Hermann Essig Der Schweinepriester   Personen         Der Pfarrer von Miesbach Hella , seine Hauserin Der Pfarrer von Heinried , der Amtsbruder Der Dekan Verschiedene Pfarrherren Der Schullehrer von Miesbach Der Kirchenpfleger Der gottlose Michel Der Büttel Der Gerichtsvollzieher Der Schweineschlächter Seidenspinner Ortsbewohner und Schulkinder von Miesbach Schulchor Dudelsackpfeifer (Die Dorfmusik) Mischa , das Schwein Das Stück spielt in einem Pfarrdorfe. Der erste , zweite und dritte Aufzug im Pfarrhofe, der vierte in der Pfarrscheune.     Erster Aufzug Zweiter Aufzug Dritter Aufzug Vierter Aufzug   Erster Aufzug Personen Der Pfarrer von Miesbach Hella Michel Büttel Kirchenpfleger Schullehrer Ein Schüler Kirchgänger Szene : Der Pfarrhof. Links stehen Scheune und Schweinestall. Zwischen beiden führt ein enger Gang in den Pfarrgarten, dessen Bäume über den Schweinestall heraussehen. Rechts steht das Pfarrhaus, mit ein paar Stufen vor der Haustüre und einer Gartenlaube an der Seite des Hauses vorn an der Rampe; die Laube ist ganz offen, darin Tisch und Bank. Hinten schließt ein Zaun den Hof ab, doch ist aus demselben ein breites Feld in der Mitte ständig ausgehoben. Durch den Zaun hinaus getreten, steht man auf der Dorfstraße, die an der Kirchenmauer entlang führt. Durch die Kirchenmauer führt eine kleine Pforte. Die Kirche selbst steht inmitten der Ummauerung. Was hinten und seitlich noch offen ist, decken die Häuser des Dorfes. Es ist Sonntags vormittags vor der Kirchzeit. Der Pfarrer, im geschlossenen schwarzen Rock mit weißem Stehkragen, geht zwischen Schweinestall und Wohnhaus hin und her und lernt seine Predigt. Er hält ein weißes, kleines Manuskript in den auf dem Rücken gekreuzten Händen. – – Er bleibt stehen, nimmt die Predigt vor sich und liest laut. Pfarrer . Da ihr Kinder der Welt seid – – (Er hört allmählich auf und schielt nach dem Schweinestall, worin Mischa grunzt, geht dann wieder zwei Schritte, sieht in das Manuskript, wiederholt laut.) Da ihr Kinder der Welt seid, so verstrickt ihr euch in allerlei ungöttlich Werk und Wesen – – (Er sieht wieder nach dem Schweinestall und redet dem Schwein gemütlich zu.) Mischa! Sei stille! – – – Da ihr Kinder der Welt seid, so verstrickt ihr euch – Mischa! – (Er ruft.) Hella! Hella (in dem Hause) . Herr Pfarrer! Pfarrer . Hella, sieh einmal nach, was die Mischa hat, sie nottelt in einem fort an der Stalltüre. Hella (kommt aus dem Hause, werktäglich, im engärmeligen Kattunkleid, blauweiß gesternt, die Haare hängen ihr halb unten; sie spricht im Hingehen zum Stall mit Mischa) . Aber, »man« muß doch die Predigt lernen, Mischa! (Sie öffnet die Stalltüre weit.) Was ist denn? Mischa (hockt mit hochgeworfenem Kopf auf den Hinterbeinen und äugelt sie an) . Pfarrer (grinsend, mit tausend Fältchen um die Dickaugen) . Ich möchte wetten, sie weiß, daß ich die Predigt lernen will. Hella . Jaa, Mischa, du mußt ruhig sein, der Herr Pfarrer will lernen, oder fehlt dir etwas? Mischa (wirft die Ohren, bäumt rückwärts) . Nee. Pfarrer . Haha. Sie ist wahrhaftig gescheit wie ein Mensch. Ein drolliges Vieh. Glaubst du, daß sie dich versteht? Hella . Mischa, verstehst du mich? Mischa (in derselben Weise) . Nee. Beide (lachen) . Pfarrer (seine Lippen lassen die lachenden großen Zähne vortreten, droht mit dem Finger) . Mischa, das kann ich dir sagen, wenn du jetzt nicht ruhig bist, komme ich mit dem Stecken und du kriegst keine Rüben heute. Hella (wirft die Stalltüre zu) . Mischa (stößt zornig dagegen) . Pfarrer . Na, da hör einmal, wie sie stößt! Jetzt hat sie eine Wut. Mischa! Mischa! Mischa (wird horchend stille) . Hella . Die Mischa mag keinen Sonntag, der macht sie ärgerlich. Pfarrer . Kein Wunder, man kümmert sich viel weniger um sie, als am Werktag. Sie muß den ganzen Vormittag im Stall sitzen, das macht kein Vergnügen. Hella . So ist es eben, warum hat sie sich einen Pfarrer zum Herrn ausgewählt. Pfarrer . Du, du! Mache mir keinen Vorwurf. Hella (sieht halb lachend, schalkhaft weg) . Pfarrer . Weißt du, meine Predigt die kann ich, ich lasse die Mischa ein bißchen heraus. Hella (stellt sich rasch abwehrend vor die Stalltüre) . Nix da, Herr Pfarrer, »man« muß die Predigt noch besser lernen, »man« bleibt sonst bloß wieder mitten drin stecken. Die Mischa hat sich zu gedulden. Wenn sie dann auf den Abend ein bißchen heraus darf, hat sie auch noch ihr Vergnügen. Pfarrer . Hella, ein kleines Weilchen?? Ich kann ruhig dabei lernen, während sie außen ist. (Er will sie sanft von der Stalltüre wegziehen) Hella . Nein! (Sie schüttelt seine Hand ab.) Wenn »man« sich von der Mischa gar nicht trennen kann und sie »einen« beim Lernen stören tut, dann sag ich eben, dann muß die Schweinezucht aufhören. Wenn »einen« das Schwein ständig im Kopf kribbelt, so ist das »einem« nicht mehr zuträglich. Was denken da die Leute! Der Herr Pfarrer hat am verwichenen Sonntag mitten drin in der Predigt aufgehört und hat gar nicht mehr geatmet, bloß um nach der Mischa hinzuhorchen. Pfarrer . Das hast du dir eingebildet. Hella . Die ganze Kirche hat ja gelacht. So etwas merken alle. Pfarrer (dringlich) . Darum läßt man die Mischa Sonntags vor der Kirche ein wenig heraus, dann wird sie sich so schön ruhig verhalten während der Kirche. Hella . Und wie »man« drängt und sich erregt, als ob dem »armen Kind« das größte Unrecht geschähe, wenn es artig sein soll. Pfarrer . Nein, ich bin absolut nicht schwach und nachgiebig gegen die Mischa, aber ich bringe es nicht fertig, so ein Tierchen zu quälen. Hella . Das ist für die Mischa keine Qual, sie bleibt drinnen! Mischa (stößt wütend gegen die Türe) . Pfarrer (heftiger) . Aber Hella, so sehr das große Wort führst du schließlich nicht. Geh bitte von der Türe weg, sie soll das eine Mal heraus! Hella (tritt weg, schmollend) . Dann gut, wenn »man« den Eigensinn haben muß, mir kann es gleichgültig sein, ob man »einen« für kindisch hält mit seiner Schweineliebe. Pfarrer (zögert, Hand am Riegel) . Wer hält mich für kindisch? Hella . Was heißt es denn, wenn die Leute lachen? Pfarrer . Das heißt höchstens, daß sie sich freuen. Hella . Aber auf wessen Kosten? Pfarrer . Das Schwein stellt sich ziemlich billig. Hella . Man kann freilich mit allem Spott treiben und sich über der Leute Meinung hinwegsetzen, aber man kann nie wissen, ob nicht eine Gefahr daraus entsteht. Pfarrer . Wie? Eine Gefahr? Mit was? Für wen? (Hält den Riegel bloß noch sacht.) Du könntest es mir immerhin sagen, wenn irgendwie . . . haben denn die Leute schon etwas gesagt? (Läßt den Riegel los.) Hella . Mir wäre es gleichgültig, was die Leute reden. Aber . . . wenn man Pfarrer ist. Pfarrer (mit Kopf und Händen redend) ^ Nun, was können die Leute reden: daß ich ein Schwein halte, für das ich noch ein Prämium kriegen werde? – Na? Oder nicht? Hella (sieht ihn fast mitleidig lächelnd an) . Die Leute reden eben gar nicht. Pfarrer (mit kollernden Augen) . Was reden sie dann? Du scheinst mir recht nichtswürdig zu klatschen! (Spricht mit kleinen an sich gehaltenen Fäusten.) Hella (weint) . Ich klatsche doch nicht. Pfarrer . Beim Klatschen weiß man nämlich nie, was man zu viel redet. Hella . Ich klatsche ja auch gar nicht. (Putzt die Nase in die Schürze.) Da braucht »man« nun doch nichts zu fürchten, von mir, »man« ist nicht mein erster Herr Pfarrer. Pfarrer (macht ein beschwichtigendes Schrittchen) . So? Du klatschst also nicht, dann heule nicht weiter. Hella . Wenn ich von so was redete, da wäre ich eine große Gans! Pfarrer . Das glaube ich dir. Aber nun heule deswegen, sei so gut, nicht immer weiter! Hella . Wenn ich klatsche, dann weiß ich was ich rede. Pfarrer (die Hand tröstend auf ihr) . Das ist recht nett von dir, und ich muß es dir leider noch dankend zurechnen. Doch warum du weinst, wenn ich das Schwein heraus lassen will, das begreif ich nicht. Ich habe ja kein Wörtchen gesagt, das dich beleidigen konnte. Ich wollte dich nur ermahnen, denn wie die Leute sind, das merkst du an ihrem unverständigen Lachen. Es ist vollständig nichtssagend und gänzlich gefahrlos, so lange du dich, als die Hauserin, innig mit deinem Pfarrherrn und der Mischa verbindest. Hella . Das tu ich auch stets. Aber es ist meine Pflicht, darauf zu achten, daß sich der Herr Pfarrer das Ansehen vor der Gemeinde erhält. Die Leute dürfen nicht merken, daß»einem« das Schwein wichtiger ist als das Amt. Pfarrer (erschrickt) . Das Amt! Gleich das ganze Amt. Hella . Haja das Amt. Pfarrer . Bedenke, was du sagst. Das Amt ist doch etwas sehr Heiliges. Hella . Ja schon. Aber wenn sie den Pfarrer – na ich sage nichts weiter. Pfarrer . Was: wenn sie den Pfarrer? Hella . Ha nun, der gottlose Michel hat es aufgebracht. Pfarrer . Dann sage mir's, daß ich den Michel ins Gebet nehme. Was hat er aufgebracht? Hella . Ach, ich will's nicht aussprechen. Es käme mir zu dreist vor, das nachzusprechen. Pfarrer . Aber Hella, du hast die Pflicht, mir nichts zu verheimlichen. Hella . Nein, ich sage es nicht. Ich will meine Lippen nicht damit entweihen. Pfarrer . Es wäre mir jetzt viel lieber, du würdest aus deinen Lippen keinen solchen Ochsenmaulsalat machen. Was sagt der Michel? Hella (trotzig) . Ich mache Ochsenmaulsalat. Pfarrer . Hella, natürlich ist dein Mund etwas Herrliches. Doch wahr sein, offen sein, bis zum Zerbersten, das nenne ich heilig. Also rede! Hella . Herr Pfarrer, es verleidete einem den ganzen Beruf, wenn ich es sagte. Pfarrer . So schlimm ist's, was der Michel gesagt hat? Hella . Bloß ein Wörtchen. Pfarrer . Also ein Schimpfnamen. Hella (schweigt) . Pfarrer . Sag mir meinen Schimpfnamen. Hella . Das werd ich nie tun. Pfarrer (schwitzend) . Das widerspricht aber dem Gebot von Liebe und Treue, die du mir beide halten solltest. Hella . Nicht um die Erlösung von der Sünd bring ich das Wort in meinen Mund. Pfarrer . Dann schreib mir's auf! (Hält Manuskript und Bleistift hin.) Hella . Auch nicht in die Finger nehme ich das Wort. Pfarrer . Ist es so gemein? – – Und das hat der Michel aufgebracht? Es wird also auch sonst im Orte gebraucht? Hella . Gottlob, das könnte ich bis jetzt noch nicht behaupten. Pfarrer . Ha nun, wenn es bloß der Michel sagt, der wohl im ganzen Ort als ein abschreckendes Beispiel gelten mag und auch gelten wird? Hella (nickt) . Pfarrer . Dann werden hoffentlich die Leute so viel Charakter besitzen, diesen mich verletzenden Ausdruck auch schon aus ihren Gedanken ferne zu halten. Hella (lächelt) . Ja, das sollte man wünschen. Pfarrer . Tun sie es nicht? Hella . Herr Pfarrer, was man ferne halten muß, hat man immer schon in den Gedanken. Pfarrer . Ich versteh nicht. Hella . Herr Pfarrer, warum haben wohl die Leute am letzten Sonntag so gelacht? (Sie sieht verlegen weg.) Pfarrer (sehr unruhig) . So allgemein ist mein Spottname? Hella (grinst, im Boden scharrend) . Herr Pfarrer. Pfarrer . Er hängt also mit meiner Schweinezucht zusammen. Schimpft man mich »Schweinezüchter«? Etwa? Hella (rennt davon, ins Haus) . Beinah. (Ab.) Pfarrer . Hella! (Für sich.) – – Was gibt es denn für ein Wort, das mit Schwein zusammen. hängt? Schweine . . . Schweine . . . Ja so, es muß gemein sein, es muß mein Amt treffen. – Aha! Schweine . . . hahaha! (Rennt mit lebhaftem, rachsüchtigem Blicke umher.) Na wart einmal, Michel, dich belad ich mit einer Sündenlast, daß du Weh und Ach schreist vor dem Flammenschlund der Hölle. (Er hebt sein Käppchen ab, wischt seine Glatze.) So ein Lump! – Na, wegen so einem Höllenlump . . . (ringt nach Luft) wird doch die Würde meines Amtes nicht betroffen werden! Schließlich, was ist ein Schwein! Doch auch ein Geschöpf Gottes! Das werde ich verantworten. Zumal, mancher Mensch ist viel unnützer. – Mischa! (Tritt an den Schweinestall, öffnet.) Du darfst heraus. Mischa . Nee. Pfarrer (schlägt die Türe zu) . Gut, wenn du drinbleiben willst, dann kann ich dir nicht helfen. Dann aber Ruhe! (Sieht in sein Manuskript, gar nicht bei der Sache.) Also – – da ihr Kinder der Welt seid, so verwickelt ihr euch, so verstrickt ihr euch, so ein Teufelslump verdammter! So verstrickt ihr euch. (Starrt vor sich hin.) ( Aus der Kirche kommt ein Schüler gerannt, langhosig, plumpe Stiefel, nimmt einen sachten Schritt an, steht mit gezogenem Hut zur Seite. ) Pfarrer (knuppert an seinen Fingernägeln, nach einer Weile) . Was willst du? Schüler (leiernd) . Herr Pfarrer, einen schönen Gruß vom Herrn Lehrer und ich möchte das Lied holen. Pfarrer (rasch) . »Liebe, die du mich zum Bilde deiner Gottheit hast gemacht, Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.« Schüler (bleibt unschlüssig stehen) . Pfarrer . Auf was wartest du? Schüler . Einen schönen Gruß vom Herrn Lehrer und ich möchte das Lied holen. Pfarrer . Hast du keine Ohren? »Liebe, die du . . . mich zum Bilde«. Schüler . . . . Die, die, Herr Pfarrer, die Nummer? Pfarrer . Das weiß er. Ab damit! Schüler (geht langsam ab, ziemlich dumm geblieben) . Pfarrer (geht mit großen Schritten auf und ab) . Ich kann heut nicht predigen. Nicht einmal ein Schwein gönnt man einem Pfarrer, schon zu viel weltlicher Besitz. (Nach längerem Ringen.) Ärgert dich dein rechtes Auge, so reiß es aus! (Blickt, das rechte Auge zukneifend, mit dem linken nach dem Schweinestall.) Jawohl, dich meine ich. Dein fettes Schweineblut soll fließen, daß bloß ein weißer Speckhaufen zurückbleibt!! (Dumpf, unbeweglich.) Hella! Hella (im Hause) . Herr Pfarrer! Pfarrer (noch immer gleich) . Hella, wo wohnt der Schlächter? Hella (herausgekommen, halb kirchfertig, schwarzseidene Bluse, Unterrock, Haare gesteckt mit bombastischen Pfeilen und Kämmen) . Aber Herr Pfarrer. Pfarrer . Ich vernachlässige mein Amt wegen der Mischa. Hella (geht absichtlich vor ihn hin, beobachtet seine Miene) . Der Herr Pfarrer vernachlässigt das Amt? Pfarrer . Du sagst doch. (Seine Augen zwinkern, weil ein Lachen über sein Gesicht huscht.) Hella . Ich habe das gesagt? Pfarrer . Ja, du. (Wendet sich von ihr ab.) Hella (vorsichtig) . Aber Herr Pfarrer, ich habe nicht gesagt, man soll das Schwein schlachten. Ich habe nur manches Mal schon gedacht, ein klein bißchen weniger sich darum kümmern um die Mischa, das sollte man. Pfarrer . Nicht darum kümmern, das ist dann Tierquälerei. Dann tu ich sie lieber weg. (Legt den Kopf zurück, blickt gegen den Himmel.) Hella (geht vor ihn hin) . Ja wie, Herr Pfarrer? Die Mischa? Pfarrer (nickt, seine Augen sind voll Wasser) . Hella (merkt seine Rührung) . Herr Pfarrer, die Mischa tut keinem Menschen was zuleide? Pfarrer (seine Stimme gurgelt) . Die Mischa tut keinem Menschen etwas zuleid, aber sie muß sterben. Sterben. Hella . Herr Pfarrer, da würde ich weinen. (Zwingt sich vergebens dazu.) Pfarrer . Ja, ich möchte auch weinen. Andere Menschen haben auch Schweine und dürfen sie ruhig haben. Bloß ich nicht. Weil man sie mir mißgönnt. Hella . Aber Herr Pfarrer, jedermann hat seine helle Freude daran, wie »man« an dem Tiere hängt. Pfarrer (lallt) . Sie lachen! Hella . Ach, so ist das Lachen ja nicht gemeint. Pfarrer (sieht sie finster an) . Hella! Hella (verzwungen lachend) . Herr Pfarrer, so ernst ist das nicht zu nehmen. Pfarrer . Meine nur nicht, ich wisse nicht, wie man mich nennt. Hella (verlegen) . So sagt ja bloß der gottlose Michel, der Schnapser, der Nixnutz, der nie in eine Kirche geht, dieser Gottseibeiuns. Pfarrer (eng auf sie hingetreten) . Nun aufrichtig, bloß der Michel oder die ganze Gemeinde? Hella . Herr Pfarrer, ich bin selber ein Kind dieser Gemeinde. Pfarrer . Was willst du damit sagen? Hella . Mir ist die Mischa sehr lieb und wert, ich hänge mit Leib und Seele an dem Tiere. Pfarrer . Dann darf ich es leben lassen? Hella . Leben und leben lassen!! Die Mischa soll's ewige Leben haben!! Sie soll alt werden wie »einer« selbst!! Pfarrer . Ist sie dir nicht zu viel? Hella (tritt zurück, erstaunt) . Wie kommt »man« darauf? Pfarrer . Ich habe schon gedacht, vielleicht ist es der Hauserin zu viel, was sie immer mit dem Schwein zu tun hat. (Er paßt genau auf Hella auf.) Hella (rührt sich emsig, geht schleunigst auf den Schweinestall zu) . Besorg ich sie nicht gut? Ist die Mischa unzufrieden mit mir? (Macht die Stalltüre auf.) Mischa! hast du mich verklagt beim Herrn Pfarrer? Mischa (knarfelt mit den Zähnen) . Jaa. Hella . Ja natürlich, du wirst schlecht besorgt von der Hella. So kann ich es freilich verstehen, daß »man« eine andere Hauserin haben will. Das ist aber nicht schön von dir, Mischa, wasch ich dich nicht alle Tage? Kriegst du nicht dein übergutes Fressen? Nimmst du nicht Tag um Tag ein Kilo an Speck zu? Oder ist dir's nicht genug? Mischa . Nee. Hella . So, es ist nicht genug? Meinst du, du kriegst deinen Preis nicht zum landwirtschaftlichen Fest? Na, dann muß ich dir halt den Willen tun und dich zum Sonntagmorgen heraus lassen. Pfarrer . Laß einmal gut sein, sie will nicht. Hella . Ha nun, dann muß man ein wenig weggehen, dann wird sie in einem Weilchen schon herauskommen. (Tritt vom Stall weg.) Nein, Herr Pfarrer, ich bin der Mischa wohl gesinnt. Nein, das wäre noch schöner, wenn wegen der Mischa Zank zwischen uns käme. Mir liegt wohl am allermeisten daran, daß es dem Herrn Pfarrer nicht verdrießlich wird, das Evangelium zu verkünden. Pfarrer . Hella, ich weiß nicht, redest du so aus Einsicht oder aus Nachgiebigkeit? Hella . Ich rede aus Einsicht! Das weiß ich wohl, wie dem Herrn Pfarrer seine Mischa am Herzen hängt, da werde ich nie sagen, wo für die Mischa ein Schlächter wohnt. So dumm werde ich nicht sein. Um der Mischa willen bin ich »einem« gerade noch gut genug. Ich bemerke es wohl, mit welcher Wonne »man« sieht, wie gut ich die Mischa besorge, daß sie preisgekrönt werde – Herr Pfarrer, spekuliert »man« denn überhaupt auf etwas anderes? (Listig.) Ist augenblicklich nicht das Amt Nebensache? Pfarrer (bekreuzt sich sozusagen) . Das dürfte nicht sein. Hella . Nun lieber Herr Pfarrer, jetzt unter uns. (Leiser.) Wir sind zwei Menschen, die sich nicht belügen sollen. Ich bin zwar kein Heide, aber ist es nicht wichtiger für den Menschen, daß er seine Leidenschaften befriedigt, als daß er einen lästigen Sack Pflichten hinschleppt, der immer schwerer wird? Pfarrer (bedenklich) . Hella!! – Du hattest recht getan, mich an die Wichtigkeit meines Amtes zu mahnen. Hella . Wenn ich deswegen fliege und der »Herr Gemahnte« in ein trübselig Elend versinkt? Pfarrer . Dann ist das ein Zeichen. Ich kämpfe sehr in mir, Hella. Muß das Schwein weg? Oder kann es bleiben? Hella . Das beantworte ich am klügsten nun so, Herr Pfarrer. Kriegt das Schwein den Preis, so darf es leben bleiben. Kriegt