und schleuderte förmliche Wellen über Deck weg, als die neue Gewalt das ächzende Fahrzeug gegen die anstürmende Wassermasse trieb. Es war ein Glück für das Fahrzeug, daß sich der Wind mit der Tagesdämmerung etwas gelegt hatte, es wäre sonst gar nicht im Stande gewesen, diese Segel zu führen. Selbst jetzt noch standen die Taue zum äußersten gestrafft, und die starken Stengen bogen sich und schienen nur eines einzigen Druckes mehr zu bedürfen, um wie Glas von einander zu springen. Mr. Black war indessen selber nach oben gegangen, und sein gleich darauf nichts weniger als tröstlich klingender Ruf: »Brandung einen Strich über den Leebug« brachte auch den Capitain bald an seine Seite. »Da drüben sind die Riffe, Sir,« sagte der Mate, auf der Bramraae stehend und sich mit dem linken Arm um die Stenge festhaltend. Er deutete dabei mit der Rechten nach einem weißen Kamm hinüber, der, aus hohen Brandungswellen bestehend, weit vom Süden heraufkam und den ganzen Westen zu umschließen schien. »Können Sie gar kein hohes Land erkennen, Sir?« frug der Capitain, der auf die Raae mit hinausstieg und sein linkes Bein darüber wegschlug. – »Wenn wir nur den Thurm von Raines Island ausmachen könnten – in einer Stunde wären wir in Sicherheit.« »Es ist zu neblig,« lautete die Antwort – »gerad' hinter der Brandung liegt es wie schwerer Duft auf dem Wasser, und es läßt sich nichts erkennen. – Ich glaube nicht, daß wir abkommen, Capitain.« »Laßt das große Bramsegel auch beisetzen, Mr. Black,« – sagte dieser, unruhig den drohenden Küsten- oder vielmehr Inselstreifen übersehend – »wir müssen .« »Die Stenge hält es nicht, Capitain,« sagte der Mate, »sie ist alt und schon einmal geflickt – wir werfen sie augenblicklich über Bord.« »Wir müssen , Mr. Black – wir kommen wahrhaftig nicht einmal mehr mit diesen Segeln um die Südspitze der Riffe dort weg, und wenn wir noch einmal zum Wenden gezwungen werden, sind wir rettungslos verloren. Wir verlieren mehr dabei, als wir in einer vollen Woche wieder gut machen können.« »Große Bramsegel los!« schrie der Mate, statt weiterer Antwort, nach unten. – Einer von den Leuten, es war der Deutsche, Karl, stieg nach oben, um das Segel zu lösen. – Unten zogen sie indessen schon die Raae auf. Als das Segel ausflatterte, ächzte die Stenge, und Karl sah sich erschreckt um. »Nieder mit Euch – nieder!« schrie ihm der Mate hinüber und winkte ihm mit der Hand, daß er sich rasch niederlassen sollte. Das Brausen des Windes übertönte aber seine Worte, und Karl war eben damit beschäftigt, einen der Geitaublöcke, der unklar gekommen war, wieder frei zu machen – die Schoten fuhren aus und der Wind schlug in das Segel. »Nieder mit Euch aus dem Top!« schrie der Mate, während er und der Capitain selber blitzschnell nach unten glitten – aber Karl hörte die warnende Stimme nicht. – Um ihn krachte und brach es – seine Geistesgegenwart verlierend, griff er nach dem ersten besten Tau, das er erfassen konnte, und seine Sinne schwanden in der Gewalt des Sturzes. »Mann über Bord!« schrie Jean, vom Ruder aus, durch den Lärm des krachenden Holzes und das Brüllen der See hindurch. – Wie instinctartig flog auch Bill die Quarterdeckstreppe hinauf, und ein dort liegendes Tau ergreifend, schleuderte er es mit geschicktem Wurf dem eben vorbeitreibenden Körper fast über den Kopf – aber es war umsonst. – Die Fähigkeit, es zu halten und zu greifen, war aus den erschlafften Muskeln gewichen. – Im Fall mußte er mit dem Kopf gegen irgend einen der Blöcke oder Raaenocken geschlagen sein; die Stirn zeigte, eben als Bill noch in Todesangst hinübersah, eine klaffende Wunde. – Die See schlug über den Unglücklichen zusammen und er sank in die Tiefe. Das Alles geschah, während es über den Häuptern der Beiden ebenfalls krachte und zusammenbrach. – Dicht neben Bill schlug der Besantop herunter und fuhr gerade durch das eine der Boote, die an beiden Seiten in eisernen Krahnen aufgehißt und befestigt waren – aber der Matrose hörte es gar nicht. Wie erstarrt hing sein Blick an der wegsinkenden Leiche des Kameraden. Als er sich wieder umschaute, war das Schiff ein Wrack – alle drei Stengen waren niedergebrochen und der Klüverbaum nach Lee herumgeschlagen. Das Schiff, welches im Anfang fast schon durch die Segellast auf der Seite gelegen und eine Unmasse Wasser übergenommen hatte, richtete sich dadurch allerdings wieder etwas auf, wurde aber auch zu gleicher Zeit durch das jetzt nebenherschleifende Takelwerk mit Raaen und Stengen so in seinem Lauf gehemmt, daß es fast nicht den geringsten Fortgang machte und nur mit der hier stark nach Nordwest setzenden Strömung gerade auf die Klippen trieb. »Kappt weg, Jungens, kappt Alles!« schrie der Mate und suchte selber, mit gutem Beispiel vorangehend, das Schiff von dem Anhängsel, das sogar im Steuern hinderte, zu befreien, was ihm auch mit Hülfe der anderen Zuspringenden bald gelang. Sie kappten Alles frei, was über Bord hing, das Schiff vermochten sie aber nicht mehr zu retten. Nur noch womöglich eine Stelle zu treffen, wo sie in ruhiges Wasser kommen konnten, war das Einzige, was ihnen zu thun übrig blieb, und der Capitain hatte sich durch das hängende und schlagende Tauwerk bis zu dem Stumpf des vordern Mastes hinaufgearbeitet, von dem er jetzt niederschrie, das Schiff zwei Striche abfallen zu lassen. – Der Befehl wurde augenblicklich befolgt, und sie näherten sich den brandenden, schäumenden Klippen mit rasender Schnelle. »Können Sie die Backbord-Raaen etwas anbrassen, Mr. Black?« »Ay, ay, Sir – brassen, meine Jungens – nur ein wenig – für Euer Leben – greift zu hier. Ahoy – ahoy – noch einmal – so – Vor-Raaen jetzt.« »Noch mehr abfallen – halt – Steady –« tönte der langgezogene Ruf. Die Leute standen an Deck und wagten kaum zu athmen. Eine, wie es von hier aus schien, durchaus ununterbrochene Mauer von Klippen streckte sich vor ihnen aus, auf die das Schiff jetzt halb vor dem Wind mit wenigstens neun Meilen Fahrt hinauftrieb. Sobald sie aufstießen, mußte sie die erste nachstürzende Woge zerschmettern, und in diesem Chaos von scharfen Korallenfelsen und Sturzseen wäre es nicht möglich gewesen, auch nur ein einziges Leben zu retten. »Noch mehr abfallen!« lautete der eintönige, ruhige Ruf. »Noch mehr abfallen!« wiederholten fast bewußtlos mehr als ein halbes Dutzend der Umstehenden. – Jean stand am Steuer und sah todtenbleich aus, aber ein fast trotziges Lächeln spielte um seine Lippen, als er die Befehle, zum Zeichen, daß er sie gehört und während sie schon ausgeführt waren, wiederholte. Die Brandung stürmte jetzt so gewaltig und so m ihrer Nähe, daß es schon fast war, als ob das Wasser auf Deck spritzen könnte. Bill sah nach den Masten hinauf, denn er erwartete mit jedem Augenblick den ersten Stoß und wußte, daß sie dann auch rettungslos nach vorn übergehen mußten. Keiner sprach aber ein Wort, und wohl drei oder vier Minuten standen die Männer still und lautlos, den Augenblick der Entscheidung erwartend. An Hans dachte Keiner mehr von ihnen. Der Tod lauerte vor jedes Einzelnen Thür und mahnte mit ernstem Klopfen an Zeit und Ewigkeit. »Luff – ein klein wenig Luff nur!« rief d« Capitain in diesem Augenblick von oben herunter. » Luff it is !« war die Antwort des Steuernden. » Steady !« die Stimme klang geisterhaft wild durch das Heulen des Sturmes und das Brausen der Brandung – »Steady, um Euer Leben!« Rechts und links am Schiff hinauf stürzten die Wogen, die sich an den Korallenfelsen neben ihnen brachen, aber das Schiff schoß mit Blitzesschnelle hindurch. » Hard a port « – überschrie der Capitain mit seiner Donnerstimme das Toben der Elemente, und während fast jede bleiche Lippe den Befehl wiederholte und sich der Mate selbst mit in die Speichen des Rades warf, ihn auszuführen, glitt Capitain Oilytt blitzschnell an einer der Pardunen an Deck hinunter. Er hatte dieses aber kaum berührt und das Schiff war noch nicht mehr wie seine eigene Länge in der neuen Richtung fortgeschossen, als ein furchtbarer Stoß es bis in den Kiel hinunter erschütterte. – Was nicht fest stand, stürzte auf Deck nieder, und wie mit einem Schlag brachen die drei Masten über Backbord nieder und schmetterten in das wie kochend schäumende, milchige Wasser. Alle schienen einen zweiten Stoß und das Zerschmettern des Schiffes selber zu erwarten – aber er kam nicht. – Die ungeheuren Wogen des stürmenden Meeres wälzten gegen sie heran, aber sie erreichten das Schiff nicht. – Dieselbe Wand starrer Korallen, die ihnen vorher Verderben gedroht und auf der sie, wenn sie dort aufgestoßen, auch rettungslos verloren gewesen wären, lag jetzt, ein unerschütterlicher Schutz, zwischen ihnen und dem drohenden Verderben. Die Leute wagten kaum zu athmen, und viele Minuten lang rührte sich keiner von seiner Stelle, als ob sie an Rettung noch gar nicht glauben könnten. Bill war der Erste, der auf das kleine hinter dem Rad angebrachte Haus, das sogenannte Farbenspintje, sprang und mit einem Jubelruf die Rettung verkündete. »Sicher festgefahren!« schrie er den Anderen zu; »verdammt will ich sein, wenn das nicht der niedlichste Platz ist, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.« Die Worte brachen den Zauber, und Alles sprang jetzt auf die hohe Railing, um soviel als möglich die Stelle, wo sie sich befanden, zu übersehen und die Möglichkeit einer Rettung zu berechnen. Das Schiff war glücklich zwischen zwei hohen Korallenriffen und durch einen Durchgang eingelaufen, der vielleicht nicht viel breiter war als das Fahrzeug selber. – Der glatte Streifen Wasser, der den Weg wenigstens bezeichnete, in dem sie eingekommen, war kaum Mannslänge breit, und an beiden Seiten stürzte die Brandung der Nachbarklippen hinein. Weiter ließ sich aber auch, so weit das Auge reichte, keine einzige Einfahrt erkennen, und nur ihre verzweifelte Lage hatte den Capitain veranlassen können, sein Schiff auf den schmalen Streifen zuzutreiben, der eben so gut wie das Uebrige eine versteckte Klippe hätte bergen können. Hier, inmitten der Riffe, lagen sie nun in einem kleinen, kaum hundert Schritt langen See hellen, fast gelblich grünen Wassers, in dem sich die den Grund bildenden Baumkorallen klar und deutlich erkennen ließen. Ringsum waren sie total von Korallenbänken eingeschlossen, die an den meisten Stellen bis dicht an die Oberfläche reichten, hier und da aber kleine, zwei, drei und vier Fuß tiefe Kanäle bildeten, von denen einige offen lagen, andere mit langen treibenden Seegewächsen überzogen waren. Diese Korallenriffe konnten indessen kaum zweihundert Schritt breit sein, denn dicht dahinter lag wieder tiefes blaues, nur jetzt von der schweren Brise aufgeregtes Wasser, das nicht so durch die hohe Brandung von dem darüber hinstreifenden Wind geschützt war wie die Stelle, auf der sie gerade saßen. 13. Das Wrack Vor allen Dingen galt es jetzt, die Möglichkeit einer Rettung zu überlegen. Wenn sie ihr großes Boot flott bekamen, schien nicht die mindeste Schwierigkeit vorhanden, in die wirkliche Fahrstraße durch die Torresstraße einzulaufen, und dann konnten sie leicht auf einer der kleinen Inseln halten, bis ein anderes von Sidney nach Britisch- oder Holländisch-Indien bestimmtes Schiff vorbeikommen und sie aufnehmen würde. Es war jetzt noch die günstigste Jahreszeit für diese Fahrt, und Capitain Oilytt wußte selbst mehrere Schiffe, die beabsichtigt hatten, ihm in acht oder vierzehn Tagen zu folgen. Aber selbst von ihrer eigenen Lage wurden sie in diesem Augenblick durch einen furchtbaren Lärm, der aus dem untern Deck herauftönte, abgezogen, und Alles sprang an die Luken, um hinabzuschauen. Um das Schiff selber brauchten sie sich jetzt auch in der That nicht weiter zu kümmern, das lag fest genug zwischen seinen Korallen, und hätte es ja noch gescheuert, so durften sie höchstens die Anker auswerfen, um es ganz fest und sicher zu bekommen. Der Lärm rührte von den armen Thieren, den Pferden her. Natürlich war das Schiff leck geworden und das Wasser in den untern Raum gedrungen, und die festgebundenen rangen nun mit ihren letzten Anstrengungen gegen den sie bewältigenden Tod an. Manchmal, wenn eins der unglücklichen Geschöpfe seinen Kopf noch über Wasser bekam, hörten sie deutlich das Schnauben, und oft drang ein entsetzlicher Nothschrei zu ihren Ohren und machte sie schaudern – aber Hülfe zu bringen war nicht mehr möglich. – Wären sie selbst im Stande gewesen, die Stricke zu zerschneiden, mit denen die Thiere festgebunden standen: aus dem untern Raum konnten sie sie doch nicht herausbekommen, und dort stieg das Wasser mit rasender Schnelle. Jean sprang zwar die Leiter hinunter, mehr um sich von der vollkommenen Nutzlosigkeit einer Hülfe zu überzeugen, als irgend etwas zu thun. Gerade da aber wurde diese, wahrscheinlich durch eins der losgerissenen Thiere, das sich dagegen geworfen, umgestoßen. Er konnte eben noch das zum Auf- und Niedersteigen befestigte Tau fassen und sich vor einem Sturz in die Tiefe retten, der ihn nur zu wahrscheinlich unter die Hufe der verzweifelten Thiere geworfen hätte. Als er festen Fuß auf dem Heu faßte und traurig in den dunkeln Raum hinabstarrte, wo es jetzt stiller und stiller wurde, sagte eine leise schwache Stimme an seiner Seite: »Jean – was ist mit dem Schiff vorgegangen?« »Hans, um Gottes willen,« rief der junge Franzose und sprang rasch nach ihm hinüber – »armer Teufel, wie geht Dir's? Hol's der Henker, wir haben die Hände, oder vielmehr Augen und Ohren die letzte Stunde so voll gehabt, daß beim Himmel keine Seele an etwas Anderes als an sich selber denken konnte – Jesus Maria, wie blutig Du aussiehst – wie ist Dir?« »Besser, viel besser; aber was ist mit dem Schiff vorgegangen?« fragte der Verwundete. »Oh, das sitzt fest und wacker auf einer Korallenbank,« lachte Jean, der, einmal aus der nächsten Todesgefahr heraus, schon all' seinen frischen und fröhlichen Muth wiederbekommen hatte. »Masten über Bord, alle drei, und so sicher vor Anker, wie nur je ein gutes Fahrzeug nach langer Reise gelegen hat. Der arme Karl ist aber auch über Bord –« setzte er ernster und fast traurig hinzu. »Ich wollte, ich wäre an seiner Stelle,« sagte Hans und fiel mit geschlossenen Augen auf das Heu zurück. »Unsinn,« lachte aber Jean wieder – »Deine Leiden sind jetzt zu Ende. – Wer weiß, ob's nicht am Ende ganz gut ist, daß wir den alten verdammten Kasten auf soliden Grund gesetzt haben. Der Schuft von Capitain kann jetzt sehen, wo er ein neues Schiff bekommt, mich kriegt er aber wahrhaftig nicht wieder als Matrose an Bord, so viel ist gewiß. Pest, Mann, Du hast aber die Eisen noch an, das geht nicht, die müssen herunter; und das Wasser ist auch schon bis in's Zwischendeck gestiegen – der untere Raum ist ganz voll. – Wie still und ruhig es jetzt da unten ist,« setzte er schaudernd hinzu – »der Mensch ist doch ein entsetzliches Geschöpf mit seiner Gewalt über das Thier.« »Jean,« rief in diesem Augenblick der Mate herunter – »wo zum Teufel steckt Ihr?« »Komme,« antwortete der Matrose, wandte sich dann aber noch rasch zu Hans und sagte tröstend, »ich bin bald wieder bei Dir. Hab' keine Furcht, wir wollen die Sache schon machen.« Er schob die Leiter, die nur auf die Seite geschlagen war, wieder zurück und kletterte rasch an Deck. Dort wurden indessen schon die nöthigen Vorbereitungen getroffen, ein paar Nothspieren aufzurichten, um das große Boot über Bord zu heben und flott zu bekommen, was der doppelten Mannschaft, ohne die Hülfe von diesen und Flaschenzügen, nicht möglich gewesen wäre, mit bloßen Händen in's Werk zu setzen. Jean wandte sich nun an Mr. Black, Hansens Freilassung zu bewirken. – Der Mann lag verwundet im untern Raum und durfte nicht ohne Hülfe liegen bleiben, wenn man sein Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Mr. Black sprach auch augenblicklich mit dem Capitain darüber, dieser aber wollte von nichts hören. So lange er an Bord Herr sei, schwur er, bleibe der Schuft in Eisen. Er habe sich widersetzt und dem den Tod gedroht, der ihn bestrafen würde, also offene, unverhehlte Meuterei, und er wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, gemeuchelmordet zu werden. Damit wandte er sich ab und den Arbeitenden wieder zu. »Aber, Sir,« sagte der Mate, »Sie können ihn doch nicht gut geschlossen mit in's Boot nehmen? Er wird da mehr im Wege sein, und – ich weiß auch nicht, ob Sie das später werden verantworten können.« »Verantworten?« lachte der Capitain höhnisch – »übrigens wer sagt Ihnen denn, Mr. Black, daß ich ihn überhaupt mit in's Boot haben will? Es fällt mir gar nicht ein, mich mit dem rebellischen Schurken länger zu behelligen.« »Sie werden ihn doch nicht hülflos zurücklassen wollen?« rief der Mate rasch. »Hülflos?« meinte Oilytt, »ist das hülflos? Ich lasse ihn im Besitz meines ganzen Schiffs, und da ist auch die Jolle, die er nehmen kann, wenn es ihm beliebt, sollte ihm der Aufenthalt hier nicht länger behagen. – Was verlangt er mehr?« »Das geht wahrhaftig nicht an, Capitain Oilytt,« sagte der Mate kopfschüttelnd. »Sie sollen einmal sehen, wie schön es geht,« lachte dieser zurück. – »Es geht Alles auf der Welt, was man nur will, und der Bursche kann noch seinem Gott danken, daß ich ihn nicht mit nach dem nächsten Hafen nehme, um ihn dort als einen meuterischen Hund, der er ist, aufhängen zu lassen. Sähe ich die Möglichkeit ein, wieder nach Sidney zurückzukommen, so geschähe das auch jedenfalls. All' die Schiffe aber, die in nächster Zeit auslaufen, und auf die wir hier hoffen können, sind nach Batavia bestimmt, und mit der holländischen Regierung mag ich nichts zu thun haben. – Ich und sie sind schon einmal zusammen gewesen und eben nicht als die besten Freunde geschieden.« »So will ich ihm wenigstens jetzt die Eisen abnehmen, daß wir nach seiner Wunde sehen können,« sagte Mr. Black und wollte sich abdrehen, um in das Zwischendeck hinunterzusteigen. »Halt, Mr. Black,« hielt ihn aber sein Vorgesetzter zurück, »nicht eher, bis ich Ihnen das sage – wenn's Ihnen gefällig ist. – Nach der Wunde kann auch ohne das gesehen werden. Hier haben Sie den Schlüssel zur Medicinkiste, und seien Sie so gut und besorgen Sie das. – Der dickköpfige Schuft wäre auch ohne dies nicht sogleich abgefahren – aber die Eisen behält er, bis wir von Bord gehen.« Der Mate konnte nichts dagegen einwenden, stieg aber augenblicklich in die Kajüte hinunter, um das nöthige Wundpflaster heraufzuholen. Von dem steckte er auch eine Quantität in die Tasche, um es Hans zum ferneren Gebrauch zu lassen, und sah dann nach seinem Kranken, den er aber weit besser fand, als er wirklich erwartet hatte. Unterdessen gingen die Arbeiten an Deck rasch vor sich. Provisionen wurden herausgeschafft, der Capitain hatte seine Instrumente, Karten, den Compaß für den Nothfall und seine Papiere geborgen, vertheilte dann die an Bord befindlichen Musketen mit der gehörigen Munition unter die Leute, da man in der Straße sehr häufig auf Schwarze stößt, von denen man nicht immer weiß, ob sie freundlich oder feindlich sind, und ließ dann die Leute an die Arbeit gehen, um das große Boot vom Verdeck hinunter in See zu heben. Unter all' diesen Arbeiten rückte der Abend mehr und mehr heran, und es war schon kein Gedanke mehr, noch an diesem Tag sich einzuschiffen. Um zwölf Uhr hatte der Capitain, da die Sonne heut hell und klar am Himmel stand, seine Observation genommen, um die Breite zu bekommen, auf der sie sich befanden, denn die Länge wußten sie nur zu genau. Er fand dabei, daß sie etwa dreißig Meilen oberhalb Raines Island auf den Riffen saßen. Von hier aus konnten sie leicht in die südliche, am häufigsten befahrene Straße kommen, und an Gefahr für ihr Leben, wenn sie sich nur ein wenig mit ihren Provisionen einschränkten oder sich zugleich auf den Fischfang legten, war nicht zu denken. Die einzige Vorsicht, die sie gebrauchen mußten, war, einen gehörigen Vorrath von Wasser einzulegen, und damit konnten sie dann getrost nach einer der Zwischeninseln oder auch Booby Island hinfahren, an welchem letzteren Ort sogar Vorräthe für Schiffbrüchige von mehreren englischen Schiffen niedergelegt sind. Die gehörigen Segel für die Barkasse, die jetzt vollkommen gut in Stand und mit allem Nöthigen versehen fertig lagen, wurde ebenfalls hergerichtet, und mit Tagesanbruch am nächsten Morgen wollten sie ihre Pilgerfahrt beginnen. Die Matrosen packten indessen ebenfalls das Nöthigste, was sie an Wäsche gebrauchten, mit ihren wollenen Decken zusammen, denn sonstiges Gepäck oder gar ihre Kisten konnten sie natürlich nicht mitnehmen – stauten das Alles in eine Kiste hinein und waren somit ebenfalls gerüstet. Nur Jean, François und Bill hatten ihre paar Hemden zurückgelassen – die Kiste war auch gerade von den anderen Sachen voll geworden – und sie meinten, sie wollten das Ihrige nur lieber so in's Boot werfen. Alle Drei schienen übrigens andere Absichten zu haben. An dem Abend hätten die Leute gern viel mit einander unterhandelt, der Zimmermann, der sonst nie lange im Logis blieb, wich und wankte aber gerade heute nicht von seiner Kiste. Jean, Francis und Bill gaben sich deshalb einen Wink und gingen nach oben. Mit kurzen Worten vereinigten sie sich. Sie waren fest entschlossen, Hans nicht allein an Bord des Wracks und mit einem Boot zurückzulassen, mit dem er allein wenig oder gar nichts anfangen konnte – sie wollten bei ihm bleiben. Hierzu kam auch noch, daß alle Drei viel lieber nach Sidney zurückkehren, als mit dem Capitain auf irgend einem andern Fahrzeug nach Indien zu gehen wünschten, und sie machten sich deshalb schon die schönsten Pläne einer Landreise an der Küste hinunter. Sie kannten das Land und die Schwierigkeiten einer solchen Reise nicht, und der leichte Sinn eines Matrosen, der Gefahren überhaupt gar nicht achtet, weil er eben zwischen ihnen aufwächst, ließ sie das Alles mit frohem Muthe betrachten. Heut Abend beschlossen sie aber noch nichts darüber zu äußern, sondern das Alles bis morgen früh zu verschieben. 14. Die Mannschaft trennt sich Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch weckte der Mate – denn der Zimmermann, der mit dem Steward die letzte Wache gehalten, schnarchte auf Deck mit diesem um die Wette – und eine Stunde später war das letzte Frühstück an Bord eingenommen, die Mannschaft zur Abfahrt gerüstet. Jean, der mit seinen Verbündeten an diesem Morgen nur wenige Worte wechseln konnte, Hans aber, dem er in der Nacht eine Decke hinuntergetragen, ihren ganzen Plan schon mitgetheilt und natürlich nicht im Mindesten auf dessen Einwendung gehört hatte, stand vorn auf der Back, jetzt dem höchsten Theil des Schiffs, und suchte einen Ueberblick über die Binnenwasser zu bekommen, durch welche sie nun bald ihre einsame Bahn in ihrem kleinen schmalen Boote steuern sollten. Da glitt Timor, der kleine Malaye, zu ihm heran und flüsterte in seinem halb Englisch, halb Malayisch: »Toean Jean – gestern hab' ich gehört – Ihr mit Toean Hans gehen wollt – ich auch. – Wollt Ihr mich mitnehmen? Ich kann gut rudern und will recht folgsam sein.« »Donnerwetter, Junge, herzlich gern, wenn's von mir abhinge Da mußt Du aber den Capitain fragen, denn ich kann wohl über mich selber, aber über niemand Anderes von seiner Schiffsmannschaft bestimmen.« »Ja, der Capitain wird nicht wollen,« meinte der Bursche traurig und schüttelte mit dem Kopf – »habe schon müssen meine Sachen in sein Boot legen.« »Ja, dann kann ich's nicht ändern, Timor,« sagte Jean. – »Es thut mir aber leid – ich möchte Dich gern mithaben«.« »Gewiß?« rief der Junge, und seine Augen leuchteten vor Freude. »Gewiß,« erwiderte ihm der junge Matrose – »sieh zu, daß Du's einrichtest.« »Timor,« rief gerade der Capitain – »was hast Du da vorn zu suchen, Schlingel? – Marsch, hier die Sachen hinunter in's Boot, und dann bleibst Du selber unten dabei – was giebt's noch, he?« »Wer bleibt denn bei Toean Hans, Capitain?« frug der Junge schüchtern und sah seinen Herrn von der Seite an. »Ist der Junge verrückt geworden?« rief aber der Capitain wüthend. »Was zum Donnerwetter geht das Dich an, Du lederbraune Canaille? – Laß mich noch einmal eine derartige Frage von Dir hören, und ich tätowire Dir das braune Fell mit blauen und rothen Streifen, daß Du Deine Freude daran haben sollst. – Marsch, die Sachen in's Boot, und dann das Andere, was hier noch liegt, auch hinunter, und dann setzest Du Dich hinten hinein und mucksest nicht mehr. – Sind die Flaschen alle unten, die ich Dir gestern Abend gegeben habe? – he?« »Saya, Toean,« murmelte der kleine Bursche erschreckt und sprang hin, den Befehl des strengen Gebieters zu erfüllen. – Es wäre nicht die erste Mißhandlung gewesen, die er von seinen Händen zu erdulden gehabt, und er wollte sich dem nicht selber muthwillig aussetzen. Indessen wurden die Matrosen zusammengerufen, um sich einzuschiffen. – Der Capitain stand an der Fallreepstreppe, fertig, niederzusteigen – alle seine Sachen mit Provisionen und Wasser waren im Boot, und Timor hatte eben das letzte Kistchen – den Peil-Compaß, den sie vielleicht zwischen den Inseln gebrauchen konnten, hinuntergebracht. Der erste Mate war in's Zwischendeck gestiegen, um Hans loszuschließen und ihm anzukündigen, was der Capitain über ihn beschlossen hätte. Da traten Jean, Bill und Francis vor und erklärten dem Capitain, daß sie mit Hans an Bord bleiben und versuchen würden, sich in dem kleinen Boot zu retten. Hans sei zu schwach, sich allein zu helfen, und sie wollten ihn nicht umkommen lassen. Der Capitain wüthete und befahl ihnen, augenblicklich in die Barkasse hinunterzusteigen, Bill aber, der in dieser Sache das Wort genommen hatte, blieb ganz ruhig und erklärte, das Schiff sei ein Wrack und die Mannschaft könne sich retten, wie sie es am zweckmäßigsten halte. Capitain Oilytt, da ihn seine Steuerleute nicht im Mindesten dabei unterstützten, sondern eher noch das Betragen der Matrosen zu billigen schienen, sah bald, daß er gegen sie in dieser Sache nichts ausrichten könne, und rief endlich trotzig, sie sollten seinetwegen zum Teufel gehen, aber vorher die Gewehre und Munition, die sie bekommen hätten und die dem Schiff gehörten, wieder abliefern. »Die Gewehre abliefern, Sirrah?« rief Bill erstaunt – »wollen Sie uns hier von den Wilden, wenn sie in ihren Canoes ankommen, morden lassen? Gott verdamme mich, wenn das nicht zu arg wäre! Dem Schiff gehören die Gewehre, Capitain; der Lohn, den wir beim Schiff zu Gute haben, gehört auch uns und wir kriegen nicht die Probe davon. – Wenn's blos das wäre, könnten Sie die paar Schießeisen auf Abschlag rechnen.« »Schufte,« schrie aber der Capitain wüthend – »Ihr zu Gute haben? Ihr seid dem Schiff noch schuldig für das, was ich in Sidney für Euer Wiedereinfangen als Belohnung zahlen mußte. – Glaubt Ihr, Euer Schlaf-Baas hätte Euch umsonst verrathen?« »Also Mr. Mac Carther hat uns den freundlichen Streich gespielt,« sagte Bill lachend. »Nun das bleibt sich gleich, aber die Gewehre behalten wir, und ich will mich lieber später einmal, wenn es noch dazu kommen sollte, auf sechs Wochen von irgend einem Gerichtshof einsperren, als hier von den Wilden fangen und auffressen lassen. – So – das ist das Lange und Kurze davon.« Mr. Black flüsterte leise einige Worte mit dem Capitain, Dieser blieb einen Augenblick noch wie unschlüssig stehen: da aber die drei Matrosen mit ihren Gewehren in der Hand ruhig seinen wild und boshaft auf sie gerichteten Blick aushielten, und die Anderen, die noch an Deck waren, zu ihnen traten und ihnen herzlich die Hand schüttelten, drehte er sich mit einem Fluch um und wollte eben die Fallreepstreppe hinunter in's Boot steigen. Da wurde unten im Raum ein Fall in das jetzt bis in's Zwischendeck heraufsteigende Wasser gehört, und gleich darauf tönte ein gellender Hülfeschrei zu ihnen auf. Alles, was in der Nähe war, drängte sich um die Luke, um hinunter zu sehen. Unten auf dem erregten Wasser schwamm ein Strohhut. »Das war Hans!« schrie Jean erschreckt – »er ist in's Wasser gestürzt!« »Nein, Hans habe ich selber eben in's Logis gebracht,« sagte der erste Mate, »und ihm dort die Eisen abgenommen. Wie ich fortging, war er dabei, seine Kiste aufzuschließen.« »Wo ist Timor?« rief aber jetzt der Capitain, der einen Blick in sein Boot hinuntergeworfen und den Jungen dort vermißt hatte, schnell und erschreckt aus – »wo ist Timor?« »Vor ein paar Secunden stand er hier an der Luke,« betheuerte der Steward, der ein Packet mit seinen eigenen Kleidungsstücken und noch einige andere Sachen unter dem Arm trug, mit denen er dem Capitain in's Boot hinunter folgen wollte. »Timor!« rief der Capitain noch einmal, als ob er gar nicht glauben könnte, der arme kleine Bursche sei hier hineingestürzt, »wo steckt der Schlingel!« – und er sah sich ängstlich dabei nach allen Seiten um. Jean aber, rasch entschlossen wie er immer war, hatte schon Alles, was er trug, dem neben ihm stehenden Bill in die Hände gedrückt und glitt jetzt mehr als er stieg an der steilen Leiter in den Raum hinunter. Einen Augenblick faßte er auf dem Rande des Zwischendecks festen Fuß, dann verschwand er in der Fluth, die kaum über dem ihm vorangegangenen Körper zu kreisen aufgehört hatte. Alles stand in sprachloser Erwartung um die Luke her und schaute auf die unheimliche Fluth in den Raum nieder. Jeder andere Hader, jeder andere Gedanke war vergessen, und jedes Auge hing nur in peinlicher Spannung an den da unten jetzt langsam aufsteigenden Luftblasen, welche die Thätigkeit des Untergetauchten verkündeten. »Bei Gott, der kommt auch nicht wieder!« rief François endlich mit vor Angst fast erstickter Stimme. – »Jean, – um Gottes wissen, Jean!« »Da ist er!« tönte es plötzlich von den erleichterten Herzen der Schaar, aus deren Brust sich ein tiefer Seufzer aufrang. – Sie hatten in der Zeit nicht einmal zu athmen gewagt. – Das kohlschwarze, sonst so lockige, jetzt straff niederhängende Haar des jungen Franzosen wurde sichtbar, gleich darauf sein todtenbleiches Gesicht. Mit einer einzigen Armbewegung war er an der Leiter und hob sich, auf eine der Sprossen tretend, in die Höhe und mit den Schultern aus dem Wasser. – Er war allein. »Kannst Du gar nichts fühlen, Jean?« rief ihm der erste Mate ermunternd hinunter, »er wird ja doch so entsetzlich schnell nicht hinweggewaschen sein. Lieber Gott, der Junge kann schwimmen wie ein Fisch, er muß sich beim Hinunterstürzen an den Kopf geschlagen haben.« Jean erwiderte nichts, verschwand aber zum zweiten Mal unterm Wasser, und blieb diesmal länger aus als das erste Mal. Als er endlich wieder zu Tag kam, stieg er schweigend, ohne ein Wort zu sagen, an Deck und schnürte sein Bündel auf, um sich trockene Kleider anzuziehen. »Armer Junge!« murmelte der Mate, als er dem Capitain, der sich rasch und mürrisch abwandte, in's Boot folgte. Der Steward aber, der sich neben den Zimmermann niedersetzte, brummte leise vor sich hin: »Das ist mir auch noch nicht vorgekommen, daß Einer in einem Schiff drin ersaufen kann. Das hat die Kröte aber nur mir zum Possen gethan, damit ich jetzt Alles allein besorgen muß.« In wenigen Minuten war das Boot zur Abfahrt bereit. » Good bye , Kameraden,« riefen Bob und Jim herüber, und die an Bord Zurückgebliebenen winkten mit der Hand. »Stoßt ab – Gott verdamm' Euch!« zürnte aber der Capitain, den freundlichen Gruß unterbrechend – »und macht Euch da vorn Platz, daß Ihr, wenn wir einmal rudern müßten, nicht gehemmt seid.« Der kranke Jack lag vorn auf seiner Matratze im Boot. Er war noch sehr schwach und sah unwohl aus, obgleich ihn das Fieber verlassen zu haben schien; dadurch entstand eine kleine Verzögerung, während die beiden Mates beschäftigt waren, die Segel in Ordnung zu bringen. Der Sturm von gestern hatte gänzlich nachgelassen, die Luft war hell und klar, und eine leichte Ostbrise versprach ihnen eine rasche und glückliche Fahrt, nach Booby Island. Nur durch die Strömung aber und durch das Segel, das den leichten Wind doch schon etwas gefaßt hatte, waren sie ungefähr zwanzig Schritt vom Schiff abgetrieben, als plötzlich ein Ruf vom Schiff niederschallte und Aller Augen dorthin zog. Der Capitain, der ebenfalls aufsah, bekam eine Aschenfarbe, denn dort stand Hans, und in seinen Händen hielt er ein kurzes, in der Sonne blitzendes Doppelgewehr. »Mörder!« entfuhr fast unwillkürlich den bleichen Lippen des Capitains der Angstlaut, der bis zu den Ohren seines früheren Opfers drang. Hans aber schüttelte verächtlich lächelnd mit dem Kopf und rief, indem er das Gewehr neben sich auf Deck stieß: »Habt keine Furcht, Capitain Oilytt, ich will Euren letzten feigen Angriff auf mich nicht solcher Art erwidern. Hättet Ihr mich peitschen lassen, wäret Ihr jetzt ein todter Mann, aber den Schlag, den Ihr einem Gefesselten gabt, vergelt' ich Euch ein andermal. Wir sehen uns wieder ,« und er drehte sich mit diesen Worten von dem Boot, das jetzt zum ersten Mal den Wind ordentlich in seine Segel faßte und rasch durch die grüne Fluth dahinschoß, ab. Als er sich aber wandte, sah er, wie Jean und Bill plötzlich auseinanderstoben, und in demselben Augenblick Pfiff auch eine Kugel, aber schlecht genug gezielt, über sie hin. Mit Blitzesschnelle flog er herum und riß die eigene Büchse in die Höhe, doch ein Blick auf das Boot sagte ihm, wie sehr er dabei das Leben anderer Menschen gefährden mußte. Er setzte das Gewehr rasch wieder nieder, hob aber, zum Zeichen seines Wohlbefindens, die Mütze, schwenkte sie um den Kopf und rief mit trotzigem Hohn: »Dank' Euch, Capitain – werd's Euch zu Gute schreiben – auf Wiedersehen!« Er sah, wie der Capitain im Boot einen Versuch machte, eine andere neben ihm liegende Muskete nach ihm hinzurichten, aber der erste Mate hinderte ihn daran, und fünf Minuten später war das Boot außer Schußweite – eine halbe Stunde später kaum noch in Sicht. Die Matrosen blieben noch eine Weile auf Deck stehen, ehe sie an ihre Vorbereitungen gingen. Sie schauten, Jeder in seine Gedanken versenkt, dem wegschießenden Boote nach, so lange sie noch eine Gestalt darin unterscheiden konnten, und dann erst, als es nur noch wie ein schwarzer Punkt auf dem Wasser lag, reichte Hans Jean, Bill und François die Hand und dankte ihnen für die ausharrende Freundschaft. »Oh Unsinn, Mann,« lachte Jean – »reiner Eigennutz von uns. Wir wollen nicht mit dem Alten nach Indien, ich möchte gern wieder nach Sidney zurück, und darum sind wir alle Drei hier geblieben, die Landreise zusammen zu versuchen.« Hans schüttelte aber zweifelnd mit dem Kopf und sagte bedächtig: »Jean, Jean, Ihr irrt Euch da alle Drei in der Natur des Landes, das Ihr durchwandern wollt. Ich habe Euch das schon diese Nacht gesagt. Ich fürchte sogar, wir dürfen nicht einmal den Versuch wagen, wenn wir uns nicht der größten Gefahr aussetzen wollen. Die Schwarzen an diesen Küstenstrichen sind nichtswürdiges, blutdürstiges Gesindel.« »Bah, wagen !« lachte Jean mit seiner ganzen sorglosen Keckheit, die nie einer Gefahr aus dem Wege ging, ja sie eher noch aufsuchte, als sie vermied, wenn er einmal die Wahl zwischen Beidem hatte. – »Wir sind hier vier entschlossene Männer und gut bewaffnet. Wetter noch einmal, wer mein Fleisch kochen oder braten wollte, würde es verdammt zäh finden! Gott sei Dank nur, daß wir den Alten mit seinem Schwarm los sind; für das Andere ist mir wahrhaftig nicht bange. Jetzt an die Ausrüstung, und in einer Stunde können wir segelfertig sein. Wenn uns nur der arme Teufel von Junge nicht heute Morgen ertrunken wäre!« Jean hatte kaum das Wort ausgesprochen, als er wie von einer Natter gestochen in die Höhe sprang, denn dicht unter seinen Füßen – er stand keine zwei Schritt von der offenen Luke, flüsterte eine leise Stimme, die ihm das Blut aus dem Gesicht in's Herz zurücktrieb: »Toean Jean – Toean Jean – ist Capitain fort?« – und im nächsten Moment kletterte der kleine Malaye, flink wie eine Katze, an dem Mittelpfosten des Decks auf, griff den obern Lukenrand und schwang sich an Deck – über das er zuerst einen flüchtigen, noch ängstlichen Blick warf. In der höchsten Freude haftete aber bald sein großes schwarzes Auge auf dem schimmernden Segel des fernen Boots, und in ein lautes jubelndes Lachen ausbrechend, sprang er wie besessen auf Deck herum. Hans wußte von dem ganzen Vorfall nichts und begriff nicht, weshalb die Anderen so erschreckt waren und der Junge zurückgeblieben sein konnte. Jean sammelte sich aber zuerst wieder und rief mit komischer Wuth, denn es schien ihm nicht halb Ernst bei der Sache zu sein: »Nun seh ein Mensch in der Welt so eine kleine schwarze Bestie an – trocken wie eine Pulverkammer, und läßt mich da zweimal hinunter zwischen die todten Pferde tauchen, um ihn wieder herauszufischen. Ob ich jetzt nicht wahrhaftig Lust habe, ihn kopfüber da hinunter zu schicken, wo ich gewesen bin, nur um zu probiren, wie sich's da im stockfinstern Raum bei den todten Thieren herumschwimmt – der kleine Heide, der!« Timor aber, der wohl wußte, daß ihm von all' denen, die er noch an Bord sah, kein Leid geschähe, lachte, daß ihm die Thränen aus den Augen liefen, wobei Jean und François natürlich mit einstimmten, und erzählte seinen neuen Freunden nun, daß er unter keiner Bedingung mit dem alten garstigen Capitain hätte weiter segeln wollen, aber auch gar nicht gewußt habe, wie er von ihm anders abkommen konnte als auf solche Art. »Als Ihr Alle damit beschäftigt waret, Euch zu zanken, wer dableiben wollte und mitgehen sollte,« erzählte der kleine Bursche in seinem gebrochenen Englisch, »und als ich sah, daß Niemand auf mich achtete, glitt ich auf das Heu in's Zwischendeck hinunter, warf ein kleines Fäßchen mit Nägeln, das ich mir schon heute Morgen früh zu dem Zweck dahin geschafft, in's Wasser hinunter, daß es recht aufplätscherte, meinen Strohhut dann dahinterher, und kroch nun, während ich einen lauten Schrei ausstieß, rasch zwischen ein paar Heuballen hinein und zwischen diesen fort, bis ich sicher war, daß sie mich nicht finden könnten, und wenn sie eine Stunde nach mir suchten. Dort bin ich liegen geblieben, bis ich hörte, daß Jean hier sagte, das Boot sei abgefahren. Nun bin ich da und will mit Euch gehen.« Er setzte sich hierauf ruhig auf eins der Wasserfässer nieder und schien geduldig eine Antwort auf seinen Vorschlag abwarten zu wollen. Hans lachte und meinte, der kleine Strick habe jetzt gut auf eine Antwort warten, er wisse recht wohl, daß sie ihn nicht zurücklassen könnten. Er solle aber nur, was er mitzunehmen wünsche, zusammenpacken und dann helfen, daß sie ihren Proviant und Wasservorrath in Ordnung brächten, um die heutige, herrliche Brise wenigstens insoweit zu benutzen, Land zu erreichen. 15. Die Bootfahrt Bei dem Einnehmen des Proviants war ihnen jetzt Timor, der früher ja auch mit in der Kajüte aufgewartet hatte, von unendlichem Nutzen. Der Steward hatte nämlich, um den Zurückbleibenden wo möglich nichts als die Provisionen zu lassen, die nicht unter seiner Aufsicht standen, alles was von Eingemachtem, sauren Gurken, seinen Zwiebäcken, Weinen und Liqueuren nur irgend noch vorräthig war, entweder selber mitgenommen, oder, wo das nicht anging, zerstört. – Die ganze Kajüte schwamm in Brandy und Wein, denn er schien, als er zuletzt unten war, alle Flaschen, die er nur möglicher Weise erreichen konnte, zerstoßen zu haben. Die Mühe war aber vergebens gewesen, denn Timor wußte zu genau überall Bescheid und brachte in kurzer Zeit eine solche Unmasse von Delicatessen und Liqueuren angeschleppt, daß sie drei solche kleine Boote hätten damit verproviantiren können. Das Beste wurde natürlich von alle diesem ausgesucht, ein ziemlich bedeutender Wasservorrath in kleinen Brandyfässern als Ballast unten angelegt, eine der Kisten, mit ihren nothwendigsten Sachen gepackt, an Bord geschafft, und um elf Uhr Morgens konnten sie schon die leichte Jolle von den eisernen Krahnen, an denen sie noch unversehrt hing, in See lassen. Dies war des Capitains Jolle. Obgleich aber in Sidney wenig gebraucht, da das Schiff dort dicht am Lande lag, nahm sie doch nicht viel Wasser ein, und als sie eine Stunde in See gelegen, stand sie vollkommen dicht. Etwa eine Stunde später war das Boot zum Absegeln bereit. »Alle fertig?« rief Bill, indem er sein Ruder gegen die Seite des Wracks setzte, das noch immer unbeweglich auf den Riffen saß. »Alles klar!« lautete die Antwort, und im nächsten Augenblick glitten sie von dem kahlen Rumpf ab und in denselben schmalen Kanal hinein, durch den ihnen schon diesen Morgen die Barkasse vorangegangen war. Bill saß am Steuer, Jean und François standen an den Segeln, Timor kauerte vorn im Bug und schaute auf die unten vorübergleitenden Korallenbäume nieder, und Jean und Hans saßen in der Mitte, der Erstere von den Strapazen des Morgens, von seiner Schwimmpartie, die ihm Timor's List verschafft, und den Provisionstransporten verschnaufend, und der Andere sein Bein ausruhend. Fünf Minuten später rannten sie aber plötzlich fest. – Einzelne Korallenstämme stiegen hier überall aus der Tiefe auf, und der hinten am Steuer Sitzende konnte von dort aus solche Stellen auf dem blendenden Spiegel des Wassers nicht deutlich genug erkennen, um sie zu vermeiden. François, mit den englischen Ausdrücken nicht so vertraut, war auch nicht dazu geeignet, und Hans nahm deshalb den Platz vorn, dicht am Bug ein, um die nöthige Warnung zu geben, wenn irgend ein Hinderniß in ihrem Fahrwasser liegen sollte. Sie mußten aber auch über eine halbe Stunde arbeiten, von dem einzelnen Korallenbaum wieder abzukommen, der sie gerade in der Mitte unter dem Boot gefaßt hatte und festhielt und so steil ringsum niederlief, daß sie mit ihren Rudern weder den Grund, noch ihr gerade unten befindliches Hinderniß erreichen konnten. Endlich gelang es ihnen, den Bootshaken zwischen den Kiel und die Koralle zu bringen, und mit einem kurzen Ende Tau an der äußersten Spitze der starken Stange hoben sie das Boot etwas und konnten es seitwärts wieder in tief Wasser schieben. Hans paßte von da an sorgfältig auf, und sie näherten sich mehr und mehr dem tiefen Wasser des innern Beckens. Gerade an der letzten Wand oder Mauer, die hier wieder zu einer beträchtlichen Tiefe niederschoß, hatten sie aber wohl den weitesten Kanal verfehlt, denn hier starrten überall Korallenbäume empor. Sie mußten Segel bergen, daß sie nur langsam mit der Strömung hindurchliefen. »Luff, Bill, Luff!« rief Hans, als sie auf diese »Barriere« (denn barrier reefs werden diese Felsen ja auch genannt) zuliefen und sich hier von einem breiten Streifen gelbgrünen Wassers eingeschlossen sahen, aus dem überall, oft wie dichtes Gebüsch, das zum Theil wunderlich geformten und verkrüppelten Bäumen glich, eine braune Korallenart emporschoß. »Luff, mehr noch, so, halt, Steady jetzt – tiefer – tiefer – noch tiefer – Steady – Luff wieder – und nun Cours« – rief er, sich lächelnd nach Bill umdrehend, der sich die größte Mühe gab, den so rasch wechselnden Befehlen zu folgen. »Allons, François, Segel wieder in die Höhe, wir sind jetzt sicher!« »Donnerwetter, Hans, Du jagst mich ja förmlich im Zickzack herum,« rief Bill, während er das Ruder von Steuernach Backbord und wieder zurückbrachte, »sind wir hinaus?« »Frei und sicher in die Torresstraße eingelaufen,« gab ihm Hans, viel gesprächiger, als er sich bis jetzt nur je gezeigt, zur Antwort. – »Wetter, Mann, als ich das letzte Mal hier war, dachte ich nicht, daß ich in einer Nußschale, wie dies Ding hier, zurückkommen würde.« »Bist Du schon früher hier einmal durchgekommen?« frug Bill schnell und erstaunt. »Dies ist das fünfte Mal, Kamerad, und Ihr könntet keinen besseren Lootsen hier hindurch haben als mich. – Wäre der Capitain ein vernünftiger Mann gewesen, er hätte das Schiff da draußen nicht zu verlieren brauchen – doch so ist's besser, und einmal flott, bekommen wir auch wieder festen Boden, oder, was mir lieber wäre, ein anderes gutes Fahrzeug unter die Füße, mit dem wir weiter gehen können. Ist's aber nicht anders, so mögen wir auch getrost mit diesem kleinen Ding dem Monsun folgen. Wie die Jahreszeit jetzt hier ist, wollte ich in einem Canoe von hier nach Batavia oder Singapore laufen.« »Hör' einmal, Hans,« sagte jetzt Bill, der ihm die ganze Zeit schweigend zugehört hatte – »ich wollte Dich schon lange – aber Wetter noch einmal, wo steuern wir denn jetzt hin? Der verdammte Schuft von Capitain hat uns nicht einmal einen Compaß gelassen, und ich halte da immer in's Blaue hinein.« »Hier ist einer,« sagte Hans und löste ein Band von seinem Nacken los, an dem eine kleine wunderzierlich von Kupfer gearbeitete und mit Gold eingelegte Kapsel hing – »gebrauch' den so lange, er thut's wenigstens zur Noth, und steuere nur einen West-Südwest-Cours, bis wir Land in Sicht bekommen.« »Verdammt wunderliches Ding,« brummte Bill, als er, das eine Steuerreep so lange zwischen den Zähnen, die kleine Kapsel öffnete und mißtrauisch von allen Seiten betrachtete, »wo ist denn darauf Norden oder Süden – Donnerwetter, das Ding steht ja nach allen Seiten hin und – hol's der Henker, die Nadel ist verkehrt angesetzt, die Pfeilspitze sitzt auf der falschen Seite oder zeigt wahrhaftig nach Süden hin.« »Es ist ein japanesischer Taschencompaß,« lachte Hans, »doch komm, laß mich hin, ich will steuern, und dabei kann ich Dir erklären, wie er eingetheilt ist, Du wirst Dich bald hineinfinden.« Bill ließ ihn auf seinen Platz, blieb aber neben ihm sitzen, und als er sich die Sache hatte auseinandersetzen lassen, die er bald begriff, sagte er, Hans auf einmal wieder ansehend: »Ja, Kamerad, was ich Dich vorher fragen wollte, wie mir da der Compaß durch den Kopf fuhr, und was mir die letzten Tage im Schädel hin- und hergegangen ist – wo zum Teufel hast Du denn auf einmal das viele Englisch hergekriegt, und warum hast Du's vorher nicht gesprochen? – Ich will verdammt sein, wenn ich jetzt glaube, daß Du irgend was Anderes bist als ein Engländer. Hol' mich dieser und jener, wenn's nicht wahr ist.« »Und ich glaube, er spricht auch eben so gut Französisch, wie ich selber,« lachte Jean, »und hat uns hier die ganze Reise zum Besten gehabt – ich möchte nur wissen warum.« »Wenn ich keinen Grund dazu gehabt hätte, Kameraden,« sagte Hans gutmüthig, jetzt aber auf einmal ganz ernst geworden, »so hätt' ich's nicht gethan. Da ich also einen Grund dafür haben muß, laßt mir den auch. Wenn ich kann, sollt Ihr ihn später erfahren, bis dahin müßt Ihr aber Geduld haben.« »Kurz und süß, wie wir bei uns sagen,« lachte Bill, »jetzt glaub' ich aber auch, François verstellt sich ebenfalls und kommt nächster Tage einmal, nur hoffentlich bei einer andern Gelegenheit, mit einem so reinen Englisch zu Tage, wie's unser Schulmeister nur zu Hause aus uns Jungen herausquetschen wollte. Doch meinetwegen. Jeder nach seinem Spaß und wie er's verantworten kann – und nun erst einmal einen Schluck auf gute Kameradschaft und glückliche Reise!« Und damit langte er sich eine Flasche Portwein, die er, wie er versicherte, ganz besonders zu diesem Zweck beigepackt habe, aus dem kleinen Spintge, was unter dem Sternsitz angebracht war, heraus, that erst selber einen kräftigen Zug und ließ dann die Flasche im Kreis herumgehen. Selbst Timor wurde nicht vergessen. Sie waren nun vollkommen in diesen wunderbaren Ort eingedrungen, der, nicht See, nicht festes Land, nicht Inselgruppe – ein Mittelding zwischen allen dreien zu halten scheint. Wenn sie über Bord schauten, lag es tief unter ihnen manchmal wie die unergründliche Tiefe des Meeres selber da, und manchmal wieder war es, als ob sie in einem Luftballon über weiten, schneeigen Feldern mit Blitzesschnelle hingeführt würden. – Waldungen, Ströme – selbst Städte schwanden mit einer nur etwas regen Einbildungskraft rasch vorüber, und wenn sie plötzlich wieder in tiefer Wasser kamen, sah es gerade so aus, als ob eine dunkle Wolke unter sie getreten sei und nur die eben noch gesehenen Bilder verdecke. »Es wird einem ganz schwindlig, wenn man so hinunterschaut,« brach Jean endlich ein ziemlich langes Schweigen, in dem sich Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt hatte. »Ist das nicht gerade so, als ob man meilenhoch über einer wundervollen, vom Mondlicht beschienenen Landschaft hinwegflöge? Sieh, Bill, da kommt es wieder – dort der Wald – dort das tiefe Thal.« Bill warf einen Blick über Bord, wechselte sein Priemchen aus einer Backe in die andere und lachte. »Aber, Mann, das sind ja die Korallen unten, über die wir weggehen! – kaum drei Faden Tiefe und all' solch' verdammtes bröckliches, aber zähes Zeug wie die dort, die da über Wasser vorragen. – Bless you , Wald und Thäler – der Mann phantasirt. – Nimm noch einen Schluck von dem Portwein, es wird Dir ausnehmend gut thun.« Bill war nichts weniger als ein Romantiker, und wenn er Bäume oder Thäler sah, so mußten sie auch wirklich mit allem nöthigen Zubehör da sein. Jean lächelte und blinzelte nach Hans hinüber, Bill, der das aber sah, meinte gutmüthig: »Ja, lacht nur, Jungens; mir ist's recht, aber hier haben wir in Wirklichkeit Salzwasser unter und Korallen um uns, und wir mögen wieder frei von der ganzen Geschichte kommen, das ist wahr, der Teufel kann aber auch sein Spiel haben und uns sonst einen Possen spielen, und nachher ist die Geschichte faul. So viel ist jedoch gewiß, wenn das Bäume da unten sind, so will ich nur wünschen, daß Keiner von uns in ihren Schatten zu liegen kommt, das ist Alles.« – Und damit hob er die Flasche gegen das Licht, zu sehen, ob der Inhalt noch eines Zuges werth war, und leerte sie dann ohne abzusetzen. Fertig damit, machte er eine fast unwillkürliche Bewegung, sie über Bord zu werfen, hielt aber auch eben so rasch wieder ein und legte sie auf ihren alten Fleck zurück. »Halt,« sagte er dabei, »zum Wegwerfen ist's noch immer Zeit, und wer weiß, wozu wir die noch einmal gebrauchen könne«, ehe wir andere kriegen.« Vor einer ziemlich stäten und frischen Brise in dem jetzt hier und da leise gekräuselten Wasser dahingleitend, schwand das Wrack mehr und mehr am Horizont, und im Westen tauchten dafür schon einige dunkle Punkte kleiner Inseln in diesen Korallengruppen empor, und boten dem Steuernden, der nun seinen Compaß wieder schloß, ein festes Ziel, auf das er halten konnte. »Dort links hinüber liegt auch Land, wenn ich nicht irre –« sagte Bill, als sie mehrere Stunden ruhig fortgesegelt waren und wenig mehr sprachen, als eben zu ihrer Fahrt gehörte. – »Am Ende ist das das feste Land, und wir hielten am besten dort gleich hinüber.« »Habt Ihr Lust, gefressen oder wenigstens Eures bischen Fetts beraubt zu werden, so mögen wir sehen, daß wir die Nacht auf australischem Boden zu schlafen kommen,« meinte da Hans. »Ich meinestheils hätte geglaubt, wir wollten erst einmal eine von den Inseln erreichen und dann Kriegsrath halten. Wir fahren uns dabei nicht einmal aus dem Weg, denn was Du siehst, Bill, kann schwerlich die Küste, sondern wird Hendriks-Insel sein – eine kleine aufragende Spitze; – wie?« »Ja,« sagte Bill, der auf einen der Thwarten (Bänke) getreten war und seine Augen mit der Hand gegen das helle Licht schützte, »ich kann auch weiter nichts sehen als den Punkt – doch halt, da rechts hinein liegt noch mehr Land, glaub' ich – luff ein wenig mehr auf, Hans, wir halten besser Strich.« »Ich seh' übrigens gar nicht ein,« meinte Jean, »weshalb wir uns hier im Boot nicht eben so gut berathen können, wie auf irgend einem der kleinen Sandflecke in der Straße hier. Wir haben weiter nichts zu thun, und je eher wir uns einen festen Plan bilden, desto besser.« »Gut,« sagte Hans – »und seid Ihr wirklich entschlossen, den Landweg nach Sidney zu wagen?« »Entschlossen?« rief Bill erstaunt; »ei, Mann, ich glaubte, das bedürfe gar keiner Frage mehr, sondern wir wollten nur berathen, wie wir am schnellsten zum Lande kämen.« »Aber, Leute, Ihr bedenkt gar nicht, was für ein Land Ihr durchwandern wollt! – Ich bin von Herzen gern dabei, den Versuch mitzumachen, Euch zu überzeugen, aber wir kommen keine fünfzig Meilen in's Innere, so viel ist gewiß. Wir finden kein Wasser und verwünscht wenig zu essen, und werden zuletzt froh sein, wenn uns die Schwarzen nur wieder zur Küste zurücklassen.« »Ja, aber was zum Donnerwetter sollen wir denn da eigentlich thun?« frug Bill verblüfft – »ich habe bis jetzt noch an gar nichts Anderes gedacht. Dann bleibt uns nichts übrig, als hinter dem Alten herzufahren und uns vielleicht von demselben Schiff auflesen zu lassen, das den mit fortnimmt. Deshalb haben wir ja doch keinen Skandal mit dem Capitain angefangen?« »Nein, daran denk' ich wahrhaftig nicht,« sagte Hans schnell – »das Schiff, das ich betrete, möchte ich mir vorher wählen, und deshalb können wir meinetwegen erst irgendwo an der Küste landen und einen Versuch machen; ich möchte das feste Land selber gern einmal sehen. Geht es aber dort nicht, dann schiffen wir uns wieder ein und segeln mit diesem Monsun und von dieser Strömung begünstigt frisch und fröhlich in den Indischen Archipel ein – vielleicht gar nach Timor, wo wir ja hier einen herrlichen Dolmetscher und Führer haben.« »Gut, dabei bleibt's,« rief Jean schnell; »es wäre doch wunderbar, wenn vier starke junge Kerle – und Timor dürfen wir immer für einen halben rechnen – sich nicht durch die Welt schlagen könnten, sei's wo's sei. Also frisch einen Südcours hinüber, Hans. Hier verlieren wir zu viel Grund und Boden, und wir wollen gleich von vornherein wissen, welche Aufnahme wir an der Küste zu erwarten haben.« »Aber wird François damit einverstanden sein?« frug Hans, auf diesen blickend. François verstand nicht viel Englisch, doch genug, um den Sinn der Verhandlung begriffen zu haben, und nickte lachend mit dem Kopf. » C'est la même chose pour moi, camarade ,« rief er fröhlich, »wohin es auch geht, ich bin dabei, und was die Indianer betrifft, so denk' ich, brauchen wir uns derentwegen keine Sorge zu machen. Wir sind gut bewaffnet, und Schießgewehre kennen sie vielleicht hier oben noch gar nicht.« »Was sagt er?« frug Bill, der ihn indessen scharf angesehen hatte. »Vorwärts!« lachte Hans und luffte mit einer leisen Bewegung des Ruders scharf gegen den Wind an. Brassen, meine Burschen – brassen; so, das thut's, François. Ich denke, wir können mit diesem Cours der Küste nahen.« »'s ist doch ein merkwürdiges gibberitch , das Französische,« brummte Bill kopfschüttelnd. »Ich habe mich nun so lange zwischen Franzosen herumgetrieben, aber nie mehr davon wegkriegen können, als merci Monsieur und sil woo plaze – Was beinahe wie breit Irihs klingt. – 's ist eigentlich merkwürdig, daß wir Engländer, wenn wir uns ein paar Worte Französisch merken, immer nur Höflichkeiten, und die Franzosen bei ihrem ersten Englischsprechen nur Fluchen lernen. Hol' mich dieser und jener, wenn nicht das erste Wort, was ein Franzmann von unserer Sprache begreift, jedesmal God dam ist. – Ich möchte nur wissen, woher das kommt, denn es ist ja doch gerade gegen beider Natur. Wenn ich z. B. höflich sein soll, komme ich mir immer vor wie eine Katze, die schwimmen will. Wir sind einmal nicht daran gewöhnt.« »Es mag wohl daher kommen,« sagte Hans lächelnd, »daß Ihr Engländer so entsetzlich viel flucht und die Franzosen so entsetzlich viel höfliche Redensarten haben. Was die eine Nation nun von der andern am meisten hört, behält sie auch am leichtesten.« »Hm,« brummte Bill, »das wäre möglich, daran habe ich noch nicht gedacht,« und er saß eine Zeit lang so in Gedanken versunken da, daß er nicht einmal merkte, wie er eine neue Flasche vorgeholt, geöffnet und einen langen Zug daraus gethan hatte. Timor's Augen, obgleich er an dem Gespräch nicht Theil nahm, leuchteten, als er die Möglichkeit vor sich auftauchen sah, sein lange nicht gesehenes Heimathland wieder zu betreten. Nur so viel eifriger machte er sich jetzt daran, die Angelgeräthschaften, die er auch an Bord des Boreas unter den Händen gehabt, hervorzusuchen und seinen Fischfang zu beginnen. Zu dem Zweck befestigte er jetzt ein Stück rothes Zeug an einen ziemlich starken Haken, und ließ es, etwa zehn Ellen vom Boot entfernt, nachschleifen. Das kleine, ziemlich schwer beladene Boot legte sich indessen mit dem Wind recht breit von der Seite in die Segel, fast bis an den Steuerbordrand auf das Wasser, und die Besatzung mußte nach Backbord hinüberrücken, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Nach Südwesten zu wurden jetzt schon die drei Spitzen der Hannibals-Inseln sichtbar. Nachmittags starb der Wind aber plötzlich weg, und um nicht von der Strömung zu weit westlich getrieben zu werden, ruderten sie nach einer kleinen Sandbank, deren weißen Rücken sie über dem dunkeln Wasser vielleicht zwei Meilen vor sich konnten herausschimmern sehen, und warfen dort Anker. Timor hatte allerdings einen Fisch gefangen, Niemand aber daran gedacht, Feuerholz vom Schiff mitzunehmen, und da auf dieser Sandbank auch nicht der kleinste Strauch, ja kein Grashalm wuchs, mußten sie ihr Abendbrod von ihren Vorräthen halten und den Fisch auf morgen sparen. Die Nacht schliefen sie im Boot, mit regelmäßig ausgestellter Wache. Es ließ sich indessen nicht das Mindeste hören oder sehen, was sie hätte beunruhigen können. Die Nacht war warm und ruhig, und erst gegen Morgen erhob sich wieder eine schwache Ostbrise, bei der Hans, dessen Wache es war, den leichten Anker hob, die Segel setzte und langsam über das spiegelglatte Wasser hinglitt. Als die Anderen erwachten, fanden sie sich zu ihrem Erstaunen schon wieder unterwegs und die Sandbank, die jetzt bei Fluthzeit auch fast bedeckt war, weit hinter sich. Der Wind blieb übrigens den ganzen zweiten Tag sehr schwach; sie mußten zweimal wieder ankern, und erreichten den zweiten Abend mit genauer Noth die nördlichste der Hannibals-Inseln, wie sie auf der Karte genannt sind – einen niederen, nur mit wenigem Gesträuch bedeckten Felsen, unter dessen Lee sie ankerten, und es vorzogen, wieder im Boot zu schlafen. Abends gingen sie aber vorher an Land und brieten mit zusammengesuchtem trockenen Holz eine tüchtige Portion delicater Fische, die Timor über Tag gefangen. Hans war allerdings nicht recht damit einverstanden, daß sie ein Feuer anmachten, denn wenn sie das auch vorsichtiger Weise auf der Nordseite der Inseln thaten, so daß es von der jetzt deutlich sichtbaren Küste des festen Landes aus nicht gesehen werden konnte, so konnte der aufsteigende Rauch dort etwa herumstreifenden Wilden doch leicht verrathen, daß sich hier Fremde aufhielten. Bill wollte davon aber nichts hören und meinte, die schwarzen Schufte würden dann eben so wenig wissen, ob es nicht Fischer von ihrem eigenen Stamm wären, als Weiße, und wenn sie jetzt schon in der Hinsicht so ängstlich sein wollten, wie das dann nachher werden sollte? Die Fische wurden deshalb auch gebraten und schmeckten ausgezeichnet. Am nächsten Morgen wehte ihnen ein schwacher Landwind gerade entgegen, und erst um zehn Uhr konnten sie Segel setzen und den Anker lichten. Die australische Küste trat jetzt immer klarer und deutlicher heraus. Sie konnten schon das niedere buschige Gehölz, das ihre Ufer bedeckte, unterscheiden. An der weißen sandigen Bank ließen sich aber keine menschlichen Wesen erkennen, und sie sahen auch nirgends Rauch aufsteigen. Der ganze Strich hier schien vollkommen unbewohnt, und Hans, der wieder am Steuer saß, bat Bill, ihm doch das kleine Fernrohr, das gleich oben links in der Kiste lag, herüberzureichen. »Wenn wir hier nicht mit Wilden zu thun bekommen, finden wir auch kein Wasser,« sagte er, nachdem er das Land eine Weile mit dem Fernglas überflogen hatte. – »Willst Du das Glas haben, Bill?« »Merci,« meinte dieser trocken, ohne den Arm nach dem dargereichten auszustrecken, »wenn Brandy drin wäre, ja, – weiß der Henker, woher es kommt, ich bin doch sonst nicht so ungeschickt. Mit den Dingern da aber habe ich mich nie befreunden können, und wenn ich durchsehe, schwimmt mir immer Alles vor den Augen. Gerade so geht mir's auch mit den Gewehren; abdrücken kann ich sie, aber wo die Kugel hingeht, das ist ihre Sache. Siehst Du nichts, Hans?« »Nicht das Mindeste,« sagte dieser, das Glas Jean hinüberreichend. »Nun auch gut, denn da können wir die Gegend ungestört untersuchen und nachher immer noch thun, was uns gefällt.« Gegen Abend starb der Wind wieder weg, und sie mußten diesmal zu den Rudern greifen, denn es war hier so tief, daß sie nicht einmal hätten ankern können. Mit Sonnenuntergang waren sie etwa noch einen Büchsenschuß vom Lande ab, in vier Faden Wasser, und beschlossen dort auch die Nacht zu bleiben. Sie wollten sich nicht gerade mit Dunkelwerden einem vollkommen fremden Küstenstrich anvertrauen, an dem sie weder die Bewohner, noch die Thiere kannten. »Was es nur hier für Bestien geben mag,« sagte Jean, als sie ihren Anker fallen gelassen, die Segel geborgen und niedergelegt, und ihr Abendbrod auf zwei besonders dazu aufgestellten Weinkisten ausgebreitet hatten, »weiß man denn gar nichts davon?« »Der Erste, der hier in's Innere eingedrungen ist und durch den wir einigermaßen Nachricht von diesem bis jetzt noch meist geheimnißvollen Küstenstrich erhalten haben,« sagte Hans, »war ein Deutscher, ein Dr. Leichhardt, der mit einer kleinen Gesellschaft und mit aufopfernder Kühnheit diese Küste bis weit gegen Westen besucht hat. Diesem nach haben wir hier aber eine ganz andere Thierwelt als im südlichen Australien, und es soll an der nördlichen Küste Krokodile und Büffel geben. Ob wir die auch hier so weit im Osten finden würden, weiß ich nicht. Kängurus giebt's aber jedenfalls, und deren Erlegung wäre das Einzige, von dem wir hoffen könnten, im Innern zu existiren. – Seht aber das Land erst, und wenn Ihr Euren Plan, durch das Innere zu gehen, dann nicht aufgebt, dann seid Ihr die ersten Matrosen oder Fischer, die das Land nicht satt hatten und wieder nach Salzwasser schnappten.« »Unsinn,« lachte Jean, »ich will Gott danken, wenn ich nur erst einmal wieder vom Salzwasser herunter bin. – Nein, ich habe mir Australien zu meiner künftigen Heimath erwählt, und je schneller ich Sidney wieder erreiche, desto besser – und nachher nie mehr zur See.« Hans hatte das Fernglas wieder aufgenommen und schaute so lange nach der Küste hinüber, als es ihm die jetzt rasch einbrechende Dämmerung erlaubte. Es ließ sich aber nicht das mindeste Verdächtige erkennen, und auf dem blendend weißen Korallensand, der das Ufer bildete, hätte ihm der kleinste dunkle Gegenstand, der sich nur im Mindesten bewegte, augenblicklich in's Auge fallen müssen. Darüber beruhigt, ging er wieder an sein Abendessen, und die Wache wurde, als sich die Anderen zum Schlafen niederlegten, aufgesetzt. Hans hatte die erste Wache, Jean die zweite, François die dritte, und Bill die Morgenwache. Timor durfte die ganze Nacht schlafen. Als sich die Männer, so gut das der enge Raum erlaubte, ausgestreckt und für eine gute Rast eingerichtet hatten, sah Hans noch einmal nach seinem Gewehr, setzte frische Zündhütchen auf und legte es zum augenblicklichen Gebrauch an seiner Seite nieder. Dann schob er sich seine zusammengerollte wollene Deck unter den Rücken, und schaute, auf diese gestützt, träumend zu den leichten über ihn hinziehenden Wolken und blinkenden Sternen empor, manchmal nur aufhorchend, wenn er irgend ein fernes Geräusch zu hören glaubte, oder ein aufschnellender Fisch, zweimal auch ein eigenthümlicher Schrei vom Lande herüber, der Ruf irgend eines fremdartigen Nachtvogels, die Stille unterbrach. Hätte er die sechs dunkeln Gestalten gesehen, die still und geräuschlos, aber schnell wie das Wild ihrer Wälder, durch die düsteren Uferbüsche glitten und nach Osten zu den Strand hinaufliefen, dessen hellen Sand zu betreten sie sich aber wohl hüteten, er würde die Stunden seiner Wache nicht so ruhig verträumt und sich nachher mit so leichtem Herzen zum Schlafen niedergelegt haben. So aber wandte sich sein Geist bald von der Gegenwart ab. – Den Kopf in die Hand gestützt und mit den Blicken an den funkelnden Sternen über ihm haftend, dachte er bald keiner Gefahr mehr, die ihnen hier drohen konnte. – Die Bilder der Vergangenheit gingen vor seiner innern Seele vorüber, und die Stunden der Wache schwanden ihm wie Minuten dahin. Jean hatte eine Uhr, die einzige an Bord, die der Wachthabende jedesmal in Verwahrung bekam. Die ersten drei Wachen verliefen übrigens vollkommen ruhig, und als Bill sich, von François geweckt, aufrichtete, schliefen Hans, Jean und Timor so fest, als ob sie in irgend einer wohlverwahrten und civilisirten Stadt in ihren Betten lägen und dort auch, bis Morgens der Kaffee käme, jedenfalls liegen bleiben wollten. »Hallo,« sagte Bill und rieb sich die Augen – »was zum Henker, ist's schon zwei Uhr? – ich glaubte, ich hätte mich eben erst niedergelegt. – Es wird ordentlich kalt Morgens.« »Schon drei Uhr fast, Kamerad,« versicherte François, »Alles ruhig gewesen.« Damit übergab er dem Wachthabenden die Uhr und rollte sich ebenfalls in seine Decke, die Beine über die nächste Bank streckend. Bill war übrigens zu lange in Australien gewesen, um sich nicht indessen an ein Pfeifchen gewöhnt zu haben, aus dem sich sonst Matrosen, wenn sie ihren Kautabak haben, gewöhnlich nicht viel machen. Vor allen Dingen knöpfte er sich aber erst einmal warm in seine dicke Lootsenjacke ein, denn die Morgenluft zog schon scharf von Osten her über das Wasser; dann schnitt sich Bill in der Hand eine Pfeife voll Kautabak klein, stopfte seinen kurzen irdenen Stummel und schlug Feuer. – Das dauerte aber wohl eine Viertelstunde lang, denn der Schwamm war feucht geworden und wollte nicht fangen. Bill wurde auch endlich ärgerlich darüber und fluchte nach Matrosenart, bis er zuletzt all' seine Kraftwörter erschöpft hatte und nur immer bei jedem Schlag damn it – damn it – damn it – brummte. Endlich bekam er Feuer, setzte sich dann mit übergeschlagenen Beinen, die Schulter bequem gegen den kleinen Mast gestützt in Wachtpositur und qualmte aus Leibeskräften. 16. Der Morgenbesuch Durch das Feuerschlagen war Timor wach geworden und richtete sich ebenfalls auf. Es schien ihm aber zu frisch außerhalb der Decke, und noch halb im Schlaf sah er nur einmal über den Bootsrand weg, neben dem er lag, nach dem Lande zu, und wickelte sich dann wieder so warm es ihm möglich war ein. Bill wußte nun allerdings recht gut, daß er die Wache hatte und nicht allein munter bleiben, sondern auch aufpassen mußte; aber es war ihm nur eine höchst unbestimmte Idee, auf was eigentlich. Canoes hatten sie am Abend vorher nicht gesehen, und so dunkel wie es jetzt geworden war, sollte es den Wilden, wenn überhaupt welche an der Küste hausten, sehr schwer werden, das fremde Boot zu finden. Keinesfalls hätten sie aber so geräuschlos anrudern können, daß sie von ihm nicht bemerkt worden wären, und in dieser Hinsicht fühlte er sich auch vollkommen beruhigt. Das Wetter sah ebenfalls günstig aus, denn obgleich sich am Himmel hier und da dichte Wolken sammelten, versprachen die mehr einen möglichen Regenschauer als viel Wind. Ueberdies lagen sie hier durch das Land durchaus geschützt und brauchten nicht das Mindeste für ihr kleines Boot zu befürchten. Die Wache versprach also, ebenso wie die übrigen drei, ohne das mindeste Außergewöhnliche zu verlaufen. Nichtsdestoweniger setzte er sich so, daß er den schmalen Wasserstreifen, der zwischen dem festen Lande und ihrer Jolle lag, vollkommen übersehen konnte, und blies, den rechten Ellbogen auf das rechte übergeschlagene Knie gestützt, seinen Tabaksdampf in regelmäßigen Puffen dem Morgenwind entgegen. So mochte es fünf Uhr geworden sein. Bill hatte sich seine dritte Pfeife gestopft, und im Osten zeigte sich eben der erste graue Dämmerschein des nahenden Tages. Der Schwamm war aber diesmal nicht gefälliger als das erste Mal, und Timor, die überdies die ganze Nacht vortrefflich geschlafen hatte und auch vom Schiff daran gewöhnt war, meist um diese Zeit aufzustehen und Kaffee zu kochen, richtete sich bei dem hartnäckigen Feueranschlagen des Matrosen auf den Ellbogen in die Höhe und frug leise, um die Anderen nicht zu stören: »Wie viel Uhr, Toean Bill? – Wird's schon Tag? – Es muß noch früh sein!« Bill, überhaupt kein großer Freund von vielen Worten, zeigte mit der Pfeifenspitze nur gerade nach Osten hin und sagte, indem er den Kopf ebenfalls dorthin drehte: »Kommt eben.« Timor folgte seiner Bewegung und schaute mehrere Minuten lang schweigend nach dem östlichen Horizont hinüber, das Wachsen des lichten Streifens zu beobachten. Plötzlich richtete er sich aber ein wenig höher auf, machte sich seinen rechten Arm frei, rieb sich die Augen und schaute wieder unverwandt nach der Gegend hin. Er faßte zugleich Bill's Knie und drückte es leise. »Toean Bill,« flüsterte er dabei, doch so geräuschlos, daß die Laute kaum zu des Mannes Ohr drangen – »was ist das dort – Fische?« Bill drehte den Kopf dorthin, wohin der junge Malaye zeigte, und sah allerdings gerade in diesem Augenblick einen dunkeln Gegenstand über dem Wasser vorkommen. Aber er hob sich nur höchstens einen Fuß über die Oberfläche, glitt etwa zwei oder drei Fuß darüber hin und verschwand dann wieder. »Tümmler,« sagte Bill laut, als gleich darauf vier oder fünf derselben Art dem ersten folgten; »es sind Fische, Timor, mit denen können wir uns jetzt aber nicht einlassen. Wenn wir an so einen festkämen, schleppte uns der mit Anker und Allem Gott weiß wohin.« Er nahm seine alte Stellung wieder ein und rauchte ruhig weiter, während Timor eine Weile die Fische beobachtete. Sie kamen nach kurzer Zeit noch einmal zum Vorschein – etwas näher dem Boot zu, wo auch eine ziemliche Menge Seetang, an einen der vorragenden Korallenfelsen wahrscheinlich an- und festgeschwemmt war. Der Tang, der nach Nordosten zu lag, bildete dort eine volle, dunkle Masse. Der Tag war aber noch nicht weit genug vorgerückt, um mehr als einen schwarzen, schattigen Streifen davon erkennen zu lassen. Es ist vielleicht nöthig, den Leser hier darauf aufmerksam zu machen, wie das Boot zu der Küste geankert hatte. Die australische Küste, an deren nördlichem Ufer sie sich hier befanden, streckte sich von Osten nach Westen hin und bildete dadurch die südliche Bank der Torresstraße. Der vorherrschende Wind war in dieser Jahreszeit der Ostwind, und die Strömung setzte deshalb auch, durch Ebbe und Fluth nur wenig beherrscht oder geändert, in ziemlicher Stärke nach Westen. Das kleine Boot ›ritt‹ vor seinem Anker, der es festhielt, während es zugleich der Strömung, so weit es der Anker zuließ, nachgab und deshalb mit seinem Bug gerade nach Osten, vielleicht einen Strich noch südlich, zeigte, da eine gerade hier oberhalb liegende kleine Bucht die Strömung gewissermaßen aufgefangen hatte und da, wo sie lagen, in die Straße zurückführte. Die Steuerbord- oder Starbordseite des Bootes zeigte deshalb nach dem Lande, die Backbordseite nach der offenen Straße hin. Timor, der vorn im Bug kauerte, fing an zu frieren; die Morgenluft war, trotz der niedern Breite, in der sie sich befanden, ziemlich frisch und er wickelte sich wieder in seine Decke. Die Fische wollten ihm aber doch noch nicht aus dem Kopf, und ehe er sich auf's Neue hinlegte, warf er noch einen Blick nach dem Tang hinüber, wo sie verschwunden waren. Der graue Streifen im Osten war indessen auch etwas breiter und lichter geworden, ohne jedoch noch mehr zu vermögen, als einen matten, falben Schein auf das sonst fast spiegelglatte Wasser zu werfen, was eher das Auge blendete, als ihm die Gegenstände unterscheiden half. Trotzdem glaubte er etwas sich wieder nach jener Richtung hin bewegen zu sehen und sprang noch einmal auf, stieg auf die vordere Bank und schaute scharf hinüber. »Das sind im Leben keine Tümmler,« murmelte er dann für sich auf Malayisch – »das sind entweder Schildkröten oder andere Fische, und vielleicht kommen sie dicht an's Boot heran, daß wir einen mit dem Elker (eine kleine fünf- oder dreizackige Harpune) erreichen können. – Ich will wenigstens Alles fertig machen.« Der Elker lag aber mitten im Boot, und die Spitzen staken unter dem hintern Sitz, damit sich Niemand die Nacht hineinreißen konnte. Um ihn zu bekommen, mußte der junge Bursche über François wegsteigen, und die Stange jetzt hebend und vorziehend, konnte er nicht verhindern, daß er Hans anstieß und weckte. Dieser, als er sich berührt fühlte, fuhr rasch in die Höhe und frug, was es gäbe. »Oh nichts,« sagte der Malaye leise, »legt Euch ruhig wieder hin, ich wollte nur die Harpune vorholen und bin ungeschickt dabei gewesen. – Es sind Fische da, die vielleicht zum Boot herankommen.« »Was für Fische, Timor?« sagte Hans, sich die Haare aus dem Gesicht streichend und seine Mütze, die ihm im Schlaf heruntergefallen war, wieder aussetzend. »Oh, ich weiß selber noch nicht, ich kann nur sehen, wo sie sich bewegen,« erwiderte Timor. – »Sie scheinen hier um's Boot herum zu spielen und kommen vielleicht näher.« Timor sprach mit Hans gewöhnlich in seiner eigenen Sprache und deshalb lauter mit ihm als den Anderen. Hans richtete sich auf und warf einen Blick um sich. Er schaute nach den sich lichtenden Wolken und dem noch düster vor ihnen liegenden Küstenstreifen hinüber. Timor aber, der glaubte, daß er den Platz suche, wo die Fische wären, zeigte mit dem Arm nach dem Tang hinüber, der aber jetzt vollkommen regungslos blieb. Der Tang konnte etwa sechzig Schritt von ihnen entfernt sein. »Da war aber etwas, mehr nach dem Land hin,« sagte Hans, dessen Blick unwillkürlich der Richtung gefolgt war, die ihm Timor's Arm bezeichnete. – »Das muß ein großer Fisch gewesen sein, und ich hätte gar nicht geglaubt, daß sich die so weit nach dem Land zu verlieren. Wirf ja nicht die Harpune nach solch' einem Burschen, wenn er hier herankommen sollte, Timor, denn entweder riss' er Dich selber mit über Bord, oder wir sehen nie etwas von dem Elker wieder, und es ist der einzige, den wir mithaben. – Halt, da wieder – er will zwischen dem Land und uns durch.« Der Fisch ging aber tief und kam nicht wieder auf, wenigstens nicht, daß es Hans und Timor bemerkt hätten. Durch das Sprechen war jedoch François ebenfalls munter gemacht, richtete sich auf und rief den anderen Beiden seinen guten Morgen zu. » Qu'est – ce que c'est ça – rief er aber plötzlich, den Arm nach dem Lande ausstreckend – des »poissons ?« »Nein, bei Gott nicht!« rief Hans, der bei dem jetzt deutlich zu ihnen herüberschallenden Plätschern den Kopf rasch dorthin drehte – »das sind keine Fische – das ist ein Schwarzer, und ich habe doch Niemand in's Wasser steigen sehen!« »Wo?« rief Bill und richtete sich rasch in die Höhe; auch Jean wurde munter. Bill hatte seine Muskete aufgegriffen und schaute scharf nach dem Gegenstand hin, der sich jetzt gar nicht mehr verkennen ließ. Es war jedenfalls ein Indianer, der hier ganz unbesorgt, etwa sechzig Schritt von ihrem Boot entfernt, herumschwamm und tauchte. Als er übrigens merken mochte, daß Aller Blicke nach ihm gerichtet waren, hob er sich, so weit er das schwimmend konnte, aus dem Wasser und rief etwas nach ihnen herüber. Was er rief, konnten sie natürlich nicht verstehen, Hans aber, um ihm zu zeigen, daß er gesehen sei, antwortete ihm auf gut Glück in einem südaustralischen Dialekt, obgleich er kaum hoffen durfte, von ihm verstanden zu werden. Jeder australische Stamm hat fast eine andere Sprache. » Parni tirriapindo – komm näher heran.« Der Wilde, als ob er wisse, was man von ihm verlange, kam jetzt einige Striche herangeschwommen und hielt dann wieder wie unschlüssig. In demselben Augenblick wurden nach Norden zu, also an der dem Land entgegengesetzten Seite, mehrere Köpfe über Wasser sichtbar, tauchten aber auch schon nach wenigen Secunden wieder unter – sie waren nur zum Athemholen in die Höhe gestiegen und befanden sich keine dreißig Schritt mehr vom Boot. Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde jedoch durch den neuen Anruf des Wilden zu sehr in Anspruch genommen, um sich der andern Seite zuzuwenden. – Sie sahen nicht, was hinter ihnen vorging. »Es wäre gut, wenn wir uns einen der Burschen zum Freund machen könnten,« sagte Hans zu Jean gewandt – »der würde uns auf dem festen Land von unberechenbarem Nutzen sein. Wir wollen es jedenfalls versuchen.« » Nunja ngun renga patlerti !« rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen herüber. »Hol' der Teufel die Sprache!« brummte Hans, »ich verstehe kein Wort davon.« Dicht unter Backbord des Bootes tauchte ein schwarzer Kopf auf und ein Paar dunkle Augen blickten scheu empor – jetzt noch einer, jetzt ein dritter. Die Männer im Boot hätten sie müssen Athem holen hören. »Wir wollen ein Tuch nehmen und damit wehen,« rief Jean – »einen grünen Busch haben wir ja doch hier nicht, und er wird verstehen, daß das freundlich gemeint ist.« » Parni tirriapindo !« munterte ihn Hans noch einmal dabei auf, weil Jener das vorher verstanden zu haben schien, und Jean schwenkte das Tuch. » Diable !« schrie in diesem Augenblick François – und riß sein Messer, das er wie jeder Matrose an der Seite trug, aus der Scheide. – Hans wollte sich umdrehen, verlor aber auch schon das Gleichgewicht und fiel mit beiden Händen auf den Bootrand zu Steuerbord. Am Backbordrand hingen in dem Moment fünf dunkle Gestalten und suchten, sich, so hoch das ging, aus dem Wasser schnellend, mit ihrem Gewicht den Rand niederzudrücken und das Boot jedenfalls dadurch zu füllen und zu versenken. Die Jolle schwankte natürlich mit einem plötzlichen Ruck nach ihnen hinüber, und zwar so stark, daß Jean auf Steuerbord überstürzte und nur noch glücklicher Weise mit der linken Hand den Rand ihres kleinen Fahrzeugs erfaßte. Dadurch hielt er sich nicht allein über Wasser, sondern bewahrte auch wahrscheinlich durch das Gegengewicht, was er hiermit an die andere Seite warf, das Boot vor dem gänzlichen Füllen und Sinken, auf das der Angriff berechnet gewesen. Freilich konnte er nicht verhüten, daß trotzdem eine Masse Wasser über Bord schlug. Ein zweiter solcher Stoß wäre ihnen auch jedenfalls verderblich gewesen, und er mußte erfolgen, sobald die Schwarzen nur einfach mit ihrem Gewicht hängen blieben. Bill aber rettete sie diesmal, und zwar ganz gegen seinen Willen, denn mit dem ersten Ruck schon hintenüber fallend, stürzte er gerade in den Vordertheil des Bootes hinein. Wahrscheinlich aber dabei mit dem Finger den Drücker der Muskete berührend, oder auch nur durch das Anstoßen des Kolbens auf den Sitz entlud sich diese, und die Kugel fuhr zischend in's Blaue. Die Wirkung zeigte sich zauberschnell. – Im Nu waren die sechs schwarzen Köpfe, die eben noch ein gellendes Siegesgeschrei ausgestoßen, in der über ihnen zusammenschlagenden Fluth verschwunden. Durch das schnelle Loslassen des Bootes und Jean's Gewicht nach der andern Seite hätten sie aber beinahe das erreicht, was sie durch ihren Angriff verfehlt, denn die Jolle schlug nun eben so viel nach Steuerbord über, als vorher nach Backbord, und nahm wieder eine Menge Wasser ein. Das kleine Boot war doch glücklicher Weise ziemlich breit gebaut, und das nächste Zurückschwanken nach Steuerbord zeigte ihnen, daß die Gefahr für den Augenblick vorüber sei. Während aber Jean, so rasch ihm das irgend möglich war, zurück in's Boot kletterte – und Timor faßte ihn dabei und half ihm hinein – hatte Hans sein Gewehr aufgegriffen und gespannt, und François, noch immer mit dem Messer in der Faust, bewachte scharf die beiden Bootränder, ob sich wieder eine schwarze Hand auf ihnen sollte blicken lassen. Aber nirgends zeigte sich auch nur eine Spur von den Flüchtigen, und Hans meinte erstaunt, es wären doch keine Fischmenschen, daß sie ganz unter Wasser leben könnten, sie müßten wieder vorkommen. Da deutete Timor nach dem Seetang, der an den Korallen hing, an dem sie schon vorher das Auftauchen der vermeintlichen Fische beobachtet hatten. Alle folgten mit ihren Augen der Richtung, nur François nicht, der fest die Feinde noch einmal auf ihrem alten Angriffsplatz – er wußte nur nicht recht, auf welcher Seite – zu erwarten schien. »Dort sind sie!« rief aber jetzt auch Hans, und Jean, der indessen ebenfalls seine Muskete aufgefaßt, wollte schon auf das Dunkle dort, was sich ziemlich deutlich als die dunkeln Köpfe der Feinde erkennen ließ, zielen. Hans verhinderte ihn aber daran und meinte ruhig, es wäre besser, Blutvergießen zu vermeiden, bis es nicht anders möglich wäre. Die Köpfe verschwanden auch in demselben Moment fast wieder, und erst weit außer Schußweite kamen sie zum zweiten Mal hervor. Als sie sich zum dritten Male zeigten, war es dicht am Ufer, und sechs schwarze Gestalten, mit kurzen Speeren in der Hand, wie es Hans deutlich durch das jetzt aufgegriffene Fernrohr erkennen konnte, sprangen auf's Trockene und tauchten in der nächsten Minute in die dichten Büsche ein, die sie den Blicken der Nachschauenden gänzlich entzogen. Deren nächste Sorge war jedoch jetzt ihr Boot, und Zwei gingen daran, es so schnell als möglich wieder auszuschöpfen, während die Anderen noch immer auf Wache blieben, denn sie glaubten kaum, daß so wenige von den Wilden es gewagt haben sollten, sie anzugreifen. Der Plan war auch gar nicht so übel gewesen und nur daran gescheitert, daß die Schwarzen nicht die Natur einer solchen Jolle kannten. die weit fester mit ihrem breiten Boden auf dem Wasser liegt als eins der gewöhnlichen Canoes. Keins dieser letzteren hätte einem solchen Gewicht, plötzlich auf die Seite geworfen, widerstehen können, und einmal die Mannschaft über Bord, hätte sie den Wilden, die im Wasser fast gewandter sind als auf festem Land, sicherlich nicht widerstehen können. Mit ihren kurzen Speeren würden sie die Weißen entweder ermordet, oder sie untergezogen und ertränkt haben, und das Boot mit der Ladung, die sie leicht wieder vom Grund mit Tauchen aufbringen konnten, wäre ihre gute Beute geworden. Ihr ganzes Manöver ließ sich jetzt auch sehr leicht erklären. Zuerst hatten sie versuchen wollen, im Dunkel der Morgendämmerung (fast alle wilden Stämme machen ihre Angriffe zu dieser Tageszeit) heimlich anzuschwimmen. Timor's Munterwerden machte ihnen das aber unmöglich, und einmal die richtige Zeit versäumt, war auch die andere Mannschaft wach geworden. Einer schwamm also deshalb wieder von den Uebrigen ab, um die Aufmerksamkeit der Fremden auf sich und von den Kameraden abzulenken, während diese unbeachtet herantauchen und den vorher verabredeten Plan ausführen konnten. Vor Feuergewehren haben aber diese Stämme, die mit Weißen fast noch nie in Berührung gekommen, eine heilsame Furcht, und das zufällige Losgehen von Bill's Muskete erschreckte sie so, daß sie jeden Gedanken an Angriff aufgaben und nur ihre eigene Haut in Sicherheit zu bringen suchten. »Nun, wie gefällt Euch der Empfang bei den Schwarzen?« frug Hans die Anderen, als sie ihr Boot wieder in Ordnung gebracht und ihre Provisionen vorgesucht hatten, um ein hastiges Frühstück einzunehmen. »Nicht wahr, es sind gastliche Gesellen, die nicht einmal abwarten, bis wir zu ihnen an Land gekommen sind, sondern uns gar schon vor der Thür besuchen.« »Hol' der Teufel die Landlubbers,« brummte Bill, der damit das schlimmste Wort seines Kraftwörterbuchs ausgesprochen – »wenn die Sachen hier so stehen, hab' ich wenigstens allen Appetit verloren, mich viel bei ihnen zu Gaste zu bitten. – Das sind ja verteufelte Kerle – die wie die Bestien schwimmen und tauchen können!« »Die Hälfte von unserem Brod ist naß geworden,« sagte Timor, der sich indessen eifrig damit beschäftigte, den beschädigten Proviant nachzusehen – »ein Glück nur, daß das Meiste hoch lag.« »Wir essen das naßgewordene zuerst weg,« meinte Jean, »wenn das Brod auch ein wenig salzig schmeckt, das schadet nichts, und aufgeweicht ist's doch nicht. Da müssen unsere Schiffszwieback länger im Wasser liegen, wenn sie wirklich weich werden sollen; für solche Fälle haben unsere Rheder glücklicher Weise gesorgt. – Aber so heimtückische Canaillen; auf einer Seite Freundschaftsversicherungen, auf der andern Meuchelmord. Doch feige sind die Kerle. Hei, wie sie ausbrannten, als Bill sein Gewehr unter sie abschoß! Mich wundert nur, daß sich Bill so rasch fassen und schießen konnte; der Angriff kam so schnell, daß ich an mein Gewehr gar nicht dachte.« Bill sah ihn mit einem trocken-komischen Ausdruck in den Zügen an, und die Anderen lachten. »Ja,« sagte Bill endlich, »wenn ich jedesmal mein Gewehr auf die Art abfeuere, dann thu' ich meinem eigenen Leichnam mehr Schaden dabei, als jemand Anderem. Nicht allein daß ich mir meine ganze hintere Front auf den scharfen Kistenecken und Gott weiß was abgescheuert habe, nein, die verdammte Muskete stieß mich auch, wie sie losging, so gegen den Leib, daß ich erst fürchtete, ich hätte einen förmlichen Decimalbruch gekriegt. – Das sind verwetterte Dinger, solche Schießgewehre – da ist's ja wahrhaftig so gefährlich dahinter wie davor zu stehen, und ich hatte nur eine einzige Handvoll Pulver drin. Aber, Donnerwetter, Ihr braucht nicht so furchtbar zu lachen; wir sitzen hier keineswegs in einer so angenehmen Lage, um viel Spaß machen zu können. Gebt lieber einen guten Rath, wie wir aus dieser Klemme wieder hinauskommen und was wir thun sollen.« 17. Die Landung »Sail ho!« rief in diesem Augenblick Timor, der trotz seiner Beschäftigung im Boot doch nicht aufgehört hatte, den Horizont wie seine nächste Umgebung zu beobachten. Dieser Ruf gab natürlich den Gedanken der kleinen Mannschaft eine total andere Richtung. Aller Augen richteten sich blitzschnell nach der einzigen Himmelsgegend hin, wo ein Segel sichtbar werden konnte – der Einfahrt der Torresstraße zu. Und richtig genug, über dem Horizont waren deutlich die oberen Segel eines wahrscheinlich großen Schiffes zu sehen, das schon gestern Abend in die Straße eingelaufen und vor Anker gegangen sein mußte und jetzt mit einer guten, wenn auch leichten Brise und von der starken, westwärts setzenden Strömung begünstigt seine Durchfahrt antrat. »Da wär' eine Gelegenheit, von hier fortzukommen,« sagte Hans lächelnd, nachdem sie das Segel, dessen Fortgang sie leicht bemerken konnten, eine Weile schweigend beobachtet hatten, »was meinst Du Bill? sollen wir unser Glück damit versuchen?« Bill schüttelte aber finster mit dem Kopf und sagte endlich, nachdem er sich ein tüchtiges Stück von seinem Kautabak abgebissen und den Rest wieder in die Mütze – den gewöhnlichen Aufbewahrungsort, gelegt hatte: – »Ne – so gern ich hier weg wäre, aber die Gesellschaft Capitain Oilytt's ist doch zu gut für mich – ich bin sie nicht mehr werth und – ich will mich nicht gern wieder hineindrängen. – Wenn wieder eins käme, ja, da will ich nichts dagegen sagen, aber ich denke, dies erste gönnen wir unserm Alten zu seiner alleinigen Verfügung.« »Oh wenn's nur deshalb wäre,« rief Jean, »das sollte mich wahrhaftig nicht abhalten! Auf einem fremden Schiff hat er nichts zu sagen, denn er ging höchstens als Kajüten-Passagier und wir kämen als Wachtverstärkung mit in's Vorcastel. Was könnte er uns da anhaben?« »Was er uns anhaben könnte?« wiederholte Bill; »weiter nichts, Mann, als daß er uns Viere hier einfach in Eisen legen ließe wegen Widersetzlichkeit – wenn er da irgend Gefallen dran fände. Und thäte er das wirklich nicht, so kannst Du Dich drauf verlassen, er würde uns bei dem andern Capitain einen solchen Namen machen, daß ich lieber mit sieben Jahr Urlaub nach Norfolk Island oder Vandiemensland geschickt werden möchte, als dort Matrose sein. Frag einmal Hans, was er dazu meint. – Und Timor erst für sein bischen Versteckensspielen. – Aus dem seiner Haut machten sie, Gott straf' mich! Kabelgarn.« »Unsinn» Mann,« lachte Jean, »es fällt mir ja gar nicht ein, Capitain Oilytt's Gesellschaft je wieder aufzusuchen. Im Gegentheil, ich danke Gott, daß ich sie mit so guter Manier los geworden bin. Das Schiff hat aber jedenfalls den Vortheil für uns, daß es den Capitain mit seiner ganzen Gesellschaft aus der Straße herausnimmt, und kommt später einmal ein anderes und es gefällt uns dann nicht auf dem festen Land, dann können wir immer noch thun, was wir wollen. »Hallo, Hans, was machst Du da?« wandte er sich plötzlich zu diesem, der nach vorn gegangen war und, ohne weiter etwas zu sagen, den kleinen Anker aufholte. »Was ich mache? – ich mache uns flott,« lautete die Antwort – »oder wollen wir hier liegen bleiben?« »Gut denn, an Land!« rief Jean fröhlich, »und gefällt uns das Innere, so sollen uns alle Wilden Australiens nicht abhalten, unser Ziel zu erreichen.« »Damit bin ich auch einverstanden,« meinte Bill, »meine Flinte kann aber Timor nehmen. Ich will verdammt sein, wenn ich das Ding noch einmal losschieße, oder vielmehr sich selber losschießen lasse. Was ich bis jetzt davon gesehen habe, so scheint es mir verwünscht unabhängig zu sein und sich wenig daran zu kehren, ob an dem kleinen Stück Eisen da gedrückt wird oder nicht.« Als der Anker gelichtet war, wollten Bill und François nach den Rudern greifen, um die kurze Strecke hinüber zu rudern; Hans richtete aber das Segel auf und schlug ihnen vor, noch eine Strecke an der Küste hinabzufahren, bis wo sie wieder Hügel zum Strand niederdachen sehen konnten. Die Gegend war hier vollkommen flach, die keinen Hügel standen aber mit anderen höheren, deren blaue Spitzen sie jetzt schon erkennen konnten, jedenfalls in Verbindung. Es war dort auch eher wahrscheinlich, daß sie Wasser finden würden, als hier, und Wasser blieb ihnen ja doch, bei einem Marsch in's Innere, die Hauptsache, wo sie wohl dann und wann ein Stück Wild erlegen konnten, ihren Hunger zu stillen, aber nie im Stande gewesen wären, sich ohne Wasser zu behelfen. »Und dann kommen wir auch ein Stück von diesen verdammten schwarzen Heiden fort,« sagte Bill, als er die Schote des kleinen Segels anholte und fest machte – »hol' sie der Henker!« »Das nun wohl nicht,« meinte Hans, »denn ich bin fest überzeugt, daß wir die ganze Zeit von mehr als den wenigen beobachtet wurden und selbst diese können uns leicht zu Lande folgen. Laufen wir aber scharf gegen die Küste an, so werden sie sich jedenfalls zurückziehen, und ich bin ziemlich gewiß, daß sie uns beim Landen nicht im Geringsten stören.« Nach zwei Stunden erreichten sie das höher gelegene Land und fanden hier sogar, ganz gegen Erwarten, ein wohl dreißig Schritt breites kleines Strombett, in dem eine ziemlich starke Quelle niederrieselte. Es war gerade Regenzeit, und sie durften jetzt allerdings weit eher erwarten, dann und wann Wasser zu finden als im Sommer, wo auch diese Quelle sicher vertrocknete. Bei der Landung gebrauchten sie nichtsdestoweniger jede Vorsicht, die ihnen unter diesen Umständen nur möglich war. Während Bill vorn mit dem Springtau in der Hand auf das Anlaufen des Bootes wartete und dann hinaussprang und das Boot an's Ufer zog, standen Jean und François mit ihren geladenen Gewehren neben ihm. Hans hielt das Ruder. Es ließ sich aber kein Indianer blicken, ja nicht einmal die Spur ihrer Füße konnten sie in dem Ufersand entdecken, und nachdem sie erst zu diesem Zweck eine kleine Runde durch die Büsche gemacht und auch nicht das mindeste Verdächtige gefunden hatten, zogen sie ihr Boot in die kleine Süßwasser-Bai, die hier das frische Wasser in den sonst überall nahe zum Ufer kommenden Korallen gebildet zu haben schien, und fanden sich zum ersten Mal wieder auf festem, trockenem Lande. 18. Der australische Busch François und Jean hielten es allerdings jetzt noch für unumgänglich nöthig, Posten auszustellen und indessen ihr Boot in Sicherheit zu bringen. Hans aber, mit den Sitten dieser Stämme, wie es schien, besser bekannt, beruhigte sie darüber und gab ihnen die Versicherung, daß sie gewiß keinen neuen Ueberfall, so lange es hell sei, zu fürchten hätten, obgleich er keineswegs für dasselbe nach Dunkelwerden einstehen möchte. Was aber nun thun? Ihr Boot am Strand oder irgendwo im Dickicht versteckt zurücklassen und geradezu den Landweg durch das Innere versuchen? Die Sache wurde bald als unmöglich verworfen, denn Die gerade, die im Anfang am exaltirtesten für einen solchen Plan gewesen waren, schienen durch diese erste Begrüßung einen heilsamen Schreck vor irgend einem solchen Unternehmen bekommen zu haben. Hierzu kam noch, daß jetzt die Lebensmittelfrage in Anregung gebracht werden mußte und es sich nun herausstellte, wie die Provision auf keine andere Weise fortzubringen wäre, als auf den eigenen Rücken. Hans setzte ihnen dabei die etwaige Entfernung auseinander, bei der Bill schon vollkommen genug hatte, sobald er die Zahl der Tagemärsche hörte, und selbst François und Jean wurden kleinmüthig, als sie das ihnen nächste Wasser, das sie für frisches gehalten, kosteten und salzig fanden. Allerdings hatte das seine sehr natürlichen Ursachen, da die Mündung des kleinen Creek oder Flusses – denn das Bett desselben sah breit genug aus – hier jedenfalls der Ebbe und Fluth ausgesetzt war. Hansens Rath lautete nun, wie er von Anfang an gewesen: in ihrem Boot zu bleiben und so rasch sie könnten nach Westen zu segeln, um jedenfalls Timor oder eine andere Insel jener dichtgedrängten Gruppe zu erreichen. Bis dorthin führten sie auch genug Provisionen bei sich, denn Wasser konnten sie, wenigstens etwas, bei einzelnen doch jedenfalls zu erwartenden Regengüssen oder Gewitterschauern mit ihrem Segel auffangen. Wenn nun aber auch die Uebrigen im Ganzen mit dem Plan vollkommen übereinstimmten, versicherten doch François sowohl wie Jean, das feste Land hier nicht eher wieder verlassen zu wollen, ehe sie mehr davon gesehen hätten, denn der Beweis wäre ihnen geworden, welchen Respekt die Wilden hier vor Feuerwaffen hätten. François besonders, mit der eigenen Leidenschaft, die Matrosen für jede Art von Jagd zeigen, wenn sie einmal festes Land betreten haben, verschwor sich hoch und theuer, hier erst einmal die Gegend untersuchen zu wollen, ehe er wieder in See ginge – die Zeit sei ihm lang genug an Bord geworden und er müsse jedenfalls erst »sein Gewehr einmal anschießen«. Etwaige Gefahren konnten ja nur den Reiz erhöhen, aber nimmer vermindern. Der Einzige, dem es ziemlich gleichgültig schien, was vorgenommen wurde, war Bill, so sie nur nicht von ihm verlangten, lange Tagemärsche mit einer Last auf dem Rücken zu machen. Er gestand jetzt ein, daß er sich das Land ebenfalls anders gedacht habe, und stimmte Hans bei, so rasch als möglich Timor zu erreichen. – Gegen eine kleine Excursion in's Innere hatte er ebenfalls nichts, vorausgesetzt, daß er dieselbe ohne Flinte mitmachen könne, denn nur im äußersten Nothfall möchte er, wie er meinte, gezwungen sein, solch ein »hintenausschlagendes Schießeisen« wieder abzufeuern. – Aber was sollte indessen aus dem Boot werden? – Die Frage war die natürlichste, und wenn auch besonders François im Anfang geglaubt hatte, man würde es irgendwo leicht verstecken können, überzeugte sie doch bald die ganze Natur des Bodens, daß etwas Derartiges wohl leicht gedacht, aber schwer ausgeführt werden könne. Handelten sie übrigens hierin leichtsinnig, so waren sie der fast unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt, Alles, was sie von Provisionen bei sich hatten, nicht allein zu verlieren, sondern auch noch zugleich der Möglichkeit eines Rückzugs von hier beraubt zu werden. Dagegen erklärte sich auch Hans auf das Bestimmteste, und erbot sich, mit Timor im Boot zu bleiben und dies flott zu halten, bis die drei Kameraden ihrer »Landungswuth« genügt und vom Land so viel gesehen hätten, als ihnen zuträglich wäre, was, wie er hoffte, gar nicht so sehr lange dauern sollte. Timor war sehr gern damit einverstanden, Jean aber nicht, der Hans mit an Land zu haben wünschte und dagegen Bill, als am schlechtesten auf den Füßen, zur Bootwache vorschlug. Als Station für das Boot konnte der dann eine kleine Insel nehmen, die jetzt, in der Fluthzeit, nur eben über die Oberfläche des Wassers vorragte und mit dichtem Gebüsch bewachsen war. Trotzdem lag sie gerade bequem und etwa eine englische Meile vom Lande ab, so daß sie dort wenig oder gar nichts von einem Ueberfall, ausgenommen in Canoes, zu fürchten hatten. Den aber brauchten sie am hellen Tag um so weniger zu fürchten, als sie gesehen hatten, welchen Respekt die Eingeborenen den Schießgewehren gegenüber gezeigt. Bill, überdies nicht sehr lebhaften Temperaments, war mit diesem Plan vollkommen einverstanden, ließ ihn derselbe doch in unbeschränktem, unverkümmertem Besitz und unmittelbarer Nähe des Portweins, für den er anfing, eine stille Neigung zu fühlen. Hans wünschte selber gern einen Theil der Küste und das Innere des Landes zu sehen, wenn sich die Kameraden denn doch nun einmal nicht von ihrem Plan abbringen ließen, und da er sich auch wohl bewußt war, manche Gefahr von ihnen abwenden zu können, stand der Ausführung des beabsichtigten Streifzugs nichts weiter im Weg. Timor schien mit Allem einverstanden, was ihn nur nicht wieder in den Beriech der Schwarzen brachte, die sich bei ihm durch den so schlau ausgeführten Angriff gar tüchtig in Respekt gesetzt hatten. Mit Vorbereitungen verloren sie denn auch keine lange Zeit weiter. Jeder nahm nur an Munition und Proviant, war er auf zwei oder drei Tage nothwendig zu brauchen glaubte – denn etwas zu schießen mußten sie ja doch auch hier im Walde finden – und als Signal, wenn sie zurückkehren wollten, wurden zwei rasch hintereinander abgefeuerte Schüsse bestimmt. Sobald Bill dieselben höre, sollte er sich, aber immer noch sehr vorsichtig, dem Festland nähern. Auch jetzt wurde es ihm zur Pflicht gemacht, um ganz gesichert gegen einen Ueberfall zu sein, augenblicklich vom Land abzustoßen. Zuerst aber nahm er noch herzlichen Abschied von den Kameraden und ermahnte sie ernstlich, ganz besondere Acht auf ihre eigene Haut zu haben, damit sie dieselbe nicht unnöthiger Gefahr aussetzten. Dann nöthigte er noch Jeden, sie mochten dagegen einwenden was sie wollten, extra eine Flasche Madeira auf – Madeira, meinte er, sei besser wie Portwein, wenn man ihn mit Salzwasser trinken müsse – und schob hierauf mit Hülfe der Zurückbleibenden vom Lande ab. Hier wandte er rasch den Bug seines kleine Fahrzeugs, setzte das Segel und suchte mit Timor am Steuer vom Land abzukreuzen, was ihm jetzt, von der eintretenden Ebbe begünstigt, auch bald gelang. Die drei Matrosen sahen ihn aber kaum frei und unter Segel, als sie auch ihre verschiedenen Packen schulterten, die Gewehre unter den Arm nahmen und dem nächsten Hügel zuwanderten, den sie vor allen Dingen erst einmal besteigen wollten, um einen ungefähren Ueberblick über das benachbarte Land zu gewinnen. Hansens Bein schmerzte ihn allerdings noch ein wenig. Die letzten Ruhetage und die gute Pflege hatten ihn jedoch so weit wieder hergestellt, einen derartigen nicht zu langen Marsch ohne große Gefahr für sich wagen zu können. Da sie sich hier noch innerhalb des Flußthals befanden, das nach Osten und Westen in einem, wenn auch schmalen, doch weit auslaufenden Streifen abzweigte, so hatten sie sich vor allen Dingen durch einen höchst beschwerlichen Mangrovesumpf hinzuarbeiten. Im Anfang durften sie auch wirklich kaum wagen, auf den Schlamm zu treten, der oft unter ihnen wegsank. Sie mußten sich über die hoch emporstehenden Wurzeln, die nach allen Seiten hin wie die Beine einer Spinne vom Stamme wegstarrten, hinarbeiten, um erst einmal höheres und damit auch festeres Terrain zu gewinnen. Hans fühlte sich aber gleich von vornherein in diesem Sumpf nicht wohl, denn hätten die Wilden wirklich noch böse Absichten auf sie gehabt, so wären sie hier, wo sie ihre beiden Hände gebrauchten, um sich nur fortzuhelfen, ihren Angriffen jedenfalls auf eine höchst gefährliche Weise preisgegeben gewesen. Aber nicht ein einziger ließ sich sehen, keine Spur konnten sie von ihnen, selbst in dem weichen Schlamm erkennen, und François meinte lachend, als sie den ersten festen Platz erreicht hatten und hier einen Augenblick stehen blieben, um sich zu erholen: die schwarzen Schufte, die an dem Morgen einen Angriff versucht hätten, liefen wahrscheinlich noch, so seien sie über den Knall von Bill's unfreiwilligem Schuß erschreckt worden. Hans war anderer Meinung, aber er begnügte sich damit, vorsichtig auszuschauen, und erhielt dazu noch kräftigen Grund, als sie hier, am Rande eines kleinen »Theebaum«-Dickichts nicht allein Spuren, sondern einen festgetretenen Pfad von Indianern fanden, der am Rande des Ufers hinzulaufen und wahrscheinlich dem nächsten frischen Wasser am Flusse weiter hinauf zuzuführen schien. Hier, mit dem ersten hohen Land, wurde auch die Vegetation eine andere, üppigere, und hier zum ersten Mal schienen selbst Bäume den Hügelkamm zu decken, während weiter unten sowohl wie oben die nächsten Küstenhügel nur starre, dürftige Sandberge gewesen waren. Kleine, schmale Lagunen oder flache, mit frischem Gras bewachsene Ausläufe zogen sich hier zum Fluß hinunter, deren Ränder mit Banksias eingefaßt standen, während dahinter einzelne Kohlpalmen aufragten und der ganzen Landschaft, mit dem dunkeln Hintergrund von Stringybark-Bäumen und Casuarinen, einen freundlichen Anstrich gaben. Nach rechts hinüber schienen diese Palmen in noch größerer Menge zu stehen, und weiter eindringend in den Wald, kamen sie auch zu einzelnen Pandanus-Dickichten, an denen besonders die Wilden ordentlich Lager gehabt zu haben schienen. Hans sowohl wie Jean und Francois fühlten sich aber beengt in dem dichten Unterholz, das übrigens eine Masse weißer Tauben belebte, und gerade das ewige Geflatter und Aufschrecken dieser Vögel diente nur dazu, sie mehr und mehr zu beunruhigen. Glaubten sie doch anfänglich in jedem solchen Geräusch einen versteckten Wilden zu hören, der mit Speer oder Waddie (Keule) auf sie losbrechen wolle. Hier noch im flachen Land wäre auch ein solcher Ueberfall nicht so unmöglich gewesen, denn die üppige Vegetation würde einen Hinterhalt sehr begünstigt haben. Deshalb wandten sich alle Drei, wie nach gemeinsamer Verabredung, dem nächsten Hügellande zu und erreichten bald darauf einen vollkommen baum- und buschfreien Hang, dürftig mit Rasen und kleinen gelbrothen Blumen bedeckt, an dem hinauf sie rasch und ungefährdet ihre Bahn verfolgen konnten. Eigenthümlich war hier eine Masse einzelnstehender hoher und spitzer Lehmhaufen, die ihnen von fern wie zugespitzte alte Baumstümpfe vorkamen und überall am Hügel hin, oft zu zweien und dreien, manchmal zu zwanzig und fünfundzwanzig zusammenstanden. Diese wiesen sich jedoch bald als Ameisenhaufen aus, die meist acht bis zehn Zoll unten im Durchmesser, bis vier Fuß hoch und scharf abgespitzt, von dem gelblichen Lehm des Bodens errichtet, der ganzen Landschaft einen wunderlichen Anstrich gaben. François glaubte in der That im Anfang, es sei eine gewaltige Schaar von lederfarbenen Eingeborenen, die dort, über den Berg zerstreut, nur ihr Hinaufsteigen abwarteten, um von allen Seiten über sie herzufallen. Hans kannte aber diese Hügel schon von früher, und bald konnten sie sich auch selber von dem harmlosen Wesen derselben überzeugen. Eine ihnen fremde Gattung von Tauben mit dunkelbraunem Körper und hellerer Zeichnung schienen übrigens die einzigen Bewohner dieses Hügelhanges zu sein. Diese hatten in einzelnen vorragenden Fällen ihre Wohnung aufgeschlagen, aus denen sie scheu hervorschwirrten, sobald sich ihnen die Fremden näherten. Die Seeleute wollten aber weder ihre Munition nach so kleinem Wild verschießen, noch die benachbarten Wilden unnöthiger Weise auf sich aufmerksam machen, und kletterten deshalb, ohne ein Gewehr abzudrücken, den jetzt steiler werdenden Hang empor. Hier befanden sie sich, etwa eine halbe Stunde später, auf dem äußersten Kamm des Bergrückens, der sich nach Süden zu hinunterzog und im Osten durch die noch höhere Kette, die in Cap York ausläuft, begrenzt wurde. Nach Westen zu öffnete sich ihnen dagegen die Aussicht über ein weites, buschiges Thal, um das der Ocean seinen endlosen blaunebligen Gürtel zog. Aber auch dorthin sah das Land traurig aus. Dürre, theils mit dichtem Busch bewachsene Strecken, theils grausandige Flächen dehnten sich rings um sie her, und nicht das geringste Anzeichen irgend eines bedeutenden Wasserlaufes ließ sich darin erkennen. Es war eine trostlose Wildniß, die ihre Einbildungskraft noch nach Gefallen mit den heimtückischen Schwarzen bevölkern konnte – und dagegen donnerte im ewigen Ansturm die weite See. »Großer Gott!« brach François endlich zuerst das Schweigen nachdem sie eine ganze Zeit lang lautlos auf das weite monotone Land hinabgeschaut hatten, »wie verlassen, wie entsetzlich todt sieht jene weite furchtbare Fläche aus. Hier in den Hügeln haben wir zwar gerade auch nichts Besonderes, aber ich kann mir denken, wie man von da unten aus ordentlich mit einer wahren Sehnsucht hier heraufschauen könnte.« »Und durch ein solches Land wolltet Ihr, von allen Mitteln entblößt, die einer solchen Reise wenigstens die Möglichkeit des Gelingens ließe, den Marsch versuchen!« sagte Hans. »Aber es wird auch nicht überall so sein,« entgegnete Jean rasch. »Da, wo sich der Fluß durch das breite Thal zieht, grünt und blüht eine so üppige Vegetation, wie sie sich der Wanderer nur wünschen kann, und diesem Strome folgend –« »Kämst Du nur zu bald an seine Quelle, wo all' die Schrecken und Gefahren einer Wüste beginnen,« unterbrach ihn Hans kopfschüttelnd. »Wir können uns ein Beispiel an dem Deutschen, an Doctor Leichhardt, nehmen, der diesen Landstrich allerdings, aber Gott weiß auch mit welchen Mühseligkeiten und Gefahren durchzogen und auf einer zweiten Reise sein Leben dennoch eingebüßt hat. Mit allem Nöthigen zu einem solchen Marsch ausgerüstet, mit der Kenntniß des Landes, die er auf der ersten Tour erworben, mit Muth und Ausdauer wie sie nur je ein Mensch bewiesen, mußte er doch in den entsetzlichen Wüsten, die das Innere dieses weiten Landes bilden, elendiglich umkommen, und seine Gebeine bleichen jetzt vielleicht neben irgend einer Salzquelle, vom Sand der Wüste bedeckt. Ich bin sonst wahrlich nicht furchtsam, aber ein heimliches Grausen durchrieselt mich jedesmal, wenn ich auf das Innere dieses ungeheuren räthselhaften Landes blicke, das seinen kühnen Bewohnern noch immer hartnäckig die starre Sandwüste entgegenhält; trotz allen Versuchen, das Innere zu durchforschen, trotz aller Aufopferung, trotz allem Todesmuth blieb es vergebens, und wer weiß, ob es je den Menschen gelingen wird, die ganze Insel zu durchwandern.« »Es hat aber auch einen eigenen Reiz, in solche noch unbetretene Wildniß vorzudringen,« sagte Jean, der, auf sein Gewehr gestützt, lange und sinnend nach Süden hinabgeschaut hatte. »Fast unwillkürlich treibt und drängt es uns vorwärts und – der Drang wird um so mächtiger, wenn gerade dahinter das Ziel unseres ganzen Lebens liegt und unseren ausgestreckten Armen fast unerreichbar scheint.« »Dir steckt die Dirne aus dem goldenen Kreuz noch im Kopf«, lachte François, »aber ich weiß nicht, ob ein paar tausend Meilen Sand und Salzwasser nicht selbst die heißeste Liebe, ich will nicht gerade sagen abkühlen , aber doch wenigstens austrocknen könnten. Wenn ich meinestheils ein ganzes Pensionat von lauter Geliebten in Sidney sitzen hätte, es würde mir nicht einfallen, so parteiisch für mein Herz, Magen und Kehle auf eine so entsetzliche Weise zu behandeln.« »Bah,« sagte Jean leicht erröthend, »Du bist reiner Materialist, François, und hast keine Idee davon, was wirkliche Liebe ist. Dir allein, glaub' ich auch, wäre es nur möglich, alle solche Schwierigkeiten zu besiegen, die uns bei ruhigem Blut, bei kalter Ueberlegung geradezu unüberwindlich scheinen.« »Es giebt für solche Zwecke ein noch mächtigeres Gefühl, Jean,« nahm aber Hans jetzt das Wort – »und zwar der Ehrgeiz . Es ist das die mächtigste, aber auch furchtbarste Gewalt unseres ganzen Systems und kann sich selber nur in solchem Falle übertreffen, wo er sich mit der Liebe vereinigt und das arme Menschenherz dann zu Sieg und Ruhm oder – zu ewigem Verderben mit fortreißt. – Ich habe in meiner Zeit von beiden Beispielen erlebt, die –« Ein wilder, merkwürdiger Laut unterbrach ihn plötzlich, und alle Drei griffen wie unwillkürlich nach ihren Gewehren. »Ku-ih!« tönte es aus dem Wald heraus, das den obern Hügelhang begrenzte, »Ku-ih!« und der gleiche Ruf antwortete von zwei verschiedenen Stellen im Thal. »Was für ein Thier war das?« frug François leise, als die Töne endlich schwiegen, indem er vorsichtig nach dem nächsten Dickicht hinüberhorchte. »Vielleicht unsere Freunde von heut Morgen,« lachte Hans endlich, mit dem Blicke den Waldrand nach jener Richtung hin musternd, von woher der Laut zum ersten Mal getönt. – »Jedenfalls waren es Eingeborene, denn das ist ihr Ruf. Möglich kann es auch sein, daß es als eine Art telegraphische Meldung beabsichtigt wurde, um die Kameraden unten im Thal wissen zu lassen, daß wir bis hier oben glücklich angelangt seien.« »Wir reisen ja da ordentlich wie die hohen Herrschaften in Europa,« lachte Jean, »von denen auch die Zeitungen jeden Schritt und Tritt, jeden Bissen, den sie essen, jeden Schluck, den sie trinken, melden und – noch mehr melden würden, wenn sie sich eben nicht genirten. Aber – ich muß aufrichtig gestehen, ich mache mir für den Augenblick nichts aus einer derartigen Berühmtheit, und wenn ich wüßte, daß ich die Rolle auch gut durchführen könnte, hätte ich gar nichts dagegen, mich, so lange ich hier an Land wäre, schwarz anzustreichen und incognito zu reisen.« »Hier auf dem Berge sind wir ihnen auch vollkommen preisgegeben,« meinte François kopfschüttelnd. »Sie können jede unserer Bewegungen beobachten und sich nachher prächtig in's Dickicht in den Hinterhalt legen, ehe wir nur einmal ahnen, daß sie in der Nähe sind. – Wenn sie nur mit Bill nichts unter der Zeit anfangen. Bill ist ein ganz tüchtiger Kerl und fürchtet sich vor dem Teufel nicht; aber wo es heißt, irgend einer List begegnen, da traue ich ihm eben nicht übermäßig viel zu.« »Mir ist das auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Hans, »und ich habe nur dabei meine Hoffnung auf Timor gesetzt, der, selber halb ein Wilder, sich nicht wird so leicht überlisten lassen. – Hättet Ihr nicht Euer Herz einmal daraufgestellt, ich wäre auch gar nicht aus dem Boot gegangen.« »Ja, und ich glaube, wir haben dabei einen dummen Streich gemacht,« entgegnete ihm Jean kopfschüttelnd. »Ich gebe allerdings zu, daß ich selbst jetzt noch dabei wäre, wenn Ihr Euch Alle dazu entschlösset, die Landtour nach dem Süden hinunter zu unternehmen, so verzweifelt das Mittel auch sein möchte, um von hier fortzukommen. Dann aber hätten wir auch unser Boot ganz im Stich lassen und unsere Kräfte nicht zersplittern sollen. Ueberdies sehe ich jetzt auch nicht mehr recht ein, was wir hier eigentlich wollen. Proviant brauchen wir hier noch nicht, sondern verzehren im Gegentheil mehr, als mir scheint, daß wir hier wieder einlegen können, und vom Land werden wir auch nicht mehr zu sehen bekommen, als wir bis jetzt gesehen haben. Es ist eine trostlose, entsetzliche Wildniß, und ich stimme dafür, daß wir sobald als möglich wieder abzukommen suchen. Wollen wir dabei noch ein Uebriges thun, so können wir ja eben nur einen Bogen durchs Thal ziehen, die Vegetation unten ein wenig genauer kennen zu lernen, dann sind wir gegen Abend wieder am Ufer, rufen unser Boot an und schlafen die Nacht an Bord, wahrhaftig besser und sicherer als hier, wo man nie weiß, von welcher Seite die schwarzen Schufte zuerst über uns einbrechen mögen.« »Ja, und je eher wir von hier fortkommen, desto besser,« stimmte François etwas kleinmüthig bei, »denn, weiß der Böse woher es kommt, aber meine Schuhe fangen auch an zu drücken, und den einen hab' ich mir auch schon in dem scharfen Boden hier aufgetreten. – Mit keiner Silbe hatt' ich ja daran gedacht, daß man zu einer Fußreise zu Land auch tüchtiges Schuhwerk nöthig hat, denn das leichte Zeug, womit wir an Deck herumlaufen müssen, damit wir dem Capitain das Quarterdeck nicht zerkratzen, würde bald fertig werden. Und dann? Nein, eine Landreise klingt recht gut von Bord aus, aber mir ist's jetzt doch ungemein lieb, daß wir noch den Hinterhalt an unserem Boot haben. Nun, Hans, wie steht's? – was giebt's wieder?« »Meine Meinung braucht Ihr nicht erst zu hören,« sagte dieser, ohne die Augen jedoch von einem gewissen Punkt des Waldstreifens, der sich unfern von ihnen über den Berg hinzog, abzuwenden. – »Ich bin von Anfang an gegen einen solchen Marsch gewesen und wußte recht gut, Ihr würdet das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens einsehen, sobald Ihr nur einmal den Fuß an Land gesetzt hättet. Aber ich glaube, wir bekommen Besuch,« fuhr er dann fort, den Arm nach der Richtung hin ausstreckend, nach der er schaute. »Dorthin regt sich's jedenfalls, will aber noch nicht recht heraus. Nun, wir brauchen uns wenigstens keine Mühe zu geben, unsere Anwesenheit geheim zu halten, denn ich bin fest überzeugt, wir werden von allen Seiten scharf genug beobachtet.« »Ku-ih!« rief es in dem Augenblick wieder aus dem Wald herüber, und Hans wollte eben die Hand an den Mund heben, um den Ruf diesmal zu beantworten, als dicht hinter ihnen, wo ein kleiner Vorsprung des Hügels auslief, daß sie die Ecke nicht hatten übersehen können, der Schrei laut und sorglos beantwortet wurde. Wie der Blitz fuhren die Drei nach dem unerwarteten Ruf herum, und unwillkürlich rissen sie ihre Gewehre in die Höhe, Hans aber winkte ihnen auch eben so rasch, sich ruhig zu verhalten, und nur nach der Gegend zu Front machend, von der der Laut kam, standen sie still und regungslos. Sie brauchten nicht lange zu warten. Noch keine halbe Minute hatten sie so gestanden, als ein Schwarzer, vollkommen nackt und nur mit einem kurzen Speer bewaffnet, um den Absprung des Hügels bog. Er hielt den Blick auf den Boden geheftet, und es war augenscheinlich, daß er keine Ahnung von der Anwesenheit der weißen Männer haben konnte. In dem Moment aber, wo sie glaubten, daß er jetzt erstarrt vor Schreck zu ihnen aufschauen und die entsetzlichen Weißen vor sich erblicken sollte, war er plötzlich wieder fast wie in den Boden hinein verschwunden. »Peste!« riefen Jean und François fast zu gleicher Zeit; als Hans aber rasch dem kleinen Abhang zusprang, um zu sehen, was aus ihm geworden, konnte er eben noch die dunkle Gestalt erkennen, wie sie an dem bröcklichen Gestein, ganz gleichgültig gegen irgend eine Gefahr von Knochenbrüchen oder sonstigen Quetschungen, mehr niederrollte als glitt und wie eine Schlange unter die nächsten Büschen verschwand. »Wenn der Bursche nicht fest überzeugt ist, den Teufel gesehen zu haben,« lachte Jean, »so will ich nie wieder auf Salzwasser fahren. Der wird eine schöne Geschichte erzählen, wenn er zu Haus ankommt.« »Der muß noch keine Ahnung von uns gehabt haben,« meinte François. »Es mag wohl selten genug vorkommen,« sagte Hans, »daß Weiße hier an der Küste landen, denn die Eingeborenen hier haben vielleicht einen noch schlimmeren Ruf als sie verdienen. – Wir würden noch manchem auf diese Art begegnen, wenn wir länger hier blieben. Aber Jean hat Recht – auch ich sehe nicht den geringsten Nutzen weiter für uns darin, nur Schaden; also je rascher wir wieder fortkommen, desto besser, und zu diesem Zweck nehmen wir am vorteilhaftesten den nächsten Weg nach der Küste zu, wo wir allerdings durch eine längere Strecke Thalland müssen, aber auch die offene Küste eher erreichen und das Boot anrufen können.« – Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wollte er den bezeichneten Weg vorangehen, als ihn Jean noch einmal am Arm ergriff und gegen den Hügel, an dem sie standen, hinüberdeutend ausrief: »Aber sieht das hier nicht so aus wie bewohnter Boden? – die freie, scharf vom Wald begrenzte Fläche, die baumstumpfähnlichen Ameisenhügel, jene fast regelmäßig eingeschnittene Hecke? – Ich glaube wahrhaftig, hier ist einmal Feld gewesen.« »Ein Schlachtfeld vielleicht feindlicher Stämme,« erwiderte Hans kopfschüttelnd, »sonst wahrlich kein anderes. – Nein, Kamerad, all' diese weiten ungeheuren Strecken des nördlichen Australien liegen noch wild und unberührt, ein oder zwei kleine Forts weiter westlich hin ausgenommen – und werden auch wohl so lange liegen bleiben, bis es hier auf unserer guten Erde recht an Platz zu fehlen anfängt, oder – die Leute sich mit Salzwasser anstatt frischen Quellen zu begnügen lernen. – Aber fort – da gerade vor uns tönt schon wieder ein Ku-ih der Eingeborenen, es wird Zeit, daß wir nach unten gehen, denn die Sonne sinkt mehr und mehr, und – ich weiß nicht, ich fühle mich Bill's wegen beunruhigt. Dort hinüber kann ich auch nicht einmal das Boot sehen, und das müßte doch eigentlich von hier aus gut zu erkennen sein.« »Es wird hinter der kleinen Insel liegen,« meinte François – »die steigt so mit der Ebbe höher und höher hinauf. – Mir scheint, wir haben jetzt niedrig Wasser. Wetter noch einmal, wie lange wir schon hier herumgeklettert sind!« Hans warf noch einen langen, forschenden Blick über den ruhigen Spiegel dieser weiten, mit Inseln und Klippen überstreuten Binnensee, und stieg dann ohne Weiteres nach unten, den Weg gegen die Küste hin zu suchen. Das war aber nicht so leicht ausgeführt, als sie im Anfang geglaubt haben mochten. Gerade dem Strande zu breitete sich ein so entsetzliches Dickicht von jenem Theebaumgesträuch mit durcheinander gestürzten Cycas und Banksias und Pandanus aus, daß sie mit ihren Packen oft Viertelstunden lang gebrauchten, sich nur eine kleine Strecke weit fortzuarbeiten, und die zähen Stämmchen nie brechen, sondern höchstens nur aus dem Weg biegen konnten. Hans hatte gleich von Anfang an vorgeschlagen, wieder umzukehren und lieber den Weg zurückzumachen, den sie gekommen waren. Jean und Francis wollten aber den mühseligen Pfad nicht zurück, da dem Letzteren besonders die Füße wie Feuer brannten. Während sie deshalb mit jedem Schritt hofften, den helleren Waldstreifen zu erreichen, hinter dem endlich der offene Strand sichtbar werden mußte, arbeiteten sie sich tiefer und tiefer in das Dickicht hinein. Zuletzt fehlte ihnen sogar die Richtung, und sie fanden bald, daß sie viel weiter in den Thalgrund hinein gerathen sein mußten, als sie im Anfang beabsichtigt hatten. Dabei rückte der Abend mehr und mehr vor, und Hans blieb endlich stehen, da ihm die Vegetation um sich her vorkam, als ob sie sich eher wieder den Hügeln als dem Strande der See näherten. – Die verschiedenartigen Gumbäume, Eisenrinde, Melaleuca, Gum und Stringybark, mit Akazien und Cypressen zeigten sich, und von dem Mangrovesumpf, den sie kreuzen mußten, ehe sie den Strand erreichten, war noch nicht die Spur zu sehen. »Hier dürfen wir nicht mehr weiter,« sagte er endlich, »denn ich fürchte, wir haben uns schon seit etwa zwei Stunden die größte Mühe gegeben, von unserem Boote fortzukommen, anstatt darauf zuzugehen – wo ist jetzt die See – wo sind die Hügel? –« »Ja, wenn mich Einer auf den Kopf stellte,« lachte Jean, »ich könnt's nicht sagen; Wetter noch einmal, ich weiß nicht einmal, wo Nord und Süd ist, so lange ich die Sonne nicht sehen kann!« »Norden ist dort,« sagte Hans, »und Süden hier, aber ich fürchte, wir sind zu weit in das Thal des Flusses selber hineingerathen, und da wird uns die Himmelsrichtung insofern irre geführt haben, als sich die breiteste Strecke Sumpfland gerade hier nach Norden hinaufzog; unsere einzige Wahl bleibt jetzt nur, geradezu nach Osten hinüberzuarbeiten, und dann unserem guten Glück zu vertrauen, wohin wir kommen und wo wir zuerst frei von diesem Chaos von Zweigen und Stämmen werden.« 19. Das Bivouak Die beiden Franzosen, so schon durch das ungewohnte Gehen und Klettern ermüdet und abgemattet, waren durch das Hindurcharbeiten durch Dornen und Schlingpflanzen und niedergebrochenes trockenes Holz oder verwachsene Büsche so erschöpft worden, daß sie kaum mehr ihre Glieder regen konnten. Das Bewußtsein, sich verirrt zu haben, oder wenigstens nicht mehr genau zu wissen, wo man sei – jedenfalls ein geringerer Grad desselben – schien dabei nicht geeignet, sie heiterer zu stimmen. Der Wasservorrath, den sie mitgenommen, war ebenfalls schon aufgezehrt, die Zunge klebte ihnen fortwährend am Gaumen, und das in den Flaschen warm gewordene Getränk löschte nicht einmal mehr ihren Durst. Hans wußte zu gleicher Zeit recht gut, daß ein Beratschlagen mit den Beiden doch weiter nichts gefruchtet hätte. Ruhig deshalb die Bahn verfolgend, die er für die richtige ansah, hielt er sich jetzt am Ufer einer schmalen Salzwasser-Lagune, die nach Nordosten zulief und in ihrem innern Bett etwas offenere Vegetation zeigte, und suchte dabei so rasch als möglich vorwärts zu dringen. Aber es half ihm Alles nichts, die Nacht brach an, ehe sie auch nur einen andern, der See näher scheinenden Ort erreicht hatten, und es blieb ihnen jetzt nichts weiter übrig als da, wo sie sich gerade befanden, ein Lager aufzuschlagen und den dämmernden Tag zu erwarten. Jean wollte nun freilich auch noch die Nacht benutzen, den Strand doch am Ende zu erreichen, da, wie er gehört hatte, die Eingeborenen in dunkler Nacht nie gern ihren Lagerplatz verließen. Hans weigerte sich aber entschieden, auf's Gerathewohl noch weiter, besonders im Dunkeln, durch die Büsche zu kriechen, und warf nicht mit Unrecht ein, daß sie möglicher Weise dadurch immer weiter vom Boot abkämen. Dagegen konnten sie in der Nacht, wenn Alles ruhig geworden war und besonders der Lärm der wilden Tauben hier im Unterholz aufgehört hatte, ihre Gewehre abschießen und Antwort vom Boot aus bekommen, wonach sie dann die genaue Richtung wußten, in der dasselbe lag. Diesem fügten sich François und Jean endlich ebenfalls, und bald loderte mitten in einem Pandanusdickicht ein lustiges Feuer auf, um das sie ihre Gewehre, jedoch immer schußfertig, neben sich lagerten, und von ihren Provisionen ein reichliches Mahl hielten. Der mitgenommene Wein kam ihnen jetzt sehr zu statten, denn sie hatten kein Wasser finden können, und erst nachdem Alles still und ruhig um sie her geworden, und nur noch hier und da das Zirpen einer Grille oder das wunderliche Geräusch eines einzelnen »fliegenden Fuchses« die Ruhe der Nacht unterbrach, nahm Hans sein Gewehr, um es nach der Richtung zu, nach der er das Boot vermuthete, abzufeuern. In dem Augenblick tönte schwach, aber nichtsdestoweniger deutlich, der Schall eines Schusses zu ihnen herüber, und als sie sämmtlich von ihren Sitzen emporfuhren und horchten, hörten sie unverkennbar das zweite Signal. »Das ist gescheidt!« sagte François, während er den Hahn seines eigenen Gewehres spannte – »nun wollen wir –« »Halt!« unterbrach ihn aber Hans, indem er die Hand auf das Gewehr des Franzosen legte, »Bill erspart uns die Nothwendigkeit, der ganzen Nachbarschaft anzugeben, wo wir uns gegenwärtig befinden, und es wäre mehr als thöricht, das jetzt leichtsinnig zu mißbrauchen.