es keinen, dann haut man ihm über den Nischel und vernützt es im Haushalte. Pfarrer . Hella, in wessen Namen redest du? Hella . In wessen Namen? Ich rede aus dem Verstande und aus dem Herzen. Pfarrer . Hella, das Schwein ist meine Versuchung. Oder bist es du? Hella . Ich danke. Pfarrer (pathetisch, mehr für sich, vertieft überlegend, mit hochgehaltenem Finger) . Ein Weib?? Ein Schwein?? Hella . Hör ein Mensch an! Pfarrer (wiederholt) . Ein Weib? Ein Schwein? Mischa (entschließt sich aus dem Stall zu fallen, sie watschelt zentnerschwer dahin) . Hella . Das schafft mir nun wirklich Bedenken. (Schabt sich das Kinn.) Daß man so hoch geschätzt wird! Und dann, wenn die Mischa vollends den Preis kriegt, dann bin ich gar nichts mehr. Pfarrer . Es sind ideelle Begriffe. Hella . Die, bitt ich denn doch schön, möchte »man« nicht so kuttelmutteln. Pfarrer . Du verstehst mich schwer. (Wendet sich zur Betrachtung Mischas.) Hella . Oh, ich versteh »einen« schon. Dort läuft sie, hier stehe ich. Es ist eben kein Mitgefühl in »einem«. Ach! Hauserin von so einem . . . Pfarrer . Na, kommt es voll heraus? Hella (besinnt sich, dann)  . . . . Spekulanten. Pfarrer . Es wird dir noch einmal auf die Zunge kommen, das Schimpfwort. ( Der gottlose Michel tritt hinter dem Zaune leise, mehr plötzlich als schleichend, auf. Er ist noch unbemerkt. Der Michel hat ein scharfes, verschnapstes, intrigantes Gesicht, er trägt schwarze kurze Lederhosen, ein zerfetztes Wams, aus den Ärmeln sehen lange dünne Handgelenke und Mädchenhände hervor. Die Schuhe, offene Lederpantoffeln, trägt er häufig, zum Beispiel jetzt, in der Hand, wodurch er leicht überraschend nahe kommt. Strümpfe trägt er, aber ohne Fuß. ) Hella (tritt mit Leidenschaft auf den Pfarrer zu) . Hat »man« keine Liebe mehr zu mir? Pfarrer . Was willst du denn? Davon reden wir ja nicht. (Liest.) Hella (läßt die Arme sinken) . Schließlich, wenn man gemeint hat, »einem« alles gewesen zu sein, da sieht man ein Schwein vorgezogen. Pfarrer (liest setzt eifriger) . Störe du nicht den Frieden hier. Mischa (benimmt sich mit friedlicher Gebärde, den Boden absuchend) . Hella (von weitem, verzückt) . Herr Pfarrer! (Sie schüttelt, da er nicht beachtet, den Kopf und sieht auf einmal den Michel, dabei macht sie keine Miene des Erschreckens, sondern sie läßt einfach das zufällig in die Richtung gekommene Gesicht so stehen.) Der Michel! Pfarrer (leise) . Steht er schon lang da? Michel (räuspert sich – wie er bemerkt wird, redet er sofort los) . Guten Morgen, da ist man ja zum Sonntagmorgen beieinander, die ganze Pfarrfamilie. Mischa (sieht einen kurzen Augenblick hinüber, sucht dann weiter) . Hella (Blick noch auf Michel gerichtet) . Ich weiß nicht. Pfarrer (er tut nun, als stünde der Michel gar nicht da) . Richte mir meinen Kirchenrock zurecht! Hella (unterwegs nach dem Hause) . Man hat sich wegen der Mischa ihrem Schnupfen solange aufgehalten. (Ab.) Michel . Mischa, du mußt wenigstens ein bißchen niesen. Mischa (schaufelt mit den Hinterbeinen Dreck nach ihm) . Pfarrer (sieht giftig nach Michel, lernt weiter) . Michel (vertraulich) . Mischa, wie hast du heute nacht geschlafen? Mischa (beachtet die Frage nicht) . Michel . Mischa, das nächste Mal bringe ich dir was mit. – Mischa, das nächste Mal bringe ich dir ein Mastpulver. Pfarrer (zornig) . Die Mischa kriegt keine Mastpulver. Sie frißt bloß unsere heimischen Bodenprodukte. Michel . Soll es nicht auf den Preis losgehen, Herr Pfarrer? Pfarrer (barsch) . Ich weiß nicht. Michel . Herr Pfarrer, ich habe bisher beim Lammwirt von Ellhofen die Schweine gefüttert und die haben bisher alle Jahre die ersten Preise gekriegt. Pfarrer . Ich füttere selber. Michel . Zum Preise durchfüttern, das muß verstanden sein. Pfarrer . Ich verstehe genug. Michel . Ich dachte, ich gehe einmal hin zum Herrn Pfarrer und biete meinen Dienst an. Pfarrer (antwortet nicht, liest scheinbar)  – – Michel . Mischa! Gefällt dir's Predigtlernen? Pfarrer (plötzlich aufgebracht, mit dem Finger verweisend) . Hebe er sich hinweg! Michel (sieht rückwärts) . Wo fliege ich? (Sieht wieder herum) Sehen Sie, Herr Pfarrer, weil es am Glauben fehlt, darum ist es nicht gegangen. Pfarrer (lernt heftiger, faßt sich) . Michel . Mischa! Ist die Sonntagspromenade neu eingeführt? Pfarrer (ihn heftig anfahrend) . Er geht ja auch am Sonntag genau so schweinemäßig wie am Werktag spazieren. Michel . Geduld, Herr Pfarrer, mit einem Gliede der Gemeinde. Pfarrer . Führe er sich zunächst als solches auf. Michel . Der Herr Pfarrer müßte mich eben ein bißchen anlernen. Pfarrer . Dann gehe er einmal in die Kirche. Michel . Wie macht man das? Pfarrer . Man bleibt daheim bis zum Glockenläuten und zieht sich einen ganzen Rock an, wäscht sich, kämmt sich, rasiert sich. Wenn es dann läutet, erhebt man sich und geht in die Kirche. Michel . Das wollte ich schon hie und da. Aber jedesmal komme ich am Herrn Pfarrer seinem Schweinestall vorbei, und dann finde ich die Kirche nicht mehr. Pfarrer . Es ist tief bedauerlich, daß er durch ein Schwein vom rechten Wege verirrt. Michel . Und der Herr Pfarrer ist mein Hirte und erfindet kein Mittel, mich vor dem Verirren zu behüten. Pfarrer . Zufällig weiß ich, daß er auch bei meinem Vorgänger nie die Kirche besucht hat. Michel . Ich habe mich einstweilen bekehrt. Pfarrer (staunt) . Warum geht er dann nicht zur Kirche? Michel . Ich kann nicht. Pfarrer . Das Schwein ist seine faule Ausrede. Michel . Nein, Herr Pfarrer, wenn ich sehen würde, daß der Herr Pfarrer um meinetwillen das Schwein abtäte, dann würde ich gläubig. Pfarrer . Da ist mir das Schwein lieber als der gottlose Michel. Michel (mit Eifer und mehr Ernst) . Das ist dem Herrn Pfarrer seine Sünde. Pfarrer . Ist er nicht der gottlose Michel? Michel . Das will ich nicht ableugnen. Pfarrer . Steht er nicht manchen Tag aus der Gosse auf, wo er die Nacht verbracht hat völlig betrunken? Ist er da über der Würde meiner Mischa? Sei er kein solcher Säufer, dann will ich seine Bekehrung glauben und die Mischa darangeben. Michel . Herr Pfarrer, ich bin kein Säufer, ich bin bloß stets voll. Pfarrer (lacht) . Michel . Es geht meinem Kopf halt wie einem randvollen Gefäß, wenn man da bloß ein Gläschen hineinschüttet, dann läuft es wieder über. Ich bin zum Beispiel jetzt nüchtern. Pfarrer . Haha. Michel . Wenn ich nun in den Anker gehe, dann ist es wieder für den ganzen Sonntag geschehen, dann torkele ich umher und bin gänzlich hinüber, aber bloß von einem Gläschen. Pfarrer . Laß er doch einmal das Gefäß verdunsten, dann kann er mehr vertragen. Michel . Ich will ja gar nicht mehr trinken, Herr Pfarrer. Pfarrer . Das soll er ja gar nicht, aber das eine Gläschen wird dann das Gefäß nicht mehr gleich überfüllen. Michel . Ich habe es schon probiert, aber das im Kopf verdunstet zu langsam. Pfarrer . Kann er das Gefäß nicht mit einem Mal ausschütten? Michel . Ich kann in meinen Kopf kein Loch bohren, Herr Pfarrer. Pfarrer . Wenn an seinem Zustand nichts zu ändern ist, dann hat er auch kein Recht, an meinem Schweine zu kritisieren. Michel . Soll ich mich aufhängen? Soll ich mich an einem Baumast aufhängen? Pfarrer . Wenn er einmal so endet, so ist dafür kein Mensch verantwortlich zu machen. Verschreib er sich nicht dem Teufel mit Schnaps und Karten, dann hat er keine Gewalt über ihn. Michel . Trotzdem hat mich der Teufel noch nicht geholt. Ich bin eben noch zu gut für ihn. Pfarrer . Vielleicht hat ihn auch der Teufel zu seiner angenehmen Wohnung ausgesucht. Michel . Es ist erst noch wahr, Herr Pfarrer. Der Teufel hatte einmal bei mir Wohnung genommen. Aber da habe ich so viel gesoffen, daß es aus des Teufels Wohnung das ganze Mobiliar davongeschwemmt hat. Da hatte er keinen Stuhl mehr zum Sitzen. Da ist er aus mir ausgefahren und in des Pfarrers Schwein hinein. Haha. Pfarrer (vergnügt) . Da ist der Teufel wenigstens gut aufgehoben. Mischa (verläßt den Hof, geht in den Winkel zwischen Scheune und Schweinestall, worin sie verschwindet) . Pfarrer . Wenn ich nun der Mischa, so wie er will, den Kopf abschlüge, dann wäre bloß Gefahr, daß der Teufel zum Michel zurückkehrte. Michel . Herr Pfarrer, Sie sind gut studiert. Aber ich möchte den Rat geben, den Teufel namentlich am Sonntag gut einzusperren, sonst läuft er unter die Gemeinde. Hähä! (Geht lachend weg, am Zaun vorbei, schlüpft in seine Pantoffeln, ab.) Pfarrer (sieht sich um) . Wo ist die Mischa? (Sieht in den Stall tief hinein, schlägt gedankenlos die Türe zu, rennt durch den Hof.) Mischa! (Brüllt ins Haus.) Hella! Wo ist die Mischa? (Fährt mit der Hand über den rot angelaufenen Kopf.) Hella (kommt kirchfertig heraus, sie hat setzt den Rock an, das Gesangbuch in der Hand) . Hat man schon im Winkel nachgesehen? Pfarrer (schießt vorwärts) . Im Winkel? (Atmet auf.) Richtig, da ist sie. Hella . Warum ist »man« denn so aufgeregt? Pfarrer . Ich dachte, sie sei entlaufen. Hella . Die Mischa nimmt doch stets den Lauf in den Winkel!? Pfarrer . Der Michel hatte mich mit seiner gottlosen Rede so von der Aufmerksamkeit abgezogen. Im Augenblick war mir's wie beim Erwachen aus dem Schlaf. Hella (sieht ihn prüfend lächelnd an) . Sollte man sie lieber wieder einsperren? Pfarrer . Ich weiß nicht, Sonntags, – müßte sie vielleicht doch lieber im Stall gehalten werden. Hella . So meinte ich ja auch. Pfarrer . Weißt du, zum Lernen der Predigt würde ich auch besser in meinem Zimmer bleiben, damit ich gar keine Gedanken habe, was die Mischa wünscht. Hella . Freilich, man hat mehr Sammlung. Pfarrer . Wenn ich dann innen lernte, so könnte Mischa wohl außen sein, nur müßtest du dich dann künftig so gänzlich um Mischa bekümmern, daß ich nicht im geringsten die leiseste Störung durch sie erleide. Hella . So wollte ich es immer. Aber »man« war dann immer so mißtrauisch, ob ich auch genügend acht gebe. Pfarrer . Nur dann kann die Vorbereitung auf die Predigt ersprießlich werden. Nicht wahr? Du bleibst ganz bei der Mischa? Hella . Natürlich, zu ihr in den Stall sitzen kann ich nicht. Pfarrer . Es ist ganz vorwurfslos von mir gesagt heute. Du mußt dir das nur für den kommenden Sonntag schon jetzt merken, daß es wenigstens heute das letzte Mal war, wo ich gestört wurde. Hella (geht mürrisch dem Winkel zu) . Nun soll wohl die Mischa wieder herein? Pfarrer . Oh, sei jetzt nicht ärgerlich mit der Mischa. Sie ist ewig unschuldig. Hella . Freilich, freilich, die Mischa ist ein Engel. Soll sie herein? Pfarrer . Ein Teufel ist sie jedenfalls nicht. Bringe sie ein. Hella (verschwindet im Winkel) . ( Man hört Mischa laut grunzen, der Pfarrer steht am Eingang des Winkels und beobachtet das Einfangen, hat die Hand in den Rock gesteckt, um auf die Uhr zu sehen. In dieser Stellung verharrt er. ) Pfarrer . Das arme Tier! Jetzt kriegt sie womöglich Stöße und Püffe. ( Ein Trupp sonntäglich gekleideter Männer versammelt sich vor der Kirche, sie grüßen und lüften die Hüte. »Guten Morgen Herr Pfarrer«. ) Pfarrer . Guten Morgen, Guten Morgen! (Streng.) Hella! (Er verschwindet im Winkel.) ( Die Männer lachen nicht. Die Kirchenglocken beginnen. Die Männer gehen in die Kirche, bald entwickelt sich der Kirchgang des ganzen Dorfes. ) Hella (kommt aus dem Winkel gerannt) . Pfarrer (rennt hinter ihr) . Mischa (streckt als Zuschauer den Kopf aus dem Winkel) . Hella . Warum soll ich mich mit dem eigensinnigen Schwein herumärgern! Da, »man« sehe. fast alle Leute sind schon in der Kirche. Pfarrer (hält sie fest, schwitzt vor Angst) . Du kannst unmöglich mitten drin weglaufen. (verzweifelt.) Man kann die Mischa während der Kirche nicht frei umhergehen lassen, sie wird gestohlen. Hella . Gott mit dem Dieb! »Man« braucht kein Schwein. Pfarrer (wütend) . Hella, du fliegst! Hella (ihrerseits wütender, macht kehrt zum Schwein) . Du Luder! Mischa (flieht wieder in den Winkel zurück) . Hella . Wenn du jetzt nicht hereingehst, reiß ich dich an den Ohren! (Ab.) Pfarrer (verzweiflungsvoll genehmigend) . Ja wohl, dann reißt man dich an den Ohren, Mischa! (Ab in den Winkel.) ( Ein altes zittriges Weib und eine Junge treffen von verschiedenen Seiten kommend unter der Kirchtüre zusammen. Die Glocken haben ausgeschwungen, die Orgel brummt. ) Die Junge (rasch) . Guten Morgen. Die Alte (langsam) . Guten Morgen. Die Junge (wartet auf die Alte) . Seid Ihr auch wieder wohlauf? Die Alte (mühselig schnaufend) . Jaja, so schön heute. Beide (ab in die Kirche) . Pfarrer (kommt gerannt) . Ich muß mich fertig machen. (Ruft zurück.) Sorge vollends, daß die Mischa hereinkommt. Hella (unter dem Winkel zum Vorschein kommend) . Vollends. Von vollends ist noch gar keine Rede. Das kann noch eine Stunde dauern. Pfarrer . Ja, Liebe, es tut mir leid. Hella . Mir tut es auch leid. Pfarrer . Da sieh du zu! Ich habe sie nicht herausgelassen. (Ab ins Haus.) Hella (wartet nur, bis er ganz fort ist) . Na, heute war ich zum letzten Mal so gutmütig. (Geht zum Schweinestall rasch hin und holt die Peitsche aus der Futterkammer.) Und ich hole für meine Mischa einmal die Peitsche. So. (Unter dem Winkel.) Kommt man nun gutwillig, Mischa? Mischa (kommt angerannt) . Hella . Siehst du die Peitsche? Mischa (rennt kreiselnd und grunzend durch den Hof, hopft vor der Stalltüre, da sie zu ist, rennt sie weg) . Nee, nee. Hella (knallt mit der Peitsche) . Wer hat auch die Stalltüre zugemacht? Mischa (rennt zum Hof hinaus, hinein ins Dorf) . ( Hella läßt einen Augenblick die Peitsche sinken, aus der Kirche tönt jetzt der laute Gesang der Gemeinde. Der Pfarrer tritt unter die Haustüre im Kirchenrock, die Bücher im Arm. ) Pfarrer . Elende Kreatur! Hella . Wer? Pfarrer . Hast du sie denn gehauen? Hella . Soll man die nicht hauen? Da rennt sie ins Dorf hinein! Pfarrer . So renne ihr nach, aber doch liebevoll, liebevoll, nur liebevoll! Hella . Ich werde ihr liebevoll. eins überziehen. So was ist mir ja früher niemals vorgekommen. (Folgt Mische) Pfarrer . Oh, erinnere mich nicht an meine Vorgänger! Die haben dich auf dem Gewissen. Hella (halb entschwunden) . Mischa! Du Sau!! Wirst du daher kommen! (Ab.) ( Der Polizeidiener zieht auf zur Kirchenwache. ) Pfarrer (unter dem Hofausgang) . Kann ich denn nun in die Kirche? Büttel (grüßt, sticht auf) . Guten Morgen, Herr Pfarrer. Pfarrer (lüftet leise das Barett) . Büttel . Ist die Mischa ausgegangen, Herr Pfarrer? Pfarrer (unangenehm berührt) . Ja. Büttel . Es ist ein bißchen zur ungeschicktesten Zeit, Herr Pfarrer. ( Der Michel kommt mit lautem Hohnlachen. ) Michel . Der Pfarrer hat eine Treibjagd während der Kirche! Hahaha. Büttel (ihm entgegen, aufhaltend) . Halt dein Maul! Michel. Michel (bleibt schwankend stehen) . Büttel . Nimmst du den Hut ab, gottloser Michel! Michel (grinst den Pfarrer an, Hut in der Hand) . Herr Pfarrer, wenn ich ein wenig mit einfangen dürfte? Pfarrer (scherzend) . Diesmal hätte ich dem Michel folgen sollen und den Teufel einsperren müssen. Michel . Ei Herr Pfarrer, wir fangen das Schweinchen. Da wird der Teufel keinen langen Sonntag machen. Pfarrer . Wenn er so hilfreich sein will, dann . . . Michel . Es ist dem Herrn Pfarrer sein Glück, daß ich kein Kirchgänger bin. (Schiebt vorwärts, schlenkert die Schuhe hinaus, die er unterwegs aufhebt.) Ich werd die Pfarrsau fangen! Juhu! (Ab.) Pfarrer . Polizeidiener, Sie könnten die Stalltüre öffnen, damit sie dann schnell herein kann. Büttel . Ich will gerne tun, Herr Pfarrer, was ich dabei tun kann. (Er geht hin und hält die Stalltüre offen.) Pfarrer . Haben Sie vielleicht gesehen, hat meine Hauserin die Mischa mit der Peitsche gehauen? Büttel . Das habe ich nicht entdecken können, Herr Pfarrer. Pfarrer . Sie könnten ihr vielleicht folgen. Sie scheint das Tier zu mißhandeln. Büttel . Herr Pfarrer, es soll ihr kein Leid geschehen! (Aufstechend, ab.) ( Der Kirchengesang hört auf, es brummt nur noch die Orgel. Der Schüler kommt wie früher. ) Pfarrer (nervös) . Ist das Eingangslied schon zu Ende? Schüler . Herr Pfarrer, einen schönen Gruß vom Herrn Lehrer, ob der Herr Pfarrer komme oder ob man das Lied noch einmal von vorne anfangen soll? Pfarrer . Ein neues Lied. Nummer dreiunddreißig. Schüler (will fortrennen) . Dreiunddreißig – (Hält wieder.) Herr Pfarrer, das hat man gerade gesungen. Pfarrer . Dann Nummer sechsundsechzig. Schüler (rennt fort) . Nummer sechsundsechzig. Pfarrer (nach einer Weile) . Heh! – Na, der Esel hört nicht. Hahaha. Sechsundsechzig ist ein Tauflied. Oh Bocksunglück! ( Der Kirchengesang beginnt von neuem. Der Kirchenpfleger kommt aus der Kirche schnaufend, Verlegenheitsasthmatiker mit Brille, ist überrascht, den Pfarrer stehen zu sehen. ) Kirchenpfleger (mit schmeichelndem Wesen) . Herr Pfarrer, so kommt der Herr Pfarrer? Ich wollte schon nachsehen, ob der Herr Pfarrer unwohl geworden ist? Pfarrer . Singt ruhig weiter, ich werde schon kommen. Kirchenpfleger . Weiß es der Herr Pfarrer nicht? Der Eingang ist schon zu Ende. Pfarrer . Freilichle weiß ich's, lieber Herr Kirchenpfleger. Singen Sie nur noch einmal eines mit, dann bin ich da. Kirchenpfleger . An was hängt's denn? Herr Pfarrer. Pfarrer . Oh leiderle durchgegangen! Kirchenpfleger (erschreckt) . Die Hauserin? Pfarrer . Oh nein. Wir leben im größten Frieden. Kirchenpfleger (sein Gesicht grinst wieder) . Die Sau? Hä hähä? Pfarrer . Oh ja! Die Mischa. Kirchenpfleger (will gleich in die Kirche zurückkehren) . Pfarrer . Herr Kirchenpfleger, sagen Sie es zunächst niemand. Kirchenpfleger . Herr Pfarrer, was man eben in der Kirche redet, bloß Frömmlichkeiten. (Ab.) Büttel (kommt zurück) . Ist sie nun da, Herr Pfarrer? Pfarrer (beunruhigt) . Wer? da? Niemand ist da. Sie sehen ja, daß ich noch warte. Büttel . Da kann ich nicht viel machen. Ich habe sie aus den Augen verloren. Pfarrer (besorgt) . Ich dachte, Sie fangen auch ein bißchen mit ein. Büttel (sich entschuldigend) . Es ist während der Kirche, Herr Pfarrer, da bin ich daher befohlen. Pfarrer . Na ja, ein bißchen. Haben Sie überhaupt etwas gesehen? Büttel . Von einer Mißhandlung? Es war schon zu spät. Pfarrer . Wie? Zu spät? Zu was zu spät? Büttel . Sie kommen schon zurück. Pfarrer (aufatmend) . Mann Gottes! Das ist mehr, als ich zu erfahren hoffte. Rufe . Hoia! Hoia! Hoia! Pfarrer . Achtung! Polizeidiener, in den Hof, in den Hof! Ich bleibe hier stehen. Stehen Sie? Achtung! Mischa (rennt in den Hof) . ( Hella und Michel kommen scharf hinter ihr. Michel toll vergnügt, Hella außer Atem. Sie wirft die Peitsche auf die Straße hin. ) Hella . Ich kann nicht mehr. Pfarrer . Aufgepaßt, aufgepaßt! Sie kehrt um!! Polizeidiener! Hella!! Michel!!! Mischa (rennt in