« »Aber sie werden im Boote glauben, wir hätten es nicht gehört,« sagte Jean. »Desto besser,« erwiderte Hans, »dann schießen sie noch einmal, und die Schwarzen hier herum erfahren um so deutlicher, daß auf dem Wasser noch andere Weiße sind, die sich um ihre Landsleute bekümmern.« Das Zeichen wurde deshalb nicht erwidert, die regelmäßige Wache aber mit jeder nur möglichen Vorsicht gestellt. Hans selber übernahm die Morgenwache, weil diese von den wilden Stämmen fast stets zur Zeit ihrer Angriffe gewählt wird, wenn sie überhaupt etwas Bösartiges und Feindliches im Sinne haben. Die Nacht verging aber wirklich wider Erwarten vollkommen ruhig. – Sie hörten das Ku-ih der Wilden wohl nach verschiedenen Richtungen hin in den Büschen, aber Niemand belästigte sie, und mit dem ersten Dämmerschein des jungen Morgens hatte Hans schon seine beiden Kameraden geweckt und munter, jedes Angriffs gewärtig. Eine halbe Stunde hatten sie so zusammen gesessen und eben ihr Frühstück beendet, um mit vollem Tageslicht zum Ausbruch fertig zu sein. Der Tag war auch nicht mehr fern, denn der östliche Himmel deckte sich schon mit einem rothglühenden Schein. Da hörten sie plötzlich in einem kleinen Pandanusdickicht dichtbei Schritte, und gleich darauf die Gewehre im Anschlag und lautlos das Näherkommen des Gegners erwartend, trat keineswegs ein Feind, sondern Niemand weiter als ein einzelner, nur mit seinem kurzen Speer und dem Wurfholz bewaffneter Schwarzer aus den nächsten Büschen. Dieser kam aber allem Anschein nach ganz unbekümmert um die Anwesenheit der Weißen, den Blick nur auf das Feuer gerichtet, auf sie zu, und stand wirklich schon zwischen ihnen, dicht vor den glimmenden Kohlen, ehe er nur einmal aufschaute. Die Wirkung aber war auch fabelhaft. Einen Blick nur warf er umher. Dann aber, als er entdeckte, in wessen Nachbarschaft, ja in wessen Gewalt er sich befand, vielleicht zur selben Zeit auch halb seiner Sinne beraubt, in dem einen entsetzlichen Gedanken, dem Devil oder sonst einem andern Ungethüm seiner Heimath in die Hände gerathen zu sein, lief er, wie es eine Katze unter ähnlichen Umständen gethan haben würde, in fast wunderbarer Schnelle an dem ihm nächsten Gumbaum empor, wo er in dem höchsten Wipfel desselben, und so weit ihn das Holz nur tragen konnte, regungslos hängen blieb. Daß dieser Schwarze nichts Böses gegen sie im Schilde geführt, ja ihre Anwesenheit nicht einmal geahnt und ihr Feuer für das seines eigenen Stammes oder seiner Bekannten gehalten, war natürlich, und die jungen Leute suchten ihn nun durch Zureden, durch Winken und Schwenken von Büschen zu überzeugen, daß er von ihnen nichts zu fürchten habe und ruhig und ungehindert herunterkommen möge. Umsonst – wie eine aus schwarzem Marmor gehauene Statue hing er starr und regungslos oben in dem Baumwipfel. Kein Lärm, der unten gemacht werden konnte, schien ihn zu bewegen auch nur das geringste Lebenszeichen von sich zu geben, und selbst als Hans jetzt sein Gewehr ergriff, seine beiden Signalschüsse abzufeuern, und Bill zugleich mit dem Boot zum Strand zu rufen, blieb er noch in seiner Haltung da oben, als ob er zu dem Baum gehöre und mit ihm, als wunderliche Frucht, aus der Erde aufgewachsen sei. »Hol' den Burschen der Henker,« rief François endlich ungeduldig – »wir wollen ihm doch zeigen, daß wir ebenfalls klettern können und im Stande wären ihn herunterzuholen, wenn wir ihn nur haben wollten,« und damit lehnte er sein Gewehr gegen einen umgefallenen Stamm und fing an, in den ihm nächsten Baum hinaufzuklimmen. Er war aber noch nicht seine eigene Länge vom Boden auf, als der Wilde plötzlich bewies, er sei weder taub noch stumm. Er schrie und »birrrrte,« ku-ihte und hallote, und machte in der That jede Art von Spectakel, die er da oben möglicher Weise machen konnte, und das Alles mit solcher Energie, daß Francis erschreckt wieder niederglitt und zu ihm aufschaute. »Der Bursche wird uns den ganzen Stamm über den Hals ziehen,« fluchte Jean – »ich glaube, er schreit Beschwörungsformeln von da oben herunter, daß wir ihn nicht fressen sollen. – Seht nur, wie er spuckt und prustet. – Es wird uns nichts übrig bleiben, als ihm eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Wer weiß, ob er nicht zu den Schuften gehört, die gestern Morgen ihr Bestes versuchten, uns zu ersäufen, und der Spectakel da oben nur die Folgen seines bösen Gewissens sind.« »Horch – das war ein Antwortschuß vom Boot!« rief Hans dagegen. – »Kommt, laßt dem armen Teufel Raum, vom Baum herunter und in's Freie zu kommen; er hat Angst genug ausgestanden; und sein Tod konnte uns wenig nützen. Wir sind sicher nicht weit mehr vom Strand entfernt und können ihm das Vergnügen, sich einmal ordentlich auszuschreien, schon gönnen.« »Und unter der Zeit brüllt uns der Bursche die ganze Nordküste zusammen,« fluchte Jean. »Nun, so laßt ihn,« lachte Hans. »Sind wir erst auf offenem Strand, wagt sich keiner der schwarzen Burschen an uns, hier dagegen, wenn wir länger blieben, wären wir allerdings leichter einem Angriff ausgesetzt. Ueberdies wird das Boot jetzt so rasch herankommen, wie es Bill's und Timor's Ruder bringen können, und je eher wir das erreichen, desto besser.« Damit waren seine beiden Kameraden ebenfalls einverstanden, und ihre wenigen Sachen zusammenpackend, zogen sie sich vor allen Dingen erst einmal eine kurze Strecke von dem Baum zurück, auf dem der Schwarze noch immer schrie und tobte und jedenfalls die Genugthuung hatte, daß ihm schon von mehreren Seiten geantwortet wurde. Sie hörten jetzt das Ku-ih der Eingeborenen an verschiedenen Stellen im Wald. Kaum aber sah der so wunderlich Gefangene die friedliche Bewegung der vermutheten Feinde, als er seine Schreiübungen einstellte, und noch hatten ihm diese kaum zwanzig Schritte freigegeben, als er mit Blitzesschnelle und gänzlicher Mißachtung aller seiner Gliedmaßen an dem Stamm mehr herunterschoß wie glitt und zwei Secunden später auch in dem dichten Gebüsch von Pandanus- und Theebaumgesträuch spurlos verschwunden war. Das Ku-ihen der Schwarzen kam indeß näher und näher, und so komisch auch wohl der Rückzug des eingeschüchterten Wilden war, durften sie sich doch nicht lange damit aufhalten. Der Richtung also folgend, die sie sich nach dem Schusse gemerkt, und die allerdings von der gestern vermutheten um ein Bedeutendes abwich, durchschritten sie rasch ein hier etwas offenes Terrain von Boxholz und Casuarinen, das seinerseits wieder von Pandanus, Theebaumsträuchen und Cycas, so wie einzelnen Arten von Akazien begrenzt war, passirten ein altes Lager der Blacks, neben dem ganze Berge von Muschelschalen lagen, und erreichten nach einem etwa halbstündigen Marsch, unangefochten von den Schwarzen, aber oft durch ihre jetzt ganz nahen Rufe gewarnt, den Mangrovesumpf und mit diesem, das Ueberklettern über Wurzeln und niedergestürzte Stämme nicht achtend, den freien, offenen Strand von glattem hartgeschlagenen Korallensand. »Hurrah!« rief Jean, der mit einem etwas gewagten Satz den letzten Schlammstreifen überflogen hatte und zuerst wieder festen, sichern Boden betrat – »hurrah – allem Respect vor der Landpartie – mir ist Salzwasser lieber – aber wo ist das Boot?« Hans war im nächsten Augenblick an seiner Seite, und das leichte Fernrohr, das er sich umgehangen, als sie das Boot verließen, rasch öffnend und richtend, überflog er zuerst die nächste Nähe der kleinen Insel, wo sie das Boot vermuthen mußten, und dann den Horizont mit dem Glas, ohne das Gesuchte zu finden. François, der erst noch einmal in ein Schlammloch gerathen war, sich aber wieder herausgearbeitet hatte, stand jetzt ebenfalls an ihrer Seite und rief, nachdem er einen flüchtigen Blick über die Oberfläche des Wassers geworfen und das Auge jetzt wenige Secunden auf der Insel aufmerksam hasten ließ: »Was ist das dort?« »Was? – wo?« – frugen Jean und Hans rasch und zu gleicher Zeit, und Hansens Fernrohr haftete auch in demselben Moment, wo er die Richtung von François ausgestrecktem Arm gewahrte, auf der kleinen, schon mehrfach besprochenen Insel. »Dort ist Bill!« rief er aber kaum zwei Secunden später, und das Wort war kaum seinen Lippen entflohen, als der Knall des Gewehres wieder zu ihnen herüberdrang. »Er will uns zeigen, daß er uns gesehen hat,« rief Jean lachend, »mich wundert's nur, wo er die Courage hergenommen, seine alte Muskete so oft abzufeuern – er muß sich schon ordentlich daran gewöhnt haben.« »Dort geht das Boot,« rief François plötzlich, dessen scharfes Auge die dunkeln Umrisse des kleinen Fahrzeugs in demselben Moment erspähte, als es hinter der kleinen Insel, die es bis dahin ihren Blicken entzogen, vorschoß. »Teufel!« schrie aber auch Hans in diesem Augenblick, mit dem Fuße stampfend – »wir sind verloren. – Es ist in der Gewalt der Schwarzen.« »Der Schwarzen?« stöhnten die beiden Franzosen entsetzt – »das ist ja nicht möglich.« »Da seht selber,« erwiderte ihnen Hans tonlos, indem er Jean das Glas hinüberreichte – »nun sei uns Gott gnädig in unserer Noth.« 20. Bill's Wache Wir müssen jetzt zu unserer Bootsmannschaft, Bill und Timor, zurückkehren, die wir verlassen hatten, als sie wieder vom Land abkreuzten, um in sicherer Entfernung das Zeichen ihrer an's Ufer gegangenen Kameraden zu erwarten. »Hm!« sagte Bill nach einer langen Weile, in der Keiner der Beiden auch nur ein Wort gesprochen – »eigentlich ärgert's mich, daß ich nicht mit an Land bin. – Ist doch ein anderes Leben, als hier ewig die Kniee eingezwängt zu haben zwischen die Bootsdoften, und blaue Luft über sich, blaues Wasser über sich zu sehen. So eine acht Tage halt' ich's immer vortrefflich am Ufer aus, nur nachher wird's langweilig und ich setze dann allerdings am liebsten wieder Segel – aber eine Weile gefällt mir's doch.« »Toean Bill würde sich hier aber sehr wenig unterhalten,« lachte Timor in seinem gebrochenen Englisch, indem er den eben wieder zugerichteten Fischhaken über Bord warf und nachschleifen ließ. – »Viel Wald hier und viel Busch, und viel böse Wilde – und viel Thiere, und viel nichts zu essen und zu trinken.« »Viel nichts zu trinken, ah!« sagte Bill und verzog den Mund fast zu einem Lächeln, was aber selten oder nie bei ihm ganz zum Ausdruck kam; »das wäre freilich bös, Timor, herzlich bös, und ein ordentlicher Kerl sollt' es bald satt bekommen. – Aber es wäre doch eine Veränderung, und man könnte jeden Augenblick wieder an Bord kommen.« »Wenn man nicht im Wald irre läuft,« setzte Timor hinzu – »Wasserleute wissen selten viel mit Wald Bescheid – Wasserleute steuern bald den, bald den Cours im Busch, wenn sie keinen Compaß haben – australische Busch viel schlimm zu laufen.« »Hm! Das wäre ein schöner Spaß,« brummte Bill leise vor sich hin, »wenn unserer Gesellschaft da drin etwas Aehnliches passirte. Hätten wir nur wenigstens ein Rakete, so könnten wir die heut Abend aufsteigen lassen – das bliebe jedenfalls das Sicherste.« »Toean Bill muß heute nach Dunkelwerden zweimal Gewehr abschießen,« argumentirte dagegen der kleine Malaye – »Toean Bill ...« »Will verdammt sein, wenn er das verwünschte Schießeisen wieder in die Hand nimmt,« unterbrach ihn der Matrose aber rasch und mürrisch – ich habe mir einmal die Schulter damit ausgerenkt, und der Knochen sitzt eben nur erst wieder in der Pfanne.« Der Malaye ließ sich aber nicht so leicht abweisen. Er wollte schon früher einmal in diesem Theil des Landes, den er Marega nannte, und zwar mit seinen Landsleuten von Timor aus, zum Fischen gewesen sein, und konnte die Gegend gar nicht traurig und wasserarm genug beschreiben. Hätten die Wanderer dann auch noch dazu die Richtung verfehlt, so müßten ihnen ein paar Signalschüsse, nachdem der Wald ruhig geworden, von unendlichem Nutzen sein, und wenn Bill sich zu schießen fürchtete – der schlaue kleine Bursche faßte den alten Matrosen beim Ehrgefühl – so solle er ihm nur die Flinte geben – er wolle sie selber abfeuern. Das konnte Bill doch unmöglich zugeben und that endlich eine halbmürrische Zusage, dem Rathe Folge zu leisten – heißt das mit der vorsichtigen Clausel: nur wenn sie nicht selber noch vor Dunkelwerden wieder etwas von den Ihrigen gesehen hätten. Gestern Abend – und sie hatten den Tag über dicht hinter der kleinen Insel gelegen, hatte Timor die »Wacht zur Koje«, d. h. konnte schlafen, während Bill »an Deck« munter bleiben mußte. Als Timor endlich die Augen wieder aufschlug, denn der kleine Bursche schien ordentlich zu fühlen, wie ihre beiderseitige Sicherheit mehr von seiner eigenen Wachsamkeit, als der seines älteren Gefährten abhänge, saß Bill im Heck vom Boot und nähte, ohne nur einen Blick links oder rechts hinauszuwerfen, eifrig an einem kleinen viereckigen Säckchen, das er eben beendet und mit etwas Heu aus einer der Flaschenkisten gestopft hatte. Er war gerade damit fertig und jetzt dabei, eine Strippe daran zu befestigen. Timor, nachdem er im Boot aufgestiegen und sich rings umgeschaut hatte, sah ihm eine Weile neugierig zu und sagte endlich, ganz verwundert der sonderbaren Vorrichtung zuschauend: »Aber, Toean Bill, was das? – macht kleine Polster für Boot? – hier nicht Felsen und nicht neue Schiff.« »Für Boot?« knurrte aber Bill zwischen den Zähnen durch, indem er seiner Hände Werk wohlgefällig betrachtete und auf dem Knie vorn eindrückte und weich machte, »Boot soll verdammt sein: nein, meine eigenen Schultern will ich mir nicht schamfielen. Durch Reiben beschädigen oder abnutzen. Wenn ich denn doch einmal die blutige Donnerbüchse wieder abbrennen soll, hab' ich mir hier das Kissen gemacht, zum Unterlegen. Aber was giebt's nun wieder? – heh? Was hast Du zu gucken, Braunfisch – sind die schwarzen Canaillen wieder im Ansegeln?« »Was der weiße Punkt da, Toean Bill?« sagte aber Timor, der auf eine der Dosten gesprungen war und sich, soviel als möglich auf die Fußspitzen hebend, nach Osten, wo die »Barrier-Riffe« lagen, hinüberzeigte – »da drüben, da weiter links – gerade über die kleine Sandbank dort.« »Hm, das sieht wahrhaftig wie ein Segel aus,« sagte Bill nach einer Weile, in der er sich bemüht hatte, den von dem schärferen Auge des Knaben bezeichneten Punkt zu finden – »aber ausmachen kann ich's doch noch nicht recht. Es kann auch ein Wasservogel oder ein weißes Riff, oder Gott weiß was sonst in diesem verwünschten Fahrwasser sein, wo ein ordentlicher Seemann eigentlich gar nichts drin zu verlieren haben sollte. Wo sonst eine Klippe oder Sandbank in der Karte angegeben ist, giebt man ihr gewöhnlich fünf bis sechs und mehr Meilen Seeraum und ist froh, wenn man sie gar nicht, oder doch nur wenigstens von den Marsen aus zu sehen kriegt, und hier jagt man mit dem Schiff gerade mitten hinein, als ob man im Nothfall auch ein paar Räder oder Kufen drunterschrauben und damit über alle möglichen Steine und Korallen und Sandbänke wegfahren könnte. Nun, meinetwegen,« setzte er hinzu, während er wieder von der Bank herunter stieg und seinen vorigen Platz einnahm, »laß es auch ein Segel sein; desto früher kommen wir vielleicht von hier fort. Weit kann es heute Abend nicht mehr gehen, ehe es Anker werfen muß, und dann wird's morgen Nachmittag etwa gerade zur rechten Zeit hier eintreffen, unsere ganze Gesellschaft wieder bei einander zu finden.« Timor hätte sich nun freilich gern noch besser von der Identität des Segels überzeugt, aber mit dem sinkenden Abend legte sich ein leichter Dunst über die Oberfläche des Wassers, der die entfernteren Gegenstände bald umhüllte und jede weitere Beobachtung unmöglich machte. Der Nebel zwang sie aber auch zu noch weit größerer Vorsicht und Aufmerksamkeit, denn unter seinem Schutz, wenn er nur etwas dichter wurde, hätten sich ihnen selbst Canoes nähern können, wie viel mehr denn einzelne Wilde mit ihren so einfachen und doch so gefährlichen Waffen. Timor drang deshalb darauf, daß sie von der Insel ablegten und weiter draußen Anker würfen. Bill sah auch endlich selber ein, daß es nöthig sein würde, wollte sich aber später, als er nach Dunkelwerden die beiden Signalschüsse, und zwar diesmal ohne schlimme Folgen, abgefeuert hatte, unter keiner Bedingung dazu verstehen, den Ankerplatz noch einmal zu verändern, um etwa lauernde Schwarze irre zu führen. Der Nebel legte sich nämlich gleich nach Dunkelwerden in dicken Schwaden auf das Wasser, und Bill hielt es für unnöthig, sich Mühe und Arbeit zu machen, wo bei solchem Wetter selbst ein Indianer sein kleines, vor einem solchem Wurfanker liegendes Boot nicht hätte finden können. Um Mitternacht erhob sich übrigens eine leichte östliche Brise und trieb die Schwaden nach Westen und Nordwesten hinüber. Die Sterne leuchteten hell und klar von dem dunkelblauen Firmament hernieder, und die See funkelte und blitzte in der leisen Bewegung ihren Glanz tausend und tausendfach wieder. Bill war ganz damit einverstanden, die erste Wache von Sechs bis Zwölf zu nehmen und die zweite dem Malayen zu überlassen. Dieser streckte sich denn auch ziemlich sicher, daß sie um diese Zeit wenig von einem Angriff zu fürchten hätten, in seiner wollenen Decke im Bug des kleinen Fahrzeugs aus und war bald sanft und süß eingeschlafen. Bill indeß, in dem doppelten Genuß einer guten Pfeife Tabak und eines vorzüglichen Glases Portwein, welchen beiden er ohne den mindesten Rückhalt zusprach, theilte seine Aufmerksamkeit gewissenhaft zwischen diesen und dem dann und wann über das Wasser tönenden Geräusch von Fischen oder Seevögeln. Er war jedoch weit davon entfernt, der Flasche mehr zuzusprechen, als er vertragen konnte, denn er wußte recht gut, von welchen Gefahren sie, wenn auch nicht wirklich umgeben, doch jedenfalls erreicht werden konnten, und wie nöthig es in einer solchen Lage sei, seine Sinne vollständig beisammen zu haben. Ein paar Mal aber nur wurde er wirklich beunruhigt, indem ein wunderliches Gurren und Schnalzen, wahrscheinlich von auf dem Wasser schlafenden oder träumenden Seevögeln, seine Lebensgeister zu voller Thätigkeit weckte und anspannte. Einmal stand er sogar im Begriff, Timor zu wecken, denn die Laute kamen weit näher als ihm lieb war, und doch konnte er nicht das Mindeste über dem Wasser erkennen. Mit einem derben und ziemlich lauten Fluch sich Lust machend, nahm er sein Gewehr auf die Kniee, dem ersten sich zeigenden und verdächtigen Gegenstand erst vor allen Dingen einmal Eins aufzubrennen. Von dem Moment an war aber wieder Alles ruhig, und selbst die Töne ließen sich nur erst später in einiger Entfernung zum zweiten Mal hören. So kam Mitternacht heran. Der Nebel zog sich fort, und Timor, dem Bill von den wunderlichen Lauten um das Boot her erzählt hatte, legte sich vergebens flach in das Boot, und nur mit dem Kopf über den Rand desselben auf die Lauer, irgend weiter etwas Verdächtiges zu erspähen. Bis gegen Morgen blieb Alles ruhig, und nur ein einziges Mal glaubte er in der Richtung nach der kleinen Insel zu, neben der sie den Tag über gelegen, etwas zu hören, das weder von einem Bewohner der Tiefe noch der Luft herzurühren schien. Es kam dem von Bill erwähnten Laut nahe, klang aber anders, als er beschrieben worden, und schien von zwei verschiedenen Seiten beantwortet zu werden. Timor lauschte den Tönen auf das Aufmerksamste, bis er den vollen Klang derselben begriffen hatte, und ahmte jetzt denselben erst leise, dann laut und zuversichtlich nach. In demselben Moment hatte er auch die Genugthuung, sich beantwortet zu hören, und zehn Minuten später etwa glaubte er in dem bewegten und sternblitzenden Wasser etwas heranschwimmen zu sehen. Was es aber auch gewesen, es verschwand in Sicht von dem Boot, und ein gleich darauf ganz in der Nähe des vermuteten Gegenstandes aufsteigender großer dunkler Seevogel, der mit flappenden Schwingen über die Oberfläche der See eine Strecke lang schwerfällig hinflog, bis seine Flügel die Luft ordentlich faßten und ihn nach oben trugen, beruhigte ihn über die Ursache der gehörten, scheinbar verdächtigen Laute. Nichtsdestoweniger wußte er, selbst ein Kind des Waldes, viel zu gut, wie nöthig in der Nähe feindlicher Stämme stete und unausgesetzte Wachsamkeit sei, und verwandte während der Stunden seiner Wache kein Auge von dem nur leise durch die leichte Brise bewegten Wasserspiegel. Im Osten dämmerte endlich der Tag. Dem kleinen Burschen hatte aber lange keine Nacht so wirklich endlos geschienen, und um gerade in dieser gefährlichsten Stunde keine Vorsicht zu versäumen, weckte er jetzt auch seinen Kameraden. Der Seemann war rasch munter gebracht; aber mehr Mühe kostete es, Bill zu bewegen, die beiden Signalschüsse zu geben. Er entschloß sich auch erst dazu, als dieselben wirklich vom Lande her abgefeuert waren und er die Antwort nicht schuldig bleiben durfte. Dies Signal sollte ihnen den doppelten Vortheil gewähren, sowohl den Freunden die genaue Richtung, in der das Boot lag, anzuzeigen, als auch ihren Feinden zu verstehen zu geben, wie sie gerüstet wären und Wache hielten. Den ersten Schuß that Bill auch, bekam aber, da er im Dunkeln am vorigen Abend geladen und wahrscheinlich zu viel Pulver genommen hatte, trotz des »Schamfiel-Kissens« wieder einen so fürchterlichen Stoß, daß er durch keine Ueberredung von Seiten Timor's bewogen werden konnte, seinen rechten Schulterknochen noch einmal in Gefahr zu bringen. Ja, er wollte im Anfang nicht einmal wieder laden, und verstand sich erst nach langer Weigerung dazu. Mit der aufgehenden Sonne, die den Meeresspiegel um sie her rings beleuchtete und nicht das geringste Verdächtige erkennen ließ, schien aber auch die Gefahr eines Angriffs, für jetzt wenigstens, vollkommen verschwunden, und Bill beschloß, seinen Anker zu lichten und nach der kleinen Insel, von der sie nur eine kurze Strecke entfernt waren, zurückzukehren. Dort gedachte er zum Frühstück einige Fische zu braten, die Timor in der Nacht auf seiner Wache gefangen hatte. Der Anker war rasch gehoben, und da sie am vorigen Abend absichtlich nach windwärts aufgegangen waren, brauchten sie fast nur mit der Strömung wieder niederzutreiben, um die Insel gerade anzulaufen. Um vier Uhr Morgens etwa war es vollkommen windstill geworden – kein Hauch hatte gegen Morgen die spiegelglatte Fläche dieses »Binnensees im Ocean« bewegt, und erst jetzt hob sich wieder eine leichte Brise, und schien zu wachsen, je höher die Sonne über die Meeresfläche emporstieg. »Was nur aus dem Segel von gestern geworden sein mag?« sagte Timor jetzt, der sich vergebens Mühe gegeben hatte, den weißen Punkt von gestern Abend zwischen den verschiedenen, dort umhergestreuten Inseln wieder herauszufinden. – »Sie müssen doch jetzt bei der Brise schon wieder Segel gesetzt haben?« »Segel können sie immer gesetzt haben,« meinte Bill, »ob wir sie aber jetzt gerade sehen können, ist die Frage, denn sie scheinen heute Morgen nicht so hell als gestern Abend. Gestern leuchtete nämlich die Sonne im Westen gerade gegen die helle Leinwand, während sie heute dahinter aufgeht und wir dadurch nur die Schattenseite zu sehen bekommen. – Aber geh nach vorn, Timor,« setzte er dann hinzu, »nimm das Segel wieder nieder und steh bei dem Tau, daß Du gleich an Land springen kannst. Wir wollen keine Zeit verlieren, damit wir unser Frühstück wenigstens verzehrt haben, ehe uns Hans und Jean vom Ufer aus das Zeichen geben.« »Toean Bill,« sagte aber Timor jetzt, der jedoch den ersten Befehl, das Segel niederzulassen, rasch befolgt hatte – »ich weiß nicht, ob gut ist, so rasch auf Insel zutreiben – viel dichtes Buschwerk auf kleinen Inseln. Lieber erst einmal hineinschießen mit Gewehr – ist besser.« »Was Du immer so verdammt rasch mit Deinem Gewehrschießen bei der Hand bist, Du verwetterter kleiner brauner Halunke,« fluchte Bill, »wenn Du Deine Schulter dagegen halten solltest, würdest Du das Mittel sparsamer verschreiben, denk' ich. – Wer ist nun wieder todt, daß ich schon wieder Pulver verplatzen soll?« »Todt?« frug der kleine Bursche verwundert, der die Redeweise des Matrosen noch nicht so recht verstand. – »Niemand todt, glaub' ich, aber vielleicht Lebendige da drin, und ist besser, ein bischen Feuer hineinmachen.« »Darin hast Du Recht,« lachte aber jetzt Bill – »Feuer wollen wir auch hineinmachen, und das so rasch als möglich, aber nicht, um mir die Glieder auseinander zu schlagen, sondern unsere Fische zu braten. – Und nun mach', daß wir hinankommen; was hast Du in einem fort zu gucken und Dir den Hals halb auszurenken? – Wenn die Schufte da drin stäken, würden sie sich auch ein Feuer anmachen und ihre paar Lebensmittel kochen oder braten, gerade wie andere Christenmenschen. – Leben wollen wir Alle, und sein Frühstück versäumt Niemand gern – ich am allerwenigsten.« Timor lachte bei dem Gedanken vor sich hin, daß im Hinterhalt liegende Eingeborene ein Feuer anmachen sollten, um ihr Frühstück zu braten. Aber der kleine Bursche hatte auch dabei eine unbestimmte Ahnung, welchen Gefahren sie ausgesetzt sein konnten. Während sie also jetzt von der Strömung gerade auf die kleine Insel zugetrieben wurden, die mit der wachsenden Fluth noch kaum etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß aus dem Wasser lag, stand er vorn auf der niedern Back oder dem Vorboot und betrachtete aufmerksam und mißtrauisch das dichte Gebüsch, das von der Fluth hier auf der obersten Kuppe zusammengedrängt schien, und aus dem nur drei oder vier kleine Stämme mit knorrigen Aesten dürftig hervorragten. Fast dicht an die nächste Korallenbank, die sich rings um den schmalen Erdhügel hinzog, hinangekommen, stieg Bill ebenfalls auf eine der Doften oder Bänke. Von hier aus einen Blick über den Horizont werfend, was die Matrosen aus alter Gewohnheit selten oder nie unterlassen, wenn sie nach oben gehen, oder auch nur einen etwas höheren Punkt besteigen, haftete sein Auge plötzlich auf einer gar nicht weit entfernten andern, etwas längeren und höher bewachsenen Insel, die nach Osten zu lag und, wie es von hier aus schien, theilweis von einer breiten Sandbank umschlossen war. »Hallo, Timor,« rief er dabei – »ich glaube wahrhaftig, gleich hinter den Büschen dort liegt das Fahrzeug, das wir gestern Abend gesehen haben – mir war's wenigstens, als ob der weiße Fleck da, der auch jetzt noch wie ein Segel aussieht, eben aufgezogen wurde, als ich danach hinsah. – Die müssen die halbe Nacht gefahren sein.« Timor folgte der angegebenen Richtung mit den Augen und glaubte auch einen weißen Schein hinter den Büschen zu erkennen, stand aber zu niedrig oder war zu klein, um es genau unterscheiden zu können, und hatte auch in der That seine Aufmerksamkeit viel zu sehr der Insel vor ihnen zugewandt, um sich mehr, als ein flüchtiger Blick erforderte, mit dem Segel zu beschäftigen. Das lag jedenfalls noch eine Strecke hinter ihnen und mußte seiner Zeit schon von selber sichtbar werden. Bill dagegen interessirte sich weit mehr für das fremde Fahrzeug, wenn es wirklich ein solches und nicht vielleicht ein Streifen Sand war, der so hell da herüberblinkte. Wies es sich jedoch wirklich als ein Segel aus, so mußten sie vor allen Dingen darauf zufahren und es zu bewegen suchen, daß es beilege, bis seine drei Schiffskameraden abgeholt werden konnten. Der Gedanke an ihre hier mögliche und baldige Rettung beschäftigte ihn dabei so, daß er darüber wirklich sogar sein Frühstück vergaß. Nur in aller Geschwindigkeit schob er sich rasch ein frisches Priemchen Kautabak in den Mund, und seinen Hut dann in die Stirn drückend, nahm er den einen Riemen auf, legte ihn hinten ein und begann das Boot nach der Insel zuzuwricken. Wricken heißt, mit einem einzelnen, hinten ausgelegten und herüber und hinüber gedrehten Ruder ein Boot vorwärts zu treiben. »Von da oben aus muß man sehen können, ob es ein Segel ist oder nicht, Timmy,« sprach er dabei vergnügt zu dem jungen Malayen, dem aber das zuversichtliche Benehmen des älteren Gefährten gar nicht so besonders zu gefallen schien – »der Erdhaufen da liegt wenigstens drei oder vier Faden höher wie das Wasser, und ist es wirklich ein Schiff, oder ein Schooner wenigstens, denn nur ein klein Ding von einem Fahrzeug dürfte wagen, hier in den Klippen und Untiefen die Nacht zu fahren, so segeln wir hinüber und belegen uns Plätze nach irgend einem christlichen Seehafen. Stand by, old Fellow! Komm, Timmy, spring hinaus und mach' das Boot fest!« »Timmy,« wie ihn Bill zutraulich nannte, sprang aber nicht hinaus, sondern schaute nur ängstlich und kopfschüttelnd nach den dichten Büschen hinauf, die jetzt fast über ihn herüber hingen. – Hatten sich hier in der That Schwarze in den Hinterhalt gelegt – und eine Art Instinct warnte ihn vor den Feinden – so befanden sie sich in einer mehr als nur gefährlichen, in einer wirklich verzweifelten Lage. Ein großes Messer aufgreifend, das er schon lange neben sich gelegt hatte, schien er auch wirklich in dem Moment, als der eisenbeschlagene Bug des Bootes den Korallensand berührte, einen förmlichen Angriff zu erwarten. Nicht das Mindeste rührte sich aber zwischen den Büschen, und Bill, der keine Ahnung von irgend etwas Bedrohlichem hatte, zog den Riemen ein, ließ ihn mitten im Boot »vor und aft« liegen, und trat über die Doften weg, um an Land zu springen. »Nehmt die Flinte mit, Toean Bill,« bat aber Timor und faßte ihn am Arm – »viel besser Flinte; weiß nicht, was an anderer Seite ist.« »Viel besser, Hell,« rief Bill aber ärgerlich, der nun einmal eine gründliche Abneigung gegen das Gewehr gefaßt hatte. »Wenn Du mir noch einmal mit dem verdammten Dings da kommst, werf ich es über Bord, nachher ist Ruhe. – Weshalb soll ich denn das alte Eisen überall mit hinschleppen? – ich komme ja gleich wieder herunter.« Er wollte wirklich ohne die Waffe an Land gehen; Timor ließ aber nicht mit Bitten nach, und Bill griff endlich nach der ihm gereichten Muskete – mochte ihm doch selber vielleicht bei den Befürchtungen des Knaben etwas weniger sicher zu Muthe werden. »Na meinetwegen,« rief er unwillig, »und nur damit Du endlich Frieden hältst, will ich das nichtsnutzige Ding noch einmal zum Vergnügen da hinauf und nachher wieder herunter schleppen. Nachher läßt Du mich aber damit ungeschoren; so viel sag' ich Dir.« Damit sprang er an Land, und sich durch das nächste Gesträuch drängend, kletterte er so rasch er konnte an dem bröcklichen Korallengestein empor. Lag ihm doch vor allen Dingen daran, von oben aus einen freien Ueberblick nach jener Gegend hin zu bekommen, wo er das Segel vermuthete. Allerdings warf er zuerst einen flüchtigen Blick über die kleine Insel selber. Da er hier jedoch nicht das mindeste Verdächtige entdecken konnte, wandte er sich auch gleich darauf sorglos der Richtung zu, in der das Segel liegen mußte. Nur wenige Secunden hatte er auch, seine Augen mit der Hand schützend, dorthin gesehen, als er die Mütze schwenkte und jubelnd nach Timor hinunter rief: »Hurrah, mein Junge, sail ho ! bei Allem was da schwimmt. Gerade hinter – Alle Wetter,« unterbrach er sich aber selber und fuhr blitzschnell herum, denn dicht vor ihm, wie aus dem Boden heraus, tauchten plötzlich ein paar schwarze Gestalten auf und schleuderten ihre Lanzen auf ihn. Allerdings fuhr er fast instinctartig mit dem Gewehr nach ihnen nieder, aber lange vorher, ehe er zielen konnte, war er schon wieder mit dem Finger an den Drücker gekommen, und die Kugel zischte harmlos über die Köpfe der Feinde hin. Diesmal hatte ihn aber sein gutes Glück vor einem sonst gewissen Tode bewahrt. Die Lanzen waren allerdings in der kurzen Entfernung mit tödtlicher Fertigkeit nach seiner Brust geworfen, trafen aber, die eine den Kolben der Muskete, an dem sie abglitt und ihm nur eben den Arm ritzte, die andere das Stück Kautabak, das er in der Brusttasche trug und das sie nicht durchbohren konnte. Die schlimmste Wunde in dem ganzen Kampf erhielt er wieder von dem eigenen Gewehr, das ihm mit dem scharfen Bügel Haut und Fleisch vom Zeigefinger der rechten Hand abschlug. In dem Moment fühlte er aber weder den Schmerz des verwundeten Fingers, noch den Wurf der Lanzen, denn die Feinde, die den Weißen nach den beiden Lanzenwürfen auf kaum sechs Schritt Entfernung sicher unschädlich gemacht glaubten, kümmerten sich weiter gar nicht um ihn, sondern sprangen in wilden Sätzen die steile Uferbank nieder, dem Boote zu, um dieses vor allen Dingen in Sicherheit zu bringen. Timor fanden sie nun freilich nicht unvorbereitet. Schon bei dem ersten Ausruf Bill's hatte er die vorn im Boot liegende Stange ergriffen, das Fahrzeug rasch vom Land abzuschieben, um es flott zu haben, sobald sein Gefährte zu ihm niederflüchten würde. Daran schien Bill aber noch gar nicht gedacht zu haben, so hatte ihn der Angriff eines gar nicht mehr vermutheten Feindes überrascht und fast seiner ganzen Besinnung beraubt. Der kleine Malaye sah da plötzlich vier dunkle Gestalten zu sich niederspringen, von denen eine schon zum Wurf nach ihm ausholte. Recht gut begriff er dabei, wie jeder Widerstand von seiner Seite vollkommen nutzlos und nur für ihn allein verderblich sein müßte. Rasch deshalb den Bootshaken fallen lassend, warf er sich rückwärts in demselben Augenblick über Bord, als der kurze spitze Wurfspeer über ihn wegsauste, mit dem zugleich er unter der Oberfläche verschwand. Der Anblick brachte den Matrosen wieder zu sich selber. Er sah, wie der Knabe, den er ermordet glaubte, über Bord stürzte, sah die vier Schwarzen, denen sich noch ein fünfter anschloß, dem Boot zuspringen, und mit dem Schrei »Murder!« das bei dem Schuß weggeworfene Gewehr wieder aufgreifend, packte er es am Lauf und flog den Feinden nach. Aber er kam zu spät. – Die Wilden hatten beim Hineinspringen in das kleine schwanke Fahrzeug dieses schon durch ihr eigenes Gewicht eine Strecke vorwärts getrieben, und als er das Ufer erreichte, waren sie schon wenigstens fünfzehn Schritt von diesem entfernt. Die in voller Wuth nach ihnen geschleuderte Muskete fiel dicht vor ihnen in die Fluth, das aufspritzende Wasser selbst bis in's Boot werfend, und in blinder, aber machtloser Wuth griff der junge Matrose lose Stücke Korallen auf, sie den Flüchtigen nachzuschleudern. Er selbst blieb dabei dem Wurf ihrer Speere, falls es ja einem von ihnen eingefallen wäre, diese nach ihm zu schleudern, vollkommen bloßgegeben. Die Schwarzen hatten aber in diesem Augenblick zu viel mit ihrem eroberten Boot zu thun, es außer dem Bereich seines vorigen Eigenthümers zu bringen, um sich noch weiter mit diesem zu beschäftigen. Ohne sich selbst nur nach ihm umzusehen, griffen sie die Riemen auf, die sie recht gut zu benutzen verstanden, und während drei mit diesen arbeiteten, setzten die beiden anderen das Segel, das sie bald in einem Nordcours der Insel entführte. 21. Schluß Noch war das genommene Boot übrigens kaum dreimal seine eigene Länge vom Ufer abgeschossen, als die funkelnden Augen des Malayen schon wieder über der Oberfläche des Wassers emportauchten. – Wenige Sekunden blieb der Kopf sichtbar, dann verschwand er wieder, und gleich darauf stieg, jetzt aber von einem schmalen Vorsprung der Insel gedeckt, der kleine Bursche rasch aufs Trockene und glitt, ohne auch nur einen Blick um sich her zu werfen, in's Dickicht. Wenigstens vor den Wurflanzen des Feindes wollte er gesichert sein, sollte sich dieser ja noch nahe genug befinden, ihn damit zu erreichen. Nur erst als er Bill unten am Ufer jubeln und Hurrah schreien hörte, wagte er seinen Versteck zu verlassen, um zu sehen, was es plötzlich draußen so ungemein Erfreuliches gäbe. An das fremde Fahrzeug hatte er im ersten Schreck des Ueberfalls gar nicht mehr gedacht. Das aber erschien gerade jetzt, im entscheidenden Moment, und unter vollen Segeln hinter der Insel vor, hinter der es jedenfalls während der kurzen Morgenwindstille vor Anker gelegen hatte. Es war ein kleiner Schooner von vielleicht neunzig bis fünfundneunzig Tonnen, mit langen, weit nach vorn gesetzten, keck aussehenden Masten, aber lichtbraun angestrichen mit kleinen gemalten Kanonenluken, wie ein Kauffahrteischiff, und alten, ziemlich abgenutzten Segeln. Im Anfang und selbst nach dem Schuß, den er jedenfalls gehört haben mußte, behielt er noch seinen Westcours bei. Bill's Auge aber, das sich in allem auf die See Beziehenden nur selten täuschte, obgleich Niemand leichter als er auf festem Lande irre zu führen war, erkannte schon einen nach oben gesandten Mann in den Wanten. Als dann auch noch gleich darauf der scharfgeschnittene Bug des kleinen Fahrzeugs etwas mehr gegen sie und das flüchtige Boot anluvte, da stieß Bill seinen Triumphschrei aus, denn er wußte jetzt nicht allein, daß sie gesehen waren, sondern daß auch der Schooner wahrscheinlich das Boot mit den Eingeborenen anhalten würde. Eine gute Weile blieb aber der Erfolg dieser Jagd ziemlich zweifelhaft, denn die Schwarzen, die selbst mit ihren einfachen, nicht selten mit doppelten Lee- und Luv-Bäumen versehenen Canoes vortrefflich umzugehen wissen, hatten sich gar bald in die Führung des Segels hineingefunden, dessen größere Nützlichkeit sie leicht vor ihren gewöhnlichen Mattensegeln erkennen lernten. Außerdem lag, wenn auch des fremde Fahrzeug rasch näher kam, nördlich vor ihnen, und gar nicht weit entfernt, eine breite Kette von Sandbänken und Korallenfelsen, und konnten sie diese glücklich erreichen, war es dem Schooner jedenfalls unmöglich, ihnen zu folgen. Dieser aber, der jetzt ihre Absicht erkannte und die für ihn gefährliche Strecke schon übersehen konnte, versuchte sein Letztes, dicht an dem südlichen Rande dieses Klippen-Archipels niederzulaufen. Zu dem Zweck wieder etwas mehr von der frischen Südostbrise abfallend, hielt er scharf gegen die Einfahrt auf, welcher das Boot zuzustreben schien, und, ein tüchtiger Renner, glaubte er den Wilden schon jede Möglichkeit, zu entkommen, abgeschnitten zu haben. Da entdeckten die vorn auf der Vormars-Raae stationirten Wachen des kleinen Fahrzeugs einen schmalen, aber gefährlich lichten Streifen hellgrünen Wassers, der sich quer vor ihnen nach Süden niederzog, und den sie vielleicht hoch genug gingen, um ihn zu passiren, auf dem sie aber auch ihr wackeres Seeboot, wenn sie irgend eine heimtückische Klippe berühren sollten, leicht total verlieren konnten. Mit dem rasch gegebenen und im Moment befolgten Befehl flog das behende Fahrzeug dem Wind in die Zähne herum, und während alle Segel back lagen und das eroberte Boot der Einfahrt zuschoß, stießen die Schwarzen ein wildes, gellendes Freuden- und Siegesgeschrei aus. Ihr Triumph sollte nicht lange dauern. Vom Deck des Schooners hob sich ein leichter Rauch, und während der dumpfe Schall eines Schusses über die weite Meeresfläche dahindröhnte, schlug der Mast des geraubten Bootes nach Lee über. Mit ihm stürzte zugleich einer der Wilden mit jähem Aufschrei über Bord. Die Schwarzen erwarteten aber keinen zweiten Schuß – Hals über Kopf warfen sie sich, wie nur der erste starre Schreck vorüber war, in die Fluth, und das Boot, durch dessen Backbordbug die Kugel hindurchgeschlagen war, füllte sich langsam und sank. – Zwei Minuten später sah man hier und da einen schwarzen Kopf auftauchen und den nächsten Klippen zuschwimmen, dann verschwanden auch diese zwischen den einzelnen Riffen, und einzelne auf der Fluth treibende Kisten und Fäßchen zeigten nur die Stelle an, wo das Boot vor kurzen Minuten zerschmettert gesunken war. Die Raaen des Schooners waren indessen, und selbst noch während der Katastrophe, herumgebraßt, und an der gefährlichen Klippenzunge niederlaufend, kam er in Lee von der Insel, auf der Bill jetzt alle nur möglichen Anstalten getroffen hatte, nicht unbeachtet sitzen zu bleiben. Sein Hemd wehte an einem Busch, und Timor hatte müssen rasch ein Feuer anmachen, denn Bill führte noch glücklicher Weise das Feuerzeug bei sich, zu dessen friedlicher Benutzung er besonders an Land gestiegen war. Der Rauch stieg in dicken Schwaden in die blauklare Luft empor, während Bill selber noch außerdem auf der weißen, jetzt allerdings von der Fluth sehr eingeschränkten Uferbank auf- und absprang und schrie und seine Jacke um den Kopf schwenkte. – Er würde sich ruhig hingesetzt und das Nahen des Schooners erwartet haben, hätte er die Späße hören können, die an Bord desselben auf seine Unkosten gemacht wurden. Die Gefahren der Schiffbrüchigen sollten aber hiermit ihr Ende erreicht haben. Etwa eine halbe Stunde später sank die kleine Jolle vom Bord des Schooners nieder und schoß, von zwei Matrosen gerudert und von dem »Mate« gesteuert, gegen die Insel zu, um Bill und Timor an Bord zu nehmen. Die auf dem Festland zurückgelassene Mannschaft hatte indessen auch wieder mehrere Schüsse abgefeuert, das Boot ging gleich von der Insel zu ihnen hinüber, und zwei Stunden später hatte der Shooting Star (die Sternschnuppe), wie der kleine Schooner hieß, die bootlos gewordene Mannschaft des Boreas sicher an Bord, braßte seine Raaen auf und glitt vor einer herrlichen Brise gen Osten, dem indischen Meere zu. Aus der See Die versunkene Stadt   I Hoch im Norden von Deutschland, wo die Weser ihre Fluthen in das Deutsche Meer oder die Nordsee ergießt, und unfern von der jetzt noch bestehenden Insel Wanger-Oog die äußerste Spitze des festen Lands bildend, lag vor langen, langen Jahren eine kleine, blühende Stadt, Hoogs Weg genannt, über der sich jetzt weit oben die grüne Woge thürmt und das Schiff mit vollen Segeln und tief furchendem Kiel dahinfliegt. Die fromme Sage behauptet, daß die Einwohner damals ein gottloses, böses Volk gewesen seien – d. h. nicht gerade wohl bös gegeneinander und im Handel und Wandel, sondern besonders in ihrer gründlichen Verachtung alles dessen, was Kirche und Religion betraf. Oben im Oldenburgischen und Hannöverschen lebt diese Sage noch im Munde des Volkes – die Einwohner jener Stadt, die sich durch Handel enorme Reichthümer erworben hatten, sollen in ihrem Stolz und Uebermuth gar nicht mehr gewußt haben, was anzufangen. Einen Siel oder eine Schleuße legten sie von reinem Kupfer an – ihren Pferden schlugen sie goldene Hufeisen unter, und hätten sie sich damit noch begnügt – nein, mit ihren Thieren ritten sie sogar in die Kirche, benutzten die heiligen Gebäude zu Ställen und riefen einmal in frevelhafter Lästerung den heiligen Diener derselben angeblich an das Bett einer Sterbenden, ihr das heilige Abendmahl zu geben, während sie ein unreines Schwein unter der Decke verborgen hatten. Der Priester, der da solche Greuel erleben mußte, wußte recht gut, wie der liebe Gott, trotz all' seiner Langmuth und Nachsicht, solchen Frevel doch nicht länger würde mit ansehen können, und bat den Herrn, wenn die Stunde nahen sollte, um ein Zeichen, da er nicht im Geringsten die Absicht hatte, unter diesen, schlimmer als Heiden, und mit ihnen zugleich zu Grunde zu gehen. Ein solches Zeichen kam auch – eines Tages stürzte die Köchin in sein Zimmer und schrie voller Entsetzen, »die lebendigen Aale kämen durch die Küchendiele herauf.« Der Geistliche wußte aber recht gut, was das zu bedeuten hatte; er ließ ohne Säumen anspannen, warf sich in seine Kutsche und jagte, was die Pferde laufen konnten, dem innern Lande zu. Wunderbarer Weise verschweigt die Sage dabei, ob er die Köchin, die ihm doch eigentlich durch ihre Meldung das Leben gerettet hatte, mitgenommen habe oder nicht; aber in toller Hast ging es fort, bis plötzlich sämmtliche Stränge der Pferde rissen und der Wagen halten blieb. Bis zu dem Punkt aber sank hinter ihm der Boden weg, und dort, wo er halten oder vielmehr stecken blieb, steht das erste Haus wieder und heißt deshalb noch bis auf den heutigen Tag »zum Stick«. So spricht die Sage. – Unschuldige und Schuldige wurden damals mit einander gestraft – denn man kann doch nicht wohl annehmen, daß der ganze Ort so entsetzlich verderbt gewesen wäre, nur Schuldige in sich zu schließen; aber nicht die Körper wurden vernichtet, die Seelen vor ihren strengen Richter zu ziehen und die Schuldlosen von den Schuldigen zu trennen, nein, die Stadt lebte fort . Nicht im Todesschlaf sollten die Frevler für ihre Sünden büßen, sondern im vollen Bewußtsein ihrer Strafe weiter existiren, ja ein endloses Dasein führen. Und so von der Welt, die Zeuge ihrer Missethat war, getrennt, liegt die Stadt noch heutigen Tages tief unten in der klaren Fluth, und der Fischer, der in Windstille oben in seinem Kahne schaukelt, hört wohl Morgens ganz früh das Geläute der Glocken, die zu spät die Sünder zum Gebet rufen, und Thüren schlagen und Wagen rollen; ja wenn die Sonne recht hell auf das durchsichtige, krystallreine Wasser scheint, wollen Manche schon sogar die Spitze des Kirchthurms, mit dem kleinen Kreuz darauf, tief aus dem dunkeln Abgrund haben hervorblitzen sehen. Das ist aber immer nur einmal zufällig gewesen, wenn sie gerade den rechten Ort und die rechte Stunde getroffen, und wer besonders danach ausfahren wollte, würde wohl manche lange Meile vergeblich rudern und am Ende unverrichteter Sache wieder heimziehen müssen. So viel nur als Einleitung, um den Leser mit den ungefähren Verhältnissen, gewissermaßen dem historischen Grunde meiner kleinen Erzählung und dem bekannt zu machen, was sich noch jetzt die Leute darüber erzählen, daß er nicht am Ende gar glaubt, ich wolle ihm ein Märchen aufbinden. Die Geschichte ist auch eigentlich gar zu traurig, um vielen Spaß damit zu machen. Es sind jetzt eben sieben Jahre her, da lebte im Innern von Deutschland, in der Nähe von Halberstadt, ein gewisser Regierungsrath Merkfeld. Er hatte drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter, alle drei schon ziemlich erwachsen und der erstere vor etwa anderthalb Jahren von der Universität zurückgekehrt. – Außerdem hatte aber der Regierungsrath auch noch eine Waise entfernter Verwandten zu sich genommen, und Elise war mit den drei Kindern ihrer Pflegeeltern wie eine zu ihnen gehörige Schwester aufgewachsen, ja, als sich später zwischen ihr und Eduard, dem Sohne Merkfeld's, ein innigeres Verhältniß zu entwickeln schien, wurde dieses von den Eltern mit Freuden gesehen und gebilligt. Sie liebten Elise wie eine Tochter und hofften, ihre Kinder dadurch beide glücklich zu machen. Eine solche Zuneigung war übrigens natürlich genug – die beiden jungen Leute, zusammen aufgezogen, gewöhnten sich von Kindheit so aneinander, daß ihnen etwas zu fehlen schien, wenn sie kurze Zeit getrennt leben mußten. Eduard Merkfeld war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte sich durch vielleicht zu ernstes und angestrengtes Studium einen für sein Alter ungewöhnlichen Schatz von Kenntnissen zu sammeln gewußt; selbst nach Hause zurückgekehrt, ergab er sich wieder mit solcher Leidenschaft seinen Lieblingsstudien, der höheren Physik und Chemie, daß er endlich seine Gesundheit dabei zu zerrütten drohte und sein Vater schon längere Zeit von ihm verlangt hatte, er solle sich einmal auf ein paar Monate von seinen Büchern und Instrumenten losreißen und eine größere Tour durch Deutschland oder Italien machen. Des alten Regierungsraths eigener kränklicher Zustand, in dem der Sohn ihn nicht verlassen wollte, schob das aber immer noch hinaus, und dem Vater kam es auch fast vor, als ob sich Eduard nicht gern wieder auf längere Zeit von Elisen trennen wollte, in deren Gesellschaft er reichlichen Ersatz für jede Anstrengung seiner Arbeiten zu finden schien – und doch hätte man, nach erster Bekanntschaft mit den beiden jungen Leuten, im Leben nicht glauben sollen, daß so verschiedene Charaktere, wie die ihrigen, so innig zusammenpassen und sich einander anschließen sollten. Und selbst körperlich zeigte sich diese Verschiedenheit. Eduard Merkfeld war schlank, ja zart gebaut, das edle, etwas bleiche Gesicht fast schön zu nennen, die Stirn gewölbt und hoch, das blaue Auge schwärmerisch, zu Zeiten aber voll von tiefem, innigem Gefühl und regem Geiste, der manchmal wohl recht in schwermüthigen Ernst ausarten konnte. Hieran trugen aber auch nicht selten seine Studien die Schuld, und seine Commilitonen auf der Universität hatten mehrmals sogar behauptet, daß er die Gabe eines höhern Gesichts – eine Art clair-voyance besitze, oder das sei, was der »gemeine Mann« schlechtweg ein »Neusonntagskind« nenne. Das leugnete er freilich, sobald man ihn darüber frug, auf das Hartnäckigste, wollte sich aber auch nie darüber in nähere Erklärungen einlassen. So viel war jedoch gewiß, daß er sich oft ganze Nächte lang in einem unnatürlich aufgeregten Zustande befand und dann am nächsten Morgen noch viel bleicher als gewöhnlich aussah und ungemein erschöpft und abgespannt schien. Elise war von all' diesem das Gegentheil. – Eine kleine, niedliche, runde Gestalt, mit gesund rothen Wangen und dunkelbraunen treuherzigen Augen, gab es kein Praktischeres, sorglicheres Wesen für eine Wirthschaft, als gerade sie, und der ihr besonders eigene stille, geräuschlose Sinn für Ordnung und Reinlichkeit flößte Jedem, der nur in ihre Nähe kam, ein unwiderstehliches Gefühl freudiger Behaglichkeit und Zufriedenheit ein. Eduard's kleine Eigenheiten kannte sie nun besonders aus dem Grunde; sie verstand jeden seiner Blicke oder Wünsche, oft lange vorher, ehe er selbst sich deren bewußt war. Nur mit seinen Träumereien und schwärmerischen Ideen durfte er ihr nicht kommen, da lachte sie ihm gleich die Sorgen und Falten von der Stirne und plauderte ihm so viel liebes, tolles Zeug dazwischen hinein, daß es ihm all' die dunkeln Wolken, die sein Herz vielleicht umnachtet gehalten, im Nu vertrieb und er dann nicht selten mit ihr lachte und scherzte wie ein fröhliches Kind. Er fühlte den wohlthätigen Einfluß, den sie dadurch auf ihn ausübte, und flüchtete nicht selten in ihre Nähe, um seinen eigenen Gedanken oder Phantasien zu entgehen. Manchmal aber schien ihn auch wieder, wenn auch zum Glück in höchst seltenen Fällen, dies »praktische« Wesen des holden Mädchens, wenn man es so nennen darf, zu verletzen, er suchte sie dann, wenn auch nur auf Momente, für seinen Ernst zu gewinnen, um ihr die Ahnung dessen zu verleihen, was in seinem Herzen, seinem Geiste mit unermüdlicher, schaffender Gewalt arbeitete und lebte. Aber Elise wollte sich auf solche »traurige Hirngespinste«, wie sie es nannte, selten oder nie einlassen, und es war dann wohl schon einige Mal vorgekommen, daß er plötzlich selbst ihre Nähe gemieden, sich auf sein Pferd geworfen und das Freie mit einer Hast gesucht hatte, als ob er seinen eigenen Gedanken entfliehen wollte, und jedesmal mußte er nachher Tage lang sein Bett hüten. Den Vater beunruhigte dies besonders – er war ein Mann, der sich lange Jahre in der Welt umgesehen und das große herrliche Buch der Natur und der menschlichen Charaktere hauptsächlich zu seinem Studium gemacht hatte. Er sah die Neigung zwischen den beiden jungen Leuten und er freute sich derselben, dennoch aber wieder konnte er sich auch manchmal des Gedankens nicht erwehren, daß sie doch am Ende in der eigentlichen Seele ihres Charakters nicht zusammen paßten und dann mit einander unglücklich werden müßten. Es ist diese Seele des Charakters nur der eigentliche Grundton der Harmonie der Herzen, nicht der Charakter selbst, wie er sich im Leben zeigt und ausspricht; es ist jener Nerv unseres Innern, jener uns selbst oft unbewußte Trieb, jene geheime Feder, die das ganze so unendlich kunstvoll zusammengesetzte System unserer Handlungen, ja sogar unserer Gedanken und Gefühle regelt, oft erst weckt, und das zuletzt als unsern Charakter erscheinen läßt, was eigentlich in der That nur Folge und Wirkung dieser so unendlich feinen, aber auch so unendlich gewaltigen Kraft in uns selber ist. Die wirklichen Charaktere zweier Gatten mögen sich dann so verschiedenartig aussprechen wie sie wollen – der Mann mag hitzig oder jähzornig, die Frau sanft und duldsam – der Mann unerschrocken und kühn, die Frau schüchtern, selbst furchtsam – der Mann meinetwegen ein Gottesleugner und die Frau eine Pietistin sein, kurz beide können aus den heterogensten, sich widersprechendsten Stoffen an Körper und Geist bestehen, harmonirt nur in ihnen diese Seele des Charakters, dieser Trieb ihrer noch so verschieden sich zeigenden Handlungen mit einander, so können und werden sie gewiß und trotz allem Andern glücklich mitsammen leben können. – Sie verstehen sich von selber; in ihrem eigenen Herzen liegt für einander die Lösung dessen, was dem Dritten, Uneingeweihten, und stehe er ihnen noch so nahe im Leben, stets ein Räthsel bleiben wird, ja diese anscheinende Verschiedenheit der Charaktere kann sogar dazu beitragen, sie eins an das andere nur desto fester und inniger zu ketten. Wählt aber dagegen solche aus, die in ihren Charakteren vollkommen gleich scheinen, die eine Grille oder Leidenschaft, die eine Religion und einen Glauben(zwei gewiß sehr verschiedene Sachen) zusammen haben, wählt mit einem Wort solche, die von der Natur allem Anschein nach ganz besonders für einander bestimmt schienen, und diese Seele ihres Charakters, diese Trieb feder ihrer im Aeußern noch so gleichen Handlungen harmonirt nicht mit einander, so mögen sie eine Zeit lang zusammen leben und sich auch äußerlich vielleicht zufrieden mit einander fühlen können, aber im Innern arbeitet's und nagt's, und die Zeit kommt, wo sie es sich selber nicht mehr verhehlen können, wenn sie es auch vor der Welt noch geheim halten möchten, daß sie einander verkannt und sich vielleicht beide auf Lebenszeit unglücklich und elend gemacht haben. Eduard war sich aber, wie der Vater hoffte, zu klar seines eigenen Herzens, seiner eigenen Gefühle bewußt, um für den wichtigsten Schritt seines Lebens, für die Wahl einer Lebensgefährtin, eine übereilte Handlung fürchten zu dürfen. Er hatte vor tausend Anderen Gelegenheit gehabt, die Jungfrau, die er sich selbst gewählt zu haben schien, in ihren kleinsten, unbedeutendsten Eigenheiten, ihren Tugenden, ihren Schwächen kennen zu lernen, und sein richtiger Verstand mußte ihn dann auf die richtige Bahn lenken und zum Besten leiten. So standen die Sachen, als im Frühjahr der Vater plötzlich starb und die Mutter durch den Tod des Gatten so angegriffen wurde, daß der Arzt eine Veränderung der Luft und Umgebung, um sie besonders ihren traurigen Gedanken zu entreißen, für unumgänglich nothwendig fand. Ein nordisches Seebad wurde hierzu am passendsten geglaubt, und da die alte Dame dadurch auch für ihren Sohn Zerstreuung und festere Gesundheit hoffte, ließ sie sich gern zu einer solchen Reise, mit ihrer ganzen kleinen Familie, bewegen. Ende Mai brachen sie deshalb nach Wanger-Oog auf, und das Neue, Eigenthümliche der ganzen Scenerie, die frische Seeluft und die klare, salzige Fluth versprachen schon nach den ersten Wochen ein höchst günstiges Resultat für alle ihre Erwartungen und Hoffnungen. Eduard besonders schien körperlich vollkommen neu aufzuleben; die Farbe kam auf seine Wangen, das Feuer in seine Augen zurück. Sein Schritt selber wurde elastischer, kräftiger, und die Mutter sah mit stillem Behagen die große und günstige Veränderung, die durch die Seeluft und mehr noch vielleicht durch das Aussetzen jener anstrengenden und schwachen Körpern überhaupt so gefährlichen übertriebenen Studien in ihm hervorgebracht schien. Eduard war aber auch nicht im Stande, selbst zu seiner Erholung, ein ganz unthätiges Leben zu führen, und er fand bald ein Mittel, sich eine Beschäftigung zu verschaffen, die ihn, wenigstens ihrer Neuheit wegen, auf kurze Zeit anzuziehen und zu befriedigen versprach. Er lernte auf Wanger-Oog einen alten Fischer kennen, mit dem er fast täglich in See hinausfuhr und ihm fischen half. In wenig Tagen verstand er so gut ein Segel zu setzen oder einen Riemen Ruder. zu handhaben, als ob er eben so viel Monate lang dabei gewesen wäre, und er fand bald so vielen Geschmack an dieser Bewegung, daß er sich selber eins der kleinen Boote kaufte und dann bei schönem, ruhigem Wetter seine Geschwister und Elise so weit hinausfuhr, daß sich die Mädchen zu fürchten anfingen und in der friedlichen Nordsee in jedem sich nähernden unschuldigen Fischerboot einen verkappten blutigen Piraten, in jedem leichten Nebelgewölk einen aufsteigenden Orkan befürchteten. Eduard lachte sie nun zwar deshalb stets aus, er vermochte sie aber doch nie ganz zu beruhigen und blieb endlich mit ihnen lieber näher an Land, um nicht immer dieselben Vernunftgründe, solcher übertriebenen Aengstlichkeit gegenüber, gebrauchen zu müssen. Besondere Freude fand Eduard in den Gesprächen mit dem alten Fischer, der noch, recht aus der alten Zeit stammend, sämmtliche Sagen der Umgegend auf das Genaueste und aus bester Quelle wußte. Er hatte den Klabautermann selber zweimal mit eigenen Augen gesehen, und oh wie vielmal unten im Raume – denn der alte Mann war auch lange zur See gefahren – wirthschaften und oben aus den Raaen herunter rufen hören, ja sogar die Meerweibchen getroffen, im Mittelländischen Meere sowohl als an der grönländischen Küste, wie sie sich die goldenen Haare mit einem eben solchen Kamme kämmten und Nachts dem Schiffer verführerische Lieder sangen, ihn in Gefahr und Tod zu locken. Auch die heimischen Sagen wußte er alle genau, denn sie waren ihm nicht blos von Eltern oder Muhmen erzählt, nein, von Jugend auf gleich mit in sein Leben eingeflochten worden, und keine alte Frau lebte an der ganzen Küste, von der er nicht genau die Anzahl Kühe kannte, denen sie die Milch verhext oder die sie sonst zu Schaden gebracht, die Nächte, die sie nach dem fernen Brocken gefahren, oder die Zaubersprüche und Tränke, die sie gesprochen oder gebraut hatte, um vielen Menschen Schaden, manchen aber auch wieder, denen sie wohl wollte, Heil und Segen zu bringen. Der alte Hannsen war eine förmliche Chronik alter, vergangener Zeiten und Thaten, und Eduard fand ein geheimes, aber mit jedem Tag mehr wachsendes Vergnügen daran, in derselben zu blättern, und über den nicht selten sogar poetischen Bildern zu sinnen und zu träumen. Ein Lieblingsthema für den jungen Schwärmer bildete die Sage von der versunkenen Stadt, die er eigentlich, wenigstens in ihren Hauptbestandtheilen, kaum als Sage annehmen konnte, da das Wegsinken jenes Landstrichs mit dem Städtchen darauf gewissermaßen historischen Boden hatte. Der alte Mann gerieth aber oft bei der Erzählung all' der Abscheulichkeiten, die sich die frevelhaften Bewohner jenes Ortes früher hatten zu Schulden kommen lassen, in ordentlichen Eifer, und sonderbarer Weise schien er das besonders für so entsetzliche Sünde zu halten, daß die Bauern und Bürger ihre Pferde mit Gold beschlagen hätten. Eduard vermochte ihm nicht auszureden, daß ein Mann mit seinem rechtmäßig erworbenen Eigenthum machen könne was er wolle/ und daß es dann eine eben so große Sünde sein müsse, eine goldene Uhrkette und goldene Ringe zu tragen, als seinen Pferden Gold unter die Hufe schlagen zu lassen. Der Ort, wo diese Stadt früher gelegen, wurde denn auch sehr oft zu ihren verschiedenen Ausflügen gewählt, und was der alte Mann dabei mit Fischen versäumte – denn er hätte an der Stelle nicht um einen Petruszug sein Netz ausgeworfen – wußte ihm Eduard schon wieder auf hundert andere Arten zu vergüten, und der Alte plauderte dann wohl Stunden lang ruhig und ungestört fort, während Eduard, über den Rand des Bootes gebeugt, da lag und in die Tiefe starrte. Aber keiner der so viel besprochenen Laute, kein Glockenton, kein Zuwerfen von Thüren, kein Wagenrollen wollte an sein Ohr tönen, und er schüttelte wohl gar oft mißmuthig den Kopf, daß entweder seine Sinne so stumpf seien, oder das Ganze wohl nur ein erfundenes, hübsches Märchen wäre, das im wirklichen Leben gar nicht existire und von vernünftigen Menschen auch nicht beachtet oder gar geglaubt werden dürfe. – Und doch waren ihm selber schon Sachen begegnet, die sich noch wunderbarer gestaltet hatten, als eben das wunderbarste Märchen klingen würde; er sprach aber mit keinem Menschen darüber, und trug die Gedanken nur still und heimlich mit sich im Herzen herum. »Und sind noch nie von den alten Bewohnern der Stadt Einzelne an der Oberfläche des Wassers oder gar am Ufer gesehen worden?« frug er einst, als sie wieder auf der spiegelglatten Meeresfläche trieben, den alten Mann, der schweigend am Steuer saß und mit seinen großen, klaren, lichtblauen Augen nach der untergehenden Sonne hinüberschaute. »Oh ja,« sagte der Alte leise mit dem Kopfe nickend – »ich selber weiß zwei Fälle. Der eine davon ist am meisten beglaubigt, denn der, dem es passirte, – ein Bremer Capitain – war ein äußerst vernünftiger und glaubwürdiger Mann, wie das alle Bremer Capitaine sind, und er hat es nicht allein, als er zurückkam, erzählt, sondern es ist auch nachher von all' seinen Matrosen bestätigt worden. Dies war mit einem alten, weißhaarigen Mann, das zweite mit einem jungen, wunderhübschen Mädchen – doch das ist weniger bestimmt.« »Und wie waren die beiden Fälle?« frug Eduard gespannt. »Nun seht, lieber Herr!