den Kirchhof, watschelt dann, da sie nicht weiter verfolgt wird, gemütlichen Hinterteils weiter der Kirche zu) . Pfarrer . Oh jerum! Alle (stutzen) . Michel (lacht plötzlich unbändig) . Das hat noch gefehlt! Haha! Pfarrer (endlich) . Hella, was hast du da gemacht? Hella (verfällt in einen Weinkrampf) . Ich? Ich? Pfarrer . Nein. Der Polizeidiener war der Schafskopf. Büttel (wehrt sich milde) . Herr Pfarrer, was in der Sache in meiner Kraft stand. Pfarrer . Hella! So höre mich an! Ich werde nun in die Kirche gehen, raffe dein Letztes zusammen und stelle du dich im Hofe auf. Polizeidiener rechts, Michel links auf der Straße, dann werde ich sie bald haben. Hella (geht ins Haus) . Ich kann die Schmach nicht erleben. (Ab.) Pfarrer (stürzt ihr nach) . Hella, ich beschwöre dich, diese eine Hilfe werde ich dir mit einem Goldstück belohnen. (Die Haustür fällt vor ihm zu.) Polizeidiener! (Verändert.) Wenn jemand ein Lied verlangt, geben Sie einfach Befehl »Weitersingen«. (Ab ins Haus.) Büttel . Das wird geschehen, Herr Pfarrer. (Der Gesang verstummt, die Orgel schweigt.) Büttel . So eine Frechheit, nun einfach zu schweigen. Michel . Das ist eben auch kein Verhalten von einem Pfarrer. Büttel . Ruhe hier. Es ist Kirchzeit. Michel . Und wenn dem Pfarrer sein Schwein im Orte herumsaut, das ist in der Ordnung? Ist das keine Ruhestörung während der Kirchzeit? Büttel . Das ist eine Sache für sich. Diese geschieht im Interesse der Wahrung eines gefahrlaufenden Besitzes. Michel . Daß du ein Schafskopf bist, hat der Pfarrer selber gesagt. Büttel . Willst du mich beleidigen? Michel . Ach, du meinst, wenn er zu dir Schafskopf sagt, so spricht er als der gute Hirte? Büttel . Dazu ist der Herr Pfarrer berechtigt, die Titel aus seiner Erhabenheit zu verleihen. ( Der Schullehrer kommt mit bedächtig wackelndem Gang und zitterndem Cholerikerkopf, ein langer, igelborstiger Alter in schäbigem Gehrock in gestickten Pantoffeln, die bei jedem Schritte krachen. ) Lehrer . Können Sie mir sagen, wo der Herr Pfarrer bleibt? Büttel . Weitersingen, hat der Herr Pfarrer befohlen. Lehrer . Wir haben zwar schon zwei Lieder gesungen, aber ich lasse weitersingen. Michel . Habt ihr noch keinen Gast in der Kirche? Lehrer . Was meinen Sie? Büttel (zum Michel, dem er den Mund zuhält) . Halt das Maul! Halt dein Maul! Weitersingen. Lehrer (macht Kehrt) . Soeben haben wir ein Tauflied gesungen, ich werde somit am besten jetzt ein Sterbelied erwählen. (Ab.) Michel (der endlich das verdeckte Maul frei kriegt) . Wenn nun die Sau in die Kirche hineingeht?! Büttel . Das ist eine Sache für sich, – die dich wiederum nichts angeht. Michel . Wenn er den Teufel in die Kirche seiner Gemeinde schickt! Büttel . Du sollst jetzt ruhig sein mit deinen Lästerungen, sag ich. Es ist Kirchzeit. ( Kirchengesang ) Michel . Sieht man's jetzt nicht, daß in der Pfarrsau der Teufel innewohnt? Büttel . Das ist zu viel. ( Sie prügeln sich. – – Schließlich zieht der Büttel blank, worauf Michel die Peitsche gewandt aufhebt. ) Büttel (mit vorgestrecktem Bajonett, in Haltung) . So jetzt, was willst du? Michel . Stoß zu! Büttel . Wenn mir dein Blut nicht zu versoffen wäre. Wenn ich dich stäche, da liefe der Schnaps weg! Michel . Du bist so verhungert, daß die Peitsche nicht einmal einen Striemen hinterließe. Büttel . Versuch's! Michel . Versuch's! Büttel . Wer hat die Macht? Michel . Wer ist im Recht? ( Pfarrer mit Hella , die er am Arm führt, aus dem Hause. ) Pfarrer . Da stell dich hin, Hella. Gibst recht Obacht, Liebe. Willst du's tun? Hella . »Man« gehe und probiere! ( Der Kirchengesang bricht jäh ab. Ein dröhnendes Gelächter kommt aus der Kirche. ) Alle . Holla! Was ist das? Pfarrer . Jetzt ist sie im Schiff der Kirche!! Hella (schlägt die Hände flehend zum Himmel) . Pfarrer (im Vorbeirennen) . Was kämpft ihr? (Ab in die Kirche.) Hella . Der gute Mann hat es dahin gebracht, daß es aufhören muß, aufhören muß, muß! Michel . Jungfer, das ist recht gut. Das kann der Teufel nicht brauchen, so eine Zwittergeschichte. Entweder ist er Pfarr oder ist er Züchter . Büttel . Das ist das Schöne an unserm Herrn Pfarrer, das Vorbild, das er der Gemeinde ist, auch im Tierleben. Es sind schon viele Rohheiten gewichen aus der Gemeinde. ( Unter lautem Geschrei wälzt sich die Menge aus der Kirche. Das Schwein stürzt voran, scharf dahinter der Pfarrer im fliegenden Kirchenrock. Er entreißt im Vorbei dem Michel die Peitsche und brennt Mischa ein Dampfendes über den Speck, so daß sie laut aufschreit, er prügelt saftig und saftiger. Die Menge staut sich unter dem Tor, wird stumm. ) Pfarrer . Ich will dir den Teufel austreiben! (Die Stalltüre fliegt zu, Mischa ist drinnen) Die Leute (wenden sich leise gegen den Pfarrer) . Warum denn so unmenschlich? Herr Pfarrer! Pfarrer (ab ins Haus, die Türe knallt) . Die Leute (werden murrender) . So ein armes Tierchen! So zu hauen! Michel (durch die vorgehaltenen Hände laut aus voller Kehle) . Schweinepriester!! Hella (steht inmitten des Hofes erschüttert) . ( Vorhang .) Zweiter Aufzug Personen Pfarrer Hella Der Amtsbruder Der Schlächter Michel Kirchenpfleger Der Elefantenschmied Der Schnabelfatzer Büttel Briefträger Mischa Szene : Pfarrhof, wie im ersten Aufzug. Auf dem Tische der Laube liegen die Bücher des Pfarrers zum Studieren aufgeschlagen. Hella im Arbeitskleid wäscht vor dem Stalle Mischa mit der Bürste, der Pfarrer steht daneben. Hella . Mischa, will dein Striemen über den Rücken nicht mehr vergehen? Wächst an der Stelle kein Fett mehr? Hm, Mischa? Weinst du, daß man dich so sehr gehauen hat? Mischa (niest) . Pfarrer (geht mit handverdecktem Auge schmerzbewegt auf und ab) . Sei still, sei still, Hella. Ich hätte nie geglaubt, daß ich die Mischa einmal so schlagen könnte. Hella . Der Herr hat sich im Zorne vergriffen. Pfarrer . Darum muß sie nun fort! Es soll zu meiner eigenen Läuterung dienen. Wenn ich nicht fähig bin, mich selbst zu bändigen und zu beherrschen, so darf ich kein Tier halten, das von meiner Leidenschaft abhängig ist, das meine Laune schwer dulden muß. Hella . Der Geißelhieb muß sie bis ins Knochenmark hinein geschaudert haben. Pfarrer . Oh! Male es nicht aus! Es ist zu traurig. Ich kann die Mischa nicht mehr ansehen, ohne mir die gräßlichsten Vorwürfe zu machen. Hella . Wenn man bedenkt, daß wegen dem einen Streich die ganze Zukunft von dem Tiere vernichtet ist. Pfarrer . Der Streich! Warum bohrst du ihn mir täglich ins Gedächtnis? Ich kann ihn nicht rückgängig machen. Leider, leider. Hella . Den Preis kann sie mit der Schramme nicht mehr kriegen. Des Lammwirts Schweine sind glatt, egal, walzenrund. Pfarrer . Ich bin selber schuld. Als ich die Geißel ergriff, mahnte es mich: »Haue nicht!« Aber da dachte es in mir und widersprach es: »Nein, haue ihr eins über, daß sie's behält.« Und der Hieb wurde desto furchtbarer. Hella . Ja, nun denkt sie nicht mehr daran, aber wir. Pfarrer . Ich wollte es der Gemeinde zeigen, daß ich die haßte, die den Gottesdienst störte. Hella . Und? Gerade die Gemeinde hat es dem Herrn Pfarrer übel genommen, daß er so derb gezüchtigt hat. Pfarrer . Daran war der Michel schuld. Ich wollte meine Abkehr von der Versuchung beweisen. Mir selbst erschien es nur lächerlich, daß Mischa in die Kirche ging. Es war mir nicht halb so ernst mit der Züchtigung. Hella . Man soll eben nie heucheln. Pfarrer (kämpfend) . Es ist so schwer, geistlicher Lehrer zu sein. Man glaubt, nach überkommenen Vorschriften handeln zu müssen, und sollte vielleicht nur dem Zug des Herzens folgen. Hella . Der Herr Pfarrer ist so gut und wird nun so falsch eingeschätzt. Pfarrer . Murren denn die Leute, seitdem? Hella . Herr Pfarrer, ich möchte so gerne die Unwahrheit sagen. Pfarrer . Es ist mir alles verleidet. Hella . Herr Pfarrer, wenn die Mischa geschlachtet ist, wird die arme Seele schon Ruhe haben. Dann wird der Herr wieder mit neuer Kraft predigen. Pfarrer (sehr bewegt) . Wenn der Schlächter nur endlich käme, daß diese Bitternis schnell vollends aus der Welt geschafft würde. Hella (schiebt Mischa in den Stall) . Schnell hinweg, so ist es jetzt gekommen. Pfarrer . Wo der Tod kommen soll, ist es besser rasch. Zumal wenn das Opfer unschuldig ist. Die Mischa stirbt um unserer Frevel willen. Hella (macht die Stalltüre leise zu) . Es ist halt alles unvollkommen auf dieser Welt. Pfarrer . Und vielleicht ist alles nur Feigheit. (Tritt fester auf.) Hella (nachdenklich) . Wieso? Pfarrer . Will ich jetzt nicht bloß die Unduldsamkeit der Leute befriedigen? Könnte ich nicht trotzen? Hella . Uh uh! Nur das nicht. Ein Schwein ist so schnell daran gegeben und über ihrer Metzelsuppe ist so ein versöhnlicher Friede, der doch immer das Höchste ist auf der Erde. Pfarrer . Ein Friede, der ein Unrecht ist an einem Tier. Hella . Unrecht muß immer eines leiden. Und dann ist es besser, wenn das ein Tier ist, als wie ein Mensch. Pfarrer . Dem widerspreche ich. Der Mensch kann Leiden ertragen vermöge seiner höheren Intelligenz. Hella . Es fragt sich, ob man dazu auf der Welt ist. Pfarrer . Hella, mir dünkt, wir sind keine Christen, sondern Geschäftsleute. Hella . Möchte denn der Herr Pfarrer die Mischa leben lassen und ewiges Gezärfe kriegen mit der Gemeinde? Der Herr Pfarrer wäre dann nämlich derjenige, dem das Unrecht geschieht. Pfarrer . Dann stünde ich am nächsten bei meinem Erlöser. Hella (mit erhobenem Finger) . Herr Pfarrer, man kann das nie sein, was man sein möchte. Es gibt zu viele Menschen und darum gibt auch den Standpunkt nicht. Pfarrer . Darum soll man tun, zu was man gezwungen ist? Hella . Es gibt nichts, nach dem man das Leben einzurichten hat, als nach dem, wie's die Leute haben wollen. Pfarrer . Du freust mich. Da könnte man die Kirchen zumachen. Hella . Könnte man, wenn sie nicht da wären und die Leute nicht hinein möchten. Pfarrer . Hella, warum bist du nicht Universitätsprofessor? Hella . Weil ich, denen ins Handwerk zu pfuschen, zur Hauserin berufen bin. Pfarrer (dicht an ihr) . Du weißt, daß ich dich nicht haben sollte? Hella (mit Bewegung zum Schweinestall) . »Man« hat die Wahl. Pfarrer (ihr in die Augen sehend, gefühlvoll) . Muß es denn sein? Geht es wirklich nicht mehr mit der Mischa? Hella (mit mehrfachem Achselzucken) . Ich war gestern beauftragt, auf heute den Schlächter zu bestellen. Und ich habe ihn heute endlich bestellt. Da er nun einmal kommen wird, so wird man ihm die Mischa wohl geben. In ein paar Tagen müßte ich ihn ja gewiß wieder bestellen. Wie der Herr Pfarrer schon gesagt hat, lieber schnell als langsam, sonst wird es noch zur Tierquälerei. Pfarrer (wendet sich halb lachend ab) . Oh Hella, in was für ein Bankgeschäft sehe ich in dir hinein! Hella . Es ist doch wahr. Pfarrer (mit Wehmut) . Langsam ist nur Menschenquälerei, Qual für mich. Die Mischa wäre so vergnügt, wenn ihr Abschied von uns noch hinausgeschoben würde. Hella . Wir alle werden einmal abberufen. Pfarrer . Bloß, meine Guteste, wird dir keiner eins auf den Tête schlagen. Hella . Wenn mir das kleine Vorrecht vor der Mischa gegönnt sein möchte, wäre ich dem Herrn schon dankbar. Pfarrer . Dann verhandle sie eben, wenn der Schlächter kommt. Und verschone mich mit allem. (Will ins Haus gehen.) Hella . Und soll man sie nicht für den Haushalt verschlachten? Pfarrer . Niemals werde ich von der Mischa essen! Hella . Das würde sie in den Tod übelnehmen, wenn sie »einem« nicht schmecken täte. Pfarrer . Ich habe sie nicht gezüchtet, um mir einen Fraß aufzumästen. Ich wollte einen Preis mit ihr erzielen. Wenn das nicht sein kann, so ist es mir lieber, ich kriege sie um Geld los, dann ist es, als hätte ich sie nie besessen. Hella . Hat man sich da gefreut auf Blutwurst und Schinken! (Ganz geknickt.) Das hat man nun von seiner Mühsal um die Specksau. Pfarrer . Du kannst das Geld einstecken, das du dafür bekommst. Hella . Aber Herr Pfarrer, das kann ich doch nicht annehmen? Pfarrer . Du hast die Pflicht, die Mischa so teuer als möglich zu verkaufen. Hella . Und im Ernst, Herr Pfarrer, der ganze Erlös soll mein sein? Pfarrer (lächelnd) . Du bist schließlich die einzige, die mir noch Geld wert ist. Hella . Das Geld für die Mischa kriegt die Hella? Herr Pfarrer, wie kann ich denn so viel wert sein? Habe ich es denn bloß gemeint bisher, daß ich eben ein Weibsdienst bin für einen Mann, der halt die Gewalt hat über einen? (Sie weint.) Pfarrer (mit leisem Ärger über die Tränen) . Bin ich denn herzlos gegen dich? Hella . Herr Pfarrer, ich werde das Geld nicht annehmen. Wenn ich lieber mehr Liebe vom Herrn Pfarrer bekäme. Pfarrer (nicht geneigt, sich rühren zu lassen) . Du bekommst Liebe genug. Hella . Genug!? Genug!? Wenn man solche Dürre hat, innen in der Brust, da könnte man Liebe brauchen, eimerweise. Pfarrer . Wie kommst du mir vor. Hella . Oh Herr Pfarrer, ich weiß es, wem die Schuld gegeben wird, daß die Mischa fort muß. Wie mich die Augen oft anflammen im Zorn! Man möchte sich manchmal fürchten, »man« wolle einen erwürgen. Aber ich bin unschuldig. Höchstens, daß ich in der Liebe nachgegeben und die Mischa an jenem Sonntag herausgelassen habe. Pfarrer (der ihr finsterer werdend, abgekehrt, zuhört) . Kein Wort mehr darüber. Es muß sich alles nach einem unsichtbaren Ratschluß erfüllen. Hella (die pfiffig aufflackert) . Das glaube ich auch. Pfarrer . Darum nehme unbekümmert das Geld, das du lösen wirst. Ich werde dir nie den leisesten Vorwurf machen. Hella (mit gedämpftem Enthusiasmus) . Ich werde es in der Kirche opfern! Pfarrer . Hella, begehe keinen Unsinn. Sei froh, wenn du eine kleine Summe in die Finger kriegst. Du wirst einmal alt werden und einen Zehrpfennig wohl gebrauchen können. Hella (die immer erstaunter wurde) . Wie soll ich das verstehen? Was plant der Herr Pfarrer? Pfarrer (hat sich in der Laube an den Tisch gesetzt) . Du wirst es zeitig genug erfahren. Hella (langsam) . Soll ich denn pensioniert werden? Pfarrer (über seiner Arbeit) . Du mußt eben dem Schlächter klar machen, daß er das Fleisch der Mischa viel teurer verkaufen kann. Die Leute werden sich um ein Stück von meinem Fleisch reißen. (Gerät sitzend in heftigere Erregung.) Sie werden sich balgen! Um das Fleisch von meinem Fleisch! Oh mir sind die Augen geöffnet! (Er überdeckt sie mit beiden Händen, die Arme aufstützend.) Hella (geht nahe hin) . Und das Geld ist auch –, Herr Pfarrer. Pfarrer . Fleisch von meinem Fleisch. Aber du hast ein Recht darauf. Das ist etwas ganz anderes. Deswegen brauchst du keine Bedenken. Hella (setzt sich am Tische) . Will der Herr Pfarrer fort von Miesbach? Pfarrer . Könntest du mir meine Pfeife holen? Hella (sucht unter den Büchern) . Wo ist denn die Meldung nach Dings . . . nach . . . Ja, ich bin nicht so dumm, es wird mir schon einfallen. Pfarrer . Die wirst du nicht vorfinden. Hella (lebhaft) . Fort ist sie noch nicht, das laß ich mir nicht einreden. Hat »man« sie in der Tasche? (Will in seine Rocktasche greifen.) Pfarrer . Geh weg! Du wirst dreist. Hella . Herr Pfarrer. (Läßt matt los.) Darf ich da nicht mehr so nahe suchen? Pfarrer . Die Miesbacher liegen mir nicht mehr so nahe am Herzen, und du bist ja auch von dieser Gemeinde. Hella (bitter, fast wild, doch nicht übermäßig) . Herr Pfarrer, das ist ein bitteres Unrecht, das mir geschieht. Pfarrer . St, da kommt der Briefträger. Briefträger (kommt näher, einen Brief hervorholend) . Guten Abend, Herr Pfarrer. Pfarrer . Guten Abend, Herr . . . Briefträger . Ein Brief, Herr Pfarrer. Pfarrer (nimmt ihn und bekommt Farbe) . Briefträger (sticht auf und geht) . Guten Abend, Herr Pfarrer. (In einiger Entfernung beginnt er zu husten.) Pfarrer (nachdem er eine Weile finster betrachtet hat, reißt er den Briefumschlag auf) . Vom Dekan. Hella (geht mit merkbar schlechtem Gewissen ins Haus) . Pfarrer (liest mit Ingrimm, dann wirft er das Schreiben auf den Tisch zur Seite und sitzt eine Weile still, dann laut) . Das muß sie gewußt haben. (Er steht auf, ruft.) Hella! Hella (kommt sofort, leise) . Herr Pfarrer. Pfarrer . Auf der Stelle machen Sie, daß Sie mir aus den Augen kommen. Hella (kehrt mit gesenktem Kopf um) . Pfarrer (stutzt) . Wie? Sie wehrt sich nicht einmal. Hella! Hella (dreht sich um) . Herr Pfarrer. Pfarrer . Du weißt ganz genau, was der Dekan schreibt. Hella . Es wäre mir angst. Pfarrer . Was heißt wieder das? Das heißt also, daß du weißt, daß etwas Schreckliches drin steht? Hella . Herr Pfarrer, es muß einen ja sehr erregen. Pfarrer . Und du hast wirklich keine Ahnung? Hella . Nein, Herr Pfarrer. Pfarrer . Du solltest nicht gewußt haben, daß die Miesbacher eine Eingabe an den Dekan gemacht haben wegen der Mischa? Hella (ist jäh errötet) . Nein. Pfarrer . Wenn ich dir jetzt einen Spiegel ins Gesicht fracken könnte, damit du deinen roten Schweineäpfel sehen könntest. Du Lugenvieh! Hella (aufatmend, wird wieder blaß) . Das ist mir endlich eine Wohltat. Pfarrer . Wieso? Höllenkanaille. Hella . Ich fühle mich wieder zu Hause. Pfarrer (mit Fäusten vor ihr) . Und wenn ich dich durchprügelte! Hella . Ich tät mich nicht mucksen. Pfarrer . Das bringt mich zur Raserei! Hella (zuckt mit den Schultern) . Pfarrer . Du wußtest wirklich nichts von dieser Eingabe? (Schreitet auf und ab.) Hella . Aber warum sollte ich wissen? Pfarrer . Du ahnungsloser Engel du! Hella . Es ist mir sehr leid, aber – Pfarrer (zieht seine Meldung aus der Rocktasche, wirft sie auf den Tisch) . Jetzt hat es auch keinen Zweck mehr, mich fortzumelden. Es ist sonst nur ein Zugeständnis meines Unrechts. Hätte ich, bornierter Dummkopf, nur wie ich wollte, gestern abend noch die Meldung nach Waldangeloch zur Post gegeben, so wäre die blödsinnige Beschwerde hier wirkungslos geblieben! Aber weil du, na. (Geht hin und her.) Das verzeih ich dir nie, daß du mir diese Eingabe der Gemeinde verschwiegen hast. Hella . Ich habe doch nichts gewußt, Herr. Pfarrer . Halte mich für keinen solchen Idioten. Du bist ja die allererste, welche die Mischa beseitigt haben möchte. So eine ruchlose Untreue, sich hinter des Herrn Rücken an einer Eingabe gegen mich zu beteiligen. Und wenn ich mich nur wenigstens beizeiten fortgemeldet hätte! Hella . Das ist recht gut gegangen, Herr Pfarrer. »Man« kann nicht einfach davonschleichen mit seinem Schweinchen, wenn einem die Hauserin zuwider ist und die Gemeinde »einen« auf den rechten Weg weisen will. Pfarrer (sie nahe anredend) . Also doch! Du bist einverstanden mit der Beschwerde? (Vor ihr fuchtelnd.) Wir sind fertig miteinander. Hella (schweigt) . Pfarrer (geht auf und ab) . Nein, das hätte ich nie geglaubt, daß ich durch die blödsinnige Borniertheit der Miesbacher einen amtlichen Rüffel auf den Hals kriegte. Hella . Herr Pfarrer, mit dem Schwein war das Seelsorgeramt unmöglich. Pfarrer . Hahaha, hahaha. Du drückst dich plötzlich sehr bestimmt aus. Dabei ist die Mischa noch am Leben, es wäre also noch alles möglich, du Miesbacher Geburt. Hella . Herr Pfarrer, da hört man es ja, wie weit »man« von der christlichen Duldsamkeit entfernt ist. Und nur wegen der schweinehaften Selbstsucht. Pfarrer . Brülle mich nicht so an! Die christliche Duldsamkeit hat meine Gemeinde zu üben. Duldsamkeit gibt es nur von der Vielheit gegen den einzelnen. Hella . Und der einzelne muß sich fügen. Pfarrer . Das wäre noch schöner. Das ist ja toll. Hella . Herr Pfarrer, eine Gemeinde kann sich nicht ewig das Kaspertheater mit dem Schweine gefallen lassen. Pfarrer . Du redest unerhört dreist. Hella (geht auf ihn zu) . Weil ich den Herrn Pfarrer liebe, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte. Pfarrer (tänzelt weg) . Laß dir nicht einfallen, hier im offenen Raume eine Liebesszene zu skandalieren. Außerdem bist du ein sehr besenhaftes Wesen. Hella (geht ihm schrittweise nach) . Das hat schon manchmal gut getan. Pfarrer . (hopst weiter zurück) . Du wirst doch nicht so zeckenmäßig sein! Hella . 