« sagte der Alte, indem er auf die nahe Küste zeigte – »wenn der Wind recht von Norden herunterstürmt, so wäre dies ein gar häßlicher Platz, um einen Anker auszuwerfen und dann nachher von der bösen Dünung, die hier stehen kann, auf die Küste geworfen zu werden. Es fällt auch keinem Christenmenschen ein, das hier in solchem Falle je zu thun, er müßte denn durch die äußerste Noth dazu gezwungen werden, – und ich weiß nicht einmal, ob ich es selbst dann thäte. So kam es aber einmal, daß ein Bremer Schiff – den Namen habe ich selber vergessen, der thut aber auch nichts zur Sache, doch der Capitain hieß Meier – von einer langen Reise aus Ostindien zurückkehrte, und vom Cap der guten Hoffnung schon ziemlich derb mitgenommen, fing es hier in der Nordsee noch einmal recht an zu wehen. Es kann hier manchmal recht aus Leibeskräften blasen, und er bekam ein tüchtiges Unwetter auf die Nase. »Zwei Tage hielt er sich so und suchte einen Lootsen an Bord zu kriegen, um in die Mündung der Weser einlaufen zu können, am dritten Morgen aber schlug ihm eine etwas ungeschickt kommende Welle das Ruder los, und er mußte nun, wohl oder übel, bis hierher getrieben, seinen Anker fallen lassen, wollte er nicht rettungslos auf die Küste jagen. »Das Schiff mochte aber keine halbe Stunde, jetzt ruhig und mit dem Bug gegen die hoch aufspritzende See an, gelegen haben, und die Leute waren alle hinten am Steuer beschäftigt, um dieses soviel als möglich wieder so weit in Stand zu setzen, um wenigstens in den Fluß einlaufen zu können, als ganz urplötzlich ein greiser, wunderlich altmodisch gekleideter Mann an Bord kam – ohne daß sie irgendwo ein Boot entdecken konnten, das aber auch in dieser See gar nicht hätte leben können – schnurstracks zwischen den Leuten, die ihm scheu Platz machten, aber freundlich grüßend durch und geraden Wegs in die Kajüte ging, wo er den Capitain ohne weitere Vorrede bat, seinen Anker wieder zu lichten, denn er läge ihm justament unten vor der Hausthür und er hätte müssen zum Fenster heraussteigen, um hier nach oben kommen zu können.« Eduard konnte sich nicht helfen, das Bild, was ihm der Alte in seiner gerade ernsten Stimmung vor die Seele rief kam ihm so komisch vor, daß er laut auflachen mußte, und er bemerkte dabei gar nicht, wie sein alter Freund, darüber bis in's Innerste gekränkt, plötzlich still schwieg und finster und verdrießlich nach dem Segel griff, um dies zu setzen und nach Hause zurückzusteuern. Es erhob sich gerade eine frische, günstige Brise, und es war überhaupt schon so spät geworden, daß sie jedenfalls an den Rückweg denken mußten. Den alten Mann ärgerte dies Lachen heute besonders; es war überhaupt des jungen Herrn Sitte bis jetzt noch nie gewesen, auch nur das Geringste, was er ihm erzählt, zu bespötteln oder gar rundweg abzulachen. Eduard merkte etwas zu spät, daß er gefehlt habe, und er suchte es jetzt wieder gut zu machen, für heute aber gelang es ihm nicht; der alte Mann beobachtete ein mürrisches Schweigen, und vergebens waren die Fragen Eduard's nach dem Erfolg des Besuchs oder nach dem zweiten Fall mit dem Mädchen; Hannsen gab ausweichende Antworten und vertröstete ihn auf ein andermal, und da jetzt auch gerade der Wind schärfer einstand und ihre Aufmerksamkeit mehr in Anspruch nahm, glitten sie mit total abgebrochener Unterhaltung rasch dem schwer von düsteren Schatten der Nacht bedeckten Ufer zu, über dem das Feuer des Leuchtthurmes wie ein rothglühender Meteor herniederschimmerte. Zu Haus hätten sie den jungen Mann gern ausgezankt, daß er so spät draußen auf dem Wasser geblieben, er war heute aber ganz besonders guter Laune und erzählte den Seinen die gehörte Anekdote und den Ernst und Eifer des alten Hannsen, mit dem er sich beleidigt gefühlt, als er dem Märchen des Bremer Capitains nicht hatte so unbedingt Glauben schenken wollen. Er versprach auch den Mädchen, morgen mit ihnen nach der Stelle hinaus zu fahren, vielleicht daß sie dem alten Herrn wieder begegnen könnten. Am nächsten Tag war glücklicherweise ausgezeichnet schönes Wetter, und die Partie kam zu Stande. Als sie die Stelle erreicht hatten, beschrieb Eduard den Mädchen all' die kleinen Einzelheiten, die er von dem alten Mann über die unter ihnen liegende, von den Wogen bedeckte Stadt gehört hatte, und wie da unten, tief unten, noch jene Wesen, von dem strengen Richter gestraft, ein nicht endendes Leben fortführten und gewissermaßen noch auf Erden schon die Strafe der ewigen Verdammniß litten und für die Sünden, die sie in frevelhaftem Uebermuth begangen, büßten. »Aber was ist aus den Kindern geworden?« frug da Elise Plötzlich und sah Eduard fragend an, als ob er der sei, der ihr darüber Antwort geben könne, würde der liebe Gott die armen, unschuldigen Kinder, die doch gewiß nicht an der Sünde ihrer Eltern schuld waren, eben so hart gestraft haben als die erwachsenen, mit vollem Bewußtsein begabten Eltern?« »Und wie manches arme, unschuldige Mägdelein,« scherzte Eduard, »mag trauernd an ihrem Fenster sitzen, hinausschauen in die grüne, davor hin und her wogende Fluth, und der Erlösung harren!« »Spotte nicht über so etwas, Eduard!« bat Elise – »ich weiß nicht, ich bin doch sonst nicht so kindisch, aber es klingt mir gerade an der Stelle hier, wo wir uns befinden, wie Lästerung – es ist nur gut, daß es doch nur eben eine bloße Volkssage ist.« »Volkssage?« lachte aber Eduard, der heute in einer besonders lebendigen, fast muthwilligen Stimmung zu sein schien, »laß Du das einmal meinem alten Hannsen hören und sieh zu, was er dann sagt. Aber was brauchen wir uns da lange mit Vermuthungen zu quälen, wo es eben nur eine einzige directe Anfrage kostet. Hallo, da unten!« rief er, plötzlich sich über Bord biegend und tief in die grüne, klare Fluth hinabschauend – »hallo! alter Herr – steigt einmal einen Augenblick herauf und sagt uns –« »Das ist nicht recht, Eduard!« rief Elise und ergriff seinen Arm, in demselben Moment aber fühlte sie ihre Hand von der seinen mit einer wahren Eisenkraft gefaßt, daß sie hätte laut aufschreie mögen und den Schmerz nur mit Gewalt zurückhielt. – Eduard bog den Kopf noch nach unten – als er sich aber gleich darauf wieder emporrichtete, war sein Gesicht leichenbleich, und er sah die Mädchen mit einem so wilden, stieren Blick an, daß sie wie aus einem Munde riefen: »Um Gottes willen, Eduard, was ist Dir – Du wirst krank!« Im ersten Augenblick schien er ihre Worte gar nicht zu hören, dann aber strich er sich mit der flachen Hand langsam über die Stirn und sagte lächelnd: »Oh, es ist nichts – mir wurde nur auf einmal so schwindlig – ich glaube vom Niederbeugen.« »Und mir hast Du dabei fast die Hand abgedrückt!« sagte Elise mit einem leisen, freundlichen Vorwurf, aber immer noch dabei, wie ängstlich, in seine Augen schauend. »Siehst Du, das war eine Strafe für Deine Lästerung!« lachte seine jüngere Schwester, »und es sollte mich gar nicht wundern, wenn ihn von da unten herauf irgend ein schreckliches Gesicht angestarrt und ihm gedroht hätte; aber, Eduard, Du bist wahrhaftig krank,« unterbrach sie sich schnell und ängstlich, »Du siehst todtenbleich aus.« »Wir wollen nach Hause fahren,« sagte der junge Mann, die Ruder wieder in die Dollen werfend und der ältesten der Schwestern, die gewöhnlich bei diesen kleinen Partien am Steuer saß, mit dem Kopfe freundlich zunickend. »Komm, Sophie, Backbord-Steuer, mein Mädchen, richte den Bug Deines Bootes dem heimathlichen Port zu, wie der wandermüde Seemann nach langer, beschwerlicher Fahrt.« Er suchte die seines plötzlichen Unwohlseins wegen besorgten Mädchen wieder aufzuheitern und den trüben Eindruck zu verwischen, den er auf sie im ersten Moment gemacht haben mochte, aber es wollte ihm nicht recht gelingen, und sein ganzes Aussehen strafte ihn auch dabei Lügen. Jene unterseeischen Bewohner wurden gar nicht mehr erwähnt, und bis sie an Land kamen, war die Unterhaltung ganz eingeschlafen; Jeder schien mit seinen eigenen, nichts weniger als heiteren Gedanken beschäftigt. Kaum am Ufer, gewann aber auch Elise rasch ihre muntere Laune wieder und beklagte sich nun bitter bei Mutter Merkfeld über den ungalanten Sohn, der ihr die Finger so zusammengepreßt hatte, daß die Zeichen der zwei Ringe, die sie daran trug, noch jetzt tief in das Fleisch eingeprägt standen. »Und das nennt er wahrscheinlich einer Dame die Hand drücken,« sagte sie lachend. Die Mädchen erzählten auch jetzt von Eduard's plötzlichem Unwohlsein und verlangten, daß er zu Hause bleiben und sich lieber zu Bett legen solle. Auch der Mutter kam das Aussehen des jungen Mannes heute ganz eigenthümlich vor, Eduard versicherte jedoch, daß ihm vollkommen wohl sei, aß auch ziemlich herzhaft zu Mittag, ließ sich dann aber nicht länger zurückhalten. Zum Vorwand nahm er ein Buch mit und ging wieder hinunter zu seinem Kahn, um in See hinaus und nach derselben Stelle hinzurudern, wo er am Morgen schon gewesen war. Erst Abends spät kehrte er zurück und ging gleich auf sein Zimmer.   II So verstrich eine ganze Woche. – Der alte Hannsen war krank geworden und mußte mehrere Tage lang sein Lager hüten. Eduard war häufig bei ihm, um zu sehen wie es ihm gehe, und ihm auch allerhand kleine Erfrischungen und Stärkungen zu bringen; auch der Brunnenarzt mußte ihn besuchen, und da der alte Mann sonst noch kräftig genug und von eisenfester Constitution war, erholte er sich bald wieder, mußte sich aber doch noch schonen und durfte, wenigstens in den ersten Tagen nicht, so scharf er auch dagegen protestirte, in See und seinen alten Beschäftigungen nachgehen. Eduard aber versäumte keinen Tag, nach seiner gewohnten Stelle hinauszufahren, und war in der letzten Woche so ernst und schwermüthig dabei geworden, daß seine Mutter endlich gerade in diesen Wasserfahrten eine neue Ursache zur Besorgniß fand und es schon bereute, diesen ernsten, monotonen Küstenstrand gewählt zu haben, um darin Aufheiterung und Zerstreuung für ein junges, thatendurstiges Menschenherz zu finden. Die nächste Woche setzte besonders kalt und unfreundlich ein, es hatte die ganze Nacht geregnet und Morgens lag ein feiner, feuchter Nebel auf dem Wasser. Die Badegäste, meist an ein wärmeres, milderes Klima gewöhnt, hielten sich fröstelnd in ihren Zimmern und Fenster und Thüren fest verschlossen, der feuchten, unfreundlichen Luft soviel als möglich den Zutritt zu versagen; nur Eduard war nicht von seiner, ihm schon vollkommen zur Gewohnheit gewordenen Wasserfahrt abzuhalten. Er besuchte vorher noch einmal den alten Hannsen, der ihn ebenfalls bat, heute nicht hinaus zu fahren, da der Nebel dichter einsetzen und er von der Strömung zu weit mit fortgenommen werden könnte. Eduard ließ sich aber nicht irre machen, stieg in sein Boot und fuhr hinaus in den weißgrauen, feuchten Nebelschleier. An seiner Lieblingsstelle angekommen, nahm er die Ruder ein, streckte sich auf seinem Sitz aus, und schaute träumend nieder in die heute wohl klare, aber durch den düstern Wolkenhimmel auch ebenfalls düster und unheimlich gefärbte Fluth, als ob da drunten gerade all' das Ziel seiner Sehnsucht, seiner heißesten Wünsche läge. »Und willst Du Dich mir nicht wieder zeigen, Du bleiches, schönes Mädchenbild,« sagte er endlich leise und seufzend nach dem stillen Wasserspiegel nieder – »bist Du mir nur erschienen, mich in wilder, trostloser Sehnsucht vergehen zu lassen? Und hast Du mir nicht versprochen, mir Dein geheimes Wunderreich zu erschließen und mich einzuführen in all' Deine räthselhafte, unerforschte Herrlichkeit? – Wozu ahn' ich, fühl' ich es denn in meinem Innern mit so gewaltiger, nicht falsch zu deutender Sprache, warum ruft es und klingt es laut in meinem Herzen wieder, daß ich hier an den Pforten einer neuen, uns armen Sterblichen so nahen und doch so entsetzlich fernen Welt stehe? Warum quälen mich meine Träume mit Deinem Bild, und warum hast Du mir selbst wachend schon, hier aus dem Krystall heraus, Deine holden Züge zugeneigt, wenn es nur war, um mich doch ohne Trost, ohne Aufschluß vergehen zu lassen und die Fasern meines Hirns zu Wahnsinn treibender Aufregung anzuspannen? Wie neckender Spott drängen sich dabei die tollen Erzählungen des alten Fischers dazwischen, wie Hohngelächter klingt es mir oft in den Ohren, und ich meine verzweifeln zu müssen, spräche es nicht auch laut und mit fester Zuversicht in meinem Herzen, daß ich Dich dennoch wieder sähe, Du holde, ernste Gestalt mit dem bleichen Antlitz und den wunderdunkeln Augen. Wie einen Schatz hab' ich Dein liebes Bild seit jenem Tage in meinem Herzen getragen und gehegt – neidisch, wie es ein Geiziger mit seinem Golde thun würde. – Ich kann es ihnen ja auch nicht anvertrauen daheim, ihre Sinne sind nicht empfänglich für das Gewaltige – für das Geheimnißvolle einer andern Welt. – Stumpf und starr an dem Irdischen klebend, dem sie gehören, drängt sie ihr Geist nicht aus der engen Sphäre hinaus, die ihnen die Natur gezogen, wie man einem Kinde verbietet die Schwelle zu überschreiten, die auf die gefährliche, von Menschen bedrängte Straße, die in die Welt hinaus führt. Nein, sie ahnen Dich selbst nicht, und ihr Spott, oh selbst ihr ungläubiges Lächeln würde die Wunde nur tiefer, nur brennender machen, die das Bewußtsein Deiner Existenz mir tief, tief in die Seele gegraben. Den Schleier Deines Reiches hast Du mir aber so gelüftet – einen einzigen Blick mir in die Herrlichkeit seines Innern verstattet, um in der nächsten Secunde Alles mit nur noch düsterer Nacht zu decken und mich jetzt in Schmerz und Sehnsucht an dem geöffneten und doch, oh so fest verschlossenen Heiligthum verschmachten zu lassen. Oh zürne nicht länger dem blinden Sterblichen, daß er Dich einst in seinem Wahn verspottet – steige herauf zu mir aus Deiner geheimnißvollen Tiefe, und fürchte nicht, daß meine Sinne zu schwach wären, Dich zu ertragen – daß ich nicht Muth besäße Dir zu folgen. – Nur Licht gieb mir, Licht – in Deine Augen laß mich noch einmal, oh nur ein einziges Mal schauen, und löse mir das Räthsel meines Lebens.« »Lasse die Todten ruhen!« sagte da plötzlich eine weiche, leise Stimme an seiner Seite, und mit jähem Schreck fuhr er empor, denn dicht neben seinem Boot und über den Rand desselben schaute ein bleiches, wunderschönes Mädchenhaupt gar ernst und traurig zu ihm herüber. Die langen, feuchten, rabenschwarzen Locken fielen ihr in schweren Massen über die marmorbleiche, hohe und edle Stirn, und unter den langen seidenen Wimpern blickten die dunkeln Augen so ernst, ja fast strafend auf den Verwegenen, der die Ruhe der da unten Schlummernden zu stören wagte, daß ihm das Blut im Herzen erstarrte und sein Puls zu schlagen aufhörte. Es war aber nur ein Moment, nur der Moment der ersten gewaltigen Ueberraschung, das endlich verkörpert vor sich zu sehen, was nicht seit Tagen allein, nein seit langen, langen Jahren die geheime, aber gewaltige und stets unbefriedigte Sehnsucht seines Herzens gewesen. Doch war das auch in der That Wirklichkeit, was wie ein Traum seine Sinne zu umnachten drohte? – wachte er denn und sah er mit offenen, durch seine innere Aufregung nicht getäuschten Augen das holde, liebe Bild lebendig, frei und unabhängig von seiner eigenen Phantasie, selbstständig in eigener Kraft und eigenem, freiem Willen vor sich? Er deckte auf wohl eine halbe Minute seine Augen mit der Hand – er sagte sich selber, daß er ein Träumer sei, der wilde Bilder seiner Einbildungskraft in täuschendem Leben an die Oberfläche seiner Seele gerufen habe – er schalt sich einen thörichten Schwärmer – als er aber die Hand zurückzog, fiel sein Blick wieder voll und unzweifelhaft auf das holde Antlitz des bleichen Kindes, und die Augen desselben blieben mit dem nämlichen Ausdruck, halb erregt, halb schmerzlich, auf ihn gerichtet. Jetzt faßte er auch die äußeren Umrisse der ganzen Gestalt in einem Blick, und er fühlte, er begriff mit einem heiligen Schauer, der ihm jeden Nerv seines Körpers in jauchzender Lust erzittern machte, daß die Lösung seines Lebens, wie jene geheimnißvolle und bis dahin so fest verschlossene Pforte einer andern Welt geöffnet vor ihm liege. Die Gestalt tauchte aber nicht, wie er im ersten Augenblick geglaubt, aus der Fluth selber auf, sondern schaukelte dicht neben ihm in einem dünnen, schmalen Kahn, wie sie die Fischer wohl in kleinen Flüssen und auf Teichen benutzen, mit denen sie sich aber nie in die offene See hinauswagen. Ihre weiße, fast durchsichtig zarte Hand hielt ein schmales, kurzes Ruder, das sie jetzt neben sich niederlegte. Ihr Hals war, trotz der naßkalten Witterung, bloß und von einer einfachen rothen Korallenschnur geschmückt, und ihren schlanken Leib umschloß ein weißes, faltiges Gewand, das in der Mitte durch einen Gürtel grünen, fruchtbedeckten Seetangs zusammengehalten wurde. Auch durch ihre Locken wand sich ein einzelner dünner Zweig desselben. Ihre Hand ruhte noch auf dem Ruder, und sie verwandte keinen Blick von dem staunenden Jüngling, in dessen Wangen jetzt das bis dahin gewaltsam gehemmte Blut mit voller, gewaltiger Kraft zurücktrat, und dessen Augen von einem fast überirdischen Feuer glühten. »Bringst Du mir Kunde, Du holde Maid, aus Deiner Heimath?« rief er endlich mit leiser, fast bittender Stimme, »hast Du mein inbrünstiges Gebet erhört und Mitleid gehabt, mit diesem armen kranken Menschenherzen? Dank, tausend Dank, Du liebe bleiche Maid, denn Du weißt ja gar nicht, wie nur das Licht Deiner holden Augen schon Balsam ist für diese arme, von wilder Sehnsucht so lange gequälte Brust.» »Aus meiner Heimath willst Du Kunde, Fremdling?« sagte endlich die Maid mit leiser Stimme, und die Worte klangen dem lauschenden Ohr des Jünglings wie Sphärenmusik höherer Welten; sie aber strich, sinnend dabei vor sich niederschauend, die dunkeln Locken aus der marmorbleichen Stirn, und wie halb bewußtlos dann kleine Zweige von dem Seetang, der ihre Hüften umschlang, abpflückend und von sich werfend, daß einige sogar in Eduard's Boot fielen, fuhr sie, mit einer wunderlichen Mischung von Singen und Sprechen fort: »Ich hab' es den Sternen am Himmel gesagt, Den Weg mir nach der Heimath zu zeigen; Ich habe die rauschenden Wipfel gefragt, Die tanzenden Nixen im Mondes-Reigen, Den Regenbogen in seinem Glühn, Die Blätter, als sie im Sturm sich hoben, Die Wolken, wie sie da droben ziehn, Die heulende Luft in der Wind'sbraut Toben, Das flüsternde Schilf an dem öden Strand, Die Wellen, wie sie dem Sand entrollen, Die wandernde Schwalbe vom fremden Land, Daß sie die Heimath mir künden sollen. Umsonst – sie mochten nicht Rede stehn, Es wollte mir Keines Antwort sagen; Umsonst, umsonst war mein heißes Flehn, Sie brausten davon und ließen mich klagen.« »Auch Du?« sagte endlich Eduard, als die Maid schon lange geschwiegen und die Stirn wie in recht bitterem Schmerz und Nachdenken in die Hand gestützt hatte – »auch Du fühlst noch dieses Drängen und Sehnen? Und ist denn selbst nicht dort unten Ruhe und Frieden für das arme, gedrängte Herz?« Die Jungfrau hob rasch den Kopf und sah den Jüngling mit wilden, erstaunten Blicken an. »Dort unten?« wiederholte sie endlich wie überrascht von den Worten – »dort unten? Und was weißt Du von dort unten, Du armes, verblendetes Menschenkind? – Ja, dort unten ist Ruhe und Frieden, dort unten ruht das Herz aus von Qual und Jammer und unendlichem, oh so schwer getragenem Seelenleid – dort unten kühlt sich wieder das brennende Hirn, und die Träume – oh die bösen, bösen Träume schwinden. Nicht die tollen, zum Wahnsinn treibenden Gedanken hetzen Dich mehr, nicht die entsetzlichen Bilder, die Dein eigener wirrer Geist heraufbeschworen. – Dort unten – oh wie es so still und freundlich klingt, schon das Wort allein, tief, tief unter der grünen Woge, fern von dem Sorgen und Treiben der tollen, freudlosen Welt – dort unten. Aber suchst Du dort unten die Heimath? – armes, getäuschtes Menschenherz, Du; dort liegt Deine Heimath nicht, und wenn Du noch hier auf Erden –« und sie schaute ihn dabei mit wild verstörten, scheuen Blicken an und fuhr dann mit leiser, fast flüsternder Stimme fort – »nur noch eine einzige Seele hast, die Du Dein nennen kannst, nur noch ein einziges Herz noch, das mit Dir schlägt und mit Dir fühlt, oh dann bleibe oben an der warmen, lichten Sonne, am glänzenden Tage, der für Deine Augen geschaffen, denn da unten ist's kalt« – setzte sie schaudernd hinzu – »kalt und traurig, und keine Rückkehr giebt es für Dich mehr zu den Lebenden.« »Und wenn mich die Sehnsucht nun triebe nach Deinem Lande der Ruhe, Du holdes Wesen?« – rief Eduard, leidenschaftlich die Hand nach ihr hinüber streckend, – »wenn es mich nun hinunterzöge mit Dir in unendlicher Lust und Seligkeit, und mein armes Herz hier oben verzehren und verderben müßte vor unendlichem Weh? –« »Ich kenne das, ich kenne das,« sagte die Maid, still und unheimlich lächelnd mit dem Kopf nickend, »die Menschen hier oben nennen das Wahnsinn , – sie begreifen das nicht, wie es uns manchmal in Kopf und Herzen brennen kann, daß alle Fluthen des Oceans nicht im Stande wären, die Gluth zu löschen.« »Und darfst Du mir Kunde bringen von jener geheimnißvollen Welt?« bat der Jüngling; »sollen mir Deine süßen Lippen den frohen Trost eines neuen Lebens bieten? – oh brächten sie den Tod, er wäre Seligkeit!« »Kunde von jener Welt?« sagte die Jungfrau gar ernst zu ihm aufblickend, berührte dann mit einem ihrer zarten Finger die klare Fluth und hielt ihn langsam gegen den Jüngling ausgestreckt – »siehst Du den Tropfen hier?« fuhr sie fort, »nicht klarer und schwächer zittert er als Thau an der knospenden Rose, und doch hemmt er hier, wie ein diamantenes Thor, auch nur die leiseste Kunde von dort unten. – Nein, Freund,« setzte sie leise und geisterhaft lächelnd hinzu – »das Thor mußt Du Dir selbst öffnen und – es öffnet sich leicht – es weicht dem geringsten Druck – aber hinter Dir fallen die Riegel wieder in's Schloß, und eines Riesen Faust wäre machtlos gegen sie, wie des Menschen Hand gegen das schwingende Rad der Zeit.« »So sei Du meine Führerin, freundlicher Geist,« rief der Jüngling in schwärmerischem Feuer – »zeige mir die Bahn, und führte sie durch alle Schrecken des Todes, ich fühle die Kraft in mir, sie zu ertragen. Ich habe gekämpft und gestrebt hier oben, den Drang meines Herzens niederzuhalten und mein Gleis in dem gewöhnlichen Menschenleben zu suchen, wie tausend Andere – ich habe geglaubt, ich hätte ein Wesen gefunden, das mich verstehe und dem ich mich anschließen könne in reiner, heiliger Liebe – aber Schatten sind es, denen ich nachgejagt, das Auge blendeten sie, und das Herz blieb kalt und unbefriedigt – diese innere, heiße, glühende Sehnsucht konnten sie nicht löschen, und nur dann, wenn es mich in wilder Hast hinaustrieb in die dunkle Nacht, in den heulenden Sturm, fühlte ich, wie sich mir die Schläfe kühlten und meine Pulse ruhiger schlugen.« »Und was werden die Deinen sagen,« erwiderte ihm mit unendlich weicher, rührender Stimme die Maid – »wenn die Fischer Deine Leiche in ihrem Netz finden und sie hinein in die bis dahin glückliche Wohnung tragen? – hast Du auch daran gedacht, Verblendeter?« Eduard barg schaudernd sein Antlitz in den Händen – wie ein jäher Schreck durchzuckte es ihn – der Gedanke an die Seinen – das von Kindheit an geflochtene, gewaltige Band hielt ihn noch fest, fest umklammert und schien ihn von dem Abgrund, an dem er stand, hinwegreißen zu wollen. »Und möchtest Du hier oben bleiben auf der kalten, unfreundlichen Erde?« sagte er endlich traurig, während ihm die gefalteten Hände auf das Knie niedersanken – »möchtest Du zurückkehren in jene seelenlose, geschäftige Menschenwelt?« »Ich? – ich?« rief da die Jungfrau und richtete sich wie in jähem Schreck empor in ihrem schwanken Kahn – »ich zurück in Kerker und Bande, wo der Geist hier frei über der Tiefe schweben und seiner Quäler spotten kann? – ich zurück zu menschlicher Qual und Oede, zu all' dem unsäglichen Jammer und Elend, das hinter mir liegt? – zu jenen endlosen Jahren einer Höllenpein, die das Herz noch in seinen innersten Tiefen erzittern macht und die keine menschliche Lippe im Stande wäre auszusprechen, ohne das Hirn des Hörers aus seinen Fugen zu drängen – ich zurück?« Und ein leises, krampfhaftes Lachen rang sich aus ihrer Brust, dann aber plötzlich den schönen Kopf emporwerfend, das die dunkeln Locken ihr voll über Schultern und Nacken flogen, und die Augen an den mattblauen Himmel geheftet, der sich über dem jetzt dicht auf dem Wasser lagernden Nebel ausspannte, streckte sie die Arme nach oben und rief, wie in hoher, wilder Begeisterung: »Dein bin ich, Vater, Dein da oben in der blauen Höhe; – frei ist mein Geist, frei wie der Sturm, der über die weite Tiefe braust; frei wie die Woge, die jauchzend die Schwester jagt; frei wie der Aar, der sich wolkenhoch durch den Aether schwingt; frei wie der Gedanke selbst, der bis zu Dir, Allmächtiger, hinauf flüchtet; – frei – frei – frei – hinter mir liegt jeder Schmerz, jede Qual der Erde, hinter mir jedes getragene Herzeleid, und jubelnd, jauchzend fliegt das Kind an's Vaterherz!« Ihr Kahn war indessen dicht zu Eduard's Bootrand getrieben, mit den letzten Worten trat sie auf die äußerste Spitze desselben, und Eduard war es, als ob ein Heiligenschein die ganze feenhafte Gestalt umfloß. »Oh, fliehe nicht wieder!« rief er in herber Angst und streckte die Hand nach ihr aus – »laß mich nicht hier allein zurück, von nun an in brennender Sehnsucht nach Dir zu vergehen und meine Seele aufzuzehren in wilden, quälenden Gedanken!« »So komm!« sagte sie freundlich, und der Jüngling fühlte, wie ihre Hand die seine faßte; sein Arm schlang sich in wilder Begeisterung um ihren Leib, und im nächsten Augenblick schwanden ihm die Sinne, denn über ihm zusammen schlug die Fluth, und er fühlte nur, wie sie mit zauberhafter Schnelle tiefer und immer tiefer niedersanken.   III Als er zuerst wieder die Augen aufschlug, sah er sich in einem weiten, wunderlichen Gemach, über ihn hingebeugt aber lehnte die schlanke, zaubersüße Gestalt, und ihre Lippen drückten sich in leisem Kuß auf seine kalte Stirn. In ihrem ganzen Wesen war aber eine eigene reizende Veränderung vorgegangen – der ernste Schmerz um den holden Mund verschwunden, das trübe Weh aus den sanften, engelreinen Zügen wie mit tröstender Hand verwischt, und mit lieblichem Lächeln und Erröthen bog sie sich zu dem Jüngling nieder und weckte ihn mit den süßesten Schmeichelworten. Eduard schlang seinen Arm um sie, zog sie sanft wieder zu sich und lag wohl viele Minuten mit geschlossenen Augen träumend da – er konnte sein Glück nicht fassen, und es war ihm immer, als ob es ihm mit jedem Augenblick wieder unter den Händen entschwinden müßte. »Wach' auf, wach' auf, mein lieber Freund!« sagte aber endlich die weiche Stimme der holden Maid; »träume nicht länger und schlage die Augen auf; Du hast mit Deinem trotzigen Herzen das Ziel Deiner Wünsche erreicht, fürchtest Du jetzt, ihnen die Stirne zu bieten?« »Fürchten?« rief der Jüngling und sprang rasch empor, »oh, wie wenig kennst Du mein Herz, Geliebte, wenn Du Furcht in dessen Tiefe suchst – fürchten? und bin ich denn nicht bei Dir? ist nicht mein ganzes Dasein Dir geweiht? Nein, das Einzige, was ich jetzt auf der Welt wirklich fürchte, ist, daß Du mir wieder entrissen werden könntest, und mein armes Herz müßte dann ja brechen, sollte es den Verlust ertragen.« »Wenn Du's nur nicht selber müde wirst hier unten bei uns!« lachte aber das schelmische Kind und entwand sich seinen Armen; »doch sieh, die Fische kommen schon an's Fenster, sie wollen gefüttert sein, und Du bist schuld, daß ich sie heute habe so lange warten lassen. Nun schau' Dich hier im Hause so lange um, mein Vater wird auch bald heimkommen; er weiß schon, daß Du da bist – der alte Hannsen hat es ihm lange gesagt, daß Du zu uns heruntersteigen würdest.« »Und kennst Du den alten ehrlichen Hannsen, Du holdes Kind?« frug Eduard rasch und erstaunt. »Den alten Hannsen?« lachte die Jungfrau neckend – »was sollt' ich den nicht kennen, kennt ihn doch jeder Fisch hier unten in der ganzen Nordsee, und ist er nicht selber viel hundert Jahre alt, und eigentlich ein Verwandter von uns, von Mutter Seite!« »Der alte Hannsen?« rief Eduard staunend. »Ei, versteht sich,« sagte die Maid. – »Daß Du mich aber dann nicht immer mit »holdes Kind« und solch' anderen wohl recht lieb und gut klingenden, aber doch schwärmerischen Namen zu nennen brauchst, die ich wohl schon gerne höre, die mein Vater aber nicht recht leiden kann, so muß ich Dir wohl meinen Namen nennen, sie heißen mich hier unten Bonita, nach dem muntern springenden Fisch, der den Schiffer auf seinen langen Reisen in der Südsee begleitet – Du mußt es aber dann nicht machen, wie es die bösen Menschen da oben oft thun,« setzte sie plötzlich mit weicherer, recht herzlich klingender Stimme hinzu, daß sie schöne, blitzende Haken auswerfen, die armen vertrauenden Bonitas damit zu bethören und zu verderben – die Menschen da oben find schlimm genug, und Du wirst gewiß nicht so bös sein und Deiner armen Bonita weh thun wollen. Nein, ich weiß schon, ich weiß schon!« setzte sie aber schnell und lächelnd hinzu, als er betheuernd und bittend die Arme gegen sie ausstreckte – »wenn man Eurem Worte glauben dürfte, so seid ihr Alle treu wie der Felsengrund selber – nein, ich will Deinen Augen glauben, lieber Freund, denen trau' ich lieber als Deinen Worten. Aber jetzt ade, und in wenig Sekunden bin ich wieder bei Dir.« Und wie ein Blitz glitt sie ihm unter den Händen weg und aus der Thür, und als er an das Fenster sprang, ihr nachzuschauen, schoß ein schlanker, silberblitzender Bonita draußen vorüber durch die krystallhelle, blitzende Fluth und verschwand gleich darauf in einem dichten Hain zackiger Korallen. Eduard preßte die heiße Stirn gegen die kalten Scheiben des Fensters – war es denn Wirklichkeit, was ihn umgab und was ihm das Hirn schwindeln zu machen drohte? – Aber er konnte sich seinen Gedanken nicht lange überlassen, denn zu viel des Neuen, Fabelhaften stürmte auf ihn ein, um seine Sinne nicht alle und vollständig in Anspruch zu nehmen. Das Gemach, in dem er sich befand, war hoch und gewölbt, die Wände bestanden, oder waren vielmehr mit einer Art Seetang bedeckt, die langen, guirlandenartigen Zweige zu bunten, phantastischen Mustern geflochten, aus denen die traubenförmigen, theils runden, theils länglichen Früchte oder Blüthenknospen, jedesmal wo sie zusammengeschlungen schienen, hervorhingen. Einzelne freie Räume hatte man aber dazwischen gelassen, und hier formten dicke Kränze blauer und goldgelber Seelilien künstliche Rahmen um wunderbar lebendig ausgeführte Bilder, die Thaten aus dem Leben berühmter Fische darzustellen schienen. Das Haupt- und Mittelstück hiervon bildete ein mächtiger Walfisch, dessen Mitte an der einen Stelle durchsichtig war und einen Blick in das Innere desselben verstattete, wo ein kleines, dürres Männchen mit zusammengezogenen Knieen und gefalteten Händen anscheinend auf dem Boden saß und traurig vor sich hinstarrte. Der Walfisch aber selber blies das Wasser in gewaltigen Strahlen von sich, die kleinen Augen standen ihm weit aus dem Kopf, und das weite, breite Maul hatte er auf eine merkwürdige Weise verzogen, als ob ihn innerlich ein entsetzlicher Schmerz drücke oder er sonst ein Leiden habe. Rechts davon hing der Delphin, der den Arion aus den Fluthen rettete, und links war der Kampf eines riesigen Haies mit einem Sägefisch abgebildet. Die furchtbaren Thiere wanden sich in grimmigem Kampf, und während der Hai seinen Gegner mit dem eisernen Gebiß festhielt, suchte ihm dieser mit der tödtlichen Säge den Bauch aufzureißen. Zwischen den Fenstern, als freundliches Gegenstück zu dieser finstern Blutscene, hingen aber die Bilder zweier lieblichen Meerweibchen, die vollen üppigen Leiber nur noch verführerischer mit dem langen wallenden Haar bedeckt, das ihnen über Nacken und Schultern herunterfloß und auf den blitzenden Wellen sich mit diesen fast zu vereinigen schien. – Und oh, wie glich Bonita dem einen reizenden Bilde! Aber von den Bildern ab wandte sich sein Blick bald den anderen, das Zimmer schmückenden Schätzen zu – und auf breiten, zierlich geformten Marmorplatten sah er mit staunenden Blicken alle Schätze der Tiefe hier angehäuft, wie sie verborgen liegen in den fernen südlichen Gewässern und wohl selten in solchem Reichthum eines Menschen Auge blendeten. Perlen, wie sie noch nie selbst eines Sultans Turban schmückten – Ambra-Thränen in ihren duftenden Massen, rothe und blaue Korallen, Muscheln in jeder Form und Gestalt – Seeschwämme und Flechten wie aus dem feinsten Seidenstoff gewoben – Krystall-Vasen mit Goldstaub aus den indischen Meeren und kostbare Steine aus den Kronen der Seeschlange. Der Boden des Gemaches selber war aus blauem und rothem Krystall kunstvoll zusammengesetzt und die Sitze im Zimmer aus mit weichem Seemoos dicht überzogenen Korallenarmen. Eduard konnte sich nicht satt sehen an all' den Herrlichkeiten, und er begriff dabei nicht, wie er nur leben könne hier unten in den dicht von der Fluth bedeckten Räumen, während sich doch seine Brust so frei und leicht dabei hob, als athme er oben die gewohnte Luft seiner heimischen Berge. Sonderbarer Weise schien aber dennoch ein bedeutender Unterschied zwischen dem Zimmer selbst und der da draußen liegenden Straße zu herrschen, denn während er sich hier frei und trocken bewegen konnte, quoll draußen vor den Fenstern die grüne, durchsichtige Fluth und füllte die Straße bis hoch über die Häuser hinauf, und die wunderlichsten, oft fast menschenähnlichen Fische schwammen darin auf und ab – hielten manchmal in der Mitte der Straße, wenn sie sich begegneten, still, wie um mit einander zu plaudern, und verfolgten dann wieder ihren Weg. Die Straße selbst war wie aus einem uralten Bilderbuch herausgenommen; graue Giebelhäuser mit spitzen, hohen Dächern und schmalen, oft gerade, oft schräg laufenden Fenstern, die Außenwände mit Muscheln und Seetang an einigen Stellen förmlich bewachsen, an anderen sauber und rein gehalten und mit zierlichen Malereien und Muschelbildern geschmückt, wie es dem Geschmack der Einzelnen gerade zuzusagen schien. Vor jeder Thür stand ein hoher schattiger Korallenbaum, und an den Mauern waren nicht selten, wie wir daheim wohl Wein und Rosen an schlanken Staketen ziehen, weitarmige Polypen gepflanzt, die hoch über die Fenster hinaus, oft bis unter die vorragenden Giebel der Dächer wucherten. Am reizendsten sahen die Fenster dazwischen aus, hinter denen, in den Häusern selber, alle Blumen der Oberwelt in unendlicher Frische blühten und dieser stillen, heimlichen Welt wieder einen eigenen Anstrich alter, vergangener Zeiten gaben. Auch Bonita's Zimmer schmückten eine Menge Rosen, Veilchen und Reseden, Narzissen und Aurikeln, und in den Fensterecken standen große, herrliche Wasserlilien nur eben in das Gesims gepflanzt, durch das sie die Wurzeln hinschlugen. Die anderen Landblumen hatten jedoch ihre eigenen Töpfe, oder vielmehr hierzu benutzte Muscheln, in die sie hineingepflanzt waren. Am wunderlichsten erschien ihm der Himmel oben selber, denn als er dort hinaufschaute, kam es ihm vor, als ob sich oben über der glasigen Fluth graugelbe Wolkenmassen hinüberzögen, und durch diese hin konnte er doch auch wieder das lichte, nur grünlich, statt sonst blau schimmernde Firmament deutlich erkennen. Wie er aber noch so auf die Straße hinausschaute, sah er einen ziemlich starken, eigenthümlich genug aussehenden Fisch den Weg herunter und gerade auf das Haus zugeschwommen kommen. Er hatte an seinem Körper die gewöhnliche stahlgraue Fischfarbe, auf dem breiten gemüthlichen Kopf – denn er gehörte keineswegs zu den Raubfischen – trug er aber ein kleines dreieckiges Hütchen und unter der linken Flosse einen langen, oben mit einem schweren goldenen Knopf gezierten Rohrstock. Als Eduard noch erstaunt zu ihm hinausschaute, fuhr er plötzlich gegen die Thür, und im nächsten Augenblick trat auch ein wohlbeleibtes, stattliches Männchen, mit etwas altmodischem stahlgrauen Frack und gar weißen, langen Manschetten, mit kurzen Hosen und großen silbernen Schnallen auf den Schuhen, schwarz durchwirkten, ebenfalls grauseidenen Strümpfen, weiß gepudertem Kopf und kurzem, aber ansehnlichem Zöpflein, und hoch oben auf dem Scheitel den kleinen, scharf ausgezackten Hut, den langen, goldbeknopften Stock in der Hand, rasch in's Zimmer. Er schüttelte sich auch einmal, wie Jemand, der aus einem schweren Regen in das trockene Haus oder sonst unter ein Schutzdach kommt, und ging dann gleich, ohne, wie es schien, im Mindesten über die Ankunft des Fremden erstaunt zu sein, auf diesen zu, bot ihm freundlich die Hand und sagte mit herzlichem Gruß und Druck: »Ei, sie da, liebwerthester Herr Merkfeld, freut mich ja ungemein, Sie einmal bei uns hier unten zu sehen – sind schon so oft hier in der Nähe gewesen,« – meinte er mit einer lächelnden Bewegung des Stockknopfes nach oben – »daß ich mir immer dachte, wir würden auch einmal das Vergnügen Ihrer werthen Bekanntschaft hier unten haben. – Aber Sie machen sich's ja gar nicht bequem – Bonita – Bonita – wo steckt das Wettermädel nur wieder, bitte, legen Sie ab, lieber Herr Merkfeld, und thun Sie, als ob Sie zu Hause wären – hier unten können wir ohnedies nicht viele Complimente machen.« Und er nahm auch, ohne weiter ein Wort des jungen erstaunten Mannes abzuwarten, dessen breitrandigen Filzhut, den dieser noch immer in Gedanken aufbehalten, und legte ihn mit seinem eigenen kleinen Hütchen mitten auf eine der Perlmuscheln, stellte dann seinen Stock in die Ecke und sagte, während er sich die beiden unteren Knöpfe seines Röckleins aufknöpfte: »So – nun sind wir einmal wieder zu Hause, das ist jetzt feuchtes Wetter draußen, Herr Merkfeld – und wie geht's denn eigentlich da oben zu? – was macht mein alter Freund Hannsen? – der ist mir auch in den letzten acht Tagen nicht mehr zu Gesicht gekommen.« »Lieber, bester Herr!« sagte Eduard – und er preßte sich mit beiden Händen fest gegen die Schläfe. – »Sie müssen es mir nicht übel nehmen, wenn mir's im Kopf noch wie mit einem Mühlrad herumgeht, – ich bin hier eigentlich zu Ihnen gekommen, ich weiß selbst kaum wie, und manchmal ist mir's noch immer, als ob ich träume und das Alles wieder mit dem ersten Hahnenschrei verschwinden müßte.« Der alte Herr schmunzelte aber dabei mit dem ganzen Gesichte und nickte endlich gutmüthig lachend mit dem Kopfe. »Ja, ja,« sagte er, »glaub's Ihnen gern. Werthester Herr Merkfeld, glaub's Ihnen gern – ist mir selber die ersten hundert Jahre wunderlich vorgekommen; mit der Zeit aber gewöhnt man sich dann an alle die kleinen Sonderbarkeiten und Abweichungen vom gewöhnlichen Leben, und jetzt glaub' ich, spräng ich auseinander wie dürrer Lehm, wenn ich da oben wieder im Trocknen und in der heißen Sonne den ganzen Tag herumlaufen sollte. Sie glauben gar nicht, wie angenehm sich's hier unten wohnt – und denken Sie lange bei uns zu bleiben?« Eduard schrak zusammen, denn in der Frage lag so viel heimlich Lauerndes, und die kleinen grauen Augen des Mannes blitzten dabei so scharf zu ihm herüber, daß er sich eines leisen Schauders nicht erwehren konnte; der alte Herr mochte das aber ungefähr in seiner Seele lesen, denn er sagte freundlich mit dem Kopf schüttelnd: »Bitte, beunruhigen Sie sich nicht, liebwerthester Herr Merkfeld, sollte gar keine directe Frage sein, sondern war eigentlich nur bloße Redensart, denn wer hier zu uns herunterkommt, bleibt, wie allgemein angenommen, schon überdies bei uns. Aber Sie kennen unser Städtchen noch nicht – allerliebstes Plätzchen da unten – so lauschig und nett, wie kein zweites über oder unter dem Wasser auf der ganzen Welt – und es giebt sonst noch hübsche Stellen in den Seen. Besonders in der Südsee weiß ich so gar reizende Gegenden – haben die Korallen alle von dort hierher gepflanzt und noch manche andere Seltenheiten. Doch nachher führ' ich Sie überall bei uns herum, wollen schon gute Bekannte werden, lieber Herr Merkfeld, wollen schon gute Bekannte werden. – Aber jetzt werd' ich uns erst einmal ein Schlückchen zu trinken holen, mein sehr werthgeschätzter Freund. Ein Schlückchen hält, wie man da oben zu meiner Zeit sagte, Leib und Seele zusammen, und wenn wir das auch hier unten nicht gerade mehr nöthig haben, so thut's doch wenigstens einem oder dem andern der beiden gut. Und da kommt auch Bonitchen, um Ihnen so lange die Zeit zu vertreiben, bis ich wieder zurückkomme.« Er glitt dem jungen Mann fast unter den Händen fort, an seiner Statt aber stand die Jungfrau in der Thür. »Bonita!« rief Eduard, von staunender Lust ergriffen – denn wie ein Engelsbild höherer Welten lächelte die wunderliebliche Maid zu ihm herüber und streckte ihm freundlich ihre Hand entgegen. Nicht mehr das weiße, schlichte Kleid, sondern ein lichtblaues golddurchwirktes Gewand umschloß in weichen, schmiegsamen Falten ihre schlanke, zarte Gestalt. In der Mitte wurde es durch ein künstlich geflochtenes goldenes Band zusammengehalten, dessen äußerste Enden, wie Thau an der aufsteigenden Sonne, von hundert kleinen leuchtenden Edelsteinen blitzten und funkelten. Durch die dunkeln üppigen Locken wand sich eine einfache Schnur reiner Perlen, mit dem Zweig des Seetangs in einander geflochten, und ein kleiner goldener Seestern hielt vorn das Gewand über der schwellenden Brust gefestigt. »Bonita,« flüsterte Eduard und sank in jauchzender Seligkeit zu ihren Füßen nieder – »Bonita, mein süßes, holdes Lieb, oh wie schön Du bist und wie wohl, wie unendlich wohl nur Deine Nähe schon diesem armen, kranken Herzen thut – oh banne mich nicht wieder aus dieser Nähe, bleibe dem Armen, was Du ihm heute geworden – sein Engel – sein Führer!« »Mein lieber Freund!« flüsterte die Jungfrau und hauchte, sich zu ihm niederbeugend, einen leisen Kuß auf seine Stirn, und dann ihn langsam und liebend zu sich emporziehend, sagte sie schmeichelnd: »Fort mit den düstern Falten von dieser Stirn – fort mit dem Schmerz aus dem sonst so klaren Blick – Du hast das Ziel Deiner Sehnsucht – das Ziel Deiner Wünsche erreicht, und wenn Du heut Abend Schwesterleins Reigen hier unten siehst und Zeuge sein wirst unserer heitern, innigen Lust, darf's Dich auch nicht gereuen, daß Du die kalten, häßlichen Menschen da oben verlassen und Einer der Unseren geworden bist. Oh, sie schelten uns, daß wir Fischblut in den Adern hätten, aber sie wissen, sie ahnen nicht, wie heiß und glühend diese Pulse pochen, diese Herzen schlagen können. Oder gereut Dich der Schritt schon, den Du gethan? Möchtest Du wieder hinauf zu ihnen – zurück zu –« »Nein, nein, nein!« rief Eduard mit wilder Heftigkeit, seine Stirn in die Falten ihres Kleides bergend – »nur das, was mir jetzt noch das Herz in todesmarternder Pein durchzieht, ist die Angst, Dich – Dich wieder zu verlieren, Geliebte – ich fühle, daß ich wache; daß ich Dich sehe, daß ich Dich mit meinen Armen umschließe, und doch – doch quält es mir in wildem Zweifel die Seele, daß ich Dich wirklich halte und nimmer lassen dürfe. – Mir ist es immer, als ob ich eine gewaltige Hand sich nach dem schönsten Glück meines Lebens ausstrecken sähe und der nächste Augenblick mich unter den Trümmern meiner Seligkeit begraben müsse. Oh, nimm mir den Zweifel, Bonita – nimm mir den Zweifel!« »Lieber Träumer!« flüsterte die Jungfrau mit weicher, seelenvoller Stimme – »aber habe guten Muth, die Zweifel schwinden schon allein – nur wahre Dich selber, Geliebter,« setzte sie dann ernst und fast wehmüthig hinzu – »wahre Dich selbst und Dein eigenes Herz; dort werden die Zweifel geboren, und sie könnten Dich und auch wohl mich noch recht, recht unglücklich machen. Still jetzt,« sagte sie wieder lächelnd, als er rasch und erschreckt zu ihr aufschaute – »still jetzt, lieber Freund, mein Vater kommt zurück, und stoße Dich nicht an den Wunderlichkeiten des alten Mannes. Er hat manchmal gar sonderbare, eigenthümliche Launen, meint es aber von Herzen gut und wird auch Dich wohl bald recht lieb gewinnen.« Durch der Jungfrau lindernde Worte war es wie Frühlingstrost in sein wundes Herz gezogen. Mit Glück strahlenden Augen hob er sich empor, und die holde, erröthende Maid mit seinem Arm umschließend, rief er freudig: »Ja, vertrauen will ich Dir, Du holdes liebliches Engelsbild, vertrauen mit festem, unerschüttertem Herzen; hast Du Dich mir ja doch zu eigen gegeben in all' Deiner jugendlichen Herrlichkeit, und mich vor mir selber gerettet und meinen nicht länger zu dämmenden Träumen. So nimm mich denn hin, Du Holde, und dieser Kuß der innigsten, heiligsten Liebe siegle und wahre den Bund unserer Herzen.« Er hielt die sich zitternd zu ihm hinneigende Jungfrau mit seinem Arm fest umschlossen und preßte einen heißen, langen Kuß auf ihre Lippen. »Bitte, geniren Sie sich nicht, Liebwerthester,« sagte in diesem Augenblick, dicht neben ihm, die wohl etwas spöttisch, aber doch freundlich klingende Stimme des Alten – »wollte Ihnen eine kleine Erfrischung aus meiner Vorrathskammer bringen, sehe aber, Dieselben haben schon eigenhändig zugelangt und scheinen mir auch einen vortrefflichen Geschmack zu besitzen, was die Wahl des Artikels betrifft.« Eduard richtete sich schnell und erröthend empor, die Jungfrau blieb aber noch einen Augenblick lächelnd in ihrer Stellung und schlüpfte dann rasch aus der Thür hinaus. »So, verehrtester Herr und Gönner,« sagte der kleine alte Mann, indem er einen ganzen Arm voll Krüge und Flaschen nach einander auf den Tisch stellte – »jetzt haben wir die Wahl aus dem Schönsten und Besten, was die Provinzen liefern. Hier ist z. B. vortrefflicher Madeira, zum vierten Mal die Linie passirt und dicht vor dem Hafen doch noch gescheitert – ich habe mir neulich zwei Kisten davon herübergeholt – er liegt gleich drüben vor Goodwin sands an einer vortrefflichen Stelle, und wir können noch lange daran haben. Oder hier, Allerbester, ist ein ausgezeichnetes Gläschen Shiedam – der kleine Schooner, der ihn vor acht Tagen erst von Amsterdam herüberbringen sollte, wurde in dem letzten schlechten Wetter, was sie oben hatten, leck und sank kaum eine halbe deutsche Meile von hier – hätte uns die Kisten beinah vor die Thüren gebracht, hi hi hi! Hier ist auch ein delicater Portwein aus einem englischen Schiff, das ohne Lootsen in die Weser einlaufen wollte – närrisches Volk die Engländer! – Der Capitain hatte den hier zu seinem eigenen Gebrauch mitgenommen, jetzt liegt er oben auf dem Sande.« Und dabei zeigte die kleine bewegliche Gestalt freundlich grinsend nach oben. »Der Portwein?« frug Eduard zerstreut; aber der Kleine lachte noch viel stärker. »Ei, verehrtester Herr Merkfeld!« rief er und sprang dabei mit einem Satz auf die Lehne des nächsten Korallenstuhles, wo er sich schaukelnd balancirte, »den Portwein haben wir ja hier, schwachsichtiges Menschenkindlein, mit Euer Edeln Erlaubniß – den Capitain mein' ich. Aber da kommt auch Bonita und bringt uns das Compactere unserer Mahlzeit, denn Seeluft zehrt, sagt man da oben, und Seewasser noch mehr, sagen wir hier unten, hi hi hi!« Und in der That trat in diesem Augenblick Bonita wieder in's Zimmer, und zwar von ein paar kleinen allerliebsten Mädchen gefolgt, die eine Masse Teller und Schüsseln trugen und den Tisch bald mit einer Fülle von Sachen bedeckten, die unsern jungen Freund in Erstaunen setzten. »Unser Gast darf auch nicht etwa glauben, Väterchen, daß wir hier unten von der Luft leben,« sagte Bonita lächelnd, als sie dem jungen Mann mit einem freundlichen Blick die Hand reichte und ihn zu einem Sitz führte, »es möchte ihm sonst am Ende nicht bei uns gefallen.« »Ja, wir Fische sind eigentlich grimmige Raubthiere,« schmunzelte der Alte, »der eine frißt den andern, der größere immer den kleineren, wie das nun eigentlich bei den Menschen da oben gerade so der Fall ist, nur daß sie einander nicht braten – wenigstens hier in der Weser nicht – und da ist auch einer gerad' so wie der andere – selbst hier Bonitchen –« »Väterchen!« bat das Mädchen und wurde feuerroth – »Du weißt, Du sollst nicht!« und sie hob scherzhaft drohend den Finger gegen ihn auf. »Nun, hier haben wir auch etwas Gescheidteres zu thun,« beruhigte sie der Alte – »sehen Sie, verehrungswürdigster Herr Merkfeld, das hier ist etwas Delicates, was ich Ihnen empfehlen kann und was Sie hier auch nicht alle Tage bekommen – dies Kistchen mit fliegenden Fischen hat mir ein weitläufiger Verwandter vom Aequator geschickt – fett wie Butter, Herr Merkfeld, fett wie Butter, – oh es ist ein herrliches Wasser, wo die fliegenden Fische herkommen, ich bin selber schon mehrmals dort gewesen. Vortreffliche Korallenplantagen, ausgezeichnet gehalten und angelegt – habe mir selber einige von den Fischlein damals mitgebracht – habe ein ganzes Nest ausgenommen, hoch oben aus einem Korallenbaum heraus – war damals aber auch noch jung, liebwerthester Herr, auch so ein leichter Springinswasser, wie gewisse Leute, hi hi hi! – Aber was haben wir hier – ah, eine Flasche eingesetzte Tangrosen – delicat, Bester, delicat – hier Lotoskerne, wie sie auf dem Wasser des Südens wachsen – wie Mandeln – genau so wie Mandeln – und hier in Gelée gekochte Zitteraalflossen, ein Lieblingsgericht von mir, aber nicht Jedermanns Sache,« lachte der Kleine – »hat sonderbare Wirkungen manchmal, wenn man nicht daran gewöhnt ist – das aber zum Dessert, und vor allen Dingen wollen wir uns einmal mit diesem geräucherten Lachs und dem eingesetzten Seekohl begnügen. Kann ich Ihnen empfehlen, Herr Merkfeld, kann ich Ihnen empfehlen.« Und der Alte aß und trank und lachte und schwatzte, und der Jüngling, von dem ganzen Neuen, Wunderbaren seiner Umgebung erregt, mit dem zauberischen Mädchen an seiner Seite, fühlte nicht, wie ihm die Stunden schwanden, und es war ihm, als ob ihm erst jetzt des Lebens Stern aufgegangen und die Pforten seligen Glücks weit, weit geöffnet wären. Da ihm Bonita mit gutem Beispiel vorangegangen, schmeckte es ihm ebenfalls vortrefflich, und er glaubte noch nie in seinem ganzen Leben so gut gegessen und getrunken zu haben. Gegen Ende der Mahlzeit wurde übrigens der Alte immer lustiger, lachte und sang und erzählte tausenderlei Späße und Anekdoten. »Da oben glauben sie,« rief er endlich, sein großes Humpenglas auf's Neue mit dem starken Portwein füllend, »daß wir Fische hier unten nichts als Wasser trinken – hi hi hi! Herr Collega – gefehlt, Durst haben wir, das ist richtig, immer gewaltigen Durst, aber Salzwasser? – nein, da dank' ich – zum Mundausspülen laß ich mir's gefallen, aber nur in äußerster Noth einmal zum Trinken; so bin ich überzeugt, daß ich z. B. schon gewiß seit den letzten zweihundert Jahren, keine halbe Flasche süß Wasser mehr verschluckt habe – es schmeckt Einem so fade, wenn man sich an das Salzwasser einmal gewöhnt hat. Jetzt wollen wir aber erst einmal ein Stückchen von dem Zitteraal versuchen, bestes Freundchen – sollen einmal sehen, was das für eine vortreffliche Wirkung auf die menschliche Constitution ausübt.« Er wollte dabei Eduard die Schüssel hinüberreichen, da dieser aber fragend Bonita anschaute und sah, wie das Mädchen leise und lächelnd mit dem Kopf schüttelte, dankte er, und der Kleine sagte, dadurch nicht im Mindesten außer Fassung gebracht: »Auch gut, Herr Collega, werden schon noch auf meinen Geschmack kommen, wenn Sie hier erst einmal so ein paar saecula im Nassen liegen. Aber noch ein Gläschen Wein, Freundchen, ist vortrefflich hier unten und hält uns die nassen Dämpfe aus der Nase.« Und dabei schenkte er sich selber noch einmal ein und schob sich ein großes Stück Zitteraal in den Mund. Die Wirkung war zauberschnell und zeigte sich wunderbarer Weise in der äußersten Zopfspitze zu allererst – die fing an zu zittern und zu zucken, dann der ganze Zopf, dann die Perrücke, dann der Kopf und dann der ganze kleine Mann bis auf den Stuhl hinunter, auf dem er saß, selbst der Hut und Stock in der Ecke fingen an zu hüpfen und zu schlagen. Eduard, der Gefahr für den alten Mann befürchtete, wollte zuspringen und erfaßte auch schon, ehe ihn Bonita selber daran verhindern konnte, seinen linken Arm, bekam aber in demselben Augenblick einen solchen elektrischen Schlag, daß ihm die Hand wie gelähmt an die Seite sank. Der kleine Mann wollte sich aber todt darüber lachen, und während ihm alle Glieder am Leibe flogen, als ob sie ihm abspringen müßten von der entsetzlichen Gewalt, und der Zopf ganz wie eine kurze, dicke Peitschenschnur hinten ausschlug und fitschte, schien er selber nicht allein keinen Schmerz, sondern sogar noch ein gewisses Wohlbehagen dabei zu fühlen. Nur erst als die Wirkung nachließ und die Glieder wieder ruhiger wurden, ja selbst der Zopf, der sich bei der ganzen Sache am ungeberdigsten gezeigt, wieder still und friedlich niederhing, begann sich eine Art Erschlaffung oder Mattigkeit bei ihm einzustellen, und er lehnte wohl zehn Minuten geisterbleich und überhaupt förmlich wie todt in seinem Stuhl. Eduard fühlte sich dadurch geängstigt, Bonita beruhigte ihn aber wieder und sagte leise: »Fürchte nichts, lieber Freund, es ist das eine häßliche Gewohnheit, welche die Männer hier unten angenommen haben. Ihr seid wunderliche Wesen, Ihr Herren der Schöpfung, und scheint es in der ganzen Welt nur immer darauf abgesehen zu haben, Eure geistigen Kräfte erst zu dem höchsten Grad ihrer Fähigkeit zu treiben und dann, fast wie mit Gewalt, wieder zu Grunde zu richten. Oben in der Luft und auf der trockenen Erde raucht ihr Tabak und Opium, und da Euch das hier unten nicht möglich ist, sucht ihr mit einer merkwürdigen Erfindungsgabe gerade das Schädlichste aus, was Ihr auftreiben könnt, um Euch für kurze Zeit aufzuregen und wo möglich besinnungslos zu machen – und das nennt Ihr Genuß.« Eduard schaute ihr lächelnd in das von schönem Eifer geröthete Antlitz und zog leise ihre Hand an seine Lippen; in dem Augenblick schlug aber auch das alte Herrlein die Augen wieder auf. Er sah sich einen Moment ganz verwundert um, als ob er gar nicht wisse, wo er sich befände, und sagte dann, erst hinten an seinen Zopf und dann an seine Stirn fühlend: »Ah so – ja so, Alles in Richtigkeit; aber Haifische und Seequallen! das war ein famoser Aal, von dem Haus werde ich mehr beziehen, der ist ausgezeichnet; und nun, mein werther Herr Merkfeld, wollen wir unsern gewöhnlichen Nachmittags-Spaziergang machen, auf dem Sie uns hoffentlich begleiten werden; allerliebste Gartenanlagen da draußen, vortrefflich eingerichteter Club und ein Raritäten-Cabinet – allen Respect, was Sie interessiren wird.« Das alte Herrchen sprang auf, nahm seinen Hut und Stock und wandte sich, Bonita ganz dem jungen Mann überlassend, der Thüre zu; Eduard aber, der ebenfalls nach seinem Hut gegriffen, sah Bonita fragend an – und das schöne Mädchen lachte gerade heraus, als sie seine Bedenklichkeit errieth. »Du hast mich heute hier als wirklichen Bonito von der Thür weggleiten sehen,« sagte sie neckend, »und glaubst nun, daß ich Dir wieder so unter den Händen fortschlüpfen werde, während Du nicht im Stande wärest, mir zu folgen – hab' ich nicht Recht, wie?« »Freilich hast Du Recht, Du närrisches, liebes Kind,« sagte der Jüngling, aber doch noch immer ein wenig verlegen, »und wie soll ich Dir auch dahinaus folgen, da ich selber doch nicht eingewohnt bin in das neue, wunderliche Leben, und Dich dann verlieren würde in der, meinem ungeschickten Körper widerstrebenden Fluth.« »Wir gehen aber heute in das Glashaus, Du armer, betrübter Freund,« neckte ihn das Mädchen, »in ein trocknes, solides, ehrbares Glashaus, wo Männer und Frauen zusammenkommen mit all' ihren menschlichen Schwächen und Thorheiten und Du Dich so wohl fühlen wirst, »Verehrtester,« wie Dich mein Vater immer nennt, wie wir Fische im Wasser. Aber komm, fürchte nichts, und unterwegs soll Dir noch Alles erklärt werden. Du mußt überhaupt noch Vieles hier unten lernen, und wirst hoffentlich ein recht braver, gelehriger Schüler sein.« Und damit hing sich das zauberisch hübsche Kind an seinen Arm und zog ihn behend durch eine andere Thür, als die, welche nach der Straße führte, dem Vater nach, der schon ernst und ehrbar vor ihnen hinschritt.   IV Eduard, mit der Jungfrau an seiner Seite, fühlte kaum, wie sie sich über den Boden fortbewegten – alle irdische Schwäche schien von ihm genommen, all' die trüben, quälenden Gedanken, die ihm bis dahin Herz und Seele, oh oft in so unerträglicher Pein beengt, waren verschwunden – die Welt lag hinter ihm, als ob er aus Lethe's Becher getrunken. Die Scene, die sich jetzt seinen Blicken eröffnete, wäre aber auch geeignet gewesen, einen weniger schwärmerischen, dem Ueberirdischen nicht so zugeneigten Geist, als der Eduard's von je gewesen, zu fesseln und einzig und allein mit sich zu beschäftigen. Kaum verließen sie das Haus, so betraten sie einen weiten, krystallgewölbten, luftigen Gang, in den fast alle die benachbarten Häuser auszumünden schienen; dicht daneben aber und einzig und allein durch eine vollkommen durchsichtig und wie aus dünnen Eisschollen aufgeschichtete Wand davon getrennt, lag die klare, hellgrüne Fluth, und aller Verkehr des kleinen geschäftigen Fleckens zeigte sich in dieser fremden, sie umschließenden und doch von ihnen getrennten Welt. Fische von jeder Größe und Gestalt schwammen darinnen auf und ab, und nur an einzelnen Abzeichen ließen sich die verschiedenen Beschäftigungen der bald Vorüberschießenden, bald langsam und lässig Vorbeigleitenden erkennen. Die ehrsamen Bürger trugen fast alle das kleine dreieckige Hütchen auf dem Kopf, manche ebenfalls, wie es Bonita's Vater gethan, einen Stock unter der Flosse, und diese gehörten jedenfalls zur besseren Klasse – manche hatten aber auch ein Schurzfell oder eine Schürze um, die ihnen oben durch die Rückenflosse befestigt wurde. Hier kam einer mit einem Paar neuen Stiefeln im Maul angeschwommen, dort brachte ein anderer Gemüse und Lebensmittel – Eier, wie sie das Seehuhn auf die Fluth legt, Flußkrebse, die sich zu weit aus ihrem heimischen Element gewagt, Austern, an den heimischen Felsen gesucht, und tausend andere Sachen, wie sie ihnen eben erreichbar gewesen, in einem Korb vom Markte. Besonders auffallend war ihm aber ein großer, starker Lachs, der zwei Schweinefische vor eine gewaltige Muschel gespannt hatte und damit Kisten und Fässer, die er wahrscheinlich als gute Beute von einem dort irgendwo gestrandeten Schiffe aufgelesen, angefahren brachte. Junge, niedliche Fischchen schwammen dazwischen herum, mit Häubchen oder kleinen niedlichen Hüten kokett hinten auf den Kopf gesetzt, ein paar sogar mit einem allerliebsten Cashmire-Shawl um und seine Spitzen um Seiten-, Rücken- und Schwanzflossen – die lieben Dinger wollen sich nun einmal putzen. Am meisten amüsirten ihn aber für den Augenblick ein paar charmante Stutzerchen, Referendärchen vielleicht oder Ladenschwengelein, die den lieben Feierabend benutzten, hinter den Damen Ihrer Wahl herzuschwimmen. Die kleinen, seitwärts gesetzten, spitzen Hütchen, die Klemmlorgnette über den großen Fischaugen, die Vatermörder mit Busenstreif, und hinten an der Schwanzflosse die Strippe mit eingeschraubtem Sporn, ließen sich nicht verkennen, wäre das unter die rechte Flosse gedrückte, dünne Spazierstöckchen, mit dem Elfenbeinknopf an die Lippen gehalten, nicht schon überhaupt Abzeichen genug gewesen. Auch eine Masse von Kindern spielte auf der Straße – kleine Wesen wie Stintchen, Sardellen und Häringe – und ein paar Wächter, wie sie in alten Zeiten wohl Sitte und Brauch gewesen sein mögen, mit rostigen Hellebarden über dem Rücken, die sie vorn mit der linken Flosse im Gleichgewicht hielten, schwammen langsam auf und ab, und schienen auf Ordnung zu sehen zwischen dem leichten, muntern Gesindel. Da stob plötzlich Alles wild auseinander, als ob ein Habicht zwischen einen Flug Tauben hineingerathen wäre, nur die beiden Wächter hielten Stand und stiegen rasch etwas höher hinauf, und für einen Augenblick war die Straße total fischleer. Als Eduard aber Bonita fragend ansah, zeigte sie mit ängstlichem Blick nach oben, und er sah jetzt, wie ein großer, mächtiger Hai langsam über die Stadt hinschwamm und gierig mit den grünen kleinen Katzenaugen niedersah auf die auseinanderstiebende Schaar. »Das sind böse, böse Thiere,« flüsterte Bonita schüchtern, und schmiegte sich ängstlich an die schlanke Gestalt des Jünglings – »entsetzliche Thiere, und sie schonen nichts, was ihnen in den Weg kommt, weder Alter noch Geschlecht.« »Fürchte nichts, Du süßes, holdes Kind!« sagte aber der Jüngling, sie beruhigend, und legte seinen Arm leise um die holde Gestalt – »fürchte nichts, mein Herz, und überdies stehen ja die Wächter da oben und können ihn leicht mit ihren langen Spießen zurückhalten.« »Ach, die sind nur so hoch aufgestiegen,« sagte das zitternde Mädchen, »daß sie nachher desto leichter in die Schornsteine hinabfahren mögen, wenn sich irgend wirkliche Gefahr für sie zeigen sollte – das sind nur Polizeidiener – und was Dir als Glas oder Krystall erscheint, ist nur der künstlich gehärtete Rand des Wassers, durch den das Ungeheuer so leicht hindurchfahren könnte, wie durch die Fluth da oben. Das ist derselbe schreckliche Hai, der mir auch schon die beiden Brüder und ein Schwesterchen gefressen hat.« »Aber wo ist denn Dein Vater?« fragte Eduard und sah sich überall nach diesem um. Der ganze Saal oder Gang war jedoch im Nu wie leer geworden, und nur unter einer dichten Korallenstaude sah er, wie der wohlehrsame Stadtschreiber dieses Ortes – denn dieses achtbare Amt bekleidete er allerdings – sein Hütchen fest in den Nacken gedrückt, seinen Stock unter dem linken Arm und die beiden Hände auf dem Rücken, ängstlich und vorsichtig durch die Zweige nach oben schaute, und Eduard hätte in diesem Augenblick um sein Leben nicht sagen können, ob der alte Herr wirklich ein Fisch oder eine menschliche Gestalt sei, so ähnlich sah er beiden. »Und habt Ihr denn keine Harpune, keinen Haken hier unten, womit man den Raubfisch erlegen oder fangen und unschädlich machen könnte?« frug Eduard sein zitterndes Mädchen, das sich fester und fester an ihn schmiegte, als das Ungeheuer immer tiefer stieg und wirklich nicht übel Lust zu haben schien, seinen Weg hierher keinen vergeblichen sein zu lassen. »Um Deiner Sicherheit willen, Geliebter – sprich kein solches Wort mehr!« bat in fieberhafter Angst die Jungfrau; »siehst Du, wie er sich schon herunterneigt nach der kühnen Rede – er ist wilder heute als je.« In diesem Augenblick machte der Hai einen raschen Angriff auf einen der bewaffneten Wächter – er hätte aber weit schneller sein müssen, wollte er den erwischt haben, denn wie der Blitz war er, seine Hellebarde rasch fallen lassend, in einem der Schornsteine verschwunden, und dort natürlich außer aller Gefahr, während der andere, der sich nicht mehr so hoch als die ihm nächsten Schornsteine wagen wollte, durch die erste beste Scheibe mit Hellebarde und Allem verschwand, und ebenfalls nicht wieder zum Vorschein kam. Zu gleicher Zeit öffnete sich dicht neben ihnen eine kleine schmale Thür, und eine Schaar kleiner Fische schoß unter die nächsten Korallenstauden, wo sich, als Eduard ihnen mit den Augen folgte, fünf oder sechs kleine Mädchen, allerliebste Kinder mit ihren Büchern und Schreibtafeln unter dem Arme, fest zusammendrängten und mit den lieben, von Thränen nassen Gesichtchen in bitterer Todesangst nach oben schauten. Da litt es aber den jungen Mann nicht länger in nutzlosem Zuschauen, und er suchte sich rasch von der Geliebten los zu machen, die ihn jetzt aber nur noch fester und ängstlicher umklammert hielt. »Laß mich, Du holdes Lieb!« bat der junge Mann mit dringender Stimme; »da draußen liegt die Waffe, die der feige Wächter von sich geworfen, und ich bin vielleicht im Stande, Dich auf immer von dem Ungeheuer zu befreien – sieh nur, es schwimmt schon wieder im Kreis, als ob es auf eine neue Beute losstürzen wollte – und soll ich denn hier warten, bis es Dich selber mir vielleicht aus den Armen reißt?« »Oh bleib, bleib!« bat aber die Jungfrau; »weißt Du denn nicht, daß Dich die tückische Fluth, wie Du Dich ihr anvertraust, wieder nach oben führt? Und willst Du Deine Bonita auf immer verlassen?« In demselben Moment, noch ehe der Jüngling die leidenschaftlichen Worte des Mädchens erwidern oder selber seinen Entschluß zur Ausführung bringen konnte, schoß aber der Hai plötzlich nach oben – dicht über ihm mußte sich eine andere, leichtere Beute gezeigt haben – kaum jedoch durch die helle Wolkenschicht hindurch, die über den Giebeln ihrer Häuser hinzuziehen schien – sahen sie plötzlich das Wasser schlagen und schäumen und brausen, und im Nu fuhr der Stadtschreiber unter dem Korallenbusch hervor und nach oben. Bonita horchte hoch auf, und als Eduard noch staunend über das neue Unerklärliche, was um ihn her vorging, da stand, sprang sie plötzlich in die Höhe, schlug jauchzend die Hände ineinander und rief mit lauter, jubelnder Stimme: »Sie haben ihn – sie haben ihn – der alte Hannsen hat ihn gefangen und uns auf immer von dem entsetzlichen Ungeheuer befreit – oh das brave, wackere Menschenkind!« Und wie mit einem Zauberschlag schossen sie aus allen Winkeln und Ecken hervor, die wunderlichen Kinder dieses wunderlichen Ortes; unter allen Korallenzweigen und Büschen glitten sie heraus, unter jedem Tisch, unter jedem Stuhl, aus den Schubladen der altmodischen Schränke und Commoden, die in diesem seltsamen Clubzimmer standen, kurz überall, wo nur ein handbreiter Versteck für das allerkleinste Fischlein gewesen, lebte es plötzlich und kam an's Tageslicht. Auch der Herr Stadtschreiber trat mit vergnügtem Händereiben auf den jungen Mann und seine Tochter zu, und sagte schmunzelnd und mit dem Kopfe gar bedeutungsvoll und seltsam dazu nickend: »Sehen Sie, Verehrtester, das sind die Schattenseiten unseres freundlichen Stilllebens hier unten, und es erfüllt mich allerdings mit schmerzlicher Wehmuth Hochdero gleich einem solchen höchst unangenehmen Austritt ausgesetzt zu haben. Sind nun wohl einige dreißig oder vierzig Jährchen, daß wir keine so große Bestie hier über unserem kleinen Städtchen gehabt haben, und ich weiß wirklich nicht, wie es uns ohne den, in der That lobenswerthen und aufopfernden Heldenmuth unserer beiden tapferen Wächter ergangen wäre, denn das Ungeheuer schien außerordentlich hungrig und würde in solchem unwünschenswerthen Zustande selbst nicht den Herrn Bürgermeister oder einen der Stadtältesten verschont haben.« »Aber,« sagte Eduard und er konnte sich eines leichten Lächelns nicht erwehren, »sehr verehrter Herr, es wollte mir doch beinah' von hier unten vorkommen, als ob die beiden Wächter mit mehr Gewandtheit als Tapferkeit in Schornstein und Fenster hineingefahren wären, und hätte der alte Hannsen da oben, wie meine süße Bonita hier sagt, nicht den Hai so sehr zur rechten Zeit gefangen, wer weiß, wie es dann noch gegangen wäre.« »Kriegslist, Liebwerthester, pure, reine Kriegslist!« rief aber der alte Herr mit einem triumphirenden Blick auf die Umstehenden, den Fremdling bei ihnen über die Taktik ihrer auserwählten Truppen belehren zu können. »Hätte sich der Hai nicht so genau zur rechten Zeit zurückgezogen, so wären sie ihm, der eine von dieser, der andere von jener Seite in die Flanke gefallen, und das Resultat möchte dann doch, mit Dero höchst gütiger Erlaubniß immer, das Wenigste zu sagen, äußerst zweifelhaft gewesen sein. Aber es wird spät, verehrtester Herr Merkfeld, die Gäste sammeln sich schon, und wir haben hier jeden Abend, nun schon seit über dreihundert Jahren, unser bestimmtes Partiechen Solo, da gewöhnt man sich denn zuletzt daran und setzt es nicht gern aus. Bonita wird Sie jedoch indessen ein wenig in unserem Garten und den freundlichen Anlagen herumführen, und nachher holt Ihr mich wieder hier ab, Kinderchen, nicht wahr, Verehrtester?« Ein sonderbar abstoßendes Gefühl durchzuckte des jungen Mannes Seele, wenn der Alte mit seiner ungemein freundlichen, aber doch süßlichen und nicht treu klingenden Stimme sprach. – Es tönte ihm immer wie geheimer Spott in die Ohren, und er meinte ein paar Mal in der That, die Doppellarve des Alten müsse nun von einander fallen und ein scheußliches Teufelsantlitz daraus zum Vorschein kommen. Es war und blieb aber immer der Herr Amts- und Stadtschreiber Fischkopf, wie er es auch, seiner eigenen Aussage nach, diese letzten drei und vielleicht mehrere hundert Jahre gewesen, und – er war ja auch Bonita's Vater. Doch dies Gefühl konnte nicht in seinem Herzen Wurzel fassen, so lange das liebliche Bild an seiner Seite weilte – ein Druck ihrer Hand, ein Blick ihres Auges rief ihm die ganze Fülle seines Glückes mit jubelnder Lust in die Seele zurück, und seiner kaum bewußt, legte er seinen Arm um den schlanken Leib der Maid und wandelte langsam mit ihr die weiten, seltsamen Gänge entlang, zwischen Schaaren plaudernder Gruppen von Männern, Frauen, Mädchen und Kindern, alle in ihren Sonntagsstaat gekleidet, durch. Er sah kaum, was ihn umgab, hörte nur mit halbem Ohr die leichten, flüsternden Bemerkungen, die über das junge Paar gemacht wurden, und schwelgte in dem einen seligen Gefühl, dem der Nähe der Geliebten. Weit von den Uebrigen hinweg suchten und fanden sie ein stilles lauschiges Plätzchen, wo sie ungestört mit einander kosen und plaudern konnten; und dort, zu den Füßen des wunderholden Mädchens, seinen Kopf an ihr Knie gelehnt, ihre linke Hand auf seinem Scheitel, ihre Rechte mit seinen Küssen bedeckend, lauschte er ihren Worten, die ihm mit einer nie gekannten, nie geahnten Wonne das überselige Herz erfüllten. Es war ein wunderliebliches Plätzchen, das sie gewählt – über ihnen wölbte sich ein riesiger, in phantastischen Formen auszackender Korallenstamm, von dessen Zweigen breitmächtige Guirlanden farbigen, krausen Mooses niederhingen. Dicht darum hingeschmiegt aber, und den Platz, wo sie saßen, fast einer Laube gleich überschattend, standen breitblättrige, wunderlich geformte Schwammgewächse, und das weiche Moos, das ihnen überall entgegenquoll, wo der eigentliche schmale Weg nicht mit buntfarbigen Schnecken- und Windenhäusern dicht ausgelegt war, lud schon überall selber zum weichen Ruhesitz ein. Die Sonne mußte indessen am Himmel lange verschwunden sein, denn es dunkelte stark. Eduard sah aber jetzt zu seinem Staunen, daß sich diese unterseeischen Gänge, je mehr die Dämmerung eintrat, desto mehr und mehr von selber und eben so allmählig erhellten, denn überall in den Korallen- und Schwammbüschen, zwischen den Guirlanden und dichten Behängen von Seetang und dem hohen wehenden Seegras hin, das dahinter hervorragte, saßen breitmächtige, gläsern aussehende Quallen, die schon im Anfang ein schwaches grünlich phosphorisches Licht von sich gegeben, das aber mit dem einbrechenden Dunkel an Stärke rasch zunahm und zuletzt mit hellem Glanze leuchtete, während nichtsdestoweniger diese kleinen Grotten und Sitze in einem lauschigen Halbdunkel verborgen blieben. »Nimmer hätt' ich es für möglich gehalten, Du holdes Lieb,« flüsterte er endlich, als seine Blicke den strahlenden Dom suchten, »daß außer Deinen süßen Augensternen, Geliebte, Deine Schwesteraugen, die holden Sterne des Himmels, bis zu uns herunterleuchten könnten, aber klar und freundlich stehen sie da oben am Firmament, und nur die neidischen Wolken decken manchmal ihren Glanz und verhüllen sie mit ihren Schleiern.« »Närrischer Freund,« lächelte aber das schöne Mädchen, »wie magst Du glauben, daß das matte Licht Eurer irdischen Sterne bis nach uns hier herunterdringen könnte. Was Du für Wolken ansiehst, ist dasselbe, was Euch oben von der Oberfläche des Meeres, wenn Ihr herniederschaut, als Sand und fester Boden erscheint – so seid Ihr Menschen aber alle – Ihr mögt nach unten oder oben schauen – Ihr laßt Euch immer täuschen. – Und was Du für Sterne hältst, das ist ja dasselbe, was Ihr da oben das Meeresleuchten nennt, ob Du oben bist oder unten, immer sind's blitzende Sterne, die durch die Fluth ziehen – geheimnißvolle Wesen, die wir hier unten selber nicht ergründen können – und ohne sie würden wir hier in trostloser Nacht vergehen müssen. »Und täuschen auch diese Sterne?« frug der Jüngling, indem er sie leise und liebend zu sich niederzog und ihre holden Augen küßte; »liegt auch in diesen Himmelslichtern Trug verborgen? – Nein, nein!« fuhr er rascher und leidenschaftlicher fort – »laß mich an Dich glauben, meine Bonita, wie an Gottes Auge selber, das über der Fluth und unserer Liebe wacht. – Sieh, früher,« setzte er leiser, fast wie mit sich selber redend hinzu, und spielte dabei in den Locken der Jungfrau, die ihm über die eigene Stirn niederfielen und mit den seinen sich mischten, »früher lag es, meine ganze Jugend hindurch, wie ein schwerer, entsetzlicher Traum auf mir, den ich nicht abschütteln, nicht fortdrängen konnte von meiner Seele. Ich ahnte, oh ich wußte, daß außer dem grob materiellen Wesen unserer menschlichen Natur noch eine andere, geistigere Welt existire – ich fühlte ihre Nähe in meinen Träumen, ich empfand den Einfluß, den sie mit gewaltiger Macht aus alle Fasern meines Herzens ausübte. Oft in dem lauten Jubel der Kameraden standen die stillen heiligen Luftgebilde vor meiner Seele und leiteten mich mit freundlicher, wenn auch unsichtbarer Hand aus den geräuschvollen Reihen. Aber sie verwundeten, wo sie heilen wollten, sie gaben das arme Herz der Verzweiflung preis, wo sie vielleicht zu trösten gedachten – oder waren es nur neckische Spukgebilde, die ihre Lust daran hatten, mir die Freude des Lebens zu verbittern und mich tollen, trügerischen Schatten nachzujagen? – So glaubte ich oft und suchte mich gewaltsam ihnen zu entringen, aber hartnäckig wollten sie ihren Platz behaupten, und Schritt für Schritt, ja Zoll für Zoll mußte ich ihnen den Boden abkämpfen, auf dem sie sich eingenistet. Schon hatte mich die Welt mit all' ihrer kalten Wirklichkeit fast wieder in ihr Garn gezogen, nur die Träume ließen sich nicht zurückzwingen und warfen sich um so viel kampflustiger meinem Geist entgegen, je mehr ich ihre Schwestern, die Gedanken, zu bändigen strebte. – Da, bei jener Wasserfahrt, tauchte mir zuerst Dein holdes Antlitz plötzlich aus der Fluth entgegen, meine Bonita – es war nur für einen kurzen Moment, wie das Zucken einer Wimper, aber es hatte genügt, sich wie die Bilder, die des Menschen Hand dem flüchtigen Sonnenstrahle raubt, tief in meine Seele zu graben, und von dem Augenblick an wußt' ich, daß meine Träume nicht gelogen, daß jene stillen, heiligen Bilder meiner Seele kein Trug und Schaum gewesen. Von dem Augenblick an gehörte ich Dir , bis Du mir in Deiner ganzen Herrlichkeit vor das lebendige Auge tratest und mir die Hand helfend, liebend entgegenreichtest.« »Du lieber, lieber Freund,« flüsterte das holde Mädchen und preßte ihre Lippen fest und innig auf die Stirn des Jünglings; »aber wird Dein Herz auch so aushalten in treuer Liebe und Innigkeit?« setzte sie langsamer und fast traurig hinzu; »wirst Du Dich nicht wieder hinaufsehnen zu den Deinen, an die frische blaue Luft und auf die grünen Berge und Höhen? Wirst Du das freundliche Licht der Sonne und die heimischen Klänge der Glocken und lieben Stimmen entbehren und für alles das – oh denke, was Du da oben verloren – für alles das nur in der einzigen Liebe eines armen Mädchens Ersatz finden? – Oh, betrüge Dich nicht selber,« bat sie ihn, als er sie betheuernd umschlang und seine Augen von einem fast überirdischen Feuer glühten, »betrüge Dich nicht selber, Geliebter. Jetzt ist Dir noch der Rücktritt frei – noch bist Du keiner der Unseren, nur Dein fester Wille – denn der Wille des Menschen hat eine furchtbare, ihm selber wohl noch unbekannte Kraft, wenn er sich mit seiner ganzen Stärke auf den einen erwählten Punkt wirft – nur dieser hat Dir den Eingang zu uns gebahnt, aber das erste Gefühl der Sehnsucht, der erste heimliche Wunsch nach oben, der, Dir selber vielleicht kaum bewußt, in Deinem Herzen reift, reißt Dich mit wilder, rettungsloser Gewalt aus meinen Armen und wieder in Deinen Luftkreis, in die Bahn hinein, die Dir bei Deiner Geburt vom Schicksal vorgeschrieben. – Wirst Du im Stande sein, den zu bekämpfen, nur die kurze Zeit zu bekämpfen, die Dir zu Deiner Prüfungszeit durch unsere unwandelbaren Gesetze bestimmt ist?« »Und warum eine Prüfungszeit?« bat der Jüngling; »ist nicht mein ganzes Leben eine solche gewesen? war es nicht das einzige stete Streben meines Geistes, der mich mit oft bis an Wahnsinn grenzender Kraft zu Dir, dem damals nur noch geahnten Ziele meiner heißesten Wünsche, herüberzog? – Kämpfte ich nicht dagegen mit all' jenen logischen Lügenschlüssen an, die sich die Menschen da oben in förmliche Systeme aufgebaut, und aus denen sie eine eigene, dürre, reizlose Welt geschaffen haben? – Diese beschauen und beliebäugeln sie nachher, finden sie praktisch und mathematisch richtig und fühlen nicht, daß ihnen das Herz darüber zu Grunde geht und im Bau jener Truggebilde der eigene Boden unter den Füßen schwindet. Nein, nein, Bonita, verlangen die Meister dieses wunderbaren Reiches einen Beweis für meine Ausdauer, eine Bürgschaft für mich selber, so lasse sie einen einzigen Tag – eine Stunde meines vergangenen Lebens nehmen, sie mögen sie herausgreifen, wo sie wollen, und sie werden sehen, daß ich ihrer würdig bin.« »Aber die Prüfungszeit ist nicht zu ihren, sondern zu Deinen Gunsten, Du lieber Freund,« sagte die Jungfrau, und ein wehmüthiges Lächeln überflog, wie ein matter Sonnenblick, das von Schmerz durchzitterte Antlitz. »Sie haben mich Alle hier unten lieb und würden sich meines Glückes freuen, aber sie wollen auch nicht, daß ihnen ein Sterblicher ein Opfer bringe und sich nachher unglücklich zwischen ihnen fühle. Alle die wir hier unten leben, haben kein Band mehr, das uns an die obere Kruste der Erde bindet. Abgeschnitten und todt liegt, was da oben ist, hinter uns; kein Gedanke, keine Sehnsucht zieht uns hinauf, und so leben wir glücklich, zufrieden und – so hättest Du selbst da oben gelebt, hätte Dich nicht Sehnsucht und Ahnung zu uns herunter gezogen.« »Und giebt es kein Mittel, diese Prüfungszeit abzukürzen?« bat der Jüngling mit dringend flehender Stimme; »liegt es nicht in des Einzelnen Kraft, die Bande, die also durch die Zeit geschwächt werden sollen, mit einem kräftigen Schlage zu zerreißen?« »Oh, die Zeit ist so kurz!« bat Bonita, und ihr Gesicht wurde todtenbleich. »Also es giebt ein solches!« rief Eduard freudig, der ihre Bewegung entdeckte; »oh, nenne es, Geliebte, nenne es, und laß mich dann Dir beweisen, daß ich werth bin, Dich zu besitzen!« »Wir müssen es Dir nennen, wenn Du es verlangst,« sagte das Mädchen traurig, und zwei große perlende Thränen zitterten an ihren Wimpern. – »Oh, Du böser, böser Mann, ich fürchte, Du hast Dir selber dadurch gar entsetzlich wehe gethan. – Oh nicht jetzt, nicht jetzt!« bat sie aber, als der Jüngling fragend, drängend zu ihr aufblickte, »noch wenige Stunden bleiben uns, laß sie uns nicht muthwillig und mit eigener kalter Hand zerstören. – Wenn sich die Tage scheiden, um zwölf Uhr, wird Dich mein Vater rufen – unsere geheimnißvollen Boten haben Deinen Wunsch schon zu seinem Ohr getragen. Und nun fort mit diesen trüben Gedanken und Bildern!« rief sie, seine Stirn mit ihrer Hand leise überstreichend und sie küssend; »die kurze Stunde gehört noch uns, dahinter liegt die Zukunft schwarz und in Nebel gehüllt, und wehe der Hand, die den Schleier lüftet, ehe der richtige Augenblick gekommen.« In Eduard's Herzen hatte aber ebenfalls das Bewußtsein, das eigene Schicksal in den Bereich des eigenen Armes gebracht zu haben, einen fast zauberartigen Einblick ausgeübt – sein Auge blitzte in freudigem Stolz, in dem Selbstgefühl seiner Kraft, die ganze Gestalt hob sich und seine Lippen flossen über in jubelnder, jauchzender Seligkeit. Bonita aber saß still und wehmüthig lächelnd dabei und schien mit schmerzlicher Lust den lieben schmeichelnden Tönen seiner Stimme zu lauschen. Er hatte sich neben sie gesetzt und seinen rechten Arm um ihre Hüfte gelegt, während er mit der Linken ihre beiden Hände gefaßt hielt und ihr liebes Haupt an seiner Schulter ruhte. »Ist mir's doch selber fast wie ein Traum,« sagte sie endlich leise und wehmüthig, »daß ich hier bei Dir bin und mit Dir plaudern und kosen kann. Oh, als ich Dich da oben in Deinem Kahn sah, wie Du manchmal so still und schmerzlich hier herunterschautest, und es mir, wenn ich Dich so von Weitem beobachtete, manchmal recht weh im Herzen wurde, da flog mir wohl dann und wann eine Ahnung durch die Seele, daß ich Dich einst noch mein nennen und Dir dann all' den bittern Schmerz und das schwere Leid von der Stirne streichen könne. Jetzt aber, da ich Dich wirklich hier halte, da Du zu mir gekommen bist und mir gesagt hast, wie lieb ich Dir sei, ach da weiß ich nicht, wie weh es mir im Herzen ist, denn da spricht's und flüstert's in einem fort mit recht grausamer, marternder Stimme, daß ich Dich ja doch nur wieder verlieren würde und nicht halten dürfe in der Tiefe, die Dir eben keine Heimath werden könnte, und die sonst immer so fröhliche, heitere Bonita müßte ja dann gar recht unglücklich und elend werden.« Und das Mädchen barg ihr Gesicht schluchzend an seiner Brust und weinte, als ob er ihr schon jetzt entrissen wäre und nie, nie wieder heruntersteigen dürfe zu dem treuen Herzen. Eduard suchte sie lange mit all' seinen süßesten Schmeichelworten zu trösten – ihr Schmerz schien nur tiefer und heftiger zu werden, endlich richtete sie sich aber wie gewaltsam empor, sah ihn mit den noch thränenvollen Augen lächelnd an und sagte leise: »Du hast Recht, mein Freund – ich bin ein Kind, daß ich mich solchem Schmerz hingebe, jetzt, wo Du noch mein, mir noch nicht genommen bist. Ich kann ja noch hoffen – brauche ja noch nicht zu verzweifeln.« »Aber Du trautes Lieb,« sagte Eduard, sie inniger an sich pressend, »wenn ich die Probe selbst nicht bestände, von der Du so Entsetzliches zu fürchten scheinst – wäre dann gar keine Rückkehr mehr zu Dir möglich?« »Möglich?« sagte sie traurig und kopfschüttelnd; »möglich wohl, ja, aber die einmal unserem Reich entflohen sind, die einmal das helle Licht den Sonne da oben wieder gesehen haben, kehren nie mehr zu uns zurück. Sie fürchten die kalte Fluth und was sie birgt, und manches arme Mädchen hier unten hat recht arges Weh gelitten um Euch böse, leichtsinnige Menschenkinder. Nein, mein Freund – noch will ich hoffen, daß Du bestehst – hoffen mit der ganzen Kraft meines innersten Herzens, und der Allmächtige da oben, der Land und See, Luft, Feuer und Liebe zusammenhält, wird Dich mir ja bewahren und zwei Herzen, die sich so innig zugethan sind, nicht von einander reißen mögen.« »Land und See? – Luft, Feuer und Liebe? – sagtest Du, Du herziges Kind?« frug Eduard, im freudigen Dank für die vertrauensvollen Worte ihr liebes Haupt fester an sich drückend, während seine Lippen auf ihrer Stirne ruhten; »wie? zählst Du die Liebe zu den Elementen?« »Und thust Du das nicht ?« sagte sie staunend, ihre großen dunkeln Augen zu ihm aufschlagend; »was die Luft dem Wasser, was das Feuer der Erde ist, das ist die Liebe dem ganzen Weltall, jedem athmenden Wesen haucht sie Licht, Leben, Gefühl ein. – Wie das Wasser verderben müßte, wenn die Luft es nicht in Aufregung und Bewegung hielte, wie die Erde altern und zusammenstürzen würde, gährte in ihrem Innern nicht die fort schaffende, fort arbeitende Kraft des gewaltigen Feuers, so würde die Menschen-, Thier- und Pflanzenwelt dort oben und hier unten verwelken und zu Grunde gehen ohne die Liebe, gerade so, als ob sie des Lichtes oder der Wärme beraubt würde. Oh mein Freund, die Liebe Gottes ist das stärkste Element dieser ganzen so wundervollen Welt – nimm ihr dies, und was bleibt ihr, als das dürre, zackige, von einem todten Meer bespülte Gestein, das in ewiger Finsterniß, ein schwingender Ball finstern Entsetzens, seine Bahnen kreist. – Nimm unseren Herzen die Liebe, und wie jener heilige Käfer des Ostens, den der anbrechende Tag geboren und mit den herrlichsten, glühendsten Farben geschmückt hat, stirbt, sobald ihm das Licht seiner Sonne, die ihm Leben ist, genommen wird, so müßten auch unsere Herzen vergehen in Jammer und unendlichem Weh.« Und sie senkte das schöne, bis jetzt vom Feuer ihrer Rede zu ihm emporgehobene Haupt wieder mit tiefem, schmerzlichem Seufzer auf seine Schulter nieder. »Aber, Du holdes, liebliches Engelsbild,« rief da der Jüngling, der ihren Worten mit staunender, freudiger Bewunderung gelauscht, »dann lügt ja auch die Sage, wenn sie behauptet, Gott habe Euer stilles Städtchen der Erde genommen, um Euch zu strafen des frevelhaften, übermüthigen Trotzes Eurer Väter wegen. – Wenn das Euer Glaube ist hier unten in diesen stillen, freundlichen Räumen, hätte sich des Allliebenden Hand da feindlich gegen Euch ausstrecken mögen?« Ein Zug jenes holden Lächelns, das ihrem Antlitz einen so wunderbaren Reiz verlieh, zuckte wieder um die Lippen und Augen der Jungfrau, und sie blickte fast schelmisch zu dem Jüngling empor. »Und glaubst Du denn auch die alten Märchen, die sie sich da oben von ihren ernsten, fanatischen Priestern erzählen lassen?« frug sie fast strafend. »Sieh, lieber Freund, in alten Zeiten, da diese Stadt von der obern Erde geschieden wurde, nicht zur Strafe ihrer Bewohner, sondern zum Besten derselben durch Gottes freundliche Güte – da rasten da oben jene entsetzlichen Kriege durch das ganze Land, die sie Religionskriege nannten, und wo die Menschen unter einer Fahne, die sie das Banner und Zeichen Gottes lästerten, einander mordeten oder einkerkerten, Frauen und Kinder schlachteten und die Brandfackel in friedliche Hütten warfen. Die Lehre der Liebe wollten sie verkünden, und die Thaten des Hasses und der Rache trugen sie durch's Land. Jene Zeiten sind jetzt vorbei, die Menschen morden einmal wohl nicht mehr so viel des Phantoms wegen, das sie Religion nennen, und das ihnen als Mantel dient, ihren eigenen Ehrgeiz, ihre eigenen Begierden zu befriedigen – aber so viel wir hier unten davon zu hören bekommen, so ist es darum doch noch immer nicht viel anders geworden. »Unser kleines Städtchen kümmerte sich nun damals nicht um all' diese Streitigkeiten verschiedener Lehren und Dogmen, wir beteten zu Gott, wie es uns unser Herz eingab, wir liebten ihn als unsern Schöpfer und Vater und bauten ihm keinen Tempel von Stein, äußerer Schau wegen, sondern einen Tempel in unseren Herzen, das seiner Liebe voll war. Du siehst, auch davon erzählen sie sich Märchen da oben, denn sie wollen bei ruhigem Wetter manchmal die Spitzen unseres Kirchthurms sehen und das Läuten unserer Glocken hören – wir haben aber weder Kirche noch Thurm oder Glocken. Das aber verdroß die Priester da oben, daß wir ihre Herrschaft nicht anerkennen wollten; das fanatische Volk der Umgegend war leicht gegen uns aufgehetzt, denn sie mißgönnten uns schon lange unsern Wohlstand und den stillen Frieden unseres Beisammenwohnens – und zwangen uns zuletzt förmlich dazu, eine Kirche zu bauen und einen Prediger einzusetzen. Die Folge blieb aber nicht aus – es bildeten sich erst zwei, dann drei und mehr Gemeinden; Familien, die sich sonst geliebt und geachtet hatten, traten feindlich von einander zurück – junge Leute, die sich liebten und deren Herzen für einander geschaffen waren, wurden gewaltsam getrennt, weil des Einen Vater dieser, des Andern jener Gemeinde oder Religion – wie sie's nannten – angehörte. Wir waren auf dem besten Wege, recht unglücklich zu werden und all' den Fluch zu ernten, den blinder Fanatismus, gehe er nun aus von welcher Religion, von welchem Glauben er wolle, schon so unsäglich oft auf der Welt gesäet hat und noch mit jedem Tage weiter säet; da legte der liebe Gott, der es besser mit uns meinte als die Menschen, und der wohl einsah, daß uns auf andere Weise doch nicht mehr zu helfen sei, seine Hand zwischen uns und unsere Verfolger und versenkte unser kleines Städtchen in die Tiefe des Meeres, fern von da, wohin die Hand der Menschen dringen konnte. »Der fremde Priester entzog sich damals allerdings noch mit genauer Noth durch die Flucht der Gefahr, uns ebenfalls begleiten zu müssen, und sich wenig darum kümmernd, was aus seinen Beichtkindern wurde, die er dem Untergang geweiht glaubte, suchte er nur seinen eigenen Leib in Sicherheit zu bringen, was ihm gelang; Gott wollte ja nicht strafen, sondern nur die, die ihm in treuer Liebe ergeben gewesen, dem alten Frieden ihres Lebens zurückgeben. In damaliger Zeit waren es aber die Geistlichen fast nur allein, die hier in unserer Gegend lesen und schreiben konnten, in ihren Händen lag es also auch, die Geschichte unseres vermeintlichen Unterganges zu beschreiben, und es läßt sich denken, daß sie ihr die ihnen am meisten zusagende Färbung geben würden. Ihrer Aussage nach hatte uns der Allliebende für die Verstocktheit der Einzelnen mit Schuldigen und Unschuldigen in die Tiefe des Meeres geschleudert und nur allein seinen Diener vom Untergang, ich glaube durch ein Zeichen, gerettet. »Welche der beiden Erzählungen hältst Du nun für die wahrscheinlichere – welche stimmt mehr mit dem Wesen dessen überein, der selbst nach Jener Aussage der Gott der Liebe ist? – Doch genug davon, Du trauter Freund, Du wirst uns ja hier kennen lernen und dann erfahren, wie unsere Sitten, die von jenem Augenblick an zu ihrer alten Reinheit zurückkehrten, sicher nie den Zorn des großen Vaters auf uns herablenken konnten. Für die Sage da oben,« setzte sie dann aber etwas schelmisch hinzu, »haben jedoch unsere Städter hier unten auch ein wenig Genugthuung genommen. Du weißt, daß nun einmal das Volk seine eigenen Märchen bildet und ihnen stets die Auslegung giebt, die ihnen selbst am besten zusagt. Du hast den entsetzlichen Hai gesehen, von dem wir heute durch einen Zufall – wenn wir auf dieser herrlich eingerichteten Welt überhaupt einen Zufall dürfen gelten lassen – befreit wurden. Dieser Hai oder ein ähnlicher hat uns fortwährend hier, oft in sehr langen Zwischenräumen, oft rasch nacheinander kommend, verfolgt und schien die Stadt stets als einen Ort zu betrachten, der ihm eigentlich gehöre und wo er sich aussuchen könne, was er wolle. Unsere Leute behaupten nun, das sei eben jener Priester, der damals geflüchtet wäre und nun immer noch zu der Stelle zurückkehre, wo früher seine Kirche gestanden, um das schuldige Beichtgeld einzufordern. Aber sie sagen das bei uns mehr im Scherz als Ernst, denn wir mögen einem Menschen schon gar nicht gern so Böses zutrauen.« – »Liebwerthester und geschätztester Herr Merkfeld,« flüsterte in diesem Augenblick dicht neben ihnen eine leise und freundlich höfliche Stimme, und Bonita fuhr leichenblaß und mit einem jähen Schrei von ihrem Sitz empor. – Es war ihr Vater, der den Geliebten zu der von ihm selbst verlangten Probe abzuholen kam, und der ganze fürchterliche Ernst der gegenwärtigen Stunde trat ihr mit entsetzlicher Gewalt vor die Seele. Zitternd umklammerte sie den Arm des Jünglings und rief mit ängstlicher, bittender Stimme: »Nein – nein – nein, sie dürfen Dich nicht von mir reißen – sie dürfen nicht mit ihren kalten Formen und Gesetzen mein armes Herz, das ihnen nie ein Leid gethan, unter die Füße treten. Oh Eduard, Du weißt nicht, was sie von Dir verlangen – wie sie Dich hinterlistig dem unmöglich zu Leistenden entgegenführen. – Du wirst gehen und Deine arme, arme Bonita nie, nie wiedersehen.« Sie warf sich an des Jünglings Brust und schluchzte laut. »Vertrau' auf Gott und unsere Liebe, mein holdes, herziges Lieb!« tröstete sie aber mit freundlichem Ton der junge Mann – »was mir die Herren da auferlegen, wird doch so sein, daß mir die Möglichkeit des Gelingens bleibt, es wäre ja sonst keine Probe, und bist Du denn nicht bei mir? – weiß ich denn nicht, für wen ich kämpfe und ringe, und glaubst Du, daß ich einem Augenblick erliegen würde, wo bis jetzt mein ganzes Leben nur ein einziges Streben und Sehnen dem Glück entgegen war, das jetzt endlich in den Bereich meiner Kraft geworfen?« »Aber sehr verehrungswürdigster und allerfürtrefflichster Herr Merkfeld,« bat jetzt mit feiner, ängstlicher Stimme der kleine Mann – »was reden denn Dieselben nur, mit Dero freundlichster Erlaubniß – für tolles und ungereimtes Zeug von Kämpfen und Ringen und Erliegen; die ganze entsetzliche Probe besteht in weiter nichts unter dem Wasser, als eine Auswahl vortrefflich gefertigter Bilder anzuschauen und ein wenig Musik zu hören – ist denn das etwas so Fürchterliches und gefährlich zu Bestehendes? Bonitchen ist ein Kindlein, das am hellen lichten Tage Gespenster sieht und sich jetzt noch eifrigst dabei bemüht, Hochdero Herz weich zu machen, wo sich Dieselben gerade mit besonderer Standhaftigkeit ausrüsten sollten. Kommen Sie nur, mein verehrungswürdigster Herr Merkfeld, kommen Sie, unser ganzes kleines Clubzimmer ist in Aufregung gekommen, mit Schmerzen erwartend, Sie, unter den gebührenden Achtungs- und Freundschaftsbezeigungen, als einen der Unseren begrüßen zu können, und die Zeit naht auch heran, die wir nicht versäumen dürfen, wollen wir nicht die Kraft unserer Bilder verlieren.« »So komm denn, meine Bonita,« sagte der Jüngling leise und umschlang die Geliebte, »komm und steh mir zur Seite, Du holde Lilie dieses freundlichen Reiches. – Wie es auch kommen möge, ich bin Dein, Dein im Leben und im Tode, und als Pfand meiner Treue nimm, oh Geliebte, hier den goldenen Reif, das Sinnbild der Ewigkeit – ich habe ihn von früher Kindheit an getragen – er zwang sich kaum noch an meinen Finger – oh sieh, wie er den Deinen so liebend umschließt – möge er Dir ein Vorbote freudiger Tage sein!« Ihre Lippen begegneten sich in heißem, langem Kusse, dann sich aber gewaltsam aus ihren Armen emporrichtend, wandte er sich entschlossen gegen das Männlein, das in süßlicher Ungeduld und Verlegenheit daneben stand und das Ende der Scene zu erwarten schien, und sagte freundlich: »Und nun, alter Herr, bin ich zu Ihren Diensten, und je eher Sie mir Gelegenheit geben, Bonita mir zu gewinnen, desto herzlicher will ich es Ihnen Dank wissen.«   V Der alte, ehrliche Stadtschreiber, dem wohl auch nicht so ganz sicher zu Muthe sein mochte, daß der zuversichtliche fremde junge Herr die Probe so leicht bestehen werde, und der dabei nur zu sehr fühlen mußte, wie innig sich der Tochter Herz demselben schon angeschlossen, trippelte mit einem halb wehmütigen, halb freundlichen Gesicht voran, und Eduard, seinen Arm um die Geliebte geschlungen, folgte ihm dicht auf dem Fuße. Bald darauf betraten sie den Saal wieder, wo die Spieltische und Stühle bei Seite geschoben standen und einen freien Durchgang für das Paar und ihren Führer gewährten, und erreichten ein etwas kleineres, aber hohes und langes Gemach, an dessen entferntestem Ende ein meergrüner, schwerseidener Vorhang bis auf den Boden niederfiel und die ganze hintere Wand vollkommen bedeckte. Vor diesem blieb der alte Herr stehen, und nachdem sich die wunderliche Schaar der übrigen Gäste, alte Männer und Frauen und liebliche Jungfrauen und junge Leute, um sie gesammelt hatte, sagte der Stadtschreiber, während jedes Auge in erwartungsvoller Stille an seinen Lippen hing und Eduard fühlte, wie die schlanke Gestalt, die an seiner Schulter lehnte, zitterte und bebte, ernsthaft, ja fast feierlich: »Sehr verehrungswürdigster Herr Merkfeld, – ich brauche kein Wort über das Vergangene zu verlieren – es ist uns Allen bekannt, – so viel nur hier zu unserer Rechtfertigung und zu Ihrer Beruhigung, Liebwerthester, daß wir uns Alle auf das Innigste freuen würden, Sie als ein Glied unserer kleinen, mit der äußern Welt in nur sehr geringer Beziehung bestehenden Gesellschaft zu begrüßen. Vorher aber ist es nöthig, daß Sie erst eine gewisse Prüfungszeit aushalten müssen, die unsere Gesetzgeber allerdings auf dreißig Jahre, nach menschlichen Begriffen eine etwas lange Zeit – festgesetzt haben. Für den Fall aber, daß ein Menschenkind, wie das jetzt bei Ihnen, Verehrtester, geschehen ist, zu uns freiwillig heruntersteigen sollte und erklärt, daß er mit der Oberwelt vollkommen abgebrochen hat und mit ihr nicht mehr in der geringsten Beziehung steht – denn das zu bewerkstelligen haben wir eben die dreißig Jahre angenommen, in denen oben gewöhnlich Alles abstirbt, was den Ausgeschiedenen noch bis dahin näher angegangen wäre, – so besitzen wir Fische hier unten, trotz unserem kalten Blut, viel zu warmes Gefühl, eines Andern Glück oder dem wenigstens, was er dafür halten sollte, hartnäckig im Wege zu stehen. Dann aber muß uns auch seine Erklärung vollständig und außer jedem Zweifel liegend bestätigt werden, und zwar nicht deshalb etwa, Allerverehrungswürdigster, als ob wir nur im Geringsten an seinem Wort oder an der festen Ueberzeugung, die er selber von der Sache hegt, zweifelten. Weit entfernt davon! Nein, wir unterscheiden uns auch in dieser Hinsicht von dem christlichen Polizeistaat dort oben – ohne Jemandem etwas Böses nachreden zu wollen –, indem wir nicht, wie dieser, jeden Menschen für einen Spitzbuben halten, bis er sich als ehrlicher Mann ausgewiesen, sondern, daß wir jedes Wesen gut und rechtschaffen glauben, bis uns der Beweis des Gegentheils davon zu Händen und Augen gekommen. Nein, wir wollen, weit genauer als ihm das selber nur je möglich wäre, auch das innerste, geheimste, ihm vielleicht vollkommen unbewußte Gefühl seines Herzens prüfen, und besteht er darin, dann wissen wir, daß er über seinen Aufenthaltsort schalten und walten kann wie er will, daß er, wenn nicht schon körperlich, doch jedenfalls geistig todt ist für die Welt da oben, und wir freuen uns dann immer recht von Herzen, Liebwerthester, ihn als Bruder und Mitgenossen begrüßen zu können. Sie werden aber auch zugleich einsehen, mein vortrefflichster Herr Merkfeld, daß dabei Ihrerseits von Kämpfen und Ringen, wie Sie vorhin die Gewogenheit hatten sich auszusprechen, gar keine Rede sein kann; das Ganze ist einfach, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein anatomischer Prozeß, den wir uns in schuldigster Hochachtung erlauben mit Dero Seele vorzunehmen. Es ist ein Spiegel, den wir ihr vorhalten, wie man auf der Oberwelt den Lippen eines scheinbar Ertrunkenen einen solchen vorhält – der leiseste Athem, der sonst den feinsten Sinneswerkzeugen unbemerkt entschlüpfende Hauch, der sie verläßt, trübt die reine Fläche, und der Beweis ist da. – Diese Probe nun, Verehrungswürdigster, um Sie in keiner Hinsicht im Dunkeln zu lassen, besteht einzig und allein darin: daß Sie in den gleich vor Ihnen geöffneten Spiegel schauen und das mit ansehen und hören, was darin vorgeht. Er bringt Ihnen Scenen von der Oberwelt – sind Sie im Stande, diesen ruhig und ohne Verlangen nach denselben zu begegnen, denn zu fordern, daß Sie dieselben ohne Bewegung des Gemüthes anschauen sollten, wäre eine Unmöglichkeit geheischt – nein, fühlen Sie nur keine Sehnsucht mehr nach jenen Figuren und Bildern der Oberwelt, dann bleibt der Spiegel klar. Der geringste Schmerz, den sie hervorrufen, bringt den Hauch auf seine Fläche, doch er verwischt sich wieder, und das Glas erscheint so hell als vorher. – Erwecken sie aber auch nur einen Gedanken der Reue und der Sehnsucht, dann springt das Glas, mein allerverehrungswürdigster und geschätztester Herr Merkfeld, in tausend und tausend Stücke, und das Vergnügen Ihrer sonst uns so angenehmen und wünschenswerthen Gegenwart wird uns auch in demselben Augenblicke in nicht zu verhindernder Weise entrissen.« »Und giebt es in diesem Fall keine Rückkehr für den Ausgestoßenen?« frug der Jüngling leise; er hatte gehofft, daß die Prüfung seiner eigenen Kraft und Seelenstärke gelten würde, und er fühlte das Zittern der schlanken Gestalt an seiner Seite. »Keine für den Lebenden , mein allervortrefflichster Herr Merkfeld,« sagte aber der Raths- und Stadtschreiber mit wehmüthig ernster Stimme – »keine für den Lebenden , und bis die Menschenkinder da oben altern und sterben, sind auch ihre Gedanken und Gefühle mit ihnen gealtert und gestorben. – Sie betrachten die kurze und meist zufällige Art und Zeit ihres Aufenthaltes hier unten wie irgend einen etwas phantasiereichen und systematischen Fiebertraum, erwähnen ihn wohl im Anfang noch dann und wann, werden ausgelacht, schämen sich endlich deshalb, und – das ist dann gewöhnlich das Letzte, was wir von ihnen hören. Uns hier unten ist wenigstens noch kein Fall vom Gegentheil vorgekommen. Aber die Zeit vergeht, Verehrungswürdiger, und da tönt wahrhaftig schon die Glocke.« In diesem Augenblick klang ein wild klingender, lang gezogener Ton, wie auf einer der großen indischen Muscheln geblasen, durch die weiten Räume und wiederholte sich in regelmäßigen Zwischenräumen in langen, feierlichen Pausen. Eduard preßte die Geliebte fester in seinen linken Arm. »Muth, Muth, mein trautes Herz,« flüsterte er leise und rasch, »Muth, meine süße Bonita, und vertraue auf die Liebe zu mir, die meiner Brust ein schützender Talisman geworden – Muth, mein holdes Leben!« Er behielt keine Zeit für weitere Worte, denn wie der Klang des letzten Tones verhallte, flog der Vorhang, sich in zwei Hälften theilend, blitzschnell zur Seite, und ein großer runder Spiegel mit klarer, ungetrübter Fläche wurde dahinter sichtbar. Zu gleicher Zeit legten sich auch darin aufsteigende Wolken über sie hin und verhüllten für kurze Momente den innern Raum. Als sie sich wieder verzogen, lag ein lichter Plan vor seinen Blicken – jubelnde Kinder jagten und haschten sich, die Sonne ruhte mit ihrem freundlichsten Glanz auf den stillen Matten, die Lerche stieg schmetternd in die Höhe, und die Blumen blühten in all' ihrer unendlichen Frische. Ein leichtes Lächeln flog über Eduard's Züge. »Du liegst dahinten, fröhliche Jugendzeit,« rief er mit klarer, unbewegt klingender Stimme – »Deine Lust, Deine Freude» – eine liebe Erinnerung bist Du dabei dem Herzen geblieben, aber nur eine Erinnerung.« Das Bild stand einen Augenblick klar und ungetrübt, und der Nebel verhüllte es wieder. Das zweite, was rasch danach erschien, war ein stilles, düsteres Stübchen mit vielen Bücherbrettern rings an den Wänden und wunderlichen Instrumenten und Apparaten auf Tischen und in den Ecken. Der Schein einer kleinen Studirlampe mit hellgrünem Schirm erleuchtete nur unsicher das Gemach, und an dem Pult, den Kopf in die Hand gestützt, saß die Gestalt eines jungen Mannes in tiefem, brütendem Nachdenken versunken. Der Jüngling schaute lange und erregt in das Glas, in dessen Glanz sich aber nicht die mindeste Veränderung zeigte, und sagte endlich mit einem wehmüthigen, halb ernsten Lächeln: »Es waren schöne, liebe Stunden, die ich in dem trauten, stillen Kämmerlein dort verlebte, Stunden, in denen dem Geist die Ahnung künftiger Seligkeit manchmal dämmerte und die düsteren Schatten dieses Gemachs zu einem Paradiese verwandelten – Stunden aber auch wieder, die mich der Verzweiflung trostberaubter Hoffnungslosigkeit so nahe brachten, daß ich nimmermehr einen Ausweg sah und vergehen zu müssen glaubte in rettungslosem Jammer. – Freude und Schmerz liegen dahinter – fort mit euch, ihr lieben Bilder; mir ist die Wirklichkeit geworden, und ihr habt euren Zauber verloren!« Wieder stieg, wie seinen Worten gehorchend, die Wolke auf, und als sie sich auf's Neue theilte, lag eine liebe, graute und ihm oh! wie wohlbekannte Landschaft vor seinen Blicken. Im Hintergrunde ein kleines, freundliches, von Reben beschattetes Wohnhaus, an das sich links der Garten und rechts ein dichtes, im herrlichsten Grün prangendes Birkengebüsch schloß – im linken Vordergrund der alte überbaute Brunnen, mit dem moosbewachsenen Eimer daneben, aus dem er so manchen frischen Trunk gethan, und weiter dahinten, wo die hohe, prächtige Linde das Haus, dem sie Schutz und Schatten gab, halb verdeckte, in dem kleinen aufgeworfenen Hügel stand ein einfacher weißer Stein. Zugleich erhob sich eine weiche, schwermüthige Melodie, wie der Klang eines fernen Hornes, und alte bekannte, ach! so lieb gewonnene Klänge tönten, wie von da drüben selber herüberkommend, an sein Ohr. »Meine Heimath – das Grab meines Vaters!« rief der junge Mann mit tiefer Wehmuth in der Stimme, und ein dichter Schatten drohte für einen Augenblick die Umrisse des Bildes total zu verwischen. – Bonita schaute mit tödtlicher Angst zu ihm auf, und der Jüngling selber verdeckte sich mehrere Secunden das Antlitz mit der Hand – aber die Bewegung wich – der Spiegel nahm mehr und mehr seinen Glanz wieder an, und Eduard's Blick fiel voll und fest auf die Landschaft, doch mit gepreßter Stimme sagte er: »Ihr wißt Einem das Herz in der innersten Brust zu fassen und zu rühren, Ihr Herren! – das wären entsetzliche Anhaltspunkte an da oben, hielte mich nicht hier ein so fester Talisman gar treu beschützt selbst gegen diese Waffe. – Oh wie diese Klänge so süß mir in's Ohr tönen, wie sie die Seele mit all' den lieben, lieben Erinnerungen früherer Tage füllen – oh tönt fort – schwindet nicht dahin – ihr werdet ewig den Widerklang in meinem Herzen finden; – aber nur der Widerklang ist für euch geblieben,« setzte er rascher hinzu. »Fürchte nichts, meine Bonita, ich glaube, sie haben ihr Schlimmstes gethan, ich fühle noch keine Sehnsucht nach der Oberwelt.« Bonita sprach kein Wort, aber alles Leben war aus ihren Wangen gewichen und sie lehnte bleich und zitternd an des Geliebten Schulter, sein Arm sie mehr tragend als stützend. Das Bild verschwand schnell, und als sich der Spiegel zum vierten Mal erhellte, entfuhr ein Ausruf der Ueberraschung, fast des Schrecks, den Lippen des Geprüften. Ein leichter Schatten flog über die Gruppe, die sich ihnen zeigte, aber er schwand wieder, und auch dies Bild stand hell und rein. Es waren drei junge Mädchen, die am Seestrand zusammenstanden und trauernd über die Fluth hinaussahen – es war Nacht, aber das Licht des Mondes beschien hell und deutlich die lieben, bleichen Züge und der rauhe Wind spielte mit ihren Locken. »Arme Elise,« sagte Eduard traurig – »arme Schwestern; aber Ihr werdet Euch bald um den Verlorenen trösten, und auch Du, Gespielin meiner Jugend, wirst Trost und Ersatz für den Mann finden, der doch nie Deinem Herzen das hätte sein können, was Deine treue, aufopfernde Liebe verlangen, fordern durfte. Nie habe ich so wie in diesem Augenblick gefühlt, daß unsere Bahnen für das Leben so weit auseinander führen mußten – Du verstandest nie das ruhe- und rastlose Drängen meines Herzens – Du hättest es nie verstanden, und mein wilder Geist würde Dich stille, freundliche Blume des Waldes wie ein toller sprudelnder Bergbach Deinem heimischen Boden entrissen und in einen Abgrund geschleudert haben, wo Du verderben mußtest, ohne seine jähe Bahn hemmen oder lenken zu können. Nein, meine Bonita,« wandte er sich, während das Bild wieder erlosch, kosend zu dem armen Mädchen nieder, das mit tödtlicher Spannung an seinen Blicken hing und schon im Voraus Glück oder Schmerz daraus zu haschen suchte, »zittere nicht für mich – ich habe die Liebe zum ersten Mal in diesen treuen Augen gelesen – zuerst an diesem Herzen gefühlt, wie nur an ihm meine ganze Seele hängt und nimmer wieder von ihm lassen könnte, wenn sie nicht vergehen sollte vor qualvollem Jammer und Leid. Nein, Du süßes, holdes Lieb, kein anderes Bild kann diese mir in das innerste Leben geflochtenen Züge je daraus vertilgen oder schwächen. Ich bin Dein, Dein für immer, und der Väter Segen möge auf unserem Bündniß ruhen.« Der Spiegel hatte indessen wieder Farbe und Licht angenommen – ein stilles, düsteres, aber reinliches Kämmerchen lag vor ihnen, eine einzelne flackernde Lampe brannte auf dem Tisch, daneben lag ein großes aufgeschlagenes Buch – die Bibel –, und vor dem Tisch, die Hände im Schooß gefaltet, das Gesicht bleich, aber von einem fast heiligen Schmerz still ergebener Resignation überhaucht, saß eine alte, ehrwürdige Frau, den Kopf mit einer schneeweißen Haube bedeckt, unter der die dünnen silbernen Locken vorquollen, sonst aber noch in ihrem schwarzen Traueranzug, den sie den Tag über getragen – sie war augenscheinlich bis spät in die Nacht im schmerzlichen Harren aufgeblieben, und der matte, schwermüthige Blick haftete still und unbeweglich am Boden. Der Jüngling hatte die Geliebte fest in seinen Arm gedrückt und Prüfung wie Umgebung in dem einen Gefühle frohen Glückes fast vergessen, als sein Blick plötzlich auf das vom vollen Strahl des Lichtes erhellte Bild fiel. Der Eindruck war so schnell als gewaltig – wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es seinen Körper, und beide Arme dem Bild entgegenstreckend, rief er mit vor Schmerz Sehnsucht fast erstickter Stimme: » Meine Mutter !« Blitz und Schlag erfüllten in demselben Moment das Gemach – in tausend Splittern und Stücken schmetterte der Spiegel auseinander, und die Umstehenden flohen entsetzt nach allen Seiten. »Eduard – Eduard!« tönte Bonita's Stimme in herzbrechendem Weh durch den entsetzlichen Lärm und Aufruhr – und Eduard sah, wie die bleiche, zitternde Maid verzweifelnd die Hände nach ihm ausstreckte. – Er wollte sie fassen – halten, aber um ihn her stürmte und brauste es – Woge nach Woge stürzte und brach über ihn hin und hob ihn und drängte ihn gewaltig nach oben, und vergebens war sein rasendes Ankämpfen gegen das zürnende Element. Wie ein machtloses Kind trugen sie ihn empor, und die Sinne schwanden ihm im Druck der gewaltigen Wogenmassen.   VI »Er lebt!« waren die ersten Worte, die wieder an sein Ohr schlugen, als er, wie es ihm vorkam, aus einem langen, fürchterlichen Traum erwachte, »er lebt wahrhaftig, er athmet ordentlich, und da gehen ihm auch die Augen auf, so klar und frisch, als ob ihm im ganzen Leben noch nichts gefehlt hätte.« Das war des alten Hannsen Stimme. Aber wie kam der alte Hannsen hierher und wo war er selber eigentlich? »Bonita!« rief er leise und wehmüthig, als er aufschaute und rings um ihn nichts als fremde und doch wieder so bekannte Gegenstände seinem Blick offen lagen – »Bonita – meine arme Bonita!« »Ja, Bonitos!« sagte der Alte, indem er freudig seine Hand ergriff und ihn mit dem Arm unterstützte, daß er sich emporrichten konnte. – » Haifische könnten jetzt an Ihnen zehren, wenn Gott nicht seine Hand in der letzten Nacht so sichtbarlich über Sie gehalten hätte. Aber, lieber, junger Herr, was war das auch für ein Streich von Ihnen, in dem Nebel in See hinauszufahren? Habe ich es Ihnen denn nicht gleich gesagt, daß Sie sich in Acht nehmen sollten? Aber kommen Sie nur heraus, meine lieben Damen!« rief er dann plötzlich mit lauter Stimme und sich nach der Kammerthür zuwendend, die nur angelehnt stand – »kommen Sie nur her, jede Gefahr ist vorbei, und das bischen Regen und Spritzwasser wird ihm auch eben nicht viel geschadet haben.« »Mutter!« rief der Jüngling, als die liebe, ehrwürdige Gestalt, mit Thränen in den Augen, aber diesmal waren es Freudenthränen, auf ihn zukam und ihn an ihr Herz schloß – »Mutter!« klagte er und barg weinend sein Antlitz an ihrer Brust – »es ist Alles, Alles verloren – aber Du bist nicht schuld daran, liebe, liebe Mutter – Du bist nicht schuld daran!« »Beruhige Dich, mein armes Kind!« bat aber die Mutter, der die Worte des Sohnes wieder Angst und Sorge einflößten, «beruhige Dich – die letzten so gefährlichen Stunden haben Dich zu sehr aufgeregt – es wird Alles schon wieder besser – es kann noch Alles gut werden, wein lieber Sohn.« Der Jüngling schüttelte wehmüthig das Haupt und barg das Gesicht in den Händen. »Eduard – lieber Eduard!« sagte da eine leise, schüchterne Stimme an seiner Seite – er sah rasch und erschreckt empor – aber ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. »Kennst Du mich nicht mehr, Eduard?« bat das Mädchen, und die Thränen strömten aus den schon übervollen Augen – »kennst Du Deine Elise nicht mehr?« »Meine arme, arme Elise!« flüsterte Eduard und zog das weinende Mädchen an seine Brust, drückte einen Kuß auf ihr Haupt und strich ihr die blonden Locken aus der Stirne. Auch die Schwestern kamen heran, ihn zu begrüßen, und er küßte sie und stand von seinem Lager auf. – Aber die Kleider, die er anhatte, waren ihm fremd – er befand sich, so viel er sah, in Hannsen's Hütte, trug aber, statt seiner eigenen Kleider, das schwere wollene Zeug des alten Fischers, und fühlte sich gar matt und erschöpft und von heftigem Durst geplagt. Die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel, es mochte etwa neun Uhr Morgens sein. »Aber wie komme ich hierher, was sind das für Kleider, – wie habt Ihr mich gefunden?« frug er endlich, als er seine Gedanken ein wenig gesammelt hatte und sich nun klar und deutlich der Vorgänge der letzten Nacht zu erinnern begann, »sind denn das in der Ecke da nicht die Riemen aus meinem eigenen Boot?« »Nun ja, lieber Herr, von wem sollten sie denn sonst sein?« lachte der alte Hannsen – »wenn wir Sie gefunden haben, mußte doch das Boot auch dabei sein; oder glauben Sie etwa, daß Sie wie eine Boje auf dem Wasser geschwommen wären?« »Bitte, erzählt mir, wo und wie Ihr mich gefunden habt,« bat jetzt der junge Mann – »mir schwindelt der Kopf noch von den Vorgängen der letzten Nacht, und ich möchte gern einen Faden haben, um mich heraus zu finden. Aber erst einen Trunk Wasser – meine Kehle ist verdorrt und ich könnte einen Bach austrinken.« Der Alte brachte ihm rasch einen Becher, den er auf einen Zug leerte, und sagte dann: »Sie wissen recht gut, daß Sie gestern in dem Nebel wieder trotz meiner Warnung hinausfuhren und mir dabei doch verboten, mitzugehen – als es aber gegen Abend lief und Sie noch immer nicht zurückgekehrt waren, litt's mich nicht länger hier drinnen und ich fuhr hinaus.« »Und Ihr fingt den großen Hai?« rief der Jüngling plötzlich rasch, den einen Gedanken auffassend, ihm zu, während er seinen Arm ergriff und ihm in die Augen schaute – »seht Ihr, daß ich es weiß!« fuhr er, als er das Erstaunen des Alten sah, triumphierend fort; – »gerade über der Stelle, wo die versunkene Stadt liegt – habe ich Recht oder nicht?« »Ich will ver –« platzte der Alte heraus, erinnerte sich jedoch noch zur rechten Zeit der Gegenwart der Frauen und fuhr etwas bedächtiger, aber immer noch staunend fort: »ich will mein Leben lang Holz am Lande hacken, wenn ich weiß – aber Potz Blitz« – lachte er plötzlich laut auf – »das ist keine Kunst, solche Hexereien kann ich auch!« »Aber woher kann er das wissen?« rief die Mutter überrascht. »Woher er das wissen kann?« schmunzelte der Alte, »weil wir den ganzen Morgen, der alte Classen und ich, als wir den jungen Herrn hier bei uns im Boot und seine kleine Jolle hinten schleppen hatten, von nichts Anderem fast gesprochen haben, als von dem Hai, der so groß seit einer wahren Ewigkeit hier in der Nähe nicht gefangen worden ist. – Da mag der junge Herr dann schon recht gerne so ein bischen zu sich gekommen sein und hat, vielleicht noch halb im Schlaf, halb im Wachen, unsere Erzählungen mit angehört, und jetzt bildet er sich am Ende gar noch ein, er wäre mit dabei gewesen.« Der junge Mann hielt sich die Stirn mit beiden Händen in tiefem Nachdenken – als eine neue Idee sein Hirn durchzuckte. »Habt Ihr keinen kleinen Kahn, wie sie auf den stillen Flüssen im Innern brauchen, hier auf dem Wasser treibend gefunden?« frug er rasch. »Einen kleinen Kahn? – nein, wie sollte der hierher kommen – ich nicht, aber – wartet einmal – gestern Nachmittag kam ein Schiff draußen vorbeigesegelt und hatte eins der Boote ausgesetzt – ich wunderte mich noch weshalb und sah genau hinüber, und als sie zum Schiff zurückruderten, hatten sie irgend etwas in Schlepptau, das ich damals für ein Stück Holz – ein Theil von einem Mast oder irgend eine über Bord geworfenen Stenge hielt – das könnte recht gut ein solches Ding gewesen sein, wenn ich auch nicht wüßte, wo das in die See hinausgetrieben sein sollte.« Eduard nickte schweigend mit dem Kopf, fiel in seine vorige Stellung zurück und bat den Alten, in seiner Erzählung fortzufahren. »Ja, aber wo war ich stehen geblieben?« frug dieser sich den Kopf kratzend. »Ihr fuhrt hinaus, um meinen Sohn zu suchen, lieber Hannsen,« half ihm die alte Dame. »Und so war's auch,« erzählte dieser weiter, »aber nichts zu hören noch zu sehen – das heißt, sehen konnte man auch nicht weit, denn der Nebel hatte sich noch immer nicht verzogen, und ich mag damals hundert Schritt von ihm vorbeigefahren sein, wundern sollt's mich nicht. Dem Schiff kam ich eben nur in Sicht, daß ich, wie gesagt, das Boot erkennen konnte. Bis Dunkelwerden trieb ich so herum und rief und schrie ein paar Mal aus Leibeskräften, aber umsonst, und erst wie es gegen Sonnenuntergang zu wehen anfing und ich einsah, daß ich in Nacht und Finsterniß doch nicht weiter im Stande sein würde, Hülfe zu leisten, ja nicht einmal wußte, ob der junge Herr nicht schon lange selber munter und wohl nach der Insel zurückgekehrt sei, denn er ist ja schon manchmal noch später ausgeblieben, machte ich mich ebenfalls auf den Heimweg und bekam nun erst wirkliche Angst, als das böse Wetter heraufstieg und ich hörte, daß weder vom Boot noch Mann darin das Mindeste an Land gekommen wäre. Die Nacht hat's bös geweht und Gottes Hand muß recht väterlich auf Ihnen gelegen haben, daß Sie nirgends gestrandet und verunglückt oder mit dem Boot gesunken sind. Ich hatte auch wenig Hoffnung heute Morgen, als ich hinausfuhr, und dachte wahrhaftig, ich sähe ein Gespenst, als ich den jungen Herrn ganz ruhig gerade aus seinem gewöhnlichen Lieblingsplatz herumtreiben sah. Das heißt, ich fand erst das Boot, das mit der Fluth herein und mit der Ebbe wieder hinausgetrieben sein muß, und der junge Herr lag todtenbleich darin und war durch und durch wie aus dem Wasser gezogen – was übrigens auch kein Wunder ist, denn es hat die Nacht ein paar Mal scharf genug geregnet. Classen, der mit mir war, und ich nahmen ihn dann in unser Boot, hingen die Jolle hinten an und kamen so rasch hierher, als uns, über die noch etwas unruhige See, unsere beiden Riemen bringen konnten.« »Und was machtet Ihr mit dem Hai?« frug Eduard, ohne aufzusehen. »Mit dem Hai? gar nichts – wäre das Wetter gut gewesen, so hätte ich ihn eingebracht, so aber hatte ich gestern Abend nur meinen ältesten Jungen, den Schlingel da, mit mir im Boot und konnte mich nicht weiter mit ihm aufhalten, als daß ich ihn an's Boot heranzog und ihm den Kopf abschlug – das Gebiß hatt' ich für Sie bestimmt.« »Ja, es ist richtig,« flüsterte der junge Mann, ohne den Kopf aus den Händen zu heben, und die Gegenwart der Anderen wohl ganz vergessend, in sich selber hinein – »es ist vollkommen richtig – Zeit und Ort stimmen auf die Minute, und auch der Hai und der Kahn – aber der alte Stadtschreiber hat doch falsch prophezeit – nicht Alle bleiben hier oben und altern und vergessen – nein, meine arme Bonita, ich kann Dich da unten weinen und trauern sehen an dem lauschigen Plätzchen, wo Dein liebes Haupt an meiner Schulten ruhte – unter dem wogenden Schwammbusch und der alten, riesengroßen Koralle –« »Aber, lieber Eduard,« bat Elise und ergriff die Hand des erschreckt Emporfahrenden. »Du brichst ja Deiner armen Mutter das Herz mit solchen Reden – laß doch diese bösen Träume und sei ein Mann. – Komm, geh mit uns nach Hause, die frische Morgenluft wird Dir gut thun, und wir wollen nachher über all' den närrischen Kram, den Du jetzt im Kopf hast, zusammen lachen – nicht wahr, Eduard?« Die alte Dame saß auf dem Stuhl neben dem Sohn, und die hellen Thränen liefen ihr fortwährend über die bleichen, abgehärmten Wangen herunter. Eduard ergriff ihre Hand, drückte sie innig an seine Lippen und sagte mit leiser, bittender Stimme: »Sei mir nicht böse, liebe Mutter, daß ich Dir so vielen Schmerz gemacht, aber Du kannst auch nicht wissen, was Alles in der letzten Nacht mit mir vorgegangen, ja Ihr würdet es mir vielleicht nicht einmal glauben,« setzte er wehmüthig lächelnd hinzu; »und in der That ist das Ganze so toll und abenteuerlich, daß ich fast selber anfange, es Alles für einen wilden, nur wunderbar klaren Traum zu halten. Aber Elise hat Recht – wir wollen hinaus ins Freie gehen – dort wird mir besser werden, vielleicht daß dann auch diese trüben Bilder von mir weichen – ich will mir wenigstens alle mögliche Mühe geben, liebe Mutter – ist Dir das so recht?« Die alte Frau lächelte unter ihren Thränen vor und sagte mit freundlicher Stimme: »So bist Du wieder mein lieber, lieber Sohn – ermanne Dich nur selber, und Du wirst bald wieder mit klarem Geist durch den dichten Nebel sehen, der Dich bis jetzt umlagert hielt. – Die arme Elise hat auch so viel Angst Deinetwegen ausgestanden – das arme Mädchen war die ganze Nacht mit mir auf.« »Liebe Elise,« sagte Eduard mit weicher, inniger Stimme, während er ihre Hand ergriff und festhielt, »und ich habe das gar nicht um Dich verdient,« setzte er dann leiser und traurig hinzu. In diesem Augenblick fühlte er an ihrer Hand einen der Ringe, die sie trug – im Nu durchzuckte ihn wieder die Erinnerung der letzten Nacht – er hob rasch seine Blicke gegen das Licht der Sonne – der kleine Ring an seinem linken Finger, den er sonst nie, weder wachend noch schlafend, ablegte – fehlte. Er wurde todtenbleich und mußte sich an der Lehne des Stuhles, von dem er aufgesprungen war, festhalten. »Um Gott! was ist Dir?« rief die Mutter entsetzt und ergriff seinen Arm – so rasch die Bewegung aber gekommen, so rasch verschwand sie auch wieder – Eduard lächelte und sagte, sie beruhigend: »Es ist nichts, liebe Mutter, nur ein kleiner Schwindel, noch Schwäche der letzten Aufregung vielleicht; es ist schon vorüber und ich fühle mich besser. Aber komm, liebe Mutter, komm, Elise, und Ihr, liebe Schwestern, wir wollen nach Hause gehen – ich sehe da drüben schon eine Partie neugieriger Menschen kommen – wenn sie mich wieder wohl und gesund am Ufer sehen, werden sie sich ja wohl befriedigt fühlen. Aber halt, Hannsen – nicht wahr, Ihr begleitet uns, Alter, – ich möchte mir nachher ein wenig Bewegung machen und da bedarf ich doch am Ende noch eines Begleiters.« »Das ist recht, mein Sohn!« sagte die alte Frau freundlich und vollkommen beruhigt, als sie diese plötzliche Veränderung in des jungen Mannes Benehmen bemerkte; »schüttle nur die alten häßlichen Gedanken mit Gewalt von Dir, und es wird alles gut werden. Und nun kommt, Kinder, ich glaube, wir bedürfen alle miteinander der Ruhe, und wenn wir ein Stündchen geschlafen haben, dann soll uns Eduard nachher erzählen, wie er sich gestern bei dem Nebel draußen verirrt hat und herumgetrieben ist.« Eduard winkte ihr lächelnd zu und bot ihr und Elisen den Arm, und seine beiden Schwestern folgten mit dem alten Hannsen, der sie heute Morgen, als er den jungen Mann draußen in seinem Boot gefunden und an Land gebracht, gleich hatte davon benachrichtigen lassen. Eduards plötzliche Ruhe und Besonnenheit rührte aber keineswegs davon her, daß er sich, wie seine Mutter hoffte und glaubte, der trüben Gedanken und Träume entschlagen habe, sondern sie beruhte gerade auf dem Gegentheil. Durch das Verschwinden des Ringes war ihm die Gewißheit geworden, daß er nicht geträumt hatte, daß das Alles, was ihm noch, wie der wilde Nachklang einer zerschmetterten Harfe, mit schmerzlichem Accord durch die Seile tönte, Wirklichkeit – That gewesen, und mit dieser Gewißheit zog ihm auch wieder Ruhe und Besonnenheit in das Herz zurück. Träumen und Grübeln konnte ihm nichts mehr nützen – er mußte handeln . Als er die Frauen nach Hause begleitet und sie verlassen hatte, nahm er des alten Hannsen Arm trotz dessen Sträuben und schritt mit ihm langsam auf den Dünen hinauf, dem westlichen Ende der Insel zu. Erst aber als sie von den Häusern vollkommen entfernt waren und allein auf dem gelben Sandstreifen standen, der sich nach dem grün dagegen anzuschauenden Wasser niederzog, blieb er plötzlich stehen; schaute sich erst um, ob sie auch keine Unterbrechung zu fürchten hätten, und sich dann auf den Sand niederwerfend, während er Hansen winkte, neben ihm Platz zu nehmen, sagte er: »Hannsen, Ihr wolltet mir neulich einmal erzählen, wie – wenn ich nicht irre – ein junges Mädchen aus jener versunkenen Stadt hier oben gesehen worden sei.