's ist mir jetzt alles gleichgültig. Wir sind an einem Punkt, wo die Liebe den Sieg kriegen muß. Pfarrer (bleibt stehen, bäumt sich aufgerichtet, mit beschwörendem Finger) . Ich beschwöre dich, dringe nicht weiter. Du bist vom Satan. Hella (geknickt) . Vom Satan. Ich. Pfarrer . Wenn du keine Vernunft annimmst, so muß ich mir auf diese Weise helfen. Hella . Herr Pfarrer, dann will ich meine Stimme verschlossen halten. Ich kümmere mich nicht mehr um die Mischa. Um nichts mehr. Ich mache meinen Dreck basta. Pfarrer (läuft rasch an den Tisch und setzt sich) . Hella (der es auffällt, sieht sich um) . Der Herr Pfarrer von Heinried, ich will mich anziehen. (Rasch ins Haus, ab.) Pfarrer (während sie abgeht) . Bringe dann vom Fünfundneunziger. Und stopfe beiden eine Pfeife. ( Der Pfarrer von Heinried, ein glatt gestriegelter Pietist, tritt auf, er bleibt unter dem Zaune stehen. ) Amtsbruder . Lieber Miesbacher Bruder. Pfarrer (steht auf, stürzt dann auf ihn zu) . Ah! Gott grüß dich, mein lieber Heinrieder! (Streckt die Hände entgegen) Komme nur näher! Amtsbruder (Blick auf den Schweinestall, Blick auf den Pfarrer, storchmäßiger Takt der Kopfbewegung, wehrt mit beiden zurückgebogenen Händen ab) . Nein, nicht eher, als bis das Schwein weg ist. Pfarrer . Sei beruhigt Bruder, das Schwein sollte schon heute morgen vom Schlächter abgeholt werden. Amtsbruder . Und weshalb lebt es noch? Pfarrer . Der Schlächter ist ein elender Bummelant. Amtsbruder . Sonst sind die Schlächter bekannt durch ihre rasende Eile. Ist es denn wahr? Pfarrer . Du darfst es glauben, der Schlächter muß jede Minute kommen. Amtsbruder . Du weißt, daß geschrieben steht: »da fuhren die Teufel aus von den Menschen und fuhren in die Säue.« Pfarrer . Sei aber getrost, unsere Mischa kann von jenen Säuen gar nicht abstammen, denn es heißt: »und die Herde stürzte sich von dem Abhange in den See, und ersoffen.« Amtsbruder . Dennoch möchte ich gewiß wissen. Pfarrer . So gewiß als ich dich näher zu treten nötige, wird sie sterben. Amtsbruder (macht einen Schritt, in welchem er mitten drin stehen bleibt) . Soll ich es wagen? Pfarrer . Selbstverständlich. Übrigens Hella! Amtsbruder . Rufst du nicht Magd? Pfarrer . Ich würde Magd rufen, wenn Hella nicht so laut klingen würde. Hella (mit steifer Verbeugung, im Tändelschürzchen) . Herr Pfarrer. Pfarrer . Bezeuge, daß du den Schlächter bestellt hast. Hella . Liebezeit, schon gestern. Amtsbruder . Dann will ich auf deine Verantwortung unter dein Dach einkehren. Pfarrer (führt ihn zum Tisch) . Komm, sei so gut! Hella (zugleich) . Guten Tag, Herr Pfarrer. (Ab nach einer Weile.) Amtsbruder . Es freut mich, wie sehr, zu hören, daß die Erleuchtung über dich gekommen ist, dich des Schweines zu entledigen. Pfarrer (drückt ihn auf die Bank) . So, sei so gut und nimm Platz. Wie geht es zurzeit, mein Lieber? Amtsbruder . Danke. Bei meinen Predigten habe ich stets ein volles Haus. Pfarrer (erstaunt ausrufend) . Was! Und es schläft keiner? Amtsbruder . Ich hoffe zu Gott, daß sie alle wachen. Pfarrer . Ja so freilich, du bist kurzsichtig. Amtsbruder . Das macht nichts. Ich nehme mich dankbar aus der Hand des Schöpfers. Pfarrer . Ja, man sollte zufrieden sein. Amtsbruder . Bist du es nicht? Pfarrer . Ich wäre zufrieden bis auf meine leidigen Konflikte mit der Gemeinde. Nun, sobald das Schwein tot sein wird, werden sie auch aufhören. Amtsbruder . Da ich bisher um dich stündlich gebetet habe, so darfst du gewiß auf den Frieden hoffen. Pfarrer . So fleißig gedachtest du meiner? Ich danke dir recht dafür. Amtsbruder . Keine Ursache. Ich habe nun auch mit dem Herrn Dekan darüber geredet. Ich hoffe, daß du bald von der schweren Heimsuchung befreit sein wirst. Pfarrer (verlegen) . Ich habe der Hella gesagt. sie soll einen Wein bringen und die Pfeifen! Amtsbruder (greift nach seiner Hand) . Danke, ich rauche gar nicht, weil der Rauch so vergänglich ist. Pfarrer . Aber ein gutes Gläschen dann? Amtsbruder . Für den Wein redet die Hochzeit zu Kanaan. Pfarrer . Mein Wein ist Weinbergsgewächse, Lieber. Amtsbruder . Natürlich müssen wir damit vorlieb nehmen. Pfarrer . Ich bin ein abgesagter Feind aller Pantscherei. Amtsbruder . Ich auch. Doch wenn die Not gebietet. Pfarrer . Endlich kommt sie. Hella (kommt mit dem Wein und den Pfeifen) . Es hat ein bißchen lange gedauert. Der Fünfundneunziger ist alle. Pfarrer (erschreckt) . Alle? Was hast du dann? Hella . Ich habe Sechsundneunziger angestochen. Pfarrer (seine Verlegenheit verbergend) . Ach richtig, der Sechsundneunziger. Amtsbruder . Schade, dein Fünfundneunziger war immer so wohlschmeckend. Er hatte das natürliche Bukett. Pfarrer . In letzter Zeit war er schon stark verrochen. Amtsbruder . Wenn nur die nächsten Jahrgänge nachrücken können. Hella . Ebent. – Raucht der Herr Pfarrer nicht? Pfarrer . Du kannst seine Pfeife wieder hineinnehmen. Hella (nimmt die Pfeife, geht dann mit dem leeren Tablett zurück ins Haus) . Auf der Herren wertes Wohl. (Ab.) Die Pfarrer (stoßen an) . Prosit, Herr Kollege! Amtsbruder (nachdem er getrunken) . Vertraust du deiner Magd auch den Keller? Pfarrer . Hella trägt das Haus und ich mein geistlich Amt. Amtsbruder . Daß sie ungefragt ein neues Faß ansticht? Pfarrer (rückt unruhig auf dem Sitz) . Sie ist vollständig gepfiffen in allem. Amtsbruder (trinkt noch einmal) . Ich habe eine alte Magd von siebenzig Jahren, der ich eigentlich selbst die Hilfe sein muß. Pfarrer . Damit könnte ich mich nicht herumschlagen. Bei meiner Wirtschaft. Die erfordert eine Kraftleistung. Das siehst du an mir. Amtsbruder . Ich dachte, das Amt berühre die Wirtschaft nicht. Pfarrer . Sie berühren einander auch nicht. Im Gegenteil, ich führe einen Boxkampf gegen das Andringen jeden Hausübels. Amtsbruder . Du verwandtest allzuviel auf den Kampf, so blieb dir zu wenig für die Sammlung. Darf ich mir einschenken? Pfarrer . Selbstverständlich. Aber daß ich doch immer kämpfte, sollte mich gegen jeden Vorwurf rechtfertigen. Amtsbruder (nachdem er wieder getrunken) . Du darfst nicht denken, ich trinke gerne. Ich verdamme eigentlich mehr mit jedem folgenden Schluck die Versuchung zum ersten. Pfarrer . Ich verstehe schon, du bist zu Hause allzu mäßig. Was hat denn der Dekan geäußert? Amtsbruder . Er anerkennt deinen Eifer, bedauert aber sehr, daß das Schwein die Kirche betreten hat. Pfarrer (unruhig, errötend) . Es soll ja nun geschlachtet werden. Amtsbruder . Daß es nicht sofort geschehen ist, das ist der ganzen Diözese unfaßlich. Pfarrer . Ich hatte sie nur mit der Peitsche gezüchtigt, und die Entrüstung rührte sich in der Gemeinde. Wenn ich sie vollends totgeschlagen hätte, man hätte mich gesteinigt. Amtsbruder . Du hättest in aller Ruhe eine Metzelsuppe ansetzen sollen. Pfarrer . Ich bin eben ein Mann der Gefühle. Amtsbruder . Weil du Abgötterei mit ihr getrieben hast. Ein Schweinespeck ist eine kalte gefühllose Sache. Das Schwein ist Produzentin, genau wie auf dem Acker der Kohl wächst, wächst auf ihm der Speck. Pfarrer . Ist das kein göttliches Geheimnis? Amtsbruder . Die Theologie beschränkt sich auf den Menschen. Pfarrer . Dann lies, was der Dekan schreibt. (Reicht ihm das Schriftstück; spricht weiter während der Amtsbruder liest.) Darin liegt noch eine versöhnliche Wahrheit. Darum will ich auch bei meinem Entschlusse bleiben, die Mischa . . . dran zu geben. Amtsbruder (während des Lesens) . Du kannst es als eine Gnade auffassen, daß du solche Schafe hast, die ihren Hirten nicht verirren lassen. – Pfarrer . Aber trotzdem. Eine Eingabe wäre noch nicht nötig gewesen. Amtsbruder . Und der Herr Dekan will sich eine Visitation (bedenklich) vorbehalten. (Stößt auf.) – Dann sorge nur, daß bis dahin das Schwein zur Wurst gemacht ist. (Reicht das Schriftstück zurück.) Pfarrer (der das Schriftstück in die Brusttasche steckt) . Es ist ein Augenblick in meinem Amt, wo ich nur schwer den Mut und die Lust behalte, weiter zu predigen. Amtsbruder (hüpft auf seinem Sitze rückwärts) . Du wirst dich doch von dem Schweine trennen können?! Pfarrer . Wenn ich es nicht könnte, wer wollte den ersten Stein auf mich werfen? Amtsbruder (schiebt den Wein weg) . Dann schiebe ich es als Gift von mir, was ich unter deinem Dache getrunken habe, durch deine List. (Steht auf.) Du hast eine schwere Verantwortung auf dem Gewissen, du hast mich mit einer Unwahrheit zu dir herein gelockt. Pfarrer . Freilich muß sie sterben. Amtsbruder (setzt sich langsam) . Wie soll mir dann dein Wein munden. (Trinkt.) Pfarrer . Ich bin ja in einer Zwangslage. Das Schreiben vom Dekanat ist das besiegelte Todesurteil für Mischa. Amtsbruder . So. Das gibt mir einen Strahl von Hoffnung für deine verstrickte Seele. Du siehst wenigstens noch eine geistliche Autorität über dir. Pfarrer . Wenngleich die Mischa mich dafür verachten könnte. Amtsbruder (mit ausgebreiteten Armen vor ihm, wie zum Fluche) . Du bist verirrt, Bruder. Ein Mensch, der sich vom Tier verachtet fühlte, hätte sich selbst verworfen! Das ist der tiefste Stand der Gottlosigkeit. Daraus erhebe dich! Zerreiße das fleischliche Herzensverhältnis mit dem Tiere! Es zieht wie Pech den Menschenwert aus deinem Innern! Pfarrer (der ihn anstarrt) . Verstehe ich nichts mehr? Amtsbruder . Mich hat Gott gesandt, deinen Entschluß durchzusetzen: »Weg mit ihr! weg! weg!« (Erhebt sich mit ausgestreckten Armen.) Pfarrer (sitzt starr unter ihm) . Amtsbruder (in gemütlicherem Tone) . Ich will nun mein Glas austrinken (trinkt) und dir, lieber Freund und Bruder im Herrn, zur Kräftigung und zum Beharren noch ein (indem er sich einschenkt) Extraglas weihen. (Nachdem er getrunken, wischt er sich den Mund mit dem Taschentuch.) Nehme es mir nicht übel, was ich geredet habe, es ist alles zu deiner Förderung gesagt, aus wahrer Liebe. (Reicht die Hand, die der Pfarrer gedankenlos nimmt.) Grüße auch deine Magd von mir. Mit Gott! (Schüttelt seine Hand wiederholt.) Lebe wohl! Ermanne dich! Bleibe fest! Du wirst den Segen davon haben! (Ab.) Pfarrer (nachdem der Amtsbruder schon eine Weile verschwunden ist, fährt über seinen Kopf) . Was meint er denn? Ich werde sie jetzt eher abschlachten? Er ist ein wirkliches Kamel. Hella (kommt aus dem Hause) . Ist er fort? Pfarrer . Auch einen Gruß an meine Magd. Hella (verzieht spöttisch den Mund) . Pfarrer . Es ist beinahe ein Glück, daß du mehr bist. Hella . Ich habe es wohl gehört, daß er sich für den Propheten hält. Und dabei säuft er ganz gehörig. (Lüpft den Krugdeckel.) Pfarrer . Hella! (Er hebt den Finger.) Etwas ist mein Gedanke. Ich will dir sagen – Hella . Was? Pfarrer . Ich hätte beinahe die Pflicht, Mischa leben zu lassen, um Gott nicht zu verlieren! Hella . So'n dummer Quatsch. Pfarrer . Wie? – Nicht wahr, es war Unsinn. Ich lasse sie am Leben. Hella (wie verlegen) . Herr Pfarrer, es bleibt so, wie wir's beraten haben. Pfarrer . Ja wie? Wolltest du nicht dasselbe, was er will? Hella . Freilich soll die Mischa geschlachtet werden. Pfarrer (staunt sie an) . Hella . Aber nicht weil der Herr Pfarrer gottlos ist, wie's der Herr Amtsbruder meint, sondern weil der Herr Pfarrer zu fromm ist, wie ich's meine. (Sie trägt den Krug und Gläser davon. Ab.) Pfarrer (raucht eine große Wolke) . Ich bin weder gottlos noch zu fromm, ich bin ein eingemachter Hering. (Sieht plötzlich auf, die Rauchwolke um sich zerschlagend.) ( Der Schlächter kommt mit rennendem Schritt, reißt den Stall auf und stiert das Schwein an, so daß es Mischa sofort klar wird, wen sie vor sich hat. ) Pfarrer (steht auf, geht dem Schlächter durch, ab ins Haus) . Schlächter (stutzt hinter ihm her) . Herr Pfarrer (Macht ärgerlich beherzte Schritte.) Dann müssen wir halt rin gehen. Michel (taucht hinter dem Zaun auf, leise) . Schlächtermeister! Schlächter (rasch umgewendet) . Was? Michel . Sollt Ihr die Mischa holen? Schlächter . Man hat nach mir geschickt, ich soll sie mir einmal ansehen. Michel . Müßt Ihr sie erst einhandeln? Schlächter . Mit einem Studierten werd ich flink fertig werden. Michel . Ihr habt beim Pfarrer den Vorteil, Meister, daß er sie abtun muß , von Zwangs wegen, durch einen Druck von oben, vom Konsistori. Schlächter (nickt, lacht) . Aha. (Steigt ins Pfarrhaus hinauf. Ab.) Michel (am Stall, guckt hinein) . Pf, pf, pf, Mischa! Dein letztes Stündlein kommt. Nun wird eine deiner Schwestern das Prämium kriegen. Eben wieder zum Lammwirt nach Ellhofen wird der Preis kommen. Sonst hätte ich mich schon gefreut, wäre dem einmal der Preis hinausgerutscht. Aber du hast halt den argen Fehler, Mischa, daß du eine Pfarrsau bist. Darum gönn ich dir nichts, wünsch dir nichts, als daß du eine süße Blutwurst und ein duftender Schinken werden mögest. (Zieht den Schleim in die Nase) . Mischa (hockt totenstill, angstvoll) . Michel . Ja ja, Mischa. (Er sieht sich um) Pfarrer (einen großen, weichen, schwarzen Filzhut auf dem Kopf, kommt aus dem Hause, geht auf den Stall zu) . Was macht er bei der Mischa? Michel (macht sich dünn) . Pfarrer . Das wollte ich meinen, ich hätte ihm sonst nichts Schmeichelhaftes gesagt. Michel (ab) . Pfarrer . Na, Mischa. Was machst du für ein Gesicht? – Das arme Tier hat es schon gemerkt, was mit ihm geschehen soll. – Gelt, er stinkt nach Blut und Mord, der zu dir hineingeguckt hat. Aber ängstige dich nicht unnötig, Mischa. Ich bin dir treu. Ich habe mich anders besonnen. Ich will ein Schloß vor deine Türe legen, daß man dich nicht herausholen kann. Mischa (kreiselt im Stallstroh herum, wirft die Ohren) . Pfarrer (schließt die Türe und legt das Schloß an) . So. Und nun werde ich den Handel unmöglich machen, indem ich fliehe. Habe keine Angst mehr, du bist meine Liebe! (Ab über die Straße.) ( Hella kommt mit dem Schlächter unter die Türe. ) Schlächter . Ja, he! Herr Pfarrer! Wohin geht die Reise? Haha, will man's Schweinchen nicht hergeben? Hella (plötzlich entrüstet) . Wirklich, da läuft er davon!? Schlächter . Haha. Hab ich nicht hoch genug geboten? Ich ginge ja nuff, Fräulein. Hella (geärgert) . Das sind wieder Mätzchen von »ihm«. Schlächter . Ja, was machen wir da, Fräulein? Hella . Wa bah! Dann verschachere ich sie auf meine Faust weiter. Schlächter . Ja, Fräulein, wird der Handel dann gelten? Hella . Versteht sich. Er hat es mir ja versprochen, daß ich den Erlös kriege. Schlächter (kratzt sich im Kopfhaar) . 's ist mir recht. Ich verlasse mich aber darauf. Darf Sie's verkaufen? Hella (sieht ihn frank an) . Versteht sich. Schlächter . Dann flink die Hand her, daß wir einpatschen. Hella . Ja, lieber Herr Seidenspinner, den Preis, den Sie mir geboten haben, auf den geh ich nicht ein. Schlächter . Warum nicht? Neunzig ist doch ein strammes Geld. Das mit einem Mal, in lauter Silber, in so eine ausgehungerte Jungferntasche hineingesteckt! Neunzig, das ist ein Höllengeld. Hm? Hella (reibt die Unterärmel) . Eine Jungfer, wie ich's bin, verträgt es auch derber. Schlächter (patscht sie) . Na, dann hat sie keine Mistarbeit mehr mit dem Ferkel. Jungfer, ich bin doch schier galant wie ein Baron, wenn ich ihr die Schweinerei abnehme. Hella . Sie, ein Baron? Ein Baron täte um zehn Taler feilschen? Schlächter (entrüstet) . Wie? Was? Hundert Taler soll ich geben? Sind Sie verrückt? Hella . Hoho! (Auflachend.) Wenn ich verrückt wär, wer sollte dann bei Verstand sein! Schlächter . Es scheint mir bald, sie hat keine Idee von einem Viehpreise. So kauf ich ein, so muß ich verkaufen. Ich kann doch auf das Fleisch keinen Zettel aufpappen, »Pfarrfleisch drum teurer«. Hella . Das brauchen Sie auch nicht. Schlächter . Nee, so was Beschissenes! Wenn der Herr Pfarr sich deshalb gedrückt hat, damit er mich einem solchen Luder hinterläßt, dann weiß ich's, dann hab ich genug. Ich geh, adieu. (Ab.) Hella (grinst vor sich hin) . Schlächter (kommt zurück) . Wissen Sie, auf die Hälfte mehr ginge ich wohl ein. (Schlägt einmal gewaltsam ein.) Hella (entzieht die Hand) . Nix da. Da behalte ich die Mischa auch gerne. (Geht dem Stalle zu.) Schlächter (kehrt zu ihr um, leise) . Ich täte ja sagen, hundert, wenn das Fräulein mir ein paar schöne Augen machen könnte. (Kehrt sich ab.) Hella . Sind sie nicht schön, meine Augen? Schlächter (wieder umgedreht) . Fräulein, Sie müssen dann aber sagen, daß ich ein Baron bin, nobel wie Gott in Frankreich. (Schlägt in die genommene Hand ein.) Hella . Oder gleich schofel. (Zieht die Hand weg.) Schlächter . Na, lumpen laß ich mich einmal nicht. Die Sau ist ja mager wie eine Geiß, aber dem Fräulein zuliebe, will ich auf hundert einschlagen. Her's Händchen! Der dritte gilt. (Sie schlagen ein) Hella . Und nun will ich ihm die Geiß herausholen. Schlächter (zieht den Beutel) . A was da! Fräulein, das ist nicht mehr nötig, daß ich mich überzeuge. Wenn sie keine hundert wert wäre, hätte ich nicht eingeschlagen. Hella (verwundert) . Nu hört einmal den Seidenspinner. Schlächter . Sie sind ein tüchtig's Frauenzimmer. Wären die Bauern manches Mal gescheiter, hätten sie weniger Angst vor mir. Hella (auflachend) . Haha! Angst vor Ihnen! Schlächter . Nicht wahr? Hab ich nicht ein ganz angenehmes Äußere? Hella . Mir sind Sie schon recht. (Empfängt das Geld, gierig strahlend.) Danke schön will ich aber auch sagen. Schlächter . Wenn Sie sonst noch was brauchen? (Zwickt ihren Arm.) Hella . Lassen wir's gut sein. Schlächter (lacht unbändig) . Hahaha. Ich mache meine Risse mit den Frauenzimmers. (Am Stall.) Nanu! Ich hatt es vorhin ja flink offen. Hella (beißt hinter ihm die Lippen, Hand am Mund) . Schlächter . Fräulein, da machen Sie einmal auf da. Hella (nottelt am Schlosse) . Den Schlüssel hat der Herr Pfarrer. Das ist jetzt aber ungeschickt. Da müssen wir warten, bis er zurückkommt. (Erblaßt dabei immer mehr.) Schlächter (prüft ihr Gesicht) . Fräulein, sagen wir's offen. Der Pfarr will nicht. Hella (ein starr lang gedehntes) . Nein. Ich weiß nicht, warum abgeschlossen ist. Schlächter (fährt sich am Hinterkopf herauf) . Was machen wir da? – Warten? – Rückgängig machen? Hella . Rückgängig machen soll man nichts. Schlächter . Sollen wir schimpfen? Sollen wir fluchen?? Daß einmal dem Pfarrer da von Miesbach der Ernst einfällt. Man kann ja so ein Betragen nicht anders auffassen als wie ein lächerliches Narrenpossenspiel mit aller Vernunft. So ein Betragen!! Hella . 