« »Aber bester, junger Herr –« »Ich weiß schon – ich weiß schon, Hannsen – ich war damals ein Thor und lachte über Eure Erzählung, aber Ihr müßt mir das nicht so übel nehmen und dürft deshalb keinen Groll gegen mich hegen. Seid auch versichert, daß es nicht wieder geschehen soll – ich habe vollkommen Grund, ernsthaft dabei zu bleiben – wenn ich Euch nachher sage, weshalb, werdet Ihr mir auch Recht geben. Und nun bitte, erzählt mir, wie es mit dem jungen Mädchen war, das hier oben an der Oberfläche gesehen worden sein soll.« »Mein lieber, junger Herr!« sagte aber der Alte kopfschüttelnd und sich, wie das seine Gewohnheit so war, hinter dem linken Ohr kratzend, »ich fürchte, ich habe Ihnen schon zu viel solche Sachen erzählt. Unser alter Herr Pastor, Gott habe ihn selig; sagte immer, man solle den Teufel nicht an die Wand malen, sonst käme er zur Thür herein.« »Aber die Geschichte, mein guter Hannsen!« bat Eduard. »Lieber Herr, das sind Ammenmärchen!« wich der Alte aus; »derlei Geschichten sind gut für kleine Kinder und alte Weiber, und hat man einmal nichts Besseres zu thun, so hört man ihnen wohl ein Weilchen zu und lacht darüber – sonst aber –« »Und wenn es nun keine Ammenmärchen wären, alter Freund?« frug der junge Mann, ihn scharf dabei anschauend, als ob er in seiner innersten Seele lesen wollte. »Hannsen,« sagte er da plötzlich, seinen Arm ergreifend, »es sind in der That keine Märchen – ich war unten bei ihnen.« »Unten? – wo?« rief der alte Mann erschrocken. »In der versunkenen Stadt – ich war bei ihnen und« – er sah sich scheu dabei um und fuhr flüsternd fort – »ich muß auch wieder zu ihnen hinunter.« »Gott im Himmel, sei uns gnädig!« sagte der Alte erschrocken, »wie kommen Sie nur auf die tollen Gedanken? Das wäre ja ein erschreckliches Unglück, wenn Sie sich erst einmal so etwas in den Kopf setzten!« »Kennt Ihr den Stadtschreiber Fischkopf, Hannsen?« frug Eduard plötzlich und sah ihm aufmerksam ins Auge. »Stadtschreiber Fischkopf?« wiederholte der Alte sinnend, »Stadtschreiber Fischkopf, Fischkopf – ist mir immer, als ob ich den Namen schon einmal gehört haben könnte – »will's aber nicht gewiß behaupten – und was ist's mit dem?« Eduard lächelte, nickte still vor sich hin und stützte einen Augenblick den Kopf in die Hand – in seiner Erinnerung tauchte eine neue Scene auf. »Wie alt seid Ihr, Hannsen?« frug er rasch, sich wieder emporrichtend. »Alt? – lassen Sie mich einmal sehen!« murmelte der Greis, indem er nach dem jetzt fast wolkenleeren Himmel mit den lichtblauen Augen emporschaute und so wenige Minuten nachsann. »Wie wir das Haus bauten,« zählte er leise dabei vor sich hin, »waren's vierzig – nachher, wie mir der Junge starb, fünfundvierzig – das sind nun fünf, sieben, dreizehn – das sind jetzt siebzehn Jahre her, also werd' ich wohl nächste Pfingsten zweiundsechzig Jahre alt werden, wenn mich Gott bis dahin leben läßt,« setzte er mit einem frommen Blick nach oben hinzu. »Zweiundsechzig Jahre?« wiederholte Eduard lächelnd und ungläubig. »Ihr irrt Euch, Hannsen!« »Ich? – nein, ich glaube nicht –« sagte der Alte erstaunt; »aber warten Sie einmal – das sind vierzig – fünfundvierzig – zweiundfünfzig – drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht und fünfzig – und das werden heuer vier Jahr – nein, es stimmt wahrhaftig – zweiundsechzig Jahr – aber ich bin noch ziemlich kräftig für mein Alter,« setzte er schmunzelnd hinzu, »und deshalb sehen mich manche Leute vielleicht für ein paar Jahr jünger an, als ich wirklich schultere.« »Hannsen, Ihr seid weit älter!« sagte der junge Mann ernsthaft, indem er ihn forschend betrachtete. »Ihr seid weit, weit älter und wollt es mir nur nicht sagen – der Stadtschreiber Fischkopf hat Euch schon vor mehreren hundert Jahren gekannt.« »Der Stadtschreiber Fischkopf?« wiederholte Hannsen, und ein eigener Zug drolligen Humors zuckte ihm über das ehrwürdige offene Angesicht. Als aber sein Blick auf das Antlitz des Jünglings fiel und er den trüben, eifrigen Ernst darin gewahrte, da schoß es ihm wie mit einem jähen Schreck durch das Herz, und es stieg zum ersten Mal der Gedanke in ihm auf, sein lieber, junger Freund könne am Ende doch wohl gar wahnsinnig geworden sein. Eduard las in seinem plötzlich so verstörten Blick den Gedanken seiner Seele und sagte lächelnd: »Fürchtet nichts, alter Freund, ich habe meine Sinne vollkommen gut beisammen; um Euch aber zu beweisen , wie mich nicht blos ein Traum quält, sondern daß ich wirklich Erlebtes, mag es auch wunderbar genug klingen, im Gedächtniß, nicht im fieberhaft aufgeregten Hirn trage, will ich Euch, wenn Ihr Lust habt mich anzuhören, mit kurzen, klaren Worten die Geschichte dieser Nacht erzählen; lacht mich dann aus, wenn Ihr könnt, bis dahin aber hört mich ruhig an.« Eduard begann nun, dem alten, ihm mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörenden Mann genau zu erzählen, wie er vor einiger Zeit einmal geglaubt habe, das Bild eines Mädchenkopfes im Wasser zu sehen – er sei aber dessen doch nicht recht gewiß gewesen und nun oft allein hinausgefahren, um dem holden Antlitz noch einmal zu begegnen, und wie er gestern die wunderholde Maid in dem Kahn auf derselben Stelle – er wußte selber nicht von wannen kommend – angetroffen habe. Des Alten Aufmerksamkeit wuchs, als er des fremden Mädchens erwähnte, und er ließ sich genau ihre Gestalt, ihre Augen, ihre Kleidung beschreiben. Eduard that das aber mit viel zu schwärmerischer Begeisterung, um ihm einen klaren Begriff darüber geben zu können, und der Alte frug ihn endlich kopfschüttelnd: »Aber seid Ihr denn auch ganz gewiß, lieber Herr, daß Ihr nicht, in Eurem Boot eingeschlafen, die ganze Sache doch am Ende nur geträumt habt? – Es ist ja doch möglich.« Eduard deckte sich einen Augenblick die Stirn mit der Hand in tiefem, ernstem Nachdenken – endlich sagte er: »Als sie auf eine meiner Fragen mir als Antwort ein kleines, schwermüthiges Lied, oh mit wie holder Stimme sang, erinnere ich mich, daß sie von dem Seetang, der ihre schlanke Gestalt wie ein Gürtel umschloß, einzelne Stücke abpflückte und wie spielend in mein Boot warf – als ob die Maid dort vor mir stünde, so klar und deutlich höre ich ihre liebe Stimme noch und sehe ihr holdes Antlitz und ich wollte meine Seligkeit für die Wahrheit einsetzen. Mit Spannung beobachtete ich damals auch die kleinste, unbedeutendste Handlung, die geringste Bewegung jenes mir so zauberhaft erscheinenden Wesens, und so klar liegt das Vergangene vor mir, daß ich drei kleine Zweige, die sie nach und nach in das Boot warf, zählte – ein vierter fiel auf das Wasser – laßt uns zum Boot gehen – sie müssen vorn in der Spitze desselben liegen. – Und habt Ihr nicht den Kahn mit Euren eigenen Augen gesehen?« Der alte Hannsen war in der peinlichsten Verlegenheit – er hatte die drei kleinen Zweige Seetang wirklich im Boot gefunden und danach geglaubt, sein junger Freund sei vielleicht am Strande herumgetrieben, wo er sie aufgelesen und zum Spiel in sein Boot geworfen. Sollte er es ihm jetzt bekennen oder verschweigen? Die Sache fing ihm dabei selber an unheimlich vorzukommen: es stak noch viel zu viel von dem alten Glauben an Geistergeschichten in seinem Kopf, um ihn gegen eine solche Erzählung, die gewissermaßen unter seinen eigenen Augen vorgefallen war, total unempfindlich zu machen. Seine gewohnte Ehrlichkeit trug dann noch außerdem den Sieg davon, und er bestätigte dem jungen Manne, daß der Seetang im Boot gelegen. »Ich wußte es!« sagte dieser ruhig; »ich war hinausgerudert und so vollkommen wach und bei meiner klarsten Besinnung, wie ich es jetzt bin; auch kann ich Euch gestehen, ich glaubte im Anfang, als ich das holde Frauenbild neben mir sah, wirklich selber, daß ich träume – ich deckte meine Augen mit der Hand, ich schalt mich einen Thoren, der sich muthwillig Bilder seiner Phantasie heraufbeschwöre – aber die Gestalt blieb – blieb mir so klar und ernst gegenüber, wie ich Euch, Hannsen, neben mir sehe, und Täuschung war nicht mehr möglich. Aber hört, wie es weiter ging –« Und er fuhr nun fort und erzählte dem immer mehr erstaunten alten Fischer, der zuletzt gar nicht mehr wußte, ob er selber wache oder träume, die ganzen Vorgänge der letzten Nacht bis in die unbedeutendsten Kleinigkeiten hinab. Dem alten Manne wurde es ordentlich unheimlich zu Muthe, als er seinen eigenen Namen auf solche Weise damit verflochten hörte, und die Geschichte mit dem Hai kam ihm jetzt selber am rätselhaftesten vor, denn, zufällig oder nicht, der Hai, von dem er vorher nur auf einen Augenblick die Flosse gesehen, war nach unten gegangen und gerade über jener Stelle plötzlich herauf- und nach dem Haken zu geschossen. Einen so großen Hai erinnerte er sich aber, in sehr, sehr langer Zeit nicht gesehen zu haben. Hannsen leugnete übrigens hartnäckig, von einem Amts- oder Stadtschreiber Fischkopf auch nur das Geringste zu wissen, viel weniger mit ihm verwandt zu sein, schwur, daß er es mit dem Kirchenbuch beweisen könne, wie er eben nur zweiundsechzig Jahre, und das erst zu Pfingsten, alt wäre, und wollte überhaupt mit der ganzen Geschichte nichts zu thun haben. Auch das Zusammentreffen mit dem Ring suchte er aufzuklären; den Ring konnte Eduard im Boot verloren haben, und deswegen nachzusehen, gingen jetzt beide Männer mit raschen Schritten nach der Stelle zurück, wo dieses lag. Trotzdem aber, daß sie es auf das Genaueste durchsuchten, ja die Laufplanken unten sogar aufbrachen, ob er sich nicht doch irgendwo zwischen den Rippen festgeklemmt habe, fanden sie nichts als die paar kleinen Zweige Seetang, die Eduard mit wilder Leidenschaftlichkeit an seine Lippen preßte und an seinem Herzen barg – es war das Einzige, was ihm als Andenken an die verlorene Geliebte geblieben. Hannsen bewog ihn endlich mit Mühe, daß er jetzt nach Hause ginge und sich schlafen lege, und morgen früh wollten sie die ganze Sache noch einmal kaltblütig und vernünftig mit einander besprechen. So große Lust auch Eduard hatte, wieder in See hinauszufahren, mußte er sich diesmal dem allerdings verständigen Vorschlage fügen. Hannsen blieb noch eine ganze Weile am Strand allein, und die Sache ging ihm so im Kopf herum, daß er zuletzt gar nicht mehr wußte, was er daraus machen sollte. Zu sehr selber in dem Glauben seiner Umgebung aufgewachsen, war er nicht im Stande, jede Unmöglichkeit eines solchen übernatürlichen Vorfalls wegzuleugnen, noch dazu, da einzelne Punkte sich als wirkliche Thatsachen herausstellten. Er erfuhr noch an demselben Nachmittag durch einen andern Fischer, der zufällig an das Schiff, was er in See gesehen, gekommen und ihm Fische verkauft hatte, daß sie dort an Bord einen kleinen Kahn in der Gegend von Wanger-Oog gefunden und geborgen hätten – der Seetang ließ sich ebenfalls nicht wegleugnen, und die Sache mit dem Ring und dem Hai, wenn man sie vielleicht auch anders zu erklären vermochte, ließ doch Manches noch unklar und bedenklich. Er that endlich den vernünftigsten Schritt, den er unter solchen Umständen thun konnte – er ging zu dem Brunnenarzt, von dem er sich vorher tiefes Stillschweigen über das ihm Mitgetheilte angeloben ließ, und machte ihn mit Allem bekannt, was er wußte. Der Arzt war einer jener hausbackenen Wirklichkeitsmenschen, die nun einmal unter keiner Bedingung, und wenn ihnen selbst die Beweise sonnenklar vor Augen gelegt würden, an etwas Ueber- oder, wie sie's nennen, Widernatürliches glauben wollen. Ein menschliches Wesen kann unter Wasser höchstens wenige Minuten leben, aber nicht ganze Stunden und Nächte lang und dabei frühstücken und Spaziergänge machen, ergo: war die ganze Sache ein Hirngespinnst. Ein vernünftiger Mensch konnte aber auf solche Hirngespinste eben so wenig fallen, als er das Kunststück mit dem Wasser hätte ausführen mögen, ergo : war dem jungen Mann irgend eine Schraube im Kopf losgegangen, und dagegen mußten augenblicklich die nachdrücklichsten Maßregeln getroffen werden. Mit Gewalt ließ sich übrigens hier, so viel sah er ein, nichts ausrichten, und er beschloß deshalb, vor allen Dingen Frau Merkfeld, die er auch glücklicher Weise selber behandelte, aufzusuchen und mit ihr einen Plan zu besprechen, um den Sohn, so rasch das nur möglicher Weise anging, aus der Nähe dieser für ihn gefährlichen Stelle – wo seine jetzt einmal krankhaft aufgeregte Phantasie immer neuen Stoff, neue Nahrung finden mußte – zu entfernen. Ein Vorwand war hierzu leider nur zu bald und zwar so ernstlich gefunden, daß es gar nicht einmal mehr ein Vorwand genannt werden konnte. Die alte Frau Merkfeld, welcher der Arzt natürlich nicht alle die Einzelheiten angab, sondern sie mehr ahnen ließ, welcher Gefahr ihr Sohn hier ausgesetzt sei, als daß er es ihr bestimmt sagte, wurde mit Allem, was sie selber von ihm gehört und gesehen, so gewaltig davon ergriffen, daß das Schlimmste für sie selber zu fürchten war, blieb sie noch längere Zeit in solcher Aufregung. Ihr Entschluß war deshalb rasch gefaßt. Noch während Eduard schlief, denn nach der gehabten Aufregung hatte sich eine förmliche Betäubung seiner Sinne bemächtigt, in der sich der Körper wieder Ruhe und Erholung zu verschaffen suchte – packte Elise mit den beiden Töchtern alles Nöthige ein, und die Abreise in die Heimath zurück wurde auf den nächsten Morgen mit dem ersten Dampfboot festgesetzt. Als Eduard am anderen Morgen, denn so lange hatte er sein Zimmer gehütet, zu seiner Mutter kam, erschrak er fast ebenso über die Anzeige und Nachricht der nahen Abreise, als über der Mutter Aussehen; die Möglichkeit wurde ihm aber genommen, noch einmal nach seiner Lieblingsstelle, die für ihn so furchtbarliebe Erinnerungen bot – hinausfahren zu können. Er durfte seine Mutter keinen Augenblick verlassen und schickte nur noch nach dem alten Fischer, um von ihm Abschied zu nehmen. Wenige Stunden später keuchte der Dampfer mit ihnen die Weser hinauf, und nach wenigen Tagen hatten sie die Heimath erreicht.   VII Eduard war allerdings durch die Entfernung von dem Ort seiner Sehnsucht ruhiger geworden, aber eine stille, tiefe Schwermuth hielt seinen Geist dafür mit desto unzerreißbareren Banden gefesselt. Er erwähnte mit keinem Worte mehr des Vergangenen, ja er vermied sogar mit fast ängstlicher Sorgfalt Alles, was nur auf ihren Aufenthalt an der Nordsee den mindesten Bezug haben konnte. Gegen Elise war er stets freundlich, ja herzlich, aber er hielt sich soviel er konnte von ihr zurück, und das arme Mädchen, das ihm von ganzer Seele gut war, ertrug mit stiller, schmerzlicher Trauer die Kälte des so geliebten Mannes. Mit Freuden nahm sie bald darauf aber auch eine Gelegenheit wahr, um sich einem ihr peinlich werdenden Zusammenleben mit ihm in einem Hause zu entziehen; eine Tante von ihr kränkelte und hatte sie gebeten, zu ihr nach Braunschweig zu kommen, und sie folgte dem Ruf. Eduard wurde von der Zeit an fast noch stiller; er fühlte wohl, wie entsetzlich weh er dem armen Mädchen gethan, aber er sah auch ein, daß eine Trennung für sie Beide gut, ja nöthig wäre, und beschäftigte sich von nun an fast allein mit seiner Mutter, deren Kränklichkeit und Schwäche von Tag zu Tag zunahmen. Der armen alten Frau waren die Schläge des Schicksals aber zu hart und schnell auf einander folgend gekommen, um sich wieder davon erholen zu können. Der Verlust des Gatten hatte sie schon sehr angegriffen, und die stete Angst und Sorge um den geliebten Sohn, dessen unheilbarer Tiefsinn dem Mutterauge nicht entgehen konnte, vollendeten, was der erste begonnen – Ostern war noch nicht vorüber, da trugen sie ihre Leiche an die Seite des Gatten unter die stille, freundliche Linde am Herrenhaus. Es vergingen mehrere Monate, aber die sonst so traute, lebendige Wohnung der Merkfeldschen Familie war ein Haus der Trauer geworden, in dem es die Bewohner endlich nicht länger mehr aushalten konnten. Die beiden Mädchen zogen nach Halberstadt, zu ihrer Mutter Schwester, und nur Eduard weigerte sich, den Platz zu verlassen. Er behielt wenigstens seinen ständigen Aufenthalt dort und kam nur dann und wann nach Halberstadt, um seine Schwestern und Verwandten zu besuchen. Im Hause dieser lernte er einen jungen Maler kennen, dessen ganzes, etwas schwermüthiges wie gemüthvolles Wesen ihn so anzog, daß er sich inniger an ihn anschloß, als er das in den letzten Jahren an irgend einen andern Menschen gethan. Nur das Geheimniß seines Herzens, den Wurm, der an seiner Seele nagte – vertraute er ihm nicht an. Er fürchtete den Spott der Menschen und wollte sein Heiligthum nicht entweiht haben. Ein solcher Besuch in seinem Atelier fiel in die nächsten Tage nach dem Osterfeste, und er fand den jungen Maler eifrig beschäftigt, das Portrait eines biedern Staatsbürgers zu vollenden, der sich im Frack und weißer Weste, mit goldener schwerer Uhrkette und einem Orden im Knopfloch hatte abconterfeien und auf die Nachwelt bringen lassen. Eduard warf sich auf seinen gewöhnlichen Sitz, der Staffelei gegenüber, und betrachtete sich gleichgültig das Bild mit dem alltäglichen Gesicht, an dem sein Freund aber trotzdem eifrig fortarbeitete. Endlich sagte er: »Sie scheinen ja heute sehr beschäftigt, Helmers – hat das Portrait solche Eile?« »Nein,« sagte der junge Mann kopfschüttelnd, »aber ich möchte mit dem langweiligen Gesicht gern fertig werden, um an etwas Besseres zu gehen, denn das ist reine Holzhackerarbeit – einfacher Broderwerb, an solche Carricaturen menschlicher Aufgeblasenheit die Zeit zu verschwenden. Aber es muß eben sein, und Lohn und Ersatz dafür finden wir nur in anderer Weise.« »In anderer?« In der Arbeit an Gegenständen, die unser Auge entzücken und unsere Phantasie wecken und begeistern,« rief der Maler; »ich sage Ihnen, Merkfeld, ich habe neulich zufällig eine Studie bekommen und für mich copirt, die das Schönste und Herrlichste ist, was ich in der Art je gesehen – das Gesicht einer Heiligen – einer Prophetin. Schade, daß das Ganze nur Studie geblieben. Ich wollte ein Jahr meines Lebens darum geben, wenn ich die ganze Gestalt hätte kennen und malen dürfen.« Eduard seufzte tief auf und sagte endlich: »Sie haben Recht! Ich selber würde zehn Jahre meines Lebens darum geben – wenn ich überhaupt noch so viel zu vergeben habe –, könnte ich selber malen, nur um ein einziges Antlitz – eine einzige Gestalt in unvergänglichen Farben festzuhalten.« Der junge Maler schaute ernst und sinnend zu ihm hinüber und sagte endlich leise, wie mit sich selber redend: »Ja – es ist ein süßes, herrliches Gefühl, so still und allein in seiner Kammer sitzen zu können und, von Niemandem gestört, von Niemandem belauscht, in die lieben verlorenen Züge zu schauen – aber es ist auch Thorheit,« fuhr er rascher und rascher fort, »es ist Selbstmord, und wir quälen und peinigen den Geist, bis wir – Bah! Jugendstreiche,« brach er plötzlich ab – »die alten Herren sagen, wir würden vernünftiger werden, wenn wir älter würden, und in einer Art haben sie Recht. Wer hätte derlei Treiben schon von alten ehrwürdigen Gerichtsräthen oder sonstigen Philistern gehört, und doch sind Alle diese auch einmal jung gewesen, und haben das Herz vielleicht eben so heiß und ungestüm in der Brust herumgetragen, als wir es jetzt thun. Das Einzige, worin sie irren, ist, daß sie der Sache einen falschen Namen geben. Sie nennen Vernunft, was eigentlich nur erstarrtes und abgestorbenes Blut ist. Sie schreiben das ihrer eigenen, verständigen Ueberlegung zu, was sie nur in ihren vertrockneten Adern zu suchen haben, und rechnen sich das zum Verdienst an, was die Jugend als ein Unglück betrachten würde. Sie haben die Blumenflur hinter sich, die freilich ohne Weg und Steg, von wilden Bergbächen durchtobt, von Abgründen oft durchschnitten, aber mit einem unendlichen Zauber und Reiz ausgestattet ist, und schreiten jetzt in grauer Haidegegend, auf ebener und bequemer Chaussee fürbaß. »Oh wie behaglich geht sich's hier,« rufen sie aus, »was für Thoren sind doch die jungen Leute, daß sie dahinten noch zwischen den Steinblöcken umherspringen, um sich vielleicht eine Blume zu pflücken, die ihnen nachher in der Hand welkt.« – Aber im Herzen wünschen sie sich doch gerade wieder zwischen die jungen Leute hinein und setzen nur hinzu: »aber mit unseren Erfahrungen,« und wären sie wieder jung, Merkfeld – Sie sollten einmal sehen, was für tolle Sprünge und Sätze sie mit ihren Erfahrungen machen würden. Doch wo bin ich hingerathen – ich sprach ja von meinem lieben Bild.« »Und darf ich es sehen?« sagte Eduard – »Sie machen mich wirklich neugierig.« »Gewiß,« rief der Maler, indem er ein kleines Oelgemälde, das noch ohne Rahmen umgedreht an einem andern Bilde lehnte, vornahm und zur Staffelei trug. »Sie werden mir Recht geben, wenn ich sage, ich habe in meinem Leben noch keinen interessanteren Kopf gesehen. Es ist ein Kopf, wie er–« Ein wilder, fast übernatürlich klingender Aufschrei Eduard's unterbrach ihn hier, und als er erschreckt zu ihm hinüberschaute, sah er, daß der Freund leichenbleich, mit stierem auf das Bild gehefteten Blick, vor dem Oelgemälde stand und die Arme wie sehnend danach ausstreckte – Dieser Zustand dauerte aber nicht lange, dann schlossen sich seine Augen wieder, und das Antlitz in den Händen bergend, sank er mit dem leise gemurmelten Ausruf: »Bonita« auf seinen Stuhl zurück. »Um Gottes willen, Merkfeld – was ist Ihnen?« rief der Maler bestürzt. »Kennen Sie das Original?« Eduard antwortete nicht, aber die Schwäche hatte er bald niedergekämpft, und wieder fiel sein Blick auf das Portrait, an dem seine ganze Seele zu hängen schien. Es war ja ihr Antlitz – Zug für Zug. Das lange, schwarze Haar – die großen, dunkeln Augen, der kleine, halb wie zum Sprechen geöffnete Mund, und die zarte, aber so bleiche Wange – aber es war der Ausdruck ihrer Züge, nicht wie er sie dort unten in ihrer fröhlichen Heiterkeit, sondern vorher – oben auf dem Wasser, in ihrem Schmerz gesehen. Wie sie da oben in ihrem Kahn gestanden, so sah er sie wieder vor sich, mit dem milden träumerischen und doch so begeisterten Blick. Nur die lose wallenden Haare waren von einem blühenden Lindenzweig statt von Seetang durchflochten. »Wo stammt dies Bild her?« sagte Eduard endlich leise, ohne jedoch den Blick auch nur für einen Moment von dem Gemälde zu nehmen. »Wessen Phantasie schuf diese Züge?« »So viel ich weiß,« erwiderte Helmers, »ist es keine Phantasie, sondern das Original lebte . Wie mir gesagt wurde, gehörten diese Züge einer Wahnsinnigen an, die aber eines Nachts ihrer Aufsicht entsprang und seitdem spurlos verschwunden ist.« Eduard sah ihn wie sinnend an, aber es war, als ob die Worte nur halb verständlich an sein Ohr klangen, und dann wieder trank er mit durstigen Blicken das süße Gift dieser Züge, dieser Augen und konnte sich nicht davon losreißen. Er drang jetzt in den Maler, ihm die Copie zu überlassen, ja er schwur ihm, daß er nicht leben könne ohne das Bild, und Helmers suchte vergebens ihn durch allerlei Ausreden und Vernunftgründe davon abzubringen – umsonst. Er sah wohl ein, welchen nachtheiligen Einfluß eine so unnatürliche Erregung auf den überdies reizbaren jungen Mann haben und ausüben mußte, aber alle seine Gegenreden blieben fruchtlos. Eduard verließ, diesen Schatz im Arm, das Atelier – um es nie wieder zu betreten. Drei Wochen etwa hielt er sich in seinem eigenen Zimmer fest verschlossen, nahm nur selten, und dann immer sehr wenig Nahrung zu sich – verkehrte dabei mit keinem Menschen, einen alten Diener ausgenommen, und besuchte nicht einmal mehr seine Schwestern. Mitte April verließ er plötzlich Morgens seine Wohnung, gab dem alten Mann einen Brief für seine Verwandten und sagte ihm nur, daß er beabsichtige, eine längere Reise vorzunehmen, die ihn wohl auf Wochen, vielleicht auf Monate entfernt halten könnte – aber er kehrte nie zurück. * Im Laufe des Sommers landete eines Tages ein alter Herr auf Wanger-Oog, der sich augenblicklich nach dem Fischer Hannsen erkundigte und diesen aufsuchte. Es war ein Sonntag-Nachmittag, und der alte Fischer saß vor seiner Thür, die aufgeschlagene Bibel auf den Knieen, und schaute mit gefaltenen Händen auf die im freundlichen Sonnenlicht blitzende, spielende Fluth. Als er den Fremden aber auf sich zukommen sah, schloß er das Buch, legte es bei Seite und stand auf, um ihn zu begrüßen. »Ich habe das Vergnügen, Herrn Hannsen zu sprechen?« frug der Fremde artig. »Wenn Sie den Herrn weglassen und dafür Fischer setzen, ja,« lächelte der alte Mann in gutmüthiger Weise; »wir sind das hier nicht so recht gewohnt.« »Sie kannten im vorigen Sommer einen jungen Mann, Namens Eduard Merkfeld?« frug der fremde Herr, ohne auf die Einsprache, des Titels wegen, weiter einzugehen; »nicht wahr? – Sie fuhren oft mit ihm hinaus in See?« Das Lächeln schwand bei dem Namen im Nu von den Zügen des alten Fischers, er sah den Fremden einen Augenblick wehmüthig an und sagte dann leise: »Wollen sie sein Grab besuchen?« »Sein Grab ?« wiederholte der Fremde sichtlich erschüttert, »sein Grab – also wirklich hier – und wo ist es?« setzte er dann nach kleiner Pause langsam und leiser hinzu. »Kommen Sie!« sagte der Alte kurz, setzte seine Mütze, die er bis dahin in der Hand gehalten, wieder auf und schritt nach seinem Boot hinunter; »es ist jetzt gerade Fluth, wir können hinüberfahren.« Der Fremde folgte ihm ohne Widerrede oder weitere Bemerkung, und Hannsen ruderte mit ihm dem festen Lande zu. Unterwegs erzählte er ihm in wenigen Worten den Tod des Jünglings. Er war im vorigen Jahre, schon im Spätherbst, als alle Badegäste lange die Insel verlassen, aber sonst heiterer wie ihn der alte Mann je gesehen, nur etwas bleich, wie kränklich oder angegriffen aussehend, hier eingetroffen und hatte gesagt, daß er sich diesmal nur sehr kurze Zeit – spätestens bis morgen früh – hier aufhalten könne, vorher aber doch noch einmal nach seinem alten Lieblingsplätzchen hinausfahren wolle – er habe nun so lange im Innern des Landes gelebt, daß er sich ordentlich einmal wieder nach Salzwasser sehne. »Ich hatte gerade etwas an Land zu thun,« sagte der alte Mann, während ihm eine Thräne in's Auge stieg – »und er wollte mich auch nicht mithaben – es wäre sonst nicht vorgefallen. Er nahm den kleinsten Kahn, wie er das früher so oft gethan hatte, und ruderte hinaus; vorher aber stellte er noch ein Kästchen zu mir in die Stube und sagte dabei, er habe mir etwas vom festen Lande mitgebracht, ich dürfe es aber nicht eher aufmachen, als bis wir Licht angesteckt hätten, denn am hellen Tage sehe es nicht gut aus. – Er versprach, in höchstens zwei Stunden wiederzukehren, aber es wurde Mittag und er kam nicht, und als es tiefer und tiefer in den Nachmittag hineinrückte, fing ich selber an, unruhig zu werden und wollte schon hinausfahren und sehen, wo er bliebe. Wie ich aber gerade vom Land stoße, segelte das Boot meines Nachbars an und brachte den leeren Kahn mit zurück – er hatte ihn so auf dem Wasser treibend gefunden. Erst am dritten Morgen,« fuhr der alte Mann, indem er sich nur kräftiger in die Ruder legte, die gewaltsam aufsteigende Bewegung zu verbergen, mit leiserer, fast tonloser Stimme fort – »fanden wir die Leiche; hier auf der Insel war aber Niemand mehr, der seine Wohnung im Innern des Landes kannte, selbst der Doctor war nach dem festen Lande zurückgegangen – ich wußte nicht wohin, und ich besorgte deshalb seine Beerdigung auf meine eigene Verantwortung. Lieber Gott, er hatte mir Geld genug dazu gelassen – das Kistchen, was ich an dem Abend noch öffnete, denn ich glaubte mit Recht Aufschluß darin zu finden, war mit einer schweren Goldbörse gefüllt, und oben darauf lag ein beschriebenes Blatt und ein kleiner dürrer Zweig Seetang; auf dem Zettel aber stand, daß das Geld für mich sei und ich freundlich an ihn denken und ihn manchmal« – die hellen Thränen liefen dem alten Mann jetzt über die Wangen hinunter – »und ihn manchmal da draußen in seinem stillen Ruheort besuchen solle – ich wisse ja schon, wohin und zu wem er gegangen, aber auch nicht böse solle ich auf ihn sein, – denn er hätte sein Wort gegeben gehabt, und das dürfe er nicht brechen.« Der alte Herr – der Onkel Eduard Merkfeld's – hörte ihm tiefbewegt zu, unterbrach ihn aber mit keiner Silbe, und die beiden Männer stiegen jetzt, als das Boot gelandet war, die sandigen Dünen der Küste hinan und schritten einer kleinen, von dichten Büschen beschatteten freundlichen Wohnung zu, die etwa eine Viertelstunde Weges vom Ufer entfernt lag. »Es ist meiner Tochter Haus,« sagte der alte Mann, als sie dicht an die Wohnung vorbei ein schattiges Gebüsch betraten; »es giebt kein stilleres, lieberes Plätzchen in der ganzen Umgegend.« Im nächsten Augenblick standen sie vor dem Heiligthum. Von Birken und Weiden dicht behangen, mit einem wahren Blumenflor bepflanzt, lagen zwei Gräber vor ihnen. An ihrem Kopfende standen zwei einfache hölzerne Kreuze – das eine trug nur einfach den Namen Eduard Merkfeld's, das andere war ganz glatt, und um Beide schlang sich eine dichte Guirlande von Seetang, wie er dort an den Küsten treibt. »Armer Eduard!« sagte der alte Herr leise, während er mit gefalteten Händen und gesenktem Haupte neben dem Grabe des unglücklichen jungen Mannes stand; »aber wer ruht hier neben ihm?« »Gott allein weiß es!« sagte der alte Fischer, die thränenvollen Augen zum Himmel aufschlagend, »es war ein junges, oh so liebschönes Mädchen, das die See noch an dem nämlichen Abend, wo der arme junge Herr Merkfeld mit seiner Familie abgereist war, gegenüber der Stelle, wo wir jetzt auch seine Leiche gefunden haben, an den Strand spülte. Niemand kannte sie hier. Niemand wußte, wo sie hergekommen, oder wohin sie gehöre, ich konnte mir aber nicht helfen, mir war es, als ob sie mit des armen jungen Herrn Schicksal wohl weit näher verwandt sein könne, als ich es mir selber gestehen mochte, und ich nahm sie hier herüber und begrub sie an dem stillen Plätzchen. Als der junge Herr Merkfeld jedoch nach Wanger-Oog zurückkam, scheute ich mich, sogleich wieder von alten, wie ich hoffte schon halb vergessenen Geschichten anzufangen, und sagte ihm nichts von dem Mädchen – ich glaubte, es wäre auch an dem Abend oder am nächsten Tag noch Zeit; – lieber Gott, am nächsten Tage holten wir seine Leiche herein. – Jetzt liegt das arme junge Paar hier beisammen im kühlen Grunde, aber Gott wird nicht hart mit ihnen sein und die Erde leicht auf ihnen ruhen lassen.« Der Klabautermann Ich werde meinen alten Freund wohl erst bei Dir einführen müssen, lieber Leser aus dem »inneren Lande«, denn oben im Norden, an der Weser und Elbe und Schelde, kennen sie gar wohl den wackern Klabautermann, den Freund der Seeleute – oder fast mehr noch ihrer Schiffe, und den treuen Begleiter auf ihren weiten gefahrvollen Reisen. Aber auf's feste Land kommt er nicht; er hält es nicht aus auf dem trockenen, unbeweglichen Boden, und zwingt ihn die Noth vielleicht einmal irgend auf einer Insel, an der sein eigenes Schiff gescheitert, zu hausen, bis er ein anderes findet, auf dem er wieder Passage nehmen kann, so ist ihm das nichts weniger als angenehm, und er kann sich dann mit den Bewohnern dort nicht im Geringsten vertragen. Ich weiß ein solches Beispiel und es wäre beinahe der Tod des armen Klabautermannes gewesen, wenn Klabautermänner eigentlich überhaupt sterben könnten. Der Klabautermann also hat in seinen Gewohnheiten einige Aehnlichkeit mit der Katze, indem er sich, wie schon bemerkt, selten oder nie an besondere Menschen anschließt, sondern irgend ein Fahrzeug auswählt und auf diesem bleibt, so lange es gesund und in gutem Zustand ist; – wird es aber leck oder alt, oder steht ihm sonst ein Unheil bevor, was der Klabautermann, vermöge seiner geistigen Fähigkeiten, leicht voraussehen kann, dann verläßt er sein Schiff und sucht sich ein anderes, und es ist für die Schiffer dann auch immer ein sicheres Zeichen für eine unglückliche nächste Reise, wenn ihr alter Hausfreund auszieht und sie allein darin zurückläßt. Der Klabautermann sagt es dann auch gewöhnlich den Ratten, die er besonders unter seinem Schutz hat, weil sie ihm manche lange Nacht im untern Raum Gesellschaft leisten, und die gehen dann auch meistens mit ihm. Fragt einmal einen der alten Matrosen, ob er sich auf einem Fahrzeug einschiffen möchte, das der Klabautermann und die Ratten verlassen haben, – nicht für zwanzig Thaler den Monat – er würde eben so leicht daran denken, in einem Waschtuppen in See zu gehen. Seiner gewöhnlichen Natur nach ist er unsichtbar, kann sich aber nichtsdestoweniger, wenn ihm das je nützlich oder angenehm erscheinen sollte, wann er will, auf dem Schiffe zeigen und thut das auch gar nicht selten, meistens aber doch nur bei wichtigen Gelegenheiten. Seine Tracht ist natürlich ächt seemännisch: blaue Tuchjacke und weiße weite Zwillighosen, große Seestiefel, die bis unter die Kniee reichen, ein wollenes Hemd, blau oder roth, wie es gerade seinem Geschmack zusagt, und eine rothe wollene Zipfelmütze. (Die rothe wollene Zipfelmütze ist freilich etwas altmodisch, er hat die aber noch aus der guten alten Zeit beibehalten und trennt sich von ihr nur bei höchst feierlichen Gelegenheiten). Der Klabautermann ist übrigens nicht so groß als die übrigen Menschen, sondern eher von kleiner, aber äußerst untersetzter, kräftiger Statur – er wird selten über dritthalb Fuß hoch, ist aber für seine Größe ungemein breitschultrig und von derbem Gliederbau, mit einem manchmal allerdings etwas sehr dicken Kopf, was in seiner Familie liegen soll – aber doch nie unproportionirt. Er lebt auch keineswegs blos von der Luft allein, wie das Elfen und Sylphiden und andere Mondscheindinger vielleicht thun mögen – fällt ihm nicht ein, nein, er verlangt sogar, wenn er auch nicht gerade in der Kajüte permanent wohnt, denn er haust überall im Schiff, wo es ihm gerade einfällt, daß doch sein Couvert in der Kajüte gedeckt, und Gnade Gott dem Koch, wenn das einmal vergessen sein sollte. Er nimmt dann von diesem nicht etwa Entschuldigungen an, daß es die Schuld der Jungen gewesen sei, Gott bewahre, der Koch muß dafür büßen und er bekommt, ohne daß er die Hand sieht, die sie austheilt, Ohrfeigen links und rechts. Klabautermann verlangt Ordnung. Der Klabautermann ist außerdem aber nicht allein ein guter Gesellschafter, sondern ein fleißiger, thätiger Gesell, der seine Anwesenheit an Bord nicht etwa heimlich hält, sondern im Raum fortwährend arbeitet und schafft, wenn das Schiff erst unterwegs ist, die Ladung zurecht rückt und schüttelt, wo sie locker geworden ist feststaut, und das Stauholz dabei herüber und hinüberwirft und manchmal wirklich einen Heidenlärm macht. Liegt sein Schiff im Hafen und ist der Capitain vielleicht an Land, um Fracht zu suchen, so können die Leute an Bord auch gerade an diesem Holzherumwerfen wissen, ob er Fracht gefunden hat und sie nun bald wieder in der See gehen; Klabautermann wirtschaftet dann im Raum herum, daß es eine Lust ist, wirft die Scheite aus einer Ecke in die andere, und fängt an, Platz zu machen für die kommende Ladung. Solch' ein Zeichen trügt auch nie, denn Klabautermann hält viel zu viel auf sich und seinen guten Ruf, als daß er falschen Lärm schlagen sollte. Wird aber Menschenblut auf einem Schiffe vergossen, verläßt Klabautermann das Fahrzeug ebenfalls bei der ersten passenden Gelegenheit, und verhält sich dann, so lange er noch an Bord ist, so still und ruhig, daß die Leute oft schon geglaubt haben, er sei geradeswegs über Bord gesprungen. Das ist aber sicherlich nicht der Fall, Klabautermann gehört keineswegs zu den Sprudelköpfen, die gleich, wenn ihnen einmal irgend etwas in die Quere kommen sollte, über Bord springen; er kann allerdings schwimmen, liebt aber Salzwasser gar nicht so sehr, um selbst muthwillig hineinzusetzen. Nein, er wartet ruhig seine Zeit ab, aber seiner guten und friedlichen Natur ist Blutvergießen zuwider. – Das Schiff ist seiner Meinung nach entehrt, und er mag es deshalb auch weder länger beschützen noch bewohnen – es ist den Geistern der Rache verfallen, und zu denen gehört unser guter, gemüthlicher Klabautermann wahrhaftig nicht. Geht er aber in einem solchen Fall von Bord, so nimmt er von Niemand Abschied, zeigt sich Niemand und verkehrt überhaupt mit Niemand mehr; nur wer recht aufpaßt, kann vielleicht hören, wenn er seine Kiste aus dem untern Raum heraufschafft, und den Koch läßt er's wissen, daß er für ihn kein Gedeck mehr hinzulegen braucht, denn er drückt ihm den Teller, den dieser ihm hinsetzt, mitten von einander. Es muß immer eine höchst traurige Sache für die Mannschaft sein, wenn der Klabautermann von Bord geht. Sonderbar und höchst eigenthümlich ist es aber, daß, so sicher man auch von der Existenz eines Klabauter mannes überzeugt ist, doch noch nie Jemand von einer Klabauter frau gehört hat. – Es circuliren darüber allerdings einzelne dunkle Gerüchte, Niemand weiß jedoch etwas Bestimmtes darüber, und wer vielleicht etwas Bestimmtes wirklich wissen sollte, darf es nicht sagen – es geht das gewöhnlich so auch in dem übrigen Theil der Welt. So viel ist sicher, der Klabautermann lebt in unserer jetzigen Zeit – so viel die Seeleute wissen und so lange er bei ihnen an Bord ist – in, was die Engländer nennen: » single blessedness «, und was wir etwa übersetzen könnten: »einfacher Seligkeit«. Was er thut, wenn er auf festem Land ist, weiß er selber wohl am besten, es ist aber gewiß selten, daß er hierin einem armen Sterblichen eine Einsicht erlaubt, denn da er sich je nach Belieben unsichtbar machen kann, wird er Anderen seine geheimen Gänge und Wege eben nicht freiwillig auf die Nase binden. Der Klabautermann ist solcher Art das einzige, uns Menschenkindern bekannte überirdische Wesen, das einzig und allein als Maskulinum besteht und sich sogar nur äußerst wenig aus dem schönen Geschlecht zu machen scheint. Selbst die Gnomen – kleine knirpsige Dinger, die tief in der Erde Schachten wohnen, haben ihre Weibchen und Schätzchen, mit denen sie zu Zeiten gar lustig tanzen und jubiliren können, ebenso alle anderen Nymphen und Elfen, Nixen – denn es giebt der und die Nixen – Salamander, Sylphen, Undinen etc. etc. gar nicht gerechnet; nur der Klabautermann sitzt still und einsam auf seinem erwählten Schiff und zieht damit allein und freundlos in die weite See hinaus, oft in langen, langen Jahren nicht wieder heimkehrend, und doch immer gutmüthig mit denen, die er einmal in seinen Schutz genommen; nie mürrisch und unzufrieden, nie zänkisch und gehässig, wie man das sonst wohl so häufig bei den alten Junggesellen findet. – Es liegt wirklich etwas Rührendes in dem Charakter des Klabautermannes. Doch da ich den Leser hier mit einem der Klabautermänner, einem guten, lieben Freunde von mir, näher bekannt machen will, so wird er da wohl auch noch Manches von den näheren Eigenthümlichkeiten dieses kleinen wackern Seegeistes erfahren, und ich will der Erzählung deshalb weiter nicht vorgreifen. Andere Erzähler würden übrigens unter die Ueberschrift ihrer Skizze »Der Klabautermann« wahrscheinlich auch noch – » eine Volkssage « gesetzt haben – ich habe das aber aus verschiedenen Gründen nicht gethan, und zwar deshalb schon, weil es auch jetzt sehr viele Schiffer giebt, die, wenn sie im Geheimen auch wohl recht gut von seiner Existenz überzeugt sind, öffentlich doch ihren Spaß über ihn haben und sich Wunder etwas einbilden, wenn sie die Freigeister dabei spielen können. Klabautermann ist ein viel zu stilles und bescheidenes Wesen, um große Ansprüche zu machen, aber so etwas kränkt ihn denn doch auch, und geht das mit unserer Cultur so fort, wie in den zwanzig und dreißig Jahren, so möchte ich gar nicht dafür einstehen, daß wir von dem »Letzten der Klabautermänner« zu hören bekämen, was mir recht von Herzen leid thun sollte. Für jetzt leben und wirken sie aber noch, wir können sie noch hören und manchmal, in günstigen Augenblicken, auch sehen, und meine kleine Erzählung vom Klabautermann ist deshalb also nichts weniger als eine Volkssage, sondern eher eine Skizze aus dem Leben eines Klabautermannes. Wer das nicht glauben will, mag nur irgend einer der alten deutschen Schiffscapitaine fragen, von denen noch einige würdige Exemplare, aber auch nur wenige, existiren, und die werden es ihm gewiß bestätigen. * Jetzt sind es schon lange Jahre her, denn es war am 1. März 1849 – ich bin gern genau mit dem Datum – als ein kleiner Schooner, oder vielmehr eine Galeotte, was sie auch droben einen Brigschooner nennen, von nicht mehr als höchstens sechzig Tonnen, auf der Weser, eine kleine Strecke unterhalb Brake, fertig zum Auslaufen lag und nur noch auf den »Capitain«, wie sich der Führer desselben gern am Lande und stets am Bord nennen ließ, wartete. Ein paar Worte werden genügen, den Leser mit dem Fahrzeug selber bekannt zu machen, das von außen rauh und ungeleckt genug aussah und eben von einer Reise um Cap Horn oder von einer Walfischfahrt zurückgekehrt zu sein schien, auch von den Seeleuten dort manchmal mißtrauisch, meist aber mit irgend einer spöttischen Bemerkung über sein ganzes Aeußeres betrachtet wurde. Das Takelwerk sah noch ziemlich neu und gesund aus, und an den Masten ließ sich nicht das Mindeste aussetzen; in der That waren die beiden Masten und Stengen erst ganz kürzlich neu eingesetzt und das kleine Fahrzeug wieder frisch aufgetakelt und kalfatert worden; wie aber die Kalfaterer den Rumpf gelassen hatten – die Nähte voll Pech, an einer Seite halb wieder glatt gekratzt, an der andern noch unberührt – so war er liegen geblieben, und die Segel, die eines starken Regens wegen, der die Nacht gefallen, gelöst herunterhingen, um wieder abzutrocknen, sahen so alt und geflickt aus, einzelne mit Theer beschmiert, andere mit alten viereckigen, runden und vieleckigen Fetzen ausgebessert oder vielmehr besetzt, denn ausbessern konnte man das gar nicht nennen, daß sie die Vermuthung vollkommen rechtfertigten, sie wären von allen möglichen anderen Schiffen – theils zurückgekehrten Südseefahrzeugen, theils Auswandererschiffen, die solches Segeltuch nicht mehr fahren mochten, zusammengekauft und wieder, so gut das eben gehen wollte, zurecht geflickt. Der Schooner hatte auch in der That schon volle vier Jahre abgetakelt und gewissermaßen als Wrack in Cuxhaven gelegen, und war kürzlich von dem jetzigen Capitain desselben, dem er noch tauglich genug schien, um den Kostenpreis wieder herausschlagen zu können, aufgekauft und reparirt worden. Takelwerk und Masten hatten aber doch mehr gekostet, als Steffen Vechthold – der Name des jetzigen Eigenthümers – erwartet haben mochte, und an Segeln und anderer Einrichtung mußte nun wieder so viel gespart werden, um einigermaßen wenigstens einen Durchschnittspreis herauszubringen. Kein Pinsel voll Farbe war deshalb auch noch auswendig oder inwendig an das Schiff gekommen, und wenn man dem »Steuermann« glauben wollte, so beabsichtigte der Capitain auch keineswegs, einen einzigen Topf voll an den »alten Kasten« zu streichen. Nur die Kajüte war ein klein wenig hergerichtet worden. Steffen Vechthold hatte sich nicht umsonst so lange in der Welt und allen Welttheilen umhergetrieben, um auch etwas auf seine eigene Bequemlichkeit zu halten. Das kleine Fahrzeug mußte überhaupt früher einmal ein brillant eingerichtetes Schiff gewesen sein; den Spuren nach wenigstens, die sich noch hier und da in den Verzierungen der Kajüte zeigten, war an deren Ausschmückung nicht das Mindeste gespart gewesen. Das Holzwerk im Innern war alles von massivem Mahagoni- und Palissanderholz, die Kuppen aber schwer vergoldet, und die Thürklinken und Schlüssellochverzierungen sollten, wie man munkelte, von reinem massiven Silber gewesen sein. War das übrigens der Fall, so waren sie auch wirklich gewesen , und Jemand, der mehr davon wußte, hatte sie sich sämmtlich sauber abgeschraubt und mit nach Hause genommen. Die jetzigen, die Steffen erst hier in Brake hatte neu einsetzen lassen, bestanden aus keinem kostbareren Metall als Messing. So das Schiff. – Die Mannschaft bildeten: der Capitain, Steffen Balthasar Vechthold; sein Steuermann, ein junger Schwede mit hellblonden Haaren und blauen gutmüthigen Augen; der Koch, ein Mulatte, erst kürzlich einem amerikanischen Schiff davongelaufen; ein sogenannter »Kajütenjunge,« hier aber ein alter Bursche von wenigstens achtundvierzig Jahren mit einem mürrischen, grämlichen Gesicht und Pockennarben, – und vier Matrosen. Die Besatzung war allerdings nicht übermäßig stark, aber auch hinreichend für ein so kleines Fahrzeug. Der kleine Schooner sollte irgendwo an der Elbe gebaut sein, er trug wenigstens noch auf seinem Stern sein altes Abzeichen, eine etwas roh gearbeitete und riesengroße hölzerne Schwalbe mit der Unter- oder vielmehr Umschrift: »Die Elbschwalbe,« war aber nachher in amerikanische Hände übergegangen und Gott weiß zu welchem Handel und Geschäft ge- oder mißbraucht worden, dann aber einmal in Winterszeit, als der frühere Capitain desselben ohne Lootsen in die Elbe einlaufen wollte, auf den Strand gejagt und bald darauf um einen Spottpreis verkauft worden. Der ganze Handel war privatim und ein wenig geheimnißvoll betrieben worden; der letzte Besitzer schien auch sehr wenig dafür gegeben und nicht im Geringsten die Absicht zu haben, je im Leben das verunglückte Fahrzeug wieder in Stand setzen zu wollen. – Der jetzige Eigentümer glaubte es aber zu seinen Zwecken noch recht gut brauchen zu können, und es sollte nun den Beweis liefern, ob es zu billig oder zu theuer angekauft war. Die Elbschwalbe hatte nur ungemein wenig Ladung ein; etwas Kaffee und Zucker, einige Fässer Tabak, Cigarren, Kattune, wollene Zeuge und Decken, wie mehrere andere Kleinigkeiten, um nach Norwegen damit hinaufzugehen und seine Fracht gegen Holz, Eisen und Kupfer einzutauschen, und die Ladung war in den letzten Tagen besonders beeilt worden, da der Capitain gern noch wieder vor der Blockade, die am 26. desselben Monats beginnen sollte, in der Weser zurück sein wollte. Das deutsche Reich, wie wir es damals nannten, hatte dem benachbarten Dänen den Krieg angekündigt, und die Fahrzeuge des »deutschen Reiches« durften sich deshalb nicht draußen in offener See erwischen lassen. Es geht das manchmal so in der Welt. Doch wieder nach Brake zurückzukehren, so war es etwa um drei Uhr, die Fluth oder vielmehr die Ebbe günstig, eine leichte Brise von Südost gerade stark genug, um die Segel ein wenig auszublähen, und der Steuermann schon so ungeduldig, wie nur je ein Steuermann mit voller Ladung, einen Anker auf und Segel gelöst, gewesen ist, oder möglicher Weise sein kann. Endlich kam Steffen Vechthold aus Grosse's Hotel, wie das Wirthshaus in Brake etwas schmeichelhafter Weise genannt wird, kreuzfidel herausgesprungen, unter jedem Arm hatte er einen andern Bremer Capitain, alle drei mit dicken rothen Köpfen und freudestrahlenden Gesichtern; an der Landung fielen sie sich noch einmal um den Hals, schwuren sich ewige Freundschaft und setzten Vechthold zuletzt in seine kleine Jolle hinein, die schon zwei Stunden dort auf ihn gewartet hatte und ihn jetzt, so schnell ihn eschene Ruder bringen konnten, an Bord seines eigenen Fahrzeuges schaffte. »Der Alte,« wie er und jeder andere Capitain gewöhnlich an Bord seines eigenen Schiffes genannt wird, war die Fallreepstreppe noch nicht ganz hinauf, als die Raaen schon herumflogen und die Schoten festgezogen wurden – das Tau, was sie noch am Lande festhielt, war gelöst, und während das kleine Boot hinten hängen blieb und nachgezogen wurde, bewegte sich die Elbschwalbe langsam vom Ufer ob und den Strom hinunter. Gegen Abend wehte ein frischer Südost, und vor Dunkelwerden verließ das wackere kleine Schiff, das viel besser segelte, als man es ihm, seinem Aussehen nach, hätte zutrauen sollen, die letzte Wesertonne und befand sich in offener See. Capitain Vechthold, der in seiner Koje lag und schnarchte, daß es eine Lust war, verschmähte es, einen Lootsen an Bord zu nehmen, der Steuermann kannte aber das Fahrwasser eben so gut wie ein solcher, und brachte das Schiff allein hinaus. Der Steward, wie er an Bord genannt wurde, mußte natürlich ebenfalls seine Wache mitstehen und überhaupt Matrosendienste thun. Er und ein alter Matrose Namens Jahn (der Steward – wie fast sämmtliche Matrosen und Capitaine, die von Bremen aus schiffen – hieß Meier) waren die beiden Aeltesten an Bord und früher schon lange Jahre mitsammen gefahren, es versteht sich daher von selbst, daß sie hier unter lauter fremden Kameraden ebenfalls wieder zusammenhielten, noch dazu, da sie eine Wache mitsammen gingen. Die Wachen an Bord eines Schiffes sind in die Steuerbord- und Backbordwache eingetheilt. Der Capitain hielt mit dem Steward Meier, der des Unterschiedes wegen Tellermeier genannt wurde, mit dem alten Jahn, der aus Oldenburg stammte, und mit einem Finnen, Clas genannt, die Steuerbordwache. Auf der Backbordwache waren der Steuermann, zwei Bremer Matrosen, beide mit Namen Meier und des Unterschiedes wegen Pech- und Theermeier gerufen, und der Koch Scipio. Jetzt kennt der Leser die ganze Besatzung und es ist seine eigene Schuld, wenn er sich mit ihnen nicht befreunden kann. Drei Tage waren sie in See gewesen, das Wetter und der Wind hatten sich ziemlich gut gehalten und der kleine Schooner bis jetzt seinem Namen keine Schande gemacht. So ruppig das kleine Ding aussah, so gut segelte es noch bei und vor dem Wind, und »der Alte« schien darüber auch eine so unmäßige Freude zu haben, daß er aus den Feiertagen gar nicht herauskam und ein Glas nach dem andern, eine Flasche nach der andern zu Ehren seiner wackern Elbschwalbe leerte. Nur die Art, auf die er dies that, war eigenthümlich.– Er hatte im hintersten Spiegel des Schiffes eine kleine, vollkommen abgeschlossene Kajüte für sich, die der Steuermann auch nicht einmal Mittags zur Observationsberechnung betreten durfte; nur der Steward Tellermeier kam Morgens früh, wenn der Capitain noch im Bett lag, hinein, machte rein und räumte auf, und nachher war dieser kleine Verschlag auch für ihn ein Heiligthum. Abends aber, und manchmal schon früh Nachmittags, ließ sich Steffen Vechthold einen Kessel mit heißem Wasser hinter bringen, schloß die Thür ab, schob zwei Riegel vor, und dann dauerte es auch keine Stunde, so fing es an in der Kajüte lustig herzugehen; Gläser und Löffel klirrten, Pfropfen flogen, der Capitain brachte in einer vollkommen fremden Sprache eine Gesundheit nach der andern aus und sang zuletzt, daß das Verdeck dröhnte, manchmal bis spät in die Nacht hinein. Auf dem Steuermanne lag indessen die ganze Leitung des Schiffes, und in der Capitainswache nahm Clas, der Finne, den sich Capitain Vechthold in dem Schooner mit aus der Elbe gebracht und gewissermaßen zu einer Art Bootsmann gemacht hatte, seinen Stand auf dem Quarterdeck, hielt jedoch auch seine gehörige Zeit am Steuerrad, denn des ziemlich häufigen Nebels wegen war es zugleich nöthig, daß ein regelmäßiger Ausguck nach vorn zu gehalten werden mußte, und die Wache wäre sonst zu schwach gewesen. An diesem Abend saßen Jahn und Tellermeier vorn an der Back, die Beine nach der Galion zu hinaushängend; Clas stand gerade am Steuer, und eine Weile hatten sie schon schweigend und Jeder mit seinen Gedanken beschäftigt in die Nacht hinausgeschaut, als endlich Tellermeier seinen Ideen Worte gab und mit dumpfer, hohlklingender Stimme sagte: »Der Capitain gefällt mir nicht, Jahn!« »Mir auch nicht,« erwiderte Jahn, und die Unterhaltung schien damit für eine ganze Zeit abgebrochen. »Hast Du den Klabautermann schon gehört?« fuhr Jahn endlich nach einer, wohl eine halbe Pfeife lang dauernden Pause fort. »Ne!« rief Tellermeier schnell und drehte sich, jetzt vollkommen aufmerksam geworden, nach seinem Kameraden um, der aber ohne weitere Bemerkung ruhig fortrauchte – »haben wir einen Klabautermann an Bord? – wie kommt denn der in den alten Kasten?« »Weiß ich nicht,« sagte Jahn, »aber es giebt noch Unheil. Der Alte will nicht, daß ihm Scipio ein Gedeck mit in der Kajüte auflegen soll, und Klabautermann ist ärgerlich darüber – vorgestern hat er dem Koch den großen eisernen Kaffeebrenner, der oben in der Cambüse hängt, auf den Kopf geworfen und ihm gestern einen ganzen Korb mit Tellern und Geschirr umgestoßen, und Scipio schwört Stein und Bein, er hätte gestern nach Tisch eine Ohrfeige gekriegt, daß ihm die Ohren den ganzen Nachmittag danach geklingelt hätten – er will auch gar nicht mehr allein in der Cambüse bleiben.« »Was weiß aber der Mulatte vom Klabautermann?« sagte Tellermeier erstaunt. »Was er davon weiß?« rief Jahn mitleidig – »ich denke, der Klabautermann wird's ihm schon auf die Haut schreiben, was er davon wissen soll; – übrigens hab' ich ihm gestern die ganze Geschichte ordentlich auseinandergesetzt, und da die Schwarzen bei sich zu Hause ähnliche Wesen haben, die bei ihnen wohnen und mit ihnen essen, und Scipio auch sonst ein ganz vernünftiger und gebildeter Mensch für seine Farbe ist, ließ er sich leicht überzeugen.« »Wenn der Alte aber verboten hätte, ein Gedeck für den Klabautermann hinzustellen,« sagte Tellermeier jetzt plötzlich, »so müßte ich doch eigentlich davon wissen, denn ich setze ja die Teller in der Kajüte auf, und er hat mir noch kein Wort davon gesagt.« »Setz' einmal eins hin und sieh, was der Alte sagen wird ,« brummte Jahn; »ich ging gestern zu ihm und stellte ihm die Sache vor, aber er lachte mir gerade in's Gesicht hinein und schwur, wenn ich ihm noch einmal mit einem solchen Unsinn käme, wollte er mich beklabautermannen!« »Hm, hm, hm!« murmelte Tellermeier nachdenkend vor sich hin, »es geht curios zu auf der Welt.« »Ja wohl geht's curios zu auf der Welt,« wiederholte aber Jahn – und jetzt leiser als vorher, als ob er fürchtete, daß ihn Jemand behorchen möchte, »und noch curioser in der Kajüte dahinten,« (er deutete dabei, ohne sich umzusehen, mit dem rechten Daumen über die linke Schulter) »curioser als in der ganzen andern Welt zusammengenommen. – Sag' einmal, Tellermeier, mit wem trinkt denn der Alte Nachts in seiner Kajüte – mit wem stößt er denn an, und mit wem singt er denn solche heidnische Lieder? – Wenn das mit rechten Dingen zugeht, will ich nicht Jahn Holzkeller heißen, wie ich christlich getauft bin. Bist Du da so ruhig bei?« »Ruhig bei?« flüsterte Tellermeier jetzt ordentlich leise und rückte, so nahe er konnte, nach seinem Kameraden hinüber– »ruhig dabei? – Da soll Einer auch ruhig dabei sein – mir arbeitet's schon lange im Kopfe herum, und ich habe mir Mühe genug gegeben, dahinter zu kommen – aber keinen Fußbreit geh' ich der Thür wieder näher, wenn sie's da drinnen zusammen haben, und wenn sie die Kajüte um und um drehen.« »Sie –?« frug Jahn rasch und nahm zum ersten Mal die Pfeife vor lauter Erstaunen aus dem Munde. »Nun, der Alte wird doch wohl allein keinen Chor singen sollen?« sagte Tellermeier. Also Chor singen sie – hm? – Aber wer sind denn eigentlich die sie – hast Du noch gar nichts davon wegbekommen können. Mann, Du schläfst doch dicht vor der Kajüte, und ich sollte denken –« »Ja, ich habe auch gedacht,« brummte Tellermeier halblaut vor sich hin, »und neulich plagte mich einmal der Böse, daß ich's absolut heraushaben wollte. Wie ich also die Wache zur Koje hatte und der Heidenlärm dadrinnen erst recht losging, denn schlafen könnt' ich ja doch nicht dabei, schlich ich mich leise an die Thür und versuchte, ob ich nicht durch's Schlüsselloch hineingucken könnte. Nun wüßt' ich recht gut, daß der Alte das Schlüsselloch immer von innen mit Papier zustopft, dagegen hatt' ich mich aber vorgesehen und meinen Pfeifenräumer mitgenommen, und wie sie dann nun drinnen im besten Jubiliren waren, drückte ich den leise in's Schlüsselloch und bohrte so lange, bis ich den kleinen Papierpfropfen inwendig glücklich hineinbrachte.« Jahn hatte bis jetzt mit wahrhaft peinlicher Spannung zugehört, die Pfeife war ihm im wahren Sinn des Wortes ausgegangen, und er sah aus, als ob er Tellermeier mit den Augen verschlingen wollte. »Nun?« sagte er gespannt, als dieser einen Augenblick anhielt, um Luft zu schöpfen. »So wie das Papier inwendig herunterfiel,« fuhr der Steward noch leiser und sich scheu dabei umsehend fort, »war auf einmal Alles todtenstill drin – Du kannst etwa denken, was ich für einen Schreck kriegte, und ich fuhr wie der Blitz zurück und wollte mich fortmachen – ich glaubte, der Alte hätte 'was gemerkt und dann gnade Gott – aber ich war noch keine zwei Schritte von der Thür, als es drin wieder losging, toller als vorher. Jetzt kam mir die Courage und ich glitt im Nu wieder auf meinen Posten.« »Und konntest Du denn inwendig 'was erkennen?« frug Jahn im äußersten Interesse. Tellermeier bog sich langsam zu ihm über, legte seine Hand auf Jahn's Schulter und wollte eben den Mund aufthun, als sie Beide, wie vom Blitz getroffen, auseinanderfuhren. »Brassen!« schrie der Finne am Steuerrad – »brassen da vorne!« »Alle guten Geister, was mir der Schuft für einen Schreck eingejagt hat!« murmelte Jahn vor sich hin, als er aufsprang, um dem Ruf Folge zu leisten – »nachher,« flüsterte er dann leise Tellermeier zu, und sie gingen nach Backbordseite hinüber, um die Raaen dort ein wenig anzubrassen. Der Wind hatte sich etwas gedreht und war auch stärker geworden. Jahn aber konnte die Zeit kaum erwarten, bis sie wieder vorn am Bugspriet saßen, und sie waren noch nicht oben, als er Tellermeier schon beim Arm nahm und sagte: »Also hast Du doch wirklich etwas gesehen?« »Ne!« sagte Tellermeier noch leiser als vorher, »aber ich hatte die Nase kaum gegen die Thür geklemmt, und eben die Lampe, die mitten auf dem Tisch stand, auf's Visir genommen, als es mir plötzlich eine ganze Partie Schnupftabak in's Auge blies und ich vor Schmerz und Schreck laut aufschreien mußte. Drinnen ging aber jetzt erst recht der Teufel los, und ich kroch in meine Koje so schnell hinein, wie ich nur hineinkommen konnte und – Jesus, meine Güte, wie mir das Auge weh that.« »Hör' einmal, Tellermeier,« sagte Jahn nach einiger Zeit, in der er nachdenkend wieder fortgeraucht hatte – »die Sache geht schief – das thut's nicht hier an Bord – und – der Finne gefällt mir auch nicht.« »Mir auch nicht,« sagte Tellermeier jetzt und fing an, sich seinen Tabak zu einer neuen Pfeife zu schneiden. Er schüttelte dabei in einem fort mit dem Kopf, aber er äußerte nichts weiter. »Die Finnen sind überhaupt gefährliche Gäste,« fuhr Jahn fort, – »ich trau' ihnen allen miteinander nicht. – Wo noch Unglück über ein Schiff kam, ist's durch einen Finnen geschehen – und mach' Dir einen von den Halunken zum Feind und sieh, ob Du nicht ein böses Bein oder eine dicke Backe oder sonst 'was Unnatürliches kriegst – sie haben's alle hinter den Ohren – und Clas auch.« »Der Capitain und Clas sind höllisch dick mit einander,« sagte Tellermeier – »sie haben immer insgeheim mit einander zu schwatzen, und Clas ist auch schon einmal Abends mit unten in der Kajüte gewesen.« »Siehst Du, wie Du bist!« rief Jahn schnell; aber jede weitere Unterredung wurde durch den Klang der Kompaßglocke unterbrochen, die die zehnte Stunde kündete und Jahn und Tellermeier zum Loggen, wie den Einen von ihnen an's Ruder rief. Auf dieser Fahrt fiel weiter nichts Merkwürdiges vor, nur bekam der Steward einmal Nachts im Schlaf einen solchen Hieb auf die Nase, daß sie ihm am andern Morgen dick aufgelaufen war. Er wußte recht gut, wo der hergekommen war, und stellte gleich zum Frühstück, um sich nicht weiteren Mißhandlungen auszusetzen, einen dritten Teller auf den Tisch. Die Folge davon war, daß er mit dem Teller aus der Kajüte geworfen wurde, und der Capitain fluchte hinter ihm her, nannte ihn Eselmeier und sagte, er hätte sich Nachts im Schlaf an die Nase gestoßen und sein Gehirn verletzt. Damit war die Sache vor der Hand aus, und sie kamen nach einer sehr glücklichen Fahrt von acht Tagen ohne weitern Unfall in Bergen an. Der Klabautermann hatte nichts weiter von sich hören lassen. In Bergen beeilte Steffen Vechthold das Aus- und Einladen des kleinen Fahrzeugs auf das Eifrigste, er nahm Leute dort an, die ihm helfen mußten, und am achten Tage, nachdem er vor der kleinen Stadt Anker geworfen, kam die letzte Stange Eisen an Bord. Denselben Morgen noch nahm er sein nöthiges Wasser und seine Provisionen ein, und am 17. Morgens lichtete er die Anker und stand wieder in See, um noch vor der dänischen Blockade im sichern Hafen zu sein. Capitain Vechthold hatte ein ausgezeichnetes Geschäft gemacht und war ungemein guter Laune, saß auch jetzt nicht mehr Abends allein in der Kajüte und sang und jubilirte, sondern hielt seine Wache ordentlich auf Deck wie der Steuermann, pfiff aber die ganzen vier Stunden durch, der Wind mochte nun mit vollen Backen wehen oder nicht, und fluchte, wenn ihm irgend etwas in die Quere kam, wie ein wirklicher lebendiger Heide. – Steffen Vechthold's Fluchen mußte jedem guten Christen ein Greuel sein, und Jahn besonders hatte seine bösen und ängstlichen Gedanken darüber. Dem kleinen Schooner schien das aber Alles nichts anzuhaben; der lief vor dem Wind seinen Weg, sieben und acht, ja manchmal auch wohl neun Knoten die Stunde weg und rührte sich weiter nicht. Vier Tage waren sie jetzt wieder in See, und Jahn hatte die Hundewache – von Vier bis Sechs – und war eben nach oben gegangen, um auf des Capitains Geheiß (der unten auf dem Quarterdeck, mit beiden Händen in den Taschen seines dicken Rockes, rasend schnell auf- und ablief und pfiff) einen neuen Strapp um den Oberleesegel-Block an Backbordseite zu legen. Die Leesegelspiere war noch von der letzten Wache her, wo das Leesegel gebraucht worden und der Strapp riß, ausgeschoben, und Jahn trat oben in die Lufttaue oder »Pferde«, die unter der Raae für die Matrosen zum Darinstehen angebracht sind, und faßte eben die Spiere, um sie nach innen zu schieben, damit er den Block von der Marsraaenocke aus erreichen konnte, als es ihm plötzlich wie mit einem kalten Schlag durch die Glieder fuhr, und es fehlte nicht viel, so wäre er von der Raae weggefallen. Uebrigens hatte er auch alle Ursache zu erschrecken, denn draußen, auf der schwanken Leesegelspiere, ohne sich anzuhalten und die Hände in den Taschen seiner kurzen Jacke, die kleinen dicken Beine herunter und hin- und herschlenkernd, saß Klabautermann und nickte dem Matrosen, als er ihn zu sich hinausschauen sah, freundlich, aber doch mit einem recht wehmüthigen Zug um den Mund zu, ohne jedoch seine Stellung auch nur im Mindesten zu verändern, oder aufzuhören, mit den Beinen dabei zu schlenkern. »Guten Tag, Jahn,« sagte Klabautermann. »Ei, Gott zum Gruß, Klabautermann!