's ist aber auch zu kurios. Schlächter . Kurios, wenn man da 's rechte Wort fände. So eine hinterrücksche Bosheit. So ein Betrug von so einem Betrüger. Hella . Herr Seidenspinner, man sollte erst auf ihn warten. Schlächter . Ist's nicht jetzt schon ein Betrug? Hella . Gleich so schlimme Worte. Schlächter . Na, wenn das kein Betrug ist. Dann weiß ich nicht, was ein Betrug ist! Michel (kommt zurück) . Warum seid Ihr unzufrieden, Seidenspinner? Schlächter . Zwei Ohren sind mir zu wenig, daß sie's hören. Michel . Ach so, braucht er Hilfe? – (Sucht herum nach Leuten.) Hella . Michel, das täte schon wieder gut werden. Schlächter . Mir ist es aber anders gesagt von dem Pfarrer. Bei dem müsse man ein Geschrei machen. Michel . Er hat recht, Seidenspinner. Wartet bloß ein wenig, bis jemand vorbeikommt. (Ruft.) Elefantenschmied, Elefantenschmied, kannst du nicht wegen 'm Pfarr' kommen? Schnabelfatzer! Kirchenpfleger!! Du kannst auch auf dem Wegchen heimwärts. ( Elefantenschmied , Schnabelfatzer , Kirchenpfleger nacheinander. ) Kirchenpfleger . Ich muß sowieso hier vorbeikommen. Was gibt's denn? Schlächter (mit scheinbarer Ruhe) . Was meint ihr? Wenn ich für ein Schwein hundert Taler hingegeben habe, gehört mir da die Sau oder kann ich sie haben? – (Erregt.) Was tut aber Euer Pfarr', er läßt sie verhandeln, und nachher legt er ein Mutterschloß an den Saustall. Die Leute (lachen) . Schlächter . Was ist da zu lachen! Das ist ein ganz gemeiner Betrug! Kirchenpfleger . Seidenspinner, das ist nun schon lange so mit unserm Herrn Pfarrer. So setzt er bloß einen Streich auf den andern, seit er sich das Schwein eingetan hat. Michel . Da ist es gerade, als wäre er vom Teufel geritten. Kirchenpfleger . Es ist so allerorten mit ihm, nicht bloß zu Hause, auch in der Kirche. Schlächter . Daß es immer so mit ihm ist, kann mich nicht beschwichtigen. Kirchenpfleger . Das glauben wir. Wir beschwichtigen uns auch nicht. Wir haben eine Eingabe beim Konsistorium gegen ihn gemacht. Schlächter . Da könnte ich ja noch das Gericht gegen ihn alarmieren. Daß ihm der Verstand uffginge! Kirchenpfleger . Er wäre ein ganz guter Mann so, wenn die Sau weg wäre. Hella . So hat es ihm ja auch eingeleuchtet. Ich habe ja den Herrn Schlächtermeister selber holen müssen. 's scheint, daß es ihn erst nachträglich wieder gereut hat. Michel . Der Pfarr' kann sich nicht trennen von dem Schweine. Das ist eben vom Teufel besessen. Schlächter . Könnt ich es nur mitnehmen! Kirchenpfleger . Das wäre das weit Bessere als eine Klage. Elefantenschmied . Dann wär sie weg. Schnabelfatzer . Brecht doch einfach den Stall auf! Ich stelle mich auf die Straße, daß niemand dazu kommt! Hella . Aber nein. Die Gewalttat! Schlächter . Jungfer, soll ich mein Geld hingeben, damit sie damit Juchhei machen kann? Hella (trappelt ins Haus) . Ich will nichts gesehen haben. Mir kann keines Vorwürfe machen. Ich habe das getan, was »man« gewollt hat (Ab.) Michel . Zum Einbruch bist du der Richtige, Elefantenschmied. Du darfst an das Türchen bloß ein bißchen sanft hinlangen, dann kracht es. Na los! Es ist ja nix Unerlaubtes. Elefantenschmied (indem Fatzer Posten steht) . Vergreife du dich an Pfarr's Allerheiligstem. Du bist ja ungläubig, Michel. Michel . Braucht man's denn gleich zu wissen, wer's getane hat? An mich denkt der Pfarr' immer zuerst. Kirchenpfleger . Mir ist es auch ein bißchen heikel mit dem Erbrechen. Schlächter . Ihr seid Helden. Vielleicht gibt mir die Jungfer mein Geld wieder, dann braucht keines in die Hosen zu – Michel . Nu wart nur, wagt es denn keiner? Elefantenschmied. Elefantenschmied . 's ist halt die Pfarrsau. Kirchenpfleger . Michel, einer wie du, der die Hölle leugnet, so gut wie den Himmel, der kann es machen. Michel (mit zieselnder Zunge) . Daß die Sau weg muß! Die Mischa ist die Schwester von der Rosa. Das sind beides die größten Schweine vom Bezirk. Und die müssen hin sein. (Reißt an der Tür.) Kirchenpfleger . Vielleicht hilft jetzt einer ein weng. Elefantenschmied (langt mit hin) . Sakramosto, hat die der Pfarr' vernagelt. Kirchenpfleger (langt als dritter mit hin) . Es darf's halt niemand wissen, daß ich dabei war. Weil ich ja im Kirchengemeinderat drin bin. Schnabelfatzer . St. Der Büttel kommt. Schlächter . Laßt die Geschichte. Das hat keinen Zweck. Ich verlang's Geld zurück. (Rennt gegen das Haus) . Michel (mit großen Gieraugen) . Seidenspinner, aus Pfarr's Fingern tät ich kein Geld wieder nehmen. Da hat's die Kraft verloren. Kirchenpfleger . Und wir möchten ja die Sau aus dem Orte draußen haben. Elefantenschmied (zum ankommenden Büttel) . Auch hiesig, Büttel? Michel . Büttel, du hast schielende Augen, das hab ich dir schon lange einmal mitteilen wollen. Büttel (jetzt voll auf der Szene) . Und ich habe schon lange einmal in der Pfarrgasse patroullieren wollen. Kirchenpfleger . Büttel, der Metzger kann sie ja verlangen. Büttel . Der Herr Pfarrer hat mich extra hierher geschickt, ich soll hier ein Auge haben. Kirchenpfleger . Willst du denn damit sehen, wenn's der Pfarr sagt? Michel . Büttel, selbst der Esel hat einen Pflichteifer. Schlächter . Wir würden im Anker eins trinken nachher. Büttel . Ich will nichts gesagt haben und ich will auch nichts gesehen haben. Wenn es nur immer glatt abgeht. (Geht unruhig umher.) Michel . Dann geh doch zum Teufel! Büttel . Nein, eben deswegen bleibe ich da. Elefantenschmied . Damit hast du deine besondere Ansicht. Wollen wir noch einmal beilangen? Her, alle miteinander! Alle (außer Büttel und Schnabelfatzer, der weiter auf Posten ist, beteiligen sich) . Büttel . Pfeife, wenn du den Pfarr' siehst, damit ich dann gleich einspringe. Schlächter . Noch einmal, noch einmal! Feste! Feste! Es gibt ein allgemeines Trinkgeld. Elefantenschmied . Kreuzwetter!! (Es kracht – die Türe bricht, so daß die Reißer in den Hof übereinander fliegen.) Schlächter . Offen. Liegt nicht lange! Raus mit der Sau! (Er krabbelt auf, rennt zum Stall hin und reißt Mischa an den Ohren.) Büttel . Nicht zu gewaltsam, sonst schreit sie. Schlächter . Die hab ich! Wenn ich einmal eine an den Ohren habe. Mischa (brüllt nach Schweineart) . Hilfe! Hilfe! Hilfe! Michel . Wenn sie's Maul nicht hält, gleich abstechen! Schnabelfatzer (Zeichen) . St. Der Pfarr', glaub ich! (Er mischt sich unter die andern, geht ab und zu wieder auf den Posten.) Kirchenpfleger . Seidenspinner, stich sie! Schlächter . Ich will doch's Blut haben. Michel . Kannst 's nicht fließen lassen? Seidenspinner, flink ja, die Sau muß bloß hin sein. Schlächter (zieht's Messer) . Büttel . Rascher. – Fatzer, kommt er? Schnabelfatzer (sieht hinaus, zieht gleich den Kopf zurück) . Der Pfarr'. Büttel (zieht blank und stürzt auf den Schlächter los, faßt ihn von hinten) . Im Namen des Gesetzes! Pfarrer (rennend) . Mischa! Ich komme! Michel (brüllt) . Stoß zu! Stoß zu! Schlächter (gegen den Büttel herumfauchend) . Laß meinen Arm los! Pfarrer (kommt im selben Augenblick, entreißt mit wildem Griff dem Schlächter das Messer und zückt es dann gegen ihn) . Zurück, wer nicht hin sein will! Schlächter (indem alles zurückweicht, zieht die Mütze, steht stramm) . Zu dienen, Herr Pfarrer, zur Leberwurst. Pfarrer . Das genügt nicht. Total in die Hölle mit ihm! Schlächter . Ich glaube, daß aus einer Wurst noch keiner wieder auferstanden ist, Herr Pfarrer, samt aller Kreatur. (Wird wütig) Aber wenn mir der Andrang zu unverschämt wird! (Haut um sich) Was soll denn das werden hier? Pfarrer . Büttel, werden Sie ihn endlich verhaften? Büttel . Ich möchte schon, aber der Herr Pfarrer läßt mich nicht rankommen. Pfarrer . Zu was habe ich Sie denn hergeschickt? Büttel . Es war bereits zu spät, Herr Pfarrer, und seither kämpf ich. Leute, sagt selber, wie hab ich euch gefeixt! Pfarrer . Erwartet hätte ich, daß dem Schweineschlächter das Hiftmesser durch den Bauch gestoßen wäre! Alle . Äh pfui! Das muß Gott wohlgefällig sein? Schlächter . In was hab ich mich so versündigt, Herr Pfarrer? Pfarrer . Auf Ihrem Bauche steht geschrieben: »Freßsucht, Neid, Habgier und alle Laster.« Schlächter (lacht, hält seinen Bauch) . Predigt er alleweil so? Pfarrer . Sie greifen in meinen Stall wie ein blutdürstiger Polyp. Was kümmert Sie ein Tier? Nur Mord und Blut! Sie stinken ja auch darnach. Die Leute (lachen über den Pfarrer) . Schlächter (ernst geworden) . 's ist besser, ich stinke nach meinem Beruf und bin ehrlich, als ich dufte nach Himmelschlüsseln und bin ein Schwindler, ein abgefeimter Spitzbube, ein Betrüger, ein Dieb! Michel (patscht hopsend auf seine Beine) . Da sagt's einmal ein Mutiger dem Herrn Pfarrer! Pfarrer (erblaßt vor innerer Wut) . Diebe seid doch ihr, die ihr in meinen Besitz einbrecht. Habe ich je geschwindelt, betrogen oder gestohlen? Welcher Mutige ist so ein Feigling und verschweigt mir, wenn er etwas weiß. Schlächter . Herr Pfarrer, Sie betrügen mich ja. Ich habe für das Schwein hundert Taler gegeben. Pfarrer . Wem? Schlächter . Na, Ihrem Fräulein. Pfarrer . Wie? Fertig abgemacht? Schlächter . Dreimal eingeschlagen. Pfarrer (leise) . Diese Kanaille! Durfte sie denn das? Sie wird Ihnen ohne Sträuben die glatte Summe zurückgeben. (Geht ans Haus, ruft hinein.) Hella ! Hella! Die Leute (sehen sich an) . Pfarrer . Wissen Sie, wo sie ist? Schlächter . Wohl drinnen im Hause. Pfarrer (ab) . Michel . Und Ihr nehmt das Geld zurück, Meister? Schlächter . Was bleibt mir anders übrig. Michel . Besteh er auf der Sau, Meister! Schlächter . Besteh, besteh! Mir schwimmelt der Kopf genug von Prozessen, verlorenen und gewonnenen. Michel . Den gewinnt Ihr, Meister. Kirchenpfleger . Und auf den einen weiteren kommt es dann auch nimmer an. Schlächter . Du mußt's wissen. Michel . Eine Mischa kriegst du so schnell nicht wieder. Ein kleines Auffüttern und Mästen, dann ist sie die berühmteste Preissau, die die Welt gesehen hat. Kirchenpfleger . Wir Miesbacher täten's künftig dem Seidenspinner hoch anrechnen, wenn er auf der Mischa bestehen bliebe. Schlächter . Gut. Wenn's mein Vorteil ist, dann behalt ich sie. Alle (leise an ihm) . Wacker! Wacker! Bist ein wackerer Metzgermeister. Hella (kommt atemlos gerannt aus dem Winkel) . Herr Pfarrer, Herr Pfarrer! Pfarrer (tritt aus dem Hause) . Woher kommst du? Hella (die angstvoll das Messer in des Pfarrers Hand sieht) . Herr Pfarrer, ich habe überall gesucht. Den Schlüssel zum Stalle, Herr Pfarrer. Pfarrer (kommt die Stufen herab) . Darüber werden wir noch reden. Zunächst wirst du dem Schlächter sein Geld zurückgeben. Hella . Zurück? Ich hatt geglaubt, ich habe ihn übers Ohr gehauen. Die Leute (lachen) . Pfarrer . Also vorwärts! Der Mann verlangt's. Hella . Seit wann soll's in der Welt so geschuckt zugehen? Sie verlangen's? 's nächste Mal ist das Schwein bloß teurer. Pfarrer (gibt mit der linken Hand das Messer dem Metzger zurück, mit der rechten Hand holt er nach Hella aus) . Ohne lange Worte! Geld heraus! Hella (weicht geduckt aus) . Schlächter . Herr Pfarrer, ich nehm es gar nicht. Pfarrer . Dann habe ich Sie aber auch nicht betrogen. Marsch ab! Zum Hof hinaus! Die Sau bleibt hier. (Er stellt sich vor die Stalltür.) Schlächter (streicht seinen Bauch) . Herr Pfarrer, wenn mir's nur einfiele, was über meinen Bauch gesagt ist. Sieht er etwa aus, als fürchte er ein Prozeßchen? Pfarrer . Den gewinn ich. Kirchenpfleger . Es ist aber nicht vorbildlich einer Gemeinde, Herr Pfarrer. Michel . Die Sau duldet man nicht. Pfarrer . Ich gebe sie nicht heraus. Gezwungen schon gar nicht. Schlächter . Schwätzt weiter nicht. In ein paar Tagen komm ich mit dem Vollstrecker. Der umständlichere Weg ist der noch angenehmere. Pfarrer . Nur gekommen! Hella . Ich will es aber gleich sagen, ich verplempere keinen Pfennig von dem Erlöse. Pfarrer . Das hast du auch gar nicht nötig. Schlächter . Dann immer schön adieu, Herr Pfarrer! Bei Philippine sehen wir uns wieder! Die Leute (lachen und rufen) . Hoch, Seidenspinner! Hoch! Hoch! Schlächter (verneigt sich) . Danke sehr huldvoll. (Ab.) Die Leute (ab) . Pfarrer . Wenn er etwa glaubt, die Sau dann hier vorzufinden, irrt er sich gewaltig. Hella . Was soll denn geschehen, Herr Pfarrer? Pfarrer (wendet sich zu Mischa) . Gelt du, Mischa, wir verreisen. Dann füttere ich dich ganz alleine, und vielleicht kriegst du doch noch den Preis mit deiner Schönheit. Hella . Das kann der Herr Pfarrer immer tun. Ich gehe da nicht mit. Pfarrer . Du Weibsbild kannst ohnedies deine Sachen packen und das Haus sofort verlassen! Dich habe ich erkannt. Hella . Ich habe nichts anderes getan, als wie's gesagt war. Pfarrer . Schweig! Fort! Ab! Hinaus! Hella (ab ins Haus) . Ich gehorche. Pfarrer . Ja, bringe deine dreihundert Mark Beute in Sicherheit! – Mischa – sind alle wider uns, so ist doch Gott für uns. Mischa (ist zu ihm mit dem Kopf vorgekommen) . Büttel (bummelt nachdenklich in den Ort hinein) . ( Vorhang .) Dritter Aufzug Personen Pfarrer Hella Michel Dekan Amtsbruder Einige Pfarrer Kirchenpfleger Schullehrer Büttel Schulbuben Schulchor Dorfbewohner Dudelsackbläser Mischa Szene : Der Pfarrhof. Es ist heißer Sommernachmittag, die Türe des Hauses ist verschlossen, ebenso die Türe in die Kirche. Der Tisch der Laube ist leer. Der Dekan, der Amtsbruder und die Pfarrer stehen versammelt im Hofe, bei ihnen ist der Kirchenpfleger im Sonntagsrock. Der Dekan ist ein kleiner grauer, schlau aussehender Mann, mit einem Aktenstück unter dem Arm. Dekan (wichtig) . Kein Gottesmensch ist zu Hause. Und auch weit und breit im Dorf begegnet man keinem Lebendigen. Ein Pfarrer . Mit Ausnahme vom Kirchenpfleger. Dekan . Der wird schon selber wissen, daß er lebt. Kirchenpfleger (verlegen schnaufend) . Jawohl, Herr Dekan, jeder Schnaufer gibt mir zu denken. Dekan . Nun, was denn? Wir leben alle dem Grab entgegen. Wüßten Sie nur etwas über Ihren Pfarrer. Wo steckt er denn? Kirchenpfleger . Es tut mir leid, ich weiß nichts, Herr Dekan. Schon vor etwa einem Monat ist er mit der Sau und der Hauserin ins Gebirge abgerückt. Dekan . Das ist mir bekannt. Kirchenpfleger . In der »Lauterbacher Mühle« hat er sich behaglich eingerichtet. Und er hat nichts die Zeit über von sich hören lassen. Amtsbruder . Herr Dekan, daß er nicht da ist, das ist der Beweis. Dekan (bissig) . Dummes Geschwätz, wenn wir nicht regelrecht visitieren, ist der heutige Sputz für die Katze. Wenn er nicht bald anrückt, sitze ich einfach ins Wirtshaus, bei der kalabrischen Hitze. Ich mache das keine zweimal. Ich schreib einfach ans Konsistorium, daß der Kerl nicht hergeht, und die sollen sich dann die weiteren Schlüsse aus den Haaren ziehen. Amtsbruder . Ist das nicht der Beweis? Dekan . Freilich Beweis. Aber er nützt mir nichts. Bewiesen ist es längst, durch hundert und so viel Eingaben, daß er ein Schwein hat, daß er eine Hauserin hat, daß er keine Predigt abhält, daß er sich schweinemäßig beträgt, in einem gesagt. Aber ehe er selber gehört ist, ist er nicht greifbar. Warum habt denn ihr Miesbacher nicht gesorgt, daß er heute da ist? Kirchenpfleger . Wir haben eine Abordnung, die der Michel geführt hat, in das Gebirgshotel geschickt, aber die ist bös abgefahren, ja, Herr Dekan. Dekan . Sonst kenne ich jenen Wirt. Er hat eigentlich immer eine große Freude, wenn Gäste kommen. Kirchenpfleger . Ich weiß das auch nicht, Herr Dekan. Ob es nun daran gelegen hat, daß sie der Michel geführt hat? Den Michel hat man aus dem Hotel hinausgepfeffert. So hat die Abordnung nichts ausrichten können. Dekan . Warum stellt ihr denn einen Strolch an die Spitze?? Da ist es ganz klar, daß man den ganzen Haufen für dasselbe hält. Kirchenpfleger . Der Michel war der einzige Ortsvertraute dort oben, Herr Dekan. Amtsbruder (vortretend) . Im übrigen dient es zum Beweis, Herr Dekan. Dekan . Sie, Heinrieder, Sie müssen eine seltsame Logik besitzen. Amtsbruder . Ich kenn ihn. Ich kenn ihn. Mein letzter Besuch bei ihm hat mich aufgeklärt. Was hatte ich für heftiges Magenübel nachher! Er wollte einfach haben, daß ich unterwegs umsinke und mir durch einen unbußfertigen schnellen Tod die Zunge stumm werde. Oh, beim jüngsten Gericht sehen wir uns wieder! Wenn er heute nicht kommt. Dekan (unter dem Lachen der Pfarrer) . Da haben Sie wohl zu viel pokuliert damals? Heinrieder, wenn beim jüngsten Gericht über jeden sauren Schluck verhandelt würde, da dauerte die Verhandlung länger als die ganze Ewigkeit. Wie steht's, kommt Ihr Herren mit ins Wirtshaus? Amtsbruder . Jawohl, Herr Dekan, dort können wir darüber disputieren. Dekan (im Abgehen) . Aber mir nicht dabei ins Glas spucken! – (Er bleibt stehen.) Oh Horizont! Da kommt jemand. Schullehrer (kommt mit aufgespanntem Sonnenschirm, im schwarzen Rock, einen gelben Strohhut hat er am Schirmgriff hängen) . Ich habe die Mischa gesehen. Sie ist weitaus die größte Sau unter allen dargestellten Säuen. Das Tier ist so herrlich, daß sie die Herren unbedingt sehen müßten. Dekan (nachdem sie sich unter einander angestutzt) . Das wollen wir nicht wissen. Schullehrer . Ich hatte gedacht, das interessiere die Herren auch. (Mehr zum Kirchenpfleger.) Auf dem landwirtschaftlichen Kreisfeste ist ein allgemeiner Auflauf nur um das Tier. Kirchenpfleger (allein zum Schullehrer) . Ist er denn auf dem Feste? Schullehrer (nickt ihm zu, beobachtet aber dabei, was die Herren beginnen) . Dekan . Zum Kuckuck! Dann gehen wir also jetzt kneipen, wenn Sie keine interessanteren Nachrichten bringen als über Schweine. (Sie wollen weitergehen.) Schullehrer (bleibt auf dem Flecke stehen) . Mich interessieren die Tiere. Kirchenpfleger (im Weggehen zum Dekan) . Wir hätten das nicht geglaubt, Herr Dekan, daß unser Herr Pfarrer