« sagte aber auch Jahn jetzt, der seine Geistesgegenwart wieder gewonnen hatte und hier auch keine Ursache zur Furcht sah, obgleich es ihn nicht wenig wunderte, den Klabautermann am hellen lichten Tage oben in der Takelage gleich so gesprächig und freundlich zu finden. »Aber, Blixem!« – setzte er dann erstaunt hinzu – »der Klabautermann hat sich ja heute, mitten in einem Werkeltag, gewaltig geputzt und sein hellneues Zeug an; wie kommt denn das, oder ist heute Geburtstag?« Jahn hatte ganz Recht, Klabautermann trug weder seine rothwollene Mütze, noch seine Seestiefeln, sondern war genau so angezogen, als ob er an Land gehen und sich bene thun wollte. Er hatte einen niedern, mit Wachstuch überzogenen und ziemlich breitrandigen Hut auf, von dem, vorn über das linke Auge herüber, ein paar breite Streifen schwarzseiden Band etwas keck und verwegen herunterflatterten, außerdem trug er eine kleine, mit dichten Reihen niedlicher, runder und blanker Knöpfe besetzte Tuchjacke, aus deren linker Tasche der Zipfel oder vielmehr die Hälfte eines gelb- und rothseidenen Taschentuches herausflatterte, weite, weiße Hosen, weiße Strümpfe und blanke Schuhe, und den Hemdkragen vorn mit einem dünnen schwarzseidenen Tuch in einem Schifferknoten zusammengehalten. Es mußte 'was ganz Absonderliches mit Klabautermann im Werke sein. »Jahn!« sagte Klabautermann endlich, nachdem er sein Priemchen von Backbord nach Steuerbord hinübergeschoben und wie unwillkürlich einen Blick nach den Wolken und den Segeln hinauf und neben sich geworfen hatte – »Jahn, es gefällt mir hier nicht mehr länger bei Euch, und ich habe Lust, mich nach einem andern Fahrzeug umzusehen.« »Ach Du lieber Gott, Klabautermann, Ihr wollt uns doch nicht verlassen?« sagte Jahn erschreckt; »dann sind wir ja verkauft und verloren und sehen die Weser und Oldenburg im Leben nicht wieder.« »Jahn!« sagte Klabautermann, und er sah ordentlich gerührt dabei aus, »es thut mir leid um Euch, aber mit der Elbschwalbe geht's schief.« »Hab' ich denn das nicht immer gesagt!« rief Jahn mit Todesschreck aus, »Tellermeier glaubt's auch. Oh Du mein gütiger Heiland! so soll ich mein junges Leben hergeben und hier so elendig mit den übrigen sündigen Menschen von Haifischen und anderen Kreuzbestien gefressen werden!« »Weine nicht, Jahn,« beruhigte ihn aber Klabautermann. »Erstlich bist Du gar nicht so jung mehr, denn ich glaube doch nicht, daß Du noch viel in den Vierzigen zu suchen hast, und dann geht's auch noch nicht zum Schlimmsten. Es ist schon manches Schiff verloren gegangen und die Mannschaft gerettet worden. Euer Capitain hat aber selbst Schuld, das viele und ewige Fluchen –« »Heiliges Kreuzhimmeldonnerwetter!« tönte in diesem Augenblick des Capitains Stimme von unten herauf – »wie lange soll das dauern, Jahn, bis Du die Leesegelspiere hereinkriegst? Soll ich Dir etwa noch Jemand zum Helfen hinaufschicken, oder selber kommen? Da soll doch ein Sackerment dreinschlagen über so ein verdammtes Getrödel.« »Da haben wir's wieder,« sagte Jahn und sah bestürzt den Klabautermann an, der traurig dazu mit dem Kopf nickte und schüttelte. Jahn befand sich übrigens in einer peinlichen Verlegenheit; denn unten fluchte und wetterte der Capitain, und gehorchte er dem nicht, so durfte er sich auch wohl noch auf etwas Schlimmeres gefaßt machen, und hier auf demselben Holz, das er bergen sollte, saß der Klabautermann und schlenkerte mit den Beinen. Er konnte doch dem Klabautermann die Spiere nicht unter dem »Setz' Dich drauf« fortziehen. Mochte kommen was da wollte, das ging unmöglich an. Klabautermann sah aber recht gut, wo ihn der Schuh drückte, und sagte gutmüthig: »Zieh nur ein, Jahn, ich setze mich auf die Raae neben Dich, obgleich ich mir nicht denken kann, daß er bei dem Wind auch noch Leesegel führen will, die Bramsegel sind schlimm genug und die Bramstenge kann's so nicht mehr lange machen; beim ersten Puff geht entweder das Segel oder die Stenge weg!« Mit diesen Worten war er von der Spiere verschwunden, und als Jahn diese rasch einholte und sich erstaunt umschaute, saß er auf der Marsraae neben ihm und steckte sich eben wieder ein frisches Priemchen in den Mund. – »Das viele und ewige Fluchen,« fuhr nun auch Klabautermann in seiner vorhin kurz abgebrochenen Rede weiter fort, als ob gar nichts Störendes dazwischen hineingekommen wäre – »kann auf der Welt nicht gut sein. Ich habe gar nichts dagegen, daß Einem manchmal so recht in der Hitze und in Gedanken ein kurzes »Gott verdamm' mich« oder »Schwerenoth« herausfährt, es ist das nicht so bös gemeint und liegt mehr in unserer Natur« (Klabautermann sprach gerade, als ob er genau eine solche Constitution hätte, wie andere Menschen), »aber den ganzen lieben unausgesetzten Tag wettern und schwören und fluchen, daß einem ordentlich ein Schauder über den Leib läuft, das ist nichts. Und mit dem Pfeifen unten wird er's auch noch kriegen – ich will nichts sagen, bei Windstille und schwachem Wind ein bischen zu pfeifen, das schadet nichts und hilft manchmal sogar zu besserer Witterung: so gegen alle Vernunft aber einem tüchtigen Norder gerade die die Zähne hineinzupfeifen, das ist Lästerung und führt zum Uebel, und ehe Ihr hier an Bord drei Tage älter seid, werdet Ihr erleben, ob ich Recht habe.« »Und ein Couvert will er auch nicht für Euch legen lassen, Klabautermann,« sagte Jahn, dem jetzt ganz angst und bange wurde, mit betrübter Stimme, »Tellermeier und ich haben alles Mögliche versucht, um ihn dazu zu bringen, aber Gott bewahre – er ist ein reiner Heide.« »Hm, das wäre das Wenigste,« sagte Klabautermann, drückte die Unterlippe wie verächtlich vor und warf den Kopf ein wenig in die Höhe, daß ihm das Band hinten überflatterte; »daraus mach' ich mir verwünscht wenig, wenn sich's auch eigentlich gehört und in der Ordnung ist.« Klabautermann sagte das aber nur so, denn Jahn sah deutlich, daß er sich durch eine solche Hintenansetzung doch innerlich beleidigt fühlte; er wollte das aber den Matrosen nicht gerne merken lassen. »Ja,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, in der er sich mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu haben schien, »es thut mir leid, das alte Schiff verlassen zu müssen, ich habe es mitbauen und auftakeln helfen und bin selbst damals, als es das Unglück hatte, nicht von Bord gegangen – wenn Jemand einmal ein altes Kleid bequem ist, zieht er's nur ungern aus, aber wenn's denn zuletzt sein muß , dann kann man's auch nicht mehr ändern und muß sich in das Unabänderliche fügen. Wenn Ihr übrigens meinem Rath folgen wollt,« brach er kurz ab, denn er sah, daß Jahn mit seiner Arbeit fertig war und hinunter mußte, »so nehmt Ihr die Bramsegel weg und das schnell. Wer weiß, ob sich nicht Alles noch zum Besten lenken läßt; der Mensch muß dann aber auch nicht muthwillig in's Verderben hinein stürmen !« Und als Jahn ihm einen guten Tag bieten wollte, war er verschwunden. Jahn stieg wie im Traum die Wanten hinab, und als ihn der Capitain unten seiner Langsamkeit und Faulheit wegen ausschalt, hörte er es gar nicht. Erst als der Befehl gegeben wurde, das Boven-Leesegel wieder klar zu machen, kam er zu sich selber und bat den Capitain fast mit Thränen im Auge, er möchte doch um Gottes willen nur diesmal keine Leesegel setzen, es ginge sonst gewiß schief und der Klabautermann hätte selber gesagt, das Schiff hielt's nicht aus. Da hatte er sich aber eine kostbare Suppe eingebrockt – oh Du liebe Güte, wie zog der alte Steffen Vechthold los, und was wußte er heute für Schimpf- und Fluchwörter! Um ein Himmeldonnerwetter fing er gar nicht an, immer gleich zehn- und zwanzigtausend» und das Ende vom Lied war, daß Jahn selber das Leesegel mit aufhissen mußte und dann Tellermeier vorgerufen wurde. Jahn hatte indessen Tellermeier seine ganze Unterredung mit dem Klabautermann erzählt, und der Steward war, wie sich das auch denken läßt, nicht wenig bestürzt darüber. »Meier,« ranzte ihn aber der Capitain an, als ob er ihn auf der Straße gefunden hätte – Steffen Vechthold verschmähte auch sein Unterscheidungswort und nannte ihn nur schlechtweg Meier – »Meier, wenn Du dem Lump, dem Jahn davorn, noch einen Tropfen Schnaps giebst, außer seinem Deputat, was die Anderen kriegen, dann häng' ich Dich bei den Ohren auf und ihn daneben, und dann kannst Du – das Maul sollst Du halten, verdammter Lump, wenn ich mit Dir rede – und dann kannst Du Dich nachher mit ihm von Eurem Klabautermann unterhalten. Hast Du gehört, he? – nun jetzt marsch nach vorn – und nun nimm Dich in Acht, Du – Du Advocat Du!« Steffen Vechthold war immer ungemein böse, wenn er seine Leute Advocaten nannte. Er hielt das für das ärgste Schimpfwort auf der ganzen Welt und hatte mehr als einmal versichert, er wollte lieber mit größter Gemüthsruhe fünfundzwanzig auf den bloßen »T. Z.« d. h. Rücken haben, als sich ein einziges Mal Advocat nennen lassen. – Er hatte nun einmal eine Antipathie. Wie's Jahn aber, oder der Klabautermann vielmehr, vorher gesagt hatte, so geschah es. Das Bovenleesegel stand kaum, als ein plötzlicher Windstoß die Spiere dicht an der Raae wegbrach, und wäre nicht des Capitains Wache jetzt nach unten gewesen und der Steuermann auf Deck gekommen, der weit vernünftiger und ruhiger war und jetzt auch die Unterleesegel und Bramsegel wegnehmen ließ, es hätte jedenfalls ein Unglück gegeben. Von dem Tage ab verließ sie aber der günstige Wind, sie mußten in einem fort kreuzen, und lagen sie über diesen Bug, so schrahlte der Wind nach der, und lagen sie über den andern, so schrahlte er nach jener Seite weg, daß sie anstatt sechs Strichen manchmal acht und zehn brauchten und viele Tage lang nicht allein keine Meile vorwärts kamen, sondern sogar noch zurückgetrieben wurden. Der Capitain hätte sich zu jeder andern Zeit freilich den Henker daraus gemacht; so genau aus ein paar Tage kommt es bei einer Seereise nicht immer an, und auf Stunden und Minuten läßt sich das Erreichen eines Zieles mit Segelschiffen nun gar nicht bestimmen. Hier lag aber der Knüppel beim Hunde – wenn die Elbschwalbe am 26. März nicht in der Weser war, kam sie gar nicht hinein, so viel war sicher, oder sie mußte sich hineinstehlen, und wurde sie dann abgefaßt, so ging der ganze hübsche Profit, der sich unter günstigen Umständen aus der Ladung herausschlagen ließ, jedenfalls in die Brüche. Da sollte Einer auch nicht ärgerlich bei werden. Die Zeit, wo es selbst möglich gewesen wäre, noch vor dem Wiederbeginn der Blokade den schützenden Hafen zu erreichen, war indessen beinahe verlaufen, als sich endlich der Wind wieder drehte und nun aus dem rechten Winkel und mit der rechten Stärke blies. Nur vier Tage so anhalten, und die Elbschwalbe war in Sicherheit; aber vier Tage sind eine lange Zeit, wenn der Wind fest auf einem Strich stehen bleiben soll, und Capitain Vechthold setzte deshalb auch jeden Lappen Leinwand auf, den er nur aufsetzen konnte. »Je ärger es weht, desto mehr Segel auf,« schien überhaupt sein Sprüchwort, und Jahn wie Tellermeier, die bis jetzt immer in kleinen Küstenfahrern, in Kuffen und Kähnen in der Nord- und Ostsee herumgeschifft und gewohnt gewesen waren, wenn es nur irgendwie zu wehen anfing, entweder gleich irgendwo einlaufen oder, wenn das nicht anging, beizudrehen und so lange zu Koje zu gehen, ja auch nicht selten, wenn sie das nur noch irgend möglich machen konnten, wieder nach dem Platz ihrer Ausfuhr zurück zu laufen und dort besser Wetter abzuwarten, sahen mit Entsetzen, wie Steffen Vechthold seinem Verderben entgegenrennen wollte , und weder sie noch der Klabautermann selber konnten ihn davon zurückhalten. Der Wind hielt aber nicht aus, wenigstens nicht so stark wie bisher; einen Tag hatten sie fast vollkommene Windstille, und obgleich Steffen Vechthold auf Deck umherschimpfte und fluchte und sich bald die Seele aus dem Leibe pfiff, wollte keine Brise kommen. Das Aergerlichste aber dabei blieb, daß sie sich gar nicht mehr so weit von der Weser befanden und morgen war der 26ste. Wenn die Nacht keine ordentliche Brise kam, fanden sie die Bude zugeschlossen und ein paar dänische Kriegsschiffe vor der Mündung liegen, die dann wohl wissen würden, wohin sie mit der Elbschwalbe gingen. Die Nacht kam aber Brise; um Mitternacht, zu welcher Zeit sich gewöhnlich der Wind ändert, wenn es überhaupt eine Aenderung geben sollte, oder die Witterung irgend einen bestimmten Charakter annimmt, blies es von Norden herunter, daß es eine Lust war, und Steffen ließ mit seinen Segeln auch nicht lange auf sich warten. So schnell Menschenhände sie hinaufbringen konnten, saßen Leesegel an beiden Seiten, und vor dem Wind jagte die Elbschwalbe ihre neun Meilen Wache herunter. Aus der Brise wurde aber ein Sturm, über die aufgeregten Wasser heulte es her und pfiff durch die Taue und Blöcke; aber Steffen Vechthold rührte sich nicht, ein einziges Segel zu bergen. »Thu' ich Segel weg,« sagte er zu seinem Steuermann, »so kriegen mich die Dänen, und thu' ich keine weg, so holt mich vielleicht der Teufel, also 's ist so oder so, zuletzt kommt's doch immer auf eins heraus, und es mag biegen oder brechen – verassecurirt bin ich wenigstens gegen Schiffbruch.« Und es brach auch – erst die Leesegelspieren, die wie Schwefelhölzer abknickten und der Elbschwalbe um die Ohren herum schlugen; die Leute brauchten sich aber keine Mühe zu geben, die Leinwand zu bergen, denn die flog in Fetzen davon und voraus. Das Bramsegel stand jedoch noch und bog sich wie eine Ruthe – es sah ordentlich gefährlich aus und man hätte glauben sollen, es möchte jeden Augenblick herunter kommen. »Reefen!« schrie Klabautermann von oben schon eine halbe Stunde lang nieder; aber die Einzigen, die ihn hörten, waren Tellermeier und Jahn, und die durften nicht mucksen, wenn sie's nicht faustdick vom alten Steffen bekommen wollten. Wie damals bei der Ausfahrt, hatten sie wieder die Wache von Vier bis Acht an Deck. Clas stand am Ruder und Steffen Vechthold ging heute mit großen Schritten auf seinem Quarterdeck auf und nieder und tauchte nur dann und wann einmal in seine Kajüte unter, um sich in der Geschwindigkeit einen »kalten Grog« zurecht zu mischen und die Lebensgeister damit ein wenig frisch zu halten, wie er's meinte. Die andere Wache war aber ebenfalls nicht zu Koje gegangen, es hing Alles an diesen letzten wenigen Stunden, und die ganze Mannschaft wurde deshalb beordert, bei der Hand zu bleiben, im Falle ja etwas vorfallen sollte. Die Leute hätten auch so nicht schlafen können; denn in stockfinsterer Nacht, mit solchen Segeln auf eine Küste los zu jagen, die bei einem heftigen Nordwind schon am hellen Tage gefährlich war, machte selbst Pech- und Theermeier um ihre eigene Sicherheit besorgt, und in ihre dicken Jacken eingeknöpft, dem Unwetter soviel als möglich die rauhe Seite zuzukehren, standen sie gegen die Cambüse gedrückt und erwarteten den Tag. »Besahn-Schoot!« rief es da, als die kleine Compaßglocke eben acht Glasen (vier Uhr Morgens) geschlagen hatte, vom Hinterdeck herüber, und – »Potz Wetter, Besahnschoot!« wiederholte Pechmeier, der sonst selten oder nie etwas sagte, mit ganz außergewöhnlicher Lebendigkeit, und die Leute zeigten überhaupt sämmtlich eine Bereitwilligkeit, dem Rufe »Besahnschoot« Folge zu leisten, die jeden Uneingeweihten sicherlich in das größte Erstaunen versetzt haben würde. Die Sache hatte aber auch einen guten Grund und die Besahnschoot selber nicht das Mindeste damit zu thun, sondern der Ruf galt der kleinen steinernen Kruke, mit der Tellermeier in der Nähe der Besahnschoot lehnte und der Ankunft der Leute harrte, die auch keineswegs lange auf sich warten ließen. In der Rechten die Kruke, deren unteres Ende er mit dem Ellbogen gegen die Seite gedrückt hielt, während er mit der Hand selber den Hals nach Befinden auf und nieder lenkte, hielt er in der Linken einen kleinen Blechbecher, so groß ungefähr wie ein halbes Loth Kaffee, und schenkte diesen Jedem der Leute einmal mit Bremer Genever (Kartoffelbranntwein, auf ein altes Geneverfaß abgezogen) voll. Das Benehmen der Leute blieb sich dabei fast durchgängig gleich – sie traten mit einem halb vergnügten, halb besorgten Gesicht heran – denn wenn Tellermeier einschenkte, sah es immer aus, als ob er die Hälfte dabei vergießen wollte, – hielten die rechte Hand etwas vorgestreckt, um den kostbaren Stoff in Empfang zu nehmen, damit sie ja keine Zeit versäumten, und holten indessen mit der linken das Priemchen aus dem Mund, das sie so lange, bis der glückliche Moment vorüber war, in der Hand bargen. Jetzt war das Mäßchen voll, sie ergriffen es und balancirten einen Augenblick damit, denn das Schiff schwankte gerade nach der andern Seite hinüber – jetzt war ihre Zeit – mit einer geschickten und schnellen Bewegung brachten sie das »schwappend volle« Gefäß an den schon gastlich geöffneten Mund – wupp, weg war's – dann schnitten sie ein entsetzliches Gesicht und schüttelten sich, wischten sich mit dem rechten Rockärmel den Mund, schoben mit der Linken das Priemchen wieder an Ort und Stelle, und traten zurück, um einem der Kameraden Platz zu machen. Tellermeier war ziemlich durch, und der Wind hatte indessen auch nicht still geschwiegen, sondern von Nordosten herübergeblasen, daß es eine Lust und Freude war und Einem das Mark in den Knochen vor Kälte erstarren machte. In den Blöcken und dem Takelwerk heulte es, die Stengen krachten ordentlich vor der gewaltigen Kraft, die in sie hinein preßte; der ganze alte Kasten knitterte und knatterte, und es war, als ob ihm die Rippen im Leibe weh thäten und sich nicht länger mehr auf der alten Stelle wohl fühlten – ein einziges Wunder nur, daß noch die Segel dem Allen hielten, was sich wohl daher erklären ließ, daß die Flicken so wild und bunt und nach allen Ecken hin durcheinander saßen, dem Winde nicht einen einzigen festen Punkt zu bieten, in den er hineingreifen konnte. Wie also gesagt hatte der Wind gerade wieder einmal beide Backen zum Zerplatzen voll genommen, und die Taue standen so straff gespannt, daß sie ordentlich klangen, wenn man sie berührte, als durch all' das Geheul und Gepfeife im Takelwerk, das Arbeiten des Schiffes, das Brausen des Sturmes und das polternde Ueberstürzen und Plätschern der Wogen eine Stimme von oben klar und deutlich herunterrief: »Reefen – Sapperment, Ihr Leute, reefen!« Die Leute hörten es alle miteinander, und der Capitain mußte es ebenfalls gehört haben, denn es klang zu deutlich herunter und ließ sich wahrhaftig nicht verkennen; war das aber wirklich der Fall, so that er wenigstens, als ob er nicht das Mindeste davon vernommen hätte – er warf zwar einen flüchtigen Blick nach oben und dann nach windwärts, das war aber auch Alles und an Reefen kein Gedanke; nein, ich glaube fast, wäre die Oberbramstenge nicht gar so morsch und beschädigt gewesen, er hätte sein Oberbramsegel auch noch darauf gesetzt, dem Klabautermann gerade zum Possen – solch ein Mann war Steffen Vechthold. Die Leute standen stumm vor Schrecken, und Jahn besonders war der Ruf so in die Glieder gefahren, daß er sein erstes Mäßchen Wachholder ganz vergessen hatte und sich noch ein zweites einschenken ließ. »Habt Ihr's gehört?« rief Tellermeier und zeigte mit dem Blechmaß, das er noch in der Hand hielt, nach den Raaen oben, über welchen die hell am Himmel funkelnden Sterne wie tollgewordene Meteore herüber- und hinüberschossen – »habt Ihr gehört, was er sagte?« Das half ihnen aber nichts; der einzige Mann, der darüber zu befehlen hatte, ging trotzig an Deck auf und ab und schien sich den Henker um den Klabautermann oder die ganze übrige Welt zu scheeren. Auf diesem Fahrzeug war sein ganzes Bischen irdischen Reichthums verschifft; nahmen ihm das die Dänen, so konnte er betteln gehen, und um das zu retten, lag seine einzige Hülfe in den Segeln. Er ließ deshalb auch nicht allein nicht reefen, sondern sogar das Bramsegel stehen und die ganze Sache ihren Lauf gehen, wie sie eben gehen wollte. Die Leute blieben noch einen Augenblick am Quarterdeck stehen, als ob er den Befehl: »Bramsegel-Fallen los« nicht etwa doch noch geben sollte, aber Gott bewahre, er dachte nicht daran, und langsam zogen sie sich wieder vorn nach ihren Plätzen. So viel sahen sie aber alle ein, etwas mußte passiren, und wenn sie nicht in der nächsten Stunde vielleicht schon Stengen und Masten über Bord jagten, so gab es keine Vorzeichen mehr auf der Welt. Tellermeier wollte übrigens jede Verantwortung von seinen Schultern soviel als möglich herunterhaben, und als der Capitain den Rücken wandte, schenkte er rasch das kleine Blechmaß voll und setzte es auf einen bestimmten Platz, den er dafür hatte, neben den Pumpstock, Der Schnaps war für den Klabautermann bestimmt, denn dieser sollte doch wenigstens sehen, daß er, Tellermeier, nicht zu der Heidenschule des Capitains gehöre und gern Alles thun wollte, was in seinen Kräften stehe, um sein einstiges Seelenheil, besonders aber seine irdischen Gliedmaßen zu retten. Dieser beigesetzte Schnaps verschwand auch regelmäßig, und Tellermeier war fest überzeugt, daß Klabautermann seine Gabe freundlich aufnähme; es thut mir aber leid, das hier widerlegen zu müssen, denn Klabautermann hat so wenig davon bekommen, wie Du, lieber Leser, und der Schnaps wurde jedesmal hinterlistiger und schmutziger Weise von Einem der Leute, dem nichts auf der Welt heilig war, selbst nicht einmal Klabautermann, entwendet. Theermeier nämlich, sonst ein höchst ruhiges, Keinem und am wenigsten sich selber etwas in den Weg legendes Individuum, hatte gleich von Anfang der Reise an gemerkt, daß Tellermeier irgend Jemandem (er wußte selber nicht wem und interessirte sich auch in der That nicht für den Namen der Person) diese heimliche Huldigung allabendlich brachte, und es mag sein, daß er ihn die ersten Male vielleicht nur deshalb austrank, weil er fürchten mochte, das kleine Gefäß könnte umgestoßen werden; später aber gewöhnte er sich daran, und er wußte das auch mit solcher Schlauheit durchzuführen, daß er nicht ein einziges Mal entdeckt wurde. Klabautermann hätte sich nun natürlich leicht dafür rächen können, war aber ein viel zu vernünftiges und gutmüthiges Wesen, wegen solcher Kleinigkeit und solchem Schnaps Spektakel zu machen, und ließ eben, zu Gunsten Theermeier's, der sonst kein Wasser trübte, fünf gerade sein. Die Elbschwalbe befand sich aber in viel zu großer Gefahr, als daß wir unsere Zeit jetzt mit solchen Kleinigkeiten vertändeln dürften; der Sturm war eher im Wachsen als im Abnehmen, und das Vorcastle, noch der einzige trockene Platz im Schiff, so schlugen die Wellen hinten und an der Seite über Bord, als ob sie mit gierigen Zügen nach ihrer Beute leckten, die ihnen doch nun nicht mehr lange entgehen konnte. Tellermeier war mit Jahn wieder vorn auf die Back gegangen, und sie sahen eine kurze Zeit lang, Jeder mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt, schweigend dem Toben der Elemente zu. »Jahn!« sagte Tellermeier endlich und wandte sich an seinen Kameraden, der in dem Ruf stand, eine Taschenuhr zu haben – ich sage in dem Ruf, denn es hatte sie noch Niemand von Angesicht zu Angesicht gesehen und es war auch wirklich keine, sondern nur ein Gehäuse. Falsche Scham hielt ihn aber jetzt ab, das einzugestehen, was er im Anfang vielleicht nur im Scherz oder in unschuldiger Prahlerei geäußert, so daß er nun oft zu traurigen und unangenehmen Nothlügen greifen mußte – »Jahn,« sagte also Tellermeier und wandte sich nach seinem Kameraden hinüber – »ist es bald fünf Uhr?« »Nein,« sagte dieser traurig – »ich habe eben nachgesehen, es fehlt noch ein halber Fuß daran.« »Jahn!« – fuhr Tellermeier nach kleiner Pause fort – »die Sache geht wahrhaftig schief, wir können nicht mehr weit von der Küste sein, Steffen Vechthold gießt einen nach dem andern in die Unterkinnbacke, und ich habe die Nacht auch einen bösen Traum gehabt.« »Klabautermann weiß wohl, was er sagt,« murmelte Jahn mit schwermüthigem Kopfnicken – »was hast Du denn aber geträumt? war's gar so schlimm?« »Ich bin die ganzen drei Stunden, die ich in der Koje gelegen,« – sagte Tellermeier flüsternd und sich zu Jahn hinüberbiegend – »hinter einem Hasen hergelaufen.« »Hast Du'n denn gekriegt?« frug Jahn schnell. »Ne,« sagte Tellermeier und schüttelte wehmüthig mit dem Kopfe. »Kannst Du schwimmen?« sagte Jahn endlich und sah Tellermeier wieder von der Seite an – es war natürlich, welche Ideenfolge sich in seinem Hirn gebildet hatte. »Wenn wir auseinander gehen, bin ich gewiß verloren,« murmelte dieser in düsterem Brüten vor sich hin, »für mich giebts keine Rettung!« »Wieso denn?« sagte Jahn, den das zu ängstigen schien. »Nun, erstens kann ich nicht schwimmen,« meinte Tellermeier finster, »und zweitens ist es man auch noch so!« Jahn nickte traurig mit dem Kopf; der zweite Grund schien ihm besonders einzuleuchten. »Vor fünf Jahren,« fuhr Tellermeier nach einer Pause fort, »litten wir einmal an der englischen Küste Schiffbruch, da kam ich aber gut ab; ich war der Einzige von der ganzen Mannschaft, der gerettet wurde.« »Wie hast Du das aber angefangen?« frug Jahn neugierig, denn das Mittel ließ sich vielleicht auf ihren jetzigen Fall wieder anwenden. »Ja, da hatten wir einen so großen langhaarigen Hund mit an Bord,« erwiderte Tellermeier, »der dem Capitain gehörte – sie kommen glaub' ich von Amerika.« »Ich weiß schon,« meinte Jahn, »sie nennen sie hufländische Hunde.« »Ja, ich glaube, sagte Tellermeier; den hatte ich immer unterwegs gefüttert, denn der Racker biß und ich wollte ihn mir gerne zum Freunde halten, und wie unser Schiff leck wurde und wir Alle in's Boot sprangen und mit dem Boot nachher gegen den alten Kasten schlugen, daß es in tausend Fetzen ging, da packte mich der Hund am Kragen und schleppte mich an's Ufer, und seinen Herrn ließ er ersaufen – das war doch ein Glück?« »Und was hast Du nachher mit dem Hunde gemacht?« frug Jahn. »Ei, den hab' ich verkauft, was sollt' ich denn mit der großen Bestie anfangen?« fragte Tellermeier. In diesem Augenblick schien der Sturm neue Kräfte gewonnen zu haben, » there is a fresh hand at the bellows « Ein frischer Gesell ist an den Blasebalg getreten. sagen die Engländer in solchem Fall, und zu gleicher Zeit ließen sich im Osten die ersten Zeichen des dämmernden Morgens erkennen. »Hallo an Deck!« rief es plötzlich oben aus der Bramraae mit heiserer Stimme herunter; »nehmt das Bramsegel ein oder 's ist weg wie 'ne Mütze!« Keine Antwort von unten. Die Matrosen sahen schweigend und entsetzt bald hinauf nach der Höhe, von wo die Stimme kam und wo sich die Bramstenge wie eine Ruthe bog, während das Segel bis zur äußersten Kraft angespannt schien, und bald hinüber nach dem Capitain, der aber wieder that, als ob er nicht das Mindeste gehört hätte, und die Hände nur tiefer in die Taschen schob, das Kinn nur fester in den dicken wollenen Comforter, den er um den Hals trug, hineinwühlte – aber das Bramsegel blieb stehen. Die Stenge bog sich jetzt, daß man meinte, sie hätte brechen müssen ; und sie wäre auch gebrochen, aber Tellermeier wie Jahn sahen jetzt deutlich von der Back vorn aus, daß Klabautermann oben auf der Raae stand und aus Leibeskräften gegenhielt – Klabautermann wollte wenigstens Alles thun, was in seinen Kräften stand, damit er sich selber nachher keine Vorwürfe zu machen hätte; aber es ging zuletzt nicht mehr, es überstieg selbst übermenschliche Kräfte. Klabautermann kriegte schon einen ganz dicken rothen Kopf, und den beiden Matrosen unten, die ihn in peinlichster Spannung beobachteten, blieb das Herz ordentlich vor ängstlicher Furcht und Erwartung stehen. »Ich kann die Stenge nicht mehr halten!« rief Klabautermann endlich, und man hörte es ihm deutlich an, wie er kaum noch im Stande war zu sprechen, so mußte er festhalten. Jahn litt es nicht mehr vorn, und er sprang hinter nach dem Quarterdeck, wo Steffen Vechthold so ungenirt spazieren ging, als ob ihn die ganze Sache auf der weiten Gotteswelt auch nicht das Geringste anginge – er trat zum Capitain, nahm die Mütze in die Hand und sagte mit ehrfurchtsvoller, durch die Gefahr aber auch beeilter und gepreßter Stimme: »Er kann sie nicht mehr länger halten, Capitain Vechthold –« »Wer? – Dößkopp!« lautete die ermuthigende Gegenfrage des Alten – »nun, wird's bald – wer kann was nicht mehr länger halten?« »Der Klabautermann die Stenge,« platzte aber jetzt auch Jahn heraus, denn hier war Noth an Mann, und er konnte wahrhaftig keine Rücksicht mehr darauf nehmen, ob Steffen Vechthold mit seinem Klabautermann auf einem guten Fuß stand oder nicht. In dem Augenblick brauste es dabei über die See daher, als ob die wilde Jagd über einen Föhrenwald führe; der weiße Schaum der hinter ihnen überstürzenden Wellen wurde vom Sturm hoch aufgehoben und wie ein seiner scharfer Staubregen über Deck gesprüht, und die Masten stöhnten unter der furchtbaren Last der Segel. Jahn warf einen Blick nach oben und sah, wie Klabautermann noch für Leben und Tod festhielt, der Hut war ihm dabei vom Kopf heruntergeweht, und das krause, starre, lockige Haar wehte und schlug ihm wild und peitschend um die Schläfe. »Klabautermann?« sagte der Capitain endlich, als dieser neue Windstoß gewissermaßen vorübergebraust war und das Schiff, das vor der Gewalt desselben seine Nase tief in die schäumenden Wogen hineingegraben, sich wieder etwas aufrichtete – »was hat der Esel nun wieder mit dem Klabautermann?« »Er kann sie nicht mehr halten, Capitain Vechthold!« betheuerte Jahn noch einmal. »Nun, so soll er sie loslassen!« lachte der alte Steffen und drehte sich rasch auf dem Absatz um. Damit war die Sache aber nicht vorbei, denn während Jahn wie versteinert bei der Lästerung dastand, kam es wieder mit frischer, gesammelter Kraft über die Wogen daher, die See glättete sich ordentlich vor der entsetzlichen Gewalt und das Schiff schoß mit rasender Schnelle durch die Wogen. »Hallo da unten!« tönte es in diesem Augenblick noch einmal aus den Raaen nieder, und zwar so gellend und kreischend, daß selbst Steffen Vechthold stehen blieb und hinaufsah. »Ich kann sie, Gott straf' mich, nicht länger halten!« schrie Klabautermann, und die Stimme klang hohl und unheimlich. »Klabautermann kann sie wahrhaftig nicht länger halten, Capitain Vechthold!« bat Jahn. »Klabautermann soll verdammt sein!« schrie der Capitain und stampfte mit dem Fuße. – Er konnte aber kein Wort weiter sagen – oben in den Raaen brach es und prasselte es zusammen. Die Bramstenge fuhr mit einem Schlag, als ob ein Kanonenschuß abgefeuert wäre, vorn über, die Brambrassen, die an der Stenge des Schooner- oder Besahnmastes fest waren, rissen diese ebenfalls mit. Zu gleicher Zeit gab eine der großen Stengen-Pardunen auf Backbordseite, wo sie am meisten angestrengt waren, nach, wenigstens krachte in demselben Moment, als die Bramstengen übergingen, auch die große Stenge. Während aber Alles mit dem Schrei der Verzweiflung auf den Lippen nach hinten flüchtete, um dem stürzenden Holze zu entgehen und nicht mit von den schlagenden Stengen und Pardunen getroffen oder über Bord gerissen zu werden, während das ganze künstliche Segel- und Takelwerk, ein wirres Chaos, durcheinanderhing: tönte oben von dem Top des stehen gebliebenen großen Maststumpfs ein heiseres Lachen, das aber auch fast wie Weinen und Wehklagen klang, herunter, und Jahn sah bei dem ersten Schimmer des jetzt dämmernden Morgens klar und deutlich, wie Klabautermann ohne Hut und in Hemdärmeln oben auf dem Top saß und sich mit seinem seidenen Taschentuche den Schweiß von der Stirne und die Thränen aus den Augen trocknete. Gleich darauf war er verschwunden; als Jahn aber jetzt mit den Uebrigen nach vorn sprang, um auf des Capitains Befehl das Wrack von dem schleifenden Tauwerk frei zu kappen, was besonders auf der Steuerbordseite umhing und das Steuern desselben total verhinderte, hörte er, wie Jemand leise seinen Namen rief. Als er sich rasch dorthin umwandte, stand Klabautermann vorn auf der Schanzkleidung, er hatte seine rothe Mütze wieder auf und seine kleine Kiste stand neben ihm. Er war augenscheinlich im Begriff auszuziehen. »Ach Du mein lieber Gott, Klabautermann, wollt Ihr uns verlassen?« rief Jahn wehmüthig. »Es geht nicht anders, mein Junge,« sagte aber dieser, »dahinten kommt ein Bremer Schiff eingekreuzt, und da will ich machen, daß ich an Bord komme, denn Ihr treibt mir hier gerade auf den Strand drauf. – Grüß' Dich Gott, Jahn, und grüß mir den Tellermeier!« sagte Klabautermann noch und war im nächsten Augenblick verschwunden. Die Matrosen kappten und schnitten jetzt wohl Alles weg, was sie nur erreichen konnten und was über Bord hing und ihren Fortgang aufhalten mußte; durch den Unfall war ihnen aber auch nicht ein einziges gutes Segel geblieben, bei dem sie hätten steuern können, denn selbst das große Segel, in das die stürzende Stenge hineingefahren, war zerrissen, und wie der Sturm nur einen Anhalt in der ersten geöffneten Naht hatte, so sprengte er die ganze Leinwand von oben bis unten von einander. Die Elbschwalbe trieb nun vor Top und Takel, so rasch sie nur Wind und Strömung dahin nehmen konnte, auf die flache und gefährliche deutsche Küste zu. Das Wasser brach sich dabei fortwährend in ungeheuren Sturzseen über dem unglücklichen Fahrzeug, Alles, was an Deck gestanden hatte, Cambüse und Boote, Wasserfässer und Hühnerkästen, war schon über Bord gewaschen. Die Mannschaft hing nur noch in letzter verzweifelter Todesnoth in den stehen gebliebenen Wanten des großen Mastes, und erwartete mit jedem Augenblick den entsetzlichen Moment, wo sie aufstoßen und von den nachstürzenden Wellen begraben werden mußte. Der Augenblick rückte denn auch mit furchtbarer Schnelle heran, – es war jetzt hell genug geworden, sie das Schreckliche ihrer Lage vollkommen übersehen zu lassen. Gerade in Lee lag die flache, von einem dichten Nebel bedeckte Küste, und wenn auch der Bug der Elbschwalbe noch von dem Capitain selber, der am Ruder stand und seine dem Geschick verfallene Barke lenkte, wie ängstlich dem drohenden Ufer abstrebte, so hatte das arme Fahrzeug doch keinen Fortgang mehr, auch nur die Aussicht auf Rettung zu bieten. Für jede halbe Meile, die sie vorwärts machten, trieben sie zwei Meilen der Küste zu, und als die Sonne eben blutroth im Osten aufging, hatten sie die Brandung so dicht in Lee, daß sie ihre Mützen hätten hineinwerfen können. Die einzige mögliche Rettung lag jetzt vielleicht noch in der kleinen Jolle, die hinten auf dem Quarterdeck stand; das große Boot, in dem sie sich bequem hätten bergen können, war von den stürzenden Stengen total zerschmettert worden. Mit Sonnenaufgang schien das Wetter ruhiger werden zu wollen und des Capitains Ruf sammelte die Leute auf dem Quarterdeck, die Jolle in's Wasser zu lassen. Es war das letzte Mittel, die letzte Möglichkeit, ihr Leben noch zu retten, und Alle arbeiteten daran mit dem Eifer stiller Verzweiflung – selbst Tellermeier. Taljen, das Boot niederzulassen, waren bald angeschlagen; aber würde es nicht die See, sobald es nur in den Bereich ihrer Wellen kam, füllen, oder gegen den Schooner anwerfen und zerschmettern? – Doch es half nichts; war auch der Versuch verzweifelt, es blieb ihnen keine andere Wahl. Große Vorbereitungen brauchten sie nicht dabei zu machen, denn Provisionen und Wasser hatten sie nicht nöthig – in Zeit von ein oder zwei Stunden waren sie auf festem Land oder ertrunken, und in langer, peinlicher Furcht und Erwartung sollten sie deshalb nicht gehalten werden. »Nieder damit – rasch, meine Jungen!« rief der Capitain jetzt, der schon lange ängstlich einen Moment erwartet hatte, wo sich die Wogen genug beruhigen würden, ihm ein paar Secunden still Wasser zu geben, und die Leute wußten nur zu gut, was sie zu thun hatten, und das Wichtigste dabei: für wen sie's thaten. Im Nu stieg das Boot in die Höh' und hing hinausgestoßen über Wasser. »Viehr weg!« – unten war's und an den Taljen nach rutschten in bunter Reihe – was nur das Tau zuerst erfassen konnte – die Leute, Steffen Vechthold mitten zwischen ihnen. – Eine furchtbare Welle kam auf sie zugeschossen – die Leute hatten ihre Riemen (Ruder) aufgegriffen, aber ließen sie nicht in's Wasser – sie wußten recht gut, wenn sie von der Woge gefaßt wurden, half ihnen weder Boot noch Rudern mehr. Dadurch aber, daß das Steuer total verlassen und freigegeben war, drehte sich das Steuer von selber etwas in den Wind, und als sich die Mannschaft der Elbschwalbe in ihr Boot geworfen und die Taljen eben so rasch ausgehakt und abgeworfen hatte, schoß der kleine schwanke Kahn ein paar Schritte vorwärts und bekam dadurch das Wrack der armen Elbschwalbe gerade zwischen sich und die Woge, die an den krachenden Planken aufbäumte und das ganze Deck mit ihrer Fluth erfüllte, daß das Wasser stromweise in die unteren Räume schoß. »Nun greift aus, für Euer Leben, meine Jungen!« schrie der Capitain und ergriff das Steuer, »brecht die Riemen, wenn's geht, aber laßt uns machen, daß wir an Land kommen.« Die Leute bedurften keines Zuredens, sie legten sich in die Ruder, daß es eine Lust und Freude war, und das kleine Boot glitt, von einer riesigen Welle getragen, eine weite Strecke dahin, als ob es vom Sturm hinweggeführt würde. Aber höher und immer höher schwollen die gewaltigen Wogen an, wilder und steiler bäumten sie hinter dem kleinen schwankenden Kahn, der ihnen bis jetzt immer noch, und fast wie durch ein Wunder bewahrt, entgangen war. Jetzt tanzte er oben in dem kräuselnden Schaume der einen Welle, die unter ihm wegschmolz, als ob sie von Schnee gewesen wäre, und die Rudernden fast in demselben Moment, wo sie sich auf der Höhe glaubten, in einem von drohenden Fluthmassen umstürzten Kessel ließ. Lange konnte das aber nicht dauern, mehr und mehr Wasser kam in das Boot, und wenn auch Drei der Leute unablässig beschäftigt waren, mit ihren Hüten das einströmende wieder auszuwerfen, konnten sie das tückische Element doch nicht mehr bewältigen. Jetzt schlug ihnen, zwar nur die äußerste Spitze derselben, eine Welle über Bord, aber sie füllte das Boot halb voll Wasser; die Rudernden legten sich mit letzter verzweifelter Kraft in die Riemen – sie sahen keine bestimmte Gefahr mehr: wie ein dichter Nebel quoll es ihnen vor den Augen, aber sie fühlten , daß die nächste Welle die entscheidende sein müsse, denn das Boot war durch die neue Wasserlast zu schwer geworden und ließ sich nicht mehr vorwärts treiben. Dort kam sie heran: wie ein weißes, in der aufgehenden Morgensonne furchtbar schön blitzendes, blinkendes Dach hing sie über den ihrem Geschick Verfallenen, und im nächsten Moment kämpfte die Mannschaft der Elbschwalbe gegen die zürnenden Fluthen mit dem nahen Tode. Als Tellermeier (der, wie das Boot sank, Mund und Augen fest zukniff, die Hände ballte und die Kniee bis unter das Kinn heraufzog, und jedenfalls so weggesunken wäre, hätte ihn das zürnende Element nicht selber zum nahen Strand getragen) wieder zu sich kam, befand er sich unfern der Brandung auf dem freien, weißen Sande, und zwei Fischerburschen waren emsig damit beschäftigt, ihn in die Höhe zu heben und auf den Kopf zu stellen. Glücklicher Weise für ihn kam er noch vor diesem menschenfreundlichen Versuche, der ihm wahrscheinlich den letzten Athemhauch ausgeblasen hätte, in's Leben zurück und sah zu seiner unaussprechlichen Freude die ganze Mannschaft der Elbschwalbe schon um ein großes Feuer versammelt und Einzelne eifrig dabei, einen großen Kessel mit Wasser zum Kochen zu bringen, während Andere wollene Decken und Bürsten herbeischleppten, um mit diesen neue Versuche zu machen, ihren alten Steward in's Leben zurückzurufen. Tellermeier glaubte erst wirklich, er sei gestorben oder träume jetzt, denn daß er, der gar nicht schwimmen konnte, ohne »hufländischen« Hund sollte an Land gekommen sein, schien ihm total unmöglich. Jahn löste ihm aber dies Räthsel; denn er nahm Tellermeier bei Seite und versicherte ihm, mit der Hand auf dem Herzen, daß er es mit eigenen Augen gesehen habe, wie der Klabautermann erst ihn und den Steward, und dann die ganze übrige Mannschaft, selbst den Capitain nicht ausgenommen (der das wahrlich nicht um Klabautermann verdient hatte), an's Land geschafft hätte. Klabautermann ist ein viel zu gutmüthiges, rechtschaffenes Wesen, als daß er, selbst mit der gegründetsten Ursache, Groll oder Haß auf Jemand haben könnte; aber dann und wann denen, die es verdienen, einen kleinen Streich zu spielen und sie wenigstens fühlen zu lassen, daß so ein Ding wie Klabautermann auf der Welt ist, verschmäht er auch nicht. Das sollte Steffen Vechthold, wenn er diesmal auch noch mit dem Leben davongekommen war, an seinem Leibe genugsam erfahren; denn er war der Einzige von allen Geretteten, der, als er wieder zu sich kam, weder gehen noch stehen konnte, und wie ihn die guten Fischersleute dann in's Haus nahmen und auszogen und zu Bett brachten, sah er am ganzen Körper blau und braun aus, so zerschlagen war er. Nun behauptete er freilich, er sei von der Brandung gegen den harten Sand geworfen worden, Jahn und Tellermeier wußten aber recht gut, wo die Schläge herkamen, und meinten nachher, Steffen Vechthold könne sich noch gratuliren, daß er einzig und allein mit einer Tracht Prügel davongekommen sei – wären sie Klabautermann gewesen, könnte er schlimmer gefahren sein. Der Klabautermann war aber mit dieser kleinen Rache vollkommen zufrieden und sie sahen ihn auch, so sehr sich besonders Jahn danach sehnte, ihm für seine Rettung zu danken, nicht wieder. Klabautermann ist viel zu anspruchslos, etwas auf eine gute Handlung zu geben, und hat sich jetzt wohl schon lange wieder ein anderes Schiff gesucht, wo er sein altgewohntes Wirken und Schaffen fortführt – den schlechten Menschen aus dem Wege geht und den guten ein treuer und wackerer Freund ist und bleibt. Der Klabautermann und die Schifferstochter Dicht oberhalb Cuxhaven, an der Elbe, und etwa eine Kabelslänge im Fluß draußen, lag ein kleiner Schooner seefertig mit Ladung und Leuten an Bord vor Anker und wartete nur noch auf die Ebbe und auch ein wenig auf den Wind, um seine Fahrt nach Dover an der englischen Küste zu beginnen. Die Segel hingen gelöst an den Raaen, und die Leute waren emsig damit beschäftigt, ihr Deck »klar« zu machen, eine Arbeit, die, so lange ein Fahrzeug noch dicht am Lande liegt, immer seine besonderen Schwierigkeiten hat. Die Ebbe mußte aber bald eintreten, es stand schon still Wasser, und die Brise kam auch schon langsam über das flache Land herüber und lüftete leise die Leinwand, als ob sie versuchen wollte, was sie wohl damit anfangen könnte, wenn sie sich einmal so aus Leibeskräften hineinlegte. Der Schooner konnte mit jedem Augenblick unter Segel gehen. Der Platz, wo er vor Anker lag, war etwas entfernt von dem Hauptverkehr der übrigen Fahrzeuge, und das Ufer dort vollkommen menschenleer, nur ein einziges junges Mädchen stand, den einen Schürzenzipfel, mit dem sie sich eben das heiße Naß aus den Augen getrocknet, noch zwischen den Fingern, mit thränenden Blicken, herunterhängenden, gefalteten Händen und wehmüthig gesenktem Köpfchen auf dem Deich und schaute nach dem kleinen, schlanken Fahrzeug hinüber, das ihr wahrscheinlich etwas recht Liebes und Theures hinaustragen sollte in die salzige und so falsche, ungetreue Fluth. Es war eines Seemanns Tochter und von Kindheit an daran gewöhnt gewesen, ihren Vater in See gehen zu sehen, das Herz ihr aber auch nie so schwer geworden bei irgend einem Abschied, als gerade heute. Sie wußte nicht, wie es kam; immer aber, wenn sie sich auch schon hundertmal sagte, das sei kindisch und schicke sich nicht, stiegen ihr die hellen Tropfen wieder in die treuen blauen Augen, und sie wollte jetzt nur warten, bis der Schooner wirklich gesegelt sei, und dann nach Hause gehen, sich auf's Bett legen und einmal recht von Herzen ausweinen. Ihr Vater war der Schiffer des kleinen Fahrzeuges, ein alter wackerer Seemann, der sich seit seiner Jugend auf grünem und blauem Wasser herumgetrieben hatte und gar nicht mehr hätte zu fahren brauchen, litte es ihn nur eben zu Hause, zwischen den vier Wänden und auf der harten, unnachgiebigen Erde. Auch dies sollte wieder seine letzte Reise sein: das hatte er aber schon so oft gesagt, daß Lisbeth gar nicht mehr daran glaubte und sich schon ganz mit dem Gedanken vertraut gemacht zu haben schien, ihren Vater immer zur See fahren zu sehen. Nur heute, nur diesmal zog's ihr wie eine schwere, trübe Ahnung durch die Sinne, durch die Seele, und wenn sie sich's auch nicht selber gestehen mochte – sie fürchtete das Schlimmste. Dem alten Manne durfte sie aber mit solchem »Schnack«, wie er's ein wenig rauh nannte, nicht kommen. Da bekam sie's gleich tüchtig, daß sie sich mit derlei Unsinn das Herz schwer mache. »Wir stehen Alle in Gottes Hand!« meinte er bei solchen Gelegenheiten, »und ich müßte mich dann ebenso fürchten, daß Dir indeß zu Hause das Dach auf den Kopf fiele, als daß uns draußen der Hals voll Wasser liefe. Nein, Lisbeth, laß die dummen Gedanken und sei mein brav' Mädel!« hatte er ihr zum Abschied gesagt, ihr das Kinn in die Höh' gehoben und einen derben Kuß auf die kirschrothe Lippen gedrückt, und war dann, so guter Laune und Hoffnung wie je, an Bord gefahren. Und wenn er nun nie, nie wieder zu ihr zurückkehren sollte? – Oh, es ist ein gar so wehes Gefühl, Jemand, den man so recht aus Herzensgrund lieb hat, in eine Gefahr gehen zu sehen, die man wohl fühlt, die man aber nicht einmal nennen darf, und gar nichts dabei thun kann, ihm zu helfen oder, wenn es einträfe, ihn zu retten. In solchen Fällen haben's die armen Frauen dann auch immer am schlimmsten. Der Mann stürmt hinaus und erkennt die Gefahr nicht, oder wenn er sie kennt, ist er mit ihr gewöhnlich schon so vertraut, daß er sich nicht mehr um sie kümmert, bis sie ihm an's Leben greift. Im Ringen und Kämpfen dann hat er keine Zeit, sich mit Sorgen oder Angst zu quälen – er bewältigt sie oder geht unter, und in beiden Fällen ist er nachher gleich wieder so »ruhig« als vorher. Die armen Frauen aber sitzen daheim und härmen und grämen sich; in jedem aufsteigenden Wetter sehen sie den Tod des Geliebten, von jeder schäumenden Woge fürchten sie die theure Leiche an Land gewaschen zu sehen, und dann verlangt man auch noch dabei von ihnen, daß sie sich ruhig und vernünftig betragen sollen, sich und Anderen das Herz nicht schwer zu machen. Und das Schlimmste dabei ist, daß die Leute gewöhnlich Recht haben, wenn sie es verlangen. Lisbeth stieß endlich einen recht tiefen, tiefen Seufzer aus und schüttelte traurig mit dem Köpfchen. »Ach Du lieber Gott!« sagte sie leise – und wieder mußte die weiße Schürze herauf, um die fallenden Thränen fortzunehmen – »es ist doch gar recht traurig auf der Welt, wo man sich kaum einmal eine Stunde freuen darf, ehe Einem die nächste schon wieder mit recht schwerem Leid auf das Herz fällt.« Es war ihr in diesem Augenblick fast, als ob dicht neben ihr noch Jemand sei, der auch recht aus tiefster Seele aufseufze, und als sie sich rasch und halb erschreckt danach umsah, war es nur ein kleiner, untersetzter Bursch, der auf einer der gewöhnlichen, aber sehr kleinen Matrosenkisten saß, von der seine Beinchen kaum bis auf die Erde hinabreichten, und der, die Hände im Schooß gefaltet, ebenfalls wehmütig nach dem Fahrzeug, das ihr schon so manche Thränen gekostet, hinüberschaute. Sein Gesicht konnte sie noch nicht sehen, denn der gewöhnliche seemännische Strohhut verdeckte das; er ging aber sonst gar sauber und reinlich gekleidet und schien sie selber gar nicht zu bemerken, oder wenn er sie bemerkte, nicht zu beachten, und Lisbeth war doch das schönste Mädchen nicht allein in ganz Cuxhaven, nein am ganzen Elbstrand da oben, und wer schon je einmal am Elbstrand gewesen ist, wird gewiß begreifen, daß das nicht wenig zu bedeuten hat. Das Bürschchen schien übrigens noch sehr jung, und es ließ sich denken, daß ihm ganz andere Sachen im Kopf herumgingen, als hübsche Mädchengesichter und blaue Augen. Wo konnte er aber nur hergekommen sein? – Doch, lieber Gott, Lisbeth hatte so in ihren Schmerz versunken dagestanden, ich glaube – und sie glaubte das auch – sie würde einen ganzen Frachtwagen voll Kisten und kleiner Bürschchen darauf nicht haben ankommen hören. Nur der Seufzer fand Anklang in ihrem Herzen, und sie sagte leise und sich die Augen rasch und verstohlen wischend, daß er ihre Thränen nicht sehen sollte: »Fehlt Dir etwas, Kleiner, daß Du so traurig bist? – Du hast wohl auch zu Hause erst Abschied genommen und die Trennung liegt Dir noch schwer auf dem Herzen?« Der Kleine schüttelte aber, ohne weiter eine Antwort zu geben, langsam mit dem Kopf und drehte das Gesicht nicht einmal um – aber ein anderer Seufzer stieg ihm aus der Brust, und er verwandte keinen Blick von dem Schooner. Das Mädchen würde ihn sonst nicht viel beachtet haben, denn sie war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um diese auf etwas Fremdes verwenden zu können; hier kam es ihr aber vor, als ob die Trauer des Knaben mit dem Schooner selber in irgend einer Beziehung stände, und sie sagte rasch: »Willst Du noch an Bord der Hansa?« – denn diesen stolzen Namen führte das kleine Fahrzeug – »dann mußt Du Dich eilen, die Brise kommt schon auf und sie werden gleich die Anker lichten.« Der Kleine schüttelte nur wieder einfach mit dem Kopf, ohne aufzusehen. »Kommst Du von Cuxhaven heraus?« frug Lisbeth jetzt wieder, die kein anderes Fahrzeug hier liegen sah und jetzt selber neugierig wurde – »oder von oben herunter?« Der Kleine schüttelte wieder mit dem Kopf und seufzte zum dritten Mal. Lisbeth wurde es ganz wunderlich zu Muthe – der Seufzer klang auch gar nicht wie aus der Brust eines Kindes – und sie sagte schon mit etwas schüchterner Stimme als vorher: »Aber wo kommst Du da sonst her, armer Kleiner? – Vom Bord jenes Schooners?« fuhr sie dann plötzlich erstaunt fort, als das sonderbare Wesen wieder schweigend dort hinüberzeigte; »gehörst Du denn zum Schiff und willst Du nicht mitfahren?« »Lieber nicht!« sagte da zum ersten Mal die Stimme, die keinem Knaben angehören konnte, und als das wunderliche Wesen im nächsten Augenblick den Kopf zu ihr aufhob, schaute sie in ein breites, gutmüthiges Antlitz, mit wohl etwas großem Mund, aber treuherzigen, blauen Augen, so klar und gut wie die ihren. – Doch das Gesicht war kein Kindergesicht, sondern gehörte, trotz der kleinen Gestalt, einem Manne an, dessen Alter sich allerdings nicht genau bestimmen ließ, da die sonn- und wettergebräunten Züge sich vielleicht besser conservirt hatten, als man nach dem ersten Eindruck meinen sollte, der aber jedenfalls schon manchen Sommer auf dem Rücken trug und wenig mehr in den Jünglingsjahren zu suchen haben mochte. Lisbeth, sonst ein beherztes Mädchen, erschrak doch ein wenig, denn sie wußte gar nicht, was sie aus dem kleinen wunderlichen Wesen machen sollte, und doch lag auch wieder so viel Gutmüthiges in dessen Zügen, daß es gerade keine Furcht einflößte. Nichtsdestoweniger würde sie den Platz verlassen haben, hätten sie nicht gerade vom auf dem Schooner Anstalten gemacht, den Anker zu lichten. Das Fahrzeug fing schon an herumzuschwingen, und es war das ein sicheres Zeichen, daß die Ebbe in der nächsten Viertelstunde eintreten müsse. Sie that also nur ein paar Schritte von ihm fort und schaute wieder nach der kleinen Hansa hinüber, die schon mehr und mehr die kommende Brise zu fühlen begann. Nur noch kurze Zeit – und das wackere kleine Fahrzeug pflügte seinen Weg durch die grüne stürmische See der fremden, fernen Küste entgegen. Durch das Aufschauen hatte das Männlein auf der kleinen Kiste aber auch einen Blick in die lieben, traurigen Züge des Mägdleins gethan und sah ihr jetzt selber eine Weile, ohne daß sie weiter auf ihn achtete, in das holde, unschuldvolle und doch so schmerzbetrübte Angesicht. Lisbeth schien ihn aber indessen schon ganz vergessen zu haben; es war ihr wieder so weh geworden im armen Herzen als vorher, und hätte sie sich nicht geschämt, sie wäre selbst jetzt noch zum Vater hinübergefahren, um ihn zu bitten, nur diesmal an Land zu bleiben – obgleich sie recht gut wußte, was er dazu gesagt hätte. Das kleine Männlein that indessen ein paar Mal den Mund auf, als ob es sprechen wollte, und sah dabei bald den Schooner und bald das Mädchen an; kein Laut kam aber eine ganze Weile über seine Lippen, und es ging augenscheinlich mit sich über irgend etwas, das es nicht klar bekommen konnte, zu Rathe. Endlich entschied ein wiederholter Blick auf das liebe Kind mit den verweinten Augen die Sache, und es sagte mit seiner freundlichen und noch absichtlich gedämpften Stimme: »Hast Du irgend 'was Liebes da drüben an Bord, mein armes Mädchen?« Lisbeth wußte erst gar nicht, ob sie ihm antworten solle oder nicht, er sah aber so ehrlich dabei aus, und es lag auch etwas so Sanftes, Teilnehmendes in der Stimme, daß sie, der es selber eine Wohlthat schien, sich nur irgend Jemandem, wer es auch sei, mitzutheilen, wieder mit einem recht schweren Seufzer sagte: »Ach Gott, ja! Der Schiffer Lothrecht von der Hansa ist mein Vater.« »Ist Ehren Lothrecht Dein Vater?« rief der Kleine mit mehr Interesse, als er bis jetzt gezeigt hatte, und drehte sich halb auf seinem Kistchen herum, um sie besser betrachten zu können. Das Mädchen nickte schweigend, ohne einen Blick von dem Schooner zu verwenden, mit dem Kopfe, und der Kleine bewegte sich auch wieder in seine frühere Stellung zurück, sah nach dem kleinen Fahrzeug hin und sagte seufzend: »Armes Mädchen!« »Armes Mädchen?« rief Lisbeth erschreckt und wandte sich, ganz bleich werdend, nach ihm um – »armes Mädchen sagt Ihr?« – sie nannte ihn jetzt Ihr, denn das konnte sie wohl sehen, daß es kein Kind mehr war, und da mochte sie ihn doch nicht länger mit Du anreden – »um Gott, was meint Ihr damit? – droht denn dem Ehren Lothrecht irgend eine Gefahr, die Ihr kennt – ach Du mein Himmel, Ihr habt auch wohl deshalb das Schiff verlassen? – aber –« setzte sie dann rasch und kopfschüttelnd hinzu – »wie könntet Ihr's denn wissen, was draußen in See passiren wird – ach, es ist Euch wohl auch nur so bang und weh um's Herz wie mir!« Es war, als ob der Kleine sprechen wollte – er öffnete schon den Mund, schwieg aber wieder und sah nur nach dem Schooner hin, wo jetzt die Leute eben daran gingen, den Anker zu lichten, und von wo der fröhliche tactmäßige Gesang der Matrosen laut und deutlich zu ihnen herübertönte; endlich aber brachte ihn ein Blick auf das liebe, wehmüthige Gesicht des Mädchens zu anderen Gedanken und er sagte leise: »Ich muß es ja doch wohl wissen, ich bin ja der Klabautermann!« »Der Klabautermann?« wiederholte das Mädchen erschreckt, sich dem übernatürlichen kleinen Wesen, von dem sie schon so viel seit ihrer frühsten Kindheit gehört, gegenüber zu wissen, – »Ihr also seid der Klabautermann, von dem mir mein Vater so oft erzählt hat, und der es so gut mit den Schiffern meint – aber – wie ist mir denn – wenn Ihr das Schiff verlaßt, dann bedeutet das ja großes Unglück? Ach Du mein Gott, Klabautermann, habt Ihr deshalb die Hansa verlassen?« Der Klabautermann nickte nur schweigend und traurig mit dem Kopf und das Mädchen schluchzte leise. »Ach, ich hab' es gewußt, ich hab' es die ganze Zeit schon geahnt, daß es so kommen würde – und ist denn gar keine Rettung, lieber, bester Klabautermann?« – wandte sie sich plötzlich an diesen, wie von einem Hoffnungsstrahl belebt, »ach Gott, mein Vater hält so viel von Euch, konntet ihr's ihn denn nicht vorher nur ein klein Bischen wissen lassen, daß Ihr fortgingt?« »Ehren Lothrecht ist ein braver, wackerer Mann,« sagte Klabautermann mit einem eigenen Grad von Selbstgefühl, »und Klabautermann wird gewiß nicht von seinem Schiff gehen, ohne Abschied von ihm zu nehmen – aber er wollte nicht hören!« setzte er wieder traurig hinzu – »er meinte, er müsse fort und er stünde in Gottes Hand, und da könnt' ich auch eben nichts weiter dabei thun.« »Oh die armen, armen Menschen!« sagte Lisbeth, während das fröhliche Singen der Mannschaft nun laut zu ihnen herüberdrang. »Und das arme kleine Schiff!« setzte Klabautermann seufzend hinzu – »ich kriege kein besseres wieder.« »Aber das geht ja wahrhaftig nicht, Klabautermann!« rief da plötzlich das Mädchen, und die großen hellen Thränen liefen ihr von den sonst so rosenfrischen und heute so bleichen Wangen herunter, »das geht ja wahrhaftig nicht, daß mein armer alter Vater so geradezu in seinen Tod hineinläuft und Ihr so ruhig und still dabei sitzt und zuseht – oh lieber Klabautermann, giebt es denn gar kein einziges Mittel auf der Welt, ihm zu helfen? – Könntet Ihr denn nicht die Leute noch warnen, oder das Schiff irgendwo auf den Strand setzen, daß wenigstens die Mannschaft gerettet würde?« Klabautermann lächelte wehmüthig über die Vorschläge, schüttelte aber schweigend dazu mit dem Kopf und sagte endlich, das schöne weinende Mädchen recht mitleidig betrachtend: »Es ist lauter junges, leichtsinniges Volk an Bord, liebes Kind – sie lachen und spotten Alle, wenn sie nur den Namen Klabautermann hören, und solchen Menschen ist es uns auf das Strengste untersagt, wirklich zu erscheinen – ich dürfte also schon nicht, wenn ich in der That auch wollte. Jede andere Art aber, wie ich mich ihnen nur verständlich machen darf und wie ich sie auch schon benutzt habe, beachten sie nicht oder erklären Alles, auch das ihnen sonst Unerklärlichste, durch natürliche Ursachen. Der alte Ehren Lothrecht ist der einzige Vernünftige unter ihnen, und der hat auch wieder Recht,« setzte er traurig hinzu – »denn wenn ich Schiffer von solch einem kleinen netten Fahrzeug wäre, wie ich jetzt nur Klabautermann bin, ging' ich auch nicht herunter, und wenn ich voraus wüßte, daß wir beide zusammen zu Grunde segeln würden.« Das Mädchen stand ein paar Minuten wie rathlos da, und die Gedanken kreuzten ihr toll und wild durch den Kopf; die Angst um den Vater ließ aber keinen andern die Oberhand gewinnen, und sie wußte am Ende gar nicht mehr, was sie denken, was sie thun solle. Das kleine Fahrzeug hatte indessen auch nicht müßig gelegen, der leichte Anker war gelichtet, die Boje eingeholt, die Segel wurden angebraßt, und der alte Ehren Lothrecht stand hinten neben dem Mann am Steuer und winkte seiner Tochter, die er noch recht gut am Ufer erkennen konnte, ein freundliches Lebewohl zu. »Oh Vater, lieber Vater, bleib nur diesmal zu Haus!« rief das arme Mädchen, in Todesangst vergessend, daß er ja doch so weit draußen kein Wort davon verstehen könne; sie schwenkte auch ihr weißes, naßgeweintes Tuch dabei, womit sie ihn zurückwinken wollte, was er aber natürlich als Abschiedsgruß deuten mußte. Der Schooner fing an, langsam den Fluß hinunterzutreiben, und der Klabautermann seufzte wieder recht aus tiefstem Herzen, als ob es ihm selber gar schmerzlich sei, das arme, kleine, liebe Fahrzeug seinem Untergange mit so fröhlichem Muthe entgegengehen zu sehen. Die Umrisse seiner Gestalt wurden dabei immer matter und undeutlicher, und als sich Lisbeth endlich wieder zu ihm wandte, war er kaum noch aus seiner alten Stelle zu erkennen. »Ach, Klabautermann, lieber, bester Klabautermann!« rief aber das arme Mädchen jetzt in Todesangst, »verlaßt Ihr mich doch jetzt wenigstens nicht in meiner größten Herzensangst. – Ihr seid ja der Einzige auf der weiten Welt, in dem ich nur die geringste Hoffnung habe, daß er mir helfen könnte – und Ihr meint's ja doch sonst immer so gut mit den Menschen und habt ein so treues Herz – oh helft mir und dem armen Schiff doch nur dies eine Mal, und ich will Euch ja auch so lieb dafür haben, so lieb, wie man nur irgend ein Wesen auf der weiten Welt haben kann.« Die Angst und Aufregung verlieh dem schönen Kinde einen fast überirdischen Reiz, ihr Auge leuchtete, ihre Wangen rötheten sich wieder und sie hatte bittend die Hände gegen den kleinen Klabautermann gefaltet, der, als er sich mit so lieben, herzlichen Worten genannt hörte, immer deutlicher wieder sichtbar wurde. Bei der letzten Rede schüttelte er aber traurig seufzend und ungläubig den Kopf und sagte leise, wie mit sich selber redend: »Oh Ihr Menschenkinder seid Euch ja doch Alle gleich, – für den Augenblick, wenn Euch etwas recht nah und schmerzlich am Herzen liegt, ja, dann versprecht Ihr wohl Himmel und Erde und – ich will gar nichts dagegen sagen, Ihr meint 's in dem Augenblick auch wohl so – ist die Noth aber erst einmal wieder vorbei, ja, wo sind dann die Versprechungen geblieben? – mit dem Winde verweht, der sie von den Lippen trug, und man hört und sieht nichts weiter davon.« »Ach, guter Klabautermann, wenn Ihr in mein Herz schauen könntet!« bat das Mädchen, und das arme liebe Ding stand so schüchtern, so reizend vor dem kleinen, aber jetzt gar ernsthaften, fast wehmüthigen Männchen. »Es ist vielleicht eben so gut, daß ich's nicht kann,« sagte Klabautermann kopfschüttelnd, »aber,« setzte er dann schnell und mißtrauisch hinzu, »ich soll das ganze Fahrzeug retten, Jungfer Lothrecht? – wen habt Ihr denn noch sonst darin, den Ihr gern heraushaben möchtet?« »Ach Alle, Alle, lieber Klabautermann!« rief das Mädchen in scheuem Eifer – »alle die armen Menschen – es ist ja doch schrecklich, wenn man bedenkt, daß sie so unter- und zu Grunde gehen müssen.« »Ja, aber Alle könnt Ihr sie doch nicht lieb haben?« lächelte Klabautermann kopfschüttelnd; »ist den Keiner ganz besonders darunter, den Ihr noch außer Eurem Vater heraushaben möchtet?« Er sah sie dabei mit einem forschenden, fast lauernden Blick an, als ob er hätte sagen wollen: ich weiß ja schon, was all' Dein Schmerz und Dein Sehnen bedeutet – dazu braucht man eben kein Klabautermann zu sein, um das heraus zu bekommen; Du hast Deinen Schatz an Bord und bist bange, daß Dir der mit zu Wasser wird. Lisbeth mochte jetzt wohl verstehen, was er damit meine, denn sie wurde feuerroth und sah verlegen vor sich nieder – es war auch häßlich vom Klabautermann, gerade jetzt, wo ihr Herz so tief betrübt war, so etwas zu erwähnen. Klabautermann hatte aber wohl seinen besondern Grund dazu, und hielt den Blick wie ein paar Feuerkohlen auf sie geheftet; das arme Mädchen sagte jedoch traurig, während sich ihr wieder ein paar Thränen aus den Augen stahlen: »Ach nein, Klabautermann! – aber recht leid sollt' es mir doch thun, wenn sie zu Schaden kämen.« »Aber wenn ich nur im Stande wäre, einen Einzigen vom ganzen Fahrzeug zu retten?« frug Klabautermann, der hierin nun einmal ganz gewiß gehen wollte; »sollte ich da Deinen Vater nehmen, Lisbeth?« »Ach, lieber Gott!« sagte das arme Mädchen mit einem frommen, scheuen Blick nach oben, »ich weiß nicht, ob ich mit der Antwort nicht vielleicht eine große Sünde thue, daß ich nur an mich selber und nicht auch an andere arme Leute denke, denen gewiß die Ihrigen eben so lieb sind, wie mir mein armer alter Vater, aber ich kann mir ja schon nicht anders helfen, und wenn es gar nicht möglich wäre, lieber, bester Klabautermann, daß Ihr sie Alle retten könntet und nur Einen von der Mannschaft dem Tode entreißen dürftet – so – oh, es preßt mir das Herz ab für die anderen armen Menschen, aber Gott verzeih' mir's – wenn ich Einen zu retten hätte – ich griffe nach meinem Vater.« Ein Lächeln zuckte über das Gesicht des kleinen Wesens, das ihr freundlich zunickte, gleich darauf schoß aber wieder ein Strahl von Argwohn darüber hin, und es sagte rasch: »Und wenn ich nun Zwei nehmen dürfte, wen sollt' ich nachher retten?« »Ach, lieber Gott, Klabautermann,« sagte aber das gute Mädchen da treuherzig, »das weiß ich wahrhaftig nicht; rettet so viel Ihr könnt, und Gott wird's Euch gewiß vergelten; wenn es aber nur noch Einer sein darf, so – so nehmt den Bravsten darunter heraus – Einen, der noch arme Eltern zu Hause hat, oder an dem die Seinen mit rechter Liebe hängen.« »Also keinen ganz besonders?« frug Klabautermann – es war merkwürdig, wie er immer auf den einen Punkt hinzuarbeiten schien. Lisbeth schüttelte aber traurig mit dem Kopf, und im nächsten Augenblick war Klabautermann auch spurlos mit seinem kleinen Kistchen verschwunden. Das kam aber so schnell, daß Lisbeth im Anfang gar nicht glauben wollte, er wäre fort, und ihn immer noch anredete; sie bekam jedoch keine Antwort mehr, und als sie sich zuletzt ein Herz faßte, auf die Stelle zutrat, wo der Kleine gesessen und wo seine Kiste gestanden, und den Platz leise und vorsichtig mit der äußersten Spitze ihres ganz niedlichen Füßchens untersuchte, war er total leer und nichts mehr von dem Geist weder zu hören noch zu sehen. Die arme Lisbeth wußte jetzt gar nicht, woran sie war; fast kam's ihr vor, als ob sie das ganze eben nur geträumt hätte, als ob es ja gar nicht mehr sein könne, und der kleine Schooner ging indessen weiter und weiter den Strom hinunter, die Segel füllten sich von der frisch einstehenden Brise, und von der starken Ebbe begünstigt, machte die Hansa einen solchen Fortgang, daß sie wohl noch vor Abend außer Sicht kommen mußte. Das arme Mädchen ging endlich, das Herz voll Kummer und Sorge, nach Hause; dort aber hatte sie Niemanden, dem sie sich hätte anvertrauen können, als ihre alte blinde Mutter, und durfte sie der armen Frau das Herz etwa gar noch schwerer mit der Erzählung dessen machen, was sie gehört und gesehen? Das ging im Leben nicht an; es war nur noch außerdem ein Glück, daß sie ihre verweinten Augen nicht sehen konnte – die hätten wohl all' ihr Herzeleid verrathen müssen, denn so weh war ihr ja noch bei keinem Abschied von ihrem Vater zu Muthe gewesen. An dem Abend sollte es aber gar noch schlimmer werden, denn zuerst setzte ein scharfer Südwester ein – immer kein besonderes Zeichen in dieser Jahreszeit – und nach Dunkelwerden fing es gar an zu blitzen und zu donnern, als ob der liebe Himmel selber auf die Erde herunterkommen wolle. Der Hagel und Regen rasselten dabei gegen die Fenster, daß man fürchten mußte, es werde die Fensterladen zerschlagen. »So eines Wetters wußte sich Lisbeth aus ihrem ganzen Leben noch nicht zu erinnern, und das arme Kind warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee, barg das thränenfeuchte Gesicht in der Decke und betete und weinte, als ob ihr das Herz brechen müsse. Sie dachte fast gar nicht mehr an den Klabautermann – Was konnte der gegen ein solches Wetter thun, und das arme, kleine Fahrzeug lag gewiß schon jetzt auf dem tiefen Meeresgrunde. Am andern Nachmittag schien es auch, als ob Lisbeth's Unruhe und Angst nur zu guten Grund gehabt hätten. Von mehreren Seiten liefen Nachrichten ein., daß zwei kleine Schiffe unweit Helgoland verunglückt sein sollten. Das eine war eine Hamburger Galeotte, die Möve – und ein Theil der Mannschaft hatte sich gerettet, – des andern Fahrzeugs Namen wußte Niemand, von Helgoland aus war aber am Abend vorher ein kleiner Schooner unter Hamburger Flagge gesehen, der, gerade als es dunkel wurde, auf die Insel zukreuzte, und man vermuthete, daß er aus der Elbe gekommen sei. Das war am Dienstag. Am Mittwoch Morgen lief die Nachricht schon überall in Cuxhaven herum, die Hansa sei verunglückt, es traute sich aber noch Keiner, der Tochter ein Wort davon zu sagen. Das arme Mädchen jedoch, wenn sie es auch schon in den Blicken der Nachbarn las, fürchtete doch zu fragen und das ganze Gräßliche ihres Schicksals mit einem Mal zu hören. So lange sie es noch nicht als ganz gewiß und bestimmt wußte, durfte sie ja noch hoffen, nachher, o Du lieber barmherziger Gott, dann war ja Alles vorbei und todt. Den Abend stand sie, mit vom Weinen rothen Augen, vor der Thür und schaute, ach! kaum noch mit irgend einer Hoffnung über den von der untergehenden Sonne hell und glühend beleuchteten Strom, auf dem wohl Kähne und Schiffe und Boote herüber und hinüber und auf und ab glitten, aber keins, keins dort bei ihr landen und den so heiß beweinten Vater zurückbringen wollte, als sie plötzlich in jähem, freudigem Schreck förmlich emporzuckte, denn vom Lande her, und zwar auf dem Wege, der von dem kleinen Städtchen zu ihrem Häuschen hinausführte, hörte sie einen lauten, wohlbekannten Ruf. Blitzesschnell fuhr sie herum, und einen lauten Freudenschrei ausstoßend, lag sie am nächsten Augenblick schon am Hals des Vaters, und schluchzend – aber es waren Freudenthränen, die sie weinte, – barg sie ihr liebes Antlitz in seiner rauhen Jacke. »Aber, Vater, wo kommst Du her?« frug sie endlich, als sie nur erst einmal wieder zu Athem kommen konnte, »und wo ist – was ist aus der armen kleinen Hansa geworden?« »Erst Ruhe und etwas zu essen, Kind,« sagte aber der Alte lächelnd, »nachher sollt Ihr Alles erfahren – wie geht's der Mutter? – Hattet Ihr's schon gehört, daß die Hansa verloren sei?« »Also doch verloren!« rief Lisbeth, wieder bleich wie ein Tuch werdend – »rein verloren, und Alle, Alle außer Dir sind umgekommen?« So hat der Klabautermann doch Recht gehabt?« »Der Klabautermann?« sagte der Alte schnell und sah seine Tochter forschend an, – »was weißt Du denn vom Klabautermann, dummer kleiner Kerl?« Der alte Lothrecht meinte aber mit dem »dummen kleinen Kerl« nicht etwa den Klabautermann selber, sondern nur seine eigene Tochter, die er manchmal scherzhafter und freundlicher Weise so nannte. »Aber, Väterchen!« sagte Lisbeth leise und halb beschämt, halb schüchtern, mit einem gar so lieben, treuherzigen Blick – »was ich davon weiß? – hat Dich denn Klabautermann nicht gerettet?« »Der Klabautermann?« sagte der alte Lothrecht lachend, »nun, wenn das der Klabautermann war, so hat er's auf eine wunderliche Weise gethan, doch das erzähl' ich Euch Alles drinnen, komm nur zur Mutter, daß wir die erst beruhigen, denn ich bin allerdings einer großen Gefahr glücklich entgangen und kann dem lieben Gott nicht genug dankbar dafür sein.« Die Mutter hatte nun freilich noch keine Ahnung von der Gefahr des geliebten Mannes gehabt, denn er ging ja so oft in See, und war jedesmal, nun schon die langen Jahre hindurch, so glücklich wieder zurückgekehrt, daß sie fast gar nicht mehr an die Möglichkeit eines solchen Unfalls glaubte; aber sie zitterte doch, als sie jetzt hörte, wie nahe er diesmal an der Schwelle des Todes gestanden, und sie dankte Gott aus recht frommem treuen Herzen, daß er seine Hand so väterlich über den Gatten gehalten. Vom Klabautermann wußte sie ja gar nichts. Der Alte mußte nun vor allen Dingen erzählen und that dies auch in kurzer, bündiger Seemannsweise. »An dem Abend,« begann er, »sahst Du wohl, Lisbeth, wie wir mit einer nicht übermäßig starken, aber vortrefflichen Brise in See gingen, draußen aber schlief der Wind fast ganz wieder ein, und als er gegen Sonnenuntergang lebendiger wurde, kam er so conträr, daß wir, um nur so rasch als möglich von der Küste fortzukommen, gegen Helgoland zu hinaufkreuzen mußten. Mit Sonnenuntergang waren wir schon so nahe an Helgoland, daß wir die einzelnen Häuser darauf erkennen konnten. Mit Dunkelwerden fing aber das Unwetter an, was Ihr auch hier wohl gespürt haben müßt – es wehte uns gerade in die Zähne und blitzte, daß man die Augen ordentlich schließen mußte vor dem blendenden Strahl – und, Herr im Himmel, wie es donnerte. Ich hatte dabei gedacht, wir sollten zu windwärts von Helgoland durchgehen und nachher draußen offene See bekommen; der Wind schrahlte uns aber so gerade in die Rechnung hinein, und die See kam so scharf von Nordwesten herüber, daß wir's, dem Leuchtthurm fast gegenüber, aufgeben und halsen mußten, denn an Wenden war schon gar nicht mehr zu denken. Ich stand hinten neben dem Mann am Ruder, und wie das Schiff vor dem Wind herumging und die Brise uns an Steuerbord faßte, will ich eben hinten das Gaffelfall loswerfen, als ich gestolpert sein muß, oder ob mich ein Tau oder Block hinten im Nacken getroffen, wie mir's beinah vorkam, kurz ehe ich wußte, wie mir selber geschah, ja ich nur einen Schrei ausstoßen konnte, lag ich Hals über Kopf im Wasser und die See brach sich über mir. Mit dem schweren Zeug an, dauerte es eine Weile, bis ich mich wieder nach oben arbeiten konnte. Der Schooner war aber schon Gott weiß wie weit fort. Ich rief allerdings, doch nur einmal, denn ich wußte selber zu gut, daß sie nicht wieder über Stag gehen konnten , um mir zu Hülfe zu kommen, wenn sie nicht rettungslos auf die Küste treiben wollten. Vor allen Dingen warf ich nun mein dickes wollenes Zeug ab, das schon so schwer wie Blei geworden war und anfing, mich nach unten zu ziehen, und strich dann nach der Küste aus, so gut ich konnte. Gerade damals fiel der furchtbare Schlag, Blitz und Donner wie zusammengespießt, und die Augen waren mir in dem Moment so geblendet, daß ich sie wohl über eine Minute schließen mußte und so gegen die Küste anschwamm. Die See half mir aber dabei, ich wurde mehr getragen, als daß ich selber zu arbeiten brauchte, und nach kaum einer halben Stunde kroch ich die Sanddüne von Helgoland hinauf aus der Brandung hinaus, damit die mich nicht wieder wegwaschen konnte. Eine ganze Weile mußte ich mich freilich nachher noch ausruhen, so matt war ich doch von der ungewohnten Anstrengung geworden, dann ging ich aber zu unserem Vetter Jakobsen hinauf, der sich auch nicht wenig wunderte, mich bei solchem Wetter und in solchem Aufzug ankommen zu sehen. Von dem bekam ich andere Kleider, und ich wollte nun hier die Rückkehr der Hansa erwarten, die, wie ich fest überzeugt war, am nächsten Tage mich erst jedenfalls in Helgoland erfragen würde, da sie mich so dicht an der Küste verloren. Der Mann am Helm mußte jedenfalls gesehen haben, wie ich wegfiel; mein armer kleiner Schooner kam aber nicht mehr,« – setzte der alte Mann traurig hinzu, »wohl aber trieb mehreres von seinen Hölzern an Land, und anderes war von einem gerade von England kommenden Schooner aufgefischt, was keinen Zweifel mehr ließ, daß ihn der Strahl getroffen haben mußte und er mit Mann und Maus zu Boden gegangen sei. So wurde denn das, was ich erst für ein Unglück ansah, mein Glück, und ich bin nun der Einzige, der von unserer ganzen kleinen Mannschaft mit dem Leben davon gekommen ist.« Lisbeth lauschte ihres Vaters Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit – sie stahl ihm fast die Worte von den Lippen, und sie konnte sich nicht helfen, aber es war ihr, als ob sie bei dem Ganzen des guten kleinen Klabautermannes Hand nur zu deutlich im Spiele sähe; aber sagen mochte sie auch nichts weiter darüber und ging den Abend wohl recht in ihrem Herzen vergnügt, aber doch auch wieder recht ernst und nachdenkend zu Bett. Dort betete sie aus voller Seele zu Gott und dankte ihm für die unendliche Liebe, mit der er ihren Vater beschützt; fast unbewußt kam ihr doch aber auch dabei der Gedanke an den guten Klabautermann in den Sinn – sie konnte sich nicht helfen, und sie wußte nicht einmal, ob es nicht gar Sünde sei, seiner und des Schöpfers zu gleicher Zeit zu gedenken. Aber wenn er es nun doch gewesen war, der ihren Vater gerettet hatte? »Ach ich wollte, ich wüßte, woran ich bin,« sagte sie endlich traurig, während sie die müden Aeuglein schloß – »und wenn mich der Klabautermann nur ein klein Bischen lieb hat, so kommt er morgen und erzählt mir die reine Wahrheit, daß ich mir den Kopf darüber nicht mehr zu zerbrechen brauche. Und er bleibt auch wieder einmal so lange aus,« setzte sie dann leise hinzu und drückte das liebe Gesichtchen fester in das schneeige Kissen hinein – »ach, Du lieber. Gott, was man doch mit den Männern für Noth und Sorge hat auf der Welt!« Und mit einem tiefen Seufzer schloß sie die Augen und träumte von – ja, lieber, bester Leser, wenn Du von mir eines so süßen, holden Kindes Traum erfahren wolltest, hättest Du Dich gar sehr an den Unrechten gewandt, denn erstens weiß ich wirklich gar nichts davon, und zweitens, wüßt' ich es auch, möcht' ich Dir doch keine Silbe davon anvertrauen. Am nächsten Tage mußte der alte Lothrecht nach Hamburg, der Assecuranz seines Schooners wegen. Die blinde Mutter saß vor der Thür ihrer Hütte im Sonnenschein und spann, und Lisbeth war in den Garten gegangen, lehnte unter dem breitästigen, schattigen Fliederbaume, der mit seinem würzigen Duft das ganze kleine Grundstück erfüllte, und stützte das gedankenschwere Köpfchen recht sinnend und grübelnd in die Hand, als plötzlich eine leise, freundliche Stimme, dicht neben ihr, »guten Tag, Lisbeth!« sagte, daß sie ordentlich erschrak und rasch in die Höhe schaute. Neben ihr auf der Bank saß aber niemand anders als ihr alter kleiner Freund von neulich, der Klabautermann, und nickte ihr gar freundlich und traulich mit dem Kopfe zu. »Ach, guten Tag, Klabautermann!« rief das Mädchen, rückte aber doch ein wenig, nur ein ganz klein wenig vor ihm zurück – »das ist mir ja doch recht sehr lieb, daß ich Euch wieder sehe, und seid Ihr es denn wirklich, der meinen lieben, lieben Vater neulich Nachts gerettet hat von dem armen verunglückten Schooner herunter?« Klabautermann schien heute ganz besonders guter Laune zu sein, denn er lachte, daß er sich schütteln mußte und ihm die Thränen in die Augen kamen; endlich aber sammelte er sich wieder und fragte mit einer halb komischen, halb ernsten Stimme, aber auch mit einem Blick, aus dem noch immer sein oft toller, aber stets gutmüthiger Humor herausblitzte: »Hat Dir der Alte die Geschichte erzählt, Lisbeth?« »Ja, Klabautermann; er sagte, er wäre über Bord gefallen und an Land geschwommen,« meinte Lisbeth leise und sah Klabautermann dabei schüchtern von der Seite an, denn sie wußte eben nicht, wie er die Auslegung dessen, was er doch wahrscheinlich gethan hatte, aufnehmen würde. Klabautermann schnitt aber auch wirklich ein ganz wunderliches Gesicht – die Backen wurden ihm immer dicker, die Augen immer größer, der große, zugepreßte Mund spitzte sich immer mehr zu, und die Stirnadern schwollen ihm an, als ob sie zerspringen wollten. Die arme Lisbeth faltete in aller Angst die Hände, denn sie fing an zu glauben, der kleine, sonst so freundliche Geist sei diesmal entsetzlich böse auf sie geworden. Da konnte sich aber Klabautermann nicht länger halten, sondern platzte geradeheraus und lachte und schüttelte sich dabei, daß Lisbeth am Ende so besorgt um ihn wurde, als sie es vorher um sich selber gewesen war. Endlich kam er jedoch wenigstens so weit wieder zu sich, daß er reden konnte. »Ueber Bord gefallen, heh?« sagte er und blinzelte dabei mit den blauen, treuherzigen Augen nach Lisbeth hinüber; diese konnte kaum selber ein Lächeln verbergen, das über ihr liebes Antlitz wie ein lichter Sonnenblick fuhr. »Ja,« fuhr Klabautermann, immer noch innerlich lachend und mit einem höchst selbstzufriedenen, stillvergnügten Gesicht fort, »wenn man Jemand hinten beim Kragen packt und wirft ihn in's Wasser hinein, und er kann dann sagen, er ist hinein gefallen , dann hat Ehren Lothrecht auch dasselbe Recht, so 'was zu behaupten, hihihi! – also hinein gefallen ist er, heh?« – und er drohte wirklich noch einmal ganz vorn anzufangen, wie er es eben gelassen, als Lisbeth bittend sagte: »Aber, lieber Klabautermann, er meinte das ja nur so, er wußte es selber nicht recht, ja versicherte uns sogar, es wäre ihm fast gewesen, als ob ihn hinten etwas an den Hals getroffen hätte wie ein Block oder Tau, und da –« »Block oder Tau!« unterbrach sie hier der Kleine und beschaute schmunzelnd seine breite rechte Hand. »Block oder Tau, heh? – also so war's ihm doch? hihihi! Was für ein feines Gefühl der Ehren Lothrecht hat, besonders hinten am Halskragen, – und sieht das aus wie ein Block oder Tau, Lisbeth, mein Herzchen? Aber ich will's ihm nicht so übel nehmen,« setzte er dann ein wenig ernsthafter, doch immer noch mit einem halb komischen Zug um den Mund, hinzu – »ich will's ihm nicht so übel nehmen – es ging ein bischen drunter und drüber an Bord, gerade zu der Zeit, und er mochte wohl selbst nicht wissen, wo ihm der Kopf stand, viel weniger, was indessen mit seinem Halskragen vorging. Seht Ihr, Jungfer Lothrecht,« fuhr er dann auf einmal wieder ganz ernst und ehrbar fort, »ich wußte an dem Abend doch recht gut, daß Rufen und Warnen nichts mehr half, das hatt' ich schon früher gethan, als es wirklich noch Zeit war, und die Leute wollten nichts davon wissen; da machte ich denn kurzen Proceß, erwischte Deinen lieben Vater, gerade als er einmal dicht an der niederen Verschanzung stand, hinten beim Kragen und warf ihn über Bord, wie man etwa eine Schaufel Ballast über Bord werfen würde. Natürlich wußte ich, daß er schwimmen konnte wie ein Fisch, und wäre das auch nicht gewesen, wie ich ihn nur erst einmal vom Bord der armen kleinen Hansa hatte, wollt' ich schon nachher mit ihm allein fertig werden. Das ging denn auch alles erwünscht und er ist wieder auf dem Trocknen – hab' ich's so recht gemacht, Lisbeth?« »Guter Klabautermann!« sagte das liebe Mädchen mit gefalteten Händen, während ihr die hellen Thränen in die Augen stiegen – »wie soll ich Euch dafür danken können?« Der Klabautermann war aber jetzt auf einmal wieder ganz ernsthaft geworden, ja schüttelte bei diesen Worten fast wehmüthig mit dem Kopf und sagte leise und seufzend: »Ja, und wenn Du es könntest , Lisbeth, wer weiß, ob Du's nachher wolltest . – Ihr Menschen seid wunderliches Volk; gut von Herzen ja, manchmal, daß man glauben müßte, man könnte auf Euch bauen wie auf den besten Kiel, der je Salzwasser durchschnitten – sollt Ihr aber nachher einmal mit Jemandem recht dicht am Winde liegen, ja dann fallt Ihr ab, und statt gegen Wetter und was sonst dazu gehört, getrost aufzukreuzen, braßt Ihr auf einmal, wo man's am wenigsten geglaubt, um und geht vor dem Wind in's Blaue hinein – nur nicht dahin, wohin man Euch haben wollte. – Ach!« – seufzte er recht aus tiefster Brust heraus, »solche bittere Erfahrungen thun Einem nachher entsetzlich weh.« »Aber lieber, bester Klabautermann!« sagte das arme bestürzte Kind und sah schüchtern und fast mitleidig zu ihm auf; »ich will doch gewiß alles nur Mögliche thun, Euch nie mit Absicht betrüben – und Ihr wißt ja auch, daß mein Vater gar viel auf Euch hält –« »Laß das jetzt gut sein, Lisbeth!« sagte der kleine Mann und sah ihr, wieder freundlich geworden, in die Augen – »ich weiß, daß Du ein gutes Mädchen bist und Sachen, die man Dir anvertraut, nicht weiter päppelst – ich will Dir einmal eine kleine Geschichte erzählen, und wie Du mir dann nachher darauf antwortest, davon wird es abhängen, ob ich mich wirklich geirrt habe oder – doch das Andere nachher. Was ich Dir aber hier erzähle,« fuhr er fort, als er sah, wie sie ihn aufmerksam betrachtete, »ist die reine, lautere Wahrheit, und es mag Dir beweisen, wie wir armen Wassergeister eigentlich doch weit näher mit Euch Menschen verwandt und verbunden sind, als Ihr das so auf den ersten Augenblick denken und glauben mögt. »Der Seemann im Allgemeinen, mein gutes Mädchen,« begann der kleine Gast, »ist ein rauhes, derbnatürliches Wesen, das sich den Henker um sein eigenes Leben, viel weniger um das anderer Geschöpfe schiert. Er kann nun einmal nicht wegleugnen, daß ein Klabautermann wirklich existirt (und nur junge, unerfahrene Bürschchen thun das zuweilen, die es noch nicht besser wissen, und denen man das auch nicht so übel nehmen darf, wenn es freilich manchmal auch zu ihrem Schaden ausläuft). Deshalb erkennt er uns an, und da wir ihm häufig gute Dienste leisten und ihm nie Schaden oder Nachtheil bringen, so sind wir auch seine besten Freunde. – Damit ist aber die Sache abgemacht; wo wir hergekommen, wo wir hingehen, was einmal in späterer Zeit aus uns werden wird, oder ob wir von der Welt Anfang Klabautermänner gewesen sind – die Hauptsache aber: ob wir uns in unserem wirklichen Wesen und Sein, einsam die langen, langen Jahre hindurch, auf den Schiffen glücklich fühlen – lieber Gott, was macht sich der Seemann daraus, oder was kümmert er sich darum. – So lange wir ihm nur sagen, wenn's Zeit ist, zu reefen, und ihn sonst vor Unglück und Gefahr warnen, so lange sind wir ihm gute Leute, nachher kann aus uns werden, was da will – was schiert's ihn –« »Ach ja, Klabautermann!« unterbrach ihn hier das liebe Mädchen mit einem recht mitleidigen, theilnehmenden Blick, »ich habe wohl manchmal darüber nachgedacht, wenn uns der Vater von Euch und Eurem Leben erzählte, wie traurig es doch für Euch sein müsse, die langen, langen Nächte und Tage da so ganz allein in dem dunkeln Raum eines Schiffes zu sitzen und die Kreuz und Quere über die Meere hinüber zu fahren.« Klabautermann nickte, traurig vor sich niedersehend und schweigend, mit dem Kopf und fuhr dann mit einem Seufzer zwar, aber doch etwas lebendiger fort: »Ja, das läßt sich nun einmal nicht ändern – wenigstens jetzt noch nicht,« setzte er rasch hinzu – »und vielleicht kommt auch einmal die Zeit wieder, wo wir in unser altes liebes Element, unter den alten lieben Verhältnissen, zurück dürfen – das aber war es gerade, Lisbeth, was ich Dir erzählen wollte. Vor einer ziemlichen Reihe von Jahren, die für Euch Menschen wohl einen entsetzlich langen Zeitraum ausmachen, weil Ihr nur so wenige davon auf dieser Erde verleben dürft, als es noch gar keine Schiffe gab und die wenigen kecken Menschenkinder, die Drang oder Noth vom festen Lande, auf das sie gehören, abtrieb, um in einem ausgehöhlten Baumstamm vielleicht ihr Leben der für sie so gefährlichen Fluth anzuvertrauen, da gab es natürlich auch noch keine Klabautermänner, und wir alle, die wir jetzt hier mit den nordischen Schiffen in der Welt herumfahren, wohnten damals in der salzigen Fluth und wurden von den Leuten jener Zeit Tritonen, Nixmänner und Wassergeister genannt. Das waren glückliche Tage, liebe Lisbeth, und wir lebten so froh und sorglos in den lichten Morgen hinein, als ob das nun und nimmer anders werden könnte. Wir trugen damals auch nicht solch' kleine, verkrüppelte Gestalt,« sagte Klabautermann wieder mit einem recht schweren Seufzer und warf einen flüchtigen scheuen Blick auf seine kurzen, gedrungenen Gliedmaßen hinunter – »nein, wir waren schlank und schön gewachsen, mit lichten Locken und blauen Augen und weißer, reiner Haut – sonnigschöne Gestalten. Das aber brachte uns zum Falle; wir wurden stolz und übermüthig, und die Strafe – oh, es war wohl eine verdiente, aber auch harte Strafe! – blieb nicht aus.« »Als die Menschen zuerst anfingen, Schiffe zu bauen, zogen sich hier nach den Küsten, die wir bis dahin ziemlich ungestört und allein bewohnt hatten, viele Schiffer herunter und schlugen ihre kleinen Hütten und Häuser auf. Wir wurden bald vertraut mit dem Menschengeschlecht, aber wohl stets zu dessen Schaden, denn während unsere Nixen und Sirenen manchen armen Fischer hinaus in die Fluth lockten, die dann sein Grab wurde und die Seinen nie wieder von ihm hörten, schlichen wir uns, als Menschen verkleidet, in die Häuser und Herzen der armen Fischerstöchter und richteten da oft weit größeren Schaden, weit schlimmeres Unheil an, als unsere neckischen Schwestern draußen in See. »So trieben wir's lange, lange Jahre hindurch, bis einmal ein gar toller Gesell unter uns, dem nicht einmal der Glaube des fremden Volkes heilig war, den Muthwillen so weit trieb, sich in einer wirklichen Kirche mit einem armen, ihm blind vertrauenden Mädchen durch des Priesters Hand zusammengeben zu lassen, während er sich nachher todt lachen wollte, als die arme Maid erfuhr, welche unnatürliche Verbindung sie eingegangen. »Da wurde es doch dem lieben Gott zu arg; den Muthwillen hatte er uns wohl verziehen, denn er straft nicht gern und nur im äußersten Fall, aber die Lästerung wollte er uns nicht hingehen lassen. Sein Urteilsspruch lautete streng: »Ihr habt den Glauben und das Vertrauen derer verspottet,« sagte er, »die Euch mit Freundlichkeit aufgenommen hatten – Vertrauen und Liebe der Menschen habt Ihr dadurch verscherzt, und nur Vertrauen und Liebe der Menschen soll Euch wieder von Eurer Strafe befreien können!« Die muntere Schaar der Nixen und Meerweibchen bannte er dann auf den tiefen Meeresgrund; sie waren auch weniger schuldig als wir, da sie ja nur solche verführt hatten, die den ersten Schritt zu ihnen thaten, und nur an wenigen bestimmten Tagen dürfen sie jetzt in mondhellen Nächten an's Ufer kommen und ihre alten Tänze halten. Das ist aber dann auch mehr eine Strafe für sie, als eine Belohnung, denn sie sehen dadurch so viel mehr, was sie Alles hier oben verloren haben. Uns aber nahm er die schöne Gestalt und schuf uns zu kleinen, armseligen Dingern, die wohl keinem Menschenherzen mehr gefährlich werden können,« sagte der arme Klabautermann mit recht wehmüthiger, betrübter Stimme, »und verurtheilte uns, den Schaden, den wir den armen Schiffersleuten gethan, nun erst einmal wieder gut zu machen und mit ihnen auf ihren Schiffen, allein und freudlos, durch die Welt zu fahren, bis –« Klabautermann schwieg und sah das junge, ihm aufmerksam zuhorchende Mädchen mit recht treuherzigen, betrübten Augen an. »Nun, Klabautermann – bis? – warum erzählt Ihr nicht weiter?« frug Lisbeth mitleidig; »ach, es freut mich doch ordentlich, daß Euch die Möglichkeit geblieben ist, vom lieben Gott einmal Verzeihung zu erhalten, denn wenn Ihr auch wohl recht böse und leichtsinnige Geister gewesen seid, die gewiß recht viel Unheil anrichteten, so habt Ihr das doch jetzt sicher bereut, und der liebe Gott ist ja auch allbarmherzig und wird nicht ewig mit Euch grollen – was wolltet Ihr also sagen, bis? –« »Ja, Du liebes gutes Kind,« sagte der Klabautermann gar ernsthaft, »das ist ein Wort, was ich nicht so rasch und leichtsinnig heraussagen möchte, weil ich es nicht wiederholen darf. Einmal gesprochen und vom Wind verweht, und wir können es demselben Menschenkinde nie zum zweiten Mal an's Herz legen – ja wendet sich die Jungfrau, der wir unsere Bitte vorlegen, nur von uns ab, dann dürfen wir uns ihr sogar nun und nimmer wieder zeigen, denn der uns verurtheilt hat, will nicht haben, daß wir uns Liebe oder Dankbarkeit erzwingen sollen. – Nur aus freien Stücken zurückrufen kann sie uns – aus eigenem freien Willen – das letztere geschieht aber wohl nun und nimmermehr!« – fügte er leise und traurig hinzu – »und doch ist nur gerade solch ein junges unschuldiges Blut, als Du bist, liebe Lisbeth, im Stande, die im Anfang allerdings wohl leicht scheinende, aber doch nicht so leichte Bedingung zu erfüllen.« »Ich?« rief Lisbeth rasch – »ach, wie gern wollt' ich Euch helfen, lieber, guter Klabautermann, wenn das nur in meinen Kräften steht und ich es vor Gott und meinen Eltern verantworten kann.« »Oh, es ist gar nichts so Entsetzliches!« lächelte Klabautermann wehmüthig, »und doch hat sich die vielen hundert Jahre hindurch noch keins von Euch Mädchen gefunden, was uns erlösen mochte. Aber ich will Dir vertrauen, Lisbeth, und Dir, wie wir auch gezwungen sind, es in dem Fall zu thun, Alles mitzutheilen, was Du zu thun hast und – was die Folgen davon sind. In früherer Zeit haben wir uns an den armen unschuldigen Mädchen versündigt und unsere schöne Gestalt benutzt, um sie zu verblenden, und nun müssen wir so lange die Strafe leiden, bis wir Die, die wir gekränkt, auch wieder versöhnt haben. Die Bedingung selber ist nun an und für sich gar nicht so entsetzlich schwer – die Jungfrau, die uns Gutes thun will, braucht nur einem von uns einfach und aus freien Stücken einen einzigen – einen einzigen Kuß zu geben –« »Aber, Klabautermann,« sagte Lisbeth und wurde über und über roth – »das ist ja doch gar nicht etwas so Entsetzliches – und wenn ich wüßte –« »Ja halt, Du liebes gutes Kind Du,« unterbrach sie aber Klabautermann kleinmüthig – »wir dürfen ihr jedoch auch nicht die Folgen verschweigen, denn sonst hilft uns das Alles nichts und wir bleiben arme wandernde Klabautermänner wie bisher.« »Die Folgen?« sagte Lisbeth etwas bestürzt – »aber was denn für Folgen, Klabautermann?« »Heraus muß es nun doch einmal!« erwiderte Klabautermann traurig; »so wisse denn, Lisbeth – und Du siehst den gar nicht so hübschen, etwas großen Mund, den wir haben – so wie eines Mädchens Lippen die eines Klabautermannes berühren, so verändert sich dessen Gestalt wie mit einem Zauberschlag zu seiner vorigen schönen, und der Bann, der bis dahin aus unserem ganzen armen Geschlechte gelegen hat, ist gelöst – aber das Mädchen –« »Und das Mädchen, Klabautermann?« flüsterte Lisbeth kleinlaut. »Ja das Mädchen,« sagte Klabautermann leise und betrübt, »das behält wohl auch seine frühere Gestalt, aber der Mund – der Mund, der den Klabautermann berührt hat, wird gerade so groß und häßlich, wie der Mund des Klabautermannes jetzt ist, und – ich darf Dir nicht sagen, wie lange das so bleibt; – so, jetzt ist's heraus, Lisbeth, und in Deiner Hand liegt wieder einmal das Schicksal von vielen, vielen armen Geistern, die Dir mit dieser Aufopferung oh! mehr, weit mehr als nur das Leben verdanken würden. Und dann kämen sie hervor aus all' ihren dumpfen Schiffsräumen und Schlupfwinkeln,« fuhr der arme kleine Klabautermann fast wie begeistert fort – »aus Nacht und Finsterniß kämen sie zu Tage in jubelnder, jauchzender Herrlichkeit zu dem freien, lieben Sonnenlicht, das sie sich jetzt nur stundenweis stehlen müssen, zu der lieben, lieben Erde und ihren Freuden und der spielenden, krystallenen Fluth – ihrer Wiege, ihrer Heimath – jetzt ihr Gefängniß. – Und aus dem Grund des Meeres,« fuhr er fort, und ein leises Lächeln, das seinen sonst so rauhen Zügen fast das Häßliche nahm, flog ihm über das Antlitz, während Lisbeth, an den Stamm des Fliederbaumes zurückgelehnt, die Hände im Schooß gefaltet, mit pochendem Herzen und bleichen Wangen da saß und die Augen schloß, die Bilder von sich fern zu halten, die ihr Klabautermann vor die Seele beschwor und denen ihr gutes Herz schon kaum noch widerstehen konnte – »und aus dem Grund des Meeres kommen die armen, so viele hundert Jahre verbannten Nixen und Sirenen, nicht mehr die Feinde der Menschen, nein, ihre innigsten dankbarsten Freunde, denn menschliche Großmuth – menschliche Versöhnung und Tugend gaben sie ja dem Licht und ihren Göttern wieder, in süßer, seliger Lust schaukeln sie auf den Fluthen – tanzen sie allabendlich ihre Reigen auf dem mondbeschienen Sande – dem Fischer nicht mehr Verführerinnen und Tod und Verderben, sondern Rettung und Hülfe bringend, wo sein Kahn in See getrieben, oder sein Schiff an Felsen zerschmettert hülflos auf den Fluthen schwimmt. Und den jungen Mädchen bringen sie dann Korallen und Perlen in's Haar und zum Schmuck, den Kindern Muscheln und bunten Tand, wie ihn die Tiefe bietet – den Fischern füllen sie die Netze; tausend Herzen, die jetzt in Kummer und trostlosem Elend schlagen, grüßten entzückt and jubelnd wieder den jungen Tag in fröhlicher, neugeschenkter und sicherlich nicht wieder mißbrauchter Freiheit. – Das Alles liegt jetzt in Deinen Händen, Lisbeth – in Deinem eigenen reinen, guten Herzen, – aber es muß auch einzig und allein darin entspringen, denn wir dürfen Dir nichts, gar nichts weiter dafür bieten, damit die Handlung frei von jedem Eigennutz sei und allein geschehe, weil wir es durch unsere Handlungen vorher verdient und dadurch also die alten Vergehen abgebüßt haben. Und so magst Du denn entscheiden, Lisbeth, ob Du Dich –« Klabautermann brach hier plötzlich ab und zog sich leise in den Schatten des Fliederbaumes zurück, denn vom Hans her erschien die Gestalt eines jungen, frischen Burschen mit hellblonden Locken und klaren, muthwilligen Augen, Er war in die gewöhnliche Seemannstracht der dortigen Gegend gekleidet und hatte schon, eben als er in die Gartenthür trat, einen flüchtigen Blick über den kleinen freundlichen Platz geworfen, kaum aber das junge Mädchen in ihrer sinnenden Stellung unter dem Fliederbaum entdeckt, als er mit flüchtigen, doch geräuschlosen Schritten über den Rasenfleck, der den Platz allein von ihm trennte, wegsprang und, ehe Lisbeth auch nur eine Ahnung von seiner Gegenwart hatte, einen derben, herzhaften Kuß auf ihre rosigen, so verführerisch dargebotenen Lippen drückte. »Aber, Klabautermann!« schrie das Mädchen und sprang im Todesschreck empor. »Hallo, Klabautermann!« lachte der junge, kecke Gesell und schloß das sich ängstlich sträubende Mädchen, das ihn in der ersten Ueberraschung gar nicht erkannt zu haben schien, nur fester in die Arme, »hast Du geträumt, mein süßes Kind? – Hahaha! Wie ich mein Püppchen da so hübsch gefangen habe.« »Ach Du mein lieber Himmel, Claus!« rief das Mädchen, sich von ihm losmachend und scheu überall umschauend – »wie Du mich erschreckt hast, Du böser, böser Mensch – und Du weißt gar nicht – aber – aber wo ist denn –?« »Wo ist was?« frug Claus noch immer lächelnd über das Erröthen und Bestürztwerden des holden Kindes – »wo ist was , mein Herz?« »Klabautermann,« sagte Lisbeth leise und verlegen und sah sich rings, aber vergebens nach dem kleinen Geiste um. Claus lachte hell auf. »Lisbeth, Lisbeth!« rief er dabei, »Du hast wahrhaftig geschlafen und vom Klabautermann geträumt; – was der Klabautermann doch für ein glückliches Wesen ist – ich wollte, ich wäre an seiner Stelle!« »Ach, wünsche Dir das nicht, Claus!« rief das Mädchen rasch und ängstlich, »aber ich habe gewiß nicht geträumt, Claus –« setzte sie dann schüchtern hinzu und sah sich immer noch traurig nach Klabautermann um – »ich habe gewiß und wahrhaftig nicht geträumt, denn hier, auf der Stelle wo Du jetzt sitzest, saß er und – ach Du mein Gott!« rief sie plötzlich, wurde leichenblaß und legte, emporspringend, die Hand fest auf ihre Lippen. »Aber nein,« sagte sie dann verschämt, und das Blut strömte ihr voll und wild wieder in die Wangen zurück – »Du bist ja Claus und nicht –« »Der Klabautermann,« lachte der junge Bursch wieder heraus. »Schatz, Schatz, was Du für närrisch Zeug durcheinander schwatzest; aber laß den Klabautermann jetzt, denn ich habe Dir weit Wichtigeres und Liebes und Gutes zu erzählen. Ich bin seit heute Morgen wohlbestallter Elblootse, und Du weißt, was Du mir schon seit anderthalb Jahren für die Zeit versprochen hast – sind das nicht gute Nachrichten, meine Lisbeth?« »Ach, Claus!« sagte das schöne Mädchen und barg erröthend ihr Antlitz an der Brust des jungen Mannes – der Klabautermann war in den Tod hinein vergessen. »Mit dem Vater und der Mutter drin hab' ich's eben schon abgesprochen,« fuhr Claus leise und schmeichelnd fort, »und morgen früh um zehn Uhr führ' ich mein liebes Bräutchen in die Kirche und mein Weibchen , ach liebe, liebe Lisbeth, wie süß das Wort klingt – mein kleines, braves Weibchen mir in's Haus.« »Morgen früh?« sagte Lisbeth, fast erschrocken zu ihm aufschauend – »ach, Claus, das geht ja gar nicht, wir müssen ja doch erst aufgeboten werden.« »Mit Geld ist Alles zu machen,« lachte aber Claus, »und für blankes Geld drückt die liebe Geistlichkeit eben so gut ein, oder, wenn es sein muß, alle beide Augen zu, wie andere Leute. Morgen ist aber, wie Du weißt, auch meiner Eltern Hochzeitstag, und die Alten haben es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß es morgen sein soll – willst Du ihnen einen Strich durch die Rechnung machen, Lisbeth?« Lisbeth erwiderte nichts, aber sie preßte ihr Köpfchen nur fester an die Brust des Geliebten, der sie sanft umschloß und ihre Stirn küßte. Plötzlich aber wurden Stimmen im Hause laut. Des jungen Claus Eltern waren mit dem alten Lothrecht, der eben aus der Stadt zurückkam, vorgesprochen, um Lisbeth's und ihrer Eltern Zustimmung zu holen und gleich Polterabend zu halten. Alles, was dazu gehörte, hatten sie sich aber auch gleich mitgebracht, denn Claus' Vater, der alte Tonnenleger Hendrichs, war ein gar wohlhabender Mann und hielt auf Ordnung. Ein fröhlicherer Abend ist denn auch gewiß nimmer, weder in Cuxhaven noch überhaupt an den Ufern des schönen Elbstroms, gefeiert worden, und die kleine Hauptperson der Festlichkeit behielt wahrhaftig keine Zeit, des Nachmittags oder seiner Vorfälle zu gedenken. Wer hätte es auch einem armen schüchternen Kinde, dem der Polterabend so Hals über Kopf in das Haus gefallen, verübeln mögen, daß es den Klabautermann darüber auf ein paar Stunden vergessen sollte, war ja doch Claus selbst zu glücklich, als daß er sein liebes Bräutchen gerade heute mit dem, was er ihr »Nachmittagsschläfchen« glaubte, hätte necken mögen. Als Lisbeth aber an dem Abend zu Bett ging, konnte sie lange, lange nicht einschlafen, denn nicht allein war dieser Tag so sehr ernst und bedeutungsvoll für sie gewesen, sondern auch der arme Klabautermann ging ihr jetzt, als sie recht still und allein darüber nachdachte, im Kopf herum, und sie fing an, sich die bittersten Vorwürfe darüber zu machen, daß sie so undankbar gegen ihn gewesen sei und ihn vergessen habe. Hatte er ihr nicht den Vater gerettet, wäre sie jetzt nicht ohne des Klabautermannes freundliche Hülfe unglücklich und elend über den Verlust des geliebten alten Mannes gewesen? Und in ihrer Macht lag es jetzt noch, das arme verurtheilte Volk glücklich zu machen – nur ein wenig entstellt wurde sie dafür – sie sah nicht mehr so hübsch aus wie jetzt, und das Einzige war, daß sie nicht wußte, wie lange das etwa dauern und ob es wohl je wieder von ihr genommen werden würde. Klabautermann hatte freilich einen gar so entsetzlich häßlichen Mund – aber konnte das in Betracht kommen, wo das Schicksal von Hunderten auf dem Spiel stand? Und war sie es dem Klabautermann denn eigentlich nicht einmal schuldig , daß sie es für ihn that? Hatte sie ihm nicht versprochen. Alles zu thun, was in ihren Kräften stünde und was sie vor Gott und ihren Eltern verantworten könne, und konnte sie das etwa nicht vor ihnen verantworten? Ja, mußte ihr nicht eine solche Entstellung, auf solche Art erhalten, viel mehr zur Ehre als zur Schande gereichen? – Aber Claus – ach ja Claus – was würde der dazu sagen? – Lieber Gott, das arme Mädchen wußte zuletzt selbst nicht mehr wo aus noch ein, dann kam ihr auch wieder der Gedanke, was Claus für ein braver, ehrlicher Bursche sei, und wie sehr er selber seine Eltern liebe und gewiß Alles, Alles in der Welt thun würde, ihre grauen Haare zu schützen und zu erhalten. Ihr Entschluß war gefaßt – Klabautermann hatte ihr gesagt, daß er ihr, nachdem er ihr einmal seine Bitte vorgetragen hatte, nie wieder aus freien Stücken erscheinen dürfe, aber rufen konnte sie ihn, und das sollte morgen früh und zwar in frühester Morgenstunde geschehen. Ach das Herz war ihr jetzt so voll und wohl bei dem Gedanken einer guten That, die sie selbst mit großer Aufopferung bringen mußte, daß sie Klabautermann am liebsten gleich hergerufen und die ganze Sache mit ihm abgemacht hätte – ja das Wort lag ihr ein paar Mal schon auf der Zunge. Aber das ging doch nicht an – Nachts in ihr stilles Kämmerlein und allein – und er sollte sich dann gleich wieder in den jungen schönen Wassergeist verwandeln, der – nein das ging gewiß nicht an; ja, wenn er der alte kleine Klabautermann geblieben wäre; aber morgen früh auf jeden Fall. Und mit durch den Entschluß hochgerötheten Wangen Preßte sie ihr Köpfchen fester gegen das Kissen und war auch im Nu sanft und süß eingeschlafen. Am nächsten Morgen war sie mit der Sonne munter und auf, aber ein leiser Schauer rieselte ihr doch durch's Herz, als sie ihres Vorsatzes von gestern Abend gedachte. Abends ist die Phantasie immer weit aufgeregter als Morgens, und was uns damals leicht ausführbar erschien, betrachten wir vielleicht bei der kühleren Morgenluft, die uns den Schlaf aus den Augen weht, auch mit kühlerem Blute und denken dann manchmal ganz anders über ein und denselben Gegenstand, als wir nur vor wenigen Stunden gedacht hatten. Ich will aber hier nicht etwa sagen, daß das mit Lisbeth ebenfalls so gewesen sei, nein, solches großes Unrecht darf und möchte ich ihrem braven, treuen Herzen nicht thun; ihr Entschluß war gefaßt, und sie betete nur zu Gott, daß er ihr Kraft geben möge, ihn auszuführen. Ich will aber tausend junge Mädchen am Morgen ihres Hochzeitstages hinstellen und sehen, wie viele darunter wären, die freiwillig hingingen, ihr Gesicht zu entstellen, indem sie einen Klabautermann küßten – ich glaube wahrhaftig, von allen Tausenden auch nicht Eine. Legt einmal die Hand auf's Herz, Ihr lieben Mädchen, und sagt, was Ihr unter gleichen Verhältnissen gethan haben würdet? Jedenfalls das, was Lisbeth jetzt that – sie blieb lange und fast betrübt vor ihrem kleinen Spiegel stehen und beschaute darin die zarten, rosigen Lippen, die sie ja heute zum letzten Mal so lieb und weich und rund sehen sollte – sie zog sich nachher – und sie blickte sich erst scheu dabei um, ob sie auch Niemand dabei beobachten könne, aber ihr Kämmerchen war ja dicht verschlossen und verhangen – sie zog sich nachher sogar den kleinen Mund mit beiden Zeigefingern ein ganz klein wenig breit – dann ein klein Bischen mehr, und dann hielt sie sich wieder die Augen mit der Hand zu und seufzte recht schwer und aus vollem, schwerem Herzen. Endlich aber zog sie sich an, betete noch einmal zum lieben Gott, und trat dann mit mehr Festigkeit, als sie den ganzen Morgen gehabt, zuerst in das Wohnzimmer, um ihre Eltern zu begrüßen, und dann in den Garten, ihren guten Vorsatz zur Ausführung zu bringen. »Gott grüß' Dich, Du liebes Herz!« rief ihr da, eben als sie in die Thür trat, eine nur zu bekannte Stimme entgegen, und sich rasch nach ihr umwendend, sagte Lisbeth mit freudigem Erröthen, als sie Claus die Hand bot und auch nicht böse zu sein schien, daß er die Lippen dazu nahm: »Ach, Claus, wie bin ich froh, daß ich Dich jetzt auf einen Augenblick sprechen kann, ich habe eine recht, recht wichtige Frage an Dich zu thun.« »Und was ist das, meine Lisbeth?« sagte der junge Mann herzlich, indem er seinen rechten Arm um sie schlang und mit ihr langsam zu der kleinen Gartenpforte hinaus dem Ufer der Elbe zuschritt, bis sie den Fluß übersehen konnten und dort stehen blieben. »Sage einmal, Claus,« flüsterte die Jungfrau, sich mit ihrem Köpfchen an ihn schmiegend – »aber Du mußt mir nicht böse werden über die Frage –« »Liebes Herz –« »Nun gut,« fuhr das Mädchen fort, »nicht wahr, Claus – Du hast mich doch nicht – Du hast mich doch nicht nur allein meines – meines glatten Gesichts wegen lieb – ach, keine der gewöhnlichen Betheuerungen, Claus,« bat das Mädchen, ängstlich zu ihm aufschauend; »sag' es mir recht treu und aufrichtig, ob Du mich auch eben so lieb haben könntest, wenn ich nun auf einmal recht, recht häßlich würde – wenn ich zum Beispiel – die Blattern bekäme,« setzte sie leiser hinzu, »oder – oder einen recht häßlichen großen Mund.« »Meine liebe Lisbeth!« erwiderte ihr der junge Mann mit weicher, ja inniger Stimme, »was hast Du Dir nur für trübe, traurige Dinge in den Kopf gesetzt? Aber es ist ja wohl natürlich, daß Du gerade an dem heutigen Tag ernster gestimmt bist als sonst. Doch ich kann Dir Deine Frage auch mit recht frohem und freudigem Herzen durch Ja beantworten, mein süßes Leben. Sieh, meine Lisbeth,« fuhr er dann treuherzig fort, als er fühlte, wie sie sich inniger an ihn schmiegte, »ich will Dir ganz aufrichtig sagen, daß im Anfang gerade Dein liebes und herziges Gesicht das war, was mich besonders anzog, und wer weiß, ob wir je Mann und Frau geworden wären, wenn Du – wenn Du gerade nicht so lieb ausgesehen hättest, als Du es wirklich thatest. Damals waren wir ja aber auch noch einander vollkommen fremd, und ich kannte Dein gutes, treues Herz ja nicht, wie ich es jetzt kenne. Das liebe Gesichtchen ist nun freilich eine recht angenehme Zugabe, aber nicht mehr die Hauptsache, meinte Lisbeth – die Hauptsache bist Du mir jetzt selbst geworden, mit Deinem reinen, frommen Gemüth und Deinem guten, treuen Herzen, und sollte Dir Gott die Schönheit wirklich nehmen, Du liebes Kind, dann sei fest, oh recht fest versichert, daß es meine Liebe zu Dir nie, nie im Leben ändern oder verringern würde.« »Du guter Claus!« sagte das Mädchen innig; »aber,« fügte sie dann schüchtern und mit einer so betrübten, ängstlichen Miene hinzu, daß sich Claus trotz der ernsten Stimmung, in die ihn die Worte der Geliebten versetzten, doch eines Lächelns nicht erwehren konnte – »denke Dir, Claus – so einen recht großen, häßlichen Mund!« »Ich weiß nicht, wie Dir heute Morgen so entsetzliche Gedanken gerade über einen häßlichen, großen Mund kommen,« sagte er gutmüthig; »aber selbst damit , mein Herz, und so süß diese rothen, frischen Lippen jetzt auch sind, und so ungern ich sie entbehren möchte – selbst sie wären mir nicht so lieb als Dein Herz. Und bist Du nun zufrieden und beruhigt. Du kleines närrisches Lieb mit Deinen Sorgen und Fragen, und willst Du mir jetzt wieder froh und hell in die Augen sehen, wie bisher?« »Du guter guter Claus!« sagte das Mädchen leise – »aber –« » Noch ein Aber, Lisbeth?« fragte Claus, dem es weh that, sein Mädchen so betrübt und ernst zu sehen. »Wenn ich nun selber schuld daran wäre?« flüsterte die Jungfrau leise – so leise, daß er ihre Worte kaum verstehen konnte. »Selber schuld daran?« murmelte der junge Bursche aber kopfschüttelnd und fast wie ungeduldig. »Liebstes Herz, was hast Du nur heute für wunderliche Grillen im Kopf – Du wirst doch gewiß nicht thun, was nicht recht und brav wäre und –« »Nein, gewiß nicht, Claus!« unterbrach ihn rasch und betheuernd das Mädchen; »nein, gewiß nicht in meinem ganzen Leben.« »Nun, siehst Du wohl, Schätzchen,« sagte ihr freundlich der junge Mann, indem er ihr Gesichtchen zwischen seine beiden Hände nahm und es leise gegen sich emporwandte – »sobald Du nichts Unrechtes thust, daß Du Dir nachher selber keine Vorwürfe zu machen hast, dann mag kommen was da will, dann können wir dem Schicksal ruhig die Stirne bieten. Aber jetzt muß ich wahrhaftig fort,« unterbrach er sich schnell, »die Zeit ist mir wie im Sturme bei Dir verflogen, und ich habe noch so viel heute Morgen zu besorgen. Du bist auch noch nicht angezogen,« setzte er neckend hinzu, »und darfst nachher nicht auf Dich warten lassen. – Aber sei nicht bange, ich komme ein halb Stündchen vorher und sehe schon zu, daß Du bereit bist, wenn die Anderen eintreffen. Also ade, meine herzliebe Lisbeth – ade nun noch für ein ganz kleines Weilchen – ade –« und mit einem herzlichen Kusse, den sie ihm heute nicht weigerte, verließ er sie, und das arme Mädchen blieb zitternd am Ufer zurück. Claus selber hatte sie ja aber durch seine Worte in ihrem guten Vorhaben befestigt, und sie wollte nun auch nicht länger säumen – der arme, arme Klabautermann – oh, es lief ihr doch ein Schauer über den Leib, als sie in den Garten trat und sich wieder auf die stille, lauschige Bank unter dem Fliederstrauch setzte, wo sie gestern gesessen! – Und was hatte sich seit der Zeit nicht Alles in ihrem Leben geändert – wie schnell und auch wie glücklich hatte sich in den wenigen kurzen Stunden ihr Schicksal gestaltet! – Aber diese Stunden entflogen auch jetzt eben so schnell, und nur kurze Zeit noch und Claus kehrte zurück, und dann war ihr die Möglichkeit für immer genommen, dem Klabautermann zu zeigen, daß sie – daß sie – mehr Muth und Dankbarkeit habe wie andere Mädchen. »Ja, Dankbarkeit ,« wiederholte sie sich halblaut, um sich in ihrem Vorsatz nur zu bestärken; »wenn Klabautermann nicht gewesen wäre, trauertest Du jetzt um Deinen Vater, Lisbeth, und könntest wohl nie im Leben wieder froh und glücklich werden, – Aber wird mich Claus auch wirklich lieb behalten?« – frug sie sich dann wieder leise und zweifelnd – »er sagt es jetzt freilich, da er keine Ahnung von meinem Vorhaben hat, – wenn ich aber dann nachher so vor ihn trete – ach, es muß gar so schrecklich aussehen – und er wendete sich nachher mit Abscheu von mir fort –« sie barg das Gesicht einen Augenblick in den Händen und die hellen, klaren Thränen liefen ihr zwischen den Fingern durch – »es wäre zu entsetzlich! – Aber nein, nein,« setzte sie rasch und mit fester Ueberzeugung in der Stimme hinzu – »das würde er nicht thun, ich kenne sein gutes und treues Herz und es ist unrecht, daß ich nur so etwas von ihm denke. – Ob Klabautermann jetzt wohl hier in der Nähe ist – und ob er wohl gleich erschiene, wenn ich ihn riefe?« Sie sah sich scheu dabei nach allen Seiten um, es ließ sich aber auch nicht das geringste Außergewöhnliche erkennen; kein Lüftchen regte sich, und die Blätter und Blüthen des Flieders hingen so still – man hätte das unbedeutendste Geräusch hören, die kleinste Bewegung des Laubes sehen müssen. »Ich ruf' ihn,« sagte Lisbeth leise, ganz leise vor sich hin, »und wenn Claus auch nachher vor mir erschrickt und meine Gespielinnen mich – mich auslachen. – Ach lieber Gott, wie die lachen und spötteln werden!« sagte sie mit einem schweren, schweren Seufzer – »und die Kathrins, die so ein Auge auf den Claus hatte – und was das für ein Gerede im Orte geben wird, wenn ich – wenn sie nachher zusammenkommen und sehen, was mit mir vorgegangen. Ich darf mich im Leben nicht wieder vor der Thür zeigen, und die Kathrins wird triumphiren.« – Sie hielt sich mit beiden Händen die Stirn, als ob sie die trüben, peinigenden Gedanken auf solche Art hinaus und in's Freie pressen könnte – aber sie rief nicht. Armer Klabautermann – Alles, Alles hätte das gute liebe Mädchen ertragen, Dich und die Deinen zu retten, aber den Spott der Nachbarn – den Gedanken, ausgelacht und verhöhnt zu werden von denen, die bis jetzt eher mit Neid zu ihr aufgeschaut hatten, nein, das konnte sie nicht ertragen. Sie sagte sich das freilich nicht – sie blieb noch auf der Bank sitzen, und in ihrem armen kleinen Herzchen arbeitete und pochte es gar gewaltig – aber sie rief doch nicht, und Secunde nach Secunde verging, sie wurden zu Minuten und Stunden, und als Claus endlich zurückkam, zu sehen, ob sie bereit wäre, fand er sie noch, wie er sie verlassen, aber in Thränen gebadet, unter dem Fliederbaume. »Aber, Lisbeth, was um Gottes willen ist Dir heute?« frug er das arme Mädchen, das sich ihm, als er auf sie zukam, laut schluchzend entgegenwarf, selber bestürzt – »was ist vorgefallen – fehlt Dir etwas, mein herziges Lieb, und kannst Du mir es sagen?« »Nein, nein!« erwiderte Lisbeth rasch und dringend – »ach, ich bin ein Kind, Claus, ein recht thörichtes, schwaches Kind – aber es ist jetzt vorbei – geh in's Haus, Claus, ich komme gleich nach, nur ein Viertelstündchen laß mich noch hier allein.« »Dort drüben die Straße herauf kommen schon die Brautjungfern,« sagte Claus bittend, »und Du bist noch gar nicht angezogen – und da ist auch meine Schwester, die ich apart mit herübergebracht habe, Dir zu helfen. Wenn Du etwas hast, vertraue es ihr an.« Lisbeth sah sich erschreckt um, und aus dem Haus trat Claus' Schwester und trat auf sie zu. Jetzt war Alles vorbei, und mit leiser, kaum hörbarer Stimme sagte sie: »Zu spät – zu spät – es hat nicht sein sollen!« – In dem Augenblick kam es ihr aber auch vor, als ob Jemand dicht neben ihr einen recht schweren, schmerzlichen Seufzer ausstieße, und emporschreckend rief sie aus: »Oh mein Gott, Claus – hörtest Du nichts?« »Was denn, meine Lisbeth?« sagte der junge Mann, dem es schon anfing, ganz angst und bange um die Geliebte zu werden; »was ist Dir denn, was hast Du?« »War es Dir nicht eben, als ob Jemand dicht neben uns so recht tief aufseufzte?« »Ach, das bin ich wohl selber gewesen!« sagte Claus traurig, »oder das Laub des Flieders hat geweht.« Lisbeth blickte scheu um sich her, aber es war nichts zu hören noch zu sehen – wenigstens nicht für die Sinne der sterblichen Menschen, die dort beisammenstanden; aber Lisbeth hatte sich nicht getäuscht mit dem Seufzer, und der arme betrübte Klabautermann, der bis dahin noch mit pochendem Herzen, aber geduldig, oh so still und geduldig auf seinem Kistchen gesessen und gehofft, mit banger, banger Furcht gehofft hatte, sah nun, wie Alles, Alles wieder für ihn vorbei sei. Aber er murrte nicht und war auch nicht ärgerlich auf das arme schwache Menschenkind; still und geräuschlos hob er sich sein kleines Kistchen wieder auf den Rücken und wanderte, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzuschauen, dem Elbufer und dem nächsten Schiffe zu, das dort vor Anker lag. Eine Stunde später, als die Glocken gerade zur Kirche läuteten, ging das unter Segel, und Klabautermann saß unten im dunkeln Räume ganz allein und lautlos und fuhr mit nach Ostindien. Vier Wochen waren dem jungen glücklichen Ehepaare wie eben so viele Tage vergangen; so recht froh und heiter, wie sie es früher gewesen, hatte Lisbeth aber doch noch nicht wieder werden können, und fast eben so viel als die Reue über ihre damalige Zaghaftigkeit nagte auch das Gefühl an ihrem Herzen, vor dem geliebten Manne noch ein Geheimniß zu haben, das sie eine ihr selbst unerklärliche Scheu fühlte ihm mitzutheilen, und das er, wenn er es errieth, zu viel Zartgefühl hatte, ihr selber abzufragen. Einmal aber Abends, als er gerade wieder, nach einem ziemlich schweren Wetter, ein Schiff glücklich in die Elbe herein und bei Cuxhaven vor Anker gebracht hatte, und bei ihr im stillen, traulichen Stübchen saß und mit ihr koste und plauderte und ihr Alles erzählte, was er auf dem Herzen hatte, was er dachte und trieb, und ihr wieder und wieder sagte, wie lieb er sie habe und wie er sich so glücklich fühle in ihrem Besitz – Sachen, die sie alle schon tausendmal gehört und ihrer wunderbarer Weise doch nie müde wurde, da litt sie's auch nicht länger – sie lehnte ihr Köpfchen an seine Schulter, daß sie ihm nicht dabei in die Augen zu schauen brauchte, und gestand ihm, was ihr an jenem Tage gefehlt und sie so betrübt und geschmerzt habe. »Aber, süßes Herz!« rief ihr junger Gatte, als sie ihre kleine Erzählung begann, lachend, »Du hast ja damals unter dem Fliederbaum gesessen und geschlafen, als ich Dich traf – hab' ich Dich denn nicht noch mit einem Kuß geweckt und erschreckt? Das war ein Traum, Schätzchen, und nichts weiter.« »Ich habe aber gewiß und wahrhaftig nicht geschlafen, Claus,« sagte Lisbeth rasch und treuherzig zu ihm aufschauend, »ich war so wach damals, als ich es jetzt bin, und wenn ich Dir das Ganze erzähle, wirst Du mir wohl sicher Recht geben, Claus.« »Nun so erzähle, Schatz!« sagte der Gatte lächelnd und zog sie fester an sich, und Wort für Wort, wie es ihr treues Gedächtniß seit jener Stunde bewahrt, wiederholte die junge – als sie zu der Geschichte mit dem Kuß kam, tief erröthende Frau dem lächelnd zuhorchenden Gatten. »Also deshalb frugst Du mich so auf mein Gewissen um meine Meinung wegen etwa eintretender Blattern oder dem – dem großen Mund?« sagte er leise und drückte dabei ihr Köpfchen fester an seine Brust, denn sie sollte in diesem Augenblick nicht in die Höhe schauen und sehen, wie viel näher ihm das Geradeherauslachen sei, als ernsthaft zu blicken; er hätte ihr um Alles in der Welt nicht, auch nur mit Wort oder Blick, wehe thun mögen. »Ach Gott ja, Claus;« flüsterte Lisbeth, die gar nicht daran dachte, in die Höhe zu schauen – »und Du glaubst nicht, wie weh, wie entsetzlich weh es mir damals um's Herz war – und eigentlich noch ist –« setzte sie schüchtern hinzu, »denn die ganze Zeit seitdem hat mich der Gedanke geplagt, daß ich doch eigentlich recht schlecht und undankbar gegen den armen Klabautermann gehandelt habe, und das nun gar nie, nie wieder im Stande bin, gut zu machen. Du sollst mir nun jetzt Deine Meinung sagen, lieber Claus, was Du darüber denkst, und nicht wahr – nicht wahr, Claus, Du lachst mich nicht darüber aus?« Es lag etwas so Rührendes, Frommes in dem Ton, daß ein Mann mit weit weniger Gemüth, als es Claus wirklich hatte, jeden Gedanken an Spott zurückgehalten haben würde; Claus aber küßte ihre Stirne, und ihr das Antlitz jetzt selber emporhaltend, sagte er leise und herzlich: »Was mir aus all' Deinen Worten und Deinem ganzen Wesen hervorleuchtet, meine liebe Lisbeth, ist Dein gutes, treues und dankbares Herz, das sich abhärmt und kränkt einer, wie es glaubt, versäumten Pflicht wegen; – Traum oder Wahrheit, Du bist so, wie ich mir ein liebes, braves Weib nur hätte vom guten Gott erbitten können – mit all' Deinen Tugenden eines lieben Frauenherzens, aus dem ich selbst die kleinen Schwachheiten nicht verlieren möchte. Was aber das Vergangene betrifft, so tröste Dich, mein Herz, Gott legt Niemandem stärkere Prüfungen auf, als er auch im Stande ist zu tragen, und wenn es sein Wille gewesen wäre, daß Du Deinen frommen, durch Kindesliebe hervorgerufenen Plan zur Ausführung hättest bringen sollen, so würde nichts im Stande gewesen sein, Dich daran zu verhindern. Mir aber bist Du, wenn das überhaupt möglich gewesen, durch dies Geständniß eher noch lieber geworden als vorher – wird Dich das nun trösten und beruhigen. Du liebes Herz?« Lisbeth, ohne ihre Stellung zu verändern, blickte mit einem glücklichen, seligen Lächeln zu ihm empor und flüsterte: »Du guter, lieber Claus!« Dieser aber drückte auf die ihm so verführerisch dargebotenen Lippen einen herzlichen Kuß und sagte dann mit lebendigerer Stimme und während ein gutmüthiges, fast drolliges Lächeln seinen Mund umspielte: »Was nun aber jenen Geist betrifft, mein liebes Frauchen, so habe ich nicht das Mindeste gegen ihn: – er ist ein braves, friedliches Wesen, und verhält sich die Sache wirklich so, er sie erzählt hat, so will ich ihm recht von Herzen baldige Erlösung wünschen – sonst aber – wenn ich Dir denn auch darüber meine Meinung frei und offen heraus sagen soll, bin ich gerade nicht so entsetzlich böse darüber, daß der Klabautermann damals – meinem kleinen Bräutchen keinen dicken Mund geküßt hat.«   Ende.