aufs Fest mit ihr käme. Dekan (bleibt wie genagelt stehen) . Wie? Kirchenpfleger . Sie sind auf dem Feste miteinander. Dekan . Der Schulmeister ist doch ein Esel, daß er das nicht sagt. Schullehrer . Ich habe es gesagt, Herr Dekan. Dekan . Sie haben doch kein Wort gesagt, daß der Pfarrer auf der großen Ila ist. Schullehrer . Ich sagte ja, daß ich die Mischa gesehen habe. Dekan . Die Mischa? Kirchenpfleger . Das ist die Pfarrsau. Herr Dekan. Dekan . Jetzt endlich. Ja, kommt er denn nicht, der Pfarrer? Weiß er denn nichts, daß wir hier sind? Schullehrer . Es war mir nicht mögliche mit dem Herrn Pfarrer zu reden, er sprach mit dem Herrn Minister. Dekan (unter allgemeiner Bestürzung) . Sie meinen wohl den Ausstellungsvorstand? Schullehrer . Das weiß ich nicht, Herr Dekan, ob der »von Breitling« heißt. Dekan (blaß) . Haben Sie nicht gehört, was er mit dem Minister geredet hat? Schullehrer . Es war mir trotz angestrengtester Ohren nicht möglich, ein Wort zu erhaschen. Kirchenpfleger (leise) . Kriegt er denn die Medaille für Kunst und Wissenschaft? Schullehrer . Meine Gedanken gingen gänzlich in der Betrachtung des Tieres unter. Seit dem Mammut im königlichen Naturalienkabinett sah ich nichts dergleichen. Dekan . Meine Herren, ich glaube, die Visitation ist heute ein bißchen ungeschickt. Amtsbruder . Es kommt mir so vor, es handelt sich um einen Bluff von ihm. Dekan . Es wird viel davon abhängen, ob der Bote, den ich absandte, zum Pfarrer gestoßen ist oder nicht. Ein Pfarrer . Man müßte also abwarten, ob der Herr Kollege noch kommen wird. Schullehrer . Ja, der Herr Pfarrer ist bald nach mir mit einem Jagdwagen abgefahren. Dekan . Warum teilen Sie denn das nicht mit? Schullehrer . Wünschten das die Herren zu wissen? Ich dachte, die Herren müßten auf unsern Herrn Pfarrer warten. Dekan . Nun hören Sie, ein bißchen Verständnis für ein Größenverhältnis sollten Sie dennoch haben, wenn der Erwartete auch Ihr Herr Pfarrer ist, so bin ich dennoch der Herr Dekan . (Reckt seine kleine Gestalt.) Schullehrer . So, wollen Sie ihn richten? Dekan (verärgert) . Was heißt das wieder?! Kein Mensch spricht von Richten. Warten Sie auf das Ergebnis meiner Visitation. Schullehrer (geht ab) . Ich muß nun zu meiner Frau nach Hause, daß ich ihr auch von dem Schweine erzähle. Ich wünsche guten Erfolg, Herr Dekan. Guten Tag, meine Herren. (Wie gekommen, ab.) Dekan . Euer Schullehrer hat die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen. Kirchenpfleger . Sonst aber hat ihn die Gemeinde gern, Herr Dekan. Büttel (rennt im Hausanzug, mit Büttelmütze daher) . Was hab ich gehört? Daß ich das gehört habe! Erwarten die Herren auch unsern Herrn Pfarrer? Er komme mit einem Lob vom Konsistori zurück, habe ich gehört. Dekan (lacht herzlich) . Wenn Sie das gehört haben, da müßten Sie ihm eine Ehrenpforte errichten. Büttel . Ich hab noch die Girlanden von der letzten Konfirmation aufgehoben. (Ab.) Amtsbruder . Trick, Trick, ganz durchsichtiger Trick ist es von ihm. (Zählt es an der Hand auf.) Schulmeister, Büttel und noch so ein paar werden seine guten Freunde geblieben sein Stimmt es? Kirchenpfleger . Die waren ihm nicht unfreund, Herr Pfarrer. Amtsbruder . Was sag ich? Sie machen ihm, der im Jagdwagen ankommt, voraus gut Wetter. Glauben Sie's nicht, Herr Dekan? Darum nehme man aus dem zugerichteten Feuer der Läuterung kein einzig Scheit wieder heraus. Kirchenpfleger . Jetzt kommt er, Herr Dekan. Dekan (unruhig) . Wo? Amtsbruder . Sie meinen, Sie hören den Wagen? Kirchenpfleger (drückt sich allmählich davon) . Man kann da nicht bis ganz herein fahren. (Ab.) Amtsbruder (aufgeregt) . Ich wünschte, die Pferde würden ihn ganz bis herein ziehen, daß man ihn schneller vor Augen hätte! Machen Sie sich gefaßt, Herr Dekan. Prüfen Sie gleich aufs erste, er hat einen ausschweifenden Mond der Wonne hinter sich. Dekan (ärgerlich und erregt schnaubend) . So viel Geschwätz vorher. Hm m m. ( Pfarrer kommt angestürmt, er trägt einen landwirtschaftlichen Zivil-Anzug und einen kleinen neuen Strohhut. Er ruft dem Wagen zu. ) Pfarrer . Warten, damit ich pleine Karriere wieder hineinkomme! – – (Im Hofe.) Lieben Kinder, ihr kommt am ungeschicktesten Tag. Heute ist Preisgericht. Amtsbruder (wütend, er wird vom Dekan, der sich heftig räuspert, zurückgehalten) . Der Würger Tag wo niemand würgen kann. Dekan . Hm m m m. (Kann fast nichts hervorwürgen.) Ich möchte wissen, hm m, sind Sie Pfarrer oder sind Sie Schweinepotentat? Pfarrer . Ich habe nur etwas Zivil, damit ich den Augen der Herren Preisrichter nicht ungeschickt auffallen sollte. Dekan (flammend) . Sie fallen nun uns auf. Hm m m. Amtsbruder . Wir müßten von Blindheit geschlagen sein, wie Bileams Esel, wenn uns nicht schon der äußere Habitus die schwere Dekadenz bewiese! Pfarrer . Ich bitte um Entschuldigung, diesen Stoff hat meine Hauserin vom Gebirgshotel aus bei Keller Söhne ausgesucht. Wenn sie darin im Geschmack – –, man muß es ihrer weltlichen Unerfahrenheit zurechnen. Amtsbruder . Will man die Sache ins Lächerliche ziehen? Wir stehen hier, nehme man sich zusammen vor uns, als die verordneten Diener der Kirche. Pfarrer . Ich ja auch. Der Mensch sieht das Kleid an, Gott aber sieht das Herz an. Dekan . Hm m m m, das Herz. Ich wollte hm m, unbefangen bleiben hm m, aber ich habe darin einen schweren Stand, ich meine eben immer, ich habe es mit einem Schweinepotentaten zu tun. Pfarrer . Freilich, es wäre ganz gut, wenn ich das wäre. Aber leider leider wurde ich mitten in der Entscheidung des Preiskollegiums abberufen. Dekan . Haben Sie denn die Fühlung mit dem geistlichen Stand bereits verloren? Pfarrer . Oh gewiß nicht, sonst wäre ich ja auf Ihre Mitteilung hin, Herr Dekan, die mich gleich nach meiner Audienz beim Herrn Minister traf, nicht nach Miesbach herausgekommen. Dekan . Hm m, sprach der Herr Minister von einer versöhnenden Konferenz mit dem Oberkirchenrat? Pfarrer . Du liebe Zeit, wir sprachen über dicke Schweine. Die Pfarrer (atmen auf, lachen, frohlocken) . Dekan (nachdem er sich zu den Pfarrern umgeblickt) . Ja nun, lieber Miesbacher Kollege, Sie dürfen nicht überrascht sein. Es handelt sich darum, ob Sie aus dem Amt fliegen oder nicht. Darum sind wir hier. So steht's. Pfarrer (erschreckt) . Wie? Was hab ich denn getan? Die Pfarrer (verwerfendes Entsetzen) . Dekan . Wir brauchen gar nicht lange in ein Studierzimmer zu hocken. Wer hat hier die letzten vier Wochen gepredigt? Pfarrer . Herr Dekan, wollen wir nicht lieber niedersitzen? Amtsbruder . Wird's dem Kollegen wampel? Dekan . Verzögern Sie nichts! Predigt, wer hielt sie ab? Pfarrer (setzt sich im Gartenhaus auf die Bankecke, legt den Hut auf den Tisch, macht jetzt sitzend einen gebrochenen Eindruck) . Amtsbruder . Ja, schimpflicher Kollege, wer hat verwest? Pfarrer . Verwest ist überhaupt nichts. Dekan . Sehr richtig, es unterblieb gänzlich, einen Pfarrverweser zu erbitten. Pfarrer . Das war doch viel billiger. Dekan . Um den Garten Gottes zu pflegen, wird allgemein nicht geknausert. Pfarrer . Ich weiß es noch, ich war als Predigtamtskandidat monatelang stellungslos. Amtsbruder . Hier ist aber eine ganze Gemeinde verdurstet! Pfarrer . Die Gemeinde hatte in dem ganzen Interregnum keinen Todesfall, dagegen drei Geburten und allerdings eine nur standesamtliche Trauung aufzuweisen. Dekan . Hm, sehen Sie, einmal schon eine Hausstandsgründung ohne den kirchlichen Segen. Pfarrer . Dieses Paar hatte bereits fünf Kinder. Die Pfarrer (lachen) Amtsbruder . Lieben Brüder, was ist da zu lachen! Desto bedürftiger waren diese Leute nach geistlicher Vereinigung. Es hätte ihnen gesagt gehört, daß sie künftig Gott im Auge halten sollen. Ja ja. Sehr wichtig. Pfarrer . Ich glaubte, Gott hätte sich schon fünffach an ihnen bewiesen. Und ich wäre im Altar nur als lächerlicher Hanswurst vor ihnen gestanden. Dekan . Gut gut, lasse ich das gelten. Amtsbruder . Das lassen Sie gelten, Herr Dekan? Dekan . Es gibt Fälle, wo manches nur Zopf ist. Aber mein lieber Miesbacher, wenn auch die Wirkung eines Versäumnisses zufällig null ist, so bleibt das Versäumnis selbst trotzdem zu ahnden. Pfarrer . Gegen solche Institutionen freilich kann ich mit meiner schwachen Person nichts ausrichten. Amtsbruder . Endlich hört man aus diesem selbstbewußten Munde ein Sündenbekenntnis. Pfarrer (überrascht) . Inwiefern? Amtsbruder . Wenn man nur seine Schwachheit zugibt. Pfarrer . Also! Da muß ich meine Worte besser zügeln. Ich hätte mich äußern sollen, daß eine derartige Institution menschenunwürdig ist. Dekan . Ich muß Sie wieder einmal zurechtweisen, Heinrieder, Sie erschweren mir meine sorgsame Aufklärung. Pfarrer (in bittendem Tone) . Herr Dekan, ich schätze Sie sehr hoch als meinen von jeher bewunderten Sophisten, aber ich bitte um Nachsicht heute, meine Nerven sind ziemlich erschöpft. Das Bewußtsein meiner eventuellen Versäumnisse und das zähe Festhalten an meinen züchterischen Absichten, diese zwei Dinge haben mein doch auch nur menschliches Gehirn wie zwei verfluchte Kanaillen angegriffen. Dekan . Wie einfach hätten Sie sich befreien können! Pfarrer . Wenn man einmal etwas will? (verzweifelt.) Meine Mischa muß prämiiert werden! (Allgemeine Bestürzung über diese wilde Gefühlsäußerung.) Dekan (spuckt förmlich) . Sie haben einen vollständigen Sauwahn, Kollege! Wir müssen über diese Schweinerei endgültig ins klare kommen. Pfarrer (erschüttert) . Ja, ich bin selbst dankbar (Er hält seinen Kopf krampfhaft umschlungen) . Amtsbruder (über ihn) . Diese Schweinerei tropft vom Himmel herunter. Pfarrer . Ich weiß es selbst. Dekan . Wir freuen uns, wenigstens keinen versteckten Trotz vorzufinden. Man kann hoffen, daß ein wohlmeinender Verweis hier wieder gänzlich aufrichten wird. Pfarrer . Ein Verweis? Ich habe ein Gefühl der Reue und das rechtfertige darum einen Verweis?? Alle (dicht um ihn) . Sie sind noch der Unsrige. Die geduldige Hinnahme eines Verweises bewiese Ihre ergebene Gesinnung. (Zwei Sätze, von zweien hintereinander abwechselnd gesprochen.) Pfarrer . Und Schweine darf ich nicht mehr züchten? Dekan (lacht unwillkürlich) . Ich rate davon ab. Amtsbruder . Und Bruder, in welcher Zeit leben wir denn? Doch in einer Zeit des Spezialismus, alles ist Spezialität, selbst das Dichten. Bruder, du bist Pfarrer, du bist kein Landwirt. Pfarrer . Wenn es aber dem Pfarrer gelungen wäre, das fetteste Schwein zu erzeugen! Wäre es nicht himmelschreiend, wenn ihn die Preisrichter darum vom Preise ausschlössen, weil sein Beruf Pfarrer ist! Dann würde ich verzweifeln und mit Gott hadern. Könnte mir denn Gott einen solchen Fußtritt erteilen? (Wild, starr.) Die Pfarrer (stupfen sich wohlweise) . Dekan . Gott führt oft in schwere Prüfungen. Pfarrer (wild auffahrend) . Dann wäre Gott ein Lump! Denn ich habe das fetteste Schwein. Die Pfarrer (sind weit von ihm zurückgewichen, jeder hält den andern am Arm fest, so daß sie wie eine weite Kette um ihn stehen, während der Pfarrer wieder dumpf dasitzt) . Amtsbruder (tritt zuerst aus dem Kreise auf ihn zu) . Du, Bruder, du wirst doch nicht im Zweifel sein, ob es überhaupt einen Gott gibt. Pfarrer . Ich weiß nicht. Amtsbruder . Ich weiß nicht?! – – Oh, oh! Wie tief bist du schon gesunken, Bruder. Der gefallene Engel hält dich in seiner Hand nur noch einen Zoll weit vom schwarzen Abgrund, zieht er sie unter dir weg, so liegst du im höllischen Pfuhlä. (Leise hauchend.) Wie furchtbar! Wie äntsätzlich! Pfarrer (aufschreiend) . Die Mischa fraß doch nur Kleie! Amtsbruder (fügt sich wieder in die Kette) . Zurück von ihm, er ist bereits wahnsinnig. Dekan . Ich dachte schon oft an diesen Ausgang. Amtsbruder (die Kette hat sich gelöst) . Herren Kollegen, ich glaube, wir müssen ihn lieben. Wenn ich bedächte, daß das Gewächs des Weinstocks, welches er mir im sichtbarlichen Gefühl der Freundschaft darbot, so verschiedene Mal, ein Sündengetränk gewesen wäre. Ich wäre ja mitschuldig. Aber nein, es geschah von meiner Seite aus reinem Mitgefühl, daß ich trank. (Geht zu ihm liebevoll hin.) Du bist krank, Bruder. Pfarrer (heftig) . Weg! – Amtsbruder . Stoße die Liebe nicht zurück. Pfarrer (plötzlich, durchfährt seine Haare, nimmt den Hut an sich, steht auf, will gehen) . Kinder, ich halte es nicht aus hier. Ich muß wissen. Ich muß fort. Dekan (hält ihn auf) . Halt, halt. Ich lasse Sie nicht gehen. Wir haben noch über viele wichtige Punkte nichts von Ihnen selbst gehört. Pfarrer (will durchbrechen, es stellt sich immer wieder einer hinter den andern als Hemmung in den Weg) . Es ist auch gar nicht nötig. Ich bestreite keine einzige Sache. Habt doch ein bißchen Verständnis für meine Lage. Amtsbruder (lachend) . Das haben wir. Du mußt heute kuriert werden. Oder nie. Du bist ja über alles geliebt von uns. Pfarrer (lacht nervös) . Mir ist es kein Spaß. Herr Dekan, befürworten Sie, daß ich nicht aufgehalten werde. Sie sind großmütig. Herr Dekan. Die Pfarrer (lachen) . Amtsbruder . Unsere Liebe tötet sogar unsere Großmut. Dekan . Nur einmal dageblieben. Man wird doch nicht in Unruhe sein, weil irgend wo versteckt ein Preisrichter ein Mastpulver finden könnte. Pfarrer (lacht nervös) . Das nicht. So etwas müßte man mir zugeschmuggelt haben. Mit welcher Frage wollt Ihr mich also noch quälen? (Setzt sich wieder.) Amtsbruder . Die Rechnung von der Lauterbacher Mühle liegt in den Akten. Ziehen Sie hervor, Herr Dekan. Dekan (nimmt sie vor) . Da steht: Pfingstfest elften Mai Frühstück Herr und Frau Pfarrer, Kaffee komplett drei Mark sechzig. Table d'hote, großes Diner sechs Mark, Wein extra drei Flaschen sieben Mark zwanzig, Nachmittagskaffee wieder gestrichen. Pfarrer . Was sieht man daran? Dekan . Nur abwarten. Jetzt kommt das Stärkste. Abendbrot Herr Pfarrer allein vier Mark achtzig. Bier neunzig. Wie erklären Sie das? Pfarrer . Weil es auf die Nacht ging, aß ich alles und meine Frau nichts. Amtsbruder . Warum? Pfarrer . Warum? Darum. Amtsbruder . Darum, ja darum. Meine nicht, man wisse nicht. Wir sind keine Kälber. Dekan . Das Weib hat zu solchen Ausschweifungen verführt. Pfarrer . Wir hatten unsere liebe Not, uns mit unseren bescheidenen Ansprüchen dort oben gesellschaftlich möglich zu erhalten, darum mußte hier und da etwas springen. Das kolossale Abendbrot aß ich aus Anstandspflicht. Dekan . Übermaß. Amtsbruder . Völlerei. Sie haben sich beide dem Wirte zulieb überfressen. Pfarrer . Wer so etwas beurteilen will, muß wissen, daß man in so einem Hotel immer nur der Geduldete ist. Die Pfarrer (nicken sich zu) . Dekan . Dies Gefühl hatten Sie? Pfarrer . Eigentlich stets. Dekan . Glauben Sie nicht, daß das daher kam, daß dem Wirte bekannt wurde, daß diejenige, welche Sie ihm als Frau vorbestellt hatten, nicht Ihre legitime Frau war. Pfarrer . Es ist möglich, daß man deswegen übertriebene Ausgaben von uns erpreßt hat. Amtsbruder . Beziehungsweise du ließest erpressen, weil du ein schlechtes Gewissen hattest. Pfarrer . Hätte ich das Schwein nicht bei mir gehabt! Dekan . Wenn ich selber so eine herabwürdigende Meinung von einem Weibe hätte, so gäbe ich sie doch nicht als meine Frau aus. Ein Pfarrer . Sie haben mißverstanden, Herr Dekan. Amtsbruder . Nein. Wieso mißverstanden? Dekan . Ich glaube nicht. Pfarrer . Ich muß fort. (Will aufstehen.) Dekan . Nur jetzt nicht wieder davongerannt. Wir sind am Zielpunkte. Wie konnten Sie, nachdem schon der Haufen Beschwerden wegen der Schweinezucht gegen Sie vorlag, allem die Krone aufsetzen und mit der Hauserin ein wildes Eheleben führen? Wie steht es damit? Pfarrer (schweigt) . Amtsbruder . Ich danke Ihnen, Herr Dekan, ich bin zufrieden. Dekan . Hm m, nur heraus mit der Sprache! Ich bin gewiß kein Menschenfresser, aber wissen muß ich, denn ich habe darüber zu berichten. Pfarrer . Was mir selber am schwersten gefallen ist, braucht man mir nicht noch einmal vorzuwerfen. Amtsbruder . Eigene Ansichten. Dekan . Sie sind also geständig? Pfarrer . Hierüber verläßt mich das Gedächtnis. Amtsbruder . Weil es das Fallbeil wäre, Verehrter. Ein Pfarrer . Der Mut des Löwen ist geschwunden. Dekan . Nun ja. Wenn man's schon tut, ist es vor den Leuten besser, es geschieht unter einer klangvollen Firma. Ich hielt es im Falle für richtiger, das Weibsstück als Frau auszugeben. Amtsbruder (mit den andern entsetzt) . Wie? Pfarrer . Ich bin dankbar, Herr Dekan. Dekan . Mir nichts danken! Ich bin ein bissiger Hund trotzdem. Pfarrer . Herr Dekan, ich bin ja froh, wenn ich nur ein bißchen Verstand finde unter so viel Gehässigkeit. Dekan . Manchmal ist auch alle Gehässigkeit nur reine Dummheit. Amtsbruder . Herr Dekan, für wen sind Sie, für uns oder für den Angeschuldigten? Dekan . Ich bin für gar keinen. Amtsbruder . Und das soll dann objektiv sein? Dekan . Was ich dem Konsistorium berichten muß, wird sich ziemlich stiefmütterlich ausnehmen. Pfarrer . Ist mir gleichgültig. Dann diszipliniert mich halt. Dekan . Nicht so stolz. Ich weiß es aus mancher Erfahrung. Nachher heult man mir auf den Schreibtisch, »Herr Dekan, Herr Dekan, warum haben Sie das alles berichtet«? Pfarrer . Das wird mir nie einfallen. Dekan . Man nimmt ja an, daß in dem Hotel alles passiert ist? Pfarrer . Ja, darüber muß man Hella befragen. Amtsbruder . Er bringt es fertig, abzuleugnen, nachdem er zugegeben hat. Dekan (lacht verschmitzt) . Das wird von selber aufgeklärt. (Zieht ein neues Blatt hervor.) Da schreibt sogar ein Metzger gegen Sie. Wer hat denn die Hotelrechnung bezahlt? Hä? Pfarrer (besinnt sich, während die Pfarrer mit vorgestreckten Hälsen spannen) . Die Hotelrechnung hat quasi der Schlächter bezahlt. Amtsbruder . Das ist das Horribelste, das Fabelhafteste! Dies zeigt ihn am klarsten in jenem rücksichtslosen Despotismus, über den sich auch seine Gemeinde so bitter beklagt hat. Was soll der arme Schlächter nur anfangen? Sein Geld ist vertan und das Schwein hat er nicht. Pfarrer . Das ist das einzig Noble an dem Mann. Dekan (wild, unter der Entrüstung der Pfarrer) . Ich glaube, diese Ironie würde auch Ihren letzten Freund mit Abscheu erfüllen. Pfarrer . Bleibet doch Pfarrer und werdet keine Geschäftsleute. Amtsbruder . Dasselbe rufen wir ihm zu, denn er rutscht dabei auf die schiefe Ebene des Verbrechens hinaus. Pfarrer . Behauptet's nicht, dann ist es nicht. Was will man überhaupt? Es schwebt ja der Prozeß mit ihm! Amtsbruder . Aha!? Pfarrer (schlägt auf den Tisch) . Ich muß Luft haben, da kann mir alle Rücksicht zum Teufel fahren! (Die Pfarrer weichen erschreckt auseinander, während er aufstehen und gehen will.) Es muß eine Entscheidung kommen, sonst ist alles aus mit mir. (Er bleibt stehen, macht eine langsame Bewegung des Halsabdrehens) Dekan . Das Schwein weg! Und Sie stehen wieder auf gesunden Füßen. Pfarrer . Wenn ich's jetzt verspreche, dann tu ich's. Amtsbruder . Tu's, Bruder, du erkennst selbst, wie notwendig es ist, für dich selbst, für alle. Pfarrer . Sind wir Menschen so schwach, daß ein Tier für uns sterben muß? Dekan . Sobald ich ans Konsistorium berichte: »Das Schwein ist tot,« sobald hat mein lieber Miesbacher den Frieden seiner Seele. Pfarrer . Ich will's. Ja, ich will's wegtun. Die Pfarrer (drücken ihm die Hand) . Dekan (als Leiter) . Versprochen?? Michel (kommt krampfhaft heulend des Wegs) . Pfarrer . Ja. Michel (stürzt heulend vor dem Pfarrer nieder) . Herr Pfarrer, wie soll ich es machen, daß ich Vergebung empfange? Pfarrer . Geh er zum Teufel, dann ist ihm vergeben. Dekan (leise) . Ist das nun richtig? Michel . Herr Pfarrer es ist mir diesmal ernst mit meiner Bußfertigkeit. Ich habe einmal so Böses mitgeschaffen gegen den Herrn Pfarrer. Pfarrer . Das kommt zu spät. Und ich fühle, wie es ihn hinter der heulenden Maske freut, daß die Visitation hier ist, vor der ich mich zu verantworten habe. Michel . Herr Pfarrer, ich bitt um die Vergebung, es könnt sonst vorkommen, daß ich aus der Gemeinde hinausfliege. Ich hab's Heimatrecht nicht, Herr Pfarrer. Die Miesbacher haben mich auf dem Feste verklopft und gesagt, ich sei schuld daran, wenn's dem Herrn Pfarrer z' Miesbach nicht mehr behage. So ist es gewiß und wahrhaftig, Herr Pfarrer. Dekan . Lieber Kollege, Sie dürfen den Mann jetzt nicht mit Verbitterung anhören. Es wird ja, hoff ich, alles nicht so schlimm ausfallen, wenn Sie nur gewiß fest dabei bleiben, das Schwein abzutun. Pfarrer . Dieser Entschluß ist felsenfest. Michel (fällt auf den Hintern) . Jetzt schlägt mich's hin. Pfarrer (beobachtet ihn erstaunt) . Die Pfarrer (lachen) . Amtsbruder . Wie rasch die Tränen versiegt sind! Dekan . Ein richtiger Heuchler. Pfarrer . Da seht Ihr, was für Gemeindekinder ich behirtet habe. Dekan . Es erscheint mir manches in ganz neuem Lichte. Das war mir nun gerade recht, daß ich den Kerl kennen gelernt habe. (Tätschelt den Pfarrer wiederholt.) Nur neuen Mut, lieber Miesbacher, das Schwein weg, die Hauptsache, dann einmal fest aufgetreten hier, daß den Leuten die richtige Furcht aufgeht! Amtsbruder . Jawohl, jawohl, die Glieder müssen wissen, daß sie vom Haupte abhängig sind. Dann hört die schnöde Heuchelei auf, die Bußfertigkeit vortäuscht, wo sich nur Schalkhaftigkeit verbergen will. Michel (der längere Zeit zur Fassung gebraucht) . Ja, Herr Pfarrer, ist die Dummheit schon protokollarisch? Pfarrer . Ich möchte mir ausbitten, daß er keine neue Wühlerei beginnt, ich bin froh, daß ich meine Rehabilitierung fühle. Michel (scheu) . Ich fürchte mich auch vor dem Herrn Pfarrer, aber bloß wenn die Sau bleibt. Dekan (sehr eindringlich dem Pfarrer zuredend) . Nein, nein, die kommt weg, lieber Kollege. Die Leute treiben ja den hellen Narrenscherz mit ihren Wünschen, einmal hin, einmal her. Michel . Rundherum, das ist nicht schwer. (Er kreiselt dabei auf dem Hintern.) Pfarrer . Seien Sie unbesorgt, Herr Dekan. Ich merke es wohl, daß ich es den Miesbachern bald so, bald so, nicht recht mache. (Der Büttel kommt mit einem Schubkarren angeschoben, auf welchem Girlanden liegen, sowie obendrauf eine Leiter, ein paar Schulbuben springen zur Seite des Schubkarrens.) Pfarrer (sein Gesicht verzieht sich zu einem sonnenhaften Lachen) . Büttel (im Schieben) . Was hast du denn, Michel? Michel . Mich hat es hingeschlagen. Büttel (setzt seinen Schubkarren am Eingang des Hofes ab) . Da ist ja der Herr Pfarrer. Pfarrer . Haha. Das ist ja nicht möglich. Büttel . Da wollte ich dem Herrn Pfarrer eine Bekränzung aufmachen, nun seh ich, ist er aber schon da, der Herr Pfarrer. Pfarrer . Zu was denn eine Bekränzung? Büttel . Da muß ich dumm fragen. (Sieht sich um) Wer hat es denn gleich gesagt, der Herr Pfarrer hab's Prämium? Pfarrer . Kein Mensch kann das gesagt haben. (Er steht in nervöser, innerer Spannung still.) Büttel . Wie steht's damit, Michel? Michel . Ich kann nichts sagen. Mir glaubt der Herr Pfarrer sowieso nichts. (Er steht auf.) Dekan . Es ist also verlogen. Amtsbruder . Ich möchte doch vorschlagen, daß dem Bruder das Versprechen schriftlich abgenommen werde. Pfarrer . Jetzt wartet nur, wartet nur! Amtsbruder . Energisch alles verlangen, Herr Dekan! Wir sind auf einem gefährlichen Punkte mit dem Kollegen. Dekan . Wie soll ich es anfassen? (Er wendet sich ratlos zu den Pfarrern.) Pfarrer . Jetzt wartet nur, wartet nur! Wenn ich das Prämium hätte! – Ich hab's! Ich hab's! (Er schusselt konfus herum.) ( Hella kommt abgehetzt vom Feste gerannt, sie trägt auf dem Arm den schwarzen Rock des Pfarrers . Ehe sie zum Hofe hereinkommt, bleibt sie vor furchtbarem Seitenstechen, sich am Zaune haltend, stehen. – Die Pfarrer weichen alle vor dem herumschusselnden Pfarrer zurück. ) Amtsbruder . Satanas hat seiner begehret. Dekan . Hm m m, da sind wir machtlos. Pfarrer . Gebt mir doch 's Hütchen! 's Hütchen. – Hella, du hast mir ja gewunken. Ist es wahr? Hella (schleppt sich voll in den Hof herein, da bricht sie weinend und lachend zusammen) . Ja ja. Der Herr Pfarrer hats Prämium! Hühü. Ich beherrsch mich nimmer. Pfarrer . Hella, lügst du auch ganz gewiß nicht? Hella . Man lügt nicht. Pfarrer . Michel, Esel, warum schwätzt er nicht? (Rennt umher.) Wo geht's denn hinaus? (Will endlich fortstürzen.) Jetzt werd ich verrückt! Hella . Hier hab ich den geistlichen Rock, Herr Pfarrer. Pfarrer (hält hastig) . Was hast? (Er zieht seine Joppe aus, wirft sie über den Hof ins Gartenhaus, er steht mit nacktem Rumpf in den Hosen, aber Chemisett, Kragen und Krawatte an, er zieht den schwarzen Rock über.) Dekan . Kollege, das Hemd? Pfarrer . Das trag ich nie! ( Gelächter der Pfarrer . ) Amtsbruder . Das Nackende hat er mit Satanas gemein! Pfarrer (stürzt unbekümmert davon) . Michel (zum Büttel, während die andern dem Pfarrer nachsehen) . Ich hab es halt schwer, mit dem Herrn Pfarrer zu reden. Das Geradeheraus glaubt er mir nicht. Drum hab ich's mit Heulen auch einmal probiert. Dekan (immer noch im starren Blick hinter dem Pfarrer her) . Ist die Preisverteilung schon endgültig herausgekommen? Hella . Ja gewiß, Herr Dekan. Amtsbruder . Schändlich, schändlich ist das. Hella (mit hochgestreckten Armen) . Aber freut sich denn darüber nicht alle Welt, wenn einem so das ganze Leben davon abhängig gewesen ist? Dekan . Hm m m m, wir hören. Amtsbruder . Diesen Satz von dem Fräulein gut im Gedächtnis behalten, meine Herren. »Das ganze Leben von ihm von einem Schweineprämium abhängig.« Dekan . Hm m m m, Sie sind also das teure Fräulein, das auch im Hotel mit ihm war? Hella . Ja, ich bin die, die bis daher alles mit ausgefressen hat. Und die (verzückter) der Mischa 's Futter eingegeben hat. Ich kann schon gar nicht mehr aufstehen. Ich bin ja nicht mehr gelaufen, geflogen bin ich! Hebe mich eins auf von den Knieen! Michel und Büttel (richten sie hoch) . Dekan . Hm m m m, wir sind ebenfalls froh, der Herr Pfarrer hat uns versprochen, die Schweinezucht aufzugeben. Hella . Jetzt noch? Gott, wie oft hat er das schon gesagt! Die Pfarrer (stutzen sich an) . Michel . Man kann recht froh sein, daß er's immer bloß gesagt und nie getan hat. Amtsbruder . Diesmal wird es geschehen! Hella (sehr ungläubig) . Das glaube ich aber nicht, daß er es jetzt noch tun wird. Dekan . Dann kann man bloß wünschen, daß er seinen Prozeß verliert. Hm m m. Hella . Ha! Da wird man noch viel darnach krähen, wie der ausgeht! Amtsbruder . Sie, Sie Fräulein, Sie haben eine Bedeutung in seinem Leben erlangt. Sie können ihm da viel zusprechen. Hella . Das werde ich bleiben lassen. Die ganze Gemeinde hat die Mischa in ihr Herz geschlossen. Kirchenpfleger (kommt angeschnauft) . Hat er ihn? Hella . Wohl hat er ihn. Kirchenpfleger . Aber da muß ja ganz Miesbach an einer Ovation teilnehmen! (Ab.) Büttel . Das ist der Punkt. (Schiebt seinen Karren voll ans Haus.) Der Herr Pfarrer ist jetzt unser erster Bürger. (Stellt die Leiter auf.) Michel (drohend gegen den Dekan) . Wage man's nicht, höheren Orts dagegen aufzumucken! Dekan . Das sieht auf einmal aus, als ob man der Visitation noch das Fell ausgerbte. Büttel (oben auf der Leiter) . Das könnte wohl sein, Herr Dekan. Dekan . Wir wollen uns nur schnell aus dem Staub machen. (Mit warnendem Arm.) Aber Miesbacher, beschwert euch noch einmal über euren Pfarrer! (Ab mit den Pfarrern außer dem Amtsbruder.) Amtsbruder . Herr Dekan, wollen wir uns denn so dünn machen? Ich glaube, wir haben die Pflicht, die Autorität des Oberkirchenrates durchzusetzen. Büttel und Michel (lachen) . Dekan (noch hinter dem Zaune, verschmitzt) . Dazu ist mir meine Haut zu lieb. Wenn Sie verharren wollen, Heinrieder, wird es natürlich besonders anerkannt. (Ab.) Michel (folgt hinter ihnen) . Hella . Herr Pfarrer, gehen Sie doch auch lieber. Sie hören doch, was Ihnen bevorsteht. Amtsbruder . Es wäre noch schöner, wollte es eine Hand wagen, mich anzurühren. Hella . Herr Pfarrer, es gibt dann eine große Sauferei, und die meisten alle, die mit der Mischa kommen, sind bereits angetrunken. Amtsbruder . Nötigenfalls misch ich mich unter die Begeisterten. Hella (ab ins Haus) . Schullehrer (kommt an in Pantoffeln, mit Zigarre, die er graziös steif raucht) . Miesbach ist die bedeutendste Gemeinde des Bezirkes Hundeluft. Büttel (hat die Girlande aufgelegt) . Wenn mir ein Mensch sagte, hängt der Spruch in der Mitte? Amtsbruder . Weiter links. Büttel . Buben, muß er nach links? Buben (einstimmig) . Ja. Büttel . Ich meine, er hängt gut. Amtsbruder . Mensch, wo ist Ihr Augenmaß? Büttel . 's ist gerade recht. Da kommt ja der Herr Schullehrer. Sie sind ja eine maßgebende Persönlichkeit hier im Orte. Sie sind ja auch der Vorstand vom Verschönerungsverein. Hängt der Spruch in der Mitte? Schullehrer (beguckt lange, während die Buben hinter seinem Rücken Zeichen nach links machen) . Amtsbruder . Nicht wahr, nach links? Schullehrer (endlich mit wackelndem Kopf) . Es ist die Mitte. (Kopfwackelnd im Gehen zu den Buben.) Ihr Buben, kommt dann zu mir herüber, wir werden dem Herrn Pfarrer den Empfang singen. (Ab.) Büttel . Was hab ich gesagt! 's ist die Mitte. Somit hätte ich das meinige geleistet. (Steigt herab, macht sich davon.) Amtsbruder (hält ihn auf) . Sie, Herr Polizeidiener. Ist das Ihr Ernst, daß das die Mitte ist? Sehen Sie sich's noch einmal von unten an. Buben . Es muß nach links. So hinüber. Büttel . Der Herr Lehrer ist mir allein maßgebend. Ich seh gar nicht mehr hin. (Es versteht sich von selbst, daß der Spruch ein bedeutendes Stück außerhalb der Mitte angebracht ist.) Amtsbruder . So erklär ich mir allerdings auch den Umschwung in Miesbach. Ihr seht einfach nicht hin, wer euer Pfarrer ist. Büttel . Buben, geht zum Singen! Buben (hetzend ab) . Büttel . Wir sehen bloß hin, was er ist. Der Herr Pfarrer hat Ruhm und Ansehen in die Gemeinde gebracht. Der große Preis, der früher jahrelang vom Lammwirt zu Ellhofen behauptet worden ist, ist an den Herrn Pfarrer von Miesbach gefallen. Amtsbruder (heftig fuchtelnd) . Und alles, alles ist damit wie nie gewesen, ausgelöscht? Büttel . Wer sich jetzt noch rührt, kommt sofort durch meine Person in strengen Verhaft. Amtsbruder . Durch wen fühlen Sie sich hierzu angewiesen? Büttel . Durch mich und den Herrn Pfarrer. Herrgott, sie kommen! (Rasch mit seinem Karren ab.) Der Schullehrer (umsurrt von Schulkindern kommt in den Hof) . Kinder, stellt euch vor dem Saustalle auf! Wir erzielen von hier aus die bessere Akustik. Ruhe! (Es wird mäuschenstill, er schlägt die Stimmgabel an.) »A«. Singt mit mir: »Nun – – Nun – – nun«. Die Kinder (summen) . »Nun«. Schullehrer . Nun wollen wir warten. Die Kinder (werden wieder lebhaft) . Amtsbruder . Was werden Sie singen? Schullehrer . »Nun danket alle Gott –«. So, der Herr Pfarrer will auch bei Fest sein? Amtsbruder . Ich habe die Pflicht aufzupassen, daß keine Gotteslästerung vorfalle. Schullehrer (mit wackelndem Kopf zu den Kindern) . Wer heute nicht kräftig singt, der muß mir die nächste Woche das Holz spalten. Die Kinder (lachen) . ( Michel kommt dahergehopst, wirft sich in verrückten Verdrehungen auf den Boden, in ersonnen wilden Verrenkungen. Hinter Michel kommen bald die Dudelsackpfeifer in langsamem Schritt, hinter ihnen folgt der Büttel , den Säbel umgeschnallt, nach einem kleinen Abstand kommt Mischa mit Eichenlaub bekränzt, annähernd doppelt so groß wie früher anzusehen. Hinter Mischa kommt der Pfarrer , der sie leitet. Dann sofort strömt ganz Miesbach. Die Leute stauen sich auf und hinter dem Zaun, sowie im Hofe. – Hella tritt mit einem Weinkruge in der Hand aus dem Hause, mit lachendem Gesicht. Die Bläser hören auf, der Lehrer fuchtelt in die Luft.) Gesang (der Kinder) . »Nun danket alle Gott –« Büttel (ordnet da und dort an den Leuten) . Amtsbruder (steht auf den Stufen des Hauses mit verwerfend ausgereckten Armen, die er ab und zu wieder neu ausstößt, wie ein sich blähender Kauder) . Hella und der Pfarrer (winken sich zu) . Mischa (marschiert in den Stall, vergnügt wie von einer Amerikareise zurückkehrend) . Schullehrer (schreit mitten in den Gesang laut hinein) . Knell, du wirst mir das Holz spalten! Michel ( drückt Mischa einen derben Kuß auf das Hinterteil ) . Mischa (ab in den Stall) . ( Gesang verstummt. ) Kirchenpfleger (tritt vor) . Der Herr Pfarrer sei uns herzlich willkommen geheißen. Ich kann nichts weiter sagen: »Gold und Silber habe ich nicht, aber was ich habe, das gebe ich.« Mehr kann ich nicht sagen. Das sage ich. Der Herr Pfarrer, er lebe hoch hoch hoch! Alle s. Hoch! – Hoch! – Hoch! Pfarrer . Ich danke euch, meine Liebsten, für den herzlichen Empfang, dem Herrn Kirchenpfleger für seine schönen Worte und dem Herrn Lehrer besonders für seinen vorzüglichen Gesang. Mein Wunsch ist, daß ewig Friede und Freude herrschen werden unter uns allen, in Zukunft. Dazu helfe uns Gott. Amen. Alle (feierlich) . Amen. Büttel (tritt grüßend an) . Der Herr Schultheiß laßt sagen, er komme noch persönlich zum Glückwunsch. Pfarrer . Und nun – Amtsbruder (unterbricht ihn) . Satan! – Satan! – Sa . . . (Er wird von Fäusten gepackt und vom Büttel , schnell greift er nach Hellas Krug und trinkt heftig.) Ich trinke auf das Wohl des Herrn Pfarrers und Mitbruders und aller Christengenossen! ( Gelächter der ganzen Gemeinde. ) Pfarrer . Und nun lade ich euch alle zu einem großen Trunk ein und zu frohem Tanz. Ein paar Kundige mögen Hella im Keller zur Hand gehen und die Sackbläser mögen schöne Lieder spielen. So wollen wir einmal das Glück auf die Probe stellen, ob es je wieder zerbricht. Alle . Nein! Nie mehr! Pfarrer (liebkost Hella) . Hella, Liebe, du mußt gleich wieder hart arbeiten. Hella . Herr Pfarrer, in solchen Erinnerungen, die ich habe! (Selig ab ins Haus.) Amtsbruder (quetscht sich hinter ihr durch die Türe) . Halt, ich bin sachkundig. (Ab.) Pfarrer (patscht in die Hände, wiederholt) . Los! Spielt zum Tanz auf! Michel (wirft sich noch einmal auf den Boden) . Ich enngaschiere die Mischa. (Schreit in den Stall.) Raus Suck! Zur Polka! – Fräulein Mischa. – ( Mischa erscheint graziös wundervoll, Musik und Tanz von Michel und Mischa . ) ( Vorhang .) Vierter Aufzug Personen Pfarrer Hella Amtsbruder Kirchenpfleger Michel Schlächter Gerichtsvollzieher Ortsbewohner Szene : Das Innere der Pfarrscheune. Links ist das große Scheunentor. Rechts ein Ausgang nach dem Schweinestall. Der Hintergrund ist die Scheunenwand, von oben hängt das Heu herunter. Wenige Gerätschaften hängen an der Wand und stehen umher, notwendig ein Kübel, ein Haken etwa in der Mitte der Hinterwand. Ein Kartoffelhaufen, ein Korb. Der Pfarrer und Hella sortieren Kartoffeln. Sie werfen die einen auf einen neuen Haufen und die andern in den Korb. Der Pfarrer trägt seinen schwarzen Rock, auch wieder schwarze Hosen, sein kleines Käpplein, aber blaue Schürze und keinen Kragen. Hella im Arbeitskleid. Beim Hochgehen des Vorhangs läuten die Kirchenglocken, ihr Schall ist gedämpft, weil die Szene im Gebäude liegt. Hella . Die Glocken läuten. Pfarrer . Ich hörte schon. ( Die Glocken verstummen ) Hella . Dann muß »man« hineingehen und die Predigt lernen, zum morgigen Sonntag. Pfarrer . Ich geh schon. Hella . Nein, aber gleich. Ich kann die Kartoffeln allein sortieren. Pfarrer . Nun laß mich schon. Ich nehme die Predigt vom vorigen Jahr. Hella . Nur nicht so faul. Die Leute merken es wieder. Pfarrer . Das macht ja gar nichts, die Leute sind ja jetzt mit allem von mir zufrieden. Hella . Jaa – – leider. Pfarrer . Nun, weißt du, es ist wahrhaftig nicht nötig, sich wegen den Miesbachern extra zu schinden, die Leute sind ja so oberflächlich. Das weiß man ja, bloß um einer reinen Äußerlichkeit willen sind sie mit mir zufrieden. Wenn ich da gewissenhafter sein wollte, so würde ich mich vor allen Dingen jetzt nicht beruhigen dürfen, weil sie beruhigt sind. Eigentlich paßt es mir nicht, daß mich jetzt die Leute als gerecht ansehen, bloß weil ich den Preis in den Ort gebracht habe. Wo haben die Leute irgend etwas von tiefem Ernst in religiösen Dingen? Nicht einer, nicht ein einziger redet mit mir und fragt mich, ob ich den inneren Frieden habe. Hella . Darum frag ich ja, will »man« nicht hineingehen und sich vorbereiten? Ich bin doch auch einer. Pfarrer . Ach, es kann mich verflucht ärgern, daß die Leute nun meinen, weil sie befriedigt sind, müsse ich auch zufrieden sein. Hella . Warum will »man« denn nicht zufrieden sein? Das ist doch ausgezeichnet, daß die Menschen so oberflächlich sind und gleich voll Jubels wenn eines den Erfolg hat. Pfarrer . Eigentlich möchte ich die Miesbacher mit rechtem Donnergepolter über ihre Oberflächlichkeit aufklären. Hella . Das kann »man« machen, so was hören sie gerne. Pfarrer . Ich kann das Hinunterschlucken meiner wahren Gedanken über sie absolut nicht dauernd ertragen. Hella . Eines möchte ich aber noch sagen. »Man« redet von Oberflächlichkeit. Nun, weiß »man« es bestimmt, daß die Leute oberflächlich sind? Ich meine, im Gegenteil, die Leute hat das Glück, das dem Herrn Pfarrer von Gott gegeben wurde, innerlich überzeugt. Pfarrer . Von was überzeugt? Hella . Einfach, daß »man« im Recht gewesen ist. Pfarrer . Das innerlich zu glauben, würde wohl kein Mensch fertig bringen. Hella . Da müßte sich höchstens der Herr Pfarrer selber schuldig fühlen. Pfarrer (geht auf und ab) . – Ja. Du sagst's. Hella . Oh, Herr Pfarrer, die Anfechtungen und alles das, was er vordem in die Flucht geschlagen hatte, soll es sich umkehren und gegen ihn wenden? (Sie nimmt den Korb auf.) Pfarrer . Besorge die Mischa. Hella . Liegt es »einem« auf dem Gewissen, daß im Hotel dort oben die gemeinselige Hauserin zu so viel Liebe gekommen ist? (Geht mit dem Korb weg nach rechts.) Herr Pfarrer, versündige »man« sich nicht durch Selbstüberhebung. (Ab.) Pfarrer (allein) . Im Gegenteil, ich zertrete mich selbst, ich bin ein elender Sünder, und die Leute halten mich für gerecht. Das darf ich nicht dulden! Hella (kommt leer zurück) . Herr Pfarrer, vergesse »man« die Theologie und bleibe ein guter lieber Mensch. (An ihm) Herr Pfarrer, wie wir sind, wenn wir allein sind, das kann Gott im Himmel unmöglich mißfallen. So hat er uns doch gemacht. Pfarrer . Hella, es zermartert mich aber. Hella . Warum denn? Bin denn ich schuldig? (Sinkt von ihm weg.) Pfarrer . Schwätz keinen Unsinn, ich allein. Ich habe um einer irdischen Sache willen mein Amt vernachlässigt. Hella . Bei den Miesbachern? Das glaubt der stärkste Mann nicht. Die glauben sowieso nichts! (Es ist ihr laut entfahren.) Pfarrer . Siehst du! Hella . Jedenfalls begreife ich den Herrn Pfarrer nicht. Es ist ja alles in schönster Ordnung. Warum denn da mit Selbstanklagen kommen? Pfarrer . Das Gefühl habe ich eben. Hella . Herr Pfarrer, ich meine, es wäre die größte Demut, wenn »man« an sich selber gar nicht mehr denken würde, bloß an die Leute, daß sie die Freude haben und den Frieden. Pfarrer . Deutlich, verwirre nichts. Ich denke nicht an mich. Ich achte mich nicht. Hella . Das ist ganz Nebensache. Man wird von den Leuten geachtet. Pfarrer . Aber das ist es ja gerade, sie tun etwas Falsches und Verlogenes mit ihrer Achtung. Ich bin nichts, solange ich den Leuten nicht das Bewußtsein beigebracht habe, daß ich auch Pfarrer bin und nicht nur Schweinezüchter. Hella . Ach, ach! Was ist denn bloß in »einen« hineingefahren? Pfarrer . Die Miesbacher muß ich darum auf eine ganz unzweideutige Weise aufklären. Hella (zaghaft) . Wie denn? Pfarrer . Indem ich die Mischa schlachte. Hella (Aufschrei des Schreckens) . Pfarrer (steht) . Warum so totenblaß? Hella . Verrückter gäbe es ja nichts, Herr Pfarrer. Pfarrer . Darum tu ich's. Hella (mit hochgeschlagenen Armen) . Das gibt ja eine Revolution! Pfarrer . Das kann mir Wurst sein. Hella . Wenn's einmal Blutwurst ist, wird »man« an mich denken. Ich sage nichts mehr zum Herrn Pfarrer. Einfach, wenn der Herr Pfarrer das tut, dann sag ich nichts mehr zum Herrn Pfarrer. Pfarrer . Warum wäre denn das so schauderhaft? Hella (Ekstase) . Die Miesbacher wollen ja einer wie der andere die Preissau belegen! Jeder will ein Kind von ihr! Sie wollen Ferkel und alle wieder Preise! (Der Schlächter mit dem Gerichtsvollzieher . Der Pfarrer erblaßt. Hella taumelt an die Wand.) Schlächter . Da redet man von ihr, und da komme ich sie schon holen. Pfarrer . Dann muß ich sie wohl hergeben? Schlächter . Jawohl, Freundchen. Hier will ich vorstellen, Seine Gnaden, der Herr Gerichtsvollzieher. Pfarrer . Die Mischa ist aber einstweilen das Doppelte wert geworden. Schlächter . Desto mehr freut mich's. (Zieht die Nase hoch.) Pfarrer . Ich werde gegen die Vollstreckung Einspruch erheben. Und ich hoffe, daß ich bei erneuter Verhandlung durch die eingetretene Prämiierung mehr Glück haben werde. Schlächter . Dann wird gepfändet. Gerichtsvollzieher (lockert die Mappe) . Hella . Das ist aber eine unerhörte Frechheit, wenn man einem etwas mit Gewalt wegnimmt. (Nach links ab.) Schlächter . Will der Pfarrer nicht lieber Verstand annehmen? Pfarrer (vertritt ihm den Weg nach rechts) . Die Mischa gebe ich nicht heraus. Schlächter . Habt Ihr einen halben Affen oder einen ganzen? Ich lasse mich kein zweites Mal verutzen. Hella (brüllt draußen vor der Scheune, in ziemlicher Entfernung) . Leute! Miesbacher! Die Mischa soll geholt werden. Der Schlächter ist da! Hilfe! Schlächter (sieht sich um) . Was ist denn das? Wer brüllt da? Pfarrer . Das kann ich Ihnen sagen, meine Gemeinde steht heute hinter mir. Glauben Sie nicht, daß Sie mir die Mischa gewaltsam entreißen werden. Gerichtsvollzieher . Nu, geben Sie sie schon her. Man macht sich ja lächerlich bei so einer Pfändung. Was denken Sie denn? Wie sieht denn das aus? Ein amtliches Siegel auf einem Schweine. Schlächter (der sich beängstigt fühlt) . Was wollen Sie denn mit den herbeigerufenen Leuten? Gewalt wollen wir ja gar nicht anwenden. Pfarrer . Sie wollen genug von mir. Gerichtsvollzieher und Schlächter (lachen) . Schlächter . Ach, Sie meinen wohl, weil Sie ein Pfarr' sind, müsse ich es Ihnen schenken. Das ist ja lustig. ( Hella , Michel , dann Kirchenpfleger und Bauernvolk nacheinander von links. ) Michel (abgehetzt) . Seidenspinner, Ihr wollt die Sau holen? Schlächter (die Ankommenden mit Gestikulationen abwehrend) . O! o! o! Ja, ich will die Sau holen. Was ist denn daran, daß da gleich das ganze Dorf zusammenlaufen muß? Kirchenpfleger . Seidenspinner, du wirst dem Herrn Pfarrer nicht sein schönes Tier wegnehmen? Schlächter . Warum denn aber nicht?! – Ehedem habt Ihr mich dazu verhetzt, daß ich auf ihr bestehen soll. Ich habe nun prozessiert und auch richtig gewonnen. Damals hätte man mir eben nicht das Unrecht antun müssen. Ja, hätten Sie's damals herausgerückt, Herr Pfarrer, dann ginge Ihnen das Hergeben heute nicht so sauer. Kirchenpfleger . Kannst du's mit dem Herrn Pfarrer nicht mehr im Guten wett machen? – Zahlt's denn der Herr Pfarrer nicht zurück? Schlächter (rasch) . Daß ich für die Katze geschworen hätte! Hella (ist gespannt) . Die Bauern (untereinander) . Was wird denn? Michel (zuerst leise) . Wir boykottieren ihn? Kirchenpfleger . Seidenspinner, wenn du's Geld nicht zurücknimmst, tun wir dich in Boykott, daß du aus Miesbach keine einzige Sau noch herausbringst. Michel . Alles kriegt nachher der Rupp. Kein Schwein, kein Rind, keine Kuh, keinen Ochsen, keine Ziege nicht einmal, kriegst du noch aus Miesbach heraus. Schlächter . Vielleicht aber noch einen Esel. Die Bauern . Boykottiert ihn. Boykott. Schlächter . Schreit mir nur recht die Ohren voll! Ich will mir's schon selber überlegen. Kirchenpfleger (recht mit den Leuten redend) . Man kann's dem Herrn Pfarrer nicht verdenken, daß er die Sau, die auch inzwischen 's Prämium gekriegt hat, die so eine Staatssau geworden ist, daß er sie jetzt für so wenig Geld nicht mehr hergeben mag. Schlächter . Ja nu, seht, Leute, damals hat eure Hochehrwürden gemeint, sie lege mich herein, jetzt könnte ich mich freuen, wenn sich's umgekehrt hätte. Ja. Das wäre eben der Geschäftszufall, meine Verehrten. Pfarrer . Lieben Leute, ihr müßt doch bedenken, daß der Schlächter nur sein Recht fordert. Die Bauern . Was soll da recht sein? Michel (sehr eifrig) . Die Mischa ist mehr wert als er gegeben hat! Schlächter . Schreit nicht so! Leise, leise! Soll ich's denn zurücknehmen? Pfarrer . Es ist ein bißchen viel Geld, das ich gerade nicht einmal flüssig habe. Schlächter . Nun also. Was schreit ihr denn? Eurem Herrn Pfarrer ist's lieber, er kriegt noch mehr Geld. (Prüft den Pfarrer mit schrägen Augen.) Michel . Soll denn das wahr sein, Herr Pfarrer? Pfarrer . Ihr wißt ja, daß ich dem Dekan versprochen hatte, das Schwein wegzutun. Die Bauern (leise) . So ein Versprechen. Pfarrer . Ich bin als Pfarrer doppelt verpflichtet, mein Wort zu halten. Hella . Das hat sich durch den Preis doch alles geändert. Die Bauern . Das sagen wir auch. Pfarrer . Wirklich, ich hab das Geld nicht. Vielleicht wenn ich's daliegen hätte, vielleicht gäbe ich's ihm dann zurück. Michel . Miesbacher, können wir das nicht umlegen? Schlächter . Namentlich du, dich kenne ich wie so einen Froschschenkel. Michel . Wenn ich auch nichts hab, die Anregung kann ich deswegen doch geben. Schlächter . Na, was wird da? Folgt ihr seiner Anregung? Kirchenpfleger (ächzt) . Wenn's der Zeit hat. Die Bauern . Das können wir schon machen. Michel . Wenn die Mischa einmal ferkelt, ferkelt sie jedem etwas. Kirchenpfleger . Gerade. Das hoffen wir. Du kriegst dein Geld, Schlächter. Hella (ist erleichtert) . Pfarrer . Und die Mischa? Michel . Die hat der Herr Pfarrer sozusagen als ein neues Geschenk von der Gemeinde. Pfarrer . Nun hört. Schlächter (ringsum nach den Händen hinausgreifend) . Abgemacht! Es geht auf Umlage. Gerichtsvollzieher . Kommen diejenigen nachher zu mir ins Schaf. Kirchenpfleger . Das ist eine Liebesgabe, Herr Pfarrer. Pfarrer (vorsichtig drohend) . Sagt später nicht anders! Heute sagt ihr, es ist eine Liebesgabe an mich. Merkt mir wohl auf! Später will ich keinen Vorwurf. ( Die Bauern , der Gerichtsvollzieher und der Schlächter zotteln ab. ) Kirchenpfleger . Die Miesbacher könnte die Gabe bloß stechen, wenn der Herr Pfarrer noch dem Herrn Dekan folgte. Michel . Etwa, wenn er sie fräße. Kirchenpfleger . Das glaube ich so schnell nicht, daß der Herr Pfarrer seine Mischa essen täte. (Ab mit Michel.) Hella (hauchend) . Herr Pfarrer, ich habe eine jammervolle Angst. Pfarrer (rasch nach ihr umgewendet) . Weshalb denn? Hella . Herr Pfarrer, das ja nicht tun! Die Mischa jetzt noch schlachten. Pfarrer . Wäre denn das so tragisch? Jetzt hätte es erst recht einen Zweck. Hella (fauchend, die Faust vor sein Gesicht gesetzt) . Jetzt wäre es ganz hundeniederträchtig, wenn die Leute sich auf »einen« verlassen. Pfarrer (fest, stößt sie weg) . Und ich sage, gerade jetzt kann ich die Miesbacher erproben. Ob es eine Liebesgabe ist? Hella (scharf, fremd) . Wird es geschehen? Pfarrer . Wenn es soweit ist, werde ich dich schon zur Hilfe brauchen. Hella (furienmäßig) . Dazu helfe ich nie. Dazu nie! (Leckt die Finger ihrer Hände einzeln, spuckt jeden geleckten vor ihm aus.) So. Da. Wenn es geschieht, Herr Pfarrer. Dann ist's aus. Pfarrer . Das machst du recht fein. Hella . Dann verlaß ich das Haus!! Pfarrer . Warum denn? Hella . Weil der Herr Pfarrer dann ein ganz gemeiner Betrüger ist. Pfarrer (höhnt, wird erhitzter) . Du Miesbacherin, du scheinst ja gleich von Anfang an zu wissen, wie deine Miesbacher eine Liebesgabe verstehen. Hella . Ich sage es noch einmal, die Leute verlassen sich auf die Zukunft, wenn sie's Geld rausrücken. Pfarrer . Weißt du, ob ihr Geld hin ist? Hella . Der Herr Pfarrer macht sich wieder unmöglich hier. Pfarrer . Das werde ich schon sehen, der Dekan steht dann hinter mir. Hella (mit einem Wehe) . Und der Herr Pfarrer ist dann der ganz Nämliche wie die Schwarzen alle. Oh, mir gräuselt es im Geiste, wie übel »man« sich verändert hat. Pfarrer . Ich hab mich nicht verändert. Hella . Nein, es ist wahr, »man« hat sich nicht verändert. »Man« war immer ein Schwarzer, nur manchmal aus Trotz ein noch viel Schlechterer. Pfarrer . Im Trotz gefällt mir's einmal. (Heftig.) Es paßt mir einfach nicht, so ein fauler Frieden. (Mit fortwährender Steigerung.) Was wollen denn die Miesbacher? Meine Sau, diese Jungfrau soll ihren Säuen eine Dirne sein! Niemals! (Er stürzt fort nach rechts. Ab.) Hella (bebt, gespannt) . Und jetzt? – – – – ( Man hört das Geschrei der Mischa . Hella in wachsend der Alteration. Zuletzt hört man das Vergrunzen der Geschlachteten, dann wird es still. ) Pfarrer (hinter der Szene) . Hella, einen Kübel! Hella (rührt sich nicht, schüttelt den Kopf) . Pfarrer (rennt schwitzend daher) . Einen Kübel, Vieh! (Ab mit demselben.) Büttel (rennt aufgeregt von links daher) . Büttel. Hat er sie geschlachtet? (Rennt umher.) Wo ist er? Pfarrer (kommt blutrührend mit dem Kübel an) . Büttel, Sie können mir einen Gefallen tun, wenn Sie die Scheune schließen. Der Affe rührt sich nicht. Hella (starr) . Das Blut von der Mischa! Pfarrer (im Rühren) . Macht uns rein von allen Sünden. Hella . Oh nein! Man sieht's ihm an. Die Freßsucht ist über ihn gekommen. Pfarrer . Ist ja nicht wahr. (Ab.) Hella . Freilich ist es wahr. Alle frommen Gründe sind Lüge! Büttel (nachdem er die Scheunentore geschlossen) . Rasch tritt der Tod den Menschen an. (Es dringen Menschenhaufen gegen die Pfarrscheune an.) Büttel (weicht erschreckt zurück) . Heilandsack, sie werden's doch nicht einhauen! Pfarrer (rennt hervor) . Büttel, ich hoffe von Ihnen die Aufbietung Ihrer ganzen Autorität. (Ab.) Hella (lacht mit lautem, derbem Hohn) . Täten sie's doch einhauen und mitsamt ihm verbrennen! Büttel . Das ist eine gefährliche Sache. Pfarrer (bringt eine Sauhälfte, hängt sie an den Haken in der Scheune) . Hella . Und das ist die Mischa!? Büttel . Ja, Fräulein, die Menschen verändern sich, wenn sie der Metzger in der Hand hatte. Aber es wird doch ein bißchen zu lebhaft dort draußen. Pfarrer (das Schlachtmesser im Maule) . Wartet nur, bis ich hinauskomme! Hella . Ja, jetzt sieht man's genau, wie der Pfarrer immer mehr geschwunden ist in ihm. Beinahe wie ein Menschenfresser sieht er nun aus. Pfarrer . Sage mir nicht, wie du aussiehst. (Wieder ab.) Hella . Mit Blut habe ich mich nicht besudelt. Büttel . Woher er das alles so los hat? ( Die Scheune kracht, die Leute dringen herein, voraus Michel mit einem dicken Prügel. ) Büttel . Hurra die Geiß! (Hopst zur Seite.) Michel (packt Hella an der Gurgel) . Wo ist dein Pfarr'? Hella . Er ist doch nicht meiner. Büttel, hab ich was mit angerührt? Büttel . Michel, dir stoß ich's in den Bauch. Was soll die Gewalt? Ich konnte nichts mehr verhindern. Pfarrer (kommt mit der andern Hälfte, wie vorhin) ^ Kirchenpfleger (schreit ihn an) . Das hat er los, die Leute hereinlegen! Pfarrer (hängt das Teil ächzend auf) . Michel (hat von Hella abgelassen, er bebt gefährlich mit dem Prügel) . Hella . Schweinepriester! Pfarrer . Das Wort wirst du nie über deine Lippen bringen? O Hella, das hat stets in dir geschlummert. Hella (schluchzt heftig) . Das liebe Tierchen. Michel (drischt mit dem Prügel den Scheunenboden vor dem Pfarrer) . Will er noch große Worte machen? Die ganze Gemeinde hat er betrogen. Pfarrer . Wer weiß denn das? Kirchenpfleger . Haben wir nicht 's Geld gegeben? Pfarrer . Ich hab's euch gleich gesagt. Kirchenpfleger . Man hat auch gemeint gehabt, der Herr Pfarrer sei ein anderer geworden. Pfarrer . Jetzt hab ich probiert und das Schwein hingemacht, da seh ich zu meinem Glück, daß ihr auch die alten geblieben seid. Michel (weiter drohend) . Geht der Krach von neuem? Kirchenpfleger . Was wir mit Ihnen immer für Skandal haben! Sind Sie denn doch übergeschnappt? Michel . Unsinn, ein heilloser Lump ist 'r. Pfarrer . (stößt ihn heftig zurück) . Ein bißchen zurück, du! Hella (greift ein) . Ich hab's »einem« gesagt, Herr Pfarrer. Da hat er sich gespreizt gegen Gott und die Welt, daß er sie behalte, und hätten sich nun die Leute beruhigt, so muß er sagen: »Nun gerade tu ich sie weg.« Kirchenpfleger . Das nennt man einen Trotzkopf. Michel . Das ist aber kein Pfarrer dann für uns. Pfarrer . Noch einmal zurück, Gottloser! Ihn geht die Geschichte am wenigstens an, er braucht sowieso keinen Pfarrer. Michel . So! Ich brauche keinen Pfarrer? Ich brauche ihn am nötigsten, daß ich endlich bekehrt werde. Kirchenpfleger . Daß der Herr Pfarrer den Preis gekriegt hat, das war ganz schön, aber daß er sie außer dem Preise auch noch essen kann, dazu haben wir's Geld nicht hingetan. Michel . Sagt schon »fressen«! Pfarrer . Wer sagt denn, daß ich sie fresse? Ihr könnt ja vom Schwein nehmen für euer Geld. ( Indem die Leute sich ansehen und der Kirchenpfleger die Sau betastet, erscheint der Amtsbruder unter dem Scheunentor, er steht mit schnobbernder Nase und mit vor dem Bauche gefalteten Händen. ) Kirchenpfleger . Wird's auch dazu langen? Hella . Fett ist da, in Masse. Amtsbruder . Ah, nicht umsonst hat es mich gemahnt: »Besuche deinen Bruder.« Pfarrer (leise zu Hella) . Keinen Bissen kriegt er davon. Daß du ihm nichts gibst. Amtsbruder . War es hier vor kurzem nicht sehr lebhaft und wild? (Von nirgends erhält er eine Antwort.) Pfarrer (nach einer kleinen Pause) . Was ist nun, Herr Kirchenpfleger, beruhigt man sich dabei? Kirchenpfleger (mit einem unsteten Blick auf den fremden Pfarrer) . Man muß wohl. Michel . A! Die schwarze Clique hilft immer zusammen! Pfarrer (im Eifer) . Es konnte nicht Friede sein, als bis das Schwein zu Wurst gemacht war. Kirchenpfleger . 's wäre anders für die Gemeinde wohlfeiler gewesen. (Schnauft den fremden Pfarrer an.) Wie das nun so ist, Herr Pfarrer. Amtsbruder (weicht vor ihm etwas zurück, mit vorgehaltenen flachen Händen) . Pfarrer . Seid Ihr nun schlüssig, hab ich's recht gemacht? Die Bauern (wollen nicht so recht) . Jaa. Michel . Ja, Schlauer, dumm biste nicht. Die Metzelt hat er gleich verkauft, unser Herr Pfarrer. Pfarrer . Ist es nicht besser, wir Miesbacher essen alle gemeinsam von ihrem Leibe und versöhnen uns an ihrer Metzelsuppe? Hella (grenzt an der Sau die vier Schinken ab) . Ich abonniere mich auf die vier Schinken. Kirchenpfleger (breit) . Durch Kauf haben wir den Frieden. Michel (eng am Pfarrer , besorgt) . Aber eine Frage Herr Pfarrer, die mich beängstigt. Wo ist denn nun der Teufel hingefahren? Pfarrer . Den fressen wir in der Blutwurst. Michel (geht weg) . Dann dank ich. (Ab.) Pfarrer . Ich weiß schon, Michel, er kann wieder nicht in die Kirche gehen. Und ihr anderen? Es will mir scheinen, mit rechter Freudigkeit wollt ihr's nicht hinnehmen? Amtsbruder . Darum darfst du dich nicht kümmern. Du hast recht getan. Pfarrer (wehrt ihn ab) . Ich rede mit meinen Leuten. – Wir wollen sie erst einmal aufteilen, vielleicht, wenn ihr seht, wie viel daran ist, werdet ihr zufriedener. Kirchenpfleger . Herr Pfarrer, das muß man nun erst wieder schlucken. Hella . Ganz recht, schlucken muß man's, essen muß man's, dann kann man's begreifen. (Die Leute lachen.) Kirchenpfleger . Es ist gerade, wie wenn ein höherer Sinn darin läge. Pfarrer . Ganz recht Herr Kirchenpfleger, Sie haben es verstanden. Kirchenpfleger (ist geschmeichelt) . Amtsbruder . Und von mir kehrst du dich ab, Bruder? Pfarrer . Wenn ich dir die Wahrheit sage, gehst du ja doch zum Teufel. Amtsbruder . Nimmermehr, Bruder, wenn du wahr bist, werde ich weggehen. Pfarrer . Du bist die größte Freßgosche der Welt. Amtsbruder (mit ernster Maske) . Nur immer Aussprache. Wir werden vielleicht darüber noch reden zusammen? Hella (patscht ihn lachend) . Bei der Metzelsuppe. Amtsbruder (unter dem Lachen der Leute) . Ja gewiß, recht gerne. Das liebe Tier reicht ja für viele. Pfarrer . Für die ganze Welt. Das ist der wahre Ruhm. ( Es ist sehr dämmerig geworden. Die Betglocke läutet. Die Leute entblößen die Häupter zu einem stillen Gebet. In der Dunkelheit phosphoreszieren die zwei Sauhälften wie um ein Kreuz. ) Ende .